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authorwww-data <www-data@mail.pglaf.org>2026-03-19 23:21:54 -0700
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+*.txt text
+*.md text
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@@ -0,0 +1,14521 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78251 ***
+
+ Johannes R. Becher
+
+
+
+
+ (CHCl=CH)3As
+ (Levisite)
+ oder
+ Der einzig gerechte Krieg
+
+
+ Roman
+
+
+ Wien-Berlin 1926.
+ Agis-Verlag
+
+
+ Alle Rechte vorbehalten.
+ Copyright by Agis-Verlag, Wien.
+ Druck: „Peuvag“-Berlin, Filiale Hannover.
+
+
+ „Ich kann nicht schweigen, denn ich will
+ nicht mitschuldig werden.“
+
+ Zola
+
+ „Ich sage mich los: von der
+ leichtsinnigen Hoffnung einer Errettung
+ durch die Hand des Zufalls; von der
+ dumpfen Erwartung der Zukunft, die ein
+ stumpfer Sinn nicht erkennen will ...“
+
+ Clausewitz
+
+ _De te fabula narratur._
+
+ Deine Sache, Leser, ist es, die hier
+ verhandelt wird!
+
+
+
+
+ Einleitung
+
+
+Hände weg!
+
+Hände weg von diesem Buch, wenn Ihr damit, übersättigt und bis zum
+tödlichen Erbrechen gelangweilt, nur wieder einige Euerer müßigen
+Stunden totschlagen wollt!
+
+Dem stinkenden Kadaver dieser Zeit flechte ich keine Kränze.
+
+Das spannungslose Gesabber unserer offiziellen Poeten befriedigt schon
+übergenug solche Bedürfnisse.
+
+Was heutzutage nottut: das ist Begeisterung, Kühnheit, Todesverachtung
+der Einzelnen, Nüchternheit, Zielsicherheit und Klarheit.
+Zusammenschluß, eine untrennbare Einheit aller im Schweiße ihres
+Angesichts Werktätigen. Dieser Zusammenschluß: das ist die große
+Sprengmine, die Tag für Tag aufplatzt und deren Sprenggänge die
+Fundamente dieser verrotteten Gesellschaft eines Tags völlig unterwühlt
+haben werden ...
+
+Es handelt sich hier nicht um poetische Erfindungen, phantastische
+Konstruktionen oder um Wahnbildungen. Es handelt sich hier um Tatsachen,
+um Taten, um Ereignisse.
+
+Es geht um das, was ist.
+
+Es geht hart auf hart.
+
+Es geht um das, was gewesen ist.
+
+Es geht um das, was sein wird. –
+
+ * * * * *
+
+Dieses Buch ist sicher nicht Kind jenes Geistes, „der über den Wassern
+schwebt“, es ist aus der Wirklichkeit geboren, und es trägt,
+unverschminkt allen sichtbar, noch deutlich das Zeichen dieser
+Marter-Hölle an sich. Auch der Sprachkörper: stahlgrau, gehackt, rissig:
+die Gelenke im Schmerzkrampf fest angezogen, die Arme an den
+Schulterstücken schwer hängend: Hämmer, Aexte, Brecheisen. Ein blutiges
+Muskelspiel zuckt ... Das ist nicht der klassische wohlgepflegte Leib,
+nicht die parfümierte Tanzpuppe der Biedermeierzeit noch der verträumte
+Taugenichts der Romantik: es ist der mit Wundenlöchern über und über
+ausgefüllte Dulderleib des werktätigen Volks am Pfahl der Kreuzigung:
+mitten im Qualm von Gasschwaden, von Staub, Rauch, Rußfetzen
+umschleiert, umschwirrt von giftigen Aasfliegen – das ist der Dulderleib
+des werktätigen Volks in jenem geschichtlichen Zeitabschnitt, da er sich
+vom Kreuzstamm losreißt, niedersteigt und das Gesindel seiner Peiniger
+vor sich in die Knie zwingt ... Ein millionenstimmiger Schrei, ein
+Aufruhr- und Klagelied, gesungen von Millionen metallischen Feuerzungen.
+–
+
+Dieses Buch möchte, ein lebendiges Wesen, künftig wieder selbst Anteil
+haben an den Kämpfen, deren Blutzeuge es ist, selbst wieder mit im Feuer
+stehen, und mit seinen Blutteilen noch röter färben die rote Fahne,
+unter der es als ein Soldat der Revolution dient. –
+
+ * * * * *
+
+Es wird nur wenig von „Liebe“ die Rede sein.
+
+Dieses Buch ist ein Heldengedicht.
+
+Wo Millionen „Hunger“ schreiend – zuerst eine formlose Masse noch, dann
+aber immer deutlicher Gestalt gewinnend – sich herauf auf das Plateau
+der Weltgeschichte bewegen: in der eisern gehackten Rhythmik solcher
+Tage tönt auch die Stimme des Bluts als Metall. Stirnen wölben sich
+gegeneinander, wie gemeißelt aus Granit. Die Herztrommel wirbelt
+Kampftempo und Marschtakt. Der Gedanke des kämpferischen Menschen stößt
+vor in die Zukunft als Stichflamme. Und ein anderer, als der, der einst
+du gewesen bist, findest plötzlich nach Jahren du dich wieder, neu
+geboren aus mörderischen Krisen, wie aus Schmelzglut. –
+
+ * * * * *
+
+Die Riesendurchbruchsschlacht jener Menschen-Armeen in die Zukunft hat
+längst begonnen. Kampfplatz ist die Welt. Dieses Terrain ist nicht mehr
+nach Nationen oder Erdteilen abgesteckt. Alle Grenzpfähle der Welt
+schlottern gespenstisch im roten Sturmwind, wie Vogelscheuchen ...
+Ueberall, wo Menschen im Arbeitsprozeß untereinander verbunden sind,
+überall auf der ganzen Erde, auch in den tiefsten Tiefen der Kolonien,
+gewittert es ...
+
+ * * * * *
+
+Lernt kennen die Geschichte Europas, Europas am Rande des Abgrunds! –
+
+ Gewidmet der kommenden deutschen sozialen Revolution! –
+
+_Berlin_, zum 4. August 1925.
+
+ Johannes R. Becher
+
+
+
+
+ 1. Kapitel.
+
+ „Deutschland über alles ...!“
+
+
+ Episode aus den Novembertagen 1918. –
+ „Deutschland über alles ...!“ –
+ „Lazarett-Poesie.“ – Den Veranstaltern
+ patriotischer Heldengedenkfeiern
+ gewidmet. – Heilige Familie. – Das Trio.
+ – Menschen-Dreck. – Götter stürzen. –
+ „Geh deinen Weg!“ –
+
+
+ I
+
+Es ist Herbst, November 1918, vier Uhr morgens.
+
+Die letzten deutschen Truppen ziehen über den Rhein.
+
+Gespenstische Nebelhaufen wälzen sich über den beiden Rheinufern, die
+Wassermassen unter der Brücke flüchten unterirdisch-rauschend und
+unruhig dahin, ein schwer beladener Schleppkahn treibt darauf,
+schweigend, als ob er, eine Sagengestalt der Vorzeit, durch einen
+uferlosen Traum wandele. Nur die gotisch zerzackte Spitze des Kölner
+Doms ragt stumpf aus einem Nebelloch, wie der Gipfel eines gewaltigen
+Gebirgsmassivs.
+
+Das ferne gedämpfte Geläute des Doms fällt jetzt langsam und zögernd auf
+die Erde nieder, ein schwerer metallischer Tropfen ...
+
+Es war eine niedergekämpfte Kolonne Sturminfanterie, der Rest eines
+einst stolzen deutschen Regiments, die, ohne Schritt, dahintrottete:
+bärtig verwachsene Gesichter, knöcherige Gestalten, mit zerfetzten und
+ausgeblichenen Uniformen schlotternd behängt, in Mützen, barhaupt, der
+eine oder der andere noch unter dem Stahlhelm, den vermoderten und
+zerzausten Affen auf dem Buckel, die Gewehre, Mündung nach unten, über
+die Schulter geworfen, und die zu Skeletten abgemagerten Gäule vor der
+einzigen Feldküche stolperten und knickten immer wieder von Zeit zu Zeit
+in die Knie, gleichmütig sprang der Trainsoldat vom Bock ab, die Kolonne
+stockte eine Weile, einige drückten sich links und rechts vorbei am
+Wegrand, dann ein müder Peitschenknall, die Gäule standen wieder
+wackelnd aufgerichtet, und das Häuflein Soldaten setzte sich wieder in
+Marsch.
+
+Kein Kommando erscholl mehr.
+
+Kein Wort wurde gesprochen ...
+
+Doch kam es vor, daß der eine oder der andere sich plötzlich mit einem
+jähen Ruck umwandte, mit einer blitzschnellen Handbewegung nach dem
+Gewehrschaft griff, den Kopf sonderbar lächelnd schüttelte und wieder
+den einen Fuß vor den anderen tat, als ob es nie anders gewesen wäre und
+als ob es auch gar nicht je anders sein könnte ...
+
+Vor zwei Tagen noch ...
+
+Einer rechnete nach:
+
+„Ja, das sind zweimal vierundzwanzig Stunden ...“
+
+Also: frisch wie aus Schlamm gebacken aus dem Granattrichter ...
+
+Und das gigantische Schlachtorchester brüllte die Symphonie der
+Trommelfeuer und der Stahlgewitter und der Eisenorkane; forte,
+fortissimo; Gaswellen fluteten unsichtbar geheimnisvoll heran; und nun
+gewitterte auch schon über die stacheldrahtgezäunte, granatgepflügte
+labyrinthische Ebene hinweg das Finale des Nahkampfes: der dumpfe Knall
+platzender Handgranatenballungen in Erdhöhlen und Felsunterständen,
+Menschenschreie, gurgelnd und wie „Huhu“ dazwischen, und das Sicheln des
+Bajonetts ...
+
+Traum? Wirklichkeit?
+
+Denen, die hier in die Heimat zurückmarschierten, war das Bewußtsein
+geschwunden, das Hirn leer, nur ein unbestimmter Trieb drängte in allen
+ihren Gliedern sie mit vorwärts; links, rechts, links, rechts; das
+Gesicht nach unten auf den Boden niedergedrückt, dort, wo immer wieder
+zwei Stiefelbeine hervorschnellten oder der Absatz des Vordermanns, der
+fest in den Straßendreck hackte.
+
+Auch an eine Rast oder gar ans Abkochen dachte niemand.
+
+Marschierten sie durch ein Dorf, so schien es ihnen, als wichen ihnen
+die Einwohner scheu aus dem Weg, kein Mensch zeigte sich, alle Türen und
+Fenster waren fest verschlossen, auch jetzt noch, da sie sich schon seit
+einem Tag bald auf deutschem Boden befanden.
+
+Es wurde Morgen.
+
+Nein, es war kein englischer Tank, der plötzlich schnellwendig aus den
+zerschleißenden Nebelschwaden hervorknatterte, auch keine Flammenwerfer,
+die, flüssigen Phosphor spritzend, ganze Ballen von verbranntem
+Menschenfleisch durch die Luft wickelten; kein leichtes
+Infanteriegeschütz, kein auffliegendes Munitionsdepot, auch kein
+Flieger, dicht über der Erde mit MGs die Stellungen abstreichend ...
+
+Nichts, nichts mehr von alledem ...
+
+Weinberge waren es, Hügel, saubere Steinhäuschen darin, Treppen und gut
+angelegte Pfade durch Weingelände hindurch, Kirchturmspitzen blinkten.
+Mit ihren Stöcken stocherten die Soldaten in den dahinkollernden
+Laubhaufen; es war wirklich schönes, feuchtes rotbraunes Laub ...
+
+Doch die fieberig flackernden Augen der Soldaten suchten von neuem den
+Boden ab, fanden sich nicht zurecht, stießen sich und tasteten; man
+hatte sich schon daran gewöhnt, es fehlte einem was; keine Leichname,
+keine abgequetschten Arme, keine Rümpfe, die in der Hitze brodelten;
+auch nichts von Offensivparfüm, das aus den von Granaten wieder
+aufgewühlten Massengräbern dick aufstieg ... Rein und würzig war die
+Luft, die Nebel verdampften sich nach oben ... Einer pfiff schon vor
+sich hin, ein anderer summte leise im Takt, allmählich bildeten sich
+wieder Reihen, fester und immer fester hämmerte der Schritt und, ohne
+daß sie sich dessen bewußt waren, marschierten sie durch das nächste
+Dorf im Gleichschritt. Schon winkte man ihnen zu, Menschen standen
+freundlich nickend zwischen Türen und Fenstern, und da, als sie eben die
+letzten Häuser hinter sich hatten, brach voll die Sonne durch.
+
+Zerfetzt und zersplittert hing die Nebelpest herum, die Wipfel der Bäume
+schüttelten sich, daß der letzte Laubrest an ihnen auseinanderstieb;
+riesige Feuerfarren blühten im Weltraum die Sonnenstrahlen ... als ein
+Mann, ein Landstürmer, in der Mitte des Zugs plötzlich mit
+tränenerstickter Stimme ruft:
+
+„Kameraden! Seht: Sonne über Deutschland!“
+
+Ein Trompetensignal bläst.
+
+Eine Trommel trommelt.
+
+Hundert Köpfe rucken hoch.
+
+Hundert Herztakte schlagen wieder.
+
+Und aus hunderten, von vielem Blut- und Pulvergeschmack ausgedorrten
+Kehlen schluchzt der Gesang:
+
+„Deutschland über alles ...!“
+
+
+ II
+
+Auch Peter Friedjung, damals knapp zweiundzwanzig Jahre alt, befand sich
+unter den Heimkehrern.
+
+Auch er stieß jetzt „Deutschland über alles“ hervor ...
+
+Mit dem Gesang „Deutschland über alles“ hatte zu Beginn des Kriegs das
+Freiwilligenregiment List gestürmt, mit dem Gesang „Deutschland über
+alles“ auf den Lippen wurden die jungen Freiwilligen vom Trommelfeuer zu
+einem Leichenbrei zusammengestampft.
+
+Fünfmal während des Krieges war Peter Friedjung für „Deutschland über
+alles“ verwundet worden.
+
+Und nun!?
+
+Wäre ein Flieger der Rheingrenze entlang geflogen: er hätte deutlich
+beobachten können, wie das acht Millionen starke deutsche Feldheer,
+einer riesigen Schlammflut gleich, in die Heimat zurücktrieb, wie die
+Massen der Armeen von den Städten aufgesogen wurden und das Gewimmel der
+Züge auf den geometrischen Figuren der Eisenbahnnetze gegen das
+Hinterland zu sich langsam auflockerte und dort schon wieder Zug auf Zug
+straff, in vollkommener Ordnung, dahinrollte ...
+
+Am Abend kam die Kolonne, der Peter Friedjung angehörte, drei Kilometer
+vor der Bahnstation an, wo sie nach München verladen werden sollte.
+
+Ein Matrose, ein baumstarker Kerl, ein Mann in Zivil mit einer knolligen
+Schnapsnase und einer in einer feldgrauen Uniform, alle rote Binden um
+den Arm, kamen ihnen am Dorfeingang entgegen und forderten sie auf, die
+Waffen abzulegen.
+
+„Also ist es zur Tatsache geworden. Revolution!“ stellte Kamerad
+Friedjung fest.
+
+„Hier in der Dorfschule ist der Arbeiter- und Soldatenrat.“
+
+Die Heimkehrer sahen sich unschlüssig an.
+
+Aber man ließ ihnen nicht lange Zeit zum Ueberlegen.
+
+Eine schwerbewaffnete Abteilung Rotbinden erschien. Die Kolonne wurde
+ohne weiteres entwaffnet.
+
+Zum erstenmal hörte man wieder etwas über die Vorfälle in der Heimat.
+
+„Das Heer hat teilweise gemeutert. Straßenkämpfe. Der Kaiser geflohen.
+Neue Regierung. Die Sozialisten ...“
+
+In die Sprache eines Deutschen übersetzt, schloß Peter, bedeutet das:
+äußerlich hat die Entente gesiegt und damit also offenbar innerlich: der
+Unglaube, die Vaterlandslosigkeit, die Pöbelherrschaft, die Anarchie.
+
+Auf der Straße vor der Bahnstation waren größere Truppenteile
+versammelt, alle ohne Offiziere, von denen es hieß, sie hätten sich
+schleunigst in Zivil aus dem Staub gemacht.
+
+Die „Internationale“ wurde gesungen, Soldaten standen Arm in Arm, alle
+hatten sich die Kokarden und die Achselstücke abgerissen ... Von Zeit zu
+Zeit hielt einer, auf den Schultern seiner Kameraden sitzend, eine Rede,
+dann schrieen sie alle: „Hoch! Hoch! Nieder! Nieder!“
+
+Die Kameraden, mit denen Peter zurückgekehrt war, waren nicht mehr
+aufzufinden.
+
+Er stand mitten in dem Tumult allein.
+
+Er wußte jetzt überhaupt nichts mit sich anzufangen.
+
+Er wiederholte sich noch einmal, was er während des Kriegs alles von der
+revolutionären Bewegung gelesen und gehört hatte.
+
+Da kannte er natürlich dem Namen nach Karl Liebknecht, diesen
+hundsföttischen Vaterlandsverräter, wie ihn immer die Offiziere bei
+ihren Sektgelagen im Kasino tituliert hatten, von dem man erzählte, daß
+er steinreich sei, eine Unmenge Häuser besitze und von der Entente
+bestochen sei, um dem deutschen Volk die Kriegskredite zu verweigern ...
+„Und die anderen, die werden auch kaum besser sein, Parasiten unserer
+Niederlage, individuelle Nutznießer des Volksunglücks, Kreaturen, die
+nur im Augenblick der vollkommenen Verwirrung, Ohnmacht und
+Wehrlosigkeit eines Volks zu Wort kommen und sich leider auch, bei der
+Dummheit, Gutgläubigkeit und politischen Ungebildetheit des Deutschen,
+Gehör verschaffen können.“
+
+Und scharf in jeder seiner grauenvollen Einzelheiten tauchte in Peters
+Gedächtnis jener Morgen auf, der Beginn eines der gewaltigsten
+Großkampftage, den die Westfront je gesehen.
+
+ * * * * *
+
+Der Massenfeuerüberfall war beendet.
+
+Die Sturminfanterie ging zum Angriff vor.
+
+Von Stellung zu Stellung. Ein einziges Kraterfeld war nurmehr das
+feindliche Gräbensystem, schon hatten die Infanteriewellen ein großes
+Loch in die feindliche Front hineingefressen, und „nun mit den
+Engländern ins Meer“ jubelten, ihres gelungenen Durchbruchs sicher, die
+verschiedenen Regimenter der verschiedenen deutschen Stämme sich zu,
+schon wurde der Befehl erteilt: „Kavallerie vor!“ ... da setzte
+unerwarteterweise eine Reservedivision Kanadier zum Gegenstoß an, und –
+das Sperrfeuer der eigenen Artillerie blieb aus, alle Gewehr-,
+Handgranaten- und Maschinengewehrmunition war verschossen, keine Hilfe
+weit und breit, kein einziger Schuß krachte, nur die feindliche
+Artillerie hieb mit den schwersten Brocken herein, Staubsäule um
+Staubsäule dampfte hoch, und ein zäher entsetzlicher Bajonett-, Messer-,
+Spaten- und Würgkampf begann, Mann gegen Mann, bis am Abend die
+deutschen Truppen gezwungen waren, die eroberten Positionen Schritt um
+Schritt und unter den ungeheuersten Verlusten aufzugeben, und die Lücke
+in der feindlichen Front wieder restlos geschlossen war.
+
+Noch in derselben Nacht wurde bekannt:
+
+Die Munitionsfabriken im deutschen Vaterland streiken. Die
+Artilleriemunition im ganzen Frontabschnitt ist zu Ende. Das Messer
+zwischen die Zähne, heißt es jetzt, und mit den blanken Leibern die
+Front, wenn sie wo einreißen sollte, gestopft ... Auf keinen
+Artillerieschuß sei für die nächsten Tage zu rechnen ...
+
+Ein wilder Racheschwur schoß aus den Herzen der Frontkämpfer hoch; die
+Finger reichten keinem, die Zahl der ihm lieben Kameraden, die er heute
+verloren hatte, abzuzählen; wutentbrannt zerstampften manche die Pakete
+mit Liebesgaben und drohten mit schreckensverzerrten Gesichtern:
+
+„Dolchstoß von hinten! Na, wartet nur, wenn wir zurückkommen! Da werden
+wir gründlich mit diesem schmierigen sozialistischen Gesindel aufräumen
+...“
+
+Doch das war bald vergessen. Die meisten wurden, wie es Peter wenigstens
+damals schien, selbst bald Handlanger dieses sozialistischen Gesindels,
+machten schlapp, knurrten, und die Erschießung von mißliebigen
+Offizieren von hinten kam immer häufiger vor ... Selbst tagelanges
+Baumanbinden gegen Insubordination und einzelne Füsilladen nützten
+nichts ... Die moralische Auflösung der deutschen Front begann ...
+
+ * * * * *
+
+Eiskalt vor innerer Erregung, mit haßerfüllten Augen blickte Peter auf
+seine Umgebung.
+
+„Pack schlägt sich, Pack –“
+
+„Nein, wir hätten die Waffen nicht –“
+
+Doch auch die Treuesten und Zuverlässigsten hatten sich bereits in die
+Mauselöcher verkrochen.
+
+Wieder rauschte ein Zug vorbei mit Hurras und vielen roten Fahnen ...
+
+Ein pockennarbiger krummgewachsener Zivilist trat auf Peter zu, riß ihm
+die Kokarde ab: „Aas!“
+
+Peter stand wie gelähmt, lächelte und stotterte etwas.
+
+Der andere war schon fort.
+
+Dann preßte er zwischen den Zähnen hervor:
+
+„Hunde! Schweine! Lügner! Ihr gottsjämmerlich erbärmlichen Schufte ...“
+
+ * * * * *
+
+Der Herbststurm fegte. Die Dächer auf den Häusern klapperten. Zu einem
+Skelett kahl gefressen war rings die Welt ...
+
+„Eine feste Burg ist unser Gott!“
+
+Dieser Choral dröhnte mächtig auf in ihm, von Tausenden von
+Glockenspielen umläutet, in wunderbaren Klangspiralen, und hoch die
+Sterne glänzten, das Firmament wölbte sich in raumlosen unbegrenzten
+Schleifen und Kurven, und sprühte ... War das nicht der Abglanz von
+Gottes Angesicht, jenes myriadenäugigen Gottes, des allfühlenden, des
+allerkennenden, jener Abglanz von Gottes Angesicht, der den Abgrund, der
+die Welt hieß, mit einer schimmernden firnisartigen Schicht überzog, mit
+dem Glanz der Verklärung, der dieses diesseitige Jammertal überhaupt
+erst für den Menschen erträglich machte? Jenes Gottes, dessen Atem
+gleich Ebbe und Brandung war, dessen Sekunde ein Tausend Menschenjahre
+in sich faßte und in dessen Allmacht es stand, die allerhöchsten
+Bergmassive, die es auf der Menschenerde gab, leichthin wegzublasen wie
+ein Sandkorn!? Das Meer, alle die großen und kleinen Ozeane, wären nicht
+mehr gewesen als nur ein einziger Schluck in der Schale der göttlichen
+Hand. Und war nicht die ganze Welt ein einziges Riesenorgelwerk, rühmend
+des Ewigen Ehre, eine jede Kreatur ein besonderes Register darin, darauf
+der Schöpfer des Weltalls, der Schöpfer der heiligen Ordnung aller Wesen
+und Dinge, spielte, er, das Urbild aller Geschaffenheit, große, kühne,
+erhabene Akkorde, auch schrille Dissonanzen darunter, doch nur dazu da,
+um am Ende in einem desto gewaltiger schwellenden Halleluja sich
+aufzulösen ...!
+
+ * * * * *
+
+Eingepfercht zwischen durch und durch verlausten und völlig
+verwahrlosten Mannschaften, die zynisch auf Gott, Kaiser und Vaterland
+fluchten, rollt Peter der Heimat zu.
+
+
+ III
+
+Peter fand seine Eltern zu Hause in niedergedrückter Stimmung.
+
+Zwar hing ein Kranz mit „Willkommen“ und schwarzweißroter Schleife über
+der Tür, aber die ausgeweinten Augen der Mutter verrieten ihm, daß sie
+schon viele Tage und Nächte hindurch an einem Wiedersehen mit dem Sohne
+gezweifelt hatte.
+
+„Da ist er ja!“ umarmte ihn der Vater. „Nun also doch! Als ein tapferer
+deutscher Held bist du uns wiedergeschenkt. Du hast dich auch rein
+gehalten, das seh ich dir an. Flecken- und makellos hast du dir das
+Schild deiner Ehre erhalten. Und das eiserne Kreuz! Nun kann ich mich
+beruhigt sterben legen ... Welch eine Freude!“
+
+„So, Peter, gut so, daß du wieder da bist!“ begrüßte ihn die Mutter, die
+indeß weißhaarig geworden war und eine gebückte Haltung hatte.
+
+„Nun ruh’ dich aus! Der Krieg ist ja zu Ende.“
+
+Dies sagte sie in einer merkwürdig singenden Sprache, in einem Tonfall,
+den Peter bisher noch nie an ihr wahrgenommen hatte.
+
+Peter schwieg. Er stand da, mitten im Zimmer, den Stahlhelm noch immer
+unterm Arm. Er hatte Tränen in den Augen.
+
+Aber das, wie es die Mutter gesagt hatte, klang so, als ob der Krieg
+garnicht zu Ende sei, nie auch zu Ende sein könnte, als ob er
+weitergehe, und nur ein Schlachtfeld mit dem anderen sich vertauscht
+habe, vielleicht sogar: Volksgenosse gegen Volksgenosse. Nach den
+letzten Ereignissen zu schließen: ja, vielleicht sogar mitten in
+Deutschland: der Muskel gegen den Nerv, Sehne wider Sehne, das Mark
+eines Volkes gegen das Mark, das Herzinnere gegen das Herzinnere ...
+
+Klang es nicht so, was die Mutter gesagt hatte, als ob man überhaupt nie
+zu Ende kommen könne damit, als ob dieser Krieg nur ein Vorspiel, ein
+harmloses sogar, gewesen sei, und als ob die Rückkunft ins Elternhaus
+für Peter auch nur eine kurzbemessene Rast sei, um bald darauf wieder
+...
+
+Als ob der Krieg sei wie ein Strom ... Nun, da Frieden ist, fließt
+unsichtbar er dahin, unterirdisch, überschüttet von irrnisblendendem
+Gestein, um auf einmal aber, denen nur unerwartet, die das
+Bewegungsgesetz des Stromverlaufs nicht kennen: stäubend, gurgelnd,
+strudelnd auf die Erde wieder hervorzubrechen.
+
+„Nein, der Krieg ist nicht zu Ende!“ schrie es in Peter innerlich auf,
+als er seiner Mutter in die Augen sah, in die angstverzerrten,
+kümmernisstumpfen Augen. „Der Frieden, das ist ja ein ganz ungeheuerer
+Betrug, eine Art Betäubungsmittel, Beruhigungspulver ... Der Krieg hat
+begonnen, um nicht mehr zu enden. Seuchenisolierbaracken, Lazarette, ja
+so, genau so wie ich sie gesehen und erlebt habe: weiterbauen werden die
+sich durch den ganzen Weltraum hindurch ... Jetzt schläft er; der Krieg
+hat sich ein wenig nur hingelegt, um zu schlafen; der Krieg, hört ihr
+es, schnarcht. Der Krieg schläft seinen Blutrausch aus ... Dann steht er
+wieder auf, frisch, kräftig, hungrig, unersättlich, wie er ist, schwingt
+sich in die Lüfte, fliegt! fliegt! fliegt! Ja, fliegen wird er diesmal
+und einen giftigen Samen niederstreuen, Giftgas, Samen: Gas, Gas, Gas
+... Und aufgehen wird dieser Samen, ein entsetzliches Geschwür in jeder
+Menschenbrust, als brandiger, blasenziehender Aussatz über der ganzen
+Hautfläche, als eine Wucherung, die wüsten Wahnwitz in jedem Gehirn
+zeugt ... Welch eine Tiefen-Wirkung! Tod wird er ernten in Hülle und
+Fülle ...
+
+„Wer aber ist der Krieg!?“
+
+„Die Menschen!?“
+
+„Und welcher Art Menschen sind es!?“ –
+
+ * * * * *
+
+Nach Tisch stand der Vater auf, zog sich an und fragte Peter:
+
+„Kommst du mit zum Trio!?“
+
+Mit einem Blick auf die Mutter sagte Peter zögernd ja ...
+
+Auf dem Hinweg begann der Vater:
+
+„Du weißt doch Peter, daß du nicht den Oberstudienrat Dr. Reuchlin nach
+seinem Sohn fragen kannst. Das ist ein wunder Punkt. Nicht daran rühren!
+Der alte Mann ist zu bedauern. Man muß sehr taktvoll und zurückhaltend
+sein. Schrecklich, so ein Schicksal.“
+
+Peter nickte nachdenklich.
+
+„Das war doch ein wunderbar prächtiger Bursche, der junge Reuchlin, ich
+verstehe das nicht ...“
+
+„Ja, mir ist das auch ein Rätsel. Geistige Umnachtung unter Umständen,
+Verwirrtheit wahrscheinlich. Anders ist das nicht zu erklären ... Und
+welche Sorgfalt in der Erziehung hat er seinem Jungen angedeihen lassen
+... Merkwürdig, wie ein Mensch so aus der Art schlagen kann ...!“
+
+ * * * * *
+
+Am Trio, das regelmäßig einmal in der Woche in der prächtig
+ausgestatteten Achtzimmerwohnung des unverheirateten Dekan Lampert
+stattfand, nahmen teil die Herren Fabrikbesitzer Joachim Hellmer,
+Oberstudienrat Dr. Reuchlin und Peters Vater, der Landgerichtsdirektor
+Dr. Friedjung.
+
+Diesmal waren noch zugegen als Gäste Oberstleutnant Hugenberg, Emil
+Freywolf, Redakteur einer größeren liberalen Tageszeitung,
+Kriegsberichterstatter, und ein gewisser Paul Bratz, der in der
+Gesellschaft als eine ausgesprochene Abenteurernatur galt, früher
+Leutnant der Schutztruppe, während des Krieges aber dauernd aus dem Heer
+wegen chronischer Trunksucht beurlaubt; er lungerte in dieser Zeit in
+allen Sanatorien Deutschlands herum und interessierte sich für
+Frauenjagd.
+
+Die Gesellschaft war schon versammelt, als Dr. Friedjung und sein Sohn
+eintraten.
+
+Die meisten Herren kannte Peter schon.
+
+„Und wie er sich verändert hat! Mein Sohn, viel männlicher, ganz zu
+seinem Vorteil.“
+
+Breit und behäbig, wie ein Luther-Standbild, pflanzte sich der Dekan vor
+Peter auf.
+
+„Na ja, der Krieg ist der beste Lehrmeister! Da sehen Sie mal wieder!
+Gott hat seinen Anteil daran. Gott hat gewollt, daß gerade wir dieses
+Gericht vollziehen sollen, und die Reinheit des sittlichen Gewissens ist
+auf unserer Seite. Wie der Ausgang des Krieges in Uebereinstimmung mit
+dieser Tatsache zu bringen ist: Gottes Rat ist unerforschlich.
+Wahrscheinlich haben sich große Volksteile Deutschlands, vor allem die
+unteren Schichten, an die Arbeiterbevölkerung der Industriebezirke denke
+ich da vor allem, noch nicht als genügend geläutert für diese göttliche
+Aufgabe erwiesen. Wir gehen schweren Zeiten entgegen. Doch die Jugend
+gehört uns und damit die Zukunft, und wenn die ganze Jugend Deutschlands
+aus lauter Friedjungs bestünde: dann, dann kann Deutschland nicht
+untergehen ... Nun, mein Sohn, nimm Platz ...“
+
+Noch einen Augenblick verharrte der Dekan bei seinem Augenaufschlag.
+
+„Nun, habe ich es nicht immer gesagt, den preußischen Leutnant macht uns
+so leicht niemand nach ...“
+
+Herr Bratz holte das verborgene Monokel hervor und klemmte es fest.
+
+Landgerichtsdirektor Friedjung bedankte sich nach allen Seiten hin für
+die Gratulationen.
+
+Nur dem Oberstudienrat Dr. Reuchlin drückte er stumm die Hand.
+
+„Wird schon wieder werden ... Nur Kopf hoch! Mut ...“
+
+„Ein Junge mit solcher Begabung wie der Ihre, Herr Landgerichtsdirektor
+... ich schlage vor: Bankfach. Das ist heute noch am aussichtsreichsten
+...“
+
+Der Fabrikbesitzer fand allseitige Zustimmung.
+
+„Ich wäre natürlich auch bereit, ihn bei mir unterzubringen ... Ich
+brauche absolut zuverlässige, gegen jedes Streikgelüste immune Leute,
+heutzutage mehr denn je ...“
+
+Inzwischen hatten der Redakteur, der Oberstleutnant, Herr Bratz, eine
+Gruppe gebildet.
+
+„Richtig so, ganz so ist es, wie Sie sagen: Der Krieg ist nicht nur ein
+notwendiges Element im Völkerleben, sondern auch ein unentbehrlicher
+Faktor der Kultur, ja die höchste Kraft und Lebensäußerung wahrer
+Kulturvölker.“
+
+Der Oberstleutnant ergänzte begeistert den Redakteur:
+
+„Nicht nur eine biologische Notwendigkeit, sondern auch eine sittliche
+Forderung und als solche ein unentbehrlicher Faktor der Kultur ...“
+
+„Meine Herren! Lassen Sie sich schildern, wie die Zivilisation in den
+Kolonien vor sich geht. Wir brauchen Kolonien, das ist eine
+Lebensnotwendigkeit für das deutsche Volk. Kolonialarbeit ist aber
+notwendigerweise Blutarbeit und durchaus durch die Verdrängung des
+Heidentums durch das Christentum gerechtfertigt. Wir sind immer mal
+wieder gezwungen, da unten einen großen Kehraus mit den Schwarzen zu
+machen. Selbst Ausrottung ganzer Stämme mitsamt ihren Stammsiedelungen
+sind dabei leider Gottes nicht zu vermeiden ... Kultur! Kultur! ... Und
+überdies zum vorigen Thema: Sie haben ja die Ermordung des
+österreichischen Thronfolgers gestreift: ich sage: wenn je ein Blutopfer
+eine befreiende, eine erlösende Wirkung gehabt hat, so war es dieses
+...“
+
+Die Gruppe löste sich wieder auf und schloß sich der allgemeinen
+Diskussion an.
+
+„Im übrigen: meine Ansicht ist die: die Sozialdemokraten, mag man gegen
+sie haben was man will, die müssen jetzt die Sache schmeißen. Wir müssen
+uns auf eine Politik auf lange Sicht einrichten ... Unsere Zeit kommt!
+Abwarten ...“
+
+Bratz widersprach energisch dem Fabrikanten.
+
+„Nein, nun ganz und gar nicht.“ Er sprach von illegalen Organisationen,
+Attentaten, Verschwörerklubs, Kampftrupps, die sofort aus den aktivsten,
+zuverlässigsten vaterländischen Elementen gebildet werden müssen, um den
+Novemberverbrechern energisch auf den Leib zu rücken ... „Wie Sie sehen:
+die Arbeiterschaft ist in zwei feindliche Lager geteilt. Die Sozialisten
+werden nicht umhin können, im Kampf gegen die Spartakisten sich unserer
+Hilfe zu bedienen, wir werden und müssen uns diese Dienste so teuer wie
+nur möglich bezahlen lassen ... Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan,
+der Mohr kann gehen ... So wird man uns nicht abfinden. Nie und
+nimmermehr ...“
+
+„Meine Herren, streiten wir nicht! Ich bin für zwei Eisen im Feuer!“
+vermittelte der Dekan. „Auf legale Art und auch die Vorschläge des Herrn
+Bratz dürfen wir nicht ganz und gar außer acht lassen ... Dem Volk muß
+die Religion auf jeden Fall erhalten bleiben. Denn nicht auf
+Gescheitheit oder Dummheit des Einzelnen kommt es an, sondern auf die
+Erlösung der Seele. Was für den Einzelnen gilt, gilt auch für das Ganze.
+Einkehr, innere Wandlung, das ists, was vor allem not tut.“
+
+Nun sprach auch Peters Vater:
+
+„Die Hauptsache ist, daß die Staatsautorität erhalten bleibt. Ich
+meinerseits habe bei den Sozialdemokraten seit Kriegsbeginn nichts
+gelesen, was der Lehre von der Unantastbarkeit des Staates zuwiderliefe.
+Im Gegenteil, ihre Partei hat sich während des Krieges ihre nationale
+Vergangenheit geschaffen! ... Und meine Herren, die Staatsform kann uns
+doch schon wirklich ganz egal sein, auf den Inhalt kommt es an.“
+
+Der Oberstleutnant fiel ihm ins Wort:
+
+„Allerdings, jetzt heißt es Schritt für Schritt, so zäh wie nur möglich,
+unsere Positionen verteidigen, die Sozialdemokraten regieren lassen,
+heimlich ihre Regierung infamieren und sie so in den weitesten
+Volkskreisen unmöglich machen, und zwar ein für allemal, um dann, wenn
+so der Staatsapparat relativ intakt in unserer Hand bleibt, eines Tages,
+wohlbemerkt, ich rechne mit Jahren, zum Generalangriff überzugehen ...
+Meine Herren! Man kann die Erfahrungen des Krieges auch auf den Frieden
+anwenden ... Jedenfalls, eine Voreiligkeit, eine zu frühe öffentliche
+Preisgabe unserer Entschlüsse könnte uns teuer zu stehen kommen. In
+diesen Tagen der roten Hochflut wird auch der geringste taktische
+Fehler, meine Herren, mit Blut bezahlt ...!“
+
+„Es ist schon so!“ bestätigte auch der Oberstudienrat Dr. Reuchlin, „man
+muß mit den Wölfen heulen. In unserem Herzen sind und bleiben wir
+Monarchisten, jawohl. Aber in der Praxis könnte es sogar unter Umständen
+möglich sein, daß wir uns mit der Republik abfinden. Wer will
+prophezeien, es könnte gar der Tag kommen, wo wir die treuesten Stützen
+der Republik sind ... Spotten Sie nicht, schütteln Sie nicht ungläubig
+die Köpfe ...“
+
+„Oh!“ rief pathetisch Bratz dagegen ... „wenn der Schicksalstag naht,
+und wäre über uns Ragnarök, die Götterdämmerung verhängt, dann lieber in
+tobender Schlacht als in schleichendem Siechtum ...“
+
+„Auch ich finde, Dr. Reuchlin, das klingt bedenklich nach Kant,“
+philosophierte jetzt der Dekan. „Also Monarchie wäre demnach die einzige
+rationelle Staatsform, aber sozusagen nur als ein Postulat der
+praktischen Vernunft, deren Verwirklichung zwar nie erreicht wird, deren
+Erreichung aber stets als Ziel angestrebt wird und in der Gesinnung
+festgehalten werden muß ... Auch christlich terminologisch ließe sich
+das ausdrücken ...“
+
+„Meine Herren,“ knurrte jetzt der Oberstleutnant dazwischen, „ich finde,
+das Gespräch führt uns jetzt zu weit ab ... Besser ist: wenig davon
+sprechen. Immer daran denken ...“
+
+„Jawohl, auf die Tat kommt es an,“ schloß Bratz ...
+
+ * * * * *
+
+Der Landgerichtsdirektor saß am Flügel.
+
+Der Fabrikant stimmte die Violine.
+
+Oberstudienrat Dr. Reuchlin bediente das Cello.
+
+„Wir haben das letztemal Beethoven geübt. Wir wollen sehen, was davon
+hängen geblieben ist.“
+
+Das Trio begann.
+
+Der Landgerichtsdirektor zählte den Takt mit ...
+
+Verstreut saßen der Redakteur, der Oberstleutnant, der Dekan, Bratz und
+Peter im Zimmer herum.
+
+Der Dekan dachte an die Sonntagspredigt. Man mußte vorsichtig sein und
+alles in Gleichnissen ausdrücken; auch machte ihm die Möglichkeit einer
+Abtrennung von Kirche und Staat einige Sorgen. Für die Predigt am
+kommenden Sonntag suchte er noch immer den passenden Text. Er war
+bekannt dafür, daß er so ergreifend sprach, daß die Leute weinten ... Da
+fiel ihm jenes berühmte Pauluswort ein: „Und hättet der Liebe nicht
+...!“ In der Tat vortrefflich. Er zog ein Notizbuch und skizzierte die
+Disposition. Natürlich Liebe, Liebe und nochmals Liebe: Christentum und
+Sozialismus, Sozialismus und Christentum: nur zwei verschiedene
+Ausdrücke für im Grunde ein und dasselbe. Versöhnend wirken! Und zu was
+Besserem könnte man auch in solchen Zeiten ermahnen, als zur Liebe,
+innerer Einkehr, Arbeit an sich selbst; die Staatsform und die äußeren
+sozialen Fortschritte erst in zweiter Linie. Der Mensch ist die
+Hauptsache, der innere Mensch, auf das Seelenheil des Menschen kommt es
+an ... Und die Klänge des Trios beschwangen ihn: er notierte fieberhaft,
+und als die Herren mit einem wunderbaren _piano pianissimo_ geschlossen
+hatten, wobei besonders die Violine ergreifend zur Wirkung kam, sprang
+er freudigst erregt auf:
+
+„Danke, meine Herrn! Hier meine Sonntagspredigt! Vortrefflich gelungen
+...“
+
+ * * * * *
+
+Peter hatte während des Konzerts allerlei groteske Einfälle.
+
+„Das Frontschwein badet im Konzert!“ Oder, „Ohrenschmarrenschmaus“
+und „Sonntagspredigtbraten“, „Ragout aus sanftlebigem
+Oberkonsistorialrat-Fleisch“ usw. Auch betrachtete er geradezu mit einem
+wollüstigen Ingrimm den Herrn Bratz neben sich, diese beständig nervös
+grimmassierende Monokel-Fratze ...
+
+Aber auch der Journalist war nicht müßig geblieben.
+
+In seinem Gehirn stand schon der Leitartikel „Vom neuen Zeitgeist“ fix
+und fertig. Hier waren die Sünden und vielen Fehlerhaftigkeiten des
+alten vergangenen Regimes scharf und präzis kritisiert, dann aber auch
+das Gute, Edle und Wahre vergangener Zeiten sorgfältig und liebevoll
+dargestellt, das es nun weiter zu pflegen und zu hegen gelte, und am
+Schluß war als Bilanz die beschwörende Formel gegen den Bolschewismus
+und gegen die alle geistigen und sittlichen Kulturwerke bedrohende
+Anarchie angebracht. Einige Berichte Reisender aus Rußland, Greuelszenen
+voll phantastischer Anschaulichkeit waren nicht ungeschickt
+eingeflochten und vor allem volltönend und warnend zugleich war die
+Stimme, die er für die Unantastbarkeit des Privateigentums erhob.
+
+Bratz dagegen döste zwischen „Farbenklavier-Klavilux“, „Sonnenmaschine“
+und der „Wirkung des Grammophons auf Neger“ dahin und dachte dann
+konzentriert an Lucie, ein Rasseweib, Kellnerin in einer Bar, und wie
+man Geld auftreiben könne, die Weiber kosten Geld, das ist eine alte
+Sache. Vielleicht gehts mit einem Spielklub, der vaterländische
+Verschwörerklub, dem er auch nebenbei angehörte, war noch nicht recht in
+Schwung, die Geldgeber zogen noch nicht, doch was nicht ist, kann
+immerhin allemal noch werden ...
+
+Der Oberstleutnant gab sich willig der Musik hin.
+
+Zwar Marschmusik ist es nicht, überlegte er, auch reizen Blasinstrumente
+nicht so sehr zum Träumen. Aber Kunst ist es, erhaben und großartig. Nur
+die Künstler, das ist eine andere Sache ... Gegenüber dem
+undisziplinierten Beethoven da war doch Goethe ein ganzer Kerl ... Und
+dann bemerkte er unwillig, daß er Zivil trug. Die schöne alte Uniform.
+Vielleicht werde ich es noch einmal erleben: Sonnenglanz, die Brust voll
+Orden, die Straßen zur Parade abgesperrt ... schon dröhnt der
+Stechschritt ...
+
+Da eben schloß das Trio mit pianissimo. –
+
+ * * * * *
+
+Noch einige Stücke. Ein Violinsolo. Ein Marsch, auf besonderen Wunsch
+des Oberstleutnants, und der Trio-Abend war beendet.
+
+Man blieb nun noch bis über Mitternacht gemütlich zusammen.
+
+„Die Einwohner müßten sich zum Schutze ihres Eigentums zusammentun, für
+Ruhe und Ordnung, gegen Bürgerkrieg und Anarchie.“
+
+„Ist schon erwogen bezw. beschlossen.“
+
+„Im übrigen: was unsere Revolutionäre anbetrifft, vom Schlage solcher
+Bürschchen wie Toller, die jetzt den Mund so voll nehmen, so dürften die
+uns nicht besonders gefährlich werden. Sie sind eitel bis zum
+Ueberlaufen, man muß sie hätscheln, ausgemachte Windbeutel, mit denen
+nicht fertig zu werden, das wäre zum Lachen ... Man muß sie nur ein
+wenig mit einer Verbeugung vor ihrer Genialität, wovon sie natürlich
+keine Spur besitzen, kitzeln, man muß ihnen geschickt durch die Presse
+einreden, sie hätten eine weltgeschichtliche Mission, dann strecken sie,
+von sich selbst fasziniert, eitel bis zum Brechreiz wie sie sind, gleich
+alle Viere von sich und man kann alles, was man nur will, mit ihnen
+anstellen. Da sind die Bolschewisten schon andere Kerle, aus einem Guß,
+die wenigstens wissen was sie wollen. Mit denen ist nicht gut Kirschen
+essen. Russische Glut, amerikanische Gründlichkeit: das sind ihre
+Hauptqualitäten, das muß ihnen auch ihr ärgster Feind lassen ...“
+
+„Gewiß auch in der Schule weisen wir jetzt in jeder Unterrichtsstunde
+darauf hin, welche Gefahren dem deutschen Vaterlande drohen. Na, unsere
+Jungens sind alle Gott Lob und Dank vernünftig und würden sich sofort
+wieder zur Verfügung stellen wenn es losgeht ...“
+
+„Sicher auch Ihr Herr Sohn“, zwinkerte der Dekan zu Peter hinüber, der
+wie versteinert dasaß.
+
+„Aber das ist ja selbstverständlich!“ antwortete für ihn der Vater. „Er
+ist gegen jede Art bolschewistischen Giftes gefeit. Im Trommelfeuer zu
+einer undurchdringlichen Panzerhaut geschmiedet. Ein Friedjung und
+Bolschewist: das scheidet sich wie Feuer und Wasser.“
+
+„Das meine ich auch!“ lächelte der Dekan befriedigt.
+
+Man tat noch einen langen Zug aus der Zigarre, leerte den Rest aus dem
+Bierglas und stand auf.
+
+„Also sagen wir Dienstag, nächste Woche!“
+
+Man stand schon an der Tür.
+
+„Aber wollen wir so auseinandergehn, nach solch einem Abend, es ist ja
+immerhin in gewisser Weise das Willkommfest des jungen Herrn Friedjung
+gewesen. So unverbindlich auseinandergehn, ohne ...“
+
+Alle stimmten begeistert dem Vorschlag des Redakteurs zu.
+
+Der Landgerichtsdirektor saß wieder am Flügel.
+
+„Aber pst! Leise bitte!“ mahnte der Dekan, „sonst habe ich
+Unannehmlichkeiten.“
+
+Und sie sangen mit gedämpften Stimmen:
+
+„Deutschland über alles.“
+
+Peter sang nicht.
+
+Er sprach leise für sich ganz nüchtern und trocken den Text nach. Wie
+ein mechanischer Kontrollapparat. Dabei beobachtete er scharf die
+Sänger. Und beim letzten Vers sprach er halblaut mit:
+
+„I–h–r ... e–l–e–n–d–e–n– ... S–c–h–u–r–k–e–n.“ –
+
+ * * * * *
+
+Unten verabschiedeten sich sogleich die Herren.
+
+Bratz schlug vor dem Oberstleutnant die Hacken zusammen, stand stramm.
+
+Peter verbeugte sich kaum.
+
+Bratz ging noch ein Stück mit den beiden Friedjungs. Er hatte das
+Monokel wieder eingesteckt.
+
+„Vorsicht ist am Platz. Meine Devise ist: das Leben so teuer wie nur
+möglich zu verkaufen ...“
+
+Und zu Peter gewandt fragte er:
+
+„Wahrscheinlich werden Sie nun doch studieren!? In Berlin vielleicht.
+Ich kann Ihnen für einige Korps Empfehlungen geben ...“
+
+„Ich danke“, erwiderte Peter kalt.
+
+Bratz schnitt mit dem Stock durch die Luft, daß es pfiff.
+
+„Hören Sie, das ist der preußische Pfiff ... Bald kommt der große, der
+heilige, der entscheidende Tag ...“ Dazu summte er schmalzig eine
+Melodie. „Wissen Sie woraus das ist. Nein?! Aber ... Wagner
+„Tannhäuser“, dritter Akt ...“
+
+„Ich denke an den armen bemitleidenswerten Oberstudienrat. Wie Söhne zu
+Fallstricken für ihre Väter werden! Armer alter gebrochener Mann ...“
+Sinnierte der Landgerichtsdirektor. –
+
+Es war ein öffentliches Geheimnis: Dr. Reuchlins Sohn war wegen Meuterei
+und Hochverrat im Felde vor ein Kriegsgericht gestellt, zum Tode
+verurteilt und erschossen worden.
+
+
+ IV
+
+Peters Mutter war noch wach, als Vater und Sohn vom Trio nach Hause
+kamen.
+
+Peter saß nun mit seiner Mutter allein.
+
+„Mein Kind, du hast Schweres durchgemacht. Ich will dir nun sagen: wenn
+du wieder von zu Hause fortgehst, dann ist auch meine Zeit gekommen. Du
+weißt vielleicht, ich lebe mit dem Vater sehr schlecht. Nur deinetwegen
+bin ich geblieben. Aber du bist ja jetzt erwachsen, und du hast mich
+nicht mehr nötig ...“
+
+„Doch, doch!“ wollte Peter stammeln, aber er konnte kein Wort
+hervorbringen.
+
+„Es ist am besten, Peter, ich nehme gleich heute von dir Abschied: du
+bist ein Musterbeispiel für einen idealistisch gesinnten jungen
+Deutschen. Wie du dich durch diese Zeit hindurchschlagen wirst! Auf
+welche Art und Weise du mit ihr fertig werden wirst!? Was aus dir noch
+werden wird ... Fast ist’s mir als ob ich es wüßte. Ich ahne schon so
+etwas. Aber ich will darüber schweigen. Kurz und gut: Laß die Leute
+reden, Peter, und geh deinen Weg ... Das soll unser Abschied gewesen
+sein. Leb wohl! Gute Nacht!“
+
+Wieder schwieg Peter.
+
+„Aber was ist die Wahrheit!? Was soll ich tun ...“
+
+ * * * * *
+
+Und Peter schlief einen unruhigen Schlaf.
+
+Er schlief in demselben Zimmer wieder, in dem er schon als Kind
+geschlafen hatte, dort an der Wand hingen noch die Eichenkränze, die
+ersten Preise aus Wettschwimmen und Fußballspielen, und dort obenauf im
+ersten Schubfach des Schrankes lagen noch durcheinander Schulbücher und
+Hefte.
+
+Direkt aus dem Gymnasium war er ins Regiment eingetreten, in der Zeit
+seiner militärischen Ausbildung kam er nur selten nach Haus. „Und jetzt,
+jetzt, was soll aus mir werden.“
+
+Peters Vater war Landgerichtsdirektor, ein Richter in höherer
+Staatsstellung, dessen schönster Tag in seinem Leben war, wie er nie
+müde wurde zu betonen: damals, als Peter auszog mit dem
+Freiwilligenregiment, Blumensträuße am Helm und einen vorne im
+Gewehrlauf: das war ein großartiger erschütternder Marsch lauter
+prächtiger junger Menschen unter dem Gesang „Die Vöglein im Walde ...“
+auf den Bahnhof. Ihm zur Seite auf dem Trottoir, schritten damals Vater
+und Mutter, beide schluchzten, Peter schluchzte und lachte freudig auf
+dazwischen, die ganze Stadt war mit Fahnen, Girlanden und Blumen
+geschmückt: der Auszug dieses Freiwilligenregiments war ein großes
+Freudenweinen ...
+
+ * * * * *
+
+Vor vielen Jahren belauschte einmal in diesem Zimmer Peter eines Nachts
+ein Gespräch zwischen Vater und Mutter.
+
+Peters Vater war damals Staatsanwalt und Anklagevertreter in dem
+bekannten Prozeß gegen den berüchtigten vielfachen Raubmörder Alois
+Kneisel. Kneisel wurde zuerst in der chirurgischen Klinik
+zurechtgeflickt, da er bei seiner Verhaftung von den Gendarmen verwundet
+worden war, und danach dem Scharfrichter überantwortet.
+
+Es muß die Nacht vor der Hinrichtung gewesen sein, denn der Vater hatte
+dem Dienstmädchen aufgetragen, ihn pünktlich um fünf Uhr früh zu wecken.
+Der Wecker wurde sorgfältig gestellt.
+
+Auch waren Gehrock, Zylinder, weiße Glacéhandschuhe herausgerichtet
+worden, die guten Schuhe, ein frisches steifes Hemd und die Manschetten
+mit den rubinroten Knöpfen.
+
+Peter legte das Ohr dicht an die Wand, als er die ersten aufgeregten
+Worte der Mutter vernahm.
+
+„Nein, Heinrich, ich kann mit dir beim besten Willen nicht mehr
+zusammenleben“, weinte die Mutter, „du bist ein Mörder, mitschuldig an
+einem ganz gemeinen barbarischen, infamen Mord ... Ich flehe dich an,
+laß mich fort von dir ...“
+
+Der Vater sprach ruhig und mit sehr tiefer Stimme vom Staat, von der
+Notwendigkeit der Erhaltung der Autorität, von der modernen
+Straftheorie, wonach Strafe erstens: Sühne im religiösen Sinne sei, dann
+auch ein prophylaktisch wirkendes Abschreckungsmittel und drittens:
+Befreiung der Gesellschaft von der Gemeingefährlichkeit gewisser
+menschlich minderwertiger Subjekte.
+
+Jedoch: des Vaters Gegenargumente fruchteten bei der Mutter nichts.
+
+Immerfort schluchzte die Mutter noch:
+
+„Das ist Heuchelei, abgrundtiefe Verlogenheit ... Ich kann es nicht so
+in Worten ausdrücken, aber mein Gefühl, mein Instinkt sagt es mir ...
+Ach Gott, o Gott, o Gott, daß du das nicht einsiehst. So verstockt, wer
+hätte das gedacht ...“
+
+Und die Mutter weinte die ganze Nacht still vor sich hin.
+
+Einmal schrie sie:
+
+„Siehst du ihn nicht vor dir: das Gesicht seiner letzten Nacht: groß,
+ungeheuer und der Hals ist da, warm der Rumpf darunter ... dieser in die
+Länge gezogene Blick ... Pfui, wie du mich anekelst ... Ich kann es
+wirklich nicht mehr länger mit dir aushalten ...“
+
+Wieder kam ein Weinanfall.
+
+„Du haßt mich also“, fragte der Vater.
+
+„Läßt du mir das Kind!?“
+
+„Auf keinen Fall ...“
+
+„Damit du ihn auch zu einem Verbrecher deiner Art, zur gemeinsten und
+tierischsten Art Verbrecher, die es auf der Welt gibt, erziehen
+kannst!?“
+
+Ein schwerer Schlag.
+
+Ein Schrei, der hoch und schrill war ...
+
+Trotzdem Peter damals erst acht Jahre alt war, wußte er sofort:
+
+„Der Vater hat die Mutter niedergeschlagen.“
+
+Und Peter taumelte, als ob er selbst den Schlag erhalten hätte, fiel ins
+Bett zurück und versank tief in einen ohnmachtähnlichen Schlaf.
+
+Wie ein Goldregenschwarm sangen Scharen von Engeln darin, wie Bienen
+sahen sie aus und die Erde darunter war wie eine klotzige,
+schattenhafte, geschwollene Blutkugel. Und die Mutter war da, eine
+überlebensgroße Gestalt, streichelte ihm zärtlich die blutende
+Kopfwunde, und Peter strengte sich sogar an, ordentlich viel zu bluten,
+das blutende Blut tat ihm wohl, es rann und blühte in unendlich vielen
+Knospen und Beeren im Himmelsgarten ...
+
+ * * * * *
+
+Die Mutter war in der Nacht noch auf und davon gelaufen.
+
+Der Vater stand pünktlich früh um fünf auf.
+
+Als er mittags nach Hause kam, schaute ihn Peter groß und fragend an.
+„Hat er ihn jetzt wirklich umgebracht?!“ Aber die Kleidung des Vaters,
+der jetzt ein bequemes Hausjöppchen trug, war tadelfrei, schwarz; wie
+anlackiert sah er aus. Nirgends ein Blutspritzer, nicht einmal an den
+Manschetten. „Ob er eine Schürze sich umgebunden hat, so wie im
+Schlachthaus?“ Peter wollte erfahren, ob er das eigenhändig gemacht hat,
+mit dem Beil oder mit einem scharfen Rasiermesser. Immer noch schaute
+Peter groß und fragend. Der Vater aber schwieg, erkundigte sich nach
+Peters Schulaufgaben und ließ sich dabei den Gansbraten schmecken.
+
+ * * * * *
+
+Nach acht Tagen kam die Mutter zurück.
+
+Des Kindes wegen.
+
+„Die Kindheit eines Menschen ist entscheidend. Wie es auch gewesen sein
+mag, Heinrich, das was zwischen uns beiden ist, ist Nebensache. Mein
+Entschluß ist: ich bleibe ... Ich kann nicht anders ... Und dabei bleibe
+ich auch: die Todesstrafe anzuwenden innerlich berechtigt ist man meiner
+Meinung nach nur solchen gegenüber, die ein System, dem dieses Greuel
+zugehört, mit Gewalt aufrecht erhalten wollen ...“
+
+ * * * * *
+
+Seit jener Nacht aber war die Mutter eine andere geworden.
+
+Etwas seltsam, absonderlich, sagten die Leute, es muß ihr etwas auf die
+Nerven gegangen sein ... Vielleicht auch eine Gemütskrankheit ... Sie
+achtete nicht mehr auf die Kleidung, tagelang aß und trank sie nichts,
+sie entließ das Mädchen, machte jede Arbeit selbst.
+
+Als der Vater ihr einmal darüber Vorhaltungen machte, das entspreche
+doch ihrem Stand nicht, bekam sie einen Anfall. Die Befürchtung
+entstand, sie werde über kurz oder lang irrsinnig.
+
+Sie gönnte sich keine Freude mehr. Das dritte Wort hieß: sparen.
+
+Stundenlang saß sie auf dem Balkon, ihre Lippen bewegten sich, sie
+nickte mit dem Kopfe, seufzte ...
+
+Vater und Mutter: jeder von beiden ging von da ab seinen Weg allein.
+
+Nur wenn die Sprache auf Peter kam, auf Peters Begabung, Beruf, Zukunft,
+dann kreuzten sich für einen Augenblick die beiden Wege, um sich gleich
+darauf wieder in entgegengesetzter Richtung zu entfernen. –
+
+
+ V
+
+Und wieder überzog Peter die Erinnerung an den Krieg wie ein dumpfes,
+dunstig-tropisches Gewitter:
+
+Da stand der Mensch inmitten platzender Brisanzgeschosse, von
+Giftgasnebeln eingeschwadet, unter einem Phosphorfeuerregen, wie unter
+einer kreidig-weißen Branddusche. In einer der Taucherkleidung ähnlichen
+Uniform gekleidet, die alle seine Bewegung schwerfällig und ungelenk
+machte, einen Gasmaskenhelm aufgestülpt, der oben eine oval abgeflachte
+Stahlkuppel bildete, der Filteransatz in der Mundgegend: ein kurzer
+dicker Rüssel. Schrauben, Griffe, Hebel, Manometer rings an den Hüften;
+ein Schläuche-Durcheinander und Drahtgeflechte umspannten den Leib ...
+Und nun, wie ein dem ganzen Körper dicht aufgelegtes Pflaster umschloß
+ihn diese Uniform, sog, mit dem Giftgas durchtränkt, juckende Blasen auf
+der Haut; schon beginnen jauchige gangränartige Wucherungen in Luftröhre
+und Kehlkopf; blutiges Erbrechen; es ist ein langwieriges Ertrinken
+unter Todesangstschweiß austreibenden Erstickungsanfällen in der eigenen
+Körperflüssigkeit; die Lunge schwemmt sich auf, wie ein mit Wasser
+vollgesogener Schwamm, um das vielfache ihres ursprünglichen Volumens;
+Haut und Uniform werden dabei eins, eine gallertartige nässende, mit
+Geschwüren durchklebte Masse, und die Uniform-Haut, die Haut-Uniform
+schält sich ab ... und da stand nackt und bloß der Mensch, ein
+unförmiges Stück rohen blutigen Fleisches, ausgenommen wie ein
+geschlachtetes Vieh bei lebendigem Leib, geschunden nach allen Regeln
+der modernen Wissenschaft und Kriegskunst. Die Sonne drückt nieder vom
+Himmel als ein glühender Stempel: der ganze Leib wird wie mit flüssigem
+Feuer eingebrannt. Und nun quellen ihm noch die geronnenen Augen aus den
+schon kohlig vermorschten Stirnhöhlen, zwei weißliche Kugeln, wie bei
+einem Fisch, den man siedet ...
+
+Und dieses Stück rohen blutigen Fleisches, das sich Mensch nennt, bewegt
+sich, lebt: es ist ein Mensch, es sind ihrer viele, es ist ein ganzes
+Menschenvolk, ein ganzes Volk roher blutiger Fleischstücke, mit und ohne
+Arm, mit und ohne Bein, kopflos und welche mit bläulich gedunsenen
+Köpfen: sind es schon oder sind dazu bestimmt, es in Bälde zu werden;
+und die so einem entsetzlichen Schicksal Ausgelieferten beginnen zu
+leben, lebendig zu werden, gewinnen das Bewußtsein über sich selbst,
+schließen sich zusammen, Blutendes an Blutendes, und marschieren eines
+Tages aus Mietskasernen, Fabriken, Massengräbern hervor, hinauf auf die
+breite Straße, wo die große, schöne, die heitere, die weite, die
+sorglose, die glückliche Welt blüht, wo es thront und promeniert: ein
+Trompetenstoß: Achtung, ihr feinen Damen und Herren: stinkendes, rohes,
+blutiges Menschenfleisch kommt; ja es kommt, wälzt sich daher wie ein
+fauliger Strom, brüllt vor Schmerz, flucht im Chor und knurrt ... Die
+Damen raffen ihre Röcke hoch: Vorsicht, daß wir nicht schmutzig werden;
+die Herren blicken betrübt auf ihre blutbesudelten Lackspitzen und
+Gamaschen ... Nein, die hitzigste Sonne brennt so heiß nicht wie diese
+Wundenflecken, so rot wie diese Wundenfarbe ist nie eine Sonne ... und
+aus den von Kolbenschlägen zerschmetterten Gebissen, an denen noch wie
+an einem Faden an einem Sehnenstrang halbe, dreiviertel Unterkiefer
+herumhängen, pfeift, trillert und zirpt ein Gesang: „In der Heimat da
+gibts ein Wiedersehen ...“
+
+„Bitte zurücktreten!“ schnauzt der Offizier das blutende Stück
+Menschenfleisch an, als es den Absperrungskordon durchbrechen will, der
+um den großen Platz, auf dem soeben die Heldengedenkfeier stattfindet,
+gezogen ist.
+
+„Ich hatt einen Kameraden!“ spielte eben die Militärkapelle.
+
+Blutige Fackeln leuchten.
+
+„Ich bin der unbekannte tote Soldat!“ Spricht das blutende Stück
+Menschenfleisch! „Ich wünsche das Wort zu diesem Thema. Auch ich habe
+einiges dazu zu sagen. Ich möchte sprechen.“
+
+„Treten Sie bitte nicht näher ...“ „So eine Gemütsroheit! So eine
+Taktlosigkeit!“ zetern schon einige Kleinbürgerseelen drauf los und
+ballen wutentbrannt die Fäuste. „Was fällt Ihnen denn eigentlich ein!
+Schämen Sie sich denn gar nicht!? In so einem Aufzug, und dazu noch am
+hellichten Tag! Splitternackt! ... Sie erregen öffentliches Aergernis!
+Das ist ja ein Skandal sondergleichen! Unsere Ruhe wollen wir haben!
+Leichenpack! Das ist einfach schofel ...“ „Zurück! Sonst muß ich von
+meiner Waffe Gebrauch machen. Ich habe strengste Instruktionen,
+rücksichtslos vorzugehen ... Verhalten Sie sich ruhig und stören Sie den
+Ernst und die Weihe der Feier nicht! Der Herr Generalfeldmarschall
+spricht ...“
+
+„Wer ...!?“
+
+„Bitte sehr, ein letztes Mal, oder ich schieße. Sie haben hier nichts zu
+suchen ...“
+
+Aber schon flitzen die Gummiknüppel, die Bajonette stellen sich
+wagrecht, die berittene Hundertschaft zur besonderen Verwendung
+galoppiert heran, ein Panzerwagen knattert ...
+
+„Sie haben, scheint’s, an einem Tod nicht genug ... Gebt Euch endlich
+zufrieden ... Hinunter ins Massengrab oder hinauf wieder ans Kreuz mit
+Euch! Als aufbauende Glieder der Volksgemeinschaft kommt Ihr, so wie Ihr
+seid, heute nicht mehr in Betracht ...“
+
+In diesem Augenblick stößt ein anderer Zug gegen die Polizeikette, eine
+rote Fahne an der Spitze, kräftig tönt der Gesang:
+
+ „Einst kommt der Tag, da wir uns rächen,
+ Dann werden wir die Richter sein ...“
+
+„Das sind die Sachverwalter, die wirklichen Wahrer unseres ungeheueren
+kostbaren Schmerzensguts ...“ sprechen die zusammengehauenen blutenden
+Fleischstücke ... „in deren Hände hat die Zukunft die Vergangenheit als
+Erbmasse gelegt. Darin ist auch unser Schicksal mit inbegriffen.“ –
+
+ * * * * *
+
+Mit einem Ruck fuhr Peter aus dem Traum auf, schrie „Jonny“ und beinahe
+in greifbarer Nähe stand vor ihm jener arme Teufel vom amerikanischen
+Gasregiment, den er bei einem Sturmangriff auf einen der gefährlichsten
+feindlichen Minenstollen zum Gefangenen gemacht hatte.
+
+Jonny hatte weder um Pardon gefleht, noch hatte er sich zur Wehr
+gesetzt. Mit einem unglaublich traurigen Ausdruck in den Augen sah er
+den Deutschen an und drückte ihm einfach herzlich die Hand, als der die
+bereit gehaltene Handgranate nicht abzog.
+
+Jonny war der einzige Sohn eines kleinen amerikanischen Farmers,
+arbeitete bei Kriegsbeginn in einer Seifenfabrik und war dann zum
+Gasregiment eingezogen und gleich darauf nach Edgewood, dem großen
+amerikanischen Kriegsarsenal abkommandiert worden.
+
+Drei Monate lag er in Edgewood, dann kam er an die Front.
+
+Auf dem Rücktransport verständigte sich Peter durch einen Dolmetsch mit
+ihm und erfuhr, wie dort an lebenden Menschen die Gasschutzmasken und
+die bei einer Gaserkrankung anzuwendenden Gegengifte ausprobiert werden.
+Zuerst das Tierexperiment, dann der Mensch ...
+
+„Das ist ja Vivisektion!“ entfuhr es Peter und der Amerikaner nickte.
+
+Auch hatte jeder Soldat eine sogenannte zweite eiserne Ration bei sich,
+ein Mittel, das im Fall einer Gasvergiftung bei bestimmten Symptomen
+gebraucht werden sollte. Dieses Mittel war ein sofort tödlich wirkendes
+Gift, das dem über alle Maßen schrecklichen Gastod zuvorkam. Auch
+bestand die Absicht, im Fall der Verwendung des Giftgases von Flugzeugen
+herab dieses Mittel an die Zivilbevölkerung aller bedrohten Städte
+verteilen zu lassen ...
+
+„Ihr an eurem Frontabschnitt scheint ja im Mond zu leben“, bemerkte der
+Dolmetsch, als er sah, wie sich Peter darüber wunderte. „Ist bei uns
+genau so ... Keine Neuigkeit. Gegen das Giftgas ist bisher auf der
+Menschenerde leider noch kein Kraut gewachsen. Da mühen sich selbst die
+größten Autoritäten vergebens. Schutz gegen Gas läßt sich nur durch
+Maßnahmen schaffen, die praktisch undurchführbar sind ... Wie viele von
+uns verunglückten täglich beim Ausprobieren der Gasschutzmaske im
+Gasraum! Aber auch das minderwertigste Zeug wird von den Fabriken
+geliefert. Das Schlechteste auf diesem Gebiet ist eben gerade noch für
+das Frontschwein gut genug. Der nackte und bloße Mensch ist das
+billigste Material. Das ganze „Drum und Dran“ verteuert zu sehr die
+Sache. Aber der Spaß muß sich rentieren ... Und nicht genug damit: ist
+einer einmal gaserkrankt, dann beginnt im Lazarett das Herumdoktern.
+Doch Schwamm darüber ... Wer es nicht miterlebt hat, glaubt es ja doch
+nicht ...“
+
+ * * * * *
+
+Die Unterhaltung zwischen dem Deutschen und dem Amerikaner aber sollte
+nicht lange andauern, ein dicker, untersetzter, schwammbackiger
+Feldwebelleutnant kam dazwischen, und kaum, daß er des Amerikaners
+ansichtig geworden war, holte er seine Repetierpistole hervor, fuchtelte
+ein paarmal wild damit in der Luft herum und knallte Jonny mit den
+Worten: „So ein Luder!“ nieder ...
+
+„Du Vieh!“ schrie damals Peter auf und löste die Handgranate von der
+Koppel.
+
+Herbeistürzende Kameraden machten dem Zwischenfall, der ohne weitere
+Folgen für die Beteiligten blieb, rasch ein Ende ...
+
+Eine Woche darauf wurde Peter, durch einen Bajonettstich in den
+Oberschenkel verwundet, ins Lazarett abtransportiert.
+
+
+ VI
+
+Dieses Kriegslazarett war eine ausgesprochene Morphium- und Kokainhölle.
+
+Nicht nur der Chefarzt spritzte und schnupfte, sämtliche Assistenzärzte
+und das ganze Pflegepersonal waren verseucht.
+
+Dazu lag das Lazarett ständig in stärkstem Feuerbereich, kaum eine Woche
+verging, daß nicht ein schwerer Brocken auf eine der Baracken
+herunterhagelte und unter dem wahnwitzigen Geheul aller Kranken
+krepierte.
+
+In der Zeit, als Peter dort lag – es waren insgesamt drei Monate – kamen
+noch täglich nervenzerrüttende Fliegerüberfälle hinzu.
+
+ * * * * *
+
+Das Lazarett hieß im Soldatenmund „Giftschaukel“ und war hauptsächlich
+mit Gaskranken belegt.
+
+Daneben bestand noch eine eigene Irrenabteilung, doch unterschieden sich
+die Kranken nicht wesentlich von einander.
+
+Hier lagen vor allem die Paralytiker, die Silbenschmierer und die
+Silbenstotterer. Bei all diesen hatte erst die Erschütterung ihres
+Nervensystems durch den Krieg den paralytischen Anfall ausgelöst.
+Remissionen kamen auf Grund der Ungunst der Verhältnisse und der sehr
+mäßigen Behandlung nur selten vor. Wie ein Katarakt galoppierten sie dem
+Grabe zu. –
+
+Aber Kokain wurde nicht nur geschnupft, es wurde bei denen, die sich
+daran gewöhnt hatten, auch in ungeheuren Quanten verspritzt.
+
+Zuerst behandelte man die Gaserkrankten mit Salben und Sauerstoff, dann,
+wenn, was wenig häufig genug vorkam, die akute Gefahr vorüber war, griff
+der Unglückliche zum Morphium, später zum Kokain. Offene nekrotisierende
+und bis tief auf die Knochen sich einfressende Wunden hatte bei den
+meisten das blasenziehende Agens, d. h. das chemische Kampfmittel
+zurückgelassen, mit Verbänden und Schmierkuren war nur wenig dagegen
+auszurichten. Der Zustand der Lunge war mehr als trostlos, überhaupt
+hatte das Gas bei den meisten tiefgreifende Veränderungen des Blutbildes
+hervorgebracht. Die weißen Blutkörperchen nahmen rapid ab, kernhaltige
+Blutkörperchen treten auf, die roten Blutkörperchen ändern ihre Form,
+nehmen Stechapfelform an und gehen massenhaft zugrunde. Umfangreiche
+Pigmentierungen der Haut erscheinen, die durch den freiwerdenden
+Blutfarbstoff ein gelb- und graubräunliches bis broncefarbenes Aussehen
+erhalten. Auch Eisenablagerungen in verschiedenen Organen, namentlich in
+Leber und Milz wurden beobachtet.
+
+Und zu alledem blieb einem Entlassenen noch die angenehme Hoffnung auf
+einen sogenannten „Spättod“, der oft genug überraschenderweise erst nach
+Jahren eintrat ...
+
+Der Saal, in dem Peter lag, war der „septische“, der Saal, in dem die
+„Eiterigen“ untergebracht waren, vor allem die Lungenemphyseme.
+
+Vierzehn Mann kauerten in halb aufrechter Stellung in den Feldbetten,
+mit dicken Papierverbänden um den Leib, einen Gummidrain zwischen den
+geöffneten Rippen, durch den der jauchige Eiter aus der entzündeten
+Lunge herauseiterte. Das Fieberthermometer kreiste beständig im Saal,
+die Temperaturen der einzelnen waren das Hauptgesprächsthema.
+Ununterbrochen wurde gegen den beizenden Fäulnisgestank „Tannenduft“
+gestäubt und die Aerzte kamen nur mit der Zigarre im Munde.
+
+Jeder war mißtrauisch, hinterhältig gegen den andern, belauerte
+eifersüchtig jeden Temperaturunterschied, eine ungeheuere Schadenfreude
+entstand, wenn bei einem das Thermometer wieder einmal um einige Grad
+höherschnellte. Ein jeder rettungslos seiner eigenen Fieberkurve
+versklavt: nach ihr schwang der Weltrhythmus. Ja, es kamen auch einige
+Prügeleien bei der Essenverteilung vor: die, die sich benachteiligt
+glaubten, stürzten sich mit ihren Krückstöcken aus dem Bett, schlugen
+auf die ihrer Meinung nach von der Schwester mehr Begünstigten ein, bis
+einem der Verband sich auflöste und der jauchige Eiter sich dick auf dem
+Fußboden herumschmierte ... War wieder einer „an der Reihe“, wurde er
+auf den Gang hinausgefahren, nicht ohne daß ihm einige höhnisch „Gute
+Besserung!“ nachriefen ...
+
+Dann die Folterqualen des Dekubitus! Nach kurzer Zeit hatten sich
+beinahe alle aufgelegen, hauptsächlich am Steißbein, wo sich trotz
+sorgfältiger und häufiger Waschungen mit Spiritus, trotz Salben und
+Puders bald faustgroße Löcher bildeten; den Aermsten wurde dann ein
+Luft- oder Wasserkissen untergeschoben, aber die Wundlöcher eiterten,
+der Kranke faulte jetzt nicht nur von innen und oben, sondern auch von
+unten an. Dem also Gefolterten war es, als ob er an den mit dem
+Dekubitus behafteten Stellen bei lebendigem Leib auf einer glühenden
+Eisenplatte briete.
+
+Dazu tat noch ein übriges die Wirkung der verschiedensten Narkotika.
+
+Es war unmöglich, ohne diese bei den Erstickungsanfällen und
+Schmerzkrämpfen auszukommen.
+
+Beim ersten Gebrauch: eine übermütige, durch nichts begründete
+Heiterkeit, die Patienten plapperten unermüdlich Tag und Nacht
+Sinnvolles und völlig Sinnloses wirr durcheinander, Pläne wurden
+geschmiedet, das Modell eines gegen jede Gasart undurchdringlichen
+Asbestanzuges mit viel Liebe und Hingabe entworfen, Ideen, phantastische
+Vorstellungen jagten und hetzten sich, ein jeder war eigentlich
+plötzlich mit seinem Zustande ganz zufrieden, nur, wenn die Schwester
+einmal länger als gewöhnlich mit der Spritze ausblieb, dann gab es
+förmlich eine Revolte, man heulte und läutete: der ganze Saal krampfte
+sich zusammen wie unter einem Tobsuchtsanfall ...
+
+Diesem Uebel wurde bald abgeholfen dadurch, daß man jedem eine
+ausreichend große Giftportion zuwies und er sich die Spritzen selbst
+machte.
+
+Nun gab es jeden Tag einen neuen Abszeß, es wurde geschnitten, man saß
+halbe Tage lang im Warmbad, bis sich der eine oder der andere zuerst
+eine weit ausgedehnte Furunkulose, dann eine Phlegmone holte, die sich
+über den ganzen Körper ausbreitete, so, daß wo man auch mit der
+Injektionsnadel einstach, eitrig-wässerige Flüssigkeit einem
+entgegenspritzte.
+
+Einige gingen dabei an Thrombosen zugrunde.
+
+Dann kam zur Abwechslung Kokain in Mode.
+
+Die Kranken hatten das Mittel schon mehrere Wochen gebraucht, als sie
+plötzlich Stimmen zu hören vorgaben, Gestalten sahen, die sie bei ihrem
+Namen nannten und sie bedrohten, zu wüsten sexuellen Ausschweifungen zu
+verleiten suchten, elektrische Nadeln durch die Wände hindurch mitten
+auf ihren Körper hin zuspitzten und wiederum Stimmen, oben und unten und
+nebenan, die entsetzlich fluchten, Zoten rissen ... und plötzlich in den
+Vorstellungen der Kokainverseuchten der ganze Saal sich in einen
+Granattrichter verwandelte, Trommelfeuer rauschte und einer sein Bett in
+Brand steckte, was zwar von den Wärtern noch rechtzeitig bemerkt wurde
+... Dazwischen sang einer immer monoton vor sich hin: „Oh herrliche
+Phosgen-Luft! Du bist mein Augenstern ...“ Man bewarf ihn, als er nicht
+aufhören wollte, einfach mit den nächstbesten Gegenständen.
+
+Bald darauf wurde allerdings, besonders da auch eine Inspektion
+angekündigt war, mit der Dosierung der narkotischen Mittel gebremst.
+
+Die einen ätherisierten zum Ersatz, chloroformierten, fraßen Veronal
+röhrchenweise, andere versuchten eine Entwöhnungskur mit Alkohol und
+Pantopon, wieder andere dösten in schweren Schlafmitteln tagelang dahin,
+vollkommen von einem undurchdringlichen Paraldehyddunst eingedeckt, und
+wieder anderen, die nicht zu toben aufhören wollten, wurde vom Arzt
+Skopolamin verordnet, ein stark lähmendes Mittel, das jede
+Orientierungsfähigkeit ausschaltet, Gesichtsfeldverengungen zur Folge
+hat, die Sprache des Patienten wurde tief und sandig-rauh ... und er lag
+weich gebettet auf seinem harten Feldbett wie in einem unermeßbar
+abgründigen Abgrund ...
+
+Die Zwangsjacke wurde nicht mehr angewendet. –
+
+ * * * * *
+
+Auch Peter hatte man die Mittel gleich nach seiner Einlieferung
+aufgedrängt.
+
+„Herrlich! Sie dürfen sich die Sensation nicht entgehen lassen. Einfach:
+Nirwana ...“
+
+So hatte ihm die Krankenschwester, süßlich lächelnd, die Drogen
+angepriesen.
+
+„Eine unheilbare Krankheit ist der ganze Mensch, eine Seuche, die mit
+Stumpf und Stiel ausgerottet werden muß,“ dachte damals Peter zuerst.
+Weiter dachte er noch nicht ...
+
+Er schlug die Mittel nicht aus: eine lange, angenehm lau-warme
+Flüssigkeit war es, die sich durch seinen Körper erstreckte, alle
+Blutbahnen hindurch sich verrieselnd und verzweigend ...
+
+Und eines Tages bemerkte er: er konnte das Mittel nicht mehr lassen.
+
+Ließ er nur eine Spritze aus: sofort fiel er schlapp in sich zusammen
+wie ein leerer Sack, ganz ausgelaugt und geleert war er, zitterig, bis
+in die feinsten Nervenspitzen flimmernd, und nur immer mit dem einen
+Gedanken, der zur Zwangsvorstellung wurde: „Die Spritze ...“
+
+Die Schwester kam wieder:
+
+„Na, ich hab’ es Ihnen doch gleich gesagt. Machen Sie sich kein
+Gewissen. Ist ja gar nicht so schlimm ...“
+
+Da half ihm gar mächtig die Erinnerung an Tage seiner Kindheit, die sich
+ihm plötzlich als die festeste Ankerkette seines Lebens erwies.
+
+Dort gab es Berge und Märsche durch Gebirgstäler, Wiesenflächen, flaumig
+und flockig; Wälder am Horizont, wie zu fleischigem Oelgrün geronnene
+Wellen; enzianübersäte, mit Zwergholz bewachsene Alpwiesen; Wildbäche,
+die so munter die Schluchten herabstolperten; auch ein uralter
+Bergführer, ein origineller Kauz, war da, ein ganzes Bündel von
+Hirschzähnen und Silbertalern an seiner Riesenuhrkette; Sonnenaufgang
+war: Gletscherebenen und Gipfelzacken: flüssig feueriges Eis; dann unten
+wieder im Tal die Volkstänze und derben Volksbelustigungen, ja das war
+noch von einem gesunden Menschenschlag, die sträubten sich mit Händen
+und Füßen gegen die monokel-, lorgnettglotzenden Fremden ... Und
+Gewitter zogen auf und platzten mitten am Himmel auseinander über dem
+Bergdorf: alle Kapellen des Tals wimmerten Wetterläuten und die
+Flammenwolke trieb den Berghang entlang, Blitz auf Blitz, Donnerschlag
+auf Donnerschlag: jeden Augenblick flammte vom Blitz entzündet eine
+andere Tanne auf, und das vielfache Echo der Donnerschläge prallte und
+knallte von den Felswänden. Nun knatterte der Regen, der Sturm surrte:
+da reckte sich der Mensch auf, die Muskeln strafften sich: ja das
+Ereignis solch eines elementaren Gewittersturzes hatte noch etwas von
+der Sprache des Welten-Anfangs, der Vorzeit ... Auch im Vorfrühling war
+Peter einmal im Gebirg: da aber donnerten die Lawinen, überall lag noch
+Schnee und der Schnee begann zu fließen ... Da stellte sich Peter
+breitbeinig gegen den Wind, wie ein Torwächter gegen den Ball beim
+Fußballspiel: und der Sturm drückte ihn mit einem heftigen Faustschlag
+von der Stelle, so gewaltig, herrlich, übermenschlich war der Sturm ...
+
+An die Erinnerung an diese Landschaft klammerte sich Peter in seiner
+tiefsten Not in Gedanken an, eine kristallharte eisklare Kraft sog er
+aus ihr und er lachte eines Tages überlegen:
+
+„Was, ich soll mit diesem Dreck da nicht fertig werden ...“
+
+Und er wurde eines Tages fertig damit, ein marternder Heißhunger
+überfiel ihn, er stahl den Sterbenden das Essen, trotzdem es schon mit
+Speichel versabbert war, aus den Näpfen weg, es war zwar ein
+entsetzlicher Fraß, aber er wurde gerade doch noch kräftig und gesund
+damit. –
+
+ * * * * *
+
+Die Operationswagen rollten in den Gängen, eine Rippenresektion folgte
+wieder auf die andere, draußen stand Sanitätsautomobil an
+Sanitätsautomobil: die ersten Blutzeugen der soeben begonnenen
+Riesenmassenschlacht.
+
+„Meine Kindheit hat mich diesmal gerettet, ein Erbgut, an dem die Kinder
+gut gestellter Leute unendlich lang zu zehren haben ... Und die
+anderen?! ... Was der Mensch in solchen vier Jahren durchmachen muß, das
+geht schon auf keine Kuhhaut ... Und was der Mensch aushalten kann ...
+Und wofür und warum dies alles?!“
+
+Peters Antwort war:
+
+„Deutschland.“
+
+ * * * * *
+
+Bereits drei Tage nach seiner Entlassung wurde Peter mit seiner
+Kompagnie zu einem Sturmangriff eingesetzt. –
+
+
+ VII
+
+Peter hielt es zu Hause nicht mehr länger aus.
+
+Das Gehalt seines Vaters reichte gerade, ihn auswärts studieren zu
+lassen. Er suchte sich Berlin aus. Auch einige Kameraden waren dort, für
+die erste Zeit war es gut, nicht ganz allein zu sein. –
+
+ * * * * *
+
+Einige Tage vor seiner Abreise besuchte er den Abiturientenstammtisch.
+Alle Monate einmal fanden sich immer noch einige frühere Schulkameraden
+in einer Bräustube zusammen. Diesmal waren fünf da. Dreiviertel der
+Klasse war gefallen.
+
+Rainer Feck, ein dummdreister und oberflächlicher Bursche, der
+prinzipiell nur die modernsten Schlipse trug, erzählte Kriegserlebnisse,
+schnitt ungeheuer dabei auf und schwelgte voll Entzücken, daß ihm der
+Mund troff, in der Schilderung, wie er eines Nachts ganz allein von der
+Flanke aus einen feindlichen Graben aufgerollt habe.
+
+„Stücker fünfzig haben daran glauben müssen.“
+
+Aber auch Fritz Kunz, der frühere Primus, ein schmächtiges Kerlchen mit
+einem großen Kneifer auf der kleinen käsig glänzenden Stupsnase, riß
+Witze und Zoten, mitten daraus hervor wurde angestoßen, ein
+vaterländisches Lied gesummt und mit betrunkenen heiseren Stimmen
+gegröhlt:
+
+„Deutschland über alles!“
+
+„Peter! Los! Gib Dein deutsches Ehrenwort, verpfände uns deine
+Männerehre, daß Du, wenn Du nach Berlin kommst es den Sausozialisten
+ordentlich einbrocken wirst ... Hast Du gehört von der widerlichen Hure,
+der Rosa Luxemburg ... Feste druff, allemal, sage ich ... Hoch! Laßt uns
+gleich im Voraus die kommenden Heldentaten des großen Sozialistentöters
+Peter Friedjung begießen! Heil! Prost!“
+
+„Bravo, Peter!“ so ist’s recht, schnarrte Kunz, als Feck die Hand Peters
+packte und sie kräftig schüttelte.
+
+„Noch können wir uns nicht rühren! Aber der Tag kommt! Blutige Rache!
+... Der scheißige Volksstaat Bayern! Na wartet nur ... Ruhe im Puff,
+wenn Ebert ...“
+
+„Bravo! Dufte Nummer! Viechs-Kerl!“ applaudierte Kunz wieder ...
+
+Augenblicklich war Stille, als eine Patrouille dreier roter Matrosen ins
+Lokal trat.
+
+Alle hatten angstgeschwollene Köpfe.
+
+Auch Peter, der sich von ganzem Herzen seiner Kumpane schämte.
+
+Haßerfüllte Blicke von allen Tischen geisterten an den drei Matrosen
+empor, die ruhig und sachlich die Ausweise der Anwesenden
+kontrollierten, ironisch lächelten, als ein dicker Spießer vor Angst
+zusammenzuckte.
+
+Zwei waren schon hinausgegangen, der dritte stopfte sich noch eine
+Pfeife, dann ging auch er, höflich und gemütlich „Guten Abend“
+wünschend.
+
+Das ganze Lokal brodelte auf.
+
+„So ein Saupack! So eine Gemeinheit! Was nicht die sich alles
+herausnehmen. Polizeibefugnisse, Strafvollzug. Die ganze Welt ist ja auf
+den Kopf gestellt! Bevor die nicht an der Laterne ...“
+
+„Ja, wißt ihr was,“ kreischte Feck, „Agenten müßte man denen auf den
+Hals schicken, Aufstände inszenieren lassen, die Massen, wenn sie
+hungern, zu Plünderungen provozieren, Bomben und Waffen in
+Versammlungslokale einschmuggeln, einen Führer, wenn er sich allzu
+aufsässig erweist, unauffällig um die Ecke bringen ... kurzum die Leute
+aus ihrer Passivität heraus vor die Gewehre locken ... Viele von uns
+haben jetzt solche Stellungen. Das ist auch eine Wissenschaft, eine
+Kunst, das will gelernt sein. Das erfordert täglich Uebung,
+Geistesgegenwart, einen ganzen Mann, so jemand darf keine Gefahr kennen.
+So einer bekommt bestimmte Aufträge. Führt sie aus. Steht selbst unter
+Kontrolle ... Spitzel, auf Horchposten Tag und Nacht, Gift einspritzen
+und immer wieder Gift einspritzen, das macht sich bezahlt. Seine Wohnung
+hat man, sein Essen hat man, auch Weiber in Hülle und Fülle: und da
+fällt auch hie und da so was wie ein Anzug ab, Kopfprämien,
+Extraprovisionen in erregteren Zeiten, und daß die nie ausgehen, dafür
+sorgt man schon: damit läßt sich also schon trefflich auskommen ... Was
+meint ihr zu meinem Vorschlag! Wollen wir nicht gescheiter statt
+irgendein windiges Kolleg dieses Fach belegen!?“
+
+„Selbstverständlich“, meinte Kunz, „eine ehrliche Kugel ist für dieses
+Gesindel zu gut ... Ja, einem solchen Kanaillenpack gegenüber kann man
+schon frei seine bestialischen Instinkte schießen lassen. Der Zweck
+heiligt die Mittel.“
+
+„Na, Peter!?“
+
+„Ihr entschuldigt schon, aber ich versteh’ Euch einfach nicht mehr. Ich
+kenn diese Sprache nicht ...“
+
+Alle lachten.
+
+„Lange Leitung ... oder ein wenig plemplem im Felde geworden, nanu, Du
+Affenschwanz! Hämorrhoiden im Hirn?! ...“
+
+Man brach auf.
+
+„Und jetzt feste druff! Jetzt gehen wir noch ins Puff ... Müssen doch
+Peters Wiederkehr feiern ...!?“
+
+An einer Straßenecke drückte sich Peter wortlos davon ...
+
+„Fotzendreck und Hurenschleim!“ johlte ihm Feck nach. –
+
+ * * * * *
+
+Und Peters Gott zertrümmerte.
+
+Wie ein tausendjähriger Eichstamm, von der Axt der Holzknechte gefällt,
+im Waldgrund niederrauscht, so lag, durch Ereignisse und Erlebnisse
+zerspalten, eines Tages im Zeitabgrund „Stamm“ und „Wipfel“ Gott da, der
+Wipfel, der hoch im Aether wie ein Baldachin die Erde überschattete, der
+Stamm, der in der Sehnsucht des Menschenherzens Wurzel schlug und
+erschütternd inbrünstige Gebete wie Säfte aufwärtsleitete ... Welk waren
+die goldenen Blätter geworden, ein Geruch von Morast und Fäulnis schlug
+Peter aus dem gefallenen Wipfelwerk entgegen, er staunte noch und
+wunderte sich: „das war doch Gott ...“ Und zu gleicher Zeit drang, von
+einem Haufen wesenloser Schemen gesungen, das Lied „Deutschland über
+alles“ zu ihm, die Gesichter der Singenden verzerrten sich zu
+blutrünstigen Grimassen, es war wie ein feister laut gröhlender
+Grabgesang, vollkommen gedankenlos von denen, die ihn sangen,
+hergeleiert, und immer kräftiger dagegen tönte aus den Schluchten und
+Dickicht-Labyrinthen einer kommenden Zeit herauf, begleitet von dem
+sausenden Takt der Maschinenhämmer und der mit elektrischen Motoren und
+Turbinen betriebenen flitzenden Treibriemen:
+
+„Wacht auf ...“
+
+Peter erinnerte sich des Rückmarsches, des Rheinübergangs, des
+„Deutschlandliedes“, als die Sonne voll durch die Nebelpest durchbrach
+...
+
+„Deutschland über alles ...“
+
+„Das Deutschland, das Ihr meint, das ist das meine nicht ...“
+
+ * * * * *
+
+Zwei Männer in Arbeiterkleidung standen da unter einer Toreinfahrt und
+Peter hörte gerade noch:
+
+„Jedes deutsche Arbeiterherz wird unter der Wucht solcher Ereignisse zur
+Zündmasse ... Großes geht in der Welt vor ... Blick nur nach dem Osten
+... Revolutionsjahrzehnte ... Bis alles Alte und Faule und Morsche
+gestürzt ist ...!“
+
+ * * * * *
+
+Als Peter am andern Morgen in die weite Welt fuhr, sagte ihm der Vater
+zum Abschied:
+
+„Und nun, Peter, werde der, der du bist! Halte dich weiter rein! Nichts
+ist von Blutschande oder Rassenunreinheit an dir. Werde ein
+kerndeutscher Männercharakter! Gedenke, daß du ein Deutscher bist ...“
+
+Auf dem Nachhauseweg herrschte der Vater die Mutter an:
+
+„Aber das eine bitte ich mir aus, wenn du ihm schreibst: ich wünsche mir
+keinen zweiten Fall Reuchlin junior.“
+
+„Sei ohne Sorge“, erwiderte ihm die Mutter sanft und siegesgewiss,
+„Peter wird schon ganz allein den rechten Weg machen!“ –
+
+
+
+
+ 2. Kapitel.
+
+ Die Erde platzt!
+
+
+ Schlagwetterkatastrophe auf der Zeche
+ „Königin Luise“. – Die „Majestät des
+ Todes“. – Was tut not!? – „Lieber im
+ Feuer der Revolution verbrennen, als ...“
+
+
+ I
+
+Die Menschen waren nicht mehr in den Häusern zu halten.
+
+Es trieb sie heraus auf die Straße. Sie hetzten zunächst einzeln, ein
+jeder für sich, dann in Gruppen dahin, hunderte ballten sich an: in
+einer Masse von Tausenden schon schwemmte es die Straße hinunter.
+
+Mit eckig aus den Schultern geschleuderten Armen. Manche halbnackt, nur
+mit einem Lumpen um.
+
+Sie kletterten über Zäune. Gitter und Schranken wurden niedergetreten.
+Dazu läuteten die Glocken auf allen Türmen der Stadt.
+
+Keinen Betrunkenen sah man mehr. Keine Kneipe lärmte mehr.
+
+Maschinen stampften in den Kesselhäusern, von keiner Menschenhand mehr
+bedient, in einem unregelmäßigen Rhythmus weiter.
+
+Die Straßenbahnen hatten ihren Betrieb eingestellt.
+
+Ueberall standen auf den Gleisen wie leblose Klötze die verlassenen
+Wagen. –
+
+ * * * * *
+
+Es war gegen 5 Uhr nachmittags, als ein langgezogener Donner unter der
+Erde hinrollte. Ueber der Erde war es wie ein elektrischer Stoß, der in
+alle Winkel, auch in die kleinsten Häuserwinkel der Stadt hineinzuckte.
+Die Telephone schrillten noch einmal auf. Die Telegraphenapparate
+knatterten drauf los ... Und es warf sich von Mund zu Mund: eine
+unheimliche Erschütterung: sie sprang von Nerv zu Nerv über, jedes
+Menschenherz krampfte sich zusammen, dann stieß es wieder um so
+gewaltiger einen Strom von Blut aus. Abwechselnd färbten sich die Wangen
+der Menschen kreideweiß, schwarzrot ... Automatisch schnappten Münder
+auf und zu. Wie im Starrkrampf blieben sie weit offen ... Der Boden
+schien plötzlich unter den Füßen weggezogen. Man tappte wie im Finstern,
+trotzdem es noch hellichter Tag war. Wie in einem Hohlraum. Man tastete
+sich wie im Leeren ... Ja, wie ein riesiges unsichtbares Fragezeichen
+stand es plötzlich mitten im Raum. Das ganze Leben, das Menschendasein
+selbst war in einem Sekundenaugenblick, mit einem jähen Ruck zu einer
+Frage geworden.
+
+ * * * * *
+
+Die Läden waren im Nu geschlossen.
+
+Niemand zeigte sich an den Fenstern.
+
+In den Stadtteilen der Reichen kehrten die Autos schleunigst in die
+Garagen zurück. Auch dort, in den vornehmen Villenvierteln, war der
+Druck spürbar. Man sprach halblaut: „Was wird wohl daraus wieder
+werden?!“
+
+Die Fabriksirenen heulten.
+
+Rudel von Kindern krallten sich kreischend in die Röcke der Mütter fest,
+die, wie vom Irrsinn gehetzt, dahinfegten.
+
+Auch die Polizeimannschaften, auf Lastkraftwagen heraneilend, vermochten
+diesem Menschensturm keinen Einhalt zu tun. Dazwischen klingelten die
+Löschfahrzeuge der städtischen Feuerwehr. Sanitätskolonnen sputeten
+vorüber.
+
+Wahnwitzige schrille Schreie gellten jetzt über diese Flut fliegender
+Menschenhäupter hinweg.
+
+Da rannten auch welche querfeldein. Einige stürzten. Andere packten sie
+wieder hoch. Ohne daß sie ihre zerschlagenen Beine bewegen mußten, trug
+der über die holperigen Trottoire sich dumpf dahinwälzende Menschenstrom
+unwiderstehlich sie mit vorwärts. –
+
+ * * * * *
+
+Es war im Februar. Aber es war wie ein Frühlingstag.
+
+Durch die Rauchschicht, die in dieser Gegend ewig in der Luft lagerte,
+waren Fetzen blauen Himmels sichtbar. Die Sonne dampfte, und spärliche
+Reste schmutzigen Grases fingen an den Böschungen, die die
+Schlackenhalden dort von der Straße abgrenzten, bereits dürftig zu
+grünen an.
+
+Es roch nach Blut, Schweiß, Pulver.
+
+Es roch nach verbranntem Fleisch. –
+
+
+ II
+
+Von einem großen freien Platz aus, der mit rußerstickten verkrüppelten
+Bäumchen umpflanzt war, tönt jetzt eine gewaltige Stimme herüber:
+
+„So ist bereits festgestellt, daß riesige Kohlenstaubmengen vorhanden
+waren, die weder berieselt noch mit Gesteinsstaub unschädlich gemacht
+wurden ... Die Koksablagerung nach der Explosion ist der sicherste
+Beweis ... Auch die Ansammlung von Schlagwettern ist auf der „Königin
+Luise“ keine Seltenheit gewesen. Sehr oft haben wir vom Betriebsausschuß
+bei unseren Befahrungen Wetter festgestellt. Aber gerade darum, weil wir
+sehr oft die Verwaltung belästigten und dem Betriebsführer und Steiger
+meldeten, daß dort und dort Wetter stehn, sind wir an der Befahrung
+gehindert worden ... Ja, seit Oktober vorigen Jahres hat man uns vom
+Betriebsausschuß am ordentlichen Befahren gehindert ... Ihr alle spürt
+es ja am eigenen Leib – und an der Hand der Förderzahlen können wir es
+auch leicht nachweisen – bei uns hier herrscht das schlimmste
+Antreibersystem ... Ja so sieht in Wahrheit der Geist des
+Unternehmertums aus ... Was dem Bergmann nottut, daß der Bergarbeiter
+schließlich auch ein Mensch ist, seine Bedürfnisse, seine Sorgen, seine
+Nöte hat: das, das alles scheint man im Laufe der Zeit wieder ganz und
+gar vergessen zu haben. Wir, wir hausen hier unten in unseren Gruben wie
+in einer unterirdischen Leichenfabrik ...“
+
+Tausende von Kumpels standen dort, eng um den Redner gedrückt. Mit
+stieren Augen sogen sie sich fest im Boden ein. Tausende Fäuste waren
+wie zu einem Klumpen aus Stein geballt.
+
+Es war ein großes Schluchzen. –
+
+ * * * * *
+
+Von der Zechenverwaltung war strenge Anweisung gegeben worden, keinerlei
+Nachrichten über den Umfang des Unglücks sowie auch über die Zahl und
+die Namen der Toten den Draußenstehenden bekanntzugeben.
+
+Die Menschenmassen stauten sich vor den Zechentoren zu einer Mauer.
+
+Fest stand diese Menschenmauer. Schwankte vor. Neigte sich wieder
+elastisch vor der Polizeikette zurück.
+
+Wie Brandung und Ebbe war das.
+
+Wie Atemzüge. –
+
+
+ III
+
+Vor einer halben Stunde war im Nordostfeld der Zeche „Königin Luise“,
+Fach 7, die Schlagwetterexplosion erfolgt.
+
+Zuerst: ein Riß. Ein gewaltiger Schnitt mitten durch die Luft ... Das
+Trommelfell platzt, den Brustkasten quetscht es wie einen Schwamm aus
+... als zöge es einem die Lunge wie einen Schlauch durch den Hals herauf
+... Der Explosionsstoß: und die Bergarbeiter klatschten an die Wände.
+Mit zerbrochenen Gliedern, mit Gehirnerschütterungen, mit Schädelbrüchen
+kleben sie da, bereits unkenntlich entstellt ... Zwanzig, oft dreißig
+Meter weit fliegen sie, manche nach oben, zappelnd: schwer wie ein Sack
+fallen sie wieder nieder ... Und da rast auch schon die Explosionsflamme
+daher: verbrennt, verkohlt, stürzt sich von allen Seiten zugleich auf
+dich, reißt mit ihrem stechenden Feuer dir die Augen aus ... Die wenigen
+noch Ueberlebenden fliehen, flüchten durch brennende Gänge; wie
+Feuerschlangen winden die sich; die Angst peitscht sie, die Todesangst
+sitzt wie ein Stachelhalsband fest an der Gurgel. Auf allen Vieren
+flieht man, krabbelt, macht Schwimmbewegungen. Stürzt über sich selbst
+im Dunkeln, das ununterbrochen giftigen Kohlenstaub regnet.
+
+Gesteinhagel prasseln.
+
+Ein schlagartiger Wind schlägt.
+
+Ein eiserner Luftdruck. Ein unsichtbarer atomhafter Riesenknebel ...
+
+Wirbel. Strudel. Böen. Flammenschüsse kreuzweis. –
+
+Und in diesen Felsenkellern wirkten zudem noch die fliegenden
+Steinmassen wie Geschosse von höchster Splitterwirkung.
+
+Die Kolbengestänge der Lokomotiven und Wasserpumpen, Stahlhäute
+zerknüllte es leicht, als wären sie aus Konservenblech. Ganze Förderzüge
+schleudert es spielend vor sich hin und her. Hier wird ein frisch
+gebohrter Tunnel durch ein Bündel dort aufgestapelter Reserveschienen
+verstopft. Gebogen, geknickt; in allen Formen. Drahtgewirre hingen herum
+wie Spinnenweben ... Und einem passiert vielleicht mitten im Todeskampf
+noch der Witz: „Das ist ja beinahe akkurat so, als hätte hier der Riese,
+Herr Breitbart, gehaust ...“
+
+ * * * * *
+
+Hier war ein Ausweg ... Aber da ist der Stollen schon längst wieder
+zugemauert. Hier stehen metertiefe Tümpel. Dort prallt man mit anderen
+zusammen. Aus allen vier Richtungen nun toben sie kaminähnliche
+Steingänge hinauf, schluchtenartige Durchbrüche kollern sie sich wieder
+hinab ... Auch hier, auch hier, auch hier kein Ausweg ...
+
+Und schon zieht das Gas heran, ganz sanft, ganz unmerklich, wie der
+heilige Geist, wie auf Taubenfüßen. Schwebt heran. Schmilzt heran ...
+Ein Schluck: und alle Glieder sind behängt wie mit Blei. Ein inneres,
+unheimliches Gewicht. Sinken nach unten ...
+
+Es war ein Geräusch wie xs ... xs ... xsss ...
+
+Xs ... xss ... und immer xs ... xsss ...
+
+Hinter den Schläfenwänden trillerte es, tickte es ...
+
+Es zirpte, wisperte ...
+
+Und immer wieder das: xs ... xsss ...
+
+Gäule: ein Beinpaar gespreizt, das andere steif angezogen: unwirklich,
+wie zerschlagenes hölzernes Spielzeug. Der Bauch wie ein Ballon
+aufgetrieben ...
+
+Förderwagen, mit Kohlenschutt beladen, schieben sich polternd noch
+abschüssige Strecken hinunter, irgendwo im Dunkeln. Ein dumpfer Knall in
+der Ferne. Irgendwo stoßen sie jetzt auf.
+
+Und nichts mehr. Kein Laut.
+
+Nur immer wieder das xs ... xsss ...
+
+ * * * * *
+
+Da findet das Aufräumungskommando nach Tagen, wenn auch die letzten
+Nachschwaden verzogen sind, noch gefüllte Kaffeeflaschen, Kreidezeichen
+an den Wänden: „Um 11 Uhr nachts habe ich noch gelebt.“ „Grüßt mir schön
+die Jule.“
+
+Der Riesenventilator surrt. Das Massengrab wird ordentlich
+durchgelüftet, und nach einer Woche vielleicht tut der gespenstische
+Erdrachen sich wieder auf, bereit zu neuen Opfern. –
+
+
+ IV
+
+Dick aber kleben jetzt die Gasschwaden noch unten.
+
+Die Rettungsmannschaften kommen in den Förderkörben immer wieder betäubt
+nach oben. Eingekleidet wie Taucher. Die Gaskonzentration ist zu stark.
+Immer wieder versagen die Sauerstoffapparate.
+
+Da erspäht die vieltausendäugige lebendige Menschenmauer durch die
+Gitter des Zechentores hindurch, wie einer auf der Treppe zum
+Verwaltungsgebäude mit der Schulter zuckt, den Kopf schüttelt ...
+
+Und die lebendige Menschenmauer schreit aus vielen tausend Mündern einen
+einzigen Schrei, Namen, hunderte von Namen schreit sie, jede Frau
+schreit den Namen ihres Mannes, jeder Kumpel den Namen irgend eines
+Kameraden:
+
+„Lutz, Fritz, Adolf ... wo bist du ... habt ihr den Anton, den Karl
+gesehen ... ist der Stiebert noch unten ... August, Josef, Zarewski ...“
+
+Und die Frauen machen Bewegungen mit den Händen, als schaufelten sie;
+krümmen die Finger, als ob sie ihre Männer gewaltsam aus der Grube
+herauskratzen wollten.
+
+Die Polizeikette schwankt. Reißt mitten durch –
+
+Und die lebendige Menschenmauer stößt sich in die Gitter des Zechentores
+hinein. –
+
+ * * * * *
+
+Bälge.
+
+Hautfetzen.
+
+Von Armen und Beinen abgequetschte Rümpfe.
+
+Verkohlte Menschenköpfe, wie kugelähnliche Versteinerungen:
+
+So lag es schon, ein wirres Durcheinander, auf den Höfen herum.
+
+Die Lebenden stürzten sich mit einem schrillen Aufschrei auf diese
+Toten. Rissen, zerrten an ihnen herum. Wem gehörte dieses Haarbüschel?!
+Dieser Arm mit den Tätowierungen!? Dieser Ring mit dem Finger da!? Wer
+ist das mit dieser Narbe am Hals da?! ...
+
+Fackeln waren jetzt angebrannt.
+
+Ein Haufen von Menschen: nach allen Seiten hin wendete man der Reihe
+nach so einen Menschenbrocken.
+
+Und wie Baggermaschinen arbeiteten die Förderkörbe: neue Weinkrämpfe,
+neue Herzschmerzen, neue unermeßliche Leiden, neue unselige Gewißheiten,
+immer neue Tote, Leichenfetzen und Leichenbrocken schöpften sie aus der
+Tiefe herauf. –
+
+ * * * * *
+
+Eine Stunde später: und die Nachricht von der Grubenkatastrophe
+verbreitet sich, dreihundert Kilometer von der Unglücksstätte entfernt,
+in der Hauptstadt.
+
+„Wie kam es zur Entzündung!?“
+
+„Durch eine Lampe!? Durch einen Schuß!?“
+
+„Ist der Sicherheitssprengstoff, der verwendet wird, auch wirklich ganz
+sicher!?“
+
+„Hat der Schießmeister nicht einen Fehler begangen!? Und wie steht es
+mit der Ausbildung der Bergleute überhaupt!?“
+
+„Funktionierten die Kohlensperren?! Und wenn nicht, was ist die tiefere
+Ursache?!“
+
+„Ueber zwei bis drei Tote im Ruhrbergbau täglich, oft über 700 Verletzte
+monatlich ... Muß das so sein!?“
+
+„Nein, nein, nein ... Das verstehen Sie so nicht recht, Herr, um was es
+sich bei solchen Unglücksfällen eigentlich handelt ... Das ist
+Schicksal. Alles ist bestimmt in Gottes unerforschlichem Rat ... Wie der
+Weltkrieg ein Gericht Gottes ist, um die Uebervölkerung zu beseitigen,
+so ist ein Grubenunglück eine Vorsehung Gottes, um den Kapitalismus zu
+vernichten. Gott nimmt den Proletarierfamilien den Ernährer, damit der
+Kapitalist Frauen und Kinder unterstützen muß. Dadurch zeigt Gott den
+Kapitalisten, daß er ihnen nicht gut gesinnt ist ...“
+
+
+ V
+
+Es war gegen zwölf Uhr nachts.
+
+Die Arbeiterviertel horchten auf.
+
+Ein kurzer Ruck auch dort. Eine Sekunde lang zögerte auch dort in jeder
+Brust der Herzschlag. Bis in die Fingerspitzen hinein floß die Nachricht
+als eiskalte Blutwelle. Lähmend.
+
+Auch Max Herse sprang noch einmal aus dem Bett hoch und zog sich an, als
+der Kollege von nebenan, ein Straßenbahner, der eben vom Dienst heimkam,
+bei ihm anklopfte.
+
+„Du, Max, hast schon gehört!?“
+
+„?“
+
+„Bis jetzt über einhundertundzwanzig Tote ...“
+
+„?“
+
+„Schlagwetterexplosion. Grubenkatastrophe ... Natürlich, sicher genau
+wie bei uns bei der Straßenbahn. Ueberall fehlt’s, zu nichts ist Geld
+da, die Schachtanlagen waren sicherlich mangelhaft ... Ist doch
+heutzutag die Arbeitskraft eines Proleten billiger, als neue technische
+Anlagen kosten. Das rentiert sich ja heutzutag nicht ... Und das, das
+muß man sich merken, das sind doch noch obendrein die Herrschaften, die
+höchst ehrenwerten Herrschaften, sage ich, die Millionen, viele
+Millionen Ruhrkredite verschlungen haben. Unersättlich sind die. Der
+Krieg, die Revolution: nichts kann sie genug satt kriegen ... Wenn wir
+Proleten ihnen nicht endlich das Maul stopfen ...“
+
+Und der Straßenbahnerkollege schlug auch schon mit der Faust auf den
+Tisch.
+
+„Wann, frage ich mich, Herrgottsdonnerwetter, werden wir endlich soweit
+sein, einig, einig, einig ... Darauf, nur darauf kommt’s noch an ...
+Wir, wir, wir Proleten, verfluchte Proleten, die wir sind ...“
+
+Max Herse mußte dem zustimmen.
+
+Dann sprachen die Beiden noch lange.
+
+Woher und warum dieser Zwist in der Arbeiterschaft!? Daß die einzelnen
+Berufsverbände zu wenig, viel zu wenig zusammenarbeiten, ja oft sogar
+gegeneinander arbeiten. Daß z. B. Arbeitslose und Arbeitende schon recht
+oft hart aneinander geraten sind. Daß der eine im Produktionsapparat
+eben den, der andere den Platz einnimmt. Daher auch die verschiedenen
+Interessen, die unterschiedliche Denkart ... die Konflikte. Daß die
+meisten unter ihnen eben leider immer noch nicht weiter zu sehen
+vermögen als bis zu ihrer eigenen Nasenspitze ... Ganz dumm, ganz eng
+gedacht ist das ... Wie das ganze System rücksichtslos korrumpiert ...
+Daß sie neidisch sind, Lohndrückereien usw. ... Wegen der kleinsten
+Differenzen oft gleich übereinander herfallen, wie Kampfhähne, zum
+Gaudium der „Dritten“ ... daß sie allesamt viel zu wenig die
+Gesamtinteressen der Arbeiterschaft im Auge behalten. Daß sie endlich
+auch kampfmüde geworden sind und immer noch natürlich viel, viel zu
+wenig opferbereit ... Wie der Beruf sich auswirkt: daß einer, der acht
+Stunden und mehr noch hinter sich hat, halt eben einfach nicht mehr die
+Kraft hat, die Konzentrationsfähigkeit, nicht mehr genügend
+aufnahmefähig ist, halt ein ausgepumpter und beinahe zu nichts mehr
+brauchbarer Mensch ist ... Da, da bleibt aber auch schon gar kein
+Ueberschuß an Menschenkraft mehr, im Gegenteil, jeder Tag bringt an
+Menschenkraft ein Defizit. Man muß sich schon verteufelt ernst
+ranhalten, um sich auch nur einigermaßen wieder herzustellen ... Und daß
+das alles eben daran liegt, daß –
+
+Na, daß die Arbeiterschaft eben heute beinahe schon nichts mehr zu sagen
+hat –
+
+Daß sie alle Machtpositionen, die sie einstmals innegehabt hat, sich hat
+entwinden lassen –
+
+Daß sie wehrlos, entwaffnet, vergewaltigt ist –
+
+Führern anvertraut ist, die –
+
+Und daß man sich unbedingt wieder aufraffen muß, zusammenschließen muß,
+wieder kämpfen muß –
+
+Kämpfen um das, was nur recht und billig ist –
+
+Kämpfen um das, was jedem Menschen auf Grund der Tatsache seines
+Menschendaseins allein, auch schon von Natur wegen, zusteht –
+
+Was die „Anderen“ aber freiwillig nie und nimmer gewähren werden –
+
+Daß man also kämpfen muß – um die Macht! ...
+
+Nicht mehr so gutgläubig, vertrauensselig, verzeihend sein wie vordem.
+Sondern: unerbittlich, nüchtern, das Ziel fest im Aug. Und alle _die_
+rücksichtslos aus den Reihen des kämpfenden Proletariats stoßend, die
+durch ihre stete Geneigtheit zu Verhandlungen und Konzessionen die
+Kampfkraft, die revolutionären Energien schwächen. –
+
+ * * * * *
+
+So drückte die Katastrophe den Proleten nieder.
+
+So richtete sie ihn aber auch wieder auf.
+
+Mit furchtbaren Schlägen hämmerte sie ihm wieder Klassenbewußtsein ein,
+das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Solidarität, die Kampfverbundenheit.
+
+Die Klassenehre, die Klassenpflicht.
+
+„Daß wir Arbeiter endlich allesamt werden: _ein_ Wille, _ein_
+Herzschlag, _ein_ Blut, _ein_ Leib, _ein_ Geist ...“
+
+ * * * * *
+
+Mit einem festen Händedruck schieden die beiden Proleten voneinander.
+
+„Diese Welt muß unser sein!“ sagte der eine.
+
+Der andere:
+
+„Dann werden wir die Rächer sein ... Der endliche Sieg ist unser!“ –
+
+
+ VI
+
+Noch in derselben Nacht wurde in den Bureaus der Korrespondenzen und der
+Zeitungen die Katastrophe gründlichst bearbeitet.
+
+Und schon früh am Morgen stürzte sich die große Welt wie eine gierige
+Meute, die Blut zu schmecken bekommen wird, auf dieses neueste Ereignis.
+
+Die letzten Wochen war es schon so: abwechslungsreich in jeder Beziehung
+kann man sagen: zugleich mit dem Frühstück wurde einem im Morgenblatt
+jeden Tag ein anderer Skandal serviert.
+
+Nun, eine Grubenexplosion: das war eine delikate Abwechslung in dem öden
+Grau und allmählich langweilig werdenden Einerlei ganzer Serien von
+Skandalaffären.
+
+Man selbst fern vom Schuß ... Nur hie und da ein Kolonialkriegchen,
+nicht sonderlich aufregend ... Bolschewistengreuel ziehen zwar immer
+noch ... Auch Waffenlager, Bombenfunde, geplante Dynamitattentate,
+Tscheka-Abenteuer ... Cholerabazillen. Tagebücher berühmter
+Scharfrichter ... Doppelt so gut schmeckt einem dabei so ein Kännchen
+Mokka ...
+
+Aber auch eine Katastrophe, und ginge die Hälfte des Volkes dabei
+zugrunde, muß leicht verdaulich und schmackhaft zubereitet werden. Flink
+wirbelten herum in den Redaktionsküchen die Presseköche. Die an das
+Papiergift ziemlich gewöhnten Gehirne der Zeitungsleser vibrierten
+wieder mal heftig unter dem Nervengewitter dieser schaurigen Sensation.
+„Erinnert das nicht an Zolas „Germinal“?“ „Gewiß, Schatz, auch in der
+Literatur ist solch ein Stoff schon des öfteren und man kann sagen
+ziemlich erfolgreich behandelt worden. Ein lohnender Vorwurf, in der
+Tat. Auch Sinclairs „König Kohle“, lies mal nach, auch nicht übel ...“
+Und die bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Spannung entlud sich. Die
+Journalisten schoben Artikel um Artikel. Sentimentale und schmalzige
+Nachrufe waren sofort lieferbar in Hülle und Fülle. Theoretische
+gelehrte Abhandlungen über das „Wesen von Grubenexplosionen“ standen in
+Menge zur Verfügung. „Grubenexplosionen in alter und neuer Zeit“ mit
+Bildermaterial reichlich versehen oder „Der Kampf des Menschen mit der
+Natur“ oder „Die Rache der Elemente“. „Katastrophe im unterirdischen
+Reich der aufgespeicherten Sonnenenergien.“ Der Apparat funktionierte
+wieder mal ausgezeichnet; alles lief wie am Schnürchen. So oder so:
+Professoren, Historiker, technische Sachverständige, Dichter: sie alle
+waren eifrig dabei, unermüdlich tätig waren sie, um das von den allein
+schuldigen Industriemagnaten groß angelegte Ablenkungsmanöver
+ideologisch zu stützen. Wobei es sich erübrigt zu bemerken, daß die
+professionellen Arbeiterverräter auch in diesem Fall getreulich ihre
+Pflicht taten. Und man blieb, was in einem gewissen Moment doch recht
+zweifelhaft schien, Herr der Situation. Auch dieser Situation.
+
+Eine Wohltätigkeitsaktion wurde eingeleitet.
+
+Berühmteste Namen, Größen der Nation, stellten sich uneigennützig an die
+Spitze. –
+
+ * * * * *
+
+Der Reichstag trat zusammen.
+
+Die Abgeordneten erhoben sich zum Zeichen der Trauer von ihren Plätzen.
+
+Als die Kommunisten den Antrag stellten, aus den von diesem Unglücksfall
+betroffenen Betrieben heraus sofort eine Untersuchungskommission wählen
+zu lassen, um gründlich und wirklich wahrheitsgemäß die ganze Sachlage
+nachprüfen zu lassen, da erhob sich der Präsident.
+
+Die Regierungsvertreter tuschelten miteinander.
+
+Der Präsident rückte sich die Krawatte zurecht. Pathetisch schlüpften
+ihm die Hände bei seiner Rede aus den Rockärmeln.
+
+„Vor der Majestät des Todes mögen für heute alle Parteistreitigkeiten
+schweigen ... Burgfrieden ...!“
+
+Gegen die Stimmen der Kommunisten wurde der Antrag abgelehnt. Als
+agitatorische Nutznießer dieser Katastrophe wurden die Kommunisten
+außerdem noch gebührend gebrandmarkt.
+
+In einem schwarzen Gehrock wandelt die „Majestät des Todes“ geschäftig
+hin und her zwischen den Bankreihen der Herren Abgeordneten hindurch:
+man kondolierte, man beglückwünschte sich aber auch, bei dem gerüttelten
+Maß von Schuld, das ein jeder der hier Anwesenden für sich buchen
+konnte, so unerwarteterweise glimpflich dabei weggekommen zu sein.
+
+„Gerne geschehen ... Bitte sehr ... Meinen allerverbindlichsten Dank ...
+Und die allerbesten Empfehlungen, wenn ich bitten darf, an Ihre Frau
+Gemahlin ...“
+
+„Nichts für ungut ... Sie wissen schon, wir nehmen nichts so leicht
+krumm ... Ganz gut so, ein bißchen hie und da Opposition mimen, Herr
+Levi ... Nur im entscheidenden Augenblick zur Stange halten ... Darauf
+kommt’s an ... Und darauf, na darauf können wir uns ja wohl verlassen
+...“
+
+Und die „Majestät des Todes“ betonte nochmals nachdrücklich den Herren
+Abgeordneten gegenüber ihre stete Bereitwilligkeit zu jeder Art von
+Gegendienstleistung ... „Wir lassen Sie nicht im Stich ... Verlassen Sie
+sich darauf ...“ Die „Majestät des Todes“ versprach es außerdem noch
+jedem Einzelnen in die Hand hinein. „Ueber die Frage der Unkosten, die
+Sie eventuell dabei haben sollten, verständigen wir uns schon. Aktien
+oder direkt. Daß dabei was ganz Hübsches herausspringt, das ist ja ganz
+selbstverständlich.“
+
+Man schmunzelte schon wieder. Zwinkerte verteufelt-listig mit den
+Blau-Aeuglein nach allen Seiten, blinzelte ein Dankstoßgebet zum Himmel
+hinauf, und die „Majestät des Todes“ entfernte sich, eine dick gestopfte
+Aktentasche unter dem Arm, um bei den Gewerkschaften und anderen
+Organisationen noch rasch Almosen und Liebesgaben, nach bewährtem Muster
+von 1914 bis 1918 Anno dazumal, für die Opfer der Hinterbliebenen
+zusammenzubetteln. Die „Majestät des Todes“ ging dabei recht
+geschäftstüchtig vor, auch nahm sie es dabei nicht allzugenau. –
+
+ * * * * *
+
+An den Bahren der Ermordeten aber standen sie mit entblößten Häuptern;
+der Reichskanzler und die Abordnungen der Behörden, die Herren der
+Industrie, die Abgesandten der Großbanken. Auch die Herren Sozialisten
+standen wie immer mit ihnen. Wohlangesehene Bürger. Ein Bürgermeister.
+Noch einer. Und ein Oberbürgermeister.
+
+„Leichenschändung. Nichts weiter als Leichenschändung treiben diese da,
+wenn sie so herumstehen ... Jeder ehrliche Prolet muß das so empfinden
+...“
+
+Sonderzüge in das vom Unglück betroffene Gebiet waren auch sofort von
+der Eisenbahnverwaltung in bereitwilligster und anerkennendster Weise
+für die Herren der Regierung usw. eingelegt worden. –
+
+„Gut so, aber dachte auch mancher der Angehörigen der tödlich
+Verunglückten, gut, daß er wenigstens noch bei einem Massenunglück
+umgekommen ist ... Kommt einer als Einzelner um, so kümmert man sich um
+uns schon überhaupt nicht ... Da muß man sich eben hübsch brav mit der
+Bettelrente, die die Unfallversicherung einem gewährt, abfinden ... In
+einem Jahr sind es über 6000 solcher Unfälle, mindestens 600 davon
+tödlich ...“
+
+
+ VII
+
+Die Tränen der Hinterbliebenen versiegten allmählich.
+
+Man ging zwar noch unter der unheimlichen Last gebeugt, aber auch schon
+beobachtend und lauernd. Und schon einen Tag vor dem gemeinsamen
+Begräbnis der Opfer hatten sie sich wieder gefaßt, um einige Grade
+härter und kampfentschlossener waren die meisten unter ihnen geworden,
+und mit roten Fahnen an der Spitze durchzogen schon früh am Morgen des
+Begräbnistages Gruppen von Kumpels, Witwen und Waisen die
+rußverschlammten Straßen der Bergarbeiterstadt, und sangen die
+„Internationale“.
+
+Oh, erinnerte sich da mancher, das war schon einmal so.
+
+Drei, vier Jahre zurück vielleicht. Aber ein jeder denkt noch voll Stolz
+daran. Schade nur, daß nicht ... Aber aus unseren Fehlern muß gelernt
+werden ... Es geht eben mal schwer vorwärts, und nichts wird einem
+geschenkt, das ist nun einmal so ...
+
+ * * * * *
+
+Die Rote Armee zog damals von Stadt zu Stadt.
+
+Hals über Kopf rückte die Reichswehr ab.
+
+Das Rote Banner flog –
+
+Höhen und Täler leuchteten ...
+
+Wir marschierten durch Wälder, setzten uns auf eroberten Pontons über
+die Flüsse, Tag und Nacht, unermüdlich immer hinter dem weißen Feind her
+...
+
+Rote Soldaten stiegen aus den Gruben, warfen sich, wo noch eine Lücke
+war, in die Rote Front ...
+
+Das ganze Bergwerksrevier marschiert.
+
+Das ganze Bergwerksrevier kämpfte seinen bewaffneten Aufstand.
+
+So war es.
+
+So wird es wieder sein ...
+
+Grab an Grab, Schächte, in denen Tausende verschüttet, erstickt,
+zermalmt worden sind, Schlachtäcker des Bürgerkriegs, gedüngt mit
+proletarischem Heldenblut: das ist westfälischer Boden.
+
+Das Land ist hier wie erdiges Geschwür.
+
+Trüb schwelt heute die Flamme der Revolution.
+
+Die Bergwerke wie erloschene Krater ...
+
+Menschenfleisch, Arbeiterfleisch verfault bei lebendigem Leib in den
+Ruinen dieser modernen Katakomben.
+
+Rußt ein. Und der Menschenkadaver heizt sich zur Not noch an in den
+Schnapsschenken mit giftigem Fusel ...
+
+Aber täuscht euch nicht!
+
+Morgen, übermorgen brechen sie wieder auf: Narben, Wunden, Schmerzen
+brechen wieder auf, und Millionen Kumpels stürzen sich wieder herauf aus
+der Erdtiefe, wie lebendige Lavamassen.
+
+Die Erde platzt!
+
+Der Erdbauch platzt: und herauf aus den mit lebendigen Menschenleichen
+angefüllten Erddärmen fördert es Haufen an Haufen, wandelnde, leibhaft
+gewordene Kohlenstrunke ... Wehe: die Kohle kommt! Wehe, wenn die
+Menschenkohle über euch kommt, wenn die aus Bitternis über
+jahrhundertelang geduldig ertragenes Leid glühend gewordene
+Menschenkohle über euch kommt! ...
+
+Das wird der Auferstehungstag, der Tag der Befreiung sein ganzer
+Geschlechter lebendig Begrabener ...
+
+Glück auf! –
+
+
+ VIII
+
+Nur die Leiche des alten Bergarbeiters Hempel konnte noch nicht geborgen
+werden.
+
+Soviel wußte man: er saß halb aufrecht, wohl ein wenig in sich
+zusammengekauert, durch riesige Felstrümmer abgeriegelt, in einem
+vergasten Schachtloch. Man konnte aber nicht herankommen, so, aber auch
+so nicht, bei jedem Aufräumungsversuch lösten sich immer wieder von oben
+neue Gesteinsmassen ab. Auch stieß man in dieser Gegend immer wieder von
+neuem auf plötzlich hervorbrechende Gasquellen.
+
+So mußte man den guten Vater Hempel eben bis auf weiteres in seinem
+stillen Kämmerlein sitzen lassen.
+
+Vergebens warteten zwar oben schon seit zwei Tagen und Nächten die
+Seinen auf ihn.
+
+Warteten händeringend auf ihn bei jedem Zug aus der Tiefe. Sahen sich
+die Augen aus –
+
+Nein, der Alte kam nicht.
+
+Nicht einmal, daß er heut bei dem großen Begräbnis mit dabei war ...
+
+ * * * * *
+
+Halb aufrecht saß er da, wohl ein wenig in sich zusammengekauert, der
+Kopf tief auf die Brust heruntergeklappt, der Oberkörper war entblößt,
+schwarz bestrichen: so dick war er mit Kohlenstaub bedeckt. Das Fleisch
+schwammig, vom Gas aufgebläht. Nur wenig sah man vom Mund: die Lippen
+waren fest aufeinandergepreßt, schief, auf der einen Seite beinahe in
+einem rechten Winkel nach oben verzogen. Von leicht gekräuseltem Schaum
+überkrustet. Die Augäpfel vorgetrieben, feucht und glanzweiß. Um die
+Backenknochen herum dicke, kurze weißliche Bartstoppeln.
+
+Neben ihm Jacke, Sicherheitslampe, irgend ein Werkzeug. Ueber
+fünfunddreißig Jahre Arbeit in der Grube saßen da, Vater dreier Söhne:
+einen davon an den Krieg drangegeben, einen als „Hundejungen“ vor zwei
+Jahren im Schacht verloren, einer noch überlebend ... Da half nichts, da
+mußte auch die Mutter noch in der Fabrik an der Brikettmaschine
+mitverdienen.
+
+Nun, der Alte war schon immer ein wenig absonderlich.
+
+„Ach, tappen wir Menschen nicht eigentlich alle im Dunkeln. Ist gar
+nicht so schlimm. Hände gefaltet. Augen zu. Welt, schwarzer Traum, ade!
+...“
+
+ * * * * *
+
+Hundertundfünfzig Särge zugleich, einhundertundfünfzig Leichen von
+Bergarbeitern, in billige, roh zurechtgezimmerte Holzsärge gepackt,
+schwankten jetzt oben dahin unter den blechernen Klängen eines
+Trauermarsches durch die Frühlingsluft.
+
+Ein ungeheurer Menschenzug stampfte dahinter her.
+
+Abordnungen aller Bergarbeiter der Welt waren erschienen.
+
+Schwarze Fahnen. Rote Fahnen.
+
+... Kohle und Blut ...
+
+ * * * * *
+
+Unten in der Tiefe löste sich wieder ein Felsblock.
+
+Der Alte fiel weit hintenüber.
+
+Nun lag er ausgestreckt.
+
+Oben meinte die Mutter:
+
+„Ja, ja, ich habs gleich gesagt: diesmal macht der Vater Feiertag ...“
+
+Der Mund war ihm aufgeschlagen. Die Zunge stieg zurück bis in den Gaumen
+geklemmt. Um den Lippenrand herum, wie ein eingelegter Kranz, bräunliche
+Zahnstummeln.
+
+Der Begräbniszug war wie fernes Wasserrauschen.
+
+Und immer noch hing die unsichtbare Gaswolke fest in dem unterirdischen
+System: Korridore, Labyrinthe, Windungen: es sickerte darin, die Wände
+flüsterten, eine Quelle schlüpfte vorüber, es krachte und knarrte in dem
+Gebälk, ein Winddruck fauchte hindurch, in einem Kohlentümpel gluckste
+es ... und schwarz war es, so schwarz, als müßte man, um diese
+Finsternis zu durchdringen, Bohrmaschinen gegen sie auffahren.
+Undurchdringlich schwarz.
+
+Das war endlich Ruhe. Die Große Ruhe. –
+
+
+ IX
+
+Die Einen nahmen an diesem Begräbnistag Paradeaufstellung.
+
+Sie rüsteten sich zu einer Toten-Parade.
+
+Patriotische Ansprachen, Trauerreden wurden gehalten.
+
+Ein Filmoperateur kurbelte.
+
+Dutzendweis Leichen ließen sie an sich vorüberdefilieren. Viel
+Tröstungen und Weihrauch und Versprechungen taten not. Viel künstliche
+Tränen mußten vertropft werden. Denn das Ganze schmeckte wieder mal
+bedenklich nach Massenmord ... Mit einem breiten Trauerflor waren die
+Zylinder umflochten ...
+
+Die Regie klappte.
+
+ * * * * *
+
+Die Anderen aber nahmen Kampfaufstellung.
+
+Sie standen da, gerüstet zu einem neuen Kampf.
+
+Wie: Gewehr bei Fuß.
+
+Blutrote Wimpel. Blutrote Banner.
+
+Es war ein blutrotes Meeting.
+
+Flammende Kampfaufrufe schossen empor.
+
+Und stießen sich frei in dem Schwur:
+
+„Lieber im Feuer der Revolution verbrennen, als elend verrecken auf dem
+Misthaufen dieser Republik ...“
+
+ * * * * *
+
+Und die Sonne schwang flimmernd über sie hin, den ganzen Raum erfüllend,
+ein gespenstischer Lichtkreisel. –
+
+
+
+
+ 3. Kapitel.
+
+ „Friede auf Erden“ –
+
+
+ Max Herse, ein junger Arbeiter, besucht
+ eine sozialdemokratische Wahlversammlung.
+ – Die Befriedung der Welt ist da. Der
+ Weltfrieden scheint gesichert.
+ Deutschland: die Industriewerkstatt der
+ Welt! – Zeitungsleser im Café.
+ Unheimliche Nachrichten. – Einiges vom
+ Studenten Peter Friedjung. Max Herse und
+ seine Kollegen auf dem Heimweg. –
+ Klebekolonnen bei der Arbeit. –
+ Schlafende Menschen. – „Friede auf
+ Erden.“
+
+
+ I
+
+Der Nebelrauch stand unbewegt in den Straßen. Tausende Lichtpunkte
+flimmerten. Die Verkehrstürme blinkten grün, weiß, rot. Die Menschen
+gingen sehr schnell. In Trupps schoben sie sich über die Plätze ...
+
+Ein Lichtband fließt oben vorüber ...
+
+Max drückte sich aus dem Menschengewühl heraus auf die hintere Plattform
+einer Elektrischen.
+
+Er studierte noch immer den Aufruf der Gewerkschaften.
+
+Der lautete:
+
+„Wo soll die Frage entschieden werden, ob wir den gesetzlichen
+Achtstundentag wiederbekommen sollen?! Im Reichstag. Wo wird
+das Arbeitsgerichtsgesetz, das Arbeitsvertragsgesetz, die
+Schlichtungsordnung, das Tarifgesetz gestaltet? Im Reichstag. Wo wird
+die Verteilung der Lasten gesetzlich geregelt, die der Dawesplan uns
+gebracht hat!? Im Reichstag ...“
+
+„Also doch!“ dachte Max.
+
+„Wenn nur die Mark stabil bleibt! Dann kann man wenigstens wieder
+rechnen ... Man braucht ja heutzutage, mehr denn je, schon wirklich
+gewaltig viel Geld ... Sich zu Tode schuften. Aber das Resultat ist dann
+wenigstens doch ein stabiler Hundelohn ...“
+
+Eine Theatergesellschaft scherzte im Wageninnern.
+
+„Die schwimmen hübsch obenauf, wie auf der Suppe die Fettaugen ...“
+
+Reichswehrsoldaten, den Tornister aufgepackt, darüber den Stahlhelm. Sie
+kamen von einem Truppenübungsplatz.
+
+Ein Unteroffizier erläuterte das neue Visier:
+
+„50000 Gewehre sind bis jetzt schon darauf eingeschossen. Tadellos. Ein
+jeder Schuß aber muß bei uns auch sitzen.“
+
+Gesprächsfetzen schwirrten:
+
+„Na, also doch, daß wir wieder geordnete Zustände bekommen haben! ...
+Ja, wissen Sie, die Inflationszeit. Die steckt mir immer noch wie die
+Grippe in den Gliedern.“
+
+„Ich, Herr Kulicke, hab’ es immer schon gesagt – und was die vielen
+Parteien anbetrifft – eine Linke, eine Rechte, eine Mitte: das genügt
+vollauf, dann hat jeder was ...“
+
+„Lassen Sie mich nur aus damit, Herr Rechnungsrat, sage ich Ihnen, mit
+den Regierungen! Lassen Sie die neue ein wenig liegen und schon wieder
+wird sie abgeholt ... Sie werden sehen, der starke Mann ist’s, der uns
+fehlt ... So ein Bismarck ...“
+
+„Also wird’s doch Wahrheit, daß Amerika uns unter die Arme greift ...“
+
+Auch mit dem Straßenbahnschaffner sprach natürlich jemand, der eine
+duftige Zigarre rauchte:
+
+„Na, was macht’s ... Viele Unfälle, was ... Ja, das deutsche Volk muß
+eben erst wieder arbeiten lernen! ...“
+
+„Wenn man oft über 12 Stunden Dienst hat, Herr, dazu nicht genug, um
+einmal in der Woche sich ordentlich satt zu essen ... außerdem vier
+Jahre schließlich im Krieg gewesen ist, ein paarmal verwundet ist, wie
+unsereins ... Das stellen Sie sich schon einfacher vor, wie es ist ...
+Stellen Sie sich mal vorn an den Kurbelkasten ... Und wie das alles
+heruntergekommen ist ... Die Bremsen, die Sicherungsanlagen ... aber
+dazu ist ja eben kein Geld nicht da ...“
+
+ * * * * *
+
+Millionen Räder drehten sich, um die Menschenmassen an die
+Arbeitsstätten zu befördern. Hin und zurück. Es war ein gewaltiger
+Kreislauf, ein schwingender Wirbel. Unter der Erde, auf der Erde, hoch
+in der Luft. Eingepfercht in die eisernen Kasten der Untergrundbahnen
+schossen Menschenhaufen durch zementgemauerte unterirdische Röhren,
+stießen auf Treppen hoch, rannten kreuz und quer ... Rufe splitterten,
+Signale pfiffen, schief gestellt schmissen sich die Autobusse um die
+Kurven ... Jeder wehrte sich gegen den andern ... Wie das Meer kennt
+auch die Großstadt Flut und Ebbe. Brandung und Springflut ... Erst tief
+in der Nacht ziehen stillere weite Kreise die beruhigten Menschenwellen
+...
+
+ * * * * *
+
+Max war mit dem Gewerkschaftsaufruf fertig.
+
+„Gott der Allmächtige!“ stöhnt in sich hinein ein Kriegskrüppel. Er trug
+die Soldatenmütze mit schwarzweißroter und schwarzweißer Kokarde, das
+Eiserne Kreuz, eine Hakenkreuznadel, einen Totenkopf, und handelte mit
+patriotischen Ansichtspostkarten.
+
+Er stolperte mit einem Prothesenbein.
+
+Vor jedem Bessergekleideten salutierte er, stand stramm.
+
+„Rheinische Mädchen bei rheinischem Wein“ orgelte ein Leierkasten.
+
+Schupo patroullierte vorüber, prüfte den Ausweis eines Straßenhändlers.
+
+Schon zwitscherte es aus den Anlagen. –
+
+
+ II
+
+Arbeiterviertel:
+
+Uebermenschengroße Stücke von Verputz waren von den Häuserfronten
+heruntergebrochen. Das ganze Viertel hatte seinen besonderen Geruch. Das
+Nebeldickicht schlug sich durch Mauerritzen in das Innere der Häuser
+hinein. Winkelig und unaufwaschbar vor lauter Gerümpel war es in den
+Geschäften. Ueberall rochen die feuchten Keller herauf. Ueberall troff
+es. In einem steilen Zickzack kletterten knarrend die Treppen empor.
+Gaslicht gespensterte.
+
+Ein Greis schleppte sich mit einem Bündel Holz quer über die Straße.
+Frauen standen, aus zahnlosen Mündern wispernd, in Gruppen herum. Festen
+Schritts kamen einige Burschen vorüber, Mützen auf, die Fäuste tief in
+den Hosentaschen. Kinder jagten sich, Droschkengäule hatten den
+Futtersack vor.
+
+Das Herz-Innere der Häuser bestand, durch längst schlissig gewordene
+Gardinen sichtbar, aus Küche, Kammer, Stube. Mit spärlichen Möbelresten
+waren sie dürftig ausgeflickt.
+
+Menschenwerk sind diese Häuser.
+
+Doch in diesen Häusern formen sich unmerklich auch wieder die Menschen
+um.
+
+Eine kalkige Kruste sind diese Häuser, über einen lebendigen Leidenskern
+gestülpt.
+
+Wo sind die Gefangenenaufseher, fragt man. Es sind freiwillig Gefangene,
+bekommt man zur Antwort. Sie beaufsichtigen sich selbst. Sie haben sich
+ihrem Schicksal ergeben. Lieben sie wirklich ihre Verdammnis ...?
+
+Menschen und Häuser dieser Gegenden: lebensverbunden!
+
+Sie schlagen den gleichen Herztakt. Mit Leidenszeichen sind sie
+überreichlich besät und mit Todesrunen. Viele Morde, Verzweiflungsmorde
+sind schon in ihren Gängen geschehen. Sie bergen in sich ein Maß von
+Not, das übermenschlich ist. Seht diese Häuser an! Kaum daß sie sich
+noch auf ihren Füßen halten können! Die Fundamente sind längst
+unterwühlt. Erdschlamm dringt vor. Alles steht hier auf Abbruch. Sie
+sind wirklich schlecht genährt. Gemüsereste, Kartoffeln, Brennsuppen,
+Heringe. Immer ist es derselbe Trott. Wer die Augen noch im Kopf hat, um
+zu sehen, der sieht: das sind Kerker, Leichenkasernen, Grabhäuser, und
+die Fetzen der Fassaden schlottern an ihnen herunter wie Lumpen an einem
+Skelett ...
+
+Nenn mir den glücklichen Besitzer, und du erfährst: er heißt vielleicht
+heute noch Krätzig und wohnt im Ostseevillenörtchen Heringsdorf. Aber
+die Häuser, zweihundert Stück gleich auf einmal, sie wandern; sie
+wandern herum zwischen Tschechoslowakei und Amerika: nur die Verwalter
+bleiben, treiben die Mieten ein, besorgen redlich und treu Kündigungen
+und Hinausschmisse ... Denn auch das todwunde Häuserrevier ist immer
+noch ein lohnendes Spekulationsobjekt. –
+
+Hier führen die Menschen tagaus tagein einen heroischen Kampf um die
+Wohnung. Hier ist ein rumpfgroßes Loch in der Wand. Es müßte vermörtelt
+werden. Man muß die Bettstellen rücken, einmal hierhin, einmal dorthin:
+denn die Decke tropft. Es müßte geteert werden. Hier sind ganze
+Barrikadensysteme gegen Ratten errichtet. Dort unternimmt man vergebens
+Feldzug um Feldzug gegen das Ungeziefer. Hier wächst der Schmutz von
+selbst. Mit zusammengebissenen Zähnen versucht man zu retten, was noch
+zu retten ist. Aber der Schimmel marschiert, er erobert mühelos
+das Innere der Schränke. Die Tuberkulose bricht ein, die
+Geschlechtskrankheiten pflanzen zynisch triumphierend ihr Banner auf ...
+Und schon ist wie immer Arbeitslosigkeit, Hunger, Skrophulose da ...
+Eine höllische Armee, zusammengesetzt aus allen Kadres der menschlichen
+Notdurft und Hilflosigkeit, ist vollzählig zur Stelle ... Der
+Generalangriff beginnt. Aus Schlitzen, Ritzen, Poren, Verschalungen,
+Mauern hindurch, millionenmäulig, speit es Verderben. Da gibts keinen
+Widerstand. Jede Abwehr ist nutzlos ...
+
+Und in den Höfen waten die Kinder, wenn sie spielen wollen, bis zu den
+Knöcheln in einem fauligen Tümpel ...
+
+Erbarmungslos vollzieht sich hier unter den Augen des Gesetzes, infolge
+Gesetzeskraft und laut Paragraph so und soviel – erbarmungslos vollzieht
+sich hier eine ganz viehische, ganz trockene Blut-Kleinarbeit ...
+
+Glanzblau glaste der Himmel darüber, wunderbar grenzenlos über dieses
+Massenelend gespannt. –
+
+
+ III
+
+Ein Kino vorn:
+
+Mit einem Plakat: ein Schiff, das im Eismeer versinkt, ein Auto, das
+vollbesetzt auf einer mexikanischen Alpenstraße in den Abgrund saust,
+eine Großaufnahme von einem blonden Mädchenkopf, „Lia Mara“ oder die
+„Gefesselte Schönheit“ genannt, bengalisch überstrahlt von himbeerroten
+Lichtern –
+
+Und hinten über zwei Höfe hinweg war das Versammlungslokal.
+
+„Neue Frankfurter Festsäle“ nannte es sich.
+
+Es mochten gegen zweitausend Menschen anwesend sein.
+
+Der Bühnenhintergrund war sichtbar, gemalte Kulissen, eine
+Seelandschaft, dahinter im Sonnenuntergang leuchtende Bergspitzen,
+ziegelrot. Auf knallgrüner Leinwandalm weideten braunlackierte Kühe,
+auch die schöne Sennerin fehlte nicht, in samtschwarz gestrichenem
+Mieder, die Lippen wie ein Kügelchen so rund.
+
+Blauweiße Fahnengirlanden waren kreuz und quer gespannt.
+
+ * * * * *
+
+Als Max eintrat, sprach der Redner schon.
+
+Es hatte auch schon einige Zwischenrufe gesetzt, Kollegen informierten
+Max gleich darüber, aber der Saalschutz funktionierte diesmal gut, und
+man hatte die Störenfriede gleich in vereinfachtem Verfahren an die Luft
+befördert.
+
+Auch Max nickte mit dem Kopf:
+
+„Eine bodenlose Frechheit, unsere Versammlungen zu stören ...
+Radaubrüder ...“
+
+Und er war stolz auf seinen Saalschutz.
+
+„Es ist gut so ... Mögen die sich wo anders austoben ...“
+
+Und auch aus ordentlich gekleideten Kerls bestand der Saalschutz. Gut
+ausgerüstet: blaue Mütze, Wickelgamaschen, Windjacke. Bewaffnet mit
+stählernen federnden Totschlägern und Gummiknüppeln. –
+
+ * * * * *
+
+Man mußte also über die bevorstehenden Reichstagswahlen mit sich ins
+Klare kommen.
+
+Der Redner ließ es sich dabei nicht nehmen, der Reaktion, worunter er
+vor allem die Deutschnationalen verstand, einiges ordentlich
+auszuwischen, ging dann von der innerpolitischen Lage zur
+außenpolitischen über und erörterte sachlich und wirkungsvoll die
+wichtigsten Probleme. Es gelang ihm dabei, überzeugend darzutun, daß
+unter den nun einmal gegebenen politischen Verhältnissen dem deutschen
+Volke, das, schlecht geführt, den Krieg verloren hat, nichts anderes
+übrig bleibt, als das Sachverständigengutachten anzunehmen, das – im
+Vergleich zu den Verpflichtungen, die vor dem Deutschland aus dem
+Versailler Vertrag erwuchsen, – wesentliche Erleichterungen biete, die
+Räumung des Ruhrgebiets und damit die Befreiung einiger Millionen
+Deutscher von der französischen Fremdherrschaft bringe, der Industrie
+die lebenswichtigen, nicht unerheblichen Kredite vermittle, der
+zerrütteten deutschen Wirtschaft wieder aufhelfe – man denke nur an die
+passive Handelsbilanz! – und damit auch zugleich dem Proletariat
+Verdienstmöglichkeiten und Arbeit verschaffe. Ueber die Lastenverteilung
+aber entscheide der Reichstag, und es komme nun darauf an, möglichst
+stark dort einzuziehen, um die Gewichtsverteilung der Lasten zugunsten
+der werktätigen Bevölkerung auf die Schultern der besitzenden Klasse
+abzuwälzen.
+
+„Ja, aber meine Herrschaften!“ rief der Referent aus, als sich aus einer
+Saalecke heraus wieder Widerspruch bemerkbar machte – „wir leben eben
+nun einmal in einer kapitalistischen Gesellschaft, und ich kann nicht,
+so gern ich auch möchte, sie von heute auf morgen wegpusten. So heißt es
+also, sich so gut es geht mit dieser Tatsache abzufinden und sich so
+häuslich wie irgend nur möglich in dieser Gesellschaft einzurichten ...
+Gedulden Sie sich, warten Sie ab, bitte, alles zu seiner Zeit ...“
+
+Dies alles schien sonnenklar.
+
+„Solange die Arbeiterschaft noch nicht einmal unter sich selbst einig
+ist ... Da kann man ja jeden xbeliebigen Betrieb als Beweis dafür
+hernehmen ...“
+
+Und auch das, was der Redner nur so nebenbei bemerkte, daß man es sich
+schon was kosten lassen solle, um die Hohenzollern außer Land zu halten:
+„wir werden uns schon in dieser Frage nicht lumpen lassen – – –“
+
+Auch das war Maxens Standpunkt.
+
+„So haben eben nun doch die Herrschaften der Entente einsehen gelernt,
+daß man auf dem Weltmarkt ohne den deutschen Arbeiter, ohne den
+begabten, gründlichen, gewissenhaften deutschen Arbeiter nicht auskommt.
+Deutschland: Industriewerkstatt der Welt! Das ist der Inhalt, das wahre
+Wesen dieses von uns angenommenen Gutachtens! Stellt euch vor, Arbeiter,
+wie nun langsam aber sicher von Monat zu Monat euere Lage sich bessert,
+euer Lebensniveau sich heben wird ... In einem solchen Moment sollen den
+Mut wir sinken lassen ...! Nach all den Jahren, in denen ein schlimmer
+Unstern über Deutschland, über euch Proleten im besonderen, waltete!?
+Nein, dreimal nein! Nimmermehr! Mit vollem Recht können heute wir wieder
+ausrufen: am deutschen Wesen, am Wesen des deutschen Arbeiters im
+besonderen wird wieder die Welt genesen ... Schaut frohen Mutes drum in
+die Zukunft!“
+
+„Ja, ja. So, so ist es.“
+
+Viele nickten mit den Köpfen.
+
+„Reaktion oder Revolution!? Schwarzweißrot oder schwarzrotgold!?
+Entscheidet euch?! Monarchie oder Republik!? Gebt euere Stimmen,
+Proleten, der Republik, schafft mit an dem Erlösungswerk der werktätigen
+Massen. Die Revolution, die Befreiungsaktion des Proletariats
+marschiert, wenn auch langsam ... Auf zur Wahl! Schließt die Reihen
+dicht! ... Beziehen wir unsere alten revolutionären Kampfpositionen!
+Hinein in die Wahlschlacht ... Die Sozialdemokratische Partei
+Deutschlands, sie lebe –“
+
+„Hoch! Hoch! Hoch!“
+
+Der Saal schmetterte.
+
+Die Internationale sang. –
+
+
+ IV
+
+Wird es nun wirklich schon Frühling?! Die Fenster sind weit offen.
+Menschenstimmen hört man aus den Höfen. Diese Jahreszeit ist ein
+Heldengedicht. Gewaltig und grau ziehen den Horizont herauf
+Wolkenquadern um Wolkenquadern: formlos, unbehauen, roh: rebellische
+Figuren ...
+
+Die Zeitungsleser saßen um diese Stunde wie immer im Café. Glatzköpfig,
+vollbäuchig, manche mit prallen, rötlich getupften Bäcklein. Tranken
+Mokka, schlürften Limonaden aus Strohhalmen, schluckten auch sonst noch
+was ...
+
+Draußen prasselten Hagelschauer nieder.
+
+Ein kurzer Zwischenfall.
+
+Eine Stimme: „Sie Kapitalssau, Sie Dreck- ...“
+
+„Was, Drecklump, Kapital ... haben Sie mich genannt. Mein Herr, ich
+bitte Sie das sofort zu berichtigen ...“
+
+Und die Drehtüre schob beide ins Freie.
+
+Das Café-Innere war wie ein Aquarium. Tropisch-warm; die Bewegungen der
+Caféhausbesucher waren, als sei die Luft eine zähe, kleberige
+Flüssigkeit.
+
+Schönes Buchstabengift. Schönes Papiergift.
+
+Sie sahen nur selten mal auf. Die Augen waren in dem Papierwinkel, den
+sie an einem Holzgriff steif vor sich herhielten, festgesogen.
+
+Gehirne fraßen. Gehirne verdauten.
+
+„Grand-Hotel, Honolulu.“ „Isa, die Serbenfürstin.“ „Raubmord.“
+„Lustmord.“ „Spanische Flugzeuge bombardieren die Rifkabylen mit
+Gasbomben.“ „Neue Schreckenstaten des Kommunisten-Gesindels.“ „Tscheka.“
+„Parade der Stahlhelmer ...“
+
+Die Zeitungsblätter bewegten sich. Legen sich um. Es knistert. Ein
+geheimnisvoller Wind weht. Ein neues Pack mit Ereignissen. Mit einem
+Blick hüpft da ein Auge über eine ganze Seite hinweg. Ein neuer Teil,
+mit Schicksalen, Erlebnissen, amüsanten Neuigkeiten nur so vollgepfropft
+...
+
+Nun sind die Hände der Leser in eine Papierfläche eingekrallt wie
+Tatzen.
+
+„... von den Fräcken der Herren ist nur zu sagen, daß sie ausnahmlos up
+to date und im besten englischen Stil waren; nicht ein Millimeter der
+weißen Weste war unterhalb des Frackrandes sichtbar ... Die Toiletten
+der Damen im Stilkleid weiß Gourdeille mit Pelz Suhmann, den man seiner
+großen Seltenheit wegen noch wenig sieht ... Lisa Benedict aber hatte
+ihren prachtvollen Rubens in dunkellila Chadourne gehüllt, benäht mit
+marokkanischen Pailetten aus vielfarbiger Mica ... Ein zart
+aquarelliertes Kleid hellgelbe Merveille-Saturé. In schwarzem Craou,
+besetzt mit Jorkin, ein Fell, das wie goldgepudert aussieht ... Es war
+einem ganz indianisch zumute ...“
+
+„Schwerarbeiter!“ knurrte lautlos der Bettler, der zwischen den Tischen
+herumstrich. Von dem Geschäftsführer und einem Kellner arretiert,
+verläßt er wieder das Lokal.
+
+Weiter arbeiten sich durch den Papierschlamm hindurch die Zeitungsleser.
+
+Vulkane brechen auf, Länder werden überschwemmt. Kolonialvölker
+rebellieren, Massenselbstmorde, Maschinenhinrichtungen, Hungersnöte.
+Lächelnd thront dabei das Büfettfräulein über dieser Flut
+rauchverwolkter Häupter, aus deren Gehirnwindungen jetzt bei der Lektüre
+abessinische Residenzen erstehen, Petroleumquellen aufknattern,
+Bohrtürme durch Kalifornien wandern, mit breitwulstigen Epauletten die
+Achseln bestickt hochwamstige Negergeneräle vor dem amerikanischen
+Präsidenten paradieren ...
+
+Das Gesäß des Lesers drückt sich fest im Stuhl.
+
+Ein fleischerner Riesenpudding ...
+
+Merkwürdige Dinge werden im letzten Teil des Blattes über den großen
+Ozean gemeldet. Was davon wohl auf Wahrheit beruht!?
+
+„Sir William Pope, in der Präsidentschaftsrede in der Chemical Society
+am 27. März 1919: Die englische Methode zur Herstellung giftiger Gase
+sei dreißigmal so wirksam, wie die von Deutschland, während die Kosten
+in Deutschland dreißigmal so groß seien wie die in England. Bei
+Kriegsende hätte die Entente täglich eben soviel herstellen können wie
+die Zentralmächte monatlich. Anmerkung der Redaktion: Was man besonders
+dem bekannten Führer der zionistischen Bewegung, Herrn Prof. Waitzmann
+verdanke, dem kühnen Organisator des chemischen Krieges auf
+ententistischer Seite.“
+
+Wie auf einem scheu gewordenen Gaul galoppiert unser sehr verehrter
+Leser weiter. Schüttelt sich. Nun geht es wieder in gewohntem Tempo. Die
+Sprünge, die schließlich diese mörderisch gottverfluchte Zeit macht,
+zwingen auch den unsichersten Kumpan am Ende noch fest in den Sattel ...
+Neue Entdeckungen! Ein neues Geheimnis! Und wieder von jenseits des
+Ozeans, aus dem Wunderland!
+
+„Ein Todesregen! – Ein neues Gift, so tödlich, daß drei Tropfen auf der
+menschlichen Haut genügen, um den Tod herbeizuführen, ist die neueste
+Erfindung des chemischen Kriegsdienstes der amerikanischen Armee. Man
+führt Fachleute an, die aussagen, daß, wenn man die Flüssigkeit aus
+Röhrchen an der unteren Fläche eines Flugzeuges ausstieße, sie alles,
+was sich im Wege dieser Maschine befindet, töten würde. Ein Flugzeug,
+fügt man hinzu, könne zwei Tonnen der Flüssigkeit über eine sieben
+Meilen lange und hundert Fuß breite Gegend verteilen und dies würde
+genügen, um jedermann in dieser Gegend zu töten. Die Flüssigkeit kann
+leicht hergestellt werden und eine Ausbeute von einigen tausend Tonnen
+täglich könnte angeblich schnell erreicht werden ...“
+
+Hat man noch Zeit, über das alles nachzudenken!? Bleibt einem da nicht
+die Luft weg!? Staune vor nichts, sagt sich der Spießer oftmals selbst
+vor und richtet energisch und stolz sich dabei auf im Steigbügel. „Alles
+ist möglich ... Alles schon dagewesen ... Nichts unter der Sonne ist neu
+...“
+
+So ist doch z. B. bekannt das sogenannte griechische Feuer im vierten
+Jahrhundert vor Christi, aus Harz, Petroleum, Schwefel und ungelöschtem
+Kalk bestehend, und das später, im zwölften Jahrhundert, häufig von den
+Sarazenen gegen die Kreuzfahrer zur Anwendung gebracht wurde ...? Und
+dann erst das Mittelalter! Eine reiche Ausbeute für unsere
+geschichtliche Exkursion! Lesen wir da nicht in dem berühmten
+„Kompendium der Sekrete“ des Arztes und Naturforschers Leonhard
+Floravanti von Bononia um 1600 von einem Oel, destilliert aus Terpentin,
+Schwefel, Asa foetida, Menschenkot, Menschenblut usw., das dermaßen
+stinkt, daß kein Mensch in der Festung, in die es geworfen wird, mittels
+Schleudermaschinen, versteht sich, es darin aushalten kann ...
+
+Also, alles schon dagewesen ... Was zu beweisen war.
+
+„Prosit Neujahr!“ entfuhr es aber da dennoch einem kleinen
+Bankangestellten, als er das las, „schöne Aussichten, das kann ja noch
+recht gemütlich werden ... Heiter, immer heiterer, in der Tat! Aber man
+muß schon mit den Wölfen heulen ...“
+
+Und er versucht gleich ein Gespräch über dieses Thema mit dem Studenten
+anzuknüpfen, der noch mit an dem Tisch saß.
+
+Der wehrte aber energisch ab.
+
+„Ja, warum denn nicht ... Glauben Sie vielleicht noch an den
+Abrüstungsschwindel!? ...“
+
+„Sie entschuldigen schon ... Das war doch nicht so ernst gemeint ...“
+
+Unablässig drehten sich indeß die Drehtüren.
+
+Zwei Bekannte prallten dort unerwarteter Weise im Gang aufeinander.
+
+„Du hier, ach Emil, wer hätte das gedacht ... ja, wie lange schon ...?
+Und immer wohlauf ... Und das Geschäft ...“ Und schon zogen sie sich
+gegenseitig an einem Tischchen nieder und wie eine Litanei wurde die
+ganze Skala der Bekannten und Geschäftsfreunde abgeklappert.
+
+Die Schnurrbartspitzen des Portiers leuchteten wie zwei rötliche
+Stichflammen.
+
+Der eine oder der andere stolzierte in dem Caféraum auf und ab, wie in
+einer Wandelhalle. Der Zeitungsmann flitzte geschäftig.
+
+Der Nachtbetrieb begann. –
+
+
+ V
+
+Peter Friedjung war Werkstudent. Sechs Stunden arbeitete er täglich bei
+einem Patentanwalt in der Alten Jakobstraße am Setzkasten. Die
+Patentanmeldungen wurden hier auf einer kleinen Handdruckmaschine
+abgezogen. Ein seltsamer Betrieb. Hunderte von Patentanmeldungen liefen
+täglich ein. Da waren Patentgesuche darunter auf fahrbare Rucksäcke, auf
+Hosenträger, die mit einer Hand bedient werden konnten, Klosetts, mit
+selbsttätigem Wischapparat, zwanzig Modelle des Perpetuum mobile
+täglich, Studierlampen, die zu gleicher Zeit als Kochapparat benützbar
+waren, ohne jede Inangriffnahme des Zylinders selbstverständlich,
+Patente auf in der Dunkelheit leuchtende Füllfederhalter usw. usw. Gegen
+Einsendung eines nicht unbeträchtlichen Vorschusses wurden diese Gesuche
+exakt der Reihe nach behandelt und dem Patentamt vorgelegt ... Damit war
+aber auch die Angelegenheit dieser Hunderte von kleinen Erfindern
+erledigt ... Eine Ausnutzung des Patentes kam natürlich nicht in Frage
+...
+
+Bis zum Ruhrabenteuer war Peter deutschnational. Deutschnational bis auf
+die Knochen. Er glaubte an Deutschland, als an ein auserwähltes Volk, er
+selbst hatte ja bereits gekämpft und gelitten für Deutschlands
+Herrlichkeit. Sollen die vier Jahre Krieg für die Katz gewesen sein ...
+Sollte es wirklich wahr sein, daß ... Daran konnte er nicht glauben. Das
+hing mit Sinn oder Sinnlosigkeit seiner eigenen Existenz zusammen. Daß
+Krieg: das Produkt geschäftlicher Konflikte ist, das Kriegsziel nichts
+weiter als dem Gegner diejenigen wirtschaftlichen Bedingungen
+aufzuzwingen, die man für sich als notwendig erachtet; daß das
+Wesentliche dabei, das Herzblut des Krieges sozusagen: der Beutel, die
+Interessen der Kapitalisten sind; daß in Wirklichkeit aber alles kämpft
+für die Interessen eines Häufleins von Magnaten des Finanzkapitals, für
+ein 300-Männerkollegium; und daß auch das Instrument der Schiedsgerichte
+nur dazu dient, den Ausbruch _ungewollter_ Kriege zu verhindern ... Das
+alles mochte vielleicht für England, für Amerika, Frankreich stimmen,
+für unsere Gegner stimmen, aber für Deutschland!? War nicht für
+Deutschland Krieg: Schicksal, elementar wie eine Naturgewalt, Aufbruch
+der Jugend, Blutrausch!? ... Gott hat den Krieg gewollt, und ich, Peter,
+habe ihn geführt ... Als Kriegsfreiwilliger hatte er den Krieg
+mitgemacht. Als Kriegsfreiwilliger im Regiment „List“, mit „Deutschland,
+Deutschland über alles“ hatte er gestürmt, dieses Lied auf den Lippen
+waren bis auf ihn alle seine Kameraden gefallen ... Und das soll nicht
+das Wunderbarste, das Höchste, das Heldenhafteste in der Welt gewesen
+sein ...? Die Fahne Schwarzweißrot, die soll nicht die Fahne, die Fahne
+unseres Blutes, die Fahne der Ehre der gesamten Nation gewesen sein ...?
+Die Fahne, die damals bei Tannenberg, bei Verdun ... Deutschlands
+gesamte idealistische Jugend muß sich um sie scharen, damit sie nicht
+der rote Sturmgeier zerfetzt ...
+
+Bis er eines Tages, selbst Mitglied einer völkischen Sturmabteilung,
+plötzlich erkannte: es ist ein Unterschied zwischen der Phraseologie
+einer Sache und dem Inhalt einer Sache. Und daß die nationalen Phraseure
+sich im Grunde ihres Herzens keinen Deut um die wahren Interessen der
+Nation scheren, sondern: Profitjäger, Hasardeure, Spekulanten,
+Großschieber, Hyänen sind, ganz raffinierte, abgefeimte, ausgebrühte
+Burschen, die das Blut und das Lebensmark des Volkes aussaugen; die
+nationale Phrase aber als Köder benutzen, blindgläubigen, von dem
+sozialdemokratischen Regime enttäuschten Kleinbürgern gegenüber; und daß
+sie, ja, daß sie die eigentlichen Volksverbrecher, Hochverräter,
+Landesverräter sind und die ... ja, die Kommunisten, die revolutionären
+Proletarier, die eigentliche Lebens- und Schaffenskraft des deutschen
+Volkes: keineswegs! keineswegs! –
+
+ * * * * *
+
+Seitdem sympathisierte Peter Friedjung mit der proletarischen Bewegung.
+
+ * * * * *
+
+Ereignisse an Ereignissen sich überstürzend, eine gewaltige chaotische
+Lawine, so stieg es empor aus dem Zeitungshaufen. Peters Gehirn wurde
+mit hineingerissen in einen ungeheuren Weltwirbel.
+
+„Stänkereien und Zänkereien: das war immer mehr der Grundton unserer
+Zusammenkünfte. Die Enttäuschung über die Bewegung äußerte sich immer
+mehr in persönlichen Verunglimpfungen, Anschuldigungen, Verleumdungen
+übelster Art. Nichts und niemand mehr blieb von Witzen und Zotereien
+verschont: auch Schlageter begann man bereits nach Strich und Faden
+herunterzureißen, viele wollten wissen, daß ... Ein abstraktes, von
+patriotischen Phrasen triefendes Gefasel: genüge es, wem es wolle ...
+Keiner wollte das endgültig besiegelte Debacle wahrhaben. Ein jeder
+drückte sich mehr oder minder feig um die Tatsache herum, daß von einer
+Mission der völkischen Bewegung bereits nicht mehr gesprochen werden
+konnte ... Und blieben gar einmal die Geldunterstützungen aus, deren
+Quelle immer mystischer verhüllt und ungenannt blieb, dann war es schon
+gar nicht mehr zum Aushalten. Es war schon so: Abzeichen, Hakenkreuze,
+Totenkopffahnen, Armbinden, Wickelgamaschen, Windjacken: damit mußte man
+sich darüber hinweghelfen, daß man eigentlich nichts zu sagen hatte. Ja,
+gewiß, bei jeder Versammlung, bei jeder Heldengedenkfeier redete man,
+aber bitte sehr, nur bildlich gesprochen, aus hohlem Bauch ... Ein jeder
+mißtraute dem andern. Rohheiten, Exzesse jeder Art, Unterschlagungen
+waren an der Tagesordnung. Da gab es Degenerierte aller Art,
+Effeminierte, pathologisch Klatschsüchtige, Hochstapler, Abenteurer,
+Dilletanten, Homosexuelle, Päderasten, Sadisten, Masochisten, kurzum,
+ein Klub von Deklassierten tat sich in prächtigen Salons auf, die
+Politik war nur meist für geschäftliche und erotische Beziehungen die
+Maske, und dieser hochpolitische Klub unterhielt durch seine Kuriere und
+Mittelsleute eine stete Verbindung mit den übelsten lumpenproletarischen
+Kloakenbuden und Obdachlosenasylen. Lumpenproletarier waren es, die man
+zuerst durch Versprechungen auf Unterstützung und Anstellung in die
+Stahlhelmverbände lockte, dann trieb man die Kleinbürger, heillos
+borniert wie sie waren, zu Paaren, sie waren es gewohnt zu gehorchen wie
+dem Hund die Schafherden. Die hatten während der Novembertage geradezu
+Angst vor ihrer eigenen Freiheit bekommen, waren sie doch dressiert nur
+auf Kommando zu parieren. Eine geringe Dosis schwarzweißroter
+Gemütssalbe genügte, feste druff, und schon hatte man sie wieder bei der
+Stange. Sie waren von den hohen Stellen bestimmt, die Kastanien aus dem
+Feuer zu holen. Preußische Disziplin, kerndeutsch, treudeutsch: das
+waren so die üblichen Zauberworte, um damit jeden, der sich irgendwie
+mißliebig gemacht hatte, ordentlich unter die Fuchtel zu nehmen, und das
+besorgten auch ausreichend die jeden Tag sich noch „nationaler“
+gebärdenden kleinen Herrschercliquen. Und zwar nach allen Regeln der
+Kunst. Zeitweilig wurden Speiseküchen eingerichtet, man wollte künstlich
+die Bewegung ins Proletariat hinein verbreitern, auch gab die
+Großindustrie in der damaligen Zeit viel Geld: bei all diesen
+Wohlfahrtseinrichtungen verschlangen aber über 60 Prozent die
+betreffenden Organisationen. Richtige Parasitennester entstanden, die
+ungeheuerlichsten und schamlosesten Forderungen wurden für die
+geringsten Dienstleistungen gestellt. Die Inflation warf auch noch jeden
+Tag neue Postenanwärter in die völkischen Reihen ... Dann gab es eine
+Periode: jeder war sein eigener Ludendorff. Man sprach überhaupt nur
+noch in Zitaten ... Dann kam _eine_ Zeit, da tauchten Gestalten auf, die
+nicht nur für eine Seite spitzelten, sondern mit wahren und falschen
+Nachrichten fünf bis sechs Stellen zugleich bedienten ... Mit den
+widerlichsten Krankheiten behaftete Kretins taten sich dazwischen breit,
+zeterten „Heil“ und schrieen Mordio und Feurio, kolportierten bis zum
+Brechreiz die beinahe nur noch pathologisch zu bewertende Phrase vom
+rassenreinen Menschentum, vom Sonnen-Arier, trieben Wotankult und
+verzückten sich augenverdrehend an einem paradiesischen Traum-Walhall,
+indessen fütterten sie sich beträchtlich und rafften mit gierigen
+Händen, alles was ihnen unter die Finger kam, zusammen. Dann kam eine
+Zeit, Flaute nannte man sie, keiner wurde eigentlich mehr recht froh
+seiner begangenen Spitzbübereien und vollbrachten Morde, die
+eisenkreuzgeschmückten Bramarbasse wurden bedeutend ruhiger, und man
+begeisterte sich plötzlich wieder für eine vernünftige deutschnationale
+Realpolitik ... Nur konfessionelle Gegensätze trieb man noch ab und zu
+auf die Spitze ... Auch in der Angelegenheit des Erbfeindes kriselte es
+schon bedenklich. Der Revancheangriff, großmäulig vorbereitet und umso
+schlechter organisiert, wurde plötzlich über Nacht abgeblasen ... Das
+wäre also in Umrissen die Geschichte einer politischen Bewegung, vom
+Finanzkapital ausgehalten, und von ihm in einem gewissen Zeitabschnitt
+als politisches Druckmittel gehandhabt, als ein Instrument der
+Erpressung, in einem Zeitabschnitt, da man noch nicht an die Möglichkeit
+einer legalen Restauration glaubte. Als Ideologen figurierten durchwegs
+Lumpenbourgeois, internationale Desperados, abgetakelte Offiziere; die
+Träger der Bewegung, die Masse waren: Studenten, Angestellte,
+Gymnasiasten, kleine Beamte, Lumpenproletarier, Kleinbürger. Mag sein,
+daß sich auch mancher persönlich lautere Charakter und idealistisch
+Gesinnte dorthin verirrt hatte. Diese aber haben sich bald voll Ekel
+abgewandt ... Ueberhaupt, es dauerte nicht mehr lange: die ganze
+Bewegung erstickte vollends im Schlamm der Korruption, verschmorte in
+ihrem eigenen Fett. Nur hie und da ein Nebbich-Sektenbildner rumorte
+noch wo herum als Diskussionsredner in einer Versammlung. In hellen
+Scharen war man zu den Deutschnationalen übergelaufen, andere zogen sich
+schmollend aus dem politischen Leben zurück ... Drei Monate in solch
+einer Bewegung verbracht: da heißt es gründlich mit sich abrechnen, das
+Fazit ziehen und dann: für die Zukunft daraus lernen. Nur Narren und
+Phantasten binden sich weiter die Scheuklappe um, erhitzen sich selbst
+künstlich bis auf 40 Grad Fieber und sind eben unempfindlich gegen jede
+Art von kalter Dusche. Daß Deutschlands Aufstieg allerdings
+gleichbedeutend ist mit der restlosen Ausrottung dieser Banditen und
+ihrer Geldgeber, daß die Niederkämpfung dieser Bewegung vielmehr die
+Grundvoraussetzung der wirklichen Gesundung Deutschlands ist: das wurde
+mir im Verlauf jener drei Monate, die ich in dieser Gesellschaft verlebt
+hatte, eindringlich klar. Die Antisemiten pumpten wacker beim Juden und
+ein Jude wiederum schrieb zum Dank dafür für die Völkischen das
+antisemitische Exerzierreglement!“
+
+
+ VI
+
+Weiter jagten sich Peters Gedanken.
+
+„Da gleiten hin die Industriemagnaten durch die Stadt auf ihren
+schnittigen Luxuskraftwagen. Weit außerhalb der Stadt, den schmutzig
+gelben Strom entlang, ragen die Fabrikschlote. Fronten von
+Mietskasernen, scharf ausgerichtet, starren leblos, unbewegt. Fünfzig
+Stock hoch türmen sich in den Stadtzentren die Bankhäuser ...
+
+„Ein Boxkampf findet statt: als der Sieger abtritt, rasen 50000 Menschen
+vor Begeisterung. Der Riesenraum der Arena ist ein vieltausendfaseriges
+zuckendes Nervenbündel.
+
+„Es hält in Moskau der rote Kriegsrat eine Sitzung ab. Der rote
+Reitergeneral Budjonny spricht. Seine Worte sind Trompetensignale, sind
+Hammerschläge ...
+
+„Und die Straßen Jokohamas sind voll von demonstrierenden
+Menschenmassen. Japan, ganz Japan läuft Sturm gegen das amerikanische
+Einwanderungsgesetz. Im Staate Ohio aber wird indeß ein Neger gelyncht:
+ein Scheiterhaufen ist errichtet und man verkauft an die vornehmen
+Amerikanerinnen, 5 Dollar pro Stück, Fleischfetzen, Knochenteile von dem
+verkohlten Gerippe ... Sie sollen wohl Gesundheit und Glück bringen ...
+
+„Während in Stuttgart ein berühmter deutscher Soziologe seinen Vortrag
+über nationalökonomische Probleme mit den Worten beschließt: „Zurück zu
+Gott!“
+
+„O, da ist ja auch die ganze Scharfrichterfamilie versammelt, Herr
+Gröpler: so heißt er, der der ordnungsgemäßen Handhabung des Richtbeils
+nur Allzukundige, im Nebenberuf Inhaber einer gutgehenden
+Dampfwäscherei; da feiert er auch schon im Kreis seiner Lieben das
+Jubiläum seiner fünfzigsten Hinrichtung. Und die Wände seines trauten
+Heims sind mit Sprüchen aus der Bibel (Korinther) und mit
+Kaiserbildnissen geschmückt. Den fünf zum Tode Verurteilten aber hat man
+über Weihnachten drei Tage Aufschub gewährt, damit der Sängerchor der
+Strafvollziehungsanstalt, dessen eifrige Mitglieder die fünf Armensünder
+bis dato noch sind, an den hohen Festtagen wenigstens intakt bleibt.
+
+„Halleluja!
+
+„Und wieder wird ein Betrieb stillgelegt. Tausende trollen wieder
+arbeitslos herum auf der Straße, schwarz, hungernd, knieschlotternd,
+frierend: so staut es sich vor dem Arbeitsnachweis ...
+
+„Und in den chemischen Laboratorien experimentiert man inzwischen herum
+an einem neuen Giftgas. In den illustrierten Zeitschriften findet man,
+neckisch von Blümchengirlanden umrahmt, die Photographie des genialen
+Konstrukteurs der neuesten Flugzeugbombe.
+
+„Die Prediger verkünden mit ausgebreiteten Armen von der Kanzel herab:
+„Friede auf Erden.“
+
+„Friede auf Erden!“ „Amen! Amen“ schallt vielstimmig zurück der Chor der
+Gläubigen. Die Kathedrale ist wie ein Sarg. Weihrauch, Kerzenglanz,
+geflüsterte Gebete mischen sich ineinander ...
+
+„Die Strafexpedition, aus Truppenkontingenten zweier europäischer
+Nationen zu gleichen Teilen zusammengesetzt, stößt in die von den
+flüchtigen Eingeborenen angezündeten Urwälder vor. Riesige Giftmücken
+flattern um die von der Siedehitze brodelnd aufgeweichten Leichname. Der
+Himmel glänzt scharf. Wie glanzblau lackiert ...
+
+„Tausende sterben jetzt.
+
+„Tausende entschlüpfen soeben dem Mutterbauch.
+
+„Leben und Tod: o untrennbar eins sind sie in jeder Weltsekunde.
+
+„Die Wellen des Ozeans schlagen an viele Küsten ...
+
+„Da findet ein Hundediner statt. Reichlich besetzt mit wirklich
+köstlichen Dingen ist solch eine Tafel. In Bombay beträgt die
+Kindersterblichkeit 82 pro Mille. Schreckliche Höllen sind überall in
+der Welt die Proletarierviertel. Eine grausige Blutsprache sprechen die
+Statistiken ...
+
+„Aufgeteilt ist die Welt ...
+
+„Nach blutigen Gemetzeln ... Vor noch schlimmeren Morden ...
+
+„Ein revolutionärer Führer spricht im Norden Berlins in einer
+Proletenversammlung. Ein anderer schreibt hin wie lebendige Feuerlinien
+aufrührerische Sätze ... „Hetzer“ ist ihnen ein Ehrenname ...
+
+„In welchem Zeitabschnitt leben wir!? ... Das Tempo der Geschichte
+hämmert mit gewaltigen Schlägen ...
+
+„Eine große Zeit fürwahr, eine Heldenzeit ... Doch wer sind ihre
+eigentlichen Träger ...? Namenloses Heldentum. Blutzeugentum.
+Kämpfertum. Märtyrertum ... Ein Arsenal von Kampftaten und Opferlegenden
+noch für Jahrtausende ...
+
+„Und einer zum Beispiel, ein Schulkamerad, ein gleichgültiger Name, fand
+nicht mehr heraus aus diesem Labyrinth, was er auch tun mochte, wie sehr
+er sich auch anstrengte. Er war bis zum Irrsinn angewidert von all dem,
+wurde eines Tages wirklich verrückt, titulierte Christus mit „Kollege“
+und schoß sich eine Kugel durch den Kopf. Als er abdrückte, schrie er
+überselig: „Es ist vollbracht!“ Warum auch nicht. Ein anderer, Freund
+meines Vaters, Fabrikant Germersheimer, ebenfalls ein überaus
+gleichgültiger Name, mästet sich prall mit Illusionen, hält
+Geistersitzungen ab, läßt Tische rücken und studiert auf seine alten
+Tage Theosophie. Auch er muß eines Tages platzen ... Andere gehn
+vorüber. Gehn sie vorüber!? Nimmermehr. Keineswegs. Auch ihnen wird
+eines Tages die Entscheidung aufgezwungen werden, auch sie werden eines
+Tages Farbe bekennen müssen ...
+
+„Aber Arbeiterkolonnen, die abends aus der Fabrik heimkehren, scheinen
+mir muskelbepackt, straff, trotz der Ueberarbeit. Ihre Beine federn
+elastisch, wenn sie ausschreiten: die zeigen, daß sie noch marschieren
+können, trotz alledem. Daß sie sprungbereit geblieben sind. Trotz
+alledem. Und in ihren Fäusten sitzt ein guter Griff. Glück auf! Greift
+zu, wenn es soweit ist. Seid auf eurem Posten, wenn es drauf ankommt.
+Werdet ihr es schmeißen!? ...
+
+„Und da zählen nach Tausenden, Abertausenden in diesem Augenblick die
+Gefangenen, die in den zwingkäfigähnlichen Zellen der staatlichen
+Zuchthausanstalten hocken. In allen fünf Erdteilen. Farbige ebenso wie
+Weiße. Alt und jung. Männer, Kinder, Weiber. Unterschiedslos.
+Noch-Gesunde und schon Sterbenskranke. Sie drücken sich in die
+Mauerwinkel. Schweigend. Nur hie und da ein Tobsuchtsanfall. Schreie,
+wie ein blutiger Erguß. Sind es versteinerte Menschenreste!?
+
+„Einzelmorde, Massenschlächtereien, Bankkrachs, Umarmung, Empfängnis,
+Vergewaltigung, Streik, Niedertracht, Straßendemonstrationen,
+Ausbeutung, Prassereien: das alles geschieht jetzt in der Welt, zur
+selben Stunde, zur gleichen Zeit ... Aber die ganze Welt ist aufgeteilt
+in zwei große Heerlager ...“
+
+
+ VII
+
+Automatisch schwang die Drehtüre des Caféhauses wieder um ihre eigene
+Achse.
+
+„Ach da bin ich ja noch ...“
+
+Die Mäntel am Garderobenständer kletterten übereinander.
+
+Immer noch saßen die Zeitungsleser, verschanzt hinter ihren Zeitungen.
+
+Ein Telephon klingelte.
+
+Peter ging.
+
+„Sollte das nicht doch möglich sein, das Menschennatürlichste, das
+Menschenselbstverständlichste, das Aller-aller-Einfachste? Mit
+Aufbietung aller Kräfte, unter Zusammenraffung unseres ganzen
+Menschendaseins!? Das, das müßte man doch versuchen ... Oder ob das
+Einfachste nicht doch nur ein scheinbar Einfachstes ist, am Ende nicht
+gar das Allerschwerste!? ...“
+
+ * * * * *
+
+Die Theater waren jetzt aus.
+
+Neue Menschenströme brachen in die Straßen ein.
+
+Ein Autohupen-Konzert.
+
+Kokottenrudel trieben straßauf, straßab.
+
+Liebespaare wankten eng umschlungen einem Park zu.
+
+Ein Mädchen der Heilsarmee gröhlte irgendwo in einem Platzwinkel:
+„Jesus, süßer Bräutigam ...“
+
+Recht so, die Religion soll dem Volk erhalten bleiben. Und das drückte
+auch auf die Tränendrüse manch einer vornehmen Herrschaft, die
+gnädiglich aus krokodilsledernen Handtaschen heraus ein Almosen für die
+Armenspeisung spendete. Mit blankgescheuertem Gewissen schlenkerte sie
+dann, sich wohlig in ihren Pelzen räkelnd, von dannen.
+
+„Menschendreck ...“
+
+ * * * * *
+
+Der Himmel war wie ein Eismeer.
+
+Wie Packeis trieben die Wolken darin, zu Eisbergen sich türmend,
+absplitternd; Haufen von Scherben. Scharf gezeichnet hoben sich weit
+hinten am Horizont in der blauen Flut die unermeßlich lang gestreckten
+Eiswände ab. Und der Mond stand mitten darin, unförmig, geborsten, ein
+ziellos treibendes Leucht-Wrack.
+
+„Ja, ja, das ist schon so: es stimmt schon: Die Barbarei erscheint
+wieder, aber aus dem Schoß der Zivilisation selbst erzeugt und ihr
+angehörig ...“
+
+Und Peter schritt die Straße hinauf, die sich vor ihm zu heben schien
+und steil und immer steiler ward, wie im Sturmschritt.
+
+
+ VIII
+
+Die Diskussion in den „Frankfurter Festsälen“ begann.
+
+„Natürlich wieder so ein Kommunist“, knurrten einige, als der
+Versammlungsleiter bekanntgab:
+
+„Herr Schnetter hat das Wort.“
+
+Einige Zwischenrufe knallten.
+
+Der Referent schmunzelte.
+
+„Man glaubt schon einen gewaltig kühnen Schritt getan zu haben, wenn man
+sich freimacht vom Glauben an die erbliche Monarchie und auf die
+demokratische Republik schwört. In Wirklichkeit aber ist der Staat
+nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine
+andere, und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als in der
+Monarchie. – Der Feind aber, der uns die Hand zum Wahlbündnis hinstreckt
+und sich als Freund und Bruder uns aufdrängt – ihn und nur ihn allein
+haben wir zu fürchten. Wie können die Massen noch an uns glauben, wenn
+die Männer des Zentrums, des Fortschritts und anderer bürgerlicher
+Parteien unsere Bundesgenossen sind – wozu dann der Kampf gegen die
+bürgerliche Gesellschaft, deren Vertreter und Verfechter sie allesamt
+sind? ... Ist einmal die Grenzlinie des Klassengegensatzes verwischt,
+sind wir einmal auf der schiefen Ebene des Kompromisses, dann gibt es
+kein Halten. Dann geht es weiter und weiter abwärts, bis es kein Tiefer
+mehr gibt ... Mit der Bewilligung der Kriegskredite 1914 hat die
+Sozialdemokratische Partei Deutschlands diesen Tiefpunkt erreicht.“
+
+Hier schon wurde der Diskussionsredner unterbrochen.
+
+„Reden Sie nicht in Zitaten und besonders nicht in solchen, die Sie
+nicht verstehen!“
+
+„Das habe nicht ich, sondern Karl Marx in seiner Einleitung zum
+„Bürgerkrieg in Frankreich“ gesagt, und das zweite Zitat ist von Wilhelm
+Liebknecht. Sie zeigen durch Ihre Zwischenrufe nur, daß sie mit diesen
+beiden Männern nichts mehr gemein haben ...“ erwiderte der
+Diskussionsredner.
+
+„Na, also da haben wir’s ja. Weiter habe ich ja auch nichts gesagt.“
+
+Der Zwischenrufer hatte Beifall.
+
+„Der Arbeiterverrat, den Sie heute vertreten“, fuhr Genosse Schnetter
+fort, „ist schon von langer Hand vorbereitet worden. Schon Kautsky, der
+Historiker ... in seinen Vorläufern des Sozialismus ... Welche
+internationale Bedeutung aber die Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914
+hatte, das kann nur der ermessen, der die ungeheure Ausnahmestellung,
+die die Deutsche Sozialdemokratie innerhalb der 2. Internationale damals
+innehatte, kennt, die Deutsche Sozialdemokratie war die Perle der ...“
+
+„Wirf sie jetzt nicht vor die Säue, Hund ...“
+
+„Theoretischer Quatsch!“
+
+„Schluß damit!“
+
+„Erledigt! Raus! Abtreten! Zur Sache!“
+
+Der Ordnerdienst schob sich unauffällig nach vorn. Hielt im Saal Umschau
+und stellte die Positionen derer fest, die dem kommunistischen Redner
+zustimmten.
+
+Eine kurze Unruhe entstand.
+
+Der Versammlungsleiter klingelte.
+
+„Holt doch einfach die Schupo ...“
+
+Der Diskussionsredner hatte sich dem Referenten halb zugewendet.
+
+„Lauter!“ brüllte jemand.
+
+„Keine Dialoge! Sprechen Sie zur Versammlung!“
+
+„Ihr seid an der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht
+schuld! Wollt ihr das noch immer nicht wahrhaben ... Ihr, ihr ...“
+
+Und unter einem brüllenden Gelächter zog der Kommunist eine Broschüre
+hervor.
+
+„Pfui! Pfui! Pfui! Schurke! Halunke! Schuft! Verleumdung! Elender
+Lügner! Von Moskau bezahlt! Erbärmliche Niedertracht! Brenn’ ihm eins!
+Jib ihm Saures ...“
+
+„Zehn Jahre SPD!“
+
+Einen Augenblick wurde es ganz still.
+
+„Blamieren Sie sich, so gut Sie können!“ schmunzelte jovial der
+Referent!
+
+„Arbeiter! Genossen! Seht Euch Euere Führer an! Wir Kommunisten würden
+doch nicht immer wieder auf die Haltung der SPD. während des Krieges
+zurückkommen, wenn nicht die Politik der SPD. nach dem Krieg, in jeder
+Epoche der Nachkriegszeit, denselben Arbeiterverrat darstellen würde ...
+Dieser Herr, der Herr Referent, der Euch heute abend noch soeben das
+Sachverständigengutachten so wohlschmeckend zubereitet hat, ist er nicht
+derselbe, der einstmals begeistert ausgerufen hat: „Ich geh zum
+Hindenburg!“ und der damals folgendes geschrieben hat: „Nur im Zeichen
+dieser Ströme von Blut, nur im Zeichen des zermalmenden Eisens, das
+diese Ströme hervorbrechen macht, können wir davon sprechen, daß das
+Ziel nahe ist. Wir müssen den Kriegswillen der Gegner im Blut ersticken
+...“ Das ist das eine. Das andere lautet – paßt gut auf! –: „Um alles in
+der Welt möchte ich jene Tage inneren Kampfes nicht noch einmal erleben!
+Dies drängend heiße Sehnen, sich hineinzustürzen in den gewaltigen Strom
+der allgemeinen nationalen Hochflut, und von der anderen Seite her die
+furchtbare seelische Angst, diesem Sehnen rückhaltlos zu folgen, der
+Stimmung ganz sich hinzugeben, die rings um einen herum brauste und
+brandete, und die, sah man sich ganz tief ins Herz hinein, auch vom
+eigenen Inneren ja schon Besitz ergriffen hatte. Diese Angst: Wirst du
+auch nicht zum Halunken an dir selbst und deiner Sache!? Darfst du auch
+so fühlen, wie dir ums Herz ist? Bis dann – ich vergesse den Tag und die
+Stunde nicht – plötzlich die furchtbare Spannung sich löste, bis man
+wagte das zu sein, was man doch war, bis man – allen erstarrten
+Prinzipien und hölzernen Theorien zum Trotz – zum erstenmal (zum
+erstenmal seit fast einem Vierteljahrhundert wieder!) aus vollem Herzen,
+mit gutem Gewissen und ohne jede Angst dadurch zum Verräter zu werden,
+einstimmen durfte in den brausenden Sturmgesang: Deutschland,
+Deutschland über alles! ...“
+
+Die Versammlung atmete kaum noch ...
+
+„Nun, Arbeiter-Genossen, und sehr verehrte „Herren“ Zwischenrufer von
+vorhin, ich frage Euch jetzt, urteilt selbst: ist das die Sprache eines
+Sozialisten!? Wem von Euch noch ein Funke proletarischen Ehrgefühls
+innewohnt, wer noch ein klein wenig proletarischen Klasseninstinkts sein
+eigen nennt, der wird nicht umhin können, eine solche Auffassung zu
+brandmarken als das, was sie in der Tat ist: als Ausdruck der
+schamlosesten, hundsföttischsten Korruption. Das ist zwar nicht
+Landesverrat, auch nicht Hochverrat, jeder dieser ehrenwerten Spießer
+ist würdig, mit dem _Pour le mérite_ dekoriert zu werden ... aber dafür
+ist es Arbeiterverrat, Arbeiterverrat und nochmals Arbeiterverrat! ...“
+
+Viele Arbeiter sahen bei diesen Worten sich unschlüssig an.
+
+Manche schüttelten mit den Köpfen.
+
+„Hat der wirklich so was geschrieben?!“
+
+„Kann’s gar nicht glauben ...“
+
+„Ja, bei der Stimmung, die damals gewesen ist ...“
+
+Vieler Augen öffneten sich jetzt weit, viele Ohren horchten gespannt.
+
+„Rasch! Mach schnell!“ flüsterte der Versammlungsleiter einem Funktionär
+zu, „sonst geht uns am Ende noch die ganze Versammlung aus dem Leim.
+Lieber noch sie hochfliegen lassen ...“
+
+Und der Funktionär gab unauffällig ein Zeichen.
+
+Vier oder fünf unter den Tausenden schrieen plötzlich los:
+
+„Unsinn! Blödsinn! Schuft! Neue Lügen! Kein Wort ist wahr! Alles
+gefälscht! ...“
+
+Die Arbeiter sahen sich wieder an.
+
+„Siehst du, das hab ich doch gleich gedacht, daß das so eine Lüge ist.
+Das wäre doch schon ... Da dürfte der ja gleich einpacken ... Aber was
+die Kommunisten sich nicht alles aus den Fingern saugen ... Pfui, Teufel
+...“
+
+„Das haben Sie, das haben Sie, Sie, Sie, Herr Genosse Bauer geschrieben,
+damals, und jetzt, jetzt schämen Sie sich nicht, jetzt wagen Sie es ...“
+
+„Schluß! Schluß! Schluß!“
+
+Der Versammlungsleiter klingelte.
+
+„... und so entziehe ich dem Redner wegen grober Verleumdungen
+persönlicher Art und wegen vollkommenen Mangels an Objektivität und
+Sachlichkeit das Wort ... Da kein Redner mehr gemeldet ist, hat unser
+Genosse Bauer das Schlußwort.“
+
+„Recht so!“
+
+„Bravo! Bravo! Raus mit ihm!“
+
+Der Saal stampfte. –
+
+Und schon wurde der Kommunist von einigen kräftigen Ordnungsleuten
+heruntergeholt. Genosse Bauer schüttelte noch den Kopf und riet
+überlegen freundschaftlich von Gewaltanwendung in diesem besonderen Fall
+ab.
+
+„Hofrichter-Rauscher-Breuer-Kuttner!“ drohte der Kommunist mit der Faust
+... „und damals in den Kapptagen, erinnern Sie sich noch auf der
+Pressekonferenz ... Sie, ihr, die wirklichen Urheber an der Ermordung
+... Soll ich Ihnen das sozialdemokratische Rezept verraten: Was sagt
+euer Wels: „Wir haben eine Bewegung der Arbeitermassen nicht zu
+fürchten. Wenn sie über unsere Köpfe hinwegzugehen droht, stellen wir
+uns an ihre Spitze und biegen die Bewegung um, wie 1918 ...“
+
+Dies schrie der Kommunist noch, schon halb aus dem Saal geschleift.
+
+Ein riesiger athletischer Bursche vom republikanischen Ordnerdienst
+klopfte jetzt auf ihm mit einem stählernen Totschläger einigemal herum.
+
+„Längst erledigt! Zur Sache! Moskowiter! Genosse Bauer hat jetzt das
+Wort ...“
+
+„Hinaus ... aus ... aus ...“ echote es rings.
+
+Am Saaleingang aber vermochte sich der Kommunist doch noch einmal
+aufzurichten, sich loszureißen und mit einer mächtigen Stimme
+schleuderte er zurück:
+
+„Ihr, ihr, ihr dort oben: ihr habt dem Proletariat den Mut, das
+Kraftgefühl, das Selbstvertrauen gestohlen. Und das ist vielleicht von
+allen eueren Missetaten, Unterlassungssünden, Gemeinheiten das
+Allerschlimmste ... Ihr seid in den Reihen der bürgerlichen Klassenarmee
+nichts weiter als die Spezialkommandos zur Niederknüppelung der
+revolutionären Arbeiterschaft ... Ihr seid der Klassenfeind im eigenen
+Lager ... Pfui, Mörder, Schufte, Verräter! Schluß mit euch ...!“
+
+Die Saaltür krachte jetzt zu.
+
+„So ein Kommunist ist nicht tot zu kriegen ...“
+
+Die Luft war wieder rein. –
+
+
+ IX
+
+Max beobachtete den Referenten, der soeben das Schlußwort ergriff.
+
+Wie vertrauenerweckend allein schon seine Gestalt war! Breit und
+behäbig, prall gefüllt mit Wohlüberlegtheit und kugelrund vor
+Verantwortlichkeit! Rotbackig, mit schwärzlich buschigem Schnurrbart.
+Ganz im Gegensatz zu dem Kommunisten, einem jungen und aufgeregten
+Bürschlein ... Sachlich, wenn es sachlich zu sein galt, voll von
+Entrüstung und gewitterschwangerem Pathos, wenn er auf die Umtriebe der
+Reaktion oder auf die schändlichen Machenschaften und Spaltungsversuche
+der Kommunisten zu sprechen kam. Ausgeglichen, männlich-reif ... Der hat
+Kenntnisse, der versteht was vom Handwerk, der läßt sich nicht so leicht
+unterkriegen, der hat Erfahrungen. Nun, schau nur einmal! ... Kurz
+gesagt: es war, als spreche hier der gesunde Menschenverstand selbst.
+
+Wie fieberig erhitzt dagegen der Kommunist wirkte! Ueberspitzt in allen
+seinen Gesten und Aeußerungen, jedes Wort maßlos übertrieben. Vor
+solchen Menschen muß man sich in Acht nehmen, wie das in ihren Augen
+flackert, in ihren Fäusten zuckt, in ihrem Brustkasten rumort ...! Die
+sind nicht schlecht verrückt! ... Donnerwetter ...
+
+„Nun, Genossen und Genossinnen, werte Versammlung! Dieser allem Anschein
+nach systematisch vorbereitete Sprengungsversuch der Kommunisten ist
+dank dem wirksamen Eingreifen unseres Reichsbanners –“
+
+„Bravo! Frei Heil!“
+
+„– mißglückt. Da haben Sie es! Aber der deutsche Arbeiter ist
+schließlich gerechtigkeitsliebend genug, um auch den Gegner so zu sehen,
+wie er ist. Ich spreche jetzt von der besitzenden Klasse. Lassen wir uns
+bei deren Beurteilung nicht von blindwütigem Haß hinreißen, ich gebe zu,
+mancher von uns, muß, um zu einem objektiven Urteil über seinen Gegner
+zu kommen, noch viel an sich arbeiten, denn die Theorie vom Klassenkampf
+hat viel an uns verdorben. Wir Sozialdemokraten vertreten die Gesamtheit
+der Nation, wir vertreten die Interessen aller Bevölkerungskreise, das
+Wort „Klassenkampf“ ist überhaupt veraltet und wissenschaftlich bereits
+längst überholt ... Also: mit dieser kommunistischen infamierenden
+Klassenhetze haben wir Sozialdemokraten nichts gemein. Von
+Kriegsgewinnlern und Inflationsschiebern abgesehen, was haben uns
+schließlich die Reichen getan, die in den Palästen wohnen? Sie sind dem
+Nestbautrieb gefolgt, sage ich, nichts weiter. Und dieser Tatsache
+müssen wir Verständnis entgegenbringen. Dafür wollen wir ihnen, bei
+Gott, nicht allzu gram sein ... Nun, zur Frage der Amnestie! Wer hat
+sich für die Amnestie eingesetzt!? Die Sozialdemokratie ... Ich brauche
+euch wohl nicht den Brief Max Hoelzens zu verlesen. Ihr kennt ihn ja aus
+dem „Vorwärts“. Aber es ist schließlich nicht ganz so leicht, immer
+gleich ebensoviel aus den Zuchthäusern herauszubringen, wie die Zentrale
+der Kommunistischen Partei jeden Tag durch ihre putschistische Taktik
+wieder hineinschafft. Eine Beharrlichkeit zeigen darin die Herrschaften,
+daß man sie beinahe bewundern möchte ... Wer aber knebelt, knechtet,
+verfolgt und verrät die Arbeiterschaft schlimmer als die dunkelste
+Reaktion!? Die Bolschewisten. Werft einen Blick in die russischen
+Gefängnisse, in die sibirischen Oeden! Denkt an die Greueltaten und an
+die Folterkammern der Tscheka! Und wer, frage ich euch, stellt immer
+wieder eigene Kandidaten auf, auch dort, wo gar keine Aussicht auf
+Erfolg ist, wer spaltet durch diese Manöver die Arbeiterschaft und wird
+so objektiv zum Steigbügelhalter der Reaktion? Wieder die Kommunisten.
+Ja, die Kommunisten sind an allem schuld. Und ich sage, lebte Rosa
+Luxemburg heute noch, sie stünde bestimmt in unseren Reihen ...
+
+„Bravo! Sehr richtig!“
+
+„Die Kommunisten aber treiben mit ihr Leichenschändung. Also darum! Auf
+an die Wahlurne! Abrechnung mit den Hetzern! Abrechnung mit jenen
+Kanaillen der Arbeiterschaft, den kommunistischen Berufsrevolutionären!
+Nieder mit der kommunistischen Bewegung, nieder mit den Kommunisten,
+dieser reaktionären Masse! ... Es lebe – – –“
+
+Und wieder dröhnte der Saal von dem dreimaligen „Hoch!“
+
+Langsam und schleppend wurde jetzt die letzte Strophe der
+„Internationale“ gesungen.
+
+Wie ein Trauermarsch.
+
+„Diese Welt muß unser sein!“
+
+Ja, so ist es. Aber wer glaubte noch daran!?
+
+Wie ein muskelloser, schlaffer, erschöpfter Körper: so war dieser
+Gesang. Tausend Münder schnappten automatisch auf und zu ... Kein
+Schwung, keine Kraft. Es zog nicht durch ...
+
+ „Erst wenn wir sie vertrieben haben –
+ Dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlaß ...“
+
+Auch viele kannten den Text nicht ...
+
+Aber ein Proletariermädchen sang mit, es war klein und schmal, es
+hustete oft dazwischen, die Haut war durchsichtig, die Augen groß
+aufgerissen: es sang mit einer hohen schönen Stimme, diese Stimme
+schwang sich im Gesang hell empor aus Elend, Lebensnot und
+Alltagseinerlei, diese Stimme war wie klares Eiswasser: die Hände
+ballten sich, schneller sang sie die Strophen wie die andern, aber sie
+wurde auch immer wieder unwiderstehlich in den zähen, trüben, kleberigen
+Strom des Massengesanges zurückgerissen ...
+
+Die Versammlung war zu Ende.
+
+Polizeimannschaften mit umgehängtem Karabiner patrouillierten.
+
+Das Wetter war umgeschlagen. Das Nebeldickicht verdampft. Es wehte ein
+scharfer Wind ... Die Nacht war eisig.
+
+Mit einigen Kollegen machte sich Max zu Fuß auf den Heimweg. –
+
+
+ X
+
+Lange Autoreihen vor den Hotels: betreßte Diener öffneten, die Hand an
+der Mütze, den Verschlag. Damen in Pelzmänteln, Herren in
+hochgeschlossenen schwarzen Mänteln, den Zylinder auf, dahinschreitend,
+beinahe akkurat so wie die Göttergestalten aus dem Altertum. Oder wie
+die Ritter meinetwegen ... Läden: aus denen wunderbar lackierte
+Autokarosserien hervorleuchteten ... Und wirklich schöne Frauen waren
+das vorhin, radikal mit den Augen einen zerschmeißen konnten die;
+duftiges Fleisch, ohne Fehl und Makel, irdische Göttinnen, gelenkig und
+geschmeidig. Wie sicher sie sich bewegen! Man mußte schon genau
+hinhören, wenn man ihre Sprache verstehen wollte. Gleichnisse, Tonfall:
+alles war anders.
+
+„Während unsereinem zu Hause die Frauen vor lauter Haushaltungsarbeit
+und Nahrungssorgen wurmstichig werden.“
+
+An den drei von der Versammlung heimkehrenden Proleten glitt das alles
+vorüber, wie eine unwirkliche Erscheinung.
+
+Das war wie das „Jenseits“.
+
+Einmal stieß der Metalldreher Lange den Max Herse in die Seite, man
+sprach aber dazu kein Wort: eine Gruppe von übergeschminkten Kokotten
+zwitscherte an einer Straßenecke herum, stürzte sich auf einen
+dicklichen angetrunkenen Herrn, der leicht schlingernd seines Weges
+daherzog: der dickliche Herr stoppte auch, nicht ohne Mühe,
+gestikulierte eifrig, nickte am Ende der Unterhandlung jovial und
+verschwand auch schon in der Nebenstraße, auf der einen Seite eingehakt
+von einer Spindeldürren, auf der anderen von einer Fetten.
+
+„Was so ein Späßchen bloß wieder mal kosten mag!“
+
+„Da schau nur mal an: so ein vollgefressenes Schweinchen das ... Na, dem
+gehört auch von seiner Alten der Buckel voll ...“
+
+Die Proleten lachten nur dazu. Schüttelten die Köpfe.
+
+ * * * * *
+
+„Nein, Wilhelm, wenn ich seh, wie die im Betrieb arbeiten! So eine
+Pfuscherei ... Ich sag dir ... laß mich aus damit ...“
+
+„Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln ... und das nennen sie
+dann Arbeit im Konsum, Gewerkschaftsarbeit ... Ist schon richtig: Fehler
+werden alleweil gemacht, Fehler müssen sogar gemacht werden, nur einer,
+der nichts tut, macht keine, aber absolut sich nun darauf zu versteifen,
+aus den Fehlern ausgerechnet nichts zu lernen ...“
+
+Der einzige von den dreien, der eben noch etwas für die Kommunisten
+übrig hatte, war Lange, Lange Wilhelm. Er war in einem Großbetrieb
+Metalldreher. Der Kollege Stilling von der AEG und Herse Max drangen nun
+auf ihren Arbeitskollegen Lange energischer ein.
+
+„Beim Streik bei der Turbine haben wir es wieder gesehen. Schön hübsch
+zuwarten, bis alles von selbst losgeht ... Dann sich hinten anhängen und
+das große Maul haben, aber nur, nur nichts organisieren ... was kommt’s
+denn auf drei oder vier Pfennig mehr Lohn an, sagen sich die vornehmen
+Herrschaften ... und doch kommt’s darauf an, sag ich, der hat auch für
+große Kämpfe nicht das Vertrauen der Arbeiter, der nicht ihre kleinen
+und kleinsten Alltagsschmerzen mit ihnen teilt ... Auf ein mehr oder
+minder gutes Klosett kommt’s an, und wer das nicht begreift ... Eine
+richtige Schwanzpolitik ist das ... Na, ihr werdet euch noch gewaltig
+die Finger verbrennen ...“
+
+„Und damals Wilhelm, wie wars denn im Oktober! ... Ich geb dir die Hand
+darauf, ich hab gewartet, daß es endlich losgeht. Kaum heimgeh’n hab ich
+noch können, immer war ich wie auf dem Sprung, und dann ... so in den
+Dreck gekrochen ... Pfui Teufel ...“
+
+Die beiden überschütteten Wilhelm mit einem Trommelfeuer von Vorwürfen.
+
+„Mag sein. Mag alles sein. Wir, wir vor allem in den Betrieben, müssen
+eben jetzt diese Fehler wieder herauswirtschaften ... Aber, wenn man so
+wie ihr auf der Seite steht ... Und seht da: 7000. Hunderte von Jahren
+Zuchthaus und Gefängnis sind es, Kollegen. Und 15000 haben sie allein in
+Deutschland unter die Erde geschossen. Und von Rechts wegen müßtet ihr
+auch die Kriegsverluste noch dazu zählen: 13 Millionen insgesamt gibt
+das ... Und diese Proleten, Kollegen, haben doch mit bestem Wissen, mit
+bestem Glauben, voll und ganz für uns gekämpft. Das könnt ihr doch,
+trotz alldem, nicht ableugnen ... Ist doch unser Blut! ...“
+
+„Mag sein. Die Führer sind schuld daran. Die haben sie hereingebracht.
+Die sind allesamt durch die Bank faul ... Moskau ...“
+
+„Nein, Kollegen, daran liegts nicht. Daran liegts, daß wir bisher noch
+keine richtige Partei gehabt haben. Die müssen wir uns erst schaffen.
+Ohne Partei keine Führer ... So ists. Und die SPD. ist eine bürgerliche
+Partei ... Wir brauchen jetzt eine wirkliche Arbeiterpartei. Das ist
+keine geringe Aufgabe ...“
+
+Der Kollege Lange wurde sich eigentlich erst während er sprach selbst
+klar darüber, was er jetzt vorbrachte.
+
+„Gut. Mag vieles davon stimmen, was ihr angeführt habt, du Herse und du
+Stilling. Aber auf das Ganze kommt es an, und da, das weiß ich, haben
+wir wohl recht ...“
+
+„Na, und stimmt das oder nicht, daß ihr Kommunisten auch immer dort
+eigene Kandidaten aufstellt, wo ihr gar keine Aussicht auf einen
+Wahlerfolg habt. Dadurch schwächt ihr nur die Arbeiterstimmen und
+leistet der Reaktion Vorschub. Wie heute abend auch richtig der Redner
+auseinandergesetzt hat ...“
+
+„Ein schöner politischer Schmierölfabrikant das ... Da erteilt euch aber
+Karl Marx eine ordentliche Abfuhr. Bei dem heißt es nämlich klipp und
+klar: „Selbst da, wo gar keine Aussicht zu ihrer Durchführung vorhanden
+ist, müssen die Arbeiter ihre eigenen Kandidaten aufstellen, um ihre
+Selbständigkeit zu bewahren, ihre Kräfte zu zählen, ihre revolutionäre
+Stellung und Parteistandpunkte vor die Oeffentlichkeit zu bringen. Sie
+dürfen sich hierbei nicht durch die Redensarten der Demokraten bestechen
+lassen, wie z. B. dadurch spalte man die Demokratische Partei und gebe
+der Reaktion die Möglichkeit zum Siege. Bei allen diesen Phrasen kommt
+es schließlich darauf hinaus, daß das Proletariat geprellt werden soll.
+Die Fortschritte, die die proletarische Partei durch ein solches
+unabhängiges Auftreten machen muß, sind unendlich wichtiger als der
+Nachteil, den die Gegenwart einiger Reaktionäre in der Vertretung
+erzeugen könnte ...“ So, da habt ihrs, schwarz auf weiß, wie damals, so
+heute ...“
+
+
+ XI
+
+Aber die Gegner Langes gaben sich damit nicht zufrieden. Nun fuhren sie,
+wenigstens ihrer Meinung nach, ein besonders schweres Geschütz auf.
+
+„Und Bazillen, Cholerabazillen, Giftgase und Fälscherzentralen ... So
+lies doch die Zeitung! ... Auch eine deutsche Tscheka gibt es und
+Terrorgruppen ... Ich will nichts zu tun haben mit diesen Bombenwerfern
+und Gurgelabschneidern ... Jeder ehrliche Prolet ... Ich meine nur: Pfui
+Teufel ...“
+
+„Wir haben doch das denkbar größte Interesse daran, daß der Kapitalismus
+sich entwickelt. Und solange außerdem noch zwei Drittel der Bevölkerung
+für den Kapitalismus stimmen ... Nein, Wilhelm, so eine Putschtaktik
+mache auch ich meinerseits nicht mit ... Und kannst du vielleicht
+bestreiten, daß gerade die Kommunisten es sind, die am meisten unserem
+„Reichsbanner“ zu schaffen machen. Da, wie wars denn neulich im
+„Sportpalast“. Glaubt ihr denn im Ernst: Radau, Zwischenrufe,
+Gummiknüppel und Schlagringe sind ein ausreichendes Beweismittel. Gerade
+das Gegenteil erreicht ihr! Das müßt ihr schon anders anfangen! ... Wie
+wollt ihr das alles vom Arbeiterstandpunkt, vom Standpunkt der
+proletarischen Revolution aus rechtfertigen. Aber Befehl ist eben
+Befehl. Und Moskau ist für euch schon der liebe rote Gott. Ja, wenn der
+Rubel rollt, so war es schon immer in der Weltgeschichte, und wo der
+hinfällt, da wächst keine Vernunft mehr. Heute ist die 3. Internationale
+nichts weiter mehr als ein Instrument der russischen Außenpolitik ...
+Mit Arbeiterinteressen hat das verflucht wenig zu tun ... Und
+„Reichsbanner“ oder „Stahlhelm“, was ist da das kleinere Uebel ...?
+Außerdem, so schlimm ist es ja nun, Gott sei Dank, mit dem Kapitalismus
+doch nicht. Wer arbeiten will und etwas kann, etwas kann vor allem, der
+bekommt auch Arbeit und hat zu essen. Aber schau dir nur einmal im
+Betrieb die Herren Genossen Kommunisten-Kollegen an: verstehn die
+vielleicht was vom Handwerk!? ... Bengels, freche Bengels sind sie, die
+große Schnauze haben sie, können sie vielleicht auf sachliche Einwände
+etwas wirklich Ernstzunehmendes erwidern ... zurückgeblieben und
+stehngeblieben mit ihren Anschauungen sind sie, weiter nichts ... Hie
+und da, das gebe ich gern zu, ist auch so ein Ehrlicher, so ein
+Fanatiker darunter ... So verbohrt, so verdreht ... Ich sage mir: man
+muß sich halt durchboxen ... Leben und Leben lassen ... Wird schon
+werden. Und die Auswüchse des Kapitalismus, die muß man bekämpfen. Habe
+nichts dagegen, wenn man die Wucherer und Schieber und mögen sie
+Minister und Kaiser und Könige und weiß Gott wie heißen, daß man die vor
+das Gericht stellt. Gerechtigkeit muß sein. Und die allzu große
+Ungleichheit zwischen Löhnen und Profit, die allerdings sollte auch
+beseitigt werden. Und wenn wir erst einmal die Mehrheit im Reichstag
+haben, dann wirst du sehen: wie ein Hagelwetter prasseln die Steuern auf
+den Rücken der Besitzenden nieder ... Du hast es doch heute abend selbst
+gehört ...“
+
+„Illusionen! Illusionen! Merkwürdig, wie ein Prolet sich heute noch
+solche Illusionen machen kann ... Ja, was ein jeder sich wünscht, daran
+glaubt er ... So arbeitet die SPD ... Es ist wirklich zum Verzweifeln.
+Zum Tieftraurigwerden ...“
+
+Wilhelm Lange pfiff leise vor sich hin.
+
+„Ruhe und Ordnung!“
+
+Auch der Kollege Stilling von der AEG war der gleichen Ansicht wie
+Herse.
+
+„Wir brauchen einen Linksblock, meinte der, mit Einschluß der
+Kommunisten meinetwegen, wenn, ja wenn sie positive Arbeit,
+Wiederaufbauarbeit leisten wollen. So etwas wie in England oder in
+Frankreich. Da sieh dir nur einmal das Leben eines Arbeiters in England
+an! In Amerika. Hast du nichts von Ford gehört. Es gibt eben zweierlei
+Kapitalisten. Solche und solche ... Jeder hat da bald schon sein eigenes
+Auto. Ganz bestimmt, so wird es bald auch noch bei uns kommen ... Und
+ich sehe gar nicht ein, warum wir uns nicht friedlich weiterentwickeln
+sollen. Die Kapitalisten haben gar kein Interesse mehr am Kriege. Ein
+viel zu großes Risiko. Viel zu viel Angst vor einer Niederlage, die
+immer mit Revolutionsgefahr verbunden ist ... Für den Kommunismus aber
+sind wir noch nicht im entferntesten reif ... Hast du denn keine Augen
+und Ohren, Wilhelm, und siehst und hörst nichts in den Betrieben!? Diese
+Schweinereien! Diese Schmierereien! Wie der eine gegen den andern
+stänkert! Denunziert! Den Lohn drückt! Sich zu Ueberstunden drängt! Um
+den Meister herumschwänzelt! Streik bricht! Da ist es mit dem
+Klassenbewußtsein nicht weit her ... Und die Kommunisten sage ich, die
+haben, sage ich, durch ihr Maulaufreißertum ein für allemal
+abgewirtschaftet. Revolutionsgewäsch, überradikales Geschwätz, weiter
+nichts. Ich meine halt schon, auf das eine kommt es jetzt an – Frieden
+auf Erden ...“
+
+Endlich kam auch der Kommunist wieder zu Wort.
+
+„Schau, Max, neulich bei dem Grubenunglück, da hast du ganz anders
+gesprochen. Da bist auch du aus deiner SPD.-Haut gefahren. Und heut!?
+... Es ist viel zu viel von Frieden die Rede, als daß es wahr sein
+könnte. Glaub mirs. Und haben wir nicht eigentlich noch immer Krieg: in
+Indien, in Aegypten, in China, bei den Türken, bei den Rifkabylen ...
+Bei uns selbst: ein trockener Krieg, wenn du willst ... Jeder Tag bringt
+doch neue Verluste ... Erwerbslose, Verhungernde, solche, denen die
+tödlichen Krankheiten direkt aufgezwungen werden ... Da war ich neulich
+dabei bei einer Armenkommission und habe einige Wohnungen besucht ...
+Na, sage ich dir: oft neun, zwölf Menschen in einem Raum, in einem
+Stalloch, und das war längst noch nicht das schlimmste ... Hundert
+Wohnungen gehören da einem, der vielleicht in Czernowitz sitzt. Heute
+ist _der_ Besitzer, morgen der ... So einer wechselt die Häuser wie die
+Wäsche. Reine Spekulationsobjekte sind solche Wohnhäuser ... Dabei
+verfaulen sie, verfallen sie ... Wer kümmert sich um sie. Der Staat
+vielleicht!? Na, der hat andere Sorgen ... Die Bettstellen waren halb
+durch die verfaulten Bodenbretter in den Keller heruntergebrochen, ein
+Gestank darin ... nein sowas kann man nicht schildern ... Ich sage dir,
+so eine Wohnung ist weiter nichts als ein langsam sich vollstreckender
+Lebensmord ... Und außerdem, sag ich euch, schaut euch nur einmal die
+Kriegsrüstungen an, das ist jetzt nur eine Atempause und alles spricht
+dafür, daß es bald wieder losgeht ...“
+
+„Nachtigall, ick hör dir tapsen ... Das ja eben ist’s, was ihr braucht.
+Natürlich! Natürlich! Aufstieg und Gesundung unseres wirtschaftlichen
+und politischen Lebens dürft ihr ja nicht wahrhaben wollen. Ihr müßt im
+Trüben fischen. Wo reine helle Luft ist, da ist keine Atmosphäre für
+euch, da ist für euch nichts herauszuholen ... Je schlimmer aber die
+Verelendung ist, je größere kriegerische Konflikte ausbrechen, desto
+mehr Wasser, glaubt ihr, bekommt ihr auf eure Mühle ... Ich könnte mir
+denken, daß ihr von diesem Standpunkt aus, wenn Ebert mal tot ist, auch
+dem Hindenburg noch zur Präsidentschaft verhelft ... Doch wartet nur!
+... Vielleicht läuft der Hase doch anders ...“
+
+„Ach, laß mich aus jetzt mit der leidigen Politik, darüber werden wir
+uns doch nicht einig werden, warten wir die Zeit ab, aber so, wie es
+heute ist, sind die Kommunisten nichts weiter als ein Agentenklub der
+russischen Außenpolitik. Lenin, das war schon ein Mann, Trotzki,
+meinetwegen auch, aber alle anderen, diese Berufsfeldwebel der
+Revolution, sind von Uebel ... Da schaut euch nur die deutschen
+Kommunisten an! ... Reaktionäre Masse ... Jüngelchen in kurzen Hosen,
+noch nicht trocken hinter den Ohren, Novembersozialisten, Dienstzeit:
+insgesamt drei Jahre Arbeiterbewegung höchstens. Aber das Maul umso
+voller mit Phrasen, mit revolutionären Scheinparolen, und wenn es mal
+losgeht, ebenso die Hosen voll ... Nur ein Lastkraftwagen mit Schupo ...
+und, heidi, heida, verschwunden schon sind sie ... Hast du nicht neulich
+gesehn, wie am Alexanderplatz von zehn Schupos eine ganze Demonstration
+dieser Lausbuben auseinandergesäbelt wurde ... Dieses Grünzeug. Recht
+geschieht ihm ... Immer mal festedruff ... Kein ehrlicher deutscher
+Prolet ...“
+
+Wilhelm haute jetzt nur noch die Sätze hin:
+
+„Aber die sozialdemokratischen Führer haben die Arbeiterschaft
+entwaffnet, wehrlos gemacht, verraten, dem Klassenfeind ausgeliefert ...
+Das haben sie ... Und fahnenflüchtig seid ihr allesamt geworden. Rot
+aber habt ihr mit schwarzrotschwefelgelb vertauscht. Fahnenflüchtige
+Mostrichbrüder! ... Aber es hat ja doch keinen Sinn ... Wir Kommunisten
+waren die einzigen, die gegen die Monarchisten wirklich mit der Waffe in
+der Hand gekämpft haben: siehe Kapp-Putsch ... Und das werden wir auch
+weiterhin tun ... Jetzt aber Schluß damit ...“
+
+ * * * * *
+
+In der Debatte setzte es jetzt wieder Schlag auf Schlag.
+
+Der Genosse Wilhelm stand in einem richtigen Kreuzfeuer ...
+
+„Kindertrompeten im Reichstag. Höllenmaschinen in Kathedralen.
+Explosivstoffe. Vor nichts Respekt ...“
+
+„Wir haben eben eine andere Auffassung vom Staat, wie ihr. – Wir, wir
+Proleten, wir sind die wirklichen Legitimen, wenn du so willst ... Und
+was die Gewinnung der Mehrheit innerhalb des kapitalistischen
+Systems betrifft, so ist das auch so ein utopischer Unfug. Der
+Mehrheitsgewinnung steht immer der mächtige Propagandaapparat der
+Bourgeoisie gegenüber, schau dir nur jetzt einmal den Rundfunk an,
+zu was allem der herhalten muß – und außerdem durch die
+Verschiedenartigkeit des Arbeitsplatzes, den jeder im Produktionsprozeß
+einnimmt ... Während des Kampfes erst, im Feuer des bewaffneten
+Aufstandes _wird_ die Mehrheit. Ihr solltet endlich euch über den
+statistischen Unsinn klar geworden sein ...“
+
+„Schon gut. Aber arbeiten, arbeiten, die Revolution wirklich
+vorbereiten, organisieren: das könnt ihr nicht ... Nur Terrorgruppen,
+und niederbomben ...“
+
+„Mag richtig sein, was das erste betrifft. Darin müssen wir gewaltig
+viel noch zulernen. Warum sollen wir eine vernünftige Kritik nicht
+ertragen. Und das ist das erste Gescheite, was ihr gesagt habt ... Was
+die Spitzel anbetrifft, so solltet ihr euch als Proleten schämen, so
+einen ausgemachten bürgerlichen Schwindel nachzuschwätzen ... Habt es ja
+selbst neulich erlebt: wie diese gekauften Subjekte provozieren ... um
+dann uns Kommunisten etwas anzuhängen ... Ja immer, das sind wir schon
+gewohnt, sind es die Kommunisten. Die sind an allem schuld ...
+Vielleicht auch die Sonne, das rote Biest!? ... Die Bourgeoisie verzapft
+schon einen Mist, wäre ja alles zum Lachen, wenn die Arbeiterschaft sich
+doch nicht immer wieder von ihr ein x für u vormachen ließe. So ist’s
+zum Heulen ...“
+
+Wilhelm verschnaufte sich.
+
+Der eine oder der andere brummte noch etwas.
+
+„Nichts für ungut“, knurrte der AEG-Kollege.
+
+„’s ist schon so, die Hemdärmel möchte man sich hochkrempeln, wenn man
+mit euch diskutiert“, gab Wilhelm zurück.
+
+Schwieg.
+
+Nun war wirklich einige Minuten lang Kampfpause. –
+
+
+ XII
+
+Das Gespräch brach ab.
+
+Schweigend schritten die drei nebeneinander her.
+
+So war kein Zusammenkommen.
+
+In Moabit begegneten sie auf einer Brücke einer Klebekolonne.
+
+Vom anderen Ufer blinkte, hell erleuchtet, die Meierei Bolle herüber.
+Der Fabrikschlot rauchte. Nachtschicht. Dunkle Schleppkähne lagerten
+unten am Spreeufer.
+
+ * * * * *
+
+Die drei betrachteten schweigend ein eben angeklebtes Plakat. Ein
+Gefangener, der mit ausgemergelten Fingern in die Eisenstäbe eines
+Gefängnisgitters hineingreift. Blutrot war die ganze Gestalt. Das
+verzerrte Gesicht: eine irrsinnige Grimasse. Darunter stand nichts als
+die Zahl: 7000.
+
+Max erinnerte sich einen Augenblick an eine Gefängnisbeschreibung, die
+er neulich irgendwo gelesen hatte. Auch im Polizeigefängnis am
+Alexanderplatz sollen unglaubliche Zustände herrschen. Daß Gefangene
+auch noch geschlagen werden können, Dunkelarrest usw. Das wahnwitzige
+Antreiber- und Auspressersystem, das in den Gefängnissen gang und gäbe
+ist: das Papierdütenkleben, Bindfadenfabrizieren, wodurch Tausende von
+Heimarbeitern brotlos werden. Der Hundelohn, der den Gefangenen dafür
+bezahlt wird. Das Vorenthalten aller anderen Lektüre, außer der
+geistlichen ... Das Untersuchungsverfahren, unter Anwendung von Torturen
+– wobei ohne Verurteilung schon drei Viertel des Menschen vor die Hunde
+geht. Während es im überzivilisierten Amerika schon Gefängnisse gibt,
+als Rundbau aufgeführt, von innen, von der Mitte aus alle Zellen von
+einem Beobachtungsturm einzusehen, der zum Schutz gegen Revolten mit
+einem Maschinengewehr bestückt ist ... Auch Gas soll schon in
+Gefängnissen gegen Meuterer angewendet worden sein, wenigstens las man
+so was zwischen den Zeilen neulich in einem Bericht. Wie Geständnisse
+von politischen Angeklagten erpreßt werden mit Hilfe von
+Daumenschrauben, Hundepeitschen, Mißhandlungen mit glühenden
+Eisenstäben, Schlägen auf die Sohlen ... daß gegen zwei Angeklagte erst
+neulich das Verfahren eingestellt werden mußte, weil der eine während
+der Untersuchungshaft wahnsinnig wurde und der andere Selbstmord verübte
+... Und dann erst, wie hingerichtet wird ... Das übersteigt schon jede
+Vorstellung ... Im Sowjetparadies aber soll es, den bürgerlichen
+Berichten nach, gar am schlimmsten sein ... Die Kommunisten also, die
+haben es gerade nötig ... Ein dummer Schwindel ist das ...
+
+Ein anderes Plakat: sehr hoch angeklebt: eine Riesengestalt, die mit
+einer Keule ein spinnenartiges Hakenkreuzgespenst erschlägt. Darunter
+stand: „Proleten! Tretet ein in den Roten Frontkämpferbund!“
+
+„Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und ein kranker Körper wie das
+deutsche Volk ihn darstellt, braucht nichts dringender als Erholung
+...!“
+
+Wilhelm Lange rang noch einmal nach Luft:
+
+„Nun zum Abschied, das will ich euch beiden noch sagen, ich hab mirs
+überlegt. Das was ihr von Haarspaltereien bei uns sagt, ist nicht
+richtig, theoretische Klarheit muß sein. Wenn die nicht ist, dann kommt
+bei Aktionen auch nichts rechtes heraus. Und da muß allerdings oft um
+einen I-Punkt gestritten werden ... Was ihr über die Arbeiterschaft
+Englands sagt, so müßt ihr bedenken, daß die an den Extraprofiten, die
+die Kapitalisten aus den Kolonien herausschlagen, Anteil hat ... Also,
+daß es dem englischen Arbeiter besser geht, dafür schuften eben
+Millionen indischer Kulis ... Dann: Krieg und Kapitalismus gehören
+zusammen. So einheitlich, wie ihr euch das vorstellt, entwickelt sich
+die Wirtschaft eben nicht. Sondern: in Widersprüchen, unter Krisen,
+Rissen und Sprüngen ... Was unsere kommunistische Arbeit in den
+Betrieben anbetrifft: richtig ist, wir haben noch nicht gelernt
+ordentlich zu arbeiten ... Woher das kommt, auch das will ich euch
+sagen: wir haben unsere Parteiarbeit in den vergangenen Jahren eben der
+ganzen politisch-ökonomischen Situation entsprechend auf den Endkampf
+eingestellt. Gut, nun müssen wir ummanövrieren ... Auch wir lehnen
+Reformen nicht ab, aber die Grundlage des richtigen Verhältnisses ist
+folgende: Reformen sind Nebenprodukte des revolutionären Klassenkampfs
+... Die Aufgabe einer wahrhaft revolutionären Partei besteht nicht
+darin, den unmöglichen Verzicht auf jegliche Kompromisse zu
+proklamieren, sondern darin, durch alle Kompromisse hindurch – insofern
+sie unvermeidlich sind – die Treue unserer Prinzipien, unserer Klasse,
+unserer revolutionären Aufgabe, unserer Sache der Vorbereitung der
+Revolution und Vorbereitung der Volksmassen zum Sieg der Revolution
+durchzuführen ... So gibt es auch Kompromisse und Kompromisse. Wenn du
+auf einer Landstraße von einer Räuberbande überfallen wirst, und du dich
+nur retten kannst, wenn du ihnen dein Geld gibst, so wirst du das tun,
+um dich möglichst schleunigst aus dem Staube zu machen. Das ist ein
+Kompromiß. Aber sich der Räuberbande anzuschließen, um gemeinsam andere
+zu überfallen: das ist auch ein Kompromiß, und zwar ein solches, wie es
+die Sozialdemokraten machen. Und nun weiter: nur die Auswüchse des
+Kapitalismus bekämpfen, bedeutet die Illusion in den werktätigen Massen
+nähren, als gäbe es einen gesunden Kapitalismus, was grundfalsch ist ...
+Zum Schluß, Kollegen: ich sage, diese Republik ist ein Treibhaus für die
+Kapitalisten und für die Reaktionäre, und ein Zuchthaus für die Arbeiter
+... Und so sieht die SPD. aus: die wie das Fegefeuer heute das Wörtchen
+Klassenkampf scheut, ihn praktisch längst hat fallen lassen und die
+dafür immer vom Gesamtwohl und vom Vaterland, das der Arbeiter
+bekanntlich nicht hat, schwafelt: die SPD. ist ihrer Politik nach, nicht
+den Massen nach, die ihr angehören, eine bürgerliche Partei ... Lebt
+wohl!“
+
+Die Drei trennten sich.
+
+Max war schon um die Ecke zuhaus. –
+
+
+ XIII
+
+„Restbautrieb – reaktionäre Masse – fahnenflüchtig!“
+
+So kollerte es noch lang in Maxens Schädel herum.
+
+„_Fahnenflüchtig!?_“
+
+Und diese Frage nahm plötzlich Gestalt an, wurde wie zu einem Menschen,
+der lang und tief in ihn hineinschaute.
+
+Dieser Mensch war seinesgleichen.
+
+Blut von seinem Blut.
+
+Ganz seiner Art.
+
+Hieß auch Max Herse. Trat jetzt vor ihn hin wie sein leibhaftiger
+Steckbrief.
+
+Dieser Max Herse fragte ihn:
+
+„Max, stimmt das: fahnenflüchtig!? Ist da nicht doch vielleicht etwas
+wahr daran!? ... Wie war das nur neulich bei der Grubenkatastrophe?
+Erinnerst du dich nicht mehr, was du unter dem unmittelbaren Eindruck
+dieses Unglücks alles gesagt hast!? ... Versprochen hast eigentlich?!
+... Fahnenflüchtig ... Desertiert aus der Klassenkampfreihe ...
+Verlassen das proletarische Banner!? ... Das Banner, für das dein Vater
+gekämpft und gelitten hat, für das deine Mutter sich so manchen Bissen
+vom Munde abgespart hat!? Die rote wehende Hoffnung deiner Millionen
+Arbeitsbrüder! Der Stolz deiner Arbeiterinnen-Schwestern, für das sie in
+manchen Nächten ihre Finger sich wund genäht haben ... Max Herse! Willst
+du nicht wieder ehrlich, proletarisch ehrlich werden!? ... Stimmt das
+nicht, was der Wilhelm sagte: „Ja, für euch bleibts halt ewig beim
+Alten, ihr wißt schon, was ich meine: Kaisergeburtstagsfeier und erster
+Mai ...“
+
+„Wieder ehrlich, proletarisch ehrlich werden ...!?“
+
+Max Herse sprach im Halbtraum schon, diese Frage nach.
+
+Und mit dieser ungelösten Frage auf den Lippen schlief er ein. –
+
+
+ XIV
+
+Man hörte die Atemzüge der schlafenden Menschen durch die Wände
+hindurch.
+
+Flackernd ging der Atem, oben und unten und nebenan, von Röcheln,
+Seufzern und holprigen Hustenanfällen unterbrochen.
+
+Viele Uhren tickten immer dazwischen.
+
+Wieder warf sich einer im Bett, einer schlich den Gang entlang, jetzt
+tastete es nach einer Klinke; eine Tür knarrte.
+
+Schritte kamen von der Straße hoch, fern, dann nah, wie tropfenweis.
+Stimmen, das Tappen eines Betrunkenen, Autohupen; Klingeln, die
+plötzlich schrillten. Und man konnte nur schwer unterscheiden zwischen
+dem ewigen selbsttätigen Knirschen der morschen Diele und dem
+Menschenstöhnen und Menschenächzen.
+
+Katzen kreischten. Hunde winselten.
+
+Auf ein Fenster drückte der Wind. Ein Schrank krachte.
+
+Traum-Schreie ...
+
+Ein Mensch hatte seinen Anfall. Das Schaumweiß brodelte ihm um den Mund.
+Da zündete jemand eine Kerze an, warf sich über ihn und hielt ihn im
+Bett fest.
+
+Monoton lallte jetzt einer vor sich hin. Einer räusperte sich ...
+
+Das Wasser im Kanal gluckste. Fernzüge pfiffen. Die Räder stießen auf
+den Schienen einen dumpfen rauschenden Takt ...
+
+In einem Kübel plätscherte es. Einer wusch sich. Die Vorposten des bei
+Tagesgrauen aufmarschierenden Arbeiterheers standen schon wieder auf und
+machten sich kampfbereit. Auch die Milchfuhrwerke schepperten schon
+wieder in der Straße. An den Litfaßsäulen arbeiteten in weißen Kitteln
+die Plakatankleber ...
+
+Zähne knirschten, Fäuste krampften sich, Kniee zogen sich an, Hände
+glitten über Decken und strichen sie glatt.
+
+Wie ein Mensch lebt –
+
+Wie ein Mensch kämpft –
+
+Wie ein Mensch schläft – –
+
+Da lagen sie auf den Bäuchen, auf dem Rücken, auf der Seite, in allen
+Stellungen, allein und zu zweit, ausgespreizt und zusammengedrückt,
+nackt, namenlos. In allen Stellungen aber wie Plastiken aus jener
+Galerie, die genannt ist: „Die Verdammnis des Menschendaseins“ ...
+
+ * * * * *
+
+Andere wieder banden sich die Nacht wie eine Maske vor.
+
+Rudelweis zogen Menschen auf Raub.
+
+Andere auf Menschenjagd.
+
+Einer stößt jetzt vielleicht dem anderen das Messer in die Brust. Einer
+knüpft sich jetzt den Strick zurecht, seift ihn irrsinnig-grinsend ein.
+Nebenan hört man jetzt ein Geräusch, dumpf, wie das Fallen eines
+Gegenstandes: er hat den Stuhl unter seinen Füßen weggezogen. Zwei, drei
+Schlingerbewegungen macht der Körper noch: dehnt sich, ein Muskelspiel
+zuckt, ein Speichelfaden sabbert lang aus dem Mundwinkel ... Schluß ...
+
+Kauerten da nicht welche in Knäueln, drei, vier Leiber in einem Bett;
+fünf auf dem Fußboden; lagen sie nicht da, als ob sie sitzen würden,
+schliefen nicht welche an den Straßenecken im Stehn, und was schnarcht
+hier oder lehnt sich mit weit aufgerissenen Augen des Nachts in
+Parkanlagen auf den Bänken!? ...
+
+ * * * * *
+
+Das höllische Tagestempo zitterte noch in der auf Leerlauf abgestellten
+Menschenmaschine nach. Die Gesichter von Lebensangstschweiß und
+Todesschweiß überzogen wie von einem geheimnisvollen Firnis.
+
+Verstreut wie auf einem unendlichen Schlachtfeld reihenweis Gemordete. –
+
+
+
+
+ 4. Kapitel.
+
+ Nur ein Traum ...
+
+
+ Nur ein Traum ... – „Die neue Sintflut
+ kommt von oben und als Gift.“ – Liebe
+ Erinnerungen – Der 22. April 1915: ein
+ Wendepunkt in der Kriegsgeschichte. Die
+ Deutschen blasen in Flandern,
+ Frontabschnitt Bixschote-Langemarck,
+ gegen englische Stellungen Gas ab. –
+ Gasschießen, Gaswerfen. Eine Gastaktik
+ entwickelt sich. – Doch alles in allem:
+ es bleibt beim Experiment. (Diesmal
+ noch.) – Und was gewesen ist, ist
+ gewesen. Keiner denkt mehr daran. –
+
+
+ I
+
+Der Traum, den Max Herse in dieser Nacht träumte, war merkwürdig genug.
+
+Er zerfiel in drei Teile.
+
+Im ersten Teil lag die Erde da, ein blühendes Chaos.
+
+Ströme rissen dahin, Meere wölbten sich vor den Horizont; Sümpfe,
+Urwälder, Schlingpflanzen; Feuersäulen stiegen aus den Bergen, Felsen
+kollerten tosend herab, Tiere aller Art krochen, hüpften, schlichen in
+diesem Labyrinth, der Mensch, mit riesigen Kiefern und krallenbesetzten
+Würgfäusten bewehrt, kämpfte um das nackte Leben. Langsam wuchs um ihn
+der Menschenraum. Er drängte Schritt für Schritt die Wildnis zurück.
+Immer wieder aber überfielen ihn die Naturgewalten, er duckte sich, wie
+ein ungeheueres Gewicht lastete über ihm das Unheimliche, das
+Unerklärliche. Brust an Brust rang er mit den Ungeheuern, da schwang er
+schon das Steinbeil, die Schädel der Bestien sprangen entzwei, aus
+tausend Biß- und Kratzwunden troff aber der menschliche Körper und
+blutete. Blitze spritzten aus dem Gewölk herab, endlich fand er das
+Feuer. Mit Sturmfluten überschüttete das Meer das Land, Felsblöcke und
+Waldberge trieb ein Riesenorkan vor sich her, Lawinen brüllten, der
+Erdboden spaltete sich, Dämpfe und Gase zischten empor aus Kraterlöchern
+und Schlitzen. Hart, stahlhart war der Körper des Menschen, mit langen
+Haaren bedeckt, aber schon hatte er sich Waffen und Werkzeuge
+geschaffen, er zog aus den Höhlen, deren Wände mit Tierfratzen bedeckt
+waren, aus; auf riesige Strecken verteilt sah man den Rauch der ersten
+menschlichen Siedlungen. Gemeinsam zog man zur Jagd, gemeinsam wurde der
+Boden bestellt, gemeinsam gearbeitet, gemeinsam wurden Früchte und
+Jagdbeute verteilt: alles gehörte allen gemeinsam.
+
+Eine Sekunde:
+
+Das Traumbild sprang in ein anderes um.
+
+Tausende von Jahren wohl müssen inzwischen vergangen sein.
+
+Beinahe in geometrische Figuren eingeteilt war die Erde. Berge waren
+noch da, auch Wälder, auch Meere, auf denen schwimmende Kolosse
+kreuzten, Geleise, mit sausenden Strichen, die Züge darstellten,
+durchschnitten kreuz und quer das Land. Stadt an Stadt, alles war
+abgegrenzt, eingeteilt. Der Mensch war gewachsen: er streckte seine
+Organe aus, eiserne Gelenke; seine Stimme, durch elektrische Wellen
+getragen, war vernehmbar zugleich in allen fünf Erdteilen. Er konnte
+sich abheben von der Erde, er flog durch die Lüfte ... Riesige Maschinen
+stampften unermeßliche Schätze aus der Erde; ein Griff an einem Hebel:
+ein wunderbarer Mechanismus setzte sich leise surrend in Bewegung:
+millionenfache Muskelarbeit wurde spielend geleistet: aus Wasserkraft
+wurde Licht, aus Winden, aus Gasen zog man Triebkraft, die Meerbrandung
+wurde auf geniale Weise in Krafterzeugnis umgesetzt, ja die Umdrehung
+der Erde selbst wurde bereits von phantasiebegabten Technikern als
+Arbeitsertrag in Rechnung gestellt.
+
+Der Mensch hatte die Erde erobert.
+
+Die Naturgewalten waren bezwungen, Götter und Götzen waren gestürzt, das
+Unheimliche, das Schicksal, Gott selbst, ward seines Thrones enthoben,
+das Zeitalter der Maschine, so hieß es, welch ein Zeugnis von
+Menschenkühnheit und Menschengeist!
+
+Und wie nun sahen diese Menschen aus!?
+
+Da marschierte es auch schon heran, Kolonne hinter Kolonne, durch
+Straßen, wie mit dem Lineal ausgerichtet, hinweg über Brücken, unter
+denen Schnellzüge beinahe lautlos glitten, marschierte schon heran, früh
+morgens 5 Uhr, riesigen Fabrikgevierten zu; es waren Millionen, Männer
+und Frauen, Scharen von Kindern: mit Ruß bedeckt, Schwielen an den
+Händen, ach so dürftig gekleidet, mit ausgeglänzten Augen, schwerfällig,
+wie unter einer ungeheuren Riesenlast jeder Schritt. Einarmige und
+Einbeinige waren darunter, stumm, lautlos marschierten sie ... Ja, was
+war das?
+
+Aber in Pelze und Seide gekleidet wandelten andere auf breiten Straßen,
+diese Straßen mündeten wie in Marmorbecken in große runde Plätze, Palast
+stand dort an Palast, große goldene Wappen blinkten von den Balkonen,
+und hinter seidenen, von kristallischen Lüstern durchhellten Gardinen,
+war eine Menschengesellschaft sichtbar, manche in Klubsesseln und
+Schaukelstühlen nach dem Takt der Musik sich wiegend, manche auf- und
+abpromenierend, alle in Fräcken oder in Uniformen, neben Menschen, die
+richtig wie fleischige Schwämme aussahen, aber auch hartgeschnittene
+Gesichter darunter, kalt die Augen, völlig mitleidlos ...
+
+Ja, was war das ...?
+
+Und die Armen drängten gegen die Reichen, und die Reichen drückten die
+Armen, die Armen aber wurden immer mehr, die Reichen dafür immer
+grausamer und unerbittlicher, Land, Maschinen, das alles gehörte den
+Reichen, und der Staat dazu, der selbst eine Maschinerie darstellte, aus
+Polizeibeamten, Aufsehern, Henkern, Soldaten, Pfaffen, Richtern
+bestehend; fabriksmäßig, serienweise wurde Recht gesprochen, rein
+mechanisch hingerichtet und verurteilt; empörte sich einer wider diese
+Ordnung, wurde ganz sachlich abtaxiert: wie hochprozentig die
+revolutionäre Energie zu bemessen sei, und demgemäß wurde mit so und
+soviel Jahren Zuchthausstrafe gegen ihn verfahren ...
+
+Dabei riß aber dies Traumbild mitten entzwei, es gab sozusagen einen
+gewaltigen Zwischenfall.
+
+Tafeln erschienen mit der Aufschrift: „Burgfrieden“, man sah von
+Rednertribünen auf Plätzen von gewaltigem Umfang Menschen auf die Massen
+einreden, die nickten alle mit den Köpfen, gewaltig ertönten in allen
+fünf Weltteilen die hundert verschiedenen Nationalhymnen.
+
+„Euer Gott ist nicht unser Gott.“
+
+„Der unsere ist der richtige.“
+
+„Wir allein sind das auserwählte Volk.“
+
+„Nein wir“, schrie es sofort von entgegengesetzter Seite.
+
+„Ihr habt uns überfallen.“
+
+„Nein ihr, ihr habt zuerst die Grenzen überschritten.“
+
+Und 70 Millionen Menschen zogen aus und kämpften gegeneinander.
+
+Die Erde war wie eine Mondlandschaft. Von den Millionen und
+Abermillionen Granattrichtern war sie ganz pockennarbig.
+
+„Absatzmärkte! Absatzmärkte!“ schrie es wie toll in allen fünf
+Weltteilen durcheinander, „wir wissen schon nicht mehr, wie wir
+profitabel noch weiter produzieren sollen.“
+
+Dort wurde Getreide in Lokomotiven verheizt, hier verhungerten
+Millionen. Hier starben Menschen vor Unterernährung, dort starben welche
+an Unmäßigkeit. Der eine fraß, der andere wurde gefressen. Manche, die
+auf diese Ungleichheit hinwiesen, kamen sofort, mit Ketten behängt, ins
+Gefängnis.
+
+Aber es kam noch schlimmer.
+
+Ganze Hundertschaften von Aeroplanen erhoben sich plötzlich, kein Mensch
+war darin, sie wurden ferngelenkt und steuerten mechanisch über das
+Meer. Drei schwere Flügelbomben hingen, leicht hin und her pendelnd,
+unter jedem. Sicher summten sie ihrem Ziel zu.
+
+Eine Riesenstadt.
+
+Die Fabriksirenen wimmerten.
+
+Die Riesenstadt: ein seltsames Knistern von ineinandervermischten
+Menschenstimmen, Eisenbahnpfiffen, Räderrollen und Schrillen an Kurven
+sich bildender Tonschleifen: ein gespenstisches Orchestrion.
+
+Das Licht in den Straßen erlöschte.
+
+Ganz plötzlich: man rannte gegen die Finsternis fest, wie gegen eine
+Mauer.
+
+In den Verkehrszentren der Stadt fuhren Scheinwerferkolonnen auf,
+Menschengruppen, die sich bildeten, wurden auf Anordnung der Regierung
+sofort zerstreut.
+
+Menschen schrien laut vor sich her, die Autos fuhren energisch hupend
+ganz langsam.
+
+Kein Mensch wußte eigentlich, was los war.
+
+Man munkelte zwar allerlei ...
+
+Es mochte gegen drei Uhr morgens gewesen sein. Menschen saßen auf den
+Dächern, Menschen saßen in Kellern. Andere tasten sich noch immer unter
+Lebensgefahr in den Straßen herum ... Ein leichter Regen setzte ein,
+dann wurde es wieder still. Warm und schön war die Nacht. Einer
+behauptete, er hätte das feine Knattern eines Motors in den Lüften
+gehört. Alles lauschte angespannt. Schon wurde es ein wenig heller.
+
+Ein leichter elektrischer Ferndruck: und die Flügelbomben stachen
+senkrecht hernieder.
+
+Ein feiner Knall.
+
+Nur ein wenig Staub, sonst war nichts sichtbar.
+
+Ein dumpfer Krach.
+
+Wie wenn ein Fels auf eine weiche Polsterung fällt.
+
+Ein zweiter, dritter, vierter ... Noch mehrmals. Jetzt hörten aber alle
+ganz deutlich das feine Knattern. Zur gleichen Zeit fielen Schüsse.
+Leuchtraketen spritzten hoch. Die Scheinwerfer gruben sich wie ein
+Lichtspaten in die Wolkenberge ...
+
+„In die Keller“, schrieen die einen.
+
+„Oben auf den Dächern ist man geschützter“, diskutierten die andern.
+
+Manche blieben auch wie festgenagelt dort, wo sie gerade standen.
+
+Groß und rotstrahlend ging bald darauf die Sonne auf.
+
+Schwere Tanks holperten wie Stahlschildkröten durch die Straßen. Kein
+Mensch war zu sehen.
+
+Einer der Tanks schien einen Motordefekt zu haben, die Mannschaft stieg
+aus: sie war wie Taucher gekleidet, das Gesicht von einer massiven
+Gasschutzmaske bedeckt, schwerfällig humpelten sie um den Wagen herum.
+
+Die Tankkolonne machte einen Augenblick halt.
+
+Ein Pfiff –
+
+Die Stahlungeheuer setzten sich wieder in Bewegung.
+
+ * * * * *
+
+Es wurde durch diese Kolonnen festgestellt: drei Viertel der Stadt waren
+vergast. Kollektivschutzräume, wie mancher Schwärmer erhofft hatte,
+bestanden nicht, die Gasmasken, nur für die Kampfstoffe des
+vorhergegangenen Krieges beschaffen, mußten versagen. Trank und Speise
+waren vergiftet. Die ersten Anzeichen von Seuchen machten sich
+bemerkbar.
+
+ * * * * *
+
+Drei Stunden später – und trotzdem die Bewohner mit Masken und Anzügen
+geschützt waren – lagen sie da, wimmernd und vor Hilfeschreien gellend,
+die meisten in den Kellern, andere aber irrten wie wahnsinnig auf den
+Dächern umher, spreizten Beine und Arme und stürzten sich unter einem
+grausigen Fluch auf die Trottoire hinab. Ueberall sah man Blutlachen.
+
+„Vom Himmel hoch, da komm ich her“, tönte noch in diesem Augenblick ein
+heller Kinderchoral aus dem Dom, die Glocken schwangen, ja es war
+Weihnacht. Und trotzdem –
+
+Die Flügelbomben verrichteten als mechanische unpersönliche Henker
+getreulich ihre unumgängliche Blutarbeit.
+
+„Das ist das neue Gas“, sagte jemand ... „und wie sich herausstellt,
+unsere Versuche haben sich demnach gelohnt.“
+
+„Friede auf Erden.“
+
+„Amen! Amen ...“, scholl es im Chor wieder dazwischen.
+
+Die Farbstoffabriken waren jetzt plötzlich riesige Arsenale.
+Unterirdische Gänge. Auch tief in den Schächten der Bergwerke wurde Gas
+fabriziert. Ununterbrochen experimentierten die Chemiker an neuen
+Kampfstoffen herum.
+
+Es dauerte nicht lange.
+
+Ein Monat – und alles Lebendige war auf der Erde vernichtet.
+
+Und es wurde auf dieser Erde still, mäuschenstill.
+
+Uhren hörte man noch ticken.
+
+Auch sie blieben allmählich stehn.
+
+Nur das Rauschen noch von Wassern, der Wind, und da es Sommer und
+übermäßig heiß war, das Brodeln und Zischen der menschlichen Leichname,
+die geräuschvoll in Verwesung übergingen.
+
+Nichts sonst.
+
+
+ II
+
+Es hätte aber auch leicht anders werden können, sagte jemand, und der
+Traum, den Max Herse träumte, kehrte jetzt wieder ein ganzes Stück
+zurück: über die Vernichtung hinweg, er fing wieder beim Erscheinen der
+Flieger an.
+
+Kaum hatte sich das Gerücht verbreitet, daß die Flugflotte mobil gemacht
+würde, als auch schon riesige unübersehbare Menschenmassen auf die
+Straßen trieben, Arbeiter, Angestellte, Reden wurden gehalten,
+Flugblätter verteilt, wie ein aufgestöberter Ameisenschwarm war es.
+Polizeisoldaten, Soldaten sah man unter der Menge, ja auch Angehörige
+der Luftflotte selbst sah man unter ihnen. Der Zug der Demonstranten
+brandete als eine gefährliche Woge gegen die Regierungsviertel. Hier
+hatte man die zuverlässigsten Regimenter bereitgestellt, auch zivile
+Wehren, meist aus Studenten zusammengesetzt, man sah es ihnen an, sie
+waren vor einigen Stunden erst eingekleidet. In Berlin, in Jokohama, in
+Paris, in Chikago, in London: überall fanden diese Demonstrationen,
+beinahe zu gleicher Zeit, statt ... Schon waren Truppen von Bewaffneten
+zu bemerken, ein Schuß fiel, irgendwo ging ein Maschinengewehr von
+selbst los ... das war das Zeichen zum allgemeinen Angriff, das
+Regierungsviertel wurde gestürmt, Telefonzentrale, Bahnhöfe waren im Nu
+besetzt, um andere Stellungen tobte der Kampf noch stundenlang. –
+
+Durch Verhandlungen wurde der Vorstoß der Revolutionäre aufgehalten, die
+Regierung konzentrierte in den Vororten gewaltige Truppenmassen.
+
+Im Norden der Stadt wurde ein Aufstand von Arbeitern rasch
+niedergeschlagen. Trotzdem kamen aus der Provinz, wo geflüchtete
+Revolutionäre Landarbeiter und Kleinbauern mobilisiert hatten, stündlich
+neue Nachrichten. Das ganze Land war wie ein Mann losgebrochen, hatte
+Gutshöfe gestürmt, alle wichtigen Eisenbahnknotenpunkte waren besetzt,
+eine Rote Armee war im Anmarsch. Die Arbeiter in den verschiedenen
+Stadtvierteln, waren glänzend benachrichtigt. Trotzdem war beinahe
+niemand auf den Straßen zu sehen. Unterirdisch aber, das spürte man
+förmlich durch die Wände hindurch, vollzog sich beinahe automatisch eine
+ungeheure Bewegung.
+
+„Bewaffneter Aufstand!“ surrten hinaus ins Land die Telegraphendrähte.
+
+„Der Aufstand ist geglückt“, surrte es schon drei Tage darauf. Das
+Proletariat hat die Macht erobert. Den Krieg verhindert. Es hat Opfer
+gekostet, aber Opfer, gering im Vergleich zu dem, was gekommen wäre ...
+
+ * * * * *
+
+Traumbild an Traumbild zuckte vorwärts.
+
+Das alles erstreckte sich über Jahrzehnte, nur im Traumreich war alles
+so verdichtet und zusammengedrängt. In der Traumlandschaft verkürzte
+sich und überschnitt sich jede Perspektive.
+
+Durch Rauch und Blut, an Stationen neuen Elends vorbei durch neue Wüsten
+hindurch, an Stätten neuer Demütigungen und Kreuzigungen vorüber. Und
+trotz alledem, es ging vorwärts.
+
+Und am Ende dieses Weges blühte die Erde, blühte, wie sie noch nie
+geblüht hatte. Jubelte, wie sie noch nie gejubelt hatte. Die Menschen
+waren einfach und schön, von einander beinahe nicht unterscheidbar.
+Tiefblau war alles, alles so selbstverständlich.
+
+Die Arbeitsmethoden waren unendlich vervollkommnet. Trotzdem hörte man
+jeden Tag von neuen Erfindungen; denn alles ließ sich immer noch viel
+besser machen, als es schon war. Als Grundsatz galt: mehr Kraft auf
+irgendeine Arbeit zu verwenden, als absolut notwendig ist, ist
+Verschwendung und damit gesellschaftsschädigend ... Immer mehr
+verteilten und differenzierten sich die einzelnen Handgriffe;
+Wunderwerke von Maschinen verrichteten, mühelos einem elektrischen
+Hebeldruck gehorchend, das Allernotwendigste, die menschliche
+Schwerarbeit war erfolgreich auf ein Mindestmaß reduziert. Die
+Arbeitsplätze waren so beschaffen, daß sie ohne besondere Vorkenntnisse
+von einem jeden eingenommen werden konnten. Nur ein Prozent der
+menschlichen Arbeitsleistung verlangte noch längere Schulung und
+besondere Vorkenntnisse. Wobei allerdings zu bemerken ist: das
+allgemeine Bildungsniveau überragte um ein vieltausendfaches den
+heutigen Durchschnitt ... Für alle war Arbeit da. Für alle waren in
+überreichem Maße Mittel zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft da.
+Ungeheure menschliche Energien wurden dadurch der elenden Sorge um das
+tägliche Brot entbunden und für neue gewaltige Unternehmungen
+freigelegt. Der menschliche Geist stürzte sich in den Weltraum. Die
+Menschen wurden stolz auf die Welt, sie schufen sie immer mehr nach
+ihrem Bild: die Welt wurde zur Menschen-Schöpfung ...
+
+Weit, weit ... man konnte tief Atem holen, man hatte Luft zum Leben ...
+
+Mit einem solch tiefen Atemzug wachte Max Herse auf.
+
+6 Uhr.
+
+Der Fabrikgang begann.
+
+Was war das nur?
+
+Ein Traum. Nur ein Traum?
+
+Was wohl dieser Traum bedeutete?
+
+Der Traum ließ nicht von ihm, er ging neben ihm her, er begleitete ihn,
+oft sah Max Herse sich nach ihm um oder zur Seite.
+
+Er versuchte ihn jetzt von sich abzuschütteln. Er wollte nicht darüber
+nachdenken. Er sagte zu ihm, wie zu jemandem, der sich aufdrängen will,
+unwirsch, und mit dem Fuß stampfend:
+
+„Ach, laß mich!“
+
+
+ III
+
+Bevor der Straßenbahnschaffner in den Dienst gegangen war, hatte er Max
+noch eine Zeitung zugesteckt ...
+
+„Da lies!“
+
+„Ein groß angelegter Betrug. Was geschieht mit den Spenden für die
+Hinterbliebenen der 136 ermordeten Kumpels der Zeche „Königin Luise“
+...? Kaum hatten sich die Erdhügel über den 136 Opfern geschlossen, da
+hatte man vergessen, was man gestern noch zum Ausdruck gebracht hatte.
+Alle die schönen Worte erwiesen sich als leerer Schall ...“
+
+Max wusch sich eben.
+
+„Und was war gestern abend los ...?“
+
+Max wich aus:
+
+„Ach, wie immer dasselbe. Man kennt sich überhaupt nicht mehr aus.“ –
+
+Max war in den letzten Tagen bedeutend vorsichtiger mit seinen
+Aeußerungen geworden. Eine tiefe innere Unruhe trieb ihn. Er versuchte
+neben dem „Vorwärts“ auch die „Rote Fahne“ zu bekommen. Auch die
+Betriebszeitungen las er gründlich durch. Er begann von neuem seine
+Kollegen im Betrieb zu studieren, war selbst sehr zurückhaltend, er
+lauerte auf jede Antwort, er selbst fragte nur, um zu lernen. Bei allen
+Debatten, die sich immer aus Anlaß einer scheinbar ganz nebensächlichen
+Betriebsangelegenheit zuerst entspannen und sich sofort zu
+Zusammenstößen zwischen SPD und Kommunisten entwickelten, bei allen
+derartigen Auseinandersetzungen ergriff Max nicht mehr Partei.
+
+Kinos, Vergnügungslokale, Kneipen mied er, er holte sich bei Kollegen
+einige Bücher, fraß sich mit Müh’ und Not durch. Er wollte unbedingt
+dahinter kommen. –
+
+ * * * * *
+
+Was gewesen ist, ist gewesen. Oder: keiner denkt mehr daran. Aber
+plötzlich eines Tages überfällt dich ein Teil deiner Vergangenheit,
+stürzt sich auf dich, wälzt sich auf dir herum, man biegt und krümmt
+sich unter der Last: bis das drückende Gewicht solch einer Erscheinung
+zu schweben beginnt, kampflos von einem abläßt, und man plötzlich
+wieder, so wie man ist, mit sich selbst da steht, ohne noch über das
+Wesen dieser Bedrückung und den Zusammenhang, in dem sie erschienen ist,
+sich klar geworden zu sein.
+
+So geschah es auch Max, als ihn die folgenden Erinnerungen aus dem
+Weltkrieg heimsuchten. –
+
+
+ IV
+
+Max Herse war damals knapp 19 Jahre alt. Aber er hatte alles
+darangesetzt, als Kriegsfreiwilliger mitzukommen. Sein Schulkamerad
+Franke war sogar von jenseits des Ozeans zu den Waffen geeilt.
+
+Das waren Tage! Das Leben flaumleicht. Der Körper ging wunderbar, wie
+mit Elektrizität geladen.
+
+ * * * * *
+
+Es war am 22. April 1915 in Flandern.
+
+Frontabschnitt Bixschote-Langemarck.
+
+Gegen englische Stellungen.
+
+Windstärke 2 bis 4 Sekundenmeter. Witterung kalt und trocken.
+
+Zerfetzte Bäume am Horizont wie Drahtgespinste. Vereinzelte Vogelrufe
+durchschwirrten die Weltöde.
+
+Geheimnisvolles munkelte man. Von einem Ueberläufer war die Rede, der
+alles an die Engländer verraten hatte. Gerüchte. Gegengerüchte.
+Jedenfalls etwas Neues. Man ahnte nicht was, wußte nicht, wie ...
+
+Es war 5 Uhr nachmittags.
+
+Auf der Brustwehr des vordersten englischen Grabens erschienen jetzt
+Tafeln mit der Aufschrift:
+
+„Ihr könnt lange warten, bis der richtige Wind weht!“
+
+Hie und da knackte ein Schuß. Ein MG ratterte sich heiß am linken
+Flügel. Knäuel deutscher Stoßtrupps lagen weit hinten im Trichterfeld.
+
+Endlich: „Gas“.
+
+Das Gas kommt. Irgendwer hatte es aufgeschnappt.
+
+Also:
+
+Nachts waren an die dreihundert Gasbatterien vortransportiert und
+eingebaut worden. Eine Batterie bestand aus 20 Gaszylindern.
+Sechstausend Gaszylinder standen demnach zur Verfügung. Auf einen
+Kilometer Frontbreite rechnete man damals fünfzig Batterien. Tausend
+Flaschen. Zwanzigtausend Kilo Gas.
+
+Das alles wußte man plötzlich.
+
+Auch das:
+
+Um das Klirren des Metalls zu vermeiden, waren sämtliche Gaszylinder mit
+Decken und Stroh umwickelt.
+
+ * * * * *
+
+Erhöhte Gefechtsbereitschaft war angeordnet.
+
+Die Infanterie in die zweite Stellung zurückgenommen.
+
+Nur technische Truppen und MGs blieben vorne ...
+
+Fliegergeschwader summten wieder den ganzen Tag über.
+
+Pst! Ein Pfiff ...
+
+Alles wurde plötzlich so mäuschenstill ...
+
+Das Abblasen einer eigens dazu markierten Stammbatterie galt als Signal.
+
+Die Ventile von sechstausend Flaschen öffneten sich gleichzeitig.
+
+Es war ein brodelndes und zischendes Geräusch, es prickelte, fauchte,
+als man das Gas aus den Mannesmann-Stahlröhren abblies.
+
+Jeder hielt die Nase hin, jeder schnupperte.
+
+Man merkte aber eigentlich noch so gar nichts.
+
+Ein graugrüner Schwaden zog jetzt schon auf die englischen Stellungen
+zu. Mannshoch. Einen Kilometer tief.
+
+Die deutschen Batterien hämmerten wieder.
+
+An einigen Stellen biegen die den Zylindern aufgeschraubten meterlangen
+Bleirohre unter dem Druck des ausströmenden Gases um. Knicken, krümmen
+sich hin und her ...
+
+Das Gas fließt in die eigenen Gräben.
+
+Einen Trupp von acht Mann trifft das Gas mit voller Kraft. Man sieht,
+sie halten krampfhaft den Atem an. Können nicht mehr. Legen sich einfach
+um ... Andere schlagen mit den Händen dagegen, klemmen sich die Nase zu,
+beißen sich die Lippen dicht: auch das hilft nichts ...
+Sanitätsmannschaften eilen heran mit Sauerstoffapparaten.
+
+In drei Wellen auf einer Strecke von insgesamt sechs Kilometern trieb
+eine riesige Chlorwolke.
+
+Dicke weißliche Nebelballen schieden sich ab.
+
+Teile flüssigen Chlors verdampften ...
+
+Max kniet sich auf den Rand eines Trichters herauf.
+
+Der Leutnant neben ihm beobachtet, die Stoppuhr in der Hand, den Verlauf
+des Angriffs. Noch zwanzig Sekunden: dann aber hieß es nachstoßen.
+
+Die englischen Gräben standen jetzt mitten im Gasnebel.
+
+Und plötzlich wurde es dort lebendig. Wie aufgefegt wurden sie. Ein
+unsichtbarer Besen kehrte das unterste zu oberst. Leute rannten mit
+erhobenen Armen querfeldein. Hilferufe gellten. Einzeln, in Rudeln
+flüchtete es dahin. Einer dreht sich immerfort um sich selbst. Er sprang
+federnd hinweg wie ein Kreisel. Röcke schottischer Hochländer flogen.
+Ein monotones heiseres Bellen: das Gebrüll der Turkos ...
+
+Ein leichter erstickender Geruch wurde nun bemerkbar.
+
+Augen tränten. Einige husteten. Nieskrämpfe. Spuckten aus.
+
+ * * * * *
+
+Die deutsche Artillerie hämmerte, hämmerte.
+
+Der Leutnant zählte jetzt laut:
+
+15 –
+
+18 –
+
+19 – – –
+
+Eine Leuchtrakete zerstäubte hoch.
+
+Graue Knäuel bewegten sich, lockerten sich heraus aus den metertiefen
+Poren der Erdlöcher, lösten sich auf. Kettenglieder. Ausschreitend,
+hüpfend, dahinstolpernd. Schwarmlinie.
+
+Die deutsche Sturminfanterie stieß nach.
+
+Aexte. Scheren. Leitern.
+
+Verhaue wurden umgelegt.
+
+Ueber die ersten feindlichen Gräben hinweg ...
+
+Offiziere mit Karten: das feindliche Gräbensystem wurde gleich
+korrigiert. Neu eingezeichnet.
+
+Kolbenschläge. Bajonettstöße.
+
+In einem Unterstand poltert eine Handgranate.
+
+„Vorwärts.“
+
+ * * * * *
+
+Die zweite feindliche Stellung kam in Bewegung.
+
+Auch die dritte Linie flog auf.
+
+Die Sturmabteilung zerschnitt sich das Schuhwerk an Flaschenresten und
+Haufen von Konservenbüchsen.
+
+Gelblich-grün trieb die Gaswolke weiter.
+
+Es war wie eine Gespensterlandschaft, durch die man jetzt schritt.
+Merkwürdig verfärbte Menschengesichter glotzten einem entgegen. Bis zum
+Hals im Schlamm getunkt. Die Augen doppelt so groß wie bei Lebenden. Die
+Stahlhelme weit ins Genick zurückgeschoben oder tief im Gesicht. Schaum
+um die Münder. Einer rutschte aus einem nach rückwärts ein wenig
+abgeflachten Granattrichter auf den Knieen herauf, er machte mit den
+Armen Schwimmbewegungen. Ein ihm von einem stämmigen pommerschen
+Landwehrmann in die Brust gestoßenes Bajonett brach ab ...
+
+Die feindliche Front war aufgerissen.
+
+Ein tiefes zackichtes Loch klaffte.
+
+ * * * * *
+
+Es wurde Nacht.
+
+Scheinwerfer. Leuchtraketen.
+
+Erdfontänen schossen in die Luft. Die feindlichen Batterien kamen wieder
+in Schwung. Es trommelte, hackte, wirbelte. Manchmal wie Platzregen. Man
+verschanzte sich rasch hinter Fleischfetzen, Körperstümpfen,
+Schlammhaufen.
+
+Pioniere wickelten wieder Stacheldraht ab. MG-Gruppen schoben sich vor.
+Munitionstransporte im Laufschritt. Lebensmittellager waren genug
+erbeutet. Man konnte sich also zwischendurch sattessen. Alles hatte aber
+einen widerlich beizenden Geschmack.
+
+Und schon knackte es wieder im Vorfeld.
+
+Geduckt kroch es an. Ein rasender Schnitt durch die Luft: Pfiffe: hinter
+einem, vor einem krümmte es sich ... Der Nebenmann links stürzte
+vornüber; der rechte ächzte noch einen halben Fluch.
+
+Etwas sprang vor. Etwas sprang zurück.
+
+Es knisterte. Ein Messer zuckte. Körper schnellten gegen Körper. Wie
+gespannte Federn.
+
+Man kam mit dem Gegner bis in Tuchfühlung.
+
+„Das ist Ursprache des Volkes. Aus dem Blut heraus wird bejaht: Dieser
+Krieg muß sein ...“, fieberphantasierte irgendwo ein Leutnant herum. Max
+juckte der Zeigefinger: „Brenn’ ihm eins!“
+
+„Der ganze Krieg soll mich ...“, fluchte ein Soldat-Prolet und riß einem
+„Pardon“ wimmernden Hochländer mit einem Ruck das Messer durch die
+Gurgel.
+
+Pfui Teufel.
+
+Viele kotzten.
+
+Wieder andere hatten die Hosen voll.
+
+In den Kehlen steckte wie ein würgender Pfropf ein unwiderstehlicher
+Brechreiz.
+
+Man watete schon wieder bis über die Knie in einem richtigen
+Leichenmorast. Menschenmüll. Ueberall Pfützen voll Blutwasser. Hie und
+da entlud sich wieder einmal eine Sprengmine zur Abwechslung. Es roch
+süßlich, ranzig. Wie angebranntes Fett.
+
+Dort schüttete die explodierende Erde ein Massengrab hoch.
+
+„Offensiv-Parfüm“, meckerte einer.
+
+Eine MG-Mannschaft füllte den Kühlkasten ihrer Kugelspritze mit Urin
+auf.
+
+ * * * * *
+
+Max Herse bekam kaum noch Luft. Er lechzte nach einem Schluck Wasser.
+Die Glieder, die Arme und die Beine, schlenkerten an ihm herum wie etwas
+Fremdes. Er fühlte, daß sein ganzer Körper nur noch aus Knochen bestand.
+Die Haut wurde ganz straff, spannte. Die Gelenke gingen ihm beinahe aus
+dem Leim ... Das war die Todesangst ...
+
+Menschenleiche, Stein, Baum: das ist ein und dasselbe. Gleich wahr,
+gleich unwirklich. Nur nicht lange Federlesens machen. Das lohnt sich
+nicht. Irgendwo spaziert ein Irrsinniggewordener im Tanzschritt über das
+Schlachtfeld.
+
+Gefangene wurden abgeknallt.
+
+Man sah kaum mehr aus den Augen vor Blutrausch.
+
+Zu einem wüsten Grinsen war das Gesicht einer Ordonnanz verzerrt, die
+immer wieder von neuem ihre zweiunddreißigschüssige Repetierpistole lud
+und damit einen Gefangenentransport nach dem andern umlegte.
+
+Der Zeigefinger der Ordonnanz war schwarz gefärbt von Pulverrauch.
+
+Die Menschen funktionierten wie Automaten.
+
+Wie auf dem Exerzierplatz.
+
+Stoß: Gegenstoß.
+
+Schlag: Hieb.
+
+Hart gegen hart.
+
+Ruck-zuck ...
+
+„Alte preußische Garde ... hahaha ... Prost Mahlzeit, altes Frontschwein
+... Einen Kuß, Max Bruderherz. Hier einen Schluck Sturmschnaps ...“
+
+Max kroch auf allen Vieren.
+
+Ein sinnlos Betrunkener torkelte ohne jede Deckung an, umarmte ihn,
+tapste vorüber, rief noch:
+
+„Fünfe hab’ ich heute schon hinter mir. Knorke. Nun aber für heute
+Feierabend und Schluß damit ...“
+
+Ein Feldwebelleutnant knurrte herüber:
+
+„Stopf ihm die Schnauze ...“
+
+Schwuppdich. Ein leichter Klaps vor die Stirn. Und der Feldwebelleutnant
+schnappte mit einem Purzelbaum hintüber. Er kauerte sich noch zurecht.
+Er wimmerte „Mami, Mami“, bis eine genügende Menge Blutes aus ihm
+ausgequetscht war.
+
+Es gab fast keine Nuancen mehr in den Bewegungen. Mit dem ganzen
+Lebenstrieb dahinter wurde so ein Bajonettstoß geführt. Manchmal glitten
+die Messer mit einem spitzen Geräusch elastisch aneinander ab. Eines
+stieß senkrecht auf die Verschlußschnalle der Koppel auf, bog sich zu
+einem Halbkreis. Zuckte ab, sprang links vorbei mitten hindurch durch
+die Niere.
+
+Man fraß sich mit aufgesperrten Augen, mit vibrierenden Nasenflügeln,
+man fraß sich förmlich mit seiner ganzen Existenz in den Gegner hinein.
+
+Waren es noch Menschen oder mechanische Puppen? Mit dicken Mänteln waren
+sie behängt. Mit einem wattigen Stoff, der bei einem Stich Ströme Blutes
+sickern lassen konnte, waren sie ausgestopft. So haute es sich,
+anscheinend ziel- und planlos, jetzt im Niemandsland herum.
+
+Reserven stürzten sich auf Reserven.
+
+Qualmend dunstete die Erde aus.
+
+Darüber Vollmond ...
+
+ * * * * *
+
+Die feindlichen Bataillone hatten noch in der Nacht zum Gegenstoß
+ausgeholt. –
+
+
+ V
+
+Weiter zogen die Jahre. Tag für Tag erschienen die Zeitungen mit
+spaltenlangen Verlustlisten gefüllt. Alle Viere von sich gestreckt lagen
+sie auf der Erde da: Männer, die Schädel zerfetzt, die Brust
+aufgetrieben, die Gedärme brachen aus den geborstenen Uniformen heraus,
+Millionen Männer lagen so, über der Erde, unter der Erde ...
+
+Noch immer kein Ende ...
+
+Tag und Nacht experimentierten Tausende von Chemikern. Wunderbare
+Gasgemische entstanden in den Laboratorien. Zentner-Mengen Kampfstoff
+schickten die deutschen Farbstoffindustrien in die Welt. Die in diesen
+Fabriken beschäftigten Arbeiter wußten nicht, was sie produzierten. Die
+organische Verbindung zwischen den Kriegsmaterialien und der friedlichen
+Industrie ist im Kriegsgaswesen besonders eng. Fast alle Kampfgase
+finden auch im friedlichen Leben Anwendung. Sie dienen entweder
+unmittelbar für verschiedene friedliche Zwecke z. B. zur Desinfektion
+des Getreides, von Wohnräumen und dergleichen, oder aber sie bilden
+Zwischenprodukte für andere im friedlichen Leben unentbehrliche
+Produkte. Vor allem stehen die Kampfgase mit der Farbindustrie in
+Verbindung, zugleich aber sind sie auch für die Herstellung von
+Medikamenten und photographischen Artikeln zu benutzen.
+
+Es marschierte auf das Chlor.
+
+Chlorphosgengemische. Chlorpikrinsulfuryl. 20000 Zentner Gaskampfstoffe
+wälzten sich daher als Giftflut.
+
+Es marschierte auf Phosgen.
+
+Diente es einstmals nicht zur Herstellung einer ganzen Reihe hellroter,
+blauer und violetter Farben?!
+
+Es marschierten auf die Arsine, aus dem gleichen Rohstoff hergestellt
+wie die Arsen-Präparate.
+
+Acht deutsche Fabriken befaßten sich mit der Herstellung dieser
+Kampfgase ... –
+
+ * * * * *
+
+Und gegen 4 Uhr morgens begann wieder die Artillerieschlacht mit einem
+gewaltigen Feuerschlage auf 70 Kilometer Breite.
+
+7000 Geschütze waren es, riesenkalibrige und großkalibrige, die die
+Bekämpfung des feindlichen Grabensystems aufnahmen, gegen das auch eine
+Unmasse an Minenwerfern und Gaswerfern eingesetzt wurde.
+
+Die feindliche Artillerie war durch das reichliche Infektionsschießen am
+vorhergegangenen Tage schon zum Schweigen gebracht.
+
+Das feindliche Gelände war in dichte Gassümpfe verwandelt worden.
+
+Eine Doppelwalze lief vor der stürmenden Infanterie einher: eine Walze
+mit Splittermunition dicht vor, die andere mit Gasmunition weit
+vorauswandernd.
+
+Alle Truppen waren mit Gasmasken versehen.
+
+Pferde trugen Gasschuhe.
+
+Es gab schon Entseuchungskommandos in richtigen taucherähnlichen
+Gasschutzanzügen. Riesige Mengen Chlorkalk, das entgiftend wirkte,
+wurden auf Feldbahnen herangefahren.
+
+Man legte Gassperren, blaue Räume, gelbe Räume, bunte Räume, man
+unterschied bereits zwischen Gasüberfall, Schwadenschießen,
+Gasbrisanzschießen, Verseuchungsschießen.
+
+Eine richtige Gastaktik hatte sich entwickelt. –
+
+ * * * * *
+
+Mit einem leichten dumpfen Knall explodierten ununterbrochen in der
+Stadt die Gasgeschosse.
+
+Es roch nur ein wenig in den Straßen wie nach bitteren Mandeln. Man sah
+kaum Menschen, einige nur, einen Bausch vor Nase und Mund, der mit einer
+besonderen Flüssigkeit getränkt war.
+
+Verwundete zwar, die hier von der Front durchkamen, erzählten kaum
+Glaubliches:
+
+„Die Deutschen verfeuern Geschosse, die geheimnisvolle Flüssigkeiten
+enthalten, die verdampften und in gasförmigem Zustand die Fähigkeit
+haben, Leder, Haut, Gemäuer zu durchdringen, und die, selbst in den
+minimalsten Dosen eingeatmet, absolut tödlich sind. Und welch ein Tod!
+Ja, erzählte man, sie wirkten auch durch die Haut selbst hindurch sofort
+tödlich, starke Erregungen der Atmung, eine eigentümliche psychische
+Unruhe machte sich sofort bemerkbar, Erbrechen, Magenstörungen,
+Verlangsamung des Herzschlags, Bewußtlosigkeit. Geschmack und Geruch
+gehen oft völlig verloren. Das aber sind nur die Nebenwirkungen.
+Kennzeichnend ist der schleichende Verlauf. Zuerst etwa das Bild eines
+Gletscherbrandes: erst nach mehreren Stunden eine Rötung, hierauf oft
+beträchtliche Schwellungen der Haut. Blasen bilden sich, nicht selten
+von unförmiger Größe, sie sind mit einer klaren, leicht gerinnenden
+Flüssigkeit gefüllt, leicht eiternd. Das Sehvermögen wird durch eine
+schmerzhafte Bindehautentzündung beeinträchtigt. Ja, das Auge kann
+völlig zuschwellen und eiterigen Ausfluß absondern. Dann kommt das
+Lungenödem: in den Lungen bilden sich überall kleine Herde von
+angesammelter Flüssigkeit, die rasch wachsen und sich vereinigen können,
+um schließlich den größten Teil des Lungenraumes auszufüllen und durch
+zunehmende Beschränkung der Luftzufuhr tödliche Erstickung
+herbeizuführen ... Nun, Luftgeschwader seien bereitgestellt, diese
+Flüssigkeiten, die in die Fliegerbomben gefüllt sind, weit hinter der
+Front über die Städte auszugießen ... Auch hätten die Deutschen jetzt
+zudem Apparate, aus denen sie Flammen spritzten, und das alles
+verwendeten sie zusammen, das eine nicht ohne das andere ... es sei
+unmöglich, den Krieg noch länger zu führen, es sei einfach
+menschenunmöglich sowas auszuhalten ...“
+
+ * * * * *
+
+Weiter fielen unterdeß die Bomben auf die Stadt.
+
+Ein dunkler schwerfälliger Regen, mit großen eisernen Tropfen ...
+
+Bald nah, bald fern: aber die Geschosse hatten nur eine geringe
+Sprengwirkung. Die Einwohner fühlten sich mehr als bei früheren
+Beschießungen geborgen. Auch Brandwirkung war keine zu beobachten. Es
+war volle Frühlingssonne, die Straßen waren aufgeweicht, hoch oben
+surrten die Fliegergeschwader in der blauen Märzluft.
+
+Aber trotzdem: nach Verlauf von einigen Stunden begann es.
+
+Die Einwohner hockten wie immer in den Kellern.
+
+Es war unheimlich. Es war noch nie dagewesen. Es war, um völlig den
+Verstand zu verlieren.
+
+Irgendwer stürzte die Treppen herunter. Die Nase dieses „Irgendwer“ war
+ein einziger blutiger Knollen. Er hatte sie sich vollkommen aufgejuckt.
+Aus seinen Augen troff das Tränenwasser und dabei schrie er immer mit
+heiserer Stimme: „Das ist das Wahnsinnsgas ... das Wahnsinnsgas ...“ Er
+taumelte unten noch einige Schritte vor, dann stürzte er wo nieder,
+fetzte sich die Kleider vom Leib, knirschte mit den Zähnen, kratzte und
+knetete sich, ganz leise wimmerte er jetzt nur noch: „Die Boches. Die
+ver...“
+
+Wie auf Kommando begann jetzt auch schon der ganze Raum zu husten.
+
+Einige zündeten sich die Pfeifen an, pafften wie toll, behaupteten, das
+wäre ein Mittel dagegen.
+
+Acht Menschen saßen da im Keller, fünf Frauen, drei Männer. Die Frauen
+in mittlerem Alter, die Männer alle über fünfzig alt. Man hatte auch
+Matratzen nach unten geschafft, man lag und stand da jeden Tag seine
+fünf Stunden herum, das war einem schon so zur Gewohnheit geworden. Die
+Kinder nahmen Spielzeug mit, einen Teddybär, der gar keine Angst hatte
+und aus seinen Glaskugelaugen nach wie vor fröhlich in die Welt blickte.
+
+Jeder sah jetzt auf den andern.
+
+Einige nur stierten teilnahmslos vor sich hin.
+
+Die Beschießung hatte aufgehört.
+
+Oben klimperten Schritte.
+
+Der „Irgendwer“ jammerte in seinem Winkel ganz erbärmlich.
+
+André, kriegsinvalid, Feldzugsteilnehmer von 70/71, stieß ihn:
+
+„Na Junge, schwere Brocken was ...“
+
+ * * * * *
+
+Eine gespenstische Verwandlung bereitete sich vor.
+
+Die Gesichter der im Keller eingepferchten Menschen wurden plötzlich
+schwammig, klößig, auch die Hände dunsen auf.
+
+Die Weiber fingen zu plärren an.
+
+Ein Hustenkrampf erstickte ihre Stimme.
+
+Seltsame Bewegungen machten sie mit Armen und Fingern, wie in einem
+Traumzustand, ganz schwer, langsam, schleichend.
+
+Die Gesichter hatten nun eine Farbe wie Lehm.
+
+Der Körper fleckte sich.
+
+Die Schleimhäute bissen.
+
+Schüttelfieber jagte daher, Augen schwollen, unter den Fingernägeln war
+es, als krabbelten dort lebendiggewordene widerhakichte Eisenspäne. Der
+Kellerraum drückte wie ein unendliches Gewicht auf die Lunge herein. Wie
+flüssiges Blei kochte es in der Brust ... Da wurde alles auch schon
+schleierig, fadenscheinig, der ganze Raum wogte, alles floß auseinander
+in Millionen unsichtbaren Wellen, merkwürdig summend ...
+
+Der Todeskampf der Gasvergifteten dauerte so einige Stunden lang ...
+
+ * * * * *
+
+Es entspricht aber keineswegs den Tatsachen, was man sich späterhin oft
+erzählt hat. Es ist nicht richtig, daß die von der Gasvergiftung
+betroffenen Menschen sich im letzten Stadium der Vergiftung gegenseitig
+noch angefallen haben, sich mit dem Messer bearbeitet oder gegenseitig
+sich gebissen und gewürgt haben. Solche Ausbrüche wahnsinniger
+Verzweiflung wurden nicht bekannt. Ganz das Gegenteil. Ohne daß sie
+etwas dagegen unternommen hätten, trockneten diese Unglücklichen einfach
+inwendig aus. Ein allgemeiner lähmender Zustand ging dem Endstadium
+voraus.
+
+Keiner bewegte sich vom Platz. Sie blieben wie festgenagelt, wo sie
+gerade saßen oder standen. –
+
+ * * * * *
+
+Eine unsichtbare Gasdecke lagerte über der Stadt.
+
+Langsam drang das Gas überall ein.
+
+Es wehte daher durch Wasserleitungsrohre, durch Türritzen und
+Fensterspalten, durch Mauern, durch Glas, durch Stein, durch Eisen.
+
+Es war völlige Windstille. Das Gas verflüchtigte sich nicht.
+
+Hunde, Hühner, Pferde lagen auf den Trottoiren, Klumpen, Fetzen von
+Haut, auch das Leben der Bäume und Gräser schien restlos getilgt.
+
+Absolut tödliche Gase waren mit sogenannten Reizgasen gemischt: man
+mußte vor Augen-, Nasen- und Mundschmerzen die Masken abreißen, das
+absolut tödliche Gas fand durch die Luftröhre in die Lunge Eingang, und
+man war rettungslos geliefert.
+
+Dann wieder setzte eine Gasbombenbeschießung ein, kombiniert mit
+Brisanzgeschossen: so erreichte man außerdem noch eine hübsche
+Sprengwirkung: durch die aufgerissenen Löcher flutete nun das Giftgas in
+vollkommener Dichtigkeit.
+
+Vorne an der Front wurden die Bewegungen der nachstoßenden Infanterie
+langsamer und unsicherer. Gewisse Gassumpfgebiete waren für sie
+überhaupt nicht mehr passierbar. In Masken standen sich von nun an die
+Bajonettfechter, die Handgranatenwerfer gegenüber.
+
+In die gasverseuchten Grabensysteme stürzten sich die Stoßtrupps hinein,
+wie die Frettchen in einen Kaninchenbau. Mit Bajonetten und Handgranaten
+kitzelten sie die letzten noch Ueberlebenden heraus. Zweifüßige
+gespenstische Larven jagten in den Grabengängen hintereinander her, die
+Büchse mit dem Filtereinsatz hing vom Mund herab wie ein kurzer Rüssel.
+
+„So ein Krieg –
+
+„Kotzbrocken –
+
+„Klamottenkrieg ...“
+
+Und Max Herse fand eben in einem Unterstand, der zur Nachbardivision
+gehörte, folgendes Flugblatt an einem Balken angeheftet:
+
+„Helft mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung habt, zur schnellsten
+Beendigung des Menschenmordens. Verlangt das sofortige Ende des Krieges.
+Erhebt euch zum Kampfe, getretene und hingemordete Völker! Es naht die
+Stunde des Völkerfriedens. Nieder mit dem Krieg ...“
+
+Quatsch.
+
+Was war das!?
+
+Wie ein Herzschlag pochte es in der Erde. Jeden Moment konnte man
+auffliegen.
+
+
+ VI
+
+Deutsche Sturminfanterie stürmte auf dem Balkan. Im Wüstensand, hoch im
+Gebirge. Der deutsche Soldat kämpfte auf einer Front, die so groß war,
+daß die Sonne über ihr nie unterging. –
+
+ * * * * *
+
+Herbst war. Weiche, braunrot getupfte Waldgefälle. Wie Riesenpolster
+wölbten sich hoch die italienischen Berge. Himmel und Seeen wurden eins.
+Glutblau, wie Lapislazuli.
+
+Das italienische Bataillon war nicht zu fassen.
+
+Es hatte sich, gegen jede Feuerart gedeckt, in Schluchten und Kavernen
+eingenistet.
+
+Man unterscheidet zwischen Zielen, die mechanisch zerstörbar sind und
+solchen, die nur chemisch zu erledigen sind.
+
+Zu den letzteren gehörte in diesem Fall die italienische Stellung. –
+
+ * * * * *
+
+Vier volle Nächte dauerte der Antransport des Kampfgeräts. Da die
+Anmarschstraßen von Truppen- und Sanitätskolonnen überfüllt waren,
+mußten Seitenpfade begangen werden. Im Zickzack arbeiteten sich die
+Trägerkolonnen empor, ausgetrocknete Waldbachschluchten mußten mühsam
+überquert werden, immer wieder sanken die Träger von Müdigkeit übermannt
+um, dann hieß es ein Plateau überqueren, das von der feindlichen
+Artillerie voll eingesehen werden konnte, Felssplitter mischten sich mit
+Granatsplittern, ein wahrer Splitterorkan ging nieder, es stäubte und
+prasselte von oben her, von unten auf, von allen Seiten, in den Wipfeln
+der Tannen pfiff es und knackte es, die Granataufschläge auf dem
+Felsboden waren schrill und gellend.
+
+Ein Riß: ein Granatstoß fegte mitten durch eine Trägerkolonne hindurch.
+
+Sich um sich drehende plumpe Säcke rollten sie einen Abhang hinunter.
+Ein Latschengestrüpp fing einige von ihnen auf, die anderen kollerten
+schreiend weiter.
+
+Viele Träger warfen jetzt die Rohre weg.
+
+Endlich waren die tausend Gasminen an der deutschen Front eingebaut.
+Tausend Rohre waren genau nach der italienischen Front hin ausgerichtet.
+Es war ein Uhr nachts. Das deutsche Gaswerferbataillon stand in
+Bereitschaft.
+
+ * * * * *
+
+Es war eine Nacht wie alle Nächte.
+
+Rötlich-blau. Ein dunkel-tönender Strich war fern das Rauschen der
+Bergwässer. Die tausend und abertausend Blinkfeuer der Sterne leuchteten
+ungetrübt, hie und da riß sich ein Schuß aus dem Dunkel heraus,
+Leuchtraketen stoben knatternd aus dem Erddickicht auf, eine kurze Salve
+folgte, ein Durcheinander-Rattern, und wieder lag alles wie verkrochen
+in einer Höhle da, die Hände der Mannschaften glitten von dem
+Gewehrschaft ab, die Geschützbedienungen schnarchten, nur die
+Horchposten wachten noch, jedes geringste Geräusch zeichnete sich ihnen
+vielfach vergrößert ein in der Ohrmuschel, sie standen dicht vor dem
+Stacheldrahtkranz unbewegt. –
+
+ * * * * *
+
+„Zum Abschuß fertig ...“
+
+Punkt zwei Uhr wurde eine Gassalve von über 900 Minen gleichzeitig
+abgefeuert. Die Zündung erfolgte elektrisch von einer Stelle aus.
+
+Ein gewaltiger Feuerfächer durchsprang grell die Nacht. Tausend
+Mündungsfeuer blitzten gleichzeitig auf. Hunderttausende von Menschen
+hielten jetzt gleichzeitig den Atem an. Einige schreckten aus dem Schlaf
+hervor: „Was ist ... Was ist los ...?“ Schneidend, eiskalt war dieser
+Feuerschein, wie eiserne Zacken standen die fernsten Bergspitzen darin.
+Und schon rauschte ein ebenso gewaltiger unterirdischer Donner auf, von
+allen Bergwänden rings als hundertfaches Echo widerschallend, man bekam
+einen Augenblick lang keine Luft mehr. Wie ein unsichtbares Gewicht
+preßte auf alle Lungen die Luft herein. Die Magennerven rebellierten bei
+einigen. Einige kauerten sich am Boden nieder, andere hatten Arme und
+Beine von sich gestreckt. Wieder andere bedeckten mit den Händen das
+Gesicht und heulten einfach drauf los. Jeder aber hielt sich irgendwo
+fest. Und es war dies alles doch nur der Bruchteil einer Sekunde.
+
+Rudel von Leuchtkugeln flatterten sogleich empor.
+
+Ein riesiger schwarzer Rauchschleim zog unten dahin.
+
+Man hätte meinen können, man befinde sich hoch über den Wolken.
+
+Ein Rauschen, Summen, Sirren, Plätschern war in der Luft.
+
+Die Luft war wellengleich bewegt, wie unter der Einwirkung riesiger
+Schraubenumdrehungen, Blasebälge oder gigantischer Propellerschläge.
+
+Endlich:
+
+Trum-trum ...
+
+Trum-trum-trumtrum ... vielhundertmal dieses: trum-trum ... und so fort.
+
+Es war das dumpfe Niederklatschen der Minen, die in kurzer Reihenfolge
+aufeinander krepierten.
+
+Wieder Feuerschein ...
+
+Wieder diese Erderschütterung ...
+
+Wieder jene geheimnisvollen, sprengenden Flügelschläge ...
+
+Hinten und vorne, überall: Stichflammen –
+
+Eine zweite Salve krachte ...
+
+Eine dritte ...
+
+Wieder gurgelte es, ächzte es, der Erdgrund stieß ein paar Mal gewaltig
+auf. Wie im Galopp ruckte der Boden einige Male von selbst nach
+vorwärts, eine Erdschicht schob sich über eine andere, Schutt kam wie
+eine Lawine ins Rollen und rutschte davon, steil prasselten breite
+Erdfontänen hoch, mit riesigen Felsklumpen darunter, wie Hagel schlugen
+sie wieder nieder.
+
+ * * * * *
+
+Die Gasanhäufung im italienischen Graben war so dicht, daß die Gasmasken
+völlig versagten.
+
+Die Minen aber waren zudem noch mit Einlagen aus Petroleum versehen, das
+bei der Explosion zerstäubte und brennend den Stoff der Gasschutzmaske
+durchlöcherte. Artilleriebrisanzfeuer setzte zu gleicher Zeit von der
+deutschen Front ein.
+
+Sechshundert Mann lagen da, Pferde und Hunde darunter, krümmten sich,
+platzten, stießen, einer irrsinniger als der andere, lallende Laute aus,
+man konnte schon von Kopfwunden, Fleischwunden, Knochenschüssen nicht
+mehr reden: das ganze italienische Bataillon war einfach zu einer
+breiigen Masse zusammengestampft, die Gasschwaden zogen in den
+Unterständen ein, räucherten sie aus, beim nächsten Windzug schlugen sie
+wieder zurück, erhoben sich, senkten sich, je nachdem, und marschierten
+nun, als unheimliche Kolonne, weiter in das Hinterland.
+
+Jeder Instinkt, jedes Denkvermögen hörte auf. Das Gesetz der Schwerkraft
+selbst schien aufgehoben.
+
+Strudel bildeten sich, Luftgefälle, Luftwirbel, bewegliche Gasmauern,
+Flammen zuckten hervor, ganze Flammenschleier wieder breiteten sich aus,
+schrumpften, gerannen, und brachen plötzlich wieder hervor, ein dicker,
+spiralig geschwollener Flammenstoß.
+
+Und mitten in den nun schon sich verflüchtigenden Gasnebel hinein
+stießen einige Stunden später – es war jetzt gegen sechs Uhr morgens –
+die Infanteriereihen, die Gasschutzmaske aufgesetzt, führten einen
+verzweifelten Bajonettkampf durch, Maske gegen Maske.
+
+Geschlechter von zweifüßigen Larven stießen da mit blankem Messer auf
+einem gespenstischen Schlachtfeld auf sich ein, mancher riß sich
+plötzlich selbst die Maske von dem Gesicht herunter, eine angstverzerrte
+Grimasse wurde einen Augenblick lang sichtbar, ein Schluck ... und schon
+ertrank er rettungslos im Gassumpf.
+
+Die Sonne ging auf. Der Himmel drückte bald wie glühendes Eisen. Die
+Erde selbst aber wurde darunter aufgeweicht, schäumte und brodelte, der
+über und über durchtrichterte Boden schien wie ein mit flüssiger Lava
+getränkter Feuerschwamm. Die Poren, die die Tausende von Granatlöchern
+darstellten, waren mit Bündeln von Menschenleichen vollgestopft. Die
+Luft zwischen Himmel und Erde stand still. Jeden Moment, dachte man,
+fängt auch sie zu brennen an ... Kein Baum, kein Strauch. Schattenlos
+strotzten auch die gewaltigsten Felsklumpen empor aus diesem
+Flammensumpf ...
+
+Tausende von Gasvergifteten schmorten jetzt langsam sich zutod in der
+Hitze.
+
+Manche Leichname fingen zu brodeln an.
+
+Fliegen summten, Käfer und Eidechsen krabbelten darüber.
+
+Da liegt so ein fleischiger Haufen: die Gedärme aus dem Bauch neben sich
+hingeschüttet: ein seltsames Leben beginnt sich in dem Kadaver zu regen.
+
+Es riecht nach Oliven, nach Staub ... geronnenes Blut und faules Fleisch
+riecht, Jauche und Eiter ... überall sieht man es qualmen ...
+
+Ein solches Unmaß an Hitze, wie es einem Gasvergifteten auferlegt ist zu
+ertragen, kann man sich kaum vorstellen.
+
+Die ganzen Eingeweide verbrennen von innen, die Lungenwände sind wie mit
+einer beißenden Säure ausgelegt, mit jedem Herzschlag pumpt es sich wie
+siedendes Blei durch die Adern. Von oben preßt sich einem die Sonne, ein
+scharlachener Klotz, schwer auf den Schädel, zentnerschwer; die Kehle
+steckt wie zwischen einem langsam sich zudrehenden Schraubstock ...
+Ekelhaft kleberig ist der Schlund, hart, porös wie Bimsstein fühlt sich
+die Zunge an.
+
+Hunderte lagen noch auf den Knien vor den Sanitätern und flehten um den
+Fangschuß. Morphiuminjektionen wurden verabreicht. Wieder einige hatten
+das Glück, noch ihr Bajonett zu besitzen. Sie machten Harakiri.
+
+Gewaltige Strahlenmassen prallten jetzt in diesem Talkessel zusammen.
+
+Es war gegen Mittag ...
+
+Die Bergspitzen glänzten wie Messing.
+
+Junge Regimenter, flaumlose Kindergesichter, stolperten über diese
+Leichenwelt hinweg im Sturmschritt. Italienische Tanks krochen die
+Dolomitenstraßen herauf.
+
+Ueberall Menschenblutspritzer, Knochensplitter, Fleischfetzen: alles mit
+Menschenblut vollgesogen. Bis über die Knie blieb man oft stecken im
+Menschendreck.
+
+
+ VII
+
+Max Herse stand mit seiner Vision plötzlich mitten auf einem Platz der
+inneren Stadt.
+
+Es lärmte Alarm. Es brandete und brauste ...
+
+Eine Musik: Räderknurren, Stahlhämmer, Treibriemen, Bohrer und Schaufeln
+...
+
+Max rieb sich die Augen –
+
+Und das Schwergewicht der Welt hatte sich ihm unmerklich verschoben; es
+war, als rückte sich ihm jetzt erst, das erste Mal, sein Inneres zurecht
+...
+
+Muskelbänder, Adern, Sehnen, Armhebel: darauf ruhte die Welt, und als
+Max ein vornehm aufgemachtes Spielwarengeschäft erblickte, da dachte er
+schon wieder ganz proletarisch folgerichtig:
+
+„An diesen Puppenköpfen, Kinderuhren, Haarnadeln, dem ganzen
+Schnickschnack der modernen Kleinindustrie klebt Blut und Schweiß
+lebendiger Menschen, die unter den elendesten Verhältnissen ihr Leben
+fristen. Der elegante Herr, der seine Autobrille dort aufsetzt, denkt
+nicht daran, daß diese Brille zusammengesetzt ist in einer dunklen
+Küche, die als Arbeitsraum dient, oder in einem Kellerloch, von
+unterernährten darbenden Menschen ...“
+
+So scharf, so anschaulich, so gründlich hatte Max bisher noch nicht
+gedacht.
+
+„So muß gedacht werden, so muß die Welt angesehen, so muß sie erlebt
+werden! Das ist der einzig berechtigte und historisch notwendige Denk-
+und Anschauungsakt. So muß die Welt betrachtet werden und im Kampf von
+uns Proleten verändert werden. Alles andere ist ein menschenmörderischer
+Luxus ... Es gibt nur _einen_ Standpunkt, von dem aus diese vermorschte
+Welt aus den Angeln gehoben werden kann, und dieser Standpunkt ist der
+unsere.“
+
+ * * * * *
+
+In diesem Augenblick marschierte ein Zug der Kommunistischen Jugend
+vorüber.
+
+Rote Fahnen wehten.
+
+Die „Internationale“ sang.
+
+Dieser Gesang hatte Rhythmus, Takt, Tonfall einer unerbittlichen
+Kampfansage.
+
+Noch einmal verbanden sich Maxens Gedanken mit jenen Erinnerungen, die
+ihn vor einer halben Stunde noch heimgesucht hatten:
+
+„Ja, die ganze Stadt war ein Trümmerhaufen, als wir damals
+einmarschierten. Kein lebendes Wesen weit und breit. Nur in einem
+verschütteten Haus aus einem Kellerloch die Stimme eines halb
+verhungerten Kindes, das ... das die „Internationale“ sang ... Ja, ich
+erinnere mich noch deutlich, das war für viele unserer Soldaten damals
+ein grausamer, grauenhafter Weckruf. Viele wurden mit einem Mal
+nüchtern. Das proletarische Gewissen gellte in ihnen wie eine
+Sturmglocke. Tränen liefen ihnen über die Backen. Knirschten mit den
+Zähnen ... Ja, der erste Zug unserer Kompagnie stand mitten im Marsch
+auf einen Augenblick starr, wie versteinert zu einer Säule. Wir haben
+das Kind dann ausgegraben. Es war ein belgisches Proletariermädchen. Die
+ganze Kompagnie hegte es als ihr Kleinod. Es war unser Herzenshalt. Es
+war das Beste, was wir damals hatten.“ –
+
+Da schwenkten die Jungkommunisten in eine Seitenstraße ab, und Max
+bemerkte, wie er ihnen freundlich zunickte, er hatte auch, ohne daß er
+sich dessen bewußt war, den Hut zum Gruß abgezogen.
+
+Er murmelte noch leise vor sich hin:
+
+„Bravo, Burschen! Nur so weiter! Ist nicht am Ende doch alles, was man
+über euch herschimpft, eitel Lug und Trug!? Muß es denn nicht so sein!?
+... Können euch denn eure Feinde loben!? ... Recht so! Vorwärts in die
+Zukunft ... Auf eueren Schultern ruht – die Welt ...“
+
+Ein Spießer bleckte die Zähne.
+
+„Was der für ein widerliches Gebiß hat. Man möchte ihm das Gebiß aus dem
+Maul reißen. Pfui Teufel ... So eine feiste Fresse ...“
+
+Es war inzwischen Abend geworden.
+
+Die ganze Stadt war wie eine sich immer wieder von selbst aufziehende
+Mechanik, eine auf geheimnisvolle Weise immer wieder sich selbst
+regulierende Wildnis voll intensivsten Leuchtens. –
+
+
+ VIII
+
+Max schob sich automatisch einige Straßen durch.
+
+„Nun muß ich aber doch endlich einmal auch bei Lene vorbeischauen.“
+
+Lene war Arbeiterin in einer Trikotagenfabrik.
+
+Max hatte sie neulich nur kurz in der Versammlung gesprochen. Hie und da
+sah man sich Sonntags, dann machte man einen Sprung in die Umgebung
+Berlins hinaus, zu mehr langte es ja ohnedies nicht. Sie kannten sich
+von der sozialdemokratischen Arbeiterjugend her. In der letzten Zeit
+allerdings waren sie ganz außer Kontakt gekommen. Das kam, weil Max sich
+seit einigen Monaten wenig mehr um Politik kümmerte, Lene aber ganz in
+die Arbeiterbewegung hineinwuchs und eigentlich schon vollends darin
+aufging.
+
+Lene empfing ihn gleich unter der Tür mit den Worten:
+
+„Du, Max, denk dir nur, gestern bin ich aus der Partei ausgetreten. Ich
+kann es nicht mehr länger so mitmachen. Die letzten Wochen haben mir den
+Rest gegeben ... Ich habe mich heute noch nicht entschieden ... Zu den
+Kommunisten kann ich noch nicht ... Auch weißt du, hab ich so eine
+Intellektuellenschrulle, das ist das mit der Gewaltfrage ...“
+
+Max blieb gleich mitten im Zimmer stehen.
+
+„Die Gewaltfrage also ists. Das kann ich dir nur sagen: ich für mein
+Teil könnte das nicht als Hinderungsgrund betrachten. Die ganze
+Gesellschaft ist ja doch nichts weiter als Gewalt. Gewalt ist Geld,
+Gewalt ist: daß du und ich in die Fabrik gehen, Gewalt ist, wie du
+wohnst, das ganze Recht, alle Sitten und Gebräuche beruhen auf Gewalt.
+Auf nacktester brutalster Gewalt ... Nur haben natürlich die, die
+herrschen, ein Interesse daran, diesen bitteren Gewaltkern
+wohlschmeckend zu machen. Sie schwätzen also vieles und schönes von der
+Gewaltlosigkeit ihrer Gewalt. Sie legalisieren die Gewalt ... Ist nicht
+die Arbeitsstätte heute für die weitaus meisten Menschen eine
+Schlachtbank?! Der ganze Produktionsprozeß ist Gewalt, die Art und
+Weise, wie produziert, wie verteilt und wie verdient wird ... Ja, gehe
+nur einen Schritt so wie es der herrschenden Klasse nicht paßt, gleich
+packt dich in der oder jener Form die Gewalt ... Der ganze
+Gesellschaftsapparat, samt Staat, Beamtenmaschine, Militär, Polizei
+dazu: Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und sieh: dieser friedliche
+Gewaltkörper bricht eines Tags plötzlich aus und dieses Geschwür, bisher
+nur unter der Oberfläche eiternd, das ist der Krieg ... Es bleibt uns
+schon nichts anderes übrig, als diesen ganzen Gewaltkörper mit Gewalt zu
+zerschlagen ... Und überhaupt: geschichtlich betrachtet: die Gewalt war
+und ist noch immer seit jeher, seit Menschengedenken, die
+Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft gewesen, die mit einer neuen
+schwanger ging ... Lene, du mußt wieder einmal das „Kommunistische
+Manifest“ lesen. Wir müssen gewaltig viel aufholen, wir sind durch die
+bürgerlichen Schulen und durch unsere verbürgerlichten Führer ungeheuer
+verdorben und verbildet worden. Wir müssen uns wieder zu uns selbst
+zurückfinden, zu uns, zu unserem unverfälschten instinktsicheren
+Klassenstandpunkt ...“
+
+Max streckte Lene die Hand hin.
+
+Die schüttelte nur ungläubig lachend den Kopf –
+
+Dann schlug sie ein.
+
+„Recht hast du, Max, sehr recht: wir sind an uns selbst irre geworden
+... Ja, aber, Max, seit wann ... Das ist ja gut gekommen mit Dir! ...
+Ich staune nur so ... Neulich in der Versammlung nämlich, da hast du mir
+schon gar nicht gefallen ... Ich hab’ dich immer bei jedem Satz, den der
+Redner sagte, beobachtet ... Ja, Max, das, was die Gewalt anbetrifft,
+das weiß ich natürlich auch, so tief bin ich ja doch noch nicht
+gesunken: auch die Ideen, die heute herrschend sind und die man uns so
+schön eingewickelt durch die Presse als tägliche Herzens- und Gehirnkost
+verabreicht, bedeuten Gewalt und dienen ihrerseits treu dem
+Gewaltsystem, mittels dessen das Bürgertum über uns herrscht ... Aber,
+schau: den Eintritt in die Kommunistische Partei: das muß ich mir
+gründlich überlegen. Die Kommunistische Partei ist eben nicht so eine
+Partei wie die anderen Parteien, das jedenfalls habe ich längst
+begriffen. Da heißt es, voll und ganz in der Arbeit aufgehen, sich
+opfern, restlos sich opfern. Disziplin halten, sich unterordnen. Sonst
+hat das Ganze gar keinen Sinn ... Und darum, um diesen letzten Entschluß
+kämpfe ich noch. Das muß doch ein jeder ernsthaft vorher mit sich selbst
+abmachen. Kann ich das, was von mir verlangt werden wird, auch leisten?
+Daraufhin prüfe ich mich ... Aber ich werde schon wohl nicht anders
+können ...“
+
+
+ IX
+
+Es war spät Nacht, als Max sich auf den Heimweg machte.
+
+Er fühlte sich gewaltig gestärkt und über sich selbst emporgehoben.
+
+„Ich werde schon fertig damit. Nur keine Bange ... Ich bin in den
+letzten Tagen der Lösung des Problems schon ziemlich nahe gekommen ...
+Lene ist ein Prachtkerl ... Auch sie hat mir noch geholfen ... Wird der
+Wilhelm Augen machen, wenn ich ihm erzähle ... Nun gut so ... Jetzt nur
+noch ein kleiner Stoß ... Doch genug für heute ...“
+
+Die Straßen waren menschenleer.
+
+An einer Straßenbahnkreuzung wurden die Schienen ausgebessert. Ein
+Haufen von Arbeitsmännern hantierte mit Schweißapparaten. Schienenhobel
+flitzten. Eine Weiche wurde schwer herausgehoben.
+
+Das blaue Licht der Sauerstoffgebläse gespensterte magisch auf und ab in
+der Nacht. Huschte die Häusermauern entlang. Wie Gerippe, mit fahlen
+Knochenhäuten bespannt, geisterten sie ...
+
+„Arbeitskollegen. Genossen. Proleten. Wir. Du und ich. Wir gehören
+zusammen ... Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“
+
+Ein wunderbarer Satz!
+
+Max sprach ihn immer wieder vor sich hin.
+
+Welcher Menschengehirnkraft, Menschenerfahrung, welchen Menschenleids
+bedurfte es, um diesen proletarischen Block zusammenzuschweißen! Trieb
+nicht vorher die ganze Menschheit in einem riesigen Leidensmeer,
+Traumtrümmer an Traumtrümmer!? Was an Heroismus, Aufopferung, Disziplin
+wird weiterhin nötig sein, um diesen Block in Bewegung zu setzen, welche
+gewaltigen Hebelkräfte, ihn über die dem Untergang geweihten
+Geschlechter der Vergangenheit hinweg in die Zukunft zu wälzen! ... Gebt
+uns eine Partei! so schrie es aus Millionen Mündern in allen
+Menschensprachen. Gebt uns eine Partei! Einen aus Millionen
+Proletarierarmen geschmiedeten Hebelarm, eine eisern in sich gefügte
+Organisation, ein Willens-Kollektiv, ein Erfahrungs-Kollektiv ... und
+verlaßt euch drauf: wir werden es schaffen!
+
+„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“
+
+Eine Parole. Eine Fanfare. Der alarmschmetternde Grundton des
+proletarischen Siegesmarsches. –
+
+Max marschierte im Infanterieschritt.
+
+Pfiff dazu ...
+
+Marschierte mit Hunderten, mit Tausenden ...
+
+Im Gleichschritt. Im Arbeiter-Marsch.
+
+Kolonnen marschierten auf Kolonnen ...
+
+Manchmal gewitterte ein elektrischer Schein über den Horizont herauf.
+
+Auch schimmerte es schon rötlich an der Himmelsferne. Nun färbte sich
+ein langverzogener Wolkenstreifen lebendig rot.
+
+Die ersten Fabriksirenen heulten ...
+
+Ein riesiger steinerner Pfuhl, ein ungeheurer aus Granit und Zement
+gehauener Leidenstümpel ist diese Stadt. Morgen, übermorgen, wie schön
+und frei werden dann die Menschen wohnen!
+
+ * * * * *
+
+So glücklich und kräftig zugleich war Max in seinem Leben noch nie. –
+
+
+
+
+ 5. Kapitel.
+
+ Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub
+
+
+ Abkommandiert zum Gas-Dienst. – Ein
+ Kamerad von den Luftstreitkräften. – Die
+ Kriegsdebatte im amerikanischen
+ Offiziersklub. – Einige wichtige
+ Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den
+ imperialistischen Krieg. – Der Völkerbund
+ organisiert den Vernichtungskampf gegen
+ die Kommunisten im Weltmaßstab. „Vertilgt
+ die Kommunisten wie Ratten!“ – Mary Green
+ auf dem elektrischen Hinrichtungsstuhl. –
+ Generalstreik in USA. – Eine rote Zelle
+ in der amerikanischen Armee. GBRO:
+ Geheim-Bund revolutionärer Offiziere. –
+ Es kann beginnen! –
+
+
+ I
+
+Seit einem Vierteljahr war der amerikanische Leutnant der Infanterie
+Frank Morrow zum Gasdienst abkommandiert. Frank Morrow entstammte einer
+Arbeiterfamilie, er selbst arbeitete vor dem Krieg bei Ford. Auf den
+Schlachtfeldern Frankreichs avancierte er, gegen Ende des Krieges war er
+Führer eines Stoßtrupps. Frank Morrows Körper selbst glich einem
+Schlachtfeld: Arme und Beine trugen breite Narben von Bajonettstichen,
+der linke Lungenflügel war zweimal durchlöchert. Damals, im kleinen
+Kriegslazarett von Belleville, wohin er schwer verwundet aus der großen
+Angriffsschlacht der Deutschen heraus gerade noch rechtzeitig
+abtransportiert werden konnte, schwanden ihm die letzten Illusionen über
+den Krieg, mit denen er über den großen Ozean gegen die Deutschen
+gezogen war ... Immer wieder brach das zerschossene Lungengewebe auf,
+das blutige Exsudat drückte auf das Herz, die Aerzte hatten die Hoffnung
+aufgegeben. Frank konnte es nur noch mit dem Sauerstoffapparat
+aushalten, er bekam keine Luft mehr. Eine Punktion folgte der anderen.
+Bis eines Nachts, Frank erinnerte sich daran genau, der Arzt mit einer
+Schwester hereinstürzte, ihm den Augendeckel lüftete, den Kopf
+schüttelte ... und Frank auf den Operationstisch gelegt wurde, während
+der Arzt zum Assistenten bemerkte: „Vorsicht beim Aufsitzen, er kann uns
+unter der Hand bleiben.“ Frank war von dem vielen Sekt, den Herzmitteln
+und dem Morphium ganz dösig. Trotzdem fühlte er ganz deutlich, um was es
+ging. Sein oder Nichtsein. Er sprach zu sich mit einer wimmernden Stimme
+einen militärischen Befehl. Und wieder wurde eine Punktion vorgenommen
+...
+
+Nach weiteren acht Tagen war Frank bereits auf und spazierte im Garten
+des Kriegslazaretts umher. Ununterbrochen heulte und schluchzte er, die
+Augen waren an das Licht nicht mehr gewöhnt, die Nerven bis aufs
+äußerste angespannt, der Körper war außer Rand und Band, es schüttelte
+ihn hin und her, und es begann ein langes intensives Zittern ...
+
+Damals lernte Frank Morrow Thomas Butler kennen, Thomas Butler vom
+dritten Flugzeuggeschwader. Den Namen kannte er, Thomas Butler hatte in
+der Heeresgruppe die meisten Abschüsse. Er war der Sohn eines Chikagoer
+Holzwarenfabrikanten, zynisch und aufgeklärt, und führte sich bei Frank
+gleich mit den Worten ein: „Der ganze Krieg, Kamerad, ist weiter nichts
+als eine Riesenprofitquetsche ... Wir allesamt sind die Beschissenen
+...“ Und die Gespräche über den Krieg wurden fortgesetzt. Thomas las
+dabei oft Stellen aus den Briefen einer gewissen Mary Green vor, von der
+Frank zunächst nur wußte, daß sie die Freundin Butlers und eine
+Sozialistin war. Frank wurde zum Nachdenken gezwungen. Er wehrte sich
+zwar oft innerlich dagegen, Thomas ließ aber nicht ab, und das Resultat
+war: auch Frank Morrow betrachtete seitdem alle Vorgänge mit kritischen
+Augen.
+
+„Für wen eigentlich schlagen wir uns!?“ fragten sich die Beiden. Und die
+Antwort hieß: für das Bankhaus Morgan und Kompagnie.
+
+„Und für wen die Deutschen!?“ „Für die „Deutsche Bank“ vielleicht. Die
+Firma kann aber auch anders heißen.“
+
+Und wer hat den Krieg begonnen?
+
+Keiner von beiden. Und alle Beide.
+
+Wenn zwei Räuber sich um die Beute streiten, da ist es schwer, zu
+entscheiden, wer angefangen hat. Außerdem, wer einen Verteidigungskrieg
+und wer einen Angriffskrieg führt, das kann nur historisch entschieden
+werden. Die diplomatische Frage kommt hier nicht in Betracht. Aber
+historisch betrachtet führt nur der einen Verteidigungskrieg, der eine
+höher organisierte Gesellschaftsform gegen eine reaktionäre verteidigt.
+Ob er dabei angreift oder der Angegriffene ist, ist gleichgültig. 1914
+...!? Sie waren sich klar darüber, was alle die Phrasen von
+Nationalehre, Vaterlandsverteidigung, Freiheitskampf bedeuteten ...
+Eigentlich sind wir ganz elende Hunde, sagten sie sich, daß wir uns
+sowas gefallen lassen ... einfach unter Einsatz unseres Lebens die
+Kastanien für die Riesenfinanzschufte aus dem Feuer zu holen?! ... Man
+kommt sich bei einem solchen Sklavendienst selbst verächtlich vor ...
+
+Eines Tages setzten sie sich wieder einmal zusammen. Sie versuchten es
+jetzt mit dem Galgenhumor. Zwar der Galgen wird dabei nicht aufgehoben
+... „aber Geduld, wir zerreißen vielleicht doch noch dieses ganze
+Riesengespinst von Lebenslüge, in das wir noch verstrickt sind. Wir sind
+schon dabei ...“ Sie zählten auf, was jeder kriegführende Staat
+eigentlich von sich behauptet. Ohne Mühe ließ sich folgendes dabei
+herausfinden: Daß er einen Verteidigungskrieg führt und für die gerechte
+Sache kämpft, daß er einen Kampf für Freiheit und Zivilisation aller
+Völker führt, daß er einen dauernden Frieden anstrebt, daß er alle
+Kräfte anspannen und kämpfen wird, bis der Gegner endgültig
+niedergeworfen ist, daß er ohne Zweifel Sieger bleiben wird, daß er
+siegreich vorgeht und nur geringe Verluste zu verzeichnen hat, daß die
+Bomben seiner Flieger nur militärische Institutionen der Gegner treffen
+und immer mit großem Erfolg, daß seine Artillerie und seine Flieger
+bedeutend besser sind als die Flieger und die Artillerie der Gegner, daß
+er gerade jetzt große Unternehmungen plant, die unbedingt Erfolg
+versprechen, daß der liebe Gott ihm zur Seite steht ...
+
+Und jeder kriegführende Staat behauptet weiter:
+
+Daß der Gegner den Krieg gewollt hat und seit langem dazu rüstet, daß
+der Gegner den Krieg angefangen und „uns“ überfallen hat, daß der Gegner
+einen Eroberungskrieg führt und die Welt beherrschen will, daß der
+Gegner das Völkerrecht mit Füßen tritt, daß der Gegner die Neutralität
+kleiner Staaten bedroht, daß der Gegner den Krieg mit barbarischen
+Mitteln führt, Dum-Dum-Geschosse anwendet, das Rote Kreuz mißbraucht,
+Gefangene mißhandelt, Frauen vergewaltige, mordet und plündert, daß die
+Kriegsgerichte des Gegners eine Verhöhnung des Gesetzes sind, daß der
+Gegner Gefangene tötet, freie Städte bombardiert, Frauen und Kinder
+tötet, „uns“ aber damit nie einen militärischen Schaden zufügt, daß der
+Ueberfall des Gegners immer im Keim erstickt oder mit großen Verlusten
+für den Feind zurückgeschlagen wird, daß der Gegner Gasbomben gebraucht,
+ein Seeräuber ist, ohne Notwendigkeit den neutralen Handel unterbindet,
+daß die Informationen des Gegners durchwegs Lügen und Verleumdungen
+sind, daß der Gegner die Neutralen mittels Lügen, Drohungen und
+Bestechungen zu bearbeiten sucht, daß der Gegner die neutralen Staaten,
+zu deren größtem Unglück, in den Krieg hetzt, daß der Gegner an
+Geldmangel, Teuerung, Industriekrisen leidet, daß die Kriegsanleihen des
+Gegners nur durch Betrug zustande kommen, daß beim Gegner Epidemien
+wüten, daß im Lande des Gegners Streik und innere Zerwürfnisse
+herrschen, daß beim Gegner Minister und Generale zurücktreten, daß der
+Gegner kampfesmüde ist ...“
+
+Sechsunddreißig solcher Punkte hatte man leicht beisammen. Kein Zweifel:
+die Staatsmänner und Politiker aller Nationen verfügten über eine ganz
+gerissene Technik, die Völker gegenseitig in Schwung zu bringen ... Und
+die beiden Offiziere sahen sich ratlos an: „Und nun, wir ... was mit
+unseren Erkenntnissen anfangen ... Was tun ...!“
+
+Und zu gleicher Zeit kam ein Brief, der mitteilte, Mary Green sei wegen
+antimilitaristischer Propaganda zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt
+worden. In diesem Brief stand: „Es ist gut abgegangen. Eine große Anzahl
+von Antimilitaristen wurde gelyncht, die grauenhaftesten Bestialitäten
+sind dabei vorgekommen ... Lieber Junge: Mary läßt Dir sagen, Du sollst
+gründlich über das alles nachdenken und endlich auch die Konsequenzen
+ziehen. Dieses Menschheitsunglück kann von uns, die wir die Einsicht in
+den ganzen Mechanismus haben, nicht weiter schweigend ertragen werden.
+Agitiere für den Frieden ... Doch der einzige Kampf gegen den Krieg: das
+ist die soziale Revolution ...“
+
+Die beiden Offiziere wurden noch unschlüssiger.
+
+Doch das Ende des Krieges kam.
+
+Die Waffenstillstandsverhandlungen begannen.
+
+
+ II
+
+Welch eine Rückfahrt!
+
+Ein glorreicher Siegeszug übers Meer! Welch ein Triumph!
+
+Als die Transportdampfer in Sicht der Newyorker Freiheitsstatue gekommen
+waren, begannen plötzlich mit einem Male alle Schiffssirenen zu heulen,
+Leuchtraketen schossen auf, Hunderte von Torpedobooten und Schaluppen
+umkreisten die Heimkehrenden. Die Militärkapelle spielte die
+Nationalhymne.
+
+Die Wolkenkratzer glühten.
+
+Hoch hinauf in die Nacht brannten die Siegesfeuer. –
+
+ * * * * *
+
+Die Truppen waren ausgeschifft.
+
+Umarmungen. Küsse. Endlose Händedrücke.
+
+Die Tränen der Tausende von Witwen und Waisen glätteten nicht diesen
+Freudenstrudel.
+
+Auch Frank Morrow und Thomas Butler waren heimgekehrt.
+
+Mary Green war aus dem Gefängnis entlassen ...
+
+ * * * * *
+
+Das Nachkriegsleben begann.
+
+Weder Frank Morrow noch Thomas Butler nahmen ihren Abschied. Sie blieben
+bei der Truppe ... Auch Mary war dafür, überall mußte angepackt werden,
+und man konnte nicht wissen ... Denn von Abrüstung war nicht die Rede,
+im Gegenteil. Die Waffen wurden vervollkommnet. Die Kriegserfahrungen
+eigentlich erst jetzt recht ausgewertet. Es gab großartige Manöver,
+Manöver, bei denen kein Mensch mehr sichtbar war: sie wurden nur mit
+mechanischen Kriegsmitteln, mit Tanks und mit Panzerwagen ausgeführt. Es
+wurden gewaltige Befestigungspläne besprochen, der Panamakanal und die
+Hawaiischen Inseln sollten zu Wunderwerken modernster Kriegskunst
+ausgebaut werden, zu den stärksten militärischen Stützpunkten der Welt.
+Militärischer Drill begann bereits in den Schulen, Privatarmeen wurden
+aufgestellt, geheime illegale Organisationen, militärisch organisierte
+Streikbrechergarden entstanden ... Das Land wurde unruhig ... Millionen
+enteigneter Farmer wanderten in die Städte. Die Regierung griff straff
+in die Zügel. Prozesse gegen Sozialisten häuften sich. Zu gleicher Zeit
+wurden die Propagandamittel, Kino und Presse, stark forciert. Rußland:
+so hieß die Gefahr. Im Herzen Amerikas selbst wohnt Rußland. Die
+werktätigen Massen Amerikas schauten nach Russland. Gefängnismauern und
+Barrikaden mußten gegen die rote, gegen die bolschewistische Gefahr
+errichtet werden ... Da liefen in allen Newyorker Kinos schon die
+antibolschewistischen Greuelfilme: da war zu sehen, wie es die
+Kommunisten trieben: Berge von Erschossenen häuften sich vor dem
+andächtig glotzenden Publikum ... Die weißgardistischen Emigranten
+stützten den Feldzug: sie schrieben Lebenserinnerungen, und ihre Flucht
+aus dem roten Massengrab war wirklich heldenhaft abenteuerlich.
+Kapitalisten aller Länder vereinigt euch! Diese Parole, zwar nicht so
+deutlich ausgesprochen, wurde bis zu einem gewissen Grad zur Tat ...
+
+Japan wuchs sich energisch groß.
+
+Vereine von Rassenschützern erhoben warnend die Stimme.
+
+Da geschahen einige Erdbeben, Feuersbrünste bei den Gelben: man dankte
+auf Wallstreet Gott auf den Knien. Doch bedeutete das nur einen
+zeitweiligen Aufschub.
+
+Man hörte aus Deutschland: Die Arbeiterschaft mobilisiert sich, Rote
+Armeen bilden sich, das bolschewistische Feuer springt nach Europa über.
+In der amerikanischen Finanzwelt gab es zwei Meinungen: die einen: das
+kümmert uns nicht, laßt Europa Europa sein; die anderen: wir brauchen
+Europa, unser Kapitalexport stockt ... Deren Meinung setzte sich
+allmählich durch. In Deutschland war Ruhe und Ordnung auch wieder
+eingekehrt. Frankreich klopfte man rechtzeitig noch auf die Finger. Der
+Frank sank ... Und die Vertreter der Nationen erschienen,
+der amerikanische diesmal mit einbegriffen, zur Lösung des
+Reparationsproblems am Verhandlungstisch. –
+
+ * * * * *
+
+Die beiden Freunde bildeten sich weiter. Es war ihnen allmählich bewußt
+geworden, welche Funktion sie als Offiziere der bewaffneten Macht
+auszuüben hatten. Sie wurden radikale Sozialisten, das heißt gründliche
+Sozialisten.
+
+„Jeder an seinem Platz ... Und wir, wir werden _hier_ unsere Pflicht
+tun.“
+
+
+ III
+
+Die beiden Freunde hatten sich wieder in Newyork getroffen.
+
+„Und wie stehts in Edgewood! ...“
+
+„Nicht gleich mit der Türe ins Haus fallen, Thomas ... Darüber später
+...“
+
+„Wir gehen gleich in den Klub!?“ ...
+
+„Ja, und morgen treffen wir uns mit Mary ... Es wird allerlei
+Interessantes zu berichten geben ... Auch Bolleff ist hier, ein
+bulgarischer Genosse ... Aber man muß auf die Detektivs acht geben ...
+Die Luft wird immer dicker ...“
+
+Ein gewaltiger Menschenstrom begann.
+
+„Ah, die Weltmeisterschaft ...“
+
+Und schon schwirrten die Gesprächsfetzen:
+
+„Ich setze auf Dempsey!“
+
+„Dempsey?! ... Ja, man weiß nicht, was wahr ist. Aber man hat sich ganz
+erstaunliches von dem Argentinier erzählt ...“
+
+„Ach, diese Stierhelden und Pampasbullen, meist ist’s nicht viel gerade,
+was dahinter steckt ... Ein schwerer mörderischer Schlag, der kein Gras
+mehr wachsen läßt, wo er hintrifft ... Aber Technik, meist keine Ahnung;
+... Auch keine Luft, höchstens über drei Runden Stehvermögen ... Alles
+Reklame, Maulaufreißertum, Profitgier ... Da, sieh’ nur ...“
+
+Und der ununterbrochen sich dahinwälzende Menschenstrom erfaßte die
+beiden Offiziere, schob sie mit von Straße zu Straße, Hunderttausende
+trieben so vorwärts, der Riesensportarena zu, in der heute die
+Weltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen Dempsey und Firpo
+ausgetragen werden sollte. Das Geschrei der Straßenhändler, das
+blitzende Rauschen von Lichtkegeln in der Luft, gleitende Trottoirs,
+fünfzigstöckige Wolkenkratzer, bengalisch illuminiert, unübersehbare
+Reihen von Automobilen, die im Menschenstrom steckengeblieben waren,
+Absperrungsketten der Polizeimannschaften, Billethändler dazwischen,
+alles erdrückt, gequetscht, manchmal wieder vor dem Eingang ganze
+Menschengruppen um sich selbst kreisend, wie Menschenwirbel, und dort
+hingen wohl zehn Meter große Plakate mit den beiden Boxergestalten, da
+sprach irgend jemand vom Balkon durch einen Schalltrichter, eine zweite
+Stimme gegenüber aus einem Lautsprecher, dort glitten die Hochbahnen
+vorüber, Lichtpunkte flimmerten hinauf in die Nacht, Lichtbänder rollten
+wieder hoch oben vorüber, leuchtende Buchstaben, „Persil bleibt Persil“,
+„Die Zarin ist soeben in Washington eingetroffen“, Aufzüge sah man
+strahlend aufwärtsgehoben in gläsernen Warenhäusern, die Asphaltböden,
+über denen diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, das merkte man;
+ein langhingezogener Donner: das waren die Untergrundbahnen, ausgedehnte
+Zementröhrensysteme unterflochten die Erde ... Dempsey – Firpo: ein
+einziger Gedanke, ein einziger Wille war diesen Hunderttausenden
+aufsuggeriert, dieser Gedanke trieb sie, packte sie, peitschte sie,
+flammte sie vorwärts, dieser tausendgliederige Massenkörper war nur von
+der Sucht nach diesem einen Erlebnis durchschüttert ...
+
+„Wie am Tag der Kriegserklärung ...“
+
+„Erhebend! Gewaltig!“
+
+Den beiden Offizieren war es gelungen, die Menschenmassen zu
+durchkreuzen und in eine leere Seitenstraße einzubiegen. Diese
+Seitenstraße war wie ein vom Wellenschlag unberührtes Bassin.
+
+„Und denkst du eigentlich noch oft an den Krieg?“
+
+„Dann ragten sie empor zu brutaler Größe, geschmeidige Tiger der Gräben,
+Meister des Sprengstoffs.“ So habe ich neulich im Gedicht eines
+Deutschen gelesen. Ob ich noch an den Krieg denke? An den, der gewesen
+ist, nicht mehr. An den, der kommen wird. Ich bin doch schließlich zum
+Gasdienst abkommandiert.“
+
+„Ich bin gespannt auf heute abend. Man müßte öfter solche Vorträge hören
+können. Immerhin, gegen früher, es wird jetzt in der Armee doch mehr für
+politische und kriegswissenschaftliche Bildung getan ...“
+
+„Die Deutschen waren uns darin bei weitem überlegen. Doch wir haben den
+Vorsprung eingeholt ... Die Welt gehört USA. Ich sage das
+nicht unbegründet. Ich gehöre gewiß nicht zur Gattung jener
+Hornochsenpatrioten, die nicht weiter als ihre eigene Nasenspitze
+reicht, zu blicken vermögen. Ich sage das, na ... auf Grund meiner
+Erfahrungen in Edgewood. Verstehst du mich ... Vom militärpolitischen
+Standpunkt aus, meine ich das.“
+
+
+ IV
+
+„Das chemische Kampfmittel ist gekommen, um zu bleiben. Mit dieser
+Tatsache wird sich die Welt abfinden müssen.“
+
+Mit diesen Worten begann Professor Snowden seinen Vortrag vor Offizieren
+der amerikanischen Marine, des Heers und der Luftflotte. Auch Vertreter
+der Zivilbehörden und der Industrie waren dazu erschienen.
+
+Professor Snowden gab zunächst einen kurzen geschichtlichen Rückblick.
+
+„Jahrtausende liegen die Anfänge des Gaskriegs zurück, künstliche
+Staubwolken, raucherzeugende Brennstoffe, Vernebeln der feindlichen
+Stellungen und Ausräuchern: das war schon im Altertum und im Mittelalter
+bekannt. Und schon im Jahre 1854 wurden dem englischen Kriegsministerium
+Gasbomben vorgelegt. Ein deutscher Apotheker war es, der während des
+deutsch-französischen Krieges 1870-71 eine Füllung der Granaten mit
+Veratrin empfahl, einem lediglich stark zum Niesen reizenden Stoff. Sein
+Vorschlag kam damals jedoch nicht zur Durchführung.
+
+„In den 500 Jahren, die vergangen waren, seit die Feuerwaffe Harnisch
+und Lanze überwand, hat man anfangs langsam, dann in den letzten 50
+Jahren in außerordentlich gesteigertem Tempo gelernt, die
+Feuergeschwindigkeit, die Durchschlagkraft und die Rasanz der fliegenden
+Eisenteile zu erhöhen, mit denen man den Gegner bekämpfte. Dabei war man
+zu einem Punkte gelangt, der die bisherige Kriegsführung praktisch
+umwarf. Denn alle diese fliegenden Eisenteile waren von größter Wirkung
+im freien Feld, aber durch Erdwälle von mäßiger Stärke verhältnismäßig
+bequem aufzuhalten. Das gab dem Verteidiger eine grundsätzliche
+technische Ueberlegenheit über den Angreifer. Der menschliche Körper mit
+seinen zwei Quadratmeter Oberfläche stellte eine Zielscheibe dar, die
+gegen den Eisenstrudel von Maschinengewehr und Feldkanone nicht mehr
+unbeschädigt an die verteidigte Stellung heranzubringen war. Der
+Verteidiger konnte nicht vor dem Sturme in seiner Erddeckung
+niedergekämpft werden, weil ihn die fliegenden Eisenteile nicht genügend
+erreichten. Es war eine Sache der naturwissenschaftlichen Phantasie,
+diesen Zustand voraussehen und auf die Abhilfe zu verfallen, die der
+Stand der Technik möglich machte. Diese Abhilfe ist der Gaskrieg.“
+
+Während Professor Snowden exakt die drei verschiedenen Etappen der
+Gasexperimente im Weltkrieg schilderte, das Gasblasen, das Gasschießen,
+das Gaswerfen – wobei er unablässig betonte, daß es sich damals
+lediglich um Experimente handelte und sozusagen der Gaskampf noch in den
+Kinderschuhen steckte – überlegt sich Frank sprunghaft die neuesten
+Arbeiten des „Gasdienstes“ in den Laboratorien und auf den
+Uebungsplätzen von Edgewood.
+
+„Ja, in der Tat, man kann sagen, das Problem der Fernlenkung ist gelöst.
+Eine Kommandotafel, ein Druck: automatischer Start: und das mechanische
+Flugzeug, durch keinerlei atmosphärische Verhältnisse behindert, schießt
+– 500 Kilometer Stundengeschwindigkeit – seinem Ziel zu ...
+Phantastische Gedanken, allein der Technik ist kein Ding unmöglich ...
+Sehen wir nur unsere modernen Tanks an. Wie wendig sie sind, wie
+schnell. 70 Kilometer machen wir heute schon mit ihnen pro Stunde. Eine
+ideale Verbindung von Feuer und Bewegung! ... Wie war es nur bei den
+letzten Manövern? Da sah man schon keinen Menschen mehr. Auch die
+Munitions- und Proviantübernahme, sowie Mannschaftswechsel erfolgten
+vollkommen automatisch, durch Reservekampfwagen ... Nun besteht das
+Problem noch darin, die Tanks gasdicht zu machen. Dann durchqueren wir
+mit ihnen wie mit Unterseebooten die Gassümpfe. Der Krieg hat nun einmal
+die feste ungepanzerte Feuerlinie durch die gepanzerte bewegte
+Feuerlinie ersetzt ...“
+
+„So ist also, dachte Frank zu Ende, der kommende Krieg wieder ein
+Bewegungskrieg. Das Massenheer wird durch das Spezialistenheer ersetzt.
+Uebergänge sind möglich. Genaue Prophezeiungen lassen sich natürlich
+nicht anstellen. Aber das Ueberraschungsmoment gewinnt ungeheuer an
+Bedeutung ...“
+
+Das sprach auch soeben Professor Snowden aus:
+
+„Die chemische Kriegsführung stellt zur Zeit die letzte
+Entwicklungsstufe der Kriegskunst dar. Sie ist die bisher
+wissenschaftlichste aller Kampfmethoden. Vom ökonomischen Standpunkt ist
+die chemische Waffe billiger als alle anderen. Sie ist aber auch die
+humanste. Meine Herren! Man hat die Verwendung von Giftgasen als
+Kampfmittel grausam und unnatürlich genannt, unzweifelhaft ist dies auch
+im Anfang so empfunden worden. Aber man muß dabei doch bedenken, daß man
+jede neue Methode der Kriegführung, so auch die Einführung des
+Schießpulvers als grausam bezeichnet hat, erst allmählich hat es seine
+Schrecken verloren.
+
+„So stehen alle Weltmächte demnach sichtlich unter dem Eindruck, daß die
+Ueberlegenheit in einem kommenden Krieg dem gehören wird, der
+überraschend einen unparierbaren Hieb mit der chemischen Waffe führen
+kann. Erstrebenswert darum ist die Herstellung geheimgehaltener
+Gaskampfstoffe, die kein anderer hat. Es ist ohne weiteres also
+selbstverständlich, daß geheimgehaltene Fortschritte in dieser Richtung
+einen militärischen Vorsprung bedeuten würden, der vom Gegner im Verlauf
+des Krieges wohl kaum eingeholt werden könnte. Denn Schutz gegen
+Kampfgase ist nur möglich, wenn ihre Zusammensetzung bekannt ist. Neue
+Gase wirken also meistens vernichtend ...“
+
+Mit einem Aufruf zur Zusammenarbeit von Offizieren,
+Naturwissenschaftlern, Chemikern und Technikern schloß der Professor
+seinen Vortrag.
+
+
+ V
+
+Es entspann sich sofort eine lebhafte Diskussion.
+
+Man debattierte in Gruppen.
+
+„So und nicht anders muß es kommen, auf diese Art und Weise macht sich
+der Krieg selbst unmöglich. Das Kriegsungeheuer beißt sich selbst den
+Kopf ab. Sehen Sie nicht ein, meine Herrn, daß nach den interessanten
+Ausführungen des Professor Snowden das Kriegführen eine unmögliche Sache
+geworden ist? Ein solcher Zukunftskrieg, würdig von einem Jules Verne
+beschrieben zu werden, er ist ein Angstprodukt verhetzter Gehirne, eine
+Wahngeburt, nicht mehr, das ist unmöglich, sage ich Ihnen, die
+Menschheit in ihrer Gesamtheit wird sich nicht in so frivoler Weise der
+Barbarei überantworten lassen. Jules Vernsche Phantasien, Mondfahrten,
+Abenteuer im Uferlosen ... nichts mehr.“
+
+Es war ein Wilsonianer, der so sprach. Ein gealtertes, elegantes
+Männchen, ein Monokel im Auge. Professor der Medizin an der Universität.
+
+„Und der Völkerbund!?“ wisperte er erregt weiter, „und das Washingtoner
+Abkommen! Ziehen Sie, bitte, in Betracht, meine Herren, den Artikel 5
+des Vertrages ... Schreiten wir weiter fort auf dem Weg der Abrüstung,
+die Befriedung der Welt ist sichergestellt. Ich sage Ihnen, meine
+Herren, der vergangene Krieg ist und bleibt der letzte ... Mögen auch
+kleine Konflikte noch entstehen, Krisen, Empörung und Streit aufwirbeln,
+mögen auch die Kolonialvölker, uneinsichtig wie sie sind, gegen Kultur
+und Gesittung randalieren ... ein Krieg von dem Ausmaß und in den
+Formen, wie Sie ihn uns beschrieben haben, ist eine glatte
+Unmöglichkeit. Aberglauben einfach, nichts weiter ... Die Zivilisation,
+meine Herren, marschiert. Ich meinerseits schwöre in dieser Beziehung
+absolut auf den Völkerbund ...“
+
+„Aber, lieber Arthur, welche Töne!“ grinste ihm gummikauend ganz jovial
+ein chemischer Sachverständiger entgegen. „Sie gütiger Apostel der
+Aufklärungszeit. Gewiß, gewiß. Ihr Pazifismus ist mir psychologisch gut
+erklärlich aus der Katerstimmung nach dem Weltkrieg heraus. Aber, ich
+denke, wir haben das heute, nach 5 Jahren doch wohl schon gründlich
+überwunden. Ueberall, wohin Sie sehen in der Welt, erteilen wir doch mit
+Bajonetten etc. bereits wieder gründliche Lektionen im praktischen
+Pazifismus, wie Sie das nennen. Nun zum Thema. Dazu wäre kurz folgendes
+zu sagen: solange das Gas von anderen Militärmächten in ihre Bewaffnung
+eingereiht ist, können und werden wir es nicht fallen lassen. Chemische
+Kriegsabteilungen bilden jetzt einen wesentlichen Teil der militärischen
+Organisationen Frankreichs, Italiens und der USA., und in jedem dieser
+Länder sind Experimente im Gange, wirksame Methoden für Gasangriffe
+auszuarbeiten. Auf die Verwendung von Gasen verzichten, hieße die
+Sicherung unserer Kampfeinrichtung auf das Spiel setzen, und im Hinblick
+auf die Erfahrungen, die wir im Krieg gemacht haben, würde es glatten
+Irrsinn bedeuten, solch ein Risiko zu laufen. Im übrigen ist es sehr
+töricht den Gaskampf als Kampfart zu verdammen und jemandem Vorwürfe zu
+machen, ihn aufgebracht zu haben. In Wirklichkeit ist es keine
+Kampfmethode, die man nicht etwa hätte voraussehen können. Die ehemalige
+Entrüstung gilt nicht dem Gaskampf selbst, sondern nur dem Bruch der
+Vereinbarungen. Kindliche Einfalt und unberechtigte Bedenken haben
+Frankreich bei Kriegsbeginn abgehalten, sich einer so vorzüglichen Waffe
+zu bedienen. Die französischen Chemiker haben sie sofort vorgeschlagen.
+Ein gänzlich falsch angebrachtes Schamgefühl hat Frankreich um den
+Prioritätsanspruch gebracht ... Kurz: wir alle betrachten den Gaskrieg
+als den Krieg der Zukunft und bereiten uns emsig auf die chemische
+Kriegsführung vor. Und das sind keine Märchen, keine Legenden, liebes
+Professorchen, sondern Tatsachen. Es wäre klug, wenn Sie im Zusammenhang
+damit einmal bei sich erwägen würden, ob das hier Gehörte auch nicht für
+Ihr Fach bedeutende Gewinne bringen könnte ...“
+
+„Ich verstehe Sie nicht, meine Herren, Sie setzen sich über die
+Abrüstungskonferenz und über den Friedenswillen der Völker einfach
+hinweg, als wäre das alles etwas, was man im entscheidenden Moment mit
+dem kleinen Finger umstößt. Dem ist nun doch nicht so ...“
+
+„Der Beschluß der Abrüstungskonferenz, den Gaskampf zu verbieten, steht
+nur auf dem Papier, denn in Wirklichkeit kann er den Gebrauch von
+Giftgasen in einem neuen Krieg nicht verhindern. Deshalb war es auch ein
+Fehler, nicht auf die Ansichten der Sachverständigen zu hören, sondern
+auf die Ansicht von Nichtfachleuten, die aus allgemein menschlichen
+Erwägungen heraus den Gaskampf als grausame, ungehörige Anwendung der
+Wissenschaft verurteilen. Die Vorbereitung für die chemische
+Kriegführung muß weiter betrieben werden ... Es dürfte wenig Zweifel
+darüber herrschen, daß das chemische Kampfmittel gegebenenfalls in sehr
+viel größeren Mengen und in anderer Weise verwandt werden dürfte, als im
+letzten Krieg. Daraus ergibt sich trotz der Washingtoner Beschlüsse die
+Notwendigkeit für unser Land, die chemische Kriegführung weiter
+auszubauen. Die demoralisierende Wirkung von Gas auf einen in seinem
+Gebrauch ungeübten Gegner ist so groß, daß kein Führer es verantworten
+kann, wenn er daraus nicht vollen Nutzen zieht. Eine Nation mit größeren
+wissenschaftlichen Kenntnissen wird unzweifelhaft im nächsten Krieg von
+dieser Wissenschaft vollsten Gebrauch machen, wenn sie der Ansicht ist,
+daß sie dadurch den Krieg gewinnt.“
+
+Aber auch ein Professor der Soziologie war vorhanden:
+
+„Und da sehen Sie, meine Herrschaften, auch auf ein anderes Problem
+möchte ich beiläufig aufmerksam machen. Die neue Kriegstechnik gibt uns
+wieder die Waffe in die Hand. Wie ein Bumerang kehrt die Waffe, die wir
+notgedrungen eine Zeit lang aus der Hand geben mußten, wieder an ihr
+ursprüngliches Ziel zurück. Lassen Sie mich das erklären. Im letzten
+Krieg war das Klassenbewußtsein des Proletariats noch nicht allzu
+entwickelt. Die 2. Internationale spielte ihre Rolle gut: sie ist
+Schulter an Schulter mit uns rechtzeitig allen Versuchen den Krieg in
+den Bürgerkrieg umzuleiten entgegengetreten. In einem kommenden Krieg
+dürfte ihr das vermutlich nicht mehr gelingen. Rußland ist da. Die
+Kommunistischen Parteien haben in allen Kontinenten tief in der
+Arbeiterschaft Wurzel geschlagen. Eine Volksbewaffnung, ein
+Massenaufgebot: bedenken Sie, welch ein Risiko, welch eine Gefahr für
+uns! Da aber trennt die neue Kriegstechnik das Proletariat von der
+Waffe, die Waffe bleibt in unserer Hand, nur an den Produktionsstätten
+haben wir die Arbeiterkadres noch nötig, die nichts mehr und nichts
+weniger nur mehr Arbeitskadres sind. Wir, die Bourgeoisie an der Front:
+das Proletariat im Hinterland, in der Etappe, das Proletariat in der
+Gefahrzone. Wir: in Tanks, in Flugzeugen, in durch Kollektivschutz
+gesicherten Laboratorien, so sieht in einer schroffen Wendung der
+Verhältnisse der neue Krieg aus.“
+
+Der Pazifist machte wieder Einwendungen. Streik, Generalstreik,
+Kriegsdienstverweigerung, Sabotage in den Munitionsfabriken usw.
+
+Dutzendweise prasselten da Gegenargumente auf ihn nieder.
+
+„Ja, aber lieber Professor! Munitionsarbeiterstreik. Glauben Sie denn,
+daß unsere guten Proleten überhaupt wissen, was sie herstellen. Gas,
+Giftgas: muß ich Ihnen, naives Gemüt, denn erklären, daß dies alles in
+Arzneien, Parfümerien, in Düngemitteln, in den Seifenfabrikaten
+enthalten ist? Wo fängt die Munitionsherstellung an und wo hört sie auf?
+Sehen Sie, die Raupenschlepper der Tanks, werden sie nicht auch zu
+Traktoren verwendet? Haben Sie nie etwas von den Normungstendenzen der
+Industrie gehört ... O, das ist alles organisiert ...“
+
+Ein anderer spottete:
+
+„Streik, Dienstverweigerer. Sie rechnen nicht mit der Atmosphäre beim
+Ausbruch eines bewaffneten Konflikts. Sie rechnen nicht mit der Macht
+der Presse, mit der Erschütterung, die wir in neun Zehntel aller
+Menschen mit Schauergeschichten und Greuelmärchen bewirken können, mögen
+sie noch so absurd und noch so schamlos dumm erlogen sein. Sie rechnen
+nicht mit der Spaltung der Arbeiterschaft. Die revolutionären Elemente
+haben bestimmt im Anfang des Krieges keinen großen Einfluß, erst unter
+den direkten Wirkungen ... und dann: entweder – oder! Wir siegen oder –
+das andere ist Sache der feindlichen Besatzungstruppen. Wir werden uns
+auch hier zur rechten Zeit verständigen. Hundertprozentige
+Irrsinns-Atmosphäre, mein Herr! ... Das verdient in Rechnung gestellt,
+einkalkuliert zu werden, mein Herr! ... Nur wir, die Arrangeure, ein
+Prozent der Gesamtmenschheit, behält klar den Kopf. Denn wir sind darauf
+eingestellt, wir kennen die Vorbereitungen, für uns allein ist die
+Kriegserklärung kein Ueberraschungsmoment, wir allein wissen nur allzu
+genau – im Gegensatz zu gewissen Sozialisten, Sie entschuldigen schon –
+daß die Produktionsmethode, die wir heute betreiben, und Krieg unbedingt
+zusammengehören, in ihrem Wesensgrund eins sind, und daß der sogenannte
+Friede nur eine Atempause ist ... Wie lange eine solche dauert, das kann
+man nicht sicher prophezeihen ... Wir geben für einen kommenden Krieg
+kein Datum an ... Kurz gesagt: Träumen wir nicht den Frieden, sondern
+_para bellum_! Bereite den Krieg vor ...
+
+„Hat schon Nietzsche gesagt: nur im Schatten des Schwertes –“
+
+„... Wir dürfen ja wohl hoffen, Herr Professor, daß Sie nur außerhalb
+ihres Geschäfts so pazifistisch sich gerieren ... Wenn der Krieg einmal
+da ist, verlassen wir uns darauf: Sie schreiben alles, was noch aus dem
+letzten Loch pfeift, k. v. ...“
+
+„Eingeschlagen!“
+
+„Nun, das ja ... Wir sind doch schließlich allzumal Patrioten.
+Kern-amerikanisch.“
+
+Eine Pause trat ein ...
+
+
+ VI
+
+Berühmte Herrenreiter, Tennisspieler, Tänzerinnen, ein Arzt,
+monokelblitzende Herren vom demokratischen Yachtklub promenierten
+schon auf und ab, eine Filmdiva zirpte am Arm des berühmten
+Relativitätstheoretikers vorüber, eine parfümierte Duftwolke
+durchschütterte die Luft. Die Kinoschauspielerin war raffiniert einfach
+gekleidet, ein goldenes Kreuz im weiten Halsausschnitt, schwarze Seide.
+Sie hatte merkwürdigerweise den Spitznamen „Lola, das Känguruh“. Eine
+andere hieß „Das Sardellenbrötchen“, eine dritte „Der Vampir“.
+
+„Unterseeboote –“
+
+Grunzte ein hoher Geistlicher sehr bedächtig:
+
+„... sind gewiß lieblos, unchristlich. Sie sind genau so ungerecht wie
+der Mammon. Gerade darum entsagen wir ihnen nimmer. Wir brauchen sie,
+wie wir ja auch nach Jesu eigenem Wort den Mammon brauchen sollen. Das
+ist eben das Schöne, daß wir bei dem allen das Wort Jesu für uns haben
+... Unsere Schuld wahrlich ist es nicht, wenn wir in der Blutarbeit des
+Krieges auch die des Henkers zugleich mit verrichten müssen ...“
+
+„Meine Herren! In der Tat! Der Mensch wurde über sich selbst
+hinausgehoben! Wenn ich mich an die Jahre des Krieges zurückerinnere: in
+der Tat: wir durften unsere Bilder dorther nehmen, wo die ewigen Sterne
+hangen ... Wir sahen keine Vergangenheit mehr: wir waren das Schicksal
+selbst ... Wie das Wehen einer neuen Zeit, so ging ein Geist des
+gegenseitigen Verstehens und der gegenseitigen Hilfsbereitschaft durch
+die Menschenherzen. Und die vaterlandslosen Gesellen haben ihre Pflicht
+erfüllt und sich darin in keiner Weise von den Patrioten übertreffen
+lassen ... Ein jubelnder Aufschrei hat die Herzen des Volkes durchglüht,
+ein versöhnender Hauch hat sich über die Herzen des Volkes gebreitet.
+Darüber sind sich doch alle meine Freunde klar, ohne den Krieg wären die
+vielen demokratischen Freiheiten in den USA. noch lange nicht erreicht
+worden. Ein solcher Sieges- und Friedenspreis ist der Opfer würdig ...
+Das sage ich, trotzdem oder besser eben weil ich Sozialist bin ...“
+
+„Ja, wirklich, es war aber auch ein heißes Bad in schwarzem Blut nach so
+viel feuchten Lauheiten von Muttermilch und Brudertränen dringend
+notwendig. Es war eine ordentliche Begießung mit Blut nötig. Vor allen
+Dingen: wir sind unserer zuviel geworden. Und der Krieg nimmt allemal
+eine Unmenge von Menschen weg, die nur lebten, weil sie eben geboren
+waren. Unter den Tausenden von Leichen, die im Tode vereinigt sind und
+sich nur noch durch die Farbe der Uniform unterscheiden, wie viele sind
+denn darunter, die man zu beweinen oder deren wir uns auch nur zu
+erinnern brauchten!? Ich wette meinen Kopf, daß sie nicht an die Zahl
+der Finger und der Zehen heranreichen. – Man halte uns nicht zur
+Gemütserschütterung die Tränen der Mütter vor! Zu was aber sind auch
+nach einem gewissen Alter die Mütter überhaupt noch zu gebrauchen als
+zum Heulen!? Der Krieg nutzt außerdem der Landwirtschaft und der
+Neuzeitlichkeit. Die Schlachtfelder liefern für viele Jahre einen
+erheblich höheren Ertrag als zuvor ohne irgendwelche Düngemittel. Was
+für schöne Kohlköpfe werden wir essen, wo die Leichen sich aufhäufen,
+und welche dicken Kartoffeln wird man einige Jahre später in den
+Gegenden ernten, wo die Leichenmassen der deutschen Infanteristen
+liegen. Wir wollen den Krieg lieben und ihn, solange er dauert, als
+Feinschmecker auskosten ...“
+
+So dozierte ein Aesthet. Er war bekannt durch den Besitz einer
+reichhaltigen Porzellansammlung. Er selbst galt als Kraftnatur und
+bevorzugte von allen anderen Kunstrichtungen den Futurismus.
+
+Gegen einige Einwände, die namentlich von weiblicher Seite gemacht
+wurden, erhob sich sofort der Psychiater:
+
+„Sie müssen einsehen lernen, die Kriegskassandren beiderlei Geschlechts,
+daß es Demenz verrät, die Modefrage nach dem Frieden stoßzubeten. Krieg
+lernt man nicht an einem Tag. Der Krieg, bisher Reaktion auf Reiz,
+Ehrensache, Mittel zum Zweck: im Moment der Kriegserklärung wird er
+Selbstzweck. Und von da an, hoffe ich dringend, werden auch alle jene
+noch unerlösten amerikanischen Seelen, möglicherweise sogar die letzten
+Pazifisten, ihren Sündenfall erkennen, werden erkennen, daß ihre Ideale
+keine Reliquien sondern Relikte sind. Und die ganze Nation wird wie ein
+Mann den ewigen Krieg wiederfordern ... Im übrigen: wenn es Sie
+interessiert: ich bin jetzt gerade bei einer Psychoanalyse der
+Arbeiterbewegung: die ununterbrochenen Klagen über die Unterdrückung der
+Arbeiterklasse durch die Bourgeoisie sind nichts weiter als die
+Sublimierung des Verfolgungswahns, und was die Losung „Proletarier aller
+Länder vereinigt euch“ betrifft: so ist sie nichts anderes als der
+Klassenausdruck der Homosexualität ...“
+
+„Nein, was Sie sagen!“
+
+
+ VII
+
+Im Musik-Salon wurde inzwischen über Kunst debattiert.
+
+Ein Bücherschrank öffnete sich.
+
+Zuerst liebkoste man mit den Fingerspitzen die Einbände.
+
+Ein berühmter Kritiker drehte sich hin und her in der Mitte eines
+Kreises, wie ein Pfau, zwei sehr fett geratene Schauspielerinnen
+umwogten ihn, endlich schaufelte er sich durch die Fleischmassen
+hindurch, elastisch wippend. Den mit ihm Sprechenden ließ er nur sein
+Profil sehen.
+
+„Auch Sie hier, Herr Doktor!? ... Ein wenig herausgeflogen aus der
+Studierstube?! ... Nun, was macht Ihre Arbeit!?“
+
+„Ja, ganz richtig, was die Kriegsschuldfrage anbetrifft: mir fehlt in
+meinen Untersuchungen nur noch eine Minute im damaligen Leben des leider
+verewigten Zaren ... Dann ist der Kreis lückenlos geschlossen ... Jeden
+Staatsmann habe ich wissenschaftlich gewissenhaft unter die Lupe
+genommen ... Ich kann aber heute schon Ihnen vertraulich versichern, die
+Unschuld der Entente wird einwandfrei bewiesen ...“
+
+„Und korrespondieren Sie noch mit ... na, ich meine den Verfasser von
+diesem Buch „Untergang des Abendlandes“ oder so ähnlich ...“
+
+„Gewiß. Gewiß. Eine renaissancehafte Cäsarennatur, gemästet an den von
+ihm selbst gezeugten Kadavern ... Hat übrigens die Absicht über das
+„Große Wasser“ zu kommen ... Würde sich lohnen ... Jemand, der es
+finanziell arrangieren würde, würde bestimmt, bei der großen Aussicht
+auf Erfolg, zu finden sein.“
+
+„Das so wie so. Ist ja ganz nach dem Geschmack unseres Publikums ...“
+
+„Man muß dem Volk die Wege zu Kraft und Schönheit weisen. Sport. Sport:
+das ist das in unserem Zeitalter gegebene Mittel dazu ...“ unterbrach
+jetzt die Beiden ein dritter.
+
+ * * * * *
+
+„Vom Leben nach dem Tode“ wurde jetzt gesprochen.
+
+„Ein aktuelles Thema sozusagen“, schnauzte jemand.
+
+Einige lächelten zwar skeptisch, sie erklärten sich für Agnostiker und
+Relativisten, aber die Jenseitsgläubigen gewannen unschwer die Oberhand.
+
+„Religiös zu sein ist modern. Außerdem liebe ich prinzipiell nur
+religiöse Menschen. Haben Sie neulich nicht das Bild des Kardinals im
+Journal gesehen! Ein feiner Kopf! Totschick.“
+
+Die Filmdiva erinnerte sich daran genau.
+
+„Ueberwundener Standpunkt!“ höhnte der Kunstmaler, der fest an einen
+persönlichen Gott glaubte, zu einem der Ungläubigen hinüber und
+entwickelte eine exakte Topographie des Jenseits. Er ging zur
+Beschreibung der Hölle über, und kicherte satanisch, als er jedem
+Ungläubigen dort bereitwilligst sein Plätzchen zuwies.
+
+Der Kunstmaler bekannte gleich darauf dem interessiert aufhorchenden
+Zuhörerkreis nicht unbescheiden, er selbst befinde sich im Zustand der
+Gnade, das regelmäßig gepflogene Gebet erwirke in ihm eine magische
+Kraft, Gottes Stimme sei auch heute noch ganz reell zu hören ... Verlor
+sich aber gleich darauf in einem langwierig ausgesponnenen Traktat über
+das Wesen des Sündenreizes und über Luthers „Fortiter peccare“ und
+schloß damit, daß dem Gläubigen alles erlaubt sei. Auf die Reue
+lediglich komme es an.
+
+Ein neukatholischer Universitätsprofessor wiederholte dabei monoton:
+
+„Man muß sein Leben opfern ... Für mich persönlich allerdings, das muß
+ich gestehen, wäre der Heldentod keine besondere Sache. Wer, wie ich, in
+der Entspannung lebt, wem, wie mir, das Leben leicht ist ... Das Problem
+der Opferung umfaßt bei mir nicht solche materielle Bezirke ...“
+
+Wieder war ein Wortstreit ausgebrochen.
+
+Ein Theosoph schlug sich mit einem Mystiker, ein Protestant mit einem
+Neukatholiken, ein Monist griff taktlos ein, und alles hielt sich
+plötzlich die Ohren zu und kreischte:
+
+„Ausgerechnet Darwin!“
+
+Und die Gesellschaft schlug unter Anleitung eines bekannten
+Schauspielers jetzt einige prächtig gelungene Saltomortales in
+Geistreichigkeiten ... Die Witze hüpften ...
+
+Aber schon ließ sich ein Sekretär des Auswärtigen Amtes hören:
+
+„Soll ich Ihnen, meine sehr verehrten Herrschaften, vielleicht einmal
+schildern, wie das Volk in Wirklichkeit fühlt und denkt!? Ja!?
+Vielleicht jage ich damit auch den letzten Restspuk ihrer pazifistischen
+Illusiönchen zum Teufel!
+
+„Es handelt sich um die Lynchjustiz an Negern im Staate Ohio.
+
+„Stellen Sie sich bitte vor: eine Menge von 10000 Personen. Geballte
+Fäuste, blutunterlaufene Augen, Fluchen und Schimpfen. Mit Stöcken,
+Pechfackeln, Revolvern, Besen, Stricken, Messern, Scheren, Schirmen,
+Vitriol bewaffnet. Inmitten dieser entfesselten und immer wachsenden
+Truppe ein schwarzer Klumpen, einmal nach links, einmal nach rechts
+gestoßen, geschlagen, niedergetreten, zerrissen, blutbedeckt, beinahe
+tot ... Die lynchende Menge schleppt ihr Opfer, den Neger, mit sich. In
+einen Wald oder auf einen öffentlichen Platz. Dort wird er an einen Baum
+gebunden, mit Petroleum oder sonstigem Brennstoff begossen. Bevor das
+Feuer angezündet wird und seinen Körper erfaßt, wird ihm ein Zahn nach
+dem andern ausgeschlagen, werden ihm die Augen ausgerissen, wird ihm das
+Haar in Büscheln vom Kopf gerissen, wobei ganze Hautfetzen mitgehen und
+ein blutiger Schädel zurückgelassen wird. Der Körper wird derart
+geschlagen, daß kleine Fleischstücke herumfliegen ... Der Neger atmet
+noch; aber er schreit nicht mehr. Denn man hat ihm seine Zunge mit
+glühendem Eisen verbrannt. Der ganze Körper krampft sich zusammen wie
+eine Schlange, die halb zertreten wird, wenn man ihn von zwei oder drei
+Seiten zugleich mit glühendem Eisen versengt. Mit einem Messer wird ihm
+sein Ohr abgeschnitten ... „Oh, wie schwarz er ist! Wie häßlich er ist!“
+kreischen die Damen, die ihm das Gesicht zerfleischen. „Man soll ihn
+anzünden!“ schreit einer. „Nur langsam“, fügt ein anderer hinzu, „nur
+hübsch langsam braten lassen, damit er nicht zu rasch stirbt, sonst hat
+die Sache keinen Witz.“ Der Schwarze wird geröstet, gebraten, bis der
+Körper schließlich fast verkohlt ist. Aber _ein_ Tod ist zu wenig. Darum
+hängt man den Körper noch auf, genauer gesagt, man hängt das auf, was
+von seinem Leichnam übrig ist, und alle Zuschauer klatschen Beifall und
+rufen „Hurra“! Wenn die Menge sich an dem Schauspiel genügend satt
+gesehen hat, läßt man den Leichnam zur Erde fallen. Man schneidet die
+Stricke, mit denen er angebunden und gehenkt worden ist, in kleine
+Stücke, von denen jedes um drei oder fünf Dollar verkauft wird. Das sind
+Andenken, die Glück bringen, und um die sich die Frauen reißen ...“
+
+Man schwieg auf diese Erzählung hin nicht lange.
+
+„Schauderhaft ... Furchtbar ...“
+
+„Das Urböse im Menschen, die Bestie, der Satan ...“
+
+„Ob es nun wahr ist, was Sie uns erzählt haben oder nicht ... es war
+spannend erzählt, es prägte sich einem deutlich ein ...“
+
+„Nun, wir sind keine Nervenbündel ... und wenn die Frauen sich
+ängstigen: _mulier taceat in ecclesia_! Uebrigens: auch Weiber werden zu
+Hyänen, und wie der Krieg gezeigt hat, oft zu sehr brauchbaren ...
+
+„Ja, du meine süße Hyäne ...“
+
+Man scherzte schon wieder.
+
+Der Neger war rasch vergessen.
+
+
+ VIII
+
+Professor Snowden nahm indeß das Schlußwort:
+
+Eine Generalstabskarte war aufgespannt, auf der der Vortragende die
+einzelnen Positionen mit dem Stab aufzeigte.
+
+„Ich werde jetzt versuchen, eine ökonomische Analyse des kommenden
+Krieges zu geben ... Es handelt sich dabei vor allem um die
+nichtkapitalistischen Absatzmärkte in China und Indien. England ist im
+Jahre 1925 so gut wie aus China vertrieben, so daß jetzt der Kampf
+zwischen den beiden siegreichen Mächten Japan und Amerika beginnt. China
+mit seinen 400 Millionen Einwohnern, von denen der größte Teil
+Kleinbürger sind, 320 Millionen in der Landwirtschaft, die sie
+kleinbürgerlich betreiben, ein großer Teil von Kleinbürgern in den
+Städten, und Indien mit seinen 320 Millionen, darunter 217 Millionen in
+der Landwirtschaft: sind die beiden großen Hauptbecken, wo wir noch
+Mehrwert realisieren können, namentlich nachdem sich der
+nichtkapitalistische Markt in Amerika und Kanada immer mehr verengt hat.
+In Amerika sind allein in den letzten 10 Jahren etwa 7 Millionen Farmer
+als Proletarier in die Städte gewandert.
+
+„Schon früh haben wir die große Bedeutung Chinas erkannt.
+
+„Das Vordringen unserer Standard-Oil-Compagnie in China, das Eindringen
+unserer amerikanischen Maschinen in China ist ein deutliches Zeichen
+dafür. Wir mußten unsere Zivilisationsbestrebungen aber auch
+militärisch fundieren. Die erste Periode war im Jahre 1899 der
+amerikanisch-spanische Krieg, in dem wir die Philippinen, direkt vor
+China, annektierten. In der zweiten Periode wird die Verbindung zwischen
+den Vereinigten Staaten und den Philippinen hergestellt, werden im
+ganzen Stillen Ozean feste Kriegsstützpunkte zu seiner Beherrschung, zur
+Vorbereitung des weiteren Vordringens nach China, nach Ostasien gemacht.
+Durch den Abkauf der dänischen Inselgruppe St. Thome, durch den Ausbau
+von Hawaii, insbesondere durch den Ausbau des dortigen Kriegshafens Perl
+Harbor, durch Ausbau von Dutch-Harbor auf Alaska, nach dem Krieg durch
+die Besetzung und den Ausbau von Tutuila in der ozeanischen Inselgruppe
+und schließlich durch die Besetzung und den Ausbau von Guam haben wir
+ein weites, großes Viereck geschaffen, das zur Vorbereitung von
+Angriffen bezw. Abwehr vorzüglich geeignet ist. Dieses große Viereck im
+Stillen Ozean erhält seine Rückenstützpunkte durch Kalifornien auf der
+einen Seite, durch den Panamakanal, und damit die Verbindung zum
+Atlantischen Ozean auf der anderen Seite.
+
+„Nun, und auf der anderen Seite steht Japan, das gleichfalls Anspruch
+auf China und Indien erhebt, und das immer stärker gleichfalls
+vordringen will.
+
+„Die Probleme des japanischen Imperialismus lassen sich auf zwei
+Hauptfragen zurückführen. Das eine ist selbstverständlicherweise die
+Frage des Absatzes seiner Ware, das andere ist das spezifisch japanische
+Problem der Uebervölkerung, und damit die Notwendigkeit der Ansiedlung
+und des Ausbaues seines Imperiums. Bereits 1919 hat Graf Komura erklärt,
+daß Japan verloren sei, wenn es ihm nicht gelinge, in einem
+Menschenalter Raum für 100 Millionen Menschen zu sichern und obendrein
+seine Auswanderungsräume unter der Flagge zusammenzuhalten.
+
+„In Japan drängen sich auf einer Fläche, die etwa so groß ist wie die
+Deutschlands, dabei aber vielfach unbewohnbar ist durch steile
+Vulkanberge, 78 Millionen zusammen, sein Geburtenüberschuß betrug in dem
+einen Jahre 1921 724600 Geburten, während der Ueberschuß in den über 250
+Jahren der japanischen Abgeschlossenheit von 1600 bis 1886 nur 900000
+betrug. Die plötzlich so starke Ausdehnung vor allem zwingt Japan,
+fremde Gebiete zu erobern, dorthin die Mengen von proletarisierten
+Bauern und Proletariern zu übertragen. So hat Japan Korea besetzt und
+völlig zur japanischen Kolonie ausgebildet, so dringt es in China ein,
+in Indien, in Südafrika, so hat es sich vor allem schon in Kalifornien,
+in unserer direktesten Nähe, festgesetzt. Vor dem Erlaß unseres
+Einwanderungsverbots und auch jetzt noch steht Kalifornien vor der
+Gefahr eine japanische Kolonie zu werden. Bereits 1922 gab es 110000
+Japaner in Kalifornien, denen mehr als zwei Drittel des hochwertigen
+Weizenlandes gehören.
+
+„Nun die Frage der Rohstoffversorgungsmöglichkeiten Japans!
+
+„Während Japan selbst nicht reich an Kohle, arm an Eisen und Oel ist,
+ist China und Korea außerordentlich mit Kohle und Eisenerz versehen.
+Während man den japanischen Kohlenvorrat insgesamt auf etwa 1600
+Millionen Tonnen schätzt, wird der chinesische auf 15 Milliarden Tonnen
+geschätzt. Ebenso belaufen sich die chinesischen Eisenerzvorräte auf
+zirka 45000 Millionen Tonnen, während die Japans nur etwa 4000 Millionen
+Tonnen betragen. Das Vordringen Japans in China, das bereits durch große
+Bindungen, durch große Beteiligung der Japaner an Eisen- und Stahlwerken
+vollzogen ist, droht für unseren Handel jetzt zur direkten Gefahr zu
+werden! Für England ist Japan bereits zur Gefahr geworden! Der
+englisch-japanische Vertrag ist auch aus diesen Gründen nicht mehr
+erneuert worden. Und die Errichtung der Singapore-Basis seitens England
+kann nur Japan gelten. Wir können daher wirklich von einer gelben Gefahr
+sprechen und die Gefahr eines kommenden Krieges ist damit ebenfalls in
+große Nähe gerückt.“
+
+– – –
+
+Da platzte die Nachricht herein:
+
+„Dempsey Knockout-Sieger nach zwei heftigsten an Ueberraschungen reichen
+Runden über Firpo ...“
+
+Der Lärm der Straße schwoll.
+
+Ein Menschenkatarakt ...
+
+Frank und Thomas trieben steuerlos dahin durch die Nacht wie durch ein
+Traumland ...
+
+„Mir ist es oft“, sagte Frank zuerst, „als sei das Proletariat aller
+Länder, dieser Riesenmenschenmassenleib, mit magnetischen Strömen
+geladen und mitten hinein in ein Stahlgewitter gestellt, dazu
+ausgesucht, die Blitze, die sich aus der labyrinthischen Wirrnis dieser
+Gesellschaftsform entladen, auf sich abzuziehen ... Ein wandelnder
+Blitzableiter ...“
+
+„Nun heißt es aber für uns: mit zehnfacher Kraft heran an die Arbeit!
+Wir müssen gleich morgen zu einem wirklichen Resultat kommen! ...“
+
+
+ IX
+
+„Ich schlage vor“, nahm die Genossin Green das Wort, „nachdem wir jetzt
+die ausführlichen Berichte der Genossen Morrow und Butler gehört
+haben, eine Resolution zu fassen und sie allen revolutionären
+Arbeiterorganisationen der Welt vorzulegen und dringend zur Annahme und
+zur Durchführung zu empfehlen. Auch der Genosse Bolleff von der
+bulgarischen Sektion hat einige Bemerkungen gemacht, die wir
+berücksichtigen müssen. Wir Sozialisten Amerikas, als des Landes, das am
+weitesten fortgeschritten ist in der imperialistischen Kriegstechnik,
+haben demnach die Pflicht, auch in der Bekämpfung des imperialistischen
+Krieges führend zu sein und unsere Beobachtungen allen Sektionen
+mitzuteilen. Unsere Kommission zur Beobachtung der imperialistischen
+Kriegsrüstungen hat gut gearbeitet, sie steht nach wie vor mit unseren
+illegalen Organisationen in engster Verbindung und wird sich weiter
+intensivst ihrer Aufgabe widmen. Die Resolution, die wir aufgesetzt
+haben, lautet:
+
+
+ Einige wichtige Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den
+ imperialistischen Krieg
+
+„Zu dem Kampf gegen den imperialistischen Krieg gehört unmittelbar auch
+die möglichst genaue Kenntnis der Waffen, die in diesem Krieg aller
+Voraussicht nach zur Anwendung kommen werden. Wir müssen in unserer
+Aufklärungsarbeit unbedingt regelmäßig über den Stand der modernen
+Kriegstechnik konkret berichten können und auch von dieser Richtung her
+die Massen damit bekannt machen, was für sie ein kommender Krieg
+bedeutet.
+
+„Der Weltkrieg war eine Revolution für die gesamte Kriegstechnik.
+
+„Es läßt sich nun nicht leugnen, daß unsere gesamte bisherige
+Antikriegspropaganda viel zu sehr auf den vorhergegangenen Krieg
+eingestellt war, viel zu „konservativ“ war und daß wir es nicht richtig
+verstanden haben, die experimentellen Ansätze der im vorhergegangenen
+Krieg entwickelten Kriegstechniken scharf herauszuanalysieren, ihre
+Weiterentwicklung in der Nachkriegsperiode in aller Oeffentlichkeit zu
+verfolgen und damit den entscheidenden Wendepunkt im Charakter der
+gesamten Kriegsführung überhaupt überzeugend darzutun. Das, was gewesen
+ist, interessiert uns doch nur im Hinblick auf das, was ist, im Hinblick
+auf das, was sein wird.
+
+„In den wenn verhältnismäßig auch nur spärlichen Berichten der
+Bourgeoisie über dieses Thema aber bietet sich uns ein ungeheueres
+Agitationsmaterial dar, das, im entscheidenden Augenblick richtig
+eingesetzt, eine durchschlagende Wirkung auf die weitesten Kreise
+unserer Meinung nach ausüben müßte.
+
+„Es gilt den Fortschritt der Militärtechnik in allen Ländern mit größter
+Sorgfalt zu verfolgen, um einerseits durch die Schilderung des Konkreten
+dem Proletariat ein Bild des kommenden Krieges in anschaulichster,
+lebenswirklichster Weise geben zu können und um andererseits durch die
+intensive Beschäftigung mit den Rüstungen in dieser Weise, durch ihr
+näheres Studium auf Grund der dabei gemachten Erfahrungen realere
+Anhaltspunkte für unseren Kampf gegen den Krieg zu gewinnen.
+
+„Wir amerikanischen Genossen ersuchen euch, Genossen, schon heute auf
+dieser Basis eine großzügige Aufklärungspropaganda über den chemischen
+Krieg zum 1. August dieses Jahres vorzubereiten. (Vorträge,
+Aufklärungsmeetings, Broschüren usw.) Vor allem aber auch mit Nachdruck
+darauf hinzuweisen, daß die polnische Regierung am 9. März 1925 das
+erste Mal im Klassenkrieg gegen revolutionäre Arbeiter chemische
+Kampfstoffe eingesetzt hat. Dies ist unseres Wissens das erste Mal, daß
+im Bürgerkrieg chemische Kampfstoffe angewendet wurden. Wir gehen wohl
+nicht fehl in der Annahme, daß es nur eine Frage der Schärfe in der
+Zuspitzung der Klassenverhältnisse ist, ob und wann das Gas auch im
+Bürgerkrieg allgemein seine Verwendung finden wird. Die Bourgeoisie
+spart bekanntlich nur deswegen ihr bestes Pulver auf, um ihre
+Geheimnisse nicht vorzeitig preiszugeben. Es wäre aber äußerst
+verhängnisvoll für uns, uns darüber Illusionen zu machen und uns, wenn
+es einmal hart auf hart geht, auf einen solchen Kampf nicht
+einzustellen.
+
+„Wir fordern euch, Genossen, daher auf, alle das eure zu tun zur
+Konkretisierung unserer Methoden des Kampfes gegen den imperialistischen
+Krieg ...“
+
+„Wünscht einer der Genossen zu dieser Resolution das Wort?“
+
+Der bulgarische Genosse meldete sich.
+
+„Genosse Bolleff!“
+
+Der bulgarische Genosse bemängelt vor allem, daß die Resolution selbst
+nicht genügend konkret sei, die Konkretheit fordere, ohne selbst dieser
+Anforderung zu entsprechen. So hätte man auf den Abrüstungsschwindel
+genau eingehen müssen, nachweisen müssen, daß Rüstungsindustrie
+identisch ist mit Farbstoffindustrie und daß die ungeheure Entwicklung
+der chemischen Industrie gleichbedeutend ist mit der ungeheuren
+Aufrüstung, wie sie fieberhaft in allen Ländern betrieben wird. „Wir
+hätten am besten Amerika als Beispiel anführen können, das vor dem Krieg
+sieben chemische Fabriken besaß, nach dem Kriege bereits 118! Dann hätte
+man sagen müssen: daß alle schweren Giftstoffe Abkömmlinge der
+Farbindustrie bezw. der Heilmittelindustrie sind. So weiß im Zeitalter
+des Giftgaskrieges der Arbeiter in der Fabrik nicht mehr, ob er ein
+harmloses Heilmittel, irgendeine Farbe oder aber ein äußerst
+gefährliches Giftgas herstellt. Hier enthüllt sich mit voller Schärfe
+die konterrevolutionäre Forderung der 2. Internationale, daß man bei
+Kriegsausbruch einfach den Krieg unmöglich macht dadurch, daß man keine
+Munition herstellt. Hier zeigt sich klar, daß diese Forderung nur dazu
+dient, das Proletariat von der Erkenntnis der unerbittlichen
+Notwendigkeit des Kampfes gegen die Bourgeoisie, des Krieges gegen den
+Krieg, abzuhalten. Wir müssen dabei in Rechnung stellen, daß man
+versuchen wird, die Belegschaften dieser Fabriken mit „zuverlässigen“
+Elementen auszufüllen. Die Resolution hätte noch besonders hinweisen
+müssen auf die Wichtigkeit unserer Betriebszellenarbeit in diesen
+Fabriken, auf unsere Zellenzeitungen in diesen Betrieben ...“
+
+Als zweiter meldete sich ein amerikanischer Genosse.
+
+In der Resolution sei die Tatsache nicht in Betracht gezogen, daß die
+amerikanische Polizei bereits gegen sogenannte Verbrecher ausreichend
+von Gashandgranaten Gebrauch mache, daß man Gas in Gefängnissen gegen
+Meuterer verwende, ja daß man bereits Experimente angestellt habe, den
+elektrischen Hinrichtungsstuhl durch Gas zu ersetzen ... Abgesehen aber
+davon, hätte man auch formulieren müssen, daß der Kampf gegen den
+imperialistischen Krieg eben gleichbedeutend ist mit dem Kampf um den
+Besitz der Produktionsmittel. Daß der Kern der Sache der Besitz der
+Produktionsmittel ist. Und daß das Entweder-Oder, Sozialismus oder
+Untergang in die Barbarei, in diesem Zusammenhang zur höchsten
+Aktualität gesteigert, plötzlich eine ganz neue schlagartige Beleuchtung
+erhält.
+
+„Zweierlei scheint mir noch zu fehlen“, fügte jetzt Genosse Morrow
+hinzu: „erstens daß alle Kampfmittel und Kampfstoffe eben dadurch, daß
+sie uns bekannt sind, beweisen, daß sie von den einschlägigen Kreisen
+bereits längst aufgegeben sind, und daß wir im Ernstfall bei weitem
+schärfere und ausgiebigere Kampfstoffe zu erwarten haben ... Und dann:
+daß man mit allen Mitteln dem Unfug entgegentreten muß, den zukünftigen
+Krieg utopisch durch allerlei phantastischen Schnickschnack wie
+Todesstrahlen und mechanische Polizeimänner zu verzerren, dadurch wird
+nur erreicht, daß auch das bereits wirklich Vorhandene angezweifelt
+wird, und unsere ganze Kampagne sich leerläuft. Die Bourgeoisie
+allerdings hat das größte Interesse daran, diesen Dingen gegenüber die
+Methode der Camouflage anzuwenden, d. h. Dinge, die sie nicht mehr
+verschweigen kann, durch Kombination mit blödsinnigem Ulk als harmlos
+und als unwirklich darzustellen. Das hätte meiner Meinung nach
+berücksichtigt werden müssen ...“
+
+ * * * * *
+
+Damit war die Debatte über die Resolution beendet.
+
+Es wurde vorgeschlagen, als Kommentar zur Resolution zwei ausführliche
+Artikel anzufügen, der eine mit dem Titel: „Der zukünftige Krieg und die
+chemische Industrie der Welt“, der andere „Die chemische Waffe im
+kommenden Krieg!“ Diese Arbeiten sollten möglichst knapp gehalten, mit
+überzeugendem Tatsachenmaterial versehen sein und so präzis wie nur
+möglich formuliert werden. Mit der Ausarbeitung wurden die Genossen
+Frank Morrow und Thomas Butler beauftragt.
+
+
+ X
+
+Die Ereignisse überstürzten sich.
+
+Mancher der besten Kommunisten hatte das Tempo falsch eingeschätzt.
+
+Die Kriegsgefahr springt wie eine Springflut die Völker an ...
+
+Die großen amerikanischen Flottenmanöver im Stillen Ozean begannen. Eine
+gewaltige militärische Demonstration gegen Japan ...
+
+Sieben Monate lang sind die verschiedenen Schiffseinheiten unterwegs.
+
+ * * * * *
+
+Pearl Harbor auf Hawaii:
+
+12 Schlachtkreuzer, 6 Kreuzer, 56 Zerstörer, 6 Unterseeboote, 1
+Geschwader Flugzeuge, 2 Flugzeugmutterschiffe: sind zum Angriff
+angesetzt.
+
+Minengürtel, mit Unterseebooten verseuchte Zonen, sperren Hawaii ab. Ein
+einziger Feuer und Eisen speiender Krater ist Hawaii ...
+
+ * * * * *
+
+Je näher die Kriegsgefahr heranrückt, desto energischer betreiben die
+einzelnen Regierungen die Kommunistenverfolgungen. Die Revolutionsgefahr
+wächst. Alle kommunistischen Sektionen sind schon in die Illegalität
+gedrängt. Kommunistengesetze, Geheimerlasse zur Bekämpfung unruhiger
+Elemente durchwirbeln die Länder. Die Parlamente heben rücksichtslos die
+Immunität der kommunistischen Abgeordneten auf. Die Demokraten regieren
+nur wackelnd noch auf den Krückstöcken rigorosester Ausnahmegesetze ...
+Ueberall drängen die ausgebeuteten Volksmassen vor. Die
+Sozialdemokratien aller Länder spalten sich ...
+
+Der Völkerbund beschäftigt sich mit der kommunistischen Gefahr.
+
+Ob ein „heiliger Krieg“ gegen Sowjetrußland noch einmal die durch die
+verschiedensten Interessengegensätze zersplitterten Kapitalisten aller
+Länder zusammenzwingt? Man ist willens, die Austragung der Konflikte
+unter sich bis nach der Niederringung der „Roten Gefahr“ aufzuschieben.
+
+Der Vernichtungskampf gegen die Kommunisten wird im Weltmaßstab
+organisiert.
+
+Die Regierungen haben die Kommunisten offen außerhalb des Gesetzes
+gestellt, sind entschlossen, ihre Organisationen wie Ratten auszurotten.
+Armee, Polizei, Miliz, Gruppen von Reserveoffizieren spüren alle
+bekannten Kommunisten auf und ermorden sie ...
+
+ * * * * *
+
+In Newyork findet der Hochverratsprozeß gegen Mary Green und 25 Genossen
+statt. Den Angeklagten wird zur Last gelegt, Giftgase fabriziert zu
+haben, Cholerabazillen und Giftbakterien mit Hilfe bestochener Chemiker
+und Aerzte hergestellt zu haben, in solchen Mengen, um über Nacht halb
+Amerika damit zu vergiften. Drei Giftmorde seien bereits auf Konto
+dieser Organisation zu setzen, weitere Attentate u. a. auf Morgan, Ford
+usw. seien geplant gewesen, umfangreiche Waffenlager mit Toluol,
+Dynamit, Nitroglyzerin usw. habe man entdeckt, sogar ausgedehnte
+Materiallager zur Herstellung von Bombenflugzeugen. Einzig und allein
+den mit einer Beamtenkorruptionsaffäre in Zusammenhang stehenden
+Ankaufsversuch von Unterseebooten zwecks In-die-Luft-Sprengung der
+amerikanischen Hochseeflotte bezog der Oberstaatsanwalt nicht in seine
+Anklagerede ein.
+
+Der eigentliche Träger dieser riesigen und nach allen derartigen
+Prozessen eigentlich reichlich banal erscheinenden Komödie war ein
+außerordentlich gut funktionierender Spitzelapparat. Die Angeklagten
+wurden glatt der ihnen zur Last gelegten Verbrechen überführt. Jede
+Lücke der Beweisführung war restlos geschlossen.
+
+Verteidiger waren gewaltsam aus dem Sitzungssaal entfernt. Den
+Angeklagten wird das Schlußwort entzogen ...
+
+Die Zeitungen heulen. Stoßen Warnungssignale aus.
+
+Der Tag der Urteilsverkündung naht ...
+
+ * * * * *
+
+Man traut seinen Ohren nicht, man liest die Ueberschriften der
+Extrablätter einige Male:
+
+„Mary Green und drei Genossen sind zum Tode verurteilt.“
+
+Schon eine halbe Stunde darauf kommt es zu Zusammenstößen mit der
+Arbeiterschaft.
+
+Am Abend wird der Generalstreik verkündet.
+
+Ganz Amerika ist plötzlich ein riesiges Grab. Die Menschen gehen leis
+wie auf den Fußspitzen.
+
+„Jetzt nur nicht nachgeben! Durchbrechen!“ feixt das Gericht. „Man wird
+es uns sonst als Schwäche auslegen ...“
+
+Die Armee und die Flotte sind mobilisiert. Die Luftstreitkräfte versehen
+zunächst noch den Aufklärungsdienst.
+
+Amerikas Lunge atmet nur mit viertel Kraft.
+
+Schlaff hängen die Muskeln herunter.
+
+ * * * * *
+
+Manche äußern:
+
+„Man hätte sie nicht zum Tode verurteilen sollen ... Man soll keine
+Märtyrer schaffen ... So erledigen ... geschickt ... Das stürzt uns in
+zu große Unkosten ...“
+
+ * * * * *
+
+An Sing-Sing ist nicht heranzukommen. Schwere MGs funken in die
+Menschenmassen hinein ...
+
+Während draußen die Kugelspritzen knattern, wird Mary Green mitgeteilt,
+daß morgen früh fünf Uhr das Urteil vollstreckt wird.
+
+Sie zuckt zurück, einen Augenblick ... fern verrauschen die Salven.
+
+ * * * * *
+
+Es ist fünf Uhr früh.
+
+Mary Green wird einen langen zementgemauerten Korridor entlang in das
+„Todeskabinett“ geführt.
+
+Sie singt mit leiser Stimme.
+
+Sie hört fern, fern, ganz fern als Antwort:
+
+„Macht auf –“
+
+Eine zweite Stimme –
+
+Eine dritte –
+
+Die fernen Stimmen werden zum fernen Chor.
+
+Der ferne Chor wird zum Massengesang.
+
+Der Massengesang zum Orkan.
+
+Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne:
+
+Gewaltige Zeiten dröhnen heran, in denen der Mensch das Letzte, was er
+zu handeln und zu erdulden fähig sein wird, aus sich auspressen wird.
+Groß und opferreich wie noch keine wird diese Zeit sein; grausam,
+niedrig und erbärmlich aber zugleich. Diese Zeit donnert, rast, knattert
+dahin, ein reißender Feuerstrom. Die Menschen: gestaltgewordene
+Leidensbrände entzünden sich an sich selbst. Das Gewölbe des Himmels
+schmilzt und tropft flüssiges Feuer, die Erde schäumt, wird Lava und
+fließt über die Horizonte ab.
+
+Und alle diese Menschen werden namenlos sein, tragen nur das Zeichen
+ihrer Klassenzugehörigkeit an sich. Es gibt kein Menschendasein
+außerhalb der Klasse mehr. Alles fühlt, denkt, ringt sich der Klasse zu,
+kämpft sich bis ins Klasseninnere hinein, kämpft auf Leben und Tod um
+das Wesentliche, um den Klassenkern.
+
+Das wird die Zeit sein, wo die Galgen und Hinrichtungsmaschinen wieder
+öffentlich mitten auf den Plätzen der Städte errichtet werden. Von allen
+Seiten hupen die herrschaftlichen Automobile herbei. Die Herren und
+Damen der vornehmen Gesellschaft sind zahlreich vertreten. So viel Blut
+aber auf der Erde gibt es nicht, daß je sie ihren Blutdurst stillen
+könnten ... Sie sind mit Operngläsern und photographischen Apparaten
+versehen, es ist, als wohnten sie einem großen Sportereignis bei. Auf
+dem Platz der Hinrichtung sind Reihen von Filmapparaten aufgestellt. O
+die einst so friedliebende Bourgeoisie: sie schwelgt heute in Orgien von
+Blutrache und sadistischen Greueln ohne Maßen.
+
+Die Polizeichefs werden nicht mehr für die Zuchthäuser arbeiten, nicht
+mehr für Krüppelheime und Obdachlosenasyle, sondern für die Friedhöfe
+...
+
+Das wird auch die Zeit sein der Wiederauferstehung der Folter.
+
+Mit schweren eisernen Ketten wird man die Leiber der Gefangenen
+umschmieden. Das Schlagen mit Gummiknüppeln, das Aufreißen der
+Fingernägel, Einschlagen von Nägeln in die Füße, Brechen der Körperteile
+und der Rippen: das wird keine allzu große Seltenheit mehr sein. Man
+wird die Gefangenen aus den Städten herausfahren, sie zwingen, ihre
+Gräber selbst zu schaufeln, sie bei lebendigem Leib begraben ... Man
+wird nach raffiniert ausgeklügelten wissenschaftlichen Methoden die
+Qualen steigern, bis zum Wahnsinn des Gefolterten sie steigern und dann
+die Geständnisse, deren man bedarf, Protokoll um Protokoll auspressen.
+
+Aber die Galgen reden eine Sprache, der Galgen, die
+Hinrichtungsmaschine, die Folter spricht ...
+
+ * * * * *
+
+Und der Galgen kreist.
+
+Kreist um Europa.
+
+Kreist durch alle fünf Weltteile ...
+
+In jeder Himmelsrichtung wächst riesengroß aus der Erde auf Galgen an
+Galgen.
+
+Der Tisch unter ihm ist umgeworfen.
+
+Der Leichnam an dem eingeseiften Hanfstrick, eine weiße Kapuze dem Kopf
+übergezogen, dreht sich jetzt langsam, schwingt hin und her wie ein
+Pendel ...
+
+Und die Leichname unter dem Galgen, die Galgen selbst sprechen:
+
+„Hört es! Und lernt daraus!
+
+„Kein Erbarmen gibt es im Bürgerkrieg.
+
+„Kein Erbarmen.
+
+„Wer den Klassenfeind nicht hart zu schlagen versteht, der wird von ihm
+vernichtet ...
+
+„Sie oder wir ...“
+
+– – – –
+
+Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne, während ihr im Beisein eines
+Dutzend braver amerikanischer Bürger noch einmal das Todesurteil
+verlesen wird.
+
+Vierzig wohlangesehene Bürger der Stadt Newyork nehmen an der
+Hinrichtung teil.
+
+Es dauert insgesamt drei Minuten.
+
+Schon ist sie auf dem elektrischen Stuhl festgeschnallt ...
+
+Spricht fest, und in den ledernen Bandagen noch einmal ein wenig sich
+aufrichtend:
+
+„Lenin ist tot.
+
+„Der Leninismus lebt.
+
+„Lenin lebt.
+
+„Wir in ihm.
+
+„Er in uns ...
+
+„Es lebe die Welt-Re ...“
+
+Sie bricht mitten im Wort ab.
+
+Drei amerikanische Untertanen stehen hinter einem Schirm. Jeder drückt
+auf einen Kontaktknopf. Nur einer aber löst den tödlichen Strom aus ...
+
+ * * * * *
+
+Wo ein Polizist in den Arbeitervierteln sich noch sehen läßt, wird er
+abgeknallt. Jetzt gilt das Gesetz der Klassenrache ...
+
+Drei oder vier Zeitungen können noch arbeiten. Sie sind von
+Regierungstruppen besetzt. Streikbrecherkompagnien sind dorthin
+beordert.
+
+Die Presse kläfft:
+
+„Ende der Giftmörderin.“ Bazillenmärchen und abenteuerliche Gaslegenden
+werden von neuem aufgetischt. Der Glaube daran aber ist im Volk Amerikas
+schon bedeutend erschüttert ...
+
+Und Japan horcht nach Amerika hinüber mit gespannten Ohren.
+
+Der japanische Kriegsrat hat die Mobilisation angeordnet.
+
+Die Bankiers Amerikas erstarren.
+
+Es sind Menschenmasken, blutleer, wie gehauen aus Granit.
+
+„Das ist das Weltende ... Das ist Amerikas Untergang ...“
+
+Die Regierung ruft auf:
+
+„Amerikaner! Wahrt eure heiligsten Güter! Der äußere Feind ... Laßt für
+die Zeit des Verteidigungskrieges gegen die gelbe Gefahr euere inneren
+Zerwürfnisse schweigen ... Regierungswechsel ... Die neue Regierung ist
+bereit ... Das Gesamtwohl der Nation erheischt ... Auf zu den Waffen
+...“
+
+Die Geistlichen versuchten es im Auftrag der neugebildeten Regierung von
+den Kanzeln herab: „Auf! Söhne Amerikas! Dem Feind das Bajonett zwischen
+die Rippen gerannt! Im Namen Gottes ...“
+
+Die Antwort der amerikanischen Arbeiterschaft ist ein einziges
+Kopfschütteln.
+
+Der Generalstreik geht weiter ...
+
+
+ XI
+
+In der Arbeiterpresse der ganzen Welt erscheint jetzt folgender Artikel:
+
+
+ Die chemische Waffe im kommenden Krieg
+
+
+ 1. Gaskrieg und Luftkrieg
+
+Das Gaskampfmittel wird erst durch das Flugzeug zu der furchtbaren
+Kriegswaffe. Flugzeug und Gaskampfmittel bilden zusammen eine Einheit,
+die ausschlaggebend für die völlige Veränderung der Kriegstaktik und
+Strategie ist.
+
+Das Wesentliche dabei ist die Aufhebung der Front, damit auch die
+Aufhebung des Hinterlandes. Das Hinterland wird zur Front.
+
+Sehr deutlich und offen sprechen die Generäle aller Staaten es aus, daß
+das Hauptziel, das Angriffsobjekt des nächsten Krieges nicht mehr so
+sehr die Front, d. h. die sich vorwärts und rückwärts bewegende bezw.
+stillstehende Linie der feindlichen Armee ist, sondern daß vielmehr die
+Hauptangriffspunkte die Großstädte, die Industriewerkstätten usw. sind,
+also, daß das Hauptgewicht auf die Vernichtung gerade jener Teile des
+Proletariats gelegt wird, die in den Produktionsstätten des Krieges
+beschäftigt sind, d. h. bei der neuen Form der Armeen, der größte Teil
+des Proletariats.
+
+Hier zeigt sich bereits der Grundzug der veränderten Kriegstechnik. Die
+Anwendung des Gaskrieges, des Flugzeugkrieges bedingen eine kleine Armee
+von Spezialisten, mit anderen Worten: im Zusammenhang mit der
+Entwicklung des Klassenbewußtseins des Proletariats tritt immer stärker
+die Trennung des Proletariats von der Waffe ein.
+
+Die Luftwaffe ist außerordentlich stark vermehrt worden.
+
+Die französische Heeresluftflotte z. B. verfügt über etwa 5000
+Flugzeuge, davon sind 3000 startbereit. Zurzeit produziert Frankreich
+150 Flugzeuge monatlich. Man spricht vom Flugzeug nur noch als von einem
+fliegenden Geschütz, vom Gas als von mikroskopischen Geschossen. Die
+französische Industrie ist auf Grund der fortschreitenden
+Normungstendenzen so organisiert, daß im Ernstfall stündlich je ein
+Flugzeug hergestellt werden kann ... Auf eine besondere Verwendung der
+Flugzeuge ist insbesondere aufmerksam zu machen: das ist der Bau von
+Spezialflugzeugen für Gasverwendung, bei denen vermittels von in einem
+Röhrensystem angebrachten Düsen Gas auf die Erde gestreut wird. Durch
+die starke Abkühlung infolge des Ausströmens kühlen sich das Gas und die
+fein verteilten Flüssigkeitspartikelchen stark ab und senken sich wie
+ein feiner Nebel, wie Tau – daher auch der Name „Tau des Todes“ – mit
+großer Schnelligkeit auf die Erde. Bei Versuchen im Jahre 1922 auf dem
+Schießplatz in Aberdeen in den Vereinigten Staaten wurde eine
+unschädliche aromatische Flüssigkeit durch einen derartig gebauten
+Flieger herabgestreut. In weniger als einer Minute war der Geruch
+deutlich auf einer Fläche von über 50000 Quadratmetern wahrnehmbar. Es
+sei noch darauf hingewiesen, daß seit langem bereits erfolgreich die
+Flugzeuge ohne Führer von der Erde aus gelenkt werden können. So
+berichtet bereits am 15. November 1923 die „Revue d’Artillerie“ von
+erfolgreichen Versuchen mit automatischen Flugzeugen, die auf
+Entfernungen von 20 Kilometern ganz sicher, ohne Eingriffe des
+Passagiers durch funkentelegraphische Lenkung geführt wurden.
+
+
+ 2. Die Giftgasstoffe
+
+Ueber die Giftgasstoffe selbst bewahren natürlich die einzelnen
+imperialistischen Mächte völliges Stillschweigen. Die Wirkung eines
+Gasstoffes, der bekannt ist, wird dadurch entweder stark herabgesetzt
+oder überhaupt wertlos gemacht. Es ist äußerst wahrscheinlich, daß zu
+Beginn des nächsten Krieges oder in seinem Verlauf gänzlich neue
+Gasstoffe von bisher unbekannter Wirkung auftauchen. Das „Idealgas“,
+nach dem die einzelnen imperialistischen Gruppen suchen, ist ein Gas,
+das durch keinen Sinn wahrgenommen wird, Gasmasken völlig durchtränkt,
+sofort tödlich wirkt und außerdem den Körper auch von außen her
+angreift. Diese „idealen“ Bedingungen hat man gespalten und beschäftigt
+sich vor allen Dingen nunmehr mit der Suche nach zwei Richtungen hin:
+dem geruch- und geschmacklosen Gas, das absolut tödlich wirkt, und dem
+auch tödlichen Gas, das außerdem noch den Körper angreift. Das
+„Idealgas“ für die erste Richtung ist das Kohlenstoffmonoxyd (CO), das
+bei der unvollständigen Verbrennung von Kohle entsteht. Dieses Gas ist
+absolut tödlich. Es scheint, daß es den Amerikanern gelungen ist, dieses
+Gas als Kriegswaffe zu verwenden.
+
+Das zweite Gas, das außerordentlich stark auf die Haut wirkt, ist das
+Yperite (Senfgas) und das Levisite. Wahrscheinlich sind beide Sorten
+längst überholt, aber die neuen Mittel liegen in ähnlicher Richtung.
+
+Yperite und Levisite oder die ihnen ähnlichen Gase werden sich
+insbesondere in zerstörender Gewalt auswirken, wenn sie, was ohne
+Zweifel steht, auf die Industriezentren angewandt werden. War das
+Bewegen während des Krieges 1914 bis 1918 in durch Yperite vergasten
+Gebieten nur möglich, wenn man außer der Gasmaske noch eine besondere
+undurchdringliche Schutzkleidung trug, so mag man sich selbst die
+Wirkung dort vorstellen, wo in dicht gedrängten Haufen, in
+Proletariervierteln, in Fabriken, die Menschen leben, ohne daß sie mit
+den geringsten Schutzmitteln ausgerüstet wären. Da gleichzeitig eine
+Rettung aus den vergasten Gebieten unmöglich sein wird durch die
+ungeheure Ausdehnung des vergasten Raumes, so liegt offensichtlich die
+Vernichtung eines großen Teiles des Proletariats als zwangsläufige Folge
+vor.
+
+
+ 3. Giftgase und chemische Industrie
+
+Besonders wichtig bei der modernen Gastechnik ist, daß alle diese
+schweren Giftstoffe Abkömmlinge der Farbindustrie bezw. der
+Heilmittelindustrie sind. Es handelt sich daher für die einzelnen Länder
+nicht so sehr darum, einen möglichst großen Vorrat aufzuspeichern,
+sondern es geht bei den einzelnen imperialistischen Gruppen um die
+möglichst hohe Steigerung der Produktionsmöglichkeit. Wir haben
+infolgedessen eine außerordentlich starke Entwicklung der chemischen
+Industrie, die natürlich hohe Profite einheimst, hohe Unterstützungen
+vom Staate erhält. In den Vereinigten Staaten z. B. gab es 1914 sieben
+chemische Fabriken. 1918: 118 mit einem Kapital von 200 Millionen
+Dollar. Die Gesamtfarbenproduktion belief sich in den Vereinigten
+Staaten 1914 auf 6,6 Millionen Pfund, 1922 auf 64,6 Millionen, 1923 auf
+93,7 Millionen, so daß die Farbenproduktion in den neun Jahren auf mehr
+als das 14fache gestiegen ist. Gegen eine Einfuhr von 46 Millionen Pfund
+im Jahre 1913 wurden 1923 lediglich drei Millionen eingeführt, dagegen
+17,9 Millionen ausgeführt. In dem Zolltarif sind außerordentlich hohe
+Zollsätze für Farben festgelegt worden. Während England 1913 etwa 14
+Prozent seines Bedarfs selbst produzierte, stellt es nach einem Bericht
+des Handelsamtes in Washington gegenwärtig 80 Prozent seines Verbrauches
+selbst her. Die englische Regierung hat sich verpflichtet, ein Sechstel
+der Produktion selbst zu übernehmen. Die französische Produktion ist
+noch stärker gestiegen. Während Frankreich noch 1920 46 Prozent seines
+Verbrauchs einführte, ist diese Einfuhr im ersten Halbjahr 1924 auf 5
+Prozent zurückgegangen. Die Produktion hat sich demzufolge in diesen
+vier Jahren verdoppelt. Während Frankreich 1920 noch 7000 Tonnen
+jährlich produzierte, produziert es im ersten Halbjahr 1924 bereits 8000
+Tonnen. Die Entwicklung in anderen Ländern ist ganz ähnlich.
+
+Diese schnelle Entwicklung der Farbenindustrie hat zur Ursache, daß die
+meisten Gasstoffe entweder Zwischenprodukte von Farbstoffen sind oder
+daß die Farbstoffe (und Heilmittel) Ausgangspunkt für die Gasmittel
+sind. So haben die Arsine, also die Reihe der Levisite usw., das gleiche
+Ausgangsprodukt wie das Salvarsan. Yperite und auch der andere Gasstoff,
+die Levisite, haben ein gleiches Zwischenprodukt wie das vielgebrauchte
+Indigo. Das Phosgen und die Tränengase haben gleiche Zwischenprodukte
+wie die hellroten, blauen und violetten Farben. Die Pikrinsäure,
+Ausgangspunkt einer Reihe von giftigen Farben, ebenso wie sie in der
+Sprengtechnik angewandt wird, ergibt durch einfache Chlorierung das sehr
+schädlich wirkende Chlorpikrin. Aus dem Anilin werden gleichzeitig
+Yperite, verschiedene Anilinfarben und Heilmittel hergestellt.
+
+
+ 4. Giftgase und Proletariat
+
+Damit zeigt sich ein weiterer wesentlicher Zug des Gaskampfes. Das
+Proletariat, das früher Panzerplatten, Kanonen, Sprengstoffe, Munition
+herstellte, kannte genau den Zweck der Fabrikation. Im Zeitalter des
+Giftgaskrieges weiß der Arbeiter in der Fabrik nicht mehr, ob er ein
+harmloses Heilmittel, irgend eine Farbe oder ein äußerst gefährliches
+Giftgas herstellt.
+
+Hier enthüllt sich mit voller Schärfe die konterrevolutionäre Forderung
+der Zweiten Internationale, daß man bei Kriegsausbruch den Krieg einfach
+unmöglich mache, dadurch, daß man keine Munition herstellt. Hier zeigt
+sich klar, daß diese Forderung nur dazu dient, das Proletariat von der
+Erkenntnis der unerbittlichen Notwendigkeit des Kampfes gegen die
+Bourgeoisie, des „Krieg dem Kriege“, abzuhalten.
+
+Der nächste Krieg wird in der Hauptsache geführt werden gegen die großen
+Städte und gegen die Industriezentren. Das Proletariat ist in seiner
+Masse im nächsten Krieg an die Produktionsstätten gebunden. Der
+Hauptangriff richtet sich gegen die Produktionswerkstätten, die
+verschärfte Bedeutung haben, da es in diesem nächsten Krieg auf die
+dauernde Produktion der Giftstoffe und der Flugzeuge ankommt.
+
+Der nächste Krieg wird geführt werden von einer vom Proletariat
+losgelösten Spezialistentruppe mit Waffen, bei deren Produktion der
+Arbeiter nicht weiß, daß er Waffen herstellt. So erscheint das
+Proletariat zunächst getrennt und losgelöst von der Waffe, aber in weit
+höherem Maß ist die Waffe wiederum dadurch in seine Hand gegeben, daß
+das Proletariat an den Stätten der Produktion von Kriegsmitteln, die
+eine weit höhere Bedeutung gewinnen, in starkem Maß konzentriert ist.
+Damit wird die einzige Möglichkeit für das Proletariat, diesem kommenden
+Krieg zu begegnen oder ihn zu beendigen, klar sichtbar: nur wenn es die
+Leitung der Produktion in den Händen hat, nur wenn es den Betrieb
+besitzt, kann es die Produktion der Kriegsmittel verhindern. Daher wird
+mit erhöhter Notwendigkeit die Umwandlung der kapitalistischen
+Wirtschaft in die proletarische vorzunehmen sein. Dies kann nur
+geschehen dadurch, daß die Bourgeoisie gestürzt und das Proletariat die
+Leitung der Produktion, die Macht überhaupt übernimmt. So verlangt die
+moderne Kriegsführung ihre schleunigste Beendigung durch die Umwandlung
+des Krieges in einen Krieg des Proletariats gegen die Bourgeoisie zu
+ihrem Sturze. Diese Kriegsführung verlangt schon vorher die Vorbereitung
+des Kampfes des Proletariats.“
+
+
+ XII
+
+Die Proletarier wußten nun, woran sie waren.
+
+„Das also hätten wir von diesem Menschen-Kehricht zu erwarten gehabt.
+Pfui Teufel! ...“
+
+Ueberallhin flatterten die Flugblätter.
+
+Die Regierungen setzen Kopfprämien aus.
+
+Hilft nichts.
+
+Das Geheimnis des kommenden Kriegs war enthüllt. Es war eine
+schreckliche Bewußtwerdung.
+
+„Wer ist nun der wirkliche Giftgasfabrikant!? Wer ist der
+Bazillenmassenmörder nun in Wirklichkeit? ...“
+
+Millionen knirschten vor Wut ...
+
+„Wie stehts in Edgewood!? Können wir uns auf die Mannschaften der
+Bombenflugzeuggeschwader verlassen!? Sind die Arsenale in Ordnung!?“
+
+ * * * * *
+
+Die Nachrichten lauteten unbestimmt.
+
+Die Krise zog sich enger wie ein Strick um die Hälse der Finanzmagnaten
+zusammen. Man hatte Verdauungs- und Schluckbeschwerden. Viele Hebel am
+Regierungsapparat funktionierten schon nicht mehr. Von vielen Stellen
+blieb die Antwort aus. Eine rote Zelle ist in der Armee, hieß es. Die
+Panik fieberte empor. GBRO. Was ist GBRO.? Geheimbund revolutionärer
+Offiziere ... Den reaktionären Gewerkschaftsführern entglitt nun völlig
+die Bewegung ...
+
+Mechanische Armeen ließ die Regierung aufmarschieren:
+
+Bataillone schwerer Tanks, Bataillone mittlerer Tanks, Brigaden
+mechanischer Artillerie, schwere MG.-Kompagnien. ... Man verließ sich
+auf die niederschmetternde psychologische Wirkung.
+
+Vergebens.
+
+Die Arbeiterschaft steht Gewehr bei Fuß.
+
+Wir sind gerüstet.
+
+Wir sind bereit, die Feuerprobe zu bestehen ...
+
+Wir warten nur auf das Angriffssignal.
+
+Die Stellungen des Gegners sind genau bekannt.
+
+Es gibt kein Verhandeln mehr.
+
+Nun ist es klar:
+
+„Die Frage, die die geschichtliche Situation dem Proletariat stellt, ist
+nicht die Wahl zwischen Krieg und Frieden, sondern zwischen
+imperialistischem Krieg und Krieg gegen diesen Krieg ...“
+
+Wie bewegungslos ist in diesem Augenblick Amerika! Einige Muskelbänder
+nur spielen an ihm noch, wie im Starrkrampf.
+
+„Nieder mit dem Menschenschlachthaus!“ gellt jubelnd eine Stimme.
+
+„Für heute und für immer!“
+
+Millionen Augen zucken nach oben.
+
+„Werden sie es wagen ... Schicken sie uns die Flieger ... Und –“
+
+„Und –“
+
+„Werden die Unseren in Edgewood ihre Pflicht tun ...“
+
+Kein Laut.
+
+Die Stadt ist wie vergletschert ...
+
+Da ...
+
+Dort stürzen sich schon im Sturmschritt Arbeiterbataillone über den
+Platz –
+
+„Sprung auf! Marsch! Marsch!“
+
+„Wir haben mehr zu verlieren als nur unsere Ketten: wir haben die
+Zukunft der Welt zu verlieren!“
+
+Vorwärts! Auf drum! Los!
+
+Es kann beginnen!
+
+
+
+
+ 6. Kapitel.
+
+ Der erste Mai
+
+
+ Ein Brief. – Sonne über Schweizer Bergen.
+ – „Gebt uns eine Partei!“ Der 1. Mai: ein
+ Welt-Kampftag! – Aufmarsch der
+ „Vaterländischen Verbände“. Rote
+ Gegendemonstration. – Provokateure an der
+ Arbeit. – Ein Blutbad. – Am Abend des 1.
+ Mai.
+
+
+ I
+
+Als Peter spät nachts nach Hause kam, fand er von seiner Mutter einen
+Brief vor.
+
+„Mein Lieber! Auf Deinen ausführlichen Brief will ich Dir antworten,
+indem ich Dir den folgenden Ausschnitt aus einer Zeitung schicke, die
+ich jetzt täglich lese. Diese Schilderung stammt von Eugen Leviné, wie
+Du weißt, vom Münchener Standgericht zum Tode verurteilt und erschossen.
+Dieser Bericht ist auch meine Antwort auf Deinen Brief. Ich bin
+glücklich über Dich, Peter, Du hast den richtigen Weg gefunden. Nun,
+nimm und lies!“
+
+ * * * * *
+
+Und Peter las:
+
+„Der Wind heult. In der kleinen Petroleumlampe flackert die Flamme,
+züngelt hin und her, biegt sich und beugt sich. Phantastisch tanzt der
+Schatten des Teekessels an den runden Wänden der Turmzelle. Auf der
+harten Pritsche liege ich, fest gehüllt in meinen Pelz, und lausche dem
+Liede des Windes. In den verrosteten Angeln knarrt das Fenster und
+ächzt. Die kleine Ratte, die mir sonst Gesellschaft leistet, graziös
+über den Tisch läuft und hin und her huscht, wagt sich heute aus dem
+Loch nicht heraus. Ganz allein bin ich heute. Starre zur Decke. Lasse
+müde den Blick über die Wände gleiten. Alles so bekannt. Die Namen an
+den Wänden. Kommentare der Nachfolger: „Ab nach dem Zuchthaus zu
+Smolensk“, „Hingerichtet in Wilna“ ... Und daneben immer und immer
+wieder: „Es lebe der Kampf“, „Es lebe die Revolution.“
+
+Der Wind heult und wieder flackert das Licht in der Lampe, wieder tanzen
+phantastische Schatten. Immer fester hülle ich mich in den Pelz, den sie
+mir gelassen haben. Es ist kalt in der Turmzelle. Schon ermüden die
+Augen und fallen langsam zu. Da plötzlich fahre ich auf. Draußen auf der
+eisernen Treppe höre ich Schritte und Kettengeklirr, Stimmen und
+Kommandorufe. Sie nahen in der Richtung meiner Zelle. Unter mir
+verstummen sie. Dumpf dröhnend fällt in der unteren Turmzelle die
+eisenbeschlagene Tür ins Schloß. Wieder Stimmengewirr und stampfende
+Schritte. Dann wieder Stille.
+
+Nur der Wind heult. Der Fensterrahmen knarrt, die Flamme in der Lampe
+züngelt und flackert, und phantastisch tanzen die Schatten.
+
+Ich lausche angestrengt. In die Zelle unter mir haben sie einen „Neuen“
+gebracht. Wer ist es? Ein Fremder, ein Freund? Ein Genosse oder
+Krimineller? Was droht ihm? Der Galgen? Oder bloß Kerker? Ich lausche.
+Wird er nicht klopfen? Nicht seinen Namen nennen? Nein, es bleibt still.
+Nur der Wind singt sein Lied.
+
+Ich lege das Ohr an die Wand – alles still. Kein Laut.
+
+Vielleicht weiß er nicht, daß jemand über ihm sitzt. Ich nehme den
+Metallbecher und klopfe leise an die Wand: ta ta – tatatatata – tatata –
+leise, rhythmisch. „Kto wy?“ – „Wer seid ihr?“ Aber ich komme nicht zu
+Ende. An der Tür ein leises, schleichendes Geräusch. Schnell ist der
+Becher versteckt. Ich liege auf dem Rücken, mit verschränkten Armen, mit
+künstlich gleichgültigem Gesicht. Ich schaue nach dem Guckloch an der
+Tür. Ein entzündetes Auge richtet seinen Blick auf mich. Ich erwidere
+den Blick und fühle, wie etwas Feindseliges wider meinen Willen aus
+meinem Auge spricht. Da wird das Guckloch wieder geschlossen und an
+Stelle des Auges grinst hinter der kleinen Oeffnung die dunkle
+Metallplatte.
+
+Nun bin ich wieder allein. Mit dem Klopfen ist es heute nacht zu Ende.
+Sonst werde ich angezeigt.
+
+Uebrigens scheint der Neue das Klopfen nicht zu verstehen. Morgen muß
+ich versuchen, ihm das Klopfalphabet zuzustellen. Durch wen? Ich
+überlege. Denke an verschiedene Kriminelle, die Zutritt zum unteren
+Korridor haben. Am einfachsten wäre es ja, den Brief durchs Fenster an
+einem Strick hinabzulassen. Doch das ist gefährlich. Die Posten haben
+Befehl, zu feuern, sobald sich jemand am Fenster zeigt. Ich werde mit
+Butkewitsch sprechen. Der hat als Putzer zu allen Zellen unseres
+Korridors Zutritt. Vielleicht kann er mir helfen. Es eilt ja auch nicht.
+Morgen wird sich schon ein Weg finden. Ich schließe die Augen und
+versuche zu schlafen. Lange höre ich noch das Knarren des Fensters,
+lange höre ich noch das Heulen des Windes ... Dann aber allmählich legt
+sich bleierne Müdigkeit wie ein Reifen um die Stirn, und ich schlafe ein
+...
+
+Langsam dreht sich der Schlüssel im Türschloß. Einmal, zweimal. Knarrend
+geht die Tür auf. Ekelhafter Geruch von Dutzenden von Paraschas (Eimern)
+schlägt vom Korridor in die Turmzelle. Ich öffne die Augen. Es dämmert
+kaum. Gähnend steht der Wärter in der Tür, nestelt am Gurt, steckt den
+Revolver zurecht. „Guten Morgen“, „Guten Morgen“. Klappernd mit den
+Holzpantoffeln auf dem steinernen Boden, klirrend mit den eisernen
+Ketten, läuft Butkewitsch, der Korridorputzer, hin und her. „Guten
+Morgen.“ – Er läuft ans Fenster, reißt es auf und kühlend netzt die
+frische Morgenluft mir das Gesicht. Ich wende den Kopf zum Fenster, atme
+in vollen Zügen die Luft ein. Da gewahre ich im fahlen Morgenlicht auf
+dem Fensterbrett etwas Weißes: einen kleinen Zettel. Schnell sehe ich
+weg, damit der Wärter nicht der Richtung meines Blickes folgt. Doch er
+hat nichts gemerkt. Noch immer macht er sich gähnend am Revolver zu
+schaffen. Wieder klirren die Ketten und klappern die Pantoffeln:
+Butkewitsch bringt die leere Parascha. Schnell wechseln wir einen Blick
+des Einverständnisses. Dann nimmt er die leergebrannte Lampe vom Tisch,
+und die Tür fällt dröhnend ins Schloß. Zweimal drehte sich der
+Schlüssel. Ich bin wieder allein.
+
+Einen Blick aufs Guckloch in der Tür: Nein, niemand. Ich nehme den
+Zettel vom Fenster. Ich erkenne die Handschrift, ein Genosse vom unteren
+Korridor schreibt mir: „Genosse! Gestern nacht hat man einen Neuen
+gebracht. Du kennst ihn nicht. Er sitzt unter Dir im Turm. Morgen wird
+er zur Hinrichtung transportiert. In unserer Zelle sitzen seine Freunde.
+Sie wollen ihm einen letzten Gruß senden. Jede Verbindung mit seiner
+Zelle im unteren Korridor ist abgeschnitten. Versuche den beiliegenden
+Zettel zu ihm zu schaffen. Es sind letzte Abschiedsgrüße. Dank im voraus
+...“
+
+Den ganzen Vormittag gehe ich in meiner Zelle auf und ab und überlege.
+Unten ist die Verbindung mit ihm abgeschnitten. Es gibt nur ein einziges
+Mittel: Ich muß ihm den Brief durchs Fenster zustellen ...
+
+Als ich um zwölf das Mittagessen in Empfang nehme, raune ich Butkewitsch
+zu: „Das Telephon!“ Er nickt. Eine halbe Stunde später bringt er heißes
+Wasser für den Tee. Der Wärter bleibt in der Tür stehen. Butkewitsch
+macht sich am Tisch zu schaffen. Der Wärter wird ärgerlich. „Na, wirds
+bald?“ Da beginnen zwei Kriminelle in dem Korridor Streit. Absichtlich,
+um den Wärter abzulenken. Laut schallen die Schimpfworte. Der Wärter
+geht hinaus. „Wollt ihr wohl Ruhe halten!“ Butkewitsch benutzt den
+Augenblick, zieht unter seiner Jacke ein Bündel hervor, wirft es schnell
+unter meine Pritsche und geht auch hinaus. Auf dem Korridor ist es
+wieder ruhig, der Wärter kommt zurück, läßt seine Blicke prüfend durch
+die Zelle schweifen und geht dann auch hinaus. Die Tür fällt ins Schloß,
+wieder knarrt zweimal der Schlüssel und wieder bin ich allein. Das
+„Telephon“ liegt unter der Pritsche: ein langer Strick aus Fetzen von
+Bettüchern zusammengesetzt. Der Zettel ist in einer Spalte der Wand
+versteckt. Ich muß warten. Ein dreifacher Ring umgibt das Gefängnis.
+Innen im Hof Gefängniswärter und Feldjäger, draußen, vor der Mauer,
+Schutzleute. Gerade vor meinem Fenster – ein Feldjäger. Er muß es sehen,
+wenn ich das „Telephon“ hinablasse. Doch ich habe Glück. Heute abend
+soll ein Feldjäger auf Wache kommen, der mit uns heimlich sympathisiert.
+Der wird schon ein Auge zudrücken. Und die Außenposten werden es nicht
+so schnell merken. Ich habe alles für den Abend bereit. Schreibe ein
+Klopfalphabet mit Erläuterungen, damit der Genosse wenigstens die letzte
+Nacht mit mir sprechen kann. Vielleicht hat er letzte Wünsche zu
+übermitteln, letzte Grüße ...
+
+Es dämmert. Ich hocke auf dem Fensterbrett. Im Garten des
+Gefängnisdirektors, draußen, vor unserer Mauer, räkeln sich die
+Schutzleute. Innen im Hofe, vor dem Fenster, steht der Feldjäger. Sieht
+er mich nicht? Will er mich nicht sehen?
+
+Ich stecke die Hand zwischen die Gitterstäbe und lasse langsam das
+„Telephon“ hinab. Unten baumelt der Brief. Nach meiner Berechnung muß er
+jetzt vor seinem Fenster sein. Ich klopfe an die Wand, um den Genossen
+aufmerksam zu machen. Keine Antwort. Das Telephon baumelt im Winde.
+Vielleicht kann er es nicht greifen, weil es so hin und her geht. Ich
+ziehe das Telephon wieder herauf, beschwere es mit dem Metallbecher und
+lasse es hinab. Gerade gespannt hängt jetzt der Strick. Jetzt muß der
+Brief vor seinem Fenster sein. Ich klopfe mit dem Fuß auf den Boden,
+klopfe mit dem schweren Holzschemel. Laut. Er muß es hören. Aber unten
+bleibt alles still. Keine Hand greift nach dem Brief.
+
+Der Feldjäger wird unruhig. Er winkt mir und macht mir ein Zeichen. Ich
+soll aufhören. Ich beachte es nicht. Die Schutzleute an der Außenmauer
+haben es auch bemerkt. Laut tönen ihre Stimmen. „Hundesohn! – mach, daß
+du fortkommst vom Fenster!“
+
+Jetzt gilt es. Länger kann ich nicht bleiben. Gesehen hat man mich ja
+doch schon. Ich presse das Gesicht an die Gitterstäbe und rufe:
+„Genosse! Genosse! Warum nehmen Sie den Brief nicht?“ – „Hundesohn!
+Wirds bald? Wir schießen!“ Und schon greifen sie nach den Gewehren. Ich
+lausche – noch einen Augenblick, sonst ist es zu spät. Da dringt eine
+Stimme von unten herauf, stammelnd und klagend, leise und kraftlos, so
+leise, daß ich das Gehör anstrengen muß, um zu hören: „Genos–se ... Ich
+kann ... den Brief ... nicht ... nehmen. Beim Verhör ... hat man ... mir
+... beide Arme ... gebrochen. Genosse ... leb wohl ...“ Leise und
+klagend tönt die Stimme und bricht plötzlich ab.
+
+Ein wütendes Winken des Feldjägers; die Schutzleute vor der Mauer haben
+schon angelegt. Mit einem Ruck reiße ich das Telephon nach oben und
+lasse mich vom Fensterbrett gleiten, verstecke alles schnell unter der
+Pritsche.
+
+Es ist höchste Zeit gewesen. Aufgescheucht vom Lärm, macht der Wärter
+auf dem Korridor seine Runde. Und jetzt schaut sein Auge durchs
+Guckloch. Aber ich liege schon auf meiner Pritsche auf dem Rücken mit
+verschränkten Armen und beruhigt geht er weiter ...
+
+Nachts als es ganz still ist und draußen vor der Tür regelmäßiges
+Schnarchen ertönt, stehe ich auf und verbrenne alles: das Klopfalphabet,
+die Erläuterungen und die letzten Grüße.
+
+Rußig züngelt die Flamme zur Lampe heraus, ergreift das Papier und leckt
+gierig daran. Ein Häufchen Asche fällt auf den Tisch. Der Wind heult,
+fährt zwischen den Fensterritzen hindurch, und die Aschestückchen
+flattern durch die Zelle: Das Alphabet, die Erläuterungen und die
+letzten Grüße.
+
+Unten aber sitzt der, dem sie galten. Am Vorabend seiner Hinrichtung.
+Mit gebrochenen Armen. Und niemand, der ihm ein letztes Abschiedswort
+sagen könnte.
+
+Der Wind heult. Unruhig flackert die Flamme. Phantastisch tanzen die
+Schatten. Am Fußboden bewegen sich zitternd Aschestückchen.
+
+Ich liege wieder auf der Pritsche. Hülle mich fester in den Pelz.
+Fröstle trotzdem. Schließe krampfhaft die Augen, beiße die Zähne
+zusammen. Im Ohr klingt immer noch leise und klagend die stammelnde
+Stimme:
+
+„Ich kann den Brief nicht nehmen, Genosse! Leb wohl!“
+
+ * * * * *
+
+Es ging gegen Morgen.
+
+Peter las noch immer den Brief.
+
+„Dieser Brief soll eine Antwort sein ... Sind denn auch ihr bei einer
+Voruntersuchung beide Arme gebrochen worden ...? Aber sie war doch nicht
+verhaftet ... oder sollte das ganz anders gemeint sein, so vielleicht,
+daß ...“
+
+„Ja, so ist es!“ Nun kannte er plötzlich die Bedeutung der Antwort.
+
+„Zehn Jahre solch eines „Zusammenlebens“, das war ihre Voruntersuchung,
+und jetzt ... Sie ist einfach ein körperlich und geistig gebrochener
+Mensch, und kann nicht mehr.“
+
+Peter rieb sich den Schlaf aus den Augen und machte sich an seine
+Arbeit. –
+
+ * * * * *
+
+Und wieder strahlte die Sonne auf.
+
+Früher war es: die Stadt erwachte. Jetzt wacht sie Tag und Nacht.
+
+Alle Gegenstände ringsum – Kleider, Möbel, Häuser, Straßen, was es auch
+sei – sprechen laut und eindringlich im Frühlicht ihre stumme Sprache:
+
+„Im Anfang war die Arbeit. Alle Waren, die heute produziert werden, sind
+geronnenes Menschenleid ... Du kleidest dich in Blut und Tränen. Was du
+ißt und trinkst: heißt Menschenschweiß, ist Menschenbitternis ... Du
+schwebst nicht in der Luft. Der Grund, auf dem deine Füße stehen, was
+ist er anderes als eine Plattform gekrümmter Menschenrücken ...?!
+Unsichtbar eingegraben ist in alles, was dich umgibt, die Rune der Not
+...“
+
+So, so ist es, und nicht anders. –
+
+
+ II
+
+Zur gleichen Zeit ging auch über den Schweizer Bergen die Sonne auf.
+Groß, rot, schmetternd ...
+
+Ein Horn blies. Die Kurgäste, in Pelze und Mäntel gehüllt, traten aus
+ihren Appartements und Prachtzimmern auf die Veranden und die Balkone
+des Hotels „Rigikulm“ hinaus, um den Sonnenaufgang zu bewundern.
+
+Der Kurhaussaal unten wurde eben aufgeräumt, noch hingen Girlanden,
+Papierschlangen und bunte Lampione herum von dem Fest, das vorige Nacht
+zu Ehren der Ankunft der „Deutschen“ gegeben worden war.
+
+Es war ein wildes, ausgelassenes Fest, an nichts wurde gespart, es glich
+einem Karneval, alle Teilnehmer hatten sich phantastisch kostümiert. Es
+waren die letzten Deutschen, die über die Grenze gekommen waren, bevor
+diese endgültig abgesperrt wurde.
+
+Auch der Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung war unter ihnen.
+
+Er fungierte in den letzten Jahren als Untersuchungsrichter und war
+durch einige bedeutende politische Prozesse allgemein bekannt geworden.
+Die Zuspitzung der inneren Verhältnisse in Deutschland ließ es für ihn
+geraten erscheinen, Deutschland zu verlassen. Seine vorgesetzte Behörde
+selbst riet ihm dazu. Er sollte sich im Ausland bereithalten, bis sich
+die weitere Entwicklung der Lage besser übersehen ließ.
+
+Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung, übernächtigt, den Mantel über,
+darunter noch im Maskenkostüm, stand, abseits von der übrigen
+Gesellschaft, am Rand der Felsen.
+
+Der berühmte Hofopernsänger Eugen Garu, eine etwas fettlich geratene
+Siegfriedsgestalt, sang eben zur Begrüßung der aufgegangenen Sonne eine
+italienische Arie. Als er mit einer geschwollenen Stimme endete, die wie
+der Bizeps eines Ringers klang oder wie Nackenspeck, klatschten die
+Zuhörer begeistert Beifall.
+
+Es waren Politiker, hohe Beamte, Schauspieler, Tänzerinnen, Filmstars,
+auch Literaten, Professoren und ähnliche Kulturträger darunter.
+
+Im gesamten neutralen Ausland schossen jetzt solche Kolonien deutscher
+Emigranten empor.
+
+ * * * * *
+
+Der Landgerichtsdirektor klingelte in Gedanken.
+
+„Wo bleibt heute nur der Gerichtsdiener mit der Aktenmappe!?“
+
+Dr. Friedjung war allein im Büro. Niemand war zur Stelle.
+
+Die ganze Alpenwelt glühte jetzt ...
+
+Ein flammender Blutballon schwebte die Sonne am blaudunstigen Gewölb
+herauf.
+
+„Auch die Zeitungen bleiben aus ...“
+
+Und er sah auf die Uhr. Der Zeiger stand. Das Uhrwerk war abgelaufen ...
+
+„Sehr verehrter Herr Dr. Reuchlin! Ich habe die verzweifelte Ehre,
+Ihnen, leider Gottes, mitteilen zu müssen, auch meinerseits Vater eines
+Sohnes zu sein, der ...“, setzte der Landgerichtsdirektor in Gedanken
+auf und knüllte dabei hastig nervös in der Hosentasche seiner
+Maskenuniform an einem Brief herum, in dem ihm ein Kollege über die
+neueste Entwicklung Peters schrieb ...
+
+„Verdammt!“
+
+Und sein ganzes Leben schrumpfte ihm plötzlich in einen Akt zusammen,
+Akt Heinrich Friedjung, er blätterte darin, dann schlug er die erste
+Seite auf und siehe da, darauf stand: Versalien, Fraktur, wie früher „Im
+Namen des Volkes“: „Verlustliste.“
+
+Namen standen der Reihe nach herunter, hinter jedem ein Kreuz.
+
+Andere Namen, dahinter:
+
+ 8 Jahre Zuchthaus,
+ 17 Jahre Zuchthaus,
+ 25 Jahre Zuchthaus,
+ lebenslänglich ...
+
+Er zählte zusammen:
+
+ 15 Kreuze,
+ 987 Jahre ...
+
+ * * * * *
+
+Wieder sang der Hofopernsänger.
+
+Alle Kurgäste sangen im Chor:
+
+„Deutschland über alles ...“
+
+Auch zu Dr. Friedjung drang der Gesang:
+
+„Damit steh und falle ich ... Herrlich weit haben wirs gebracht ...
+Dahin also ist es jetzt gekommen ...“
+
+Es wurde schon warm, die Sonne brannte und die Schminke lief ihm dick
+vom Gesicht.
+
+„Das Untersuchungsverfahren gegen Friedjung Heinrich ist abgeschlossen“,
+hörte er jetzt sich selbst sprechen. „Die Hauptverhandlung ist bereits
+eröffnet. Die Zeugenvernehmung ist beendet. Das Plädoyer des
+Staatsanwalts beginnt:
+
+„und so stelle ich hiermit den Antrag auf Zuerkennung einer Strafe in
+der Höhe des gesetzlich zulässigen Mindeststrafmaßes und beantrage
+demnach ...“
+
+Mit den Händen schob sich der Angeklagte Dr. Friedjung in ein Gebüsch
+hinein, setzte sich auf einen Stein und lächelte.
+
+„Der Angeklagte hat das Schlußwort.“
+
+„Meine Herren Richter!“ Der Angeklagte stand vom Stein auf. „Eigelb ist
+nun die Sonne. Die Sonne: ein Dotter. Und wenn man von dieser Tatsache
+ausgehend den Weltraum sich als etwas Atmosphärisch-Gläsernes vorstellt,
+dann ... Ei im Glas ...“
+
+Weiter kam er in seiner Betrachtung nicht.
+
+„Jetzt beginnt er zu simulieren“, bemerkte irgendwer im Zuhörerraum
+spöttisch.
+
+Die Richter erschienen wieder nach einer Sekundenpause.
+
+Alles erhob sich.
+
+„Das Gericht hat dem Antrag des Anklagevertreters stattgegeben und auf
+das gesetzlich zulässige Mindeststrafmaß erkannt, auf ...“
+
+„Der Strafvollzug tritt sofort in Kraft.“
+
+ * * * * *
+
+Aus der Tasche, in der er an dem Brief herumgeknüllt hatte, zog der
+Landgerichtsdirektor die Pistole hervor.
+
+„Schwarzblau ... Prima Stahlware ... Wie ein kleiner Monteur siehst du
+ja aus ... Bist mein Söhnchen vielleicht gar selbst, heißt am Ende noch
+Peter, und bist wohl nun schon auch inzwischen zum klassenbewußten
+Proleten geworden!? ... Wie dem aber auch sein mag ... Dein alter Vater
+ist dir nicht lange mehr gram darüber ... Mußte ja so kommen ... Kann
+auch gar nicht anders sein ...“
+
+Nun traten plötzlich alle die von ihm Voruntersuchten auf ihn zu, alle
+sie, die er nur in der einzigen Absicht voruntersucht hatte, um sie dem
+Henker zu überantworten: Gehängte, Gefallbeilte, die in der
+Untersuchungshaft meuchlings Ermordeten, Kopfschüssler:
+
+„Im Namen des Volkes! Bitte ...“
+
+„... über a–alles in der Welt!“ schloß vielstimmig, hoch tremolierend
+die Schar der Kurgäste.
+
+Kreischend lachte der Landgerichtsdirektor auf.
+
+Durch alle Räume hindurch, wie aus einem Megaphon durch die ganze Welt
+schrie dieses Gelächter.
+
+Dann drückte er ab.
+
+Es tat wie ein die ganze Herzgegend tief durchdringender leichter Schlag
+mit der flachen Hand. –
+
+
+ III
+
+Ein schluchtenartiges, von steilen Gefällen überschüttetes Gelände war
+diese Zeit.
+
+Die Partei arbeitete sich hoch hinauf durch diese Zeit wie ein Traktor:
+die schwer keuchende Masse des Proletariats hinter ihm dumpf, wie eine
+aus Fleisch, Eisen und Ruß geknetete Wolke.
+
+Mit Blut, Tränen und Schweiß unlösbar ineinander verkittet, bewegte sich
+der Menschenmillionenknäuel der Ausgebeuteten daher. –
+
+ * * * * *
+
+Die Partei war zu einer Kampfmaschine geworden.
+
+Absolute Starrheit, Festigkeit, Sicherheit in allem Prinzipiellen,
+größte Biegsamkeit, Elastizität, Beweglichkeit, Manövrierfähigkeit in
+allem übrigen ...
+
+Jeder hatte seine Funktion. Der Hydra der Korruption wurde rücksichtslos
+Kopf um Kopf abgeschlagen ...
+
+Ein unermeßliches Kampffeld war zu übersehen.
+
+Die Fühler und Tastorgane der Partei reichten bis in den kleinsten
+Winkel hinein. Kein Verein, keine Vereinigung gab es ohne rote Zelle.
+Die Betriebszellen wuchsen, fraßen wie reißend Feuer um sich, die
+Proletariermassen wurden wieder glühend ... Die Fabriken wurden die
+Kasernen der Arbeiter, wurden zu roten Kampfarsenalen, zu roten
+Bollwerken ...
+
+Die Sektionen der Komintern, eisern in sich gefügte, disziplinierte
+Organismen, krümmten und schlugen sich, stießen vor, wichen aus, nahmen
+hier den Kampf mit dem Gegner auf, bissen und rissen sich durch, zogen
+dort sich zurück; an einer anderen Stelle wieder ließen sie es nur beim
+Geplänkel.
+
+Millionenäugig war dieser Kampfkörper. Das Gehirn, ein einziger
+Erfahrungs- und Willensapparat, über Millionen Muskeln, Arme, Herzen,
+Nervenbündel gebietend. Jede Schraube an diesem lebendigen Mechanismus
+war fest angezogen, jeder Teil bis auf den letzten Grad seiner
+Leistungsfähigkeit ausgenützt und gespannt ...
+
+ * * * * *
+
+Die Partei hatte aus ihren Fehlern und Niederlagen gelernt, im
+Kreuzfeuer der Verfolgungen und der Illegalität ward sie nur
+widerstandsfähiger und härter geschmiedet, jeder Prolet hatte seinen
+beträchtlichen Anteil an den tausendfachen Verbesserungen, die unter den
+erschwertesten Umständen in den letzten Jahren durchgeführt werden
+mußten. Voll Stolz, Zuversicht und mit unerschütterlichem Vertrauen sah
+er auf seine Partei, auf seine Kampfführung: ein gewaltiges, aus
+Proletarierherzblut gewachsenes Instrument, das exakt funktionierende
+Hebelwerkzeug der sozialen Revolution.
+
+Das Proletariat war wieder auf sich selbst gestellt.
+
+Das Proletariat glaubte wieder an sich selbst. –
+
+
+ IV
+
+Der Student Peter Friedjung und der Arbeiter Max Herse waren beinahe zu
+gleicher Zeit in die Partei eingetreten.
+
+Lene arbeitete sogar seit einem halben Jahr schon in einer
+Parteistellung.
+
+Peter verrichtete ganz selbstverständlich die Parteikleinarbeit wie
+jeder andere. So hatte er auch binnen kurzem das Mißtrauen, das die
+Proleten zuerst ihm als einem Intellektuellen gegenüber hatten,
+überwunden. Man hatte ihn herzlich gern, er sprach immer nur ganz kurz
+in der Diskussion, aber alles, was er sagte, hatte Hand und Fuß und war
+nicht aus dem Abstrakten her oder aus dem Lichtblauen gesogen.
+
+Zu berechtigt war dieses Mißtrauen gegenüber den Intellektuellen, sah
+Peter immer mehr ein, die Intellektuellen sind zu schwach, zu
+beeinflußbar, treten häufig nur in die Partei ein, um dort unter einem
+anderen Vorzeichen die große Rolle zu spielen, und wenn man auf ihren
+verfluchten, meistens noch dazu eingebildeten Individualismus und ihre
+läppischen Eitelkeiten keine Rücksicht nimmt, dann ist es kaum mit ihnen
+auszuhalten. Immer heißt es da ihrem seelischen Differenzierungsquark
+Reverenz erweisen, die Empfindlichkeit ihrer feinen Seelenplatte ist
+aufs höchste übersteigert, und bestimmt ist mindestens jeder dritte in
+diesem Augenblick eine gekränkte Leberwurst. Aber für das alles ist kein
+Raum in einer bolschewistischen Partei. Man muß ihnen den Schädel
+ordentlich einboxen ...
+
+Unzuverlässig. Unpünktlich ...
+
+Mit solchen Menschen läßt sich eben rein schon gar nichts anfangen ...
+
+ * * * * *
+
+Da begann wieder einmal einer jener Menschenart mit Peter anzubinden,
+einer der an der Peripherie der Partei Herumwimmelnden, für gewöhnlich
+„Sympathisierender“ genannt, einer, der in alles hineinschmeckte, von
+außen her sich alles zu beurteilen anmaßte, und zu dessen einträglichem
+Berufe es gehörte, alles, was es auch sein mag, an der Partei zu
+bemäkeln. Ein Groß-Nörgler, ein sympathisierender Gernegroß, einer, der
+die gesamte kommunistische Bewegung am liebsten zur Deckung seines
+Größenwahnbedarfs für alle Ewigkeit gepachtet hätte ... Ebenso, wie er
+für sich selbst einen fanatischen Persönlichkeitskult beanspruchte,
+ebenso hinterhältig griff er mit Verleumdungen in der oder in jener
+Person die Gesamtpartei an, ging immer mit alarmierenden Gerüchten
+krebsen, trug jeder einmal aufkommenden Panikstimmung gewissenhaft
+Rechnung und erwies sich so in weitesten Intellektuellenkreisen als ein
+zugkräftiger Miesmacher. Er selbst rührte natürlich, mit den
+verwegensten Projekten zwar immerdar schwanger, in der praktischen
+Arbeit keinen Finger.
+
+„Und was sagst du nun, Peter, zu der Genossin Kramer! ... Diese
+aufgeplusterte Kröte! Aber Geld hat sie immer, niemand weiß woher, und
+eine Villa hat sie sich auch gebaut und sie trieft nur so von
+französischem Puder und Schminke ... Sie lebt offenbar mit drei Genossen
+zugleich zusammen ... Da gibt es Sowjetsterne bei ihr aus Schlagsahne,
+hörst du, auf Kuchen, zum Geburtstag ... Aber wenn sie nur den Mund
+auftut: das raspelt herunter wie aus einer Blechtrommel ... Das ist ein
+richtiges antibolschewistisches Greuel ... Wenn ich die schon sehe, da
+vergeht mir schon wieder die ganze Lust an der Bewegung ... Schau dir
+nur diese Feldwebelin an, wie aufdringlich die herumquatscht, Phrasen,
+nichts als Phrasen ... Man müßte ihr einmal ordentlich den Hintern ...
+Aber daß so etwas auch die Partei duldet ...
+
+„Na, überhaupt die Partei! Sieh dir, Peter, einmal die Führer an!
+Hochwürden! Marx-Pfaffen! Euer organisatorischer Leiter, dieser
+verknöcherte Bonze, bezieht er nicht zusammen mit seiner Frau ein
+doppeltes Gehalt? ... Ja, euere Führer verstehen sich zwar fürtrefflich
+aufs Kuhhandeln, aber nicht aufs Kämpfen. Haben sie _die_ Situation
+vielleicht ausgenützt!? Und die, und die ... Und da soll wieder das und
+dort wieder jenes vorgekommen sein. Hast du nicht gehört, daß ... Und
+übrigens neulich habe ich den Genossen Bittermann getroffen, sieht sehr
+schlecht aus, der mir erzählt hat, daß ... und auch im Bezirk soll es
+oberfaul stehn ... und R. und A. sollen aus der Partei bereits wieder
+ausgeschlossen sein, und von G. sagt man, daß er ein Spitzel sei, und L.
+soll zur SPD übergetreten sein ... Auch hab ich gehört, daß die
+Arbeiterkorrespondenzen von Intellektuellen geschrieben seien, stimmt
+daran nicht was, und schau nur die Berichterstattung unserer Presse an
+... Im übrigen bitt ich dich, Peter, mach keinen Gebrauch von dem, was
+ich dir soeben vertraulich mitgeteilt habe. Ich möchte nicht haben, daß
+...“
+
+Am liebsten hätte Peter gleich dem Stänker den Rücken gekehrt. Aber er
+hatte Geduld gelernt und blieb ruhig. Sagte jetzt nur ganz sachlich:
+
+„Nun aber stopp, Stänker! Mach Schluß! Mich interessiert nicht, wessen
+Nase dir nicht gefällt!“
+
+Der Stänker platzte jetzt beinahe vor Erbitterung. Spie Gift und Galle.
+Nichts war ihm radikal genug, aber auf einmal schlug er wieder ins
+Gegenteil um, stülpte sich um, völlig haltlos warf es ihn von einem
+Extrem ins andere ... Vom Abkillen und mißverstandenen Reformvorschlägen
+sprach er im selben Augenblick.
+
+„Eine heilige Sache fürwahr, für die sichs zu sterben lohnte, war
+vormals der Kommunismus! Was habt ihr aus dem schönen Kommunismus
+gemacht? Einen der Idee feindlichen Kloakenhaufen ...“
+
+So schloß der Stänker seinen Wutausbruch.
+
+„Daß du jetzt nur keinen Anfall bekommst, Stänker! Dir scheint ja eine
+Riesenlaus über die Leber gelaufen zu sein ... Aber, du entschuldigst
+schon, das, was du hier verzapfst, ist Quatsch mit Sauerkohl. Mir ist
+schon ganz speiübel ...“
+
+Und ein schöner Misthaufen ist das, dachte sich Peter, was da alles ins
+Zeug schießt: Utopien, Ueberradikalismus, Versöhnlertum, Menschenliebe,
+dummdreiste Gehässigkeit: alles hübsch einträchtiglich chaotisch sprießt
+da beieinander.
+
+„Ist das wirklich, Stänker, deiner Weisheit letzter Schluß? Du tust mir
+ordentlich leid ...“
+
+„Und was ist das mit der Kaltstellung Trotzkis? ...“, kläffte der
+Stänker noch ...
+
+Während Peter versuchte, trotzdem dem Stänker noch einmal klarzulegen,
+was eigentlich eine Partei sei und wie er sie von seinem individuellen
+Standpunkt aus vollkommen schief sehe, ja sie auch, da er ihr inneres
+Leben und ihre innere Gesetzmäßigkeit nicht kenne, völlig daneben
+beurteilen und sie aus seinem ganzen blödsinnigen Egozentrismus heraus
+kindisch verzerren müsse.
+
+„Wenn sich einer wie du immer um sich selbst dreht, glaubst du, der
+bekommt eine richtige Uebersicht ...? Die Umgebung erscheint dann
+natürlich unter einer individuell willkürlich verzogenen Perspektive.“
+
+Und weiter erläuterte Peter, daß die Partei mit einer gewaltigen
+Filtriermaschine vergleichbar sei, in der jeder einzelne, ohne Rücksicht
+auf seine Funktion, ordentlich durchtrainiert und durchgeknetet werde
+und sicher in kürzester Frist bald auf einen Platz zu stehen komme, wo
+er letzten Endes seiner Begabung und Veranlagung nach hingehöre.
+
+„Sicher, es gibt Reibungen, muß solche geben, es geht nicht immer alles
+so glatt ab, aber wozu diese Verweichlichung, lernen wir nur ein wenig
+den Ellenbogen gebrauchen, man muß es dem anderen deswegen nicht gleich
+so krummnehmen. Die Korruption wird nie ganz auszuschalten sein,
+trotzdem, natürlich, sie muß aufs Aeußerste reduziert und darum auf das
+Heftigste, überall dort, wo sie auftritt, bekämpft werden: aber, die
+revolutionäre Bewegung, aus dem Schoß der kapitalistischen Gesellschaft
+geboren, trägt deutlich die Zeichen ihres Ursprungs an sich ... Das
+nicht begreifen heißt, von Dialektik auch nicht das geringste verstanden
+zu haben ... Und nun, mein lieber Gottlieb Jeremias Stänker, treib es
+mit deinen Anschuldigungen nicht allzu toll, kühle dich ein wenig ab,
+verordne dir selbst eine kalte Abreibung, ich kann dir zum Schluß nur
+sagen: die Partei leistet heute wirklich, magst du es anpacken, wo du
+willst, positive Arbeit und daß es keine bessere Zentrale gibt als die,
+die wir heute haben, das ist gewisser als gewiß ... Es gibt aber immer
+zweierlei Kritik ... Na, Freundchen Stänker, du verstehst, was ich meine
+...
+
+„Und nun, mein Lieber, will ich dir noch sagen, was ich für eine
+Auffassung von einem Kommunisten, der diesen Namen zu recht trägt, habe.
+Schreib dirs, wenn dus kapiert hast, hinter die Ohren. Jeder Kommunist
+muß wissen, daß er, wo auch immer: im Betriebe, in der Gewerkschaft, in
+der Genossenschaft, nur dann voll seine Pflicht tun kann, wenn er in
+jeder Beziehung den Arbeitern ein Vorbild ist: der aufgeklärteste,
+gebildetste, geschickteste Arbeiter in der Betriebsversammlung, der
+energischste, mutigste, klassenbewußteste dem Unternehmer, Direktor,
+Antreiber gegenüber; der eifrigste, aufopferndste Gewerkschafts- und
+Genossenschaftsarbeiter, der sachlichste, positivste, kampfbereiteste
+als Betriebs-, Gewerkschafts-, Genossenschaftsfunktionär, kurz, überall
+dort, wo er Arbeiter vertritt. Jeder Kommunist muß sich der
+Verantwortung für jede Aeußerung bewußt sein. Sachlichkeit, Positivität,
+kritische Schärfe, Unerschrockenheit, glühender Haß und kalter Verstand
+allen Bonzen gegenüber, Geduld, große Geduld allen andersdenkenden
+Arbeitern gegenüber, organisatorische Fähigkeiten, Werben unter den
+Unorganisierten für die Gewerkschaften zur Verstärkung des
+kommunistischen Einflusses, Fähigkeit mit der Feder einfach, präzis,
+wirklichkeitsgetreu umzugehen, Abstreifen jedes zünftlerischen,
+spießbürgerlichen, individualistisch verseuchten Geistes, jeder Art von
+luxuriöser Gehirnfatzkerei – das muß die Partei von jedem ihrer
+Mitglieder verlangen, und nur der, der diesen Anforderungen voll
+gewachsen ist, verdient den Ehrentitel eines Kommunisten.“
+
+Und Peter verabschiedete sich mit einem kurzen Ruck vom Stänker.
+
+Der rief ihm noch nach:
+
+„Bei Philippi sehen wir uns wieder! Denk an mich! Mit der Parole
+„Diktatur des Proletariats!“ gewinnt ihr keinen Blumentopf ...“
+
+Und hopste verbissen von dannen.
+
+ * * * * *
+
+Peter widerte es an.
+
+„Wozu nun diese lange Auseinandersetzung? Ein hoffnungsloser Fall. So
+einer wird aus seinen Komplizierungen und seelischen Verkrümmungen
+heraus eines Tages noch zum Spitzel ... Das Besondere, das Originale,
+das Interessante, das ist bei diesen sensationslüsternen,
+pseudodämonischen Individual-Säuen die Hauptsache! Nervenkitzel und
+Seelenschleim, mit einem tüchtigen Schuß „Gottes-Rummel“ gemischt: diese
+Welt liegt hinter uns ...
+
+„Komische Käuze!
+
+„Der eine lebt nach dem Motto: „Ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich
+lebe vegetarisch: mein Kopf ward schon zum Kohlkopf ...“ Ein anderer hat
+schon den Zustand des reinen Wurzelkauertums erreicht und ein dritter
+endlich, ein biederer Schmock von Stinnes Gnaden, wittert rote
+Morgenluft, stellt sich um und fristet sein Dasein als feiste
+Revolutionswanze ... Lebendige Leichname sind am schwersten
+totzukriegen.“ –
+
+Auch der Inhaber eines kleinen Kramladens, Eugen Brennessel, der
+„Heringsbändiger“ genannt, erkundigt sich neulich eingehend bei Peter,
+meinte aber am Schluß ganz treuherzig: „Nur glaub ich nicht, daß Sie auf
+diese Weise es zu etwas bringen werden ...“
+
+
+ V
+
+Max und Lene saßen beieinander.
+
+„Und morgen ist der 1. Mai ... Ach, Max, wenn ich an die Maifeiern bei
+der SPD denke, mir wird bei der Erinnerung noch ganz übel ... Die
+vielstimmigen schmalzigen Männerchöre und die Reigentänze ... Dieses
+ganze „Jupeidi Jupeida“. Einmal haben wir sogar aufgeführt: „Sah ein
+Knab ein Röslein stehn ...“ Und dann die Umzüge: im Gehrock, die
+Angströhre aufgestülpt, den Zylinder, mit roter Schärpe um und die
+Blechmusik an der Spitze: Tschindarassa ... Es war wirklich ein
+schöner gemütlich-biederer sozialdemokratischer Bußbrüder- und
+Betschwesternverein ... Ich bin froh, daß es jetzt gründlich aus ist mit
+diesen Spießbürgerparaden ... Weißt du was, morgen wird es großartig
+werden. Der Aufmarsch! Der große Sprechchor! Die roten Frontkämpfer! ...
+Aber es ist jetzt auch eine Zeit! In der ganzen Welt wird morgen das
+Proletariat aufstehen, wir sind wieder gewaltig mächtig und selbstbewußt
+geworden ... Es ist freilich eine Lust zu leben! ...“
+
+„Ja, Lene, auch ich, wenn ich zurückdenke ... Damals, bei den
+Sozialdemokraten ... Eine abscheuliche Erinnerung! ... Wir haben uns
+einfach verlaufen. Jetzt erst weiß ich richtig, wozu ich in der Welt
+eigentlich da bin ...“
+
+„Ach, Max, ich bin ja auch so sehr glücklich ...“
+
+Nun kam auch schon der Genosse Lange.
+
+„Na, ihr beiden! ... Und du, Max, du Dr. Unblutig des Klassenkampfs!
+...“
+
+„Gut gehts, Wilhelm ... Wir haben gerade von früher gesprochen ... Was
+den Dr. Unblutig anbelangt: laß mich aus damit, mit dem, was gewesen
+ist, bin ich fertig ... Strich darunter: und ich glaub, ich hab in den
+letzten Monaten meine Parteivergangenheit nachgeholt ...“
+
+„Also: nichts für ungut, Max. Ich widme dir hiermit – wie es so schön in
+dem Bericht über eine SPD.-Bonzenzusammenkunft heißt – einen
+Anerkennungsschluck! Prost! ... Ja, Max, an den Heimweg von damals hab
+ich noch oft gedacht! ... Halsstarrig wart ihr, dickschädelig ... mich
+hats oft recht gewurmt und dabei in der Hand gejuckt. Hätt aber damals
+auch nicht viel geholfen ... Na, und was sagst du zu den Nachrichten
+über China, über die amerikanischen Manöver, zu dem intensiven
+Wettrüsten!? ... Und hast du den Artikel über den Gaskrieg von den
+amerikanischen Genossen gelesen?! ... Ich glaub halt immer, wir müssen
+schleunigst unsere Arbeit verdoppeln ... Ganz gewaltig scharf auf der
+Hut sein! ...“
+
+„Was ich dazu meine!? ... Wenn man bedenkt, wie wir 1914 ausgezogen
+sind: mit blanken Knöpfen an den Uniformen, mit der Pickelhaube auf,
+meist noch ohne Ueberzug, und wenn man sich jetzt klarmacht, wie rapid
+schnell die ganze Kriegstechnik während des Krieges selbst sich
+entwickelt hat, und daß man sich allem Anschein nach auch nach
+Kriegsschluß nicht auf die faule Bärenhaut gelegt hat, sondern
+weitergearbeitet und weiterexperimentiert hat, so muß man meines
+Erachtens schon ein ganz phantasieloses und borniert verblendetes
+Rindvieh sein, um nicht einzusehen, daß ein kommender Krieg eine ganz
+höllische Sache sein wird, mit der verglichen der vorhergegangene Krieg
+sich noch wie eine harmlose Holzerei ausnehmen wird ... Und daß wir
+Proleten dabei eine wesentlich andere Rolle spielen werden, die Regie
+hat uns gleichsam die Statistenrolle übertragen, nur haben diesmal eben
+die Statisten ganz und gar allein den Hauptdreck auszufressen ...“
+
+„Das weißt du ja auch schon, daß morgen die vaterländischen Verbände
+aufmarschieren wollen. Da wirds wieder ein „Gloria! Gloria! Victoria!“
+gröhlen, wenn wir Proleten ihnen nicht ordentlich diesmal das Maul
+verstopfen ... Auch die Polizei liegt in erhöhter Alarmbereitschaft.
+Truppen sind um Berlin konzentriert. Man wird uns provozieren wollen ...
+Also: Vorsicht! ... Es sind auch von der Zentrale dahingehend
+entsprechende Vorkehrungen getroffen worden ... Na, wir sprechen uns ja
+morgen früh im Lokal noch ... Gute Nacht beieinander! ...“
+
+
+ VI
+
+Max überlegte sich noch einmal den Artikel über den kommenden Krieg.
+Keine Uebertreibungen, sagte er immer wieder zu sich selbst. „Natürlich,
+es ist wahrscheinlich: zuerst geht es schon noch mit Tanks und mit
+Brisanz und mit Dreadnoughts los. Die Bombenflugzeuggeschwader mit
+Gasmunition: das ist sozusagen der Clou. Der neue Krieg wird kein
+hundertprozentig reiner chemischer Krieg sein, auch hier gibt es
+Uebergänge, Variationen, Kombinationen wie überall, Vergangenheit,
+Gegenwart und Zukunft ist tief miteinander verfilzt, das ist knorpelig
+ineinander verwachsen und löst sich nicht so abrupt von einander los ...
+Ganze Industriegebiete werden zwar gegen die Sicht der Flieger
+eingenebelt werden. Aber andererseits gibt es auch bereits Apparate, mit
+denen man von über 3000 Meter hoch genaueste Standortfeststellungen
+machen kann. Die Einnebelung wird also wenig Zweck haben. Nur als
+Vertröstung, als Beruhigungsmittel im ersten Augenblick ... Und die, die
+das Geld dazu haben, werden natürlich die Gefahrenzone schleunigst
+verlassen und sich auf dem Land in Sicherheit bringen ... Ja, wenn es in
+der Macht der einzelnen imperialistischen Gruppen läge, ich glaube ihren
+flennenden Versicherungen gern, der Krieg ist heute bei dem hohen Stand
+des Klassenbewußtseins des Proletariats ein großes Risiko und sie
+möchten natürlich am liebsten den Krieg vermeiden ... Aber das System,
+dessen Gesetzmäßigkeit sie treibt und zum Handeln zwingt, ist stärker
+als ihr Wille ... Sie müssen, ob sie wollen oder nicht ... Und für die
+Arbeiterschaft heißt es diesmal endgültig: verrecken oder kämpfen. Etwas
+anderes gibt es gar nicht ... Ich glaube aber auch nicht mehr, daß einer
+der unseren noch auf die pazifistischen Schwindeleien hereinfällt ... An
+diesem Schmus hat sich heute die Mehrzahl der Menschheit bereits
+ordentlich überfressen ... Ein deutlich hörbares Bauchgrimmen geht
+durchs Land ...“
+
+ * * * * *
+
+Es war am Vorabend des ersten Mai.
+
+Wie ein gewaltiger atmosphärischer Druck so drückte es auf die Stadt
+herein.
+
+Alles war noch „verdeckt“, da und dort an den Straßenecken sah man
+Gruppen von Menschen, die debattierten, die einen oder anderen begrüßten
+sich mit „Rot Front!“ oder mit „Heil!“, die Läden waren überfüllt, vor
+Lebensmittelgeschäften stand man Polonaise, in langen Windungen kroch
+vor den Brotgeschäften die Schlange der Hausfrauen. „Wie einst im Mai
+... In unserer herrlich großen Weltkriegszeit nämlich ...“
+
+Eine Abteilung Motorradfahrer der Schutzpolizei durchknatterte jetzt die
+Straße, ein Tank manövrierte quer über einen Platz ...
+
+Die ganze Stadt rüstete ...
+
+Sie war wie ein unsichtbares Kriegslager ...
+
+ * * * * *
+
+„Au Backe!“ entfuhr es Max beim Anblick eines Kampfwagens. Der trug in
+weißen ungelenken Buchstaben den Namen „Totila“, vorne an der
+Motor-Haube einen Totenkopf. „Eine geballte Ladung Handgranaten
+darunter, und wie ein Kartengehäuse klappt diese ganze Stahlschachtel
+auseinander. Auch abblocken oder, was schon vorgekommen sein soll, ein
+wohlgezielter Schuß eines Scharfschützen durch den Sehschlitz: auch
+damit wird der Bursche zu erledigen sein. Aber trotzdem: so ein Kerl
+schlaucht einem gewaltig ... Das psychische Moment dabei ist das
+Wichtigste ...“
+
+Die Nachricht kam:
+
+Eine Erwerbslosendemonstration ist in der Linienstraße von der
+berittenen Hundertschaft zur besonderen Verwendung zusammengehauen
+worden. Tote. Viele Verletzte ... Auch Plünderung von
+Lebensmittelgeschäften im Norden der Stadt. Offenbar: Provokateure an
+der Arbeit. Ein Aufruf der Regierung kam heraus mit Amnestieversprechen,
+Ankündigung ausreichender Lebensmittelzufuhr im Lauf der nächsten Tage,
+mit einem ausführlichen Dementi aller Kriegs- und Krisengerüchte.
+„Einigkeit macht stark. Unsere Stärke beruht in unserer Einigkeit.“
+Solche und ähnlich bereits historisch sattsam bekannte Flausen, von
+denen kaum noch jemand Notiz nahm, wenn nicht mit einem bissigen Witz,
+ließ der damalige Reichspräsident tagaus tagein wieder durch die Presse
+austrompeten ...
+
+Die ganze Wirtschaftslast lag auf den Knochen der Arbeiter. Mit den
+Knochen der Arbeiter wurde gezahlt, die Knochen der Arbeiter selbst
+wurden zu einem Spottpreis an ausländische Finanzcliquen verschachert,
+an allen Ecken und Enden händerangen und feilschten kreischend die
+Finanzmagnaten: „Knochen her! Wir brauchen Knochen! Knochen!“
+
+Alle Klassenkräfte befanden sich damals in einer ununterbrochenen
+Bewegung, ein steter Fluß, jeder Tag brachte eine neue Situation, ganze
+Gesellschaftsschichten tauchten plötzlich unter in einem jener
+gespenstischen Krisenwirbel, wie sie damals an der Tagesordnung waren;
+das alles wechselte und veränderte sich im Laufe einer Stunde.
+
+„Nichts steht fest. Nicht einmal das.“
+
+Aus dieser Stimmung heraus kam es oft genug zu Selbstmord und Wahnsinn.
+
+Lohnkämpfe. Teilstreiks. Ueberall Ansätze zu einer Massenaktion.
+Ueberall Ausbrüche der Volkswut. Eine elementare Verzweiflungswelle
+fegte über ganze Landesteile.
+
+Die Frontlinien des bevorstehenden Kampfes zeichneten sich immer
+deutlicher ab. Es drängte an vielen Orten bereits stürmisch zur
+Entscheidung. Die einzelnen Führungen hielten noch zurück ...
+
+Die meisten Menschen blieben in dieser Nacht zusammen.
+
+Viele gingen, trotzdem die Regierung teils pathetisch-beschwörend, teils
+energisch drohend dazu aufforderte, nicht von der Straße –
+
+
+ VII
+
+Draußen vor der Stadt war ein warmer Frühlingstag.
+
+Der Wind fegt übers Land.
+
+Das Gras fließt ...
+
+Kolonnen von Landarbeitern marschieren stadtwärts.
+
+Auf allen Wegen Landarbeiterkolonnen, sie tragen rote Fahnen, singen:
+„Wacht auf ...“
+
+Ein alter Bauer sitzt, an der Pfeife nagend, vor seiner halb verfallenen
+Hütte:
+
+„Bravo, Jungens, machts gut! ... Dann baut ein neues Dorf auf, das alte
+ist ja so zu nichts mehr zu gebrauchen ... Bevor dieses Jahr das Korn in
+die Scheuer fährt, wird die Erde noch viel Menschenblut in sich
+hineinstürzen. Meine Hand ist trocken. Der Boden hitzig. Das bedeutet
+Menschenblut ... O, das sind Zeiten ...“
+
+„Recht so, Alter!“ schreien ein paar junge Burschen zu ihm herüber: „Nur
+den Mut nicht verlieren! Wir schaffens schon ...“
+
+Der ferne Dunstschleier zerreißt. Näher rückt heran die Stadt. Wie ein
+noch schlafendes Steinungeheuer liegt sie da, die Vororte inmitten
+breiter Flächen Grün wie Tatzen.
+
+Kein Fabrikschlot raucht.
+
+Keine Kirchenglocke läutet ...
+
+Eine Pappelallee zieht sich am Horizont hin, wie eine Reihe
+schwarzschwälender Flammen ...
+
+ * * * * *
+
+Ganze Stadtteile sind seit dem frühesten Morgen von Polizei und Militär
+abgesperrt.
+
+Die sämtlichen Zufahrtsstraßen zur Stadt sind durch Panzerwagen und
+Maschinengewehrabteilungen gesichert.
+
+Erkundungsflieger kreisen hoch in der Luft.
+
+Die Eisenbahngleise entlang streifen Militärpatrouillen.
+
+Ein Panzerzug rangiert: jetzt gibt er Volldampf und heult der Stadt zu.
+
+ * * * * *
+
+Immer wieder werden die Landarbeiterkolonnen abgedrängt.
+
+Es wird schon gegen Mittag.
+
+Unruhig kreisen sie um die Stadt.
+
+Sie müssen durch –
+
+Im Südosten brechen sie endlich herein. Dort sind die Arbeiterbezirke.
+
+Von den Offizieren der Absperrungskommandos wird der Befehl zum Feuern
+gegeben.
+
+Viele Soldaten schießen nicht. Viele halten in die Luft ...
+
+Die Offiziere werden an die Wand gedrückt.
+
+Gewehre und Bajonette zerbrechen ...
+
+Die Absperrungskommandos sind überrannt.
+
+Laut singend, geschlossenen Zugs, marschieren die Landarbeiter weiter
+...
+
+Aus jeder Straße strömt jetzt ein neuer Zug.
+
+„Des Volkes Blut verströmt in Bächen“, singen die einen.
+
+Die anderen:
+
+„Bolschewisten! Bolschewisten! Edelste der Kommunisten!“
+
+Auf den Balkonen beugen sich Menschen herab, in die Hände klatschend. An
+den Straßenecken begrüßen die Marschierenden große Menschengruppen im
+Chor:
+
+„Rot Front! Rot Front! Rot Front!“
+
+Es trommelt.
+
+Es pfeift.
+
+Trompetensalven schmettern darein ...
+
+ * * * * *
+
+Das Militär wird zurückgezogen.
+
+Hie und da fern am Straßenende sieht man noch einen Panzerwagen
+davonrattern.
+
+In den Flanken ist der Arbeiterzug durch Radfahrerabteilungen gesichert.
+
+Auf den Dächern sind Arbeitertrupps aufgestellt, sie winken mit den
+Mützen.
+
+Ob die Regierung im letzten Augenblick noch ein Versammlungs- oder
+Demonstrationsverbot erlassen hat, ist nicht mehr in Erfahrung zu
+bringen.
+
+Die ganze Stadt ist ein gewaltiger, roter Menschenwirbel.
+
+Frauen mit roten Kopftüchern. Der Jung-Spartakus-Bund. Greise. Witwen
+und Waisen. Aber es marschiert auch ein Frauen-Regiment auf, genannt
+„Regiment Rosa“. Hell schmettert Gesang aus ihren Reihen ...
+
+ * * * * *
+
+Auf den Asphaltstraßen der Stadt dröhnt daher ein roter
+Menschenmassen-Orkan.
+
+Da marschiert an, langsam und immer wieder stockend, der Zug der
+Kriegsopfer: manche werden auf Bahren getragen, die meisten humpeln sich
+mühsam vorwärts auf monoton klappernden Krückstöcken, da ist die
+Abteilung der Erblindeten, hier die der Armlosen, hier die der
+Beinlosen, hier sind welche, die nur einen gliederlosen Rumpf noch ihr
+eigen nennen. Hier werden Tafeln getragen: „Wir sind das ABC des
+Kriegs!“ Oder: „Krieg dem Krieg!“ Oder: „Proletarier, gedenkt des
+imperialistischen Kriegs!“
+
+Ohne Musik marschiert der Zug.
+
+Ein Skelett an der Spitze, mit der Zahl: 13 Millionen.
+
+Die Straße erstarrt. Die Häuserpforten erstarren. Jedes Wort gerinnt im
+Mund. Das Leben friert ... Es ist großes Schweigen.
+
+Schweigend marschiert der Zug. –
+
+ * * * * *
+
+Im Westen der Stadt sind die vaterländischen Verbände aufmarschiert.
+
+In straffester militärischer Disziplin.
+
+Die Mannschaften sind außerordentlich gut und modern eingekleidet. Sie
+haben den Sturmriemen umgeschnallt. Feldflasche und Brotbeutel. Viele
+tragen den Stahlhelm. Pistolen. Auch Leinwandsäckchen mit
+Eierhandgranaten.
+
+Eine Unzahl Autos und Lastkraftwagen stehen ihnen zur Verfügung.
+
+In einer Autogarage befindet sich ein Waffenlager. Dort in einem
+Bankhaus eine Befehlsstelle. Nach überall hin durch Kuriere verbunden.
+
+Eine Feldtelephonleitung wird unter besonderer Sicherung jetzt nach
+vorne gelegt.
+
+Die Spitzentruppen setzten sich unauffällig in Bewegung.
+
+Der Westen ist tot, ausgestorben. Jalousien und Läden sind
+heruntergelassen. Nur wenig Menschen zeigen sich noch ... Wo überhaupt
+noch Verkehr ist, kann man immer mit ziemlicher Sicherheit ein
+Munitionsdepot oder eine Reservestelle vermuten.
+
+Ein grauhaariger Spitzbart instruiert an einer Straßenecke nochmals
+seine Gruppe:
+
+„Treudeutsch!“ schließt er seine Instruktion.
+
+„Allewege!“ schnarrt es ihm zurück.
+
+Die deutsche Kriegsflagge weht. Schwarzweißrot. Hakenkreuzstandarten.
+
+Trommler, Trompeter, Pfeifer.
+
+Die Eichenstöcke, mit eisernen Spitzen versehen, schultern sich.
+
+„Achtung!“
+
+„Ohne Tritt! Marsch ...“
+
+Parole: „Baltikum.“
+
+„Die Vöglein im Walde ...“ „Das Flaggenlied.“
+
+Die Gesichter unter den Stahlhelmen sind hartkantig, erdig. Zum
+Aeußersten entschlossen. –
+
+ * * * * *
+
+Die Kasernen der Schutzpolizei und des Militärs werden durch
+Stacheldrahtverhaue abgesperrt.
+
+An der Bannmeile ist eine mechanische Barrikade aus einem Geschwader
+Panzerwagen und gepanzerter Lastkraftwagen errichtet.
+
+Festen Schritts marschieren dort stundenlang die roten Bataillone
+vorüber.
+
+Es wird gegen 3 Uhr nachmittags.
+
+Zu Zusammenstößen ist es nicht gekommen. Kleine Zwischenfälle, nicht der
+Rede wert.
+
+Auch von den „Vaterländischen“ ist weit und breit nichts zu sehen.
+
+Wie es heißt: sie sind wieder in ihre Quartiere abgerückt.
+
+Und so findet das Arbeiter-Riesen-Meeting auf einem Platz mitten im
+Stadtzentrum statt.
+
+ * * * * *
+
+Es sind über Hunderttausende.
+
+Aus allen Straßenmündungen preßt es sich schwer herein.
+
+Die Roten Frontkämpfer halten den Ordnerdienst.
+
+Die ungeheure Anzahl der roten Fahnen: sie flattern in der Luft wie
+glühende Flammenzungen.
+
+Jeder Betrieb hat seine Fahne.
+
+Ein langgezogener Trommelwirbel ...
+
+Von den Dächern widerhallt es.
+
+Ueber die ganze Innenstadt hin fluten die Trommelwellen.
+
+Ein Trompetenstoß.
+
+Elektrisch zuckts in den Gliedern ...
+
+Das Meeting beginnt.
+
+ * * * * *
+
+Ein Sprechchor, tausend Genossen und Genossinnen, donnert empor.
+
+„Der erste Mai!“
+
+Dann:
+
+Alle singen.
+
+Ist dies ein Gesang noch!? Es ist ein Stimmenstrom, eine
+Riesenklangwoge, die sich hebt und senkt, die aufsteigt, anschwillt, in
+Millionen von Stimmenlichtern blinkend, jäh und steil sich überschlägt,
+dann ruhig wieder und gewaltig ihres Weges dahinzieht ... Nur die letzte
+Strophe: die Stimmen verstärken sich, es schlägt auf: hart, gehackt,
+rhythmisch: als eine eiserne Brandung.
+
+Durch einen Schalltrichter wird verkündet:
+
+„Ein amerikanischer Genosse spricht!“
+
+Zwei Arme schwingen, zwei Fäuste ballen sich: jetzt wächst die
+Menschengestalt übermenschengroß heraus aus der Tribüne.
+
+„Wir amerikanischen Genossen, wir grüßen dich, deutsches Proletariat!
+Wir stehen vor der Entscheidung ... Die Kriegsrüstungen ... Der Krieg
+gegen Rußland. Gegen Japan ... Und euere Regierung: wißt ihr von den
+Geheimverträgen, den geheimen militärischen Bündnissen ... Deutschland,
+das Aufmarschgebiet gegen Rußland ...“
+
+Ein tosender Millionenschrei stieß in diesem Moment hoch:
+
+„Nein! Niemehr! Nimmermehr! Bürgerkrieg!“
+
+Der amerikanische Genosse fuhr fort:
+
+„Der Völkerbund hat den Krieg gegen Russland gefordert! Ueberall
+Kommunistenverfolgungen, Hinrichtungen, Pogrome, Massakres ... Es lebe
+die Diktatur des Proletariats! Sie allein vermag diesem
+menschenmörderischen, niederträchtigen Spuk ein für alle Mal ein Ende zu
+machen! ...“
+
+„Die amerikanische Kommunistische Partei! Sie lebe –“
+
+„Hoch! Hoch! Hoch!“
+
+Nur: Wortbrocken, Sprachfetzen.
+
+Aber den Sinn verstand jeder.
+
+Und schon spricht der japanische Genosse, der russische, ein
+bulgarischer Genosse spricht.
+
+„Genossen! Deutsche Kommunisten! Deutsche Arbeiter! Deutsche
+Proletarier! Die Stunde zum Handeln ist da! Der Tag der Abrechnung ist
+gekommen, der Tag der Abrechnung mit den Volkspeinigern und Volksmördern
+...“
+
+Wieder ein Zwischenschrei:
+
+„Nieder mit den Verrätern des Volks ... verrecken ...
+
+„Genug jetzt der Foltern und Bestialitäten! Wir setzen dieser
+vergangenen Zeit den Grabstein ... Heute, am ersten Mai: überall, bei
+den kleinen japanischen Maisbauern, bis hoch hinauf in die einsamsten
+Bergdörfer Chinas: der Sturm bricht los, der Sturm erfaßt Höhen und
+Tiefen, über Deutschland hinweg, über Europa hinweg, von Asien über
+Afrika; in allen fünf Erdteilen: die große rote Sturmglocke läutet: das
+werktätige Volk, das Proletariat steht auf ...“
+
+Für die Frauen spricht Genossin Martha, eine alte erfahrene
+Bolschewistin, zehn Jahre Zuchthaus hat sie hinter sich, sie hat auch
+mit der Waffe in der Hand gekämpft, sie ist lungenkrank, jedes Wort
+preßt sie aus sich heraus, immer wieder von begeisterungsflammenden
+Zurufen unterbrochen: „Auch wir Frauen, das geloben wir, werden unsere
+Pflicht tun. Wir Genossinnen werden nicht hinter euch, Genossen,
+zurückstehen! Verlaßt euch darauf!“
+
+Ein deutscher Genosse erhält noch das Wort:
+
+„Erster Mai! Tag der Heerschau des Weltproletariats! Tag du des
+Aufmarschs der Proletariermassen in allen fünf Erdteilen! Erster Mai:
+Kampftag: laß uns bereit sein! Laß stahlhart uns werden, ausfüllen die
+letzte Lücke in unserer Front! Laß denken unsere Gedanken nur dies eine:
+Kampf! Unsere Herzen nur dies eine fühlen, unsere Willen nur dies eine
+wollen: Kampf ...“
+
+Ein Jugendgenosse tritt vor, er ballt die Faust zum Schwur:
+
+„Unermüdlich wollen wir kämpfen! Unsere Muskeln spannen, unsere Gehirne
+stählen, mit unserem Herztakt euch alle, die ihr in Ketten noch schlaft,
+wachhämmern! In uns schüren den Willensbrand, bis diese Welt von uns
+erobert ist, bis du, erster Mai, du Weltkampftag, der Weltfeiertag aller
+werktätig Schaffenden geworden bist!“
+
+Ein Sprechchor von Jungpionieren antwortet im Chor:
+
+„Nicht eher werden ruhen wir! Nicht eher werden die Hände wir falten!
+Das schwören wir! ...“
+
+Hunderttausende von Stimmen fallen jetzt wieder ein:
+
+„Das schwören wir. Schwören wir. Schwören wir ...“
+
+Ein Trompetensignal.
+
+Ein Genosse in der Roten-Frontkämpfer-Uniform steht auf der Tribüne.
+
+Der Fahneneid ...
+
+Eine große und dunkle Stimme spricht vor:
+
+„Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören rot: Sieg oder Tod!“
+
+„Sieg oder Tod!“ jauchzt die Menschenmasse.
+
+„Wir schwören: beim Blut der Brüder, das zur Erde rinnt –
+
+„Wir schwören: am Riesenstrom der Tränen, die vergossen sind –
+
+„Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören rot: Sieg oder Tod!“
+
+„Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht.
+
+„Wir sind der Sturmschritt einer Neuen Zeit!“ –
+
+Wieder waren Hunderttausende von Menschenstimmen eine Felswand
+lebendigen Echos.
+
+„Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht.
+
+„Wir sind der Sturmschritt einer Neuen Zeit ...“
+
+ * * * * *
+
+Die „Internationale“ erscholl.
+
+Eine Sturmlawine –
+
+Menschenkörper rissen unter dem Gesang sich steil empor.
+
+Die rote Flut kommt. Die rote Flut steigt. Zeit der Ebbe: vorbei ...
+Aufwärts! Aufwärts! Aufrecht schon stehen wir hoch oben auf dem Kamm der
+Woge ...
+
+Und plötzlich wurde spontan aus der Menschenmasse heraus ein bekannter
+illegaler Genosse der Zentrale auf die Schultern gehoben, er schwenkte
+die Mütze, sein Arm stand, schräg, wie ein Fahrtzeichen:
+
+„Arbeiter! Proletarier! Genossen! Seid ihr bereit zum Kampf, seid ihr
+bereit, dem Ruf zum Generalstreik, dem Ruf zum bewaffneten Aufstand zu
+folgen, wenn ihn die Partei an euch ergehen läßt?“
+
+„Allzeit bereit!“
+
+„Keine Woche wird mehr vergehen, bis euch die Partei zum Kampf aufruft.
+Unsere Parole heißt: Eroberung der Macht!!!“
+
+„Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ tönte jetzt, einfach und schlicht
+gesungen. Viele bekamen es mit dem Schlucken. Manche weinten. Und manche
+wieder sangen, das Angesicht von einem glücklichen Lächeln verzückt.
+
+Max hatte Lene eingehakt.
+
+„Siehst du, Millionen an Millionen stürmen jetzt in diesem Augenblick,
+geordnet in unübersehbaren Reihen, den steilen Abhang der Zeit herauf im
+Sturmschritt. Dieser Abhang ist ein Geröllfeld, bedeckt mit
+Schädelstücken und Körperknochen, alle Sträucher haben statt der Knospen
+Knollen, getränkt mit Menschenblut. Alle die brechen heut auf,
+Blutrinnen, Blutbäche: alle die schießen, zu einem Wildstrom von
+vergossenem Menschenblut anschwellend, empor ... Was singen sie, diese
+proletarischen Sturmtruppen, diese Eroberer der Menschheitszukunft: „Wir
+fürchten nicht den Tod! Denn unsere Fahn ist rot ...“
+
+Das Trompetensignal blies.
+
+Ein kurzer Trommelwirbelstoß.
+
+Die Züge ordneten sich zum Abmarsch ...
+
+ * * * * *
+
+Und –
+
+In diesem Augenblick geschah, allen völlig unerwartet, das Unglaubliche.
+–
+
+
+ VIII
+
+Die Sonne ging eben sprühend unter, Gewitterwolken trieben an wie
+Schlammfluten: da stand plötzlich mitten in den Menschenmassen auf der
+Südostseite des Platzes ein Geschwader von Kampfwagen: die kleinen
+Panzertürme drehten sich, die Maschinengewehrmündungen senkten sich
+abwärts, die Führer machten die Kampfmaschinen gefechtsbereit ...
+
+Die Motore knatterten und unter einem metallischen Gebrüll schoben sie
+sich weiter in die Menschenmasse hinein.
+
+Dort rammten sie sich fest.
+
+Man konnte noch beobachten, wie sich die Gittertore der Einfahrt eines
+erstklassigen Hotels schlossen, eine Rolle mit Stacheldraht abgewickelt
+wurde und dahinter eine Gruppe mit Stahlhelmen im Anschlag lag.
+
+Dieses Hotel hatte der Panzerwagenkolonne als Hinterhalt gedient ...
+
+Schon ertönten laut die Kommandos des roten Ordnerdienstes:
+
+„Ruhe halten, Genossen! Nicht provozieren lassen! Weitergehn!“
+
+Da wurde auch schon die Abmarschstraße auf der Gegenseite des Platzes
+durch eine Gruppe Tanks abgesperrt. Es war eine neue mechanische
+Abriegelung das erste Mal zur Anwendung gebracht worden, und zwar
+mittels des sogenannten berüchtigten Schutzgitters, einer Art
+Stacheldrahtgürtel, der von Tank zu Tank gezogen war und der, wie es
+hieß, elektrisch geladen sein sollte.
+
+Die Tanks machten Halt. Sie lagen breitseitig da, wie verankert.
+
+In diesem Moment entstand die Panik.
+
+Unter den Demonstranten waren schon von Anfang an große Mengen von
+sogenannten Zivilspähern verteilt worden, denen nun die Aufgabe zufiel,
+die Panik künstlich zu steigern und die empörten Massen zu einem Angriff
+aufzuputschen. Dies war sehr schwierig, denn die Massen hielten eine
+mustergültige Disziplin ...
+
+Da fiel plötzlich vom Balkon eines Hotels, dann von einem
+gegenüberliegenden Haus, aus einem Fenster des ersten Stockes, ein
+Schuß, noch einer, mehrere: es waren kleine krachende Pistolenschüsse,
+und diese galten für die Führer der Kampfwagengeschwader als
+Angriffssignal ...
+
+„Aus der Menge ist geschossen worden!“
+
+Die Polizeiagenten, die auftragsgemäß die Schüsse abgegeben hatten,
+verdufteten schleunigst.
+
+„Platz frei! Straße frei!“ gellte ein Lautsprecher ... „Oder es wird
+geschossen!“
+
+Dabei knackten schon die M.-G.s.
+
+Menschen sah man, die sprangen durch einen Kopfschuß getroffen über
+einen halben Meter hoch, Menschenleiber verschlangen sich, wurden zu
+einem unentwirrbaren Knäuel geballt und wälzten sich, sich gegenseitig
+erdrückend, ineinander-, übereinanderstehend, dem Ausgang zu.
+
+Es gab aber nur noch einen Ausgang ...
+
+Die M.-G.s strichen systematisch den ganzen Platz ab.
+
+Einige Rote Frontkämpfer sprangen wie wilde Tiere, Schaum um den Mund,
+die gepanzerten Ungetüme an, schnellten federnd wieder zurück: gewaltige
+tellergroße Brandwunden an den Händen. Die eisernen Bestien spien
+elektrische Ströme.
+
+Auch Max mußte sich mit Gewalt zurückhalten, um nicht einfach mit seinem
+Kopf gegen diese mörderische Wand zu rennen ...
+
+Menschen lagen übereinander.
+
+Ueber Max lag ein baumstarker, stämmiger Prolet, der sich mit der Hand
+die ausgefleischte Hüfte zuhielt und kräftig schrie: „Ich will nicht
+sterben. Ich will nicht sterben ...“ Dabei verdrehten sich ihm die
+Augen, quollen hervor rund und groß, wie zwei elfenbeinerne
+Billardkugeln.
+
+Er biß sich in Max hinein –
+
+Max bekam einen Genickkrampf. Ein eiserner Knopf massierte ihm den
+Halswirbel.
+
+Einer umschlang einen Laternenpfahl. Barst mitten am Bauch entzwei. Die
+Gedärme schütteten sich vor ihm hin nach allen Seiten. Andere schleiften
+darüber hinweg, glitschten in eine schmierige Blutlache, krochen über
+ein Häuflein verspritzten Gehirns weiter ...
+
+Einer gestikulierte, hatte den Mund weit offen, sprach, aber in dem
+allgemeinen Geschrei versackten die Worte. Einer gurgelte, ein anderer
+stieß ganz kurze trockene Hustenlaute hervor.
+
+Viele waren wie irrsinnig, hatten Lachkrämpfe, knieten mit entblößtem
+Oberkörper, wackelten mit dem Kopf, ohne sich von der Stelle zu rühren,
+und starrten mit brennenden Augen lang in den Tumult.
+
+Es wurde dunkel.
+
+Scheinwerferabteilungen waren auf den Dächern der angrenzenden
+Häuserblocks postiert. Scharfe Stöße Lichts blendeten herab.
+
+Eine dritte Tankkolonne knatterte an und begann die Räumung des Platzes
+von Norden her. Es waren wieder drei Kampfwagen, durch straff gespannte
+Stahltrossen miteinander verbunden: so rasierten sie langsam und schräg
+dahin.
+
+Der Platz war nun völlig eingepfercht. Auch der einzige Ausgang war
+nicht mehr frei, er war längst von Schwerverwundeten und von
+Leichenhaufen verstopft.
+
+Max kauerte zum Sprung geduckt in Deckung hinter einer dürftigen, aus
+drei Toten aufgeworfenen Menschenbarrikade.
+
+An ein Durchkommen war jetzt nicht mehr zu denken.
+
+Max biß sich die Lippen: „Jetzt Achtung: daß mir nicht schlecht wird!“
+
+Hob sich ein wenig und sah über den Platz hinweg die Straße hinunter:
+immer noch rannten ab und zu welche im Zickzack, bis zu einer bestimmten
+Grenze, hier streuten die M.-G.s eine genau vorher berechnete und
+markierte Linie ab: dort klappten die Flüchtlinge plötzlich nach vorn
+oder nach rückwärts in sich zusammen wie ein Taschenmesser, streckten
+alle Viere von sich und blieben flach auf die Erde gedrückt liegen ...
+
+Max schnellte hoch, wie eine Sprungfeder warf sich in ihm das Rückgrat,
+setzte sich den Hut auf und schritt, als ob nichts geschehen wäre,
+schräg über den Platz. Er hatte nur den einen Gedanken: wenn schon, dann
+nicht von hinten, es ist leichter, den Tod im Angesicht ...
+
+Der ganze Hinterkopf schien ihm offen, das Gehirn bloß zu liegen: eine
+einzige Wundfläche ...
+
+In diesem Moment öffneten sich sämtliche mechanische Sperren, die
+Tankgeschwader führten einige kurze Manöver aus und ratterten ab.
+
+Max sah noch, sich rasch in die Dunkelheit drückend, eine Hundertschaft,
+noch eine, eine dritte im Laufschritt heranstürzend, mit gefälltem
+Bajonett. Sie hatten den Befehl, die noch Lebenden von den Ermordeten zu
+sondieren.
+
+Der Platz lag unter den Scheinwerfern wie unter einer kaltgelben
+gespenstischen Lichtdusche.
+
+Wimmernd und langgedehnt, vollrauschend, oft wie Akkorde, so tönten
+daraus noch Menschenschreie, der Platz machte von dieser Stelle aus den
+Eindruck eines mit Zappelndem angefüllten Kessels, an den Wänden klebten
+noch Menschen, die Truppen stießen sie der Mitte zu: dort schichtete
+sich Haufen an Haufen ... Mit Eisensplittern, Geschoßspitzen,
+Stahlspänen war reingekehrt.
+
+Fleisch. Blut. Knochen.
+
+Pulverqualm, Ausdünstung, Todesangstschweiß: es war ein feuchter Brodem
+...
+
+ * * * * *
+
+Es begann langsam in großen Tropfen zu regnen.
+
+Bald ferner, bald näher: nun prasselte ein Gewitterhagel hinweg.
+
+Es trommelte, knatterte, tackte ...
+
+Viel Menschen fuhren erschreckt auf, öffneten die Fenster:
+
+„Gehts los? ... Wird schon wieder geschossen? ...“
+
+Nichts. Nur die Dunkelheit. Die Häuserfronten: zackige Konturen darin.
+
+Hie und da zuckte ein Blitz. Die Dunkelheit leuchtete. Dann ächzte ein
+Donner ...
+
+ * * * * *
+
+Die ganze Stadt blieb die Nacht über aufgescheucht.
+
+Schon die zweite Nacht in solcher Unruhe ...
+
+Ueberall war es auch noch zu Zusammenstößen mit den „Vaterländischen“
+gekommen.
+
+Alle wichtigen Punkte der Stadt waren bereits im Lauf des Abends
+militärisch gesichert worden. –
+
+
+ IX
+
+Max trottete sich in einem beinahe bewußtlosen Zustand heim.
+
+Oft mußte er sich anhalten, aber das waren nur die Aufregung und die
+Nerven, er war unverletzt.
+
+Oft wurde er angesprochen, ein Prolet sah ihm ins Gesicht, fragte ihn
+kurz, drückte ihm die Hand und verschwand wieder im Dunkel.
+
+„Rache!“
+
+Dieses Wort hörte Max auf seinem Heimweg oftmals.
+
+Auch an einer Gruppe von „Vaterländischen“ kam er vorbei, sie
+unterhielten sich angeregt und laut, da sie in größerer Anzahl beisammen
+standen. Sie trugen bereits Karabiner. Es waren breit aufgedunsene und
+verfettete Gesichter, aber auch scharfgeschnittene Profile waren
+darunter, richtige Galgenvögel- und Mördervisagen.
+
+„Den Arbeiterschweinen wird jetzt gründlich der Garaus gemacht werden“,
+quietschte einer. Er hatte dünne Beinchen und trug eine
+Gymnasiastenmütze.
+
+„Was suchst du Schwein hier!“ schrie einer, mit Schmissen im Gesicht,
+Max nach, der ohne zu mucken weiterlief.
+
+„Mach, daß du weiterkommst oder du bist eine Leiche ...“
+
+Derartiges wurde ihm oft noch nachgerufen.
+
+Max dachte: „Jetzt, jeden Augenblick ...“
+
+Er spürte es in den Ohren ...
+
+Es waren meist, wie sich Max schnell vergewisserte, Reserveoffiziere,
+Studenten, Fabrikantensöhne, Angestellte, aber wenig, und hie und da
+auch noch ein wütiger Kleinbürger.
+
+Die gaben kein Pardon.
+
+„Nun aber auch kein falsches Mitleid mehr wie früher diesen
+berufsmäßigen Mörderbanden gegenüber ... Jeder von diesen, den wir
+schonen, kostet uns Blut! ... Keine Illusionen mehr, die Blut kosten!“
+
+Auffällig war: der Wachtdienst in und außerhalb der Kasernen wurde
+durchwegs von verstärkten Offiziersposten versehen ... Holla, da stimmt
+etwas nicht, schloß Max, die scheinen ihrer Sache nicht ganz sicher zu
+sein, und Max schlich sich noch ein wenig in dieser Gegend herum, bis er
+auf einen einzelnen Soldatenposten stieß.
+
+„Kamerad!“
+
+Der Soldat sprang drei Schritte zurück.
+
+Dann lachte er plötzlich und kam auf Max zu:
+
+„Rot Front!“
+
+„Richtig, es rumort gewaltig auch unter uns. Dicke Luft. Sehr brenzlich.
+Alles in Alarmbereitschaft. 30 Prozent sind euch, wenn es losgeht,
+sicher ... Die Behandlung wird immer gemeiner: „Halten Sie die Schnauze
+oder ich schieße Sie nieder ...“ Das ist gang und gäbe. Ohne Scheißkerl
+und Arschloch kommt man uns gegenüber überhaupt schon nicht mehr aus ...
+Gestern ist bei den Kraftfahrern ein Leutnant hochgegangen, bei den
+technischen Truppen ein Major, auch bei den Fliegern ists faul ...
+Fortsetzung folgt. Nun genug für heute! ... Rot Front!“
+
+Max war auf diese Auskunft sehr stolz.
+
+„Natürlich“, wiederholte er für sich, „einen Platz zu räumen und dazu
+nur verhältnismäßig geringe militärische Kräfte einsetzen: das bedeutet
+den Willen, den Vorsatz haben, es zu einem Zusammenstoß kommen zu
+lassen. Das ist absichtlicher Massenmord von seiten der Regierung.
+Mißverständnisse und Irrtümer sind bei der verhältnismäßig langen
+Zeitdauer dieser Exekution völlig ausgeschlossen ... Ein neues
+Schandwerk der Volksverbrecher ... Aber alles was sie tun, zwingt sie
+mit unerbittlicher Folgerichtigkeit in ihre eigene Katastrophe hinein
+...“
+
+An der Ecke seiner Straße traf Max auf seinen Zimmernachbarn, den
+Straßenbahnschaffner.
+
+„Na, und –“
+
+„Schon beschlossene Sache: Morgen ist Generalstreik. Einstimmig
+angenommener Beschluß ... Sollst sofort in das Lokal von Fritz kommen
+... Wartete auf dich, um dir das zu sagen ... ich hab einen anderen
+Auftrag, muß noch in die Stadt ...“
+
+Aus seiner inneren Manteltasche zog der Straßenbahnschaffner ein Pack
+Klebestreifen hervor.
+
+„Nieder mit der Mörderregierung! Es lebe die Diktatur des Proletariats!
+Generalstreik! Alle Macht den Räten!“
+
+
+ X
+
+Max klopfte sein Zeichen.
+
+Der eiserne Rolladen vor der Eingangstür der kleinen Gastwirtschaft hob
+sich ein wenig, Max schlüpfte hindurch.
+
+Ungefähr fünfzig Genossen waren anwesend.
+
+ * * * * *
+
+Niemand sprach ein Wort.
+
+Der Genosse Lange saß in der Ecke, den Kopf eingebunden, so
+kreidebleich, staunte Max, habe ich noch nie einen Menschen gesehen.
+
+Lene schluchzte in sich hinein.
+
+Es dauerte eine halbe Stunde.
+
+Einer stand hin und wieder auf und ging vor sich hersummend unruhig auf
+und ab.
+
+Hie und da zählte einer still für sich die Anwesenden.
+
+Zehn Genossen waren noch dazugekommen.
+
+„Nun aber Schluß!“ Genosse Lange erhob sich.
+
+„Wer fehlt!?“
+
+Dann erstatten die Betriebszellenobleute kurz Bericht.
+
+„Also, das sind allein von unserer Gruppe zehn Mann. Nahezu ein fünftel
+... Auch Genosse Friedjung. Die Funktion übernimmst du, Max.
+Einverstanden!“
+
+Das „ja“ war das selbstverständlichste von der Welt.
+
+„Weiß jemand etwas vom Genossen Friedjung?“
+
+Mehrere Genossen meldeten sich.
+
+„Einige Polizeiagenten haben ihn herausgestochert. Er muß schwer
+verletzt sein. Man hat ihn über den Platz fortgetragen ... In ein
+Sanitätsautomobil ...“
+
+„Gut, wir wissen Bescheid ...“
+
+ * * * * *
+
+„Also! Genossen und Genossinnen! Morgen ist wahrscheinlich Generalstreik
+...“
+
+Max bestätigte:
+
+„Es ist schon sicher ... Einstimmig ...“
+
+„Also, um so besser! Wir erwarten heute noch einen Kurier der Zentrale
+... Ich denke, bis dahin werde ich einen kurzen Ueberblick über die
+politische Lage geben ... Ich glaube, eine Diskussion zu diesem Punkt
+ist nicht nötig ... Dann wird inzwischen der Kurier erschienen sein, und
+wir werden im Anschluß daran sofort das Weitere beraten. Im übrigen:
+seit heute werden keine neuen Mitglieder mehr in die Partei aufgenommen.
+Den Revolutionsschmarotzern muß gleich im Anfang das Handwerk gelegt
+werden ... Dies nur nebenbei ...
+
+„Die Kriegsgefahr zwischen Amerika und Japan hat sich bedeutend
+verschärft. Die Kriegsvorbereitungen haben ihren Höhepunkt erreicht. Wie
+das amerikanische und japanische Proletariat darauf reagiert, ist noch
+ungewiß. Ferner: die Hälfte aller Betriebe ist in Deutschland
+stillgelegt. Der Außenhandel war in dem vorhergehenden halben
+Jahre gleich null. Die Stabilisierung ist zu Ende ... Die
+Absatzschwierigkeiten aller kapitalistischen Staaten sind enorm. Auch
+das Mandat, das Deutschland vom Völkerbund über seine früheren Kolonien
+erhalten hat, konnte nicht viel retten. England hat die größten
+Schwierigkeiten in Indien. Der Konkurrenzkampf hat die schärfsten Formen
+angenommen. Eine kriegerische Auseinandersetzung ist nicht mehr zu
+vermeiden ... Jeden Tag also ist die Kriegserklärung zu erwarten, oder
+vielmehr die erste kriegerische Handlung ... Wir alle wissen, was das
+bedeutet ... Selbstverständlich ist es für uns gleichgültig, wer,
+diplomatisch gesehen, der angreifende Teil ist. Jeder der Partner ist
+gleichschuldig und ein Räuber ... Zur Lage in Deutschland im besonderen:
+überall Plünderungen von Lebensmittelgeschäften, Industriekrisen, eine
+ungeheure Arbeitslosigkeit, verbunden mit Hungersnot, besonders in den
+ländlichen Bezirken, wo teilweise von den völlig industrialisierten
+Großgrundbesitzern das Getreide zurückgehalten wird, Hungersnot also bei
+vollen Scheunen ... Die nationalistischen Banden bewaffnen sich ... Zu
+gleicher Zeit starke Tendenzen, den Krieg gegen Russland zu proklamieren
+als „heiligen Krieg“ und damit im Zusammenhang der Entschluß der
+kapitalistischen Regierungen, zu diesem Zweck die revolutionäre
+Arbeiterschaft mit treuer Unterstützung der allerdings heute völlig
+isolierten SPD.-Führerschaft entscheidend aufs Haupt zu schlagen ...
+Also, wir befinden uns alle inmitten eines Krisenwirbels von
+internationalem Ausmaß ... Die weitesten Kreise der werktätigen
+Bevölkerung stehen heute hinter uns und sind bereit, mit uns ...“
+
+Der Kurier der Zentrale stürzte herein.
+
+ * * * * *
+
+Und!
+
+?
+
+Er schüttelte kräftig dem Genossen Lange die Hand.
+
+Alle Genossen waren wie elektrisiert aufgesprungen.
+
+Und –
+
+Und –
+
+Nur zwei Worte brachte der Kurier noch heraus:
+
+„Generalstreik! ...“
+
+„Krieg dem Krieg!“
+
+Viele Genossen umarmten sich. Einige heulten drauf los.
+
+Einer flüsterte nur immer wieder die Namen:
+
+„Rosa!“ „Karl!“ „Lenin!“
+
+„Bravo! Nun Gott sei Dank! Endlich!“
+
+Lene stürzte auf Max zu:
+
+„Na, Max, hab ichs nicht gleich gesagt ...“
+
+Max sang leise vor sich hin.
+
+„Daß ich das noch erleben durfte ...“
+
+„Nun aber zur Sache!“
+
+Der Kurier stürzte fort.
+
+Es war feierlich und ernst.
+
+Eingehend wurden die einzelnen organisatorischen Maßnahmen besprochen.
+
+
+ XI
+
+Die Regierung beriet ununterbrochen Tag und Nacht.
+
+Die Herren kamen kaum noch zum Essen ...
+
+Das Regierungsviertel war ein offenes Heerlager.
+
+Die Keller der Regierungsgebäude waren in Waffenmagazine umgewandelt
+worden. An jeder Straßenecke Alarmmelder. Ueberall ragten
+Antennenmasten.
+
+Die Bannmeile ward erneut militärisch-mechanisch abgesperrt ...
+
+ * * * * *
+
+Der Präsident der Republik war damals schon altersschwach. Er litt an
+Arterienverkalkung. Er saß in einem der Konferenzzimmer in einem hohen
+Lehnstuhl, dessen Rückenwand mit dem Adler und mit den Reichsfarben
+geschmückt war. Er trug Pulswärmer und hatte die geschwollenen Füße in
+ein dickes Plaid eingewickelt. Seine Frau titulierte er mit dem
+Kosenamen „Schnucki“. Die Augenbrauen waren ihm nach Bismarck-Art
+buschig über der Nasenwurzel zusammengewachsen. Er atmete schwer. Von
+Zeit zu Zeit erhob er sich, eine Klingel schrillte durchs Haus, aus
+allen Beratungszimmern strömte es herbei, und der Präsident sprach:
+„Hochansehnliche Versammlung! Hohes Haus! Einigkeit macht stark. Unsere
+Stärke ist die Einigkeit. Schon damals, als mich das Vertrauen des
+Volkes auf diesen hohen und verantwortungsvollen Posten berufen hatte,
+erklärte ich, daß ich mich besonders der Armen und Elenden annehmen
+werde, aller jener, die in dem gewaltigen wirtschaftlichen Ringen
+unserer Zeit nach Aufopferung ihrer Kräfte zu Boden liegen. Mein
+Bestreben bleibt es auch heute, die Klassengegensätze zu mildern, ich
+reiche darum heute erneut jedem Deutschen feierlich die Hand. Durch
+Treue und Pflichterfüllung auch im Kleinsten müssen wir uns die Achtung
+in der Welt wiederverschaffen. Durch Selbstachtung zur Weltachtung! Dann
+kann Deutschland nicht untergehn ... Treue um Treue! ...“
+
+Diese Rede las er ab.
+
+Das Blatt knisterte bedenklich. Der Präsident litt auch an einem
+ausgesprochenen Tatterich.
+
+„Hat der Trottel den Aufruf „An mein Volk“ jetzt endlich
+unterzeichnet!?“ fragte inzwischen ein höherer Militär einen Sekretär
+des Innern.
+
+Der Sekretär nickte diensteifrig.
+
+„Alles druckfertig, Exzellenz, hier in meiner Mappe ... Man mußte ihm
+dabei die Feder führen ... Schrecklich, nicht wahr, schrecklich ...“
+
+ * * * * *
+
+Ueber das Land war der Ausnahmezustand verhängt. Die Militärdiktatur war
+errichtet.
+
+Die Zimmer, in denen wirklich über Wohl und Wehe des Landes entschieden
+wurde, lagen in einem anderen Stockwerk. Die Minister und die einzelnen
+ministeriellen Abteilungen wurden von dorther nur kurz unterrichtet und
+hatten weiter nichts zu tun, als binnen kürzester Frist die einzelnen
+Ordres genau nach Anweisung auszuführen.
+
+Die sämtlichen militärischen Befehlshaber der einzelnen Kommandobezirke
+der Hauptstadt waren erschienen. Der englische und der amerikanische
+Militärattaché waren ebenfalls zugegen.
+
+ * * * * *
+
+Der Chef des Generalstabes referierte:
+
+„Amerika beabsichtigt, spätestens noch diese Woche anzugreifen. Der
+diplomatische Vorwand wird soeben geschaffen. Die Entscheidung liegt
+letzten Endes natürlich zwischen Amerika und Russland. Gemäß unserer
+Verpflichtungen, unseres militärischen Uebereinkommens, haben wir
+Deutschland als Aufmarschgebiet gegen Osten übernommen: unsere
+Vorbereitungen sind abgeschlossen. Genügend Plätze zur Landung und zur
+Verproviantierung von Bombenflugzeuggeschwadern sind vorhanden. Unsere
+eigenen Farbstoffabriken arbeiten mit Hochdruck ... Russland
+mobilisiert. Das ist das wichtigste Moment der letzten vierundzwanzig
+Stunden. Diese Nachricht wird von uns geheimgehalten. Denn wir befinden
+uns dadurch ohne Zweifel in einer verzwickten Lage. Denn bedenklich
+mußte uns schon an und für sich, abgesehen von dieser Tatsache, die
+Entwicklung unserer inneren Lage stimmen, die Arbeiterbewegung wird
+weiter entschieden radikal terrorisiert ... Auch große Teile der übrigen
+Bevölkerung treiben im revolutionären Fahrwasser ... Die Bekanntgabe der
+russischen Mobilisation, diese Nachricht wäre unseres Erachtens der
+Funke ins Pulverfaß! Wie Sie wissen, meine Herren, gestern abend ist es
+bereits zu einem aufstandähnlichen Zusammenstoß gekommen. Es ist uns
+gelungen, diese sporadische und ihrem Charakter nach spontane Bewegung
+ohne jeden Verlust für uns im Blut zu ersticken. Dieser Erfolg darf uns
+über den Ernst der Gesamtsituation nicht hinwegtäuschen. Wir haben jetzt
+ein heikles Thema zu besprechen. Bei dieser Beratung kommt es vor allen
+Dingen darauf an, Richtlinien für die wirksamste Niederkämpfung der
+Aufständischen und für die Unschädlichmachung ihrer Führer und für die
+Aushebung ihrer Unruheherde auszuarbeiten, gemeinverständlich, so daß
+sie jeder Mann im Heer begreift, besonders aber haben wir darüber zu
+entscheiden, ob, unter welchen Umständen und in welchem Ausmaß chemische
+Kampfstoffe eingesetzt werden sollen. Es ist eine Frage der
+Zweckmäßigkeit. Wobei das ideologische Moment nicht zu unterschätzen
+ist. Ich bitte die einzelnen Sachverständigen diese beiden letzten
+Punkte besonders scharf im Auge zu behalten! ...
+
+„Noch das eine: bitte, meine Herren, berücksichtigen Sie: wir haben
+keine Zeit zu verlieren; also kurz und bündig!“
+
+ * * * * *
+
+Die Beratung dauerte nicht lang.
+
+Der Bericht des chemischen Sachverständigen fiel zur allgemeinen
+Zufriedenheit aus.
+
+Man war prinzipiell einstimmig für die Anwendung der chemischen
+Kampfstoffe, doch sollte dieses Mittel so lang wie nur irgend möglich
+aufgespart werden. Und wenn eingesetzt, öffentlich abgeleugnet und vor
+allem auch eine Gasbeschießung bezw. Gasausräucherung von
+Kommunistennestern durch Anwendung genügender Mengen von Brisanzmunition
+verschleiert werden.
+
+Außerdem sei in der nachfolgenden Pressekonferenz gebührend und
+eindringlich darauf hinzuweisen, daß es sich im Fall der Anwendung von
+Gasen von seiten der Regierungstruppen um einen an sich höchst
+bedauerlichen Fall von Notwehrakt bezw. Gegenmaßnahme handle, daß immer
+aber nur betäubende Gase, d. h. Reiz- und Tränengase, zur Verschießung
+kommen, die im übrigen bei weitem humaner und bedeutend weniger
+verlustbringend seien als die blanke Waffe bzw. das Brisanzgeschoß.
+Ferner: zuverlässigen Nachrichten zufolge hätten die Kommunisten schon
+an anderen Orten Gasmunition verschossen, besäßen außerdem umfangreiche
+Gasläger und arbeiteten nach russischer Tschekamethode mit
+Bakterienschleuderapparaten und Cholerabazillen. –
+
+ * * * * *
+
+Wieder sprach der Präsident:
+
+„Nun denn also! Im Namen – zum Wohl unserer geliebten deutschen
+Schicksalsgemeinschaft – im Namen des Allerhöchsten!“
+
+Und unterschrieb den besonderen Schießerlaß, nach dem jeder, der mit der
+Waffe in der Hand ... ohne weiteres, sofort ... und den Geheimbefehl an
+die Kommandostellen der Flugzeuggeschwader, der Kampfwagenabteilungen
+und der technisch-chemischen Spezialtruppen über die Anwendung von
+giftigen Gasen im Fall eines Bürgerkrieges.
+
+Die Kommandeure traten ab.
+
+Eine zweite kurze Besprechung folgte.
+
+„Die Lage in Amerika aber scheint nach unseren letzten Berichten doch
+nicht so ganz einfach zu sein ... Heutzutage ist es den ziemlich
+aufgeklärten Massen gegenüber auch nicht mehr so kinderleicht, einen
+einigermaßen passablen Kriegsvorwand zu finden ... Doch Geschäft ist
+Geschäft ... Damit basta ...“
+
+Einige prominente Gewerkschaftsführer erhielten das Wort.
+
+„Wir können nur immer und immer wieder betonen, wir werden unsere
+Pflicht tun. Was in unseren Kräften liegt ... Aber wir sehen die Lage
+schwarz in schwarz. Die Arbeiterschaft ist gewillt, zu kämpfen, sie
+folgt unbedingt den Parolen der Kommunistischen Partei, die jedes
+Kriegsabenteuer mit dem Aufruf zum Bürgerkrieg beantworten wird ... Wir
+selbst sind ziemlich einflußlos geworden ... Wir warnen also dringend
+... Ist der Krieg – sei es der Bürgerkrieg oder der äußere Krieg – aber
+einmal ausgebrochen, so ist es selbstverständlich, daß wir uns auf den
+Boden der gegebenen Tatsachen stellen, d. h. auf der Seite der
+verfassungsmäßig gewählten Regierung stehn werden. Wir folgen damit nur
+der bewährten ruhmreichen Tradition unserer Partei. Nur möchten wir
+bitten, um wenigstens den demokratischen Schein zu wahren, das Parlament
+nicht völlig auszuschalten. Vielleicht hie und da so eine kurze Sitzung,
+in der selbstverständlich nur Regierungsvertretern oder Abgeordneten der
+verfassungstreuen Parteien das Wort erteilt werden soll. Wir stimmen im
+übrigen von vornherein dafür, daß auch die kommunistischen
+Parlamentarier außerhalb des Gesetzes gestellt werden.“
+
+Der Kommandeur der Schutzpolizei erschien und erstattete über die
+Vorfälle anläßlich der Demonstration am 1. Mai Bericht.
+
+„Rhinozeros! Sie Gamaschenknopf!“ schnauzte ihn ein militärischer
+Befehlshaber kameradschaftlich an.
+
+„Sie haben die ganze Lage künstlich überforciert. Die Folge ist morgen
+Generalstreik. Es geht uns zu frühzeitig los ... Haben Sie schon etwas
+Sicheres über den Termin, wann die losschlagen ... Na, sie werden ja
+ihrer Gewohnheit gemäß sich wieder gewaltig in der Zeitbestimmung, im
+Tempo verrechnen, das ist das einzige, was die Kommunisten immer noch
+nicht gelernt haben ... Also Nachrichten, detaillierte Angaben über
+Stimmung der Bevölkerung usw. Es ist höchste Zeit ... Und dann studieren
+Sie in Zukunft mit mehr Sorgfalt unser Reglement über den Bürgerkrieg
+...“
+
+„Ich habe gemeint“, stotterte der Schutzpolizeiler heraus, „je blutiger
+der erste Tag, desto besser ...“
+
+Aber er hatte seine Schlappe weg.
+
+Mehrere Vertreter der „Vaterländischen Verbände“ baten um Gehör.
+
+Sie jammerten über Zersetzungserscheinungen. Ohne hinreichende
+Geldunterstützung von seiten der Großindustrie sei nichts zu machen. Die
+Kleinbürger seien nur noch mit alleräußerster Anstrengung bei der Stange
+zu halten. „Jede Stunde, die wir zögern, bedeutet für uns eine ebenso
+gewaltige moralische wie auch materielle Schlappe. Alles ist bei uns auf
+sofortiges Losschlagen eingestellt. Dieser Stimmung müssen wir Rechnung
+tragen. Wir lassen uns ohnedies vielzuviel gefallen. Endlich ist die
+Stunde gekommen, rücksichtslos durchzugreifen ... Wenn sich die
+Arbeiterschaft erst wieder erholt, dann „Kopf ab“ und „Gute Nacht!“ Für
+den Gummiknüppel ist die Zeit zu ernst ...“
+
+„Ganz unsere Meinung“, pflichteten Vertreter der Industrie und der
+Landwirtschaft dem Vorredner bei. „Sehen Sie sich, meine Herren, bitte
+die Betriebe an! Fünfzig Prozent davon stillgelegt, und der Rest
+arbeitet, aber fragen Sie nur nicht, wie. Unter passiver Resistenz,
+unter täglichen Sabotageakten ... Nein, so geht es nicht mehr
+weiter. Keineswegs ... Und der Zustand der Eisenbahnen. Die
+Eisenbahnergewerkschaften sind von allen die aufsässigsten ... Jeder
+Respekt vor der Autorität der Regierung ist zum Teufel ... Wir
+Arbeitgeber können die Ausartung unserer Republik in den Bolschewismus
+keineswegs dulden. Schon heute spricht man mit Fug und Recht von einem
+Staat im Staate ... Und wie sieht es auf dem Land aus? ... Unsereins ist
+ja seines Lebens nicht mehr sicher ... Jetzt oder nie ... Meine Herren,
+entscheiden Sie sich jetzt, unmittelbar, sofort: oder unser aller
+letztes Stündchen hat geschlagen ...“
+
+„Bitten Sie den Leiter der politischen Abteilung der Polizei!“
+
+Oberregierungsrat Ledermann erschien.
+
+„Ihr Nachrichtenmaterial bitte. Wir brauchen unverzüglich konkreteste
+Angaben. Unserer militärischen Exekution muß sofort ein großangelegter
+Propagandafeldzug koordiniert werden. Lassen Sie Berichte anfertigen,
+Zeugenaussagen, Geständnisse von Gefangenen ... Nicht allzu konstruiert,
+es muß raffinierter als bisher kombiniert werden ... Man ist draußen im
+Land inzwischen durch verschiedene unserer Fehlleistungen hellhöriger
+und scharfsichtiger geworden. Mißgriffe in der augenblicklichen
+Situation können wir uns nicht leisten, jede Zufälligkeit kann
+katastrophale Auswirkungen haben ... Also: Sie verbreiten zunächst
+alarmierende Meldungen über kommunistische Putschvorbereitungen, bezw.
+setzen Sie sich mit den entsprechenden Stellen augenblicks in Verbindung
+und lassen Sie durch Polizeiagenten Attentate und andere Terrorakte, am
+besten auf sogenannte dem Volksempfinden nach geheiligte Orte, wie
+Kirchen, Säuglingsheime, Krankenhäuser usw., fabrizieren. Das neulich am
+1. Mai soll die Feuerprobe gewesen sein. Nun also rüstig weiter ...
+Lassen Sie noch heute einige Höllenmaschinen in die kommunistischen
+Parteibüros einschmuggeln. Dadurch kommen wir zu einer populären
+Begründung der allgemeinen Mobilisierung. Dadurch bekommen wir auch
+bedeutend mehr Reserven heran und können die unzuverlässigen Regimenter
+auffüllen. Setzen Sie Fahndungskommandos ein, schreiben Sie Kopfprämien
+aus, zunächst muß der ganze Funktionärkörper der Kommunisten
+rücksichtslos zerschlagen werden. Erst auf dieser Basis können wir dann
+erfolgreich an der Sanierung weiterarbeiten. Fälle von Insubordination,
+Meuterei bei der bewaffneten Macht, rote Zellenbildungen in Armee und
+Marine sind mir direkt zu melden. Anweisung an die Kriegsgerichte:
+exemplarisch bestrafen, sofort Exempel statuieren! Keine offizielle
+Hinrichtung revolutionärer Führer. Solche sind auf der Flucht zu
+erschießen bezw. ist in besonders geeignet erscheinenden Fällen
+geschickt ein Selbstmord zu arrangieren ... Was „Auskundschafter“ und
+derartige Individuen anbetrifft, so kaufen Sie in großer Anzahl dazu
+geeignete Subjekte auf, wir brauchen Vorrat für mindestens einen Monat.
+In den Obdachlosenasylen, die Sie durch Polizeistreifen säubern lassen
+müssen, werden gegen entsprechendes Handgeld sich immer welche in großer
+Anzahl finden lassen ... Jede derartige Dienstleistung wird gegen bar
+honoriert. Nach festen Sätzen. Spesen extra. Staatsstellung in Aussicht
+stellen ... Ich empfehle mich und erwarte Sie spätestens morgen früh
+persönlich zum Bericht ...“
+
+Der Oberregierungsrat war entlassen.
+
+Die verschiedenen Herren verabschiedeten sich.
+
+Man salutierte. Stand stramm.
+
+Alle gingen an die Arbeit.
+
+Der Chef des Generalstabs stand mit mehreren Offizieren vor der Karte.
+
+Mit blauen Marken wurde Berlin eingekreist ...
+
+ * * * * *
+
+Die Telefunkenzentrale fieberte.
+
+Telegraphenapparate klapperten.
+
+Lärmende Gerüchte poltern durch Stadt und Land.
+
+Extrablätter:
+
+„Generalstreik!“
+
+Extrablätter:
+
+„Entdeckung kommunistischer Waffenlager. Drohender Kommunisten-Putsch.
+Kommunistische Giftgase ... Die Regierung hat die Mobilisation
+angeordnet ...“
+
+
+ XII
+
+Unter den Schwerverwundeten befand sich auch Peter.
+
+Er hatte einen Nierenschuß, und zwar einen Querschläger. Die rechte
+Hüftenseite war fleischig ausgefetzt.
+
+Sein Zustand war hoffnungslos.
+
+Daran war überhaupt nicht zu zweifeln.
+
+Er war als Polizeihäftling in das Krankenhaus eingeliefert worden.
+
+Es war jetzt Abend. Die Vögel sangen im Krankenhausgarten. Immer wieder
+schrillte die Torglocke. Aufnahme an Aufnahme. Auf den Gängen war
+Bewegung ...
+
+ * * * * *
+
+Peter lag in einer vergitterten Einzelzelle.
+
+Der Arzt untersuchte kurz. Auf einer Holztafel wurde der Name mit Kreide
+aufgeschrieben. Drei Polizeikommissare erschienen, wie es hieß, zu einer
+vorläufigen Vernehmung.
+
+Der Sterbende sprach nicht.
+
+Drei photographische Aufnahmen wurden gemacht. Man zog ihm dazu die
+Jacke wieder an, drückte ihm den Hut auf, dann stellte man ihn aus dem
+Bett heraus an die Wand.
+
+„So stehen Sie doch! Stellen Sie sich doch nicht dümmer an als Sie sind!
+Knicken Sie doch nicht immer wieder in sich zusammen wie ein hohler
+Schlauch! ...“
+
+Fingerabdrücke. Messungen.
+
+Der Arzt spritzte, um den Sterbenden dabei frisch zu halten, Herzmittel.
+
+Man mußte aber auch noch eine Aussage erpressen, man mußte, koste es,
+was es wolle, ein Geständnis erzwingen, klipp und klar mußte es sein,
+gemeinverständlich für jedermann, nur er, Peter, konnte darüber
+Aufschluß geben; der Student: war er nicht Leiter einer militärischen
+Abteilung, vielleicht gar der berüchtigten kommunistischen GAKAB,
+Gaskampfabwehrabteilung!? Man war informiert darüber. Peter wußte am
+ehesten Bescheid ...
+
+„Lassen Sie, bitte, Herr Doktor, Sekt auffahren! ... Wünschen Sie zu
+rauchen, eine Zigarette gefällig, Herr Friedjung ... Oder was ist Ihnen
+angenehm!? ... Haben Sie vielleicht Angehörige, gute Freunde, ein
+Fräulein Braut, die Sie noch sprechen möchten ... Verheiratet sind Sie
+ja nicht ... Und ihr Herr Vater, eine telegraphische Benachrichtigung
+vielleicht ... Wir stehen Ihnen selbstverständlich zu jeder Art
+Dienstleistung bereitwilligst zur Verfügung. Das ist auch der
+eigentliche Grund unseres Kommens ... Aber bequemen Sie sich bitte zu
+einer ganz kurzen Aussage. Ihr Entgegenkommen soll Sie nicht reuen ...
+Sie kennen doch den ... Und wo hält der sich auf ... Bitte, bitte, wir
+lassen Sie sofort in Ruhe. Sie sind aus der Haft entlassen! Sofort sind
+Sie frei ...!“
+
+Peter schwieg.
+
+Nur einmal drehte er sich kurz auf:
+
+„Lassen Sie mich doch ... Quälen Sie mich nicht ... Sie wissen doch, es
+hat keinen Zweck ... Das müßten Sie sich doch eigentlich selbst sagen.
+Wozu diese Folter ... Sie müßten sich eigentlich schämen ...“
+
+Wieder wurde er im Bett aufgesetzt.
+
+„Sehen Sie, Herr Friedjung, Herr „Doktor“, alle diese Unannehmlichkeiten
+müssen Sie über sich ergehen lassen. Sie erschweren sich durch Ihr
+hartnäckiges, uns geradezu unverständliches Schweigen nur ganz
+unnötigerweise selbst die Lage ... Wollen Sie ... Es geschähe in einer
+solch kritischen Situation auch sicher im Einverständnis mit der Partei
+...“
+
+Peter schwieg.
+
+„Na, also, da müssen wir scheinbar andere Seiten aufziehen, da werden
+wir kurzen Prozeß machen. Wollen Sie jetzt oder wollen Sie nicht, Sie
+verfluchtes Kommunistenschwein? Heraus mit der Sprache: Wo sind eure
+Gasläger!? He! Oder wir brechen Ihnen noch bei lebendigem Leib die
+Knochen entzwei ... Sie haben vielleicht gehört, in Ihrem schönen
+heiligen roten Rußland benützt man Gefangene dazu, um an ihnen ein neues
+Gas auszuprobieren ... Daß so ein Dreckskerl, so ein Luder wie du nur
+ein Mal verreckt, das genügt nicht ... Man müßte die Kommunisten, diese
+Kannibalen, zur Vivisektion freigeben ...“
+
+Und versetzte ihm einen Puff, daß der Sterbende an die Wand rutschte.
+
+„Warte, du wirst gleich aus dem Bett herauskollern, Freundchen, dann
+wirst du schön hübsch und brav auf dem Boden unseren Dreck fressen ...“
+
+„Laß ihn deinen ... lecken, diese Kommunistensau, so haben es seine
+Bundesbrüder, die Franzosen, mit unseren Gefangenen gemacht ... Na, so
+ein stures Vieh ...“
+
+Einer der Kommissare klingelte.
+
+Der Arzt erschien.
+
+„Herr Doktor, der Kerl schweigt. Haben Sie vielleicht so was wie einen
+elektrischen Pinsel!? Oder, was stark schmerzt, eine Aetherinjektion
+vielleicht unter die Haut!? Oder kann man ihn noch in eine drei Viertel
+Narkose, in einen Chloräthylrausch versetzen, um dadurch vielleicht
+etwas herauszukriegen!? ...“
+
+„Aber meine Herren, ich muß davon abraten. Diese Mittel versprechen hier
+keinen Erfolg mehr, fühlen Sie doch den Puls, bei Mittelkranken ja, aber
+in solchen Fällen: kurz vor dem Torschluß, fünf Minuten vor dem Exitus
+... Ich bin zwar Gerichtsarzt und in erster Linie Gehilfe des Richters,
+aber, Herr Inspektor, wir wollen uns doch nicht noch an einer Leiche
+vergreifen ...“
+
+Der Herztakt des Sterbenden galoppierte. Setzte aus. Brach sich wieder
+stockend, zögernd durch ... tropfenweise ... Dann hämmerte er ganz, ganz
+langsam ...
+
+„Sehen Sie doch! ...“
+
+Der Arzt lüpfte die Decke.
+
+„Es kommt ganz dick durch den Verband ...“
+
+„Ein solches Kommunistendreckschwein!“
+
+„Aber Herr Friedjung,“ versuchte es jetzt wieder einer der Kommissare,
+„ich beschwöre Sie, im Augenblick Ihrer letzten Stunde, vor Gottes
+Angesicht! Auch ich bin innerlich tiefreligiös und ich spreche jetzt zu
+Ihnen wie Mensch zu Mensch! ... Sie können uns doch unmöglich so
+unverrichteter Dinge abziehen lassen! Versetzen Sie sich, bitte, wenn es
+Ihnen auch schwer fällt, doch einmal für einen Augenblick in unsere
+Lage! Was wird unser Chef dazu sagen, wenn wir so mit leeren Händen nach
+Hause kommen! Wir verlieren Ihretwegen, Herr Friedjung, noch unsere
+Stellung! Und sind allesamt doch verheiratete Männer, bedenken Sie, mit
+Weib und Kind und Haushalt! Sind schließlich doch auch nur Proletarier!“
+
+„Also, haben Sie Erbarmen mit uns!“ gab ein zweiter dazu. „Mut gefaßt.
+Auf eine Aussage mehr oder weniger kommts doch nicht an. Sprechen Sie,
+wir sind doch Männer! Deutsche ehrliche offene Männer, die nichts zu
+befürchten und zu verschweigen haben, und wenn die Welt voll Teufel wär,
+unsere feste Burg ist unser Gott. Also ... Wir wollen im Grund letzten
+Endes doch alle das Gleiche ...“
+
+Peter schwieg ...
+
+Die Kommissare zogen türenschlagend ab.
+
+Die Schritte schleiften den Gang hinunter, ein Schlüssel klirrte, eine
+Tür schnappte ... Nur fern wo schrie jemand ...
+
+„Der Nächste ...“
+
+„Halt auch du stand, Genosse, und schweig!“
+
+Peter war mit sich allein. –
+
+
+ XIII
+
+Sind es Spinnenweben!? Licht-Gespinste? Sind es Strahlengeflechte, die
+kreuz und quer in sich verschlungen, durch den Weltraum gezogen sind!?
+
+Nein.
+
+Es ist das Gitter.
+
+Und das Gitter kommt auf Peter zu, wandert, wandert vor ihm her, wandert
+ihm nach bis in den kleinsten Weltwinkel.
+
+Er steht in einer sauberen Stube. Er ist einem Mädchen gut. Er hat sie
+umgefaßt. „Du, wollen wir nicht zueinander „Du“ sagen!?“ Er ist
+eigentlich ganz glücklich ...
+
+Da senkt sich auch schon wieder schwer, schwarz, vierkantig und
+schemenhaft vor ihm das Gitter herab.
+
+Das Gitter spricht:
+
+„Bevor ich nicht zerbrochen bin, gibt es für dich Ruhe nicht! ... Peter,
+tu deine Pflicht! ... Feile, beiße dich mit den Zähnen fest, reiße deine
+Hände wund daran, kniee dich herauf zu mir, ziehe dich zu mir empor,
+presse deine Schädelknochen hinein zwischen mich, rüttle daran, schüttle
+mich ... Friß das Gitter ...“
+
+Das Gitter spricht:
+
+„Ich laß dich nicht!“
+
+„Wie schön das Leben ist!“ flüstert Peter. „Die Berge, das Meer,
+wellengebuckelt, Gewitter darüber metallisch, wie über einer gerippten
+Fläche aus schwarzem Erz! Und die Jahreszeiten! So ein Winter voll
+Schneefließen und Skilauf! ... Wie die Bäume blühen, die Wälder duften
+... Wie ein Klotz liegt man ausgestreckt inmitten des Wiesenkrauts ...
+Windmühlenflügel am Horizont! Kornwagen, die auf der steinigen
+Landstraße polternd von der Ernte dorfwärts schwanken ... Menschen,
+gebräunte knochige Gesichter, die in der Schenke vor einem hölzernen
+Tisch sitzen, bei Rauch und bei Wein! ... O noch einmal! O noch _ein_
+Mal!“
+
+Und wieder fällt das Gitter, ein Netz diesmal, gewoben aus Geschoßbahnen
+und Feuerdampf, es fällt und fällt, bis der ganze Weltraum durchgittert
+ist. Auch das „schöne Leben“ durchgittert ist! Irrsinnig flackernde
+Augenpaare dahinter, Bajonette und Stacheldraht, Knochenknacken und
+Aechzen und Tränenwimmern, das schwere Stampfen einer Riesenpumpe, die
+Menschenblut pumpt, die Menschenmark, Menschenlebenskraft saugt.
+Mordmaschinen, Fabrikanlagen: Massenmord wie harmloses Kinderspielzeug
+fabrizierend ...
+
+Da sind Menschen, die vor dem Gitter flüchten. Menschen, die hinter dem
+Gitterwerk träumen. Es ist ein goldener Käfig, darin sie sich schändlich
+zutod träumen. Die Stäbe sind broncen lackiert ...
+
+Das Gitter wächst ... Setzt Glieder an, Knoten, Verkuppelungen ... Es
+kann Menschen umarmen, Menschen umarmend zu Tode drücken. Die
+Gitterstäbe sind vielkantig, messerscharf ...
+
+Und das Gitter steht mitten in Europa.
+
+Und das Gitter steht in Asien.
+
+Steht um Afrika herum ...
+
+Dehnt sich aus und zieht sich wieder zusammen ...
+
+Schwimmt aufrecht stehend übers Meer –
+
+Umgittert Japan. Umgittert China ...
+
+ * * * * *
+
+Die Gitterstäbe werden lebendig, sind Menschen, uniformiert, bewaffnet
+mit Pistolen und Handgranaten ... Und das lebendige Gitter marschiert,
+macht Menschenjagd ... Und die Gitterstäbe pflanzen sich wie spitze
+Pfähle fest mitten hindurch durch Menschenleiber. Und das Gitter
+schwenkt sich jetzt wehend im Wind wie eine Fahne über krampfhaft sich
+zutode zuckende Menschenhaufen. Diese Fahne ist gehißt auf einem
+pyramidenähnlichen Hügel von Leichenmüll.
+
+Die Fahne spricht:
+
+„Ich proklamiere die Menschenrechte. Ich bin die Fahne der Zivilisation!
+Glaubt denen nicht, die da sagen: ich sei eine Todesfalle. Glaubt denen
+nicht, die da prophezeien, ich würde über kurz oder lang dennoch
+heruntergeholt. Beugt euch, ihr heidnischen Völker, in Glauben und Demut
+vor mir. Ich bin das Christentum. Ich bin die Erlösung. Die Freiheit,
+die Arbeit, das Glück, die Lebensmöglichkeit für alle ... Ich bin der
+Menschheitsfortschritt ...“
+
+ * * * * *
+
+Ein feiner, in messerscharfen Strichen heruntergerissener Regen rann.
+Rann senkrecht und wagrecht und schlang sich plötzlich um Peter herum,
+ein fließendes Gitter ... Ein unentwirrbares Regendickicht. Bis ein
+gewaltiger Lichtsturz niederschoß ... das Regengitter durchschmolz ...
+
+Unter der Glut einer roten Sonne löste es sich auf.
+
+Peter stand frei in einer unbegrenzten Landschaft.
+
+Eine unendlich tiefe, jubilierende, glanzblaue Klang-Mulde war die Welt.
+–
+
+ * * * * *
+
+Ein Genosse reichte ihm die Hand.
+
+Die Hand Peters war farblos geworden, alles Blut hatte sich in das
+Herzinnere zurückgezogen, Peter sah auf seine Hand hinab: da lag sie vor
+ihm auf der bunt gewürfelten Bettdecke, groß, ausgeruht, unfaßbar fremd.
+
+„Gute Nacht! Peter!“ nickte der Genosse ihm zu. „Hasts gut gemacht! Hab
+keine Zeit, viel noch zu schaffen. Muß jetzt weiter ...“
+
+„Bleib wohlauf!“ antwortete Peter, und das schon aus einem sehr tiefen,
+wie mit einer samtenen Nacht ausgelegten Hintergrund hervor: „Laß dirs
+gut gehen! Du schaffst es schon! Zähne fest zusammenbeißen.
+Weiterarbeiten so. Nicht wahr ...! Denn das eine steht heute
+unumstößlich fest: mag der Einzelne auch fallen, das Ganze, die
+proletarische Klasse siegt! ...“
+
+Das sprach Peter schon wortlos.
+
+Der Genosse hörte es nicht mehr.
+
+Dieser Genosse, von dem Peter jetzt Abschied genommen hatte, war aber
+nicht ein einzelner. Keine Einzelperson. Er war anonym, namenlos, dieser
+Genosse war: die Partei, dieser Genosse war: das Proletariat, dieser
+Genosse war die Masse aller Ausgebeuteten und Verelendeten. Dieser
+Genosse war die siegreiche Revolution.
+
+Dieser Genosse hieß auch: die Zukunft der Welt. –
+
+ * * * * *
+
+Peters Lippen bewegten sich immer noch.
+
+Nun versank er in sich.
+
+Die Augen glühten glanzweiß ...
+
+Menschenmassen schrieen gegeneinander. Menschenmassen schoben immerfort
+kämpfend sich aufeinander zu ...
+
+Die Geräusche bewegten sich jetzt von ihm fort, wie ein Blätterschwall,
+der dicht über den Boden dahinfegt.
+
+Noch einmal wölbte sich ein Wipfel von Geräusch über ihm: Schüsse,
+Schreie, Knochensplitter ... Der Wipfel schwang schmetternd über ihn hin
+... Und es wurde Herbst ... Der Wipfel entblätterte ...
+
+Es wurde traumhaft ruhig um ihn ...
+
+ * * * * *
+
+Trotzdem nun Peter ganz mit sich allein in der vergitterten Zelle lag:
+so wenig einsam wie jetzt war er in seinem Leben noch nie. –
+
+
+
+
+ 7. Kapitel.
+
+ Vom einzig gerechten Krieg
+
+
+ Das „Neue Leben“. – Wie es im Himmel
+ aussieht! Und auf Erden?! –
+ Gespensterlandschaft. – Vom einzig
+ gerechten Krieg. – Im Anfang war die
+ Arbeit. – Fleisch. Blut. Knochen. –
+ Denen, die in Ketten träumen. – Roter
+ Marsch. – Gesang der Welteroberer.
+
+Wir lassen hier die Aufzeichnungen folgen, die Genosse Peter Friedjung
+uns hinterlassen hat.
+
+
+ I
+
+ Im Anfang war die Arbeit
+
+„Es sind nun schon einige Jahre her, daß ich das bürgerliche Leben
+verließ, in dem ich bisher, wenn vielleicht auch absonderlich und
+phantastisch, lebte. Daß eine Brücke nach der anderen ich hinter mir
+abbrach, bis endlich auch die Konturen dieses alten Lebens immer mehr
+schwanden, ich auf der neuen Erde Tag für Tag fester Fuß faßte, neue
+Menschen fand, neue Kameraden gewann, und ich mit meinem Vorleben, das
+ja auch nur ein bescheidenes Plätzchen innerhalb der allgemeinen
+bürgerlichen Verworfenheit darstellte, mich nurmehr dergestalt
+beschäftigte: den eisklaren revolutionären Vernichtungsplan im Gehirn;
+konkreten Willens, exakt und zweckmäßig gearbeitet wie ein modernes
+Brechwerkzeug; ein unerschütterliches Bollwerk von Haß gegen jede Form
+von Menschenausbeutung im Herzen; die Waffe in der Hand.
+
+Die Realität dieses vergangenen Lebens ist notwendigerweise eine
+gespenstische.
+
+Dieses Abschiednehmen, dieses Zurückweichen der Uferlinie mag, wie mir
+bekannt ist, am besten, wenn auch auf typisch kleinbürgerliche und
+idyllische Art und Weise, seinen Ausdruck gefunden haben in jenen Worten
+aus Strindbergs „Entzweit“ wo es am Schluß heißt:
+
+„Und so fuhr er wieder in die Welt hinaus. Als der Dampfer an dem
+schönen Herbstabend sich den Strom hinaufarbeitete, sah er noch einmal
+das Häuschen, dessen Fenster jetzt leuchteten. Alles Böse und Häßliche,
+das er dort gesehen hatte, war jetzt verschwunden; er empfand kaum eine
+flüchtige Freude, diesem Gefängnis, in dem er so unerhört gelitten
+hatte, entronnen zu sein. Nur Gefühle der Dankbarkeit und der Wehmut
+ergriffen ihn. Einen Augenblick zog das Band, das ihn an Weib und Kind
+fesselte, so stark an, daß er sich ins Wasser stürzen wollte. Dann aber
+drehten die Schaufelräder den Dampfer einige Male kräftig vorwärts, das
+Band dehnte sich, streckte sich – und riß.“
+
+Und riß! –
+
+ * * * * *
+
+Nun zeichne ich hier die Kurve dieses Wegs der Ablösung auf, einer
+Kurve, die oft einer Fieberkurve gleicht.
+
+ * * * * *
+
+Zuchthausmauern, Hinrichtungen, Verfolgungen, Leichenhaufen, lohnend
+bezahlter Meuchelmord: das ist die Landschaft, durch die dich der Weg
+auf seiner neuen Richtung, die er genommen, hindurchführt. Dein Schritt
+ist nicht mehr eines Einzelnen Schritt, du schreitest im Gleichtakt, du
+schreitest ihn als Kampfkolonne.
+
+Hinter dir, weit hinter dir der andere Teil der Menschheit auf seinem
+verlorenen Posten, überwuchert von seinem eigenen Pesthauch wie von
+Giftschwaden; rache-fletschend, geifernd, verleumdend, zu jeder Untat
+und Gemeinheit allzeit bereit: die Profitrate sinkt – ein panisches
+Gezeter: und nun lassen sie hervorstürzen aus den Zwingkäfigen ihrer
+Kasernen, sie, die schöngeistigen Ruhmredner auf Kultur und
+Zivilisation, schlimmer als Hunnenhorden, die von ihnen im Namen des
+Vaterlandes gedungenen Söldnertruppen und die Garden der Streikbrecher,
+von Arbeiterverrätern und bornierten Gewerkschaftsvertretern
+kommandiert; Studenten- und Freiwilligenbataillone, durch deklassierte
+Offiziere, abenteuer-lüsterne Professoren und Pfaffen auf
+Arbeitermasscacres abgerichtet.
+
+Polizeirock, Windjacke, Uniformfetzen stürzt sich auf Arbeitskittel:
+
+„Jib ihm Saures!“
+
+Oder:
+
+„Komm mit! Kusch dich! Oder sonst beißt sich was –“
+
+Und das letzte Stadium des Martyriums des blutdurchtränkten
+Arbeitskittels beginnt: endend mit jahrelangen Zuchthausstrafen oder „An
+die Wand“, und angefangen mit ausgeschlagenen Zähnen, ausgerissenen
+Augen und Rippenbrüchen schon bei der Verhaftung, auf dem Transport oder
+auf der Wachtstube. –
+
+ * * * * *
+
+Auseinanderfallen der Weltwirtschaft. Unfähigkeit des Kapitalismus,
+irgend eines der großen internationalen Probleme zu lösen. Valuta-Chaos.
+Unlösbarkeit der Reparationsfrage. Verschärfte Krisenperiode. Einengung
+des Weltmarkts. Uneinheitlichkeit der Konjunktur. Unerträgliche Spannung
+zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften. –
+
+Aber nur neue Terror-Akte gegenüber der werktätigen Bevölkerung
+produzierten diese Tatsachen, und, maskiert durch die Kulisse einer
+pazifistischen Aera, häuften sich allenthalb die Explosivstoffe. Unter
+unsäglichen Leiden und Opfern der von den Produktionsmitteln künstlich
+Abgetrennten, der die Fundamente der Gesellschaft mittels des lebendigen
+Kitts ihres Herzbluts, ihres Schweißes, ihrer Tränen gerade noch
+notdürftig Zusammenhaltenden: arbeitete in allen Fugen krachend weiter
+der altmodische und an den wichtigsten Stellen schon völlig unbrauchbar
+gewordene Welt-Mechanismus.
+
+Der ganze Apparat taugt eben nichts mehr, funktioniert nicht mehr, kommt
+nicht in Schwung ...
+
+Auch die Kolonialvölker hatten zugelernt, rebellierten.
+
+Jeder, auch im entlegensten Weltwinkel, hatte allmählich eine genügend
+hinreichende Dosis Erfahrung geschluckt.
+
+Unentwirrbar das Riesenknäuel der machtpolitischen Probleme –
+
+Und die internationale Bourgeoisie bereitete trotz Völkerbund und
+gegenteiliger scheinheiliger Versicherungen bereits in ihren
+Flugzeugwerkstätten und chemischen Giftgasversuchslaboratorien einen
+großartigen Start vor zu neuen imperialistischen Weltkriegen.
+
+Immer wieder von neuem dazwischen heftige elementare Ausbrüche ihrer
+inneren unüberwindbaren Interessengegensätze ...
+
+Auch kamen die aufgewecktesten Teile des Proletariats endlich dahinter,
+wie höllisch-friedlich in Wahrheit so ein imperialistischer Frieden war.
+
+Recht energisch knurrten schon ihre Reihen:
+
+„Mißtrauen! Mißtrauen der menschenfressenden Kanaille gegenüber bis zum
+Aeußersten!“
+
+Und:
+
+„Ein Narr, wer Tigern predigt Pflanzenkost!“
+
+„Euer herrlicher Frieden: eine Fortsetzung eures glorreichen Kriegs
+wohl, mit anderen Mitteln, was!?“
+
+„Und wenn es schon einen „trockenen Putsch“ gibt, warum soll es nicht
+auch einen „trockenen Krieg“ geben?“
+
+ * * * * *
+
+Wahre Volksschlächter- und Massenhenkernaturen entstanden auf diesem,
+von Fäulniskeimen durch und durch unterminierten Boden.
+
+Professionelle Sadisten im Dienst der politischen Polizei,
+Gewohnheitsverbrecher, Verräter, Denunzianten, Attentäter, lebendige
+Marterinstrumente, menschliche Folterbestien, Lockspitzel, geriebene
+Erpresser: das marschierte wie ein Heer auf, verschlang, ein parasitäres
+Geschwür mörderisch durchseuchend den ganzen Volkskörper, Unsummen vom
+Staatshaushalt; denn diese, teils aus Unzurechnungsfähigen, teils aus
+Menschendreck rekrutierte Geheimarmee wollte eben auch gut bürgerlich
+leben und zählte nach Hunderttausenden.
+
+„Mit Stumpf und Stiel ausrotten ...“
+
+Dieser Plan gegenüber dem klassenbewußten revolutionären Proletariat
+aller Länder kristallisierte sich also im Lager der zu einem
+eisern-gelenkigen Abwehrblock zusammengeschweißten, mit den
+raffiniertesten Großkampfmitteln ausgerüsteten internationalen
+Welt-Bourgeoisie immer deutlicher. Ob mit Hilfe des Faschismus oder mit
+Hilfe der Sozialdemokratie, d. h. mittels einer sogenannten
+„Arbeiterregierung“, ob offen, brutal oder ob pazifistisch,
+demokratisch, illusionistisch: das war eine reine Taktikfrage, und man
+war sich einig darüber drüben: das wird den verschiedenen Zeitumständen
+und Kräfteverhältnissen entsprechend abwechselnd, je nachdem, einmal so
+und einmal so, gehandhabt.
+
+Welt-Mobilisation.
+
+Front gegen Front.
+
+Es riß durch –
+
+Und es riß durch bis auf die Sprachverbindung hinab, bis hinab auf die
+gleiche Erlebnismöglichkeit:
+
+Front gegen Front heißt: Sprache gegen Sprache, Gefühlsausdruck gegen
+Gefühlsausdruck, heißt Denkart gegen Denkart, heißt Anschauungsform
+gegen Anschauungsform, heißt Weltbild gegen Weltbild.
+
+Denn eingetreten schon waren wir in das Zeitalter der alle Erdteile
+umspannenden, der die Welt-Zukunft entscheidenden Riesenklassenschlacht.
+Die Klassenkräfte gruppieren sich, die Klassenkräfte manövrieren
+gegeneinander –
+
+Druck und Gegendruck –
+
+Und gewaltig drückte herein das Rote Rußland, ein
+Einhundertundfünfzig-Millionen-Volk; einhundertundfünfzig Millionen,
+Arbeiter- und Bauernmassen, warfen sich jetzt, ein drückendes Gewicht,
+in die Wagschale; Rote Erde, ein Sechstel des Erdteils ... Und dahinter
+die aus dem Bann jahrtausendelanger Knechtschaft erwachenden, zu Meeren
+aus Schmelzglut verwandelten Völker des Ostens ...
+
+Der Zeiger rückt vor in das letzte Viertel auf dem Ziffernblatt des
+Menschheitsmanometers. Die Alarmpfeifen an den Sicherheitsventilen
+trillern. Die Stahlhäute schwitzen. Der Augenblick der Sprengung ist
+nah! Die Stahlhäute werden rissig, beulen sich aus, dehnen, zerren,
+biegen sich – – –
+
+Mit ewigkeitstriefenden Lippen beschwören zwar noch ihre imaginären,
+verschiedenartig uniformierten Götter die Fetischgläubigen, das
+gerechte, ja nur allzu gerechte Verdammnisurteil der lebendigen
+Geschichte von den Häuptern der heute Herrschenden gnädiglichst
+abzuwenden: immer eindringlicher aber, selbst bis in die letzte
+unscheinbarste geringste Alltäglichkeit hinein, kündigt sich an die
+gewitterschwangere Atmosphäre einer End-Phase. –
+
+ * * * * *
+
+Wie je nur einer, so habe auch ich vormals begeisterungsinnig genug
+verehrt sie alle, die Meisterwerke euerer Dichtung, euerer Malerei,
+euerer Musik, euerer Plastik; ich selbst war einer jener „Verklärer“,
+jener Ekstatiker der Apotheose des „Abgrunds“; durchgeforscht habe ich
+mich durch alle Gefühlswildnisse und weisheits-süchtig mich durchgedacht
+durch die Labyrinthe eueres an Komplizierungen und Kombinationen so
+berauschend reichen, ja überreichen Denkens, durch alle scheinbar so
+lückenlos gefügten philosophischen Systeme hindurch, grausam-offen
+sprechende Zeugnisse des von euch zwangshaft nie und nimmer zu lösenden
+Widerspruchs. Kindlich staunend aufgeblickt habe ich zu den
+siebenmalsiebentausend Wundern euerer Maschinentechnik, euerer genialen
+Organisationskunst, zu der, wie ihr gern wahrhaben möchtet,
+metaphysisch-einheitlichen Geordnetheit eueres Weltbilds – – – aber ich
+habe den Blutsumpf auch mit eigenen Augen gesehen, auf dem euere Kultur
+erbaut ist, und ich habe den selbstverständlichen Mut geschöpft daraus,
+sie, und dadurch vor allem auch das, was in meinem eigenen Dasein damit
+zusammenhängt, rücksichtslos durch die Tat zu verneinen.
+
+
+ II
+
+Man kann einem Menschen nicht zum Vorwurf machen, daß er in der
+bürgerlichen Gesellschaft gelebt hat. –
+
+Der eine: zerfetzt, den Körper mit Wunden bedeckt – kämpft sich durch.
+Ob er den Uebergang gewinnt!? Und dann, ob er nach diesem gewaltsamen,
+oft mit Gehirnzerrüttung und Gesundheitsschädigung erkauften Durchbruch
+noch soviel an lebendiger Kraft erübrigt hat, um auf der Kampffront der
+werktätigen Millionenmassen seinen Mann zu stellen: vorn, in der offenen
+Feuerlinie, im Nahgefecht, bei der täglichen Kleinarbeit!? Denn das
+„Neue Leben“, die Revolution, sie erfordert dich ganz. Sie verlangt
+unerbittlich eine unendliche Fülle von exaktem Wissensmaterial von dir;
+sprunghafte Kühnheit zugleich und zweckhafte Fähigkeit ... Heroisch zu
+sein in den heroischen Momenten der Geschichte ist leicht. Aber von nun
+an heißt es: Spanne dich! – und wenn auch nur ein erbärmlicher
+sozialdemokratischer Gewerkschaftsbürokrat die Scheibe ist – auch
+dahinter leuchtet das große erhabene Ziel: auch da mußt du dich
+hindurchschießen!
+
+Ob man die Möglichkeit der Gedankenvereinfachung noch hat!? Die
+Möglichkeit des Sichinbeziehungsetzens mit dem Ausdrucksorgan der
+Ausgebeuteten, der eine andere Sprache spricht als die deine ist, die
+aber auch von nun an die deine werden wird. Ob du dich damit bescheiden
+kannst, zu lernen, weiter nichts als zu lernen, dich durch die
+asketisch-strenge Schule der Partei hindurchzukneten, ein Lernender zu
+sein, nichts weniger und nichts mehr als nur ein Lernender ...
+Rücksichtslos alle deine bürgerlichen individualistischen Exzesse aus
+dir auszuschneiden ... Um eines Tages durch deine Arbeit dein neues
+Heimatrecht dir zu erobern: vom Proletariat als seinesgleichen adoptiert
+zu werden ...
+
+ * * * * *
+
+Das Gehirn in jenem „Alten Leben“ wird abstrakt, wie eine Windblase, und
+entfernt sich, irrsinnig phosphoreszierend, ins Zeit- und Raumlose. Du
+schwelgst zwar in einem gewaltigen Pathos, aber es ist jenes berüchtigte
+romantische Pathos der Distanz, das Pathos vom Wissen des
+Niejeverwirklichenkönnens, das Pathos der hoffnungslosen
+Unüberbrückbarkeit zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll.
+
+Andere geifern sich darüber hinweg mit Zynismen.
+
+Es ist ein und dasselbe. –
+
+ * * * * *
+
+Ob man sich selbst herunterholen kann!?
+
+Herunter bis auf diese naheste aller Erdnähen, bis zu diesem festen
+granitenen fundamentalen Grund: Klassenkampf, Klassensolidarität,
+Parteidisziplin, Parteiehre!? Darnach, nachdem das ganze Dasein
+ausgelaugt von der bürgerlichen Gifthölle ist oder millionenscherbig
+zersplittert! Und man sich mühselig von neuem wieder zusammenklauben
+muß! ... Dreivierteln seines Menschendaseins den Todesstoß versetzen
+muß, um mit dem übriggebliebenen, ach so spärlichen Restviertel von
+vorne, ganz von vorne zu beginnen!? ...
+
+ * * * * *
+
+Nun, ich habe viele kennen gelernt, die auf diesem Wege gefallen sind,
+zu etwas Besserem geboren als zu farblosem Verzicht und ruhmlosem
+Opfertum: freiheits-fanatische, prächtige, an allem Wahren und Schönen
+entzündbare und alle Menschen rings um sich mitentzündende,
+gemeinschaftssüchtige Menschen; Menschen, in ihrer Jugend wie
+Kraterberge, mit explosiver Lava angefüllt, rissig rings von einem
+ununterbrochenen ekstatischen Bersten; Jahr für Jahr aber mehr und immer
+mehr abglühend bis zu einem wandelnden Aschenhaufen, durchdunkelt von
+unheilbarer Schwermut. Manche von ihnen schüttelten sich in dem ihnen
+von der Gesellschaft angeborenen brennenden Kettengewand oft rasend wie
+Berserker. Sie waren allesamt wissend, zum mindesten aber ahnend, und in
+Gesprächen gelegentlich oder in einem hingezuckten Blick verrieten sie
+ihr Geheimnis.
+
+Wie lautete ihr Geheimnis?
+
+Einfach:
+
+„Die Lebenskraft reicht uns eben nicht mehr hin, herüber, herauf über
+den Rand zu kommen. Man bleibt hilflos, einsam hängen wie in einem
+ungeheuren Rauchfang im Weltabgrund ... Man läßt los. Ein Traum, ein
+violetter vielleicht, wenn Sie wollen, von einem seligen,
+vergessenheitstrunkenen Absturz. Fratzenhaft das alles, grimmassierend
+... Ein elektrischer Einstich jeder Sternblick. Alles Leben ist
+gläsernes Schweben ... Ueber metallisch fließende Traumsteppen hin
+uferloses Tonwehen ... Die Atmosphäre, die Atmosphäre, die ist es ...
+Sie ist zwangshaft ... Ein unheimlich unsichtbarer, mörderischer Fetisch
+... Unentrinnbar umklammert von einer mystischen Gefühls- und Denkzange:
+ein mystischer Terror: man – kann nicht mehr.“
+
+Solchen kann man wirklich nicht zurufen:
+
+„Nur Mut!“
+
+Das ist das völlige Abgekämpftsein, ein Bruchton aus der Symphonie des
+bürgerlichen Klassensterbens, das in seltsamen Klangkombinationen
+hinschmelzende Finale der physiologischen Gebrochenheit.
+
+Ihr Welt-Rätsel!? Ihres Welträtsels Unergründbarkeit!?
+
+Sie fanden nicht mehr den Anschluß an die allein rettende, an die
+alleinig heilende Realität dieser Erde, an die einzig die
+Menschheitserlösung erkämpfende Macht dieser Erde, an das Proletariat,
+an die Kampftruppe der Zukunft – und so würgten sie sich selbst ab unter
+metaphysisch-grotesken, oft harlekinhaften Todesgesten im Luftleeren.
+
+Mit welchem Aufwand an Sentimentalität, Zärtlichkeit, Andacht bauten sie
+sich aus in dem auf dem Boden des Nichts errichteten Elfenbeinturm ihrer
+Individualität für jede Laune, für jede Absonderlichkeit ein eigenes
+Wohngemach; ganze Appartements darin für treibhausdünstiges „Höhenleben“
+–: bis eines Tages dieses künstlich aufgeführte Gebäude schwankte und zu
+dem zusammenstürzte, was es war: zu einem Häufchen von Daseinsmoder,
+Lebensekel und verworrener, ihrer blendenden Umschalung entkleideten
+Weltlüge.
+
+Sie endeten alle mit Selbstmord, ob sie nun Hand an sich legten oder
+nicht.
+
+Auch ihr Wahnsinn war Selbstmord.
+
+Man kann sie nicht verurteilen, man kann sich nicht zum Richter
+aufwerfen über sie.
+
+Hier gibt es nur das eine:
+
+„Es ist schade, jammerschade.“
+
+Ueber alle diese „Zu-kurz-Gesprungenen“ schreibe ich als Epilog:
+
+Ich weiß, welches unausmeßbare Maß an Schmerzen ihr erlitten habt. Ich
+bin fähig und ich bin auch willens, sie mitzuleiden. Mancher von euch
+hat tapfer sich gewehrt; jahrelang, jahrzehntelang sich tapfer gewehrt,
+bevor er die Arme verschränkte oder die Hände faltete ... Wieviel, o wie
+unaussprechbar viel an unausgelebter Kameradschaftlichkeit, Herzensgüte,
+Menschenwärme, Lebensschwung ist mit euch dahingegangen! Legionen von
+Begabungen unbarmherzig erdrosselt! Ausgehungert irrtet herum ihr oft
+monate-, ja jahrelang; ausgehungert bis auf den nackten Knochen ... In
+diesem menschenschlächterischen, menschenunwürdigen Menschheitszustand:
+was wird nicht zum Spekulationsobjekt!? Euere Trauer, euere Not, euere
+Tränen, euere Verzweiflung, euer Angstschweiß, euer Verfolgungswahn,
+jede Pille der Bitternis, die ihr geschluckt habt, jede Art euerer
+Marter bis zum letzten Todesröcheln ... Das alles ... Und mehr noch ...
+Geduldet, gedacht, gefühlt, von Leidensstation zu Leidensstation gehetzt
+– für wen?! Warum?! Wozu?! ... Für nichts und wieder nichts! ... Hoch
+über der Sinnlosigkeit jeder Einzel-Existenz thront, weiter behäbig sich
+mästend, der Welt-Unsinn ... Nicht eine Sekunde lang währte sein ach so
+oft euch flammend versichertes Beileid! ... Dem Fresser dientet ihr nur
+dazu, sich mehr noch anzufressen; dem Geilen nur, sich von neuem
+aufzugeilen. Kein einziges seiner Massenopfer habt je ihr den
+Massenmördern abgerungen. Euere Waffen waren stumpf geworden mit der
+Zeit, ihr merktet es vielleicht selbst nicht, aber sie ritzten nurmehr
+ganz an der Oberfläche die wie zu einem Panzer geronnene Menschenhaut
+... Da liegt ihr nun mit eueren gerupften Traumflügeln auf dem
+Abfallhaufen der Geschichte ... Wir haben es nicht nötig zu schwören:
+denn wir selbst sind gestaltgewordene Schwüre der Rache ... Aber die
+Geschlechter aller heute Herrschenden zusammengenommen: was ists mehr
+denn ein elendes Häuflein Menschendreck ...
+
+Wir aber haben keine Zeit, euere Gräber auszugraben, keine Zeit, euch zu
+mumifizieren, keine Zeit weder zu einer Verklärung noch zu einer
+elegischen Gloriole ... Wir haben nur Zeit, uns zu rüsten, damit wir
+bereit sind, wenn es wieder soweit ist, diese barbarische
+Menschengesellschaft mit dem Bajonett zu sondieren. –
+
+
+ III
+
+Der imperialistische Frieden war ein Krieg gegen das Proletariat. Und
+nicht nur gegen das Proletariat, sondern auch gegen die Mittelschichten
+und jeden einzelnen Kleinbürger.
+
+(Nach einem der Fundamentalsätze der Lebenseinsicht: lerne scharf zu
+unterscheiden zwischen der Phraseologie einer Sache und dem Inhalt einer
+Sache; oder: nicht auf das, was einer sagt, kommt es an, sondern darauf,
+was einer tut. Auf die Fäuste sehen! Worte sind Lügenbeine!)
+
+Da lebt man nun so ein Leben lang herum: Feierabend – und man kriecht
+sich wieder herein in seine zwei blümchentapetenüberzogenen Wohnlöcher,
+an Körper und Geist gleichermaßen erfrischt durch einen kräftigen,
+herzhaften Vierzehnstundentag ...
+
+Für wen das eigentlich?! –
+
+Und da gibt es so eine gottverfluchte ketzerische Lehre vom Mehrwert!
+...
+
+Und das Kätzchen schnurrt so idyllisch-warm am Sims, neben dem Nähkorb,
+und vielleicht auch so ein Kanarienvogelgeripp in einem Goldstabkäfig,
+der Fliegenfänger hängt herab von der Decke in der Mitte des Zimmers,
+dicht besät mit den noch zappelnden Pünktchen der Schmeißfliegen. Unten
+im Hof wimmert die Drehorgel, auf den Dächern die Armeleutewäsche im
+Abendrot –
+
+Man knurrt, wird bissig wie ein Köter. Mit den Kollegen hälts auch
+schwer, sich zu vertragen ... Man müßte sich eigentlich wieder mal
+tüchtig sattessen und ordentlich ausschlafen ... Das ganze
+hundsverreckte Dasein taugt ja so zu nichts ... Man ist angesäuert wie
+gestockte Milch ... Aber vielleicht: ’s langt doch noch einmal zu einer
+Laube und darnach auch zu einem Einfamilienhaus ... Deutschland: ’s geht
+vorwärts, es bessert sich von Woche zu Woche, wenn die Arbeitszeit auch
+steigt und der Reallohn auch sinkt ... Die Rentenmark bleibt stabil ...
+Ueberall stehts ja zu lesen ...
+
+Man spielt Fußball, hört Radio ... Siehst du wohl! Recht muß Recht
+bleiben. Auch das Volk hat sein Vergnügen. Auch verheiratet man sich
+frühzeitig: man hungert, friert, man klöhnt zu zweien und ein
+regelmäßiger Beischlaf ist gesichert ... Ach, außer dem gibt es noch
+tausend, abertausend schöne Dinge, die einen von der Beantwortung der
+Grundfrage seines eigenen Daseins abziehen. Ja, die Fragestellung
+selbst: sie ist gründlich in Frage gestellt – –
+
+Und des Sonntags wackelt man sich hinaus ins Freie, die Familie lüftet
+sich, das ist doch immerhin schon ein ganz reeller Vorgeschmack vom
+Paradies.
+
+Nun, und auch der „Große Unbekannte“ erscheint in mannigfaltiger
+Gestalt. Er streckt ausgerechnet immer gerade dort seinen
+anbetungswürdigen klotzigen Schädel hervor, wo das eigene Elend-Dasein
+das mit bestem Willen nicht mehr zu verkleisternde Loch hat. An jeder
+Bruchstelle erscheint er, der liebe Wundermann. Er hängt am Kreuz,
+steigt widerspruchslos herunter, sofort, wenn z. B. der Kaiser sein Volk
+zu den Waffen ruft, und bedient ein Maschinengewehr, nimmt die Parade ab
+als S. M. oder hurt hurtig in Berlin herum, bis auf Widerruf in der
+deutsch-nationalen Presse, als Kaisersohn; drückt freundlich
+herablassend, umstrahlt vom auserwählten Offizierskorps, einem Veteranen
+die Hand, richtet rührend-anerkennende Worte vom Dank des Vaterlandes an
+den Kriegskrüppel; überschüttet wieder vom amerikanischen Himmel herab
+das von seinen eigenen Finanzmagnaten bis auf das Weißbluten
+ausgepowerte Deutschland mit einem im herrlichsten Unschuldsweiß
+sprühenden Dollarregen; er ist weder ein Wuchererstaat, noch spekuliert
+er auf Extraprofite aus dem Kapitalexport; er ist Fabrikbesitzer,
+bieder, Treu und Redlichkeit. Reserveleutnant, patenter Kerl, versteht
+was vom Geschäft, und wenn er nicht wäre, wo gäbe es dann überhaupt
+sonst noch Arbeit!? –
+
+„Nur Tagediebe und Müßiggänger bringen es bekanntlich in dieser Welt zu
+nichts. Sei darum auch als Sklave ein ganzer, vollkommener, treuer
+Sklave ... Jegliche Seele sei den vorgesetzten Gewalten untergeben, denn
+es gibt keine Gewalt außer von Gott; die es aber sind, die sind von Gott
+eingesetzt ...“
+
+Und weiter gehts in der allbekannten Melodie:
+
+Die Knochen knacken entzwei, die Muskelstränge lockern sich, das Gesicht
+verzerrt sich in unausglättbare Falten, die Dichter singen zwar: „Wie
+ein Fächer tut sich auf dem Müden die Nacht“ – aber es ist anders,
+schade eigentlich, aber was tuts auch ...
+
+Ausgequetscht der Leib wie eine Frucht, und die Haut dann fortgeworfen.
+
+Vaterländische Lieder gröhlend waten Millionen im Blutsumpf, ein
+Schlückchen „Heldenschnaps“ – und wenn du grad nicht das übliche Pech
+hattest, das E.K. I. war dir sicher ... Der Füsilier-Feldwebel wettert
+heute wieder im Unterstand herum: die Kaiserbilder sind wieder von den
+Ratten verschlissen ... Und das gewittert zudem bleischwer über einem am
+Himmel; rabiat ... Zum Teufel mit diesen himmlischen Heerscharen ...
+Aber man schmort sich ja, so heißt es wenigstens, frischfröhlichgesund
+in diesem Feuerkessel ... Arbeitetest du in einer Phosphorfabrik: fünf
+Jahre – und schon stahlst du dich davon als eine Leiche ... Das kann
+doch nicht mit rechten Dingen zugehn!? ... Pah, Quatsch ... Was soll ich
+mich als Einzelner dagegen auflehnen – –
+
+Mitgefangen, mitgehangen.
+
+Alles Jacke wie Hose.
+
+Schnurzegal. –
+
+ * * * * *
+
+Leib an Leib krümmt sich übereinander.
+
+Das ganze werktätige Volk ist nichts mehr weiter als ein einziger
+zuckender Schmerzenskadaver, ein fleischerner Berg, von abgerissenen
+Gliedern dicht überwachsen wie von Gestrüppen ... Der stößt keine
+lebendigen Schreie mehr aus, Millionen erloschener Augen glühen daran
+schwarz; schwärzer, durchdringender als selbst die Finsternis.
+Unterirdisch nur ein unverständliches Murmeln. Hie und da Wortfetzen.
+Hie und da ein fieberiges, feuriges Flackern; fernes Alarmheulen ... Und
+hie und da ängstliches Zusammenrücken an den Tischen der Götter,
+Halbgötter, Rentner, Parasiten und anderer Heiligen:
+
+„Der Berg ... der Berg ... wehe ... Kommt er nicht doch eines Tages über
+uns ...“
+
+Aber die ganze Welt ist mit Fatalismen vollgepfropft. Alles, was da ist,
+ist im molkig getrübten Bewußtsein der Mehrzahl der Menschen heute noch
+vernünftig und muß eben so sein, der Pfaffe, der Gerichtsherr, der
+Mehrwerts-Vampir, der Journalist: das alles hängt zusammen an
+unsichtbaren Fäden und zappelt sich herum im Weltraum im Auftrag jenes
+großen grandiosen Ueberirdischen ...
+
+Hah! Und die papierene Sintflut schwemmt befehlsgemäß heran!
+
+Tausende von Laboratorien fabrizieren das so beliebte Volks-Opium:
+Aberglauben, Kulturdünkel, Verstocktheit ... Immer wieder und immer von
+neuem wieder wird erfolgreich das Preisrätsel gelöst: wie erhalte ich am
+besten die Massen der Ausgebeuteten in Abhängigkeit und Dummheit? ...
+Die Bücherfabriken rascheln, die Zeitungen flattern fröhlich wie winzige
+Papierdrachen von Hand zu Hand im Wind ... In wunderbaren Einbänden, mit
+herrlichen verlockenden Titeln geschmückt, auch sonst fein säuberlich
+aufgemacht, präsentieren die Menschenfänger ihre im Interesse der
+Massenverbreitung recht preiswert gehaltenen Köder ... Aestheten,
+Schriftsteller, Gelehrte hocken herum, gierig lauernd auf jeden Auftrag,
+gesellschaftstüchtige Heimarbeiter. Sie sind ordentlich elastisch
+geworden mit der Zeit, ihre geistigen Glieder zu Gummi gebogen, sie
+lernten es, sich rasch umzustellen ... Tempo! Das Geschäft verlangt es
+... An solch originellen Charakteren hat es ja bekanntlich nie gefehlt.
+Und die Kultur muß dem Volk erhalten bleiben, koste es, was es wolle.
+Und der Heldentod ist schließlich nur auf dem Papier was wert, in
+Wirklichkeit keinen Pfifferling.
+
+ * * * * *
+
+Die Kinomaschinen rattern.
+
+Hopla, mein Freund, damit auch deine Augen nicht verhungern. Und ein
+strammer Militärmarsch „Ruck-zuck“ sorgt für den Ohrenschmaus.
+
+Und die Männer der Regierung marschieren auf, liebe freundliche Herren,
+kein Zweifel. Wie schön und blendend neu gestärkt ist dem Herrn
+Präsidenten sein Frackhemd, wie ein Harnisch; und einen Blick tut er,
+einen Blick, sage ich Ihnen, aus der Tiefe seiner Seele in die Tiefe
+deiner Seele: akkurat wie durchschaun tut er einen ... Da gibt es sogar
+einen Wohltätigkeitstee, und die ausgemergelten dünnen Fingerchen
+einiger extra ausgesuchter Musterproletarierkinder zupfen an der Frau
+Minister herum: da ist alles Samt und Seide, Perlenkettlein und
+Brillantring ... Gottwohlgefällig rauscht dahin über das prima
+gebohnerte Parkett der Hermelinmantel ... Wessen Herz blüht da nicht
+über in Ehrfurcht und Bewunderung ... Und da nippt so eine Exzellenz an
+einer anderen mit einem Handkuß ... Und stehen da nicht, in holder
+Umarmung mit Unternehmern, Generälen und Bankpiraten aufgenommen,
+hoffähige Gewerkschaftsbeamte, wie aus dem Ei gepellte, tadelfrei
+geschnitzte und ebenholzschwarz mit neuen Paradefräcken anlackierte
+Männlein: sie, die letzten Endes glorreich immer wieder sich selbst
+begaunernden Schlaumeier! ... Ihre Rede: ein bedingungsloses zu allem Ja
+und Amen ... An Gründen hinterher, sogar überzeugenden, fehlt es
+bekanntlich ja nie, und sie kommen sogar, einem Eingeweihten zwar nicht
+gerade überraschend, ihren Unterdrückern zu Hilfe, wenn diese
+ausnahmsweise einmal in Verlegenheit geraten sind, und offerieren sich
+ihnen, lakaienhaft lächelnd, auf dem Präsentierteller.
+
+Kanaillen –
+
+Deutschland über alles –
+
+Hurra! ...
+
+Kein Zweifel: diese Herren wollen – das Wohl der Volksgemeinschaft
+scharf im treudeutschen Auge – alle nur das Beste.
+
+Und da verschwindet eben so ein großer Schieber der Weltgeschichte, die
+Aktentasche mit genialen Spekulationsprojekten unter dem Arm, im Auto;
+vierzehn Stunden jeden Tag ist er zu Konferenzen unterwegs, und jetzt,
+spät schon über Mitternacht, noch mit einem ausländischen Vertreter eine
+Verhandlung –
+
+Und hier der Reichstag: eine stürmische Sitzung zwar: aber wirklich nur
+ein ganz bösartiger kann da bei der Betrachtung dieser Ehrwürdigen, von
+Volkes Gnaden Gesalbten, auf den Gedanken kommen: Schafstall ... Das
+Schicksal des Volkes wird hier entschieden: darum, bist du katholisch:
+bekreuzige dich! ...
+
+Blechmusik, Trommeln, Pauken, ein gellendes Trara – Bajonett
+aufgepflanzt! Andacht! Bravo, die Reichswehr! Prächtige Jungens, hieb-
+und stichfest ... Verwendbar zwar vorerst, aber das ist ja grad kein
+Nationalunglück, nur im Bürgerkrieg. Da kann man sich denn auch nicht
+wundern, daß die Sympathie breitester Volkskreise auf ihrer Seite ist,
+besonders, na besonders, wenn man den Kommunisten dort als Gegenstück
+betrachtet: unordentlich, die Hose in Fetzen, kein Hemd, nur ein
+blutbeflecktes Wollsweater, tief in seiner Kellerwohnung, wie er dort
+bei Kerzenlicht an seinem Schraubstock Handgranaten aus alten
+Konservenbüchsen fabriziert, und man außerdem noch gerade zufällig
+mitanzusehen freundlicherweise Gelegenheit nimmt, wie eben ein anderer
+Genosse mit gewichtiger Miene, durch eine Geheimfalltüre natürlich,
+eintritt, und ihm dann glückstrahlend eine Handvoll Cholerabazillen
+überreicht ... Nach dieser gewitterschwangeren Stimmung strahlt selbst
+der im Kreis seiner Opfer extra für das verehrte Publikum
+photographierte berühmte Massenmörder heiter wie ein Sommertag ...
+
+Und nun noch zum Schluß:
+
+Badeszene am Lido: bewimpelte Strandflächen, neueste Badetoiletten,
+blitzende Meerwellen – –
+
+Alles blökt, grunzt, summt –
+
+Auch die Begleitmusik schwellend-weich, ein gemütvolles Tonsofa –
+
+Gottseidank!
+
+Großes Welt-Wettschnarchen.
+
+Es wird wieder behaglich ...
+
+
+ IV
+
+
+ Das „Jenseits“-Panorama
+
+So beschaffen ist nun eben einmal die Welt:
+
+Da sitzen sie also nach wie vor hoch oben auf dem Palmengarten des
+himmlischen Wolkenkratzers, von ihren eigenen parfümierten Ausdünstungen
+umfächelt: die Kaiser und die Könige, die Propheten und die Erzväter mit
+goldenen und mit elfenbeinernen Szeptern und mit anderen demagogischen
+Zauberstäben bewaffnet, und um sie herum, vielfach in sich gestapelt,
+die Geschlechter der Menschheitshyänen, der gottwohlgefälligen
+Menschheitsgeißeln und Zuchtruten: Finanzoligarchen, je nach den
+Extraprofiten der Rang, Admirale, Minister, Generale, in blendenden,
+ordensüberklirrten Uniformen, Federbusch, Zylinder, Stahlhelm, und die
+violett vom Ewigkeitsatem angehauchten Pfäfflein klappern, teils
+inbrünstig schielend, teils mürrisch geifernd ihre Gebete, und er, der
+Herr dieser aller, blinzelt und schmunzelt, und saugt, wohl ein wenig zu
+wollüstig schlürfend, die narkotischen Düfte des Weihrauchs ein und
+räkelt sich, daß der ewigkeitsschwangere Leib beinahe aus dem Leim
+kracht, auf seinem himmlischen Plüschsofa ... Die berühmtesten
+Medizinmänner Europas aber betreuen ihn. Naht mit einer Zeitenwende eine
+Ohnmacht dem Schöpfer der Welt: da läuten gellend und wimmernd die
+unsichtbaren Sturmglocken des Himmels, mit Strömen von wunderwirkendem
+Digitalis durchpumpt man das göttliche Herz ... So hatte er sich schon
+einigemale wieder erholt. Nach erfolgter Genesung huldigten ihm die
+Heerscharen bei der Himmelsparade. Die Antennen auf dem
+Himmelssanatorium wisperten. Radio-Glückwünsche rieselten herein ins
+Operationsprunkgemach aus allen Ecken der diesseitigen und jenseitigen
+Welt. Nie sangen so innig wie damals die Chöre der Heiligen das
+Halleluja, versammelt mitten im Raum auf einer schwebenden Plattform.
+Auch die purpurn glühende Abendwolke weinte vor Rührung. Es lächelten
+selig verzückt die Friedenspalmwedel und die in ihrer Einfalt kindisch
+naiv psalmenstammelnden Weihwasserpinsel. Delegierte erschienen zur
+Audienz aus allen Himmelsbetrieben –
+
+Diplomaten rutschen heran auf herrlich gepolsterten Klubsesseln, die
+Oberengel spielen jetzt Skat, einer der im diesseitigen Jammertal
+erfolgreichsten Henker bereitet die allabendliche Fußwaschung.
+
+Wieder ein Zug: Epauletten-Helden, die Dirigenten des
+Riesenflugzeugbombenwerfer-Orchesters, die Generalfeldmarschalle der
+Trusts, und preisgekrönt mit den Ordensauszeichnungen aller Erdteile,
+das größte Schmarotzergenie dieser Zeit. Konzern-Päpste.
+Kartell-Kardinäle. Syndikat-Kommandeure ...
+
+Etwas abseits, die auserwählten Vertretungen der Arbeiteraristokraten
+und kleinbürgerlicher Emporkömmlinge, in leichtgeschürzten
+Batikgewändern, die Riesenplattfüße in blumenbestickten Wollpantoffeln,
+sie schmauchen blaudunstig die Ewigkeit an aus spiralig gewundenen
+Tabakspfeifen.
+
+Hier ist der Boden schlüpfrig von lakaienhaftem Gesabber.
+
+Sie krampfen sich noch jetzt hysterisch jauchzend zusammen bei der
+Erinnerung an die mancherlei unseligen Taten jener Abtrünnigen,
+Kommunisten geheißen, und sie versichern sich immer wieder gegenseitig,
+voll pathetischen Ernstes, Sprechchor gegen Sprechchor:
+
+„Wir sind doch allzumal zahme Haustiere ...“
+
+Ein donnerähnliches Geblöke erfüllt in dieser Gegend des Paradieses die
+siebenmal siebentausendfach echoenden sphärischen Himmel.
+
+Richter, mit den aus den Fetzen der Todesurteile bunt zusammengestückten
+Talaren; Korpsstudenten, die prominentesten Angehörigen
+der Studentengarden, jedem die Anzahl seiner Morde an der
+Arbeiterbevölkerung am Steiß aufnummeriert; berühmte
+Faschistenhäuptlinge, Polizeispitzel und Meuchelmörder. Hier auch
+Naturapostel und jene sonderbaren Heiligen, die die Ankunft des jüngsten
+Tages auf Erden predigten, die prophezeien und weissagen konnten aus
+ihren Exkrementen.
+
+Da –
+
+Wie Heuschreckenschwärme ... Ein schwarzes Flügelschlagen: so stürzt es
+sich heraus aus dem goldenen Lichtloch der Ewigkeit ...
+
+Und die Maitressen der Reichen und Uebersatten schweben vorüber, in der
+neuesten Mode, pedikürt, manikürt, ein jedes Zeitalter, ein jedes Land
+strömt seinen besonderen, gottlobpreisenden Wohlgeruch ... Tipptopp.
+Totschick. Geschminkt, gesalbt, gepudert. Die Haare frisiert wie
+Stukkatur. Fressen in die modrig duftenden Fratzen linienscharf
+hineinziseliert ...
+
+Maler aller Zeiten haben ihnen leuchtende Glorienkringel aufgemalt, auf
+die Hinterbacken Sprüche tätowiert. Schenkel aus Brokat, fließende
+Gebeine; Dicke wie zentnerschwere Fleischsäcke, Spindeldürre wie
+Drahtfigürchen, bunte Kreuzchen statt der Brustwarzen ...
+
+Da verstummen augenblicks die heiligen Reden und die Gespräche und die
+Gesänge – alles strömt herab von den Tribünen und eilt nach den
+Marmordampfbädern und Massagezellen, Knutsch-Dielen und Lustgemächern –
+und der gesamte überirdische Chor ist ein einziges wollüstiges
+Zungenschnalzen. Aller Nasenflügel schnuppern ...
+
+Halleluja!
+
+Andere Choräle tönen schon an, von Jazzband und Niggertrommeln
+begleitet, mit absonderlichen Zynismen und Zoten vermischt ...
+
+
+ Der Blick von unten
+
+Und tief unten die Völker der Bauern und die Völker der Arbeiter, im
+Schweiß ihres Angesichts vollbringen sie ihr Tagwerk: zur Ehre Gottes,
+zur Ehre der Menschheit, zur Ehre ihres Vaterlandes ... Brot, Fleisch,
+alle Nahrung, alle Kleidung: das alles hebt aufwärts sich wie auf
+automatischen Fahrstühlen, dort breitet sichs aus in den Kammern der
+Vornehmen, in den Küchen der Reichen – und ach, was vom Tische des Herrn
+abfällt: es ist ein dürftiger, ein nur allzu dürftiger Brosamen ...
+Ach, und sieh doch: gibts nicht unter den Christen so viele
+Wohltäter der Menschheit, sie gründen Kinderbewahranstalten und
+Sparkassen-Bibelvereine und veranstalten so seelenstärkende
+Gefallenenfeiern und Heldengedenkfeste, Stierkämpfe und Boxkämpfe,
+Fußballmeetings und Baseballwettspiele, Tennisturniere, Autowettfahrten,
+internationale Pferderennen, und lassen Messen lesen zum Besten der noch
+kümmerlich Lebenden und zum Heil der Seelen der glücklicherweise schon
+Verstorbenen, und auch die Kirche, die alleinseligmachende, sie hat ihr
+Teil daran, Sündenablaß gibts, Generalabsolution, richtig deine
+kümmernisbeladene Seele auskotzen kannst du bei der Beichte, und wenn du
+nur schön brav wedelst, hie und da auch mal Almosen; Museen werden
+gebaut, mit den farbenprächtigsten Gemälden darin, Eintritt frei,
+Bibliotheken eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in Saffian,
+Bibeln auf Zanderbütten und solche billig wie ein Ei zum täglichen
+Hausgebrauch ... Und Gefängnisse sind da für die Atheisten und
+Uebeltäter und ganz natürlicherweise für alle die, die der himmlischen
+Weltordnung sich einfach nicht fügen wollen, und eine moderne
+elektrische Hinrichtungsmaschine; unterirdisch, schön unsichtbar sind
+dran die Kabel, und bequem mit Leder gepolstert Arm- und Rückenlehne,
+beinahe wie ein gotischer Großväterstuhl: das aber nur für die
+Ewig-Rückfälligen oder völlig Unbekehrbaren; denn Strafe, Buße und
+Abschreckung bei humanem Strafvollzug zwar muß sein; Ruhe und Ordnung:
+so will es der Allerhöchste Gerechtsame, wie es geschrieben steht im
+Buch, Seite X, Seite Z bis Y, und auch der Soldat tut in diesem
+wunderlichen Weltwerk seine Pflicht: ihm ist das kalte Eisen in die Hand
+gegeben, er soll es führen ohne Scheu, er soll dem Feind das Bajonett
+zwischen die Rippen rennen, er soll sein Gewehr auf ihre Schädel
+schmettern, das ist sein heiliger Beruf, das ist sein Gottesdienst.
+
+Und so ist demnach es unausbleiblich:
+
+„Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre, die Massengräber der Tiefe stinken
+sein Lob, überall, allüberall ist eitel Glück und Friede und Freude und
+Segen, und auch die Erde trieft vor Wonne, ist voll davon.“
+
+Das ist das Werk der Schöpfung.
+
+Und siehe da:
+
+Wie wir gesehen haben und wie wir es an uns erlebt haben, Tag für Tag:
+
+Es war gut, nur allzu gut so. –
+
+
+ V
+
+Der Ausweg aus diesem Menschheits-Irrgarten!?
+
+Breit und wunderbar eben angelegt, asphalt-glatt, mit Phrasen von
+Menschheitstum gepolstert, mit allen Bürgertugenden gepflastert, auf
+Viadukten über die abgründigsten aller Abgründe scheinbar schwebend
+gespannt, oft mit bengalischen Fackeln phantastisch, märchenhaft
+erleuchtet: das ist der Weg, der immer tiefer, gleichsam zwangshaft
+hineinführt ins Labyrinth, ins völlig Ausweglose.
+
+Offizielle Wegweiser sind angebracht, wie:
+
+„Hier Rettung aus der Not!“
+
+„Der richtige Weg!“
+
+„Pfad der Hoffnung!“
+
+„Hier: Weg des Fingerzeigs Gottes aus dem Tal der Verdammnis!“
+
+Auch antike, togaumhüllte Göttergestalten sind links und rechts, diesem
+heiteren Lebenskorso entlang aufgestellt, bronzene Reiterdenkmäler,
+Siegessäulen, marmorne Kriegergedächtnishallen, und feierlich bewegen
+sich daher, auf hohen Kothurnen stelzend, die Heldengestalten der
+vergangenen Geschichte, berühmte Sprüche orakelnd, manche mit Dreispitz
+oder in Ritterrüstung, Friedrich der Große, der Große Kurfürst.
+
+„Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“
+
+Oder:
+
+„Wenn auf unseren verödeten Exerzierplätzen wieder die Schritte
+preußischer Grenadiere hallen, dann gehts mit uns aufwärts!“
+
+Auch für Musik ist auf dieser Wanderung hinreichend gesorgt, für Tanz,
+für Poesie, für Bildung. In den kargen Ruhestunden wirst du ausgiebig
+mit den erhabensten Gedanken gratis gefüttert, Denk-Automaten schnurren,
+es wird für dich gedacht, auf diese Weise wird ein schreckliches Unglück
+verhütet, nämlich: daß du selbst zu denken etwa gezwungen wirst. Und
+würde solch ein Unglück unvorhergesehenerweise gar massenhaft auftreten,
+keine Epidemie käme dem an Gemeingefährlichkeit gleich, es wäre das
+Chaos, so ein Zustand wäre für die moderne Gesellschaft unertragbar. So
+schmilzt auch die Stimme des berühmten Professors der Gesellschaftskunde
+herab vom staatlichen Universitätskatheder: „Klassenversöhnung!
+Volksgemeinschaft! Rückkehr zum Gottesglauben!“ ... Oder ein anderer,
+seine Brust wölbt sich unter einem Taifun von sogenannter
+Vaterlandsbegeisterung: „Der heiligste Beruf der deutschen
+Arbeiterklasse ist, die deutsche Wirtschaft für alle Verluste, die sie
+im Weltkrieg erlitten hat, schadlos zu halten ...“ Und flugs werden
+Menschenleben und verlorene Landstriche in Arbeitsstunden umgerechnet,
+die der deutsche Kuli nun als Ueberstunden hereinzuschuften hat ... Und
+die ganze Luft ist erfüllt wie bei einer mittelalterlichen Hexenorgie
+mit Idealen, Idolen, Phantomen.
+
+ * * * * *
+
+Das also ist ein eiliges Gekrabbel mit zugehaltenen Ohren,
+verkleisterten Augen, verkniffenen Mündern; kopfüber drängt und zwängt
+sich alles, einer schiebt den andern, rücksichtslos gebraucht man den
+mit einem Eisenstachel noch besonders wirksam bewaffneten Ellenbogen,
+und alles mischt sich freudig erregt hinein in die Verwesung; alles
+maskiert, es ist wie bei einem Karneval; alles wird breiig,
+verschwommen, die Umrisse enträndern sich, nun fliegen die Menschen
+dahin als Schemen, nebelhaft, mit Fangarmen, künstlichen Rüsseln,
+unnatürlich sich überwuchernden Gebissen, vergespenstert: mit
+Scheuklappen vor den links und rechts sich ruckhaft-mechanisch
+aufgipfelnden Schädelpyramiden: ein Staatsmann zeigt einen neuen Bluff,
+alle klatschten hypnotisiert ekstatischen Beifall, „spontan“,
+„frenetisch“ wie es im Zeitungsbericht heißt, durch einen Gaunertrick
+zeugt man unter geheimnisvollen Beschwörungsformeln ein neues
+polypenartiges Gebilde, den Völkerbund; da heben plötzlich alle die
+Sektgläser, kreischen „Prost Neujahr!“ fallen sich gegenseitig in die
+Arme vor Entzücken, würgen sich und beißen sich aber gleich darauf die
+Gurgeln durch, und die Glocken läuten dazu noch ganz ernsthaft „Friede
+auf Erden!“ Sektierer aller Arten nun schwärmen heran, spleenige Käuze,
+Prediger, von denen ein jeder eigensinnigst darauf erpicht ist, auf
+seine nur ihm allein eigene und geschäftstüchtig natürlich patentierte,
+höchst originelle Weise in den Untergang zu stolpern; Pazifisten, mit
+Palmenschweifen wedelnd, auf allen Vieren hopsend vor dem von ihnen
+mitgetragenen imaginären Standbild des von ihnen nie zu verwirklichenden
+Weltfriedens; geschäftig verhandeln sie unter sich die gegen jedes
+Blutbad garantiert imprägnierten Schutzmäntel ... O Prozession des
+Todes! ... Und Strenggläubige noch, den Bedürfnissen eines modernen
+Zeitalters nicht unbegabt angepaßt: auf fahrenden, in einem
+eindrucksvollen Hundertkilometertempo angleitenden, elektrisch
+betriebenen Betstühlen ... Lachsalven: ein irrsinniges Grinsen ... Und
+das alles mit „Hoppsassa! Heisassa!“ immer tiefer hinein in einen
+riesigen Pfuhl, mit blut- und kottriefenden Masken.
+
+ * * * * *
+
+Mit Gebälken, Barrikaden und Schranken aller Art aber verrammelt ist der
+Weg, der aus dieser Marter-Höhle herausführt.
+
+Mit Stacheldrahtverhauen von den Herrn dieser Erde abgesperrt,
+unterminiert, durchtupft mit Wolfsgruben, von Schützengräben durchquert,
+von Schlingen und Fallen umstellt, und mit einer Riesenwarnungstafel
+gütigst versehen:
+
+„Wer weitergeht, wird erschossen!“
+
+Polizeitruppen, schweißtriefend, rasen in Lastwagen auf und nieder,
+angaloppieren schneidig die berittenen Hundertschaften „zur besonderen
+Verwendung“, die Gummiknüppel flitzen, Säbelschneiden ziehen durch, die
+Gewehrkolbenschläge dröhnen dumpf, Bajonettspitzen zucken, Schüsse
+knacken ... und Panzerwagen, aus allen Luken beinahe lautlos Feuer
+speiend, kriechen wie stahlhäutige Riesenkäfer hervor aus den zu Forts
+ausgebauten Regierungsvierteln. Gasgranaten, Bomben; Maschinengewehre
+knattern oben aus Flugzeugen.
+
+Haufen Erschossener.
+
+Haufen lebenslänglich in Zuchthäusern an die Mauern Geketteter.
+
+Millionen: das Lebensmark ausgesogen von übermenschlichen Entsagungen.
+
+Ein Haufen zum Tode Verurteilter: wie groß und unendlich ruhig stehen
+sie an der Wand –
+
+Millionen namenloser Märtyrer:
+
+Und sie halten sich unverrückbar im Herzen eines jeden Lebenden fest, im
+Kampf den Kämpfern ein gerades Richtzeichen.
+
+ * * * * *
+
+Und aufrecht schreitet diesen Weg trotzdem und trotz alledem ein Zug:
+rußgeschwärzte Gestalten, beinahe nackt, singend, unter einer großen
+roten Wolke als Fahne ...
+
+Ihre Schritte klirren, klirren wie Hämmer im Takt ...
+
+Kein Schönredner ist da, der die Gehirne dieser Männer auslaugt mit
+Schwatz und mit Flausen ...
+
+Rhythmisch, hart schwingend, als ob die Straße selbst marschiert, ist
+es. Die Lebendigkeit, das Leben, die Erde, die Welt selbst ist hier in
+Bewegung; die Erdkugel rollt, das Sonnenfeuer dreht sich, das Firmament
+zieht glanzstark auf und nieder, die ganze Natur, alle Kreatur: alles
+marschiert, alles singt hier, triumphierend und kühn, das:
+
+„Vorwärts!“
+
+ * * * * *
+
+Ein Kommando ertönt.
+
+Ist es der Sturm selbst, der menschliche Sprache gewonnen hat; das Meer,
+das aufgewühlte Meer, das schreit, schreit und tief hinten am Horizont
+hochpeitscht, der in Millionen Flammensplitter zerspringt!?
+
+Ein Kommando –
+
+Stürzen die Gräber herauf, stülpt sich der Weltraum wie ein sphärische
+Glasglocke um ... und die Pflastersteine würfelts dahin wie kantige
+Granitschädel – – –
+
+Wie Lehm ist die Haut des Menschen, alles Blut zieht sich bis ins
+Innerste des Herz-Kerns zurück – – –
+
+Und die Arme renkt es weit aus dem Körper hervor, die Fäuste hängen
+schon wie rotierende Eisenkugeln dran an den muskelschwellenden Gelenken
+...
+
+Ein Kommando –
+
+Und widerhallen die Stimmen der Wurzeln in der Tiefe ...
+
+– – –
+
+Und dies Kommandowort, das die Geschichte den werktätigen Massen aller
+Länder zuruft, heißt:
+
+Klassenkrieg! –
+
+
+ VI
+
+Keiner ist so blind, daß er letzten Endes nicht doch noch sehend werden
+könnte. Auch die Verblendetsten sind nicht verloren.
+
+Die gepanzerte Faust der Geschichte meißelt auch die verstocktesten
+Schädel noch auf.
+
+Auch hier rinnen, über und über verschüttet, Quellen unheimlicher Rache,
+Quellen lebensspendender Kraft.
+
+Ein magnetischer Streif donnert dahin der Rote Strom.
+
+Wenn er durch die Städte treibt: die Städte brechen auf, die Fabriken
+ziehen mit, die Werften hämmern sich herein, die Schiffssirenen
+aufruhrtrillern, die Krane neigen sich, die Ufer bröckeln: der Strom,
+der Strom: uferlos, immer uferloser wird er ...
+
+Was ist dieser Strom anderes als befreiungsschmetternd aus den alten
+Welträumen sich ergießendes, alle Dämme niederreißendes,
+jahrtausendelang gemartertes Herzblut!?
+
+– – –
+
+Schlag um Schlag in ihr Angesicht:
+
+Auch die Kleinbürger werden eines Tages noch gezwungen werden, ihrem
+Feind ins Auge zu sehen.
+
+Herunter mit den Scheuklappen, aus ists mit dem Sichherumdrücken, Schluß
+mit jedem Dem-Kampf-Ausweichen, Farbe bekennen heißt es, Brust an Brust,
+Brust an Brust gekettet: so beginnt auch hier das Ringen um die
+Entscheidung ...
+
+Langsam, zögernd, mißtrauisch rücken die Kleinbürger in die
+proletarische Front ein: mancher auch im letzten Augenblick noch bereit,
+seine Kameraden, seine Mitkämpfer, sich selbst zu verraten.
+
+Aber die Erde kracht, die Risse reißen immer tiefer sich ein, und sie,
+die Erde, sie ist mit keiner noch so ausgeklügelten Phrase auf die Dauer
+mehr ganz zu leimen.
+
+Der Kleinbürger kann sich vorerst sein Vaterland bis in alle Ewigkeit
+hinein nur schwarzweißrot vorstellen.
+
+Es wird nicht schwarzweißrot sein.
+
+Es wird nicht schwarzrotgold sein.
+
+Es wird rot sein.
+
+Die Kleinbürger täten klug daran, sich beizeiten damit abzufinden.
+
+– – –
+
+Die Welt wird unser sein. –
+
+
+ VII
+
+Klassenkrieg –
+
+Ich habe nicht ein Jahr, nicht zwei, nicht drei Jahre – ich habe zehn
+Jahre lang gebraucht, um dieses Wort auszusprechen.
+
+Von Angesicht zu Angesicht habe ich dieses Wort geschaut; ich war allein
+mit ihm, so allein, wie nur ein Mensch mit sich selbst sein kann ...
+
+Stirnfetzen, Gerippe, Gerippsplitter; abgerissene bluttriefende
+Fleischstücke von Menschenwangen; niedergestampfte Säuglinge,
+Gehirnmasse, die aus einer von Gewehrkolben aufgehauenen Schädelnuß
+quillt; Mütter, flach an die Mauern gequetscht von dem Luftdruck einer
+Fliegerbombe; milchiges verflocktes Augenweiß; eingeknetet das alles zu
+einem grobknochigen zementfarbenen Brei oder wie seifige Lauge oder
+Mörtel, schon flüssiger geworden; Hautknäuel, Fleischknollen,
+Menschenkadaver, stinkender wie Exkremente; Torsos des Grauens,
+widerlichste Skelettfragmente ... Transport an Transport der zur
+Hinrichtung Abgeführten ... O, ich habe auch die Stellungen studiert,
+und nicht nur studiert!, dieses Zucken in den Mundwinkeln, die
+unendliche klumpige Gliederschwere, der ganze Mensch bis in die letzte
+Nervenfaser hinein elektrisch knisternd gespannt und qualgeprägt: all
+derer, die, zum Tod verurteilt, vor der Gewehrlinie knieen ... Ich weiß,
+was es heißt, die Schlinge im Genick und zehn Sekunden noch sind es, o
+diese ganz unfaßbaren, zeitlosen, weltweiten Sekunden!, zehn Sekunden
+noch bis zum Weggezogenwerden des Schemels unter deinen Füßen, und dann,
+dann der erste Augenblick des Freischwebens am Strang – –
+
+Ich kenne wirklich auswendig das ABC des Kriegs, den menschlichen
+Elementarunterricht des Kriegs sozusagen, denn das Vergessenkönnen war
+nicht meine Tugend. Heilig ist mir auch heute noch jeder Tropfen
+Herzblut – und eben darum, und eben darum, weil ich nicht müde werden
+kann zu klagen: o Mensch, du kümmerlicher, du elend dich im rohesten
+Daseinskampf krümmender, du armseliger Wurm.
+
+Klassenkrieg. –
+
+Ich habe dieses Wort niedergehalten, trotzdem und trotz alledem, in mir:
+lange genug war ich bereit, die verruchte Grimasse dieser Welt mit
+schönen Illusionen zu umkränzen. Ich brachte es einfach nicht über mich,
+das auszusprechen, was ist. Das zu tun, was nottut ...
+
+Klassenkrieg ...
+
+Ich werde heute die Zähne zusammenbeißen und, wenn der Ekel mich würgt,
+mit einem kräftigen Fluch dreinspucken –
+
+Klassenkrieg. –
+
+Es geht nicht anders.
+
+Darüber kommt man nur mit Schwindel hinweg ...
+
+Ich habe nun alle Möglichkeiten, nicht nur in meinem Gehirn, sondern
+auch in meinem Blut durchprüft. Erlebnis an Erlebnis durchkontrolliert,
+Erfahrung durch Erfahrung. Es sickerte hindurch durch die vielen Jahre
+wie durch einen Filter.
+
+Bitter zwar und herb, aber die lauterste, durch kein Surrogat künstlich
+verputzte Wahrheit: das ist das Grundresultat, der Extrakt.
+
+„Bitte schön“, nun werden wir sagen, „Bitte schön, meine Herrschaften,
+Essenz gefällig!?“ Denn wir sind weder ein Kuriositäten-Kabinett noch
+ein Album, darin man abstrakte Lebensweisheit sammelt ...
+
+Ich habe die Welt gründlich ausgeschmeckt. Nie und nirgends begnügte ich
+mich nur mit einer Kostprobe. Ich habe alle Menschenarten dieser Welt
+geschmeckt ...
+
+Und ich komme heim von meiner Irrfahrt, still, sehr still geworden, ohne
+große Worte. Mein eigenes innerstes Wesen empfängt mich, mich umarmend,
+wie eine Mutter, bei meiner Heimkehr. Weiter: entdecke! erobere! Und ich
+reihe mich vorbehaltlos der proletarischen Front ein. Alles, was ist,
+alles, was je gewesen war, alle Erwägungen, die ich anstelle darüber,
+was je einst noch sein wird: alles Vergangene, Zukünftige, Gegenwärtige
+drängt mich schlicht, völlig naturgemäß zu dieser Entscheidung.
+
+Sie hat mich organisch zersetzt, dann war es plötzlich abrupt,
+sprunghaft – und die Entscheidung war, lange bevor ich es eigentlich
+selbst bemerkte, gefallen ...
+
+Klassenkrieg ...
+
+Rache juckt mich nicht.
+
+Auch sachlich, kühl wie ein Stein kann ich sein. Nüchtern, wie nur der
+Nüchternsten einer, den Weltgang betrachten. Ich bin heute von keinem
+Fasching der Illusionen mehr gefoppt.
+
+So sehe ich das unausweichbare Gegeneinandervorrücken, das
+Gegeneinander-mit-den-Spitzen-Zusammenstoßen, das explosionsartig
+Gegeneinander-Aufprallen zweier Welten, zweier Weltgruppen, zweier
+Weltgewalten, und in der Weltmulde offen lagernd das gewaltigste Dynamit
+unseres Zeitalters:
+
+Der Klassen-Widerstreit. –
+
+ * * * * *
+
+Und ihr?
+
+Ihr versucht den Klassenkampf hinwegzudekretieren. „Volksgemeinschaft“
+phrasendrischts heraus aus dem Programm der Volksverbrecher: ihr
+versucht dadurch die Einheitlichkeit eueres Weltbilds zu retten, o du
+hochgepriesene Einheit, die du doch nur, immer offenkundiger, eine
+Einheit unauflösbarer Widersprüche bist! O jämmerlich-hilfloseste
+Versuche ihr engstirniger, kurzsichtiger Kretins!
+
+O ihr oft gar so honigsüß den Weltfrieden anlispelnden
+Verbrecher-Hochstapler und Narren!
+
+Jede Unterdrückungsmaßnahme von euerer Seite her muß, vielleicht
+zähneknirschend erkennt ihrs, muß, muß nur unsere Waffen schärfen. Wir
+wetzen uns blank an euch wie an einem Schleifstein. Und der Griff, mit
+dem nach unserer Gurgel ihr euch streckt: damit reißt automatisch den
+Todesstoß ihr euch selbst in euere Herzmitte.
+
+Ja, und die schlimmsten Fehler, die zu begehen wir überhaupt nur fähig
+sind, o wieviel unendlich mal richtiger sind sie, von der Perspektive
+der Geschichte der Menschheitsentwicklung aus gesehen, als euere
+lauterste Wahrheit! –
+
+– – –
+
+So singe ich hin im Kampf zweier Welten, ein stählerngefittichtes
+Schlachtlied, in Riesenschleifen kreisend über der Revolutions-Aera.
+
+Zetert „Hilfe!“, Bürger! Kläfft „Jesus, Maria!“ und „Mordio!“
+
+Jammert! Heuchelt! Heult!
+
+Plärrt euch unseretwegen, wenn es sein muß, die Hosen voll!
+
+Fabelt von Bürgerkriegsgreueln, Vergewaltigung, Terror,
+Geiselfüsilladen, bestialischen Grausamkeiten – aufrichtig sicherlich
+meint ihrs, ihr zivilisierten Kannibalen-Geschlechter!
+
+Phantasiert nur des nachts im Traum vom Geschröpftwerden, von
+Barrikaden, von euch umschwirrenden Feuergarben und Bajonettstichen!
+
+O welche Leichenbittermienen! O welch eine Krätze rumort in euerem
+Gehirn! ... Kickeriki ... Ja, ja, der Hahn kräht ... O ihr gütigen
+Visionen, Halluzinationen aller Bornierten!
+
+Schmarotzer-Kulturphilister!
+
+Bei heruntergelassenen Jalousien, bei abgeblendetem traumweichen Licht:
+so hockt ihr in eueren Luxusprachtappartements, nichtsdestoweniger aber
+sind es die Abfallgruben, die Parasitennester der lebendigen Geschichte.
+Aesthetisch vermodernd, trotz euerer Schönheits- und Gesundheitskuren in
+warmen Milch- und künstlichen Höhensonnenbädern!
+
+O ihr Treibhausgewächse, von Generation zu Generation übernommen, wie
+mit Watte mit ausgesuchtesten Daseinsbedingungen sorgfältig umwickelt
+und mühsam am Leben erhätschelt! ...
+
+Packt den Ranzen euch auf mit Traktaten und Katechismen, stopft den
+Wanst euch voll, bis zum tödlichen Erbrechen voll, mit Bibelsprüchen! Du
+göttliches Gesindel, ihr Augenaufschlagkünstler, ihr zynischen, ihr
+virtuosen Schufte der Kirchen! Mästet fortab euch mit Reliquienresten
+und langweilt unseretwegen zutod euch im stillen Kämmerlein mit eueren
+albernen Sophistereien: Hände aber weg, ein für alle Mal, von all dem,
+was lebt, und von all dem, was nach Leben, Leben, lebendigem Leben
+stöhnt, was sich Leben erobern will!!!
+
+– – –
+
+Unter dem sausenden Gleiten der Transmissionsriemen beim Funkenspritzen
+der Schleifräder, beim Krach der Explosionen tief unten in den Schächten
+der Bergwerke –
+
+Wenn der Hobel flitzt, beim Knirschen der Stahlsäge, beim Staub der
+Eisenspäne –
+
+Gezeugt
+
+Inmitten des Pulverdampfs –
+
+In den unhygienischen gesundheitsmordenden Räumen der Granat- und der
+Phosphorfabriken –
+
+Beim Granatendrehen der Proletarierfrauen, der Proletarierkinder –
+
+Beim Kartoffelstehlen und auf den Heringspolonaisen –
+
+Beim tage- und nächtelangen Anstehn der Arbeiterfrauen vor den
+Lebensmittelgeschäften –
+
+Im verzweiflungsvollen Schluchzen von Millionen der ihrer Männer im
+imperialistischen Weltkrieg beraubten Arbeiterwitwen –
+
+Dort
+
+In der armseligen Proletenwohnung –
+
+Dort
+
+In Granattrichtern, in Schützengräben –
+
+Dort
+
+Im Geklapper der Prothesenglieder der demonstrierenden Kriegskrüppel auf
+den mit Luxusläden garnierten Hauptstraßen –
+
+Im Zug der Erwerbslosen,
+
+Im Beschluß „Generalstreik“,
+
+Im ersten Schuß des bewaffneten Aufstands –
+
+In der Salve des Exekutionskommandos, die die ersten roten Soldaten
+niederkracht –
+
+Großgezogen
+
+Mit Graupen und Grütze –
+
+Mit Hungertränen,
+
+Mit Tuberkeln,
+
+Mit Skrophulose,
+
+Mit Lebensangstschweiß –
+
+_So_
+
+_Steht die Neue Welt auf_ –
+
+_So_
+
+_Steht die Neue Geschichte_,
+
+_Die Zukunft_
+
+_Auf_ –
+
+Unfertig,
+
+Formlos,
+
+So wie es sein muß:
+
+Unter konvulsivischen Zuckungen,
+
+Schaum ohnmächtiger Rache noch um den Mund wie ein Epileptiker –
+
+Aber
+
+Es wird schon,
+
+Es formt sich schon,
+
+Hart, stahlhart gerinnen die Umrisse –
+
+Das Herz beginnt zu schlagen,
+
+Zu hämmern:
+
+Ein eiserner Takt –
+
+O welch ein wunderbares, der Sonne gleich Menschenwärme ausstrahlendes
+Herz –
+
+Hebel – Muskelstränge – Gelenke –
+
+Und
+
+Millionenfüßig ansteigend, kriechend, geduckt auf den Sprung lauernd,
+nun: wie eine Sturzwelle, nun – schreitend:
+
+Und die Revolution steht da
+
+Vor euch
+
+Unerbittlich,
+
+Ruhig – aus Millionen elektrisch blitzender Augen euch erspähend –
+
+Mit Millionen zangenartiger Arme euch umklammernd –
+
+Aufrecht,
+
+Mann gegen Mann – – –
+
+„Wie eine Lawine –“
+
+„Wie ein Orkan –“
+
+„Wie Lavamasse, die herein sich in eueren Weltraum wälzt – –“
+
+Leibhafte Gestalt!!!
+
+– – –
+
+Biedert euch an, ihr Hampelmänner der Geschichte mit Göttern, Heroen,
+Titanen, mit dem ganzen wertlosen Plunder und Seelen-Krimskrams der
+Vorzeit! ...
+
+Glotzt hinab in euch selbst, in den Abgrund des Nichts ...
+
+Purzelbaumschlagt, ihr metaphysischen Clowns!
+
+Auf! Ein Saltomortale ins Jenseits!
+
+Los!
+
+Auf zur Seelenwanderung!
+
+Produziert euch im Himmelszirkus mit Wesensschau!
+
+Heil euch, ihr Emigranten!
+
+Flugs, desertiert aus den Reihen des Diesseits!
+
+Die jenseitigen Geister verspüren Appetit nach euch. –
+
+
+ VIII
+
+Ihr lebendig wandelnden Marter-Maschinerien der Menschheit in
+menschenähnlicher Gestalt! Ihr großen allgewaltigen Saugpumpen! Ihr
+demokratischen Würg-Götter, ihr Knochenmühlen Gottes! Ihr allmächtig
+euch dünkenden Akteure der Weltgeschichte – –
+
+(– bis auf weiteres)
+
+Die Erde, die ganze Erde haltet umkrallt ihr mit eueren Gliedern,
+geheimnisvolle Riesenspinnen: euere Organe wachsen sich aus, euere
+Organe verlängern sich: euere Hände, euere Arme, euere Beine, euere
+Muskelbündel setzen sich fort: Eisengelenke, Riesendampfer,
+Dampf-Hämmer, Hebel, Krane, Räder, Maschinen, Werkzeuge! Euer Gehirn:
+ein allgewaltiges Verrechnungsinstitut. Fest steht ihr mit beiden Füßen,
+nein mit Millionen Füßen auf der Erde, verknüpft untereinander mit
+blitzenden Stahlschienenbändern die fernsten Weltteile, stopft voll, und
+das nennt ihr Kulturmission, mit euerem wertlosen Gerümpel jeden
+Weltwinkel. „Der Anfang sind wir“, so prahlt ihr großmäulig, „die Mitte
+und das Ende der Welt.“
+
+„Cäsarennaturen –“
+
+„Führen zurück wir nicht unseren geistigen Stammbaum auf die Schöpfer
+der Pyramiden –!?“
+
+Da marschieren sie heran, lakaienhaft grinsend, euere Angestelltenheere,
+es speichelt im Chor: „Respekt vor dem Kapitalismus! Respekt vor dem
+Ungeheuer! Respekt!“ –: Millionen Beamte, Techniker, Chemiker, Pfaffen,
+Aerzte, Lehrer, Professoren, Künstler; so fein säuberlich wie auf
+Emaille gemalt: Generäle als Trabanten. Eine Handbewegung von euch,
+Druck auf einen Signalknopf: und automatisch die Fabriken öffnen sich,
+und Hunderttausende von Erwerbslosen speit es hinaus aus dem zementenen
+Rachen auf die Straße; Menschenrudel überstürzen sich; das humpelt,
+kriecht, rast schon irrsinnig geworden auf den Arbeitsnachweis, von
+euch, ihr Auserwählten, die Gnade des Arbeitendürfens in Empfang zu
+nehmen. Mürrisch gewährt ihrs, wenn es euch in eueren räuberischen
+Produktionsplan paßt, wenn nicht – wieder ein Signal, und rasch
+verständigt ihr euch, das Militär sperrt ab – Handgranaten,
+Fliegerbomben, Maschinengewehrsalven als Begleitung – und Millionen laßt
+abschwenken ihr von der Straße des Lebens zum Marsch in die
+Hunger-Dschungel ...
+
+„Gewürm, Abfall, Dung der Geschichte –“
+
+Konstatiert ihr. _Der_ Geschichte, die euere Geschichte ist. Denn dort,
+wo die höchsten Schlote enden, dort ziehen sich hin euere Höhen, mit
+Prachtgärten und Villen bebaut, die modernen Götterwohnungen, die
+Königsschlösser unserer Zeit, unsichtbar gegen jeden Ansturm der
+Rebellen verbarrikadiert, und alles vom werktätigen Volk Geschaffene
+findet dort in euch seinen endgültigen sinnvollen Ausklang.
+
+„O ihr gütigen Spender des heiligen Lebens, wie danken wir euch! Den
+Lohn, den ihr uns auszahlt, welch ein kostbares Geschenk! ... Und
+kleiden wir uns auch in Lumpen, bewohnen wir auch Höhlen, und haben
+weder Speise noch Trank ... und wir Frauen und Kinder: man kann sich
+schon nirgends mehr anlehnen, so schmerzt es vor lauter Gerippe – – – o
+ihr, euer gütiges Lächeln ist unseren Wunden ein Balsam, und unser
+Vierzehnstundentag nichts weniger und nichts mehr als ein Gottesdienst
+–“
+
+ * * * * *
+
+Anders aber spricht die Wirklichkeit.
+
+Die Rußknäuel, die die Schächte ausatmen, ballen sich am Himmel zu einer
+schweren Wolke. Stöße brennenden Windes furchen das Land.
+
+Waggonweise nun laßt ausschütten ihr unter den Murrenden, unter den
+Todgeweihten die jedes Klassenbewußtsein mordende Korruption. Von euch
+gedungene Arbeiterführer spalten auftragsgemäß jede proletarische
+Kampforganisation. Verrat, Bestechung, Niedertracht ohne gleichen. Die
+Arbeiter selbst bekriegen sich. Unter dem Aushängeschild des
+Arbeiterwohls und der „Volkserneuerung“ gründen sich neue
+arbeiterversklavende Verbände. Mißtrauen gegen die bewährten
+revolutionären Führer: in jeder Herzfalte sprießt schon euere giftige
+Saat. Da wieder laßt ihr einen, freudig gewährend, einherstelzen im
+Prunkgewand anarchistischer Phrasen; andere wieder orakeln von
+Rednertribünen – und schmunzelnd kostet ihrs aus –: „Langsam voran, im
+Zickzack vorwärts!“ Und das instinktiv schon klar entschiedene
+Arbeitergehirn verwirrt sich, die Kampfkraft laugt sich aus, planlos
+verläuft die Aktion und uneinheitlich – und das Ende: ein blutiges
+Menschenknäuel.
+
+Denn rücksichtslos gebraucht ihr, wo das System der Korruption nicht
+mehr ausreicht, gegen die sich Empörenden euere schärfste Waffe: die
+Machtorganisation des Staates.
+
+ * * * * *
+
+Es marschiert aber, es marschiert, es marschiert.
+
+Die Straße selbst zu eueren Höhen hinan, ihr Unerreichbaren, bewegt
+sich.
+
+Der Hungertod marschiert, die Arbeitslosigkeit marschiert, es
+marschieren die Tuberkulose, die Syphilis, das Alkoholdelirium, die
+unhygienischen Wohnungsstätten der Arbeiterbevölkerung: schwer,
+schwerfällig, tappend, denn schwer nur kommt es noch in Bewegung. Und
+das Massengrab des imperialistischen Krieges marschiert, und Selbstmord
+und Lebensverzweiflung, und dahinterher wieder Skrophulose und
+fahrlässige Verstümmelung, und nebenan die Kolonialschmach und die
+amerikanische Lynchjustiz, die Todesstrafe marschiert, Gerichtsurteil an
+Gerichtsurteil, Millionen Jahre Zuchthaus und Gefängnisstrafen, die
+Kinderarbeit, die Herzensträgheit, die Gedankenzerrüttung ... eine
+riesige schmutzig-gelbe gallertartige Masse von Millionen von Menschen
+zerstörten Lebensglücks.
+
+Die Menschenunterdrückung, die Ausmergelung, die Unnatur, der brutale
+Daseinskampf marschiert.
+
+Es ist eine Sintflut der Daseinssinnlosigkeit, eine Sintflut des Nichts.
+
+Ist es Walhall, ist es der Olymp selbst, den ihr stürmen wollt!?
+
+Hoffährtig glotzend psalmensingen die Priester zum christlichen Himmel:
+aber schon schüttelt es wie Hagelkörner über die ganze Welt hin zu
+Stahlgeschossen geronnene Menschentränen ...
+
+Und –
+
+Ein Gesang marschiert.
+
+Die „Internationale“ marschiert ...
+
+ * * * * *
+
+Wie ruhig, wie unendlich ruhig stehen die sieben „Der Vorbereitung des
+bewaffneten Aufstandes“ angeklagten Revolutionäre vor ihren Richtern.
+
+Vier, fünf, zehn, zwölf, fünfzehn Jahre Zuchthaus.
+
+So lautet der Antrag des Staatsanwalts.
+
+Die Angeklagten haben das Schlußwort.
+
+„Wir haben jederzeit unser Ziel unumwunden zugegeben. Die Strafe, die
+Sie gegen mich beantragt haben, wenn das eine Strafe für meine
+kommunistische Gesinnung sein soll, nun gut. Für den Kommunismus setze
+ich alles ein.“
+
+„Für mich ist es einerlei, was der Gerichtshof beschließt. Ich habe bis
+jetzt mit meinen Genossen gelitten: ich bin bereit, wenn es sein muß,
+für meine Ueberzeugung weiter ins Gefängnis zu gehn.“
+
+„Ich habe für meine Ueberzeugung bisher im Gefängnis gesessen. Ich habe
+dafür meinen Beruf aufgeben müssen. Ich werde, wenn Sie es wollen,
+weiter zu leiden verstehn.“
+
+„Eine Gesellschaftsordnung, die Millionen ins tiefste Unglück
+hineingestoßen hat, ist nicht wert, weiter zu existieren. Ich habe im
+Gefängnis in die tiefsten Tiefen hineingeschaut. Wir werden es zu ändern
+verstehen. Sie werden mir mit dem Strafantrag einen Lorbeerkranz um mein
+Haupt legen, den ich gar nicht verdiene, denn ich bin ja nur ein
+einfacher Funktionär. Ich werde trotz alledem den Kopf hochtragen.“
+
+„Ich bin mir völlig klar darüber: der Leidensweg des Proletariats
+erfordert große Opfer. Ich bin es gewohnt, für den Kommunismus zu
+kämpfen und zu leiden. Ich werde auch weiter Opfer zu bringen verstehn.
+Aber das Bewußtsein habe ich und das macht uns alle stark: Zuletzt
+werden wir die Sieger sein und triumphieren über den Schmutz der
+heutigen bankrotten Gesellschaftsordnung.“
+
+Und auch die Jugend des revolutionären Proletariats meldet heroisch an
+ihre Stimme:
+
+„Ich bin stolz darauf, für meine Ueberzeugung vor Ihnen, hoher
+Gerichtshof, zu stehen. Ein großer Arbeiterführer hat uns einmal gesagt:
+wenn euere Altersgenossen ins Gasthaus und ins Tingeltangel gehen, so
+werdet ihr mit einem Lächeln ins Zuchthaus wandern. Nun, wenn sie mich
+ins Gefängnis schicken wollen, ich bin bereit, für den Kampf der Jugend
+meine ganze Person einzusetzen und werde stolz die Gefängniszelle auf
+mich nehmen.“
+
+„Wenn Sie mich verurteilen, nun gut, so werde ich dieses Lehrgeld
+zahlen. Ich glaube, es wird sich lohnen.“
+
+ * * * * *
+
+Was ist das für eine Ruhe!?
+
+Das ist die Ruhe des Schongesiegthabens, nur einen Schritt, nur einen
+kleinen Schritt noch ist die Geschichte zurück. Morgen, übermorgen: es
+kommt, es wird kommen, es muß kommen ... Der Kampf ist schon entschieden
+– und wenn du zur Bekräftigung des Sieges noch das Siegel deines Lebens
+drauf drücken mußt: so geschieht es ohne Zögern und voller Heiterkeit.
+
+Was ist das für eine Sprache!?
+
+Das ist eine Sprache, die gesprochen wird, bald laut, bald weniger laut,
+doch deutlich vernehmbar, bekennerisch, in allen Erdteilen. Das ist der
+Grundton einer neuen Weltsprache, der Sprache der Zukunft. Und jeder
+echte Dichter müßte sie sprechen.
+
+Ja, die Höhe der Strafe: das ist einer der Gradmesser der revolutionären
+Tüchtigkeit, einer der Gradmesser deiner Menschheitsverantwortlichkeit.
+Das „An die Wand“: das ist für den Revolutionär, wenn es schon sein muß,
+das aus seinem Herzblut mit Freuden gespritzte Blutsiegel unter die
+Botschaft: Einst kommen wird der Tag ...
+
+Denn –
+
+„Wer Kampf gegen den Bolschewismus beginnt, der sinkt immer tiefer und
+tiefer. Er wird Verbündeter von Monarchisten, Werkzeug von
+Imperialisten, dann Spion und Bandit. Auf diesem Weg gibt es kein Zurück
+mehr.“
+
+Mit diesem offenen Geständnis beschloß vor dem Roten Revolutionstribunal
+einer der unerbittlichsten Gegner des Sowjetsystems seinen verruchten
+Kampf gegen die Arbeiter- und Bauernrepublik: Sawinkow.
+
+Und so ist es. –
+
+
+ IX
+
+Aus diesen Fangarmen sich zu befreien, aus Fangarmen, die unsichtbar
+sind, die fließend sind, die wie ein millionenästiges Gezweig dein
+Denken und Fühlen durchzweigen, um so mehr, je mehr du vermeinst, ihrem
+eisernen Zugriff bereits dich entzogen zu haben; heraus aus allen
+Verkettungen und Verwindungen, denn wie ein Sperrfeuergürtel ist die Not
+der Zeit um die begrenzte Zone deines Daseins gelegt; heraus dich zu
+arbeiten, das Messer zwischen den Zähnen, aus all den tausendfachen
+Verstrickungen, Durchgarnungen, Hinterhältigkeiten und Unbewußtheiten:
+dazu ist die Kraft eines einzelnen Lebens nicht genug, und wäre sie noch
+so eine übermenschliche und gigantische. Aber du lebst dein Leben
+weiter. Lebst dein Leben weiter im Leben von Kämpfern, die um dich sind,
+die mit dir sind, im Leben von Kämpfer-Generationen, die nach dir kommen
+werden. Die besser kämpfen werden wie du, zielsicherer, konzentrierter,
+gerüsteter. Die eines Tages auch den Kampf zu Ende gekämpft haben
+werden, von dem es heißen wird:
+
+ * * * * *
+
+Er war der größte, er war der herrlichste, er war der an Niederlagen
+reichste: keiner war ihm gleich.
+
+Gekämpft habt ihr in Träumen; gekämpft habt ihr mit entzündenden Worten,
+mit Melodien; mit Wandzeichnungen, mit Debatten; mit euerer Atemzüge
+monotonen Rhythmen; mit jedem euerer Herztakte, hart, gehackt klopfend
+hindurch durch die stickicht qualmenden Fabrikräume: ihr lebendigen
+Arbeitsmaschinen!
+
+Lawinen von Menschenmassen schüttelt aus sich heraus die Erde. Lava von
+Menschenblut stampfte dampfend daher.
+
+Türme von Menschenleichen stiegen an aus der Tiefe. Massengräber
+schluckten, ein schlammiger Rachen, die Lichtfrucht der Sonne.
+
+Strang, Füsillade, elektrischer Hinrichtungsstuhl:
+
+Bis zur Neige geleert den Kelch der Bitternis!
+
+Nicht einen Tropfen nicht geschmeckten Leids schenkt euch die nach
+Menschenopfern lechzende Menschenerde!
+
+Schritt auf Schritt auf dem wie eine getretene Schlange sich windenden
+Weg siehst du, hereingebaut bis ins blaue Erz des Himmels,
+Schädelpyramiden.
+
+Blutquellen perlten. Blutbäche schossen. Blutströme rollten. Die
+Riesenorkane, mit den Flügeln des Hagels sie schlagend, furchten das
+Blutmeer.
+
+Wer seid ihr!?
+
+Kolonnen rußgeschwärzter Männer –
+
+Kolonnen der Arbeitskittel –
+
+Kolonnen der Genossen, der Leninisten-Kommunisten –
+
+Kolonnen der Genossinnen –
+
+Kolonnen der Jungkommunisten –
+
+Kolonnen der Parteilosen-Sympathisierenden –
+
+Proletariat.
+
+Menschheitsgranit.
+
+Zu Wellenbergen der Geschichte verwandelte Menschenmassen.
+
+Welt-Eroberer. –
+
+ * * * * *
+
+Es hingen nieder die Wälder von den Bergen wie schwarzes Geläute. Die
+Felsen donnerten hoch oben im Luftleeren.
+
+Keine Tafel faßt je die Namen der Helden, gefallen in der
+Riesenklassenschlacht.
+
+Die kommenden Geschlechter werden ein Instrument erfinden, die Namen der
+Helden und Kämpfer der ganzen Erde, die Schlachtäcker und Kampftaten
+alle gleichzeitig zu nennen: das dröhnt wie Gebläse einer
+millionenstimmigen Riesenorgel; alle Kreatur singt mit im Chor.
+
+Jeder Blick deiner Augen kämpft, jede Faser deines Herzens, jede
+Bewegung deiner Hand kämpft.
+
+Einer voraus!
+
+Einer in der Mitte.
+
+Einer ist der Anfang.
+
+Das Gewölb hallt wieder vom Refrain des ersten Tausends.
+
+Das zweite Tausend –
+
+Das dritte –
+
+Das vierte ...
+
+Das erste Hunderttausend –
+
+Schritt gefaßt! Schwenkt! Ausgeschwärmt –
+
+Massenprotest – Generalstreik – Massenaktion – Bewaffneter Aufstand – –
+–
+
+Und wie ein Fächer sich entfaltet –
+
+Sturmwellen wirft der hohe Triumphgang der Geschichte.
+
+Alles ist Kampf, ist Bewegung.
+
+Die Natur selbst trommelt den Kampftakt.
+
+– – – –
+
+„Wer ist das!?
+
+„Was ist das!?
+
+„Einfach ein Irrsinniger!?
+
+„Oder –?!
+
+ „Ein Projektil der Geschichte –
+ von nie dagewesener Sprengkraft!?“
+
+– – – –
+
+_Lenin_
+
+– – – –
+
+„Aus diesem Teig sind geknetet die Robespierres, die Marats – und sogar
+noch viel, viel Größere ...“
+
+– – – –
+
+Ihr stahlgepanzerten Großkampfmaschinen, rot bewimpelt, seid gegrüßt!
+
+Hinüber!
+
+Ruckend zuckt es hinweg schon über Gräben, angefüllt mit Stößen
+regenbogenfarbig schillernder Gasleichen.
+
+Stahl, Erz, Kohle, Kupfer, Metall, Wasser, Zement, das Gift, die Wurzeln
+der Tiefe, das zarteste Blümlein der Erde: nenn mir ein Ding, nenn mir
+ein Fleckchen im Weltraum, nenn ein Element mir, das heute nicht kämpft.
+
+Auch die Vögel, die Sonne, Stern, Wald, Meer, von Schwarz bis Purpur;
+Bergpfade und Gefälle:
+
+Alles jauchzt Kampfwillen. –
+
+ * * * * *
+
+Tausend Jahre oder darüber – ich zähl sie nicht –: aber ich höre
+deutlich das Siegeslied, gesungen von dem befreiten Welt-Volk,
+hereinschmettern in den Strudel der Klassenkampfzeit aus der alle
+Menschenzeitalter triumph-kühn überhöhenden Zukunft:
+
+ * * * * *
+
+„Genossen! Kampfscharen!
+
+„Seht, das ist das Leben, das ihr uns erkämpftet! Auf sonnenstarken
+Bergen: geflügelt überspringen wir Gipfel an Gipfel; wie auf einer
+Fläche gleiten wir hin auf dem Wind ...
+
+„Greift unsere Körper! Nicht nach der Zahl von Jahren mehr leben wir:
+wandelnde Fackeln des Lebens sind wir, genährt an dem ewigen
+unauslöschbaren allebendigen Lebensbrand ...
+
+„Herrschaftslos herrschen wir!
+
+„Begeisterungs-glühend, ein Menschen-Stern, zieht jeder Einzelne dahin
+über die Erdenbahn.
+
+„Was ists für Wärme, die in einer leuchtenden Woge, länderauf, länderab,
+meerauf, meerab bis hinüber über den Süd- und über den Nordpol wallt!?
+Nicht Golfstrom ists und nicht Samum: es ist unser neuer Sommer, es ist
+Wärme des Menschenherzens.
+
+„Was ists für ein schweigendes Gewittern im Raum, Takt an Takt; es wölbt
+sich, ein kristallisches Kuppelgefüge, strömt an, strömt an in
+Klangwellen, und wieder strahlt es sich auseinander in vielfarbigen
+Schwingungen!? Es ist die unermüdbare Schlagkraft des Menschenherzens.
+
+„Wie Wein schäumt über den Rand: so überquillt vor Fruchtbarkeit die
+Erde an den Horizonten. Das ist Menschen-Unsterblichkeit. Das ist
+Menschen-Kraft. –
+
+„Genossen! Kampfscharen!
+
+„Im fernsten Dunkel ruhen ungesprochen euere Sprachen. O ihr Brücken,
+geflochten aus Menschenleibern, hineingebaut in die Reiche des
+unerschöpfbaren Lebenslichts! ... Kameraden! Der Helden der Vorzeit
+gedenkt! Der von Menschen einst der Menschheit geschlagenen Wunden
+gedenkt!
+
+„Jauchzend gedenkt!“
+
+
+
+
+ 8. Kapitel.
+
+ Sowjet-Europa entgegen!
+
+
+ Prinzipielle Vorbemerkung zum letzten
+ Kapitel. – Kolonialwirren. – Die
+ Kriegsgaswolke am Horizont. – Arbeiter
+ bewaffnen sich. – Was bedeutet
+ (CHCl=CH)3As? – Die Farbstoff-Fabriken
+ rebellieren. – Das chemische
+ Kampfstoffarsenal der USA: Edgewood. –
+ Der Sturm bricht los! – Der Kern der
+ Sache. – Abgefangene Radios aus Amerika.
+ – Nachrichten aus aller Welt. – Japans
+ werktätige Massen brechen ihr
+ Sklavenjoch. – Sowjet-Rußland marschiert.
+ – Unsterbliche Opfer. – Sowjet-Europa
+ entgegen!
+
+
+ „Ein preußischer Monarch hat am Ende des
+ 18. Jahrhunderts einen klugen Satz
+ geprägt: „Würden unsere Soldaten
+ verstehen, weswegen wir Krieg führen, so
+ hätte man keinen _einzigen Krieg_ führen
+ können.“ Der alte Preußenkönig war kein
+ dummer Kerl. _Wir aber_ können jetzt
+ sagen, wenn wir unsere Lage mit
+ derjenigen des preußischen Herrschers
+ vergleichen: „Wir können kämpfen deshalb,
+ weil die Massen _wissen_, weswegen sie
+ kämpfen und kämpfen wollen, ungeachtet
+ der unerhörten Opfer, weil sie wissen,
+ daß sie verzweifelte, unsagbar schwere
+ Opfer bringen, _um ihre sozialistische
+ Sache zu verteidigen_ im Kampfe Schulter
+ an Schulter mit jenen Arbeitern in den
+ anderen Ländern, die unsere Lage zu
+ begreifen angefangen haben.“
+
+ Lenin
+
+
+ I
+
+Noch einmal ein letzter Appell vor dem Sturm, ein Manifest an alle, die
+menschenwürdig leben wollen, vor dem Generalangriff!
+
+_Kameraden!_
+
+Die Transmissionsriemen knattern, die Schleifräder spritzen Funken,
+10000-PS-Motoren knurren ... Und das ist ein Maschinenraum: an Millionen
+Hebeln zucken Millionen Händepaare herum, wie abgeschlagen vom Körper
+sind sie, aber an den Händen pulst noch ein Herz, eine Lunge atmet noch,
+ein Gehirn will denken: noch ist der Mensch nicht ganz tot, zwar ists
+schon nicht mehr viel, was hier noch um das gütigst gewährte
+Existenzminimum ringt ... Und die elektrischen Bogenlampen flimmern, die
+Expreßluxuszüge knüpfen Weltende an Weltende, Riesendampfer schrauben
+sich wohlig und sicher herauf durch den Ozean: der eine Teil der
+Menschheit verlängert tausendkilometerlang seine Glieder, dem anderen
+Teil der Menschheit schrumpfen sie, sterben sie ab ... Phantastisch von
+kristallischen Lüstern erhellt überblüht die Luxuskabine das armselige
+Schattendasein der vier Wände des Lohnarbeiters, aber – sind nicht aus
+seinem Herzblut, aus Schweiß und Herzblut des Lohnarbeiters die Paläste
+gegossen? Maschinen, Licht, Lebensluft, Wärme: ist es nicht sein Werk!?
+Und haben demnach diese anonymen Schöpfer jeder Lebenskraft nicht das
+Recht, nein, nicht die heilige Verpflichtung, sich im Fall, daß sie
+gewaltsam im Interesse einiger weniger, die schon im Urteil der
+Geschichte als Gesellschaftsverbrecher gebrandmarkt sind, aus dem
+Lebensprozeß ausgeschaltet werden, hat diese Menschenmehrheit demnach
+nicht die Pflicht, die ihr zur Verfügung stehenden Notwehrmaßnahmen zu
+ergreifen, um der Verelendung, der sicheren Katastrophe, dem
+Lebensuntergang zu entgehen!
+
+Das Natürlichste vom Natürlichen wäre es. Das
+Menschen-Selbstverständlichste ...
+
+Und die Trusts, die Kartelle, die Syndikate bewegen sich, bewegen sich
+gegeneinander und jede ihrer Bewegungen schafft Kollisionen, zeugt
+Krisen, schaufelt das Grab für Hunderttausende. Und hört Ihr den Chor
+der Menschheitsvampire, zunächst noch als ein konspiratives Flüstern:
+
+ „O heilige pazifistische Aera!
+ Der ganze Weltraum trieft ja von Friedensgeläuten!
+ Halleluja donnern hinweg über den Ozean
+ Die Kanonenschlünde der Dreadnoughts:
+ „Friede auf Erden!“
+ Ach, nur in den stillen Kämmerlein
+ Unserer Staatslaboratorien
+ Fabrizieren wir gutes Giftgas.
+ Seht: den Staat haben wir uns geschaffen
+ Als unsere beste Waffe –
+ Und wenn es wieder mal losgeht:
+ Diesmal wird der Konkurrenzkampf geführt
+ Als chemischer Krieg ...
+ (Sachbeschädigung ausgeschlossen.)
+ Phosphorbomben. Flugtorpedos. Elektrische Wellen –
+ Fünf Minuten –
+ Und (jede Pore exakt durchgiftet)
+ Liegt leblos so ein Riese
+ Wie z. B. Chikago da ...
+ Und wer bezahlt dann die Zeche!?
+ Zuviel Menschen sind ja so wie so auf der Welt.
+ Darüber sind wir uns einig ...
+ Tastet inzwischen die Erde ab:
+ Wo riechts nach Petroleum?!
+ Schade nur,
+ Daß der Mars noch nicht zu kolonisieren ist!“
+
+Eine gespenstische Polonaise wandert indeß hindurch durch den Weltraum
+die Millionen-Kolonne der körperlich und geistig Verhungerten, Mann an
+Mann, Weib an Weib, Kind an Kind ... Warum!? ... Genügt euch wirklich
+als Antwort darauf nur ein Achselzucken!? Ist das Grundgesetz der
+Gesellschaft für euch immer noch eine geheimnisvolle mystische Chiffre,
+ohne Schlüssel!? Rutscht ihr immer noch die Kniee euch wund vor dem
+erbärmlichsten gesellschaftlichen Aberglauben: „Es ist immer so gewesen,
+es wird immer so sein ...“
+
+ * * * * *
+
+Ein Fünfsekunden-Querschnitt durch Zeitungskioske, Theater, Verlage: es
+ist zum ... Es gleicht wohl einem Sprung durch eine Papierhölle. Alles
+was einmal groß, echt, gewaltig, lebendig war: verkauft, verwässert,
+entwertet, verraten ... Alles ursprünglich Edle, Wahre, Heroische und
+Schöne in eine schleimige Korruptionstunke eingetaucht, jeder lautere
+Ton überkeift von einem zotigen Gemecker ...
+
+Aufgeplustert bis zum hysterischen Exzeß, widerlich zerschminkt, bis zum
+Brechreiz bengalisch illuminiert: so stolzieren die modernen Revuen an,
+und desto erfolgreicher sind sie, desto inhaltsloser sie sind und desto
+nichtssagender und leerer ihre bedauernswerten Akteure daherplappern:
+prächtig maskierte Volksseuchen ...
+
+Magazine, Journale, Sumpfliteratur, Auflageziffern bis 300000 ...
+Und wer sind sie, die armseligen Opfer dieser typischen
+Misthaufenerzeugnisse!? Im Café, in den Wartezimmern des Arztes: dort
+strömen sie ihren pestilenzartigen Geruch aus.
+
+Der Film, in sich bergend ungeahnte Möglichkeiten, was ist aus ihm,
+eingespannt in den Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft, geworden!? Man
+braucht, glauben wir, nicht mehr darüber zu sprechen. Film, Radio,
+Presse, Theater, Literatur: das sind nur die verschiedenen Ressorts
+jenes gewaltigen, immer mehr sich amerikanisierenden Propagandainstituts
+zur Weiterzüchtung der menschlichen Dummheit. Hier sind die staatlich
+konzessionierten Fälscherzentralen und geistigen Bazillenfabriken, sie
+arbeiten so wundertätig wie unter der Aufsicht des lieben Gottes selbst,
+sie hebt kein Polizeikommando aus, aber sie produzieren ja auch so
+verflucht erfolgreich in nächster Nähe des Regierungsviertels und nicht
+in proletarischen Kellerwohnungen ...
+
+ * * * * *
+
+Aber bei klarer und nüchterner Ueberprüfung der Geschichte der Menschen
+und der Geschichte der Natur müßtet auch ihr eines Tages zu der
+Ueberzeugung kommen – nehmt alle Erfahrungen der letzten Jahrzehnte
+hinzu, euere Erlebnisse – zu der Ueberzeugung, daß die heutige
+bürgerliche Gesellschaft samt ihrer sogenannten Kultur rettungslos dem
+Untergang in die Zivilisationsbarbarei verfallen ist, und daß sie nicht
+mehr dazu berufen sein kann, die wirtschaftlichen und geistigen
+Weltprobleme in einem wirklich schöpferischen Sinne zu lösen, daß sie
+nicht mehr dazu berufen sein kann, aus sich heraus das einzige Bollwerk
+gegen die herannahende Phase modernster chemischer Weltkriege zu
+errichten: die planmäßig organisierte Weltgemeinschaft aller
+Werktätigen.
+
+Millionenmenschenmassen kreisen indeß lautlos nieder auf den Grund in
+dem riesigen kapitalistischen Krisen-Wirbel ...
+
+Den Befreiungskampf des Menschen aus seinem gespenstischen Warendasein,
+den Befreiungskampf der Menschheit aus allen ökonomischen Zwangsformen,
+den Krieg gegen den Krieg – und damit auch eueren Befreiungskampf,
+Kopfarbeiter, aus den Fesseln geistiger Lohnsklaverei kämpft heute die
+Klasse der Unterdrückten: das Proletariat. Seine geschichtliche Mission,
+als einzige an der Verewigung dieses Gesellschaftszustandes nicht
+interessierte Klasse, ist es, die Hinfälligkeit und die barbarische
+Verlogenheit des heute noch herrschenden Systems zu erkennen und
+ihm den organisierten Widerspruch entgegenzustellen, die
+einheitlich geschlossene Kampffront aller Ausgebeuteten gegen die
+Ausbeuterwirtschaft und ihre Helfershelfer: den Massenterror aller
+Werktätigen, den Klassenkrieg auf Leben und Tod.
+
+Diktatur der Bourgeoisie. Diktatur des Proletariats ...
+
+Ein Drittes, wie ihr es vielleicht gerne wahrhaben möchtet, gibt es
+nicht.
+
+Kameraden! Welcher Front schließt ihr euch an? Entscheidet euch!
+
+Verfallt dabei nicht in den dünkelhaften Fehler euerer Berufsschicht,
+dessen Quelle auf Grund des besonderen Arbeitsplatzes, den die meisten
+von euch auch heute noch im Produktionsprozeß einnehmen, leicht
+auszuspüren ist, in den Fehler, daß ihr euch selbst vormacht,
+selbständig, unabhängig zu sein, euer eigener Herr zu sein, niemandem
+verpflichtet, keinem Rechenschaft oder Tribut schuldig ... Ja, zu
+handeln wähnt ihr, aber um so besser werdet ihr, von der Illusion euerer
+Freiheit gut eingedeckt, gehandelt und verhandelt ... Euere geistigen
+Positionen sind mehr, als ihr euch gewöhnlich zugeben wollt, recht
+kräftig materiell unterzementiert: drum, Augen auf, seht zu, wie alles,
+was ihr tut, sich heute notgezwungenermaßen objektiv, das heißt, von der
+Perspektive der Geschichte aus gesehen, auswirken muß! Macht euch gefeit
+gegen idealistischen Aberglauben, Jenseitstaumel und gegen jede Art von
+noch so interessanten Mystifikationsversuchen, gegen Nervenzauber und
+Seelenschmierereien, die gerade auf Grund der Tatsache heutzutage
+Kurswert erhalten können, als die Grundgesetze des Gesellschaftssystems
+und damit auch die Lehre von dessen Ueberwindung, die revolutionäre
+Theorie, nur verstandesmäßig zu erfassen sind. „Blickverschleierung tut
+not“ aber orakeln, und sie wissen nur zu gut warum, die
+Menschheitshyänen ... Habt acht auf die offizielle, mit allen Kräften
+geförderte Fabrikation von Gehirnvergasungsapparaten und auf die weit
+verbreitete Produktion von mystischen Gehirnnebeln!
+
+Helft mit! Entlarvt das pazifistische Gesabber von angeblich zukünftig
+humaneren Methoden im Austrag der Völkerkonflikte, das beinahe
+blutrünstige Gekeife von der „pazifistischen Aera“ als das, was es ist:
+als ein verruchtes Ablenkungsmanöver, als den bewußten Betrugsversuch,
+„Atempause“ und „Schonzeit“ ideologisch als eine ewige Kategorie zu
+stabilisieren ... Erkennt den Unterschied zwischen der Phraseologie
+einer Sache und dem Inhalt einer Sache! Acht gehabt nicht auf das, was
+der Mund spricht, sondern auf die Bewegung der Fäuste! Statt daß ihr
+Worte, Papierform, Verfassungsparagraphen ernst nehmt, stürzt euch, wenn
+ihr mit euerem Entschluß fertig werden wollt, auf das spezifische
+Gewicht einer Handlung, auf Berechnungen, auf Tatsachen!
+
+So laßt aus den Arsenalen der jährlichen Statistiken die Millionenarmeen
+der Selbstmörder, der Verhungerten, der Tuberkulösen, der Skrophulösen,
+jenen Millionenhaufen der in diesem Gesellschaftszustand der
+Wirklichkeit nach völlig Entrechteten vor euch aufmarschieren, die
+Kriegsopfer der Kolonialkriege und die Tausende von Jahren zählenden
+Zuchthausstrafen der politischen Gefangenen, und ihr werdet einwandfrei
+feststellen können, was es auf sich hat, wenn die Regierer aller Länder
+zynisch von den Parlamentstribünen meckern: „Friede auf Erden!“
+
+ * * * * *
+
+Seht die Kommunistische Partei, die weit mehr als Partei ist, die die
+Vorhut einer neuen kommenden Weltordnung, die das gestaltgewordene neue
+Welt-Bewußtsein, die der Stoßtrupp der Zukunft ist! Deren Mitglieder von
+den nur allzu getreuen Hütern der Menschheitsverwesung in allen Reichen
+der Erde über alle Maßen grausam verfolgt und verleumdet sind, zu
+Tausenden und Abertausenden ermordet oder lebenslänglich in Zuchthäusern
+eingesperrt, aber in deren Reihen, trotz alledem, noch immer
+wach erhalten ist und wach erhalten bleiben wird: Opfermut,
+Solidaritätsgefühl, wahre Lebendigkeit, Disziplin, Kampfgeist! ...
+
+Heraus mit euch aus euerer Knechtseligkeit, aus euerem von mörderischen
+Ketten umstrickten Todesschlaf, aus euerer Indifferenz, aus euerer
+stupiden, verantwortungslosen Eigenbrödelei! Heraus mit euch aus euerer
+abstrakten Atelier- und Studierstubenluft: wir beschwören euch:
+informiert euch endlich darüber, was konkret in der Welt vor sich geht!
+Folgt unseren Parolen: „Heran an den Feind! Nieder mit Phantomen und
+Schemen! Herunter von den Thronen mit den lebendigen gekrönten und
+ungekrönten Leichnamen! Der Mensch muß endlich zu sich selbst den Mut
+haben! Erobert euch die Wirklichkeit! ...“
+
+Kämpft gegen den Welt-Unsinn, gegen den Welt-Wahnsinn, gegen
+den Menschenmarkt, gegen das Menschen-Zuchthaus, gegen das
+Menschen-Schlachthaus! Kämpft gegen die im Interesse der
+Profitwirtschaft künstlich gezüchtete Menschendummheit, kämpft für
+Menschenfreiheit! Kämpft für die Wiedergeburt des Menschen aus der
+Menschen-Gemeinschaft!
+
+ * * * * *
+
+„Meine Pflicht ist zu reden, ich will nicht mitschuldig werden!“ Dieses
+stolze Wort Zolas haben unsere intellektuellen Hampelmänner,
+kautschuk-elastisch, wie sie nun einmal sind, und eingedenk der
+Tatsache, daß Zivilcourage in diesen bösartigen Zeiten unter Umständen
+zu einer recht brenzlichen Sache werden kann – dieses kühne Wort des
+französischen Sozialisten hat also unsere offizielle Intelligenz dahin
+abgewandelt, daß sie prinzipiell nur, wie nach einem geheimen Abkommen,
+über _die_ Dinge redet, die nicht der Rede wert sind.
+
+Es gibt aber auch eine Lebensstrategie und damit auch fundamentale
+Grundsätze dieser Lebensstrategie. Und die Grundlage für jeden Erfolg
+beruht eben bekanntlich in der Fähigkeit, den Gegner mit überlegenen
+Kräften am entscheidenden Punkt im richtigen Augenblick zu schlagen.
+Ueber überlegene Kräfte aber einmal verfügen zu können, das verlangt
+schon heute: den vollen Lebenseinsatz jedes Einzelnen. Der entscheidende
+Punkt der gegnerischen Stellung, der springende Punkt, auf den zu alle
+Kräfte unserer Zeit sich bewegen werden, ist: das Problem der
+Ausbeutung. („Wer alles verteidigen will, verteidigt nichts.“ Dies für
+Wesensschauer und reine Seelenmenschen!)
+
+Was aber treiben objektiv unsere Intellektuellen?!
+
+Sie treiben „Tarnung“. (Oder Camouflage, wie es in Amerika heißt, und
+woraus man bereits eine ganze Wissenschaft gemacht hat ... Popularisiert
+diesen Begriff!) Was ist Tarnung? Unter Tarnung versteht man die Kunst,
+den Gegner über die wahren Absichten, die man hegt, im Unklaren zu
+lassen. Unter Tarnung verstand man z. B. den Grasbüschel am Stahlhelm
+des MG-Schützen, und da bekanntlich auch der imperialistische Frieden
+die Fortsetzung der Politik des imperialistischen Krieges mit besonderen
+Mitteln ist, so versteht man unter Tarnung in der sogenannten
+pazifistischen Aera: die serienweise Fabrikation von Ideologien und
+Illusionen (Parlament, Demokratie, Völkerbund, Ableugnung des
+Klassencharakters des Staates, der Justiz, des Heeres, der Polizeigewalt
+usw. usw.), die dazu geeignet sind, den Gegner, d. h. den Klassengegner,
+das Proletariat, über die wahren Absichten der Volksverbrecher und der
+Massenblutsauger im Unklaren zu lassen. Die Spitzen der
+Klassenkampfbewegung womöglich schon ideologisch und psychologisch
+abzubiegen und auf diese Weise sich die Profitrate bzw. die höhere
+Profitrate zu sichern ...
+
+Selbstverständlich, so denken instinktsicher die Gewalthyänen, man kann
+es sich schon was kosten lassen, den verwesungstriefenden
+kapitalistischen Leichnam mit Girlanden zu umwickeln, wer wird auch
+seinen eigenen Gestank und seinen Totenschädel offen auf der Straße
+umhertragen! Ideologische Parfümeriefabriken tun bei dem allgemeinen
+Verwesungsgestank dringend not: man muß die Verwesung wenigstens
+wohlriechend machen! Kulissen her! Man kann sich doch nicht so
+jämmerlich, wie man in Wirklichkeit ist, zeigen! Ja, denn es geht hart
+auf hart. Alle Kräfte mobilisiert zum Endkampf heißt es da; hungern
+lassen heißt es da, ausbeuten! Nur die Massen nicht in revolutionären
+Schwung kommen lassen, nur die Haltung nicht verlieren. Nur jetzt nicht
+... Verflucht, bleibt bald für das internationale Weltkapital nur noch
+China übrig, immer spärlicher werden die Akkumulationsreste ... und wenn
+man sich nicht mehr um Absatzgebiete hinmorden kann, was dann ... Wie
+soll man weiterhin den Mehrwert realisieren!? ... Die Welt
+ist aufgeteilt: nun muß man wohl bald dem Konkurrenten den
+Produktionsapparat selbst zerschlagen ...
+
+Und Worte sind in solchen Zeiten nicht mehr dazu da, um die Wahrheit zu
+sagen, sondern: um sie zu verdecken ...
+
+Nun, gut! Wir werden ihnen aber, wie man so sagt, mörderisch in ihr
+verruchtes Handwerk pfuschen. Wir werden reden, nicht um die Gegensätze
+zu verdecken, sondern um sie aufzureißen. Damit alle sie sehen können,
+werden wir die Wirklichkeit, nackt und brutal wie sie ist, in einen
+Kegel von Blendlicht stellen ...
+
+Ja, euere Pflicht wäre es zu reden, Intellektuelle, um die Klassenkräfte
+mit in Bewegung zu bringen, euere Pflicht wäre es, den Motor an der
+Kampfmaschine des Klassenwiderstreites mit anzukurbeln, für den nötigen
+Brennstoff mit zu sorgen, mit zu sorgen dafür, daß die Zündkerze intakt
+bleibt. Euere Pflicht wäre es, die proletarischen Klassenenergien mit zu
+entwickeln. Euere Pflicht wäre es, zu reden, um nicht an der drohenden
+Versackung ganzer Geschlechter im „absoluten Krieg“, d. h. im
+„Gassumpf“, mitschuldig zu werden.
+
+Euere Pflicht wäre es, nicht nur zu reden, um nicht an dem stündlichen
+ungeheueren Menschheitsverbrechen mitschuldig zu werden, sondern – – –
+
+Und wenn es euch auch den Kopf kostete!
+
+ * * * * *
+
+Aber auch im Fall, daß euere Entscheidung für die Revolution ausfällt,
+auch in diesem Fall gilt es, mit einem festeingewurzelten Aberglauben
+gründlich aufzuräumen.
+
+Denn Revolution bedeutet nicht nur gefühlsmäßige, begeisterungsflammende
+Hingabe an das revolutionäre Ideal. Damit ist bei weitem noch nicht
+alles getan. Revolution ist nicht nur der bewaffnete Aufstand, ist nicht
+nur das Stadium des Emporflammens der Massen-Empörung, Revolution
+bedeutet auch kleine zermürbende Parteiarbeit. Revolution ist auch die
+Klebekolonne. Revolution sind auch leere Versammlungen. Revolution ist
+Legalität und Illegalität. Die Kampfmaschine der Revolution: sie treibt
+einen ungeheueren Verschleiß an Menschenzahl und Menschenkraft.
+Revolution ist gründlichstes, exaktestes Wissen; sie ist das härteste,
+gewagteste und furchtbarste Lebenstraining dieser Welt; sie fordert
+deine Disziplin, deine Ausdauer, sie fordert dich hinein bis auf die
+letzte Nervenfaser; sie fordert dich ganz. Aber, es ist unschwer, wie
+Lenin sagt, revolutionär zu sein, wenn die Revolution schon ausgebrochen
+ist und in Flammen steht. „Nicht der ist revolutionär, der beim Eintritt
+der Revolution revolutionär wird, sondern der, der auch zur Zeit des
+stärksten Wütens der Reaktion die Grundsätze und die Losungen der
+Revolution verficht ...“
+
+ * * * * *
+
+Wir möchten es für euch wünschen, Kameraden, wir möchten es herzlichst
+für euch, in euerem eigenen Interesse wünschen: lernt wieder kennen
+Heroismus, Aufopferung, Kameradschaftlichkeit. Lernt wieder kennen, was
+es heißt, daß der Mensch nicht nur eine Ware ist, daß der Mensch nicht
+nur ein über alle Maßen gedemütigtes Ausbeutungs- und Spekulationsobjekt
+ist, sondern daß der Mensch vor allen Dingen noch ein Wesen ist, das aus
+einem Herzen besteht, das schlagen will, aus einem Gehirn, das denken
+will, aus Fleisch und aus Blutteilen. Lernt wieder kennen, nachdem ein
+Ideal nach dem andern euch zertrümmert worden ist, lernt wieder kennen
+das Gefühl, einer Bewegung anzugehören, der die Zukunft gewiß ist und
+deren Sieg gleichbedeutend ist mit Menschenwürde und Menschenfreiheit.
+Hier findet ihr hoch hinaus über alle spielerische Formelfexerei und
+geheimnisgeile Spekulationskrämerei wieder einen kräftigen Lebensinhalt.
+Unser Leben hat einen wesentlichen, das heißt einen zukunftszeugenden
+Inhalt: das ist das einfachste und wunderbarste zugleich, was ein Mensch
+von sich aussagen kann. Ein Lebensinhalt, um den es sich zu leben und zu
+kämpfen lohnt, und ein Lebensinhalt, um den es sich, wenn es sein muß,
+auch zu sterben lohnt. Mehr als das, etwas Schöneres, Herrlicheres,
+Gewaltigeres gibt es nicht, was der Mensch dem Leben abzugewinnen vermag
+...
+
+Kämpft mit uns, wenn ihr wirklich ernsthaft gewillt seid, daß endlich
+Schluß gemacht wird mit jenen uniformierten Folterbestien, kämpft mit
+uns, wenn ihr wirklich ernsthaft gewillt seid, daß endlich Schluß
+gemacht wird mit jener Minderheit von Mehrwertshyänen in
+Menschengestalt, die Glück, Freude, Leben, Gesundheit von Millionen und
+Abermillionen Menschen täglich, ja stündlich auf dem Gewissen haben!
+Kämpft mit, Kameraden, wenn ihr die Wiedergeburt des Menschen aus der
+Menschengemeinschaft wollt, kämpft mit uns, Schulter an Schulter mit dem
+klassenbewußtesten Teil des Proletariats, Schulter an Schulter mit der
+Kommunistischen Partei: für die Grundsätze und für die Losungen der
+Revolution ...“
+
+ * * * * *
+
+Solche und ähnliche Aufrufe erschienen damals in allen Universitäten,
+Hochschulen ... Und die idealgesinntesten und aktivsten Elemente der
+bürgerlichen Gesellschaft traten unter die rote Fahne. Es geschah, daß
+mancher Chemiker, Techniker, Künstler, Gelehrte, Arzt plötzlich wie aus
+einem Lebensschlaf erwachend, die Augen sich rieb, staunte: „Ja, die
+Kommunisten sind ja gar nicht so ... Die hab ich mir immer ganz anders
+vorgestellt!“ Und mit einer ungeheueren Ueberzeugungswucht und einem
+fanatischen Bekennermut sich die gefährlichsten Kampflagen aussuchte.
+
+Zahl, Kampfstärke der beiden Fronten änderten sich Tag für Tag.
+
+An manchen Stellen war ein großes Ueberlaufen ...
+
+Zwischenstufen, Mischungen, seltsamste Kombinationen, Uebergänge: die
+ganze Welt erschien in einem strudelnd flüssigen Zustand, und
+gespensterhaft phosphoreszierend. –
+
+
+ II
+
+Ein kurzer, schlagartig einsetzender Generalstreik: das war das Vorspiel
+zum bewaffneten Aufstand. Nicht überall lösten sich gleich bewaffnete
+Kämpfe aus, wie denn überhaupt die ganze Lage nicht schematisch zu
+beurteilen war. Ueber manchen Landesteilen lagerte eine unheimliche
+Stille; war es Stille vor dem Sturm oder Grabesstille!? Es war Stille
+vor dem Sturm, wie sich bald herausstellte. Und jene Führer der
+Arbeiterbewegung hatten wieder einmal damit bitter Unrecht behalten, die
+auch damals von der Kampfmüdigkeit und von der Gelähmtheit der
+proletarischen Energien unkten. Wurde auch die Generalstreikparole nicht
+überall gleich restlos befolgt, beim Ruf zum bewaffneten Aufstand
+zögerten nur noch wenige ...
+
+ * * * * *
+
+Um diese Zeit starb auch plötzlich der hochbetagte Präsident der
+Republik am Schlagfluß.
+
+„Berufsmörder!“ „Mit Orden ausgezeichneter Funktionär des
+Menschenmassenmords“, fluchten die einen ihm ins Grab nach.
+„Deutschlands letzte Stütze!“ „Unsere letzte Hoffnung!“ flennten die
+anderen.
+
+„Deutschland über alles“, hörte man damals das letzte Mal.
+
+ * * * * *
+
+Deutschland war in den letzten Jahren immer mehr zur Bedeutungslosigkeit
+eines reinen Vasallenstaates, einer Industriekolonie, herabgesunken. Die
+nationalen Kreise, die mit der Parole „Nichterfüllung“ ans Ruder kamen,
+wurden im Moment der Regierungsübernahme zu Vollstreckern der
+Verschacherung des deutschen Nationalguts. Immer raffiniertere Methoden
+im Volksbetrug wurden ausgebildet, bis diese eines Tages in einen ganz
+gemeinen offensichtlichen und plumpen Schwindel umschlugen. Dann wurde
+künstlich sofort das patriotische Delirium aufs höchste gesteigert,
+„Deutschland über alles“ ertönte, wie immer, wenn ein ganz gerissenes
+Schiebermanöver im Gang war ...
+
+Die hin und wieder unter Ausbrüchen heilig-flammender Empörung gegen
+Deutschlands Vergewaltigung erhobenen Proteste wie auch das ganze
+Gefasel von der Wiedergutmachung der Schuldlüge usw., war ein vorher
+genau mit den einzelnen Staatengruppen abgekartetes Spiel, damit sich
+den gutgläubigen Kleinbürgern gegenüber die nationale Farbe der
+Regierungsträger nicht verwischen sollte. Ja, diese hatten sich durch
+die Bank so brav und ordentlich gehalten, daß der Völkerbund ihnen sogar
+ihre einstigen Kolonien als Mandat übergab. –
+
+ * * * * *
+
+Wie Hammerschläge zum Sarge des Reichsoberhauptes dröhnten jetzt die
+Geschütze in das Stadtinnere aus den Vororten herein, wo Militär und
+bewaffnete Arbeiterschaft miteinander im Kampfe lagen.
+
+Von Stacheldrahtverhauen geschützt bewegte sich der Leichenzug dem Dom
+zu, wo die Beisetzung stattfand. Auf Paraden und feierliches Gepränge
+hatte man, wie man öffentlich kundtat, in Anbetracht der traurigen Lage
+der deutschen Volksgemeinschaft verzichtet.
+
+Vor dem Dom machte sich eine Gruppe von Provokateuren ans Werk,
+schleuderte eine Bombe ins Publikum, die fehlging, aber immerhin eine
+ungeheuere Panik hervorrief, bei der viele umkamen und es Hunderte von
+Verletzten gab; und eine viertel Stunde darauf ließ die Regierung
+bereits die Nachricht von einem kommunistischen Bombenanschlag
+verbreiten.
+
+Man erklärte die Kommunisten für vogelfrei. Die „Schwarzweißroten“ zogen
+auf Kommunistenjagd. –
+
+ * * * * *
+
+Draußen in einem Arbeiterviertel auf einem weiten Platz waren in roten
+Särgen die ersten Revolutionsopfer aufgebahrt.
+
+Als die KPD-Truppen anmarschierten: das klang hart, exakt, schneidend.
+Schlagartig, metallisch, knallend.
+
+Der Revolutionsgesang war ein kräftiges, in Rhythmen gefaßtes
+Klassenkampfbekenntnis, ein Schwur, eine Bürgerkriegsfanfare, eine
+unerbittliche Kampfansage.
+
+Dieser Trauermarsch war ein Kriegsmarsch.
+
+Ein Genosse sprach.
+
+Er sprach von der roten Blutmauer der Föderierten: „Die Mauer der
+Föderierten auf dem Kirchhof Père Lachaise, wo damals der Massenmord
+vollzogen wurde, steht noch heute, ein stummberedtes Zeugnis, welcher
+Raserei die herrschende Klasse fähig ist, sobald das Proletariat wagt,
+für sein Recht einzutreten. Dann kamen die Massenverhaftungen, als die
+Abschlachtung aller sich als unmöglich erwies, die Erschießung von
+willkürlich aus den Reihen der Gefangenen herausgesuchten
+Schlachtopfern, die Abführung des Restes in große Lager, wo sie der
+Vorführung vor die Kriegsgerichte harrten ...“ Und der Genosse
+schilderte weiter, wie diese Mauer durch alle Länder hindurch, über alle
+Meere hinweg sich hinzieht, wie sie mit Strömen Proletarierblut getränkt
+ist, und wie diese Mauer auch heute wieder auferrichtet ist, turmhoch,
+wie an ihr das gesamte Proletariat steht, ausgesucht von der weißen
+Menschenbestie dazu, wehrlos niedergemetzelt zu werden ... Aber wie das
+Proletariat nun selbst zur Mauer wird, jede Brust ein Stein, jede Gruppe
+von Proleten ein scharfkantiger Quader, und wie plötzlich sich diese
+proletarische Menschenmauer in Bewegung setzt, stampfend über die Leiber
+der Mörder sich hinwegwälzt ... und das vergossene Blut in der Mauer zu
+leuchten beginnt, rotes Siegesblut und rotes Opferblut eins wird,
+glühend rot ...
+
+Und schloß mit den Worten Lenins:
+
+„Auf je hundert unserer Fehler, die die Bourgeoisie und ihre
+Speichellecker in die Welt hinausschreien, kommen zehntausend große
+Heldenakte, die umso größer und heldenhafter sind, als sie einfach und
+unscheinbar sind, sich im Alltag des Fabrikviertels oder des entlegenen
+Dorfes abspielen und von Menschen begangen werden, die nicht gewohnt
+sind und auch keine Möglichkeit dazu haben, ihren Erfolg in die Welt
+hinauszutrompeten ...“
+
+... Unsterbliche Opfer ...
+
+ * * * * *
+
+Weiter ging der Kampf.
+
+Maschinengewehrfeuer knatterte aus Flugzeugen, die dicht über die Dächer
+hinwegflogen. Proletarische Scharfschützen aber schossen in einem
+Stadtviertel aus Dachluken und hinter Kaminen hervor ein ganzes
+Geschwader ab. Ungemein beweglich war die Kampfesart, die sich im
+Verlauf der bewaffneten Aktion die Arbeiter zueigen machten. In kleinen
+elastisch hin und her manövrierenden Trupps wurde gekämpft, die sich
+trennten, blitzschnell sich wieder vereinigten und beinahe ohne Kommando
+sofort entschlossen zu einem Angriffsstoß ausholten. Polizeiwachen
+wurden erstürmt, niemand aber beging mehr den Fehler, sich darin
+festzusetzen und die anrückenden feindlichen Truppenteile aus der
+Verteidigungsstellung heraus zu bekämpfen. Jede erstürmte Stellung wurde
+sofort geräumt, geschickt maskiert, tagelang blockierte dann oft unter
+ungeheueren Verlusten der Feind solche Masken. Der Kampfgeist der
+„Weißen“ wurde dadurch bedenklich zermürbt. Schweres Artilleriematerial,
+Flammenwerfer, Phosphor-Brandspritzen wurden mühsam herangeschafft, denn
+nur nach gründlichster Vorbereitung konnten die weißen Kommandos noch
+einen Sturm wagen. Bei übermäßigen Verlusten oder Rückschlägen ergab
+sich sofort eine Unzahl von Insubordinationen und Desertionen, nur die
+technische Ueberlegenheit verhinderte in diesem Moment noch den völligen
+Auflösungsprozeß ...
+
+ * * * * *
+
+So bewegte sich auch auf einer Erkundungsfahrt ein Geschwader von
+Kampfwagen mitten in das Zentrum des Arbeiterviertels hinein.
+
+Die Kampfwagen waren gasdicht abschließbar und mit Sauerstoffapparaten
+ausgerüstet.
+
+Glühend heiß war es im Innern des Panzerwagens. Die Fünf-Mann-Besatzung
+schwitzte, und das eiserne Ungetüm holperte polternd über die
+aufgerissenen Straßenpflaster. Der Leutnant stand am Sehschlitz, brüllt
+die Kommandos. Wie ein Unterseeboot schwankt der Tank im hellen Gewässer
+des Tages einher.
+
+Nichts ist zu sehen. Nur kurz und hart schlagen außen die Geschosse
+unsichtbarer Schützen auf dem Stahlpanzer auf.
+
+„Hagelwetter bei heiterem Himmel.“
+
+Doch die Fünf-Mann-Besatzung ist nervös, es wird heiß und immer heißer
+bis zum Ersticken, man ist halbnackt und feuert, was die Kugelspritze
+hält, drauf los. Man stößt mit voller Kraft über die Straßenecken vor,
+vermeidet jeden toten Winkel, wendet kurz und schlenkert weiter im
+Zickzack straßeneinwärts. Hinter allen Fenstern spürt man Augen, Augen
+die wie sengende Strahlen in das Wageninnere hineinbrennen, vorwärts,
+rückwärts, oben und unten: überall lauert der Feind. Und die Antenne ist
+schon kaputt geschossen. Man ist abgeschnitten ... Nur der Motor rauscht
+und summt.
+
+Wieder um eine Ecke.
+
+Haustüren weit offen ... Man funkt hinein ...
+
+Der Leutnant sieht sich um: die vier Soldaten, Bauernjungens, machen
+giftige Gesichter. Reißen mit Wut an den Hebeln, ihre Bewegungen sind
+Stoß und Faustschlag ...
+
+Eine Leiche liegt mitten auf der Straße.
+
+„Volle Fahrt!“
+
+Drüber hinweg ...
+
+War es eine Leiche!?
+
+Oder hat es sich im Tuch bewegt?!
+
+Und der Leutnant schreit noch:
+
+„Jetzt Kinder, seid doch vernünftig, eine geballte Ladung! Achtung ...“
+
+Und während die vier Soldaten ihm an die Kehle springen, einer ihm das
+Messer zwischen die Rippen stößt, die Pistole ihm zwischen den Fingern
+hindurchfällt, flutet auch schon eine Feuerwelle durch den Panzerraum;
+zwei, drei kurze Detonationen ... und die fünf Menschen hocken am Boden:
+in sich verkrümmt, wie verkohlte Baumstümpfe.
+
+Auch die vier anderen Wagen des Geschwaders waren abgefangen. Die
+Mannschaften hatten sich bedingungslos ergeben.
+
+Die Schäden waren leicht auszureparieren.
+
+Genosse Max Herse gehörte zur Besatzung des Wagens „Roter Blitz“, der
+auf Patrouille ausfuhr ...
+
+ * * * * *
+
+Wunderbare Dinge geschahen.
+
+So kam einer die Straße herunter, ein gutgekleideter Mensch, mit dem
+Taschentuch winkend, auf den Wagen zu, meldet sich mit einer
+tränenerstickten Stimme: „Helft mir! Ich will wieder ein Mensch werden.
+Ich war es nur einmal in meinem Leben, drei Tage lang ... Seitdem, ach
+...“ Der sonderbare Ueberläufer wird im Wagen mitgenommen, kämpft später
+bei einer roten Sturmabteilung, fällt, ist schwerverwundet und sein
+letztes Wort ist: „Ich kann euch nicht sagen, wie glücklich ich bin ...
+nun ist ja alles gut so ...“ –
+
+ * * * * *
+
+Das Kampfgebiet wurde mehr und mehr von den Arbeitervierteln weg in den
+Westen der Stadt verlegt, wo sich die Villenquartiere und die vornehmen
+Geschäftshäuser befanden.
+
+Gemeinsam mit den roten Partisanen operieren die roten Kampfwagen.
+
+„Nicht verbarrikadieren!“ so heißt es immer wieder ...
+
+Da trifft die Nachricht ein:
+
+„Die Funkstation ist besetzt.“
+
+„Der Generalsturm bricht los!“
+
+„Ueberall in ganz Deutschland!“
+
+„Rußland mobilisiert. Rußland marschiert.“
+
+„Ueber der polnischen Grenze steht schon das Rote Gewitter.“
+
+So stark wirkte die Nachricht, daß zwei weitere Stadtviertel in dieser
+Nacht von den Arbeitern erstürmt wurden.
+
+ * * * * *
+
+Die Arbeiter sind ihrer Sache sicher und siegesbewußt. „Die Welt wird
+unser sein!“ „Wir haben es lange genug nur gesungen.“
+
+Erwischt man einen von den „Schwarzweißroten“, so haut man ihm die Jacke
+voll, läßt ihn laufen ...
+
+Bis eines Tages ein „Roter“ den „Weißen“ entkommt, der Leib ist über und
+über mit Peitschen- und Säbelstriemen bedeckt, über zwanzig
+Bajonettstiche, das eine Auge ausgerissen ... und er erzählt: an den
+Laternenpfählen ... unmenschliche Martern ... Spießrutenlaufen ...
+Vergewaltigung von Arbeiterfrauen ... Hinschlachtung von politischen
+Gefangenen in den Gefängnissen ... und Gas, Giftgas ... die
+Vorbereitungen sind getroffen ... Nehmt euch in Acht! ... Dicke Luft ...
+Die Hauptsache, die kommt erst ...“
+
+Von mehreren Seiten werden jetzt kurz hintereinander diese Aussagen
+bestätigt.
+
+Der Prolet beißt die Zähne fester zusammen:
+
+„Gut so, wenn sie es haben wollen ... Von nun an wird kurzer Prozeß
+gemacht! ...“
+
+
+ III
+
+Max wurde in besonderem Auftrag ins Reich geschickt.
+
+Die Bahnhöfe, noch in den Händen der Regierungstruppen, waren gesperrt.
+Nur Munitionszüge und Truppentransporte verkehrten. Viele Brücken waren
+gesprengt, auf weite Strecken die Schienen aufgerissen, Züge flogen
+jeden Tag in die Luft.
+
+Max fuhr mit dem Motorrad.
+
+Serien von Landschaften zogen an ihm vorüber, kaleidoskopartig, wie ein
+Filmstreifen.
+
+Die Aufträge, die er zu übermitteln hatte, waren in den verschiedenen
+Hohlteilen der Maschine gut untergebracht. Auch besaß er verschiedene
+Ausweise, darunter auch einen „schwarzweißroten“ ...
+
+ * * * * *
+
+So flog er an dunkelgrünen Wiesengründen vorbei, auf denen noch
+friedlich die Kühe weideten, an Aeckern, die leicht gekräuselten
+Wellenbeeten glichen: so lag das Heu in Reihen ... Durch Dörfer
+hindurch, wo ihm Bittgebete leiernd eine gebrechliche Prozession
+entgegenhinkte. Unbewegt stand noch so ein Dorf, wie ein träger
+zähflüssiger Tümpel, inmitten der gewaltigen Wirbelbewegung, die die
+Industriegebiete bereits längst ergriffen hatte.
+
+Andere Orte wieder durchfuhr er, lange Autoreihen hielten vor prächtig
+und amerikanisch aufgemachten Hotels: die ausgewanderten Reichen waren
+hierher geflüchtet, hier hatten sie sich wie die Ratten bei einer
+Feuersbrunst in die Schlupflöcher verkrochen. Landhäuser, Villen mit
+Laubgängen und herrlichen Gartenanlagen grenzten an den See: wie viele
+Tausende von Menschen werden einst in diesen Erholungsheimen ihr Leben
+feiern! Schwer und solid gebaute Klöster standen vierschrötig auf
+Bergkuppen: auch hier, das ganze Land in dieser Gegend war ein tief
+wieder Lebensatem schöpfendes Ausruhen.
+
+Auch Siedlungen: mit Freideutschen, Christussen und „Wandervögeln“
+darin, die sich selbst auf den Aussterbeetat gesetzt hatten, in die
+seltsamsten metaphysisch-verschrullten Gedankengänge verstrickt, dabei
+vegetierend und wurzelkauend. Eine zwanglose Selbstausschaltung dauernd
+Lebensuntüchtiger aus dem Gesellschaftsprozeß, ein Ersatz für
+Irrenanstalten bei harmloseren Fällen von Geisteserkrankungen.
+
+In der Nähe befanden sich einige ausgedehnte Konzentrationslager, in
+denen neue Armeen gebildet wurden, Büros zur Anwerbung von Freiwilligen
+waren fast in jeder Gemeinde untergebracht, die Pfaffen warben eifrig
+für diese Verbände im Beichtstuhl und von der Kanzel herab bei ihrer
+Predigt.
+
+Weiter gings.
+
+Hier und dort hatten es die Regierer allerdings schon gründlich mit den
+Bauern verscherzt, die ihre Dörfer verlassen hatten und sich, wie das
+Gerücht ging, in einer bestimmten Gegend zu einem Heerhaufen sammelten.
+Manchmal waren Flammenschein und Rauchsäulen am Himmel: Gutshöfe und
+Kirchen brannten: die Bauernschaft war aufgestanden und hatte ihre
+Peiniger zu Paaren getrieben. Unbewegt wie holzgeschnitzte Figuren
+standen an Wegkreuzungen, rote Binden um den Arm, die bäuerlichen
+Wachtposten, und oft, durch einen kurzen Durchblick durch einen Wald
+hindurch, sah man: auf geschlungenen Feldpfaden Züge von Marschierenden.
+An einer Stelle war es zum Zusammenstoß gekommen. Max mußte einen Umweg
+machen, alle Straßen lagen unter einem schweren Feuerdruck.
+
+An dem berüchtigten Zuchthaus kam Max vorbei, in dem ein halbes Tausend
+von politischen Gefangenen elend ihr Leben fristete, über zweitausend
+Jahre Gefangenschaft saßen darin; dort in dem Mauerwinkel, über den
+großen Lindenbaum hinweg, war die Stelle, wo die Hinrichtungen mit dem
+Fallbeil stattfanden.
+
+Kein Gefangener war hinter den Gittern zu erblicken.
+
+Schlafen sie noch oder haben sie ihren Zwingkäfig bereits verlassen?
+
+Der Nächstbeste unten im Dorf konnte ihn darüber aufklären.
+
+Vor zwei Tagen, da war es, da hätten die Gefangenen gemeutert, seien
+unruhig geworden, man hätte es bis ins Dorf herunter gehört. Da habe die
+Gefängnisleitung die einzelnen Zellen mit Matratzen abdichten lassen,
+die Zellenräume vergast, in jede eine Giftgasflasche hineingelegt ...
+Drei Minuten hat es gedauert und der Lärm, der in diesem Stadium dem
+Gebrüll von Tobsüchtigen glich, war zuende.
+
+Es wird die Zeit kommen, knirschte Max grimmig, da man wieder dazu
+zurückkehren wird, Galgen öffentlich auf den Plätzen zu errichten, eine
+Hinrichtung zur Volksbelustigung zu machen, und wo man Torturen
+rücksichtslos anwenden wird. Da werden Reihen von Märtyrern auf den
+Tischen unter dem Strang stehen, eine weiße Kapuze über, um den Hals die
+Bulle des Todesurteils ... und man wird den Tisch unter ihren Füßen
+hinwegziehen, fest strafft sich der Strick, und die zwei oder drei
+Henkersgesellen hängen sich mit ihrem Gewicht noch an den Leib des
+Verurteilten ... und die Sache ist erledigt. Man wird Menschen bis oben
+hin in Watte einwickeln, mit leicht brennbarem Oel begießen, anzünden
+und sie laufen lassen. Wir sind im Anfang einer Zeit von Grausamkeiten,
+Barbareien, Greueln ohnegleichen und bei all dem wird man verlogen, wie
+man ist, verächtlich und human aufgeklärt auf die Geschichtsepoche der
+Inquisition und der Hexenprozesse herabblicken ... Unsere Gerichte sind
+Fabriken, weiter nichts als Fabriken, in denen nach einem bestimmten
+Schema, Gesetz genannt, serienweise Urteile fabriziert werden. Wer in
+dem Besitz dieser Fabriken ist!? Na, wir werden dafür sorgen müssen, daß
+diese Betriebe möglichst bald betriebsunfähig gemacht werden! ...
+
+ * * * * *
+
+So kam Max bis ins Ruhrgebiet.
+
+Eine gelbliche Nebelschicht lag in der Luft. Es war still, wie ein
+Feiertag. Max erinnerte sich an jene Bergwerkskatastrophe, die damals
+den ersten Anstoß zu seiner proletarischen Bewußtwerdung und zu seinem
+neuen Leben gegeben hatte. Was der Kollege Straßenbahner jetzt wohl
+machen mag!? ... Und Wilhelm!? Ein jeder von denen stand auf seinem
+Posten, ein jeder hatte im großen Schlachtfeld seinen bestimmten
+Kampfplatz.
+
+Auch Lene ... Sie war seit der Ausrufung des bewaffneten Aufstands als
+Sanitäterin bei einer neu sich bildenden roten Armee in Ostpreußen ...
+
+ * * * * *
+
+Das gesamte Ruhrgebiet war ein einziges rotes Riesenbollwerk.
+
+Fieberhaft wurde gearbeitet.
+
+Ueberall Patrouillen, Sicherungen, Motorradfahrerabteilungen ...
+
+Die Erde war geplatzt: nicht eine Armee nur, nein drei, vier rote Armeen
+waren aus dieser mit Proletarierblut überreichlich gedüngten Erde
+herausgestampft.
+
+ * * * * *
+
+Nach heftigsten und für beide Seiten verlustreichsten Kämpfen war die
+weiße Armee geschlagen worden, sie löste sich auf dem Rückzug vollends
+auf, und die rote Armeeleitung war eben dabei, einen großangelegten
+Aufmarschplan gegen Norden, über Hannover, gegen Berlin auszuarbeiten.
+
+Hier sah Max zum erstenmal einen roten Panzerzug. Pfeifend und
+schnaubend, unter dem Gesang „Völker, hört die Signale“ schob er sich
+ins grüne Land hinein.
+
+„Glänzend organisiert“, mußte Max anerkennen. „Und was für eine
+Disziplin!“
+
+„Kein Fall von Plünderung oder ähnlichem ist bei uns vorgekommen, ja ja,
+wir haben eben eine revolutionäre Tradition ... Die vielen Kämpfe in den
+vorhergegangenen Jahren sind nicht umsonst gewesen ...“ Wurde ihm im
+Hauptquartier berichtet. Und Heldentaten wurden erzählt, ohne
+Namensnennung, jeder hatte sie vollbracht, sie gehörten allen zusammen
+...
+
+Hier erfuhr Max weiter:
+
+Generalstreik in USA. Bewaffnete Demonstrationen gegen den
+imperialistischen Krieg in USA. Die Negervölker in den Kolonien stehen
+auf ... Bis über Afrika, in Aegypten und Indien. Streik der chinesischen
+Arbeiter in den japanischen Spinnereien in Tsingtau. Sympathiestreik des
+japanischen Proletariats. Bewaffnete Zusammenstöße. Japans werktätige
+Massen sind in Aktion; Massen-Mobilisation; brechen ihr Sklavenjoch ...
+
+Den Nachrichten von Amerika gegenüber verhielt sich Max von Anfang an
+skeptisch.
+
+Die Partei ist noch schwach. Und das kann einer revolutionären Bewegung
+immer das Genick brechen. Wie viel Schutt spült eine Revolution herauf:
+Desperados, Hochstapler, Hasardeure: wenn da nicht fest zugegriffen
+wird, und die Mießmacherschweine dazu und die Flautegeier ...! Spitzel
+und Provokateure ...! Nur eine starke Organisation ... sonst geht das
+Spiel blutig verloren ... Alle gescheiterten Aufstände lassen sich auf
+den Mangel einer führenden Rolle der Partei zurückführen ...
+
+So 1919 zum Beispiel!
+
+Vom Roland bis zur Viktoria standen die Massen Kopf an Kopf. Bis weit
+hinein in den Tiergarten standen sie. Sie hatten ihre Waffen
+mitgebracht, sie ließen ihre roten Banner wehen. Sie waren bereit, alles
+zu tun, alles zu geben, das Leben selbst. Eine Armee von 200000 Mann.
+Und da geschah das Unerhörte. Die Massen standen von 9 Uhr früh an in
+Kälte und Nebel. Und irgendwo saßen die Führer und berieten. Der Nebel
+stieg, und die Massen standen weiter. Aber die Führer berieten. Der
+Mittag kam, und dazu die Kälte, der Hunger. Und die Führer berieten. Die
+Massen fieberten vor Erregung: sie wollten eine Tat, auch nur ein Wort,
+das ihre Erregung besänftigte. Doch keiner wußte, welches. Denn die
+Führer berieten. Der Nebel fiel weiter, und mit ihm die Dämmerung.
+Traurig gingen die Massen nach Hause: sie hatten Großes gewollt und
+nichts getan. Denn die Führer berieten. Im Marstall hatten sie beraten,
+dann gingen sie weiter ins Polizeipräsidium und berieten weiter. Draußen
+die Proletarier auf dem leeren Alexanderplatz, die Knarre in der Hand,
+mit leichten und schweren Maschinengewehren. Und drinnen berieten die
+Führer. Im Präsidium wurden die Geschütze klargemacht, Matrosen standen
+an jeder Ecke der Gänge, im Vorderzimmer ein Gewimmel, Soldaten,
+Matrosen, Proletarier. Und drinnen saßen die Führer und berieten. Sie
+saßen den ganzen Abend und saßen die ganze Nacht und berieten, sie saßen
+am nächsten Morgen, als der Tag graute, teils noch, teils wieder, und
+berieten. Und wieder zogen die Scharen in die Siegesallee, und noch
+saßen die Führer und berieten ...
+
+Nur war es mehr eine Frage der Führung als der einzelnen Führer, es war
+die Partei, die fehlte.
+
+Die Konterrevolution aber arbeitete indessen nach einem einheitlichen
+Plan. Sie rechnete nicht nur mit Berlin, sondern mit dem ganzen Reiche.
+Ein Werbebüro nach dem andern wird eingerichtet, auf Lastautomobilen
+werden Waffen herbeigefahren. Kraftwagen aus Kasernen und Depots, ein
+ganzer Park von Fuhrwerken wird in Dahlem zusammengestellt, wohin
+inzwischen Noske und Oberst Reinhard aus Berlin geflüchtet sind. Nach
+drei Tagen schon glich die Gegend einem Kriegslager. Es wurde mit
+fabelhaftem Eifer und großer Schnelligkeit gearbeitet. Auffüllung von
+Restbeständen der Gardekavallerieschützendivision in Berlin –
+Zusammenfassung kleiner Truppenteile in den märkischen Dörfern – eine
+letzte Besprechung und nach schleuniger Zusammenstellung von
+Einwohnerwehren in den Berliner Bourgeoisievierteln: Einmarsch, Sturm
+auf die von den Arbeitern besetzten Gebäude und fünf Tage darauf:
+Berlin, die stärkste Festung der deutschen Revolution, war gefallen.
+
+– – –
+
+„Und nun Glück auf die Reise, Max, wie ungeheuer wichtig das ist, was du
+durchzuführen hast, weißt du ja selbst ...“
+
+Und schon lag das Ruhrgebiet hinter ihm. Weiter gings.
+
+Max traute seinen Augen nicht:
+
+Da bewegte sich durch die Straßen eines Provinzstädtchens ein großer
+Festzug, Militärvereine und Musikkapellen waren in dem Zug, den
+verschiedene historische Gruppen „verschönerten“. Auf zwei Wagen zogen
+die Pfahlbauern mit ihren Häusern daher. Ihnen folgte Hermann, der
+Cherusker, mit einem bewaffneten Gefolge. In Tierfelle gekleidet zeigten
+sich die Alemannen. Die Kreuzfahrer, ein gewisser Graf Eberhard im Bart,
+Landsknechte zu Fuß und zu Pferd. Stolz marschierte Theodor Körner in
+lebenswahrer Nachahmung, hinter ihm ritten die Schillschen Offiziere.
+Und gar welch ein erinnerungsvolles Bild bot die Kolonialtruppe, bei der
+ein mit acht Ochsen bespannter Wagen schwarze und weiße Bewohner der
+Kolonien mit sich führte ...
+
+Was war das nur!?
+
+Max lachte aus vollen Kräften.
+
+Es war ein Bezirkskriegertag.
+
+Eine tragigroteske Illustration dafür, wie die Vorstellungen und die
+Ideen der Menschen noch lange an Zuständen haften bleiben, die bereits
+durch die tatsächliche materielle Entwicklung der Geschichte längst
+überholt sind ...
+
+Und schon tobten mit bärtigen Stimmen kerndeutsche Männerchöre
+gegeneinander, vielstimmig, und mit tremolierenden Gefühlsschnörkeln am
+Ende gesungen, ein Sängermassenwettstreit, ein echt arisches Wettsingen
+...
+
+„Die Wacht am Rhein“. „Heil dir im Siegerkranz“. „Wer hat dich, du
+schöner Wald!“ ...
+
+Fern schluchzte ein altmodisches Grammophönlein ganz blechern
+erbärmlich, und mollige Katzen schnurrten hinter den mit Geranien
+bewachsenen Fenstersimsen ...
+
+Die Zuschauer im Bratenrock und Zylinder mit gestickten Fahnen bildeten
+zu beiden Straßenseiten Spalier, wie schwarz anlackierte Menschenpuppen.
+
+Auch die Bordellmutter Susanne stand mitten drin, notierte in Gedanken
+eine Bestellung auf Flaschenbier, leckte sich mit der Zunge die Lippen,
+faltete die Hände und schmunzelte ...
+
+ * * * * *
+
+Und dann wieder:
+
+Violine, Cello, Klavier ...
+
+„Dabei läßt es sich zwar bis zum Schmelzen butterweich träumen,
+behaglich seelen-schmatzen, liebkosen, plauschen, schweifwedeln und wenn
+es hochkommt, bestenfalls noch ein „guter Mensch“ werden ... Nichts
+mehr. Also: Schluß damit!“
+
+Max gab Vollgas und flitzte, sich immer noch vor Lachen schüttelnd, aus
+diesem gespenstischen Idyll von dannen ...
+
+ * * * * *
+
+Es kam noch eine Irren- und Siechenanstalt, im Pavillonsystem erbaut:
+die Blöden tappten mit eckig ungelenken Bewegungen schwerfällig hinter
+den Zäunen entlang, nickten und grinsten, manche waren ein gleichmäßiges
+ewiges Wandeln auf und ab, andere wieder wie zu einer Säule erstarrt.
+Das Heim der idiotischen Kinder war bei weitem das Grauenhafteste,
+Säufergeburten lagen in den Windeln da, mit unförmigen klumpigen Köpfen,
+die glanzlosen, wirr in sich verschlungenen Augen schrien stumm eine
+entsetzliche Anklage ...
+
+Einmal, mit einer Krankenkassenkommission, hatte auch Max schon einen
+Gang durch ein städtisches Krankenhaus gemacht. Gewiß, es war sauber,
+hygienisch, die Gänge, die Bettreihen blitzblank, die Aerzte, die
+Schwestern in ihren weißen Mänteln und Schürzen: dagegen war nichts zu
+sagen. Welch ein Widerspruch: die Reinlichkeit, die Pflege, die
+Barmherzigkeit: sie beginnt erst, wenn der Mensch durch die
+skandalösesten unsaubersten Verhältnisse draußen, durch Gemeinheit,
+Profitjägerei und Menschenniedertracht unheilbar auf das Totenbett
+gestreckt ist! Wie viele dieser hier liegenden Gangräne,
+Lungenvereiterungen, innerer Verletzungen hätte eine richtige Behandlung
+des betreffenden Menschen am Arbeitsplatz unmöglich gemacht. Zu neun
+Zehntel bestimmt sind alle diese Krankheiten unnötig: diese
+durchjauchten Verbände, diese Kübel stinkenden Eiters, diese
+verstümmelten Menschenkadaver im Leichenschauhaus: eine technisch besser
+angelegte Gesellschaftsordnung wird auch im Laufe der Jahre diesen
+ganzen kostspieligen und mit so ungeheuerlichen Leiden verbundenen
+Menschheitsaussatz hinwegfegen ... Und heute: die Mehrzahl der Menschen
+lebt nicht, sondern wird durchs Leben gehetzt; stirbt nicht, sondern
+verreckt ...
+
+Noch am Abend traf Max am Ziel seiner Fahrt ein.
+
+ * * * * *
+
+Es war ein gewaltiger Komplex von Farbstoff-Fabriken, der sich über eine
+Fläche von mehreren Quadratkilometern erstreckte.
+
+Bei einem Genossen fand Max Unterkunft.
+
+In einem schäbigen Anzug meldete er sich am nächsten Morgen auf dem
+Arbeitsnachweis, zeigte seine Papiere vor und wurde auf Grund seiner
+„schwarzweißroten“ Empfehlung sofort genommen.
+
+Am Tage darauf sollte die Arbeit in der Giftbude beginnen.
+
+Wahrscheinlich, so erfuhr er durch die Genossen, werde er als Neuling
+gleich ins Gift gestellt ...
+
+Max trieb sich noch ein wenig in der Umgegend herum.
+
+Einige Holzfabriken in der Nähe streikten. In Gruppen standen die
+Menschen vor den Telegraphenbüros.
+
+Die Farbstoffindustrie, durch eine besonders zuverlässige Belegschaft
+ausgezeichnet, arbeitete nach wie vor mit Hochdruck.
+
+Die Konzentration des Militärs war in dieser Gegend besonders stark. Zu
+Zusammenstößen war es bisher noch nicht gekommen. Ueberall war die
+Meldung verbreitet: „Aufstandsbewegung in Berlin niedergeworfen. Ruhe
+und Ordnung wieder hergestellt.“
+
+Die Farbstoffindustriearbeiter waren sofort an der gelblich fahlen
+Hautfarbe zu erkennen. Die Zähne waren auffallend schlecht, manche
+Münder wiesen mit eiterigen Geschwüren behaftete klaffende Lücken auf.
+Die Augen waren durchwegs entzündet.
+
+Viele Arbeiter litten dazu noch an inneren Nasengeschwüren, an einer
+sogenannten Stinknase ...
+
+Der größte Teil der Arbeiterschaft der chemischen Industrie war im
+Fabrikkomplex selbst in kleinen Backsteinhäuschen mit einem spärlichen
+Gemüsegarten davor angesiedelt. Sie durften augenblicklich nur mit
+besonderer Genehmigung der Fabrikverwaltung das Areal verlassen ...
+
+Es war ein älterer, gutmütig aussehender Genosse, mit dem Max ein
+längeres Gespräch anknüpfte.
+
+„Mehr als höchstens ein viertel Jahr, Freundchen, hält es darin keiner
+aus. Wenn du an den Bottichen mit der Gifttunke zu arbeiten hast oder
+beim Umfüllen in die Flaschen ... in drei Monaten spätestens bist du
+eine Leiche ... da heißt es rasch Karriere machen oder aber ... Hier
+leiden sie alle an Lungenkrebs, das ist sozusagen unsere Berufskrankheit
+... Und die vielen Fälle von Verbrennungen und Erblindungen ... Na,
+richtige Krepierer sind das ... Und überhaupt jetzt: täglich kommen
+fünfzig neue herein, täglich haben wir an die fünfzig Mann Abgang!
+Siehst du die Baracken da drüben: das sind die Hoffnungslosen, unser
+Sterbesalon ... Ist eben auch die gefährlichste Industrie ... Und grad
+gegenwärtig: Hochbetrieb, Saison, Hochkonjunktur! Lohnzuschlag!
+Ueberstunden, daß es nur so kracht! Gewaltige Aufträge aus Amerika,
+sagte man. Heilmittelaufträge. Aber man munkelt allerlei. Ist eben alles
+noch ungewiß. Keiner weiß was genaueres darüber ...“
+
+Max ließ den nichtsahnenden Genossen wiederholen:
+
+„Aufträge aus Amerika ... Heilmittel ...“
+
+Dabei sah er ihn prüfend von unten an.
+
+„Glaubst du eigentlich selbst, was du sagst? ...“
+
+„Ja, wir werden ja vermutlich auch streiken ... Soll aber bereits alles
+abgewürgt und eine aussichtslose Sache sein ...“
+
+„Eine bestochene, eine korrumpierte Bande seid ihr!“ fuhr es Max heraus.
+„Was ihr produziert, na, vorerst Schwamm darüber ...!“
+
+Und Max klärte den Genossen zunächst über Berlin auf.
+
+Dem Proleten standen dabei die Tränen in den Augen.
+
+„Nein, was du nicht sagst ... Diese Erzgauner ... So eine Lumperei ...“
+
+„Verlaß dich drauf ... Auch hier, wir werden schon Trieb dahinter
+setzen. Auf euch vor allem kommt es jetzt an. Ihr habt das Schicksal der
+ganzen Bewegung in der Hand. Jetzt oder nie! ... Morgen wird die Arbeit
+losgehn! ... Parole: auf der ganzen Front ganze Arbeit!“
+
+
+ IV
+
+Am anderen Morgen wurde Max auch wirklich gleich mitten ins Gift
+gestellt.
+
+Er hatte sich schon beizeiten auf den Weg gemacht, setzte sich noch vor
+Beginn der Arbeit mit den roten Zellenobleuten in Verbindung, ermittelte
+genau die Struktur der Belegschaft: wieviel Sozialdemokraten,
+Schwarzweißrote, Persönliches usw., und besprach mit den Genossen kurz
+die Situation im Reich, besonders in den großen Industriestädten,
+worüber die Proleten, da die Regierung noch den gesamten
+Nachrichtenapparat besaß, völlig uninformiert waren. Dann ging er dazu
+über, ihnen klipp und klar das Wesen und die Bedeutung ihrer Tätigkeit
+zu erklären. Einige Flugschriften unterstützten das, doch im allgemeinen
+konnte man sagen, was das Gebiet der Technik des kommenden Krieges
+anbetraf, so war darin vom proletarischen Standpunkt aus nur recht wenig
+Brauchbares geleistet worden. Die Artikel der amerikanischen Genossen,
+die Resolution, hie und da Aufsätze in den revolutionären
+Tageszeitungen: aber mit Propaganda allein war eben nicht alles zu
+machen und Erfahrung – die Genossen in der chemischen Industrie waren
+auf dem besten Wege dazu, sich diese möglichst teuer zu erkaufen.
+
+Immer wieder kamen sie mit den Einwänden: „Stimmt ja gar nicht, was du
+sagst, diese Säuren braucht man zu Seife und daraus werden Parfümerien
+gemacht, darüber besteht doch gar kein Zweifel, sind doch genaueste
+Kontrollen da, lies doch das Buch der Schweizer Chemikerin, die erstens
+Kanone in ihrem Fach und zweitens noch dazu eine Pazifistin ist, die
+läßt sich doch sicher nicht so leicht was vormachen, ihre
+Kontrollvorschläge hat doch der Völkerbund einstimmig angenommen, und
+die ganze öffentliche Meinung der Welt ist gegen den Gaskrieg, na und
+überhaupt ... Der Chemische Krieg ist doch verboten und alle Nationen
+haben unter Abgabe feierlichster Versicherungen sich dagegen erklärt ...
+Siehst du, Genosse, du magst es ja recht ehrlich meinen, aber wir, die
+wir jahrelang in der Bude stecken, wir müssen doch schließlich am Ende
+auch noch was davon verstehn: was wir zum Beispiel in letzter Zeit
+fabrizieren, sind lediglich Heilmittel, Aufträge nach Amerika,
+Salvarsan, davon wirst du ja gewiß auch schon gehört haben ... Nicht
+wahr? ... Und deshalb auch der Lohnzuschlag.“
+
+Man behandelte Max beinahe etwas herablassend wie einen Laien.
+
+„Einen Vorschlag, Genosse Max! Alles, was du uns da sagst, hat weder
+Hand noch Fuß! Komm erst einmal in unseren Betrieb, schau dich einige
+Tage gründlich darin um und informiere dich! ... Wir wollen dir gern
+dabei behilflich sein ...“
+
+„Gut so!“ Max schlug ein.
+
+„Verschrobene Vorstellungen! Inhaltsleere, blödsinnige Phantastereien,
+alles ein hahnebüchener Schwindel, wenn man ihm ernsthaft auf den Grund
+geht. Ein Kinderschreck! Für alte Weiber und Flennbrüder! Da sieh nur
+mal her, Max, Märchenerzähler!“ Und immer noch schüttelten sie ungläubig
+die Köpfe. Sie schleppten bürgerliche illustrierte Zeitungen an mit
+Beschreibungen mechanischer Polizeimänner, die gar gruselig anzusehen
+waren, mit Todesstrahlen, die mörderisch in den Lüften nach Fliegern
+herumstocherten und mit anderem ähnlichen Mumpitz.
+
+Dann begannen aber doch einige der Genossen die Artikel der Amerikaner
+zu lesen, langsam und schwerfällig lasen sie, als ob sie buchstabierten.
+
+Einer dachte schon nach.
+
+Sah lang dabei in die Ferne.
+
+Schüttelte wieder den Kopf, las wieder.
+
+„So meinst du also, Genosse Max, das ganze so großartig ethisch und
+human aufgezogene Verbot des Gaskriegs durch den Völkerbund soll nichts
+weiter als nur ein ganz elendiglicher Bluff gewesen sein. Eine
+Beruhigungspille sozusagen ... Um uns Proleten vor allem in Sicherheit
+zu wiegen ... Und damit man um so ungestörter sich der Vorbereitung
+einer gewaltigen Massenhenkerarbeit widmen kann.“
+
+„Das allerdings meine ich“, entgegnete Genosse Max.
+
+Und fuhr fort:
+
+„Und die Bestätigung dieser Meinung wird nicht lange mehr auf sich
+warten lassen. Aber wir müssen unseren Gegnern zuvorkommen. Wir können
+nicht warten bis es soweit ist, da es dann unter Umständen auch bereits
+zu spät sein kann ...“
+
+Wieder kam ein anderer gelaufen:
+
+„Also, das ... wir, wir Farbindustriearbeiter ... Nein, das kann nicht
+möglich sein ... das wäre ja ...“
+
+Er machte eine Bewegung, als ob er sich krümmte.
+
+Langsam und hartnäckig, mit viel Geduld, arbeitete sich Max in diese
+Schädel hinein, er gab nicht nach, hielt sie wie mit einer eisernen
+Umklammerung an ihrem eigenen Gedankengang fest, bohrte weiter und
+führte sie sicher aus ihren Illusionen heraus.
+
+„Schwierigkeiten sind nur dazu da, um überwunden zu werden.
+Schwierigkeiten lechzen geradezu nach ihrer Ueberwindung.“ Das war sein
+Leitspruch bei dieser Tätigkeit.
+
+Immer nachdenklicher wurden die anderen.
+
+Max gab ihnen ungeschminkte Wahrheit. Dadurch gewann er ihr volles
+Vertrauen. So schilderte er ihnen eindringlich, wie die Revolution ein
+langwieriger Prozeß sei, voll von Aufopferung, Martern, Blut und Wunden,
+und daß gar nicht daran zu denken sei, daß die Lage der Arbeiterschaft
+bei der Machtübernahme sich gleich von heute auf morgen bessere. Im
+Gegenteil ... „Wir Kommunisten gaukeln euch nichts vor. Wer die Wahrheit
+nicht ertragen kann, bitte sehr ... Aber es gibt für euch Proleten gar
+keine andere Wahl. Entweder – oder. Ihr müßt kämpfen oder – untergehn.“
+
+„Nein, wir wollen nicht untergehn. Gewiß nicht ... Und wenn, wie du uns
+mitgeteilt hast, unsere Brüder jetzt kämpfen ...“
+
+Max bemerkte schon: mit geschärften Augen beobachteten sie alles, was im
+Betrieb vor sich ging, oft verschwand der eine oder der andere für eine
+Weile, bis plötzlich eines Vormittags, grün vor Schrecken, einer der
+Obleute zurückkam und Max leise ins Ohr flüsterte:
+
+„Max, ich habs, es stimmt, was du sagst ... Hier ist die genaue
+Aufstellung ... Eine ganze Liste ... Also es ist festgestellt: seit drei
+Monaten fabrizieren wir weiter nichts als Giftgas.“
+
+ * * * * *
+
+Max beobachtete genau die Herstellungsverfahren.
+
+Die Arbeiter hier in den Betrieben machten lediglich Vorarbeiten. Erst
+im letzten Stadium vollzog sich die Umwandlung der Produkte in chemische
+Kampfstoffe. Diese Arbeit geschah in einem besonderen Gebäude, zu dem
+niemand Zutritt hatte. Die Arbeiter dort waren vertragsgemäß unkündbar
+auf mindestens 12 Jahre verpflichtet. Vor dieser Zeit verließ auch
+keiner seinen Arbeitsplatz. Sie wohnten dort. Nur Unverheiratete wurden
+aufgenommen. Dieser Teil des Farbstoffwerkes hieß „Die Falle“ oder auch
+„Die feste Burg“. Die meisten Arbeiter betrachteten die „Falle“ als eine
+Art freiwilliger Quarantäne, da gewisse Arbeiten mit Ansteckungsgefahr
+verbunden waren. Nur besonders zuverlässige Leute, am liebsten aus den
+„Vaterländischen Verbänden“, wurden hier aufgenommen. Auch frühere
+Angehörige des Heeres, entlassene Unteroffiziere, Soldaten wurden mit
+Vorliebe eingestellt. Nach allen vier Himmelsrichtungen hin war die
+„Falle“ von der übrigen Welt abgemauert, über die Mauer selbst aber zog
+sich noch ein zwei Meter hoher Stacheldraht, wie man vermutete,
+elektrisch geladen. „Versuche, das isolierte Gebiet zu betreten, mit
+Lebensgefahr verbunden!“ warnten überall Tafeln. Durch ein doppeltes
+Geleise war dieser mysteriöse Teil des Farbstoffwerks direkt mit der
+Staatsbahn verbunden. Ununterbrochen rollten nachts Güterzüge ein und
+aus.
+
+Was dort vor sich ging, darüber erfuhr man im übrigen Betrieb nichts.
+
+Die Arbeiter kümmerten sich nur wenig um die „Falle“.
+
+Sie war beinahe von einer Legende umwoben und atmete ein geheimnisvolles
+Schweigen.
+
+Nur einmal: da soll es zu einem Zwischenfall gekommen sein, als sich
+einer der Insassen aus dem Fenster stürzte im Wahnsinn, wie es hieß, der
+durch die unsachgemäße Behandlung von chemischen Mischungen erzeugt
+worden sei.
+
+Dieser Vorfall kam damals auch in den Betrieben zur Sprache und wurde in
+Zusammenhang gebracht mit einer Meldung aus Amerika, die über ein neues
+sogenanntes „Wahnsinnsgas“ berichtete.
+
+Die Diskussion darüber dauerte vielleicht eine Woche.
+
+Es kam nichts dabei heraus.
+
+Man wollte zuerst eine Untersuchungskommission einsetzen.
+
+Doch wie gesagt: eine Woche lang, und die erregten Gemüter beruhigten
+sich. –
+
+ * * * * *
+
+Der Fabrikraum, in dem Max arbeitete, war bis aufs äußerste ausgenützt.
+Es war genau berechnet, wieviel Platz jeder Arbeiter brauchte, jede
+Arbeitsbewegung war kinematographisch festgestellt: ein elektrisch
+betriebenes Band rollte und führte dem Arbeiter die einzelnen
+Arbeitsprodukte zu, an denen jeder Arbeiter nur mit einem Handgriff eine
+bestimmte Prozedur vorzunehmen hatte. Zeit, Arbeitstempo waren bis auf
+die Sekunde geregelt. Und immer wieder wurden von den zu diesem Zweck
+besonders angestellten Arbeitstechnikern neue Methoden herausgefunden,
+die Arbeitsintensität zu steigern.
+
+Sämtliche Arbeiter trugen zum Schutz gegen die giftigen Dämpfe
+haubenähnliche Masken, die Gläser der Sehschlitze waren gegen den
+Beschlag durch ätzende Säuren besonders eingefettet.
+
+Trotzdem waren die Schutzmaßnahmen, hauptsächlich die an den in einem
+rasenden Tempo wirbelnden Maschinen, recht mangelhaft.
+
+Die schönste Erholung war schließlich der „Sauerstoffraum“, der nach je
+drei Stunden Arbeitszeit auf drei Minuten aufgesucht werden konnte.
+
+ * * * * *
+
+Ein dunkles Zischen und Surren schwebte in der Luft, ein knatternder,
+gedämpfter Orkan, Eisenarme drehten sich und neigten sich vielgelenkig
+über; Bottiche, gefüllt mit dickklebrigen Brühen, schwenkten sich dicht
+unter der Decke dahin, ein harziger Brei schwemmte selbsttätig von Kübel
+zu Kübel, Wunderwerke von Präzisionsmaschinen nahmen die
+kompliziertesten Mischungen vor. Durch andere Räume hindurch, die großen
+Hallen glichen, sah man Kessel an Kessel, zwei- und dreistöckige Kessel
+sozusagen, an denen auf langen Leitern die Arbeiter herumstiegen.
+Mehrere Plattformen teilten so einen Kessel nach oben ab, Max schien es,
+als glichen sie ganz den gotischen Kirchen.
+
+ * * * * *
+
+Mitten in der Arbeit hatte Max einmal die Vision:
+
+Alles gast, dampft, spritzt; der ganze Raum ist mit fliegenden,
+spritzenden Säuren durchspannt; es knistert und flackert
+phosphoreszierend an den Böden, die krautig und haarig bewachsen sind,
+als Steinbrocken darin klotzige Knochenschädel, und das Ganze brennt
+tropisch glühend, eine morastige Landschaft, so heiß, daß die Haut
+unempfindlich wird und die Augen aus den Stirnhöhlen heraustropfen,
+dicke, perlenähnliche, weißlich-festgeronnene Blasen. Wesen hausen in
+auszementierten Schlupflöchern und in Gräbern als Unterständen, in
+schwere Gummianzüge gepreßt, Masken-Helme aufgestülpt, durch die Worte
+nur noch als dumpfes Gurgeln und Röcheln vernehmbar sind. „Der neue
+Mensch!“ dozierte jemand, und immer dichter und dichter ward das gasige
+Dickicht. „Jetzt endlich haben wir es!“ dröhnte pathetisch und wohlig
+schnalzend eine Stimme: „eine hochkonzentrierte Gaswolke, die die
+Möglichkeit bietet, den Gegner zu überrumpeln und dabei doch die
+Eigenschaft hat, von topographischen und meteorologischen Einflüssen
+völlig unabhängig zu sein ... Dies Problem zu lösen war in der Tat nicht
+ganz einfach ...“ Das Besondere an dieser visionären Landschaft war, daß
+sie geometrisch exakt und sauber aufgeteilt war, ja daß die zahllosen
+Einzelteile und Figuren in ihr aufs feinste ausgebildet und aufs
+strengste sich organisiert erwiesen, das Ganze aber durchaus chaotisch
+und einem mittelalterlichen Spuk und Hexensabbath vergleichbar. Alles
+drängte nach Auflösung, ein in Strudeln sich um und um drehender Abgrund
+schwamm, voll von Algen, Lurchen, Schnecken und Quallen.
+Gestaltgewordene eitertriefende Geschwüre wandelten dazwischen, Gewürme
+und stachlichte Riesenkletten: alles fabriziert, saugt, atmet Gas:
+verfärbt sich und verwandelt sich jeden Augenblick, Muscheltiere und
+Mollusken kommen hoch, ganze Haufen exotischer, mit schlingenden
+Fangarmen bewehrter fleischfressender Pflanzen, und darüber schillert
+und brennt es wieder magisch hinweg, man hört beinahe nichts: die
+Gashölle ist geruchlos und lautlos, und die Sonne in diesem modernen
+Inferno glüht eisern, roh ausgezackt und völlig unbewegt, schmettert
+sengend Strahl auf Strahl nieder, jede Luftschicht wirkt wieder, die
+Hitzgrade vervielfachend, als eine besondere Art atmosphärischen
+Brennspiegels: und darunter dickt die Luft sich von selbst ein, wird
+milchig, flockig und schwimmt, schleimige Fäden lassend, über dem
+Erdsumpf dahin als eine molkige Riesenwolke ... Alle Völker, alle
+Erdwesen sind durch die Giftgasschwemme hindurchgegangen. Ein neues
+Wüstengebiet entsteht: alles wie unter einer Bleiche gefleckt, und
+knöcherig überkrustet. –
+
+– – – –
+
+ * * * * *
+
+Max studierte die tabellarische Uebersicht der wichtigsten chemischen
+Kampfstoffe. Es war klar, die neuesten Verfahren waren darunter nicht
+aufgezählt. Chemische Bezeichnung, chemische Formel, militärische
+Bezeichnung, militärisch-technischer Deckname, physiologische Wirkung,
+physikalische Beschaffenheit, Siedepunkt, Flüchtigkeit,
+Wasserbeständigkeit, das alles galt es gründlich durchzuarbeiten und zu
+erforschen.
+
+Da erfuhr er, wie in der Geschichte der Entwicklung des Gaskampfes die
+Gase selbst wechselten. Das Chlor wurde vom Phosgen, einem Gase mit
+stärkerer Erstickungs- und Giftwirkung als Chlor, abgelöst. Phosgen
+verdichtet sich bereits bei 8 Grad zur Flüssigkeit und war daher vom
+physikalischen Standpunkt aus kaum mehr als Gas anzusprechen. Auch waren
+fast alle Stoffe, die im Gaskampf künftighin zur Anwendung gelangten,
+unter gewöhnlicher Temperatur und Druck entweder Flüssigkeiten oder
+feste Körper. Die Bezeichnung „Gase“ wurde nur beibehalten, weil diese
+Stoffe im Augenblick der Aktion sich entweder im dampfförmigen Zustande
+befanden oder dünn als Rauch oder Nebel zerstäubt wurden. Feste Stoffe,
+wie z. B. einzelne Arsine, wurden bei der Explosion in feine Partikel
+zerstäubt und verharrten lange Zeit schwebend in der Luft ...
+
+Die chemischen Formeln schwankten ihm zunächst in langen, sich immer
+wieder zersetzenden und sich wieder verdichtenden abstrakten
+Reihen durch den Kopf. Endlich erreichte er dabei eine klare,
+konkret-lebendige, sachlich-nüchterne Vorstellung.
+
+Was bedeutete zum Beispiel:
+
+ (CHCl=CH)3As!?
+
+Es war die Formel für Chlorovinyldichlorarsin, eine Arsenverbindung, und
+die Bezeichnung für eine der drei Arten der vielgenannten amerikanischen
+Levisite.
+
+Das Verfahren zu dessen Herstellung war zwar ungeheuer kompliziert, aber
+trotzdem mit den technischen Mitteln, die damals in jeder Farbstoffabrik
+vorhanden waren, unbedingt auszuführen.
+
+Ebenso klar war: man konnte sich aber auch darauf nicht festlegen. Im
+Gegenteil: alles sprach dafür, daß auch dieser Kampfstoff überholt war.
+Doch diese Formel war ein Programm, ein Warnungssignal, ein
+Ausrufungszeichen, ein proletarischer Imperativ: „Wacht auf, Verdammte
+...“
+
+Sie war sozusagen das Symbol des Nullpunktes, des Gefrierpunktes, auf
+dem jetzt die bürgerliche Kultur angelangt war. –
+
+ * * * * *
+
+Dabei stieß Max auch auf die ungeheure Bedeutung des Normenwesens.
+
+Die moderne Industrie, eingestellt auf Normisierung und
+Massenherstellung, ermöglichte es nämlich, in verhältnismäßig rascher
+Zeit anfangs experimentelle Erfolge bald auf Massenverarbeitung
+umzustellen, so daß bis zu einem gewissen Grade infolge der kolossalen
+Erweiterungsmöglichkeiten, die dann zu einer rein mechanischen
+Fortführung des gelungenen Experimentes werden, bei manchen
+Kriegsmitteln im Frieden die Ausgaben ohne Gefährdung für die
+militärische Schlagkraft beschränkt werden konnten. Daher legten schon
+seit langem sämtliche Staaten ein so starkes Gewicht, auch aus
+militärischen Gründen, auf die Durchführung einer strengen Normisierung
+innerhalb der verschiedenen Kriegsindustrien und der Industrie
+überhaupt, die die erhöhte militärische Schlagkraft gewährleistete. Die
+deutsche Industrie hatte gegenüber allen anderen Industrien schon vor
+dem Kriege 1914-1918 ein verhältnismäßig stark entwickeltes Normenwesen
+gehabt. Trotzdem herrschte damals bei Kriegsbeginn in Deutschland auf
+den verschiedensten Gebieten ein wirres Neben- und Durcheinander von
+Modellen. Jede Truppengattung hatte beispielsweise Spaten und sonstiges
+Schanzzeug, aber kaum zwei hatten gleiche Modelle. Es gab unzählige
+Fahrzeuge, Fahrzeugteile, Beschläge, Beschirrung, optisches und
+Fernsprechgerät und noch vieles andere, was bei allen Waffengattungen
+hätte gleich sein können, aber doch nicht gleich war. Verschlimmert
+wurde diese Buntscheckigkeit durch die Zustände in der Industrie. Jede
+Fabrik hatte an ihren Erzeugnissen kleine Besonderheiten, die, an
+sich oft ziemlich belanglos, doch den Austausch und die
+Durcheinanderverwendung mit den Erzeugnissen anderer Fabriken
+ausschlossen. Um die Kriegsindustrie und auch die übrigen Industrien auf
+Massenproduktion von Kriegsmaterial vorzubereiten, wurden in
+verschiedenen Staaten ähnlich wie längst in Deutschland,
+Normenausschüsse der Industrien, die natürlich mit den Generalstäben in
+enger Verbindung standen, geschaffen. –
+
+Man muß nur hören können, wie „das Gras wächst“! –
+
+ * * * * *
+
+Mit konkretem Material konnte nun Max der Belegschaft gegenübertreten.
+
+„Der Kern der Sache –!?
+
+„Der Kern der Sache ist der Besitz der Produktionsmittel! ...
+
+„Arbeiter der Farbstoffindustrie! Euere Brüder, euere Arbeitskollegen,
+euere Klassengenossen kämpfen in den Städten, und ihr: morgen,
+übermorgen werden euere Arbeitsprodukte die Entscheidung im Kampf
+herbeiführen, euere Arbeitsprodukte, die chemischen Kampfstoffe, von
+Fliegern über den Arbeitervierteln abgeworfen werden. Arbeiter! An euer
+proletarisches Solidaritätsgefühl appelliere ich. Arbeiter, werdet
+Kampfgenossen! Schluß mit der menschenschlächterischen Arbeit, die ihr
+bisher, nichts ahnend, hier in dieser Giftbude verrichtet habt!
+Generalstreik! Sturm auf die „Menschenfalle“!“
+
+Die Belegschaftsversammlung war ein einziger Empörungsschrei.
+
+„Heraus aus der Giftbude!“
+
+„Sturm auf die „Menschenfalle“!“
+
+Schon klapperten auf dem Direktionsbüro flink die Telegraphen.
+
+Aber auch von den umliegenden Ortschaften waren Arbeiter- und
+Landarbeitertrupps alarmiert.
+
+„Nun aber, knorke, nun werden wir das Gesindel aus der „Falle“
+herausholen.“
+
+So wie sie gerade standen, rannten sie los, manche krempelten sich die
+Rockärmel hoch, manche mit dem Messer; sie waren nicht zurückzuhalten.
+
+Nicht lange spie die „Falle“ Maschinengewehrfeuer.
+
+Ein langes, zischendes, brodelndes Geräusch kam:
+
+„Gas!“
+
+„Gas!“
+
+„Gas!“
+
+ * * * * *
+
+Mit ungeheueren Verlusten für die Arbeiter wurde der Sturm
+zurückgeschlagen.
+
+Dabei geschah es, daß einem, vielleicht am Rockärmel, ein winziges
+Tröpfchen Gasflüssigkeit hängen blieb, er in einen Raum trat, das
+Tröpfchen Gasflüssigkeit verdampfte, und er sich selbst samt ungefähr
+fünfzig seiner Kameraden tödlich ansteckte.
+
+Das gab auch dem Letzten, der noch immer nicht daran glauben wollte, den
+Rest.
+
+Das ganze Farbstoffwerk mußte geräumt werden.
+
+Rings herum auf den Höhen, kilometerweit entfernt, lagen die Arbeiter.
+Dann: endlich war das Geschütz herbeigeschafft, und beim fünften Schuß
+stieg eine Flammenlohe hoch, wie ein Feuer-Geysir, prasselnd, fauchend,
+und zerstäubte über den ganzen Horizont hin, rings fächerartig geöffnet,
+als Glühregen.
+
+Die „Falle“ war in die Luft geflogen.
+
+Erst in drei Tagen ging scharfer Wind.
+
+Die Gasschwaden verzogen sich.
+
+Die Arbeiter konnten wieder in ihren Werken einziehen. –
+
+
+ V
+
+Die roten Arbeiter- und Farmerbataillone, die in Kolonnen von Hunderten
+von Lastkraftwagen bei Morgengrauen auf verschiedenen Anmarschstraßen
+dem amerikanischen Giftgas- und Waffenarsenal Edgewood zueilten, sahen
+in der aufgehenden Morgensonne plötzlich vor sich über eine schneeweiß
+schimmernde Ebene dahingestreckt ein riesiges Mohnfeld.
+
+Die Blüten des Mohns schwangen im Wind, entfalteten sich, wehten und
+leuchteten ...
+
+Einen Augenblick stoppten die Kolonnen, mit Ferngläsern und
+Scherenfernrohren suchte man den Horizont ab: ein Freudenschrei, ein
+Schrei, der in einen gewaltigen Massengesang überschlug: hunderte von
+roten Fahnen flatterten in der Ferne über den unzähligen weißlichen
+Wellblechbaracken und auf den Giebeln der Verwaltungsgebäude, des
+Kontrollwerkes und der Elektrizitätsanstalt. Ja, der Blitzableiter jedes
+Fabrikschlotes trug ein rotes Fähnlein.
+
+Edgewood war gefallen! Edgewood, das gewaltigste Kriegsarsenal der Welt,
+in den Händen der „Roten“!
+
+Hurra! Hurra! Hurra!
+
+Wie drei Freudensalven knallte es aus Hunderttausenden von Mündern dahin
+...
+
+Und in diesem Augenblick stieg es schon auf: Geschwader an Geschwader,
+Kampfflieger, Aufklärungsflugzeuge, Bombenflugzeuggeschwader: alle rote,
+lange, bänderartige Wimpel an den Tragflächen. Das ganze Tal überzog
+sich mit einer Schicht von Flaggenrot und Motorengeknatter: in ruhig
+geschwungenen Schleifen zogen die Geschwader dahin, in Spiralen tauchten
+sie auf und nieder in dem gläsernen Luftmeer, und landeten dann unter
+dem gleichzeitigen Jauchzen von hunderten von Fabriksirenen senkrecht
+abschießend auf den verschiedenen Flugplätzen ...
+
+ * * * * *
+
+Der rote Kriegsrat des Farbstofftrusts, dem Arbeiter, Matrosen,
+Soldaten, die Offiziere des revolutionären Offiziersbundes angehörten,
+beschloß einstimmig: der Angriff gegen die feindlichen Stellungen,
+Flugzeughäfen und Flottenstützpunkte hat unmittelbar zu beginnen. Die
+Operationsbasis ist durch die Industriegebiete und durch die eroberten
+militärischen Bollwerke gegeben, das Ziel: die rücksichtslose
+Niederkämpfung der feindlichen militärischen Macht. Zu gleicher Zeit
+wird ein umfangreicher Propagandaapparat eingesetzt, ein richtiger
+Feldzugsplan zur Zersetzung, zur moralischen und materiellen, der
+feindlichen Streitkräfte ist ausgearbeitet und wird in den einzelnen
+Punkten von den betreffenden Stellen noch heute durchgeführt. Es ist
+selbstverständlich, bei der geradezu bestialischen Art, mit der die
+Weißen den Bürgerkrieg zu führen belieben, daß von der chemischen Waffe
+zweckmäßig Gebrauch gemacht wird. Die Zweckmäßigkeitsfrage wird bei
+jeder taktischen Ueberlegung in den Mittelpunkt gestellt, Sentiments und
+Ressentiments sind restlos auszuschalten ... Keiner Erwägung bedarf der
+Beschluß, sich mit den revolutionären Organisationen Japans, Europas,
+Rußlands unverzüglich in Verbindung zu setzen ... Wobei, was andere noch
+nicht revolutionierte Völker anbetrifft, zu bemerken ist; das siegreiche
+Proletariat kann keinem fremden Volk irgendwelche Beglückung aufzwingen,
+ohne damit seinen eigenen Sieg zu untergraben ... Schon sind Fälle
+ferner gemeldet worden, wonach die Regierungsflugzeuggeschwader die
+Reviere der revolutionären Bergarbeiter eingegast haben, man hat
+Kohlenschächte ersäuft, in denen man rebellische Belegschaften
+vermutete, und durch Ueberläufer und abgefangene Radios weiterhin
+festgestellt ist, daß umfangreiche Vorbereitungen getroffen sind,
+Edgewood durch einen groß angelegten Bombenfliegerangriff in einen
+Gassumpf zu verwandeln ... Also: wir werden ihnen die Suppe gründlich zu
+schmecken geben, die sie uns zugedacht haben ... Das ist
+selbstverständlich ...
+
+ * * * * *
+
+Wieder trillerten die Fabriksirenen.
+
+Die roten Fahnen wurden eingezogen: grau und eisig lag Edgewood da.
+
+Die Flugzeuge waren startbereit.
+
+Auf einer elektrisch betriebenen Kleinbahn rollten die schweren
+Riesenflügelbomben zum Flugplatz an: sie waren mausgrau, am Kopf
+dicklich und rund und hatten ganz das Aussehen von Walen.
+
+Ein Kommando.
+
+Viele Klingeln schrillten. Leuchttafeln zuckten auf ...
+
+Ein Lautsprecher dröhnte –
+
+Achtung!
+
+Los!
+
+Die erste Schlachtstaffel gleitet ab, schnellt senkrecht hoch.
+
+Die zweite ...
+
+Die Mannschaften unten winken mit den Mützen –
+
+Wieder: „Hurra! Hurra! Hurra!“
+
+Und die Flieger werfen die roten Wimpel ab ...
+
+„Kameraden! Auf Wiedersehen!“
+
+– – –
+
+Der Führer der Schlachtstaffel III ist der Genosse Thomas.
+
+„Na, mein Junge, noch ein Händedruck ... Halt dich gut! ... Wir werden
+die Sache schmeißen ... Davon bin ich fest überzeugt ... Glück auf die
+Reise ... Ich hoffe: übermorgen! ...“
+
+Und der Genosse Frank umarmte den Genossen Thomas.
+
+Dann küßten sich die Freunde.
+
+Frank bekam es dabei mit dem Schlucken ...
+
+Ein Pfiff ...
+
+Und auch Schlachtstaffel III erhob sich ...
+
+– – –
+
+Frank inspizierte die Gasläger. Die Bestandsaufnahme war fertiggestellt.
+
+„Es genügt, um die ganze Welt einigemale mit Gas zu vergiften ...“
+
+Die Arbeiterschaft der verschiedenen Betriebe war inzwischen versammelt
+und besprach einen neuen Produktionsplan.
+
+Die weitere Herstellung der Giftgase konnte bei der großen Menge der
+vorhandenen chemischen Kampfstoffe sofort eingestellt werden. Dagegen
+waren vom roten Kriegsrat Flugzeuge („Goliath“-Typ) und Kampfwagen in
+bedeutender Menge angefordert worden. Ebenfalls wieder einstimmig
+erklärten sich die Arbeiter bereit, alles aus sich herausholen zu wollen
+und die Arbeitszeit in keiner Weise nach unten hin zu beschränken.
+
+„Für die kapitalistische Wirtschaft war uns jeder Knochen zu schad ...
+wenn es für uns ist, für die Diktatur des Proletariats, dann mit Freuden
+alle Muskeln, das Herz, das Hirn, das Fleisch, alle Knochen ...“
+
+Auch eine große Anzahl von Chemikern, Technikern, Ingenieuren, die man
+im Augenblick der Uebernahme der Macht absondern mußte, stellten sich
+jetzt bedingungslos den „Roten“ zur Verfügung.
+
+„Es ist klar, die kapitalistische Produktionsweise ist einfach zu
+unrationell, wir können bei weitem produktiver wirtschaften, fünfzigmal
+soviel aus der Welt mit Leichtigkeit herausholen ... Ihr Roten seid
+einfach die Vertreter einer technisch am modernsten konstruierten
+Organisationsform ... Zu blöd, daß man diese Einsicht den Kapitalisten
+mit Blut abzapfen muß ...“
+
+– – –
+
+Und zu gleicher Zeit entwickelte sich jene erste Phase gewaltiger
+Luftschlachten, die den weiteren Verlauf der Geschichte Amerikas
+entscheidend beeinflussen sollten. Die Flugzeuggeschwader der weißen und
+der roten Flugflotte stürzten sich aufeinander, hakten sich ineinander
+fest und unlösbar ineinander verbissen schossen sie, ein wirres Stahl-
+und Drahtknäueldurcheinander, erdab.
+
+Andere Geschwader nebelten sich ein, blitzten plötzlich völlig
+unerwartet aus dem Hinterhalt des Nebelschleims hervor, oder
+überstreuten den von den feindlichen Flugzeugen zu passierenden Luftraum
+mit einem dichten Netz von Giftgas.
+
+Und unten auf der Erde marschierten die mechanischen Armeen auf: Tanks,
+Panzerzüge, Straßenpanzerwagen ... Rauchwellen fluteten übers Land,
+quadratkilometergroße Herde von Giftrauchkerzen schwälten ... Ganze
+Städte versanken in einem unergründlich tiefen und geheimnisvollen
+Gasgrund ... Pflanzen, Wälder, Wiesengründe färbten sich: grün, blau,
+violett. Wunderbare und seltsamste Farbenspiele zauberten die
+Gasschwaden aus der Erde hervor. Lautlos überzogen ganze Landesteile wie
+mit einer Decke sich mit Todesschlaf ...
+
+Die Hochseeflotten liefen aus den Häfen aus: Kreuzer, Dreadnougths,
+Unterseeboote, Flugzeugmutterschiffe ... Und auf der Hochseeflotte
+meuterte es, ein Kriegsschiff hißt die rote Fahne, noch eines, und die
+Forts auf Hawaii und die Küstenwerke im Panamakanal ... Es war der
+Beginn einer gewaltigen Seeschlacht.
+
+„Die Japaner kommen! ...“ funkte es dazwischen. Aber trotzdem die beiden
+Flottengruppen sich immer vergrößerten: es waren nur rote Flaggen zu
+sehen und weiße: die Nationalfarben hatten keine Bedeutung mehr.
+
+In der Luft, auf der Erde, über Wasser und unter Wasser: stürzt es sich
+übereinander her, würgt sich zutod, es gibt kein Erbarmen.
+
+Heldentaten, die unbeschreiblich sind, Qualen ohne Maß, Krämpfe und
+Zuckungen, wie sie die Erde seit ihrem Anbeginn noch nicht gesehen hat,
+Schmerzensschreie, Hilfeschreie, Todesgebrüll ...
+
+Jedes Lebewesen trug schon einen gespenstischen Flecken an sich, zum
+Zeichen: angeätzt von der Gaslauge ...
+
+Ein blutiger Sommer rauscht ... –
+
+– – –
+
+ * * * * *
+
+„Genosse Thomas Butler gefallen in der Luftschlacht über Hawaii.“
+
+Die Nachricht kommt nach Edgewood.
+
+Genosse Morrow springt ins Flugzeug.
+
+Festgeschnallt.
+
+Sturzhelm und Gasmaske auf.
+
+Vorwärts! Los!
+
+„Genosse Frank Morrow gefallen in der Luftschlacht mitten über dem
+Großen Ozean!“
+
+Die Nachricht kommt nach Edgewood.
+
+Ein zweiter, ein dritter, ein vierter springen ins Flugzeug.
+
+Festgeschnallt.
+
+Sturzhelm und Gasmaske auf.
+
+Vorwärts! Los!
+
+„Der zweite, der dritte, der vierte gefallen in der Luftschlacht über
+dem Panama ...“
+
+Die Nachricht kommt nach Edgewood.
+
+Jetzt drängen hunderte an die startbereiten Flugzeuge heran.
+
+Man stampft vor Wut, wenn man nicht mitkommt.
+
+Jeder wartet nur auf das eine:
+
+„Wann endlich kommt die Reihe an mich ...“
+
+Nur eine Befürchtung, eine Todes- und Lebensangst:
+
+„Vielleicht ist dann schon der Krieg aus!“
+
+Ueberall Butlers, überall Morrows, ob sie nun so heißen oder nicht ...
+
+„Rußland marschiert! Das deutsche Proletariat im Kampf!“
+
+Die Nachricht kommt nach Edgewood.
+
+„Ein Hurra dem deutschen Proletariat!“
+
+„Hoch Sowjet-Rußland!“
+
+„Auch wir sind im Kampf, Brüder, die amerikanischen Genossen: sie grüßen
+euch!“
+
+„Japans werktätige Massen verhindern den Krieg! Yokohama im Aufruhr.“
+
+Auch diese Nachricht kommt nach Edgewood.
+
+„Bravo, japanische Genossen!“
+
+„Die Kolonialvölker, Indien, China, Afrika ...“
+
+„Hoch! Unsere Sache steht gut!“
+
+„Würdig unserer Führerin, der Genossin Mary Green, gemordet auf dem
+elektrischen Hinrichtungsstuhl, eingedenk der Lehren unseres großen
+Meisters, des Genossen Lenin, Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts
+gedenkend, und der Tausenden, die von den weißen Banden aufs grausamste
+gemeuchelt worden sind –
+
+„Festgeschnallt –“
+
+„Sturzhelm und Gasmaske auf!“
+
+„Vorwärts! Los!“ –
+
+ * * * * *
+
+Die Milliardäre sitzen irgendwo hoch in den Bergen, wimmern:
+
+„Zu schade, nun ist es mit der Urbarmachung der Polarregion auch nichts
+... Und die Geologen versichern doch, gewaltige Kohlenläger seien
+vorhanden, deren Ausbeutung relativ einfach sei, nur mit geringen
+Unkosten verbunden, und der Tierreichtum ... der Verlust für die
+Menschheit ist nicht auszudenken ... O welch ein Gewinn! ... Die
+kostspieligen Expeditionen, wenn man bedenkt, die schließlich doch wir
+finanziert haben, wie soll man das alles jetzt verkalkulieren ... Es
+scheint, die Welt sehnt sich nach einer neuen Verrechnungsart ... Ja, es
+scheint richtig so, was die Priester angedroht und die Spiritisten
+prophezeit haben: das Jahrtausend der Herrschaft des Pöbels beginnt. Das
+ist die Sintflut. Wie lange sie währen wird, um die Menschheit von ihren
+Sünden rein zu waschen?! Sicher: wir haben nur immer das Beste gewollt
+...“
+
+„Keine Angst, ihr ehrenwerten Herren Bürger!“ kommt ein Radio aus
+Edgewood. „Wir verderben euch nicht eueren Lebensabend. Ein kärglich
+dosiertes Paradies ist euch sicher. Das ist nur recht und billig. Auf
+einer Insel irgendwo. Bei Kokosnüssen und Affenjagd, bei Brotbäumen, bei
+Fischfang und Holzfällen ... Kriecht ruhig aus eueren Berghöhlen heraus
+... Wir vergreifen uns nicht an Leichen, wenn sie auch noch wie ihr ein
+wenig parfümierten Lebensodem ausströmen ...“
+
+Die Lebensgreise aber knurren durch die künstlichen Goldgebisse hindurch
+im Chor:
+
+„Wir kapitulieren nicht!
+
+„Rache!“
+
+– – –
+
+Und –
+
+Ein blutiger Sommer rauscht ...
+
+
+ VI
+
+„Bombenflug und Sauerstoff!“ fluchte Max.
+
+„Nur den Verstand nicht verlieren!“ redete ihm Wilhelm gut zu, dem dabei
+aber selbst die Tränen über die Backen herunterliefen.
+
+Viele Genossen knirschten laut auf.
+
+Die Nachricht, die soeben aus Amerika eintraf, war in der Tat
+niederschmetternd.
+
+Alle im ersten Anlauf eroberten Positionen mußten, bis auf Edgewood,
+aufgegeben werden. Edgewood selbst lag seit drei Tagen bereits unter
+schwerstem Gasfeuer, bis auf ein Drittel ungefähr war der ganze Komplex
+gasverseucht. An ein weiteres Durchhalten war unter diesen Umständen
+nicht mehr zu denken.
+
+Kurz und gut: die revolutionäre Aufstandsbewegung, im Anbeginn
+unerwarteterweise siegreich vordringend, war niedergeschlagen. In
+Anbetracht der ungeheueren blutigen Verluste, mit denen der ganzen
+Sachlage nach bestimmt zu rechnen war, schien ein Wiederaufflackern des
+bewaffneten Aufstandes in absehbarer Zeit völlig ausgeschlossen.
+
+Ja, die amerikanische Regierung konnte schon wieder ernsthaft in
+Betracht ziehen, die Feindseligkeiten gegen Japan zu eröffnen.
+
+Wenn man sich die weitere Wirkung, die diese Nachricht auf die breiten
+Massen des Proletariats ausüben wird, vorstellt: es war zum Verzweifeln.
+Schon jetzt: jeder Tag bringt neue Schwierigkeiten, schon jetzt melden
+sich immer lauter die Stimmen derer an, die unter verhältnismäßig
+anständigen Bedingungen den ganzen Aufstand zu liquidieren bereit sind
+... immer häufiger wird das Geschwätz von den festen, 99prozentigen
+realen Garantieen für den Sieg ... Jetzt heißt es: alle Kraft
+zusammennehmen, nur jetzt nicht locker lassen, mit eiserner
+rücksichtsloser Energie allen derartigen aktionslähmenden Versuchen
+entgegentreten, und, in welcher Form sie sich auch äußern mögen:
+erbarmungslos nieder mit ihnen. Nur unter keinen Umständen
+Flautestimmungen und Krisenmachereien aufkommen lassen, nur jetzt nicht!
+Solche Situationen waren noch immer Keimbeete, Treibhausboden, richtiges
+Nährfutter für Verrätereien, Verzicht, Hinterhältigkeiten unter einem
+meist überschwänglich radikal sich gebärdenden verlogenen Phrasentum.
+Einige wildgewordene Anarchisten großmaulten und bramarbassierten
+besonders auffällig dazwischen herum: die wollten am liebsten gleich,
+wie sie möglichst aufdringlich betonten, die ganze „Bude“, worunter sie
+die Welt verstanden, in die Luft sprengen: Vorbereitung und Ausführung
+dieses nihilistischen pseudoheroisch-famosen Vernichtungsplans
+überließen sie großmütig, wie sie nun einmal waren, allerdings mit
+besonderer Vorliebe den andern. Sie selbst klinkten sich ein geheimes
+Hintertürchen auf, um im Fall einer Explosionskatastrophe sich
+schleunigst aus dem Staube zu machen ...
+
+Trotzdem:
+
+Eine große, eine schöne, eine schwerwiegende Hoffnung sank.
+
+Die gehißte rote Fahne, ein Intermezzo! Woraus es nun zu lernen galt ...
+
+ * * * * *
+
+Auch der Vormarsch der russischen roten Armee stockte.
+
+Deutschland selbst war inzwischen zum Kriegsgebiet geworden.
+
+Englische Flugzeuggeschwader landeten bereits auf deutschem Boden.
+Ungeheure Proviantmagazine, ganze Arsenale und Werkstätten für
+Flugzeugersatzteile waren schon vordem in den letzten Jahren errichtet
+worden ...
+
+Der Hunger begann.
+
+Seuchen und Krankheiten schossen üppig ins Kraut.
+
+Das kämpfende Proletariat hatte noch keine Entscheidung herbeiführen
+können.
+
+Zwar die deutschen Farbstoffwerke hatten inzwischen erfolgreich
+rebelliert, aber es gestaltete sich außerordentlich schwierig, dort nur
+einigermaßen wieder die Produktion in Gang zu bringen, um die
+Arbeitermassen auch nur mit den allernötigsten Kampfmitteln zu versehen.
+Die Arbeiten litten unter den beständigen Ueberfällen der
+Regierungsflieger, die genau orientiert waren, jede verwundbare Stelle
+solch eines Riesenbetriebes genau kannten und an Hand von im Frieden
+wissenschaftlich ausgeführten Berechnungen und Standortbestimmungen aus
+den phantastischsten Höhen herab exakt ihre Bomben abwarfen.
+
+Dieses Störungsfeuer von oben hielt Tag und Nacht ununterbrochen an: und
+die Arbeitsleistung wurde dadurch auf ein Minimum reduziert ...
+
+ * * * * *
+
+„Die Gas-Walze kommt!“ so hieß es jeden Augenblick in den noch von den
+Arbeitern gehaltenen Stadtteilen Berlins.
+
+„Jetzt! Diesmal ganz sicher! Ich spürs schon ...“
+
+Zwar verfügte man über einige Meßapparate, die jedes Gasgemisch in der
+Luft sofort anzeigten, die Zusammensetzung analysieren ließen, und so
+konnte man wenigstens, grad leidlich genug, Vorkehrmaßnahmen treffen.
+Wie jede Gasschutzabwehr war auch die proletarische höchst mangelhaft.
+Ein Versuch, Kollektivschutzräume anzulegen, scheiterte kläglich. Diese
+Dinge waren eben nicht so ohne weiteres aus dem Boden zu stampfen.
+Ueberall fehlte es an geeigneten Kräften, überall an Genossen, die auch
+nur über die allerprimitivsten Kenntnisse in der Technik des Gaskampfes
+verfügt hätten. Die Erfahrungen aus den Gasexperimenten 1915 bis 1918
+waren bei der völlig veränderten Lage nicht auszuwerten. Es mehrten sich
+die Stimmen, die sagten: „Wir haben darin unendlich viel versäumt. Das
+rächt sich jetzt bitter ... Wenn es uns schon nicht den Sieg kosten
+wird, so doch gewaltige Menschenopfer.“
+
+Eine leichte Panikstimmung verbreitete sich.
+
+Wieder hieß es:
+
+„Die Gaswalze kommt!“
+
+Die unglaublichsten Vorstellungen über einen Gasangriff grassierten,
+ununterbrochen waren einige dazu besonders befähigte Genossen bei der
+Aufklärungsarbeit ...
+
+Und die Gaswalze kam wieder nicht.
+
+Noch immer nicht ...
+
+Und dennoch: beinahe jeder lauerte auf die ersten Symptome einer
+Vergiftung.
+
+Bald aber rissen sich die Proleten wieder zusammen, packten ihre
+Nervenbündel fest und es ging wieder einigermaßen vorwärts ...
+
+„Na immer noch nicht“ – scherzte Max – „hoher Besuch von oben? Schade,
+daß Pfingsten schon vorüber ist, sonst könnte man sagen: Fest der
+Ausgießung des heiligen Geistes ...“
+
+Auch wurde man sich bald klar darüber:
+
+Die rote Welle überflutet auch diesmal aller Wahrscheinlichkeit nach
+nicht die ganze Welt, nur einige Nationen werden von ihr ergriffen
+werden, und man wird am Ende dieser Kriegsperiode vor der Tatsache eines
+großen gewaltig zusammengeschmiedeten Blocks von Sowjetrepubliken
+stehen, denen gegenüber sich aber noch eine beträchtliche Anzahl
+kapitalistischer Staaten behaupten wird.
+
+ * * * * *
+
+Wie hatte sich hier alles verändert, seitdem Max von Berlin fort war!
+
+Einen halben Tag erst war er wieder zurück, doch lange genug, um sofort
+zu erkennen: das ganze Kampftempo war gründlich verändert, der Rhythmus
+des Aufstandes selbst war ein wesentlich anderer geworden.
+
+Für Elan, für Schwung war nur wenig Platz mehr da, auf andere
+Kämpfereigenschaften kam es jetzt vor allem an.
+
+Verbissen, zäh, zwei Schritte vor, eineinhalb wieder zurück, und jeder
+Schritt verbunden mit Blut, wahnwitziger Anstrengung, Verkrüppelungen,
+unheilbaren Wunden: so wurde jetzt gekämpft, und jeder Mann hatte
+außerdem das kristallhelle Bewußtsein dabei: das ist von allem noch
+längst nicht das Letzte, der Feind hat seine Reserven noch nicht
+angebrochen, seine letzten und gefährlichsten Kampfmittel noch längst
+nicht eingesetzt ...
+
+ * * * * *
+
+Es war wieder ein warmer Sommerabend.
+
+Nichts war von den „Weißen“ zu sehen.
+
+Ruhe und Frieden weit und breit.
+
+Die „Weißen“ hatten sich tief in ihre Hauptstellungen zurückgezogen.
+
+Das erstemal seit langem bemerkte Max wieder: die Vögel sangen.
+
+Sangen sie wirklich!?
+
+Ja, sie sangen ...
+
+Max mußte sich fest über die Augen streichen, um nicht drauf los zu
+heulen.
+
+Schön war es, wirklich: wunderbar.
+
+Und Max dachte einen Augenblick an die Welt, wie sie nach all diesen
+Greueln und Gemetzeln kommen werde ...
+
+Inbrünstig sehnte er sich darnach.
+
+Wieder sangen die Vögel, aber wo in aller Welt sangen sie!?
+
+Die Bäume an den Straßen und in den Anlagen waren längst alle umgelegt,
+nur Fetzen von Bäumen und verkohlte Baumstümpfe standen noch.
+
+Oder in den Häusern!?
+
+Singen sie heraus vielleicht aus eueren leergebrannten Augen, ihr
+rätselhaften Mauer-Wesen!?
+
+Mittenhindurchgeschnitten waren manche Gebäude, wie glatt mit der Axt
+durchgespalten: ein Zimmer mit Bett und Stuhl war sichtbar, ein Kübel im
+Winkel; die Matratze des dritten Stockes hing hinab in den zweiten, wie
+eine ausgerissene Zunge; und der Plafond des ersten Stockes lag wieder
+auf dem geborstenen Billardtisch einer Wirtschaft parterre. Das sah aus
+wie auf der Bühne, unwirklich, mit nichts Lebendigem mehr verbunden: daß
+Menschen je in diesen Ziegellöchern gehaust haben: eine unvorstellbare
+Vorstellung ...
+
+Die Nachrichten, die noch im Laufe der Nacht eintrafen, lauteten
+durchwegs wieder günstig.
+
+Der Druck der russischen Armee mache sich bereits deutlich bemerkbar.
+Die feindliche Front im Osten sei bereits gründlich aufmassiert, heute
+oder morgen spätestens erfolge der Durchstoß. Das rote Loch im Osten
+also werde zur Tatsache. Endlich! Inzwischen sei auch eine Luftschlacht
+geschlagen worden, ebenfalls siegreich für die „Roten“, ebenfalls,
+spätestens morgen gegen Abend, erwarte man die ersten roten russischen
+Flieger über Berlin ...
+
+Mit einigen Genossen saß Max in einem Kellerunterstand bis zum Anbruch
+des Morgens zusammen.
+
+Also: auch mit Lene stand alles gut. Sie war noch immer in Ostpreußen,
+wo es vorwärts ging. Ueberhaupt: das Land machte sich ...
+
+Die Genossen sprachen Einzelheiten aus den Kämpfen durch, den und jenen
+nannte man, aber die Zeit reichte nicht hin, alle aufzuzählen, die etwas
+besonderes vollbracht hatten, sie hatten sich alle ausnahmslos
+ausgezeichnet gehalten.
+
+Jeder von ihnen oder auch wiederum keiner von ihnen war ein Held. Der
+„Held“ war ein Kollektivbegriff geworden. Der Held war das Proletariat.
+
+Einige, na das wußte man schon früher ... Daß sie abfallen und abtrünnig
+werden würden, damit rechnete man, und das gab also keine besondere
+Enttäuschung.
+
+„Die machen noch lange keine Niederlage ...“
+
+„Und wenn wir allesamt, sage ich, so wie wir hier beieinandersitzen
+jetzt, in diesem Augenblick futsch gehn, die Bewegung geht weiter, die
+Bewegung steht und fällt nicht mit dem Schicksal von Einzelpersonen,
+jeden von uns kann es treffen, heute den, morgen den, nur die Bewegung:
+die bleibt. Die kommunistische Bewegung ist: die materielle und die
+ideologische Auswirkung und die kollektive Auswertung des
+Klassen-Widerstreits. Die Bewegung, die ist: so lange noch einer auf
+Kosten eines anderen lebt, so lange noch einer satt und zufrieden die
+Hände sich reibt, während sein Mitmensch leidet und hungert ...“
+
+Dann kam die Sprache auf die Gefangenen.
+
+Die Genossen sprachen halblaut.
+
+Die Zunge sträubte sich, alle die Grausamkeiten und bestialischen
+Gemeinheiten, die die „Weißen“ an völlig Wehrlosen und an schon
+Sterbenden verübt hatten, auszusprechen. Was Wunder: darüber regte sich
+ja längst keiner mehr auf: daß man Gefangene mit dicken Ketten um den
+Leib an Bäume und Laternenpfähle gebunden hatte ... und sich ihrer als
+Zielscheibe für ein frischfröhliches Pistolenpreisschießen bediente ...
+Das Anbinden, das kannte man ja aus dem Feld her ... Aber daß man
+Leichen den Kopf abschlägt und ihn auf die Bajonette spießt, das wollte
+man überhaupt nicht gelten lassen. Man hielt es absolut für eine ganz
+unmögliche Ungeheuerlichkeit und beschuldigte lieber den Erzähler
+hysterischer Uebertreibung ...
+
+ * * * * *
+
+„An die Gewehre!“
+
+Die Genossen erhoben sich.
+
+„Heute oder morgen fällt die Entscheidung! Heute der, Max, morgen der!
+Machs gut! Leb wohl ...“
+
+Wilhelm und Max trennten sich.
+
+Schweigend bezog jeder seine Stellung.
+
+Max kniete, fünf Stielhandgranaten im Gürtel, das Gewehr schußfertig im
+Anschlag, hinter dem Schornstein auf dem Dach einer Mietskaserne und
+beobachtete gespannt die Straßenmündung.
+
+Es war halb vier Uhr morgens.
+
+Es war völlig windstill.
+
+Hie und da hörte man in der Ferne einen Schuß knacken.
+
+Wie Spinnenarme geisterten jetzt die ersten Strahlen der Sonne am
+Horizont herauf. Wolken-Kolosse färbten sich blühend, überquellend rot,
+wie frisch blutende Fleischstücke.
+
+
+ VII
+
+Das Bombardement hatte nicht länger als höchstens drei Minuten gedauert.
+
+Fünf Gasbomben waren insgesamt abgeworfen worden.
+
+Das gasverseuchte Gebiet erstreckte sich auf den zweiten Bezirk; einige
+daran angrenzende Parks und die Elektrizitätsanlage in der Hauptstraße
+waren davon noch betroffen worden.
+
+Es bildete sich ein Gassumpf.
+
+Trotzdem sich Max bei Erscheinen des Bombenflugzeuggeschwaders sofort
+schleunigst in Galopp gesetzt hatte, hatte er doch noch einen tüchtigen
+Gasschluck mitabbekommen.
+
+Auch jetzt, wo er, was das Zeug hält, die Straße hinunterrennt, kann er
+das Gefühl nicht loswerden, als treibe er noch mitten in einem dichten
+Gasschwaden.
+
+Kein Mensch ist zu erblicken.
+
+So kann er sich nicht recht klar darüber werden, ob er sich eigentlich
+noch innerhalb oder schon außerhalb der verseuchten Zone befindet.
+
+„Schlimme Sache das“, überdenkt er rasch, „Entseuchungskommandos haben
+wir nicht, Chlorkalk zum Entseuchen ist nur in ganz geringen Mengen da
+...“
+
+Mit einem Fetzen von Taschentuch hält er sich Mund und Nase zu. Die
+Augen beißen wie zwei ausgebrannte Wundlöcher. Automatisch fängt er zu
+heulen an. In den Ohren tackt und tickt es. Er schwankt, taumelt. Auch
+der Gleichgewichtssinn funktioniert nicht mehr ...
+
+Er reißt sich immer wieder an sich selbst hoch, mit einer letzten
+Willensanspannung, wie an einem unsichtbaren Nervenzügel.
+
+„Energie! Energie! Max!“ ruft er sich zu. Stolpert und schwankt sich
+wieder einige Schritte vorwärts.
+
+„Man muß rücksichtslos Geiseln nehmen, sofort androhen lassen:
+lebenslängliche Anstellung an der Wand ... als Repressalie gegenüber
+solch einer unmenschlich-barbarischen Kriegsführung. Aber gut so: sie
+haben sich damit selbst ihr Grab gegraben ... Wenn das auch die
+ungeheuersten Menschenverluste noch kosten wird ...“
+
+Da bricht er.
+
+Ein langer blutiger Erguß.
+
+Die Gedärme kommen ihm hoch dabei.
+
+„Kotzerbärmlich ist mir zu Mut. Max, was ist nur mit dir!? Soll es
+diesmal wirklich ernst werden!? Mach keinen Quatsch! Das kann, das darf
+doch nicht sein ... Heute oder morgen wird die Entscheidung fallen ...
+Nur jetzt nicht.“
+
+Die ganze Oberfläche der Haut ist ihm brandig angelaufen, es juckt und
+kratzt in ihm herum, eine unheimliche innere Krätze, der Gaumen fühlt
+sich pelzig an, bei jedem Atemzug hat er den Geschmack, als ziehe er
+flüssiges Feuer ein.
+
+„Ob ich angesteckt bin ...?! Und ob ich nicht mehr zu meinen Kameraden
+zurückkann, ohne auch sie anzustecken, wie das beim Sturm auf die
+„Menschenfalle“ vorgekommen ist ...?! Ist doch nichts zum Desinfizieren
+da ...“
+
+„Nein! Ausgeschlossen, ich sterbe nicht!“ versichert er sich gleich
+darauf wieder krampfhaft. „Mir ist nur ein klein wenig übel!“ ermuntert
+er sich. „Unkraut verdirbt nicht. Mir kann nichts geschehen. Wird schon
+wieder werden.“
+
+Und schiebt sich mühsam mit den Knien um eine Ecke.
+
+Auch der Tastsinn, das Orientierungsvermögen funktionieren nicht: die
+Gegenstände in nächster Nähe rücken auf einmal in eine traumhafte
+Entfernung.
+
+Das Gesichtsfeld verengt sich, verschiebt sich.
+
+Eine ruckhaft von ihm sich abstoßende Häuserfront erscheint, jäh in den
+Hintergrund abfallend, spitzwinkelig nach innen zu verzogen ...
+
+Schwerfällig wie ein Sack sinkt er, mit den Händen sich gerade noch
+aufstützend, nach vorne um.
+
+Ihm ists, als stürze er viele tausend Meter tief.
+
+Ein ganzes Leben dauert dieser Fall ...
+
+Dreht sich auf die Seite. Wälzt sich.
+
+Das Schwergewicht ist aufgehoben ...
+
+Als glitte er schwebend über den Boden hinweg.
+
+Bleibt liegen ...
+
+Wie lange –?
+
+Erwacht wieder ...
+
+Eine Turmuhr schlägt eben fünf.
+
+Er weiß nicht: ist es fünf Uhr morgens oder fünf Uhr abends.
+
+Wiederholt noch wie aus einem früheren Leben:
+
+„Nur jetzt nicht ... Heute oder morgen muß die Entscheidung fallen ...
+Ah, schön so, wie wunderbar, wie gut ... Rote Flieger über Berlin.“
+
+ * * * * *
+
+Eine Maske, Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett, springt auf vor ihm.
+
+„Hände hoch!“
+
+Max macht eine mechanische drehende Armbewegung nach aufwärts ...
+
+Die Bajonettspitze steht ihm senkrecht auf der Brust.
+
+Ein zweiter, ein dritter, noch einer tappt herzu: sie alle sind in
+taucherähnliche, schwarzglänzende Gummiuniformen gekleidet. Das einzige
+Abzeichen, das sie tragen: je zwei kleine weißblecherne Totenkopfknöpfe
+oberhalb der beiden Kragenspitzen.
+
+„Nur, nicht lange gefackelt ... Marsch! Kehrt um! Ab damit! Marsch! An
+die Wand ...“
+
+Die Stimmen kommen, durch die Maske gedämpft, von tief unten herauf.
+
+Max wird einfach in eine Wand hineingeschoben.
+
+Er steht schon mit dem Gesicht gegen die Wand.
+
+Es war eine kurze dicke Verbindungsmauer zwischen zwei Häuserblocks,
+zwischen der Delikateßwarenhandlung Andreas Gräulich und einer
+Sargfabrik, gegründet 1860, Grieneisen.
+
+Max bemerkt:
+
+Die Ziegelsteinmauer war nur notdürftig verputzt, überall Sprünge,
+Risse, faustgroße Löcher.
+
+„Armes Kind, ganz pockennarbig ...“
+
+„Aha“, ergänzt und kommentiert er sich selbst: „der Irrsinn.“
+
+ * * * * *
+
+Das Gas hängt bleischwer in ihm.
+
+Der Boden an dieser Stelle scheint ihm wieder abgrundtief und sehr
+schlüpfrig. Viel Geplätscher ist unten, Wellengeplätscher, wie Ozean ...
+Er befürchtet im letzten Moment noch auszurutschen.
+
+Da spürt er plötzlich ganz deutlich in der Kehle, daß er schreien müsse.
+Es war ein langgezogener strangulierender, messerscharf schneidender
+Halsschmerz.
+
+Schreien, nichts als schreien –
+
+Schreit:
+
+„Sowjet-Deutschland entgegen!“
+
+Dabei schwitzt er, daß es nur so an ihm herunterläuft.
+
+Neigt sich noch ein wenig vornüber.
+
+Berührt leicht mit der Stirn die Wand.
+
+Er verliert sein Gesicht. Das Gesicht schmilzt.
+
+Der Boden unter ihm rollt wie Wellen ...
+
+Und –
+
+Mit einem jähen Ruck schnellt er sich plötzlich um sich herum ...
+
+– – –
+
+Die Salve knallte. –
+
+ * * * * *
+
+Den Roten Entseuchungskommandos gelang es erst im Verlauf einiger
+Monate, den Gassumpf, in den die Regierungsflieger die Hauptstadt
+verwandelt hatten, trockenzulegen.
+
+
+
+
+ Quellennachweis
+
+
+ I.
+
+ Vom proletarischen Klassenstandpunkt aus
+
+Aus den mit * bezeichneten Werken wurde teils wörtlich, teils dem Sinn
+gemäß zitiert.
+
+_Lenin_: Ausgewählte Werke. Der Kampf um die Soziale Revolution. Verlag
+für Literatur und Politik.
+
+_Stalin_: Lenin und der Leninismus. Verlag für Literatur und Politik.
+
+*_Sinowjew_: Der Krieg und die Krise des Sozialismus. Verlag für
+Literatur und Politik.
+
+_Engels_: Militärpolitische Aufsätze.
+
+*_Fischmann_: Der Gaskrieg.
+
+– Der Gaskrieg. Eine Flugschrift über den chemischen Krieg für
+Industriearbeiter.
+
+– Die Chemie im Krieg und in der Landwirtschaft. Flugschrift für
+Kleinbauern und Landarbeiter.
+
+_F. Meister:_ Internationales Finanzkapital und europäische Vertrustung.
+„Die Internationale.“ Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus.
+Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten. Berlin SW 61. „Die größten
+chemischen Werke Deutschlands, schon bisher in Interessengemeinschaft
+verbunden, haben sich in der I. G. Farbenindustrie-A.-G. zu einer
+einheitlichen Firma mit einem Aktienkapital von 652 Millionen Mark
+zusammengeschlossen. Dieser neue Trust ist außerdem im Besitz der Aktien
+der Firma Cassella (Frankfurt a. M.) und Kalle (Biebrich), deren Kapital
+weitere 70 Millionen Mark beträgt. Wie um das _militärische_ Moment
+dieser Kapitalsgruppe zu unterstreichen, hat der Trust den Hauptteil der
+für die Munitionsindustrie unentbehrlichen Kunstseidenindustrie an sich
+gerissen und baut neue Fabrikationsmethoden aus, so daß er etwa 75
+Prozent dieser Industrie in Deutschland beherrscht. Der übrige Teil der
+deutschen Kunstseidenproduktion wird charakteristischerweise von der
+sogenannten Pulver- und Sprengstoffgruppe kontrolliert.“
+
+_Baumann_: Das Rhein-Problem. Arbeiterliteratur.
+
+*_Erkner_: Artikel in der „Internationale“. Vereinigung Internationaler
+Verlagsanstalten.
+
+_Georg_: ebendort.
+
+*_Rolf_: sämtliche Artikel in der Kriegsbeilage der „Roten Fahne“ und in
+der „Neuen Zeitung“.
+
+
+ II.
+
+ Vom bürgerlichen Klassenstandpunkt aus
+
+_Adelsheim_, R., Dr., Riga: Ueber Gaskampfstoffe und Gasangriffe im
+Weltkriege. In „Politik und Weltmacht“ August 1922.
+
+_Auld_, S. Y., Captain: Chemical Warfare. In „The Royal Engineers
+Journal“ Februar 1922. Gas and Flame.
+
+_Bacon_, Raymond, F., Colonel, Chief of the Technical Division U. S. A.:
+The work of the Technical Division Ch. W. S. In „The Journal of
+Industrial and Engineering Chemistry“ S. 13. Januar 1919.
+
+_Berlin_, Generalmajor: Waffenwesen. In M. Schwarte, „Die militärischen
+Lehren des großen Krieges“. 1. Auflage. Verlag Johann Amb. Barth,
+Leipzig 1920.
+
+_Berliner_, A. Dr.: Zur Beteiligung deutscher Gelehrter an der
+Ausbildung von Gaskampfmitteln. In „Die Naturwissenschaften“, Heft 43.
+1919.
+
+_Bernhardi_: La guerra dell’avenire.
+
+_Bircher_: Ueber den Gasangriff, Allg. Schweizer Militärzeitung 63.
+1917.
+
+_Bradley_, Dewey, Colonel, Chemical Warfare Service: Production of Gas
+defense equipment for the army. In „The Journal of Industrial and
+Engineering Chemistry“, S. 185, März 1919.
+
+_Carr_: Bemerkungen über die Herstellung giftiger Gase in Deutschland.
+In „Journal Soc. Chem. Ind.“ 38. 1919.
+
+_Cromwell_ and _Wilson_: Armies of Industry. Yale Univ. Press.
+
+_Dopter_, Professor, Paris: Vorlesung für Truppenoffiziere an der Ecole
+supérieur de Guerre in Paris.
+
+_Dorsay_, M., Colonel: Development Division, Ch. W. S. U. S. A. In „The
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+
+_Devin_: Die deutschen Militärapotheker im Weltkrieg siehe Gemeinhardt.
+
+_Dyes_: Nordamerikas Rüstungen und das fünfte Jahr des Weltkrieges,
+Chemiker-Zeitung, Cöthen 42, 1918.
+
+– Der Krieg der alliierten Chemiker gegen Deutsche und Neutrale.
+Chemiker-Zeitung 44. 1920.
+
+_Engelhardt_, Dr.: Neuere Gesichtsmasken. In „Feuerschutz“ Nr. 1, 1924.
+
+_v. Falkenhayn_, Erich, General d. Infanterie: Die Oberste Heeresleitung
+in ihren wichtigsten Entscheidungen 1914 bis 1916. Verlag E. S. Mittler
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+
+_Feuville_, General: Les gaz à la guerre. In „La France Militaire“ vom
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+
+_Flusser_: Einiges über Gaskampfschädigung. Wiener Klin. Wochenschrift
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+
+_Flury_, F., Professor: Ueber Kampfgasvergiftungen I und II. In der
+„Zeitschrift für die gesamte experimentelle Medizin“. 13. Band. Verlag
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+– und _Wieland_, H.: Ueber Kampfgasvergiftungen, ebendort.
+
+_Fries_, Amos A., Brigadier General, Chief of the Chemical Warfare
+Service, U. S. A. In „The Journal of Industrial and Engineering
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+– and _West_, Clarence S. Major, U. S. A.: Chemical Warefare. Mc. Graw
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+– Vortrag, gehalten in der American Chemical Association, 1921.
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+
+_Gemeinhardt_, K. Stabsapotheker: Hauptgasschutzlager und
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+
+_Geyer_, H., Hauptmann: Die militärischen Grundlagen des Gaskampfes. In
+M. Schwarte „Die Technik im Weltkriege“. Verlag E. S. Mittler u. Sohn.
+Berlin. 1920.
+
+_Geyer_, H., Major: Gaskampf. In M. Schwarte „Die militärischen Lehren
+des großen Krieges“. 2. Auflage. Verlag E. S. Mittler u. Sohn. Berlin
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+
+_Gilchrist_, H. L., Lieutenant Colonel M. C. U. S. A.: Reports on the
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+
+_Gildemeister_ u. _Heubner_, Dr.: Die Chlorpikrinvergiftung. In
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+1921.
+
+_Girsewald_: Gaskampf und Gasschutz. In „Die Technik des 20.
+Jahrhunderts“, Braunschweig 1921.
+
+_Goss_, B. C., Lieutenant Colonel, Chief Gas Officer I. Corps U. S. A.:
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+_Haber_, F., Professor: Fünf Vorträge aus den Jahren 1920 bis 1923, Nr.
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+Julius Springer, Berlin 1924.
+
+_Haller_: Les actualités de Chimie contemporaine. 1922.
+
+_Hanslian_, R., Dr., Stabsapotheker: Gasdienst. In G. Devin, „Die
+deutschen Militärapotheker im Weltkriege“. Verlag Julius Springer,
+Berlin 1920.
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+– Das chemische Kampfmittel im Weltkriege. In „Berichte der Deutschen
+Pharmazeutischen Gesellschaft“, S. 244. 1921.
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+– Die Militärapotheker. In M. Schwarte, „Der große Krieg 1914-1918“, Die
+Organisationen der Kriegführung, II. Teil, S. 540. Verlag Johann
+Ambrosius Barth, Leipzig 1923.
+
+*_Hanslian_, R.: Der chemische Krieg. Mittler u. Sohn, Berlin.
+
+_Henke_, C., Oberstleutnant: Der Gaskampf. Im „Bundesblatt des Deutschen
+Offiziersbundes“ Nr. 20 vom 25. Okt. 1923. Berlin 1923.
+
+_Henry_, Colonel: Autres réflexions sur l’Infanterie. In „La Revue
+d’Infanterie“, S. 414. 1922.
+
+_Heubner_: Die Erkrankungen durch Kampfgase. Die Naturwissenschaften. 8.
+1920. Vollständige Darstellung.
+
+_Jones_, Ernst: Gas Warfare in the air. „International Aeronautis“, Band
+I, Nr. 2. 1921.
+
+*_Jünger_, Ernst: In Stahlgewittern. Mittler u. Sohn, Berlin.
+
+_Kerschbaum_, Professor: Die Gaskampfmittel. In M. Schwarte, „Die
+Technik im Weltkriege“, Verlag E. S. Mittler u. Sohn, Berlin 1920.
+
+_Krasnow_, P., General: „Vom Zarenadler zur Roten Fahne“. Deutsche
+Bearbeitung von Major v. Cochenhausen. 2. Auflage. Band 3, S. 7. Verlag
+O. Diakow, Berlin 1924.
+
+_Lamb_, Wilson, and _Chaney_: Gas Mask Absorbents. In „The Journal of
+Industrial and Engineering Chemistry“, S. 420. Mai 1919.
+
+_Lefebure_, Major: „The Riddle of the Rhine“. London 1921.
+
+– L’énigme du Rhin, La stratégie chimique en temps de paix et en temps
+de guerre.
+
+_Lidell-Hart_, Captain: The next great war. In „The Royal Engineers
+Journal“, März 1924.
+
+_Ljungdahl_, C. E., Kapten: Giftiga gaser och deras användning.
+„Artilleri-Tidskrift“, Heft 3/4, S. 123. Stockholm 1922.
+
+– Rökgranater. „Artilleri-Tidskrift“, Heft 1/2, S. 79 ff. 1923.
+
+_Ludendorff_, E.: „Meine Kriegserinnerungen“, Verlag E. S. Mittler u.
+Sohn, Berlin 1919.
+
+– Urkunden der Obersten Heeresleitung über ihre Tätigkeit 1916-1918.
+(Deutsche Dienstvorschriften.)
+
+_Meyer_, J., Professor: Die Entwicklung des Gaskampfes.
+„Chemikerzeitung“, S. 353. Verlag Cöthen in Anhalt, 1920.
+
+– Die Entwicklungstendenzen der chemischen Industrie Frankreichs nach
+dem Kriege. „Chemiker-Zeitung“, S. 13. 1924.
+
+_Mills_, I. E., Dr.: Chemical Warfare. In „The military Engineer“,
+Juli/August-Heft 1922.
+
+_Moureu_, Charles, Professor: La Chimie et la guerre science et
+l’avenir. Verlag Masson et Co., Paris 1920.
+
+_Nordmann_, Charles: La guerre de gaz et l’avenir. In „Revue de deux
+Mondes“, vom 15. Januar 1922.
+
+_Norris_, James F., Late Lieutenant Colonel, Chemical Warfare Service U.
+S. A. The Manufacture of War gases in Germany. In „The Journal of
+Industrial and Engineering Chemistry“, S. 817 ff. September 1919.
+
+_Piccinini_: I gasi asfisianti 1920. Conferenze al battaglione studenti
+militari.
+
+_Pick_, H., Dr.: Die Gasabwehrmittel. In M. Schwarte „Die Technik im
+Weltkriege“. 1920.
+
+_Pope_: Herstellung und Geschichte des Senfgases, „Chem. Zentralblatt“,
+IV. 1920.
+
+_Reizenstein_, F., Professor: Die Entwicklung des Gaskampfes. In
+„Chemikerzeitung“, Seite 425. 1920.
+
+_Rumpf_, Diplom-Ingenieur: Die Minenwerfer. In M. Schwarte, „Die Technik
+im Weltkriege“. 1920.
+
+_Rohrbeck_: Taktik. Mittler, Berlin 1920.
+
+_Rona_, P., Dr.: Ueber Zersetzung der Kampfstoffe durch Wasser. In der
+„Zeitschrift für die gesamte experimentelle Medizin“, Band 13. Verlag
+Julius Springer, Berlin 1921.
+
+_Ryba_, Oberbergrat: Der Gaskampf und die Gasschutzgeräte im Weltkriege
+1914 bis 1918. Montanverlag, Teplitz-Schönau 1921.
+
+_Schirmer_, Oberstleutnant: Schwere Artillerie. In M. Schwarte, „Die
+militärischen Lehren des großen Krieges“, I. Auflage. Verlag Johann
+Ambrosius Barth, Leipzig 1920.
+
+_Schleich_, Oberleutnant: Der Gaskampf. In „Schweizerische
+Vierteljahreszeitschrift für Kriegswissenschaft“, Heft 3. 1920.
+Gaskampfstoffe 250-270; 1921.
+
+_Schulze_ und _Otto_, Veterinäre: Das Militärveterinärwesen. In M.
+Schwarte, „Der große Krieg 1914 bis 1918“, Die Organisationen der
+Kriegsführung. II. Teil. Verlag Johann Ambrosius Barth. Leipzig 1923.
+
+_Schwarte_, M., Generalleutnant: Die militärischen Lehren des großen
+Krieges, I. Auflage. Verlag Johann Ambrosius Barth. Leipzig 1920.
+
+– Die militärischen Lehren des großen Krieges, II. Auflage. Verlag E. S.
+Mittler u. Sohn. Berlin 1923.
+
+– Der große Krieg 1914 bis 1918, Die Organisation der Kriegführung. II.
+Teil. Verlag Johann Ambrosius Barth. Leipzig 1923. Der Gaskrieg.
+
+– Die Technik im Zukunftskriege. Verlag Offene Worte. Charlottenburg
+1923.
+
+_Sillevaerts_, Capt. Médecin: Les gaz de combat. In „Bulletins Belges
+des Sciences Militaires“, Heft 17-23. 1921.
+
+– Ce que nous devons craindre d’Allemagne. In „Bulletins Belges des
+Sciences Militaires“, Heft Juli/September 1922.
+
+_Stegemann_, H., Professor: Geschichte des Krieges, Band III und IV.
+Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin, 1919 und 1921.
+
+_Thorne_: The Riddle of the Rhine, The New York Times Book. Review and
+Magazine, 1922.
+
+_Töpfer_, Oberst: Pionierwesen. In M. Schwarte, „Die militärischen
+Lehren des großen Krieges“, I. Auflage. 1920. Gaskampf. Jahrbuch der
+angew. Naturwissenschaften. Freiburg 1920.
+
+_Vautrin_, Commandant: La Protection individuelle française et allemande
+contre les gaz de combat pendant la guerre de 1914 bis 1918, „Revue
+d’Artillerie“, November/Dezember 1922.
+
+_Warthin_ and _Weller_: The Pathology of mustard gas.
+
+_Webster_, James, C., Oberleutnant im First Gas Regiment U. S. A.: The
+First Gas Regiment. In „The Journal of Industrial and Engineering
+Chemistry“, Juli 1919.
+
+_Weißenborn_, Dr., Marine-Oberstabsarzt: Gasgefahr bei der Marine. In M.
+Schwarte, „Der große Krieg 1914 bis 1918“. Organisationen. II. Teil.
+1923.
+
+_Winternitz_: The Pathology of War gas Poisoning 1920. Yale University
+Press.
+
+*_Woker_, Gertrud: Der kommende chemische Krieg, R. Oldenbourg, Leipzig.
+
+Army and Navy Journal U. S. A., Nr. 44-51. 1922.
+
+Bureau of Mines U. S. A., Technical Paper, Nr. 82: Oxygen Mine Rescue
+Apparatus and Physiological Effects on Uses.
+
+– Technical Paper, Nr. 248: Gas Masks for Gases met in Fighting Fires.
+
+Chemical and Metallurgial Engineering, August-Heft: 1919 und Heft 26.
+1922.
+
+Chemiker-Zeitung, Deutsche. Verlag Cöthen in Anhalt. Gas als
+Kampfmittel, Roth. Nr. 44, 1919. I. Jahrg. 1919, S. 365; II. Jahrg.
+1920, S. 185; III. Jahrg. 1920, S. 353; IV. Jahrg. 1921, S. 110. Die
+deutsche chemische Industrie. Angaben über die Produktion der Kampfgase.
+43. 1919. Engl. Kriegsministerium: Zukunft der chem. Kriegsmittel.
+44. 1920. Handgranaten mit Schwefelsäurefüllung. 44. 1920.
+Senfgasherstellung. IV. 1920.
+
+Excerpt from statement: 1. of Major General William L. _Siebert_,
+Chemical Warfare Service, Hearings on H. R. 5227 pp. 274-284, 18. Juni
+1919; 2. of Lieutenant Colonel Amos A. _Fries_, Chemical Warfare
+Service, on H. R. 5227 pp. 287-291, 18. Juni 1919. Veröffentlicht in
+„The Journal of Industrial and Engineering Chemistry“, September 1919.
+
+Die deutsche Kriegsführung und das Völkerrecht, herausgegeben im
+Auftrage des Kriegsministeriums und der Obersten Heeresleitung. Verlag
+E. S. Mittler u. Sohn, Berlin 1919.
+
+Dräger-Hefte, Periodische Mitteilungen des Drägerwerks Lübeck. Heft 55,
+56, 57, 58, 64/66, 69.
+
+Heerestechnik, herausgegeben von M. Schwarte. Nr. 12, 1923.
+
+History of the Great War. Medical Services. Diseases of the War. Printed
+and published by His Majesty Stationery Office. London 1922.
+
+La Nature. Jahrgang 1922.
+
+L’Independance Belge, Les poisons sur les champs de bataille. Heft 234,
+1922.
+
+Military Record, vom 24. November 1920.
+
+Science vom 2. Mai 1919.
+
+The Journal of Industrial and Engineering Chemistry. S. 9. 1919, 1920,
+1921.
+
+The Literary Digest, Chemistry in the next War, vom 11. August 1923.
+
+The Royal Engineers Journal, Nr. 3, S. 195. The work of the Royal
+Engineers in the European War. 1914 bis 1918. 1921.
+
+Tidskrift i Fortifikation (Svensk), Heft 1/2, S. 53. Gasskydd vid
+permanenta befästningar. 1923.
+
+Zeitschrift für angewandte Chemie. Nr. 41, vom 23. Mai 1919, S. 331. Nr.
+34, 1921. Ein Todesregen (Levisite). Nr. 33, S. 192, 1920. Ueber die
+Anwendung von Gasen, 32, 1919. Herstellung und Geschichte des Senfgases,
+IV, 1920.
+
+Zeitschrift für Veterinärkunde, Jahrg. 33. Berlin 1921.
+
+Deutsches Militärwochenblatt.
+
+Pharmaz. Zeitung, 67. 46; 14, 1. Schelenz, Gas- und Feuerkrieg und des
+Apothekers Rolle auf diesem Gebiete.
+
+Zeitschrift für experimentelle Medicin, 1922, 35; 97-114. Ueber
+Gaskampfvergiftungen.
+
+Revue Gen. des Sciences pures et appl. 31, 45. 1921.
+
+– 31, 50, 257. 30, 1920. Sektion des Explosifs et des gaz au labor.
+Municipal.
+
+– Kornubert. – La guerre des gaz.
+
+Journal of the Royal Artillery v. 46, 1920.
+
+Journal of the Chemical Society v. c XV – c XVI. 1919.
+
+Journal of the Society of Chemical Industry v. XXXVIII. 1919.
+
+Chimie et Industrie, 1919.
+
+Revue Militaires Suisse, 1922. Jacques. – La sixième arme.
+
+– 1923.
+
+Revue du Génnie Militaire (France), Capitaine Olivier. – La guerre
+chimique.
+
+Rivista ospedaliere, 1918, Nr. 1. Carelli. – Contribute alla conoscenze
+dell’intoscicazione.
+
+Moniteur scientifique: Yperite. 9. 11. Juli 1919.
+
+Chemisches Centralblatt, 1921, IV. de Kap-Herr: Die gewerbliche
+Herstellung des Yperits. Dichlordiäthylsulfit, III. 321. 1920.
+
+Zeitschrift für gesamte exp. Medizin. Berlin 1921. Springer.
+
+Liebigs Annalen der Chemie, 1923. B. 431.
+
+Special Libraries, Nov. 1919. New York.
+
+Rivista ospedaliere, 1918. Nr. 1. Carelli, – „Contributo alla conoscenze
+dell’intossicazione da iprite ed in particolar modo del suo reparto
+anatomo-patoologico.“
+
+Folia Medica. 1918. Nr. 33. Franco. – „Gasi asfissianti.“
+
+Journ. Leb. and Clin. Med. 1919. The clinical pathology of mustard gas.
+
+Annali di Medicine navale e coloniale. 1918 vol. II. Nr. 3-4. Rho. –
+„Gasi asfissianti.“
+
+Rivista di artiglieria e genie v. II. 1923.
+
+Medical Aspects of Mustard-gas Poisoning. 1919.
+
+Journal Phys. Chem. 24, 1920.
+
+Journal Pharmacol. 12 and 13. 1918, 1919.
+
+Journal Americ. Chem. Society, 41. 1919.
+
+Chemical and metallurgical Engineering. 1919.
+
+Journal of the Society of Chemical Industry. 1919.
+
+Comptes rendus de l’academie des Sciences. 1919.
+
+
+
+
+ Nachtrag
+
+
+Bei Abschluß der Korrekturen erhalten wir die Nachricht von einem
+Gaskampfreglement, wie es in der amerikanischen Armee bei der Bekämpfung
+des „Mobs“ in Anwendung gebracht werden soll. („Anwendung von chemischen
+Kampfstoffen in der Heimat“.) Der „Mob“ wird in verschiedene Stufen nach
+seinem Kampfwert eingeteilt. („Mob I: Männer bewaffnet. Mob II: Männer
+unbewaffnet. Mob III: Männer, Frauen, Kinder gemischt.“) Diesen
+verschiedenen Wertigkeitsgraden entsprechen die verschiedenen chemischen
+Kampfstoffe, Gaskonzentration, Gasmischungen, mit denen gegen den „Mob“
+vorgegangen wird. („Gegen Mob I: Giftgas. Gegen Mob II: Reiz- und
+Tränengase, „Feld-Konzentration“. Gegen Mob III: Reiz- und Tränengase,
+lediglich nur zur Panikerzeugung.“) Auch die Verwendung von Gas in
+Verbindung mit Flugzeugen gegen den „Mob“ ist vorgesehen. („Sprengung.“)
+Daß man unter „Mob“ die streikende und demonstrierende Arbeiterschaft
+versteht, ist selbstverständlich. („Mit Gas kann man um die Ecke
+schießen!“) Dieses Kampfreglement ist für uns ein wertvolles Dokument
+der zynischen Sachlichkeit der amerikanischen Zivilisationsbarbarei und
+zugleich auch ein einwandfreier Beleg für manche Stellen in unserem
+Buch, die den naiven Leser vielleicht noch „utopisch“ anmuten. Der Titel
+des amerikanischen Kampfreglements ist: „Instruction Book, Chemical
+Warfare Service, U. S. Army“. Und zu beziehen durch: Supt. of Public
+Documents, Govt. Printing Office, Washington, D. C. America.
+
+
+
+
+ Inhaltsverzeichnis
+
+
+ Seite
+ Einleitung 5
+ 1. „Deutschland über alles ...!“ 11
+ Episode aus den Novembertagen 1918. – „Deutschland
+ über alles ...!“ – „Lazarettpoesie.“ – Den
+ Veranstaltern patriotischer Heldengedenkfeiern
+ gewidmet. – Heilige Familie. – Das Trio. –
+ Menschen-Dreck. – Götter stürzen. – „Geh
+ Deinen Weg!“ –
+ 2. Die Erde platzt! 53
+ Schlagwetterkatastrophe auf Zeche „Königin Luise“.
+ – Die „Majestät des Todes“. – „Was tut not!?“
+ – „Lieber im Feuer der Revolution verbrennen
+ als –“. –
+ 3. „Friede auf Erden –“ 73
+ Max Herse, ein junger Arbeiter, besucht eine
+ sozialdemokratische Versammlung. – Die
+ Befriedung der Welt ist da. Der Weltfrieden
+ scheint gesichert. Deutschland: die
+ Industriewerkstatt der Welt! – Zeitungsleser
+ im Café. Unheimliche Nachrichten. – Einiges
+ vom Studenten Peter Friedjung. – Max Herse und
+ seine Kollegen auf dem Heimweg. –
+ Klebekolonnen bei der Arbeit. – Schlafende
+ Menschen. – „Friede auf Erden.“ –
+ 4. Nur ein Traum 119
+ Nur ein Traum ... – „Die neue Sintflut kommt von
+ oben und als Gift.“ – Liebe Erinnerungen. –
+ Der 21. April 1915: ein Wendepunkt in der
+ Kriegsgeschichte. Die Deutschen blasen in
+ Flandern, Frontabschnitt Bixschote-Langemarck,
+ gegen englische Stellungen Gas ab. –
+ Gasschießen, Gaswerfen. Eine Gastaktik
+ entwickelt sich. – Doch alles in allem: es
+ bleibt beim Experiment. (Diesmal noch.) – Und:
+ was gewesen ist, ist gewesen. Keiner denkt
+ mehr daran. –
+ 5. Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub 155
+ Abkommandiert zum Gas-Dienst – Ein Kamerad von den
+ Luftstreitkräften. – Die Kriegsdebatte im
+ amerikanischen Offiziersklub. – Einige
+ wichtige Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den
+ imperialistischen Krieg. – Der Völkerbund
+ organisiert den Vernichtungskampf gegen die
+ Kommunisten im Weltmaßstab. „Vertilgt die
+ Kommunisten wie Ratten!“ – Mary Green auf dem
+ elektrischen Hinrichtungsstuhl. –
+ Generalstreik in USA. – Eine rote Zelle in der
+ amerikanischen Armee. GBRO: Geheim-Bund
+ revolutionärer Offiziere. – Es kann beginnen!
+ –
+ 6. Der erste Mai 201
+ Ein Brief. – Sonne über Schweizer Bergen. – „Gebt
+ uns eine Partei!“ – Kommunisten. – Der erste
+ Mai: ein Weltkampftag. – Aufmarsch der
+ Vaterländischen Verbände. – Rote
+ Gegendemonstration. – Provokateure an der
+ Arbeit. – Ein Blut-Bad. – Am Abend des ersten
+ Mai. –
+ 7. Vom einzig gerechten Krieg 257
+ Das „Neue Leben“. – Wie es im Himmel aussieht! Und
+ auf Erden ... – Gespensterlandschaft. – Vom
+ einzig gerechten Krieg. – Im Anfang war die
+ Arbeit. – Fleisch, Blut, Knochen. – Denen, die
+ in Ketten träumen! – Roter Marsch. – Gesang
+ der Welteroberer. –
+ 8. Sowjet-Europa entgegen! 301
+ Prinzipielle Vorbemerkung zum letzten Kapitel. –
+ Kolonialwirren. – Die Kriegsgaswolke am
+ Horizont. – Arbeiter bewaffnen sich. – Was
+ bedeutet (CHCl=CH)3As? – Die
+ Farbstoff-Fabriken rebellieren. – Das
+ chemische Kampfstoffarsenal der USA. Edgewood.
+ – Der Sturm bricht los! – Der Kern der Sache.
+ – Abgefangene Radios aus Amerika. –
+ Nachrichten aus aller Welt. – Japans
+ werktätige Massen brechen ihr Sklavenjoch. –
+ Sowjet-Rußland marschiert. – Unsterbliche
+ Opfer. – Sowjet-Europa entgegen! –
+ Quellen-Nachweis 359
+ Nachtrag 370
+
+
+
+
+ Von Johannes R. Becher
+ sind bisher erschienen:
+
+ Der Leichnam auf dem Thron
+ oder
+ Schlagt dem Krieg den Schädel ein
+
+ Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten Berlin 1925 (von der
+ Oberstaatsanwaltschaft wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“
+ beschlagnahmt)
+
+ Der Bankier reitet
+ über das Schlachtfeld
+
+ Erzählung
+
+
+ Soeben erschienen im Agis-Verlag Wien
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
+Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+
+ [S. 23]:
+ ... ganz zu deinem Vorteil.“ ...
+ ... ganz zu seinem Vorteil.“ ...
+
+ [S. 85]:
+ ... Schwefel, Asa födita, Menschenkot, Menschenblut usw., das ...
+ ... Schwefel, Asa foetida, Menschenkot, Menschenblut usw., das ...
+
+ [S. 164]:
+ ... über der diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, ...
+ ... über denen diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, ...
+
+ [S. 169]:
+ ... würden, ob das hier Gehörte auch nicht für ihr Fach ...
+ ... würden, ob das hier Gehörte auch nicht für Ihr Fach ...
+
+ [S. 223]:
+ ... gesammengehauen worden. Tote. Viele Verletzte ... ...
+ ... zusammengehauen worden. Tote. Viele Verletzte ... ...
+
+ [S. 260]:
+ ... Pfaffen auf Arbermassacres abgerichtet. ...
+ ... Pfaffen auf Arbeitermasscacres abgerichtet. ...
+
+ [S. 278]:
+ ... eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in Safran, ...
+ ... eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in Saffian, ...
+
+ [S. 296]:
+ ... für den Revolutionär, wenn es schon sein muß, daß aus ...
+ ... für den Revolutionär, wenn es schon sein muß, das aus ...
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78251 ***
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+<title>Levisite | Project Gutenberg</title>
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+</style>
+</head>
+
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78251 ***</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<div class="centerpic">
+<img src="images/cover.jpg" alt=""></div>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="aut">
+Johannes R. Becher
+</p>
+
+<h1 class="title">
+<span class="line1">(CHCl=CH)<span class="sub">3</span>As</span><br>
+<span class="line2">(Levisite)</span><br>
+<span class="line3">oder</span><br>
+<span class="line4">Der einzig gerechte Krieg</span>
+</h1>
+
+<p class="subt">
+Roman
+</p>
+
+<div class="centerpic logo">
+<img src="images/logo.jpg" alt=""></div>
+
+<p class="pub">
+Wien-Berlin 1926.<br>
+Agis-Verlag
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter chapter">
+<p class="cop">
+Alle Rechte vorbehalten.<br>
+Copyright by Agis-Verlag, Wien.<br>
+Druck: „Peuvag“-Berlin, Filiale Hannover.
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="frontmatter epi chapter">
+<p>
+„Ich kann nicht schweigen, denn ich will nicht
+mitschuldig werden.“
+</p>
+
+<p class="attr">
+Zola
+</p>
+
+<p>
+„Ich sage mich los: von der leichtsinnigen
+Hoffnung einer Errettung durch die Hand des
+Zufalls; von der dumpfen Erwartung der
+Zukunft, die ein stumpfer Sinn nicht erkennen
+will ...“
+</p>
+
+<p class="attr">
+Clausewitz
+</p>
+
+<p>
+<span class="antiqua">De te fabula narratur.</span>
+</p>
+
+<p>
+Deine Sache, Leser, ist es, die hier verhandelt
+wird!
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="intro" id="part-1">
+<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
+Einleitung
+</h2>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p class="sectiontop first">
+<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
+Hände weg!
+</p>
+
+</div>
+
+<p>
+Hände weg von diesem Buch, wenn Ihr damit, übersättigt
+und bis zum tödlichen Erbrechen gelangweilt,
+nur wieder einige Euerer müßigen Stunden totschlagen
+wollt!
+</p>
+
+<p>
+Dem stinkenden Kadaver dieser Zeit flechte ich keine
+Kränze.
+</p>
+
+<p>
+Das spannungslose Gesabber unserer offiziellen Poeten
+befriedigt schon übergenug solche Bedürfnisse.
+</p>
+
+<p>
+Was heutzutage nottut: das ist Begeisterung, Kühnheit,
+Todesverachtung der Einzelnen, Nüchternheit,
+Zielsicherheit und Klarheit. Zusammenschluß, eine
+untrennbare Einheit aller im Schweiße ihres Angesichts
+Werktätigen. Dieser Zusammenschluß: das ist die große
+Sprengmine, die Tag für Tag aufplatzt und deren
+Sprenggänge die Fundamente dieser verrotteten Gesellschaft
+eines Tags völlig unterwühlt haben werden ...
+</p>
+
+<p>
+Es handelt sich hier nicht um poetische Erfindungen,
+phantastische Konstruktionen oder um Wahnbildungen.
+Es handelt sich hier um Tatsachen, um Taten, um Ereignisse.
+</p>
+
+<p>
+Es geht um das, was ist.
+</p>
+
+<p>
+Es geht hart auf hart.
+</p>
+
+<p>
+Es geht um das, was gewesen ist.
+</p>
+
+<p>
+Es geht um das, was sein wird. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Dieses Buch ist sicher nicht Kind jenes Geistes, „der
+über den Wassern schwebt“, es ist aus der Wirklichkeit
+geboren, und es trägt, unverschminkt allen sichtbar, noch
+deutlich das Zeichen dieser Marter-Hölle an sich. Auch
+<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
+der Sprachkörper: stahlgrau, gehackt, rissig: die Gelenke
+im Schmerzkrampf fest angezogen, die Arme an den
+Schulterstücken schwer hängend: Hämmer, Aexte, Brecheisen.
+Ein blutiges Muskelspiel zuckt ... Das ist nicht
+der klassische wohlgepflegte Leib, nicht die parfümierte
+Tanzpuppe der Biedermeierzeit noch der verträumte
+Taugenichts der Romantik: es ist der mit Wundenlöchern
+über und über ausgefüllte Dulderleib des werktätigen
+Volks am Pfahl der Kreuzigung: mitten im
+Qualm von Gasschwaden, von Staub, Rauch, Rußfetzen
+umschleiert, umschwirrt von giftigen Aasfliegen – das
+ist der Dulderleib des werktätigen Volks in jenem geschichtlichen
+Zeitabschnitt, da er sich vom Kreuzstamm
+losreißt, niedersteigt und das Gesindel seiner Peiniger
+vor sich in die Knie zwingt ... Ein millionenstimmiger
+Schrei, ein Aufruhr- und Klagelied, gesungen von
+Millionen metallischen Feuerzungen. –
+</p>
+
+<p>
+Dieses Buch möchte, ein lebendiges Wesen, künftig
+wieder selbst Anteil haben an den Kämpfen, deren
+Blutzeuge es ist, selbst wieder mit im Feuer stehen,
+und mit seinen Blutteilen noch röter färben die rote
+Fahne, unter der es als ein Soldat der Revolution
+dient. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es wird nur wenig von „Liebe“ die Rede sein.
+</p>
+
+<p>
+Dieses Buch ist ein Heldengedicht.
+</p>
+
+<p>
+Wo Millionen „Hunger“ schreiend – zuerst eine
+formlose Masse noch, dann aber immer deutlicher Gestalt
+gewinnend – sich herauf auf das Plateau der
+Weltgeschichte bewegen: in der eisern gehackten Rhythmik
+solcher Tage tönt auch die Stimme des Bluts als
+Metall. Stirnen wölben sich gegeneinander, wie
+<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
+gemeißelt aus Granit. Die Herztrommel wirbelt Kampftempo
+und Marschtakt. Der Gedanke des kämpferischen
+Menschen stößt vor in die Zukunft als Stichflamme.
+Und ein anderer, als der, der einst du gewesen bist,
+findest plötzlich nach Jahren du dich wieder, neu geboren
+aus mörderischen Krisen, wie aus Schmelzglut. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Riesendurchbruchsschlacht jener Menschen-Armeen
+in die Zukunft hat längst begonnen. Kampfplatz ist die
+Welt. Dieses Terrain ist nicht mehr nach Nationen
+oder Erdteilen abgesteckt. Alle Grenzpfähle der Welt
+schlottern gespenstisch im roten Sturmwind, wie Vogelscheuchen
+... Ueberall, wo Menschen im Arbeitsprozeß
+untereinander verbunden sind, überall auf der ganzen
+Erde, auch in den tiefsten Tiefen der Kolonien, gewittert
+es ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Lernt kennen die Geschichte Europas, Europas am
+Rande des Abgrunds! –
+</p>
+
+<p class="center">
+Gewidmet der kommenden deutschen sozialen
+Revolution! –
+</p>
+
+<p class="date">
+<em>Berlin</em>, zum 4. August 1925.
+</p>
+
+<p class="sign">
+Johannes R. Becher
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-2">
+<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
+<span class="firstline">1. Kapitel.</span><br>
+„Deutschland über alles ...!“
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="ctoc">
+Episode aus den Novembertagen
+1918. – „Deutschland über alles ...!“ –
+„Lazarett-Poesie.“ – Den Veranstaltern
+patriotischer Heldengedenkfeiern
+gewidmet. – Heilige
+Familie. – Das Trio. – Menschen-Dreck.
+– Götter stürzen. – „Geh
+deinen Weg!“ –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-2-1">
+<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
+<span class="firstline">I</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Es ist Herbst, November 1918, vier Uhr morgens.
+</p>
+
+<p>
+Die letzten deutschen Truppen ziehen über den Rhein.
+</p>
+
+<p>
+Gespenstische Nebelhaufen wälzen sich über den beiden
+Rheinufern, die Wassermassen unter der Brücke flüchten
+unterirdisch-rauschend und unruhig dahin, ein schwer beladener
+Schleppkahn treibt darauf, schweigend, als ob er,
+eine Sagengestalt der Vorzeit, durch einen uferlosen Traum
+wandele. Nur die gotisch zerzackte Spitze des Kölner Doms
+ragt stumpf aus einem Nebelloch, wie der Gipfel eines
+gewaltigen Gebirgsmassivs.
+</p>
+
+<p>
+Das ferne gedämpfte Geläute des Doms fällt jetzt langsam
+und zögernd auf die Erde nieder, ein schwerer metallischer
+Tropfen ...
+</p>
+
+<p>
+Es war eine niedergekämpfte Kolonne Sturminfanterie,
+der Rest eines einst stolzen deutschen Regiments, die, ohne
+Schritt, dahintrottete: bärtig verwachsene Gesichter, knöcherige
+Gestalten, mit zerfetzten und ausgeblichenen Uniformen
+schlotternd behängt, in Mützen, barhaupt, der eine oder
+der andere noch unter dem Stahlhelm, den vermoderten
+und zerzausten Affen auf dem Buckel, die Gewehre, Mündung
+nach unten, über die Schulter geworfen, und die zu
+Skeletten abgemagerten Gäule vor der einzigen Feldküche
+stolperten und knickten immer wieder von Zeit zu Zeit in
+die Knie, gleichmütig sprang der Trainsoldat vom Bock ab,
+die Kolonne stockte eine Weile, einige drückten sich links
+und rechts vorbei am Wegrand, dann ein müder Peitschenknall,
+die Gäule standen wieder wackelnd aufgerichtet, und
+das Häuflein Soldaten setzte sich wieder in Marsch.
+</p>
+
+<p>
+Kein Kommando erscholl mehr.
+</p>
+
+<p>
+Kein Wort wurde gesprochen ...
+</p>
+
+<p>
+Doch kam es vor, daß der eine oder der andere sich plötzlich
+mit einem jähen Ruck umwandte, mit einer blitzschnellen
+Handbewegung nach dem Gewehrschaft griff, den Kopf
+<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
+sonderbar lächelnd schüttelte und wieder den einen Fuß
+vor den anderen tat, als ob es nie anders gewesen wäre
+und als ob es auch gar nicht je anders sein könnte ...
+</p>
+
+<p>
+Vor zwei Tagen noch ...
+</p>
+
+<p>
+Einer rechnete nach:
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das sind zweimal vierundzwanzig Stunden ...“
+</p>
+
+<p>
+Also: frisch wie aus Schlamm gebacken aus dem Granattrichter
+...
+</p>
+
+<p>
+Und das gigantische Schlachtorchester brüllte die Symphonie
+der Trommelfeuer und der Stahlgewitter und der
+Eisenorkane; forte, fortissimo; Gaswellen fluteten unsichtbar
+geheimnisvoll heran; und nun gewitterte auch schon
+über die stacheldrahtgezäunte, granatgepflügte labyrinthische
+Ebene hinweg das Finale des Nahkampfes: der dumpfe
+Knall platzender Handgranatenballungen in Erdhöhlen und
+Felsunterständen, Menschenschreie, gurgelnd und wie
+„Huhu“ dazwischen, und das Sicheln des Bajonetts ...
+</p>
+
+<p>
+Traum? Wirklichkeit?
+</p>
+
+<p>
+Denen, die hier in die Heimat zurückmarschierten, war
+das Bewußtsein geschwunden, das Hirn leer, nur ein unbestimmter
+Trieb drängte in allen ihren Gliedern sie mit
+vorwärts; links, rechts, links, rechts; das Gesicht nach unten
+auf den Boden niedergedrückt, dort, wo immer wieder zwei
+Stiefelbeine hervorschnellten oder der Absatz des Vordermanns,
+der fest in den Straßendreck hackte.
+</p>
+
+<p>
+Auch an eine Rast oder gar ans Abkochen dachte niemand.
+</p>
+
+<p>
+Marschierten sie durch ein Dorf, so schien es ihnen, als
+wichen ihnen die Einwohner scheu aus dem Weg, kein Mensch
+zeigte sich, alle Türen und Fenster waren fest verschlossen,
+auch jetzt noch, da sie sich schon seit einem Tag bald auf
+deutschem Boden befanden.
+</p>
+
+<p>
+Es wurde Morgen.
+</p>
+
+<p>
+Nein, es war kein englischer Tank, der plötzlich schnellwendig
+aus den zerschleißenden Nebelschwaden hervorknatterte,
+auch keine Flammenwerfer, die, flüssigen Phosphor
+spritzend, ganze Ballen von verbranntem Menschenfleisch
+durch die Luft wickelten; kein leichtes Infanteriegeschütz,
+kein auffliegendes Munitionsdepot, auch kein
+<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
+Flieger, dicht über der Erde mit MGs die Stellungen abstreichend
+...
+</p>
+
+<p>
+Nichts, nichts mehr von alledem ...
+</p>
+
+<p>
+Weinberge waren es, Hügel, saubere Steinhäuschen darin,
+Treppen und gut angelegte Pfade durch Weingelände hindurch,
+Kirchturmspitzen blinkten. Mit ihren Stöcken stocherten
+die Soldaten in den dahinkollernden Laubhaufen; es
+war wirklich schönes, feuchtes rotbraunes Laub ...
+</p>
+
+<p>
+Doch die fieberig flackernden Augen der Soldaten suchten
+von neuem den Boden ab, fanden sich nicht zurecht, stießen
+sich und tasteten; man hatte sich schon daran gewöhnt, es
+fehlte einem was; keine Leichname, keine abgequetschten
+Arme, keine Rümpfe, die in der Hitze brodelten; auch nichts
+von Offensivparfüm, das aus den von Granaten wieder aufgewühlten
+Massengräbern dick aufstieg ... Rein und würzig
+war die Luft, die Nebel verdampften sich nach oben ...
+Einer pfiff schon vor sich hin, ein anderer summte leise im
+Takt, allmählich bildeten sich wieder Reihen, fester und
+immer fester hämmerte der Schritt und, ohne daß sie sich
+dessen bewußt waren, marschierten sie durch das nächste Dorf
+im Gleichschritt. Schon winkte man ihnen zu, Menschen
+standen freundlich nickend zwischen Türen und Fenstern, und
+da, als sie eben die letzten Häuser hinter sich hatten, brach
+voll die Sonne durch.
+</p>
+
+<p>
+Zerfetzt und zersplittert hing die Nebelpest herum, die
+Wipfel der Bäume schüttelten sich, daß der letzte Laubrest
+an ihnen auseinanderstieb; riesige Feuerfarren blühten im
+Weltraum die Sonnenstrahlen ... als ein Mann, ein
+Landstürmer, in der Mitte des Zugs plötzlich mit tränenerstickter
+Stimme ruft:
+</p>
+
+<p>
+„Kameraden! Seht: Sonne über Deutschland!“
+</p>
+
+<p>
+Ein Trompetensignal bläst.
+</p>
+
+<p>
+Eine Trommel trommelt.
+</p>
+
+<p>
+Hundert Köpfe rucken hoch.
+</p>
+
+<p>
+Hundert Herztakte schlagen wieder.
+</p>
+
+<p>
+Und aus hunderten, von vielem Blut- und Pulvergeschmack
+ausgedorrten Kehlen schluchzt der Gesang:
+</p>
+
+<p>
+„Deutschland über alles ...!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-2-2">
+<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
+<span class="firstline">II</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Auch Peter Friedjung, damals knapp zweiundzwanzig
+Jahre alt, befand sich unter den Heimkehrern.
+</p>
+
+<p>
+Auch er stieß jetzt „Deutschland über alles“ hervor ...
+</p>
+
+<p>
+Mit dem Gesang „Deutschland über alles“ hatte zu Beginn
+des Kriegs das Freiwilligenregiment List gestürmt,
+mit dem Gesang „Deutschland über alles“ auf den Lippen
+wurden die jungen Freiwilligen vom Trommelfeuer zu
+einem Leichenbrei zusammengestampft.
+</p>
+
+<p>
+Fünfmal während des Krieges war Peter Friedjung für
+„Deutschland über alles“ verwundet worden.
+</p>
+
+<p>
+Und nun!?
+</p>
+
+<p>
+Wäre ein Flieger der Rheingrenze entlang geflogen: er
+hätte deutlich beobachten können, wie das acht Millionen
+starke deutsche Feldheer, einer riesigen Schlammflut gleich,
+in die Heimat zurücktrieb, wie die Massen der Armeen von
+den Städten aufgesogen wurden und das Gewimmel der
+Züge auf den geometrischen Figuren der Eisenbahnnetze
+gegen das Hinterland zu sich langsam auflockerte und dort
+schon wieder Zug auf Zug straff, in vollkommener Ordnung,
+dahinrollte ...
+</p>
+
+<p>
+Am Abend kam die Kolonne, der Peter Friedjung angehörte,
+drei Kilometer vor der Bahnstation an, wo sie
+nach München verladen werden sollte.
+</p>
+
+<p>
+Ein Matrose, ein baumstarker Kerl, ein Mann in Zivil
+mit einer knolligen Schnapsnase und einer in einer feldgrauen
+Uniform, alle rote Binden um den Arm, kamen
+ihnen am Dorfeingang entgegen und forderten sie auf, die
+Waffen abzulegen.
+</p>
+
+<p>
+„Also ist es zur Tatsache geworden. Revolution!“ stellte
+Kamerad Friedjung fest.
+</p>
+
+<p>
+„Hier in der Dorfschule ist der Arbeiter- und Soldatenrat.“
+</p>
+
+<p>
+Die Heimkehrer sahen sich unschlüssig an.
+</p>
+
+<p>
+Aber man ließ ihnen nicht lange Zeit zum Ueberlegen.
+</p>
+
+<p>
+Eine schwerbewaffnete Abteilung Rotbinden erschien. Die
+Kolonne wurde ohne weiteres entwaffnet.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
+Zum erstenmal hörte man wieder etwas über die Vorfälle
+in der Heimat.
+</p>
+
+<p>
+„Das Heer hat teilweise gemeutert. Straßenkämpfe. Der
+Kaiser geflohen. Neue Regierung. Die Sozialisten ...“
+</p>
+
+<p>
+In die Sprache eines Deutschen übersetzt, schloß Peter,
+bedeutet das: äußerlich hat die Entente gesiegt und damit
+also offenbar innerlich: der Unglaube, die Vaterlandslosigkeit,
+die Pöbelherrschaft, die Anarchie.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Straße vor der Bahnstation waren größere
+Truppenteile versammelt, alle ohne Offiziere, von denen
+es hieß, sie hätten sich schleunigst in Zivil aus dem Staub
+gemacht.
+</p>
+
+<p>
+Die „Internationale“ wurde gesungen, Soldaten standen
+Arm in Arm, alle hatten sich die Kokarden und die Achselstücke
+abgerissen ... Von Zeit zu Zeit hielt einer, auf den
+Schultern seiner Kameraden sitzend, eine Rede, dann schrieen
+sie alle: „Hoch! Hoch! Nieder! Nieder!“
+</p>
+
+<p>
+Die Kameraden, mit denen Peter zurückgekehrt war,
+waren nicht mehr aufzufinden.
+</p>
+
+<p>
+Er stand mitten in dem Tumult allein.
+</p>
+
+<p>
+Er wußte jetzt überhaupt nichts mit sich anzufangen.
+</p>
+
+<p>
+Er wiederholte sich noch einmal, was er während des
+Kriegs alles von der revolutionären Bewegung gelesen und
+gehört hatte.
+</p>
+
+<p>
+Da kannte er natürlich dem Namen nach Karl Liebknecht,
+diesen hundsföttischen Vaterlandsverräter, wie ihn immer
+die Offiziere bei ihren Sektgelagen im Kasino tituliert
+hatten, von dem man erzählte, daß er steinreich sei, eine
+Unmenge Häuser besitze und von der Entente bestochen sei,
+um dem deutschen Volk die Kriegskredite zu verweigern ...
+„Und die anderen, die werden auch kaum besser sein, Parasiten
+unserer Niederlage, individuelle Nutznießer des Volksunglücks,
+Kreaturen, die nur im Augenblick der vollkommenen
+Verwirrung, Ohnmacht und Wehrlosigkeit eines
+Volks zu Wort kommen und sich leider auch, bei der Dummheit,
+Gutgläubigkeit und politischen Ungebildetheit des
+Deutschen, Gehör verschaffen können.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
+Und scharf in jeder seiner grauenvollen Einzelheiten
+tauchte in Peters Gedächtnis jener Morgen auf, der Beginn
+eines der gewaltigsten Großkampftage, den die Westfront
+je gesehen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Massenfeuerüberfall war beendet.
+</p>
+
+<p>
+Die Sturminfanterie ging zum Angriff vor.
+</p>
+
+<p>
+Von Stellung zu Stellung. Ein einziges Kraterfeld war
+nurmehr das feindliche Gräbensystem, schon hatten die
+Infanteriewellen ein großes Loch in die feindliche Front
+hineingefressen, und „nun mit den Engländern ins Meer“
+jubelten, ihres gelungenen Durchbruchs sicher, die verschiedenen
+Regimenter der verschiedenen deutschen Stämme sich
+zu, schon wurde der Befehl erteilt: „Kavallerie vor!“ ...
+da setzte unerwarteterweise eine Reservedivision Kanadier
+zum Gegenstoß an, und – das Sperrfeuer der eigenen
+Artillerie blieb aus, alle Gewehr-, Handgranaten- und
+Maschinengewehrmunition war verschossen, keine Hilfe weit
+und breit, kein einziger Schuß krachte, nur die feindliche
+Artillerie hieb mit den schwersten Brocken herein, Staubsäule
+um Staubsäule dampfte hoch, und ein zäher entsetzlicher
+Bajonett-, Messer-, Spaten- und Würgkampf begann,
+Mann gegen Mann, bis am Abend die deutschen Truppen
+gezwungen waren, die eroberten Positionen Schritt um
+Schritt und unter den ungeheuersten Verlusten aufzugeben,
+und die Lücke in der feindlichen Front wieder restlos geschlossen
+war.
+</p>
+
+<p>
+Noch in derselben Nacht wurde bekannt:
+</p>
+
+<p>
+Die Munitionsfabriken im deutschen Vaterland streiken.
+Die Artilleriemunition im ganzen Frontabschnitt ist zu
+Ende. Das Messer zwischen die Zähne, heißt es jetzt, und
+mit den blanken Leibern die Front, wenn sie wo einreißen
+sollte, gestopft ... Auf keinen Artillerieschuß sei für die
+nächsten Tage zu rechnen ...
+</p>
+
+<p>
+Ein wilder Racheschwur schoß aus den Herzen der Frontkämpfer
+hoch; die Finger reichten keinem, die Zahl der ihm
+lieben Kameraden, die er heute verloren hatte, abzuzählen;
+<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
+wutentbrannt zerstampften manche die Pakete mit Liebesgaben
+und drohten mit schreckensverzerrten Gesichtern:
+</p>
+
+<p>
+„Dolchstoß von hinten! Na, wartet nur, wenn wir zurückkommen!
+Da werden wir gründlich mit diesem schmierigen
+sozialistischen Gesindel aufräumen ...“
+</p>
+
+<p>
+Doch das war bald vergessen. Die meisten wurden, wie
+es Peter wenigstens damals schien, selbst bald Handlanger
+dieses sozialistischen Gesindels, machten schlapp, knurrten,
+und die Erschießung von mißliebigen Offizieren von hinten
+kam immer häufiger vor ... Selbst tagelanges Baumanbinden
+gegen Insubordination und einzelne Füsilladen
+nützten nichts ... Die moralische Auflösung der deutschen
+Front begann ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Eiskalt vor innerer Erregung, mit haßerfüllten Augen
+blickte Peter auf seine Umgebung.
+</p>
+
+<p>
+„Pack schlägt sich, Pack –“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, wir hätten die Waffen nicht –“
+</p>
+
+<p>
+Doch auch die Treuesten und Zuverlässigsten hatten sich
+bereits in die Mauselöcher verkrochen.
+</p>
+
+<p>
+Wieder rauschte ein Zug vorbei mit Hurras und vielen
+roten Fahnen ...
+</p>
+
+<p>
+Ein pockennarbiger krummgewachsener Zivilist trat auf
+Peter zu, riß ihm die Kokarde ab: „Aas!“
+</p>
+
+<p>
+Peter stand wie gelähmt, lächelte und stotterte etwas.
+</p>
+
+<p>
+Der andere war schon fort.
+</p>
+
+<p>
+Dann preßte er zwischen den Zähnen hervor:
+</p>
+
+<p>
+„Hunde! Schweine! Lügner! Ihr gottsjämmerlich
+erbärmlichen Schufte ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Herbststurm fegte. Die Dächer auf den Häusern
+klapperten. Zu einem Skelett kahl gefressen war rings die
+Welt ...
+</p>
+
+<p>
+„Eine feste Burg ist unser Gott!“
+</p>
+
+<p>
+Dieser Choral dröhnte mächtig auf in ihm, von Tausenden
+von Glockenspielen umläutet, in wunderbaren Klangspiralen,
+<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
+und hoch die Sterne glänzten, das Firmament wölbte sich
+in raumlosen unbegrenzten Schleifen und Kurven, und
+sprühte ... War das nicht der Abglanz von Gottes Angesicht,
+jenes myriadenäugigen Gottes, des allfühlenden,
+des allerkennenden, jener Abglanz von Gottes Angesicht,
+der den Abgrund, der die Welt hieß, mit einer schimmernden
+firnisartigen Schicht überzog, mit dem Glanz der Verklärung,
+der dieses diesseitige Jammertal überhaupt erst
+für den Menschen erträglich machte? Jenes Gottes, dessen
+Atem gleich Ebbe und Brandung war, dessen Sekunde ein
+Tausend Menschenjahre in sich faßte und in dessen Allmacht
+es stand, die allerhöchsten Bergmassive, die es auf der
+Menschenerde gab, leichthin wegzublasen wie ein Sandkorn!?
+Das Meer, alle die großen und kleinen Ozeane,
+wären nicht mehr gewesen als nur ein einziger Schluck in
+der Schale der göttlichen Hand. Und war nicht die ganze
+Welt ein einziges Riesenorgelwerk, rühmend des Ewigen
+Ehre, eine jede Kreatur ein besonderes Register darin,
+darauf der Schöpfer des Weltalls, der Schöpfer der heiligen
+Ordnung aller Wesen und Dinge, spielte, er, das Urbild
+aller Geschaffenheit, große, kühne, erhabene Akkorde, auch
+schrille Dissonanzen darunter, doch nur dazu da, um am
+Ende in einem desto gewaltiger schwellenden Halleluja sich
+aufzulösen ...!
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Eingepfercht zwischen durch und durch verlausten und
+völlig verwahrlosten Mannschaften, die zynisch auf Gott,
+Kaiser und Vaterland fluchten, rollt Peter der Heimat zu.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-2-3">
+<span class="firstline">III</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Peter fand seine Eltern zu Hause in niedergedrückter
+Stimmung.
+</p>
+
+<p>
+Zwar hing ein Kranz mit „Willkommen“ und schwarzweißroter
+Schleife über der Tür, aber die ausgeweinten
+Augen der Mutter verrieten ihm, daß sie schon viele Tage
+und Nächte hindurch an einem Wiedersehen mit dem Sohne
+gezweifelt hatte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
+„Da ist er ja!“ umarmte ihn der Vater. „Nun also doch!
+Als ein tapferer deutscher Held bist du uns wiedergeschenkt.
+Du hast dich auch rein gehalten, das seh ich dir an. Flecken-
+und makellos hast du dir das Schild deiner Ehre erhalten.
+Und das eiserne Kreuz! Nun kann ich mich beruhigt
+sterben legen ... Welch eine Freude!“
+</p>
+
+<p>
+„So, Peter, gut so, daß du wieder da bist!“ begrüßte ihn
+die Mutter, die indeß weißhaarig geworden war und eine
+gebückte Haltung hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Nun ruh’ dich aus! Der Krieg ist ja zu Ende.“
+</p>
+
+<p>
+Dies sagte sie in einer merkwürdig singenden Sprache,
+in einem Tonfall, den Peter bisher noch nie an ihr wahrgenommen
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Peter schwieg. Er stand da, mitten im Zimmer, den
+Stahlhelm noch immer unterm Arm. Er hatte Tränen in
+den Augen.
+</p>
+
+<p>
+Aber das, wie es die Mutter gesagt hatte, klang so,
+als ob der Krieg garnicht zu Ende sei, nie auch zu Ende
+sein könnte, als ob er weitergehe, und nur ein Schlachtfeld
+mit dem anderen sich vertauscht habe, vielleicht sogar:
+Volksgenosse gegen Volksgenosse. Nach den letzten Ereignissen
+zu schließen: ja, vielleicht sogar mitten in Deutschland:
+der Muskel gegen den Nerv, Sehne wider Sehne, das
+Mark eines Volkes gegen das Mark, das Herzinnere gegen
+das Herzinnere ...
+</p>
+
+<p>
+Klang es nicht so, was die Mutter gesagt hatte, als ob
+man überhaupt nie zu Ende kommen könne damit, als ob
+dieser Krieg nur ein Vorspiel, ein harmloses sogar, gewesen
+sei, und als ob die Rückkunft ins Elternhaus für
+Peter auch nur eine kurzbemessene Rast sei, um bald darauf
+wieder ...
+</p>
+
+<p>
+Als ob der Krieg sei wie ein Strom ... Nun, da Frieden
+ist, fließt unsichtbar er dahin, unterirdisch, überschüttet von
+irrnisblendendem Gestein, um auf einmal aber, denen nur
+unerwartet, die das Bewegungsgesetz des Stromverlaufs
+nicht kennen: stäubend, gurgelnd, strudelnd auf die Erde
+wieder hervorzubrechen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
+„Nein, der Krieg ist nicht zu Ende!“ schrie es in Peter
+innerlich auf, als er seiner Mutter in die Augen sah, in
+die angstverzerrten, kümmernisstumpfen Augen. „Der
+Frieden, das ist ja ein ganz ungeheuerer Betrug, eine Art
+Betäubungsmittel, Beruhigungspulver ... Der Krieg hat
+begonnen, um nicht mehr zu enden. Seuchenisolierbaracken,
+Lazarette, ja so, genau so wie ich sie gesehen und erlebt
+habe: weiterbauen werden die sich durch den ganzen Weltraum
+hindurch ... Jetzt schläft er; der Krieg hat sich ein
+wenig nur hingelegt, um zu schlafen; der Krieg, hört ihr es,
+schnarcht. Der Krieg schläft seinen Blutrausch aus ...
+Dann steht er wieder auf, frisch, kräftig, hungrig, unersättlich,
+wie er ist, schwingt sich in die Lüfte, fliegt! fliegt!
+fliegt! Ja, fliegen wird er diesmal und einen giftigen
+Samen niederstreuen, Giftgas, Samen: Gas, Gas, Gas ...
+Und aufgehen wird dieser Samen, ein entsetzliches Geschwür
+in jeder Menschenbrust, als brandiger, blasenziehender Aussatz
+über der ganzen Hautfläche, als eine Wucherung, die
+wüsten Wahnwitz in jedem Gehirn zeugt ... Welch eine
+Tiefen-Wirkung! Tod wird er ernten in Hülle und
+Fülle ...
+</p>
+
+<p>
+„Wer aber ist der Krieg!?“
+</p>
+
+<p>
+„Die Menschen!?“
+</p>
+
+<p>
+„Und welcher Art Menschen sind es!?“ –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Nach Tisch stand der Vater auf, zog sich an und fragte
+Peter:
+</p>
+
+<p>
+„Kommst du mit zum Trio!?“
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Blick auf die Mutter sagte Peter zögernd
+ja ...
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Hinweg begann der Vater:
+</p>
+
+<p>
+„Du weißt doch Peter, daß du nicht den Oberstudienrat
+Dr. Reuchlin nach seinem Sohn fragen kannst. Das ist
+ein wunder Punkt. Nicht daran rühren! Der alte Mann
+ist zu bedauern. Man muß sehr taktvoll und zurückhaltend
+sein. Schrecklich, so ein Schicksal.“
+</p>
+
+<p>
+Peter nickte nachdenklich.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
+„Das war doch ein wunderbar prächtiger Bursche, der
+junge Reuchlin, ich verstehe das nicht ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, mir ist das auch ein Rätsel. Geistige Umnachtung
+unter Umständen, Verwirrtheit wahrscheinlich. Anders ist
+das nicht zu erklären ... Und welche Sorgfalt in der
+Erziehung hat er seinem Jungen angedeihen lassen ...
+Merkwürdig, wie ein Mensch so aus der Art schlagen
+kann ...!“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Am Trio, das regelmäßig einmal in der Woche in der
+prächtig ausgestatteten Achtzimmerwohnung des unverheirateten
+Dekan Lampert stattfand, nahmen teil die Herren
+Fabrikbesitzer Joachim Hellmer, Oberstudienrat Dr. Reuchlin
+und Peters Vater, der Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung.
+</p>
+
+<p>
+Diesmal waren noch zugegen als Gäste Oberstleutnant
+Hugenberg, Emil Freywolf, Redakteur einer größeren
+liberalen Tageszeitung, Kriegsberichterstatter, und ein gewisser
+Paul Bratz, der in der Gesellschaft als eine ausgesprochene
+Abenteurernatur galt, früher Leutnant der
+Schutztruppe, während des Krieges aber dauernd aus dem
+Heer wegen chronischer Trunksucht beurlaubt; er lungerte
+in dieser Zeit in allen Sanatorien Deutschlands herum
+und interessierte sich für Frauenjagd.
+</p>
+
+<p>
+Die Gesellschaft war schon versammelt, als Dr. Friedjung
+und sein Sohn eintraten.
+</p>
+
+<p>
+Die meisten Herren kannte Peter schon.
+</p>
+
+<p>
+„Und wie er sich verändert hat! Mein Sohn, viel männlicher,
+ganz zu <a id="corr-4"></a>seinem Vorteil.“
+</p>
+
+<p>
+Breit und behäbig, wie ein Luther-Standbild, pflanzte
+sich der Dekan vor Peter auf.
+</p>
+
+<p>
+„Na ja, der Krieg ist der beste Lehrmeister! Da sehen
+Sie mal wieder! Gott hat seinen Anteil daran. Gott hat
+gewollt, daß gerade wir dieses Gericht vollziehen sollen,
+und die Reinheit des sittlichen Gewissens ist auf unserer
+Seite. Wie der Ausgang des Krieges in Uebereinstimmung
+mit dieser Tatsache zu bringen ist: Gottes Rat ist unerforschlich.
+<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
+Wahrscheinlich haben sich große Volksteile Deutschlands,
+vor allem die unteren Schichten, an die Arbeiterbevölkerung
+der Industriebezirke denke ich da vor allem,
+noch nicht als genügend geläutert für diese göttliche Aufgabe
+erwiesen. Wir gehen schweren Zeiten entgegen. Doch die
+Jugend gehört uns und damit die Zukunft, und wenn die
+ganze Jugend Deutschlands aus lauter Friedjungs bestünde:
+dann, dann kann Deutschland nicht untergehen ... Nun,
+mein Sohn, nimm Platz ...“
+</p>
+
+<p>
+Noch einen Augenblick verharrte der Dekan bei seinem
+Augenaufschlag.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, habe ich es nicht immer gesagt, den preußischen
+Leutnant macht uns so leicht niemand nach ...“
+</p>
+
+<p>
+Herr Bratz holte das verborgene Monokel hervor und
+klemmte es fest.
+</p>
+
+<p>
+Landgerichtsdirektor Friedjung bedankte sich nach allen
+Seiten hin für die Gratulationen.
+</p>
+
+<p>
+Nur dem Oberstudienrat Dr. Reuchlin drückte er stumm
+die Hand.
+</p>
+
+<p>
+„Wird schon wieder werden ... Nur Kopf hoch! Mut ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ein Junge mit solcher Begabung wie der Ihre, Herr
+Landgerichtsdirektor ... ich schlage vor: Bankfach. Das ist
+heute noch am aussichtsreichsten ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Fabrikbesitzer fand allseitige Zustimmung.
+</p>
+
+<p>
+„Ich wäre natürlich auch bereit, ihn bei mir unterzubringen
+... Ich brauche absolut zuverlässige, gegen jedes
+Streikgelüste immune Leute, heutzutage mehr denn je ...“
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen hatten der Redakteur, der Oberstleutnant,
+Herr Bratz, eine Gruppe gebildet.
+</p>
+
+<p>
+„Richtig so, ganz so ist es, wie Sie sagen: Der Krieg ist
+nicht nur ein notwendiges Element im Völkerleben, sondern
+auch ein unentbehrlicher Faktor der Kultur, ja die höchste
+Kraft und Lebensäußerung wahrer Kulturvölker.“
+</p>
+
+<p>
+Der Oberstleutnant ergänzte begeistert den Redakteur:
+</p>
+
+<p>
+„Nicht nur eine biologische Notwendigkeit, sondern auch
+eine sittliche Forderung und als solche ein unentbehrlicher
+Faktor der Kultur ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
+„Meine Herren! Lassen Sie sich schildern, wie die Zivilisation
+in den Kolonien vor sich geht. Wir brauchen Kolonien,
+das ist eine Lebensnotwendigkeit für das deutsche
+Volk. Kolonialarbeit ist aber notwendigerweise Blutarbeit
+und durchaus durch die Verdrängung des Heidentums durch
+das Christentum gerechtfertigt. Wir sind immer mal wieder
+gezwungen, da unten einen großen Kehraus mit den Schwarzen
+zu machen. Selbst Ausrottung ganzer Stämme mitsamt
+ihren Stammsiedelungen sind dabei leider Gottes nicht zu
+vermeiden ... Kultur! Kultur! ... Und überdies zum
+vorigen Thema: Sie haben ja die Ermordung des österreichischen
+Thronfolgers gestreift: ich sage: wenn je ein
+Blutopfer eine befreiende, eine erlösende Wirkung gehabt
+hat, so war es dieses ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Gruppe löste sich wieder auf und schloß sich der allgemeinen
+Diskussion an.
+</p>
+
+<p>
+„Im übrigen: meine Ansicht ist die: die Sozialdemokraten,
+mag man gegen sie haben was man will, die müssen
+jetzt die Sache schmeißen. Wir müssen uns auf eine Politik
+auf lange Sicht einrichten ... Unsere Zeit kommt! Abwarten
+...“
+</p>
+
+<p>
+Bratz widersprach energisch dem Fabrikanten.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nun ganz und gar nicht.“ Er sprach von illegalen
+Organisationen, Attentaten, Verschwörerklubs, Kampftrupps,
+die sofort aus den aktivsten, zuverlässigsten vaterländischen
+Elementen gebildet werden müssen, um den
+Novemberverbrechern energisch auf den Leib zu rücken ...
+„Wie Sie sehen: die Arbeiterschaft ist in zwei feindliche Lager
+geteilt. Die Sozialisten werden nicht umhin können, im
+Kampf gegen die Spartakisten sich unserer Hilfe zu bedienen,
+wir werden und müssen uns diese Dienste so teuer
+wie nur möglich bezahlen lassen ... Der Mohr hat seine
+Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen ... So wird man
+uns nicht abfinden. Nie und nimmermehr ...“
+</p>
+
+<p>
+„Meine Herren, streiten wir nicht! Ich bin für zwei
+Eisen im Feuer!“ vermittelte der Dekan. „Auf legale Art
+und auch die Vorschläge des Herrn Bratz dürfen wir nicht
+ganz und gar außer acht lassen ... Dem Volk muß die
+<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
+Religion auf jeden Fall erhalten bleiben. Denn nicht auf
+Gescheitheit oder Dummheit des Einzelnen kommt es an,
+sondern auf die Erlösung der Seele. Was für den Einzelnen
+gilt, gilt auch für das Ganze. Einkehr, innere Wandlung,
+das ists, was vor allem not tut.“
+</p>
+
+<p>
+Nun sprach auch Peters Vater:
+</p>
+
+<p>
+„Die Hauptsache ist, daß die Staatsautorität erhalten
+bleibt. Ich meinerseits habe bei den Sozialdemokraten seit
+Kriegsbeginn nichts gelesen, was der Lehre von der Unantastbarkeit
+des Staates zuwiderliefe. Im Gegenteil, ihre
+Partei hat sich während des Krieges ihre nationale Vergangenheit
+geschaffen! ... Und meine Herren, die Staatsform
+kann uns doch schon wirklich ganz egal sein, auf den
+Inhalt kommt es an.“
+</p>
+
+<p>
+Der Oberstleutnant fiel ihm ins Wort:
+</p>
+
+<p>
+„Allerdings, jetzt heißt es Schritt für Schritt, so zäh wie
+nur möglich, unsere Positionen verteidigen, die Sozialdemokraten
+regieren lassen, heimlich ihre Regierung infamieren
+und sie so in den weitesten Volkskreisen unmöglich machen,
+und zwar ein für allemal, um dann, wenn so der Staatsapparat
+relativ intakt in unserer Hand bleibt, eines Tages,
+wohlbemerkt, ich rechne mit Jahren, zum Generalangriff
+überzugehen ... Meine Herren! Man kann die Erfahrungen
+des Krieges auch auf den Frieden anwenden ...
+Jedenfalls, eine Voreiligkeit, eine zu frühe öffentliche Preisgabe
+unserer Entschlüsse könnte uns teuer zu stehen kommen.
+In diesen Tagen der roten Hochflut wird auch der geringste
+taktische Fehler, meine Herren, mit Blut bezahlt ...!“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist schon so!“ bestätigte auch der Oberstudienrat
+Dr. Reuchlin, „man muß mit den Wölfen heulen. In
+unserem Herzen sind und bleiben wir Monarchisten, jawohl.
+Aber in der Praxis könnte es sogar unter Umständen
+möglich sein, daß wir uns mit der Republik abfinden. Wer
+will prophezeien, es könnte gar der Tag kommen, wo wir
+die treuesten Stützen der Republik sind ... Spotten Sie
+nicht, schütteln Sie nicht ungläubig die Köpfe ...“
+</p>
+
+<p>
+„Oh!“ rief pathetisch Bratz dagegen ... „wenn der Schicksalstag
+naht, und wäre über uns Ragnarök, die Götterdämmerung
+<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
+verhängt, dann lieber in tobender Schlacht als
+in schleichendem Siechtum ...“
+</p>
+
+<p>
+„Auch ich finde, Dr. Reuchlin, das klingt bedenklich nach
+Kant,“ philosophierte jetzt der Dekan. „Also Monarchie
+wäre demnach die einzige rationelle Staatsform, aber
+sozusagen nur als ein Postulat der praktischen Vernunft,
+deren Verwirklichung zwar nie erreicht wird, deren Erreichung
+aber stets als Ziel angestrebt wird und in der
+Gesinnung festgehalten werden muß ... Auch christlich
+terminologisch ließe sich das ausdrücken ...“
+</p>
+
+<p>
+„Meine Herren,“ knurrte jetzt der Oberstleutnant dazwischen,
+„ich finde, das Gespräch führt uns jetzt zu weit
+ab ... Besser ist: wenig davon sprechen. Immer daran
+denken ...“
+</p>
+
+<p>
+„Jawohl, auf die Tat kommt es an,“ schloß Bratz ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Landgerichtsdirektor saß am Flügel.
+</p>
+
+<p>
+Der Fabrikant stimmte die Violine.
+</p>
+
+<p>
+Oberstudienrat Dr. Reuchlin bediente das Cello.
+</p>
+
+<p>
+„Wir haben das letztemal Beethoven geübt. Wir wollen
+sehen, was davon hängen geblieben ist.“
+</p>
+
+<p>
+Das Trio begann.
+</p>
+
+<p>
+Der Landgerichtsdirektor zählte den Takt mit ...
+</p>
+
+<p>
+Verstreut saßen der Redakteur, der Oberstleutnant, der
+Dekan, Bratz und Peter im Zimmer herum.
+</p>
+
+<p>
+Der Dekan dachte an die Sonntagspredigt. Man mußte
+vorsichtig sein und alles in Gleichnissen ausdrücken; auch
+machte ihm die Möglichkeit einer Abtrennung von Kirche
+und Staat einige Sorgen. Für die Predigt am kommenden
+Sonntag suchte er noch immer den passenden Text. Er war
+bekannt dafür, daß er so ergreifend sprach, daß die Leute
+weinten ... Da fiel ihm jenes berühmte Pauluswort ein:
+„Und hättet der Liebe nicht ...!“ In der Tat vortrefflich.
+Er zog ein Notizbuch und skizzierte die Disposition. Natürlich
+Liebe, Liebe und nochmals Liebe: Christentum und
+Sozialismus, Sozialismus und Christentum: nur zwei verschiedene
+Ausdrücke für im Grunde ein und dasselbe. Versöhnend
+<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
+wirken! Und zu was Besserem könnte man auch
+in solchen Zeiten ermahnen, als zur Liebe, innerer Einkehr,
+Arbeit an sich selbst; die Staatsform und die äußeren sozialen
+Fortschritte erst in zweiter Linie. Der Mensch ist die
+Hauptsache, der innere Mensch, auf das Seelenheil des
+Menschen kommt es an ... Und die Klänge des Trios
+beschwangen ihn: er notierte fieberhaft, und als die Herren
+mit einem wunderbaren <span class="antiqua">piano pianissimo</span> geschlossen
+hatten, wobei besonders die Violine ergreifend zur Wirkung
+kam, sprang er freudigst erregt auf:
+</p>
+
+<p>
+„Danke, meine Herrn! Hier meine Sonntagspredigt!
+Vortrefflich gelungen ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Peter hatte während des Konzerts allerlei groteske Einfälle.
+</p>
+
+<p>
+„Das Frontschwein badet im Konzert!“ Oder, „Ohrenschmarrenschmaus“
+und „Sonntagspredigtbraten“, „Ragout
+aus sanftlebigem Oberkonsistorialrat-Fleisch“ usw. Auch
+betrachtete er geradezu mit einem wollüstigen Ingrimm den
+Herrn Bratz neben sich, diese beständig nervös grimmassierende
+Monokel-Fratze ...
+</p>
+
+<p>
+Aber auch der Journalist war nicht müßig geblieben.
+</p>
+
+<p>
+In seinem Gehirn stand schon der Leitartikel „Vom neuen
+Zeitgeist“ fix und fertig. Hier waren die Sünden und vielen
+Fehlerhaftigkeiten des alten vergangenen Regimes scharf
+und präzis kritisiert, dann aber auch das Gute, Edle und
+Wahre vergangener Zeiten sorgfältig und liebevoll dargestellt,
+das es nun weiter zu pflegen und zu hegen gelte, und
+am Schluß war als Bilanz die beschwörende Formel gegen
+den Bolschewismus und gegen die alle geistigen und sittlichen
+Kulturwerke bedrohende Anarchie angebracht. Einige Berichte
+Reisender aus Rußland, Greuelszenen voll phantastischer
+Anschaulichkeit waren nicht ungeschickt eingeflochten
+und vor allem volltönend und warnend zugleich war die
+Stimme, die er für die Unantastbarkeit des Privateigentums
+erhob.
+</p>
+
+<p>
+Bratz dagegen döste zwischen „Farbenklavier-Klavilux“,
+„Sonnenmaschine“ und der „Wirkung des Grammophons
+<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
+auf Neger“ dahin und dachte dann konzentriert an Lucie,
+ein Rasseweib, Kellnerin in einer Bar, und wie man Geld
+auftreiben könne, die Weiber kosten Geld, das ist eine alte
+Sache. Vielleicht gehts mit einem Spielklub, der vaterländische
+Verschwörerklub, dem er auch nebenbei angehörte,
+war noch nicht recht in Schwung, die Geldgeber zogen noch
+nicht, doch was nicht ist, kann immerhin allemal noch
+werden ...
+</p>
+
+<p>
+Der Oberstleutnant gab sich willig der Musik hin.
+</p>
+
+<p>
+Zwar Marschmusik ist es nicht, überlegte er, auch reizen
+Blasinstrumente nicht so sehr zum Träumen. Aber Kunst
+ist es, erhaben und großartig. Nur die Künstler, das ist
+eine andere Sache ... Gegenüber dem undisziplinierten
+Beethoven da war doch Goethe ein ganzer Kerl ... Und
+dann bemerkte er unwillig, daß er Zivil trug. Die schöne
+alte Uniform. Vielleicht werde ich es noch einmal erleben:
+Sonnenglanz, die Brust voll Orden, die Straßen zur Parade
+abgesperrt ... schon dröhnt der Stechschritt ...
+</p>
+
+<p>
+Da eben schloß das Trio mit pianissimo. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Noch einige Stücke. Ein Violinsolo. Ein Marsch, auf
+besonderen Wunsch des Oberstleutnants, und der Trio-Abend
+war beendet.
+</p>
+
+<p>
+Man blieb nun noch bis über Mitternacht gemütlich zusammen.
+</p>
+
+<p>
+„Die Einwohner müßten sich zum Schutze ihres Eigentums
+zusammentun, für Ruhe und Ordnung, gegen Bürgerkrieg
+und Anarchie.“
+</p>
+
+<p>
+„Ist schon erwogen bezw. beschlossen.“
+</p>
+
+<p>
+„Im übrigen: was unsere Revolutionäre anbetrifft, vom
+Schlage solcher Bürschchen wie Toller, die jetzt den Mund
+so voll nehmen, so dürften die uns nicht besonders gefährlich
+werden. Sie sind eitel bis zum Ueberlaufen, man
+muß sie hätscheln, ausgemachte Windbeutel, mit denen nicht
+fertig zu werden, das wäre zum Lachen ... Man muß sie
+nur ein wenig mit einer Verbeugung vor ihrer Genialität,
+wovon sie natürlich keine Spur besitzen, kitzeln, man muß
+<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
+ihnen geschickt durch die Presse einreden, sie hätten eine
+weltgeschichtliche Mission, dann strecken sie, von sich selbst
+fasziniert, eitel bis zum Brechreiz wie sie sind, gleich alle
+Viere von sich und man kann alles, was man nur will, mit
+ihnen anstellen. Da sind die Bolschewisten schon andere
+Kerle, aus einem Guß, die wenigstens wissen was sie wollen.
+Mit denen ist nicht gut Kirschen essen. Russische Glut, amerikanische
+Gründlichkeit: das sind ihre Hauptqualitäten, das
+muß ihnen auch ihr ärgster Feind lassen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Gewiß auch in der Schule weisen wir jetzt in jeder Unterrichtsstunde
+darauf hin, welche Gefahren dem deutschen
+Vaterlande drohen. Na, unsere Jungens sind alle Gott
+Lob und Dank vernünftig und würden sich sofort wieder
+zur Verfügung stellen wenn es losgeht ...“
+</p>
+
+<p>
+„Sicher auch Ihr Herr Sohn“, zwinkerte der Dekan zu
+Peter hinüber, der wie versteinert dasaß.
+</p>
+
+<p>
+„Aber das ist ja selbstverständlich!“ antwortete für ihn
+der Vater. „Er ist gegen jede Art bolschewistischen Giftes
+gefeit. Im Trommelfeuer zu einer undurchdringlichen
+Panzerhaut geschmiedet. Ein Friedjung und Bolschewist:
+das scheidet sich wie Feuer und Wasser.“
+</p>
+
+<p>
+„Das meine ich auch!“ lächelte der Dekan befriedigt.
+</p>
+
+<p>
+Man tat noch einen langen Zug aus der Zigarre, leerte
+den Rest aus dem Bierglas und stand auf.
+</p>
+
+<p>
+„Also sagen wir Dienstag, nächste Woche!“
+</p>
+
+<p>
+Man stand schon an der Tür.
+</p>
+
+<p>
+„Aber wollen wir so auseinandergehn, nach solch einem
+Abend, es ist ja immerhin in gewisser Weise das Willkommfest
+des jungen Herrn Friedjung gewesen. So unverbindlich
+auseinandergehn, ohne ...“
+</p>
+
+<p>
+Alle stimmten begeistert dem Vorschlag des Redakteurs zu.
+</p>
+
+<p>
+Der Landgerichtsdirektor saß wieder am Flügel.
+</p>
+
+<p>
+„Aber pst! Leise bitte!“ mahnte der Dekan, „sonst habe
+ich Unannehmlichkeiten.“
+</p>
+
+<p>
+Und sie sangen mit gedämpften Stimmen:
+</p>
+
+<p>
+„Deutschland über alles.“
+</p>
+
+<p>
+Peter sang nicht.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
+Er sprach leise für sich ganz nüchtern und trocken den
+Text nach. Wie ein mechanischer Kontrollapparat. Dabei
+beobachtete er scharf die Sänger. Und beim letzten Vers
+sprach er halblaut mit:
+</p>
+
+<p>
+„I–h–r ... e–l–e–n–d–e–n– ...
+S–c–h–u–r–k–e–n.“ –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Unten verabschiedeten sich sogleich die Herren.
+</p>
+
+<p>
+Bratz schlug vor dem Oberstleutnant die Hacken zusammen,
+stand stramm.
+</p>
+
+<p>
+Peter verbeugte sich kaum.
+</p>
+
+<p>
+Bratz ging noch ein Stück mit den beiden Friedjungs. Er
+hatte das Monokel wieder eingesteckt.
+</p>
+
+<p>
+„Vorsicht ist am Platz. Meine Devise ist: das Leben so
+teuer wie nur möglich zu verkaufen ...“
+</p>
+
+<p>
+Und zu Peter gewandt fragte er:
+</p>
+
+<p>
+„Wahrscheinlich werden Sie nun doch studieren!? In
+Berlin vielleicht. Ich kann Ihnen für einige Korps Empfehlungen
+geben ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich danke“, erwiderte Peter kalt.
+</p>
+
+<p>
+Bratz schnitt mit dem Stock durch die Luft, daß es pfiff.
+</p>
+
+<p>
+„Hören Sie, das ist der preußische Pfiff ... Bald kommt
+der große, der heilige, der entscheidende Tag ...“ Dazu
+summte er schmalzig eine Melodie. „Wissen Sie woraus
+das ist. Nein?! Aber ... Wagner „Tannhäuser“, dritter
+Akt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich denke an den armen bemitleidenswerten Oberstudienrat.
+Wie Söhne zu Fallstricken für ihre Väter werden!
+Armer alter gebrochener Mann ...“ Sinnierte der Landgerichtsdirektor.
+–
+</p>
+
+<p>
+Es war ein öffentliches Geheimnis: Dr. Reuchlins Sohn
+war wegen Meuterei und Hochverrat im Felde vor ein
+Kriegsgericht gestellt, zum Tode verurteilt und erschossen
+worden.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-2-4">
+<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
+<span class="firstline">IV</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Peters Mutter war noch wach, als Vater und Sohn vom
+Trio nach Hause kamen.
+</p>
+
+<p>
+Peter saß nun mit seiner Mutter allein.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Kind, du hast Schweres durchgemacht. Ich will dir
+nun sagen: wenn du wieder von zu Hause fortgehst, dann
+ist auch meine Zeit gekommen. Du weißt vielleicht, ich lebe
+mit dem Vater sehr schlecht. Nur deinetwegen bin ich geblieben.
+Aber du bist ja jetzt erwachsen, und du hast mich
+nicht mehr nötig ...“
+</p>
+
+<p>
+„Doch, doch!“ wollte Peter stammeln, aber er konnte kein
+Wort hervorbringen.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist am besten, Peter, ich nehme gleich heute von dir
+Abschied: du bist ein Musterbeispiel für einen idealistisch
+gesinnten jungen Deutschen. Wie du dich durch diese Zeit
+hindurchschlagen wirst! Auf welche Art und Weise du mit
+ihr fertig werden wirst!? Was aus dir noch werden wird ...
+Fast ist’s mir als ob ich es wüßte. Ich ahne schon so etwas.
+Aber ich will darüber schweigen. Kurz und gut: Laß die
+Leute reden, Peter, und geh deinen Weg ... Das soll
+unser Abschied gewesen sein. Leb wohl! Gute Nacht!“
+</p>
+
+<p>
+Wieder schwieg Peter.
+</p>
+
+<p>
+„Aber was ist die Wahrheit!? Was soll ich tun ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und Peter schlief einen unruhigen Schlaf.
+</p>
+
+<p>
+Er schlief in demselben Zimmer wieder, in dem er schon
+als Kind geschlafen hatte, dort an der Wand hingen noch
+die Eichenkränze, die ersten Preise aus Wettschwimmen und
+Fußballspielen, und dort obenauf im ersten Schubfach des
+Schrankes lagen noch durcheinander Schulbücher und Hefte.
+</p>
+
+<p>
+Direkt aus dem Gymnasium war er ins Regiment eingetreten,
+in der Zeit seiner militärischen Ausbildung kam
+er nur selten nach Haus. „Und jetzt, jetzt, was soll aus mir
+werden.“
+</p>
+
+<p>
+Peters Vater war Landgerichtsdirektor, ein Richter in
+höherer Staatsstellung, dessen schönster Tag in seinem
+Leben war, wie er nie müde wurde zu betonen: damals,
+<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
+als Peter auszog mit dem Freiwilligenregiment, Blumensträuße
+am Helm und einen vorne im Gewehrlauf: das
+war ein großartiger erschütternder Marsch lauter prächtiger
+junger Menschen unter dem Gesang „Die Vöglein im
+Walde ...“ auf den Bahnhof. Ihm zur Seite auf dem
+Trottoir, schritten damals Vater und Mutter, beide schluchzten,
+Peter schluchzte und lachte freudig auf dazwischen, die
+ganze Stadt war mit Fahnen, Girlanden und Blumen
+geschmückt: der Auszug dieses Freiwilligenregiments war
+ein großes Freudenweinen ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Vor vielen Jahren belauschte einmal in diesem Zimmer
+Peter eines Nachts ein Gespräch zwischen Vater und Mutter.
+</p>
+
+<p>
+Peters Vater war damals Staatsanwalt und Anklagevertreter
+in dem bekannten Prozeß gegen den berüchtigten
+vielfachen Raubmörder Alois Kneisel. Kneisel wurde zuerst
+in der chirurgischen Klinik zurechtgeflickt, da er bei seiner
+Verhaftung von den Gendarmen verwundet worden war,
+und danach dem Scharfrichter überantwortet.
+</p>
+
+<p>
+Es muß die Nacht vor der Hinrichtung gewesen sein,
+denn der Vater hatte dem Dienstmädchen aufgetragen, ihn
+pünktlich um fünf Uhr früh zu wecken. Der Wecker wurde
+sorgfältig gestellt.
+</p>
+
+<p>
+Auch waren Gehrock, Zylinder, weiße Glacéhandschuhe
+herausgerichtet worden, die guten Schuhe, ein frisches steifes
+Hemd und die Manschetten mit den rubinroten Knöpfen.
+</p>
+
+<p>
+Peter legte das Ohr dicht an die Wand, als er die ersten
+aufgeregten Worte der Mutter vernahm.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Heinrich, ich kann mit dir beim besten Willen
+nicht mehr zusammenleben“, weinte die Mutter, „du bist
+ein Mörder, mitschuldig an einem ganz gemeinen barbarischen,
+infamen Mord ... Ich flehe dich an, laß mich
+fort von dir ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Vater sprach ruhig und mit sehr tiefer Stimme vom
+Staat, von der Notwendigkeit der Erhaltung der Autorität,
+von der modernen Straftheorie, wonach Strafe erstens:
+Sühne im religiösen Sinne sei, dann auch ein prophylaktisch
+wirkendes Abschreckungsmittel und drittens: Befreiung der
+<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
+Gesellschaft von der Gemeingefährlichkeit gewisser menschlich
+minderwertiger Subjekte.
+</p>
+
+<p>
+Jedoch: des Vaters Gegenargumente fruchteten bei der
+Mutter nichts.
+</p>
+
+<p>
+Immerfort schluchzte die Mutter noch:
+</p>
+
+<p>
+„Das ist Heuchelei, abgrundtiefe Verlogenheit ... Ich
+kann es nicht so in Worten ausdrücken, aber mein Gefühl,
+mein Instinkt sagt es mir ... Ach Gott, o Gott, o Gott, daß
+du das nicht einsiehst. So verstockt, wer hätte das gedacht ...“
+</p>
+
+<p>
+Und die Mutter weinte die ganze Nacht still vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+Einmal schrie sie:
+</p>
+
+<p>
+„Siehst du ihn nicht vor dir: das Gesicht seiner letzten
+Nacht: groß, ungeheuer und der Hals ist da, warm der
+Rumpf darunter ... dieser in die Länge gezogene Blick ...
+Pfui, wie du mich anekelst ... Ich kann es wirklich nicht
+mehr länger mit dir aushalten ...“
+</p>
+
+<p>
+Wieder kam ein Weinanfall.
+</p>
+
+<p>
+„Du haßt mich also“, fragte der Vater.
+</p>
+
+<p>
+„Läßt du mir das Kind!?“
+</p>
+
+<p>
+„Auf keinen Fall ...“
+</p>
+
+<p>
+„Damit du ihn auch zu einem Verbrecher deiner Art, zur
+gemeinsten und tierischsten Art Verbrecher, die es auf der
+Welt gibt, erziehen kannst!?“
+</p>
+
+<p>
+Ein schwerer Schlag.
+</p>
+
+<p>
+Ein Schrei, der hoch und schrill war ...
+</p>
+
+<p>
+Trotzdem Peter damals erst acht Jahre alt war, wußte er
+sofort:
+</p>
+
+<p>
+„Der Vater hat die Mutter niedergeschlagen.“
+</p>
+
+<p>
+Und Peter taumelte, als ob er selbst den Schlag erhalten
+hätte, fiel ins Bett zurück und versank tief in einen ohnmachtähnlichen
+Schlaf.
+</p>
+
+<p>
+Wie ein Goldregenschwarm sangen Scharen von Engeln
+darin, wie Bienen sahen sie aus und die Erde darunter war
+wie eine klotzige, schattenhafte, geschwollene Blutkugel. Und
+die Mutter war da, eine überlebensgroße Gestalt, streichelte
+ihm zärtlich die blutende Kopfwunde, und Peter strengte sich
+sogar an, ordentlich viel zu bluten, das blutende Blut tat
+<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
+ihm wohl, es rann und blühte in unendlich vielen Knospen
+und Beeren im Himmelsgarten ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Mutter war in der Nacht noch auf und davon
+gelaufen.
+</p>
+
+<p>
+Der Vater stand pünktlich früh um fünf auf.
+</p>
+
+<p>
+Als er mittags nach Hause kam, schaute ihn Peter groß
+und fragend an. „Hat er ihn jetzt wirklich umgebracht?!“
+Aber die Kleidung des Vaters, der jetzt ein bequemes Hausjöppchen
+trug, war tadelfrei, schwarz; wie anlackiert sah
+er aus. Nirgends ein Blutspritzer, nicht einmal an den
+Manschetten. „Ob er eine Schürze sich umgebunden hat, so
+wie im Schlachthaus?“ Peter wollte erfahren, ob er das
+eigenhändig gemacht hat, mit dem Beil oder mit einem
+scharfen Rasiermesser. Immer noch schaute Peter groß und
+fragend. Der Vater aber schwieg, erkundigte sich nach Peters
+Schulaufgaben und ließ sich dabei den Gansbraten schmecken.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Nach acht Tagen kam die Mutter zurück.
+</p>
+
+<p>
+Des Kindes wegen.
+</p>
+
+<p>
+„Die Kindheit eines Menschen ist entscheidend. Wie es
+auch gewesen sein mag, Heinrich, das was zwischen uns
+beiden ist, ist Nebensache. Mein Entschluß ist: ich bleibe ...
+Ich kann nicht anders ... Und dabei bleibe ich auch: die
+Todesstrafe anzuwenden innerlich berechtigt ist man meiner
+Meinung nach nur solchen gegenüber, die ein System, dem
+dieses Greuel zugehört, mit Gewalt aufrecht erhalten
+wollen ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Seit jener Nacht aber war die Mutter eine andere geworden.
+</p>
+
+<p>
+Etwas seltsam, absonderlich, sagten die Leute, es muß
+ihr etwas auf die Nerven gegangen sein ... Vielleicht
+auch eine Gemütskrankheit ... Sie achtete nicht mehr auf
+die Kleidung, tagelang aß und trank sie nichts, sie entließ
+das Mädchen, machte jede Arbeit selbst.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
+Als der Vater ihr einmal darüber Vorhaltungen machte,
+das entspreche doch ihrem Stand nicht, bekam sie einen Anfall.
+Die Befürchtung entstand, sie werde über kurz oder
+lang irrsinnig.
+</p>
+
+<p>
+Sie gönnte sich keine Freude mehr. Das dritte Wort hieß:
+sparen.
+</p>
+
+<p>
+Stundenlang saß sie auf dem Balkon, ihre Lippen bewegten
+sich, sie nickte mit dem Kopfe, seufzte ...
+</p>
+
+<p>
+Vater und Mutter: jeder von beiden ging von da ab
+seinen Weg allein.
+</p>
+
+<p>
+Nur wenn die Sprache auf Peter kam, auf Peters Begabung,
+Beruf, Zukunft, dann kreuzten sich für einen Augenblick
+die beiden Wege, um sich gleich darauf wieder in entgegengesetzter
+Richtung zu entfernen. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-2-5">
+<span class="firstline">V</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Und wieder überzog Peter die Erinnerung an den Krieg
+wie ein dumpfes, dunstig-tropisches Gewitter:
+</p>
+
+<p>
+Da stand der Mensch inmitten platzender Brisanzgeschosse,
+von Giftgasnebeln eingeschwadet, unter einem Phosphorfeuerregen,
+wie unter einer kreidig-weißen Branddusche. In
+einer der Taucherkleidung ähnlichen Uniform gekleidet, die
+alle seine Bewegung schwerfällig und ungelenk machte, einen
+Gasmaskenhelm aufgestülpt, der oben eine oval abgeflachte
+Stahlkuppel bildete, der Filteransatz in der Mundgegend:
+ein kurzer dicker Rüssel. Schrauben, Griffe, Hebel, Manometer
+rings an den Hüften; ein Schläuche-Durcheinander
+und Drahtgeflechte umspannten den Leib ... Und nun,
+wie ein dem ganzen Körper dicht aufgelegtes Pflaster umschloß
+ihn diese Uniform, sog, mit dem Giftgas durchtränkt,
+juckende Blasen auf der Haut; schon beginnen jauchige
+gangränartige Wucherungen in Luftröhre und Kehlkopf;
+blutiges Erbrechen; es ist ein langwieriges Ertrinken unter
+Todesangstschweiß austreibenden Erstickungsanfällen in der
+eigenen Körperflüssigkeit; die Lunge schwemmt sich auf, wie
+ein mit Wasser vollgesogener Schwamm, um das vielfache
+ihres ursprünglichen Volumens; Haut und Uniform werden
+<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
+dabei eins, eine gallertartige nässende, mit Geschwüren
+durchklebte Masse, und die Uniform-Haut, die Haut-Uniform
+schält sich ab ... und da stand nackt und bloß der Mensch,
+ein unförmiges Stück rohen blutigen Fleisches, ausgenommen
+wie ein geschlachtetes Vieh bei lebendigem Leib,
+geschunden nach allen Regeln der modernen Wissenschaft
+und Kriegskunst. Die Sonne drückt nieder vom Himmel als
+ein glühender Stempel: der ganze Leib wird wie mit
+flüssigem Feuer eingebrannt. Und nun quellen ihm noch die
+geronnenen Augen aus den schon kohlig vermorschten Stirnhöhlen,
+zwei weißliche Kugeln, wie bei einem Fisch, den man
+siedet ...
+</p>
+
+<p>
+Und dieses Stück rohen blutigen Fleisches, das sich Mensch
+nennt, bewegt sich, lebt: es ist ein Mensch, es sind ihrer viele,
+es ist ein ganzes Menschenvolk, ein ganzes Volk roher
+blutiger Fleischstücke, mit und ohne Arm, mit und ohne
+Bein, kopflos und welche mit bläulich gedunsenen Köpfen:
+sind es schon oder sind dazu bestimmt, es in Bälde zu
+werden; und die so einem entsetzlichen Schicksal Ausgelieferten
+beginnen zu leben, lebendig zu werden, gewinnen das
+Bewußtsein über sich selbst, schließen sich zusammen, Blutendes
+an Blutendes, und marschieren eines Tages aus Mietskasernen,
+Fabriken, Massengräbern hervor, hinauf auf die
+breite Straße, wo die große, schöne, die heitere, die weite,
+die sorglose, die glückliche Welt blüht, wo es thront und
+promeniert: ein Trompetenstoß: Achtung, ihr feinen Damen
+und Herren: stinkendes, rohes, blutiges Menschenfleisch
+kommt; ja es kommt, wälzt sich daher wie ein fauliger
+Strom, brüllt vor Schmerz, flucht im Chor und knurrt ...
+Die Damen raffen ihre Röcke hoch: Vorsicht, daß wir nicht
+schmutzig werden; die Herren blicken betrübt auf ihre blutbesudelten
+Lackspitzen und Gamaschen ... Nein, die hitzigste
+Sonne brennt so heiß nicht wie diese Wundenflecken, so rot
+wie diese Wundenfarbe ist nie eine Sonne ... und aus
+den von Kolbenschlägen zerschmetterten Gebissen, an denen
+noch wie an einem Faden an einem Sehnenstrang halbe,
+dreiviertel Unterkiefer herumhängen, pfeift, trillert und
+zirpt ein Gesang: „In der Heimat da gibts ein Wiedersehen
+...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
+„Bitte zurücktreten!“ schnauzt der Offizier das blutende
+Stück Menschenfleisch an, als es den Absperrungskordon
+durchbrechen will, der um den großen Platz, auf dem soeben
+die Heldengedenkfeier stattfindet, gezogen ist.
+</p>
+
+<p>
+„Ich hatt einen Kameraden!“ spielte eben die Militärkapelle.
+</p>
+
+<p>
+Blutige Fackeln leuchten.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin der unbekannte tote Soldat!“ Spricht das
+blutende Stück Menschenfleisch! „Ich wünsche das Wort zu
+diesem Thema. Auch ich habe einiges dazu zu sagen. Ich
+möchte sprechen.“
+</p>
+
+<p>
+„Treten Sie bitte nicht näher ...“ „So eine Gemütsroheit!
+So eine Taktlosigkeit!“ zetern schon einige Kleinbürgerseelen
+drauf los und ballen wutentbrannt die Fäuste.
+„Was fällt Ihnen denn eigentlich ein! Schämen Sie sich
+denn gar nicht!? In so einem Aufzug, und dazu noch am
+hellichten Tag! Splitternackt! ... Sie erregen öffentliches
+Aergernis! Das ist ja ein Skandal sondergleichen!
+Unsere Ruhe wollen wir haben! Leichenpack! Das ist einfach
+schofel ...“ „Zurück! Sonst muß ich von meiner
+Waffe Gebrauch machen. Ich habe strengste Instruktionen,
+rücksichtslos vorzugehen ... Verhalten Sie sich ruhig und
+stören Sie den Ernst und die Weihe der Feier nicht! Der
+Herr Generalfeldmarschall spricht ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wer ...!?“
+</p>
+
+<p>
+„Bitte sehr, ein letztes Mal, oder ich schieße. Sie haben
+hier nichts zu suchen ...“
+</p>
+
+<p>
+Aber schon flitzen die Gummiknüppel, die Bajonette
+stellen sich wagrecht, die berittene Hundertschaft zur besonderen
+Verwendung galoppiert heran, ein Panzerwagen
+knattert ...
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben, scheint’s, an einem Tod nicht genug ...
+Gebt Euch endlich zufrieden ... Hinunter ins Massengrab
+oder hinauf wieder ans Kreuz mit Euch! Als aufbauende
+Glieder der Volksgemeinschaft kommt Ihr, so wie Ihr seid,
+heute nicht mehr in Betracht ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
+In diesem Augenblick stößt ein anderer Zug gegen die
+Polizeikette, eine rote Fahne an der Spitze, kräftig tönt der
+Gesang:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„Einst kommt der Tag, da wir uns rächen,</p>
+ <p class="verse">Dann werden wir die Richter sein ...“</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+„Das sind die Sachverwalter, die wirklichen Wahrer
+unseres ungeheueren kostbaren Schmerzensguts ...“
+sprechen die zusammengehauenen blutenden Fleischstücke ...
+„in deren Hände hat die Zukunft die Vergangenheit als
+Erbmasse gelegt. Darin ist auch unser Schicksal mit inbegriffen.“
+–
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Mit einem Ruck fuhr Peter aus dem Traum auf, schrie
+„Jonny“ und beinahe in greifbarer Nähe stand vor ihm
+jener arme Teufel vom amerikanischen Gasregiment, den
+er bei einem Sturmangriff auf einen der gefährlichsten
+feindlichen Minenstollen zum Gefangenen gemacht hatte.
+</p>
+
+<p>
+Jonny hatte weder um Pardon gefleht, noch hatte er sich
+zur Wehr gesetzt. Mit einem unglaublich traurigen Ausdruck
+in den Augen sah er den Deutschen an und drückte
+ihm einfach herzlich die Hand, als der die bereit gehaltene
+Handgranate nicht abzog.
+</p>
+
+<p>
+Jonny war der einzige Sohn eines kleinen amerikanischen
+Farmers, arbeitete bei Kriegsbeginn in einer Seifenfabrik
+und war dann zum Gasregiment eingezogen und gleich
+darauf nach Edgewood, dem großen amerikanischen Kriegsarsenal
+abkommandiert worden.
+</p>
+
+<p>
+Drei Monate lag er in Edgewood, dann kam er an die
+Front.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Rücktransport verständigte sich Peter durch einen
+Dolmetsch mit ihm und erfuhr, wie dort an lebenden Menschen
+die Gasschutzmasken und die bei einer Gaserkrankung
+anzuwendenden Gegengifte ausprobiert werden. Zuerst das
+Tierexperiment, dann der Mensch ...
+</p>
+
+<p>
+„Das ist ja Vivisektion!“ entfuhr es Peter und der Amerikaner
+nickte.
+</p>
+
+<p>
+Auch hatte jeder Soldat eine sogenannte zweite eiserne
+Ration bei sich, ein Mittel, das im Fall einer Gasvergiftung
+bei bestimmten Symptomen gebraucht werden sollte.
+<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
+Dieses Mittel war ein sofort tödlich wirkendes Gift, das
+dem über alle Maßen schrecklichen Gastod zuvorkam. Auch
+bestand die Absicht, im Fall der Verwendung des Giftgases
+von Flugzeugen herab dieses Mittel an die Zivilbevölkerung
+aller bedrohten Städte verteilen zu lassen ...
+</p>
+
+<p>
+„Ihr an eurem Frontabschnitt scheint ja im Mond zu
+leben“, bemerkte der Dolmetsch, als er sah, wie sich Peter
+darüber wunderte. „Ist bei uns genau so ... Keine
+Neuigkeit. Gegen das Giftgas ist bisher auf der Menschenerde
+leider noch kein Kraut gewachsen. Da mühen sich selbst
+die größten Autoritäten vergebens. Schutz gegen Gas läßt
+sich nur durch Maßnahmen schaffen, die praktisch undurchführbar
+sind ... Wie viele von uns verunglückten täglich
+beim Ausprobieren der Gasschutzmaske im Gasraum! Aber
+auch das minderwertigste Zeug wird von den Fabriken
+geliefert. Das Schlechteste auf diesem Gebiet ist eben gerade
+noch für das Frontschwein gut genug. Der nackte und bloße
+Mensch ist das billigste Material. Das ganze „Drum und
+Dran“ verteuert zu sehr die Sache. Aber der Spaß muß
+sich rentieren ... Und nicht genug damit: ist einer einmal
+gaserkrankt, dann beginnt im Lazarett das Herumdoktern.
+Doch Schwamm darüber ... Wer es nicht miterlebt hat,
+glaubt es ja doch nicht ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Unterhaltung zwischen dem Deutschen und dem Amerikaner
+aber sollte nicht lange andauern, ein dicker, untersetzter,
+schwammbackiger Feldwebelleutnant kam dazwischen,
+und kaum, daß er des Amerikaners ansichtig geworden war,
+holte er seine Repetierpistole hervor, fuchtelte ein paarmal
+wild damit in der Luft herum und knallte Jonny mit den
+Worten: „So ein Luder!“ nieder ...
+</p>
+
+<p>
+„Du Vieh!“ schrie damals Peter auf und löste die Handgranate
+von der Koppel.
+</p>
+
+<p>
+Herbeistürzende Kameraden machten dem Zwischenfall,
+der ohne weitere Folgen für die Beteiligten blieb, rasch ein
+Ende ...
+</p>
+
+<p>
+Eine Woche darauf wurde Peter, durch einen Bajonettstich
+in den Oberschenkel verwundet, ins Lazarett abtransportiert.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-2-6">
+<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
+<span class="firstline">VI</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Dieses Kriegslazarett war eine ausgesprochene Morphium-
+und Kokainhölle.
+</p>
+
+<p>
+Nicht nur der Chefarzt spritzte und schnupfte, sämtliche
+Assistenzärzte und das ganze Pflegepersonal waren verseucht.
+</p>
+
+<p>
+Dazu lag das Lazarett ständig in stärkstem Feuerbereich,
+kaum eine Woche verging, daß nicht ein schwerer Brocken
+auf eine der Baracken herunterhagelte und unter dem
+wahnwitzigen Geheul aller Kranken krepierte.
+</p>
+
+<p>
+In der Zeit, als Peter dort lag – es waren insgesamt
+drei Monate – kamen noch täglich nervenzerrüttende
+Fliegerüberfälle hinzu.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Das Lazarett hieß im Soldatenmund „Giftschaukel“ und
+war hauptsächlich mit Gaskranken belegt.
+</p>
+
+<p>
+Daneben bestand noch eine eigene Irrenabteilung, doch
+unterschieden sich die Kranken nicht wesentlich von einander.
+</p>
+
+<p>
+Hier lagen vor allem die Paralytiker, die Silbenschmierer
+und die Silbenstotterer. Bei all diesen hatte erst die Erschütterung
+ihres Nervensystems durch den Krieg den paralytischen
+Anfall ausgelöst. Remissionen kamen auf Grund
+der Ungunst der Verhältnisse und der sehr mäßigen Behandlung
+nur selten vor. Wie ein Katarakt galoppierten
+sie dem Grabe zu. –
+</p>
+
+<p>
+Aber Kokain wurde nicht nur geschnupft, es wurde bei
+denen, die sich daran gewöhnt hatten, auch in ungeheuren
+Quanten verspritzt.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst behandelte man die Gaserkrankten mit Salben
+und Sauerstoff, dann, wenn, was wenig häufig genug vorkam,
+die akute Gefahr vorüber war, griff der Unglückliche
+zum Morphium, später zum Kokain. Offene nekrotisierende
+und bis tief auf die Knochen sich einfressende Wunden hatte
+bei den meisten das blasenziehende Agens, d. h. das chemische
+Kampfmittel zurückgelassen, mit Verbänden und Schmierkuren
+war nur wenig dagegen auszurichten. Der Zustand
+der Lunge war mehr als trostlos, überhaupt hatte das
+<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
+Gas bei den meisten tiefgreifende Veränderungen des Blutbildes
+hervorgebracht. Die weißen Blutkörperchen nahmen
+rapid ab, kernhaltige Blutkörperchen treten auf, die roten
+Blutkörperchen ändern ihre Form, nehmen Stechapfelform
+an und gehen massenhaft zugrunde. Umfangreiche Pigmentierungen
+der Haut erscheinen, die durch den freiwerdenden
+Blutfarbstoff ein gelb- und graubräunliches bis broncefarbenes
+Aussehen erhalten. Auch Eisenablagerungen in verschiedenen
+Organen, namentlich in Leber und Milz wurden
+beobachtet.
+</p>
+
+<p>
+Und zu alledem blieb einem Entlassenen noch die angenehme
+Hoffnung auf einen sogenannten „Spättod“, der
+oft genug überraschenderweise erst nach Jahren eintrat ...
+</p>
+
+<p>
+Der Saal, in dem Peter lag, war der „septische“, der
+Saal, in dem die „Eiterigen“ untergebracht waren, vor
+allem die Lungenemphyseme.
+</p>
+
+<p>
+Vierzehn Mann kauerten in halb aufrechter Stellung
+in den Feldbetten, mit dicken Papierverbänden um den
+Leib, einen Gummidrain zwischen den geöffneten Rippen,
+durch den der jauchige Eiter aus der entzündeten Lunge
+herauseiterte. Das Fieberthermometer kreiste beständig im
+Saal, die Temperaturen der einzelnen waren das Hauptgesprächsthema.
+Ununterbrochen wurde gegen den beizenden
+Fäulnisgestank „Tannenduft“ gestäubt und die Aerzte kamen
+nur mit der Zigarre im Munde.
+</p>
+
+<p>
+Jeder war mißtrauisch, hinterhältig gegen den andern,
+belauerte eifersüchtig jeden Temperaturunterschied, eine
+ungeheuere Schadenfreude entstand, wenn bei einem das
+Thermometer wieder einmal um einige Grad höherschnellte.
+Ein jeder rettungslos seiner eigenen Fieberkurve versklavt:
+nach ihr schwang der Weltrhythmus. Ja, es kamen auch
+einige Prügeleien bei der Essenverteilung vor: die, die sich
+benachteiligt glaubten, stürzten sich mit ihren Krückstöcken
+aus dem Bett, schlugen auf die ihrer Meinung nach von der
+Schwester mehr Begünstigten ein, bis einem der Verband
+sich auflöste und der jauchige Eiter sich dick auf dem Fußboden
+herumschmierte ... War wieder einer „an der
+<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
+Reihe“, wurde er auf den Gang hinausgefahren, nicht ohne
+daß ihm einige höhnisch „Gute Besserung!“ nachriefen ...
+</p>
+
+<p>
+Dann die Folterqualen des Dekubitus! Nach kurzer Zeit
+hatten sich beinahe alle aufgelegen, hauptsächlich am Steißbein,
+wo sich trotz sorgfältiger und häufiger Waschungen
+mit Spiritus, trotz Salben und Puders bald faustgroße
+Löcher bildeten; den Aermsten wurde dann ein Luft- oder
+Wasserkissen untergeschoben, aber die Wundlöcher eiterten,
+der Kranke faulte jetzt nicht nur von innen und oben, sondern
+auch von unten an. Dem also Gefolterten war es, als
+ob er an den mit dem Dekubitus behafteten Stellen bei
+lebendigem Leib auf einer glühenden Eisenplatte briete.
+</p>
+
+<p>
+Dazu tat noch ein übriges die Wirkung der verschiedensten
+Narkotika.
+</p>
+
+<p>
+Es war unmöglich, ohne diese bei den Erstickungsanfällen
+und Schmerzkrämpfen auszukommen.
+</p>
+
+<p>
+Beim ersten Gebrauch: eine übermütige, durch nichts
+begründete Heiterkeit, die Patienten plapperten unermüdlich
+Tag und Nacht Sinnvolles und völlig Sinnloses wirr
+durcheinander, Pläne wurden geschmiedet, das Modell eines
+gegen jede Gasart undurchdringlichen Asbestanzuges mit
+viel Liebe und Hingabe entworfen, Ideen, phantastische
+Vorstellungen jagten und hetzten sich, ein jeder war eigentlich
+plötzlich mit seinem Zustande ganz zufrieden, nur, wenn
+die Schwester einmal länger als gewöhnlich mit der Spritze
+ausblieb, dann gab es förmlich eine Revolte, man heulte
+und läutete: der ganze Saal krampfte sich zusammen wie
+unter einem Tobsuchtsanfall ...
+</p>
+
+<p>
+Diesem Uebel wurde bald abgeholfen dadurch, daß man
+jedem eine ausreichend große Giftportion zuwies und er sich
+die Spritzen selbst machte.
+</p>
+
+<p>
+Nun gab es jeden Tag einen neuen Abszeß, es wurde
+geschnitten, man saß halbe Tage lang im Warmbad, bis sich
+der eine oder der andere zuerst eine weit ausgedehnte
+Furunkulose, dann eine Phlegmone holte, die sich über den
+ganzen Körper ausbreitete, so, daß wo man auch mit der
+Injektionsnadel einstach, eitrig-wässerige Flüssigkeit einem
+entgegenspritzte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
+Einige gingen dabei an Thrombosen zugrunde.
+</p>
+
+<p>
+Dann kam zur Abwechslung Kokain in Mode.
+</p>
+
+<p>
+Die Kranken hatten das Mittel schon mehrere Wochen
+gebraucht, als sie plötzlich Stimmen zu hören vorgaben,
+Gestalten sahen, die sie bei ihrem Namen nannten und
+sie bedrohten, zu wüsten sexuellen Ausschweifungen zu verleiten
+suchten, elektrische Nadeln durch die Wände hindurch
+mitten auf ihren Körper hin zuspitzten und wiederum
+Stimmen, oben und unten und nebenan, die entsetzlich
+fluchten, Zoten rissen ... und plötzlich in den Vorstellungen
+der Kokainverseuchten der ganze Saal sich in einen Granattrichter
+verwandelte, Trommelfeuer rauschte und einer sein
+Bett in Brand steckte, was zwar von den Wärtern noch
+rechtzeitig bemerkt wurde ... Dazwischen sang einer immer
+monoton vor sich hin: „Oh herrliche Phosgen-Luft! Du
+bist mein Augenstern ...“ Man bewarf ihn, als er nicht
+aufhören wollte, einfach mit den nächstbesten Gegenständen.
+</p>
+
+<p>
+Bald darauf wurde allerdings, besonders da auch eine
+Inspektion angekündigt war, mit der Dosierung der narkotischen
+Mittel gebremst.
+</p>
+
+<p>
+Die einen ätherisierten zum Ersatz, chloroformierten, fraßen
+Veronal röhrchenweise, andere versuchten eine Entwöhnungskur
+mit Alkohol und Pantopon, wieder andere dösten in
+schweren Schlafmitteln tagelang dahin, vollkommen von
+einem undurchdringlichen Paraldehyddunst eingedeckt, und
+wieder anderen, die nicht zu toben aufhören wollten, wurde
+vom Arzt Skopolamin verordnet, ein stark lähmendes
+Mittel, das jede Orientierungsfähigkeit ausschaltet, Gesichtsfeldverengungen
+zur Folge hat, die Sprache des Patienten
+wurde tief und sandig-rauh ... und er lag weich gebettet
+auf seinem harten Feldbett wie in einem unermeßbar
+abgründigen Abgrund ...
+</p>
+
+<p>
+Die Zwangsjacke wurde nicht mehr angewendet. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Auch Peter hatte man die Mittel gleich nach seiner Einlieferung
+aufgedrängt.
+</p>
+
+<p>
+„Herrlich! Sie dürfen sich die Sensation nicht entgehen
+lassen. Einfach: Nirwana ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
+So hatte ihm die Krankenschwester, süßlich lächelnd, die
+Drogen angepriesen.
+</p>
+
+<p>
+„Eine unheilbare Krankheit ist der ganze Mensch, eine
+Seuche, die mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden
+muß,“ dachte damals Peter zuerst. Weiter dachte er noch
+nicht ...
+</p>
+
+<p>
+Er schlug die Mittel nicht aus: eine lange, angenehm
+lau-warme Flüssigkeit war es, die sich durch seinen Körper
+erstreckte, alle Blutbahnen hindurch sich verrieselnd und
+verzweigend ...
+</p>
+
+<p>
+Und eines Tages bemerkte er: er konnte das Mittel
+nicht mehr lassen.
+</p>
+
+<p>
+Ließ er nur eine Spritze aus: sofort fiel er schlapp in sich
+zusammen wie ein leerer Sack, ganz ausgelaugt und geleert
+war er, zitterig, bis in die feinsten Nervenspitzen flimmernd,
+und nur immer mit dem einen Gedanken, der zur Zwangsvorstellung
+wurde: „Die Spritze ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Schwester kam wieder:
+</p>
+
+<p>
+„Na, ich hab’ es Ihnen doch gleich gesagt. Machen Sie sich
+kein Gewissen. Ist ja gar nicht so schlimm ...“
+</p>
+
+<p>
+Da half ihm gar mächtig die Erinnerung an Tage seiner
+Kindheit, die sich ihm plötzlich als die festeste Ankerkette
+seines Lebens erwies.
+</p>
+
+<p>
+Dort gab es Berge und Märsche durch Gebirgstäler,
+Wiesenflächen, flaumig und flockig; Wälder am Horizont,
+wie zu fleischigem Oelgrün geronnene Wellen; enzianübersäte,
+mit Zwergholz bewachsene Alpwiesen; Wildbäche,
+die so munter die Schluchten herabstolperten; auch ein uralter
+Bergführer, ein origineller Kauz, war da, ein ganzes
+Bündel von Hirschzähnen und Silbertalern an seiner
+Riesenuhrkette; Sonnenaufgang war: Gletscherebenen und
+Gipfelzacken: flüssig feueriges Eis; dann unten wieder im
+Tal die Volkstänze und derben Volksbelustigungen, ja das
+war noch von einem gesunden Menschenschlag, die sträubten
+sich mit Händen und Füßen gegen die monokel-, lorgnettglotzenden
+Fremden ... Und Gewitter zogen auf und
+platzten mitten am Himmel auseinander über dem Bergdorf:
+alle Kapellen des Tals wimmerten Wetterläuten und die
+<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
+Flammenwolke trieb den Berghang entlang, Blitz auf
+Blitz, Donnerschlag auf Donnerschlag: jeden Augenblick
+flammte vom Blitz entzündet eine andere Tanne auf, und
+das vielfache Echo der Donnerschläge prallte und knallte
+von den Felswänden. Nun knatterte der Regen, der Sturm
+surrte: da reckte sich der Mensch auf, die Muskeln strafften
+sich: ja das Ereignis solch eines elementaren Gewittersturzes
+hatte noch etwas von der Sprache des Welten-Anfangs,
+der Vorzeit ... Auch im Vorfrühling war Peter
+einmal im Gebirg: da aber donnerten die Lawinen, überall
+lag noch Schnee und der Schnee begann zu fließen ...
+Da stellte sich Peter breitbeinig gegen den Wind, wie ein
+Torwächter gegen den Ball beim Fußballspiel: und der
+Sturm drückte ihn mit einem heftigen Faustschlag von der
+Stelle, so gewaltig, herrlich, übermenschlich war der
+Sturm ...
+</p>
+
+<p>
+An die Erinnerung an diese Landschaft klammerte sich
+Peter in seiner tiefsten Not in Gedanken an, eine kristallharte
+eisklare Kraft sog er aus ihr und er lachte eines
+Tages überlegen:
+</p>
+
+<p>
+„Was, ich soll mit diesem Dreck da nicht fertig werden ...“
+</p>
+
+<p>
+Und er wurde eines Tages fertig damit, ein marternder
+Heißhunger überfiel ihn, er stahl den Sterbenden das Essen,
+trotzdem es schon mit Speichel versabbert war, aus den
+Näpfen weg, es war zwar ein entsetzlicher Fraß, aber er
+wurde gerade doch noch kräftig und gesund damit. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Operationswagen rollten in den Gängen, eine Rippenresektion
+folgte wieder auf die andere, draußen stand
+Sanitätsautomobil an Sanitätsautomobil: die ersten Blutzeugen
+der soeben begonnenen Riesenmassenschlacht.
+</p>
+
+<p>
+„Meine Kindheit hat mich diesmal gerettet, ein Erbgut,
+an dem die Kinder gut gestellter Leute unendlich lang zu
+zehren haben ... Und die anderen?! ... Was der Mensch
+in solchen vier Jahren durchmachen muß, das geht schon auf
+keine Kuhhaut ... Und was der Mensch aushalten
+kann ... Und wofür und warum dies alles?!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
+Peters Antwort war:
+</p>
+
+<p>
+„Deutschland.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Bereits drei Tage nach seiner Entlassung wurde Peter
+mit seiner Kompagnie zu einem Sturmangriff eingesetzt. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-2-7">
+<span class="firstline">VII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Peter hielt es zu Hause nicht mehr länger aus.
+</p>
+
+<p>
+Das Gehalt seines Vaters reichte gerade, ihn auswärts
+studieren zu lassen. Er suchte sich Berlin aus. Auch einige
+Kameraden waren dort, für die erste Zeit war es gut, nicht
+ganz allein zu sein. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Einige Tage vor seiner Abreise besuchte er den Abiturientenstammtisch.
+Alle Monate einmal fanden sich immer noch
+einige frühere Schulkameraden in einer Bräustube zusammen.
+Diesmal waren fünf da. Dreiviertel der Klasse
+war gefallen.
+</p>
+
+<p>
+Rainer Feck, ein dummdreister und oberflächlicher Bursche,
+der prinzipiell nur die modernsten Schlipse trug, erzählte
+Kriegserlebnisse, schnitt ungeheuer dabei auf und schwelgte
+voll Entzücken, daß ihm der Mund troff, in der Schilderung,
+wie er eines Nachts ganz allein von der Flanke aus einen
+feindlichen Graben aufgerollt habe.
+</p>
+
+<p>
+„Stücker fünfzig haben daran glauben müssen.“
+</p>
+
+<p>
+Aber auch Fritz Kunz, der frühere Primus, ein schmächtiges
+Kerlchen mit einem großen Kneifer auf der kleinen
+käsig glänzenden Stupsnase, riß Witze und Zoten, mitten
+daraus hervor wurde angestoßen, ein vaterländisches Lied
+gesummt und mit betrunkenen heiseren Stimmen gegröhlt:
+</p>
+
+<p>
+„Deutschland über alles!“
+</p>
+
+<p>
+„Peter! Los! Gib Dein deutsches Ehrenwort, verpfände
+uns deine Männerehre, daß Du, wenn Du nach Berlin
+kommst es den Sausozialisten ordentlich einbrocken wirst ...
+<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
+Hast Du gehört von der widerlichen Hure, der Rosa Luxemburg
+... Feste druff, allemal, sage ich ... Hoch! Laßt
+uns gleich im Voraus die kommenden Heldentaten des
+großen Sozialistentöters Peter Friedjung begießen! Heil!
+Prost!“
+</p>
+
+<p>
+„Bravo, Peter!“ so ist’s recht, schnarrte Kunz, als Feck
+die Hand Peters packte und sie kräftig schüttelte.
+</p>
+
+<p>
+„Noch können wir uns nicht rühren! Aber der Tag
+kommt! Blutige Rache! ... Der scheißige Volksstaat
+Bayern! Na wartet nur ... Ruhe im Puff, wenn
+Ebert ...“
+</p>
+
+<p>
+„Bravo! Dufte Nummer! Viechs-Kerl!“ applaudierte
+Kunz wieder ...
+</p>
+
+<p>
+Augenblicklich war Stille, als eine Patrouille dreier roter
+Matrosen ins Lokal trat.
+</p>
+
+<p>
+Alle hatten angstgeschwollene Köpfe.
+</p>
+
+<p>
+Auch Peter, der sich von ganzem Herzen seiner Kumpane
+schämte.
+</p>
+
+<p>
+Haßerfüllte Blicke von allen Tischen geisterten an den
+drei Matrosen empor, die ruhig und sachlich die Ausweise
+der Anwesenden kontrollierten, ironisch lächelten, als ein
+dicker Spießer vor Angst zusammenzuckte.
+</p>
+
+<p>
+Zwei waren schon hinausgegangen, der dritte stopfte sich
+noch eine Pfeife, dann ging auch er, höflich und gemütlich
+„Guten Abend“ wünschend.
+</p>
+
+<p>
+Das ganze Lokal brodelte auf.
+</p>
+
+<p>
+„So ein Saupack! So eine Gemeinheit! Was nicht die
+sich alles herausnehmen. Polizeibefugnisse, Strafvollzug.
+Die ganze Welt ist ja auf den Kopf gestellt! Bevor die
+nicht an der Laterne ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, wißt ihr was,“ kreischte Feck, „Agenten müßte man
+denen auf den Hals schicken, Aufstände inszenieren lassen,
+die Massen, wenn sie hungern, zu Plünderungen provozieren,
+Bomben und Waffen in Versammlungslokale einschmuggeln,
+einen Führer, wenn er sich allzu aufsässig erweist, unauffällig
+um die Ecke bringen ... kurzum die Leute aus ihrer
+Passivität heraus vor die Gewehre locken ... Viele von
+<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
+uns haben jetzt solche Stellungen. Das ist auch eine Wissenschaft,
+eine Kunst, das will gelernt sein. Das erfordert
+täglich Uebung, Geistesgegenwart, einen ganzen Mann, so
+jemand darf keine Gefahr kennen. So einer bekommt bestimmte
+Aufträge. Führt sie aus. Steht selbst unter Kontrolle
+... Spitzel, auf Horchposten Tag und Nacht, Gift
+einspritzen und immer wieder Gift einspritzen, das macht sich
+bezahlt. Seine Wohnung hat man, sein Essen hat man, auch
+Weiber in Hülle und Fülle: und da fällt auch hie und da
+so was wie ein Anzug ab, Kopfprämien, Extraprovisionen
+in erregteren Zeiten, und daß die nie ausgehen, dafür sorgt
+man schon: damit läßt sich also schon trefflich auskommen ...
+Was meint ihr zu meinem Vorschlag! Wollen wir nicht
+gescheiter statt irgendein windiges Kolleg dieses Fach
+belegen!?“
+</p>
+
+<p>
+„Selbstverständlich“, meinte Kunz, „eine ehrliche Kugel
+ist für dieses Gesindel zu gut ... Ja, einem solchen
+Kanaillenpack gegenüber kann man schon frei seine bestialischen
+Instinkte schießen lassen. Der Zweck heiligt die
+Mittel.“
+</p>
+
+<p>
+„Na, Peter!?“
+</p>
+
+<p>
+„Ihr entschuldigt schon, aber ich versteh’ Euch einfach nicht
+mehr. Ich kenn diese Sprache nicht ...“
+</p>
+
+<p>
+Alle lachten.
+</p>
+
+<p>
+„Lange Leitung ... oder ein wenig plemplem im Felde
+geworden, nanu, Du Affenschwanz! Hämorrhoiden im
+Hirn?! ...“
+</p>
+
+<p>
+Man brach auf.
+</p>
+
+<p>
+„Und jetzt feste druff! Jetzt gehen wir noch ins Puff ...
+Müssen doch Peters Wiederkehr feiern ...!?“
+</p>
+
+<p>
+An einer Straßenecke drückte sich Peter wortlos davon ...
+</p>
+
+<p>
+„Fotzendreck und Hurenschleim!“ johlte ihm Feck nach. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und Peters Gott zertrümmerte.
+</p>
+
+<p>
+Wie ein tausendjähriger Eichstamm, von der Axt der
+Holzknechte gefällt, im Waldgrund niederrauscht, so lag,
+durch Ereignisse und Erlebnisse zerspalten, eines Tages im
+<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
+Zeitabgrund „Stamm“ und „Wipfel“ Gott da, der Wipfel,
+der hoch im Aether wie ein Baldachin die Erde überschattete,
+der Stamm, der in der Sehnsucht des Menschenherzens
+Wurzel schlug und erschütternd inbrünstige Gebete wie
+Säfte aufwärtsleitete ... Welk waren die goldenen
+Blätter geworden, ein Geruch von Morast und Fäulnis
+schlug Peter aus dem gefallenen Wipfelwerk entgegen, er
+staunte noch und wunderte sich: „das war doch Gott ...“
+Und zu gleicher Zeit drang, von einem Haufen wesenloser
+Schemen gesungen, das Lied „Deutschland über alles“ zu
+ihm, die Gesichter der Singenden verzerrten sich zu blutrünstigen
+Grimassen, es war wie ein feister laut gröhlender
+Grabgesang, vollkommen gedankenlos von denen, die ihn
+sangen, hergeleiert, und immer kräftiger dagegen tönte aus
+den Schluchten und Dickicht-Labyrinthen einer kommenden
+Zeit herauf, begleitet von dem sausenden Takt der
+Maschinenhämmer und der mit elektrischen Motoren und
+Turbinen betriebenen flitzenden Treibriemen:
+</p>
+
+<p>
+„Wacht auf ...“
+</p>
+
+<p>
+Peter erinnerte sich des Rückmarsches, des Rheinübergangs,
+des „Deutschlandliedes“, als die Sonne voll durch
+die Nebelpest durchbrach ...
+</p>
+
+<p>
+„Deutschland über alles ...“
+</p>
+
+<p>
+„Das Deutschland, das Ihr meint, das ist das meine
+nicht ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Zwei Männer in Arbeiterkleidung standen da unter einer
+Toreinfahrt und Peter hörte gerade noch:
+</p>
+
+<p>
+„Jedes deutsche Arbeiterherz wird unter der Wucht solcher
+Ereignisse zur Zündmasse ... Großes geht in der Welt
+vor ... Blick nur nach dem Osten ... Revolutionsjahrzehnte
+... Bis alles Alte und Faule und Morsche gestürzt
+ist ...!“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Als Peter am andern Morgen in die weite Welt fuhr,
+sagte ihm der Vater zum Abschied:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
+„Und nun, Peter, werde der, der du bist! Halte dich weiter
+rein! Nichts ist von Blutschande oder Rassenunreinheit an
+dir. Werde ein kerndeutscher Männercharakter! Gedenke,
+daß du ein Deutscher bist ...“
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Nachhauseweg herrschte der Vater die Mutter
+an:
+</p>
+
+<p>
+„Aber das eine bitte ich mir aus, wenn du ihm schreibst:
+ich wünsche mir keinen zweiten Fall Reuchlin junior.“
+</p>
+
+<p>
+„Sei ohne Sorge“, erwiderte ihm die Mutter sanft und
+siegesgewiss, „Peter wird schon ganz allein den rechten
+Weg machen!“ –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-3">
+<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
+<span class="firstline">2. Kapitel.</span><br>
+Die Erde platzt!
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="ctoc">
+Schlagwetterkatastrophe auf der
+Zeche „Königin Luise“. – Die „Majestät
+des Todes“. – Was tut not!? –
+„Lieber im Feuer der Revolution
+verbrennen, als ...“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-3-1">
+<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
+<span class="firstline">I</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Die Menschen waren nicht mehr in den Häusern zu halten.
+</p>
+
+<p>
+Es trieb sie heraus auf die Straße. Sie hetzten zunächst
+einzeln, ein jeder für sich, dann in Gruppen dahin, hunderte
+ballten sich an: in einer Masse von Tausenden schon
+schwemmte es die Straße hinunter.
+</p>
+
+<p>
+Mit eckig aus den Schultern geschleuderten Armen.
+Manche halbnackt, nur mit einem Lumpen um.
+</p>
+
+<p>
+Sie kletterten über Zäune. Gitter und Schranken wurden
+niedergetreten. Dazu läuteten die Glocken auf allen Türmen
+der Stadt.
+</p>
+
+<p>
+Keinen Betrunkenen sah man mehr. Keine Kneipe lärmte
+mehr.
+</p>
+
+<p>
+Maschinen stampften in den Kesselhäusern, von keiner
+Menschenhand mehr bedient, in einem unregelmäßigen
+Rhythmus weiter.
+</p>
+
+<p>
+Die Straßenbahnen hatten ihren Betrieb eingestellt.
+</p>
+
+<p>
+Ueberall standen auf den Gleisen wie leblose Klötze die
+verlassenen Wagen. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war gegen 5 Uhr nachmittags, als ein langgezogener
+Donner unter der Erde hinrollte. Ueber der Erde war es
+wie ein elektrischer Stoß, der in alle Winkel, auch in die
+kleinsten Häuserwinkel der Stadt hineinzuckte. Die Telephone
+schrillten noch einmal auf. Die Telegraphenapparate
+knatterten drauf los ... Und es warf sich von Mund zu
+Mund: eine unheimliche Erschütterung: sie sprang von Nerv
+zu Nerv über, jedes Menschenherz krampfte sich zusammen,
+dann stieß es wieder um so gewaltiger einen Strom von
+Blut aus. Abwechselnd färbten sich die Wangen der Menschen
+kreideweiß, schwarzrot ... Automatisch schnappten
+Münder auf und zu. Wie im Starrkrampf blieben sie weit
+offen ... Der Boden schien plötzlich unter den Füßen weggezogen.
+Man tappte wie im Finstern, trotzdem es noch
+<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
+hellichter Tag war. Wie in einem Hohlraum. Man tastete
+sich wie im Leeren ... Ja, wie ein riesiges unsichtbares
+Fragezeichen stand es plötzlich mitten im Raum. Das ganze
+Leben, das Menschendasein selbst war in einem Sekundenaugenblick,
+mit einem jähen Ruck zu einer Frage geworden.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Läden waren im Nu geschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Niemand zeigte sich an den Fenstern.
+</p>
+
+<p>
+In den Stadtteilen der Reichen kehrten die Autos
+schleunigst in die Garagen zurück. Auch dort, in den vornehmen
+Villenvierteln, war der Druck spürbar. Man sprach
+halblaut: „Was wird wohl daraus wieder werden?!“
+</p>
+
+<p>
+Die Fabriksirenen heulten.
+</p>
+
+<p>
+Rudel von Kindern krallten sich kreischend in die Röcke
+der Mütter fest, die, wie vom Irrsinn gehetzt, dahinfegten.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Polizeimannschaften, auf Lastkraftwagen heraneilend,
+vermochten diesem Menschensturm keinen Einhalt
+zu tun. Dazwischen klingelten die Löschfahrzeuge der
+städtischen Feuerwehr. Sanitätskolonnen sputeten vorüber.
+</p>
+
+<p>
+Wahnwitzige schrille Schreie gellten jetzt über diese Flut
+fliegender Menschenhäupter hinweg.
+</p>
+
+<p>
+Da rannten auch welche querfeldein. Einige stürzten.
+Andere packten sie wieder hoch. Ohne daß sie ihre zerschlagenen
+Beine bewegen mußten, trug der über die holperigen
+Trottoire sich dumpf dahinwälzende Menschenstrom unwiderstehlich
+sie mit vorwärts. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war im Februar. Aber es war wie ein Frühlingstag.
+</p>
+
+<p>
+Durch die Rauchschicht, die in dieser Gegend ewig in der
+Luft lagerte, waren Fetzen blauen Himmels sichtbar. Die
+Sonne dampfte, und spärliche Reste schmutzigen Grases
+fingen an den Böschungen, die die Schlackenhalden dort von
+der Straße abgrenzten, bereits dürftig zu grünen an.
+</p>
+
+<p>
+Es roch nach Blut, Schweiß, Pulver.
+</p>
+
+<p>
+Es roch nach verbranntem Fleisch. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-3-2">
+<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
+<span class="firstline">II</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Von einem großen freien Platz aus, der mit rußerstickten
+verkrüppelten Bäumchen umpflanzt war, tönt jetzt eine
+gewaltige Stimme herüber:
+</p>
+
+<p>
+„So ist bereits festgestellt, daß riesige Kohlenstaubmengen
+vorhanden waren, die weder berieselt noch mit Gesteinsstaub
+unschädlich gemacht wurden ... Die Koksablagerung
+nach der Explosion ist der sicherste Beweis ... Auch die
+Ansammlung von Schlagwettern ist auf der „Königin
+Luise“ keine Seltenheit gewesen. Sehr oft haben wir vom
+Betriebsausschuß bei unseren Befahrungen Wetter festgestellt.
+Aber gerade darum, weil wir sehr oft die Verwaltung
+belästigten und dem Betriebsführer und Steiger
+meldeten, daß dort und dort Wetter stehn, sind wir an der
+Befahrung gehindert worden ... Ja, seit Oktober vorigen
+Jahres hat man uns vom Betriebsausschuß am ordentlichen
+Befahren gehindert ... Ihr alle spürt es ja am eigenen
+Leib – und an der Hand der Förderzahlen können wir
+es auch leicht nachweisen – bei uns hier herrscht das
+schlimmste Antreibersystem ... Ja so sieht in Wahrheit
+der Geist des Unternehmertums aus ... Was dem
+Bergmann nottut, daß der Bergarbeiter schließlich auch ein
+Mensch ist, seine Bedürfnisse, seine Sorgen, seine Nöte hat:
+das, das alles scheint man im Laufe der Zeit wieder ganz
+und gar vergessen zu haben. Wir, wir hausen hier unten in
+unseren Gruben wie in einer unterirdischen Leichenfabrik ...“
+</p>
+
+<p>
+Tausende von Kumpels standen dort, eng um den Redner
+gedrückt. Mit stieren Augen sogen sie sich fest im Boden ein.
+Tausende Fäuste waren wie zu einem Klumpen aus Stein
+geballt.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein großes Schluchzen. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Von der Zechenverwaltung war strenge Anweisung
+gegeben worden, keinerlei Nachrichten über den Umfang des
+Unglücks sowie auch über die Zahl und die Namen der Toten
+den Draußenstehenden bekanntzugeben.
+</p>
+
+<p>
+Die Menschenmassen stauten sich vor den Zechentoren zu
+einer Mauer.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
+Fest stand diese Menschenmauer. Schwankte vor. Neigte
+sich wieder elastisch vor der Polizeikette zurück.
+</p>
+
+<p>
+Wie Brandung und Ebbe war das.
+</p>
+
+<p>
+Wie Atemzüge. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-3-3">
+<span class="firstline">III</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Vor einer halben Stunde war im Nordostfeld der Zeche
+„Königin Luise“, Fach 7, die Schlagwetterexplosion erfolgt.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst: ein Riß. Ein gewaltiger Schnitt mitten durch
+die Luft ... Das Trommelfell platzt, den Brustkasten
+quetscht es wie einen Schwamm aus ... als zöge es einem
+die Lunge wie einen Schlauch durch den Hals herauf ...
+Der Explosionsstoß: und die Bergarbeiter klatschten an die
+Wände. Mit zerbrochenen Gliedern, mit Gehirnerschütterungen,
+mit Schädelbrüchen kleben sie da, bereits unkenntlich
+entstellt ... Zwanzig, oft dreißig Meter weit fliegen
+sie, manche nach oben, zappelnd: schwer wie ein Sack fallen
+sie wieder nieder ... Und da rast auch schon die Explosionsflamme
+daher: verbrennt, verkohlt, stürzt sich von allen
+Seiten zugleich auf dich, reißt mit ihrem stechenden Feuer
+dir die Augen aus ... Die wenigen noch Ueberlebenden
+fliehen, flüchten durch brennende Gänge; wie Feuerschlangen
+winden die sich; die Angst peitscht sie, die Todesangst sitzt
+wie ein Stachelhalsband fest an der Gurgel. Auf allen
+Vieren flieht man, krabbelt, macht Schwimmbewegungen.
+Stürzt über sich selbst im Dunkeln, das ununterbrochen
+giftigen Kohlenstaub regnet.
+</p>
+
+<p>
+Gesteinhagel prasseln.
+</p>
+
+<p>
+Ein schlagartiger Wind schlägt.
+</p>
+
+<p>
+Ein eiserner Luftdruck. Ein unsichtbarer atomhafter
+Riesenknebel ...
+</p>
+
+<p>
+Wirbel. Strudel. Böen. Flammenschüsse kreuzweis. –
+</p>
+
+<p>
+Und in diesen Felsenkellern wirkten zudem noch die
+fliegenden Steinmassen wie Geschosse von höchster Splitterwirkung.
+</p>
+
+<p>
+Die Kolbengestänge der Lokomotiven und Wasserpumpen,
+Stahlhäute zerknüllte es leicht, als wären sie aus Konservenblech.
+<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
+Ganze Förderzüge schleudert es spielend vor sich
+hin und her. Hier wird ein frisch gebohrter Tunnel durch
+ein Bündel dort aufgestapelter Reserveschienen verstopft.
+Gebogen, geknickt; in allen Formen. Drahtgewirre hingen
+herum wie Spinnenweben ... Und einem passiert vielleicht
+mitten im Todeskampf noch der Witz: „Das ist ja
+beinahe akkurat so, als hätte hier der Riese, Herr Breitbart,
+gehaust ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Hier war ein Ausweg ... Aber da ist der Stollen schon
+längst wieder zugemauert. Hier stehen metertiefe Tümpel.
+Dort prallt man mit anderen zusammen. Aus allen vier
+Richtungen nun toben sie kaminähnliche Steingänge hinauf,
+schluchtenartige Durchbrüche kollern sie sich wieder hinab ...
+Auch hier, auch hier, auch hier kein Ausweg ...
+</p>
+
+<p>
+Und schon zieht das Gas heran, ganz sanft, ganz unmerklich,
+wie der heilige Geist, wie auf Taubenfüßen. Schwebt
+heran. Schmilzt heran ... Ein Schluck: und alle Glieder
+sind behängt wie mit Blei. Ein inneres, unheimliches
+Gewicht. Sinken nach unten ...
+</p>
+
+<p>
+Es war ein Geräusch wie xs ... xs ... xsss ...
+</p>
+
+<p>
+Xs ... xss ... und immer xs ... xsss ...
+</p>
+
+<p>
+Hinter den Schläfenwänden trillerte es, tickte es ...
+</p>
+
+<p>
+Es zirpte, wisperte ...
+</p>
+
+<p>
+Und immer wieder das: xs ... xsss ...
+</p>
+
+<p>
+Gäule: ein Beinpaar gespreizt, das andere steif angezogen:
+unwirklich, wie zerschlagenes hölzernes Spielzeug.
+Der Bauch wie ein Ballon aufgetrieben ...
+</p>
+
+<p>
+Förderwagen, mit Kohlenschutt beladen, schieben sich
+polternd noch abschüssige Strecken hinunter, irgendwo im
+Dunkeln. Ein dumpfer Knall in der Ferne. Irgendwo
+stoßen sie jetzt auf.
+</p>
+
+<p>
+Und nichts mehr. Kein Laut.
+</p>
+
+<p>
+Nur immer wieder das xs ... xsss ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Da findet das Aufräumungskommando nach Tagen, wenn
+auch die letzten Nachschwaden verzogen sind, noch gefüllte
+<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
+Kaffeeflaschen, Kreidezeichen an den Wänden: „Um 11 Uhr
+nachts habe ich noch gelebt.“ „Grüßt mir schön die Jule.“
+</p>
+
+<p>
+Der Riesenventilator surrt. Das Massengrab wird
+ordentlich durchgelüftet, und nach einer Woche vielleicht tut
+der gespenstische Erdrachen sich wieder auf, bereit zu neuen
+Opfern. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-3-4">
+<span class="firstline">IV</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Dick aber kleben jetzt die Gasschwaden noch unten.
+</p>
+
+<p>
+Die Rettungsmannschaften kommen in den Förderkörben
+immer wieder betäubt nach oben. Eingekleidet wie Taucher.
+Die Gaskonzentration ist zu stark. Immer wieder versagen
+die Sauerstoffapparate.
+</p>
+
+<p>
+Da erspäht die vieltausendäugige lebendige Menschenmauer
+durch die Gitter des Zechentores hindurch, wie einer
+auf der Treppe zum Verwaltungsgebäude mit der Schulter
+zuckt, den Kopf schüttelt ...
+</p>
+
+<p>
+Und die lebendige Menschenmauer schreit aus vielen
+tausend Mündern einen einzigen Schrei, Namen, hunderte
+von Namen schreit sie, jede Frau schreit den Namen ihres
+Mannes, jeder Kumpel den Namen irgend eines Kameraden:
+</p>
+
+<p>
+„Lutz, Fritz, Adolf ... wo bist du ... habt ihr den
+Anton, den Karl gesehen ... ist der Stiebert noch unten ...
+August, Josef, Zarewski ...“
+</p>
+
+<p>
+Und die Frauen machen Bewegungen mit den Händen,
+als schaufelten sie; krümmen die Finger, als ob sie ihre
+Männer gewaltsam aus der Grube herauskratzen wollten.
+</p>
+
+<p>
+Die Polizeikette schwankt. Reißt mitten durch –
+</p>
+
+<p>
+Und die lebendige Menschenmauer stößt sich in die Gitter
+des Zechentores hinein. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Bälge.
+</p>
+
+<p>
+Hautfetzen.
+</p>
+
+<p>
+Von Armen und Beinen abgequetschte Rümpfe.
+</p>
+
+<p>
+Verkohlte Menschenköpfe, wie kugelähnliche Versteinerungen:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
+So lag es schon, ein wirres Durcheinander, auf den Höfen
+herum.
+</p>
+
+<p>
+Die Lebenden stürzten sich mit einem schrillen Aufschrei
+auf diese Toten. Rissen, zerrten an ihnen herum. Wem
+gehörte dieses Haarbüschel?! Dieser Arm mit den Tätowierungen!?
+Dieser Ring mit dem Finger da!? Wer ist das
+mit dieser Narbe am Hals da?! ...
+</p>
+
+<p>
+Fackeln waren jetzt angebrannt.
+</p>
+
+<p>
+Ein Haufen von Menschen: nach allen Seiten hin wendete
+man der Reihe nach so einen Menschenbrocken.
+</p>
+
+<p>
+Und wie Baggermaschinen arbeiteten die Förderkörbe:
+neue Weinkrämpfe, neue Herzschmerzen, neue unermeßliche
+Leiden, neue unselige Gewißheiten, immer neue Tote,
+Leichenfetzen und Leichenbrocken schöpften sie aus der Tiefe
+herauf. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Eine Stunde später: und die Nachricht von der Grubenkatastrophe
+verbreitet sich, dreihundert Kilometer von der
+Unglücksstätte entfernt, in der Hauptstadt.
+</p>
+
+<p>
+„Wie kam es zur Entzündung!?“
+</p>
+
+<p>
+„Durch eine Lampe!? Durch einen Schuß!?“
+</p>
+
+<p>
+„Ist der Sicherheitssprengstoff, der verwendet wird, auch
+wirklich ganz sicher!?“
+</p>
+
+<p>
+„Hat der Schießmeister nicht einen Fehler begangen!?
+Und wie steht es mit der Ausbildung der Bergleute überhaupt!?“
+</p>
+
+<p>
+„Funktionierten die Kohlensperren?! Und wenn nicht,
+was ist die tiefere Ursache?!“
+</p>
+
+<p>
+„Ueber zwei bis drei Tote im Ruhrbergbau täglich, oft
+über 700 Verletzte monatlich ... Muß das so sein!?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nein, nein ... Das verstehen Sie so nicht recht,
+Herr, um was es sich bei solchen Unglücksfällen eigentlich
+handelt ... Das ist Schicksal. Alles ist bestimmt in Gottes
+unerforschlichem Rat ... Wie der Weltkrieg ein Gericht
+Gottes ist, um die Uebervölkerung zu beseitigen, so ist ein
+Grubenunglück eine Vorsehung Gottes, um den Kapitalismus
+zu vernichten. Gott nimmt den Proletarierfamilien
+<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
+den Ernährer, damit der Kapitalist Frauen und Kinder
+unterstützen muß. Dadurch zeigt Gott den Kapitalisten,
+daß er ihnen nicht gut gesinnt ist ...“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-3-5">
+<span class="firstline">V</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Es war gegen zwölf Uhr nachts.
+</p>
+
+<p>
+Die Arbeiterviertel horchten auf.
+</p>
+
+<p>
+Ein kurzer Ruck auch dort. Eine Sekunde lang zögerte
+auch dort in jeder Brust der Herzschlag. Bis in die Fingerspitzen
+hinein floß die Nachricht als eiskalte Blutwelle.
+Lähmend.
+</p>
+
+<p>
+Auch Max Herse sprang noch einmal aus dem Bett hoch
+und zog sich an, als der Kollege von nebenan, ein Straßenbahner,
+der eben vom Dienst heimkam, bei ihm anklopfte.
+</p>
+
+<p>
+„Du, Max, hast schon gehört!?“
+</p>
+
+<p>
+„?“
+</p>
+
+<p>
+„Bis jetzt über einhundertundzwanzig Tote ...“
+</p>
+
+<p>
+„?“
+</p>
+
+<p>
+„Schlagwetterexplosion. Grubenkatastrophe ... Natürlich,
+sicher genau wie bei uns bei der Straßenbahn. Ueberall
+fehlt’s, zu nichts ist Geld da, die Schachtanlagen waren
+sicherlich mangelhaft ... Ist doch heutzutag die Arbeitskraft
+eines Proleten billiger, als neue technische Anlagen
+kosten. Das rentiert sich ja heutzutag nicht ... Und
+das, das muß man sich merken, das sind doch noch obendrein
+die Herrschaften, die höchst ehrenwerten Herrschaften,
+sage ich, die Millionen, viele Millionen Ruhrkredite verschlungen
+haben. Unersättlich sind die. Der Krieg, die
+Revolution: nichts kann sie genug satt kriegen ... Wenn
+wir Proleten ihnen nicht endlich das Maul stopfen ...“
+</p>
+
+<p>
+Und der Straßenbahnerkollege schlug auch schon mit der
+Faust auf den Tisch.
+</p>
+
+<p>
+„Wann, frage ich mich, Herrgottsdonnerwetter, werden
+wir endlich soweit sein, einig, einig, einig ... Darauf, nur
+darauf kommt’s noch an ... Wir, wir, wir Proleten, verfluchte
+Proleten, die wir sind ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
+Max Herse mußte dem zustimmen.
+</p>
+
+<p>
+Dann sprachen die Beiden noch lange.
+</p>
+
+<p>
+Woher und warum dieser Zwist in der Arbeiterschaft!?
+Daß die einzelnen Berufsverbände zu wenig, viel zu wenig
+zusammenarbeiten, ja oft sogar gegeneinander arbeiten.
+Daß z. B. Arbeitslose und Arbeitende schon recht oft hart
+aneinander geraten sind. Daß der eine im Produktionsapparat
+eben den, der andere den Platz einnimmt. Daher
+auch die verschiedenen Interessen, die unterschiedliche Denkart
+... die Konflikte. Daß die meisten unter ihnen eben
+leider immer noch nicht weiter zu sehen vermögen als bis
+zu ihrer eigenen Nasenspitze ... Ganz dumm, ganz eng
+gedacht ist das ... Wie das ganze System rücksichtslos
+korrumpiert ... Daß sie neidisch sind, Lohndrückereien
+usw. ... Wegen der kleinsten Differenzen oft gleich übereinander
+herfallen, wie Kampfhähne, zum Gaudium der
+„Dritten“ ... daß sie allesamt viel zu wenig die Gesamtinteressen
+der Arbeiterschaft im Auge behalten. Daß sie
+endlich auch kampfmüde geworden sind und immer noch
+natürlich viel, viel zu wenig opferbereit ... Wie der
+Beruf sich auswirkt: daß einer, der acht Stunden und mehr
+noch hinter sich hat, halt eben einfach nicht mehr die Kraft
+hat, die Konzentrationsfähigkeit, nicht mehr genügend aufnahmefähig
+ist, halt ein ausgepumpter und beinahe zu
+nichts mehr brauchbarer Mensch ist ... Da, da bleibt aber
+auch schon gar kein Ueberschuß an Menschenkraft mehr, im
+Gegenteil, jeder Tag bringt an Menschenkraft ein Defizit.
+Man muß sich schon verteufelt ernst ranhalten, um sich auch
+nur einigermaßen wieder herzustellen ... Und daß das
+alles eben daran liegt, daß –
+</p>
+
+<p>
+Na, daß die Arbeiterschaft eben heute beinahe schon nichts
+mehr zu sagen hat –
+</p>
+
+<p>
+Daß sie alle Machtpositionen, die sie einstmals innegehabt
+hat, sich hat entwinden lassen –
+</p>
+
+<p>
+Daß sie wehrlos, entwaffnet, vergewaltigt ist –
+</p>
+
+<p>
+Führern anvertraut ist, die –
+</p>
+
+<p>
+Und daß man sich unbedingt wieder aufraffen muß,
+zusammenschließen muß, wieder kämpfen muß –
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
+Kämpfen um das, was nur recht und billig ist –
+</p>
+
+<p>
+Kämpfen um das, was jedem Menschen auf Grund der
+Tatsache seines Menschendaseins allein, auch schon von
+Natur wegen, zusteht –
+</p>
+
+<p>
+Was die „Anderen“ aber freiwillig nie und nimmer gewähren
+werden –
+</p>
+
+<p>
+Daß man also kämpfen muß – um die Macht! ...
+</p>
+
+<p>
+Nicht mehr so gutgläubig, vertrauensselig, verzeihend sein
+wie vordem. Sondern: unerbittlich, nüchtern, das Ziel fest
+im Aug. Und alle <em>die</em> rücksichtslos aus den Reihen des
+kämpfenden Proletariats stoßend, die durch ihre stete Geneigtheit
+zu Verhandlungen und Konzessionen die Kampfkraft,
+die revolutionären Energien schwächen. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+So drückte die Katastrophe den Proleten nieder.
+</p>
+
+<p>
+So richtete sie ihn aber auch wieder auf.
+</p>
+
+<p>
+Mit furchtbaren Schlägen hämmerte sie ihm wieder
+Klassenbewußtsein ein, das Zusammengehörigkeitsgefühl,
+die Solidarität, die Kampfverbundenheit.
+</p>
+
+<p>
+Die Klassenehre, die Klassenpflicht.
+</p>
+
+<p>
+„Daß wir Arbeiter endlich allesamt werden: <em>ein</em> Wille,
+<em>ein</em> Herzschlag, <em>ein</em> Blut, <em>ein</em> Leib, <em>ein</em> Geist ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Mit einem festen Händedruck schieden die beiden Proleten
+voneinander.
+</p>
+
+<p>
+„Diese Welt muß unser sein!“ sagte der eine.
+</p>
+
+<p>
+Der andere:
+</p>
+
+<p>
+„Dann werden wir die Rächer sein ... Der endliche
+Sieg ist unser!“ –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-3-6">
+<span class="firstline">VI</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Noch in derselben Nacht wurde in den Bureaus der
+Korrespondenzen und der Zeitungen die Katastrophe
+gründlichst bearbeitet.
+</p>
+
+<p>
+Und schon früh am Morgen stürzte sich die große Welt
+wie eine gierige Meute, die Blut zu schmecken bekommen
+wird, auf dieses neueste Ereignis.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
+Die letzten Wochen war es schon so: abwechslungsreich
+in jeder Beziehung kann man sagen: zugleich mit dem
+Frühstück wurde einem im Morgenblatt jeden Tag ein
+anderer Skandal serviert.
+</p>
+
+<p>
+Nun, eine Grubenexplosion: das war eine delikate Abwechslung
+in dem öden Grau und allmählich langweilig
+werdenden Einerlei ganzer Serien von Skandalaffären.
+</p>
+
+<p>
+Man selbst fern vom Schuß ... Nur hie und da ein
+Kolonialkriegchen, nicht sonderlich aufregend ... Bolschewistengreuel
+ziehen zwar immer noch ... Auch Waffenlager,
+Bombenfunde, geplante Dynamitattentate, Tscheka-Abenteuer
+... Cholerabazillen. Tagebücher berühmter
+Scharfrichter ... Doppelt so gut schmeckt einem dabei so
+ein Kännchen Mokka ...
+</p>
+
+<p>
+Aber auch eine Katastrophe, und ginge die Hälfte des
+Volkes dabei zugrunde, muß leicht verdaulich und schmackhaft
+zubereitet werden. Flink wirbelten herum in den
+Redaktionsküchen die Presseköche. Die an das Papiergift
+ziemlich gewöhnten Gehirne der Zeitungsleser vibrierten
+wieder mal heftig unter dem Nervengewitter dieser schaurigen
+Sensation. „Erinnert das nicht an Zolas „Germinal“?“
+„Gewiß, Schatz, auch in der Literatur ist solch ein Stoff schon
+des öfteren und man kann sagen ziemlich erfolgreich behandelt
+worden. Ein lohnender Vorwurf, in der Tat. Auch
+Sinclairs „König Kohle“, lies mal nach, auch nicht übel ...“
+Und die bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Spannung entlud
+sich. Die Journalisten schoben Artikel um Artikel.
+Sentimentale und schmalzige Nachrufe waren sofort lieferbar
+in Hülle und Fülle. Theoretische gelehrte Abhandlungen
+über das „Wesen von Grubenexplosionen“ standen in Menge
+zur Verfügung. „Grubenexplosionen in alter und neuer
+Zeit“ mit Bildermaterial reichlich versehen oder „Der
+Kampf des Menschen mit der Natur“ oder „Die Rache der
+Elemente“. „Katastrophe im unterirdischen Reich der aufgespeicherten
+Sonnenenergien.“ Der Apparat funktionierte
+wieder mal ausgezeichnet; alles lief wie am Schnürchen.
+So oder so: Professoren, Historiker, technische Sachverständige,
+Dichter: sie alle waren eifrig dabei, unermüdlich
+tätig waren sie, um das von den allein schuldigen Industriemagnaten
+<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
+groß angelegte Ablenkungsmanöver ideologisch
+zu stützen. Wobei es sich erübrigt zu bemerken, daß die
+professionellen Arbeiterverräter auch in diesem Fall getreulich
+ihre Pflicht taten. Und man blieb, was in einem
+gewissen Moment doch recht zweifelhaft schien, Herr der
+Situation. Auch dieser Situation.
+</p>
+
+<p>
+Eine Wohltätigkeitsaktion wurde eingeleitet.
+</p>
+
+<p>
+Berühmteste Namen, Größen der Nation, stellten sich
+uneigennützig an die Spitze. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Reichstag trat zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Die Abgeordneten erhoben sich zum Zeichen der Trauer
+von ihren Plätzen.
+</p>
+
+<p>
+Als die Kommunisten den Antrag stellten, aus den von
+diesem Unglücksfall betroffenen Betrieben heraus sofort
+eine Untersuchungskommission wählen zu lassen, um gründlich
+und wirklich wahrheitsgemäß die ganze Sachlage nachprüfen
+zu lassen, da erhob sich der Präsident.
+</p>
+
+<p>
+Die Regierungsvertreter tuschelten miteinander.
+</p>
+
+<p>
+Der Präsident rückte sich die Krawatte zurecht. Pathetisch
+schlüpften ihm die Hände bei seiner Rede aus den Rockärmeln.
+</p>
+
+<p>
+„Vor der Majestät des Todes mögen für heute alle
+Parteistreitigkeiten schweigen ... Burgfrieden ...!“
+</p>
+
+<p>
+Gegen die Stimmen der Kommunisten wurde der Antrag
+abgelehnt. Als agitatorische Nutznießer dieser Katastrophe
+wurden die Kommunisten außerdem noch gebührend gebrandmarkt.
+</p>
+
+<p>
+In einem schwarzen Gehrock wandelt die „Majestät des
+Todes“ geschäftig hin und her zwischen den Bankreihen der
+Herren Abgeordneten hindurch: man kondolierte, man
+beglückwünschte sich aber auch, bei dem gerüttelten Maß
+von Schuld, das ein jeder der hier Anwesenden für sich
+buchen konnte, so unerwarteterweise glimpflich dabei weggekommen
+zu sein.
+</p>
+
+<p>
+„Gerne geschehen ... Bitte sehr ... Meinen allerverbindlichsten
+Dank ... Und die allerbesten Empfehlungen,
+wenn ich bitten darf, an Ihre Frau Gemahlin ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
+„Nichts für ungut ... Sie wissen schon, wir nehmen
+nichts so leicht krumm ... Ganz gut so, ein bißchen hie
+und da Opposition mimen, Herr Levi ... Nur im entscheidenden
+Augenblick zur Stange halten ... Darauf
+kommt’s an ... Und darauf, na darauf können wir uns
+ja wohl verlassen ...“
+</p>
+
+<p>
+Und die „Majestät des Todes“ betonte nochmals nachdrücklich
+den Herren Abgeordneten gegenüber ihre stete
+Bereitwilligkeit zu jeder Art von Gegendienstleistung ...
+„Wir lassen Sie nicht im Stich ... Verlassen Sie sich
+darauf ...“ Die „Majestät des Todes“ versprach es außerdem
+noch jedem Einzelnen in die Hand hinein. „Ueber
+die Frage der Unkosten, die Sie eventuell dabei haben
+sollten, verständigen wir uns schon. Aktien oder direkt.
+Daß dabei was ganz Hübsches herausspringt, das ist ja
+ganz selbstverständlich.“
+</p>
+
+<p>
+Man schmunzelte schon wieder. Zwinkerte verteufelt-listig
+mit den Blau-Aeuglein nach allen Seiten, blinzelte ein
+Dankstoßgebet zum Himmel hinauf, und die „Majestät des
+Todes“ entfernte sich, eine dick gestopfte Aktentasche unter
+dem Arm, um bei den Gewerkschaften und anderen Organisationen
+noch rasch Almosen und Liebesgaben, nach bewährtem
+Muster von 1914 bis 1918 Anno dazumal, für die
+Opfer der Hinterbliebenen zusammenzubetteln. Die „Majestät
+des Todes“ ging dabei recht geschäftstüchtig vor, auch
+nahm sie es dabei nicht allzugenau. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+An den Bahren der Ermordeten aber standen sie mit
+entblößten Häuptern; der Reichskanzler und die Abordnungen
+der Behörden, die Herren der Industrie, die Abgesandten
+der Großbanken. Auch die Herren Sozialisten
+standen wie immer mit ihnen. Wohlangesehene Bürger.
+Ein Bürgermeister. Noch einer. Und ein Oberbürgermeister.
+</p>
+
+<p>
+„Leichenschändung. Nichts weiter als Leichenschändung
+treiben diese da, wenn sie so herumstehen ... Jeder ehrliche
+Prolet muß das so empfinden ...“
+</p>
+
+<p>
+Sonderzüge in das vom Unglück betroffene Gebiet waren
+auch sofort von der Eisenbahnverwaltung in bereitwilligster
+<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
+und anerkennendster Weise für die Herren der Regierung
+usw. eingelegt worden. –
+</p>
+
+<p>
+„Gut so, aber dachte auch mancher der Angehörigen der
+tödlich Verunglückten, gut, daß er wenigstens noch bei einem
+Massenunglück umgekommen ist ... Kommt einer als
+Einzelner um, so kümmert man sich um uns schon überhaupt
+nicht ... Da muß man sich eben hübsch brav mit der
+Bettelrente, die die Unfallversicherung einem gewährt, abfinden
+... In einem Jahr sind es über 6000 solcher
+Unfälle, mindestens 600 davon tödlich ...“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-3-7">
+<span class="firstline">VII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Die Tränen der Hinterbliebenen versiegten allmählich.
+</p>
+
+<p>
+Man ging zwar noch unter der unheimlichen Last gebeugt,
+aber auch schon beobachtend und lauernd. Und schon einen
+Tag vor dem gemeinsamen Begräbnis der Opfer hatten
+sie sich wieder gefaßt, um einige Grade härter und kampfentschlossener
+waren die meisten unter ihnen geworden,
+und mit roten Fahnen an der Spitze durchzogen schon früh
+am Morgen des Begräbnistages Gruppen von Kumpels,
+Witwen und Waisen die rußverschlammten Straßen der
+Bergarbeiterstadt, und sangen die „Internationale“.
+</p>
+
+<p>
+Oh, erinnerte sich da mancher, das war schon einmal so.
+</p>
+
+<p>
+Drei, vier Jahre zurück vielleicht. Aber ein jeder denkt
+noch voll Stolz daran. Schade nur, daß nicht ... Aber
+aus unseren Fehlern muß gelernt werden ... Es geht
+eben mal schwer vorwärts, und nichts wird einem geschenkt,
+das ist nun einmal so ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Rote Armee zog damals von Stadt zu Stadt.
+</p>
+
+<p>
+Hals über Kopf rückte die Reichswehr ab.
+</p>
+
+<p>
+Das Rote Banner flog –
+</p>
+
+<p>
+Höhen und Täler leuchteten ...
+</p>
+
+<p>
+Wir marschierten durch Wälder, setzten uns auf eroberten
+Pontons über die Flüsse, Tag und Nacht, unermüdlich
+immer hinter dem weißen Feind her ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
+Rote Soldaten stiegen aus den Gruben, warfen sich, wo
+noch eine Lücke war, in die Rote Front ...
+</p>
+
+<p>
+Das ganze Bergwerksrevier marschiert.
+</p>
+
+<p>
+Das ganze Bergwerksrevier kämpfte seinen bewaffneten
+Aufstand.
+</p>
+
+<p>
+So war es.
+</p>
+
+<p>
+So wird es wieder sein ...
+</p>
+
+<p>
+Grab an Grab, Schächte, in denen Tausende verschüttet,
+erstickt, zermalmt worden sind, Schlachtäcker des Bürgerkriegs,
+gedüngt mit proletarischem Heldenblut: das ist westfälischer
+Boden.
+</p>
+
+<p>
+Das Land ist hier wie erdiges Geschwür.
+</p>
+
+<p>
+Trüb schwelt heute die Flamme der Revolution.
+</p>
+
+<p>
+Die Bergwerke wie erloschene Krater ...
+</p>
+
+<p>
+Menschenfleisch, Arbeiterfleisch verfault bei lebendigem
+Leib in den Ruinen dieser modernen Katakomben.
+</p>
+
+<p>
+Rußt ein. Und der Menschenkadaver heizt sich zur Not
+noch an in den Schnapsschenken mit giftigem Fusel ...
+</p>
+
+<p>
+Aber täuscht euch nicht!
+</p>
+
+<p>
+Morgen, übermorgen brechen sie wieder auf: Narben,
+Wunden, Schmerzen brechen wieder auf, und Millionen
+Kumpels stürzen sich wieder herauf aus der Erdtiefe, wie
+lebendige Lavamassen.
+</p>
+
+<p>
+Die Erde platzt!
+</p>
+
+<p>
+Der Erdbauch platzt: und herauf aus den mit lebendigen
+Menschenleichen angefüllten Erddärmen fördert es Haufen
+an Haufen, wandelnde, leibhaft gewordene Kohlenstrunke ...
+Wehe: die Kohle kommt! Wehe, wenn die Menschenkohle
+über euch kommt, wenn die aus Bitternis über jahrhundertelang
+geduldig ertragenes Leid glühend gewordene
+Menschenkohle über euch kommt! ...
+</p>
+
+<p>
+Das wird der Auferstehungstag, der Tag der Befreiung
+sein ganzer Geschlechter lebendig Begrabener ...
+</p>
+
+<p>
+Glück auf! –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-3-8">
+<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
+<span class="firstline">VIII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Nur die Leiche des alten Bergarbeiters Hempel konnte
+noch nicht geborgen werden.
+</p>
+
+<p>
+Soviel wußte man: er saß halb aufrecht, wohl ein
+wenig in sich zusammengekauert, durch riesige Felstrümmer
+abgeriegelt, in einem vergasten Schachtloch. Man konnte
+aber nicht herankommen, so, aber auch so nicht, bei jedem
+Aufräumungsversuch lösten sich immer wieder von oben
+neue Gesteinsmassen ab. Auch stieß man in dieser Gegend
+immer wieder von neuem auf plötzlich hervorbrechende Gasquellen.
+</p>
+
+<p>
+So mußte man den guten Vater Hempel eben bis auf
+weiteres in seinem stillen Kämmerlein sitzen lassen.
+</p>
+
+<p>
+Vergebens warteten zwar oben schon seit zwei Tagen
+und Nächten die Seinen auf ihn.
+</p>
+
+<p>
+Warteten händeringend auf ihn bei jedem Zug aus der
+Tiefe. Sahen sich die Augen aus –
+</p>
+
+<p>
+Nein, der Alte kam nicht.
+</p>
+
+<p>
+Nicht einmal, daß er heut bei dem großen Begräbnis
+mit dabei war ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Halb aufrecht saß er da, wohl ein wenig in sich zusammengekauert,
+der Kopf tief auf die Brust heruntergeklappt,
+der Oberkörper war entblößt, schwarz bestrichen:
+so dick war er mit Kohlenstaub bedeckt. Das Fleisch
+schwammig, vom Gas aufgebläht. Nur wenig sah man
+vom Mund: die Lippen waren fest aufeinandergepreßt,
+schief, auf der einen Seite beinahe in einem rechten Winkel
+nach oben verzogen. Von leicht gekräuseltem Schaum überkrustet.
+Die Augäpfel vorgetrieben, feucht und glanzweiß.
+Um die Backenknochen herum dicke, kurze weißliche Bartstoppeln.
+</p>
+
+<p>
+Neben ihm Jacke, Sicherheitslampe, irgend ein Werkzeug.
+Ueber fünfunddreißig Jahre Arbeit in der Grube
+saßen da, Vater dreier Söhne: einen davon an den Krieg
+drangegeben, einen als „Hundejungen“ vor zwei Jahren
+im Schacht verloren, einer noch überlebend ... Da half
+<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
+nichts, da mußte auch die Mutter noch in der Fabrik an
+der Brikettmaschine mitverdienen.
+</p>
+
+<p>
+Nun, der Alte war schon immer ein wenig absonderlich.
+</p>
+
+<p>
+„Ach, tappen wir Menschen nicht eigentlich alle im
+Dunkeln. Ist gar nicht so schlimm. Hände gefaltet. Augen
+zu. Welt, schwarzer Traum, ade! ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Hundertundfünfzig Särge zugleich, einhundertundfünfzig
+Leichen von Bergarbeitern, in billige, roh zurechtgezimmerte
+Holzsärge gepackt, schwankten jetzt oben dahin unter den
+blechernen Klängen eines Trauermarsches durch die Frühlingsluft.
+</p>
+
+<p>
+Ein ungeheurer Menschenzug stampfte dahinter her.
+</p>
+
+<p>
+Abordnungen aller Bergarbeiter der Welt waren erschienen.
+</p>
+
+<p>
+Schwarze Fahnen. Rote Fahnen.
+</p>
+
+<p>
+... Kohle und Blut ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Unten in der Tiefe löste sich wieder ein Felsblock.
+</p>
+
+<p>
+Der Alte fiel weit hintenüber.
+</p>
+
+<p>
+Nun lag er ausgestreckt.
+</p>
+
+<p>
+Oben meinte die Mutter:
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ja, ich habs gleich gesagt: diesmal macht der Vater
+Feiertag ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Mund war ihm aufgeschlagen. Die Zunge stieg
+zurück bis in den Gaumen geklemmt. Um den Lippenrand
+herum, wie ein eingelegter Kranz, bräunliche Zahnstummeln.
+</p>
+
+<p>
+Der Begräbniszug war wie fernes Wasserrauschen.
+</p>
+
+<p>
+Und immer noch hing die unsichtbare Gaswolke fest in
+dem unterirdischen System: Korridore, Labyrinthe, Windungen:
+es sickerte darin, die Wände flüsterten, eine Quelle
+schlüpfte vorüber, es krachte und knarrte in dem Gebälk,
+ein Winddruck fauchte hindurch, in einem Kohlentümpel
+gluckste es ... und schwarz war es, so schwarz, als müßte
+<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
+man, um diese Finsternis zu durchdringen, Bohrmaschinen
+gegen sie auffahren. Undurchdringlich schwarz.
+</p>
+
+<p>
+Das war endlich Ruhe. Die Große Ruhe. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-3-9">
+<span class="firstline">IX</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Die Einen nahmen an diesem Begräbnistag Paradeaufstellung.
+</p>
+
+<p>
+Sie rüsteten sich zu einer Toten-Parade.
+</p>
+
+<p>
+Patriotische Ansprachen, Trauerreden wurden gehalten.
+</p>
+
+<p>
+Ein Filmoperateur kurbelte.
+</p>
+
+<p>
+Dutzendweis Leichen ließen sie an sich vorüberdefilieren.
+Viel Tröstungen und Weihrauch und Versprechungen taten
+not. Viel künstliche Tränen mußten vertropft werden. Denn
+das Ganze schmeckte wieder mal bedenklich nach Massenmord
+... Mit einem breiten Trauerflor waren die Zylinder
+umflochten ...
+</p>
+
+<p>
+Die Regie klappte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Anderen aber nahmen Kampfaufstellung.
+</p>
+
+<p>
+Sie standen da, gerüstet zu einem neuen Kampf.
+</p>
+
+<p>
+Wie: Gewehr bei Fuß.
+</p>
+
+<p>
+Blutrote Wimpel. Blutrote Banner.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein blutrotes Meeting.
+</p>
+
+<p>
+Flammende Kampfaufrufe schossen empor.
+</p>
+
+<p>
+Und stießen sich frei in dem Schwur:
+</p>
+
+<p>
+„Lieber im Feuer der Revolution verbrennen, als elend
+verrecken auf dem Misthaufen dieser Republik ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und die Sonne schwang flimmernd über sie hin, den
+ganzen Raum erfüllend, ein gespenstischer Lichtkreisel. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-4">
+<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
+<span class="firstline">3. Kapitel.</span><br>
+„Friede auf Erden“ –
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="ctoc">
+Max Herse, ein junger Arbeiter,
+besucht eine sozialdemokratische
+Wahlversammlung. – Die Befriedung
+der Welt ist da. Der Weltfrieden
+scheint gesichert. Deutschland:
+die Industriewerkstatt der
+Welt! – Zeitungsleser im Café.
+Unheimliche Nachrichten. – Einiges
+vom Studenten Peter Friedjung.
+Max Herse und seine Kollegen auf
+dem Heimweg. – Klebekolonnen bei
+der Arbeit. – Schlafende Menschen.
+– „Friede auf Erden.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-4-1">
+<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
+<span class="firstline">I</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Der Nebelrauch stand unbewegt in den Straßen. Tausende
+Lichtpunkte flimmerten. Die Verkehrstürme blinkten
+grün, weiß, rot. Die Menschen gingen sehr schnell. In
+Trupps schoben sie sich über die Plätze ...
+</p>
+
+<p>
+Ein Lichtband fließt oben vorüber ...
+</p>
+
+<p>
+Max drückte sich aus dem Menschengewühl heraus auf
+die hintere Plattform einer Elektrischen.
+</p>
+
+<p>
+Er studierte noch immer den Aufruf der Gewerkschaften.
+</p>
+
+<p>
+Der lautete:
+</p>
+
+<p>
+„Wo soll die Frage entschieden werden, ob wir den gesetzlichen
+Achtstundentag wiederbekommen sollen?! Im Reichstag.
+Wo wird das Arbeitsgerichtsgesetz, das Arbeitsvertragsgesetz,
+die Schlichtungsordnung, das Tarifgesetz gestaltet?
+Im Reichstag. Wo wird die Verteilung der Lasten gesetzlich
+geregelt, die der Dawesplan uns gebracht hat!? Im
+Reichstag ...“
+</p>
+
+<p>
+„Also doch!“ dachte Max.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn nur die Mark stabil bleibt! Dann kann man
+wenigstens wieder rechnen ... Man braucht ja heutzutage,
+mehr denn je, schon wirklich gewaltig viel Geld ... Sich
+zu Tode schuften. Aber das Resultat ist dann wenigstens
+doch ein stabiler Hundelohn ...“
+</p>
+
+<p>
+Eine Theatergesellschaft scherzte im Wageninnern.
+</p>
+
+<p>
+„Die schwimmen hübsch obenauf, wie auf der Suppe die
+Fettaugen ...“
+</p>
+
+<p>
+Reichswehrsoldaten, den Tornister aufgepackt, darüber den
+Stahlhelm. Sie kamen von einem Truppenübungsplatz.
+</p>
+
+<p>
+Ein Unteroffizier erläuterte das neue Visier:
+</p>
+
+<p>
+„50000 Gewehre sind bis jetzt schon darauf eingeschossen.
+Tadellos. Ein jeder Schuß aber muß bei uns auch sitzen.“
+</p>
+
+<p>
+Gesprächsfetzen schwirrten:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
+„Na, also doch, daß wir wieder geordnete Zustände bekommen
+haben! ... Ja, wissen Sie, die Inflationszeit.
+Die steckt mir immer noch wie die Grippe in den Gliedern.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich, Herr Kulicke, hab’ es immer schon gesagt – und
+was die vielen Parteien anbetrifft – eine Linke, eine
+Rechte, eine Mitte: das genügt vollauf, dann hat jeder
+was ...“
+</p>
+
+<p>
+„Lassen Sie mich nur aus damit, Herr Rechnungsrat,
+sage ich Ihnen, mit den Regierungen! Lassen Sie die neue
+ein wenig liegen und schon wieder wird sie abgeholt ...
+Sie werden sehen, der starke Mann ist’s, der uns fehlt ...
+So ein Bismarck ...“
+</p>
+
+<p>
+„Also wird’s doch Wahrheit, daß Amerika uns unter die
+Arme greift ...“
+</p>
+
+<p>
+Auch mit dem Straßenbahnschaffner sprach natürlich
+jemand, der eine duftige Zigarre rauchte:
+</p>
+
+<p>
+„Na, was macht’s ... Viele Unfälle, was ... Ja, das
+deutsche Volk muß eben erst wieder arbeiten lernen! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn man oft über 12 Stunden Dienst hat, Herr, dazu
+nicht genug, um einmal in der Woche sich ordentlich satt
+zu essen ... außerdem vier Jahre schließlich im Krieg
+gewesen ist, ein paarmal verwundet ist, wie unsereins ...
+Das stellen Sie sich schon einfacher vor, wie es ist ...
+Stellen Sie sich mal vorn an den Kurbelkasten ... Und
+wie das alles heruntergekommen ist ... Die Bremsen, die
+Sicherungsanlagen ... aber dazu ist ja eben kein Geld
+nicht da ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Millionen Räder drehten sich, um die Menschenmassen
+an die Arbeitsstätten zu befördern. Hin und zurück. Es
+war ein gewaltiger Kreislauf, ein schwingender Wirbel.
+Unter der Erde, auf der Erde, hoch in der Luft. Eingepfercht
+in die eisernen Kasten der Untergrundbahnen schossen
+Menschenhaufen durch zementgemauerte unterirdische Röhren,
+stießen auf Treppen hoch, rannten kreuz und quer ...
+Rufe splitterten, Signale pfiffen, schief gestellt schmissen sich
+die Autobusse um die Kurven ... Jeder wehrte sich gegen
+den andern ... Wie das Meer kennt auch die Großstadt
+<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
+Flut und Ebbe. Brandung und Springflut ... Erst tief
+in der Nacht ziehen stillere weite Kreise die beruhigten
+Menschenwellen ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Max war mit dem Gewerkschaftsaufruf fertig.
+</p>
+
+<p>
+„Gott der Allmächtige!“ stöhnt in sich hinein ein Kriegskrüppel.
+Er trug die Soldatenmütze mit schwarzweißroter
+und schwarzweißer Kokarde, das Eiserne Kreuz, eine Hakenkreuznadel,
+einen Totenkopf, und handelte mit patriotischen
+Ansichtspostkarten.
+</p>
+
+<p>
+Er stolperte mit einem Prothesenbein.
+</p>
+
+<p>
+Vor jedem Bessergekleideten salutierte er, stand stramm.
+</p>
+
+<p>
+„Rheinische Mädchen bei rheinischem Wein“ orgelte ein
+Leierkasten.
+</p>
+
+<p>
+Schupo patroullierte vorüber, prüfte den Ausweis eines
+Straßenhändlers.
+</p>
+
+<p>
+Schon zwitscherte es aus den Anlagen. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-4-2">
+<span class="firstline">II</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Arbeiterviertel:
+</p>
+
+<p>
+Uebermenschengroße Stücke von Verputz waren von den
+Häuserfronten heruntergebrochen. Das ganze Viertel hatte
+seinen besonderen Geruch. Das Nebeldickicht schlug sich durch
+Mauerritzen in das Innere der Häuser hinein. Winkelig
+und unaufwaschbar vor lauter Gerümpel war es in den
+Geschäften. Ueberall rochen die feuchten Keller herauf.
+Ueberall troff es. In einem steilen Zickzack kletterten
+knarrend die Treppen empor. Gaslicht gespensterte.
+</p>
+
+<p>
+Ein Greis schleppte sich mit einem Bündel Holz quer
+über die Straße. Frauen standen, aus zahnlosen Mündern
+wispernd, in Gruppen herum. Festen Schritts kamen einige
+Burschen vorüber, Mützen auf, die Fäuste tief in den Hosentaschen.
+Kinder jagten sich, Droschkengäule hatten den
+Futtersack vor.
+</p>
+
+<p>
+Das Herz-Innere der Häuser bestand, durch längst schlissig
+gewordene Gardinen sichtbar, aus Küche, Kammer, Stube.
+Mit spärlichen Möbelresten waren sie dürftig ausgeflickt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
+Menschenwerk sind diese Häuser.
+</p>
+
+<p>
+Doch in diesen Häusern formen sich unmerklich auch wieder
+die Menschen um.
+</p>
+
+<p>
+Eine kalkige Kruste sind diese Häuser, über einen lebendigen
+Leidenskern gestülpt.
+</p>
+
+<p>
+Wo sind die Gefangenenaufseher, fragt man. Es sind
+freiwillig Gefangene, bekommt man zur Antwort. Sie beaufsichtigen
+sich selbst. Sie haben sich ihrem Schicksal ergeben.
+Lieben sie wirklich ihre Verdammnis ...?
+</p>
+
+<p>
+Menschen und Häuser dieser Gegenden: lebensverbunden!
+</p>
+
+<p>
+Sie schlagen den gleichen Herztakt. Mit Leidenszeichen
+sind sie überreichlich besät und mit Todesrunen. Viele
+Morde, Verzweiflungsmorde sind schon in ihren Gängen
+geschehen. Sie bergen in sich ein Maß von Not, das übermenschlich
+ist. Seht diese Häuser an! Kaum daß sie sich noch
+auf ihren Füßen halten können! Die Fundamente sind
+längst unterwühlt. Erdschlamm dringt vor. Alles steht
+hier auf Abbruch. Sie sind wirklich schlecht genährt. Gemüsereste,
+Kartoffeln, Brennsuppen, Heringe. Immer ist es derselbe
+Trott. Wer die Augen noch im Kopf hat, um zu sehen,
+der sieht: das sind Kerker, Leichenkasernen, Grabhäuser, und
+die Fetzen der Fassaden schlottern an ihnen herunter wie
+Lumpen an einem Skelett ...
+</p>
+
+<p>
+Nenn mir den glücklichen Besitzer, und du erfährst: er
+heißt vielleicht heute noch Krätzig und wohnt im Ostseevillenörtchen
+Heringsdorf. Aber die Häuser, zweihundert
+Stück gleich auf einmal, sie wandern; sie wandern herum
+zwischen Tschechoslowakei und Amerika: nur die Verwalter
+bleiben, treiben die Mieten ein, besorgen redlich und treu
+Kündigungen und Hinausschmisse ... Denn auch das todwunde
+Häuserrevier ist immer noch ein lohnendes Spekulationsobjekt.
+–
+</p>
+
+<p>
+Hier führen die Menschen tagaus tagein einen heroischen
+Kampf um die Wohnung. Hier ist ein rumpfgroßes Loch
+in der Wand. Es müßte vermörtelt werden. Man muß
+die Bettstellen rücken, einmal hierhin, einmal dorthin: denn
+die Decke tropft. Es müßte geteert werden. Hier sind ganze
+Barrikadensysteme gegen Ratten errichtet. Dort unternimmt
+<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
+man vergebens Feldzug um Feldzug gegen das Ungeziefer.
+Hier wächst der Schmutz von selbst. Mit zusammengebissenen
+Zähnen versucht man zu retten, was noch zu
+retten ist. Aber der Schimmel marschiert, er erobert mühelos
+das Innere der Schränke. Die Tuberkulose bricht ein,
+die Geschlechtskrankheiten pflanzen zynisch triumphierend
+ihr Banner auf ... Und schon ist wie immer Arbeitslosigkeit,
+Hunger, Skrophulose da ... Eine höllische Armee,
+zusammengesetzt aus allen Kadres der menschlichen Notdurft
+und Hilflosigkeit, ist vollzählig zur Stelle ... Der Generalangriff
+beginnt. Aus Schlitzen, Ritzen, Poren, Verschalungen,
+Mauern hindurch, millionenmäulig, speit es Verderben.
+Da gibts keinen Widerstand. Jede Abwehr ist nutzlos ...
+</p>
+
+<p>
+Und in den Höfen waten die Kinder, wenn sie spielen
+wollen, bis zu den Knöcheln in einem fauligen Tümpel ...
+</p>
+
+<p>
+Erbarmungslos vollzieht sich hier unter den Augen des
+Gesetzes, infolge Gesetzeskraft und laut Paragraph so und
+soviel – erbarmungslos vollzieht sich hier eine ganz
+viehische, ganz trockene Blut-Kleinarbeit ...
+</p>
+
+<p>
+Glanzblau glaste der Himmel darüber, wunderbar
+grenzenlos über dieses Massenelend gespannt. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-4-3">
+<span class="firstline">III</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Ein Kino vorn:
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Plakat: ein Schiff, das im Eismeer versinkt,
+ein Auto, das vollbesetzt auf einer mexikanischen Alpenstraße
+in den Abgrund saust, eine Großaufnahme von einem
+blonden Mädchenkopf, „Lia Mara“ oder die „Gefesselte
+Schönheit“ genannt, bengalisch überstrahlt von himbeerroten
+Lichtern –
+</p>
+
+<p>
+Und hinten über zwei Höfe hinweg war das Versammlungslokal.
+</p>
+
+<p>
+„Neue Frankfurter Festsäle“ nannte es sich.
+</p>
+
+<p>
+Es mochten gegen zweitausend Menschen anwesend sein.
+</p>
+
+<p>
+Der Bühnenhintergrund war sichtbar, gemalte Kulissen,
+eine Seelandschaft, dahinter im Sonnenuntergang leuchtende
+Bergspitzen, ziegelrot. Auf knallgrüner Leinwandalm
+<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
+weideten braunlackierte Kühe, auch die schöne Sennerin
+fehlte nicht, in samtschwarz gestrichenem Mieder, die Lippen
+wie ein Kügelchen so rund.
+</p>
+
+<p>
+Blauweiße Fahnengirlanden waren kreuz und quer gespannt.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Als Max eintrat, sprach der Redner schon.
+</p>
+
+<p>
+Es hatte auch schon einige Zwischenrufe gesetzt, Kollegen
+informierten Max gleich darüber, aber der Saalschutz
+funktionierte diesmal gut, und man hatte die Störenfriede
+gleich in vereinfachtem Verfahren an die Luft befördert.
+</p>
+
+<p>
+Auch Max nickte mit dem Kopf:
+</p>
+
+<p>
+„Eine bodenlose Frechheit, unsere Versammlungen zu
+stören ... Radaubrüder ...“
+</p>
+
+<p>
+Und er war stolz auf seinen Saalschutz.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist gut so ... Mögen die sich wo anders austoben
+...“
+</p>
+
+<p>
+Und auch aus ordentlich gekleideten Kerls bestand der
+Saalschutz. Gut ausgerüstet: blaue Mütze, Wickelgamaschen,
+Windjacke. Bewaffnet mit stählernen federnden Totschlägern
+und Gummiknüppeln. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Man mußte also über die bevorstehenden Reichstagswahlen
+mit sich ins Klare kommen.
+</p>
+
+<p>
+Der Redner ließ es sich dabei nicht nehmen, der Reaktion,
+worunter er vor allem die Deutschnationalen verstand,
+einiges ordentlich auszuwischen, ging dann von der innerpolitischen
+Lage zur außenpolitischen über und erörterte sachlich
+und wirkungsvoll die wichtigsten Probleme. Es gelang
+ihm dabei, überzeugend darzutun, daß unter den nun
+einmal gegebenen politischen Verhältnissen dem deutschen
+Volke, das, schlecht geführt, den Krieg verloren hat, nichts
+anderes übrig bleibt, als das Sachverständigengutachten
+anzunehmen, das – im Vergleich zu den Verpflichtungen,
+die vor dem Deutschland aus dem Versailler Vertrag erwuchsen,
+– wesentliche Erleichterungen biete, die Räumung
+des Ruhrgebiets und damit die Befreiung einiger Millionen
+<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
+Deutscher von der französischen Fremdherrschaft bringe, der
+Industrie die lebenswichtigen, nicht unerheblichen Kredite
+vermittle, der zerrütteten deutschen Wirtschaft wieder aufhelfe
+– man denke nur an die passive Handelsbilanz! – und
+damit auch zugleich dem Proletariat Verdienstmöglichkeiten
+und Arbeit verschaffe. Ueber die Lastenverteilung aber
+entscheide der Reichstag, und es komme nun darauf an,
+möglichst stark dort einzuziehen, um die Gewichtsverteilung
+der Lasten zugunsten der werktätigen Bevölkerung auf
+die Schultern der besitzenden Klasse abzuwälzen.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, aber meine Herrschaften!“ rief der Referent aus,
+als sich aus einer Saalecke heraus wieder Widerspruch
+bemerkbar machte – „wir leben eben nun einmal in einer
+kapitalistischen Gesellschaft, und ich kann nicht, so gern ich
+auch möchte, sie von heute auf morgen wegpusten. So heißt
+es also, sich so gut es geht mit dieser Tatsache abzufinden
+und sich so häuslich wie irgend nur möglich in dieser Gesellschaft
+einzurichten ... Gedulden Sie sich, warten Sie ab,
+bitte, alles zu seiner Zeit ...“
+</p>
+
+<p>
+Dies alles schien sonnenklar.
+</p>
+
+<p>
+„Solange die Arbeiterschaft noch nicht einmal unter sich
+selbst einig ist ... Da kann man ja jeden xbeliebigen
+Betrieb als Beweis dafür hernehmen ...“
+</p>
+
+<p>
+Und auch das, was der Redner nur so nebenbei bemerkte,
+daß man es sich schon was kosten lassen solle, um die Hohenzollern
+außer Land zu halten: „wir werden uns schon in
+dieser Frage nicht lumpen lassen – – –“
+</p>
+
+<p>
+Auch das war Maxens Standpunkt.
+</p>
+
+<p>
+„So haben eben nun doch die Herrschaften der Entente
+einsehen gelernt, daß man auf dem Weltmarkt ohne den
+deutschen Arbeiter, ohne den begabten, gründlichen, gewissenhaften
+deutschen Arbeiter nicht auskommt. Deutschland:
+Industriewerkstatt der Welt! Das ist der Inhalt, das
+wahre Wesen dieses von uns angenommenen Gutachtens!
+Stellt euch vor, Arbeiter, wie nun langsam aber sicher
+von Monat zu Monat euere Lage sich bessert, euer Lebensniveau
+sich heben wird ... In einem solchen Moment
+sollen den Mut wir sinken lassen ...! Nach all den
+<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
+Jahren, in denen ein schlimmer Unstern über Deutschland,
+über euch Proleten im besonderen, waltete!? Nein, dreimal
+nein! Nimmermehr! Mit vollem Recht können heute
+wir wieder ausrufen: am deutschen Wesen, am Wesen des
+deutschen Arbeiters im besonderen wird wieder die Welt
+genesen ... Schaut frohen Mutes drum in die Zukunft!“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ja. So, so ist es.“
+</p>
+
+<p>
+Viele nickten mit den Köpfen.
+</p>
+
+<p>
+„Reaktion oder Revolution!? Schwarzweißrot oder
+schwarzrotgold!? Entscheidet euch?! Monarchie oder Republik!?
+Gebt euere Stimmen, Proleten, der Republik, schafft
+mit an dem Erlösungswerk der werktätigen Massen. Die
+Revolution, die Befreiungsaktion des Proletariats marschiert,
+wenn auch langsam ... Auf zur Wahl! Schließt
+die Reihen dicht! ... Beziehen wir unsere alten revolutionären
+Kampfpositionen! Hinein in die Wahlschlacht ...
+Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, sie lebe –“
+</p>
+
+<p>
+„Hoch! Hoch! Hoch!“
+</p>
+
+<p>
+Der Saal schmetterte.
+</p>
+
+<p>
+Die Internationale sang. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-4-4">
+<span class="firstline">IV</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Wird es nun wirklich schon Frühling?! Die Fenster
+sind weit offen. Menschenstimmen hört man aus den Höfen.
+Diese Jahreszeit ist ein Heldengedicht. Gewaltig und grau
+ziehen den Horizont herauf Wolkenquadern um Wolkenquadern:
+formlos, unbehauen, roh: rebellische Figuren ...
+</p>
+
+<p>
+Die Zeitungsleser saßen um diese Stunde wie immer im
+Café. Glatzköpfig, vollbäuchig, manche mit prallen, rötlich
+getupften Bäcklein. Tranken Mokka, schlürften Limonaden
+aus Strohhalmen, schluckten auch sonst noch was ...
+</p>
+
+<p>
+Draußen prasselten Hagelschauer nieder.
+</p>
+
+<p>
+Ein kurzer Zwischenfall.
+</p>
+
+<p>
+Eine Stimme: „Sie Kapitalssau, Sie Dreck- ...“
+</p>
+
+<p>
+„Was, Drecklump, Kapital ... haben Sie mich genannt.
+Mein Herr, ich bitte Sie das sofort zu berichtigen ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
+Und die Drehtüre schob beide ins Freie.
+</p>
+
+<p>
+Das Café-Innere war wie ein Aquarium. Tropisch-warm;
+die Bewegungen der Caféhausbesucher waren, als sei
+die Luft eine zähe, kleberige Flüssigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Schönes Buchstabengift. Schönes Papiergift.
+</p>
+
+<p>
+Sie sahen nur selten mal auf. Die Augen waren in
+dem Papierwinkel, den sie an einem Holzgriff steif vor sich
+herhielten, festgesogen.
+</p>
+
+<p>
+Gehirne fraßen. Gehirne verdauten.
+</p>
+
+<p>
+„Grand-Hotel, Honolulu.“ „Isa, die Serbenfürstin.“
+„Raubmord.“ „Lustmord.“ „Spanische Flugzeuge bombardieren
+die Rifkabylen mit Gasbomben.“ „Neue Schreckenstaten
+des Kommunisten-Gesindels.“ „Tscheka.“ „Parade
+der Stahlhelmer ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Zeitungsblätter bewegten sich. Legen sich um. Es
+knistert. Ein geheimnisvoller Wind weht. Ein neues Pack
+mit Ereignissen. Mit einem Blick hüpft da ein Auge über
+eine ganze Seite hinweg. Ein neuer Teil, mit Schicksalen,
+Erlebnissen, amüsanten Neuigkeiten nur so vollgepfropft ...
+</p>
+
+<p>
+Nun sind die Hände der Leser in eine Papierfläche eingekrallt
+wie Tatzen.
+</p>
+
+<p>
+„... von den Fräcken der Herren ist nur zu sagen, daß
+sie ausnahmlos up to date und im besten englischen Stil
+waren; nicht ein Millimeter der weißen Weste war unterhalb
+des Frackrandes sichtbar ... Die Toiletten der Damen
+im Stilkleid weiß Gourdeille mit Pelz Suhmann, den man
+seiner großen Seltenheit wegen noch wenig sieht ... Lisa
+Benedict aber hatte ihren prachtvollen Rubens in dunkellila
+Chadourne gehüllt, benäht mit marokkanischen Pailetten
+aus vielfarbiger Mica ... Ein zart aquarelliertes
+Kleid hellgelbe Merveille-Saturé. In schwarzem Craou,
+besetzt mit Jorkin, ein Fell, das wie goldgepudert aussieht ...
+Es war einem ganz indianisch zumute ...“
+</p>
+
+<p>
+„Schwerarbeiter!“ knurrte lautlos der Bettler, der
+zwischen den Tischen herumstrich. Von dem Geschäftsführer
+und einem Kellner arretiert, verläßt er wieder das Lokal.
+</p>
+
+<p>
+Weiter arbeiten sich durch den Papierschlamm hindurch
+die Zeitungsleser.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
+Vulkane brechen auf, Länder werden überschwemmt.
+Kolonialvölker rebellieren, Massenselbstmorde, Maschinenhinrichtungen,
+Hungersnöte. Lächelnd thront dabei das
+Büfettfräulein über dieser Flut rauchverwolkter Häupter,
+aus deren Gehirnwindungen jetzt bei der Lektüre abessinische
+Residenzen erstehen, Petroleumquellen aufknattern, Bohrtürme
+durch Kalifornien wandern, mit breitwulstigen
+Epauletten die Achseln bestickt hochwamstige Negergeneräle
+vor dem amerikanischen Präsidenten paradieren ...
+</p>
+
+<p>
+Das Gesäß des Lesers drückt sich fest im Stuhl.
+</p>
+
+<p>
+Ein fleischerner Riesenpudding ...
+</p>
+
+<p>
+Merkwürdige Dinge werden im letzten Teil des Blattes
+über den großen Ozean gemeldet. Was davon wohl auf
+Wahrheit beruht!?
+</p>
+
+<p>
+„Sir William Pope, in der Präsidentschaftsrede in der
+Chemical Society am 27. März 1919: Die englische Methode
+zur Herstellung giftiger Gase sei dreißigmal so wirksam,
+wie die von Deutschland, während die Kosten in Deutschland
+dreißigmal so groß seien wie die in England. Bei
+Kriegsende hätte die Entente täglich eben soviel herstellen
+können wie die Zentralmächte monatlich. Anmerkung der
+Redaktion: Was man besonders dem bekannten Führer
+der zionistischen Bewegung, Herrn Prof. Waitzmann verdanke,
+dem kühnen Organisator des chemischen Krieges auf
+ententistischer Seite.“
+</p>
+
+<p>
+Wie auf einem scheu gewordenen Gaul galoppiert unser
+sehr verehrter Leser weiter. Schüttelt sich. Nun geht es
+wieder in gewohntem Tempo. Die Sprünge, die schließlich
+diese mörderisch gottverfluchte Zeit macht, zwingen auch den
+unsichersten Kumpan am Ende noch fest in den Sattel ...
+Neue Entdeckungen! Ein neues Geheimnis! Und wieder
+von jenseits des Ozeans, aus dem Wunderland!
+</p>
+
+<p>
+„Ein Todesregen! – Ein neues Gift, so tödlich, daß drei
+Tropfen auf der menschlichen Haut genügen, um den Tod
+herbeizuführen, ist die neueste Erfindung des chemischen
+Kriegsdienstes der amerikanischen Armee. Man führt Fachleute
+an, die aussagen, daß, wenn man die Flüssigkeit aus
+Röhrchen an der unteren Fläche eines Flugzeuges ausstieße,
+<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
+sie alles, was sich im Wege dieser Maschine befindet,
+töten würde. Ein Flugzeug, fügt man hinzu, könne zwei
+Tonnen der Flüssigkeit über eine sieben Meilen lange und
+hundert Fuß breite Gegend verteilen und dies würde
+genügen, um jedermann in dieser Gegend zu töten. Die
+Flüssigkeit kann leicht hergestellt werden und eine Ausbeute
+von einigen tausend Tonnen täglich könnte angeblich schnell
+erreicht werden ...“
+</p>
+
+<p>
+Hat man noch Zeit, über das alles nachzudenken!? Bleibt
+einem da nicht die Luft weg!? Staune vor nichts, sagt sich
+der Spießer oftmals selbst vor und richtet energisch und
+stolz sich dabei auf im Steigbügel. „Alles ist möglich ...
+Alles schon dagewesen ... Nichts unter der Sonne ist neu ...“
+</p>
+
+<p>
+So ist doch z. B. bekannt das sogenannte griechische
+Feuer im vierten Jahrhundert vor Christi, aus Harz,
+Petroleum, Schwefel und ungelöschtem Kalk bestehend, und
+das später, im zwölften Jahrhundert, häufig von den Sarazenen
+gegen die Kreuzfahrer zur Anwendung gebracht
+wurde ...? Und dann erst das Mittelalter! Eine reiche
+Ausbeute für unsere geschichtliche Exkursion! Lesen wir da
+nicht in dem berühmten „Kompendium der Sekrete“ des
+Arztes und Naturforschers Leonhard Floravanti von
+Bononia um 1600 von einem Oel, destilliert aus Terpentin,
+Schwefel, Asa <a id="corr-12"></a>foetida, Menschenkot, Menschenblut usw., das
+dermaßen stinkt, daß kein Mensch in der Festung, in die
+es geworfen wird, mittels Schleudermaschinen, versteht sich,
+es darin aushalten kann ...
+</p>
+
+<p>
+Also, alles schon dagewesen ... Was zu beweisen war.
+</p>
+
+<p>
+„Prosit Neujahr!“ entfuhr es aber da dennoch einem
+kleinen Bankangestellten, als er das las, „schöne Aussichten,
+das kann ja noch recht gemütlich werden ... Heiter,
+immer heiterer, in der Tat! Aber man muß schon mit den
+Wölfen heulen ...“
+</p>
+
+<p>
+Und er versucht gleich ein Gespräch über dieses Thema mit
+dem Studenten anzuknüpfen, der noch mit an dem Tisch saß.
+</p>
+
+<p>
+Der wehrte aber energisch ab.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, warum denn nicht ... Glauben Sie vielleicht noch
+an den Abrüstungsschwindel!? ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
+„Sie entschuldigen schon ... Das war doch nicht so
+ernst gemeint ...“
+</p>
+
+<p>
+Unablässig drehten sich indeß die Drehtüren.
+</p>
+
+<p>
+Zwei Bekannte prallten dort unerwarteter Weise im
+Gang aufeinander.
+</p>
+
+<p>
+„Du hier, ach Emil, wer hätte das gedacht ... ja, wie
+lange schon ...? Und immer wohlauf ... Und das Geschäft
+...“ Und schon zogen sie sich gegenseitig an einem
+Tischchen nieder und wie eine Litanei wurde die ganze
+Skala der Bekannten und Geschäftsfreunde abgeklappert.
+</p>
+
+<p>
+Die Schnurrbartspitzen des Portiers leuchteten wie zwei
+rötliche Stichflammen.
+</p>
+
+<p>
+Der eine oder der andere stolzierte in dem Caféraum auf
+und ab, wie in einer Wandelhalle. Der Zeitungsmann
+flitzte geschäftig.
+</p>
+
+<p>
+Der Nachtbetrieb begann. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-4-5">
+<span class="firstline">V</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Peter Friedjung war Werkstudent. Sechs Stunden
+arbeitete er täglich bei einem Patentanwalt in der Alten
+Jakobstraße am Setzkasten. Die Patentanmeldungen wurden
+hier auf einer kleinen Handdruckmaschine abgezogen. Ein
+seltsamer Betrieb. Hunderte von Patentanmeldungen
+liefen täglich ein. Da waren Patentgesuche darunter auf
+fahrbare Rucksäcke, auf Hosenträger, die mit einer Hand
+bedient werden konnten, Klosetts, mit selbsttätigem Wischapparat,
+zwanzig Modelle des Perpetuum mobile täglich,
+Studierlampen, die zu gleicher Zeit als Kochapparat benützbar
+waren, ohne jede Inangriffnahme des Zylinders
+selbstverständlich, Patente auf in der Dunkelheit leuchtende
+Füllfederhalter usw. usw. Gegen Einsendung eines nicht
+unbeträchtlichen Vorschusses wurden diese Gesuche exakt der
+Reihe nach behandelt und dem Patentamt vorgelegt ...
+Damit war aber auch die Angelegenheit dieser Hunderte
+von kleinen Erfindern erledigt ... Eine Ausnutzung des
+Patentes kam natürlich nicht in Frage ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
+Bis zum Ruhrabenteuer war Peter deutschnational.
+Deutschnational bis auf die Knochen. Er glaubte an
+Deutschland, als an ein auserwähltes Volk, er selbst hatte
+ja bereits gekämpft und gelitten für Deutschlands Herrlichkeit.
+Sollen die vier Jahre Krieg für die Katz gewesen
+sein ... Sollte es wirklich wahr sein, daß ... Daran
+konnte er nicht glauben. Das hing mit Sinn oder Sinnlosigkeit
+seiner eigenen Existenz zusammen. Daß Krieg: das
+Produkt geschäftlicher Konflikte ist, das Kriegsziel nichts
+weiter als dem Gegner diejenigen wirtschaftlichen Bedingungen
+aufzuzwingen, die man für sich als notwendig erachtet;
+daß das Wesentliche dabei, das Herzblut des Krieges
+sozusagen: der Beutel, die Interessen der Kapitalisten sind;
+daß in Wirklichkeit aber alles kämpft für die Interessen
+eines Häufleins von Magnaten des Finanzkapitals,
+für ein 300-Männerkollegium; und daß auch das Instrument
+der Schiedsgerichte nur dazu dient, den Ausbruch
+<em>ungewollter</em> Kriege zu verhindern ... Das alles
+mochte vielleicht für England, für Amerika, Frankreich
+stimmen, für unsere Gegner stimmen, aber für Deutschland!?
+War nicht für Deutschland Krieg: Schicksal, elementar wie
+eine Naturgewalt, Aufbruch der Jugend, Blutrausch!? ...
+Gott hat den Krieg gewollt, und ich, Peter, habe ihn
+geführt ... Als Kriegsfreiwilliger hatte er den Krieg mitgemacht.
+Als Kriegsfreiwilliger im Regiment „List“, mit
+„Deutschland, Deutschland über alles“ hatte er gestürmt,
+dieses Lied auf den Lippen waren bis auf ihn alle seine
+Kameraden gefallen ... Und das soll nicht das Wunderbarste,
+das Höchste, das Heldenhafteste in der Welt gewesen
+sein ...? Die Fahne Schwarzweißrot, die soll nicht die
+Fahne, die Fahne unseres Blutes, die Fahne der Ehre der
+gesamten Nation gewesen sein ...? Die Fahne, die damals
+bei Tannenberg, bei Verdun ... Deutschlands gesamte
+idealistische Jugend muß sich um sie scharen, damit sie nicht
+der rote Sturmgeier zerfetzt ...
+</p>
+
+<p>
+Bis er eines Tages, selbst Mitglied einer völkischen
+Sturmabteilung, plötzlich erkannte: es ist ein Unterschied
+zwischen der Phraseologie einer Sache und dem Inhalt einer
+Sache. Und daß die nationalen Phraseure sich im Grunde
+<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
+ihres Herzens keinen Deut um die wahren Interessen der
+Nation scheren, sondern: Profitjäger, Hasardeure, Spekulanten,
+Großschieber, Hyänen sind, ganz raffinierte, abgefeimte,
+ausgebrühte Burschen, die das Blut und das
+Lebensmark des Volkes aussaugen; die nationale Phrase
+aber als Köder benutzen, blindgläubigen, von dem sozialdemokratischen
+Regime enttäuschten Kleinbürgern gegenüber;
+und daß sie, ja, daß sie die eigentlichen Volksverbrecher,
+Hochverräter, Landesverräter sind und die ... ja, die
+Kommunisten, die revolutionären Proletarier, die eigentliche
+Lebens- und Schaffenskraft des deutschen Volkes:
+keineswegs! keineswegs! –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Seitdem sympathisierte Peter Friedjung mit der proletarischen
+Bewegung.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ereignisse an Ereignissen sich überstürzend, eine gewaltige
+chaotische Lawine, so stieg es empor aus dem Zeitungshaufen.
+Peters Gehirn wurde mit hineingerissen in einen
+ungeheuren Weltwirbel.
+</p>
+
+<p>
+„Stänkereien und Zänkereien: das war immer mehr der
+Grundton unserer Zusammenkünfte. Die Enttäuschung über
+die Bewegung äußerte sich immer mehr in persönlichen Verunglimpfungen,
+Anschuldigungen, Verleumdungen übelster
+Art. Nichts und niemand mehr blieb von Witzen und Zotereien
+verschont: auch Schlageter begann man bereits nach
+Strich und Faden herunterzureißen, viele wollten wissen,
+daß ... Ein abstraktes, von patriotischen Phrasen triefendes
+Gefasel: genüge es, wem es wolle ... Keiner wollte
+das endgültig besiegelte Debacle wahrhaben. Ein jeder
+drückte sich mehr oder minder feig um die Tatsache herum,
+daß von einer Mission der völkischen Bewegung bereits
+nicht mehr gesprochen werden konnte ... Und blieben
+gar einmal die Geldunterstützungen aus, deren Quelle
+immer mystischer verhüllt und ungenannt blieb, dann war
+es schon gar nicht mehr zum Aushalten. Es war schon so:
+Abzeichen, Hakenkreuze, Totenkopffahnen, Armbinden,
+Wickelgamaschen, Windjacken: damit mußte man sich darüber
+<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
+hinweghelfen, daß man eigentlich nichts zu sagen hatte.
+Ja, gewiß, bei jeder Versammlung, bei jeder Heldengedenkfeier
+redete man, aber bitte sehr, nur bildlich gesprochen,
+aus hohlem Bauch ... Ein jeder mißtraute dem andern.
+Rohheiten, Exzesse jeder Art, Unterschlagungen waren an
+der Tagesordnung. Da gab es Degenerierte aller Art, Effeminierte,
+pathologisch Klatschsüchtige, Hochstapler, Abenteurer,
+Dilletanten, Homosexuelle, Päderasten, Sadisten,
+Masochisten, kurzum, ein Klub von Deklassierten tat sich in
+prächtigen Salons auf, die Politik war nur meist für geschäftliche
+und erotische Beziehungen die Maske, und dieser
+hochpolitische Klub unterhielt durch seine Kuriere und
+Mittelsleute eine stete Verbindung mit den übelsten lumpenproletarischen
+Kloakenbuden und Obdachlosenasylen.
+Lumpenproletarier waren es, die man zuerst durch Versprechungen
+auf Unterstützung und Anstellung in die Stahlhelmverbände
+lockte, dann trieb man die Kleinbürger, heillos
+borniert wie sie waren, zu Paaren, sie waren es gewohnt
+zu gehorchen wie dem Hund die Schafherden. Die
+hatten während der Novembertage geradezu Angst vor
+ihrer eigenen Freiheit bekommen, waren sie doch dressiert
+nur auf Kommando zu parieren. Eine geringe Dosis
+schwarzweißroter Gemütssalbe genügte, feste druff, und schon
+hatte man sie wieder bei der Stange. Sie waren von den
+hohen Stellen bestimmt, die Kastanien aus dem Feuer zu
+holen. Preußische Disziplin, kerndeutsch, treudeutsch: das
+waren so die üblichen Zauberworte, um damit jeden, der
+sich irgendwie mißliebig gemacht hatte, ordentlich unter die
+Fuchtel zu nehmen, und das besorgten auch ausreichend die
+jeden Tag sich noch „nationaler“ gebärdenden kleinen
+Herrschercliquen. Und zwar nach allen Regeln der Kunst.
+Zeitweilig wurden Speiseküchen eingerichtet, man wollte
+künstlich die Bewegung ins Proletariat hinein verbreitern,
+auch gab die Großindustrie in der damaligen Zeit viel Geld:
+bei all diesen Wohlfahrtseinrichtungen verschlangen aber
+über 60 Prozent die betreffenden Organisationen. Richtige
+Parasitennester entstanden, die ungeheuerlichsten und schamlosesten
+Forderungen wurden für die geringsten Dienstleistungen
+gestellt. Die Inflation warf auch noch jeden Tag
+<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
+neue Postenanwärter in die völkischen Reihen ... Dann
+gab es eine Periode: jeder war sein eigener Ludendorff.
+Man sprach überhaupt nur noch in Zitaten ... Dann
+kam <em>eine</em> Zeit, da tauchten Gestalten auf, die nicht nur
+für eine Seite spitzelten, sondern mit wahren und falschen
+Nachrichten fünf bis sechs Stellen zugleich bedienten ...
+Mit den widerlichsten Krankheiten behaftete Kretins taten
+sich dazwischen breit, zeterten „Heil“ und schrieen Mordio
+und Feurio, kolportierten bis zum Brechreiz die beinahe
+nur noch pathologisch zu bewertende Phrase vom rassenreinen
+Menschentum, vom Sonnen-Arier, trieben Wotankult
+und verzückten sich augenverdrehend an einem paradiesischen
+Traum-Walhall, indessen fütterten sie sich beträchtlich
+und rafften mit gierigen Händen, alles was ihnen
+unter die Finger kam, zusammen. Dann kam eine Zeit,
+Flaute nannte man sie, keiner wurde eigentlich mehr recht
+froh seiner begangenen Spitzbübereien und vollbrachten
+Morde, die eisenkreuzgeschmückten Bramarbasse wurden
+bedeutend ruhiger, und man begeisterte sich plötzlich wieder
+für eine vernünftige deutschnationale Realpolitik ... Nur
+konfessionelle Gegensätze trieb man noch ab und zu auf die
+Spitze ... Auch in der Angelegenheit des Erbfeindes
+kriselte es schon bedenklich. Der Revancheangriff, großmäulig
+vorbereitet und umso schlechter organisiert, wurde
+plötzlich über Nacht abgeblasen ... Das wäre also in
+Umrissen die Geschichte einer politischen Bewegung, vom
+Finanzkapital ausgehalten, und von ihm in einem gewissen
+Zeitabschnitt als politisches Druckmittel gehandhabt, als ein
+Instrument der Erpressung, in einem Zeitabschnitt, da man
+noch nicht an die Möglichkeit einer legalen Restauration
+glaubte. Als Ideologen figurierten durchwegs Lumpenbourgeois,
+internationale Desperados, abgetakelte Offiziere;
+die Träger der Bewegung, die Masse waren: Studenten,
+Angestellte, Gymnasiasten, kleine Beamte, Lumpenproletarier,
+Kleinbürger. Mag sein, daß sich auch mancher persönlich
+lautere Charakter und idealistisch Gesinnte dorthin
+verirrt hatte. Diese aber haben sich bald voll Ekel abgewandt
+... Ueberhaupt, es dauerte nicht mehr lange:
+die ganze Bewegung erstickte vollends im Schlamm der
+<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
+Korruption, verschmorte in ihrem eigenen Fett. Nur hie
+und da ein Nebbich-Sektenbildner rumorte noch wo herum
+als Diskussionsredner in einer Versammlung. In hellen
+Scharen war man zu den Deutschnationalen übergelaufen,
+andere zogen sich schmollend aus dem politischen Leben
+zurück ... Drei Monate in solch einer Bewegung verbracht:
+da heißt es gründlich mit sich abrechnen, das Fazit ziehen
+und dann: für die Zukunft daraus lernen. Nur Narren
+und Phantasten binden sich weiter die Scheuklappe um, erhitzen
+sich selbst künstlich bis auf 40 Grad Fieber und sind
+eben unempfindlich gegen jede Art von kalter Dusche. Daß
+Deutschlands Aufstieg allerdings gleichbedeutend ist mit der
+restlosen Ausrottung dieser Banditen und ihrer Geldgeber,
+daß die Niederkämpfung dieser Bewegung vielmehr die
+Grundvoraussetzung der wirklichen Gesundung Deutschlands
+ist: das wurde mir im Verlauf jener drei Monate, die ich
+in dieser Gesellschaft verlebt hatte, eindringlich klar. Die
+Antisemiten pumpten wacker beim Juden und ein Jude
+wiederum schrieb zum Dank dafür für die Völkischen das
+antisemitische Exerzierreglement!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-4-6">
+<span class="firstline">VI</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Weiter jagten sich Peters Gedanken.
+</p>
+
+<p>
+„Da gleiten hin die Industriemagnaten durch die Stadt
+auf ihren schnittigen Luxuskraftwagen. Weit außerhalb
+der Stadt, den schmutzig gelben Strom entlang, ragen die
+Fabrikschlote. Fronten von Mietskasernen, scharf ausgerichtet,
+starren leblos, unbewegt. Fünfzig Stock hoch türmen
+sich in den Stadtzentren die Bankhäuser ...
+</p>
+
+<p>
+„Ein Boxkampf findet statt: als der Sieger abtritt,
+rasen 50000 Menschen vor Begeisterung. Der Riesenraum der
+Arena ist ein vieltausendfaseriges zuckendes Nervenbündel.
+</p>
+
+<p>
+„Es hält in Moskau der rote Kriegsrat eine Sitzung ab.
+Der rote Reitergeneral Budjonny spricht. Seine Worte sind
+Trompetensignale, sind Hammerschläge ...
+</p>
+
+<p>
+„Und die Straßen Jokohamas sind voll von demonstrierenden
+Menschenmassen. Japan, ganz Japan läuft
+<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
+Sturm gegen das amerikanische Einwanderungsgesetz. Im
+Staate Ohio aber wird indeß ein Neger gelyncht: ein
+Scheiterhaufen ist errichtet und man verkauft an die vornehmen
+Amerikanerinnen, 5 Dollar pro Stück, Fleischfetzen,
+Knochenteile von dem verkohlten Gerippe ... Sie sollen
+wohl Gesundheit und Glück bringen ...
+</p>
+
+<p>
+„Während in Stuttgart ein berühmter deutscher Soziologe
+seinen Vortrag über nationalökonomische Probleme
+mit den Worten beschließt: „Zurück zu Gott!“
+</p>
+
+<p>
+„O, da ist ja auch die ganze Scharfrichterfamilie versammelt,
+Herr Gröpler: so heißt er, der der ordnungsgemäßen
+Handhabung des Richtbeils nur Allzukundige, im
+Nebenberuf Inhaber einer gutgehenden Dampfwäscherei;
+da feiert er auch schon im Kreis seiner Lieben das Jubiläum
+seiner fünfzigsten Hinrichtung. Und die Wände seines
+trauten Heims sind mit Sprüchen aus der Bibel (Korinther)
+und mit Kaiserbildnissen geschmückt. Den fünf zum Tode
+Verurteilten aber hat man über Weihnachten drei Tage
+Aufschub gewährt, damit der Sängerchor der Strafvollziehungsanstalt,
+dessen eifrige Mitglieder die fünf Armensünder
+bis dato noch sind, an den hohen Festtagen wenigstens
+intakt bleibt.
+</p>
+
+<p>
+„Halleluja!
+</p>
+
+<p>
+„Und wieder wird ein Betrieb stillgelegt. Tausende
+trollen wieder arbeitslos herum auf der Straße, schwarz,
+hungernd, knieschlotternd, frierend: so staut es sich vor dem
+Arbeitsnachweis ...
+</p>
+
+<p>
+„Und in den chemischen Laboratorien experimentiert man
+inzwischen herum an einem neuen Giftgas. In den illustrierten
+Zeitschriften findet man, neckisch von Blümchengirlanden
+umrahmt, die Photographie des genialen Konstrukteurs
+der neuesten Flugzeugbombe.
+</p>
+
+<p>
+„Die Prediger verkünden mit ausgebreiteten Armen von
+der Kanzel herab: „Friede auf Erden.“
+</p>
+
+<p>
+„Friede auf Erden!“ „Amen! Amen“ schallt vielstimmig
+zurück der Chor der Gläubigen. Die Kathedrale ist wie
+ein Sarg. Weihrauch, Kerzenglanz, geflüsterte Gebete
+mischen sich ineinander ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
+„Die Strafexpedition, aus Truppenkontingenten zweier
+europäischer Nationen zu gleichen Teilen zusammengesetzt,
+stößt in die von den flüchtigen Eingeborenen angezündeten
+Urwälder vor. Riesige Giftmücken flattern um die von der
+Siedehitze brodelnd aufgeweichten Leichname. Der Himmel
+glänzt scharf. Wie glanzblau lackiert ...
+</p>
+
+<p>
+„Tausende sterben jetzt.
+</p>
+
+<p>
+„Tausende entschlüpfen soeben dem Mutterbauch.
+</p>
+
+<p>
+„Leben und Tod: o untrennbar eins sind sie in jeder Weltsekunde.
+</p>
+
+<p>
+„Die Wellen des Ozeans schlagen an viele Küsten ...
+</p>
+
+<p>
+„Da findet ein Hundediner statt. Reichlich besetzt mit
+wirklich köstlichen Dingen ist solch eine Tafel. In Bombay
+beträgt die Kindersterblichkeit 82 pro Mille. Schreckliche
+Höllen sind überall in der Welt die Proletarierviertel.
+Eine grausige Blutsprache sprechen die Statistiken ...
+</p>
+
+<p>
+„Aufgeteilt ist die Welt ...
+</p>
+
+<p>
+„Nach blutigen Gemetzeln ... Vor noch schlimmeren
+Morden ...
+</p>
+
+<p>
+„Ein revolutionärer Führer spricht im Norden Berlins
+in einer Proletenversammlung. Ein anderer schreibt hin
+wie lebendige Feuerlinien aufrührerische Sätze ... „Hetzer“
+ist ihnen ein Ehrenname ...
+</p>
+
+<p>
+„In welchem Zeitabschnitt leben wir!? ... Das Tempo
+der Geschichte hämmert mit gewaltigen Schlägen ...
+</p>
+
+<p>
+„Eine große Zeit fürwahr, eine Heldenzeit ... Doch
+wer sind ihre eigentlichen Träger ...? Namenloses Heldentum.
+Blutzeugentum. Kämpfertum. Märtyrertum ...
+Ein Arsenal von Kampftaten und Opferlegenden noch für
+Jahrtausende ...
+</p>
+
+<p>
+„Und einer zum Beispiel, ein Schulkamerad, ein gleichgültiger
+Name, fand nicht mehr heraus aus diesem Labyrinth,
+was er auch tun mochte, wie sehr er sich auch anstrengte.
+Er war bis zum Irrsinn angewidert von all dem,
+wurde eines Tages wirklich verrückt, titulierte Christus
+mit „Kollege“ und schoß sich eine Kugel durch den Kopf.
+Als er abdrückte, schrie er überselig: „Es ist vollbracht!“
+<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
+Warum auch nicht. Ein anderer, Freund meines Vaters,
+Fabrikant Germersheimer, ebenfalls ein überaus gleichgültiger
+Name, mästet sich prall mit Illusionen, hält
+Geistersitzungen ab, läßt Tische rücken und studiert auf
+seine alten Tage Theosophie. Auch er muß eines Tages
+platzen ... Andere gehn vorüber. Gehn sie vorüber!?
+Nimmermehr. Keineswegs. Auch ihnen wird eines Tages
+die Entscheidung aufgezwungen werden, auch sie werden
+eines Tages Farbe bekennen müssen ...
+</p>
+
+<p>
+„Aber Arbeiterkolonnen, die abends aus der Fabrik heimkehren,
+scheinen mir muskelbepackt, straff, trotz der Ueberarbeit.
+Ihre Beine federn elastisch, wenn sie ausschreiten:
+die zeigen, daß sie noch marschieren können, trotz alledem.
+Daß sie sprungbereit geblieben sind. Trotz alledem. Und
+in ihren Fäusten sitzt ein guter Griff. Glück auf! Greift
+zu, wenn es soweit ist. Seid auf eurem Posten, wenn es
+drauf ankommt. Werdet ihr es schmeißen!? ...
+</p>
+
+<p>
+„Und da zählen nach Tausenden, Abertausenden in
+diesem Augenblick die Gefangenen, die in den zwingkäfigähnlichen
+Zellen der staatlichen Zuchthausanstalten hocken.
+In allen fünf Erdteilen. Farbige ebenso wie Weiße. Alt
+und jung. Männer, Kinder, Weiber. Unterschiedslos.
+Noch-Gesunde und schon Sterbenskranke. Sie drücken sich
+in die Mauerwinkel. Schweigend. Nur hie und da ein
+Tobsuchtsanfall. Schreie, wie ein blutiger Erguß. Sind
+es versteinerte Menschenreste!?
+</p>
+
+<p>
+„Einzelmorde, Massenschlächtereien, Bankkrachs, Umarmung,
+Empfängnis, Vergewaltigung, Streik, Niedertracht,
+Straßendemonstrationen, Ausbeutung, Prassereien:
+das alles geschieht jetzt in der Welt, zur selben Stunde, zur
+gleichen Zeit ... Aber die ganze Welt ist aufgeteilt in
+zwei große Heerlager ...“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-4-7">
+<span class="firstline">VII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Automatisch schwang die Drehtüre des Caféhauses wieder
+um ihre eigene Achse.
+</p>
+
+<p>
+„Ach da bin ich ja noch ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
+Die Mäntel am Garderobenständer kletterten übereinander.
+</p>
+
+<p>
+Immer noch saßen die Zeitungsleser, verschanzt hinter
+ihren Zeitungen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Telephon klingelte.
+</p>
+
+<p>
+Peter ging.
+</p>
+
+<p>
+„Sollte das nicht doch möglich sein, das Menschennatürlichste,
+das Menschenselbstverständlichste, das Aller-aller-Einfachste?
+Mit Aufbietung aller Kräfte, unter Zusammenraffung
+unseres ganzen Menschendaseins!? Das, das müßte
+man doch versuchen ... Oder ob das Einfachste nicht doch
+nur ein scheinbar Einfachstes ist, am Ende nicht gar das
+Allerschwerste!? ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Theater waren jetzt aus.
+</p>
+
+<p>
+Neue Menschenströme brachen in die Straßen ein.
+</p>
+
+<p>
+Ein Autohupen-Konzert.
+</p>
+
+<p>
+Kokottenrudel trieben straßauf, straßab.
+</p>
+
+<p>
+Liebespaare wankten eng umschlungen einem Park zu.
+</p>
+
+<p>
+Ein Mädchen der Heilsarmee gröhlte irgendwo in einem
+Platzwinkel: „Jesus, süßer Bräutigam ...“
+</p>
+
+<p>
+Recht so, die Religion soll dem Volk erhalten bleiben.
+Und das drückte auch auf die Tränendrüse manch einer vornehmen
+Herrschaft, die gnädiglich aus krokodilsledernen
+Handtaschen heraus ein Almosen für die Armenspeisung
+spendete. Mit blankgescheuertem Gewissen schlenkerte sie
+dann, sich wohlig in ihren Pelzen räkelnd, von dannen.
+</p>
+
+<p>
+„Menschendreck ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Himmel war wie ein Eismeer.
+</p>
+
+<p>
+Wie Packeis trieben die Wolken darin, zu Eisbergen
+sich türmend, absplitternd; Haufen von Scherben. Scharf
+gezeichnet hoben sich weit hinten am Horizont in der blauen
+Flut die unermeßlich lang gestreckten Eiswände ab. Und
+der Mond stand mitten darin, unförmig, geborsten, ein ziellos
+treibendes Leucht-Wrack.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
+„Ja, ja, das ist schon so: es stimmt schon: Die Barbarei
+erscheint wieder, aber aus dem Schoß der Zivilisation selbst
+erzeugt und ihr angehörig ...“
+</p>
+
+<p>
+Und Peter schritt die Straße hinauf, die sich vor ihm zu
+heben schien und steil und immer steiler ward, wie im
+Sturmschritt.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-4-8">
+<span class="firstline">VIII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Die Diskussion in den „Frankfurter Festsälen“ begann.
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich wieder so ein Kommunist“, knurrten einige,
+als der Versammlungsleiter bekanntgab:
+</p>
+
+<p>
+„Herr Schnetter hat das Wort.“
+</p>
+
+<p>
+Einige Zwischenrufe knallten.
+</p>
+
+<p>
+Der Referent schmunzelte.
+</p>
+
+<p>
+„Man glaubt schon einen gewaltig kühnen Schritt getan
+zu haben, wenn man sich freimacht vom Glauben an die
+erbliche Monarchie und auf die demokratische Republik
+schwört. In Wirklichkeit aber ist der Staat nichts als eine
+Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere,
+und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als
+in der Monarchie. – Der Feind aber, der uns die Hand
+zum Wahlbündnis hinstreckt und sich als Freund und Bruder
+uns aufdrängt – ihn und nur ihn allein haben wir zu
+fürchten. Wie können die Massen noch an uns glauben,
+wenn die Männer des Zentrums, des Fortschritts und
+anderer bürgerlicher Parteien unsere Bundesgenossen sind
+– wozu dann der Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft,
+deren Vertreter und Verfechter sie allesamt sind? ... Ist
+einmal die Grenzlinie des Klassengegensatzes verwischt, sind
+wir einmal auf der schiefen Ebene des Kompromisses, dann
+gibt es kein Halten. Dann geht es weiter und weiter abwärts,
+bis es kein Tiefer mehr gibt ... Mit der Bewilligung
+der Kriegskredite 1914 hat die Sozialdemokratische
+Partei Deutschlands diesen Tiefpunkt erreicht.“
+</p>
+
+<p>
+Hier schon wurde der Diskussionsredner unterbrochen.
+</p>
+
+<p>
+„Reden Sie nicht in Zitaten und besonders nicht in
+solchen, die Sie nicht verstehen!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
+„Das habe nicht ich, sondern Karl Marx in seiner Einleitung
+zum „Bürgerkrieg in Frankreich“ gesagt, und das
+zweite Zitat ist von Wilhelm Liebknecht. Sie zeigen durch
+Ihre Zwischenrufe nur, daß sie mit diesen beiden Männern
+nichts mehr gemein haben ...“ erwiderte der Diskussionsredner.
+</p>
+
+<p>
+„Na, also da haben wir’s ja. Weiter habe ich ja auch
+nichts gesagt.“
+</p>
+
+<p>
+Der Zwischenrufer hatte Beifall.
+</p>
+
+<p>
+„Der Arbeiterverrat, den Sie heute vertreten“, fuhr
+Genosse Schnetter fort, „ist schon von langer Hand vorbereitet
+worden. Schon Kautsky, der Historiker ... in seinen
+Vorläufern des Sozialismus ... Welche internationale
+Bedeutung aber die Zustimmung zu den Kriegskrediten
+1914 hatte, das kann nur der ermessen, der die ungeheure
+Ausnahmestellung, die die Deutsche Sozialdemokratie innerhalb
+der 2. Internationale damals innehatte, kennt, die
+Deutsche Sozialdemokratie war die Perle der ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wirf sie jetzt nicht vor die Säue, Hund ...“
+</p>
+
+<p>
+„Theoretischer Quatsch!“
+</p>
+
+<p>
+„Schluß damit!“
+</p>
+
+<p>
+„Erledigt! Raus! Abtreten! Zur Sache!“
+</p>
+
+<p>
+Der Ordnerdienst schob sich unauffällig nach vorn. Hielt
+im Saal Umschau und stellte die Positionen derer fest, die
+dem kommunistischen Redner zustimmten.
+</p>
+
+<p>
+Eine kurze Unruhe entstand.
+</p>
+
+<p>
+Der Versammlungsleiter klingelte.
+</p>
+
+<p>
+„Holt doch einfach die Schupo ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Diskussionsredner hatte sich dem Referenten halb
+zugewendet.
+</p>
+
+<p>
+„Lauter!“ brüllte jemand.
+</p>
+
+<p>
+„Keine Dialoge! Sprechen Sie zur Versammlung!“
+</p>
+
+<p>
+„Ihr seid an der Ermordung von Rosa Luxemburg und
+Karl Liebknecht schuld! Wollt ihr das noch immer nicht
+wahrhaben ... Ihr, ihr ...“
+</p>
+
+<p>
+Und unter einem brüllenden Gelächter zog der Kommunist
+eine Broschüre hervor.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
+„Pfui! Pfui! Pfui! Schurke! Halunke! Schuft! Verleumdung!
+Elender Lügner! Von Moskau bezahlt! Erbärmliche
+Niedertracht! Brenn’ ihm eins! Jib ihm
+Saures ...“
+</p>
+
+<p>
+„Zehn Jahre SPD!“
+</p>
+
+<p>
+Einen Augenblick wurde es ganz still.
+</p>
+
+<p>
+„Blamieren Sie sich, so gut Sie können!“ schmunzelte
+jovial der Referent!
+</p>
+
+<p>
+„Arbeiter! Genossen! Seht Euch Euere Führer an! Wir
+Kommunisten würden doch nicht immer wieder auf die
+Haltung der SPD. während des Krieges zurückkommen,
+wenn nicht die Politik der SPD. nach dem Krieg, in jeder
+Epoche der Nachkriegszeit, denselben Arbeiterverrat darstellen
+würde ... Dieser Herr, der Herr Referent, der
+Euch heute abend noch soeben das Sachverständigengutachten
+so wohlschmeckend zubereitet hat, ist er nicht derselbe,
+der einstmals begeistert ausgerufen hat: „Ich geh zum
+Hindenburg!“ und der damals folgendes geschrieben hat:
+„Nur im Zeichen dieser Ströme von Blut, nur im Zeichen
+des zermalmenden Eisens, das diese Ströme hervorbrechen
+macht, können wir davon sprechen, daß das Ziel nahe ist.
+Wir müssen den Kriegswillen der Gegner im Blut ersticken
+...“ Das ist das eine. Das andere lautet – paßt
+gut auf! –: „Um alles in der Welt möchte ich jene Tage
+inneren Kampfes nicht noch einmal erleben! Dies drängend
+heiße Sehnen, sich hineinzustürzen in den gewaltigen Strom
+der allgemeinen nationalen Hochflut, und von der anderen
+Seite her die furchtbare seelische Angst, diesem Sehnen
+rückhaltlos zu folgen, der Stimmung ganz sich hinzugeben,
+die rings um einen herum brauste und brandete, und die,
+sah man sich ganz tief ins Herz hinein, auch vom eigenen
+Inneren ja schon Besitz ergriffen hatte. Diese Angst: Wirst
+du auch nicht zum Halunken an dir selbst und deiner Sache!?
+Darfst du auch so fühlen, wie dir ums Herz ist? Bis dann
+– ich vergesse den Tag und die Stunde nicht – plötzlich die
+furchtbare Spannung sich löste, bis man wagte das zu sein,
+was man doch war, bis man – allen erstarrten Prinzipien
+und hölzernen Theorien zum Trotz – zum erstenmal (zum
+erstenmal seit fast einem Vierteljahrhundert wieder!) aus
+<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
+vollem Herzen, mit gutem Gewissen und ohne jede Angst
+dadurch zum Verräter zu werden, einstimmen durfte in
+den brausenden Sturmgesang: Deutschland, Deutschland
+über alles! ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Versammlung atmete kaum noch ...
+</p>
+
+<p>
+„Nun, Arbeiter-Genossen, und sehr verehrte „Herren“
+Zwischenrufer von vorhin, ich frage Euch jetzt, urteilt selbst:
+ist das die Sprache eines Sozialisten!? Wem von Euch noch
+ein Funke proletarischen Ehrgefühls innewohnt, wer noch
+ein klein wenig proletarischen Klasseninstinkts sein eigen
+nennt, der wird nicht umhin können, eine solche Auffassung
+zu brandmarken als das, was sie in der Tat ist: als Ausdruck
+der schamlosesten, hundsföttischsten Korruption. Das
+ist zwar nicht Landesverrat, auch nicht Hochverrat, jeder
+dieser ehrenwerten Spießer ist würdig, mit dem <span class="antiqua">Pour le
+mérite</span> dekoriert zu werden ... aber dafür ist es Arbeiterverrat,
+Arbeiterverrat und nochmals Arbeiterverrat! ...“
+</p>
+
+<p>
+Viele Arbeiter sahen bei diesen Worten sich unschlüssig an.
+</p>
+
+<p>
+Manche schüttelten mit den Köpfen.
+</p>
+
+<p>
+„Hat der wirklich so was geschrieben?!“
+</p>
+
+<p>
+„Kann’s gar nicht glauben ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, bei der Stimmung, die damals gewesen ist ...“
+</p>
+
+<p>
+Vieler Augen öffneten sich jetzt weit, viele Ohren horchten
+gespannt.
+</p>
+
+<p>
+„Rasch! Mach schnell!“ flüsterte der Versammlungsleiter
+einem Funktionär zu, „sonst geht uns am Ende noch
+die ganze Versammlung aus dem Leim. Lieber noch sie
+hochfliegen lassen ...“
+</p>
+
+<p>
+Und der Funktionär gab unauffällig ein Zeichen.
+</p>
+
+<p>
+Vier oder fünf unter den Tausenden schrieen plötzlich los:
+</p>
+
+<p>
+„Unsinn! Blödsinn! Schuft! Neue Lügen! Kein Wort
+ist wahr! Alles gefälscht! ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Arbeiter sahen sich wieder an.
+</p>
+
+<p>
+„Siehst du, das hab ich doch gleich gedacht, daß das so
+eine Lüge ist. Das wäre doch schon ... Da dürfte der ja
+gleich einpacken ... Aber was die Kommunisten sich nicht
+alles aus den Fingern saugen ... Pfui, Teufel ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
+„Das haben Sie, das haben Sie, Sie, Sie, Herr Genosse
+Bauer geschrieben, damals, und jetzt, jetzt schämen Sie sich
+nicht, jetzt wagen Sie es ...“
+</p>
+
+<p>
+„Schluß! Schluß! Schluß!“
+</p>
+
+<p>
+Der Versammlungsleiter klingelte.
+</p>
+
+<p>
+„... und so entziehe ich dem Redner wegen grober
+Verleumdungen persönlicher Art und wegen vollkommenen
+Mangels an Objektivität und Sachlichkeit das Wort ...
+Da kein Redner mehr gemeldet ist, hat unser Genosse Bauer
+das Schlußwort.“
+</p>
+
+<p>
+„Recht so!“
+</p>
+
+<p>
+„Bravo! Bravo! Raus mit ihm!“
+</p>
+
+<p>
+Der Saal stampfte. –
+</p>
+
+<p>
+Und schon wurde der Kommunist von einigen kräftigen
+Ordnungsleuten heruntergeholt. Genosse Bauer schüttelte
+noch den Kopf und riet überlegen freundschaftlich von
+Gewaltanwendung in diesem besonderen Fall ab.
+</p>
+
+<p>
+„Hofrichter-Rauscher-Breuer-Kuttner!“ drohte der Kommunist
+mit der Faust ... „und damals in den Kapptagen,
+erinnern Sie sich noch auf der Pressekonferenz ... Sie,
+ihr, die wirklichen Urheber an der Ermordung ... Soll
+ich Ihnen das sozialdemokratische Rezept verraten: Was
+sagt euer Wels: „Wir haben eine Bewegung der Arbeitermassen
+nicht zu fürchten. Wenn sie über unsere Köpfe
+hinwegzugehen droht, stellen wir uns an ihre Spitze und
+biegen die Bewegung um, wie 1918 ...“
+</p>
+
+<p>
+Dies schrie der Kommunist noch, schon halb aus dem
+Saal geschleift.
+</p>
+
+<p>
+Ein riesiger athletischer Bursche vom republikanischen
+Ordnerdienst klopfte jetzt auf ihm mit einem stählernen
+Totschläger einigemal herum.
+</p>
+
+<p>
+„Längst erledigt! Zur Sache! Moskowiter! Genosse
+Bauer hat jetzt das Wort ...“
+</p>
+
+<p>
+„Hinaus ... aus ... aus ...“ echote es rings.
+</p>
+
+<p>
+Am Saaleingang aber vermochte sich der Kommunist doch
+noch einmal aufzurichten, sich loszureißen und mit einer
+mächtigen Stimme schleuderte er zurück:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
+„Ihr, ihr, ihr dort oben: ihr habt dem Proletariat den
+Mut, das Kraftgefühl, das Selbstvertrauen gestohlen. Und
+das ist vielleicht von allen eueren Missetaten, Unterlassungssünden,
+Gemeinheiten das Allerschlimmste ... Ihr seid in
+den Reihen der bürgerlichen Klassenarmee nichts weiter
+als die Spezialkommandos zur Niederknüppelung der
+revolutionären Arbeiterschaft ... Ihr seid der Klassenfeind
+im eigenen Lager ... Pfui, Mörder, Schufte, Verräter!
+Schluß mit euch ...!“
+</p>
+
+<p>
+Die Saaltür krachte jetzt zu.
+</p>
+
+<p>
+„So ein Kommunist ist nicht tot zu kriegen ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Luft war wieder rein. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-4-9">
+<span class="firstline">IX</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Max beobachtete den Referenten, der soeben das Schlußwort
+ergriff.
+</p>
+
+<p>
+Wie vertrauenerweckend allein schon seine Gestalt war!
+Breit und behäbig, prall gefüllt mit Wohlüberlegtheit und
+kugelrund vor Verantwortlichkeit! Rotbackig, mit schwärzlich
+buschigem Schnurrbart. Ganz im Gegensatz zu dem
+Kommunisten, einem jungen und aufgeregten Bürschlein ...
+Sachlich, wenn es sachlich zu sein galt, voll von Entrüstung
+und gewitterschwangerem Pathos, wenn er auf die Umtriebe
+der Reaktion oder auf die schändlichen Machenschaften
+und Spaltungsversuche der Kommunisten zu sprechen kam.
+Ausgeglichen, männlich-reif ... Der hat Kenntnisse, der
+versteht was vom Handwerk, der läßt sich nicht so leicht
+unterkriegen, der hat Erfahrungen. Nun, schau nur einmal!
+... Kurz gesagt: es war, als spreche hier der gesunde
+Menschenverstand selbst.
+</p>
+
+<p>
+Wie fieberig erhitzt dagegen der Kommunist wirkte!
+Ueberspitzt in allen seinen Gesten und Aeußerungen, jedes
+Wort maßlos übertrieben. Vor solchen Menschen muß man
+sich in Acht nehmen, wie das in ihren Augen flackert, in
+ihren Fäusten zuckt, in ihrem Brustkasten rumort ...! Die
+sind nicht schlecht verrückt! ... Donnerwetter ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
+„Nun, Genossen und Genossinnen, werte Versammlung!
+Dieser allem Anschein nach systematisch vorbereitete Sprengungsversuch
+der Kommunisten ist dank dem wirksamen
+Eingreifen unseres Reichsbanners –“
+</p>
+
+<p>
+„Bravo! Frei Heil!“
+</p>
+
+<p>
+„– mißglückt. Da haben Sie es! Aber der deutsche
+Arbeiter ist schließlich gerechtigkeitsliebend genug, um auch
+den Gegner so zu sehen, wie er ist. Ich spreche jetzt von der
+besitzenden Klasse. Lassen wir uns bei deren Beurteilung
+nicht von blindwütigem Haß hinreißen, ich gebe zu, mancher
+von uns, muß, um zu einem objektiven Urteil über seinen
+Gegner zu kommen, noch viel an sich arbeiten, denn die
+Theorie vom Klassenkampf hat viel an uns verdorben.
+Wir Sozialdemokraten vertreten die Gesamtheit der Nation,
+wir vertreten die Interessen aller Bevölkerungskreise, das
+Wort „Klassenkampf“ ist überhaupt veraltet und wissenschaftlich
+bereits längst überholt ... Also: mit dieser kommunistischen
+infamierenden Klassenhetze haben wir Sozialdemokraten
+nichts gemein. Von Kriegsgewinnlern und
+Inflationsschiebern abgesehen, was haben uns schließlich die
+Reichen getan, die in den Palästen wohnen? Sie sind dem
+Nestbautrieb gefolgt, sage ich, nichts weiter. Und dieser
+Tatsache müssen wir Verständnis entgegenbringen. Dafür
+wollen wir ihnen, bei Gott, nicht allzu gram sein ...
+Nun, zur Frage der Amnestie! Wer hat sich für die Amnestie
+eingesetzt!? Die Sozialdemokratie ... Ich brauche
+euch wohl nicht den Brief Max Hoelzens zu verlesen. Ihr
+kennt ihn ja aus dem „Vorwärts“. Aber es ist schließlich
+nicht ganz so leicht, immer gleich ebensoviel aus den Zuchthäusern
+herauszubringen, wie die Zentrale der Kommunistischen
+Partei jeden Tag durch ihre putschistische Taktik
+wieder hineinschafft. Eine Beharrlichkeit zeigen darin die
+Herrschaften, daß man sie beinahe bewundern möchte ...
+Wer aber knebelt, knechtet, verfolgt und verrät die Arbeiterschaft
+schlimmer als die dunkelste Reaktion!? Die Bolschewisten.
+Werft einen Blick in die russischen Gefängnisse, in
+die sibirischen Oeden! Denkt an die Greueltaten und an die
+Folterkammern der Tscheka! Und wer, frage ich euch, stellt
+immer wieder eigene Kandidaten auf, auch dort, wo gar
+<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
+keine Aussicht auf Erfolg ist, wer spaltet durch diese Manöver
+die Arbeiterschaft und wird so objektiv zum Steigbügelhalter
+der Reaktion? Wieder die Kommunisten. Ja, die
+Kommunisten sind an allem schuld. Und ich sage, lebte Rosa
+Luxemburg heute noch, sie stünde bestimmt in unseren
+Reihen ...
+</p>
+
+<p>
+„Bravo! Sehr richtig!“
+</p>
+
+<p>
+„Die Kommunisten aber treiben mit ihr Leichenschändung.
+Also darum! Auf an die Wahlurne! Abrechnung mit den
+Hetzern! Abrechnung mit jenen Kanaillen der Arbeiterschaft,
+den kommunistischen Berufsrevolutionären! Nieder
+mit der kommunistischen Bewegung, nieder mit den Kommunisten,
+dieser reaktionären Masse! ... Es lebe – – –“
+</p>
+
+<p>
+Und wieder dröhnte der Saal von dem dreimaligen
+„Hoch!“
+</p>
+
+<p>
+Langsam und schleppend wurde jetzt die letzte Strophe
+der „Internationale“ gesungen.
+</p>
+
+<p>
+Wie ein Trauermarsch.
+</p>
+
+<p>
+„Diese Welt muß unser sein!“
+</p>
+
+<p>
+Ja, so ist es. Aber wer glaubte noch daran!?
+</p>
+
+<p>
+Wie ein muskelloser, schlaffer, erschöpfter Körper: so war
+dieser Gesang. Tausend Münder schnappten automatisch auf
+und zu ... Kein Schwung, keine Kraft. Es zog nicht
+durch ...
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„Erst wenn wir sie vertrieben haben –</p>
+ <p class="verse">Dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlaß ...“</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Auch viele kannten den Text nicht ...
+</p>
+
+<p>
+Aber ein Proletariermädchen sang mit, es war klein und
+schmal, es hustete oft dazwischen, die Haut war durchsichtig,
+die Augen groß aufgerissen: es sang mit einer hohen schönen
+Stimme, diese Stimme schwang sich im Gesang hell empor
+aus Elend, Lebensnot und Alltagseinerlei, diese Stimme
+war wie klares Eiswasser: die Hände ballten sich, schneller
+sang sie die Strophen wie die andern, aber sie wurde auch
+immer wieder unwiderstehlich in den zähen, trüben, kleberigen
+Strom des Massengesanges zurückgerissen ...
+</p>
+
+<p>
+Die Versammlung war zu Ende.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
+Polizeimannschaften mit umgehängtem Karabiner patrouillierten.
+</p>
+
+<p>
+Das Wetter war umgeschlagen. Das Nebeldickicht verdampft.
+Es wehte ein scharfer Wind ... Die Nacht war
+eisig.
+</p>
+
+<p>
+Mit einigen Kollegen machte sich Max zu Fuß auf den
+Heimweg. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-4-10">
+<span class="firstline">X</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Lange Autoreihen vor den Hotels: betreßte Diener
+öffneten, die Hand an der Mütze, den Verschlag. Damen in
+Pelzmänteln, Herren in hochgeschlossenen schwarzen Mänteln,
+den Zylinder auf, dahinschreitend, beinahe akkurat
+so wie die Göttergestalten aus dem Altertum. Oder wie
+die Ritter meinetwegen ... Läden: aus denen wunderbar
+lackierte Autokarosserien hervorleuchteten ... Und wirklich
+schöne Frauen waren das vorhin, radikal mit den
+Augen einen zerschmeißen konnten die; duftiges Fleisch,
+ohne Fehl und Makel, irdische Göttinnen, gelenkig und geschmeidig.
+Wie sicher sie sich bewegen! Man mußte schon
+genau hinhören, wenn man ihre Sprache verstehen wollte.
+Gleichnisse, Tonfall: alles war anders.
+</p>
+
+<p>
+„Während unsereinem zu Hause die Frauen vor lauter
+Haushaltungsarbeit und Nahrungssorgen wurmstichig
+werden.“
+</p>
+
+<p>
+An den drei von der Versammlung heimkehrenden Proleten
+glitt das alles vorüber, wie eine unwirkliche Erscheinung.
+</p>
+
+<p>
+Das war wie das „Jenseits“.
+</p>
+
+<p>
+Einmal stieß der Metalldreher Lange den Max Herse
+in die Seite, man sprach aber dazu kein Wort: eine Gruppe
+von übergeschminkten Kokotten zwitscherte an einer Straßenecke
+herum, stürzte sich auf einen dicklichen angetrunkenen
+Herrn, der leicht schlingernd seines Weges daherzog: der
+dickliche Herr stoppte auch, nicht ohne Mühe, gestikulierte
+eifrig, nickte am Ende der Unterhandlung jovial und verschwand
+auch schon in der Nebenstraße, auf der einen Seite
+<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
+eingehakt von einer Spindeldürren, auf der anderen von
+einer Fetten.
+</p>
+
+<p>
+„Was so ein Späßchen bloß wieder mal kosten mag!“
+</p>
+
+<p>
+„Da schau nur mal an: so ein vollgefressenes Schweinchen
+das ... Na, dem gehört auch von seiner Alten der
+Buckel voll ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Proleten lachten nur dazu. Schüttelten die Köpfe.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+„Nein, Wilhelm, wenn ich seh, wie die im Betrieb arbeiten!
+So eine Pfuscherei ... Ich sag dir ... laß mich aus
+damit ...“
+</p>
+
+<p>
+„Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln ...
+und das nennen sie dann Arbeit im Konsum, Gewerkschaftsarbeit
+... Ist schon richtig: Fehler werden alleweil
+gemacht, Fehler müssen sogar gemacht werden, nur einer,
+der nichts tut, macht keine, aber absolut sich nun darauf
+zu versteifen, aus den Fehlern ausgerechnet nichts zu
+lernen ...“
+</p>
+
+<p>
+Der einzige von den dreien, der eben noch etwas für die
+Kommunisten übrig hatte, war Lange, Lange Wilhelm.
+Er war in einem Großbetrieb Metalldreher. Der Kollege
+Stilling von der AEG und Herse Max drangen nun auf
+ihren Arbeitskollegen Lange energischer ein.
+</p>
+
+<p>
+„Beim Streik bei der Turbine haben wir es wieder
+gesehen. Schön hübsch zuwarten, bis alles von selbst losgeht
+... Dann sich hinten anhängen und das große Maul
+haben, aber nur, nur nichts organisieren ... was kommt’s
+denn auf drei oder vier Pfennig mehr Lohn an, sagen sich
+die vornehmen Herrschaften ... und doch kommt’s darauf
+an, sag ich, der hat auch für große Kämpfe nicht das Vertrauen
+der Arbeiter, der nicht ihre kleinen und kleinsten
+Alltagsschmerzen mit ihnen teilt ... Auf ein mehr oder
+minder gutes Klosett kommt’s an, und wer das nicht
+begreift ... Eine richtige Schwanzpolitik ist das ... Na,
+ihr werdet euch noch gewaltig die Finger verbrennen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Und damals Wilhelm, wie wars denn im Oktober! ...
+Ich geb dir die Hand darauf, ich hab gewartet, daß es
+<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
+endlich losgeht. Kaum heimgeh’n hab ich noch können, immer
+war ich wie auf dem Sprung, und dann ... so in den
+Dreck gekrochen ... Pfui Teufel ...“
+</p>
+
+<p>
+Die beiden überschütteten Wilhelm mit einem Trommelfeuer
+von Vorwürfen.
+</p>
+
+<p>
+„Mag sein. Mag alles sein. Wir, wir vor allem in den
+Betrieben, müssen eben jetzt diese Fehler wieder herauswirtschaften
+... Aber, wenn man so wie ihr auf der Seite
+steht ... Und seht da: 7000. Hunderte von Jahren
+Zuchthaus und Gefängnis sind es, Kollegen. Und 15000
+haben sie allein in Deutschland unter die Erde geschossen.
+Und von Rechts wegen müßtet ihr auch die Kriegsverluste
+noch dazu zählen: 13 Millionen insgesamt gibt das ...
+Und diese Proleten, Kollegen, haben doch mit bestem Wissen,
+mit bestem Glauben, voll und ganz für uns gekämpft. Das
+könnt ihr doch, trotz alldem, nicht ableugnen ... Ist doch
+unser Blut! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Mag sein. Die Führer sind schuld daran. Die haben
+sie hereingebracht. Die sind allesamt durch die Bank faul ...
+Moskau ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Kollegen, daran liegts nicht. Daran liegts, daß
+wir bisher noch keine richtige Partei gehabt haben. Die
+müssen wir uns erst schaffen. Ohne Partei keine Führer ...
+So ists. Und die SPD. ist eine bürgerliche Partei ...
+Wir brauchen jetzt eine wirkliche Arbeiterpartei. Das ist
+keine geringe Aufgabe ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Kollege Lange wurde sich eigentlich erst während er
+sprach selbst klar darüber, was er jetzt vorbrachte.
+</p>
+
+<p>
+„Gut. Mag vieles davon stimmen, was ihr angeführt
+habt, du Herse und du Stilling. Aber auf das Ganze
+kommt es an, und da, das weiß ich, haben wir wohl
+recht ...“
+</p>
+
+<p>
+„Na, und stimmt das oder nicht, daß ihr Kommunisten
+auch immer dort eigene Kandidaten aufstellt, wo ihr gar
+keine Aussicht auf einen Wahlerfolg habt. Dadurch schwächt
+ihr nur die Arbeiterstimmen und leistet der Reaktion Vorschub.
+Wie heute abend auch richtig der Redner auseinandergesetzt
+hat ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
+„Ein schöner politischer Schmierölfabrikant das ... Da
+erteilt euch aber Karl Marx eine ordentliche Abfuhr. Bei
+dem heißt es nämlich klipp und klar: „Selbst da, wo gar
+keine Aussicht zu ihrer Durchführung vorhanden ist, müssen
+die Arbeiter ihre eigenen Kandidaten aufstellen, um ihre
+Selbständigkeit zu bewahren, ihre Kräfte zu zählen, ihre
+revolutionäre Stellung und Parteistandpunkte vor die
+Oeffentlichkeit zu bringen. Sie dürfen sich hierbei nicht
+durch die Redensarten der Demokraten bestechen lassen, wie
+z. B. dadurch spalte man die Demokratische Partei und
+gebe der Reaktion die Möglichkeit zum Siege. Bei allen
+diesen Phrasen kommt es schließlich darauf hinaus, daß das
+Proletariat geprellt werden soll. Die Fortschritte, die die
+proletarische Partei durch ein solches unabhängiges Auftreten
+machen muß, sind unendlich wichtiger als der Nachteil,
+den die Gegenwart einiger Reaktionäre in der Vertretung
+erzeugen könnte ...“ So, da habt ihrs, schwarz
+auf weiß, wie damals, so heute ...“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-4-11">
+<span class="firstline">XI</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Aber die Gegner Langes gaben sich damit nicht zufrieden.
+Nun fuhren sie, wenigstens ihrer Meinung nach, ein besonders
+schweres Geschütz auf.
+</p>
+
+<p>
+„Und Bazillen, Cholerabazillen, Giftgase und Fälscherzentralen
+... So lies doch die Zeitung! ... Auch eine
+deutsche Tscheka gibt es und Terrorgruppen ... Ich will
+nichts zu tun haben mit diesen Bombenwerfern und Gurgelabschneidern
+... Jeder ehrliche Prolet ... Ich meine
+nur: Pfui Teufel ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wir haben doch das denkbar größte Interesse daran,
+daß der Kapitalismus sich entwickelt. Und solange außerdem
+noch zwei Drittel der Bevölkerung für den Kapitalismus
+stimmen ... Nein, Wilhelm, so eine Putschtaktik
+mache auch ich meinerseits nicht mit ... Und kannst du
+vielleicht bestreiten, daß gerade die Kommunisten es sind,
+die am meisten unserem „Reichsbanner“ zu schaffen machen.
+Da, wie wars denn neulich im „Sportpalast“. Glaubt ihr
+<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
+denn im Ernst: Radau, Zwischenrufe, Gummiknüppel und
+Schlagringe sind ein ausreichendes Beweismittel. Gerade
+das Gegenteil erreicht ihr! Das müßt ihr schon anders
+anfangen! ... Wie wollt ihr das alles vom Arbeiterstandpunkt,
+vom Standpunkt der proletarischen Revolution aus
+rechtfertigen. Aber Befehl ist eben Befehl. Und Moskau
+ist für euch schon der liebe rote Gott. Ja, wenn der Rubel
+rollt, so war es schon immer in der Weltgeschichte, und wo
+der hinfällt, da wächst keine Vernunft mehr. Heute
+ist die 3. Internationale nichts weiter mehr als ein Instrument
+der russischen Außenpolitik ... Mit Arbeiterinteressen
+hat das verflucht wenig zu tun ... Und „Reichsbanner“
+oder „Stahlhelm“, was ist da das kleinere
+Uebel ...? Außerdem, so schlimm ist es ja nun, Gott
+sei Dank, mit dem Kapitalismus doch nicht. Wer arbeiten
+will und etwas kann, etwas kann vor allem, der bekommt
+auch Arbeit und hat zu essen. Aber schau dir nur einmal
+im Betrieb die Herren Genossen Kommunisten-Kollegen an:
+verstehn die vielleicht was vom Handwerk!? ... Bengels,
+freche Bengels sind sie, die große Schnauze haben sie,
+können sie vielleicht auf sachliche Einwände etwas wirklich
+Ernstzunehmendes erwidern ... zurückgeblieben und stehngeblieben
+mit ihren Anschauungen sind sie, weiter nichts ...
+Hie und da, das gebe ich gern zu, ist auch so ein Ehrlicher,
+so ein Fanatiker darunter ... So verbohrt, so verdreht ...
+Ich sage mir: man muß sich halt durchboxen ... Leben und
+Leben lassen ... Wird schon werden. Und die Auswüchse
+des Kapitalismus, die muß man bekämpfen. Habe nichts
+dagegen, wenn man die Wucherer und Schieber und mögen
+sie Minister und Kaiser und Könige und weiß Gott wie
+heißen, daß man die vor das Gericht stellt. Gerechtigkeit
+muß sein. Und die allzu große Ungleichheit zwischen Löhnen
+und Profit, die allerdings sollte auch beseitigt werden. Und
+wenn wir erst einmal die Mehrheit im Reichstag haben,
+dann wirst du sehen: wie ein Hagelwetter prasseln die
+Steuern auf den Rücken der Besitzenden nieder ... Du
+hast es doch heute abend selbst gehört ...“
+</p>
+
+<p>
+„Illusionen! Illusionen! Merkwürdig, wie ein Prolet
+sich heute noch solche Illusionen machen kann ... Ja, was
+<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
+ein jeder sich wünscht, daran glaubt er ... So arbeitet die
+SPD ... Es ist wirklich zum Verzweifeln. Zum Tieftraurigwerden
+...“
+</p>
+
+<p>
+Wilhelm Lange pfiff leise vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+„Ruhe und Ordnung!“
+</p>
+
+<p>
+Auch der Kollege Stilling von der AEG war der gleichen
+Ansicht wie Herse.
+</p>
+
+<p>
+„Wir brauchen einen Linksblock, meinte der, mit Einschluß
+der Kommunisten meinetwegen, wenn, ja wenn sie positive
+Arbeit, Wiederaufbauarbeit leisten wollen. So etwas wie
+in England oder in Frankreich. Da sieh dir nur einmal das
+Leben eines Arbeiters in England an! In Amerika. Hast
+du nichts von Ford gehört. Es gibt eben zweierlei Kapitalisten.
+Solche und solche ... Jeder hat da bald schon sein
+eigenes Auto. Ganz bestimmt, so wird es bald auch noch bei
+uns kommen ... Und ich sehe gar nicht ein, warum wir
+uns nicht friedlich weiterentwickeln sollen. Die Kapitalisten
+haben gar kein Interesse mehr am Kriege. Ein viel zu
+großes Risiko. Viel zu viel Angst vor einer Niederlage,
+die immer mit Revolutionsgefahr verbunden ist ... Für
+den Kommunismus aber sind wir noch nicht im entferntesten
+reif ... Hast du denn keine Augen und Ohren, Wilhelm,
+und siehst und hörst nichts in den Betrieben!? Diese
+Schweinereien! Diese Schmierereien! Wie der eine gegen
+den andern stänkert! Denunziert! Den Lohn drückt! Sich
+zu Ueberstunden drängt! Um den Meister herumschwänzelt!
+Streik bricht! Da ist es mit dem Klassenbewußtsein nicht
+weit her ... Und die Kommunisten sage ich, die haben, sage
+ich, durch ihr Maulaufreißertum ein für allemal abgewirtschaftet.
+Revolutionsgewäsch, überradikales Geschwätz,
+weiter nichts. Ich meine halt schon, auf das eine kommt es
+jetzt an – Frieden auf Erden ...“
+</p>
+
+<p>
+Endlich kam auch der Kommunist wieder zu Wort.
+</p>
+
+<p>
+„Schau, Max, neulich bei dem Grubenunglück, da hast
+du ganz anders gesprochen. Da bist auch du aus deiner
+SPD.-Haut gefahren. Und heut!? ... Es ist viel zu viel
+von Frieden die Rede, als daß es wahr sein könnte. Glaub
+mirs. Und haben wir nicht eigentlich noch immer Krieg:
+<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
+in Indien, in Aegypten, in China, bei den Türken, bei den
+Rifkabylen ... Bei uns selbst: ein trockener Krieg, wenn
+du willst ... Jeder Tag bringt doch neue Verluste ...
+Erwerbslose, Verhungernde, solche, denen die tödlichen
+Krankheiten direkt aufgezwungen werden ... Da war ich
+neulich dabei bei einer Armenkommission und habe einige
+Wohnungen besucht ... Na, sage ich dir: oft neun, zwölf
+Menschen in einem Raum, in einem Stalloch, und das war
+längst noch nicht das schlimmste ... Hundert Wohnungen
+gehören da einem, der vielleicht in Czernowitz sitzt. Heute
+ist <em>der</em> Besitzer, morgen der ... So einer wechselt die
+Häuser wie die Wäsche. Reine Spekulationsobjekte sind
+solche Wohnhäuser ... Dabei verfaulen sie, verfallen
+sie ... Wer kümmert sich um sie. Der Staat vielleicht!?
+Na, der hat andere Sorgen ... Die Bettstellen waren
+halb durch die verfaulten Bodenbretter in den Keller
+heruntergebrochen, ein Gestank darin ... nein sowas kann
+man nicht schildern ... Ich sage dir, so eine Wohnung ist
+weiter nichts als ein langsam sich vollstreckender Lebensmord
+... Und außerdem, sag ich euch, schaut euch nur
+einmal die Kriegsrüstungen an, das ist jetzt nur eine Atempause
+und alles spricht dafür, daß es bald wieder losgeht ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nachtigall, ick hör dir tapsen ... Das ja eben ist’s,
+was ihr braucht. Natürlich! Natürlich! Aufstieg und Gesundung
+unseres wirtschaftlichen und politischen Lebens
+dürft ihr ja nicht wahrhaben wollen. Ihr müßt im Trüben
+fischen. Wo reine helle Luft ist, da ist keine Atmosphäre
+für euch, da ist für euch nichts herauszuholen ... Je
+schlimmer aber die Verelendung ist, je größere kriegerische
+Konflikte ausbrechen, desto mehr Wasser, glaubt ihr, bekommt
+ihr auf eure Mühle ... Ich könnte mir denken,
+daß ihr von diesem Standpunkt aus, wenn Ebert mal tot
+ist, auch dem Hindenburg noch zur Präsidentschaft verhelft ...
+Doch wartet nur! ... Vielleicht läuft der Hase doch
+anders ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ach, laß mich aus jetzt mit der leidigen Politik, darüber
+werden wir uns doch nicht einig werden, warten wir die
+Zeit ab, aber so, wie es heute ist, sind die Kommunisten
+nichts weiter als ein Agentenklub der russischen Außenpolitik.
+<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
+Lenin, das war schon ein Mann, Trotzki,
+meinetwegen auch, aber alle anderen, diese Berufsfeldwebel
+der Revolution, sind von Uebel ... Da schaut euch nur die
+deutschen Kommunisten an! ... Reaktionäre Masse ...
+Jüngelchen in kurzen Hosen, noch nicht trocken hinter den
+Ohren, Novembersozialisten, Dienstzeit: insgesamt drei
+Jahre Arbeiterbewegung höchstens. Aber das Maul umso
+voller mit Phrasen, mit revolutionären Scheinparolen, und
+wenn es mal losgeht, ebenso die Hosen voll ... Nur ein
+Lastkraftwagen mit Schupo ... und, heidi, heida,
+verschwunden schon sind sie ... Hast du nicht neulich gesehn,
+wie am Alexanderplatz von zehn Schupos eine ganze Demonstration
+dieser Lausbuben auseinandergesäbelt wurde ...
+Dieses Grünzeug. Recht geschieht ihm ... Immer mal
+festedruff ... Kein ehrlicher deutscher Prolet ...“
+</p>
+
+<p>
+Wilhelm haute jetzt nur noch die Sätze hin:
+</p>
+
+<p>
+„Aber die sozialdemokratischen Führer haben die Arbeiterschaft
+entwaffnet, wehrlos gemacht, verraten, dem
+Klassenfeind ausgeliefert ... Das haben sie ... Und
+fahnenflüchtig seid ihr allesamt geworden. Rot aber habt
+ihr mit schwarzrotschwefelgelb vertauscht. Fahnenflüchtige
+Mostrichbrüder! ... Aber es hat ja doch keinen Sinn ...
+Wir Kommunisten waren die einzigen, die gegen die Monarchisten
+wirklich mit der Waffe in der Hand gekämpft
+haben: siehe Kapp-Putsch ... Und das werden wir auch
+weiterhin tun ... Jetzt aber Schluß damit ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+In der Debatte setzte es jetzt wieder Schlag auf Schlag.
+</p>
+
+<p>
+Der Genosse Wilhelm stand in einem richtigen Kreuzfeuer
+...
+</p>
+
+<p>
+„Kindertrompeten im Reichstag. Höllenmaschinen in
+Kathedralen. Explosivstoffe. Vor nichts Respekt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wir haben eben eine andere Auffassung vom Staat, wie
+ihr. – Wir, wir Proleten, wir sind die wirklichen Legitimen,
+wenn du so willst ... Und was die Gewinnung der Mehrheit
+innerhalb des kapitalistischen Systems betrifft, so ist
+das auch so ein utopischer Unfug. Der Mehrheitsgewinnung
+steht immer der mächtige Propagandaapparat der Bourgeoisie
+<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
+gegenüber, schau dir nur jetzt einmal den Rundfunk
+an, zu was allem der herhalten muß – und außerdem durch
+die Verschiedenartigkeit des Arbeitsplatzes, den jeder im
+Produktionsprozeß einnimmt ... Während des Kampfes
+erst, im Feuer des bewaffneten Aufstandes <em>wird</em> die
+Mehrheit. Ihr solltet endlich euch über den statistischen
+Unsinn klar geworden sein ...“
+</p>
+
+<p>
+„Schon gut. Aber arbeiten, arbeiten, die Revolution
+wirklich vorbereiten, organisieren: das könnt ihr nicht ...
+Nur Terrorgruppen, und niederbomben ...“
+</p>
+
+<p>
+„Mag richtig sein, was das erste betrifft. Darin müssen
+wir gewaltig viel noch zulernen. Warum sollen wir eine
+vernünftige Kritik nicht ertragen. Und das ist das erste
+Gescheite, was ihr gesagt habt ... Was die Spitzel anbetrifft,
+so solltet ihr euch als Proleten schämen, so einen
+ausgemachten bürgerlichen Schwindel nachzuschwätzen ...
+Habt es ja selbst neulich erlebt: wie diese gekauften Subjekte
+provozieren ... um dann uns Kommunisten etwas
+anzuhängen ... Ja immer, das sind wir schon gewohnt,
+sind es die Kommunisten. Die sind an allem schuld ...
+Vielleicht auch die Sonne, das rote Biest!? ... Die Bourgeoisie
+verzapft schon einen Mist, wäre ja alles zum Lachen,
+wenn die Arbeiterschaft sich doch nicht immer wieder von
+ihr ein x für u vormachen ließe. So ist’s zum Heulen ...“
+</p>
+
+<p>
+Wilhelm verschnaufte sich.
+</p>
+
+<p>
+Der eine oder der andere brummte noch etwas.
+</p>
+
+<p>
+„Nichts für ungut“, knurrte der AEG-Kollege.
+</p>
+
+<p>
+„’s ist schon so, die Hemdärmel möchte man sich hochkrempeln,
+wenn man mit euch diskutiert“, gab Wilhelm
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+Schwieg.
+</p>
+
+<p>
+Nun war wirklich einige Minuten lang Kampfpause. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-4-12">
+<span class="firstline">XII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Das Gespräch brach ab.
+</p>
+
+<p>
+Schweigend schritten die drei nebeneinander her.
+</p>
+
+<p>
+So war kein Zusammenkommen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
+In Moabit begegneten sie auf einer Brücke einer Klebekolonne.
+</p>
+
+<p>
+Vom anderen Ufer blinkte, hell erleuchtet, die Meierei
+Bolle herüber. Der Fabrikschlot rauchte. Nachtschicht.
+Dunkle Schleppkähne lagerten unten am Spreeufer.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die drei betrachteten schweigend ein eben angeklebtes
+Plakat. Ein Gefangener, der mit ausgemergelten Fingern
+in die Eisenstäbe eines Gefängnisgitters hineingreift. Blutrot
+war die ganze Gestalt. Das verzerrte Gesicht: eine irrsinnige
+Grimasse. Darunter stand nichts als die Zahl: 7000.
+</p>
+
+<p>
+Max erinnerte sich einen Augenblick an eine Gefängnisbeschreibung,
+die er neulich irgendwo gelesen hatte. Auch
+im Polizeigefängnis am Alexanderplatz sollen unglaubliche
+Zustände herrschen. Daß Gefangene auch noch geschlagen
+werden können, Dunkelarrest usw. Das wahnwitzige Antreiber-
+und Auspressersystem, das in den Gefängnissen gang
+und gäbe ist: das Papierdütenkleben, Bindfadenfabrizieren,
+wodurch Tausende von Heimarbeitern brotlos werden. Der
+Hundelohn, der den Gefangenen dafür bezahlt wird. Das
+Vorenthalten aller anderen Lektüre, außer der geistlichen ...
+Das Untersuchungsverfahren, unter Anwendung von Torturen
+– wobei ohne Verurteilung schon drei Viertel des
+Menschen vor die Hunde geht. Während es im überzivilisierten
+Amerika schon Gefängnisse gibt, als Rundbau aufgeführt,
+von innen, von der Mitte aus alle Zellen von
+einem Beobachtungsturm einzusehen, der zum Schutz gegen
+Revolten mit einem Maschinengewehr bestückt ist ... Auch
+Gas soll schon in Gefängnissen gegen Meuterer angewendet
+worden sein, wenigstens las man so was zwischen den Zeilen
+neulich in einem Bericht. Wie Geständnisse von politischen
+Angeklagten erpreßt werden mit Hilfe von Daumenschrauben,
+Hundepeitschen, Mißhandlungen mit glühenden
+Eisenstäben, Schlägen auf die Sohlen ... daß gegen zwei
+Angeklagte erst neulich das Verfahren eingestellt werden
+mußte, weil der eine während der Untersuchungshaft wahnsinnig
+wurde und der andere Selbstmord verübte ... Und
+<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
+dann erst, wie hingerichtet wird ... Das übersteigt schon
+jede Vorstellung ... Im Sowjetparadies aber soll es, den
+bürgerlichen Berichten nach, gar am schlimmsten sein ...
+Die Kommunisten also, die haben es gerade nötig ... Ein
+dummer Schwindel ist das ...
+</p>
+
+<p>
+Ein anderes Plakat: sehr hoch angeklebt: eine Riesengestalt,
+die mit einer Keule ein spinnenartiges Hakenkreuzgespenst
+erschlägt. Darunter stand: „Proleten! Tretet ein
+in den Roten Frontkämpferbund!“
+</p>
+
+<p>
+„Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und ein kranker
+Körper wie das deutsche Volk ihn darstellt, braucht nichts
+dringender als Erholung ...!“
+</p>
+
+<p>
+Wilhelm Lange rang noch einmal nach Luft:
+</p>
+
+<p>
+„Nun zum Abschied, das will ich euch beiden noch sagen,
+ich hab mirs überlegt. Das was ihr von Haarspaltereien
+bei uns sagt, ist nicht richtig, theoretische Klarheit muß sein.
+Wenn die nicht ist, dann kommt bei Aktionen auch nichts
+rechtes heraus. Und da muß allerdings oft um einen
+I-Punkt gestritten werden ... Was ihr über die Arbeiterschaft
+Englands sagt, so müßt ihr bedenken, daß die an den
+Extraprofiten, die die Kapitalisten aus den Kolonien herausschlagen,
+Anteil hat ... Also, daß es dem englischen
+Arbeiter besser geht, dafür schuften eben Millionen indischer
+Kulis ... Dann: Krieg und Kapitalismus gehören zusammen.
+So einheitlich, wie ihr euch das vorstellt, entwickelt
+sich die Wirtschaft eben nicht. Sondern: in Widersprüchen,
+unter Krisen, Rissen und Sprüngen ... Was
+unsere kommunistische Arbeit in den Betrieben anbetrifft:
+richtig ist, wir haben noch nicht gelernt ordentlich zu
+arbeiten ... Woher das kommt, auch das will ich euch
+sagen: wir haben unsere Parteiarbeit in den vergangenen
+Jahren eben der ganzen politisch-ökonomischen Situation
+entsprechend auf den Endkampf eingestellt. Gut, nun müssen
+wir ummanövrieren ... Auch wir lehnen Reformen nicht
+ab, aber die Grundlage des richtigen Verhältnisses ist
+folgende: Reformen sind Nebenprodukte des revolutionären
+Klassenkampfs ... Die Aufgabe einer wahrhaft revolutionären
+Partei besteht nicht darin, den unmöglichen Verzicht
+<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
+auf jegliche Kompromisse zu proklamieren, sondern darin,
+durch alle Kompromisse hindurch – insofern sie unvermeidlich
+sind – die Treue unserer Prinzipien, unserer Klasse,
+unserer revolutionären Aufgabe, unserer Sache der Vorbereitung
+der Revolution und Vorbereitung der Volksmassen
+zum Sieg der Revolution durchzuführen ... So
+gibt es auch Kompromisse und Kompromisse. Wenn du
+auf einer Landstraße von einer Räuberbande überfallen
+wirst, und du dich nur retten kannst, wenn du ihnen dein
+Geld gibst, so wirst du das tun, um dich möglichst schleunigst
+aus dem Staube zu machen. Das ist ein Kompromiß. Aber
+sich der Räuberbande anzuschließen, um gemeinsam andere
+zu überfallen: das ist auch ein Kompromiß, und zwar ein
+solches, wie es die Sozialdemokraten machen. Und nun
+weiter: nur die Auswüchse des Kapitalismus bekämpfen,
+bedeutet die Illusion in den werktätigen Massen nähren,
+als gäbe es einen gesunden Kapitalismus, was grundfalsch
+ist ... Zum Schluß, Kollegen: ich sage, diese Republik ist
+ein Treibhaus für die Kapitalisten und für die Reaktionäre,
+und ein Zuchthaus für die Arbeiter ... Und so sieht die SPD.
+aus: die wie das Fegefeuer heute das Wörtchen Klassenkampf
+scheut, ihn praktisch längst hat fallen lassen und die
+dafür immer vom Gesamtwohl und vom Vaterland, das der
+Arbeiter bekanntlich nicht hat, schwafelt: die SPD.
+ist ihrer Politik nach, nicht den Massen nach, die ihr angehören,
+eine bürgerliche Partei ... Lebt wohl!“
+</p>
+
+<p>
+Die Drei trennten sich.
+</p>
+
+<p>
+Max war schon um die Ecke zuhaus. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-4-13">
+<span class="firstline">XIII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+„Restbautrieb – reaktionäre Masse – fahnenflüchtig!“
+</p>
+
+<p>
+So kollerte es noch lang in Maxens Schädel herum.
+</p>
+
+<p>
+„<em>Fahnenflüchtig!?</em>“
+</p>
+
+<p>
+Und diese Frage nahm plötzlich Gestalt an, wurde wie zu
+einem Menschen, der lang und tief in ihn hineinschaute.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Mensch war seinesgleichen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
+Blut von seinem Blut.
+</p>
+
+<p>
+Ganz seiner Art.
+</p>
+
+<p>
+Hieß auch Max Herse. Trat jetzt vor ihn hin wie sein
+leibhaftiger Steckbrief.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Max Herse fragte ihn:
+</p>
+
+<p>
+„Max, stimmt das: fahnenflüchtig!? Ist da nicht doch
+vielleicht etwas wahr daran!? ... Wie war das nur neulich
+bei der Grubenkatastrophe? Erinnerst du dich nicht
+mehr, was du unter dem unmittelbaren Eindruck dieses
+Unglücks alles gesagt hast!? ... Versprochen hast eigentlich?!
+... Fahnenflüchtig ... Desertiert aus der Klassenkampfreihe
+... Verlassen das proletarische Banner!? ...
+Das Banner, für das dein Vater gekämpft und gelitten hat,
+für das deine Mutter sich so manchen Bissen vom Munde
+abgespart hat!? Die rote wehende Hoffnung deiner Millionen
+Arbeitsbrüder! Der Stolz deiner Arbeiterinnen-Schwestern,
+für das sie in manchen Nächten ihre Finger sich
+wund genäht haben ... Max Herse! Willst du nicht wieder
+ehrlich, proletarisch ehrlich werden!? ... Stimmt das nicht,
+was der Wilhelm sagte: „Ja, für euch bleibts halt ewig
+beim Alten, ihr wißt schon, was ich meine: Kaisergeburtstagsfeier
+und erster Mai ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wieder ehrlich, proletarisch ehrlich werden ...!?“
+</p>
+
+<p>
+Max Herse sprach im Halbtraum schon, diese Frage nach.
+</p>
+
+<p>
+Und mit dieser ungelösten Frage auf den Lippen schlief
+er ein. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-4-14">
+<span class="firstline">XIV</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Man hörte die Atemzüge der schlafenden Menschen durch
+die Wände hindurch.
+</p>
+
+<p>
+Flackernd ging der Atem, oben und unten und nebenan,
+von Röcheln, Seufzern und holprigen Hustenanfällen unterbrochen.
+</p>
+
+<p>
+Viele Uhren tickten immer dazwischen.
+</p>
+
+<p>
+Wieder warf sich einer im Bett, einer schlich den Gang
+entlang, jetzt tastete es nach einer Klinke; eine Tür knarrte.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
+Schritte kamen von der Straße hoch, fern, dann nah, wie
+tropfenweis. Stimmen, das Tappen eines Betrunkenen,
+Autohupen; Klingeln, die plötzlich schrillten. Und man
+konnte nur schwer unterscheiden zwischen dem ewigen selbsttätigen
+Knirschen der morschen Diele und dem Menschenstöhnen
+und Menschenächzen.
+</p>
+
+<p>
+Katzen kreischten. Hunde winselten.
+</p>
+
+<p>
+Auf ein Fenster drückte der Wind. Ein Schrank krachte.
+</p>
+
+<p>
+Traum-Schreie ...
+</p>
+
+<p>
+Ein Mensch hatte seinen Anfall. Das Schaumweiß
+brodelte ihm um den Mund. Da zündete jemand eine
+Kerze an, warf sich über ihn und hielt ihn im Bett fest.
+</p>
+
+<p>
+Monoton lallte jetzt einer vor sich hin. Einer räusperte
+sich ...
+</p>
+
+<p>
+Das Wasser im Kanal gluckste. Fernzüge pfiffen. Die
+Räder stießen auf den Schienen einen dumpfen rauschenden
+Takt ...
+</p>
+
+<p>
+In einem Kübel plätscherte es. Einer wusch sich. Die
+Vorposten des bei Tagesgrauen aufmarschierenden Arbeiterheers
+standen schon wieder auf und machten sich
+kampfbereit. Auch die Milchfuhrwerke schepperten schon
+wieder in der Straße. An den Litfaßsäulen arbeiteten in
+weißen Kitteln die Plakatankleber ...
+</p>
+
+<p>
+Zähne knirschten, Fäuste krampften sich, Kniee zogen sich
+an, Hände glitten über Decken und strichen sie glatt.
+</p>
+
+<p>
+Wie ein Mensch lebt –
+</p>
+
+<p>
+Wie ein Mensch kämpft –
+</p>
+
+<p>
+Wie ein Mensch schläft – –
+</p>
+
+<p>
+Da lagen sie auf den Bäuchen, auf dem Rücken, auf der
+Seite, in allen Stellungen, allein und zu zweit, ausgespreizt
+und zusammengedrückt, nackt, namenlos. In allen Stellungen
+aber wie Plastiken aus jener Galerie, die genannt ist:
+„Die Verdammnis des Menschendaseins“ ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Andere wieder banden sich die Nacht wie eine Maske vor.
+</p>
+
+<p>
+Rudelweis zogen Menschen auf Raub.
+</p>
+
+<p>
+Andere auf Menschenjagd.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
+Einer stößt jetzt vielleicht dem anderen das Messer in die
+Brust. Einer knüpft sich jetzt den Strick zurecht, seift ihn
+irrsinnig-grinsend ein. Nebenan hört man jetzt ein Geräusch,
+dumpf, wie das Fallen eines Gegenstandes: er hat
+den Stuhl unter seinen Füßen weggezogen. Zwei, drei
+Schlingerbewegungen macht der Körper noch: dehnt sich,
+ein Muskelspiel zuckt, ein Speichelfaden sabbert lang aus
+dem Mundwinkel ... Schluß ...
+</p>
+
+<p>
+Kauerten da nicht welche in Knäueln, drei, vier Leiber
+in einem Bett; fünf auf dem Fußboden; lagen sie nicht da,
+als ob sie sitzen würden, schliefen nicht welche an den
+Straßenecken im Stehn, und was schnarcht hier oder lehnt
+sich mit weit aufgerissenen Augen des Nachts in Parkanlagen
+auf den Bänken!? ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Das höllische Tagestempo zitterte noch in der auf Leerlauf
+abgestellten Menschenmaschine nach. Die Gesichter von
+Lebensangstschweiß und Todesschweiß überzogen wie von
+einem geheimnisvollen Firnis.
+</p>
+
+<p>
+Verstreut wie auf einem unendlichen Schlachtfeld reihenweis
+Gemordete. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-5">
+<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
+<span class="firstline">4. Kapitel.</span><br>
+Nur ein Traum ...
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="ctoc">
+Nur ein Traum ... – „Die neue
+Sintflut kommt von oben und als
+Gift.“ – Liebe Erinnerungen – Der
+22. April 1915: ein Wendepunkt in
+der Kriegsgeschichte. Die Deutschen
+blasen in Flandern, Frontabschnitt
+Bixschote-Langemarck, gegen englische
+Stellungen Gas ab. – Gasschießen,
+Gaswerfen. Eine Gastaktik
+entwickelt sich. – Doch alles
+in allem: es bleibt beim Experiment.
+(Diesmal noch.) – Und was
+gewesen ist, ist gewesen. Keiner
+denkt mehr daran. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-5-1">
+<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
+<span class="firstline">I</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Der Traum, den Max Herse in dieser Nacht träumte, war
+merkwürdig genug.
+</p>
+
+<p>
+Er zerfiel in drei Teile.
+</p>
+
+<p>
+Im ersten Teil lag die Erde da, ein blühendes Chaos.
+</p>
+
+<p>
+Ströme rissen dahin, Meere wölbten sich vor den Horizont;
+Sümpfe, Urwälder, Schlingpflanzen; Feuersäulen
+stiegen aus den Bergen, Felsen kollerten tosend herab, Tiere
+aller Art krochen, hüpften, schlichen in diesem Labyrinth,
+der Mensch, mit riesigen Kiefern und krallenbesetzten Würgfäusten
+bewehrt, kämpfte um das nackte Leben. Langsam
+wuchs um ihn der Menschenraum. Er drängte Schritt für
+Schritt die Wildnis zurück. Immer wieder aber überfielen
+ihn die Naturgewalten, er duckte sich, wie ein ungeheueres
+Gewicht lastete über ihm das Unheimliche, das Unerklärliche.
+Brust an Brust rang er mit den Ungeheuern, da
+schwang er schon das Steinbeil, die Schädel der Bestien
+sprangen entzwei, aus tausend Biß- und Kratzwunden troff
+aber der menschliche Körper und blutete. Blitze spritzten aus
+dem Gewölk herab, endlich fand er das Feuer. Mit Sturmfluten
+überschüttete das Meer das Land, Felsblöcke und
+Waldberge trieb ein Riesenorkan vor sich her, Lawinen
+brüllten, der Erdboden spaltete sich, Dämpfe und Gase
+zischten empor aus Kraterlöchern und Schlitzen. Hart, stahlhart
+war der Körper des Menschen, mit langen Haaren
+bedeckt, aber schon hatte er sich Waffen und Werkzeuge
+geschaffen, er zog aus den Höhlen, deren Wände mit Tierfratzen
+bedeckt waren, aus; auf riesige Strecken verteilt sah
+man den Rauch der ersten menschlichen Siedlungen. Gemeinsam
+zog man zur Jagd, gemeinsam wurde der Boden
+bestellt, gemeinsam gearbeitet, gemeinsam wurden Früchte
+und Jagdbeute verteilt: alles gehörte allen gemeinsam.
+</p>
+
+<p>
+Eine Sekunde:
+</p>
+
+<p>
+Das Traumbild sprang in ein anderes um.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
+Tausende von Jahren wohl müssen inzwischen vergangen
+sein.
+</p>
+
+<p>
+Beinahe in geometrische Figuren eingeteilt war die Erde.
+Berge waren noch da, auch Wälder, auch Meere, auf denen
+schwimmende Kolosse kreuzten, Geleise, mit sausenden
+Strichen, die Züge darstellten, durchschnitten kreuz und quer
+das Land. Stadt an Stadt, alles war abgegrenzt, eingeteilt.
+Der Mensch war gewachsen: er streckte seine Organe
+aus, eiserne Gelenke; seine Stimme, durch elektrische Wellen
+getragen, war vernehmbar zugleich in allen fünf Erdteilen.
+Er konnte sich abheben von der Erde, er flog durch die
+Lüfte ... Riesige Maschinen stampften unermeßliche Schätze
+aus der Erde; ein Griff an einem Hebel: ein wunderbarer
+Mechanismus setzte sich leise surrend in Bewegung: millionenfache
+Muskelarbeit wurde spielend geleistet: aus
+Wasserkraft wurde Licht, aus Winden, aus Gasen zog man
+Triebkraft, die Meerbrandung wurde auf geniale Weise in
+Krafterzeugnis umgesetzt, ja die Umdrehung der Erde selbst
+wurde bereits von phantasiebegabten Technikern als Arbeitsertrag
+in Rechnung gestellt.
+</p>
+
+<p>
+Der Mensch hatte die Erde erobert.
+</p>
+
+<p>
+Die Naturgewalten waren bezwungen, Götter und
+Götzen waren gestürzt, das Unheimliche, das Schicksal, Gott
+selbst, ward seines Thrones enthoben, das Zeitalter der
+Maschine, so hieß es, welch ein Zeugnis von Menschenkühnheit
+und Menschengeist!
+</p>
+
+<p>
+Und wie nun sahen diese Menschen aus!?
+</p>
+
+<p>
+Da marschierte es auch schon heran, Kolonne hinter
+Kolonne, durch Straßen, wie mit dem Lineal ausgerichtet,
+hinweg über Brücken, unter denen Schnellzüge beinahe
+lautlos glitten, marschierte schon heran, früh morgens
+5 Uhr, riesigen Fabrikgevierten zu; es waren Millionen,
+Männer und Frauen, Scharen von Kindern: mit Ruß bedeckt,
+Schwielen an den Händen, ach so dürftig gekleidet, mit
+ausgeglänzten Augen, schwerfällig, wie unter einer ungeheuren
+Riesenlast jeder Schritt. Einarmige und Einbeinige
+waren darunter, stumm, lautlos marschierten sie ... Ja,
+was war das?
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
+Aber in Pelze und Seide gekleidet wandelten andere auf
+breiten Straßen, diese Straßen mündeten wie in Marmorbecken
+in große runde Plätze, Palast stand dort an Palast,
+große goldene Wappen blinkten von den Balkonen, und
+hinter seidenen, von kristallischen Lüstern durchhellten Gardinen,
+war eine Menschengesellschaft sichtbar, manche in
+Klubsesseln und Schaukelstühlen nach dem Takt der Musik
+sich wiegend, manche auf- und abpromenierend, alle in
+Fräcken oder in Uniformen, neben Menschen, die richtig wie
+fleischige Schwämme aussahen, aber auch hartgeschnittene
+Gesichter darunter, kalt die Augen, völlig mitleidlos ...
+</p>
+
+<p>
+Ja, was war das ...?
+</p>
+
+<p>
+Und die Armen drängten gegen die Reichen, und die
+Reichen drückten die Armen, die Armen aber wurden immer
+mehr, die Reichen dafür immer grausamer und unerbittlicher,
+Land, Maschinen, das alles gehörte den Reichen, und
+der Staat dazu, der selbst eine Maschinerie darstellte, aus
+Polizeibeamten, Aufsehern, Henkern, Soldaten, Pfaffen,
+Richtern bestehend; fabriksmäßig, serienweise wurde Recht
+gesprochen, rein mechanisch hingerichtet und verurteilt;
+empörte sich einer wider diese Ordnung, wurde ganz sachlich
+abtaxiert: wie hochprozentig die revolutionäre Energie
+zu bemessen sei, und demgemäß wurde mit so und soviel
+Jahren Zuchthausstrafe gegen ihn verfahren ...
+</p>
+
+<p>
+Dabei riß aber dies Traumbild mitten entzwei, es gab
+sozusagen einen gewaltigen Zwischenfall.
+</p>
+
+<p>
+Tafeln erschienen mit der Aufschrift: „Burgfrieden“, man
+sah von Rednertribünen auf Plätzen von gewaltigem Umfang
+Menschen auf die Massen einreden, die nickten alle
+mit den Köpfen, gewaltig ertönten in allen fünf Weltteilen
+die hundert verschiedenen Nationalhymnen.
+</p>
+
+<p>
+„Euer Gott ist nicht unser Gott.“
+</p>
+
+<p>
+„Der unsere ist der richtige.“
+</p>
+
+<p>
+„Wir allein sind das auserwählte Volk.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein wir“, schrie es sofort von entgegengesetzter Seite.
+</p>
+
+<p>
+„Ihr habt uns überfallen.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein ihr, ihr habt zuerst die Grenzen überschritten.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
+Und 70 Millionen Menschen zogen aus und kämpften
+gegeneinander.
+</p>
+
+<p>
+Die Erde war wie eine Mondlandschaft. Von den Millionen
+und Abermillionen Granattrichtern war sie ganz
+pockennarbig.
+</p>
+
+<p>
+„Absatzmärkte! Absatzmärkte!“ schrie es wie toll in allen
+fünf Weltteilen durcheinander, „wir wissen schon nicht mehr,
+wie wir profitabel noch weiter produzieren sollen.“
+</p>
+
+<p>
+Dort wurde Getreide in Lokomotiven verheizt, hier verhungerten
+Millionen. Hier starben Menschen vor Unterernährung,
+dort starben welche an Unmäßigkeit. Der eine
+fraß, der andere wurde gefressen. Manche, die auf diese
+Ungleichheit hinwiesen, kamen sofort, mit Ketten behängt,
+ins Gefängnis.
+</p>
+
+<p>
+Aber es kam noch schlimmer.
+</p>
+
+<p>
+Ganze Hundertschaften von Aeroplanen erhoben sich plötzlich,
+kein Mensch war darin, sie wurden ferngelenkt und
+steuerten mechanisch über das Meer. Drei schwere Flügelbomben
+hingen, leicht hin und her pendelnd, unter jedem.
+Sicher summten sie ihrem Ziel zu.
+</p>
+
+<p>
+Eine Riesenstadt.
+</p>
+
+<p>
+Die Fabriksirenen wimmerten.
+</p>
+
+<p>
+Die Riesenstadt: ein seltsames Knistern von ineinandervermischten
+Menschenstimmen, Eisenbahnpfiffen, Räderrollen
+und Schrillen an Kurven sich bildender Tonschleifen:
+ein gespenstisches Orchestrion.
+</p>
+
+<p>
+Das Licht in den Straßen erlöschte.
+</p>
+
+<p>
+Ganz plötzlich: man rannte gegen die Finsternis fest, wie
+gegen eine Mauer.
+</p>
+
+<p>
+In den Verkehrszentren der Stadt fuhren Scheinwerferkolonnen
+auf, Menschengruppen, die sich bildeten, wurden
+auf Anordnung der Regierung sofort zerstreut.
+</p>
+
+<p>
+Menschen schrien laut vor sich her, die Autos fuhren
+energisch hupend ganz langsam.
+</p>
+
+<p>
+Kein Mensch wußte eigentlich, was los war.
+</p>
+
+<p>
+Man munkelte zwar allerlei ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
+Es mochte gegen drei Uhr morgens gewesen sein. Menschen
+saßen auf den Dächern, Menschen saßen in Kellern. Andere
+tasten sich noch immer unter Lebensgefahr in den Straßen
+herum ... Ein leichter Regen setzte ein, dann wurde es
+wieder still. Warm und schön war die Nacht. Einer behauptete,
+er hätte das feine Knattern eines Motors in
+den Lüften gehört. Alles lauschte angespannt. Schon wurde
+es ein wenig heller.
+</p>
+
+<p>
+Ein leichter elektrischer Ferndruck: und die Flügelbomben
+stachen senkrecht hernieder.
+</p>
+
+<p>
+Ein feiner Knall.
+</p>
+
+<p>
+Nur ein wenig Staub, sonst war nichts sichtbar.
+</p>
+
+<p>
+Ein dumpfer Krach.
+</p>
+
+<p>
+Wie wenn ein Fels auf eine weiche Polsterung fällt.
+</p>
+
+<p>
+Ein zweiter, dritter, vierter ... Noch mehrmals. Jetzt
+hörten aber alle ganz deutlich das feine Knattern. Zur
+gleichen Zeit fielen Schüsse. Leuchtraketen spritzten hoch. Die
+Scheinwerfer gruben sich wie ein Lichtspaten in die Wolkenberge
+...
+</p>
+
+<p>
+„In die Keller“, schrieen die einen.
+</p>
+
+<p>
+„Oben auf den Dächern ist man geschützter“, diskutierten
+die andern.
+</p>
+
+<p>
+Manche blieben auch wie festgenagelt dort, wo sie gerade
+standen.
+</p>
+
+<p>
+Groß und rotstrahlend ging bald darauf die Sonne auf.
+</p>
+
+<p>
+Schwere Tanks holperten wie Stahlschildkröten durch die
+Straßen. Kein Mensch war zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Einer der Tanks schien einen Motordefekt zu haben, die
+Mannschaft stieg aus: sie war wie Taucher gekleidet, das
+Gesicht von einer massiven Gasschutzmaske bedeckt, schwerfällig
+humpelten sie um den Wagen herum.
+</p>
+
+<p>
+Die Tankkolonne machte einen Augenblick halt.
+</p>
+
+<p>
+Ein Pfiff –
+</p>
+
+<p>
+Die Stahlungeheuer setzten sich wieder in Bewegung.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es wurde durch diese Kolonnen festgestellt: drei Viertel
+der Stadt waren vergast. Kollektivschutzräume, wie mancher
+<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
+Schwärmer erhofft hatte, bestanden nicht, die Gasmasken,
+nur für die Kampfstoffe des vorhergegangenen Krieges beschaffen,
+mußten versagen. Trank und Speise waren vergiftet.
+Die ersten Anzeichen von Seuchen machten sich bemerkbar.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Drei Stunden später – und trotzdem die Bewohner mit
+Masken und Anzügen geschützt waren – lagen sie da,
+wimmernd und vor Hilfeschreien gellend, die meisten in
+den Kellern, andere aber irrten wie wahnsinnig auf den
+Dächern umher, spreizten Beine und Arme und stürzten
+sich unter einem grausigen Fluch auf die Trottoire hinab.
+Ueberall sah man Blutlachen.
+</p>
+
+<p>
+„Vom Himmel hoch, da komm ich her“, tönte noch in
+diesem Augenblick ein heller Kinderchoral aus dem Dom,
+die Glocken schwangen, ja es war Weihnacht. Und trotzdem –
+</p>
+
+<p>
+Die Flügelbomben verrichteten als mechanische unpersönliche
+Henker getreulich ihre unumgängliche Blutarbeit.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist das neue Gas“, sagte jemand ... „und wie sich
+herausstellt, unsere Versuche haben sich demnach gelohnt.“
+</p>
+
+<p>
+„Friede auf Erden.“
+</p>
+
+<p>
+„Amen! Amen ...“, scholl es im Chor wieder dazwischen.
+</p>
+
+<p>
+Die Farbstoffabriken waren jetzt plötzlich riesige Arsenale.
+Unterirdische Gänge. Auch tief in den Schächten der Bergwerke
+wurde Gas fabriziert. Ununterbrochen experimentierten
+die Chemiker an neuen Kampfstoffen herum.
+</p>
+
+<p>
+Es dauerte nicht lange.
+</p>
+
+<p>
+Ein Monat – und alles Lebendige war auf der Erde
+vernichtet.
+</p>
+
+<p>
+Und es wurde auf dieser Erde still, mäuschenstill.
+</p>
+
+<p>
+Uhren hörte man noch ticken.
+</p>
+
+<p>
+Auch sie blieben allmählich stehn.
+</p>
+
+<p>
+Nur das Rauschen noch von Wassern, der Wind, und da
+es Sommer und übermäßig heiß war, das Brodeln und
+Zischen der menschlichen Leichname, die geräuschvoll in Verwesung
+übergingen.
+</p>
+
+<p>
+Nichts sonst.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-5-2">
+<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
+<span class="firstline">II</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Es hätte aber auch leicht anders werden können, sagte
+jemand, und der Traum, den Max Herse träumte, kehrte
+jetzt wieder ein ganzes Stück zurück: über die Vernichtung
+hinweg, er fing wieder beim Erscheinen der Flieger an.
+</p>
+
+<p>
+Kaum hatte sich das Gerücht verbreitet, daß die Flugflotte
+mobil gemacht würde, als auch schon riesige unübersehbare
+Menschenmassen auf die Straßen trieben, Arbeiter, Angestellte,
+Reden wurden gehalten, Flugblätter verteilt, wie
+ein aufgestöberter Ameisenschwarm war es. Polizeisoldaten,
+Soldaten sah man unter der Menge, ja auch Angehörige der
+Luftflotte selbst sah man unter ihnen. Der Zug der Demonstranten
+brandete als eine gefährliche Woge gegen die
+Regierungsviertel. Hier hatte man die zuverlässigsten
+Regimenter bereitgestellt, auch zivile Wehren, meist aus
+Studenten zusammengesetzt, man sah es ihnen an, sie waren
+vor einigen Stunden erst eingekleidet. In Berlin, in Jokohama,
+in Paris, in Chikago, in London: überall fanden
+diese Demonstrationen, beinahe zu gleicher Zeit, statt ...
+Schon waren Truppen von Bewaffneten zu bemerken, ein
+Schuß fiel, irgendwo ging ein Maschinengewehr von selbst
+los ... das war das Zeichen zum allgemeinen Angriff, das
+Regierungsviertel wurde gestürmt, Telefonzentrale, Bahnhöfe
+waren im Nu besetzt, um andere Stellungen tobte der
+Kampf noch stundenlang. –
+</p>
+
+<p>
+Durch Verhandlungen wurde der Vorstoß der Revolutionäre
+aufgehalten, die Regierung konzentrierte in den
+Vororten gewaltige Truppenmassen.
+</p>
+
+<p>
+Im Norden der Stadt wurde ein Aufstand von Arbeitern
+rasch niedergeschlagen. Trotzdem kamen aus der Provinz,
+wo geflüchtete Revolutionäre Landarbeiter und Kleinbauern
+mobilisiert hatten, stündlich neue Nachrichten. Das
+ganze Land war wie ein Mann losgebrochen, hatte Gutshöfe
+gestürmt, alle wichtigen Eisenbahnknotenpunkte waren
+besetzt, eine Rote Armee war im Anmarsch. Die Arbeiter
+in den verschiedenen Stadtvierteln, waren glänzend benachrichtigt.
+Trotzdem war beinahe niemand auf den Straßen zu
+sehen. Unterirdisch aber, das spürte man förmlich durch
+<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
+die Wände hindurch, vollzog sich beinahe automatisch eine
+ungeheure Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+„Bewaffneter Aufstand!“ surrten hinaus ins Land die
+Telegraphendrähte.
+</p>
+
+<p>
+„Der Aufstand ist geglückt“, surrte es schon drei Tage
+darauf. Das Proletariat hat die Macht erobert. Den Krieg
+verhindert. Es hat Opfer gekostet, aber Opfer, gering im
+Vergleich zu dem, was gekommen wäre ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Traumbild an Traumbild zuckte vorwärts.
+</p>
+
+<p>
+Das alles erstreckte sich über Jahrzehnte, nur im Traumreich
+war alles so verdichtet und zusammengedrängt. In
+der Traumlandschaft verkürzte sich und überschnitt sich jede
+Perspektive.
+</p>
+
+<p>
+Durch Rauch und Blut, an Stationen neuen Elends vorbei
+durch neue Wüsten hindurch, an Stätten neuer Demütigungen
+und Kreuzigungen vorüber. Und trotz alledem, es
+ging vorwärts.
+</p>
+
+<p>
+Und am Ende dieses Weges blühte die Erde, blühte, wie
+sie noch nie geblüht hatte. Jubelte, wie sie noch nie gejubelt
+hatte. Die Menschen waren einfach und schön, von einander
+beinahe nicht unterscheidbar. Tiefblau war alles, alles so
+selbstverständlich.
+</p>
+
+<p>
+Die Arbeitsmethoden waren unendlich vervollkommnet.
+Trotzdem hörte man jeden Tag von neuen Erfindungen;
+denn alles ließ sich immer noch viel besser machen,
+als es schon war. Als Grundsatz galt: mehr Kraft auf
+irgendeine Arbeit zu verwenden, als absolut notwendig
+ist, ist Verschwendung und damit gesellschaftsschädigend ...
+Immer mehr verteilten und differenzierten sich die einzelnen
+Handgriffe; Wunderwerke von Maschinen verrichteten,
+mühelos einem elektrischen Hebeldruck gehorchend, das Allernotwendigste,
+die menschliche Schwerarbeit war erfolgreich
+auf ein Mindestmaß reduziert. Die Arbeitsplätze waren so
+beschaffen, daß sie ohne besondere Vorkenntnisse von einem
+jeden eingenommen werden konnten. Nur ein Prozent der
+menschlichen Arbeitsleistung verlangte noch längere Schulung
+und besondere Vorkenntnisse. Wobei allerdings zu
+<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
+bemerken ist: das allgemeine Bildungsniveau überragte um
+ein vieltausendfaches den heutigen Durchschnitt ... Für
+alle war Arbeit da. Für alle waren in überreichem Maße
+Mittel zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft da. Ungeheure
+menschliche Energien wurden dadurch der elenden Sorge
+um das tägliche Brot entbunden und für neue gewaltige
+Unternehmungen freigelegt. Der menschliche Geist stürzte
+sich in den Weltraum. Die Menschen wurden stolz auf die
+Welt, sie schufen sie immer mehr nach ihrem Bild: die Welt
+wurde zur Menschen-Schöpfung ...
+</p>
+
+<p>
+Weit, weit ... man konnte tief Atem holen, man hatte
+Luft zum Leben ...
+</p>
+
+<p>
+Mit einem solch tiefen Atemzug wachte Max Herse auf.
+</p>
+
+<p>
+6 Uhr.
+</p>
+
+<p>
+Der Fabrikgang begann.
+</p>
+
+<p>
+Was war das nur?
+</p>
+
+<p>
+Ein Traum. Nur ein Traum?
+</p>
+
+<p>
+Was wohl dieser Traum bedeutete?
+</p>
+
+<p>
+Der Traum ließ nicht von ihm, er ging neben ihm her,
+er begleitete ihn, oft sah Max Herse sich nach ihm um oder
+zur Seite.
+</p>
+
+<p>
+Er versuchte ihn jetzt von sich abzuschütteln. Er wollte
+nicht darüber nachdenken. Er sagte zu ihm, wie zu jemandem,
+der sich aufdrängen will, unwirsch, und mit dem Fuß
+stampfend:
+</p>
+
+<p>
+„Ach, laß mich!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-5-3">
+<span class="firstline">III</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Bevor der Straßenbahnschaffner in den Dienst gegangen
+war, hatte er Max noch eine Zeitung zugesteckt ...
+</p>
+
+<p>
+„Da lies!“
+</p>
+
+<p>
+„Ein groß angelegter Betrug. Was geschieht mit den
+Spenden für die Hinterbliebenen der 136 ermordeten Kumpels
+der Zeche „Königin Luise“ ...? Kaum hatten sich die
+Erdhügel über den 136 Opfern geschlossen, da hatte man vergessen,
+was man gestern noch zum Ausdruck gebracht hatte.
+Alle die schönen Worte erwiesen sich als leerer Schall ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
+Max wusch sich eben.
+</p>
+
+<p>
+„Und was war gestern abend los ...?“
+</p>
+
+<p>
+Max wich aus:
+</p>
+
+<p>
+„Ach, wie immer dasselbe. Man kennt sich überhaupt nicht
+mehr aus.“ –
+</p>
+
+<p>
+Max war in den letzten Tagen bedeutend vorsichtiger mit
+seinen Aeußerungen geworden. Eine tiefe innere Unruhe
+trieb ihn. Er versuchte neben dem „Vorwärts“ auch die
+„Rote Fahne“ zu bekommen. Auch die Betriebszeitungen
+las er gründlich durch. Er begann von neuem seine Kollegen
+im Betrieb zu studieren, war selbst sehr zurückhaltend, er
+lauerte auf jede Antwort, er selbst fragte nur, um zu
+lernen. Bei allen Debatten, die sich immer aus Anlaß einer
+scheinbar ganz nebensächlichen Betriebsangelegenheit zuerst
+entspannen und sich sofort zu Zusammenstößen zwischen
+SPD und Kommunisten entwickelten, bei allen derartigen
+Auseinandersetzungen ergriff Max nicht mehr Partei.
+</p>
+
+<p>
+Kinos, Vergnügungslokale, Kneipen mied er, er holte sich
+bei Kollegen einige Bücher, fraß sich mit Müh’ und Not
+durch. Er wollte unbedingt dahinter kommen. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Was gewesen ist, ist gewesen. Oder: keiner denkt mehr
+daran. Aber plötzlich eines Tages überfällt dich ein Teil
+deiner Vergangenheit, stürzt sich auf dich, wälzt sich auf dir
+herum, man biegt und krümmt sich unter der Last: bis das
+drückende Gewicht solch einer Erscheinung zu schweben
+beginnt, kampflos von einem abläßt, und man plötzlich
+wieder, so wie man ist, mit sich selbst da steht, ohne noch
+über das Wesen dieser Bedrückung und den Zusammenhang,
+in dem sie erschienen ist, sich klar geworden zu sein.
+</p>
+
+<p>
+So geschah es auch Max, als ihn die folgenden Erinnerungen
+aus dem Weltkrieg heimsuchten. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-5-4">
+<span class="firstline">IV</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Max Herse war damals knapp 19 Jahre alt. Aber er
+hatte alles darangesetzt, als Kriegsfreiwilliger mitzukommen.
+Sein Schulkamerad Franke war sogar von jenseits
+des Ozeans zu den Waffen geeilt.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
+Das waren Tage! Das Leben flaumleicht. Der Körper
+ging wunderbar, wie mit Elektrizität geladen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war am 22. April 1915 in Flandern.
+</p>
+
+<p>
+Frontabschnitt Bixschote-Langemarck.
+</p>
+
+<p>
+Gegen englische Stellungen.
+</p>
+
+<p>
+Windstärke 2 bis 4 Sekundenmeter. Witterung kalt und
+trocken.
+</p>
+
+<p>
+Zerfetzte Bäume am Horizont wie Drahtgespinste. Vereinzelte
+Vogelrufe durchschwirrten die Weltöde.
+</p>
+
+<p>
+Geheimnisvolles munkelte man. Von einem Ueberläufer
+war die Rede, der alles an die Engländer verraten hatte.
+Gerüchte. Gegengerüchte. Jedenfalls etwas Neues. Man
+ahnte nicht was, wußte nicht, wie ...
+</p>
+
+<p>
+Es war 5 Uhr nachmittags.
+</p>
+
+<p>
+Auf der Brustwehr des vordersten englischen Grabens
+erschienen jetzt Tafeln mit der Aufschrift:
+</p>
+
+<p>
+„Ihr könnt lange warten, bis der richtige Wind weht!“
+</p>
+
+<p>
+Hie und da knackte ein Schuß. Ein MG ratterte sich
+heiß am linken Flügel. Knäuel deutscher Stoßtrupps lagen
+weit hinten im Trichterfeld.
+</p>
+
+<p>
+Endlich: „Gas“.
+</p>
+
+<p>
+Das Gas kommt. Irgendwer hatte es aufgeschnappt.
+</p>
+
+<p>
+Also:
+</p>
+
+<p>
+Nachts waren an die dreihundert Gasbatterien vortransportiert
+und eingebaut worden. Eine Batterie bestand aus
+20 Gaszylindern. Sechstausend Gaszylinder standen demnach
+zur Verfügung. Auf einen Kilometer Frontbreite
+rechnete man damals fünfzig Batterien. Tausend Flaschen.
+Zwanzigtausend Kilo Gas.
+</p>
+
+<p>
+Das alles wußte man plötzlich.
+</p>
+
+<p>
+Auch das:
+</p>
+
+<p>
+Um das Klirren des Metalls zu vermeiden, waren sämtliche
+Gaszylinder mit Decken und Stroh umwickelt.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Erhöhte Gefechtsbereitschaft war angeordnet.
+</p>
+
+<p>
+Die Infanterie in die zweite Stellung zurückgenommen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
+Nur technische Truppen und MGs blieben vorne ...
+</p>
+
+<p>
+Fliegergeschwader summten wieder den ganzen Tag über.
+</p>
+
+<p>
+Pst! Ein Pfiff ...
+</p>
+
+<p>
+Alles wurde plötzlich so mäuschenstill ...
+</p>
+
+<p>
+Das Abblasen einer eigens dazu markierten Stammbatterie
+galt als Signal.
+</p>
+
+<p>
+Die Ventile von sechstausend Flaschen öffneten sich
+gleichzeitig.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein brodelndes und zischendes Geräusch, es
+prickelte, fauchte, als man das Gas aus den Mannesmann-Stahlröhren
+abblies.
+</p>
+
+<p>
+Jeder hielt die Nase hin, jeder schnupperte.
+</p>
+
+<p>
+Man merkte aber eigentlich noch so gar nichts.
+</p>
+
+<p>
+Ein graugrüner Schwaden zog jetzt schon auf die englischen
+Stellungen zu. Mannshoch. Einen Kilometer tief.
+</p>
+
+<p>
+Die deutschen Batterien hämmerten wieder.
+</p>
+
+<p>
+An einigen Stellen biegen die den Zylindern aufgeschraubten
+meterlangen Bleirohre unter dem Druck des ausströmenden
+Gases um. Knicken, krümmen sich hin und
+her ...
+</p>
+
+<p>
+Das Gas fließt in die eigenen Gräben.
+</p>
+
+<p>
+Einen Trupp von acht Mann trifft das Gas mit voller
+Kraft. Man sieht, sie halten krampfhaft den Atem an.
+Können nicht mehr. Legen sich einfach um ... Andere
+schlagen mit den Händen dagegen, klemmen sich die Nase zu,
+beißen sich die Lippen dicht: auch das hilft nichts ...
+Sanitätsmannschaften eilen heran mit Sauerstoffapparaten.
+</p>
+
+<p>
+In drei Wellen auf einer Strecke von insgesamt sechs
+Kilometern trieb eine riesige Chlorwolke.
+</p>
+
+<p>
+Dicke weißliche Nebelballen schieden sich ab.
+</p>
+
+<p>
+Teile flüssigen Chlors verdampften ...
+</p>
+
+<p>
+Max kniet sich auf den Rand eines Trichters herauf.
+</p>
+
+<p>
+Der Leutnant neben ihm beobachtet, die Stoppuhr in
+der Hand, den Verlauf des Angriffs. Noch zwanzig Sekunden:
+dann aber hieß es nachstoßen.
+</p>
+
+<p>
+Die englischen Gräben standen jetzt mitten im Gasnebel.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
+Und plötzlich wurde es dort lebendig. Wie aufgefegt
+wurden sie. Ein unsichtbarer Besen kehrte das unterste zu
+oberst. Leute rannten mit erhobenen Armen querfeldein.
+Hilferufe gellten. Einzeln, in Rudeln flüchtete es dahin.
+Einer dreht sich immerfort um sich selbst. Er sprang federnd
+hinweg wie ein Kreisel. Röcke schottischer Hochländer flogen.
+Ein monotones heiseres Bellen: das Gebrüll der Turkos ...
+</p>
+
+<p>
+Ein leichter erstickender Geruch wurde nun bemerkbar.
+</p>
+
+<p>
+Augen tränten. Einige husteten. Nieskrämpfe. Spuckten
+aus.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die deutsche Artillerie hämmerte, hämmerte.
+</p>
+
+<p>
+Der Leutnant zählte jetzt laut:
+</p>
+
+<p>
+15 –
+</p>
+
+<p>
+18 –
+</p>
+
+<p>
+19 – – –
+</p>
+
+<p>
+Eine Leuchtrakete zerstäubte hoch.
+</p>
+
+<p>
+Graue Knäuel bewegten sich, lockerten sich heraus aus den
+metertiefen Poren der Erdlöcher, lösten sich auf. Kettenglieder.
+Ausschreitend, hüpfend, dahinstolpernd. Schwarmlinie.
+</p>
+
+<p>
+Die deutsche Sturminfanterie stieß nach.
+</p>
+
+<p>
+Aexte. Scheren. Leitern.
+</p>
+
+<p>
+Verhaue wurden umgelegt.
+</p>
+
+<p>
+Ueber die ersten feindlichen Gräben hinweg ...
+</p>
+
+<p>
+Offiziere mit Karten: das feindliche Gräbensystem wurde
+gleich korrigiert. Neu eingezeichnet.
+</p>
+
+<p>
+Kolbenschläge. Bajonettstöße.
+</p>
+
+<p>
+In einem Unterstand poltert eine Handgranate.
+</p>
+
+<p>
+„Vorwärts.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die zweite feindliche Stellung kam in Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+Auch die dritte Linie flog auf.
+</p>
+
+<p>
+Die Sturmabteilung zerschnitt sich das Schuhwerk an
+Flaschenresten und Haufen von Konservenbüchsen.
+</p>
+
+<p>
+Gelblich-grün trieb die Gaswolke weiter.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
+Es war wie eine Gespensterlandschaft, durch die man jetzt
+schritt. Merkwürdig verfärbte Menschengesichter glotzten
+einem entgegen. Bis zum Hals im Schlamm getunkt. Die
+Augen doppelt so groß wie bei Lebenden. Die Stahlhelme
+weit ins Genick zurückgeschoben oder tief im Gesicht. Schaum
+um die Münder. Einer rutschte aus einem nach rückwärts
+ein wenig abgeflachten Granattrichter auf den Knieen herauf,
+er machte mit den Armen Schwimmbewegungen. Ein
+ihm von einem stämmigen pommerschen Landwehrmann in
+die Brust gestoßenes Bajonett brach ab ...
+</p>
+
+<p>
+Die feindliche Front war aufgerissen.
+</p>
+
+<p>
+Ein tiefes zackichtes Loch klaffte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es wurde Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Scheinwerfer. Leuchtraketen.
+</p>
+
+<p>
+Erdfontänen schossen in die Luft. Die feindlichen Batterien
+kamen wieder in Schwung. Es trommelte, hackte,
+wirbelte. Manchmal wie Platzregen. Man verschanzte sich
+rasch hinter Fleischfetzen, Körperstümpfen, Schlammhaufen.
+</p>
+
+<p>
+Pioniere wickelten wieder Stacheldraht ab. MG-Gruppen
+schoben sich vor. Munitionstransporte im Laufschritt.
+Lebensmittellager waren genug erbeutet. Man konnte sich
+also zwischendurch sattessen. Alles hatte aber einen widerlich
+beizenden Geschmack.
+</p>
+
+<p>
+Und schon knackte es wieder im Vorfeld.
+</p>
+
+<p>
+Geduckt kroch es an. Ein rasender Schnitt durch die Luft:
+Pfiffe: hinter einem, vor einem krümmte es sich ... Der
+Nebenmann links stürzte vornüber; der rechte ächzte noch
+einen halben Fluch.
+</p>
+
+<p>
+Etwas sprang vor. Etwas sprang zurück.
+</p>
+
+<p>
+Es knisterte. Ein Messer zuckte. Körper schnellten gegen
+Körper. Wie gespannte Federn.
+</p>
+
+<p>
+Man kam mit dem Gegner bis in Tuchfühlung.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist Ursprache des Volkes. Aus dem Blut heraus
+wird bejaht: Dieser Krieg muß sein ...“, fieberphantasierte
+irgendwo ein Leutnant herum. Max juckte der
+Zeigefinger: „Brenn’ ihm eins!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
+„Der ganze Krieg soll mich ...“, fluchte ein Soldat-Prolet
+und riß einem „Pardon“ wimmernden Hochländer
+mit einem Ruck das Messer durch die Gurgel.
+</p>
+
+<p>
+Pfui Teufel.
+</p>
+
+<p>
+Viele kotzten.
+</p>
+
+<p>
+Wieder andere hatten die Hosen voll.
+</p>
+
+<p>
+In den Kehlen steckte wie ein würgender Pfropf ein
+unwiderstehlicher Brechreiz.
+</p>
+
+<p>
+Man watete schon wieder bis über die Knie in einem
+richtigen Leichenmorast. Menschenmüll. Ueberall Pfützen voll
+Blutwasser. Hie und da entlud sich wieder einmal eine
+Sprengmine zur Abwechslung. Es roch süßlich, ranzig. Wie
+angebranntes Fett.
+</p>
+
+<p>
+Dort schüttete die explodierende Erde ein Massengrab
+hoch.
+</p>
+
+<p>
+„Offensiv-Parfüm“, meckerte einer.
+</p>
+
+<p>
+Eine MG-Mannschaft füllte den Kühlkasten ihrer Kugelspritze
+mit Urin auf.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Max Herse bekam kaum noch Luft. Er lechzte nach einem
+Schluck Wasser. Die Glieder, die Arme und die Beine,
+schlenkerten an ihm herum wie etwas Fremdes. Er fühlte,
+daß sein ganzer Körper nur noch aus Knochen bestand. Die
+Haut wurde ganz straff, spannte. Die Gelenke gingen ihm
+beinahe aus dem Leim ... Das war die Todesangst ...
+</p>
+
+<p>
+Menschenleiche, Stein, Baum: das ist ein und dasselbe.
+Gleich wahr, gleich unwirklich. Nur nicht lange Federlesens
+machen. Das lohnt sich nicht. Irgendwo spaziert ein Irrsinniggewordener
+im Tanzschritt über das Schlachtfeld.
+</p>
+
+<p>
+Gefangene wurden abgeknallt.
+</p>
+
+<p>
+Man sah kaum mehr aus den Augen vor Blutrausch.
+</p>
+
+<p>
+Zu einem wüsten Grinsen war das Gesicht einer Ordonnanz
+verzerrt, die immer wieder von neuem ihre zweiunddreißigschüssige
+Repetierpistole lud und damit einen Gefangenentransport
+nach dem andern umlegte.
+</p>
+
+<p>
+Der Zeigefinger der Ordonnanz war schwarz gefärbt von
+Pulverrauch.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
+Die Menschen funktionierten wie Automaten.
+</p>
+
+<p>
+Wie auf dem Exerzierplatz.
+</p>
+
+<p>
+Stoß: Gegenstoß.
+</p>
+
+<p>
+Schlag: Hieb.
+</p>
+
+<p>
+Hart gegen hart.
+</p>
+
+<p>
+Ruck-zuck ...
+</p>
+
+<p>
+„Alte preußische Garde ... hahaha ... Prost Mahlzeit,
+altes Frontschwein ... Einen Kuß, Max Bruderherz.
+Hier einen Schluck Sturmschnaps ...“
+</p>
+
+<p>
+Max kroch auf allen Vieren.
+</p>
+
+<p>
+Ein sinnlos Betrunkener torkelte ohne jede Deckung an,
+umarmte ihn, tapste vorüber, rief noch:
+</p>
+
+<p>
+„Fünfe hab’ ich heute schon hinter mir. Knorke. Nun
+aber für heute Feierabend und Schluß damit ...“
+</p>
+
+<p>
+Ein Feldwebelleutnant knurrte herüber:
+</p>
+
+<p>
+„Stopf ihm die Schnauze ...“
+</p>
+
+<p>
+Schwuppdich. Ein leichter Klaps vor die Stirn. Und der
+Feldwebelleutnant schnappte mit einem Purzelbaum hintüber.
+Er kauerte sich noch zurecht. Er wimmerte „Mami,
+Mami“, bis eine genügende Menge Blutes aus ihm ausgequetscht
+war.
+</p>
+
+<p>
+Es gab fast keine Nuancen mehr in den Bewegungen.
+Mit dem ganzen Lebenstrieb dahinter wurde so ein
+Bajonettstoß geführt. Manchmal glitten die Messer mit
+einem spitzen Geräusch elastisch aneinander ab. Eines stieß
+senkrecht auf die Verschlußschnalle der Koppel auf, bog sich
+zu einem Halbkreis. Zuckte ab, sprang links vorbei mitten
+hindurch durch die Niere.
+</p>
+
+<p>
+Man fraß sich mit aufgesperrten Augen, mit vibrierenden
+Nasenflügeln, man fraß sich förmlich mit seiner ganzen
+Existenz in den Gegner hinein.
+</p>
+
+<p>
+Waren es noch Menschen oder mechanische Puppen? Mit
+dicken Mänteln waren sie behängt. Mit einem wattigen
+Stoff, der bei einem Stich Ströme Blutes sickern lassen
+konnte, waren sie ausgestopft. So haute es sich, anscheinend
+ziel- und planlos, jetzt im Niemandsland herum.
+</p>
+
+<p>
+Reserven stürzten sich auf Reserven.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
+Qualmend dunstete die Erde aus.
+</p>
+
+<p>
+Darüber Vollmond ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die feindlichen Bataillone hatten noch in der Nacht zum
+Gegenstoß ausgeholt. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-5-5">
+<span class="firstline">V</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Weiter zogen die Jahre. Tag für Tag erschienen die
+Zeitungen mit spaltenlangen Verlustlisten gefüllt. Alle
+Viere von sich gestreckt lagen sie auf der Erde da: Männer,
+die Schädel zerfetzt, die Brust aufgetrieben, die Gedärme
+brachen aus den geborstenen Uniformen heraus, Millionen
+Männer lagen so, über der Erde, unter der Erde ...
+</p>
+
+<p>
+Noch immer kein Ende ...
+</p>
+
+<p>
+Tag und Nacht experimentierten Tausende von Chemikern.
+Wunderbare Gasgemische entstanden in den Laboratorien.
+Zentner-Mengen Kampfstoff schickten die deutschen Farbstoffindustrien
+in die Welt. Die in diesen Fabriken beschäftigten
+Arbeiter wußten nicht, was sie produzierten. Die
+organische Verbindung zwischen den Kriegsmaterialien und
+der friedlichen Industrie ist im Kriegsgaswesen besonders
+eng. Fast alle Kampfgase finden auch im friedlichen Leben
+Anwendung. Sie dienen entweder unmittelbar für verschiedene
+friedliche Zwecke z. B. zur Desinfektion des Getreides,
+von Wohnräumen und dergleichen, oder aber sie
+bilden Zwischenprodukte für andere im friedlichen Leben
+unentbehrliche Produkte. Vor allem stehen die Kampfgase
+mit der Farbindustrie in Verbindung, zugleich aber sind sie
+auch für die Herstellung von Medikamenten und photographischen
+Artikeln zu benutzen.
+</p>
+
+<p>
+Es marschierte auf das Chlor.
+</p>
+
+<p>
+Chlorphosgengemische. Chlorpikrinsulfuryl. 20000 Zentner
+Gaskampfstoffe wälzten sich daher als Giftflut.
+</p>
+
+<p>
+Es marschierte auf Phosgen.
+</p>
+
+<p>
+Diente es einstmals nicht zur Herstellung einer ganzen
+Reihe hellroter, blauer und violetter Farben?!
+</p>
+
+<p>
+Es marschierten auf die Arsine, aus dem gleichen Rohstoff
+hergestellt wie die Arsen-Präparate.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
+Acht deutsche Fabriken befaßten sich mit der Herstellung
+dieser Kampfgase ... –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und gegen 4 Uhr morgens begann wieder die Artillerieschlacht
+mit einem gewaltigen Feuerschlage auf 70 Kilometer
+Breite.
+</p>
+
+<p>
+7000 Geschütze waren es, riesenkalibrige und großkalibrige,
+die die Bekämpfung des feindlichen Grabensystems aufnahmen,
+gegen das auch eine Unmasse an Minenwerfern
+und Gaswerfern eingesetzt wurde.
+</p>
+
+<p>
+Die feindliche Artillerie war durch das reichliche Infektionsschießen
+am vorhergegangenen Tage schon zum Schweigen
+gebracht.
+</p>
+
+<p>
+Das feindliche Gelände war in dichte Gassümpfe verwandelt
+worden.
+</p>
+
+<p>
+Eine Doppelwalze lief vor der stürmenden Infanterie
+einher: eine Walze mit Splittermunition dicht vor, die
+andere mit Gasmunition weit vorauswandernd.
+</p>
+
+<p>
+Alle Truppen waren mit Gasmasken versehen.
+</p>
+
+<p>
+Pferde trugen Gasschuhe.
+</p>
+
+<p>
+Es gab schon Entseuchungskommandos in richtigen taucherähnlichen
+Gasschutzanzügen. Riesige Mengen Chlorkalk, das
+entgiftend wirkte, wurden auf Feldbahnen herangefahren.
+</p>
+
+<p>
+Man legte Gassperren, blaue Räume, gelbe Räume, bunte
+Räume, man unterschied bereits zwischen Gasüberfall,
+Schwadenschießen, Gasbrisanzschießen, Verseuchungsschießen.
+</p>
+
+<p>
+Eine richtige Gastaktik hatte sich entwickelt. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Mit einem leichten dumpfen Knall explodierten ununterbrochen
+in der Stadt die Gasgeschosse.
+</p>
+
+<p>
+Es roch nur ein wenig in den Straßen wie nach bitteren
+Mandeln. Man sah kaum Menschen, einige nur, einen
+Bausch vor Nase und Mund, der mit einer besonderen
+Flüssigkeit getränkt war.
+</p>
+
+<p>
+Verwundete zwar, die hier von der Front durchkamen,
+erzählten kaum Glaubliches:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
+„Die Deutschen verfeuern Geschosse, die geheimnisvolle
+Flüssigkeiten enthalten, die verdampften und in gasförmigem
+Zustand die Fähigkeit haben, Leder, Haut, Gemäuer zu
+durchdringen, und die, selbst in den minimalsten Dosen eingeatmet,
+absolut tödlich sind. Und welch ein Tod! Ja,
+erzählte man, sie wirkten auch durch die Haut selbst hindurch
+sofort tödlich, starke Erregungen der Atmung, eine eigentümliche
+psychische Unruhe machte sich sofort bemerkbar,
+Erbrechen, Magenstörungen, Verlangsamung des Herzschlags,
+Bewußtlosigkeit. Geschmack und Geruch gehen oft
+völlig verloren. Das aber sind nur die Nebenwirkungen.
+Kennzeichnend ist der schleichende Verlauf. Zuerst etwa
+das Bild eines Gletscherbrandes: erst nach mehreren
+Stunden eine Rötung, hierauf oft beträchtliche Schwellungen
+der Haut. Blasen bilden sich, nicht selten von unförmiger
+Größe, sie sind mit einer klaren, leicht gerinnenden
+Flüssigkeit gefüllt, leicht eiternd. Das Sehvermögen wird
+durch eine schmerzhafte Bindehautentzündung beeinträchtigt.
+Ja, das Auge kann völlig zuschwellen und eiterigen Ausfluß
+absondern. Dann kommt das Lungenödem: in den Lungen
+bilden sich überall kleine Herde von angesammelter Flüssigkeit,
+die rasch wachsen und sich vereinigen können, um schließlich
+den größten Teil des Lungenraumes auszufüllen und
+durch zunehmende Beschränkung der Luftzufuhr tödliche Erstickung
+herbeizuführen ... Nun, Luftgeschwader seien bereitgestellt,
+diese Flüssigkeiten, die in die Fliegerbomben
+gefüllt sind, weit hinter der Front über die Städte auszugießen
+... Auch hätten die Deutschen jetzt zudem Apparate,
+aus denen sie Flammen spritzten, und das alles verwendeten
+sie zusammen, das eine nicht ohne das andere ... es sei
+unmöglich, den Krieg noch länger zu führen, es sei einfach
+menschenunmöglich sowas auszuhalten ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Weiter fielen unterdeß die Bomben auf die Stadt.
+</p>
+
+<p>
+Ein dunkler schwerfälliger Regen, mit großen eisernen
+Tropfen ...
+</p>
+
+<p>
+Bald nah, bald fern: aber die Geschosse hatten nur eine
+geringe Sprengwirkung. Die Einwohner fühlten sich mehr
+<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
+als bei früheren Beschießungen geborgen. Auch Brandwirkung
+war keine zu beobachten. Es war volle Frühlingssonne,
+die Straßen waren aufgeweicht, hoch oben surrten die
+Fliegergeschwader in der blauen Märzluft.
+</p>
+
+<p>
+Aber trotzdem: nach Verlauf von einigen Stunden begann
+es.
+</p>
+
+<p>
+Die Einwohner hockten wie immer in den Kellern.
+</p>
+
+<p>
+Es war unheimlich. Es war noch nie dagewesen. Es war,
+um völlig den Verstand zu verlieren.
+</p>
+
+<p>
+Irgendwer stürzte die Treppen herunter. Die Nase dieses
+„Irgendwer“ war ein einziger blutiger Knollen. Er hatte
+sie sich vollkommen aufgejuckt. Aus seinen Augen troff das
+Tränenwasser und dabei schrie er immer mit heiserer
+Stimme: „Das ist das Wahnsinnsgas ... das Wahnsinnsgas
+...“ Er taumelte unten noch einige Schritte vor,
+dann stürzte er wo nieder, fetzte sich die Kleider vom Leib,
+knirschte mit den Zähnen, kratzte und knetete sich, ganz leise
+wimmerte er jetzt nur noch: „Die Boches. Die ver...“
+</p>
+
+<p>
+Wie auf Kommando begann jetzt auch schon der ganze
+Raum zu husten.
+</p>
+
+<p>
+Einige zündeten sich die Pfeifen an, pafften wie toll, behaupteten,
+das wäre ein Mittel dagegen.
+</p>
+
+<p>
+Acht Menschen saßen da im Keller, fünf Frauen, drei
+Männer. Die Frauen in mittlerem Alter, die Männer alle
+über fünfzig alt. Man hatte auch Matratzen nach unten
+geschafft, man lag und stand da jeden Tag seine fünf
+Stunden herum, das war einem schon so zur Gewohnheit
+geworden. Die Kinder nahmen Spielzeug mit, einen Teddybär,
+der gar keine Angst hatte und aus seinen Glaskugelaugen
+nach wie vor fröhlich in die Welt blickte.
+</p>
+
+<p>
+Jeder sah jetzt auf den andern.
+</p>
+
+<p>
+Einige nur stierten teilnahmslos vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+Die Beschießung hatte aufgehört.
+</p>
+
+<p>
+Oben klimperten Schritte.
+</p>
+
+<p>
+Der „Irgendwer“ jammerte in seinem Winkel ganz erbärmlich.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
+André, kriegsinvalid, Feldzugsteilnehmer von 70/71, stieß
+ihn:
+</p>
+
+<p>
+„Na Junge, schwere Brocken was ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Eine gespenstische Verwandlung bereitete sich vor.
+</p>
+
+<p>
+Die Gesichter der im Keller eingepferchten Menschen
+wurden plötzlich schwammig, klößig, auch die Hände dunsen
+auf.
+</p>
+
+<p>
+Die Weiber fingen zu plärren an.
+</p>
+
+<p>
+Ein Hustenkrampf erstickte ihre Stimme.
+</p>
+
+<p>
+Seltsame Bewegungen machten sie mit Armen und
+Fingern, wie in einem Traumzustand, ganz schwer, langsam,
+schleichend.
+</p>
+
+<p>
+Die Gesichter hatten nun eine Farbe wie Lehm.
+</p>
+
+<p>
+Der Körper fleckte sich.
+</p>
+
+<p>
+Die Schleimhäute bissen.
+</p>
+
+<p>
+Schüttelfieber jagte daher, Augen schwollen, unter den
+Fingernägeln war es, als krabbelten dort lebendiggewordene
+widerhakichte Eisenspäne. Der Kellerraum drückte wie
+ein unendliches Gewicht auf die Lunge herein. Wie flüssiges
+Blei kochte es in der Brust ... Da wurde alles auch schon
+schleierig, fadenscheinig, der ganze Raum wogte, alles floß
+auseinander in Millionen unsichtbaren Wellen, merkwürdig
+summend ...
+</p>
+
+<p>
+Der Todeskampf der Gasvergifteten dauerte so einige
+Stunden lang ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es entspricht aber keineswegs den Tatsachen, was man
+sich späterhin oft erzählt hat. Es ist nicht richtig, daß die
+von der Gasvergiftung betroffenen Menschen sich im letzten
+Stadium der Vergiftung gegenseitig noch angefallen haben,
+sich mit dem Messer bearbeitet oder gegenseitig sich gebissen
+und gewürgt haben. Solche Ausbrüche wahnsinniger Verzweiflung
+wurden nicht bekannt. Ganz das Gegenteil. Ohne
+daß sie etwas dagegen unternommen hätten, trockneten diese
+Unglücklichen einfach inwendig aus. Ein allgemeiner lähmender
+Zustand ging dem Endstadium voraus.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
+Keiner bewegte sich vom Platz. Sie blieben wie festgenagelt,
+wo sie gerade saßen oder standen. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Eine unsichtbare Gasdecke lagerte über der Stadt.
+</p>
+
+<p>
+Langsam drang das Gas überall ein.
+</p>
+
+<p>
+Es wehte daher durch Wasserleitungsrohre, durch Türritzen
+und Fensterspalten, durch Mauern, durch Glas, durch
+Stein, durch Eisen.
+</p>
+
+<p>
+Es war völlige Windstille. Das Gas verflüchtigte sich
+nicht.
+</p>
+
+<p>
+Hunde, Hühner, Pferde lagen auf den Trottoiren, Klumpen,
+Fetzen von Haut, auch das Leben der Bäume und
+Gräser schien restlos getilgt.
+</p>
+
+<p>
+Absolut tödliche Gase waren mit sogenannten Reizgasen
+gemischt: man mußte vor Augen-, Nasen- und Mundschmerzen
+die Masken abreißen, das absolut tödliche Gas
+fand durch die Luftröhre in die Lunge Eingang, und man
+war rettungslos geliefert.
+</p>
+
+<p>
+Dann wieder setzte eine Gasbombenbeschießung ein, kombiniert
+mit Brisanzgeschossen: so erreichte man außerdem
+noch eine hübsche Sprengwirkung: durch die aufgerissenen
+Löcher flutete nun das Giftgas in vollkommener Dichtigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Vorne an der Front wurden die Bewegungen der nachstoßenden
+Infanterie langsamer und unsicherer. Gewisse
+Gassumpfgebiete waren für sie überhaupt nicht mehr
+passierbar. In Masken standen sich von nun an die Bajonettfechter,
+die Handgranatenwerfer gegenüber.
+</p>
+
+<p>
+In die gasverseuchten Grabensysteme stürzten sich die
+Stoßtrupps hinein, wie die Frettchen in einen Kaninchenbau.
+Mit Bajonetten und Handgranaten kitzelten sie die
+letzten noch Ueberlebenden heraus. Zweifüßige gespenstische
+Larven jagten in den Grabengängen hintereinander her,
+die Büchse mit dem Filtereinsatz hing vom Mund herab wie
+ein kurzer Rüssel.
+</p>
+
+<p>
+„So ein Krieg –
+</p>
+
+<p>
+„Kotzbrocken –
+</p>
+
+<p>
+„Klamottenkrieg ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
+Und Max Herse fand eben in einem Unterstand, der zur
+Nachbardivision gehörte, folgendes Flugblatt an einem
+Balken angeheftet:
+</p>
+
+<p>
+„Helft mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung habt,
+zur schnellsten Beendigung des Menschenmordens. Verlangt
+das sofortige Ende des Krieges. Erhebt euch zum Kampfe,
+getretene und hingemordete Völker! Es naht die Stunde
+des Völkerfriedens. Nieder mit dem Krieg ...“
+</p>
+
+<p>
+Quatsch.
+</p>
+
+<p>
+Was war das!?
+</p>
+
+<p>
+Wie ein Herzschlag pochte es in der Erde. Jeden Moment
+konnte man auffliegen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-5-6">
+<span class="firstline">VI</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Deutsche Sturminfanterie stürmte auf dem Balkan. Im
+Wüstensand, hoch im Gebirge. Der deutsche Soldat kämpfte
+auf einer Front, die so groß war, daß die Sonne über ihr
+nie unterging. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Herbst war. Weiche, braunrot getupfte Waldgefälle. Wie
+Riesenpolster wölbten sich hoch die italienischen Berge.
+Himmel und Seeen wurden eins. Glutblau, wie Lapislazuli.
+</p>
+
+<p>
+Das italienische Bataillon war nicht zu fassen.
+</p>
+
+<p>
+Es hatte sich, gegen jede Feuerart gedeckt, in Schluchten
+und Kavernen eingenistet.
+</p>
+
+<p>
+Man unterscheidet zwischen Zielen, die mechanisch zerstörbar
+sind und solchen, die nur chemisch zu erledigen sind.
+</p>
+
+<p>
+Zu den letzteren gehörte in diesem Fall die italienische
+Stellung. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Vier volle Nächte dauerte der Antransport des Kampfgeräts.
+Da die Anmarschstraßen von Truppen- und Sanitätskolonnen
+überfüllt waren, mußten Seitenpfade begangen
+werden. Im Zickzack arbeiteten sich die Trägerkolonnen
+empor, ausgetrocknete Waldbachschluchten mußten
+mühsam überquert werden, immer wieder sanken die Träger
+von Müdigkeit übermannt um, dann hieß es ein Plateau
+<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
+überqueren, das von der feindlichen Artillerie voll eingesehen
+werden konnte, Felssplitter mischten sich mit
+Granatsplittern, ein wahrer Splitterorkan ging nieder, es
+stäubte und prasselte von oben her, von unten auf, von allen
+Seiten, in den Wipfeln der Tannen pfiff es und knackte
+es, die Granataufschläge auf dem Felsboden waren schrill
+und gellend.
+</p>
+
+<p>
+Ein Riß: ein Granatstoß fegte mitten durch eine Trägerkolonne
+hindurch.
+</p>
+
+<p>
+Sich um sich drehende plumpe Säcke rollten sie einen Abhang
+hinunter. Ein Latschengestrüpp fing einige von ihnen
+auf, die anderen kollerten schreiend weiter.
+</p>
+
+<p>
+Viele Träger warfen jetzt die Rohre weg.
+</p>
+
+<p>
+Endlich waren die tausend Gasminen an der deutschen
+Front eingebaut. Tausend Rohre waren genau nach der
+italienischen Front hin ausgerichtet. Es war ein Uhr nachts.
+Das deutsche Gaswerferbataillon stand in Bereitschaft.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war eine Nacht wie alle Nächte.
+</p>
+
+<p>
+Rötlich-blau. Ein dunkel-tönender Strich war fern das
+Rauschen der Bergwässer. Die tausend und abertausend
+Blinkfeuer der Sterne leuchteten ungetrübt, hie und da riß
+sich ein Schuß aus dem Dunkel heraus, Leuchtraketen stoben
+knatternd aus dem Erddickicht auf, eine kurze Salve folgte,
+ein Durcheinander-Rattern, und wieder lag alles wie verkrochen
+in einer Höhle da, die Hände der Mannschaften
+glitten von dem Gewehrschaft ab, die Geschützbedienungen
+schnarchten, nur die Horchposten wachten noch, jedes geringste
+Geräusch zeichnete sich ihnen vielfach vergrößert ein
+in der Ohrmuschel, sie standen dicht vor dem Stacheldrahtkranz
+unbewegt. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+„Zum Abschuß fertig ...“
+</p>
+
+<p>
+Punkt zwei Uhr wurde eine Gassalve von über 900
+Minen gleichzeitig abgefeuert. Die Zündung erfolgte elektrisch
+von einer Stelle aus.
+</p>
+
+<p>
+Ein gewaltiger Feuerfächer durchsprang grell die Nacht.
+Tausend Mündungsfeuer blitzten gleichzeitig auf. Hunderttausende
+von Menschen hielten jetzt gleichzeitig den Atem
+<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
+an. Einige schreckten aus dem Schlaf hervor: „Was ist ...
+Was ist los ...?“ Schneidend, eiskalt war dieser Feuerschein,
+wie eiserne Zacken standen die fernsten Bergspitzen
+darin. Und schon rauschte ein ebenso gewaltiger unterirdischer
+Donner auf, von allen Bergwänden rings als
+hundertfaches Echo widerschallend, man bekam einen Augenblick
+lang keine Luft mehr. Wie ein unsichtbares Gewicht
+preßte auf alle Lungen die Luft herein. Die Magennerven
+rebellierten bei einigen. Einige kauerten sich am Boden
+nieder, andere hatten Arme und Beine von sich gestreckt.
+Wieder andere bedeckten mit den Händen das Gesicht und
+heulten einfach drauf los. Jeder aber hielt sich irgendwo
+fest. Und es war dies alles doch nur der Bruchteil einer
+Sekunde.
+</p>
+
+<p>
+Rudel von Leuchtkugeln flatterten sogleich empor.
+</p>
+
+<p>
+Ein riesiger schwarzer Rauchschleim zog unten dahin.
+</p>
+
+<p>
+Man hätte meinen können, man befinde sich hoch über den
+Wolken.
+</p>
+
+<p>
+Ein Rauschen, Summen, Sirren, Plätschern war in der
+Luft.
+</p>
+
+<p>
+Die Luft war wellengleich bewegt, wie unter der Einwirkung
+riesiger Schraubenumdrehungen, Blasebälge oder
+gigantischer Propellerschläge.
+</p>
+
+<p>
+Endlich:
+</p>
+
+<p>
+Trum-trum ...
+</p>
+
+<p>
+Trum-trum-trumtrum ... vielhundertmal dieses: trum-trum
+... und so fort.
+</p>
+
+<p>
+Es war das dumpfe Niederklatschen der Minen, die in
+kurzer Reihenfolge aufeinander krepierten.
+</p>
+
+<p>
+Wieder Feuerschein ...
+</p>
+
+<p>
+Wieder diese Erderschütterung ...
+</p>
+
+<p>
+Wieder jene geheimnisvollen, sprengenden Flügelschläge
+...
+</p>
+
+<p>
+Hinten und vorne, überall: Stichflammen –
+</p>
+
+<p>
+Eine zweite Salve krachte ...
+</p>
+
+<p>
+Eine dritte ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
+Wieder gurgelte es, ächzte es, der Erdgrund stieß ein
+paar Mal gewaltig auf. Wie im Galopp ruckte der Boden
+einige Male von selbst nach vorwärts, eine Erdschicht schob
+sich über eine andere, Schutt kam wie eine Lawine ins
+Rollen und rutschte davon, steil prasselten breite Erdfontänen
+hoch, mit riesigen Felsklumpen darunter, wie
+Hagel schlugen sie wieder nieder.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Gasanhäufung im italienischen Graben war so dicht,
+daß die Gasmasken völlig versagten.
+</p>
+
+<p>
+Die Minen aber waren zudem noch mit Einlagen aus
+Petroleum versehen, das bei der Explosion zerstäubte und
+brennend den Stoff der Gasschutzmaske durchlöcherte.
+Artilleriebrisanzfeuer setzte zu gleicher Zeit von der deutschen
+Front ein.
+</p>
+
+<p>
+Sechshundert Mann lagen da, Pferde und Hunde darunter,
+krümmten sich, platzten, stießen, einer irrsinniger als
+der andere, lallende Laute aus, man konnte schon von Kopfwunden,
+Fleischwunden, Knochenschüssen nicht mehr reden:
+das ganze italienische Bataillon war einfach zu einer
+breiigen Masse zusammengestampft, die Gasschwaden zogen
+in den Unterständen ein, räucherten sie aus, beim nächsten
+Windzug schlugen sie wieder zurück, erhoben sich, senkten sich,
+je nachdem, und marschierten nun, als unheimliche Kolonne,
+weiter in das Hinterland.
+</p>
+
+<p>
+Jeder Instinkt, jedes Denkvermögen hörte auf. Das Gesetz
+der Schwerkraft selbst schien aufgehoben.
+</p>
+
+<p>
+Strudel bildeten sich, Luftgefälle, Luftwirbel, bewegliche
+Gasmauern, Flammen zuckten hervor, ganze Flammenschleier
+wieder breiteten sich aus, schrumpften, gerannen,
+und brachen plötzlich wieder hervor, ein dicker, spiralig geschwollener
+Flammenstoß.
+</p>
+
+<p>
+Und mitten in den nun schon sich verflüchtigenden Gasnebel
+hinein stießen einige Stunden später – es war jetzt
+gegen sechs Uhr morgens – die Infanteriereihen, die Gasschutzmaske
+aufgesetzt, führten einen verzweifelten Bajonettkampf
+durch, Maske gegen Maske.
+</p>
+
+<p>
+Geschlechter von zweifüßigen Larven stießen da mit
+blankem Messer auf einem gespenstischen Schlachtfeld auf
+<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
+sich ein, mancher riß sich plötzlich selbst die Maske von dem
+Gesicht herunter, eine angstverzerrte Grimasse wurde einen
+Augenblick lang sichtbar, ein Schluck ... und schon ertrank
+er rettungslos im Gassumpf.
+</p>
+
+<p>
+Die Sonne ging auf. Der Himmel drückte bald wie
+glühendes Eisen. Die Erde selbst aber wurde darunter
+aufgeweicht, schäumte und brodelte, der über und über durchtrichterte
+Boden schien wie ein mit flüssiger Lava getränkter
+Feuerschwamm. Die Poren, die die Tausende von
+Granatlöchern darstellten, waren mit Bündeln von Menschenleichen
+vollgestopft. Die Luft zwischen Himmel und Erde
+stand still. Jeden Moment, dachte man, fängt auch sie zu
+brennen an ... Kein Baum, kein Strauch. Schattenlos
+strotzten auch die gewaltigsten Felsklumpen empor aus
+diesem Flammensumpf ...
+</p>
+
+<p>
+Tausende von Gasvergifteten schmorten jetzt langsam sich
+zutod in der Hitze.
+</p>
+
+<p>
+Manche Leichname fingen zu brodeln an.
+</p>
+
+<p>
+Fliegen summten, Käfer und Eidechsen krabbelten darüber.
+</p>
+
+<p>
+Da liegt so ein fleischiger Haufen: die Gedärme aus dem
+Bauch neben sich hingeschüttet: ein seltsames Leben beginnt
+sich in dem Kadaver zu regen.
+</p>
+
+<p>
+Es riecht nach Oliven, nach Staub ... geronnenes Blut
+und faules Fleisch riecht, Jauche und Eiter ... überall
+sieht man es qualmen ...
+</p>
+
+<p>
+Ein solches Unmaß an Hitze, wie es einem Gasvergifteten
+auferlegt ist zu ertragen, kann man sich kaum vorstellen.
+</p>
+
+<p>
+Die ganzen Eingeweide verbrennen von innen, die
+Lungenwände sind wie mit einer beißenden Säure ausgelegt,
+mit jedem Herzschlag pumpt es sich wie siedendes
+Blei durch die Adern. Von oben preßt sich einem die
+Sonne, ein scharlachener Klotz, schwer auf den Schädel,
+zentnerschwer; die Kehle steckt wie zwischen einem langsam
+sich zudrehenden Schraubstock ... Ekelhaft kleberig ist der
+Schlund, hart, porös wie Bimsstein fühlt sich die Zunge an.
+</p>
+
+<p>
+Hunderte lagen noch auf den Knien vor den Sanitätern
+und flehten um den Fangschuß. Morphiuminjektionen
+<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
+wurden verabreicht. Wieder einige hatten das Glück, noch
+ihr Bajonett zu besitzen. Sie machten Harakiri.
+</p>
+
+<p>
+Gewaltige Strahlenmassen prallten jetzt in diesem Talkessel
+zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Es war gegen Mittag ...
+</p>
+
+<p>
+Die Bergspitzen glänzten wie Messing.
+</p>
+
+<p>
+Junge Regimenter, flaumlose Kindergesichter, stolperten
+über diese Leichenwelt hinweg im Sturmschritt. Italienische
+Tanks krochen die Dolomitenstraßen herauf.
+</p>
+
+<p>
+Ueberall Menschenblutspritzer, Knochensplitter, Fleischfetzen:
+alles mit Menschenblut vollgesogen. Bis über die
+Knie blieb man oft stecken im Menschendreck.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-5-7">
+<span class="firstline">VII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Max Herse stand mit seiner Vision plötzlich mitten auf
+einem Platz der inneren Stadt.
+</p>
+
+<p>
+Es lärmte Alarm. Es brandete und brauste ...
+</p>
+
+<p>
+Eine Musik: Räderknurren, Stahlhämmer, Treibriemen,
+Bohrer und Schaufeln ...
+</p>
+
+<p>
+Max rieb sich die Augen –
+</p>
+
+<p>
+Und das Schwergewicht der Welt hatte sich ihm unmerklich
+verschoben; es war, als rückte sich ihm jetzt erst, das
+erste Mal, sein Inneres zurecht ...
+</p>
+
+<p>
+Muskelbänder, Adern, Sehnen, Armhebel: darauf ruhte
+die Welt, und als Max ein vornehm aufgemachtes Spielwarengeschäft
+erblickte, da dachte er schon wieder ganz proletarisch
+folgerichtig:
+</p>
+
+<p>
+„An diesen Puppenköpfen, Kinderuhren, Haarnadeln, dem
+ganzen Schnickschnack der modernen Kleinindustrie klebt
+Blut und Schweiß lebendiger Menschen, die unter den
+elendesten Verhältnissen ihr Leben fristen. Der elegante
+Herr, der seine Autobrille dort aufsetzt, denkt nicht daran,
+daß diese Brille zusammengesetzt ist in einer dunklen Küche,
+die als Arbeitsraum dient, oder in einem Kellerloch, von
+unterernährten darbenden Menschen ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
+So scharf, so anschaulich, so gründlich hatte Max bisher
+noch nicht gedacht.
+</p>
+
+<p>
+„So muß gedacht werden, so muß die Welt angesehen,
+so muß sie erlebt werden! Das ist der einzig berechtigte und
+historisch notwendige Denk- und Anschauungsakt. So muß
+die Welt betrachtet werden und im Kampf von uns Proleten
+verändert werden. Alles andere ist ein menschenmörderischer
+Luxus ... Es gibt nur <em>einen</em> Standpunkt, von
+dem aus diese vermorschte Welt aus den Angeln gehoben
+werden kann, und dieser Standpunkt ist der unsere.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+In diesem Augenblick marschierte ein Zug der Kommunistischen
+Jugend vorüber.
+</p>
+
+<p>
+Rote Fahnen wehten.
+</p>
+
+<p>
+Die „Internationale“ sang.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Gesang hatte Rhythmus, Takt, Tonfall einer unerbittlichen
+Kampfansage.
+</p>
+
+<p>
+Noch einmal verbanden sich Maxens Gedanken mit jenen
+Erinnerungen, die ihn vor einer halben Stunde noch heimgesucht
+hatten:
+</p>
+
+<p>
+„Ja, die ganze Stadt war ein Trümmerhaufen, als wir
+damals einmarschierten. Kein lebendes Wesen weit und
+breit. Nur in einem verschütteten Haus aus einem Kellerloch
+die Stimme eines halb verhungerten Kindes, das ...
+das die „Internationale“ sang ... Ja, ich erinnere mich
+noch deutlich, das war für viele unserer Soldaten damals
+ein grausamer, grauenhafter Weckruf. Viele wurden mit
+einem Mal nüchtern. Das proletarische Gewissen gellte in
+ihnen wie eine Sturmglocke. Tränen liefen ihnen über die
+Backen. Knirschten mit den Zähnen ... Ja, der erste Zug
+unserer Kompagnie stand mitten im Marsch auf einen
+Augenblick starr, wie versteinert zu einer Säule. Wir haben
+das Kind dann ausgegraben. Es war ein belgisches Proletariermädchen.
+Die ganze Kompagnie hegte es als ihr
+Kleinod. Es war unser Herzenshalt. Es war das Beste,
+was wir damals hatten.“ –
+</p>
+
+<p>
+Da schwenkten die Jungkommunisten in eine Seitenstraße
+ab, und Max bemerkte, wie er ihnen freundlich zunickte, er
+<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
+hatte auch, ohne daß er sich dessen bewußt war, den Hut
+zum Gruß abgezogen.
+</p>
+
+<p>
+Er murmelte noch leise vor sich hin:
+</p>
+
+<p>
+„Bravo, Burschen! Nur so weiter! Ist nicht am Ende
+doch alles, was man über euch herschimpft, eitel Lug
+und Trug!? Muß es denn nicht so sein!? ... Können
+euch denn eure Feinde loben!? ... Recht so! Vorwärts
+in die Zukunft ... Auf eueren Schultern ruht – die
+Welt ...“
+</p>
+
+<p>
+Ein Spießer bleckte die Zähne.
+</p>
+
+<p>
+„Was der für ein widerliches Gebiß hat. Man möchte
+ihm das Gebiß aus dem Maul reißen. Pfui Teufel ...
+So eine feiste Fresse ...“
+</p>
+
+<p>
+Es war inzwischen Abend geworden.
+</p>
+
+<p>
+Die ganze Stadt war wie eine sich immer wieder von
+selbst aufziehende Mechanik, eine auf geheimnisvolle Weise
+immer wieder sich selbst regulierende Wildnis voll intensivsten
+Leuchtens. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-5-8">
+<span class="firstline">VIII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Max schob sich automatisch einige Straßen durch.
+</p>
+
+<p>
+„Nun muß ich aber doch endlich einmal auch bei Lene
+vorbeischauen.“
+</p>
+
+<p>
+Lene war Arbeiterin in einer Trikotagenfabrik.
+</p>
+
+<p>
+Max hatte sie neulich nur kurz in der Versammlung gesprochen.
+Hie und da sah man sich Sonntags, dann machte
+man einen Sprung in die Umgebung Berlins hinaus, zu
+mehr langte es ja ohnedies nicht. Sie kannten sich von der
+sozialdemokratischen Arbeiterjugend her. In der letzten Zeit
+allerdings waren sie ganz außer Kontakt gekommen. Das
+kam, weil Max sich seit einigen Monaten wenig mehr
+um Politik kümmerte, Lene aber ganz in die Arbeiterbewegung
+hineinwuchs und eigentlich schon vollends darin
+aufging.
+</p>
+
+<p>
+Lene empfing ihn gleich unter der Tür mit den Worten:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
+„Du, Max, denk dir nur, gestern bin ich aus der Partei
+ausgetreten. Ich kann es nicht mehr länger so mitmachen.
+Die letzten Wochen haben mir den Rest gegeben ... Ich
+habe mich heute noch nicht entschieden ... Zu den Kommunisten
+kann ich noch nicht ... Auch weißt du, hab ich so
+eine Intellektuellenschrulle, das ist das mit der Gewaltfrage
+...“
+</p>
+
+<p>
+Max blieb gleich mitten im Zimmer stehen.
+</p>
+
+<p>
+„Die Gewaltfrage also ists. Das kann ich dir nur sagen:
+ich für mein Teil könnte das nicht als Hinderungsgrund
+betrachten. Die ganze Gesellschaft ist ja doch nichts weiter
+als Gewalt. Gewalt ist Geld, Gewalt ist: daß du und ich
+in die Fabrik gehen, Gewalt ist, wie du wohnst, das ganze
+Recht, alle Sitten und Gebräuche beruhen auf Gewalt. Auf
+nacktester brutalster Gewalt ... Nur haben natürlich die,
+die herrschen, ein Interesse daran, diesen bitteren Gewaltkern
+wohlschmeckend zu machen. Sie schwätzen also vieles
+und schönes von der Gewaltlosigkeit ihrer Gewalt. Sie
+legalisieren die Gewalt ... Ist nicht die Arbeitsstätte
+heute für die weitaus meisten Menschen eine Schlachtbank?!
+Der ganze Produktionsprozeß ist Gewalt, die Art
+und Weise, wie produziert, wie verteilt und wie verdient
+wird ... Ja, gehe nur einen Schritt so wie es der herrschenden
+Klasse nicht paßt, gleich packt dich in der oder jener
+Form die Gewalt ... Der ganze Gesellschaftsapparat, samt
+Staat, Beamtenmaschine, Militär, Polizei dazu: Gewalt,
+Gewalt, nichts als Gewalt. Und sieh: dieser friedliche Gewaltkörper
+bricht eines Tags plötzlich aus und dieses Geschwür,
+bisher nur unter der Oberfläche eiternd, das ist der
+Krieg ... Es bleibt uns schon nichts anderes übrig, als diesen
+ganzen Gewaltkörper mit Gewalt zu zerschlagen ... Und
+überhaupt: geschichtlich betrachtet: die Gewalt war und ist
+noch immer seit jeher, seit Menschengedenken, die Geburtshelferin
+jeder alten Gesellschaft gewesen, die mit einer
+neuen schwanger ging ... Lene, du mußt wieder einmal
+das „Kommunistische Manifest“ lesen. Wir müssen gewaltig
+viel aufholen, wir sind durch die bürgerlichen Schulen und
+durch unsere verbürgerlichten Führer ungeheuer verdorben
+und verbildet worden. Wir müssen uns wieder zu uns
+<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
+selbst zurückfinden, zu uns, zu unserem unverfälschten
+instinktsicheren Klassenstandpunkt ...“
+</p>
+
+<p>
+Max streckte Lene die Hand hin.
+</p>
+
+<p>
+Die schüttelte nur ungläubig lachend den Kopf –
+</p>
+
+<p>
+Dann schlug sie ein.
+</p>
+
+<p>
+„Recht hast du, Max, sehr recht: wir sind an uns selbst
+irre geworden ... Ja, aber, Max, seit wann ... Das ist
+ja gut gekommen mit Dir! ... Ich staune nur so ... Neulich
+in der Versammlung nämlich, da hast du mir schon gar
+nicht gefallen ... Ich hab’ dich immer bei jedem Satz, den
+der Redner sagte, beobachtet ... Ja, Max, das, was die
+Gewalt anbetrifft, das weiß ich natürlich auch, so tief bin
+ich ja doch noch nicht gesunken: auch die Ideen, die heute
+herrschend sind und die man uns so schön eingewickelt durch
+die Presse als tägliche Herzens- und Gehirnkost verabreicht,
+bedeuten Gewalt und dienen ihrerseits treu dem Gewaltsystem,
+mittels dessen das Bürgertum über uns herrscht ...
+Aber, schau: den Eintritt in die Kommunistische Partei: das
+muß ich mir gründlich überlegen. Die Kommunistische Partei
+ist eben nicht so eine Partei wie die anderen Parteien, das
+jedenfalls habe ich längst begriffen. Da heißt es, voll und
+ganz in der Arbeit aufgehen, sich opfern, restlos sich opfern.
+Disziplin halten, sich unterordnen. Sonst hat das Ganze
+gar keinen Sinn ... Und darum, um diesen letzten
+Entschluß kämpfe ich noch. Das muß doch ein jeder
+ernsthaft vorher mit sich selbst abmachen. Kann ich das,
+was von mir verlangt werden wird, auch leisten? Daraufhin
+prüfe ich mich ... Aber ich werde schon wohl nicht
+anders können ...“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-5-9">
+<span class="firstline">IX</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Es war spät Nacht, als Max sich auf den Heimweg
+machte.
+</p>
+
+<p>
+Er fühlte sich gewaltig gestärkt und über sich selbst emporgehoben.
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde schon fertig damit. Nur keine Bange ... Ich
+bin in den letzten Tagen der Lösung des Problems schon
+<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
+ziemlich nahe gekommen ... Lene ist ein Prachtkerl ... Auch
+sie hat mir noch geholfen ... Wird der Wilhelm Augen
+machen, wenn ich ihm erzähle ... Nun gut so ... Jetzt nur
+noch ein kleiner Stoß ... Doch genug für heute ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Straßen waren menschenleer.
+</p>
+
+<p>
+An einer Straßenbahnkreuzung wurden die Schienen ausgebessert.
+Ein Haufen von Arbeitsmännern hantierte mit
+Schweißapparaten. Schienenhobel flitzten. Eine Weiche
+wurde schwer herausgehoben.
+</p>
+
+<p>
+Das blaue Licht der Sauerstoffgebläse gespensterte magisch
+auf und ab in der Nacht. Huschte die Häusermauern entlang.
+Wie Gerippe, mit fahlen Knochenhäuten bespannt,
+geisterten sie ...
+</p>
+
+<p>
+„Arbeitskollegen. Genossen. Proleten. Wir. Du und ich.
+Wir gehören zusammen ... Proletarier aller Länder, vereinigt
+euch!“
+</p>
+
+<p>
+Ein wunderbarer Satz!
+</p>
+
+<p>
+Max sprach ihn immer wieder vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+Welcher Menschengehirnkraft, Menschenerfahrung, welchen
+Menschenleids bedurfte es, um diesen proletarischen Block
+zusammenzuschweißen! Trieb nicht vorher die ganze Menschheit
+in einem riesigen Leidensmeer, Traumtrümmer an
+Traumtrümmer!? Was an Heroismus, Aufopferung, Disziplin
+wird weiterhin nötig sein, um diesen Block in Bewegung
+zu setzen, welche gewaltigen Hebelkräfte, ihn über
+die dem Untergang geweihten Geschlechter der Vergangenheit
+hinweg in die Zukunft zu wälzen! ... Gebt uns eine
+Partei! so schrie es aus Millionen Mündern in allen
+Menschensprachen. Gebt uns eine Partei! Einen aus Millionen
+Proletarierarmen geschmiedeten Hebelarm, eine
+eisern in sich gefügte Organisation, ein Willens-Kollektiv,
+ein Erfahrungs-Kollektiv ... und verlaßt euch drauf: wir
+werden es schaffen!
+</p>
+
+<p>
+„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“
+</p>
+
+<p>
+Eine Parole. Eine Fanfare. Der alarmschmetternde
+Grundton des proletarischen Siegesmarsches. –
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
+Max marschierte im Infanterieschritt.
+</p>
+
+<p>
+Pfiff dazu ...
+</p>
+
+<p>
+Marschierte mit Hunderten, mit Tausenden ...
+</p>
+
+<p>
+Im Gleichschritt. Im Arbeiter-Marsch.
+</p>
+
+<p>
+Kolonnen marschierten auf Kolonnen ...
+</p>
+
+<p>
+Manchmal gewitterte ein elektrischer Schein über den
+Horizont herauf.
+</p>
+
+<p>
+Auch schimmerte es schon rötlich an der Himmelsferne.
+Nun färbte sich ein langverzogener Wolkenstreifen lebendig
+rot.
+</p>
+
+<p>
+Die ersten Fabriksirenen heulten ...
+</p>
+
+<p>
+Ein riesiger steinerner Pfuhl, ein ungeheurer aus Granit
+und Zement gehauener Leidenstümpel ist diese Stadt.
+Morgen, übermorgen, wie schön und frei werden dann die
+Menschen wohnen!
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+So glücklich und kräftig zugleich war Max in seinem
+Leben noch nie. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-6">
+<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
+<span class="firstline">5. Kapitel.</span><br>
+Die Kriegsdebatte im amerikanischen
+Offiziersklub
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="ctoc">
+Abkommandiert zum Gas-Dienst.
+– Ein Kamerad von den Luftstreitkräften.
+– Die Kriegsdebatte im
+amerikanischen Offiziersklub. –
+Einige wichtige Ergänzungspunkte
+zum Kampf gegen den imperialistischen
+Krieg. – Der Völkerbund
+organisiert den Vernichtungskampf
+gegen die Kommunisten im Weltmaßstab.
+„Vertilgt die Kommunisten
+wie Ratten!“ – Mary Green
+auf dem elektrischen Hinrichtungsstuhl.
+– Generalstreik in USA. –
+Eine rote Zelle in der amerikanischen Armee.
+GBRO: Geheim-Bund
+revolutionärer Offiziere. – Es
+kann beginnen! –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-6-1">
+<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
+<span class="firstline">I</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Seit einem Vierteljahr war der amerikanische Leutnant
+der Infanterie Frank Morrow zum Gasdienst abkommandiert.
+Frank Morrow entstammte einer Arbeiterfamilie,
+er selbst arbeitete vor dem Krieg bei Ford. Auf
+den Schlachtfeldern Frankreichs avancierte er, gegen Ende
+des Krieges war er Führer eines Stoßtrupps. Frank
+Morrows Körper selbst glich einem Schlachtfeld: Arme und
+Beine trugen breite Narben von Bajonettstichen, der linke
+Lungenflügel war zweimal durchlöchert. Damals, im kleinen
+Kriegslazarett von Belleville, wohin er schwer verwundet
+aus der großen Angriffsschlacht der Deutschen heraus gerade
+noch rechtzeitig abtransportiert werden konnte, schwanden
+ihm die letzten Illusionen über den Krieg, mit denen er
+über den großen Ozean gegen die Deutschen gezogen war ...
+Immer wieder brach das zerschossene Lungengewebe auf,
+das blutige Exsudat drückte auf das Herz, die Aerzte hatten
+die Hoffnung aufgegeben. Frank konnte es nur noch mit dem
+Sauerstoffapparat aushalten, er bekam keine Luft mehr.
+Eine Punktion folgte der anderen. Bis eines Nachts, Frank
+erinnerte sich daran genau, der Arzt mit einer Schwester
+hereinstürzte, ihm den Augendeckel lüftete, den Kopf
+schüttelte ... und Frank auf den Operationstisch gelegt
+wurde, während der Arzt zum Assistenten bemerkte: „Vorsicht
+beim Aufsitzen, er kann uns unter der Hand bleiben.“
+Frank war von dem vielen Sekt, den Herzmitteln und
+dem Morphium ganz dösig. Trotzdem fühlte er ganz deutlich,
+um was es ging. Sein oder Nichtsein. Er sprach zu
+sich mit einer wimmernden Stimme einen militärischen
+Befehl. Und wieder wurde eine Punktion vorgenommen ...
+</p>
+
+<p>
+Nach weiteren acht Tagen war Frank bereits auf und
+spazierte im Garten des Kriegslazaretts umher. Ununterbrochen
+heulte und schluchzte er, die Augen waren an das
+Licht nicht mehr gewöhnt, die Nerven bis aufs äußerste
+angespannt, der Körper war außer Rand und Band, es
+<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
+schüttelte ihn hin und her, und es begann ein langes intensives
+Zittern ...
+</p>
+
+<p>
+Damals lernte Frank Morrow Thomas Butler kennen,
+Thomas Butler vom dritten Flugzeuggeschwader. Den
+Namen kannte er, Thomas Butler hatte in der Heeresgruppe
+die meisten Abschüsse. Er war der Sohn eines
+Chikagoer Holzwarenfabrikanten, zynisch und aufgeklärt,
+und führte sich bei Frank gleich mit den Worten ein: „Der
+ganze Krieg, Kamerad, ist weiter nichts als eine Riesenprofitquetsche
+... Wir allesamt sind die Beschissenen ...“
+Und die Gespräche über den Krieg wurden fortgesetzt.
+Thomas las dabei oft Stellen aus den Briefen einer gewissen
+Mary Green vor, von der Frank zunächst nur
+wußte, daß sie die Freundin Butlers und eine Sozialistin
+war. Frank wurde zum Nachdenken gezwungen. Er wehrte
+sich zwar oft innerlich dagegen, Thomas ließ aber nicht
+ab, und das Resultat war: auch Frank Morrow betrachtete
+seitdem alle Vorgänge mit kritischen Augen.
+</p>
+
+<p>
+„Für wen eigentlich schlagen wir uns!?“ fragten sich die
+Beiden. Und die Antwort hieß: für das Bankhaus Morgan
+und Kompagnie.
+</p>
+
+<p>
+„Und für wen die Deutschen!?“ „Für die „Deutsche Bank“
+vielleicht. Die Firma kann aber auch anders heißen.“
+</p>
+
+<p>
+Und wer hat den Krieg begonnen?
+</p>
+
+<p>
+Keiner von beiden. Und alle Beide.
+</p>
+
+<p>
+Wenn zwei Räuber sich um die Beute streiten, da ist es
+schwer, zu entscheiden, wer angefangen hat. Außerdem, wer
+einen Verteidigungskrieg und wer einen Angriffskrieg führt,
+das kann nur historisch entschieden werden. Die diplomatische
+Frage kommt hier nicht in Betracht. Aber historisch
+betrachtet führt nur der einen Verteidigungskrieg, der eine
+höher organisierte Gesellschaftsform gegen eine reaktionäre
+verteidigt. Ob er dabei angreift oder der Angegriffene ist,
+ist gleichgültig. 1914 ...!? Sie waren sich klar darüber,
+was alle die Phrasen von Nationalehre, Vaterlandsverteidigung,
+Freiheitskampf bedeuteten ... Eigentlich
+sind wir ganz elende Hunde, sagten sie sich, daß wir uns
+sowas gefallen lassen ... einfach unter Einsatz unseres
+<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
+Lebens die Kastanien für die Riesenfinanzschufte aus dem
+Feuer zu holen?! ... Man kommt sich bei einem solchen
+Sklavendienst selbst verächtlich vor ...
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages setzten sie sich wieder einmal zusammen.
+Sie versuchten es jetzt mit dem Galgenhumor. Zwar der
+Galgen wird dabei nicht aufgehoben ... „aber Geduld, wir
+zerreißen vielleicht doch noch dieses ganze Riesengespinst
+von Lebenslüge, in das wir noch verstrickt sind. Wir sind
+schon dabei ...“ Sie zählten auf, was jeder kriegführende
+Staat eigentlich von sich behauptet. Ohne Mühe ließ
+sich folgendes dabei herausfinden: Daß er einen Verteidigungskrieg
+führt und für die gerechte Sache kämpft, daß
+er einen Kampf für Freiheit und Zivilisation aller Völker
+führt, daß er einen dauernden Frieden anstrebt, daß er
+alle Kräfte anspannen und kämpfen wird, bis der Gegner
+endgültig niedergeworfen ist, daß er ohne Zweifel Sieger
+bleiben wird, daß er siegreich vorgeht und nur geringe
+Verluste zu verzeichnen hat, daß die Bomben seiner Flieger
+nur militärische Institutionen der Gegner treffen und immer
+mit großem Erfolg, daß seine Artillerie und seine Flieger
+bedeutend besser sind als die Flieger und die Artillerie der
+Gegner, daß er gerade jetzt große Unternehmungen plant,
+die unbedingt Erfolg versprechen, daß der liebe Gott ihm zur
+Seite steht ...
+</p>
+
+<p>
+Und jeder kriegführende Staat behauptet weiter:
+</p>
+
+<p>
+Daß der Gegner den Krieg gewollt hat und seit langem
+dazu rüstet, daß der Gegner den Krieg angefangen und
+„uns“ überfallen hat, daß der Gegner einen Eroberungskrieg
+führt und die Welt beherrschen will, daß der Gegner
+das Völkerrecht mit Füßen tritt, daß der Gegner die Neutralität
+kleiner Staaten bedroht, daß der Gegner den
+Krieg mit barbarischen Mitteln führt, Dum-Dum-Geschosse
+anwendet, das Rote Kreuz mißbraucht, Gefangene mißhandelt,
+Frauen vergewaltige, mordet und plündert, daß
+die Kriegsgerichte des Gegners eine Verhöhnung des Gesetzes
+sind, daß der Gegner Gefangene tötet, freie Städte
+bombardiert, Frauen und Kinder tötet, „uns“ aber
+damit nie einen militärischen Schaden zufügt, daß der
+<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
+Ueberfall des Gegners immer im Keim erstickt oder mit
+großen Verlusten für den Feind zurückgeschlagen wird, daß
+der Gegner Gasbomben gebraucht, ein Seeräuber ist, ohne
+Notwendigkeit den neutralen Handel unterbindet, daß die
+Informationen des Gegners durchwegs Lügen und Verleumdungen
+sind, daß der Gegner die Neutralen mittels
+Lügen, Drohungen und Bestechungen zu bearbeiten sucht,
+daß der Gegner die neutralen Staaten, zu deren größtem
+Unglück, in den Krieg hetzt, daß der Gegner an Geldmangel,
+Teuerung, Industriekrisen leidet, daß die Kriegsanleihen
+des Gegners nur durch Betrug zustande kommen, daß beim
+Gegner Epidemien wüten, daß im Lande des Gegners Streik
+und innere Zerwürfnisse herrschen, daß beim Gegner Minister
+und Generale zurücktreten, daß der Gegner kampfesmüde
+ist ...“
+</p>
+
+<p>
+Sechsunddreißig solcher Punkte hatte man leicht beisammen.
+Kein Zweifel: die Staatsmänner und Politiker
+aller Nationen verfügten über eine ganz gerissene Technik,
+die Völker gegenseitig in Schwung zu bringen ... Und
+die beiden Offiziere sahen sich ratlos an: „Und nun, wir ...
+was mit unseren Erkenntnissen anfangen ... Was
+tun ...!“
+</p>
+
+<p>
+Und zu gleicher Zeit kam ein Brief, der mitteilte, Mary
+Green sei wegen antimilitaristischer Propaganda zu zwei
+Jahren Gefängnis verurteilt worden. In diesem Brief
+stand: „Es ist gut abgegangen. Eine große Anzahl von
+Antimilitaristen wurde gelyncht, die grauenhaftesten Bestialitäten
+sind dabei vorgekommen ... Lieber Junge:
+Mary läßt Dir sagen, Du sollst gründlich über das alles
+nachdenken und endlich auch die Konsequenzen ziehen. Dieses
+Menschheitsunglück kann von uns, die wir die Einsicht in
+den ganzen Mechanismus haben, nicht weiter schweigend
+ertragen werden. Agitiere für den Frieden ... Doch der
+einzige Kampf gegen den Krieg: das ist die soziale Revolution
+...“
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Offiziere wurden noch unschlüssiger.
+</p>
+
+<p>
+Doch das Ende des Krieges kam.
+</p>
+
+<p>
+Die Waffenstillstandsverhandlungen begannen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-6-2">
+<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
+<span class="firstline">II</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Welch eine Rückfahrt!
+</p>
+
+<p>
+Ein glorreicher Siegeszug übers Meer! Welch ein
+Triumph!
+</p>
+
+<p>
+Als die Transportdampfer in Sicht der Newyorker
+Freiheitsstatue gekommen waren, begannen plötzlich mit
+einem Male alle Schiffssirenen zu heulen, Leuchtraketen
+schossen auf, Hunderte von Torpedobooten und Schaluppen
+umkreisten die Heimkehrenden. Die Militärkapelle spielte
+die Nationalhymne.
+</p>
+
+<p>
+Die Wolkenkratzer glühten.
+</p>
+
+<p>
+Hoch hinauf in die Nacht brannten die Siegesfeuer. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Truppen waren ausgeschifft.
+</p>
+
+<p>
+Umarmungen. Küsse. Endlose Händedrücke.
+</p>
+
+<p>
+Die Tränen der Tausende von Witwen und Waisen
+glätteten nicht diesen Freudenstrudel.
+</p>
+
+<p>
+Auch Frank Morrow und Thomas Butler waren heimgekehrt.
+</p>
+
+<p>
+Mary Green war aus dem Gefängnis entlassen ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Das Nachkriegsleben begann.
+</p>
+
+<p>
+Weder Frank Morrow noch Thomas Butler nahmen
+ihren Abschied. Sie blieben bei der Truppe ... Auch Mary
+war dafür, überall mußte angepackt werden, und man
+konnte nicht wissen ... Denn von Abrüstung war nicht die
+Rede, im Gegenteil. Die Waffen wurden vervollkommnet.
+Die Kriegserfahrungen eigentlich erst jetzt recht
+ausgewertet. Es gab großartige Manöver, Manöver, bei
+denen kein Mensch mehr sichtbar war: sie wurden nur
+mit mechanischen Kriegsmitteln, mit Tanks und mit Panzerwagen
+ausgeführt. Es wurden gewaltige Befestigungspläne
+besprochen, der Panamakanal und die Hawaiischen
+Inseln sollten zu Wunderwerken modernster Kriegskunst
+ausgebaut werden, zu den stärksten militärischen Stützpunkten
+der Welt. Militärischer Drill begann bereits in
+den Schulen, Privatarmeen wurden aufgestellt, geheime
+<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
+illegale Organisationen, militärisch organisierte Streikbrechergarden
+entstanden ... Das Land wurde unruhig ...
+Millionen enteigneter Farmer wanderten in die Städte.
+Die Regierung griff straff in die Zügel. Prozesse gegen
+Sozialisten häuften sich. Zu gleicher Zeit wurden die Propagandamittel,
+Kino und Presse, stark forciert. Rußland:
+so hieß die Gefahr. Im Herzen Amerikas selbst wohnt
+Rußland. Die werktätigen Massen Amerikas schauten nach
+Russland. Gefängnismauern und Barrikaden mußten gegen
+die rote, gegen die bolschewistische Gefahr errichtet werden ...
+Da liefen in allen Newyorker Kinos schon die antibolschewistischen
+Greuelfilme: da war zu sehen, wie es die
+Kommunisten trieben: Berge von Erschossenen häuften sich
+vor dem andächtig glotzenden Publikum ... Die weißgardistischen
+Emigranten stützten den Feldzug: sie schrieben Lebenserinnerungen,
+und ihre Flucht aus dem roten Massengrab
+war wirklich heldenhaft abenteuerlich. Kapitalisten aller
+Länder vereinigt euch! Diese Parole, zwar nicht so deutlich
+ausgesprochen, wurde bis zu einem gewissen Grad zur Tat ...
+</p>
+
+<p>
+Japan wuchs sich energisch groß.
+</p>
+
+<p>
+Vereine von Rassenschützern erhoben warnend die Stimme.
+</p>
+
+<p>
+Da geschahen einige Erdbeben, Feuersbrünste bei den
+Gelben: man dankte auf Wallstreet Gott auf den Knien.
+Doch bedeutete das nur einen zeitweiligen Aufschub.
+</p>
+
+<p>
+Man hörte aus Deutschland: Die Arbeiterschaft mobilisiert
+sich, Rote Armeen bilden sich, das bolschewistische Feuer
+springt nach Europa über. In der amerikanischen Finanzwelt
+gab es zwei Meinungen: die einen: das kümmert uns nicht,
+laßt Europa Europa sein; die anderen: wir brauchen
+Europa, unser Kapitalexport stockt ... Deren Meinung
+setzte sich allmählich durch. In Deutschland war Ruhe
+und Ordnung auch wieder eingekehrt. Frankreich klopfte
+man rechtzeitig noch auf die Finger. Der Frank
+sank ... Und die Vertreter der Nationen erschienen, der
+amerikanische diesmal mit einbegriffen, zur Lösung des
+Reparationsproblems am Verhandlungstisch. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die beiden Freunde bildeten sich weiter. Es war ihnen
+allmählich bewußt geworden, welche Funktion sie als
+<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
+Offiziere der bewaffneten Macht auszuüben hatten. Sie
+wurden radikale Sozialisten, das heißt gründliche Sozialisten.
+</p>
+
+<p>
+„Jeder an seinem Platz ... Und wir, wir werden <em>hier</em>
+unsere Pflicht tun.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-6-3">
+<span class="firstline">III</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Die beiden Freunde hatten sich wieder in Newyork
+getroffen.
+</p>
+
+<p>
+„Und wie stehts in Edgewood! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nicht gleich mit der Türe ins Haus fallen, Thomas ...
+Darüber später ...“
+</p>
+
+<p>
+„Wir gehen gleich in den Klub!?“ ...
+</p>
+
+<p>
+„Ja, und morgen treffen wir uns mit Mary ... Es
+wird allerlei Interessantes zu berichten geben ... Auch
+Bolleff ist hier, ein bulgarischer Genosse ... Aber man
+muß auf die Detektivs acht geben ... Die Luft wird immer
+dicker ...“
+</p>
+
+<p>
+Ein gewaltiger Menschenstrom begann.
+</p>
+
+<p>
+„Ah, die Weltmeisterschaft ...“
+</p>
+
+<p>
+Und schon schwirrten die Gesprächsfetzen:
+</p>
+
+<p>
+„Ich setze auf Dempsey!“
+</p>
+
+<p>
+„Dempsey?! ... Ja, man weiß nicht, was wahr ist.
+Aber man hat sich ganz erstaunliches von dem Argentinier
+erzählt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ach, diese Stierhelden und Pampasbullen, meist ist’s
+nicht viel gerade, was dahinter steckt ... Ein schwerer mörderischer
+Schlag, der kein Gras mehr wachsen läßt, wo er
+hintrifft ... Aber Technik, meist keine Ahnung; ...
+Auch keine Luft, höchstens über drei Runden Stehvermögen
+... Alles Reklame, Maulaufreißertum, Profitgier
+... Da, sieh’ nur ...“
+</p>
+
+<p>
+Und der ununterbrochen sich dahinwälzende Menschenstrom
+erfaßte die beiden Offiziere, schob sie mit von Straße
+zu Straße, Hunderttausende trieben so vorwärts, der Riesensportarena
+zu, in der heute die Weltmeisterschaft im Schwergewicht
+zwischen Dempsey und Firpo ausgetragen werden
+<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
+sollte. Das Geschrei der Straßenhändler, das blitzende Rauschen
+von Lichtkegeln in der Luft, gleitende Trottoirs,
+fünfzigstöckige Wolkenkratzer, bengalisch illuminiert, unübersehbare
+Reihen von Automobilen, die im Menschenstrom
+steckengeblieben waren, Absperrungsketten der Polizeimannschaften,
+Billethändler dazwischen, alles erdrückt, gequetscht,
+manchmal wieder vor dem Eingang ganze
+Menschengruppen um sich selbst kreisend, wie Menschenwirbel,
+und dort hingen wohl zehn Meter große Plakate
+mit den beiden Boxergestalten, da sprach irgend jemand
+vom Balkon durch einen Schalltrichter, eine zweite Stimme
+gegenüber aus einem Lautsprecher, dort glitten die Hochbahnen
+vorüber, Lichtpunkte flimmerten hinauf in die Nacht,
+Lichtbänder rollten wieder hoch oben vorüber, leuchtende
+Buchstaben, „Persil bleibt Persil“, „Die Zarin ist soeben in
+Washington eingetroffen“, Aufzüge sah man strahlend aufwärtsgehoben
+in gläsernen Warenhäusern, die Asphaltböden,
+über <a id="corr-27"></a>denen diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt,
+das merkte man; ein langhingezogener Donner: das
+waren die Untergrundbahnen, ausgedehnte Zementröhrensysteme
+unterflochten die Erde ... Dempsey – Firpo: ein
+einziger Gedanke, ein einziger Wille war diesen Hunderttausenden
+aufsuggeriert, dieser Gedanke trieb sie, packte sie,
+peitschte sie, flammte sie vorwärts, dieser tausendgliederige
+Massenkörper war nur von der Sucht nach diesem einen
+Erlebnis durchschüttert ...
+</p>
+
+<p>
+„Wie am Tag der Kriegserklärung ...“
+</p>
+
+<p>
+„Erhebend! Gewaltig!“
+</p>
+
+<p>
+Den beiden Offizieren war es gelungen, die Menschenmassen
+zu durchkreuzen und in eine leere Seitenstraße einzubiegen.
+Diese Seitenstraße war wie ein vom Wellenschlag
+unberührtes Bassin.
+</p>
+
+<p>
+„Und denkst du eigentlich noch oft an den Krieg?“
+</p>
+
+<p>
+„Dann ragten sie empor zu brutaler Größe, geschmeidige
+Tiger der Gräben, Meister des Sprengstoffs.“ So habe ich
+neulich im Gedicht eines Deutschen gelesen. Ob ich noch
+an den Krieg denke? An den, der gewesen ist, nicht mehr.
+An den, der kommen wird. Ich bin doch schließlich zum
+Gasdienst abkommandiert.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
+„Ich bin gespannt auf heute abend. Man müßte öfter
+solche Vorträge hören können. Immerhin, gegen früher,
+es wird jetzt in der Armee doch mehr für politische und
+kriegswissenschaftliche Bildung getan ...“
+</p>
+
+<p>
+„Die Deutschen waren uns darin bei weitem überlegen.
+Doch wir haben den Vorsprung eingeholt ... Die Welt
+gehört USA. Ich sage das nicht unbegründet. Ich gehöre
+gewiß nicht zur Gattung jener Hornochsenpatrioten, die nicht
+weiter als ihre eigene Nasenspitze reicht, zu blicken vermögen.
+Ich sage das, na ... auf Grund meiner Erfahrungen
+in Edgewood. Verstehst du mich ... Vom militärpolitischen
+Standpunkt aus, meine ich das.“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-6-4">
+<span class="firstline">IV</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+„Das chemische Kampfmittel ist gekommen, um zu bleiben.
+Mit dieser Tatsache wird sich die Welt abfinden müssen.“
+</p>
+
+<p>
+Mit diesen Worten begann Professor Snowden seinen
+Vortrag vor Offizieren der amerikanischen Marine, des
+Heers und der Luftflotte. Auch Vertreter der Zivilbehörden
+und der Industrie waren dazu erschienen.
+</p>
+
+<p>
+Professor Snowden gab zunächst einen kurzen geschichtlichen
+Rückblick.
+</p>
+
+<p>
+„Jahrtausende liegen die Anfänge des Gaskriegs zurück,
+künstliche Staubwolken, raucherzeugende Brennstoffe, Vernebeln
+der feindlichen Stellungen und Ausräuchern: das
+war schon im Altertum und im Mittelalter bekannt. Und
+schon im Jahre 1854 wurden dem englischen Kriegsministerium
+Gasbomben vorgelegt. Ein deutscher Apotheker
+war es, der während des deutsch-französischen Krieges
+1870-71 eine Füllung der Granaten mit Veratrin empfahl,
+einem lediglich stark zum Niesen reizenden Stoff. Sein
+Vorschlag kam damals jedoch nicht zur Durchführung.
+</p>
+
+<p>
+„In den 500 Jahren, die vergangen waren, seit die
+Feuerwaffe Harnisch und Lanze überwand, hat man anfangs
+langsam, dann in den letzten 50 Jahren in außerordentlich
+gesteigertem Tempo gelernt, die Feuergeschwindigkeit, die
+Durchschlagkraft und die Rasanz der fliegenden Eisenteile
+<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
+zu erhöhen, mit denen man den Gegner bekämpfte. Dabei
+war man zu einem Punkte gelangt, der die bisherige Kriegsführung
+praktisch umwarf. Denn alle diese fliegenden
+Eisenteile waren von größter Wirkung im freien Feld, aber
+durch Erdwälle von mäßiger Stärke verhältnismäßig
+bequem aufzuhalten. Das gab dem Verteidiger eine grundsätzliche
+technische Ueberlegenheit über den Angreifer. Der
+menschliche Körper mit seinen zwei Quadratmeter Oberfläche
+stellte eine Zielscheibe dar, die gegen den Eisenstrudel
+von Maschinengewehr und Feldkanone nicht mehr unbeschädigt
+an die verteidigte Stellung heranzubringen war.
+Der Verteidiger konnte nicht vor dem Sturme in seiner
+Erddeckung niedergekämpft werden, weil ihn die fliegenden
+Eisenteile nicht genügend erreichten. Es war eine Sache
+der naturwissenschaftlichen Phantasie, diesen Zustand voraussehen
+und auf die Abhilfe zu verfallen, die der Stand der
+Technik möglich machte. Diese Abhilfe ist der Gaskrieg.“
+</p>
+
+<p>
+Während Professor Snowden exakt die drei verschiedenen
+Etappen der Gasexperimente im Weltkrieg schilderte, das
+Gasblasen, das Gasschießen, das Gaswerfen – wobei er
+unablässig betonte, daß es sich damals lediglich um Experimente
+handelte und sozusagen der Gaskampf noch in den
+Kinderschuhen steckte – überlegt sich Frank sprunghaft die
+neuesten Arbeiten des „Gasdienstes“ in den Laboratorien
+und auf den Uebungsplätzen von Edgewood.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, in der Tat, man kann sagen, das Problem der
+Fernlenkung ist gelöst. Eine Kommandotafel, ein Druck:
+automatischer Start: und das mechanische Flugzeug, durch
+keinerlei atmosphärische Verhältnisse behindert, schießt –
+500 Kilometer Stundengeschwindigkeit – seinem Ziel zu ...
+Phantastische Gedanken, allein der Technik ist kein Ding
+unmöglich ... Sehen wir nur unsere modernen Tanks
+an. Wie wendig sie sind, wie schnell. 70 Kilometer machen
+wir heute schon mit ihnen pro Stunde. Eine ideale Verbindung
+von Feuer und Bewegung! ... Wie war es nur
+bei den letzten Manövern? Da sah man schon keinen
+Menschen mehr. Auch die Munitions- und Proviantübernahme,
+sowie Mannschaftswechsel erfolgten vollkommen
+automatisch, durch Reservekampfwagen ... Nun besteht das
+<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
+Problem noch darin, die Tanks gasdicht zu machen. Dann
+durchqueren wir mit ihnen wie mit Unterseebooten die
+Gassümpfe. Der Krieg hat nun einmal die feste ungepanzerte
+Feuerlinie durch die gepanzerte bewegte Feuerlinie ersetzt
+...“
+</p>
+
+<p>
+„So ist also, dachte Frank zu Ende, der kommende Krieg
+wieder ein Bewegungskrieg. Das Massenheer wird durch
+das Spezialistenheer ersetzt. Uebergänge sind möglich. Genaue
+Prophezeiungen lassen sich natürlich nicht anstellen.
+Aber das Ueberraschungsmoment gewinnt ungeheuer an
+Bedeutung ...“
+</p>
+
+<p>
+Das sprach auch soeben Professor Snowden aus:
+</p>
+
+<p>
+„Die chemische Kriegsführung stellt zur Zeit die letzte
+Entwicklungsstufe der Kriegskunst dar. Sie ist die bisher
+wissenschaftlichste aller Kampfmethoden. Vom ökonomischen
+Standpunkt ist die chemische Waffe billiger als alle anderen.
+Sie ist aber auch die humanste. Meine Herren! Man hat
+die Verwendung von Giftgasen als Kampfmittel grausam
+und unnatürlich genannt, unzweifelhaft ist dies auch im
+Anfang so empfunden worden. Aber man muß dabei doch
+bedenken, daß man jede neue Methode der Kriegführung,
+so auch die Einführung des Schießpulvers als grausam bezeichnet
+hat, erst allmählich hat es seine Schrecken verloren.
+</p>
+
+<p>
+„So stehen alle Weltmächte demnach sichtlich unter dem
+Eindruck, daß die Ueberlegenheit in einem kommenden Krieg
+dem gehören wird, der überraschend einen unparierbaren
+Hieb mit der chemischen Waffe führen kann. Erstrebenswert
+darum ist die Herstellung geheimgehaltener Gaskampfstoffe,
+die kein anderer hat. Es ist ohne weiteres also selbstverständlich,
+daß geheimgehaltene Fortschritte in dieser Richtung
+einen militärischen Vorsprung bedeuten würden, der
+vom Gegner im Verlauf des Krieges wohl kaum eingeholt
+werden könnte. Denn Schutz gegen Kampfgase ist nur möglich,
+wenn ihre Zusammensetzung bekannt ist. Neue Gase
+wirken also meistens vernichtend ...“
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Aufruf zur Zusammenarbeit von Offizieren,
+Naturwissenschaftlern, Chemikern und Technikern schloß der
+Professor seinen Vortrag.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-6-5">
+<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
+<span class="firstline">V</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Es entspann sich sofort eine lebhafte Diskussion.
+</p>
+
+<p>
+Man debattierte in Gruppen.
+</p>
+
+<p>
+„So und nicht anders muß es kommen, auf diese Art und
+Weise macht sich der Krieg selbst unmöglich. Das Kriegsungeheuer
+beißt sich selbst den Kopf ab. Sehen Sie nicht
+ein, meine Herrn, daß nach den interessanten Ausführungen
+des Professor Snowden das Kriegführen eine unmögliche
+Sache geworden ist? Ein solcher Zukunftskrieg, würdig
+von einem Jules Verne beschrieben zu werden, er ist ein
+Angstprodukt verhetzter Gehirne, eine Wahngeburt, nicht
+mehr, das ist unmöglich, sage ich Ihnen, die Menschheit in
+ihrer Gesamtheit wird sich nicht in so frivoler Weise der
+Barbarei überantworten lassen. Jules Vernsche Phantasien,
+Mondfahrten, Abenteuer im Uferlosen ... nichts mehr.“
+</p>
+
+<p>
+Es war ein Wilsonianer, der so sprach. Ein gealtertes,
+elegantes Männchen, ein Monokel im Auge. Professor der
+Medizin an der Universität.
+</p>
+
+<p>
+„Und der Völkerbund!?“ wisperte er erregt weiter, „und
+das Washingtoner Abkommen! Ziehen Sie, bitte, in Betracht,
+meine Herren, den Artikel 5 des Vertrages ...
+Schreiten wir weiter fort auf dem Weg der Abrüstung, die
+Befriedung der Welt ist sichergestellt. Ich sage Ihnen,
+meine Herren, der vergangene Krieg ist und bleibt der
+letzte ... Mögen auch kleine Konflikte noch entstehen,
+Krisen, Empörung und Streit aufwirbeln, mögen auch die
+Kolonialvölker, uneinsichtig wie sie sind, gegen Kultur und
+Gesittung randalieren ... ein Krieg von dem Ausmaß und
+in den Formen, wie Sie ihn uns beschrieben haben, ist eine
+glatte Unmöglichkeit. Aberglauben einfach, nichts weiter ...
+Die Zivilisation, meine Herren, marschiert. Ich meinerseits
+schwöre in dieser Beziehung absolut auf den Völkerbund ...“
+</p>
+
+<p>
+„Aber, lieber Arthur, welche Töne!“ grinste ihm gummikauend
+ganz jovial ein chemischer Sachverständiger entgegen.
+„Sie gütiger Apostel der Aufklärungszeit. Gewiß, gewiß.
+Ihr Pazifismus ist mir psychologisch gut erklärlich aus der
+Katerstimmung nach dem Weltkrieg heraus. Aber, ich denke,
+<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
+wir haben das heute, nach 5 Jahren doch wohl schon gründlich
+überwunden. Ueberall, wohin Sie sehen in der Welt,
+erteilen wir doch mit Bajonetten etc. bereits wieder gründliche
+Lektionen im praktischen Pazifismus, wie Sie das
+nennen. Nun zum Thema. Dazu wäre kurz folgendes zu sagen:
+solange das Gas von anderen Militärmächten in ihre
+Bewaffnung eingereiht ist, können und werden wir es nicht
+fallen lassen. Chemische Kriegsabteilungen bilden jetzt
+einen wesentlichen Teil der militärischen Organisationen
+Frankreichs, Italiens und der USA., und in jedem dieser
+Länder sind Experimente im Gange, wirksame Methoden
+für Gasangriffe auszuarbeiten. Auf die Verwendung von
+Gasen verzichten, hieße die Sicherung unserer Kampfeinrichtung
+auf das Spiel setzen, und im Hinblick auf die Erfahrungen,
+die wir im Krieg gemacht haben, würde es
+glatten Irrsinn bedeuten, solch ein Risiko zu laufen. Im
+übrigen ist es sehr töricht den Gaskampf als Kampfart zu
+verdammen und jemandem Vorwürfe zu machen, ihn aufgebracht
+zu haben. In Wirklichkeit ist es keine Kampfmethode,
+die man nicht etwa hätte voraussehen können.
+Die ehemalige Entrüstung gilt nicht dem Gaskampf selbst,
+sondern nur dem Bruch der Vereinbarungen. Kindliche
+Einfalt und unberechtigte Bedenken haben Frankreich bei
+Kriegsbeginn abgehalten, sich einer so vorzüglichen Waffe
+zu bedienen. Die französischen Chemiker haben sie sofort
+vorgeschlagen. Ein gänzlich falsch angebrachtes Schamgefühl
+hat Frankreich um den Prioritätsanspruch gebracht ...
+Kurz: wir alle betrachten den Gaskrieg als den Krieg der
+Zukunft und bereiten uns emsig auf die chemische Kriegsführung
+vor. Und das sind keine Märchen, keine Legenden,
+liebes Professorchen, sondern Tatsachen. Es wäre klug,
+wenn Sie im Zusammenhang damit einmal bei sich erwägen
+würden, ob das hier Gehörte auch nicht für <a id="corr-28"></a>Ihr Fach
+bedeutende Gewinne bringen könnte ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verstehe Sie nicht, meine Herren, Sie setzen sich über
+die Abrüstungskonferenz und über den Friedenswillen der
+Völker einfach hinweg, als wäre das alles etwas, was man
+im entscheidenden Moment mit dem kleinen Finger umstößt.
+Dem ist nun doch nicht so ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
+„Der Beschluß der Abrüstungskonferenz, den Gaskampf
+zu verbieten, steht nur auf dem Papier, denn in Wirklichkeit
+kann er den Gebrauch von Giftgasen in einem neuen Krieg
+nicht verhindern. Deshalb war es auch ein Fehler, nicht auf
+die Ansichten der Sachverständigen zu hören, sondern auf
+die Ansicht von Nichtfachleuten, die aus allgemein menschlichen
+Erwägungen heraus den Gaskampf als grausame,
+ungehörige Anwendung der Wissenschaft verurteilen. Die
+Vorbereitung für die chemische Kriegführung muß weiter
+betrieben werden ... Es dürfte wenig Zweifel darüber
+herrschen, daß das chemische Kampfmittel gegebenenfalls
+in sehr viel größeren Mengen und in anderer Weise verwandt
+werden dürfte, als im letzten Krieg. Daraus ergibt
+sich trotz der Washingtoner Beschlüsse die Notwendigkeit
+für unser Land, die chemische Kriegführung weiter auszubauen.
+Die demoralisierende Wirkung von Gas auf einen
+in seinem Gebrauch ungeübten Gegner ist so groß, daß kein
+Führer es verantworten kann, wenn er daraus nicht vollen
+Nutzen zieht. Eine Nation mit größeren wissenschaftlichen
+Kenntnissen wird unzweifelhaft im nächsten Krieg von
+dieser Wissenschaft vollsten Gebrauch machen, wenn sie der
+Ansicht ist, daß sie dadurch den Krieg gewinnt.“
+</p>
+
+<p>
+Aber auch ein Professor der Soziologie war vorhanden:
+</p>
+
+<p>
+„Und da sehen Sie, meine Herrschaften, auch auf ein
+anderes Problem möchte ich beiläufig aufmerksam machen.
+Die neue Kriegstechnik gibt uns wieder die Waffe in die
+Hand. Wie ein Bumerang kehrt die Waffe, die wir notgedrungen
+eine Zeit lang aus der Hand geben mußten,
+wieder an ihr ursprüngliches Ziel zurück. Lassen Sie mich
+das erklären. Im letzten Krieg war das Klassenbewußtsein
+des Proletariats noch nicht allzu entwickelt. Die 2. Internationale
+spielte ihre Rolle gut: sie ist Schulter an Schulter
+mit uns rechtzeitig allen Versuchen den Krieg in den Bürgerkrieg
+umzuleiten entgegengetreten. In einem kommenden
+Krieg dürfte ihr das vermutlich nicht mehr gelingen. Rußland
+ist da. Die Kommunistischen Parteien haben in allen
+Kontinenten tief in der Arbeiterschaft Wurzel geschlagen.
+Eine Volksbewaffnung, ein Massenaufgebot: bedenken Sie,
+welch ein Risiko, welch eine Gefahr für uns! Da aber
+<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
+trennt die neue Kriegstechnik das Proletariat von der
+Waffe, die Waffe bleibt in unserer Hand, nur an den Produktionsstätten
+haben wir die Arbeiterkadres noch nötig,
+die nichts mehr und nichts weniger nur mehr Arbeitskadres
+sind. Wir, die Bourgeoisie an der Front: das Proletariat
+im Hinterland, in der Etappe, das Proletariat in der Gefahrzone.
+Wir: in Tanks, in Flugzeugen, in durch Kollektivschutz
+gesicherten Laboratorien, so sieht in einer schroffen
+Wendung der Verhältnisse der neue Krieg aus.“
+</p>
+
+<p>
+Der Pazifist machte wieder Einwendungen. Streik,
+Generalstreik, Kriegsdienstverweigerung, Sabotage in den
+Munitionsfabriken usw.
+</p>
+
+<p>
+Dutzendweise prasselten da Gegenargumente auf ihn
+nieder.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, aber lieber Professor! Munitionsarbeiterstreik.
+Glauben Sie denn, daß unsere guten Proleten überhaupt
+wissen, was sie herstellen. Gas, Giftgas: muß ich Ihnen,
+naives Gemüt, denn erklären, daß dies alles in Arzneien,
+Parfümerien, in Düngemitteln, in den Seifenfabrikaten
+enthalten ist? Wo fängt die Munitionsherstellung an und
+wo hört sie auf? Sehen Sie, die Raupenschlepper der
+Tanks, werden sie nicht auch zu Traktoren verwendet?
+Haben Sie nie etwas von den Normungstendenzen der
+Industrie gehört ... O, das ist alles organisiert ...“
+</p>
+
+<p>
+Ein anderer spottete:
+</p>
+
+<p>
+„Streik, Dienstverweigerer. Sie rechnen nicht mit der
+Atmosphäre beim Ausbruch eines bewaffneten Konflikts.
+Sie rechnen nicht mit der Macht der Presse, mit der Erschütterung,
+die wir in neun Zehntel aller Menschen mit
+Schauergeschichten und Greuelmärchen bewirken können, mögen
+sie noch so absurd und noch so schamlos dumm erlogen sein.
+Sie rechnen nicht mit der Spaltung der Arbeiterschaft.
+Die revolutionären Elemente haben bestimmt im Anfang
+des Krieges keinen großen Einfluß, erst unter den direkten
+Wirkungen ... und dann: entweder – oder! Wir siegen
+oder – das andere ist Sache der feindlichen Besatzungstruppen.
+Wir werden uns auch hier zur rechten Zeit verständigen.
+Hundertprozentige Irrsinns-Atmosphäre, mein
+<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
+Herr! ... Das verdient in Rechnung gestellt, einkalkuliert
+zu werden, mein Herr! ... Nur wir, die Arrangeure, ein
+Prozent der Gesamtmenschheit, behält klar den Kopf. Denn
+wir sind darauf eingestellt, wir kennen die Vorbereitungen,
+für uns allein ist die Kriegserklärung kein Ueberraschungsmoment,
+wir allein wissen nur allzu genau – im Gegensatz
+zu gewissen Sozialisten, Sie entschuldigen schon – daß
+die Produktionsmethode, die wir heute betreiben, und Krieg
+unbedingt zusammengehören, in ihrem Wesensgrund eins
+sind, und daß der sogenannte Friede nur eine Atempause
+ist ... Wie lange eine solche dauert, das kann man nicht
+sicher prophezeihen ... Wir geben für einen kommenden
+Krieg kein Datum an ... Kurz gesagt: Träumen wir nicht
+den Frieden, sondern <span class="antiqua">para bellum</span>! Bereite den Krieg
+vor ...
+</p>
+
+<p>
+„Hat schon Nietzsche gesagt: nur im Schatten des
+Schwertes –“
+</p>
+
+<p>
+„... Wir dürfen ja wohl hoffen, Herr Professor, daß
+Sie nur außerhalb ihres Geschäfts so pazifistisch sich gerieren
+... Wenn der Krieg einmal da ist, verlassen wir
+uns darauf: Sie schreiben alles, was noch aus dem letzten
+Loch pfeift, k. v. ...“
+</p>
+
+<p>
+„Eingeschlagen!“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, das ja ... Wir sind doch schließlich allzumal
+Patrioten. Kern-amerikanisch.“
+</p>
+
+<p>
+Eine Pause trat ein ...
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-6-6">
+<span class="firstline">VI</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Berühmte Herrenreiter, Tennisspieler, Tänzerinnen, ein
+Arzt, monokelblitzende Herren vom demokratischen Yachtklub
+promenierten schon auf und ab, eine Filmdiva zirpte
+am Arm des berühmten Relativitätstheoretikers vorüber,
+eine parfümierte Duftwolke durchschütterte die Luft. Die
+Kinoschauspielerin war raffiniert einfach gekleidet, ein goldenes
+Kreuz im weiten Halsausschnitt, schwarze Seide. Sie
+hatte merkwürdigerweise den Spitznamen „Lola, das Känguruh“.
+Eine andere hieß „Das Sardellenbrötchen“, eine
+dritte „Der Vampir“.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
+„Unterseeboote –“
+</p>
+
+<p>
+Grunzte ein hoher Geistlicher sehr bedächtig:
+</p>
+
+<p>
+„... sind gewiß lieblos, unchristlich. Sie sind genau so
+ungerecht wie der Mammon. Gerade darum entsagen wir
+ihnen nimmer. Wir brauchen sie, wie wir ja auch nach Jesu
+eigenem Wort den Mammon brauchen sollen. Das ist eben
+das Schöne, daß wir bei dem allen das Wort Jesu für uns
+haben ... Unsere Schuld wahrlich ist es nicht, wenn wir in
+der Blutarbeit des Krieges auch die des Henkers zugleich
+mit verrichten müssen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Meine Herren! In der Tat! Der Mensch wurde über
+sich selbst hinausgehoben! Wenn ich mich an die Jahre des
+Krieges zurückerinnere: in der Tat: wir durften unsere
+Bilder dorther nehmen, wo die ewigen Sterne hangen ...
+Wir sahen keine Vergangenheit mehr: wir waren das Schicksal
+selbst ... Wie das Wehen einer neuen Zeit, so ging ein
+Geist des gegenseitigen Verstehens und der gegenseitigen
+Hilfsbereitschaft durch die Menschenherzen. Und die vaterlandslosen
+Gesellen haben ihre Pflicht erfüllt und sich darin
+in keiner Weise von den Patrioten übertreffen lassen ...
+Ein jubelnder Aufschrei hat die Herzen des Volkes durchglüht,
+ein versöhnender Hauch hat sich über die Herzen des
+Volkes gebreitet. Darüber sind sich doch alle meine Freunde
+klar, ohne den Krieg wären die vielen demokratischen Freiheiten
+in den USA. noch lange nicht erreicht worden. Ein
+solcher Sieges- und Friedenspreis ist der Opfer würdig ...
+Das sage ich, trotzdem oder besser eben weil ich Sozialist
+bin ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, wirklich, es war aber auch ein heißes Bad in
+schwarzem Blut nach so viel feuchten Lauheiten von
+Muttermilch und Brudertränen dringend notwendig. Es
+war eine ordentliche Begießung mit Blut nötig. Vor allen
+Dingen: wir sind unserer zuviel geworden. Und der Krieg
+nimmt allemal eine Unmenge von Menschen weg, die nur
+lebten, weil sie eben geboren waren. Unter den Tausenden
+von Leichen, die im Tode vereinigt sind und sich nur noch
+durch die Farbe der Uniform unterscheiden, wie viele sind
+denn darunter, die man zu beweinen oder deren wir uns
+auch nur zu erinnern brauchten!? Ich wette meinen Kopf,
+<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
+daß sie nicht an die Zahl der Finger und der Zehen heranreichen.
+– Man halte uns nicht zur Gemütserschütterung
+die Tränen der Mütter vor! Zu was aber sind auch nach
+einem gewissen Alter die Mütter überhaupt noch zu gebrauchen
+als zum Heulen!? Der Krieg nutzt außerdem der
+Landwirtschaft und der Neuzeitlichkeit. Die Schlachtfelder
+liefern für viele Jahre einen erheblich höheren Ertrag als
+zuvor ohne irgendwelche Düngemittel. Was für schöne Kohlköpfe
+werden wir essen, wo die Leichen sich aufhäufen, und
+welche dicken Kartoffeln wird man einige Jahre später in
+den Gegenden ernten, wo die Leichenmassen der deutschen
+Infanteristen liegen. Wir wollen den Krieg lieben und ihn,
+solange er dauert, als Feinschmecker auskosten ...“
+</p>
+
+<p>
+So dozierte ein Aesthet. Er war bekannt durch den Besitz
+einer reichhaltigen Porzellansammlung. Er selbst galt
+als Kraftnatur und bevorzugte von allen anderen Kunstrichtungen
+den Futurismus.
+</p>
+
+<p>
+Gegen einige Einwände, die namentlich von weiblicher
+Seite gemacht wurden, erhob sich sofort der Psychiater:
+</p>
+
+<p>
+„Sie müssen einsehen lernen, die Kriegskassandren beiderlei
+Geschlechts, daß es Demenz verrät, die Modefrage nach
+dem Frieden stoßzubeten. Krieg lernt man nicht an einem
+Tag. Der Krieg, bisher Reaktion auf Reiz, Ehrensache,
+Mittel zum Zweck: im Moment der Kriegserklärung wird
+er Selbstzweck. Und von da an, hoffe ich dringend, werden
+auch alle jene noch unerlösten amerikanischen Seelen,
+möglicherweise sogar die letzten Pazifisten, ihren Sündenfall
+erkennen, werden erkennen, daß ihre Ideale keine Reliquien
+sondern Relikte sind. Und die ganze Nation wird wie ein
+Mann den ewigen Krieg wiederfordern ... Im übrigen:
+wenn es Sie interessiert: ich bin jetzt gerade bei einer
+Psychoanalyse der Arbeiterbewegung: die ununterbrochenen
+Klagen über die Unterdrückung der Arbeiterklasse durch die
+Bourgeoisie sind nichts weiter als die Sublimierung des
+Verfolgungswahns, und was die Losung „Proletarier aller
+Länder vereinigt euch“ betrifft: so ist sie nichts anderes als
+der Klassenausdruck der Homosexualität ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, was Sie sagen!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-6-7">
+<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
+<span class="firstline">VII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Im Musik-Salon wurde inzwischen über Kunst debattiert.
+</p>
+
+<p>
+Ein Bücherschrank öffnete sich.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst liebkoste man mit den Fingerspitzen die Einbände.
+</p>
+
+<p>
+Ein berühmter Kritiker drehte sich hin und her in der
+Mitte eines Kreises, wie ein Pfau, zwei sehr fett geratene
+Schauspielerinnen umwogten ihn, endlich schaufelte er sich
+durch die Fleischmassen hindurch, elastisch wippend. Den
+mit ihm Sprechenden ließ er nur sein Profil sehen.
+</p>
+
+<p>
+„Auch Sie hier, Herr Doktor!? ... Ein wenig
+herausgeflogen aus der Studierstube?! ... Nun, was macht
+Ihre Arbeit!?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ganz richtig, was die Kriegsschuldfrage anbetrifft:
+mir fehlt in meinen Untersuchungen nur noch eine Minute
+im damaligen Leben des leider verewigten Zaren ... Dann
+ist der Kreis lückenlos geschlossen ... Jeden Staatsmann
+habe ich wissenschaftlich gewissenhaft unter die Lupe genommen
+... Ich kann aber heute schon Ihnen vertraulich
+versichern, die Unschuld der Entente wird einwandfrei bewiesen
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Und korrespondieren Sie noch mit ... na, ich meine den
+Verfasser von diesem Buch „Untergang des Abendlandes“
+oder so ähnlich ...“
+</p>
+
+<p>
+„Gewiß. Gewiß. Eine renaissancehafte Cäsarennatur,
+gemästet an den von ihm selbst gezeugten Kadavern ...
+Hat übrigens die Absicht über das „Große Wasser“ zu
+kommen ... Würde sich lohnen ... Jemand, der es finanziell
+arrangieren würde, würde bestimmt, bei der großen Aussicht
+auf Erfolg, zu finden sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Das so wie so. Ist ja ganz nach dem Geschmack unseres
+Publikums ...“
+</p>
+
+<p>
+„Man muß dem Volk die Wege zu Kraft und Schönheit
+weisen. Sport. Sport: das ist das in unserem Zeitalter
+gegebene Mittel dazu ...“ unterbrach jetzt die Beiden ein
+dritter.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+„Vom Leben nach dem Tode“ wurde jetzt gesprochen.
+</p>
+
+<p>
+„Ein aktuelles Thema sozusagen“, schnauzte jemand.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
+Einige lächelten zwar skeptisch, sie erklärten sich für
+Agnostiker und Relativisten, aber die Jenseitsgläubigen
+gewannen unschwer die Oberhand.
+</p>
+
+<p>
+„Religiös zu sein ist modern. Außerdem liebe ich prinzipiell
+nur religiöse Menschen. Haben Sie neulich nicht das
+Bild des Kardinals im Journal gesehen! Ein feiner Kopf!
+Totschick.“
+</p>
+
+<p>
+Die Filmdiva erinnerte sich daran genau.
+</p>
+
+<p>
+„Ueberwundener Standpunkt!“ höhnte der Kunstmaler,
+der fest an einen persönlichen Gott glaubte, zu einem der
+Ungläubigen hinüber und entwickelte eine exakte Topographie
+des Jenseits. Er ging zur Beschreibung der Hölle
+über, und kicherte satanisch, als er jedem Ungläubigen dort
+bereitwilligst sein Plätzchen zuwies.
+</p>
+
+<p>
+Der Kunstmaler bekannte gleich darauf dem interessiert
+aufhorchenden Zuhörerkreis nicht unbescheiden, er selbst befinde
+sich im Zustand der Gnade, das regelmäßig gepflogene
+Gebet erwirke in ihm eine magische Kraft, Gottes Stimme
+sei auch heute noch ganz reell zu hören ... Verlor sich aber
+gleich darauf in einem langwierig ausgesponnenen Traktat
+über das Wesen des Sündenreizes und über Luthers „Fortiter
+peccare“ und schloß damit, daß dem Gläubigen alles
+erlaubt sei. Auf die Reue lediglich komme es an.
+</p>
+
+<p>
+Ein neukatholischer Universitätsprofessor wiederholte dabei
+monoton:
+</p>
+
+<p>
+„Man muß sein Leben opfern ... Für mich persönlich
+allerdings, das muß ich gestehen, wäre der Heldentod keine
+besondere Sache. Wer, wie ich, in der Entspannung lebt,
+wem, wie mir, das Leben leicht ist ... Das Problem der
+Opferung umfaßt bei mir nicht solche materielle Bezirke ...“
+</p>
+
+<p>
+Wieder war ein Wortstreit ausgebrochen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Theosoph schlug sich mit einem Mystiker, ein Protestant
+mit einem Neukatholiken, ein Monist griff taktlos ein,
+und alles hielt sich plötzlich die Ohren zu und kreischte:
+</p>
+
+<p>
+„Ausgerechnet Darwin!“
+</p>
+
+<p>
+Und die Gesellschaft schlug unter Anleitung eines bekannten
+Schauspielers jetzt einige prächtig gelungene Saltomortales
+in Geistreichigkeiten ... Die Witze hüpften ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
+Aber schon ließ sich ein Sekretär des Auswärtigen Amtes
+hören:
+</p>
+
+<p>
+„Soll ich Ihnen, meine sehr verehrten Herrschaften, vielleicht
+einmal schildern, wie das Volk in Wirklichkeit fühlt
+und denkt!? Ja!? Vielleicht jage ich damit auch den letzten
+Restspuk ihrer pazifistischen Illusiönchen zum Teufel!
+</p>
+
+<p>
+„Es handelt sich um die Lynchjustiz an Negern im Staate
+Ohio.
+</p>
+
+<p>
+„Stellen Sie sich bitte vor: eine Menge von 10000 Personen.
+Geballte Fäuste, blutunterlaufene Augen, Fluchen
+und Schimpfen. Mit Stöcken, Pechfackeln, Revolvern, Besen,
+Stricken, Messern, Scheren, Schirmen, Vitriol bewaffnet.
+Inmitten dieser entfesselten und immer wachsenden Truppe
+ein schwarzer Klumpen, einmal nach links, einmal nach
+rechts gestoßen, geschlagen, niedergetreten, zerrissen, blutbedeckt,
+beinahe tot ... Die lynchende Menge schleppt
+ihr Opfer, den Neger, mit sich. In einen Wald oder
+auf einen öffentlichen Platz. Dort wird er an einen Baum
+gebunden, mit Petroleum oder sonstigem Brennstoff begossen.
+Bevor das Feuer angezündet wird und seinen Körper
+erfaßt, wird ihm ein Zahn nach dem andern ausgeschlagen,
+werden ihm die Augen ausgerissen, wird ihm das Haar in
+Büscheln vom Kopf gerissen, wobei ganze Hautfetzen mitgehen
+und ein blutiger Schädel zurückgelassen wird. Der
+Körper wird derart geschlagen, daß kleine Fleischstücke
+herumfliegen ... Der Neger atmet noch; aber er schreit
+nicht mehr. Denn man hat ihm seine Zunge mit glühendem
+Eisen verbrannt. Der ganze Körper krampft sich zusammen
+wie eine Schlange, die halb zertreten wird, wenn man ihn
+von zwei oder drei Seiten zugleich mit glühendem Eisen
+versengt. Mit einem Messer wird ihm sein Ohr abgeschnitten
+... „Oh, wie schwarz er ist! Wie häßlich er ist!“
+kreischen die Damen, die ihm das Gesicht zerfleischen. „Man
+soll ihn anzünden!“ schreit einer. „Nur langsam“, fügt ein
+anderer hinzu, „nur hübsch langsam braten lassen, damit er
+nicht zu rasch stirbt, sonst hat die Sache keinen Witz.“ Der
+Schwarze wird geröstet, gebraten, bis der Körper schließlich
+fast verkohlt ist. Aber <em>ein</em> Tod ist zu wenig. Darum hängt
+<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
+man den Körper noch auf, genauer gesagt, man hängt das
+auf, was von seinem Leichnam übrig ist, und alle Zuschauer
+klatschen Beifall und rufen „Hurra“! Wenn die Menge sich
+an dem Schauspiel genügend satt gesehen hat, läßt man den
+Leichnam zur Erde fallen. Man schneidet die Stricke, mit
+denen er angebunden und gehenkt worden ist, in kleine
+Stücke, von denen jedes um drei oder fünf Dollar
+verkauft wird. Das sind Andenken, die Glück bringen, und
+um die sich die Frauen reißen ...“
+</p>
+
+<p>
+Man schwieg auf diese Erzählung hin nicht lange.
+</p>
+
+<p>
+„Schauderhaft ... Furchtbar ...“
+</p>
+
+<p>
+„Das Urböse im Menschen, die Bestie, der Satan ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ob es nun wahr ist, was Sie uns erzählt haben oder
+nicht ... es war spannend erzählt, es prägte sich einem deutlich
+ein ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, wir sind keine Nervenbündel ... und wenn die
+Frauen sich ängstigen: <span class="antiqua">mulier taceat in ecclesia</span>!
+Uebrigens: auch Weiber werden zu Hyänen, und wie der
+Krieg gezeigt hat, oft zu sehr brauchbaren ...
+</p>
+
+<p>
+„Ja, du meine süße Hyäne ...“
+</p>
+
+<p>
+Man scherzte schon wieder.
+</p>
+
+<p>
+Der Neger war rasch vergessen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-6-8">
+<span class="firstline">VIII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Professor Snowden nahm indeß das Schlußwort:
+</p>
+
+<p>
+Eine Generalstabskarte war aufgespannt, auf der der
+Vortragende die einzelnen Positionen mit dem Stab aufzeigte.
+</p>
+
+<p>
+„Ich werde jetzt versuchen, eine ökonomische Analyse des
+kommenden Krieges zu geben ... Es handelt sich dabei vor
+allem um die nichtkapitalistischen Absatzmärkte in China
+und Indien. England ist im Jahre 1925 so gut wie aus
+China vertrieben, so daß jetzt der Kampf zwischen den beiden
+siegreichen Mächten Japan und Amerika beginnt. China
+mit seinen 400 Millionen Einwohnern, von denen der größte
+Teil Kleinbürger sind, 320 Millionen in der Landwirtschaft,
+<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
+die sie kleinbürgerlich betreiben, ein großer Teil von Kleinbürgern
+in den Städten, und Indien mit seinen 320 Millionen,
+darunter 217 Millionen in der Landwirtschaft: sind die
+beiden großen Hauptbecken, wo wir noch Mehrwert realisieren
+können, namentlich nachdem sich der nichtkapitalistische
+Markt in Amerika und Kanada immer mehr verengt hat.
+In Amerika sind allein in den letzten 10 Jahren etwa
+7 Millionen Farmer als Proletarier in die Städte gewandert.
+</p>
+
+<p>
+„Schon früh haben wir die große Bedeutung Chinas
+erkannt.
+</p>
+
+<p>
+„Das Vordringen unserer Standard-Oil-Compagnie in
+China, das Eindringen unserer amerikanischen Maschinen in
+China ist ein deutliches Zeichen dafür. Wir mußten unsere
+Zivilisationsbestrebungen aber auch militärisch fundieren.
+Die erste Periode war im Jahre 1899 der amerikanisch-spanische
+Krieg, in dem wir die Philippinen, direkt vor
+China, annektierten. In der zweiten Periode wird die Verbindung
+zwischen den Vereinigten Staaten und den
+Philippinen hergestellt, werden im ganzen Stillen Ozean
+feste Kriegsstützpunkte zu seiner Beherrschung, zur Vorbereitung
+des weiteren Vordringens nach China, nach Ostasien
+gemacht. Durch den Abkauf der dänischen Inselgruppe
+St. Thome, durch den Ausbau von Hawaii, insbesondere
+durch den Ausbau des dortigen Kriegshafens Perl Harbor,
+durch Ausbau von Dutch-Harbor auf Alaska, nach dem
+Krieg durch die Besetzung und den Ausbau von Tutuila
+in der ozeanischen Inselgruppe und schließlich durch die Besetzung
+und den Ausbau von Guam haben wir ein weites,
+großes Viereck geschaffen, das zur Vorbereitung von Angriffen
+bezw. Abwehr vorzüglich geeignet ist. Dieses große
+Viereck im Stillen Ozean erhält seine Rückenstützpunkte durch
+Kalifornien auf der einen Seite, durch den Panamakanal,
+und damit die Verbindung zum Atlantischen Ozean auf
+der anderen Seite.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, und auf der anderen Seite steht Japan, das gleichfalls
+Anspruch auf China und Indien erhebt, und das
+immer stärker gleichfalls vordringen will.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
+„Die Probleme des japanischen Imperialismus lassen sich
+auf zwei Hauptfragen zurückführen. Das eine ist selbstverständlicherweise
+die Frage des Absatzes seiner Ware, das
+andere ist das spezifisch japanische Problem der Uebervölkerung,
+und damit die Notwendigkeit der Ansiedlung und
+des Ausbaues seines Imperiums. Bereits 1919 hat Graf
+Komura erklärt, daß Japan verloren sei, wenn es ihm nicht
+gelinge, in einem Menschenalter Raum für 100 Millionen
+Menschen zu sichern und obendrein seine Auswanderungsräume
+unter der Flagge zusammenzuhalten.
+</p>
+
+<p>
+„In Japan drängen sich auf einer Fläche, die etwa so
+groß ist wie die Deutschlands, dabei aber vielfach unbewohnbar
+ist durch steile Vulkanberge, 78 Millionen zusammen,
+sein Geburtenüberschuß betrug in dem einen Jahre 1921
+724600 Geburten, während der Ueberschuß in den über 250
+Jahren der japanischen Abgeschlossenheit von 1600 bis
+1886 nur 900000 betrug. Die plötzlich so starke Ausdehnung
+vor allem zwingt Japan, fremde Gebiete zu erobern, dorthin
+die Mengen von proletarisierten Bauern und Proletariern
+zu übertragen. So hat Japan Korea besetzt und völlig
+zur japanischen Kolonie ausgebildet, so dringt es in China
+ein, in Indien, in Südafrika, so hat es sich vor allem schon
+in Kalifornien, in unserer direktesten Nähe, festgesetzt. Vor
+dem Erlaß unseres Einwanderungsverbots und auch jetzt
+noch steht Kalifornien vor der Gefahr eine japanische
+Kolonie zu werden. Bereits 1922 gab es 110000 Japaner
+in Kalifornien, denen mehr als zwei Drittel des hochwertigen
+Weizenlandes gehören.
+</p>
+
+<p>
+„Nun die Frage der Rohstoffversorgungsmöglichkeiten
+Japans!
+</p>
+
+<p>
+„Während Japan selbst nicht reich an Kohle, arm an
+Eisen und Oel ist, ist China und Korea außerordentlich
+mit Kohle und Eisenerz versehen. Während man den japanischen
+Kohlenvorrat insgesamt auf etwa 1600 Millionen
+Tonnen schätzt, wird der chinesische auf 15 Milliarden Tonnen
+geschätzt. Ebenso belaufen sich die chinesischen Eisenerzvorräte
+auf zirka 45000 Millionen Tonnen, während die
+Japans nur etwa 4000 Millionen Tonnen betragen. Das
+<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
+Vordringen Japans in China, das bereits durch große Bindungen,
+durch große Beteiligung der Japaner an Eisen-
+und Stahlwerken vollzogen ist, droht für unseren Handel
+jetzt zur direkten Gefahr zu werden! Für England ist Japan
+bereits zur Gefahr geworden! Der englisch-japanische Vertrag
+ist auch aus diesen Gründen nicht mehr erneuert
+worden. Und die Errichtung der Singapore-Basis
+seitens England kann nur Japan gelten. Wir können daher
+wirklich von einer gelben Gefahr sprechen und die Gefahr
+eines kommenden Krieges ist damit ebenfalls in große Nähe
+gerückt.“
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Da platzte die Nachricht herein:
+</p>
+
+<p>
+„Dempsey Knockout-Sieger nach zwei heftigsten an Ueberraschungen
+reichen Runden über Firpo ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Lärm der Straße schwoll.
+</p>
+
+<p>
+Ein Menschenkatarakt ...
+</p>
+
+<p>
+Frank und Thomas trieben steuerlos dahin durch die
+Nacht wie durch ein Traumland ...
+</p>
+
+<p>
+„Mir ist es oft“, sagte Frank zuerst, „als sei das Proletariat
+aller Länder, dieser Riesenmenschenmassenleib, mit
+magnetischen Strömen geladen und mitten hinein in ein
+Stahlgewitter gestellt, dazu ausgesucht, die Blitze, die sich
+aus der labyrinthischen Wirrnis dieser Gesellschaftsform
+entladen, auf sich abzuziehen ... Ein wandelnder Blitzableiter
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun heißt es aber für uns: mit zehnfacher Kraft heran
+an die Arbeit! Wir müssen gleich morgen zu einem wirklichen
+Resultat kommen! ...“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-6-9">
+<span class="firstline">IX</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+„Ich schlage vor“, nahm die Genossin Green das Wort,
+„nachdem wir jetzt die ausführlichen Berichte der Genossen
+Morrow und Butler gehört haben, eine Resolution zu
+fassen und sie allen revolutionären Arbeiterorganisationen
+der Welt vorzulegen und dringend zur Annahme und zur
+Durchführung zu empfehlen. Auch der Genosse Bolleff von
+<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
+der bulgarischen Sektion hat einige Bemerkungen gemacht,
+die wir berücksichtigen müssen. Wir Sozialisten Amerikas,
+als des Landes, das am weitesten fortgeschritten ist in der
+imperialistischen Kriegstechnik, haben demnach die Pflicht,
+auch in der Bekämpfung des imperialistischen Krieges
+führend zu sein und unsere Beobachtungen allen Sektionen
+mitzuteilen. Unsere Kommission zur Beobachtung der imperialistischen
+Kriegsrüstungen hat gut gearbeitet, sie steht
+nach wie vor mit unseren illegalen Organisationen in
+engster Verbindung und wird sich weiter intensivst ihrer
+Aufgabe widmen. Die Resolution, die wir aufgesetzt haben,
+lautet:
+</p>
+
+<div class="article">
+<h4 class="hdr" id="subchap-6-9-1">
+Einige wichtige Ergänzungspunkte zum
+Kampf gegen den imperialistischen Krieg
+</h4>
+
+<p class="first">
+„Zu dem Kampf gegen den imperialistischen Krieg gehört
+unmittelbar auch die möglichst genaue Kenntnis der Waffen,
+die in diesem Krieg aller Voraussicht nach zur Anwendung
+kommen werden. Wir müssen in unserer Aufklärungsarbeit
+unbedingt regelmäßig über den Stand der modernen Kriegstechnik
+konkret berichten können und auch von dieser Richtung
+her die Massen damit bekannt machen, was für sie
+ein kommender Krieg bedeutet.
+</p>
+
+<p>
+„Der Weltkrieg war eine Revolution für die gesamte
+Kriegstechnik.
+</p>
+
+<p>
+„Es läßt sich nun nicht leugnen, daß unsere gesamte bisherige
+Antikriegspropaganda viel zu sehr auf den vorhergegangenen
+Krieg eingestellt war, viel zu „konservativ“ war
+und daß wir es nicht richtig verstanden haben, die experimentellen
+Ansätze der im vorhergegangenen Krieg entwickelten
+Kriegstechniken scharf herauszuanalysieren, ihre Weiterentwicklung
+in der Nachkriegsperiode in aller Oeffentlichkeit
+zu verfolgen und damit den entscheidenden Wendepunkt im
+Charakter der gesamten Kriegsführung überhaupt überzeugend
+darzutun. Das, was gewesen ist, interessiert uns doch
+nur im Hinblick auf das, was ist, im Hinblick auf das, was
+sein wird.
+</p>
+
+<p>
+„In den wenn verhältnismäßig auch nur spärlichen Berichten
+der Bourgeoisie über dieses Thema aber bietet sich
+<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
+uns ein ungeheueres Agitationsmaterial dar, das, im entscheidenden
+Augenblick richtig eingesetzt, eine durchschlagende
+Wirkung auf die weitesten Kreise unserer Meinung nach
+ausüben müßte.
+</p>
+
+<p>
+„Es gilt den Fortschritt der Militärtechnik in allen
+Ländern mit größter Sorgfalt zu verfolgen, um einerseits
+durch die Schilderung des Konkreten dem Proletariat ein
+Bild des kommenden Krieges in anschaulichster, lebenswirklichster
+Weise geben zu können und um andererseits durch die
+intensive Beschäftigung mit den Rüstungen in dieser Weise,
+durch ihr näheres Studium auf Grund der dabei gemachten
+Erfahrungen realere Anhaltspunkte für unseren Kampf
+gegen den Krieg zu gewinnen.
+</p>
+
+<p>
+„Wir amerikanischen Genossen ersuchen euch, Genossen,
+schon heute auf dieser Basis eine großzügige Aufklärungspropaganda
+über den chemischen Krieg zum 1. August dieses
+Jahres vorzubereiten. (Vorträge, Aufklärungsmeetings,
+Broschüren usw.) Vor allem aber auch mit Nachdruck
+darauf hinzuweisen, daß die polnische Regierung am 9. März
+1925 das erste Mal im Klassenkrieg gegen revolutionäre
+Arbeiter chemische Kampfstoffe eingesetzt hat. Dies ist
+unseres Wissens das erste Mal, daß im Bürgerkrieg chemische
+Kampfstoffe angewendet wurden. Wir gehen wohl nicht
+fehl in der Annahme, daß es nur eine Frage der Schärfe
+in der Zuspitzung der Klassenverhältnisse ist, ob und wann
+das Gas auch im Bürgerkrieg allgemein seine Verwendung
+finden wird. Die Bourgeoisie spart bekanntlich nur deswegen
+ihr bestes Pulver auf, um ihre Geheimnisse nicht
+vorzeitig preiszugeben. Es wäre aber äußerst verhängnisvoll
+für uns, uns darüber Illusionen zu machen und uns,
+wenn es einmal hart auf hart geht, auf einen solchen Kampf
+nicht einzustellen.
+</p>
+
+<p>
+„Wir fordern euch, Genossen, daher auf, alle das eure
+zu tun zur Konkretisierung unserer Methoden des Kampfes
+gegen den imperialistischen Krieg ...“
+</p>
+
+</div>
+
+<p>
+„Wünscht einer der Genossen zu dieser Resolution das
+Wort?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
+Der bulgarische Genosse meldete sich.
+</p>
+
+<p>
+„Genosse Bolleff!“
+</p>
+
+<p>
+Der bulgarische Genosse bemängelt vor allem, daß die
+Resolution selbst nicht genügend konkret sei, die Konkretheit
+fordere, ohne selbst dieser Anforderung zu entsprechen.
+So hätte man auf den Abrüstungsschwindel genau eingehen
+müssen, nachweisen müssen, daß Rüstungsindustrie identisch
+ist mit Farbstoffindustrie und daß die ungeheure Entwicklung
+der chemischen Industrie gleichbedeutend ist mit der
+ungeheuren Aufrüstung, wie sie fieberhaft in allen Ländern
+betrieben wird. „Wir hätten am besten Amerika als Beispiel
+anführen können, das vor dem Krieg sieben chemische
+Fabriken besaß, nach dem Kriege bereits 118! Dann hätte
+man sagen müssen: daß alle schweren Giftstoffe Abkömmlinge
+der Farbindustrie bezw. der Heilmittelindustrie sind.
+So weiß im Zeitalter des Giftgaskrieges der Arbeiter in der
+Fabrik nicht mehr, ob er ein harmloses Heilmittel, irgendeine
+Farbe oder aber ein äußerst gefährliches Giftgas herstellt.
+Hier enthüllt sich mit voller Schärfe die konterrevolutionäre
+Forderung der 2. Internationale, daß man bei
+Kriegsausbruch einfach den Krieg unmöglich macht dadurch,
+daß man keine Munition herstellt. Hier zeigt sich klar, daß
+diese Forderung nur dazu dient, das Proletariat von der
+Erkenntnis der unerbittlichen Notwendigkeit des Kampfes
+gegen die Bourgeoisie, des Krieges gegen den Krieg, abzuhalten.
+Wir müssen dabei in Rechnung stellen, daß man
+versuchen wird, die Belegschaften dieser Fabriken mit „zuverlässigen“
+Elementen auszufüllen. Die Resolution hätte
+noch besonders hinweisen müssen auf die Wichtigkeit unserer
+Betriebszellenarbeit in diesen Fabriken, auf unsere Zellenzeitungen
+in diesen Betrieben ...“
+</p>
+
+<p>
+Als zweiter meldete sich ein amerikanischer Genosse.
+</p>
+
+<p>
+In der Resolution sei die Tatsache nicht in Betracht gezogen,
+daß die amerikanische Polizei bereits gegen sogenannte
+Verbrecher ausreichend von Gashandgranaten Gebrauch
+mache, daß man Gas in Gefängnissen gegen Meuterer
+verwende, ja daß man bereits Experimente angestellt habe,
+den elektrischen Hinrichtungsstuhl durch Gas zu ersetzen ...
+<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
+Abgesehen aber davon, hätte man auch formulieren müssen,
+daß der Kampf gegen den imperialistischen Krieg eben
+gleichbedeutend ist mit dem Kampf um den Besitz der Produktionsmittel.
+Daß der Kern der Sache der Besitz der Produktionsmittel
+ist. Und daß das Entweder-Oder, Sozialismus
+oder Untergang in die Barbarei, in diesem Zusammenhang
+zur höchsten Aktualität gesteigert, plötzlich eine ganz
+neue schlagartige Beleuchtung erhält.
+</p>
+
+<p>
+„Zweierlei scheint mir noch zu fehlen“, fügte jetzt Genosse
+Morrow hinzu: „erstens daß alle Kampfmittel und Kampfstoffe
+eben dadurch, daß sie uns bekannt sind, beweisen, daß
+sie von den einschlägigen Kreisen bereits längst aufgegeben
+sind, und daß wir im Ernstfall bei weitem schärfere und
+ausgiebigere Kampfstoffe zu erwarten haben ... Und
+dann: daß man mit allen Mitteln dem Unfug entgegentreten
+muß, den zukünftigen Krieg utopisch durch allerlei
+phantastischen Schnickschnack wie Todesstrahlen und mechanische
+Polizeimänner zu verzerren, dadurch wird nur erreicht,
+daß auch das bereits wirklich Vorhandene angezweifelt
+wird, und unsere ganze Kampagne sich leerläuft.
+Die Bourgeoisie allerdings hat das größte Interesse daran,
+diesen Dingen gegenüber die Methode der Camouflage anzuwenden,
+d. h. Dinge, die sie nicht mehr verschweigen kann,
+durch Kombination mit blödsinnigem Ulk als harmlos und
+als unwirklich darzustellen. Das hätte meiner Meinung
+nach berücksichtigt werden müssen ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Damit war die Debatte über die Resolution beendet.
+</p>
+
+<p>
+Es wurde vorgeschlagen, als Kommentar zur Resolution
+zwei ausführliche Artikel anzufügen, der eine mit dem
+Titel: „Der zukünftige Krieg und die chemische Industrie
+der Welt“, der andere „Die chemische Waffe im kommenden
+Krieg!“ Diese Arbeiten sollten möglichst knapp gehalten,
+mit überzeugendem Tatsachenmaterial versehen sein und
+so präzis wie nur möglich formuliert werden. Mit der
+Ausarbeitung wurden die Genossen Frank Morrow und
+Thomas Butler beauftragt.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-6-10">
+<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
+<span class="firstline">X</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Die Ereignisse überstürzten sich.
+</p>
+
+<p>
+Mancher der besten Kommunisten hatte das Tempo falsch
+eingeschätzt.
+</p>
+
+<p>
+Die Kriegsgefahr springt wie eine Springflut die Völker
+an ...
+</p>
+
+<p>
+Die großen amerikanischen Flottenmanöver im Stillen
+Ozean begannen. Eine gewaltige militärische Demonstration
+gegen Japan ...
+</p>
+
+<p>
+Sieben Monate lang sind die verschiedenen Schiffseinheiten
+unterwegs.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Pearl Harbor auf Hawaii:
+</p>
+
+<p>
+12 Schlachtkreuzer, 6 Kreuzer, 56 Zerstörer, 6 Unterseeboote,
+1 Geschwader Flugzeuge, 2 Flugzeugmutterschiffe:
+sind zum Angriff angesetzt.
+</p>
+
+<p>
+Minengürtel, mit Unterseebooten verseuchte Zonen,
+sperren Hawaii ab. Ein einziger Feuer und Eisen speiender
+Krater ist Hawaii ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Je näher die Kriegsgefahr heranrückt, desto energischer
+betreiben die einzelnen Regierungen die Kommunistenverfolgungen.
+Die Revolutionsgefahr wächst. Alle kommunistischen
+Sektionen sind schon in die Illegalität gedrängt.
+Kommunistengesetze, Geheimerlasse zur Bekämpfung unruhiger
+Elemente durchwirbeln die Länder. Die Parlamente
+heben rücksichtslos die Immunität der kommunistischen Abgeordneten
+auf. Die Demokraten regieren nur wackelnd noch
+auf den Krückstöcken rigorosester Ausnahmegesetze ...
+Ueberall drängen die ausgebeuteten Volksmassen vor. Die
+Sozialdemokratien aller Länder spalten sich ...
+</p>
+
+<p>
+Der Völkerbund beschäftigt sich mit der kommunistischen
+Gefahr.
+</p>
+
+<p>
+Ob ein „heiliger Krieg“ gegen Sowjetrußland noch einmal
+die durch die verschiedensten Interessengegensätze zersplitterten
+Kapitalisten aller Länder zusammenzwingt?
+<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
+Man ist willens, die Austragung der Konflikte unter sich
+bis nach der Niederringung der „Roten Gefahr“ aufzuschieben.
+</p>
+
+<p>
+Der Vernichtungskampf gegen die Kommunisten wird
+im Weltmaßstab organisiert.
+</p>
+
+<p>
+Die Regierungen haben die Kommunisten offen außerhalb
+des Gesetzes gestellt, sind entschlossen, ihre Organisationen
+wie Ratten auszurotten. Armee, Polizei, Miliz,
+Gruppen von Reserveoffizieren spüren alle bekannten Kommunisten
+auf und ermorden sie ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+In Newyork findet der Hochverratsprozeß gegen Mary
+Green und 25 Genossen statt. Den Angeklagten wird zur Last
+gelegt, Giftgase fabriziert zu haben, Cholerabazillen und
+Giftbakterien mit Hilfe bestochener Chemiker und Aerzte
+hergestellt zu haben, in solchen Mengen, um über Nacht halb
+Amerika damit zu vergiften. Drei Giftmorde seien bereits
+auf Konto dieser Organisation zu setzen, weitere Attentate
+u. a. auf Morgan, Ford usw. seien geplant gewesen, umfangreiche
+Waffenlager mit Toluol, Dynamit, Nitroglyzerin
+usw. habe man entdeckt, sogar ausgedehnte Materiallager
+zur Herstellung von Bombenflugzeugen. Einzig und allein
+den mit einer Beamtenkorruptionsaffäre in Zusammenhang
+stehenden Ankaufsversuch von Unterseebooten zwecks In-die-Luft-Sprengung
+der amerikanischen Hochseeflotte bezog der
+Oberstaatsanwalt nicht in seine Anklagerede ein.
+</p>
+
+<p>
+Der eigentliche Träger dieser riesigen und nach allen derartigen
+Prozessen eigentlich reichlich banal erscheinenden
+Komödie war ein außerordentlich gut funktionierender
+Spitzelapparat. Die Angeklagten wurden glatt der ihnen
+zur Last gelegten Verbrechen überführt. Jede Lücke der
+Beweisführung war restlos geschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Verteidiger waren gewaltsam aus dem Sitzungssaal entfernt.
+Den Angeklagten wird das Schlußwort entzogen ...
+</p>
+
+<p>
+Die Zeitungen heulen. Stoßen Warnungssignale aus.
+</p>
+
+<p>
+Der Tag der Urteilsverkündung naht ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Man traut seinen Ohren nicht, man liest die Ueberschriften
+der Extrablätter einige Male:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
+„Mary Green und drei Genossen sind zum Tode verurteilt.“
+</p>
+
+<p>
+Schon eine halbe Stunde darauf kommt es zu Zusammenstößen
+mit der Arbeiterschaft.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend wird der Generalstreik verkündet.
+</p>
+
+<p>
+Ganz Amerika ist plötzlich ein riesiges Grab. Die Menschen
+gehen leis wie auf den Fußspitzen.
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt nur nicht nachgeben! Durchbrechen!“ feixt das
+Gericht. „Man wird es uns sonst als Schwäche auslegen ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Armee und die Flotte sind mobilisiert. Die Luftstreitkräfte
+versehen zunächst noch den Aufklärungsdienst.
+</p>
+
+<p>
+Amerikas Lunge atmet nur mit viertel Kraft.
+</p>
+
+<p>
+Schlaff hängen die Muskeln herunter.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Manche äußern:
+</p>
+
+<p>
+„Man hätte sie nicht zum Tode verurteilen sollen ... Man
+soll keine Märtyrer schaffen ... So erledigen ... geschickt ...
+Das stürzt uns in zu große Unkosten ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+An Sing-Sing ist nicht heranzukommen. Schwere MGs
+funken in die Menschenmassen hinein ...
+</p>
+
+<p>
+Während draußen die Kugelspritzen knattern, wird Mary
+Green mitgeteilt, daß morgen früh fünf Uhr das Urteil
+vollstreckt wird.
+</p>
+
+<p>
+Sie zuckt zurück, einen Augenblick ... fern verrauschen die
+Salven.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es ist fünf Uhr früh.
+</p>
+
+<p>
+Mary Green wird einen langen zementgemauerten Korridor
+entlang in das „Todeskabinett“ geführt.
+</p>
+
+<p>
+Sie singt mit leiser Stimme.
+</p>
+
+<p>
+Sie hört fern, fern, ganz fern als Antwort:
+</p>
+
+<p>
+„Macht auf –“
+</p>
+
+<p>
+Eine zweite Stimme –
+</p>
+
+<p>
+Eine dritte –
+</p>
+
+<p>
+Die fernen Stimmen werden zum fernen Chor.
+</p>
+
+<p>
+Der ferne Chor wird zum Massengesang.
+</p>
+
+<p>
+Der Massengesang zum Orkan.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
+Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne:
+</p>
+
+<p>
+Gewaltige Zeiten dröhnen heran, in denen der Mensch das
+Letzte, was er zu handeln und zu erdulden fähig sein wird,
+aus sich auspressen wird. Groß und opferreich wie noch keine
+wird diese Zeit sein; grausam, niedrig und erbärmlich aber
+zugleich. Diese Zeit donnert, rast, knattert dahin, ein
+reißender Feuerstrom. Die Menschen: gestaltgewordene
+Leidensbrände entzünden sich an sich selbst. Das Gewölbe des
+Himmels schmilzt und tropft flüssiges Feuer, die Erde
+schäumt, wird Lava und fließt über die Horizonte ab.
+</p>
+
+<p>
+Und alle diese Menschen werden namenlos sein, tragen
+nur das Zeichen ihrer Klassenzugehörigkeit an sich. Es gibt
+kein Menschendasein außerhalb der Klasse mehr. Alles fühlt,
+denkt, ringt sich der Klasse zu, kämpft sich bis ins Klasseninnere
+hinein, kämpft auf Leben und Tod um das Wesentliche,
+um den Klassenkern.
+</p>
+
+<p>
+Das wird die Zeit sein, wo die Galgen und Hinrichtungsmaschinen
+wieder öffentlich mitten auf den Plätzen
+der Städte errichtet werden. Von allen Seiten hupen die
+herrschaftlichen Automobile herbei. Die Herren und Damen
+der vornehmen Gesellschaft sind zahlreich vertreten. So viel
+Blut aber auf der Erde gibt es nicht, daß je sie ihren Blutdurst
+stillen könnten ... Sie sind mit Operngläsern und
+photographischen Apparaten versehen, es ist, als wohnten
+sie einem großen Sportereignis bei. Auf dem Platz der
+Hinrichtung sind Reihen von Filmapparaten aufgestellt. O
+die einst so friedliebende Bourgeoisie: sie schwelgt heute
+in Orgien von Blutrache und sadistischen Greueln ohne
+Maßen.
+</p>
+
+<p>
+Die Polizeichefs werden nicht mehr für die Zuchthäuser
+arbeiten, nicht mehr für Krüppelheime und Obdachlosenasyle,
+sondern für die Friedhöfe ...
+</p>
+
+<p>
+Das wird auch die Zeit sein der Wiederauferstehung der
+Folter.
+</p>
+
+<p>
+Mit schweren eisernen Ketten wird man die Leiber der
+Gefangenen umschmieden. Das Schlagen mit Gummiknüppeln,
+das Aufreißen der Fingernägel, Einschlagen von
+Nägeln in die Füße, Brechen der Körperteile und der
+<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
+Rippen: das wird keine allzu große Seltenheit mehr sein.
+Man wird die Gefangenen aus den Städten herausfahren,
+sie zwingen, ihre Gräber selbst zu schaufeln, sie bei lebendigem
+Leib begraben ... Man wird nach raffiniert ausgeklügelten
+wissenschaftlichen Methoden die Qualen steigern, bis zum
+Wahnsinn des Gefolterten sie steigern und dann die Geständnisse,
+deren man bedarf, Protokoll um Protokoll auspressen.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Galgen reden eine Sprache, der Galgen, die
+Hinrichtungsmaschine, die Folter spricht ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und der Galgen kreist.
+</p>
+
+<p>
+Kreist um Europa.
+</p>
+
+<p>
+Kreist durch alle fünf Weltteile ...
+</p>
+
+<p>
+In jeder Himmelsrichtung wächst riesengroß aus der
+Erde auf Galgen an Galgen.
+</p>
+
+<p>
+Der Tisch unter ihm ist umgeworfen.
+</p>
+
+<p>
+Der Leichnam an dem eingeseiften Hanfstrick, eine weiße
+Kapuze dem Kopf übergezogen, dreht sich jetzt langsam,
+schwingt hin und her wie ein Pendel ...
+</p>
+
+<p>
+Und die Leichname unter dem Galgen, die Galgen selbst
+sprechen:
+</p>
+
+<p>
+„Hört es! Und lernt daraus!
+</p>
+
+<p>
+„Kein Erbarmen gibt es im Bürgerkrieg.
+</p>
+
+<p>
+„Kein Erbarmen.
+</p>
+
+<p>
+„Wer den Klassenfeind nicht hart zu schlagen versteht, der
+wird von ihm vernichtet ...
+</p>
+
+<p>
+„Sie oder wir ...“
+</p>
+
+<p>
+– – – –
+</p>
+
+<p>
+Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne, während
+ihr im Beisein eines Dutzend braver amerikanischer Bürger
+noch einmal das Todesurteil verlesen wird.
+</p>
+
+<p>
+Vierzig wohlangesehene Bürger der Stadt Newyork
+nehmen an der Hinrichtung teil.
+</p>
+
+<p>
+Es dauert insgesamt drei Minuten.
+</p>
+
+<p>
+Schon ist sie auf dem elektrischen Stuhl festgeschnallt ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
+Spricht fest, und in den ledernen Bandagen noch einmal
+ein wenig sich aufrichtend:
+</p>
+
+<p>
+„Lenin ist tot.
+</p>
+
+<p>
+„Der Leninismus lebt.
+</p>
+
+<p>
+„Lenin lebt.
+</p>
+
+<p>
+„Wir in ihm.
+</p>
+
+<p>
+„Er in uns ...
+</p>
+
+<p>
+„Es lebe die Welt-Re ...“
+</p>
+
+<p>
+Sie bricht mitten im Wort ab.
+</p>
+
+<p>
+Drei amerikanische Untertanen stehen hinter einem
+Schirm. Jeder drückt auf einen Kontaktknopf. Nur einer
+aber löst den tödlichen Strom aus ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wo ein Polizist in den Arbeitervierteln sich noch sehen
+läßt, wird er abgeknallt. Jetzt gilt das Gesetz der Klassenrache
+...
+</p>
+
+<p>
+Drei oder vier Zeitungen können noch arbeiten. Sie sind
+von Regierungstruppen besetzt. Streikbrecherkompagnien
+sind dorthin beordert.
+</p>
+
+<p>
+Die Presse kläfft:
+</p>
+
+<p>
+„Ende der Giftmörderin.“ Bazillenmärchen und abenteuerliche
+Gaslegenden werden von neuem aufgetischt. Der
+Glaube daran aber ist im Volk Amerikas schon bedeutend
+erschüttert ...
+</p>
+
+<p>
+Und Japan horcht nach Amerika hinüber mit gespannten
+Ohren.
+</p>
+
+<p>
+Der japanische Kriegsrat hat die Mobilisation angeordnet.
+</p>
+
+<p>
+Die Bankiers Amerikas erstarren.
+</p>
+
+<p>
+Es sind Menschenmasken, blutleer, wie gehauen aus
+Granit.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist das Weltende ... Das ist Amerikas Untergang ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Regierung ruft auf:
+</p>
+
+<p>
+„Amerikaner! Wahrt eure heiligsten Güter! Der äußere
+Feind ... Laßt für die Zeit des Verteidigungskrieges gegen
+die gelbe Gefahr euere inneren Zerwürfnisse schweigen ...
+<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
+Regierungswechsel ... Die neue Regierung ist bereit ...
+Das Gesamtwohl der Nation erheischt ... Auf zu den
+Waffen ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Geistlichen versuchten es im Auftrag der neugebildeten
+Regierung von den Kanzeln herab: „Auf! Söhne
+Amerikas! Dem Feind das Bajonett zwischen die Rippen
+gerannt! Im Namen Gottes ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Antwort der amerikanischen Arbeiterschaft ist ein
+einziges Kopfschütteln.
+</p>
+
+<p>
+Der Generalstreik geht weiter ...
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-6-11">
+<span class="firstline">XI</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+In der Arbeiterpresse der ganzen Welt erscheint jetzt
+folgender Artikel:
+</p>
+
+<div class="article">
+<h4 class="hdr" id="subchap-6-11-1">
+Die chemische Waffe im kommenden Krieg
+</h4>
+
+<h5 class="subhdr">
+1. Gaskrieg und Luftkrieg
+</h5>
+
+<p class="first">
+Das Gaskampfmittel wird erst durch das Flugzeug zu
+der furchtbaren Kriegswaffe. Flugzeug und Gaskampfmittel
+bilden zusammen eine Einheit, die ausschlaggebend
+für die völlige Veränderung der Kriegstaktik und Strategie
+ist.
+</p>
+
+<p>
+Das Wesentliche dabei ist die Aufhebung der Front, damit
+auch die Aufhebung des Hinterlandes. Das Hinterland wird
+zur Front.
+</p>
+
+<p>
+Sehr deutlich und offen sprechen die Generäle aller
+Staaten es aus, daß das Hauptziel, das Angriffsobjekt des
+nächsten Krieges nicht mehr so sehr die Front, d. h. die sich
+vorwärts und rückwärts bewegende bezw. stillstehende Linie
+der feindlichen Armee ist, sondern daß vielmehr die Hauptangriffspunkte
+die Großstädte, die Industriewerkstätten usw.
+sind, also, daß das Hauptgewicht auf die Vernichtung
+gerade jener Teile des Proletariats gelegt wird, die in den
+Produktionsstätten des Krieges beschäftigt sind, d. h. bei der
+neuen Form der Armeen, der größte Teil des Proletariats.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
+Hier zeigt sich bereits der Grundzug der veränderten
+Kriegstechnik. Die Anwendung des Gaskrieges, des Flugzeugkrieges
+bedingen eine kleine Armee von Spezialisten,
+mit anderen Worten: im Zusammenhang mit der Entwicklung
+des Klassenbewußtseins des Proletariats tritt
+immer stärker die Trennung des Proletariats von der Waffe
+ein.
+</p>
+
+<p>
+Die Luftwaffe ist außerordentlich stark vermehrt worden.
+</p>
+
+<p>
+Die französische Heeresluftflotte z. B. verfügt über etwa
+5000 Flugzeuge, davon sind 3000 startbereit. Zurzeit produziert
+Frankreich 150 Flugzeuge monatlich. Man spricht vom
+Flugzeug nur noch als von einem fliegenden Geschütz, vom
+Gas als von mikroskopischen Geschossen. Die französische Industrie
+ist auf Grund der fortschreitenden Normungstendenzen
+so organisiert, daß im Ernstfall stündlich je ein Flugzeug
+hergestellt werden kann ... Auf eine besondere Verwendung
+der Flugzeuge ist insbesondere aufmerksam zu machen:
+das ist der Bau von Spezialflugzeugen für Gasverwendung,
+bei denen vermittels von in einem Röhrensystem angebrachten
+Düsen Gas auf die Erde gestreut wird. Durch die starke
+Abkühlung infolge des Ausströmens kühlen sich das Gas
+und die fein verteilten Flüssigkeitspartikelchen stark ab und
+senken sich wie ein feiner Nebel, wie Tau – daher auch der
+Name „Tau des Todes“ – mit großer Schnelligkeit auf die
+Erde. Bei Versuchen im Jahre 1922 auf dem Schießplatz
+in Aberdeen in den Vereinigten Staaten wurde eine unschädliche
+aromatische Flüssigkeit durch einen derartig gebauten
+Flieger herabgestreut. In weniger als einer Minute
+war der Geruch deutlich auf einer Fläche von über 50000
+Quadratmetern wahrnehmbar. Es sei noch darauf hingewiesen,
+daß seit langem bereits erfolgreich die Flugzeuge
+ohne Führer von der Erde aus gelenkt werden können. So
+berichtet bereits am 15. November 1923 die „Revue
+d’Artillerie“ von erfolgreichen Versuchen mit automatischen
+Flugzeugen, die auf Entfernungen von 20 Kilometern ganz
+sicher, ohne Eingriffe des Passagiers durch funkentelegraphische
+Lenkung geführt wurden.
+</p>
+
+<h5 class="subhdr">
+<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
+2. Die Giftgasstoffe
+</h5>
+
+<p class="first">
+Ueber die Giftgasstoffe selbst bewahren natürlich die
+einzelnen imperialistischen Mächte völliges Stillschweigen.
+Die Wirkung eines Gasstoffes, der bekannt ist, wird dadurch
+entweder stark herabgesetzt oder überhaupt wertlos gemacht.
+Es ist äußerst wahrscheinlich, daß zu Beginn des nächsten
+Krieges oder in seinem Verlauf gänzlich neue Gasstoffe von
+bisher unbekannter Wirkung auftauchen. Das „Idealgas“,
+nach dem die einzelnen imperialistischen Gruppen suchen,
+ist ein Gas, das durch keinen Sinn wahrgenommen wird,
+Gasmasken völlig durchtränkt, sofort tödlich wirkt und
+außerdem den Körper auch von außen her angreift. Diese
+„idealen“ Bedingungen hat man gespalten und beschäftigt
+sich vor allen Dingen nunmehr mit der Suche nach zwei
+Richtungen hin: dem geruch- und geschmacklosen Gas, das
+absolut tödlich wirkt, und dem auch tödlichen Gas, das
+außerdem noch den Körper angreift. Das „Idealgas“ für
+die erste Richtung ist das Kohlenstoffmonoxyd (CO), das
+bei der unvollständigen Verbrennung von Kohle entsteht.
+Dieses Gas ist absolut tödlich. Es scheint, daß es den Amerikanern
+gelungen ist, dieses Gas als Kriegswaffe zu verwenden.
+</p>
+
+<p>
+Das zweite Gas, das außerordentlich stark auf die Haut
+wirkt, ist das Yperite (Senfgas) und das Levisite. Wahrscheinlich
+sind beide Sorten längst überholt, aber die neuen
+Mittel liegen in ähnlicher Richtung.
+</p>
+
+<p>
+Yperite und Levisite oder die ihnen ähnlichen Gase
+werden sich insbesondere in zerstörender Gewalt auswirken,
+wenn sie, was ohne Zweifel steht, auf die Industriezentren
+angewandt werden. War das Bewegen während des
+Krieges 1914 bis 1918 in durch Yperite vergasten Gebieten
+nur möglich, wenn man außer der Gasmaske noch eine besondere
+undurchdringliche Schutzkleidung trug, so mag man
+sich selbst die Wirkung dort vorstellen, wo in dicht gedrängten
+Haufen, in Proletariervierteln, in Fabriken, die
+Menschen leben, ohne daß sie mit den geringsten Schutzmitteln
+ausgerüstet wären. Da gleichzeitig eine Rettung
+aus den vergasten Gebieten unmöglich sein wird durch die
+<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
+ungeheure Ausdehnung des vergasten Raumes, so liegt
+offensichtlich die Vernichtung eines großen Teiles des Proletariats
+als zwangsläufige Folge vor.
+</p>
+
+<h5 class="subhdr">
+3. Giftgase und chemische Industrie
+</h5>
+
+<p class="first">
+Besonders wichtig bei der modernen Gastechnik ist, daß
+alle diese schweren Giftstoffe Abkömmlinge der Farbindustrie
+bezw. der Heilmittelindustrie sind. Es handelt sich
+daher für die einzelnen Länder nicht so sehr darum, einen
+möglichst großen Vorrat aufzuspeichern, sondern es geht bei
+den einzelnen imperialistischen Gruppen um die möglichst
+hohe Steigerung der Produktionsmöglichkeit. Wir haben
+infolgedessen eine außerordentlich starke Entwicklung der
+chemischen Industrie, die natürlich hohe Profite einheimst,
+hohe Unterstützungen vom Staate erhält. In den Vereinigten
+Staaten z. B. gab es 1914 sieben chemische Fabriken.
+1918: 118 mit einem Kapital von 200 Millionen Dollar.
+Die Gesamtfarbenproduktion belief sich in den Vereinigten
+Staaten 1914 auf 6,6 Millionen Pfund, 1922 auf 64,6 Millionen,
+1923 auf 93,7 Millionen, so daß die Farbenproduktion
+in den neun Jahren auf mehr als das 14fache gestiegen
+ist. Gegen eine Einfuhr von 46 Millionen Pfund im Jahre
+1913 wurden 1923 lediglich drei Millionen eingeführt, dagegen
+17,9 Millionen ausgeführt. In dem Zolltarif sind
+außerordentlich hohe Zollsätze für Farben festgelegt worden.
+Während England 1913 etwa 14 Prozent seines Bedarfs
+selbst produzierte, stellt es nach einem Bericht des Handelsamtes
+in Washington gegenwärtig 80 Prozent seines Verbrauches
+selbst her. Die englische Regierung hat sich verpflichtet,
+ein Sechstel der Produktion selbst zu übernehmen.
+Die französische Produktion ist noch stärker gestiegen.
+Während Frankreich noch 1920 46 Prozent seines Verbrauchs
+einführte, ist diese Einfuhr im ersten Halbjahr
+1924 auf 5 Prozent zurückgegangen. Die Produktion hat
+sich demzufolge in diesen vier Jahren verdoppelt. Während
+Frankreich 1920 noch 7000 Tonnen jährlich produzierte,
+produziert es im ersten Halbjahr 1924 bereits 8000 Tonnen.
+Die Entwicklung in anderen Ländern ist ganz ähnlich.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
+Diese schnelle Entwicklung der Farbenindustrie hat zur
+Ursache, daß die meisten Gasstoffe entweder Zwischenprodukte
+von Farbstoffen sind oder daß die Farbstoffe (und
+Heilmittel) Ausgangspunkt für die Gasmittel sind. So
+haben die Arsine, also die Reihe der Levisite usw., das
+gleiche Ausgangsprodukt wie das Salvarsan. Yperite
+und auch der andere Gasstoff, die Levisite, haben ein
+gleiches Zwischenprodukt wie das vielgebrauchte Indigo.
+Das Phosgen und die Tränengase haben gleiche Zwischenprodukte
+wie die hellroten, blauen und violetten Farben.
+Die Pikrinsäure, Ausgangspunkt einer Reihe von giftigen
+Farben, ebenso wie sie in der Sprengtechnik angewandt
+wird, ergibt durch einfache Chlorierung das sehr schädlich
+wirkende Chlorpikrin. Aus dem Anilin werden gleichzeitig
+Yperite, verschiedene Anilinfarben und Heilmittel hergestellt.
+</p>
+
+<h5 class="subhdr">
+4. Giftgase und Proletariat
+</h5>
+
+<p class="first">
+Damit zeigt sich ein weiterer wesentlicher Zug des Gaskampfes.
+Das Proletariat, das früher Panzerplatten,
+Kanonen, Sprengstoffe, Munition herstellte, kannte genau
+den Zweck der Fabrikation. Im Zeitalter des Giftgaskrieges
+weiß der Arbeiter in der Fabrik nicht mehr, ob er
+ein harmloses Heilmittel, irgend eine Farbe oder ein äußerst
+gefährliches Giftgas herstellt.
+</p>
+
+<p>
+Hier enthüllt sich mit voller Schärfe die konterrevolutionäre
+Forderung der Zweiten Internationale, daß man bei
+Kriegsausbruch den Krieg einfach unmöglich mache, dadurch,
+daß man keine Munition herstellt. Hier zeigt sich
+klar, daß diese Forderung nur dazu dient, das Proletariat
+von der Erkenntnis der unerbittlichen Notwendigkeit des
+Kampfes gegen die Bourgeoisie, des „Krieg dem Kriege“,
+abzuhalten.
+</p>
+
+<p>
+Der nächste Krieg wird in der Hauptsache geführt werden
+gegen die großen Städte und gegen die Industriezentren.
+Das Proletariat ist in seiner Masse im nächsten Krieg an
+die Produktionsstätten gebunden. Der Hauptangriff richtet
+<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
+sich gegen die Produktionswerkstätten, die verschärfte Bedeutung
+haben, da es in diesem nächsten Krieg auf die
+dauernde Produktion der Giftstoffe und der Flugzeuge ankommt.
+</p>
+
+<p>
+Der nächste Krieg wird geführt werden von einer vom
+Proletariat losgelösten Spezialistentruppe mit Waffen, bei
+deren Produktion der Arbeiter nicht weiß, daß er Waffen
+herstellt. So erscheint das Proletariat zunächst getrennt
+und losgelöst von der Waffe, aber in weit höherem Maß
+ist die Waffe wiederum dadurch in seine Hand gegeben, daß
+das Proletariat an den Stätten der Produktion von Kriegsmitteln,
+die eine weit höhere Bedeutung gewinnen, in
+starkem Maß konzentriert ist. Damit wird die einzige Möglichkeit
+für das Proletariat, diesem kommenden Krieg zu
+begegnen oder ihn zu beendigen, klar sichtbar: nur wenn
+es die Leitung der Produktion in den Händen hat, nur
+wenn es den Betrieb besitzt, kann es die Produktion der
+Kriegsmittel verhindern. Daher wird mit erhöhter Notwendigkeit
+die Umwandlung der kapitalistischen Wirtschaft
+in die proletarische vorzunehmen sein. Dies kann nur geschehen
+dadurch, daß die Bourgeoisie gestürzt und das Proletariat
+die Leitung der Produktion, die Macht überhaupt
+übernimmt. So verlangt die moderne Kriegsführung ihre
+schleunigste Beendigung durch die Umwandlung des Krieges
+in einen Krieg des Proletariats gegen die Bourgeoisie zu
+ihrem Sturze. Diese Kriegsführung verlangt schon vorher
+die Vorbereitung des Kampfes des Proletariats.“
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-6-12">
+<span class="firstline">XII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Die Proletarier wußten nun, woran sie waren.
+</p>
+
+<p>
+„Das also hätten wir von diesem Menschen-Kehricht zu
+erwarten gehabt. Pfui Teufel! ...“
+</p>
+
+<p>
+Ueberallhin flatterten die Flugblätter.
+</p>
+
+<p>
+Die Regierungen setzen Kopfprämien aus.
+</p>
+
+<p>
+Hilft nichts.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
+Das Geheimnis des kommenden Kriegs war enthüllt. Es
+war eine schreckliche Bewußtwerdung.
+</p>
+
+<p>
+„Wer ist nun der wirkliche Giftgasfabrikant!? Wer ist
+der Bazillenmassenmörder nun in Wirklichkeit? ...“
+</p>
+
+<p>
+Millionen knirschten vor Wut ...
+</p>
+
+<p>
+„Wie stehts in Edgewood!? Können wir uns auf die
+Mannschaften der Bombenflugzeuggeschwader verlassen!?
+Sind die Arsenale in Ordnung!?“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Nachrichten lauteten unbestimmt.
+</p>
+
+<p>
+Die Krise zog sich enger wie ein Strick um die Hälse der
+Finanzmagnaten zusammen. Man hatte Verdauungs- und
+Schluckbeschwerden. Viele Hebel am Regierungsapparat
+funktionierten schon nicht mehr. Von vielen Stellen blieb die
+Antwort aus. Eine rote Zelle ist in der Armee, hieß es.
+Die Panik fieberte empor. GBRO. Was ist GBRO.?
+Geheimbund revolutionärer Offiziere ... Den reaktionären
+Gewerkschaftsführern entglitt nun völlig die Bewegung ...
+</p>
+
+<p>
+Mechanische Armeen ließ die Regierung aufmarschieren:
+</p>
+
+<p>
+Bataillone schwerer Tanks, Bataillone mittlerer Tanks,
+Brigaden mechanischer Artillerie, schwere MG.-Kompagnien.
+... Man verließ sich auf die niederschmetternde psychologische
+Wirkung.
+</p>
+
+<p>
+Vergebens.
+</p>
+
+<p>
+Die Arbeiterschaft steht Gewehr bei Fuß.
+</p>
+
+<p>
+Wir sind gerüstet.
+</p>
+
+<p>
+Wir sind bereit, die Feuerprobe zu bestehen ...
+</p>
+
+<p>
+Wir warten nur auf das Angriffssignal.
+</p>
+
+<p>
+Die Stellungen des Gegners sind genau bekannt.
+</p>
+
+<p>
+Es gibt kein Verhandeln mehr.
+</p>
+
+<p>
+Nun ist es klar:
+</p>
+
+<p>
+„Die Frage, die die geschichtliche Situation dem Proletariat
+stellt, ist nicht die Wahl zwischen Krieg und Frieden,
+sondern zwischen imperialistischem Krieg und Krieg gegen
+diesen Krieg ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
+Wie bewegungslos ist in diesem Augenblick Amerika!
+Einige Muskelbänder nur spielen an ihm noch, wie im
+Starrkrampf.
+</p>
+
+<p>
+„Nieder mit dem Menschenschlachthaus!“ gellt jubelnd
+eine Stimme.
+</p>
+
+<p>
+„Für heute und für immer!“
+</p>
+
+<p>
+Millionen Augen zucken nach oben.
+</p>
+
+<p>
+„Werden sie es wagen ... Schicken sie uns die Flieger ...
+Und –“
+</p>
+
+<p>
+„Und –“
+</p>
+
+<p>
+„Werden die Unseren in Edgewood ihre Pflicht tun ...“
+</p>
+
+<p>
+Kein Laut.
+</p>
+
+<p>
+Die Stadt ist wie vergletschert ...
+</p>
+
+<p>
+Da ...
+</p>
+
+<p>
+Dort stürzen sich schon im Sturmschritt Arbeiterbataillone
+über den Platz –
+</p>
+
+<p>
+„Sprung auf! Marsch! Marsch!“
+</p>
+
+<p>
+„Wir haben mehr zu verlieren als nur unsere Ketten:
+wir haben die Zukunft der Welt zu verlieren!“
+</p>
+
+<p>
+Vorwärts! Auf drum! Los!
+</p>
+
+<p>
+Es kann beginnen!
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-7">
+<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
+<span class="firstline">6. Kapitel.</span><br>
+Der erste Mai
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="ctoc">
+Ein Brief. – Sonne über Schweizer
+Bergen. – „Gebt uns eine Partei!“
+Der 1. Mai: ein Welt-Kampftag! –
+Aufmarsch der „Vaterländischen
+Verbände“. Rote Gegendemonstration.
+– Provokateure an der Arbeit.
+– Ein Blutbad. – Am Abend
+des 1. Mai.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-7-1">
+<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
+<span class="firstline">I</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Als Peter spät nachts nach Hause kam, fand er von seiner
+Mutter einen Brief vor.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Lieber! Auf Deinen ausführlichen Brief will ich
+Dir antworten, indem ich Dir den folgenden Ausschnitt aus
+einer Zeitung schicke, die ich jetzt täglich lese. Diese Schilderung
+stammt von Eugen Leviné, wie Du weißt, vom Münchener
+Standgericht zum Tode verurteilt und erschossen. Dieser
+Bericht ist auch meine Antwort auf Deinen Brief. Ich bin
+glücklich über Dich, Peter, Du hast den richtigen Weg gefunden.
+Nun, nimm und lies!“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und Peter las:
+</p>
+
+<p>
+„Der Wind heult. In der kleinen Petroleumlampe flackert
+die Flamme, züngelt hin und her, biegt sich und beugt sich.
+Phantastisch tanzt der Schatten des Teekessels an den runden
+Wänden der Turmzelle. Auf der harten Pritsche liege ich,
+fest gehüllt in meinen Pelz, und lausche dem Liede des
+Windes. In den verrosteten Angeln knarrt das Fenster
+und ächzt. Die kleine Ratte, die mir sonst Gesellschaft leistet,
+graziös über den Tisch läuft und hin und her huscht, wagt
+sich heute aus dem Loch nicht heraus. Ganz allein bin ich
+heute. Starre zur Decke. Lasse müde den Blick über die
+Wände gleiten. Alles so bekannt. Die Namen an den
+Wänden. Kommentare der Nachfolger: „Ab nach dem Zuchthaus
+zu Smolensk“, „Hingerichtet in Wilna“ ... Und daneben
+immer und immer wieder: „Es lebe der Kampf“, „Es
+lebe die Revolution.“
+</p>
+
+<p>
+Der Wind heult und wieder flackert das Licht in der
+Lampe, wieder tanzen phantastische Schatten. Immer fester
+hülle ich mich in den Pelz, den sie mir gelassen haben. Es ist
+kalt in der Turmzelle. Schon ermüden die Augen und fallen
+langsam zu. Da plötzlich fahre ich auf. Draußen auf der
+eisernen Treppe höre ich Schritte und Kettengeklirr, Stimmen
+und Kommandorufe. Sie nahen in der Richtung meiner
+<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
+Zelle. Unter mir verstummen sie. Dumpf dröhnend fällt in
+der unteren Turmzelle die eisenbeschlagene Tür ins Schloß.
+Wieder Stimmengewirr und stampfende Schritte. Dann
+wieder Stille.
+</p>
+
+<p>
+Nur der Wind heult. Der Fensterrahmen knarrt, die
+Flamme in der Lampe züngelt und flackert, und phantastisch
+tanzen die Schatten.
+</p>
+
+<p>
+Ich lausche angestrengt. In die Zelle unter mir haben sie
+einen „Neuen“ gebracht. Wer ist es? Ein Fremder, ein
+Freund? Ein Genosse oder Krimineller? Was droht ihm?
+Der Galgen? Oder bloß Kerker? Ich lausche. Wird er nicht
+klopfen? Nicht seinen Namen nennen? Nein, es bleibt still.
+Nur der Wind singt sein Lied.
+</p>
+
+<p>
+Ich lege das Ohr an die Wand – alles still. Kein Laut.
+</p>
+
+<p>
+Vielleicht weiß er nicht, daß jemand über ihm sitzt. Ich
+nehme den Metallbecher und klopfe leise an die Wand: ta ta
+– tatatatata – tatata – leise, rhythmisch. „Kto wy?“ –
+„Wer seid ihr?“ Aber ich komme nicht zu Ende. An der
+Tür ein leises, schleichendes Geräusch. Schnell ist der Becher
+versteckt. Ich liege auf dem Rücken, mit verschränkten
+Armen, mit künstlich gleichgültigem Gesicht. Ich schaue nach
+dem Guckloch an der Tür. Ein entzündetes Auge richtet
+seinen Blick auf mich. Ich erwidere den Blick und fühle, wie
+etwas Feindseliges wider meinen Willen aus meinem Auge
+spricht. Da wird das Guckloch wieder geschlossen und an
+Stelle des Auges grinst hinter der kleinen Oeffnung die
+dunkle Metallplatte.
+</p>
+
+<p>
+Nun bin ich wieder allein. Mit dem Klopfen ist es heute
+nacht zu Ende. Sonst werde ich angezeigt.
+</p>
+
+<p>
+Uebrigens scheint der Neue das Klopfen nicht zu verstehen.
+Morgen muß ich versuchen, ihm das Klopfalphabet
+zuzustellen. Durch wen? Ich überlege. Denke an verschiedene
+Kriminelle, die Zutritt zum unteren Korridor haben.
+Am einfachsten wäre es ja, den Brief durchs Fenster an
+einem Strick hinabzulassen. Doch das ist gefährlich. Die
+Posten haben Befehl, zu feuern, sobald sich jemand am
+Fenster zeigt. Ich werde mit Butkewitsch sprechen. Der hat
+als Putzer zu allen Zellen unseres Korridors Zutritt. Vielleicht
+kann er mir helfen. Es eilt ja auch nicht. Morgen
+<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
+wird sich schon ein Weg finden. Ich schließe die Augen und
+versuche zu schlafen. Lange höre ich noch das Knarren des
+Fensters, lange höre ich noch das Heulen des Windes ...
+Dann aber allmählich legt sich bleierne Müdigkeit wie ein
+Reifen um die Stirn, und ich schlafe ein ...
+</p>
+
+<p>
+Langsam dreht sich der Schlüssel im Türschloß. Einmal,
+zweimal. Knarrend geht die Tür auf. Ekelhafter Geruch
+von Dutzenden von Paraschas (Eimern) schlägt vom Korridor
+in die Turmzelle. Ich öffne die Augen. Es dämmert
+kaum. Gähnend steht der Wärter in der Tür, nestelt am
+Gurt, steckt den Revolver zurecht. „Guten Morgen“, „Guten
+Morgen“. Klappernd mit den Holzpantoffeln auf dem
+steinernen Boden, klirrend mit den eisernen Ketten, läuft
+Butkewitsch, der Korridorputzer, hin und her. „Guten
+Morgen.“ – Er läuft ans Fenster, reißt es auf und
+kühlend netzt die frische Morgenluft mir das Gesicht. Ich
+wende den Kopf zum Fenster, atme in vollen Zügen die
+Luft ein. Da gewahre ich im fahlen Morgenlicht auf dem
+Fensterbrett etwas Weißes: einen kleinen Zettel. Schnell
+sehe ich weg, damit der Wärter nicht der Richtung meines
+Blickes folgt. Doch er hat nichts gemerkt. Noch immer macht
+er sich gähnend am Revolver zu schaffen. Wieder klirren die
+Ketten und klappern die Pantoffeln: Butkewitsch bringt die
+leere Parascha. Schnell wechseln wir einen Blick des Einverständnisses.
+Dann nimmt er die leergebrannte Lampe
+vom Tisch, und die Tür fällt dröhnend ins Schloß. Zweimal
+drehte sich der Schlüssel. Ich bin wieder allein.
+</p>
+
+<p>
+Einen Blick aufs Guckloch in der Tür: Nein, niemand. Ich
+nehme den Zettel vom Fenster. Ich erkenne die Handschrift,
+ein Genosse vom unteren Korridor schreibt mir: „Genosse!
+Gestern nacht hat man einen Neuen gebracht. Du kennst ihn
+nicht. Er sitzt unter Dir im Turm. Morgen wird er zur
+Hinrichtung transportiert. In unserer Zelle sitzen seine
+Freunde. Sie wollen ihm einen letzten Gruß senden. Jede
+Verbindung mit seiner Zelle im unteren Korridor ist abgeschnitten.
+Versuche den beiliegenden Zettel zu ihm zu
+schaffen. Es sind letzte Abschiedsgrüße. Dank im voraus ...“
+</p>
+
+<p>
+Den ganzen Vormittag gehe ich in meiner Zelle auf und
+ab und überlege. Unten ist die Verbindung mit ihm abgeschnitten.
+<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
+Es gibt nur ein einziges Mittel: Ich muß ihm
+den Brief durchs Fenster zustellen ...
+</p>
+
+<p>
+Als ich um zwölf das Mittagessen in Empfang nehme,
+raune ich Butkewitsch zu: „Das Telephon!“ Er nickt. Eine
+halbe Stunde später bringt er heißes Wasser für den Tee.
+Der Wärter bleibt in der Tür stehen. Butkewitsch macht sich
+am Tisch zu schaffen. Der Wärter wird ärgerlich. „Na, wirds
+bald?“ Da beginnen zwei Kriminelle in dem Korridor
+Streit. Absichtlich, um den Wärter abzulenken. Laut
+schallen die Schimpfworte. Der Wärter geht hinaus. „Wollt
+ihr wohl Ruhe halten!“ Butkewitsch benutzt den Augenblick,
+zieht unter seiner Jacke ein Bündel hervor, wirft es
+schnell unter meine Pritsche und geht auch hinaus. Auf
+dem Korridor ist es wieder ruhig, der Wärter kommt zurück,
+läßt seine Blicke prüfend durch die Zelle schweifen und
+geht dann auch hinaus. Die Tür fällt ins Schloß, wieder
+knarrt zweimal der Schlüssel und wieder bin ich allein. Das
+„Telephon“ liegt unter der Pritsche: ein langer Strick aus
+Fetzen von Bettüchern zusammengesetzt. Der Zettel ist in
+einer Spalte der Wand versteckt. Ich muß warten. Ein
+dreifacher Ring umgibt das Gefängnis. Innen im Hof Gefängniswärter
+und Feldjäger, draußen, vor der Mauer,
+Schutzleute. Gerade vor meinem Fenster – ein Feldjäger.
+Er muß es sehen, wenn ich das „Telephon“ hinablasse. Doch
+ich habe Glück. Heute abend soll ein Feldjäger auf Wache
+kommen, der mit uns heimlich sympathisiert. Der wird schon
+ein Auge zudrücken. Und die Außenposten werden es nicht
+so schnell merken. Ich habe alles für den Abend bereit.
+Schreibe ein Klopfalphabet mit Erläuterungen, damit der
+Genosse wenigstens die letzte Nacht mit mir sprechen kann.
+Vielleicht hat er letzte Wünsche zu übermitteln, letzte
+Grüße ...
+</p>
+
+<p>
+Es dämmert. Ich hocke auf dem Fensterbrett. Im Garten
+des Gefängnisdirektors, draußen, vor unserer Mauer, räkeln
+sich die Schutzleute. Innen im Hofe, vor dem Fenster, steht
+der Feldjäger. Sieht er mich nicht? Will er mich nicht sehen?
+</p>
+
+<p>
+Ich stecke die Hand zwischen die Gitterstäbe und lasse langsam
+das „Telephon“ hinab. Unten baumelt der Brief. Nach
+meiner Berechnung muß er jetzt vor seinem Fenster sein.
+<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
+Ich klopfe an die Wand, um den Genossen aufmerksam zu
+machen. Keine Antwort. Das Telephon baumelt im Winde.
+Vielleicht kann er es nicht greifen, weil es so hin und her
+geht. Ich ziehe das Telephon wieder herauf, beschwere es
+mit dem Metallbecher und lasse es hinab. Gerade gespannt
+hängt jetzt der Strick. Jetzt muß der Brief vor seinem Fenster
+sein. Ich klopfe mit dem Fuß auf den Boden, klopfe mit
+dem schweren Holzschemel. Laut. Er muß es hören. Aber
+unten bleibt alles still. Keine Hand greift nach dem Brief.
+</p>
+
+<p>
+Der Feldjäger wird unruhig. Er winkt mir und macht
+mir ein Zeichen. Ich soll aufhören. Ich beachte es nicht. Die
+Schutzleute an der Außenmauer haben es auch bemerkt.
+Laut tönen ihre Stimmen. „Hundesohn! – mach, daß du
+fortkommst vom Fenster!“
+</p>
+
+<p>
+Jetzt gilt es. Länger kann ich nicht bleiben. Gesehen hat
+man mich ja doch schon. Ich presse das Gesicht an die Gitterstäbe
+und rufe: „Genosse! Genosse! Warum nehmen Sie den
+Brief nicht?“ – „Hundesohn! Wirds bald? Wir schießen!“
+Und schon greifen sie nach den Gewehren. Ich lausche –
+noch einen Augenblick, sonst ist es zu spät. Da dringt eine
+Stimme von unten herauf, stammelnd und klagend, leise
+und kraftlos, so leise, daß ich das Gehör anstrengen muß, um
+zu hören: „Genos–se ... Ich kann ... den Brief ... nicht
+... nehmen. Beim Verhör ... hat man ... mir ... beide
+Arme ... gebrochen. Genosse ... leb wohl ...“ Leise und
+klagend tönt die Stimme und bricht plötzlich ab.
+</p>
+
+<p>
+Ein wütendes Winken des Feldjägers; die Schutzleute vor
+der Mauer haben schon angelegt. Mit einem Ruck reiße ich
+das Telephon nach oben und lasse mich vom Fensterbrett
+gleiten, verstecke alles schnell unter der Pritsche.
+</p>
+
+<p>
+Es ist höchste Zeit gewesen. Aufgescheucht vom Lärm,
+macht der Wärter auf dem Korridor seine Runde. Und
+jetzt schaut sein Auge durchs Guckloch. Aber ich liege schon
+auf meiner Pritsche auf dem Rücken mit verschränkten
+Armen und beruhigt geht er weiter ...
+</p>
+
+<p>
+Nachts als es ganz still ist und draußen vor der Tür
+regelmäßiges Schnarchen ertönt, stehe ich auf und verbrenne
+alles: das Klopfalphabet, die Erläuterungen und
+die letzten Grüße.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
+Rußig züngelt die Flamme zur Lampe heraus, ergreift
+das Papier und leckt gierig daran. Ein Häufchen Asche fällt
+auf den Tisch. Der Wind heult, fährt zwischen den Fensterritzen
+hindurch, und die Aschestückchen flattern durch die
+Zelle: Das Alphabet, die Erläuterungen und die letzten
+Grüße.
+</p>
+
+<p>
+Unten aber sitzt der, dem sie galten. Am Vorabend seiner
+Hinrichtung. Mit gebrochenen Armen. Und niemand, der
+ihm ein letztes Abschiedswort sagen könnte.
+</p>
+
+<p>
+Der Wind heult. Unruhig flackert die Flamme. Phantastisch
+tanzen die Schatten. Am Fußboden bewegen sich
+zitternd Aschestückchen.
+</p>
+
+<p>
+Ich liege wieder auf der Pritsche. Hülle mich fester in den
+Pelz. Fröstle trotzdem. Schließe krampfhaft die Augen,
+beiße die Zähne zusammen. Im Ohr klingt immer noch leise
+und klagend die stammelnde Stimme:
+</p>
+
+<p>
+„Ich kann den Brief nicht nehmen, Genosse! Leb wohl!“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es ging gegen Morgen.
+</p>
+
+<p>
+Peter las noch immer den Brief.
+</p>
+
+<p>
+„Dieser Brief soll eine Antwort sein ... Sind denn auch
+ihr bei einer Voruntersuchung beide Arme gebrochen
+worden ...? Aber sie war doch nicht verhaftet ... oder
+sollte das ganz anders gemeint sein, so vielleicht, daß ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, so ist es!“ Nun kannte er plötzlich die Bedeutung
+der Antwort.
+</p>
+
+<p>
+„Zehn Jahre solch eines „Zusammenlebens“, das war ihre
+Voruntersuchung, und jetzt ... Sie ist einfach ein körperlich
+und geistig gebrochener Mensch, und kann nicht mehr.“
+</p>
+
+<p>
+Peter rieb sich den Schlaf aus den Augen und machte sich
+an seine Arbeit. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und wieder strahlte die Sonne auf.
+</p>
+
+<p>
+Früher war es: die Stadt erwachte. Jetzt wacht sie Tag
+und Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Alle Gegenstände ringsum – Kleider, Möbel, Häuser,
+Straßen, was es auch sei – sprechen laut und eindringlich
+im Frühlicht ihre stumme Sprache:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
+„Im Anfang war die Arbeit. Alle Waren, die heute
+produziert werden, sind geronnenes Menschenleid ... Du
+kleidest dich in Blut und Tränen. Was du ißt und trinkst:
+heißt Menschenschweiß, ist Menschenbitternis ... Du schwebst
+nicht in der Luft. Der Grund, auf dem deine Füße stehen,
+was ist er anderes als eine Plattform gekrümmter Menschenrücken
+...?! Unsichtbar eingegraben ist in alles, was dich
+umgibt, die Rune der Not ...“
+</p>
+
+<p>
+So, so ist es, und nicht anders. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-7-2">
+<span class="firstline">II</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Zur gleichen Zeit ging auch über den Schweizer Bergen
+die Sonne auf. Groß, rot, schmetternd ...
+</p>
+
+<p>
+Ein Horn blies. Die Kurgäste, in Pelze und Mäntel gehüllt,
+traten aus ihren Appartements und Prachtzimmern
+auf die Veranden und die Balkone des Hotels „Rigikulm“
+hinaus, um den Sonnenaufgang zu bewundern.
+</p>
+
+<p>
+Der Kurhaussaal unten wurde eben aufgeräumt, noch
+hingen Girlanden, Papierschlangen und bunte Lampione
+herum von dem Fest, das vorige Nacht zu Ehren der Ankunft
+der „Deutschen“ gegeben worden war.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein wildes, ausgelassenes Fest, an nichts wurde
+gespart, es glich einem Karneval, alle Teilnehmer hatten
+sich phantastisch kostümiert. Es waren die letzten Deutschen,
+die über die Grenze gekommen waren, bevor diese endgültig
+abgesperrt wurde.
+</p>
+
+<p>
+Auch der Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung war unter
+ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Er fungierte in den letzten Jahren als Untersuchungsrichter
+und war durch einige bedeutende politische Prozesse
+allgemein bekannt geworden. Die Zuspitzung der inneren
+Verhältnisse in Deutschland ließ es für ihn geraten erscheinen,
+Deutschland zu verlassen. Seine vorgesetzte Behörde
+selbst riet ihm dazu. Er sollte sich im Ausland bereithalten,
+bis sich die weitere Entwicklung der Lage besser
+übersehen ließ.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
+Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung, übernächtigt, den
+Mantel über, darunter noch im Maskenkostüm, stand, abseits
+von der übrigen Gesellschaft, am Rand der Felsen.
+</p>
+
+<p>
+Der berühmte Hofopernsänger Eugen Garu, eine etwas
+fettlich geratene Siegfriedsgestalt, sang eben zur Begrüßung
+der aufgegangenen Sonne eine italienische Arie. Als er
+mit einer geschwollenen Stimme endete, die wie der Bizeps
+eines Ringers klang oder wie Nackenspeck, klatschten die Zuhörer
+begeistert Beifall.
+</p>
+
+<p>
+Es waren Politiker, hohe Beamte, Schauspieler, Tänzerinnen,
+Filmstars, auch Literaten, Professoren und ähnliche
+Kulturträger darunter.
+</p>
+
+<p>
+Im gesamten neutralen Ausland schossen jetzt solche Kolonien
+deutscher Emigranten empor.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Landgerichtsdirektor klingelte in Gedanken.
+</p>
+
+<p>
+„Wo bleibt heute nur der Gerichtsdiener mit der Aktenmappe!?“
+</p>
+
+<p>
+Dr. Friedjung war allein im Büro. Niemand war zur
+Stelle.
+</p>
+
+<p>
+Die ganze Alpenwelt glühte jetzt ...
+</p>
+
+<p>
+Ein flammender Blutballon schwebte die Sonne am blaudunstigen
+Gewölb herauf.
+</p>
+
+<p>
+„Auch die Zeitungen bleiben aus ...“
+</p>
+
+<p>
+Und er sah auf die Uhr. Der Zeiger stand. Das Uhrwerk
+war abgelaufen ...
+</p>
+
+<p>
+„Sehr verehrter Herr Dr. Reuchlin! Ich habe die verzweifelte
+Ehre, Ihnen, leider Gottes, mitteilen zu müssen,
+auch meinerseits Vater eines Sohnes zu sein, der ...“, setzte
+der Landgerichtsdirektor in Gedanken auf und knüllte dabei
+hastig nervös in der Hosentasche seiner Maskenuniform
+an einem Brief herum, in dem ihm ein Kollege über die
+neueste Entwicklung Peters schrieb ...
+</p>
+
+<p>
+„Verdammt!“
+</p>
+
+<p>
+Und sein ganzes Leben schrumpfte ihm plötzlich in einen
+Akt zusammen, Akt Heinrich Friedjung, er blätterte darin,
+dann schlug er die erste Seite auf und siehe da, darauf stand:
+<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
+Versalien, Fraktur, wie früher „Im Namen des Volkes“:
+„Verlustliste.“
+</p>
+
+<p>
+Namen standen der Reihe nach herunter, hinter jedem ein
+Kreuz.
+</p>
+
+<p>
+Andere Namen, dahinter:
+</p>
+
+<table class="tab211">
+<tbody>
+ <tr>
+ <td class="col1">8</td>
+ <td class="col2">Jahre Zuchthaus,</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">17</td>
+ <td class="col2">Jahre Zuchthaus,</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">25</td>
+ <td class="col2">Jahre Zuchthaus,</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">&nbsp;</td>
+ <td class="col2">lebenslänglich ...</td>
+ </tr>
+</tbody>
+</table>
+<p>
+Er zählte zusammen:
+</p>
+
+<table class="tab211">
+<tbody>
+ <tr>
+ <td class="col1">15</td>
+ <td class="col2">Kreuze,</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">987</td>
+ <td class="col2">Jahre ...</td>
+ </tr>
+</tbody>
+</table>
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wieder sang der Hofopernsänger.
+</p>
+
+<p>
+Alle Kurgäste sangen im Chor:
+</p>
+
+<p>
+„Deutschland über alles ...“
+</p>
+
+<p>
+Auch zu Dr. Friedjung drang der Gesang:
+</p>
+
+<p>
+„Damit steh und falle ich ... Herrlich weit haben wirs
+gebracht ... Dahin also ist es jetzt gekommen ...“
+</p>
+
+<p>
+Es wurde schon warm, die Sonne brannte und die
+Schminke lief ihm dick vom Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+„Das Untersuchungsverfahren gegen Friedjung Heinrich
+ist abgeschlossen“, hörte er jetzt sich selbst sprechen. „Die
+Hauptverhandlung ist bereits eröffnet. Die Zeugenvernehmung
+ist beendet. Das Plädoyer des Staatsanwalts beginnt:
+</p>
+
+<p>
+„und so stelle ich hiermit den Antrag auf Zuerkennung
+einer Strafe in der Höhe des gesetzlich zulässigen Mindeststrafmaßes
+und beantrage demnach ...“
+</p>
+
+<p>
+Mit den Händen schob sich der Angeklagte Dr. Friedjung
+in ein Gebüsch hinein, setzte sich auf einen Stein und lächelte.
+</p>
+
+<p>
+„Der Angeklagte hat das Schlußwort.“
+</p>
+
+<p>
+„Meine Herren Richter!“ Der Angeklagte stand vom
+Stein auf. „Eigelb ist nun die Sonne. Die Sonne: ein
+Dotter. Und wenn man von dieser Tatsache ausgehend den
+Weltraum sich als etwas Atmosphärisch-Gläsernes vorstellt,
+dann ... Ei im Glas ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
+Weiter kam er in seiner Betrachtung nicht.
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt beginnt er zu simulieren“, bemerkte irgendwer im
+Zuhörerraum spöttisch.
+</p>
+
+<p>
+Die Richter erschienen wieder nach einer Sekundenpause.
+</p>
+
+<p>
+Alles erhob sich.
+</p>
+
+<p>
+„Das Gericht hat dem Antrag des Anklagevertreters
+stattgegeben und auf das gesetzlich zulässige Mindeststrafmaß
+erkannt, auf ...“
+</p>
+
+<p>
+„Der Strafvollzug tritt sofort in Kraft.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Aus der Tasche, in der er an dem Brief herumgeknüllt
+hatte, zog der Landgerichtsdirektor die Pistole hervor.
+</p>
+
+<p>
+„Schwarzblau ... Prima Stahlware ... Wie ein kleiner
+Monteur siehst du ja aus ... Bist mein Söhnchen vielleicht
+gar selbst, heißt am Ende noch Peter, und bist wohl nun
+schon auch inzwischen zum klassenbewußten Proleten geworden!?
+... Wie dem aber auch sein mag ... Dein alter
+Vater ist dir nicht lange mehr gram darüber ... Mußte ja
+so kommen ... Kann auch gar nicht anders sein ...“
+</p>
+
+<p>
+Nun traten plötzlich alle die von ihm Voruntersuchten auf
+ihn zu, alle sie, die er nur in der einzigen Absicht voruntersucht
+hatte, um sie dem Henker zu überantworten: Gehängte,
+Gefallbeilte, die in der Untersuchungshaft meuchlings Ermordeten,
+Kopfschüssler:
+</p>
+
+<p>
+„Im Namen des Volkes! Bitte ...“
+</p>
+
+<p>
+„... über a–alles in der Welt!“ schloß vielstimmig, hoch
+tremolierend die Schar der Kurgäste.
+</p>
+
+<p>
+Kreischend lachte der Landgerichtsdirektor auf.
+</p>
+
+<p>
+Durch alle Räume hindurch, wie aus einem Megaphon
+durch die ganze Welt schrie dieses Gelächter.
+</p>
+
+<p>
+Dann drückte er ab.
+</p>
+
+<p>
+Es tat wie ein die ganze Herzgegend tief durchdringender
+leichter Schlag mit der flachen Hand. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-7-3">
+<span class="firstline">III</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Ein schluchtenartiges, von steilen Gefällen überschüttetes
+Gelände war diese Zeit.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
+Die Partei arbeitete sich hoch hinauf durch diese Zeit wie
+ein Traktor: die schwer keuchende Masse des Proletariats
+hinter ihm dumpf, wie eine aus Fleisch, Eisen und Ruß geknetete
+Wolke.
+</p>
+
+<p>
+Mit Blut, Tränen und Schweiß unlösbar ineinander verkittet,
+bewegte sich der Menschenmillionenknäuel der Ausgebeuteten
+daher. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Partei war zu einer Kampfmaschine geworden.
+</p>
+
+<p>
+Absolute Starrheit, Festigkeit, Sicherheit in allem Prinzipiellen,
+größte Biegsamkeit, Elastizität, Beweglichkeit,
+Manövrierfähigkeit in allem übrigen ...
+</p>
+
+<p>
+Jeder hatte seine Funktion. Der Hydra der Korruption
+wurde rücksichtslos Kopf um Kopf abgeschlagen ...
+</p>
+
+<p>
+Ein unermeßliches Kampffeld war zu übersehen.
+</p>
+
+<p>
+Die Fühler und Tastorgane der Partei reichten bis in
+den kleinsten Winkel hinein. Kein Verein, keine Vereinigung
+gab es ohne rote Zelle. Die Betriebszellen wuchsen,
+fraßen wie reißend Feuer um sich, die Proletariermassen
+wurden wieder glühend ... Die Fabriken wurden die
+Kasernen der Arbeiter, wurden zu roten Kampfarsenalen,
+zu roten Bollwerken ...
+</p>
+
+<p>
+Die Sektionen der Komintern, eisern in sich gefügte,
+disziplinierte Organismen, krümmten und schlugen sich,
+stießen vor, wichen aus, nahmen hier den Kampf mit dem
+Gegner auf, bissen und rissen sich durch, zogen dort sich zurück;
+an einer anderen Stelle wieder ließen sie es nur beim
+Geplänkel.
+</p>
+
+<p>
+Millionenäugig war dieser Kampfkörper. Das Gehirn,
+ein einziger Erfahrungs- und Willensapparat, über Millionen
+Muskeln, Arme, Herzen, Nervenbündel gebietend.
+Jede Schraube an diesem lebendigen Mechanismus war fest
+angezogen, jeder Teil bis auf den letzten Grad seiner
+Leistungsfähigkeit ausgenützt und gespannt ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Partei hatte aus ihren Fehlern und Niederlagen gelernt,
+im Kreuzfeuer der Verfolgungen und der Illegalität
+<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
+ward sie nur widerstandsfähiger und härter geschmiedet,
+jeder Prolet hatte seinen beträchtlichen Anteil an den
+tausendfachen Verbesserungen, die unter den erschwertesten
+Umständen in den letzten Jahren durchgeführt werden
+mußten. Voll Stolz, Zuversicht und mit unerschütterlichem
+Vertrauen sah er auf seine Partei, auf seine Kampfführung:
+ein gewaltiges, aus Proletarierherzblut gewachsenes Instrument,
+das exakt funktionierende Hebelwerkzeug der
+sozialen Revolution.
+</p>
+
+<p>
+Das Proletariat war wieder auf sich selbst gestellt.
+</p>
+
+<p>
+Das Proletariat glaubte wieder an sich selbst. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-7-4">
+<span class="firstline">IV</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Der Student Peter Friedjung und der Arbeiter Max
+Herse waren beinahe zu gleicher Zeit in die Partei eingetreten.
+</p>
+
+<p>
+Lene arbeitete sogar seit einem halben Jahr schon in einer
+Parteistellung.
+</p>
+
+<p>
+Peter verrichtete ganz selbstverständlich die Parteikleinarbeit
+wie jeder andere. So hatte er auch binnen kurzem
+das Mißtrauen, das die Proleten zuerst ihm als einem
+Intellektuellen gegenüber hatten, überwunden. Man hatte
+ihn herzlich gern, er sprach immer nur ganz kurz in der Diskussion,
+aber alles, was er sagte, hatte Hand und Fuß und
+war nicht aus dem Abstrakten her oder aus dem Lichtblauen
+gesogen.
+</p>
+
+<p>
+Zu berechtigt war dieses Mißtrauen gegenüber den Intellektuellen,
+sah Peter immer mehr ein, die Intellektuellen
+sind zu schwach, zu beeinflußbar, treten häufig nur in die
+Partei ein, um dort unter einem anderen Vorzeichen die
+große Rolle zu spielen, und wenn man auf ihren verfluchten,
+meistens noch dazu eingebildeten Individualismus und ihre
+läppischen Eitelkeiten keine Rücksicht nimmt, dann ist es
+kaum mit ihnen auszuhalten. Immer heißt es da ihrem
+seelischen Differenzierungsquark Reverenz erweisen, die
+Empfindlichkeit ihrer feinen Seelenplatte ist aufs höchste
+übersteigert, und bestimmt ist mindestens jeder dritte in
+<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
+diesem Augenblick eine gekränkte Leberwurst. Aber für das
+alles ist kein Raum in einer bolschewistischen Partei. Man
+muß ihnen den Schädel ordentlich einboxen ...
+</p>
+
+<p>
+Unzuverlässig. Unpünktlich ...
+</p>
+
+<p>
+Mit solchen Menschen läßt sich eben rein schon gar nichts
+anfangen ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Da begann wieder einmal einer jener Menschenart mit
+Peter anzubinden, einer der an der Peripherie der Partei
+Herumwimmelnden, für gewöhnlich „Sympathisierender“
+genannt, einer, der in alles hineinschmeckte, von außen her
+sich alles zu beurteilen anmaßte, und zu dessen einträglichem
+Berufe es gehörte, alles, was es auch sein mag, an der
+Partei zu bemäkeln. Ein Groß-Nörgler, ein sympathisierender
+Gernegroß, einer, der die gesamte kommunistische Bewegung
+am liebsten zur Deckung seines Größenwahnbedarfs
+für alle Ewigkeit gepachtet hätte ... Ebenso, wie er für sich
+selbst einen fanatischen Persönlichkeitskult beanspruchte,
+ebenso hinterhältig griff er mit Verleumdungen in der oder
+in jener Person die Gesamtpartei an, ging immer mit
+alarmierenden Gerüchten krebsen, trug jeder einmal aufkommenden
+Panikstimmung gewissenhaft Rechnung und erwies
+sich so in weitesten Intellektuellenkreisen als ein zugkräftiger
+Miesmacher. Er selbst rührte natürlich, mit den
+verwegensten Projekten zwar immerdar schwanger, in der
+praktischen Arbeit keinen Finger.
+</p>
+
+<p>
+„Und was sagst du nun, Peter, zu der Genossin Kramer!
+... Diese aufgeplusterte Kröte! Aber Geld hat sie immer,
+niemand weiß woher, und eine Villa hat sie sich auch gebaut
+und sie trieft nur so von französischem Puder und
+Schminke ... Sie lebt offenbar mit drei Genossen zugleich
+zusammen ... Da gibt es Sowjetsterne bei ihr aus Schlagsahne,
+hörst du, auf Kuchen, zum Geburtstag ... Aber wenn
+sie nur den Mund auftut: das raspelt herunter wie aus einer
+Blechtrommel ... Das ist ein richtiges antibolschewistisches
+Greuel ... Wenn ich die schon sehe, da vergeht mir schon
+wieder die ganze Lust an der Bewegung ... Schau dir nur
+diese Feldwebelin an, wie aufdringlich die herumquatscht,
+Phrasen, nichts als Phrasen ... Man müßte ihr einmal
+<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
+ordentlich den Hintern ... Aber daß so etwas auch die
+Partei duldet ...
+</p>
+
+<p>
+„Na, überhaupt die Partei! Sieh dir, Peter, einmal die
+Führer an! Hochwürden! Marx-Pfaffen! Euer organisatorischer
+Leiter, dieser verknöcherte Bonze, bezieht er nicht
+zusammen mit seiner Frau ein doppeltes Gehalt? ... Ja,
+euere Führer verstehen sich zwar fürtrefflich aufs Kuhhandeln,
+aber nicht aufs Kämpfen. Haben sie <em>die</em> Situation
+vielleicht ausgenützt!? Und die, und die ... Und da
+soll wieder das und dort wieder jenes vorgekommen sein.
+Hast du nicht gehört, daß ... Und übrigens neulich habe ich
+den Genossen Bittermann getroffen, sieht sehr schlecht aus,
+der mir erzählt hat, daß ... und auch im Bezirk soll es oberfaul
+stehn ... und R. und A. sollen aus der Partei bereits
+wieder ausgeschlossen sein, und von G. sagt man, daß er ein
+Spitzel sei, und L. soll zur SPD übergetreten sein ... Auch
+hab ich gehört, daß die Arbeiterkorrespondenzen von Intellektuellen
+geschrieben seien, stimmt daran nicht was, und
+schau nur die Berichterstattung unserer Presse an ... Im
+übrigen bitt ich dich, Peter, mach keinen Gebrauch von dem,
+was ich dir soeben vertraulich mitgeteilt habe. Ich möchte
+nicht haben, daß ...“
+</p>
+
+<p>
+Am liebsten hätte Peter gleich dem Stänker den Rücken
+gekehrt. Aber er hatte Geduld gelernt und blieb ruhig.
+Sagte jetzt nur ganz sachlich:
+</p>
+
+<p>
+„Nun aber stopp, Stänker! Mach Schluß! Mich interessiert
+nicht, wessen Nase dir nicht gefällt!“
+</p>
+
+<p>
+Der Stänker platzte jetzt beinahe vor Erbitterung. Spie
+Gift und Galle. Nichts war ihm radikal genug, aber auf einmal
+schlug er wieder ins Gegenteil um, stülpte sich um, völlig
+haltlos warf es ihn von einem Extrem ins andere ... Vom
+Abkillen und mißverstandenen Reformvorschlägen sprach er
+im selben Augenblick.
+</p>
+
+<p>
+„Eine heilige Sache fürwahr, für die sichs zu sterben
+lohnte, war vormals der Kommunismus! Was habt ihr aus
+dem schönen Kommunismus gemacht? Einen der Idee
+feindlichen Kloakenhaufen ...“
+</p>
+
+<p>
+So schloß der Stänker seinen Wutausbruch.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
+„Daß du jetzt nur keinen Anfall bekommst, Stänker! Dir
+scheint ja eine Riesenlaus über die Leber gelaufen zu sein ...
+Aber, du entschuldigst schon, das, was du hier verzapfst, ist
+Quatsch mit Sauerkohl. Mir ist schon ganz speiübel ...“
+</p>
+
+<p>
+Und ein schöner Misthaufen ist das, dachte sich Peter, was
+da alles ins Zeug schießt: Utopien, Ueberradikalismus, Versöhnlertum,
+Menschenliebe, dummdreiste Gehässigkeit: alles
+hübsch einträchtiglich chaotisch sprießt da beieinander.
+</p>
+
+<p>
+„Ist das wirklich, Stänker, deiner Weisheit letzter Schluß?
+Du tust mir ordentlich leid ...“
+</p>
+
+<p>
+„Und was ist das mit der Kaltstellung Trotzkis? ...“,
+kläffte der Stänker noch ...
+</p>
+
+<p>
+Während Peter versuchte, trotzdem dem Stänker noch
+einmal klarzulegen, was eigentlich eine Partei sei und wie
+er sie von seinem individuellen Standpunkt aus vollkommen
+schief sehe, ja sie auch, da er ihr inneres Leben und
+ihre innere Gesetzmäßigkeit nicht kenne, völlig daneben beurteilen
+und sie aus seinem ganzen blödsinnigen Egozentrismus
+heraus kindisch verzerren müsse.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn sich einer wie du immer um sich selbst dreht,
+glaubst du, der bekommt eine richtige Uebersicht ...? Die
+Umgebung erscheint dann natürlich unter einer individuell
+willkürlich verzogenen Perspektive.“
+</p>
+
+<p>
+Und weiter erläuterte Peter, daß die Partei mit
+einer gewaltigen Filtriermaschine vergleichbar sei, in der
+jeder einzelne, ohne Rücksicht auf seine Funktion, ordentlich
+durchtrainiert und durchgeknetet werde und sicher in kürzester
+Frist bald auf einen Platz zu stehen komme, wo er letzten
+Endes seiner Begabung und Veranlagung nach hingehöre.
+</p>
+
+<p>
+„Sicher, es gibt Reibungen, muß solche geben, es geht nicht
+immer alles so glatt ab, aber wozu diese Verweichlichung,
+lernen wir nur ein wenig den Ellenbogen gebrauchen, man
+muß es dem anderen deswegen nicht gleich so krummnehmen.
+Die Korruption wird nie ganz auszuschalten sein,
+trotzdem, natürlich, sie muß aufs Aeußerste reduziert
+und darum auf das Heftigste, überall dort, wo sie auftritt,
+bekämpft werden: aber, die revolutionäre Bewegung, aus
+dem Schoß der kapitalistischen Gesellschaft geboren, trägt
+<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
+deutlich die Zeichen ihres Ursprungs an sich ... Das nicht
+begreifen heißt, von Dialektik auch nicht das geringste verstanden
+zu haben ... Und nun, mein lieber Gottlieb Jeremias
+Stänker, treib es mit deinen Anschuldigungen nicht
+allzu toll, kühle dich ein wenig ab, verordne dir selbst eine
+kalte Abreibung, ich kann dir zum Schluß nur sagen: die
+Partei leistet heute wirklich, magst du es anpacken, wo du
+willst, positive Arbeit und daß es keine bessere Zentrale gibt
+als die, die wir heute haben, das ist gewisser als gewiß ...
+Es gibt aber immer zweierlei Kritik ... Na, Freundchen
+Stänker, du verstehst, was ich meine ...
+</p>
+
+<p>
+„Und nun, mein Lieber, will ich dir noch sagen, was ich
+für eine Auffassung von einem Kommunisten, der diesen
+Namen zu recht trägt, habe. Schreib dirs, wenn dus
+kapiert hast, hinter die Ohren. Jeder Kommunist muß
+wissen, daß er, wo auch immer: im Betriebe, in der Gewerkschaft,
+in der Genossenschaft, nur dann voll seine Pflicht
+tun kann, wenn er in jeder Beziehung den Arbeitern ein
+Vorbild ist: der aufgeklärteste, gebildetste, geschickteste Arbeiter
+in der Betriebsversammlung, der energischste,
+mutigste, klassenbewußteste dem Unternehmer, Direktor,
+Antreiber gegenüber; der eifrigste, aufopferndste Gewerkschafts-
+und Genossenschaftsarbeiter, der sachlichste, positivste,
+kampfbereiteste als Betriebs-, Gewerkschafts-, Genossenschaftsfunktionär,
+kurz, überall dort, wo er Arbeiter
+vertritt. Jeder Kommunist muß sich der Verantwortung für
+jede Aeußerung bewußt sein. Sachlichkeit, Positivität,
+kritische Schärfe, Unerschrockenheit, glühender Haß und
+kalter Verstand allen Bonzen gegenüber, Geduld, große Geduld
+allen andersdenkenden Arbeitern gegenüber, organisatorische
+Fähigkeiten, Werben unter den Unorganisierten für
+die Gewerkschaften zur Verstärkung des kommunistischen Einflusses,
+Fähigkeit mit der Feder einfach, präzis, wirklichkeitsgetreu
+umzugehen, Abstreifen jedes zünftlerischen, spießbürgerlichen,
+individualistisch verseuchten Geistes, jeder Art
+von luxuriöser Gehirnfatzkerei – das muß die Partei von
+jedem ihrer Mitglieder verlangen, und nur der, der diesen
+Anforderungen voll gewachsen ist, verdient den Ehrentitel
+eines Kommunisten.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
+Und Peter verabschiedete sich mit einem kurzen Ruck vom
+Stänker.
+</p>
+
+<p>
+Der rief ihm noch nach:
+</p>
+
+<p>
+„Bei Philippi sehen wir uns wieder! Denk an mich! Mit
+der Parole „Diktatur des Proletariats!“ gewinnt ihr keinen
+Blumentopf ...“
+</p>
+
+<p>
+Und hopste verbissen von dannen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Peter widerte es an.
+</p>
+
+<p>
+„Wozu nun diese lange Auseinandersetzung? Ein hoffnungsloser
+Fall. So einer wird aus seinen Komplizierungen
+und seelischen Verkrümmungen heraus eines Tages noch
+zum Spitzel ... Das Besondere, das Originale, das Interessante,
+das ist bei diesen sensationslüsternen, pseudodämonischen
+Individual-Säuen die Hauptsache! Nervenkitzel und
+Seelenschleim, mit einem tüchtigen Schuß „Gottes-Rummel“
+gemischt: diese Welt liegt hinter uns ...
+</p>
+
+<p>
+„Komische Käuze!
+</p>
+
+<p>
+„Der eine lebt nach dem Motto: „Ich trinke nicht, ich
+rauche nicht, ich lebe vegetarisch: mein Kopf ward schon zum
+Kohlkopf ...“ Ein anderer hat schon den Zustand des reinen
+Wurzelkauertums erreicht und ein dritter endlich, ein
+biederer Schmock von Stinnes Gnaden, wittert rote Morgenluft,
+stellt sich um und fristet sein Dasein als feiste Revolutionswanze
+... Lebendige Leichname sind am schwersten totzukriegen.“
+–
+</p>
+
+<p>
+Auch der Inhaber eines kleinen Kramladens, Eugen
+Brennessel, der „Heringsbändiger“ genannt, erkundigt sich
+neulich eingehend bei Peter, meinte aber am Schluß ganz
+treuherzig: „Nur glaub ich nicht, daß Sie auf diese Weise es
+zu etwas bringen werden ...“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-7-5">
+<span class="firstline">V</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Max und Lene saßen beieinander.
+</p>
+
+<p>
+„Und morgen ist der 1. Mai ... Ach, Max, wenn ich an
+die Maifeiern bei der SPD denke, mir wird bei der Erinnerung
+noch ganz übel ... Die vielstimmigen schmalzigen
+<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
+Männerchöre und die Reigentänze ... Dieses ganze „Jupeidi
+Jupeida“. Einmal haben wir sogar aufgeführt: „Sah ein
+Knab ein Röslein stehn ...“ Und dann die Umzüge: im
+Gehrock, die Angströhre aufgestülpt, den Zylinder, mit roter
+Schärpe um und die Blechmusik an der Spitze: Tschindarassa
+... Es war wirklich ein schöner gemütlich-biederer
+sozialdemokratischer Bußbrüder- und Betschwesternverein ...
+Ich bin froh, daß es jetzt gründlich aus ist mit diesen Spießbürgerparaden
+... Weißt du was, morgen wird es großartig
+werden. Der Aufmarsch! Der große Sprechchor! Die
+roten Frontkämpfer! ... Aber es ist jetzt auch eine Zeit!
+In der ganzen Welt wird morgen das Proletariat aufstehen,
+wir sind wieder gewaltig mächtig und selbstbewußt geworden
+... Es ist freilich eine Lust zu leben! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, Lene, auch ich, wenn ich zurückdenke ... Damals, bei
+den Sozialdemokraten ... Eine abscheuliche Erinnerung! ...
+Wir haben uns einfach verlaufen. Jetzt erst weiß ich richtig,
+wozu ich in der Welt eigentlich da bin ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ach, Max, ich bin ja auch so sehr glücklich ...“
+</p>
+
+<p>
+Nun kam auch schon der Genosse Lange.
+</p>
+
+<p>
+„Na, ihr beiden! ... Und du, Max, du Dr. Unblutig des
+Klassenkampfs! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Gut gehts, Wilhelm ... Wir haben gerade von früher
+gesprochen ... Was den Dr. Unblutig anbelangt: laß mich
+aus damit, mit dem, was gewesen ist, bin ich fertig ...
+Strich darunter: und ich glaub, ich hab in den letzten
+Monaten meine Parteivergangenheit nachgeholt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Also: nichts für ungut, Max. Ich widme dir hiermit
+– wie es so schön in dem Bericht über eine SPD.-Bonzenzusammenkunft
+heißt – einen Anerkennungsschluck!
+Prost! ... Ja, Max, an den Heimweg von damals hab ich
+noch oft gedacht! ... Halsstarrig wart ihr, dickschädelig ...
+mich hats oft recht gewurmt und dabei in der Hand gejuckt.
+Hätt aber damals auch nicht viel geholfen ... Na, und
+was sagst du zu den Nachrichten über China, über die
+amerikanischen Manöver, zu dem intensiven Wettrüsten!? ...
+Und hast du den Artikel über den Gaskrieg von den amerikanischen
+Genossen gelesen?! ... Ich glaub halt immer, wir
+<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
+müssen schleunigst unsere Arbeit verdoppeln ... Ganz gewaltig
+scharf auf der Hut sein! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Was ich dazu meine!? ... Wenn man bedenkt, wie wir
+1914 ausgezogen sind: mit blanken Knöpfen an den Uniformen,
+mit der Pickelhaube auf, meist noch ohne Ueberzug,
+und wenn man sich jetzt klarmacht, wie rapid schnell die
+ganze Kriegstechnik während des Krieges selbst sich entwickelt
+hat, und daß man sich allem Anschein nach auch nach
+Kriegsschluß nicht auf die faule Bärenhaut gelegt hat, sondern
+weitergearbeitet und weiterexperimentiert hat, so muß
+man meines Erachtens schon ein ganz phantasieloses und
+borniert verblendetes Rindvieh sein, um nicht einzusehen,
+daß ein kommender Krieg eine ganz höllische Sache sein
+wird, mit der verglichen der vorhergegangene Krieg sich
+noch wie eine harmlose Holzerei ausnehmen wird ... Und
+daß wir Proleten dabei eine wesentlich andere Rolle spielen
+werden, die Regie hat uns gleichsam die Statistenrolle übertragen,
+nur haben diesmal eben die Statisten ganz und gar
+allein den Hauptdreck auszufressen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Das weißt du ja auch schon, daß morgen die vaterländischen
+Verbände aufmarschieren wollen. Da wirds wieder
+ein „Gloria! Gloria! Victoria!“ gröhlen, wenn wir Proleten
+ihnen nicht ordentlich diesmal das Maul verstopfen ...
+Auch die Polizei liegt in erhöhter Alarmbereitschaft.
+Truppen sind um Berlin konzentriert. Man wird uns provozieren
+wollen ... Also: Vorsicht! ... Es sind auch von
+der Zentrale dahingehend entsprechende Vorkehrungen getroffen
+worden ... Na, wir sprechen uns ja morgen früh
+im Lokal noch ... Gute Nacht beieinander! ...“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-7-6">
+<span class="firstline">VI</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Max überlegte sich noch einmal den Artikel über den kommenden
+Krieg. Keine Uebertreibungen, sagte er immer
+wieder zu sich selbst. „Natürlich, es ist wahrscheinlich: zuerst
+geht es schon noch mit Tanks und mit Brisanz und mit
+Dreadnoughts los. Die Bombenflugzeuggeschwader mit
+Gasmunition: das ist sozusagen der Clou. Der neue Krieg
+wird kein hundertprozentig reiner chemischer Krieg sein, auch
+<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
+hier gibt es Uebergänge, Variationen, Kombinationen wie
+überall, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist tief miteinander
+verfilzt, das ist knorpelig ineinander verwachsen
+und löst sich nicht so abrupt von einander los ... Ganze
+Industriegebiete werden zwar gegen die Sicht der Flieger
+eingenebelt werden. Aber andererseits gibt es auch bereits
+Apparate, mit denen man von über 3000 Meter hoch genaueste
+Standortfeststellungen machen kann. Die Einnebelung
+wird also wenig Zweck haben. Nur als Vertröstung,
+als Beruhigungsmittel im ersten Augenblick ... Und die,
+die das Geld dazu haben, werden natürlich die Gefahrenzone
+schleunigst verlassen und sich auf dem Land in Sicherheit
+bringen ... Ja, wenn es in der Macht der einzelnen imperialistischen
+Gruppen läge, ich glaube ihren flennenden Versicherungen
+gern, der Krieg ist heute bei dem hohen Stand
+des Klassenbewußtseins des Proletariats ein großes Risiko
+und sie möchten natürlich am liebsten den Krieg vermeiden
+... Aber das System, dessen Gesetzmäßigkeit sie
+treibt und zum Handeln zwingt, ist stärker als ihr
+Wille ... Sie müssen, ob sie wollen oder nicht ... Und
+für die Arbeiterschaft heißt es diesmal endgültig: verrecken
+oder kämpfen. Etwas anderes gibt es gar nicht ... Ich
+glaube aber auch nicht mehr, daß einer der unseren noch auf
+die pazifistischen Schwindeleien hereinfällt ... An diesem
+Schmus hat sich heute die Mehrzahl der Menschheit bereits
+ordentlich überfressen ... Ein deutlich hörbares Bauchgrimmen
+geht durchs Land ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war am Vorabend des ersten Mai.
+</p>
+
+<p>
+Wie ein gewaltiger atmosphärischer Druck so drückte es auf
+die Stadt herein.
+</p>
+
+<p>
+Alles war noch „verdeckt“, da und dort an den Straßenecken
+sah man Gruppen von Menschen, die debattierten, die
+einen oder anderen begrüßten sich mit „Rot Front!“ oder
+mit „Heil!“, die Läden waren überfüllt, vor Lebensmittelgeschäften
+stand man Polonaise, in langen Windungen kroch
+vor den Brotgeschäften die Schlange der Hausfrauen. „Wie
+einst im Mai ... In unserer herrlich großen Weltkriegszeit
+nämlich ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
+Eine Abteilung Motorradfahrer der Schutzpolizei durchknatterte
+jetzt die Straße, ein Tank manövrierte quer über
+einen Platz ...
+</p>
+
+<p>
+Die ganze Stadt rüstete ...
+</p>
+
+<p>
+Sie war wie ein unsichtbares Kriegslager ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+„Au Backe!“ entfuhr es Max beim Anblick eines Kampfwagens.
+Der trug in weißen ungelenken Buchstaben den
+Namen „Totila“, vorne an der Motor-Haube einen Totenkopf.
+„Eine geballte Ladung Handgranaten darunter, und
+wie ein Kartengehäuse klappt diese ganze Stahlschachtel auseinander.
+Auch abblocken oder, was schon vorgekommen sein
+soll, ein wohlgezielter Schuß eines Scharfschützen durch den
+Sehschlitz: auch damit wird der Bursche zu erledigen sein.
+Aber trotzdem: so ein Kerl schlaucht einem gewaltig ...
+Das psychische Moment dabei ist das Wichtigste ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Nachricht kam:
+</p>
+
+<p>
+Eine Erwerbslosendemonstration ist in der Linienstraße
+von der berittenen Hundertschaft zur besonderen Verwendung
+<a id="corr-40"></a>zusammengehauen worden. Tote. Viele Verletzte ...
+Auch Plünderung von Lebensmittelgeschäften im Norden der
+Stadt. Offenbar: Provokateure an der Arbeit. Ein Aufruf
+der Regierung kam heraus mit Amnestieversprechen,
+Ankündigung ausreichender Lebensmittelzufuhr im Lauf
+der nächsten Tage, mit einem ausführlichen Dementi aller
+Kriegs- und Krisengerüchte. „Einigkeit macht stark. Unsere
+Stärke beruht in unserer Einigkeit.“ Solche und ähnlich
+bereits historisch sattsam bekannte Flausen, von denen kaum
+noch jemand Notiz nahm, wenn nicht mit einem bissigen
+Witz, ließ der damalige Reichspräsident tagaus tagein
+wieder durch die Presse austrompeten ...
+</p>
+
+<p>
+Die ganze Wirtschaftslast lag auf den Knochen der Arbeiter.
+Mit den Knochen der Arbeiter wurde gezahlt, die
+Knochen der Arbeiter selbst wurden zu einem Spottpreis an
+ausländische Finanzcliquen verschachert, an allen Ecken und
+Enden händerangen und feilschten kreischend die Finanzmagnaten:
+„Knochen her! Wir brauchen Knochen! Knochen!“
+</p>
+
+<p>
+Alle Klassenkräfte befanden sich damals in einer ununterbrochenen
+Bewegung, ein steter Fluß, jeder Tag brachte eine
+<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
+neue Situation, ganze Gesellschaftsschichten tauchten plötzlich
+unter in einem jener gespenstischen Krisenwirbel, wie sie
+damals an der Tagesordnung waren; das alles wechselte
+und veränderte sich im Laufe einer Stunde.
+</p>
+
+<p>
+„Nichts steht fest. Nicht einmal das.“
+</p>
+
+<p>
+Aus dieser Stimmung heraus kam es oft genug zu Selbstmord
+und Wahnsinn.
+</p>
+
+<p>
+Lohnkämpfe. Teilstreiks. Ueberall Ansätze zu einer
+Massenaktion. Ueberall Ausbrüche der Volkswut. Eine
+elementare Verzweiflungswelle fegte über ganze Landesteile.
+</p>
+
+<p>
+Die Frontlinien des bevorstehenden Kampfes zeichneten
+sich immer deutlicher ab. Es drängte an vielen Orten bereits
+stürmisch zur Entscheidung. Die einzelnen Führungen hielten
+noch zurück ...
+</p>
+
+<p>
+Die meisten Menschen blieben in dieser Nacht zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Viele gingen, trotzdem die Regierung teils pathetisch-beschwörend,
+teils energisch drohend dazu aufforderte, nicht
+von der Straße –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-7-7">
+<span class="firstline">VII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Draußen vor der Stadt war ein warmer Frühlingstag.
+</p>
+
+<p>
+Der Wind fegt übers Land.
+</p>
+
+<p>
+Das Gras fließt ...
+</p>
+
+<p>
+Kolonnen von Landarbeitern marschieren stadtwärts.
+</p>
+
+<p>
+Auf allen Wegen Landarbeiterkolonnen, sie tragen rote
+Fahnen, singen: „Wacht auf ...“
+</p>
+
+<p>
+Ein alter Bauer sitzt, an der Pfeife nagend, vor seiner
+halb verfallenen Hütte:
+</p>
+
+<p>
+„Bravo, Jungens, machts gut! ... Dann baut ein neues
+Dorf auf, das alte ist ja so zu nichts mehr zu gebrauchen ...
+Bevor dieses Jahr das Korn in die Scheuer fährt, wird die
+Erde noch viel Menschenblut in sich hineinstürzen. Meine
+Hand ist trocken. Der Boden hitzig. Das bedeutet Menschenblut
+... O, das sind Zeiten ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
+„Recht so, Alter!“ schreien ein paar junge Burschen zu
+ihm herüber: „Nur den Mut nicht verlieren! Wir schaffens
+schon ...“
+</p>
+
+<p>
+Der ferne Dunstschleier zerreißt. Näher rückt heran die
+Stadt. Wie ein noch schlafendes Steinungeheuer liegt sie
+da, die Vororte inmitten breiter Flächen Grün wie Tatzen.
+</p>
+
+<p>
+Kein Fabrikschlot raucht.
+</p>
+
+<p>
+Keine Kirchenglocke läutet ...
+</p>
+
+<p>
+Eine Pappelallee zieht sich am Horizont hin, wie eine
+Reihe schwarzschwälender Flammen ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ganze Stadtteile sind seit dem frühesten Morgen von
+Polizei und Militär abgesperrt.
+</p>
+
+<p>
+Die sämtlichen Zufahrtsstraßen zur Stadt sind durch
+Panzerwagen und Maschinengewehrabteilungen gesichert.
+</p>
+
+<p>
+Erkundungsflieger kreisen hoch in der Luft.
+</p>
+
+<p>
+Die Eisenbahngleise entlang streifen Militärpatrouillen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Panzerzug rangiert: jetzt gibt er Volldampf und heult
+der Stadt zu.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Immer wieder werden die Landarbeiterkolonnen abgedrängt.
+</p>
+
+<p>
+Es wird schon gegen Mittag.
+</p>
+
+<p>
+Unruhig kreisen sie um die Stadt.
+</p>
+
+<p>
+Sie müssen durch –
+</p>
+
+<p>
+Im Südosten brechen sie endlich herein. Dort sind die
+Arbeiterbezirke.
+</p>
+
+<p>
+Von den Offizieren der Absperrungskommandos wird der
+Befehl zum Feuern gegeben.
+</p>
+
+<p>
+Viele Soldaten schießen nicht. Viele halten in die Luft ...
+</p>
+
+<p>
+Die Offiziere werden an die Wand gedrückt.
+</p>
+
+<p>
+Gewehre und Bajonette zerbrechen ...
+</p>
+
+<p>
+Die Absperrungskommandos sind überrannt.
+</p>
+
+<p>
+Laut singend, geschlossenen Zugs, marschieren die Landarbeiter
+weiter ...
+</p>
+
+<p>
+Aus jeder Straße strömt jetzt ein neuer Zug.
+</p>
+
+<p>
+„Des Volkes Blut verströmt in Bächen“, singen die einen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
+Die anderen:
+</p>
+
+<p>
+„Bolschewisten! Bolschewisten! Edelste der Kommunisten!“
+</p>
+
+<p>
+Auf den Balkonen beugen sich Menschen herab, in die
+Hände klatschend. An den Straßenecken begrüßen die Marschierenden
+große Menschengruppen im Chor:
+</p>
+
+<p>
+„Rot Front! Rot Front! Rot Front!“
+</p>
+
+<p>
+Es trommelt.
+</p>
+
+<p>
+Es pfeift.
+</p>
+
+<p>
+Trompetensalven schmettern darein ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Das Militär wird zurückgezogen.
+</p>
+
+<p>
+Hie und da fern am Straßenende sieht man noch einen
+Panzerwagen davonrattern.
+</p>
+
+<p>
+In den Flanken ist der Arbeiterzug durch Radfahrerabteilungen
+gesichert.
+</p>
+
+<p>
+Auf den Dächern sind Arbeitertrupps aufgestellt, sie
+winken mit den Mützen.
+</p>
+
+<p>
+Ob die Regierung im letzten Augenblick noch ein Versammlungs-
+oder Demonstrationsverbot erlassen hat, ist
+nicht mehr in Erfahrung zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+Die ganze Stadt ist ein gewaltiger, roter Menschenwirbel.
+</p>
+
+<p>
+Frauen mit roten Kopftüchern. Der Jung-Spartakus-Bund.
+Greise. Witwen und Waisen. Aber es marschiert
+auch ein Frauen-Regiment auf, genannt „Regiment Rosa“.
+Hell schmettert Gesang aus ihren Reihen ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Auf den Asphaltstraßen der Stadt dröhnt daher ein roter
+Menschenmassen-Orkan.
+</p>
+
+<p>
+Da marschiert an, langsam und immer wieder stockend,
+der Zug der Kriegsopfer: manche werden auf Bahren getragen,
+die meisten humpeln sich mühsam vorwärts auf
+monoton klappernden Krückstöcken, da ist die Abteilung der
+Erblindeten, hier die der Armlosen, hier die der Beinlosen,
+hier sind welche, die nur einen gliederlosen Rumpf noch ihr
+eigen nennen. Hier werden Tafeln getragen: „Wir sind das
+ABC des Kriegs!“ Oder: „Krieg dem Krieg!“ Oder: „Proletarier,
+gedenkt des imperialistischen Kriegs!“
+</p>
+
+<p>
+Ohne Musik marschiert der Zug.
+</p>
+
+<p>
+Ein Skelett an der Spitze, mit der Zahl: 13 Millionen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
+Die Straße erstarrt. Die Häuserpforten erstarren. Jedes
+Wort gerinnt im Mund. Das Leben friert ... Es ist großes
+Schweigen.
+</p>
+
+<p>
+Schweigend marschiert der Zug. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Im Westen der Stadt sind die vaterländischen Verbände
+aufmarschiert.
+</p>
+
+<p>
+In straffester militärischer Disziplin.
+</p>
+
+<p>
+Die Mannschaften sind außerordentlich gut und modern
+eingekleidet. Sie haben den Sturmriemen umgeschnallt.
+Feldflasche und Brotbeutel. Viele tragen den Stahlhelm.
+Pistolen. Auch Leinwandsäckchen mit Eierhandgranaten.
+</p>
+
+<p>
+Eine Unzahl Autos und Lastkraftwagen stehen ihnen zur
+Verfügung.
+</p>
+
+<p>
+In einer Autogarage befindet sich ein Waffenlager. Dort
+in einem Bankhaus eine Befehlsstelle. Nach überall hin
+durch Kuriere verbunden.
+</p>
+
+<p>
+Eine Feldtelephonleitung wird unter besonderer Sicherung
+jetzt nach vorne gelegt.
+</p>
+
+<p>
+Die Spitzentruppen setzten sich unauffällig in Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+Der Westen ist tot, ausgestorben. Jalousien und Läden
+sind heruntergelassen. Nur wenig Menschen zeigen sich
+noch ... Wo überhaupt noch Verkehr ist, kann man immer
+mit ziemlicher Sicherheit ein Munitionsdepot oder eine
+Reservestelle vermuten.
+</p>
+
+<p>
+Ein grauhaariger Spitzbart instruiert an einer Straßenecke
+nochmals seine Gruppe:
+</p>
+
+<p>
+„Treudeutsch!“ schließt er seine Instruktion.
+</p>
+
+<p>
+„Allewege!“ schnarrt es ihm zurück.
+</p>
+
+<p>
+Die deutsche Kriegsflagge weht. Schwarzweißrot. Hakenkreuzstandarten.
+</p>
+
+<p>
+Trommler, Trompeter, Pfeifer.
+</p>
+
+<p>
+Die Eichenstöcke, mit eisernen Spitzen versehen, schultern
+sich.
+</p>
+
+<p>
+„Achtung!“
+</p>
+
+<p>
+„Ohne Tritt! Marsch ...“
+</p>
+
+<p>
+Parole: „Baltikum.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
+„Die Vöglein im Walde ...“ „Das Flaggenlied.“
+</p>
+
+<p>
+Die Gesichter unter den Stahlhelmen sind hartkantig,
+erdig. Zum Aeußersten entschlossen. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Kasernen der Schutzpolizei und des Militärs werden
+durch Stacheldrahtverhaue abgesperrt.
+</p>
+
+<p>
+An der Bannmeile ist eine mechanische Barrikade aus
+einem Geschwader Panzerwagen und gepanzerter Lastkraftwagen
+errichtet.
+</p>
+
+<p>
+Festen Schritts marschieren dort stundenlang die roten
+Bataillone vorüber.
+</p>
+
+<p>
+Es wird gegen 3 Uhr nachmittags.
+</p>
+
+<p>
+Zu Zusammenstößen ist es nicht gekommen. Kleine
+Zwischenfälle, nicht der Rede wert.
+</p>
+
+<p>
+Auch von den „Vaterländischen“ ist weit und breit nichts
+zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Wie es heißt: sie sind wieder in ihre Quartiere abgerückt.
+</p>
+
+<p>
+Und so findet das Arbeiter-Riesen-Meeting auf einem
+Platz mitten im Stadtzentrum statt.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es sind über Hunderttausende.
+</p>
+
+<p>
+Aus allen Straßenmündungen preßt es sich schwer herein.
+</p>
+
+<p>
+Die Roten Frontkämpfer halten den Ordnerdienst.
+</p>
+
+<p>
+Die ungeheure Anzahl der roten Fahnen: sie flattern in
+der Luft wie glühende Flammenzungen.
+</p>
+
+<p>
+Jeder Betrieb hat seine Fahne.
+</p>
+
+<p>
+Ein langgezogener Trommelwirbel ...
+</p>
+
+<p>
+Von den Dächern widerhallt es.
+</p>
+
+<p>
+Ueber die ganze Innenstadt hin fluten die Trommelwellen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Trompetenstoß.
+</p>
+
+<p>
+Elektrisch zuckts in den Gliedern ...
+</p>
+
+<p>
+Das Meeting beginnt.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ein Sprechchor, tausend Genossen und Genossinnen,
+donnert empor.
+</p>
+
+<p>
+„Der erste Mai!“
+</p>
+
+<p>
+Dann:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
+Alle singen.
+</p>
+
+<p>
+Ist dies ein Gesang noch!? Es ist ein Stimmenstrom,
+eine Riesenklangwoge, die sich hebt und senkt, die aufsteigt,
+anschwillt, in Millionen von Stimmenlichtern blinkend, jäh
+und steil sich überschlägt, dann ruhig wieder und gewaltig
+ihres Weges dahinzieht ... Nur die letzte Strophe: die
+Stimmen verstärken sich, es schlägt auf: hart, gehackt, rhythmisch:
+als eine eiserne Brandung.
+</p>
+
+<p>
+Durch einen Schalltrichter wird verkündet:
+</p>
+
+<p>
+„Ein amerikanischer Genosse spricht!“
+</p>
+
+<p>
+Zwei Arme schwingen, zwei Fäuste ballen sich: jetzt wächst
+die Menschengestalt übermenschengroß heraus aus der Tribüne.
+</p>
+
+<p>
+„Wir amerikanischen Genossen, wir grüßen dich, deutsches
+Proletariat! Wir stehen vor der Entscheidung ... Die
+Kriegsrüstungen ... Der Krieg gegen Rußland. Gegen
+Japan ... Und euere Regierung: wißt ihr von den Geheimverträgen,
+den geheimen militärischen Bündnissen ...
+Deutschland, das Aufmarschgebiet gegen Rußland ...“
+</p>
+
+<p>
+Ein tosender Millionenschrei stieß in diesem Moment hoch:
+</p>
+
+<p>
+„Nein! Niemehr! Nimmermehr! Bürgerkrieg!“
+</p>
+
+<p>
+Der amerikanische Genosse fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+„Der Völkerbund hat den Krieg gegen Russland gefordert!
+Ueberall Kommunistenverfolgungen, Hinrichtungen, Pogrome,
+Massakres ... Es lebe die Diktatur des Proletariats!
+Sie allein vermag diesem menschenmörderischen, niederträchtigen
+Spuk ein für alle Mal ein Ende zu machen! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Die amerikanische Kommunistische Partei! Sie lebe –“
+</p>
+
+<p>
+„Hoch! Hoch! Hoch!“
+</p>
+
+<p>
+Nur: Wortbrocken, Sprachfetzen.
+</p>
+
+<p>
+Aber den Sinn verstand jeder.
+</p>
+
+<p>
+Und schon spricht der japanische Genosse, der russische, ein
+bulgarischer Genosse spricht.
+</p>
+
+<p>
+„Genossen! Deutsche Kommunisten! Deutsche Arbeiter!
+Deutsche Proletarier! Die Stunde zum Handeln ist da! Der
+Tag der Abrechnung ist gekommen, der Tag der Abrechnung
+mit den Volkspeinigern und Volksmördern ...“
+</p>
+
+<p>
+Wieder ein Zwischenschrei:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
+„Nieder mit den Verrätern des Volks ... verrecken ...
+</p>
+
+<p>
+„Genug jetzt der Foltern und Bestialitäten! Wir setzen
+dieser vergangenen Zeit den Grabstein ... Heute, am ersten
+Mai: überall, bei den kleinen japanischen Maisbauern, bis
+hoch hinauf in die einsamsten Bergdörfer Chinas: der Sturm
+bricht los, der Sturm erfaßt Höhen und Tiefen, über
+Deutschland hinweg, über Europa hinweg, von Asien über
+Afrika; in allen fünf Erdteilen: die große rote Sturmglocke
+läutet: das werktätige Volk, das Proletariat steht auf ...“
+</p>
+
+<p>
+Für die Frauen spricht Genossin Martha, eine alte erfahrene
+Bolschewistin, zehn Jahre Zuchthaus hat sie hinter
+sich, sie hat auch mit der Waffe in der Hand gekämpft, sie ist
+lungenkrank, jedes Wort preßt sie aus sich heraus, immer
+wieder von begeisterungsflammenden Zurufen unterbrochen:
+„Auch wir Frauen, das geloben wir, werden unsere Pflicht
+tun. Wir Genossinnen werden nicht hinter euch, Genossen,
+zurückstehen! Verlaßt euch darauf!“
+</p>
+
+<p>
+Ein deutscher Genosse erhält noch das Wort:
+</p>
+
+<p>
+„Erster Mai! Tag der Heerschau des Weltproletariats!
+Tag du des Aufmarschs der Proletariermassen in allen fünf
+Erdteilen! Erster Mai: Kampftag: laß uns bereit sein!
+Laß stahlhart uns werden, ausfüllen die letzte Lücke in unserer
+Front! Laß denken unsere Gedanken nur dies eine:
+Kampf! Unsere Herzen nur dies eine fühlen, unsere Willen
+nur dies eine wollen: Kampf ...“
+</p>
+
+<p>
+Ein Jugendgenosse tritt vor, er ballt die Faust zum
+Schwur:
+</p>
+
+<p>
+„Unermüdlich wollen wir kämpfen! Unsere Muskeln
+spannen, unsere Gehirne stählen, mit unserem Herztakt euch
+alle, die ihr in Ketten noch schlaft, wachhämmern! In uns
+schüren den Willensbrand, bis diese Welt von uns erobert
+ist, bis du, erster Mai, du Weltkampftag, der Weltfeiertag
+aller werktätig Schaffenden geworden bist!“
+</p>
+
+<p>
+Ein Sprechchor von Jungpionieren antwortet im Chor:
+</p>
+
+<p>
+„Nicht eher werden ruhen wir! Nicht eher werden die
+Hände wir falten! Das schwören wir! ...“
+</p>
+
+<p>
+Hunderttausende von Stimmen fallen jetzt wieder ein:
+</p>
+
+<p>
+„Das schwören wir. Schwören wir. Schwören wir ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
+Ein Trompetensignal.
+</p>
+
+<p>
+Ein Genosse in der Roten-Frontkämpfer-Uniform steht auf
+der Tribüne.
+</p>
+
+<p>
+Der Fahneneid ...
+</p>
+
+<p>
+Eine große und dunkle Stimme spricht vor:
+</p>
+
+<p>
+„Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören
+rot: Sieg oder Tod!“
+</p>
+
+<p>
+„Sieg oder Tod!“ jauchzt die Menschenmasse.
+</p>
+
+<p>
+„Wir schwören: beim Blut der Brüder, das zur Erde
+rinnt –
+</p>
+
+<p>
+„Wir schwören: am Riesenstrom der Tränen, die vergossen
+sind –
+</p>
+
+<p>
+„Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören
+rot: Sieg oder Tod!“
+</p>
+
+<p>
+„Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht.
+</p>
+
+<p>
+„Wir sind der Sturmschritt einer Neuen Zeit!“ –
+</p>
+
+<p>
+Wieder waren Hunderttausende von Menschenstimmen
+eine Felswand lebendigen Echos.
+</p>
+
+<p>
+„Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht.
+</p>
+
+<p>
+„Wir sind der Sturmschritt einer Neuen Zeit ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die „Internationale“ erscholl.
+</p>
+
+<p>
+Eine Sturmlawine –
+</p>
+
+<p>
+Menschenkörper rissen unter dem Gesang sich steil empor.
+</p>
+
+<p>
+Die rote Flut kommt. Die rote Flut steigt. Zeit der Ebbe:
+vorbei ... Aufwärts! Aufwärts! Aufrecht schon stehen wir
+hoch oben auf dem Kamm der Woge ...
+</p>
+
+<p>
+Und plötzlich wurde spontan aus der Menschenmasse heraus
+ein bekannter illegaler Genosse der Zentrale auf die
+Schultern gehoben, er schwenkte die Mütze, sein Arm stand,
+schräg, wie ein Fahrtzeichen:
+</p>
+
+<p>
+„Arbeiter! Proletarier! Genossen! Seid ihr bereit zum
+Kampf, seid ihr bereit, dem Ruf zum Generalstreik, dem Ruf
+zum bewaffneten Aufstand zu folgen, wenn ihn die Partei
+an euch ergehen läßt?“
+</p>
+
+<p>
+„Allzeit bereit!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
+„Keine Woche wird mehr vergehen, bis euch die Partei
+zum Kampf aufruft. Unsere Parole heißt: Eroberung der
+Macht!!!“
+</p>
+
+<p>
+„Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ tönte jetzt, einfach und
+schlicht gesungen. Viele bekamen es mit dem Schlucken.
+Manche weinten. Und manche wieder sangen, das Angesicht
+von einem glücklichen Lächeln verzückt.
+</p>
+
+<p>
+Max hatte Lene eingehakt.
+</p>
+
+<p>
+„Siehst du, Millionen an Millionen stürmen jetzt in diesem
+Augenblick, geordnet in unübersehbaren Reihen, den steilen
+Abhang der Zeit herauf im Sturmschritt. Dieser Abhang
+ist ein Geröllfeld, bedeckt mit Schädelstücken und Körperknochen,
+alle Sträucher haben statt der Knospen Knollen,
+getränkt mit Menschenblut. Alle die brechen heut auf, Blutrinnen,
+Blutbäche: alle die schießen, zu einem Wildstrom von
+vergossenem Menschenblut anschwellend, empor ... Was
+singen sie, diese proletarischen Sturmtruppen, diese Eroberer
+der Menschheitszukunft: „Wir fürchten nicht den
+Tod! Denn unsere Fahn ist rot ...“
+</p>
+
+<p>
+Das Trompetensignal blies.
+</p>
+
+<p>
+Ein kurzer Trommelwirbelstoß.
+</p>
+
+<p>
+Die Züge ordneten sich zum Abmarsch ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und –
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick geschah, allen völlig unerwartet,
+das Unglaubliche. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-7-8">
+<span class="firstline">VIII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Die Sonne ging eben sprühend unter, Gewitterwolken
+trieben an wie Schlammfluten: da stand plötzlich mitten in
+den Menschenmassen auf der Südostseite des Platzes ein Geschwader
+von Kampfwagen: die kleinen Panzertürme
+drehten sich, die Maschinengewehrmündungen senkten sich
+abwärts, die Führer machten die Kampfmaschinen gefechtsbereit
+...
+</p>
+
+<p>
+Die Motore knatterten und unter einem metallischen Gebrüll
+schoben sie sich weiter in die Menschenmasse hinein.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
+Dort rammten sie sich fest.
+</p>
+
+<p>
+Man konnte noch beobachten, wie sich die Gittertore der
+Einfahrt eines erstklassigen Hotels schlossen, eine Rolle mit
+Stacheldraht abgewickelt wurde und dahinter eine Gruppe
+mit Stahlhelmen im Anschlag lag.
+</p>
+
+<p>
+Dieses Hotel hatte der Panzerwagenkolonne als Hinterhalt
+gedient ...
+</p>
+
+<p>
+Schon ertönten laut die Kommandos des roten Ordnerdienstes:
+</p>
+
+<p>
+„Ruhe halten, Genossen! Nicht provozieren lassen! Weitergehn!“
+</p>
+
+<p>
+Da wurde auch schon die Abmarschstraße auf der Gegenseite
+des Platzes durch eine Gruppe Tanks abgesperrt. Es
+war eine neue mechanische Abriegelung das erste Mal zur
+Anwendung gebracht worden, und zwar mittels des sogenannten
+berüchtigten Schutzgitters, einer Art Stacheldrahtgürtel,
+der von Tank zu Tank gezogen war und der, wie es
+hieß, elektrisch geladen sein sollte.
+</p>
+
+<p>
+Die Tanks machten Halt. Sie lagen breitseitig da, wie
+verankert.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Moment entstand die Panik.
+</p>
+
+<p>
+Unter den Demonstranten waren schon von Anfang an
+große Mengen von sogenannten Zivilspähern verteilt
+worden, denen nun die Aufgabe zufiel, die Panik künstlich
+zu steigern und die empörten Massen zu einem Angriff aufzuputschen.
+Dies war sehr schwierig, denn die Massen hielten
+eine mustergültige Disziplin ...
+</p>
+
+<p>
+Da fiel plötzlich vom Balkon eines Hotels, dann von
+einem gegenüberliegenden Haus, aus einem Fenster des
+ersten Stockes, ein Schuß, noch einer, mehrere: es waren
+kleine krachende Pistolenschüsse, und diese galten für die
+Führer der Kampfwagengeschwader als Angriffssignal ...
+</p>
+
+<p>
+„Aus der Menge ist geschossen worden!“
+</p>
+
+<p>
+Die Polizeiagenten, die auftragsgemäß die Schüsse abgegeben
+hatten, verdufteten schleunigst.
+</p>
+
+<p>
+„Platz frei! Straße frei!“ gellte ein Lautsprecher ... „Oder
+es wird geschossen!“
+</p>
+
+<p>
+Dabei knackten schon die M.-G.s.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
+Menschen sah man, die sprangen durch einen Kopfschuß
+getroffen über einen halben Meter hoch, Menschenleiber verschlangen
+sich, wurden zu einem unentwirrbaren Knäuel
+geballt und wälzten sich, sich gegenseitig erdrückend, ineinander-,
+übereinanderstehend, dem Ausgang zu.
+</p>
+
+<p>
+Es gab aber nur noch einen Ausgang ...
+</p>
+
+<p>
+Die M.-G.s strichen systematisch den ganzen Platz ab.
+</p>
+
+<p>
+Einige Rote Frontkämpfer sprangen wie wilde Tiere,
+Schaum um den Mund, die gepanzerten Ungetüme an,
+schnellten federnd wieder zurück: gewaltige tellergroße
+Brandwunden an den Händen. Die eisernen Bestien spien
+elektrische Ströme.
+</p>
+
+<p>
+Auch Max mußte sich mit Gewalt zurückhalten, um nicht
+einfach mit seinem Kopf gegen diese mörderische Wand zu
+rennen ...
+</p>
+
+<p>
+Menschen lagen übereinander.
+</p>
+
+<p>
+Ueber Max lag ein baumstarker, stämmiger Prolet, der
+sich mit der Hand die ausgefleischte Hüfte zuhielt und kräftig
+schrie: „Ich will nicht sterben. Ich will nicht sterben ...“
+Dabei verdrehten sich ihm die Augen, quollen hervor rund
+und groß, wie zwei elfenbeinerne Billardkugeln.
+</p>
+
+<p>
+Er biß sich in Max hinein –
+</p>
+
+<p>
+Max bekam einen Genickkrampf. Ein eiserner Knopf
+massierte ihm den Halswirbel.
+</p>
+
+<p>
+Einer umschlang einen Laternenpfahl. Barst mitten am
+Bauch entzwei. Die Gedärme schütteten sich vor ihm hin
+nach allen Seiten. Andere schleiften darüber hinweg,
+glitschten in eine schmierige Blutlache, krochen über ein
+Häuflein verspritzten Gehirns weiter ...
+</p>
+
+<p>
+Einer gestikulierte, hatte den Mund weit offen, sprach,
+aber in dem allgemeinen Geschrei versackten die Worte.
+Einer gurgelte, ein anderer stieß ganz kurze trockene Hustenlaute
+hervor.
+</p>
+
+<p>
+Viele waren wie irrsinnig, hatten Lachkrämpfe, knieten
+mit entblößtem Oberkörper, wackelten mit dem Kopf, ohne
+sich von der Stelle zu rühren, und starrten mit brennenden
+Augen lang in den Tumult.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
+Es wurde dunkel.
+</p>
+
+<p>
+Scheinwerferabteilungen waren auf den Dächern der angrenzenden
+Häuserblocks postiert. Scharfe Stöße Lichts blendeten
+herab.
+</p>
+
+<p>
+Eine dritte Tankkolonne knatterte an und begann die
+Räumung des Platzes von Norden her. Es waren wieder
+drei Kampfwagen, durch straff gespannte Stahltrossen miteinander
+verbunden: so rasierten sie langsam und schräg
+dahin.
+</p>
+
+<p>
+Der Platz war nun völlig eingepfercht. Auch der einzige
+Ausgang war nicht mehr frei, er war längst von Schwerverwundeten
+und von Leichenhaufen verstopft.
+</p>
+
+<p>
+Max kauerte zum Sprung geduckt in Deckung hinter einer
+dürftigen, aus drei Toten aufgeworfenen Menschenbarrikade.
+</p>
+
+<p>
+An ein Durchkommen war jetzt nicht mehr zu denken.
+</p>
+
+<p>
+Max biß sich die Lippen: „Jetzt Achtung: daß mir nicht
+schlecht wird!“
+</p>
+
+<p>
+Hob sich ein wenig und sah über den Platz hinweg die
+Straße hinunter: immer noch rannten ab und zu welche im
+Zickzack, bis zu einer bestimmten Grenze, hier streuten die
+M.-G.s eine genau vorher berechnete und markierte Linie
+ab: dort klappten die Flüchtlinge plötzlich nach vorn oder
+nach rückwärts in sich zusammen wie ein Taschenmesser,
+streckten alle Viere von sich und blieben flach auf die Erde
+gedrückt liegen ...
+</p>
+
+<p>
+Max schnellte hoch, wie eine Sprungfeder warf sich in ihm
+das Rückgrat, setzte sich den Hut auf und schritt, als ob nichts
+geschehen wäre, schräg über den Platz. Er hatte nur den
+einen Gedanken: wenn schon, dann nicht von hinten, es ist
+leichter, den Tod im Angesicht ...
+</p>
+
+<p>
+Der ganze Hinterkopf schien ihm offen, das Gehirn bloß
+zu liegen: eine einzige Wundfläche ...
+</p>
+
+<p>
+In diesem Moment öffneten sich sämtliche mechanische
+Sperren, die Tankgeschwader führten einige kurze Manöver
+aus und ratterten ab.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
+Max sah noch, sich rasch in die Dunkelheit drückend, eine
+Hundertschaft, noch eine, eine dritte im Laufschritt heranstürzend,
+mit gefälltem Bajonett. Sie hatten den Befehl, die
+noch Lebenden von den Ermordeten zu sondieren.
+</p>
+
+<p>
+Der Platz lag unter den Scheinwerfern wie unter einer
+kaltgelben gespenstischen Lichtdusche.
+</p>
+
+<p>
+Wimmernd und langgedehnt, vollrauschend, oft wie
+Akkorde, so tönten daraus noch Menschenschreie, der Platz
+machte von dieser Stelle aus den Eindruck eines mit
+Zappelndem angefüllten Kessels, an den Wänden klebten
+noch Menschen, die Truppen stießen sie der Mitte zu: dort
+schichtete sich Haufen an Haufen ... Mit Eisensplittern, Geschoßspitzen,
+Stahlspänen war reingekehrt.
+</p>
+
+<p>
+Fleisch. Blut. Knochen.
+</p>
+
+<p>
+Pulverqualm, Ausdünstung, Todesangstschweiß: es war
+ein feuchter Brodem ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es begann langsam in großen Tropfen zu regnen.
+</p>
+
+<p>
+Bald ferner, bald näher: nun prasselte ein Gewitterhagel
+hinweg.
+</p>
+
+<p>
+Es trommelte, knatterte, tackte ...
+</p>
+
+<p>
+Viel Menschen fuhren erschreckt auf, öffneten die Fenster:
+</p>
+
+<p>
+„Gehts los? ... Wird schon wieder geschossen? ...“
+</p>
+
+<p>
+Nichts. Nur die Dunkelheit. Die Häuserfronten: zackige
+Konturen darin.
+</p>
+
+<p>
+Hie und da zuckte ein Blitz. Die Dunkelheit leuchtete.
+Dann ächzte ein Donner ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die ganze Stadt blieb die Nacht über aufgescheucht.
+</p>
+
+<p>
+Schon die zweite Nacht in solcher Unruhe ...
+</p>
+
+<p>
+Ueberall war es auch noch zu Zusammenstößen mit den
+„Vaterländischen“ gekommen.
+</p>
+
+<p>
+Alle wichtigen Punkte der Stadt waren bereits im Lauf
+des Abends militärisch gesichert worden. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-7-9">
+<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
+<span class="firstline">IX</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Max trottete sich in einem beinahe bewußtlosen Zustand
+heim.
+</p>
+
+<p>
+Oft mußte er sich anhalten, aber das waren nur die Aufregung
+und die Nerven, er war unverletzt.
+</p>
+
+<p>
+Oft wurde er angesprochen, ein Prolet sah ihm ins Gesicht,
+fragte ihn kurz, drückte ihm die Hand und verschwand
+wieder im Dunkel.
+</p>
+
+<p>
+„Rache!“
+</p>
+
+<p>
+Dieses Wort hörte Max auf seinem Heimweg oftmals.
+</p>
+
+<p>
+Auch an einer Gruppe von „Vaterländischen“ kam er vorbei,
+sie unterhielten sich angeregt und laut, da sie in größerer
+Anzahl beisammen standen. Sie trugen bereits Karabiner.
+Es waren breit aufgedunsene und verfettete Gesichter, aber
+auch scharfgeschnittene Profile waren darunter, richtige
+Galgenvögel- und Mördervisagen.
+</p>
+
+<p>
+„Den Arbeiterschweinen wird jetzt gründlich der Garaus
+gemacht werden“, quietschte einer. Er hatte dünne Beinchen
+und trug eine Gymnasiastenmütze.
+</p>
+
+<p>
+„Was suchst du Schwein hier!“ schrie einer, mit Schmissen
+im Gesicht, Max nach, der ohne zu mucken weiterlief.
+</p>
+
+<p>
+„Mach, daß du weiterkommst oder du bist eine Leiche ...“
+</p>
+
+<p>
+Derartiges wurde ihm oft noch nachgerufen.
+</p>
+
+<p>
+Max dachte: „Jetzt, jeden Augenblick ...“
+</p>
+
+<p>
+Er spürte es in den Ohren ...
+</p>
+
+<p>
+Es waren meist, wie sich Max schnell vergewisserte,
+Reserveoffiziere, Studenten, Fabrikantensöhne, Angestellte,
+aber wenig, und hie und da auch noch ein wütiger Kleinbürger.
+</p>
+
+<p>
+Die gaben kein Pardon.
+</p>
+
+<p>
+„Nun aber auch kein falsches Mitleid mehr wie früher
+diesen berufsmäßigen Mörderbanden gegenüber ... Jeder
+von diesen, den wir schonen, kostet uns Blut! ... Keine
+Illusionen mehr, die Blut kosten!“
+</p>
+
+<p>
+Auffällig war: der Wachtdienst in und außerhalb der
+Kasernen wurde durchwegs von verstärkten Offiziersposten
+versehen ... Holla, da stimmt etwas nicht, schloß Max, die
+<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
+scheinen ihrer Sache nicht ganz sicher zu sein, und Max
+schlich sich noch ein wenig in dieser Gegend herum, bis er
+auf einen einzelnen Soldatenposten stieß.
+</p>
+
+<p>
+„Kamerad!“
+</p>
+
+<p>
+Der Soldat sprang drei Schritte zurück.
+</p>
+
+<p>
+Dann lachte er plötzlich und kam auf Max zu:
+</p>
+
+<p>
+„Rot Front!“
+</p>
+
+<p>
+„Richtig, es rumort gewaltig auch unter uns. Dicke Luft.
+Sehr brenzlich. Alles in Alarmbereitschaft. 30 Prozent sind
+euch, wenn es losgeht, sicher ... Die Behandlung wird
+immer gemeiner: „Halten Sie die Schnauze oder ich schieße
+Sie nieder ...“ Das ist gang und gäbe. Ohne Scheißkerl
+und Arschloch kommt man uns gegenüber überhaupt schon
+nicht mehr aus ... Gestern ist bei den Kraftfahrern ein
+Leutnant hochgegangen, bei den technischen Truppen ein
+Major, auch bei den Fliegern ists faul ... Fortsetzung folgt.
+Nun genug für heute! ... Rot Front!“
+</p>
+
+<p>
+Max war auf diese Auskunft sehr stolz.
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich“, wiederholte er für sich, „einen Platz zu
+räumen und dazu nur verhältnismäßig geringe militärische
+Kräfte einsetzen: das bedeutet den Willen, den Vorsatz
+haben, es zu einem Zusammenstoß kommen zu lassen. Das
+ist absichtlicher Massenmord von seiten der Regierung. Mißverständnisse
+und Irrtümer sind bei der verhältnismäßig
+langen Zeitdauer dieser Exekution völlig ausgeschlossen ...
+Ein neues Schandwerk der Volksverbrecher ... Aber alles
+was sie tun, zwingt sie mit unerbittlicher Folgerichtigkeit in
+ihre eigene Katastrophe hinein ...“
+</p>
+
+<p>
+An der Ecke seiner Straße traf Max auf seinen Zimmernachbarn,
+den Straßenbahnschaffner.
+</p>
+
+<p>
+„Na, und –“
+</p>
+
+<p>
+„Schon beschlossene Sache: Morgen ist Generalstreik. Einstimmig
+angenommener Beschluß ... Sollst sofort in das
+Lokal von Fritz kommen ... Wartete auf dich, um dir das
+zu sagen ... ich hab einen anderen Auftrag, muß noch in
+die Stadt ...“
+</p>
+
+<p>
+Aus seiner inneren Manteltasche zog der Straßenbahnschaffner
+ein Pack Klebestreifen hervor.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
+„Nieder mit der Mörderregierung! Es lebe die Diktatur
+des Proletariats! Generalstreik! Alle Macht den Räten!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-7-10">
+<span class="firstline">X</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Max klopfte sein Zeichen.
+</p>
+
+<p>
+Der eiserne Rolladen vor der Eingangstür der kleinen
+Gastwirtschaft hob sich ein wenig, Max schlüpfte hindurch.
+</p>
+
+<p>
+Ungefähr fünfzig Genossen waren anwesend.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Niemand sprach ein Wort.
+</p>
+
+<p>
+Der Genosse Lange saß in der Ecke, den Kopf eingebunden,
+so kreidebleich, staunte Max, habe ich noch nie einen Menschen
+gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Lene schluchzte in sich hinein.
+</p>
+
+<p>
+Es dauerte eine halbe Stunde.
+</p>
+
+<p>
+Einer stand hin und wieder auf und ging vor sich hersummend
+unruhig auf und ab.
+</p>
+
+<p>
+Hie und da zählte einer still für sich die Anwesenden.
+</p>
+
+<p>
+Zehn Genossen waren noch dazugekommen.
+</p>
+
+<p>
+„Nun aber Schluß!“ Genosse Lange erhob sich.
+</p>
+
+<p>
+„Wer fehlt!?“
+</p>
+
+<p>
+Dann erstatten die Betriebszellenobleute kurz Bericht.
+</p>
+
+<p>
+„Also, das sind allein von unserer Gruppe zehn Mann.
+Nahezu ein fünftel ... Auch Genosse Friedjung. Die
+Funktion übernimmst du, Max. Einverstanden!“
+</p>
+
+<p>
+Das „ja“ war das selbstverständlichste von der Welt.
+</p>
+
+<p>
+„Weiß jemand etwas vom Genossen Friedjung?“
+</p>
+
+<p>
+Mehrere Genossen meldeten sich.
+</p>
+
+<p>
+„Einige Polizeiagenten haben ihn herausgestochert. Er
+muß schwer verletzt sein. Man hat ihn über den Platz fortgetragen
+... In ein Sanitätsautomobil ...“
+</p>
+
+<p>
+„Gut, wir wissen Bescheid ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+„Also! Genossen und Genossinnen! Morgen ist wahrscheinlich
+Generalstreik ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
+Max bestätigte:
+</p>
+
+<p>
+„Es ist schon sicher ... Einstimmig ...“
+</p>
+
+<p>
+„Also, um so besser! Wir erwarten heute noch einen
+Kurier der Zentrale ... Ich denke, bis dahin werde
+ich einen kurzen Ueberblick über die politische Lage geben ...
+Ich glaube, eine Diskussion zu diesem Punkt ist nicht nötig ...
+Dann wird inzwischen der Kurier erschienen sein, und wir
+werden im Anschluß daran sofort das Weitere beraten. Im
+übrigen: seit heute werden keine neuen Mitglieder mehr in
+die Partei aufgenommen. Den Revolutionsschmarotzern muß
+gleich im Anfang das Handwerk gelegt werden ... Dies
+nur nebenbei ...
+</p>
+
+<p>
+„Die Kriegsgefahr zwischen Amerika und Japan hat sich
+bedeutend verschärft. Die Kriegsvorbereitungen haben ihren
+Höhepunkt erreicht. Wie das amerikanische und japanische
+Proletariat darauf reagiert, ist noch ungewiß. Ferner: die
+Hälfte aller Betriebe ist in Deutschland stillgelegt. Der
+Außenhandel war in dem vorhergehenden halben Jahre
+gleich null. Die Stabilisierung ist zu Ende ... Die Absatzschwierigkeiten
+aller kapitalistischen Staaten sind enorm.
+Auch das Mandat, das Deutschland vom Völkerbund über
+seine früheren Kolonien erhalten hat, konnte nicht viel
+retten. England hat die größten Schwierigkeiten in Indien.
+Der Konkurrenzkampf hat die schärfsten Formen angenommen.
+Eine kriegerische Auseinandersetzung ist nicht mehr zu vermeiden
+... Jeden Tag also ist die Kriegserklärung zu erwarten,
+oder vielmehr die erste kriegerische Handlung ...
+Wir alle wissen, was das bedeutet ... Selbstverständlich
+ist es für uns gleichgültig, wer, diplomatisch gesehen, der
+angreifende Teil ist. Jeder der Partner ist gleichschuldig
+und ein Räuber ... Zur Lage in Deutschland im besonderen:
+überall Plünderungen von Lebensmittelgeschäften,
+Industriekrisen, eine ungeheure Arbeitslosigkeit, verbunden
+mit Hungersnot, besonders in den ländlichen Bezirken, wo
+teilweise von den völlig industrialisierten Großgrundbesitzern
+das Getreide zurückgehalten wird, Hungersnot also bei
+vollen Scheunen ... Die nationalistischen Banden bewaffnen
+sich ... Zu gleicher Zeit starke Tendenzen, den Krieg gegen
+<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
+Russland zu proklamieren als „heiligen Krieg“ und damit
+im Zusammenhang der Entschluß der kapitalistischen Regierungen,
+zu diesem Zweck die revolutionäre Arbeiterschaft
+mit treuer Unterstützung der allerdings heute völlig isolierten
+SPD.-Führerschaft entscheidend aufs Haupt zu schlagen ...
+Also, wir befinden uns alle inmitten eines Krisenwirbels
+von internationalem Ausmaß ... Die weitesten Kreise
+der werktätigen Bevölkerung stehen heute hinter uns und
+sind bereit, mit uns ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Kurier der Zentrale stürzte herein.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und!
+</p>
+
+<p>
+?
+</p>
+
+<p>
+Er schüttelte kräftig dem Genossen Lange die Hand.
+</p>
+
+<p>
+Alle Genossen waren wie elektrisiert aufgesprungen.
+</p>
+
+<p>
+Und –
+</p>
+
+<p>
+Und –
+</p>
+
+<p>
+Nur zwei Worte brachte der Kurier noch heraus:
+</p>
+
+<p>
+„Generalstreik! ...“
+</p>
+
+<p>
+„Krieg dem Krieg!“
+</p>
+
+<p>
+Viele Genossen umarmten sich. Einige heulten drauf los.
+</p>
+
+<p>
+Einer flüsterte nur immer wieder die Namen:
+</p>
+
+<p>
+„Rosa!“ „Karl!“ „Lenin!“
+</p>
+
+<p>
+„Bravo! Nun Gott sei Dank! Endlich!“
+</p>
+
+<p>
+Lene stürzte auf Max zu:
+</p>
+
+<p>
+„Na, Max, hab ichs nicht gleich gesagt ...“
+</p>
+
+<p>
+Max sang leise vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+„Daß ich das noch erleben durfte ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nun aber zur Sache!“
+</p>
+
+<p>
+Der Kurier stürzte fort.
+</p>
+
+<p>
+Es war feierlich und ernst.
+</p>
+
+<p>
+Eingehend wurden die einzelnen organisatorischen Maßnahmen
+besprochen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-7-11">
+<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
+<span class="firstline">XI</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Die Regierung beriet ununterbrochen Tag und Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Die Herren kamen kaum noch zum Essen ...
+</p>
+
+<p>
+Das Regierungsviertel war ein offenes Heerlager.
+</p>
+
+<p>
+Die Keller der Regierungsgebäude waren in Waffenmagazine
+umgewandelt worden. An jeder Straßenecke
+Alarmmelder. Ueberall ragten Antennenmasten.
+</p>
+
+<p>
+Die Bannmeile ward erneut militärisch-mechanisch abgesperrt
+...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Präsident der Republik war damals schon altersschwach.
+Er litt an Arterienverkalkung. Er saß in einem der Konferenzzimmer
+in einem hohen Lehnstuhl, dessen Rückenwand
+mit dem Adler und mit den Reichsfarben geschmückt war.
+Er trug Pulswärmer und hatte die geschwollenen Füße in
+ein dickes Plaid eingewickelt. Seine Frau titulierte er mit
+dem Kosenamen „Schnucki“. Die Augenbrauen waren ihm
+nach Bismarck-Art buschig über der Nasenwurzel zusammengewachsen.
+Er atmete schwer. Von Zeit zu Zeit erhob er sich,
+eine Klingel schrillte durchs Haus, aus allen Beratungszimmern
+strömte es herbei, und der Präsident sprach: „Hochansehnliche
+Versammlung! Hohes Haus! Einigkeit macht
+stark. Unsere Stärke ist die Einigkeit. Schon damals, als
+mich das Vertrauen des Volkes auf diesen hohen und verantwortungsvollen
+Posten berufen hatte, erklärte ich, daß
+ich mich besonders der Armen und Elenden annehmen werde,
+aller jener, die in dem gewaltigen wirtschaftlichen Ringen
+unserer Zeit nach Aufopferung ihrer Kräfte zu Boden liegen.
+Mein Bestreben bleibt es auch heute, die Klassengegensätze
+zu mildern, ich reiche darum heute erneut jedem Deutschen
+feierlich die Hand. Durch Treue und Pflichterfüllung auch
+im Kleinsten müssen wir uns die Achtung in der Welt
+wiederverschaffen. Durch Selbstachtung zur Weltachtung!
+Dann kann Deutschland nicht untergehn ... Treue um
+Treue! ...“
+</p>
+
+<p>
+Diese Rede las er ab.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
+Das Blatt knisterte bedenklich. Der Präsident litt auch
+an einem ausgesprochenen Tatterich.
+</p>
+
+<p>
+„Hat der Trottel den Aufruf „An mein Volk“ jetzt endlich
+unterzeichnet!?“ fragte inzwischen ein höherer Militär
+einen Sekretär des Innern.
+</p>
+
+<p>
+Der Sekretär nickte diensteifrig.
+</p>
+
+<p>
+„Alles druckfertig, Exzellenz, hier in meiner Mappe ...
+Man mußte ihm dabei die Feder führen ... Schrecklich,
+nicht wahr, schrecklich ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ueber das Land war der Ausnahmezustand verhängt. Die
+Militärdiktatur war errichtet.
+</p>
+
+<p>
+Die Zimmer, in denen wirklich über Wohl und Wehe
+des Landes entschieden wurde, lagen in einem anderen
+Stockwerk. Die Minister und die einzelnen ministeriellen
+Abteilungen wurden von dorther nur kurz unterrichtet und
+hatten weiter nichts zu tun, als binnen kürzester Frist die
+einzelnen Ordres genau nach Anweisung auszuführen.
+</p>
+
+<p>
+Die sämtlichen militärischen Befehlshaber der einzelnen
+Kommandobezirke der Hauptstadt waren erschienen. Der
+englische und der amerikanische Militärattaché waren ebenfalls
+zugegen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Chef des Generalstabes referierte:
+</p>
+
+<p>
+„Amerika beabsichtigt, spätestens noch diese Woche anzugreifen.
+Der diplomatische Vorwand wird soeben geschaffen.
+Die Entscheidung liegt letzten Endes natürlich zwischen
+Amerika und Russland. Gemäß unserer Verpflichtungen,
+unseres militärischen Uebereinkommens, haben wir Deutschland
+als Aufmarschgebiet gegen Osten übernommen: unsere
+Vorbereitungen sind abgeschlossen. Genügend Plätze zur
+Landung und zur Verproviantierung von Bombenflugzeuggeschwadern
+sind vorhanden. Unsere eigenen Farbstoffabriken
+arbeiten mit Hochdruck ... Russland mobilisiert.
+Das ist das wichtigste Moment der letzten vierundzwanzig
+Stunden. Diese Nachricht wird von uns geheimgehalten.
+Denn wir befinden uns dadurch ohne Zweifel in einer verzwickten
+Lage. Denn bedenklich mußte uns schon an und für
+<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
+sich, abgesehen von dieser Tatsache, die Entwicklung unserer
+inneren Lage stimmen, die Arbeiterbewegung wird weiter
+entschieden radikal terrorisiert ... Auch große Teile der
+übrigen Bevölkerung treiben im revolutionären Fahrwasser
+... Die Bekanntgabe der russischen Mobilisation,
+diese Nachricht wäre unseres Erachtens der Funke ins
+Pulverfaß! Wie Sie wissen, meine Herren, gestern abend
+ist es bereits zu einem aufstandähnlichen Zusammenstoß gekommen.
+Es ist uns gelungen, diese sporadische und ihrem
+Charakter nach spontane Bewegung ohne jeden Verlust für
+uns im Blut zu ersticken. Dieser Erfolg darf uns über den
+Ernst der Gesamtsituation nicht hinwegtäuschen. Wir haben
+jetzt ein heikles Thema zu besprechen. Bei dieser Beratung
+kommt es vor allen Dingen darauf an, Richtlinien für die
+wirksamste Niederkämpfung der Aufständischen und für die Unschädlichmachung
+ihrer Führer und für die Aushebung ihrer
+Unruheherde auszuarbeiten, gemeinverständlich, so daß sie
+jeder Mann im Heer begreift, besonders aber haben wir
+darüber zu entscheiden, ob, unter welchen Umständen und in
+welchem Ausmaß chemische Kampfstoffe eingesetzt werden
+sollen. Es ist eine Frage der Zweckmäßigkeit. Wobei das
+ideologische Moment nicht zu unterschätzen ist. Ich bitte die
+einzelnen Sachverständigen diese beiden letzten Punkte besonders
+scharf im Auge zu behalten! ...
+</p>
+
+<p>
+„Noch das eine: bitte, meine Herren, berücksichtigen
+Sie: wir haben keine Zeit zu verlieren; also kurz und
+bündig!“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Beratung dauerte nicht lang.
+</p>
+
+<p>
+Der Bericht des chemischen Sachverständigen fiel zur allgemeinen
+Zufriedenheit aus.
+</p>
+
+<p>
+Man war prinzipiell einstimmig für die Anwendung der
+chemischen Kampfstoffe, doch sollte dieses Mittel so lang wie
+nur irgend möglich aufgespart werden. Und wenn eingesetzt,
+öffentlich abgeleugnet und vor allem auch eine Gasbeschießung
+bezw. Gasausräucherung von Kommunistennestern
+durch Anwendung genügender Mengen von Brisanzmunition
+verschleiert werden.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
+Außerdem sei in der nachfolgenden Pressekonferenz gebührend
+und eindringlich darauf hinzuweisen, daß es sich
+im Fall der Anwendung von Gasen von seiten der Regierungstruppen
+um einen an sich höchst bedauerlichen Fall von
+Notwehrakt bezw. Gegenmaßnahme handle, daß immer aber
+nur betäubende Gase, d. h. Reiz- und Tränengase, zur Verschießung
+kommen, die im übrigen bei weitem humaner und
+bedeutend weniger verlustbringend seien als die blanke
+Waffe bzw. das Brisanzgeschoß. Ferner: zuverlässigen Nachrichten
+zufolge hätten die Kommunisten schon an anderen
+Orten Gasmunition verschossen, besäßen außerdem umfangreiche
+Gasläger und arbeiteten nach russischer Tschekamethode
+mit Bakterienschleuderapparaten und Cholerabazillen.
+–
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wieder sprach der Präsident:
+</p>
+
+<p>
+„Nun denn also! Im Namen – zum Wohl unserer geliebten
+deutschen Schicksalsgemeinschaft – im Namen des
+Allerhöchsten!“
+</p>
+
+<p>
+Und unterschrieb den besonderen Schießerlaß, nach dem
+jeder, der mit der Waffe in der Hand ... ohne weiteres,
+sofort ... und den Geheimbefehl an die Kommandostellen
+der Flugzeuggeschwader, der Kampfwagenabteilungen und
+der technisch-chemischen Spezialtruppen über die Anwendung
+von giftigen Gasen im Fall eines Bürgerkrieges.
+</p>
+
+<p>
+Die Kommandeure traten ab.
+</p>
+
+<p>
+Eine zweite kurze Besprechung folgte.
+</p>
+
+<p>
+„Die Lage in Amerika aber scheint nach unseren letzten
+Berichten doch nicht so ganz einfach zu sein ... Heutzutage
+ist es den ziemlich aufgeklärten Massen gegenüber auch nicht
+mehr so kinderleicht, einen einigermaßen passablen Kriegsvorwand
+zu finden ... Doch Geschäft ist Geschäft ... Damit
+basta ...“
+</p>
+
+<p>
+Einige prominente Gewerkschaftsführer erhielten das
+Wort.
+</p>
+
+<p>
+„Wir können nur immer und immer wieder betonen, wir
+werden unsere Pflicht tun. Was in unseren Kräften liegt ...
+<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
+Aber wir sehen die Lage schwarz in schwarz. Die Arbeiterschaft
+ist gewillt, zu kämpfen, sie folgt unbedingt den Parolen
+der Kommunistischen Partei, die jedes Kriegsabenteuer mit
+dem Aufruf zum Bürgerkrieg beantworten wird ... Wir
+selbst sind ziemlich einflußlos geworden ... Wir warnen
+also dringend ... Ist der Krieg – sei es der Bürgerkrieg
+oder der äußere Krieg – aber einmal ausgebrochen, so ist
+es selbstverständlich, daß wir uns auf den Boden der gegebenen
+Tatsachen stellen, d. h. auf der Seite der verfassungsmäßig
+gewählten Regierung stehn werden. Wir folgen
+damit nur der bewährten ruhmreichen Tradition unserer
+Partei. Nur möchten wir bitten, um wenigstens den
+demokratischen Schein zu wahren, das Parlament nicht völlig
+auszuschalten. Vielleicht hie und da so eine kurze Sitzung,
+in der selbstverständlich nur Regierungsvertretern oder Abgeordneten
+der verfassungstreuen Parteien das Wort erteilt
+werden soll. Wir stimmen im übrigen von vornherein dafür,
+daß auch die kommunistischen Parlamentarier außerhalb
+des Gesetzes gestellt werden.“
+</p>
+
+<p>
+Der Kommandeur der Schutzpolizei erschien und erstattete
+über die Vorfälle anläßlich der Demonstration am 1. Mai
+Bericht.
+</p>
+
+<p>
+„Rhinozeros! Sie Gamaschenknopf!“ schnauzte ihn ein
+militärischer Befehlshaber kameradschaftlich an.
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben die ganze Lage künstlich überforciert. Die
+Folge ist morgen Generalstreik. Es geht uns zu frühzeitig
+los ... Haben Sie schon etwas Sicheres über den Termin,
+wann die losschlagen ... Na, sie werden ja ihrer Gewohnheit
+gemäß sich wieder gewaltig in der Zeitbestimmung, im
+Tempo verrechnen, das ist das einzige, was die Kommunisten
+immer noch nicht gelernt haben ... Also Nachrichten, detaillierte
+Angaben über Stimmung der Bevölkerung usw. Es
+ist höchste Zeit ... Und dann studieren Sie in Zukunft mit
+mehr Sorgfalt unser Reglement über den Bürgerkrieg ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe gemeint“, stotterte der Schutzpolizeiler heraus,
+„je blutiger der erste Tag, desto besser ...“
+</p>
+
+<p>
+Aber er hatte seine Schlappe weg.
+</p>
+
+<p>
+Mehrere Vertreter der „Vaterländischen Verbände“ baten
+um Gehör.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
+Sie jammerten über Zersetzungserscheinungen. Ohne hinreichende
+Geldunterstützung von seiten der Großindustrie sei
+nichts zu machen. Die Kleinbürger seien nur noch mit alleräußerster
+Anstrengung bei der Stange zu halten. „Jede
+Stunde, die wir zögern, bedeutet für uns eine ebenso gewaltige
+moralische wie auch materielle Schlappe. Alles ist
+bei uns auf sofortiges Losschlagen eingestellt. Dieser Stimmung
+müssen wir Rechnung tragen. Wir lassen uns ohnedies
+vielzuviel gefallen. Endlich ist die Stunde gekommen,
+rücksichtslos durchzugreifen ... Wenn sich die Arbeiterschaft
+erst wieder erholt, dann „Kopf ab“ und „Gute Nacht!“ Für
+den Gummiknüppel ist die Zeit zu ernst ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ganz unsere Meinung“, pflichteten Vertreter der Industrie
+und der Landwirtschaft dem Vorredner bei. „Sehen
+Sie sich, meine Herren, bitte die Betriebe an! Fünfzig Prozent
+davon stillgelegt, und der Rest arbeitet, aber fragen Sie
+nur nicht, wie. Unter passiver Resistenz, unter täglichen
+Sabotageakten ... Nein, so geht es nicht mehr weiter.
+Keineswegs ... Und der Zustand der Eisenbahnen. Die
+Eisenbahnergewerkschaften sind von allen die aufsässigsten ...
+Jeder Respekt vor der Autorität der Regierung ist zum
+Teufel ... Wir Arbeitgeber können die Ausartung unserer
+Republik in den Bolschewismus keineswegs dulden. Schon
+heute spricht man mit Fug und Recht von einem Staat im
+Staate ... Und wie sieht es auf dem Land aus? ... Unsereins
+ist ja seines Lebens nicht mehr sicher ... Jetzt oder
+nie ... Meine Herren, entscheiden Sie sich jetzt, unmittelbar,
+sofort: oder unser aller letztes Stündchen hat geschlagen
+...“
+</p>
+
+<p>
+„Bitten Sie den Leiter der politischen Abteilung der
+Polizei!“
+</p>
+
+<p>
+Oberregierungsrat Ledermann erschien.
+</p>
+
+<p>
+„Ihr Nachrichtenmaterial bitte. Wir brauchen unverzüglich
+konkreteste Angaben. Unserer militärischen Exekution
+muß sofort ein großangelegter Propagandafeldzug koordiniert
+werden. Lassen Sie Berichte anfertigen, Zeugenaussagen,
+Geständnisse von Gefangenen ... Nicht allzu konstruiert,
+es muß raffinierter als bisher kombiniert werden
+<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
+... Man ist draußen im Land inzwischen durch verschiedene
+unserer Fehlleistungen hellhöriger und scharfsichtiger
+geworden. Mißgriffe in der augenblicklichen Situation
+können wir uns nicht leisten, jede Zufälligkeit kann katastrophale
+Auswirkungen haben ... Also: Sie verbreiten zunächst
+alarmierende Meldungen über kommunistische Putschvorbereitungen,
+bezw. setzen Sie sich mit den entsprechenden
+Stellen augenblicks in Verbindung und lassen Sie durch
+Polizeiagenten Attentate und andere Terrorakte, am
+besten auf sogenannte dem Volksempfinden nach geheiligte
+Orte, wie Kirchen, Säuglingsheime, Krankenhäuser usw.,
+fabrizieren. Das neulich am 1. Mai soll die Feuerprobe gewesen
+sein. Nun also rüstig weiter ... Lassen Sie noch heute
+einige Höllenmaschinen in die kommunistischen Parteibüros
+einschmuggeln. Dadurch kommen wir zu einer populären
+Begründung der allgemeinen Mobilisierung. Dadurch bekommen
+wir auch bedeutend mehr Reserven heran und
+können die unzuverlässigen Regimenter auffüllen. Setzen
+Sie Fahndungskommandos ein, schreiben Sie Kopfprämien
+aus, zunächst muß der ganze Funktionärkörper der Kommunisten
+rücksichtslos zerschlagen werden. Erst auf dieser Basis
+können wir dann erfolgreich an der Sanierung weiterarbeiten.
+Fälle von Insubordination, Meuterei bei der bewaffneten
+Macht, rote Zellenbildungen in Armee und
+Marine sind mir direkt zu melden. Anweisung an die Kriegsgerichte:
+exemplarisch bestrafen, sofort Exempel statuieren!
+Keine offizielle Hinrichtung revolutionärer Führer. Solche
+sind auf der Flucht zu erschießen bezw. ist in besonders geeignet
+erscheinenden Fällen geschickt ein Selbstmord zu
+arrangieren ... Was „Auskundschafter“ und derartige Individuen
+anbetrifft, so kaufen Sie in großer Anzahl dazu
+geeignete Subjekte auf, wir brauchen Vorrat für mindestens
+einen Monat. In den Obdachlosenasylen, die Sie durch
+Polizeistreifen säubern lassen müssen, werden gegen entsprechendes
+Handgeld sich immer welche in großer Anzahl
+finden lassen ... Jede derartige Dienstleistung wird gegen
+bar honoriert. Nach festen Sätzen. Spesen extra. Staatsstellung
+in Aussicht stellen ... Ich empfehle mich und erwarte
+Sie spätestens morgen früh persönlich zum Bericht ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
+Der Oberregierungsrat war entlassen.
+</p>
+
+<p>
+Die verschiedenen Herren verabschiedeten sich.
+</p>
+
+<p>
+Man salutierte. Stand stramm.
+</p>
+
+<p>
+Alle gingen an die Arbeit.
+</p>
+
+<p>
+Der Chef des Generalstabs stand mit mehreren Offizieren
+vor der Karte.
+</p>
+
+<p>
+Mit blauen Marken wurde Berlin eingekreist ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Telefunkenzentrale fieberte.
+</p>
+
+<p>
+Telegraphenapparate klapperten.
+</p>
+
+<p>
+Lärmende Gerüchte poltern durch Stadt und Land.
+</p>
+
+<p>
+Extrablätter:
+</p>
+
+<p>
+„Generalstreik!“
+</p>
+
+<p>
+Extrablätter:
+</p>
+
+<p>
+„Entdeckung kommunistischer Waffenlager. Drohender
+Kommunisten-Putsch. Kommunistische Giftgase ... Die
+Regierung hat die Mobilisation angeordnet ...“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-7-12">
+<span class="firstline">XII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Unter den Schwerverwundeten befand sich auch Peter.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte einen Nierenschuß, und zwar einen Querschläger.
+Die rechte Hüftenseite war fleischig ausgefetzt.
+</p>
+
+<p>
+Sein Zustand war hoffnungslos.
+</p>
+
+<p>
+Daran war überhaupt nicht zu zweifeln.
+</p>
+
+<p>
+Er war als Polizeihäftling in das Krankenhaus eingeliefert
+worden.
+</p>
+
+<p>
+Es war jetzt Abend. Die Vögel sangen im Krankenhausgarten.
+Immer wieder schrillte die Torglocke. Aufnahme
+an Aufnahme. Auf den Gängen war Bewegung ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Peter lag in einer vergitterten Einzelzelle.
+</p>
+
+<p>
+Der Arzt untersuchte kurz. Auf einer Holztafel wurde der
+Name mit Kreide aufgeschrieben. Drei Polizeikommissare
+erschienen, wie es hieß, zu einer vorläufigen Vernehmung.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
+Der Sterbende sprach nicht.
+</p>
+
+<p>
+Drei photographische Aufnahmen wurden gemacht. Man
+zog ihm dazu die Jacke wieder an, drückte ihm den Hut auf,
+dann stellte man ihn aus dem Bett heraus an die Wand.
+</p>
+
+<p>
+„So stehen Sie doch! Stellen Sie sich doch nicht dümmer
+an als Sie sind! Knicken Sie doch nicht immer wieder in
+sich zusammen wie ein hohler Schlauch! ...“
+</p>
+
+<p>
+Fingerabdrücke. Messungen.
+</p>
+
+<p>
+Der Arzt spritzte, um den Sterbenden dabei frisch zu
+halten, Herzmittel.
+</p>
+
+<p>
+Man mußte aber auch noch eine Aussage erpressen, man
+mußte, koste es, was es wolle, ein Geständnis erzwingen,
+klipp und klar mußte es sein, gemeinverständlich für jedermann,
+nur er, Peter, konnte darüber Aufschluß geben; der
+Student: war er nicht Leiter einer militärischen Abteilung,
+vielleicht gar der berüchtigten kommunistischen GAKAB,
+Gaskampfabwehrabteilung!? Man war informiert darüber.
+Peter wußte am ehesten Bescheid ...
+</p>
+
+<p>
+„Lassen Sie, bitte, Herr Doktor, Sekt auffahren! ...
+Wünschen Sie zu rauchen, eine Zigarette gefällig, Herr
+Friedjung ... Oder was ist Ihnen angenehm!? ... Haben
+Sie vielleicht Angehörige, gute Freunde, ein Fräulein Braut,
+die Sie noch sprechen möchten ... Verheiratet sind Sie ja
+nicht ... Und ihr Herr Vater, eine telegraphische Benachrichtigung
+vielleicht ... Wir stehen Ihnen selbstverständlich
+zu jeder Art Dienstleistung bereitwilligst zur Verfügung.
+Das ist auch der eigentliche Grund unseres Kommens ... Aber
+bequemen Sie sich bitte zu einer ganz kurzen Aussage. Ihr
+Entgegenkommen soll Sie nicht reuen ... Sie kennen doch
+den ... Und wo hält der sich auf ... Bitte, bitte, wir lassen
+Sie sofort in Ruhe. Sie sind aus der Haft entlassen! Sofort
+sind Sie frei ...!“
+</p>
+
+<p>
+Peter schwieg.
+</p>
+
+<p>
+Nur einmal drehte er sich kurz auf:
+</p>
+
+<p>
+„Lassen Sie mich doch ... Quälen Sie mich nicht ... Sie
+wissen doch, es hat keinen Zweck ... Das müßten Sie sich
+<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
+doch eigentlich selbst sagen. Wozu diese Folter ... Sie
+müßten sich eigentlich schämen ...“
+</p>
+
+<p>
+Wieder wurde er im Bett aufgesetzt.
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie, Herr Friedjung, Herr „Doktor“, alle diese
+Unannehmlichkeiten müssen Sie über sich ergehen lassen. Sie
+erschweren sich durch Ihr hartnäckiges, uns geradezu unverständliches
+Schweigen nur ganz unnötigerweise selbst die
+Lage ... Wollen Sie ... Es geschähe in einer solch kritischen
+Situation auch sicher im Einverständnis mit der
+Partei ...“
+</p>
+
+<p>
+Peter schwieg.
+</p>
+
+<p>
+„Na, also, da müssen wir scheinbar andere Seiten aufziehen,
+da werden wir kurzen Prozeß machen. Wollen Sie
+jetzt oder wollen Sie nicht, Sie verfluchtes Kommunistenschwein?
+Heraus mit der Sprache: Wo sind eure Gasläger!?
+He! Oder wir brechen Ihnen noch bei lebendigem Leib die
+Knochen entzwei ... Sie haben vielleicht gehört, in Ihrem
+schönen heiligen roten Rußland benützt man Gefangene dazu,
+um an ihnen ein neues Gas auszuprobieren ... Daß
+so ein Dreckskerl, so ein Luder wie du nur ein Mal verreckt,
+das genügt nicht ... Man müßte die Kommunisten, diese
+Kannibalen, zur Vivisektion freigeben ...“
+</p>
+
+<p>
+Und versetzte ihm einen Puff, daß der Sterbende an die
+Wand rutschte.
+</p>
+
+<p>
+„Warte, du wirst gleich aus dem Bett herauskollern,
+Freundchen, dann wirst du schön hübsch und brav auf dem
+Boden unseren Dreck fressen ...“
+</p>
+
+<p>
+„Laß ihn deinen ... lecken, diese Kommunistensau,
+so haben es seine Bundesbrüder, die Franzosen, mit unseren
+Gefangenen gemacht ... Na, so ein stures Vieh ...“
+</p>
+
+<p>
+Einer der Kommissare klingelte.
+</p>
+
+<p>
+Der Arzt erschien.
+</p>
+
+<p>
+„Herr Doktor, der Kerl schweigt. Haben Sie vielleicht so
+was wie einen elektrischen Pinsel!? Oder, was stark
+schmerzt, eine Aetherinjektion vielleicht unter die Haut!?
+Oder kann man ihn noch in eine drei Viertel Narkose, in
+einen Chloräthylrausch versetzen, um dadurch vielleicht etwas
+herauszukriegen!? ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
+„Aber meine Herren, ich muß davon abraten. Diese
+Mittel versprechen hier keinen Erfolg mehr, fühlen Sie doch
+den Puls, bei Mittelkranken ja, aber in solchen Fällen: kurz
+vor dem Torschluß, fünf Minuten vor dem Exitus ... Ich
+bin zwar Gerichtsarzt und in erster Linie Gehilfe des Richters,
+aber, Herr Inspektor, wir wollen uns doch nicht noch
+an einer Leiche vergreifen ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Herztakt des Sterbenden galoppierte. Setzte aus.
+Brach sich wieder stockend, zögernd durch ... tropfenweise ...
+Dann hämmerte er ganz, ganz langsam ...
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie doch! ...“
+</p>
+
+<p>
+Der Arzt lüpfte die Decke.
+</p>
+
+<p>
+„Es kommt ganz dick durch den Verband ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ein solches Kommunistendreckschwein!“
+</p>
+
+<p>
+„Aber Herr Friedjung,“ versuchte es jetzt wieder einer
+der Kommissare, „ich beschwöre Sie, im Augenblick Ihrer
+letzten Stunde, vor Gottes Angesicht! Auch ich bin innerlich
+tiefreligiös und ich spreche jetzt zu Ihnen wie Mensch zu
+Mensch! ... Sie können uns doch unmöglich so unverrichteter
+Dinge abziehen lassen! Versetzen Sie sich, bitte, wenn
+es Ihnen auch schwer fällt, doch einmal für einen Augenblick
+in unsere Lage! Was wird unser Chef dazu sagen, wenn
+wir so mit leeren Händen nach Hause kommen! Wir verlieren
+Ihretwegen, Herr Friedjung, noch unsere Stellung!
+Und sind allesamt doch verheiratete Männer, bedenken Sie,
+mit Weib und Kind und Haushalt! Sind schließlich doch
+auch nur Proletarier!“
+</p>
+
+<p>
+„Also, haben Sie Erbarmen mit uns!“ gab ein zweiter
+dazu. „Mut gefaßt. Auf eine Aussage mehr oder weniger
+kommts doch nicht an. Sprechen Sie, wir sind doch Männer!
+Deutsche ehrliche offene Männer, die nichts zu befürchten
+und zu verschweigen haben, und wenn die Welt voll Teufel
+wär, unsere feste Burg ist unser Gott. Also ... Wir wollen
+im Grund letzten Endes doch alle das Gleiche ...“
+</p>
+
+<p>
+Peter schwieg ...
+</p>
+
+<p>
+Die Kommissare zogen türenschlagend ab.
+</p>
+
+<p>
+Die Schritte schleiften den Gang hinunter, ein Schlüssel
+klirrte, eine Tür schnappte ... Nur fern wo schrie jemand ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
+„Der Nächste ...“
+</p>
+
+<p>
+„Halt auch du stand, Genosse, und schweig!“
+</p>
+
+<p>
+Peter war mit sich allein. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-7-13">
+<span class="firstline">XIII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Sind es Spinnenweben!? Licht-Gespinste? Sind es
+Strahlengeflechte, die kreuz und quer in sich verschlungen,
+durch den Weltraum gezogen sind!?
+</p>
+
+<p>
+Nein.
+</p>
+
+<p>
+Es ist das Gitter.
+</p>
+
+<p>
+Und das Gitter kommt auf Peter zu, wandert, wandert
+vor ihm her, wandert ihm nach bis in den kleinsten Weltwinkel.
+</p>
+
+<p>
+Er steht in einer sauberen Stube. Er ist einem Mädchen
+gut. Er hat sie umgefaßt. „Du, wollen wir nicht zueinander
+„Du“ sagen!?“ Er ist eigentlich ganz glücklich ...
+</p>
+
+<p>
+Da senkt sich auch schon wieder schwer, schwarz, vierkantig
+und schemenhaft vor ihm das Gitter herab.
+</p>
+
+<p>
+Das Gitter spricht:
+</p>
+
+<p>
+„Bevor ich nicht zerbrochen bin, gibt es für dich Ruhe
+nicht! ... Peter, tu deine Pflicht! ... Feile, beiße dich mit
+den Zähnen fest, reiße deine Hände wund daran, kniee dich
+herauf zu mir, ziehe dich zu mir empor, presse deine Schädelknochen
+hinein zwischen mich, rüttle daran, schüttle mich ...
+Friß das Gitter ...“
+</p>
+
+<p>
+Das Gitter spricht:
+</p>
+
+<p>
+„Ich laß dich nicht!“
+</p>
+
+<p>
+„Wie schön das Leben ist!“ flüstert Peter. „Die Berge,
+das Meer, wellengebuckelt, Gewitter darüber metallisch, wie
+über einer gerippten Fläche aus schwarzem Erz! Und die
+Jahreszeiten! So ein Winter voll Schneefließen und Skilauf!
+... Wie die Bäume blühen, die Wälder duften ...
+Wie ein Klotz liegt man ausgestreckt inmitten des Wiesenkrauts
+... Windmühlenflügel am Horizont! Kornwagen,
+die auf der steinigen Landstraße polternd von der Ernte
+<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
+dorfwärts schwanken ... Menschen, gebräunte knochige Gesichter,
+die in der Schenke vor einem hölzernen Tisch sitzen,
+bei Rauch und bei Wein! ... O noch einmal! O noch <em>ein</em>
+Mal!“
+</p>
+
+<p>
+Und wieder fällt das Gitter, ein Netz diesmal, gewoben
+aus Geschoßbahnen und Feuerdampf, es fällt und fällt, bis
+der ganze Weltraum durchgittert ist. Auch das „schöne
+Leben“ durchgittert ist! Irrsinnig flackernde Augenpaare
+dahinter, Bajonette und Stacheldraht, Knochenknacken und
+Aechzen und Tränenwimmern, das schwere Stampfen einer
+Riesenpumpe, die Menschenblut pumpt, die Menschenmark,
+Menschenlebenskraft saugt. Mordmaschinen, Fabrikanlagen:
+Massenmord wie harmloses Kinderspielzeug fabrizierend ...
+</p>
+
+<p>
+Da sind Menschen, die vor dem Gitter flüchten. Menschen,
+die hinter dem Gitterwerk träumen. Es ist ein goldener
+Käfig, darin sie sich schändlich zutod träumen. Die Stäbe
+sind broncen lackiert ...
+</p>
+
+<p>
+Das Gitter wächst ... Setzt Glieder an, Knoten, Verkuppelungen
+... Es kann Menschen umarmen, Menschen umarmend
+zu Tode drücken. Die Gitterstäbe sind vielkantig,
+messerscharf ...
+</p>
+
+<p>
+Und das Gitter steht mitten in Europa.
+</p>
+
+<p>
+Und das Gitter steht in Asien.
+</p>
+
+<p>
+Steht um Afrika herum ...
+</p>
+
+<p>
+Dehnt sich aus und zieht sich wieder zusammen ...
+</p>
+
+<p>
+Schwimmt aufrecht stehend übers Meer –
+</p>
+
+<p>
+Umgittert Japan. Umgittert China ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Gitterstäbe werden lebendig, sind Menschen, uniformiert,
+bewaffnet mit Pistolen und Handgranaten ... Und
+das lebendige Gitter marschiert, macht Menschenjagd ... Und
+die Gitterstäbe pflanzen sich wie spitze Pfähle fest mitten
+hindurch durch Menschenleiber. Und das Gitter schwenkt
+sich jetzt wehend im Wind wie eine Fahne über krampfhaft
+sich zutode zuckende Menschenhaufen. Diese Fahne ist gehißt
+auf einem pyramidenähnlichen Hügel von Leichenmüll.
+</p>
+
+<p>
+Die Fahne spricht:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
+„Ich proklamiere die Menschenrechte. Ich bin die Fahne
+der Zivilisation! Glaubt denen nicht, die da sagen: ich sei
+eine Todesfalle. Glaubt denen nicht, die da prophezeien,
+ich würde über kurz oder lang dennoch heruntergeholt.
+Beugt euch, ihr heidnischen Völker, in Glauben und Demut
+vor mir. Ich bin das Christentum. Ich bin die Erlösung.
+Die Freiheit, die Arbeit, das Glück, die Lebensmöglichkeit
+für alle ... Ich bin der Menschheitsfortschritt ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ein feiner, in messerscharfen Strichen heruntergerissener
+Regen rann. Rann senkrecht und wagrecht und schlang sich
+plötzlich um Peter herum, ein fließendes Gitter ... Ein
+unentwirrbares Regendickicht. Bis ein gewaltiger Lichtsturz
+niederschoß ... das Regengitter durchschmolz ...
+</p>
+
+<p>
+Unter der Glut einer roten Sonne löste es sich auf.
+</p>
+
+<p>
+Peter stand frei in einer unbegrenzten Landschaft.
+</p>
+
+<p>
+Eine unendlich tiefe, jubilierende, glanzblaue Klang-Mulde
+war die Welt. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ein Genosse reichte ihm die Hand.
+</p>
+
+<p>
+Die Hand Peters war farblos geworden, alles Blut hatte
+sich in das Herzinnere zurückgezogen, Peter sah auf seine
+Hand hinab: da lag sie vor ihm auf der bunt gewürfelten
+Bettdecke, groß, ausgeruht, unfaßbar fremd.
+</p>
+
+<p>
+„Gute Nacht! Peter!“ nickte der Genosse ihm zu. „Hasts
+gut gemacht! Hab keine Zeit, viel noch zu schaffen. Muß
+jetzt weiter ...“
+</p>
+
+<p>
+„Bleib wohlauf!“ antwortete Peter, und das schon aus
+einem sehr tiefen, wie mit einer samtenen Nacht ausgelegten
+Hintergrund hervor: „Laß dirs gut gehen! Du schaffst es
+schon! Zähne fest zusammenbeißen. Weiterarbeiten so. Nicht
+wahr ...! Denn das eine steht heute unumstößlich fest:
+mag der Einzelne auch fallen, das Ganze, die proletarische
+Klasse siegt! ...“
+</p>
+
+<p>
+Das sprach Peter schon wortlos.
+</p>
+
+<p>
+Der Genosse hörte es nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
+Dieser Genosse, von dem Peter jetzt Abschied genommen
+hatte, war aber nicht ein einzelner. Keine Einzelperson. Er
+war anonym, namenlos, dieser Genosse war: die Partei,
+dieser Genosse war: das Proletariat, dieser Genosse war die
+Masse aller Ausgebeuteten und Verelendeten. Dieser Genosse
+war die siegreiche Revolution.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Genosse hieß auch: die Zukunft der Welt. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Peters Lippen bewegten sich immer noch.
+</p>
+
+<p>
+Nun versank er in sich.
+</p>
+
+<p>
+Die Augen glühten glanzweiß ...
+</p>
+
+<p>
+Menschenmassen schrieen gegeneinander. Menschenmassen
+schoben immerfort kämpfend sich aufeinander zu ...
+</p>
+
+<p>
+Die Geräusche bewegten sich jetzt von ihm fort, wie ein
+Blätterschwall, der dicht über den Boden dahinfegt.
+</p>
+
+<p>
+Noch einmal wölbte sich ein Wipfel von Geräusch über
+ihm: Schüsse, Schreie, Knochensplitter ... Der Wipfel
+schwang schmetternd über ihn hin ... Und es wurde
+Herbst ... Der Wipfel entblätterte ...
+</p>
+
+<p>
+Es wurde traumhaft ruhig um ihn ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Trotzdem nun Peter ganz mit sich allein in der vergitterten
+Zelle lag: so wenig einsam wie jetzt war er in seinem
+Leben noch nie. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-8">
+<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
+<span class="firstline">7. Kapitel.</span><br>
+Vom einzig gerechten Krieg
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="ctoc">
+Das „Neue Leben“. – Wie es im
+Himmel aussieht! Und auf Erden?!
+– Gespensterlandschaft. – Vom
+einzig gerechten Krieg. – Im Anfang
+war die Arbeit. – Fleisch.
+Blut. Knochen. – Denen, die in
+Ketten träumen. – Roter Marsch.
+– Gesang der Welteroberer.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p class="sectiontop note">
+<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
+Wir lassen hier die Aufzeichnungen folgen, die Genosse
+Peter Friedjung uns hinterlassen hat.
+</p>
+
+</div>
+
+<h3 class="section1" id="chapter-8-1">
+<span class="firstline">I</span>
+</h3>
+
+<p class="right">
+Im Anfang war die Arbeit
+</p>
+
+<p class="first">
+„Es sind nun schon einige Jahre her, daß ich das bürgerliche
+Leben verließ, in dem ich bisher, wenn vielleicht auch
+absonderlich und phantastisch, lebte. Daß eine Brücke nach
+der anderen ich hinter mir abbrach, bis endlich auch die
+Konturen dieses alten Lebens immer mehr schwanden, ich
+auf der neuen Erde Tag für Tag fester Fuß faßte, neue
+Menschen fand, neue Kameraden gewann, und ich mit
+meinem Vorleben, das ja auch nur ein bescheidenes Plätzchen
+innerhalb der allgemeinen bürgerlichen Verworfenheit
+darstellte, mich nurmehr dergestalt beschäftigte: den
+eisklaren revolutionären Vernichtungsplan im Gehirn;
+konkreten Willens, exakt und zweckmäßig gearbeitet wie
+ein modernes Brechwerkzeug; ein unerschütterliches Bollwerk
+von Haß gegen jede Form von Menschenausbeutung
+im Herzen; die Waffe in der Hand.
+</p>
+
+<p>
+Die Realität dieses vergangenen Lebens ist notwendigerweise
+eine gespenstische.
+</p>
+
+<p>
+Dieses Abschiednehmen, dieses Zurückweichen der Uferlinie
+mag, wie mir bekannt ist, am besten, wenn auch auf
+typisch kleinbürgerliche und idyllische Art und Weise, seinen
+Ausdruck gefunden haben in jenen Worten aus Strindbergs
+„Entzweit“ wo es am Schluß heißt:
+</p>
+
+<p>
+„Und so fuhr er wieder in die Welt hinaus. Als der
+Dampfer an dem schönen Herbstabend sich den Strom hinaufarbeitete,
+sah er noch einmal das Häuschen, dessen Fenster
+jetzt leuchteten. Alles Böse und Häßliche, das er dort
+gesehen hatte, war jetzt verschwunden; er empfand kaum
+eine flüchtige Freude, diesem Gefängnis, in dem er so unerhört
+gelitten hatte, entronnen zu sein. Nur Gefühle der
+<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
+Dankbarkeit und der Wehmut ergriffen ihn. Einen Augenblick
+zog das Band, das ihn an Weib und Kind fesselte, so
+stark an, daß er sich ins Wasser stürzen wollte. Dann aber
+drehten die Schaufelräder den Dampfer einige Male kräftig
+vorwärts, das Band dehnte sich, streckte sich – und riß.“
+</p>
+
+<p>
+Und riß! –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Nun zeichne ich hier die Kurve dieses Wegs der Ablösung
+auf, einer Kurve, die oft einer Fieberkurve gleicht.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Zuchthausmauern, Hinrichtungen, Verfolgungen, Leichenhaufen,
+lohnend bezahlter Meuchelmord: das ist die Landschaft,
+durch die dich der Weg auf seiner neuen Richtung,
+die er genommen, hindurchführt. Dein Schritt ist nicht mehr
+eines Einzelnen Schritt, du schreitest im Gleichtakt, du
+schreitest ihn als Kampfkolonne.
+</p>
+
+<p>
+Hinter dir, weit hinter dir der andere Teil der Menschheit
+auf seinem verlorenen Posten, überwuchert von seinem
+eigenen Pesthauch wie von Giftschwaden; rache-fletschend,
+geifernd, verleumdend, zu jeder Untat und Gemeinheit
+allzeit bereit: die Profitrate sinkt – ein panisches Gezeter:
+und nun lassen sie hervorstürzen aus den Zwingkäfigen
+ihrer Kasernen, sie, die schöngeistigen Ruhmredner auf Kultur
+und Zivilisation, schlimmer als Hunnenhorden, die von
+ihnen im Namen des Vaterlandes gedungenen Söldnertruppen
+und die Garden der Streikbrecher, von Arbeiterverrätern
+und bornierten Gewerkschaftsvertretern kommandiert;
+Studenten- und Freiwilligenbataillone, durch
+deklassierte Offiziere, abenteuer-lüsterne Professoren und
+Pfaffen auf <a id="corr-47"></a>Arbeitermasscacres abgerichtet.
+</p>
+
+<p>
+Polizeirock, Windjacke, Uniformfetzen stürzt sich auf Arbeitskittel:
+</p>
+
+<p>
+„Jib ihm Saures!“
+</p>
+
+<p>
+Oder:
+</p>
+
+<p>
+„Komm mit! Kusch dich! Oder sonst beißt sich was –“
+</p>
+
+<p>
+Und das letzte Stadium des Martyriums des blutdurchtränkten
+Arbeitskittels beginnt: endend mit jahrelangen
+<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
+Zuchthausstrafen oder „An die Wand“, und angefangen mit
+ausgeschlagenen Zähnen, ausgerissenen Augen und Rippenbrüchen
+schon bei der Verhaftung, auf dem Transport oder
+auf der Wachtstube. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Auseinanderfallen der Weltwirtschaft. Unfähigkeit des
+Kapitalismus, irgend eines der großen internationalen
+Probleme zu lösen. Valuta-Chaos. Unlösbarkeit der Reparationsfrage.
+Verschärfte Krisenperiode. Einengung des
+Weltmarkts. Uneinheitlichkeit der Konjunktur. Unerträgliche
+Spannung zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften.
+–
+</p>
+
+<p>
+Aber nur neue Terror-Akte gegenüber der werktätigen
+Bevölkerung produzierten diese Tatsachen, und, maskiert
+durch die Kulisse einer pazifistischen Aera, häuften sich
+allenthalb die Explosivstoffe. Unter unsäglichen Leiden und
+Opfern der von den Produktionsmitteln künstlich Abgetrennten,
+der die Fundamente der Gesellschaft mittels des
+lebendigen Kitts ihres Herzbluts, ihres Schweißes, ihrer
+Tränen gerade noch notdürftig Zusammenhaltenden: arbeitete
+in allen Fugen krachend weiter der altmodische und
+an den wichtigsten Stellen schon völlig unbrauchbar gewordene
+Welt-Mechanismus.
+</p>
+
+<p>
+Der ganze Apparat taugt eben nichts mehr, funktioniert
+nicht mehr, kommt nicht in Schwung ...
+</p>
+
+<p>
+Auch die Kolonialvölker hatten zugelernt, rebellierten.
+</p>
+
+<p>
+Jeder, auch im entlegensten Weltwinkel, hatte allmählich
+eine genügend hinreichende Dosis Erfahrung geschluckt.
+</p>
+
+<p>
+Unentwirrbar das Riesenknäuel der machtpolitischen
+Probleme –
+</p>
+
+<p>
+Und die internationale Bourgeoisie bereitete trotz Völkerbund
+und gegenteiliger scheinheiliger Versicherungen bereits
+in ihren Flugzeugwerkstätten und chemischen Giftgasversuchslaboratorien
+einen großartigen Start vor zu neuen
+imperialistischen Weltkriegen.
+</p>
+
+<p>
+Immer wieder von neuem dazwischen heftige elementare
+Ausbrüche ihrer inneren unüberwindbaren Interessengegensätze
+...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
+Auch kamen die aufgewecktesten Teile des Proletariats
+endlich dahinter, wie höllisch-friedlich in Wahrheit so ein
+imperialistischer Frieden war.
+</p>
+
+<p>
+Recht energisch knurrten schon ihre Reihen:
+</p>
+
+<p>
+„Mißtrauen! Mißtrauen der menschenfressenden Kanaille
+gegenüber bis zum Aeußersten!“
+</p>
+
+<p>
+Und:
+</p>
+
+<p>
+„Ein Narr, wer Tigern predigt Pflanzenkost!“
+</p>
+
+<p>
+„Euer herrlicher Frieden: eine Fortsetzung eures glorreichen
+Kriegs wohl, mit anderen Mitteln, was!?“
+</p>
+
+<p>
+„Und wenn es schon einen „trockenen Putsch“ gibt, warum
+soll es nicht auch einen „trockenen Krieg“ geben?“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wahre Volksschlächter- und Massenhenkernaturen entstanden
+auf diesem, von Fäulniskeimen durch und durch
+unterminierten Boden.
+</p>
+
+<p>
+Professionelle Sadisten im Dienst der politischen Polizei,
+Gewohnheitsverbrecher, Verräter, Denunzianten, Attentäter,
+lebendige Marterinstrumente, menschliche Folterbestien,
+Lockspitzel, geriebene Erpresser: das marschierte wie
+ein Heer auf, verschlang, ein parasitäres Geschwür mörderisch
+durchseuchend den ganzen Volkskörper, Unsummen vom
+Staatshaushalt; denn diese, teils aus Unzurechnungsfähigen,
+teils aus Menschendreck rekrutierte Geheimarmee
+wollte eben auch gut bürgerlich leben und zählte nach
+Hunderttausenden.
+</p>
+
+<p>
+„Mit Stumpf und Stiel ausrotten ...“
+</p>
+
+<p>
+Dieser Plan gegenüber dem klassenbewußten revolutionären
+Proletariat aller Länder kristallisierte sich also im
+Lager der zu einem eisern-gelenkigen Abwehrblock zusammengeschweißten,
+mit den raffiniertesten Großkampfmitteln
+ausgerüsteten internationalen Welt-Bourgeoisie immer
+deutlicher. Ob mit Hilfe des Faschismus oder mit Hilfe der
+Sozialdemokratie, d. h. mittels einer sogenannten „Arbeiterregierung“,
+ob offen, brutal oder ob pazifistisch, demokratisch,
+illusionistisch: das war eine reine Taktikfrage, und
+<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
+man war sich einig darüber drüben: das wird den verschiedenen
+Zeitumständen und Kräfteverhältnissen entsprechend
+abwechselnd, je nachdem, einmal so und einmal so, gehandhabt.
+</p>
+
+<p>
+Welt-Mobilisation.
+</p>
+
+<p>
+Front gegen Front.
+</p>
+
+<p>
+Es riß durch –
+</p>
+
+<p>
+Und es riß durch bis auf die Sprachverbindung hinab, bis
+hinab auf die gleiche Erlebnismöglichkeit:
+</p>
+
+<p>
+Front gegen Front heißt: Sprache gegen Sprache, Gefühlsausdruck
+gegen Gefühlsausdruck, heißt Denkart gegen
+Denkart, heißt Anschauungsform gegen Anschauungsform,
+heißt Weltbild gegen Weltbild.
+</p>
+
+<p>
+Denn eingetreten schon waren wir in das Zeitalter der
+alle Erdteile umspannenden, der die Welt-Zukunft entscheidenden
+Riesenklassenschlacht. Die Klassenkräfte gruppieren
+sich, die Klassenkräfte manövrieren gegeneinander –
+</p>
+
+<p>
+Druck und Gegendruck –
+</p>
+
+<p>
+Und gewaltig drückte herein das Rote Rußland, ein Einhundertundfünfzig-Millionen-Volk;
+einhundertundfünfzig
+Millionen, Arbeiter- und Bauernmassen, warfen sich jetzt,
+ein drückendes Gewicht, in die Wagschale; Rote Erde, ein
+Sechstel des Erdteils ... Und dahinter die aus dem Bann
+jahrtausendelanger Knechtschaft erwachenden, zu Meeren
+aus Schmelzglut verwandelten Völker des Ostens ...
+</p>
+
+<p>
+Der Zeiger rückt vor in das letzte Viertel auf dem
+Ziffernblatt des Menschheitsmanometers. Die Alarmpfeifen
+an den Sicherheitsventilen trillern. Die Stahlhäute
+schwitzen. Der Augenblick der Sprengung ist nah! Die
+Stahlhäute werden rissig, beulen sich aus, dehnen, zerren,
+biegen sich – – –
+</p>
+
+<p>
+Mit ewigkeitstriefenden Lippen beschwören zwar noch
+ihre imaginären, verschiedenartig uniformierten Götter die
+Fetischgläubigen, das gerechte, ja nur allzu gerechte Verdammnisurteil
+der lebendigen Geschichte von den Häuptern
+der heute Herrschenden gnädiglichst abzuwenden: immer
+eindringlicher aber, selbst bis in die letzte unscheinbarste geringste
+<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
+Alltäglichkeit hinein, kündigt sich an die gewitterschwangere
+Atmosphäre einer End-Phase. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wie je nur einer, so habe auch ich vormals begeisterungsinnig
+genug verehrt sie alle, die Meisterwerke euerer Dichtung,
+euerer Malerei, euerer Musik, euerer Plastik; ich
+selbst war einer jener „Verklärer“, jener Ekstatiker der
+Apotheose des „Abgrunds“; durchgeforscht habe ich mich durch
+alle Gefühlswildnisse und weisheits-süchtig mich durchgedacht
+durch die Labyrinthe eueres an Komplizierungen und
+Kombinationen so berauschend reichen, ja überreichen
+Denkens, durch alle scheinbar so lückenlos gefügten philosophischen
+Systeme hindurch, grausam-offen sprechende Zeugnisse
+des von euch zwangshaft nie und nimmer zu lösenden
+Widerspruchs. Kindlich staunend aufgeblickt habe ich zu den
+siebenmalsiebentausend Wundern euerer Maschinentechnik,
+euerer genialen Organisationskunst, zu der, wie ihr gern
+wahrhaben möchtet, metaphysisch-einheitlichen Geordnetheit
+eueres Weltbilds – – – aber ich habe den Blutsumpf
+auch mit eigenen Augen gesehen, auf dem euere Kultur
+erbaut ist, und ich habe den selbstverständlichen Mut
+geschöpft daraus, sie, und dadurch vor allem auch das, was
+in meinem eigenen Dasein damit zusammenhängt, rücksichtslos
+durch die Tat zu verneinen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-8-2">
+<span class="firstline">II</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Man kann einem Menschen nicht zum Vorwurf machen,
+daß er in der bürgerlichen Gesellschaft gelebt hat. –
+</p>
+
+<p>
+Der eine: zerfetzt, den Körper mit Wunden bedeckt –
+kämpft sich durch. Ob er den Uebergang gewinnt!? Und
+dann, ob er nach diesem gewaltsamen, oft mit Gehirnzerrüttung
+und Gesundheitsschädigung erkauften Durchbruch
+noch soviel an lebendiger Kraft erübrigt hat, um auf der
+Kampffront der werktätigen Millionenmassen seinen Mann
+zu stellen: vorn, in der offenen Feuerlinie, im Nahgefecht,
+bei der täglichen Kleinarbeit!? Denn das „Neue Leben“,
+die Revolution, sie erfordert dich ganz. Sie verlangt unerbittlich
+<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
+eine unendliche Fülle von exaktem Wissensmaterial
+von dir; sprunghafte Kühnheit zugleich und zweckhafte
+Fähigkeit ... Heroisch zu sein in den heroischen
+Momenten der Geschichte ist leicht. Aber von nun an heißt
+es: Spanne dich! – und wenn auch nur ein erbärmlicher
+sozialdemokratischer Gewerkschaftsbürokrat die Scheibe ist –
+auch dahinter leuchtet das große erhabene Ziel: auch da
+mußt du dich hindurchschießen!
+</p>
+
+<p>
+Ob man die Möglichkeit der Gedankenvereinfachung noch
+hat!? Die Möglichkeit des Sichinbeziehungsetzens mit dem
+Ausdrucksorgan der Ausgebeuteten, der eine andere
+Sprache spricht als die deine ist, die aber auch von nun an
+die deine werden wird. Ob du dich damit bescheiden kannst,
+zu lernen, weiter nichts als zu lernen, dich durch die asketisch-strenge
+Schule der Partei hindurchzukneten, ein
+Lernender zu sein, nichts weniger und nichts mehr als nur
+ein Lernender ... Rücksichtslos alle deine bürgerlichen
+individualistischen Exzesse aus dir auszuschneiden ... Um
+eines Tages durch deine Arbeit dein neues Heimatrecht dir
+zu erobern: vom Proletariat als seinesgleichen adoptiert zu
+werden ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Das Gehirn in jenem „Alten Leben“ wird abstrakt, wie
+eine Windblase, und entfernt sich, irrsinnig phosphoreszierend,
+ins Zeit- und Raumlose. Du schwelgst zwar in einem
+gewaltigen Pathos, aber es ist jenes berüchtigte romantische
+Pathos der Distanz, das Pathos vom Wissen des Niejeverwirklichenkönnens,
+das Pathos der hoffnungslosen Unüberbrückbarkeit
+zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll.
+</p>
+
+<p>
+Andere geifern sich darüber hinweg mit Zynismen.
+</p>
+
+<p>
+Es ist ein und dasselbe. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ob man sich selbst herunterholen kann!?
+</p>
+
+<p>
+Herunter bis auf diese naheste aller Erdnähen, bis zu
+diesem festen granitenen fundamentalen Grund: Klassenkampf,
+Klassensolidarität, Parteidisziplin, Parteiehre!?
+Darnach, nachdem das ganze Dasein ausgelaugt von der
+bürgerlichen Gifthölle ist oder millionenscherbig zersplittert!
+<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
+Und man sich mühselig von neuem wieder zusammenklauben
+muß! ... Dreivierteln seines Menschendaseins den Todesstoß
+versetzen muß, um mit dem übriggebliebenen, ach so
+spärlichen Restviertel von vorne, ganz von vorne zu beginnen!?
+...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Nun, ich habe viele kennen gelernt, die auf diesem Wege
+gefallen sind, zu etwas Besserem geboren als zu farblosem
+Verzicht und ruhmlosem Opfertum: freiheits-fanatische,
+prächtige, an allem Wahren und Schönen entzündbare und
+alle Menschen rings um sich mitentzündende, gemeinschaftssüchtige
+Menschen; Menschen, in ihrer Jugend wie Kraterberge,
+mit explosiver Lava angefüllt, rissig rings von einem
+ununterbrochenen ekstatischen Bersten; Jahr für Jahr aber
+mehr und immer mehr abglühend bis zu einem wandelnden
+Aschenhaufen, durchdunkelt von unheilbarer Schwermut.
+Manche von ihnen schüttelten sich in dem ihnen von der Gesellschaft
+angeborenen brennenden Kettengewand oft rasend
+wie Berserker. Sie waren allesamt wissend, zum mindesten
+aber ahnend, und in Gesprächen gelegentlich oder in einem
+hingezuckten Blick verrieten sie ihr Geheimnis.
+</p>
+
+<p>
+Wie lautete ihr Geheimnis?
+</p>
+
+<p>
+Einfach:
+</p>
+
+<p>
+„Die Lebenskraft reicht uns eben nicht mehr hin, herüber,
+herauf über den Rand zu kommen. Man bleibt hilflos,
+einsam hängen wie in einem ungeheuren Rauchfang
+im Weltabgrund ... Man läßt los. Ein Traum, ein violetter
+vielleicht, wenn Sie wollen, von einem seligen, vergessenheitstrunkenen
+Absturz. Fratzenhaft das alles, grimmassierend
+... Ein elektrischer Einstich jeder Sternblick.
+Alles Leben ist gläsernes Schweben ... Ueber metallisch
+fließende Traumsteppen hin uferloses Tonwehen ... Die
+Atmosphäre, die Atmosphäre, die ist es ... Sie ist zwangshaft
+... Ein unheimlich unsichtbarer, mörderischer Fetisch ...
+Unentrinnbar umklammert von einer mystischen Gefühls-
+und Denkzange: ein mystischer Terror: man – kann nicht
+mehr.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
+Solchen kann man wirklich nicht zurufen:
+</p>
+
+<p>
+„Nur Mut!“
+</p>
+
+<p>
+Das ist das völlige Abgekämpftsein, ein Bruchton aus der
+Symphonie des bürgerlichen Klassensterbens, das in seltsamen
+Klangkombinationen hinschmelzende Finale der
+physiologischen Gebrochenheit.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Welt-Rätsel!? Ihres Welträtsels Unergründbarkeit!?
+</p>
+
+<p>
+Sie fanden nicht mehr den Anschluß an die allein rettende,
+an die alleinig heilende Realität dieser Erde, an die einzig
+die Menschheitserlösung erkämpfende Macht dieser Erde, an
+das Proletariat, an die Kampftruppe der Zukunft – und
+so würgten sie sich selbst ab unter metaphysisch-grotesken,
+oft harlekinhaften Todesgesten im Luftleeren.
+</p>
+
+<p>
+Mit welchem Aufwand an Sentimentalität, Zärtlichkeit,
+Andacht bauten sie sich aus in dem auf dem Boden des Nichts
+errichteten Elfenbeinturm ihrer Individualität für jede
+Laune, für jede Absonderlichkeit ein eigenes Wohngemach;
+ganze Appartements darin für treibhausdünstiges „Höhenleben“
+–: bis eines Tages dieses künstlich aufgeführte Gebäude
+schwankte und zu dem zusammenstürzte, was es war:
+zu einem Häufchen von Daseinsmoder, Lebensekel und
+verworrener, ihrer blendenden Umschalung entkleideten
+Weltlüge.
+</p>
+
+<p>
+Sie endeten alle mit Selbstmord, ob sie nun Hand an sich
+legten oder nicht.
+</p>
+
+<p>
+Auch ihr Wahnsinn war Selbstmord.
+</p>
+
+<p>
+Man kann sie nicht verurteilen, man kann sich nicht zum
+Richter aufwerfen über sie.
+</p>
+
+<p>
+Hier gibt es nur das eine:
+</p>
+
+<p>
+„Es ist schade, jammerschade.“
+</p>
+
+<p>
+Ueber alle diese „Zu-kurz-Gesprungenen“ schreibe ich als
+Epilog:
+</p>
+
+<p>
+Ich weiß, welches unausmeßbare Maß an Schmerzen ihr
+erlitten habt. Ich bin fähig und ich bin auch willens, sie
+mitzuleiden. Mancher von euch hat tapfer sich gewehrt;
+<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
+jahrelang, jahrzehntelang sich tapfer gewehrt, bevor er die
+Arme verschränkte oder die Hände faltete ... Wieviel, o
+wie unaussprechbar viel an unausgelebter Kameradschaftlichkeit,
+Herzensgüte, Menschenwärme, Lebensschwung ist
+mit euch dahingegangen! Legionen von Begabungen unbarmherzig
+erdrosselt! Ausgehungert irrtet herum ihr oft
+monate-, ja jahrelang; ausgehungert bis auf den nackten
+Knochen ... In diesem menschenschlächterischen, menschenunwürdigen
+Menschheitszustand: was wird nicht zum
+Spekulationsobjekt!? Euere Trauer, euere Not, euere
+Tränen, euere Verzweiflung, euer Angstschweiß, euer Verfolgungswahn,
+jede Pille der Bitternis, die ihr geschluckt
+habt, jede Art euerer Marter bis zum letzten Todesröcheln
+... Das alles ... Und mehr noch ... Geduldet,
+gedacht, gefühlt, von Leidensstation zu Leidensstation gehetzt
+– für wen?! Warum?! Wozu?! ... Für nichts und
+wieder nichts! ... Hoch über der Sinnlosigkeit jeder Einzel-Existenz
+thront, weiter behäbig sich mästend, der Welt-Unsinn
+... Nicht eine Sekunde lang währte sein ach so oft
+euch flammend versichertes Beileid! ... Dem Fresser dientet
+ihr nur dazu, sich mehr noch anzufressen; dem Geilen nur,
+sich von neuem aufzugeilen. Kein einziges seiner Massenopfer
+habt je ihr den Massenmördern abgerungen. Euere
+Waffen waren stumpf geworden mit der Zeit, ihr merktet
+es vielleicht selbst nicht, aber sie ritzten nurmehr ganz an
+der Oberfläche die wie zu einem Panzer geronnene Menschenhaut
+... Da liegt ihr nun mit eueren gerupften Traumflügeln
+auf dem Abfallhaufen der Geschichte ... Wir
+haben es nicht nötig zu schwören: denn wir selbst sind gestaltgewordene
+Schwüre der Rache ... Aber die Geschlechter
+aller heute Herrschenden zusammengenommen:
+was ists mehr denn ein elendes Häuflein Menschendreck ...
+</p>
+
+<p>
+Wir aber haben keine Zeit, euere Gräber auszugraben,
+keine Zeit, euch zu mumifizieren, keine Zeit weder zu einer
+Verklärung noch zu einer elegischen Gloriole ... Wir haben
+nur Zeit, uns zu rüsten, damit wir bereit sind, wenn es
+wieder soweit ist, diese barbarische Menschengesellschaft mit
+dem Bajonett zu sondieren. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-8-3">
+<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
+<span class="firstline">III</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Der imperialistische Frieden war ein Krieg gegen das
+Proletariat. Und nicht nur gegen das Proletariat, sondern
+auch gegen die Mittelschichten und jeden einzelnen
+Kleinbürger.
+</p>
+
+<p>
+(Nach einem der Fundamentalsätze der Lebenseinsicht:
+lerne scharf zu unterscheiden zwischen der Phraseologie einer
+Sache und dem Inhalt einer Sache; oder: nicht auf das,
+was einer sagt, kommt es an, sondern darauf, was einer
+tut. Auf die Fäuste sehen! Worte sind Lügenbeine!)
+</p>
+
+<p>
+Da lebt man nun so ein Leben lang herum: Feierabend
+– und man kriecht sich wieder herein in seine zwei blümchentapetenüberzogenen
+Wohnlöcher, an Körper und Geist
+gleichermaßen erfrischt durch einen kräftigen, herzhaften
+Vierzehnstundentag ...
+</p>
+
+<p>
+Für wen das eigentlich?! –
+</p>
+
+<p>
+Und da gibt es so eine gottverfluchte ketzerische Lehre
+vom Mehrwert! ...
+</p>
+
+<p>
+Und das Kätzchen schnurrt so idyllisch-warm am Sims,
+neben dem Nähkorb, und vielleicht auch so ein Kanarienvogelgeripp
+in einem Goldstabkäfig, der Fliegenfänger
+hängt herab von der Decke in der Mitte des Zimmers, dicht
+besät mit den noch zappelnden Pünktchen der Schmeißfliegen.
+Unten im Hof wimmert die Drehorgel, auf den Dächern die
+Armeleutewäsche im Abendrot –
+</p>
+
+<p>
+Man knurrt, wird bissig wie ein Köter. Mit den Kollegen
+hälts auch schwer, sich zu vertragen ... Man müßte
+sich eigentlich wieder mal tüchtig sattessen und ordentlich
+ausschlafen ... Das ganze hundsverreckte Dasein taugt ja
+so zu nichts ... Man ist angesäuert wie gestockte Milch ...
+Aber vielleicht: ’s langt doch noch einmal zu einer Laube
+und darnach auch zu einem Einfamilienhaus ... Deutschland:
+’s geht vorwärts, es bessert sich von Woche zu Woche,
+wenn die Arbeitszeit auch steigt und der Reallohn auch
+sinkt ... Die Rentenmark bleibt stabil ... Ueberall stehts
+ja zu lesen ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
+Man spielt Fußball, hört Radio ... Siehst du wohl!
+Recht muß Recht bleiben. Auch das Volk hat sein Vergnügen.
+Auch verheiratet man sich frühzeitig: man hungert,
+friert, man klöhnt zu zweien und ein regelmäßiger Beischlaf
+ist gesichert ... Ach, außer dem gibt es noch tausend,
+abertausend schöne Dinge, die einen von der Beantwortung
+der Grundfrage seines eigenen Daseins abziehen. Ja, die
+Fragestellung selbst: sie ist gründlich in Frage gestellt – –
+</p>
+
+<p>
+Und des Sonntags wackelt man sich hinaus ins Freie,
+die Familie lüftet sich, das ist doch immerhin schon ein ganz
+reeller Vorgeschmack vom Paradies.
+</p>
+
+<p>
+Nun, und auch der „Große Unbekannte“ erscheint in
+mannigfaltiger Gestalt. Er streckt ausgerechnet immer gerade
+dort seinen anbetungswürdigen klotzigen Schädel hervor,
+wo das eigene Elend-Dasein das mit bestem Willen
+nicht mehr zu verkleisternde Loch hat. An jeder Bruchstelle
+erscheint er, der liebe Wundermann. Er hängt am Kreuz,
+steigt widerspruchslos herunter, sofort, wenn z. B. der
+Kaiser sein Volk zu den Waffen ruft, und bedient ein Maschinengewehr,
+nimmt die Parade ab als S. M. oder hurt
+hurtig in Berlin herum, bis auf Widerruf in der deutsch-nationalen
+Presse, als Kaisersohn; drückt freundlich herablassend,
+umstrahlt vom auserwählten Offizierskorps, einem
+Veteranen die Hand, richtet rührend-anerkennende Worte
+vom Dank des Vaterlandes an den Kriegskrüppel; überschüttet
+wieder vom amerikanischen Himmel herab das von
+seinen eigenen Finanzmagnaten bis auf das Weißbluten
+ausgepowerte Deutschland mit einem im herrlichsten Unschuldsweiß
+sprühenden Dollarregen; er ist weder ein
+Wuchererstaat, noch spekuliert er auf Extraprofite aus dem
+Kapitalexport; er ist Fabrikbesitzer, bieder, Treu und Redlichkeit.
+Reserveleutnant, patenter Kerl, versteht was vom
+Geschäft, und wenn er nicht wäre, wo gäbe es dann überhaupt
+sonst noch Arbeit!? –
+</p>
+
+<p>
+„Nur Tagediebe und Müßiggänger bringen es bekanntlich
+in dieser Welt zu nichts. Sei darum auch als Sklave
+ein ganzer, vollkommener, treuer Sklave ... Jegliche Seele
+sei den vorgesetzten Gewalten untergeben, denn es gibt keine
+<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
+Gewalt außer von Gott; die es aber sind, die sind von
+Gott eingesetzt ...“
+</p>
+
+<p>
+Und weiter gehts in der allbekannten Melodie:
+</p>
+
+<p>
+Die Knochen knacken entzwei, die Muskelstränge lockern
+sich, das Gesicht verzerrt sich in unausglättbare Falten, die
+Dichter singen zwar: „Wie ein Fächer tut sich auf dem
+Müden die Nacht“ – aber es ist anders, schade eigentlich,
+aber was tuts auch ...
+</p>
+
+<p>
+Ausgequetscht der Leib wie eine Frucht, und die Haut
+dann fortgeworfen.
+</p>
+
+<p>
+Vaterländische Lieder gröhlend waten Millionen im
+Blutsumpf, ein Schlückchen „Heldenschnaps“ – und wenn
+du grad nicht das übliche Pech hattest, das E.K. I. war dir
+sicher ... Der Füsilier-Feldwebel wettert heute wieder im
+Unterstand herum: die Kaiserbilder sind wieder von den
+Ratten verschlissen ... Und das gewittert zudem bleischwer
+über einem am Himmel; rabiat ... Zum Teufel mit
+diesen himmlischen Heerscharen ... Aber man schmort sich
+ja, so heißt es wenigstens, frischfröhlichgesund in diesem
+Feuerkessel ... Arbeitetest du in einer Phosphorfabrik: fünf
+Jahre – und schon stahlst du dich davon als eine Leiche ...
+Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehn!? ... Pah,
+Quatsch ... Was soll ich mich als Einzelner dagegen auflehnen
+– –
+</p>
+
+<p>
+Mitgefangen, mitgehangen.
+</p>
+
+<p>
+Alles Jacke wie Hose.
+</p>
+
+<p>
+Schnurzegal. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Leib an Leib krümmt sich übereinander.
+</p>
+
+<p>
+Das ganze werktätige Volk ist nichts mehr weiter als ein
+einziger zuckender Schmerzenskadaver, ein fleischerner Berg,
+von abgerissenen Gliedern dicht überwachsen wie von Gestrüppen
+... Der stößt keine lebendigen Schreie mehr aus,
+Millionen erloschener Augen glühen daran schwarz;
+schwärzer, durchdringender als selbst die Finsternis. Unterirdisch
+nur ein unverständliches Murmeln. Hie und da
+Wortfetzen. Hie und da ein fieberiges, feuriges Flackern;
+fernes Alarmheulen ... Und hie und da ängstliches Zusammenrücken
+<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
+an den Tischen der Götter, Halbgötter, Rentner,
+Parasiten und anderer Heiligen:
+</p>
+
+<p>
+„Der Berg ... der Berg ... wehe ... Kommt er nicht
+doch eines Tages über uns ...“
+</p>
+
+<p>
+Aber die ganze Welt ist mit Fatalismen vollgepfropft.
+Alles, was da ist, ist im molkig getrübten Bewußtsein der
+Mehrzahl der Menschen heute noch vernünftig und muß
+eben so sein, der Pfaffe, der Gerichtsherr, der Mehrwerts-Vampir,
+der Journalist: das alles hängt zusammen an
+unsichtbaren Fäden und zappelt sich herum im Weltraum
+im Auftrag jenes großen grandiosen Ueberirdischen ...
+</p>
+
+<p>
+Hah! Und die papierene Sintflut schwemmt befehlsgemäß
+heran!
+</p>
+
+<p>
+Tausende von Laboratorien fabrizieren das so beliebte
+Volks-Opium: Aberglauben, Kulturdünkel, Verstocktheit ...
+Immer wieder und immer von neuem wieder wird erfolgreich
+das Preisrätsel gelöst: wie erhalte ich am besten die
+Massen der Ausgebeuteten in Abhängigkeit und Dummheit?
+... Die Bücherfabriken rascheln, die Zeitungen
+flattern fröhlich wie winzige Papierdrachen von Hand zu
+Hand im Wind ... In wunderbaren Einbänden, mit herrlichen
+verlockenden Titeln geschmückt, auch sonst fein säuberlich
+aufgemacht, präsentieren die Menschenfänger ihre im
+Interesse der Massenverbreitung recht preiswert gehaltenen
+Köder ... Aestheten, Schriftsteller, Gelehrte hocken herum,
+gierig lauernd auf jeden Auftrag, gesellschaftstüchtige
+Heimarbeiter. Sie sind ordentlich elastisch geworden mit der
+Zeit, ihre geistigen Glieder zu Gummi gebogen, sie lernten
+es, sich rasch umzustellen ... Tempo! Das Geschäft verlangt
+es ... An solch originellen Charakteren hat es ja
+bekanntlich nie gefehlt. Und die Kultur muß dem Volk erhalten
+bleiben, koste es, was es wolle. Und der Heldentod
+ist schließlich nur auf dem Papier was wert, in Wirklichkeit
+keinen Pfifferling.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Kinomaschinen rattern.
+</p>
+
+<p>
+Hopla, mein Freund, damit auch deine Augen nicht verhungern.
+Und ein strammer Militärmarsch „Ruck-zuck“
+sorgt für den Ohrenschmaus.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
+Und die Männer der Regierung marschieren auf, liebe
+freundliche Herren, kein Zweifel. Wie schön und blendend
+neu gestärkt ist dem Herrn Präsidenten sein Frackhemd, wie
+ein Harnisch; und einen Blick tut er, einen Blick, sage ich
+Ihnen, aus der Tiefe seiner Seele in die Tiefe deiner Seele:
+akkurat wie durchschaun tut er einen ... Da gibt es sogar
+einen Wohltätigkeitstee, und die ausgemergelten dünnen
+Fingerchen einiger extra ausgesuchter Musterproletarierkinder
+zupfen an der Frau Minister herum: da ist alles
+Samt und Seide, Perlenkettlein und Brillantring ...
+Gottwohlgefällig rauscht dahin über das prima gebohnerte
+Parkett der Hermelinmantel ... Wessen Herz blüht da
+nicht über in Ehrfurcht und Bewunderung ... Und da
+nippt so eine Exzellenz an einer anderen mit einem Handkuß
+... Und stehen da nicht, in holder Umarmung mit
+Unternehmern, Generälen und Bankpiraten aufgenommen,
+hoffähige Gewerkschaftsbeamte, wie aus dem Ei gepellte,
+tadelfrei geschnitzte und ebenholzschwarz mit neuen Paradefräcken
+anlackierte Männlein: sie, die letzten Endes glorreich
+immer wieder sich selbst begaunernden Schlaumeier! ...
+Ihre Rede: ein bedingungsloses zu allem Ja und Amen ...
+An Gründen hinterher, sogar überzeugenden, fehlt es bekanntlich
+ja nie, und sie kommen sogar, einem Eingeweihten
+zwar nicht gerade überraschend, ihren Unterdrückern zu
+Hilfe, wenn diese ausnahmsweise einmal in Verlegenheit
+geraten sind, und offerieren sich ihnen, lakaienhaft lächelnd,
+auf dem Präsentierteller.
+</p>
+
+<p>
+Kanaillen –
+</p>
+
+<p>
+Deutschland über alles –
+</p>
+
+<p>
+Hurra! ...
+</p>
+
+<p>
+Kein Zweifel: diese Herren wollen – das Wohl der
+Volksgemeinschaft scharf im treudeutschen Auge – alle nur
+das Beste.
+</p>
+
+<p>
+Und da verschwindet eben so ein großer Schieber der
+Weltgeschichte, die Aktentasche mit genialen Spekulationsprojekten
+unter dem Arm, im Auto; vierzehn Stunden jeden
+Tag ist er zu Konferenzen unterwegs, und jetzt, spät schon
+<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
+über Mitternacht, noch mit einem ausländischen Vertreter
+eine Verhandlung –
+</p>
+
+<p>
+Und hier der Reichstag: eine stürmische Sitzung zwar:
+aber wirklich nur ein ganz bösartiger kann da bei der
+Betrachtung dieser Ehrwürdigen, von Volkes Gnaden Gesalbten,
+auf den Gedanken kommen: Schafstall ... Das
+Schicksal des Volkes wird hier entschieden: darum, bist du
+katholisch: bekreuzige dich! ...
+</p>
+
+<p>
+Blechmusik, Trommeln, Pauken, ein gellendes Trara –
+Bajonett aufgepflanzt! Andacht! Bravo, die Reichswehr!
+Prächtige Jungens, hieb- und stichfest ... Verwendbar
+zwar vorerst, aber das ist ja grad kein Nationalunglück, nur
+im Bürgerkrieg. Da kann man sich denn auch nicht wundern,
+daß die Sympathie breitester Volkskreise auf ihrer
+Seite ist, besonders, na besonders, wenn man den Kommunisten
+dort als Gegenstück betrachtet: unordentlich, die
+Hose in Fetzen, kein Hemd, nur ein blutbeflecktes Wollsweater,
+tief in seiner Kellerwohnung, wie er dort bei
+Kerzenlicht an seinem Schraubstock Handgranaten aus
+alten Konservenbüchsen fabriziert, und man außerdem
+noch gerade zufällig mitanzusehen freundlicherweise Gelegenheit
+nimmt, wie eben ein anderer Genosse mit gewichtiger
+Miene, durch eine Geheimfalltüre natürlich, eintritt,
+und ihm dann glückstrahlend eine Handvoll Cholerabazillen
+überreicht ... Nach dieser gewitterschwangeren Stimmung
+strahlt selbst der im Kreis seiner Opfer extra für das verehrte
+Publikum photographierte berühmte Massenmörder
+heiter wie ein Sommertag ...
+</p>
+
+<p>
+Und nun noch zum Schluß:
+</p>
+
+<p>
+Badeszene am Lido: bewimpelte Strandflächen, neueste
+Badetoiletten, blitzende Meerwellen – –
+</p>
+
+<p>
+Alles blökt, grunzt, summt –
+</p>
+
+<p>
+Auch die Begleitmusik schwellend-weich, ein gemütvolles
+Tonsofa –
+</p>
+
+<p>
+Gottseidank!
+</p>
+
+<p>
+Großes Welt-Wettschnarchen.
+</p>
+
+<p>
+Es wird wieder behaglich ...
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-8-4">
+<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
+<span class="firstline">IV</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<h4 class="subsection" id="subchap-8-4-1">
+Das „Jenseits“-Panorama
+</h4>
+
+<p class="first">
+So beschaffen ist nun eben einmal die Welt:
+</p>
+
+<p>
+Da sitzen sie also nach wie vor hoch oben auf dem Palmengarten
+des himmlischen Wolkenkratzers, von ihren eigenen
+parfümierten Ausdünstungen umfächelt: die Kaiser und die
+Könige, die Propheten und die Erzväter mit goldenen und
+mit elfenbeinernen Szeptern und mit anderen demagogischen
+Zauberstäben bewaffnet, und um sie herum, vielfach in sich
+gestapelt, die Geschlechter der Menschheitshyänen, der gottwohlgefälligen
+Menschheitsgeißeln und Zuchtruten: Finanzoligarchen,
+je nach den Extraprofiten der Rang, Admirale,
+Minister, Generale, in blendenden, ordensüberklirrten
+Uniformen, Federbusch, Zylinder, Stahlhelm, und die
+violett vom Ewigkeitsatem angehauchten Pfäfflein klappern,
+teils inbrünstig schielend, teils mürrisch geifernd ihre Gebete,
+und er, der Herr dieser aller, blinzelt und schmunzelt,
+und saugt, wohl ein wenig zu wollüstig schlürfend, die narkotischen
+Düfte des Weihrauchs ein und räkelt sich, daß der
+ewigkeitsschwangere Leib beinahe aus dem Leim kracht, auf
+seinem himmlischen Plüschsofa ... Die berühmtesten Medizinmänner
+Europas aber betreuen ihn. Naht mit einer
+Zeitenwende eine Ohnmacht dem Schöpfer der Welt: da
+läuten gellend und wimmernd die unsichtbaren Sturmglocken
+des Himmels, mit Strömen von wunderwirkendem
+Digitalis durchpumpt man das göttliche Herz ... So hatte
+er sich schon einigemale wieder erholt. Nach erfolgter
+Genesung huldigten ihm die Heerscharen bei der
+Himmelsparade. Die Antennen auf dem Himmelssanatorium
+wisperten. Radio-Glückwünsche rieselten herein ins
+Operationsprunkgemach aus allen Ecken der diesseitigen
+und jenseitigen Welt. Nie sangen so innig wie damals die
+Chöre der Heiligen das Halleluja, versammelt mitten im
+Raum auf einer schwebenden Plattform. Auch die purpurn
+glühende Abendwolke weinte vor Rührung. Es lächelten
+selig verzückt die Friedenspalmwedel und die in ihrer
+Einfalt kindisch naiv psalmenstammelnden Weihwasserpinsel.
+<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
+Delegierte erschienen zur Audienz aus allen
+Himmelsbetrieben –
+</p>
+
+<p>
+Diplomaten rutschen heran auf herrlich gepolsterten
+Klubsesseln, die Oberengel spielen jetzt Skat, einer der im
+diesseitigen Jammertal erfolgreichsten Henker bereitet die
+allabendliche Fußwaschung.
+</p>
+
+<p>
+Wieder ein Zug: Epauletten-Helden, die Dirigenten des
+Riesenflugzeugbombenwerfer-Orchesters, die Generalfeldmarschalle
+der Trusts, und preisgekrönt mit den Ordensauszeichnungen
+aller Erdteile, das größte Schmarotzergenie
+dieser Zeit. Konzern-Päpste. Kartell-Kardinäle. Syndikat-Kommandeure
+...
+</p>
+
+<p>
+Etwas abseits, die auserwählten Vertretungen der Arbeiteraristokraten
+und kleinbürgerlicher Emporkömmlinge, in
+leichtgeschürzten Batikgewändern, die Riesenplattfüße in
+blumenbestickten Wollpantoffeln, sie schmauchen blaudunstig
+die Ewigkeit an aus spiralig gewundenen Tabakspfeifen.
+</p>
+
+<p>
+Hier ist der Boden schlüpfrig von lakaienhaftem Gesabber.
+</p>
+
+<p>
+Sie krampfen sich noch jetzt hysterisch jauchzend zusammen
+bei der Erinnerung an die mancherlei unseligen Taten jener
+Abtrünnigen, Kommunisten geheißen, und sie versichern sich
+immer wieder gegenseitig, voll pathetischen Ernstes, Sprechchor
+gegen Sprechchor:
+</p>
+
+<p>
+„Wir sind doch allzumal zahme Haustiere ...“
+</p>
+
+<p>
+Ein donnerähnliches Geblöke erfüllt in dieser Gegend des
+Paradieses die siebenmal siebentausendfach echoenden sphärischen
+Himmel.
+</p>
+
+<p>
+Richter, mit den aus den Fetzen der Todesurteile bunt
+zusammengestückten Talaren; Korpsstudenten, die prominentesten
+Angehörigen der Studentengarden, jedem die Anzahl
+seiner Morde an der Arbeiterbevölkerung am Steiß aufnummeriert;
+berühmte Faschistenhäuptlinge, Polizeispitzel
+und Meuchelmörder. Hier auch Naturapostel und jene
+sonderbaren Heiligen, die die Ankunft des jüngsten Tages
+auf Erden predigten, die prophezeien und weissagen konnten
+aus ihren Exkrementen.
+</p>
+
+<p>
+Da –
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
+Wie Heuschreckenschwärme ... Ein schwarzes Flügelschlagen:
+so stürzt es sich heraus aus dem goldenen Lichtloch
+der Ewigkeit ...
+</p>
+
+<p>
+Und die Maitressen der Reichen und Uebersatten schweben
+vorüber, in der neuesten Mode, pedikürt, manikürt, ein
+jedes Zeitalter, ein jedes Land strömt seinen besonderen,
+gottlobpreisenden Wohlgeruch ... Tipptopp. Totschick. Geschminkt,
+gesalbt, gepudert. Die Haare frisiert wie Stukkatur.
+Fressen in die modrig duftenden Fratzen linienscharf
+hineinziseliert ...
+</p>
+
+<p>
+Maler aller Zeiten haben ihnen leuchtende Glorienkringel
+aufgemalt, auf die Hinterbacken Sprüche tätowiert.
+Schenkel aus Brokat, fließende Gebeine; Dicke wie zentnerschwere
+Fleischsäcke, Spindeldürre wie Drahtfigürchen, bunte
+Kreuzchen statt der Brustwarzen ...
+</p>
+
+<p>
+Da verstummen augenblicks die heiligen Reden und die
+Gespräche und die Gesänge – alles strömt herab von den
+Tribünen und eilt nach den Marmordampfbädern und
+Massagezellen, Knutsch-Dielen und Lustgemächern – und
+der gesamte überirdische Chor ist ein einziges wollüstiges
+Zungenschnalzen. Aller Nasenflügel schnuppern ...
+</p>
+
+<p>
+Halleluja!
+</p>
+
+<p>
+Andere Choräle tönen schon an, von Jazzband und
+Niggertrommeln begleitet, mit absonderlichen Zynismen
+und Zoten vermischt ...
+</p>
+
+<h4 class="subsection" id="subchap-8-4-2">
+Der Blick von unten
+</h4>
+
+<p class="first">
+Und tief unten die Völker der Bauern und die Völker
+der Arbeiter, im Schweiß ihres Angesichts vollbringen sie ihr
+Tagwerk: zur Ehre Gottes, zur Ehre der Menschheit, zur
+Ehre ihres Vaterlandes ... Brot, Fleisch, alle Nahrung, alle
+Kleidung: das alles hebt aufwärts sich wie auf automatischen
+Fahrstühlen, dort breitet sichs aus in den Kammern der
+Vornehmen, in den Küchen der Reichen – und ach, was vom
+Tische des Herrn abfällt: es ist ein dürftiger, ein nur allzu
+dürftiger Brosamen ... Ach, und sieh doch: gibts nicht
+<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
+unter den Christen so viele Wohltäter der Menschheit, sie
+gründen Kinderbewahranstalten und Sparkassen-Bibelvereine
+und veranstalten so seelenstärkende Gefallenenfeiern
+und Heldengedenkfeste, Stierkämpfe und Boxkämpfe, Fußballmeetings
+und Baseballwettspiele, Tennisturniere, Autowettfahrten,
+internationale Pferderennen, und lassen Messen
+lesen zum Besten der noch kümmerlich Lebenden und zum
+Heil der Seelen der glücklicherweise schon Verstorbenen, und
+auch die Kirche, die alleinseligmachende, sie hat ihr Teil
+daran, Sündenablaß gibts, Generalabsolution, richtig deine
+kümmernisbeladene Seele auskotzen kannst du bei der
+Beichte, und wenn du nur schön brav wedelst, hie und da
+auch mal Almosen; Museen werden gebaut, mit den farbenprächtigsten
+Gemälden darin, Eintritt frei, Bibliotheken
+eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in <a id="corr-51"></a>Saffian,
+Bibeln auf Zanderbütten und solche billig wie ein Ei zum
+täglichen Hausgebrauch ... Und Gefängnisse sind da für die
+Atheisten und Uebeltäter und ganz natürlicherweise für
+alle die, die der himmlischen Weltordnung sich einfach nicht
+fügen wollen, und eine moderne elektrische Hinrichtungsmaschine;
+unterirdisch, schön unsichtbar sind dran die Kabel,
+und bequem mit Leder gepolstert Arm- und Rückenlehne,
+beinahe wie ein gotischer Großväterstuhl: das aber nur
+für die Ewig-Rückfälligen oder völlig Unbekehrbaren; denn
+Strafe, Buße und Abschreckung bei humanem Strafvollzug
+zwar muß sein; Ruhe und Ordnung: so will es der Allerhöchste
+Gerechtsame, wie es geschrieben steht im Buch, Seite X,
+Seite Z bis Y, und auch der Soldat tut in diesem wunderlichen
+Weltwerk seine Pflicht: ihm ist das kalte Eisen in die
+Hand gegeben, er soll es führen ohne Scheu, er soll dem
+Feind das Bajonett zwischen die Rippen rennen, er soll
+sein Gewehr auf ihre Schädel schmettern, das ist sein heiliger
+Beruf, das ist sein Gottesdienst.
+</p>
+
+<p>
+Und so ist demnach es unausbleiblich:
+</p>
+
+<p>
+„Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre, die Massengräber
+der Tiefe stinken sein Lob, überall, allüberall ist eitel Glück
+und Friede und Freude und Segen, und auch die Erde trieft
+vor Wonne, ist voll davon.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
+Das ist das Werk der Schöpfung.
+</p>
+
+<p>
+Und siehe da:
+</p>
+
+<p>
+Wie wir gesehen haben und wie wir es an uns erlebt
+haben, Tag für Tag:
+</p>
+
+<p>
+Es war gut, nur allzu gut so. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-8-5">
+<span class="firstline">V</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Der Ausweg aus diesem Menschheits-Irrgarten!?
+</p>
+
+<p>
+Breit und wunderbar eben angelegt, asphalt-glatt, mit
+Phrasen von Menschheitstum gepolstert, mit allen Bürgertugenden
+gepflastert, auf Viadukten über die abgründigsten
+aller Abgründe scheinbar schwebend gespannt, oft mit bengalischen
+Fackeln phantastisch, märchenhaft erleuchtet: das ist
+der Weg, der immer tiefer, gleichsam zwangshaft hineinführt
+ins Labyrinth, ins völlig Ausweglose.
+</p>
+
+<p>
+Offizielle Wegweiser sind angebracht, wie:
+</p>
+
+<p>
+„Hier Rettung aus der Not!“
+</p>
+
+<p>
+„Der richtige Weg!“
+</p>
+
+<p>
+„Pfad der Hoffnung!“
+</p>
+
+<p>
+„Hier: Weg des Fingerzeigs Gottes aus dem Tal der
+Verdammnis!“
+</p>
+
+<p>
+Auch antike, togaumhüllte Göttergestalten sind links und
+rechts, diesem heiteren Lebenskorso entlang aufgestellt, bronzene
+Reiterdenkmäler, Siegessäulen, marmorne Kriegergedächtnishallen,
+und feierlich bewegen sich daher, auf hohen
+Kothurnen stelzend, die Heldengestalten der vergangenen
+Geschichte, berühmte Sprüche orakelnd, manche mit Dreispitz
+oder in Ritterrüstung, Friedrich der Große, der Große
+Kurfürst.
+</p>
+
+<p>
+„Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“
+</p>
+
+<p>
+Oder:
+</p>
+
+<p>
+„Wenn auf unseren verödeten Exerzierplätzen wieder die
+Schritte preußischer Grenadiere hallen, dann gehts mit uns
+aufwärts!“
+</p>
+
+<p>
+Auch für Musik ist auf dieser Wanderung hinreichend
+gesorgt, für Tanz, für Poesie, für Bildung. In den kargen
+<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
+Ruhestunden wirst du ausgiebig mit den erhabensten Gedanken
+gratis gefüttert, Denk-Automaten schnurren, es wird
+für dich gedacht, auf diese Weise wird ein schreckliches Unglück
+verhütet, nämlich: daß du selbst zu denken etwa gezwungen
+wirst. Und würde solch ein Unglück unvorhergesehenerweise
+gar massenhaft auftreten, keine Epidemie
+käme dem an Gemeingefährlichkeit gleich, es wäre das Chaos,
+so ein Zustand wäre für die moderne Gesellschaft unertragbar.
+So schmilzt auch die Stimme des berühmten Professors
+der Gesellschaftskunde herab vom staatlichen Universitätskatheder:
+„Klassenversöhnung! Volksgemeinschaft! Rückkehr
+zum Gottesglauben!“ ... Oder ein anderer, seine Brust
+wölbt sich unter einem Taifun von sogenannter Vaterlandsbegeisterung:
+„Der heiligste Beruf der deutschen Arbeiterklasse
+ist, die deutsche Wirtschaft für alle Verluste, die sie
+im Weltkrieg erlitten hat, schadlos zu halten ...“ Und flugs
+werden Menschenleben und verlorene Landstriche in Arbeitsstunden
+umgerechnet, die der deutsche Kuli nun als Ueberstunden
+hereinzuschuften hat ... Und die ganze Luft ist
+erfüllt wie bei einer mittelalterlichen Hexenorgie mit Idealen,
+Idolen, Phantomen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Das also ist ein eiliges Gekrabbel mit zugehaltenen Ohren,
+verkleisterten Augen, verkniffenen Mündern; kopfüber
+drängt und zwängt sich alles, einer schiebt den andern, rücksichtslos
+gebraucht man den mit einem Eisenstachel noch besonders
+wirksam bewaffneten Ellenbogen, und alles mischt
+sich freudig erregt hinein in die Verwesung; alles maskiert,
+es ist wie bei einem Karneval; alles wird breiig, verschwommen,
+die Umrisse enträndern sich, nun fliegen die
+Menschen dahin als Schemen, nebelhaft, mit Fangarmen,
+künstlichen Rüsseln, unnatürlich sich überwuchernden Gebissen,
+vergespenstert: mit Scheuklappen vor den links und rechts
+sich ruckhaft-mechanisch aufgipfelnden Schädelpyramiden: ein
+Staatsmann zeigt einen neuen Bluff, alle klatschten hypnotisiert
+ekstatischen Beifall, „spontan“, „frenetisch“ wie es
+im Zeitungsbericht heißt, durch einen Gaunertrick zeugt man
+unter geheimnisvollen Beschwörungsformeln ein neues
+polypenartiges Gebilde, den Völkerbund; da heben plötzlich
+<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
+alle die Sektgläser, kreischen „Prost Neujahr!“ fallen sich
+gegenseitig in die Arme vor Entzücken, würgen sich und
+beißen sich aber gleich darauf die Gurgeln durch, und die
+Glocken läuten dazu noch ganz ernsthaft „Friede auf Erden!“
+Sektierer aller Arten nun schwärmen heran, spleenige
+Käuze, Prediger, von denen ein jeder eigensinnigst darauf
+erpicht ist, auf seine nur ihm allein eigene und geschäftstüchtig
+natürlich patentierte, höchst originelle Weise in den
+Untergang zu stolpern; Pazifisten, mit Palmenschweifen
+wedelnd, auf allen Vieren hopsend vor dem von ihnen mitgetragenen
+imaginären Standbild des von ihnen nie zu
+verwirklichenden Weltfriedens; geschäftig verhandeln sie
+unter sich die gegen jedes Blutbad garantiert imprägnierten
+Schutzmäntel ... O Prozession des Todes! ... Und
+Strenggläubige noch, den Bedürfnissen eines modernen Zeitalters
+nicht unbegabt angepaßt: auf fahrenden, in einem
+eindrucksvollen Hundertkilometertempo angleitenden, elektrisch
+betriebenen Betstühlen ... Lachsalven: ein irrsinniges
+Grinsen ... Und das alles mit „Hoppsassa! Heisassa!“ immer
+tiefer hinein in einen riesigen Pfuhl, mit blut- und kottriefenden
+Masken.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Mit Gebälken, Barrikaden und Schranken aller Art aber
+verrammelt ist der Weg, der aus dieser Marter-Höhle herausführt.
+</p>
+
+<p>
+Mit Stacheldrahtverhauen von den Herrn dieser Erde
+abgesperrt, unterminiert, durchtupft mit Wolfsgruben, von
+Schützengräben durchquert, von Schlingen und Fallen umstellt,
+und mit einer Riesenwarnungstafel gütigst versehen:
+</p>
+
+<p>
+„Wer weitergeht, wird erschossen!“
+</p>
+
+<p>
+Polizeitruppen, schweißtriefend, rasen in Lastwagen auf
+und nieder, angaloppieren schneidig die berittenen Hundertschaften
+„zur besonderen Verwendung“, die Gummiknüppel
+flitzen, Säbelschneiden ziehen durch, die Gewehrkolbenschläge
+dröhnen dumpf, Bajonettspitzen zucken, Schüsse knacken ...
+und Panzerwagen, aus allen Luken beinahe lautlos Feuer
+<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
+speiend, kriechen wie stahlhäutige Riesenkäfer hervor aus
+den zu Forts ausgebauten Regierungsvierteln. Gasgranaten,
+Bomben; Maschinengewehre knattern oben aus Flugzeugen.
+</p>
+
+<p>
+Haufen Erschossener.
+</p>
+
+<p>
+Haufen lebenslänglich in Zuchthäusern an die Mauern
+Geketteter.
+</p>
+
+<p>
+Millionen: das Lebensmark ausgesogen von übermenschlichen
+Entsagungen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Haufen zum Tode Verurteilter: wie groß und unendlich
+ruhig stehen sie an der Wand –
+</p>
+
+<p>
+Millionen namenloser Märtyrer:
+</p>
+
+<p>
+Und sie halten sich unverrückbar im Herzen eines jeden
+Lebenden fest, im Kampf den Kämpfern ein gerades Richtzeichen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und aufrecht schreitet diesen Weg trotzdem und trotz alledem
+ein Zug: rußgeschwärzte Gestalten, beinahe nackt, singend,
+unter einer großen roten Wolke als Fahne ...
+</p>
+
+<p>
+Ihre Schritte klirren, klirren wie Hämmer im Takt ...
+</p>
+
+<p>
+Kein Schönredner ist da, der die Gehirne dieser Männer
+auslaugt mit Schwatz und mit Flausen ...
+</p>
+
+<p>
+Rhythmisch, hart schwingend, als ob die Straße selbst
+marschiert, ist es. Die Lebendigkeit, das Leben, die Erde,
+die Welt selbst ist hier in Bewegung; die Erdkugel rollt,
+das Sonnenfeuer dreht sich, das Firmament zieht glanzstark
+auf und nieder, die ganze Natur, alle Kreatur: alles
+marschiert, alles singt hier, triumphierend und kühn, das:
+</p>
+
+<p>
+„Vorwärts!“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ein Kommando ertönt.
+</p>
+
+<p>
+Ist es der Sturm selbst, der menschliche Sprache gewonnen
+hat; das Meer, das aufgewühlte Meer, das schreit,
+schreit und tief hinten am Horizont hochpeitscht, der in
+Millionen Flammensplitter zerspringt!?
+</p>
+
+<p>
+Ein Kommando –
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
+Stürzen die Gräber herauf, stülpt sich der Weltraum wie
+ein sphärische Glasglocke um ... und die Pflastersteine würfelts
+dahin wie kantige Granitschädel – – –
+</p>
+
+<p>
+Wie Lehm ist die Haut des Menschen, alles Blut zieht
+sich bis ins Innerste des Herz-Kerns zurück – – –
+</p>
+
+<p>
+Und die Arme renkt es weit aus dem Körper hervor,
+die Fäuste hängen schon wie rotierende Eisenkugeln dran
+an den muskelschwellenden Gelenken ...
+</p>
+
+<p>
+Ein Kommando –
+</p>
+
+<p>
+Und widerhallen die Stimmen der Wurzeln in der
+Tiefe ...
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Und dies Kommandowort, das die Geschichte den werktätigen
+Massen aller Länder zuruft, heißt:
+</p>
+
+<p>
+Klassenkrieg! –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-8-6">
+<span class="firstline">VI</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Keiner ist so blind, daß er letzten Endes nicht doch noch
+sehend werden könnte. Auch die Verblendetsten sind nicht
+verloren.
+</p>
+
+<p>
+Die gepanzerte Faust der Geschichte meißelt auch die verstocktesten
+Schädel noch auf.
+</p>
+
+<p>
+Auch hier rinnen, über und über verschüttet, Quellen
+unheimlicher Rache, Quellen lebensspendender Kraft.
+</p>
+
+<p>
+Ein magnetischer Streif donnert dahin der Rote Strom.
+</p>
+
+<p>
+Wenn er durch die Städte treibt: die Städte brechen auf,
+die Fabriken ziehen mit, die Werften hämmern sich herein,
+die Schiffssirenen aufruhrtrillern, die Krane neigen sich,
+die Ufer bröckeln: der Strom, der Strom: uferlos, immer
+uferloser wird er ...
+</p>
+
+<p>
+Was ist dieser Strom anderes als befreiungsschmetternd
+aus den alten Welträumen sich ergießendes, alle Dämme
+niederreißendes, jahrtausendelang gemartertes Herzblut!?
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Schlag um Schlag in ihr Angesicht:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
+Auch die Kleinbürger werden eines Tages noch gezwungen
+werden, ihrem Feind ins Auge zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Herunter mit den Scheuklappen, aus ists mit dem Sichherumdrücken,
+Schluß mit jedem Dem-Kampf-Ausweichen,
+Farbe bekennen heißt es, Brust an Brust, Brust an Brust
+gekettet: so beginnt auch hier das Ringen um die Entscheidung
+...
+</p>
+
+<p>
+Langsam, zögernd, mißtrauisch rücken die Kleinbürger in
+die proletarische Front ein: mancher auch im letzten Augenblick
+noch bereit, seine Kameraden, seine Mitkämpfer, sich
+selbst zu verraten.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Erde kracht, die Risse reißen immer tiefer sich
+ein, und sie, die Erde, sie ist mit keiner noch so ausgeklügelten
+Phrase auf die Dauer mehr ganz zu leimen.
+</p>
+
+<p>
+Der Kleinbürger kann sich vorerst sein Vaterland bis in
+alle Ewigkeit hinein nur schwarzweißrot vorstellen.
+</p>
+
+<p>
+Es wird nicht schwarzweißrot sein.
+</p>
+
+<p>
+Es wird nicht schwarzrotgold sein.
+</p>
+
+<p>
+Es wird rot sein.
+</p>
+
+<p>
+Die Kleinbürger täten klug daran, sich beizeiten damit abzufinden.
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Die Welt wird unser sein. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-8-7">
+<span class="firstline">VII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Klassenkrieg –
+</p>
+
+<p>
+Ich habe nicht ein Jahr, nicht zwei, nicht drei Jahre –
+ich habe zehn Jahre lang gebraucht, um dieses Wort auszusprechen.
+</p>
+
+<p>
+Von Angesicht zu Angesicht habe ich dieses Wort geschaut;
+ich war allein mit ihm, so allein, wie nur ein Mensch mit
+sich selbst sein kann ...
+</p>
+
+<p>
+Stirnfetzen, Gerippe, Gerippsplitter; abgerissene bluttriefende
+Fleischstücke von Menschenwangen; niedergestampfte
+Säuglinge, Gehirnmasse, die aus einer von Gewehrkolben
+aufgehauenen Schädelnuß quillt; Mütter, flach
+<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
+an die Mauern gequetscht von dem Luftdruck einer Fliegerbombe;
+milchiges verflocktes Augenweiß; eingeknetet das
+alles zu einem grobknochigen zementfarbenen Brei oder wie
+seifige Lauge oder Mörtel, schon flüssiger geworden; Hautknäuel,
+Fleischknollen, Menschenkadaver, stinkender wie Exkremente;
+Torsos des Grauens, widerlichste Skelettfragmente
+... Transport an Transport der zur Hinrichtung
+Abgeführten ... O, ich habe auch die Stellungen studiert,
+und nicht nur studiert!, dieses Zucken in den Mundwinkeln,
+die unendliche klumpige Gliederschwere, der ganze Mensch
+bis in die letzte Nervenfaser hinein elektrisch knisternd gespannt
+und qualgeprägt: all derer, die, zum Tod verurteilt,
+vor der Gewehrlinie knieen ... Ich weiß, was es heißt, die
+Schlinge im Genick und zehn Sekunden noch sind es, o diese
+ganz unfaßbaren, zeitlosen, weltweiten Sekunden!, zehn
+Sekunden noch bis zum Weggezogenwerden des Schemels
+unter deinen Füßen, und dann, dann der erste Augenblick
+des Freischwebens am Strang – –
+</p>
+
+<p>
+Ich kenne wirklich auswendig das ABC des Kriegs, den
+menschlichen Elementarunterricht des Kriegs sozusagen,
+denn das Vergessenkönnen war nicht meine Tugend. Heilig
+ist mir auch heute noch jeder Tropfen Herzblut – und eben
+darum, und eben darum, weil ich nicht müde werden kann
+zu klagen: o Mensch, du kümmerlicher, du elend dich im
+rohesten Daseinskampf krümmender, du armseliger Wurm.
+</p>
+
+<p>
+Klassenkrieg. –
+</p>
+
+<p>
+Ich habe dieses Wort niedergehalten, trotzdem und trotz
+alledem, in mir: lange genug war ich bereit, die verruchte
+Grimasse dieser Welt mit schönen Illusionen zu umkränzen.
+Ich brachte es einfach nicht über mich, das auszusprechen, was
+ist. Das zu tun, was nottut ...
+</p>
+
+<p>
+Klassenkrieg ...
+</p>
+
+<p>
+Ich werde heute die Zähne zusammenbeißen und, wenn
+der Ekel mich würgt, mit einem kräftigen Fluch dreinspucken
+–
+</p>
+
+<p>
+Klassenkrieg. –
+</p>
+
+<p>
+Es geht nicht anders.
+</p>
+
+<p>
+Darüber kommt man nur mit Schwindel hinweg ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
+Ich habe nun alle Möglichkeiten, nicht nur in meinem
+Gehirn, sondern auch in meinem Blut durchprüft. Erlebnis
+an Erlebnis durchkontrolliert, Erfahrung durch Erfahrung.
+Es sickerte hindurch durch die vielen Jahre wie
+durch einen Filter.
+</p>
+
+<p>
+Bitter zwar und herb, aber die lauterste, durch kein
+Surrogat künstlich verputzte Wahrheit: das ist das Grundresultat,
+der Extrakt.
+</p>
+
+<p>
+„Bitte schön“, nun werden wir sagen, „Bitte schön,
+meine Herrschaften, Essenz gefällig!?“ Denn wir sind
+weder ein Kuriositäten-Kabinett noch ein Album, darin
+man abstrakte Lebensweisheit sammelt ...
+</p>
+
+<p>
+Ich habe die Welt gründlich ausgeschmeckt. Nie und
+nirgends begnügte ich mich nur mit einer Kostprobe. Ich
+habe alle Menschenarten dieser Welt geschmeckt ...
+</p>
+
+<p>
+Und ich komme heim von meiner Irrfahrt, still, sehr
+still geworden, ohne große Worte. Mein eigenes innerstes
+Wesen empfängt mich, mich umarmend, wie eine Mutter,
+bei meiner Heimkehr. Weiter: entdecke! erobere! Und ich
+reihe mich vorbehaltlos der proletarischen Front ein. Alles,
+was ist, alles, was je gewesen war, alle Erwägungen, die
+ich anstelle darüber, was je einst noch sein wird: alles Vergangene,
+Zukünftige, Gegenwärtige drängt mich schlicht,
+völlig naturgemäß zu dieser Entscheidung.
+</p>
+
+<p>
+Sie hat mich organisch zersetzt, dann war es plötzlich
+abrupt, sprunghaft – und die Entscheidung war, lange
+bevor ich es eigentlich selbst bemerkte, gefallen ...
+</p>
+
+<p>
+Klassenkrieg ...
+</p>
+
+<p>
+Rache juckt mich nicht.
+</p>
+
+<p>
+Auch sachlich, kühl wie ein Stein kann ich sein. Nüchtern,
+wie nur der Nüchternsten einer, den Weltgang betrachten.
+Ich bin heute von keinem Fasching der Illusionen mehr gefoppt.
+</p>
+
+<p>
+So sehe ich das unausweichbare Gegeneinandervorrücken,
+das Gegeneinander-mit-den-Spitzen-Zusammenstoßen, das
+explosionsartig Gegeneinander-Aufprallen zweier Welten,
+zweier Weltgruppen, zweier Weltgewalten, und in der
+<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
+Weltmulde offen lagernd das gewaltigste Dynamit unseres
+Zeitalters:
+</p>
+
+<p>
+Der Klassen-Widerstreit. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und ihr?
+</p>
+
+<p>
+Ihr versucht den Klassenkampf hinwegzudekretieren.
+„Volksgemeinschaft“ phrasendrischts heraus aus dem Programm
+der Volksverbrecher: ihr versucht dadurch die Einheitlichkeit
+eueres Weltbilds zu retten, o du hochgepriesene
+Einheit, die du doch nur, immer offenkundiger, eine Einheit
+unauflösbarer Widersprüche bist! O jämmerlich-hilfloseste
+Versuche ihr engstirniger, kurzsichtiger Kretins!
+</p>
+
+<p>
+O ihr oft gar so honigsüß den Weltfrieden anlispelnden
+Verbrecher-Hochstapler und Narren!
+</p>
+
+<p>
+Jede Unterdrückungsmaßnahme von euerer Seite her
+muß, vielleicht zähneknirschend erkennt ihrs, muß, muß nur
+unsere Waffen schärfen. Wir wetzen uns blank an euch wie
+an einem Schleifstein. Und der Griff, mit dem nach unserer
+Gurgel ihr euch streckt: damit reißt automatisch den
+Todesstoß ihr euch selbst in euere Herzmitte.
+</p>
+
+<p>
+Ja, und die schlimmsten Fehler, die zu begehen wir überhaupt
+nur fähig sind, o wieviel unendlich mal richtiger sind
+sie, von der Perspektive der Geschichte der Menschheitsentwicklung
+aus gesehen, als euere lauterste Wahrheit! –
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+So singe ich hin im Kampf zweier Welten, ein stählerngefittichtes
+Schlachtlied, in Riesenschleifen kreisend über
+der Revolutions-Aera.
+</p>
+
+<p>
+Zetert „Hilfe!“, Bürger! Kläfft „Jesus, Maria!“ und
+„Mordio!“
+</p>
+
+<p>
+Jammert! Heuchelt! Heult!
+</p>
+
+<p>
+Plärrt euch unseretwegen, wenn es sein muß, die Hosen
+voll!
+</p>
+
+<p>
+Fabelt von Bürgerkriegsgreueln, Vergewaltigung, Terror,
+Geiselfüsilladen, bestialischen Grausamkeiten – aufrichtig
+sicherlich meint ihrs, ihr zivilisierten Kannibalen-Geschlechter!
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
+Phantasiert nur des nachts im Traum vom Geschröpftwerden,
+von Barrikaden, von euch umschwirrenden Feuergarben
+und Bajonettstichen!
+</p>
+
+<p>
+O welche Leichenbittermienen! O welch eine Krätze
+rumort in euerem Gehirn! ... Kickeriki ... Ja, ja, der
+Hahn kräht ... O ihr gütigen Visionen, Halluzinationen
+aller Bornierten!
+</p>
+
+<p>
+Schmarotzer-Kulturphilister!
+</p>
+
+<p>
+Bei heruntergelassenen Jalousien, bei abgeblendetem
+traumweichen Licht: so hockt ihr in eueren Luxusprachtappartements,
+nichtsdestoweniger aber sind es die Abfallgruben,
+die Parasitennester der lebendigen Geschichte.
+Aesthetisch vermodernd, trotz euerer Schönheits- und Gesundheitskuren
+in warmen Milch- und künstlichen Höhensonnenbädern!
+</p>
+
+<p>
+O ihr Treibhausgewächse, von Generation zu Generation
+übernommen, wie mit Watte mit ausgesuchtesten Daseinsbedingungen
+sorgfältig umwickelt und mühsam am Leben
+erhätschelt! ...
+</p>
+
+<p>
+Packt den Ranzen euch auf mit Traktaten und Katechismen,
+stopft den Wanst euch voll, bis zum tödlichen Erbrechen
+voll, mit Bibelsprüchen! Du göttliches Gesindel, ihr
+Augenaufschlagkünstler, ihr zynischen, ihr virtuosen Schufte
+der Kirchen! Mästet fortab euch mit Reliquienresten und
+langweilt unseretwegen zutod euch im stillen Kämmerlein
+mit eueren albernen Sophistereien: Hände aber weg, ein
+für alle Mal, von all dem, was lebt, und von all dem,
+was nach Leben, Leben, lebendigem Leben stöhnt, was sich
+Leben erobern will!!!
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Unter dem sausenden Gleiten der Transmissionsriemen
+beim Funkenspritzen der Schleifräder, beim Krach der
+Explosionen tief unten in den Schächten der Bergwerke –
+</p>
+
+<p>
+Wenn der Hobel flitzt, beim Knirschen der Stahlsäge,
+beim Staub der Eisenspäne –
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
+Gezeugt
+</p>
+
+<p>
+Inmitten des Pulverdampfs –
+</p>
+
+<p>
+In den unhygienischen gesundheitsmordenden Räumen
+der Granat- und der Phosphorfabriken –
+</p>
+
+<p>
+Beim Granatendrehen der Proletarierfrauen, der Proletarierkinder
+–
+</p>
+
+<p>
+Beim Kartoffelstehlen und auf den Heringspolonaisen –
+</p>
+
+<p>
+Beim tage- und nächtelangen Anstehn der Arbeiterfrauen
+vor den Lebensmittelgeschäften –
+</p>
+
+<p>
+Im verzweiflungsvollen Schluchzen von Millionen der
+ihrer Männer im imperialistischen Weltkrieg beraubten
+Arbeiterwitwen –
+</p>
+
+<p>
+Dort
+</p>
+
+<p>
+In der armseligen Proletenwohnung –
+</p>
+
+<p>
+Dort
+</p>
+
+<p>
+In Granattrichtern, in Schützengräben –
+</p>
+
+<p>
+Dort
+</p>
+
+<p>
+Im Geklapper der Prothesenglieder der demonstrierenden
+Kriegskrüppel auf den mit Luxusläden garnierten
+Hauptstraßen –
+</p>
+
+<p>
+Im Zug der Erwerbslosen,
+</p>
+
+<p>
+Im Beschluß „Generalstreik“,
+</p>
+
+<p>
+Im ersten Schuß des bewaffneten Aufstands –
+</p>
+
+<p>
+In der Salve des Exekutionskommandos, die die ersten
+roten Soldaten niederkracht –
+</p>
+
+<p>
+Großgezogen
+</p>
+
+<p>
+Mit Graupen und Grütze –
+</p>
+
+<p>
+Mit Hungertränen,
+</p>
+
+<p>
+Mit Tuberkeln,
+</p>
+
+<p>
+Mit Skrophulose,
+</p>
+
+<p>
+Mit Lebensangstschweiß –
+</p>
+
+<p>
+<em>So</em>
+</p>
+
+<p>
+<em>Steht die Neue Welt auf</em> –
+</p>
+
+<p>
+<em>So</em>
+</p>
+
+<p>
+<em>Steht die Neue Geschichte</em>,
+</p>
+
+<p>
+<em>Die Zukunft</em>
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
+<em>Auf</em> –
+</p>
+
+<p>
+Unfertig,
+</p>
+
+<p>
+Formlos,
+</p>
+
+<p>
+So wie es sein muß:
+</p>
+
+<p>
+Unter konvulsivischen Zuckungen,
+</p>
+
+<p>
+Schaum ohnmächtiger Rache noch um den Mund wie ein
+Epileptiker –
+</p>
+
+<p>
+Aber
+</p>
+
+<p>
+Es wird schon,
+</p>
+
+<p>
+Es formt sich schon,
+</p>
+
+<p>
+Hart, stahlhart gerinnen die Umrisse –
+</p>
+
+<p>
+Das Herz beginnt zu schlagen,
+</p>
+
+<p>
+Zu hämmern:
+</p>
+
+<p>
+Ein eiserner Takt –
+</p>
+
+<p>
+O welch ein wunderbares, der Sonne gleich Menschenwärme
+ausstrahlendes Herz –
+</p>
+
+<p>
+Hebel – Muskelstränge – Gelenke –
+</p>
+
+<p>
+Und
+</p>
+
+<p>
+Millionenfüßig ansteigend, kriechend, geduckt auf den
+Sprung lauernd, nun: wie eine Sturzwelle, nun –
+schreitend:
+</p>
+
+<p>
+Und die Revolution steht da
+</p>
+
+<p>
+Vor euch
+</p>
+
+<p>
+Unerbittlich,
+</p>
+
+<p>
+Ruhig – aus Millionen elektrisch blitzender Augen euch
+erspähend –
+</p>
+
+<p>
+Mit Millionen zangenartiger Arme euch umklammernd –
+</p>
+
+<p>
+Aufrecht,
+</p>
+
+<p>
+Mann gegen Mann – – –
+</p>
+
+<p>
+„Wie eine Lawine –“
+</p>
+
+<p>
+„Wie ein Orkan –“
+</p>
+
+<p>
+„Wie Lavamasse, die herein sich in eueren Weltraum
+wälzt – –“
+</p>
+
+<p>
+Leibhafte Gestalt!!!
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
+Biedert euch an, ihr Hampelmänner der Geschichte mit
+Göttern, Heroen, Titanen, mit dem ganzen wertlosen Plunder
+und Seelen-Krimskrams der Vorzeit! ...
+</p>
+
+<p>
+Glotzt hinab in euch selbst, in den Abgrund des Nichts ...
+</p>
+
+<p>
+Purzelbaumschlagt, ihr metaphysischen Clowns!
+</p>
+
+<p>
+Auf! Ein Saltomortale ins Jenseits!
+</p>
+
+<p>
+Los!
+</p>
+
+<p>
+Auf zur Seelenwanderung!
+</p>
+
+<p>
+Produziert euch im Himmelszirkus mit Wesensschau!
+</p>
+
+<p>
+Heil euch, ihr Emigranten!
+</p>
+
+<p>
+Flugs, desertiert aus den Reihen des Diesseits!
+</p>
+
+<p>
+Die jenseitigen Geister verspüren Appetit nach euch. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-8-8">
+<span class="firstline">VIII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Ihr lebendig wandelnden Marter-Maschinerien der
+Menschheit in menschenähnlicher Gestalt! Ihr großen allgewaltigen
+Saugpumpen! Ihr demokratischen Würg-Götter,
+ihr Knochenmühlen Gottes! Ihr allmächtig euch dünkenden
+Akteure der Weltgeschichte – –
+</p>
+
+<p>
+(– bis auf weiteres)
+</p>
+
+<p>
+Die Erde, die ganze Erde haltet umkrallt ihr mit eueren
+Gliedern, geheimnisvolle Riesenspinnen: euere Organe
+wachsen sich aus, euere Organe verlängern sich: euere Hände,
+euere Arme, euere Beine, euere Muskelbündel setzen sich
+fort: Eisengelenke, Riesendampfer, Dampf-Hämmer, Hebel,
+Krane, Räder, Maschinen, Werkzeuge! Euer Gehirn: ein
+allgewaltiges Verrechnungsinstitut. Fest steht ihr mit beiden
+Füßen, nein mit Millionen Füßen auf der Erde, verknüpft
+untereinander mit blitzenden Stahlschienenbändern die fernsten
+Weltteile, stopft voll, und das nennt ihr Kulturmission,
+mit euerem wertlosen Gerümpel jeden Weltwinkel. „Der
+Anfang sind wir“, so prahlt ihr großmäulig, „die Mitte und
+das Ende der Welt.“
+</p>
+
+<p>
+„Cäsarennaturen –“
+</p>
+
+<p>
+„Führen zurück wir nicht unseren geistigen Stammbaum
+auf die Schöpfer der Pyramiden –!?“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
+Da marschieren sie heran, lakaienhaft grinsend, euere
+Angestelltenheere, es speichelt im Chor: „Respekt vor dem
+Kapitalismus! Respekt vor dem Ungeheuer! Respekt!“ –:
+Millionen Beamte, Techniker, Chemiker, Pfaffen, Aerzte,
+Lehrer, Professoren, Künstler; so fein säuberlich wie auf
+Emaille gemalt: Generäle als Trabanten. Eine Handbewegung
+von euch, Druck auf einen Signalknopf: und automatisch
+die Fabriken öffnen sich, und Hunderttausende von
+Erwerbslosen speit es hinaus aus dem zementenen Rachen
+auf die Straße; Menschenrudel überstürzen sich; das humpelt,
+kriecht, rast schon irrsinnig geworden auf den Arbeitsnachweis,
+von euch, ihr Auserwählten, die Gnade des Arbeitendürfens
+in Empfang zu nehmen. Mürrisch gewährt
+ihrs, wenn es euch in eueren räuberischen Produktionsplan
+paßt, wenn nicht – wieder ein Signal, und rasch verständigt
+ihr euch, das Militär sperrt ab – Handgranaten,
+Fliegerbomben, Maschinengewehrsalven als Begleitung –
+und Millionen laßt abschwenken ihr von der Straße des
+Lebens zum Marsch in die Hunger-Dschungel ...
+</p>
+
+<p>
+„Gewürm, Abfall, Dung der Geschichte –“
+</p>
+
+<p>
+Konstatiert ihr. <em>Der</em> Geschichte, die euere Geschichte ist.
+Denn dort, wo die höchsten Schlote enden, dort ziehen sich
+hin euere Höhen, mit Prachtgärten und Villen bebaut, die
+modernen Götterwohnungen, die Königsschlösser unserer
+Zeit, unsichtbar gegen jeden Ansturm der Rebellen verbarrikadiert,
+und alles vom werktätigen Volk Geschaffene
+findet dort in euch seinen endgültigen sinnvollen Ausklang.
+</p>
+
+<p>
+„O ihr gütigen Spender des heiligen Lebens, wie danken
+wir euch! Den Lohn, den ihr uns auszahlt, welch ein kostbares
+Geschenk! ... Und kleiden wir uns auch in Lumpen,
+bewohnen wir auch Höhlen, und haben weder Speise noch
+Trank ... und wir Frauen und Kinder: man kann sich schon
+nirgends mehr anlehnen, so schmerzt es vor lauter Gerippe
+– – – o ihr, euer gütiges Lächeln ist unseren Wunden
+ein Balsam, und unser Vierzehnstundentag nichts weniger
+und nichts mehr als ein Gottesdienst –“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Anders aber spricht die Wirklichkeit.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
+Die Rußknäuel, die die Schächte ausatmen, ballen sich am
+Himmel zu einer schweren Wolke. Stöße brennenden Windes
+furchen das Land.
+</p>
+
+<p>
+Waggonweise nun laßt ausschütten ihr unter den Murrenden,
+unter den Todgeweihten die jedes Klassenbewußtsein
+mordende Korruption. Von euch gedungene Arbeiterführer
+spalten auftragsgemäß jede proletarische Kampforganisation.
+Verrat, Bestechung, Niedertracht ohne gleichen.
+Die Arbeiter selbst bekriegen sich. Unter dem Aushängeschild
+des Arbeiterwohls und der „Volkserneuerung“ gründen sich
+neue arbeiterversklavende Verbände. Mißtrauen gegen
+die bewährten revolutionären Führer: in jeder Herzfalte
+sprießt schon euere giftige Saat. Da wieder laßt ihr einen,
+freudig gewährend, einherstelzen im Prunkgewand anarchistischer
+Phrasen; andere wieder orakeln von Rednertribünen
+– und schmunzelnd kostet ihrs aus –: „Langsam voran, im
+Zickzack vorwärts!“ Und das instinktiv schon klar entschiedene
+Arbeitergehirn verwirrt sich, die Kampfkraft laugt sich
+aus, planlos verläuft die Aktion und uneinheitlich – und
+das Ende: ein blutiges Menschenknäuel.
+</p>
+
+<p>
+Denn rücksichtslos gebraucht ihr, wo das System der Korruption
+nicht mehr ausreicht, gegen die sich Empörenden
+euere schärfste Waffe: die Machtorganisation des Staates.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es marschiert aber, es marschiert, es marschiert.
+</p>
+
+<p>
+Die Straße selbst zu eueren Höhen hinan, ihr Unerreichbaren,
+bewegt sich.
+</p>
+
+<p>
+Der Hungertod marschiert, die Arbeitslosigkeit marschiert,
+es marschieren die Tuberkulose, die Syphilis, das Alkoholdelirium,
+die unhygienischen Wohnungsstätten der Arbeiterbevölkerung:
+schwer, schwerfällig, tappend, denn schwer nur
+kommt es noch in Bewegung. Und das Massengrab des
+imperialistischen Krieges marschiert, und Selbstmord und
+Lebensverzweiflung, und dahinterher wieder Skrophulose
+und fahrlässige Verstümmelung, und nebenan die Kolonialschmach
+und die amerikanische Lynchjustiz, die Todesstrafe
+marschiert, Gerichtsurteil an Gerichtsurteil, Millionen
+Jahre Zuchthaus und Gefängnisstrafen, die Kinderarbeit,
+<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
+die Herzensträgheit, die Gedankenzerrüttung ... eine riesige
+schmutzig-gelbe gallertartige Masse von Millionen von Menschen
+zerstörten Lebensglücks.
+</p>
+
+<p>
+Die Menschenunterdrückung, die Ausmergelung, die Unnatur,
+der brutale Daseinskampf marschiert.
+</p>
+
+<p>
+Es ist eine Sintflut der Daseinssinnlosigkeit, eine Sintflut
+des Nichts.
+</p>
+
+<p>
+Ist es Walhall, ist es der Olymp selbst, den ihr stürmen
+wollt!?
+</p>
+
+<p>
+Hoffährtig glotzend psalmensingen die Priester zum christlichen
+Himmel: aber schon schüttelt es wie Hagelkörner über
+die ganze Welt hin zu Stahlgeschossen geronnene Menschentränen
+...
+</p>
+
+<p>
+Und –
+</p>
+
+<p>
+Ein Gesang marschiert.
+</p>
+
+<p>
+Die „Internationale“ marschiert ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wie ruhig, wie unendlich ruhig stehen die sieben „Der
+Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes“ angeklagten Revolutionäre
+vor ihren Richtern.
+</p>
+
+<p>
+Vier, fünf, zehn, zwölf, fünfzehn Jahre Zuchthaus.
+</p>
+
+<p>
+So lautet der Antrag des Staatsanwalts.
+</p>
+
+<p>
+Die Angeklagten haben das Schlußwort.
+</p>
+
+<p>
+„Wir haben jederzeit unser Ziel unumwunden zugegeben.
+Die Strafe, die Sie gegen mich beantragt haben, wenn das
+eine Strafe für meine kommunistische Gesinnung sein soll,
+nun gut. Für den Kommunismus setze ich alles ein.“
+</p>
+
+<p>
+„Für mich ist es einerlei, was der Gerichtshof beschließt.
+Ich habe bis jetzt mit meinen Genossen gelitten: ich bin bereit,
+wenn es sein muß, für meine Ueberzeugung weiter ins
+Gefängnis zu gehn.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe für meine Ueberzeugung bisher im Gefängnis
+gesessen. Ich habe dafür meinen Beruf aufgeben müssen.
+Ich werde, wenn Sie es wollen, weiter zu leiden verstehn.“
+</p>
+
+<p>
+„Eine Gesellschaftsordnung, die Millionen ins tiefste Unglück
+hineingestoßen hat, ist nicht wert, weiter zu existieren.
+<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
+Ich habe im Gefängnis in die tiefsten Tiefen hineingeschaut.
+Wir werden es zu ändern verstehen. Sie werden mir mit
+dem Strafantrag einen Lorbeerkranz um mein Haupt legen,
+den ich gar nicht verdiene, denn ich bin ja nur ein einfacher
+Funktionär. Ich werde trotz alledem den Kopf hochtragen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin mir völlig klar darüber: der Leidensweg des
+Proletariats erfordert große Opfer. Ich bin es gewohnt,
+für den Kommunismus zu kämpfen und zu leiden. Ich werde
+auch weiter Opfer zu bringen verstehn. Aber das Bewußtsein
+habe ich und das macht uns alle stark: Zuletzt werden
+wir die Sieger sein und triumphieren über den Schmutz der
+heutigen bankrotten Gesellschaftsordnung.“
+</p>
+
+<p>
+Und auch die Jugend des revolutionären Proletariats
+meldet heroisch an ihre Stimme:
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin stolz darauf, für meine Ueberzeugung vor Ihnen,
+hoher Gerichtshof, zu stehen. Ein großer Arbeiterführer hat
+uns einmal gesagt: wenn euere Altersgenossen ins Gasthaus
+und ins Tingeltangel gehen, so werdet ihr mit einem
+Lächeln ins Zuchthaus wandern. Nun, wenn sie mich ins
+Gefängnis schicken wollen, ich bin bereit, für den Kampf der
+Jugend meine ganze Person einzusetzen und werde stolz
+die Gefängniszelle auf mich nehmen.“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn Sie mich verurteilen, nun gut, so werde ich dieses
+Lehrgeld zahlen. Ich glaube, es wird sich lohnen.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Was ist das für eine Ruhe!?
+</p>
+
+<p>
+Das ist die Ruhe des Schongesiegthabens, nur einen
+Schritt, nur einen kleinen Schritt noch ist die Geschichte zurück.
+Morgen, übermorgen: es kommt, es wird kommen, es
+muß kommen ... Der Kampf ist schon entschieden – und
+wenn du zur Bekräftigung des Sieges noch das Siegel deines
+Lebens drauf drücken mußt: so geschieht es ohne Zögern und
+voller Heiterkeit.
+</p>
+
+<p>
+Was ist das für eine Sprache!?
+</p>
+
+<p>
+Das ist eine Sprache, die gesprochen wird, bald laut, bald
+weniger laut, doch deutlich vernehmbar, bekennerisch, in allen
+Erdteilen. Das ist der Grundton einer neuen Weltsprache,
+<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
+der Sprache der Zukunft. Und jeder echte Dichter müßte
+sie sprechen.
+</p>
+
+<p>
+Ja, die Höhe der Strafe: das ist einer der Gradmesser
+der revolutionären Tüchtigkeit, einer der Gradmesser deiner
+Menschheitsverantwortlichkeit. Das „An die Wand“: das ist
+für den Revolutionär, wenn es schon sein muß, <a id="corr-58"></a>das aus
+seinem Herzblut mit Freuden gespritzte Blutsiegel unter die
+Botschaft: Einst kommen wird der Tag ...
+</p>
+
+<p>
+Denn –
+</p>
+
+<p>
+„Wer Kampf gegen den Bolschewismus beginnt, der sinkt
+immer tiefer und tiefer. Er wird Verbündeter von Monarchisten,
+Werkzeug von Imperialisten, dann Spion und
+Bandit. Auf diesem Weg gibt es kein Zurück mehr.“
+</p>
+
+<p>
+Mit diesem offenen Geständnis beschloß vor dem Roten
+Revolutionstribunal einer der unerbittlichsten Gegner des
+Sowjetsystems seinen verruchten Kampf gegen die Arbeiter-
+und Bauernrepublik: Sawinkow.
+</p>
+
+<p>
+Und so ist es. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-8-9">
+<span class="firstline">IX</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Aus diesen Fangarmen sich zu befreien, aus Fangarmen,
+die unsichtbar sind, die fließend sind, die wie ein millionenästiges
+Gezweig dein Denken und Fühlen durchzweigen, um
+so mehr, je mehr du vermeinst, ihrem eisernen Zugriff bereits
+dich entzogen zu haben; heraus aus allen Verkettungen
+und Verwindungen, denn wie ein Sperrfeuergürtel ist die
+Not der Zeit um die begrenzte Zone deines Daseins gelegt;
+heraus dich zu arbeiten, das Messer zwischen den Zähnen,
+aus all den tausendfachen Verstrickungen, Durchgarnungen,
+Hinterhältigkeiten und Unbewußtheiten: dazu ist die Kraft
+eines einzelnen Lebens nicht genug, und wäre sie noch so
+eine übermenschliche und gigantische. Aber du lebst dein
+Leben weiter. Lebst dein Leben weiter im Leben
+von Kämpfern, die um dich sind, die mit dir sind,
+im Leben von Kämpfer-Generationen, die nach dir
+kommen werden. Die besser kämpfen werden wie du,
+zielsicherer, konzentrierter, gerüsteter. Die eines Tages auch
+<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
+den Kampf zu Ende gekämpft haben werden, von dem es
+heißen wird:
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Er war der größte, er war der herrlichste, er war der an
+Niederlagen reichste: keiner war ihm gleich.
+</p>
+
+<p>
+Gekämpft habt ihr in Träumen; gekämpft habt ihr mit
+entzündenden Worten, mit Melodien; mit Wandzeichnungen,
+mit Debatten; mit euerer Atemzüge monotonen Rhythmen;
+mit jedem euerer Herztakte, hart, gehackt klopfend
+hindurch durch die stickicht qualmenden Fabrikräume: ihr
+lebendigen Arbeitsmaschinen!
+</p>
+
+<p>
+Lawinen von Menschenmassen schüttelt aus sich heraus die
+Erde. Lava von Menschenblut stampfte dampfend daher.
+</p>
+
+<p>
+Türme von Menschenleichen stiegen an aus der Tiefe.
+Massengräber schluckten, ein schlammiger Rachen, die Lichtfrucht
+der Sonne.
+</p>
+
+<p>
+Strang, Füsillade, elektrischer Hinrichtungsstuhl:
+</p>
+
+<p>
+Bis zur Neige geleert den Kelch der Bitternis!
+</p>
+
+<p>
+Nicht einen Tropfen nicht geschmeckten Leids schenkt euch
+die nach Menschenopfern lechzende Menschenerde!
+</p>
+
+<p>
+Schritt auf Schritt auf dem wie eine getretene Schlange
+sich windenden Weg siehst du, hereingebaut bis ins blaue
+Erz des Himmels, Schädelpyramiden.
+</p>
+
+<p>
+Blutquellen perlten. Blutbäche schossen. Blutströme rollten.
+Die Riesenorkane, mit den Flügeln des Hagels sie
+schlagend, furchten das Blutmeer.
+</p>
+
+<p>
+Wer seid ihr!?
+</p>
+
+<p>
+Kolonnen rußgeschwärzter Männer –
+</p>
+
+<p>
+Kolonnen der Arbeitskittel –
+</p>
+
+<p>
+Kolonnen der Genossen, der Leninisten-Kommunisten –
+</p>
+
+<p>
+Kolonnen der Genossinnen –
+</p>
+
+<p>
+Kolonnen der Jungkommunisten –
+</p>
+
+<p>
+Kolonnen der Parteilosen-Sympathisierenden –
+</p>
+
+<p>
+Proletariat.
+</p>
+
+<p>
+Menschheitsgranit.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
+Zu Wellenbergen der Geschichte verwandelte Menschenmassen.
+</p>
+
+<p>
+Welt-Eroberer. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es hingen nieder die Wälder von den Bergen wie schwarzes
+Geläute. Die Felsen donnerten hoch oben im Luftleeren.
+</p>
+
+<p>
+Keine Tafel faßt je die Namen der Helden, gefallen in
+der Riesenklassenschlacht.
+</p>
+
+<p>
+Die kommenden Geschlechter werden ein Instrument erfinden,
+die Namen der Helden und Kämpfer der ganzen
+Erde, die Schlachtäcker und Kampftaten alle gleichzeitig zu
+nennen: das dröhnt wie Gebläse einer millionenstimmigen
+Riesenorgel; alle Kreatur singt mit im Chor.
+</p>
+
+<p>
+Jeder Blick deiner Augen kämpft, jede Faser deines Herzens,
+jede Bewegung deiner Hand kämpft.
+</p>
+
+<p>
+Einer voraus!
+</p>
+
+<p>
+Einer in der Mitte.
+</p>
+
+<p>
+Einer ist der Anfang.
+</p>
+
+<p>
+Das Gewölb hallt wieder vom Refrain des ersten
+Tausends.
+</p>
+
+<p>
+Das zweite Tausend –
+</p>
+
+<p>
+Das dritte –
+</p>
+
+<p>
+Das vierte ...
+</p>
+
+<p>
+Das erste Hunderttausend –
+</p>
+
+<p>
+Schritt gefaßt! Schwenkt! Ausgeschwärmt –
+</p>
+
+<p>
+Massenprotest – Generalstreik – Massenaktion – Bewaffneter
+Aufstand – – –
+</p>
+
+<p>
+Und wie ein Fächer sich entfaltet –
+</p>
+
+<p>
+Sturmwellen wirft der hohe Triumphgang der Geschichte.
+</p>
+
+<p>
+Alles ist Kampf, ist Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+Die Natur selbst trommelt den Kampftakt.
+</p>
+
+<p>
+– – – –
+</p>
+
+<p>
+„Wer ist das!?
+</p>
+
+<p>
+„Was ist das!?
+</p>
+
+<p>
+„Einfach ein Irrsinniger!?
+</p>
+
+<p>
+„Oder –?!
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„Ein Projektil der Geschichte –</p>
+ <p class="verse3">von nie dagewesener Sprengkraft!?“</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+– – – –
+</p>
+
+<p>
+<em>Lenin</em>
+</p>
+
+<p>
+– – – –
+</p>
+
+<p>
+„Aus diesem Teig sind geknetet die Robespierres, die
+Marats – und sogar noch viel, viel Größere ...“
+</p>
+
+<p>
+– – – –
+</p>
+
+<p>
+Ihr stahlgepanzerten Großkampfmaschinen, rot bewimpelt,
+seid gegrüßt!
+</p>
+
+<p>
+Hinüber!
+</p>
+
+<p>
+Ruckend zuckt es hinweg schon über Gräben, angefüllt mit
+Stößen regenbogenfarbig schillernder Gasleichen.
+</p>
+
+<p>
+Stahl, Erz, Kohle, Kupfer, Metall, Wasser, Zement, das
+Gift, die Wurzeln der Tiefe, das zarteste Blümlein der
+Erde: nenn mir ein Ding, nenn mir ein Fleckchen im Weltraum,
+nenn ein Element mir, das heute nicht kämpft.
+</p>
+
+<p>
+Auch die Vögel, die Sonne, Stern, Wald, Meer, von
+Schwarz bis Purpur; Bergpfade und Gefälle:
+</p>
+
+<p>
+Alles jauchzt Kampfwillen. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Tausend Jahre oder darüber – ich zähl sie nicht –: aber
+ich höre deutlich das Siegeslied, gesungen von dem befreiten
+Welt-Volk, hereinschmettern in den Strudel der Klassenkampfzeit
+aus der alle Menschenzeitalter triumph-kühn überhöhenden
+Zukunft:
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+„Genossen! Kampfscharen!
+</p>
+
+<p>
+„Seht, das ist das Leben, das ihr uns erkämpftet! Auf
+sonnenstarken Bergen: geflügelt überspringen wir Gipfel
+an Gipfel; wie auf einer Fläche gleiten wir hin auf dem
+Wind ...
+</p>
+
+<p>
+„Greift unsere Körper! Nicht nach der Zahl von Jahren
+mehr leben wir: wandelnde Fackeln des Lebens sind wir,
+genährt an dem ewigen unauslöschbaren allebendigen
+Lebensbrand ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
+„Herrschaftslos herrschen wir!
+</p>
+
+<p>
+„Begeisterungs-glühend, ein Menschen-Stern, zieht jeder
+Einzelne dahin über die Erdenbahn.
+</p>
+
+<p>
+„Was ists für Wärme, die in einer leuchtenden Woge,
+länderauf, länderab, meerauf, meerab bis hinüber über
+den Süd- und über den Nordpol wallt!? Nicht Golfstrom
+ists und nicht Samum: es ist unser neuer Sommer, es ist
+Wärme des Menschenherzens.
+</p>
+
+<p>
+„Was ists für ein schweigendes Gewittern im Raum,
+Takt an Takt; es wölbt sich, ein kristallisches Kuppelgefüge,
+strömt an, strömt an in Klangwellen, und wieder strahlt es
+sich auseinander in vielfarbigen Schwingungen!? Es ist die
+unermüdbare Schlagkraft des Menschenherzens.
+</p>
+
+<p>
+„Wie Wein schäumt über den Rand: so überquillt vor
+Fruchtbarkeit die Erde an den Horizonten. Das ist Menschen-Unsterblichkeit.
+Das ist Menschen-Kraft. –
+</p>
+
+<p>
+„Genossen! Kampfscharen!
+</p>
+
+<p>
+„Im fernsten Dunkel ruhen ungesprochen euere Sprachen.
+O ihr Brücken, geflochten aus Menschenleibern, hineingebaut
+in die Reiche des unerschöpfbaren Lebenslichts! ...
+Kameraden! Der Helden der Vorzeit gedenkt! Der von
+Menschen einst der Menschheit geschlagenen Wunden gedenkt!
+</p>
+
+<p>
+„Jauchzend gedenkt!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="chapter" id="part-9">
+<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
+<span class="firstline">8. Kapitel.</span><br>
+Sowjet-Europa entgegen!
+</h2>
+
+</div>
+
+<p class="ctoc">
+Prinzipielle Vorbemerkung zum
+letzten Kapitel. – Kolonialwirren.
+– Die Kriegsgaswolke am Horizont.
+– Arbeiter bewaffnen sich. –
+Was bedeutet (CHCl=CH)<span class="sub">3</span>As? –
+Die Farbstoff-Fabriken rebellieren.
+– Das chemische Kampfstoffarsenal
+der USA: Edgewood. – Der
+Sturm bricht los! – Der Kern der
+Sache. – Abgefangene Radios aus
+Amerika. – Nachrichten aus aller
+Welt. – Japans werktätige Massen
+brechen ihr Sklavenjoch. – Sowjet-Rußland
+marschiert. – Unsterbliche
+Opfer. – Sowjet-Europa entgegen!
+</p>
+
+<div class="epi sectiontop chapter">
+<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
+<p>
+„Ein preußischer Monarch hat am Ende des
+18. Jahrhunderts einen klugen Satz geprägt:
+„Würden unsere Soldaten verstehen, weswegen
+wir Krieg führen, so hätte man keinen <em>einzigen
+Krieg</em> führen können.“ Der alte
+Preußenkönig war kein dummer Kerl. <em>Wir
+aber</em> können jetzt sagen, wenn wir unsere
+Lage mit derjenigen des preußischen Herrschers
+vergleichen: „Wir können kämpfen deshalb, weil
+die Massen <em>wissen</em>, weswegen sie kämpfen und
+kämpfen wollen, ungeachtet der unerhörten Opfer,
+weil sie wissen, daß sie verzweifelte, unsagbar
+schwere Opfer bringen, <em>um ihre sozialistische
+Sache zu verteidigen</em> im
+Kampfe Schulter an Schulter mit jenen Arbeitern
+in den anderen Ländern, die unsere Lage zu begreifen
+angefangen haben.“
+</p>
+
+<p class="attr">
+Lenin
+</p>
+
+</div>
+
+<h3 class="section1" id="chapter-9-1">
+<span class="firstline">I</span>
+</h3>
+
+<p class="first">
+Noch einmal ein letzter Appell vor dem Sturm, ein Manifest
+an alle, die menschenwürdig leben wollen, vor dem
+Generalangriff!
+</p>
+
+<p>
+<em>Kameraden!</em>
+</p>
+
+<p>
+Die Transmissionsriemen knattern, die Schleifräder
+spritzen Funken, 10000-PS-Motoren knurren ... Und das ist
+ein Maschinenraum: an Millionen Hebeln zucken Millionen
+Händepaare herum, wie abgeschlagen vom Körper sind sie,
+aber an den Händen pulst noch ein Herz, eine Lunge atmet
+noch, ein Gehirn will denken: noch ist der Mensch nicht ganz
+tot, zwar ists schon nicht mehr viel, was hier noch um das
+gütigst gewährte Existenzminimum ringt ... Und die elektrischen
+Bogenlampen flimmern, die Expreßluxuszüge knüpfen
+Weltende an Weltende, Riesendampfer schrauben sich
+wohlig und sicher herauf durch den Ozean: der eine Teil der
+Menschheit verlängert tausendkilometerlang seine Glieder,
+dem anderen Teil der Menschheit schrumpfen sie, sterben sie
+ab ... Phantastisch von kristallischen Lüstern erhellt überblüht
+die Luxuskabine das armselige Schattendasein der
+vier Wände des Lohnarbeiters, aber – sind nicht aus seinem
+Herzblut, aus Schweiß und Herzblut des Lohnarbeiters die
+Paläste gegossen? Maschinen, Licht, Lebensluft, Wärme:
+<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
+ist es nicht sein Werk!? Und haben demnach diese anonymen
+Schöpfer jeder Lebenskraft nicht das Recht, nein, nicht die
+heilige Verpflichtung, sich im Fall, daß sie gewaltsam im
+Interesse einiger weniger, die schon im Urteil der Geschichte
+als Gesellschaftsverbrecher gebrandmarkt sind, aus dem
+Lebensprozeß ausgeschaltet werden, hat diese Menschenmehrheit
+demnach nicht die Pflicht, die ihr zur Verfügung stehenden
+Notwehrmaßnahmen zu ergreifen, um der Verelendung,
+der sicheren Katastrophe, dem Lebensuntergang zu entgehen!
+</p>
+
+<p>
+Das Natürlichste vom Natürlichen wäre es. Das Menschen-Selbstverständlichste
+...
+</p>
+
+<p>
+Und die Trusts, die Kartelle, die Syndikate bewegen sich,
+bewegen sich gegeneinander und jede ihrer Bewegungen
+schafft Kollisionen, zeugt Krisen, schaufelt das Grab für
+Hunderttausende. Und hört Ihr den Chor der Menschheitsvampire,
+zunächst noch als ein konspiratives Flüstern:
+</p>
+
+<div class="poem-container">
+ <div class="poem">
+ <div class="stanza">
+ <p class="verse">„O heilige pazifistische Aera!</p>
+ <p class="verse">Der ganze Weltraum trieft ja von Friedensgeläuten!</p>
+ <p class="verse">Halleluja donnern hinweg über den Ozean</p>
+ <p class="verse">Die Kanonenschlünde der Dreadnoughts:</p>
+ <p class="verse">„Friede auf Erden!“</p>
+ <p class="verse">Ach, nur in den stillen Kämmerlein</p>
+ <p class="verse">Unserer Staatslaboratorien</p>
+ <p class="verse">Fabrizieren wir gutes Giftgas.</p>
+ <p class="verse">Seht: den Staat haben wir uns geschaffen</p>
+ <p class="verse">Als unsere beste Waffe –</p>
+ <p class="verse">Und wenn es wieder mal losgeht:</p>
+ <p class="verse">Diesmal wird der Konkurrenzkampf geführt</p>
+ <p class="verse">Als chemischer Krieg ...</p>
+ <p class="verse">(Sachbeschädigung ausgeschlossen.)</p>
+ <p class="verse">Phosphorbomben. Flugtorpedos. Elektrische Wellen –</p>
+ <p class="verse">Fünf Minuten –</p>
+ <p class="verse">Und (jede Pore exakt durchgiftet)</p>
+ <p class="verse">Liegt leblos so ein Riese</p>
+ <p class="verse">Wie z. B. Chikago da ...</p>
+ <p class="verse">Und wer bezahlt dann die Zeche!?</p>
+ <p class="verse">Zuviel Menschen sind ja so wie so auf der Welt.</p>
+ <p class="verse">Darüber sind wir uns einig ...</p>
+<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
+ <p class="verse">Tastet inzwischen die Erde ab:</p>
+ <p class="verse">Wo riechts nach Petroleum?!</p>
+ <p class="verse">Schade nur,</p>
+ <p class="verse">Daß der Mars noch nicht zu kolonisieren ist!“</p>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<p class="noindent">
+Eine gespenstische Polonaise wandert indeß hindurch durch
+den Weltraum die Millionen-Kolonne der körperlich und
+geistig Verhungerten, Mann an Mann, Weib an Weib,
+Kind an Kind ... Warum!? ... Genügt euch wirklich als
+Antwort darauf nur ein Achselzucken!? Ist das Grundgesetz
+der Gesellschaft für euch immer noch eine geheimnisvolle
+mystische Chiffre, ohne Schlüssel!? Rutscht ihr immer noch
+die Kniee euch wund vor dem erbärmlichsten gesellschaftlichen
+Aberglauben: „Es ist immer so gewesen, es wird
+immer so sein ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ein Fünfsekunden-Querschnitt durch Zeitungskioske,
+Theater, Verlage: es ist zum ... Es gleicht wohl einem
+Sprung durch eine Papierhölle. Alles was einmal groß,
+echt, gewaltig, lebendig war: verkauft, verwässert, entwertet,
+verraten ... Alles ursprünglich Edle, Wahre, Heroische und
+Schöne in eine schleimige Korruptionstunke eingetaucht,
+jeder lautere Ton überkeift von einem zotigen Gemecker ...
+</p>
+
+<p>
+Aufgeplustert bis zum hysterischen Exzeß, widerlich zerschminkt,
+bis zum Brechreiz bengalisch illuminiert: so stolzieren
+die modernen Revuen an, und desto erfolgreicher sind
+sie, desto inhaltsloser sie sind und desto nichtssagender und
+leerer ihre bedauernswerten Akteure daherplappern: prächtig
+maskierte Volksseuchen ...
+</p>
+
+<p>
+Magazine, Journale, Sumpfliteratur, Auflageziffern bis
+300000 ... Und wer sind sie, die armseligen Opfer dieser
+typischen Misthaufenerzeugnisse!? Im Café, in den Wartezimmern
+des Arztes: dort strömen sie ihren pestilenzartigen
+Geruch aus.
+</p>
+
+<p>
+Der Film, in sich bergend ungeahnte Möglichkeiten, was
+ist aus ihm, eingespannt in den Rahmen der bürgerlichen
+Gesellschaft, geworden!? Man braucht, glauben wir, nicht
+<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
+mehr darüber zu sprechen. Film, Radio, Presse, Theater,
+Literatur: das sind nur die verschiedenen Ressorts jenes
+gewaltigen, immer mehr sich amerikanisierenden Propagandainstituts
+zur Weiterzüchtung der menschlichen Dummheit.
+Hier sind die staatlich konzessionierten Fälscherzentralen und
+geistigen Bazillenfabriken, sie arbeiten so wundertätig wie
+unter der Aufsicht des lieben Gottes selbst, sie hebt kein
+Polizeikommando aus, aber sie produzieren ja auch so verflucht
+erfolgreich in nächster Nähe des Regierungsviertels
+und nicht in proletarischen Kellerwohnungen ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Aber bei klarer und nüchterner Ueberprüfung der Geschichte
+der Menschen und der Geschichte der Natur müßtet auch
+ihr eines Tages zu der Ueberzeugung kommen – nehmt alle
+Erfahrungen der letzten Jahrzehnte hinzu, euere Erlebnisse
+– zu der Ueberzeugung, daß die heutige bürgerliche Gesellschaft
+samt ihrer sogenannten Kultur rettungslos dem
+Untergang in die Zivilisationsbarbarei verfallen ist, und
+daß sie nicht mehr dazu berufen sein kann, die wirtschaftlichen
+und geistigen Weltprobleme in einem wirklich schöpferischen
+Sinne zu lösen, daß sie nicht mehr dazu berufen sein kann,
+aus sich heraus das einzige Bollwerk gegen die herannahende
+Phase modernster chemischer Weltkriege zu errichten: die
+planmäßig organisierte Weltgemeinschaft aller Werktätigen.
+</p>
+
+<p>
+Millionenmenschenmassen kreisen indeß lautlos nieder auf
+den Grund in dem riesigen kapitalistischen Krisen-Wirbel ...
+</p>
+
+<p>
+Den Befreiungskampf des Menschen aus seinem gespenstischen
+Warendasein, den Befreiungskampf der Menschheit
+aus allen ökonomischen Zwangsformen, den Krieg gegen
+den Krieg – und damit auch eueren Befreiungskampf,
+Kopfarbeiter, aus den Fesseln geistiger Lohnsklaverei kämpft
+heute die Klasse der Unterdrückten: das Proletariat. Seine
+geschichtliche Mission, als einzige an der Verewigung dieses
+Gesellschaftszustandes nicht interessierte Klasse, ist es, die
+Hinfälligkeit und die barbarische Verlogenheit des heute
+noch herrschenden Systems zu erkennen und ihm den organisierten
+Widerspruch entgegenzustellen, die einheitlich geschlossene
+<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
+Kampffront aller Ausgebeuteten gegen die Ausbeuterwirtschaft
+und ihre Helfershelfer: den Massenterror
+aller Werktätigen, den Klassenkrieg auf Leben und Tod.
+</p>
+
+<p>
+Diktatur der Bourgeoisie. Diktatur des Proletariats ...
+</p>
+
+<p>
+Ein Drittes, wie ihr es vielleicht gerne wahrhaben möchtet,
+gibt es nicht.
+</p>
+
+<p>
+Kameraden! Welcher Front schließt ihr euch an? Entscheidet
+euch!
+</p>
+
+<p>
+Verfallt dabei nicht in den dünkelhaften Fehler euerer Berufsschicht,
+dessen Quelle auf Grund des besonderen Arbeitsplatzes,
+den die meisten von euch auch heute noch im Produktionsprozeß
+einnehmen, leicht auszuspüren ist, in den
+Fehler, daß ihr euch selbst vormacht, selbständig, unabhängig
+zu sein, euer eigener Herr zu sein, niemandem verpflichtet,
+keinem Rechenschaft oder Tribut schuldig ...
+Ja, zu handeln wähnt ihr, aber um so besser werdet
+ihr, von der Illusion euerer Freiheit gut eingedeckt, gehandelt
+und verhandelt ... Euere geistigen Positionen sind
+mehr, als ihr euch gewöhnlich zugeben wollt, recht kräftig
+materiell unterzementiert: drum, Augen auf, seht zu, wie
+alles, was ihr tut, sich heute notgezwungenermaßen objektiv,
+das heißt, von der Perspektive der Geschichte aus gesehen,
+auswirken muß! Macht euch gefeit gegen idealistischen
+Aberglauben, Jenseitstaumel und gegen jede Art
+von noch so interessanten Mystifikationsversuchen, gegen
+Nervenzauber und Seelenschmierereien, die gerade auf
+Grund der Tatsache heutzutage Kurswert erhalten können,
+als die Grundgesetze des Gesellschaftssystems und damit auch
+die Lehre von dessen Ueberwindung, die revolutionäre
+Theorie, nur verstandesmäßig zu erfassen sind. „Blickverschleierung
+tut not“ aber orakeln, und sie wissen nur zu
+gut warum, die Menschheitshyänen ... Habt acht auf die
+offizielle, mit allen Kräften geförderte Fabrikation von
+Gehirnvergasungsapparaten und auf die weit verbreitete
+Produktion von mystischen Gehirnnebeln!
+</p>
+
+<p>
+Helft mit! Entlarvt das pazifistische Gesabber von angeblich
+zukünftig humaneren Methoden im Austrag der Völkerkonflikte,
+<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a>
+das beinahe blutrünstige Gekeife von der „pazifistischen
+Aera“ als das, was es ist: als ein verruchtes Ablenkungsmanöver,
+als den bewußten Betrugsversuch,
+„Atempause“ und „Schonzeit“ ideologisch als eine ewige
+Kategorie zu stabilisieren ... Erkennt den Unterschied
+zwischen der Phraseologie einer Sache und dem Inhalt
+einer Sache! Acht gehabt nicht auf das, was der Mund
+spricht, sondern auf die Bewegung der Fäuste! Statt daß
+ihr Worte, Papierform, Verfassungsparagraphen ernst
+nehmt, stürzt euch, wenn ihr mit euerem Entschluß fertig
+werden wollt, auf das spezifische Gewicht einer Handlung,
+auf Berechnungen, auf Tatsachen!
+</p>
+
+<p>
+So laßt aus den Arsenalen der jährlichen Statistiken die
+Millionenarmeen der Selbstmörder, der Verhungerten, der
+Tuberkulösen, der Skrophulösen, jenen Millionenhaufen der
+in diesem Gesellschaftszustand der Wirklichkeit nach völlig
+Entrechteten vor euch aufmarschieren, die Kriegsopfer der
+Kolonialkriege und die Tausende von Jahren zählenden Zuchthausstrafen
+der politischen Gefangenen, und ihr werdet einwandfrei
+feststellen können, was es auf sich hat, wenn die
+Regierer aller Länder zynisch von den Parlamentstribünen
+meckern: „Friede auf Erden!“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Seht die Kommunistische Partei, die weit mehr als Partei
+ist, die die Vorhut einer neuen kommenden Weltordnung,
+die das gestaltgewordene neue Welt-Bewußtsein,
+die der Stoßtrupp der Zukunft ist! Deren Mitglieder von
+den nur allzu getreuen Hütern der Menschheitsverwesung
+in allen Reichen der Erde über alle Maßen grausam verfolgt
+und verleumdet sind, zu Tausenden und Abertausenden
+ermordet oder lebenslänglich in Zuchthäusern eingesperrt,
+aber in deren Reihen, trotz alledem, noch immer
+wach erhalten ist und wach erhalten bleiben wird: Opfermut,
+Solidaritätsgefühl, wahre Lebendigkeit, Disziplin,
+Kampfgeist! ...
+</p>
+
+<p>
+Heraus mit euch aus euerer Knechtseligkeit, aus euerem
+von mörderischen Ketten umstrickten Todesschlaf, aus euerer
+Indifferenz, aus euerer stupiden, verantwortungslosen
+<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
+Eigenbrödelei! Heraus mit euch aus euerer abstrakten
+Atelier- und Studierstubenluft: wir beschwören euch: informiert
+euch endlich darüber, was konkret in der Welt vor
+sich geht! Folgt unseren Parolen: „Heran an den Feind!
+Nieder mit Phantomen und Schemen! Herunter von den
+Thronen mit den lebendigen gekrönten und ungekrönten
+Leichnamen! Der Mensch muß endlich zu sich selbst den
+Mut haben! Erobert euch die Wirklichkeit! ...“
+</p>
+
+<p>
+Kämpft gegen den Welt-Unsinn, gegen den Welt-Wahnsinn,
+gegen den Menschenmarkt, gegen das Menschen-Zuchthaus,
+gegen das Menschen-Schlachthaus! Kämpft gegen die
+im Interesse der Profitwirtschaft künstlich gezüchtete Menschendummheit,
+kämpft für Menschenfreiheit! Kämpft für
+die Wiedergeburt des Menschen aus der Menschen-Gemeinschaft!
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+„Meine Pflicht ist zu reden, ich will nicht mitschuldig
+werden!“ Dieses stolze Wort Zolas haben unsere intellektuellen
+Hampelmänner, kautschuk-elastisch, wie sie nun einmal
+sind, und eingedenk der Tatsache, daß Zivilcourage in
+diesen bösartigen Zeiten unter Umständen zu einer recht
+brenzlichen Sache werden kann – dieses kühne Wort des
+französischen Sozialisten hat also unsere offizielle Intelligenz
+dahin abgewandelt, daß sie prinzipiell nur, wie nach einem
+geheimen Abkommen, über <em>die</em> Dinge redet, die nicht der
+Rede wert sind.
+</p>
+
+<p>
+Es gibt aber auch eine Lebensstrategie und damit auch
+fundamentale Grundsätze dieser Lebensstrategie. Und die
+Grundlage für jeden Erfolg beruht eben bekanntlich in der
+Fähigkeit, den Gegner mit überlegenen Kräften am entscheidenden
+Punkt im richtigen Augenblick zu schlagen. Ueber
+überlegene Kräfte aber einmal verfügen zu können, das
+verlangt schon heute: den vollen Lebenseinsatz jedes Einzelnen.
+Der entscheidende Punkt der gegnerischen Stellung,
+der springende Punkt, auf den zu alle Kräfte unserer Zeit
+sich bewegen werden, ist: das Problem der Ausbeutung.
+(„Wer alles verteidigen will, verteidigt nichts.“ Dies für
+Wesensschauer und reine Seelenmenschen!)
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a>
+Was aber treiben objektiv unsere Intellektuellen?!
+</p>
+
+<p>
+Sie treiben „Tarnung“. (Oder Camouflage, wie es in
+Amerika heißt, und woraus man bereits eine ganze Wissenschaft
+gemacht hat ... Popularisiert diesen Begriff!) Was
+ist Tarnung? Unter Tarnung versteht man die Kunst, den
+Gegner über die wahren Absichten, die man hegt, im Unklaren
+zu lassen. Unter Tarnung verstand man z. B. den
+Grasbüschel am Stahlhelm des MG-Schützen, und da bekanntlich
+auch der imperialistische Frieden die Fortsetzung
+der Politik des imperialistischen Krieges mit besonderen Mitteln
+ist, so versteht man unter Tarnung in der sogenannten
+pazifistischen Aera: die serienweise Fabrikation von Ideologien
+und Illusionen (Parlament, Demokratie, Völkerbund,
+Ableugnung des Klassencharakters des Staates, der
+Justiz, des Heeres, der Polizeigewalt usw. usw.), die dazu
+geeignet sind, den Gegner, d. h. den Klassengegner, das
+Proletariat, über die wahren Absichten der Volksverbrecher
+und der Massenblutsauger im Unklaren zu lassen. Die
+Spitzen der Klassenkampfbewegung womöglich schon ideologisch
+und psychologisch abzubiegen und auf diese Weise sich
+die Profitrate bzw. die höhere Profitrate zu sichern ...
+</p>
+
+<p>
+Selbstverständlich, so denken instinktsicher die Gewalthyänen,
+man kann es sich schon was kosten lassen, den verwesungstriefenden
+kapitalistischen Leichnam mit Girlanden
+zu umwickeln, wer wird auch seinen eigenen Gestank und
+seinen Totenschädel offen auf der Straße umhertragen!
+Ideologische Parfümeriefabriken tun bei dem allgemeinen
+Verwesungsgestank dringend not: man muß die Verwesung
+wenigstens wohlriechend machen! Kulissen her! Man kann
+sich doch nicht so jämmerlich, wie man in Wirklichkeit ist,
+zeigen! Ja, denn es geht hart auf hart. Alle Kräfte mobilisiert
+zum Endkampf heißt es da; hungern lassen heißt es
+da, ausbeuten! Nur die Massen nicht in revolutionären
+Schwung kommen lassen, nur die Haltung nicht verlieren.
+Nur jetzt nicht ... Verflucht, bleibt bald für das internationale
+Weltkapital nur noch China übrig, immer spärlicher
+werden die Akkumulationsreste ... und wenn man sich nicht
+mehr um Absatzgebiete hinmorden kann, was dann ... Wie
+<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
+soll man weiterhin den Mehrwert realisieren!? ... Die Welt
+ist aufgeteilt: nun muß man wohl bald dem Konkurrenten
+den Produktionsapparat selbst zerschlagen ...
+</p>
+
+<p>
+Und Worte sind in solchen Zeiten nicht mehr dazu da, um
+die Wahrheit zu sagen, sondern: um sie zu verdecken ...
+</p>
+
+<p>
+Nun, gut! Wir werden ihnen aber, wie man so sagt,
+mörderisch in ihr verruchtes Handwerk pfuschen. Wir werden
+reden, nicht um die Gegensätze zu verdecken, sondern um sie
+aufzureißen. Damit alle sie sehen können, werden wir die
+Wirklichkeit, nackt und brutal wie sie ist, in einen Kegel
+von Blendlicht stellen ...
+</p>
+
+<p>
+Ja, euere Pflicht wäre es zu reden, Intellektuelle, um die
+Klassenkräfte mit in Bewegung zu bringen, euere Pflicht
+wäre es, den Motor an der Kampfmaschine des Klassenwiderstreites
+mit anzukurbeln, für den nötigen Brennstoff
+mit zu sorgen, mit zu sorgen dafür, daß die Zündkerze intakt
+bleibt. Euere Pflicht wäre es, die proletarischen Klassenenergien
+mit zu entwickeln. Euere Pflicht wäre es, zu reden,
+um nicht an der drohenden Versackung ganzer Geschlechter
+im „absoluten Krieg“, d. h. im „Gassumpf“, mitschuldig zu
+werden.
+</p>
+
+<p>
+Euere Pflicht wäre es, nicht nur zu reden, um nicht an
+dem stündlichen ungeheueren Menschheitsverbrechen mitschuldig
+zu werden, sondern – – –
+</p>
+
+<p>
+Und wenn es euch auch den Kopf kostete!
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Aber auch im Fall, daß euere Entscheidung für die Revolution
+ausfällt, auch in diesem Fall gilt es, mit einem
+festeingewurzelten Aberglauben gründlich aufzuräumen.
+</p>
+
+<p>
+Denn Revolution bedeutet nicht nur gefühlsmäßige, begeisterungsflammende
+Hingabe an das revolutionäre Ideal.
+Damit ist bei weitem noch nicht alles getan. Revolution ist
+nicht nur der bewaffnete Aufstand, ist nicht nur das Stadium
+des Emporflammens der Massen-Empörung, Revolution
+bedeutet auch kleine zermürbende Parteiarbeit. Revolution
+ist auch die Klebekolonne. Revolution sind auch leere Versammlungen.
+<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a>
+Revolution ist Legalität und Illegalität. Die
+Kampfmaschine der Revolution: sie treibt einen ungeheueren
+Verschleiß an Menschenzahl und Menschenkraft. Revolution
+ist gründlichstes, exaktestes Wissen; sie ist das härteste,
+gewagteste und furchtbarste Lebenstraining dieser Welt; sie
+fordert deine Disziplin, deine Ausdauer, sie fordert dich
+hinein bis auf die letzte Nervenfaser; sie fordert dich ganz.
+Aber, es ist unschwer, wie Lenin sagt, revolutionär zu sein,
+wenn die Revolution schon ausgebrochen ist und in Flammen
+steht. „Nicht der ist revolutionär, der beim Eintritt der
+Revolution revolutionär wird, sondern der, der auch zur
+Zeit des stärksten Wütens der Reaktion die Grundsätze und
+die Losungen der Revolution verficht ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wir möchten es für euch wünschen, Kameraden, wir
+möchten es herzlichst für euch, in euerem eigenen Interesse
+wünschen: lernt wieder kennen Heroismus, Aufopferung,
+Kameradschaftlichkeit. Lernt wieder kennen, was es heißt,
+daß der Mensch nicht nur eine Ware ist, daß der Mensch
+nicht nur ein über alle Maßen gedemütigtes Ausbeutungs-
+und Spekulationsobjekt ist, sondern daß der Mensch vor
+allen Dingen noch ein Wesen ist, das aus einem Herzen
+besteht, das schlagen will, aus einem Gehirn, das denken will,
+aus Fleisch und aus Blutteilen. Lernt wieder kennen, nachdem
+ein Ideal nach dem andern euch zertrümmert worden
+ist, lernt wieder kennen das Gefühl, einer Bewegung anzugehören,
+der die Zukunft gewiß ist und deren Sieg gleichbedeutend
+ist mit Menschenwürde und Menschenfreiheit.
+Hier findet ihr hoch hinaus über alle spielerische Formelfexerei
+und geheimnisgeile Spekulationskrämerei wieder
+einen kräftigen Lebensinhalt. Unser Leben hat einen
+wesentlichen, das heißt einen zukunftszeugenden Inhalt:
+das ist das einfachste und wunderbarste zugleich, was ein
+Mensch von sich aussagen kann. Ein Lebensinhalt, um den
+es sich zu leben und zu kämpfen lohnt, und ein Lebensinhalt,
+um den es sich, wenn es sein muß, auch zu sterben lohnt.
+Mehr als das, etwas Schöneres, Herrlicheres, Gewaltigeres
+gibt es nicht, was der Mensch dem Leben abzugewinnen
+vermag ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
+Kämpft mit uns, wenn ihr wirklich ernsthaft gewillt seid,
+daß endlich Schluß gemacht wird mit jenen uniformierten
+Folterbestien, kämpft mit uns, wenn ihr wirklich ernsthaft
+gewillt seid, daß endlich Schluß gemacht wird mit jener
+Minderheit von Mehrwertshyänen in Menschengestalt, die
+Glück, Freude, Leben, Gesundheit von Millionen und Abermillionen
+Menschen täglich, ja stündlich auf dem Gewissen
+haben! Kämpft mit, Kameraden, wenn ihr die Wiedergeburt
+des Menschen aus der Menschengemeinschaft wollt,
+kämpft mit uns, Schulter an Schulter mit dem klassenbewußtesten
+Teil des Proletariats, Schulter an Schulter
+mit der Kommunistischen Partei: für die Grundsätze und
+für die Losungen der Revolution ...“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Solche und ähnliche Aufrufe erschienen damals in allen
+Universitäten, Hochschulen ... Und die idealgesinntesten und
+aktivsten Elemente der bürgerlichen Gesellschaft traten unter
+die rote Fahne. Es geschah, daß mancher Chemiker, Techniker,
+Künstler, Gelehrte, Arzt plötzlich wie aus einem
+Lebensschlaf erwachend, die Augen sich rieb, staunte: „Ja,
+die Kommunisten sind ja gar nicht so ... Die hab ich mir
+immer ganz anders vorgestellt!“ Und mit einer ungeheueren
+Ueberzeugungswucht und einem fanatischen Bekennermut
+sich die gefährlichsten Kampflagen aussuchte.
+</p>
+
+<p>
+Zahl, Kampfstärke der beiden Fronten änderten sich Tag
+für Tag.
+</p>
+
+<p>
+An manchen Stellen war ein großes Ueberlaufen ...
+</p>
+
+<p>
+Zwischenstufen, Mischungen, seltsamste Kombinationen,
+Uebergänge: die ganze Welt erschien in einem strudelnd
+flüssigen Zustand, und gespensterhaft phosphoreszierend. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-9-2">
+<span class="firstline">II</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Ein kurzer, schlagartig einsetzender Generalstreik: das war
+das Vorspiel zum bewaffneten Aufstand. Nicht überall
+lösten sich gleich bewaffnete Kämpfe aus, wie denn überhaupt
+die ganze Lage nicht schematisch zu beurteilen war.
+<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
+Ueber manchen Landesteilen lagerte eine unheimliche
+Stille; war es Stille vor dem Sturm oder Grabesstille!?
+Es war Stille vor dem Sturm, wie sich bald herausstellte.
+Und jene Führer der Arbeiterbewegung hatten wieder einmal
+damit bitter Unrecht behalten, die auch damals von der
+Kampfmüdigkeit und von der Gelähmtheit der proletarischen
+Energien unkten. Wurde auch die Generalstreikparole
+nicht überall gleich restlos befolgt, beim Ruf zum bewaffneten
+Aufstand zögerten nur noch wenige ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Um diese Zeit starb auch plötzlich der hochbetagte Präsident
+der Republik am Schlagfluß.
+</p>
+
+<p>
+„Berufsmörder!“ „Mit Orden ausgezeichneter Funktionär
+des Menschenmassenmords“, fluchten die einen ihm ins
+Grab nach. „Deutschlands letzte Stütze!“ „Unsere letzte
+Hoffnung!“ flennten die anderen.
+</p>
+
+<p>
+„Deutschland über alles“, hörte man damals das letzte
+Mal.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Deutschland war in den letzten Jahren immer mehr zur
+Bedeutungslosigkeit eines reinen Vasallenstaates, einer Industriekolonie,
+herabgesunken. Die nationalen Kreise, die mit
+der Parole „Nichterfüllung“ ans Ruder kamen, wurden im
+Moment der Regierungsübernahme zu Vollstreckern der
+Verschacherung des deutschen Nationalguts. Immer raffiniertere
+Methoden im Volksbetrug wurden ausgebildet, bis
+diese eines Tages in einen ganz gemeinen offensichtlichen
+und plumpen Schwindel umschlugen. Dann wurde künstlich
+sofort das patriotische Delirium aufs höchste gesteigert,
+„Deutschland über alles“ ertönte, wie immer, wenn ein
+ganz gerissenes Schiebermanöver im Gang war ...
+</p>
+
+<p>
+Die hin und wieder unter Ausbrüchen heilig-flammender
+Empörung gegen Deutschlands Vergewaltigung erhobenen
+Proteste wie auch das ganze Gefasel von der Wiedergutmachung
+der Schuldlüge usw., war ein vorher genau mit
+den einzelnen Staatengruppen abgekartetes Spiel, damit
+sich den gutgläubigen Kleinbürgern gegenüber die nationale
+Farbe der Regierungsträger nicht verwischen sollte. Ja,
+<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
+diese hatten sich durch die Bank so brav und ordentlich gehalten,
+daß der Völkerbund ihnen sogar ihre einstigen Kolonien
+als Mandat übergab. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wie Hammerschläge zum Sarge des Reichsoberhauptes
+dröhnten jetzt die Geschütze in das Stadtinnere aus den
+Vororten herein, wo Militär und bewaffnete Arbeiterschaft
+miteinander im Kampfe lagen.
+</p>
+
+<p>
+Von Stacheldrahtverhauen geschützt bewegte sich der
+Leichenzug dem Dom zu, wo die Beisetzung stattfand. Auf
+Paraden und feierliches Gepränge hatte man, wie man
+öffentlich kundtat, in Anbetracht der traurigen Lage der
+deutschen Volksgemeinschaft verzichtet.
+</p>
+
+<p>
+Vor dem Dom machte sich eine Gruppe von Provokateuren
+ans Werk, schleuderte eine Bombe ins Publikum, die fehlging,
+aber immerhin eine ungeheuere Panik hervorrief,
+bei der viele umkamen und es Hunderte von Verletzten gab;
+und eine viertel Stunde darauf ließ die Regierung bereits
+die Nachricht von einem kommunistischen Bombenanschlag
+verbreiten.
+</p>
+
+<p>
+Man erklärte die Kommunisten für vogelfrei. Die
+„Schwarzweißroten“ zogen auf Kommunistenjagd. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Draußen in einem Arbeiterviertel auf einem weiten
+Platz waren in roten Särgen die ersten Revolutionsopfer
+aufgebahrt.
+</p>
+
+<p>
+Als die KPD-Truppen anmarschierten: das klang hart,
+exakt, schneidend. Schlagartig, metallisch, knallend.
+</p>
+
+<p>
+Der Revolutionsgesang war ein kräftiges, in Rhythmen
+gefaßtes Klassenkampfbekenntnis, ein Schwur, eine Bürgerkriegsfanfare,
+eine unerbittliche Kampfansage.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Trauermarsch war ein Kriegsmarsch.
+</p>
+
+<p>
+Ein Genosse sprach.
+</p>
+
+<p>
+Er sprach von der roten Blutmauer der Föderierten: „Die
+Mauer der Föderierten auf dem Kirchhof Père Lachaise, wo
+damals der Massenmord vollzogen wurde, steht noch heute,
+ein stummberedtes Zeugnis, welcher Raserei die herrschende
+<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a>
+Klasse fähig ist, sobald das Proletariat wagt, für sein Recht
+einzutreten. Dann kamen die Massenverhaftungen, als die
+Abschlachtung aller sich als unmöglich erwies, die Erschießung
+von willkürlich aus den Reihen der Gefangenen herausgesuchten
+Schlachtopfern, die Abführung des Restes in
+große Lager, wo sie der Vorführung vor die Kriegsgerichte
+harrten ...“ Und der Genosse schilderte weiter, wie diese
+Mauer durch alle Länder hindurch, über alle Meere hinweg
+sich hinzieht, wie sie mit Strömen Proletarierblut getränkt
+ist, und wie diese Mauer auch heute wieder auferrichtet ist,
+turmhoch, wie an ihr das gesamte Proletariat steht, ausgesucht
+von der weißen Menschenbestie dazu, wehrlos niedergemetzelt
+zu werden ... Aber wie das Proletariat nun selbst
+zur Mauer wird, jede Brust ein Stein, jede Gruppe von
+Proleten ein scharfkantiger Quader, und wie plötzlich sich
+diese proletarische Menschenmauer in Bewegung setzt, stampfend
+über die Leiber der Mörder sich hinwegwälzt ... und
+das vergossene Blut in der Mauer zu leuchten beginnt,
+rotes Siegesblut und rotes Opferblut eins wird, glühend rot ...
+</p>
+
+<p>
+Und schloß mit den Worten Lenins:
+</p>
+
+<p>
+„Auf je hundert unserer Fehler, die die Bourgeoisie und
+ihre Speichellecker in die Welt hinausschreien, kommen
+zehntausend große Heldenakte, die umso größer und heldenhafter
+sind, als sie einfach und unscheinbar sind, sich im
+Alltag des Fabrikviertels oder des entlegenen Dorfes abspielen
+und von Menschen begangen werden, die nicht gewohnt
+sind und auch keine Möglichkeit dazu haben, ihren
+Erfolg in die Welt hinauszutrompeten ...“
+</p>
+
+<p>
+... Unsterbliche Opfer ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Weiter ging der Kampf.
+</p>
+
+<p>
+Maschinengewehrfeuer knatterte aus Flugzeugen, die
+dicht über die Dächer hinwegflogen. Proletarische Scharfschützen
+aber schossen in einem Stadtviertel aus Dachluken
+und hinter Kaminen hervor ein ganzes Geschwader ab.
+Ungemein beweglich war die Kampfesart, die sich im Verlauf
+der bewaffneten Aktion die Arbeiter zueigen machten.
+In kleinen elastisch hin und her manövrierenden Trupps
+<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
+wurde gekämpft, die sich trennten, blitzschnell sich wieder vereinigten
+und beinahe ohne Kommando sofort entschlossen zu
+einem Angriffsstoß ausholten. Polizeiwachen wurden erstürmt,
+niemand aber beging mehr den Fehler, sich darin
+festzusetzen und die anrückenden feindlichen Truppenteile aus
+der Verteidigungsstellung heraus zu bekämpfen. Jede erstürmte
+Stellung wurde sofort geräumt, geschickt maskiert,
+tagelang blockierte dann oft unter ungeheueren Verlusten
+der Feind solche Masken. Der Kampfgeist der „Weißen“
+wurde dadurch bedenklich zermürbt. Schweres Artilleriematerial,
+Flammenwerfer, Phosphor-Brandspritzen wurden
+mühsam herangeschafft, denn nur nach gründlichster Vorbereitung
+konnten die weißen Kommandos noch einen
+Sturm wagen. Bei übermäßigen Verlusten oder Rückschlägen
+ergab sich sofort eine Unzahl von Insubordinationen
+und Desertionen, nur die technische Ueberlegenheit verhinderte
+in diesem Moment noch den völligen Auflösungsprozeß
+...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+So bewegte sich auch auf einer Erkundungsfahrt ein Geschwader
+von Kampfwagen mitten in das Zentrum des
+Arbeiterviertels hinein.
+</p>
+
+<p>
+Die Kampfwagen waren gasdicht abschließbar und mit
+Sauerstoffapparaten ausgerüstet.
+</p>
+
+<p>
+Glühend heiß war es im Innern des Panzerwagens.
+Die Fünf-Mann-Besatzung schwitzte, und das eiserne Ungetüm
+holperte polternd über die aufgerissenen Straßenpflaster.
+Der Leutnant stand am Sehschlitz, brüllt die Kommandos.
+Wie ein Unterseeboot schwankt der Tank im hellen
+Gewässer des Tages einher.
+</p>
+
+<p>
+Nichts ist zu sehen. Nur kurz und hart schlagen außen
+die Geschosse unsichtbarer Schützen auf dem Stahlpanzer
+auf.
+</p>
+
+<p>
+„Hagelwetter bei heiterem Himmel.“
+</p>
+
+<p>
+Doch die Fünf-Mann-Besatzung ist nervös, es wird heiß
+und immer heißer bis zum Ersticken, man ist halbnackt und
+feuert, was die Kugelspritze hält, drauf los. Man stößt
+mit voller Kraft über die Straßenecken vor, vermeidet
+<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a>
+jeden toten Winkel, wendet kurz und schlenkert weiter im
+Zickzack straßeneinwärts. Hinter allen Fenstern spürt man
+Augen, Augen die wie sengende Strahlen in das Wageninnere
+hineinbrennen, vorwärts, rückwärts, oben und unten:
+überall lauert der Feind. Und die Antenne ist schon kaputt
+geschossen. Man ist abgeschnitten ... Nur der Motor rauscht
+und summt.
+</p>
+
+<p>
+Wieder um eine Ecke.
+</p>
+
+<p>
+Haustüren weit offen ... Man funkt hinein ...
+</p>
+
+<p>
+Der Leutnant sieht sich um: die vier Soldaten, Bauernjungens,
+machen giftige Gesichter. Reißen mit Wut an den
+Hebeln, ihre Bewegungen sind Stoß und Faustschlag ...
+</p>
+
+<p>
+Eine Leiche liegt mitten auf der Straße.
+</p>
+
+<p>
+„Volle Fahrt!“
+</p>
+
+<p>
+Drüber hinweg ...
+</p>
+
+<p>
+War es eine Leiche!?
+</p>
+
+<p>
+Oder hat es sich im Tuch bewegt?!
+</p>
+
+<p>
+Und der Leutnant schreit noch:
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt Kinder, seid doch vernünftig, eine geballte Ladung!
+Achtung ...“
+</p>
+
+<p>
+Und während die vier Soldaten ihm an die Kehle springen,
+einer ihm das Messer zwischen die Rippen stößt, die
+Pistole ihm zwischen den Fingern hindurchfällt, flutet auch
+schon eine Feuerwelle durch den Panzerraum; zwei, drei
+kurze Detonationen ... und die fünf Menschen hocken am
+Boden: in sich verkrümmt, wie verkohlte Baumstümpfe.
+</p>
+
+<p>
+Auch die vier anderen Wagen des Geschwaders waren
+abgefangen. Die Mannschaften hatten sich bedingungslos
+ergeben.
+</p>
+
+<p>
+Die Schäden waren leicht auszureparieren.
+</p>
+
+<p>
+Genosse Max Herse gehörte zur Besatzung des Wagens
+„Roter Blitz“, der auf Patrouille ausfuhr ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wunderbare Dinge geschahen.
+</p>
+
+<p>
+So kam einer die Straße herunter, ein gutgekleideter
+Mensch, mit dem Taschentuch winkend, auf den Wagen zu,
+<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
+meldet sich mit einer tränenerstickten Stimme: „Helft mir!
+Ich will wieder ein Mensch werden. Ich war es nur einmal
+in meinem Leben, drei Tage lang ... Seitdem, ach ...“
+Der sonderbare Ueberläufer wird im Wagen mitgenommen,
+kämpft später bei einer roten Sturmabteilung, fällt, ist
+schwerverwundet und sein letztes Wort ist: „Ich kann euch
+nicht sagen, wie glücklich ich bin ... nun ist ja alles gut
+so ...“ –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Das Kampfgebiet wurde mehr und mehr von den Arbeitervierteln
+weg in den Westen der Stadt verlegt, wo sich
+die Villenquartiere und die vornehmen Geschäftshäuser befanden.
+</p>
+
+<p>
+Gemeinsam mit den roten Partisanen operieren die
+roten Kampfwagen.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht verbarrikadieren!“ so heißt es immer wieder ...
+</p>
+
+<p>
+Da trifft die Nachricht ein:
+</p>
+
+<p>
+„Die Funkstation ist besetzt.“
+</p>
+
+<p>
+„Der Generalsturm bricht los!“
+</p>
+
+<p>
+„Ueberall in ganz Deutschland!“
+</p>
+
+<p>
+„Rußland mobilisiert. Rußland marschiert.“
+</p>
+
+<p>
+„Ueber der polnischen Grenze steht schon das Rote Gewitter.“
+</p>
+
+<p>
+So stark wirkte die Nachricht, daß zwei weitere Stadtviertel
+in dieser Nacht von den Arbeitern erstürmt wurden.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Arbeiter sind ihrer Sache sicher und siegesbewußt.
+„Die Welt wird unser sein!“ „Wir haben es lange genug
+nur gesungen.“
+</p>
+
+<p>
+Erwischt man einen von den „Schwarzweißroten“, so haut
+man ihm die Jacke voll, läßt ihn laufen ...
+</p>
+
+<p>
+Bis eines Tages ein „Roter“ den „Weißen“ entkommt,
+der Leib ist über und über mit Peitschen- und Säbelstriemen
+bedeckt, über zwanzig Bajonettstiche, das eine Auge ausgerissen
+... und er erzählt: an den Laternenpfählen ... unmenschliche
+Martern ... Spießrutenlaufen ... Vergewaltigung
+von Arbeiterfrauen ... Hinschlachtung von politischen
+<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a>
+Gefangenen in den Gefängnissen ... und Gas, Giftgas ...
+die Vorbereitungen sind getroffen ... Nehmt euch in Acht! ...
+Dicke Luft ... Die Hauptsache, die kommt erst ...“
+</p>
+
+<p>
+Von mehreren Seiten werden jetzt kurz hintereinander
+diese Aussagen bestätigt.
+</p>
+
+<p>
+Der Prolet beißt die Zähne fester zusammen:
+</p>
+
+<p>
+„Gut so, wenn sie es haben wollen ... Von nun an wird
+kurzer Prozeß gemacht! ...“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-9-3">
+<span class="firstline">III</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Max wurde in besonderem Auftrag ins Reich geschickt.
+</p>
+
+<p>
+Die Bahnhöfe, noch in den Händen der Regierungstruppen,
+waren gesperrt. Nur Munitionszüge und Truppentransporte
+verkehrten. Viele Brücken waren gesprengt, auf weite
+Strecken die Schienen aufgerissen, Züge flogen jeden Tag
+in die Luft.
+</p>
+
+<p>
+Max fuhr mit dem Motorrad.
+</p>
+
+<p>
+Serien von Landschaften zogen an ihm vorüber, kaleidoskopartig,
+wie ein Filmstreifen.
+</p>
+
+<p>
+Die Aufträge, die er zu übermitteln hatte, waren in den
+verschiedenen Hohlteilen der Maschine gut untergebracht.
+Auch besaß er verschiedene Ausweise, darunter auch einen
+„schwarzweißroten“ ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+So flog er an dunkelgrünen Wiesengründen vorbei, auf
+denen noch friedlich die Kühe weideten, an Aeckern, die
+leicht gekräuselten Wellenbeeten glichen: so lag das Heu
+in Reihen ... Durch Dörfer hindurch, wo ihm Bittgebete
+leiernd eine gebrechliche Prozession entgegenhinkte. Unbewegt
+stand noch so ein Dorf, wie ein träger zähflüssiger
+Tümpel, inmitten der gewaltigen Wirbelbewegung, die die
+Industriegebiete bereits längst ergriffen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Andere Orte wieder durchfuhr er, lange Autoreihen
+hielten vor prächtig und amerikanisch aufgemachten Hotels:
+die ausgewanderten Reichen waren hierher geflüchtet, hier
+hatten sie sich wie die Ratten bei einer Feuersbrunst in die
+<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
+Schlupflöcher verkrochen. Landhäuser, Villen mit Laubgängen
+und herrlichen Gartenanlagen grenzten an den See:
+wie viele Tausende von Menschen werden einst in diesen
+Erholungsheimen ihr Leben feiern! Schwer und solid gebaute
+Klöster standen vierschrötig auf Bergkuppen: auch
+hier, das ganze Land in dieser Gegend war ein tief wieder
+Lebensatem schöpfendes Ausruhen.
+</p>
+
+<p>
+Auch Siedlungen: mit Freideutschen, Christussen und
+„Wandervögeln“ darin, die sich selbst auf den Aussterbeetat
+gesetzt hatten, in die seltsamsten metaphysisch-verschrullten
+Gedankengänge verstrickt, dabei vegetierend und wurzelkauend.
+Eine zwanglose Selbstausschaltung dauernd Lebensuntüchtiger
+aus dem Gesellschaftsprozeß, ein Ersatz für
+Irrenanstalten bei harmloseren Fällen von Geisteserkrankungen.
+</p>
+
+<p>
+In der Nähe befanden sich einige ausgedehnte Konzentrationslager,
+in denen neue Armeen gebildet wurden,
+Büros zur Anwerbung von Freiwilligen waren fast in
+jeder Gemeinde untergebracht, die Pfaffen warben eifrig
+für diese Verbände im Beichtstuhl und von der Kanzel
+herab bei ihrer Predigt.
+</p>
+
+<p>
+Weiter gings.
+</p>
+
+<p>
+Hier und dort hatten es die Regierer allerdings schon
+gründlich mit den Bauern verscherzt, die ihre Dörfer verlassen
+hatten und sich, wie das Gerücht ging, in einer bestimmten
+Gegend zu einem Heerhaufen sammelten. Manchmal
+waren Flammenschein und Rauchsäulen am Himmel:
+Gutshöfe und Kirchen brannten: die Bauernschaft war aufgestanden
+und hatte ihre Peiniger zu Paaren getrieben.
+Unbewegt wie holzgeschnitzte Figuren standen an Wegkreuzungen,
+rote Binden um den Arm, die bäuerlichen
+Wachtposten, und oft, durch einen kurzen Durchblick durch
+einen Wald hindurch, sah man: auf geschlungenen Feldpfaden
+Züge von Marschierenden. An einer Stelle war es
+zum Zusammenstoß gekommen. Max mußte einen Umweg
+machen, alle Straßen lagen unter einem schweren Feuerdruck.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a>
+An dem berüchtigten Zuchthaus kam Max vorbei, in dem
+ein halbes Tausend von politischen Gefangenen elend ihr
+Leben fristete, über zweitausend Jahre Gefangenschaft
+saßen darin; dort in dem Mauerwinkel, über den
+großen Lindenbaum hinweg, war die Stelle, wo die Hinrichtungen
+mit dem Fallbeil stattfanden.
+</p>
+
+<p>
+Kein Gefangener war hinter den Gittern zu erblicken.
+</p>
+
+<p>
+Schlafen sie noch oder haben sie ihren Zwingkäfig bereits
+verlassen?
+</p>
+
+<p>
+Der Nächstbeste unten im Dorf konnte ihn darüber aufklären.
+</p>
+
+<p>
+Vor zwei Tagen, da war es, da hätten die Gefangenen
+gemeutert, seien unruhig geworden, man hätte es bis ins
+Dorf herunter gehört. Da habe die Gefängnisleitung die
+einzelnen Zellen mit Matratzen abdichten lassen, die Zellenräume
+vergast, in jede eine Giftgasflasche hineingelegt ...
+Drei Minuten hat es gedauert und der Lärm, der in diesem
+Stadium dem Gebrüll von Tobsüchtigen glich, war zuende.
+</p>
+
+<p>
+Es wird die Zeit kommen, knirschte Max grimmig, da
+man wieder dazu zurückkehren wird, Galgen öffentlich auf
+den Plätzen zu errichten, eine Hinrichtung zur Volksbelustigung
+zu machen, und wo man Torturen rücksichtslos anwenden
+wird. Da werden Reihen von Märtyrern auf den
+Tischen unter dem Strang stehen, eine weiße Kapuze über,
+um den Hals die Bulle des Todesurteils ... und man wird
+den Tisch unter ihren Füßen hinwegziehen, fest strafft sich
+der Strick, und die zwei oder drei Henkersgesellen hängen sich
+mit ihrem Gewicht noch an den Leib des Verurteilten ... und
+die Sache ist erledigt. Man wird Menschen bis oben hin in
+Watte einwickeln, mit leicht brennbarem Oel begießen, anzünden
+und sie laufen lassen. Wir sind im Anfang einer Zeit
+von Grausamkeiten, Barbareien, Greueln ohnegleichen und
+bei all dem wird man verlogen, wie man ist, verächtlich und
+human aufgeklärt auf die Geschichtsepoche der Inquisition
+und der Hexenprozesse herabblicken ... Unsere Gerichte sind
+Fabriken, weiter nichts als Fabriken, in denen nach einem
+bestimmten Schema, Gesetz genannt, serienweise Urteile
+fabriziert werden. Wer in dem Besitz dieser Fabriken ist!?
+<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
+Na, wir werden dafür sorgen müssen, daß diese Betriebe
+möglichst bald betriebsunfähig gemacht werden! ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+So kam Max bis ins Ruhrgebiet.
+</p>
+
+<p>
+Eine gelbliche Nebelschicht lag in der Luft. Es war still,
+wie ein Feiertag. Max erinnerte sich an jene Bergwerkskatastrophe,
+die damals den ersten Anstoß zu seiner proletarischen
+Bewußtwerdung und zu seinem neuen Leben
+gegeben hatte. Was der Kollege Straßenbahner jetzt wohl
+machen mag!? ... Und Wilhelm!? Ein jeder von denen
+stand auf seinem Posten, ein jeder hatte im großen Schlachtfeld
+seinen bestimmten Kampfplatz.
+</p>
+
+<p>
+Auch Lene ... Sie war seit der Ausrufung des bewaffneten
+Aufstands als Sanitäterin bei einer neu sich bildenden
+roten Armee in Ostpreußen ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Das gesamte Ruhrgebiet war ein einziges rotes Riesenbollwerk.
+</p>
+
+<p>
+Fieberhaft wurde gearbeitet.
+</p>
+
+<p>
+Ueberall Patrouillen, Sicherungen, Motorradfahrerabteilungen
+...
+</p>
+
+<p>
+Die Erde war geplatzt: nicht eine Armee nur, nein drei,
+vier rote Armeen waren aus dieser mit Proletarierblut
+überreichlich gedüngten Erde herausgestampft.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Nach heftigsten und für beide Seiten verlustreichsten
+Kämpfen war die weiße Armee geschlagen worden, sie löste
+sich auf dem Rückzug vollends auf, und die rote Armeeleitung
+war eben dabei, einen großangelegten Aufmarschplan
+gegen Norden, über Hannover, gegen Berlin auszuarbeiten.
+</p>
+
+<p>
+Hier sah Max zum erstenmal einen roten Panzerzug.
+Pfeifend und schnaubend, unter dem Gesang „Völker, hört
+die Signale“ schob er sich ins grüne Land hinein.
+</p>
+
+<p>
+„Glänzend organisiert“, mußte Max anerkennen. „Und
+was für eine Disziplin!“
+</p>
+
+<p>
+„Kein Fall von Plünderung oder ähnlichem ist bei uns
+vorgekommen, ja ja, wir haben eben eine revolutionäre Tradition
+<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a>
+... Die vielen Kämpfe in den vorhergegangenen
+Jahren sind nicht umsonst gewesen ...“ Wurde ihm im
+Hauptquartier berichtet. Und Heldentaten wurden erzählt,
+ohne Namensnennung, jeder hatte sie vollbracht, sie gehörten
+allen zusammen ...
+</p>
+
+<p>
+Hier erfuhr Max weiter:
+</p>
+
+<p>
+Generalstreik in USA. Bewaffnete Demonstrationen
+gegen den imperialistischen Krieg in USA. Die Negervölker
+in den Kolonien stehen auf ... Bis über Afrika, in Aegypten
+und Indien. Streik der chinesischen Arbeiter in den
+japanischen Spinnereien in Tsingtau. Sympathiestreik des
+japanischen Proletariats. Bewaffnete Zusammenstöße.
+Japans werktätige Massen sind in Aktion; Massen-Mobilisation;
+brechen ihr Sklavenjoch ...
+</p>
+
+<p>
+Den Nachrichten von Amerika gegenüber verhielt sich
+Max von Anfang an skeptisch.
+</p>
+
+<p>
+Die Partei ist noch schwach. Und das kann einer revolutionären
+Bewegung immer das Genick brechen. Wie viel
+Schutt spült eine Revolution herauf: Desperados, Hochstapler,
+Hasardeure: wenn da nicht fest zugegriffen wird, und die
+Mießmacherschweine dazu und die Flautegeier ...! Spitzel
+und Provokateure ...! Nur eine starke Organisation ...
+sonst geht das Spiel blutig verloren ... Alle gescheiterten
+Aufstände lassen sich auf den Mangel einer führenden Rolle
+der Partei zurückführen ...
+</p>
+
+<p>
+So 1919 zum Beispiel!
+</p>
+
+<p>
+Vom Roland bis zur Viktoria standen die Massen Kopf
+an Kopf. Bis weit hinein in den Tiergarten standen sie.
+Sie hatten ihre Waffen mitgebracht, sie ließen ihre roten
+Banner wehen. Sie waren bereit, alles zu tun, alles zu
+geben, das Leben selbst. Eine Armee von 200000 Mann.
+Und da geschah das Unerhörte. Die Massen standen von
+9 Uhr früh an in Kälte und Nebel. Und irgendwo saßen
+die Führer und berieten. Der Nebel stieg, und die Massen
+standen weiter. Aber die Führer berieten. Der Mittag
+kam, und dazu die Kälte, der Hunger. Und die Führer berieten.
+Die Massen fieberten vor Erregung: sie wollten
+eine Tat, auch nur ein Wort, das ihre Erregung besänftigte.
+<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a>
+Doch keiner wußte, welches. Denn die Führer berieten.
+Der Nebel fiel weiter, und mit ihm die Dämmerung. Traurig
+gingen die Massen nach Hause: sie hatten Großes gewollt
+und nichts getan. Denn die Führer berieten. Im Marstall
+hatten sie beraten, dann gingen sie weiter ins Polizeipräsidium
+und berieten weiter. Draußen die Proletarier
+auf dem leeren Alexanderplatz, die Knarre in der Hand, mit
+leichten und schweren Maschinengewehren. Und drinnen
+berieten die Führer. Im Präsidium wurden die Geschütze
+klargemacht, Matrosen standen an jeder Ecke der Gänge, im
+Vorderzimmer ein Gewimmel, Soldaten, Matrosen, Proletarier.
+Und drinnen saßen die Führer und berieten. Sie
+saßen den ganzen Abend und saßen die ganze Nacht und
+berieten, sie saßen am nächsten Morgen, als der Tag graute,
+teils noch, teils wieder, und berieten. Und wieder zogen
+die Scharen in die Siegesallee, und noch saßen die Führer
+und berieten ...
+</p>
+
+<p>
+Nur war es mehr eine Frage der Führung als der einzelnen
+Führer, es war die Partei, die fehlte.
+</p>
+
+<p>
+Die Konterrevolution aber arbeitete indessen nach einem
+einheitlichen Plan. Sie rechnete nicht nur mit Berlin,
+sondern mit dem ganzen Reiche. Ein Werbebüro nach dem
+andern wird eingerichtet, auf Lastautomobilen werden
+Waffen herbeigefahren. Kraftwagen aus Kasernen und Depots,
+ein ganzer Park von Fuhrwerken wird in Dahlem zusammengestellt,
+wohin inzwischen Noske und Oberst Reinhard
+aus Berlin geflüchtet sind. Nach drei Tagen schon glich
+die Gegend einem Kriegslager. Es wurde mit fabelhaftem
+Eifer und großer Schnelligkeit gearbeitet. Auffüllung von
+Restbeständen der Gardekavallerieschützendivision in Berlin
+– Zusammenfassung kleiner Truppenteile in den märkischen
+Dörfern – eine letzte Besprechung und nach schleuniger
+Zusammenstellung von Einwohnerwehren in den Berliner
+Bourgeoisievierteln: Einmarsch, Sturm auf die von den
+Arbeitern besetzten Gebäude und fünf Tage darauf: Berlin,
+die stärkste Festung der deutschen Revolution, war gefallen.
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a>
+„Und nun Glück auf die Reise, Max, wie ungeheuer
+wichtig das ist, was du durchzuführen hast, weißt du ja
+selbst ...“
+</p>
+
+<p>
+Und schon lag das Ruhrgebiet hinter ihm. Weiter gings.
+</p>
+
+<p>
+Max traute seinen Augen nicht:
+</p>
+
+<p>
+Da bewegte sich durch die Straßen eines Provinzstädtchens
+ein großer Festzug, Militärvereine und Musikkapellen waren
+in dem Zug, den verschiedene historische Gruppen „verschönerten“.
+Auf zwei Wagen zogen die Pfahlbauern mit
+ihren Häusern daher. Ihnen folgte Hermann, der Cherusker,
+mit einem bewaffneten Gefolge. In Tierfelle gekleidet
+zeigten sich die Alemannen. Die Kreuzfahrer, ein gewisser
+Graf Eberhard im Bart, Landsknechte zu Fuß und zu
+Pferd. Stolz marschierte Theodor Körner in lebenswahrer
+Nachahmung, hinter ihm ritten die Schillschen Offiziere.
+Und gar welch ein erinnerungsvolles Bild bot die Kolonialtruppe,
+bei der ein mit acht Ochsen bespannter Wagen
+schwarze und weiße Bewohner der Kolonien mit sich
+führte ...
+</p>
+
+<p>
+Was war das nur!?
+</p>
+
+<p>
+Max lachte aus vollen Kräften.
+</p>
+
+<p>
+Es war ein Bezirkskriegertag.
+</p>
+
+<p>
+Eine tragigroteske Illustration dafür, wie die Vorstellungen
+und die Ideen der Menschen noch lange an Zuständen
+haften bleiben, die bereits durch die tatsächliche materielle
+Entwicklung der Geschichte längst überholt sind ...
+</p>
+
+<p>
+Und schon tobten mit bärtigen Stimmen kerndeutsche
+Männerchöre gegeneinander, vielstimmig, und mit tremolierenden
+Gefühlsschnörkeln am Ende gesungen, ein Sängermassenwettstreit,
+ein echt arisches Wettsingen ...
+</p>
+
+<p>
+„Die Wacht am Rhein“. „Heil dir im Siegerkranz“.
+„Wer hat dich, du schöner Wald!“ ...
+</p>
+
+<p>
+Fern schluchzte ein altmodisches Grammophönlein ganz
+blechern erbärmlich, und mollige Katzen schnurrten hinter
+den mit Geranien bewachsenen Fenstersimsen ...
+</p>
+
+<p>
+Die Zuschauer im Bratenrock und Zylinder mit gestickten
+Fahnen bildeten zu beiden Straßenseiten Spalier, wie
+schwarz anlackierte Menschenpuppen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a>
+Auch die Bordellmutter Susanne stand mitten drin,
+notierte in Gedanken eine Bestellung auf Flaschenbier, leckte
+sich mit der Zunge die Lippen, faltete die Hände und schmunzelte
+...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Und dann wieder:
+</p>
+
+<p>
+Violine, Cello, Klavier ...
+</p>
+
+<p>
+„Dabei läßt es sich zwar bis zum Schmelzen butterweich
+träumen, behaglich seelen-schmatzen, liebkosen, plauschen,
+schweifwedeln und wenn es hochkommt, bestenfalls noch ein
+„guter Mensch“ werden ... Nichts mehr. Also: Schluß damit!“
+</p>
+
+<p>
+Max gab Vollgas und flitzte, sich immer noch vor Lachen
+schüttelnd, aus diesem gespenstischen Idyll von dannen ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es kam noch eine Irren- und Siechenanstalt, im Pavillonsystem
+erbaut: die Blöden tappten mit eckig ungelenken Bewegungen
+schwerfällig hinter den Zäunen entlang, nickten
+und grinsten, manche waren ein gleichmäßiges ewiges Wandeln
+auf und ab, andere wieder wie zu einer Säule erstarrt.
+Das Heim der idiotischen Kinder war bei weitem das
+Grauenhafteste, Säufergeburten lagen in den Windeln da,
+mit unförmigen klumpigen Köpfen, die glanzlosen, wirr in
+sich verschlungenen Augen schrien stumm eine entsetzliche
+Anklage ...
+</p>
+
+<p>
+Einmal, mit einer Krankenkassenkommission, hatte auch
+Max schon einen Gang durch ein städtisches Krankenhaus
+gemacht. Gewiß, es war sauber, hygienisch, die Gänge,
+die Bettreihen blitzblank, die Aerzte, die Schwestern
+in ihren weißen Mänteln und Schürzen: dagegen war
+nichts zu sagen. Welch ein Widerspruch: die Reinlichkeit,
+die Pflege, die Barmherzigkeit: sie beginnt erst,
+wenn der Mensch durch die skandalösesten unsaubersten
+Verhältnisse draußen, durch Gemeinheit, Profitjägerei
+und Menschenniedertracht unheilbar auf das Totenbett
+gestreckt ist! Wie viele dieser hier liegenden Gangräne,
+Lungenvereiterungen, innerer Verletzungen hätte eine richtige
+Behandlung des betreffenden Menschen am Arbeitsplatz
+<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
+unmöglich gemacht. Zu neun Zehntel bestimmt sind
+alle diese Krankheiten unnötig: diese durchjauchten Verbände,
+diese Kübel stinkenden Eiters, diese verstümmelten
+Menschenkadaver im Leichenschauhaus: eine technisch besser
+angelegte Gesellschaftsordnung wird auch im Laufe der
+Jahre diesen ganzen kostspieligen und mit so ungeheuerlichen
+Leiden verbundenen Menschheitsaussatz hinwegfegen ...
+Und heute: die Mehrzahl der Menschen lebt nicht, sondern
+wird durchs Leben gehetzt; stirbt nicht, sondern verreckt ...
+</p>
+
+<p>
+Noch am Abend traf Max am Ziel seiner Fahrt ein.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war ein gewaltiger Komplex von Farbstoff-Fabriken,
+der sich über eine Fläche von mehreren Quadratkilometern
+erstreckte.
+</p>
+
+<p>
+Bei einem Genossen fand Max Unterkunft.
+</p>
+
+<p>
+In einem schäbigen Anzug meldete er sich am nächsten
+Morgen auf dem Arbeitsnachweis, zeigte seine Papiere vor
+und wurde auf Grund seiner „schwarzweißroten“ Empfehlung
+sofort genommen.
+</p>
+
+<p>
+Am Tage darauf sollte die Arbeit in der Giftbude beginnen.
+</p>
+
+<p>
+Wahrscheinlich, so erfuhr er durch die Genossen, werde er
+als Neuling gleich ins Gift gestellt ...
+</p>
+
+<p>
+Max trieb sich noch ein wenig in der Umgegend herum.
+</p>
+
+<p>
+Einige Holzfabriken in der Nähe streikten. In Gruppen
+standen die Menschen vor den Telegraphenbüros.
+</p>
+
+<p>
+Die Farbstoffindustrie, durch eine besonders zuverlässige
+Belegschaft ausgezeichnet, arbeitete nach wie vor mit Hochdruck.
+</p>
+
+<p>
+Die Konzentration des Militärs war in dieser Gegend besonders
+stark. Zu Zusammenstößen war es bisher noch nicht
+gekommen. Ueberall war die Meldung verbreitet: „Aufstandsbewegung
+in Berlin niedergeworfen. Ruhe und Ordnung
+wieder hergestellt.“
+</p>
+
+<p>
+Die Farbstoffindustriearbeiter waren sofort an der gelblich
+fahlen Hautfarbe zu erkennen. Die Zähne waren auffallend
+schlecht, manche Münder wiesen mit eiterigen Geschwüren
+<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
+behaftete klaffende Lücken auf. Die Augen waren
+durchwegs entzündet.
+</p>
+
+<p>
+Viele Arbeiter litten dazu noch an inneren Nasengeschwüren,
+an einer sogenannten Stinknase ...
+</p>
+
+<p>
+Der größte Teil der Arbeiterschaft der chemischen Industrie
+war im Fabrikkomplex selbst in kleinen Backsteinhäuschen
+mit einem spärlichen Gemüsegarten davor angesiedelt. Sie
+durften augenblicklich nur mit besonderer Genehmigung der
+Fabrikverwaltung das Areal verlassen ...
+</p>
+
+<p>
+Es war ein älterer, gutmütig aussehender Genosse, mit
+dem Max ein längeres Gespräch anknüpfte.
+</p>
+
+<p>
+„Mehr als höchstens ein viertel Jahr, Freundchen, hält
+es darin keiner aus. Wenn du an den Bottichen mit der
+Gifttunke zu arbeiten hast oder beim Umfüllen in die
+Flaschen ... in drei Monaten spätestens bist du eine Leiche
+... da heißt es rasch Karriere machen oder aber ... Hier
+leiden sie alle an Lungenkrebs, das ist sozusagen unsere Berufskrankheit
+... Und die vielen Fälle von Verbrennungen
+und Erblindungen ... Na, richtige Krepierer sind das ...
+Und überhaupt jetzt: täglich kommen fünfzig neue herein,
+täglich haben wir an die fünfzig Mann Abgang! Siehst du
+die Baracken da drüben: das sind die Hoffnungslosen, unser
+Sterbesalon ... Ist eben auch die gefährlichste Industrie ...
+Und grad gegenwärtig: Hochbetrieb, Saison, Hochkonjunktur!
+Lohnzuschlag! Ueberstunden, daß es nur so kracht! Gewaltige
+Aufträge aus Amerika, sagte man. Heilmittelaufträge.
+Aber man munkelt allerlei. Ist eben alles noch ungewiß.
+Keiner weiß was genaueres darüber ...“
+</p>
+
+<p>
+Max ließ den nichtsahnenden Genossen wiederholen:
+</p>
+
+<p>
+„Aufträge aus Amerika ... Heilmittel ...“
+</p>
+
+<p>
+Dabei sah er ihn prüfend von unten an.
+</p>
+
+<p>
+„Glaubst du eigentlich selbst, was du sagst? ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, wir werden ja vermutlich auch streiken ... Soll aber
+bereits alles abgewürgt und eine aussichtslose Sache
+sein ...“
+</p>
+
+<p>
+„Eine bestochene, eine korrumpierte Bande seid ihr!“
+fuhr es Max heraus. „Was ihr produziert, na, vorerst
+Schwamm darüber ...!“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a>
+Und Max klärte den Genossen zunächst über Berlin auf.
+</p>
+
+<p>
+Dem Proleten standen dabei die Tränen in den Augen.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, was du nicht sagst ... Diese Erzgauner ... So
+eine Lumperei ...“
+</p>
+
+<p>
+„Verlaß dich drauf ... Auch hier, wir werden schon
+Trieb dahinter setzen. Auf euch vor allem kommt es jetzt
+an. Ihr habt das Schicksal der ganzen Bewegung in der
+Hand. Jetzt oder nie! ... Morgen wird die Arbeit losgehn!
+... Parole: auf der ganzen Front ganze Arbeit!“
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-9-4">
+<span class="firstline">IV</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Am anderen Morgen wurde Max auch wirklich gleich
+mitten ins Gift gestellt.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte sich schon beizeiten auf den Weg gemacht, setzte
+sich noch vor Beginn der Arbeit mit den roten Zellenobleuten
+in Verbindung, ermittelte genau die Struktur der
+Belegschaft: wieviel Sozialdemokraten, Schwarzweißrote,
+Persönliches usw., und besprach mit den Genossen kurz die
+Situation im Reich, besonders in den großen Industriestädten,
+worüber die Proleten, da die Regierung noch
+den gesamten Nachrichtenapparat besaß, völlig uninformiert
+waren. Dann ging er dazu über, ihnen klipp und
+klar das Wesen und die Bedeutung ihrer Tätigkeit zu erklären.
+Einige Flugschriften unterstützten das, doch im allgemeinen
+konnte man sagen, was das Gebiet der Technik
+des kommenden Krieges anbetraf, so war darin vom proletarischen
+Standpunkt aus nur recht wenig Brauchbares
+geleistet worden. Die Artikel der amerikanischen Genossen,
+die Resolution, hie und da Aufsätze in den revolutionären
+Tageszeitungen: aber mit Propaganda allein war eben
+nicht alles zu machen und Erfahrung – die Genossen in der
+chemischen Industrie waren auf dem besten Wege dazu, sich
+diese möglichst teuer zu erkaufen.
+</p>
+
+<p>
+Immer wieder kamen sie mit den Einwänden: „Stimmt
+ja gar nicht, was du sagst, diese Säuren braucht man zu
+Seife und daraus werden Parfümerien gemacht, darüber
+<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
+besteht doch gar kein Zweifel, sind doch genaueste Kontrollen
+da, lies doch das Buch der Schweizer Chemikerin,
+die erstens Kanone in ihrem Fach und zweitens noch dazu
+eine Pazifistin ist, die läßt sich doch sicher nicht so leicht was
+vormachen, ihre Kontrollvorschläge hat doch der Völkerbund
+einstimmig angenommen, und die ganze öffentliche
+Meinung der Welt ist gegen den Gaskrieg, na und überhaupt
+... Der Chemische Krieg ist doch verboten und alle
+Nationen haben unter Abgabe feierlichster Versicherungen
+sich dagegen erklärt ... Siehst du, Genosse, du magst es ja
+recht ehrlich meinen, aber wir, die wir jahrelang in der
+Bude stecken, wir müssen doch schließlich am Ende auch noch
+was davon verstehn: was wir zum Beispiel in letzter Zeit
+fabrizieren, sind lediglich Heilmittel, Aufträge nach Amerika,
+Salvarsan, davon wirst du ja gewiß auch schon gehört
+haben ... Nicht wahr? ... Und deshalb auch der Lohnzuschlag.“
+</p>
+
+<p>
+Man behandelte Max beinahe etwas herablassend wie
+einen Laien.
+</p>
+
+<p>
+„Einen Vorschlag, Genosse Max! Alles, was du uns da
+sagst, hat weder Hand noch Fuß! Komm erst einmal in
+unseren Betrieb, schau dich einige Tage gründlich darin
+um und informiere dich! ... Wir wollen dir gern dabei
+behilflich sein ...“
+</p>
+
+<p>
+„Gut so!“ Max schlug ein.
+</p>
+
+<p>
+„Verschrobene Vorstellungen! Inhaltsleere, blödsinnige
+Phantastereien, alles ein hahnebüchener Schwindel, wenn
+man ihm ernsthaft auf den Grund geht. Ein Kinderschreck!
+Für alte Weiber und Flennbrüder! Da sieh nur mal her,
+Max, Märchenerzähler!“ Und immer noch schüttelten sie
+ungläubig die Köpfe. Sie schleppten bürgerliche illustrierte
+Zeitungen an mit Beschreibungen mechanischer Polizeimänner,
+die gar gruselig anzusehen waren, mit Todesstrahlen,
+die mörderisch in den Lüften nach Fliegern herumstocherten
+und mit anderem ähnlichen Mumpitz.
+</p>
+
+<p>
+Dann begannen aber doch einige der Genossen die Artikel
+der Amerikaner zu lesen, langsam und schwerfällig lasen
+sie, als ob sie buchstabierten.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
+Einer dachte schon nach.
+</p>
+
+<p>
+Sah lang dabei in die Ferne.
+</p>
+
+<p>
+Schüttelte wieder den Kopf, las wieder.
+</p>
+
+<p>
+„So meinst du also, Genosse Max, das ganze so großartig
+ethisch und human aufgezogene Verbot des Gaskriegs
+durch den Völkerbund soll nichts weiter als nur ein
+ganz elendiglicher Bluff gewesen sein. Eine Beruhigungspille
+sozusagen ... Um uns Proleten vor allem in Sicherheit
+zu wiegen ... Und damit man um so ungestörter sich
+der Vorbereitung einer gewaltigen Massenhenkerarbeit
+widmen kann.“
+</p>
+
+<p>
+„Das allerdings meine ich“, entgegnete Genosse Max.
+</p>
+
+<p>
+Und fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+„Und die Bestätigung dieser Meinung wird nicht lange
+mehr auf sich warten lassen. Aber wir müssen unseren Gegnern
+zuvorkommen. Wir können nicht warten bis es soweit
+ist, da es dann unter Umständen auch bereits zu spät sein
+kann ...“
+</p>
+
+<p>
+Wieder kam ein anderer gelaufen:
+</p>
+
+<p>
+„Also, das ... wir, wir Farbindustriearbeiter ... Nein,
+das kann nicht möglich sein ... das wäre ja ...“
+</p>
+
+<p>
+Er machte eine Bewegung, als ob er sich krümmte.
+</p>
+
+<p>
+Langsam und hartnäckig, mit viel Geduld, arbeitete sich
+Max in diese Schädel hinein, er gab nicht nach, hielt sie
+wie mit einer eisernen Umklammerung an ihrem eigenen
+Gedankengang fest, bohrte weiter und führte sie sicher aus
+ihren Illusionen heraus.
+</p>
+
+<p>
+„Schwierigkeiten sind nur dazu da, um überwunden zu
+werden. Schwierigkeiten lechzen geradezu nach ihrer Ueberwindung.“
+Das war sein Leitspruch bei dieser Tätigkeit.
+</p>
+
+<p>
+Immer nachdenklicher wurden die anderen.
+</p>
+
+<p>
+Max gab ihnen ungeschminkte Wahrheit. Dadurch gewann
+er ihr volles Vertrauen. So schilderte er ihnen eindringlich,
+wie die Revolution ein langwieriger Prozeß sei,
+voll von Aufopferung, Martern, Blut und Wunden, und
+daß gar nicht daran zu denken sei, daß die Lage der Arbeiterschaft
+bei der Machtübernahme sich gleich von heute
+<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
+auf morgen bessere. Im Gegenteil ... „Wir Kommunisten
+gaukeln euch nichts vor. Wer die Wahrheit nicht ertragen
+kann, bitte sehr ... Aber es gibt für euch Proleten gar
+keine andere Wahl. Entweder – oder. Ihr müßt kämpfen
+oder – untergehn.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, wir wollen nicht untergehn. Gewiß nicht ...
+Und wenn, wie du uns mitgeteilt hast, unsere Brüder jetzt
+kämpfen ...“
+</p>
+
+<p>
+Max bemerkte schon: mit geschärften Augen beobachteten
+sie alles, was im Betrieb vor sich ging, oft verschwand der
+eine oder der andere für eine Weile, bis plötzlich eines Vormittags,
+grün vor Schrecken, einer der Obleute zurückkam
+und Max leise ins Ohr flüsterte:
+</p>
+
+<p>
+„Max, ich habs, es stimmt, was du sagst ... Hier ist die
+genaue Aufstellung ... Eine ganze Liste ... Also es ist
+festgestellt: seit drei Monaten fabrizieren wir weiter nichts
+als Giftgas.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Max beobachtete genau die Herstellungsverfahren.
+</p>
+
+<p>
+Die Arbeiter hier in den Betrieben machten lediglich
+Vorarbeiten. Erst im letzten Stadium vollzog sich die Umwandlung
+der Produkte in chemische Kampfstoffe. Diese
+Arbeit geschah in einem besonderen Gebäude, zu dem niemand
+Zutritt hatte. Die Arbeiter dort waren vertragsgemäß
+unkündbar auf mindestens 12 Jahre verpflichtet.
+Vor dieser Zeit verließ auch keiner seinen Arbeitsplatz. Sie
+wohnten dort. Nur Unverheiratete wurden aufgenommen.
+Dieser Teil des Farbstoffwerkes hieß „Die Falle“ oder auch
+„Die feste Burg“. Die meisten Arbeiter betrachteten die
+„Falle“ als eine Art freiwilliger Quarantäne, da gewisse
+Arbeiten mit Ansteckungsgefahr verbunden waren. Nur besonders
+zuverlässige Leute, am liebsten aus den „Vaterländischen
+Verbänden“, wurden hier aufgenommen. Auch
+frühere Angehörige des Heeres, entlassene Unteroffiziere,
+Soldaten wurden mit Vorliebe eingestellt. Nach allen
+vier Himmelsrichtungen hin war die „Falle“ von der
+übrigen Welt abgemauert, über die Mauer selbst aber zog
+sich noch ein zwei Meter hoher Stacheldraht, wie man
+<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
+vermutete, elektrisch geladen. „Versuche, das isolierte Gebiet
+zu betreten, mit Lebensgefahr verbunden!“ warnten überall
+Tafeln. Durch ein doppeltes Geleise war dieser mysteriöse
+Teil des Farbstoffwerks direkt mit der Staatsbahn verbunden.
+Ununterbrochen rollten nachts Güterzüge ein und
+aus.
+</p>
+
+<p>
+Was dort vor sich ging, darüber erfuhr man im übrigen
+Betrieb nichts.
+</p>
+
+<p>
+Die Arbeiter kümmerten sich nur wenig um die „Falle“.
+</p>
+
+<p>
+Sie war beinahe von einer Legende umwoben und atmete
+ein geheimnisvolles Schweigen.
+</p>
+
+<p>
+Nur einmal: da soll es zu einem Zwischenfall gekommen
+sein, als sich einer der Insassen aus dem Fenster stürzte im
+Wahnsinn, wie es hieß, der durch die unsachgemäße Behandlung
+von chemischen Mischungen erzeugt worden sei.
+</p>
+
+<p>
+Dieser Vorfall kam damals auch in den Betrieben zur
+Sprache und wurde in Zusammenhang gebracht mit einer
+Meldung aus Amerika, die über ein neues sogenanntes
+„Wahnsinnsgas“ berichtete.
+</p>
+
+<p>
+Die Diskussion darüber dauerte vielleicht eine Woche.
+</p>
+
+<p>
+Es kam nichts dabei heraus.
+</p>
+
+<p>
+Man wollte zuerst eine Untersuchungskommission einsetzen.
+</p>
+
+<p>
+Doch wie gesagt: eine Woche lang, und die erregten Gemüter
+beruhigten sich. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der Fabrikraum, in dem Max arbeitete, war bis aufs
+äußerste ausgenützt. Es war genau berechnet, wieviel Platz
+jeder Arbeiter brauchte, jede Arbeitsbewegung war kinematographisch
+festgestellt: ein elektrisch betriebenes Band
+rollte und führte dem Arbeiter die einzelnen Arbeitsprodukte
+zu, an denen jeder Arbeiter nur mit einem Handgriff
+eine bestimmte Prozedur vorzunehmen hatte. Zeit, Arbeitstempo
+waren bis auf die Sekunde geregelt. Und immer
+wieder wurden von den zu diesem Zweck besonders angestellten
+Arbeitstechnikern neue Methoden herausgefunden, die
+Arbeitsintensität zu steigern.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
+Sämtliche Arbeiter trugen zum Schutz gegen die giftigen
+Dämpfe haubenähnliche Masken, die Gläser der Sehschlitze
+waren gegen den Beschlag durch ätzende Säuren besonders
+eingefettet.
+</p>
+
+<p>
+Trotzdem waren die Schutzmaßnahmen, hauptsächlich die
+an den in einem rasenden Tempo wirbelnden Maschinen,
+recht mangelhaft.
+</p>
+
+<p>
+Die schönste Erholung war schließlich der „Sauerstoffraum“,
+der nach je drei Stunden Arbeitszeit auf drei
+Minuten aufgesucht werden konnte.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Ein dunkles Zischen und Surren schwebte in der Luft, ein
+knatternder, gedämpfter Orkan, Eisenarme drehten sich und
+neigten sich vielgelenkig über; Bottiche, gefüllt mit dickklebrigen
+Brühen, schwenkten sich dicht unter der Decke dahin,
+ein harziger Brei schwemmte selbsttätig von Kübel
+zu Kübel, Wunderwerke von Präzisionsmaschinen nahmen
+die kompliziertesten Mischungen vor. Durch andere Räume
+hindurch, die großen Hallen glichen, sah man Kessel an
+Kessel, zwei- und dreistöckige Kessel sozusagen, an denen auf
+langen Leitern die Arbeiter herumstiegen. Mehrere Plattformen
+teilten so einen Kessel nach oben ab, Max schien es,
+als glichen sie ganz den gotischen Kirchen.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Mitten in der Arbeit hatte Max einmal die Vision:
+</p>
+
+<p>
+Alles gast, dampft, spritzt; der ganze Raum ist mit fliegenden,
+spritzenden Säuren durchspannt; es knistert und
+flackert phosphoreszierend an den Böden, die krautig und
+haarig bewachsen sind, als Steinbrocken darin klotzige
+Knochenschädel, und das Ganze brennt tropisch glühend, eine
+morastige Landschaft, so heiß, daß die Haut unempfindlich
+wird und die Augen aus den Stirnhöhlen heraustropfen,
+dicke, perlenähnliche, weißlich-festgeronnene Blasen. Wesen
+hausen in auszementierten Schlupflöchern und in Gräbern
+als Unterständen, in schwere Gummianzüge gepreßt,
+Masken-Helme aufgestülpt, durch die Worte nur noch
+als dumpfes Gurgeln und Röcheln vernehmbar sind. „Der
+neue Mensch!“ dozierte jemand, und immer dichter und
+<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a>
+dichter ward das gasige Dickicht. „Jetzt endlich haben wir
+es!“ dröhnte pathetisch und wohlig schnalzend eine Stimme:
+„eine hochkonzentrierte Gaswolke, die die Möglichkeit bietet,
+den Gegner zu überrumpeln und dabei doch die Eigenschaft
+hat, von topographischen und meteorologischen Einflüssen
+völlig unabhängig zu sein ... Dies Problem zu lösen war
+in der Tat nicht ganz einfach ...“ Das Besondere an dieser
+visionären Landschaft war, daß sie geometrisch exakt
+und sauber aufgeteilt war, ja daß die zahllosen Einzelteile
+und Figuren in ihr aufs feinste ausgebildet und
+aufs strengste sich organisiert erwiesen, das Ganze aber
+durchaus chaotisch und einem mittelalterlichen Spuk und
+Hexensabbath vergleichbar. Alles drängte nach Auflösung,
+ein in Strudeln sich um und um drehender Abgrund
+schwamm, voll von Algen, Lurchen, Schnecken und Quallen.
+Gestaltgewordene eitertriefende Geschwüre wandelten dazwischen,
+Gewürme und stachlichte Riesenkletten: alles fabriziert,
+saugt, atmet Gas: verfärbt sich und verwandelt sich
+jeden Augenblick, Muscheltiere und Mollusken kommen hoch,
+ganze Haufen exotischer, mit schlingenden Fangarmen bewehrter
+fleischfressender Pflanzen, und darüber schillert und
+brennt es wieder magisch hinweg, man hört beinahe nichts:
+die Gashölle ist geruchlos und lautlos, und die Sonne in
+diesem modernen Inferno glüht eisern, roh ausgezackt und
+völlig unbewegt, schmettert sengend Strahl auf Strahl
+nieder, jede Luftschicht wirkt wieder, die Hitzgrade vervielfachend,
+als eine besondere Art atmosphärischen Brennspiegels:
+und darunter dickt die Luft sich von selbst ein, wird
+milchig, flockig und schwimmt, schleimige Fäden lassend, über
+dem Erdsumpf dahin als eine molkige Riesenwolke ...
+Alle Völker, alle Erdwesen sind durch die Giftgasschwemme
+hindurchgegangen. Ein neues Wüstengebiet entsteht: alles
+wie unter einer Bleiche gefleckt, und knöcherig überkrustet. –
+</p>
+
+<p>
+– – – –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Max studierte die tabellarische Uebersicht der wichtigsten
+chemischen Kampfstoffe. Es war klar, die neuesten Verfahren
+waren darunter nicht aufgezählt. Chemische Bezeichnung,
+<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
+chemische Formel, militärische Bezeichnung, militärisch-technischer
+Deckname, physiologische Wirkung, physikalische
+Beschaffenheit, Siedepunkt, Flüchtigkeit, Wasserbeständigkeit,
+das alles galt es gründlich durchzuarbeiten
+und zu erforschen.
+</p>
+
+<p>
+Da erfuhr er, wie in der Geschichte der Entwicklung des
+Gaskampfes die Gase selbst wechselten. Das Chlor wurde
+vom Phosgen, einem Gase mit stärkerer Erstickungs- und
+Giftwirkung als Chlor, abgelöst. Phosgen verdichtet sich
+bereits bei 8 Grad zur Flüssigkeit und war daher vom
+physikalischen Standpunkt aus kaum mehr als Gas anzusprechen.
+Auch waren fast alle Stoffe, die im Gaskampf
+künftighin zur Anwendung gelangten, unter gewöhnlicher
+Temperatur und Druck entweder Flüssigkeiten oder feste
+Körper. Die Bezeichnung „Gase“ wurde nur beibehalten,
+weil diese Stoffe im Augenblick der Aktion sich entweder im
+dampfförmigen Zustande befanden oder dünn als Rauch
+oder Nebel zerstäubt wurden. Feste Stoffe, wie z. B. einzelne
+Arsine, wurden bei der Explosion in feine Partikel
+zerstäubt und verharrten lange Zeit schwebend in der
+Luft ...
+</p>
+
+<p>
+Die chemischen Formeln schwankten ihm zunächst in
+langen, sich immer wieder zersetzenden und sich wieder verdichtenden
+abstrakten Reihen durch den Kopf. Endlich erreichte
+er dabei eine klare, konkret-lebendige, sachlich-nüchterne
+Vorstellung.
+</p>
+
+<p>
+Was bedeutete zum Beispiel:
+</p>
+
+<p class="center">
+(CHCl=CH)<span class="sub">3</span>As!?
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war die Formel für Chlorovinyldichlorarsin, eine
+Arsenverbindung, und die Bezeichnung für eine der drei
+Arten der vielgenannten amerikanischen Levisite.
+</p>
+
+<p>
+Das Verfahren zu dessen Herstellung war zwar ungeheuer
+kompliziert, aber trotzdem mit den technischen Mitteln, die
+damals in jeder Farbstoffabrik vorhanden waren, unbedingt
+auszuführen.
+</p>
+
+<p>
+Ebenso klar war: man konnte sich aber auch darauf nicht
+festlegen. Im Gegenteil: alles sprach dafür, daß auch dieser
+<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a>
+Kampfstoff überholt war. Doch diese Formel war ein Programm,
+ein Warnungssignal, ein Ausrufungszeichen, ein
+proletarischer Imperativ: „Wacht auf, Verdammte ...“
+</p>
+
+<p>
+Sie war sozusagen das Symbol des Nullpunktes, des Gefrierpunktes,
+auf dem jetzt die bürgerliche Kultur angelangt
+war. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Dabei stieß Max auch auf die ungeheure Bedeutung des
+Normenwesens.
+</p>
+
+<p>
+Die moderne Industrie, eingestellt auf Normisierung
+und Massenherstellung, ermöglichte es nämlich, in verhältnismäßig
+rascher Zeit anfangs experimentelle Erfolge bald
+auf Massenverarbeitung umzustellen, so daß bis zu einem
+gewissen Grade infolge der kolossalen Erweiterungsmöglichkeiten,
+die dann zu einer rein mechanischen Fortführung
+des gelungenen Experimentes werden, bei manchen Kriegsmitteln
+im Frieden die Ausgaben ohne Gefährdung für die
+militärische Schlagkraft beschränkt werden konnten. Daher
+legten schon seit langem sämtliche Staaten ein so starkes
+Gewicht, auch aus militärischen Gründen, auf die Durchführung
+einer strengen Normisierung innerhalb der verschiedenen
+Kriegsindustrien und der Industrie überhaupt,
+die die erhöhte militärische Schlagkraft gewährleistete. Die
+deutsche Industrie hatte gegenüber allen anderen Industrien
+schon vor dem Kriege 1914-1918 ein verhältnismäßig stark
+entwickeltes Normenwesen gehabt. Trotzdem herrschte damals
+bei Kriegsbeginn in Deutschland auf den verschiedensten
+Gebieten ein wirres Neben- und Durcheinander von
+Modellen. Jede Truppengattung hatte beispielsweise
+Spaten und sonstiges Schanzzeug, aber kaum zwei hatten
+gleiche Modelle. Es gab unzählige Fahrzeuge, Fahrzeugteile,
+Beschläge, Beschirrung, optisches und Fernsprechgerät
+und noch vieles andere, was bei allen Waffengattungen
+hätte gleich sein können, aber doch nicht gleich war. Verschlimmert
+wurde diese Buntscheckigkeit durch die Zustände
+in der Industrie. Jede Fabrik hatte an ihren Erzeugnissen
+kleine Besonderheiten, die, an sich oft ziemlich belanglos,
+doch den Austausch und die Durcheinanderverwendung mit
+<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
+den Erzeugnissen anderer Fabriken ausschlossen. Um die
+Kriegsindustrie und auch die übrigen Industrien auf
+Massenproduktion von Kriegsmaterial vorzubereiten,
+wurden in verschiedenen Staaten ähnlich wie längst in
+Deutschland, Normenausschüsse der Industrien, die natürlich
+mit den Generalstäben in enger Verbindung standen, geschaffen.
+–
+</p>
+
+<p>
+Man muß nur hören können, wie „das Gras wächst“! –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Mit konkretem Material konnte nun Max der Belegschaft
+gegenübertreten.
+</p>
+
+<p>
+„Der Kern der Sache –!?
+</p>
+
+<p>
+„Der Kern der Sache ist der Besitz der Produktionsmittel!
+...
+</p>
+
+<p>
+„Arbeiter der Farbstoffindustrie! Euere Brüder, euere
+Arbeitskollegen, euere Klassengenossen kämpfen in den
+Städten, und ihr: morgen, übermorgen werden euere Arbeitsprodukte
+die Entscheidung im Kampf herbeiführen,
+euere Arbeitsprodukte, die chemischen Kampfstoffe, von
+Fliegern über den Arbeitervierteln abgeworfen werden.
+Arbeiter! An euer proletarisches Solidaritätsgefühl appelliere
+ich. Arbeiter, werdet Kampfgenossen! Schluß mit der
+menschenschlächterischen Arbeit, die ihr bisher, nichts
+ahnend, hier in dieser Giftbude verrichtet habt! Generalstreik!
+Sturm auf die „Menschenfalle“!“
+</p>
+
+<p>
+Die Belegschaftsversammlung war ein einziger Empörungsschrei.
+</p>
+
+<p>
+„Heraus aus der Giftbude!“
+</p>
+
+<p>
+„Sturm auf die „Menschenfalle“!“
+</p>
+
+<p>
+Schon klapperten auf dem Direktionsbüro flink die Telegraphen.
+</p>
+
+<p>
+Aber auch von den umliegenden Ortschaften waren Arbeiter-
+und Landarbeitertrupps alarmiert.
+</p>
+
+<p>
+„Nun aber, knorke, nun werden wir das Gesindel aus der
+„Falle“ herausholen.“
+</p>
+
+<p>
+So wie sie gerade standen, rannten sie los, manche
+krempelten sich die Rockärmel hoch, manche mit dem Messer;
+<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
+sie waren nicht zurückzuhalten.
+</p>
+
+<p>
+Nicht lange spie die „Falle“ Maschinengewehrfeuer.
+</p>
+
+<p>
+Ein langes, zischendes, brodelndes Geräusch kam:
+</p>
+
+<p>
+„Gas!“
+</p>
+
+<p>
+„Gas!“
+</p>
+
+<p>
+„Gas!“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Mit ungeheueren Verlusten für die Arbeiter wurde der
+Sturm zurückgeschlagen.
+</p>
+
+<p>
+Dabei geschah es, daß einem, vielleicht am Rockärmel, ein
+winziges Tröpfchen Gasflüssigkeit hängen blieb, er in einen
+Raum trat, das Tröpfchen Gasflüssigkeit verdampfte, und er
+sich selbst samt ungefähr fünfzig seiner Kameraden tödlich
+ansteckte.
+</p>
+
+<p>
+Das gab auch dem Letzten, der noch immer nicht daran
+glauben wollte, den Rest.
+</p>
+
+<p>
+Das ganze Farbstoffwerk mußte geräumt werden.
+</p>
+
+<p>
+Rings herum auf den Höhen, kilometerweit entfernt,
+lagen die Arbeiter. Dann: endlich war das Geschütz herbeigeschafft,
+und beim fünften Schuß stieg eine Flammenlohe
+hoch, wie ein Feuer-Geysir, prasselnd, fauchend, und zerstäubte
+über den ganzen Horizont hin, rings fächerartig
+geöffnet, als Glühregen.
+</p>
+
+<p>
+Die „Falle“ war in die Luft geflogen.
+</p>
+
+<p>
+Erst in drei Tagen ging scharfer Wind.
+</p>
+
+<p>
+Die Gasschwaden verzogen sich.
+</p>
+
+<p>
+Die Arbeiter konnten wieder in ihren Werken einziehen. –
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-9-5">
+<span class="firstline">V</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Die roten Arbeiter- und Farmerbataillone, die in
+Kolonnen von Hunderten von Lastkraftwagen bei Morgengrauen
+auf verschiedenen Anmarschstraßen dem amerikanischen
+Giftgas- und Waffenarsenal Edgewood zueilten,
+sahen in der aufgehenden Morgensonne plötzlich vor sich
+über eine schneeweiß schimmernde Ebene dahingestreckt ein
+riesiges Mohnfeld.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
+Die Blüten des Mohns schwangen im Wind, entfalteten
+sich, wehten und leuchteten ...
+</p>
+
+<p>
+Einen Augenblick stoppten die Kolonnen, mit Ferngläsern
+und Scherenfernrohren suchte man den Horizont ab: ein
+Freudenschrei, ein Schrei, der in einen gewaltigen Massengesang
+überschlug: hunderte von roten Fahnen flatterten
+in der Ferne über den unzähligen weißlichen Wellblechbaracken
+und auf den Giebeln der Verwaltungsgebäude, des
+Kontrollwerkes und der Elektrizitätsanstalt. Ja, der Blitzableiter
+jedes Fabrikschlotes trug ein rotes Fähnlein.
+</p>
+
+<p>
+Edgewood war gefallen! Edgewood, das gewaltigste
+Kriegsarsenal der Welt, in den Händen der „Roten“!
+</p>
+
+<p>
+Hurra! Hurra! Hurra!
+</p>
+
+<p>
+Wie drei Freudensalven knallte es aus Hunderttausenden
+von Mündern dahin ...
+</p>
+
+<p>
+Und in diesem Augenblick stieg es schon auf: Geschwader
+an Geschwader, Kampfflieger, Aufklärungsflugzeuge,
+Bombenflugzeuggeschwader: alle rote, lange, bänderartige
+Wimpel an den Tragflächen. Das ganze Tal überzog sich
+mit einer Schicht von Flaggenrot und Motorengeknatter:
+in ruhig geschwungenen Schleifen zogen die Geschwader dahin,
+in Spiralen tauchten sie auf und nieder in dem gläsernen
+Luftmeer, und landeten dann unter dem gleichzeitigen
+Jauchzen von hunderten von Fabriksirenen senkrecht
+abschießend auf den verschiedenen Flugplätzen ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Der rote Kriegsrat des Farbstofftrusts, dem Arbeiter,
+Matrosen, Soldaten, die Offiziere des revolutionären
+Offiziersbundes angehörten, beschloß einstimmig: der Angriff
+gegen die feindlichen Stellungen, Flugzeughäfen und
+Flottenstützpunkte hat unmittelbar zu beginnen. Die
+Operationsbasis ist durch die Industriegebiete und durch
+die eroberten militärischen Bollwerke gegeben, das Ziel:
+die rücksichtslose Niederkämpfung der feindlichen militärischen
+Macht. Zu gleicher Zeit wird ein umfangreicher Propagandaapparat
+eingesetzt, ein richtiger Feldzugsplan zur
+Zersetzung, zur moralischen und materiellen, der feindlichen
+<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
+Streitkräfte ist ausgearbeitet und wird in den einzelnen
+Punkten von den betreffenden Stellen noch heute durchgeführt.
+Es ist selbstverständlich, bei der geradezu bestialischen
+Art, mit der die Weißen den Bürgerkrieg zu führen
+belieben, daß von der chemischen Waffe zweckmäßig Gebrauch
+gemacht wird. Die Zweckmäßigkeitsfrage wird bei
+jeder taktischen Ueberlegung in den Mittelpunkt gestellt,
+Sentiments und Ressentiments sind restlos auszuschalten ...
+Keiner Erwägung bedarf der Beschluß, sich mit den revolutionären
+Organisationen Japans, Europas, Rußlands unverzüglich
+in Verbindung zu setzen ... Wobei, was andere
+noch nicht revolutionierte Völker anbetrifft, zu bemerken ist;
+das siegreiche Proletariat kann keinem fremden Volk irgendwelche
+Beglückung aufzwingen, ohne damit seinen eigenen
+Sieg zu untergraben ... Schon sind Fälle ferner gemeldet
+worden, wonach die Regierungsflugzeuggeschwader die Reviere
+der revolutionären Bergarbeiter eingegast haben, man
+hat Kohlenschächte ersäuft, in denen man rebellische Belegschaften
+vermutete, und durch Ueberläufer und abgefangene
+Radios weiterhin festgestellt ist, daß umfangreiche Vorbereitungen
+getroffen sind, Edgewood durch einen groß angelegten
+Bombenfliegerangriff in einen Gassumpf zu verwandeln
+... Also: wir werden ihnen die Suppe gründlich
+zu schmecken geben, die sie uns zugedacht haben ... Das ist
+selbstverständlich ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wieder trillerten die Fabriksirenen.
+</p>
+
+<p>
+Die roten Fahnen wurden eingezogen: grau und eisig lag
+Edgewood da.
+</p>
+
+<p>
+Die Flugzeuge waren startbereit.
+</p>
+
+<p>
+Auf einer elektrisch betriebenen Kleinbahn rollten die
+schweren Riesenflügelbomben zum Flugplatz an: sie waren
+mausgrau, am Kopf dicklich und rund und hatten ganz das
+Aussehen von Walen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Kommando.
+</p>
+
+<p>
+Viele Klingeln schrillten. Leuchttafeln zuckten auf ...
+</p>
+
+<p>
+Ein Lautsprecher dröhnte –
+</p>
+
+<p>
+Achtung!
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a>
+Los!
+</p>
+
+<p>
+Die erste Schlachtstaffel gleitet ab, schnellt senkrecht hoch.
+</p>
+
+<p>
+Die zweite ...
+</p>
+
+<p>
+Die Mannschaften unten winken mit den Mützen –
+</p>
+
+<p>
+Wieder: „Hurra! Hurra! Hurra!“
+</p>
+
+<p>
+Und die Flieger werfen die roten Wimpel ab ...
+</p>
+
+<p>
+„Kameraden! Auf Wiedersehen!“
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Der Führer der Schlachtstaffel III ist der Genosse Thomas.
+</p>
+
+<p>
+„Na, mein Junge, noch ein Händedruck ... Halt dich
+gut! ... Wir werden die Sache schmeißen ... Davon bin
+ich fest überzeugt ... Glück auf die Reise ... Ich hoffe:
+übermorgen! ...“
+</p>
+
+<p>
+Und der Genosse Frank umarmte den Genossen Thomas.
+</p>
+
+<p>
+Dann küßten sich die Freunde.
+</p>
+
+<p>
+Frank bekam es dabei mit dem Schlucken ...
+</p>
+
+<p>
+Ein Pfiff ...
+</p>
+
+<p>
+Und auch Schlachtstaffel III erhob sich ...
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Frank inspizierte die Gasläger. Die Bestandsaufnahme
+war fertiggestellt.
+</p>
+
+<p>
+„Es genügt, um die ganze Welt einigemale mit Gas zu
+vergiften ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Arbeiterschaft der verschiedenen Betriebe war inzwischen
+versammelt und besprach einen neuen Produktionsplan.
+</p>
+
+<p>
+Die weitere Herstellung der Giftgase konnte bei der
+großen Menge der vorhandenen chemischen Kampfstoffe sofort
+eingestellt werden. Dagegen waren vom roten Kriegsrat
+Flugzeuge („Goliath“-Typ) und Kampfwagen in bedeutender
+Menge angefordert worden. Ebenfalls wieder
+einstimmig erklärten sich die Arbeiter bereit, alles aus sich
+herausholen zu wollen und die Arbeitszeit in keiner Weise
+nach unten hin zu beschränken.
+</p>
+
+<p>
+„Für die kapitalistische Wirtschaft war uns jeder Knochen
+zu schad ... wenn es für uns ist, für die Diktatur des Proletariats,
+<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
+dann mit Freuden alle Muskeln, das Herz, das
+Hirn, das Fleisch, alle Knochen ...“
+</p>
+
+<p>
+Auch eine große Anzahl von Chemikern, Technikern, Ingenieuren,
+die man im Augenblick der Uebernahme der
+Macht absondern mußte, stellten sich jetzt bedingungslos den
+„Roten“ zur Verfügung.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist klar, die kapitalistische Produktionsweise ist einfach
+zu unrationell, wir können bei weitem produktiver
+wirtschaften, fünfzigmal soviel aus der Welt mit Leichtigkeit
+herausholen ... Ihr Roten seid einfach die Vertreter
+einer technisch am modernsten konstruierten Organisationsform
+... Zu blöd, daß man diese Einsicht den Kapitalisten
+mit Blut abzapfen muß ...“
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Und zu gleicher Zeit entwickelte sich jene erste Phase gewaltiger
+Luftschlachten, die den weiteren Verlauf der Geschichte
+Amerikas entscheidend beeinflussen sollten. Die Flugzeuggeschwader
+der weißen und der roten Flugflotte stürzten
+sich aufeinander, hakten sich ineinander fest und unlösbar
+ineinander verbissen schossen sie, ein wirres Stahl- und
+Drahtknäueldurcheinander, erdab.
+</p>
+
+<p>
+Andere Geschwader nebelten sich ein, blitzten plötzlich
+völlig unerwartet aus dem Hinterhalt des Nebelschleims
+hervor, oder überstreuten den von den feindlichen Flugzeugen
+zu passierenden Luftraum mit einem dichten Netz
+von Giftgas.
+</p>
+
+<p>
+Und unten auf der Erde marschierten die mechanischen
+Armeen auf: Tanks, Panzerzüge, Straßenpanzerwagen ...
+Rauchwellen fluteten übers Land, quadratkilometergroße
+Herde von Giftrauchkerzen schwälten ... Ganze Städte versanken
+in einem unergründlich tiefen und geheimnisvollen
+Gasgrund ... Pflanzen, Wälder, Wiesengründe färbten
+sich: grün, blau, violett. Wunderbare und seltsamste Farbenspiele
+zauberten die Gasschwaden aus der Erde hervor.
+Lautlos überzogen ganze Landesteile wie mit einer Decke
+sich mit Todesschlaf ...
+</p>
+
+<p>
+Die Hochseeflotten liefen aus den Häfen aus: Kreuzer,
+Dreadnougths, Unterseeboote, Flugzeugmutterschiffe ...
+<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a>
+Und auf der Hochseeflotte meuterte es, ein Kriegsschiff hißt
+die rote Fahne, noch eines, und die Forts auf Hawaii und
+die Küstenwerke im Panamakanal ... Es war der Beginn
+einer gewaltigen Seeschlacht.
+</p>
+
+<p>
+„Die Japaner kommen! ...“ funkte es dazwischen. Aber
+trotzdem die beiden Flottengruppen sich immer vergrößerten:
+es waren nur rote Flaggen zu sehen und weiße: die
+Nationalfarben hatten keine Bedeutung mehr.
+</p>
+
+<p>
+In der Luft, auf der Erde, über Wasser und unter
+Wasser: stürzt es sich übereinander her, würgt sich zutod, es
+gibt kein Erbarmen.
+</p>
+
+<p>
+Heldentaten, die unbeschreiblich sind, Qualen ohne Maß,
+Krämpfe und Zuckungen, wie sie die Erde seit ihrem Anbeginn
+noch nicht gesehen hat, Schmerzensschreie, Hilfeschreie,
+Todesgebrüll ...
+</p>
+
+<p>
+Jedes Lebewesen trug schon einen gespenstischen Flecken
+an sich, zum Zeichen: angeätzt von der Gaslauge ...
+</p>
+
+<p>
+Ein blutiger Sommer rauscht ... –
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+„Genosse Thomas Butler gefallen in der Luftschlacht über
+Hawaii.“
+</p>
+
+<p>
+Die Nachricht kommt nach Edgewood.
+</p>
+
+<p>
+Genosse Morrow springt ins Flugzeug.
+</p>
+
+<p>
+Festgeschnallt.
+</p>
+
+<p>
+Sturzhelm und Gasmaske auf.
+</p>
+
+<p>
+Vorwärts! Los!
+</p>
+
+<p>
+„Genosse Frank Morrow gefallen in der Luftschlacht
+mitten über dem Großen Ozean!“
+</p>
+
+<p>
+Die Nachricht kommt nach Edgewood.
+</p>
+
+<p>
+Ein zweiter, ein dritter, ein vierter springen ins Flugzeug.
+</p>
+
+<p>
+Festgeschnallt.
+</p>
+
+<p>
+Sturzhelm und Gasmaske auf.
+</p>
+
+<p>
+Vorwärts! Los!
+</p>
+
+<p>
+„Der zweite, der dritte, der vierte gefallen in der Luftschlacht
+über dem Panama ...“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a>
+Die Nachricht kommt nach Edgewood.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt drängen hunderte an die startbereiten Flugzeuge
+heran.
+</p>
+
+<p>
+Man stampft vor Wut, wenn man nicht mitkommt.
+</p>
+
+<p>
+Jeder wartet nur auf das eine:
+</p>
+
+<p>
+„Wann endlich kommt die Reihe an mich ...“
+</p>
+
+<p>
+Nur eine Befürchtung, eine Todes- und Lebensangst:
+</p>
+
+<p>
+„Vielleicht ist dann schon der Krieg aus!“
+</p>
+
+<p>
+Ueberall Butlers, überall Morrows, ob sie nun so heißen
+oder nicht ...
+</p>
+
+<p>
+„Rußland marschiert! Das deutsche Proletariat im
+Kampf!“
+</p>
+
+<p>
+Die Nachricht kommt nach Edgewood.
+</p>
+
+<p>
+„Ein Hurra dem deutschen Proletariat!“
+</p>
+
+<p>
+„Hoch Sowjet-Rußland!“
+</p>
+
+<p>
+„Auch wir sind im Kampf, Brüder, die amerikanischen
+Genossen: sie grüßen euch!“
+</p>
+
+<p>
+„Japans werktätige Massen verhindern den Krieg!
+Yokohama im Aufruhr.“
+</p>
+
+<p>
+Auch diese Nachricht kommt nach Edgewood.
+</p>
+
+<p>
+„Bravo, japanische Genossen!“
+</p>
+
+<p>
+„Die Kolonialvölker, Indien, China, Afrika ...“
+</p>
+
+<p>
+„Hoch! Unsere Sache steht gut!“
+</p>
+
+<p>
+„Würdig unserer Führerin, der Genossin Mary Green,
+gemordet auf dem elektrischen Hinrichtungsstuhl, eingedenk
+der Lehren unseres großen Meisters, des Genossen Lenin,
+Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts gedenkend, und der
+Tausenden, die von den weißen Banden aufs grausamste
+gemeuchelt worden sind –
+</p>
+
+<p>
+„Festgeschnallt –“
+</p>
+
+<p>
+„Sturzhelm und Gasmaske auf!“
+</p>
+
+<p>
+„Vorwärts! Los!“ –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Die Milliardäre sitzen irgendwo hoch in den Bergen,
+wimmern:
+</p>
+
+<p>
+„Zu schade, nun ist es mit der Urbarmachung der Polarregion
+auch nichts ... Und die Geologen versichern doch,
+<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a>
+gewaltige Kohlenläger seien vorhanden, deren Ausbeutung
+relativ einfach sei, nur mit geringen Unkosten verbunden,
+und der Tierreichtum ... der Verlust für die Menschheit
+ist nicht auszudenken ... O welch ein Gewinn! ... Die
+kostspieligen Expeditionen, wenn man bedenkt, die schließlich
+doch wir finanziert haben, wie soll man das alles jetzt
+verkalkulieren ... Es scheint, die Welt sehnt sich nach einer
+neuen Verrechnungsart ... Ja, es scheint richtig so, was
+die Priester angedroht und die Spiritisten prophezeit
+haben: das Jahrtausend der Herrschaft des Pöbels beginnt.
+Das ist die Sintflut. Wie lange sie währen wird, um die
+Menschheit von ihren Sünden rein zu waschen?! Sicher:
+wir haben nur immer das Beste gewollt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Keine Angst, ihr ehrenwerten Herren Bürger!“ kommt
+ein Radio aus Edgewood. „Wir verderben euch nicht
+eueren Lebensabend. Ein kärglich dosiertes Paradies ist
+euch sicher. Das ist nur recht und billig. Auf einer Insel
+irgendwo. Bei Kokosnüssen und Affenjagd, bei Brotbäumen,
+bei Fischfang und Holzfällen ... Kriecht ruhig
+aus eueren Berghöhlen heraus ... Wir vergreifen uns nicht
+an Leichen, wenn sie auch noch wie ihr ein wenig parfümierten
+Lebensodem ausströmen ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Lebensgreise aber knurren durch die künstlichen Goldgebisse
+hindurch im Chor:
+</p>
+
+<p>
+„Wir kapitulieren nicht!
+</p>
+
+<p>
+„Rache!“
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Und –
+</p>
+
+<p>
+Ein blutiger Sommer rauscht ...
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-9-6">
+<span class="firstline">VI</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+„Bombenflug und Sauerstoff!“ fluchte Max.
+</p>
+
+<p>
+„Nur den Verstand nicht verlieren!“ redete ihm Wilhelm
+gut zu, dem dabei aber selbst die Tränen über die Backen
+herunterliefen.
+</p>
+
+<p>
+Viele Genossen knirschten laut auf.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
+Die Nachricht, die soeben aus Amerika eintraf, war in der
+Tat niederschmetternd.
+</p>
+
+<p>
+Alle im ersten Anlauf eroberten Positionen mußten, bis
+auf Edgewood, aufgegeben werden. Edgewood selbst lag
+seit drei Tagen bereits unter schwerstem Gasfeuer, bis auf
+ein Drittel ungefähr war der ganze Komplex gasverseucht.
+An ein weiteres Durchhalten war unter diesen Umständen
+nicht mehr zu denken.
+</p>
+
+<p>
+Kurz und gut: die revolutionäre Aufstandsbewegung, im
+Anbeginn unerwarteterweise siegreich vordringend, war
+niedergeschlagen. In Anbetracht der ungeheueren blutigen
+Verluste, mit denen der ganzen Sachlage nach bestimmt zu
+rechnen war, schien ein Wiederaufflackern des bewaffneten
+Aufstandes in absehbarer Zeit völlig ausgeschlossen.
+</p>
+
+<p>
+Ja, die amerikanische Regierung konnte schon wieder ernsthaft
+in Betracht ziehen, die Feindseligkeiten gegen Japan
+zu eröffnen.
+</p>
+
+<p>
+Wenn man sich die weitere Wirkung, die diese Nachricht
+auf die breiten Massen des Proletariats ausüben wird, vorstellt:
+es war zum Verzweifeln. Schon jetzt: jeder Tag
+bringt neue Schwierigkeiten, schon jetzt melden sich immer
+lauter die Stimmen derer an, die unter verhältnismäßig
+anständigen Bedingungen den ganzen Aufstand zu liquidieren
+bereit sind ... immer häufiger wird das Geschwätz von den
+festen, 99prozentigen realen Garantieen für den Sieg ...
+Jetzt heißt es: alle Kraft zusammennehmen, nur jetzt nicht
+locker lassen, mit eiserner rücksichtsloser Energie allen derartigen
+aktionslähmenden Versuchen entgegentreten, und,
+in welcher Form sie sich auch äußern mögen: erbarmungslos
+nieder mit ihnen. Nur unter keinen Umständen Flautestimmungen
+und Krisenmachereien aufkommen lassen, nur
+jetzt nicht! Solche Situationen waren noch immer Keimbeete,
+Treibhausboden, richtiges Nährfutter für Verrätereien,
+Verzicht, Hinterhältigkeiten unter einem meist überschwänglich
+radikal sich gebärdenden verlogenen Phrasentum.
+Einige wildgewordene Anarchisten großmaulten und
+bramarbassierten besonders auffällig dazwischen herum: die
+wollten am liebsten gleich, wie sie möglichst aufdringlich
+<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
+betonten, die ganze „Bude“, worunter sie die Welt verstanden,
+in die Luft sprengen: Vorbereitung und Ausführung
+dieses nihilistischen pseudoheroisch-famosen Vernichtungsplans
+überließen sie großmütig, wie sie nun einmal
+waren, allerdings mit besonderer Vorliebe den andern. Sie
+selbst klinkten sich ein geheimes Hintertürchen auf, um im
+Fall einer Explosionskatastrophe sich schleunigst aus dem
+Staube zu machen ...
+</p>
+
+<p>
+Trotzdem:
+</p>
+
+<p>
+Eine große, eine schöne, eine schwerwiegende Hoffnung
+sank.
+</p>
+
+<p>
+Die gehißte rote Fahne, ein Intermezzo! Woraus es nun
+zu lernen galt ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Auch der Vormarsch der russischen roten Armee stockte.
+</p>
+
+<p>
+Deutschland selbst war inzwischen zum Kriegsgebiet geworden.
+</p>
+
+<p>
+Englische Flugzeuggeschwader landeten bereits auf deutschem
+Boden. Ungeheure Proviantmagazine, ganze Arsenale
+und Werkstätten für Flugzeugersatzteile waren schon vordem
+in den letzten Jahren errichtet worden ...
+</p>
+
+<p>
+Der Hunger begann.
+</p>
+
+<p>
+Seuchen und Krankheiten schossen üppig ins Kraut.
+</p>
+
+<p>
+Das kämpfende Proletariat hatte noch keine Entscheidung
+herbeiführen können.
+</p>
+
+<p>
+Zwar die deutschen Farbstoffwerke hatten inzwischen
+erfolgreich rebelliert, aber es gestaltete sich außerordentlich
+schwierig, dort nur einigermaßen wieder die Produktion
+in Gang zu bringen, um die Arbeitermassen auch
+nur mit den allernötigsten Kampfmitteln zu versehen. Die
+Arbeiten litten unter den beständigen Ueberfällen der Regierungsflieger,
+die genau orientiert waren, jede verwundbare
+Stelle solch eines Riesenbetriebes genau kannten und
+an Hand von im Frieden wissenschaftlich ausgeführten Berechnungen
+und Standortbestimmungen aus den phantastischsten
+Höhen herab exakt ihre Bomben abwarfen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
+Dieses Störungsfeuer von oben hielt Tag und Nacht ununterbrochen
+an: und die Arbeitsleistung wurde dadurch
+auf ein Minimum reduziert ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+„Die Gas-Walze kommt!“ so hieß es jeden Augenblick
+in den noch von den Arbeitern gehaltenen Stadtteilen
+Berlins.
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt! Diesmal ganz sicher! Ich spürs schon ...“
+</p>
+
+<p>
+Zwar verfügte man über einige Meßapparate, die jedes
+Gasgemisch in der Luft sofort anzeigten, die Zusammensetzung
+analysieren ließen, und so konnte man wenigstens,
+grad leidlich genug, Vorkehrmaßnahmen treffen. Wie jede
+Gasschutzabwehr war auch die proletarische höchst mangelhaft.
+Ein Versuch, Kollektivschutzräume anzulegen, scheiterte
+kläglich. Diese Dinge waren eben nicht so ohne weiteres
+aus dem Boden zu stampfen. Ueberall fehlte es an
+geeigneten Kräften, überall an Genossen, die auch nur über
+die allerprimitivsten Kenntnisse in der Technik des Gaskampfes
+verfügt hätten. Die Erfahrungen aus den Gasexperimenten
+1915 bis 1918 waren bei der völlig veränderten
+Lage nicht auszuwerten. Es mehrten sich die Stimmen,
+die sagten: „Wir haben darin unendlich viel versäumt. Das
+rächt sich jetzt bitter ... Wenn es uns schon nicht den Sieg
+kosten wird, so doch gewaltige Menschenopfer.“
+</p>
+
+<p>
+Eine leichte Panikstimmung verbreitete sich.
+</p>
+
+<p>
+Wieder hieß es:
+</p>
+
+<p>
+„Die Gaswalze kommt!“
+</p>
+
+<p>
+Die unglaublichsten Vorstellungen über einen Gasangriff
+grassierten, ununterbrochen waren einige dazu besonders
+befähigte Genossen bei der Aufklärungsarbeit ...
+</p>
+
+<p>
+Und die Gaswalze kam wieder nicht.
+</p>
+
+<p>
+Noch immer nicht ...
+</p>
+
+<p>
+Und dennoch: beinahe jeder lauerte auf die ersten Symptome
+einer Vergiftung.
+</p>
+
+<p>
+Bald aber rissen sich die Proleten wieder zusammen, packten
+ihre Nervenbündel fest und es ging wieder einigermaßen
+vorwärts ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a>
+„Na immer noch nicht“ – scherzte Max – „hoher Besuch
+von oben? Schade, daß Pfingsten schon vorüber ist, sonst
+könnte man sagen: Fest der Ausgießung des heiligen
+Geistes ...“
+</p>
+
+<p>
+Auch wurde man sich bald klar darüber:
+</p>
+
+<p>
+Die rote Welle überflutet auch diesmal aller Wahrscheinlichkeit
+nach nicht die ganze Welt, nur einige Nationen
+werden von ihr ergriffen werden, und man wird am Ende
+dieser Kriegsperiode vor der Tatsache eines großen gewaltig
+zusammengeschmiedeten Blocks von Sowjetrepubliken
+stehen, denen gegenüber sich aber noch eine beträchtliche Anzahl
+kapitalistischer Staaten behaupten wird.
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Wie hatte sich hier alles verändert, seitdem Max von Berlin
+fort war!
+</p>
+
+<p>
+Einen halben Tag erst war er wieder zurück, doch lange
+genug, um sofort zu erkennen: das ganze Kampftempo war
+gründlich verändert, der Rhythmus des Aufstandes selbst
+war ein wesentlich anderer geworden.
+</p>
+
+<p>
+Für Elan, für Schwung war nur wenig Platz mehr da,
+auf andere Kämpfereigenschaften kam es jetzt vor allem an.
+</p>
+
+<p>
+Verbissen, zäh, zwei Schritte vor, eineinhalb wieder zurück,
+und jeder Schritt verbunden mit Blut, wahnwitziger Anstrengung,
+Verkrüppelungen, unheilbaren Wunden: so wurde
+jetzt gekämpft, und jeder Mann hatte außerdem das kristallhelle
+Bewußtsein dabei: das ist von allem noch längst nicht
+das Letzte, der Feind hat seine Reserven noch nicht angebrochen,
+seine letzten und gefährlichsten Kampfmittel noch
+längst nicht eingesetzt ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Es war wieder ein warmer Sommerabend.
+</p>
+
+<p>
+Nichts war von den „Weißen“ zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+Ruhe und Frieden weit und breit.
+</p>
+
+<p>
+Die „Weißen“ hatten sich tief in ihre Hauptstellungen
+zurückgezogen.
+</p>
+
+<p>
+Das erstemal seit langem bemerkte Max wieder: die
+Vögel sangen.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
+Sangen sie wirklich!?
+</p>
+
+<p>
+Ja, sie sangen ...
+</p>
+
+<p>
+Max mußte sich fest über die Augen streichen, um nicht
+drauf los zu heulen.
+</p>
+
+<p>
+Schön war es, wirklich: wunderbar.
+</p>
+
+<p>
+Und Max dachte einen Augenblick an die Welt, wie sie
+nach all diesen Greueln und Gemetzeln kommen werde ...
+</p>
+
+<p>
+Inbrünstig sehnte er sich darnach.
+</p>
+
+<p>
+Wieder sangen die Vögel, aber wo in aller Welt sangen
+sie!?
+</p>
+
+<p>
+Die Bäume an den Straßen und in den Anlagen waren
+längst alle umgelegt, nur Fetzen von Bäumen und verkohlte
+Baumstümpfe standen noch.
+</p>
+
+<p>
+Oder in den Häusern!?
+</p>
+
+<p>
+Singen sie heraus vielleicht aus eueren leergebrannten
+Augen, ihr rätselhaften Mauer-Wesen!?
+</p>
+
+<p>
+Mittenhindurchgeschnitten waren manche Gebäude, wie
+glatt mit der Axt durchgespalten: ein Zimmer mit Bett
+und Stuhl war sichtbar, ein Kübel im Winkel; die Matratze
+des dritten Stockes hing hinab in den zweiten, wie eine
+ausgerissene Zunge; und der Plafond des ersten Stockes lag
+wieder auf dem geborstenen Billardtisch einer Wirtschaft
+parterre. Das sah aus wie auf der Bühne, unwirklich, mit
+nichts Lebendigem mehr verbunden: daß Menschen je in
+diesen Ziegellöchern gehaust haben: eine unvorstellbare Vorstellung
+...
+</p>
+
+<p>
+Die Nachrichten, die noch im Laufe der Nacht eintrafen,
+lauteten durchwegs wieder günstig.
+</p>
+
+<p>
+Der Druck der russischen Armee mache sich bereits deutlich
+bemerkbar. Die feindliche Front im Osten sei bereits gründlich
+aufmassiert, heute oder morgen spätestens erfolge der
+Durchstoß. Das rote Loch im Osten also werde zur Tatsache.
+Endlich! Inzwischen sei auch eine Luftschlacht geschlagen
+worden, ebenfalls siegreich für die „Roten“, ebenfalls,
+spätestens morgen gegen Abend, erwarte man die ersten
+roten russischen Flieger über Berlin ...
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a>
+Mit einigen Genossen saß Max in einem Kellerunterstand
+bis zum Anbruch des Morgens zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Also: auch mit Lene stand alles gut. Sie war noch immer
+in Ostpreußen, wo es vorwärts ging. Ueberhaupt: das
+Land machte sich ...
+</p>
+
+<p>
+Die Genossen sprachen Einzelheiten aus den Kämpfen
+durch, den und jenen nannte man, aber die Zeit reichte nicht
+hin, alle aufzuzählen, die etwas besonderes vollbracht
+hatten, sie hatten sich alle ausnahmslos ausgezeichnet gehalten.
+</p>
+
+<p>
+Jeder von ihnen oder auch wiederum keiner von ihnen
+war ein Held. Der „Held“ war ein Kollektivbegriff geworden.
+Der Held war das Proletariat.
+</p>
+
+<p>
+Einige, na das wußte man schon früher ... Daß sie abfallen
+und abtrünnig werden würden, damit rechnete man,
+und das gab also keine besondere Enttäuschung.
+</p>
+
+<p>
+„Die machen noch lange keine Niederlage ...“
+</p>
+
+<p>
+„Und wenn wir allesamt, sage ich, so wie wir hier beieinandersitzen
+jetzt, in diesem Augenblick futsch gehn, die Bewegung
+geht weiter, die Bewegung steht und fällt nicht
+mit dem Schicksal von Einzelpersonen, jeden von uns kann
+es treffen, heute den, morgen den, nur die Bewegung: die
+bleibt. Die kommunistische Bewegung ist: die materielle und
+die ideologische Auswirkung und die kollektive Auswertung
+des Klassen-Widerstreits. Die Bewegung, die ist: so lange
+noch einer auf Kosten eines anderen lebt, so lange noch
+einer satt und zufrieden die Hände sich reibt, während sein
+Mitmensch leidet und hungert ...“
+</p>
+
+<p>
+Dann kam die Sprache auf die Gefangenen.
+</p>
+
+<p>
+Die Genossen sprachen halblaut.
+</p>
+
+<p>
+Die Zunge sträubte sich, alle die Grausamkeiten und bestialischen
+Gemeinheiten, die die „Weißen“ an völlig Wehrlosen
+und an schon Sterbenden verübt hatten, auszusprechen. Was
+Wunder: darüber regte sich ja längst keiner mehr auf: daß
+man Gefangene mit dicken Ketten um den Leib an Bäume
+und Laternenpfähle gebunden hatte ... und sich ihrer als
+Zielscheibe für ein frischfröhliches Pistolenpreisschießen bediente
+<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a>
+... Das Anbinden, das kannte man ja aus dem Feld
+her ... Aber daß man Leichen den Kopf abschlägt und
+ihn auf die Bajonette spießt, das wollte man überhaupt
+nicht gelten lassen. Man hielt es absolut für eine
+ganz unmögliche Ungeheuerlichkeit und beschuldigte lieber
+den Erzähler hysterischer Uebertreibung ...
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+„An die Gewehre!“
+</p>
+
+<p>
+Die Genossen erhoben sich.
+</p>
+
+<p>
+„Heute oder morgen fällt die Entscheidung! Heute der,
+Max, morgen der! Machs gut! Leb wohl ...“
+</p>
+
+<p>
+Wilhelm und Max trennten sich.
+</p>
+
+<p>
+Schweigend bezog jeder seine Stellung.
+</p>
+
+<p>
+Max kniete, fünf Stielhandgranaten im Gürtel, das Gewehr
+schußfertig im Anschlag, hinter dem Schornstein auf
+dem Dach einer Mietskaserne und beobachtete gespannt die
+Straßenmündung.
+</p>
+
+<p>
+Es war halb vier Uhr morgens.
+</p>
+
+<p>
+Es war völlig windstill.
+</p>
+
+<p>
+Hie und da hörte man in der Ferne einen Schuß knacken.
+</p>
+
+<p>
+Wie Spinnenarme geisterten jetzt die ersten Strahlen der
+Sonne am Horizont herauf. Wolken-Kolosse färbten sich
+blühend, überquellend rot, wie frisch blutende Fleischstücke.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h3 class="section" id="chapter-9-7">
+<span class="firstline">VII</span>
+</h3>
+
+</div>
+
+<p class="first">
+Das Bombardement hatte nicht länger als höchstens drei
+Minuten gedauert.
+</p>
+
+<p>
+Fünf Gasbomben waren insgesamt abgeworfen worden.
+</p>
+
+<p>
+Das gasverseuchte Gebiet erstreckte sich auf den zweiten
+Bezirk; einige daran angrenzende Parks und die Elektrizitätsanlage
+in der Hauptstraße waren davon noch betroffen
+worden.
+</p>
+
+<p>
+Es bildete sich ein Gassumpf.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a>
+Trotzdem sich Max bei Erscheinen des Bombenflugzeuggeschwaders
+sofort schleunigst in Galopp gesetzt hatte, hatte
+er doch noch einen tüchtigen Gasschluck mitabbekommen.
+</p>
+
+<p>
+Auch jetzt, wo er, was das Zeug hält, die Straße hinunterrennt,
+kann er das Gefühl nicht loswerden, als treibe er
+noch mitten in einem dichten Gasschwaden.
+</p>
+
+<p>
+Kein Mensch ist zu erblicken.
+</p>
+
+<p>
+So kann er sich nicht recht klar darüber werden, ob er
+sich eigentlich noch innerhalb oder schon außerhalb der verseuchten
+Zone befindet.
+</p>
+
+<p>
+„Schlimme Sache das“, überdenkt er rasch, „Entseuchungskommandos
+haben wir nicht, Chlorkalk zum Entseuchen ist
+nur in ganz geringen Mengen da ...“
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Fetzen von Taschentuch hält er sich Mund und
+Nase zu. Die Augen beißen wie zwei ausgebrannte Wundlöcher.
+Automatisch fängt er zu heulen an. In den Ohren
+tackt und tickt es. Er schwankt, taumelt. Auch der Gleichgewichtssinn
+funktioniert nicht mehr ...
+</p>
+
+<p>
+Er reißt sich immer wieder an sich selbst hoch, mit einer
+letzten Willensanspannung, wie an einem unsichtbaren
+Nervenzügel.
+</p>
+
+<p>
+„Energie! Energie! Max!“ ruft er sich zu. Stolpert und
+schwankt sich wieder einige Schritte vorwärts.
+</p>
+
+<p>
+„Man muß rücksichtslos Geiseln nehmen, sofort androhen
+lassen: lebenslängliche Anstellung an der Wand ... als
+Repressalie gegenüber solch einer unmenschlich-barbarischen
+Kriegsführung. Aber gut so: sie haben sich damit selbst ihr
+Grab gegraben ... Wenn das auch die ungeheuersten Menschenverluste
+noch kosten wird ...“
+</p>
+
+<p>
+Da bricht er.
+</p>
+
+<p>
+Ein langer blutiger Erguß.
+</p>
+
+<p>
+Die Gedärme kommen ihm hoch dabei.
+</p>
+
+<p>
+„Kotzerbärmlich ist mir zu Mut. Max, was ist nur mit
+dir!? Soll es diesmal wirklich ernst werden!? Mach keinen
+Quatsch! Das kann, das darf doch nicht sein ... Heute oder
+morgen wird die Entscheidung fallen ... Nur jetzt nicht.“
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a>
+Die ganze Oberfläche der Haut ist ihm brandig angelaufen,
+es juckt und kratzt in ihm herum, eine unheimliche
+innere Krätze, der Gaumen fühlt sich pelzig an, bei jedem
+Atemzug hat er den Geschmack, als ziehe er flüssiges Feuer
+ein.
+</p>
+
+<p>
+„Ob ich angesteckt bin ...?! Und ob ich nicht mehr zu
+meinen Kameraden zurückkann, ohne auch sie anzustecken,
+wie das beim Sturm auf die „Menschenfalle“ vorgekommen
+ist ...?! Ist doch nichts zum Desinfizieren da ...“
+</p>
+
+<p>
+„Nein! Ausgeschlossen, ich sterbe nicht!“ versichert er sich
+gleich darauf wieder krampfhaft. „Mir ist nur ein klein
+wenig übel!“ ermuntert er sich. „Unkraut verdirbt nicht.
+Mir kann nichts geschehen. Wird schon wieder werden.“
+</p>
+
+<p>
+Und schiebt sich mühsam mit den Knien um eine Ecke.
+</p>
+
+<p>
+Auch der Tastsinn, das Orientierungsvermögen funktionieren
+nicht: die Gegenstände in nächster Nähe rücken auf
+einmal in eine traumhafte Entfernung.
+</p>
+
+<p>
+Das Gesichtsfeld verengt sich, verschiebt sich.
+</p>
+
+<p>
+Eine ruckhaft von ihm sich abstoßende Häuserfront erscheint,
+jäh in den Hintergrund abfallend, spitzwinkelig
+nach innen zu verzogen ...
+</p>
+
+<p>
+Schwerfällig wie ein Sack sinkt er, mit den Händen sich
+gerade noch aufstützend, nach vorne um.
+</p>
+
+<p>
+Ihm ists, als stürze er viele tausend Meter tief.
+</p>
+
+<p>
+Ein ganzes Leben dauert dieser Fall ...
+</p>
+
+<p>
+Dreht sich auf die Seite. Wälzt sich.
+</p>
+
+<p>
+Das Schwergewicht ist aufgehoben ...
+</p>
+
+<p>
+Als glitte er schwebend über den Boden hinweg.
+</p>
+
+<p>
+Bleibt liegen ...
+</p>
+
+<p>
+Wie lange –?
+</p>
+
+<p>
+Erwacht wieder ...
+</p>
+
+<p>
+Eine Turmuhr schlägt eben fünf.
+</p>
+
+<p>
+Er weiß nicht: ist es fünf Uhr morgens oder fünf Uhr
+abends.
+</p>
+
+<p>
+Wiederholt noch wie aus einem früheren Leben:
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a>
+„Nur jetzt nicht ... Heute oder morgen muß die Entscheidung
+fallen ... Ah, schön so, wie wunderbar, wie gut ...
+Rote Flieger über Berlin.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Eine Maske, Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett, springt
+auf vor ihm.
+</p>
+
+<p>
+„Hände hoch!“
+</p>
+
+<p>
+Max macht eine mechanische drehende Armbewegung nach
+aufwärts ...
+</p>
+
+<p>
+Die Bajonettspitze steht ihm senkrecht auf der Brust.
+</p>
+
+<p>
+Ein zweiter, ein dritter, noch einer tappt herzu: sie alle
+sind in taucherähnliche, schwarzglänzende Gummiuniformen
+gekleidet. Das einzige Abzeichen, das sie tragen: je zwei
+kleine weißblecherne Totenkopfknöpfe oberhalb der beiden
+Kragenspitzen.
+</p>
+
+<p>
+„Nur, nicht lange gefackelt ... Marsch! Kehrt um! Ab
+damit! Marsch! An die Wand ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Stimmen kommen, durch die Maske gedämpft, von
+tief unten herauf.
+</p>
+
+<p>
+Max wird einfach in eine Wand hineingeschoben.
+</p>
+
+<p>
+Er steht schon mit dem Gesicht gegen die Wand.
+</p>
+
+<p>
+Es war eine kurze dicke Verbindungsmauer zwischen zwei
+Häuserblocks, zwischen der Delikateßwarenhandlung Andreas
+Gräulich und einer Sargfabrik, gegründet 1860, Grieneisen.
+</p>
+
+<p>
+Max bemerkt:
+</p>
+
+<p>
+Die Ziegelsteinmauer war nur notdürftig verputzt, überall
+Sprünge, Risse, faustgroße Löcher.
+</p>
+
+<p>
+„Armes Kind, ganz pockennarbig ...“
+</p>
+
+<p>
+„Aha“, ergänzt und kommentiert er sich selbst: „der Irrsinn.“
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Das Gas hängt bleischwer in ihm.
+</p>
+
+<p>
+Der Boden an dieser Stelle scheint ihm wieder abgrundtief
+und sehr schlüpfrig. Viel Geplätscher ist unten, Wellengeplätscher,
+<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a>
+wie Ozean ... Er befürchtet im letzten Moment
+noch auszurutschen.
+</p>
+
+<p>
+Da spürt er plötzlich ganz deutlich in der Kehle, daß er
+schreien müsse. Es war ein langgezogener strangulierender,
+messerscharf schneidender Halsschmerz.
+</p>
+
+<p>
+Schreien, nichts als schreien –
+</p>
+
+<p>
+Schreit:
+</p>
+
+<p>
+„Sowjet-Deutschland entgegen!“
+</p>
+
+<p>
+Dabei schwitzt er, daß es nur so an ihm herunterläuft.
+</p>
+
+<p>
+Neigt sich noch ein wenig vornüber.
+</p>
+
+<p>
+Berührt leicht mit der Stirn die Wand.
+</p>
+
+<p>
+Er verliert sein Gesicht. Das Gesicht schmilzt.
+</p>
+
+<p>
+Der Boden unter ihm rollt wie Wellen ...
+</p>
+
+<p>
+Und –
+</p>
+
+<p>
+Mit einem jähen Ruck schnellt er sich plötzlich um sich
+herum ...
+</p>
+
+<p>
+– – –
+</p>
+
+<p>
+Die Salve knallte. –
+</p>
+
+<p class="tb">
+&nbsp;
+</p>
+
+<p class="noindent">
+Den Roten Entseuchungskommandos gelang es erst im
+Verlauf einiger Monate, den Gassumpf, in den die Regierungsflieger
+die Hauptstadt verwandelt hatten, trockenzulegen.
+</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="sources" id="part-10">
+<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a>
+Quellennachweis
+</h2>
+
+</div>
+
+<div class="sources sectiontop chapter">
+<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a>
+<h3 class="section1" id="chapter-10-1">
+<span class="firstline">I.</span><br>
+Vom proletarischen Klassenstandpunkt aus
+</h3>
+
+<p class="note">
+Aus den mit * bezeichneten Werken wurde teils wörtlich,
+teils dem Sinn gemäß zitiert.
+</p>
+
+<p>
+<em>Lenin</em>: Ausgewählte Werke. Der Kampf um die Soziale
+Revolution. Verlag für Literatur und Politik.
+</p>
+
+<p>
+<em>Stalin</em>: Lenin und der Leninismus. Verlag für Literatur und
+Politik.
+</p>
+
+<p>
+*<em>Sinowjew</em>: Der Krieg und die Krise des Sozialismus. Verlag
+für Literatur und Politik.
+</p>
+
+<p>
+<em>Engels</em>: Militärpolitische Aufsätze.
+</p>
+
+<p>
+*<em>Fischmann</em>: Der Gaskrieg.
+</p>
+
+<p>
+– Der Gaskrieg. Eine Flugschrift über den chemischen Krieg
+für Industriearbeiter.
+</p>
+
+<p>
+– Die Chemie im Krieg und in der Landwirtschaft. Flugschrift
+für Kleinbauern und Landarbeiter.
+</p>
+
+<p>
+<em>F. Meister:</em> Internationales Finanzkapital und europäische
+Vertrustung. „Die Internationale.“ Zeitschrift für Praxis und
+Theorie des Marxismus. Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten.
+Berlin SW 61. „Die größten chemischen Werke
+Deutschlands, schon bisher in Interessengemeinschaft verbunden,
+haben sich in der I. G. Farbenindustrie-A.-G. zu
+einer einheitlichen Firma mit einem Aktienkapital von 652
+Millionen Mark zusammengeschlossen. Dieser neue Trust ist
+außerdem im Besitz der Aktien der Firma Cassella (Frankfurt
+a. M.) und Kalle (Biebrich), deren Kapital weitere 70 Millionen
+Mark beträgt. Wie um das <em>militärische</em> Moment
+dieser Kapitalsgruppe zu unterstreichen, hat der Trust den
+Hauptteil der für die Munitionsindustrie unentbehrlichen
+Kunstseidenindustrie an sich gerissen und baut neue Fabrikationsmethoden
+aus, so daß er etwa 75 Prozent dieser
+Industrie in Deutschland beherrscht. Der übrige Teil der
+deutschen Kunstseidenproduktion wird charakteristischerweise
+von der sogenannten Pulver- und Sprengstoffgruppe
+kontrolliert.“
+</p>
+
+<p>
+<em>Baumann</em>: Das Rhein-Problem. Arbeiterliteratur.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a>
+*<em>Erkner</em>: Artikel in der „Internationale“. Vereinigung Internationaler
+Verlagsanstalten.
+</p>
+
+<p>
+<em>Georg</em>: ebendort.
+</p>
+
+<p>
+*<em>Rolf</em>: sämtliche Artikel in der Kriegsbeilage der „Roten Fahne“
+und in der „Neuen Zeitung“.
+</p>
+
+<h3 class="section1" id="chapter-10-2">
+<span class="firstline">II.</span><br>
+Vom bürgerlichen Klassenstandpunkt aus
+</h3>
+
+<p class="first">
+<em>Adelsheim</em>, R., Dr., Riga: Ueber Gaskampfstoffe und Gasangriffe
+im Weltkriege. In „Politik und Weltmacht“ August
+1922.
+</p>
+
+<p>
+<em>Auld</em>, S. Y., Captain: Chemical Warfare. In „The Royal Engineers
+Journal“ Februar 1922. Gas and Flame.
+</p>
+
+<p>
+<em>Bacon</em>, Raymond, F., Colonel, Chief of the Technical Division
+U. S. A.: The work of the Technical Division Ch. W. S. In
+„The Journal of Industrial and Engineering Chemistry“ S. 13.
+Januar 1919.
+</p>
+
+<p>
+<em>Berlin</em>, Generalmajor: Waffenwesen. In M. Schwarte, „Die
+militärischen Lehren des großen Krieges“. 1. Auflage. Verlag
+Johann Amb. Barth, Leipzig 1920.
+</p>
+
+<p>
+<em>Berliner</em>, A. Dr.: Zur Beteiligung deutscher Gelehrter an
+der Ausbildung von Gaskampfmitteln. In „Die Naturwissenschaften“,
+Heft 43. 1919.
+</p>
+
+<p>
+<em>Bernhardi</em>: La guerra dell’avenire.
+</p>
+
+<p>
+<em>Bircher</em>: Ueber den Gasangriff, Allg. Schweizer Militärzeitung
+63. 1917.
+</p>
+
+<p>
+<em>Bradley</em>, Dewey, Colonel, Chemical Warfare Service: Production
+of Gas defense equipment for the army. In „The
+Journal of Industrial and Engineering Chemistry“, S. 185,
+März 1919.
+</p>
+
+<p>
+<em>Carr</em>: Bemerkungen über die Herstellung giftiger Gase in
+Deutschland. In „Journal Soc. Chem. Ind.“ 38. 1919.
+</p>
+
+<p>
+<em>Cromwell</em> and <em>Wilson</em>: Armies of Industry. Yale Univ.
+Press.
+</p>
+
+<p>
+<em>Dopter</em>, Professor, Paris: Vorlesung für Truppenoffiziere an
+der Ecole supérieur de Guerre in Paris.
+</p>
+
+<p>
+<em>Dorsay</em>, M., Colonel: Development Division, Ch. W. S. U. S. A.
+In „The Journal of Industrial and Engineering Chemistry“, S. 281.
+April 1919.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a>
+<em>Devin</em>: Die deutschen Militärapotheker im Weltkrieg siehe
+Gemeinhardt.
+</p>
+
+<p>
+<em>Dyes</em>: Nordamerikas Rüstungen und das fünfte Jahr des Weltkrieges,
+Chemiker-Zeitung, Cöthen 42, 1918.
+</p>
+
+<p>
+– Der Krieg der alliierten Chemiker gegen Deutsche und Neutrale.
+Chemiker-Zeitung 44. 1920.
+</p>
+
+<p>
+<em>Engelhardt</em>, Dr.: Neuere Gesichtsmasken. In „Feuerschutz“
+Nr. 1, 1924.
+</p>
+
+<p>
+<em>v. Falkenhayn</em>, Erich, General d. Infanterie: Die Oberste
+Heeresleitung in ihren wichtigsten Entscheidungen 1914 bis
+1916. Verlag E. S. Mittler u. Sohn. Berlin 1920.
+</p>
+
+<p>
+<em>Feuville</em>, General: Les gaz à la guerre. In „La France Militaire“
+vom 31. Januar 1922.
+</p>
+
+<p>
+<em>Flusser</em>: Einiges über Gaskampfschädigung. Wiener Klin.
+Wochenschrift Nr. 15, 1918.
+</p>
+
+<p>
+<em>Flury</em>, F., Professor: Ueber Kampfgasvergiftungen I und II. In
+der „Zeitschrift für die gesamte experimentelle Medizin“.
+13. Band. Verlag Jul. Springer, Berlin 1921.
+</p>
+
+<p>
+– und <em>Wieland</em>, H.: Ueber Kampfgasvergiftungen, ebendort.
+</p>
+
+<p>
+<em>Fries</em>, Amos A., Brigadier General, Chief of the Chemical
+Warfare Service, U. S. A. In „The Journal of Industrial and
+Engineering Chemistry“. 1919. Mai 1920.
+</p>
+
+<p>
+– and <em>West</em>, Clarence S. Major, U. S. A.: Chemical Warefare.
+Mc. Graw Hill Book Company, New York 1921.
+</p>
+
+<p>
+– Vortrag, gehalten in der American Chemical Association,
+1921.
+</p>
+
+<p>
+– In „The Infantry Journal“ S. 524. 1922.
+</p>
+
+<p>
+<em>Gemeinhardt</em>, K. Stabsapotheker: Hauptgasschutzlager und
+Maskenprüfungsstellen. In Devin „Die deutschen Militärapotheker
+im Weltkriege“. Verlag Jul. Springer. Berlin 1920.
+</p>
+
+<p>
+<em>Geyer</em>, H., Hauptmann: Die militärischen Grundlagen des Gaskampfes.
+In M. Schwarte „Die Technik im Weltkriege“.
+Verlag E. S. Mittler u. Sohn. Berlin. 1920.
+</p>
+
+<p>
+<em>Geyer</em>, H., Major: Gaskampf. In M. Schwarte „Die militärischen
+Lehren des großen Krieges“. 2. Auflage. Verlag E. S.
+Mittler u. Sohn. Berlin 1923.
+</p>
+
+<p>
+<em>Gilchrist</em>, H. L., Lieutenant Colonel M. C. U. S. A.: Reports
+on the after effects of Warfare gases, herausgegeben vom
+Kriegsdepartement, Chemical Warfare Medical Division 1923.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a>
+<em>Gildemeister</em> u. <em>Heubner</em>, Dr.: Die Chlorpikrinvergiftung.
+In „Zeitschrift für die gesamte experimentelle Medizin“,
+13. Band. Berlin 1921.
+</p>
+
+<p>
+<em>Girsewald</em>: Gaskampf und Gasschutz. In „Die Technik des
+20. Jahrhunderts“, Braunschweig 1921.
+</p>
+
+<p>
+<em>Goss</em>, B. C., Lieutenant Colonel, Chief Gas Officer I. Corps
+U. S. A.: An Artillery Gas Attack. In „The Journal of Industrial
+and Engineering Chemistry“, S. 829. September 1919.
+</p>
+
+<p>
+<em>Haber</em>, F., Professor: Fünf Vorträge aus den Jahren 1920
+bis 1923, Nr. 3. Die Chemie im Kriege, Nr. 5: Zur Geschichte
+des Gaskampfes. Verlag Julius Springer, Berlin 1924.
+</p>
+
+<p>
+<em>Haller</em>: Les actualités de Chimie contemporaine. 1922.
+</p>
+
+<p>
+<em>Hanslian</em>, R., Dr., Stabsapotheker: Gasdienst. In G. Devin,
+„Die deutschen Militärapotheker im Weltkriege“. Verlag
+Julius Springer, Berlin 1920.
+</p>
+
+<p>
+– Das chemische Kampfmittel im Weltkriege. In „Berichte der
+Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft“, S. 244. 1921.
+</p>
+
+<p>
+– Die Militärapotheker. In M. Schwarte, „Der große Krieg
+1914-1918“, Die Organisationen der Kriegführung, II. Teil,
+S. 540. Verlag Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1923.
+</p>
+
+<p>
+*<em>Hanslian</em>, R.: Der chemische Krieg. Mittler u. Sohn, Berlin.
+</p>
+
+<p>
+<em>Henke</em>, C., Oberstleutnant: Der Gaskampf. Im „Bundesblatt
+des Deutschen Offiziersbundes“ Nr. 20 vom 25. Okt. 1923.
+Berlin 1923.
+</p>
+
+<p>
+<em>Henry</em>, Colonel: Autres réflexions sur l’Infanterie. In „La
+Revue d’Infanterie“, S. 414. 1922.
+</p>
+
+<p>
+<em>Heubner</em>: Die Erkrankungen durch Kampfgase. Die Naturwissenschaften.
+8. 1920. Vollständige Darstellung.
+</p>
+
+<p>
+<em>Jones</em>, Ernst: Gas Warfare in the air. „International Aeronautis“,
+Band I, Nr. 2. 1921.
+</p>
+
+<p>
+*<em>Jünger</em>, Ernst: In Stahlgewittern. Mittler u. Sohn, Berlin.
+</p>
+
+<p>
+<em>Kerschbaum</em>, Professor: Die Gaskampfmittel. In M.
+Schwarte, „Die Technik im Weltkriege“, Verlag E. S. Mittler
+u. Sohn, Berlin 1920.
+</p>
+
+<p>
+<em>Krasnow</em>, P., General: „Vom Zarenadler zur Roten Fahne“.
+Deutsche Bearbeitung von Major v. Cochenhausen. 2. Auflage.
+Band 3, S. 7. Verlag O. Diakow, Berlin 1924.
+</p>
+
+<p>
+<em>Lamb</em>, Wilson, and <em>Chaney</em>: Gas Mask Absorbents. In
+„The Journal of Industrial and Engineering Chemistry“, S. 420.
+Mai 1919.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a>
+<em>Lefebure</em>, Major: „The Riddle of the Rhine“. London 1921.
+</p>
+
+<p>
+– L’énigme du Rhin, La stratégie chimique en temps de paix
+et en temps de guerre.
+</p>
+
+<p>
+<em>Lidell-Hart</em>, Captain: The next great war. In „The Royal
+Engineers Journal“, März 1924.
+</p>
+
+<p>
+<em>Ljungdahl</em>, C. E., Kapten: Giftiga gaser och deras användning.
+„Artilleri-Tidskrift“, Heft 3/4, S. 123. Stockholm 1922.
+</p>
+
+<p>
+– Rökgranater. „Artilleri-Tidskrift“, Heft 1/2, S. 79 ff. 1923.
+</p>
+
+<p>
+<em>Ludendorff</em>, E.: „Meine Kriegserinnerungen“, Verlag E. S.
+Mittler u. Sohn, Berlin 1919.
+</p>
+
+<p>
+– Urkunden der Obersten Heeresleitung über ihre Tätigkeit
+1916-1918. (Deutsche Dienstvorschriften.)
+</p>
+
+<p>
+<em>Meyer</em>, J., Professor: Die Entwicklung des Gaskampfes.
+„Chemikerzeitung“, S. 353. Verlag Cöthen in Anhalt, 1920.
+</p>
+
+<p>
+– Die Entwicklungstendenzen der chemischen Industrie Frankreichs
+nach dem Kriege. „Chemiker-Zeitung“, S. 13. 1924.
+</p>
+
+<p>
+<em>Mills</em>, I. E., Dr.: Chemical Warfare. In „The military Engineer“,
+Juli/August-Heft 1922.
+</p>
+
+<p>
+<em>Moureu</em>, Charles, Professor: La Chimie et la guerre science
+et l’avenir. Verlag Masson et Co., Paris 1920.
+</p>
+
+<p>
+<em>Nordmann</em>, Charles: La guerre de gaz et l’avenir. In
+„Revue de deux Mondes“, vom 15. Januar 1922.
+</p>
+
+<p>
+<em>Norris</em>, James F., Late Lieutenant Colonel, Chemical Warfare
+Service U. S. A. The Manufacture of War gases in Germany.
+In „The Journal of Industrial and Engineering
+Chemistry“, S. 817 ff. September 1919.
+</p>
+
+<p>
+<em>Piccinini</em>: I gasi asfisianti 1920. Conferenze al battaglione
+studenti militari.
+</p>
+
+<p>
+<em>Pick</em>, H., Dr.: Die Gasabwehrmittel. In M. Schwarte „Die
+Technik im Weltkriege“. 1920.
+</p>
+
+<p>
+<em>Pope</em>: Herstellung und Geschichte des Senfgases, „Chem.
+Zentralblatt“, IV. 1920.
+</p>
+
+<p>
+<em>Reizenstein</em>, F., Professor: Die Entwicklung des Gaskampfes.
+In „Chemikerzeitung“, Seite 425. 1920.
+</p>
+
+<p>
+<em>Rumpf</em>, Diplom-Ingenieur: Die Minenwerfer. In M. Schwarte,
+„Die Technik im Weltkriege“. 1920.
+</p>
+
+<p>
+<em>Rohrbeck</em>: Taktik. Mittler, Berlin 1920.
+</p>
+
+<p>
+<em>Rona</em>, P., Dr.: Ueber Zersetzung der Kampfstoffe durch
+Wasser. In der „Zeitschrift für die gesamte experimentelle
+Medizin“, Band 13. Verlag Julius Springer, Berlin 1921.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a>
+<em>Ryba</em>, Oberbergrat: Der Gaskampf und die Gasschutzgeräte
+im Weltkriege 1914 bis 1918. Montanverlag, Teplitz-Schönau
+1921.
+</p>
+
+<p>
+<em>Schirmer</em>, Oberstleutnant: Schwere Artillerie. In M.
+Schwarte, „Die militärischen Lehren des großen Krieges“,
+I. Auflage. Verlag Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1920.
+</p>
+
+<p>
+<em>Schleich</em>, Oberleutnant: Der Gaskampf. In „Schweizerische
+Vierteljahreszeitschrift für Kriegswissenschaft“, Heft 3.
+1920. Gaskampfstoffe 250-270; 1921.
+</p>
+
+<p>
+<em>Schulze</em> und <em>Otto</em>, Veterinäre: Das Militärveterinärwesen.
+In M. Schwarte, „Der große Krieg 1914 bis 1918“, Die Organisationen
+der Kriegsführung. II. Teil. Verlag Johann Ambrosius
+Barth. Leipzig 1923.
+</p>
+
+<p>
+<em>Schwarte</em>, M., Generalleutnant: Die militärischen Lehren
+des großen Krieges, I. Auflage. Verlag Johann Ambrosius
+Barth. Leipzig 1920.
+</p>
+
+<p>
+– Die militärischen Lehren des großen Krieges, II. Auflage.
+Verlag E. S. Mittler u. Sohn. Berlin 1923.
+</p>
+
+<p>
+– Der große Krieg 1914 bis 1918, Die Organisation der Kriegführung.
+II. Teil. Verlag Johann Ambrosius Barth. Leipzig
+1923. Der Gaskrieg.
+</p>
+
+<p>
+– Die Technik im Zukunftskriege. Verlag Offene Worte.
+Charlottenburg 1923.
+</p>
+
+<p>
+<em>Sillevaerts</em>, Capt. Médecin: Les gaz de combat. In
+„Bulletins Belges des Sciences Militaires“, Heft 17-23. 1921.
+</p>
+
+<p>
+– Ce que nous devons craindre d’Allemagne. In „Bulletins
+Belges des Sciences Militaires“, Heft Juli/September 1922.
+</p>
+
+<p>
+<em>Stegemann</em>, H., Professor: Geschichte des Krieges, Band
+III und IV. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin,
+1919 und 1921.
+</p>
+
+<p>
+<em>Thorne</em>: The Riddle of the Rhine, The New York Times Book.
+Review and Magazine, 1922.
+</p>
+
+<p>
+<em>Töpfer</em>, Oberst: Pionierwesen. In M. Schwarte, „Die militärischen
+Lehren des großen Krieges“, I. Auflage. 1920. Gaskampf.
+Jahrbuch der angew. Naturwissenschaften. Freiburg
+1920.
+</p>
+
+<p>
+<em>Vautrin</em>, Commandant: La Protection individuelle française
+et allemande contre les gaz de combat pendant la guerre de
+1914 bis 1918, „Revue d’Artillerie“, November/Dezember 1922.
+</p>
+
+<p>
+<em>Warthin</em> and <em>Weller</em>: The Pathology of mustard gas.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a>
+<em>Webster</em>, James, C., Oberleutnant im First Gas Regiment
+U. S. A.: The First Gas Regiment. In „The Journal of Industrial
+and Engineering Chemistry“, Juli 1919.
+</p>
+
+<p>
+<em>Weißenborn</em>, Dr., Marine-Oberstabsarzt: Gasgefahr bei der
+Marine. In M. Schwarte, „Der große Krieg 1914 bis 1918“.
+Organisationen. II. Teil. 1923.
+</p>
+
+<p>
+<em>Winternitz</em>: The Pathology of War gas Poisoning 1920.
+Yale University Press.
+</p>
+
+<p>
+*<em>Woker</em>, Gertrud: Der kommende chemische Krieg, R. Oldenbourg,
+Leipzig.
+</p>
+
+<p>
+Army and Navy Journal U. S. A., Nr. 44-51. 1922.
+</p>
+
+<p>
+Bureau of Mines U. S. A., Technical Paper, Nr. 82: Oxygen Mine
+Rescue Apparatus and Physiological Effects on Uses.
+</p>
+
+<p>
+– Technical Paper, Nr. 248: Gas Masks for Gases met in
+Fighting Fires.
+</p>
+
+<p>
+Chemical and Metallurgial Engineering, August-Heft: 1919 und
+Heft 26. 1922.
+</p>
+
+<p>
+Chemiker-Zeitung, Deutsche. Verlag Cöthen in Anhalt. Gas
+als Kampfmittel, Roth. Nr. 44, 1919. I. Jahrg. 1919, S. 365;
+II. Jahrg. 1920, S. 185; III. Jahrg. 1920, S. 353; IV. Jahrg. 1921,
+S. 110. Die deutsche chemische Industrie. Angaben über die
+Produktion der Kampfgase. 43. 1919. Engl. Kriegsministerium:
+Zukunft der chem. Kriegsmittel. 44. 1920. Handgranaten mit
+Schwefelsäurefüllung. 44. 1920. Senfgasherstellung. IV. 1920.
+</p>
+
+<p>
+Excerpt from statement: 1. of Major General William L. <em>Siebert</em>,
+Chemical Warfare Service, Hearings on H. R. 5227 pp.
+274-284, 18. Juni 1919; 2. of Lieutenant Colonel Amos
+A. <em>Fries</em>, Chemical Warfare Service, on H. R. 5227 pp.
+287-291, 18. Juni 1919. Veröffentlicht in „The Journal of
+Industrial and Engineering Chemistry“, September 1919.
+</p>
+
+<p>
+Die deutsche Kriegsführung und das Völkerrecht, herausgegeben
+im Auftrage des Kriegsministeriums und der Obersten Heeresleitung.
+Verlag E. S. Mittler u. Sohn, Berlin 1919.
+</p>
+
+<p>
+Dräger-Hefte, Periodische Mitteilungen des Drägerwerks Lübeck.
+Heft 55, 56, 57, 58, 64/66, 69.
+</p>
+
+<p>
+Heerestechnik, herausgegeben von M. Schwarte. Nr. 12, 1923.
+</p>
+
+<p>
+History of the Great War. Medical Services. Diseases of the
+War. Printed and published by His Majesty Stationery Office.
+London 1922.
+</p>
+
+<p>
+La Nature. Jahrgang 1922.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a>
+L’Independance Belge, Les poisons sur les champs de bataille.
+Heft 234, 1922.
+</p>
+
+<p>
+Military Record, vom 24. November 1920.
+</p>
+
+<p>
+Science vom 2. Mai 1919.
+</p>
+
+<p>
+The Journal of Industrial and Engineering Chemistry. S. 9.
+1919, 1920, 1921.
+</p>
+
+<p>
+The Literary Digest, Chemistry in the next War, vom 11. August
+1923.
+</p>
+
+<p>
+The Royal Engineers Journal, Nr. 3, S. 195. The work of the
+Royal Engineers in the European War. 1914 bis 1918. 1921.
+</p>
+
+<p>
+Tidskrift i Fortifikation (Svensk), Heft 1/2, S. 53. Gasskydd vid
+permanenta befästningar. 1923.
+</p>
+
+<p>
+Zeitschrift für angewandte Chemie. Nr. 41, vom 23. Mai 1919,
+S. 331. Nr. 34, 1921. Ein Todesregen (Levisite). Nr. 33,
+S. 192, 1920. Ueber die Anwendung von Gasen, 32, 1919.
+Herstellung und Geschichte des Senfgases, IV, 1920.
+</p>
+
+<p>
+Zeitschrift für Veterinärkunde, Jahrg. 33. Berlin 1921.
+</p>
+
+<p>
+Deutsches Militärwochenblatt.
+</p>
+
+<p>
+Pharmaz. Zeitung, 67. 46; 14, 1. Schelenz, Gas- und Feuerkrieg
+und des Apothekers Rolle auf diesem Gebiete.
+</p>
+
+<p>
+Zeitschrift für experimentelle Medicin, 1922, 35; 97-114. Ueber
+Gaskampfvergiftungen.
+</p>
+
+<p>
+Revue Gen. des Sciences pures et appl. 31, 45. 1921.
+</p>
+
+<p>
+– 31, 50, 257. 30, 1920. Sektion des Explosifs et des gaz au
+labor. Municipal.
+</p>
+
+<p>
+– Kornubert. – La guerre des gaz.
+</p>
+
+<p>
+Journal of the Royal Artillery v. 46, 1920.
+</p>
+
+<p>
+Journal of the Chemical Society v. c XV – c XVI. 1919.
+</p>
+
+<p>
+Journal of the Society of Chemical Industry v. XXXVIII. 1919.
+</p>
+
+<p>
+Chimie et Industrie, 1919.
+</p>
+
+<p>
+Revue Militaires Suisse, 1922. Jacques. – La sixième arme.
+</p>
+
+<p>
+– 1923.
+</p>
+
+<p>
+Revue du Génnie Militaire (France), Capitaine Olivier. – La
+guerre chimique.
+</p>
+
+<p>
+Rivista ospedaliere, 1918, Nr. 1. Carelli. – Contribute alla
+conoscenze dell’intoscicazione.
+</p>
+
+<p>
+Moniteur scientifique: Yperite. 9. 11. Juli 1919.
+</p>
+
+<p>
+<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a>
+Chemisches Centralblatt, 1921, IV. de Kap-Herr: Die gewerbliche
+Herstellung des Yperits. Dichlordiäthylsulfit, III. 321.
+1920.
+</p>
+
+<p>
+Zeitschrift für gesamte exp. Medizin. Berlin 1921. Springer.
+</p>
+
+<p>
+Liebigs Annalen der Chemie, 1923. B. 431.
+</p>
+
+<p>
+Special Libraries, Nov. 1919. New York.
+</p>
+
+<p>
+Rivista ospedaliere, 1918. Nr. 1. Carelli, – „Contributo alla
+conoscenze dell’intossicazione da iprite ed in particolar modo
+del suo reparto anatomo-patoologico.“
+</p>
+
+<p>
+Folia Medica. 1918. Nr. 33. Franco. – „Gasi asfissianti.“
+</p>
+
+<p>
+Journ. Leb. and Clin. Med. 1919. The clinical pathology of
+mustard gas.
+</p>
+
+<p>
+Annali di Medicine navale e coloniale. 1918 vol. II. Nr. 3-4.
+Rho. – „Gasi asfissianti.“
+</p>
+
+<p>
+Rivista di artiglieria e genie v. II. 1923.
+</p>
+
+<p>
+Medical Aspects of Mustard-gas Poisoning. 1919.
+</p>
+
+<p>
+Journal Phys. Chem. 24, 1920.
+</p>
+
+<p>
+Journal Pharmacol. 12 and 13. 1918, 1919.
+</p>
+
+<p>
+Journal Americ. Chem. Society, 41. 1919.
+</p>
+
+<p>
+Chemical and metallurgical Engineering. 1919.
+</p>
+
+<p>
+Journal of the Society of Chemical Industry. 1919.
+</p>
+
+<p>
+Comptes rendus de l’academie des Sciences. 1919.
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="addendum" id="part-11">
+<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a>
+Nachtrag
+</h2>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p class="sectiontop first">
+Bei Abschluß der Korrekturen erhalten wir die Nachricht
+von einem Gaskampfreglement, wie es in der amerikanischen
+Armee bei der Bekämpfung des „Mobs“ in Anwendung gebracht
+werden soll. („Anwendung von chemischen Kampfstoffen in der
+Heimat“.) Der „Mob“ wird in verschiedene Stufen nach seinem
+Kampfwert eingeteilt. („Mob I: Männer bewaffnet. Mob II:
+Männer unbewaffnet. Mob III: Männer, Frauen, Kinder gemischt.“)
+Diesen verschiedenen Wertigkeitsgraden entsprechen
+die verschiedenen chemischen Kampfstoffe, Gaskonzentration,
+Gasmischungen, mit denen gegen den „Mob“ vorgegangen wird.
+(„Gegen Mob I: Giftgas. Gegen Mob II: Reiz- und Tränengase,
+„Feld-Konzentration“. Gegen Mob III: Reiz- und Tränengase,
+lediglich nur zur Panikerzeugung.“) Auch die Verwendung von
+Gas in Verbindung mit Flugzeugen gegen den „Mob“ ist vorgesehen.
+(„Sprengung.“) Daß man unter „Mob“ die streikende
+und demonstrierende Arbeiterschaft versteht, ist selbstverständlich.
+(„Mit Gas kann man um die Ecke schießen!“) Dieses
+Kampfreglement ist für uns ein wertvolles Dokument der zynischen
+Sachlichkeit der amerikanischen Zivilisationsbarbarei und
+zugleich auch ein einwandfreier Beleg für manche Stellen in
+unserem Buch, die den naiven Leser vielleicht noch „utopisch“
+anmuten. Der Titel des amerikanischen Kampfreglements ist:
+„Instruction Book, Chemical Warfare Service, U. S. Army“.
+Und zu beziehen durch: Supt. of Public Documents, Govt.
+Printing Office, Washington, D. C. America.
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="toc" id="part-12">
+<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a>
+Inhaltsverzeichnis
+</h2>
+
+</div>
+
+<div class="table sectiontop chapter">
+<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a>
+<table class="toc">
+<tbody>
+ <tr>
+ <td class="col1">&nbsp;</td>
+ <td class="col2">&nbsp;</td>
+ <td class="col_page">Seite</td>
+ </tr>
+ <tr class="m">
+ <td class="col1" colspan="2">Einleitung</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-5">5</a></td>
+ </tr>
+ <tr class="h">
+ <td class="col1">1.</td>
+ <td class="col2">„Deutschland über alles ...!“</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-11">11</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">&nbsp;</td>
+ <td class="col2">Episode aus den Novembertagen 1918. – „Deutschland über alles ...!“ – „Lazarettpoesie.“ – Den Veranstaltern patriotischer Heldengedenkfeiern gewidmet. – Heilige Familie. – Das Trio. – Menschen-Dreck. – Götter stürzen. – „Geh Deinen Weg!“ –</td>
+ <td class="col_page">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr class="h">
+ <td class="col1">2.</td>
+ <td class="col2">Die Erde platzt!</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-53">53</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">&nbsp;</td>
+ <td class="col2">Schlagwetterkatastrophe auf Zeche „Königin Luise“. – Die „Majestät des Todes“. – „Was tut not!?“ – „Lieber im Feuer der Revolution verbrennen als –“. –</td>
+ <td class="col_page">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr class="h">
+ <td class="col1">3.</td>
+ <td class="col2">„Friede auf Erden –“</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-73">73</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">&nbsp;</td>
+ <td class="col2">Max Herse, ein junger Arbeiter, besucht eine sozialdemokratische Versammlung. – Die Befriedung der Welt ist da. Der Weltfrieden scheint gesichert. Deutschland: die Industriewerkstatt der Welt! – Zeitungsleser im Café. Unheimliche Nachrichten. – Einiges vom Studenten Peter Friedjung. – Max Herse und seine Kollegen auf dem Heimweg. – Klebekolonnen bei der Arbeit. – Schlafende Menschen. – „Friede auf Erden.“ –</td>
+ <td class="col_page">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr class="h">
+ <td class="col1">4.</td>
+ <td class="col2">Nur ein Traum</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-119">119</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">&nbsp;</td>
+ <td class="col2">Nur ein Traum ... – „Die neue Sintflut kommt von oben und als Gift.“ – Liebe Erinnerungen. – Der 21. April 1915: ein Wendepunkt in der Kriegsgeschichte. Die Deutschen blasen in Flandern, Frontabschnitt Bixschote-Langemarck, gegen englische Stellungen Gas ab. – Gasschießen, Gaswerfen. Eine Gastaktik entwickelt sich. – Doch alles in allem: es bleibt beim Experiment. (Diesmal noch.) – Und: was gewesen ist, ist gewesen. Keiner denkt mehr daran. –</td>
+ <td class="col_page">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr class="h">
+ <td class="col1"><a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a>5.</td>
+ <td class="col2">Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-155">155</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">&nbsp;</td>
+ <td class="col2">Abkommandiert zum Gas-Dienst – Ein Kamerad von den Luftstreitkräften. – Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub. – Einige wichtige Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den imperialistischen Krieg. – Der Völkerbund organisiert den Vernichtungskampf gegen die Kommunisten im Weltmaßstab. „Vertilgt die Kommunisten wie Ratten!“ – Mary Green auf dem elektrischen Hinrichtungsstuhl. – Generalstreik in USA. – Eine rote Zelle in der amerikanischen Armee. GBRO: Geheim-Bund revolutionärer Offiziere. – Es kann beginnen! –</td>
+ <td class="col_page">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr class="h">
+ <td class="col1">6.</td>
+ <td class="col2">Der erste Mai</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-201">201</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">&nbsp;</td>
+ <td class="col2">Ein Brief. – Sonne über Schweizer Bergen. – „Gebt uns eine Partei!“ – Kommunisten. – Der erste Mai: ein Weltkampftag. – Aufmarsch der Vaterländischen Verbände. – Rote Gegendemonstration. – Provokateure an der Arbeit. – Ein Blut-Bad. – Am Abend des ersten Mai. –</td>
+ <td class="col_page">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr class="h">
+ <td class="col1">7.</td>
+ <td class="col2">Vom einzig gerechten Krieg</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-257">257</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">&nbsp;</td>
+ <td class="col2">Das „Neue Leben“. – Wie es im Himmel aussieht! Und auf Erden ... – Gespensterlandschaft. – Vom einzig gerechten Krieg. – Im Anfang war die Arbeit. – Fleisch, Blut, Knochen. – Denen, die in Ketten träumen! – Roter Marsch. – Gesang der Welteroberer. –</td>
+ <td class="col_page">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr class="h">
+ <td class="col1">8.</td>
+ <td class="col2">Sowjet-Europa entgegen!</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-301">301</a></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="col1">&nbsp;</td>
+ <td class="col2">Prinzipielle Vorbemerkung zum letzten Kapitel. – Kolonialwirren. – Die Kriegsgaswolke am Horizont. – Arbeiter bewaffnen sich. – Was bedeutet (CHCl=CH)<span class="sub">3</span>As? – Die Farbstoff-Fabriken rebellieren. – Das chemische Kampfstoffarsenal der USA. Edgewood. – Der Sturm bricht los! – Der Kern der Sache. – Abgefangene Radios aus Amerika. – Nachrichten aus aller Welt. – Japans werktätige Massen brechen ihr Sklavenjoch. – Sowjet-Rußland marschiert. – Unsterbliche Opfer. – Sowjet-Europa entgegen! –</td>
+ <td class="col_page">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr class="m">
+ <td class="col1" colspan="2">Quellen-Nachweis</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-359">359</a></td>
+ </tr>
+ <tr class="m">
+ <td class="col1" colspan="2">Nachtrag</td>
+ <td class="col_page"><a href="#page-370">370</a></td>
+ </tr>
+</tbody>
+</table>
+</div>
+
+<div class="ads chapter">
+<p class="also">
+Von Johannes R. Becher<br>
+sind bisher erschienen:
+</p>
+
+<p class="book">
+Der Leichnam auf dem Thron<br>
+oder<br>
+Schlagt dem Krieg den Schädel ein
+</p>
+
+<p>
+Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten
+Berlin 1925 (von der Oberstaatsanwaltschaft
+wegen „Vorbereitung
+zum Hochverrat“ beschlagnahmt)
+</p>
+
+<p class="book">
+Der Bankier reitet<br>
+über das Schlachtfeld
+</p>
+
+<p class="subt">
+Erzählung
+</p>
+
+<p class="pub">
+Soeben erschienen im Agis-Verlag Wien
+</p>
+
+</div>
+
+<div class="trnote chapter">
+<p class="transnote">
+Anmerkungen zur Transkription
+</p>
+
+<p>
+Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
+Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
+</p>
+
+
+
+<ul>
+
+<li>
+... ganz zu <span class="underline">deinem</span> Vorteil.“ ...<br>
+... ganz zu <a href="#corr-4"><span class="underline">seinem</span></a> Vorteil.“ ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... Schwefel, Asa <span class="underline">födita</span>, Menschenkot, Menschenblut usw., das ...<br>
+... Schwefel, Asa <a href="#corr-12"><span class="underline">foetida</span></a>, Menschenkot, Menschenblut usw., das ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... über <span class="underline">der</span> diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, ...<br>
+... über <a href="#corr-27"><span class="underline">denen</span></a> diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... würden, ob das hier Gehörte auch nicht für <span class="underline">ihr</span> Fach ...<br>
+... würden, ob das hier Gehörte auch nicht für <a href="#corr-28"><span class="underline">Ihr</span></a> Fach ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... <span class="underline">gesammengehauen</span> worden. Tote. Viele Verletzte ... ...<br>
+... <a href="#corr-40"><span class="underline">zusammengehauen</span></a> worden. Tote. Viele Verletzte ... ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... Pfaffen auf <span class="underline">Arbermassacres</span> abgerichtet. ...<br>
+... Pfaffen auf <a href="#corr-47"><span class="underline">Arbeitermasscacres</span></a> abgerichtet. ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in <span class="underline">Safran</span>, ...<br>
+... eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in <a href="#corr-51"><span class="underline">Saffian</span></a>, ...<br>
+</li>
+
+<li>
+... für den Revolutionär, wenn es schon sein muß, <span class="underline">daß</span> aus ...<br>
+... für den Revolutionär, wenn es schon sein muß, <a href="#corr-58"><span class="underline">das</span></a> aus ...<br>
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78251 ***</div>
+</body>
+</html>
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+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+status under the laws that apply to them.
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