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Becher + + + + + (CHCl=CH)3As + (Levisite) + oder + Der einzig gerechte Krieg + + + Roman + + + Wien-Berlin 1926. + Agis-Verlag + + + Alle Rechte vorbehalten. + Copyright by Agis-Verlag, Wien. + Druck: „Peuvag“-Berlin, Filiale Hannover. + + + „Ich kann nicht schweigen, denn ich will + nicht mitschuldig werden.“ + + Zola + + „Ich sage mich los: von der + leichtsinnigen Hoffnung einer Errettung + durch die Hand des Zufalls; von der + dumpfen Erwartung der Zukunft, die ein + stumpfer Sinn nicht erkennen will ...“ + + Clausewitz + + _De te fabula narratur._ + + Deine Sache, Leser, ist es, die hier + verhandelt wird! + + + + + Einleitung + + +Hände weg! + +Hände weg von diesem Buch, wenn Ihr damit, übersättigt und bis zum +tödlichen Erbrechen gelangweilt, nur wieder einige Euerer müßigen +Stunden totschlagen wollt! + +Dem stinkenden Kadaver dieser Zeit flechte ich keine Kränze. + +Das spannungslose Gesabber unserer offiziellen Poeten befriedigt schon +übergenug solche Bedürfnisse. + +Was heutzutage nottut: das ist Begeisterung, Kühnheit, Todesverachtung +der Einzelnen, Nüchternheit, Zielsicherheit und Klarheit. +Zusammenschluß, eine untrennbare Einheit aller im Schweiße ihres +Angesichts Werktätigen. Dieser Zusammenschluß: das ist die große +Sprengmine, die Tag für Tag aufplatzt und deren Sprenggänge die +Fundamente dieser verrotteten Gesellschaft eines Tags völlig unterwühlt +haben werden ... + +Es handelt sich hier nicht um poetische Erfindungen, phantastische +Konstruktionen oder um Wahnbildungen. Es handelt sich hier um Tatsachen, +um Taten, um Ereignisse. + +Es geht um das, was ist. + +Es geht hart auf hart. + +Es geht um das, was gewesen ist. + +Es geht um das, was sein wird. – + + * * * * * + +Dieses Buch ist sicher nicht Kind jenes Geistes, „der über den Wassern +schwebt“, es ist aus der Wirklichkeit geboren, und es trägt, +unverschminkt allen sichtbar, noch deutlich das Zeichen dieser +Marter-Hölle an sich. Auch der Sprachkörper: stahlgrau, gehackt, rissig: +die Gelenke im Schmerzkrampf fest angezogen, die Arme an den +Schulterstücken schwer hängend: Hämmer, Aexte, Brecheisen. Ein blutiges +Muskelspiel zuckt ... Das ist nicht der klassische wohlgepflegte Leib, +nicht die parfümierte Tanzpuppe der Biedermeierzeit noch der verträumte +Taugenichts der Romantik: es ist der mit Wundenlöchern über und über +ausgefüllte Dulderleib des werktätigen Volks am Pfahl der Kreuzigung: +mitten im Qualm von Gasschwaden, von Staub, Rauch, Rußfetzen +umschleiert, umschwirrt von giftigen Aasfliegen – das ist der Dulderleib +des werktätigen Volks in jenem geschichtlichen Zeitabschnitt, da er sich +vom Kreuzstamm losreißt, niedersteigt und das Gesindel seiner Peiniger +vor sich in die Knie zwingt ... Ein millionenstimmiger Schrei, ein +Aufruhr- und Klagelied, gesungen von Millionen metallischen Feuerzungen. +– + +Dieses Buch möchte, ein lebendiges Wesen, künftig wieder selbst Anteil +haben an den Kämpfen, deren Blutzeuge es ist, selbst wieder mit im Feuer +stehen, und mit seinen Blutteilen noch röter färben die rote Fahne, +unter der es als ein Soldat der Revolution dient. – + + * * * * * + +Es wird nur wenig von „Liebe“ die Rede sein. + +Dieses Buch ist ein Heldengedicht. + +Wo Millionen „Hunger“ schreiend – zuerst eine formlose Masse noch, dann +aber immer deutlicher Gestalt gewinnend – sich herauf auf das Plateau +der Weltgeschichte bewegen: in der eisern gehackten Rhythmik solcher +Tage tönt auch die Stimme des Bluts als Metall. Stirnen wölben sich +gegeneinander, wie gemeißelt aus Granit. Die Herztrommel wirbelt +Kampftempo und Marschtakt. Der Gedanke des kämpferischen Menschen stößt +vor in die Zukunft als Stichflamme. Und ein anderer, als der, der einst +du gewesen bist, findest plötzlich nach Jahren du dich wieder, neu +geboren aus mörderischen Krisen, wie aus Schmelzglut. – + + * * * * * + +Die Riesendurchbruchsschlacht jener Menschen-Armeen in die Zukunft hat +längst begonnen. Kampfplatz ist die Welt. Dieses Terrain ist nicht mehr +nach Nationen oder Erdteilen abgesteckt. Alle Grenzpfähle der Welt +schlottern gespenstisch im roten Sturmwind, wie Vogelscheuchen ... +Ueberall, wo Menschen im Arbeitsprozeß untereinander verbunden sind, +überall auf der ganzen Erde, auch in den tiefsten Tiefen der Kolonien, +gewittert es ... + + * * * * * + +Lernt kennen die Geschichte Europas, Europas am Rande des Abgrunds! – + + Gewidmet der kommenden deutschen sozialen Revolution! – + +_Berlin_, zum 4. August 1925. + + Johannes R. Becher + + + + + 1. Kapitel. + + „Deutschland über alles ...!“ + + + Episode aus den Novembertagen 1918. – + „Deutschland über alles ...!“ – + „Lazarett-Poesie.“ – Den Veranstaltern + patriotischer Heldengedenkfeiern + gewidmet. – Heilige Familie. – Das Trio. + – Menschen-Dreck. – Götter stürzen. – + „Geh deinen Weg!“ – + + + I + +Es ist Herbst, November 1918, vier Uhr morgens. + +Die letzten deutschen Truppen ziehen über den Rhein. + +Gespenstische Nebelhaufen wälzen sich über den beiden Rheinufern, die +Wassermassen unter der Brücke flüchten unterirdisch-rauschend und +unruhig dahin, ein schwer beladener Schleppkahn treibt darauf, +schweigend, als ob er, eine Sagengestalt der Vorzeit, durch einen +uferlosen Traum wandele. Nur die gotisch zerzackte Spitze des Kölner +Doms ragt stumpf aus einem Nebelloch, wie der Gipfel eines gewaltigen +Gebirgsmassivs. + +Das ferne gedämpfte Geläute des Doms fällt jetzt langsam und zögernd auf +die Erde nieder, ein schwerer metallischer Tropfen ... + +Es war eine niedergekämpfte Kolonne Sturminfanterie, der Rest eines +einst stolzen deutschen Regiments, die, ohne Schritt, dahintrottete: +bärtig verwachsene Gesichter, knöcherige Gestalten, mit zerfetzten und +ausgeblichenen Uniformen schlotternd behängt, in Mützen, barhaupt, der +eine oder der andere noch unter dem Stahlhelm, den vermoderten und +zerzausten Affen auf dem Buckel, die Gewehre, Mündung nach unten, über +die Schulter geworfen, und die zu Skeletten abgemagerten Gäule vor der +einzigen Feldküche stolperten und knickten immer wieder von Zeit zu Zeit +in die Knie, gleichmütig sprang der Trainsoldat vom Bock ab, die Kolonne +stockte eine Weile, einige drückten sich links und rechts vorbei am +Wegrand, dann ein müder Peitschenknall, die Gäule standen wieder +wackelnd aufgerichtet, und das Häuflein Soldaten setzte sich wieder in +Marsch. + +Kein Kommando erscholl mehr. + +Kein Wort wurde gesprochen ... + +Doch kam es vor, daß der eine oder der andere sich plötzlich mit einem +jähen Ruck umwandte, mit einer blitzschnellen Handbewegung nach dem +Gewehrschaft griff, den Kopf sonderbar lächelnd schüttelte und wieder +den einen Fuß vor den anderen tat, als ob es nie anders gewesen wäre und +als ob es auch gar nicht je anders sein könnte ... + +Vor zwei Tagen noch ... + +Einer rechnete nach: + +„Ja, das sind zweimal vierundzwanzig Stunden ...“ + +Also: frisch wie aus Schlamm gebacken aus dem Granattrichter ... + +Und das gigantische Schlachtorchester brüllte die Symphonie der +Trommelfeuer und der Stahlgewitter und der Eisenorkane; forte, +fortissimo; Gaswellen fluteten unsichtbar geheimnisvoll heran; und nun +gewitterte auch schon über die stacheldrahtgezäunte, granatgepflügte +labyrinthische Ebene hinweg das Finale des Nahkampfes: der dumpfe Knall +platzender Handgranatenballungen in Erdhöhlen und Felsunterständen, +Menschenschreie, gurgelnd und wie „Huhu“ dazwischen, und das Sicheln des +Bajonetts ... + +Traum? Wirklichkeit? + +Denen, die hier in die Heimat zurückmarschierten, war das Bewußtsein +geschwunden, das Hirn leer, nur ein unbestimmter Trieb drängte in allen +ihren Gliedern sie mit vorwärts; links, rechts, links, rechts; das +Gesicht nach unten auf den Boden niedergedrückt, dort, wo immer wieder +zwei Stiefelbeine hervorschnellten oder der Absatz des Vordermanns, der +fest in den Straßendreck hackte. + +Auch an eine Rast oder gar ans Abkochen dachte niemand. + +Marschierten sie durch ein Dorf, so schien es ihnen, als wichen ihnen +die Einwohner scheu aus dem Weg, kein Mensch zeigte sich, alle Türen und +Fenster waren fest verschlossen, auch jetzt noch, da sie sich schon seit +einem Tag bald auf deutschem Boden befanden. + +Es wurde Morgen. + +Nein, es war kein englischer Tank, der plötzlich schnellwendig aus den +zerschleißenden Nebelschwaden hervorknatterte, auch keine Flammenwerfer, +die, flüssigen Phosphor spritzend, ganze Ballen von verbranntem +Menschenfleisch durch die Luft wickelten; kein leichtes +Infanteriegeschütz, kein auffliegendes Munitionsdepot, auch kein +Flieger, dicht über der Erde mit MGs die Stellungen abstreichend ... + +Nichts, nichts mehr von alledem ... + +Weinberge waren es, Hügel, saubere Steinhäuschen darin, Treppen und gut +angelegte Pfade durch Weingelände hindurch, Kirchturmspitzen blinkten. +Mit ihren Stöcken stocherten die Soldaten in den dahinkollernden +Laubhaufen; es war wirklich schönes, feuchtes rotbraunes Laub ... + +Doch die fieberig flackernden Augen der Soldaten suchten von neuem den +Boden ab, fanden sich nicht zurecht, stießen sich und tasteten; man +hatte sich schon daran gewöhnt, es fehlte einem was; keine Leichname, +keine abgequetschten Arme, keine Rümpfe, die in der Hitze brodelten; +auch nichts von Offensivparfüm, das aus den von Granaten wieder +aufgewühlten Massengräbern dick aufstieg ... Rein und würzig war die +Luft, die Nebel verdampften sich nach oben ... Einer pfiff schon vor +sich hin, ein anderer summte leise im Takt, allmählich bildeten sich +wieder Reihen, fester und immer fester hämmerte der Schritt und, ohne +daß sie sich dessen bewußt waren, marschierten sie durch das nächste +Dorf im Gleichschritt. Schon winkte man ihnen zu, Menschen standen +freundlich nickend zwischen Türen und Fenstern, und da, als sie eben die +letzten Häuser hinter sich hatten, brach voll die Sonne durch. + +Zerfetzt und zersplittert hing die Nebelpest herum, die Wipfel der Bäume +schüttelten sich, daß der letzte Laubrest an ihnen auseinanderstieb; +riesige Feuerfarren blühten im Weltraum die Sonnenstrahlen ... als ein +Mann, ein Landstürmer, in der Mitte des Zugs plötzlich mit +tränenerstickter Stimme ruft: + +„Kameraden! Seht: Sonne über Deutschland!“ + +Ein Trompetensignal bläst. + +Eine Trommel trommelt. + +Hundert Köpfe rucken hoch. + +Hundert Herztakte schlagen wieder. + +Und aus hunderten, von vielem Blut- und Pulvergeschmack ausgedorrten +Kehlen schluchzt der Gesang: + +„Deutschland über alles ...!“ + + + II + +Auch Peter Friedjung, damals knapp zweiundzwanzig Jahre alt, befand sich +unter den Heimkehrern. + +Auch er stieß jetzt „Deutschland über alles“ hervor ... + +Mit dem Gesang „Deutschland über alles“ hatte zu Beginn des Kriegs das +Freiwilligenregiment List gestürmt, mit dem Gesang „Deutschland über +alles“ auf den Lippen wurden die jungen Freiwilligen vom Trommelfeuer zu +einem Leichenbrei zusammengestampft. + +Fünfmal während des Krieges war Peter Friedjung für „Deutschland über +alles“ verwundet worden. + +Und nun!? + +Wäre ein Flieger der Rheingrenze entlang geflogen: er hätte deutlich +beobachten können, wie das acht Millionen starke deutsche Feldheer, +einer riesigen Schlammflut gleich, in die Heimat zurücktrieb, wie die +Massen der Armeen von den Städten aufgesogen wurden und das Gewimmel der +Züge auf den geometrischen Figuren der Eisenbahnnetze gegen das +Hinterland zu sich langsam auflockerte und dort schon wieder Zug auf Zug +straff, in vollkommener Ordnung, dahinrollte ... + +Am Abend kam die Kolonne, der Peter Friedjung angehörte, drei Kilometer +vor der Bahnstation an, wo sie nach München verladen werden sollte. + +Ein Matrose, ein baumstarker Kerl, ein Mann in Zivil mit einer knolligen +Schnapsnase und einer in einer feldgrauen Uniform, alle rote Binden um +den Arm, kamen ihnen am Dorfeingang entgegen und forderten sie auf, die +Waffen abzulegen. + +„Also ist es zur Tatsache geworden. Revolution!“ stellte Kamerad +Friedjung fest. + +„Hier in der Dorfschule ist der Arbeiter- und Soldatenrat.“ + +Die Heimkehrer sahen sich unschlüssig an. + +Aber man ließ ihnen nicht lange Zeit zum Ueberlegen. + +Eine schwerbewaffnete Abteilung Rotbinden erschien. Die Kolonne wurde +ohne weiteres entwaffnet. + +Zum erstenmal hörte man wieder etwas über die Vorfälle in der Heimat. + +„Das Heer hat teilweise gemeutert. Straßenkämpfe. Der Kaiser geflohen. +Neue Regierung. Die Sozialisten ...“ + +In die Sprache eines Deutschen übersetzt, schloß Peter, bedeutet das: +äußerlich hat die Entente gesiegt und damit also offenbar innerlich: der +Unglaube, die Vaterlandslosigkeit, die Pöbelherrschaft, die Anarchie. + +Auf der Straße vor der Bahnstation waren größere Truppenteile +versammelt, alle ohne Offiziere, von denen es hieß, sie hätten sich +schleunigst in Zivil aus dem Staub gemacht. + +Die „Internationale“ wurde gesungen, Soldaten standen Arm in Arm, alle +hatten sich die Kokarden und die Achselstücke abgerissen ... Von Zeit zu +Zeit hielt einer, auf den Schultern seiner Kameraden sitzend, eine Rede, +dann schrieen sie alle: „Hoch! Hoch! Nieder! Nieder!“ + +Die Kameraden, mit denen Peter zurückgekehrt war, waren nicht mehr +aufzufinden. + +Er stand mitten in dem Tumult allein. + +Er wußte jetzt überhaupt nichts mit sich anzufangen. + +Er wiederholte sich noch einmal, was er während des Kriegs alles von der +revolutionären Bewegung gelesen und gehört hatte. + +Da kannte er natürlich dem Namen nach Karl Liebknecht, diesen +hundsföttischen Vaterlandsverräter, wie ihn immer die Offiziere bei +ihren Sektgelagen im Kasino tituliert hatten, von dem man erzählte, daß +er steinreich sei, eine Unmenge Häuser besitze und von der Entente +bestochen sei, um dem deutschen Volk die Kriegskredite zu verweigern ... +„Und die anderen, die werden auch kaum besser sein, Parasiten unserer +Niederlage, individuelle Nutznießer des Volksunglücks, Kreaturen, die +nur im Augenblick der vollkommenen Verwirrung, Ohnmacht und +Wehrlosigkeit eines Volks zu Wort kommen und sich leider auch, bei der +Dummheit, Gutgläubigkeit und politischen Ungebildetheit des Deutschen, +Gehör verschaffen können.“ + +Und scharf in jeder seiner grauenvollen Einzelheiten tauchte in Peters +Gedächtnis jener Morgen auf, der Beginn eines der gewaltigsten +Großkampftage, den die Westfront je gesehen. + + * * * * * + +Der Massenfeuerüberfall war beendet. + +Die Sturminfanterie ging zum Angriff vor. + +Von Stellung zu Stellung. Ein einziges Kraterfeld war nurmehr das +feindliche Gräbensystem, schon hatten die Infanteriewellen ein großes +Loch in die feindliche Front hineingefressen, und „nun mit den +Engländern ins Meer“ jubelten, ihres gelungenen Durchbruchs sicher, die +verschiedenen Regimenter der verschiedenen deutschen Stämme sich zu, +schon wurde der Befehl erteilt: „Kavallerie vor!“ ... da setzte +unerwarteterweise eine Reservedivision Kanadier zum Gegenstoß an, und – +das Sperrfeuer der eigenen Artillerie blieb aus, alle Gewehr-, +Handgranaten- und Maschinengewehrmunition war verschossen, keine Hilfe +weit und breit, kein einziger Schuß krachte, nur die feindliche +Artillerie hieb mit den schwersten Brocken herein, Staubsäule um +Staubsäule dampfte hoch, und ein zäher entsetzlicher Bajonett-, Messer-, +Spaten- und Würgkampf begann, Mann gegen Mann, bis am Abend die +deutschen Truppen gezwungen waren, die eroberten Positionen Schritt um +Schritt und unter den ungeheuersten Verlusten aufzugeben, und die Lücke +in der feindlichen Front wieder restlos geschlossen war. + +Noch in derselben Nacht wurde bekannt: + +Die Munitionsfabriken im deutschen Vaterland streiken. Die +Artilleriemunition im ganzen Frontabschnitt ist zu Ende. Das Messer +zwischen die Zähne, heißt es jetzt, und mit den blanken Leibern die +Front, wenn sie wo einreißen sollte, gestopft ... Auf keinen +Artillerieschuß sei für die nächsten Tage zu rechnen ... + +Ein wilder Racheschwur schoß aus den Herzen der Frontkämpfer hoch; die +Finger reichten keinem, die Zahl der ihm lieben Kameraden, die er heute +verloren hatte, abzuzählen; wutentbrannt zerstampften manche die Pakete +mit Liebesgaben und drohten mit schreckensverzerrten Gesichtern: + +„Dolchstoß von hinten! Na, wartet nur, wenn wir zurückkommen! Da werden +wir gründlich mit diesem schmierigen sozialistischen Gesindel aufräumen +...“ + +Doch das war bald vergessen. Die meisten wurden, wie es Peter wenigstens +damals schien, selbst bald Handlanger dieses sozialistischen Gesindels, +machten schlapp, knurrten, und die Erschießung von mißliebigen +Offizieren von hinten kam immer häufiger vor ... Selbst tagelanges +Baumanbinden gegen Insubordination und einzelne Füsilladen nützten +nichts ... Die moralische Auflösung der deutschen Front begann ... + + * * * * * + +Eiskalt vor innerer Erregung, mit haßerfüllten Augen blickte Peter auf +seine Umgebung. + +„Pack schlägt sich, Pack –“ + +„Nein, wir hätten die Waffen nicht –“ + +Doch auch die Treuesten und Zuverlässigsten hatten sich bereits in die +Mauselöcher verkrochen. + +Wieder rauschte ein Zug vorbei mit Hurras und vielen roten Fahnen ... + +Ein pockennarbiger krummgewachsener Zivilist trat auf Peter zu, riß ihm +die Kokarde ab: „Aas!“ + +Peter stand wie gelähmt, lächelte und stotterte etwas. + +Der andere war schon fort. + +Dann preßte er zwischen den Zähnen hervor: + +„Hunde! Schweine! Lügner! Ihr gottsjämmerlich erbärmlichen Schufte ...“ + + * * * * * + +Der Herbststurm fegte. Die Dächer auf den Häusern klapperten. Zu einem +Skelett kahl gefressen war rings die Welt ... + +„Eine feste Burg ist unser Gott!“ + +Dieser Choral dröhnte mächtig auf in ihm, von Tausenden von +Glockenspielen umläutet, in wunderbaren Klangspiralen, und hoch die +Sterne glänzten, das Firmament wölbte sich in raumlosen unbegrenzten +Schleifen und Kurven, und sprühte ... War das nicht der Abglanz von +Gottes Angesicht, jenes myriadenäugigen Gottes, des allfühlenden, des +allerkennenden, jener Abglanz von Gottes Angesicht, der den Abgrund, der +die Welt hieß, mit einer schimmernden firnisartigen Schicht überzog, mit +dem Glanz der Verklärung, der dieses diesseitige Jammertal überhaupt +erst für den Menschen erträglich machte? Jenes Gottes, dessen Atem +gleich Ebbe und Brandung war, dessen Sekunde ein Tausend Menschenjahre +in sich faßte und in dessen Allmacht es stand, die allerhöchsten +Bergmassive, die es auf der Menschenerde gab, leichthin wegzublasen wie +ein Sandkorn!? Das Meer, alle die großen und kleinen Ozeane, wären nicht +mehr gewesen als nur ein einziger Schluck in der Schale der göttlichen +Hand. Und war nicht die ganze Welt ein einziges Riesenorgelwerk, rühmend +des Ewigen Ehre, eine jede Kreatur ein besonderes Register darin, darauf +der Schöpfer des Weltalls, der Schöpfer der heiligen Ordnung aller Wesen +und Dinge, spielte, er, das Urbild aller Geschaffenheit, große, kühne, +erhabene Akkorde, auch schrille Dissonanzen darunter, doch nur dazu da, +um am Ende in einem desto gewaltiger schwellenden Halleluja sich +aufzulösen ...! + + * * * * * + +Eingepfercht zwischen durch und durch verlausten und völlig +verwahrlosten Mannschaften, die zynisch auf Gott, Kaiser und Vaterland +fluchten, rollt Peter der Heimat zu. + + + III + +Peter fand seine Eltern zu Hause in niedergedrückter Stimmung. + +Zwar hing ein Kranz mit „Willkommen“ und schwarzweißroter Schleife über +der Tür, aber die ausgeweinten Augen der Mutter verrieten ihm, daß sie +schon viele Tage und Nächte hindurch an einem Wiedersehen mit dem Sohne +gezweifelt hatte. + +„Da ist er ja!“ umarmte ihn der Vater. „Nun also doch! Als ein tapferer +deutscher Held bist du uns wiedergeschenkt. Du hast dich auch rein +gehalten, das seh ich dir an. Flecken- und makellos hast du dir das +Schild deiner Ehre erhalten. Und das eiserne Kreuz! Nun kann ich mich +beruhigt sterben legen ... Welch eine Freude!“ + +„So, Peter, gut so, daß du wieder da bist!“ begrüßte ihn die Mutter, die +indeß weißhaarig geworden war und eine gebückte Haltung hatte. + +„Nun ruh’ dich aus! Der Krieg ist ja zu Ende.“ + +Dies sagte sie in einer merkwürdig singenden Sprache, in einem Tonfall, +den Peter bisher noch nie an ihr wahrgenommen hatte. + +Peter schwieg. Er stand da, mitten im Zimmer, den Stahlhelm noch immer +unterm Arm. Er hatte Tränen in den Augen. + +Aber das, wie es die Mutter gesagt hatte, klang so, als ob der Krieg +garnicht zu Ende sei, nie auch zu Ende sein könnte, als ob er +weitergehe, und nur ein Schlachtfeld mit dem anderen sich vertauscht +habe, vielleicht sogar: Volksgenosse gegen Volksgenosse. Nach den +letzten Ereignissen zu schließen: ja, vielleicht sogar mitten in +Deutschland: der Muskel gegen den Nerv, Sehne wider Sehne, das Mark +eines Volkes gegen das Mark, das Herzinnere gegen das Herzinnere ... + +Klang es nicht so, was die Mutter gesagt hatte, als ob man überhaupt nie +zu Ende kommen könne damit, als ob dieser Krieg nur ein Vorspiel, ein +harmloses sogar, gewesen sei, und als ob die Rückkunft ins Elternhaus +für Peter auch nur eine kurzbemessene Rast sei, um bald darauf wieder +... + +Als ob der Krieg sei wie ein Strom ... Nun, da Frieden ist, fließt +unsichtbar er dahin, unterirdisch, überschüttet von irrnisblendendem +Gestein, um auf einmal aber, denen nur unerwartet, die das +Bewegungsgesetz des Stromverlaufs nicht kennen: stäubend, gurgelnd, +strudelnd auf die Erde wieder hervorzubrechen. + +„Nein, der Krieg ist nicht zu Ende!“ schrie es in Peter innerlich auf, +als er seiner Mutter in die Augen sah, in die angstverzerrten, +kümmernisstumpfen Augen. „Der Frieden, das ist ja ein ganz ungeheuerer +Betrug, eine Art Betäubungsmittel, Beruhigungspulver ... Der Krieg hat +begonnen, um nicht mehr zu enden. Seuchenisolierbaracken, Lazarette, ja +so, genau so wie ich sie gesehen und erlebt habe: weiterbauen werden die +sich durch den ganzen Weltraum hindurch ... Jetzt schläft er; der Krieg +hat sich ein wenig nur hingelegt, um zu schlafen; der Krieg, hört ihr +es, schnarcht. Der Krieg schläft seinen Blutrausch aus ... Dann steht er +wieder auf, frisch, kräftig, hungrig, unersättlich, wie er ist, schwingt +sich in die Lüfte, fliegt! fliegt! fliegt! Ja, fliegen wird er diesmal +und einen giftigen Samen niederstreuen, Giftgas, Samen: Gas, Gas, Gas +... Und aufgehen wird dieser Samen, ein entsetzliches Geschwür in jeder +Menschenbrust, als brandiger, blasenziehender Aussatz über der ganzen +Hautfläche, als eine Wucherung, die wüsten Wahnwitz in jedem Gehirn +zeugt ... Welch eine Tiefen-Wirkung! Tod wird er ernten in Hülle und +Fülle ... + +„Wer aber ist der Krieg!?“ + +„Die Menschen!?“ + +„Und welcher Art Menschen sind es!?“ – + + * * * * * + +Nach Tisch stand der Vater auf, zog sich an und fragte Peter: + +„Kommst du mit zum Trio!?“ + +Mit einem Blick auf die Mutter sagte Peter zögernd ja ... + +Auf dem Hinweg begann der Vater: + +„Du weißt doch Peter, daß du nicht den Oberstudienrat Dr. Reuchlin nach +seinem Sohn fragen kannst. Das ist ein wunder Punkt. Nicht daran rühren! +Der alte Mann ist zu bedauern. Man muß sehr taktvoll und zurückhaltend +sein. Schrecklich, so ein Schicksal.“ + +Peter nickte nachdenklich. + +„Das war doch ein wunderbar prächtiger Bursche, der junge Reuchlin, ich +verstehe das nicht ...“ + +„Ja, mir ist das auch ein Rätsel. Geistige Umnachtung unter Umständen, +Verwirrtheit wahrscheinlich. Anders ist das nicht zu erklären ... Und +welche Sorgfalt in der Erziehung hat er seinem Jungen angedeihen lassen +... Merkwürdig, wie ein Mensch so aus der Art schlagen kann ...!“ + + * * * * * + +Am Trio, das regelmäßig einmal in der Woche in der prächtig +ausgestatteten Achtzimmerwohnung des unverheirateten Dekan Lampert +stattfand, nahmen teil die Herren Fabrikbesitzer Joachim Hellmer, +Oberstudienrat Dr. Reuchlin und Peters Vater, der Landgerichtsdirektor +Dr. Friedjung. + +Diesmal waren noch zugegen als Gäste Oberstleutnant Hugenberg, Emil +Freywolf, Redakteur einer größeren liberalen Tageszeitung, +Kriegsberichterstatter, und ein gewisser Paul Bratz, der in der +Gesellschaft als eine ausgesprochene Abenteurernatur galt, früher +Leutnant der Schutztruppe, während des Krieges aber dauernd aus dem Heer +wegen chronischer Trunksucht beurlaubt; er lungerte in dieser Zeit in +allen Sanatorien Deutschlands herum und interessierte sich für +Frauenjagd. + +Die Gesellschaft war schon versammelt, als Dr. Friedjung und sein Sohn +eintraten. + +Die meisten Herren kannte Peter schon. + +„Und wie er sich verändert hat! Mein Sohn, viel männlicher, ganz zu +seinem Vorteil.“ + +Breit und behäbig, wie ein Luther-Standbild, pflanzte sich der Dekan vor +Peter auf. + +„Na ja, der Krieg ist der beste Lehrmeister! Da sehen Sie mal wieder! +Gott hat seinen Anteil daran. Gott hat gewollt, daß gerade wir dieses +Gericht vollziehen sollen, und die Reinheit des sittlichen Gewissens ist +auf unserer Seite. Wie der Ausgang des Krieges in Uebereinstimmung mit +dieser Tatsache zu bringen ist: Gottes Rat ist unerforschlich. +Wahrscheinlich haben sich große Volksteile Deutschlands, vor allem die +unteren Schichten, an die Arbeiterbevölkerung der Industriebezirke denke +ich da vor allem, noch nicht als genügend geläutert für diese göttliche +Aufgabe erwiesen. Wir gehen schweren Zeiten entgegen. Doch die Jugend +gehört uns und damit die Zukunft, und wenn die ganze Jugend Deutschlands +aus lauter Friedjungs bestünde: dann, dann kann Deutschland nicht +untergehen ... Nun, mein Sohn, nimm Platz ...“ + +Noch einen Augenblick verharrte der Dekan bei seinem Augenaufschlag. + +„Nun, habe ich es nicht immer gesagt, den preußischen Leutnant macht uns +so leicht niemand nach ...“ + +Herr Bratz holte das verborgene Monokel hervor und klemmte es fest. + +Landgerichtsdirektor Friedjung bedankte sich nach allen Seiten hin für +die Gratulationen. + +Nur dem Oberstudienrat Dr. Reuchlin drückte er stumm die Hand. + +„Wird schon wieder werden ... Nur Kopf hoch! Mut ...“ + +„Ein Junge mit solcher Begabung wie der Ihre, Herr Landgerichtsdirektor +... ich schlage vor: Bankfach. Das ist heute noch am aussichtsreichsten +...“ + +Der Fabrikbesitzer fand allseitige Zustimmung. + +„Ich wäre natürlich auch bereit, ihn bei mir unterzubringen ... Ich +brauche absolut zuverlässige, gegen jedes Streikgelüste immune Leute, +heutzutage mehr denn je ...“ + +Inzwischen hatten der Redakteur, der Oberstleutnant, Herr Bratz, eine +Gruppe gebildet. + +„Richtig so, ganz so ist es, wie Sie sagen: Der Krieg ist nicht nur ein +notwendiges Element im Völkerleben, sondern auch ein unentbehrlicher +Faktor der Kultur, ja die höchste Kraft und Lebensäußerung wahrer +Kulturvölker.“ + +Der Oberstleutnant ergänzte begeistert den Redakteur: + +„Nicht nur eine biologische Notwendigkeit, sondern auch eine sittliche +Forderung und als solche ein unentbehrlicher Faktor der Kultur ...“ + +„Meine Herren! Lassen Sie sich schildern, wie die Zivilisation in den +Kolonien vor sich geht. Wir brauchen Kolonien, das ist eine +Lebensnotwendigkeit für das deutsche Volk. Kolonialarbeit ist aber +notwendigerweise Blutarbeit und durchaus durch die Verdrängung des +Heidentums durch das Christentum gerechtfertigt. Wir sind immer mal +wieder gezwungen, da unten einen großen Kehraus mit den Schwarzen zu +machen. Selbst Ausrottung ganzer Stämme mitsamt ihren Stammsiedelungen +sind dabei leider Gottes nicht zu vermeiden ... Kultur! Kultur! ... Und +überdies zum vorigen Thema: Sie haben ja die Ermordung des +österreichischen Thronfolgers gestreift: ich sage: wenn je ein Blutopfer +eine befreiende, eine erlösende Wirkung gehabt hat, so war es dieses +...“ + +Die Gruppe löste sich wieder auf und schloß sich der allgemeinen +Diskussion an. + +„Im übrigen: meine Ansicht ist die: die Sozialdemokraten, mag man gegen +sie haben was man will, die müssen jetzt die Sache schmeißen. Wir müssen +uns auf eine Politik auf lange Sicht einrichten ... Unsere Zeit kommt! +Abwarten ...“ + +Bratz widersprach energisch dem Fabrikanten. + +„Nein, nun ganz und gar nicht.“ Er sprach von illegalen Organisationen, +Attentaten, Verschwörerklubs, Kampftrupps, die sofort aus den aktivsten, +zuverlässigsten vaterländischen Elementen gebildet werden müssen, um den +Novemberverbrechern energisch auf den Leib zu rücken ... „Wie Sie sehen: +die Arbeiterschaft ist in zwei feindliche Lager geteilt. Die Sozialisten +werden nicht umhin können, im Kampf gegen die Spartakisten sich unserer +Hilfe zu bedienen, wir werden und müssen uns diese Dienste so teuer wie +nur möglich bezahlen lassen ... Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, +der Mohr kann gehen ... So wird man uns nicht abfinden. Nie und +nimmermehr ...“ + +„Meine Herren, streiten wir nicht! Ich bin für zwei Eisen im Feuer!“ +vermittelte der Dekan. „Auf legale Art und auch die Vorschläge des Herrn +Bratz dürfen wir nicht ganz und gar außer acht lassen ... Dem Volk muß +die Religion auf jeden Fall erhalten bleiben. Denn nicht auf +Gescheitheit oder Dummheit des Einzelnen kommt es an, sondern auf die +Erlösung der Seele. Was für den Einzelnen gilt, gilt auch für das Ganze. +Einkehr, innere Wandlung, das ists, was vor allem not tut.“ + +Nun sprach auch Peters Vater: + +„Die Hauptsache ist, daß die Staatsautorität erhalten bleibt. Ich +meinerseits habe bei den Sozialdemokraten seit Kriegsbeginn nichts +gelesen, was der Lehre von der Unantastbarkeit des Staates zuwiderliefe. +Im Gegenteil, ihre Partei hat sich während des Krieges ihre nationale +Vergangenheit geschaffen! ... Und meine Herren, die Staatsform kann uns +doch schon wirklich ganz egal sein, auf den Inhalt kommt es an.“ + +Der Oberstleutnant fiel ihm ins Wort: + +„Allerdings, jetzt heißt es Schritt für Schritt, so zäh wie nur möglich, +unsere Positionen verteidigen, die Sozialdemokraten regieren lassen, +heimlich ihre Regierung infamieren und sie so in den weitesten +Volkskreisen unmöglich machen, und zwar ein für allemal, um dann, wenn +so der Staatsapparat relativ intakt in unserer Hand bleibt, eines Tages, +wohlbemerkt, ich rechne mit Jahren, zum Generalangriff überzugehen ... +Meine Herren! Man kann die Erfahrungen des Krieges auch auf den Frieden +anwenden ... Jedenfalls, eine Voreiligkeit, eine zu frühe öffentliche +Preisgabe unserer Entschlüsse könnte uns teuer zu stehen kommen. In +diesen Tagen der roten Hochflut wird auch der geringste taktische +Fehler, meine Herren, mit Blut bezahlt ...!“ + +„Es ist schon so!“ bestätigte auch der Oberstudienrat Dr. Reuchlin, „man +muß mit den Wölfen heulen. In unserem Herzen sind und bleiben wir +Monarchisten, jawohl. Aber in der Praxis könnte es sogar unter Umständen +möglich sein, daß wir uns mit der Republik abfinden. Wer will +prophezeien, es könnte gar der Tag kommen, wo wir die treuesten Stützen +der Republik sind ... Spotten Sie nicht, schütteln Sie nicht ungläubig +die Köpfe ...“ + +„Oh!“ rief pathetisch Bratz dagegen ... „wenn der Schicksalstag naht, +und wäre über uns Ragnarök, die Götterdämmerung verhängt, dann lieber in +tobender Schlacht als in schleichendem Siechtum ...“ + +„Auch ich finde, Dr. Reuchlin, das klingt bedenklich nach Kant,“ +philosophierte jetzt der Dekan. „Also Monarchie wäre demnach die einzige +rationelle Staatsform, aber sozusagen nur als ein Postulat der +praktischen Vernunft, deren Verwirklichung zwar nie erreicht wird, deren +Erreichung aber stets als Ziel angestrebt wird und in der Gesinnung +festgehalten werden muß ... Auch christlich terminologisch ließe sich +das ausdrücken ...“ + +„Meine Herren,“ knurrte jetzt der Oberstleutnant dazwischen, „ich finde, +das Gespräch führt uns jetzt zu weit ab ... Besser ist: wenig davon +sprechen. Immer daran denken ...“ + +„Jawohl, auf die Tat kommt es an,“ schloß Bratz ... + + * * * * * + +Der Landgerichtsdirektor saß am Flügel. + +Der Fabrikant stimmte die Violine. + +Oberstudienrat Dr. Reuchlin bediente das Cello. + +„Wir haben das letztemal Beethoven geübt. Wir wollen sehen, was davon +hängen geblieben ist.“ + +Das Trio begann. + +Der Landgerichtsdirektor zählte den Takt mit ... + +Verstreut saßen der Redakteur, der Oberstleutnant, der Dekan, Bratz und +Peter im Zimmer herum. + +Der Dekan dachte an die Sonntagspredigt. Man mußte vorsichtig sein und +alles in Gleichnissen ausdrücken; auch machte ihm die Möglichkeit einer +Abtrennung von Kirche und Staat einige Sorgen. Für die Predigt am +kommenden Sonntag suchte er noch immer den passenden Text. Er war +bekannt dafür, daß er so ergreifend sprach, daß die Leute weinten ... Da +fiel ihm jenes berühmte Pauluswort ein: „Und hättet der Liebe nicht +...!“ In der Tat vortrefflich. Er zog ein Notizbuch und skizzierte die +Disposition. Natürlich Liebe, Liebe und nochmals Liebe: Christentum und +Sozialismus, Sozialismus und Christentum: nur zwei verschiedene +Ausdrücke für im Grunde ein und dasselbe. Versöhnend wirken! Und zu was +Besserem könnte man auch in solchen Zeiten ermahnen, als zur Liebe, +innerer Einkehr, Arbeit an sich selbst; die Staatsform und die äußeren +sozialen Fortschritte erst in zweiter Linie. Der Mensch ist die +Hauptsache, der innere Mensch, auf das Seelenheil des Menschen kommt es +an ... Und die Klänge des Trios beschwangen ihn: er notierte fieberhaft, +und als die Herren mit einem wunderbaren _piano pianissimo_ geschlossen +hatten, wobei besonders die Violine ergreifend zur Wirkung kam, sprang +er freudigst erregt auf: + +„Danke, meine Herrn! Hier meine Sonntagspredigt! Vortrefflich gelungen +...“ + + * * * * * + +Peter hatte während des Konzerts allerlei groteske Einfälle. + +„Das Frontschwein badet im Konzert!“ Oder, „Ohrenschmarrenschmaus“ +und „Sonntagspredigtbraten“, „Ragout aus sanftlebigem +Oberkonsistorialrat-Fleisch“ usw. Auch betrachtete er geradezu mit einem +wollüstigen Ingrimm den Herrn Bratz neben sich, diese beständig nervös +grimmassierende Monokel-Fratze ... + +Aber auch der Journalist war nicht müßig geblieben. + +In seinem Gehirn stand schon der Leitartikel „Vom neuen Zeitgeist“ fix +und fertig. Hier waren die Sünden und vielen Fehlerhaftigkeiten des +alten vergangenen Regimes scharf und präzis kritisiert, dann aber auch +das Gute, Edle und Wahre vergangener Zeiten sorgfältig und liebevoll +dargestellt, das es nun weiter zu pflegen und zu hegen gelte, und am +Schluß war als Bilanz die beschwörende Formel gegen den Bolschewismus +und gegen die alle geistigen und sittlichen Kulturwerke bedrohende +Anarchie angebracht. Einige Berichte Reisender aus Rußland, Greuelszenen +voll phantastischer Anschaulichkeit waren nicht ungeschickt +eingeflochten und vor allem volltönend und warnend zugleich war die +Stimme, die er für die Unantastbarkeit des Privateigentums erhob. + +Bratz dagegen döste zwischen „Farbenklavier-Klavilux“, „Sonnenmaschine“ +und der „Wirkung des Grammophons auf Neger“ dahin und dachte dann +konzentriert an Lucie, ein Rasseweib, Kellnerin in einer Bar, und wie +man Geld auftreiben könne, die Weiber kosten Geld, das ist eine alte +Sache. Vielleicht gehts mit einem Spielklub, der vaterländische +Verschwörerklub, dem er auch nebenbei angehörte, war noch nicht recht in +Schwung, die Geldgeber zogen noch nicht, doch was nicht ist, kann +immerhin allemal noch werden ... + +Der Oberstleutnant gab sich willig der Musik hin. + +Zwar Marschmusik ist es nicht, überlegte er, auch reizen Blasinstrumente +nicht so sehr zum Träumen. Aber Kunst ist es, erhaben und großartig. Nur +die Künstler, das ist eine andere Sache ... Gegenüber dem +undisziplinierten Beethoven da war doch Goethe ein ganzer Kerl ... Und +dann bemerkte er unwillig, daß er Zivil trug. Die schöne alte Uniform. +Vielleicht werde ich es noch einmal erleben: Sonnenglanz, die Brust voll +Orden, die Straßen zur Parade abgesperrt ... schon dröhnt der +Stechschritt ... + +Da eben schloß das Trio mit pianissimo. – + + * * * * * + +Noch einige Stücke. Ein Violinsolo. Ein Marsch, auf besonderen Wunsch +des Oberstleutnants, und der Trio-Abend war beendet. + +Man blieb nun noch bis über Mitternacht gemütlich zusammen. + +„Die Einwohner müßten sich zum Schutze ihres Eigentums zusammentun, für +Ruhe und Ordnung, gegen Bürgerkrieg und Anarchie.“ + +„Ist schon erwogen bezw. beschlossen.“ + +„Im übrigen: was unsere Revolutionäre anbetrifft, vom Schlage solcher +Bürschchen wie Toller, die jetzt den Mund so voll nehmen, so dürften die +uns nicht besonders gefährlich werden. Sie sind eitel bis zum +Ueberlaufen, man muß sie hätscheln, ausgemachte Windbeutel, mit denen +nicht fertig zu werden, das wäre zum Lachen ... Man muß sie nur ein +wenig mit einer Verbeugung vor ihrer Genialität, wovon sie natürlich +keine Spur besitzen, kitzeln, man muß ihnen geschickt durch die Presse +einreden, sie hätten eine weltgeschichtliche Mission, dann strecken sie, +von sich selbst fasziniert, eitel bis zum Brechreiz wie sie sind, gleich +alle Viere von sich und man kann alles, was man nur will, mit ihnen +anstellen. Da sind die Bolschewisten schon andere Kerle, aus einem Guß, +die wenigstens wissen was sie wollen. Mit denen ist nicht gut Kirschen +essen. Russische Glut, amerikanische Gründlichkeit: das sind ihre +Hauptqualitäten, das muß ihnen auch ihr ärgster Feind lassen ...“ + +„Gewiß auch in der Schule weisen wir jetzt in jeder Unterrichtsstunde +darauf hin, welche Gefahren dem deutschen Vaterlande drohen. Na, unsere +Jungens sind alle Gott Lob und Dank vernünftig und würden sich sofort +wieder zur Verfügung stellen wenn es losgeht ...“ + +„Sicher auch Ihr Herr Sohn“, zwinkerte der Dekan zu Peter hinüber, der +wie versteinert dasaß. + +„Aber das ist ja selbstverständlich!“ antwortete für ihn der Vater. „Er +ist gegen jede Art bolschewistischen Giftes gefeit. Im Trommelfeuer zu +einer undurchdringlichen Panzerhaut geschmiedet. Ein Friedjung und +Bolschewist: das scheidet sich wie Feuer und Wasser.“ + +„Das meine ich auch!“ lächelte der Dekan befriedigt. + +Man tat noch einen langen Zug aus der Zigarre, leerte den Rest aus dem +Bierglas und stand auf. + +„Also sagen wir Dienstag, nächste Woche!“ + +Man stand schon an der Tür. + +„Aber wollen wir so auseinandergehn, nach solch einem Abend, es ist ja +immerhin in gewisser Weise das Willkommfest des jungen Herrn Friedjung +gewesen. So unverbindlich auseinandergehn, ohne ...“ + +Alle stimmten begeistert dem Vorschlag des Redakteurs zu. + +Der Landgerichtsdirektor saß wieder am Flügel. + +„Aber pst! Leise bitte!“ mahnte der Dekan, „sonst habe ich +Unannehmlichkeiten.“ + +Und sie sangen mit gedämpften Stimmen: + +„Deutschland über alles.“ + +Peter sang nicht. + +Er sprach leise für sich ganz nüchtern und trocken den Text nach. Wie +ein mechanischer Kontrollapparat. Dabei beobachtete er scharf die +Sänger. Und beim letzten Vers sprach er halblaut mit: + +„I–h–r ... e–l–e–n–d–e–n– ... S–c–h–u–r–k–e–n.“ – + + * * * * * + +Unten verabschiedeten sich sogleich die Herren. + +Bratz schlug vor dem Oberstleutnant die Hacken zusammen, stand stramm. + +Peter verbeugte sich kaum. + +Bratz ging noch ein Stück mit den beiden Friedjungs. Er hatte das +Monokel wieder eingesteckt. + +„Vorsicht ist am Platz. Meine Devise ist: das Leben so teuer wie nur +möglich zu verkaufen ...“ + +Und zu Peter gewandt fragte er: + +„Wahrscheinlich werden Sie nun doch studieren!? In Berlin vielleicht. +Ich kann Ihnen für einige Korps Empfehlungen geben ...“ + +„Ich danke“, erwiderte Peter kalt. + +Bratz schnitt mit dem Stock durch die Luft, daß es pfiff. + +„Hören Sie, das ist der preußische Pfiff ... Bald kommt der große, der +heilige, der entscheidende Tag ...“ Dazu summte er schmalzig eine +Melodie. „Wissen Sie woraus das ist. Nein?! Aber ... Wagner +„Tannhäuser“, dritter Akt ...“ + +„Ich denke an den armen bemitleidenswerten Oberstudienrat. Wie Söhne zu +Fallstricken für ihre Väter werden! Armer alter gebrochener Mann ...“ +Sinnierte der Landgerichtsdirektor. – + +Es war ein öffentliches Geheimnis: Dr. Reuchlins Sohn war wegen Meuterei +und Hochverrat im Felde vor ein Kriegsgericht gestellt, zum Tode +verurteilt und erschossen worden. + + + IV + +Peters Mutter war noch wach, als Vater und Sohn vom Trio nach Hause +kamen. + +Peter saß nun mit seiner Mutter allein. + +„Mein Kind, du hast Schweres durchgemacht. Ich will dir nun sagen: wenn +du wieder von zu Hause fortgehst, dann ist auch meine Zeit gekommen. Du +weißt vielleicht, ich lebe mit dem Vater sehr schlecht. Nur deinetwegen +bin ich geblieben. Aber du bist ja jetzt erwachsen, und du hast mich +nicht mehr nötig ...“ + +„Doch, doch!“ wollte Peter stammeln, aber er konnte kein Wort +hervorbringen. + +„Es ist am besten, Peter, ich nehme gleich heute von dir Abschied: du +bist ein Musterbeispiel für einen idealistisch gesinnten jungen +Deutschen. Wie du dich durch diese Zeit hindurchschlagen wirst! Auf +welche Art und Weise du mit ihr fertig werden wirst!? Was aus dir noch +werden wird ... Fast ist’s mir als ob ich es wüßte. Ich ahne schon so +etwas. Aber ich will darüber schweigen. Kurz und gut: Laß die Leute +reden, Peter, und geh deinen Weg ... Das soll unser Abschied gewesen +sein. Leb wohl! Gute Nacht!“ + +Wieder schwieg Peter. + +„Aber was ist die Wahrheit!? Was soll ich tun ...“ + + * * * * * + +Und Peter schlief einen unruhigen Schlaf. + +Er schlief in demselben Zimmer wieder, in dem er schon als Kind +geschlafen hatte, dort an der Wand hingen noch die Eichenkränze, die +ersten Preise aus Wettschwimmen und Fußballspielen, und dort obenauf im +ersten Schubfach des Schrankes lagen noch durcheinander Schulbücher und +Hefte. + +Direkt aus dem Gymnasium war er ins Regiment eingetreten, in der Zeit +seiner militärischen Ausbildung kam er nur selten nach Haus. „Und jetzt, +jetzt, was soll aus mir werden.“ + +Peters Vater war Landgerichtsdirektor, ein Richter in höherer +Staatsstellung, dessen schönster Tag in seinem Leben war, wie er nie +müde wurde zu betonen: damals, als Peter auszog mit dem +Freiwilligenregiment, Blumensträuße am Helm und einen vorne im +Gewehrlauf: das war ein großartiger erschütternder Marsch lauter +prächtiger junger Menschen unter dem Gesang „Die Vöglein im Walde ...“ +auf den Bahnhof. Ihm zur Seite auf dem Trottoir, schritten damals Vater +und Mutter, beide schluchzten, Peter schluchzte und lachte freudig auf +dazwischen, die ganze Stadt war mit Fahnen, Girlanden und Blumen +geschmückt: der Auszug dieses Freiwilligenregiments war ein großes +Freudenweinen ... + + * * * * * + +Vor vielen Jahren belauschte einmal in diesem Zimmer Peter eines Nachts +ein Gespräch zwischen Vater und Mutter. + +Peters Vater war damals Staatsanwalt und Anklagevertreter in dem +bekannten Prozeß gegen den berüchtigten vielfachen Raubmörder Alois +Kneisel. Kneisel wurde zuerst in der chirurgischen Klinik +zurechtgeflickt, da er bei seiner Verhaftung von den Gendarmen verwundet +worden war, und danach dem Scharfrichter überantwortet. + +Es muß die Nacht vor der Hinrichtung gewesen sein, denn der Vater hatte +dem Dienstmädchen aufgetragen, ihn pünktlich um fünf Uhr früh zu wecken. +Der Wecker wurde sorgfältig gestellt. + +Auch waren Gehrock, Zylinder, weiße Glacéhandschuhe herausgerichtet +worden, die guten Schuhe, ein frisches steifes Hemd und die Manschetten +mit den rubinroten Knöpfen. + +Peter legte das Ohr dicht an die Wand, als er die ersten aufgeregten +Worte der Mutter vernahm. + +„Nein, Heinrich, ich kann mit dir beim besten Willen nicht mehr +zusammenleben“, weinte die Mutter, „du bist ein Mörder, mitschuldig an +einem ganz gemeinen barbarischen, infamen Mord ... Ich flehe dich an, +laß mich fort von dir ...“ + +Der Vater sprach ruhig und mit sehr tiefer Stimme vom Staat, von der +Notwendigkeit der Erhaltung der Autorität, von der modernen +Straftheorie, wonach Strafe erstens: Sühne im religiösen Sinne sei, dann +auch ein prophylaktisch wirkendes Abschreckungsmittel und drittens: +Befreiung der Gesellschaft von der Gemeingefährlichkeit gewisser +menschlich minderwertiger Subjekte. + +Jedoch: des Vaters Gegenargumente fruchteten bei der Mutter nichts. + +Immerfort schluchzte die Mutter noch: + +„Das ist Heuchelei, abgrundtiefe Verlogenheit ... Ich kann es nicht so +in Worten ausdrücken, aber mein Gefühl, mein Instinkt sagt es mir ... +Ach Gott, o Gott, o Gott, daß du das nicht einsiehst. So verstockt, wer +hätte das gedacht ...“ + +Und die Mutter weinte die ganze Nacht still vor sich hin. + +Einmal schrie sie: + +„Siehst du ihn nicht vor dir: das Gesicht seiner letzten Nacht: groß, +ungeheuer und der Hals ist da, warm der Rumpf darunter ... dieser in die +Länge gezogene Blick ... Pfui, wie du mich anekelst ... Ich kann es +wirklich nicht mehr länger mit dir aushalten ...“ + +Wieder kam ein Weinanfall. + +„Du haßt mich also“, fragte der Vater. + +„Läßt du mir das Kind!?“ + +„Auf keinen Fall ...“ + +„Damit du ihn auch zu einem Verbrecher deiner Art, zur gemeinsten und +tierischsten Art Verbrecher, die es auf der Welt gibt, erziehen +kannst!?“ + +Ein schwerer Schlag. + +Ein Schrei, der hoch und schrill war ... + +Trotzdem Peter damals erst acht Jahre alt war, wußte er sofort: + +„Der Vater hat die Mutter niedergeschlagen.“ + +Und Peter taumelte, als ob er selbst den Schlag erhalten hätte, fiel ins +Bett zurück und versank tief in einen ohnmachtähnlichen Schlaf. + +Wie ein Goldregenschwarm sangen Scharen von Engeln darin, wie Bienen +sahen sie aus und die Erde darunter war wie eine klotzige, +schattenhafte, geschwollene Blutkugel. Und die Mutter war da, eine +überlebensgroße Gestalt, streichelte ihm zärtlich die blutende +Kopfwunde, und Peter strengte sich sogar an, ordentlich viel zu bluten, +das blutende Blut tat ihm wohl, es rann und blühte in unendlich vielen +Knospen und Beeren im Himmelsgarten ... + + * * * * * + +Die Mutter war in der Nacht noch auf und davon gelaufen. + +Der Vater stand pünktlich früh um fünf auf. + +Als er mittags nach Hause kam, schaute ihn Peter groß und fragend an. +„Hat er ihn jetzt wirklich umgebracht?!“ Aber die Kleidung des Vaters, +der jetzt ein bequemes Hausjöppchen trug, war tadelfrei, schwarz; wie +anlackiert sah er aus. Nirgends ein Blutspritzer, nicht einmal an den +Manschetten. „Ob er eine Schürze sich umgebunden hat, so wie im +Schlachthaus?“ Peter wollte erfahren, ob er das eigenhändig gemacht hat, +mit dem Beil oder mit einem scharfen Rasiermesser. Immer noch schaute +Peter groß und fragend. Der Vater aber schwieg, erkundigte sich nach +Peters Schulaufgaben und ließ sich dabei den Gansbraten schmecken. + + * * * * * + +Nach acht Tagen kam die Mutter zurück. + +Des Kindes wegen. + +„Die Kindheit eines Menschen ist entscheidend. Wie es auch gewesen sein +mag, Heinrich, das was zwischen uns beiden ist, ist Nebensache. Mein +Entschluß ist: ich bleibe ... Ich kann nicht anders ... Und dabei bleibe +ich auch: die Todesstrafe anzuwenden innerlich berechtigt ist man meiner +Meinung nach nur solchen gegenüber, die ein System, dem dieses Greuel +zugehört, mit Gewalt aufrecht erhalten wollen ...“ + + * * * * * + +Seit jener Nacht aber war die Mutter eine andere geworden. + +Etwas seltsam, absonderlich, sagten die Leute, es muß ihr etwas auf die +Nerven gegangen sein ... Vielleicht auch eine Gemütskrankheit ... Sie +achtete nicht mehr auf die Kleidung, tagelang aß und trank sie nichts, +sie entließ das Mädchen, machte jede Arbeit selbst. + +Als der Vater ihr einmal darüber Vorhaltungen machte, das entspreche +doch ihrem Stand nicht, bekam sie einen Anfall. Die Befürchtung +entstand, sie werde über kurz oder lang irrsinnig. + +Sie gönnte sich keine Freude mehr. Das dritte Wort hieß: sparen. + +Stundenlang saß sie auf dem Balkon, ihre Lippen bewegten sich, sie +nickte mit dem Kopfe, seufzte ... + +Vater und Mutter: jeder von beiden ging von da ab seinen Weg allein. + +Nur wenn die Sprache auf Peter kam, auf Peters Begabung, Beruf, Zukunft, +dann kreuzten sich für einen Augenblick die beiden Wege, um sich gleich +darauf wieder in entgegengesetzter Richtung zu entfernen. – + + + V + +Und wieder überzog Peter die Erinnerung an den Krieg wie ein dumpfes, +dunstig-tropisches Gewitter: + +Da stand der Mensch inmitten platzender Brisanzgeschosse, von +Giftgasnebeln eingeschwadet, unter einem Phosphorfeuerregen, wie unter +einer kreidig-weißen Branddusche. In einer der Taucherkleidung ähnlichen +Uniform gekleidet, die alle seine Bewegung schwerfällig und ungelenk +machte, einen Gasmaskenhelm aufgestülpt, der oben eine oval abgeflachte +Stahlkuppel bildete, der Filteransatz in der Mundgegend: ein kurzer +dicker Rüssel. Schrauben, Griffe, Hebel, Manometer rings an den Hüften; +ein Schläuche-Durcheinander und Drahtgeflechte umspannten den Leib ... +Und nun, wie ein dem ganzen Körper dicht aufgelegtes Pflaster umschloß +ihn diese Uniform, sog, mit dem Giftgas durchtränkt, juckende Blasen auf +der Haut; schon beginnen jauchige gangränartige Wucherungen in Luftröhre +und Kehlkopf; blutiges Erbrechen; es ist ein langwieriges Ertrinken +unter Todesangstschweiß austreibenden Erstickungsanfällen in der eigenen +Körperflüssigkeit; die Lunge schwemmt sich auf, wie ein mit Wasser +vollgesogener Schwamm, um das vielfache ihres ursprünglichen Volumens; +Haut und Uniform werden dabei eins, eine gallertartige nässende, mit +Geschwüren durchklebte Masse, und die Uniform-Haut, die Haut-Uniform +schält sich ab ... und da stand nackt und bloß der Mensch, ein +unförmiges Stück rohen blutigen Fleisches, ausgenommen wie ein +geschlachtetes Vieh bei lebendigem Leib, geschunden nach allen Regeln +der modernen Wissenschaft und Kriegskunst. Die Sonne drückt nieder vom +Himmel als ein glühender Stempel: der ganze Leib wird wie mit flüssigem +Feuer eingebrannt. Und nun quellen ihm noch die geronnenen Augen aus den +schon kohlig vermorschten Stirnhöhlen, zwei weißliche Kugeln, wie bei +einem Fisch, den man siedet ... + +Und dieses Stück rohen blutigen Fleisches, das sich Mensch nennt, bewegt +sich, lebt: es ist ein Mensch, es sind ihrer viele, es ist ein ganzes +Menschenvolk, ein ganzes Volk roher blutiger Fleischstücke, mit und ohne +Arm, mit und ohne Bein, kopflos und welche mit bläulich gedunsenen +Köpfen: sind es schon oder sind dazu bestimmt, es in Bälde zu werden; +und die so einem entsetzlichen Schicksal Ausgelieferten beginnen zu +leben, lebendig zu werden, gewinnen das Bewußtsein über sich selbst, +schließen sich zusammen, Blutendes an Blutendes, und marschieren eines +Tages aus Mietskasernen, Fabriken, Massengräbern hervor, hinauf auf die +breite Straße, wo die große, schöne, die heitere, die weite, die +sorglose, die glückliche Welt blüht, wo es thront und promeniert: ein +Trompetenstoß: Achtung, ihr feinen Damen und Herren: stinkendes, rohes, +blutiges Menschenfleisch kommt; ja es kommt, wälzt sich daher wie ein +fauliger Strom, brüllt vor Schmerz, flucht im Chor und knurrt ... Die +Damen raffen ihre Röcke hoch: Vorsicht, daß wir nicht schmutzig werden; +die Herren blicken betrübt auf ihre blutbesudelten Lackspitzen und +Gamaschen ... Nein, die hitzigste Sonne brennt so heiß nicht wie diese +Wundenflecken, so rot wie diese Wundenfarbe ist nie eine Sonne ... und +aus den von Kolbenschlägen zerschmetterten Gebissen, an denen noch wie +an einem Faden an einem Sehnenstrang halbe, dreiviertel Unterkiefer +herumhängen, pfeift, trillert und zirpt ein Gesang: „In der Heimat da +gibts ein Wiedersehen ...“ + +„Bitte zurücktreten!“ schnauzt der Offizier das blutende Stück +Menschenfleisch an, als es den Absperrungskordon durchbrechen will, der +um den großen Platz, auf dem soeben die Heldengedenkfeier stattfindet, +gezogen ist. + +„Ich hatt einen Kameraden!“ spielte eben die Militärkapelle. + +Blutige Fackeln leuchten. + +„Ich bin der unbekannte tote Soldat!“ Spricht das blutende Stück +Menschenfleisch! „Ich wünsche das Wort zu diesem Thema. Auch ich habe +einiges dazu zu sagen. Ich möchte sprechen.“ + +„Treten Sie bitte nicht näher ...“ „So eine Gemütsroheit! So eine +Taktlosigkeit!“ zetern schon einige Kleinbürgerseelen drauf los und +ballen wutentbrannt die Fäuste. „Was fällt Ihnen denn eigentlich ein! +Schämen Sie sich denn gar nicht!? In so einem Aufzug, und dazu noch am +hellichten Tag! Splitternackt! ... Sie erregen öffentliches Aergernis! +Das ist ja ein Skandal sondergleichen! Unsere Ruhe wollen wir haben! +Leichenpack! Das ist einfach schofel ...“ „Zurück! Sonst muß ich von +meiner Waffe Gebrauch machen. Ich habe strengste Instruktionen, +rücksichtslos vorzugehen ... Verhalten Sie sich ruhig und stören Sie den +Ernst und die Weihe der Feier nicht! Der Herr Generalfeldmarschall +spricht ...“ + +„Wer ...!?“ + +„Bitte sehr, ein letztes Mal, oder ich schieße. Sie haben hier nichts zu +suchen ...“ + +Aber schon flitzen die Gummiknüppel, die Bajonette stellen sich +wagrecht, die berittene Hundertschaft zur besonderen Verwendung +galoppiert heran, ein Panzerwagen knattert ... + +„Sie haben, scheint’s, an einem Tod nicht genug ... Gebt Euch endlich +zufrieden ... Hinunter ins Massengrab oder hinauf wieder ans Kreuz mit +Euch! Als aufbauende Glieder der Volksgemeinschaft kommt Ihr, so wie Ihr +seid, heute nicht mehr in Betracht ...“ + +In diesem Augenblick stößt ein anderer Zug gegen die Polizeikette, eine +rote Fahne an der Spitze, kräftig tönt der Gesang: + + „Einst kommt der Tag, da wir uns rächen, + Dann werden wir die Richter sein ...“ + +„Das sind die Sachverwalter, die wirklichen Wahrer unseres ungeheueren +kostbaren Schmerzensguts ...“ sprechen die zusammengehauenen blutenden +Fleischstücke ... „in deren Hände hat die Zukunft die Vergangenheit als +Erbmasse gelegt. Darin ist auch unser Schicksal mit inbegriffen.“ – + + * * * * * + +Mit einem Ruck fuhr Peter aus dem Traum auf, schrie „Jonny“ und beinahe +in greifbarer Nähe stand vor ihm jener arme Teufel vom amerikanischen +Gasregiment, den er bei einem Sturmangriff auf einen der gefährlichsten +feindlichen Minenstollen zum Gefangenen gemacht hatte. + +Jonny hatte weder um Pardon gefleht, noch hatte er sich zur Wehr +gesetzt. Mit einem unglaublich traurigen Ausdruck in den Augen sah er +den Deutschen an und drückte ihm einfach herzlich die Hand, als der die +bereit gehaltene Handgranate nicht abzog. + +Jonny war der einzige Sohn eines kleinen amerikanischen Farmers, +arbeitete bei Kriegsbeginn in einer Seifenfabrik und war dann zum +Gasregiment eingezogen und gleich darauf nach Edgewood, dem großen +amerikanischen Kriegsarsenal abkommandiert worden. + +Drei Monate lag er in Edgewood, dann kam er an die Front. + +Auf dem Rücktransport verständigte sich Peter durch einen Dolmetsch mit +ihm und erfuhr, wie dort an lebenden Menschen die Gasschutzmasken und +die bei einer Gaserkrankung anzuwendenden Gegengifte ausprobiert werden. +Zuerst das Tierexperiment, dann der Mensch ... + +„Das ist ja Vivisektion!“ entfuhr es Peter und der Amerikaner nickte. + +Auch hatte jeder Soldat eine sogenannte zweite eiserne Ration bei sich, +ein Mittel, das im Fall einer Gasvergiftung bei bestimmten Symptomen +gebraucht werden sollte. Dieses Mittel war ein sofort tödlich wirkendes +Gift, das dem über alle Maßen schrecklichen Gastod zuvorkam. Auch +bestand die Absicht, im Fall der Verwendung des Giftgases von Flugzeugen +herab dieses Mittel an die Zivilbevölkerung aller bedrohten Städte +verteilen zu lassen ... + +„Ihr an eurem Frontabschnitt scheint ja im Mond zu leben“, bemerkte der +Dolmetsch, als er sah, wie sich Peter darüber wunderte. „Ist bei uns +genau so ... Keine Neuigkeit. Gegen das Giftgas ist bisher auf der +Menschenerde leider noch kein Kraut gewachsen. Da mühen sich selbst die +größten Autoritäten vergebens. Schutz gegen Gas läßt sich nur durch +Maßnahmen schaffen, die praktisch undurchführbar sind ... Wie viele von +uns verunglückten täglich beim Ausprobieren der Gasschutzmaske im +Gasraum! Aber auch das minderwertigste Zeug wird von den Fabriken +geliefert. Das Schlechteste auf diesem Gebiet ist eben gerade noch für +das Frontschwein gut genug. Der nackte und bloße Mensch ist das +billigste Material. Das ganze „Drum und Dran“ verteuert zu sehr die +Sache. Aber der Spaß muß sich rentieren ... Und nicht genug damit: ist +einer einmal gaserkrankt, dann beginnt im Lazarett das Herumdoktern. +Doch Schwamm darüber ... Wer es nicht miterlebt hat, glaubt es ja doch +nicht ...“ + + * * * * * + +Die Unterhaltung zwischen dem Deutschen und dem Amerikaner aber sollte +nicht lange andauern, ein dicker, untersetzter, schwammbackiger +Feldwebelleutnant kam dazwischen, und kaum, daß er des Amerikaners +ansichtig geworden war, holte er seine Repetierpistole hervor, fuchtelte +ein paarmal wild damit in der Luft herum und knallte Jonny mit den +Worten: „So ein Luder!“ nieder ... + +„Du Vieh!“ schrie damals Peter auf und löste die Handgranate von der +Koppel. + +Herbeistürzende Kameraden machten dem Zwischenfall, der ohne weitere +Folgen für die Beteiligten blieb, rasch ein Ende ... + +Eine Woche darauf wurde Peter, durch einen Bajonettstich in den +Oberschenkel verwundet, ins Lazarett abtransportiert. + + + VI + +Dieses Kriegslazarett war eine ausgesprochene Morphium- und Kokainhölle. + +Nicht nur der Chefarzt spritzte und schnupfte, sämtliche Assistenzärzte +und das ganze Pflegepersonal waren verseucht. + +Dazu lag das Lazarett ständig in stärkstem Feuerbereich, kaum eine Woche +verging, daß nicht ein schwerer Brocken auf eine der Baracken +herunterhagelte und unter dem wahnwitzigen Geheul aller Kranken +krepierte. + +In der Zeit, als Peter dort lag – es waren insgesamt drei Monate – kamen +noch täglich nervenzerrüttende Fliegerüberfälle hinzu. + + * * * * * + +Das Lazarett hieß im Soldatenmund „Giftschaukel“ und war hauptsächlich +mit Gaskranken belegt. + +Daneben bestand noch eine eigene Irrenabteilung, doch unterschieden sich +die Kranken nicht wesentlich von einander. + +Hier lagen vor allem die Paralytiker, die Silbenschmierer und die +Silbenstotterer. Bei all diesen hatte erst die Erschütterung ihres +Nervensystems durch den Krieg den paralytischen Anfall ausgelöst. +Remissionen kamen auf Grund der Ungunst der Verhältnisse und der sehr +mäßigen Behandlung nur selten vor. Wie ein Katarakt galoppierten sie dem +Grabe zu. – + +Aber Kokain wurde nicht nur geschnupft, es wurde bei denen, die sich +daran gewöhnt hatten, auch in ungeheuren Quanten verspritzt. + +Zuerst behandelte man die Gaserkrankten mit Salben und Sauerstoff, dann, +wenn, was wenig häufig genug vorkam, die akute Gefahr vorüber war, griff +der Unglückliche zum Morphium, später zum Kokain. Offene nekrotisierende +und bis tief auf die Knochen sich einfressende Wunden hatte bei den +meisten das blasenziehende Agens, d. h. das chemische Kampfmittel +zurückgelassen, mit Verbänden und Schmierkuren war nur wenig dagegen +auszurichten. Der Zustand der Lunge war mehr als trostlos, überhaupt +hatte das Gas bei den meisten tiefgreifende Veränderungen des Blutbildes +hervorgebracht. Die weißen Blutkörperchen nahmen rapid ab, kernhaltige +Blutkörperchen treten auf, die roten Blutkörperchen ändern ihre Form, +nehmen Stechapfelform an und gehen massenhaft zugrunde. Umfangreiche +Pigmentierungen der Haut erscheinen, die durch den freiwerdenden +Blutfarbstoff ein gelb- und graubräunliches bis broncefarbenes Aussehen +erhalten. Auch Eisenablagerungen in verschiedenen Organen, namentlich in +Leber und Milz wurden beobachtet. + +Und zu alledem blieb einem Entlassenen noch die angenehme Hoffnung auf +einen sogenannten „Spättod“, der oft genug überraschenderweise erst nach +Jahren eintrat ... + +Der Saal, in dem Peter lag, war der „septische“, der Saal, in dem die +„Eiterigen“ untergebracht waren, vor allem die Lungenemphyseme. + +Vierzehn Mann kauerten in halb aufrechter Stellung in den Feldbetten, +mit dicken Papierverbänden um den Leib, einen Gummidrain zwischen den +geöffneten Rippen, durch den der jauchige Eiter aus der entzündeten +Lunge herauseiterte. Das Fieberthermometer kreiste beständig im Saal, +die Temperaturen der einzelnen waren das Hauptgesprächsthema. +Ununterbrochen wurde gegen den beizenden Fäulnisgestank „Tannenduft“ +gestäubt und die Aerzte kamen nur mit der Zigarre im Munde. + +Jeder war mißtrauisch, hinterhältig gegen den andern, belauerte +eifersüchtig jeden Temperaturunterschied, eine ungeheuere Schadenfreude +entstand, wenn bei einem das Thermometer wieder einmal um einige Grad +höherschnellte. Ein jeder rettungslos seiner eigenen Fieberkurve +versklavt: nach ihr schwang der Weltrhythmus. Ja, es kamen auch einige +Prügeleien bei der Essenverteilung vor: die, die sich benachteiligt +glaubten, stürzten sich mit ihren Krückstöcken aus dem Bett, schlugen +auf die ihrer Meinung nach von der Schwester mehr Begünstigten ein, bis +einem der Verband sich auflöste und der jauchige Eiter sich dick auf dem +Fußboden herumschmierte ... War wieder einer „an der Reihe“, wurde er +auf den Gang hinausgefahren, nicht ohne daß ihm einige höhnisch „Gute +Besserung!“ nachriefen ... + +Dann die Folterqualen des Dekubitus! Nach kurzer Zeit hatten sich +beinahe alle aufgelegen, hauptsächlich am Steißbein, wo sich trotz +sorgfältiger und häufiger Waschungen mit Spiritus, trotz Salben und +Puders bald faustgroße Löcher bildeten; den Aermsten wurde dann ein +Luft- oder Wasserkissen untergeschoben, aber die Wundlöcher eiterten, +der Kranke faulte jetzt nicht nur von innen und oben, sondern auch von +unten an. Dem also Gefolterten war es, als ob er an den mit dem +Dekubitus behafteten Stellen bei lebendigem Leib auf einer glühenden +Eisenplatte briete. + +Dazu tat noch ein übriges die Wirkung der verschiedensten Narkotika. + +Es war unmöglich, ohne diese bei den Erstickungsanfällen und +Schmerzkrämpfen auszukommen. + +Beim ersten Gebrauch: eine übermütige, durch nichts begründete +Heiterkeit, die Patienten plapperten unermüdlich Tag und Nacht +Sinnvolles und völlig Sinnloses wirr durcheinander, Pläne wurden +geschmiedet, das Modell eines gegen jede Gasart undurchdringlichen +Asbestanzuges mit viel Liebe und Hingabe entworfen, Ideen, phantastische +Vorstellungen jagten und hetzten sich, ein jeder war eigentlich +plötzlich mit seinem Zustande ganz zufrieden, nur, wenn die Schwester +einmal länger als gewöhnlich mit der Spritze ausblieb, dann gab es +förmlich eine Revolte, man heulte und läutete: der ganze Saal krampfte +sich zusammen wie unter einem Tobsuchtsanfall ... + +Diesem Uebel wurde bald abgeholfen dadurch, daß man jedem eine +ausreichend große Giftportion zuwies und er sich die Spritzen selbst +machte. + +Nun gab es jeden Tag einen neuen Abszeß, es wurde geschnitten, man saß +halbe Tage lang im Warmbad, bis sich der eine oder der andere zuerst +eine weit ausgedehnte Furunkulose, dann eine Phlegmone holte, die sich +über den ganzen Körper ausbreitete, so, daß wo man auch mit der +Injektionsnadel einstach, eitrig-wässerige Flüssigkeit einem +entgegenspritzte. + +Einige gingen dabei an Thrombosen zugrunde. + +Dann kam zur Abwechslung Kokain in Mode. + +Die Kranken hatten das Mittel schon mehrere Wochen gebraucht, als sie +plötzlich Stimmen zu hören vorgaben, Gestalten sahen, die sie bei ihrem +Namen nannten und sie bedrohten, zu wüsten sexuellen Ausschweifungen zu +verleiten suchten, elektrische Nadeln durch die Wände hindurch mitten +auf ihren Körper hin zuspitzten und wiederum Stimmen, oben und unten und +nebenan, die entsetzlich fluchten, Zoten rissen ... und plötzlich in den +Vorstellungen der Kokainverseuchten der ganze Saal sich in einen +Granattrichter verwandelte, Trommelfeuer rauschte und einer sein Bett in +Brand steckte, was zwar von den Wärtern noch rechtzeitig bemerkt wurde +... Dazwischen sang einer immer monoton vor sich hin: „Oh herrliche +Phosgen-Luft! Du bist mein Augenstern ...“ Man bewarf ihn, als er nicht +aufhören wollte, einfach mit den nächstbesten Gegenständen. + +Bald darauf wurde allerdings, besonders da auch eine Inspektion +angekündigt war, mit der Dosierung der narkotischen Mittel gebremst. + +Die einen ätherisierten zum Ersatz, chloroformierten, fraßen Veronal +röhrchenweise, andere versuchten eine Entwöhnungskur mit Alkohol und +Pantopon, wieder andere dösten in schweren Schlafmitteln tagelang dahin, +vollkommen von einem undurchdringlichen Paraldehyddunst eingedeckt, und +wieder anderen, die nicht zu toben aufhören wollten, wurde vom Arzt +Skopolamin verordnet, ein stark lähmendes Mittel, das jede +Orientierungsfähigkeit ausschaltet, Gesichtsfeldverengungen zur Folge +hat, die Sprache des Patienten wurde tief und sandig-rauh ... und er lag +weich gebettet auf seinem harten Feldbett wie in einem unermeßbar +abgründigen Abgrund ... + +Die Zwangsjacke wurde nicht mehr angewendet. – + + * * * * * + +Auch Peter hatte man die Mittel gleich nach seiner Einlieferung +aufgedrängt. + +„Herrlich! Sie dürfen sich die Sensation nicht entgehen lassen. Einfach: +Nirwana ...“ + +So hatte ihm die Krankenschwester, süßlich lächelnd, die Drogen +angepriesen. + +„Eine unheilbare Krankheit ist der ganze Mensch, eine Seuche, die mit +Stumpf und Stiel ausgerottet werden muß,“ dachte damals Peter zuerst. +Weiter dachte er noch nicht ... + +Er schlug die Mittel nicht aus: eine lange, angenehm lau-warme +Flüssigkeit war es, die sich durch seinen Körper erstreckte, alle +Blutbahnen hindurch sich verrieselnd und verzweigend ... + +Und eines Tages bemerkte er: er konnte das Mittel nicht mehr lassen. + +Ließ er nur eine Spritze aus: sofort fiel er schlapp in sich zusammen +wie ein leerer Sack, ganz ausgelaugt und geleert war er, zitterig, bis +in die feinsten Nervenspitzen flimmernd, und nur immer mit dem einen +Gedanken, der zur Zwangsvorstellung wurde: „Die Spritze ...“ + +Die Schwester kam wieder: + +„Na, ich hab’ es Ihnen doch gleich gesagt. Machen Sie sich kein +Gewissen. Ist ja gar nicht so schlimm ...“ + +Da half ihm gar mächtig die Erinnerung an Tage seiner Kindheit, die sich +ihm plötzlich als die festeste Ankerkette seines Lebens erwies. + +Dort gab es Berge und Märsche durch Gebirgstäler, Wiesenflächen, flaumig +und flockig; Wälder am Horizont, wie zu fleischigem Oelgrün geronnene +Wellen; enzianübersäte, mit Zwergholz bewachsene Alpwiesen; Wildbäche, +die so munter die Schluchten herabstolperten; auch ein uralter +Bergführer, ein origineller Kauz, war da, ein ganzes Bündel von +Hirschzähnen und Silbertalern an seiner Riesenuhrkette; Sonnenaufgang +war: Gletscherebenen und Gipfelzacken: flüssig feueriges Eis; dann unten +wieder im Tal die Volkstänze und derben Volksbelustigungen, ja das war +noch von einem gesunden Menschenschlag, die sträubten sich mit Händen +und Füßen gegen die monokel-, lorgnettglotzenden Fremden ... Und +Gewitter zogen auf und platzten mitten am Himmel auseinander über dem +Bergdorf: alle Kapellen des Tals wimmerten Wetterläuten und die +Flammenwolke trieb den Berghang entlang, Blitz auf Blitz, Donnerschlag +auf Donnerschlag: jeden Augenblick flammte vom Blitz entzündet eine +andere Tanne auf, und das vielfache Echo der Donnerschläge prallte und +knallte von den Felswänden. Nun knatterte der Regen, der Sturm surrte: +da reckte sich der Mensch auf, die Muskeln strafften sich: ja das +Ereignis solch eines elementaren Gewittersturzes hatte noch etwas von +der Sprache des Welten-Anfangs, der Vorzeit ... Auch im Vorfrühling war +Peter einmal im Gebirg: da aber donnerten die Lawinen, überall lag noch +Schnee und der Schnee begann zu fließen ... Da stellte sich Peter +breitbeinig gegen den Wind, wie ein Torwächter gegen den Ball beim +Fußballspiel: und der Sturm drückte ihn mit einem heftigen Faustschlag +von der Stelle, so gewaltig, herrlich, übermenschlich war der Sturm ... + +An die Erinnerung an diese Landschaft klammerte sich Peter in seiner +tiefsten Not in Gedanken an, eine kristallharte eisklare Kraft sog er +aus ihr und er lachte eines Tages überlegen: + +„Was, ich soll mit diesem Dreck da nicht fertig werden ...“ + +Und er wurde eines Tages fertig damit, ein marternder Heißhunger +überfiel ihn, er stahl den Sterbenden das Essen, trotzdem es schon mit +Speichel versabbert war, aus den Näpfen weg, es war zwar ein +entsetzlicher Fraß, aber er wurde gerade doch noch kräftig und gesund +damit. – + + * * * * * + +Die Operationswagen rollten in den Gängen, eine Rippenresektion folgte +wieder auf die andere, draußen stand Sanitätsautomobil an +Sanitätsautomobil: die ersten Blutzeugen der soeben begonnenen +Riesenmassenschlacht. + +„Meine Kindheit hat mich diesmal gerettet, ein Erbgut, an dem die Kinder +gut gestellter Leute unendlich lang zu zehren haben ... Und die +anderen?! ... Was der Mensch in solchen vier Jahren durchmachen muß, das +geht schon auf keine Kuhhaut ... Und was der Mensch aushalten kann ... +Und wofür und warum dies alles?!“ + +Peters Antwort war: + +„Deutschland.“ + + * * * * * + +Bereits drei Tage nach seiner Entlassung wurde Peter mit seiner +Kompagnie zu einem Sturmangriff eingesetzt. – + + + VII + +Peter hielt es zu Hause nicht mehr länger aus. + +Das Gehalt seines Vaters reichte gerade, ihn auswärts studieren zu +lassen. Er suchte sich Berlin aus. Auch einige Kameraden waren dort, für +die erste Zeit war es gut, nicht ganz allein zu sein. – + + * * * * * + +Einige Tage vor seiner Abreise besuchte er den Abiturientenstammtisch. +Alle Monate einmal fanden sich immer noch einige frühere Schulkameraden +in einer Bräustube zusammen. Diesmal waren fünf da. Dreiviertel der +Klasse war gefallen. + +Rainer Feck, ein dummdreister und oberflächlicher Bursche, der +prinzipiell nur die modernsten Schlipse trug, erzählte Kriegserlebnisse, +schnitt ungeheuer dabei auf und schwelgte voll Entzücken, daß ihm der +Mund troff, in der Schilderung, wie er eines Nachts ganz allein von der +Flanke aus einen feindlichen Graben aufgerollt habe. + +„Stücker fünfzig haben daran glauben müssen.“ + +Aber auch Fritz Kunz, der frühere Primus, ein schmächtiges Kerlchen mit +einem großen Kneifer auf der kleinen käsig glänzenden Stupsnase, riß +Witze und Zoten, mitten daraus hervor wurde angestoßen, ein +vaterländisches Lied gesummt und mit betrunkenen heiseren Stimmen +gegröhlt: + +„Deutschland über alles!“ + +„Peter! Los! Gib Dein deutsches Ehrenwort, verpfände uns deine +Männerehre, daß Du, wenn Du nach Berlin kommst es den Sausozialisten +ordentlich einbrocken wirst ... Hast Du gehört von der widerlichen Hure, +der Rosa Luxemburg ... Feste druff, allemal, sage ich ... Hoch! Laßt uns +gleich im Voraus die kommenden Heldentaten des großen Sozialistentöters +Peter Friedjung begießen! Heil! Prost!“ + +„Bravo, Peter!“ so ist’s recht, schnarrte Kunz, als Feck die Hand Peters +packte und sie kräftig schüttelte. + +„Noch können wir uns nicht rühren! Aber der Tag kommt! Blutige Rache! +... Der scheißige Volksstaat Bayern! Na wartet nur ... Ruhe im Puff, +wenn Ebert ...“ + +„Bravo! Dufte Nummer! Viechs-Kerl!“ applaudierte Kunz wieder ... + +Augenblicklich war Stille, als eine Patrouille dreier roter Matrosen ins +Lokal trat. + +Alle hatten angstgeschwollene Köpfe. + +Auch Peter, der sich von ganzem Herzen seiner Kumpane schämte. + +Haßerfüllte Blicke von allen Tischen geisterten an den drei Matrosen +empor, die ruhig und sachlich die Ausweise der Anwesenden +kontrollierten, ironisch lächelten, als ein dicker Spießer vor Angst +zusammenzuckte. + +Zwei waren schon hinausgegangen, der dritte stopfte sich noch eine +Pfeife, dann ging auch er, höflich und gemütlich „Guten Abend“ +wünschend. + +Das ganze Lokal brodelte auf. + +„So ein Saupack! So eine Gemeinheit! Was nicht die sich alles +herausnehmen. Polizeibefugnisse, Strafvollzug. Die ganze Welt ist ja auf +den Kopf gestellt! Bevor die nicht an der Laterne ...“ + +„Ja, wißt ihr was,“ kreischte Feck, „Agenten müßte man denen auf den +Hals schicken, Aufstände inszenieren lassen, die Massen, wenn sie +hungern, zu Plünderungen provozieren, Bomben und Waffen in +Versammlungslokale einschmuggeln, einen Führer, wenn er sich allzu +aufsässig erweist, unauffällig um die Ecke bringen ... kurzum die Leute +aus ihrer Passivität heraus vor die Gewehre locken ... Viele von uns +haben jetzt solche Stellungen. Das ist auch eine Wissenschaft, eine +Kunst, das will gelernt sein. Das erfordert täglich Uebung, +Geistesgegenwart, einen ganzen Mann, so jemand darf keine Gefahr kennen. +So einer bekommt bestimmte Aufträge. Führt sie aus. Steht selbst unter +Kontrolle ... Spitzel, auf Horchposten Tag und Nacht, Gift einspritzen +und immer wieder Gift einspritzen, das macht sich bezahlt. Seine Wohnung +hat man, sein Essen hat man, auch Weiber in Hülle und Fülle: und da +fällt auch hie und da so was wie ein Anzug ab, Kopfprämien, +Extraprovisionen in erregteren Zeiten, und daß die nie ausgehen, dafür +sorgt man schon: damit läßt sich also schon trefflich auskommen ... Was +meint ihr zu meinem Vorschlag! Wollen wir nicht gescheiter statt +irgendein windiges Kolleg dieses Fach belegen!?“ + +„Selbstverständlich“, meinte Kunz, „eine ehrliche Kugel ist für dieses +Gesindel zu gut ... Ja, einem solchen Kanaillenpack gegenüber kann man +schon frei seine bestialischen Instinkte schießen lassen. Der Zweck +heiligt die Mittel.“ + +„Na, Peter!?“ + +„Ihr entschuldigt schon, aber ich versteh’ Euch einfach nicht mehr. Ich +kenn diese Sprache nicht ...“ + +Alle lachten. + +„Lange Leitung ... oder ein wenig plemplem im Felde geworden, nanu, Du +Affenschwanz! Hämorrhoiden im Hirn?! ...“ + +Man brach auf. + +„Und jetzt feste druff! Jetzt gehen wir noch ins Puff ... Müssen doch +Peters Wiederkehr feiern ...!?“ + +An einer Straßenecke drückte sich Peter wortlos davon ... + +„Fotzendreck und Hurenschleim!“ johlte ihm Feck nach. – + + * * * * * + +Und Peters Gott zertrümmerte. + +Wie ein tausendjähriger Eichstamm, von der Axt der Holzknechte gefällt, +im Waldgrund niederrauscht, so lag, durch Ereignisse und Erlebnisse +zerspalten, eines Tages im Zeitabgrund „Stamm“ und „Wipfel“ Gott da, der +Wipfel, der hoch im Aether wie ein Baldachin die Erde überschattete, der +Stamm, der in der Sehnsucht des Menschenherzens Wurzel schlug und +erschütternd inbrünstige Gebete wie Säfte aufwärtsleitete ... Welk waren +die goldenen Blätter geworden, ein Geruch von Morast und Fäulnis schlug +Peter aus dem gefallenen Wipfelwerk entgegen, er staunte noch und +wunderte sich: „das war doch Gott ...“ Und zu gleicher Zeit drang, von +einem Haufen wesenloser Schemen gesungen, das Lied „Deutschland über +alles“ zu ihm, die Gesichter der Singenden verzerrten sich zu +blutrünstigen Grimassen, es war wie ein feister laut gröhlender +Grabgesang, vollkommen gedankenlos von denen, die ihn sangen, +hergeleiert, und immer kräftiger dagegen tönte aus den Schluchten und +Dickicht-Labyrinthen einer kommenden Zeit herauf, begleitet von dem +sausenden Takt der Maschinenhämmer und der mit elektrischen Motoren und +Turbinen betriebenen flitzenden Treibriemen: + +„Wacht auf ...“ + +Peter erinnerte sich des Rückmarsches, des Rheinübergangs, des +„Deutschlandliedes“, als die Sonne voll durch die Nebelpest durchbrach +... + +„Deutschland über alles ...“ + +„Das Deutschland, das Ihr meint, das ist das meine nicht ...“ + + * * * * * + +Zwei Männer in Arbeiterkleidung standen da unter einer Toreinfahrt und +Peter hörte gerade noch: + +„Jedes deutsche Arbeiterherz wird unter der Wucht solcher Ereignisse zur +Zündmasse ... Großes geht in der Welt vor ... Blick nur nach dem Osten +... Revolutionsjahrzehnte ... Bis alles Alte und Faule und Morsche +gestürzt ist ...!“ + + * * * * * + +Als Peter am andern Morgen in die weite Welt fuhr, sagte ihm der Vater +zum Abschied: + +„Und nun, Peter, werde der, der du bist! Halte dich weiter rein! Nichts +ist von Blutschande oder Rassenunreinheit an dir. Werde ein +kerndeutscher Männercharakter! Gedenke, daß du ein Deutscher bist ...“ + +Auf dem Nachhauseweg herrschte der Vater die Mutter an: + +„Aber das eine bitte ich mir aus, wenn du ihm schreibst: ich wünsche mir +keinen zweiten Fall Reuchlin junior.“ + +„Sei ohne Sorge“, erwiderte ihm die Mutter sanft und siegesgewiss, +„Peter wird schon ganz allein den rechten Weg machen!“ – + + + + + 2. Kapitel. + + Die Erde platzt! + + + Schlagwetterkatastrophe auf der Zeche + „Königin Luise“. – Die „Majestät des + Todes“. – Was tut not!? – „Lieber im + Feuer der Revolution verbrennen, als ...“ + + + I + +Die Menschen waren nicht mehr in den Häusern zu halten. + +Es trieb sie heraus auf die Straße. Sie hetzten zunächst einzeln, ein +jeder für sich, dann in Gruppen dahin, hunderte ballten sich an: in +einer Masse von Tausenden schon schwemmte es die Straße hinunter. + +Mit eckig aus den Schultern geschleuderten Armen. Manche halbnackt, nur +mit einem Lumpen um. + +Sie kletterten über Zäune. Gitter und Schranken wurden niedergetreten. +Dazu läuteten die Glocken auf allen Türmen der Stadt. + +Keinen Betrunkenen sah man mehr. Keine Kneipe lärmte mehr. + +Maschinen stampften in den Kesselhäusern, von keiner Menschenhand mehr +bedient, in einem unregelmäßigen Rhythmus weiter. + +Die Straßenbahnen hatten ihren Betrieb eingestellt. + +Ueberall standen auf den Gleisen wie leblose Klötze die verlassenen +Wagen. – + + * * * * * + +Es war gegen 5 Uhr nachmittags, als ein langgezogener Donner unter der +Erde hinrollte. Ueber der Erde war es wie ein elektrischer Stoß, der in +alle Winkel, auch in die kleinsten Häuserwinkel der Stadt hineinzuckte. +Die Telephone schrillten noch einmal auf. Die Telegraphenapparate +knatterten drauf los ... Und es warf sich von Mund zu Mund: eine +unheimliche Erschütterung: sie sprang von Nerv zu Nerv über, jedes +Menschenherz krampfte sich zusammen, dann stieß es wieder um so +gewaltiger einen Strom von Blut aus. Abwechselnd färbten sich die Wangen +der Menschen kreideweiß, schwarzrot ... Automatisch schnappten Münder +auf und zu. Wie im Starrkrampf blieben sie weit offen ... Der Boden +schien plötzlich unter den Füßen weggezogen. Man tappte wie im Finstern, +trotzdem es noch hellichter Tag war. Wie in einem Hohlraum. Man tastete +sich wie im Leeren ... Ja, wie ein riesiges unsichtbares Fragezeichen +stand es plötzlich mitten im Raum. Das ganze Leben, das Menschendasein +selbst war in einem Sekundenaugenblick, mit einem jähen Ruck zu einer +Frage geworden. + + * * * * * + +Die Läden waren im Nu geschlossen. + +Niemand zeigte sich an den Fenstern. + +In den Stadtteilen der Reichen kehrten die Autos schleunigst in die +Garagen zurück. Auch dort, in den vornehmen Villenvierteln, war der +Druck spürbar. Man sprach halblaut: „Was wird wohl daraus wieder +werden?!“ + +Die Fabriksirenen heulten. + +Rudel von Kindern krallten sich kreischend in die Röcke der Mütter fest, +die, wie vom Irrsinn gehetzt, dahinfegten. + +Auch die Polizeimannschaften, auf Lastkraftwagen heraneilend, vermochten +diesem Menschensturm keinen Einhalt zu tun. Dazwischen klingelten die +Löschfahrzeuge der städtischen Feuerwehr. Sanitätskolonnen sputeten +vorüber. + +Wahnwitzige schrille Schreie gellten jetzt über diese Flut fliegender +Menschenhäupter hinweg. + +Da rannten auch welche querfeldein. Einige stürzten. Andere packten sie +wieder hoch. Ohne daß sie ihre zerschlagenen Beine bewegen mußten, trug +der über die holperigen Trottoire sich dumpf dahinwälzende Menschenstrom +unwiderstehlich sie mit vorwärts. – + + * * * * * + +Es war im Februar. Aber es war wie ein Frühlingstag. + +Durch die Rauchschicht, die in dieser Gegend ewig in der Luft lagerte, +waren Fetzen blauen Himmels sichtbar. Die Sonne dampfte, und spärliche +Reste schmutzigen Grases fingen an den Böschungen, die die +Schlackenhalden dort von der Straße abgrenzten, bereits dürftig zu +grünen an. + +Es roch nach Blut, Schweiß, Pulver. + +Es roch nach verbranntem Fleisch. – + + + II + +Von einem großen freien Platz aus, der mit rußerstickten verkrüppelten +Bäumchen umpflanzt war, tönt jetzt eine gewaltige Stimme herüber: + +„So ist bereits festgestellt, daß riesige Kohlenstaubmengen vorhanden +waren, die weder berieselt noch mit Gesteinsstaub unschädlich gemacht +wurden ... Die Koksablagerung nach der Explosion ist der sicherste +Beweis ... Auch die Ansammlung von Schlagwettern ist auf der „Königin +Luise“ keine Seltenheit gewesen. Sehr oft haben wir vom Betriebsausschuß +bei unseren Befahrungen Wetter festgestellt. Aber gerade darum, weil wir +sehr oft die Verwaltung belästigten und dem Betriebsführer und Steiger +meldeten, daß dort und dort Wetter stehn, sind wir an der Befahrung +gehindert worden ... Ja, seit Oktober vorigen Jahres hat man uns vom +Betriebsausschuß am ordentlichen Befahren gehindert ... Ihr alle spürt +es ja am eigenen Leib – und an der Hand der Förderzahlen können wir es +auch leicht nachweisen – bei uns hier herrscht das schlimmste +Antreibersystem ... Ja so sieht in Wahrheit der Geist des +Unternehmertums aus ... Was dem Bergmann nottut, daß der Bergarbeiter +schließlich auch ein Mensch ist, seine Bedürfnisse, seine Sorgen, seine +Nöte hat: das, das alles scheint man im Laufe der Zeit wieder ganz und +gar vergessen zu haben. Wir, wir hausen hier unten in unseren Gruben wie +in einer unterirdischen Leichenfabrik ...“ + +Tausende von Kumpels standen dort, eng um den Redner gedrückt. Mit +stieren Augen sogen sie sich fest im Boden ein. Tausende Fäuste waren +wie zu einem Klumpen aus Stein geballt. + +Es war ein großes Schluchzen. – + + * * * * * + +Von der Zechenverwaltung war strenge Anweisung gegeben worden, keinerlei +Nachrichten über den Umfang des Unglücks sowie auch über die Zahl und +die Namen der Toten den Draußenstehenden bekanntzugeben. + +Die Menschenmassen stauten sich vor den Zechentoren zu einer Mauer. + +Fest stand diese Menschenmauer. Schwankte vor. Neigte sich wieder +elastisch vor der Polizeikette zurück. + +Wie Brandung und Ebbe war das. + +Wie Atemzüge. – + + + III + +Vor einer halben Stunde war im Nordostfeld der Zeche „Königin Luise“, +Fach 7, die Schlagwetterexplosion erfolgt. + +Zuerst: ein Riß. Ein gewaltiger Schnitt mitten durch die Luft ... Das +Trommelfell platzt, den Brustkasten quetscht es wie einen Schwamm aus +... als zöge es einem die Lunge wie einen Schlauch durch den Hals herauf +... Der Explosionsstoß: und die Bergarbeiter klatschten an die Wände. +Mit zerbrochenen Gliedern, mit Gehirnerschütterungen, mit Schädelbrüchen +kleben sie da, bereits unkenntlich entstellt ... Zwanzig, oft dreißig +Meter weit fliegen sie, manche nach oben, zappelnd: schwer wie ein Sack +fallen sie wieder nieder ... Und da rast auch schon die Explosionsflamme +daher: verbrennt, verkohlt, stürzt sich von allen Seiten zugleich auf +dich, reißt mit ihrem stechenden Feuer dir die Augen aus ... Die wenigen +noch Ueberlebenden fliehen, flüchten durch brennende Gänge; wie +Feuerschlangen winden die sich; die Angst peitscht sie, die Todesangst +sitzt wie ein Stachelhalsband fest an der Gurgel. Auf allen Vieren +flieht man, krabbelt, macht Schwimmbewegungen. Stürzt über sich selbst +im Dunkeln, das ununterbrochen giftigen Kohlenstaub regnet. + +Gesteinhagel prasseln. + +Ein schlagartiger Wind schlägt. + +Ein eiserner Luftdruck. Ein unsichtbarer atomhafter Riesenknebel ... + +Wirbel. Strudel. Böen. Flammenschüsse kreuzweis. – + +Und in diesen Felsenkellern wirkten zudem noch die fliegenden +Steinmassen wie Geschosse von höchster Splitterwirkung. + +Die Kolbengestänge der Lokomotiven und Wasserpumpen, Stahlhäute +zerknüllte es leicht, als wären sie aus Konservenblech. Ganze Förderzüge +schleudert es spielend vor sich hin und her. Hier wird ein frisch +gebohrter Tunnel durch ein Bündel dort aufgestapelter Reserveschienen +verstopft. Gebogen, geknickt; in allen Formen. Drahtgewirre hingen herum +wie Spinnenweben ... Und einem passiert vielleicht mitten im Todeskampf +noch der Witz: „Das ist ja beinahe akkurat so, als hätte hier der Riese, +Herr Breitbart, gehaust ...“ + + * * * * * + +Hier war ein Ausweg ... Aber da ist der Stollen schon längst wieder +zugemauert. Hier stehen metertiefe Tümpel. Dort prallt man mit anderen +zusammen. Aus allen vier Richtungen nun toben sie kaminähnliche +Steingänge hinauf, schluchtenartige Durchbrüche kollern sie sich wieder +hinab ... Auch hier, auch hier, auch hier kein Ausweg ... + +Und schon zieht das Gas heran, ganz sanft, ganz unmerklich, wie der +heilige Geist, wie auf Taubenfüßen. Schwebt heran. Schmilzt heran ... +Ein Schluck: und alle Glieder sind behängt wie mit Blei. Ein inneres, +unheimliches Gewicht. Sinken nach unten ... + +Es war ein Geräusch wie xs ... xs ... xsss ... + +Xs ... xss ... und immer xs ... xsss ... + +Hinter den Schläfenwänden trillerte es, tickte es ... + +Es zirpte, wisperte ... + +Und immer wieder das: xs ... xsss ... + +Gäule: ein Beinpaar gespreizt, das andere steif angezogen: unwirklich, +wie zerschlagenes hölzernes Spielzeug. Der Bauch wie ein Ballon +aufgetrieben ... + +Förderwagen, mit Kohlenschutt beladen, schieben sich polternd noch +abschüssige Strecken hinunter, irgendwo im Dunkeln. Ein dumpfer Knall in +der Ferne. Irgendwo stoßen sie jetzt auf. + +Und nichts mehr. Kein Laut. + +Nur immer wieder das xs ... xsss ... + + * * * * * + +Da findet das Aufräumungskommando nach Tagen, wenn auch die letzten +Nachschwaden verzogen sind, noch gefüllte Kaffeeflaschen, Kreidezeichen +an den Wänden: „Um 11 Uhr nachts habe ich noch gelebt.“ „Grüßt mir schön +die Jule.“ + +Der Riesenventilator surrt. Das Massengrab wird ordentlich +durchgelüftet, und nach einer Woche vielleicht tut der gespenstische +Erdrachen sich wieder auf, bereit zu neuen Opfern. – + + + IV + +Dick aber kleben jetzt die Gasschwaden noch unten. + +Die Rettungsmannschaften kommen in den Förderkörben immer wieder betäubt +nach oben. Eingekleidet wie Taucher. Die Gaskonzentration ist zu stark. +Immer wieder versagen die Sauerstoffapparate. + +Da erspäht die vieltausendäugige lebendige Menschenmauer durch die +Gitter des Zechentores hindurch, wie einer auf der Treppe zum +Verwaltungsgebäude mit der Schulter zuckt, den Kopf schüttelt ... + +Und die lebendige Menschenmauer schreit aus vielen tausend Mündern einen +einzigen Schrei, Namen, hunderte von Namen schreit sie, jede Frau +schreit den Namen ihres Mannes, jeder Kumpel den Namen irgend eines +Kameraden: + +„Lutz, Fritz, Adolf ... wo bist du ... habt ihr den Anton, den Karl +gesehen ... ist der Stiebert noch unten ... August, Josef, Zarewski ...“ + +Und die Frauen machen Bewegungen mit den Händen, als schaufelten sie; +krümmen die Finger, als ob sie ihre Männer gewaltsam aus der Grube +herauskratzen wollten. + +Die Polizeikette schwankt. Reißt mitten durch – + +Und die lebendige Menschenmauer stößt sich in die Gitter des Zechentores +hinein. – + + * * * * * + +Bälge. + +Hautfetzen. + +Von Armen und Beinen abgequetschte Rümpfe. + +Verkohlte Menschenköpfe, wie kugelähnliche Versteinerungen: + +So lag es schon, ein wirres Durcheinander, auf den Höfen herum. + +Die Lebenden stürzten sich mit einem schrillen Aufschrei auf diese +Toten. Rissen, zerrten an ihnen herum. Wem gehörte dieses Haarbüschel?! +Dieser Arm mit den Tätowierungen!? Dieser Ring mit dem Finger da!? Wer +ist das mit dieser Narbe am Hals da?! ... + +Fackeln waren jetzt angebrannt. + +Ein Haufen von Menschen: nach allen Seiten hin wendete man der Reihe +nach so einen Menschenbrocken. + +Und wie Baggermaschinen arbeiteten die Förderkörbe: neue Weinkrämpfe, +neue Herzschmerzen, neue unermeßliche Leiden, neue unselige Gewißheiten, +immer neue Tote, Leichenfetzen und Leichenbrocken schöpften sie aus der +Tiefe herauf. – + + * * * * * + +Eine Stunde später: und die Nachricht von der Grubenkatastrophe +verbreitet sich, dreihundert Kilometer von der Unglücksstätte entfernt, +in der Hauptstadt. + +„Wie kam es zur Entzündung!?“ + +„Durch eine Lampe!? Durch einen Schuß!?“ + +„Ist der Sicherheitssprengstoff, der verwendet wird, auch wirklich ganz +sicher!?“ + +„Hat der Schießmeister nicht einen Fehler begangen!? Und wie steht es +mit der Ausbildung der Bergleute überhaupt!?“ + +„Funktionierten die Kohlensperren?! Und wenn nicht, was ist die tiefere +Ursache?!“ + +„Ueber zwei bis drei Tote im Ruhrbergbau täglich, oft über 700 Verletzte +monatlich ... Muß das so sein!?“ + +„Nein, nein, nein ... Das verstehen Sie so nicht recht, Herr, um was es +sich bei solchen Unglücksfällen eigentlich handelt ... Das ist +Schicksal. Alles ist bestimmt in Gottes unerforschlichem Rat ... Wie der +Weltkrieg ein Gericht Gottes ist, um die Uebervölkerung zu beseitigen, +so ist ein Grubenunglück eine Vorsehung Gottes, um den Kapitalismus zu +vernichten. Gott nimmt den Proletarierfamilien den Ernährer, damit der +Kapitalist Frauen und Kinder unterstützen muß. Dadurch zeigt Gott den +Kapitalisten, daß er ihnen nicht gut gesinnt ist ...“ + + + V + +Es war gegen zwölf Uhr nachts. + +Die Arbeiterviertel horchten auf. + +Ein kurzer Ruck auch dort. Eine Sekunde lang zögerte auch dort in jeder +Brust der Herzschlag. Bis in die Fingerspitzen hinein floß die Nachricht +als eiskalte Blutwelle. Lähmend. + +Auch Max Herse sprang noch einmal aus dem Bett hoch und zog sich an, als +der Kollege von nebenan, ein Straßenbahner, der eben vom Dienst heimkam, +bei ihm anklopfte. + +„Du, Max, hast schon gehört!?“ + +„?“ + +„Bis jetzt über einhundertundzwanzig Tote ...“ + +„?“ + +„Schlagwetterexplosion. Grubenkatastrophe ... Natürlich, sicher genau +wie bei uns bei der Straßenbahn. Ueberall fehlt’s, zu nichts ist Geld +da, die Schachtanlagen waren sicherlich mangelhaft ... Ist doch +heutzutag die Arbeitskraft eines Proleten billiger, als neue technische +Anlagen kosten. Das rentiert sich ja heutzutag nicht ... Und das, das +muß man sich merken, das sind doch noch obendrein die Herrschaften, die +höchst ehrenwerten Herrschaften, sage ich, die Millionen, viele +Millionen Ruhrkredite verschlungen haben. Unersättlich sind die. Der +Krieg, die Revolution: nichts kann sie genug satt kriegen ... Wenn wir +Proleten ihnen nicht endlich das Maul stopfen ...“ + +Und der Straßenbahnerkollege schlug auch schon mit der Faust auf den +Tisch. + +„Wann, frage ich mich, Herrgottsdonnerwetter, werden wir endlich soweit +sein, einig, einig, einig ... Darauf, nur darauf kommt’s noch an ... +Wir, wir, wir Proleten, verfluchte Proleten, die wir sind ...“ + +Max Herse mußte dem zustimmen. + +Dann sprachen die Beiden noch lange. + +Woher und warum dieser Zwist in der Arbeiterschaft!? Daß die einzelnen +Berufsverbände zu wenig, viel zu wenig zusammenarbeiten, ja oft sogar +gegeneinander arbeiten. Daß z. B. Arbeitslose und Arbeitende schon recht +oft hart aneinander geraten sind. Daß der eine im Produktionsapparat +eben den, der andere den Platz einnimmt. Daher auch die verschiedenen +Interessen, die unterschiedliche Denkart ... die Konflikte. Daß die +meisten unter ihnen eben leider immer noch nicht weiter zu sehen +vermögen als bis zu ihrer eigenen Nasenspitze ... Ganz dumm, ganz eng +gedacht ist das ... Wie das ganze System rücksichtslos korrumpiert ... +Daß sie neidisch sind, Lohndrückereien usw. ... Wegen der kleinsten +Differenzen oft gleich übereinander herfallen, wie Kampfhähne, zum +Gaudium der „Dritten“ ... daß sie allesamt viel zu wenig die +Gesamtinteressen der Arbeiterschaft im Auge behalten. Daß sie endlich +auch kampfmüde geworden sind und immer noch natürlich viel, viel zu +wenig opferbereit ... Wie der Beruf sich auswirkt: daß einer, der acht +Stunden und mehr noch hinter sich hat, halt eben einfach nicht mehr die +Kraft hat, die Konzentrationsfähigkeit, nicht mehr genügend +aufnahmefähig ist, halt ein ausgepumpter und beinahe zu nichts mehr +brauchbarer Mensch ist ... Da, da bleibt aber auch schon gar kein +Ueberschuß an Menschenkraft mehr, im Gegenteil, jeder Tag bringt an +Menschenkraft ein Defizit. Man muß sich schon verteufelt ernst +ranhalten, um sich auch nur einigermaßen wieder herzustellen ... Und daß +das alles eben daran liegt, daß – + +Na, daß die Arbeiterschaft eben heute beinahe schon nichts mehr zu sagen +hat – + +Daß sie alle Machtpositionen, die sie einstmals innegehabt hat, sich hat +entwinden lassen – + +Daß sie wehrlos, entwaffnet, vergewaltigt ist – + +Führern anvertraut ist, die – + +Und daß man sich unbedingt wieder aufraffen muß, zusammenschließen muß, +wieder kämpfen muß – + +Kämpfen um das, was nur recht und billig ist – + +Kämpfen um das, was jedem Menschen auf Grund der Tatsache seines +Menschendaseins allein, auch schon von Natur wegen, zusteht – + +Was die „Anderen“ aber freiwillig nie und nimmer gewähren werden – + +Daß man also kämpfen muß – um die Macht! ... + +Nicht mehr so gutgläubig, vertrauensselig, verzeihend sein wie vordem. +Sondern: unerbittlich, nüchtern, das Ziel fest im Aug. Und alle _die_ +rücksichtslos aus den Reihen des kämpfenden Proletariats stoßend, die +durch ihre stete Geneigtheit zu Verhandlungen und Konzessionen die +Kampfkraft, die revolutionären Energien schwächen. – + + * * * * * + +So drückte die Katastrophe den Proleten nieder. + +So richtete sie ihn aber auch wieder auf. + +Mit furchtbaren Schlägen hämmerte sie ihm wieder Klassenbewußtsein ein, +das Zusammengehörigkeitsgefühl, die Solidarität, die Kampfverbundenheit. + +Die Klassenehre, die Klassenpflicht. + +„Daß wir Arbeiter endlich allesamt werden: _ein_ Wille, _ein_ +Herzschlag, _ein_ Blut, _ein_ Leib, _ein_ Geist ...“ + + * * * * * + +Mit einem festen Händedruck schieden die beiden Proleten voneinander. + +„Diese Welt muß unser sein!“ sagte der eine. + +Der andere: + +„Dann werden wir die Rächer sein ... Der endliche Sieg ist unser!“ – + + + VI + +Noch in derselben Nacht wurde in den Bureaus der Korrespondenzen und der +Zeitungen die Katastrophe gründlichst bearbeitet. + +Und schon früh am Morgen stürzte sich die große Welt wie eine gierige +Meute, die Blut zu schmecken bekommen wird, auf dieses neueste Ereignis. + +Die letzten Wochen war es schon so: abwechslungsreich in jeder Beziehung +kann man sagen: zugleich mit dem Frühstück wurde einem im Morgenblatt +jeden Tag ein anderer Skandal serviert. + +Nun, eine Grubenexplosion: das war eine delikate Abwechslung in dem öden +Grau und allmählich langweilig werdenden Einerlei ganzer Serien von +Skandalaffären. + +Man selbst fern vom Schuß ... Nur hie und da ein Kolonialkriegchen, +nicht sonderlich aufregend ... Bolschewistengreuel ziehen zwar immer +noch ... Auch Waffenlager, Bombenfunde, geplante Dynamitattentate, +Tscheka-Abenteuer ... Cholerabazillen. Tagebücher berühmter +Scharfrichter ... Doppelt so gut schmeckt einem dabei so ein Kännchen +Mokka ... + +Aber auch eine Katastrophe, und ginge die Hälfte des Volkes dabei +zugrunde, muß leicht verdaulich und schmackhaft zubereitet werden. Flink +wirbelten herum in den Redaktionsküchen die Presseköche. Die an das +Papiergift ziemlich gewöhnten Gehirne der Zeitungsleser vibrierten +wieder mal heftig unter dem Nervengewitter dieser schaurigen Sensation. +„Erinnert das nicht an Zolas „Germinal“?“ „Gewiß, Schatz, auch in der +Literatur ist solch ein Stoff schon des öfteren und man kann sagen +ziemlich erfolgreich behandelt worden. Ein lohnender Vorwurf, in der +Tat. Auch Sinclairs „König Kohle“, lies mal nach, auch nicht übel ...“ +Und die bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Spannung entlud sich. Die +Journalisten schoben Artikel um Artikel. Sentimentale und schmalzige +Nachrufe waren sofort lieferbar in Hülle und Fülle. Theoretische +gelehrte Abhandlungen über das „Wesen von Grubenexplosionen“ standen in +Menge zur Verfügung. „Grubenexplosionen in alter und neuer Zeit“ mit +Bildermaterial reichlich versehen oder „Der Kampf des Menschen mit der +Natur“ oder „Die Rache der Elemente“. „Katastrophe im unterirdischen +Reich der aufgespeicherten Sonnenenergien.“ Der Apparat funktionierte +wieder mal ausgezeichnet; alles lief wie am Schnürchen. So oder so: +Professoren, Historiker, technische Sachverständige, Dichter: sie alle +waren eifrig dabei, unermüdlich tätig waren sie, um das von den allein +schuldigen Industriemagnaten groß angelegte Ablenkungsmanöver +ideologisch zu stützen. Wobei es sich erübrigt zu bemerken, daß die +professionellen Arbeiterverräter auch in diesem Fall getreulich ihre +Pflicht taten. Und man blieb, was in einem gewissen Moment doch recht +zweifelhaft schien, Herr der Situation. Auch dieser Situation. + +Eine Wohltätigkeitsaktion wurde eingeleitet. + +Berühmteste Namen, Größen der Nation, stellten sich uneigennützig an die +Spitze. – + + * * * * * + +Der Reichstag trat zusammen. + +Die Abgeordneten erhoben sich zum Zeichen der Trauer von ihren Plätzen. + +Als die Kommunisten den Antrag stellten, aus den von diesem Unglücksfall +betroffenen Betrieben heraus sofort eine Untersuchungskommission wählen +zu lassen, um gründlich und wirklich wahrheitsgemäß die ganze Sachlage +nachprüfen zu lassen, da erhob sich der Präsident. + +Die Regierungsvertreter tuschelten miteinander. + +Der Präsident rückte sich die Krawatte zurecht. Pathetisch schlüpften +ihm die Hände bei seiner Rede aus den Rockärmeln. + +„Vor der Majestät des Todes mögen für heute alle Parteistreitigkeiten +schweigen ... Burgfrieden ...!“ + +Gegen die Stimmen der Kommunisten wurde der Antrag abgelehnt. Als +agitatorische Nutznießer dieser Katastrophe wurden die Kommunisten +außerdem noch gebührend gebrandmarkt. + +In einem schwarzen Gehrock wandelt die „Majestät des Todes“ geschäftig +hin und her zwischen den Bankreihen der Herren Abgeordneten hindurch: +man kondolierte, man beglückwünschte sich aber auch, bei dem gerüttelten +Maß von Schuld, das ein jeder der hier Anwesenden für sich buchen +konnte, so unerwarteterweise glimpflich dabei weggekommen zu sein. + +„Gerne geschehen ... Bitte sehr ... Meinen allerverbindlichsten Dank ... +Und die allerbesten Empfehlungen, wenn ich bitten darf, an Ihre Frau +Gemahlin ...“ + +„Nichts für ungut ... Sie wissen schon, wir nehmen nichts so leicht +krumm ... Ganz gut so, ein bißchen hie und da Opposition mimen, Herr +Levi ... Nur im entscheidenden Augenblick zur Stange halten ... Darauf +kommt’s an ... Und darauf, na darauf können wir uns ja wohl verlassen +...“ + +Und die „Majestät des Todes“ betonte nochmals nachdrücklich den Herren +Abgeordneten gegenüber ihre stete Bereitwilligkeit zu jeder Art von +Gegendienstleistung ... „Wir lassen Sie nicht im Stich ... Verlassen Sie +sich darauf ...“ Die „Majestät des Todes“ versprach es außerdem noch +jedem Einzelnen in die Hand hinein. „Ueber die Frage der Unkosten, die +Sie eventuell dabei haben sollten, verständigen wir uns schon. Aktien +oder direkt. Daß dabei was ganz Hübsches herausspringt, das ist ja ganz +selbstverständlich.“ + +Man schmunzelte schon wieder. Zwinkerte verteufelt-listig mit den +Blau-Aeuglein nach allen Seiten, blinzelte ein Dankstoßgebet zum Himmel +hinauf, und die „Majestät des Todes“ entfernte sich, eine dick gestopfte +Aktentasche unter dem Arm, um bei den Gewerkschaften und anderen +Organisationen noch rasch Almosen und Liebesgaben, nach bewährtem Muster +von 1914 bis 1918 Anno dazumal, für die Opfer der Hinterbliebenen +zusammenzubetteln. Die „Majestät des Todes“ ging dabei recht +geschäftstüchtig vor, auch nahm sie es dabei nicht allzugenau. – + + * * * * * + +An den Bahren der Ermordeten aber standen sie mit entblößten Häuptern; +der Reichskanzler und die Abordnungen der Behörden, die Herren der +Industrie, die Abgesandten der Großbanken. Auch die Herren Sozialisten +standen wie immer mit ihnen. Wohlangesehene Bürger. Ein Bürgermeister. +Noch einer. Und ein Oberbürgermeister. + +„Leichenschändung. Nichts weiter als Leichenschändung treiben diese da, +wenn sie so herumstehen ... Jeder ehrliche Prolet muß das so empfinden +...“ + +Sonderzüge in das vom Unglück betroffene Gebiet waren auch sofort von +der Eisenbahnverwaltung in bereitwilligster und anerkennendster Weise +für die Herren der Regierung usw. eingelegt worden. – + +„Gut so, aber dachte auch mancher der Angehörigen der tödlich +Verunglückten, gut, daß er wenigstens noch bei einem Massenunglück +umgekommen ist ... Kommt einer als Einzelner um, so kümmert man sich um +uns schon überhaupt nicht ... Da muß man sich eben hübsch brav mit der +Bettelrente, die die Unfallversicherung einem gewährt, abfinden ... In +einem Jahr sind es über 6000 solcher Unfälle, mindestens 600 davon +tödlich ...“ + + + VII + +Die Tränen der Hinterbliebenen versiegten allmählich. + +Man ging zwar noch unter der unheimlichen Last gebeugt, aber auch schon +beobachtend und lauernd. Und schon einen Tag vor dem gemeinsamen +Begräbnis der Opfer hatten sie sich wieder gefaßt, um einige Grade +härter und kampfentschlossener waren die meisten unter ihnen geworden, +und mit roten Fahnen an der Spitze durchzogen schon früh am Morgen des +Begräbnistages Gruppen von Kumpels, Witwen und Waisen die +rußverschlammten Straßen der Bergarbeiterstadt, und sangen die +„Internationale“. + +Oh, erinnerte sich da mancher, das war schon einmal so. + +Drei, vier Jahre zurück vielleicht. Aber ein jeder denkt noch voll Stolz +daran. Schade nur, daß nicht ... Aber aus unseren Fehlern muß gelernt +werden ... Es geht eben mal schwer vorwärts, und nichts wird einem +geschenkt, das ist nun einmal so ... + + * * * * * + +Die Rote Armee zog damals von Stadt zu Stadt. + +Hals über Kopf rückte die Reichswehr ab. + +Das Rote Banner flog – + +Höhen und Täler leuchteten ... + +Wir marschierten durch Wälder, setzten uns auf eroberten Pontons über +die Flüsse, Tag und Nacht, unermüdlich immer hinter dem weißen Feind her +... + +Rote Soldaten stiegen aus den Gruben, warfen sich, wo noch eine Lücke +war, in die Rote Front ... + +Das ganze Bergwerksrevier marschiert. + +Das ganze Bergwerksrevier kämpfte seinen bewaffneten Aufstand. + +So war es. + +So wird es wieder sein ... + +Grab an Grab, Schächte, in denen Tausende verschüttet, erstickt, +zermalmt worden sind, Schlachtäcker des Bürgerkriegs, gedüngt mit +proletarischem Heldenblut: das ist westfälischer Boden. + +Das Land ist hier wie erdiges Geschwür. + +Trüb schwelt heute die Flamme der Revolution. + +Die Bergwerke wie erloschene Krater ... + +Menschenfleisch, Arbeiterfleisch verfault bei lebendigem Leib in den +Ruinen dieser modernen Katakomben. + +Rußt ein. Und der Menschenkadaver heizt sich zur Not noch an in den +Schnapsschenken mit giftigem Fusel ... + +Aber täuscht euch nicht! + +Morgen, übermorgen brechen sie wieder auf: Narben, Wunden, Schmerzen +brechen wieder auf, und Millionen Kumpels stürzen sich wieder herauf aus +der Erdtiefe, wie lebendige Lavamassen. + +Die Erde platzt! + +Der Erdbauch platzt: und herauf aus den mit lebendigen Menschenleichen +angefüllten Erddärmen fördert es Haufen an Haufen, wandelnde, leibhaft +gewordene Kohlenstrunke ... Wehe: die Kohle kommt! Wehe, wenn die +Menschenkohle über euch kommt, wenn die aus Bitternis über +jahrhundertelang geduldig ertragenes Leid glühend gewordene +Menschenkohle über euch kommt! ... + +Das wird der Auferstehungstag, der Tag der Befreiung sein ganzer +Geschlechter lebendig Begrabener ... + +Glück auf! – + + + VIII + +Nur die Leiche des alten Bergarbeiters Hempel konnte noch nicht geborgen +werden. + +Soviel wußte man: er saß halb aufrecht, wohl ein wenig in sich +zusammengekauert, durch riesige Felstrümmer abgeriegelt, in einem +vergasten Schachtloch. Man konnte aber nicht herankommen, so, aber auch +so nicht, bei jedem Aufräumungsversuch lösten sich immer wieder von oben +neue Gesteinsmassen ab. Auch stieß man in dieser Gegend immer wieder von +neuem auf plötzlich hervorbrechende Gasquellen. + +So mußte man den guten Vater Hempel eben bis auf weiteres in seinem +stillen Kämmerlein sitzen lassen. + +Vergebens warteten zwar oben schon seit zwei Tagen und Nächten die +Seinen auf ihn. + +Warteten händeringend auf ihn bei jedem Zug aus der Tiefe. Sahen sich +die Augen aus – + +Nein, der Alte kam nicht. + +Nicht einmal, daß er heut bei dem großen Begräbnis mit dabei war ... + + * * * * * + +Halb aufrecht saß er da, wohl ein wenig in sich zusammengekauert, der +Kopf tief auf die Brust heruntergeklappt, der Oberkörper war entblößt, +schwarz bestrichen: so dick war er mit Kohlenstaub bedeckt. Das Fleisch +schwammig, vom Gas aufgebläht. Nur wenig sah man vom Mund: die Lippen +waren fest aufeinandergepreßt, schief, auf der einen Seite beinahe in +einem rechten Winkel nach oben verzogen. Von leicht gekräuseltem Schaum +überkrustet. Die Augäpfel vorgetrieben, feucht und glanzweiß. Um die +Backenknochen herum dicke, kurze weißliche Bartstoppeln. + +Neben ihm Jacke, Sicherheitslampe, irgend ein Werkzeug. Ueber +fünfunddreißig Jahre Arbeit in der Grube saßen da, Vater dreier Söhne: +einen davon an den Krieg drangegeben, einen als „Hundejungen“ vor zwei +Jahren im Schacht verloren, einer noch überlebend ... Da half nichts, da +mußte auch die Mutter noch in der Fabrik an der Brikettmaschine +mitverdienen. + +Nun, der Alte war schon immer ein wenig absonderlich. + +„Ach, tappen wir Menschen nicht eigentlich alle im Dunkeln. Ist gar +nicht so schlimm. Hände gefaltet. Augen zu. Welt, schwarzer Traum, ade! +...“ + + * * * * * + +Hundertundfünfzig Särge zugleich, einhundertundfünfzig Leichen von +Bergarbeitern, in billige, roh zurechtgezimmerte Holzsärge gepackt, +schwankten jetzt oben dahin unter den blechernen Klängen eines +Trauermarsches durch die Frühlingsluft. + +Ein ungeheurer Menschenzug stampfte dahinter her. + +Abordnungen aller Bergarbeiter der Welt waren erschienen. + +Schwarze Fahnen. Rote Fahnen. + +... Kohle und Blut ... + + * * * * * + +Unten in der Tiefe löste sich wieder ein Felsblock. + +Der Alte fiel weit hintenüber. + +Nun lag er ausgestreckt. + +Oben meinte die Mutter: + +„Ja, ja, ich habs gleich gesagt: diesmal macht der Vater Feiertag ...“ + +Der Mund war ihm aufgeschlagen. Die Zunge stieg zurück bis in den Gaumen +geklemmt. Um den Lippenrand herum, wie ein eingelegter Kranz, bräunliche +Zahnstummeln. + +Der Begräbniszug war wie fernes Wasserrauschen. + +Und immer noch hing die unsichtbare Gaswolke fest in dem unterirdischen +System: Korridore, Labyrinthe, Windungen: es sickerte darin, die Wände +flüsterten, eine Quelle schlüpfte vorüber, es krachte und knarrte in dem +Gebälk, ein Winddruck fauchte hindurch, in einem Kohlentümpel gluckste +es ... und schwarz war es, so schwarz, als müßte man, um diese +Finsternis zu durchdringen, Bohrmaschinen gegen sie auffahren. +Undurchdringlich schwarz. + +Das war endlich Ruhe. Die Große Ruhe. – + + + IX + +Die Einen nahmen an diesem Begräbnistag Paradeaufstellung. + +Sie rüsteten sich zu einer Toten-Parade. + +Patriotische Ansprachen, Trauerreden wurden gehalten. + +Ein Filmoperateur kurbelte. + +Dutzendweis Leichen ließen sie an sich vorüberdefilieren. Viel +Tröstungen und Weihrauch und Versprechungen taten not. Viel künstliche +Tränen mußten vertropft werden. Denn das Ganze schmeckte wieder mal +bedenklich nach Massenmord ... Mit einem breiten Trauerflor waren die +Zylinder umflochten ... + +Die Regie klappte. + + * * * * * + +Die Anderen aber nahmen Kampfaufstellung. + +Sie standen da, gerüstet zu einem neuen Kampf. + +Wie: Gewehr bei Fuß. + +Blutrote Wimpel. Blutrote Banner. + +Es war ein blutrotes Meeting. + +Flammende Kampfaufrufe schossen empor. + +Und stießen sich frei in dem Schwur: + +„Lieber im Feuer der Revolution verbrennen, als elend verrecken auf dem +Misthaufen dieser Republik ...“ + + * * * * * + +Und die Sonne schwang flimmernd über sie hin, den ganzen Raum erfüllend, +ein gespenstischer Lichtkreisel. – + + + + + 3. Kapitel. + + „Friede auf Erden“ – + + + Max Herse, ein junger Arbeiter, besucht + eine sozialdemokratische Wahlversammlung. + – Die Befriedung der Welt ist da. Der + Weltfrieden scheint gesichert. + Deutschland: die Industriewerkstatt der + Welt! – Zeitungsleser im Café. + Unheimliche Nachrichten. – Einiges vom + Studenten Peter Friedjung. Max Herse und + seine Kollegen auf dem Heimweg. – + Klebekolonnen bei der Arbeit. – + Schlafende Menschen. – „Friede auf + Erden.“ + + + I + +Der Nebelrauch stand unbewegt in den Straßen. Tausende Lichtpunkte +flimmerten. Die Verkehrstürme blinkten grün, weiß, rot. Die Menschen +gingen sehr schnell. In Trupps schoben sie sich über die Plätze ... + +Ein Lichtband fließt oben vorüber ... + +Max drückte sich aus dem Menschengewühl heraus auf die hintere Plattform +einer Elektrischen. + +Er studierte noch immer den Aufruf der Gewerkschaften. + +Der lautete: + +„Wo soll die Frage entschieden werden, ob wir den gesetzlichen +Achtstundentag wiederbekommen sollen?! Im Reichstag. Wo wird +das Arbeitsgerichtsgesetz, das Arbeitsvertragsgesetz, die +Schlichtungsordnung, das Tarifgesetz gestaltet? Im Reichstag. Wo wird +die Verteilung der Lasten gesetzlich geregelt, die der Dawesplan uns +gebracht hat!? Im Reichstag ...“ + +„Also doch!“ dachte Max. + +„Wenn nur die Mark stabil bleibt! Dann kann man wenigstens wieder +rechnen ... Man braucht ja heutzutage, mehr denn je, schon wirklich +gewaltig viel Geld ... Sich zu Tode schuften. Aber das Resultat ist dann +wenigstens doch ein stabiler Hundelohn ...“ + +Eine Theatergesellschaft scherzte im Wageninnern. + +„Die schwimmen hübsch obenauf, wie auf der Suppe die Fettaugen ...“ + +Reichswehrsoldaten, den Tornister aufgepackt, darüber den Stahlhelm. Sie +kamen von einem Truppenübungsplatz. + +Ein Unteroffizier erläuterte das neue Visier: + +„50000 Gewehre sind bis jetzt schon darauf eingeschossen. Tadellos. Ein +jeder Schuß aber muß bei uns auch sitzen.“ + +Gesprächsfetzen schwirrten: + +„Na, also doch, daß wir wieder geordnete Zustände bekommen haben! ... +Ja, wissen Sie, die Inflationszeit. Die steckt mir immer noch wie die +Grippe in den Gliedern.“ + +„Ich, Herr Kulicke, hab’ es immer schon gesagt – und was die vielen +Parteien anbetrifft – eine Linke, eine Rechte, eine Mitte: das genügt +vollauf, dann hat jeder was ...“ + +„Lassen Sie mich nur aus damit, Herr Rechnungsrat, sage ich Ihnen, mit +den Regierungen! Lassen Sie die neue ein wenig liegen und schon wieder +wird sie abgeholt ... Sie werden sehen, der starke Mann ist’s, der uns +fehlt ... So ein Bismarck ...“ + +„Also wird’s doch Wahrheit, daß Amerika uns unter die Arme greift ...“ + +Auch mit dem Straßenbahnschaffner sprach natürlich jemand, der eine +duftige Zigarre rauchte: + +„Na, was macht’s ... Viele Unfälle, was ... Ja, das deutsche Volk muß +eben erst wieder arbeiten lernen! ...“ + +„Wenn man oft über 12 Stunden Dienst hat, Herr, dazu nicht genug, um +einmal in der Woche sich ordentlich satt zu essen ... außerdem vier +Jahre schließlich im Krieg gewesen ist, ein paarmal verwundet ist, wie +unsereins ... Das stellen Sie sich schon einfacher vor, wie es ist ... +Stellen Sie sich mal vorn an den Kurbelkasten ... Und wie das alles +heruntergekommen ist ... Die Bremsen, die Sicherungsanlagen ... aber +dazu ist ja eben kein Geld nicht da ...“ + + * * * * * + +Millionen Räder drehten sich, um die Menschenmassen an die +Arbeitsstätten zu befördern. Hin und zurück. Es war ein gewaltiger +Kreislauf, ein schwingender Wirbel. Unter der Erde, auf der Erde, hoch +in der Luft. Eingepfercht in die eisernen Kasten der Untergrundbahnen +schossen Menschenhaufen durch zementgemauerte unterirdische Röhren, +stießen auf Treppen hoch, rannten kreuz und quer ... Rufe splitterten, +Signale pfiffen, schief gestellt schmissen sich die Autobusse um die +Kurven ... Jeder wehrte sich gegen den andern ... Wie das Meer kennt +auch die Großstadt Flut und Ebbe. Brandung und Springflut ... Erst tief +in der Nacht ziehen stillere weite Kreise die beruhigten Menschenwellen +... + + * * * * * + +Max war mit dem Gewerkschaftsaufruf fertig. + +„Gott der Allmächtige!“ stöhnt in sich hinein ein Kriegskrüppel. Er trug +die Soldatenmütze mit schwarzweißroter und schwarzweißer Kokarde, das +Eiserne Kreuz, eine Hakenkreuznadel, einen Totenkopf, und handelte mit +patriotischen Ansichtspostkarten. + +Er stolperte mit einem Prothesenbein. + +Vor jedem Bessergekleideten salutierte er, stand stramm. + +„Rheinische Mädchen bei rheinischem Wein“ orgelte ein Leierkasten. + +Schupo patroullierte vorüber, prüfte den Ausweis eines Straßenhändlers. + +Schon zwitscherte es aus den Anlagen. – + + + II + +Arbeiterviertel: + +Uebermenschengroße Stücke von Verputz waren von den Häuserfronten +heruntergebrochen. Das ganze Viertel hatte seinen besonderen Geruch. Das +Nebeldickicht schlug sich durch Mauerritzen in das Innere der Häuser +hinein. Winkelig und unaufwaschbar vor lauter Gerümpel war es in den +Geschäften. Ueberall rochen die feuchten Keller herauf. Ueberall troff +es. In einem steilen Zickzack kletterten knarrend die Treppen empor. +Gaslicht gespensterte. + +Ein Greis schleppte sich mit einem Bündel Holz quer über die Straße. +Frauen standen, aus zahnlosen Mündern wispernd, in Gruppen herum. Festen +Schritts kamen einige Burschen vorüber, Mützen auf, die Fäuste tief in +den Hosentaschen. Kinder jagten sich, Droschkengäule hatten den +Futtersack vor. + +Das Herz-Innere der Häuser bestand, durch längst schlissig gewordene +Gardinen sichtbar, aus Küche, Kammer, Stube. Mit spärlichen Möbelresten +waren sie dürftig ausgeflickt. + +Menschenwerk sind diese Häuser. + +Doch in diesen Häusern formen sich unmerklich auch wieder die Menschen +um. + +Eine kalkige Kruste sind diese Häuser, über einen lebendigen Leidenskern +gestülpt. + +Wo sind die Gefangenenaufseher, fragt man. Es sind freiwillig Gefangene, +bekommt man zur Antwort. Sie beaufsichtigen sich selbst. Sie haben sich +ihrem Schicksal ergeben. Lieben sie wirklich ihre Verdammnis ...? + +Menschen und Häuser dieser Gegenden: lebensverbunden! + +Sie schlagen den gleichen Herztakt. Mit Leidenszeichen sind sie +überreichlich besät und mit Todesrunen. Viele Morde, Verzweiflungsmorde +sind schon in ihren Gängen geschehen. Sie bergen in sich ein Maß von +Not, das übermenschlich ist. Seht diese Häuser an! Kaum daß sie sich +noch auf ihren Füßen halten können! Die Fundamente sind längst +unterwühlt. Erdschlamm dringt vor. Alles steht hier auf Abbruch. Sie +sind wirklich schlecht genährt. Gemüsereste, Kartoffeln, Brennsuppen, +Heringe. Immer ist es derselbe Trott. Wer die Augen noch im Kopf hat, um +zu sehen, der sieht: das sind Kerker, Leichenkasernen, Grabhäuser, und +die Fetzen der Fassaden schlottern an ihnen herunter wie Lumpen an einem +Skelett ... + +Nenn mir den glücklichen Besitzer, und du erfährst: er heißt vielleicht +heute noch Krätzig und wohnt im Ostseevillenörtchen Heringsdorf. Aber +die Häuser, zweihundert Stück gleich auf einmal, sie wandern; sie +wandern herum zwischen Tschechoslowakei und Amerika: nur die Verwalter +bleiben, treiben die Mieten ein, besorgen redlich und treu Kündigungen +und Hinausschmisse ... Denn auch das todwunde Häuserrevier ist immer +noch ein lohnendes Spekulationsobjekt. – + +Hier führen die Menschen tagaus tagein einen heroischen Kampf um die +Wohnung. Hier ist ein rumpfgroßes Loch in der Wand. Es müßte vermörtelt +werden. Man muß die Bettstellen rücken, einmal hierhin, einmal dorthin: +denn die Decke tropft. Es müßte geteert werden. Hier sind ganze +Barrikadensysteme gegen Ratten errichtet. Dort unternimmt man vergebens +Feldzug um Feldzug gegen das Ungeziefer. Hier wächst der Schmutz von +selbst. Mit zusammengebissenen Zähnen versucht man zu retten, was noch +zu retten ist. Aber der Schimmel marschiert, er erobert mühelos +das Innere der Schränke. Die Tuberkulose bricht ein, die +Geschlechtskrankheiten pflanzen zynisch triumphierend ihr Banner auf ... +Und schon ist wie immer Arbeitslosigkeit, Hunger, Skrophulose da ... +Eine höllische Armee, zusammengesetzt aus allen Kadres der menschlichen +Notdurft und Hilflosigkeit, ist vollzählig zur Stelle ... Der +Generalangriff beginnt. Aus Schlitzen, Ritzen, Poren, Verschalungen, +Mauern hindurch, millionenmäulig, speit es Verderben. Da gibts keinen +Widerstand. Jede Abwehr ist nutzlos ... + +Und in den Höfen waten die Kinder, wenn sie spielen wollen, bis zu den +Knöcheln in einem fauligen Tümpel ... + +Erbarmungslos vollzieht sich hier unter den Augen des Gesetzes, infolge +Gesetzeskraft und laut Paragraph so und soviel – erbarmungslos vollzieht +sich hier eine ganz viehische, ganz trockene Blut-Kleinarbeit ... + +Glanzblau glaste der Himmel darüber, wunderbar grenzenlos über dieses +Massenelend gespannt. – + + + III + +Ein Kino vorn: + +Mit einem Plakat: ein Schiff, das im Eismeer versinkt, ein Auto, das +vollbesetzt auf einer mexikanischen Alpenstraße in den Abgrund saust, +eine Großaufnahme von einem blonden Mädchenkopf, „Lia Mara“ oder die +„Gefesselte Schönheit“ genannt, bengalisch überstrahlt von himbeerroten +Lichtern – + +Und hinten über zwei Höfe hinweg war das Versammlungslokal. + +„Neue Frankfurter Festsäle“ nannte es sich. + +Es mochten gegen zweitausend Menschen anwesend sein. + +Der Bühnenhintergrund war sichtbar, gemalte Kulissen, eine +Seelandschaft, dahinter im Sonnenuntergang leuchtende Bergspitzen, +ziegelrot. Auf knallgrüner Leinwandalm weideten braunlackierte Kühe, +auch die schöne Sennerin fehlte nicht, in samtschwarz gestrichenem +Mieder, die Lippen wie ein Kügelchen so rund. + +Blauweiße Fahnengirlanden waren kreuz und quer gespannt. + + * * * * * + +Als Max eintrat, sprach der Redner schon. + +Es hatte auch schon einige Zwischenrufe gesetzt, Kollegen informierten +Max gleich darüber, aber der Saalschutz funktionierte diesmal gut, und +man hatte die Störenfriede gleich in vereinfachtem Verfahren an die Luft +befördert. + +Auch Max nickte mit dem Kopf: + +„Eine bodenlose Frechheit, unsere Versammlungen zu stören ... +Radaubrüder ...“ + +Und er war stolz auf seinen Saalschutz. + +„Es ist gut so ... Mögen die sich wo anders austoben ...“ + +Und auch aus ordentlich gekleideten Kerls bestand der Saalschutz. Gut +ausgerüstet: blaue Mütze, Wickelgamaschen, Windjacke. Bewaffnet mit +stählernen federnden Totschlägern und Gummiknüppeln. – + + * * * * * + +Man mußte also über die bevorstehenden Reichstagswahlen mit sich ins +Klare kommen. + +Der Redner ließ es sich dabei nicht nehmen, der Reaktion, worunter er +vor allem die Deutschnationalen verstand, einiges ordentlich +auszuwischen, ging dann von der innerpolitischen Lage zur +außenpolitischen über und erörterte sachlich und wirkungsvoll die +wichtigsten Probleme. Es gelang ihm dabei, überzeugend darzutun, daß +unter den nun einmal gegebenen politischen Verhältnissen dem deutschen +Volke, das, schlecht geführt, den Krieg verloren hat, nichts anderes +übrig bleibt, als das Sachverständigengutachten anzunehmen, das – im +Vergleich zu den Verpflichtungen, die vor dem Deutschland aus dem +Versailler Vertrag erwuchsen, – wesentliche Erleichterungen biete, die +Räumung des Ruhrgebiets und damit die Befreiung einiger Millionen +Deutscher von der französischen Fremdherrschaft bringe, der Industrie +die lebenswichtigen, nicht unerheblichen Kredite vermittle, der +zerrütteten deutschen Wirtschaft wieder aufhelfe – man denke nur an die +passive Handelsbilanz! – und damit auch zugleich dem Proletariat +Verdienstmöglichkeiten und Arbeit verschaffe. Ueber die Lastenverteilung +aber entscheide der Reichstag, und es komme nun darauf an, möglichst +stark dort einzuziehen, um die Gewichtsverteilung der Lasten zugunsten +der werktätigen Bevölkerung auf die Schultern der besitzenden Klasse +abzuwälzen. + +„Ja, aber meine Herrschaften!“ rief der Referent aus, als sich aus einer +Saalecke heraus wieder Widerspruch bemerkbar machte – „wir leben eben +nun einmal in einer kapitalistischen Gesellschaft, und ich kann nicht, +so gern ich auch möchte, sie von heute auf morgen wegpusten. So heißt es +also, sich so gut es geht mit dieser Tatsache abzufinden und sich so +häuslich wie irgend nur möglich in dieser Gesellschaft einzurichten ... +Gedulden Sie sich, warten Sie ab, bitte, alles zu seiner Zeit ...“ + +Dies alles schien sonnenklar. + +„Solange die Arbeiterschaft noch nicht einmal unter sich selbst einig +ist ... Da kann man ja jeden xbeliebigen Betrieb als Beweis dafür +hernehmen ...“ + +Und auch das, was der Redner nur so nebenbei bemerkte, daß man es sich +schon was kosten lassen solle, um die Hohenzollern außer Land zu halten: +„wir werden uns schon in dieser Frage nicht lumpen lassen – – –“ + +Auch das war Maxens Standpunkt. + +„So haben eben nun doch die Herrschaften der Entente einsehen gelernt, +daß man auf dem Weltmarkt ohne den deutschen Arbeiter, ohne den +begabten, gründlichen, gewissenhaften deutschen Arbeiter nicht auskommt. +Deutschland: Industriewerkstatt der Welt! Das ist der Inhalt, das wahre +Wesen dieses von uns angenommenen Gutachtens! Stellt euch vor, Arbeiter, +wie nun langsam aber sicher von Monat zu Monat euere Lage sich bessert, +euer Lebensniveau sich heben wird ... In einem solchen Moment sollen den +Mut wir sinken lassen ...! Nach all den Jahren, in denen ein schlimmer +Unstern über Deutschland, über euch Proleten im besonderen, waltete!? +Nein, dreimal nein! Nimmermehr! Mit vollem Recht können heute wir wieder +ausrufen: am deutschen Wesen, am Wesen des deutschen Arbeiters im +besonderen wird wieder die Welt genesen ... Schaut frohen Mutes drum in +die Zukunft!“ + +„Ja, ja. So, so ist es.“ + +Viele nickten mit den Köpfen. + +„Reaktion oder Revolution!? Schwarzweißrot oder schwarzrotgold!? +Entscheidet euch?! Monarchie oder Republik!? Gebt euere Stimmen, +Proleten, der Republik, schafft mit an dem Erlösungswerk der werktätigen +Massen. Die Revolution, die Befreiungsaktion des Proletariats +marschiert, wenn auch langsam ... Auf zur Wahl! Schließt die Reihen +dicht! ... Beziehen wir unsere alten revolutionären Kampfpositionen! +Hinein in die Wahlschlacht ... Die Sozialdemokratische Partei +Deutschlands, sie lebe –“ + +„Hoch! Hoch! Hoch!“ + +Der Saal schmetterte. + +Die Internationale sang. – + + + IV + +Wird es nun wirklich schon Frühling?! Die Fenster sind weit offen. +Menschenstimmen hört man aus den Höfen. Diese Jahreszeit ist ein +Heldengedicht. Gewaltig und grau ziehen den Horizont herauf +Wolkenquadern um Wolkenquadern: formlos, unbehauen, roh: rebellische +Figuren ... + +Die Zeitungsleser saßen um diese Stunde wie immer im Café. Glatzköpfig, +vollbäuchig, manche mit prallen, rötlich getupften Bäcklein. Tranken +Mokka, schlürften Limonaden aus Strohhalmen, schluckten auch sonst noch +was ... + +Draußen prasselten Hagelschauer nieder. + +Ein kurzer Zwischenfall. + +Eine Stimme: „Sie Kapitalssau, Sie Dreck- ...“ + +„Was, Drecklump, Kapital ... haben Sie mich genannt. Mein Herr, ich +bitte Sie das sofort zu berichtigen ...“ + +Und die Drehtüre schob beide ins Freie. + +Das Café-Innere war wie ein Aquarium. Tropisch-warm; die Bewegungen der +Caféhausbesucher waren, als sei die Luft eine zähe, kleberige +Flüssigkeit. + +Schönes Buchstabengift. Schönes Papiergift. + +Sie sahen nur selten mal auf. Die Augen waren in dem Papierwinkel, den +sie an einem Holzgriff steif vor sich herhielten, festgesogen. + +Gehirne fraßen. Gehirne verdauten. + +„Grand-Hotel, Honolulu.“ „Isa, die Serbenfürstin.“ „Raubmord.“ +„Lustmord.“ „Spanische Flugzeuge bombardieren die Rifkabylen mit +Gasbomben.“ „Neue Schreckenstaten des Kommunisten-Gesindels.“ „Tscheka.“ +„Parade der Stahlhelmer ...“ + +Die Zeitungsblätter bewegten sich. Legen sich um. Es knistert. Ein +geheimnisvoller Wind weht. Ein neues Pack mit Ereignissen. Mit einem +Blick hüpft da ein Auge über eine ganze Seite hinweg. Ein neuer Teil, +mit Schicksalen, Erlebnissen, amüsanten Neuigkeiten nur so vollgepfropft +... + +Nun sind die Hände der Leser in eine Papierfläche eingekrallt wie +Tatzen. + +„... von den Fräcken der Herren ist nur zu sagen, daß sie ausnahmlos up +to date und im besten englischen Stil waren; nicht ein Millimeter der +weißen Weste war unterhalb des Frackrandes sichtbar ... Die Toiletten +der Damen im Stilkleid weiß Gourdeille mit Pelz Suhmann, den man seiner +großen Seltenheit wegen noch wenig sieht ... Lisa Benedict aber hatte +ihren prachtvollen Rubens in dunkellila Chadourne gehüllt, benäht mit +marokkanischen Pailetten aus vielfarbiger Mica ... Ein zart +aquarelliertes Kleid hellgelbe Merveille-Saturé. In schwarzem Craou, +besetzt mit Jorkin, ein Fell, das wie goldgepudert aussieht ... Es war +einem ganz indianisch zumute ...“ + +„Schwerarbeiter!“ knurrte lautlos der Bettler, der zwischen den Tischen +herumstrich. Von dem Geschäftsführer und einem Kellner arretiert, +verläßt er wieder das Lokal. + +Weiter arbeiten sich durch den Papierschlamm hindurch die Zeitungsleser. + +Vulkane brechen auf, Länder werden überschwemmt. Kolonialvölker +rebellieren, Massenselbstmorde, Maschinenhinrichtungen, Hungersnöte. +Lächelnd thront dabei das Büfettfräulein über dieser Flut +rauchverwolkter Häupter, aus deren Gehirnwindungen jetzt bei der Lektüre +abessinische Residenzen erstehen, Petroleumquellen aufknattern, +Bohrtürme durch Kalifornien wandern, mit breitwulstigen Epauletten die +Achseln bestickt hochwamstige Negergeneräle vor dem amerikanischen +Präsidenten paradieren ... + +Das Gesäß des Lesers drückt sich fest im Stuhl. + +Ein fleischerner Riesenpudding ... + +Merkwürdige Dinge werden im letzten Teil des Blattes über den großen +Ozean gemeldet. Was davon wohl auf Wahrheit beruht!? + +„Sir William Pope, in der Präsidentschaftsrede in der Chemical Society +am 27. März 1919: Die englische Methode zur Herstellung giftiger Gase +sei dreißigmal so wirksam, wie die von Deutschland, während die Kosten +in Deutschland dreißigmal so groß seien wie die in England. Bei +Kriegsende hätte die Entente täglich eben soviel herstellen können wie +die Zentralmächte monatlich. Anmerkung der Redaktion: Was man besonders +dem bekannten Führer der zionistischen Bewegung, Herrn Prof. Waitzmann +verdanke, dem kühnen Organisator des chemischen Krieges auf +ententistischer Seite.“ + +Wie auf einem scheu gewordenen Gaul galoppiert unser sehr verehrter +Leser weiter. Schüttelt sich. Nun geht es wieder in gewohntem Tempo. Die +Sprünge, die schließlich diese mörderisch gottverfluchte Zeit macht, +zwingen auch den unsichersten Kumpan am Ende noch fest in den Sattel ... +Neue Entdeckungen! Ein neues Geheimnis! Und wieder von jenseits des +Ozeans, aus dem Wunderland! + +„Ein Todesregen! – Ein neues Gift, so tödlich, daß drei Tropfen auf der +menschlichen Haut genügen, um den Tod herbeizuführen, ist die neueste +Erfindung des chemischen Kriegsdienstes der amerikanischen Armee. Man +führt Fachleute an, die aussagen, daß, wenn man die Flüssigkeit aus +Röhrchen an der unteren Fläche eines Flugzeuges ausstieße, sie alles, +was sich im Wege dieser Maschine befindet, töten würde. Ein Flugzeug, +fügt man hinzu, könne zwei Tonnen der Flüssigkeit über eine sieben +Meilen lange und hundert Fuß breite Gegend verteilen und dies würde +genügen, um jedermann in dieser Gegend zu töten. Die Flüssigkeit kann +leicht hergestellt werden und eine Ausbeute von einigen tausend Tonnen +täglich könnte angeblich schnell erreicht werden ...“ + +Hat man noch Zeit, über das alles nachzudenken!? Bleibt einem da nicht +die Luft weg!? Staune vor nichts, sagt sich der Spießer oftmals selbst +vor und richtet energisch und stolz sich dabei auf im Steigbügel. „Alles +ist möglich ... Alles schon dagewesen ... Nichts unter der Sonne ist neu +...“ + +So ist doch z. B. bekannt das sogenannte griechische Feuer im vierten +Jahrhundert vor Christi, aus Harz, Petroleum, Schwefel und ungelöschtem +Kalk bestehend, und das später, im zwölften Jahrhundert, häufig von den +Sarazenen gegen die Kreuzfahrer zur Anwendung gebracht wurde ...? Und +dann erst das Mittelalter! Eine reiche Ausbeute für unsere +geschichtliche Exkursion! Lesen wir da nicht in dem berühmten +„Kompendium der Sekrete“ des Arztes und Naturforschers Leonhard +Floravanti von Bononia um 1600 von einem Oel, destilliert aus Terpentin, +Schwefel, Asa foetida, Menschenkot, Menschenblut usw., das dermaßen +stinkt, daß kein Mensch in der Festung, in die es geworfen wird, mittels +Schleudermaschinen, versteht sich, es darin aushalten kann ... + +Also, alles schon dagewesen ... Was zu beweisen war. + +„Prosit Neujahr!“ entfuhr es aber da dennoch einem kleinen +Bankangestellten, als er das las, „schöne Aussichten, das kann ja noch +recht gemütlich werden ... Heiter, immer heiterer, in der Tat! Aber man +muß schon mit den Wölfen heulen ...“ + +Und er versucht gleich ein Gespräch über dieses Thema mit dem Studenten +anzuknüpfen, der noch mit an dem Tisch saß. + +Der wehrte aber energisch ab. + +„Ja, warum denn nicht ... Glauben Sie vielleicht noch an den +Abrüstungsschwindel!? ...“ + +„Sie entschuldigen schon ... Das war doch nicht so ernst gemeint ...“ + +Unablässig drehten sich indeß die Drehtüren. + +Zwei Bekannte prallten dort unerwarteter Weise im Gang aufeinander. + +„Du hier, ach Emil, wer hätte das gedacht ... ja, wie lange schon ...? +Und immer wohlauf ... Und das Geschäft ...“ Und schon zogen sie sich +gegenseitig an einem Tischchen nieder und wie eine Litanei wurde die +ganze Skala der Bekannten und Geschäftsfreunde abgeklappert. + +Die Schnurrbartspitzen des Portiers leuchteten wie zwei rötliche +Stichflammen. + +Der eine oder der andere stolzierte in dem Caféraum auf und ab, wie in +einer Wandelhalle. Der Zeitungsmann flitzte geschäftig. + +Der Nachtbetrieb begann. – + + + V + +Peter Friedjung war Werkstudent. Sechs Stunden arbeitete er täglich bei +einem Patentanwalt in der Alten Jakobstraße am Setzkasten. Die +Patentanmeldungen wurden hier auf einer kleinen Handdruckmaschine +abgezogen. Ein seltsamer Betrieb. Hunderte von Patentanmeldungen liefen +täglich ein. Da waren Patentgesuche darunter auf fahrbare Rucksäcke, auf +Hosenträger, die mit einer Hand bedient werden konnten, Klosetts, mit +selbsttätigem Wischapparat, zwanzig Modelle des Perpetuum mobile +täglich, Studierlampen, die zu gleicher Zeit als Kochapparat benützbar +waren, ohne jede Inangriffnahme des Zylinders selbstverständlich, +Patente auf in der Dunkelheit leuchtende Füllfederhalter usw. usw. Gegen +Einsendung eines nicht unbeträchtlichen Vorschusses wurden diese Gesuche +exakt der Reihe nach behandelt und dem Patentamt vorgelegt ... Damit war +aber auch die Angelegenheit dieser Hunderte von kleinen Erfindern +erledigt ... Eine Ausnutzung des Patentes kam natürlich nicht in Frage +... + +Bis zum Ruhrabenteuer war Peter deutschnational. Deutschnational bis auf +die Knochen. Er glaubte an Deutschland, als an ein auserwähltes Volk, er +selbst hatte ja bereits gekämpft und gelitten für Deutschlands +Herrlichkeit. Sollen die vier Jahre Krieg für die Katz gewesen sein ... +Sollte es wirklich wahr sein, daß ... Daran konnte er nicht glauben. Das +hing mit Sinn oder Sinnlosigkeit seiner eigenen Existenz zusammen. Daß +Krieg: das Produkt geschäftlicher Konflikte ist, das Kriegsziel nichts +weiter als dem Gegner diejenigen wirtschaftlichen Bedingungen +aufzuzwingen, die man für sich als notwendig erachtet; daß das +Wesentliche dabei, das Herzblut des Krieges sozusagen: der Beutel, die +Interessen der Kapitalisten sind; daß in Wirklichkeit aber alles kämpft +für die Interessen eines Häufleins von Magnaten des Finanzkapitals, für +ein 300-Männerkollegium; und daß auch das Instrument der Schiedsgerichte +nur dazu dient, den Ausbruch _ungewollter_ Kriege zu verhindern ... Das +alles mochte vielleicht für England, für Amerika, Frankreich stimmen, +für unsere Gegner stimmen, aber für Deutschland!? War nicht für +Deutschland Krieg: Schicksal, elementar wie eine Naturgewalt, Aufbruch +der Jugend, Blutrausch!? ... Gott hat den Krieg gewollt, und ich, Peter, +habe ihn geführt ... Als Kriegsfreiwilliger hatte er den Krieg +mitgemacht. Als Kriegsfreiwilliger im Regiment „List“, mit „Deutschland, +Deutschland über alles“ hatte er gestürmt, dieses Lied auf den Lippen +waren bis auf ihn alle seine Kameraden gefallen ... Und das soll nicht +das Wunderbarste, das Höchste, das Heldenhafteste in der Welt gewesen +sein ...? Die Fahne Schwarzweißrot, die soll nicht die Fahne, die Fahne +unseres Blutes, die Fahne der Ehre der gesamten Nation gewesen sein ...? +Die Fahne, die damals bei Tannenberg, bei Verdun ... Deutschlands +gesamte idealistische Jugend muß sich um sie scharen, damit sie nicht +der rote Sturmgeier zerfetzt ... + +Bis er eines Tages, selbst Mitglied einer völkischen Sturmabteilung, +plötzlich erkannte: es ist ein Unterschied zwischen der Phraseologie +einer Sache und dem Inhalt einer Sache. Und daß die nationalen Phraseure +sich im Grunde ihres Herzens keinen Deut um die wahren Interessen der +Nation scheren, sondern: Profitjäger, Hasardeure, Spekulanten, +Großschieber, Hyänen sind, ganz raffinierte, abgefeimte, ausgebrühte +Burschen, die das Blut und das Lebensmark des Volkes aussaugen; die +nationale Phrase aber als Köder benutzen, blindgläubigen, von dem +sozialdemokratischen Regime enttäuschten Kleinbürgern gegenüber; und daß +sie, ja, daß sie die eigentlichen Volksverbrecher, Hochverräter, +Landesverräter sind und die ... ja, die Kommunisten, die revolutionären +Proletarier, die eigentliche Lebens- und Schaffenskraft des deutschen +Volkes: keineswegs! keineswegs! – + + * * * * * + +Seitdem sympathisierte Peter Friedjung mit der proletarischen Bewegung. + + * * * * * + +Ereignisse an Ereignissen sich überstürzend, eine gewaltige chaotische +Lawine, so stieg es empor aus dem Zeitungshaufen. Peters Gehirn wurde +mit hineingerissen in einen ungeheuren Weltwirbel. + +„Stänkereien und Zänkereien: das war immer mehr der Grundton unserer +Zusammenkünfte. Die Enttäuschung über die Bewegung äußerte sich immer +mehr in persönlichen Verunglimpfungen, Anschuldigungen, Verleumdungen +übelster Art. Nichts und niemand mehr blieb von Witzen und Zotereien +verschont: auch Schlageter begann man bereits nach Strich und Faden +herunterzureißen, viele wollten wissen, daß ... Ein abstraktes, von +patriotischen Phrasen triefendes Gefasel: genüge es, wem es wolle ... +Keiner wollte das endgültig besiegelte Debacle wahrhaben. Ein jeder +drückte sich mehr oder minder feig um die Tatsache herum, daß von einer +Mission der völkischen Bewegung bereits nicht mehr gesprochen werden +konnte ... Und blieben gar einmal die Geldunterstützungen aus, deren +Quelle immer mystischer verhüllt und ungenannt blieb, dann war es schon +gar nicht mehr zum Aushalten. Es war schon so: Abzeichen, Hakenkreuze, +Totenkopffahnen, Armbinden, Wickelgamaschen, Windjacken: damit mußte man +sich darüber hinweghelfen, daß man eigentlich nichts zu sagen hatte. Ja, +gewiß, bei jeder Versammlung, bei jeder Heldengedenkfeier redete man, +aber bitte sehr, nur bildlich gesprochen, aus hohlem Bauch ... Ein jeder +mißtraute dem andern. Rohheiten, Exzesse jeder Art, Unterschlagungen +waren an der Tagesordnung. Da gab es Degenerierte aller Art, +Effeminierte, pathologisch Klatschsüchtige, Hochstapler, Abenteurer, +Dilletanten, Homosexuelle, Päderasten, Sadisten, Masochisten, kurzum, +ein Klub von Deklassierten tat sich in prächtigen Salons auf, die +Politik war nur meist für geschäftliche und erotische Beziehungen die +Maske, und dieser hochpolitische Klub unterhielt durch seine Kuriere und +Mittelsleute eine stete Verbindung mit den übelsten lumpenproletarischen +Kloakenbuden und Obdachlosenasylen. Lumpenproletarier waren es, die man +zuerst durch Versprechungen auf Unterstützung und Anstellung in die +Stahlhelmverbände lockte, dann trieb man die Kleinbürger, heillos +borniert wie sie waren, zu Paaren, sie waren es gewohnt zu gehorchen wie +dem Hund die Schafherden. Die hatten während der Novembertage geradezu +Angst vor ihrer eigenen Freiheit bekommen, waren sie doch dressiert nur +auf Kommando zu parieren. Eine geringe Dosis schwarzweißroter +Gemütssalbe genügte, feste druff, und schon hatte man sie wieder bei der +Stange. Sie waren von den hohen Stellen bestimmt, die Kastanien aus dem +Feuer zu holen. Preußische Disziplin, kerndeutsch, treudeutsch: das +waren so die üblichen Zauberworte, um damit jeden, der sich irgendwie +mißliebig gemacht hatte, ordentlich unter die Fuchtel zu nehmen, und das +besorgten auch ausreichend die jeden Tag sich noch „nationaler“ +gebärdenden kleinen Herrschercliquen. Und zwar nach allen Regeln der +Kunst. Zeitweilig wurden Speiseküchen eingerichtet, man wollte künstlich +die Bewegung ins Proletariat hinein verbreitern, auch gab die +Großindustrie in der damaligen Zeit viel Geld: bei all diesen +Wohlfahrtseinrichtungen verschlangen aber über 60 Prozent die +betreffenden Organisationen. Richtige Parasitennester entstanden, die +ungeheuerlichsten und schamlosesten Forderungen wurden für die +geringsten Dienstleistungen gestellt. Die Inflation warf auch noch jeden +Tag neue Postenanwärter in die völkischen Reihen ... Dann gab es eine +Periode: jeder war sein eigener Ludendorff. Man sprach überhaupt nur +noch in Zitaten ... Dann kam _eine_ Zeit, da tauchten Gestalten auf, die +nicht nur für eine Seite spitzelten, sondern mit wahren und falschen +Nachrichten fünf bis sechs Stellen zugleich bedienten ... Mit den +widerlichsten Krankheiten behaftete Kretins taten sich dazwischen breit, +zeterten „Heil“ und schrieen Mordio und Feurio, kolportierten bis zum +Brechreiz die beinahe nur noch pathologisch zu bewertende Phrase vom +rassenreinen Menschentum, vom Sonnen-Arier, trieben Wotankult und +verzückten sich augenverdrehend an einem paradiesischen Traum-Walhall, +indessen fütterten sie sich beträchtlich und rafften mit gierigen +Händen, alles was ihnen unter die Finger kam, zusammen. Dann kam eine +Zeit, Flaute nannte man sie, keiner wurde eigentlich mehr recht froh +seiner begangenen Spitzbübereien und vollbrachten Morde, die +eisenkreuzgeschmückten Bramarbasse wurden bedeutend ruhiger, und man +begeisterte sich plötzlich wieder für eine vernünftige deutschnationale +Realpolitik ... Nur konfessionelle Gegensätze trieb man noch ab und zu +auf die Spitze ... Auch in der Angelegenheit des Erbfeindes kriselte es +schon bedenklich. Der Revancheangriff, großmäulig vorbereitet und umso +schlechter organisiert, wurde plötzlich über Nacht abgeblasen ... Das +wäre also in Umrissen die Geschichte einer politischen Bewegung, vom +Finanzkapital ausgehalten, und von ihm in einem gewissen Zeitabschnitt +als politisches Druckmittel gehandhabt, als ein Instrument der +Erpressung, in einem Zeitabschnitt, da man noch nicht an die Möglichkeit +einer legalen Restauration glaubte. Als Ideologen figurierten durchwegs +Lumpenbourgeois, internationale Desperados, abgetakelte Offiziere; die +Träger der Bewegung, die Masse waren: Studenten, Angestellte, +Gymnasiasten, kleine Beamte, Lumpenproletarier, Kleinbürger. Mag sein, +daß sich auch mancher persönlich lautere Charakter und idealistisch +Gesinnte dorthin verirrt hatte. Diese aber haben sich bald voll Ekel +abgewandt ... Ueberhaupt, es dauerte nicht mehr lange: die ganze +Bewegung erstickte vollends im Schlamm der Korruption, verschmorte in +ihrem eigenen Fett. Nur hie und da ein Nebbich-Sektenbildner rumorte +noch wo herum als Diskussionsredner in einer Versammlung. In hellen +Scharen war man zu den Deutschnationalen übergelaufen, andere zogen sich +schmollend aus dem politischen Leben zurück ... Drei Monate in solch +einer Bewegung verbracht: da heißt es gründlich mit sich abrechnen, das +Fazit ziehen und dann: für die Zukunft daraus lernen. Nur Narren und +Phantasten binden sich weiter die Scheuklappe um, erhitzen sich selbst +künstlich bis auf 40 Grad Fieber und sind eben unempfindlich gegen jede +Art von kalter Dusche. Daß Deutschlands Aufstieg allerdings +gleichbedeutend ist mit der restlosen Ausrottung dieser Banditen und +ihrer Geldgeber, daß die Niederkämpfung dieser Bewegung vielmehr die +Grundvoraussetzung der wirklichen Gesundung Deutschlands ist: das wurde +mir im Verlauf jener drei Monate, die ich in dieser Gesellschaft verlebt +hatte, eindringlich klar. Die Antisemiten pumpten wacker beim Juden und +ein Jude wiederum schrieb zum Dank dafür für die Völkischen das +antisemitische Exerzierreglement!“ + + + VI + +Weiter jagten sich Peters Gedanken. + +„Da gleiten hin die Industriemagnaten durch die Stadt auf ihren +schnittigen Luxuskraftwagen. Weit außerhalb der Stadt, den schmutzig +gelben Strom entlang, ragen die Fabrikschlote. Fronten von +Mietskasernen, scharf ausgerichtet, starren leblos, unbewegt. Fünfzig +Stock hoch türmen sich in den Stadtzentren die Bankhäuser ... + +„Ein Boxkampf findet statt: als der Sieger abtritt, rasen 50000 Menschen +vor Begeisterung. Der Riesenraum der Arena ist ein vieltausendfaseriges +zuckendes Nervenbündel. + +„Es hält in Moskau der rote Kriegsrat eine Sitzung ab. Der rote +Reitergeneral Budjonny spricht. Seine Worte sind Trompetensignale, sind +Hammerschläge ... + +„Und die Straßen Jokohamas sind voll von demonstrierenden +Menschenmassen. Japan, ganz Japan läuft Sturm gegen das amerikanische +Einwanderungsgesetz. Im Staate Ohio aber wird indeß ein Neger gelyncht: +ein Scheiterhaufen ist errichtet und man verkauft an die vornehmen +Amerikanerinnen, 5 Dollar pro Stück, Fleischfetzen, Knochenteile von dem +verkohlten Gerippe ... Sie sollen wohl Gesundheit und Glück bringen ... + +„Während in Stuttgart ein berühmter deutscher Soziologe seinen Vortrag +über nationalökonomische Probleme mit den Worten beschließt: „Zurück zu +Gott!“ + +„O, da ist ja auch die ganze Scharfrichterfamilie versammelt, Herr +Gröpler: so heißt er, der der ordnungsgemäßen Handhabung des Richtbeils +nur Allzukundige, im Nebenberuf Inhaber einer gutgehenden +Dampfwäscherei; da feiert er auch schon im Kreis seiner Lieben das +Jubiläum seiner fünfzigsten Hinrichtung. Und die Wände seines trauten +Heims sind mit Sprüchen aus der Bibel (Korinther) und mit +Kaiserbildnissen geschmückt. Den fünf zum Tode Verurteilten aber hat man +über Weihnachten drei Tage Aufschub gewährt, damit der Sängerchor der +Strafvollziehungsanstalt, dessen eifrige Mitglieder die fünf Armensünder +bis dato noch sind, an den hohen Festtagen wenigstens intakt bleibt. + +„Halleluja! + +„Und wieder wird ein Betrieb stillgelegt. Tausende trollen wieder +arbeitslos herum auf der Straße, schwarz, hungernd, knieschlotternd, +frierend: so staut es sich vor dem Arbeitsnachweis ... + +„Und in den chemischen Laboratorien experimentiert man inzwischen herum +an einem neuen Giftgas. In den illustrierten Zeitschriften findet man, +neckisch von Blümchengirlanden umrahmt, die Photographie des genialen +Konstrukteurs der neuesten Flugzeugbombe. + +„Die Prediger verkünden mit ausgebreiteten Armen von der Kanzel herab: +„Friede auf Erden.“ + +„Friede auf Erden!“ „Amen! Amen“ schallt vielstimmig zurück der Chor der +Gläubigen. Die Kathedrale ist wie ein Sarg. Weihrauch, Kerzenglanz, +geflüsterte Gebete mischen sich ineinander ... + +„Die Strafexpedition, aus Truppenkontingenten zweier europäischer +Nationen zu gleichen Teilen zusammengesetzt, stößt in die von den +flüchtigen Eingeborenen angezündeten Urwälder vor. Riesige Giftmücken +flattern um die von der Siedehitze brodelnd aufgeweichten Leichname. Der +Himmel glänzt scharf. Wie glanzblau lackiert ... + +„Tausende sterben jetzt. + +„Tausende entschlüpfen soeben dem Mutterbauch. + +„Leben und Tod: o untrennbar eins sind sie in jeder Weltsekunde. + +„Die Wellen des Ozeans schlagen an viele Küsten ... + +„Da findet ein Hundediner statt. Reichlich besetzt mit wirklich +köstlichen Dingen ist solch eine Tafel. In Bombay beträgt die +Kindersterblichkeit 82 pro Mille. Schreckliche Höllen sind überall in +der Welt die Proletarierviertel. Eine grausige Blutsprache sprechen die +Statistiken ... + +„Aufgeteilt ist die Welt ... + +„Nach blutigen Gemetzeln ... Vor noch schlimmeren Morden ... + +„Ein revolutionärer Führer spricht im Norden Berlins in einer +Proletenversammlung. Ein anderer schreibt hin wie lebendige Feuerlinien +aufrührerische Sätze ... „Hetzer“ ist ihnen ein Ehrenname ... + +„In welchem Zeitabschnitt leben wir!? ... Das Tempo der Geschichte +hämmert mit gewaltigen Schlägen ... + +„Eine große Zeit fürwahr, eine Heldenzeit ... Doch wer sind ihre +eigentlichen Träger ...? Namenloses Heldentum. Blutzeugentum. +Kämpfertum. Märtyrertum ... Ein Arsenal von Kampftaten und Opferlegenden +noch für Jahrtausende ... + +„Und einer zum Beispiel, ein Schulkamerad, ein gleichgültiger Name, fand +nicht mehr heraus aus diesem Labyrinth, was er auch tun mochte, wie sehr +er sich auch anstrengte. Er war bis zum Irrsinn angewidert von all dem, +wurde eines Tages wirklich verrückt, titulierte Christus mit „Kollege“ +und schoß sich eine Kugel durch den Kopf. Als er abdrückte, schrie er +überselig: „Es ist vollbracht!“ Warum auch nicht. Ein anderer, Freund +meines Vaters, Fabrikant Germersheimer, ebenfalls ein überaus +gleichgültiger Name, mästet sich prall mit Illusionen, hält +Geistersitzungen ab, läßt Tische rücken und studiert auf seine alten +Tage Theosophie. Auch er muß eines Tages platzen ... Andere gehn +vorüber. Gehn sie vorüber!? Nimmermehr. Keineswegs. Auch ihnen wird +eines Tages die Entscheidung aufgezwungen werden, auch sie werden eines +Tages Farbe bekennen müssen ... + +„Aber Arbeiterkolonnen, die abends aus der Fabrik heimkehren, scheinen +mir muskelbepackt, straff, trotz der Ueberarbeit. Ihre Beine federn +elastisch, wenn sie ausschreiten: die zeigen, daß sie noch marschieren +können, trotz alledem. Daß sie sprungbereit geblieben sind. Trotz +alledem. Und in ihren Fäusten sitzt ein guter Griff. Glück auf! Greift +zu, wenn es soweit ist. Seid auf eurem Posten, wenn es drauf ankommt. +Werdet ihr es schmeißen!? ... + +„Und da zählen nach Tausenden, Abertausenden in diesem Augenblick die +Gefangenen, die in den zwingkäfigähnlichen Zellen der staatlichen +Zuchthausanstalten hocken. In allen fünf Erdteilen. Farbige ebenso wie +Weiße. Alt und jung. Männer, Kinder, Weiber. Unterschiedslos. +Noch-Gesunde und schon Sterbenskranke. Sie drücken sich in die +Mauerwinkel. Schweigend. Nur hie und da ein Tobsuchtsanfall. Schreie, +wie ein blutiger Erguß. Sind es versteinerte Menschenreste!? + +„Einzelmorde, Massenschlächtereien, Bankkrachs, Umarmung, Empfängnis, +Vergewaltigung, Streik, Niedertracht, Straßendemonstrationen, +Ausbeutung, Prassereien: das alles geschieht jetzt in der Welt, zur +selben Stunde, zur gleichen Zeit ... Aber die ganze Welt ist aufgeteilt +in zwei große Heerlager ...“ + + + VII + +Automatisch schwang die Drehtüre des Caféhauses wieder um ihre eigene +Achse. + +„Ach da bin ich ja noch ...“ + +Die Mäntel am Garderobenständer kletterten übereinander. + +Immer noch saßen die Zeitungsleser, verschanzt hinter ihren Zeitungen. + +Ein Telephon klingelte. + +Peter ging. + +„Sollte das nicht doch möglich sein, das Menschennatürlichste, das +Menschenselbstverständlichste, das Aller-aller-Einfachste? Mit +Aufbietung aller Kräfte, unter Zusammenraffung unseres ganzen +Menschendaseins!? Das, das müßte man doch versuchen ... Oder ob das +Einfachste nicht doch nur ein scheinbar Einfachstes ist, am Ende nicht +gar das Allerschwerste!? ...“ + + * * * * * + +Die Theater waren jetzt aus. + +Neue Menschenströme brachen in die Straßen ein. + +Ein Autohupen-Konzert. + +Kokottenrudel trieben straßauf, straßab. + +Liebespaare wankten eng umschlungen einem Park zu. + +Ein Mädchen der Heilsarmee gröhlte irgendwo in einem Platzwinkel: +„Jesus, süßer Bräutigam ...“ + +Recht so, die Religion soll dem Volk erhalten bleiben. Und das drückte +auch auf die Tränendrüse manch einer vornehmen Herrschaft, die +gnädiglich aus krokodilsledernen Handtaschen heraus ein Almosen für die +Armenspeisung spendete. Mit blankgescheuertem Gewissen schlenkerte sie +dann, sich wohlig in ihren Pelzen räkelnd, von dannen. + +„Menschendreck ...“ + + * * * * * + +Der Himmel war wie ein Eismeer. + +Wie Packeis trieben die Wolken darin, zu Eisbergen sich türmend, +absplitternd; Haufen von Scherben. Scharf gezeichnet hoben sich weit +hinten am Horizont in der blauen Flut die unermeßlich lang gestreckten +Eiswände ab. Und der Mond stand mitten darin, unförmig, geborsten, ein +ziellos treibendes Leucht-Wrack. + +„Ja, ja, das ist schon so: es stimmt schon: Die Barbarei erscheint +wieder, aber aus dem Schoß der Zivilisation selbst erzeugt und ihr +angehörig ...“ + +Und Peter schritt die Straße hinauf, die sich vor ihm zu heben schien +und steil und immer steiler ward, wie im Sturmschritt. + + + VIII + +Die Diskussion in den „Frankfurter Festsälen“ begann. + +„Natürlich wieder so ein Kommunist“, knurrten einige, als der +Versammlungsleiter bekanntgab: + +„Herr Schnetter hat das Wort.“ + +Einige Zwischenrufe knallten. + +Der Referent schmunzelte. + +„Man glaubt schon einen gewaltig kühnen Schritt getan zu haben, wenn man +sich freimacht vom Glauben an die erbliche Monarchie und auf die +demokratische Republik schwört. In Wirklichkeit aber ist der Staat +nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine +andere, und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als in der +Monarchie. – Der Feind aber, der uns die Hand zum Wahlbündnis hinstreckt +und sich als Freund und Bruder uns aufdrängt – ihn und nur ihn allein +haben wir zu fürchten. Wie können die Massen noch an uns glauben, wenn +die Männer des Zentrums, des Fortschritts und anderer bürgerlicher +Parteien unsere Bundesgenossen sind – wozu dann der Kampf gegen die +bürgerliche Gesellschaft, deren Vertreter und Verfechter sie allesamt +sind? ... Ist einmal die Grenzlinie des Klassengegensatzes verwischt, +sind wir einmal auf der schiefen Ebene des Kompromisses, dann gibt es +kein Halten. Dann geht es weiter und weiter abwärts, bis es kein Tiefer +mehr gibt ... Mit der Bewilligung der Kriegskredite 1914 hat die +Sozialdemokratische Partei Deutschlands diesen Tiefpunkt erreicht.“ + +Hier schon wurde der Diskussionsredner unterbrochen. + +„Reden Sie nicht in Zitaten und besonders nicht in solchen, die Sie +nicht verstehen!“ + +„Das habe nicht ich, sondern Karl Marx in seiner Einleitung zum +„Bürgerkrieg in Frankreich“ gesagt, und das zweite Zitat ist von Wilhelm +Liebknecht. Sie zeigen durch Ihre Zwischenrufe nur, daß sie mit diesen +beiden Männern nichts mehr gemein haben ...“ erwiderte der +Diskussionsredner. + +„Na, also da haben wir’s ja. Weiter habe ich ja auch nichts gesagt.“ + +Der Zwischenrufer hatte Beifall. + +„Der Arbeiterverrat, den Sie heute vertreten“, fuhr Genosse Schnetter +fort, „ist schon von langer Hand vorbereitet worden. Schon Kautsky, der +Historiker ... in seinen Vorläufern des Sozialismus ... Welche +internationale Bedeutung aber die Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914 +hatte, das kann nur der ermessen, der die ungeheure Ausnahmestellung, +die die Deutsche Sozialdemokratie innerhalb der 2. Internationale damals +innehatte, kennt, die Deutsche Sozialdemokratie war die Perle der ...“ + +„Wirf sie jetzt nicht vor die Säue, Hund ...“ + +„Theoretischer Quatsch!“ + +„Schluß damit!“ + +„Erledigt! Raus! Abtreten! Zur Sache!“ + +Der Ordnerdienst schob sich unauffällig nach vorn. Hielt im Saal Umschau +und stellte die Positionen derer fest, die dem kommunistischen Redner +zustimmten. + +Eine kurze Unruhe entstand. + +Der Versammlungsleiter klingelte. + +„Holt doch einfach die Schupo ...“ + +Der Diskussionsredner hatte sich dem Referenten halb zugewendet. + +„Lauter!“ brüllte jemand. + +„Keine Dialoge! Sprechen Sie zur Versammlung!“ + +„Ihr seid an der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht +schuld! Wollt ihr das noch immer nicht wahrhaben ... Ihr, ihr ...“ + +Und unter einem brüllenden Gelächter zog der Kommunist eine Broschüre +hervor. + +„Pfui! Pfui! Pfui! Schurke! Halunke! Schuft! Verleumdung! Elender +Lügner! Von Moskau bezahlt! Erbärmliche Niedertracht! Brenn’ ihm eins! +Jib ihm Saures ...“ + +„Zehn Jahre SPD!“ + +Einen Augenblick wurde es ganz still. + +„Blamieren Sie sich, so gut Sie können!“ schmunzelte jovial der +Referent! + +„Arbeiter! Genossen! Seht Euch Euere Führer an! Wir Kommunisten würden +doch nicht immer wieder auf die Haltung der SPD. während des Krieges +zurückkommen, wenn nicht die Politik der SPD. nach dem Krieg, in jeder +Epoche der Nachkriegszeit, denselben Arbeiterverrat darstellen würde ... +Dieser Herr, der Herr Referent, der Euch heute abend noch soeben das +Sachverständigengutachten so wohlschmeckend zubereitet hat, ist er nicht +derselbe, der einstmals begeistert ausgerufen hat: „Ich geh zum +Hindenburg!“ und der damals folgendes geschrieben hat: „Nur im Zeichen +dieser Ströme von Blut, nur im Zeichen des zermalmenden Eisens, das +diese Ströme hervorbrechen macht, können wir davon sprechen, daß das +Ziel nahe ist. Wir müssen den Kriegswillen der Gegner im Blut ersticken +...“ Das ist das eine. Das andere lautet – paßt gut auf! –: „Um alles in +der Welt möchte ich jene Tage inneren Kampfes nicht noch einmal erleben! +Dies drängend heiße Sehnen, sich hineinzustürzen in den gewaltigen Strom +der allgemeinen nationalen Hochflut, und von der anderen Seite her die +furchtbare seelische Angst, diesem Sehnen rückhaltlos zu folgen, der +Stimmung ganz sich hinzugeben, die rings um einen herum brauste und +brandete, und die, sah man sich ganz tief ins Herz hinein, auch vom +eigenen Inneren ja schon Besitz ergriffen hatte. Diese Angst: Wirst du +auch nicht zum Halunken an dir selbst und deiner Sache!? Darfst du auch +so fühlen, wie dir ums Herz ist? Bis dann – ich vergesse den Tag und die +Stunde nicht – plötzlich die furchtbare Spannung sich löste, bis man +wagte das zu sein, was man doch war, bis man – allen erstarrten +Prinzipien und hölzernen Theorien zum Trotz – zum erstenmal (zum +erstenmal seit fast einem Vierteljahrhundert wieder!) aus vollem Herzen, +mit gutem Gewissen und ohne jede Angst dadurch zum Verräter zu werden, +einstimmen durfte in den brausenden Sturmgesang: Deutschland, +Deutschland über alles! ...“ + +Die Versammlung atmete kaum noch ... + +„Nun, Arbeiter-Genossen, und sehr verehrte „Herren“ Zwischenrufer von +vorhin, ich frage Euch jetzt, urteilt selbst: ist das die Sprache eines +Sozialisten!? Wem von Euch noch ein Funke proletarischen Ehrgefühls +innewohnt, wer noch ein klein wenig proletarischen Klasseninstinkts sein +eigen nennt, der wird nicht umhin können, eine solche Auffassung zu +brandmarken als das, was sie in der Tat ist: als Ausdruck der +schamlosesten, hundsföttischsten Korruption. Das ist zwar nicht +Landesverrat, auch nicht Hochverrat, jeder dieser ehrenwerten Spießer +ist würdig, mit dem _Pour le mérite_ dekoriert zu werden ... aber dafür +ist es Arbeiterverrat, Arbeiterverrat und nochmals Arbeiterverrat! ...“ + +Viele Arbeiter sahen bei diesen Worten sich unschlüssig an. + +Manche schüttelten mit den Köpfen. + +„Hat der wirklich so was geschrieben?!“ + +„Kann’s gar nicht glauben ...“ + +„Ja, bei der Stimmung, die damals gewesen ist ...“ + +Vieler Augen öffneten sich jetzt weit, viele Ohren horchten gespannt. + +„Rasch! Mach schnell!“ flüsterte der Versammlungsleiter einem Funktionär +zu, „sonst geht uns am Ende noch die ganze Versammlung aus dem Leim. +Lieber noch sie hochfliegen lassen ...“ + +Und der Funktionär gab unauffällig ein Zeichen. + +Vier oder fünf unter den Tausenden schrieen plötzlich los: + +„Unsinn! Blödsinn! Schuft! Neue Lügen! Kein Wort ist wahr! Alles +gefälscht! ...“ + +Die Arbeiter sahen sich wieder an. + +„Siehst du, das hab ich doch gleich gedacht, daß das so eine Lüge ist. +Das wäre doch schon ... Da dürfte der ja gleich einpacken ... Aber was +die Kommunisten sich nicht alles aus den Fingern saugen ... Pfui, Teufel +...“ + +„Das haben Sie, das haben Sie, Sie, Sie, Herr Genosse Bauer geschrieben, +damals, und jetzt, jetzt schämen Sie sich nicht, jetzt wagen Sie es ...“ + +„Schluß! Schluß! Schluß!“ + +Der Versammlungsleiter klingelte. + +„... und so entziehe ich dem Redner wegen grober Verleumdungen +persönlicher Art und wegen vollkommenen Mangels an Objektivität und +Sachlichkeit das Wort ... Da kein Redner mehr gemeldet ist, hat unser +Genosse Bauer das Schlußwort.“ + +„Recht so!“ + +„Bravo! Bravo! Raus mit ihm!“ + +Der Saal stampfte. – + +Und schon wurde der Kommunist von einigen kräftigen Ordnungsleuten +heruntergeholt. Genosse Bauer schüttelte noch den Kopf und riet +überlegen freundschaftlich von Gewaltanwendung in diesem besonderen Fall +ab. + +„Hofrichter-Rauscher-Breuer-Kuttner!“ drohte der Kommunist mit der Faust +... „und damals in den Kapptagen, erinnern Sie sich noch auf der +Pressekonferenz ... Sie, ihr, die wirklichen Urheber an der Ermordung +... Soll ich Ihnen das sozialdemokratische Rezept verraten: Was sagt +euer Wels: „Wir haben eine Bewegung der Arbeitermassen nicht zu +fürchten. Wenn sie über unsere Köpfe hinwegzugehen droht, stellen wir +uns an ihre Spitze und biegen die Bewegung um, wie 1918 ...“ + +Dies schrie der Kommunist noch, schon halb aus dem Saal geschleift. + +Ein riesiger athletischer Bursche vom republikanischen Ordnerdienst +klopfte jetzt auf ihm mit einem stählernen Totschläger einigemal herum. + +„Längst erledigt! Zur Sache! Moskowiter! Genosse Bauer hat jetzt das +Wort ...“ + +„Hinaus ... aus ... aus ...“ echote es rings. + +Am Saaleingang aber vermochte sich der Kommunist doch noch einmal +aufzurichten, sich loszureißen und mit einer mächtigen Stimme +schleuderte er zurück: + +„Ihr, ihr, ihr dort oben: ihr habt dem Proletariat den Mut, das +Kraftgefühl, das Selbstvertrauen gestohlen. Und das ist vielleicht von +allen eueren Missetaten, Unterlassungssünden, Gemeinheiten das +Allerschlimmste ... Ihr seid in den Reihen der bürgerlichen Klassenarmee +nichts weiter als die Spezialkommandos zur Niederknüppelung der +revolutionären Arbeiterschaft ... Ihr seid der Klassenfeind im eigenen +Lager ... Pfui, Mörder, Schufte, Verräter! Schluß mit euch ...!“ + +Die Saaltür krachte jetzt zu. + +„So ein Kommunist ist nicht tot zu kriegen ...“ + +Die Luft war wieder rein. – + + + IX + +Max beobachtete den Referenten, der soeben das Schlußwort ergriff. + +Wie vertrauenerweckend allein schon seine Gestalt war! Breit und +behäbig, prall gefüllt mit Wohlüberlegtheit und kugelrund vor +Verantwortlichkeit! Rotbackig, mit schwärzlich buschigem Schnurrbart. +Ganz im Gegensatz zu dem Kommunisten, einem jungen und aufgeregten +Bürschlein ... Sachlich, wenn es sachlich zu sein galt, voll von +Entrüstung und gewitterschwangerem Pathos, wenn er auf die Umtriebe der +Reaktion oder auf die schändlichen Machenschaften und Spaltungsversuche +der Kommunisten zu sprechen kam. Ausgeglichen, männlich-reif ... Der hat +Kenntnisse, der versteht was vom Handwerk, der läßt sich nicht so leicht +unterkriegen, der hat Erfahrungen. Nun, schau nur einmal! ... Kurz +gesagt: es war, als spreche hier der gesunde Menschenverstand selbst. + +Wie fieberig erhitzt dagegen der Kommunist wirkte! Ueberspitzt in allen +seinen Gesten und Aeußerungen, jedes Wort maßlos übertrieben. Vor +solchen Menschen muß man sich in Acht nehmen, wie das in ihren Augen +flackert, in ihren Fäusten zuckt, in ihrem Brustkasten rumort ...! Die +sind nicht schlecht verrückt! ... Donnerwetter ... + +„Nun, Genossen und Genossinnen, werte Versammlung! Dieser allem Anschein +nach systematisch vorbereitete Sprengungsversuch der Kommunisten ist +dank dem wirksamen Eingreifen unseres Reichsbanners –“ + +„Bravo! Frei Heil!“ + +„– mißglückt. Da haben Sie es! Aber der deutsche Arbeiter ist +schließlich gerechtigkeitsliebend genug, um auch den Gegner so zu sehen, +wie er ist. Ich spreche jetzt von der besitzenden Klasse. Lassen wir uns +bei deren Beurteilung nicht von blindwütigem Haß hinreißen, ich gebe zu, +mancher von uns, muß, um zu einem objektiven Urteil über seinen Gegner +zu kommen, noch viel an sich arbeiten, denn die Theorie vom Klassenkampf +hat viel an uns verdorben. Wir Sozialdemokraten vertreten die Gesamtheit +der Nation, wir vertreten die Interessen aller Bevölkerungskreise, das +Wort „Klassenkampf“ ist überhaupt veraltet und wissenschaftlich bereits +längst überholt ... Also: mit dieser kommunistischen infamierenden +Klassenhetze haben wir Sozialdemokraten nichts gemein. Von +Kriegsgewinnlern und Inflationsschiebern abgesehen, was haben uns +schließlich die Reichen getan, die in den Palästen wohnen? Sie sind dem +Nestbautrieb gefolgt, sage ich, nichts weiter. Und dieser Tatsache +müssen wir Verständnis entgegenbringen. Dafür wollen wir ihnen, bei +Gott, nicht allzu gram sein ... Nun, zur Frage der Amnestie! Wer hat +sich für die Amnestie eingesetzt!? Die Sozialdemokratie ... Ich brauche +euch wohl nicht den Brief Max Hoelzens zu verlesen. Ihr kennt ihn ja aus +dem „Vorwärts“. Aber es ist schließlich nicht ganz so leicht, immer +gleich ebensoviel aus den Zuchthäusern herauszubringen, wie die Zentrale +der Kommunistischen Partei jeden Tag durch ihre putschistische Taktik +wieder hineinschafft. Eine Beharrlichkeit zeigen darin die Herrschaften, +daß man sie beinahe bewundern möchte ... Wer aber knebelt, knechtet, +verfolgt und verrät die Arbeiterschaft schlimmer als die dunkelste +Reaktion!? Die Bolschewisten. Werft einen Blick in die russischen +Gefängnisse, in die sibirischen Oeden! Denkt an die Greueltaten und an +die Folterkammern der Tscheka! Und wer, frage ich euch, stellt immer +wieder eigene Kandidaten auf, auch dort, wo gar keine Aussicht auf +Erfolg ist, wer spaltet durch diese Manöver die Arbeiterschaft und wird +so objektiv zum Steigbügelhalter der Reaktion? Wieder die Kommunisten. +Ja, die Kommunisten sind an allem schuld. Und ich sage, lebte Rosa +Luxemburg heute noch, sie stünde bestimmt in unseren Reihen ... + +„Bravo! Sehr richtig!“ + +„Die Kommunisten aber treiben mit ihr Leichenschändung. Also darum! Auf +an die Wahlurne! Abrechnung mit den Hetzern! Abrechnung mit jenen +Kanaillen der Arbeiterschaft, den kommunistischen Berufsrevolutionären! +Nieder mit der kommunistischen Bewegung, nieder mit den Kommunisten, +dieser reaktionären Masse! ... Es lebe – – –“ + +Und wieder dröhnte der Saal von dem dreimaligen „Hoch!“ + +Langsam und schleppend wurde jetzt die letzte Strophe der +„Internationale“ gesungen. + +Wie ein Trauermarsch. + +„Diese Welt muß unser sein!“ + +Ja, so ist es. Aber wer glaubte noch daran!? + +Wie ein muskelloser, schlaffer, erschöpfter Körper: so war dieser +Gesang. Tausend Münder schnappten automatisch auf und zu ... Kein +Schwung, keine Kraft. Es zog nicht durch ... + + „Erst wenn wir sie vertrieben haben – + Dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlaß ...“ + +Auch viele kannten den Text nicht ... + +Aber ein Proletariermädchen sang mit, es war klein und schmal, es +hustete oft dazwischen, die Haut war durchsichtig, die Augen groß +aufgerissen: es sang mit einer hohen schönen Stimme, diese Stimme +schwang sich im Gesang hell empor aus Elend, Lebensnot und +Alltagseinerlei, diese Stimme war wie klares Eiswasser: die Hände +ballten sich, schneller sang sie die Strophen wie die andern, aber sie +wurde auch immer wieder unwiderstehlich in den zähen, trüben, kleberigen +Strom des Massengesanges zurückgerissen ... + +Die Versammlung war zu Ende. + +Polizeimannschaften mit umgehängtem Karabiner patrouillierten. + +Das Wetter war umgeschlagen. Das Nebeldickicht verdampft. Es wehte ein +scharfer Wind ... Die Nacht war eisig. + +Mit einigen Kollegen machte sich Max zu Fuß auf den Heimweg. – + + + X + +Lange Autoreihen vor den Hotels: betreßte Diener öffneten, die Hand an +der Mütze, den Verschlag. Damen in Pelzmänteln, Herren in +hochgeschlossenen schwarzen Mänteln, den Zylinder auf, dahinschreitend, +beinahe akkurat so wie die Göttergestalten aus dem Altertum. Oder wie +die Ritter meinetwegen ... Läden: aus denen wunderbar lackierte +Autokarosserien hervorleuchteten ... Und wirklich schöne Frauen waren +das vorhin, radikal mit den Augen einen zerschmeißen konnten die; +duftiges Fleisch, ohne Fehl und Makel, irdische Göttinnen, gelenkig und +geschmeidig. Wie sicher sie sich bewegen! Man mußte schon genau +hinhören, wenn man ihre Sprache verstehen wollte. Gleichnisse, Tonfall: +alles war anders. + +„Während unsereinem zu Hause die Frauen vor lauter Haushaltungsarbeit +und Nahrungssorgen wurmstichig werden.“ + +An den drei von der Versammlung heimkehrenden Proleten glitt das alles +vorüber, wie eine unwirkliche Erscheinung. + +Das war wie das „Jenseits“. + +Einmal stieß der Metalldreher Lange den Max Herse in die Seite, man +sprach aber dazu kein Wort: eine Gruppe von übergeschminkten Kokotten +zwitscherte an einer Straßenecke herum, stürzte sich auf einen +dicklichen angetrunkenen Herrn, der leicht schlingernd seines Weges +daherzog: der dickliche Herr stoppte auch, nicht ohne Mühe, +gestikulierte eifrig, nickte am Ende der Unterhandlung jovial und +verschwand auch schon in der Nebenstraße, auf der einen Seite eingehakt +von einer Spindeldürren, auf der anderen von einer Fetten. + +„Was so ein Späßchen bloß wieder mal kosten mag!“ + +„Da schau nur mal an: so ein vollgefressenes Schweinchen das ... Na, dem +gehört auch von seiner Alten der Buckel voll ...“ + +Die Proleten lachten nur dazu. Schüttelten die Köpfe. + + * * * * * + +„Nein, Wilhelm, wenn ich seh, wie die im Betrieb arbeiten! So eine +Pfuscherei ... Ich sag dir ... laß mich aus damit ...“ + +„Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln ... und das nennen sie +dann Arbeit im Konsum, Gewerkschaftsarbeit ... Ist schon richtig: Fehler +werden alleweil gemacht, Fehler müssen sogar gemacht werden, nur einer, +der nichts tut, macht keine, aber absolut sich nun darauf zu versteifen, +aus den Fehlern ausgerechnet nichts zu lernen ...“ + +Der einzige von den dreien, der eben noch etwas für die Kommunisten +übrig hatte, war Lange, Lange Wilhelm. Er war in einem Großbetrieb +Metalldreher. Der Kollege Stilling von der AEG und Herse Max drangen nun +auf ihren Arbeitskollegen Lange energischer ein. + +„Beim Streik bei der Turbine haben wir es wieder gesehen. Schön hübsch +zuwarten, bis alles von selbst losgeht ... Dann sich hinten anhängen und +das große Maul haben, aber nur, nur nichts organisieren ... was kommt’s +denn auf drei oder vier Pfennig mehr Lohn an, sagen sich die vornehmen +Herrschaften ... und doch kommt’s darauf an, sag ich, der hat auch für +große Kämpfe nicht das Vertrauen der Arbeiter, der nicht ihre kleinen +und kleinsten Alltagsschmerzen mit ihnen teilt ... Auf ein mehr oder +minder gutes Klosett kommt’s an, und wer das nicht begreift ... Eine +richtige Schwanzpolitik ist das ... Na, ihr werdet euch noch gewaltig +die Finger verbrennen ...“ + +„Und damals Wilhelm, wie wars denn im Oktober! ... Ich geb dir die Hand +darauf, ich hab gewartet, daß es endlich losgeht. Kaum heimgeh’n hab ich +noch können, immer war ich wie auf dem Sprung, und dann ... so in den +Dreck gekrochen ... Pfui Teufel ...“ + +Die beiden überschütteten Wilhelm mit einem Trommelfeuer von Vorwürfen. + +„Mag sein. Mag alles sein. Wir, wir vor allem in den Betrieben, müssen +eben jetzt diese Fehler wieder herauswirtschaften ... Aber, wenn man so +wie ihr auf der Seite steht ... Und seht da: 7000. Hunderte von Jahren +Zuchthaus und Gefängnis sind es, Kollegen. Und 15000 haben sie allein in +Deutschland unter die Erde geschossen. Und von Rechts wegen müßtet ihr +auch die Kriegsverluste noch dazu zählen: 13 Millionen insgesamt gibt +das ... Und diese Proleten, Kollegen, haben doch mit bestem Wissen, mit +bestem Glauben, voll und ganz für uns gekämpft. Das könnt ihr doch, +trotz alldem, nicht ableugnen ... Ist doch unser Blut! ...“ + +„Mag sein. Die Führer sind schuld daran. Die haben sie hereingebracht. +Die sind allesamt durch die Bank faul ... Moskau ...“ + +„Nein, Kollegen, daran liegts nicht. Daran liegts, daß wir bisher noch +keine richtige Partei gehabt haben. Die müssen wir uns erst schaffen. +Ohne Partei keine Führer ... So ists. Und die SPD. ist eine bürgerliche +Partei ... Wir brauchen jetzt eine wirkliche Arbeiterpartei. Das ist +keine geringe Aufgabe ...“ + +Der Kollege Lange wurde sich eigentlich erst während er sprach selbst +klar darüber, was er jetzt vorbrachte. + +„Gut. Mag vieles davon stimmen, was ihr angeführt habt, du Herse und du +Stilling. Aber auf das Ganze kommt es an, und da, das weiß ich, haben +wir wohl recht ...“ + +„Na, und stimmt das oder nicht, daß ihr Kommunisten auch immer dort +eigene Kandidaten aufstellt, wo ihr gar keine Aussicht auf einen +Wahlerfolg habt. Dadurch schwächt ihr nur die Arbeiterstimmen und +leistet der Reaktion Vorschub. Wie heute abend auch richtig der Redner +auseinandergesetzt hat ...“ + +„Ein schöner politischer Schmierölfabrikant das ... Da erteilt euch aber +Karl Marx eine ordentliche Abfuhr. Bei dem heißt es nämlich klipp und +klar: „Selbst da, wo gar keine Aussicht zu ihrer Durchführung vorhanden +ist, müssen die Arbeiter ihre eigenen Kandidaten aufstellen, um ihre +Selbständigkeit zu bewahren, ihre Kräfte zu zählen, ihre revolutionäre +Stellung und Parteistandpunkte vor die Oeffentlichkeit zu bringen. Sie +dürfen sich hierbei nicht durch die Redensarten der Demokraten bestechen +lassen, wie z. B. dadurch spalte man die Demokratische Partei und gebe +der Reaktion die Möglichkeit zum Siege. Bei allen diesen Phrasen kommt +es schließlich darauf hinaus, daß das Proletariat geprellt werden soll. +Die Fortschritte, die die proletarische Partei durch ein solches +unabhängiges Auftreten machen muß, sind unendlich wichtiger als der +Nachteil, den die Gegenwart einiger Reaktionäre in der Vertretung +erzeugen könnte ...“ So, da habt ihrs, schwarz auf weiß, wie damals, so +heute ...“ + + + XI + +Aber die Gegner Langes gaben sich damit nicht zufrieden. Nun fuhren sie, +wenigstens ihrer Meinung nach, ein besonders schweres Geschütz auf. + +„Und Bazillen, Cholerabazillen, Giftgase und Fälscherzentralen ... So +lies doch die Zeitung! ... Auch eine deutsche Tscheka gibt es und +Terrorgruppen ... Ich will nichts zu tun haben mit diesen Bombenwerfern +und Gurgelabschneidern ... Jeder ehrliche Prolet ... Ich meine nur: Pfui +Teufel ...“ + +„Wir haben doch das denkbar größte Interesse daran, daß der Kapitalismus +sich entwickelt. Und solange außerdem noch zwei Drittel der Bevölkerung +für den Kapitalismus stimmen ... Nein, Wilhelm, so eine Putschtaktik +mache auch ich meinerseits nicht mit ... Und kannst du vielleicht +bestreiten, daß gerade die Kommunisten es sind, die am meisten unserem +„Reichsbanner“ zu schaffen machen. Da, wie wars denn neulich im +„Sportpalast“. Glaubt ihr denn im Ernst: Radau, Zwischenrufe, +Gummiknüppel und Schlagringe sind ein ausreichendes Beweismittel. Gerade +das Gegenteil erreicht ihr! Das müßt ihr schon anders anfangen! ... Wie +wollt ihr das alles vom Arbeiterstandpunkt, vom Standpunkt der +proletarischen Revolution aus rechtfertigen. Aber Befehl ist eben +Befehl. Und Moskau ist für euch schon der liebe rote Gott. Ja, wenn der +Rubel rollt, so war es schon immer in der Weltgeschichte, und wo der +hinfällt, da wächst keine Vernunft mehr. Heute ist die 3. Internationale +nichts weiter mehr als ein Instrument der russischen Außenpolitik ... +Mit Arbeiterinteressen hat das verflucht wenig zu tun ... Und +„Reichsbanner“ oder „Stahlhelm“, was ist da das kleinere Uebel ...? +Außerdem, so schlimm ist es ja nun, Gott sei Dank, mit dem Kapitalismus +doch nicht. Wer arbeiten will und etwas kann, etwas kann vor allem, der +bekommt auch Arbeit und hat zu essen. Aber schau dir nur einmal im +Betrieb die Herren Genossen Kommunisten-Kollegen an: verstehn die +vielleicht was vom Handwerk!? ... Bengels, freche Bengels sind sie, die +große Schnauze haben sie, können sie vielleicht auf sachliche Einwände +etwas wirklich Ernstzunehmendes erwidern ... zurückgeblieben und +stehngeblieben mit ihren Anschauungen sind sie, weiter nichts ... Hie +und da, das gebe ich gern zu, ist auch so ein Ehrlicher, so ein +Fanatiker darunter ... So verbohrt, so verdreht ... Ich sage mir: man +muß sich halt durchboxen ... Leben und Leben lassen ... Wird schon +werden. Und die Auswüchse des Kapitalismus, die muß man bekämpfen. Habe +nichts dagegen, wenn man die Wucherer und Schieber und mögen sie +Minister und Kaiser und Könige und weiß Gott wie heißen, daß man die vor +das Gericht stellt. Gerechtigkeit muß sein. Und die allzu große +Ungleichheit zwischen Löhnen und Profit, die allerdings sollte auch +beseitigt werden. Und wenn wir erst einmal die Mehrheit im Reichstag +haben, dann wirst du sehen: wie ein Hagelwetter prasseln die Steuern auf +den Rücken der Besitzenden nieder ... Du hast es doch heute abend selbst +gehört ...“ + +„Illusionen! Illusionen! Merkwürdig, wie ein Prolet sich heute noch +solche Illusionen machen kann ... Ja, was ein jeder sich wünscht, daran +glaubt er ... So arbeitet die SPD ... Es ist wirklich zum Verzweifeln. +Zum Tieftraurigwerden ...“ + +Wilhelm Lange pfiff leise vor sich hin. + +„Ruhe und Ordnung!“ + +Auch der Kollege Stilling von der AEG war der gleichen Ansicht wie +Herse. + +„Wir brauchen einen Linksblock, meinte der, mit Einschluß der +Kommunisten meinetwegen, wenn, ja wenn sie positive Arbeit, +Wiederaufbauarbeit leisten wollen. So etwas wie in England oder in +Frankreich. Da sieh dir nur einmal das Leben eines Arbeiters in England +an! In Amerika. Hast du nichts von Ford gehört. Es gibt eben zweierlei +Kapitalisten. Solche und solche ... Jeder hat da bald schon sein eigenes +Auto. Ganz bestimmt, so wird es bald auch noch bei uns kommen ... Und +ich sehe gar nicht ein, warum wir uns nicht friedlich weiterentwickeln +sollen. Die Kapitalisten haben gar kein Interesse mehr am Kriege. Ein +viel zu großes Risiko. Viel zu viel Angst vor einer Niederlage, die +immer mit Revolutionsgefahr verbunden ist ... Für den Kommunismus aber +sind wir noch nicht im entferntesten reif ... Hast du denn keine Augen +und Ohren, Wilhelm, und siehst und hörst nichts in den Betrieben!? Diese +Schweinereien! Diese Schmierereien! Wie der eine gegen den andern +stänkert! Denunziert! Den Lohn drückt! Sich zu Ueberstunden drängt! Um +den Meister herumschwänzelt! Streik bricht! Da ist es mit dem +Klassenbewußtsein nicht weit her ... Und die Kommunisten sage ich, die +haben, sage ich, durch ihr Maulaufreißertum ein für allemal +abgewirtschaftet. Revolutionsgewäsch, überradikales Geschwätz, weiter +nichts. Ich meine halt schon, auf das eine kommt es jetzt an – Frieden +auf Erden ...“ + +Endlich kam auch der Kommunist wieder zu Wort. + +„Schau, Max, neulich bei dem Grubenunglück, da hast du ganz anders +gesprochen. Da bist auch du aus deiner SPD.-Haut gefahren. Und heut!? +... Es ist viel zu viel von Frieden die Rede, als daß es wahr sein +könnte. Glaub mirs. Und haben wir nicht eigentlich noch immer Krieg: in +Indien, in Aegypten, in China, bei den Türken, bei den Rifkabylen ... +Bei uns selbst: ein trockener Krieg, wenn du willst ... Jeder Tag bringt +doch neue Verluste ... Erwerbslose, Verhungernde, solche, denen die +tödlichen Krankheiten direkt aufgezwungen werden ... Da war ich neulich +dabei bei einer Armenkommission und habe einige Wohnungen besucht ... +Na, sage ich dir: oft neun, zwölf Menschen in einem Raum, in einem +Stalloch, und das war längst noch nicht das schlimmste ... Hundert +Wohnungen gehören da einem, der vielleicht in Czernowitz sitzt. Heute +ist _der_ Besitzer, morgen der ... So einer wechselt die Häuser wie die +Wäsche. Reine Spekulationsobjekte sind solche Wohnhäuser ... Dabei +verfaulen sie, verfallen sie ... Wer kümmert sich um sie. Der Staat +vielleicht!? Na, der hat andere Sorgen ... Die Bettstellen waren halb +durch die verfaulten Bodenbretter in den Keller heruntergebrochen, ein +Gestank darin ... nein sowas kann man nicht schildern ... Ich sage dir, +so eine Wohnung ist weiter nichts als ein langsam sich vollstreckender +Lebensmord ... Und außerdem, sag ich euch, schaut euch nur einmal die +Kriegsrüstungen an, das ist jetzt nur eine Atempause und alles spricht +dafür, daß es bald wieder losgeht ...“ + +„Nachtigall, ick hör dir tapsen ... Das ja eben ist’s, was ihr braucht. +Natürlich! Natürlich! Aufstieg und Gesundung unseres wirtschaftlichen +und politischen Lebens dürft ihr ja nicht wahrhaben wollen. Ihr müßt im +Trüben fischen. Wo reine helle Luft ist, da ist keine Atmosphäre für +euch, da ist für euch nichts herauszuholen ... Je schlimmer aber die +Verelendung ist, je größere kriegerische Konflikte ausbrechen, desto +mehr Wasser, glaubt ihr, bekommt ihr auf eure Mühle ... Ich könnte mir +denken, daß ihr von diesem Standpunkt aus, wenn Ebert mal tot ist, auch +dem Hindenburg noch zur Präsidentschaft verhelft ... Doch wartet nur! +... Vielleicht läuft der Hase doch anders ...“ + +„Ach, laß mich aus jetzt mit der leidigen Politik, darüber werden wir +uns doch nicht einig werden, warten wir die Zeit ab, aber so, wie es +heute ist, sind die Kommunisten nichts weiter als ein Agentenklub der +russischen Außenpolitik. Lenin, das war schon ein Mann, Trotzki, +meinetwegen auch, aber alle anderen, diese Berufsfeldwebel der +Revolution, sind von Uebel ... Da schaut euch nur die deutschen +Kommunisten an! ... Reaktionäre Masse ... Jüngelchen in kurzen Hosen, +noch nicht trocken hinter den Ohren, Novembersozialisten, Dienstzeit: +insgesamt drei Jahre Arbeiterbewegung höchstens. Aber das Maul umso +voller mit Phrasen, mit revolutionären Scheinparolen, und wenn es mal +losgeht, ebenso die Hosen voll ... Nur ein Lastkraftwagen mit Schupo ... +und, heidi, heida, verschwunden schon sind sie ... Hast du nicht neulich +gesehn, wie am Alexanderplatz von zehn Schupos eine ganze Demonstration +dieser Lausbuben auseinandergesäbelt wurde ... Dieses Grünzeug. Recht +geschieht ihm ... Immer mal festedruff ... Kein ehrlicher deutscher +Prolet ...“ + +Wilhelm haute jetzt nur noch die Sätze hin: + +„Aber die sozialdemokratischen Führer haben die Arbeiterschaft +entwaffnet, wehrlos gemacht, verraten, dem Klassenfeind ausgeliefert ... +Das haben sie ... Und fahnenflüchtig seid ihr allesamt geworden. Rot +aber habt ihr mit schwarzrotschwefelgelb vertauscht. Fahnenflüchtige +Mostrichbrüder! ... Aber es hat ja doch keinen Sinn ... Wir Kommunisten +waren die einzigen, die gegen die Monarchisten wirklich mit der Waffe in +der Hand gekämpft haben: siehe Kapp-Putsch ... Und das werden wir auch +weiterhin tun ... Jetzt aber Schluß damit ...“ + + * * * * * + +In der Debatte setzte es jetzt wieder Schlag auf Schlag. + +Der Genosse Wilhelm stand in einem richtigen Kreuzfeuer ... + +„Kindertrompeten im Reichstag. Höllenmaschinen in Kathedralen. +Explosivstoffe. Vor nichts Respekt ...“ + +„Wir haben eben eine andere Auffassung vom Staat, wie ihr. – Wir, wir +Proleten, wir sind die wirklichen Legitimen, wenn du so willst ... Und +was die Gewinnung der Mehrheit innerhalb des kapitalistischen +Systems betrifft, so ist das auch so ein utopischer Unfug. Der +Mehrheitsgewinnung steht immer der mächtige Propagandaapparat der +Bourgeoisie gegenüber, schau dir nur jetzt einmal den Rundfunk an, +zu was allem der herhalten muß – und außerdem durch die +Verschiedenartigkeit des Arbeitsplatzes, den jeder im Produktionsprozeß +einnimmt ... Während des Kampfes erst, im Feuer des bewaffneten +Aufstandes _wird_ die Mehrheit. Ihr solltet endlich euch über den +statistischen Unsinn klar geworden sein ...“ + +„Schon gut. Aber arbeiten, arbeiten, die Revolution wirklich +vorbereiten, organisieren: das könnt ihr nicht ... Nur Terrorgruppen, +und niederbomben ...“ + +„Mag richtig sein, was das erste betrifft. Darin müssen wir gewaltig +viel noch zulernen. Warum sollen wir eine vernünftige Kritik nicht +ertragen. Und das ist das erste Gescheite, was ihr gesagt habt ... Was +die Spitzel anbetrifft, so solltet ihr euch als Proleten schämen, so +einen ausgemachten bürgerlichen Schwindel nachzuschwätzen ... Habt es ja +selbst neulich erlebt: wie diese gekauften Subjekte provozieren ... um +dann uns Kommunisten etwas anzuhängen ... Ja immer, das sind wir schon +gewohnt, sind es die Kommunisten. Die sind an allem schuld ... +Vielleicht auch die Sonne, das rote Biest!? ... Die Bourgeoisie verzapft +schon einen Mist, wäre ja alles zum Lachen, wenn die Arbeiterschaft sich +doch nicht immer wieder von ihr ein x für u vormachen ließe. So ist’s +zum Heulen ...“ + +Wilhelm verschnaufte sich. + +Der eine oder der andere brummte noch etwas. + +„Nichts für ungut“, knurrte der AEG-Kollege. + +„’s ist schon so, die Hemdärmel möchte man sich hochkrempeln, wenn man +mit euch diskutiert“, gab Wilhelm zurück. + +Schwieg. + +Nun war wirklich einige Minuten lang Kampfpause. – + + + XII + +Das Gespräch brach ab. + +Schweigend schritten die drei nebeneinander her. + +So war kein Zusammenkommen. + +In Moabit begegneten sie auf einer Brücke einer Klebekolonne. + +Vom anderen Ufer blinkte, hell erleuchtet, die Meierei Bolle herüber. +Der Fabrikschlot rauchte. Nachtschicht. Dunkle Schleppkähne lagerten +unten am Spreeufer. + + * * * * * + +Die drei betrachteten schweigend ein eben angeklebtes Plakat. Ein +Gefangener, der mit ausgemergelten Fingern in die Eisenstäbe eines +Gefängnisgitters hineingreift. Blutrot war die ganze Gestalt. Das +verzerrte Gesicht: eine irrsinnige Grimasse. Darunter stand nichts als +die Zahl: 7000. + +Max erinnerte sich einen Augenblick an eine Gefängnisbeschreibung, die +er neulich irgendwo gelesen hatte. Auch im Polizeigefängnis am +Alexanderplatz sollen unglaubliche Zustände herrschen. Daß Gefangene +auch noch geschlagen werden können, Dunkelarrest usw. Das wahnwitzige +Antreiber- und Auspressersystem, das in den Gefängnissen gang und gäbe +ist: das Papierdütenkleben, Bindfadenfabrizieren, wodurch Tausende von +Heimarbeitern brotlos werden. Der Hundelohn, der den Gefangenen dafür +bezahlt wird. Das Vorenthalten aller anderen Lektüre, außer der +geistlichen ... Das Untersuchungsverfahren, unter Anwendung von Torturen +– wobei ohne Verurteilung schon drei Viertel des Menschen vor die Hunde +geht. Während es im überzivilisierten Amerika schon Gefängnisse gibt, +als Rundbau aufgeführt, von innen, von der Mitte aus alle Zellen von +einem Beobachtungsturm einzusehen, der zum Schutz gegen Revolten mit +einem Maschinengewehr bestückt ist ... Auch Gas soll schon in +Gefängnissen gegen Meuterer angewendet worden sein, wenigstens las man +so was zwischen den Zeilen neulich in einem Bericht. Wie Geständnisse +von politischen Angeklagten erpreßt werden mit Hilfe von +Daumenschrauben, Hundepeitschen, Mißhandlungen mit glühenden +Eisenstäben, Schlägen auf die Sohlen ... daß gegen zwei Angeklagte erst +neulich das Verfahren eingestellt werden mußte, weil der eine während +der Untersuchungshaft wahnsinnig wurde und der andere Selbstmord verübte +... Und dann erst, wie hingerichtet wird ... Das übersteigt schon jede +Vorstellung ... Im Sowjetparadies aber soll es, den bürgerlichen +Berichten nach, gar am schlimmsten sein ... Die Kommunisten also, die +haben es gerade nötig ... Ein dummer Schwindel ist das ... + +Ein anderes Plakat: sehr hoch angeklebt: eine Riesengestalt, die mit +einer Keule ein spinnenartiges Hakenkreuzgespenst erschlägt. Darunter +stand: „Proleten! Tretet ein in den Roten Frontkämpferbund!“ + +„Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und ein kranker Körper wie das +deutsche Volk ihn darstellt, braucht nichts dringender als Erholung +...!“ + +Wilhelm Lange rang noch einmal nach Luft: + +„Nun zum Abschied, das will ich euch beiden noch sagen, ich hab mirs +überlegt. Das was ihr von Haarspaltereien bei uns sagt, ist nicht +richtig, theoretische Klarheit muß sein. Wenn die nicht ist, dann kommt +bei Aktionen auch nichts rechtes heraus. Und da muß allerdings oft um +einen I-Punkt gestritten werden ... Was ihr über die Arbeiterschaft +Englands sagt, so müßt ihr bedenken, daß die an den Extraprofiten, die +die Kapitalisten aus den Kolonien herausschlagen, Anteil hat ... Also, +daß es dem englischen Arbeiter besser geht, dafür schuften eben +Millionen indischer Kulis ... Dann: Krieg und Kapitalismus gehören +zusammen. So einheitlich, wie ihr euch das vorstellt, entwickelt sich +die Wirtschaft eben nicht. Sondern: in Widersprüchen, unter Krisen, +Rissen und Sprüngen ... Was unsere kommunistische Arbeit in den +Betrieben anbetrifft: richtig ist, wir haben noch nicht gelernt +ordentlich zu arbeiten ... Woher das kommt, auch das will ich euch +sagen: wir haben unsere Parteiarbeit in den vergangenen Jahren eben der +ganzen politisch-ökonomischen Situation entsprechend auf den Endkampf +eingestellt. Gut, nun müssen wir ummanövrieren ... Auch wir lehnen +Reformen nicht ab, aber die Grundlage des richtigen Verhältnisses ist +folgende: Reformen sind Nebenprodukte des revolutionären Klassenkampfs +... Die Aufgabe einer wahrhaft revolutionären Partei besteht nicht +darin, den unmöglichen Verzicht auf jegliche Kompromisse zu +proklamieren, sondern darin, durch alle Kompromisse hindurch – insofern +sie unvermeidlich sind – die Treue unserer Prinzipien, unserer Klasse, +unserer revolutionären Aufgabe, unserer Sache der Vorbereitung der +Revolution und Vorbereitung der Volksmassen zum Sieg der Revolution +durchzuführen ... So gibt es auch Kompromisse und Kompromisse. Wenn du +auf einer Landstraße von einer Räuberbande überfallen wirst, und du dich +nur retten kannst, wenn du ihnen dein Geld gibst, so wirst du das tun, +um dich möglichst schleunigst aus dem Staube zu machen. Das ist ein +Kompromiß. Aber sich der Räuberbande anzuschließen, um gemeinsam andere +zu überfallen: das ist auch ein Kompromiß, und zwar ein solches, wie es +die Sozialdemokraten machen. Und nun weiter: nur die Auswüchse des +Kapitalismus bekämpfen, bedeutet die Illusion in den werktätigen Massen +nähren, als gäbe es einen gesunden Kapitalismus, was grundfalsch ist ... +Zum Schluß, Kollegen: ich sage, diese Republik ist ein Treibhaus für die +Kapitalisten und für die Reaktionäre, und ein Zuchthaus für die Arbeiter +... Und so sieht die SPD. aus: die wie das Fegefeuer heute das Wörtchen +Klassenkampf scheut, ihn praktisch längst hat fallen lassen und die +dafür immer vom Gesamtwohl und vom Vaterland, das der Arbeiter +bekanntlich nicht hat, schwafelt: die SPD. ist ihrer Politik nach, nicht +den Massen nach, die ihr angehören, eine bürgerliche Partei ... Lebt +wohl!“ + +Die Drei trennten sich. + +Max war schon um die Ecke zuhaus. – + + + XIII + +„Restbautrieb – reaktionäre Masse – fahnenflüchtig!“ + +So kollerte es noch lang in Maxens Schädel herum. + +„_Fahnenflüchtig!?_“ + +Und diese Frage nahm plötzlich Gestalt an, wurde wie zu einem Menschen, +der lang und tief in ihn hineinschaute. + +Dieser Mensch war seinesgleichen. + +Blut von seinem Blut. + +Ganz seiner Art. + +Hieß auch Max Herse. Trat jetzt vor ihn hin wie sein leibhaftiger +Steckbrief. + +Dieser Max Herse fragte ihn: + +„Max, stimmt das: fahnenflüchtig!? Ist da nicht doch vielleicht etwas +wahr daran!? ... Wie war das nur neulich bei der Grubenkatastrophe? +Erinnerst du dich nicht mehr, was du unter dem unmittelbaren Eindruck +dieses Unglücks alles gesagt hast!? ... Versprochen hast eigentlich?! +... Fahnenflüchtig ... Desertiert aus der Klassenkampfreihe ... +Verlassen das proletarische Banner!? ... Das Banner, für das dein Vater +gekämpft und gelitten hat, für das deine Mutter sich so manchen Bissen +vom Munde abgespart hat!? Die rote wehende Hoffnung deiner Millionen +Arbeitsbrüder! Der Stolz deiner Arbeiterinnen-Schwestern, für das sie in +manchen Nächten ihre Finger sich wund genäht haben ... Max Herse! Willst +du nicht wieder ehrlich, proletarisch ehrlich werden!? ... Stimmt das +nicht, was der Wilhelm sagte: „Ja, für euch bleibts halt ewig beim +Alten, ihr wißt schon, was ich meine: Kaisergeburtstagsfeier und erster +Mai ...“ + +„Wieder ehrlich, proletarisch ehrlich werden ...!?“ + +Max Herse sprach im Halbtraum schon, diese Frage nach. + +Und mit dieser ungelösten Frage auf den Lippen schlief er ein. – + + + XIV + +Man hörte die Atemzüge der schlafenden Menschen durch die Wände +hindurch. + +Flackernd ging der Atem, oben und unten und nebenan, von Röcheln, +Seufzern und holprigen Hustenanfällen unterbrochen. + +Viele Uhren tickten immer dazwischen. + +Wieder warf sich einer im Bett, einer schlich den Gang entlang, jetzt +tastete es nach einer Klinke; eine Tür knarrte. + +Schritte kamen von der Straße hoch, fern, dann nah, wie tropfenweis. +Stimmen, das Tappen eines Betrunkenen, Autohupen; Klingeln, die +plötzlich schrillten. Und man konnte nur schwer unterscheiden zwischen +dem ewigen selbsttätigen Knirschen der morschen Diele und dem +Menschenstöhnen und Menschenächzen. + +Katzen kreischten. Hunde winselten. + +Auf ein Fenster drückte der Wind. Ein Schrank krachte. + +Traum-Schreie ... + +Ein Mensch hatte seinen Anfall. Das Schaumweiß brodelte ihm um den Mund. +Da zündete jemand eine Kerze an, warf sich über ihn und hielt ihn im +Bett fest. + +Monoton lallte jetzt einer vor sich hin. Einer räusperte sich ... + +Das Wasser im Kanal gluckste. Fernzüge pfiffen. Die Räder stießen auf +den Schienen einen dumpfen rauschenden Takt ... + +In einem Kübel plätscherte es. Einer wusch sich. Die Vorposten des bei +Tagesgrauen aufmarschierenden Arbeiterheers standen schon wieder auf und +machten sich kampfbereit. Auch die Milchfuhrwerke schepperten schon +wieder in der Straße. An den Litfaßsäulen arbeiteten in weißen Kitteln +die Plakatankleber ... + +Zähne knirschten, Fäuste krampften sich, Kniee zogen sich an, Hände +glitten über Decken und strichen sie glatt. + +Wie ein Mensch lebt – + +Wie ein Mensch kämpft – + +Wie ein Mensch schläft – – + +Da lagen sie auf den Bäuchen, auf dem Rücken, auf der Seite, in allen +Stellungen, allein und zu zweit, ausgespreizt und zusammengedrückt, +nackt, namenlos. In allen Stellungen aber wie Plastiken aus jener +Galerie, die genannt ist: „Die Verdammnis des Menschendaseins“ ... + + * * * * * + +Andere wieder banden sich die Nacht wie eine Maske vor. + +Rudelweis zogen Menschen auf Raub. + +Andere auf Menschenjagd. + +Einer stößt jetzt vielleicht dem anderen das Messer in die Brust. Einer +knüpft sich jetzt den Strick zurecht, seift ihn irrsinnig-grinsend ein. +Nebenan hört man jetzt ein Geräusch, dumpf, wie das Fallen eines +Gegenstandes: er hat den Stuhl unter seinen Füßen weggezogen. Zwei, drei +Schlingerbewegungen macht der Körper noch: dehnt sich, ein Muskelspiel +zuckt, ein Speichelfaden sabbert lang aus dem Mundwinkel ... Schluß ... + +Kauerten da nicht welche in Knäueln, drei, vier Leiber in einem Bett; +fünf auf dem Fußboden; lagen sie nicht da, als ob sie sitzen würden, +schliefen nicht welche an den Straßenecken im Stehn, und was schnarcht +hier oder lehnt sich mit weit aufgerissenen Augen des Nachts in +Parkanlagen auf den Bänken!? ... + + * * * * * + +Das höllische Tagestempo zitterte noch in der auf Leerlauf abgestellten +Menschenmaschine nach. Die Gesichter von Lebensangstschweiß und +Todesschweiß überzogen wie von einem geheimnisvollen Firnis. + +Verstreut wie auf einem unendlichen Schlachtfeld reihenweis Gemordete. – + + + + + 4. Kapitel. + + Nur ein Traum ... + + + Nur ein Traum ... – „Die neue Sintflut + kommt von oben und als Gift.“ – Liebe + Erinnerungen – Der 22. April 1915: ein + Wendepunkt in der Kriegsgeschichte. Die + Deutschen blasen in Flandern, + Frontabschnitt Bixschote-Langemarck, + gegen englische Stellungen Gas ab. – + Gasschießen, Gaswerfen. Eine Gastaktik + entwickelt sich. – Doch alles in allem: + es bleibt beim Experiment. (Diesmal + noch.) – Und was gewesen ist, ist + gewesen. Keiner denkt mehr daran. – + + + I + +Der Traum, den Max Herse in dieser Nacht träumte, war merkwürdig genug. + +Er zerfiel in drei Teile. + +Im ersten Teil lag die Erde da, ein blühendes Chaos. + +Ströme rissen dahin, Meere wölbten sich vor den Horizont; Sümpfe, +Urwälder, Schlingpflanzen; Feuersäulen stiegen aus den Bergen, Felsen +kollerten tosend herab, Tiere aller Art krochen, hüpften, schlichen in +diesem Labyrinth, der Mensch, mit riesigen Kiefern und krallenbesetzten +Würgfäusten bewehrt, kämpfte um das nackte Leben. Langsam wuchs um ihn +der Menschenraum. Er drängte Schritt für Schritt die Wildnis zurück. +Immer wieder aber überfielen ihn die Naturgewalten, er duckte sich, wie +ein ungeheueres Gewicht lastete über ihm das Unheimliche, das +Unerklärliche. Brust an Brust rang er mit den Ungeheuern, da schwang er +schon das Steinbeil, die Schädel der Bestien sprangen entzwei, aus +tausend Biß- und Kratzwunden troff aber der menschliche Körper und +blutete. Blitze spritzten aus dem Gewölk herab, endlich fand er das +Feuer. Mit Sturmfluten überschüttete das Meer das Land, Felsblöcke und +Waldberge trieb ein Riesenorkan vor sich her, Lawinen brüllten, der +Erdboden spaltete sich, Dämpfe und Gase zischten empor aus Kraterlöchern +und Schlitzen. Hart, stahlhart war der Körper des Menschen, mit langen +Haaren bedeckt, aber schon hatte er sich Waffen und Werkzeuge +geschaffen, er zog aus den Höhlen, deren Wände mit Tierfratzen bedeckt +waren, aus; auf riesige Strecken verteilt sah man den Rauch der ersten +menschlichen Siedlungen. Gemeinsam zog man zur Jagd, gemeinsam wurde der +Boden bestellt, gemeinsam gearbeitet, gemeinsam wurden Früchte und +Jagdbeute verteilt: alles gehörte allen gemeinsam. + +Eine Sekunde: + +Das Traumbild sprang in ein anderes um. + +Tausende von Jahren wohl müssen inzwischen vergangen sein. + +Beinahe in geometrische Figuren eingeteilt war die Erde. Berge waren +noch da, auch Wälder, auch Meere, auf denen schwimmende Kolosse +kreuzten, Geleise, mit sausenden Strichen, die Züge darstellten, +durchschnitten kreuz und quer das Land. Stadt an Stadt, alles war +abgegrenzt, eingeteilt. Der Mensch war gewachsen: er streckte seine +Organe aus, eiserne Gelenke; seine Stimme, durch elektrische Wellen +getragen, war vernehmbar zugleich in allen fünf Erdteilen. Er konnte +sich abheben von der Erde, er flog durch die Lüfte ... Riesige Maschinen +stampften unermeßliche Schätze aus der Erde; ein Griff an einem Hebel: +ein wunderbarer Mechanismus setzte sich leise surrend in Bewegung: +millionenfache Muskelarbeit wurde spielend geleistet: aus Wasserkraft +wurde Licht, aus Winden, aus Gasen zog man Triebkraft, die Meerbrandung +wurde auf geniale Weise in Krafterzeugnis umgesetzt, ja die Umdrehung +der Erde selbst wurde bereits von phantasiebegabten Technikern als +Arbeitsertrag in Rechnung gestellt. + +Der Mensch hatte die Erde erobert. + +Die Naturgewalten waren bezwungen, Götter und Götzen waren gestürzt, das +Unheimliche, das Schicksal, Gott selbst, ward seines Thrones enthoben, +das Zeitalter der Maschine, so hieß es, welch ein Zeugnis von +Menschenkühnheit und Menschengeist! + +Und wie nun sahen diese Menschen aus!? + +Da marschierte es auch schon heran, Kolonne hinter Kolonne, durch +Straßen, wie mit dem Lineal ausgerichtet, hinweg über Brücken, unter +denen Schnellzüge beinahe lautlos glitten, marschierte schon heran, früh +morgens 5 Uhr, riesigen Fabrikgevierten zu; es waren Millionen, Männer +und Frauen, Scharen von Kindern: mit Ruß bedeckt, Schwielen an den +Händen, ach so dürftig gekleidet, mit ausgeglänzten Augen, schwerfällig, +wie unter einer ungeheuren Riesenlast jeder Schritt. Einarmige und +Einbeinige waren darunter, stumm, lautlos marschierten sie ... Ja, was +war das? + +Aber in Pelze und Seide gekleidet wandelten andere auf breiten Straßen, +diese Straßen mündeten wie in Marmorbecken in große runde Plätze, Palast +stand dort an Palast, große goldene Wappen blinkten von den Balkonen, +und hinter seidenen, von kristallischen Lüstern durchhellten Gardinen, +war eine Menschengesellschaft sichtbar, manche in Klubsesseln und +Schaukelstühlen nach dem Takt der Musik sich wiegend, manche auf- und +abpromenierend, alle in Fräcken oder in Uniformen, neben Menschen, die +richtig wie fleischige Schwämme aussahen, aber auch hartgeschnittene +Gesichter darunter, kalt die Augen, völlig mitleidlos ... + +Ja, was war das ...? + +Und die Armen drängten gegen die Reichen, und die Reichen drückten die +Armen, die Armen aber wurden immer mehr, die Reichen dafür immer +grausamer und unerbittlicher, Land, Maschinen, das alles gehörte den +Reichen, und der Staat dazu, der selbst eine Maschinerie darstellte, aus +Polizeibeamten, Aufsehern, Henkern, Soldaten, Pfaffen, Richtern +bestehend; fabriksmäßig, serienweise wurde Recht gesprochen, rein +mechanisch hingerichtet und verurteilt; empörte sich einer wider diese +Ordnung, wurde ganz sachlich abtaxiert: wie hochprozentig die +revolutionäre Energie zu bemessen sei, und demgemäß wurde mit so und +soviel Jahren Zuchthausstrafe gegen ihn verfahren ... + +Dabei riß aber dies Traumbild mitten entzwei, es gab sozusagen einen +gewaltigen Zwischenfall. + +Tafeln erschienen mit der Aufschrift: „Burgfrieden“, man sah von +Rednertribünen auf Plätzen von gewaltigem Umfang Menschen auf die Massen +einreden, die nickten alle mit den Köpfen, gewaltig ertönten in allen +fünf Weltteilen die hundert verschiedenen Nationalhymnen. + +„Euer Gott ist nicht unser Gott.“ + +„Der unsere ist der richtige.“ + +„Wir allein sind das auserwählte Volk.“ + +„Nein wir“, schrie es sofort von entgegengesetzter Seite. + +„Ihr habt uns überfallen.“ + +„Nein ihr, ihr habt zuerst die Grenzen überschritten.“ + +Und 70 Millionen Menschen zogen aus und kämpften gegeneinander. + +Die Erde war wie eine Mondlandschaft. Von den Millionen und +Abermillionen Granattrichtern war sie ganz pockennarbig. + +„Absatzmärkte! Absatzmärkte!“ schrie es wie toll in allen fünf +Weltteilen durcheinander, „wir wissen schon nicht mehr, wie wir +profitabel noch weiter produzieren sollen.“ + +Dort wurde Getreide in Lokomotiven verheizt, hier verhungerten +Millionen. Hier starben Menschen vor Unterernährung, dort starben welche +an Unmäßigkeit. Der eine fraß, der andere wurde gefressen. Manche, die +auf diese Ungleichheit hinwiesen, kamen sofort, mit Ketten behängt, ins +Gefängnis. + +Aber es kam noch schlimmer. + +Ganze Hundertschaften von Aeroplanen erhoben sich plötzlich, kein Mensch +war darin, sie wurden ferngelenkt und steuerten mechanisch über das +Meer. Drei schwere Flügelbomben hingen, leicht hin und her pendelnd, +unter jedem. Sicher summten sie ihrem Ziel zu. + +Eine Riesenstadt. + +Die Fabriksirenen wimmerten. + +Die Riesenstadt: ein seltsames Knistern von ineinandervermischten +Menschenstimmen, Eisenbahnpfiffen, Räderrollen und Schrillen an Kurven +sich bildender Tonschleifen: ein gespenstisches Orchestrion. + +Das Licht in den Straßen erlöschte. + +Ganz plötzlich: man rannte gegen die Finsternis fest, wie gegen eine +Mauer. + +In den Verkehrszentren der Stadt fuhren Scheinwerferkolonnen auf, +Menschengruppen, die sich bildeten, wurden auf Anordnung der Regierung +sofort zerstreut. + +Menschen schrien laut vor sich her, die Autos fuhren energisch hupend +ganz langsam. + +Kein Mensch wußte eigentlich, was los war. + +Man munkelte zwar allerlei ... + +Es mochte gegen drei Uhr morgens gewesen sein. Menschen saßen auf den +Dächern, Menschen saßen in Kellern. Andere tasten sich noch immer unter +Lebensgefahr in den Straßen herum ... Ein leichter Regen setzte ein, +dann wurde es wieder still. Warm und schön war die Nacht. Einer +behauptete, er hätte das feine Knattern eines Motors in den Lüften +gehört. Alles lauschte angespannt. Schon wurde es ein wenig heller. + +Ein leichter elektrischer Ferndruck: und die Flügelbomben stachen +senkrecht hernieder. + +Ein feiner Knall. + +Nur ein wenig Staub, sonst war nichts sichtbar. + +Ein dumpfer Krach. + +Wie wenn ein Fels auf eine weiche Polsterung fällt. + +Ein zweiter, dritter, vierter ... Noch mehrmals. Jetzt hörten aber alle +ganz deutlich das feine Knattern. Zur gleichen Zeit fielen Schüsse. +Leuchtraketen spritzten hoch. Die Scheinwerfer gruben sich wie ein +Lichtspaten in die Wolkenberge ... + +„In die Keller“, schrieen die einen. + +„Oben auf den Dächern ist man geschützter“, diskutierten die andern. + +Manche blieben auch wie festgenagelt dort, wo sie gerade standen. + +Groß und rotstrahlend ging bald darauf die Sonne auf. + +Schwere Tanks holperten wie Stahlschildkröten durch die Straßen. Kein +Mensch war zu sehen. + +Einer der Tanks schien einen Motordefekt zu haben, die Mannschaft stieg +aus: sie war wie Taucher gekleidet, das Gesicht von einer massiven +Gasschutzmaske bedeckt, schwerfällig humpelten sie um den Wagen herum. + +Die Tankkolonne machte einen Augenblick halt. + +Ein Pfiff – + +Die Stahlungeheuer setzten sich wieder in Bewegung. + + * * * * * + +Es wurde durch diese Kolonnen festgestellt: drei Viertel der Stadt waren +vergast. Kollektivschutzräume, wie mancher Schwärmer erhofft hatte, +bestanden nicht, die Gasmasken, nur für die Kampfstoffe des +vorhergegangenen Krieges beschaffen, mußten versagen. Trank und Speise +waren vergiftet. Die ersten Anzeichen von Seuchen machten sich +bemerkbar. + + * * * * * + +Drei Stunden später – und trotzdem die Bewohner mit Masken und Anzügen +geschützt waren – lagen sie da, wimmernd und vor Hilfeschreien gellend, +die meisten in den Kellern, andere aber irrten wie wahnsinnig auf den +Dächern umher, spreizten Beine und Arme und stürzten sich unter einem +grausigen Fluch auf die Trottoire hinab. Ueberall sah man Blutlachen. + +„Vom Himmel hoch, da komm ich her“, tönte noch in diesem Augenblick ein +heller Kinderchoral aus dem Dom, die Glocken schwangen, ja es war +Weihnacht. Und trotzdem – + +Die Flügelbomben verrichteten als mechanische unpersönliche Henker +getreulich ihre unumgängliche Blutarbeit. + +„Das ist das neue Gas“, sagte jemand ... „und wie sich herausstellt, +unsere Versuche haben sich demnach gelohnt.“ + +„Friede auf Erden.“ + +„Amen! Amen ...“, scholl es im Chor wieder dazwischen. + +Die Farbstoffabriken waren jetzt plötzlich riesige Arsenale. +Unterirdische Gänge. Auch tief in den Schächten der Bergwerke wurde Gas +fabriziert. Ununterbrochen experimentierten die Chemiker an neuen +Kampfstoffen herum. + +Es dauerte nicht lange. + +Ein Monat – und alles Lebendige war auf der Erde vernichtet. + +Und es wurde auf dieser Erde still, mäuschenstill. + +Uhren hörte man noch ticken. + +Auch sie blieben allmählich stehn. + +Nur das Rauschen noch von Wassern, der Wind, und da es Sommer und +übermäßig heiß war, das Brodeln und Zischen der menschlichen Leichname, +die geräuschvoll in Verwesung übergingen. + +Nichts sonst. + + + II + +Es hätte aber auch leicht anders werden können, sagte jemand, und der +Traum, den Max Herse träumte, kehrte jetzt wieder ein ganzes Stück +zurück: über die Vernichtung hinweg, er fing wieder beim Erscheinen der +Flieger an. + +Kaum hatte sich das Gerücht verbreitet, daß die Flugflotte mobil gemacht +würde, als auch schon riesige unübersehbare Menschenmassen auf die +Straßen trieben, Arbeiter, Angestellte, Reden wurden gehalten, +Flugblätter verteilt, wie ein aufgestöberter Ameisenschwarm war es. +Polizeisoldaten, Soldaten sah man unter der Menge, ja auch Angehörige +der Luftflotte selbst sah man unter ihnen. Der Zug der Demonstranten +brandete als eine gefährliche Woge gegen die Regierungsviertel. Hier +hatte man die zuverlässigsten Regimenter bereitgestellt, auch zivile +Wehren, meist aus Studenten zusammengesetzt, man sah es ihnen an, sie +waren vor einigen Stunden erst eingekleidet. In Berlin, in Jokohama, in +Paris, in Chikago, in London: überall fanden diese Demonstrationen, +beinahe zu gleicher Zeit, statt ... Schon waren Truppen von Bewaffneten +zu bemerken, ein Schuß fiel, irgendwo ging ein Maschinengewehr von +selbst los ... das war das Zeichen zum allgemeinen Angriff, das +Regierungsviertel wurde gestürmt, Telefonzentrale, Bahnhöfe waren im Nu +besetzt, um andere Stellungen tobte der Kampf noch stundenlang. – + +Durch Verhandlungen wurde der Vorstoß der Revolutionäre aufgehalten, die +Regierung konzentrierte in den Vororten gewaltige Truppenmassen. + +Im Norden der Stadt wurde ein Aufstand von Arbeitern rasch +niedergeschlagen. Trotzdem kamen aus der Provinz, wo geflüchtete +Revolutionäre Landarbeiter und Kleinbauern mobilisiert hatten, stündlich +neue Nachrichten. Das ganze Land war wie ein Mann losgebrochen, hatte +Gutshöfe gestürmt, alle wichtigen Eisenbahnknotenpunkte waren besetzt, +eine Rote Armee war im Anmarsch. Die Arbeiter in den verschiedenen +Stadtvierteln, waren glänzend benachrichtigt. Trotzdem war beinahe +niemand auf den Straßen zu sehen. Unterirdisch aber, das spürte man +förmlich durch die Wände hindurch, vollzog sich beinahe automatisch eine +ungeheure Bewegung. + +„Bewaffneter Aufstand!“ surrten hinaus ins Land die Telegraphendrähte. + +„Der Aufstand ist geglückt“, surrte es schon drei Tage darauf. Das +Proletariat hat die Macht erobert. Den Krieg verhindert. Es hat Opfer +gekostet, aber Opfer, gering im Vergleich zu dem, was gekommen wäre ... + + * * * * * + +Traumbild an Traumbild zuckte vorwärts. + +Das alles erstreckte sich über Jahrzehnte, nur im Traumreich war alles +so verdichtet und zusammengedrängt. In der Traumlandschaft verkürzte +sich und überschnitt sich jede Perspektive. + +Durch Rauch und Blut, an Stationen neuen Elends vorbei durch neue Wüsten +hindurch, an Stätten neuer Demütigungen und Kreuzigungen vorüber. Und +trotz alledem, es ging vorwärts. + +Und am Ende dieses Weges blühte die Erde, blühte, wie sie noch nie +geblüht hatte. Jubelte, wie sie noch nie gejubelt hatte. Die Menschen +waren einfach und schön, von einander beinahe nicht unterscheidbar. +Tiefblau war alles, alles so selbstverständlich. + +Die Arbeitsmethoden waren unendlich vervollkommnet. Trotzdem hörte man +jeden Tag von neuen Erfindungen; denn alles ließ sich immer noch viel +besser machen, als es schon war. Als Grundsatz galt: mehr Kraft auf +irgendeine Arbeit zu verwenden, als absolut notwendig ist, ist +Verschwendung und damit gesellschaftsschädigend ... Immer mehr +verteilten und differenzierten sich die einzelnen Handgriffe; +Wunderwerke von Maschinen verrichteten, mühelos einem elektrischen +Hebeldruck gehorchend, das Allernotwendigste, die menschliche +Schwerarbeit war erfolgreich auf ein Mindestmaß reduziert. Die +Arbeitsplätze waren so beschaffen, daß sie ohne besondere Vorkenntnisse +von einem jeden eingenommen werden konnten. Nur ein Prozent der +menschlichen Arbeitsleistung verlangte noch längere Schulung und +besondere Vorkenntnisse. Wobei allerdings zu bemerken ist: das +allgemeine Bildungsniveau überragte um ein vieltausendfaches den +heutigen Durchschnitt ... Für alle war Arbeit da. Für alle waren in +überreichem Maße Mittel zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft da. +Ungeheure menschliche Energien wurden dadurch der elenden Sorge um das +tägliche Brot entbunden und für neue gewaltige Unternehmungen +freigelegt. Der menschliche Geist stürzte sich in den Weltraum. Die +Menschen wurden stolz auf die Welt, sie schufen sie immer mehr nach +ihrem Bild: die Welt wurde zur Menschen-Schöpfung ... + +Weit, weit ... man konnte tief Atem holen, man hatte Luft zum Leben ... + +Mit einem solch tiefen Atemzug wachte Max Herse auf. + +6 Uhr. + +Der Fabrikgang begann. + +Was war das nur? + +Ein Traum. Nur ein Traum? + +Was wohl dieser Traum bedeutete? + +Der Traum ließ nicht von ihm, er ging neben ihm her, er begleitete ihn, +oft sah Max Herse sich nach ihm um oder zur Seite. + +Er versuchte ihn jetzt von sich abzuschütteln. Er wollte nicht darüber +nachdenken. Er sagte zu ihm, wie zu jemandem, der sich aufdrängen will, +unwirsch, und mit dem Fuß stampfend: + +„Ach, laß mich!“ + + + III + +Bevor der Straßenbahnschaffner in den Dienst gegangen war, hatte er Max +noch eine Zeitung zugesteckt ... + +„Da lies!“ + +„Ein groß angelegter Betrug. Was geschieht mit den Spenden für die +Hinterbliebenen der 136 ermordeten Kumpels der Zeche „Königin Luise“ +...? Kaum hatten sich die Erdhügel über den 136 Opfern geschlossen, da +hatte man vergessen, was man gestern noch zum Ausdruck gebracht hatte. +Alle die schönen Worte erwiesen sich als leerer Schall ...“ + +Max wusch sich eben. + +„Und was war gestern abend los ...?“ + +Max wich aus: + +„Ach, wie immer dasselbe. Man kennt sich überhaupt nicht mehr aus.“ – + +Max war in den letzten Tagen bedeutend vorsichtiger mit seinen +Aeußerungen geworden. Eine tiefe innere Unruhe trieb ihn. Er versuchte +neben dem „Vorwärts“ auch die „Rote Fahne“ zu bekommen. Auch die +Betriebszeitungen las er gründlich durch. Er begann von neuem seine +Kollegen im Betrieb zu studieren, war selbst sehr zurückhaltend, er +lauerte auf jede Antwort, er selbst fragte nur, um zu lernen. Bei allen +Debatten, die sich immer aus Anlaß einer scheinbar ganz nebensächlichen +Betriebsangelegenheit zuerst entspannen und sich sofort zu +Zusammenstößen zwischen SPD und Kommunisten entwickelten, bei allen +derartigen Auseinandersetzungen ergriff Max nicht mehr Partei. + +Kinos, Vergnügungslokale, Kneipen mied er, er holte sich bei Kollegen +einige Bücher, fraß sich mit Müh’ und Not durch. Er wollte unbedingt +dahinter kommen. – + + * * * * * + +Was gewesen ist, ist gewesen. Oder: keiner denkt mehr daran. Aber +plötzlich eines Tages überfällt dich ein Teil deiner Vergangenheit, +stürzt sich auf dich, wälzt sich auf dir herum, man biegt und krümmt +sich unter der Last: bis das drückende Gewicht solch einer Erscheinung +zu schweben beginnt, kampflos von einem abläßt, und man plötzlich +wieder, so wie man ist, mit sich selbst da steht, ohne noch über das +Wesen dieser Bedrückung und den Zusammenhang, in dem sie erschienen ist, +sich klar geworden zu sein. + +So geschah es auch Max, als ihn die folgenden Erinnerungen aus dem +Weltkrieg heimsuchten. – + + + IV + +Max Herse war damals knapp 19 Jahre alt. Aber er hatte alles +darangesetzt, als Kriegsfreiwilliger mitzukommen. Sein Schulkamerad +Franke war sogar von jenseits des Ozeans zu den Waffen geeilt. + +Das waren Tage! Das Leben flaumleicht. Der Körper ging wunderbar, wie +mit Elektrizität geladen. + + * * * * * + +Es war am 22. April 1915 in Flandern. + +Frontabschnitt Bixschote-Langemarck. + +Gegen englische Stellungen. + +Windstärke 2 bis 4 Sekundenmeter. Witterung kalt und trocken. + +Zerfetzte Bäume am Horizont wie Drahtgespinste. Vereinzelte Vogelrufe +durchschwirrten die Weltöde. + +Geheimnisvolles munkelte man. Von einem Ueberläufer war die Rede, der +alles an die Engländer verraten hatte. Gerüchte. Gegengerüchte. +Jedenfalls etwas Neues. Man ahnte nicht was, wußte nicht, wie ... + +Es war 5 Uhr nachmittags. + +Auf der Brustwehr des vordersten englischen Grabens erschienen jetzt +Tafeln mit der Aufschrift: + +„Ihr könnt lange warten, bis der richtige Wind weht!“ + +Hie und da knackte ein Schuß. Ein MG ratterte sich heiß am linken +Flügel. Knäuel deutscher Stoßtrupps lagen weit hinten im Trichterfeld. + +Endlich: „Gas“. + +Das Gas kommt. Irgendwer hatte es aufgeschnappt. + +Also: + +Nachts waren an die dreihundert Gasbatterien vortransportiert und +eingebaut worden. Eine Batterie bestand aus 20 Gaszylindern. +Sechstausend Gaszylinder standen demnach zur Verfügung. Auf einen +Kilometer Frontbreite rechnete man damals fünfzig Batterien. Tausend +Flaschen. Zwanzigtausend Kilo Gas. + +Das alles wußte man plötzlich. + +Auch das: + +Um das Klirren des Metalls zu vermeiden, waren sämtliche Gaszylinder mit +Decken und Stroh umwickelt. + + * * * * * + +Erhöhte Gefechtsbereitschaft war angeordnet. + +Die Infanterie in die zweite Stellung zurückgenommen. + +Nur technische Truppen und MGs blieben vorne ... + +Fliegergeschwader summten wieder den ganzen Tag über. + +Pst! Ein Pfiff ... + +Alles wurde plötzlich so mäuschenstill ... + +Das Abblasen einer eigens dazu markierten Stammbatterie galt als Signal. + +Die Ventile von sechstausend Flaschen öffneten sich gleichzeitig. + +Es war ein brodelndes und zischendes Geräusch, es prickelte, fauchte, +als man das Gas aus den Mannesmann-Stahlröhren abblies. + +Jeder hielt die Nase hin, jeder schnupperte. + +Man merkte aber eigentlich noch so gar nichts. + +Ein graugrüner Schwaden zog jetzt schon auf die englischen Stellungen +zu. Mannshoch. Einen Kilometer tief. + +Die deutschen Batterien hämmerten wieder. + +An einigen Stellen biegen die den Zylindern aufgeschraubten meterlangen +Bleirohre unter dem Druck des ausströmenden Gases um. Knicken, krümmen +sich hin und her ... + +Das Gas fließt in die eigenen Gräben. + +Einen Trupp von acht Mann trifft das Gas mit voller Kraft. Man sieht, +sie halten krampfhaft den Atem an. Können nicht mehr. Legen sich einfach +um ... Andere schlagen mit den Händen dagegen, klemmen sich die Nase zu, +beißen sich die Lippen dicht: auch das hilft nichts ... +Sanitätsmannschaften eilen heran mit Sauerstoffapparaten. + +In drei Wellen auf einer Strecke von insgesamt sechs Kilometern trieb +eine riesige Chlorwolke. + +Dicke weißliche Nebelballen schieden sich ab. + +Teile flüssigen Chlors verdampften ... + +Max kniet sich auf den Rand eines Trichters herauf. + +Der Leutnant neben ihm beobachtet, die Stoppuhr in der Hand, den Verlauf +des Angriffs. Noch zwanzig Sekunden: dann aber hieß es nachstoßen. + +Die englischen Gräben standen jetzt mitten im Gasnebel. + +Und plötzlich wurde es dort lebendig. Wie aufgefegt wurden sie. Ein +unsichtbarer Besen kehrte das unterste zu oberst. Leute rannten mit +erhobenen Armen querfeldein. Hilferufe gellten. Einzeln, in Rudeln +flüchtete es dahin. Einer dreht sich immerfort um sich selbst. Er sprang +federnd hinweg wie ein Kreisel. Röcke schottischer Hochländer flogen. +Ein monotones heiseres Bellen: das Gebrüll der Turkos ... + +Ein leichter erstickender Geruch wurde nun bemerkbar. + +Augen tränten. Einige husteten. Nieskrämpfe. Spuckten aus. + + * * * * * + +Die deutsche Artillerie hämmerte, hämmerte. + +Der Leutnant zählte jetzt laut: + +15 – + +18 – + +19 – – – + +Eine Leuchtrakete zerstäubte hoch. + +Graue Knäuel bewegten sich, lockerten sich heraus aus den metertiefen +Poren der Erdlöcher, lösten sich auf. Kettenglieder. Ausschreitend, +hüpfend, dahinstolpernd. Schwarmlinie. + +Die deutsche Sturminfanterie stieß nach. + +Aexte. Scheren. Leitern. + +Verhaue wurden umgelegt. + +Ueber die ersten feindlichen Gräben hinweg ... + +Offiziere mit Karten: das feindliche Gräbensystem wurde gleich +korrigiert. Neu eingezeichnet. + +Kolbenschläge. Bajonettstöße. + +In einem Unterstand poltert eine Handgranate. + +„Vorwärts.“ + + * * * * * + +Die zweite feindliche Stellung kam in Bewegung. + +Auch die dritte Linie flog auf. + +Die Sturmabteilung zerschnitt sich das Schuhwerk an Flaschenresten und +Haufen von Konservenbüchsen. + +Gelblich-grün trieb die Gaswolke weiter. + +Es war wie eine Gespensterlandschaft, durch die man jetzt schritt. +Merkwürdig verfärbte Menschengesichter glotzten einem entgegen. Bis zum +Hals im Schlamm getunkt. Die Augen doppelt so groß wie bei Lebenden. Die +Stahlhelme weit ins Genick zurückgeschoben oder tief im Gesicht. Schaum +um die Münder. Einer rutschte aus einem nach rückwärts ein wenig +abgeflachten Granattrichter auf den Knieen herauf, er machte mit den +Armen Schwimmbewegungen. Ein ihm von einem stämmigen pommerschen +Landwehrmann in die Brust gestoßenes Bajonett brach ab ... + +Die feindliche Front war aufgerissen. + +Ein tiefes zackichtes Loch klaffte. + + * * * * * + +Es wurde Nacht. + +Scheinwerfer. Leuchtraketen. + +Erdfontänen schossen in die Luft. Die feindlichen Batterien kamen wieder +in Schwung. Es trommelte, hackte, wirbelte. Manchmal wie Platzregen. Man +verschanzte sich rasch hinter Fleischfetzen, Körperstümpfen, +Schlammhaufen. + +Pioniere wickelten wieder Stacheldraht ab. MG-Gruppen schoben sich vor. +Munitionstransporte im Laufschritt. Lebensmittellager waren genug +erbeutet. Man konnte sich also zwischendurch sattessen. Alles hatte aber +einen widerlich beizenden Geschmack. + +Und schon knackte es wieder im Vorfeld. + +Geduckt kroch es an. Ein rasender Schnitt durch die Luft: Pfiffe: hinter +einem, vor einem krümmte es sich ... Der Nebenmann links stürzte +vornüber; der rechte ächzte noch einen halben Fluch. + +Etwas sprang vor. Etwas sprang zurück. + +Es knisterte. Ein Messer zuckte. Körper schnellten gegen Körper. Wie +gespannte Federn. + +Man kam mit dem Gegner bis in Tuchfühlung. + +„Das ist Ursprache des Volkes. Aus dem Blut heraus wird bejaht: Dieser +Krieg muß sein ...“, fieberphantasierte irgendwo ein Leutnant herum. Max +juckte der Zeigefinger: „Brenn’ ihm eins!“ + +„Der ganze Krieg soll mich ...“, fluchte ein Soldat-Prolet und riß einem +„Pardon“ wimmernden Hochländer mit einem Ruck das Messer durch die +Gurgel. + +Pfui Teufel. + +Viele kotzten. + +Wieder andere hatten die Hosen voll. + +In den Kehlen steckte wie ein würgender Pfropf ein unwiderstehlicher +Brechreiz. + +Man watete schon wieder bis über die Knie in einem richtigen +Leichenmorast. Menschenmüll. Ueberall Pfützen voll Blutwasser. Hie und +da entlud sich wieder einmal eine Sprengmine zur Abwechslung. Es roch +süßlich, ranzig. Wie angebranntes Fett. + +Dort schüttete die explodierende Erde ein Massengrab hoch. + +„Offensiv-Parfüm“, meckerte einer. + +Eine MG-Mannschaft füllte den Kühlkasten ihrer Kugelspritze mit Urin +auf. + + * * * * * + +Max Herse bekam kaum noch Luft. Er lechzte nach einem Schluck Wasser. +Die Glieder, die Arme und die Beine, schlenkerten an ihm herum wie etwas +Fremdes. Er fühlte, daß sein ganzer Körper nur noch aus Knochen bestand. +Die Haut wurde ganz straff, spannte. Die Gelenke gingen ihm beinahe aus +dem Leim ... Das war die Todesangst ... + +Menschenleiche, Stein, Baum: das ist ein und dasselbe. Gleich wahr, +gleich unwirklich. Nur nicht lange Federlesens machen. Das lohnt sich +nicht. Irgendwo spaziert ein Irrsinniggewordener im Tanzschritt über das +Schlachtfeld. + +Gefangene wurden abgeknallt. + +Man sah kaum mehr aus den Augen vor Blutrausch. + +Zu einem wüsten Grinsen war das Gesicht einer Ordonnanz verzerrt, die +immer wieder von neuem ihre zweiunddreißigschüssige Repetierpistole lud +und damit einen Gefangenentransport nach dem andern umlegte. + +Der Zeigefinger der Ordonnanz war schwarz gefärbt von Pulverrauch. + +Die Menschen funktionierten wie Automaten. + +Wie auf dem Exerzierplatz. + +Stoß: Gegenstoß. + +Schlag: Hieb. + +Hart gegen hart. + +Ruck-zuck ... + +„Alte preußische Garde ... hahaha ... Prost Mahlzeit, altes Frontschwein +... Einen Kuß, Max Bruderherz. Hier einen Schluck Sturmschnaps ...“ + +Max kroch auf allen Vieren. + +Ein sinnlos Betrunkener torkelte ohne jede Deckung an, umarmte ihn, +tapste vorüber, rief noch: + +„Fünfe hab’ ich heute schon hinter mir. Knorke. Nun aber für heute +Feierabend und Schluß damit ...“ + +Ein Feldwebelleutnant knurrte herüber: + +„Stopf ihm die Schnauze ...“ + +Schwuppdich. Ein leichter Klaps vor die Stirn. Und der Feldwebelleutnant +schnappte mit einem Purzelbaum hintüber. Er kauerte sich noch zurecht. +Er wimmerte „Mami, Mami“, bis eine genügende Menge Blutes aus ihm +ausgequetscht war. + +Es gab fast keine Nuancen mehr in den Bewegungen. Mit dem ganzen +Lebenstrieb dahinter wurde so ein Bajonettstoß geführt. Manchmal glitten +die Messer mit einem spitzen Geräusch elastisch aneinander ab. Eines +stieß senkrecht auf die Verschlußschnalle der Koppel auf, bog sich zu +einem Halbkreis. Zuckte ab, sprang links vorbei mitten hindurch durch +die Niere. + +Man fraß sich mit aufgesperrten Augen, mit vibrierenden Nasenflügeln, +man fraß sich förmlich mit seiner ganzen Existenz in den Gegner hinein. + +Waren es noch Menschen oder mechanische Puppen? Mit dicken Mänteln waren +sie behängt. Mit einem wattigen Stoff, der bei einem Stich Ströme Blutes +sickern lassen konnte, waren sie ausgestopft. So haute es sich, +anscheinend ziel- und planlos, jetzt im Niemandsland herum. + +Reserven stürzten sich auf Reserven. + +Qualmend dunstete die Erde aus. + +Darüber Vollmond ... + + * * * * * + +Die feindlichen Bataillone hatten noch in der Nacht zum Gegenstoß +ausgeholt. – + + + V + +Weiter zogen die Jahre. Tag für Tag erschienen die Zeitungen mit +spaltenlangen Verlustlisten gefüllt. Alle Viere von sich gestreckt lagen +sie auf der Erde da: Männer, die Schädel zerfetzt, die Brust +aufgetrieben, die Gedärme brachen aus den geborstenen Uniformen heraus, +Millionen Männer lagen so, über der Erde, unter der Erde ... + +Noch immer kein Ende ... + +Tag und Nacht experimentierten Tausende von Chemikern. Wunderbare +Gasgemische entstanden in den Laboratorien. Zentner-Mengen Kampfstoff +schickten die deutschen Farbstoffindustrien in die Welt. Die in diesen +Fabriken beschäftigten Arbeiter wußten nicht, was sie produzierten. Die +organische Verbindung zwischen den Kriegsmaterialien und der friedlichen +Industrie ist im Kriegsgaswesen besonders eng. Fast alle Kampfgase +finden auch im friedlichen Leben Anwendung. Sie dienen entweder +unmittelbar für verschiedene friedliche Zwecke z. B. zur Desinfektion +des Getreides, von Wohnräumen und dergleichen, oder aber sie bilden +Zwischenprodukte für andere im friedlichen Leben unentbehrliche +Produkte. Vor allem stehen die Kampfgase mit der Farbindustrie in +Verbindung, zugleich aber sind sie auch für die Herstellung von +Medikamenten und photographischen Artikeln zu benutzen. + +Es marschierte auf das Chlor. + +Chlorphosgengemische. Chlorpikrinsulfuryl. 20000 Zentner Gaskampfstoffe +wälzten sich daher als Giftflut. + +Es marschierte auf Phosgen. + +Diente es einstmals nicht zur Herstellung einer ganzen Reihe hellroter, +blauer und violetter Farben?! + +Es marschierten auf die Arsine, aus dem gleichen Rohstoff hergestellt +wie die Arsen-Präparate. + +Acht deutsche Fabriken befaßten sich mit der Herstellung dieser +Kampfgase ... – + + * * * * * + +Und gegen 4 Uhr morgens begann wieder die Artillerieschlacht mit einem +gewaltigen Feuerschlage auf 70 Kilometer Breite. + +7000 Geschütze waren es, riesenkalibrige und großkalibrige, die die +Bekämpfung des feindlichen Grabensystems aufnahmen, gegen das auch eine +Unmasse an Minenwerfern und Gaswerfern eingesetzt wurde. + +Die feindliche Artillerie war durch das reichliche Infektionsschießen am +vorhergegangenen Tage schon zum Schweigen gebracht. + +Das feindliche Gelände war in dichte Gassümpfe verwandelt worden. + +Eine Doppelwalze lief vor der stürmenden Infanterie einher: eine Walze +mit Splittermunition dicht vor, die andere mit Gasmunition weit +vorauswandernd. + +Alle Truppen waren mit Gasmasken versehen. + +Pferde trugen Gasschuhe. + +Es gab schon Entseuchungskommandos in richtigen taucherähnlichen +Gasschutzanzügen. Riesige Mengen Chlorkalk, das entgiftend wirkte, +wurden auf Feldbahnen herangefahren. + +Man legte Gassperren, blaue Räume, gelbe Räume, bunte Räume, man +unterschied bereits zwischen Gasüberfall, Schwadenschießen, +Gasbrisanzschießen, Verseuchungsschießen. + +Eine richtige Gastaktik hatte sich entwickelt. – + + * * * * * + +Mit einem leichten dumpfen Knall explodierten ununterbrochen in der +Stadt die Gasgeschosse. + +Es roch nur ein wenig in den Straßen wie nach bitteren Mandeln. Man sah +kaum Menschen, einige nur, einen Bausch vor Nase und Mund, der mit einer +besonderen Flüssigkeit getränkt war. + +Verwundete zwar, die hier von der Front durchkamen, erzählten kaum +Glaubliches: + +„Die Deutschen verfeuern Geschosse, die geheimnisvolle Flüssigkeiten +enthalten, die verdampften und in gasförmigem Zustand die Fähigkeit +haben, Leder, Haut, Gemäuer zu durchdringen, und die, selbst in den +minimalsten Dosen eingeatmet, absolut tödlich sind. Und welch ein Tod! +Ja, erzählte man, sie wirkten auch durch die Haut selbst hindurch sofort +tödlich, starke Erregungen der Atmung, eine eigentümliche psychische +Unruhe machte sich sofort bemerkbar, Erbrechen, Magenstörungen, +Verlangsamung des Herzschlags, Bewußtlosigkeit. Geschmack und Geruch +gehen oft völlig verloren. Das aber sind nur die Nebenwirkungen. +Kennzeichnend ist der schleichende Verlauf. Zuerst etwa das Bild eines +Gletscherbrandes: erst nach mehreren Stunden eine Rötung, hierauf oft +beträchtliche Schwellungen der Haut. Blasen bilden sich, nicht selten +von unförmiger Größe, sie sind mit einer klaren, leicht gerinnenden +Flüssigkeit gefüllt, leicht eiternd. Das Sehvermögen wird durch eine +schmerzhafte Bindehautentzündung beeinträchtigt. Ja, das Auge kann +völlig zuschwellen und eiterigen Ausfluß absondern. Dann kommt das +Lungenödem: in den Lungen bilden sich überall kleine Herde von +angesammelter Flüssigkeit, die rasch wachsen und sich vereinigen können, +um schließlich den größten Teil des Lungenraumes auszufüllen und durch +zunehmende Beschränkung der Luftzufuhr tödliche Erstickung +herbeizuführen ... Nun, Luftgeschwader seien bereitgestellt, diese +Flüssigkeiten, die in die Fliegerbomben gefüllt sind, weit hinter der +Front über die Städte auszugießen ... Auch hätten die Deutschen jetzt +zudem Apparate, aus denen sie Flammen spritzten, und das alles +verwendeten sie zusammen, das eine nicht ohne das andere ... es sei +unmöglich, den Krieg noch länger zu führen, es sei einfach +menschenunmöglich sowas auszuhalten ...“ + + * * * * * + +Weiter fielen unterdeß die Bomben auf die Stadt. + +Ein dunkler schwerfälliger Regen, mit großen eisernen Tropfen ... + +Bald nah, bald fern: aber die Geschosse hatten nur eine geringe +Sprengwirkung. Die Einwohner fühlten sich mehr als bei früheren +Beschießungen geborgen. Auch Brandwirkung war keine zu beobachten. Es +war volle Frühlingssonne, die Straßen waren aufgeweicht, hoch oben +surrten die Fliegergeschwader in der blauen Märzluft. + +Aber trotzdem: nach Verlauf von einigen Stunden begann es. + +Die Einwohner hockten wie immer in den Kellern. + +Es war unheimlich. Es war noch nie dagewesen. Es war, um völlig den +Verstand zu verlieren. + +Irgendwer stürzte die Treppen herunter. Die Nase dieses „Irgendwer“ war +ein einziger blutiger Knollen. Er hatte sie sich vollkommen aufgejuckt. +Aus seinen Augen troff das Tränenwasser und dabei schrie er immer mit +heiserer Stimme: „Das ist das Wahnsinnsgas ... das Wahnsinnsgas ...“ Er +taumelte unten noch einige Schritte vor, dann stürzte er wo nieder, +fetzte sich die Kleider vom Leib, knirschte mit den Zähnen, kratzte und +knetete sich, ganz leise wimmerte er jetzt nur noch: „Die Boches. Die +ver...“ + +Wie auf Kommando begann jetzt auch schon der ganze Raum zu husten. + +Einige zündeten sich die Pfeifen an, pafften wie toll, behaupteten, das +wäre ein Mittel dagegen. + +Acht Menschen saßen da im Keller, fünf Frauen, drei Männer. Die Frauen +in mittlerem Alter, die Männer alle über fünfzig alt. Man hatte auch +Matratzen nach unten geschafft, man lag und stand da jeden Tag seine +fünf Stunden herum, das war einem schon so zur Gewohnheit geworden. Die +Kinder nahmen Spielzeug mit, einen Teddybär, der gar keine Angst hatte +und aus seinen Glaskugelaugen nach wie vor fröhlich in die Welt blickte. + +Jeder sah jetzt auf den andern. + +Einige nur stierten teilnahmslos vor sich hin. + +Die Beschießung hatte aufgehört. + +Oben klimperten Schritte. + +Der „Irgendwer“ jammerte in seinem Winkel ganz erbärmlich. + +André, kriegsinvalid, Feldzugsteilnehmer von 70/71, stieß ihn: + +„Na Junge, schwere Brocken was ...“ + + * * * * * + +Eine gespenstische Verwandlung bereitete sich vor. + +Die Gesichter der im Keller eingepferchten Menschen wurden plötzlich +schwammig, klößig, auch die Hände dunsen auf. + +Die Weiber fingen zu plärren an. + +Ein Hustenkrampf erstickte ihre Stimme. + +Seltsame Bewegungen machten sie mit Armen und Fingern, wie in einem +Traumzustand, ganz schwer, langsam, schleichend. + +Die Gesichter hatten nun eine Farbe wie Lehm. + +Der Körper fleckte sich. + +Die Schleimhäute bissen. + +Schüttelfieber jagte daher, Augen schwollen, unter den Fingernägeln war +es, als krabbelten dort lebendiggewordene widerhakichte Eisenspäne. Der +Kellerraum drückte wie ein unendliches Gewicht auf die Lunge herein. Wie +flüssiges Blei kochte es in der Brust ... Da wurde alles auch schon +schleierig, fadenscheinig, der ganze Raum wogte, alles floß auseinander +in Millionen unsichtbaren Wellen, merkwürdig summend ... + +Der Todeskampf der Gasvergifteten dauerte so einige Stunden lang ... + + * * * * * + +Es entspricht aber keineswegs den Tatsachen, was man sich späterhin oft +erzählt hat. Es ist nicht richtig, daß die von der Gasvergiftung +betroffenen Menschen sich im letzten Stadium der Vergiftung gegenseitig +noch angefallen haben, sich mit dem Messer bearbeitet oder gegenseitig +sich gebissen und gewürgt haben. Solche Ausbrüche wahnsinniger +Verzweiflung wurden nicht bekannt. Ganz das Gegenteil. Ohne daß sie +etwas dagegen unternommen hätten, trockneten diese Unglücklichen einfach +inwendig aus. Ein allgemeiner lähmender Zustand ging dem Endstadium +voraus. + +Keiner bewegte sich vom Platz. Sie blieben wie festgenagelt, wo sie +gerade saßen oder standen. – + + * * * * * + +Eine unsichtbare Gasdecke lagerte über der Stadt. + +Langsam drang das Gas überall ein. + +Es wehte daher durch Wasserleitungsrohre, durch Türritzen und +Fensterspalten, durch Mauern, durch Glas, durch Stein, durch Eisen. + +Es war völlige Windstille. Das Gas verflüchtigte sich nicht. + +Hunde, Hühner, Pferde lagen auf den Trottoiren, Klumpen, Fetzen von +Haut, auch das Leben der Bäume und Gräser schien restlos getilgt. + +Absolut tödliche Gase waren mit sogenannten Reizgasen gemischt: man +mußte vor Augen-, Nasen- und Mundschmerzen die Masken abreißen, das +absolut tödliche Gas fand durch die Luftröhre in die Lunge Eingang, und +man war rettungslos geliefert. + +Dann wieder setzte eine Gasbombenbeschießung ein, kombiniert mit +Brisanzgeschossen: so erreichte man außerdem noch eine hübsche +Sprengwirkung: durch die aufgerissenen Löcher flutete nun das Giftgas in +vollkommener Dichtigkeit. + +Vorne an der Front wurden die Bewegungen der nachstoßenden Infanterie +langsamer und unsicherer. Gewisse Gassumpfgebiete waren für sie +überhaupt nicht mehr passierbar. In Masken standen sich von nun an die +Bajonettfechter, die Handgranatenwerfer gegenüber. + +In die gasverseuchten Grabensysteme stürzten sich die Stoßtrupps hinein, +wie die Frettchen in einen Kaninchenbau. Mit Bajonetten und Handgranaten +kitzelten sie die letzten noch Ueberlebenden heraus. Zweifüßige +gespenstische Larven jagten in den Grabengängen hintereinander her, die +Büchse mit dem Filtereinsatz hing vom Mund herab wie ein kurzer Rüssel. + +„So ein Krieg – + +„Kotzbrocken – + +„Klamottenkrieg ...“ + +Und Max Herse fand eben in einem Unterstand, der zur Nachbardivision +gehörte, folgendes Flugblatt an einem Balken angeheftet: + +„Helft mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung habt, zur schnellsten +Beendigung des Menschenmordens. Verlangt das sofortige Ende des Krieges. +Erhebt euch zum Kampfe, getretene und hingemordete Völker! Es naht die +Stunde des Völkerfriedens. Nieder mit dem Krieg ...“ + +Quatsch. + +Was war das!? + +Wie ein Herzschlag pochte es in der Erde. Jeden Moment konnte man +auffliegen. + + + VI + +Deutsche Sturminfanterie stürmte auf dem Balkan. Im Wüstensand, hoch im +Gebirge. Der deutsche Soldat kämpfte auf einer Front, die so groß war, +daß die Sonne über ihr nie unterging. – + + * * * * * + +Herbst war. Weiche, braunrot getupfte Waldgefälle. Wie Riesenpolster +wölbten sich hoch die italienischen Berge. Himmel und Seeen wurden eins. +Glutblau, wie Lapislazuli. + +Das italienische Bataillon war nicht zu fassen. + +Es hatte sich, gegen jede Feuerart gedeckt, in Schluchten und Kavernen +eingenistet. + +Man unterscheidet zwischen Zielen, die mechanisch zerstörbar sind und +solchen, die nur chemisch zu erledigen sind. + +Zu den letzteren gehörte in diesem Fall die italienische Stellung. – + + * * * * * + +Vier volle Nächte dauerte der Antransport des Kampfgeräts. Da die +Anmarschstraßen von Truppen- und Sanitätskolonnen überfüllt waren, +mußten Seitenpfade begangen werden. Im Zickzack arbeiteten sich die +Trägerkolonnen empor, ausgetrocknete Waldbachschluchten mußten mühsam +überquert werden, immer wieder sanken die Träger von Müdigkeit übermannt +um, dann hieß es ein Plateau überqueren, das von der feindlichen +Artillerie voll eingesehen werden konnte, Felssplitter mischten sich mit +Granatsplittern, ein wahrer Splitterorkan ging nieder, es stäubte und +prasselte von oben her, von unten auf, von allen Seiten, in den Wipfeln +der Tannen pfiff es und knackte es, die Granataufschläge auf dem +Felsboden waren schrill und gellend. + +Ein Riß: ein Granatstoß fegte mitten durch eine Trägerkolonne hindurch. + +Sich um sich drehende plumpe Säcke rollten sie einen Abhang hinunter. +Ein Latschengestrüpp fing einige von ihnen auf, die anderen kollerten +schreiend weiter. + +Viele Träger warfen jetzt die Rohre weg. + +Endlich waren die tausend Gasminen an der deutschen Front eingebaut. +Tausend Rohre waren genau nach der italienischen Front hin ausgerichtet. +Es war ein Uhr nachts. Das deutsche Gaswerferbataillon stand in +Bereitschaft. + + * * * * * + +Es war eine Nacht wie alle Nächte. + +Rötlich-blau. Ein dunkel-tönender Strich war fern das Rauschen der +Bergwässer. Die tausend und abertausend Blinkfeuer der Sterne leuchteten +ungetrübt, hie und da riß sich ein Schuß aus dem Dunkel heraus, +Leuchtraketen stoben knatternd aus dem Erddickicht auf, eine kurze Salve +folgte, ein Durcheinander-Rattern, und wieder lag alles wie verkrochen +in einer Höhle da, die Hände der Mannschaften glitten von dem +Gewehrschaft ab, die Geschützbedienungen schnarchten, nur die +Horchposten wachten noch, jedes geringste Geräusch zeichnete sich ihnen +vielfach vergrößert ein in der Ohrmuschel, sie standen dicht vor dem +Stacheldrahtkranz unbewegt. – + + * * * * * + +„Zum Abschuß fertig ...“ + +Punkt zwei Uhr wurde eine Gassalve von über 900 Minen gleichzeitig +abgefeuert. Die Zündung erfolgte elektrisch von einer Stelle aus. + +Ein gewaltiger Feuerfächer durchsprang grell die Nacht. Tausend +Mündungsfeuer blitzten gleichzeitig auf. Hunderttausende von Menschen +hielten jetzt gleichzeitig den Atem an. Einige schreckten aus dem Schlaf +hervor: „Was ist ... Was ist los ...?“ Schneidend, eiskalt war dieser +Feuerschein, wie eiserne Zacken standen die fernsten Bergspitzen darin. +Und schon rauschte ein ebenso gewaltiger unterirdischer Donner auf, von +allen Bergwänden rings als hundertfaches Echo widerschallend, man bekam +einen Augenblick lang keine Luft mehr. Wie ein unsichtbares Gewicht +preßte auf alle Lungen die Luft herein. Die Magennerven rebellierten bei +einigen. Einige kauerten sich am Boden nieder, andere hatten Arme und +Beine von sich gestreckt. Wieder andere bedeckten mit den Händen das +Gesicht und heulten einfach drauf los. Jeder aber hielt sich irgendwo +fest. Und es war dies alles doch nur der Bruchteil einer Sekunde. + +Rudel von Leuchtkugeln flatterten sogleich empor. + +Ein riesiger schwarzer Rauchschleim zog unten dahin. + +Man hätte meinen können, man befinde sich hoch über den Wolken. + +Ein Rauschen, Summen, Sirren, Plätschern war in der Luft. + +Die Luft war wellengleich bewegt, wie unter der Einwirkung riesiger +Schraubenumdrehungen, Blasebälge oder gigantischer Propellerschläge. + +Endlich: + +Trum-trum ... + +Trum-trum-trumtrum ... vielhundertmal dieses: trum-trum ... und so fort. + +Es war das dumpfe Niederklatschen der Minen, die in kurzer Reihenfolge +aufeinander krepierten. + +Wieder Feuerschein ... + +Wieder diese Erderschütterung ... + +Wieder jene geheimnisvollen, sprengenden Flügelschläge ... + +Hinten und vorne, überall: Stichflammen – + +Eine zweite Salve krachte ... + +Eine dritte ... + +Wieder gurgelte es, ächzte es, der Erdgrund stieß ein paar Mal gewaltig +auf. Wie im Galopp ruckte der Boden einige Male von selbst nach +vorwärts, eine Erdschicht schob sich über eine andere, Schutt kam wie +eine Lawine ins Rollen und rutschte davon, steil prasselten breite +Erdfontänen hoch, mit riesigen Felsklumpen darunter, wie Hagel schlugen +sie wieder nieder. + + * * * * * + +Die Gasanhäufung im italienischen Graben war so dicht, daß die Gasmasken +völlig versagten. + +Die Minen aber waren zudem noch mit Einlagen aus Petroleum versehen, das +bei der Explosion zerstäubte und brennend den Stoff der Gasschutzmaske +durchlöcherte. Artilleriebrisanzfeuer setzte zu gleicher Zeit von der +deutschen Front ein. + +Sechshundert Mann lagen da, Pferde und Hunde darunter, krümmten sich, +platzten, stießen, einer irrsinniger als der andere, lallende Laute aus, +man konnte schon von Kopfwunden, Fleischwunden, Knochenschüssen nicht +mehr reden: das ganze italienische Bataillon war einfach zu einer +breiigen Masse zusammengestampft, die Gasschwaden zogen in den +Unterständen ein, räucherten sie aus, beim nächsten Windzug schlugen sie +wieder zurück, erhoben sich, senkten sich, je nachdem, und marschierten +nun, als unheimliche Kolonne, weiter in das Hinterland. + +Jeder Instinkt, jedes Denkvermögen hörte auf. Das Gesetz der Schwerkraft +selbst schien aufgehoben. + +Strudel bildeten sich, Luftgefälle, Luftwirbel, bewegliche Gasmauern, +Flammen zuckten hervor, ganze Flammenschleier wieder breiteten sich aus, +schrumpften, gerannen, und brachen plötzlich wieder hervor, ein dicker, +spiralig geschwollener Flammenstoß. + +Und mitten in den nun schon sich verflüchtigenden Gasnebel hinein +stießen einige Stunden später – es war jetzt gegen sechs Uhr morgens – +die Infanteriereihen, die Gasschutzmaske aufgesetzt, führten einen +verzweifelten Bajonettkampf durch, Maske gegen Maske. + +Geschlechter von zweifüßigen Larven stießen da mit blankem Messer auf +einem gespenstischen Schlachtfeld auf sich ein, mancher riß sich +plötzlich selbst die Maske von dem Gesicht herunter, eine angstverzerrte +Grimasse wurde einen Augenblick lang sichtbar, ein Schluck ... und schon +ertrank er rettungslos im Gassumpf. + +Die Sonne ging auf. Der Himmel drückte bald wie glühendes Eisen. Die +Erde selbst aber wurde darunter aufgeweicht, schäumte und brodelte, der +über und über durchtrichterte Boden schien wie ein mit flüssiger Lava +getränkter Feuerschwamm. Die Poren, die die Tausende von Granatlöchern +darstellten, waren mit Bündeln von Menschenleichen vollgestopft. Die +Luft zwischen Himmel und Erde stand still. Jeden Moment, dachte man, +fängt auch sie zu brennen an ... Kein Baum, kein Strauch. Schattenlos +strotzten auch die gewaltigsten Felsklumpen empor aus diesem +Flammensumpf ... + +Tausende von Gasvergifteten schmorten jetzt langsam sich zutod in der +Hitze. + +Manche Leichname fingen zu brodeln an. + +Fliegen summten, Käfer und Eidechsen krabbelten darüber. + +Da liegt so ein fleischiger Haufen: die Gedärme aus dem Bauch neben sich +hingeschüttet: ein seltsames Leben beginnt sich in dem Kadaver zu regen. + +Es riecht nach Oliven, nach Staub ... geronnenes Blut und faules Fleisch +riecht, Jauche und Eiter ... überall sieht man es qualmen ... + +Ein solches Unmaß an Hitze, wie es einem Gasvergifteten auferlegt ist zu +ertragen, kann man sich kaum vorstellen. + +Die ganzen Eingeweide verbrennen von innen, die Lungenwände sind wie mit +einer beißenden Säure ausgelegt, mit jedem Herzschlag pumpt es sich wie +siedendes Blei durch die Adern. Von oben preßt sich einem die Sonne, ein +scharlachener Klotz, schwer auf den Schädel, zentnerschwer; die Kehle +steckt wie zwischen einem langsam sich zudrehenden Schraubstock ... +Ekelhaft kleberig ist der Schlund, hart, porös wie Bimsstein fühlt sich +die Zunge an. + +Hunderte lagen noch auf den Knien vor den Sanitätern und flehten um den +Fangschuß. Morphiuminjektionen wurden verabreicht. Wieder einige hatten +das Glück, noch ihr Bajonett zu besitzen. Sie machten Harakiri. + +Gewaltige Strahlenmassen prallten jetzt in diesem Talkessel zusammen. + +Es war gegen Mittag ... + +Die Bergspitzen glänzten wie Messing. + +Junge Regimenter, flaumlose Kindergesichter, stolperten über diese +Leichenwelt hinweg im Sturmschritt. Italienische Tanks krochen die +Dolomitenstraßen herauf. + +Ueberall Menschenblutspritzer, Knochensplitter, Fleischfetzen: alles mit +Menschenblut vollgesogen. Bis über die Knie blieb man oft stecken im +Menschendreck. + + + VII + +Max Herse stand mit seiner Vision plötzlich mitten auf einem Platz der +inneren Stadt. + +Es lärmte Alarm. Es brandete und brauste ... + +Eine Musik: Räderknurren, Stahlhämmer, Treibriemen, Bohrer und Schaufeln +... + +Max rieb sich die Augen – + +Und das Schwergewicht der Welt hatte sich ihm unmerklich verschoben; es +war, als rückte sich ihm jetzt erst, das erste Mal, sein Inneres zurecht +... + +Muskelbänder, Adern, Sehnen, Armhebel: darauf ruhte die Welt, und als +Max ein vornehm aufgemachtes Spielwarengeschäft erblickte, da dachte er +schon wieder ganz proletarisch folgerichtig: + +„An diesen Puppenköpfen, Kinderuhren, Haarnadeln, dem ganzen +Schnickschnack der modernen Kleinindustrie klebt Blut und Schweiß +lebendiger Menschen, die unter den elendesten Verhältnissen ihr Leben +fristen. Der elegante Herr, der seine Autobrille dort aufsetzt, denkt +nicht daran, daß diese Brille zusammengesetzt ist in einer dunklen +Küche, die als Arbeitsraum dient, oder in einem Kellerloch, von +unterernährten darbenden Menschen ...“ + +So scharf, so anschaulich, so gründlich hatte Max bisher noch nicht +gedacht. + +„So muß gedacht werden, so muß die Welt angesehen, so muß sie erlebt +werden! Das ist der einzig berechtigte und historisch notwendige Denk- +und Anschauungsakt. So muß die Welt betrachtet werden und im Kampf von +uns Proleten verändert werden. Alles andere ist ein menschenmörderischer +Luxus ... Es gibt nur _einen_ Standpunkt, von dem aus diese vermorschte +Welt aus den Angeln gehoben werden kann, und dieser Standpunkt ist der +unsere.“ + + * * * * * + +In diesem Augenblick marschierte ein Zug der Kommunistischen Jugend +vorüber. + +Rote Fahnen wehten. + +Die „Internationale“ sang. + +Dieser Gesang hatte Rhythmus, Takt, Tonfall einer unerbittlichen +Kampfansage. + +Noch einmal verbanden sich Maxens Gedanken mit jenen Erinnerungen, die +ihn vor einer halben Stunde noch heimgesucht hatten: + +„Ja, die ganze Stadt war ein Trümmerhaufen, als wir damals +einmarschierten. Kein lebendes Wesen weit und breit. Nur in einem +verschütteten Haus aus einem Kellerloch die Stimme eines halb +verhungerten Kindes, das ... das die „Internationale“ sang ... Ja, ich +erinnere mich noch deutlich, das war für viele unserer Soldaten damals +ein grausamer, grauenhafter Weckruf. Viele wurden mit einem Mal +nüchtern. Das proletarische Gewissen gellte in ihnen wie eine +Sturmglocke. Tränen liefen ihnen über die Backen. Knirschten mit den +Zähnen ... Ja, der erste Zug unserer Kompagnie stand mitten im Marsch +auf einen Augenblick starr, wie versteinert zu einer Säule. Wir haben +das Kind dann ausgegraben. Es war ein belgisches Proletariermädchen. Die +ganze Kompagnie hegte es als ihr Kleinod. Es war unser Herzenshalt. Es +war das Beste, was wir damals hatten.“ – + +Da schwenkten die Jungkommunisten in eine Seitenstraße ab, und Max +bemerkte, wie er ihnen freundlich zunickte, er hatte auch, ohne daß er +sich dessen bewußt war, den Hut zum Gruß abgezogen. + +Er murmelte noch leise vor sich hin: + +„Bravo, Burschen! Nur so weiter! Ist nicht am Ende doch alles, was man +über euch herschimpft, eitel Lug und Trug!? Muß es denn nicht so sein!? +... Können euch denn eure Feinde loben!? ... Recht so! Vorwärts in die +Zukunft ... Auf eueren Schultern ruht – die Welt ...“ + +Ein Spießer bleckte die Zähne. + +„Was der für ein widerliches Gebiß hat. Man möchte ihm das Gebiß aus dem +Maul reißen. Pfui Teufel ... So eine feiste Fresse ...“ + +Es war inzwischen Abend geworden. + +Die ganze Stadt war wie eine sich immer wieder von selbst aufziehende +Mechanik, eine auf geheimnisvolle Weise immer wieder sich selbst +regulierende Wildnis voll intensivsten Leuchtens. – + + + VIII + +Max schob sich automatisch einige Straßen durch. + +„Nun muß ich aber doch endlich einmal auch bei Lene vorbeischauen.“ + +Lene war Arbeiterin in einer Trikotagenfabrik. + +Max hatte sie neulich nur kurz in der Versammlung gesprochen. Hie und da +sah man sich Sonntags, dann machte man einen Sprung in die Umgebung +Berlins hinaus, zu mehr langte es ja ohnedies nicht. Sie kannten sich +von der sozialdemokratischen Arbeiterjugend her. In der letzten Zeit +allerdings waren sie ganz außer Kontakt gekommen. Das kam, weil Max sich +seit einigen Monaten wenig mehr um Politik kümmerte, Lene aber ganz in +die Arbeiterbewegung hineinwuchs und eigentlich schon vollends darin +aufging. + +Lene empfing ihn gleich unter der Tür mit den Worten: + +„Du, Max, denk dir nur, gestern bin ich aus der Partei ausgetreten. Ich +kann es nicht mehr länger so mitmachen. Die letzten Wochen haben mir den +Rest gegeben ... Ich habe mich heute noch nicht entschieden ... Zu den +Kommunisten kann ich noch nicht ... Auch weißt du, hab ich so eine +Intellektuellenschrulle, das ist das mit der Gewaltfrage ...“ + +Max blieb gleich mitten im Zimmer stehen. + +„Die Gewaltfrage also ists. Das kann ich dir nur sagen: ich für mein +Teil könnte das nicht als Hinderungsgrund betrachten. Die ganze +Gesellschaft ist ja doch nichts weiter als Gewalt. Gewalt ist Geld, +Gewalt ist: daß du und ich in die Fabrik gehen, Gewalt ist, wie du +wohnst, das ganze Recht, alle Sitten und Gebräuche beruhen auf Gewalt. +Auf nacktester brutalster Gewalt ... Nur haben natürlich die, die +herrschen, ein Interesse daran, diesen bitteren Gewaltkern +wohlschmeckend zu machen. Sie schwätzen also vieles und schönes von der +Gewaltlosigkeit ihrer Gewalt. Sie legalisieren die Gewalt ... Ist nicht +die Arbeitsstätte heute für die weitaus meisten Menschen eine +Schlachtbank?! Der ganze Produktionsprozeß ist Gewalt, die Art und +Weise, wie produziert, wie verteilt und wie verdient wird ... Ja, gehe +nur einen Schritt so wie es der herrschenden Klasse nicht paßt, gleich +packt dich in der oder jener Form die Gewalt ... Der ganze +Gesellschaftsapparat, samt Staat, Beamtenmaschine, Militär, Polizei +dazu: Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und sieh: dieser friedliche +Gewaltkörper bricht eines Tags plötzlich aus und dieses Geschwür, bisher +nur unter der Oberfläche eiternd, das ist der Krieg ... Es bleibt uns +schon nichts anderes übrig, als diesen ganzen Gewaltkörper mit Gewalt zu +zerschlagen ... Und überhaupt: geschichtlich betrachtet: die Gewalt war +und ist noch immer seit jeher, seit Menschengedenken, die +Geburtshelferin jeder alten Gesellschaft gewesen, die mit einer neuen +schwanger ging ... Lene, du mußt wieder einmal das „Kommunistische +Manifest“ lesen. Wir müssen gewaltig viel aufholen, wir sind durch die +bürgerlichen Schulen und durch unsere verbürgerlichten Führer ungeheuer +verdorben und verbildet worden. Wir müssen uns wieder zu uns selbst +zurückfinden, zu uns, zu unserem unverfälschten instinktsicheren +Klassenstandpunkt ...“ + +Max streckte Lene die Hand hin. + +Die schüttelte nur ungläubig lachend den Kopf – + +Dann schlug sie ein. + +„Recht hast du, Max, sehr recht: wir sind an uns selbst irre geworden +... Ja, aber, Max, seit wann ... Das ist ja gut gekommen mit Dir! ... +Ich staune nur so ... Neulich in der Versammlung nämlich, da hast du mir +schon gar nicht gefallen ... Ich hab’ dich immer bei jedem Satz, den der +Redner sagte, beobachtet ... Ja, Max, das, was die Gewalt anbetrifft, +das weiß ich natürlich auch, so tief bin ich ja doch noch nicht +gesunken: auch die Ideen, die heute herrschend sind und die man uns so +schön eingewickelt durch die Presse als tägliche Herzens- und Gehirnkost +verabreicht, bedeuten Gewalt und dienen ihrerseits treu dem +Gewaltsystem, mittels dessen das Bürgertum über uns herrscht ... Aber, +schau: den Eintritt in die Kommunistische Partei: das muß ich mir +gründlich überlegen. Die Kommunistische Partei ist eben nicht so eine +Partei wie die anderen Parteien, das jedenfalls habe ich längst +begriffen. Da heißt es, voll und ganz in der Arbeit aufgehen, sich +opfern, restlos sich opfern. Disziplin halten, sich unterordnen. Sonst +hat das Ganze gar keinen Sinn ... Und darum, um diesen letzten Entschluß +kämpfe ich noch. Das muß doch ein jeder ernsthaft vorher mit sich selbst +abmachen. Kann ich das, was von mir verlangt werden wird, auch leisten? +Daraufhin prüfe ich mich ... Aber ich werde schon wohl nicht anders +können ...“ + + + IX + +Es war spät Nacht, als Max sich auf den Heimweg machte. + +Er fühlte sich gewaltig gestärkt und über sich selbst emporgehoben. + +„Ich werde schon fertig damit. Nur keine Bange ... Ich bin in den +letzten Tagen der Lösung des Problems schon ziemlich nahe gekommen ... +Lene ist ein Prachtkerl ... Auch sie hat mir noch geholfen ... Wird der +Wilhelm Augen machen, wenn ich ihm erzähle ... Nun gut so ... Jetzt nur +noch ein kleiner Stoß ... Doch genug für heute ...“ + +Die Straßen waren menschenleer. + +An einer Straßenbahnkreuzung wurden die Schienen ausgebessert. Ein +Haufen von Arbeitsmännern hantierte mit Schweißapparaten. Schienenhobel +flitzten. Eine Weiche wurde schwer herausgehoben. + +Das blaue Licht der Sauerstoffgebläse gespensterte magisch auf und ab in +der Nacht. Huschte die Häusermauern entlang. Wie Gerippe, mit fahlen +Knochenhäuten bespannt, geisterten sie ... + +„Arbeitskollegen. Genossen. Proleten. Wir. Du und ich. Wir gehören +zusammen ... Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ + +Ein wunderbarer Satz! + +Max sprach ihn immer wieder vor sich hin. + +Welcher Menschengehirnkraft, Menschenerfahrung, welchen Menschenleids +bedurfte es, um diesen proletarischen Block zusammenzuschweißen! Trieb +nicht vorher die ganze Menschheit in einem riesigen Leidensmeer, +Traumtrümmer an Traumtrümmer!? Was an Heroismus, Aufopferung, Disziplin +wird weiterhin nötig sein, um diesen Block in Bewegung zu setzen, welche +gewaltigen Hebelkräfte, ihn über die dem Untergang geweihten +Geschlechter der Vergangenheit hinweg in die Zukunft zu wälzen! ... Gebt +uns eine Partei! so schrie es aus Millionen Mündern in allen +Menschensprachen. Gebt uns eine Partei! Einen aus Millionen +Proletarierarmen geschmiedeten Hebelarm, eine eisern in sich gefügte +Organisation, ein Willens-Kollektiv, ein Erfahrungs-Kollektiv ... und +verlaßt euch drauf: wir werden es schaffen! + +„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ + +Eine Parole. Eine Fanfare. Der alarmschmetternde Grundton des +proletarischen Siegesmarsches. – + +Max marschierte im Infanterieschritt. + +Pfiff dazu ... + +Marschierte mit Hunderten, mit Tausenden ... + +Im Gleichschritt. Im Arbeiter-Marsch. + +Kolonnen marschierten auf Kolonnen ... + +Manchmal gewitterte ein elektrischer Schein über den Horizont herauf. + +Auch schimmerte es schon rötlich an der Himmelsferne. Nun färbte sich +ein langverzogener Wolkenstreifen lebendig rot. + +Die ersten Fabriksirenen heulten ... + +Ein riesiger steinerner Pfuhl, ein ungeheurer aus Granit und Zement +gehauener Leidenstümpel ist diese Stadt. Morgen, übermorgen, wie schön +und frei werden dann die Menschen wohnen! + + * * * * * + +So glücklich und kräftig zugleich war Max in seinem Leben noch nie. – + + + + + 5. Kapitel. + + Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub + + + Abkommandiert zum Gas-Dienst. – Ein + Kamerad von den Luftstreitkräften. – Die + Kriegsdebatte im amerikanischen + Offiziersklub. – Einige wichtige + Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den + imperialistischen Krieg. – Der Völkerbund + organisiert den Vernichtungskampf gegen + die Kommunisten im Weltmaßstab. „Vertilgt + die Kommunisten wie Ratten!“ – Mary Green + auf dem elektrischen Hinrichtungsstuhl. – + Generalstreik in USA. – Eine rote Zelle + in der amerikanischen Armee. GBRO: + Geheim-Bund revolutionärer Offiziere. – + Es kann beginnen! – + + + I + +Seit einem Vierteljahr war der amerikanische Leutnant der Infanterie +Frank Morrow zum Gasdienst abkommandiert. Frank Morrow entstammte einer +Arbeiterfamilie, er selbst arbeitete vor dem Krieg bei Ford. Auf den +Schlachtfeldern Frankreichs avancierte er, gegen Ende des Krieges war er +Führer eines Stoßtrupps. Frank Morrows Körper selbst glich einem +Schlachtfeld: Arme und Beine trugen breite Narben von Bajonettstichen, +der linke Lungenflügel war zweimal durchlöchert. Damals, im kleinen +Kriegslazarett von Belleville, wohin er schwer verwundet aus der großen +Angriffsschlacht der Deutschen heraus gerade noch rechtzeitig +abtransportiert werden konnte, schwanden ihm die letzten Illusionen über +den Krieg, mit denen er über den großen Ozean gegen die Deutschen +gezogen war ... Immer wieder brach das zerschossene Lungengewebe auf, +das blutige Exsudat drückte auf das Herz, die Aerzte hatten die Hoffnung +aufgegeben. Frank konnte es nur noch mit dem Sauerstoffapparat +aushalten, er bekam keine Luft mehr. Eine Punktion folgte der anderen. +Bis eines Nachts, Frank erinnerte sich daran genau, der Arzt mit einer +Schwester hereinstürzte, ihm den Augendeckel lüftete, den Kopf +schüttelte ... und Frank auf den Operationstisch gelegt wurde, während +der Arzt zum Assistenten bemerkte: „Vorsicht beim Aufsitzen, er kann uns +unter der Hand bleiben.“ Frank war von dem vielen Sekt, den Herzmitteln +und dem Morphium ganz dösig. Trotzdem fühlte er ganz deutlich, um was es +ging. Sein oder Nichtsein. Er sprach zu sich mit einer wimmernden Stimme +einen militärischen Befehl. Und wieder wurde eine Punktion vorgenommen +... + +Nach weiteren acht Tagen war Frank bereits auf und spazierte im Garten +des Kriegslazaretts umher. Ununterbrochen heulte und schluchzte er, die +Augen waren an das Licht nicht mehr gewöhnt, die Nerven bis aufs +äußerste angespannt, der Körper war außer Rand und Band, es schüttelte +ihn hin und her, und es begann ein langes intensives Zittern ... + +Damals lernte Frank Morrow Thomas Butler kennen, Thomas Butler vom +dritten Flugzeuggeschwader. Den Namen kannte er, Thomas Butler hatte in +der Heeresgruppe die meisten Abschüsse. Er war der Sohn eines Chikagoer +Holzwarenfabrikanten, zynisch und aufgeklärt, und führte sich bei Frank +gleich mit den Worten ein: „Der ganze Krieg, Kamerad, ist weiter nichts +als eine Riesenprofitquetsche ... Wir allesamt sind die Beschissenen +...“ Und die Gespräche über den Krieg wurden fortgesetzt. Thomas las +dabei oft Stellen aus den Briefen einer gewissen Mary Green vor, von der +Frank zunächst nur wußte, daß sie die Freundin Butlers und eine +Sozialistin war. Frank wurde zum Nachdenken gezwungen. Er wehrte sich +zwar oft innerlich dagegen, Thomas ließ aber nicht ab, und das Resultat +war: auch Frank Morrow betrachtete seitdem alle Vorgänge mit kritischen +Augen. + +„Für wen eigentlich schlagen wir uns!?“ fragten sich die Beiden. Und die +Antwort hieß: für das Bankhaus Morgan und Kompagnie. + +„Und für wen die Deutschen!?“ „Für die „Deutsche Bank“ vielleicht. Die +Firma kann aber auch anders heißen.“ + +Und wer hat den Krieg begonnen? + +Keiner von beiden. Und alle Beide. + +Wenn zwei Räuber sich um die Beute streiten, da ist es schwer, zu +entscheiden, wer angefangen hat. Außerdem, wer einen Verteidigungskrieg +und wer einen Angriffskrieg führt, das kann nur historisch entschieden +werden. Die diplomatische Frage kommt hier nicht in Betracht. Aber +historisch betrachtet führt nur der einen Verteidigungskrieg, der eine +höher organisierte Gesellschaftsform gegen eine reaktionäre verteidigt. +Ob er dabei angreift oder der Angegriffene ist, ist gleichgültig. 1914 +...!? Sie waren sich klar darüber, was alle die Phrasen von +Nationalehre, Vaterlandsverteidigung, Freiheitskampf bedeuteten ... +Eigentlich sind wir ganz elende Hunde, sagten sie sich, daß wir uns +sowas gefallen lassen ... einfach unter Einsatz unseres Lebens die +Kastanien für die Riesenfinanzschufte aus dem Feuer zu holen?! ... Man +kommt sich bei einem solchen Sklavendienst selbst verächtlich vor ... + +Eines Tages setzten sie sich wieder einmal zusammen. Sie versuchten es +jetzt mit dem Galgenhumor. Zwar der Galgen wird dabei nicht aufgehoben +... „aber Geduld, wir zerreißen vielleicht doch noch dieses ganze +Riesengespinst von Lebenslüge, in das wir noch verstrickt sind. Wir sind +schon dabei ...“ Sie zählten auf, was jeder kriegführende Staat +eigentlich von sich behauptet. Ohne Mühe ließ sich folgendes dabei +herausfinden: Daß er einen Verteidigungskrieg führt und für die gerechte +Sache kämpft, daß er einen Kampf für Freiheit und Zivilisation aller +Völker führt, daß er einen dauernden Frieden anstrebt, daß er alle +Kräfte anspannen und kämpfen wird, bis der Gegner endgültig +niedergeworfen ist, daß er ohne Zweifel Sieger bleiben wird, daß er +siegreich vorgeht und nur geringe Verluste zu verzeichnen hat, daß die +Bomben seiner Flieger nur militärische Institutionen der Gegner treffen +und immer mit großem Erfolg, daß seine Artillerie und seine Flieger +bedeutend besser sind als die Flieger und die Artillerie der Gegner, daß +er gerade jetzt große Unternehmungen plant, die unbedingt Erfolg +versprechen, daß der liebe Gott ihm zur Seite steht ... + +Und jeder kriegführende Staat behauptet weiter: + +Daß der Gegner den Krieg gewollt hat und seit langem dazu rüstet, daß +der Gegner den Krieg angefangen und „uns“ überfallen hat, daß der Gegner +einen Eroberungskrieg führt und die Welt beherrschen will, daß der +Gegner das Völkerrecht mit Füßen tritt, daß der Gegner die Neutralität +kleiner Staaten bedroht, daß der Gegner den Krieg mit barbarischen +Mitteln führt, Dum-Dum-Geschosse anwendet, das Rote Kreuz mißbraucht, +Gefangene mißhandelt, Frauen vergewaltige, mordet und plündert, daß die +Kriegsgerichte des Gegners eine Verhöhnung des Gesetzes sind, daß der +Gegner Gefangene tötet, freie Städte bombardiert, Frauen und Kinder +tötet, „uns“ aber damit nie einen militärischen Schaden zufügt, daß der +Ueberfall des Gegners immer im Keim erstickt oder mit großen Verlusten +für den Feind zurückgeschlagen wird, daß der Gegner Gasbomben gebraucht, +ein Seeräuber ist, ohne Notwendigkeit den neutralen Handel unterbindet, +daß die Informationen des Gegners durchwegs Lügen und Verleumdungen +sind, daß der Gegner die Neutralen mittels Lügen, Drohungen und +Bestechungen zu bearbeiten sucht, daß der Gegner die neutralen Staaten, +zu deren größtem Unglück, in den Krieg hetzt, daß der Gegner an +Geldmangel, Teuerung, Industriekrisen leidet, daß die Kriegsanleihen des +Gegners nur durch Betrug zustande kommen, daß beim Gegner Epidemien +wüten, daß im Lande des Gegners Streik und innere Zerwürfnisse +herrschen, daß beim Gegner Minister und Generale zurücktreten, daß der +Gegner kampfesmüde ist ...“ + +Sechsunddreißig solcher Punkte hatte man leicht beisammen. Kein Zweifel: +die Staatsmänner und Politiker aller Nationen verfügten über eine ganz +gerissene Technik, die Völker gegenseitig in Schwung zu bringen ... Und +die beiden Offiziere sahen sich ratlos an: „Und nun, wir ... was mit +unseren Erkenntnissen anfangen ... Was tun ...!“ + +Und zu gleicher Zeit kam ein Brief, der mitteilte, Mary Green sei wegen +antimilitaristischer Propaganda zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt +worden. In diesem Brief stand: „Es ist gut abgegangen. Eine große Anzahl +von Antimilitaristen wurde gelyncht, die grauenhaftesten Bestialitäten +sind dabei vorgekommen ... Lieber Junge: Mary läßt Dir sagen, Du sollst +gründlich über das alles nachdenken und endlich auch die Konsequenzen +ziehen. Dieses Menschheitsunglück kann von uns, die wir die Einsicht in +den ganzen Mechanismus haben, nicht weiter schweigend ertragen werden. +Agitiere für den Frieden ... Doch der einzige Kampf gegen den Krieg: das +ist die soziale Revolution ...“ + +Die beiden Offiziere wurden noch unschlüssiger. + +Doch das Ende des Krieges kam. + +Die Waffenstillstandsverhandlungen begannen. + + + II + +Welch eine Rückfahrt! + +Ein glorreicher Siegeszug übers Meer! Welch ein Triumph! + +Als die Transportdampfer in Sicht der Newyorker Freiheitsstatue gekommen +waren, begannen plötzlich mit einem Male alle Schiffssirenen zu heulen, +Leuchtraketen schossen auf, Hunderte von Torpedobooten und Schaluppen +umkreisten die Heimkehrenden. Die Militärkapelle spielte die +Nationalhymne. + +Die Wolkenkratzer glühten. + +Hoch hinauf in die Nacht brannten die Siegesfeuer. – + + * * * * * + +Die Truppen waren ausgeschifft. + +Umarmungen. Küsse. Endlose Händedrücke. + +Die Tränen der Tausende von Witwen und Waisen glätteten nicht diesen +Freudenstrudel. + +Auch Frank Morrow und Thomas Butler waren heimgekehrt. + +Mary Green war aus dem Gefängnis entlassen ... + + * * * * * + +Das Nachkriegsleben begann. + +Weder Frank Morrow noch Thomas Butler nahmen ihren Abschied. Sie blieben +bei der Truppe ... Auch Mary war dafür, überall mußte angepackt werden, +und man konnte nicht wissen ... Denn von Abrüstung war nicht die Rede, +im Gegenteil. Die Waffen wurden vervollkommnet. Die Kriegserfahrungen +eigentlich erst jetzt recht ausgewertet. Es gab großartige Manöver, +Manöver, bei denen kein Mensch mehr sichtbar war: sie wurden nur mit +mechanischen Kriegsmitteln, mit Tanks und mit Panzerwagen ausgeführt. Es +wurden gewaltige Befestigungspläne besprochen, der Panamakanal und die +Hawaiischen Inseln sollten zu Wunderwerken modernster Kriegskunst +ausgebaut werden, zu den stärksten militärischen Stützpunkten der Welt. +Militärischer Drill begann bereits in den Schulen, Privatarmeen wurden +aufgestellt, geheime illegale Organisationen, militärisch organisierte +Streikbrechergarden entstanden ... Das Land wurde unruhig ... Millionen +enteigneter Farmer wanderten in die Städte. Die Regierung griff straff +in die Zügel. Prozesse gegen Sozialisten häuften sich. Zu gleicher Zeit +wurden die Propagandamittel, Kino und Presse, stark forciert. Rußland: +so hieß die Gefahr. Im Herzen Amerikas selbst wohnt Rußland. Die +werktätigen Massen Amerikas schauten nach Russland. Gefängnismauern und +Barrikaden mußten gegen die rote, gegen die bolschewistische Gefahr +errichtet werden ... Da liefen in allen Newyorker Kinos schon die +antibolschewistischen Greuelfilme: da war zu sehen, wie es die +Kommunisten trieben: Berge von Erschossenen häuften sich vor dem +andächtig glotzenden Publikum ... Die weißgardistischen Emigranten +stützten den Feldzug: sie schrieben Lebenserinnerungen, und ihre Flucht +aus dem roten Massengrab war wirklich heldenhaft abenteuerlich. +Kapitalisten aller Länder vereinigt euch! Diese Parole, zwar nicht so +deutlich ausgesprochen, wurde bis zu einem gewissen Grad zur Tat ... + +Japan wuchs sich energisch groß. + +Vereine von Rassenschützern erhoben warnend die Stimme. + +Da geschahen einige Erdbeben, Feuersbrünste bei den Gelben: man dankte +auf Wallstreet Gott auf den Knien. Doch bedeutete das nur einen +zeitweiligen Aufschub. + +Man hörte aus Deutschland: Die Arbeiterschaft mobilisiert sich, Rote +Armeen bilden sich, das bolschewistische Feuer springt nach Europa über. +In der amerikanischen Finanzwelt gab es zwei Meinungen: die einen: das +kümmert uns nicht, laßt Europa Europa sein; die anderen: wir brauchen +Europa, unser Kapitalexport stockt ... Deren Meinung setzte sich +allmählich durch. In Deutschland war Ruhe und Ordnung auch wieder +eingekehrt. Frankreich klopfte man rechtzeitig noch auf die Finger. Der +Frank sank ... Und die Vertreter der Nationen erschienen, +der amerikanische diesmal mit einbegriffen, zur Lösung des +Reparationsproblems am Verhandlungstisch. – + + * * * * * + +Die beiden Freunde bildeten sich weiter. Es war ihnen allmählich bewußt +geworden, welche Funktion sie als Offiziere der bewaffneten Macht +auszuüben hatten. Sie wurden radikale Sozialisten, das heißt gründliche +Sozialisten. + +„Jeder an seinem Platz ... Und wir, wir werden _hier_ unsere Pflicht +tun.“ + + + III + +Die beiden Freunde hatten sich wieder in Newyork getroffen. + +„Und wie stehts in Edgewood! ...“ + +„Nicht gleich mit der Türe ins Haus fallen, Thomas ... Darüber später +...“ + +„Wir gehen gleich in den Klub!?“ ... + +„Ja, und morgen treffen wir uns mit Mary ... Es wird allerlei +Interessantes zu berichten geben ... Auch Bolleff ist hier, ein +bulgarischer Genosse ... Aber man muß auf die Detektivs acht geben ... +Die Luft wird immer dicker ...“ + +Ein gewaltiger Menschenstrom begann. + +„Ah, die Weltmeisterschaft ...“ + +Und schon schwirrten die Gesprächsfetzen: + +„Ich setze auf Dempsey!“ + +„Dempsey?! ... Ja, man weiß nicht, was wahr ist. Aber man hat sich ganz +erstaunliches von dem Argentinier erzählt ...“ + +„Ach, diese Stierhelden und Pampasbullen, meist ist’s nicht viel gerade, +was dahinter steckt ... Ein schwerer mörderischer Schlag, der kein Gras +mehr wachsen läßt, wo er hintrifft ... Aber Technik, meist keine Ahnung; +... Auch keine Luft, höchstens über drei Runden Stehvermögen ... Alles +Reklame, Maulaufreißertum, Profitgier ... Da, sieh’ nur ...“ + +Und der ununterbrochen sich dahinwälzende Menschenstrom erfaßte die +beiden Offiziere, schob sie mit von Straße zu Straße, Hunderttausende +trieben so vorwärts, der Riesensportarena zu, in der heute die +Weltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen Dempsey und Firpo +ausgetragen werden sollte. Das Geschrei der Straßenhändler, das +blitzende Rauschen von Lichtkegeln in der Luft, gleitende Trottoirs, +fünfzigstöckige Wolkenkratzer, bengalisch illuminiert, unübersehbare +Reihen von Automobilen, die im Menschenstrom steckengeblieben waren, +Absperrungsketten der Polizeimannschaften, Billethändler dazwischen, +alles erdrückt, gequetscht, manchmal wieder vor dem Eingang ganze +Menschengruppen um sich selbst kreisend, wie Menschenwirbel, und dort +hingen wohl zehn Meter große Plakate mit den beiden Boxergestalten, da +sprach irgend jemand vom Balkon durch einen Schalltrichter, eine zweite +Stimme gegenüber aus einem Lautsprecher, dort glitten die Hochbahnen +vorüber, Lichtpunkte flimmerten hinauf in die Nacht, Lichtbänder rollten +wieder hoch oben vorüber, leuchtende Buchstaben, „Persil bleibt Persil“, +„Die Zarin ist soeben in Washington eingetroffen“, Aufzüge sah man +strahlend aufwärtsgehoben in gläsernen Warenhäusern, die Asphaltböden, +über denen diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, das merkte man; +ein langhingezogener Donner: das waren die Untergrundbahnen, ausgedehnte +Zementröhrensysteme unterflochten die Erde ... Dempsey – Firpo: ein +einziger Gedanke, ein einziger Wille war diesen Hunderttausenden +aufsuggeriert, dieser Gedanke trieb sie, packte sie, peitschte sie, +flammte sie vorwärts, dieser tausendgliederige Massenkörper war nur von +der Sucht nach diesem einen Erlebnis durchschüttert ... + +„Wie am Tag der Kriegserklärung ...“ + +„Erhebend! Gewaltig!“ + +Den beiden Offizieren war es gelungen, die Menschenmassen zu +durchkreuzen und in eine leere Seitenstraße einzubiegen. Diese +Seitenstraße war wie ein vom Wellenschlag unberührtes Bassin. + +„Und denkst du eigentlich noch oft an den Krieg?“ + +„Dann ragten sie empor zu brutaler Größe, geschmeidige Tiger der Gräben, +Meister des Sprengstoffs.“ So habe ich neulich im Gedicht eines +Deutschen gelesen. Ob ich noch an den Krieg denke? An den, der gewesen +ist, nicht mehr. An den, der kommen wird. Ich bin doch schließlich zum +Gasdienst abkommandiert.“ + +„Ich bin gespannt auf heute abend. Man müßte öfter solche Vorträge hören +können. Immerhin, gegen früher, es wird jetzt in der Armee doch mehr für +politische und kriegswissenschaftliche Bildung getan ...“ + +„Die Deutschen waren uns darin bei weitem überlegen. Doch wir haben den +Vorsprung eingeholt ... Die Welt gehört USA. Ich sage das +nicht unbegründet. Ich gehöre gewiß nicht zur Gattung jener +Hornochsenpatrioten, die nicht weiter als ihre eigene Nasenspitze +reicht, zu blicken vermögen. Ich sage das, na ... auf Grund meiner +Erfahrungen in Edgewood. Verstehst du mich ... Vom militärpolitischen +Standpunkt aus, meine ich das.“ + + + IV + +„Das chemische Kampfmittel ist gekommen, um zu bleiben. Mit dieser +Tatsache wird sich die Welt abfinden müssen.“ + +Mit diesen Worten begann Professor Snowden seinen Vortrag vor Offizieren +der amerikanischen Marine, des Heers und der Luftflotte. Auch Vertreter +der Zivilbehörden und der Industrie waren dazu erschienen. + +Professor Snowden gab zunächst einen kurzen geschichtlichen Rückblick. + +„Jahrtausende liegen die Anfänge des Gaskriegs zurück, künstliche +Staubwolken, raucherzeugende Brennstoffe, Vernebeln der feindlichen +Stellungen und Ausräuchern: das war schon im Altertum und im Mittelalter +bekannt. Und schon im Jahre 1854 wurden dem englischen Kriegsministerium +Gasbomben vorgelegt. Ein deutscher Apotheker war es, der während des +deutsch-französischen Krieges 1870-71 eine Füllung der Granaten mit +Veratrin empfahl, einem lediglich stark zum Niesen reizenden Stoff. Sein +Vorschlag kam damals jedoch nicht zur Durchführung. + +„In den 500 Jahren, die vergangen waren, seit die Feuerwaffe Harnisch +und Lanze überwand, hat man anfangs langsam, dann in den letzten 50 +Jahren in außerordentlich gesteigertem Tempo gelernt, die +Feuergeschwindigkeit, die Durchschlagkraft und die Rasanz der fliegenden +Eisenteile zu erhöhen, mit denen man den Gegner bekämpfte. Dabei war man +zu einem Punkte gelangt, der die bisherige Kriegsführung praktisch +umwarf. Denn alle diese fliegenden Eisenteile waren von größter Wirkung +im freien Feld, aber durch Erdwälle von mäßiger Stärke verhältnismäßig +bequem aufzuhalten. Das gab dem Verteidiger eine grundsätzliche +technische Ueberlegenheit über den Angreifer. Der menschliche Körper mit +seinen zwei Quadratmeter Oberfläche stellte eine Zielscheibe dar, die +gegen den Eisenstrudel von Maschinengewehr und Feldkanone nicht mehr +unbeschädigt an die verteidigte Stellung heranzubringen war. Der +Verteidiger konnte nicht vor dem Sturme in seiner Erddeckung +niedergekämpft werden, weil ihn die fliegenden Eisenteile nicht genügend +erreichten. Es war eine Sache der naturwissenschaftlichen Phantasie, +diesen Zustand voraussehen und auf die Abhilfe zu verfallen, die der +Stand der Technik möglich machte. Diese Abhilfe ist der Gaskrieg.“ + +Während Professor Snowden exakt die drei verschiedenen Etappen der +Gasexperimente im Weltkrieg schilderte, das Gasblasen, das Gasschießen, +das Gaswerfen – wobei er unablässig betonte, daß es sich damals +lediglich um Experimente handelte und sozusagen der Gaskampf noch in den +Kinderschuhen steckte – überlegt sich Frank sprunghaft die neuesten +Arbeiten des „Gasdienstes“ in den Laboratorien und auf den +Uebungsplätzen von Edgewood. + +„Ja, in der Tat, man kann sagen, das Problem der Fernlenkung ist gelöst. +Eine Kommandotafel, ein Druck: automatischer Start: und das mechanische +Flugzeug, durch keinerlei atmosphärische Verhältnisse behindert, schießt +– 500 Kilometer Stundengeschwindigkeit – seinem Ziel zu ... +Phantastische Gedanken, allein der Technik ist kein Ding unmöglich ... +Sehen wir nur unsere modernen Tanks an. Wie wendig sie sind, wie +schnell. 70 Kilometer machen wir heute schon mit ihnen pro Stunde. Eine +ideale Verbindung von Feuer und Bewegung! ... Wie war es nur bei den +letzten Manövern? Da sah man schon keinen Menschen mehr. Auch die +Munitions- und Proviantübernahme, sowie Mannschaftswechsel erfolgten +vollkommen automatisch, durch Reservekampfwagen ... Nun besteht das +Problem noch darin, die Tanks gasdicht zu machen. Dann durchqueren wir +mit ihnen wie mit Unterseebooten die Gassümpfe. Der Krieg hat nun einmal +die feste ungepanzerte Feuerlinie durch die gepanzerte bewegte +Feuerlinie ersetzt ...“ + +„So ist also, dachte Frank zu Ende, der kommende Krieg wieder ein +Bewegungskrieg. Das Massenheer wird durch das Spezialistenheer ersetzt. +Uebergänge sind möglich. Genaue Prophezeiungen lassen sich natürlich +nicht anstellen. Aber das Ueberraschungsmoment gewinnt ungeheuer an +Bedeutung ...“ + +Das sprach auch soeben Professor Snowden aus: + +„Die chemische Kriegsführung stellt zur Zeit die letzte +Entwicklungsstufe der Kriegskunst dar. Sie ist die bisher +wissenschaftlichste aller Kampfmethoden. Vom ökonomischen Standpunkt ist +die chemische Waffe billiger als alle anderen. Sie ist aber auch die +humanste. Meine Herren! Man hat die Verwendung von Giftgasen als +Kampfmittel grausam und unnatürlich genannt, unzweifelhaft ist dies auch +im Anfang so empfunden worden. Aber man muß dabei doch bedenken, daß man +jede neue Methode der Kriegführung, so auch die Einführung des +Schießpulvers als grausam bezeichnet hat, erst allmählich hat es seine +Schrecken verloren. + +„So stehen alle Weltmächte demnach sichtlich unter dem Eindruck, daß die +Ueberlegenheit in einem kommenden Krieg dem gehören wird, der +überraschend einen unparierbaren Hieb mit der chemischen Waffe führen +kann. Erstrebenswert darum ist die Herstellung geheimgehaltener +Gaskampfstoffe, die kein anderer hat. Es ist ohne weiteres also +selbstverständlich, daß geheimgehaltene Fortschritte in dieser Richtung +einen militärischen Vorsprung bedeuten würden, der vom Gegner im Verlauf +des Krieges wohl kaum eingeholt werden könnte. Denn Schutz gegen +Kampfgase ist nur möglich, wenn ihre Zusammensetzung bekannt ist. Neue +Gase wirken also meistens vernichtend ...“ + +Mit einem Aufruf zur Zusammenarbeit von Offizieren, +Naturwissenschaftlern, Chemikern und Technikern schloß der Professor +seinen Vortrag. + + + V + +Es entspann sich sofort eine lebhafte Diskussion. + +Man debattierte in Gruppen. + +„So und nicht anders muß es kommen, auf diese Art und Weise macht sich +der Krieg selbst unmöglich. Das Kriegsungeheuer beißt sich selbst den +Kopf ab. Sehen Sie nicht ein, meine Herrn, daß nach den interessanten +Ausführungen des Professor Snowden das Kriegführen eine unmögliche Sache +geworden ist? Ein solcher Zukunftskrieg, würdig von einem Jules Verne +beschrieben zu werden, er ist ein Angstprodukt verhetzter Gehirne, eine +Wahngeburt, nicht mehr, das ist unmöglich, sage ich Ihnen, die +Menschheit in ihrer Gesamtheit wird sich nicht in so frivoler Weise der +Barbarei überantworten lassen. Jules Vernsche Phantasien, Mondfahrten, +Abenteuer im Uferlosen ... nichts mehr.“ + +Es war ein Wilsonianer, der so sprach. Ein gealtertes, elegantes +Männchen, ein Monokel im Auge. Professor der Medizin an der Universität. + +„Und der Völkerbund!?“ wisperte er erregt weiter, „und das Washingtoner +Abkommen! Ziehen Sie, bitte, in Betracht, meine Herren, den Artikel 5 +des Vertrages ... Schreiten wir weiter fort auf dem Weg der Abrüstung, +die Befriedung der Welt ist sichergestellt. Ich sage Ihnen, meine +Herren, der vergangene Krieg ist und bleibt der letzte ... Mögen auch +kleine Konflikte noch entstehen, Krisen, Empörung und Streit aufwirbeln, +mögen auch die Kolonialvölker, uneinsichtig wie sie sind, gegen Kultur +und Gesittung randalieren ... ein Krieg von dem Ausmaß und in den +Formen, wie Sie ihn uns beschrieben haben, ist eine glatte +Unmöglichkeit. Aberglauben einfach, nichts weiter ... Die Zivilisation, +meine Herren, marschiert. Ich meinerseits schwöre in dieser Beziehung +absolut auf den Völkerbund ...“ + +„Aber, lieber Arthur, welche Töne!“ grinste ihm gummikauend ganz jovial +ein chemischer Sachverständiger entgegen. „Sie gütiger Apostel der +Aufklärungszeit. Gewiß, gewiß. Ihr Pazifismus ist mir psychologisch gut +erklärlich aus der Katerstimmung nach dem Weltkrieg heraus. Aber, ich +denke, wir haben das heute, nach 5 Jahren doch wohl schon gründlich +überwunden. Ueberall, wohin Sie sehen in der Welt, erteilen wir doch mit +Bajonetten etc. bereits wieder gründliche Lektionen im praktischen +Pazifismus, wie Sie das nennen. Nun zum Thema. Dazu wäre kurz folgendes +zu sagen: solange das Gas von anderen Militärmächten in ihre Bewaffnung +eingereiht ist, können und werden wir es nicht fallen lassen. Chemische +Kriegsabteilungen bilden jetzt einen wesentlichen Teil der militärischen +Organisationen Frankreichs, Italiens und der USA., und in jedem dieser +Länder sind Experimente im Gange, wirksame Methoden für Gasangriffe +auszuarbeiten. Auf die Verwendung von Gasen verzichten, hieße die +Sicherung unserer Kampfeinrichtung auf das Spiel setzen, und im Hinblick +auf die Erfahrungen, die wir im Krieg gemacht haben, würde es glatten +Irrsinn bedeuten, solch ein Risiko zu laufen. Im übrigen ist es sehr +töricht den Gaskampf als Kampfart zu verdammen und jemandem Vorwürfe zu +machen, ihn aufgebracht zu haben. In Wirklichkeit ist es keine +Kampfmethode, die man nicht etwa hätte voraussehen können. Die ehemalige +Entrüstung gilt nicht dem Gaskampf selbst, sondern nur dem Bruch der +Vereinbarungen. Kindliche Einfalt und unberechtigte Bedenken haben +Frankreich bei Kriegsbeginn abgehalten, sich einer so vorzüglichen Waffe +zu bedienen. Die französischen Chemiker haben sie sofort vorgeschlagen. +Ein gänzlich falsch angebrachtes Schamgefühl hat Frankreich um den +Prioritätsanspruch gebracht ... Kurz: wir alle betrachten den Gaskrieg +als den Krieg der Zukunft und bereiten uns emsig auf die chemische +Kriegsführung vor. Und das sind keine Märchen, keine Legenden, liebes +Professorchen, sondern Tatsachen. Es wäre klug, wenn Sie im Zusammenhang +damit einmal bei sich erwägen würden, ob das hier Gehörte auch nicht für +Ihr Fach bedeutende Gewinne bringen könnte ...“ + +„Ich verstehe Sie nicht, meine Herren, Sie setzen sich über die +Abrüstungskonferenz und über den Friedenswillen der Völker einfach +hinweg, als wäre das alles etwas, was man im entscheidenden Moment mit +dem kleinen Finger umstößt. Dem ist nun doch nicht so ...“ + +„Der Beschluß der Abrüstungskonferenz, den Gaskampf zu verbieten, steht +nur auf dem Papier, denn in Wirklichkeit kann er den Gebrauch von +Giftgasen in einem neuen Krieg nicht verhindern. Deshalb war es auch ein +Fehler, nicht auf die Ansichten der Sachverständigen zu hören, sondern +auf die Ansicht von Nichtfachleuten, die aus allgemein menschlichen +Erwägungen heraus den Gaskampf als grausame, ungehörige Anwendung der +Wissenschaft verurteilen. Die Vorbereitung für die chemische +Kriegführung muß weiter betrieben werden ... Es dürfte wenig Zweifel +darüber herrschen, daß das chemische Kampfmittel gegebenenfalls in sehr +viel größeren Mengen und in anderer Weise verwandt werden dürfte, als im +letzten Krieg. Daraus ergibt sich trotz der Washingtoner Beschlüsse die +Notwendigkeit für unser Land, die chemische Kriegführung weiter +auszubauen. Die demoralisierende Wirkung von Gas auf einen in seinem +Gebrauch ungeübten Gegner ist so groß, daß kein Führer es verantworten +kann, wenn er daraus nicht vollen Nutzen zieht. Eine Nation mit größeren +wissenschaftlichen Kenntnissen wird unzweifelhaft im nächsten Krieg von +dieser Wissenschaft vollsten Gebrauch machen, wenn sie der Ansicht ist, +daß sie dadurch den Krieg gewinnt.“ + +Aber auch ein Professor der Soziologie war vorhanden: + +„Und da sehen Sie, meine Herrschaften, auch auf ein anderes Problem +möchte ich beiläufig aufmerksam machen. Die neue Kriegstechnik gibt uns +wieder die Waffe in die Hand. Wie ein Bumerang kehrt die Waffe, die wir +notgedrungen eine Zeit lang aus der Hand geben mußten, wieder an ihr +ursprüngliches Ziel zurück. Lassen Sie mich das erklären. Im letzten +Krieg war das Klassenbewußtsein des Proletariats noch nicht allzu +entwickelt. Die 2. Internationale spielte ihre Rolle gut: sie ist +Schulter an Schulter mit uns rechtzeitig allen Versuchen den Krieg in +den Bürgerkrieg umzuleiten entgegengetreten. In einem kommenden Krieg +dürfte ihr das vermutlich nicht mehr gelingen. Rußland ist da. Die +Kommunistischen Parteien haben in allen Kontinenten tief in der +Arbeiterschaft Wurzel geschlagen. Eine Volksbewaffnung, ein +Massenaufgebot: bedenken Sie, welch ein Risiko, welch eine Gefahr für +uns! Da aber trennt die neue Kriegstechnik das Proletariat von der +Waffe, die Waffe bleibt in unserer Hand, nur an den Produktionsstätten +haben wir die Arbeiterkadres noch nötig, die nichts mehr und nichts +weniger nur mehr Arbeitskadres sind. Wir, die Bourgeoisie an der Front: +das Proletariat im Hinterland, in der Etappe, das Proletariat in der +Gefahrzone. Wir: in Tanks, in Flugzeugen, in durch Kollektivschutz +gesicherten Laboratorien, so sieht in einer schroffen Wendung der +Verhältnisse der neue Krieg aus.“ + +Der Pazifist machte wieder Einwendungen. Streik, Generalstreik, +Kriegsdienstverweigerung, Sabotage in den Munitionsfabriken usw. + +Dutzendweise prasselten da Gegenargumente auf ihn nieder. + +„Ja, aber lieber Professor! Munitionsarbeiterstreik. Glauben Sie denn, +daß unsere guten Proleten überhaupt wissen, was sie herstellen. Gas, +Giftgas: muß ich Ihnen, naives Gemüt, denn erklären, daß dies alles in +Arzneien, Parfümerien, in Düngemitteln, in den Seifenfabrikaten +enthalten ist? Wo fängt die Munitionsherstellung an und wo hört sie auf? +Sehen Sie, die Raupenschlepper der Tanks, werden sie nicht auch zu +Traktoren verwendet? Haben Sie nie etwas von den Normungstendenzen der +Industrie gehört ... O, das ist alles organisiert ...“ + +Ein anderer spottete: + +„Streik, Dienstverweigerer. Sie rechnen nicht mit der Atmosphäre beim +Ausbruch eines bewaffneten Konflikts. Sie rechnen nicht mit der Macht +der Presse, mit der Erschütterung, die wir in neun Zehntel aller +Menschen mit Schauergeschichten und Greuelmärchen bewirken können, mögen +sie noch so absurd und noch so schamlos dumm erlogen sein. Sie rechnen +nicht mit der Spaltung der Arbeiterschaft. Die revolutionären Elemente +haben bestimmt im Anfang des Krieges keinen großen Einfluß, erst unter +den direkten Wirkungen ... und dann: entweder – oder! Wir siegen oder – +das andere ist Sache der feindlichen Besatzungstruppen. Wir werden uns +auch hier zur rechten Zeit verständigen. Hundertprozentige +Irrsinns-Atmosphäre, mein Herr! ... Das verdient in Rechnung gestellt, +einkalkuliert zu werden, mein Herr! ... Nur wir, die Arrangeure, ein +Prozent der Gesamtmenschheit, behält klar den Kopf. Denn wir sind darauf +eingestellt, wir kennen die Vorbereitungen, für uns allein ist die +Kriegserklärung kein Ueberraschungsmoment, wir allein wissen nur allzu +genau – im Gegensatz zu gewissen Sozialisten, Sie entschuldigen schon – +daß die Produktionsmethode, die wir heute betreiben, und Krieg unbedingt +zusammengehören, in ihrem Wesensgrund eins sind, und daß der sogenannte +Friede nur eine Atempause ist ... Wie lange eine solche dauert, das kann +man nicht sicher prophezeihen ... Wir geben für einen kommenden Krieg +kein Datum an ... Kurz gesagt: Träumen wir nicht den Frieden, sondern +_para bellum_! Bereite den Krieg vor ... + +„Hat schon Nietzsche gesagt: nur im Schatten des Schwertes –“ + +„... Wir dürfen ja wohl hoffen, Herr Professor, daß Sie nur außerhalb +ihres Geschäfts so pazifistisch sich gerieren ... Wenn der Krieg einmal +da ist, verlassen wir uns darauf: Sie schreiben alles, was noch aus dem +letzten Loch pfeift, k. v. ...“ + +„Eingeschlagen!“ + +„Nun, das ja ... Wir sind doch schließlich allzumal Patrioten. +Kern-amerikanisch.“ + +Eine Pause trat ein ... + + + VI + +Berühmte Herrenreiter, Tennisspieler, Tänzerinnen, ein Arzt, +monokelblitzende Herren vom demokratischen Yachtklub promenierten +schon auf und ab, eine Filmdiva zirpte am Arm des berühmten +Relativitätstheoretikers vorüber, eine parfümierte Duftwolke +durchschütterte die Luft. Die Kinoschauspielerin war raffiniert einfach +gekleidet, ein goldenes Kreuz im weiten Halsausschnitt, schwarze Seide. +Sie hatte merkwürdigerweise den Spitznamen „Lola, das Känguruh“. Eine +andere hieß „Das Sardellenbrötchen“, eine dritte „Der Vampir“. + +„Unterseeboote –“ + +Grunzte ein hoher Geistlicher sehr bedächtig: + +„... sind gewiß lieblos, unchristlich. Sie sind genau so ungerecht wie +der Mammon. Gerade darum entsagen wir ihnen nimmer. Wir brauchen sie, +wie wir ja auch nach Jesu eigenem Wort den Mammon brauchen sollen. Das +ist eben das Schöne, daß wir bei dem allen das Wort Jesu für uns haben +... Unsere Schuld wahrlich ist es nicht, wenn wir in der Blutarbeit des +Krieges auch die des Henkers zugleich mit verrichten müssen ...“ + +„Meine Herren! In der Tat! Der Mensch wurde über sich selbst +hinausgehoben! Wenn ich mich an die Jahre des Krieges zurückerinnere: in +der Tat: wir durften unsere Bilder dorther nehmen, wo die ewigen Sterne +hangen ... Wir sahen keine Vergangenheit mehr: wir waren das Schicksal +selbst ... Wie das Wehen einer neuen Zeit, so ging ein Geist des +gegenseitigen Verstehens und der gegenseitigen Hilfsbereitschaft durch +die Menschenherzen. Und die vaterlandslosen Gesellen haben ihre Pflicht +erfüllt und sich darin in keiner Weise von den Patrioten übertreffen +lassen ... Ein jubelnder Aufschrei hat die Herzen des Volkes durchglüht, +ein versöhnender Hauch hat sich über die Herzen des Volkes gebreitet. +Darüber sind sich doch alle meine Freunde klar, ohne den Krieg wären die +vielen demokratischen Freiheiten in den USA. noch lange nicht erreicht +worden. Ein solcher Sieges- und Friedenspreis ist der Opfer würdig ... +Das sage ich, trotzdem oder besser eben weil ich Sozialist bin ...“ + +„Ja, wirklich, es war aber auch ein heißes Bad in schwarzem Blut nach so +viel feuchten Lauheiten von Muttermilch und Brudertränen dringend +notwendig. Es war eine ordentliche Begießung mit Blut nötig. Vor allen +Dingen: wir sind unserer zuviel geworden. Und der Krieg nimmt allemal +eine Unmenge von Menschen weg, die nur lebten, weil sie eben geboren +waren. Unter den Tausenden von Leichen, die im Tode vereinigt sind und +sich nur noch durch die Farbe der Uniform unterscheiden, wie viele sind +denn darunter, die man zu beweinen oder deren wir uns auch nur zu +erinnern brauchten!? Ich wette meinen Kopf, daß sie nicht an die Zahl +der Finger und der Zehen heranreichen. – Man halte uns nicht zur +Gemütserschütterung die Tränen der Mütter vor! Zu was aber sind auch +nach einem gewissen Alter die Mütter überhaupt noch zu gebrauchen als +zum Heulen!? Der Krieg nutzt außerdem der Landwirtschaft und der +Neuzeitlichkeit. Die Schlachtfelder liefern für viele Jahre einen +erheblich höheren Ertrag als zuvor ohne irgendwelche Düngemittel. Was +für schöne Kohlköpfe werden wir essen, wo die Leichen sich aufhäufen, +und welche dicken Kartoffeln wird man einige Jahre später in den +Gegenden ernten, wo die Leichenmassen der deutschen Infanteristen +liegen. Wir wollen den Krieg lieben und ihn, solange er dauert, als +Feinschmecker auskosten ...“ + +So dozierte ein Aesthet. Er war bekannt durch den Besitz einer +reichhaltigen Porzellansammlung. Er selbst galt als Kraftnatur und +bevorzugte von allen anderen Kunstrichtungen den Futurismus. + +Gegen einige Einwände, die namentlich von weiblicher Seite gemacht +wurden, erhob sich sofort der Psychiater: + +„Sie müssen einsehen lernen, die Kriegskassandren beiderlei Geschlechts, +daß es Demenz verrät, die Modefrage nach dem Frieden stoßzubeten. Krieg +lernt man nicht an einem Tag. Der Krieg, bisher Reaktion auf Reiz, +Ehrensache, Mittel zum Zweck: im Moment der Kriegserklärung wird er +Selbstzweck. Und von da an, hoffe ich dringend, werden auch alle jene +noch unerlösten amerikanischen Seelen, möglicherweise sogar die letzten +Pazifisten, ihren Sündenfall erkennen, werden erkennen, daß ihre Ideale +keine Reliquien sondern Relikte sind. Und die ganze Nation wird wie ein +Mann den ewigen Krieg wiederfordern ... Im übrigen: wenn es Sie +interessiert: ich bin jetzt gerade bei einer Psychoanalyse der +Arbeiterbewegung: die ununterbrochenen Klagen über die Unterdrückung der +Arbeiterklasse durch die Bourgeoisie sind nichts weiter als die +Sublimierung des Verfolgungswahns, und was die Losung „Proletarier aller +Länder vereinigt euch“ betrifft: so ist sie nichts anderes als der +Klassenausdruck der Homosexualität ...“ + +„Nein, was Sie sagen!“ + + + VII + +Im Musik-Salon wurde inzwischen über Kunst debattiert. + +Ein Bücherschrank öffnete sich. + +Zuerst liebkoste man mit den Fingerspitzen die Einbände. + +Ein berühmter Kritiker drehte sich hin und her in der Mitte eines +Kreises, wie ein Pfau, zwei sehr fett geratene Schauspielerinnen +umwogten ihn, endlich schaufelte er sich durch die Fleischmassen +hindurch, elastisch wippend. Den mit ihm Sprechenden ließ er nur sein +Profil sehen. + +„Auch Sie hier, Herr Doktor!? ... Ein wenig herausgeflogen aus der +Studierstube?! ... Nun, was macht Ihre Arbeit!?“ + +„Ja, ganz richtig, was die Kriegsschuldfrage anbetrifft: mir fehlt in +meinen Untersuchungen nur noch eine Minute im damaligen Leben des leider +verewigten Zaren ... Dann ist der Kreis lückenlos geschlossen ... Jeden +Staatsmann habe ich wissenschaftlich gewissenhaft unter die Lupe +genommen ... Ich kann aber heute schon Ihnen vertraulich versichern, die +Unschuld der Entente wird einwandfrei bewiesen ...“ + +„Und korrespondieren Sie noch mit ... na, ich meine den Verfasser von +diesem Buch „Untergang des Abendlandes“ oder so ähnlich ...“ + +„Gewiß. Gewiß. Eine renaissancehafte Cäsarennatur, gemästet an den von +ihm selbst gezeugten Kadavern ... Hat übrigens die Absicht über das +„Große Wasser“ zu kommen ... Würde sich lohnen ... Jemand, der es +finanziell arrangieren würde, würde bestimmt, bei der großen Aussicht +auf Erfolg, zu finden sein.“ + +„Das so wie so. Ist ja ganz nach dem Geschmack unseres Publikums ...“ + +„Man muß dem Volk die Wege zu Kraft und Schönheit weisen. Sport. Sport: +das ist das in unserem Zeitalter gegebene Mittel dazu ...“ unterbrach +jetzt die Beiden ein dritter. + + * * * * * + +„Vom Leben nach dem Tode“ wurde jetzt gesprochen. + +„Ein aktuelles Thema sozusagen“, schnauzte jemand. + +Einige lächelten zwar skeptisch, sie erklärten sich für Agnostiker und +Relativisten, aber die Jenseitsgläubigen gewannen unschwer die Oberhand. + +„Religiös zu sein ist modern. Außerdem liebe ich prinzipiell nur +religiöse Menschen. Haben Sie neulich nicht das Bild des Kardinals im +Journal gesehen! Ein feiner Kopf! Totschick.“ + +Die Filmdiva erinnerte sich daran genau. + +„Ueberwundener Standpunkt!“ höhnte der Kunstmaler, der fest an einen +persönlichen Gott glaubte, zu einem der Ungläubigen hinüber und +entwickelte eine exakte Topographie des Jenseits. Er ging zur +Beschreibung der Hölle über, und kicherte satanisch, als er jedem +Ungläubigen dort bereitwilligst sein Plätzchen zuwies. + +Der Kunstmaler bekannte gleich darauf dem interessiert aufhorchenden +Zuhörerkreis nicht unbescheiden, er selbst befinde sich im Zustand der +Gnade, das regelmäßig gepflogene Gebet erwirke in ihm eine magische +Kraft, Gottes Stimme sei auch heute noch ganz reell zu hören ... Verlor +sich aber gleich darauf in einem langwierig ausgesponnenen Traktat über +das Wesen des Sündenreizes und über Luthers „Fortiter peccare“ und +schloß damit, daß dem Gläubigen alles erlaubt sei. Auf die Reue +lediglich komme es an. + +Ein neukatholischer Universitätsprofessor wiederholte dabei monoton: + +„Man muß sein Leben opfern ... Für mich persönlich allerdings, das muß +ich gestehen, wäre der Heldentod keine besondere Sache. Wer, wie ich, in +der Entspannung lebt, wem, wie mir, das Leben leicht ist ... Das Problem +der Opferung umfaßt bei mir nicht solche materielle Bezirke ...“ + +Wieder war ein Wortstreit ausgebrochen. + +Ein Theosoph schlug sich mit einem Mystiker, ein Protestant mit einem +Neukatholiken, ein Monist griff taktlos ein, und alles hielt sich +plötzlich die Ohren zu und kreischte: + +„Ausgerechnet Darwin!“ + +Und die Gesellschaft schlug unter Anleitung eines bekannten +Schauspielers jetzt einige prächtig gelungene Saltomortales in +Geistreichigkeiten ... Die Witze hüpften ... + +Aber schon ließ sich ein Sekretär des Auswärtigen Amtes hören: + +„Soll ich Ihnen, meine sehr verehrten Herrschaften, vielleicht einmal +schildern, wie das Volk in Wirklichkeit fühlt und denkt!? Ja!? +Vielleicht jage ich damit auch den letzten Restspuk ihrer pazifistischen +Illusiönchen zum Teufel! + +„Es handelt sich um die Lynchjustiz an Negern im Staate Ohio. + +„Stellen Sie sich bitte vor: eine Menge von 10000 Personen. Geballte +Fäuste, blutunterlaufene Augen, Fluchen und Schimpfen. Mit Stöcken, +Pechfackeln, Revolvern, Besen, Stricken, Messern, Scheren, Schirmen, +Vitriol bewaffnet. Inmitten dieser entfesselten und immer wachsenden +Truppe ein schwarzer Klumpen, einmal nach links, einmal nach rechts +gestoßen, geschlagen, niedergetreten, zerrissen, blutbedeckt, beinahe +tot ... Die lynchende Menge schleppt ihr Opfer, den Neger, mit sich. In +einen Wald oder auf einen öffentlichen Platz. Dort wird er an einen Baum +gebunden, mit Petroleum oder sonstigem Brennstoff begossen. Bevor das +Feuer angezündet wird und seinen Körper erfaßt, wird ihm ein Zahn nach +dem andern ausgeschlagen, werden ihm die Augen ausgerissen, wird ihm das +Haar in Büscheln vom Kopf gerissen, wobei ganze Hautfetzen mitgehen und +ein blutiger Schädel zurückgelassen wird. Der Körper wird derart +geschlagen, daß kleine Fleischstücke herumfliegen ... Der Neger atmet +noch; aber er schreit nicht mehr. Denn man hat ihm seine Zunge mit +glühendem Eisen verbrannt. Der ganze Körper krampft sich zusammen wie +eine Schlange, die halb zertreten wird, wenn man ihn von zwei oder drei +Seiten zugleich mit glühendem Eisen versengt. Mit einem Messer wird ihm +sein Ohr abgeschnitten ... „Oh, wie schwarz er ist! Wie häßlich er ist!“ +kreischen die Damen, die ihm das Gesicht zerfleischen. „Man soll ihn +anzünden!“ schreit einer. „Nur langsam“, fügt ein anderer hinzu, „nur +hübsch langsam braten lassen, damit er nicht zu rasch stirbt, sonst hat +die Sache keinen Witz.“ Der Schwarze wird geröstet, gebraten, bis der +Körper schließlich fast verkohlt ist. Aber _ein_ Tod ist zu wenig. Darum +hängt man den Körper noch auf, genauer gesagt, man hängt das auf, was +von seinem Leichnam übrig ist, und alle Zuschauer klatschen Beifall und +rufen „Hurra“! Wenn die Menge sich an dem Schauspiel genügend satt +gesehen hat, läßt man den Leichnam zur Erde fallen. Man schneidet die +Stricke, mit denen er angebunden und gehenkt worden ist, in kleine +Stücke, von denen jedes um drei oder fünf Dollar verkauft wird. Das sind +Andenken, die Glück bringen, und um die sich die Frauen reißen ...“ + +Man schwieg auf diese Erzählung hin nicht lange. + +„Schauderhaft ... Furchtbar ...“ + +„Das Urböse im Menschen, die Bestie, der Satan ...“ + +„Ob es nun wahr ist, was Sie uns erzählt haben oder nicht ... es war +spannend erzählt, es prägte sich einem deutlich ein ...“ + +„Nun, wir sind keine Nervenbündel ... und wenn die Frauen sich +ängstigen: _mulier taceat in ecclesia_! Uebrigens: auch Weiber werden zu +Hyänen, und wie der Krieg gezeigt hat, oft zu sehr brauchbaren ... + +„Ja, du meine süße Hyäne ...“ + +Man scherzte schon wieder. + +Der Neger war rasch vergessen. + + + VIII + +Professor Snowden nahm indeß das Schlußwort: + +Eine Generalstabskarte war aufgespannt, auf der der Vortragende die +einzelnen Positionen mit dem Stab aufzeigte. + +„Ich werde jetzt versuchen, eine ökonomische Analyse des kommenden +Krieges zu geben ... Es handelt sich dabei vor allem um die +nichtkapitalistischen Absatzmärkte in China und Indien. England ist im +Jahre 1925 so gut wie aus China vertrieben, so daß jetzt der Kampf +zwischen den beiden siegreichen Mächten Japan und Amerika beginnt. China +mit seinen 400 Millionen Einwohnern, von denen der größte Teil +Kleinbürger sind, 320 Millionen in der Landwirtschaft, die sie +kleinbürgerlich betreiben, ein großer Teil von Kleinbürgern in den +Städten, und Indien mit seinen 320 Millionen, darunter 217 Millionen in +der Landwirtschaft: sind die beiden großen Hauptbecken, wo wir noch +Mehrwert realisieren können, namentlich nachdem sich der +nichtkapitalistische Markt in Amerika und Kanada immer mehr verengt hat. +In Amerika sind allein in den letzten 10 Jahren etwa 7 Millionen Farmer +als Proletarier in die Städte gewandert. + +„Schon früh haben wir die große Bedeutung Chinas erkannt. + +„Das Vordringen unserer Standard-Oil-Compagnie in China, das Eindringen +unserer amerikanischen Maschinen in China ist ein deutliches Zeichen +dafür. Wir mußten unsere Zivilisationsbestrebungen aber auch +militärisch fundieren. Die erste Periode war im Jahre 1899 der +amerikanisch-spanische Krieg, in dem wir die Philippinen, direkt vor +China, annektierten. In der zweiten Periode wird die Verbindung zwischen +den Vereinigten Staaten und den Philippinen hergestellt, werden im +ganzen Stillen Ozean feste Kriegsstützpunkte zu seiner Beherrschung, zur +Vorbereitung des weiteren Vordringens nach China, nach Ostasien gemacht. +Durch den Abkauf der dänischen Inselgruppe St. Thome, durch den Ausbau +von Hawaii, insbesondere durch den Ausbau des dortigen Kriegshafens Perl +Harbor, durch Ausbau von Dutch-Harbor auf Alaska, nach dem Krieg durch +die Besetzung und den Ausbau von Tutuila in der ozeanischen Inselgruppe +und schließlich durch die Besetzung und den Ausbau von Guam haben wir +ein weites, großes Viereck geschaffen, das zur Vorbereitung von +Angriffen bezw. Abwehr vorzüglich geeignet ist. Dieses große Viereck im +Stillen Ozean erhält seine Rückenstützpunkte durch Kalifornien auf der +einen Seite, durch den Panamakanal, und damit die Verbindung zum +Atlantischen Ozean auf der anderen Seite. + +„Nun, und auf der anderen Seite steht Japan, das gleichfalls Anspruch +auf China und Indien erhebt, und das immer stärker gleichfalls +vordringen will. + +„Die Probleme des japanischen Imperialismus lassen sich auf zwei +Hauptfragen zurückführen. Das eine ist selbstverständlicherweise die +Frage des Absatzes seiner Ware, das andere ist das spezifisch japanische +Problem der Uebervölkerung, und damit die Notwendigkeit der Ansiedlung +und des Ausbaues seines Imperiums. Bereits 1919 hat Graf Komura erklärt, +daß Japan verloren sei, wenn es ihm nicht gelinge, in einem +Menschenalter Raum für 100 Millionen Menschen zu sichern und obendrein +seine Auswanderungsräume unter der Flagge zusammenzuhalten. + +„In Japan drängen sich auf einer Fläche, die etwa so groß ist wie die +Deutschlands, dabei aber vielfach unbewohnbar ist durch steile +Vulkanberge, 78 Millionen zusammen, sein Geburtenüberschuß betrug in dem +einen Jahre 1921 724600 Geburten, während der Ueberschuß in den über 250 +Jahren der japanischen Abgeschlossenheit von 1600 bis 1886 nur 900000 +betrug. Die plötzlich so starke Ausdehnung vor allem zwingt Japan, +fremde Gebiete zu erobern, dorthin die Mengen von proletarisierten +Bauern und Proletariern zu übertragen. So hat Japan Korea besetzt und +völlig zur japanischen Kolonie ausgebildet, so dringt es in China ein, +in Indien, in Südafrika, so hat es sich vor allem schon in Kalifornien, +in unserer direktesten Nähe, festgesetzt. Vor dem Erlaß unseres +Einwanderungsverbots und auch jetzt noch steht Kalifornien vor der +Gefahr eine japanische Kolonie zu werden. Bereits 1922 gab es 110000 +Japaner in Kalifornien, denen mehr als zwei Drittel des hochwertigen +Weizenlandes gehören. + +„Nun die Frage der Rohstoffversorgungsmöglichkeiten Japans! + +„Während Japan selbst nicht reich an Kohle, arm an Eisen und Oel ist, +ist China und Korea außerordentlich mit Kohle und Eisenerz versehen. +Während man den japanischen Kohlenvorrat insgesamt auf etwa 1600 +Millionen Tonnen schätzt, wird der chinesische auf 15 Milliarden Tonnen +geschätzt. Ebenso belaufen sich die chinesischen Eisenerzvorräte auf +zirka 45000 Millionen Tonnen, während die Japans nur etwa 4000 Millionen +Tonnen betragen. Das Vordringen Japans in China, das bereits durch große +Bindungen, durch große Beteiligung der Japaner an Eisen- und Stahlwerken +vollzogen ist, droht für unseren Handel jetzt zur direkten Gefahr zu +werden! Für England ist Japan bereits zur Gefahr geworden! Der +englisch-japanische Vertrag ist auch aus diesen Gründen nicht mehr +erneuert worden. Und die Errichtung der Singapore-Basis seitens England +kann nur Japan gelten. Wir können daher wirklich von einer gelben Gefahr +sprechen und die Gefahr eines kommenden Krieges ist damit ebenfalls in +große Nähe gerückt.“ + +– – – + +Da platzte die Nachricht herein: + +„Dempsey Knockout-Sieger nach zwei heftigsten an Ueberraschungen reichen +Runden über Firpo ...“ + +Der Lärm der Straße schwoll. + +Ein Menschenkatarakt ... + +Frank und Thomas trieben steuerlos dahin durch die Nacht wie durch ein +Traumland ... + +„Mir ist es oft“, sagte Frank zuerst, „als sei das Proletariat aller +Länder, dieser Riesenmenschenmassenleib, mit magnetischen Strömen +geladen und mitten hinein in ein Stahlgewitter gestellt, dazu +ausgesucht, die Blitze, die sich aus der labyrinthischen Wirrnis dieser +Gesellschaftsform entladen, auf sich abzuziehen ... Ein wandelnder +Blitzableiter ...“ + +„Nun heißt es aber für uns: mit zehnfacher Kraft heran an die Arbeit! +Wir müssen gleich morgen zu einem wirklichen Resultat kommen! ...“ + + + IX + +„Ich schlage vor“, nahm die Genossin Green das Wort, „nachdem wir jetzt +die ausführlichen Berichte der Genossen Morrow und Butler gehört +haben, eine Resolution zu fassen und sie allen revolutionären +Arbeiterorganisationen der Welt vorzulegen und dringend zur Annahme und +zur Durchführung zu empfehlen. Auch der Genosse Bolleff von der +bulgarischen Sektion hat einige Bemerkungen gemacht, die wir +berücksichtigen müssen. Wir Sozialisten Amerikas, als des Landes, das am +weitesten fortgeschritten ist in der imperialistischen Kriegstechnik, +haben demnach die Pflicht, auch in der Bekämpfung des imperialistischen +Krieges führend zu sein und unsere Beobachtungen allen Sektionen +mitzuteilen. Unsere Kommission zur Beobachtung der imperialistischen +Kriegsrüstungen hat gut gearbeitet, sie steht nach wie vor mit unseren +illegalen Organisationen in engster Verbindung und wird sich weiter +intensivst ihrer Aufgabe widmen. Die Resolution, die wir aufgesetzt +haben, lautet: + + + Einige wichtige Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den + imperialistischen Krieg + +„Zu dem Kampf gegen den imperialistischen Krieg gehört unmittelbar auch +die möglichst genaue Kenntnis der Waffen, die in diesem Krieg aller +Voraussicht nach zur Anwendung kommen werden. Wir müssen in unserer +Aufklärungsarbeit unbedingt regelmäßig über den Stand der modernen +Kriegstechnik konkret berichten können und auch von dieser Richtung her +die Massen damit bekannt machen, was für sie ein kommender Krieg +bedeutet. + +„Der Weltkrieg war eine Revolution für die gesamte Kriegstechnik. + +„Es läßt sich nun nicht leugnen, daß unsere gesamte bisherige +Antikriegspropaganda viel zu sehr auf den vorhergegangenen Krieg +eingestellt war, viel zu „konservativ“ war und daß wir es nicht richtig +verstanden haben, die experimentellen Ansätze der im vorhergegangenen +Krieg entwickelten Kriegstechniken scharf herauszuanalysieren, ihre +Weiterentwicklung in der Nachkriegsperiode in aller Oeffentlichkeit zu +verfolgen und damit den entscheidenden Wendepunkt im Charakter der +gesamten Kriegsführung überhaupt überzeugend darzutun. Das, was gewesen +ist, interessiert uns doch nur im Hinblick auf das, was ist, im Hinblick +auf das, was sein wird. + +„In den wenn verhältnismäßig auch nur spärlichen Berichten der +Bourgeoisie über dieses Thema aber bietet sich uns ein ungeheueres +Agitationsmaterial dar, das, im entscheidenden Augenblick richtig +eingesetzt, eine durchschlagende Wirkung auf die weitesten Kreise +unserer Meinung nach ausüben müßte. + +„Es gilt den Fortschritt der Militärtechnik in allen Ländern mit größter +Sorgfalt zu verfolgen, um einerseits durch die Schilderung des Konkreten +dem Proletariat ein Bild des kommenden Krieges in anschaulichster, +lebenswirklichster Weise geben zu können und um andererseits durch die +intensive Beschäftigung mit den Rüstungen in dieser Weise, durch ihr +näheres Studium auf Grund der dabei gemachten Erfahrungen realere +Anhaltspunkte für unseren Kampf gegen den Krieg zu gewinnen. + +„Wir amerikanischen Genossen ersuchen euch, Genossen, schon heute auf +dieser Basis eine großzügige Aufklärungspropaganda über den chemischen +Krieg zum 1. August dieses Jahres vorzubereiten. (Vorträge, +Aufklärungsmeetings, Broschüren usw.) Vor allem aber auch mit Nachdruck +darauf hinzuweisen, daß die polnische Regierung am 9. März 1925 das +erste Mal im Klassenkrieg gegen revolutionäre Arbeiter chemische +Kampfstoffe eingesetzt hat. Dies ist unseres Wissens das erste Mal, daß +im Bürgerkrieg chemische Kampfstoffe angewendet wurden. Wir gehen wohl +nicht fehl in der Annahme, daß es nur eine Frage der Schärfe in der +Zuspitzung der Klassenverhältnisse ist, ob und wann das Gas auch im +Bürgerkrieg allgemein seine Verwendung finden wird. Die Bourgeoisie +spart bekanntlich nur deswegen ihr bestes Pulver auf, um ihre +Geheimnisse nicht vorzeitig preiszugeben. Es wäre aber äußerst +verhängnisvoll für uns, uns darüber Illusionen zu machen und uns, wenn +es einmal hart auf hart geht, auf einen solchen Kampf nicht +einzustellen. + +„Wir fordern euch, Genossen, daher auf, alle das eure zu tun zur +Konkretisierung unserer Methoden des Kampfes gegen den imperialistischen +Krieg ...“ + +„Wünscht einer der Genossen zu dieser Resolution das Wort?“ + +Der bulgarische Genosse meldete sich. + +„Genosse Bolleff!“ + +Der bulgarische Genosse bemängelt vor allem, daß die Resolution selbst +nicht genügend konkret sei, die Konkretheit fordere, ohne selbst dieser +Anforderung zu entsprechen. So hätte man auf den Abrüstungsschwindel +genau eingehen müssen, nachweisen müssen, daß Rüstungsindustrie +identisch ist mit Farbstoffindustrie und daß die ungeheure Entwicklung +der chemischen Industrie gleichbedeutend ist mit der ungeheuren +Aufrüstung, wie sie fieberhaft in allen Ländern betrieben wird. „Wir +hätten am besten Amerika als Beispiel anführen können, das vor dem Krieg +sieben chemische Fabriken besaß, nach dem Kriege bereits 118! Dann hätte +man sagen müssen: daß alle schweren Giftstoffe Abkömmlinge der +Farbindustrie bezw. der Heilmittelindustrie sind. So weiß im Zeitalter +des Giftgaskrieges der Arbeiter in der Fabrik nicht mehr, ob er ein +harmloses Heilmittel, irgendeine Farbe oder aber ein äußerst +gefährliches Giftgas herstellt. Hier enthüllt sich mit voller Schärfe +die konterrevolutionäre Forderung der 2. Internationale, daß man bei +Kriegsausbruch einfach den Krieg unmöglich macht dadurch, daß man keine +Munition herstellt. Hier zeigt sich klar, daß diese Forderung nur dazu +dient, das Proletariat von der Erkenntnis der unerbittlichen +Notwendigkeit des Kampfes gegen die Bourgeoisie, des Krieges gegen den +Krieg, abzuhalten. Wir müssen dabei in Rechnung stellen, daß man +versuchen wird, die Belegschaften dieser Fabriken mit „zuverlässigen“ +Elementen auszufüllen. Die Resolution hätte noch besonders hinweisen +müssen auf die Wichtigkeit unserer Betriebszellenarbeit in diesen +Fabriken, auf unsere Zellenzeitungen in diesen Betrieben ...“ + +Als zweiter meldete sich ein amerikanischer Genosse. + +In der Resolution sei die Tatsache nicht in Betracht gezogen, daß die +amerikanische Polizei bereits gegen sogenannte Verbrecher ausreichend +von Gashandgranaten Gebrauch mache, daß man Gas in Gefängnissen gegen +Meuterer verwende, ja daß man bereits Experimente angestellt habe, den +elektrischen Hinrichtungsstuhl durch Gas zu ersetzen ... Abgesehen aber +davon, hätte man auch formulieren müssen, daß der Kampf gegen den +imperialistischen Krieg eben gleichbedeutend ist mit dem Kampf um den +Besitz der Produktionsmittel. Daß der Kern der Sache der Besitz der +Produktionsmittel ist. Und daß das Entweder-Oder, Sozialismus oder +Untergang in die Barbarei, in diesem Zusammenhang zur höchsten +Aktualität gesteigert, plötzlich eine ganz neue schlagartige Beleuchtung +erhält. + +„Zweierlei scheint mir noch zu fehlen“, fügte jetzt Genosse Morrow +hinzu: „erstens daß alle Kampfmittel und Kampfstoffe eben dadurch, daß +sie uns bekannt sind, beweisen, daß sie von den einschlägigen Kreisen +bereits längst aufgegeben sind, und daß wir im Ernstfall bei weitem +schärfere und ausgiebigere Kampfstoffe zu erwarten haben ... Und dann: +daß man mit allen Mitteln dem Unfug entgegentreten muß, den zukünftigen +Krieg utopisch durch allerlei phantastischen Schnickschnack wie +Todesstrahlen und mechanische Polizeimänner zu verzerren, dadurch wird +nur erreicht, daß auch das bereits wirklich Vorhandene angezweifelt +wird, und unsere ganze Kampagne sich leerläuft. Die Bourgeoisie +allerdings hat das größte Interesse daran, diesen Dingen gegenüber die +Methode der Camouflage anzuwenden, d. h. Dinge, die sie nicht mehr +verschweigen kann, durch Kombination mit blödsinnigem Ulk als harmlos +und als unwirklich darzustellen. Das hätte meiner Meinung nach +berücksichtigt werden müssen ...“ + + * * * * * + +Damit war die Debatte über die Resolution beendet. + +Es wurde vorgeschlagen, als Kommentar zur Resolution zwei ausführliche +Artikel anzufügen, der eine mit dem Titel: „Der zukünftige Krieg und die +chemische Industrie der Welt“, der andere „Die chemische Waffe im +kommenden Krieg!“ Diese Arbeiten sollten möglichst knapp gehalten, mit +überzeugendem Tatsachenmaterial versehen sein und so präzis wie nur +möglich formuliert werden. Mit der Ausarbeitung wurden die Genossen +Frank Morrow und Thomas Butler beauftragt. + + + X + +Die Ereignisse überstürzten sich. + +Mancher der besten Kommunisten hatte das Tempo falsch eingeschätzt. + +Die Kriegsgefahr springt wie eine Springflut die Völker an ... + +Die großen amerikanischen Flottenmanöver im Stillen Ozean begannen. Eine +gewaltige militärische Demonstration gegen Japan ... + +Sieben Monate lang sind die verschiedenen Schiffseinheiten unterwegs. + + * * * * * + +Pearl Harbor auf Hawaii: + +12 Schlachtkreuzer, 6 Kreuzer, 56 Zerstörer, 6 Unterseeboote, 1 +Geschwader Flugzeuge, 2 Flugzeugmutterschiffe: sind zum Angriff +angesetzt. + +Minengürtel, mit Unterseebooten verseuchte Zonen, sperren Hawaii ab. Ein +einziger Feuer und Eisen speiender Krater ist Hawaii ... + + * * * * * + +Je näher die Kriegsgefahr heranrückt, desto energischer betreiben die +einzelnen Regierungen die Kommunistenverfolgungen. Die Revolutionsgefahr +wächst. Alle kommunistischen Sektionen sind schon in die Illegalität +gedrängt. Kommunistengesetze, Geheimerlasse zur Bekämpfung unruhiger +Elemente durchwirbeln die Länder. Die Parlamente heben rücksichtslos die +Immunität der kommunistischen Abgeordneten auf. Die Demokraten regieren +nur wackelnd noch auf den Krückstöcken rigorosester Ausnahmegesetze ... +Ueberall drängen die ausgebeuteten Volksmassen vor. Die +Sozialdemokratien aller Länder spalten sich ... + +Der Völkerbund beschäftigt sich mit der kommunistischen Gefahr. + +Ob ein „heiliger Krieg“ gegen Sowjetrußland noch einmal die durch die +verschiedensten Interessengegensätze zersplitterten Kapitalisten aller +Länder zusammenzwingt? Man ist willens, die Austragung der Konflikte +unter sich bis nach der Niederringung der „Roten Gefahr“ aufzuschieben. + +Der Vernichtungskampf gegen die Kommunisten wird im Weltmaßstab +organisiert. + +Die Regierungen haben die Kommunisten offen außerhalb des Gesetzes +gestellt, sind entschlossen, ihre Organisationen wie Ratten auszurotten. +Armee, Polizei, Miliz, Gruppen von Reserveoffizieren spüren alle +bekannten Kommunisten auf und ermorden sie ... + + * * * * * + +In Newyork findet der Hochverratsprozeß gegen Mary Green und 25 Genossen +statt. Den Angeklagten wird zur Last gelegt, Giftgase fabriziert zu +haben, Cholerabazillen und Giftbakterien mit Hilfe bestochener Chemiker +und Aerzte hergestellt zu haben, in solchen Mengen, um über Nacht halb +Amerika damit zu vergiften. Drei Giftmorde seien bereits auf Konto +dieser Organisation zu setzen, weitere Attentate u. a. auf Morgan, Ford +usw. seien geplant gewesen, umfangreiche Waffenlager mit Toluol, +Dynamit, Nitroglyzerin usw. habe man entdeckt, sogar ausgedehnte +Materiallager zur Herstellung von Bombenflugzeugen. Einzig und allein +den mit einer Beamtenkorruptionsaffäre in Zusammenhang stehenden +Ankaufsversuch von Unterseebooten zwecks In-die-Luft-Sprengung der +amerikanischen Hochseeflotte bezog der Oberstaatsanwalt nicht in seine +Anklagerede ein. + +Der eigentliche Träger dieser riesigen und nach allen derartigen +Prozessen eigentlich reichlich banal erscheinenden Komödie war ein +außerordentlich gut funktionierender Spitzelapparat. Die Angeklagten +wurden glatt der ihnen zur Last gelegten Verbrechen überführt. Jede +Lücke der Beweisführung war restlos geschlossen. + +Verteidiger waren gewaltsam aus dem Sitzungssaal entfernt. Den +Angeklagten wird das Schlußwort entzogen ... + +Die Zeitungen heulen. Stoßen Warnungssignale aus. + +Der Tag der Urteilsverkündung naht ... + + * * * * * + +Man traut seinen Ohren nicht, man liest die Ueberschriften der +Extrablätter einige Male: + +„Mary Green und drei Genossen sind zum Tode verurteilt.“ + +Schon eine halbe Stunde darauf kommt es zu Zusammenstößen mit der +Arbeiterschaft. + +Am Abend wird der Generalstreik verkündet. + +Ganz Amerika ist plötzlich ein riesiges Grab. Die Menschen gehen leis +wie auf den Fußspitzen. + +„Jetzt nur nicht nachgeben! Durchbrechen!“ feixt das Gericht. „Man wird +es uns sonst als Schwäche auslegen ...“ + +Die Armee und die Flotte sind mobilisiert. Die Luftstreitkräfte versehen +zunächst noch den Aufklärungsdienst. + +Amerikas Lunge atmet nur mit viertel Kraft. + +Schlaff hängen die Muskeln herunter. + + * * * * * + +Manche äußern: + +„Man hätte sie nicht zum Tode verurteilen sollen ... Man soll keine +Märtyrer schaffen ... So erledigen ... geschickt ... Das stürzt uns in +zu große Unkosten ...“ + + * * * * * + +An Sing-Sing ist nicht heranzukommen. Schwere MGs funken in die +Menschenmassen hinein ... + +Während draußen die Kugelspritzen knattern, wird Mary Green mitgeteilt, +daß morgen früh fünf Uhr das Urteil vollstreckt wird. + +Sie zuckt zurück, einen Augenblick ... fern verrauschen die Salven. + + * * * * * + +Es ist fünf Uhr früh. + +Mary Green wird einen langen zementgemauerten Korridor entlang in das +„Todeskabinett“ geführt. + +Sie singt mit leiser Stimme. + +Sie hört fern, fern, ganz fern als Antwort: + +„Macht auf –“ + +Eine zweite Stimme – + +Eine dritte – + +Die fernen Stimmen werden zum fernen Chor. + +Der ferne Chor wird zum Massengesang. + +Der Massengesang zum Orkan. + +Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne: + +Gewaltige Zeiten dröhnen heran, in denen der Mensch das Letzte, was er +zu handeln und zu erdulden fähig sein wird, aus sich auspressen wird. +Groß und opferreich wie noch keine wird diese Zeit sein; grausam, +niedrig und erbärmlich aber zugleich. Diese Zeit donnert, rast, knattert +dahin, ein reißender Feuerstrom. Die Menschen: gestaltgewordene +Leidensbrände entzünden sich an sich selbst. Das Gewölbe des Himmels +schmilzt und tropft flüssiges Feuer, die Erde schäumt, wird Lava und +fließt über die Horizonte ab. + +Und alle diese Menschen werden namenlos sein, tragen nur das Zeichen +ihrer Klassenzugehörigkeit an sich. Es gibt kein Menschendasein +außerhalb der Klasse mehr. Alles fühlt, denkt, ringt sich der Klasse zu, +kämpft sich bis ins Klasseninnere hinein, kämpft auf Leben und Tod um +das Wesentliche, um den Klassenkern. + +Das wird die Zeit sein, wo die Galgen und Hinrichtungsmaschinen wieder +öffentlich mitten auf den Plätzen der Städte errichtet werden. Von allen +Seiten hupen die herrschaftlichen Automobile herbei. Die Herren und +Damen der vornehmen Gesellschaft sind zahlreich vertreten. So viel Blut +aber auf der Erde gibt es nicht, daß je sie ihren Blutdurst stillen +könnten ... Sie sind mit Operngläsern und photographischen Apparaten +versehen, es ist, als wohnten sie einem großen Sportereignis bei. Auf +dem Platz der Hinrichtung sind Reihen von Filmapparaten aufgestellt. O +die einst so friedliebende Bourgeoisie: sie schwelgt heute in Orgien von +Blutrache und sadistischen Greueln ohne Maßen. + +Die Polizeichefs werden nicht mehr für die Zuchthäuser arbeiten, nicht +mehr für Krüppelheime und Obdachlosenasyle, sondern für die Friedhöfe +... + +Das wird auch die Zeit sein der Wiederauferstehung der Folter. + +Mit schweren eisernen Ketten wird man die Leiber der Gefangenen +umschmieden. Das Schlagen mit Gummiknüppeln, das Aufreißen der +Fingernägel, Einschlagen von Nägeln in die Füße, Brechen der Körperteile +und der Rippen: das wird keine allzu große Seltenheit mehr sein. Man +wird die Gefangenen aus den Städten herausfahren, sie zwingen, ihre +Gräber selbst zu schaufeln, sie bei lebendigem Leib begraben ... Man +wird nach raffiniert ausgeklügelten wissenschaftlichen Methoden die +Qualen steigern, bis zum Wahnsinn des Gefolterten sie steigern und dann +die Geständnisse, deren man bedarf, Protokoll um Protokoll auspressen. + +Aber die Galgen reden eine Sprache, der Galgen, die +Hinrichtungsmaschine, die Folter spricht ... + + * * * * * + +Und der Galgen kreist. + +Kreist um Europa. + +Kreist durch alle fünf Weltteile ... + +In jeder Himmelsrichtung wächst riesengroß aus der Erde auf Galgen an +Galgen. + +Der Tisch unter ihm ist umgeworfen. + +Der Leichnam an dem eingeseiften Hanfstrick, eine weiße Kapuze dem Kopf +übergezogen, dreht sich jetzt langsam, schwingt hin und her wie ein +Pendel ... + +Und die Leichname unter dem Galgen, die Galgen selbst sprechen: + +„Hört es! Und lernt daraus! + +„Kein Erbarmen gibt es im Bürgerkrieg. + +„Kein Erbarmen. + +„Wer den Klassenfeind nicht hart zu schlagen versteht, der wird von ihm +vernichtet ... + +„Sie oder wir ...“ + +– – – – + +Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne, während ihr im Beisein eines +Dutzend braver amerikanischer Bürger noch einmal das Todesurteil +verlesen wird. + +Vierzig wohlangesehene Bürger der Stadt Newyork nehmen an der +Hinrichtung teil. + +Es dauert insgesamt drei Minuten. + +Schon ist sie auf dem elektrischen Stuhl festgeschnallt ... + +Spricht fest, und in den ledernen Bandagen noch einmal ein wenig sich +aufrichtend: + +„Lenin ist tot. + +„Der Leninismus lebt. + +„Lenin lebt. + +„Wir in ihm. + +„Er in uns ... + +„Es lebe die Welt-Re ...“ + +Sie bricht mitten im Wort ab. + +Drei amerikanische Untertanen stehen hinter einem Schirm. Jeder drückt +auf einen Kontaktknopf. Nur einer aber löst den tödlichen Strom aus ... + + * * * * * + +Wo ein Polizist in den Arbeitervierteln sich noch sehen läßt, wird er +abgeknallt. Jetzt gilt das Gesetz der Klassenrache ... + +Drei oder vier Zeitungen können noch arbeiten. Sie sind von +Regierungstruppen besetzt. Streikbrecherkompagnien sind dorthin +beordert. + +Die Presse kläfft: + +„Ende der Giftmörderin.“ Bazillenmärchen und abenteuerliche Gaslegenden +werden von neuem aufgetischt. Der Glaube daran aber ist im Volk Amerikas +schon bedeutend erschüttert ... + +Und Japan horcht nach Amerika hinüber mit gespannten Ohren. + +Der japanische Kriegsrat hat die Mobilisation angeordnet. + +Die Bankiers Amerikas erstarren. + +Es sind Menschenmasken, blutleer, wie gehauen aus Granit. + +„Das ist das Weltende ... Das ist Amerikas Untergang ...“ + +Die Regierung ruft auf: + +„Amerikaner! Wahrt eure heiligsten Güter! Der äußere Feind ... Laßt für +die Zeit des Verteidigungskrieges gegen die gelbe Gefahr euere inneren +Zerwürfnisse schweigen ... Regierungswechsel ... Die neue Regierung ist +bereit ... Das Gesamtwohl der Nation erheischt ... Auf zu den Waffen +...“ + +Die Geistlichen versuchten es im Auftrag der neugebildeten Regierung von +den Kanzeln herab: „Auf! Söhne Amerikas! Dem Feind das Bajonett zwischen +die Rippen gerannt! Im Namen Gottes ...“ + +Die Antwort der amerikanischen Arbeiterschaft ist ein einziges +Kopfschütteln. + +Der Generalstreik geht weiter ... + + + XI + +In der Arbeiterpresse der ganzen Welt erscheint jetzt folgender Artikel: + + + Die chemische Waffe im kommenden Krieg + + + 1. Gaskrieg und Luftkrieg + +Das Gaskampfmittel wird erst durch das Flugzeug zu der furchtbaren +Kriegswaffe. Flugzeug und Gaskampfmittel bilden zusammen eine Einheit, +die ausschlaggebend für die völlige Veränderung der Kriegstaktik und +Strategie ist. + +Das Wesentliche dabei ist die Aufhebung der Front, damit auch die +Aufhebung des Hinterlandes. Das Hinterland wird zur Front. + +Sehr deutlich und offen sprechen die Generäle aller Staaten es aus, daß +das Hauptziel, das Angriffsobjekt des nächsten Krieges nicht mehr so +sehr die Front, d. h. die sich vorwärts und rückwärts bewegende bezw. +stillstehende Linie der feindlichen Armee ist, sondern daß vielmehr die +Hauptangriffspunkte die Großstädte, die Industriewerkstätten usw. sind, +also, daß das Hauptgewicht auf die Vernichtung gerade jener Teile des +Proletariats gelegt wird, die in den Produktionsstätten des Krieges +beschäftigt sind, d. h. bei der neuen Form der Armeen, der größte Teil +des Proletariats. + +Hier zeigt sich bereits der Grundzug der veränderten Kriegstechnik. Die +Anwendung des Gaskrieges, des Flugzeugkrieges bedingen eine kleine Armee +von Spezialisten, mit anderen Worten: im Zusammenhang mit der +Entwicklung des Klassenbewußtseins des Proletariats tritt immer stärker +die Trennung des Proletariats von der Waffe ein. + +Die Luftwaffe ist außerordentlich stark vermehrt worden. + +Die französische Heeresluftflotte z. B. verfügt über etwa 5000 +Flugzeuge, davon sind 3000 startbereit. Zurzeit produziert Frankreich +150 Flugzeuge monatlich. Man spricht vom Flugzeug nur noch als von einem +fliegenden Geschütz, vom Gas als von mikroskopischen Geschossen. Die +französische Industrie ist auf Grund der fortschreitenden +Normungstendenzen so organisiert, daß im Ernstfall stündlich je ein +Flugzeug hergestellt werden kann ... Auf eine besondere Verwendung der +Flugzeuge ist insbesondere aufmerksam zu machen: das ist der Bau von +Spezialflugzeugen für Gasverwendung, bei denen vermittels von in einem +Röhrensystem angebrachten Düsen Gas auf die Erde gestreut wird. Durch +die starke Abkühlung infolge des Ausströmens kühlen sich das Gas und die +fein verteilten Flüssigkeitspartikelchen stark ab und senken sich wie +ein feiner Nebel, wie Tau – daher auch der Name „Tau des Todes“ – mit +großer Schnelligkeit auf die Erde. Bei Versuchen im Jahre 1922 auf dem +Schießplatz in Aberdeen in den Vereinigten Staaten wurde eine +unschädliche aromatische Flüssigkeit durch einen derartig gebauten +Flieger herabgestreut. In weniger als einer Minute war der Geruch +deutlich auf einer Fläche von über 50000 Quadratmetern wahrnehmbar. Es +sei noch darauf hingewiesen, daß seit langem bereits erfolgreich die +Flugzeuge ohne Führer von der Erde aus gelenkt werden können. So +berichtet bereits am 15. November 1923 die „Revue d’Artillerie“ von +erfolgreichen Versuchen mit automatischen Flugzeugen, die auf +Entfernungen von 20 Kilometern ganz sicher, ohne Eingriffe des +Passagiers durch funkentelegraphische Lenkung geführt wurden. + + + 2. Die Giftgasstoffe + +Ueber die Giftgasstoffe selbst bewahren natürlich die einzelnen +imperialistischen Mächte völliges Stillschweigen. Die Wirkung eines +Gasstoffes, der bekannt ist, wird dadurch entweder stark herabgesetzt +oder überhaupt wertlos gemacht. Es ist äußerst wahrscheinlich, daß zu +Beginn des nächsten Krieges oder in seinem Verlauf gänzlich neue +Gasstoffe von bisher unbekannter Wirkung auftauchen. Das „Idealgas“, +nach dem die einzelnen imperialistischen Gruppen suchen, ist ein Gas, +das durch keinen Sinn wahrgenommen wird, Gasmasken völlig durchtränkt, +sofort tödlich wirkt und außerdem den Körper auch von außen her +angreift. Diese „idealen“ Bedingungen hat man gespalten und beschäftigt +sich vor allen Dingen nunmehr mit der Suche nach zwei Richtungen hin: +dem geruch- und geschmacklosen Gas, das absolut tödlich wirkt, und dem +auch tödlichen Gas, das außerdem noch den Körper angreift. Das +„Idealgas“ für die erste Richtung ist das Kohlenstoffmonoxyd (CO), das +bei der unvollständigen Verbrennung von Kohle entsteht. Dieses Gas ist +absolut tödlich. Es scheint, daß es den Amerikanern gelungen ist, dieses +Gas als Kriegswaffe zu verwenden. + +Das zweite Gas, das außerordentlich stark auf die Haut wirkt, ist das +Yperite (Senfgas) und das Levisite. Wahrscheinlich sind beide Sorten +längst überholt, aber die neuen Mittel liegen in ähnlicher Richtung. + +Yperite und Levisite oder die ihnen ähnlichen Gase werden sich +insbesondere in zerstörender Gewalt auswirken, wenn sie, was ohne +Zweifel steht, auf die Industriezentren angewandt werden. War das +Bewegen während des Krieges 1914 bis 1918 in durch Yperite vergasten +Gebieten nur möglich, wenn man außer der Gasmaske noch eine besondere +undurchdringliche Schutzkleidung trug, so mag man sich selbst die +Wirkung dort vorstellen, wo in dicht gedrängten Haufen, in +Proletariervierteln, in Fabriken, die Menschen leben, ohne daß sie mit +den geringsten Schutzmitteln ausgerüstet wären. Da gleichzeitig eine +Rettung aus den vergasten Gebieten unmöglich sein wird durch die +ungeheure Ausdehnung des vergasten Raumes, so liegt offensichtlich die +Vernichtung eines großen Teiles des Proletariats als zwangsläufige Folge +vor. + + + 3. Giftgase und chemische Industrie + +Besonders wichtig bei der modernen Gastechnik ist, daß alle diese +schweren Giftstoffe Abkömmlinge der Farbindustrie bezw. der +Heilmittelindustrie sind. Es handelt sich daher für die einzelnen Länder +nicht so sehr darum, einen möglichst großen Vorrat aufzuspeichern, +sondern es geht bei den einzelnen imperialistischen Gruppen um die +möglichst hohe Steigerung der Produktionsmöglichkeit. Wir haben +infolgedessen eine außerordentlich starke Entwicklung der chemischen +Industrie, die natürlich hohe Profite einheimst, hohe Unterstützungen +vom Staate erhält. In den Vereinigten Staaten z. B. gab es 1914 sieben +chemische Fabriken. 1918: 118 mit einem Kapital von 200 Millionen +Dollar. Die Gesamtfarbenproduktion belief sich in den Vereinigten +Staaten 1914 auf 6,6 Millionen Pfund, 1922 auf 64,6 Millionen, 1923 auf +93,7 Millionen, so daß die Farbenproduktion in den neun Jahren auf mehr +als das 14fache gestiegen ist. Gegen eine Einfuhr von 46 Millionen Pfund +im Jahre 1913 wurden 1923 lediglich drei Millionen eingeführt, dagegen +17,9 Millionen ausgeführt. In dem Zolltarif sind außerordentlich hohe +Zollsätze für Farben festgelegt worden. Während England 1913 etwa 14 +Prozent seines Bedarfs selbst produzierte, stellt es nach einem Bericht +des Handelsamtes in Washington gegenwärtig 80 Prozent seines Verbrauches +selbst her. Die englische Regierung hat sich verpflichtet, ein Sechstel +der Produktion selbst zu übernehmen. Die französische Produktion ist +noch stärker gestiegen. Während Frankreich noch 1920 46 Prozent seines +Verbrauchs einführte, ist diese Einfuhr im ersten Halbjahr 1924 auf 5 +Prozent zurückgegangen. Die Produktion hat sich demzufolge in diesen +vier Jahren verdoppelt. Während Frankreich 1920 noch 7000 Tonnen +jährlich produzierte, produziert es im ersten Halbjahr 1924 bereits 8000 +Tonnen. Die Entwicklung in anderen Ländern ist ganz ähnlich. + +Diese schnelle Entwicklung der Farbenindustrie hat zur Ursache, daß die +meisten Gasstoffe entweder Zwischenprodukte von Farbstoffen sind oder +daß die Farbstoffe (und Heilmittel) Ausgangspunkt für die Gasmittel +sind. So haben die Arsine, also die Reihe der Levisite usw., das gleiche +Ausgangsprodukt wie das Salvarsan. Yperite und auch der andere Gasstoff, +die Levisite, haben ein gleiches Zwischenprodukt wie das vielgebrauchte +Indigo. Das Phosgen und die Tränengase haben gleiche Zwischenprodukte +wie die hellroten, blauen und violetten Farben. Die Pikrinsäure, +Ausgangspunkt einer Reihe von giftigen Farben, ebenso wie sie in der +Sprengtechnik angewandt wird, ergibt durch einfache Chlorierung das sehr +schädlich wirkende Chlorpikrin. Aus dem Anilin werden gleichzeitig +Yperite, verschiedene Anilinfarben und Heilmittel hergestellt. + + + 4. Giftgase und Proletariat + +Damit zeigt sich ein weiterer wesentlicher Zug des Gaskampfes. Das +Proletariat, das früher Panzerplatten, Kanonen, Sprengstoffe, Munition +herstellte, kannte genau den Zweck der Fabrikation. Im Zeitalter des +Giftgaskrieges weiß der Arbeiter in der Fabrik nicht mehr, ob er ein +harmloses Heilmittel, irgend eine Farbe oder ein äußerst gefährliches +Giftgas herstellt. + +Hier enthüllt sich mit voller Schärfe die konterrevolutionäre Forderung +der Zweiten Internationale, daß man bei Kriegsausbruch den Krieg einfach +unmöglich mache, dadurch, daß man keine Munition herstellt. Hier zeigt +sich klar, daß diese Forderung nur dazu dient, das Proletariat von der +Erkenntnis der unerbittlichen Notwendigkeit des Kampfes gegen die +Bourgeoisie, des „Krieg dem Kriege“, abzuhalten. + +Der nächste Krieg wird in der Hauptsache geführt werden gegen die großen +Städte und gegen die Industriezentren. Das Proletariat ist in seiner +Masse im nächsten Krieg an die Produktionsstätten gebunden. Der +Hauptangriff richtet sich gegen die Produktionswerkstätten, die +verschärfte Bedeutung haben, da es in diesem nächsten Krieg auf die +dauernde Produktion der Giftstoffe und der Flugzeuge ankommt. + +Der nächste Krieg wird geführt werden von einer vom Proletariat +losgelösten Spezialistentruppe mit Waffen, bei deren Produktion der +Arbeiter nicht weiß, daß er Waffen herstellt. So erscheint das +Proletariat zunächst getrennt und losgelöst von der Waffe, aber in weit +höherem Maß ist die Waffe wiederum dadurch in seine Hand gegeben, daß +das Proletariat an den Stätten der Produktion von Kriegsmitteln, die +eine weit höhere Bedeutung gewinnen, in starkem Maß konzentriert ist. +Damit wird die einzige Möglichkeit für das Proletariat, diesem kommenden +Krieg zu begegnen oder ihn zu beendigen, klar sichtbar: nur wenn es die +Leitung der Produktion in den Händen hat, nur wenn es den Betrieb +besitzt, kann es die Produktion der Kriegsmittel verhindern. Daher wird +mit erhöhter Notwendigkeit die Umwandlung der kapitalistischen +Wirtschaft in die proletarische vorzunehmen sein. Dies kann nur +geschehen dadurch, daß die Bourgeoisie gestürzt und das Proletariat die +Leitung der Produktion, die Macht überhaupt übernimmt. So verlangt die +moderne Kriegsführung ihre schleunigste Beendigung durch die Umwandlung +des Krieges in einen Krieg des Proletariats gegen die Bourgeoisie zu +ihrem Sturze. Diese Kriegsführung verlangt schon vorher die Vorbereitung +des Kampfes des Proletariats.“ + + + XII + +Die Proletarier wußten nun, woran sie waren. + +„Das also hätten wir von diesem Menschen-Kehricht zu erwarten gehabt. +Pfui Teufel! ...“ + +Ueberallhin flatterten die Flugblätter. + +Die Regierungen setzen Kopfprämien aus. + +Hilft nichts. + +Das Geheimnis des kommenden Kriegs war enthüllt. Es war eine +schreckliche Bewußtwerdung. + +„Wer ist nun der wirkliche Giftgasfabrikant!? Wer ist der +Bazillenmassenmörder nun in Wirklichkeit? ...“ + +Millionen knirschten vor Wut ... + +„Wie stehts in Edgewood!? Können wir uns auf die Mannschaften der +Bombenflugzeuggeschwader verlassen!? Sind die Arsenale in Ordnung!?“ + + * * * * * + +Die Nachrichten lauteten unbestimmt. + +Die Krise zog sich enger wie ein Strick um die Hälse der Finanzmagnaten +zusammen. Man hatte Verdauungs- und Schluckbeschwerden. Viele Hebel am +Regierungsapparat funktionierten schon nicht mehr. Von vielen Stellen +blieb die Antwort aus. Eine rote Zelle ist in der Armee, hieß es. Die +Panik fieberte empor. GBRO. Was ist GBRO.? Geheimbund revolutionärer +Offiziere ... Den reaktionären Gewerkschaftsführern entglitt nun völlig +die Bewegung ... + +Mechanische Armeen ließ die Regierung aufmarschieren: + +Bataillone schwerer Tanks, Bataillone mittlerer Tanks, Brigaden +mechanischer Artillerie, schwere MG.-Kompagnien. ... Man verließ sich +auf die niederschmetternde psychologische Wirkung. + +Vergebens. + +Die Arbeiterschaft steht Gewehr bei Fuß. + +Wir sind gerüstet. + +Wir sind bereit, die Feuerprobe zu bestehen ... + +Wir warten nur auf das Angriffssignal. + +Die Stellungen des Gegners sind genau bekannt. + +Es gibt kein Verhandeln mehr. + +Nun ist es klar: + +„Die Frage, die die geschichtliche Situation dem Proletariat stellt, ist +nicht die Wahl zwischen Krieg und Frieden, sondern zwischen +imperialistischem Krieg und Krieg gegen diesen Krieg ...“ + +Wie bewegungslos ist in diesem Augenblick Amerika! Einige Muskelbänder +nur spielen an ihm noch, wie im Starrkrampf. + +„Nieder mit dem Menschenschlachthaus!“ gellt jubelnd eine Stimme. + +„Für heute und für immer!“ + +Millionen Augen zucken nach oben. + +„Werden sie es wagen ... Schicken sie uns die Flieger ... Und –“ + +„Und –“ + +„Werden die Unseren in Edgewood ihre Pflicht tun ...“ + +Kein Laut. + +Die Stadt ist wie vergletschert ... + +Da ... + +Dort stürzen sich schon im Sturmschritt Arbeiterbataillone über den +Platz – + +„Sprung auf! Marsch! Marsch!“ + +„Wir haben mehr zu verlieren als nur unsere Ketten: wir haben die +Zukunft der Welt zu verlieren!“ + +Vorwärts! Auf drum! Los! + +Es kann beginnen! + + + + + 6. Kapitel. + + Der erste Mai + + + Ein Brief. – Sonne über Schweizer Bergen. + – „Gebt uns eine Partei!“ Der 1. Mai: ein + Welt-Kampftag! – Aufmarsch der + „Vaterländischen Verbände“. Rote + Gegendemonstration. – Provokateure an der + Arbeit. – Ein Blutbad. – Am Abend des 1. + Mai. + + + I + +Als Peter spät nachts nach Hause kam, fand er von seiner Mutter einen +Brief vor. + +„Mein Lieber! Auf Deinen ausführlichen Brief will ich Dir antworten, +indem ich Dir den folgenden Ausschnitt aus einer Zeitung schicke, die +ich jetzt täglich lese. Diese Schilderung stammt von Eugen Leviné, wie +Du weißt, vom Münchener Standgericht zum Tode verurteilt und erschossen. +Dieser Bericht ist auch meine Antwort auf Deinen Brief. Ich bin +glücklich über Dich, Peter, Du hast den richtigen Weg gefunden. Nun, +nimm und lies!“ + + * * * * * + +Und Peter las: + +„Der Wind heult. In der kleinen Petroleumlampe flackert die Flamme, +züngelt hin und her, biegt sich und beugt sich. Phantastisch tanzt der +Schatten des Teekessels an den runden Wänden der Turmzelle. Auf der +harten Pritsche liege ich, fest gehüllt in meinen Pelz, und lausche dem +Liede des Windes. In den verrosteten Angeln knarrt das Fenster und +ächzt. Die kleine Ratte, die mir sonst Gesellschaft leistet, graziös +über den Tisch läuft und hin und her huscht, wagt sich heute aus dem +Loch nicht heraus. Ganz allein bin ich heute. Starre zur Decke. Lasse +müde den Blick über die Wände gleiten. Alles so bekannt. Die Namen an +den Wänden. Kommentare der Nachfolger: „Ab nach dem Zuchthaus zu +Smolensk“, „Hingerichtet in Wilna“ ... Und daneben immer und immer +wieder: „Es lebe der Kampf“, „Es lebe die Revolution.“ + +Der Wind heult und wieder flackert das Licht in der Lampe, wieder tanzen +phantastische Schatten. Immer fester hülle ich mich in den Pelz, den sie +mir gelassen haben. Es ist kalt in der Turmzelle. Schon ermüden die +Augen und fallen langsam zu. Da plötzlich fahre ich auf. Draußen auf der +eisernen Treppe höre ich Schritte und Kettengeklirr, Stimmen und +Kommandorufe. Sie nahen in der Richtung meiner Zelle. Unter mir +verstummen sie. Dumpf dröhnend fällt in der unteren Turmzelle die +eisenbeschlagene Tür ins Schloß. Wieder Stimmengewirr und stampfende +Schritte. Dann wieder Stille. + +Nur der Wind heult. Der Fensterrahmen knarrt, die Flamme in der Lampe +züngelt und flackert, und phantastisch tanzen die Schatten. + +Ich lausche angestrengt. In die Zelle unter mir haben sie einen „Neuen“ +gebracht. Wer ist es? Ein Fremder, ein Freund? Ein Genosse oder +Krimineller? Was droht ihm? Der Galgen? Oder bloß Kerker? Ich lausche. +Wird er nicht klopfen? Nicht seinen Namen nennen? Nein, es bleibt still. +Nur der Wind singt sein Lied. + +Ich lege das Ohr an die Wand – alles still. Kein Laut. + +Vielleicht weiß er nicht, daß jemand über ihm sitzt. Ich nehme den +Metallbecher und klopfe leise an die Wand: ta ta – tatatatata – tatata – +leise, rhythmisch. „Kto wy?“ – „Wer seid ihr?“ Aber ich komme nicht zu +Ende. An der Tür ein leises, schleichendes Geräusch. Schnell ist der +Becher versteckt. Ich liege auf dem Rücken, mit verschränkten Armen, mit +künstlich gleichgültigem Gesicht. Ich schaue nach dem Guckloch an der +Tür. Ein entzündetes Auge richtet seinen Blick auf mich. Ich erwidere +den Blick und fühle, wie etwas Feindseliges wider meinen Willen aus +meinem Auge spricht. Da wird das Guckloch wieder geschlossen und an +Stelle des Auges grinst hinter der kleinen Oeffnung die dunkle +Metallplatte. + +Nun bin ich wieder allein. Mit dem Klopfen ist es heute nacht zu Ende. +Sonst werde ich angezeigt. + +Uebrigens scheint der Neue das Klopfen nicht zu verstehen. Morgen muß +ich versuchen, ihm das Klopfalphabet zuzustellen. Durch wen? Ich +überlege. Denke an verschiedene Kriminelle, die Zutritt zum unteren +Korridor haben. Am einfachsten wäre es ja, den Brief durchs Fenster an +einem Strick hinabzulassen. Doch das ist gefährlich. Die Posten haben +Befehl, zu feuern, sobald sich jemand am Fenster zeigt. Ich werde mit +Butkewitsch sprechen. Der hat als Putzer zu allen Zellen unseres +Korridors Zutritt. Vielleicht kann er mir helfen. Es eilt ja auch nicht. +Morgen wird sich schon ein Weg finden. Ich schließe die Augen und +versuche zu schlafen. Lange höre ich noch das Knarren des Fensters, +lange höre ich noch das Heulen des Windes ... Dann aber allmählich legt +sich bleierne Müdigkeit wie ein Reifen um die Stirn, und ich schlafe ein +... + +Langsam dreht sich der Schlüssel im Türschloß. Einmal, zweimal. Knarrend +geht die Tür auf. Ekelhafter Geruch von Dutzenden von Paraschas (Eimern) +schlägt vom Korridor in die Turmzelle. Ich öffne die Augen. Es dämmert +kaum. Gähnend steht der Wärter in der Tür, nestelt am Gurt, steckt den +Revolver zurecht. „Guten Morgen“, „Guten Morgen“. Klappernd mit den +Holzpantoffeln auf dem steinernen Boden, klirrend mit den eisernen +Ketten, läuft Butkewitsch, der Korridorputzer, hin und her. „Guten +Morgen.“ – Er läuft ans Fenster, reißt es auf und kühlend netzt die +frische Morgenluft mir das Gesicht. Ich wende den Kopf zum Fenster, atme +in vollen Zügen die Luft ein. Da gewahre ich im fahlen Morgenlicht auf +dem Fensterbrett etwas Weißes: einen kleinen Zettel. Schnell sehe ich +weg, damit der Wärter nicht der Richtung meines Blickes folgt. Doch er +hat nichts gemerkt. Noch immer macht er sich gähnend am Revolver zu +schaffen. Wieder klirren die Ketten und klappern die Pantoffeln: +Butkewitsch bringt die leere Parascha. Schnell wechseln wir einen Blick +des Einverständnisses. Dann nimmt er die leergebrannte Lampe vom Tisch, +und die Tür fällt dröhnend ins Schloß. Zweimal drehte sich der +Schlüssel. Ich bin wieder allein. + +Einen Blick aufs Guckloch in der Tür: Nein, niemand. Ich nehme den +Zettel vom Fenster. Ich erkenne die Handschrift, ein Genosse vom unteren +Korridor schreibt mir: „Genosse! Gestern nacht hat man einen Neuen +gebracht. Du kennst ihn nicht. Er sitzt unter Dir im Turm. Morgen wird +er zur Hinrichtung transportiert. In unserer Zelle sitzen seine Freunde. +Sie wollen ihm einen letzten Gruß senden. Jede Verbindung mit seiner +Zelle im unteren Korridor ist abgeschnitten. Versuche den beiliegenden +Zettel zu ihm zu schaffen. Es sind letzte Abschiedsgrüße. Dank im voraus +...“ + +Den ganzen Vormittag gehe ich in meiner Zelle auf und ab und überlege. +Unten ist die Verbindung mit ihm abgeschnitten. Es gibt nur ein einziges +Mittel: Ich muß ihm den Brief durchs Fenster zustellen ... + +Als ich um zwölf das Mittagessen in Empfang nehme, raune ich Butkewitsch +zu: „Das Telephon!“ Er nickt. Eine halbe Stunde später bringt er heißes +Wasser für den Tee. Der Wärter bleibt in der Tür stehen. Butkewitsch +macht sich am Tisch zu schaffen. Der Wärter wird ärgerlich. „Na, wirds +bald?“ Da beginnen zwei Kriminelle in dem Korridor Streit. Absichtlich, +um den Wärter abzulenken. Laut schallen die Schimpfworte. Der Wärter +geht hinaus. „Wollt ihr wohl Ruhe halten!“ Butkewitsch benutzt den +Augenblick, zieht unter seiner Jacke ein Bündel hervor, wirft es schnell +unter meine Pritsche und geht auch hinaus. Auf dem Korridor ist es +wieder ruhig, der Wärter kommt zurück, läßt seine Blicke prüfend durch +die Zelle schweifen und geht dann auch hinaus. Die Tür fällt ins Schloß, +wieder knarrt zweimal der Schlüssel und wieder bin ich allein. Das +„Telephon“ liegt unter der Pritsche: ein langer Strick aus Fetzen von +Bettüchern zusammengesetzt. Der Zettel ist in einer Spalte der Wand +versteckt. Ich muß warten. Ein dreifacher Ring umgibt das Gefängnis. +Innen im Hof Gefängniswärter und Feldjäger, draußen, vor der Mauer, +Schutzleute. Gerade vor meinem Fenster – ein Feldjäger. Er muß es sehen, +wenn ich das „Telephon“ hinablasse. Doch ich habe Glück. Heute abend +soll ein Feldjäger auf Wache kommen, der mit uns heimlich sympathisiert. +Der wird schon ein Auge zudrücken. Und die Außenposten werden es nicht +so schnell merken. Ich habe alles für den Abend bereit. Schreibe ein +Klopfalphabet mit Erläuterungen, damit der Genosse wenigstens die letzte +Nacht mit mir sprechen kann. Vielleicht hat er letzte Wünsche zu +übermitteln, letzte Grüße ... + +Es dämmert. Ich hocke auf dem Fensterbrett. Im Garten des +Gefängnisdirektors, draußen, vor unserer Mauer, räkeln sich die +Schutzleute. Innen im Hofe, vor dem Fenster, steht der Feldjäger. Sieht +er mich nicht? Will er mich nicht sehen? + +Ich stecke die Hand zwischen die Gitterstäbe und lasse langsam das +„Telephon“ hinab. Unten baumelt der Brief. Nach meiner Berechnung muß er +jetzt vor seinem Fenster sein. Ich klopfe an die Wand, um den Genossen +aufmerksam zu machen. Keine Antwort. Das Telephon baumelt im Winde. +Vielleicht kann er es nicht greifen, weil es so hin und her geht. Ich +ziehe das Telephon wieder herauf, beschwere es mit dem Metallbecher und +lasse es hinab. Gerade gespannt hängt jetzt der Strick. Jetzt muß der +Brief vor seinem Fenster sein. Ich klopfe mit dem Fuß auf den Boden, +klopfe mit dem schweren Holzschemel. Laut. Er muß es hören. Aber unten +bleibt alles still. Keine Hand greift nach dem Brief. + +Der Feldjäger wird unruhig. Er winkt mir und macht mir ein Zeichen. Ich +soll aufhören. Ich beachte es nicht. Die Schutzleute an der Außenmauer +haben es auch bemerkt. Laut tönen ihre Stimmen. „Hundesohn! – mach, daß +du fortkommst vom Fenster!“ + +Jetzt gilt es. Länger kann ich nicht bleiben. Gesehen hat man mich ja +doch schon. Ich presse das Gesicht an die Gitterstäbe und rufe: +„Genosse! Genosse! Warum nehmen Sie den Brief nicht?“ – „Hundesohn! +Wirds bald? Wir schießen!“ Und schon greifen sie nach den Gewehren. Ich +lausche – noch einen Augenblick, sonst ist es zu spät. Da dringt eine +Stimme von unten herauf, stammelnd und klagend, leise und kraftlos, so +leise, daß ich das Gehör anstrengen muß, um zu hören: „Genos–se ... Ich +kann ... den Brief ... nicht ... nehmen. Beim Verhör ... hat man ... mir +... beide Arme ... gebrochen. Genosse ... leb wohl ...“ Leise und +klagend tönt die Stimme und bricht plötzlich ab. + +Ein wütendes Winken des Feldjägers; die Schutzleute vor der Mauer haben +schon angelegt. Mit einem Ruck reiße ich das Telephon nach oben und +lasse mich vom Fensterbrett gleiten, verstecke alles schnell unter der +Pritsche. + +Es ist höchste Zeit gewesen. Aufgescheucht vom Lärm, macht der Wärter +auf dem Korridor seine Runde. Und jetzt schaut sein Auge durchs +Guckloch. Aber ich liege schon auf meiner Pritsche auf dem Rücken mit +verschränkten Armen und beruhigt geht er weiter ... + +Nachts als es ganz still ist und draußen vor der Tür regelmäßiges +Schnarchen ertönt, stehe ich auf und verbrenne alles: das Klopfalphabet, +die Erläuterungen und die letzten Grüße. + +Rußig züngelt die Flamme zur Lampe heraus, ergreift das Papier und leckt +gierig daran. Ein Häufchen Asche fällt auf den Tisch. Der Wind heult, +fährt zwischen den Fensterritzen hindurch, und die Aschestückchen +flattern durch die Zelle: Das Alphabet, die Erläuterungen und die +letzten Grüße. + +Unten aber sitzt der, dem sie galten. Am Vorabend seiner Hinrichtung. +Mit gebrochenen Armen. Und niemand, der ihm ein letztes Abschiedswort +sagen könnte. + +Der Wind heult. Unruhig flackert die Flamme. Phantastisch tanzen die +Schatten. Am Fußboden bewegen sich zitternd Aschestückchen. + +Ich liege wieder auf der Pritsche. Hülle mich fester in den Pelz. +Fröstle trotzdem. Schließe krampfhaft die Augen, beiße die Zähne +zusammen. Im Ohr klingt immer noch leise und klagend die stammelnde +Stimme: + +„Ich kann den Brief nicht nehmen, Genosse! Leb wohl!“ + + * * * * * + +Es ging gegen Morgen. + +Peter las noch immer den Brief. + +„Dieser Brief soll eine Antwort sein ... Sind denn auch ihr bei einer +Voruntersuchung beide Arme gebrochen worden ...? Aber sie war doch nicht +verhaftet ... oder sollte das ganz anders gemeint sein, so vielleicht, +daß ...“ + +„Ja, so ist es!“ Nun kannte er plötzlich die Bedeutung der Antwort. + +„Zehn Jahre solch eines „Zusammenlebens“, das war ihre Voruntersuchung, +und jetzt ... Sie ist einfach ein körperlich und geistig gebrochener +Mensch, und kann nicht mehr.“ + +Peter rieb sich den Schlaf aus den Augen und machte sich an seine +Arbeit. – + + * * * * * + +Und wieder strahlte die Sonne auf. + +Früher war es: die Stadt erwachte. Jetzt wacht sie Tag und Nacht. + +Alle Gegenstände ringsum – Kleider, Möbel, Häuser, Straßen, was es auch +sei – sprechen laut und eindringlich im Frühlicht ihre stumme Sprache: + +„Im Anfang war die Arbeit. Alle Waren, die heute produziert werden, sind +geronnenes Menschenleid ... Du kleidest dich in Blut und Tränen. Was du +ißt und trinkst: heißt Menschenschweiß, ist Menschenbitternis ... Du +schwebst nicht in der Luft. Der Grund, auf dem deine Füße stehen, was +ist er anderes als eine Plattform gekrümmter Menschenrücken ...?! +Unsichtbar eingegraben ist in alles, was dich umgibt, die Rune der Not +...“ + +So, so ist es, und nicht anders. – + + + II + +Zur gleichen Zeit ging auch über den Schweizer Bergen die Sonne auf. +Groß, rot, schmetternd ... + +Ein Horn blies. Die Kurgäste, in Pelze und Mäntel gehüllt, traten aus +ihren Appartements und Prachtzimmern auf die Veranden und die Balkone +des Hotels „Rigikulm“ hinaus, um den Sonnenaufgang zu bewundern. + +Der Kurhaussaal unten wurde eben aufgeräumt, noch hingen Girlanden, +Papierschlangen und bunte Lampione herum von dem Fest, das vorige Nacht +zu Ehren der Ankunft der „Deutschen“ gegeben worden war. + +Es war ein wildes, ausgelassenes Fest, an nichts wurde gespart, es glich +einem Karneval, alle Teilnehmer hatten sich phantastisch kostümiert. Es +waren die letzten Deutschen, die über die Grenze gekommen waren, bevor +diese endgültig abgesperrt wurde. + +Auch der Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung war unter ihnen. + +Er fungierte in den letzten Jahren als Untersuchungsrichter und war +durch einige bedeutende politische Prozesse allgemein bekannt geworden. +Die Zuspitzung der inneren Verhältnisse in Deutschland ließ es für ihn +geraten erscheinen, Deutschland zu verlassen. Seine vorgesetzte Behörde +selbst riet ihm dazu. Er sollte sich im Ausland bereithalten, bis sich +die weitere Entwicklung der Lage besser übersehen ließ. + +Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung, übernächtigt, den Mantel über, +darunter noch im Maskenkostüm, stand, abseits von der übrigen +Gesellschaft, am Rand der Felsen. + +Der berühmte Hofopernsänger Eugen Garu, eine etwas fettlich geratene +Siegfriedsgestalt, sang eben zur Begrüßung der aufgegangenen Sonne eine +italienische Arie. Als er mit einer geschwollenen Stimme endete, die wie +der Bizeps eines Ringers klang oder wie Nackenspeck, klatschten die +Zuhörer begeistert Beifall. + +Es waren Politiker, hohe Beamte, Schauspieler, Tänzerinnen, Filmstars, +auch Literaten, Professoren und ähnliche Kulturträger darunter. + +Im gesamten neutralen Ausland schossen jetzt solche Kolonien deutscher +Emigranten empor. + + * * * * * + +Der Landgerichtsdirektor klingelte in Gedanken. + +„Wo bleibt heute nur der Gerichtsdiener mit der Aktenmappe!?“ + +Dr. Friedjung war allein im Büro. Niemand war zur Stelle. + +Die ganze Alpenwelt glühte jetzt ... + +Ein flammender Blutballon schwebte die Sonne am blaudunstigen Gewölb +herauf. + +„Auch die Zeitungen bleiben aus ...“ + +Und er sah auf die Uhr. Der Zeiger stand. Das Uhrwerk war abgelaufen ... + +„Sehr verehrter Herr Dr. Reuchlin! Ich habe die verzweifelte Ehre, +Ihnen, leider Gottes, mitteilen zu müssen, auch meinerseits Vater eines +Sohnes zu sein, der ...“, setzte der Landgerichtsdirektor in Gedanken +auf und knüllte dabei hastig nervös in der Hosentasche seiner +Maskenuniform an einem Brief herum, in dem ihm ein Kollege über die +neueste Entwicklung Peters schrieb ... + +„Verdammt!“ + +Und sein ganzes Leben schrumpfte ihm plötzlich in einen Akt zusammen, +Akt Heinrich Friedjung, er blätterte darin, dann schlug er die erste +Seite auf und siehe da, darauf stand: Versalien, Fraktur, wie früher „Im +Namen des Volkes“: „Verlustliste.“ + +Namen standen der Reihe nach herunter, hinter jedem ein Kreuz. + +Andere Namen, dahinter: + + 8 Jahre Zuchthaus, + 17 Jahre Zuchthaus, + 25 Jahre Zuchthaus, + lebenslänglich ... + +Er zählte zusammen: + + 15 Kreuze, + 987 Jahre ... + + * * * * * + +Wieder sang der Hofopernsänger. + +Alle Kurgäste sangen im Chor: + +„Deutschland über alles ...“ + +Auch zu Dr. Friedjung drang der Gesang: + +„Damit steh und falle ich ... Herrlich weit haben wirs gebracht ... +Dahin also ist es jetzt gekommen ...“ + +Es wurde schon warm, die Sonne brannte und die Schminke lief ihm dick +vom Gesicht. + +„Das Untersuchungsverfahren gegen Friedjung Heinrich ist abgeschlossen“, +hörte er jetzt sich selbst sprechen. „Die Hauptverhandlung ist bereits +eröffnet. Die Zeugenvernehmung ist beendet. Das Plädoyer des +Staatsanwalts beginnt: + +„und so stelle ich hiermit den Antrag auf Zuerkennung einer Strafe in +der Höhe des gesetzlich zulässigen Mindeststrafmaßes und beantrage +demnach ...“ + +Mit den Händen schob sich der Angeklagte Dr. Friedjung in ein Gebüsch +hinein, setzte sich auf einen Stein und lächelte. + +„Der Angeklagte hat das Schlußwort.“ + +„Meine Herren Richter!“ Der Angeklagte stand vom Stein auf. „Eigelb ist +nun die Sonne. Die Sonne: ein Dotter. Und wenn man von dieser Tatsache +ausgehend den Weltraum sich als etwas Atmosphärisch-Gläsernes vorstellt, +dann ... Ei im Glas ...“ + +Weiter kam er in seiner Betrachtung nicht. + +„Jetzt beginnt er zu simulieren“, bemerkte irgendwer im Zuhörerraum +spöttisch. + +Die Richter erschienen wieder nach einer Sekundenpause. + +Alles erhob sich. + +„Das Gericht hat dem Antrag des Anklagevertreters stattgegeben und auf +das gesetzlich zulässige Mindeststrafmaß erkannt, auf ...“ + +„Der Strafvollzug tritt sofort in Kraft.“ + + * * * * * + +Aus der Tasche, in der er an dem Brief herumgeknüllt hatte, zog der +Landgerichtsdirektor die Pistole hervor. + +„Schwarzblau ... Prima Stahlware ... Wie ein kleiner Monteur siehst du +ja aus ... Bist mein Söhnchen vielleicht gar selbst, heißt am Ende noch +Peter, und bist wohl nun schon auch inzwischen zum klassenbewußten +Proleten geworden!? ... Wie dem aber auch sein mag ... Dein alter Vater +ist dir nicht lange mehr gram darüber ... Mußte ja so kommen ... Kann +auch gar nicht anders sein ...“ + +Nun traten plötzlich alle die von ihm Voruntersuchten auf ihn zu, alle +sie, die er nur in der einzigen Absicht voruntersucht hatte, um sie dem +Henker zu überantworten: Gehängte, Gefallbeilte, die in der +Untersuchungshaft meuchlings Ermordeten, Kopfschüssler: + +„Im Namen des Volkes! Bitte ...“ + +„... über a–alles in der Welt!“ schloß vielstimmig, hoch tremolierend +die Schar der Kurgäste. + +Kreischend lachte der Landgerichtsdirektor auf. + +Durch alle Räume hindurch, wie aus einem Megaphon durch die ganze Welt +schrie dieses Gelächter. + +Dann drückte er ab. + +Es tat wie ein die ganze Herzgegend tief durchdringender leichter Schlag +mit der flachen Hand. – + + + III + +Ein schluchtenartiges, von steilen Gefällen überschüttetes Gelände war +diese Zeit. + +Die Partei arbeitete sich hoch hinauf durch diese Zeit wie ein Traktor: +die schwer keuchende Masse des Proletariats hinter ihm dumpf, wie eine +aus Fleisch, Eisen und Ruß geknetete Wolke. + +Mit Blut, Tränen und Schweiß unlösbar ineinander verkittet, bewegte sich +der Menschenmillionenknäuel der Ausgebeuteten daher. – + + * * * * * + +Die Partei war zu einer Kampfmaschine geworden. + +Absolute Starrheit, Festigkeit, Sicherheit in allem Prinzipiellen, +größte Biegsamkeit, Elastizität, Beweglichkeit, Manövrierfähigkeit in +allem übrigen ... + +Jeder hatte seine Funktion. Der Hydra der Korruption wurde rücksichtslos +Kopf um Kopf abgeschlagen ... + +Ein unermeßliches Kampffeld war zu übersehen. + +Die Fühler und Tastorgane der Partei reichten bis in den kleinsten +Winkel hinein. Kein Verein, keine Vereinigung gab es ohne rote Zelle. +Die Betriebszellen wuchsen, fraßen wie reißend Feuer um sich, die +Proletariermassen wurden wieder glühend ... Die Fabriken wurden die +Kasernen der Arbeiter, wurden zu roten Kampfarsenalen, zu roten +Bollwerken ... + +Die Sektionen der Komintern, eisern in sich gefügte, disziplinierte +Organismen, krümmten und schlugen sich, stießen vor, wichen aus, nahmen +hier den Kampf mit dem Gegner auf, bissen und rissen sich durch, zogen +dort sich zurück; an einer anderen Stelle wieder ließen sie es nur beim +Geplänkel. + +Millionenäugig war dieser Kampfkörper. Das Gehirn, ein einziger +Erfahrungs- und Willensapparat, über Millionen Muskeln, Arme, Herzen, +Nervenbündel gebietend. Jede Schraube an diesem lebendigen Mechanismus +war fest angezogen, jeder Teil bis auf den letzten Grad seiner +Leistungsfähigkeit ausgenützt und gespannt ... + + * * * * * + +Die Partei hatte aus ihren Fehlern und Niederlagen gelernt, im +Kreuzfeuer der Verfolgungen und der Illegalität ward sie nur +widerstandsfähiger und härter geschmiedet, jeder Prolet hatte seinen +beträchtlichen Anteil an den tausendfachen Verbesserungen, die unter den +erschwertesten Umständen in den letzten Jahren durchgeführt werden +mußten. Voll Stolz, Zuversicht und mit unerschütterlichem Vertrauen sah +er auf seine Partei, auf seine Kampfführung: ein gewaltiges, aus +Proletarierherzblut gewachsenes Instrument, das exakt funktionierende +Hebelwerkzeug der sozialen Revolution. + +Das Proletariat war wieder auf sich selbst gestellt. + +Das Proletariat glaubte wieder an sich selbst. – + + + IV + +Der Student Peter Friedjung und der Arbeiter Max Herse waren beinahe zu +gleicher Zeit in die Partei eingetreten. + +Lene arbeitete sogar seit einem halben Jahr schon in einer +Parteistellung. + +Peter verrichtete ganz selbstverständlich die Parteikleinarbeit wie +jeder andere. So hatte er auch binnen kurzem das Mißtrauen, das die +Proleten zuerst ihm als einem Intellektuellen gegenüber hatten, +überwunden. Man hatte ihn herzlich gern, er sprach immer nur ganz kurz +in der Diskussion, aber alles, was er sagte, hatte Hand und Fuß und war +nicht aus dem Abstrakten her oder aus dem Lichtblauen gesogen. + +Zu berechtigt war dieses Mißtrauen gegenüber den Intellektuellen, sah +Peter immer mehr ein, die Intellektuellen sind zu schwach, zu +beeinflußbar, treten häufig nur in die Partei ein, um dort unter einem +anderen Vorzeichen die große Rolle zu spielen, und wenn man auf ihren +verfluchten, meistens noch dazu eingebildeten Individualismus und ihre +läppischen Eitelkeiten keine Rücksicht nimmt, dann ist es kaum mit ihnen +auszuhalten. Immer heißt es da ihrem seelischen Differenzierungsquark +Reverenz erweisen, die Empfindlichkeit ihrer feinen Seelenplatte ist +aufs höchste übersteigert, und bestimmt ist mindestens jeder dritte in +diesem Augenblick eine gekränkte Leberwurst. Aber für das alles ist kein +Raum in einer bolschewistischen Partei. Man muß ihnen den Schädel +ordentlich einboxen ... + +Unzuverlässig. Unpünktlich ... + +Mit solchen Menschen läßt sich eben rein schon gar nichts anfangen ... + + * * * * * + +Da begann wieder einmal einer jener Menschenart mit Peter anzubinden, +einer der an der Peripherie der Partei Herumwimmelnden, für gewöhnlich +„Sympathisierender“ genannt, einer, der in alles hineinschmeckte, von +außen her sich alles zu beurteilen anmaßte, und zu dessen einträglichem +Berufe es gehörte, alles, was es auch sein mag, an der Partei zu +bemäkeln. Ein Groß-Nörgler, ein sympathisierender Gernegroß, einer, der +die gesamte kommunistische Bewegung am liebsten zur Deckung seines +Größenwahnbedarfs für alle Ewigkeit gepachtet hätte ... Ebenso, wie er +für sich selbst einen fanatischen Persönlichkeitskult beanspruchte, +ebenso hinterhältig griff er mit Verleumdungen in der oder in jener +Person die Gesamtpartei an, ging immer mit alarmierenden Gerüchten +krebsen, trug jeder einmal aufkommenden Panikstimmung gewissenhaft +Rechnung und erwies sich so in weitesten Intellektuellenkreisen als ein +zugkräftiger Miesmacher. Er selbst rührte natürlich, mit den +verwegensten Projekten zwar immerdar schwanger, in der praktischen +Arbeit keinen Finger. + +„Und was sagst du nun, Peter, zu der Genossin Kramer! ... Diese +aufgeplusterte Kröte! Aber Geld hat sie immer, niemand weiß woher, und +eine Villa hat sie sich auch gebaut und sie trieft nur so von +französischem Puder und Schminke ... Sie lebt offenbar mit drei Genossen +zugleich zusammen ... Da gibt es Sowjetsterne bei ihr aus Schlagsahne, +hörst du, auf Kuchen, zum Geburtstag ... Aber wenn sie nur den Mund +auftut: das raspelt herunter wie aus einer Blechtrommel ... Das ist ein +richtiges antibolschewistisches Greuel ... Wenn ich die schon sehe, da +vergeht mir schon wieder die ganze Lust an der Bewegung ... Schau dir +nur diese Feldwebelin an, wie aufdringlich die herumquatscht, Phrasen, +nichts als Phrasen ... Man müßte ihr einmal ordentlich den Hintern ... +Aber daß so etwas auch die Partei duldet ... + +„Na, überhaupt die Partei! Sieh dir, Peter, einmal die Führer an! +Hochwürden! Marx-Pfaffen! Euer organisatorischer Leiter, dieser +verknöcherte Bonze, bezieht er nicht zusammen mit seiner Frau ein +doppeltes Gehalt? ... Ja, euere Führer verstehen sich zwar fürtrefflich +aufs Kuhhandeln, aber nicht aufs Kämpfen. Haben sie _die_ Situation +vielleicht ausgenützt!? Und die, und die ... Und da soll wieder das und +dort wieder jenes vorgekommen sein. Hast du nicht gehört, daß ... Und +übrigens neulich habe ich den Genossen Bittermann getroffen, sieht sehr +schlecht aus, der mir erzählt hat, daß ... und auch im Bezirk soll es +oberfaul stehn ... und R. und A. sollen aus der Partei bereits wieder +ausgeschlossen sein, und von G. sagt man, daß er ein Spitzel sei, und L. +soll zur SPD übergetreten sein ... Auch hab ich gehört, daß die +Arbeiterkorrespondenzen von Intellektuellen geschrieben seien, stimmt +daran nicht was, und schau nur die Berichterstattung unserer Presse an +... Im übrigen bitt ich dich, Peter, mach keinen Gebrauch von dem, was +ich dir soeben vertraulich mitgeteilt habe. Ich möchte nicht haben, daß +...“ + +Am liebsten hätte Peter gleich dem Stänker den Rücken gekehrt. Aber er +hatte Geduld gelernt und blieb ruhig. Sagte jetzt nur ganz sachlich: + +„Nun aber stopp, Stänker! Mach Schluß! Mich interessiert nicht, wessen +Nase dir nicht gefällt!“ + +Der Stänker platzte jetzt beinahe vor Erbitterung. Spie Gift und Galle. +Nichts war ihm radikal genug, aber auf einmal schlug er wieder ins +Gegenteil um, stülpte sich um, völlig haltlos warf es ihn von einem +Extrem ins andere ... Vom Abkillen und mißverstandenen Reformvorschlägen +sprach er im selben Augenblick. + +„Eine heilige Sache fürwahr, für die sichs zu sterben lohnte, war +vormals der Kommunismus! Was habt ihr aus dem schönen Kommunismus +gemacht? Einen der Idee feindlichen Kloakenhaufen ...“ + +So schloß der Stänker seinen Wutausbruch. + +„Daß du jetzt nur keinen Anfall bekommst, Stänker! Dir scheint ja eine +Riesenlaus über die Leber gelaufen zu sein ... Aber, du entschuldigst +schon, das, was du hier verzapfst, ist Quatsch mit Sauerkohl. Mir ist +schon ganz speiübel ...“ + +Und ein schöner Misthaufen ist das, dachte sich Peter, was da alles ins +Zeug schießt: Utopien, Ueberradikalismus, Versöhnlertum, Menschenliebe, +dummdreiste Gehässigkeit: alles hübsch einträchtiglich chaotisch sprießt +da beieinander. + +„Ist das wirklich, Stänker, deiner Weisheit letzter Schluß? Du tust mir +ordentlich leid ...“ + +„Und was ist das mit der Kaltstellung Trotzkis? ...“, kläffte der +Stänker noch ... + +Während Peter versuchte, trotzdem dem Stänker noch einmal klarzulegen, +was eigentlich eine Partei sei und wie er sie von seinem individuellen +Standpunkt aus vollkommen schief sehe, ja sie auch, da er ihr inneres +Leben und ihre innere Gesetzmäßigkeit nicht kenne, völlig daneben +beurteilen und sie aus seinem ganzen blödsinnigen Egozentrismus heraus +kindisch verzerren müsse. + +„Wenn sich einer wie du immer um sich selbst dreht, glaubst du, der +bekommt eine richtige Uebersicht ...? Die Umgebung erscheint dann +natürlich unter einer individuell willkürlich verzogenen Perspektive.“ + +Und weiter erläuterte Peter, daß die Partei mit einer gewaltigen +Filtriermaschine vergleichbar sei, in der jeder einzelne, ohne Rücksicht +auf seine Funktion, ordentlich durchtrainiert und durchgeknetet werde +und sicher in kürzester Frist bald auf einen Platz zu stehen komme, wo +er letzten Endes seiner Begabung und Veranlagung nach hingehöre. + +„Sicher, es gibt Reibungen, muß solche geben, es geht nicht immer alles +so glatt ab, aber wozu diese Verweichlichung, lernen wir nur ein wenig +den Ellenbogen gebrauchen, man muß es dem anderen deswegen nicht gleich +so krummnehmen. Die Korruption wird nie ganz auszuschalten sein, +trotzdem, natürlich, sie muß aufs Aeußerste reduziert und darum auf das +Heftigste, überall dort, wo sie auftritt, bekämpft werden: aber, die +revolutionäre Bewegung, aus dem Schoß der kapitalistischen Gesellschaft +geboren, trägt deutlich die Zeichen ihres Ursprungs an sich ... Das +nicht begreifen heißt, von Dialektik auch nicht das geringste verstanden +zu haben ... Und nun, mein lieber Gottlieb Jeremias Stänker, treib es +mit deinen Anschuldigungen nicht allzu toll, kühle dich ein wenig ab, +verordne dir selbst eine kalte Abreibung, ich kann dir zum Schluß nur +sagen: die Partei leistet heute wirklich, magst du es anpacken, wo du +willst, positive Arbeit und daß es keine bessere Zentrale gibt als die, +die wir heute haben, das ist gewisser als gewiß ... Es gibt aber immer +zweierlei Kritik ... Na, Freundchen Stänker, du verstehst, was ich meine +... + +„Und nun, mein Lieber, will ich dir noch sagen, was ich für eine +Auffassung von einem Kommunisten, der diesen Namen zu recht trägt, habe. +Schreib dirs, wenn dus kapiert hast, hinter die Ohren. Jeder Kommunist +muß wissen, daß er, wo auch immer: im Betriebe, in der Gewerkschaft, in +der Genossenschaft, nur dann voll seine Pflicht tun kann, wenn er in +jeder Beziehung den Arbeitern ein Vorbild ist: der aufgeklärteste, +gebildetste, geschickteste Arbeiter in der Betriebsversammlung, der +energischste, mutigste, klassenbewußteste dem Unternehmer, Direktor, +Antreiber gegenüber; der eifrigste, aufopferndste Gewerkschafts- und +Genossenschaftsarbeiter, der sachlichste, positivste, kampfbereiteste +als Betriebs-, Gewerkschafts-, Genossenschaftsfunktionär, kurz, überall +dort, wo er Arbeiter vertritt. Jeder Kommunist muß sich der +Verantwortung für jede Aeußerung bewußt sein. Sachlichkeit, Positivität, +kritische Schärfe, Unerschrockenheit, glühender Haß und kalter Verstand +allen Bonzen gegenüber, Geduld, große Geduld allen andersdenkenden +Arbeitern gegenüber, organisatorische Fähigkeiten, Werben unter den +Unorganisierten für die Gewerkschaften zur Verstärkung des +kommunistischen Einflusses, Fähigkeit mit der Feder einfach, präzis, +wirklichkeitsgetreu umzugehen, Abstreifen jedes zünftlerischen, +spießbürgerlichen, individualistisch verseuchten Geistes, jeder Art von +luxuriöser Gehirnfatzkerei – das muß die Partei von jedem ihrer +Mitglieder verlangen, und nur der, der diesen Anforderungen voll +gewachsen ist, verdient den Ehrentitel eines Kommunisten.“ + +Und Peter verabschiedete sich mit einem kurzen Ruck vom Stänker. + +Der rief ihm noch nach: + +„Bei Philippi sehen wir uns wieder! Denk an mich! Mit der Parole +„Diktatur des Proletariats!“ gewinnt ihr keinen Blumentopf ...“ + +Und hopste verbissen von dannen. + + * * * * * + +Peter widerte es an. + +„Wozu nun diese lange Auseinandersetzung? Ein hoffnungsloser Fall. So +einer wird aus seinen Komplizierungen und seelischen Verkrümmungen +heraus eines Tages noch zum Spitzel ... Das Besondere, das Originale, +das Interessante, das ist bei diesen sensationslüsternen, +pseudodämonischen Individual-Säuen die Hauptsache! Nervenkitzel und +Seelenschleim, mit einem tüchtigen Schuß „Gottes-Rummel“ gemischt: diese +Welt liegt hinter uns ... + +„Komische Käuze! + +„Der eine lebt nach dem Motto: „Ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich +lebe vegetarisch: mein Kopf ward schon zum Kohlkopf ...“ Ein anderer hat +schon den Zustand des reinen Wurzelkauertums erreicht und ein dritter +endlich, ein biederer Schmock von Stinnes Gnaden, wittert rote +Morgenluft, stellt sich um und fristet sein Dasein als feiste +Revolutionswanze ... Lebendige Leichname sind am schwersten +totzukriegen.“ – + +Auch der Inhaber eines kleinen Kramladens, Eugen Brennessel, der +„Heringsbändiger“ genannt, erkundigt sich neulich eingehend bei Peter, +meinte aber am Schluß ganz treuherzig: „Nur glaub ich nicht, daß Sie auf +diese Weise es zu etwas bringen werden ...“ + + + V + +Max und Lene saßen beieinander. + +„Und morgen ist der 1. Mai ... Ach, Max, wenn ich an die Maifeiern bei +der SPD denke, mir wird bei der Erinnerung noch ganz übel ... Die +vielstimmigen schmalzigen Männerchöre und die Reigentänze ... Dieses +ganze „Jupeidi Jupeida“. Einmal haben wir sogar aufgeführt: „Sah ein +Knab ein Röslein stehn ...“ Und dann die Umzüge: im Gehrock, die +Angströhre aufgestülpt, den Zylinder, mit roter Schärpe um und die +Blechmusik an der Spitze: Tschindarassa ... Es war wirklich ein +schöner gemütlich-biederer sozialdemokratischer Bußbrüder- und +Betschwesternverein ... Ich bin froh, daß es jetzt gründlich aus ist mit +diesen Spießbürgerparaden ... Weißt du was, morgen wird es großartig +werden. Der Aufmarsch! Der große Sprechchor! Die roten Frontkämpfer! ... +Aber es ist jetzt auch eine Zeit! In der ganzen Welt wird morgen das +Proletariat aufstehen, wir sind wieder gewaltig mächtig und selbstbewußt +geworden ... Es ist freilich eine Lust zu leben! ...“ + +„Ja, Lene, auch ich, wenn ich zurückdenke ... Damals, bei den +Sozialdemokraten ... Eine abscheuliche Erinnerung! ... Wir haben uns +einfach verlaufen. Jetzt erst weiß ich richtig, wozu ich in der Welt +eigentlich da bin ...“ + +„Ach, Max, ich bin ja auch so sehr glücklich ...“ + +Nun kam auch schon der Genosse Lange. + +„Na, ihr beiden! ... Und du, Max, du Dr. Unblutig des Klassenkampfs! +...“ + +„Gut gehts, Wilhelm ... Wir haben gerade von früher gesprochen ... Was +den Dr. Unblutig anbelangt: laß mich aus damit, mit dem, was gewesen +ist, bin ich fertig ... Strich darunter: und ich glaub, ich hab in den +letzten Monaten meine Parteivergangenheit nachgeholt ...“ + +„Also: nichts für ungut, Max. Ich widme dir hiermit – wie es so schön in +dem Bericht über eine SPD.-Bonzenzusammenkunft heißt – einen +Anerkennungsschluck! Prost! ... Ja, Max, an den Heimweg von damals hab +ich noch oft gedacht! ... Halsstarrig wart ihr, dickschädelig ... mich +hats oft recht gewurmt und dabei in der Hand gejuckt. Hätt aber damals +auch nicht viel geholfen ... Na, und was sagst du zu den Nachrichten +über China, über die amerikanischen Manöver, zu dem intensiven +Wettrüsten!? ... Und hast du den Artikel über den Gaskrieg von den +amerikanischen Genossen gelesen?! ... Ich glaub halt immer, wir müssen +schleunigst unsere Arbeit verdoppeln ... Ganz gewaltig scharf auf der +Hut sein! ...“ + +„Was ich dazu meine!? ... Wenn man bedenkt, wie wir 1914 ausgezogen +sind: mit blanken Knöpfen an den Uniformen, mit der Pickelhaube auf, +meist noch ohne Ueberzug, und wenn man sich jetzt klarmacht, wie rapid +schnell die ganze Kriegstechnik während des Krieges selbst sich +entwickelt hat, und daß man sich allem Anschein nach auch nach +Kriegsschluß nicht auf die faule Bärenhaut gelegt hat, sondern +weitergearbeitet und weiterexperimentiert hat, so muß man meines +Erachtens schon ein ganz phantasieloses und borniert verblendetes +Rindvieh sein, um nicht einzusehen, daß ein kommender Krieg eine ganz +höllische Sache sein wird, mit der verglichen der vorhergegangene Krieg +sich noch wie eine harmlose Holzerei ausnehmen wird ... Und daß wir +Proleten dabei eine wesentlich andere Rolle spielen werden, die Regie +hat uns gleichsam die Statistenrolle übertragen, nur haben diesmal eben +die Statisten ganz und gar allein den Hauptdreck auszufressen ...“ + +„Das weißt du ja auch schon, daß morgen die vaterländischen Verbände +aufmarschieren wollen. Da wirds wieder ein „Gloria! Gloria! Victoria!“ +gröhlen, wenn wir Proleten ihnen nicht ordentlich diesmal das Maul +verstopfen ... Auch die Polizei liegt in erhöhter Alarmbereitschaft. +Truppen sind um Berlin konzentriert. Man wird uns provozieren wollen ... +Also: Vorsicht! ... Es sind auch von der Zentrale dahingehend +entsprechende Vorkehrungen getroffen worden ... Na, wir sprechen uns ja +morgen früh im Lokal noch ... Gute Nacht beieinander! ...“ + + + VI + +Max überlegte sich noch einmal den Artikel über den kommenden Krieg. +Keine Uebertreibungen, sagte er immer wieder zu sich selbst. „Natürlich, +es ist wahrscheinlich: zuerst geht es schon noch mit Tanks und mit +Brisanz und mit Dreadnoughts los. Die Bombenflugzeuggeschwader mit +Gasmunition: das ist sozusagen der Clou. Der neue Krieg wird kein +hundertprozentig reiner chemischer Krieg sein, auch hier gibt es +Uebergänge, Variationen, Kombinationen wie überall, Vergangenheit, +Gegenwart und Zukunft ist tief miteinander verfilzt, das ist knorpelig +ineinander verwachsen und löst sich nicht so abrupt von einander los ... +Ganze Industriegebiete werden zwar gegen die Sicht der Flieger +eingenebelt werden. Aber andererseits gibt es auch bereits Apparate, mit +denen man von über 3000 Meter hoch genaueste Standortfeststellungen +machen kann. Die Einnebelung wird also wenig Zweck haben. Nur als +Vertröstung, als Beruhigungsmittel im ersten Augenblick ... Und die, die +das Geld dazu haben, werden natürlich die Gefahrenzone schleunigst +verlassen und sich auf dem Land in Sicherheit bringen ... Ja, wenn es in +der Macht der einzelnen imperialistischen Gruppen läge, ich glaube ihren +flennenden Versicherungen gern, der Krieg ist heute bei dem hohen Stand +des Klassenbewußtseins des Proletariats ein großes Risiko und sie +möchten natürlich am liebsten den Krieg vermeiden ... Aber das System, +dessen Gesetzmäßigkeit sie treibt und zum Handeln zwingt, ist stärker +als ihr Wille ... Sie müssen, ob sie wollen oder nicht ... Und für die +Arbeiterschaft heißt es diesmal endgültig: verrecken oder kämpfen. Etwas +anderes gibt es gar nicht ... Ich glaube aber auch nicht mehr, daß einer +der unseren noch auf die pazifistischen Schwindeleien hereinfällt ... An +diesem Schmus hat sich heute die Mehrzahl der Menschheit bereits +ordentlich überfressen ... Ein deutlich hörbares Bauchgrimmen geht +durchs Land ...“ + + * * * * * + +Es war am Vorabend des ersten Mai. + +Wie ein gewaltiger atmosphärischer Druck so drückte es auf die Stadt +herein. + +Alles war noch „verdeckt“, da und dort an den Straßenecken sah man +Gruppen von Menschen, die debattierten, die einen oder anderen begrüßten +sich mit „Rot Front!“ oder mit „Heil!“, die Läden waren überfüllt, vor +Lebensmittelgeschäften stand man Polonaise, in langen Windungen kroch +vor den Brotgeschäften die Schlange der Hausfrauen. „Wie einst im Mai +... In unserer herrlich großen Weltkriegszeit nämlich ...“ + +Eine Abteilung Motorradfahrer der Schutzpolizei durchknatterte jetzt die +Straße, ein Tank manövrierte quer über einen Platz ... + +Die ganze Stadt rüstete ... + +Sie war wie ein unsichtbares Kriegslager ... + + * * * * * + +„Au Backe!“ entfuhr es Max beim Anblick eines Kampfwagens. Der trug in +weißen ungelenken Buchstaben den Namen „Totila“, vorne an der +Motor-Haube einen Totenkopf. „Eine geballte Ladung Handgranaten +darunter, und wie ein Kartengehäuse klappt diese ganze Stahlschachtel +auseinander. Auch abblocken oder, was schon vorgekommen sein soll, ein +wohlgezielter Schuß eines Scharfschützen durch den Sehschlitz: auch +damit wird der Bursche zu erledigen sein. Aber trotzdem: so ein Kerl +schlaucht einem gewaltig ... Das psychische Moment dabei ist das +Wichtigste ...“ + +Die Nachricht kam: + +Eine Erwerbslosendemonstration ist in der Linienstraße von der +berittenen Hundertschaft zur besonderen Verwendung zusammengehauen +worden. Tote. Viele Verletzte ... Auch Plünderung von +Lebensmittelgeschäften im Norden der Stadt. Offenbar: Provokateure an +der Arbeit. Ein Aufruf der Regierung kam heraus mit Amnestieversprechen, +Ankündigung ausreichender Lebensmittelzufuhr im Lauf der nächsten Tage, +mit einem ausführlichen Dementi aller Kriegs- und Krisengerüchte. +„Einigkeit macht stark. Unsere Stärke beruht in unserer Einigkeit.“ +Solche und ähnlich bereits historisch sattsam bekannte Flausen, von +denen kaum noch jemand Notiz nahm, wenn nicht mit einem bissigen Witz, +ließ der damalige Reichspräsident tagaus tagein wieder durch die Presse +austrompeten ... + +Die ganze Wirtschaftslast lag auf den Knochen der Arbeiter. Mit den +Knochen der Arbeiter wurde gezahlt, die Knochen der Arbeiter selbst +wurden zu einem Spottpreis an ausländische Finanzcliquen verschachert, +an allen Ecken und Enden händerangen und feilschten kreischend die +Finanzmagnaten: „Knochen her! Wir brauchen Knochen! Knochen!“ + +Alle Klassenkräfte befanden sich damals in einer ununterbrochenen +Bewegung, ein steter Fluß, jeder Tag brachte eine neue Situation, ganze +Gesellschaftsschichten tauchten plötzlich unter in einem jener +gespenstischen Krisenwirbel, wie sie damals an der Tagesordnung waren; +das alles wechselte und veränderte sich im Laufe einer Stunde. + +„Nichts steht fest. Nicht einmal das.“ + +Aus dieser Stimmung heraus kam es oft genug zu Selbstmord und Wahnsinn. + +Lohnkämpfe. Teilstreiks. Ueberall Ansätze zu einer Massenaktion. +Ueberall Ausbrüche der Volkswut. Eine elementare Verzweiflungswelle +fegte über ganze Landesteile. + +Die Frontlinien des bevorstehenden Kampfes zeichneten sich immer +deutlicher ab. Es drängte an vielen Orten bereits stürmisch zur +Entscheidung. Die einzelnen Führungen hielten noch zurück ... + +Die meisten Menschen blieben in dieser Nacht zusammen. + +Viele gingen, trotzdem die Regierung teils pathetisch-beschwörend, teils +energisch drohend dazu aufforderte, nicht von der Straße – + + + VII + +Draußen vor der Stadt war ein warmer Frühlingstag. + +Der Wind fegt übers Land. + +Das Gras fließt ... + +Kolonnen von Landarbeitern marschieren stadtwärts. + +Auf allen Wegen Landarbeiterkolonnen, sie tragen rote Fahnen, singen: +„Wacht auf ...“ + +Ein alter Bauer sitzt, an der Pfeife nagend, vor seiner halb verfallenen +Hütte: + +„Bravo, Jungens, machts gut! ... Dann baut ein neues Dorf auf, das alte +ist ja so zu nichts mehr zu gebrauchen ... Bevor dieses Jahr das Korn in +die Scheuer fährt, wird die Erde noch viel Menschenblut in sich +hineinstürzen. Meine Hand ist trocken. Der Boden hitzig. Das bedeutet +Menschenblut ... O, das sind Zeiten ...“ + +„Recht so, Alter!“ schreien ein paar junge Burschen zu ihm herüber: „Nur +den Mut nicht verlieren! Wir schaffens schon ...“ + +Der ferne Dunstschleier zerreißt. Näher rückt heran die Stadt. Wie ein +noch schlafendes Steinungeheuer liegt sie da, die Vororte inmitten +breiter Flächen Grün wie Tatzen. + +Kein Fabrikschlot raucht. + +Keine Kirchenglocke läutet ... + +Eine Pappelallee zieht sich am Horizont hin, wie eine Reihe +schwarzschwälender Flammen ... + + * * * * * + +Ganze Stadtteile sind seit dem frühesten Morgen von Polizei und Militär +abgesperrt. + +Die sämtlichen Zufahrtsstraßen zur Stadt sind durch Panzerwagen und +Maschinengewehrabteilungen gesichert. + +Erkundungsflieger kreisen hoch in der Luft. + +Die Eisenbahngleise entlang streifen Militärpatrouillen. + +Ein Panzerzug rangiert: jetzt gibt er Volldampf und heult der Stadt zu. + + * * * * * + +Immer wieder werden die Landarbeiterkolonnen abgedrängt. + +Es wird schon gegen Mittag. + +Unruhig kreisen sie um die Stadt. + +Sie müssen durch – + +Im Südosten brechen sie endlich herein. Dort sind die Arbeiterbezirke. + +Von den Offizieren der Absperrungskommandos wird der Befehl zum Feuern +gegeben. + +Viele Soldaten schießen nicht. Viele halten in die Luft ... + +Die Offiziere werden an die Wand gedrückt. + +Gewehre und Bajonette zerbrechen ... + +Die Absperrungskommandos sind überrannt. + +Laut singend, geschlossenen Zugs, marschieren die Landarbeiter weiter +... + +Aus jeder Straße strömt jetzt ein neuer Zug. + +„Des Volkes Blut verströmt in Bächen“, singen die einen. + +Die anderen: + +„Bolschewisten! Bolschewisten! Edelste der Kommunisten!“ + +Auf den Balkonen beugen sich Menschen herab, in die Hände klatschend. An +den Straßenecken begrüßen die Marschierenden große Menschengruppen im +Chor: + +„Rot Front! Rot Front! Rot Front!“ + +Es trommelt. + +Es pfeift. + +Trompetensalven schmettern darein ... + + * * * * * + +Das Militär wird zurückgezogen. + +Hie und da fern am Straßenende sieht man noch einen Panzerwagen +davonrattern. + +In den Flanken ist der Arbeiterzug durch Radfahrerabteilungen gesichert. + +Auf den Dächern sind Arbeitertrupps aufgestellt, sie winken mit den +Mützen. + +Ob die Regierung im letzten Augenblick noch ein Versammlungs- oder +Demonstrationsverbot erlassen hat, ist nicht mehr in Erfahrung zu +bringen. + +Die ganze Stadt ist ein gewaltiger, roter Menschenwirbel. + +Frauen mit roten Kopftüchern. Der Jung-Spartakus-Bund. Greise. Witwen +und Waisen. Aber es marschiert auch ein Frauen-Regiment auf, genannt +„Regiment Rosa“. Hell schmettert Gesang aus ihren Reihen ... + + * * * * * + +Auf den Asphaltstraßen der Stadt dröhnt daher ein roter +Menschenmassen-Orkan. + +Da marschiert an, langsam und immer wieder stockend, der Zug der +Kriegsopfer: manche werden auf Bahren getragen, die meisten humpeln sich +mühsam vorwärts auf monoton klappernden Krückstöcken, da ist die +Abteilung der Erblindeten, hier die der Armlosen, hier die der +Beinlosen, hier sind welche, die nur einen gliederlosen Rumpf noch ihr +eigen nennen. Hier werden Tafeln getragen: „Wir sind das ABC des +Kriegs!“ Oder: „Krieg dem Krieg!“ Oder: „Proletarier, gedenkt des +imperialistischen Kriegs!“ + +Ohne Musik marschiert der Zug. + +Ein Skelett an der Spitze, mit der Zahl: 13 Millionen. + +Die Straße erstarrt. Die Häuserpforten erstarren. Jedes Wort gerinnt im +Mund. Das Leben friert ... Es ist großes Schweigen. + +Schweigend marschiert der Zug. – + + * * * * * + +Im Westen der Stadt sind die vaterländischen Verbände aufmarschiert. + +In straffester militärischer Disziplin. + +Die Mannschaften sind außerordentlich gut und modern eingekleidet. Sie +haben den Sturmriemen umgeschnallt. Feldflasche und Brotbeutel. Viele +tragen den Stahlhelm. Pistolen. Auch Leinwandsäckchen mit +Eierhandgranaten. + +Eine Unzahl Autos und Lastkraftwagen stehen ihnen zur Verfügung. + +In einer Autogarage befindet sich ein Waffenlager. Dort in einem +Bankhaus eine Befehlsstelle. Nach überall hin durch Kuriere verbunden. + +Eine Feldtelephonleitung wird unter besonderer Sicherung jetzt nach +vorne gelegt. + +Die Spitzentruppen setzten sich unauffällig in Bewegung. + +Der Westen ist tot, ausgestorben. Jalousien und Läden sind +heruntergelassen. Nur wenig Menschen zeigen sich noch ... Wo überhaupt +noch Verkehr ist, kann man immer mit ziemlicher Sicherheit ein +Munitionsdepot oder eine Reservestelle vermuten. + +Ein grauhaariger Spitzbart instruiert an einer Straßenecke nochmals +seine Gruppe: + +„Treudeutsch!“ schließt er seine Instruktion. + +„Allewege!“ schnarrt es ihm zurück. + +Die deutsche Kriegsflagge weht. Schwarzweißrot. Hakenkreuzstandarten. + +Trommler, Trompeter, Pfeifer. + +Die Eichenstöcke, mit eisernen Spitzen versehen, schultern sich. + +„Achtung!“ + +„Ohne Tritt! Marsch ...“ + +Parole: „Baltikum.“ + +„Die Vöglein im Walde ...“ „Das Flaggenlied.“ + +Die Gesichter unter den Stahlhelmen sind hartkantig, erdig. Zum +Aeußersten entschlossen. – + + * * * * * + +Die Kasernen der Schutzpolizei und des Militärs werden durch +Stacheldrahtverhaue abgesperrt. + +An der Bannmeile ist eine mechanische Barrikade aus einem Geschwader +Panzerwagen und gepanzerter Lastkraftwagen errichtet. + +Festen Schritts marschieren dort stundenlang die roten Bataillone +vorüber. + +Es wird gegen 3 Uhr nachmittags. + +Zu Zusammenstößen ist es nicht gekommen. Kleine Zwischenfälle, nicht der +Rede wert. + +Auch von den „Vaterländischen“ ist weit und breit nichts zu sehen. + +Wie es heißt: sie sind wieder in ihre Quartiere abgerückt. + +Und so findet das Arbeiter-Riesen-Meeting auf einem Platz mitten im +Stadtzentrum statt. + + * * * * * + +Es sind über Hunderttausende. + +Aus allen Straßenmündungen preßt es sich schwer herein. + +Die Roten Frontkämpfer halten den Ordnerdienst. + +Die ungeheure Anzahl der roten Fahnen: sie flattern in der Luft wie +glühende Flammenzungen. + +Jeder Betrieb hat seine Fahne. + +Ein langgezogener Trommelwirbel ... + +Von den Dächern widerhallt es. + +Ueber die ganze Innenstadt hin fluten die Trommelwellen. + +Ein Trompetenstoß. + +Elektrisch zuckts in den Gliedern ... + +Das Meeting beginnt. + + * * * * * + +Ein Sprechchor, tausend Genossen und Genossinnen, donnert empor. + +„Der erste Mai!“ + +Dann: + +Alle singen. + +Ist dies ein Gesang noch!? Es ist ein Stimmenstrom, eine +Riesenklangwoge, die sich hebt und senkt, die aufsteigt, anschwillt, in +Millionen von Stimmenlichtern blinkend, jäh und steil sich überschlägt, +dann ruhig wieder und gewaltig ihres Weges dahinzieht ... Nur die letzte +Strophe: die Stimmen verstärken sich, es schlägt auf: hart, gehackt, +rhythmisch: als eine eiserne Brandung. + +Durch einen Schalltrichter wird verkündet: + +„Ein amerikanischer Genosse spricht!“ + +Zwei Arme schwingen, zwei Fäuste ballen sich: jetzt wächst die +Menschengestalt übermenschengroß heraus aus der Tribüne. + +„Wir amerikanischen Genossen, wir grüßen dich, deutsches Proletariat! +Wir stehen vor der Entscheidung ... Die Kriegsrüstungen ... Der Krieg +gegen Rußland. Gegen Japan ... Und euere Regierung: wißt ihr von den +Geheimverträgen, den geheimen militärischen Bündnissen ... Deutschland, +das Aufmarschgebiet gegen Rußland ...“ + +Ein tosender Millionenschrei stieß in diesem Moment hoch: + +„Nein! Niemehr! Nimmermehr! Bürgerkrieg!“ + +Der amerikanische Genosse fuhr fort: + +„Der Völkerbund hat den Krieg gegen Russland gefordert! Ueberall +Kommunistenverfolgungen, Hinrichtungen, Pogrome, Massakres ... Es lebe +die Diktatur des Proletariats! Sie allein vermag diesem +menschenmörderischen, niederträchtigen Spuk ein für alle Mal ein Ende zu +machen! ...“ + +„Die amerikanische Kommunistische Partei! Sie lebe –“ + +„Hoch! Hoch! Hoch!“ + +Nur: Wortbrocken, Sprachfetzen. + +Aber den Sinn verstand jeder. + +Und schon spricht der japanische Genosse, der russische, ein +bulgarischer Genosse spricht. + +„Genossen! Deutsche Kommunisten! Deutsche Arbeiter! Deutsche +Proletarier! Die Stunde zum Handeln ist da! Der Tag der Abrechnung ist +gekommen, der Tag der Abrechnung mit den Volkspeinigern und Volksmördern +...“ + +Wieder ein Zwischenschrei: + +„Nieder mit den Verrätern des Volks ... verrecken ... + +„Genug jetzt der Foltern und Bestialitäten! Wir setzen dieser +vergangenen Zeit den Grabstein ... Heute, am ersten Mai: überall, bei +den kleinen japanischen Maisbauern, bis hoch hinauf in die einsamsten +Bergdörfer Chinas: der Sturm bricht los, der Sturm erfaßt Höhen und +Tiefen, über Deutschland hinweg, über Europa hinweg, von Asien über +Afrika; in allen fünf Erdteilen: die große rote Sturmglocke läutet: das +werktätige Volk, das Proletariat steht auf ...“ + +Für die Frauen spricht Genossin Martha, eine alte erfahrene +Bolschewistin, zehn Jahre Zuchthaus hat sie hinter sich, sie hat auch +mit der Waffe in der Hand gekämpft, sie ist lungenkrank, jedes Wort +preßt sie aus sich heraus, immer wieder von begeisterungsflammenden +Zurufen unterbrochen: „Auch wir Frauen, das geloben wir, werden unsere +Pflicht tun. Wir Genossinnen werden nicht hinter euch, Genossen, +zurückstehen! Verlaßt euch darauf!“ + +Ein deutscher Genosse erhält noch das Wort: + +„Erster Mai! Tag der Heerschau des Weltproletariats! Tag du des +Aufmarschs der Proletariermassen in allen fünf Erdteilen! Erster Mai: +Kampftag: laß uns bereit sein! Laß stahlhart uns werden, ausfüllen die +letzte Lücke in unserer Front! Laß denken unsere Gedanken nur dies eine: +Kampf! Unsere Herzen nur dies eine fühlen, unsere Willen nur dies eine +wollen: Kampf ...“ + +Ein Jugendgenosse tritt vor, er ballt die Faust zum Schwur: + +„Unermüdlich wollen wir kämpfen! Unsere Muskeln spannen, unsere Gehirne +stählen, mit unserem Herztakt euch alle, die ihr in Ketten noch schlaft, +wachhämmern! In uns schüren den Willensbrand, bis diese Welt von uns +erobert ist, bis du, erster Mai, du Weltkampftag, der Weltfeiertag aller +werktätig Schaffenden geworden bist!“ + +Ein Sprechchor von Jungpionieren antwortet im Chor: + +„Nicht eher werden ruhen wir! Nicht eher werden die Hände wir falten! +Das schwören wir! ...“ + +Hunderttausende von Stimmen fallen jetzt wieder ein: + +„Das schwören wir. Schwören wir. Schwören wir ...“ + +Ein Trompetensignal. + +Ein Genosse in der Roten-Frontkämpfer-Uniform steht auf der Tribüne. + +Der Fahneneid ... + +Eine große und dunkle Stimme spricht vor: + +„Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören rot: Sieg oder Tod!“ + +„Sieg oder Tod!“ jauchzt die Menschenmasse. + +„Wir schwören: beim Blut der Brüder, das zur Erde rinnt – + +„Wir schwören: am Riesenstrom der Tränen, die vergossen sind – + +„Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören rot: Sieg oder Tod!“ + +„Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht. + +„Wir sind der Sturmschritt einer Neuen Zeit!“ – + +Wieder waren Hunderttausende von Menschenstimmen eine Felswand +lebendigen Echos. + +„Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht. + +„Wir sind der Sturmschritt einer Neuen Zeit ...“ + + * * * * * + +Die „Internationale“ erscholl. + +Eine Sturmlawine – + +Menschenkörper rissen unter dem Gesang sich steil empor. + +Die rote Flut kommt. Die rote Flut steigt. Zeit der Ebbe: vorbei ... +Aufwärts! Aufwärts! Aufrecht schon stehen wir hoch oben auf dem Kamm der +Woge ... + +Und plötzlich wurde spontan aus der Menschenmasse heraus ein bekannter +illegaler Genosse der Zentrale auf die Schultern gehoben, er schwenkte +die Mütze, sein Arm stand, schräg, wie ein Fahrtzeichen: + +„Arbeiter! Proletarier! Genossen! Seid ihr bereit zum Kampf, seid ihr +bereit, dem Ruf zum Generalstreik, dem Ruf zum bewaffneten Aufstand zu +folgen, wenn ihn die Partei an euch ergehen läßt?“ + +„Allzeit bereit!“ + +„Keine Woche wird mehr vergehen, bis euch die Partei zum Kampf aufruft. +Unsere Parole heißt: Eroberung der Macht!!!“ + +„Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ tönte jetzt, einfach und schlicht +gesungen. Viele bekamen es mit dem Schlucken. Manche weinten. Und manche +wieder sangen, das Angesicht von einem glücklichen Lächeln verzückt. + +Max hatte Lene eingehakt. + +„Siehst du, Millionen an Millionen stürmen jetzt in diesem Augenblick, +geordnet in unübersehbaren Reihen, den steilen Abhang der Zeit herauf im +Sturmschritt. Dieser Abhang ist ein Geröllfeld, bedeckt mit +Schädelstücken und Körperknochen, alle Sträucher haben statt der Knospen +Knollen, getränkt mit Menschenblut. Alle die brechen heut auf, +Blutrinnen, Blutbäche: alle die schießen, zu einem Wildstrom von +vergossenem Menschenblut anschwellend, empor ... Was singen sie, diese +proletarischen Sturmtruppen, diese Eroberer der Menschheitszukunft: „Wir +fürchten nicht den Tod! Denn unsere Fahn ist rot ...“ + +Das Trompetensignal blies. + +Ein kurzer Trommelwirbelstoß. + +Die Züge ordneten sich zum Abmarsch ... + + * * * * * + +Und – + +In diesem Augenblick geschah, allen völlig unerwartet, das Unglaubliche. +– + + + VIII + +Die Sonne ging eben sprühend unter, Gewitterwolken trieben an wie +Schlammfluten: da stand plötzlich mitten in den Menschenmassen auf der +Südostseite des Platzes ein Geschwader von Kampfwagen: die kleinen +Panzertürme drehten sich, die Maschinengewehrmündungen senkten sich +abwärts, die Führer machten die Kampfmaschinen gefechtsbereit ... + +Die Motore knatterten und unter einem metallischen Gebrüll schoben sie +sich weiter in die Menschenmasse hinein. + +Dort rammten sie sich fest. + +Man konnte noch beobachten, wie sich die Gittertore der Einfahrt eines +erstklassigen Hotels schlossen, eine Rolle mit Stacheldraht abgewickelt +wurde und dahinter eine Gruppe mit Stahlhelmen im Anschlag lag. + +Dieses Hotel hatte der Panzerwagenkolonne als Hinterhalt gedient ... + +Schon ertönten laut die Kommandos des roten Ordnerdienstes: + +„Ruhe halten, Genossen! Nicht provozieren lassen! Weitergehn!“ + +Da wurde auch schon die Abmarschstraße auf der Gegenseite des Platzes +durch eine Gruppe Tanks abgesperrt. Es war eine neue mechanische +Abriegelung das erste Mal zur Anwendung gebracht worden, und zwar +mittels des sogenannten berüchtigten Schutzgitters, einer Art +Stacheldrahtgürtel, der von Tank zu Tank gezogen war und der, wie es +hieß, elektrisch geladen sein sollte. + +Die Tanks machten Halt. Sie lagen breitseitig da, wie verankert. + +In diesem Moment entstand die Panik. + +Unter den Demonstranten waren schon von Anfang an große Mengen von +sogenannten Zivilspähern verteilt worden, denen nun die Aufgabe zufiel, +die Panik künstlich zu steigern und die empörten Massen zu einem Angriff +aufzuputschen. Dies war sehr schwierig, denn die Massen hielten eine +mustergültige Disziplin ... + +Da fiel plötzlich vom Balkon eines Hotels, dann von einem +gegenüberliegenden Haus, aus einem Fenster des ersten Stockes, ein +Schuß, noch einer, mehrere: es waren kleine krachende Pistolenschüsse, +und diese galten für die Führer der Kampfwagengeschwader als +Angriffssignal ... + +„Aus der Menge ist geschossen worden!“ + +Die Polizeiagenten, die auftragsgemäß die Schüsse abgegeben hatten, +verdufteten schleunigst. + +„Platz frei! Straße frei!“ gellte ein Lautsprecher ... „Oder es wird +geschossen!“ + +Dabei knackten schon die M.-G.s. + +Menschen sah man, die sprangen durch einen Kopfschuß getroffen über +einen halben Meter hoch, Menschenleiber verschlangen sich, wurden zu +einem unentwirrbaren Knäuel geballt und wälzten sich, sich gegenseitig +erdrückend, ineinander-, übereinanderstehend, dem Ausgang zu. + +Es gab aber nur noch einen Ausgang ... + +Die M.-G.s strichen systematisch den ganzen Platz ab. + +Einige Rote Frontkämpfer sprangen wie wilde Tiere, Schaum um den Mund, +die gepanzerten Ungetüme an, schnellten federnd wieder zurück: gewaltige +tellergroße Brandwunden an den Händen. Die eisernen Bestien spien +elektrische Ströme. + +Auch Max mußte sich mit Gewalt zurückhalten, um nicht einfach mit seinem +Kopf gegen diese mörderische Wand zu rennen ... + +Menschen lagen übereinander. + +Ueber Max lag ein baumstarker, stämmiger Prolet, der sich mit der Hand +die ausgefleischte Hüfte zuhielt und kräftig schrie: „Ich will nicht +sterben. Ich will nicht sterben ...“ Dabei verdrehten sich ihm die +Augen, quollen hervor rund und groß, wie zwei elfenbeinerne +Billardkugeln. + +Er biß sich in Max hinein – + +Max bekam einen Genickkrampf. Ein eiserner Knopf massierte ihm den +Halswirbel. + +Einer umschlang einen Laternenpfahl. Barst mitten am Bauch entzwei. Die +Gedärme schütteten sich vor ihm hin nach allen Seiten. Andere schleiften +darüber hinweg, glitschten in eine schmierige Blutlache, krochen über +ein Häuflein verspritzten Gehirns weiter ... + +Einer gestikulierte, hatte den Mund weit offen, sprach, aber in dem +allgemeinen Geschrei versackten die Worte. Einer gurgelte, ein anderer +stieß ganz kurze trockene Hustenlaute hervor. + +Viele waren wie irrsinnig, hatten Lachkrämpfe, knieten mit entblößtem +Oberkörper, wackelten mit dem Kopf, ohne sich von der Stelle zu rühren, +und starrten mit brennenden Augen lang in den Tumult. + +Es wurde dunkel. + +Scheinwerferabteilungen waren auf den Dächern der angrenzenden +Häuserblocks postiert. Scharfe Stöße Lichts blendeten herab. + +Eine dritte Tankkolonne knatterte an und begann die Räumung des Platzes +von Norden her. Es waren wieder drei Kampfwagen, durch straff gespannte +Stahltrossen miteinander verbunden: so rasierten sie langsam und schräg +dahin. + +Der Platz war nun völlig eingepfercht. Auch der einzige Ausgang war +nicht mehr frei, er war längst von Schwerverwundeten und von +Leichenhaufen verstopft. + +Max kauerte zum Sprung geduckt in Deckung hinter einer dürftigen, aus +drei Toten aufgeworfenen Menschenbarrikade. + +An ein Durchkommen war jetzt nicht mehr zu denken. + +Max biß sich die Lippen: „Jetzt Achtung: daß mir nicht schlecht wird!“ + +Hob sich ein wenig und sah über den Platz hinweg die Straße hinunter: +immer noch rannten ab und zu welche im Zickzack, bis zu einer bestimmten +Grenze, hier streuten die M.-G.s eine genau vorher berechnete und +markierte Linie ab: dort klappten die Flüchtlinge plötzlich nach vorn +oder nach rückwärts in sich zusammen wie ein Taschenmesser, streckten +alle Viere von sich und blieben flach auf die Erde gedrückt liegen ... + +Max schnellte hoch, wie eine Sprungfeder warf sich in ihm das Rückgrat, +setzte sich den Hut auf und schritt, als ob nichts geschehen wäre, +schräg über den Platz. Er hatte nur den einen Gedanken: wenn schon, dann +nicht von hinten, es ist leichter, den Tod im Angesicht ... + +Der ganze Hinterkopf schien ihm offen, das Gehirn bloß zu liegen: eine +einzige Wundfläche ... + +In diesem Moment öffneten sich sämtliche mechanische Sperren, die +Tankgeschwader führten einige kurze Manöver aus und ratterten ab. + +Max sah noch, sich rasch in die Dunkelheit drückend, eine Hundertschaft, +noch eine, eine dritte im Laufschritt heranstürzend, mit gefälltem +Bajonett. Sie hatten den Befehl, die noch Lebenden von den Ermordeten zu +sondieren. + +Der Platz lag unter den Scheinwerfern wie unter einer kaltgelben +gespenstischen Lichtdusche. + +Wimmernd und langgedehnt, vollrauschend, oft wie Akkorde, so tönten +daraus noch Menschenschreie, der Platz machte von dieser Stelle aus den +Eindruck eines mit Zappelndem angefüllten Kessels, an den Wänden klebten +noch Menschen, die Truppen stießen sie der Mitte zu: dort schichtete +sich Haufen an Haufen ... Mit Eisensplittern, Geschoßspitzen, +Stahlspänen war reingekehrt. + +Fleisch. Blut. Knochen. + +Pulverqualm, Ausdünstung, Todesangstschweiß: es war ein feuchter Brodem +... + + * * * * * + +Es begann langsam in großen Tropfen zu regnen. + +Bald ferner, bald näher: nun prasselte ein Gewitterhagel hinweg. + +Es trommelte, knatterte, tackte ... + +Viel Menschen fuhren erschreckt auf, öffneten die Fenster: + +„Gehts los? ... Wird schon wieder geschossen? ...“ + +Nichts. Nur die Dunkelheit. Die Häuserfronten: zackige Konturen darin. + +Hie und da zuckte ein Blitz. Die Dunkelheit leuchtete. Dann ächzte ein +Donner ... + + * * * * * + +Die ganze Stadt blieb die Nacht über aufgescheucht. + +Schon die zweite Nacht in solcher Unruhe ... + +Ueberall war es auch noch zu Zusammenstößen mit den „Vaterländischen“ +gekommen. + +Alle wichtigen Punkte der Stadt waren bereits im Lauf des Abends +militärisch gesichert worden. – + + + IX + +Max trottete sich in einem beinahe bewußtlosen Zustand heim. + +Oft mußte er sich anhalten, aber das waren nur die Aufregung und die +Nerven, er war unverletzt. + +Oft wurde er angesprochen, ein Prolet sah ihm ins Gesicht, fragte ihn +kurz, drückte ihm die Hand und verschwand wieder im Dunkel. + +„Rache!“ + +Dieses Wort hörte Max auf seinem Heimweg oftmals. + +Auch an einer Gruppe von „Vaterländischen“ kam er vorbei, sie +unterhielten sich angeregt und laut, da sie in größerer Anzahl beisammen +standen. Sie trugen bereits Karabiner. Es waren breit aufgedunsene und +verfettete Gesichter, aber auch scharfgeschnittene Profile waren +darunter, richtige Galgenvögel- und Mördervisagen. + +„Den Arbeiterschweinen wird jetzt gründlich der Garaus gemacht werden“, +quietschte einer. Er hatte dünne Beinchen und trug eine +Gymnasiastenmütze. + +„Was suchst du Schwein hier!“ schrie einer, mit Schmissen im Gesicht, +Max nach, der ohne zu mucken weiterlief. + +„Mach, daß du weiterkommst oder du bist eine Leiche ...“ + +Derartiges wurde ihm oft noch nachgerufen. + +Max dachte: „Jetzt, jeden Augenblick ...“ + +Er spürte es in den Ohren ... + +Es waren meist, wie sich Max schnell vergewisserte, Reserveoffiziere, +Studenten, Fabrikantensöhne, Angestellte, aber wenig, und hie und da +auch noch ein wütiger Kleinbürger. + +Die gaben kein Pardon. + +„Nun aber auch kein falsches Mitleid mehr wie früher diesen +berufsmäßigen Mörderbanden gegenüber ... Jeder von diesen, den wir +schonen, kostet uns Blut! ... Keine Illusionen mehr, die Blut kosten!“ + +Auffällig war: der Wachtdienst in und außerhalb der Kasernen wurde +durchwegs von verstärkten Offiziersposten versehen ... Holla, da stimmt +etwas nicht, schloß Max, die scheinen ihrer Sache nicht ganz sicher zu +sein, und Max schlich sich noch ein wenig in dieser Gegend herum, bis er +auf einen einzelnen Soldatenposten stieß. + +„Kamerad!“ + +Der Soldat sprang drei Schritte zurück. + +Dann lachte er plötzlich und kam auf Max zu: + +„Rot Front!“ + +„Richtig, es rumort gewaltig auch unter uns. Dicke Luft. Sehr brenzlich. +Alles in Alarmbereitschaft. 30 Prozent sind euch, wenn es losgeht, +sicher ... Die Behandlung wird immer gemeiner: „Halten Sie die Schnauze +oder ich schieße Sie nieder ...“ Das ist gang und gäbe. Ohne Scheißkerl +und Arschloch kommt man uns gegenüber überhaupt schon nicht mehr aus ... +Gestern ist bei den Kraftfahrern ein Leutnant hochgegangen, bei den +technischen Truppen ein Major, auch bei den Fliegern ists faul ... +Fortsetzung folgt. Nun genug für heute! ... Rot Front!“ + +Max war auf diese Auskunft sehr stolz. + +„Natürlich“, wiederholte er für sich, „einen Platz zu räumen und dazu +nur verhältnismäßig geringe militärische Kräfte einsetzen: das bedeutet +den Willen, den Vorsatz haben, es zu einem Zusammenstoß kommen zu +lassen. Das ist absichtlicher Massenmord von seiten der Regierung. +Mißverständnisse und Irrtümer sind bei der verhältnismäßig langen +Zeitdauer dieser Exekution völlig ausgeschlossen ... Ein neues +Schandwerk der Volksverbrecher ... Aber alles was sie tun, zwingt sie +mit unerbittlicher Folgerichtigkeit in ihre eigene Katastrophe hinein +...“ + +An der Ecke seiner Straße traf Max auf seinen Zimmernachbarn, den +Straßenbahnschaffner. + +„Na, und –“ + +„Schon beschlossene Sache: Morgen ist Generalstreik. Einstimmig +angenommener Beschluß ... Sollst sofort in das Lokal von Fritz kommen +... Wartete auf dich, um dir das zu sagen ... ich hab einen anderen +Auftrag, muß noch in die Stadt ...“ + +Aus seiner inneren Manteltasche zog der Straßenbahnschaffner ein Pack +Klebestreifen hervor. + +„Nieder mit der Mörderregierung! Es lebe die Diktatur des Proletariats! +Generalstreik! Alle Macht den Räten!“ + + + X + +Max klopfte sein Zeichen. + +Der eiserne Rolladen vor der Eingangstür der kleinen Gastwirtschaft hob +sich ein wenig, Max schlüpfte hindurch. + +Ungefähr fünfzig Genossen waren anwesend. + + * * * * * + +Niemand sprach ein Wort. + +Der Genosse Lange saß in der Ecke, den Kopf eingebunden, so +kreidebleich, staunte Max, habe ich noch nie einen Menschen gesehen. + +Lene schluchzte in sich hinein. + +Es dauerte eine halbe Stunde. + +Einer stand hin und wieder auf und ging vor sich hersummend unruhig auf +und ab. + +Hie und da zählte einer still für sich die Anwesenden. + +Zehn Genossen waren noch dazugekommen. + +„Nun aber Schluß!“ Genosse Lange erhob sich. + +„Wer fehlt!?“ + +Dann erstatten die Betriebszellenobleute kurz Bericht. + +„Also, das sind allein von unserer Gruppe zehn Mann. Nahezu ein fünftel +... Auch Genosse Friedjung. Die Funktion übernimmst du, Max. +Einverstanden!“ + +Das „ja“ war das selbstverständlichste von der Welt. + +„Weiß jemand etwas vom Genossen Friedjung?“ + +Mehrere Genossen meldeten sich. + +„Einige Polizeiagenten haben ihn herausgestochert. Er muß schwer +verletzt sein. Man hat ihn über den Platz fortgetragen ... In ein +Sanitätsautomobil ...“ + +„Gut, wir wissen Bescheid ...“ + + * * * * * + +„Also! Genossen und Genossinnen! Morgen ist wahrscheinlich Generalstreik +...“ + +Max bestätigte: + +„Es ist schon sicher ... Einstimmig ...“ + +„Also, um so besser! Wir erwarten heute noch einen Kurier der Zentrale +... Ich denke, bis dahin werde ich einen kurzen Ueberblick über die +politische Lage geben ... Ich glaube, eine Diskussion zu diesem Punkt +ist nicht nötig ... Dann wird inzwischen der Kurier erschienen sein, und +wir werden im Anschluß daran sofort das Weitere beraten. Im übrigen: +seit heute werden keine neuen Mitglieder mehr in die Partei aufgenommen. +Den Revolutionsschmarotzern muß gleich im Anfang das Handwerk gelegt +werden ... Dies nur nebenbei ... + +„Die Kriegsgefahr zwischen Amerika und Japan hat sich bedeutend +verschärft. Die Kriegsvorbereitungen haben ihren Höhepunkt erreicht. Wie +das amerikanische und japanische Proletariat darauf reagiert, ist noch +ungewiß. Ferner: die Hälfte aller Betriebe ist in Deutschland +stillgelegt. Der Außenhandel war in dem vorhergehenden halben +Jahre gleich null. Die Stabilisierung ist zu Ende ... Die +Absatzschwierigkeiten aller kapitalistischen Staaten sind enorm. Auch +das Mandat, das Deutschland vom Völkerbund über seine früheren Kolonien +erhalten hat, konnte nicht viel retten. England hat die größten +Schwierigkeiten in Indien. Der Konkurrenzkampf hat die schärfsten Formen +angenommen. Eine kriegerische Auseinandersetzung ist nicht mehr zu +vermeiden ... Jeden Tag also ist die Kriegserklärung zu erwarten, oder +vielmehr die erste kriegerische Handlung ... Wir alle wissen, was das +bedeutet ... Selbstverständlich ist es für uns gleichgültig, wer, +diplomatisch gesehen, der angreifende Teil ist. Jeder der Partner ist +gleichschuldig und ein Räuber ... Zur Lage in Deutschland im besonderen: +überall Plünderungen von Lebensmittelgeschäften, Industriekrisen, eine +ungeheure Arbeitslosigkeit, verbunden mit Hungersnot, besonders in den +ländlichen Bezirken, wo teilweise von den völlig industrialisierten +Großgrundbesitzern das Getreide zurückgehalten wird, Hungersnot also bei +vollen Scheunen ... Die nationalistischen Banden bewaffnen sich ... Zu +gleicher Zeit starke Tendenzen, den Krieg gegen Russland zu proklamieren +als „heiligen Krieg“ und damit im Zusammenhang der Entschluß der +kapitalistischen Regierungen, zu diesem Zweck die revolutionäre +Arbeiterschaft mit treuer Unterstützung der allerdings heute völlig +isolierten SPD.-Führerschaft entscheidend aufs Haupt zu schlagen ... +Also, wir befinden uns alle inmitten eines Krisenwirbels von +internationalem Ausmaß ... Die weitesten Kreise der werktätigen +Bevölkerung stehen heute hinter uns und sind bereit, mit uns ...“ + +Der Kurier der Zentrale stürzte herein. + + * * * * * + +Und! + +? + +Er schüttelte kräftig dem Genossen Lange die Hand. + +Alle Genossen waren wie elektrisiert aufgesprungen. + +Und – + +Und – + +Nur zwei Worte brachte der Kurier noch heraus: + +„Generalstreik! ...“ + +„Krieg dem Krieg!“ + +Viele Genossen umarmten sich. Einige heulten drauf los. + +Einer flüsterte nur immer wieder die Namen: + +„Rosa!“ „Karl!“ „Lenin!“ + +„Bravo! Nun Gott sei Dank! Endlich!“ + +Lene stürzte auf Max zu: + +„Na, Max, hab ichs nicht gleich gesagt ...“ + +Max sang leise vor sich hin. + +„Daß ich das noch erleben durfte ...“ + +„Nun aber zur Sache!“ + +Der Kurier stürzte fort. + +Es war feierlich und ernst. + +Eingehend wurden die einzelnen organisatorischen Maßnahmen besprochen. + + + XI + +Die Regierung beriet ununterbrochen Tag und Nacht. + +Die Herren kamen kaum noch zum Essen ... + +Das Regierungsviertel war ein offenes Heerlager. + +Die Keller der Regierungsgebäude waren in Waffenmagazine umgewandelt +worden. An jeder Straßenecke Alarmmelder. Ueberall ragten +Antennenmasten. + +Die Bannmeile ward erneut militärisch-mechanisch abgesperrt ... + + * * * * * + +Der Präsident der Republik war damals schon altersschwach. Er litt an +Arterienverkalkung. Er saß in einem der Konferenzzimmer in einem hohen +Lehnstuhl, dessen Rückenwand mit dem Adler und mit den Reichsfarben +geschmückt war. Er trug Pulswärmer und hatte die geschwollenen Füße in +ein dickes Plaid eingewickelt. Seine Frau titulierte er mit dem +Kosenamen „Schnucki“. Die Augenbrauen waren ihm nach Bismarck-Art +buschig über der Nasenwurzel zusammengewachsen. Er atmete schwer. Von +Zeit zu Zeit erhob er sich, eine Klingel schrillte durchs Haus, aus +allen Beratungszimmern strömte es herbei, und der Präsident sprach: +„Hochansehnliche Versammlung! Hohes Haus! Einigkeit macht stark. Unsere +Stärke ist die Einigkeit. Schon damals, als mich das Vertrauen des +Volkes auf diesen hohen und verantwortungsvollen Posten berufen hatte, +erklärte ich, daß ich mich besonders der Armen und Elenden annehmen +werde, aller jener, die in dem gewaltigen wirtschaftlichen Ringen +unserer Zeit nach Aufopferung ihrer Kräfte zu Boden liegen. Mein +Bestreben bleibt es auch heute, die Klassengegensätze zu mildern, ich +reiche darum heute erneut jedem Deutschen feierlich die Hand. Durch +Treue und Pflichterfüllung auch im Kleinsten müssen wir uns die Achtung +in der Welt wiederverschaffen. Durch Selbstachtung zur Weltachtung! Dann +kann Deutschland nicht untergehn ... Treue um Treue! ...“ + +Diese Rede las er ab. + +Das Blatt knisterte bedenklich. Der Präsident litt auch an einem +ausgesprochenen Tatterich. + +„Hat der Trottel den Aufruf „An mein Volk“ jetzt endlich +unterzeichnet!?“ fragte inzwischen ein höherer Militär einen Sekretär +des Innern. + +Der Sekretär nickte diensteifrig. + +„Alles druckfertig, Exzellenz, hier in meiner Mappe ... Man mußte ihm +dabei die Feder führen ... Schrecklich, nicht wahr, schrecklich ...“ + + * * * * * + +Ueber das Land war der Ausnahmezustand verhängt. Die Militärdiktatur war +errichtet. + +Die Zimmer, in denen wirklich über Wohl und Wehe des Landes entschieden +wurde, lagen in einem anderen Stockwerk. Die Minister und die einzelnen +ministeriellen Abteilungen wurden von dorther nur kurz unterrichtet und +hatten weiter nichts zu tun, als binnen kürzester Frist die einzelnen +Ordres genau nach Anweisung auszuführen. + +Die sämtlichen militärischen Befehlshaber der einzelnen Kommandobezirke +der Hauptstadt waren erschienen. Der englische und der amerikanische +Militärattaché waren ebenfalls zugegen. + + * * * * * + +Der Chef des Generalstabes referierte: + +„Amerika beabsichtigt, spätestens noch diese Woche anzugreifen. Der +diplomatische Vorwand wird soeben geschaffen. Die Entscheidung liegt +letzten Endes natürlich zwischen Amerika und Russland. Gemäß unserer +Verpflichtungen, unseres militärischen Uebereinkommens, haben wir +Deutschland als Aufmarschgebiet gegen Osten übernommen: unsere +Vorbereitungen sind abgeschlossen. Genügend Plätze zur Landung und zur +Verproviantierung von Bombenflugzeuggeschwadern sind vorhanden. Unsere +eigenen Farbstoffabriken arbeiten mit Hochdruck ... Russland +mobilisiert. Das ist das wichtigste Moment der letzten vierundzwanzig +Stunden. Diese Nachricht wird von uns geheimgehalten. Denn wir befinden +uns dadurch ohne Zweifel in einer verzwickten Lage. Denn bedenklich +mußte uns schon an und für sich, abgesehen von dieser Tatsache, die +Entwicklung unserer inneren Lage stimmen, die Arbeiterbewegung wird +weiter entschieden radikal terrorisiert ... Auch große Teile der übrigen +Bevölkerung treiben im revolutionären Fahrwasser ... Die Bekanntgabe der +russischen Mobilisation, diese Nachricht wäre unseres Erachtens der +Funke ins Pulverfaß! Wie Sie wissen, meine Herren, gestern abend ist es +bereits zu einem aufstandähnlichen Zusammenstoß gekommen. Es ist uns +gelungen, diese sporadische und ihrem Charakter nach spontane Bewegung +ohne jeden Verlust für uns im Blut zu ersticken. Dieser Erfolg darf uns +über den Ernst der Gesamtsituation nicht hinwegtäuschen. Wir haben jetzt +ein heikles Thema zu besprechen. Bei dieser Beratung kommt es vor allen +Dingen darauf an, Richtlinien für die wirksamste Niederkämpfung der +Aufständischen und für die Unschädlichmachung ihrer Führer und für die +Aushebung ihrer Unruheherde auszuarbeiten, gemeinverständlich, so daß +sie jeder Mann im Heer begreift, besonders aber haben wir darüber zu +entscheiden, ob, unter welchen Umständen und in welchem Ausmaß chemische +Kampfstoffe eingesetzt werden sollen. Es ist eine Frage der +Zweckmäßigkeit. Wobei das ideologische Moment nicht zu unterschätzen +ist. Ich bitte die einzelnen Sachverständigen diese beiden letzten +Punkte besonders scharf im Auge zu behalten! ... + +„Noch das eine: bitte, meine Herren, berücksichtigen Sie: wir haben +keine Zeit zu verlieren; also kurz und bündig!“ + + * * * * * + +Die Beratung dauerte nicht lang. + +Der Bericht des chemischen Sachverständigen fiel zur allgemeinen +Zufriedenheit aus. + +Man war prinzipiell einstimmig für die Anwendung der chemischen +Kampfstoffe, doch sollte dieses Mittel so lang wie nur irgend möglich +aufgespart werden. Und wenn eingesetzt, öffentlich abgeleugnet und vor +allem auch eine Gasbeschießung bezw. Gasausräucherung von +Kommunistennestern durch Anwendung genügender Mengen von Brisanzmunition +verschleiert werden. + +Außerdem sei in der nachfolgenden Pressekonferenz gebührend und +eindringlich darauf hinzuweisen, daß es sich im Fall der Anwendung von +Gasen von seiten der Regierungstruppen um einen an sich höchst +bedauerlichen Fall von Notwehrakt bezw. Gegenmaßnahme handle, daß immer +aber nur betäubende Gase, d. h. Reiz- und Tränengase, zur Verschießung +kommen, die im übrigen bei weitem humaner und bedeutend weniger +verlustbringend seien als die blanke Waffe bzw. das Brisanzgeschoß. +Ferner: zuverlässigen Nachrichten zufolge hätten die Kommunisten schon +an anderen Orten Gasmunition verschossen, besäßen außerdem umfangreiche +Gasläger und arbeiteten nach russischer Tschekamethode mit +Bakterienschleuderapparaten und Cholerabazillen. – + + * * * * * + +Wieder sprach der Präsident: + +„Nun denn also! Im Namen – zum Wohl unserer geliebten deutschen +Schicksalsgemeinschaft – im Namen des Allerhöchsten!“ + +Und unterschrieb den besonderen Schießerlaß, nach dem jeder, der mit der +Waffe in der Hand ... ohne weiteres, sofort ... und den Geheimbefehl an +die Kommandostellen der Flugzeuggeschwader, der Kampfwagenabteilungen +und der technisch-chemischen Spezialtruppen über die Anwendung von +giftigen Gasen im Fall eines Bürgerkrieges. + +Die Kommandeure traten ab. + +Eine zweite kurze Besprechung folgte. + +„Die Lage in Amerika aber scheint nach unseren letzten Berichten doch +nicht so ganz einfach zu sein ... Heutzutage ist es den ziemlich +aufgeklärten Massen gegenüber auch nicht mehr so kinderleicht, einen +einigermaßen passablen Kriegsvorwand zu finden ... Doch Geschäft ist +Geschäft ... Damit basta ...“ + +Einige prominente Gewerkschaftsführer erhielten das Wort. + +„Wir können nur immer und immer wieder betonen, wir werden unsere +Pflicht tun. Was in unseren Kräften liegt ... Aber wir sehen die Lage +schwarz in schwarz. Die Arbeiterschaft ist gewillt, zu kämpfen, sie +folgt unbedingt den Parolen der Kommunistischen Partei, die jedes +Kriegsabenteuer mit dem Aufruf zum Bürgerkrieg beantworten wird ... Wir +selbst sind ziemlich einflußlos geworden ... Wir warnen also dringend +... Ist der Krieg – sei es der Bürgerkrieg oder der äußere Krieg – aber +einmal ausgebrochen, so ist es selbstverständlich, daß wir uns auf den +Boden der gegebenen Tatsachen stellen, d. h. auf der Seite der +verfassungsmäßig gewählten Regierung stehn werden. Wir folgen damit nur +der bewährten ruhmreichen Tradition unserer Partei. Nur möchten wir +bitten, um wenigstens den demokratischen Schein zu wahren, das Parlament +nicht völlig auszuschalten. Vielleicht hie und da so eine kurze Sitzung, +in der selbstverständlich nur Regierungsvertretern oder Abgeordneten der +verfassungstreuen Parteien das Wort erteilt werden soll. Wir stimmen im +übrigen von vornherein dafür, daß auch die kommunistischen +Parlamentarier außerhalb des Gesetzes gestellt werden.“ + +Der Kommandeur der Schutzpolizei erschien und erstattete über die +Vorfälle anläßlich der Demonstration am 1. Mai Bericht. + +„Rhinozeros! Sie Gamaschenknopf!“ schnauzte ihn ein militärischer +Befehlshaber kameradschaftlich an. + +„Sie haben die ganze Lage künstlich überforciert. Die Folge ist morgen +Generalstreik. Es geht uns zu frühzeitig los ... Haben Sie schon etwas +Sicheres über den Termin, wann die losschlagen ... Na, sie werden ja +ihrer Gewohnheit gemäß sich wieder gewaltig in der Zeitbestimmung, im +Tempo verrechnen, das ist das einzige, was die Kommunisten immer noch +nicht gelernt haben ... Also Nachrichten, detaillierte Angaben über +Stimmung der Bevölkerung usw. Es ist höchste Zeit ... Und dann studieren +Sie in Zukunft mit mehr Sorgfalt unser Reglement über den Bürgerkrieg +...“ + +„Ich habe gemeint“, stotterte der Schutzpolizeiler heraus, „je blutiger +der erste Tag, desto besser ...“ + +Aber er hatte seine Schlappe weg. + +Mehrere Vertreter der „Vaterländischen Verbände“ baten um Gehör. + +Sie jammerten über Zersetzungserscheinungen. Ohne hinreichende +Geldunterstützung von seiten der Großindustrie sei nichts zu machen. Die +Kleinbürger seien nur noch mit alleräußerster Anstrengung bei der Stange +zu halten. „Jede Stunde, die wir zögern, bedeutet für uns eine ebenso +gewaltige moralische wie auch materielle Schlappe. Alles ist bei uns auf +sofortiges Losschlagen eingestellt. Dieser Stimmung müssen wir Rechnung +tragen. Wir lassen uns ohnedies vielzuviel gefallen. Endlich ist die +Stunde gekommen, rücksichtslos durchzugreifen ... Wenn sich die +Arbeiterschaft erst wieder erholt, dann „Kopf ab“ und „Gute Nacht!“ Für +den Gummiknüppel ist die Zeit zu ernst ...“ + +„Ganz unsere Meinung“, pflichteten Vertreter der Industrie und der +Landwirtschaft dem Vorredner bei. „Sehen Sie sich, meine Herren, bitte +die Betriebe an! Fünfzig Prozent davon stillgelegt, und der Rest +arbeitet, aber fragen Sie nur nicht, wie. Unter passiver Resistenz, +unter täglichen Sabotageakten ... Nein, so geht es nicht mehr +weiter. Keineswegs ... Und der Zustand der Eisenbahnen. Die +Eisenbahnergewerkschaften sind von allen die aufsässigsten ... Jeder +Respekt vor der Autorität der Regierung ist zum Teufel ... Wir +Arbeitgeber können die Ausartung unserer Republik in den Bolschewismus +keineswegs dulden. Schon heute spricht man mit Fug und Recht von einem +Staat im Staate ... Und wie sieht es auf dem Land aus? ... Unsereins ist +ja seines Lebens nicht mehr sicher ... Jetzt oder nie ... Meine Herren, +entscheiden Sie sich jetzt, unmittelbar, sofort: oder unser aller +letztes Stündchen hat geschlagen ...“ + +„Bitten Sie den Leiter der politischen Abteilung der Polizei!“ + +Oberregierungsrat Ledermann erschien. + +„Ihr Nachrichtenmaterial bitte. Wir brauchen unverzüglich konkreteste +Angaben. Unserer militärischen Exekution muß sofort ein großangelegter +Propagandafeldzug koordiniert werden. Lassen Sie Berichte anfertigen, +Zeugenaussagen, Geständnisse von Gefangenen ... Nicht allzu konstruiert, +es muß raffinierter als bisher kombiniert werden ... Man ist draußen im +Land inzwischen durch verschiedene unserer Fehlleistungen hellhöriger +und scharfsichtiger geworden. Mißgriffe in der augenblicklichen +Situation können wir uns nicht leisten, jede Zufälligkeit kann +katastrophale Auswirkungen haben ... Also: Sie verbreiten zunächst +alarmierende Meldungen über kommunistische Putschvorbereitungen, bezw. +setzen Sie sich mit den entsprechenden Stellen augenblicks in Verbindung +und lassen Sie durch Polizeiagenten Attentate und andere Terrorakte, am +besten auf sogenannte dem Volksempfinden nach geheiligte Orte, wie +Kirchen, Säuglingsheime, Krankenhäuser usw., fabrizieren. Das neulich am +1. Mai soll die Feuerprobe gewesen sein. Nun also rüstig weiter ... +Lassen Sie noch heute einige Höllenmaschinen in die kommunistischen +Parteibüros einschmuggeln. Dadurch kommen wir zu einer populären +Begründung der allgemeinen Mobilisierung. Dadurch bekommen wir auch +bedeutend mehr Reserven heran und können die unzuverlässigen Regimenter +auffüllen. Setzen Sie Fahndungskommandos ein, schreiben Sie Kopfprämien +aus, zunächst muß der ganze Funktionärkörper der Kommunisten +rücksichtslos zerschlagen werden. Erst auf dieser Basis können wir dann +erfolgreich an der Sanierung weiterarbeiten. Fälle von Insubordination, +Meuterei bei der bewaffneten Macht, rote Zellenbildungen in Armee und +Marine sind mir direkt zu melden. Anweisung an die Kriegsgerichte: +exemplarisch bestrafen, sofort Exempel statuieren! Keine offizielle +Hinrichtung revolutionärer Führer. Solche sind auf der Flucht zu +erschießen bezw. ist in besonders geeignet erscheinenden Fällen +geschickt ein Selbstmord zu arrangieren ... Was „Auskundschafter“ und +derartige Individuen anbetrifft, so kaufen Sie in großer Anzahl dazu +geeignete Subjekte auf, wir brauchen Vorrat für mindestens einen Monat. +In den Obdachlosenasylen, die Sie durch Polizeistreifen säubern lassen +müssen, werden gegen entsprechendes Handgeld sich immer welche in großer +Anzahl finden lassen ... Jede derartige Dienstleistung wird gegen bar +honoriert. Nach festen Sätzen. Spesen extra. Staatsstellung in Aussicht +stellen ... Ich empfehle mich und erwarte Sie spätestens morgen früh +persönlich zum Bericht ...“ + +Der Oberregierungsrat war entlassen. + +Die verschiedenen Herren verabschiedeten sich. + +Man salutierte. Stand stramm. + +Alle gingen an die Arbeit. + +Der Chef des Generalstabs stand mit mehreren Offizieren vor der Karte. + +Mit blauen Marken wurde Berlin eingekreist ... + + * * * * * + +Die Telefunkenzentrale fieberte. + +Telegraphenapparate klapperten. + +Lärmende Gerüchte poltern durch Stadt und Land. + +Extrablätter: + +„Generalstreik!“ + +Extrablätter: + +„Entdeckung kommunistischer Waffenlager. Drohender Kommunisten-Putsch. +Kommunistische Giftgase ... Die Regierung hat die Mobilisation +angeordnet ...“ + + + XII + +Unter den Schwerverwundeten befand sich auch Peter. + +Er hatte einen Nierenschuß, und zwar einen Querschläger. Die rechte +Hüftenseite war fleischig ausgefetzt. + +Sein Zustand war hoffnungslos. + +Daran war überhaupt nicht zu zweifeln. + +Er war als Polizeihäftling in das Krankenhaus eingeliefert worden. + +Es war jetzt Abend. Die Vögel sangen im Krankenhausgarten. Immer wieder +schrillte die Torglocke. Aufnahme an Aufnahme. Auf den Gängen war +Bewegung ... + + * * * * * + +Peter lag in einer vergitterten Einzelzelle. + +Der Arzt untersuchte kurz. Auf einer Holztafel wurde der Name mit Kreide +aufgeschrieben. Drei Polizeikommissare erschienen, wie es hieß, zu einer +vorläufigen Vernehmung. + +Der Sterbende sprach nicht. + +Drei photographische Aufnahmen wurden gemacht. Man zog ihm dazu die +Jacke wieder an, drückte ihm den Hut auf, dann stellte man ihn aus dem +Bett heraus an die Wand. + +„So stehen Sie doch! Stellen Sie sich doch nicht dümmer an als Sie sind! +Knicken Sie doch nicht immer wieder in sich zusammen wie ein hohler +Schlauch! ...“ + +Fingerabdrücke. Messungen. + +Der Arzt spritzte, um den Sterbenden dabei frisch zu halten, Herzmittel. + +Man mußte aber auch noch eine Aussage erpressen, man mußte, koste es, +was es wolle, ein Geständnis erzwingen, klipp und klar mußte es sein, +gemeinverständlich für jedermann, nur er, Peter, konnte darüber +Aufschluß geben; der Student: war er nicht Leiter einer militärischen +Abteilung, vielleicht gar der berüchtigten kommunistischen GAKAB, +Gaskampfabwehrabteilung!? Man war informiert darüber. Peter wußte am +ehesten Bescheid ... + +„Lassen Sie, bitte, Herr Doktor, Sekt auffahren! ... Wünschen Sie zu +rauchen, eine Zigarette gefällig, Herr Friedjung ... Oder was ist Ihnen +angenehm!? ... Haben Sie vielleicht Angehörige, gute Freunde, ein +Fräulein Braut, die Sie noch sprechen möchten ... Verheiratet sind Sie +ja nicht ... Und ihr Herr Vater, eine telegraphische Benachrichtigung +vielleicht ... Wir stehen Ihnen selbstverständlich zu jeder Art +Dienstleistung bereitwilligst zur Verfügung. Das ist auch der +eigentliche Grund unseres Kommens ... Aber bequemen Sie sich bitte zu +einer ganz kurzen Aussage. Ihr Entgegenkommen soll Sie nicht reuen ... +Sie kennen doch den ... Und wo hält der sich auf ... Bitte, bitte, wir +lassen Sie sofort in Ruhe. Sie sind aus der Haft entlassen! Sofort sind +Sie frei ...!“ + +Peter schwieg. + +Nur einmal drehte er sich kurz auf: + +„Lassen Sie mich doch ... Quälen Sie mich nicht ... Sie wissen doch, es +hat keinen Zweck ... Das müßten Sie sich doch eigentlich selbst sagen. +Wozu diese Folter ... Sie müßten sich eigentlich schämen ...“ + +Wieder wurde er im Bett aufgesetzt. + +„Sehen Sie, Herr Friedjung, Herr „Doktor“, alle diese Unannehmlichkeiten +müssen Sie über sich ergehen lassen. Sie erschweren sich durch Ihr +hartnäckiges, uns geradezu unverständliches Schweigen nur ganz +unnötigerweise selbst die Lage ... Wollen Sie ... Es geschähe in einer +solch kritischen Situation auch sicher im Einverständnis mit der Partei +...“ + +Peter schwieg. + +„Na, also, da müssen wir scheinbar andere Seiten aufziehen, da werden +wir kurzen Prozeß machen. Wollen Sie jetzt oder wollen Sie nicht, Sie +verfluchtes Kommunistenschwein? Heraus mit der Sprache: Wo sind eure +Gasläger!? He! Oder wir brechen Ihnen noch bei lebendigem Leib die +Knochen entzwei ... Sie haben vielleicht gehört, in Ihrem schönen +heiligen roten Rußland benützt man Gefangene dazu, um an ihnen ein neues +Gas auszuprobieren ... Daß so ein Dreckskerl, so ein Luder wie du nur +ein Mal verreckt, das genügt nicht ... Man müßte die Kommunisten, diese +Kannibalen, zur Vivisektion freigeben ...“ + +Und versetzte ihm einen Puff, daß der Sterbende an die Wand rutschte. + +„Warte, du wirst gleich aus dem Bett herauskollern, Freundchen, dann +wirst du schön hübsch und brav auf dem Boden unseren Dreck fressen ...“ + +„Laß ihn deinen ... lecken, diese Kommunistensau, so haben es seine +Bundesbrüder, die Franzosen, mit unseren Gefangenen gemacht ... Na, so +ein stures Vieh ...“ + +Einer der Kommissare klingelte. + +Der Arzt erschien. + +„Herr Doktor, der Kerl schweigt. Haben Sie vielleicht so was wie einen +elektrischen Pinsel!? Oder, was stark schmerzt, eine Aetherinjektion +vielleicht unter die Haut!? Oder kann man ihn noch in eine drei Viertel +Narkose, in einen Chloräthylrausch versetzen, um dadurch vielleicht +etwas herauszukriegen!? ...“ + +„Aber meine Herren, ich muß davon abraten. Diese Mittel versprechen hier +keinen Erfolg mehr, fühlen Sie doch den Puls, bei Mittelkranken ja, aber +in solchen Fällen: kurz vor dem Torschluß, fünf Minuten vor dem Exitus +... Ich bin zwar Gerichtsarzt und in erster Linie Gehilfe des Richters, +aber, Herr Inspektor, wir wollen uns doch nicht noch an einer Leiche +vergreifen ...“ + +Der Herztakt des Sterbenden galoppierte. Setzte aus. Brach sich wieder +stockend, zögernd durch ... tropfenweise ... Dann hämmerte er ganz, ganz +langsam ... + +„Sehen Sie doch! ...“ + +Der Arzt lüpfte die Decke. + +„Es kommt ganz dick durch den Verband ...“ + +„Ein solches Kommunistendreckschwein!“ + +„Aber Herr Friedjung,“ versuchte es jetzt wieder einer der Kommissare, +„ich beschwöre Sie, im Augenblick Ihrer letzten Stunde, vor Gottes +Angesicht! Auch ich bin innerlich tiefreligiös und ich spreche jetzt zu +Ihnen wie Mensch zu Mensch! ... Sie können uns doch unmöglich so +unverrichteter Dinge abziehen lassen! Versetzen Sie sich, bitte, wenn es +Ihnen auch schwer fällt, doch einmal für einen Augenblick in unsere +Lage! Was wird unser Chef dazu sagen, wenn wir so mit leeren Händen nach +Hause kommen! Wir verlieren Ihretwegen, Herr Friedjung, noch unsere +Stellung! Und sind allesamt doch verheiratete Männer, bedenken Sie, mit +Weib und Kind und Haushalt! Sind schließlich doch auch nur Proletarier!“ + +„Also, haben Sie Erbarmen mit uns!“ gab ein zweiter dazu. „Mut gefaßt. +Auf eine Aussage mehr oder weniger kommts doch nicht an. Sprechen Sie, +wir sind doch Männer! Deutsche ehrliche offene Männer, die nichts zu +befürchten und zu verschweigen haben, und wenn die Welt voll Teufel wär, +unsere feste Burg ist unser Gott. Also ... Wir wollen im Grund letzten +Endes doch alle das Gleiche ...“ + +Peter schwieg ... + +Die Kommissare zogen türenschlagend ab. + +Die Schritte schleiften den Gang hinunter, ein Schlüssel klirrte, eine +Tür schnappte ... Nur fern wo schrie jemand ... + +„Der Nächste ...“ + +„Halt auch du stand, Genosse, und schweig!“ + +Peter war mit sich allein. – + + + XIII + +Sind es Spinnenweben!? Licht-Gespinste? Sind es Strahlengeflechte, die +kreuz und quer in sich verschlungen, durch den Weltraum gezogen sind!? + +Nein. + +Es ist das Gitter. + +Und das Gitter kommt auf Peter zu, wandert, wandert vor ihm her, wandert +ihm nach bis in den kleinsten Weltwinkel. + +Er steht in einer sauberen Stube. Er ist einem Mädchen gut. Er hat sie +umgefaßt. „Du, wollen wir nicht zueinander „Du“ sagen!?“ Er ist +eigentlich ganz glücklich ... + +Da senkt sich auch schon wieder schwer, schwarz, vierkantig und +schemenhaft vor ihm das Gitter herab. + +Das Gitter spricht: + +„Bevor ich nicht zerbrochen bin, gibt es für dich Ruhe nicht! ... Peter, +tu deine Pflicht! ... Feile, beiße dich mit den Zähnen fest, reiße deine +Hände wund daran, kniee dich herauf zu mir, ziehe dich zu mir empor, +presse deine Schädelknochen hinein zwischen mich, rüttle daran, schüttle +mich ... Friß das Gitter ...“ + +Das Gitter spricht: + +„Ich laß dich nicht!“ + +„Wie schön das Leben ist!“ flüstert Peter. „Die Berge, das Meer, +wellengebuckelt, Gewitter darüber metallisch, wie über einer gerippten +Fläche aus schwarzem Erz! Und die Jahreszeiten! So ein Winter voll +Schneefließen und Skilauf! ... Wie die Bäume blühen, die Wälder duften +... Wie ein Klotz liegt man ausgestreckt inmitten des Wiesenkrauts ... +Windmühlenflügel am Horizont! Kornwagen, die auf der steinigen +Landstraße polternd von der Ernte dorfwärts schwanken ... Menschen, +gebräunte knochige Gesichter, die in der Schenke vor einem hölzernen +Tisch sitzen, bei Rauch und bei Wein! ... O noch einmal! O noch _ein_ +Mal!“ + +Und wieder fällt das Gitter, ein Netz diesmal, gewoben aus Geschoßbahnen +und Feuerdampf, es fällt und fällt, bis der ganze Weltraum durchgittert +ist. Auch das „schöne Leben“ durchgittert ist! Irrsinnig flackernde +Augenpaare dahinter, Bajonette und Stacheldraht, Knochenknacken und +Aechzen und Tränenwimmern, das schwere Stampfen einer Riesenpumpe, die +Menschenblut pumpt, die Menschenmark, Menschenlebenskraft saugt. +Mordmaschinen, Fabrikanlagen: Massenmord wie harmloses Kinderspielzeug +fabrizierend ... + +Da sind Menschen, die vor dem Gitter flüchten. Menschen, die hinter dem +Gitterwerk träumen. Es ist ein goldener Käfig, darin sie sich schändlich +zutod träumen. Die Stäbe sind broncen lackiert ... + +Das Gitter wächst ... Setzt Glieder an, Knoten, Verkuppelungen ... Es +kann Menschen umarmen, Menschen umarmend zu Tode drücken. Die +Gitterstäbe sind vielkantig, messerscharf ... + +Und das Gitter steht mitten in Europa. + +Und das Gitter steht in Asien. + +Steht um Afrika herum ... + +Dehnt sich aus und zieht sich wieder zusammen ... + +Schwimmt aufrecht stehend übers Meer – + +Umgittert Japan. Umgittert China ... + + * * * * * + +Die Gitterstäbe werden lebendig, sind Menschen, uniformiert, bewaffnet +mit Pistolen und Handgranaten ... Und das lebendige Gitter marschiert, +macht Menschenjagd ... Und die Gitterstäbe pflanzen sich wie spitze +Pfähle fest mitten hindurch durch Menschenleiber. Und das Gitter +schwenkt sich jetzt wehend im Wind wie eine Fahne über krampfhaft sich +zutode zuckende Menschenhaufen. Diese Fahne ist gehißt auf einem +pyramidenähnlichen Hügel von Leichenmüll. + +Die Fahne spricht: + +„Ich proklamiere die Menschenrechte. Ich bin die Fahne der Zivilisation! +Glaubt denen nicht, die da sagen: ich sei eine Todesfalle. Glaubt denen +nicht, die da prophezeien, ich würde über kurz oder lang dennoch +heruntergeholt. Beugt euch, ihr heidnischen Völker, in Glauben und Demut +vor mir. Ich bin das Christentum. Ich bin die Erlösung. Die Freiheit, +die Arbeit, das Glück, die Lebensmöglichkeit für alle ... Ich bin der +Menschheitsfortschritt ...“ + + * * * * * + +Ein feiner, in messerscharfen Strichen heruntergerissener Regen rann. +Rann senkrecht und wagrecht und schlang sich plötzlich um Peter herum, +ein fließendes Gitter ... Ein unentwirrbares Regendickicht. Bis ein +gewaltiger Lichtsturz niederschoß ... das Regengitter durchschmolz ... + +Unter der Glut einer roten Sonne löste es sich auf. + +Peter stand frei in einer unbegrenzten Landschaft. + +Eine unendlich tiefe, jubilierende, glanzblaue Klang-Mulde war die Welt. +– + + * * * * * + +Ein Genosse reichte ihm die Hand. + +Die Hand Peters war farblos geworden, alles Blut hatte sich in das +Herzinnere zurückgezogen, Peter sah auf seine Hand hinab: da lag sie vor +ihm auf der bunt gewürfelten Bettdecke, groß, ausgeruht, unfaßbar fremd. + +„Gute Nacht! Peter!“ nickte der Genosse ihm zu. „Hasts gut gemacht! Hab +keine Zeit, viel noch zu schaffen. Muß jetzt weiter ...“ + +„Bleib wohlauf!“ antwortete Peter, und das schon aus einem sehr tiefen, +wie mit einer samtenen Nacht ausgelegten Hintergrund hervor: „Laß dirs +gut gehen! Du schaffst es schon! Zähne fest zusammenbeißen. +Weiterarbeiten so. Nicht wahr ...! Denn das eine steht heute +unumstößlich fest: mag der Einzelne auch fallen, das Ganze, die +proletarische Klasse siegt! ...“ + +Das sprach Peter schon wortlos. + +Der Genosse hörte es nicht mehr. + +Dieser Genosse, von dem Peter jetzt Abschied genommen hatte, war aber +nicht ein einzelner. Keine Einzelperson. Er war anonym, namenlos, dieser +Genosse war: die Partei, dieser Genosse war: das Proletariat, dieser +Genosse war die Masse aller Ausgebeuteten und Verelendeten. Dieser +Genosse war die siegreiche Revolution. + +Dieser Genosse hieß auch: die Zukunft der Welt. – + + * * * * * + +Peters Lippen bewegten sich immer noch. + +Nun versank er in sich. + +Die Augen glühten glanzweiß ... + +Menschenmassen schrieen gegeneinander. Menschenmassen schoben immerfort +kämpfend sich aufeinander zu ... + +Die Geräusche bewegten sich jetzt von ihm fort, wie ein Blätterschwall, +der dicht über den Boden dahinfegt. + +Noch einmal wölbte sich ein Wipfel von Geräusch über ihm: Schüsse, +Schreie, Knochensplitter ... Der Wipfel schwang schmetternd über ihn hin +... Und es wurde Herbst ... Der Wipfel entblätterte ... + +Es wurde traumhaft ruhig um ihn ... + + * * * * * + +Trotzdem nun Peter ganz mit sich allein in der vergitterten Zelle lag: +so wenig einsam wie jetzt war er in seinem Leben noch nie. – + + + + + 7. Kapitel. + + Vom einzig gerechten Krieg + + + Das „Neue Leben“. – Wie es im Himmel + aussieht! Und auf Erden?! – + Gespensterlandschaft. – Vom einzig + gerechten Krieg. – Im Anfang war die + Arbeit. – Fleisch. Blut. Knochen. – + Denen, die in Ketten träumen. – Roter + Marsch. – Gesang der Welteroberer. + +Wir lassen hier die Aufzeichnungen folgen, die Genosse Peter Friedjung +uns hinterlassen hat. + + + I + + Im Anfang war die Arbeit + +„Es sind nun schon einige Jahre her, daß ich das bürgerliche Leben +verließ, in dem ich bisher, wenn vielleicht auch absonderlich und +phantastisch, lebte. Daß eine Brücke nach der anderen ich hinter mir +abbrach, bis endlich auch die Konturen dieses alten Lebens immer mehr +schwanden, ich auf der neuen Erde Tag für Tag fester Fuß faßte, neue +Menschen fand, neue Kameraden gewann, und ich mit meinem Vorleben, das +ja auch nur ein bescheidenes Plätzchen innerhalb der allgemeinen +bürgerlichen Verworfenheit darstellte, mich nurmehr dergestalt +beschäftigte: den eisklaren revolutionären Vernichtungsplan im Gehirn; +konkreten Willens, exakt und zweckmäßig gearbeitet wie ein modernes +Brechwerkzeug; ein unerschütterliches Bollwerk von Haß gegen jede Form +von Menschenausbeutung im Herzen; die Waffe in der Hand. + +Die Realität dieses vergangenen Lebens ist notwendigerweise eine +gespenstische. + +Dieses Abschiednehmen, dieses Zurückweichen der Uferlinie mag, wie mir +bekannt ist, am besten, wenn auch auf typisch kleinbürgerliche und +idyllische Art und Weise, seinen Ausdruck gefunden haben in jenen Worten +aus Strindbergs „Entzweit“ wo es am Schluß heißt: + +„Und so fuhr er wieder in die Welt hinaus. Als der Dampfer an dem +schönen Herbstabend sich den Strom hinaufarbeitete, sah er noch einmal +das Häuschen, dessen Fenster jetzt leuchteten. Alles Böse und Häßliche, +das er dort gesehen hatte, war jetzt verschwunden; er empfand kaum eine +flüchtige Freude, diesem Gefängnis, in dem er so unerhört gelitten +hatte, entronnen zu sein. Nur Gefühle der Dankbarkeit und der Wehmut +ergriffen ihn. Einen Augenblick zog das Band, das ihn an Weib und Kind +fesselte, so stark an, daß er sich ins Wasser stürzen wollte. Dann aber +drehten die Schaufelräder den Dampfer einige Male kräftig vorwärts, das +Band dehnte sich, streckte sich – und riß.“ + +Und riß! – + + * * * * * + +Nun zeichne ich hier die Kurve dieses Wegs der Ablösung auf, einer +Kurve, die oft einer Fieberkurve gleicht. + + * * * * * + +Zuchthausmauern, Hinrichtungen, Verfolgungen, Leichenhaufen, lohnend +bezahlter Meuchelmord: das ist die Landschaft, durch die dich der Weg +auf seiner neuen Richtung, die er genommen, hindurchführt. Dein Schritt +ist nicht mehr eines Einzelnen Schritt, du schreitest im Gleichtakt, du +schreitest ihn als Kampfkolonne. + +Hinter dir, weit hinter dir der andere Teil der Menschheit auf seinem +verlorenen Posten, überwuchert von seinem eigenen Pesthauch wie von +Giftschwaden; rache-fletschend, geifernd, verleumdend, zu jeder Untat +und Gemeinheit allzeit bereit: die Profitrate sinkt – ein panisches +Gezeter: und nun lassen sie hervorstürzen aus den Zwingkäfigen ihrer +Kasernen, sie, die schöngeistigen Ruhmredner auf Kultur und +Zivilisation, schlimmer als Hunnenhorden, die von ihnen im Namen des +Vaterlandes gedungenen Söldnertruppen und die Garden der Streikbrecher, +von Arbeiterverrätern und bornierten Gewerkschaftsvertretern +kommandiert; Studenten- und Freiwilligenbataillone, durch deklassierte +Offiziere, abenteuer-lüsterne Professoren und Pfaffen auf +Arbeitermasscacres abgerichtet. + +Polizeirock, Windjacke, Uniformfetzen stürzt sich auf Arbeitskittel: + +„Jib ihm Saures!“ + +Oder: + +„Komm mit! Kusch dich! Oder sonst beißt sich was –“ + +Und das letzte Stadium des Martyriums des blutdurchtränkten +Arbeitskittels beginnt: endend mit jahrelangen Zuchthausstrafen oder „An +die Wand“, und angefangen mit ausgeschlagenen Zähnen, ausgerissenen +Augen und Rippenbrüchen schon bei der Verhaftung, auf dem Transport oder +auf der Wachtstube. – + + * * * * * + +Auseinanderfallen der Weltwirtschaft. Unfähigkeit des Kapitalismus, +irgend eines der großen internationalen Probleme zu lösen. Valuta-Chaos. +Unlösbarkeit der Reparationsfrage. Verschärfte Krisenperiode. Einengung +des Weltmarkts. Uneinheitlichkeit der Konjunktur. Unerträgliche Spannung +zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften. – + +Aber nur neue Terror-Akte gegenüber der werktätigen Bevölkerung +produzierten diese Tatsachen, und, maskiert durch die Kulisse einer +pazifistischen Aera, häuften sich allenthalb die Explosivstoffe. Unter +unsäglichen Leiden und Opfern der von den Produktionsmitteln künstlich +Abgetrennten, der die Fundamente der Gesellschaft mittels des lebendigen +Kitts ihres Herzbluts, ihres Schweißes, ihrer Tränen gerade noch +notdürftig Zusammenhaltenden: arbeitete in allen Fugen krachend weiter +der altmodische und an den wichtigsten Stellen schon völlig unbrauchbar +gewordene Welt-Mechanismus. + +Der ganze Apparat taugt eben nichts mehr, funktioniert nicht mehr, kommt +nicht in Schwung ... + +Auch die Kolonialvölker hatten zugelernt, rebellierten. + +Jeder, auch im entlegensten Weltwinkel, hatte allmählich eine genügend +hinreichende Dosis Erfahrung geschluckt. + +Unentwirrbar das Riesenknäuel der machtpolitischen Probleme – + +Und die internationale Bourgeoisie bereitete trotz Völkerbund und +gegenteiliger scheinheiliger Versicherungen bereits in ihren +Flugzeugwerkstätten und chemischen Giftgasversuchslaboratorien einen +großartigen Start vor zu neuen imperialistischen Weltkriegen. + +Immer wieder von neuem dazwischen heftige elementare Ausbrüche ihrer +inneren unüberwindbaren Interessengegensätze ... + +Auch kamen die aufgewecktesten Teile des Proletariats endlich dahinter, +wie höllisch-friedlich in Wahrheit so ein imperialistischer Frieden war. + +Recht energisch knurrten schon ihre Reihen: + +„Mißtrauen! Mißtrauen der menschenfressenden Kanaille gegenüber bis zum +Aeußersten!“ + +Und: + +„Ein Narr, wer Tigern predigt Pflanzenkost!“ + +„Euer herrlicher Frieden: eine Fortsetzung eures glorreichen Kriegs +wohl, mit anderen Mitteln, was!?“ + +„Und wenn es schon einen „trockenen Putsch“ gibt, warum soll es nicht +auch einen „trockenen Krieg“ geben?“ + + * * * * * + +Wahre Volksschlächter- und Massenhenkernaturen entstanden auf diesem, +von Fäulniskeimen durch und durch unterminierten Boden. + +Professionelle Sadisten im Dienst der politischen Polizei, +Gewohnheitsverbrecher, Verräter, Denunzianten, Attentäter, lebendige +Marterinstrumente, menschliche Folterbestien, Lockspitzel, geriebene +Erpresser: das marschierte wie ein Heer auf, verschlang, ein parasitäres +Geschwür mörderisch durchseuchend den ganzen Volkskörper, Unsummen vom +Staatshaushalt; denn diese, teils aus Unzurechnungsfähigen, teils aus +Menschendreck rekrutierte Geheimarmee wollte eben auch gut bürgerlich +leben und zählte nach Hunderttausenden. + +„Mit Stumpf und Stiel ausrotten ...“ + +Dieser Plan gegenüber dem klassenbewußten revolutionären Proletariat +aller Länder kristallisierte sich also im Lager der zu einem +eisern-gelenkigen Abwehrblock zusammengeschweißten, mit den +raffiniertesten Großkampfmitteln ausgerüsteten internationalen +Welt-Bourgeoisie immer deutlicher. Ob mit Hilfe des Faschismus oder mit +Hilfe der Sozialdemokratie, d. h. mittels einer sogenannten +„Arbeiterregierung“, ob offen, brutal oder ob pazifistisch, +demokratisch, illusionistisch: das war eine reine Taktikfrage, und man +war sich einig darüber drüben: das wird den verschiedenen Zeitumständen +und Kräfteverhältnissen entsprechend abwechselnd, je nachdem, einmal so +und einmal so, gehandhabt. + +Welt-Mobilisation. + +Front gegen Front. + +Es riß durch – + +Und es riß durch bis auf die Sprachverbindung hinab, bis hinab auf die +gleiche Erlebnismöglichkeit: + +Front gegen Front heißt: Sprache gegen Sprache, Gefühlsausdruck gegen +Gefühlsausdruck, heißt Denkart gegen Denkart, heißt Anschauungsform +gegen Anschauungsform, heißt Weltbild gegen Weltbild. + +Denn eingetreten schon waren wir in das Zeitalter der alle Erdteile +umspannenden, der die Welt-Zukunft entscheidenden Riesenklassenschlacht. +Die Klassenkräfte gruppieren sich, die Klassenkräfte manövrieren +gegeneinander – + +Druck und Gegendruck – + +Und gewaltig drückte herein das Rote Rußland, ein +Einhundertundfünfzig-Millionen-Volk; einhundertundfünfzig Millionen, +Arbeiter- und Bauernmassen, warfen sich jetzt, ein drückendes Gewicht, +in die Wagschale; Rote Erde, ein Sechstel des Erdteils ... Und dahinter +die aus dem Bann jahrtausendelanger Knechtschaft erwachenden, zu Meeren +aus Schmelzglut verwandelten Völker des Ostens ... + +Der Zeiger rückt vor in das letzte Viertel auf dem Ziffernblatt des +Menschheitsmanometers. Die Alarmpfeifen an den Sicherheitsventilen +trillern. Die Stahlhäute schwitzen. Der Augenblick der Sprengung ist +nah! Die Stahlhäute werden rissig, beulen sich aus, dehnen, zerren, +biegen sich – – – + +Mit ewigkeitstriefenden Lippen beschwören zwar noch ihre imaginären, +verschiedenartig uniformierten Götter die Fetischgläubigen, das +gerechte, ja nur allzu gerechte Verdammnisurteil der lebendigen +Geschichte von den Häuptern der heute Herrschenden gnädiglichst +abzuwenden: immer eindringlicher aber, selbst bis in die letzte +unscheinbarste geringste Alltäglichkeit hinein, kündigt sich an die +gewitterschwangere Atmosphäre einer End-Phase. – + + * * * * * + +Wie je nur einer, so habe auch ich vormals begeisterungsinnig genug +verehrt sie alle, die Meisterwerke euerer Dichtung, euerer Malerei, +euerer Musik, euerer Plastik; ich selbst war einer jener „Verklärer“, +jener Ekstatiker der Apotheose des „Abgrunds“; durchgeforscht habe ich +mich durch alle Gefühlswildnisse und weisheits-süchtig mich durchgedacht +durch die Labyrinthe eueres an Komplizierungen und Kombinationen so +berauschend reichen, ja überreichen Denkens, durch alle scheinbar so +lückenlos gefügten philosophischen Systeme hindurch, grausam-offen +sprechende Zeugnisse des von euch zwangshaft nie und nimmer zu lösenden +Widerspruchs. Kindlich staunend aufgeblickt habe ich zu den +siebenmalsiebentausend Wundern euerer Maschinentechnik, euerer genialen +Organisationskunst, zu der, wie ihr gern wahrhaben möchtet, +metaphysisch-einheitlichen Geordnetheit eueres Weltbilds – – – aber ich +habe den Blutsumpf auch mit eigenen Augen gesehen, auf dem euere Kultur +erbaut ist, und ich habe den selbstverständlichen Mut geschöpft daraus, +sie, und dadurch vor allem auch das, was in meinem eigenen Dasein damit +zusammenhängt, rücksichtslos durch die Tat zu verneinen. + + + II + +Man kann einem Menschen nicht zum Vorwurf machen, daß er in der +bürgerlichen Gesellschaft gelebt hat. – + +Der eine: zerfetzt, den Körper mit Wunden bedeckt – kämpft sich durch. +Ob er den Uebergang gewinnt!? Und dann, ob er nach diesem gewaltsamen, +oft mit Gehirnzerrüttung und Gesundheitsschädigung erkauften Durchbruch +noch soviel an lebendiger Kraft erübrigt hat, um auf der Kampffront der +werktätigen Millionenmassen seinen Mann zu stellen: vorn, in der offenen +Feuerlinie, im Nahgefecht, bei der täglichen Kleinarbeit!? Denn das +„Neue Leben“, die Revolution, sie erfordert dich ganz. Sie verlangt +unerbittlich eine unendliche Fülle von exaktem Wissensmaterial von dir; +sprunghafte Kühnheit zugleich und zweckhafte Fähigkeit ... Heroisch zu +sein in den heroischen Momenten der Geschichte ist leicht. Aber von nun +an heißt es: Spanne dich! – und wenn auch nur ein erbärmlicher +sozialdemokratischer Gewerkschaftsbürokrat die Scheibe ist – auch +dahinter leuchtet das große erhabene Ziel: auch da mußt du dich +hindurchschießen! + +Ob man die Möglichkeit der Gedankenvereinfachung noch hat!? Die +Möglichkeit des Sichinbeziehungsetzens mit dem Ausdrucksorgan der +Ausgebeuteten, der eine andere Sprache spricht als die deine ist, die +aber auch von nun an die deine werden wird. Ob du dich damit bescheiden +kannst, zu lernen, weiter nichts als zu lernen, dich durch die +asketisch-strenge Schule der Partei hindurchzukneten, ein Lernender zu +sein, nichts weniger und nichts mehr als nur ein Lernender ... +Rücksichtslos alle deine bürgerlichen individualistischen Exzesse aus +dir auszuschneiden ... Um eines Tages durch deine Arbeit dein neues +Heimatrecht dir zu erobern: vom Proletariat als seinesgleichen adoptiert +zu werden ... + + * * * * * + +Das Gehirn in jenem „Alten Leben“ wird abstrakt, wie eine Windblase, und +entfernt sich, irrsinnig phosphoreszierend, ins Zeit- und Raumlose. Du +schwelgst zwar in einem gewaltigen Pathos, aber es ist jenes berüchtigte +romantische Pathos der Distanz, das Pathos vom Wissen des +Niejeverwirklichenkönnens, das Pathos der hoffnungslosen +Unüberbrückbarkeit zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll. + +Andere geifern sich darüber hinweg mit Zynismen. + +Es ist ein und dasselbe. – + + * * * * * + +Ob man sich selbst herunterholen kann!? + +Herunter bis auf diese naheste aller Erdnähen, bis zu diesem festen +granitenen fundamentalen Grund: Klassenkampf, Klassensolidarität, +Parteidisziplin, Parteiehre!? Darnach, nachdem das ganze Dasein +ausgelaugt von der bürgerlichen Gifthölle ist oder millionenscherbig +zersplittert! Und man sich mühselig von neuem wieder zusammenklauben +muß! ... Dreivierteln seines Menschendaseins den Todesstoß versetzen +muß, um mit dem übriggebliebenen, ach so spärlichen Restviertel von +vorne, ganz von vorne zu beginnen!? ... + + * * * * * + +Nun, ich habe viele kennen gelernt, die auf diesem Wege gefallen sind, +zu etwas Besserem geboren als zu farblosem Verzicht und ruhmlosem +Opfertum: freiheits-fanatische, prächtige, an allem Wahren und Schönen +entzündbare und alle Menschen rings um sich mitentzündende, +gemeinschaftssüchtige Menschen; Menschen, in ihrer Jugend wie +Kraterberge, mit explosiver Lava angefüllt, rissig rings von einem +ununterbrochenen ekstatischen Bersten; Jahr für Jahr aber mehr und immer +mehr abglühend bis zu einem wandelnden Aschenhaufen, durchdunkelt von +unheilbarer Schwermut. Manche von ihnen schüttelten sich in dem ihnen +von der Gesellschaft angeborenen brennenden Kettengewand oft rasend wie +Berserker. Sie waren allesamt wissend, zum mindesten aber ahnend, und in +Gesprächen gelegentlich oder in einem hingezuckten Blick verrieten sie +ihr Geheimnis. + +Wie lautete ihr Geheimnis? + +Einfach: + +„Die Lebenskraft reicht uns eben nicht mehr hin, herüber, herauf über +den Rand zu kommen. Man bleibt hilflos, einsam hängen wie in einem +ungeheuren Rauchfang im Weltabgrund ... Man läßt los. Ein Traum, ein +violetter vielleicht, wenn Sie wollen, von einem seligen, +vergessenheitstrunkenen Absturz. Fratzenhaft das alles, grimmassierend +... Ein elektrischer Einstich jeder Sternblick. Alles Leben ist +gläsernes Schweben ... Ueber metallisch fließende Traumsteppen hin +uferloses Tonwehen ... Die Atmosphäre, die Atmosphäre, die ist es ... +Sie ist zwangshaft ... Ein unheimlich unsichtbarer, mörderischer Fetisch +... Unentrinnbar umklammert von einer mystischen Gefühls- und Denkzange: +ein mystischer Terror: man – kann nicht mehr.“ + +Solchen kann man wirklich nicht zurufen: + +„Nur Mut!“ + +Das ist das völlige Abgekämpftsein, ein Bruchton aus der Symphonie des +bürgerlichen Klassensterbens, das in seltsamen Klangkombinationen +hinschmelzende Finale der physiologischen Gebrochenheit. + +Ihr Welt-Rätsel!? Ihres Welträtsels Unergründbarkeit!? + +Sie fanden nicht mehr den Anschluß an die allein rettende, an die +alleinig heilende Realität dieser Erde, an die einzig die +Menschheitserlösung erkämpfende Macht dieser Erde, an das Proletariat, +an die Kampftruppe der Zukunft – und so würgten sie sich selbst ab unter +metaphysisch-grotesken, oft harlekinhaften Todesgesten im Luftleeren. + +Mit welchem Aufwand an Sentimentalität, Zärtlichkeit, Andacht bauten sie +sich aus in dem auf dem Boden des Nichts errichteten Elfenbeinturm ihrer +Individualität für jede Laune, für jede Absonderlichkeit ein eigenes +Wohngemach; ganze Appartements darin für treibhausdünstiges „Höhenleben“ +–: bis eines Tages dieses künstlich aufgeführte Gebäude schwankte und zu +dem zusammenstürzte, was es war: zu einem Häufchen von Daseinsmoder, +Lebensekel und verworrener, ihrer blendenden Umschalung entkleideten +Weltlüge. + +Sie endeten alle mit Selbstmord, ob sie nun Hand an sich legten oder +nicht. + +Auch ihr Wahnsinn war Selbstmord. + +Man kann sie nicht verurteilen, man kann sich nicht zum Richter +aufwerfen über sie. + +Hier gibt es nur das eine: + +„Es ist schade, jammerschade.“ + +Ueber alle diese „Zu-kurz-Gesprungenen“ schreibe ich als Epilog: + +Ich weiß, welches unausmeßbare Maß an Schmerzen ihr erlitten habt. Ich +bin fähig und ich bin auch willens, sie mitzuleiden. Mancher von euch +hat tapfer sich gewehrt; jahrelang, jahrzehntelang sich tapfer gewehrt, +bevor er die Arme verschränkte oder die Hände faltete ... Wieviel, o wie +unaussprechbar viel an unausgelebter Kameradschaftlichkeit, Herzensgüte, +Menschenwärme, Lebensschwung ist mit euch dahingegangen! Legionen von +Begabungen unbarmherzig erdrosselt! Ausgehungert irrtet herum ihr oft +monate-, ja jahrelang; ausgehungert bis auf den nackten Knochen ... In +diesem menschenschlächterischen, menschenunwürdigen Menschheitszustand: +was wird nicht zum Spekulationsobjekt!? Euere Trauer, euere Not, euere +Tränen, euere Verzweiflung, euer Angstschweiß, euer Verfolgungswahn, +jede Pille der Bitternis, die ihr geschluckt habt, jede Art euerer +Marter bis zum letzten Todesröcheln ... Das alles ... Und mehr noch ... +Geduldet, gedacht, gefühlt, von Leidensstation zu Leidensstation gehetzt +– für wen?! Warum?! Wozu?! ... Für nichts und wieder nichts! ... Hoch +über der Sinnlosigkeit jeder Einzel-Existenz thront, weiter behäbig sich +mästend, der Welt-Unsinn ... Nicht eine Sekunde lang währte sein ach so +oft euch flammend versichertes Beileid! ... Dem Fresser dientet ihr nur +dazu, sich mehr noch anzufressen; dem Geilen nur, sich von neuem +aufzugeilen. Kein einziges seiner Massenopfer habt je ihr den +Massenmördern abgerungen. Euere Waffen waren stumpf geworden mit der +Zeit, ihr merktet es vielleicht selbst nicht, aber sie ritzten nurmehr +ganz an der Oberfläche die wie zu einem Panzer geronnene Menschenhaut +... Da liegt ihr nun mit eueren gerupften Traumflügeln auf dem +Abfallhaufen der Geschichte ... Wir haben es nicht nötig zu schwören: +denn wir selbst sind gestaltgewordene Schwüre der Rache ... Aber die +Geschlechter aller heute Herrschenden zusammengenommen: was ists mehr +denn ein elendes Häuflein Menschendreck ... + +Wir aber haben keine Zeit, euere Gräber auszugraben, keine Zeit, euch zu +mumifizieren, keine Zeit weder zu einer Verklärung noch zu einer +elegischen Gloriole ... Wir haben nur Zeit, uns zu rüsten, damit wir +bereit sind, wenn es wieder soweit ist, diese barbarische +Menschengesellschaft mit dem Bajonett zu sondieren. – + + + III + +Der imperialistische Frieden war ein Krieg gegen das Proletariat. Und +nicht nur gegen das Proletariat, sondern auch gegen die Mittelschichten +und jeden einzelnen Kleinbürger. + +(Nach einem der Fundamentalsätze der Lebenseinsicht: lerne scharf zu +unterscheiden zwischen der Phraseologie einer Sache und dem Inhalt einer +Sache; oder: nicht auf das, was einer sagt, kommt es an, sondern darauf, +was einer tut. Auf die Fäuste sehen! Worte sind Lügenbeine!) + +Da lebt man nun so ein Leben lang herum: Feierabend – und man kriecht +sich wieder herein in seine zwei blümchentapetenüberzogenen Wohnlöcher, +an Körper und Geist gleichermaßen erfrischt durch einen kräftigen, +herzhaften Vierzehnstundentag ... + +Für wen das eigentlich?! – + +Und da gibt es so eine gottverfluchte ketzerische Lehre vom Mehrwert! +... + +Und das Kätzchen schnurrt so idyllisch-warm am Sims, neben dem Nähkorb, +und vielleicht auch so ein Kanarienvogelgeripp in einem Goldstabkäfig, +der Fliegenfänger hängt herab von der Decke in der Mitte des Zimmers, +dicht besät mit den noch zappelnden Pünktchen der Schmeißfliegen. Unten +im Hof wimmert die Drehorgel, auf den Dächern die Armeleutewäsche im +Abendrot – + +Man knurrt, wird bissig wie ein Köter. Mit den Kollegen hälts auch +schwer, sich zu vertragen ... Man müßte sich eigentlich wieder mal +tüchtig sattessen und ordentlich ausschlafen ... Das ganze +hundsverreckte Dasein taugt ja so zu nichts ... Man ist angesäuert wie +gestockte Milch ... Aber vielleicht: ’s langt doch noch einmal zu einer +Laube und darnach auch zu einem Einfamilienhaus ... Deutschland: ’s geht +vorwärts, es bessert sich von Woche zu Woche, wenn die Arbeitszeit auch +steigt und der Reallohn auch sinkt ... Die Rentenmark bleibt stabil ... +Ueberall stehts ja zu lesen ... + +Man spielt Fußball, hört Radio ... Siehst du wohl! Recht muß Recht +bleiben. Auch das Volk hat sein Vergnügen. Auch verheiratet man sich +frühzeitig: man hungert, friert, man klöhnt zu zweien und ein +regelmäßiger Beischlaf ist gesichert ... Ach, außer dem gibt es noch +tausend, abertausend schöne Dinge, die einen von der Beantwortung der +Grundfrage seines eigenen Daseins abziehen. Ja, die Fragestellung +selbst: sie ist gründlich in Frage gestellt – – + +Und des Sonntags wackelt man sich hinaus ins Freie, die Familie lüftet +sich, das ist doch immerhin schon ein ganz reeller Vorgeschmack vom +Paradies. + +Nun, und auch der „Große Unbekannte“ erscheint in mannigfaltiger +Gestalt. Er streckt ausgerechnet immer gerade dort seinen +anbetungswürdigen klotzigen Schädel hervor, wo das eigene Elend-Dasein +das mit bestem Willen nicht mehr zu verkleisternde Loch hat. An jeder +Bruchstelle erscheint er, der liebe Wundermann. Er hängt am Kreuz, +steigt widerspruchslos herunter, sofort, wenn z. B. der Kaiser sein Volk +zu den Waffen ruft, und bedient ein Maschinengewehr, nimmt die Parade ab +als S. M. oder hurt hurtig in Berlin herum, bis auf Widerruf in der +deutsch-nationalen Presse, als Kaisersohn; drückt freundlich +herablassend, umstrahlt vom auserwählten Offizierskorps, einem Veteranen +die Hand, richtet rührend-anerkennende Worte vom Dank des Vaterlandes an +den Kriegskrüppel; überschüttet wieder vom amerikanischen Himmel herab +das von seinen eigenen Finanzmagnaten bis auf das Weißbluten +ausgepowerte Deutschland mit einem im herrlichsten Unschuldsweiß +sprühenden Dollarregen; er ist weder ein Wuchererstaat, noch spekuliert +er auf Extraprofite aus dem Kapitalexport; er ist Fabrikbesitzer, +bieder, Treu und Redlichkeit. Reserveleutnant, patenter Kerl, versteht +was vom Geschäft, und wenn er nicht wäre, wo gäbe es dann überhaupt +sonst noch Arbeit!? – + +„Nur Tagediebe und Müßiggänger bringen es bekanntlich in dieser Welt zu +nichts. Sei darum auch als Sklave ein ganzer, vollkommener, treuer +Sklave ... Jegliche Seele sei den vorgesetzten Gewalten untergeben, denn +es gibt keine Gewalt außer von Gott; die es aber sind, die sind von Gott +eingesetzt ...“ + +Und weiter gehts in der allbekannten Melodie: + +Die Knochen knacken entzwei, die Muskelstränge lockern sich, das Gesicht +verzerrt sich in unausglättbare Falten, die Dichter singen zwar: „Wie +ein Fächer tut sich auf dem Müden die Nacht“ – aber es ist anders, +schade eigentlich, aber was tuts auch ... + +Ausgequetscht der Leib wie eine Frucht, und die Haut dann fortgeworfen. + +Vaterländische Lieder gröhlend waten Millionen im Blutsumpf, ein +Schlückchen „Heldenschnaps“ – und wenn du grad nicht das übliche Pech +hattest, das E.K. I. war dir sicher ... Der Füsilier-Feldwebel wettert +heute wieder im Unterstand herum: die Kaiserbilder sind wieder von den +Ratten verschlissen ... Und das gewittert zudem bleischwer über einem am +Himmel; rabiat ... Zum Teufel mit diesen himmlischen Heerscharen ... +Aber man schmort sich ja, so heißt es wenigstens, frischfröhlichgesund +in diesem Feuerkessel ... Arbeitetest du in einer Phosphorfabrik: fünf +Jahre – und schon stahlst du dich davon als eine Leiche ... Das kann +doch nicht mit rechten Dingen zugehn!? ... Pah, Quatsch ... Was soll ich +mich als Einzelner dagegen auflehnen – – + +Mitgefangen, mitgehangen. + +Alles Jacke wie Hose. + +Schnurzegal. – + + * * * * * + +Leib an Leib krümmt sich übereinander. + +Das ganze werktätige Volk ist nichts mehr weiter als ein einziger +zuckender Schmerzenskadaver, ein fleischerner Berg, von abgerissenen +Gliedern dicht überwachsen wie von Gestrüppen ... Der stößt keine +lebendigen Schreie mehr aus, Millionen erloschener Augen glühen daran +schwarz; schwärzer, durchdringender als selbst die Finsternis. +Unterirdisch nur ein unverständliches Murmeln. Hie und da Wortfetzen. +Hie und da ein fieberiges, feuriges Flackern; fernes Alarmheulen ... Und +hie und da ängstliches Zusammenrücken an den Tischen der Götter, +Halbgötter, Rentner, Parasiten und anderer Heiligen: + +„Der Berg ... der Berg ... wehe ... Kommt er nicht doch eines Tages über +uns ...“ + +Aber die ganze Welt ist mit Fatalismen vollgepfropft. Alles, was da ist, +ist im molkig getrübten Bewußtsein der Mehrzahl der Menschen heute noch +vernünftig und muß eben so sein, der Pfaffe, der Gerichtsherr, der +Mehrwerts-Vampir, der Journalist: das alles hängt zusammen an +unsichtbaren Fäden und zappelt sich herum im Weltraum im Auftrag jenes +großen grandiosen Ueberirdischen ... + +Hah! Und die papierene Sintflut schwemmt befehlsgemäß heran! + +Tausende von Laboratorien fabrizieren das so beliebte Volks-Opium: +Aberglauben, Kulturdünkel, Verstocktheit ... Immer wieder und immer von +neuem wieder wird erfolgreich das Preisrätsel gelöst: wie erhalte ich am +besten die Massen der Ausgebeuteten in Abhängigkeit und Dummheit? ... +Die Bücherfabriken rascheln, die Zeitungen flattern fröhlich wie winzige +Papierdrachen von Hand zu Hand im Wind ... In wunderbaren Einbänden, mit +herrlichen verlockenden Titeln geschmückt, auch sonst fein säuberlich +aufgemacht, präsentieren die Menschenfänger ihre im Interesse der +Massenverbreitung recht preiswert gehaltenen Köder ... Aestheten, +Schriftsteller, Gelehrte hocken herum, gierig lauernd auf jeden Auftrag, +gesellschaftstüchtige Heimarbeiter. Sie sind ordentlich elastisch +geworden mit der Zeit, ihre geistigen Glieder zu Gummi gebogen, sie +lernten es, sich rasch umzustellen ... Tempo! Das Geschäft verlangt es +... An solch originellen Charakteren hat es ja bekanntlich nie gefehlt. +Und die Kultur muß dem Volk erhalten bleiben, koste es, was es wolle. +Und der Heldentod ist schließlich nur auf dem Papier was wert, in +Wirklichkeit keinen Pfifferling. + + * * * * * + +Die Kinomaschinen rattern. + +Hopla, mein Freund, damit auch deine Augen nicht verhungern. Und ein +strammer Militärmarsch „Ruck-zuck“ sorgt für den Ohrenschmaus. + +Und die Männer der Regierung marschieren auf, liebe freundliche Herren, +kein Zweifel. Wie schön und blendend neu gestärkt ist dem Herrn +Präsidenten sein Frackhemd, wie ein Harnisch; und einen Blick tut er, +einen Blick, sage ich Ihnen, aus der Tiefe seiner Seele in die Tiefe +deiner Seele: akkurat wie durchschaun tut er einen ... Da gibt es sogar +einen Wohltätigkeitstee, und die ausgemergelten dünnen Fingerchen +einiger extra ausgesuchter Musterproletarierkinder zupfen an der Frau +Minister herum: da ist alles Samt und Seide, Perlenkettlein und +Brillantring ... Gottwohlgefällig rauscht dahin über das prima +gebohnerte Parkett der Hermelinmantel ... Wessen Herz blüht da nicht +über in Ehrfurcht und Bewunderung ... Und da nippt so eine Exzellenz an +einer anderen mit einem Handkuß ... Und stehen da nicht, in holder +Umarmung mit Unternehmern, Generälen und Bankpiraten aufgenommen, +hoffähige Gewerkschaftsbeamte, wie aus dem Ei gepellte, tadelfrei +geschnitzte und ebenholzschwarz mit neuen Paradefräcken anlackierte +Männlein: sie, die letzten Endes glorreich immer wieder sich selbst +begaunernden Schlaumeier! ... Ihre Rede: ein bedingungsloses zu allem Ja +und Amen ... An Gründen hinterher, sogar überzeugenden, fehlt es +bekanntlich ja nie, und sie kommen sogar, einem Eingeweihten zwar nicht +gerade überraschend, ihren Unterdrückern zu Hilfe, wenn diese +ausnahmsweise einmal in Verlegenheit geraten sind, und offerieren sich +ihnen, lakaienhaft lächelnd, auf dem Präsentierteller. + +Kanaillen – + +Deutschland über alles – + +Hurra! ... + +Kein Zweifel: diese Herren wollen – das Wohl der Volksgemeinschaft +scharf im treudeutschen Auge – alle nur das Beste. + +Und da verschwindet eben so ein großer Schieber der Weltgeschichte, die +Aktentasche mit genialen Spekulationsprojekten unter dem Arm, im Auto; +vierzehn Stunden jeden Tag ist er zu Konferenzen unterwegs, und jetzt, +spät schon über Mitternacht, noch mit einem ausländischen Vertreter eine +Verhandlung – + +Und hier der Reichstag: eine stürmische Sitzung zwar: aber wirklich nur +ein ganz bösartiger kann da bei der Betrachtung dieser Ehrwürdigen, von +Volkes Gnaden Gesalbten, auf den Gedanken kommen: Schafstall ... Das +Schicksal des Volkes wird hier entschieden: darum, bist du katholisch: +bekreuzige dich! ... + +Blechmusik, Trommeln, Pauken, ein gellendes Trara – Bajonett +aufgepflanzt! Andacht! Bravo, die Reichswehr! Prächtige Jungens, hieb- +und stichfest ... Verwendbar zwar vorerst, aber das ist ja grad kein +Nationalunglück, nur im Bürgerkrieg. Da kann man sich denn auch nicht +wundern, daß die Sympathie breitester Volkskreise auf ihrer Seite ist, +besonders, na besonders, wenn man den Kommunisten dort als Gegenstück +betrachtet: unordentlich, die Hose in Fetzen, kein Hemd, nur ein +blutbeflecktes Wollsweater, tief in seiner Kellerwohnung, wie er dort +bei Kerzenlicht an seinem Schraubstock Handgranaten aus alten +Konservenbüchsen fabriziert, und man außerdem noch gerade zufällig +mitanzusehen freundlicherweise Gelegenheit nimmt, wie eben ein anderer +Genosse mit gewichtiger Miene, durch eine Geheimfalltüre natürlich, +eintritt, und ihm dann glückstrahlend eine Handvoll Cholerabazillen +überreicht ... Nach dieser gewitterschwangeren Stimmung strahlt selbst +der im Kreis seiner Opfer extra für das verehrte Publikum +photographierte berühmte Massenmörder heiter wie ein Sommertag ... + +Und nun noch zum Schluß: + +Badeszene am Lido: bewimpelte Strandflächen, neueste Badetoiletten, +blitzende Meerwellen – – + +Alles blökt, grunzt, summt – + +Auch die Begleitmusik schwellend-weich, ein gemütvolles Tonsofa – + +Gottseidank! + +Großes Welt-Wettschnarchen. + +Es wird wieder behaglich ... + + + IV + + + Das „Jenseits“-Panorama + +So beschaffen ist nun eben einmal die Welt: + +Da sitzen sie also nach wie vor hoch oben auf dem Palmengarten des +himmlischen Wolkenkratzers, von ihren eigenen parfümierten Ausdünstungen +umfächelt: die Kaiser und die Könige, die Propheten und die Erzväter mit +goldenen und mit elfenbeinernen Szeptern und mit anderen demagogischen +Zauberstäben bewaffnet, und um sie herum, vielfach in sich gestapelt, +die Geschlechter der Menschheitshyänen, der gottwohlgefälligen +Menschheitsgeißeln und Zuchtruten: Finanzoligarchen, je nach den +Extraprofiten der Rang, Admirale, Minister, Generale, in blendenden, +ordensüberklirrten Uniformen, Federbusch, Zylinder, Stahlhelm, und die +violett vom Ewigkeitsatem angehauchten Pfäfflein klappern, teils +inbrünstig schielend, teils mürrisch geifernd ihre Gebete, und er, der +Herr dieser aller, blinzelt und schmunzelt, und saugt, wohl ein wenig zu +wollüstig schlürfend, die narkotischen Düfte des Weihrauchs ein und +räkelt sich, daß der ewigkeitsschwangere Leib beinahe aus dem Leim +kracht, auf seinem himmlischen Plüschsofa ... Die berühmtesten +Medizinmänner Europas aber betreuen ihn. Naht mit einer Zeitenwende eine +Ohnmacht dem Schöpfer der Welt: da läuten gellend und wimmernd die +unsichtbaren Sturmglocken des Himmels, mit Strömen von wunderwirkendem +Digitalis durchpumpt man das göttliche Herz ... So hatte er sich schon +einigemale wieder erholt. Nach erfolgter Genesung huldigten ihm die +Heerscharen bei der Himmelsparade. Die Antennen auf dem +Himmelssanatorium wisperten. Radio-Glückwünsche rieselten herein ins +Operationsprunkgemach aus allen Ecken der diesseitigen und jenseitigen +Welt. Nie sangen so innig wie damals die Chöre der Heiligen das +Halleluja, versammelt mitten im Raum auf einer schwebenden Plattform. +Auch die purpurn glühende Abendwolke weinte vor Rührung. Es lächelten +selig verzückt die Friedenspalmwedel und die in ihrer Einfalt kindisch +naiv psalmenstammelnden Weihwasserpinsel. Delegierte erschienen zur +Audienz aus allen Himmelsbetrieben – + +Diplomaten rutschen heran auf herrlich gepolsterten Klubsesseln, die +Oberengel spielen jetzt Skat, einer der im diesseitigen Jammertal +erfolgreichsten Henker bereitet die allabendliche Fußwaschung. + +Wieder ein Zug: Epauletten-Helden, die Dirigenten des +Riesenflugzeugbombenwerfer-Orchesters, die Generalfeldmarschalle der +Trusts, und preisgekrönt mit den Ordensauszeichnungen aller Erdteile, +das größte Schmarotzergenie dieser Zeit. Konzern-Päpste. +Kartell-Kardinäle. Syndikat-Kommandeure ... + +Etwas abseits, die auserwählten Vertretungen der Arbeiteraristokraten +und kleinbürgerlicher Emporkömmlinge, in leichtgeschürzten +Batikgewändern, die Riesenplattfüße in blumenbestickten Wollpantoffeln, +sie schmauchen blaudunstig die Ewigkeit an aus spiralig gewundenen +Tabakspfeifen. + +Hier ist der Boden schlüpfrig von lakaienhaftem Gesabber. + +Sie krampfen sich noch jetzt hysterisch jauchzend zusammen bei der +Erinnerung an die mancherlei unseligen Taten jener Abtrünnigen, +Kommunisten geheißen, und sie versichern sich immer wieder gegenseitig, +voll pathetischen Ernstes, Sprechchor gegen Sprechchor: + +„Wir sind doch allzumal zahme Haustiere ...“ + +Ein donnerähnliches Geblöke erfüllt in dieser Gegend des Paradieses die +siebenmal siebentausendfach echoenden sphärischen Himmel. + +Richter, mit den aus den Fetzen der Todesurteile bunt zusammengestückten +Talaren; Korpsstudenten, die prominentesten Angehörigen +der Studentengarden, jedem die Anzahl seiner Morde an der +Arbeiterbevölkerung am Steiß aufnummeriert; berühmte +Faschistenhäuptlinge, Polizeispitzel und Meuchelmörder. Hier auch +Naturapostel und jene sonderbaren Heiligen, die die Ankunft des jüngsten +Tages auf Erden predigten, die prophezeien und weissagen konnten aus +ihren Exkrementen. + +Da – + +Wie Heuschreckenschwärme ... Ein schwarzes Flügelschlagen: so stürzt es +sich heraus aus dem goldenen Lichtloch der Ewigkeit ... + +Und die Maitressen der Reichen und Uebersatten schweben vorüber, in der +neuesten Mode, pedikürt, manikürt, ein jedes Zeitalter, ein jedes Land +strömt seinen besonderen, gottlobpreisenden Wohlgeruch ... Tipptopp. +Totschick. Geschminkt, gesalbt, gepudert. Die Haare frisiert wie +Stukkatur. Fressen in die modrig duftenden Fratzen linienscharf +hineinziseliert ... + +Maler aller Zeiten haben ihnen leuchtende Glorienkringel aufgemalt, auf +die Hinterbacken Sprüche tätowiert. Schenkel aus Brokat, fließende +Gebeine; Dicke wie zentnerschwere Fleischsäcke, Spindeldürre wie +Drahtfigürchen, bunte Kreuzchen statt der Brustwarzen ... + +Da verstummen augenblicks die heiligen Reden und die Gespräche und die +Gesänge – alles strömt herab von den Tribünen und eilt nach den +Marmordampfbädern und Massagezellen, Knutsch-Dielen und Lustgemächern – +und der gesamte überirdische Chor ist ein einziges wollüstiges +Zungenschnalzen. Aller Nasenflügel schnuppern ... + +Halleluja! + +Andere Choräle tönen schon an, von Jazzband und Niggertrommeln +begleitet, mit absonderlichen Zynismen und Zoten vermischt ... + + + Der Blick von unten + +Und tief unten die Völker der Bauern und die Völker der Arbeiter, im +Schweiß ihres Angesichts vollbringen sie ihr Tagwerk: zur Ehre Gottes, +zur Ehre der Menschheit, zur Ehre ihres Vaterlandes ... Brot, Fleisch, +alle Nahrung, alle Kleidung: das alles hebt aufwärts sich wie auf +automatischen Fahrstühlen, dort breitet sichs aus in den Kammern der +Vornehmen, in den Küchen der Reichen – und ach, was vom Tische des Herrn +abfällt: es ist ein dürftiger, ein nur allzu dürftiger Brosamen ... +Ach, und sieh doch: gibts nicht unter den Christen so viele +Wohltäter der Menschheit, sie gründen Kinderbewahranstalten und +Sparkassen-Bibelvereine und veranstalten so seelenstärkende +Gefallenenfeiern und Heldengedenkfeste, Stierkämpfe und Boxkämpfe, +Fußballmeetings und Baseballwettspiele, Tennisturniere, Autowettfahrten, +internationale Pferderennen, und lassen Messen lesen zum Besten der noch +kümmerlich Lebenden und zum Heil der Seelen der glücklicherweise schon +Verstorbenen, und auch die Kirche, die alleinseligmachende, sie hat ihr +Teil daran, Sündenablaß gibts, Generalabsolution, richtig deine +kümmernisbeladene Seele auskotzen kannst du bei der Beichte, und wenn du +nur schön brav wedelst, hie und da auch mal Almosen; Museen werden +gebaut, mit den farbenprächtigsten Gemälden darin, Eintritt frei, +Bibliotheken eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in Saffian, +Bibeln auf Zanderbütten und solche billig wie ein Ei zum täglichen +Hausgebrauch ... Und Gefängnisse sind da für die Atheisten und +Uebeltäter und ganz natürlicherweise für alle die, die der himmlischen +Weltordnung sich einfach nicht fügen wollen, und eine moderne +elektrische Hinrichtungsmaschine; unterirdisch, schön unsichtbar sind +dran die Kabel, und bequem mit Leder gepolstert Arm- und Rückenlehne, +beinahe wie ein gotischer Großväterstuhl: das aber nur für die +Ewig-Rückfälligen oder völlig Unbekehrbaren; denn Strafe, Buße und +Abschreckung bei humanem Strafvollzug zwar muß sein; Ruhe und Ordnung: +so will es der Allerhöchste Gerechtsame, wie es geschrieben steht im +Buch, Seite X, Seite Z bis Y, und auch der Soldat tut in diesem +wunderlichen Weltwerk seine Pflicht: ihm ist das kalte Eisen in die Hand +gegeben, er soll es führen ohne Scheu, er soll dem Feind das Bajonett +zwischen die Rippen rennen, er soll sein Gewehr auf ihre Schädel +schmettern, das ist sein heiliger Beruf, das ist sein Gottesdienst. + +Und so ist demnach es unausbleiblich: + +„Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre, die Massengräber der Tiefe stinken +sein Lob, überall, allüberall ist eitel Glück und Friede und Freude und +Segen, und auch die Erde trieft vor Wonne, ist voll davon.“ + +Das ist das Werk der Schöpfung. + +Und siehe da: + +Wie wir gesehen haben und wie wir es an uns erlebt haben, Tag für Tag: + +Es war gut, nur allzu gut so. – + + + V + +Der Ausweg aus diesem Menschheits-Irrgarten!? + +Breit und wunderbar eben angelegt, asphalt-glatt, mit Phrasen von +Menschheitstum gepolstert, mit allen Bürgertugenden gepflastert, auf +Viadukten über die abgründigsten aller Abgründe scheinbar schwebend +gespannt, oft mit bengalischen Fackeln phantastisch, märchenhaft +erleuchtet: das ist der Weg, der immer tiefer, gleichsam zwangshaft +hineinführt ins Labyrinth, ins völlig Ausweglose. + +Offizielle Wegweiser sind angebracht, wie: + +„Hier Rettung aus der Not!“ + +„Der richtige Weg!“ + +„Pfad der Hoffnung!“ + +„Hier: Weg des Fingerzeigs Gottes aus dem Tal der Verdammnis!“ + +Auch antike, togaumhüllte Göttergestalten sind links und rechts, diesem +heiteren Lebenskorso entlang aufgestellt, bronzene Reiterdenkmäler, +Siegessäulen, marmorne Kriegergedächtnishallen, und feierlich bewegen +sich daher, auf hohen Kothurnen stelzend, die Heldengestalten der +vergangenen Geschichte, berühmte Sprüche orakelnd, manche mit Dreispitz +oder in Ritterrüstung, Friedrich der Große, der Große Kurfürst. + +„Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“ + +Oder: + +„Wenn auf unseren verödeten Exerzierplätzen wieder die Schritte +preußischer Grenadiere hallen, dann gehts mit uns aufwärts!“ + +Auch für Musik ist auf dieser Wanderung hinreichend gesorgt, für Tanz, +für Poesie, für Bildung. In den kargen Ruhestunden wirst du ausgiebig +mit den erhabensten Gedanken gratis gefüttert, Denk-Automaten schnurren, +es wird für dich gedacht, auf diese Weise wird ein schreckliches Unglück +verhütet, nämlich: daß du selbst zu denken etwa gezwungen wirst. Und +würde solch ein Unglück unvorhergesehenerweise gar massenhaft auftreten, +keine Epidemie käme dem an Gemeingefährlichkeit gleich, es wäre das +Chaos, so ein Zustand wäre für die moderne Gesellschaft unertragbar. So +schmilzt auch die Stimme des berühmten Professors der Gesellschaftskunde +herab vom staatlichen Universitätskatheder: „Klassenversöhnung! +Volksgemeinschaft! Rückkehr zum Gottesglauben!“ ... Oder ein anderer, +seine Brust wölbt sich unter einem Taifun von sogenannter +Vaterlandsbegeisterung: „Der heiligste Beruf der deutschen +Arbeiterklasse ist, die deutsche Wirtschaft für alle Verluste, die sie +im Weltkrieg erlitten hat, schadlos zu halten ...“ Und flugs werden +Menschenleben und verlorene Landstriche in Arbeitsstunden umgerechnet, +die der deutsche Kuli nun als Ueberstunden hereinzuschuften hat ... Und +die ganze Luft ist erfüllt wie bei einer mittelalterlichen Hexenorgie +mit Idealen, Idolen, Phantomen. + + * * * * * + +Das also ist ein eiliges Gekrabbel mit zugehaltenen Ohren, +verkleisterten Augen, verkniffenen Mündern; kopfüber drängt und zwängt +sich alles, einer schiebt den andern, rücksichtslos gebraucht man den +mit einem Eisenstachel noch besonders wirksam bewaffneten Ellenbogen, +und alles mischt sich freudig erregt hinein in die Verwesung; alles +maskiert, es ist wie bei einem Karneval; alles wird breiig, +verschwommen, die Umrisse enträndern sich, nun fliegen die Menschen +dahin als Schemen, nebelhaft, mit Fangarmen, künstlichen Rüsseln, +unnatürlich sich überwuchernden Gebissen, vergespenstert: mit +Scheuklappen vor den links und rechts sich ruckhaft-mechanisch +aufgipfelnden Schädelpyramiden: ein Staatsmann zeigt einen neuen Bluff, +alle klatschten hypnotisiert ekstatischen Beifall, „spontan“, +„frenetisch“ wie es im Zeitungsbericht heißt, durch einen Gaunertrick +zeugt man unter geheimnisvollen Beschwörungsformeln ein neues +polypenartiges Gebilde, den Völkerbund; da heben plötzlich alle die +Sektgläser, kreischen „Prost Neujahr!“ fallen sich gegenseitig in die +Arme vor Entzücken, würgen sich und beißen sich aber gleich darauf die +Gurgeln durch, und die Glocken läuten dazu noch ganz ernsthaft „Friede +auf Erden!“ Sektierer aller Arten nun schwärmen heran, spleenige Käuze, +Prediger, von denen ein jeder eigensinnigst darauf erpicht ist, auf +seine nur ihm allein eigene und geschäftstüchtig natürlich patentierte, +höchst originelle Weise in den Untergang zu stolpern; Pazifisten, mit +Palmenschweifen wedelnd, auf allen Vieren hopsend vor dem von ihnen +mitgetragenen imaginären Standbild des von ihnen nie zu verwirklichenden +Weltfriedens; geschäftig verhandeln sie unter sich die gegen jedes +Blutbad garantiert imprägnierten Schutzmäntel ... O Prozession des +Todes! ... Und Strenggläubige noch, den Bedürfnissen eines modernen +Zeitalters nicht unbegabt angepaßt: auf fahrenden, in einem +eindrucksvollen Hundertkilometertempo angleitenden, elektrisch +betriebenen Betstühlen ... Lachsalven: ein irrsinniges Grinsen ... Und +das alles mit „Hoppsassa! Heisassa!“ immer tiefer hinein in einen +riesigen Pfuhl, mit blut- und kottriefenden Masken. + + * * * * * + +Mit Gebälken, Barrikaden und Schranken aller Art aber verrammelt ist der +Weg, der aus dieser Marter-Höhle herausführt. + +Mit Stacheldrahtverhauen von den Herrn dieser Erde abgesperrt, +unterminiert, durchtupft mit Wolfsgruben, von Schützengräben durchquert, +von Schlingen und Fallen umstellt, und mit einer Riesenwarnungstafel +gütigst versehen: + +„Wer weitergeht, wird erschossen!“ + +Polizeitruppen, schweißtriefend, rasen in Lastwagen auf und nieder, +angaloppieren schneidig die berittenen Hundertschaften „zur besonderen +Verwendung“, die Gummiknüppel flitzen, Säbelschneiden ziehen durch, die +Gewehrkolbenschläge dröhnen dumpf, Bajonettspitzen zucken, Schüsse +knacken ... und Panzerwagen, aus allen Luken beinahe lautlos Feuer +speiend, kriechen wie stahlhäutige Riesenkäfer hervor aus den zu Forts +ausgebauten Regierungsvierteln. Gasgranaten, Bomben; Maschinengewehre +knattern oben aus Flugzeugen. + +Haufen Erschossener. + +Haufen lebenslänglich in Zuchthäusern an die Mauern Geketteter. + +Millionen: das Lebensmark ausgesogen von übermenschlichen Entsagungen. + +Ein Haufen zum Tode Verurteilter: wie groß und unendlich ruhig stehen +sie an der Wand – + +Millionen namenloser Märtyrer: + +Und sie halten sich unverrückbar im Herzen eines jeden Lebenden fest, im +Kampf den Kämpfern ein gerades Richtzeichen. + + * * * * * + +Und aufrecht schreitet diesen Weg trotzdem und trotz alledem ein Zug: +rußgeschwärzte Gestalten, beinahe nackt, singend, unter einer großen +roten Wolke als Fahne ... + +Ihre Schritte klirren, klirren wie Hämmer im Takt ... + +Kein Schönredner ist da, der die Gehirne dieser Männer auslaugt mit +Schwatz und mit Flausen ... + +Rhythmisch, hart schwingend, als ob die Straße selbst marschiert, ist +es. Die Lebendigkeit, das Leben, die Erde, die Welt selbst ist hier in +Bewegung; die Erdkugel rollt, das Sonnenfeuer dreht sich, das Firmament +zieht glanzstark auf und nieder, die ganze Natur, alle Kreatur: alles +marschiert, alles singt hier, triumphierend und kühn, das: + +„Vorwärts!“ + + * * * * * + +Ein Kommando ertönt. + +Ist es der Sturm selbst, der menschliche Sprache gewonnen hat; das Meer, +das aufgewühlte Meer, das schreit, schreit und tief hinten am Horizont +hochpeitscht, der in Millionen Flammensplitter zerspringt!? + +Ein Kommando – + +Stürzen die Gräber herauf, stülpt sich der Weltraum wie ein sphärische +Glasglocke um ... und die Pflastersteine würfelts dahin wie kantige +Granitschädel – – – + +Wie Lehm ist die Haut des Menschen, alles Blut zieht sich bis ins +Innerste des Herz-Kerns zurück – – – + +Und die Arme renkt es weit aus dem Körper hervor, die Fäuste hängen +schon wie rotierende Eisenkugeln dran an den muskelschwellenden Gelenken +... + +Ein Kommando – + +Und widerhallen die Stimmen der Wurzeln in der Tiefe ... + +– – – + +Und dies Kommandowort, das die Geschichte den werktätigen Massen aller +Länder zuruft, heißt: + +Klassenkrieg! – + + + VI + +Keiner ist so blind, daß er letzten Endes nicht doch noch sehend werden +könnte. Auch die Verblendetsten sind nicht verloren. + +Die gepanzerte Faust der Geschichte meißelt auch die verstocktesten +Schädel noch auf. + +Auch hier rinnen, über und über verschüttet, Quellen unheimlicher Rache, +Quellen lebensspendender Kraft. + +Ein magnetischer Streif donnert dahin der Rote Strom. + +Wenn er durch die Städte treibt: die Städte brechen auf, die Fabriken +ziehen mit, die Werften hämmern sich herein, die Schiffssirenen +aufruhrtrillern, die Krane neigen sich, die Ufer bröckeln: der Strom, +der Strom: uferlos, immer uferloser wird er ... + +Was ist dieser Strom anderes als befreiungsschmetternd aus den alten +Welträumen sich ergießendes, alle Dämme niederreißendes, +jahrtausendelang gemartertes Herzblut!? + +– – – + +Schlag um Schlag in ihr Angesicht: + +Auch die Kleinbürger werden eines Tages noch gezwungen werden, ihrem +Feind ins Auge zu sehen. + +Herunter mit den Scheuklappen, aus ists mit dem Sichherumdrücken, Schluß +mit jedem Dem-Kampf-Ausweichen, Farbe bekennen heißt es, Brust an Brust, +Brust an Brust gekettet: so beginnt auch hier das Ringen um die +Entscheidung ... + +Langsam, zögernd, mißtrauisch rücken die Kleinbürger in die +proletarische Front ein: mancher auch im letzten Augenblick noch bereit, +seine Kameraden, seine Mitkämpfer, sich selbst zu verraten. + +Aber die Erde kracht, die Risse reißen immer tiefer sich ein, und sie, +die Erde, sie ist mit keiner noch so ausgeklügelten Phrase auf die Dauer +mehr ganz zu leimen. + +Der Kleinbürger kann sich vorerst sein Vaterland bis in alle Ewigkeit +hinein nur schwarzweißrot vorstellen. + +Es wird nicht schwarzweißrot sein. + +Es wird nicht schwarzrotgold sein. + +Es wird rot sein. + +Die Kleinbürger täten klug daran, sich beizeiten damit abzufinden. + +– – – + +Die Welt wird unser sein. – + + + VII + +Klassenkrieg – + +Ich habe nicht ein Jahr, nicht zwei, nicht drei Jahre – ich habe zehn +Jahre lang gebraucht, um dieses Wort auszusprechen. + +Von Angesicht zu Angesicht habe ich dieses Wort geschaut; ich war allein +mit ihm, so allein, wie nur ein Mensch mit sich selbst sein kann ... + +Stirnfetzen, Gerippe, Gerippsplitter; abgerissene bluttriefende +Fleischstücke von Menschenwangen; niedergestampfte Säuglinge, +Gehirnmasse, die aus einer von Gewehrkolben aufgehauenen Schädelnuß +quillt; Mütter, flach an die Mauern gequetscht von dem Luftdruck einer +Fliegerbombe; milchiges verflocktes Augenweiß; eingeknetet das alles zu +einem grobknochigen zementfarbenen Brei oder wie seifige Lauge oder +Mörtel, schon flüssiger geworden; Hautknäuel, Fleischknollen, +Menschenkadaver, stinkender wie Exkremente; Torsos des Grauens, +widerlichste Skelettfragmente ... Transport an Transport der zur +Hinrichtung Abgeführten ... O, ich habe auch die Stellungen studiert, +und nicht nur studiert!, dieses Zucken in den Mundwinkeln, die +unendliche klumpige Gliederschwere, der ganze Mensch bis in die letzte +Nervenfaser hinein elektrisch knisternd gespannt und qualgeprägt: all +derer, die, zum Tod verurteilt, vor der Gewehrlinie knieen ... Ich weiß, +was es heißt, die Schlinge im Genick und zehn Sekunden noch sind es, o +diese ganz unfaßbaren, zeitlosen, weltweiten Sekunden!, zehn Sekunden +noch bis zum Weggezogenwerden des Schemels unter deinen Füßen, und dann, +dann der erste Augenblick des Freischwebens am Strang – – + +Ich kenne wirklich auswendig das ABC des Kriegs, den menschlichen +Elementarunterricht des Kriegs sozusagen, denn das Vergessenkönnen war +nicht meine Tugend. Heilig ist mir auch heute noch jeder Tropfen +Herzblut – und eben darum, und eben darum, weil ich nicht müde werden +kann zu klagen: o Mensch, du kümmerlicher, du elend dich im rohesten +Daseinskampf krümmender, du armseliger Wurm. + +Klassenkrieg. – + +Ich habe dieses Wort niedergehalten, trotzdem und trotz alledem, in mir: +lange genug war ich bereit, die verruchte Grimasse dieser Welt mit +schönen Illusionen zu umkränzen. Ich brachte es einfach nicht über mich, +das auszusprechen, was ist. Das zu tun, was nottut ... + +Klassenkrieg ... + +Ich werde heute die Zähne zusammenbeißen und, wenn der Ekel mich würgt, +mit einem kräftigen Fluch dreinspucken – + +Klassenkrieg. – + +Es geht nicht anders. + +Darüber kommt man nur mit Schwindel hinweg ... + +Ich habe nun alle Möglichkeiten, nicht nur in meinem Gehirn, sondern +auch in meinem Blut durchprüft. Erlebnis an Erlebnis durchkontrolliert, +Erfahrung durch Erfahrung. Es sickerte hindurch durch die vielen Jahre +wie durch einen Filter. + +Bitter zwar und herb, aber die lauterste, durch kein Surrogat künstlich +verputzte Wahrheit: das ist das Grundresultat, der Extrakt. + +„Bitte schön“, nun werden wir sagen, „Bitte schön, meine Herrschaften, +Essenz gefällig!?“ Denn wir sind weder ein Kuriositäten-Kabinett noch +ein Album, darin man abstrakte Lebensweisheit sammelt ... + +Ich habe die Welt gründlich ausgeschmeckt. Nie und nirgends begnügte ich +mich nur mit einer Kostprobe. Ich habe alle Menschenarten dieser Welt +geschmeckt ... + +Und ich komme heim von meiner Irrfahrt, still, sehr still geworden, ohne +große Worte. Mein eigenes innerstes Wesen empfängt mich, mich umarmend, +wie eine Mutter, bei meiner Heimkehr. Weiter: entdecke! erobere! Und ich +reihe mich vorbehaltlos der proletarischen Front ein. Alles, was ist, +alles, was je gewesen war, alle Erwägungen, die ich anstelle darüber, +was je einst noch sein wird: alles Vergangene, Zukünftige, Gegenwärtige +drängt mich schlicht, völlig naturgemäß zu dieser Entscheidung. + +Sie hat mich organisch zersetzt, dann war es plötzlich abrupt, +sprunghaft – und die Entscheidung war, lange bevor ich es eigentlich +selbst bemerkte, gefallen ... + +Klassenkrieg ... + +Rache juckt mich nicht. + +Auch sachlich, kühl wie ein Stein kann ich sein. Nüchtern, wie nur der +Nüchternsten einer, den Weltgang betrachten. Ich bin heute von keinem +Fasching der Illusionen mehr gefoppt. + +So sehe ich das unausweichbare Gegeneinandervorrücken, das +Gegeneinander-mit-den-Spitzen-Zusammenstoßen, das explosionsartig +Gegeneinander-Aufprallen zweier Welten, zweier Weltgruppen, zweier +Weltgewalten, und in der Weltmulde offen lagernd das gewaltigste Dynamit +unseres Zeitalters: + +Der Klassen-Widerstreit. – + + * * * * * + +Und ihr? + +Ihr versucht den Klassenkampf hinwegzudekretieren. „Volksgemeinschaft“ +phrasendrischts heraus aus dem Programm der Volksverbrecher: ihr +versucht dadurch die Einheitlichkeit eueres Weltbilds zu retten, o du +hochgepriesene Einheit, die du doch nur, immer offenkundiger, eine +Einheit unauflösbarer Widersprüche bist! O jämmerlich-hilfloseste +Versuche ihr engstirniger, kurzsichtiger Kretins! + +O ihr oft gar so honigsüß den Weltfrieden anlispelnden +Verbrecher-Hochstapler und Narren! + +Jede Unterdrückungsmaßnahme von euerer Seite her muß, vielleicht +zähneknirschend erkennt ihrs, muß, muß nur unsere Waffen schärfen. Wir +wetzen uns blank an euch wie an einem Schleifstein. Und der Griff, mit +dem nach unserer Gurgel ihr euch streckt: damit reißt automatisch den +Todesstoß ihr euch selbst in euere Herzmitte. + +Ja, und die schlimmsten Fehler, die zu begehen wir überhaupt nur fähig +sind, o wieviel unendlich mal richtiger sind sie, von der Perspektive +der Geschichte der Menschheitsentwicklung aus gesehen, als euere +lauterste Wahrheit! – + +– – – + +So singe ich hin im Kampf zweier Welten, ein stählerngefittichtes +Schlachtlied, in Riesenschleifen kreisend über der Revolutions-Aera. + +Zetert „Hilfe!“, Bürger! Kläfft „Jesus, Maria!“ und „Mordio!“ + +Jammert! Heuchelt! Heult! + +Plärrt euch unseretwegen, wenn es sein muß, die Hosen voll! + +Fabelt von Bürgerkriegsgreueln, Vergewaltigung, Terror, +Geiselfüsilladen, bestialischen Grausamkeiten – aufrichtig sicherlich +meint ihrs, ihr zivilisierten Kannibalen-Geschlechter! + +Phantasiert nur des nachts im Traum vom Geschröpftwerden, von +Barrikaden, von euch umschwirrenden Feuergarben und Bajonettstichen! + +O welche Leichenbittermienen! O welch eine Krätze rumort in euerem +Gehirn! ... Kickeriki ... Ja, ja, der Hahn kräht ... O ihr gütigen +Visionen, Halluzinationen aller Bornierten! + +Schmarotzer-Kulturphilister! + +Bei heruntergelassenen Jalousien, bei abgeblendetem traumweichen Licht: +so hockt ihr in eueren Luxusprachtappartements, nichtsdestoweniger aber +sind es die Abfallgruben, die Parasitennester der lebendigen Geschichte. +Aesthetisch vermodernd, trotz euerer Schönheits- und Gesundheitskuren in +warmen Milch- und künstlichen Höhensonnenbädern! + +O ihr Treibhausgewächse, von Generation zu Generation übernommen, wie +mit Watte mit ausgesuchtesten Daseinsbedingungen sorgfältig umwickelt +und mühsam am Leben erhätschelt! ... + +Packt den Ranzen euch auf mit Traktaten und Katechismen, stopft den +Wanst euch voll, bis zum tödlichen Erbrechen voll, mit Bibelsprüchen! Du +göttliches Gesindel, ihr Augenaufschlagkünstler, ihr zynischen, ihr +virtuosen Schufte der Kirchen! Mästet fortab euch mit Reliquienresten +und langweilt unseretwegen zutod euch im stillen Kämmerlein mit eueren +albernen Sophistereien: Hände aber weg, ein für alle Mal, von all dem, +was lebt, und von all dem, was nach Leben, Leben, lebendigem Leben +stöhnt, was sich Leben erobern will!!! + +– – – + +Unter dem sausenden Gleiten der Transmissionsriemen beim Funkenspritzen +der Schleifräder, beim Krach der Explosionen tief unten in den Schächten +der Bergwerke – + +Wenn der Hobel flitzt, beim Knirschen der Stahlsäge, beim Staub der +Eisenspäne – + +Gezeugt + +Inmitten des Pulverdampfs – + +In den unhygienischen gesundheitsmordenden Räumen der Granat- und der +Phosphorfabriken – + +Beim Granatendrehen der Proletarierfrauen, der Proletarierkinder – + +Beim Kartoffelstehlen und auf den Heringspolonaisen – + +Beim tage- und nächtelangen Anstehn der Arbeiterfrauen vor den +Lebensmittelgeschäften – + +Im verzweiflungsvollen Schluchzen von Millionen der ihrer Männer im +imperialistischen Weltkrieg beraubten Arbeiterwitwen – + +Dort + +In der armseligen Proletenwohnung – + +Dort + +In Granattrichtern, in Schützengräben – + +Dort + +Im Geklapper der Prothesenglieder der demonstrierenden Kriegskrüppel auf +den mit Luxusläden garnierten Hauptstraßen – + +Im Zug der Erwerbslosen, + +Im Beschluß „Generalstreik“, + +Im ersten Schuß des bewaffneten Aufstands – + +In der Salve des Exekutionskommandos, die die ersten roten Soldaten +niederkracht – + +Großgezogen + +Mit Graupen und Grütze – + +Mit Hungertränen, + +Mit Tuberkeln, + +Mit Skrophulose, + +Mit Lebensangstschweiß – + +_So_ + +_Steht die Neue Welt auf_ – + +_So_ + +_Steht die Neue Geschichte_, + +_Die Zukunft_ + +_Auf_ – + +Unfertig, + +Formlos, + +So wie es sein muß: + +Unter konvulsivischen Zuckungen, + +Schaum ohnmächtiger Rache noch um den Mund wie ein Epileptiker – + +Aber + +Es wird schon, + +Es formt sich schon, + +Hart, stahlhart gerinnen die Umrisse – + +Das Herz beginnt zu schlagen, + +Zu hämmern: + +Ein eiserner Takt – + +O welch ein wunderbares, der Sonne gleich Menschenwärme ausstrahlendes +Herz – + +Hebel – Muskelstränge – Gelenke – + +Und + +Millionenfüßig ansteigend, kriechend, geduckt auf den Sprung lauernd, +nun: wie eine Sturzwelle, nun – schreitend: + +Und die Revolution steht da + +Vor euch + +Unerbittlich, + +Ruhig – aus Millionen elektrisch blitzender Augen euch erspähend – + +Mit Millionen zangenartiger Arme euch umklammernd – + +Aufrecht, + +Mann gegen Mann – – – + +„Wie eine Lawine –“ + +„Wie ein Orkan –“ + +„Wie Lavamasse, die herein sich in eueren Weltraum wälzt – –“ + +Leibhafte Gestalt!!! + +– – – + +Biedert euch an, ihr Hampelmänner der Geschichte mit Göttern, Heroen, +Titanen, mit dem ganzen wertlosen Plunder und Seelen-Krimskrams der +Vorzeit! ... + +Glotzt hinab in euch selbst, in den Abgrund des Nichts ... + +Purzelbaumschlagt, ihr metaphysischen Clowns! + +Auf! Ein Saltomortale ins Jenseits! + +Los! + +Auf zur Seelenwanderung! + +Produziert euch im Himmelszirkus mit Wesensschau! + +Heil euch, ihr Emigranten! + +Flugs, desertiert aus den Reihen des Diesseits! + +Die jenseitigen Geister verspüren Appetit nach euch. – + + + VIII + +Ihr lebendig wandelnden Marter-Maschinerien der Menschheit in +menschenähnlicher Gestalt! Ihr großen allgewaltigen Saugpumpen! Ihr +demokratischen Würg-Götter, ihr Knochenmühlen Gottes! Ihr allmächtig +euch dünkenden Akteure der Weltgeschichte – – + +(– bis auf weiteres) + +Die Erde, die ganze Erde haltet umkrallt ihr mit eueren Gliedern, +geheimnisvolle Riesenspinnen: euere Organe wachsen sich aus, euere +Organe verlängern sich: euere Hände, euere Arme, euere Beine, euere +Muskelbündel setzen sich fort: Eisengelenke, Riesendampfer, +Dampf-Hämmer, Hebel, Krane, Räder, Maschinen, Werkzeuge! Euer Gehirn: +ein allgewaltiges Verrechnungsinstitut. Fest steht ihr mit beiden Füßen, +nein mit Millionen Füßen auf der Erde, verknüpft untereinander mit +blitzenden Stahlschienenbändern die fernsten Weltteile, stopft voll, und +das nennt ihr Kulturmission, mit euerem wertlosen Gerümpel jeden +Weltwinkel. „Der Anfang sind wir“, so prahlt ihr großmäulig, „die Mitte +und das Ende der Welt.“ + +„Cäsarennaturen –“ + +„Führen zurück wir nicht unseren geistigen Stammbaum auf die Schöpfer +der Pyramiden –!?“ + +Da marschieren sie heran, lakaienhaft grinsend, euere Angestelltenheere, +es speichelt im Chor: „Respekt vor dem Kapitalismus! Respekt vor dem +Ungeheuer! Respekt!“ –: Millionen Beamte, Techniker, Chemiker, Pfaffen, +Aerzte, Lehrer, Professoren, Künstler; so fein säuberlich wie auf +Emaille gemalt: Generäle als Trabanten. Eine Handbewegung von euch, +Druck auf einen Signalknopf: und automatisch die Fabriken öffnen sich, +und Hunderttausende von Erwerbslosen speit es hinaus aus dem zementenen +Rachen auf die Straße; Menschenrudel überstürzen sich; das humpelt, +kriecht, rast schon irrsinnig geworden auf den Arbeitsnachweis, von +euch, ihr Auserwählten, die Gnade des Arbeitendürfens in Empfang zu +nehmen. Mürrisch gewährt ihrs, wenn es euch in eueren räuberischen +Produktionsplan paßt, wenn nicht – wieder ein Signal, und rasch +verständigt ihr euch, das Militär sperrt ab – Handgranaten, +Fliegerbomben, Maschinengewehrsalven als Begleitung – und Millionen laßt +abschwenken ihr von der Straße des Lebens zum Marsch in die +Hunger-Dschungel ... + +„Gewürm, Abfall, Dung der Geschichte –“ + +Konstatiert ihr. _Der_ Geschichte, die euere Geschichte ist. Denn dort, +wo die höchsten Schlote enden, dort ziehen sich hin euere Höhen, mit +Prachtgärten und Villen bebaut, die modernen Götterwohnungen, die +Königsschlösser unserer Zeit, unsichtbar gegen jeden Ansturm der +Rebellen verbarrikadiert, und alles vom werktätigen Volk Geschaffene +findet dort in euch seinen endgültigen sinnvollen Ausklang. + +„O ihr gütigen Spender des heiligen Lebens, wie danken wir euch! Den +Lohn, den ihr uns auszahlt, welch ein kostbares Geschenk! ... Und +kleiden wir uns auch in Lumpen, bewohnen wir auch Höhlen, und haben +weder Speise noch Trank ... und wir Frauen und Kinder: man kann sich +schon nirgends mehr anlehnen, so schmerzt es vor lauter Gerippe – – – o +ihr, euer gütiges Lächeln ist unseren Wunden ein Balsam, und unser +Vierzehnstundentag nichts weniger und nichts mehr als ein Gottesdienst +–“ + + * * * * * + +Anders aber spricht die Wirklichkeit. + +Die Rußknäuel, die die Schächte ausatmen, ballen sich am Himmel zu einer +schweren Wolke. Stöße brennenden Windes furchen das Land. + +Waggonweise nun laßt ausschütten ihr unter den Murrenden, unter den +Todgeweihten die jedes Klassenbewußtsein mordende Korruption. Von euch +gedungene Arbeiterführer spalten auftragsgemäß jede proletarische +Kampforganisation. Verrat, Bestechung, Niedertracht ohne gleichen. Die +Arbeiter selbst bekriegen sich. Unter dem Aushängeschild des +Arbeiterwohls und der „Volkserneuerung“ gründen sich neue +arbeiterversklavende Verbände. Mißtrauen gegen die bewährten +revolutionären Führer: in jeder Herzfalte sprießt schon euere giftige +Saat. Da wieder laßt ihr einen, freudig gewährend, einherstelzen im +Prunkgewand anarchistischer Phrasen; andere wieder orakeln von +Rednertribünen – und schmunzelnd kostet ihrs aus –: „Langsam voran, im +Zickzack vorwärts!“ Und das instinktiv schon klar entschiedene +Arbeitergehirn verwirrt sich, die Kampfkraft laugt sich aus, planlos +verläuft die Aktion und uneinheitlich – und das Ende: ein blutiges +Menschenknäuel. + +Denn rücksichtslos gebraucht ihr, wo das System der Korruption nicht +mehr ausreicht, gegen die sich Empörenden euere schärfste Waffe: die +Machtorganisation des Staates. + + * * * * * + +Es marschiert aber, es marschiert, es marschiert. + +Die Straße selbst zu eueren Höhen hinan, ihr Unerreichbaren, bewegt +sich. + +Der Hungertod marschiert, die Arbeitslosigkeit marschiert, es +marschieren die Tuberkulose, die Syphilis, das Alkoholdelirium, die +unhygienischen Wohnungsstätten der Arbeiterbevölkerung: schwer, +schwerfällig, tappend, denn schwer nur kommt es noch in Bewegung. Und +das Massengrab des imperialistischen Krieges marschiert, und Selbstmord +und Lebensverzweiflung, und dahinterher wieder Skrophulose und +fahrlässige Verstümmelung, und nebenan die Kolonialschmach und die +amerikanische Lynchjustiz, die Todesstrafe marschiert, Gerichtsurteil an +Gerichtsurteil, Millionen Jahre Zuchthaus und Gefängnisstrafen, die +Kinderarbeit, die Herzensträgheit, die Gedankenzerrüttung ... eine +riesige schmutzig-gelbe gallertartige Masse von Millionen von Menschen +zerstörten Lebensglücks. + +Die Menschenunterdrückung, die Ausmergelung, die Unnatur, der brutale +Daseinskampf marschiert. + +Es ist eine Sintflut der Daseinssinnlosigkeit, eine Sintflut des Nichts. + +Ist es Walhall, ist es der Olymp selbst, den ihr stürmen wollt!? + +Hoffährtig glotzend psalmensingen die Priester zum christlichen Himmel: +aber schon schüttelt es wie Hagelkörner über die ganze Welt hin zu +Stahlgeschossen geronnene Menschentränen ... + +Und – + +Ein Gesang marschiert. + +Die „Internationale“ marschiert ... + + * * * * * + +Wie ruhig, wie unendlich ruhig stehen die sieben „Der Vorbereitung des +bewaffneten Aufstandes“ angeklagten Revolutionäre vor ihren Richtern. + +Vier, fünf, zehn, zwölf, fünfzehn Jahre Zuchthaus. + +So lautet der Antrag des Staatsanwalts. + +Die Angeklagten haben das Schlußwort. + +„Wir haben jederzeit unser Ziel unumwunden zugegeben. Die Strafe, die +Sie gegen mich beantragt haben, wenn das eine Strafe für meine +kommunistische Gesinnung sein soll, nun gut. Für den Kommunismus setze +ich alles ein.“ + +„Für mich ist es einerlei, was der Gerichtshof beschließt. Ich habe bis +jetzt mit meinen Genossen gelitten: ich bin bereit, wenn es sein muß, +für meine Ueberzeugung weiter ins Gefängnis zu gehn.“ + +„Ich habe für meine Ueberzeugung bisher im Gefängnis gesessen. Ich habe +dafür meinen Beruf aufgeben müssen. Ich werde, wenn Sie es wollen, +weiter zu leiden verstehn.“ + +„Eine Gesellschaftsordnung, die Millionen ins tiefste Unglück +hineingestoßen hat, ist nicht wert, weiter zu existieren. Ich habe im +Gefängnis in die tiefsten Tiefen hineingeschaut. Wir werden es zu ändern +verstehen. Sie werden mir mit dem Strafantrag einen Lorbeerkranz um mein +Haupt legen, den ich gar nicht verdiene, denn ich bin ja nur ein +einfacher Funktionär. Ich werde trotz alledem den Kopf hochtragen.“ + +„Ich bin mir völlig klar darüber: der Leidensweg des Proletariats +erfordert große Opfer. Ich bin es gewohnt, für den Kommunismus zu +kämpfen und zu leiden. Ich werde auch weiter Opfer zu bringen verstehn. +Aber das Bewußtsein habe ich und das macht uns alle stark: Zuletzt +werden wir die Sieger sein und triumphieren über den Schmutz der +heutigen bankrotten Gesellschaftsordnung.“ + +Und auch die Jugend des revolutionären Proletariats meldet heroisch an +ihre Stimme: + +„Ich bin stolz darauf, für meine Ueberzeugung vor Ihnen, hoher +Gerichtshof, zu stehen. Ein großer Arbeiterführer hat uns einmal gesagt: +wenn euere Altersgenossen ins Gasthaus und ins Tingeltangel gehen, so +werdet ihr mit einem Lächeln ins Zuchthaus wandern. Nun, wenn sie mich +ins Gefängnis schicken wollen, ich bin bereit, für den Kampf der Jugend +meine ganze Person einzusetzen und werde stolz die Gefängniszelle auf +mich nehmen.“ + +„Wenn Sie mich verurteilen, nun gut, so werde ich dieses Lehrgeld +zahlen. Ich glaube, es wird sich lohnen.“ + + * * * * * + +Was ist das für eine Ruhe!? + +Das ist die Ruhe des Schongesiegthabens, nur einen Schritt, nur einen +kleinen Schritt noch ist die Geschichte zurück. Morgen, übermorgen: es +kommt, es wird kommen, es muß kommen ... Der Kampf ist schon entschieden +– und wenn du zur Bekräftigung des Sieges noch das Siegel deines Lebens +drauf drücken mußt: so geschieht es ohne Zögern und voller Heiterkeit. + +Was ist das für eine Sprache!? + +Das ist eine Sprache, die gesprochen wird, bald laut, bald weniger laut, +doch deutlich vernehmbar, bekennerisch, in allen Erdteilen. Das ist der +Grundton einer neuen Weltsprache, der Sprache der Zukunft. Und jeder +echte Dichter müßte sie sprechen. + +Ja, die Höhe der Strafe: das ist einer der Gradmesser der revolutionären +Tüchtigkeit, einer der Gradmesser deiner Menschheitsverantwortlichkeit. +Das „An die Wand“: das ist für den Revolutionär, wenn es schon sein muß, +das aus seinem Herzblut mit Freuden gespritzte Blutsiegel unter die +Botschaft: Einst kommen wird der Tag ... + +Denn – + +„Wer Kampf gegen den Bolschewismus beginnt, der sinkt immer tiefer und +tiefer. Er wird Verbündeter von Monarchisten, Werkzeug von +Imperialisten, dann Spion und Bandit. Auf diesem Weg gibt es kein Zurück +mehr.“ + +Mit diesem offenen Geständnis beschloß vor dem Roten Revolutionstribunal +einer der unerbittlichsten Gegner des Sowjetsystems seinen verruchten +Kampf gegen die Arbeiter- und Bauernrepublik: Sawinkow. + +Und so ist es. – + + + IX + +Aus diesen Fangarmen sich zu befreien, aus Fangarmen, die unsichtbar +sind, die fließend sind, die wie ein millionenästiges Gezweig dein +Denken und Fühlen durchzweigen, um so mehr, je mehr du vermeinst, ihrem +eisernen Zugriff bereits dich entzogen zu haben; heraus aus allen +Verkettungen und Verwindungen, denn wie ein Sperrfeuergürtel ist die Not +der Zeit um die begrenzte Zone deines Daseins gelegt; heraus dich zu +arbeiten, das Messer zwischen den Zähnen, aus all den tausendfachen +Verstrickungen, Durchgarnungen, Hinterhältigkeiten und Unbewußtheiten: +dazu ist die Kraft eines einzelnen Lebens nicht genug, und wäre sie noch +so eine übermenschliche und gigantische. Aber du lebst dein Leben +weiter. Lebst dein Leben weiter im Leben von Kämpfern, die um dich sind, +die mit dir sind, im Leben von Kämpfer-Generationen, die nach dir kommen +werden. Die besser kämpfen werden wie du, zielsicherer, konzentrierter, +gerüsteter. Die eines Tages auch den Kampf zu Ende gekämpft haben +werden, von dem es heißen wird: + + * * * * * + +Er war der größte, er war der herrlichste, er war der an Niederlagen +reichste: keiner war ihm gleich. + +Gekämpft habt ihr in Träumen; gekämpft habt ihr mit entzündenden Worten, +mit Melodien; mit Wandzeichnungen, mit Debatten; mit euerer Atemzüge +monotonen Rhythmen; mit jedem euerer Herztakte, hart, gehackt klopfend +hindurch durch die stickicht qualmenden Fabrikräume: ihr lebendigen +Arbeitsmaschinen! + +Lawinen von Menschenmassen schüttelt aus sich heraus die Erde. Lava von +Menschenblut stampfte dampfend daher. + +Türme von Menschenleichen stiegen an aus der Tiefe. Massengräber +schluckten, ein schlammiger Rachen, die Lichtfrucht der Sonne. + +Strang, Füsillade, elektrischer Hinrichtungsstuhl: + +Bis zur Neige geleert den Kelch der Bitternis! + +Nicht einen Tropfen nicht geschmeckten Leids schenkt euch die nach +Menschenopfern lechzende Menschenerde! + +Schritt auf Schritt auf dem wie eine getretene Schlange sich windenden +Weg siehst du, hereingebaut bis ins blaue Erz des Himmels, +Schädelpyramiden. + +Blutquellen perlten. Blutbäche schossen. Blutströme rollten. Die +Riesenorkane, mit den Flügeln des Hagels sie schlagend, furchten das +Blutmeer. + +Wer seid ihr!? + +Kolonnen rußgeschwärzter Männer – + +Kolonnen der Arbeitskittel – + +Kolonnen der Genossen, der Leninisten-Kommunisten – + +Kolonnen der Genossinnen – + +Kolonnen der Jungkommunisten – + +Kolonnen der Parteilosen-Sympathisierenden – + +Proletariat. + +Menschheitsgranit. + +Zu Wellenbergen der Geschichte verwandelte Menschenmassen. + +Welt-Eroberer. – + + * * * * * + +Es hingen nieder die Wälder von den Bergen wie schwarzes Geläute. Die +Felsen donnerten hoch oben im Luftleeren. + +Keine Tafel faßt je die Namen der Helden, gefallen in der +Riesenklassenschlacht. + +Die kommenden Geschlechter werden ein Instrument erfinden, die Namen der +Helden und Kämpfer der ganzen Erde, die Schlachtäcker und Kampftaten +alle gleichzeitig zu nennen: das dröhnt wie Gebläse einer +millionenstimmigen Riesenorgel; alle Kreatur singt mit im Chor. + +Jeder Blick deiner Augen kämpft, jede Faser deines Herzens, jede +Bewegung deiner Hand kämpft. + +Einer voraus! + +Einer in der Mitte. + +Einer ist der Anfang. + +Das Gewölb hallt wieder vom Refrain des ersten Tausends. + +Das zweite Tausend – + +Das dritte – + +Das vierte ... + +Das erste Hunderttausend – + +Schritt gefaßt! Schwenkt! Ausgeschwärmt – + +Massenprotest – Generalstreik – Massenaktion – Bewaffneter Aufstand – – +– + +Und wie ein Fächer sich entfaltet – + +Sturmwellen wirft der hohe Triumphgang der Geschichte. + +Alles ist Kampf, ist Bewegung. + +Die Natur selbst trommelt den Kampftakt. + +– – – – + +„Wer ist das!? + +„Was ist das!? + +„Einfach ein Irrsinniger!? + +„Oder –?! + + „Ein Projektil der Geschichte – + von nie dagewesener Sprengkraft!?“ + +– – – – + +_Lenin_ + +– – – – + +„Aus diesem Teig sind geknetet die Robespierres, die Marats – und sogar +noch viel, viel Größere ...“ + +– – – – + +Ihr stahlgepanzerten Großkampfmaschinen, rot bewimpelt, seid gegrüßt! + +Hinüber! + +Ruckend zuckt es hinweg schon über Gräben, angefüllt mit Stößen +regenbogenfarbig schillernder Gasleichen. + +Stahl, Erz, Kohle, Kupfer, Metall, Wasser, Zement, das Gift, die Wurzeln +der Tiefe, das zarteste Blümlein der Erde: nenn mir ein Ding, nenn mir +ein Fleckchen im Weltraum, nenn ein Element mir, das heute nicht kämpft. + +Auch die Vögel, die Sonne, Stern, Wald, Meer, von Schwarz bis Purpur; +Bergpfade und Gefälle: + +Alles jauchzt Kampfwillen. – + + * * * * * + +Tausend Jahre oder darüber – ich zähl sie nicht –: aber ich höre +deutlich das Siegeslied, gesungen von dem befreiten Welt-Volk, +hereinschmettern in den Strudel der Klassenkampfzeit aus der alle +Menschenzeitalter triumph-kühn überhöhenden Zukunft: + + * * * * * + +„Genossen! Kampfscharen! + +„Seht, das ist das Leben, das ihr uns erkämpftet! Auf sonnenstarken +Bergen: geflügelt überspringen wir Gipfel an Gipfel; wie auf einer +Fläche gleiten wir hin auf dem Wind ... + +„Greift unsere Körper! Nicht nach der Zahl von Jahren mehr leben wir: +wandelnde Fackeln des Lebens sind wir, genährt an dem ewigen +unauslöschbaren allebendigen Lebensbrand ... + +„Herrschaftslos herrschen wir! + +„Begeisterungs-glühend, ein Menschen-Stern, zieht jeder Einzelne dahin +über die Erdenbahn. + +„Was ists für Wärme, die in einer leuchtenden Woge, länderauf, länderab, +meerauf, meerab bis hinüber über den Süd- und über den Nordpol wallt!? +Nicht Golfstrom ists und nicht Samum: es ist unser neuer Sommer, es ist +Wärme des Menschenherzens. + +„Was ists für ein schweigendes Gewittern im Raum, Takt an Takt; es wölbt +sich, ein kristallisches Kuppelgefüge, strömt an, strömt an in +Klangwellen, und wieder strahlt es sich auseinander in vielfarbigen +Schwingungen!? Es ist die unermüdbare Schlagkraft des Menschenherzens. + +„Wie Wein schäumt über den Rand: so überquillt vor Fruchtbarkeit die +Erde an den Horizonten. Das ist Menschen-Unsterblichkeit. Das ist +Menschen-Kraft. – + +„Genossen! Kampfscharen! + +„Im fernsten Dunkel ruhen ungesprochen euere Sprachen. O ihr Brücken, +geflochten aus Menschenleibern, hineingebaut in die Reiche des +unerschöpfbaren Lebenslichts! ... Kameraden! Der Helden der Vorzeit +gedenkt! Der von Menschen einst der Menschheit geschlagenen Wunden +gedenkt! + +„Jauchzend gedenkt!“ + + + + + 8. Kapitel. + + Sowjet-Europa entgegen! + + + Prinzipielle Vorbemerkung zum letzten + Kapitel. – Kolonialwirren. – Die + Kriegsgaswolke am Horizont. – Arbeiter + bewaffnen sich. – Was bedeutet + (CHCl=CH)3As? – Die Farbstoff-Fabriken + rebellieren. – Das chemische + Kampfstoffarsenal der USA: Edgewood. – + Der Sturm bricht los! – Der Kern der + Sache. – Abgefangene Radios aus Amerika. + – Nachrichten aus aller Welt. – Japans + werktätige Massen brechen ihr + Sklavenjoch. – Sowjet-Rußland marschiert. + – Unsterbliche Opfer. – Sowjet-Europa + entgegen! + + + „Ein preußischer Monarch hat am Ende des + 18. Jahrhunderts einen klugen Satz + geprägt: „Würden unsere Soldaten + verstehen, weswegen wir Krieg führen, so + hätte man keinen _einzigen Krieg_ führen + können.“ Der alte Preußenkönig war kein + dummer Kerl. _Wir aber_ können jetzt + sagen, wenn wir unsere Lage mit + derjenigen des preußischen Herrschers + vergleichen: „Wir können kämpfen deshalb, + weil die Massen _wissen_, weswegen sie + kämpfen und kämpfen wollen, ungeachtet + der unerhörten Opfer, weil sie wissen, + daß sie verzweifelte, unsagbar schwere + Opfer bringen, _um ihre sozialistische + Sache zu verteidigen_ im Kampfe Schulter + an Schulter mit jenen Arbeitern in den + anderen Ländern, die unsere Lage zu + begreifen angefangen haben.“ + + Lenin + + + I + +Noch einmal ein letzter Appell vor dem Sturm, ein Manifest an alle, die +menschenwürdig leben wollen, vor dem Generalangriff! + +_Kameraden!_ + +Die Transmissionsriemen knattern, die Schleifräder spritzen Funken, +10000-PS-Motoren knurren ... Und das ist ein Maschinenraum: an Millionen +Hebeln zucken Millionen Händepaare herum, wie abgeschlagen vom Körper +sind sie, aber an den Händen pulst noch ein Herz, eine Lunge atmet noch, +ein Gehirn will denken: noch ist der Mensch nicht ganz tot, zwar ists +schon nicht mehr viel, was hier noch um das gütigst gewährte +Existenzminimum ringt ... Und die elektrischen Bogenlampen flimmern, die +Expreßluxuszüge knüpfen Weltende an Weltende, Riesendampfer schrauben +sich wohlig und sicher herauf durch den Ozean: der eine Teil der +Menschheit verlängert tausendkilometerlang seine Glieder, dem anderen +Teil der Menschheit schrumpfen sie, sterben sie ab ... Phantastisch von +kristallischen Lüstern erhellt überblüht die Luxuskabine das armselige +Schattendasein der vier Wände des Lohnarbeiters, aber – sind nicht aus +seinem Herzblut, aus Schweiß und Herzblut des Lohnarbeiters die Paläste +gegossen? Maschinen, Licht, Lebensluft, Wärme: ist es nicht sein Werk!? +Und haben demnach diese anonymen Schöpfer jeder Lebenskraft nicht das +Recht, nein, nicht die heilige Verpflichtung, sich im Fall, daß sie +gewaltsam im Interesse einiger weniger, die schon im Urteil der +Geschichte als Gesellschaftsverbrecher gebrandmarkt sind, aus dem +Lebensprozeß ausgeschaltet werden, hat diese Menschenmehrheit demnach +nicht die Pflicht, die ihr zur Verfügung stehenden Notwehrmaßnahmen zu +ergreifen, um der Verelendung, der sicheren Katastrophe, dem +Lebensuntergang zu entgehen! + +Das Natürlichste vom Natürlichen wäre es. Das +Menschen-Selbstverständlichste ... + +Und die Trusts, die Kartelle, die Syndikate bewegen sich, bewegen sich +gegeneinander und jede ihrer Bewegungen schafft Kollisionen, zeugt +Krisen, schaufelt das Grab für Hunderttausende. Und hört Ihr den Chor +der Menschheitsvampire, zunächst noch als ein konspiratives Flüstern: + + „O heilige pazifistische Aera! + Der ganze Weltraum trieft ja von Friedensgeläuten! + Halleluja donnern hinweg über den Ozean + Die Kanonenschlünde der Dreadnoughts: + „Friede auf Erden!“ + Ach, nur in den stillen Kämmerlein + Unserer Staatslaboratorien + Fabrizieren wir gutes Giftgas. + Seht: den Staat haben wir uns geschaffen + Als unsere beste Waffe – + Und wenn es wieder mal losgeht: + Diesmal wird der Konkurrenzkampf geführt + Als chemischer Krieg ... + (Sachbeschädigung ausgeschlossen.) + Phosphorbomben. Flugtorpedos. Elektrische Wellen – + Fünf Minuten – + Und (jede Pore exakt durchgiftet) + Liegt leblos so ein Riese + Wie z. B. Chikago da ... + Und wer bezahlt dann die Zeche!? + Zuviel Menschen sind ja so wie so auf der Welt. + Darüber sind wir uns einig ... + Tastet inzwischen die Erde ab: + Wo riechts nach Petroleum?! + Schade nur, + Daß der Mars noch nicht zu kolonisieren ist!“ + +Eine gespenstische Polonaise wandert indeß hindurch durch den Weltraum +die Millionen-Kolonne der körperlich und geistig Verhungerten, Mann an +Mann, Weib an Weib, Kind an Kind ... Warum!? ... Genügt euch wirklich +als Antwort darauf nur ein Achselzucken!? Ist das Grundgesetz der +Gesellschaft für euch immer noch eine geheimnisvolle mystische Chiffre, +ohne Schlüssel!? Rutscht ihr immer noch die Kniee euch wund vor dem +erbärmlichsten gesellschaftlichen Aberglauben: „Es ist immer so gewesen, +es wird immer so sein ...“ + + * * * * * + +Ein Fünfsekunden-Querschnitt durch Zeitungskioske, Theater, Verlage: es +ist zum ... Es gleicht wohl einem Sprung durch eine Papierhölle. Alles +was einmal groß, echt, gewaltig, lebendig war: verkauft, verwässert, +entwertet, verraten ... Alles ursprünglich Edle, Wahre, Heroische und +Schöne in eine schleimige Korruptionstunke eingetaucht, jeder lautere +Ton überkeift von einem zotigen Gemecker ... + +Aufgeplustert bis zum hysterischen Exzeß, widerlich zerschminkt, bis zum +Brechreiz bengalisch illuminiert: so stolzieren die modernen Revuen an, +und desto erfolgreicher sind sie, desto inhaltsloser sie sind und desto +nichtssagender und leerer ihre bedauernswerten Akteure daherplappern: +prächtig maskierte Volksseuchen ... + +Magazine, Journale, Sumpfliteratur, Auflageziffern bis 300000 ... +Und wer sind sie, die armseligen Opfer dieser typischen +Misthaufenerzeugnisse!? Im Café, in den Wartezimmern des Arztes: dort +strömen sie ihren pestilenzartigen Geruch aus. + +Der Film, in sich bergend ungeahnte Möglichkeiten, was ist aus ihm, +eingespannt in den Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft, geworden!? Man +braucht, glauben wir, nicht mehr darüber zu sprechen. Film, Radio, +Presse, Theater, Literatur: das sind nur die verschiedenen Ressorts +jenes gewaltigen, immer mehr sich amerikanisierenden Propagandainstituts +zur Weiterzüchtung der menschlichen Dummheit. Hier sind die staatlich +konzessionierten Fälscherzentralen und geistigen Bazillenfabriken, sie +arbeiten so wundertätig wie unter der Aufsicht des lieben Gottes selbst, +sie hebt kein Polizeikommando aus, aber sie produzieren ja auch so +verflucht erfolgreich in nächster Nähe des Regierungsviertels und nicht +in proletarischen Kellerwohnungen ... + + * * * * * + +Aber bei klarer und nüchterner Ueberprüfung der Geschichte der Menschen +und der Geschichte der Natur müßtet auch ihr eines Tages zu der +Ueberzeugung kommen – nehmt alle Erfahrungen der letzten Jahrzehnte +hinzu, euere Erlebnisse – zu der Ueberzeugung, daß die heutige +bürgerliche Gesellschaft samt ihrer sogenannten Kultur rettungslos dem +Untergang in die Zivilisationsbarbarei verfallen ist, und daß sie nicht +mehr dazu berufen sein kann, die wirtschaftlichen und geistigen +Weltprobleme in einem wirklich schöpferischen Sinne zu lösen, daß sie +nicht mehr dazu berufen sein kann, aus sich heraus das einzige Bollwerk +gegen die herannahende Phase modernster chemischer Weltkriege zu +errichten: die planmäßig organisierte Weltgemeinschaft aller +Werktätigen. + +Millionenmenschenmassen kreisen indeß lautlos nieder auf den Grund in +dem riesigen kapitalistischen Krisen-Wirbel ... + +Den Befreiungskampf des Menschen aus seinem gespenstischen Warendasein, +den Befreiungskampf der Menschheit aus allen ökonomischen Zwangsformen, +den Krieg gegen den Krieg – und damit auch eueren Befreiungskampf, +Kopfarbeiter, aus den Fesseln geistiger Lohnsklaverei kämpft heute die +Klasse der Unterdrückten: das Proletariat. Seine geschichtliche Mission, +als einzige an der Verewigung dieses Gesellschaftszustandes nicht +interessierte Klasse, ist es, die Hinfälligkeit und die barbarische +Verlogenheit des heute noch herrschenden Systems zu erkennen und +ihm den organisierten Widerspruch entgegenzustellen, die +einheitlich geschlossene Kampffront aller Ausgebeuteten gegen die +Ausbeuterwirtschaft und ihre Helfershelfer: den Massenterror aller +Werktätigen, den Klassenkrieg auf Leben und Tod. + +Diktatur der Bourgeoisie. Diktatur des Proletariats ... + +Ein Drittes, wie ihr es vielleicht gerne wahrhaben möchtet, gibt es +nicht. + +Kameraden! Welcher Front schließt ihr euch an? Entscheidet euch! + +Verfallt dabei nicht in den dünkelhaften Fehler euerer Berufsschicht, +dessen Quelle auf Grund des besonderen Arbeitsplatzes, den die meisten +von euch auch heute noch im Produktionsprozeß einnehmen, leicht +auszuspüren ist, in den Fehler, daß ihr euch selbst vormacht, +selbständig, unabhängig zu sein, euer eigener Herr zu sein, niemandem +verpflichtet, keinem Rechenschaft oder Tribut schuldig ... Ja, zu +handeln wähnt ihr, aber um so besser werdet ihr, von der Illusion euerer +Freiheit gut eingedeckt, gehandelt und verhandelt ... Euere geistigen +Positionen sind mehr, als ihr euch gewöhnlich zugeben wollt, recht +kräftig materiell unterzementiert: drum, Augen auf, seht zu, wie alles, +was ihr tut, sich heute notgezwungenermaßen objektiv, das heißt, von der +Perspektive der Geschichte aus gesehen, auswirken muß! Macht euch gefeit +gegen idealistischen Aberglauben, Jenseitstaumel und gegen jede Art von +noch so interessanten Mystifikationsversuchen, gegen Nervenzauber und +Seelenschmierereien, die gerade auf Grund der Tatsache heutzutage +Kurswert erhalten können, als die Grundgesetze des Gesellschaftssystems +und damit auch die Lehre von dessen Ueberwindung, die revolutionäre +Theorie, nur verstandesmäßig zu erfassen sind. „Blickverschleierung tut +not“ aber orakeln, und sie wissen nur zu gut warum, die +Menschheitshyänen ... Habt acht auf die offizielle, mit allen Kräften +geförderte Fabrikation von Gehirnvergasungsapparaten und auf die weit +verbreitete Produktion von mystischen Gehirnnebeln! + +Helft mit! Entlarvt das pazifistische Gesabber von angeblich zukünftig +humaneren Methoden im Austrag der Völkerkonflikte, das beinahe +blutrünstige Gekeife von der „pazifistischen Aera“ als das, was es ist: +als ein verruchtes Ablenkungsmanöver, als den bewußten Betrugsversuch, +„Atempause“ und „Schonzeit“ ideologisch als eine ewige Kategorie zu +stabilisieren ... Erkennt den Unterschied zwischen der Phraseologie +einer Sache und dem Inhalt einer Sache! Acht gehabt nicht auf das, was +der Mund spricht, sondern auf die Bewegung der Fäuste! Statt daß ihr +Worte, Papierform, Verfassungsparagraphen ernst nehmt, stürzt euch, wenn +ihr mit euerem Entschluß fertig werden wollt, auf das spezifische +Gewicht einer Handlung, auf Berechnungen, auf Tatsachen! + +So laßt aus den Arsenalen der jährlichen Statistiken die Millionenarmeen +der Selbstmörder, der Verhungerten, der Tuberkulösen, der Skrophulösen, +jenen Millionenhaufen der in diesem Gesellschaftszustand der +Wirklichkeit nach völlig Entrechteten vor euch aufmarschieren, die +Kriegsopfer der Kolonialkriege und die Tausende von Jahren zählenden +Zuchthausstrafen der politischen Gefangenen, und ihr werdet einwandfrei +feststellen können, was es auf sich hat, wenn die Regierer aller Länder +zynisch von den Parlamentstribünen meckern: „Friede auf Erden!“ + + * * * * * + +Seht die Kommunistische Partei, die weit mehr als Partei ist, die die +Vorhut einer neuen kommenden Weltordnung, die das gestaltgewordene neue +Welt-Bewußtsein, die der Stoßtrupp der Zukunft ist! Deren Mitglieder von +den nur allzu getreuen Hütern der Menschheitsverwesung in allen Reichen +der Erde über alle Maßen grausam verfolgt und verleumdet sind, zu +Tausenden und Abertausenden ermordet oder lebenslänglich in Zuchthäusern +eingesperrt, aber in deren Reihen, trotz alledem, noch immer +wach erhalten ist und wach erhalten bleiben wird: Opfermut, +Solidaritätsgefühl, wahre Lebendigkeit, Disziplin, Kampfgeist! ... + +Heraus mit euch aus euerer Knechtseligkeit, aus euerem von mörderischen +Ketten umstrickten Todesschlaf, aus euerer Indifferenz, aus euerer +stupiden, verantwortungslosen Eigenbrödelei! Heraus mit euch aus euerer +abstrakten Atelier- und Studierstubenluft: wir beschwören euch: +informiert euch endlich darüber, was konkret in der Welt vor sich geht! +Folgt unseren Parolen: „Heran an den Feind! Nieder mit Phantomen und +Schemen! Herunter von den Thronen mit den lebendigen gekrönten und +ungekrönten Leichnamen! Der Mensch muß endlich zu sich selbst den Mut +haben! Erobert euch die Wirklichkeit! ...“ + +Kämpft gegen den Welt-Unsinn, gegen den Welt-Wahnsinn, gegen +den Menschenmarkt, gegen das Menschen-Zuchthaus, gegen das +Menschen-Schlachthaus! Kämpft gegen die im Interesse der +Profitwirtschaft künstlich gezüchtete Menschendummheit, kämpft für +Menschenfreiheit! Kämpft für die Wiedergeburt des Menschen aus der +Menschen-Gemeinschaft! + + * * * * * + +„Meine Pflicht ist zu reden, ich will nicht mitschuldig werden!“ Dieses +stolze Wort Zolas haben unsere intellektuellen Hampelmänner, +kautschuk-elastisch, wie sie nun einmal sind, und eingedenk der +Tatsache, daß Zivilcourage in diesen bösartigen Zeiten unter Umständen +zu einer recht brenzlichen Sache werden kann – dieses kühne Wort des +französischen Sozialisten hat also unsere offizielle Intelligenz dahin +abgewandelt, daß sie prinzipiell nur, wie nach einem geheimen Abkommen, +über _die_ Dinge redet, die nicht der Rede wert sind. + +Es gibt aber auch eine Lebensstrategie und damit auch fundamentale +Grundsätze dieser Lebensstrategie. Und die Grundlage für jeden Erfolg +beruht eben bekanntlich in der Fähigkeit, den Gegner mit überlegenen +Kräften am entscheidenden Punkt im richtigen Augenblick zu schlagen. +Ueber überlegene Kräfte aber einmal verfügen zu können, das verlangt +schon heute: den vollen Lebenseinsatz jedes Einzelnen. Der entscheidende +Punkt der gegnerischen Stellung, der springende Punkt, auf den zu alle +Kräfte unserer Zeit sich bewegen werden, ist: das Problem der +Ausbeutung. („Wer alles verteidigen will, verteidigt nichts.“ Dies für +Wesensschauer und reine Seelenmenschen!) + +Was aber treiben objektiv unsere Intellektuellen?! + +Sie treiben „Tarnung“. (Oder Camouflage, wie es in Amerika heißt, und +woraus man bereits eine ganze Wissenschaft gemacht hat ... Popularisiert +diesen Begriff!) Was ist Tarnung? Unter Tarnung versteht man die Kunst, +den Gegner über die wahren Absichten, die man hegt, im Unklaren zu +lassen. Unter Tarnung verstand man z. B. den Grasbüschel am Stahlhelm +des MG-Schützen, und da bekanntlich auch der imperialistische Frieden +die Fortsetzung der Politik des imperialistischen Krieges mit besonderen +Mitteln ist, so versteht man unter Tarnung in der sogenannten +pazifistischen Aera: die serienweise Fabrikation von Ideologien und +Illusionen (Parlament, Demokratie, Völkerbund, Ableugnung des +Klassencharakters des Staates, der Justiz, des Heeres, der Polizeigewalt +usw. usw.), die dazu geeignet sind, den Gegner, d. h. den Klassengegner, +das Proletariat, über die wahren Absichten der Volksverbrecher und der +Massenblutsauger im Unklaren zu lassen. Die Spitzen der +Klassenkampfbewegung womöglich schon ideologisch und psychologisch +abzubiegen und auf diese Weise sich die Profitrate bzw. die höhere +Profitrate zu sichern ... + +Selbstverständlich, so denken instinktsicher die Gewalthyänen, man kann +es sich schon was kosten lassen, den verwesungstriefenden +kapitalistischen Leichnam mit Girlanden zu umwickeln, wer wird auch +seinen eigenen Gestank und seinen Totenschädel offen auf der Straße +umhertragen! Ideologische Parfümeriefabriken tun bei dem allgemeinen +Verwesungsgestank dringend not: man muß die Verwesung wenigstens +wohlriechend machen! Kulissen her! Man kann sich doch nicht so +jämmerlich, wie man in Wirklichkeit ist, zeigen! Ja, denn es geht hart +auf hart. Alle Kräfte mobilisiert zum Endkampf heißt es da; hungern +lassen heißt es da, ausbeuten! Nur die Massen nicht in revolutionären +Schwung kommen lassen, nur die Haltung nicht verlieren. Nur jetzt nicht +... Verflucht, bleibt bald für das internationale Weltkapital nur noch +China übrig, immer spärlicher werden die Akkumulationsreste ... und wenn +man sich nicht mehr um Absatzgebiete hinmorden kann, was dann ... Wie +soll man weiterhin den Mehrwert realisieren!? ... Die Welt +ist aufgeteilt: nun muß man wohl bald dem Konkurrenten den +Produktionsapparat selbst zerschlagen ... + +Und Worte sind in solchen Zeiten nicht mehr dazu da, um die Wahrheit zu +sagen, sondern: um sie zu verdecken ... + +Nun, gut! Wir werden ihnen aber, wie man so sagt, mörderisch in ihr +verruchtes Handwerk pfuschen. Wir werden reden, nicht um die Gegensätze +zu verdecken, sondern um sie aufzureißen. Damit alle sie sehen können, +werden wir die Wirklichkeit, nackt und brutal wie sie ist, in einen +Kegel von Blendlicht stellen ... + +Ja, euere Pflicht wäre es zu reden, Intellektuelle, um die Klassenkräfte +mit in Bewegung zu bringen, euere Pflicht wäre es, den Motor an der +Kampfmaschine des Klassenwiderstreites mit anzukurbeln, für den nötigen +Brennstoff mit zu sorgen, mit zu sorgen dafür, daß die Zündkerze intakt +bleibt. Euere Pflicht wäre es, die proletarischen Klassenenergien mit zu +entwickeln. Euere Pflicht wäre es, zu reden, um nicht an der drohenden +Versackung ganzer Geschlechter im „absoluten Krieg“, d. h. im +„Gassumpf“, mitschuldig zu werden. + +Euere Pflicht wäre es, nicht nur zu reden, um nicht an dem stündlichen +ungeheueren Menschheitsverbrechen mitschuldig zu werden, sondern – – – + +Und wenn es euch auch den Kopf kostete! + + * * * * * + +Aber auch im Fall, daß euere Entscheidung für die Revolution ausfällt, +auch in diesem Fall gilt es, mit einem festeingewurzelten Aberglauben +gründlich aufzuräumen. + +Denn Revolution bedeutet nicht nur gefühlsmäßige, begeisterungsflammende +Hingabe an das revolutionäre Ideal. Damit ist bei weitem noch nicht +alles getan. Revolution ist nicht nur der bewaffnete Aufstand, ist nicht +nur das Stadium des Emporflammens der Massen-Empörung, Revolution +bedeutet auch kleine zermürbende Parteiarbeit. Revolution ist auch die +Klebekolonne. Revolution sind auch leere Versammlungen. Revolution ist +Legalität und Illegalität. Die Kampfmaschine der Revolution: sie treibt +einen ungeheueren Verschleiß an Menschenzahl und Menschenkraft. +Revolution ist gründlichstes, exaktestes Wissen; sie ist das härteste, +gewagteste und furchtbarste Lebenstraining dieser Welt; sie fordert +deine Disziplin, deine Ausdauer, sie fordert dich hinein bis auf die +letzte Nervenfaser; sie fordert dich ganz. Aber, es ist unschwer, wie +Lenin sagt, revolutionär zu sein, wenn die Revolution schon ausgebrochen +ist und in Flammen steht. „Nicht der ist revolutionär, der beim Eintritt +der Revolution revolutionär wird, sondern der, der auch zur Zeit des +stärksten Wütens der Reaktion die Grundsätze und die Losungen der +Revolution verficht ...“ + + * * * * * + +Wir möchten es für euch wünschen, Kameraden, wir möchten es herzlichst +für euch, in euerem eigenen Interesse wünschen: lernt wieder kennen +Heroismus, Aufopferung, Kameradschaftlichkeit. Lernt wieder kennen, was +es heißt, daß der Mensch nicht nur eine Ware ist, daß der Mensch nicht +nur ein über alle Maßen gedemütigtes Ausbeutungs- und Spekulationsobjekt +ist, sondern daß der Mensch vor allen Dingen noch ein Wesen ist, das aus +einem Herzen besteht, das schlagen will, aus einem Gehirn, das denken +will, aus Fleisch und aus Blutteilen. Lernt wieder kennen, nachdem ein +Ideal nach dem andern euch zertrümmert worden ist, lernt wieder kennen +das Gefühl, einer Bewegung anzugehören, der die Zukunft gewiß ist und +deren Sieg gleichbedeutend ist mit Menschenwürde und Menschenfreiheit. +Hier findet ihr hoch hinaus über alle spielerische Formelfexerei und +geheimnisgeile Spekulationskrämerei wieder einen kräftigen Lebensinhalt. +Unser Leben hat einen wesentlichen, das heißt einen zukunftszeugenden +Inhalt: das ist das einfachste und wunderbarste zugleich, was ein Mensch +von sich aussagen kann. Ein Lebensinhalt, um den es sich zu leben und zu +kämpfen lohnt, und ein Lebensinhalt, um den es sich, wenn es sein muß, +auch zu sterben lohnt. Mehr als das, etwas Schöneres, Herrlicheres, +Gewaltigeres gibt es nicht, was der Mensch dem Leben abzugewinnen vermag +... + +Kämpft mit uns, wenn ihr wirklich ernsthaft gewillt seid, daß endlich +Schluß gemacht wird mit jenen uniformierten Folterbestien, kämpft mit +uns, wenn ihr wirklich ernsthaft gewillt seid, daß endlich Schluß +gemacht wird mit jener Minderheit von Mehrwertshyänen in +Menschengestalt, die Glück, Freude, Leben, Gesundheit von Millionen und +Abermillionen Menschen täglich, ja stündlich auf dem Gewissen haben! +Kämpft mit, Kameraden, wenn ihr die Wiedergeburt des Menschen aus der +Menschengemeinschaft wollt, kämpft mit uns, Schulter an Schulter mit dem +klassenbewußtesten Teil des Proletariats, Schulter an Schulter mit der +Kommunistischen Partei: für die Grundsätze und für die Losungen der +Revolution ...“ + + * * * * * + +Solche und ähnliche Aufrufe erschienen damals in allen Universitäten, +Hochschulen ... Und die idealgesinntesten und aktivsten Elemente der +bürgerlichen Gesellschaft traten unter die rote Fahne. Es geschah, daß +mancher Chemiker, Techniker, Künstler, Gelehrte, Arzt plötzlich wie aus +einem Lebensschlaf erwachend, die Augen sich rieb, staunte: „Ja, die +Kommunisten sind ja gar nicht so ... Die hab ich mir immer ganz anders +vorgestellt!“ Und mit einer ungeheueren Ueberzeugungswucht und einem +fanatischen Bekennermut sich die gefährlichsten Kampflagen aussuchte. + +Zahl, Kampfstärke der beiden Fronten änderten sich Tag für Tag. + +An manchen Stellen war ein großes Ueberlaufen ... + +Zwischenstufen, Mischungen, seltsamste Kombinationen, Uebergänge: die +ganze Welt erschien in einem strudelnd flüssigen Zustand, und +gespensterhaft phosphoreszierend. – + + + II + +Ein kurzer, schlagartig einsetzender Generalstreik: das war das Vorspiel +zum bewaffneten Aufstand. Nicht überall lösten sich gleich bewaffnete +Kämpfe aus, wie denn überhaupt die ganze Lage nicht schematisch zu +beurteilen war. Ueber manchen Landesteilen lagerte eine unheimliche +Stille; war es Stille vor dem Sturm oder Grabesstille!? Es war Stille +vor dem Sturm, wie sich bald herausstellte. Und jene Führer der +Arbeiterbewegung hatten wieder einmal damit bitter Unrecht behalten, die +auch damals von der Kampfmüdigkeit und von der Gelähmtheit der +proletarischen Energien unkten. Wurde auch die Generalstreikparole nicht +überall gleich restlos befolgt, beim Ruf zum bewaffneten Aufstand +zögerten nur noch wenige ... + + * * * * * + +Um diese Zeit starb auch plötzlich der hochbetagte Präsident der +Republik am Schlagfluß. + +„Berufsmörder!“ „Mit Orden ausgezeichneter Funktionär des +Menschenmassenmords“, fluchten die einen ihm ins Grab nach. +„Deutschlands letzte Stütze!“ „Unsere letzte Hoffnung!“ flennten die +anderen. + +„Deutschland über alles“, hörte man damals das letzte Mal. + + * * * * * + +Deutschland war in den letzten Jahren immer mehr zur Bedeutungslosigkeit +eines reinen Vasallenstaates, einer Industriekolonie, herabgesunken. Die +nationalen Kreise, die mit der Parole „Nichterfüllung“ ans Ruder kamen, +wurden im Moment der Regierungsübernahme zu Vollstreckern der +Verschacherung des deutschen Nationalguts. Immer raffiniertere Methoden +im Volksbetrug wurden ausgebildet, bis diese eines Tages in einen ganz +gemeinen offensichtlichen und plumpen Schwindel umschlugen. Dann wurde +künstlich sofort das patriotische Delirium aufs höchste gesteigert, +„Deutschland über alles“ ertönte, wie immer, wenn ein ganz gerissenes +Schiebermanöver im Gang war ... + +Die hin und wieder unter Ausbrüchen heilig-flammender Empörung gegen +Deutschlands Vergewaltigung erhobenen Proteste wie auch das ganze +Gefasel von der Wiedergutmachung der Schuldlüge usw., war ein vorher +genau mit den einzelnen Staatengruppen abgekartetes Spiel, damit sich +den gutgläubigen Kleinbürgern gegenüber die nationale Farbe der +Regierungsträger nicht verwischen sollte. Ja, diese hatten sich durch +die Bank so brav und ordentlich gehalten, daß der Völkerbund ihnen sogar +ihre einstigen Kolonien als Mandat übergab. – + + * * * * * + +Wie Hammerschläge zum Sarge des Reichsoberhauptes dröhnten jetzt die +Geschütze in das Stadtinnere aus den Vororten herein, wo Militär und +bewaffnete Arbeiterschaft miteinander im Kampfe lagen. + +Von Stacheldrahtverhauen geschützt bewegte sich der Leichenzug dem Dom +zu, wo die Beisetzung stattfand. Auf Paraden und feierliches Gepränge +hatte man, wie man öffentlich kundtat, in Anbetracht der traurigen Lage +der deutschen Volksgemeinschaft verzichtet. + +Vor dem Dom machte sich eine Gruppe von Provokateuren ans Werk, +schleuderte eine Bombe ins Publikum, die fehlging, aber immerhin eine +ungeheuere Panik hervorrief, bei der viele umkamen und es Hunderte von +Verletzten gab; und eine viertel Stunde darauf ließ die Regierung +bereits die Nachricht von einem kommunistischen Bombenanschlag +verbreiten. + +Man erklärte die Kommunisten für vogelfrei. Die „Schwarzweißroten“ zogen +auf Kommunistenjagd. – + + * * * * * + +Draußen in einem Arbeiterviertel auf einem weiten Platz waren in roten +Särgen die ersten Revolutionsopfer aufgebahrt. + +Als die KPD-Truppen anmarschierten: das klang hart, exakt, schneidend. +Schlagartig, metallisch, knallend. + +Der Revolutionsgesang war ein kräftiges, in Rhythmen gefaßtes +Klassenkampfbekenntnis, ein Schwur, eine Bürgerkriegsfanfare, eine +unerbittliche Kampfansage. + +Dieser Trauermarsch war ein Kriegsmarsch. + +Ein Genosse sprach. + +Er sprach von der roten Blutmauer der Föderierten: „Die Mauer der +Föderierten auf dem Kirchhof Père Lachaise, wo damals der Massenmord +vollzogen wurde, steht noch heute, ein stummberedtes Zeugnis, welcher +Raserei die herrschende Klasse fähig ist, sobald das Proletariat wagt, +für sein Recht einzutreten. Dann kamen die Massenverhaftungen, als die +Abschlachtung aller sich als unmöglich erwies, die Erschießung von +willkürlich aus den Reihen der Gefangenen herausgesuchten +Schlachtopfern, die Abführung des Restes in große Lager, wo sie der +Vorführung vor die Kriegsgerichte harrten ...“ Und der Genosse +schilderte weiter, wie diese Mauer durch alle Länder hindurch, über alle +Meere hinweg sich hinzieht, wie sie mit Strömen Proletarierblut getränkt +ist, und wie diese Mauer auch heute wieder auferrichtet ist, turmhoch, +wie an ihr das gesamte Proletariat steht, ausgesucht von der weißen +Menschenbestie dazu, wehrlos niedergemetzelt zu werden ... Aber wie das +Proletariat nun selbst zur Mauer wird, jede Brust ein Stein, jede Gruppe +von Proleten ein scharfkantiger Quader, und wie plötzlich sich diese +proletarische Menschenmauer in Bewegung setzt, stampfend über die Leiber +der Mörder sich hinwegwälzt ... und das vergossene Blut in der Mauer zu +leuchten beginnt, rotes Siegesblut und rotes Opferblut eins wird, +glühend rot ... + +Und schloß mit den Worten Lenins: + +„Auf je hundert unserer Fehler, die die Bourgeoisie und ihre +Speichellecker in die Welt hinausschreien, kommen zehntausend große +Heldenakte, die umso größer und heldenhafter sind, als sie einfach und +unscheinbar sind, sich im Alltag des Fabrikviertels oder des entlegenen +Dorfes abspielen und von Menschen begangen werden, die nicht gewohnt +sind und auch keine Möglichkeit dazu haben, ihren Erfolg in die Welt +hinauszutrompeten ...“ + +... Unsterbliche Opfer ... + + * * * * * + +Weiter ging der Kampf. + +Maschinengewehrfeuer knatterte aus Flugzeugen, die dicht über die Dächer +hinwegflogen. Proletarische Scharfschützen aber schossen in einem +Stadtviertel aus Dachluken und hinter Kaminen hervor ein ganzes +Geschwader ab. Ungemein beweglich war die Kampfesart, die sich im +Verlauf der bewaffneten Aktion die Arbeiter zueigen machten. In kleinen +elastisch hin und her manövrierenden Trupps wurde gekämpft, die sich +trennten, blitzschnell sich wieder vereinigten und beinahe ohne Kommando +sofort entschlossen zu einem Angriffsstoß ausholten. Polizeiwachen +wurden erstürmt, niemand aber beging mehr den Fehler, sich darin +festzusetzen und die anrückenden feindlichen Truppenteile aus der +Verteidigungsstellung heraus zu bekämpfen. Jede erstürmte Stellung wurde +sofort geräumt, geschickt maskiert, tagelang blockierte dann oft unter +ungeheueren Verlusten der Feind solche Masken. Der Kampfgeist der +„Weißen“ wurde dadurch bedenklich zermürbt. Schweres Artilleriematerial, +Flammenwerfer, Phosphor-Brandspritzen wurden mühsam herangeschafft, denn +nur nach gründlichster Vorbereitung konnten die weißen Kommandos noch +einen Sturm wagen. Bei übermäßigen Verlusten oder Rückschlägen ergab +sich sofort eine Unzahl von Insubordinationen und Desertionen, nur die +technische Ueberlegenheit verhinderte in diesem Moment noch den völligen +Auflösungsprozeß ... + + * * * * * + +So bewegte sich auch auf einer Erkundungsfahrt ein Geschwader von +Kampfwagen mitten in das Zentrum des Arbeiterviertels hinein. + +Die Kampfwagen waren gasdicht abschließbar und mit Sauerstoffapparaten +ausgerüstet. + +Glühend heiß war es im Innern des Panzerwagens. Die Fünf-Mann-Besatzung +schwitzte, und das eiserne Ungetüm holperte polternd über die +aufgerissenen Straßenpflaster. Der Leutnant stand am Sehschlitz, brüllt +die Kommandos. Wie ein Unterseeboot schwankt der Tank im hellen Gewässer +des Tages einher. + +Nichts ist zu sehen. Nur kurz und hart schlagen außen die Geschosse +unsichtbarer Schützen auf dem Stahlpanzer auf. + +„Hagelwetter bei heiterem Himmel.“ + +Doch die Fünf-Mann-Besatzung ist nervös, es wird heiß und immer heißer +bis zum Ersticken, man ist halbnackt und feuert, was die Kugelspritze +hält, drauf los. Man stößt mit voller Kraft über die Straßenecken vor, +vermeidet jeden toten Winkel, wendet kurz und schlenkert weiter im +Zickzack straßeneinwärts. Hinter allen Fenstern spürt man Augen, Augen +die wie sengende Strahlen in das Wageninnere hineinbrennen, vorwärts, +rückwärts, oben und unten: überall lauert der Feind. Und die Antenne ist +schon kaputt geschossen. Man ist abgeschnitten ... Nur der Motor rauscht +und summt. + +Wieder um eine Ecke. + +Haustüren weit offen ... Man funkt hinein ... + +Der Leutnant sieht sich um: die vier Soldaten, Bauernjungens, machen +giftige Gesichter. Reißen mit Wut an den Hebeln, ihre Bewegungen sind +Stoß und Faustschlag ... + +Eine Leiche liegt mitten auf der Straße. + +„Volle Fahrt!“ + +Drüber hinweg ... + +War es eine Leiche!? + +Oder hat es sich im Tuch bewegt?! + +Und der Leutnant schreit noch: + +„Jetzt Kinder, seid doch vernünftig, eine geballte Ladung! Achtung ...“ + +Und während die vier Soldaten ihm an die Kehle springen, einer ihm das +Messer zwischen die Rippen stößt, die Pistole ihm zwischen den Fingern +hindurchfällt, flutet auch schon eine Feuerwelle durch den Panzerraum; +zwei, drei kurze Detonationen ... und die fünf Menschen hocken am Boden: +in sich verkrümmt, wie verkohlte Baumstümpfe. + +Auch die vier anderen Wagen des Geschwaders waren abgefangen. Die +Mannschaften hatten sich bedingungslos ergeben. + +Die Schäden waren leicht auszureparieren. + +Genosse Max Herse gehörte zur Besatzung des Wagens „Roter Blitz“, der +auf Patrouille ausfuhr ... + + * * * * * + +Wunderbare Dinge geschahen. + +So kam einer die Straße herunter, ein gutgekleideter Mensch, mit dem +Taschentuch winkend, auf den Wagen zu, meldet sich mit einer +tränenerstickten Stimme: „Helft mir! Ich will wieder ein Mensch werden. +Ich war es nur einmal in meinem Leben, drei Tage lang ... Seitdem, ach +...“ Der sonderbare Ueberläufer wird im Wagen mitgenommen, kämpft später +bei einer roten Sturmabteilung, fällt, ist schwerverwundet und sein +letztes Wort ist: „Ich kann euch nicht sagen, wie glücklich ich bin ... +nun ist ja alles gut so ...“ – + + * * * * * + +Das Kampfgebiet wurde mehr und mehr von den Arbeitervierteln weg in den +Westen der Stadt verlegt, wo sich die Villenquartiere und die vornehmen +Geschäftshäuser befanden. + +Gemeinsam mit den roten Partisanen operieren die roten Kampfwagen. + +„Nicht verbarrikadieren!“ so heißt es immer wieder ... + +Da trifft die Nachricht ein: + +„Die Funkstation ist besetzt.“ + +„Der Generalsturm bricht los!“ + +„Ueberall in ganz Deutschland!“ + +„Rußland mobilisiert. Rußland marschiert.“ + +„Ueber der polnischen Grenze steht schon das Rote Gewitter.“ + +So stark wirkte die Nachricht, daß zwei weitere Stadtviertel in dieser +Nacht von den Arbeitern erstürmt wurden. + + * * * * * + +Die Arbeiter sind ihrer Sache sicher und siegesbewußt. „Die Welt wird +unser sein!“ „Wir haben es lange genug nur gesungen.“ + +Erwischt man einen von den „Schwarzweißroten“, so haut man ihm die Jacke +voll, läßt ihn laufen ... + +Bis eines Tages ein „Roter“ den „Weißen“ entkommt, der Leib ist über und +über mit Peitschen- und Säbelstriemen bedeckt, über zwanzig +Bajonettstiche, das eine Auge ausgerissen ... und er erzählt: an den +Laternenpfählen ... unmenschliche Martern ... Spießrutenlaufen ... +Vergewaltigung von Arbeiterfrauen ... Hinschlachtung von politischen +Gefangenen in den Gefängnissen ... und Gas, Giftgas ... die +Vorbereitungen sind getroffen ... Nehmt euch in Acht! ... Dicke Luft ... +Die Hauptsache, die kommt erst ...“ + +Von mehreren Seiten werden jetzt kurz hintereinander diese Aussagen +bestätigt. + +Der Prolet beißt die Zähne fester zusammen: + +„Gut so, wenn sie es haben wollen ... Von nun an wird kurzer Prozeß +gemacht! ...“ + + + III + +Max wurde in besonderem Auftrag ins Reich geschickt. + +Die Bahnhöfe, noch in den Händen der Regierungstruppen, waren gesperrt. +Nur Munitionszüge und Truppentransporte verkehrten. Viele Brücken waren +gesprengt, auf weite Strecken die Schienen aufgerissen, Züge flogen +jeden Tag in die Luft. + +Max fuhr mit dem Motorrad. + +Serien von Landschaften zogen an ihm vorüber, kaleidoskopartig, wie ein +Filmstreifen. + +Die Aufträge, die er zu übermitteln hatte, waren in den verschiedenen +Hohlteilen der Maschine gut untergebracht. Auch besaß er verschiedene +Ausweise, darunter auch einen „schwarzweißroten“ ... + + * * * * * + +So flog er an dunkelgrünen Wiesengründen vorbei, auf denen noch +friedlich die Kühe weideten, an Aeckern, die leicht gekräuselten +Wellenbeeten glichen: so lag das Heu in Reihen ... Durch Dörfer +hindurch, wo ihm Bittgebete leiernd eine gebrechliche Prozession +entgegenhinkte. Unbewegt stand noch so ein Dorf, wie ein träger +zähflüssiger Tümpel, inmitten der gewaltigen Wirbelbewegung, die die +Industriegebiete bereits längst ergriffen hatte. + +Andere Orte wieder durchfuhr er, lange Autoreihen hielten vor prächtig +und amerikanisch aufgemachten Hotels: die ausgewanderten Reichen waren +hierher geflüchtet, hier hatten sie sich wie die Ratten bei einer +Feuersbrunst in die Schlupflöcher verkrochen. Landhäuser, Villen mit +Laubgängen und herrlichen Gartenanlagen grenzten an den See: wie viele +Tausende von Menschen werden einst in diesen Erholungsheimen ihr Leben +feiern! Schwer und solid gebaute Klöster standen vierschrötig auf +Bergkuppen: auch hier, das ganze Land in dieser Gegend war ein tief +wieder Lebensatem schöpfendes Ausruhen. + +Auch Siedlungen: mit Freideutschen, Christussen und „Wandervögeln“ +darin, die sich selbst auf den Aussterbeetat gesetzt hatten, in die +seltsamsten metaphysisch-verschrullten Gedankengänge verstrickt, dabei +vegetierend und wurzelkauend. Eine zwanglose Selbstausschaltung dauernd +Lebensuntüchtiger aus dem Gesellschaftsprozeß, ein Ersatz für +Irrenanstalten bei harmloseren Fällen von Geisteserkrankungen. + +In der Nähe befanden sich einige ausgedehnte Konzentrationslager, in +denen neue Armeen gebildet wurden, Büros zur Anwerbung von Freiwilligen +waren fast in jeder Gemeinde untergebracht, die Pfaffen warben eifrig +für diese Verbände im Beichtstuhl und von der Kanzel herab bei ihrer +Predigt. + +Weiter gings. + +Hier und dort hatten es die Regierer allerdings schon gründlich mit den +Bauern verscherzt, die ihre Dörfer verlassen hatten und sich, wie das +Gerücht ging, in einer bestimmten Gegend zu einem Heerhaufen sammelten. +Manchmal waren Flammenschein und Rauchsäulen am Himmel: Gutshöfe und +Kirchen brannten: die Bauernschaft war aufgestanden und hatte ihre +Peiniger zu Paaren getrieben. Unbewegt wie holzgeschnitzte Figuren +standen an Wegkreuzungen, rote Binden um den Arm, die bäuerlichen +Wachtposten, und oft, durch einen kurzen Durchblick durch einen Wald +hindurch, sah man: auf geschlungenen Feldpfaden Züge von Marschierenden. +An einer Stelle war es zum Zusammenstoß gekommen. Max mußte einen Umweg +machen, alle Straßen lagen unter einem schweren Feuerdruck. + +An dem berüchtigten Zuchthaus kam Max vorbei, in dem ein halbes Tausend +von politischen Gefangenen elend ihr Leben fristete, über zweitausend +Jahre Gefangenschaft saßen darin; dort in dem Mauerwinkel, über den +großen Lindenbaum hinweg, war die Stelle, wo die Hinrichtungen mit dem +Fallbeil stattfanden. + +Kein Gefangener war hinter den Gittern zu erblicken. + +Schlafen sie noch oder haben sie ihren Zwingkäfig bereits verlassen? + +Der Nächstbeste unten im Dorf konnte ihn darüber aufklären. + +Vor zwei Tagen, da war es, da hätten die Gefangenen gemeutert, seien +unruhig geworden, man hätte es bis ins Dorf herunter gehört. Da habe die +Gefängnisleitung die einzelnen Zellen mit Matratzen abdichten lassen, +die Zellenräume vergast, in jede eine Giftgasflasche hineingelegt ... +Drei Minuten hat es gedauert und der Lärm, der in diesem Stadium dem +Gebrüll von Tobsüchtigen glich, war zuende. + +Es wird die Zeit kommen, knirschte Max grimmig, da man wieder dazu +zurückkehren wird, Galgen öffentlich auf den Plätzen zu errichten, eine +Hinrichtung zur Volksbelustigung zu machen, und wo man Torturen +rücksichtslos anwenden wird. Da werden Reihen von Märtyrern auf den +Tischen unter dem Strang stehen, eine weiße Kapuze über, um den Hals die +Bulle des Todesurteils ... und man wird den Tisch unter ihren Füßen +hinwegziehen, fest strafft sich der Strick, und die zwei oder drei +Henkersgesellen hängen sich mit ihrem Gewicht noch an den Leib des +Verurteilten ... und die Sache ist erledigt. Man wird Menschen bis oben +hin in Watte einwickeln, mit leicht brennbarem Oel begießen, anzünden +und sie laufen lassen. Wir sind im Anfang einer Zeit von Grausamkeiten, +Barbareien, Greueln ohnegleichen und bei all dem wird man verlogen, wie +man ist, verächtlich und human aufgeklärt auf die Geschichtsepoche der +Inquisition und der Hexenprozesse herabblicken ... Unsere Gerichte sind +Fabriken, weiter nichts als Fabriken, in denen nach einem bestimmten +Schema, Gesetz genannt, serienweise Urteile fabriziert werden. Wer in +dem Besitz dieser Fabriken ist!? Na, wir werden dafür sorgen müssen, daß +diese Betriebe möglichst bald betriebsunfähig gemacht werden! ... + + * * * * * + +So kam Max bis ins Ruhrgebiet. + +Eine gelbliche Nebelschicht lag in der Luft. Es war still, wie ein +Feiertag. Max erinnerte sich an jene Bergwerkskatastrophe, die damals +den ersten Anstoß zu seiner proletarischen Bewußtwerdung und zu seinem +neuen Leben gegeben hatte. Was der Kollege Straßenbahner jetzt wohl +machen mag!? ... Und Wilhelm!? Ein jeder von denen stand auf seinem +Posten, ein jeder hatte im großen Schlachtfeld seinen bestimmten +Kampfplatz. + +Auch Lene ... Sie war seit der Ausrufung des bewaffneten Aufstands als +Sanitäterin bei einer neu sich bildenden roten Armee in Ostpreußen ... + + * * * * * + +Das gesamte Ruhrgebiet war ein einziges rotes Riesenbollwerk. + +Fieberhaft wurde gearbeitet. + +Ueberall Patrouillen, Sicherungen, Motorradfahrerabteilungen ... + +Die Erde war geplatzt: nicht eine Armee nur, nein drei, vier rote Armeen +waren aus dieser mit Proletarierblut überreichlich gedüngten Erde +herausgestampft. + + * * * * * + +Nach heftigsten und für beide Seiten verlustreichsten Kämpfen war die +weiße Armee geschlagen worden, sie löste sich auf dem Rückzug vollends +auf, und die rote Armeeleitung war eben dabei, einen großangelegten +Aufmarschplan gegen Norden, über Hannover, gegen Berlin auszuarbeiten. + +Hier sah Max zum erstenmal einen roten Panzerzug. Pfeifend und +schnaubend, unter dem Gesang „Völker, hört die Signale“ schob er sich +ins grüne Land hinein. + +„Glänzend organisiert“, mußte Max anerkennen. „Und was für eine +Disziplin!“ + +„Kein Fall von Plünderung oder ähnlichem ist bei uns vorgekommen, ja ja, +wir haben eben eine revolutionäre Tradition ... Die vielen Kämpfe in den +vorhergegangenen Jahren sind nicht umsonst gewesen ...“ Wurde ihm im +Hauptquartier berichtet. Und Heldentaten wurden erzählt, ohne +Namensnennung, jeder hatte sie vollbracht, sie gehörten allen zusammen +... + +Hier erfuhr Max weiter: + +Generalstreik in USA. Bewaffnete Demonstrationen gegen den +imperialistischen Krieg in USA. Die Negervölker in den Kolonien stehen +auf ... Bis über Afrika, in Aegypten und Indien. Streik der chinesischen +Arbeiter in den japanischen Spinnereien in Tsingtau. Sympathiestreik des +japanischen Proletariats. Bewaffnete Zusammenstöße. Japans werktätige +Massen sind in Aktion; Massen-Mobilisation; brechen ihr Sklavenjoch ... + +Den Nachrichten von Amerika gegenüber verhielt sich Max von Anfang an +skeptisch. + +Die Partei ist noch schwach. Und das kann einer revolutionären Bewegung +immer das Genick brechen. Wie viel Schutt spült eine Revolution herauf: +Desperados, Hochstapler, Hasardeure: wenn da nicht fest zugegriffen +wird, und die Mießmacherschweine dazu und die Flautegeier ...! Spitzel +und Provokateure ...! Nur eine starke Organisation ... sonst geht das +Spiel blutig verloren ... Alle gescheiterten Aufstände lassen sich auf +den Mangel einer führenden Rolle der Partei zurückführen ... + +So 1919 zum Beispiel! + +Vom Roland bis zur Viktoria standen die Massen Kopf an Kopf. Bis weit +hinein in den Tiergarten standen sie. Sie hatten ihre Waffen +mitgebracht, sie ließen ihre roten Banner wehen. Sie waren bereit, alles +zu tun, alles zu geben, das Leben selbst. Eine Armee von 200000 Mann. +Und da geschah das Unerhörte. Die Massen standen von 9 Uhr früh an in +Kälte und Nebel. Und irgendwo saßen die Führer und berieten. Der Nebel +stieg, und die Massen standen weiter. Aber die Führer berieten. Der +Mittag kam, und dazu die Kälte, der Hunger. Und die Führer berieten. Die +Massen fieberten vor Erregung: sie wollten eine Tat, auch nur ein Wort, +das ihre Erregung besänftigte. Doch keiner wußte, welches. Denn die +Führer berieten. Der Nebel fiel weiter, und mit ihm die Dämmerung. +Traurig gingen die Massen nach Hause: sie hatten Großes gewollt und +nichts getan. Denn die Führer berieten. Im Marstall hatten sie beraten, +dann gingen sie weiter ins Polizeipräsidium und berieten weiter. Draußen +die Proletarier auf dem leeren Alexanderplatz, die Knarre in der Hand, +mit leichten und schweren Maschinengewehren. Und drinnen berieten die +Führer. Im Präsidium wurden die Geschütze klargemacht, Matrosen standen +an jeder Ecke der Gänge, im Vorderzimmer ein Gewimmel, Soldaten, +Matrosen, Proletarier. Und drinnen saßen die Führer und berieten. Sie +saßen den ganzen Abend und saßen die ganze Nacht und berieten, sie saßen +am nächsten Morgen, als der Tag graute, teils noch, teils wieder, und +berieten. Und wieder zogen die Scharen in die Siegesallee, und noch +saßen die Führer und berieten ... + +Nur war es mehr eine Frage der Führung als der einzelnen Führer, es war +die Partei, die fehlte. + +Die Konterrevolution aber arbeitete indessen nach einem einheitlichen +Plan. Sie rechnete nicht nur mit Berlin, sondern mit dem ganzen Reiche. +Ein Werbebüro nach dem andern wird eingerichtet, auf Lastautomobilen +werden Waffen herbeigefahren. Kraftwagen aus Kasernen und Depots, ein +ganzer Park von Fuhrwerken wird in Dahlem zusammengestellt, wohin +inzwischen Noske und Oberst Reinhard aus Berlin geflüchtet sind. Nach +drei Tagen schon glich die Gegend einem Kriegslager. Es wurde mit +fabelhaftem Eifer und großer Schnelligkeit gearbeitet. Auffüllung von +Restbeständen der Gardekavallerieschützendivision in Berlin – +Zusammenfassung kleiner Truppenteile in den märkischen Dörfern – eine +letzte Besprechung und nach schleuniger Zusammenstellung von +Einwohnerwehren in den Berliner Bourgeoisievierteln: Einmarsch, Sturm +auf die von den Arbeitern besetzten Gebäude und fünf Tage darauf: +Berlin, die stärkste Festung der deutschen Revolution, war gefallen. + +– – – + +„Und nun Glück auf die Reise, Max, wie ungeheuer wichtig das ist, was du +durchzuführen hast, weißt du ja selbst ...“ + +Und schon lag das Ruhrgebiet hinter ihm. Weiter gings. + +Max traute seinen Augen nicht: + +Da bewegte sich durch die Straßen eines Provinzstädtchens ein großer +Festzug, Militärvereine und Musikkapellen waren in dem Zug, den +verschiedene historische Gruppen „verschönerten“. Auf zwei Wagen zogen +die Pfahlbauern mit ihren Häusern daher. Ihnen folgte Hermann, der +Cherusker, mit einem bewaffneten Gefolge. In Tierfelle gekleidet zeigten +sich die Alemannen. Die Kreuzfahrer, ein gewisser Graf Eberhard im Bart, +Landsknechte zu Fuß und zu Pferd. Stolz marschierte Theodor Körner in +lebenswahrer Nachahmung, hinter ihm ritten die Schillschen Offiziere. +Und gar welch ein erinnerungsvolles Bild bot die Kolonialtruppe, bei der +ein mit acht Ochsen bespannter Wagen schwarze und weiße Bewohner der +Kolonien mit sich führte ... + +Was war das nur!? + +Max lachte aus vollen Kräften. + +Es war ein Bezirkskriegertag. + +Eine tragigroteske Illustration dafür, wie die Vorstellungen und die +Ideen der Menschen noch lange an Zuständen haften bleiben, die bereits +durch die tatsächliche materielle Entwicklung der Geschichte längst +überholt sind ... + +Und schon tobten mit bärtigen Stimmen kerndeutsche Männerchöre +gegeneinander, vielstimmig, und mit tremolierenden Gefühlsschnörkeln am +Ende gesungen, ein Sängermassenwettstreit, ein echt arisches Wettsingen +... + +„Die Wacht am Rhein“. „Heil dir im Siegerkranz“. „Wer hat dich, du +schöner Wald!“ ... + +Fern schluchzte ein altmodisches Grammophönlein ganz blechern +erbärmlich, und mollige Katzen schnurrten hinter den mit Geranien +bewachsenen Fenstersimsen ... + +Die Zuschauer im Bratenrock und Zylinder mit gestickten Fahnen bildeten +zu beiden Straßenseiten Spalier, wie schwarz anlackierte Menschenpuppen. + +Auch die Bordellmutter Susanne stand mitten drin, notierte in Gedanken +eine Bestellung auf Flaschenbier, leckte sich mit der Zunge die Lippen, +faltete die Hände und schmunzelte ... + + * * * * * + +Und dann wieder: + +Violine, Cello, Klavier ... + +„Dabei läßt es sich zwar bis zum Schmelzen butterweich träumen, +behaglich seelen-schmatzen, liebkosen, plauschen, schweifwedeln und wenn +es hochkommt, bestenfalls noch ein „guter Mensch“ werden ... Nichts +mehr. Also: Schluß damit!“ + +Max gab Vollgas und flitzte, sich immer noch vor Lachen schüttelnd, aus +diesem gespenstischen Idyll von dannen ... + + * * * * * + +Es kam noch eine Irren- und Siechenanstalt, im Pavillonsystem erbaut: +die Blöden tappten mit eckig ungelenken Bewegungen schwerfällig hinter +den Zäunen entlang, nickten und grinsten, manche waren ein gleichmäßiges +ewiges Wandeln auf und ab, andere wieder wie zu einer Säule erstarrt. +Das Heim der idiotischen Kinder war bei weitem das Grauenhafteste, +Säufergeburten lagen in den Windeln da, mit unförmigen klumpigen Köpfen, +die glanzlosen, wirr in sich verschlungenen Augen schrien stumm eine +entsetzliche Anklage ... + +Einmal, mit einer Krankenkassenkommission, hatte auch Max schon einen +Gang durch ein städtisches Krankenhaus gemacht. Gewiß, es war sauber, +hygienisch, die Gänge, die Bettreihen blitzblank, die Aerzte, die +Schwestern in ihren weißen Mänteln und Schürzen: dagegen war nichts zu +sagen. Welch ein Widerspruch: die Reinlichkeit, die Pflege, die +Barmherzigkeit: sie beginnt erst, wenn der Mensch durch die +skandalösesten unsaubersten Verhältnisse draußen, durch Gemeinheit, +Profitjägerei und Menschenniedertracht unheilbar auf das Totenbett +gestreckt ist! Wie viele dieser hier liegenden Gangräne, +Lungenvereiterungen, innerer Verletzungen hätte eine richtige Behandlung +des betreffenden Menschen am Arbeitsplatz unmöglich gemacht. Zu neun +Zehntel bestimmt sind alle diese Krankheiten unnötig: diese +durchjauchten Verbände, diese Kübel stinkenden Eiters, diese +verstümmelten Menschenkadaver im Leichenschauhaus: eine technisch besser +angelegte Gesellschaftsordnung wird auch im Laufe der Jahre diesen +ganzen kostspieligen und mit so ungeheuerlichen Leiden verbundenen +Menschheitsaussatz hinwegfegen ... Und heute: die Mehrzahl der Menschen +lebt nicht, sondern wird durchs Leben gehetzt; stirbt nicht, sondern +verreckt ... + +Noch am Abend traf Max am Ziel seiner Fahrt ein. + + * * * * * + +Es war ein gewaltiger Komplex von Farbstoff-Fabriken, der sich über eine +Fläche von mehreren Quadratkilometern erstreckte. + +Bei einem Genossen fand Max Unterkunft. + +In einem schäbigen Anzug meldete er sich am nächsten Morgen auf dem +Arbeitsnachweis, zeigte seine Papiere vor und wurde auf Grund seiner +„schwarzweißroten“ Empfehlung sofort genommen. + +Am Tage darauf sollte die Arbeit in der Giftbude beginnen. + +Wahrscheinlich, so erfuhr er durch die Genossen, werde er als Neuling +gleich ins Gift gestellt ... + +Max trieb sich noch ein wenig in der Umgegend herum. + +Einige Holzfabriken in der Nähe streikten. In Gruppen standen die +Menschen vor den Telegraphenbüros. + +Die Farbstoffindustrie, durch eine besonders zuverlässige Belegschaft +ausgezeichnet, arbeitete nach wie vor mit Hochdruck. + +Die Konzentration des Militärs war in dieser Gegend besonders stark. Zu +Zusammenstößen war es bisher noch nicht gekommen. Ueberall war die +Meldung verbreitet: „Aufstandsbewegung in Berlin niedergeworfen. Ruhe +und Ordnung wieder hergestellt.“ + +Die Farbstoffindustriearbeiter waren sofort an der gelblich fahlen +Hautfarbe zu erkennen. Die Zähne waren auffallend schlecht, manche +Münder wiesen mit eiterigen Geschwüren behaftete klaffende Lücken auf. +Die Augen waren durchwegs entzündet. + +Viele Arbeiter litten dazu noch an inneren Nasengeschwüren, an einer +sogenannten Stinknase ... + +Der größte Teil der Arbeiterschaft der chemischen Industrie war im +Fabrikkomplex selbst in kleinen Backsteinhäuschen mit einem spärlichen +Gemüsegarten davor angesiedelt. Sie durften augenblicklich nur mit +besonderer Genehmigung der Fabrikverwaltung das Areal verlassen ... + +Es war ein älterer, gutmütig aussehender Genosse, mit dem Max ein +längeres Gespräch anknüpfte. + +„Mehr als höchstens ein viertel Jahr, Freundchen, hält es darin keiner +aus. Wenn du an den Bottichen mit der Gifttunke zu arbeiten hast oder +beim Umfüllen in die Flaschen ... in drei Monaten spätestens bist du +eine Leiche ... da heißt es rasch Karriere machen oder aber ... Hier +leiden sie alle an Lungenkrebs, das ist sozusagen unsere Berufskrankheit +... Und die vielen Fälle von Verbrennungen und Erblindungen ... Na, +richtige Krepierer sind das ... Und überhaupt jetzt: täglich kommen +fünfzig neue herein, täglich haben wir an die fünfzig Mann Abgang! +Siehst du die Baracken da drüben: das sind die Hoffnungslosen, unser +Sterbesalon ... Ist eben auch die gefährlichste Industrie ... Und grad +gegenwärtig: Hochbetrieb, Saison, Hochkonjunktur! Lohnzuschlag! +Ueberstunden, daß es nur so kracht! Gewaltige Aufträge aus Amerika, +sagte man. Heilmittelaufträge. Aber man munkelt allerlei. Ist eben alles +noch ungewiß. Keiner weiß was genaueres darüber ...“ + +Max ließ den nichtsahnenden Genossen wiederholen: + +„Aufträge aus Amerika ... Heilmittel ...“ + +Dabei sah er ihn prüfend von unten an. + +„Glaubst du eigentlich selbst, was du sagst? ...“ + +„Ja, wir werden ja vermutlich auch streiken ... Soll aber bereits alles +abgewürgt und eine aussichtslose Sache sein ...“ + +„Eine bestochene, eine korrumpierte Bande seid ihr!“ fuhr es Max heraus. +„Was ihr produziert, na, vorerst Schwamm darüber ...!“ + +Und Max klärte den Genossen zunächst über Berlin auf. + +Dem Proleten standen dabei die Tränen in den Augen. + +„Nein, was du nicht sagst ... Diese Erzgauner ... So eine Lumperei ...“ + +„Verlaß dich drauf ... Auch hier, wir werden schon Trieb dahinter +setzen. Auf euch vor allem kommt es jetzt an. Ihr habt das Schicksal der +ganzen Bewegung in der Hand. Jetzt oder nie! ... Morgen wird die Arbeit +losgehn! ... Parole: auf der ganzen Front ganze Arbeit!“ + + + IV + +Am anderen Morgen wurde Max auch wirklich gleich mitten ins Gift +gestellt. + +Er hatte sich schon beizeiten auf den Weg gemacht, setzte sich noch vor +Beginn der Arbeit mit den roten Zellenobleuten in Verbindung, ermittelte +genau die Struktur der Belegschaft: wieviel Sozialdemokraten, +Schwarzweißrote, Persönliches usw., und besprach mit den Genossen kurz +die Situation im Reich, besonders in den großen Industriestädten, +worüber die Proleten, da die Regierung noch den gesamten +Nachrichtenapparat besaß, völlig uninformiert waren. Dann ging er dazu +über, ihnen klipp und klar das Wesen und die Bedeutung ihrer Tätigkeit +zu erklären. Einige Flugschriften unterstützten das, doch im allgemeinen +konnte man sagen, was das Gebiet der Technik des kommenden Krieges +anbetraf, so war darin vom proletarischen Standpunkt aus nur recht wenig +Brauchbares geleistet worden. Die Artikel der amerikanischen Genossen, +die Resolution, hie und da Aufsätze in den revolutionären +Tageszeitungen: aber mit Propaganda allein war eben nicht alles zu +machen und Erfahrung – die Genossen in der chemischen Industrie waren +auf dem besten Wege dazu, sich diese möglichst teuer zu erkaufen. + +Immer wieder kamen sie mit den Einwänden: „Stimmt ja gar nicht, was du +sagst, diese Säuren braucht man zu Seife und daraus werden Parfümerien +gemacht, darüber besteht doch gar kein Zweifel, sind doch genaueste +Kontrollen da, lies doch das Buch der Schweizer Chemikerin, die erstens +Kanone in ihrem Fach und zweitens noch dazu eine Pazifistin ist, die +läßt sich doch sicher nicht so leicht was vormachen, ihre +Kontrollvorschläge hat doch der Völkerbund einstimmig angenommen, und +die ganze öffentliche Meinung der Welt ist gegen den Gaskrieg, na und +überhaupt ... Der Chemische Krieg ist doch verboten und alle Nationen +haben unter Abgabe feierlichster Versicherungen sich dagegen erklärt ... +Siehst du, Genosse, du magst es ja recht ehrlich meinen, aber wir, die +wir jahrelang in der Bude stecken, wir müssen doch schließlich am Ende +auch noch was davon verstehn: was wir zum Beispiel in letzter Zeit +fabrizieren, sind lediglich Heilmittel, Aufträge nach Amerika, +Salvarsan, davon wirst du ja gewiß auch schon gehört haben ... Nicht +wahr? ... Und deshalb auch der Lohnzuschlag.“ + +Man behandelte Max beinahe etwas herablassend wie einen Laien. + +„Einen Vorschlag, Genosse Max! Alles, was du uns da sagst, hat weder +Hand noch Fuß! Komm erst einmal in unseren Betrieb, schau dich einige +Tage gründlich darin um und informiere dich! ... Wir wollen dir gern +dabei behilflich sein ...“ + +„Gut so!“ Max schlug ein. + +„Verschrobene Vorstellungen! Inhaltsleere, blödsinnige Phantastereien, +alles ein hahnebüchener Schwindel, wenn man ihm ernsthaft auf den Grund +geht. Ein Kinderschreck! Für alte Weiber und Flennbrüder! Da sieh nur +mal her, Max, Märchenerzähler!“ Und immer noch schüttelten sie ungläubig +die Köpfe. Sie schleppten bürgerliche illustrierte Zeitungen an mit +Beschreibungen mechanischer Polizeimänner, die gar gruselig anzusehen +waren, mit Todesstrahlen, die mörderisch in den Lüften nach Fliegern +herumstocherten und mit anderem ähnlichen Mumpitz. + +Dann begannen aber doch einige der Genossen die Artikel der Amerikaner +zu lesen, langsam und schwerfällig lasen sie, als ob sie buchstabierten. + +Einer dachte schon nach. + +Sah lang dabei in die Ferne. + +Schüttelte wieder den Kopf, las wieder. + +„So meinst du also, Genosse Max, das ganze so großartig ethisch und +human aufgezogene Verbot des Gaskriegs durch den Völkerbund soll nichts +weiter als nur ein ganz elendiglicher Bluff gewesen sein. Eine +Beruhigungspille sozusagen ... Um uns Proleten vor allem in Sicherheit +zu wiegen ... Und damit man um so ungestörter sich der Vorbereitung +einer gewaltigen Massenhenkerarbeit widmen kann.“ + +„Das allerdings meine ich“, entgegnete Genosse Max. + +Und fuhr fort: + +„Und die Bestätigung dieser Meinung wird nicht lange mehr auf sich +warten lassen. Aber wir müssen unseren Gegnern zuvorkommen. Wir können +nicht warten bis es soweit ist, da es dann unter Umständen auch bereits +zu spät sein kann ...“ + +Wieder kam ein anderer gelaufen: + +„Also, das ... wir, wir Farbindustriearbeiter ... Nein, das kann nicht +möglich sein ... das wäre ja ...“ + +Er machte eine Bewegung, als ob er sich krümmte. + +Langsam und hartnäckig, mit viel Geduld, arbeitete sich Max in diese +Schädel hinein, er gab nicht nach, hielt sie wie mit einer eisernen +Umklammerung an ihrem eigenen Gedankengang fest, bohrte weiter und +führte sie sicher aus ihren Illusionen heraus. + +„Schwierigkeiten sind nur dazu da, um überwunden zu werden. +Schwierigkeiten lechzen geradezu nach ihrer Ueberwindung.“ Das war sein +Leitspruch bei dieser Tätigkeit. + +Immer nachdenklicher wurden die anderen. + +Max gab ihnen ungeschminkte Wahrheit. Dadurch gewann er ihr volles +Vertrauen. So schilderte er ihnen eindringlich, wie die Revolution ein +langwieriger Prozeß sei, voll von Aufopferung, Martern, Blut und Wunden, +und daß gar nicht daran zu denken sei, daß die Lage der Arbeiterschaft +bei der Machtübernahme sich gleich von heute auf morgen bessere. Im +Gegenteil ... „Wir Kommunisten gaukeln euch nichts vor. Wer die Wahrheit +nicht ertragen kann, bitte sehr ... Aber es gibt für euch Proleten gar +keine andere Wahl. Entweder – oder. Ihr müßt kämpfen oder – untergehn.“ + +„Nein, wir wollen nicht untergehn. Gewiß nicht ... Und wenn, wie du uns +mitgeteilt hast, unsere Brüder jetzt kämpfen ...“ + +Max bemerkte schon: mit geschärften Augen beobachteten sie alles, was im +Betrieb vor sich ging, oft verschwand der eine oder der andere für eine +Weile, bis plötzlich eines Vormittags, grün vor Schrecken, einer der +Obleute zurückkam und Max leise ins Ohr flüsterte: + +„Max, ich habs, es stimmt, was du sagst ... Hier ist die genaue +Aufstellung ... Eine ganze Liste ... Also es ist festgestellt: seit drei +Monaten fabrizieren wir weiter nichts als Giftgas.“ + + * * * * * + +Max beobachtete genau die Herstellungsverfahren. + +Die Arbeiter hier in den Betrieben machten lediglich Vorarbeiten. Erst +im letzten Stadium vollzog sich die Umwandlung der Produkte in chemische +Kampfstoffe. Diese Arbeit geschah in einem besonderen Gebäude, zu dem +niemand Zutritt hatte. Die Arbeiter dort waren vertragsgemäß unkündbar +auf mindestens 12 Jahre verpflichtet. Vor dieser Zeit verließ auch +keiner seinen Arbeitsplatz. Sie wohnten dort. Nur Unverheiratete wurden +aufgenommen. Dieser Teil des Farbstoffwerkes hieß „Die Falle“ oder auch +„Die feste Burg“. Die meisten Arbeiter betrachteten die „Falle“ als eine +Art freiwilliger Quarantäne, da gewisse Arbeiten mit Ansteckungsgefahr +verbunden waren. Nur besonders zuverlässige Leute, am liebsten aus den +„Vaterländischen Verbänden“, wurden hier aufgenommen. Auch frühere +Angehörige des Heeres, entlassene Unteroffiziere, Soldaten wurden mit +Vorliebe eingestellt. Nach allen vier Himmelsrichtungen hin war die +„Falle“ von der übrigen Welt abgemauert, über die Mauer selbst aber zog +sich noch ein zwei Meter hoher Stacheldraht, wie man vermutete, +elektrisch geladen. „Versuche, das isolierte Gebiet zu betreten, mit +Lebensgefahr verbunden!“ warnten überall Tafeln. Durch ein doppeltes +Geleise war dieser mysteriöse Teil des Farbstoffwerks direkt mit der +Staatsbahn verbunden. Ununterbrochen rollten nachts Güterzüge ein und +aus. + +Was dort vor sich ging, darüber erfuhr man im übrigen Betrieb nichts. + +Die Arbeiter kümmerten sich nur wenig um die „Falle“. + +Sie war beinahe von einer Legende umwoben und atmete ein geheimnisvolles +Schweigen. + +Nur einmal: da soll es zu einem Zwischenfall gekommen sein, als sich +einer der Insassen aus dem Fenster stürzte im Wahnsinn, wie es hieß, der +durch die unsachgemäße Behandlung von chemischen Mischungen erzeugt +worden sei. + +Dieser Vorfall kam damals auch in den Betrieben zur Sprache und wurde in +Zusammenhang gebracht mit einer Meldung aus Amerika, die über ein neues +sogenanntes „Wahnsinnsgas“ berichtete. + +Die Diskussion darüber dauerte vielleicht eine Woche. + +Es kam nichts dabei heraus. + +Man wollte zuerst eine Untersuchungskommission einsetzen. + +Doch wie gesagt: eine Woche lang, und die erregten Gemüter beruhigten +sich. – + + * * * * * + +Der Fabrikraum, in dem Max arbeitete, war bis aufs äußerste ausgenützt. +Es war genau berechnet, wieviel Platz jeder Arbeiter brauchte, jede +Arbeitsbewegung war kinematographisch festgestellt: ein elektrisch +betriebenes Band rollte und führte dem Arbeiter die einzelnen +Arbeitsprodukte zu, an denen jeder Arbeiter nur mit einem Handgriff eine +bestimmte Prozedur vorzunehmen hatte. Zeit, Arbeitstempo waren bis auf +die Sekunde geregelt. Und immer wieder wurden von den zu diesem Zweck +besonders angestellten Arbeitstechnikern neue Methoden herausgefunden, +die Arbeitsintensität zu steigern. + +Sämtliche Arbeiter trugen zum Schutz gegen die giftigen Dämpfe +haubenähnliche Masken, die Gläser der Sehschlitze waren gegen den +Beschlag durch ätzende Säuren besonders eingefettet. + +Trotzdem waren die Schutzmaßnahmen, hauptsächlich die an den in einem +rasenden Tempo wirbelnden Maschinen, recht mangelhaft. + +Die schönste Erholung war schließlich der „Sauerstoffraum“, der nach je +drei Stunden Arbeitszeit auf drei Minuten aufgesucht werden konnte. + + * * * * * + +Ein dunkles Zischen und Surren schwebte in der Luft, ein knatternder, +gedämpfter Orkan, Eisenarme drehten sich und neigten sich vielgelenkig +über; Bottiche, gefüllt mit dickklebrigen Brühen, schwenkten sich dicht +unter der Decke dahin, ein harziger Brei schwemmte selbsttätig von Kübel +zu Kübel, Wunderwerke von Präzisionsmaschinen nahmen die +kompliziertesten Mischungen vor. Durch andere Räume hindurch, die großen +Hallen glichen, sah man Kessel an Kessel, zwei- und dreistöckige Kessel +sozusagen, an denen auf langen Leitern die Arbeiter herumstiegen. +Mehrere Plattformen teilten so einen Kessel nach oben ab, Max schien es, +als glichen sie ganz den gotischen Kirchen. + + * * * * * + +Mitten in der Arbeit hatte Max einmal die Vision: + +Alles gast, dampft, spritzt; der ganze Raum ist mit fliegenden, +spritzenden Säuren durchspannt; es knistert und flackert +phosphoreszierend an den Böden, die krautig und haarig bewachsen sind, +als Steinbrocken darin klotzige Knochenschädel, und das Ganze brennt +tropisch glühend, eine morastige Landschaft, so heiß, daß die Haut +unempfindlich wird und die Augen aus den Stirnhöhlen heraustropfen, +dicke, perlenähnliche, weißlich-festgeronnene Blasen. Wesen hausen in +auszementierten Schlupflöchern und in Gräbern als Unterständen, in +schwere Gummianzüge gepreßt, Masken-Helme aufgestülpt, durch die Worte +nur noch als dumpfes Gurgeln und Röcheln vernehmbar sind. „Der neue +Mensch!“ dozierte jemand, und immer dichter und dichter ward das gasige +Dickicht. „Jetzt endlich haben wir es!“ dröhnte pathetisch und wohlig +schnalzend eine Stimme: „eine hochkonzentrierte Gaswolke, die die +Möglichkeit bietet, den Gegner zu überrumpeln und dabei doch die +Eigenschaft hat, von topographischen und meteorologischen Einflüssen +völlig unabhängig zu sein ... Dies Problem zu lösen war in der Tat nicht +ganz einfach ...“ Das Besondere an dieser visionären Landschaft war, daß +sie geometrisch exakt und sauber aufgeteilt war, ja daß die zahllosen +Einzelteile und Figuren in ihr aufs feinste ausgebildet und aufs +strengste sich organisiert erwiesen, das Ganze aber durchaus chaotisch +und einem mittelalterlichen Spuk und Hexensabbath vergleichbar. Alles +drängte nach Auflösung, ein in Strudeln sich um und um drehender Abgrund +schwamm, voll von Algen, Lurchen, Schnecken und Quallen. +Gestaltgewordene eitertriefende Geschwüre wandelten dazwischen, Gewürme +und stachlichte Riesenkletten: alles fabriziert, saugt, atmet Gas: +verfärbt sich und verwandelt sich jeden Augenblick, Muscheltiere und +Mollusken kommen hoch, ganze Haufen exotischer, mit schlingenden +Fangarmen bewehrter fleischfressender Pflanzen, und darüber schillert +und brennt es wieder magisch hinweg, man hört beinahe nichts: die +Gashölle ist geruchlos und lautlos, und die Sonne in diesem modernen +Inferno glüht eisern, roh ausgezackt und völlig unbewegt, schmettert +sengend Strahl auf Strahl nieder, jede Luftschicht wirkt wieder, die +Hitzgrade vervielfachend, als eine besondere Art atmosphärischen +Brennspiegels: und darunter dickt die Luft sich von selbst ein, wird +milchig, flockig und schwimmt, schleimige Fäden lassend, über dem +Erdsumpf dahin als eine molkige Riesenwolke ... Alle Völker, alle +Erdwesen sind durch die Giftgasschwemme hindurchgegangen. Ein neues +Wüstengebiet entsteht: alles wie unter einer Bleiche gefleckt, und +knöcherig überkrustet. – + +– – – – + + * * * * * + +Max studierte die tabellarische Uebersicht der wichtigsten chemischen +Kampfstoffe. Es war klar, die neuesten Verfahren waren darunter nicht +aufgezählt. Chemische Bezeichnung, chemische Formel, militärische +Bezeichnung, militärisch-technischer Deckname, physiologische Wirkung, +physikalische Beschaffenheit, Siedepunkt, Flüchtigkeit, +Wasserbeständigkeit, das alles galt es gründlich durchzuarbeiten und zu +erforschen. + +Da erfuhr er, wie in der Geschichte der Entwicklung des Gaskampfes die +Gase selbst wechselten. Das Chlor wurde vom Phosgen, einem Gase mit +stärkerer Erstickungs- und Giftwirkung als Chlor, abgelöst. Phosgen +verdichtet sich bereits bei 8 Grad zur Flüssigkeit und war daher vom +physikalischen Standpunkt aus kaum mehr als Gas anzusprechen. Auch waren +fast alle Stoffe, die im Gaskampf künftighin zur Anwendung gelangten, +unter gewöhnlicher Temperatur und Druck entweder Flüssigkeiten oder +feste Körper. Die Bezeichnung „Gase“ wurde nur beibehalten, weil diese +Stoffe im Augenblick der Aktion sich entweder im dampfförmigen Zustande +befanden oder dünn als Rauch oder Nebel zerstäubt wurden. Feste Stoffe, +wie z. B. einzelne Arsine, wurden bei der Explosion in feine Partikel +zerstäubt und verharrten lange Zeit schwebend in der Luft ... + +Die chemischen Formeln schwankten ihm zunächst in langen, sich immer +wieder zersetzenden und sich wieder verdichtenden abstrakten +Reihen durch den Kopf. Endlich erreichte er dabei eine klare, +konkret-lebendige, sachlich-nüchterne Vorstellung. + +Was bedeutete zum Beispiel: + + (CHCl=CH)3As!? + +Es war die Formel für Chlorovinyldichlorarsin, eine Arsenverbindung, und +die Bezeichnung für eine der drei Arten der vielgenannten amerikanischen +Levisite. + +Das Verfahren zu dessen Herstellung war zwar ungeheuer kompliziert, aber +trotzdem mit den technischen Mitteln, die damals in jeder Farbstoffabrik +vorhanden waren, unbedingt auszuführen. + +Ebenso klar war: man konnte sich aber auch darauf nicht festlegen. Im +Gegenteil: alles sprach dafür, daß auch dieser Kampfstoff überholt war. +Doch diese Formel war ein Programm, ein Warnungssignal, ein +Ausrufungszeichen, ein proletarischer Imperativ: „Wacht auf, Verdammte +...“ + +Sie war sozusagen das Symbol des Nullpunktes, des Gefrierpunktes, auf +dem jetzt die bürgerliche Kultur angelangt war. – + + * * * * * + +Dabei stieß Max auch auf die ungeheure Bedeutung des Normenwesens. + +Die moderne Industrie, eingestellt auf Normisierung und +Massenherstellung, ermöglichte es nämlich, in verhältnismäßig rascher +Zeit anfangs experimentelle Erfolge bald auf Massenverarbeitung +umzustellen, so daß bis zu einem gewissen Grade infolge der kolossalen +Erweiterungsmöglichkeiten, die dann zu einer rein mechanischen +Fortführung des gelungenen Experimentes werden, bei manchen +Kriegsmitteln im Frieden die Ausgaben ohne Gefährdung für die +militärische Schlagkraft beschränkt werden konnten. Daher legten schon +seit langem sämtliche Staaten ein so starkes Gewicht, auch aus +militärischen Gründen, auf die Durchführung einer strengen Normisierung +innerhalb der verschiedenen Kriegsindustrien und der Industrie +überhaupt, die die erhöhte militärische Schlagkraft gewährleistete. Die +deutsche Industrie hatte gegenüber allen anderen Industrien schon vor +dem Kriege 1914-1918 ein verhältnismäßig stark entwickeltes Normenwesen +gehabt. Trotzdem herrschte damals bei Kriegsbeginn in Deutschland auf +den verschiedensten Gebieten ein wirres Neben- und Durcheinander von +Modellen. Jede Truppengattung hatte beispielsweise Spaten und sonstiges +Schanzzeug, aber kaum zwei hatten gleiche Modelle. Es gab unzählige +Fahrzeuge, Fahrzeugteile, Beschläge, Beschirrung, optisches und +Fernsprechgerät und noch vieles andere, was bei allen Waffengattungen +hätte gleich sein können, aber doch nicht gleich war. Verschlimmert +wurde diese Buntscheckigkeit durch die Zustände in der Industrie. Jede +Fabrik hatte an ihren Erzeugnissen kleine Besonderheiten, die, an +sich oft ziemlich belanglos, doch den Austausch und die +Durcheinanderverwendung mit den Erzeugnissen anderer Fabriken +ausschlossen. Um die Kriegsindustrie und auch die übrigen Industrien auf +Massenproduktion von Kriegsmaterial vorzubereiten, wurden in +verschiedenen Staaten ähnlich wie längst in Deutschland, +Normenausschüsse der Industrien, die natürlich mit den Generalstäben in +enger Verbindung standen, geschaffen. – + +Man muß nur hören können, wie „das Gras wächst“! – + + * * * * * + +Mit konkretem Material konnte nun Max der Belegschaft gegenübertreten. + +„Der Kern der Sache –!? + +„Der Kern der Sache ist der Besitz der Produktionsmittel! ... + +„Arbeiter der Farbstoffindustrie! Euere Brüder, euere Arbeitskollegen, +euere Klassengenossen kämpfen in den Städten, und ihr: morgen, +übermorgen werden euere Arbeitsprodukte die Entscheidung im Kampf +herbeiführen, euere Arbeitsprodukte, die chemischen Kampfstoffe, von +Fliegern über den Arbeitervierteln abgeworfen werden. Arbeiter! An euer +proletarisches Solidaritätsgefühl appelliere ich. Arbeiter, werdet +Kampfgenossen! Schluß mit der menschenschlächterischen Arbeit, die ihr +bisher, nichts ahnend, hier in dieser Giftbude verrichtet habt! +Generalstreik! Sturm auf die „Menschenfalle“!“ + +Die Belegschaftsversammlung war ein einziger Empörungsschrei. + +„Heraus aus der Giftbude!“ + +„Sturm auf die „Menschenfalle“!“ + +Schon klapperten auf dem Direktionsbüro flink die Telegraphen. + +Aber auch von den umliegenden Ortschaften waren Arbeiter- und +Landarbeitertrupps alarmiert. + +„Nun aber, knorke, nun werden wir das Gesindel aus der „Falle“ +herausholen.“ + +So wie sie gerade standen, rannten sie los, manche krempelten sich die +Rockärmel hoch, manche mit dem Messer; sie waren nicht zurückzuhalten. + +Nicht lange spie die „Falle“ Maschinengewehrfeuer. + +Ein langes, zischendes, brodelndes Geräusch kam: + +„Gas!“ + +„Gas!“ + +„Gas!“ + + * * * * * + +Mit ungeheueren Verlusten für die Arbeiter wurde der Sturm +zurückgeschlagen. + +Dabei geschah es, daß einem, vielleicht am Rockärmel, ein winziges +Tröpfchen Gasflüssigkeit hängen blieb, er in einen Raum trat, das +Tröpfchen Gasflüssigkeit verdampfte, und er sich selbst samt ungefähr +fünfzig seiner Kameraden tödlich ansteckte. + +Das gab auch dem Letzten, der noch immer nicht daran glauben wollte, den +Rest. + +Das ganze Farbstoffwerk mußte geräumt werden. + +Rings herum auf den Höhen, kilometerweit entfernt, lagen die Arbeiter. +Dann: endlich war das Geschütz herbeigeschafft, und beim fünften Schuß +stieg eine Flammenlohe hoch, wie ein Feuer-Geysir, prasselnd, fauchend, +und zerstäubte über den ganzen Horizont hin, rings fächerartig geöffnet, +als Glühregen. + +Die „Falle“ war in die Luft geflogen. + +Erst in drei Tagen ging scharfer Wind. + +Die Gasschwaden verzogen sich. + +Die Arbeiter konnten wieder in ihren Werken einziehen. – + + + V + +Die roten Arbeiter- und Farmerbataillone, die in Kolonnen von Hunderten +von Lastkraftwagen bei Morgengrauen auf verschiedenen Anmarschstraßen +dem amerikanischen Giftgas- und Waffenarsenal Edgewood zueilten, sahen +in der aufgehenden Morgensonne plötzlich vor sich über eine schneeweiß +schimmernde Ebene dahingestreckt ein riesiges Mohnfeld. + +Die Blüten des Mohns schwangen im Wind, entfalteten sich, wehten und +leuchteten ... + +Einen Augenblick stoppten die Kolonnen, mit Ferngläsern und +Scherenfernrohren suchte man den Horizont ab: ein Freudenschrei, ein +Schrei, der in einen gewaltigen Massengesang überschlug: hunderte von +roten Fahnen flatterten in der Ferne über den unzähligen weißlichen +Wellblechbaracken und auf den Giebeln der Verwaltungsgebäude, des +Kontrollwerkes und der Elektrizitätsanstalt. Ja, der Blitzableiter jedes +Fabrikschlotes trug ein rotes Fähnlein. + +Edgewood war gefallen! Edgewood, das gewaltigste Kriegsarsenal der Welt, +in den Händen der „Roten“! + +Hurra! Hurra! Hurra! + +Wie drei Freudensalven knallte es aus Hunderttausenden von Mündern dahin +... + +Und in diesem Augenblick stieg es schon auf: Geschwader an Geschwader, +Kampfflieger, Aufklärungsflugzeuge, Bombenflugzeuggeschwader: alle rote, +lange, bänderartige Wimpel an den Tragflächen. Das ganze Tal überzog +sich mit einer Schicht von Flaggenrot und Motorengeknatter: in ruhig +geschwungenen Schleifen zogen die Geschwader dahin, in Spiralen tauchten +sie auf und nieder in dem gläsernen Luftmeer, und landeten dann unter +dem gleichzeitigen Jauchzen von hunderten von Fabriksirenen senkrecht +abschießend auf den verschiedenen Flugplätzen ... + + * * * * * + +Der rote Kriegsrat des Farbstofftrusts, dem Arbeiter, Matrosen, +Soldaten, die Offiziere des revolutionären Offiziersbundes angehörten, +beschloß einstimmig: der Angriff gegen die feindlichen Stellungen, +Flugzeughäfen und Flottenstützpunkte hat unmittelbar zu beginnen. Die +Operationsbasis ist durch die Industriegebiete und durch die eroberten +militärischen Bollwerke gegeben, das Ziel: die rücksichtslose +Niederkämpfung der feindlichen militärischen Macht. Zu gleicher Zeit +wird ein umfangreicher Propagandaapparat eingesetzt, ein richtiger +Feldzugsplan zur Zersetzung, zur moralischen und materiellen, der +feindlichen Streitkräfte ist ausgearbeitet und wird in den einzelnen +Punkten von den betreffenden Stellen noch heute durchgeführt. Es ist +selbstverständlich, bei der geradezu bestialischen Art, mit der die +Weißen den Bürgerkrieg zu führen belieben, daß von der chemischen Waffe +zweckmäßig Gebrauch gemacht wird. Die Zweckmäßigkeitsfrage wird bei +jeder taktischen Ueberlegung in den Mittelpunkt gestellt, Sentiments und +Ressentiments sind restlos auszuschalten ... Keiner Erwägung bedarf der +Beschluß, sich mit den revolutionären Organisationen Japans, Europas, +Rußlands unverzüglich in Verbindung zu setzen ... Wobei, was andere noch +nicht revolutionierte Völker anbetrifft, zu bemerken ist; das siegreiche +Proletariat kann keinem fremden Volk irgendwelche Beglückung aufzwingen, +ohne damit seinen eigenen Sieg zu untergraben ... Schon sind Fälle +ferner gemeldet worden, wonach die Regierungsflugzeuggeschwader die +Reviere der revolutionären Bergarbeiter eingegast haben, man hat +Kohlenschächte ersäuft, in denen man rebellische Belegschaften +vermutete, und durch Ueberläufer und abgefangene Radios weiterhin +festgestellt ist, daß umfangreiche Vorbereitungen getroffen sind, +Edgewood durch einen groß angelegten Bombenfliegerangriff in einen +Gassumpf zu verwandeln ... Also: wir werden ihnen die Suppe gründlich zu +schmecken geben, die sie uns zugedacht haben ... Das ist +selbstverständlich ... + + * * * * * + +Wieder trillerten die Fabriksirenen. + +Die roten Fahnen wurden eingezogen: grau und eisig lag Edgewood da. + +Die Flugzeuge waren startbereit. + +Auf einer elektrisch betriebenen Kleinbahn rollten die schweren +Riesenflügelbomben zum Flugplatz an: sie waren mausgrau, am Kopf +dicklich und rund und hatten ganz das Aussehen von Walen. + +Ein Kommando. + +Viele Klingeln schrillten. Leuchttafeln zuckten auf ... + +Ein Lautsprecher dröhnte – + +Achtung! + +Los! + +Die erste Schlachtstaffel gleitet ab, schnellt senkrecht hoch. + +Die zweite ... + +Die Mannschaften unten winken mit den Mützen – + +Wieder: „Hurra! Hurra! Hurra!“ + +Und die Flieger werfen die roten Wimpel ab ... + +„Kameraden! Auf Wiedersehen!“ + +– – – + +Der Führer der Schlachtstaffel III ist der Genosse Thomas. + +„Na, mein Junge, noch ein Händedruck ... Halt dich gut! ... Wir werden +die Sache schmeißen ... Davon bin ich fest überzeugt ... Glück auf die +Reise ... Ich hoffe: übermorgen! ...“ + +Und der Genosse Frank umarmte den Genossen Thomas. + +Dann küßten sich die Freunde. + +Frank bekam es dabei mit dem Schlucken ... + +Ein Pfiff ... + +Und auch Schlachtstaffel III erhob sich ... + +– – – + +Frank inspizierte die Gasläger. Die Bestandsaufnahme war fertiggestellt. + +„Es genügt, um die ganze Welt einigemale mit Gas zu vergiften ...“ + +Die Arbeiterschaft der verschiedenen Betriebe war inzwischen versammelt +und besprach einen neuen Produktionsplan. + +Die weitere Herstellung der Giftgase konnte bei der großen Menge der +vorhandenen chemischen Kampfstoffe sofort eingestellt werden. Dagegen +waren vom roten Kriegsrat Flugzeuge („Goliath“-Typ) und Kampfwagen in +bedeutender Menge angefordert worden. Ebenfalls wieder einstimmig +erklärten sich die Arbeiter bereit, alles aus sich herausholen zu wollen +und die Arbeitszeit in keiner Weise nach unten hin zu beschränken. + +„Für die kapitalistische Wirtschaft war uns jeder Knochen zu schad ... +wenn es für uns ist, für die Diktatur des Proletariats, dann mit Freuden +alle Muskeln, das Herz, das Hirn, das Fleisch, alle Knochen ...“ + +Auch eine große Anzahl von Chemikern, Technikern, Ingenieuren, die man +im Augenblick der Uebernahme der Macht absondern mußte, stellten sich +jetzt bedingungslos den „Roten“ zur Verfügung. + +„Es ist klar, die kapitalistische Produktionsweise ist einfach zu +unrationell, wir können bei weitem produktiver wirtschaften, fünfzigmal +soviel aus der Welt mit Leichtigkeit herausholen ... Ihr Roten seid +einfach die Vertreter einer technisch am modernsten konstruierten +Organisationsform ... Zu blöd, daß man diese Einsicht den Kapitalisten +mit Blut abzapfen muß ...“ + +– – – + +Und zu gleicher Zeit entwickelte sich jene erste Phase gewaltiger +Luftschlachten, die den weiteren Verlauf der Geschichte Amerikas +entscheidend beeinflussen sollten. Die Flugzeuggeschwader der weißen und +der roten Flugflotte stürzten sich aufeinander, hakten sich ineinander +fest und unlösbar ineinander verbissen schossen sie, ein wirres Stahl- +und Drahtknäueldurcheinander, erdab. + +Andere Geschwader nebelten sich ein, blitzten plötzlich völlig +unerwartet aus dem Hinterhalt des Nebelschleims hervor, oder +überstreuten den von den feindlichen Flugzeugen zu passierenden Luftraum +mit einem dichten Netz von Giftgas. + +Und unten auf der Erde marschierten die mechanischen Armeen auf: Tanks, +Panzerzüge, Straßenpanzerwagen ... Rauchwellen fluteten übers Land, +quadratkilometergroße Herde von Giftrauchkerzen schwälten ... Ganze +Städte versanken in einem unergründlich tiefen und geheimnisvollen +Gasgrund ... Pflanzen, Wälder, Wiesengründe färbten sich: grün, blau, +violett. Wunderbare und seltsamste Farbenspiele zauberten die +Gasschwaden aus der Erde hervor. Lautlos überzogen ganze Landesteile wie +mit einer Decke sich mit Todesschlaf ... + +Die Hochseeflotten liefen aus den Häfen aus: Kreuzer, Dreadnougths, +Unterseeboote, Flugzeugmutterschiffe ... Und auf der Hochseeflotte +meuterte es, ein Kriegsschiff hißt die rote Fahne, noch eines, und die +Forts auf Hawaii und die Küstenwerke im Panamakanal ... Es war der +Beginn einer gewaltigen Seeschlacht. + +„Die Japaner kommen! ...“ funkte es dazwischen. Aber trotzdem die beiden +Flottengruppen sich immer vergrößerten: es waren nur rote Flaggen zu +sehen und weiße: die Nationalfarben hatten keine Bedeutung mehr. + +In der Luft, auf der Erde, über Wasser und unter Wasser: stürzt es sich +übereinander her, würgt sich zutod, es gibt kein Erbarmen. + +Heldentaten, die unbeschreiblich sind, Qualen ohne Maß, Krämpfe und +Zuckungen, wie sie die Erde seit ihrem Anbeginn noch nicht gesehen hat, +Schmerzensschreie, Hilfeschreie, Todesgebrüll ... + +Jedes Lebewesen trug schon einen gespenstischen Flecken an sich, zum +Zeichen: angeätzt von der Gaslauge ... + +Ein blutiger Sommer rauscht ... – + +– – – + + * * * * * + +„Genosse Thomas Butler gefallen in der Luftschlacht über Hawaii.“ + +Die Nachricht kommt nach Edgewood. + +Genosse Morrow springt ins Flugzeug. + +Festgeschnallt. + +Sturzhelm und Gasmaske auf. + +Vorwärts! Los! + +„Genosse Frank Morrow gefallen in der Luftschlacht mitten über dem +Großen Ozean!“ + +Die Nachricht kommt nach Edgewood. + +Ein zweiter, ein dritter, ein vierter springen ins Flugzeug. + +Festgeschnallt. + +Sturzhelm und Gasmaske auf. + +Vorwärts! Los! + +„Der zweite, der dritte, der vierte gefallen in der Luftschlacht über +dem Panama ...“ + +Die Nachricht kommt nach Edgewood. + +Jetzt drängen hunderte an die startbereiten Flugzeuge heran. + +Man stampft vor Wut, wenn man nicht mitkommt. + +Jeder wartet nur auf das eine: + +„Wann endlich kommt die Reihe an mich ...“ + +Nur eine Befürchtung, eine Todes- und Lebensangst: + +„Vielleicht ist dann schon der Krieg aus!“ + +Ueberall Butlers, überall Morrows, ob sie nun so heißen oder nicht ... + +„Rußland marschiert! Das deutsche Proletariat im Kampf!“ + +Die Nachricht kommt nach Edgewood. + +„Ein Hurra dem deutschen Proletariat!“ + +„Hoch Sowjet-Rußland!“ + +„Auch wir sind im Kampf, Brüder, die amerikanischen Genossen: sie grüßen +euch!“ + +„Japans werktätige Massen verhindern den Krieg! Yokohama im Aufruhr.“ + +Auch diese Nachricht kommt nach Edgewood. + +„Bravo, japanische Genossen!“ + +„Die Kolonialvölker, Indien, China, Afrika ...“ + +„Hoch! Unsere Sache steht gut!“ + +„Würdig unserer Führerin, der Genossin Mary Green, gemordet auf dem +elektrischen Hinrichtungsstuhl, eingedenk der Lehren unseres großen +Meisters, des Genossen Lenin, Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts +gedenkend, und der Tausenden, die von den weißen Banden aufs grausamste +gemeuchelt worden sind – + +„Festgeschnallt –“ + +„Sturzhelm und Gasmaske auf!“ + +„Vorwärts! Los!“ – + + * * * * * + +Die Milliardäre sitzen irgendwo hoch in den Bergen, wimmern: + +„Zu schade, nun ist es mit der Urbarmachung der Polarregion auch nichts +... Und die Geologen versichern doch, gewaltige Kohlenläger seien +vorhanden, deren Ausbeutung relativ einfach sei, nur mit geringen +Unkosten verbunden, und der Tierreichtum ... der Verlust für die +Menschheit ist nicht auszudenken ... O welch ein Gewinn! ... Die +kostspieligen Expeditionen, wenn man bedenkt, die schließlich doch wir +finanziert haben, wie soll man das alles jetzt verkalkulieren ... Es +scheint, die Welt sehnt sich nach einer neuen Verrechnungsart ... Ja, es +scheint richtig so, was die Priester angedroht und die Spiritisten +prophezeit haben: das Jahrtausend der Herrschaft des Pöbels beginnt. Das +ist die Sintflut. Wie lange sie währen wird, um die Menschheit von ihren +Sünden rein zu waschen?! Sicher: wir haben nur immer das Beste gewollt +...“ + +„Keine Angst, ihr ehrenwerten Herren Bürger!“ kommt ein Radio aus +Edgewood. „Wir verderben euch nicht eueren Lebensabend. Ein kärglich +dosiertes Paradies ist euch sicher. Das ist nur recht und billig. Auf +einer Insel irgendwo. Bei Kokosnüssen und Affenjagd, bei Brotbäumen, bei +Fischfang und Holzfällen ... Kriecht ruhig aus eueren Berghöhlen heraus +... Wir vergreifen uns nicht an Leichen, wenn sie auch noch wie ihr ein +wenig parfümierten Lebensodem ausströmen ...“ + +Die Lebensgreise aber knurren durch die künstlichen Goldgebisse hindurch +im Chor: + +„Wir kapitulieren nicht! + +„Rache!“ + +– – – + +Und – + +Ein blutiger Sommer rauscht ... + + + VI + +„Bombenflug und Sauerstoff!“ fluchte Max. + +„Nur den Verstand nicht verlieren!“ redete ihm Wilhelm gut zu, dem dabei +aber selbst die Tränen über die Backen herunterliefen. + +Viele Genossen knirschten laut auf. + +Die Nachricht, die soeben aus Amerika eintraf, war in der Tat +niederschmetternd. + +Alle im ersten Anlauf eroberten Positionen mußten, bis auf Edgewood, +aufgegeben werden. Edgewood selbst lag seit drei Tagen bereits unter +schwerstem Gasfeuer, bis auf ein Drittel ungefähr war der ganze Komplex +gasverseucht. An ein weiteres Durchhalten war unter diesen Umständen +nicht mehr zu denken. + +Kurz und gut: die revolutionäre Aufstandsbewegung, im Anbeginn +unerwarteterweise siegreich vordringend, war niedergeschlagen. In +Anbetracht der ungeheueren blutigen Verluste, mit denen der ganzen +Sachlage nach bestimmt zu rechnen war, schien ein Wiederaufflackern des +bewaffneten Aufstandes in absehbarer Zeit völlig ausgeschlossen. + +Ja, die amerikanische Regierung konnte schon wieder ernsthaft in +Betracht ziehen, die Feindseligkeiten gegen Japan zu eröffnen. + +Wenn man sich die weitere Wirkung, die diese Nachricht auf die breiten +Massen des Proletariats ausüben wird, vorstellt: es war zum Verzweifeln. +Schon jetzt: jeder Tag bringt neue Schwierigkeiten, schon jetzt melden +sich immer lauter die Stimmen derer an, die unter verhältnismäßig +anständigen Bedingungen den ganzen Aufstand zu liquidieren bereit sind +... immer häufiger wird das Geschwätz von den festen, 99prozentigen +realen Garantieen für den Sieg ... Jetzt heißt es: alle Kraft +zusammennehmen, nur jetzt nicht locker lassen, mit eiserner +rücksichtsloser Energie allen derartigen aktionslähmenden Versuchen +entgegentreten, und, in welcher Form sie sich auch äußern mögen: +erbarmungslos nieder mit ihnen. Nur unter keinen Umständen +Flautestimmungen und Krisenmachereien aufkommen lassen, nur jetzt nicht! +Solche Situationen waren noch immer Keimbeete, Treibhausboden, richtiges +Nährfutter für Verrätereien, Verzicht, Hinterhältigkeiten unter einem +meist überschwänglich radikal sich gebärdenden verlogenen Phrasentum. +Einige wildgewordene Anarchisten großmaulten und bramarbassierten +besonders auffällig dazwischen herum: die wollten am liebsten gleich, +wie sie möglichst aufdringlich betonten, die ganze „Bude“, worunter sie +die Welt verstanden, in die Luft sprengen: Vorbereitung und Ausführung +dieses nihilistischen pseudoheroisch-famosen Vernichtungsplans +überließen sie großmütig, wie sie nun einmal waren, allerdings mit +besonderer Vorliebe den andern. Sie selbst klinkten sich ein geheimes +Hintertürchen auf, um im Fall einer Explosionskatastrophe sich +schleunigst aus dem Staube zu machen ... + +Trotzdem: + +Eine große, eine schöne, eine schwerwiegende Hoffnung sank. + +Die gehißte rote Fahne, ein Intermezzo! Woraus es nun zu lernen galt ... + + * * * * * + +Auch der Vormarsch der russischen roten Armee stockte. + +Deutschland selbst war inzwischen zum Kriegsgebiet geworden. + +Englische Flugzeuggeschwader landeten bereits auf deutschem Boden. +Ungeheure Proviantmagazine, ganze Arsenale und Werkstätten für +Flugzeugersatzteile waren schon vordem in den letzten Jahren errichtet +worden ... + +Der Hunger begann. + +Seuchen und Krankheiten schossen üppig ins Kraut. + +Das kämpfende Proletariat hatte noch keine Entscheidung herbeiführen +können. + +Zwar die deutschen Farbstoffwerke hatten inzwischen erfolgreich +rebelliert, aber es gestaltete sich außerordentlich schwierig, dort nur +einigermaßen wieder die Produktion in Gang zu bringen, um die +Arbeitermassen auch nur mit den allernötigsten Kampfmitteln zu versehen. +Die Arbeiten litten unter den beständigen Ueberfällen der +Regierungsflieger, die genau orientiert waren, jede verwundbare Stelle +solch eines Riesenbetriebes genau kannten und an Hand von im Frieden +wissenschaftlich ausgeführten Berechnungen und Standortbestimmungen aus +den phantastischsten Höhen herab exakt ihre Bomben abwarfen. + +Dieses Störungsfeuer von oben hielt Tag und Nacht ununterbrochen an: und +die Arbeitsleistung wurde dadurch auf ein Minimum reduziert ... + + * * * * * + +„Die Gas-Walze kommt!“ so hieß es jeden Augenblick in den noch von den +Arbeitern gehaltenen Stadtteilen Berlins. + +„Jetzt! Diesmal ganz sicher! Ich spürs schon ...“ + +Zwar verfügte man über einige Meßapparate, die jedes Gasgemisch in der +Luft sofort anzeigten, die Zusammensetzung analysieren ließen, und so +konnte man wenigstens, grad leidlich genug, Vorkehrmaßnahmen treffen. +Wie jede Gasschutzabwehr war auch die proletarische höchst mangelhaft. +Ein Versuch, Kollektivschutzräume anzulegen, scheiterte kläglich. Diese +Dinge waren eben nicht so ohne weiteres aus dem Boden zu stampfen. +Ueberall fehlte es an geeigneten Kräften, überall an Genossen, die auch +nur über die allerprimitivsten Kenntnisse in der Technik des Gaskampfes +verfügt hätten. Die Erfahrungen aus den Gasexperimenten 1915 bis 1918 +waren bei der völlig veränderten Lage nicht auszuwerten. Es mehrten sich +die Stimmen, die sagten: „Wir haben darin unendlich viel versäumt. Das +rächt sich jetzt bitter ... Wenn es uns schon nicht den Sieg kosten +wird, so doch gewaltige Menschenopfer.“ + +Eine leichte Panikstimmung verbreitete sich. + +Wieder hieß es: + +„Die Gaswalze kommt!“ + +Die unglaublichsten Vorstellungen über einen Gasangriff grassierten, +ununterbrochen waren einige dazu besonders befähigte Genossen bei der +Aufklärungsarbeit ... + +Und die Gaswalze kam wieder nicht. + +Noch immer nicht ... + +Und dennoch: beinahe jeder lauerte auf die ersten Symptome einer +Vergiftung. + +Bald aber rissen sich die Proleten wieder zusammen, packten ihre +Nervenbündel fest und es ging wieder einigermaßen vorwärts ... + +„Na immer noch nicht“ – scherzte Max – „hoher Besuch von oben? Schade, +daß Pfingsten schon vorüber ist, sonst könnte man sagen: Fest der +Ausgießung des heiligen Geistes ...“ + +Auch wurde man sich bald klar darüber: + +Die rote Welle überflutet auch diesmal aller Wahrscheinlichkeit nach +nicht die ganze Welt, nur einige Nationen werden von ihr ergriffen +werden, und man wird am Ende dieser Kriegsperiode vor der Tatsache eines +großen gewaltig zusammengeschmiedeten Blocks von Sowjetrepubliken +stehen, denen gegenüber sich aber noch eine beträchtliche Anzahl +kapitalistischer Staaten behaupten wird. + + * * * * * + +Wie hatte sich hier alles verändert, seitdem Max von Berlin fort war! + +Einen halben Tag erst war er wieder zurück, doch lange genug, um sofort +zu erkennen: das ganze Kampftempo war gründlich verändert, der Rhythmus +des Aufstandes selbst war ein wesentlich anderer geworden. + +Für Elan, für Schwung war nur wenig Platz mehr da, auf andere +Kämpfereigenschaften kam es jetzt vor allem an. + +Verbissen, zäh, zwei Schritte vor, eineinhalb wieder zurück, und jeder +Schritt verbunden mit Blut, wahnwitziger Anstrengung, Verkrüppelungen, +unheilbaren Wunden: so wurde jetzt gekämpft, und jeder Mann hatte +außerdem das kristallhelle Bewußtsein dabei: das ist von allem noch +längst nicht das Letzte, der Feind hat seine Reserven noch nicht +angebrochen, seine letzten und gefährlichsten Kampfmittel noch längst +nicht eingesetzt ... + + * * * * * + +Es war wieder ein warmer Sommerabend. + +Nichts war von den „Weißen“ zu sehen. + +Ruhe und Frieden weit und breit. + +Die „Weißen“ hatten sich tief in ihre Hauptstellungen zurückgezogen. + +Das erstemal seit langem bemerkte Max wieder: die Vögel sangen. + +Sangen sie wirklich!? + +Ja, sie sangen ... + +Max mußte sich fest über die Augen streichen, um nicht drauf los zu +heulen. + +Schön war es, wirklich: wunderbar. + +Und Max dachte einen Augenblick an die Welt, wie sie nach all diesen +Greueln und Gemetzeln kommen werde ... + +Inbrünstig sehnte er sich darnach. + +Wieder sangen die Vögel, aber wo in aller Welt sangen sie!? + +Die Bäume an den Straßen und in den Anlagen waren längst alle umgelegt, +nur Fetzen von Bäumen und verkohlte Baumstümpfe standen noch. + +Oder in den Häusern!? + +Singen sie heraus vielleicht aus eueren leergebrannten Augen, ihr +rätselhaften Mauer-Wesen!? + +Mittenhindurchgeschnitten waren manche Gebäude, wie glatt mit der Axt +durchgespalten: ein Zimmer mit Bett und Stuhl war sichtbar, ein Kübel im +Winkel; die Matratze des dritten Stockes hing hinab in den zweiten, wie +eine ausgerissene Zunge; und der Plafond des ersten Stockes lag wieder +auf dem geborstenen Billardtisch einer Wirtschaft parterre. Das sah aus +wie auf der Bühne, unwirklich, mit nichts Lebendigem mehr verbunden: daß +Menschen je in diesen Ziegellöchern gehaust haben: eine unvorstellbare +Vorstellung ... + +Die Nachrichten, die noch im Laufe der Nacht eintrafen, lauteten +durchwegs wieder günstig. + +Der Druck der russischen Armee mache sich bereits deutlich bemerkbar. +Die feindliche Front im Osten sei bereits gründlich aufmassiert, heute +oder morgen spätestens erfolge der Durchstoß. Das rote Loch im Osten +also werde zur Tatsache. Endlich! Inzwischen sei auch eine Luftschlacht +geschlagen worden, ebenfalls siegreich für die „Roten“, ebenfalls, +spätestens morgen gegen Abend, erwarte man die ersten roten russischen +Flieger über Berlin ... + +Mit einigen Genossen saß Max in einem Kellerunterstand bis zum Anbruch +des Morgens zusammen. + +Also: auch mit Lene stand alles gut. Sie war noch immer in Ostpreußen, +wo es vorwärts ging. Ueberhaupt: das Land machte sich ... + +Die Genossen sprachen Einzelheiten aus den Kämpfen durch, den und jenen +nannte man, aber die Zeit reichte nicht hin, alle aufzuzählen, die etwas +besonderes vollbracht hatten, sie hatten sich alle ausnahmslos +ausgezeichnet gehalten. + +Jeder von ihnen oder auch wiederum keiner von ihnen war ein Held. Der +„Held“ war ein Kollektivbegriff geworden. Der Held war das Proletariat. + +Einige, na das wußte man schon früher ... Daß sie abfallen und abtrünnig +werden würden, damit rechnete man, und das gab also keine besondere +Enttäuschung. + +„Die machen noch lange keine Niederlage ...“ + +„Und wenn wir allesamt, sage ich, so wie wir hier beieinandersitzen +jetzt, in diesem Augenblick futsch gehn, die Bewegung geht weiter, die +Bewegung steht und fällt nicht mit dem Schicksal von Einzelpersonen, +jeden von uns kann es treffen, heute den, morgen den, nur die Bewegung: +die bleibt. Die kommunistische Bewegung ist: die materielle und die +ideologische Auswirkung und die kollektive Auswertung des +Klassen-Widerstreits. Die Bewegung, die ist: so lange noch einer auf +Kosten eines anderen lebt, so lange noch einer satt und zufrieden die +Hände sich reibt, während sein Mitmensch leidet und hungert ...“ + +Dann kam die Sprache auf die Gefangenen. + +Die Genossen sprachen halblaut. + +Die Zunge sträubte sich, alle die Grausamkeiten und bestialischen +Gemeinheiten, die die „Weißen“ an völlig Wehrlosen und an schon +Sterbenden verübt hatten, auszusprechen. Was Wunder: darüber regte sich +ja längst keiner mehr auf: daß man Gefangene mit dicken Ketten um den +Leib an Bäume und Laternenpfähle gebunden hatte ... und sich ihrer als +Zielscheibe für ein frischfröhliches Pistolenpreisschießen bediente ... +Das Anbinden, das kannte man ja aus dem Feld her ... Aber daß man +Leichen den Kopf abschlägt und ihn auf die Bajonette spießt, das wollte +man überhaupt nicht gelten lassen. Man hielt es absolut für eine ganz +unmögliche Ungeheuerlichkeit und beschuldigte lieber den Erzähler +hysterischer Uebertreibung ... + + * * * * * + +„An die Gewehre!“ + +Die Genossen erhoben sich. + +„Heute oder morgen fällt die Entscheidung! Heute der, Max, morgen der! +Machs gut! Leb wohl ...“ + +Wilhelm und Max trennten sich. + +Schweigend bezog jeder seine Stellung. + +Max kniete, fünf Stielhandgranaten im Gürtel, das Gewehr schußfertig im +Anschlag, hinter dem Schornstein auf dem Dach einer Mietskaserne und +beobachtete gespannt die Straßenmündung. + +Es war halb vier Uhr morgens. + +Es war völlig windstill. + +Hie und da hörte man in der Ferne einen Schuß knacken. + +Wie Spinnenarme geisterten jetzt die ersten Strahlen der Sonne am +Horizont herauf. Wolken-Kolosse färbten sich blühend, überquellend rot, +wie frisch blutende Fleischstücke. + + + VII + +Das Bombardement hatte nicht länger als höchstens drei Minuten gedauert. + +Fünf Gasbomben waren insgesamt abgeworfen worden. + +Das gasverseuchte Gebiet erstreckte sich auf den zweiten Bezirk; einige +daran angrenzende Parks und die Elektrizitätsanlage in der Hauptstraße +waren davon noch betroffen worden. + +Es bildete sich ein Gassumpf. + +Trotzdem sich Max bei Erscheinen des Bombenflugzeuggeschwaders sofort +schleunigst in Galopp gesetzt hatte, hatte er doch noch einen tüchtigen +Gasschluck mitabbekommen. + +Auch jetzt, wo er, was das Zeug hält, die Straße hinunterrennt, kann er +das Gefühl nicht loswerden, als treibe er noch mitten in einem dichten +Gasschwaden. + +Kein Mensch ist zu erblicken. + +So kann er sich nicht recht klar darüber werden, ob er sich eigentlich +noch innerhalb oder schon außerhalb der verseuchten Zone befindet. + +„Schlimme Sache das“, überdenkt er rasch, „Entseuchungskommandos haben +wir nicht, Chlorkalk zum Entseuchen ist nur in ganz geringen Mengen da +...“ + +Mit einem Fetzen von Taschentuch hält er sich Mund und Nase zu. Die +Augen beißen wie zwei ausgebrannte Wundlöcher. Automatisch fängt er zu +heulen an. In den Ohren tackt und tickt es. Er schwankt, taumelt. Auch +der Gleichgewichtssinn funktioniert nicht mehr ... + +Er reißt sich immer wieder an sich selbst hoch, mit einer letzten +Willensanspannung, wie an einem unsichtbaren Nervenzügel. + +„Energie! Energie! Max!“ ruft er sich zu. Stolpert und schwankt sich +wieder einige Schritte vorwärts. + +„Man muß rücksichtslos Geiseln nehmen, sofort androhen lassen: +lebenslängliche Anstellung an der Wand ... als Repressalie gegenüber +solch einer unmenschlich-barbarischen Kriegsführung. Aber gut so: sie +haben sich damit selbst ihr Grab gegraben ... Wenn das auch die +ungeheuersten Menschenverluste noch kosten wird ...“ + +Da bricht er. + +Ein langer blutiger Erguß. + +Die Gedärme kommen ihm hoch dabei. + +„Kotzerbärmlich ist mir zu Mut. Max, was ist nur mit dir!? Soll es +diesmal wirklich ernst werden!? Mach keinen Quatsch! Das kann, das darf +doch nicht sein ... Heute oder morgen wird die Entscheidung fallen ... +Nur jetzt nicht.“ + +Die ganze Oberfläche der Haut ist ihm brandig angelaufen, es juckt und +kratzt in ihm herum, eine unheimliche innere Krätze, der Gaumen fühlt +sich pelzig an, bei jedem Atemzug hat er den Geschmack, als ziehe er +flüssiges Feuer ein. + +„Ob ich angesteckt bin ...?! Und ob ich nicht mehr zu meinen Kameraden +zurückkann, ohne auch sie anzustecken, wie das beim Sturm auf die +„Menschenfalle“ vorgekommen ist ...?! Ist doch nichts zum Desinfizieren +da ...“ + +„Nein! Ausgeschlossen, ich sterbe nicht!“ versichert er sich gleich +darauf wieder krampfhaft. „Mir ist nur ein klein wenig übel!“ ermuntert +er sich. „Unkraut verdirbt nicht. Mir kann nichts geschehen. Wird schon +wieder werden.“ + +Und schiebt sich mühsam mit den Knien um eine Ecke. + +Auch der Tastsinn, das Orientierungsvermögen funktionieren nicht: die +Gegenstände in nächster Nähe rücken auf einmal in eine traumhafte +Entfernung. + +Das Gesichtsfeld verengt sich, verschiebt sich. + +Eine ruckhaft von ihm sich abstoßende Häuserfront erscheint, jäh in den +Hintergrund abfallend, spitzwinkelig nach innen zu verzogen ... + +Schwerfällig wie ein Sack sinkt er, mit den Händen sich gerade noch +aufstützend, nach vorne um. + +Ihm ists, als stürze er viele tausend Meter tief. + +Ein ganzes Leben dauert dieser Fall ... + +Dreht sich auf die Seite. Wälzt sich. + +Das Schwergewicht ist aufgehoben ... + +Als glitte er schwebend über den Boden hinweg. + +Bleibt liegen ... + +Wie lange –? + +Erwacht wieder ... + +Eine Turmuhr schlägt eben fünf. + +Er weiß nicht: ist es fünf Uhr morgens oder fünf Uhr abends. + +Wiederholt noch wie aus einem früheren Leben: + +„Nur jetzt nicht ... Heute oder morgen muß die Entscheidung fallen ... +Ah, schön so, wie wunderbar, wie gut ... Rote Flieger über Berlin.“ + + * * * * * + +Eine Maske, Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett, springt auf vor ihm. + +„Hände hoch!“ + +Max macht eine mechanische drehende Armbewegung nach aufwärts ... + +Die Bajonettspitze steht ihm senkrecht auf der Brust. + +Ein zweiter, ein dritter, noch einer tappt herzu: sie alle sind in +taucherähnliche, schwarzglänzende Gummiuniformen gekleidet. Das einzige +Abzeichen, das sie tragen: je zwei kleine weißblecherne Totenkopfknöpfe +oberhalb der beiden Kragenspitzen. + +„Nur, nicht lange gefackelt ... Marsch! Kehrt um! Ab damit! Marsch! An +die Wand ...“ + +Die Stimmen kommen, durch die Maske gedämpft, von tief unten herauf. + +Max wird einfach in eine Wand hineingeschoben. + +Er steht schon mit dem Gesicht gegen die Wand. + +Es war eine kurze dicke Verbindungsmauer zwischen zwei Häuserblocks, +zwischen der Delikateßwarenhandlung Andreas Gräulich und einer +Sargfabrik, gegründet 1860, Grieneisen. + +Max bemerkt: + +Die Ziegelsteinmauer war nur notdürftig verputzt, überall Sprünge, +Risse, faustgroße Löcher. + +„Armes Kind, ganz pockennarbig ...“ + +„Aha“, ergänzt und kommentiert er sich selbst: „der Irrsinn.“ + + * * * * * + +Das Gas hängt bleischwer in ihm. + +Der Boden an dieser Stelle scheint ihm wieder abgrundtief und sehr +schlüpfrig. Viel Geplätscher ist unten, Wellengeplätscher, wie Ozean ... +Er befürchtet im letzten Moment noch auszurutschen. + +Da spürt er plötzlich ganz deutlich in der Kehle, daß er schreien müsse. +Es war ein langgezogener strangulierender, messerscharf schneidender +Halsschmerz. + +Schreien, nichts als schreien – + +Schreit: + +„Sowjet-Deutschland entgegen!“ + +Dabei schwitzt er, daß es nur so an ihm herunterläuft. + +Neigt sich noch ein wenig vornüber. + +Berührt leicht mit der Stirn die Wand. + +Er verliert sein Gesicht. Das Gesicht schmilzt. + +Der Boden unter ihm rollt wie Wellen ... + +Und – + +Mit einem jähen Ruck schnellt er sich plötzlich um sich herum ... + +– – – + +Die Salve knallte. – + + * * * * * + +Den Roten Entseuchungskommandos gelang es erst im Verlauf einiger +Monate, den Gassumpf, in den die Regierungsflieger die Hauptstadt +verwandelt hatten, trockenzulegen. + + + + + Quellennachweis + + + I. + + Vom proletarischen Klassenstandpunkt aus + +Aus den mit * bezeichneten Werken wurde teils wörtlich, teils dem Sinn +gemäß zitiert. + +_Lenin_: Ausgewählte Werke. Der Kampf um die Soziale Revolution. Verlag +für Literatur und Politik. + +_Stalin_: Lenin und der Leninismus. Verlag für Literatur und Politik. + +*_Sinowjew_: Der Krieg und die Krise des Sozialismus. Verlag für +Literatur und Politik. + +_Engels_: Militärpolitische Aufsätze. + +*_Fischmann_: Der Gaskrieg. + +– Der Gaskrieg. Eine Flugschrift über den chemischen Krieg für +Industriearbeiter. + +– Die Chemie im Krieg und in der Landwirtschaft. Flugschrift für +Kleinbauern und Landarbeiter. + +_F. Meister:_ Internationales Finanzkapital und europäische Vertrustung. +„Die Internationale.“ Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus. +Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten. Berlin SW 61. „Die größten +chemischen Werke Deutschlands, schon bisher in Interessengemeinschaft +verbunden, haben sich in der I. G. Farbenindustrie-A.-G. zu einer +einheitlichen Firma mit einem Aktienkapital von 652 Millionen Mark +zusammengeschlossen. Dieser neue Trust ist außerdem im Besitz der Aktien +der Firma Cassella (Frankfurt a. M.) und Kalle (Biebrich), deren Kapital +weitere 70 Millionen Mark beträgt. Wie um das _militärische_ Moment +dieser Kapitalsgruppe zu unterstreichen, hat der Trust den Hauptteil der +für die Munitionsindustrie unentbehrlichen Kunstseidenindustrie an sich +gerissen und baut neue Fabrikationsmethoden aus, so daß er etwa 75 +Prozent dieser Industrie in Deutschland beherrscht. Der übrige Teil der +deutschen Kunstseidenproduktion wird charakteristischerweise von der +sogenannten Pulver- und Sprengstoffgruppe kontrolliert.“ + +_Baumann_: Das Rhein-Problem. Arbeiterliteratur. + +*_Erkner_: Artikel in der „Internationale“. Vereinigung Internationaler +Verlagsanstalten. + +_Georg_: ebendort. + +*_Rolf_: sämtliche Artikel in der Kriegsbeilage der „Roten Fahne“ und in +der „Neuen Zeitung“. + + + II. + + Vom bürgerlichen Klassenstandpunkt aus + +_Adelsheim_, R., Dr., Riga: Ueber Gaskampfstoffe und Gasangriffe im +Weltkriege. In „Politik und Weltmacht“ August 1922. + +_Auld_, S. Y., Captain: Chemical Warfare. In „The Royal Engineers +Journal“ Februar 1922. Gas and Flame. + +_Bacon_, Raymond, F., Colonel, Chief of the Technical Division U. S. A.: +The work of the Technical Division Ch. W. S. In „The Journal of +Industrial and Engineering Chemistry“ S. 13. Januar 1919. + +_Berlin_, Generalmajor: Waffenwesen. In M. Schwarte, „Die militärischen +Lehren des großen Krieges“. 1. Auflage. Verlag Johann Amb. Barth, +Leipzig 1920. + +_Berliner_, A. Dr.: Zur Beteiligung deutscher Gelehrter an der +Ausbildung von Gaskampfmitteln. In „Die Naturwissenschaften“, Heft 43. +1919. + +_Bernhardi_: La guerra dell’avenire. + +_Bircher_: Ueber den Gasangriff, Allg. Schweizer Militärzeitung 63. +1917. + +_Bradley_, Dewey, Colonel, Chemical Warfare Service: Production of Gas +defense equipment for the army. In „The Journal of Industrial and +Engineering Chemistry“, S. 185, März 1919. + +_Carr_: Bemerkungen über die Herstellung giftiger Gase in Deutschland. +In „Journal Soc. Chem. Ind.“ 38. 1919. + +_Cromwell_ and _Wilson_: Armies of Industry. Yale Univ. Press. + +_Dopter_, Professor, Paris: Vorlesung für Truppenoffiziere an der Ecole +supérieur de Guerre in Paris. + +_Dorsay_, M., Colonel: Development Division, Ch. W. S. U. S. A. In „The +Journal of Industrial and Engineering Chemistry“, S. 281. April 1919. + +_Devin_: Die deutschen Militärapotheker im Weltkrieg siehe Gemeinhardt. + +_Dyes_: Nordamerikas Rüstungen und das fünfte Jahr des Weltkrieges, +Chemiker-Zeitung, Cöthen 42, 1918. + +– Der Krieg der alliierten Chemiker gegen Deutsche und Neutrale. +Chemiker-Zeitung 44. 1920. + +_Engelhardt_, Dr.: Neuere Gesichtsmasken. In „Feuerschutz“ Nr. 1, 1924. + +_v. Falkenhayn_, Erich, General d. Infanterie: Die Oberste Heeresleitung +in ihren wichtigsten Entscheidungen 1914 bis 1916. Verlag E. S. Mittler +u. Sohn. Berlin 1920. + +_Feuville_, General: Les gaz à la guerre. In „La France Militaire“ vom +31. Januar 1922. + +_Flusser_: Einiges über Gaskampfschädigung. Wiener Klin. Wochenschrift +Nr. 15, 1918. + +_Flury_, F., Professor: Ueber Kampfgasvergiftungen I und II. In der +„Zeitschrift für die gesamte experimentelle Medizin“. 13. Band. Verlag +Jul. Springer, Berlin 1921. + +– und _Wieland_, H.: Ueber Kampfgasvergiftungen, ebendort. + +_Fries_, Amos A., Brigadier General, Chief of the Chemical Warfare +Service, U. S. A. In „The Journal of Industrial and Engineering +Chemistry“. 1919. Mai 1920. + +– and _West_, Clarence S. Major, U. S. A.: Chemical Warefare. Mc. Graw +Hill Book Company, New York 1921. + +– Vortrag, gehalten in der American Chemical Association, 1921. + +– In „The Infantry Journal“ S. 524. 1922. + +_Gemeinhardt_, K. Stabsapotheker: Hauptgasschutzlager und +Maskenprüfungsstellen. In Devin „Die deutschen Militärapotheker im +Weltkriege“. Verlag Jul. Springer. Berlin 1920. + +_Geyer_, H., Hauptmann: Die militärischen Grundlagen des Gaskampfes. In +M. Schwarte „Die Technik im Weltkriege“. Verlag E. S. Mittler u. 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Stockholm 1922. + +– Rökgranater. „Artilleri-Tidskrift“, Heft 1/2, S. 79 ff. 1923. + +_Ludendorff_, E.: „Meine Kriegserinnerungen“, Verlag E. S. Mittler u. +Sohn, Berlin 1919. + +– Urkunden der Obersten Heeresleitung über ihre Tätigkeit 1916-1918. +(Deutsche Dienstvorschriften.) + +_Meyer_, J., Professor: Die Entwicklung des Gaskampfes. +„Chemikerzeitung“, S. 353. Verlag Cöthen in Anhalt, 1920. + +– Die Entwicklungstendenzen der chemischen Industrie Frankreichs nach +dem Kriege. „Chemiker-Zeitung“, S. 13. 1924. + +_Mills_, I. E., Dr.: Chemical Warfare. In „The military Engineer“, +Juli/August-Heft 1922. + +_Moureu_, Charles, Professor: La Chimie et la guerre science et +l’avenir. Verlag Masson et Co., Paris 1920. + +_Nordmann_, Charles: La guerre de gaz et l’avenir. In „Revue de deux +Mondes“, vom 15. Januar 1922. + +_Norris_, James F., Late Lieutenant Colonel, Chemical Warfare Service U. +S. A. The Manufacture of War gases in Germany. 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Schwarte, „Die +militärischen Lehren des großen Krieges“, I. Auflage. Verlag Johann +Ambrosius Barth, Leipzig 1920. + +_Schleich_, Oberleutnant: Der Gaskampf. In „Schweizerische +Vierteljahreszeitschrift für Kriegswissenschaft“, Heft 3. 1920. +Gaskampfstoffe 250-270; 1921. + +_Schulze_ und _Otto_, Veterinäre: Das Militärveterinärwesen. In M. +Schwarte, „Der große Krieg 1914 bis 1918“, Die Organisationen der +Kriegsführung. II. Teil. Verlag Johann Ambrosius Barth. Leipzig 1923. + +_Schwarte_, M., Generalleutnant: Die militärischen Lehren des großen +Krieges, I. Auflage. Verlag Johann Ambrosius Barth. Leipzig 1920. + +– Die militärischen Lehren des großen Krieges, II. Auflage. Verlag E. S. +Mittler u. Sohn. Berlin 1923. + +– Der große Krieg 1914 bis 1918, Die Organisation der Kriegführung. II. +Teil. Verlag Johann Ambrosius Barth. Leipzig 1923. Der Gaskrieg. + +– Die Technik im Zukunftskriege. Verlag Offene Worte. Charlottenburg +1923. + +_Sillevaerts_, Capt. Médecin: Les gaz de combat. In „Bulletins Belges +des Sciences Militaires“, Heft 17-23. 1921. + +– Ce que nous devons craindre d’Allemagne. In „Bulletins Belges des +Sciences Militaires“, Heft Juli/September 1922. + +_Stegemann_, H., Professor: Geschichte des Krieges, Band III und IV. +Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin, 1919 und 1921. + +_Thorne_: The Riddle of the Rhine, The New York Times Book. Review and +Magazine, 1922. + +_Töpfer_, Oberst: Pionierwesen. In M. Schwarte, „Die militärischen +Lehren des großen Krieges“, I. Auflage. 1920. Gaskampf. Jahrbuch der +angew. Naturwissenschaften. Freiburg 1920. + +_Vautrin_, Commandant: La Protection individuelle française et allemande +contre les gaz de combat pendant la guerre de 1914 bis 1918, „Revue +d’Artillerie“, November/Dezember 1922. + +_Warthin_ and _Weller_: The Pathology of mustard gas. + +_Webster_, James, C., Oberleutnant im First Gas Regiment U. S. A.: The +First Gas Regiment. In „The Journal of Industrial and Engineering +Chemistry“, Juli 1919. + +_Weißenborn_, Dr., Marine-Oberstabsarzt: Gasgefahr bei der Marine. In M. +Schwarte, „Der große Krieg 1914 bis 1918“. Organisationen. II. Teil. +1923. + +_Winternitz_: The Pathology of War gas Poisoning 1920. Yale University +Press. + +*_Woker_, Gertrud: Der kommende chemische Krieg, R. Oldenbourg, Leipzig. + +Army and Navy Journal U. S. A., Nr. 44-51. 1922. + +Bureau of Mines U. S. A., Technical Paper, Nr. 82: Oxygen Mine Rescue +Apparatus and Physiological Effects on Uses. + +– Technical Paper, Nr. 248: Gas Masks for Gases met in Fighting Fires. + +Chemical and Metallurgial Engineering, August-Heft: 1919 und Heft 26. +1922. + +Chemiker-Zeitung, Deutsche. Verlag Cöthen in Anhalt. Gas als +Kampfmittel, Roth. Nr. 44, 1919. I. Jahrg. 1919, S. 365; II. Jahrg. +1920, S. 185; III. Jahrg. 1920, S. 353; IV. Jahrg. 1921, S. 110. Die +deutsche chemische Industrie. Angaben über die Produktion der Kampfgase. +43. 1919. Engl. Kriegsministerium: Zukunft der chem. Kriegsmittel. +44. 1920. Handgranaten mit Schwefelsäurefüllung. 44. 1920. +Senfgasherstellung. IV. 1920. + +Excerpt from statement: 1. of Major General William L. _Siebert_, +Chemical Warfare Service, Hearings on H. R. 5227 pp. 274-284, 18. Juni +1919; 2. of Lieutenant Colonel Amos A. _Fries_, Chemical Warfare +Service, on H. R. 5227 pp. 287-291, 18. Juni 1919. Veröffentlicht in +„The Journal of Industrial and Engineering Chemistry“, September 1919. + +Die deutsche Kriegsführung und das Völkerrecht, herausgegeben im +Auftrage des Kriegsministeriums und der Obersten Heeresleitung. Verlag +E. S. Mittler u. Sohn, Berlin 1919. + +Dräger-Hefte, Periodische Mitteilungen des Drägerwerks Lübeck. Heft 55, +56, 57, 58, 64/66, 69. + +Heerestechnik, herausgegeben von M. Schwarte. Nr. 12, 1923. + +History of the Great War. Medical Services. Diseases of the War. Printed +and published by His Majesty Stationery Office. London 1922. + +La Nature. Jahrgang 1922. + +L’Independance Belge, Les poisons sur les champs de bataille. Heft 234, +1922. + +Military Record, vom 24. November 1920. + +Science vom 2. Mai 1919. + +The Journal of Industrial and Engineering Chemistry. S. 9. 1919, 1920, +1921. + +The Literary Digest, Chemistry in the next War, vom 11. August 1923. + +The Royal Engineers Journal, Nr. 3, S. 195. The work of the Royal +Engineers in the European War. 1914 bis 1918. 1921. + +Tidskrift i Fortifikation (Svensk), Heft 1/2, S. 53. Gasskydd vid +permanenta befästningar. 1923. + +Zeitschrift für angewandte Chemie. Nr. 41, vom 23. Mai 1919, S. 331. Nr. +34, 1921. Ein Todesregen (Levisite). Nr. 33, S. 192, 1920. Ueber die +Anwendung von Gasen, 32, 1919. Herstellung und Geschichte des Senfgases, +IV, 1920. + +Zeitschrift für Veterinärkunde, Jahrg. 33. Berlin 1921. + +Deutsches Militärwochenblatt. + +Pharmaz. Zeitung, 67. 46; 14, 1. Schelenz, Gas- und Feuerkrieg und des +Apothekers Rolle auf diesem Gebiete. + +Zeitschrift für experimentelle Medicin, 1922, 35; 97-114. Ueber +Gaskampfvergiftungen. + +Revue Gen. des Sciences pures et appl. 31, 45. 1921. + +– 31, 50, 257. 30, 1920. Sektion des Explosifs et des gaz au labor. +Municipal. + +– Kornubert. – La guerre des gaz. + +Journal of the Royal Artillery v. 46, 1920. + +Journal of the Chemical Society v. c XV – c XVI. 1919. + +Journal of the Society of Chemical Industry v. XXXVIII. 1919. + +Chimie et Industrie, 1919. + +Revue Militaires Suisse, 1922. Jacques. – La sixième arme. + +– 1923. + +Revue du Génnie Militaire (France), Capitaine Olivier. – La guerre +chimique. + +Rivista ospedaliere, 1918, Nr. 1. Carelli. – Contribute alla conoscenze +dell’intoscicazione. + +Moniteur scientifique: Yperite. 9. 11. Juli 1919. + +Chemisches Centralblatt, 1921, IV. de Kap-Herr: Die gewerbliche +Herstellung des Yperits. Dichlordiäthylsulfit, III. 321. 1920. + +Zeitschrift für gesamte exp. Medizin. Berlin 1921. Springer. + +Liebigs Annalen der Chemie, 1923. B. 431. + +Special Libraries, Nov. 1919. New York. + +Rivista ospedaliere, 1918. Nr. 1. Carelli, – „Contributo alla conoscenze +dell’intossicazione da iprite ed in particolar modo del suo reparto +anatomo-patoologico.“ + +Folia Medica. 1918. Nr. 33. Franco. – „Gasi asfissianti.“ + +Journ. Leb. and Clin. Med. 1919. The clinical pathology of mustard gas. + +Annali di Medicine navale e coloniale. 1918 vol. II. Nr. 3-4. Rho. – +„Gasi asfissianti.“ + +Rivista di artiglieria e genie v. II. 1923. + +Medical Aspects of Mustard-gas Poisoning. 1919. + +Journal Phys. Chem. 24, 1920. + +Journal Pharmacol. 12 and 13. 1918, 1919. + +Journal Americ. Chem. Society, 41. 1919. + +Chemical and metallurgical Engineering. 1919. + +Journal of the Society of Chemical Industry. 1919. + +Comptes rendus de l’academie des Sciences. 1919. + + + + + Nachtrag + + +Bei Abschluß der Korrekturen erhalten wir die Nachricht von einem +Gaskampfreglement, wie es in der amerikanischen Armee bei der Bekämpfung +des „Mobs“ in Anwendung gebracht werden soll. („Anwendung von chemischen +Kampfstoffen in der Heimat“.) Der „Mob“ wird in verschiedene Stufen nach +seinem Kampfwert eingeteilt. („Mob I: Männer bewaffnet. Mob II: Männer +unbewaffnet. Mob III: Männer, Frauen, Kinder gemischt.“) Diesen +verschiedenen Wertigkeitsgraden entsprechen die verschiedenen chemischen +Kampfstoffe, Gaskonzentration, Gasmischungen, mit denen gegen den „Mob“ +vorgegangen wird. („Gegen Mob I: Giftgas. Gegen Mob II: Reiz- und +Tränengase, „Feld-Konzentration“. Gegen Mob III: Reiz- und Tränengase, +lediglich nur zur Panikerzeugung.“) Auch die Verwendung von Gas in +Verbindung mit Flugzeugen gegen den „Mob“ ist vorgesehen. („Sprengung.“) +Daß man unter „Mob“ die streikende und demonstrierende Arbeiterschaft +versteht, ist selbstverständlich. („Mit Gas kann man um die Ecke +schießen!“) Dieses Kampfreglement ist für uns ein wertvolles Dokument +der zynischen Sachlichkeit der amerikanischen Zivilisationsbarbarei und +zugleich auch ein einwandfreier Beleg für manche Stellen in unserem +Buch, die den naiven Leser vielleicht noch „utopisch“ anmuten. Der Titel +des amerikanischen Kampfreglements ist: „Instruction Book, Chemical +Warfare Service, U. S. Army“. Und zu beziehen durch: Supt. of Public +Documents, Govt. Printing Office, Washington, D. C. America. + + + + + Inhaltsverzeichnis + + + Seite + Einleitung 5 + 1. „Deutschland über alles ...!“ 11 + Episode aus den Novembertagen 1918. – „Deutschland + über alles ...!“ – „Lazarettpoesie.“ – Den + Veranstaltern patriotischer Heldengedenkfeiern + gewidmet. – Heilige Familie. – Das Trio. – + Menschen-Dreck. – Götter stürzen. – „Geh + Deinen Weg!“ – + 2. Die Erde platzt! 53 + Schlagwetterkatastrophe auf Zeche „Königin Luise“. + – Die „Majestät des Todes“. – „Was tut not!?“ + – „Lieber im Feuer der Revolution verbrennen + als –“. – + 3. „Friede auf Erden –“ 73 + Max Herse, ein junger Arbeiter, besucht eine + sozialdemokratische Versammlung. – Die + Befriedung der Welt ist da. Der Weltfrieden + scheint gesichert. Deutschland: die + Industriewerkstatt der Welt! – Zeitungsleser + im Café. Unheimliche Nachrichten. – Einiges + vom Studenten Peter Friedjung. – Max Herse und + seine Kollegen auf dem Heimweg. – + Klebekolonnen bei der Arbeit. – Schlafende + Menschen. – „Friede auf Erden.“ – + 4. Nur ein Traum 119 + Nur ein Traum ... – „Die neue Sintflut kommt von + oben und als Gift.“ – Liebe Erinnerungen. – + Der 21. April 1915: ein Wendepunkt in der + Kriegsgeschichte. Die Deutschen blasen in + Flandern, Frontabschnitt Bixschote-Langemarck, + gegen englische Stellungen Gas ab. – + Gasschießen, Gaswerfen. Eine Gastaktik + entwickelt sich. – Doch alles in allem: es + bleibt beim Experiment. (Diesmal noch.) – Und: + was gewesen ist, ist gewesen. Keiner denkt + mehr daran. – + 5. Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub 155 + Abkommandiert zum Gas-Dienst – Ein Kamerad von den + Luftstreitkräften. – Die Kriegsdebatte im + amerikanischen Offiziersklub. – Einige + wichtige Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den + imperialistischen Krieg. – Der Völkerbund + organisiert den Vernichtungskampf gegen die + Kommunisten im Weltmaßstab. „Vertilgt die + Kommunisten wie Ratten!“ – Mary Green auf dem + elektrischen Hinrichtungsstuhl. – + Generalstreik in USA. – Eine rote Zelle in der + amerikanischen Armee. GBRO: Geheim-Bund + revolutionärer Offiziere. – Es kann beginnen! + – + 6. Der erste Mai 201 + Ein Brief. – Sonne über Schweizer Bergen. – „Gebt + uns eine Partei!“ – Kommunisten. – Der erste + Mai: ein Weltkampftag. – Aufmarsch der + Vaterländischen Verbände. – Rote + Gegendemonstration. – Provokateure an der + Arbeit. – Ein Blut-Bad. – Am Abend des ersten + Mai. – + 7. Vom einzig gerechten Krieg 257 + Das „Neue Leben“. – Wie es im Himmel aussieht! Und + auf Erden ... – Gespensterlandschaft. – Vom + einzig gerechten Krieg. – Im Anfang war die + Arbeit. – Fleisch, Blut, Knochen. – Denen, die + in Ketten träumen! – Roter Marsch. – Gesang + der Welteroberer. – + 8. Sowjet-Europa entgegen! 301 + Prinzipielle Vorbemerkung zum letzten Kapitel. – + Kolonialwirren. – Die Kriegsgaswolke am + Horizont. – Arbeiter bewaffnen sich. – Was + bedeutet (CHCl=CH)3As? – Die + Farbstoff-Fabriken rebellieren. – Das + chemische Kampfstoffarsenal der USA. Edgewood. + – Der Sturm bricht los! – Der Kern der Sache. + – Abgefangene Radios aus Amerika. – + Nachrichten aus aller Welt. – Japans + werktätige Massen brechen ihr Sklavenjoch. – + Sowjet-Rußland marschiert. – Unsterbliche + Opfer. – Sowjet-Europa entgegen! – + Quellen-Nachweis 359 + Nachtrag 370 + + + + + Von Johannes R. Becher + sind bisher erschienen: + + Der Leichnam auf dem Thron + oder + Schlagt dem Krieg den Schädel ein + + Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten Berlin 1925 (von der + Oberstaatsanwaltschaft wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ + beschlagnahmt) + + Der Bankier reitet + über das Schlachtfeld + + Erzählung + + + Soeben erschienen im Agis-Verlag Wien + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere +Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): + + [S. 23]: + ... ganz zu deinem Vorteil.“ ... + ... ganz zu seinem Vorteil.“ ... + + [S. 85]: + ... Schwefel, Asa födita, Menschenkot, Menschenblut usw., das ... + ... Schwefel, Asa foetida, Menschenkot, Menschenblut usw., das ... + + [S. 164]: + ... über der diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, ... + ... über denen diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, ... + + [S. 169]: + ... würden, ob das hier Gehörte auch nicht für ihr Fach ... + ... würden, ob das hier Gehörte auch nicht für Ihr Fach ... + + [S. 223]: + ... gesammengehauen worden. Tote. Viele Verletzte ... ... + ... zusammengehauen worden. Tote. Viele Verletzte ... ... + + [S. 260]: + ... Pfaffen auf Arbermassacres abgerichtet. ... + ... Pfaffen auf Arbeitermasscacres abgerichtet. ... + + [S. 278]: + ... eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in Safran, ... + ... eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in Saffian, ... + + [S. 296]: + ... für den Revolutionär, wenn es schon sein muß, daß aus ... + ... für den Revolutionär, wenn es schon sein muß, das aus ... + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78251 *** diff --git a/78251-h/78251-h.htm b/78251-h/78251-h.htm new file mode 100644 index 0000000..7bf052a --- /dev/null +++ b/78251-h/78251-h.htm @@ -0,0 +1,24394 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> +<meta charset="UTF-8"> +<meta name="viewport" content="width=device-width, initial-scale=1"> +<title>Levisite | Project Gutenberg</title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <!-- TITLE="Levisite" --> + <!-- AUTHOR="Johannes R. Becher" --> + <!-- LANGUAGE="de" --> + <!-- PUBLISHER="Agis, Wien" --> + <!-- DATE="1926" --> + <!-- COVER="images/cover.jpg" --> + +<style> + +body { margin-left:15%; margin-right:15%; } + +div.frontmatter { page-break-before:always; margin:auto; max-width:35em; } +div.frontmatter .aut { text-indent:0; text-align:center; margin-top:0; + padding-top:1em; margin-bottom:1em; } +h1.title { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:1em; } +h1.title .line2 { font-size:0.8em; } +h1.title .line3 { font-size:0.5em; } +div.frontmatter .subt { text-indent:0; text-align:center; margin-bottom:3em; } +div.frontmatter .logo { margin-bottom:1em; } +div.frontmatter .pub { text-indent:0; text-align:center; } +div.frontmatter .cop { padding-top:4em; text-indent:0; text-align:center; + font-size:0.8em; } +div.frontmatter.epi { margin-top:0; padding-top:4em; } + +div.chapter{ page-break-before:always; } +h2 { text-indent:0; text-align:center; margin-top:4em; margin-bottom:1em; } +div.chapter h2 { margin-top:0; 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Becher +</p> + +<h1 class="title"> +<span class="line1">(CHCl=CH)<span class="sub">3</span>As</span><br> +<span class="line2">(Levisite)</span><br> +<span class="line3">oder</span><br> +<span class="line4">Der einzig gerechte Krieg</span> +</h1> + +<p class="subt"> +Roman +</p> + +<div class="centerpic logo"> +<img src="images/logo.jpg" alt=""></div> + +<p class="pub"> +Wien-Berlin 1926.<br> +Agis-Verlag +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter chapter"> +<p class="cop"> +Alle Rechte vorbehalten.<br> +Copyright by Agis-Verlag, Wien.<br> +Druck: „Peuvag“-Berlin, Filiale Hannover. +</p> + +</div> + +<div class="frontmatter epi chapter"> +<p> +„Ich kann nicht schweigen, denn ich will nicht +mitschuldig werden.“ +</p> + +<p class="attr"> +Zola +</p> + +<p> +„Ich sage mich los: von der leichtsinnigen +Hoffnung einer Errettung durch die Hand des +Zufalls; von der dumpfen Erwartung der +Zukunft, die ein stumpfer Sinn nicht erkennen +will ...“ +</p> + +<p class="attr"> +Clausewitz +</p> + +<p> +<span class="antiqua">De te fabula narratur.</span> +</p> + +<p> +Deine Sache, Leser, ist es, die hier verhandelt +wird! +</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="intro" id="part-1"> +<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> +Einleitung +</h2> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p class="sectiontop first"> +<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> +Hände weg! +</p> + +</div> + +<p> +Hände weg von diesem Buch, wenn Ihr damit, übersättigt +und bis zum tödlichen Erbrechen gelangweilt, +nur wieder einige Euerer müßigen Stunden totschlagen +wollt! +</p> + +<p> +Dem stinkenden Kadaver dieser Zeit flechte ich keine +Kränze. +</p> + +<p> +Das spannungslose Gesabber unserer offiziellen Poeten +befriedigt schon übergenug solche Bedürfnisse. +</p> + +<p> +Was heutzutage nottut: das ist Begeisterung, Kühnheit, +Todesverachtung der Einzelnen, Nüchternheit, +Zielsicherheit und Klarheit. Zusammenschluß, eine +untrennbare Einheit aller im Schweiße ihres Angesichts +Werktätigen. Dieser Zusammenschluß: das ist die große +Sprengmine, die Tag für Tag aufplatzt und deren +Sprenggänge die Fundamente dieser verrotteten Gesellschaft +eines Tags völlig unterwühlt haben werden ... +</p> + +<p> +Es handelt sich hier nicht um poetische Erfindungen, +phantastische Konstruktionen oder um Wahnbildungen. +Es handelt sich hier um Tatsachen, um Taten, um Ereignisse. +</p> + +<p> +Es geht um das, was ist. +</p> + +<p> +Es geht hart auf hart. +</p> + +<p> +Es geht um das, was gewesen ist. +</p> + +<p> +Es geht um das, was sein wird. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Dieses Buch ist sicher nicht Kind jenes Geistes, „der +über den Wassern schwebt“, es ist aus der Wirklichkeit +geboren, und es trägt, unverschminkt allen sichtbar, noch +deutlich das Zeichen dieser Marter-Hölle an sich. Auch +<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> +der Sprachkörper: stahlgrau, gehackt, rissig: die Gelenke +im Schmerzkrampf fest angezogen, die Arme an den +Schulterstücken schwer hängend: Hämmer, Aexte, Brecheisen. +Ein blutiges Muskelspiel zuckt ... Das ist nicht +der klassische wohlgepflegte Leib, nicht die parfümierte +Tanzpuppe der Biedermeierzeit noch der verträumte +Taugenichts der Romantik: es ist der mit Wundenlöchern +über und über ausgefüllte Dulderleib des werktätigen +Volks am Pfahl der Kreuzigung: mitten im +Qualm von Gasschwaden, von Staub, Rauch, Rußfetzen +umschleiert, umschwirrt von giftigen Aasfliegen – das +ist der Dulderleib des werktätigen Volks in jenem geschichtlichen +Zeitabschnitt, da er sich vom Kreuzstamm +losreißt, niedersteigt und das Gesindel seiner Peiniger +vor sich in die Knie zwingt ... Ein millionenstimmiger +Schrei, ein Aufruhr- und Klagelied, gesungen von +Millionen metallischen Feuerzungen. – +</p> + +<p> +Dieses Buch möchte, ein lebendiges Wesen, künftig +wieder selbst Anteil haben an den Kämpfen, deren +Blutzeuge es ist, selbst wieder mit im Feuer stehen, +und mit seinen Blutteilen noch röter färben die rote +Fahne, unter der es als ein Soldat der Revolution +dient. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es wird nur wenig von „Liebe“ die Rede sein. +</p> + +<p> +Dieses Buch ist ein Heldengedicht. +</p> + +<p> +Wo Millionen „Hunger“ schreiend – zuerst eine +formlose Masse noch, dann aber immer deutlicher Gestalt +gewinnend – sich herauf auf das Plateau der +Weltgeschichte bewegen: in der eisern gehackten Rhythmik +solcher Tage tönt auch die Stimme des Bluts als +Metall. Stirnen wölben sich gegeneinander, wie +<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> +gemeißelt aus Granit. Die Herztrommel wirbelt Kampftempo +und Marschtakt. Der Gedanke des kämpferischen +Menschen stößt vor in die Zukunft als Stichflamme. +Und ein anderer, als der, der einst du gewesen bist, +findest plötzlich nach Jahren du dich wieder, neu geboren +aus mörderischen Krisen, wie aus Schmelzglut. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Riesendurchbruchsschlacht jener Menschen-Armeen +in die Zukunft hat längst begonnen. Kampfplatz ist die +Welt. Dieses Terrain ist nicht mehr nach Nationen +oder Erdteilen abgesteckt. Alle Grenzpfähle der Welt +schlottern gespenstisch im roten Sturmwind, wie Vogelscheuchen +... Ueberall, wo Menschen im Arbeitsprozeß +untereinander verbunden sind, überall auf der ganzen +Erde, auch in den tiefsten Tiefen der Kolonien, gewittert +es ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Lernt kennen die Geschichte Europas, Europas am +Rande des Abgrunds! – +</p> + +<p class="center"> +Gewidmet der kommenden deutschen sozialen +Revolution! – +</p> + +<p class="date"> +<em>Berlin</em>, zum 4. August 1925. +</p> + +<p class="sign"> +Johannes R. Becher +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-2"> +<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> +<span class="firstline">1. Kapitel.</span><br> +„Deutschland über alles ...!“ +</h2> + +</div> + +<p class="ctoc"> +Episode aus den Novembertagen +1918. – „Deutschland über alles ...!“ – +„Lazarett-Poesie.“ – Den Veranstaltern +patriotischer Heldengedenkfeiern +gewidmet. – Heilige +Familie. – Das Trio. – Menschen-Dreck. +– Götter stürzen. – „Geh +deinen Weg!“ – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-2-1"> +<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> +<span class="firstline">I</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Es ist Herbst, November 1918, vier Uhr morgens. +</p> + +<p> +Die letzten deutschen Truppen ziehen über den Rhein. +</p> + +<p> +Gespenstische Nebelhaufen wälzen sich über den beiden +Rheinufern, die Wassermassen unter der Brücke flüchten +unterirdisch-rauschend und unruhig dahin, ein schwer beladener +Schleppkahn treibt darauf, schweigend, als ob er, +eine Sagengestalt der Vorzeit, durch einen uferlosen Traum +wandele. Nur die gotisch zerzackte Spitze des Kölner Doms +ragt stumpf aus einem Nebelloch, wie der Gipfel eines +gewaltigen Gebirgsmassivs. +</p> + +<p> +Das ferne gedämpfte Geläute des Doms fällt jetzt langsam +und zögernd auf die Erde nieder, ein schwerer metallischer +Tropfen ... +</p> + +<p> +Es war eine niedergekämpfte Kolonne Sturminfanterie, +der Rest eines einst stolzen deutschen Regiments, die, ohne +Schritt, dahintrottete: bärtig verwachsene Gesichter, knöcherige +Gestalten, mit zerfetzten und ausgeblichenen Uniformen +schlotternd behängt, in Mützen, barhaupt, der eine oder +der andere noch unter dem Stahlhelm, den vermoderten +und zerzausten Affen auf dem Buckel, die Gewehre, Mündung +nach unten, über die Schulter geworfen, und die zu +Skeletten abgemagerten Gäule vor der einzigen Feldküche +stolperten und knickten immer wieder von Zeit zu Zeit in +die Knie, gleichmütig sprang der Trainsoldat vom Bock ab, +die Kolonne stockte eine Weile, einige drückten sich links +und rechts vorbei am Wegrand, dann ein müder Peitschenknall, +die Gäule standen wieder wackelnd aufgerichtet, und +das Häuflein Soldaten setzte sich wieder in Marsch. +</p> + +<p> +Kein Kommando erscholl mehr. +</p> + +<p> +Kein Wort wurde gesprochen ... +</p> + +<p> +Doch kam es vor, daß der eine oder der andere sich plötzlich +mit einem jähen Ruck umwandte, mit einer blitzschnellen +Handbewegung nach dem Gewehrschaft griff, den Kopf +<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> +sonderbar lächelnd schüttelte und wieder den einen Fuß +vor den anderen tat, als ob es nie anders gewesen wäre +und als ob es auch gar nicht je anders sein könnte ... +</p> + +<p> +Vor zwei Tagen noch ... +</p> + +<p> +Einer rechnete nach: +</p> + +<p> +„Ja, das sind zweimal vierundzwanzig Stunden ...“ +</p> + +<p> +Also: frisch wie aus Schlamm gebacken aus dem Granattrichter +... +</p> + +<p> +Und das gigantische Schlachtorchester brüllte die Symphonie +der Trommelfeuer und der Stahlgewitter und der +Eisenorkane; forte, fortissimo; Gaswellen fluteten unsichtbar +geheimnisvoll heran; und nun gewitterte auch schon +über die stacheldrahtgezäunte, granatgepflügte labyrinthische +Ebene hinweg das Finale des Nahkampfes: der dumpfe +Knall platzender Handgranatenballungen in Erdhöhlen und +Felsunterständen, Menschenschreie, gurgelnd und wie +„Huhu“ dazwischen, und das Sicheln des Bajonetts ... +</p> + +<p> +Traum? Wirklichkeit? +</p> + +<p> +Denen, die hier in die Heimat zurückmarschierten, war +das Bewußtsein geschwunden, das Hirn leer, nur ein unbestimmter +Trieb drängte in allen ihren Gliedern sie mit +vorwärts; links, rechts, links, rechts; das Gesicht nach unten +auf den Boden niedergedrückt, dort, wo immer wieder zwei +Stiefelbeine hervorschnellten oder der Absatz des Vordermanns, +der fest in den Straßendreck hackte. +</p> + +<p> +Auch an eine Rast oder gar ans Abkochen dachte niemand. +</p> + +<p> +Marschierten sie durch ein Dorf, so schien es ihnen, als +wichen ihnen die Einwohner scheu aus dem Weg, kein Mensch +zeigte sich, alle Türen und Fenster waren fest verschlossen, +auch jetzt noch, da sie sich schon seit einem Tag bald auf +deutschem Boden befanden. +</p> + +<p> +Es wurde Morgen. +</p> + +<p> +Nein, es war kein englischer Tank, der plötzlich schnellwendig +aus den zerschleißenden Nebelschwaden hervorknatterte, +auch keine Flammenwerfer, die, flüssigen Phosphor +spritzend, ganze Ballen von verbranntem Menschenfleisch +durch die Luft wickelten; kein leichtes Infanteriegeschütz, +kein auffliegendes Munitionsdepot, auch kein +<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> +Flieger, dicht über der Erde mit MGs die Stellungen abstreichend +... +</p> + +<p> +Nichts, nichts mehr von alledem ... +</p> + +<p> +Weinberge waren es, Hügel, saubere Steinhäuschen darin, +Treppen und gut angelegte Pfade durch Weingelände hindurch, +Kirchturmspitzen blinkten. Mit ihren Stöcken stocherten +die Soldaten in den dahinkollernden Laubhaufen; es +war wirklich schönes, feuchtes rotbraunes Laub ... +</p> + +<p> +Doch die fieberig flackernden Augen der Soldaten suchten +von neuem den Boden ab, fanden sich nicht zurecht, stießen +sich und tasteten; man hatte sich schon daran gewöhnt, es +fehlte einem was; keine Leichname, keine abgequetschten +Arme, keine Rümpfe, die in der Hitze brodelten; auch nichts +von Offensivparfüm, das aus den von Granaten wieder aufgewühlten +Massengräbern dick aufstieg ... Rein und würzig +war die Luft, die Nebel verdampften sich nach oben ... +Einer pfiff schon vor sich hin, ein anderer summte leise im +Takt, allmählich bildeten sich wieder Reihen, fester und +immer fester hämmerte der Schritt und, ohne daß sie sich +dessen bewußt waren, marschierten sie durch das nächste Dorf +im Gleichschritt. Schon winkte man ihnen zu, Menschen +standen freundlich nickend zwischen Türen und Fenstern, und +da, als sie eben die letzten Häuser hinter sich hatten, brach +voll die Sonne durch. +</p> + +<p> +Zerfetzt und zersplittert hing die Nebelpest herum, die +Wipfel der Bäume schüttelten sich, daß der letzte Laubrest +an ihnen auseinanderstieb; riesige Feuerfarren blühten im +Weltraum die Sonnenstrahlen ... als ein Mann, ein +Landstürmer, in der Mitte des Zugs plötzlich mit tränenerstickter +Stimme ruft: +</p> + +<p> +„Kameraden! Seht: Sonne über Deutschland!“ +</p> + +<p> +Ein Trompetensignal bläst. +</p> + +<p> +Eine Trommel trommelt. +</p> + +<p> +Hundert Köpfe rucken hoch. +</p> + +<p> +Hundert Herztakte schlagen wieder. +</p> + +<p> +Und aus hunderten, von vielem Blut- und Pulvergeschmack +ausgedorrten Kehlen schluchzt der Gesang: +</p> + +<p> +„Deutschland über alles ...!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-2-2"> +<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> +<span class="firstline">II</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Auch Peter Friedjung, damals knapp zweiundzwanzig +Jahre alt, befand sich unter den Heimkehrern. +</p> + +<p> +Auch er stieß jetzt „Deutschland über alles“ hervor ... +</p> + +<p> +Mit dem Gesang „Deutschland über alles“ hatte zu Beginn +des Kriegs das Freiwilligenregiment List gestürmt, +mit dem Gesang „Deutschland über alles“ auf den Lippen +wurden die jungen Freiwilligen vom Trommelfeuer zu +einem Leichenbrei zusammengestampft. +</p> + +<p> +Fünfmal während des Krieges war Peter Friedjung für +„Deutschland über alles“ verwundet worden. +</p> + +<p> +Und nun!? +</p> + +<p> +Wäre ein Flieger der Rheingrenze entlang geflogen: er +hätte deutlich beobachten können, wie das acht Millionen +starke deutsche Feldheer, einer riesigen Schlammflut gleich, +in die Heimat zurücktrieb, wie die Massen der Armeen von +den Städten aufgesogen wurden und das Gewimmel der +Züge auf den geometrischen Figuren der Eisenbahnnetze +gegen das Hinterland zu sich langsam auflockerte und dort +schon wieder Zug auf Zug straff, in vollkommener Ordnung, +dahinrollte ... +</p> + +<p> +Am Abend kam die Kolonne, der Peter Friedjung angehörte, +drei Kilometer vor der Bahnstation an, wo sie +nach München verladen werden sollte. +</p> + +<p> +Ein Matrose, ein baumstarker Kerl, ein Mann in Zivil +mit einer knolligen Schnapsnase und einer in einer feldgrauen +Uniform, alle rote Binden um den Arm, kamen +ihnen am Dorfeingang entgegen und forderten sie auf, die +Waffen abzulegen. +</p> + +<p> +„Also ist es zur Tatsache geworden. Revolution!“ stellte +Kamerad Friedjung fest. +</p> + +<p> +„Hier in der Dorfschule ist der Arbeiter- und Soldatenrat.“ +</p> + +<p> +Die Heimkehrer sahen sich unschlüssig an. +</p> + +<p> +Aber man ließ ihnen nicht lange Zeit zum Ueberlegen. +</p> + +<p> +Eine schwerbewaffnete Abteilung Rotbinden erschien. Die +Kolonne wurde ohne weiteres entwaffnet. +</p> + +<p> +<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> +Zum erstenmal hörte man wieder etwas über die Vorfälle +in der Heimat. +</p> + +<p> +„Das Heer hat teilweise gemeutert. Straßenkämpfe. Der +Kaiser geflohen. Neue Regierung. Die Sozialisten ...“ +</p> + +<p> +In die Sprache eines Deutschen übersetzt, schloß Peter, +bedeutet das: äußerlich hat die Entente gesiegt und damit +also offenbar innerlich: der Unglaube, die Vaterlandslosigkeit, +die Pöbelherrschaft, die Anarchie. +</p> + +<p> +Auf der Straße vor der Bahnstation waren größere +Truppenteile versammelt, alle ohne Offiziere, von denen +es hieß, sie hätten sich schleunigst in Zivil aus dem Staub +gemacht. +</p> + +<p> +Die „Internationale“ wurde gesungen, Soldaten standen +Arm in Arm, alle hatten sich die Kokarden und die Achselstücke +abgerissen ... Von Zeit zu Zeit hielt einer, auf den +Schultern seiner Kameraden sitzend, eine Rede, dann schrieen +sie alle: „Hoch! Hoch! Nieder! Nieder!“ +</p> + +<p> +Die Kameraden, mit denen Peter zurückgekehrt war, +waren nicht mehr aufzufinden. +</p> + +<p> +Er stand mitten in dem Tumult allein. +</p> + +<p> +Er wußte jetzt überhaupt nichts mit sich anzufangen. +</p> + +<p> +Er wiederholte sich noch einmal, was er während des +Kriegs alles von der revolutionären Bewegung gelesen und +gehört hatte. +</p> + +<p> +Da kannte er natürlich dem Namen nach Karl Liebknecht, +diesen hundsföttischen Vaterlandsverräter, wie ihn immer +die Offiziere bei ihren Sektgelagen im Kasino tituliert +hatten, von dem man erzählte, daß er steinreich sei, eine +Unmenge Häuser besitze und von der Entente bestochen sei, +um dem deutschen Volk die Kriegskredite zu verweigern ... +„Und die anderen, die werden auch kaum besser sein, Parasiten +unserer Niederlage, individuelle Nutznießer des Volksunglücks, +Kreaturen, die nur im Augenblick der vollkommenen +Verwirrung, Ohnmacht und Wehrlosigkeit eines +Volks zu Wort kommen und sich leider auch, bei der Dummheit, +Gutgläubigkeit und politischen Ungebildetheit des +Deutschen, Gehör verschaffen können.“ +</p> + +<p> +<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> +Und scharf in jeder seiner grauenvollen Einzelheiten +tauchte in Peters Gedächtnis jener Morgen auf, der Beginn +eines der gewaltigsten Großkampftage, den die Westfront +je gesehen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Massenfeuerüberfall war beendet. +</p> + +<p> +Die Sturminfanterie ging zum Angriff vor. +</p> + +<p> +Von Stellung zu Stellung. Ein einziges Kraterfeld war +nurmehr das feindliche Gräbensystem, schon hatten die +Infanteriewellen ein großes Loch in die feindliche Front +hineingefressen, und „nun mit den Engländern ins Meer“ +jubelten, ihres gelungenen Durchbruchs sicher, die verschiedenen +Regimenter der verschiedenen deutschen Stämme sich +zu, schon wurde der Befehl erteilt: „Kavallerie vor!“ ... +da setzte unerwarteterweise eine Reservedivision Kanadier +zum Gegenstoß an, und – das Sperrfeuer der eigenen +Artillerie blieb aus, alle Gewehr-, Handgranaten- und +Maschinengewehrmunition war verschossen, keine Hilfe weit +und breit, kein einziger Schuß krachte, nur die feindliche +Artillerie hieb mit den schwersten Brocken herein, Staubsäule +um Staubsäule dampfte hoch, und ein zäher entsetzlicher +Bajonett-, Messer-, Spaten- und Würgkampf begann, +Mann gegen Mann, bis am Abend die deutschen Truppen +gezwungen waren, die eroberten Positionen Schritt um +Schritt und unter den ungeheuersten Verlusten aufzugeben, +und die Lücke in der feindlichen Front wieder restlos geschlossen +war. +</p> + +<p> +Noch in derselben Nacht wurde bekannt: +</p> + +<p> +Die Munitionsfabriken im deutschen Vaterland streiken. +Die Artilleriemunition im ganzen Frontabschnitt ist zu +Ende. Das Messer zwischen die Zähne, heißt es jetzt, und +mit den blanken Leibern die Front, wenn sie wo einreißen +sollte, gestopft ... Auf keinen Artillerieschuß sei für die +nächsten Tage zu rechnen ... +</p> + +<p> +Ein wilder Racheschwur schoß aus den Herzen der Frontkämpfer +hoch; die Finger reichten keinem, die Zahl der ihm +lieben Kameraden, die er heute verloren hatte, abzuzählen; +<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> +wutentbrannt zerstampften manche die Pakete mit Liebesgaben +und drohten mit schreckensverzerrten Gesichtern: +</p> + +<p> +„Dolchstoß von hinten! Na, wartet nur, wenn wir zurückkommen! +Da werden wir gründlich mit diesem schmierigen +sozialistischen Gesindel aufräumen ...“ +</p> + +<p> +Doch das war bald vergessen. Die meisten wurden, wie +es Peter wenigstens damals schien, selbst bald Handlanger +dieses sozialistischen Gesindels, machten schlapp, knurrten, +und die Erschießung von mißliebigen Offizieren von hinten +kam immer häufiger vor ... Selbst tagelanges Baumanbinden +gegen Insubordination und einzelne Füsilladen +nützten nichts ... Die moralische Auflösung der deutschen +Front begann ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Eiskalt vor innerer Erregung, mit haßerfüllten Augen +blickte Peter auf seine Umgebung. +</p> + +<p> +„Pack schlägt sich, Pack –“ +</p> + +<p> +„Nein, wir hätten die Waffen nicht –“ +</p> + +<p> +Doch auch die Treuesten und Zuverlässigsten hatten sich +bereits in die Mauselöcher verkrochen. +</p> + +<p> +Wieder rauschte ein Zug vorbei mit Hurras und vielen +roten Fahnen ... +</p> + +<p> +Ein pockennarbiger krummgewachsener Zivilist trat auf +Peter zu, riß ihm die Kokarde ab: „Aas!“ +</p> + +<p> +Peter stand wie gelähmt, lächelte und stotterte etwas. +</p> + +<p> +Der andere war schon fort. +</p> + +<p> +Dann preßte er zwischen den Zähnen hervor: +</p> + +<p> +„Hunde! Schweine! Lügner! Ihr gottsjämmerlich +erbärmlichen Schufte ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Herbststurm fegte. Die Dächer auf den Häusern +klapperten. Zu einem Skelett kahl gefressen war rings die +Welt ... +</p> + +<p> +„Eine feste Burg ist unser Gott!“ +</p> + +<p> +Dieser Choral dröhnte mächtig auf in ihm, von Tausenden +von Glockenspielen umläutet, in wunderbaren Klangspiralen, +<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> +und hoch die Sterne glänzten, das Firmament wölbte sich +in raumlosen unbegrenzten Schleifen und Kurven, und +sprühte ... War das nicht der Abglanz von Gottes Angesicht, +jenes myriadenäugigen Gottes, des allfühlenden, +des allerkennenden, jener Abglanz von Gottes Angesicht, +der den Abgrund, der die Welt hieß, mit einer schimmernden +firnisartigen Schicht überzog, mit dem Glanz der Verklärung, +der dieses diesseitige Jammertal überhaupt erst +für den Menschen erträglich machte? Jenes Gottes, dessen +Atem gleich Ebbe und Brandung war, dessen Sekunde ein +Tausend Menschenjahre in sich faßte und in dessen Allmacht +es stand, die allerhöchsten Bergmassive, die es auf der +Menschenerde gab, leichthin wegzublasen wie ein Sandkorn!? +Das Meer, alle die großen und kleinen Ozeane, +wären nicht mehr gewesen als nur ein einziger Schluck in +der Schale der göttlichen Hand. Und war nicht die ganze +Welt ein einziges Riesenorgelwerk, rühmend des Ewigen +Ehre, eine jede Kreatur ein besonderes Register darin, +darauf der Schöpfer des Weltalls, der Schöpfer der heiligen +Ordnung aller Wesen und Dinge, spielte, er, das Urbild +aller Geschaffenheit, große, kühne, erhabene Akkorde, auch +schrille Dissonanzen darunter, doch nur dazu da, um am +Ende in einem desto gewaltiger schwellenden Halleluja sich +aufzulösen ...! +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Eingepfercht zwischen durch und durch verlausten und +völlig verwahrlosten Mannschaften, die zynisch auf Gott, +Kaiser und Vaterland fluchten, rollt Peter der Heimat zu. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-2-3"> +<span class="firstline">III</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Peter fand seine Eltern zu Hause in niedergedrückter +Stimmung. +</p> + +<p> +Zwar hing ein Kranz mit „Willkommen“ und schwarzweißroter +Schleife über der Tür, aber die ausgeweinten +Augen der Mutter verrieten ihm, daß sie schon viele Tage +und Nächte hindurch an einem Wiedersehen mit dem Sohne +gezweifelt hatte. +</p> + +<p> +<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> +„Da ist er ja!“ umarmte ihn der Vater. „Nun also doch! +Als ein tapferer deutscher Held bist du uns wiedergeschenkt. +Du hast dich auch rein gehalten, das seh ich dir an. Flecken- +und makellos hast du dir das Schild deiner Ehre erhalten. +Und das eiserne Kreuz! Nun kann ich mich beruhigt +sterben legen ... Welch eine Freude!“ +</p> + +<p> +„So, Peter, gut so, daß du wieder da bist!“ begrüßte ihn +die Mutter, die indeß weißhaarig geworden war und eine +gebückte Haltung hatte. +</p> + +<p> +„Nun ruh’ dich aus! Der Krieg ist ja zu Ende.“ +</p> + +<p> +Dies sagte sie in einer merkwürdig singenden Sprache, +in einem Tonfall, den Peter bisher noch nie an ihr wahrgenommen +hatte. +</p> + +<p> +Peter schwieg. Er stand da, mitten im Zimmer, den +Stahlhelm noch immer unterm Arm. Er hatte Tränen in +den Augen. +</p> + +<p> +Aber das, wie es die Mutter gesagt hatte, klang so, +als ob der Krieg garnicht zu Ende sei, nie auch zu Ende +sein könnte, als ob er weitergehe, und nur ein Schlachtfeld +mit dem anderen sich vertauscht habe, vielleicht sogar: +Volksgenosse gegen Volksgenosse. Nach den letzten Ereignissen +zu schließen: ja, vielleicht sogar mitten in Deutschland: +der Muskel gegen den Nerv, Sehne wider Sehne, das +Mark eines Volkes gegen das Mark, das Herzinnere gegen +das Herzinnere ... +</p> + +<p> +Klang es nicht so, was die Mutter gesagt hatte, als ob +man überhaupt nie zu Ende kommen könne damit, als ob +dieser Krieg nur ein Vorspiel, ein harmloses sogar, gewesen +sei, und als ob die Rückkunft ins Elternhaus für +Peter auch nur eine kurzbemessene Rast sei, um bald darauf +wieder ... +</p> + +<p> +Als ob der Krieg sei wie ein Strom ... Nun, da Frieden +ist, fließt unsichtbar er dahin, unterirdisch, überschüttet von +irrnisblendendem Gestein, um auf einmal aber, denen nur +unerwartet, die das Bewegungsgesetz des Stromverlaufs +nicht kennen: stäubend, gurgelnd, strudelnd auf die Erde +wieder hervorzubrechen. +</p> + +<p> +<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> +„Nein, der Krieg ist nicht zu Ende!“ schrie es in Peter +innerlich auf, als er seiner Mutter in die Augen sah, in +die angstverzerrten, kümmernisstumpfen Augen. „Der +Frieden, das ist ja ein ganz ungeheuerer Betrug, eine Art +Betäubungsmittel, Beruhigungspulver ... Der Krieg hat +begonnen, um nicht mehr zu enden. Seuchenisolierbaracken, +Lazarette, ja so, genau so wie ich sie gesehen und erlebt +habe: weiterbauen werden die sich durch den ganzen Weltraum +hindurch ... Jetzt schläft er; der Krieg hat sich ein +wenig nur hingelegt, um zu schlafen; der Krieg, hört ihr es, +schnarcht. Der Krieg schläft seinen Blutrausch aus ... +Dann steht er wieder auf, frisch, kräftig, hungrig, unersättlich, +wie er ist, schwingt sich in die Lüfte, fliegt! fliegt! +fliegt! Ja, fliegen wird er diesmal und einen giftigen +Samen niederstreuen, Giftgas, Samen: Gas, Gas, Gas ... +Und aufgehen wird dieser Samen, ein entsetzliches Geschwür +in jeder Menschenbrust, als brandiger, blasenziehender Aussatz +über der ganzen Hautfläche, als eine Wucherung, die +wüsten Wahnwitz in jedem Gehirn zeugt ... Welch eine +Tiefen-Wirkung! Tod wird er ernten in Hülle und +Fülle ... +</p> + +<p> +„Wer aber ist der Krieg!?“ +</p> + +<p> +„Die Menschen!?“ +</p> + +<p> +„Und welcher Art Menschen sind es!?“ – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Nach Tisch stand der Vater auf, zog sich an und fragte +Peter: +</p> + +<p> +„Kommst du mit zum Trio!?“ +</p> + +<p> +Mit einem Blick auf die Mutter sagte Peter zögernd +ja ... +</p> + +<p> +Auf dem Hinweg begann der Vater: +</p> + +<p> +„Du weißt doch Peter, daß du nicht den Oberstudienrat +Dr. Reuchlin nach seinem Sohn fragen kannst. Das ist +ein wunder Punkt. Nicht daran rühren! Der alte Mann +ist zu bedauern. Man muß sehr taktvoll und zurückhaltend +sein. Schrecklich, so ein Schicksal.“ +</p> + +<p> +Peter nickte nachdenklich. +</p> + +<p> +<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> +„Das war doch ein wunderbar prächtiger Bursche, der +junge Reuchlin, ich verstehe das nicht ...“ +</p> + +<p> +„Ja, mir ist das auch ein Rätsel. Geistige Umnachtung +unter Umständen, Verwirrtheit wahrscheinlich. Anders ist +das nicht zu erklären ... Und welche Sorgfalt in der +Erziehung hat er seinem Jungen angedeihen lassen ... +Merkwürdig, wie ein Mensch so aus der Art schlagen +kann ...!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Am Trio, das regelmäßig einmal in der Woche in der +prächtig ausgestatteten Achtzimmerwohnung des unverheirateten +Dekan Lampert stattfand, nahmen teil die Herren +Fabrikbesitzer Joachim Hellmer, Oberstudienrat Dr. Reuchlin +und Peters Vater, der Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung. +</p> + +<p> +Diesmal waren noch zugegen als Gäste Oberstleutnant +Hugenberg, Emil Freywolf, Redakteur einer größeren +liberalen Tageszeitung, Kriegsberichterstatter, und ein gewisser +Paul Bratz, der in der Gesellschaft als eine ausgesprochene +Abenteurernatur galt, früher Leutnant der +Schutztruppe, während des Krieges aber dauernd aus dem +Heer wegen chronischer Trunksucht beurlaubt; er lungerte +in dieser Zeit in allen Sanatorien Deutschlands herum +und interessierte sich für Frauenjagd. +</p> + +<p> +Die Gesellschaft war schon versammelt, als Dr. Friedjung +und sein Sohn eintraten. +</p> + +<p> +Die meisten Herren kannte Peter schon. +</p> + +<p> +„Und wie er sich verändert hat! Mein Sohn, viel männlicher, +ganz zu <a id="corr-4"></a>seinem Vorteil.“ +</p> + +<p> +Breit und behäbig, wie ein Luther-Standbild, pflanzte +sich der Dekan vor Peter auf. +</p> + +<p> +„Na ja, der Krieg ist der beste Lehrmeister! Da sehen +Sie mal wieder! Gott hat seinen Anteil daran. Gott hat +gewollt, daß gerade wir dieses Gericht vollziehen sollen, +und die Reinheit des sittlichen Gewissens ist auf unserer +Seite. Wie der Ausgang des Krieges in Uebereinstimmung +mit dieser Tatsache zu bringen ist: Gottes Rat ist unerforschlich. +<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> +Wahrscheinlich haben sich große Volksteile Deutschlands, +vor allem die unteren Schichten, an die Arbeiterbevölkerung +der Industriebezirke denke ich da vor allem, +noch nicht als genügend geläutert für diese göttliche Aufgabe +erwiesen. Wir gehen schweren Zeiten entgegen. Doch die +Jugend gehört uns und damit die Zukunft, und wenn die +ganze Jugend Deutschlands aus lauter Friedjungs bestünde: +dann, dann kann Deutschland nicht untergehen ... Nun, +mein Sohn, nimm Platz ...“ +</p> + +<p> +Noch einen Augenblick verharrte der Dekan bei seinem +Augenaufschlag. +</p> + +<p> +„Nun, habe ich es nicht immer gesagt, den preußischen +Leutnant macht uns so leicht niemand nach ...“ +</p> + +<p> +Herr Bratz holte das verborgene Monokel hervor und +klemmte es fest. +</p> + +<p> +Landgerichtsdirektor Friedjung bedankte sich nach allen +Seiten hin für die Gratulationen. +</p> + +<p> +Nur dem Oberstudienrat Dr. Reuchlin drückte er stumm +die Hand. +</p> + +<p> +„Wird schon wieder werden ... Nur Kopf hoch! Mut ...“ +</p> + +<p> +„Ein Junge mit solcher Begabung wie der Ihre, Herr +Landgerichtsdirektor ... ich schlage vor: Bankfach. Das ist +heute noch am aussichtsreichsten ...“ +</p> + +<p> +Der Fabrikbesitzer fand allseitige Zustimmung. +</p> + +<p> +„Ich wäre natürlich auch bereit, ihn bei mir unterzubringen +... Ich brauche absolut zuverlässige, gegen jedes +Streikgelüste immune Leute, heutzutage mehr denn je ...“ +</p> + +<p> +Inzwischen hatten der Redakteur, der Oberstleutnant, +Herr Bratz, eine Gruppe gebildet. +</p> + +<p> +„Richtig so, ganz so ist es, wie Sie sagen: Der Krieg ist +nicht nur ein notwendiges Element im Völkerleben, sondern +auch ein unentbehrlicher Faktor der Kultur, ja die höchste +Kraft und Lebensäußerung wahrer Kulturvölker.“ +</p> + +<p> +Der Oberstleutnant ergänzte begeistert den Redakteur: +</p> + +<p> +„Nicht nur eine biologische Notwendigkeit, sondern auch +eine sittliche Forderung und als solche ein unentbehrlicher +Faktor der Kultur ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> +„Meine Herren! Lassen Sie sich schildern, wie die Zivilisation +in den Kolonien vor sich geht. Wir brauchen Kolonien, +das ist eine Lebensnotwendigkeit für das deutsche +Volk. Kolonialarbeit ist aber notwendigerweise Blutarbeit +und durchaus durch die Verdrängung des Heidentums durch +das Christentum gerechtfertigt. Wir sind immer mal wieder +gezwungen, da unten einen großen Kehraus mit den Schwarzen +zu machen. Selbst Ausrottung ganzer Stämme mitsamt +ihren Stammsiedelungen sind dabei leider Gottes nicht zu +vermeiden ... Kultur! Kultur! ... Und überdies zum +vorigen Thema: Sie haben ja die Ermordung des österreichischen +Thronfolgers gestreift: ich sage: wenn je ein +Blutopfer eine befreiende, eine erlösende Wirkung gehabt +hat, so war es dieses ...“ +</p> + +<p> +Die Gruppe löste sich wieder auf und schloß sich der allgemeinen +Diskussion an. +</p> + +<p> +„Im übrigen: meine Ansicht ist die: die Sozialdemokraten, +mag man gegen sie haben was man will, die müssen +jetzt die Sache schmeißen. Wir müssen uns auf eine Politik +auf lange Sicht einrichten ... Unsere Zeit kommt! Abwarten +...“ +</p> + +<p> +Bratz widersprach energisch dem Fabrikanten. +</p> + +<p> +„Nein, nun ganz und gar nicht.“ Er sprach von illegalen +Organisationen, Attentaten, Verschwörerklubs, Kampftrupps, +die sofort aus den aktivsten, zuverlässigsten vaterländischen +Elementen gebildet werden müssen, um den +Novemberverbrechern energisch auf den Leib zu rücken ... +„Wie Sie sehen: die Arbeiterschaft ist in zwei feindliche Lager +geteilt. Die Sozialisten werden nicht umhin können, im +Kampf gegen die Spartakisten sich unserer Hilfe zu bedienen, +wir werden und müssen uns diese Dienste so teuer +wie nur möglich bezahlen lassen ... Der Mohr hat seine +Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen ... So wird man +uns nicht abfinden. Nie und nimmermehr ...“ +</p> + +<p> +„Meine Herren, streiten wir nicht! Ich bin für zwei +Eisen im Feuer!“ vermittelte der Dekan. „Auf legale Art +und auch die Vorschläge des Herrn Bratz dürfen wir nicht +ganz und gar außer acht lassen ... Dem Volk muß die +<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> +Religion auf jeden Fall erhalten bleiben. Denn nicht auf +Gescheitheit oder Dummheit des Einzelnen kommt es an, +sondern auf die Erlösung der Seele. Was für den Einzelnen +gilt, gilt auch für das Ganze. Einkehr, innere Wandlung, +das ists, was vor allem not tut.“ +</p> + +<p> +Nun sprach auch Peters Vater: +</p> + +<p> +„Die Hauptsache ist, daß die Staatsautorität erhalten +bleibt. Ich meinerseits habe bei den Sozialdemokraten seit +Kriegsbeginn nichts gelesen, was der Lehre von der Unantastbarkeit +des Staates zuwiderliefe. Im Gegenteil, ihre +Partei hat sich während des Krieges ihre nationale Vergangenheit +geschaffen! ... Und meine Herren, die Staatsform +kann uns doch schon wirklich ganz egal sein, auf den +Inhalt kommt es an.“ +</p> + +<p> +Der Oberstleutnant fiel ihm ins Wort: +</p> + +<p> +„Allerdings, jetzt heißt es Schritt für Schritt, so zäh wie +nur möglich, unsere Positionen verteidigen, die Sozialdemokraten +regieren lassen, heimlich ihre Regierung infamieren +und sie so in den weitesten Volkskreisen unmöglich machen, +und zwar ein für allemal, um dann, wenn so der Staatsapparat +relativ intakt in unserer Hand bleibt, eines Tages, +wohlbemerkt, ich rechne mit Jahren, zum Generalangriff +überzugehen ... Meine Herren! Man kann die Erfahrungen +des Krieges auch auf den Frieden anwenden ... +Jedenfalls, eine Voreiligkeit, eine zu frühe öffentliche Preisgabe +unserer Entschlüsse könnte uns teuer zu stehen kommen. +In diesen Tagen der roten Hochflut wird auch der geringste +taktische Fehler, meine Herren, mit Blut bezahlt ...!“ +</p> + +<p> +„Es ist schon so!“ bestätigte auch der Oberstudienrat +Dr. Reuchlin, „man muß mit den Wölfen heulen. In +unserem Herzen sind und bleiben wir Monarchisten, jawohl. +Aber in der Praxis könnte es sogar unter Umständen +möglich sein, daß wir uns mit der Republik abfinden. Wer +will prophezeien, es könnte gar der Tag kommen, wo wir +die treuesten Stützen der Republik sind ... Spotten Sie +nicht, schütteln Sie nicht ungläubig die Köpfe ...“ +</p> + +<p> +„Oh!“ rief pathetisch Bratz dagegen ... „wenn der Schicksalstag +naht, und wäre über uns Ragnarök, die Götterdämmerung +<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> +verhängt, dann lieber in tobender Schlacht als +in schleichendem Siechtum ...“ +</p> + +<p> +„Auch ich finde, Dr. Reuchlin, das klingt bedenklich nach +Kant,“ philosophierte jetzt der Dekan. „Also Monarchie +wäre demnach die einzige rationelle Staatsform, aber +sozusagen nur als ein Postulat der praktischen Vernunft, +deren Verwirklichung zwar nie erreicht wird, deren Erreichung +aber stets als Ziel angestrebt wird und in der +Gesinnung festgehalten werden muß ... Auch christlich +terminologisch ließe sich das ausdrücken ...“ +</p> + +<p> +„Meine Herren,“ knurrte jetzt der Oberstleutnant dazwischen, +„ich finde, das Gespräch führt uns jetzt zu weit +ab ... Besser ist: wenig davon sprechen. Immer daran +denken ...“ +</p> + +<p> +„Jawohl, auf die Tat kommt es an,“ schloß Bratz ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Landgerichtsdirektor saß am Flügel. +</p> + +<p> +Der Fabrikant stimmte die Violine. +</p> + +<p> +Oberstudienrat Dr. Reuchlin bediente das Cello. +</p> + +<p> +„Wir haben das letztemal Beethoven geübt. Wir wollen +sehen, was davon hängen geblieben ist.“ +</p> + +<p> +Das Trio begann. +</p> + +<p> +Der Landgerichtsdirektor zählte den Takt mit ... +</p> + +<p> +Verstreut saßen der Redakteur, der Oberstleutnant, der +Dekan, Bratz und Peter im Zimmer herum. +</p> + +<p> +Der Dekan dachte an die Sonntagspredigt. Man mußte +vorsichtig sein und alles in Gleichnissen ausdrücken; auch +machte ihm die Möglichkeit einer Abtrennung von Kirche +und Staat einige Sorgen. Für die Predigt am kommenden +Sonntag suchte er noch immer den passenden Text. Er war +bekannt dafür, daß er so ergreifend sprach, daß die Leute +weinten ... Da fiel ihm jenes berühmte Pauluswort ein: +„Und hättet der Liebe nicht ...!“ In der Tat vortrefflich. +Er zog ein Notizbuch und skizzierte die Disposition. Natürlich +Liebe, Liebe und nochmals Liebe: Christentum und +Sozialismus, Sozialismus und Christentum: nur zwei verschiedene +Ausdrücke für im Grunde ein und dasselbe. Versöhnend +<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> +wirken! Und zu was Besserem könnte man auch +in solchen Zeiten ermahnen, als zur Liebe, innerer Einkehr, +Arbeit an sich selbst; die Staatsform und die äußeren sozialen +Fortschritte erst in zweiter Linie. Der Mensch ist die +Hauptsache, der innere Mensch, auf das Seelenheil des +Menschen kommt es an ... Und die Klänge des Trios +beschwangen ihn: er notierte fieberhaft, und als die Herren +mit einem wunderbaren <span class="antiqua">piano pianissimo</span> geschlossen +hatten, wobei besonders die Violine ergreifend zur Wirkung +kam, sprang er freudigst erregt auf: +</p> + +<p> +„Danke, meine Herrn! Hier meine Sonntagspredigt! +Vortrefflich gelungen ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Peter hatte während des Konzerts allerlei groteske Einfälle. +</p> + +<p> +„Das Frontschwein badet im Konzert!“ Oder, „Ohrenschmarrenschmaus“ +und „Sonntagspredigtbraten“, „Ragout +aus sanftlebigem Oberkonsistorialrat-Fleisch“ usw. Auch +betrachtete er geradezu mit einem wollüstigen Ingrimm den +Herrn Bratz neben sich, diese beständig nervös grimmassierende +Monokel-Fratze ... +</p> + +<p> +Aber auch der Journalist war nicht müßig geblieben. +</p> + +<p> +In seinem Gehirn stand schon der Leitartikel „Vom neuen +Zeitgeist“ fix und fertig. Hier waren die Sünden und vielen +Fehlerhaftigkeiten des alten vergangenen Regimes scharf +und präzis kritisiert, dann aber auch das Gute, Edle und +Wahre vergangener Zeiten sorgfältig und liebevoll dargestellt, +das es nun weiter zu pflegen und zu hegen gelte, und +am Schluß war als Bilanz die beschwörende Formel gegen +den Bolschewismus und gegen die alle geistigen und sittlichen +Kulturwerke bedrohende Anarchie angebracht. Einige Berichte +Reisender aus Rußland, Greuelszenen voll phantastischer +Anschaulichkeit waren nicht ungeschickt eingeflochten +und vor allem volltönend und warnend zugleich war die +Stimme, die er für die Unantastbarkeit des Privateigentums +erhob. +</p> + +<p> +Bratz dagegen döste zwischen „Farbenklavier-Klavilux“, +„Sonnenmaschine“ und der „Wirkung des Grammophons +<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> +auf Neger“ dahin und dachte dann konzentriert an Lucie, +ein Rasseweib, Kellnerin in einer Bar, und wie man Geld +auftreiben könne, die Weiber kosten Geld, das ist eine alte +Sache. Vielleicht gehts mit einem Spielklub, der vaterländische +Verschwörerklub, dem er auch nebenbei angehörte, +war noch nicht recht in Schwung, die Geldgeber zogen noch +nicht, doch was nicht ist, kann immerhin allemal noch +werden ... +</p> + +<p> +Der Oberstleutnant gab sich willig der Musik hin. +</p> + +<p> +Zwar Marschmusik ist es nicht, überlegte er, auch reizen +Blasinstrumente nicht so sehr zum Träumen. Aber Kunst +ist es, erhaben und großartig. Nur die Künstler, das ist +eine andere Sache ... Gegenüber dem undisziplinierten +Beethoven da war doch Goethe ein ganzer Kerl ... Und +dann bemerkte er unwillig, daß er Zivil trug. Die schöne +alte Uniform. Vielleicht werde ich es noch einmal erleben: +Sonnenglanz, die Brust voll Orden, die Straßen zur Parade +abgesperrt ... schon dröhnt der Stechschritt ... +</p> + +<p> +Da eben schloß das Trio mit pianissimo. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Noch einige Stücke. Ein Violinsolo. Ein Marsch, auf +besonderen Wunsch des Oberstleutnants, und der Trio-Abend +war beendet. +</p> + +<p> +Man blieb nun noch bis über Mitternacht gemütlich zusammen. +</p> + +<p> +„Die Einwohner müßten sich zum Schutze ihres Eigentums +zusammentun, für Ruhe und Ordnung, gegen Bürgerkrieg +und Anarchie.“ +</p> + +<p> +„Ist schon erwogen bezw. beschlossen.“ +</p> + +<p> +„Im übrigen: was unsere Revolutionäre anbetrifft, vom +Schlage solcher Bürschchen wie Toller, die jetzt den Mund +so voll nehmen, so dürften die uns nicht besonders gefährlich +werden. Sie sind eitel bis zum Ueberlaufen, man +muß sie hätscheln, ausgemachte Windbeutel, mit denen nicht +fertig zu werden, das wäre zum Lachen ... Man muß sie +nur ein wenig mit einer Verbeugung vor ihrer Genialität, +wovon sie natürlich keine Spur besitzen, kitzeln, man muß +<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> +ihnen geschickt durch die Presse einreden, sie hätten eine +weltgeschichtliche Mission, dann strecken sie, von sich selbst +fasziniert, eitel bis zum Brechreiz wie sie sind, gleich alle +Viere von sich und man kann alles, was man nur will, mit +ihnen anstellen. Da sind die Bolschewisten schon andere +Kerle, aus einem Guß, die wenigstens wissen was sie wollen. +Mit denen ist nicht gut Kirschen essen. Russische Glut, amerikanische +Gründlichkeit: das sind ihre Hauptqualitäten, das +muß ihnen auch ihr ärgster Feind lassen ...“ +</p> + +<p> +„Gewiß auch in der Schule weisen wir jetzt in jeder Unterrichtsstunde +darauf hin, welche Gefahren dem deutschen +Vaterlande drohen. Na, unsere Jungens sind alle Gott +Lob und Dank vernünftig und würden sich sofort wieder +zur Verfügung stellen wenn es losgeht ...“ +</p> + +<p> +„Sicher auch Ihr Herr Sohn“, zwinkerte der Dekan zu +Peter hinüber, der wie versteinert dasaß. +</p> + +<p> +„Aber das ist ja selbstverständlich!“ antwortete für ihn +der Vater. „Er ist gegen jede Art bolschewistischen Giftes +gefeit. Im Trommelfeuer zu einer undurchdringlichen +Panzerhaut geschmiedet. Ein Friedjung und Bolschewist: +das scheidet sich wie Feuer und Wasser.“ +</p> + +<p> +„Das meine ich auch!“ lächelte der Dekan befriedigt. +</p> + +<p> +Man tat noch einen langen Zug aus der Zigarre, leerte +den Rest aus dem Bierglas und stand auf. +</p> + +<p> +„Also sagen wir Dienstag, nächste Woche!“ +</p> + +<p> +Man stand schon an der Tür. +</p> + +<p> +„Aber wollen wir so auseinandergehn, nach solch einem +Abend, es ist ja immerhin in gewisser Weise das Willkommfest +des jungen Herrn Friedjung gewesen. So unverbindlich +auseinandergehn, ohne ...“ +</p> + +<p> +Alle stimmten begeistert dem Vorschlag des Redakteurs zu. +</p> + +<p> +Der Landgerichtsdirektor saß wieder am Flügel. +</p> + +<p> +„Aber pst! Leise bitte!“ mahnte der Dekan, „sonst habe +ich Unannehmlichkeiten.“ +</p> + +<p> +Und sie sangen mit gedämpften Stimmen: +</p> + +<p> +„Deutschland über alles.“ +</p> + +<p> +Peter sang nicht. +</p> + +<p> +<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> +Er sprach leise für sich ganz nüchtern und trocken den +Text nach. Wie ein mechanischer Kontrollapparat. Dabei +beobachtete er scharf die Sänger. Und beim letzten Vers +sprach er halblaut mit: +</p> + +<p> +„I–h–r ... e–l–e–n–d–e–n– ... +S–c–h–u–r–k–e–n.“ – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Unten verabschiedeten sich sogleich die Herren. +</p> + +<p> +Bratz schlug vor dem Oberstleutnant die Hacken zusammen, +stand stramm. +</p> + +<p> +Peter verbeugte sich kaum. +</p> + +<p> +Bratz ging noch ein Stück mit den beiden Friedjungs. Er +hatte das Monokel wieder eingesteckt. +</p> + +<p> +„Vorsicht ist am Platz. Meine Devise ist: das Leben so +teuer wie nur möglich zu verkaufen ...“ +</p> + +<p> +Und zu Peter gewandt fragte er: +</p> + +<p> +„Wahrscheinlich werden Sie nun doch studieren!? In +Berlin vielleicht. Ich kann Ihnen für einige Korps Empfehlungen +geben ...“ +</p> + +<p> +„Ich danke“, erwiderte Peter kalt. +</p> + +<p> +Bratz schnitt mit dem Stock durch die Luft, daß es pfiff. +</p> + +<p> +„Hören Sie, das ist der preußische Pfiff ... Bald kommt +der große, der heilige, der entscheidende Tag ...“ Dazu +summte er schmalzig eine Melodie. „Wissen Sie woraus +das ist. Nein?! Aber ... Wagner „Tannhäuser“, dritter +Akt ...“ +</p> + +<p> +„Ich denke an den armen bemitleidenswerten Oberstudienrat. +Wie Söhne zu Fallstricken für ihre Väter werden! +Armer alter gebrochener Mann ...“ Sinnierte der Landgerichtsdirektor. +– +</p> + +<p> +Es war ein öffentliches Geheimnis: Dr. Reuchlins Sohn +war wegen Meuterei und Hochverrat im Felde vor ein +Kriegsgericht gestellt, zum Tode verurteilt und erschossen +worden. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-2-4"> +<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> +<span class="firstline">IV</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Peters Mutter war noch wach, als Vater und Sohn vom +Trio nach Hause kamen. +</p> + +<p> +Peter saß nun mit seiner Mutter allein. +</p> + +<p> +„Mein Kind, du hast Schweres durchgemacht. Ich will dir +nun sagen: wenn du wieder von zu Hause fortgehst, dann +ist auch meine Zeit gekommen. Du weißt vielleicht, ich lebe +mit dem Vater sehr schlecht. Nur deinetwegen bin ich geblieben. +Aber du bist ja jetzt erwachsen, und du hast mich +nicht mehr nötig ...“ +</p> + +<p> +„Doch, doch!“ wollte Peter stammeln, aber er konnte kein +Wort hervorbringen. +</p> + +<p> +„Es ist am besten, Peter, ich nehme gleich heute von dir +Abschied: du bist ein Musterbeispiel für einen idealistisch +gesinnten jungen Deutschen. Wie du dich durch diese Zeit +hindurchschlagen wirst! Auf welche Art und Weise du mit +ihr fertig werden wirst!? Was aus dir noch werden wird ... +Fast ist’s mir als ob ich es wüßte. Ich ahne schon so etwas. +Aber ich will darüber schweigen. Kurz und gut: Laß die +Leute reden, Peter, und geh deinen Weg ... Das soll +unser Abschied gewesen sein. Leb wohl! Gute Nacht!“ +</p> + +<p> +Wieder schwieg Peter. +</p> + +<p> +„Aber was ist die Wahrheit!? Was soll ich tun ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Und Peter schlief einen unruhigen Schlaf. +</p> + +<p> +Er schlief in demselben Zimmer wieder, in dem er schon +als Kind geschlafen hatte, dort an der Wand hingen noch +die Eichenkränze, die ersten Preise aus Wettschwimmen und +Fußballspielen, und dort obenauf im ersten Schubfach des +Schrankes lagen noch durcheinander Schulbücher und Hefte. +</p> + +<p> +Direkt aus dem Gymnasium war er ins Regiment eingetreten, +in der Zeit seiner militärischen Ausbildung kam +er nur selten nach Haus. „Und jetzt, jetzt, was soll aus mir +werden.“ +</p> + +<p> +Peters Vater war Landgerichtsdirektor, ein Richter in +höherer Staatsstellung, dessen schönster Tag in seinem +Leben war, wie er nie müde wurde zu betonen: damals, +<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> +als Peter auszog mit dem Freiwilligenregiment, Blumensträuße +am Helm und einen vorne im Gewehrlauf: das +war ein großartiger erschütternder Marsch lauter prächtiger +junger Menschen unter dem Gesang „Die Vöglein im +Walde ...“ auf den Bahnhof. Ihm zur Seite auf dem +Trottoir, schritten damals Vater und Mutter, beide schluchzten, +Peter schluchzte und lachte freudig auf dazwischen, die +ganze Stadt war mit Fahnen, Girlanden und Blumen +geschmückt: der Auszug dieses Freiwilligenregiments war +ein großes Freudenweinen ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Vor vielen Jahren belauschte einmal in diesem Zimmer +Peter eines Nachts ein Gespräch zwischen Vater und Mutter. +</p> + +<p> +Peters Vater war damals Staatsanwalt und Anklagevertreter +in dem bekannten Prozeß gegen den berüchtigten +vielfachen Raubmörder Alois Kneisel. Kneisel wurde zuerst +in der chirurgischen Klinik zurechtgeflickt, da er bei seiner +Verhaftung von den Gendarmen verwundet worden war, +und danach dem Scharfrichter überantwortet. +</p> + +<p> +Es muß die Nacht vor der Hinrichtung gewesen sein, +denn der Vater hatte dem Dienstmädchen aufgetragen, ihn +pünktlich um fünf Uhr früh zu wecken. Der Wecker wurde +sorgfältig gestellt. +</p> + +<p> +Auch waren Gehrock, Zylinder, weiße Glacéhandschuhe +herausgerichtet worden, die guten Schuhe, ein frisches steifes +Hemd und die Manschetten mit den rubinroten Knöpfen. +</p> + +<p> +Peter legte das Ohr dicht an die Wand, als er die ersten +aufgeregten Worte der Mutter vernahm. +</p> + +<p> +„Nein, Heinrich, ich kann mit dir beim besten Willen +nicht mehr zusammenleben“, weinte die Mutter, „du bist +ein Mörder, mitschuldig an einem ganz gemeinen barbarischen, +infamen Mord ... Ich flehe dich an, laß mich +fort von dir ...“ +</p> + +<p> +Der Vater sprach ruhig und mit sehr tiefer Stimme vom +Staat, von der Notwendigkeit der Erhaltung der Autorität, +von der modernen Straftheorie, wonach Strafe erstens: +Sühne im religiösen Sinne sei, dann auch ein prophylaktisch +wirkendes Abschreckungsmittel und drittens: Befreiung der +<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> +Gesellschaft von der Gemeingefährlichkeit gewisser menschlich +minderwertiger Subjekte. +</p> + +<p> +Jedoch: des Vaters Gegenargumente fruchteten bei der +Mutter nichts. +</p> + +<p> +Immerfort schluchzte die Mutter noch: +</p> + +<p> +„Das ist Heuchelei, abgrundtiefe Verlogenheit ... Ich +kann es nicht so in Worten ausdrücken, aber mein Gefühl, +mein Instinkt sagt es mir ... Ach Gott, o Gott, o Gott, daß +du das nicht einsiehst. So verstockt, wer hätte das gedacht ...“ +</p> + +<p> +Und die Mutter weinte die ganze Nacht still vor sich hin. +</p> + +<p> +Einmal schrie sie: +</p> + +<p> +„Siehst du ihn nicht vor dir: das Gesicht seiner letzten +Nacht: groß, ungeheuer und der Hals ist da, warm der +Rumpf darunter ... dieser in die Länge gezogene Blick ... +Pfui, wie du mich anekelst ... Ich kann es wirklich nicht +mehr länger mit dir aushalten ...“ +</p> + +<p> +Wieder kam ein Weinanfall. +</p> + +<p> +„Du haßt mich also“, fragte der Vater. +</p> + +<p> +„Läßt du mir das Kind!?“ +</p> + +<p> +„Auf keinen Fall ...“ +</p> + +<p> +„Damit du ihn auch zu einem Verbrecher deiner Art, zur +gemeinsten und tierischsten Art Verbrecher, die es auf der +Welt gibt, erziehen kannst!?“ +</p> + +<p> +Ein schwerer Schlag. +</p> + +<p> +Ein Schrei, der hoch und schrill war ... +</p> + +<p> +Trotzdem Peter damals erst acht Jahre alt war, wußte er +sofort: +</p> + +<p> +„Der Vater hat die Mutter niedergeschlagen.“ +</p> + +<p> +Und Peter taumelte, als ob er selbst den Schlag erhalten +hätte, fiel ins Bett zurück und versank tief in einen ohnmachtähnlichen +Schlaf. +</p> + +<p> +Wie ein Goldregenschwarm sangen Scharen von Engeln +darin, wie Bienen sahen sie aus und die Erde darunter war +wie eine klotzige, schattenhafte, geschwollene Blutkugel. Und +die Mutter war da, eine überlebensgroße Gestalt, streichelte +ihm zärtlich die blutende Kopfwunde, und Peter strengte sich +sogar an, ordentlich viel zu bluten, das blutende Blut tat +<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> +ihm wohl, es rann und blühte in unendlich vielen Knospen +und Beeren im Himmelsgarten ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Mutter war in der Nacht noch auf und davon +gelaufen. +</p> + +<p> +Der Vater stand pünktlich früh um fünf auf. +</p> + +<p> +Als er mittags nach Hause kam, schaute ihn Peter groß +und fragend an. „Hat er ihn jetzt wirklich umgebracht?!“ +Aber die Kleidung des Vaters, der jetzt ein bequemes Hausjöppchen +trug, war tadelfrei, schwarz; wie anlackiert sah +er aus. Nirgends ein Blutspritzer, nicht einmal an den +Manschetten. „Ob er eine Schürze sich umgebunden hat, so +wie im Schlachthaus?“ Peter wollte erfahren, ob er das +eigenhändig gemacht hat, mit dem Beil oder mit einem +scharfen Rasiermesser. Immer noch schaute Peter groß und +fragend. Der Vater aber schwieg, erkundigte sich nach Peters +Schulaufgaben und ließ sich dabei den Gansbraten schmecken. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Nach acht Tagen kam die Mutter zurück. +</p> + +<p> +Des Kindes wegen. +</p> + +<p> +„Die Kindheit eines Menschen ist entscheidend. Wie es +auch gewesen sein mag, Heinrich, das was zwischen uns +beiden ist, ist Nebensache. Mein Entschluß ist: ich bleibe ... +Ich kann nicht anders ... Und dabei bleibe ich auch: die +Todesstrafe anzuwenden innerlich berechtigt ist man meiner +Meinung nach nur solchen gegenüber, die ein System, dem +dieses Greuel zugehört, mit Gewalt aufrecht erhalten +wollen ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Seit jener Nacht aber war die Mutter eine andere geworden. +</p> + +<p> +Etwas seltsam, absonderlich, sagten die Leute, es muß +ihr etwas auf die Nerven gegangen sein ... Vielleicht +auch eine Gemütskrankheit ... Sie achtete nicht mehr auf +die Kleidung, tagelang aß und trank sie nichts, sie entließ +das Mädchen, machte jede Arbeit selbst. +</p> + +<p> +<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> +Als der Vater ihr einmal darüber Vorhaltungen machte, +das entspreche doch ihrem Stand nicht, bekam sie einen Anfall. +Die Befürchtung entstand, sie werde über kurz oder +lang irrsinnig. +</p> + +<p> +Sie gönnte sich keine Freude mehr. Das dritte Wort hieß: +sparen. +</p> + +<p> +Stundenlang saß sie auf dem Balkon, ihre Lippen bewegten +sich, sie nickte mit dem Kopfe, seufzte ... +</p> + +<p> +Vater und Mutter: jeder von beiden ging von da ab +seinen Weg allein. +</p> + +<p> +Nur wenn die Sprache auf Peter kam, auf Peters Begabung, +Beruf, Zukunft, dann kreuzten sich für einen Augenblick +die beiden Wege, um sich gleich darauf wieder in entgegengesetzter +Richtung zu entfernen. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-2-5"> +<span class="firstline">V</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Und wieder überzog Peter die Erinnerung an den Krieg +wie ein dumpfes, dunstig-tropisches Gewitter: +</p> + +<p> +Da stand der Mensch inmitten platzender Brisanzgeschosse, +von Giftgasnebeln eingeschwadet, unter einem Phosphorfeuerregen, +wie unter einer kreidig-weißen Branddusche. In +einer der Taucherkleidung ähnlichen Uniform gekleidet, die +alle seine Bewegung schwerfällig und ungelenk machte, einen +Gasmaskenhelm aufgestülpt, der oben eine oval abgeflachte +Stahlkuppel bildete, der Filteransatz in der Mundgegend: +ein kurzer dicker Rüssel. Schrauben, Griffe, Hebel, Manometer +rings an den Hüften; ein Schläuche-Durcheinander +und Drahtgeflechte umspannten den Leib ... Und nun, +wie ein dem ganzen Körper dicht aufgelegtes Pflaster umschloß +ihn diese Uniform, sog, mit dem Giftgas durchtränkt, +juckende Blasen auf der Haut; schon beginnen jauchige +gangränartige Wucherungen in Luftröhre und Kehlkopf; +blutiges Erbrechen; es ist ein langwieriges Ertrinken unter +Todesangstschweiß austreibenden Erstickungsanfällen in der +eigenen Körperflüssigkeit; die Lunge schwemmt sich auf, wie +ein mit Wasser vollgesogener Schwamm, um das vielfache +ihres ursprünglichen Volumens; Haut und Uniform werden +<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> +dabei eins, eine gallertartige nässende, mit Geschwüren +durchklebte Masse, und die Uniform-Haut, die Haut-Uniform +schält sich ab ... und da stand nackt und bloß der Mensch, +ein unförmiges Stück rohen blutigen Fleisches, ausgenommen +wie ein geschlachtetes Vieh bei lebendigem Leib, +geschunden nach allen Regeln der modernen Wissenschaft +und Kriegskunst. Die Sonne drückt nieder vom Himmel als +ein glühender Stempel: der ganze Leib wird wie mit +flüssigem Feuer eingebrannt. Und nun quellen ihm noch die +geronnenen Augen aus den schon kohlig vermorschten Stirnhöhlen, +zwei weißliche Kugeln, wie bei einem Fisch, den man +siedet ... +</p> + +<p> +Und dieses Stück rohen blutigen Fleisches, das sich Mensch +nennt, bewegt sich, lebt: es ist ein Mensch, es sind ihrer viele, +es ist ein ganzes Menschenvolk, ein ganzes Volk roher +blutiger Fleischstücke, mit und ohne Arm, mit und ohne +Bein, kopflos und welche mit bläulich gedunsenen Köpfen: +sind es schon oder sind dazu bestimmt, es in Bälde zu +werden; und die so einem entsetzlichen Schicksal Ausgelieferten +beginnen zu leben, lebendig zu werden, gewinnen das +Bewußtsein über sich selbst, schließen sich zusammen, Blutendes +an Blutendes, und marschieren eines Tages aus Mietskasernen, +Fabriken, Massengräbern hervor, hinauf auf die +breite Straße, wo die große, schöne, die heitere, die weite, +die sorglose, die glückliche Welt blüht, wo es thront und +promeniert: ein Trompetenstoß: Achtung, ihr feinen Damen +und Herren: stinkendes, rohes, blutiges Menschenfleisch +kommt; ja es kommt, wälzt sich daher wie ein fauliger +Strom, brüllt vor Schmerz, flucht im Chor und knurrt ... +Die Damen raffen ihre Röcke hoch: Vorsicht, daß wir nicht +schmutzig werden; die Herren blicken betrübt auf ihre blutbesudelten +Lackspitzen und Gamaschen ... Nein, die hitzigste +Sonne brennt so heiß nicht wie diese Wundenflecken, so rot +wie diese Wundenfarbe ist nie eine Sonne ... und aus +den von Kolbenschlägen zerschmetterten Gebissen, an denen +noch wie an einem Faden an einem Sehnenstrang halbe, +dreiviertel Unterkiefer herumhängen, pfeift, trillert und +zirpt ein Gesang: „In der Heimat da gibts ein Wiedersehen +...“ +</p> + +<p> +<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> +„Bitte zurücktreten!“ schnauzt der Offizier das blutende +Stück Menschenfleisch an, als es den Absperrungskordon +durchbrechen will, der um den großen Platz, auf dem soeben +die Heldengedenkfeier stattfindet, gezogen ist. +</p> + +<p> +„Ich hatt einen Kameraden!“ spielte eben die Militärkapelle. +</p> + +<p> +Blutige Fackeln leuchten. +</p> + +<p> +„Ich bin der unbekannte tote Soldat!“ Spricht das +blutende Stück Menschenfleisch! „Ich wünsche das Wort zu +diesem Thema. Auch ich habe einiges dazu zu sagen. Ich +möchte sprechen.“ +</p> + +<p> +„Treten Sie bitte nicht näher ...“ „So eine Gemütsroheit! +So eine Taktlosigkeit!“ zetern schon einige Kleinbürgerseelen +drauf los und ballen wutentbrannt die Fäuste. +„Was fällt Ihnen denn eigentlich ein! Schämen Sie sich +denn gar nicht!? In so einem Aufzug, und dazu noch am +hellichten Tag! Splitternackt! ... Sie erregen öffentliches +Aergernis! Das ist ja ein Skandal sondergleichen! +Unsere Ruhe wollen wir haben! Leichenpack! Das ist einfach +schofel ...“ „Zurück! Sonst muß ich von meiner +Waffe Gebrauch machen. Ich habe strengste Instruktionen, +rücksichtslos vorzugehen ... Verhalten Sie sich ruhig und +stören Sie den Ernst und die Weihe der Feier nicht! Der +Herr Generalfeldmarschall spricht ...“ +</p> + +<p> +„Wer ...!?“ +</p> + +<p> +„Bitte sehr, ein letztes Mal, oder ich schieße. Sie haben +hier nichts zu suchen ...“ +</p> + +<p> +Aber schon flitzen die Gummiknüppel, die Bajonette +stellen sich wagrecht, die berittene Hundertschaft zur besonderen +Verwendung galoppiert heran, ein Panzerwagen +knattert ... +</p> + +<p> +„Sie haben, scheint’s, an einem Tod nicht genug ... +Gebt Euch endlich zufrieden ... Hinunter ins Massengrab +oder hinauf wieder ans Kreuz mit Euch! Als aufbauende +Glieder der Volksgemeinschaft kommt Ihr, so wie Ihr seid, +heute nicht mehr in Betracht ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> +In diesem Augenblick stößt ein anderer Zug gegen die +Polizeikette, eine rote Fahne an der Spitze, kräftig tönt der +Gesang: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Einst kommt der Tag, da wir uns rächen,</p> + <p class="verse">Dann werden wir die Richter sein ...“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +„Das sind die Sachverwalter, die wirklichen Wahrer +unseres ungeheueren kostbaren Schmerzensguts ...“ +sprechen die zusammengehauenen blutenden Fleischstücke ... +„in deren Hände hat die Zukunft die Vergangenheit als +Erbmasse gelegt. Darin ist auch unser Schicksal mit inbegriffen.“ +– +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Mit einem Ruck fuhr Peter aus dem Traum auf, schrie +„Jonny“ und beinahe in greifbarer Nähe stand vor ihm +jener arme Teufel vom amerikanischen Gasregiment, den +er bei einem Sturmangriff auf einen der gefährlichsten +feindlichen Minenstollen zum Gefangenen gemacht hatte. +</p> + +<p> +Jonny hatte weder um Pardon gefleht, noch hatte er sich +zur Wehr gesetzt. Mit einem unglaublich traurigen Ausdruck +in den Augen sah er den Deutschen an und drückte +ihm einfach herzlich die Hand, als der die bereit gehaltene +Handgranate nicht abzog. +</p> + +<p> +Jonny war der einzige Sohn eines kleinen amerikanischen +Farmers, arbeitete bei Kriegsbeginn in einer Seifenfabrik +und war dann zum Gasregiment eingezogen und gleich +darauf nach Edgewood, dem großen amerikanischen Kriegsarsenal +abkommandiert worden. +</p> + +<p> +Drei Monate lag er in Edgewood, dann kam er an die +Front. +</p> + +<p> +Auf dem Rücktransport verständigte sich Peter durch einen +Dolmetsch mit ihm und erfuhr, wie dort an lebenden Menschen +die Gasschutzmasken und die bei einer Gaserkrankung +anzuwendenden Gegengifte ausprobiert werden. Zuerst das +Tierexperiment, dann der Mensch ... +</p> + +<p> +„Das ist ja Vivisektion!“ entfuhr es Peter und der Amerikaner +nickte. +</p> + +<p> +Auch hatte jeder Soldat eine sogenannte zweite eiserne +Ration bei sich, ein Mittel, das im Fall einer Gasvergiftung +bei bestimmten Symptomen gebraucht werden sollte. +<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> +Dieses Mittel war ein sofort tödlich wirkendes Gift, das +dem über alle Maßen schrecklichen Gastod zuvorkam. Auch +bestand die Absicht, im Fall der Verwendung des Giftgases +von Flugzeugen herab dieses Mittel an die Zivilbevölkerung +aller bedrohten Städte verteilen zu lassen ... +</p> + +<p> +„Ihr an eurem Frontabschnitt scheint ja im Mond zu +leben“, bemerkte der Dolmetsch, als er sah, wie sich Peter +darüber wunderte. „Ist bei uns genau so ... Keine +Neuigkeit. Gegen das Giftgas ist bisher auf der Menschenerde +leider noch kein Kraut gewachsen. Da mühen sich selbst +die größten Autoritäten vergebens. Schutz gegen Gas läßt +sich nur durch Maßnahmen schaffen, die praktisch undurchführbar +sind ... Wie viele von uns verunglückten täglich +beim Ausprobieren der Gasschutzmaske im Gasraum! Aber +auch das minderwertigste Zeug wird von den Fabriken +geliefert. Das Schlechteste auf diesem Gebiet ist eben gerade +noch für das Frontschwein gut genug. Der nackte und bloße +Mensch ist das billigste Material. Das ganze „Drum und +Dran“ verteuert zu sehr die Sache. Aber der Spaß muß +sich rentieren ... Und nicht genug damit: ist einer einmal +gaserkrankt, dann beginnt im Lazarett das Herumdoktern. +Doch Schwamm darüber ... Wer es nicht miterlebt hat, +glaubt es ja doch nicht ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Unterhaltung zwischen dem Deutschen und dem Amerikaner +aber sollte nicht lange andauern, ein dicker, untersetzter, +schwammbackiger Feldwebelleutnant kam dazwischen, +und kaum, daß er des Amerikaners ansichtig geworden war, +holte er seine Repetierpistole hervor, fuchtelte ein paarmal +wild damit in der Luft herum und knallte Jonny mit den +Worten: „So ein Luder!“ nieder ... +</p> + +<p> +„Du Vieh!“ schrie damals Peter auf und löste die Handgranate +von der Koppel. +</p> + +<p> +Herbeistürzende Kameraden machten dem Zwischenfall, +der ohne weitere Folgen für die Beteiligten blieb, rasch ein +Ende ... +</p> + +<p> +Eine Woche darauf wurde Peter, durch einen Bajonettstich +in den Oberschenkel verwundet, ins Lazarett abtransportiert. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-2-6"> +<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> +<span class="firstline">VI</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Dieses Kriegslazarett war eine ausgesprochene Morphium- +und Kokainhölle. +</p> + +<p> +Nicht nur der Chefarzt spritzte und schnupfte, sämtliche +Assistenzärzte und das ganze Pflegepersonal waren verseucht. +</p> + +<p> +Dazu lag das Lazarett ständig in stärkstem Feuerbereich, +kaum eine Woche verging, daß nicht ein schwerer Brocken +auf eine der Baracken herunterhagelte und unter dem +wahnwitzigen Geheul aller Kranken krepierte. +</p> + +<p> +In der Zeit, als Peter dort lag – es waren insgesamt +drei Monate – kamen noch täglich nervenzerrüttende +Fliegerüberfälle hinzu. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Das Lazarett hieß im Soldatenmund „Giftschaukel“ und +war hauptsächlich mit Gaskranken belegt. +</p> + +<p> +Daneben bestand noch eine eigene Irrenabteilung, doch +unterschieden sich die Kranken nicht wesentlich von einander. +</p> + +<p> +Hier lagen vor allem die Paralytiker, die Silbenschmierer +und die Silbenstotterer. Bei all diesen hatte erst die Erschütterung +ihres Nervensystems durch den Krieg den paralytischen +Anfall ausgelöst. Remissionen kamen auf Grund +der Ungunst der Verhältnisse und der sehr mäßigen Behandlung +nur selten vor. Wie ein Katarakt galoppierten +sie dem Grabe zu. – +</p> + +<p> +Aber Kokain wurde nicht nur geschnupft, es wurde bei +denen, die sich daran gewöhnt hatten, auch in ungeheuren +Quanten verspritzt. +</p> + +<p> +Zuerst behandelte man die Gaserkrankten mit Salben +und Sauerstoff, dann, wenn, was wenig häufig genug vorkam, +die akute Gefahr vorüber war, griff der Unglückliche +zum Morphium, später zum Kokain. Offene nekrotisierende +und bis tief auf die Knochen sich einfressende Wunden hatte +bei den meisten das blasenziehende Agens, d. h. das chemische +Kampfmittel zurückgelassen, mit Verbänden und Schmierkuren +war nur wenig dagegen auszurichten. Der Zustand +der Lunge war mehr als trostlos, überhaupt hatte das +<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> +Gas bei den meisten tiefgreifende Veränderungen des Blutbildes +hervorgebracht. Die weißen Blutkörperchen nahmen +rapid ab, kernhaltige Blutkörperchen treten auf, die roten +Blutkörperchen ändern ihre Form, nehmen Stechapfelform +an und gehen massenhaft zugrunde. Umfangreiche Pigmentierungen +der Haut erscheinen, die durch den freiwerdenden +Blutfarbstoff ein gelb- und graubräunliches bis broncefarbenes +Aussehen erhalten. Auch Eisenablagerungen in verschiedenen +Organen, namentlich in Leber und Milz wurden +beobachtet. +</p> + +<p> +Und zu alledem blieb einem Entlassenen noch die angenehme +Hoffnung auf einen sogenannten „Spättod“, der +oft genug überraschenderweise erst nach Jahren eintrat ... +</p> + +<p> +Der Saal, in dem Peter lag, war der „septische“, der +Saal, in dem die „Eiterigen“ untergebracht waren, vor +allem die Lungenemphyseme. +</p> + +<p> +Vierzehn Mann kauerten in halb aufrechter Stellung +in den Feldbetten, mit dicken Papierverbänden um den +Leib, einen Gummidrain zwischen den geöffneten Rippen, +durch den der jauchige Eiter aus der entzündeten Lunge +herauseiterte. Das Fieberthermometer kreiste beständig im +Saal, die Temperaturen der einzelnen waren das Hauptgesprächsthema. +Ununterbrochen wurde gegen den beizenden +Fäulnisgestank „Tannenduft“ gestäubt und die Aerzte kamen +nur mit der Zigarre im Munde. +</p> + +<p> +Jeder war mißtrauisch, hinterhältig gegen den andern, +belauerte eifersüchtig jeden Temperaturunterschied, eine +ungeheuere Schadenfreude entstand, wenn bei einem das +Thermometer wieder einmal um einige Grad höherschnellte. +Ein jeder rettungslos seiner eigenen Fieberkurve versklavt: +nach ihr schwang der Weltrhythmus. Ja, es kamen auch +einige Prügeleien bei der Essenverteilung vor: die, die sich +benachteiligt glaubten, stürzten sich mit ihren Krückstöcken +aus dem Bett, schlugen auf die ihrer Meinung nach von der +Schwester mehr Begünstigten ein, bis einem der Verband +sich auflöste und der jauchige Eiter sich dick auf dem Fußboden +herumschmierte ... War wieder einer „an der +<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> +Reihe“, wurde er auf den Gang hinausgefahren, nicht ohne +daß ihm einige höhnisch „Gute Besserung!“ nachriefen ... +</p> + +<p> +Dann die Folterqualen des Dekubitus! Nach kurzer Zeit +hatten sich beinahe alle aufgelegen, hauptsächlich am Steißbein, +wo sich trotz sorgfältiger und häufiger Waschungen +mit Spiritus, trotz Salben und Puders bald faustgroße +Löcher bildeten; den Aermsten wurde dann ein Luft- oder +Wasserkissen untergeschoben, aber die Wundlöcher eiterten, +der Kranke faulte jetzt nicht nur von innen und oben, sondern +auch von unten an. Dem also Gefolterten war es, als +ob er an den mit dem Dekubitus behafteten Stellen bei +lebendigem Leib auf einer glühenden Eisenplatte briete. +</p> + +<p> +Dazu tat noch ein übriges die Wirkung der verschiedensten +Narkotika. +</p> + +<p> +Es war unmöglich, ohne diese bei den Erstickungsanfällen +und Schmerzkrämpfen auszukommen. +</p> + +<p> +Beim ersten Gebrauch: eine übermütige, durch nichts +begründete Heiterkeit, die Patienten plapperten unermüdlich +Tag und Nacht Sinnvolles und völlig Sinnloses wirr +durcheinander, Pläne wurden geschmiedet, das Modell eines +gegen jede Gasart undurchdringlichen Asbestanzuges mit +viel Liebe und Hingabe entworfen, Ideen, phantastische +Vorstellungen jagten und hetzten sich, ein jeder war eigentlich +plötzlich mit seinem Zustande ganz zufrieden, nur, wenn +die Schwester einmal länger als gewöhnlich mit der Spritze +ausblieb, dann gab es förmlich eine Revolte, man heulte +und läutete: der ganze Saal krampfte sich zusammen wie +unter einem Tobsuchtsanfall ... +</p> + +<p> +Diesem Uebel wurde bald abgeholfen dadurch, daß man +jedem eine ausreichend große Giftportion zuwies und er sich +die Spritzen selbst machte. +</p> + +<p> +Nun gab es jeden Tag einen neuen Abszeß, es wurde +geschnitten, man saß halbe Tage lang im Warmbad, bis sich +der eine oder der andere zuerst eine weit ausgedehnte +Furunkulose, dann eine Phlegmone holte, die sich über den +ganzen Körper ausbreitete, so, daß wo man auch mit der +Injektionsnadel einstach, eitrig-wässerige Flüssigkeit einem +entgegenspritzte. +</p> + +<p> +<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> +Einige gingen dabei an Thrombosen zugrunde. +</p> + +<p> +Dann kam zur Abwechslung Kokain in Mode. +</p> + +<p> +Die Kranken hatten das Mittel schon mehrere Wochen +gebraucht, als sie plötzlich Stimmen zu hören vorgaben, +Gestalten sahen, die sie bei ihrem Namen nannten und +sie bedrohten, zu wüsten sexuellen Ausschweifungen zu verleiten +suchten, elektrische Nadeln durch die Wände hindurch +mitten auf ihren Körper hin zuspitzten und wiederum +Stimmen, oben und unten und nebenan, die entsetzlich +fluchten, Zoten rissen ... und plötzlich in den Vorstellungen +der Kokainverseuchten der ganze Saal sich in einen Granattrichter +verwandelte, Trommelfeuer rauschte und einer sein +Bett in Brand steckte, was zwar von den Wärtern noch +rechtzeitig bemerkt wurde ... Dazwischen sang einer immer +monoton vor sich hin: „Oh herrliche Phosgen-Luft! Du +bist mein Augenstern ...“ Man bewarf ihn, als er nicht +aufhören wollte, einfach mit den nächstbesten Gegenständen. +</p> + +<p> +Bald darauf wurde allerdings, besonders da auch eine +Inspektion angekündigt war, mit der Dosierung der narkotischen +Mittel gebremst. +</p> + +<p> +Die einen ätherisierten zum Ersatz, chloroformierten, fraßen +Veronal röhrchenweise, andere versuchten eine Entwöhnungskur +mit Alkohol und Pantopon, wieder andere dösten in +schweren Schlafmitteln tagelang dahin, vollkommen von +einem undurchdringlichen Paraldehyddunst eingedeckt, und +wieder anderen, die nicht zu toben aufhören wollten, wurde +vom Arzt Skopolamin verordnet, ein stark lähmendes +Mittel, das jede Orientierungsfähigkeit ausschaltet, Gesichtsfeldverengungen +zur Folge hat, die Sprache des Patienten +wurde tief und sandig-rauh ... und er lag weich gebettet +auf seinem harten Feldbett wie in einem unermeßbar +abgründigen Abgrund ... +</p> + +<p> +Die Zwangsjacke wurde nicht mehr angewendet. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Auch Peter hatte man die Mittel gleich nach seiner Einlieferung +aufgedrängt. +</p> + +<p> +„Herrlich! Sie dürfen sich die Sensation nicht entgehen +lassen. Einfach: Nirwana ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> +So hatte ihm die Krankenschwester, süßlich lächelnd, die +Drogen angepriesen. +</p> + +<p> +„Eine unheilbare Krankheit ist der ganze Mensch, eine +Seuche, die mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden +muß,“ dachte damals Peter zuerst. Weiter dachte er noch +nicht ... +</p> + +<p> +Er schlug die Mittel nicht aus: eine lange, angenehm +lau-warme Flüssigkeit war es, die sich durch seinen Körper +erstreckte, alle Blutbahnen hindurch sich verrieselnd und +verzweigend ... +</p> + +<p> +Und eines Tages bemerkte er: er konnte das Mittel +nicht mehr lassen. +</p> + +<p> +Ließ er nur eine Spritze aus: sofort fiel er schlapp in sich +zusammen wie ein leerer Sack, ganz ausgelaugt und geleert +war er, zitterig, bis in die feinsten Nervenspitzen flimmernd, +und nur immer mit dem einen Gedanken, der zur Zwangsvorstellung +wurde: „Die Spritze ...“ +</p> + +<p> +Die Schwester kam wieder: +</p> + +<p> +„Na, ich hab’ es Ihnen doch gleich gesagt. Machen Sie sich +kein Gewissen. Ist ja gar nicht so schlimm ...“ +</p> + +<p> +Da half ihm gar mächtig die Erinnerung an Tage seiner +Kindheit, die sich ihm plötzlich als die festeste Ankerkette +seines Lebens erwies. +</p> + +<p> +Dort gab es Berge und Märsche durch Gebirgstäler, +Wiesenflächen, flaumig und flockig; Wälder am Horizont, +wie zu fleischigem Oelgrün geronnene Wellen; enzianübersäte, +mit Zwergholz bewachsene Alpwiesen; Wildbäche, +die so munter die Schluchten herabstolperten; auch ein uralter +Bergführer, ein origineller Kauz, war da, ein ganzes +Bündel von Hirschzähnen und Silbertalern an seiner +Riesenuhrkette; Sonnenaufgang war: Gletscherebenen und +Gipfelzacken: flüssig feueriges Eis; dann unten wieder im +Tal die Volkstänze und derben Volksbelustigungen, ja das +war noch von einem gesunden Menschenschlag, die sträubten +sich mit Händen und Füßen gegen die monokel-, lorgnettglotzenden +Fremden ... Und Gewitter zogen auf und +platzten mitten am Himmel auseinander über dem Bergdorf: +alle Kapellen des Tals wimmerten Wetterläuten und die +<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> +Flammenwolke trieb den Berghang entlang, Blitz auf +Blitz, Donnerschlag auf Donnerschlag: jeden Augenblick +flammte vom Blitz entzündet eine andere Tanne auf, und +das vielfache Echo der Donnerschläge prallte und knallte +von den Felswänden. Nun knatterte der Regen, der Sturm +surrte: da reckte sich der Mensch auf, die Muskeln strafften +sich: ja das Ereignis solch eines elementaren Gewittersturzes +hatte noch etwas von der Sprache des Welten-Anfangs, +der Vorzeit ... Auch im Vorfrühling war Peter +einmal im Gebirg: da aber donnerten die Lawinen, überall +lag noch Schnee und der Schnee begann zu fließen ... +Da stellte sich Peter breitbeinig gegen den Wind, wie ein +Torwächter gegen den Ball beim Fußballspiel: und der +Sturm drückte ihn mit einem heftigen Faustschlag von der +Stelle, so gewaltig, herrlich, übermenschlich war der +Sturm ... +</p> + +<p> +An die Erinnerung an diese Landschaft klammerte sich +Peter in seiner tiefsten Not in Gedanken an, eine kristallharte +eisklare Kraft sog er aus ihr und er lachte eines +Tages überlegen: +</p> + +<p> +„Was, ich soll mit diesem Dreck da nicht fertig werden ...“ +</p> + +<p> +Und er wurde eines Tages fertig damit, ein marternder +Heißhunger überfiel ihn, er stahl den Sterbenden das Essen, +trotzdem es schon mit Speichel versabbert war, aus den +Näpfen weg, es war zwar ein entsetzlicher Fraß, aber er +wurde gerade doch noch kräftig und gesund damit. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Operationswagen rollten in den Gängen, eine Rippenresektion +folgte wieder auf die andere, draußen stand +Sanitätsautomobil an Sanitätsautomobil: die ersten Blutzeugen +der soeben begonnenen Riesenmassenschlacht. +</p> + +<p> +„Meine Kindheit hat mich diesmal gerettet, ein Erbgut, +an dem die Kinder gut gestellter Leute unendlich lang zu +zehren haben ... Und die anderen?! ... Was der Mensch +in solchen vier Jahren durchmachen muß, das geht schon auf +keine Kuhhaut ... Und was der Mensch aushalten +kann ... Und wofür und warum dies alles?!“ +</p> + +<p> +<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> +Peters Antwort war: +</p> + +<p> +„Deutschland.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Bereits drei Tage nach seiner Entlassung wurde Peter +mit seiner Kompagnie zu einem Sturmangriff eingesetzt. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-2-7"> +<span class="firstline">VII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Peter hielt es zu Hause nicht mehr länger aus. +</p> + +<p> +Das Gehalt seines Vaters reichte gerade, ihn auswärts +studieren zu lassen. Er suchte sich Berlin aus. Auch einige +Kameraden waren dort, für die erste Zeit war es gut, nicht +ganz allein zu sein. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Einige Tage vor seiner Abreise besuchte er den Abiturientenstammtisch. +Alle Monate einmal fanden sich immer noch +einige frühere Schulkameraden in einer Bräustube zusammen. +Diesmal waren fünf da. Dreiviertel der Klasse +war gefallen. +</p> + +<p> +Rainer Feck, ein dummdreister und oberflächlicher Bursche, +der prinzipiell nur die modernsten Schlipse trug, erzählte +Kriegserlebnisse, schnitt ungeheuer dabei auf und schwelgte +voll Entzücken, daß ihm der Mund troff, in der Schilderung, +wie er eines Nachts ganz allein von der Flanke aus einen +feindlichen Graben aufgerollt habe. +</p> + +<p> +„Stücker fünfzig haben daran glauben müssen.“ +</p> + +<p> +Aber auch Fritz Kunz, der frühere Primus, ein schmächtiges +Kerlchen mit einem großen Kneifer auf der kleinen +käsig glänzenden Stupsnase, riß Witze und Zoten, mitten +daraus hervor wurde angestoßen, ein vaterländisches Lied +gesummt und mit betrunkenen heiseren Stimmen gegröhlt: +</p> + +<p> +„Deutschland über alles!“ +</p> + +<p> +„Peter! Los! Gib Dein deutsches Ehrenwort, verpfände +uns deine Männerehre, daß Du, wenn Du nach Berlin +kommst es den Sausozialisten ordentlich einbrocken wirst ... +<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> +Hast Du gehört von der widerlichen Hure, der Rosa Luxemburg +... Feste druff, allemal, sage ich ... Hoch! Laßt +uns gleich im Voraus die kommenden Heldentaten des +großen Sozialistentöters Peter Friedjung begießen! Heil! +Prost!“ +</p> + +<p> +„Bravo, Peter!“ so ist’s recht, schnarrte Kunz, als Feck +die Hand Peters packte und sie kräftig schüttelte. +</p> + +<p> +„Noch können wir uns nicht rühren! Aber der Tag +kommt! Blutige Rache! ... Der scheißige Volksstaat +Bayern! Na wartet nur ... Ruhe im Puff, wenn +Ebert ...“ +</p> + +<p> +„Bravo! Dufte Nummer! Viechs-Kerl!“ applaudierte +Kunz wieder ... +</p> + +<p> +Augenblicklich war Stille, als eine Patrouille dreier roter +Matrosen ins Lokal trat. +</p> + +<p> +Alle hatten angstgeschwollene Köpfe. +</p> + +<p> +Auch Peter, der sich von ganzem Herzen seiner Kumpane +schämte. +</p> + +<p> +Haßerfüllte Blicke von allen Tischen geisterten an den +drei Matrosen empor, die ruhig und sachlich die Ausweise +der Anwesenden kontrollierten, ironisch lächelten, als ein +dicker Spießer vor Angst zusammenzuckte. +</p> + +<p> +Zwei waren schon hinausgegangen, der dritte stopfte sich +noch eine Pfeife, dann ging auch er, höflich und gemütlich +„Guten Abend“ wünschend. +</p> + +<p> +Das ganze Lokal brodelte auf. +</p> + +<p> +„So ein Saupack! So eine Gemeinheit! Was nicht die +sich alles herausnehmen. Polizeibefugnisse, Strafvollzug. +Die ganze Welt ist ja auf den Kopf gestellt! Bevor die +nicht an der Laterne ...“ +</p> + +<p> +„Ja, wißt ihr was,“ kreischte Feck, „Agenten müßte man +denen auf den Hals schicken, Aufstände inszenieren lassen, +die Massen, wenn sie hungern, zu Plünderungen provozieren, +Bomben und Waffen in Versammlungslokale einschmuggeln, +einen Führer, wenn er sich allzu aufsässig erweist, unauffällig +um die Ecke bringen ... kurzum die Leute aus ihrer +Passivität heraus vor die Gewehre locken ... Viele von +<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> +uns haben jetzt solche Stellungen. Das ist auch eine Wissenschaft, +eine Kunst, das will gelernt sein. Das erfordert +täglich Uebung, Geistesgegenwart, einen ganzen Mann, so +jemand darf keine Gefahr kennen. So einer bekommt bestimmte +Aufträge. Führt sie aus. Steht selbst unter Kontrolle +... Spitzel, auf Horchposten Tag und Nacht, Gift +einspritzen und immer wieder Gift einspritzen, das macht sich +bezahlt. Seine Wohnung hat man, sein Essen hat man, auch +Weiber in Hülle und Fülle: und da fällt auch hie und da +so was wie ein Anzug ab, Kopfprämien, Extraprovisionen +in erregteren Zeiten, und daß die nie ausgehen, dafür sorgt +man schon: damit läßt sich also schon trefflich auskommen ... +Was meint ihr zu meinem Vorschlag! Wollen wir nicht +gescheiter statt irgendein windiges Kolleg dieses Fach +belegen!?“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich“, meinte Kunz, „eine ehrliche Kugel +ist für dieses Gesindel zu gut ... Ja, einem solchen +Kanaillenpack gegenüber kann man schon frei seine bestialischen +Instinkte schießen lassen. Der Zweck heiligt die +Mittel.“ +</p> + +<p> +„Na, Peter!?“ +</p> + +<p> +„Ihr entschuldigt schon, aber ich versteh’ Euch einfach nicht +mehr. Ich kenn diese Sprache nicht ...“ +</p> + +<p> +Alle lachten. +</p> + +<p> +„Lange Leitung ... oder ein wenig plemplem im Felde +geworden, nanu, Du Affenschwanz! Hämorrhoiden im +Hirn?! ...“ +</p> + +<p> +Man brach auf. +</p> + +<p> +„Und jetzt feste druff! Jetzt gehen wir noch ins Puff ... +Müssen doch Peters Wiederkehr feiern ...!?“ +</p> + +<p> +An einer Straßenecke drückte sich Peter wortlos davon ... +</p> + +<p> +„Fotzendreck und Hurenschleim!“ johlte ihm Feck nach. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Und Peters Gott zertrümmerte. +</p> + +<p> +Wie ein tausendjähriger Eichstamm, von der Axt der +Holzknechte gefällt, im Waldgrund niederrauscht, so lag, +durch Ereignisse und Erlebnisse zerspalten, eines Tages im +<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> +Zeitabgrund „Stamm“ und „Wipfel“ Gott da, der Wipfel, +der hoch im Aether wie ein Baldachin die Erde überschattete, +der Stamm, der in der Sehnsucht des Menschenherzens +Wurzel schlug und erschütternd inbrünstige Gebete wie +Säfte aufwärtsleitete ... Welk waren die goldenen +Blätter geworden, ein Geruch von Morast und Fäulnis +schlug Peter aus dem gefallenen Wipfelwerk entgegen, er +staunte noch und wunderte sich: „das war doch Gott ...“ +Und zu gleicher Zeit drang, von einem Haufen wesenloser +Schemen gesungen, das Lied „Deutschland über alles“ zu +ihm, die Gesichter der Singenden verzerrten sich zu blutrünstigen +Grimassen, es war wie ein feister laut gröhlender +Grabgesang, vollkommen gedankenlos von denen, die ihn +sangen, hergeleiert, und immer kräftiger dagegen tönte aus +den Schluchten und Dickicht-Labyrinthen einer kommenden +Zeit herauf, begleitet von dem sausenden Takt der +Maschinenhämmer und der mit elektrischen Motoren und +Turbinen betriebenen flitzenden Treibriemen: +</p> + +<p> +„Wacht auf ...“ +</p> + +<p> +Peter erinnerte sich des Rückmarsches, des Rheinübergangs, +des „Deutschlandliedes“, als die Sonne voll durch +die Nebelpest durchbrach ... +</p> + +<p> +„Deutschland über alles ...“ +</p> + +<p> +„Das Deutschland, das Ihr meint, das ist das meine +nicht ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Zwei Männer in Arbeiterkleidung standen da unter einer +Toreinfahrt und Peter hörte gerade noch: +</p> + +<p> +„Jedes deutsche Arbeiterherz wird unter der Wucht solcher +Ereignisse zur Zündmasse ... Großes geht in der Welt +vor ... Blick nur nach dem Osten ... Revolutionsjahrzehnte +... Bis alles Alte und Faule und Morsche gestürzt +ist ...!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Als Peter am andern Morgen in die weite Welt fuhr, +sagte ihm der Vater zum Abschied: +</p> + +<p> +<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> +„Und nun, Peter, werde der, der du bist! Halte dich weiter +rein! Nichts ist von Blutschande oder Rassenunreinheit an +dir. Werde ein kerndeutscher Männercharakter! Gedenke, +daß du ein Deutscher bist ...“ +</p> + +<p> +Auf dem Nachhauseweg herrschte der Vater die Mutter +an: +</p> + +<p> +„Aber das eine bitte ich mir aus, wenn du ihm schreibst: +ich wünsche mir keinen zweiten Fall Reuchlin junior.“ +</p> + +<p> +„Sei ohne Sorge“, erwiderte ihm die Mutter sanft und +siegesgewiss, „Peter wird schon ganz allein den rechten +Weg machen!“ – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-3"> +<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> +<span class="firstline">2. Kapitel.</span><br> +Die Erde platzt! +</h2> + +</div> + +<p class="ctoc"> +Schlagwetterkatastrophe auf der +Zeche „Königin Luise“. – Die „Majestät +des Todes“. – Was tut not!? – +„Lieber im Feuer der Revolution +verbrennen, als ...“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-3-1"> +<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> +<span class="firstline">I</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Die Menschen waren nicht mehr in den Häusern zu halten. +</p> + +<p> +Es trieb sie heraus auf die Straße. Sie hetzten zunächst +einzeln, ein jeder für sich, dann in Gruppen dahin, hunderte +ballten sich an: in einer Masse von Tausenden schon +schwemmte es die Straße hinunter. +</p> + +<p> +Mit eckig aus den Schultern geschleuderten Armen. +Manche halbnackt, nur mit einem Lumpen um. +</p> + +<p> +Sie kletterten über Zäune. Gitter und Schranken wurden +niedergetreten. Dazu läuteten die Glocken auf allen Türmen +der Stadt. +</p> + +<p> +Keinen Betrunkenen sah man mehr. Keine Kneipe lärmte +mehr. +</p> + +<p> +Maschinen stampften in den Kesselhäusern, von keiner +Menschenhand mehr bedient, in einem unregelmäßigen +Rhythmus weiter. +</p> + +<p> +Die Straßenbahnen hatten ihren Betrieb eingestellt. +</p> + +<p> +Ueberall standen auf den Gleisen wie leblose Klötze die +verlassenen Wagen. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es war gegen 5 Uhr nachmittags, als ein langgezogener +Donner unter der Erde hinrollte. Ueber der Erde war es +wie ein elektrischer Stoß, der in alle Winkel, auch in die +kleinsten Häuserwinkel der Stadt hineinzuckte. Die Telephone +schrillten noch einmal auf. Die Telegraphenapparate +knatterten drauf los ... Und es warf sich von Mund zu +Mund: eine unheimliche Erschütterung: sie sprang von Nerv +zu Nerv über, jedes Menschenherz krampfte sich zusammen, +dann stieß es wieder um so gewaltiger einen Strom von +Blut aus. Abwechselnd färbten sich die Wangen der Menschen +kreideweiß, schwarzrot ... Automatisch schnappten +Münder auf und zu. Wie im Starrkrampf blieben sie weit +offen ... Der Boden schien plötzlich unter den Füßen weggezogen. +Man tappte wie im Finstern, trotzdem es noch +<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> +hellichter Tag war. Wie in einem Hohlraum. Man tastete +sich wie im Leeren ... Ja, wie ein riesiges unsichtbares +Fragezeichen stand es plötzlich mitten im Raum. Das ganze +Leben, das Menschendasein selbst war in einem Sekundenaugenblick, +mit einem jähen Ruck zu einer Frage geworden. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Läden waren im Nu geschlossen. +</p> + +<p> +Niemand zeigte sich an den Fenstern. +</p> + +<p> +In den Stadtteilen der Reichen kehrten die Autos +schleunigst in die Garagen zurück. Auch dort, in den vornehmen +Villenvierteln, war der Druck spürbar. Man sprach +halblaut: „Was wird wohl daraus wieder werden?!“ +</p> + +<p> +Die Fabriksirenen heulten. +</p> + +<p> +Rudel von Kindern krallten sich kreischend in die Röcke +der Mütter fest, die, wie vom Irrsinn gehetzt, dahinfegten. +</p> + +<p> +Auch die Polizeimannschaften, auf Lastkraftwagen heraneilend, +vermochten diesem Menschensturm keinen Einhalt +zu tun. Dazwischen klingelten die Löschfahrzeuge der +städtischen Feuerwehr. Sanitätskolonnen sputeten vorüber. +</p> + +<p> +Wahnwitzige schrille Schreie gellten jetzt über diese Flut +fliegender Menschenhäupter hinweg. +</p> + +<p> +Da rannten auch welche querfeldein. Einige stürzten. +Andere packten sie wieder hoch. Ohne daß sie ihre zerschlagenen +Beine bewegen mußten, trug der über die holperigen +Trottoire sich dumpf dahinwälzende Menschenstrom unwiderstehlich +sie mit vorwärts. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es war im Februar. Aber es war wie ein Frühlingstag. +</p> + +<p> +Durch die Rauchschicht, die in dieser Gegend ewig in der +Luft lagerte, waren Fetzen blauen Himmels sichtbar. Die +Sonne dampfte, und spärliche Reste schmutzigen Grases +fingen an den Böschungen, die die Schlackenhalden dort von +der Straße abgrenzten, bereits dürftig zu grünen an. +</p> + +<p> +Es roch nach Blut, Schweiß, Pulver. +</p> + +<p> +Es roch nach verbranntem Fleisch. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-3-2"> +<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> +<span class="firstline">II</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Von einem großen freien Platz aus, der mit rußerstickten +verkrüppelten Bäumchen umpflanzt war, tönt jetzt eine +gewaltige Stimme herüber: +</p> + +<p> +„So ist bereits festgestellt, daß riesige Kohlenstaubmengen +vorhanden waren, die weder berieselt noch mit Gesteinsstaub +unschädlich gemacht wurden ... Die Koksablagerung +nach der Explosion ist der sicherste Beweis ... Auch die +Ansammlung von Schlagwettern ist auf der „Königin +Luise“ keine Seltenheit gewesen. Sehr oft haben wir vom +Betriebsausschuß bei unseren Befahrungen Wetter festgestellt. +Aber gerade darum, weil wir sehr oft die Verwaltung +belästigten und dem Betriebsführer und Steiger +meldeten, daß dort und dort Wetter stehn, sind wir an der +Befahrung gehindert worden ... Ja, seit Oktober vorigen +Jahres hat man uns vom Betriebsausschuß am ordentlichen +Befahren gehindert ... Ihr alle spürt es ja am eigenen +Leib – und an der Hand der Förderzahlen können wir +es auch leicht nachweisen – bei uns hier herrscht das +schlimmste Antreibersystem ... Ja so sieht in Wahrheit +der Geist des Unternehmertums aus ... Was dem +Bergmann nottut, daß der Bergarbeiter schließlich auch ein +Mensch ist, seine Bedürfnisse, seine Sorgen, seine Nöte hat: +das, das alles scheint man im Laufe der Zeit wieder ganz +und gar vergessen zu haben. Wir, wir hausen hier unten in +unseren Gruben wie in einer unterirdischen Leichenfabrik ...“ +</p> + +<p> +Tausende von Kumpels standen dort, eng um den Redner +gedrückt. Mit stieren Augen sogen sie sich fest im Boden ein. +Tausende Fäuste waren wie zu einem Klumpen aus Stein +geballt. +</p> + +<p> +Es war ein großes Schluchzen. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Von der Zechenverwaltung war strenge Anweisung +gegeben worden, keinerlei Nachrichten über den Umfang des +Unglücks sowie auch über die Zahl und die Namen der Toten +den Draußenstehenden bekanntzugeben. +</p> + +<p> +Die Menschenmassen stauten sich vor den Zechentoren zu +einer Mauer. +</p> + +<p> +<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> +Fest stand diese Menschenmauer. Schwankte vor. Neigte +sich wieder elastisch vor der Polizeikette zurück. +</p> + +<p> +Wie Brandung und Ebbe war das. +</p> + +<p> +Wie Atemzüge. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-3-3"> +<span class="firstline">III</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Vor einer halben Stunde war im Nordostfeld der Zeche +„Königin Luise“, Fach 7, die Schlagwetterexplosion erfolgt. +</p> + +<p> +Zuerst: ein Riß. Ein gewaltiger Schnitt mitten durch +die Luft ... Das Trommelfell platzt, den Brustkasten +quetscht es wie einen Schwamm aus ... als zöge es einem +die Lunge wie einen Schlauch durch den Hals herauf ... +Der Explosionsstoß: und die Bergarbeiter klatschten an die +Wände. Mit zerbrochenen Gliedern, mit Gehirnerschütterungen, +mit Schädelbrüchen kleben sie da, bereits unkenntlich +entstellt ... Zwanzig, oft dreißig Meter weit fliegen +sie, manche nach oben, zappelnd: schwer wie ein Sack fallen +sie wieder nieder ... Und da rast auch schon die Explosionsflamme +daher: verbrennt, verkohlt, stürzt sich von allen +Seiten zugleich auf dich, reißt mit ihrem stechenden Feuer +dir die Augen aus ... Die wenigen noch Ueberlebenden +fliehen, flüchten durch brennende Gänge; wie Feuerschlangen +winden die sich; die Angst peitscht sie, die Todesangst sitzt +wie ein Stachelhalsband fest an der Gurgel. Auf allen +Vieren flieht man, krabbelt, macht Schwimmbewegungen. +Stürzt über sich selbst im Dunkeln, das ununterbrochen +giftigen Kohlenstaub regnet. +</p> + +<p> +Gesteinhagel prasseln. +</p> + +<p> +Ein schlagartiger Wind schlägt. +</p> + +<p> +Ein eiserner Luftdruck. Ein unsichtbarer atomhafter +Riesenknebel ... +</p> + +<p> +Wirbel. Strudel. Böen. Flammenschüsse kreuzweis. – +</p> + +<p> +Und in diesen Felsenkellern wirkten zudem noch die +fliegenden Steinmassen wie Geschosse von höchster Splitterwirkung. +</p> + +<p> +Die Kolbengestänge der Lokomotiven und Wasserpumpen, +Stahlhäute zerknüllte es leicht, als wären sie aus Konservenblech. +<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> +Ganze Förderzüge schleudert es spielend vor sich +hin und her. Hier wird ein frisch gebohrter Tunnel durch +ein Bündel dort aufgestapelter Reserveschienen verstopft. +Gebogen, geknickt; in allen Formen. Drahtgewirre hingen +herum wie Spinnenweben ... Und einem passiert vielleicht +mitten im Todeskampf noch der Witz: „Das ist ja +beinahe akkurat so, als hätte hier der Riese, Herr Breitbart, +gehaust ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Hier war ein Ausweg ... Aber da ist der Stollen schon +längst wieder zugemauert. Hier stehen metertiefe Tümpel. +Dort prallt man mit anderen zusammen. Aus allen vier +Richtungen nun toben sie kaminähnliche Steingänge hinauf, +schluchtenartige Durchbrüche kollern sie sich wieder hinab ... +Auch hier, auch hier, auch hier kein Ausweg ... +</p> + +<p> +Und schon zieht das Gas heran, ganz sanft, ganz unmerklich, +wie der heilige Geist, wie auf Taubenfüßen. Schwebt +heran. Schmilzt heran ... Ein Schluck: und alle Glieder +sind behängt wie mit Blei. Ein inneres, unheimliches +Gewicht. Sinken nach unten ... +</p> + +<p> +Es war ein Geräusch wie xs ... xs ... xsss ... +</p> + +<p> +Xs ... xss ... und immer xs ... xsss ... +</p> + +<p> +Hinter den Schläfenwänden trillerte es, tickte es ... +</p> + +<p> +Es zirpte, wisperte ... +</p> + +<p> +Und immer wieder das: xs ... xsss ... +</p> + +<p> +Gäule: ein Beinpaar gespreizt, das andere steif angezogen: +unwirklich, wie zerschlagenes hölzernes Spielzeug. +Der Bauch wie ein Ballon aufgetrieben ... +</p> + +<p> +Förderwagen, mit Kohlenschutt beladen, schieben sich +polternd noch abschüssige Strecken hinunter, irgendwo im +Dunkeln. Ein dumpfer Knall in der Ferne. Irgendwo +stoßen sie jetzt auf. +</p> + +<p> +Und nichts mehr. Kein Laut. +</p> + +<p> +Nur immer wieder das xs ... xsss ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Da findet das Aufräumungskommando nach Tagen, wenn +auch die letzten Nachschwaden verzogen sind, noch gefüllte +<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> +Kaffeeflaschen, Kreidezeichen an den Wänden: „Um 11 Uhr +nachts habe ich noch gelebt.“ „Grüßt mir schön die Jule.“ +</p> + +<p> +Der Riesenventilator surrt. Das Massengrab wird +ordentlich durchgelüftet, und nach einer Woche vielleicht tut +der gespenstische Erdrachen sich wieder auf, bereit zu neuen +Opfern. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-3-4"> +<span class="firstline">IV</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Dick aber kleben jetzt die Gasschwaden noch unten. +</p> + +<p> +Die Rettungsmannschaften kommen in den Förderkörben +immer wieder betäubt nach oben. Eingekleidet wie Taucher. +Die Gaskonzentration ist zu stark. Immer wieder versagen +die Sauerstoffapparate. +</p> + +<p> +Da erspäht die vieltausendäugige lebendige Menschenmauer +durch die Gitter des Zechentores hindurch, wie einer +auf der Treppe zum Verwaltungsgebäude mit der Schulter +zuckt, den Kopf schüttelt ... +</p> + +<p> +Und die lebendige Menschenmauer schreit aus vielen +tausend Mündern einen einzigen Schrei, Namen, hunderte +von Namen schreit sie, jede Frau schreit den Namen ihres +Mannes, jeder Kumpel den Namen irgend eines Kameraden: +</p> + +<p> +„Lutz, Fritz, Adolf ... wo bist du ... habt ihr den +Anton, den Karl gesehen ... ist der Stiebert noch unten ... +August, Josef, Zarewski ...“ +</p> + +<p> +Und die Frauen machen Bewegungen mit den Händen, +als schaufelten sie; krümmen die Finger, als ob sie ihre +Männer gewaltsam aus der Grube herauskratzen wollten. +</p> + +<p> +Die Polizeikette schwankt. Reißt mitten durch – +</p> + +<p> +Und die lebendige Menschenmauer stößt sich in die Gitter +des Zechentores hinein. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Bälge. +</p> + +<p> +Hautfetzen. +</p> + +<p> +Von Armen und Beinen abgequetschte Rümpfe. +</p> + +<p> +Verkohlte Menschenköpfe, wie kugelähnliche Versteinerungen: +</p> + +<p> +<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> +So lag es schon, ein wirres Durcheinander, auf den Höfen +herum. +</p> + +<p> +Die Lebenden stürzten sich mit einem schrillen Aufschrei +auf diese Toten. Rissen, zerrten an ihnen herum. Wem +gehörte dieses Haarbüschel?! Dieser Arm mit den Tätowierungen!? +Dieser Ring mit dem Finger da!? Wer ist das +mit dieser Narbe am Hals da?! ... +</p> + +<p> +Fackeln waren jetzt angebrannt. +</p> + +<p> +Ein Haufen von Menschen: nach allen Seiten hin wendete +man der Reihe nach so einen Menschenbrocken. +</p> + +<p> +Und wie Baggermaschinen arbeiteten die Förderkörbe: +neue Weinkrämpfe, neue Herzschmerzen, neue unermeßliche +Leiden, neue unselige Gewißheiten, immer neue Tote, +Leichenfetzen und Leichenbrocken schöpften sie aus der Tiefe +herauf. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Eine Stunde später: und die Nachricht von der Grubenkatastrophe +verbreitet sich, dreihundert Kilometer von der +Unglücksstätte entfernt, in der Hauptstadt. +</p> + +<p> +„Wie kam es zur Entzündung!?“ +</p> + +<p> +„Durch eine Lampe!? Durch einen Schuß!?“ +</p> + +<p> +„Ist der Sicherheitssprengstoff, der verwendet wird, auch +wirklich ganz sicher!?“ +</p> + +<p> +„Hat der Schießmeister nicht einen Fehler begangen!? +Und wie steht es mit der Ausbildung der Bergleute überhaupt!?“ +</p> + +<p> +„Funktionierten die Kohlensperren?! Und wenn nicht, +was ist die tiefere Ursache?!“ +</p> + +<p> +„Ueber zwei bis drei Tote im Ruhrbergbau täglich, oft +über 700 Verletzte monatlich ... Muß das so sein!?“ +</p> + +<p> +„Nein, nein, nein ... Das verstehen Sie so nicht recht, +Herr, um was es sich bei solchen Unglücksfällen eigentlich +handelt ... Das ist Schicksal. Alles ist bestimmt in Gottes +unerforschlichem Rat ... Wie der Weltkrieg ein Gericht +Gottes ist, um die Uebervölkerung zu beseitigen, so ist ein +Grubenunglück eine Vorsehung Gottes, um den Kapitalismus +zu vernichten. Gott nimmt den Proletarierfamilien +<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> +den Ernährer, damit der Kapitalist Frauen und Kinder +unterstützen muß. Dadurch zeigt Gott den Kapitalisten, +daß er ihnen nicht gut gesinnt ist ...“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-3-5"> +<span class="firstline">V</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Es war gegen zwölf Uhr nachts. +</p> + +<p> +Die Arbeiterviertel horchten auf. +</p> + +<p> +Ein kurzer Ruck auch dort. Eine Sekunde lang zögerte +auch dort in jeder Brust der Herzschlag. Bis in die Fingerspitzen +hinein floß die Nachricht als eiskalte Blutwelle. +Lähmend. +</p> + +<p> +Auch Max Herse sprang noch einmal aus dem Bett hoch +und zog sich an, als der Kollege von nebenan, ein Straßenbahner, +der eben vom Dienst heimkam, bei ihm anklopfte. +</p> + +<p> +„Du, Max, hast schon gehört!?“ +</p> + +<p> +„?“ +</p> + +<p> +„Bis jetzt über einhundertundzwanzig Tote ...“ +</p> + +<p> +„?“ +</p> + +<p> +„Schlagwetterexplosion. Grubenkatastrophe ... Natürlich, +sicher genau wie bei uns bei der Straßenbahn. Ueberall +fehlt’s, zu nichts ist Geld da, die Schachtanlagen waren +sicherlich mangelhaft ... Ist doch heutzutag die Arbeitskraft +eines Proleten billiger, als neue technische Anlagen +kosten. Das rentiert sich ja heutzutag nicht ... Und +das, das muß man sich merken, das sind doch noch obendrein +die Herrschaften, die höchst ehrenwerten Herrschaften, +sage ich, die Millionen, viele Millionen Ruhrkredite verschlungen +haben. Unersättlich sind die. Der Krieg, die +Revolution: nichts kann sie genug satt kriegen ... Wenn +wir Proleten ihnen nicht endlich das Maul stopfen ...“ +</p> + +<p> +Und der Straßenbahnerkollege schlug auch schon mit der +Faust auf den Tisch. +</p> + +<p> +„Wann, frage ich mich, Herrgottsdonnerwetter, werden +wir endlich soweit sein, einig, einig, einig ... Darauf, nur +darauf kommt’s noch an ... Wir, wir, wir Proleten, verfluchte +Proleten, die wir sind ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> +Max Herse mußte dem zustimmen. +</p> + +<p> +Dann sprachen die Beiden noch lange. +</p> + +<p> +Woher und warum dieser Zwist in der Arbeiterschaft!? +Daß die einzelnen Berufsverbände zu wenig, viel zu wenig +zusammenarbeiten, ja oft sogar gegeneinander arbeiten. +Daß z. B. Arbeitslose und Arbeitende schon recht oft hart +aneinander geraten sind. Daß der eine im Produktionsapparat +eben den, der andere den Platz einnimmt. Daher +auch die verschiedenen Interessen, die unterschiedliche Denkart +... die Konflikte. Daß die meisten unter ihnen eben +leider immer noch nicht weiter zu sehen vermögen als bis +zu ihrer eigenen Nasenspitze ... Ganz dumm, ganz eng +gedacht ist das ... Wie das ganze System rücksichtslos +korrumpiert ... Daß sie neidisch sind, Lohndrückereien +usw. ... Wegen der kleinsten Differenzen oft gleich übereinander +herfallen, wie Kampfhähne, zum Gaudium der +„Dritten“ ... daß sie allesamt viel zu wenig die Gesamtinteressen +der Arbeiterschaft im Auge behalten. Daß sie +endlich auch kampfmüde geworden sind und immer noch +natürlich viel, viel zu wenig opferbereit ... Wie der +Beruf sich auswirkt: daß einer, der acht Stunden und mehr +noch hinter sich hat, halt eben einfach nicht mehr die Kraft +hat, die Konzentrationsfähigkeit, nicht mehr genügend aufnahmefähig +ist, halt ein ausgepumpter und beinahe zu +nichts mehr brauchbarer Mensch ist ... Da, da bleibt aber +auch schon gar kein Ueberschuß an Menschenkraft mehr, im +Gegenteil, jeder Tag bringt an Menschenkraft ein Defizit. +Man muß sich schon verteufelt ernst ranhalten, um sich auch +nur einigermaßen wieder herzustellen ... Und daß das +alles eben daran liegt, daß – +</p> + +<p> +Na, daß die Arbeiterschaft eben heute beinahe schon nichts +mehr zu sagen hat – +</p> + +<p> +Daß sie alle Machtpositionen, die sie einstmals innegehabt +hat, sich hat entwinden lassen – +</p> + +<p> +Daß sie wehrlos, entwaffnet, vergewaltigt ist – +</p> + +<p> +Führern anvertraut ist, die – +</p> + +<p> +Und daß man sich unbedingt wieder aufraffen muß, +zusammenschließen muß, wieder kämpfen muß – +</p> + +<p> +<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> +Kämpfen um das, was nur recht und billig ist – +</p> + +<p> +Kämpfen um das, was jedem Menschen auf Grund der +Tatsache seines Menschendaseins allein, auch schon von +Natur wegen, zusteht – +</p> + +<p> +Was die „Anderen“ aber freiwillig nie und nimmer gewähren +werden – +</p> + +<p> +Daß man also kämpfen muß – um die Macht! ... +</p> + +<p> +Nicht mehr so gutgläubig, vertrauensselig, verzeihend sein +wie vordem. Sondern: unerbittlich, nüchtern, das Ziel fest +im Aug. Und alle <em>die</em> rücksichtslos aus den Reihen des +kämpfenden Proletariats stoßend, die durch ihre stete Geneigtheit +zu Verhandlungen und Konzessionen die Kampfkraft, +die revolutionären Energien schwächen. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +So drückte die Katastrophe den Proleten nieder. +</p> + +<p> +So richtete sie ihn aber auch wieder auf. +</p> + +<p> +Mit furchtbaren Schlägen hämmerte sie ihm wieder +Klassenbewußtsein ein, das Zusammengehörigkeitsgefühl, +die Solidarität, die Kampfverbundenheit. +</p> + +<p> +Die Klassenehre, die Klassenpflicht. +</p> + +<p> +„Daß wir Arbeiter endlich allesamt werden: <em>ein</em> Wille, +<em>ein</em> Herzschlag, <em>ein</em> Blut, <em>ein</em> Leib, <em>ein</em> Geist ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Mit einem festen Händedruck schieden die beiden Proleten +voneinander. +</p> + +<p> +„Diese Welt muß unser sein!“ sagte der eine. +</p> + +<p> +Der andere: +</p> + +<p> +„Dann werden wir die Rächer sein ... Der endliche +Sieg ist unser!“ – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-3-6"> +<span class="firstline">VI</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Noch in derselben Nacht wurde in den Bureaus der +Korrespondenzen und der Zeitungen die Katastrophe +gründlichst bearbeitet. +</p> + +<p> +Und schon früh am Morgen stürzte sich die große Welt +wie eine gierige Meute, die Blut zu schmecken bekommen +wird, auf dieses neueste Ereignis. +</p> + +<p> +<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> +Die letzten Wochen war es schon so: abwechslungsreich +in jeder Beziehung kann man sagen: zugleich mit dem +Frühstück wurde einem im Morgenblatt jeden Tag ein +anderer Skandal serviert. +</p> + +<p> +Nun, eine Grubenexplosion: das war eine delikate Abwechslung +in dem öden Grau und allmählich langweilig +werdenden Einerlei ganzer Serien von Skandalaffären. +</p> + +<p> +Man selbst fern vom Schuß ... Nur hie und da ein +Kolonialkriegchen, nicht sonderlich aufregend ... Bolschewistengreuel +ziehen zwar immer noch ... Auch Waffenlager, +Bombenfunde, geplante Dynamitattentate, Tscheka-Abenteuer +... Cholerabazillen. Tagebücher berühmter +Scharfrichter ... Doppelt so gut schmeckt einem dabei so +ein Kännchen Mokka ... +</p> + +<p> +Aber auch eine Katastrophe, und ginge die Hälfte des +Volkes dabei zugrunde, muß leicht verdaulich und schmackhaft +zubereitet werden. Flink wirbelten herum in den +Redaktionsküchen die Presseköche. Die an das Papiergift +ziemlich gewöhnten Gehirne der Zeitungsleser vibrierten +wieder mal heftig unter dem Nervengewitter dieser schaurigen +Sensation. „Erinnert das nicht an Zolas „Germinal“?“ +„Gewiß, Schatz, auch in der Literatur ist solch ein Stoff schon +des öfteren und man kann sagen ziemlich erfolgreich behandelt +worden. Ein lohnender Vorwurf, in der Tat. Auch +Sinclairs „König Kohle“, lies mal nach, auch nicht übel ...“ +Und die bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Spannung entlud +sich. Die Journalisten schoben Artikel um Artikel. +Sentimentale und schmalzige Nachrufe waren sofort lieferbar +in Hülle und Fülle. Theoretische gelehrte Abhandlungen +über das „Wesen von Grubenexplosionen“ standen in Menge +zur Verfügung. „Grubenexplosionen in alter und neuer +Zeit“ mit Bildermaterial reichlich versehen oder „Der +Kampf des Menschen mit der Natur“ oder „Die Rache der +Elemente“. „Katastrophe im unterirdischen Reich der aufgespeicherten +Sonnenenergien.“ Der Apparat funktionierte +wieder mal ausgezeichnet; alles lief wie am Schnürchen. +So oder so: Professoren, Historiker, technische Sachverständige, +Dichter: sie alle waren eifrig dabei, unermüdlich +tätig waren sie, um das von den allein schuldigen Industriemagnaten +<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> +groß angelegte Ablenkungsmanöver ideologisch +zu stützen. Wobei es sich erübrigt zu bemerken, daß die +professionellen Arbeiterverräter auch in diesem Fall getreulich +ihre Pflicht taten. Und man blieb, was in einem +gewissen Moment doch recht zweifelhaft schien, Herr der +Situation. Auch dieser Situation. +</p> + +<p> +Eine Wohltätigkeitsaktion wurde eingeleitet. +</p> + +<p> +Berühmteste Namen, Größen der Nation, stellten sich +uneigennützig an die Spitze. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Reichstag trat zusammen. +</p> + +<p> +Die Abgeordneten erhoben sich zum Zeichen der Trauer +von ihren Plätzen. +</p> + +<p> +Als die Kommunisten den Antrag stellten, aus den von +diesem Unglücksfall betroffenen Betrieben heraus sofort +eine Untersuchungskommission wählen zu lassen, um gründlich +und wirklich wahrheitsgemäß die ganze Sachlage nachprüfen +zu lassen, da erhob sich der Präsident. +</p> + +<p> +Die Regierungsvertreter tuschelten miteinander. +</p> + +<p> +Der Präsident rückte sich die Krawatte zurecht. Pathetisch +schlüpften ihm die Hände bei seiner Rede aus den Rockärmeln. +</p> + +<p> +„Vor der Majestät des Todes mögen für heute alle +Parteistreitigkeiten schweigen ... Burgfrieden ...!“ +</p> + +<p> +Gegen die Stimmen der Kommunisten wurde der Antrag +abgelehnt. Als agitatorische Nutznießer dieser Katastrophe +wurden die Kommunisten außerdem noch gebührend gebrandmarkt. +</p> + +<p> +In einem schwarzen Gehrock wandelt die „Majestät des +Todes“ geschäftig hin und her zwischen den Bankreihen der +Herren Abgeordneten hindurch: man kondolierte, man +beglückwünschte sich aber auch, bei dem gerüttelten Maß +von Schuld, das ein jeder der hier Anwesenden für sich +buchen konnte, so unerwarteterweise glimpflich dabei weggekommen +zu sein. +</p> + +<p> +„Gerne geschehen ... Bitte sehr ... Meinen allerverbindlichsten +Dank ... Und die allerbesten Empfehlungen, +wenn ich bitten darf, an Ihre Frau Gemahlin ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> +„Nichts für ungut ... Sie wissen schon, wir nehmen +nichts so leicht krumm ... Ganz gut so, ein bißchen hie +und da Opposition mimen, Herr Levi ... Nur im entscheidenden +Augenblick zur Stange halten ... Darauf +kommt’s an ... Und darauf, na darauf können wir uns +ja wohl verlassen ...“ +</p> + +<p> +Und die „Majestät des Todes“ betonte nochmals nachdrücklich +den Herren Abgeordneten gegenüber ihre stete +Bereitwilligkeit zu jeder Art von Gegendienstleistung ... +„Wir lassen Sie nicht im Stich ... Verlassen Sie sich +darauf ...“ Die „Majestät des Todes“ versprach es außerdem +noch jedem Einzelnen in die Hand hinein. „Ueber +die Frage der Unkosten, die Sie eventuell dabei haben +sollten, verständigen wir uns schon. Aktien oder direkt. +Daß dabei was ganz Hübsches herausspringt, das ist ja +ganz selbstverständlich.“ +</p> + +<p> +Man schmunzelte schon wieder. Zwinkerte verteufelt-listig +mit den Blau-Aeuglein nach allen Seiten, blinzelte ein +Dankstoßgebet zum Himmel hinauf, und die „Majestät des +Todes“ entfernte sich, eine dick gestopfte Aktentasche unter +dem Arm, um bei den Gewerkschaften und anderen Organisationen +noch rasch Almosen und Liebesgaben, nach bewährtem +Muster von 1914 bis 1918 Anno dazumal, für die +Opfer der Hinterbliebenen zusammenzubetteln. Die „Majestät +des Todes“ ging dabei recht geschäftstüchtig vor, auch +nahm sie es dabei nicht allzugenau. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +An den Bahren der Ermordeten aber standen sie mit +entblößten Häuptern; der Reichskanzler und die Abordnungen +der Behörden, die Herren der Industrie, die Abgesandten +der Großbanken. Auch die Herren Sozialisten +standen wie immer mit ihnen. Wohlangesehene Bürger. +Ein Bürgermeister. Noch einer. Und ein Oberbürgermeister. +</p> + +<p> +„Leichenschändung. Nichts weiter als Leichenschändung +treiben diese da, wenn sie so herumstehen ... Jeder ehrliche +Prolet muß das so empfinden ...“ +</p> + +<p> +Sonderzüge in das vom Unglück betroffene Gebiet waren +auch sofort von der Eisenbahnverwaltung in bereitwilligster +<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> +und anerkennendster Weise für die Herren der Regierung +usw. eingelegt worden. – +</p> + +<p> +„Gut so, aber dachte auch mancher der Angehörigen der +tödlich Verunglückten, gut, daß er wenigstens noch bei einem +Massenunglück umgekommen ist ... Kommt einer als +Einzelner um, so kümmert man sich um uns schon überhaupt +nicht ... Da muß man sich eben hübsch brav mit der +Bettelrente, die die Unfallversicherung einem gewährt, abfinden +... In einem Jahr sind es über 6000 solcher +Unfälle, mindestens 600 davon tödlich ...“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-3-7"> +<span class="firstline">VII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Die Tränen der Hinterbliebenen versiegten allmählich. +</p> + +<p> +Man ging zwar noch unter der unheimlichen Last gebeugt, +aber auch schon beobachtend und lauernd. Und schon einen +Tag vor dem gemeinsamen Begräbnis der Opfer hatten +sie sich wieder gefaßt, um einige Grade härter und kampfentschlossener +waren die meisten unter ihnen geworden, +und mit roten Fahnen an der Spitze durchzogen schon früh +am Morgen des Begräbnistages Gruppen von Kumpels, +Witwen und Waisen die rußverschlammten Straßen der +Bergarbeiterstadt, und sangen die „Internationale“. +</p> + +<p> +Oh, erinnerte sich da mancher, das war schon einmal so. +</p> + +<p> +Drei, vier Jahre zurück vielleicht. Aber ein jeder denkt +noch voll Stolz daran. Schade nur, daß nicht ... Aber +aus unseren Fehlern muß gelernt werden ... Es geht +eben mal schwer vorwärts, und nichts wird einem geschenkt, +das ist nun einmal so ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Rote Armee zog damals von Stadt zu Stadt. +</p> + +<p> +Hals über Kopf rückte die Reichswehr ab. +</p> + +<p> +Das Rote Banner flog – +</p> + +<p> +Höhen und Täler leuchteten ... +</p> + +<p> +Wir marschierten durch Wälder, setzten uns auf eroberten +Pontons über die Flüsse, Tag und Nacht, unermüdlich +immer hinter dem weißen Feind her ... +</p> + +<p> +<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> +Rote Soldaten stiegen aus den Gruben, warfen sich, wo +noch eine Lücke war, in die Rote Front ... +</p> + +<p> +Das ganze Bergwerksrevier marschiert. +</p> + +<p> +Das ganze Bergwerksrevier kämpfte seinen bewaffneten +Aufstand. +</p> + +<p> +So war es. +</p> + +<p> +So wird es wieder sein ... +</p> + +<p> +Grab an Grab, Schächte, in denen Tausende verschüttet, +erstickt, zermalmt worden sind, Schlachtäcker des Bürgerkriegs, +gedüngt mit proletarischem Heldenblut: das ist westfälischer +Boden. +</p> + +<p> +Das Land ist hier wie erdiges Geschwür. +</p> + +<p> +Trüb schwelt heute die Flamme der Revolution. +</p> + +<p> +Die Bergwerke wie erloschene Krater ... +</p> + +<p> +Menschenfleisch, Arbeiterfleisch verfault bei lebendigem +Leib in den Ruinen dieser modernen Katakomben. +</p> + +<p> +Rußt ein. Und der Menschenkadaver heizt sich zur Not +noch an in den Schnapsschenken mit giftigem Fusel ... +</p> + +<p> +Aber täuscht euch nicht! +</p> + +<p> +Morgen, übermorgen brechen sie wieder auf: Narben, +Wunden, Schmerzen brechen wieder auf, und Millionen +Kumpels stürzen sich wieder herauf aus der Erdtiefe, wie +lebendige Lavamassen. +</p> + +<p> +Die Erde platzt! +</p> + +<p> +Der Erdbauch platzt: und herauf aus den mit lebendigen +Menschenleichen angefüllten Erddärmen fördert es Haufen +an Haufen, wandelnde, leibhaft gewordene Kohlenstrunke ... +Wehe: die Kohle kommt! Wehe, wenn die Menschenkohle +über euch kommt, wenn die aus Bitternis über jahrhundertelang +geduldig ertragenes Leid glühend gewordene +Menschenkohle über euch kommt! ... +</p> + +<p> +Das wird der Auferstehungstag, der Tag der Befreiung +sein ganzer Geschlechter lebendig Begrabener ... +</p> + +<p> +Glück auf! – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-3-8"> +<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> +<span class="firstline">VIII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Nur die Leiche des alten Bergarbeiters Hempel konnte +noch nicht geborgen werden. +</p> + +<p> +Soviel wußte man: er saß halb aufrecht, wohl ein +wenig in sich zusammengekauert, durch riesige Felstrümmer +abgeriegelt, in einem vergasten Schachtloch. Man konnte +aber nicht herankommen, so, aber auch so nicht, bei jedem +Aufräumungsversuch lösten sich immer wieder von oben +neue Gesteinsmassen ab. Auch stieß man in dieser Gegend +immer wieder von neuem auf plötzlich hervorbrechende Gasquellen. +</p> + +<p> +So mußte man den guten Vater Hempel eben bis auf +weiteres in seinem stillen Kämmerlein sitzen lassen. +</p> + +<p> +Vergebens warteten zwar oben schon seit zwei Tagen +und Nächten die Seinen auf ihn. +</p> + +<p> +Warteten händeringend auf ihn bei jedem Zug aus der +Tiefe. Sahen sich die Augen aus – +</p> + +<p> +Nein, der Alte kam nicht. +</p> + +<p> +Nicht einmal, daß er heut bei dem großen Begräbnis +mit dabei war ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Halb aufrecht saß er da, wohl ein wenig in sich zusammengekauert, +der Kopf tief auf die Brust heruntergeklappt, +der Oberkörper war entblößt, schwarz bestrichen: +so dick war er mit Kohlenstaub bedeckt. Das Fleisch +schwammig, vom Gas aufgebläht. Nur wenig sah man +vom Mund: die Lippen waren fest aufeinandergepreßt, +schief, auf der einen Seite beinahe in einem rechten Winkel +nach oben verzogen. Von leicht gekräuseltem Schaum überkrustet. +Die Augäpfel vorgetrieben, feucht und glanzweiß. +Um die Backenknochen herum dicke, kurze weißliche Bartstoppeln. +</p> + +<p> +Neben ihm Jacke, Sicherheitslampe, irgend ein Werkzeug. +Ueber fünfunddreißig Jahre Arbeit in der Grube +saßen da, Vater dreier Söhne: einen davon an den Krieg +drangegeben, einen als „Hundejungen“ vor zwei Jahren +im Schacht verloren, einer noch überlebend ... Da half +<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> +nichts, da mußte auch die Mutter noch in der Fabrik an +der Brikettmaschine mitverdienen. +</p> + +<p> +Nun, der Alte war schon immer ein wenig absonderlich. +</p> + +<p> +„Ach, tappen wir Menschen nicht eigentlich alle im +Dunkeln. Ist gar nicht so schlimm. Hände gefaltet. Augen +zu. Welt, schwarzer Traum, ade! ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Hundertundfünfzig Särge zugleich, einhundertundfünfzig +Leichen von Bergarbeitern, in billige, roh zurechtgezimmerte +Holzsärge gepackt, schwankten jetzt oben dahin unter den +blechernen Klängen eines Trauermarsches durch die Frühlingsluft. +</p> + +<p> +Ein ungeheurer Menschenzug stampfte dahinter her. +</p> + +<p> +Abordnungen aller Bergarbeiter der Welt waren erschienen. +</p> + +<p> +Schwarze Fahnen. Rote Fahnen. +</p> + +<p> +... Kohle und Blut ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Unten in der Tiefe löste sich wieder ein Felsblock. +</p> + +<p> +Der Alte fiel weit hintenüber. +</p> + +<p> +Nun lag er ausgestreckt. +</p> + +<p> +Oben meinte die Mutter: +</p> + +<p> +„Ja, ja, ich habs gleich gesagt: diesmal macht der Vater +Feiertag ...“ +</p> + +<p> +Der Mund war ihm aufgeschlagen. Die Zunge stieg +zurück bis in den Gaumen geklemmt. Um den Lippenrand +herum, wie ein eingelegter Kranz, bräunliche Zahnstummeln. +</p> + +<p> +Der Begräbniszug war wie fernes Wasserrauschen. +</p> + +<p> +Und immer noch hing die unsichtbare Gaswolke fest in +dem unterirdischen System: Korridore, Labyrinthe, Windungen: +es sickerte darin, die Wände flüsterten, eine Quelle +schlüpfte vorüber, es krachte und knarrte in dem Gebälk, +ein Winddruck fauchte hindurch, in einem Kohlentümpel +gluckste es ... und schwarz war es, so schwarz, als müßte +<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> +man, um diese Finsternis zu durchdringen, Bohrmaschinen +gegen sie auffahren. Undurchdringlich schwarz. +</p> + +<p> +Das war endlich Ruhe. Die Große Ruhe. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-3-9"> +<span class="firstline">IX</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Die Einen nahmen an diesem Begräbnistag Paradeaufstellung. +</p> + +<p> +Sie rüsteten sich zu einer Toten-Parade. +</p> + +<p> +Patriotische Ansprachen, Trauerreden wurden gehalten. +</p> + +<p> +Ein Filmoperateur kurbelte. +</p> + +<p> +Dutzendweis Leichen ließen sie an sich vorüberdefilieren. +Viel Tröstungen und Weihrauch und Versprechungen taten +not. Viel künstliche Tränen mußten vertropft werden. Denn +das Ganze schmeckte wieder mal bedenklich nach Massenmord +... Mit einem breiten Trauerflor waren die Zylinder +umflochten ... +</p> + +<p> +Die Regie klappte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Anderen aber nahmen Kampfaufstellung. +</p> + +<p> +Sie standen da, gerüstet zu einem neuen Kampf. +</p> + +<p> +Wie: Gewehr bei Fuß. +</p> + +<p> +Blutrote Wimpel. Blutrote Banner. +</p> + +<p> +Es war ein blutrotes Meeting. +</p> + +<p> +Flammende Kampfaufrufe schossen empor. +</p> + +<p> +Und stießen sich frei in dem Schwur: +</p> + +<p> +„Lieber im Feuer der Revolution verbrennen, als elend +verrecken auf dem Misthaufen dieser Republik ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Und die Sonne schwang flimmernd über sie hin, den +ganzen Raum erfüllend, ein gespenstischer Lichtkreisel. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-4"> +<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> +<span class="firstline">3. Kapitel.</span><br> +„Friede auf Erden“ – +</h2> + +</div> + +<p class="ctoc"> +Max Herse, ein junger Arbeiter, +besucht eine sozialdemokratische +Wahlversammlung. – Die Befriedung +der Welt ist da. Der Weltfrieden +scheint gesichert. Deutschland: +die Industriewerkstatt der +Welt! – Zeitungsleser im Café. +Unheimliche Nachrichten. – Einiges +vom Studenten Peter Friedjung. +Max Herse und seine Kollegen auf +dem Heimweg. – Klebekolonnen bei +der Arbeit. – Schlafende Menschen. +– „Friede auf Erden.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-4-1"> +<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> +<span class="firstline">I</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Der Nebelrauch stand unbewegt in den Straßen. Tausende +Lichtpunkte flimmerten. Die Verkehrstürme blinkten +grün, weiß, rot. Die Menschen gingen sehr schnell. In +Trupps schoben sie sich über die Plätze ... +</p> + +<p> +Ein Lichtband fließt oben vorüber ... +</p> + +<p> +Max drückte sich aus dem Menschengewühl heraus auf +die hintere Plattform einer Elektrischen. +</p> + +<p> +Er studierte noch immer den Aufruf der Gewerkschaften. +</p> + +<p> +Der lautete: +</p> + +<p> +„Wo soll die Frage entschieden werden, ob wir den gesetzlichen +Achtstundentag wiederbekommen sollen?! Im Reichstag. +Wo wird das Arbeitsgerichtsgesetz, das Arbeitsvertragsgesetz, +die Schlichtungsordnung, das Tarifgesetz gestaltet? +Im Reichstag. Wo wird die Verteilung der Lasten gesetzlich +geregelt, die der Dawesplan uns gebracht hat!? Im +Reichstag ...“ +</p> + +<p> +„Also doch!“ dachte Max. +</p> + +<p> +„Wenn nur die Mark stabil bleibt! Dann kann man +wenigstens wieder rechnen ... Man braucht ja heutzutage, +mehr denn je, schon wirklich gewaltig viel Geld ... Sich +zu Tode schuften. Aber das Resultat ist dann wenigstens +doch ein stabiler Hundelohn ...“ +</p> + +<p> +Eine Theatergesellschaft scherzte im Wageninnern. +</p> + +<p> +„Die schwimmen hübsch obenauf, wie auf der Suppe die +Fettaugen ...“ +</p> + +<p> +Reichswehrsoldaten, den Tornister aufgepackt, darüber den +Stahlhelm. Sie kamen von einem Truppenübungsplatz. +</p> + +<p> +Ein Unteroffizier erläuterte das neue Visier: +</p> + +<p> +„50000 Gewehre sind bis jetzt schon darauf eingeschossen. +Tadellos. Ein jeder Schuß aber muß bei uns auch sitzen.“ +</p> + +<p> +Gesprächsfetzen schwirrten: +</p> + +<p> +<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> +„Na, also doch, daß wir wieder geordnete Zustände bekommen +haben! ... Ja, wissen Sie, die Inflationszeit. +Die steckt mir immer noch wie die Grippe in den Gliedern.“ +</p> + +<p> +„Ich, Herr Kulicke, hab’ es immer schon gesagt – und +was die vielen Parteien anbetrifft – eine Linke, eine +Rechte, eine Mitte: das genügt vollauf, dann hat jeder +was ...“ +</p> + +<p> +„Lassen Sie mich nur aus damit, Herr Rechnungsrat, +sage ich Ihnen, mit den Regierungen! Lassen Sie die neue +ein wenig liegen und schon wieder wird sie abgeholt ... +Sie werden sehen, der starke Mann ist’s, der uns fehlt ... +So ein Bismarck ...“ +</p> + +<p> +„Also wird’s doch Wahrheit, daß Amerika uns unter die +Arme greift ...“ +</p> + +<p> +Auch mit dem Straßenbahnschaffner sprach natürlich +jemand, der eine duftige Zigarre rauchte: +</p> + +<p> +„Na, was macht’s ... Viele Unfälle, was ... Ja, das +deutsche Volk muß eben erst wieder arbeiten lernen! ...“ +</p> + +<p> +„Wenn man oft über 12 Stunden Dienst hat, Herr, dazu +nicht genug, um einmal in der Woche sich ordentlich satt +zu essen ... außerdem vier Jahre schließlich im Krieg +gewesen ist, ein paarmal verwundet ist, wie unsereins ... +Das stellen Sie sich schon einfacher vor, wie es ist ... +Stellen Sie sich mal vorn an den Kurbelkasten ... Und +wie das alles heruntergekommen ist ... Die Bremsen, die +Sicherungsanlagen ... aber dazu ist ja eben kein Geld +nicht da ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Millionen Räder drehten sich, um die Menschenmassen +an die Arbeitsstätten zu befördern. Hin und zurück. Es +war ein gewaltiger Kreislauf, ein schwingender Wirbel. +Unter der Erde, auf der Erde, hoch in der Luft. Eingepfercht +in die eisernen Kasten der Untergrundbahnen schossen +Menschenhaufen durch zementgemauerte unterirdische Röhren, +stießen auf Treppen hoch, rannten kreuz und quer ... +Rufe splitterten, Signale pfiffen, schief gestellt schmissen sich +die Autobusse um die Kurven ... Jeder wehrte sich gegen +den andern ... Wie das Meer kennt auch die Großstadt +<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> +Flut und Ebbe. Brandung und Springflut ... Erst tief +in der Nacht ziehen stillere weite Kreise die beruhigten +Menschenwellen ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Max war mit dem Gewerkschaftsaufruf fertig. +</p> + +<p> +„Gott der Allmächtige!“ stöhnt in sich hinein ein Kriegskrüppel. +Er trug die Soldatenmütze mit schwarzweißroter +und schwarzweißer Kokarde, das Eiserne Kreuz, eine Hakenkreuznadel, +einen Totenkopf, und handelte mit patriotischen +Ansichtspostkarten. +</p> + +<p> +Er stolperte mit einem Prothesenbein. +</p> + +<p> +Vor jedem Bessergekleideten salutierte er, stand stramm. +</p> + +<p> +„Rheinische Mädchen bei rheinischem Wein“ orgelte ein +Leierkasten. +</p> + +<p> +Schupo patroullierte vorüber, prüfte den Ausweis eines +Straßenhändlers. +</p> + +<p> +Schon zwitscherte es aus den Anlagen. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-4-2"> +<span class="firstline">II</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Arbeiterviertel: +</p> + +<p> +Uebermenschengroße Stücke von Verputz waren von den +Häuserfronten heruntergebrochen. Das ganze Viertel hatte +seinen besonderen Geruch. Das Nebeldickicht schlug sich durch +Mauerritzen in das Innere der Häuser hinein. Winkelig +und unaufwaschbar vor lauter Gerümpel war es in den +Geschäften. Ueberall rochen die feuchten Keller herauf. +Ueberall troff es. In einem steilen Zickzack kletterten +knarrend die Treppen empor. Gaslicht gespensterte. +</p> + +<p> +Ein Greis schleppte sich mit einem Bündel Holz quer +über die Straße. Frauen standen, aus zahnlosen Mündern +wispernd, in Gruppen herum. Festen Schritts kamen einige +Burschen vorüber, Mützen auf, die Fäuste tief in den Hosentaschen. +Kinder jagten sich, Droschkengäule hatten den +Futtersack vor. +</p> + +<p> +Das Herz-Innere der Häuser bestand, durch längst schlissig +gewordene Gardinen sichtbar, aus Küche, Kammer, Stube. +Mit spärlichen Möbelresten waren sie dürftig ausgeflickt. +</p> + +<p> +<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> +Menschenwerk sind diese Häuser. +</p> + +<p> +Doch in diesen Häusern formen sich unmerklich auch wieder +die Menschen um. +</p> + +<p> +Eine kalkige Kruste sind diese Häuser, über einen lebendigen +Leidenskern gestülpt. +</p> + +<p> +Wo sind die Gefangenenaufseher, fragt man. Es sind +freiwillig Gefangene, bekommt man zur Antwort. Sie beaufsichtigen +sich selbst. Sie haben sich ihrem Schicksal ergeben. +Lieben sie wirklich ihre Verdammnis ...? +</p> + +<p> +Menschen und Häuser dieser Gegenden: lebensverbunden! +</p> + +<p> +Sie schlagen den gleichen Herztakt. Mit Leidenszeichen +sind sie überreichlich besät und mit Todesrunen. Viele +Morde, Verzweiflungsmorde sind schon in ihren Gängen +geschehen. Sie bergen in sich ein Maß von Not, das übermenschlich +ist. Seht diese Häuser an! Kaum daß sie sich noch +auf ihren Füßen halten können! Die Fundamente sind +längst unterwühlt. Erdschlamm dringt vor. Alles steht +hier auf Abbruch. Sie sind wirklich schlecht genährt. Gemüsereste, +Kartoffeln, Brennsuppen, Heringe. Immer ist es derselbe +Trott. Wer die Augen noch im Kopf hat, um zu sehen, +der sieht: das sind Kerker, Leichenkasernen, Grabhäuser, und +die Fetzen der Fassaden schlottern an ihnen herunter wie +Lumpen an einem Skelett ... +</p> + +<p> +Nenn mir den glücklichen Besitzer, und du erfährst: er +heißt vielleicht heute noch Krätzig und wohnt im Ostseevillenörtchen +Heringsdorf. Aber die Häuser, zweihundert +Stück gleich auf einmal, sie wandern; sie wandern herum +zwischen Tschechoslowakei und Amerika: nur die Verwalter +bleiben, treiben die Mieten ein, besorgen redlich und treu +Kündigungen und Hinausschmisse ... Denn auch das todwunde +Häuserrevier ist immer noch ein lohnendes Spekulationsobjekt. +– +</p> + +<p> +Hier führen die Menschen tagaus tagein einen heroischen +Kampf um die Wohnung. Hier ist ein rumpfgroßes Loch +in der Wand. Es müßte vermörtelt werden. Man muß +die Bettstellen rücken, einmal hierhin, einmal dorthin: denn +die Decke tropft. Es müßte geteert werden. Hier sind ganze +Barrikadensysteme gegen Ratten errichtet. Dort unternimmt +<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> +man vergebens Feldzug um Feldzug gegen das Ungeziefer. +Hier wächst der Schmutz von selbst. Mit zusammengebissenen +Zähnen versucht man zu retten, was noch zu +retten ist. Aber der Schimmel marschiert, er erobert mühelos +das Innere der Schränke. Die Tuberkulose bricht ein, +die Geschlechtskrankheiten pflanzen zynisch triumphierend +ihr Banner auf ... Und schon ist wie immer Arbeitslosigkeit, +Hunger, Skrophulose da ... Eine höllische Armee, +zusammengesetzt aus allen Kadres der menschlichen Notdurft +und Hilflosigkeit, ist vollzählig zur Stelle ... Der Generalangriff +beginnt. Aus Schlitzen, Ritzen, Poren, Verschalungen, +Mauern hindurch, millionenmäulig, speit es Verderben. +Da gibts keinen Widerstand. Jede Abwehr ist nutzlos ... +</p> + +<p> +Und in den Höfen waten die Kinder, wenn sie spielen +wollen, bis zu den Knöcheln in einem fauligen Tümpel ... +</p> + +<p> +Erbarmungslos vollzieht sich hier unter den Augen des +Gesetzes, infolge Gesetzeskraft und laut Paragraph so und +soviel – erbarmungslos vollzieht sich hier eine ganz +viehische, ganz trockene Blut-Kleinarbeit ... +</p> + +<p> +Glanzblau glaste der Himmel darüber, wunderbar +grenzenlos über dieses Massenelend gespannt. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-4-3"> +<span class="firstline">III</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Ein Kino vorn: +</p> + +<p> +Mit einem Plakat: ein Schiff, das im Eismeer versinkt, +ein Auto, das vollbesetzt auf einer mexikanischen Alpenstraße +in den Abgrund saust, eine Großaufnahme von einem +blonden Mädchenkopf, „Lia Mara“ oder die „Gefesselte +Schönheit“ genannt, bengalisch überstrahlt von himbeerroten +Lichtern – +</p> + +<p> +Und hinten über zwei Höfe hinweg war das Versammlungslokal. +</p> + +<p> +„Neue Frankfurter Festsäle“ nannte es sich. +</p> + +<p> +Es mochten gegen zweitausend Menschen anwesend sein. +</p> + +<p> +Der Bühnenhintergrund war sichtbar, gemalte Kulissen, +eine Seelandschaft, dahinter im Sonnenuntergang leuchtende +Bergspitzen, ziegelrot. Auf knallgrüner Leinwandalm +<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> +weideten braunlackierte Kühe, auch die schöne Sennerin +fehlte nicht, in samtschwarz gestrichenem Mieder, die Lippen +wie ein Kügelchen so rund. +</p> + +<p> +Blauweiße Fahnengirlanden waren kreuz und quer gespannt. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Als Max eintrat, sprach der Redner schon. +</p> + +<p> +Es hatte auch schon einige Zwischenrufe gesetzt, Kollegen +informierten Max gleich darüber, aber der Saalschutz +funktionierte diesmal gut, und man hatte die Störenfriede +gleich in vereinfachtem Verfahren an die Luft befördert. +</p> + +<p> +Auch Max nickte mit dem Kopf: +</p> + +<p> +„Eine bodenlose Frechheit, unsere Versammlungen zu +stören ... Radaubrüder ...“ +</p> + +<p> +Und er war stolz auf seinen Saalschutz. +</p> + +<p> +„Es ist gut so ... Mögen die sich wo anders austoben +...“ +</p> + +<p> +Und auch aus ordentlich gekleideten Kerls bestand der +Saalschutz. Gut ausgerüstet: blaue Mütze, Wickelgamaschen, +Windjacke. Bewaffnet mit stählernen federnden Totschlägern +und Gummiknüppeln. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Man mußte also über die bevorstehenden Reichstagswahlen +mit sich ins Klare kommen. +</p> + +<p> +Der Redner ließ es sich dabei nicht nehmen, der Reaktion, +worunter er vor allem die Deutschnationalen verstand, +einiges ordentlich auszuwischen, ging dann von der innerpolitischen +Lage zur außenpolitischen über und erörterte sachlich +und wirkungsvoll die wichtigsten Probleme. Es gelang +ihm dabei, überzeugend darzutun, daß unter den nun +einmal gegebenen politischen Verhältnissen dem deutschen +Volke, das, schlecht geführt, den Krieg verloren hat, nichts +anderes übrig bleibt, als das Sachverständigengutachten +anzunehmen, das – im Vergleich zu den Verpflichtungen, +die vor dem Deutschland aus dem Versailler Vertrag erwuchsen, +– wesentliche Erleichterungen biete, die Räumung +des Ruhrgebiets und damit die Befreiung einiger Millionen +<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> +Deutscher von der französischen Fremdherrschaft bringe, der +Industrie die lebenswichtigen, nicht unerheblichen Kredite +vermittle, der zerrütteten deutschen Wirtschaft wieder aufhelfe +– man denke nur an die passive Handelsbilanz! – und +damit auch zugleich dem Proletariat Verdienstmöglichkeiten +und Arbeit verschaffe. Ueber die Lastenverteilung aber +entscheide der Reichstag, und es komme nun darauf an, +möglichst stark dort einzuziehen, um die Gewichtsverteilung +der Lasten zugunsten der werktätigen Bevölkerung auf +die Schultern der besitzenden Klasse abzuwälzen. +</p> + +<p> +„Ja, aber meine Herrschaften!“ rief der Referent aus, +als sich aus einer Saalecke heraus wieder Widerspruch +bemerkbar machte – „wir leben eben nun einmal in einer +kapitalistischen Gesellschaft, und ich kann nicht, so gern ich +auch möchte, sie von heute auf morgen wegpusten. So heißt +es also, sich so gut es geht mit dieser Tatsache abzufinden +und sich so häuslich wie irgend nur möglich in dieser Gesellschaft +einzurichten ... Gedulden Sie sich, warten Sie ab, +bitte, alles zu seiner Zeit ...“ +</p> + +<p> +Dies alles schien sonnenklar. +</p> + +<p> +„Solange die Arbeiterschaft noch nicht einmal unter sich +selbst einig ist ... Da kann man ja jeden xbeliebigen +Betrieb als Beweis dafür hernehmen ...“ +</p> + +<p> +Und auch das, was der Redner nur so nebenbei bemerkte, +daß man es sich schon was kosten lassen solle, um die Hohenzollern +außer Land zu halten: „wir werden uns schon in +dieser Frage nicht lumpen lassen – – –“ +</p> + +<p> +Auch das war Maxens Standpunkt. +</p> + +<p> +„So haben eben nun doch die Herrschaften der Entente +einsehen gelernt, daß man auf dem Weltmarkt ohne den +deutschen Arbeiter, ohne den begabten, gründlichen, gewissenhaften +deutschen Arbeiter nicht auskommt. Deutschland: +Industriewerkstatt der Welt! Das ist der Inhalt, das +wahre Wesen dieses von uns angenommenen Gutachtens! +Stellt euch vor, Arbeiter, wie nun langsam aber sicher +von Monat zu Monat euere Lage sich bessert, euer Lebensniveau +sich heben wird ... In einem solchen Moment +sollen den Mut wir sinken lassen ...! Nach all den +<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> +Jahren, in denen ein schlimmer Unstern über Deutschland, +über euch Proleten im besonderen, waltete!? Nein, dreimal +nein! Nimmermehr! Mit vollem Recht können heute +wir wieder ausrufen: am deutschen Wesen, am Wesen des +deutschen Arbeiters im besonderen wird wieder die Welt +genesen ... Schaut frohen Mutes drum in die Zukunft!“ +</p> + +<p> +„Ja, ja. So, so ist es.“ +</p> + +<p> +Viele nickten mit den Köpfen. +</p> + +<p> +„Reaktion oder Revolution!? Schwarzweißrot oder +schwarzrotgold!? Entscheidet euch?! Monarchie oder Republik!? +Gebt euere Stimmen, Proleten, der Republik, schafft +mit an dem Erlösungswerk der werktätigen Massen. Die +Revolution, die Befreiungsaktion des Proletariats marschiert, +wenn auch langsam ... Auf zur Wahl! Schließt +die Reihen dicht! ... Beziehen wir unsere alten revolutionären +Kampfpositionen! Hinein in die Wahlschlacht ... +Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, sie lebe –“ +</p> + +<p> +„Hoch! Hoch! Hoch!“ +</p> + +<p> +Der Saal schmetterte. +</p> + +<p> +Die Internationale sang. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-4-4"> +<span class="firstline">IV</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Wird es nun wirklich schon Frühling?! Die Fenster +sind weit offen. Menschenstimmen hört man aus den Höfen. +Diese Jahreszeit ist ein Heldengedicht. Gewaltig und grau +ziehen den Horizont herauf Wolkenquadern um Wolkenquadern: +formlos, unbehauen, roh: rebellische Figuren ... +</p> + +<p> +Die Zeitungsleser saßen um diese Stunde wie immer im +Café. Glatzköpfig, vollbäuchig, manche mit prallen, rötlich +getupften Bäcklein. Tranken Mokka, schlürften Limonaden +aus Strohhalmen, schluckten auch sonst noch was ... +</p> + +<p> +Draußen prasselten Hagelschauer nieder. +</p> + +<p> +Ein kurzer Zwischenfall. +</p> + +<p> +Eine Stimme: „Sie Kapitalssau, Sie Dreck- ...“ +</p> + +<p> +„Was, Drecklump, Kapital ... haben Sie mich genannt. +Mein Herr, ich bitte Sie das sofort zu berichtigen ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> +Und die Drehtüre schob beide ins Freie. +</p> + +<p> +Das Café-Innere war wie ein Aquarium. Tropisch-warm; +die Bewegungen der Caféhausbesucher waren, als sei +die Luft eine zähe, kleberige Flüssigkeit. +</p> + +<p> +Schönes Buchstabengift. Schönes Papiergift. +</p> + +<p> +Sie sahen nur selten mal auf. Die Augen waren in +dem Papierwinkel, den sie an einem Holzgriff steif vor sich +herhielten, festgesogen. +</p> + +<p> +Gehirne fraßen. Gehirne verdauten. +</p> + +<p> +„Grand-Hotel, Honolulu.“ „Isa, die Serbenfürstin.“ +„Raubmord.“ „Lustmord.“ „Spanische Flugzeuge bombardieren +die Rifkabylen mit Gasbomben.“ „Neue Schreckenstaten +des Kommunisten-Gesindels.“ „Tscheka.“ „Parade +der Stahlhelmer ...“ +</p> + +<p> +Die Zeitungsblätter bewegten sich. Legen sich um. Es +knistert. Ein geheimnisvoller Wind weht. Ein neues Pack +mit Ereignissen. Mit einem Blick hüpft da ein Auge über +eine ganze Seite hinweg. Ein neuer Teil, mit Schicksalen, +Erlebnissen, amüsanten Neuigkeiten nur so vollgepfropft ... +</p> + +<p> +Nun sind die Hände der Leser in eine Papierfläche eingekrallt +wie Tatzen. +</p> + +<p> +„... von den Fräcken der Herren ist nur zu sagen, daß +sie ausnahmlos up to date und im besten englischen Stil +waren; nicht ein Millimeter der weißen Weste war unterhalb +des Frackrandes sichtbar ... Die Toiletten der Damen +im Stilkleid weiß Gourdeille mit Pelz Suhmann, den man +seiner großen Seltenheit wegen noch wenig sieht ... Lisa +Benedict aber hatte ihren prachtvollen Rubens in dunkellila +Chadourne gehüllt, benäht mit marokkanischen Pailetten +aus vielfarbiger Mica ... Ein zart aquarelliertes +Kleid hellgelbe Merveille-Saturé. In schwarzem Craou, +besetzt mit Jorkin, ein Fell, das wie goldgepudert aussieht ... +Es war einem ganz indianisch zumute ...“ +</p> + +<p> +„Schwerarbeiter!“ knurrte lautlos der Bettler, der +zwischen den Tischen herumstrich. Von dem Geschäftsführer +und einem Kellner arretiert, verläßt er wieder das Lokal. +</p> + +<p> +Weiter arbeiten sich durch den Papierschlamm hindurch +die Zeitungsleser. +</p> + +<p> +<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> +Vulkane brechen auf, Länder werden überschwemmt. +Kolonialvölker rebellieren, Massenselbstmorde, Maschinenhinrichtungen, +Hungersnöte. Lächelnd thront dabei das +Büfettfräulein über dieser Flut rauchverwolkter Häupter, +aus deren Gehirnwindungen jetzt bei der Lektüre abessinische +Residenzen erstehen, Petroleumquellen aufknattern, Bohrtürme +durch Kalifornien wandern, mit breitwulstigen +Epauletten die Achseln bestickt hochwamstige Negergeneräle +vor dem amerikanischen Präsidenten paradieren ... +</p> + +<p> +Das Gesäß des Lesers drückt sich fest im Stuhl. +</p> + +<p> +Ein fleischerner Riesenpudding ... +</p> + +<p> +Merkwürdige Dinge werden im letzten Teil des Blattes +über den großen Ozean gemeldet. Was davon wohl auf +Wahrheit beruht!? +</p> + +<p> +„Sir William Pope, in der Präsidentschaftsrede in der +Chemical Society am 27. März 1919: Die englische Methode +zur Herstellung giftiger Gase sei dreißigmal so wirksam, +wie die von Deutschland, während die Kosten in Deutschland +dreißigmal so groß seien wie die in England. Bei +Kriegsende hätte die Entente täglich eben soviel herstellen +können wie die Zentralmächte monatlich. Anmerkung der +Redaktion: Was man besonders dem bekannten Führer +der zionistischen Bewegung, Herrn Prof. Waitzmann verdanke, +dem kühnen Organisator des chemischen Krieges auf +ententistischer Seite.“ +</p> + +<p> +Wie auf einem scheu gewordenen Gaul galoppiert unser +sehr verehrter Leser weiter. Schüttelt sich. Nun geht es +wieder in gewohntem Tempo. Die Sprünge, die schließlich +diese mörderisch gottverfluchte Zeit macht, zwingen auch den +unsichersten Kumpan am Ende noch fest in den Sattel ... +Neue Entdeckungen! Ein neues Geheimnis! Und wieder +von jenseits des Ozeans, aus dem Wunderland! +</p> + +<p> +„Ein Todesregen! – Ein neues Gift, so tödlich, daß drei +Tropfen auf der menschlichen Haut genügen, um den Tod +herbeizuführen, ist die neueste Erfindung des chemischen +Kriegsdienstes der amerikanischen Armee. Man führt Fachleute +an, die aussagen, daß, wenn man die Flüssigkeit aus +Röhrchen an der unteren Fläche eines Flugzeuges ausstieße, +<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> +sie alles, was sich im Wege dieser Maschine befindet, +töten würde. Ein Flugzeug, fügt man hinzu, könne zwei +Tonnen der Flüssigkeit über eine sieben Meilen lange und +hundert Fuß breite Gegend verteilen und dies würde +genügen, um jedermann in dieser Gegend zu töten. Die +Flüssigkeit kann leicht hergestellt werden und eine Ausbeute +von einigen tausend Tonnen täglich könnte angeblich schnell +erreicht werden ...“ +</p> + +<p> +Hat man noch Zeit, über das alles nachzudenken!? Bleibt +einem da nicht die Luft weg!? Staune vor nichts, sagt sich +der Spießer oftmals selbst vor und richtet energisch und +stolz sich dabei auf im Steigbügel. „Alles ist möglich ... +Alles schon dagewesen ... Nichts unter der Sonne ist neu ...“ +</p> + +<p> +So ist doch z. B. bekannt das sogenannte griechische +Feuer im vierten Jahrhundert vor Christi, aus Harz, +Petroleum, Schwefel und ungelöschtem Kalk bestehend, und +das später, im zwölften Jahrhundert, häufig von den Sarazenen +gegen die Kreuzfahrer zur Anwendung gebracht +wurde ...? Und dann erst das Mittelalter! Eine reiche +Ausbeute für unsere geschichtliche Exkursion! Lesen wir da +nicht in dem berühmten „Kompendium der Sekrete“ des +Arztes und Naturforschers Leonhard Floravanti von +Bononia um 1600 von einem Oel, destilliert aus Terpentin, +Schwefel, Asa <a id="corr-12"></a>foetida, Menschenkot, Menschenblut usw., das +dermaßen stinkt, daß kein Mensch in der Festung, in die +es geworfen wird, mittels Schleudermaschinen, versteht sich, +es darin aushalten kann ... +</p> + +<p> +Also, alles schon dagewesen ... Was zu beweisen war. +</p> + +<p> +„Prosit Neujahr!“ entfuhr es aber da dennoch einem +kleinen Bankangestellten, als er das las, „schöne Aussichten, +das kann ja noch recht gemütlich werden ... Heiter, +immer heiterer, in der Tat! Aber man muß schon mit den +Wölfen heulen ...“ +</p> + +<p> +Und er versucht gleich ein Gespräch über dieses Thema mit +dem Studenten anzuknüpfen, der noch mit an dem Tisch saß. +</p> + +<p> +Der wehrte aber energisch ab. +</p> + +<p> +„Ja, warum denn nicht ... Glauben Sie vielleicht noch +an den Abrüstungsschwindel!? ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> +„Sie entschuldigen schon ... Das war doch nicht so +ernst gemeint ...“ +</p> + +<p> +Unablässig drehten sich indeß die Drehtüren. +</p> + +<p> +Zwei Bekannte prallten dort unerwarteter Weise im +Gang aufeinander. +</p> + +<p> +„Du hier, ach Emil, wer hätte das gedacht ... ja, wie +lange schon ...? Und immer wohlauf ... Und das Geschäft +...“ Und schon zogen sie sich gegenseitig an einem +Tischchen nieder und wie eine Litanei wurde die ganze +Skala der Bekannten und Geschäftsfreunde abgeklappert. +</p> + +<p> +Die Schnurrbartspitzen des Portiers leuchteten wie zwei +rötliche Stichflammen. +</p> + +<p> +Der eine oder der andere stolzierte in dem Caféraum auf +und ab, wie in einer Wandelhalle. Der Zeitungsmann +flitzte geschäftig. +</p> + +<p> +Der Nachtbetrieb begann. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-4-5"> +<span class="firstline">V</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Peter Friedjung war Werkstudent. Sechs Stunden +arbeitete er täglich bei einem Patentanwalt in der Alten +Jakobstraße am Setzkasten. Die Patentanmeldungen wurden +hier auf einer kleinen Handdruckmaschine abgezogen. Ein +seltsamer Betrieb. Hunderte von Patentanmeldungen +liefen täglich ein. Da waren Patentgesuche darunter auf +fahrbare Rucksäcke, auf Hosenträger, die mit einer Hand +bedient werden konnten, Klosetts, mit selbsttätigem Wischapparat, +zwanzig Modelle des Perpetuum mobile täglich, +Studierlampen, die zu gleicher Zeit als Kochapparat benützbar +waren, ohne jede Inangriffnahme des Zylinders +selbstverständlich, Patente auf in der Dunkelheit leuchtende +Füllfederhalter usw. usw. Gegen Einsendung eines nicht +unbeträchtlichen Vorschusses wurden diese Gesuche exakt der +Reihe nach behandelt und dem Patentamt vorgelegt ... +Damit war aber auch die Angelegenheit dieser Hunderte +von kleinen Erfindern erledigt ... Eine Ausnutzung des +Patentes kam natürlich nicht in Frage ... +</p> + +<p> +<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> +Bis zum Ruhrabenteuer war Peter deutschnational. +Deutschnational bis auf die Knochen. Er glaubte an +Deutschland, als an ein auserwähltes Volk, er selbst hatte +ja bereits gekämpft und gelitten für Deutschlands Herrlichkeit. +Sollen die vier Jahre Krieg für die Katz gewesen +sein ... Sollte es wirklich wahr sein, daß ... Daran +konnte er nicht glauben. Das hing mit Sinn oder Sinnlosigkeit +seiner eigenen Existenz zusammen. Daß Krieg: das +Produkt geschäftlicher Konflikte ist, das Kriegsziel nichts +weiter als dem Gegner diejenigen wirtschaftlichen Bedingungen +aufzuzwingen, die man für sich als notwendig erachtet; +daß das Wesentliche dabei, das Herzblut des Krieges +sozusagen: der Beutel, die Interessen der Kapitalisten sind; +daß in Wirklichkeit aber alles kämpft für die Interessen +eines Häufleins von Magnaten des Finanzkapitals, +für ein 300-Männerkollegium; und daß auch das Instrument +der Schiedsgerichte nur dazu dient, den Ausbruch +<em>ungewollter</em> Kriege zu verhindern ... Das alles +mochte vielleicht für England, für Amerika, Frankreich +stimmen, für unsere Gegner stimmen, aber für Deutschland!? +War nicht für Deutschland Krieg: Schicksal, elementar wie +eine Naturgewalt, Aufbruch der Jugend, Blutrausch!? ... +Gott hat den Krieg gewollt, und ich, Peter, habe ihn +geführt ... Als Kriegsfreiwilliger hatte er den Krieg mitgemacht. +Als Kriegsfreiwilliger im Regiment „List“, mit +„Deutschland, Deutschland über alles“ hatte er gestürmt, +dieses Lied auf den Lippen waren bis auf ihn alle seine +Kameraden gefallen ... Und das soll nicht das Wunderbarste, +das Höchste, das Heldenhafteste in der Welt gewesen +sein ...? Die Fahne Schwarzweißrot, die soll nicht die +Fahne, die Fahne unseres Blutes, die Fahne der Ehre der +gesamten Nation gewesen sein ...? Die Fahne, die damals +bei Tannenberg, bei Verdun ... Deutschlands gesamte +idealistische Jugend muß sich um sie scharen, damit sie nicht +der rote Sturmgeier zerfetzt ... +</p> + +<p> +Bis er eines Tages, selbst Mitglied einer völkischen +Sturmabteilung, plötzlich erkannte: es ist ein Unterschied +zwischen der Phraseologie einer Sache und dem Inhalt einer +Sache. Und daß die nationalen Phraseure sich im Grunde +<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> +ihres Herzens keinen Deut um die wahren Interessen der +Nation scheren, sondern: Profitjäger, Hasardeure, Spekulanten, +Großschieber, Hyänen sind, ganz raffinierte, abgefeimte, +ausgebrühte Burschen, die das Blut und das +Lebensmark des Volkes aussaugen; die nationale Phrase +aber als Köder benutzen, blindgläubigen, von dem sozialdemokratischen +Regime enttäuschten Kleinbürgern gegenüber; +und daß sie, ja, daß sie die eigentlichen Volksverbrecher, +Hochverräter, Landesverräter sind und die ... ja, die +Kommunisten, die revolutionären Proletarier, die eigentliche +Lebens- und Schaffenskraft des deutschen Volkes: +keineswegs! keineswegs! – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Seitdem sympathisierte Peter Friedjung mit der proletarischen +Bewegung. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Ereignisse an Ereignissen sich überstürzend, eine gewaltige +chaotische Lawine, so stieg es empor aus dem Zeitungshaufen. +Peters Gehirn wurde mit hineingerissen in einen +ungeheuren Weltwirbel. +</p> + +<p> +„Stänkereien und Zänkereien: das war immer mehr der +Grundton unserer Zusammenkünfte. Die Enttäuschung über +die Bewegung äußerte sich immer mehr in persönlichen Verunglimpfungen, +Anschuldigungen, Verleumdungen übelster +Art. Nichts und niemand mehr blieb von Witzen und Zotereien +verschont: auch Schlageter begann man bereits nach +Strich und Faden herunterzureißen, viele wollten wissen, +daß ... Ein abstraktes, von patriotischen Phrasen triefendes +Gefasel: genüge es, wem es wolle ... Keiner wollte +das endgültig besiegelte Debacle wahrhaben. Ein jeder +drückte sich mehr oder minder feig um die Tatsache herum, +daß von einer Mission der völkischen Bewegung bereits +nicht mehr gesprochen werden konnte ... Und blieben +gar einmal die Geldunterstützungen aus, deren Quelle +immer mystischer verhüllt und ungenannt blieb, dann war +es schon gar nicht mehr zum Aushalten. Es war schon so: +Abzeichen, Hakenkreuze, Totenkopffahnen, Armbinden, +Wickelgamaschen, Windjacken: damit mußte man sich darüber +<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> +hinweghelfen, daß man eigentlich nichts zu sagen hatte. +Ja, gewiß, bei jeder Versammlung, bei jeder Heldengedenkfeier +redete man, aber bitte sehr, nur bildlich gesprochen, +aus hohlem Bauch ... Ein jeder mißtraute dem andern. +Rohheiten, Exzesse jeder Art, Unterschlagungen waren an +der Tagesordnung. Da gab es Degenerierte aller Art, Effeminierte, +pathologisch Klatschsüchtige, Hochstapler, Abenteurer, +Dilletanten, Homosexuelle, Päderasten, Sadisten, +Masochisten, kurzum, ein Klub von Deklassierten tat sich in +prächtigen Salons auf, die Politik war nur meist für geschäftliche +und erotische Beziehungen die Maske, und dieser +hochpolitische Klub unterhielt durch seine Kuriere und +Mittelsleute eine stete Verbindung mit den übelsten lumpenproletarischen +Kloakenbuden und Obdachlosenasylen. +Lumpenproletarier waren es, die man zuerst durch Versprechungen +auf Unterstützung und Anstellung in die Stahlhelmverbände +lockte, dann trieb man die Kleinbürger, heillos +borniert wie sie waren, zu Paaren, sie waren es gewohnt +zu gehorchen wie dem Hund die Schafherden. Die +hatten während der Novembertage geradezu Angst vor +ihrer eigenen Freiheit bekommen, waren sie doch dressiert +nur auf Kommando zu parieren. Eine geringe Dosis +schwarzweißroter Gemütssalbe genügte, feste druff, und schon +hatte man sie wieder bei der Stange. Sie waren von den +hohen Stellen bestimmt, die Kastanien aus dem Feuer zu +holen. Preußische Disziplin, kerndeutsch, treudeutsch: das +waren so die üblichen Zauberworte, um damit jeden, der +sich irgendwie mißliebig gemacht hatte, ordentlich unter die +Fuchtel zu nehmen, und das besorgten auch ausreichend die +jeden Tag sich noch „nationaler“ gebärdenden kleinen +Herrschercliquen. Und zwar nach allen Regeln der Kunst. +Zeitweilig wurden Speiseküchen eingerichtet, man wollte +künstlich die Bewegung ins Proletariat hinein verbreitern, +auch gab die Großindustrie in der damaligen Zeit viel Geld: +bei all diesen Wohlfahrtseinrichtungen verschlangen aber +über 60 Prozent die betreffenden Organisationen. Richtige +Parasitennester entstanden, die ungeheuerlichsten und schamlosesten +Forderungen wurden für die geringsten Dienstleistungen +gestellt. Die Inflation warf auch noch jeden Tag +<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> +neue Postenanwärter in die völkischen Reihen ... Dann +gab es eine Periode: jeder war sein eigener Ludendorff. +Man sprach überhaupt nur noch in Zitaten ... Dann +kam <em>eine</em> Zeit, da tauchten Gestalten auf, die nicht nur +für eine Seite spitzelten, sondern mit wahren und falschen +Nachrichten fünf bis sechs Stellen zugleich bedienten ... +Mit den widerlichsten Krankheiten behaftete Kretins taten +sich dazwischen breit, zeterten „Heil“ und schrieen Mordio +und Feurio, kolportierten bis zum Brechreiz die beinahe +nur noch pathologisch zu bewertende Phrase vom rassenreinen +Menschentum, vom Sonnen-Arier, trieben Wotankult +und verzückten sich augenverdrehend an einem paradiesischen +Traum-Walhall, indessen fütterten sie sich beträchtlich +und rafften mit gierigen Händen, alles was ihnen +unter die Finger kam, zusammen. Dann kam eine Zeit, +Flaute nannte man sie, keiner wurde eigentlich mehr recht +froh seiner begangenen Spitzbübereien und vollbrachten +Morde, die eisenkreuzgeschmückten Bramarbasse wurden +bedeutend ruhiger, und man begeisterte sich plötzlich wieder +für eine vernünftige deutschnationale Realpolitik ... Nur +konfessionelle Gegensätze trieb man noch ab und zu auf die +Spitze ... Auch in der Angelegenheit des Erbfeindes +kriselte es schon bedenklich. Der Revancheangriff, großmäulig +vorbereitet und umso schlechter organisiert, wurde +plötzlich über Nacht abgeblasen ... Das wäre also in +Umrissen die Geschichte einer politischen Bewegung, vom +Finanzkapital ausgehalten, und von ihm in einem gewissen +Zeitabschnitt als politisches Druckmittel gehandhabt, als ein +Instrument der Erpressung, in einem Zeitabschnitt, da man +noch nicht an die Möglichkeit einer legalen Restauration +glaubte. Als Ideologen figurierten durchwegs Lumpenbourgeois, +internationale Desperados, abgetakelte Offiziere; +die Träger der Bewegung, die Masse waren: Studenten, +Angestellte, Gymnasiasten, kleine Beamte, Lumpenproletarier, +Kleinbürger. Mag sein, daß sich auch mancher persönlich +lautere Charakter und idealistisch Gesinnte dorthin +verirrt hatte. Diese aber haben sich bald voll Ekel abgewandt +... Ueberhaupt, es dauerte nicht mehr lange: +die ganze Bewegung erstickte vollends im Schlamm der +<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> +Korruption, verschmorte in ihrem eigenen Fett. Nur hie +und da ein Nebbich-Sektenbildner rumorte noch wo herum +als Diskussionsredner in einer Versammlung. In hellen +Scharen war man zu den Deutschnationalen übergelaufen, +andere zogen sich schmollend aus dem politischen Leben +zurück ... Drei Monate in solch einer Bewegung verbracht: +da heißt es gründlich mit sich abrechnen, das Fazit ziehen +und dann: für die Zukunft daraus lernen. Nur Narren +und Phantasten binden sich weiter die Scheuklappe um, erhitzen +sich selbst künstlich bis auf 40 Grad Fieber und sind +eben unempfindlich gegen jede Art von kalter Dusche. Daß +Deutschlands Aufstieg allerdings gleichbedeutend ist mit der +restlosen Ausrottung dieser Banditen und ihrer Geldgeber, +daß die Niederkämpfung dieser Bewegung vielmehr die +Grundvoraussetzung der wirklichen Gesundung Deutschlands +ist: das wurde mir im Verlauf jener drei Monate, die ich +in dieser Gesellschaft verlebt hatte, eindringlich klar. Die +Antisemiten pumpten wacker beim Juden und ein Jude +wiederum schrieb zum Dank dafür für die Völkischen das +antisemitische Exerzierreglement!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-4-6"> +<span class="firstline">VI</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Weiter jagten sich Peters Gedanken. +</p> + +<p> +„Da gleiten hin die Industriemagnaten durch die Stadt +auf ihren schnittigen Luxuskraftwagen. Weit außerhalb +der Stadt, den schmutzig gelben Strom entlang, ragen die +Fabrikschlote. Fronten von Mietskasernen, scharf ausgerichtet, +starren leblos, unbewegt. Fünfzig Stock hoch türmen +sich in den Stadtzentren die Bankhäuser ... +</p> + +<p> +„Ein Boxkampf findet statt: als der Sieger abtritt, +rasen 50000 Menschen vor Begeisterung. Der Riesenraum der +Arena ist ein vieltausendfaseriges zuckendes Nervenbündel. +</p> + +<p> +„Es hält in Moskau der rote Kriegsrat eine Sitzung ab. +Der rote Reitergeneral Budjonny spricht. Seine Worte sind +Trompetensignale, sind Hammerschläge ... +</p> + +<p> +„Und die Straßen Jokohamas sind voll von demonstrierenden +Menschenmassen. Japan, ganz Japan läuft +<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> +Sturm gegen das amerikanische Einwanderungsgesetz. Im +Staate Ohio aber wird indeß ein Neger gelyncht: ein +Scheiterhaufen ist errichtet und man verkauft an die vornehmen +Amerikanerinnen, 5 Dollar pro Stück, Fleischfetzen, +Knochenteile von dem verkohlten Gerippe ... Sie sollen +wohl Gesundheit und Glück bringen ... +</p> + +<p> +„Während in Stuttgart ein berühmter deutscher Soziologe +seinen Vortrag über nationalökonomische Probleme +mit den Worten beschließt: „Zurück zu Gott!“ +</p> + +<p> +„O, da ist ja auch die ganze Scharfrichterfamilie versammelt, +Herr Gröpler: so heißt er, der der ordnungsgemäßen +Handhabung des Richtbeils nur Allzukundige, im +Nebenberuf Inhaber einer gutgehenden Dampfwäscherei; +da feiert er auch schon im Kreis seiner Lieben das Jubiläum +seiner fünfzigsten Hinrichtung. Und die Wände seines +trauten Heims sind mit Sprüchen aus der Bibel (Korinther) +und mit Kaiserbildnissen geschmückt. Den fünf zum Tode +Verurteilten aber hat man über Weihnachten drei Tage +Aufschub gewährt, damit der Sängerchor der Strafvollziehungsanstalt, +dessen eifrige Mitglieder die fünf Armensünder +bis dato noch sind, an den hohen Festtagen wenigstens +intakt bleibt. +</p> + +<p> +„Halleluja! +</p> + +<p> +„Und wieder wird ein Betrieb stillgelegt. Tausende +trollen wieder arbeitslos herum auf der Straße, schwarz, +hungernd, knieschlotternd, frierend: so staut es sich vor dem +Arbeitsnachweis ... +</p> + +<p> +„Und in den chemischen Laboratorien experimentiert man +inzwischen herum an einem neuen Giftgas. In den illustrierten +Zeitschriften findet man, neckisch von Blümchengirlanden +umrahmt, die Photographie des genialen Konstrukteurs +der neuesten Flugzeugbombe. +</p> + +<p> +„Die Prediger verkünden mit ausgebreiteten Armen von +der Kanzel herab: „Friede auf Erden.“ +</p> + +<p> +„Friede auf Erden!“ „Amen! Amen“ schallt vielstimmig +zurück der Chor der Gläubigen. Die Kathedrale ist wie +ein Sarg. Weihrauch, Kerzenglanz, geflüsterte Gebete +mischen sich ineinander ... +</p> + +<p> +<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> +„Die Strafexpedition, aus Truppenkontingenten zweier +europäischer Nationen zu gleichen Teilen zusammengesetzt, +stößt in die von den flüchtigen Eingeborenen angezündeten +Urwälder vor. Riesige Giftmücken flattern um die von der +Siedehitze brodelnd aufgeweichten Leichname. Der Himmel +glänzt scharf. Wie glanzblau lackiert ... +</p> + +<p> +„Tausende sterben jetzt. +</p> + +<p> +„Tausende entschlüpfen soeben dem Mutterbauch. +</p> + +<p> +„Leben und Tod: o untrennbar eins sind sie in jeder Weltsekunde. +</p> + +<p> +„Die Wellen des Ozeans schlagen an viele Küsten ... +</p> + +<p> +„Da findet ein Hundediner statt. Reichlich besetzt mit +wirklich köstlichen Dingen ist solch eine Tafel. In Bombay +beträgt die Kindersterblichkeit 82 pro Mille. Schreckliche +Höllen sind überall in der Welt die Proletarierviertel. +Eine grausige Blutsprache sprechen die Statistiken ... +</p> + +<p> +„Aufgeteilt ist die Welt ... +</p> + +<p> +„Nach blutigen Gemetzeln ... Vor noch schlimmeren +Morden ... +</p> + +<p> +„Ein revolutionärer Führer spricht im Norden Berlins +in einer Proletenversammlung. Ein anderer schreibt hin +wie lebendige Feuerlinien aufrührerische Sätze ... „Hetzer“ +ist ihnen ein Ehrenname ... +</p> + +<p> +„In welchem Zeitabschnitt leben wir!? ... Das Tempo +der Geschichte hämmert mit gewaltigen Schlägen ... +</p> + +<p> +„Eine große Zeit fürwahr, eine Heldenzeit ... Doch +wer sind ihre eigentlichen Träger ...? Namenloses Heldentum. +Blutzeugentum. Kämpfertum. Märtyrertum ... +Ein Arsenal von Kampftaten und Opferlegenden noch für +Jahrtausende ... +</p> + +<p> +„Und einer zum Beispiel, ein Schulkamerad, ein gleichgültiger +Name, fand nicht mehr heraus aus diesem Labyrinth, +was er auch tun mochte, wie sehr er sich auch anstrengte. +Er war bis zum Irrsinn angewidert von all dem, +wurde eines Tages wirklich verrückt, titulierte Christus +mit „Kollege“ und schoß sich eine Kugel durch den Kopf. +Als er abdrückte, schrie er überselig: „Es ist vollbracht!“ +<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> +Warum auch nicht. Ein anderer, Freund meines Vaters, +Fabrikant Germersheimer, ebenfalls ein überaus gleichgültiger +Name, mästet sich prall mit Illusionen, hält +Geistersitzungen ab, läßt Tische rücken und studiert auf +seine alten Tage Theosophie. Auch er muß eines Tages +platzen ... Andere gehn vorüber. Gehn sie vorüber!? +Nimmermehr. Keineswegs. Auch ihnen wird eines Tages +die Entscheidung aufgezwungen werden, auch sie werden +eines Tages Farbe bekennen müssen ... +</p> + +<p> +„Aber Arbeiterkolonnen, die abends aus der Fabrik heimkehren, +scheinen mir muskelbepackt, straff, trotz der Ueberarbeit. +Ihre Beine federn elastisch, wenn sie ausschreiten: +die zeigen, daß sie noch marschieren können, trotz alledem. +Daß sie sprungbereit geblieben sind. Trotz alledem. Und +in ihren Fäusten sitzt ein guter Griff. Glück auf! Greift +zu, wenn es soweit ist. Seid auf eurem Posten, wenn es +drauf ankommt. Werdet ihr es schmeißen!? ... +</p> + +<p> +„Und da zählen nach Tausenden, Abertausenden in +diesem Augenblick die Gefangenen, die in den zwingkäfigähnlichen +Zellen der staatlichen Zuchthausanstalten hocken. +In allen fünf Erdteilen. Farbige ebenso wie Weiße. Alt +und jung. Männer, Kinder, Weiber. Unterschiedslos. +Noch-Gesunde und schon Sterbenskranke. Sie drücken sich +in die Mauerwinkel. Schweigend. Nur hie und da ein +Tobsuchtsanfall. Schreie, wie ein blutiger Erguß. Sind +es versteinerte Menschenreste!? +</p> + +<p> +„Einzelmorde, Massenschlächtereien, Bankkrachs, Umarmung, +Empfängnis, Vergewaltigung, Streik, Niedertracht, +Straßendemonstrationen, Ausbeutung, Prassereien: +das alles geschieht jetzt in der Welt, zur selben Stunde, zur +gleichen Zeit ... Aber die ganze Welt ist aufgeteilt in +zwei große Heerlager ...“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-4-7"> +<span class="firstline">VII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Automatisch schwang die Drehtüre des Caféhauses wieder +um ihre eigene Achse. +</p> + +<p> +„Ach da bin ich ja noch ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> +Die Mäntel am Garderobenständer kletterten übereinander. +</p> + +<p> +Immer noch saßen die Zeitungsleser, verschanzt hinter +ihren Zeitungen. +</p> + +<p> +Ein Telephon klingelte. +</p> + +<p> +Peter ging. +</p> + +<p> +„Sollte das nicht doch möglich sein, das Menschennatürlichste, +das Menschenselbstverständlichste, das Aller-aller-Einfachste? +Mit Aufbietung aller Kräfte, unter Zusammenraffung +unseres ganzen Menschendaseins!? Das, das müßte +man doch versuchen ... Oder ob das Einfachste nicht doch +nur ein scheinbar Einfachstes ist, am Ende nicht gar das +Allerschwerste!? ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Theater waren jetzt aus. +</p> + +<p> +Neue Menschenströme brachen in die Straßen ein. +</p> + +<p> +Ein Autohupen-Konzert. +</p> + +<p> +Kokottenrudel trieben straßauf, straßab. +</p> + +<p> +Liebespaare wankten eng umschlungen einem Park zu. +</p> + +<p> +Ein Mädchen der Heilsarmee gröhlte irgendwo in einem +Platzwinkel: „Jesus, süßer Bräutigam ...“ +</p> + +<p> +Recht so, die Religion soll dem Volk erhalten bleiben. +Und das drückte auch auf die Tränendrüse manch einer vornehmen +Herrschaft, die gnädiglich aus krokodilsledernen +Handtaschen heraus ein Almosen für die Armenspeisung +spendete. Mit blankgescheuertem Gewissen schlenkerte sie +dann, sich wohlig in ihren Pelzen räkelnd, von dannen. +</p> + +<p> +„Menschendreck ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Himmel war wie ein Eismeer. +</p> + +<p> +Wie Packeis trieben die Wolken darin, zu Eisbergen +sich türmend, absplitternd; Haufen von Scherben. Scharf +gezeichnet hoben sich weit hinten am Horizont in der blauen +Flut die unermeßlich lang gestreckten Eiswände ab. Und +der Mond stand mitten darin, unförmig, geborsten, ein ziellos +treibendes Leucht-Wrack. +</p> + +<p> +<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> +„Ja, ja, das ist schon so: es stimmt schon: Die Barbarei +erscheint wieder, aber aus dem Schoß der Zivilisation selbst +erzeugt und ihr angehörig ...“ +</p> + +<p> +Und Peter schritt die Straße hinauf, die sich vor ihm zu +heben schien und steil und immer steiler ward, wie im +Sturmschritt. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-4-8"> +<span class="firstline">VIII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Die Diskussion in den „Frankfurter Festsälen“ begann. +</p> + +<p> +„Natürlich wieder so ein Kommunist“, knurrten einige, +als der Versammlungsleiter bekanntgab: +</p> + +<p> +„Herr Schnetter hat das Wort.“ +</p> + +<p> +Einige Zwischenrufe knallten. +</p> + +<p> +Der Referent schmunzelte. +</p> + +<p> +„Man glaubt schon einen gewaltig kühnen Schritt getan +zu haben, wenn man sich freimacht vom Glauben an die +erbliche Monarchie und auf die demokratische Republik +schwört. In Wirklichkeit aber ist der Staat nichts als eine +Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine andere, +und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als +in der Monarchie. – Der Feind aber, der uns die Hand +zum Wahlbündnis hinstreckt und sich als Freund und Bruder +uns aufdrängt – ihn und nur ihn allein haben wir zu +fürchten. Wie können die Massen noch an uns glauben, +wenn die Männer des Zentrums, des Fortschritts und +anderer bürgerlicher Parteien unsere Bundesgenossen sind +– wozu dann der Kampf gegen die bürgerliche Gesellschaft, +deren Vertreter und Verfechter sie allesamt sind? ... Ist +einmal die Grenzlinie des Klassengegensatzes verwischt, sind +wir einmal auf der schiefen Ebene des Kompromisses, dann +gibt es kein Halten. Dann geht es weiter und weiter abwärts, +bis es kein Tiefer mehr gibt ... Mit der Bewilligung +der Kriegskredite 1914 hat die Sozialdemokratische +Partei Deutschlands diesen Tiefpunkt erreicht.“ +</p> + +<p> +Hier schon wurde der Diskussionsredner unterbrochen. +</p> + +<p> +„Reden Sie nicht in Zitaten und besonders nicht in +solchen, die Sie nicht verstehen!“ +</p> + +<p> +<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> +„Das habe nicht ich, sondern Karl Marx in seiner Einleitung +zum „Bürgerkrieg in Frankreich“ gesagt, und das +zweite Zitat ist von Wilhelm Liebknecht. Sie zeigen durch +Ihre Zwischenrufe nur, daß sie mit diesen beiden Männern +nichts mehr gemein haben ...“ erwiderte der Diskussionsredner. +</p> + +<p> +„Na, also da haben wir’s ja. Weiter habe ich ja auch +nichts gesagt.“ +</p> + +<p> +Der Zwischenrufer hatte Beifall. +</p> + +<p> +„Der Arbeiterverrat, den Sie heute vertreten“, fuhr +Genosse Schnetter fort, „ist schon von langer Hand vorbereitet +worden. Schon Kautsky, der Historiker ... in seinen +Vorläufern des Sozialismus ... Welche internationale +Bedeutung aber die Zustimmung zu den Kriegskrediten +1914 hatte, das kann nur der ermessen, der die ungeheure +Ausnahmestellung, die die Deutsche Sozialdemokratie innerhalb +der 2. Internationale damals innehatte, kennt, die +Deutsche Sozialdemokratie war die Perle der ...“ +</p> + +<p> +„Wirf sie jetzt nicht vor die Säue, Hund ...“ +</p> + +<p> +„Theoretischer Quatsch!“ +</p> + +<p> +„Schluß damit!“ +</p> + +<p> +„Erledigt! Raus! Abtreten! Zur Sache!“ +</p> + +<p> +Der Ordnerdienst schob sich unauffällig nach vorn. Hielt +im Saal Umschau und stellte die Positionen derer fest, die +dem kommunistischen Redner zustimmten. +</p> + +<p> +Eine kurze Unruhe entstand. +</p> + +<p> +Der Versammlungsleiter klingelte. +</p> + +<p> +„Holt doch einfach die Schupo ...“ +</p> + +<p> +Der Diskussionsredner hatte sich dem Referenten halb +zugewendet. +</p> + +<p> +„Lauter!“ brüllte jemand. +</p> + +<p> +„Keine Dialoge! Sprechen Sie zur Versammlung!“ +</p> + +<p> +„Ihr seid an der Ermordung von Rosa Luxemburg und +Karl Liebknecht schuld! Wollt ihr das noch immer nicht +wahrhaben ... Ihr, ihr ...“ +</p> + +<p> +Und unter einem brüllenden Gelächter zog der Kommunist +eine Broschüre hervor. +</p> + +<p> +<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> +„Pfui! Pfui! Pfui! Schurke! Halunke! Schuft! Verleumdung! +Elender Lügner! Von Moskau bezahlt! Erbärmliche +Niedertracht! Brenn’ ihm eins! Jib ihm +Saures ...“ +</p> + +<p> +„Zehn Jahre SPD!“ +</p> + +<p> +Einen Augenblick wurde es ganz still. +</p> + +<p> +„Blamieren Sie sich, so gut Sie können!“ schmunzelte +jovial der Referent! +</p> + +<p> +„Arbeiter! Genossen! Seht Euch Euere Führer an! Wir +Kommunisten würden doch nicht immer wieder auf die +Haltung der SPD. während des Krieges zurückkommen, +wenn nicht die Politik der SPD. nach dem Krieg, in jeder +Epoche der Nachkriegszeit, denselben Arbeiterverrat darstellen +würde ... Dieser Herr, der Herr Referent, der +Euch heute abend noch soeben das Sachverständigengutachten +so wohlschmeckend zubereitet hat, ist er nicht derselbe, +der einstmals begeistert ausgerufen hat: „Ich geh zum +Hindenburg!“ und der damals folgendes geschrieben hat: +„Nur im Zeichen dieser Ströme von Blut, nur im Zeichen +des zermalmenden Eisens, das diese Ströme hervorbrechen +macht, können wir davon sprechen, daß das Ziel nahe ist. +Wir müssen den Kriegswillen der Gegner im Blut ersticken +...“ Das ist das eine. Das andere lautet – paßt +gut auf! –: „Um alles in der Welt möchte ich jene Tage +inneren Kampfes nicht noch einmal erleben! Dies drängend +heiße Sehnen, sich hineinzustürzen in den gewaltigen Strom +der allgemeinen nationalen Hochflut, und von der anderen +Seite her die furchtbare seelische Angst, diesem Sehnen +rückhaltlos zu folgen, der Stimmung ganz sich hinzugeben, +die rings um einen herum brauste und brandete, und die, +sah man sich ganz tief ins Herz hinein, auch vom eigenen +Inneren ja schon Besitz ergriffen hatte. Diese Angst: Wirst +du auch nicht zum Halunken an dir selbst und deiner Sache!? +Darfst du auch so fühlen, wie dir ums Herz ist? Bis dann +– ich vergesse den Tag und die Stunde nicht – plötzlich die +furchtbare Spannung sich löste, bis man wagte das zu sein, +was man doch war, bis man – allen erstarrten Prinzipien +und hölzernen Theorien zum Trotz – zum erstenmal (zum +erstenmal seit fast einem Vierteljahrhundert wieder!) aus +<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> +vollem Herzen, mit gutem Gewissen und ohne jede Angst +dadurch zum Verräter zu werden, einstimmen durfte in +den brausenden Sturmgesang: Deutschland, Deutschland +über alles! ...“ +</p> + +<p> +Die Versammlung atmete kaum noch ... +</p> + +<p> +„Nun, Arbeiter-Genossen, und sehr verehrte „Herren“ +Zwischenrufer von vorhin, ich frage Euch jetzt, urteilt selbst: +ist das die Sprache eines Sozialisten!? Wem von Euch noch +ein Funke proletarischen Ehrgefühls innewohnt, wer noch +ein klein wenig proletarischen Klasseninstinkts sein eigen +nennt, der wird nicht umhin können, eine solche Auffassung +zu brandmarken als das, was sie in der Tat ist: als Ausdruck +der schamlosesten, hundsföttischsten Korruption. Das +ist zwar nicht Landesverrat, auch nicht Hochverrat, jeder +dieser ehrenwerten Spießer ist würdig, mit dem <span class="antiqua">Pour le +mérite</span> dekoriert zu werden ... aber dafür ist es Arbeiterverrat, +Arbeiterverrat und nochmals Arbeiterverrat! ...“ +</p> + +<p> +Viele Arbeiter sahen bei diesen Worten sich unschlüssig an. +</p> + +<p> +Manche schüttelten mit den Köpfen. +</p> + +<p> +„Hat der wirklich so was geschrieben?!“ +</p> + +<p> +„Kann’s gar nicht glauben ...“ +</p> + +<p> +„Ja, bei der Stimmung, die damals gewesen ist ...“ +</p> + +<p> +Vieler Augen öffneten sich jetzt weit, viele Ohren horchten +gespannt. +</p> + +<p> +„Rasch! Mach schnell!“ flüsterte der Versammlungsleiter +einem Funktionär zu, „sonst geht uns am Ende noch +die ganze Versammlung aus dem Leim. Lieber noch sie +hochfliegen lassen ...“ +</p> + +<p> +Und der Funktionär gab unauffällig ein Zeichen. +</p> + +<p> +Vier oder fünf unter den Tausenden schrieen plötzlich los: +</p> + +<p> +„Unsinn! Blödsinn! Schuft! Neue Lügen! Kein Wort +ist wahr! Alles gefälscht! ...“ +</p> + +<p> +Die Arbeiter sahen sich wieder an. +</p> + +<p> +„Siehst du, das hab ich doch gleich gedacht, daß das so +eine Lüge ist. Das wäre doch schon ... Da dürfte der ja +gleich einpacken ... Aber was die Kommunisten sich nicht +alles aus den Fingern saugen ... Pfui, Teufel ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> +„Das haben Sie, das haben Sie, Sie, Sie, Herr Genosse +Bauer geschrieben, damals, und jetzt, jetzt schämen Sie sich +nicht, jetzt wagen Sie es ...“ +</p> + +<p> +„Schluß! Schluß! Schluß!“ +</p> + +<p> +Der Versammlungsleiter klingelte. +</p> + +<p> +„... und so entziehe ich dem Redner wegen grober +Verleumdungen persönlicher Art und wegen vollkommenen +Mangels an Objektivität und Sachlichkeit das Wort ... +Da kein Redner mehr gemeldet ist, hat unser Genosse Bauer +das Schlußwort.“ +</p> + +<p> +„Recht so!“ +</p> + +<p> +„Bravo! Bravo! Raus mit ihm!“ +</p> + +<p> +Der Saal stampfte. – +</p> + +<p> +Und schon wurde der Kommunist von einigen kräftigen +Ordnungsleuten heruntergeholt. Genosse Bauer schüttelte +noch den Kopf und riet überlegen freundschaftlich von +Gewaltanwendung in diesem besonderen Fall ab. +</p> + +<p> +„Hofrichter-Rauscher-Breuer-Kuttner!“ drohte der Kommunist +mit der Faust ... „und damals in den Kapptagen, +erinnern Sie sich noch auf der Pressekonferenz ... Sie, +ihr, die wirklichen Urheber an der Ermordung ... Soll +ich Ihnen das sozialdemokratische Rezept verraten: Was +sagt euer Wels: „Wir haben eine Bewegung der Arbeitermassen +nicht zu fürchten. Wenn sie über unsere Köpfe +hinwegzugehen droht, stellen wir uns an ihre Spitze und +biegen die Bewegung um, wie 1918 ...“ +</p> + +<p> +Dies schrie der Kommunist noch, schon halb aus dem +Saal geschleift. +</p> + +<p> +Ein riesiger athletischer Bursche vom republikanischen +Ordnerdienst klopfte jetzt auf ihm mit einem stählernen +Totschläger einigemal herum. +</p> + +<p> +„Längst erledigt! Zur Sache! Moskowiter! Genosse +Bauer hat jetzt das Wort ...“ +</p> + +<p> +„Hinaus ... aus ... aus ...“ echote es rings. +</p> + +<p> +Am Saaleingang aber vermochte sich der Kommunist doch +noch einmal aufzurichten, sich loszureißen und mit einer +mächtigen Stimme schleuderte er zurück: +</p> + +<p> +<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> +„Ihr, ihr, ihr dort oben: ihr habt dem Proletariat den +Mut, das Kraftgefühl, das Selbstvertrauen gestohlen. Und +das ist vielleicht von allen eueren Missetaten, Unterlassungssünden, +Gemeinheiten das Allerschlimmste ... Ihr seid in +den Reihen der bürgerlichen Klassenarmee nichts weiter +als die Spezialkommandos zur Niederknüppelung der +revolutionären Arbeiterschaft ... Ihr seid der Klassenfeind +im eigenen Lager ... Pfui, Mörder, Schufte, Verräter! +Schluß mit euch ...!“ +</p> + +<p> +Die Saaltür krachte jetzt zu. +</p> + +<p> +„So ein Kommunist ist nicht tot zu kriegen ...“ +</p> + +<p> +Die Luft war wieder rein. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-4-9"> +<span class="firstline">IX</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Max beobachtete den Referenten, der soeben das Schlußwort +ergriff. +</p> + +<p> +Wie vertrauenerweckend allein schon seine Gestalt war! +Breit und behäbig, prall gefüllt mit Wohlüberlegtheit und +kugelrund vor Verantwortlichkeit! Rotbackig, mit schwärzlich +buschigem Schnurrbart. Ganz im Gegensatz zu dem +Kommunisten, einem jungen und aufgeregten Bürschlein ... +Sachlich, wenn es sachlich zu sein galt, voll von Entrüstung +und gewitterschwangerem Pathos, wenn er auf die Umtriebe +der Reaktion oder auf die schändlichen Machenschaften +und Spaltungsversuche der Kommunisten zu sprechen kam. +Ausgeglichen, männlich-reif ... Der hat Kenntnisse, der +versteht was vom Handwerk, der läßt sich nicht so leicht +unterkriegen, der hat Erfahrungen. Nun, schau nur einmal! +... Kurz gesagt: es war, als spreche hier der gesunde +Menschenverstand selbst. +</p> + +<p> +Wie fieberig erhitzt dagegen der Kommunist wirkte! +Ueberspitzt in allen seinen Gesten und Aeußerungen, jedes +Wort maßlos übertrieben. Vor solchen Menschen muß man +sich in Acht nehmen, wie das in ihren Augen flackert, in +ihren Fäusten zuckt, in ihrem Brustkasten rumort ...! Die +sind nicht schlecht verrückt! ... Donnerwetter ... +</p> + +<p> +<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> +„Nun, Genossen und Genossinnen, werte Versammlung! +Dieser allem Anschein nach systematisch vorbereitete Sprengungsversuch +der Kommunisten ist dank dem wirksamen +Eingreifen unseres Reichsbanners –“ +</p> + +<p> +„Bravo! Frei Heil!“ +</p> + +<p> +„– mißglückt. Da haben Sie es! Aber der deutsche +Arbeiter ist schließlich gerechtigkeitsliebend genug, um auch +den Gegner so zu sehen, wie er ist. Ich spreche jetzt von der +besitzenden Klasse. Lassen wir uns bei deren Beurteilung +nicht von blindwütigem Haß hinreißen, ich gebe zu, mancher +von uns, muß, um zu einem objektiven Urteil über seinen +Gegner zu kommen, noch viel an sich arbeiten, denn die +Theorie vom Klassenkampf hat viel an uns verdorben. +Wir Sozialdemokraten vertreten die Gesamtheit der Nation, +wir vertreten die Interessen aller Bevölkerungskreise, das +Wort „Klassenkampf“ ist überhaupt veraltet und wissenschaftlich +bereits längst überholt ... Also: mit dieser kommunistischen +infamierenden Klassenhetze haben wir Sozialdemokraten +nichts gemein. Von Kriegsgewinnlern und +Inflationsschiebern abgesehen, was haben uns schließlich die +Reichen getan, die in den Palästen wohnen? Sie sind dem +Nestbautrieb gefolgt, sage ich, nichts weiter. Und dieser +Tatsache müssen wir Verständnis entgegenbringen. Dafür +wollen wir ihnen, bei Gott, nicht allzu gram sein ... +Nun, zur Frage der Amnestie! Wer hat sich für die Amnestie +eingesetzt!? Die Sozialdemokratie ... Ich brauche +euch wohl nicht den Brief Max Hoelzens zu verlesen. Ihr +kennt ihn ja aus dem „Vorwärts“. Aber es ist schließlich +nicht ganz so leicht, immer gleich ebensoviel aus den Zuchthäusern +herauszubringen, wie die Zentrale der Kommunistischen +Partei jeden Tag durch ihre putschistische Taktik +wieder hineinschafft. Eine Beharrlichkeit zeigen darin die +Herrschaften, daß man sie beinahe bewundern möchte ... +Wer aber knebelt, knechtet, verfolgt und verrät die Arbeiterschaft +schlimmer als die dunkelste Reaktion!? Die Bolschewisten. +Werft einen Blick in die russischen Gefängnisse, in +die sibirischen Oeden! Denkt an die Greueltaten und an die +Folterkammern der Tscheka! Und wer, frage ich euch, stellt +immer wieder eigene Kandidaten auf, auch dort, wo gar +<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> +keine Aussicht auf Erfolg ist, wer spaltet durch diese Manöver +die Arbeiterschaft und wird so objektiv zum Steigbügelhalter +der Reaktion? Wieder die Kommunisten. Ja, die +Kommunisten sind an allem schuld. Und ich sage, lebte Rosa +Luxemburg heute noch, sie stünde bestimmt in unseren +Reihen ... +</p> + +<p> +„Bravo! Sehr richtig!“ +</p> + +<p> +„Die Kommunisten aber treiben mit ihr Leichenschändung. +Also darum! Auf an die Wahlurne! Abrechnung mit den +Hetzern! Abrechnung mit jenen Kanaillen der Arbeiterschaft, +den kommunistischen Berufsrevolutionären! Nieder +mit der kommunistischen Bewegung, nieder mit den Kommunisten, +dieser reaktionären Masse! ... Es lebe – – –“ +</p> + +<p> +Und wieder dröhnte der Saal von dem dreimaligen +„Hoch!“ +</p> + +<p> +Langsam und schleppend wurde jetzt die letzte Strophe +der „Internationale“ gesungen. +</p> + +<p> +Wie ein Trauermarsch. +</p> + +<p> +„Diese Welt muß unser sein!“ +</p> + +<p> +Ja, so ist es. Aber wer glaubte noch daran!? +</p> + +<p> +Wie ein muskelloser, schlaffer, erschöpfter Körper: so war +dieser Gesang. Tausend Münder schnappten automatisch auf +und zu ... Kein Schwung, keine Kraft. Es zog nicht +durch ... +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Erst wenn wir sie vertrieben haben –</p> + <p class="verse">Dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlaß ...“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Auch viele kannten den Text nicht ... +</p> + +<p> +Aber ein Proletariermädchen sang mit, es war klein und +schmal, es hustete oft dazwischen, die Haut war durchsichtig, +die Augen groß aufgerissen: es sang mit einer hohen schönen +Stimme, diese Stimme schwang sich im Gesang hell empor +aus Elend, Lebensnot und Alltagseinerlei, diese Stimme +war wie klares Eiswasser: die Hände ballten sich, schneller +sang sie die Strophen wie die andern, aber sie wurde auch +immer wieder unwiderstehlich in den zähen, trüben, kleberigen +Strom des Massengesanges zurückgerissen ... +</p> + +<p> +Die Versammlung war zu Ende. +</p> + +<p> +<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> +Polizeimannschaften mit umgehängtem Karabiner patrouillierten. +</p> + +<p> +Das Wetter war umgeschlagen. Das Nebeldickicht verdampft. +Es wehte ein scharfer Wind ... Die Nacht war +eisig. +</p> + +<p> +Mit einigen Kollegen machte sich Max zu Fuß auf den +Heimweg. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-4-10"> +<span class="firstline">X</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Lange Autoreihen vor den Hotels: betreßte Diener +öffneten, die Hand an der Mütze, den Verschlag. Damen in +Pelzmänteln, Herren in hochgeschlossenen schwarzen Mänteln, +den Zylinder auf, dahinschreitend, beinahe akkurat +so wie die Göttergestalten aus dem Altertum. Oder wie +die Ritter meinetwegen ... Läden: aus denen wunderbar +lackierte Autokarosserien hervorleuchteten ... Und wirklich +schöne Frauen waren das vorhin, radikal mit den +Augen einen zerschmeißen konnten die; duftiges Fleisch, +ohne Fehl und Makel, irdische Göttinnen, gelenkig und geschmeidig. +Wie sicher sie sich bewegen! Man mußte schon +genau hinhören, wenn man ihre Sprache verstehen wollte. +Gleichnisse, Tonfall: alles war anders. +</p> + +<p> +„Während unsereinem zu Hause die Frauen vor lauter +Haushaltungsarbeit und Nahrungssorgen wurmstichig +werden.“ +</p> + +<p> +An den drei von der Versammlung heimkehrenden Proleten +glitt das alles vorüber, wie eine unwirkliche Erscheinung. +</p> + +<p> +Das war wie das „Jenseits“. +</p> + +<p> +Einmal stieß der Metalldreher Lange den Max Herse +in die Seite, man sprach aber dazu kein Wort: eine Gruppe +von übergeschminkten Kokotten zwitscherte an einer Straßenecke +herum, stürzte sich auf einen dicklichen angetrunkenen +Herrn, der leicht schlingernd seines Weges daherzog: der +dickliche Herr stoppte auch, nicht ohne Mühe, gestikulierte +eifrig, nickte am Ende der Unterhandlung jovial und verschwand +auch schon in der Nebenstraße, auf der einen Seite +<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> +eingehakt von einer Spindeldürren, auf der anderen von +einer Fetten. +</p> + +<p> +„Was so ein Späßchen bloß wieder mal kosten mag!“ +</p> + +<p> +„Da schau nur mal an: so ein vollgefressenes Schweinchen +das ... Na, dem gehört auch von seiner Alten der +Buckel voll ...“ +</p> + +<p> +Die Proleten lachten nur dazu. Schüttelten die Köpfe. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Nein, Wilhelm, wenn ich seh, wie die im Betrieb arbeiten! +So eine Pfuscherei ... Ich sag dir ... laß mich aus +damit ...“ +</p> + +<p> +„Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln ... +und das nennen sie dann Arbeit im Konsum, Gewerkschaftsarbeit +... Ist schon richtig: Fehler werden alleweil +gemacht, Fehler müssen sogar gemacht werden, nur einer, +der nichts tut, macht keine, aber absolut sich nun darauf +zu versteifen, aus den Fehlern ausgerechnet nichts zu +lernen ...“ +</p> + +<p> +Der einzige von den dreien, der eben noch etwas für die +Kommunisten übrig hatte, war Lange, Lange Wilhelm. +Er war in einem Großbetrieb Metalldreher. Der Kollege +Stilling von der AEG und Herse Max drangen nun auf +ihren Arbeitskollegen Lange energischer ein. +</p> + +<p> +„Beim Streik bei der Turbine haben wir es wieder +gesehen. Schön hübsch zuwarten, bis alles von selbst losgeht +... Dann sich hinten anhängen und das große Maul +haben, aber nur, nur nichts organisieren ... was kommt’s +denn auf drei oder vier Pfennig mehr Lohn an, sagen sich +die vornehmen Herrschaften ... und doch kommt’s darauf +an, sag ich, der hat auch für große Kämpfe nicht das Vertrauen +der Arbeiter, der nicht ihre kleinen und kleinsten +Alltagsschmerzen mit ihnen teilt ... Auf ein mehr oder +minder gutes Klosett kommt’s an, und wer das nicht +begreift ... Eine richtige Schwanzpolitik ist das ... Na, +ihr werdet euch noch gewaltig die Finger verbrennen ...“ +</p> + +<p> +„Und damals Wilhelm, wie wars denn im Oktober! ... +Ich geb dir die Hand darauf, ich hab gewartet, daß es +<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> +endlich losgeht. Kaum heimgeh’n hab ich noch können, immer +war ich wie auf dem Sprung, und dann ... so in den +Dreck gekrochen ... Pfui Teufel ...“ +</p> + +<p> +Die beiden überschütteten Wilhelm mit einem Trommelfeuer +von Vorwürfen. +</p> + +<p> +„Mag sein. Mag alles sein. Wir, wir vor allem in den +Betrieben, müssen eben jetzt diese Fehler wieder herauswirtschaften +... Aber, wenn man so wie ihr auf der Seite +steht ... Und seht da: 7000. Hunderte von Jahren +Zuchthaus und Gefängnis sind es, Kollegen. Und 15000 +haben sie allein in Deutschland unter die Erde geschossen. +Und von Rechts wegen müßtet ihr auch die Kriegsverluste +noch dazu zählen: 13 Millionen insgesamt gibt das ... +Und diese Proleten, Kollegen, haben doch mit bestem Wissen, +mit bestem Glauben, voll und ganz für uns gekämpft. Das +könnt ihr doch, trotz alldem, nicht ableugnen ... Ist doch +unser Blut! ...“ +</p> + +<p> +„Mag sein. Die Führer sind schuld daran. Die haben +sie hereingebracht. Die sind allesamt durch die Bank faul ... +Moskau ...“ +</p> + +<p> +„Nein, Kollegen, daran liegts nicht. Daran liegts, daß +wir bisher noch keine richtige Partei gehabt haben. Die +müssen wir uns erst schaffen. Ohne Partei keine Führer ... +So ists. Und die SPD. ist eine bürgerliche Partei ... +Wir brauchen jetzt eine wirkliche Arbeiterpartei. Das ist +keine geringe Aufgabe ...“ +</p> + +<p> +Der Kollege Lange wurde sich eigentlich erst während er +sprach selbst klar darüber, was er jetzt vorbrachte. +</p> + +<p> +„Gut. Mag vieles davon stimmen, was ihr angeführt +habt, du Herse und du Stilling. Aber auf das Ganze +kommt es an, und da, das weiß ich, haben wir wohl +recht ...“ +</p> + +<p> +„Na, und stimmt das oder nicht, daß ihr Kommunisten +auch immer dort eigene Kandidaten aufstellt, wo ihr gar +keine Aussicht auf einen Wahlerfolg habt. Dadurch schwächt +ihr nur die Arbeiterstimmen und leistet der Reaktion Vorschub. +Wie heute abend auch richtig der Redner auseinandergesetzt +hat ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> +„Ein schöner politischer Schmierölfabrikant das ... Da +erteilt euch aber Karl Marx eine ordentliche Abfuhr. Bei +dem heißt es nämlich klipp und klar: „Selbst da, wo gar +keine Aussicht zu ihrer Durchführung vorhanden ist, müssen +die Arbeiter ihre eigenen Kandidaten aufstellen, um ihre +Selbständigkeit zu bewahren, ihre Kräfte zu zählen, ihre +revolutionäre Stellung und Parteistandpunkte vor die +Oeffentlichkeit zu bringen. Sie dürfen sich hierbei nicht +durch die Redensarten der Demokraten bestechen lassen, wie +z. B. dadurch spalte man die Demokratische Partei und +gebe der Reaktion die Möglichkeit zum Siege. Bei allen +diesen Phrasen kommt es schließlich darauf hinaus, daß das +Proletariat geprellt werden soll. Die Fortschritte, die die +proletarische Partei durch ein solches unabhängiges Auftreten +machen muß, sind unendlich wichtiger als der Nachteil, +den die Gegenwart einiger Reaktionäre in der Vertretung +erzeugen könnte ...“ So, da habt ihrs, schwarz +auf weiß, wie damals, so heute ...“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-4-11"> +<span class="firstline">XI</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Aber die Gegner Langes gaben sich damit nicht zufrieden. +Nun fuhren sie, wenigstens ihrer Meinung nach, ein besonders +schweres Geschütz auf. +</p> + +<p> +„Und Bazillen, Cholerabazillen, Giftgase und Fälscherzentralen +... So lies doch die Zeitung! ... Auch eine +deutsche Tscheka gibt es und Terrorgruppen ... Ich will +nichts zu tun haben mit diesen Bombenwerfern und Gurgelabschneidern +... Jeder ehrliche Prolet ... Ich meine +nur: Pfui Teufel ...“ +</p> + +<p> +„Wir haben doch das denkbar größte Interesse daran, +daß der Kapitalismus sich entwickelt. Und solange außerdem +noch zwei Drittel der Bevölkerung für den Kapitalismus +stimmen ... Nein, Wilhelm, so eine Putschtaktik +mache auch ich meinerseits nicht mit ... Und kannst du +vielleicht bestreiten, daß gerade die Kommunisten es sind, +die am meisten unserem „Reichsbanner“ zu schaffen machen. +Da, wie wars denn neulich im „Sportpalast“. Glaubt ihr +<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> +denn im Ernst: Radau, Zwischenrufe, Gummiknüppel und +Schlagringe sind ein ausreichendes Beweismittel. Gerade +das Gegenteil erreicht ihr! Das müßt ihr schon anders +anfangen! ... Wie wollt ihr das alles vom Arbeiterstandpunkt, +vom Standpunkt der proletarischen Revolution aus +rechtfertigen. Aber Befehl ist eben Befehl. Und Moskau +ist für euch schon der liebe rote Gott. Ja, wenn der Rubel +rollt, so war es schon immer in der Weltgeschichte, und wo +der hinfällt, da wächst keine Vernunft mehr. Heute +ist die 3. Internationale nichts weiter mehr als ein Instrument +der russischen Außenpolitik ... Mit Arbeiterinteressen +hat das verflucht wenig zu tun ... Und „Reichsbanner“ +oder „Stahlhelm“, was ist da das kleinere +Uebel ...? Außerdem, so schlimm ist es ja nun, Gott +sei Dank, mit dem Kapitalismus doch nicht. Wer arbeiten +will und etwas kann, etwas kann vor allem, der bekommt +auch Arbeit und hat zu essen. Aber schau dir nur einmal +im Betrieb die Herren Genossen Kommunisten-Kollegen an: +verstehn die vielleicht was vom Handwerk!? ... Bengels, +freche Bengels sind sie, die große Schnauze haben sie, +können sie vielleicht auf sachliche Einwände etwas wirklich +Ernstzunehmendes erwidern ... zurückgeblieben und stehngeblieben +mit ihren Anschauungen sind sie, weiter nichts ... +Hie und da, das gebe ich gern zu, ist auch so ein Ehrlicher, +so ein Fanatiker darunter ... So verbohrt, so verdreht ... +Ich sage mir: man muß sich halt durchboxen ... Leben und +Leben lassen ... Wird schon werden. Und die Auswüchse +des Kapitalismus, die muß man bekämpfen. Habe nichts +dagegen, wenn man die Wucherer und Schieber und mögen +sie Minister und Kaiser und Könige und weiß Gott wie +heißen, daß man die vor das Gericht stellt. Gerechtigkeit +muß sein. Und die allzu große Ungleichheit zwischen Löhnen +und Profit, die allerdings sollte auch beseitigt werden. Und +wenn wir erst einmal die Mehrheit im Reichstag haben, +dann wirst du sehen: wie ein Hagelwetter prasseln die +Steuern auf den Rücken der Besitzenden nieder ... Du +hast es doch heute abend selbst gehört ...“ +</p> + +<p> +„Illusionen! Illusionen! Merkwürdig, wie ein Prolet +sich heute noch solche Illusionen machen kann ... Ja, was +<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> +ein jeder sich wünscht, daran glaubt er ... So arbeitet die +SPD ... Es ist wirklich zum Verzweifeln. Zum Tieftraurigwerden +...“ +</p> + +<p> +Wilhelm Lange pfiff leise vor sich hin. +</p> + +<p> +„Ruhe und Ordnung!“ +</p> + +<p> +Auch der Kollege Stilling von der AEG war der gleichen +Ansicht wie Herse. +</p> + +<p> +„Wir brauchen einen Linksblock, meinte der, mit Einschluß +der Kommunisten meinetwegen, wenn, ja wenn sie positive +Arbeit, Wiederaufbauarbeit leisten wollen. So etwas wie +in England oder in Frankreich. Da sieh dir nur einmal das +Leben eines Arbeiters in England an! In Amerika. Hast +du nichts von Ford gehört. Es gibt eben zweierlei Kapitalisten. +Solche und solche ... Jeder hat da bald schon sein +eigenes Auto. Ganz bestimmt, so wird es bald auch noch bei +uns kommen ... Und ich sehe gar nicht ein, warum wir +uns nicht friedlich weiterentwickeln sollen. Die Kapitalisten +haben gar kein Interesse mehr am Kriege. Ein viel zu +großes Risiko. Viel zu viel Angst vor einer Niederlage, +die immer mit Revolutionsgefahr verbunden ist ... Für +den Kommunismus aber sind wir noch nicht im entferntesten +reif ... Hast du denn keine Augen und Ohren, Wilhelm, +und siehst und hörst nichts in den Betrieben!? Diese +Schweinereien! Diese Schmierereien! Wie der eine gegen +den andern stänkert! Denunziert! Den Lohn drückt! Sich +zu Ueberstunden drängt! Um den Meister herumschwänzelt! +Streik bricht! Da ist es mit dem Klassenbewußtsein nicht +weit her ... Und die Kommunisten sage ich, die haben, sage +ich, durch ihr Maulaufreißertum ein für allemal abgewirtschaftet. +Revolutionsgewäsch, überradikales Geschwätz, +weiter nichts. Ich meine halt schon, auf das eine kommt es +jetzt an – Frieden auf Erden ...“ +</p> + +<p> +Endlich kam auch der Kommunist wieder zu Wort. +</p> + +<p> +„Schau, Max, neulich bei dem Grubenunglück, da hast +du ganz anders gesprochen. Da bist auch du aus deiner +SPD.-Haut gefahren. Und heut!? ... Es ist viel zu viel +von Frieden die Rede, als daß es wahr sein könnte. Glaub +mirs. Und haben wir nicht eigentlich noch immer Krieg: +<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> +in Indien, in Aegypten, in China, bei den Türken, bei den +Rifkabylen ... Bei uns selbst: ein trockener Krieg, wenn +du willst ... Jeder Tag bringt doch neue Verluste ... +Erwerbslose, Verhungernde, solche, denen die tödlichen +Krankheiten direkt aufgezwungen werden ... Da war ich +neulich dabei bei einer Armenkommission und habe einige +Wohnungen besucht ... Na, sage ich dir: oft neun, zwölf +Menschen in einem Raum, in einem Stalloch, und das war +längst noch nicht das schlimmste ... Hundert Wohnungen +gehören da einem, der vielleicht in Czernowitz sitzt. Heute +ist <em>der</em> Besitzer, morgen der ... So einer wechselt die +Häuser wie die Wäsche. Reine Spekulationsobjekte sind +solche Wohnhäuser ... Dabei verfaulen sie, verfallen +sie ... Wer kümmert sich um sie. Der Staat vielleicht!? +Na, der hat andere Sorgen ... Die Bettstellen waren +halb durch die verfaulten Bodenbretter in den Keller +heruntergebrochen, ein Gestank darin ... nein sowas kann +man nicht schildern ... Ich sage dir, so eine Wohnung ist +weiter nichts als ein langsam sich vollstreckender Lebensmord +... Und außerdem, sag ich euch, schaut euch nur +einmal die Kriegsrüstungen an, das ist jetzt nur eine Atempause +und alles spricht dafür, daß es bald wieder losgeht ...“ +</p> + +<p> +„Nachtigall, ick hör dir tapsen ... Das ja eben ist’s, +was ihr braucht. Natürlich! Natürlich! Aufstieg und Gesundung +unseres wirtschaftlichen und politischen Lebens +dürft ihr ja nicht wahrhaben wollen. Ihr müßt im Trüben +fischen. Wo reine helle Luft ist, da ist keine Atmosphäre +für euch, da ist für euch nichts herauszuholen ... Je +schlimmer aber die Verelendung ist, je größere kriegerische +Konflikte ausbrechen, desto mehr Wasser, glaubt ihr, bekommt +ihr auf eure Mühle ... Ich könnte mir denken, +daß ihr von diesem Standpunkt aus, wenn Ebert mal tot +ist, auch dem Hindenburg noch zur Präsidentschaft verhelft ... +Doch wartet nur! ... Vielleicht läuft der Hase doch +anders ...“ +</p> + +<p> +„Ach, laß mich aus jetzt mit der leidigen Politik, darüber +werden wir uns doch nicht einig werden, warten wir die +Zeit ab, aber so, wie es heute ist, sind die Kommunisten +nichts weiter als ein Agentenklub der russischen Außenpolitik. +<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> +Lenin, das war schon ein Mann, Trotzki, +meinetwegen auch, aber alle anderen, diese Berufsfeldwebel +der Revolution, sind von Uebel ... Da schaut euch nur die +deutschen Kommunisten an! ... Reaktionäre Masse ... +Jüngelchen in kurzen Hosen, noch nicht trocken hinter den +Ohren, Novembersozialisten, Dienstzeit: insgesamt drei +Jahre Arbeiterbewegung höchstens. Aber das Maul umso +voller mit Phrasen, mit revolutionären Scheinparolen, und +wenn es mal losgeht, ebenso die Hosen voll ... Nur ein +Lastkraftwagen mit Schupo ... und, heidi, heida, +verschwunden schon sind sie ... Hast du nicht neulich gesehn, +wie am Alexanderplatz von zehn Schupos eine ganze Demonstration +dieser Lausbuben auseinandergesäbelt wurde ... +Dieses Grünzeug. Recht geschieht ihm ... Immer mal +festedruff ... Kein ehrlicher deutscher Prolet ...“ +</p> + +<p> +Wilhelm haute jetzt nur noch die Sätze hin: +</p> + +<p> +„Aber die sozialdemokratischen Führer haben die Arbeiterschaft +entwaffnet, wehrlos gemacht, verraten, dem +Klassenfeind ausgeliefert ... Das haben sie ... Und +fahnenflüchtig seid ihr allesamt geworden. Rot aber habt +ihr mit schwarzrotschwefelgelb vertauscht. Fahnenflüchtige +Mostrichbrüder! ... Aber es hat ja doch keinen Sinn ... +Wir Kommunisten waren die einzigen, die gegen die Monarchisten +wirklich mit der Waffe in der Hand gekämpft +haben: siehe Kapp-Putsch ... Und das werden wir auch +weiterhin tun ... Jetzt aber Schluß damit ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +In der Debatte setzte es jetzt wieder Schlag auf Schlag. +</p> + +<p> +Der Genosse Wilhelm stand in einem richtigen Kreuzfeuer +... +</p> + +<p> +„Kindertrompeten im Reichstag. Höllenmaschinen in +Kathedralen. Explosivstoffe. Vor nichts Respekt ...“ +</p> + +<p> +„Wir haben eben eine andere Auffassung vom Staat, wie +ihr. – Wir, wir Proleten, wir sind die wirklichen Legitimen, +wenn du so willst ... Und was die Gewinnung der Mehrheit +innerhalb des kapitalistischen Systems betrifft, so ist +das auch so ein utopischer Unfug. Der Mehrheitsgewinnung +steht immer der mächtige Propagandaapparat der Bourgeoisie +<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> +gegenüber, schau dir nur jetzt einmal den Rundfunk +an, zu was allem der herhalten muß – und außerdem durch +die Verschiedenartigkeit des Arbeitsplatzes, den jeder im +Produktionsprozeß einnimmt ... Während des Kampfes +erst, im Feuer des bewaffneten Aufstandes <em>wird</em> die +Mehrheit. Ihr solltet endlich euch über den statistischen +Unsinn klar geworden sein ...“ +</p> + +<p> +„Schon gut. Aber arbeiten, arbeiten, die Revolution +wirklich vorbereiten, organisieren: das könnt ihr nicht ... +Nur Terrorgruppen, und niederbomben ...“ +</p> + +<p> +„Mag richtig sein, was das erste betrifft. Darin müssen +wir gewaltig viel noch zulernen. Warum sollen wir eine +vernünftige Kritik nicht ertragen. Und das ist das erste +Gescheite, was ihr gesagt habt ... Was die Spitzel anbetrifft, +so solltet ihr euch als Proleten schämen, so einen +ausgemachten bürgerlichen Schwindel nachzuschwätzen ... +Habt es ja selbst neulich erlebt: wie diese gekauften Subjekte +provozieren ... um dann uns Kommunisten etwas +anzuhängen ... Ja immer, das sind wir schon gewohnt, +sind es die Kommunisten. Die sind an allem schuld ... +Vielleicht auch die Sonne, das rote Biest!? ... Die Bourgeoisie +verzapft schon einen Mist, wäre ja alles zum Lachen, +wenn die Arbeiterschaft sich doch nicht immer wieder von +ihr ein x für u vormachen ließe. So ist’s zum Heulen ...“ +</p> + +<p> +Wilhelm verschnaufte sich. +</p> + +<p> +Der eine oder der andere brummte noch etwas. +</p> + +<p> +„Nichts für ungut“, knurrte der AEG-Kollege. +</p> + +<p> +„’s ist schon so, die Hemdärmel möchte man sich hochkrempeln, +wenn man mit euch diskutiert“, gab Wilhelm +zurück. +</p> + +<p> +Schwieg. +</p> + +<p> +Nun war wirklich einige Minuten lang Kampfpause. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-4-12"> +<span class="firstline">XII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Das Gespräch brach ab. +</p> + +<p> +Schweigend schritten die drei nebeneinander her. +</p> + +<p> +So war kein Zusammenkommen. +</p> + +<p> +<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> +In Moabit begegneten sie auf einer Brücke einer Klebekolonne. +</p> + +<p> +Vom anderen Ufer blinkte, hell erleuchtet, die Meierei +Bolle herüber. Der Fabrikschlot rauchte. Nachtschicht. +Dunkle Schleppkähne lagerten unten am Spreeufer. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die drei betrachteten schweigend ein eben angeklebtes +Plakat. Ein Gefangener, der mit ausgemergelten Fingern +in die Eisenstäbe eines Gefängnisgitters hineingreift. Blutrot +war die ganze Gestalt. Das verzerrte Gesicht: eine irrsinnige +Grimasse. Darunter stand nichts als die Zahl: 7000. +</p> + +<p> +Max erinnerte sich einen Augenblick an eine Gefängnisbeschreibung, +die er neulich irgendwo gelesen hatte. Auch +im Polizeigefängnis am Alexanderplatz sollen unglaubliche +Zustände herrschen. Daß Gefangene auch noch geschlagen +werden können, Dunkelarrest usw. Das wahnwitzige Antreiber- +und Auspressersystem, das in den Gefängnissen gang +und gäbe ist: das Papierdütenkleben, Bindfadenfabrizieren, +wodurch Tausende von Heimarbeitern brotlos werden. Der +Hundelohn, der den Gefangenen dafür bezahlt wird. Das +Vorenthalten aller anderen Lektüre, außer der geistlichen ... +Das Untersuchungsverfahren, unter Anwendung von Torturen +– wobei ohne Verurteilung schon drei Viertel des +Menschen vor die Hunde geht. Während es im überzivilisierten +Amerika schon Gefängnisse gibt, als Rundbau aufgeführt, +von innen, von der Mitte aus alle Zellen von +einem Beobachtungsturm einzusehen, der zum Schutz gegen +Revolten mit einem Maschinengewehr bestückt ist ... Auch +Gas soll schon in Gefängnissen gegen Meuterer angewendet +worden sein, wenigstens las man so was zwischen den Zeilen +neulich in einem Bericht. Wie Geständnisse von politischen +Angeklagten erpreßt werden mit Hilfe von Daumenschrauben, +Hundepeitschen, Mißhandlungen mit glühenden +Eisenstäben, Schlägen auf die Sohlen ... daß gegen zwei +Angeklagte erst neulich das Verfahren eingestellt werden +mußte, weil der eine während der Untersuchungshaft wahnsinnig +wurde und der andere Selbstmord verübte ... Und +<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> +dann erst, wie hingerichtet wird ... Das übersteigt schon +jede Vorstellung ... Im Sowjetparadies aber soll es, den +bürgerlichen Berichten nach, gar am schlimmsten sein ... +Die Kommunisten also, die haben es gerade nötig ... Ein +dummer Schwindel ist das ... +</p> + +<p> +Ein anderes Plakat: sehr hoch angeklebt: eine Riesengestalt, +die mit einer Keule ein spinnenartiges Hakenkreuzgespenst +erschlägt. Darunter stand: „Proleten! Tretet ein +in den Roten Frontkämpferbund!“ +</p> + +<p> +„Gewalt, Gewalt, nichts als Gewalt. Und ein kranker +Körper wie das deutsche Volk ihn darstellt, braucht nichts +dringender als Erholung ...!“ +</p> + +<p> +Wilhelm Lange rang noch einmal nach Luft: +</p> + +<p> +„Nun zum Abschied, das will ich euch beiden noch sagen, +ich hab mirs überlegt. Das was ihr von Haarspaltereien +bei uns sagt, ist nicht richtig, theoretische Klarheit muß sein. +Wenn die nicht ist, dann kommt bei Aktionen auch nichts +rechtes heraus. Und da muß allerdings oft um einen +I-Punkt gestritten werden ... Was ihr über die Arbeiterschaft +Englands sagt, so müßt ihr bedenken, daß die an den +Extraprofiten, die die Kapitalisten aus den Kolonien herausschlagen, +Anteil hat ... Also, daß es dem englischen +Arbeiter besser geht, dafür schuften eben Millionen indischer +Kulis ... Dann: Krieg und Kapitalismus gehören zusammen. +So einheitlich, wie ihr euch das vorstellt, entwickelt +sich die Wirtschaft eben nicht. Sondern: in Widersprüchen, +unter Krisen, Rissen und Sprüngen ... Was +unsere kommunistische Arbeit in den Betrieben anbetrifft: +richtig ist, wir haben noch nicht gelernt ordentlich zu +arbeiten ... Woher das kommt, auch das will ich euch +sagen: wir haben unsere Parteiarbeit in den vergangenen +Jahren eben der ganzen politisch-ökonomischen Situation +entsprechend auf den Endkampf eingestellt. Gut, nun müssen +wir ummanövrieren ... Auch wir lehnen Reformen nicht +ab, aber die Grundlage des richtigen Verhältnisses ist +folgende: Reformen sind Nebenprodukte des revolutionären +Klassenkampfs ... Die Aufgabe einer wahrhaft revolutionären +Partei besteht nicht darin, den unmöglichen Verzicht +<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> +auf jegliche Kompromisse zu proklamieren, sondern darin, +durch alle Kompromisse hindurch – insofern sie unvermeidlich +sind – die Treue unserer Prinzipien, unserer Klasse, +unserer revolutionären Aufgabe, unserer Sache der Vorbereitung +der Revolution und Vorbereitung der Volksmassen +zum Sieg der Revolution durchzuführen ... So +gibt es auch Kompromisse und Kompromisse. Wenn du +auf einer Landstraße von einer Räuberbande überfallen +wirst, und du dich nur retten kannst, wenn du ihnen dein +Geld gibst, so wirst du das tun, um dich möglichst schleunigst +aus dem Staube zu machen. Das ist ein Kompromiß. Aber +sich der Räuberbande anzuschließen, um gemeinsam andere +zu überfallen: das ist auch ein Kompromiß, und zwar ein +solches, wie es die Sozialdemokraten machen. Und nun +weiter: nur die Auswüchse des Kapitalismus bekämpfen, +bedeutet die Illusion in den werktätigen Massen nähren, +als gäbe es einen gesunden Kapitalismus, was grundfalsch +ist ... Zum Schluß, Kollegen: ich sage, diese Republik ist +ein Treibhaus für die Kapitalisten und für die Reaktionäre, +und ein Zuchthaus für die Arbeiter ... Und so sieht die SPD. +aus: die wie das Fegefeuer heute das Wörtchen Klassenkampf +scheut, ihn praktisch längst hat fallen lassen und die +dafür immer vom Gesamtwohl und vom Vaterland, das der +Arbeiter bekanntlich nicht hat, schwafelt: die SPD. +ist ihrer Politik nach, nicht den Massen nach, die ihr angehören, +eine bürgerliche Partei ... Lebt wohl!“ +</p> + +<p> +Die Drei trennten sich. +</p> + +<p> +Max war schon um die Ecke zuhaus. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-4-13"> +<span class="firstline">XIII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +„Restbautrieb – reaktionäre Masse – fahnenflüchtig!“ +</p> + +<p> +So kollerte es noch lang in Maxens Schädel herum. +</p> + +<p> +„<em>Fahnenflüchtig!?</em>“ +</p> + +<p> +Und diese Frage nahm plötzlich Gestalt an, wurde wie zu +einem Menschen, der lang und tief in ihn hineinschaute. +</p> + +<p> +Dieser Mensch war seinesgleichen. +</p> + +<p> +<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> +Blut von seinem Blut. +</p> + +<p> +Ganz seiner Art. +</p> + +<p> +Hieß auch Max Herse. Trat jetzt vor ihn hin wie sein +leibhaftiger Steckbrief. +</p> + +<p> +Dieser Max Herse fragte ihn: +</p> + +<p> +„Max, stimmt das: fahnenflüchtig!? Ist da nicht doch +vielleicht etwas wahr daran!? ... Wie war das nur neulich +bei der Grubenkatastrophe? Erinnerst du dich nicht +mehr, was du unter dem unmittelbaren Eindruck dieses +Unglücks alles gesagt hast!? ... Versprochen hast eigentlich?! +... Fahnenflüchtig ... Desertiert aus der Klassenkampfreihe +... Verlassen das proletarische Banner!? ... +Das Banner, für das dein Vater gekämpft und gelitten hat, +für das deine Mutter sich so manchen Bissen vom Munde +abgespart hat!? Die rote wehende Hoffnung deiner Millionen +Arbeitsbrüder! Der Stolz deiner Arbeiterinnen-Schwestern, +für das sie in manchen Nächten ihre Finger sich +wund genäht haben ... Max Herse! Willst du nicht wieder +ehrlich, proletarisch ehrlich werden!? ... Stimmt das nicht, +was der Wilhelm sagte: „Ja, für euch bleibts halt ewig +beim Alten, ihr wißt schon, was ich meine: Kaisergeburtstagsfeier +und erster Mai ...“ +</p> + +<p> +„Wieder ehrlich, proletarisch ehrlich werden ...!?“ +</p> + +<p> +Max Herse sprach im Halbtraum schon, diese Frage nach. +</p> + +<p> +Und mit dieser ungelösten Frage auf den Lippen schlief +er ein. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-4-14"> +<span class="firstline">XIV</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Man hörte die Atemzüge der schlafenden Menschen durch +die Wände hindurch. +</p> + +<p> +Flackernd ging der Atem, oben und unten und nebenan, +von Röcheln, Seufzern und holprigen Hustenanfällen unterbrochen. +</p> + +<p> +Viele Uhren tickten immer dazwischen. +</p> + +<p> +Wieder warf sich einer im Bett, einer schlich den Gang +entlang, jetzt tastete es nach einer Klinke; eine Tür knarrte. +</p> + +<p> +<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> +Schritte kamen von der Straße hoch, fern, dann nah, wie +tropfenweis. Stimmen, das Tappen eines Betrunkenen, +Autohupen; Klingeln, die plötzlich schrillten. Und man +konnte nur schwer unterscheiden zwischen dem ewigen selbsttätigen +Knirschen der morschen Diele und dem Menschenstöhnen +und Menschenächzen. +</p> + +<p> +Katzen kreischten. Hunde winselten. +</p> + +<p> +Auf ein Fenster drückte der Wind. Ein Schrank krachte. +</p> + +<p> +Traum-Schreie ... +</p> + +<p> +Ein Mensch hatte seinen Anfall. Das Schaumweiß +brodelte ihm um den Mund. Da zündete jemand eine +Kerze an, warf sich über ihn und hielt ihn im Bett fest. +</p> + +<p> +Monoton lallte jetzt einer vor sich hin. Einer räusperte +sich ... +</p> + +<p> +Das Wasser im Kanal gluckste. Fernzüge pfiffen. Die +Räder stießen auf den Schienen einen dumpfen rauschenden +Takt ... +</p> + +<p> +In einem Kübel plätscherte es. Einer wusch sich. Die +Vorposten des bei Tagesgrauen aufmarschierenden Arbeiterheers +standen schon wieder auf und machten sich +kampfbereit. Auch die Milchfuhrwerke schepperten schon +wieder in der Straße. An den Litfaßsäulen arbeiteten in +weißen Kitteln die Plakatankleber ... +</p> + +<p> +Zähne knirschten, Fäuste krampften sich, Kniee zogen sich +an, Hände glitten über Decken und strichen sie glatt. +</p> + +<p> +Wie ein Mensch lebt – +</p> + +<p> +Wie ein Mensch kämpft – +</p> + +<p> +Wie ein Mensch schläft – – +</p> + +<p> +Da lagen sie auf den Bäuchen, auf dem Rücken, auf der +Seite, in allen Stellungen, allein und zu zweit, ausgespreizt +und zusammengedrückt, nackt, namenlos. In allen Stellungen +aber wie Plastiken aus jener Galerie, die genannt ist: +„Die Verdammnis des Menschendaseins“ ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Andere wieder banden sich die Nacht wie eine Maske vor. +</p> + +<p> +Rudelweis zogen Menschen auf Raub. +</p> + +<p> +Andere auf Menschenjagd. +</p> + +<p> +<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> +Einer stößt jetzt vielleicht dem anderen das Messer in die +Brust. Einer knüpft sich jetzt den Strick zurecht, seift ihn +irrsinnig-grinsend ein. Nebenan hört man jetzt ein Geräusch, +dumpf, wie das Fallen eines Gegenstandes: er hat +den Stuhl unter seinen Füßen weggezogen. Zwei, drei +Schlingerbewegungen macht der Körper noch: dehnt sich, +ein Muskelspiel zuckt, ein Speichelfaden sabbert lang aus +dem Mundwinkel ... Schluß ... +</p> + +<p> +Kauerten da nicht welche in Knäueln, drei, vier Leiber +in einem Bett; fünf auf dem Fußboden; lagen sie nicht da, +als ob sie sitzen würden, schliefen nicht welche an den +Straßenecken im Stehn, und was schnarcht hier oder lehnt +sich mit weit aufgerissenen Augen des Nachts in Parkanlagen +auf den Bänken!? ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Das höllische Tagestempo zitterte noch in der auf Leerlauf +abgestellten Menschenmaschine nach. Die Gesichter von +Lebensangstschweiß und Todesschweiß überzogen wie von +einem geheimnisvollen Firnis. +</p> + +<p> +Verstreut wie auf einem unendlichen Schlachtfeld reihenweis +Gemordete. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-5"> +<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> +<span class="firstline">4. Kapitel.</span><br> +Nur ein Traum ... +</h2> + +</div> + +<p class="ctoc"> +Nur ein Traum ... – „Die neue +Sintflut kommt von oben und als +Gift.“ – Liebe Erinnerungen – Der +22. April 1915: ein Wendepunkt in +der Kriegsgeschichte. Die Deutschen +blasen in Flandern, Frontabschnitt +Bixschote-Langemarck, gegen englische +Stellungen Gas ab. – Gasschießen, +Gaswerfen. Eine Gastaktik +entwickelt sich. – Doch alles +in allem: es bleibt beim Experiment. +(Diesmal noch.) – Und was +gewesen ist, ist gewesen. Keiner +denkt mehr daran. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-5-1"> +<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> +<span class="firstline">I</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Der Traum, den Max Herse in dieser Nacht träumte, war +merkwürdig genug. +</p> + +<p> +Er zerfiel in drei Teile. +</p> + +<p> +Im ersten Teil lag die Erde da, ein blühendes Chaos. +</p> + +<p> +Ströme rissen dahin, Meere wölbten sich vor den Horizont; +Sümpfe, Urwälder, Schlingpflanzen; Feuersäulen +stiegen aus den Bergen, Felsen kollerten tosend herab, Tiere +aller Art krochen, hüpften, schlichen in diesem Labyrinth, +der Mensch, mit riesigen Kiefern und krallenbesetzten Würgfäusten +bewehrt, kämpfte um das nackte Leben. Langsam +wuchs um ihn der Menschenraum. Er drängte Schritt für +Schritt die Wildnis zurück. Immer wieder aber überfielen +ihn die Naturgewalten, er duckte sich, wie ein ungeheueres +Gewicht lastete über ihm das Unheimliche, das Unerklärliche. +Brust an Brust rang er mit den Ungeheuern, da +schwang er schon das Steinbeil, die Schädel der Bestien +sprangen entzwei, aus tausend Biß- und Kratzwunden troff +aber der menschliche Körper und blutete. Blitze spritzten aus +dem Gewölk herab, endlich fand er das Feuer. Mit Sturmfluten +überschüttete das Meer das Land, Felsblöcke und +Waldberge trieb ein Riesenorkan vor sich her, Lawinen +brüllten, der Erdboden spaltete sich, Dämpfe und Gase +zischten empor aus Kraterlöchern und Schlitzen. Hart, stahlhart +war der Körper des Menschen, mit langen Haaren +bedeckt, aber schon hatte er sich Waffen und Werkzeuge +geschaffen, er zog aus den Höhlen, deren Wände mit Tierfratzen +bedeckt waren, aus; auf riesige Strecken verteilt sah +man den Rauch der ersten menschlichen Siedlungen. Gemeinsam +zog man zur Jagd, gemeinsam wurde der Boden +bestellt, gemeinsam gearbeitet, gemeinsam wurden Früchte +und Jagdbeute verteilt: alles gehörte allen gemeinsam. +</p> + +<p> +Eine Sekunde: +</p> + +<p> +Das Traumbild sprang in ein anderes um. +</p> + +<p> +<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> +Tausende von Jahren wohl müssen inzwischen vergangen +sein. +</p> + +<p> +Beinahe in geometrische Figuren eingeteilt war die Erde. +Berge waren noch da, auch Wälder, auch Meere, auf denen +schwimmende Kolosse kreuzten, Geleise, mit sausenden +Strichen, die Züge darstellten, durchschnitten kreuz und quer +das Land. Stadt an Stadt, alles war abgegrenzt, eingeteilt. +Der Mensch war gewachsen: er streckte seine Organe +aus, eiserne Gelenke; seine Stimme, durch elektrische Wellen +getragen, war vernehmbar zugleich in allen fünf Erdteilen. +Er konnte sich abheben von der Erde, er flog durch die +Lüfte ... Riesige Maschinen stampften unermeßliche Schätze +aus der Erde; ein Griff an einem Hebel: ein wunderbarer +Mechanismus setzte sich leise surrend in Bewegung: millionenfache +Muskelarbeit wurde spielend geleistet: aus +Wasserkraft wurde Licht, aus Winden, aus Gasen zog man +Triebkraft, die Meerbrandung wurde auf geniale Weise in +Krafterzeugnis umgesetzt, ja die Umdrehung der Erde selbst +wurde bereits von phantasiebegabten Technikern als Arbeitsertrag +in Rechnung gestellt. +</p> + +<p> +Der Mensch hatte die Erde erobert. +</p> + +<p> +Die Naturgewalten waren bezwungen, Götter und +Götzen waren gestürzt, das Unheimliche, das Schicksal, Gott +selbst, ward seines Thrones enthoben, das Zeitalter der +Maschine, so hieß es, welch ein Zeugnis von Menschenkühnheit +und Menschengeist! +</p> + +<p> +Und wie nun sahen diese Menschen aus!? +</p> + +<p> +Da marschierte es auch schon heran, Kolonne hinter +Kolonne, durch Straßen, wie mit dem Lineal ausgerichtet, +hinweg über Brücken, unter denen Schnellzüge beinahe +lautlos glitten, marschierte schon heran, früh morgens +5 Uhr, riesigen Fabrikgevierten zu; es waren Millionen, +Männer und Frauen, Scharen von Kindern: mit Ruß bedeckt, +Schwielen an den Händen, ach so dürftig gekleidet, mit +ausgeglänzten Augen, schwerfällig, wie unter einer ungeheuren +Riesenlast jeder Schritt. Einarmige und Einbeinige +waren darunter, stumm, lautlos marschierten sie ... Ja, +was war das? +</p> + +<p> +<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> +Aber in Pelze und Seide gekleidet wandelten andere auf +breiten Straßen, diese Straßen mündeten wie in Marmorbecken +in große runde Plätze, Palast stand dort an Palast, +große goldene Wappen blinkten von den Balkonen, und +hinter seidenen, von kristallischen Lüstern durchhellten Gardinen, +war eine Menschengesellschaft sichtbar, manche in +Klubsesseln und Schaukelstühlen nach dem Takt der Musik +sich wiegend, manche auf- und abpromenierend, alle in +Fräcken oder in Uniformen, neben Menschen, die richtig wie +fleischige Schwämme aussahen, aber auch hartgeschnittene +Gesichter darunter, kalt die Augen, völlig mitleidlos ... +</p> + +<p> +Ja, was war das ...? +</p> + +<p> +Und die Armen drängten gegen die Reichen, und die +Reichen drückten die Armen, die Armen aber wurden immer +mehr, die Reichen dafür immer grausamer und unerbittlicher, +Land, Maschinen, das alles gehörte den Reichen, und +der Staat dazu, der selbst eine Maschinerie darstellte, aus +Polizeibeamten, Aufsehern, Henkern, Soldaten, Pfaffen, +Richtern bestehend; fabriksmäßig, serienweise wurde Recht +gesprochen, rein mechanisch hingerichtet und verurteilt; +empörte sich einer wider diese Ordnung, wurde ganz sachlich +abtaxiert: wie hochprozentig die revolutionäre Energie +zu bemessen sei, und demgemäß wurde mit so und soviel +Jahren Zuchthausstrafe gegen ihn verfahren ... +</p> + +<p> +Dabei riß aber dies Traumbild mitten entzwei, es gab +sozusagen einen gewaltigen Zwischenfall. +</p> + +<p> +Tafeln erschienen mit der Aufschrift: „Burgfrieden“, man +sah von Rednertribünen auf Plätzen von gewaltigem Umfang +Menschen auf die Massen einreden, die nickten alle +mit den Köpfen, gewaltig ertönten in allen fünf Weltteilen +die hundert verschiedenen Nationalhymnen. +</p> + +<p> +„Euer Gott ist nicht unser Gott.“ +</p> + +<p> +„Der unsere ist der richtige.“ +</p> + +<p> +„Wir allein sind das auserwählte Volk.“ +</p> + +<p> +„Nein wir“, schrie es sofort von entgegengesetzter Seite. +</p> + +<p> +„Ihr habt uns überfallen.“ +</p> + +<p> +„Nein ihr, ihr habt zuerst die Grenzen überschritten.“ +</p> + +<p> +<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> +Und 70 Millionen Menschen zogen aus und kämpften +gegeneinander. +</p> + +<p> +Die Erde war wie eine Mondlandschaft. Von den Millionen +und Abermillionen Granattrichtern war sie ganz +pockennarbig. +</p> + +<p> +„Absatzmärkte! Absatzmärkte!“ schrie es wie toll in allen +fünf Weltteilen durcheinander, „wir wissen schon nicht mehr, +wie wir profitabel noch weiter produzieren sollen.“ +</p> + +<p> +Dort wurde Getreide in Lokomotiven verheizt, hier verhungerten +Millionen. Hier starben Menschen vor Unterernährung, +dort starben welche an Unmäßigkeit. Der eine +fraß, der andere wurde gefressen. Manche, die auf diese +Ungleichheit hinwiesen, kamen sofort, mit Ketten behängt, +ins Gefängnis. +</p> + +<p> +Aber es kam noch schlimmer. +</p> + +<p> +Ganze Hundertschaften von Aeroplanen erhoben sich plötzlich, +kein Mensch war darin, sie wurden ferngelenkt und +steuerten mechanisch über das Meer. Drei schwere Flügelbomben +hingen, leicht hin und her pendelnd, unter jedem. +Sicher summten sie ihrem Ziel zu. +</p> + +<p> +Eine Riesenstadt. +</p> + +<p> +Die Fabriksirenen wimmerten. +</p> + +<p> +Die Riesenstadt: ein seltsames Knistern von ineinandervermischten +Menschenstimmen, Eisenbahnpfiffen, Räderrollen +und Schrillen an Kurven sich bildender Tonschleifen: +ein gespenstisches Orchestrion. +</p> + +<p> +Das Licht in den Straßen erlöschte. +</p> + +<p> +Ganz plötzlich: man rannte gegen die Finsternis fest, wie +gegen eine Mauer. +</p> + +<p> +In den Verkehrszentren der Stadt fuhren Scheinwerferkolonnen +auf, Menschengruppen, die sich bildeten, wurden +auf Anordnung der Regierung sofort zerstreut. +</p> + +<p> +Menschen schrien laut vor sich her, die Autos fuhren +energisch hupend ganz langsam. +</p> + +<p> +Kein Mensch wußte eigentlich, was los war. +</p> + +<p> +Man munkelte zwar allerlei ... +</p> + +<p> +<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> +Es mochte gegen drei Uhr morgens gewesen sein. Menschen +saßen auf den Dächern, Menschen saßen in Kellern. Andere +tasten sich noch immer unter Lebensgefahr in den Straßen +herum ... Ein leichter Regen setzte ein, dann wurde es +wieder still. Warm und schön war die Nacht. Einer behauptete, +er hätte das feine Knattern eines Motors in +den Lüften gehört. Alles lauschte angespannt. Schon wurde +es ein wenig heller. +</p> + +<p> +Ein leichter elektrischer Ferndruck: und die Flügelbomben +stachen senkrecht hernieder. +</p> + +<p> +Ein feiner Knall. +</p> + +<p> +Nur ein wenig Staub, sonst war nichts sichtbar. +</p> + +<p> +Ein dumpfer Krach. +</p> + +<p> +Wie wenn ein Fels auf eine weiche Polsterung fällt. +</p> + +<p> +Ein zweiter, dritter, vierter ... Noch mehrmals. Jetzt +hörten aber alle ganz deutlich das feine Knattern. Zur +gleichen Zeit fielen Schüsse. Leuchtraketen spritzten hoch. Die +Scheinwerfer gruben sich wie ein Lichtspaten in die Wolkenberge +... +</p> + +<p> +„In die Keller“, schrieen die einen. +</p> + +<p> +„Oben auf den Dächern ist man geschützter“, diskutierten +die andern. +</p> + +<p> +Manche blieben auch wie festgenagelt dort, wo sie gerade +standen. +</p> + +<p> +Groß und rotstrahlend ging bald darauf die Sonne auf. +</p> + +<p> +Schwere Tanks holperten wie Stahlschildkröten durch die +Straßen. Kein Mensch war zu sehen. +</p> + +<p> +Einer der Tanks schien einen Motordefekt zu haben, die +Mannschaft stieg aus: sie war wie Taucher gekleidet, das +Gesicht von einer massiven Gasschutzmaske bedeckt, schwerfällig +humpelten sie um den Wagen herum. +</p> + +<p> +Die Tankkolonne machte einen Augenblick halt. +</p> + +<p> +Ein Pfiff – +</p> + +<p> +Die Stahlungeheuer setzten sich wieder in Bewegung. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es wurde durch diese Kolonnen festgestellt: drei Viertel +der Stadt waren vergast. Kollektivschutzräume, wie mancher +<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> +Schwärmer erhofft hatte, bestanden nicht, die Gasmasken, +nur für die Kampfstoffe des vorhergegangenen Krieges beschaffen, +mußten versagen. Trank und Speise waren vergiftet. +Die ersten Anzeichen von Seuchen machten sich bemerkbar. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Drei Stunden später – und trotzdem die Bewohner mit +Masken und Anzügen geschützt waren – lagen sie da, +wimmernd und vor Hilfeschreien gellend, die meisten in +den Kellern, andere aber irrten wie wahnsinnig auf den +Dächern umher, spreizten Beine und Arme und stürzten +sich unter einem grausigen Fluch auf die Trottoire hinab. +Ueberall sah man Blutlachen. +</p> + +<p> +„Vom Himmel hoch, da komm ich her“, tönte noch in +diesem Augenblick ein heller Kinderchoral aus dem Dom, +die Glocken schwangen, ja es war Weihnacht. Und trotzdem – +</p> + +<p> +Die Flügelbomben verrichteten als mechanische unpersönliche +Henker getreulich ihre unumgängliche Blutarbeit. +</p> + +<p> +„Das ist das neue Gas“, sagte jemand ... „und wie sich +herausstellt, unsere Versuche haben sich demnach gelohnt.“ +</p> + +<p> +„Friede auf Erden.“ +</p> + +<p> +„Amen! Amen ...“, scholl es im Chor wieder dazwischen. +</p> + +<p> +Die Farbstoffabriken waren jetzt plötzlich riesige Arsenale. +Unterirdische Gänge. Auch tief in den Schächten der Bergwerke +wurde Gas fabriziert. Ununterbrochen experimentierten +die Chemiker an neuen Kampfstoffen herum. +</p> + +<p> +Es dauerte nicht lange. +</p> + +<p> +Ein Monat – und alles Lebendige war auf der Erde +vernichtet. +</p> + +<p> +Und es wurde auf dieser Erde still, mäuschenstill. +</p> + +<p> +Uhren hörte man noch ticken. +</p> + +<p> +Auch sie blieben allmählich stehn. +</p> + +<p> +Nur das Rauschen noch von Wassern, der Wind, und da +es Sommer und übermäßig heiß war, das Brodeln und +Zischen der menschlichen Leichname, die geräuschvoll in Verwesung +übergingen. +</p> + +<p> +Nichts sonst. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-5-2"> +<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> +<span class="firstline">II</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Es hätte aber auch leicht anders werden können, sagte +jemand, und der Traum, den Max Herse träumte, kehrte +jetzt wieder ein ganzes Stück zurück: über die Vernichtung +hinweg, er fing wieder beim Erscheinen der Flieger an. +</p> + +<p> +Kaum hatte sich das Gerücht verbreitet, daß die Flugflotte +mobil gemacht würde, als auch schon riesige unübersehbare +Menschenmassen auf die Straßen trieben, Arbeiter, Angestellte, +Reden wurden gehalten, Flugblätter verteilt, wie +ein aufgestöberter Ameisenschwarm war es. Polizeisoldaten, +Soldaten sah man unter der Menge, ja auch Angehörige der +Luftflotte selbst sah man unter ihnen. Der Zug der Demonstranten +brandete als eine gefährliche Woge gegen die +Regierungsviertel. Hier hatte man die zuverlässigsten +Regimenter bereitgestellt, auch zivile Wehren, meist aus +Studenten zusammengesetzt, man sah es ihnen an, sie waren +vor einigen Stunden erst eingekleidet. In Berlin, in Jokohama, +in Paris, in Chikago, in London: überall fanden +diese Demonstrationen, beinahe zu gleicher Zeit, statt ... +Schon waren Truppen von Bewaffneten zu bemerken, ein +Schuß fiel, irgendwo ging ein Maschinengewehr von selbst +los ... das war das Zeichen zum allgemeinen Angriff, das +Regierungsviertel wurde gestürmt, Telefonzentrale, Bahnhöfe +waren im Nu besetzt, um andere Stellungen tobte der +Kampf noch stundenlang. – +</p> + +<p> +Durch Verhandlungen wurde der Vorstoß der Revolutionäre +aufgehalten, die Regierung konzentrierte in den +Vororten gewaltige Truppenmassen. +</p> + +<p> +Im Norden der Stadt wurde ein Aufstand von Arbeitern +rasch niedergeschlagen. Trotzdem kamen aus der Provinz, +wo geflüchtete Revolutionäre Landarbeiter und Kleinbauern +mobilisiert hatten, stündlich neue Nachrichten. Das +ganze Land war wie ein Mann losgebrochen, hatte Gutshöfe +gestürmt, alle wichtigen Eisenbahnknotenpunkte waren +besetzt, eine Rote Armee war im Anmarsch. Die Arbeiter +in den verschiedenen Stadtvierteln, waren glänzend benachrichtigt. +Trotzdem war beinahe niemand auf den Straßen zu +sehen. Unterirdisch aber, das spürte man förmlich durch +<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> +die Wände hindurch, vollzog sich beinahe automatisch eine +ungeheure Bewegung. +</p> + +<p> +„Bewaffneter Aufstand!“ surrten hinaus ins Land die +Telegraphendrähte. +</p> + +<p> +„Der Aufstand ist geglückt“, surrte es schon drei Tage +darauf. Das Proletariat hat die Macht erobert. Den Krieg +verhindert. Es hat Opfer gekostet, aber Opfer, gering im +Vergleich zu dem, was gekommen wäre ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Traumbild an Traumbild zuckte vorwärts. +</p> + +<p> +Das alles erstreckte sich über Jahrzehnte, nur im Traumreich +war alles so verdichtet und zusammengedrängt. In +der Traumlandschaft verkürzte sich und überschnitt sich jede +Perspektive. +</p> + +<p> +Durch Rauch und Blut, an Stationen neuen Elends vorbei +durch neue Wüsten hindurch, an Stätten neuer Demütigungen +und Kreuzigungen vorüber. Und trotz alledem, es +ging vorwärts. +</p> + +<p> +Und am Ende dieses Weges blühte die Erde, blühte, wie +sie noch nie geblüht hatte. Jubelte, wie sie noch nie gejubelt +hatte. Die Menschen waren einfach und schön, von einander +beinahe nicht unterscheidbar. Tiefblau war alles, alles so +selbstverständlich. +</p> + +<p> +Die Arbeitsmethoden waren unendlich vervollkommnet. +Trotzdem hörte man jeden Tag von neuen Erfindungen; +denn alles ließ sich immer noch viel besser machen, +als es schon war. Als Grundsatz galt: mehr Kraft auf +irgendeine Arbeit zu verwenden, als absolut notwendig +ist, ist Verschwendung und damit gesellschaftsschädigend ... +Immer mehr verteilten und differenzierten sich die einzelnen +Handgriffe; Wunderwerke von Maschinen verrichteten, +mühelos einem elektrischen Hebeldruck gehorchend, das Allernotwendigste, +die menschliche Schwerarbeit war erfolgreich +auf ein Mindestmaß reduziert. Die Arbeitsplätze waren so +beschaffen, daß sie ohne besondere Vorkenntnisse von einem +jeden eingenommen werden konnten. Nur ein Prozent der +menschlichen Arbeitsleistung verlangte noch längere Schulung +und besondere Vorkenntnisse. Wobei allerdings zu +<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> +bemerken ist: das allgemeine Bildungsniveau überragte um +ein vieltausendfaches den heutigen Durchschnitt ... Für +alle war Arbeit da. Für alle waren in überreichem Maße +Mittel zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft da. Ungeheure +menschliche Energien wurden dadurch der elenden Sorge +um das tägliche Brot entbunden und für neue gewaltige +Unternehmungen freigelegt. Der menschliche Geist stürzte +sich in den Weltraum. Die Menschen wurden stolz auf die +Welt, sie schufen sie immer mehr nach ihrem Bild: die Welt +wurde zur Menschen-Schöpfung ... +</p> + +<p> +Weit, weit ... man konnte tief Atem holen, man hatte +Luft zum Leben ... +</p> + +<p> +Mit einem solch tiefen Atemzug wachte Max Herse auf. +</p> + +<p> +6 Uhr. +</p> + +<p> +Der Fabrikgang begann. +</p> + +<p> +Was war das nur? +</p> + +<p> +Ein Traum. Nur ein Traum? +</p> + +<p> +Was wohl dieser Traum bedeutete? +</p> + +<p> +Der Traum ließ nicht von ihm, er ging neben ihm her, +er begleitete ihn, oft sah Max Herse sich nach ihm um oder +zur Seite. +</p> + +<p> +Er versuchte ihn jetzt von sich abzuschütteln. Er wollte +nicht darüber nachdenken. Er sagte zu ihm, wie zu jemandem, +der sich aufdrängen will, unwirsch, und mit dem Fuß +stampfend: +</p> + +<p> +„Ach, laß mich!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-5-3"> +<span class="firstline">III</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Bevor der Straßenbahnschaffner in den Dienst gegangen +war, hatte er Max noch eine Zeitung zugesteckt ... +</p> + +<p> +„Da lies!“ +</p> + +<p> +„Ein groß angelegter Betrug. Was geschieht mit den +Spenden für die Hinterbliebenen der 136 ermordeten Kumpels +der Zeche „Königin Luise“ ...? Kaum hatten sich die +Erdhügel über den 136 Opfern geschlossen, da hatte man vergessen, +was man gestern noch zum Ausdruck gebracht hatte. +Alle die schönen Worte erwiesen sich als leerer Schall ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> +Max wusch sich eben. +</p> + +<p> +„Und was war gestern abend los ...?“ +</p> + +<p> +Max wich aus: +</p> + +<p> +„Ach, wie immer dasselbe. Man kennt sich überhaupt nicht +mehr aus.“ – +</p> + +<p> +Max war in den letzten Tagen bedeutend vorsichtiger mit +seinen Aeußerungen geworden. Eine tiefe innere Unruhe +trieb ihn. Er versuchte neben dem „Vorwärts“ auch die +„Rote Fahne“ zu bekommen. Auch die Betriebszeitungen +las er gründlich durch. Er begann von neuem seine Kollegen +im Betrieb zu studieren, war selbst sehr zurückhaltend, er +lauerte auf jede Antwort, er selbst fragte nur, um zu +lernen. Bei allen Debatten, die sich immer aus Anlaß einer +scheinbar ganz nebensächlichen Betriebsangelegenheit zuerst +entspannen und sich sofort zu Zusammenstößen zwischen +SPD und Kommunisten entwickelten, bei allen derartigen +Auseinandersetzungen ergriff Max nicht mehr Partei. +</p> + +<p> +Kinos, Vergnügungslokale, Kneipen mied er, er holte sich +bei Kollegen einige Bücher, fraß sich mit Müh’ und Not +durch. Er wollte unbedingt dahinter kommen. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Was gewesen ist, ist gewesen. Oder: keiner denkt mehr +daran. Aber plötzlich eines Tages überfällt dich ein Teil +deiner Vergangenheit, stürzt sich auf dich, wälzt sich auf dir +herum, man biegt und krümmt sich unter der Last: bis das +drückende Gewicht solch einer Erscheinung zu schweben +beginnt, kampflos von einem abläßt, und man plötzlich +wieder, so wie man ist, mit sich selbst da steht, ohne noch +über das Wesen dieser Bedrückung und den Zusammenhang, +in dem sie erschienen ist, sich klar geworden zu sein. +</p> + +<p> +So geschah es auch Max, als ihn die folgenden Erinnerungen +aus dem Weltkrieg heimsuchten. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-5-4"> +<span class="firstline">IV</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Max Herse war damals knapp 19 Jahre alt. Aber er +hatte alles darangesetzt, als Kriegsfreiwilliger mitzukommen. +Sein Schulkamerad Franke war sogar von jenseits +des Ozeans zu den Waffen geeilt. +</p> + +<p> +<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> +Das waren Tage! Das Leben flaumleicht. Der Körper +ging wunderbar, wie mit Elektrizität geladen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es war am 22. April 1915 in Flandern. +</p> + +<p> +Frontabschnitt Bixschote-Langemarck. +</p> + +<p> +Gegen englische Stellungen. +</p> + +<p> +Windstärke 2 bis 4 Sekundenmeter. Witterung kalt und +trocken. +</p> + +<p> +Zerfetzte Bäume am Horizont wie Drahtgespinste. Vereinzelte +Vogelrufe durchschwirrten die Weltöde. +</p> + +<p> +Geheimnisvolles munkelte man. Von einem Ueberläufer +war die Rede, der alles an die Engländer verraten hatte. +Gerüchte. Gegengerüchte. Jedenfalls etwas Neues. Man +ahnte nicht was, wußte nicht, wie ... +</p> + +<p> +Es war 5 Uhr nachmittags. +</p> + +<p> +Auf der Brustwehr des vordersten englischen Grabens +erschienen jetzt Tafeln mit der Aufschrift: +</p> + +<p> +„Ihr könnt lange warten, bis der richtige Wind weht!“ +</p> + +<p> +Hie und da knackte ein Schuß. Ein MG ratterte sich +heiß am linken Flügel. Knäuel deutscher Stoßtrupps lagen +weit hinten im Trichterfeld. +</p> + +<p> +Endlich: „Gas“. +</p> + +<p> +Das Gas kommt. Irgendwer hatte es aufgeschnappt. +</p> + +<p> +Also: +</p> + +<p> +Nachts waren an die dreihundert Gasbatterien vortransportiert +und eingebaut worden. Eine Batterie bestand aus +20 Gaszylindern. Sechstausend Gaszylinder standen demnach +zur Verfügung. Auf einen Kilometer Frontbreite +rechnete man damals fünfzig Batterien. Tausend Flaschen. +Zwanzigtausend Kilo Gas. +</p> + +<p> +Das alles wußte man plötzlich. +</p> + +<p> +Auch das: +</p> + +<p> +Um das Klirren des Metalls zu vermeiden, waren sämtliche +Gaszylinder mit Decken und Stroh umwickelt. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Erhöhte Gefechtsbereitschaft war angeordnet. +</p> + +<p> +Die Infanterie in die zweite Stellung zurückgenommen. +</p> + +<p> +<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> +Nur technische Truppen und MGs blieben vorne ... +</p> + +<p> +Fliegergeschwader summten wieder den ganzen Tag über. +</p> + +<p> +Pst! Ein Pfiff ... +</p> + +<p> +Alles wurde plötzlich so mäuschenstill ... +</p> + +<p> +Das Abblasen einer eigens dazu markierten Stammbatterie +galt als Signal. +</p> + +<p> +Die Ventile von sechstausend Flaschen öffneten sich +gleichzeitig. +</p> + +<p> +Es war ein brodelndes und zischendes Geräusch, es +prickelte, fauchte, als man das Gas aus den Mannesmann-Stahlröhren +abblies. +</p> + +<p> +Jeder hielt die Nase hin, jeder schnupperte. +</p> + +<p> +Man merkte aber eigentlich noch so gar nichts. +</p> + +<p> +Ein graugrüner Schwaden zog jetzt schon auf die englischen +Stellungen zu. Mannshoch. Einen Kilometer tief. +</p> + +<p> +Die deutschen Batterien hämmerten wieder. +</p> + +<p> +An einigen Stellen biegen die den Zylindern aufgeschraubten +meterlangen Bleirohre unter dem Druck des ausströmenden +Gases um. Knicken, krümmen sich hin und +her ... +</p> + +<p> +Das Gas fließt in die eigenen Gräben. +</p> + +<p> +Einen Trupp von acht Mann trifft das Gas mit voller +Kraft. Man sieht, sie halten krampfhaft den Atem an. +Können nicht mehr. Legen sich einfach um ... Andere +schlagen mit den Händen dagegen, klemmen sich die Nase zu, +beißen sich die Lippen dicht: auch das hilft nichts ... +Sanitätsmannschaften eilen heran mit Sauerstoffapparaten. +</p> + +<p> +In drei Wellen auf einer Strecke von insgesamt sechs +Kilometern trieb eine riesige Chlorwolke. +</p> + +<p> +Dicke weißliche Nebelballen schieden sich ab. +</p> + +<p> +Teile flüssigen Chlors verdampften ... +</p> + +<p> +Max kniet sich auf den Rand eines Trichters herauf. +</p> + +<p> +Der Leutnant neben ihm beobachtet, die Stoppuhr in +der Hand, den Verlauf des Angriffs. Noch zwanzig Sekunden: +dann aber hieß es nachstoßen. +</p> + +<p> +Die englischen Gräben standen jetzt mitten im Gasnebel. +</p> + +<p> +<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> +Und plötzlich wurde es dort lebendig. Wie aufgefegt +wurden sie. Ein unsichtbarer Besen kehrte das unterste zu +oberst. Leute rannten mit erhobenen Armen querfeldein. +Hilferufe gellten. Einzeln, in Rudeln flüchtete es dahin. +Einer dreht sich immerfort um sich selbst. Er sprang federnd +hinweg wie ein Kreisel. Röcke schottischer Hochländer flogen. +Ein monotones heiseres Bellen: das Gebrüll der Turkos ... +</p> + +<p> +Ein leichter erstickender Geruch wurde nun bemerkbar. +</p> + +<p> +Augen tränten. Einige husteten. Nieskrämpfe. Spuckten +aus. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die deutsche Artillerie hämmerte, hämmerte. +</p> + +<p> +Der Leutnant zählte jetzt laut: +</p> + +<p> +15 – +</p> + +<p> +18 – +</p> + +<p> +19 – – – +</p> + +<p> +Eine Leuchtrakete zerstäubte hoch. +</p> + +<p> +Graue Knäuel bewegten sich, lockerten sich heraus aus den +metertiefen Poren der Erdlöcher, lösten sich auf. Kettenglieder. +Ausschreitend, hüpfend, dahinstolpernd. Schwarmlinie. +</p> + +<p> +Die deutsche Sturminfanterie stieß nach. +</p> + +<p> +Aexte. Scheren. Leitern. +</p> + +<p> +Verhaue wurden umgelegt. +</p> + +<p> +Ueber die ersten feindlichen Gräben hinweg ... +</p> + +<p> +Offiziere mit Karten: das feindliche Gräbensystem wurde +gleich korrigiert. Neu eingezeichnet. +</p> + +<p> +Kolbenschläge. Bajonettstöße. +</p> + +<p> +In einem Unterstand poltert eine Handgranate. +</p> + +<p> +„Vorwärts.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die zweite feindliche Stellung kam in Bewegung. +</p> + +<p> +Auch die dritte Linie flog auf. +</p> + +<p> +Die Sturmabteilung zerschnitt sich das Schuhwerk an +Flaschenresten und Haufen von Konservenbüchsen. +</p> + +<p> +Gelblich-grün trieb die Gaswolke weiter. +</p> + +<p> +<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> +Es war wie eine Gespensterlandschaft, durch die man jetzt +schritt. Merkwürdig verfärbte Menschengesichter glotzten +einem entgegen. Bis zum Hals im Schlamm getunkt. Die +Augen doppelt so groß wie bei Lebenden. Die Stahlhelme +weit ins Genick zurückgeschoben oder tief im Gesicht. Schaum +um die Münder. Einer rutschte aus einem nach rückwärts +ein wenig abgeflachten Granattrichter auf den Knieen herauf, +er machte mit den Armen Schwimmbewegungen. Ein +ihm von einem stämmigen pommerschen Landwehrmann in +die Brust gestoßenes Bajonett brach ab ... +</p> + +<p> +Die feindliche Front war aufgerissen. +</p> + +<p> +Ein tiefes zackichtes Loch klaffte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es wurde Nacht. +</p> + +<p> +Scheinwerfer. Leuchtraketen. +</p> + +<p> +Erdfontänen schossen in die Luft. Die feindlichen Batterien +kamen wieder in Schwung. Es trommelte, hackte, +wirbelte. Manchmal wie Platzregen. Man verschanzte sich +rasch hinter Fleischfetzen, Körperstümpfen, Schlammhaufen. +</p> + +<p> +Pioniere wickelten wieder Stacheldraht ab. MG-Gruppen +schoben sich vor. Munitionstransporte im Laufschritt. +Lebensmittellager waren genug erbeutet. Man konnte sich +also zwischendurch sattessen. Alles hatte aber einen widerlich +beizenden Geschmack. +</p> + +<p> +Und schon knackte es wieder im Vorfeld. +</p> + +<p> +Geduckt kroch es an. Ein rasender Schnitt durch die Luft: +Pfiffe: hinter einem, vor einem krümmte es sich ... Der +Nebenmann links stürzte vornüber; der rechte ächzte noch +einen halben Fluch. +</p> + +<p> +Etwas sprang vor. Etwas sprang zurück. +</p> + +<p> +Es knisterte. Ein Messer zuckte. Körper schnellten gegen +Körper. Wie gespannte Federn. +</p> + +<p> +Man kam mit dem Gegner bis in Tuchfühlung. +</p> + +<p> +„Das ist Ursprache des Volkes. Aus dem Blut heraus +wird bejaht: Dieser Krieg muß sein ...“, fieberphantasierte +irgendwo ein Leutnant herum. Max juckte der +Zeigefinger: „Brenn’ ihm eins!“ +</p> + +<p> +<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> +„Der ganze Krieg soll mich ...“, fluchte ein Soldat-Prolet +und riß einem „Pardon“ wimmernden Hochländer +mit einem Ruck das Messer durch die Gurgel. +</p> + +<p> +Pfui Teufel. +</p> + +<p> +Viele kotzten. +</p> + +<p> +Wieder andere hatten die Hosen voll. +</p> + +<p> +In den Kehlen steckte wie ein würgender Pfropf ein +unwiderstehlicher Brechreiz. +</p> + +<p> +Man watete schon wieder bis über die Knie in einem +richtigen Leichenmorast. Menschenmüll. Ueberall Pfützen voll +Blutwasser. Hie und da entlud sich wieder einmal eine +Sprengmine zur Abwechslung. Es roch süßlich, ranzig. Wie +angebranntes Fett. +</p> + +<p> +Dort schüttete die explodierende Erde ein Massengrab +hoch. +</p> + +<p> +„Offensiv-Parfüm“, meckerte einer. +</p> + +<p> +Eine MG-Mannschaft füllte den Kühlkasten ihrer Kugelspritze +mit Urin auf. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Max Herse bekam kaum noch Luft. Er lechzte nach einem +Schluck Wasser. Die Glieder, die Arme und die Beine, +schlenkerten an ihm herum wie etwas Fremdes. Er fühlte, +daß sein ganzer Körper nur noch aus Knochen bestand. Die +Haut wurde ganz straff, spannte. Die Gelenke gingen ihm +beinahe aus dem Leim ... Das war die Todesangst ... +</p> + +<p> +Menschenleiche, Stein, Baum: das ist ein und dasselbe. +Gleich wahr, gleich unwirklich. Nur nicht lange Federlesens +machen. Das lohnt sich nicht. Irgendwo spaziert ein Irrsinniggewordener +im Tanzschritt über das Schlachtfeld. +</p> + +<p> +Gefangene wurden abgeknallt. +</p> + +<p> +Man sah kaum mehr aus den Augen vor Blutrausch. +</p> + +<p> +Zu einem wüsten Grinsen war das Gesicht einer Ordonnanz +verzerrt, die immer wieder von neuem ihre zweiunddreißigschüssige +Repetierpistole lud und damit einen Gefangenentransport +nach dem andern umlegte. +</p> + +<p> +Der Zeigefinger der Ordonnanz war schwarz gefärbt von +Pulverrauch. +</p> + +<p> +<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> +Die Menschen funktionierten wie Automaten. +</p> + +<p> +Wie auf dem Exerzierplatz. +</p> + +<p> +Stoß: Gegenstoß. +</p> + +<p> +Schlag: Hieb. +</p> + +<p> +Hart gegen hart. +</p> + +<p> +Ruck-zuck ... +</p> + +<p> +„Alte preußische Garde ... hahaha ... Prost Mahlzeit, +altes Frontschwein ... Einen Kuß, Max Bruderherz. +Hier einen Schluck Sturmschnaps ...“ +</p> + +<p> +Max kroch auf allen Vieren. +</p> + +<p> +Ein sinnlos Betrunkener torkelte ohne jede Deckung an, +umarmte ihn, tapste vorüber, rief noch: +</p> + +<p> +„Fünfe hab’ ich heute schon hinter mir. Knorke. Nun +aber für heute Feierabend und Schluß damit ...“ +</p> + +<p> +Ein Feldwebelleutnant knurrte herüber: +</p> + +<p> +„Stopf ihm die Schnauze ...“ +</p> + +<p> +Schwuppdich. Ein leichter Klaps vor die Stirn. Und der +Feldwebelleutnant schnappte mit einem Purzelbaum hintüber. +Er kauerte sich noch zurecht. Er wimmerte „Mami, +Mami“, bis eine genügende Menge Blutes aus ihm ausgequetscht +war. +</p> + +<p> +Es gab fast keine Nuancen mehr in den Bewegungen. +Mit dem ganzen Lebenstrieb dahinter wurde so ein +Bajonettstoß geführt. Manchmal glitten die Messer mit +einem spitzen Geräusch elastisch aneinander ab. Eines stieß +senkrecht auf die Verschlußschnalle der Koppel auf, bog sich +zu einem Halbkreis. Zuckte ab, sprang links vorbei mitten +hindurch durch die Niere. +</p> + +<p> +Man fraß sich mit aufgesperrten Augen, mit vibrierenden +Nasenflügeln, man fraß sich förmlich mit seiner ganzen +Existenz in den Gegner hinein. +</p> + +<p> +Waren es noch Menschen oder mechanische Puppen? Mit +dicken Mänteln waren sie behängt. Mit einem wattigen +Stoff, der bei einem Stich Ströme Blutes sickern lassen +konnte, waren sie ausgestopft. So haute es sich, anscheinend +ziel- und planlos, jetzt im Niemandsland herum. +</p> + +<p> +Reserven stürzten sich auf Reserven. +</p> + +<p> +<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> +Qualmend dunstete die Erde aus. +</p> + +<p> +Darüber Vollmond ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die feindlichen Bataillone hatten noch in der Nacht zum +Gegenstoß ausgeholt. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-5-5"> +<span class="firstline">V</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Weiter zogen die Jahre. Tag für Tag erschienen die +Zeitungen mit spaltenlangen Verlustlisten gefüllt. Alle +Viere von sich gestreckt lagen sie auf der Erde da: Männer, +die Schädel zerfetzt, die Brust aufgetrieben, die Gedärme +brachen aus den geborstenen Uniformen heraus, Millionen +Männer lagen so, über der Erde, unter der Erde ... +</p> + +<p> +Noch immer kein Ende ... +</p> + +<p> +Tag und Nacht experimentierten Tausende von Chemikern. +Wunderbare Gasgemische entstanden in den Laboratorien. +Zentner-Mengen Kampfstoff schickten die deutschen Farbstoffindustrien +in die Welt. Die in diesen Fabriken beschäftigten +Arbeiter wußten nicht, was sie produzierten. Die +organische Verbindung zwischen den Kriegsmaterialien und +der friedlichen Industrie ist im Kriegsgaswesen besonders +eng. Fast alle Kampfgase finden auch im friedlichen Leben +Anwendung. Sie dienen entweder unmittelbar für verschiedene +friedliche Zwecke z. B. zur Desinfektion des Getreides, +von Wohnräumen und dergleichen, oder aber sie +bilden Zwischenprodukte für andere im friedlichen Leben +unentbehrliche Produkte. Vor allem stehen die Kampfgase +mit der Farbindustrie in Verbindung, zugleich aber sind sie +auch für die Herstellung von Medikamenten und photographischen +Artikeln zu benutzen. +</p> + +<p> +Es marschierte auf das Chlor. +</p> + +<p> +Chlorphosgengemische. Chlorpikrinsulfuryl. 20000 Zentner +Gaskampfstoffe wälzten sich daher als Giftflut. +</p> + +<p> +Es marschierte auf Phosgen. +</p> + +<p> +Diente es einstmals nicht zur Herstellung einer ganzen +Reihe hellroter, blauer und violetter Farben?! +</p> + +<p> +Es marschierten auf die Arsine, aus dem gleichen Rohstoff +hergestellt wie die Arsen-Präparate. +</p> + +<p> +<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> +Acht deutsche Fabriken befaßten sich mit der Herstellung +dieser Kampfgase ... – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Und gegen 4 Uhr morgens begann wieder die Artillerieschlacht +mit einem gewaltigen Feuerschlage auf 70 Kilometer +Breite. +</p> + +<p> +7000 Geschütze waren es, riesenkalibrige und großkalibrige, +die die Bekämpfung des feindlichen Grabensystems aufnahmen, +gegen das auch eine Unmasse an Minenwerfern +und Gaswerfern eingesetzt wurde. +</p> + +<p> +Die feindliche Artillerie war durch das reichliche Infektionsschießen +am vorhergegangenen Tage schon zum Schweigen +gebracht. +</p> + +<p> +Das feindliche Gelände war in dichte Gassümpfe verwandelt +worden. +</p> + +<p> +Eine Doppelwalze lief vor der stürmenden Infanterie +einher: eine Walze mit Splittermunition dicht vor, die +andere mit Gasmunition weit vorauswandernd. +</p> + +<p> +Alle Truppen waren mit Gasmasken versehen. +</p> + +<p> +Pferde trugen Gasschuhe. +</p> + +<p> +Es gab schon Entseuchungskommandos in richtigen taucherähnlichen +Gasschutzanzügen. Riesige Mengen Chlorkalk, das +entgiftend wirkte, wurden auf Feldbahnen herangefahren. +</p> + +<p> +Man legte Gassperren, blaue Räume, gelbe Räume, bunte +Räume, man unterschied bereits zwischen Gasüberfall, +Schwadenschießen, Gasbrisanzschießen, Verseuchungsschießen. +</p> + +<p> +Eine richtige Gastaktik hatte sich entwickelt. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Mit einem leichten dumpfen Knall explodierten ununterbrochen +in der Stadt die Gasgeschosse. +</p> + +<p> +Es roch nur ein wenig in den Straßen wie nach bitteren +Mandeln. Man sah kaum Menschen, einige nur, einen +Bausch vor Nase und Mund, der mit einer besonderen +Flüssigkeit getränkt war. +</p> + +<p> +Verwundete zwar, die hier von der Front durchkamen, +erzählten kaum Glaubliches: +</p> + +<p> +<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> +„Die Deutschen verfeuern Geschosse, die geheimnisvolle +Flüssigkeiten enthalten, die verdampften und in gasförmigem +Zustand die Fähigkeit haben, Leder, Haut, Gemäuer zu +durchdringen, und die, selbst in den minimalsten Dosen eingeatmet, +absolut tödlich sind. Und welch ein Tod! Ja, +erzählte man, sie wirkten auch durch die Haut selbst hindurch +sofort tödlich, starke Erregungen der Atmung, eine eigentümliche +psychische Unruhe machte sich sofort bemerkbar, +Erbrechen, Magenstörungen, Verlangsamung des Herzschlags, +Bewußtlosigkeit. Geschmack und Geruch gehen oft +völlig verloren. Das aber sind nur die Nebenwirkungen. +Kennzeichnend ist der schleichende Verlauf. Zuerst etwa +das Bild eines Gletscherbrandes: erst nach mehreren +Stunden eine Rötung, hierauf oft beträchtliche Schwellungen +der Haut. Blasen bilden sich, nicht selten von unförmiger +Größe, sie sind mit einer klaren, leicht gerinnenden +Flüssigkeit gefüllt, leicht eiternd. Das Sehvermögen wird +durch eine schmerzhafte Bindehautentzündung beeinträchtigt. +Ja, das Auge kann völlig zuschwellen und eiterigen Ausfluß +absondern. Dann kommt das Lungenödem: in den Lungen +bilden sich überall kleine Herde von angesammelter Flüssigkeit, +die rasch wachsen und sich vereinigen können, um schließlich +den größten Teil des Lungenraumes auszufüllen und +durch zunehmende Beschränkung der Luftzufuhr tödliche Erstickung +herbeizuführen ... Nun, Luftgeschwader seien bereitgestellt, +diese Flüssigkeiten, die in die Fliegerbomben +gefüllt sind, weit hinter der Front über die Städte auszugießen +... Auch hätten die Deutschen jetzt zudem Apparate, +aus denen sie Flammen spritzten, und das alles verwendeten +sie zusammen, das eine nicht ohne das andere ... es sei +unmöglich, den Krieg noch länger zu führen, es sei einfach +menschenunmöglich sowas auszuhalten ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Weiter fielen unterdeß die Bomben auf die Stadt. +</p> + +<p> +Ein dunkler schwerfälliger Regen, mit großen eisernen +Tropfen ... +</p> + +<p> +Bald nah, bald fern: aber die Geschosse hatten nur eine +geringe Sprengwirkung. Die Einwohner fühlten sich mehr +<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> +als bei früheren Beschießungen geborgen. Auch Brandwirkung +war keine zu beobachten. Es war volle Frühlingssonne, +die Straßen waren aufgeweicht, hoch oben surrten die +Fliegergeschwader in der blauen Märzluft. +</p> + +<p> +Aber trotzdem: nach Verlauf von einigen Stunden begann +es. +</p> + +<p> +Die Einwohner hockten wie immer in den Kellern. +</p> + +<p> +Es war unheimlich. Es war noch nie dagewesen. Es war, +um völlig den Verstand zu verlieren. +</p> + +<p> +Irgendwer stürzte die Treppen herunter. Die Nase dieses +„Irgendwer“ war ein einziger blutiger Knollen. Er hatte +sie sich vollkommen aufgejuckt. Aus seinen Augen troff das +Tränenwasser und dabei schrie er immer mit heiserer +Stimme: „Das ist das Wahnsinnsgas ... das Wahnsinnsgas +...“ Er taumelte unten noch einige Schritte vor, +dann stürzte er wo nieder, fetzte sich die Kleider vom Leib, +knirschte mit den Zähnen, kratzte und knetete sich, ganz leise +wimmerte er jetzt nur noch: „Die Boches. Die ver...“ +</p> + +<p> +Wie auf Kommando begann jetzt auch schon der ganze +Raum zu husten. +</p> + +<p> +Einige zündeten sich die Pfeifen an, pafften wie toll, behaupteten, +das wäre ein Mittel dagegen. +</p> + +<p> +Acht Menschen saßen da im Keller, fünf Frauen, drei +Männer. Die Frauen in mittlerem Alter, die Männer alle +über fünfzig alt. Man hatte auch Matratzen nach unten +geschafft, man lag und stand da jeden Tag seine fünf +Stunden herum, das war einem schon so zur Gewohnheit +geworden. Die Kinder nahmen Spielzeug mit, einen Teddybär, +der gar keine Angst hatte und aus seinen Glaskugelaugen +nach wie vor fröhlich in die Welt blickte. +</p> + +<p> +Jeder sah jetzt auf den andern. +</p> + +<p> +Einige nur stierten teilnahmslos vor sich hin. +</p> + +<p> +Die Beschießung hatte aufgehört. +</p> + +<p> +Oben klimperten Schritte. +</p> + +<p> +Der „Irgendwer“ jammerte in seinem Winkel ganz erbärmlich. +</p> + +<p> +<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> +André, kriegsinvalid, Feldzugsteilnehmer von 70/71, stieß +ihn: +</p> + +<p> +„Na Junge, schwere Brocken was ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Eine gespenstische Verwandlung bereitete sich vor. +</p> + +<p> +Die Gesichter der im Keller eingepferchten Menschen +wurden plötzlich schwammig, klößig, auch die Hände dunsen +auf. +</p> + +<p> +Die Weiber fingen zu plärren an. +</p> + +<p> +Ein Hustenkrampf erstickte ihre Stimme. +</p> + +<p> +Seltsame Bewegungen machten sie mit Armen und +Fingern, wie in einem Traumzustand, ganz schwer, langsam, +schleichend. +</p> + +<p> +Die Gesichter hatten nun eine Farbe wie Lehm. +</p> + +<p> +Der Körper fleckte sich. +</p> + +<p> +Die Schleimhäute bissen. +</p> + +<p> +Schüttelfieber jagte daher, Augen schwollen, unter den +Fingernägeln war es, als krabbelten dort lebendiggewordene +widerhakichte Eisenspäne. Der Kellerraum drückte wie +ein unendliches Gewicht auf die Lunge herein. Wie flüssiges +Blei kochte es in der Brust ... Da wurde alles auch schon +schleierig, fadenscheinig, der ganze Raum wogte, alles floß +auseinander in Millionen unsichtbaren Wellen, merkwürdig +summend ... +</p> + +<p> +Der Todeskampf der Gasvergifteten dauerte so einige +Stunden lang ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es entspricht aber keineswegs den Tatsachen, was man +sich späterhin oft erzählt hat. Es ist nicht richtig, daß die +von der Gasvergiftung betroffenen Menschen sich im letzten +Stadium der Vergiftung gegenseitig noch angefallen haben, +sich mit dem Messer bearbeitet oder gegenseitig sich gebissen +und gewürgt haben. Solche Ausbrüche wahnsinniger Verzweiflung +wurden nicht bekannt. Ganz das Gegenteil. Ohne +daß sie etwas dagegen unternommen hätten, trockneten diese +Unglücklichen einfach inwendig aus. Ein allgemeiner lähmender +Zustand ging dem Endstadium voraus. +</p> + +<p> +<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> +Keiner bewegte sich vom Platz. Sie blieben wie festgenagelt, +wo sie gerade saßen oder standen. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Eine unsichtbare Gasdecke lagerte über der Stadt. +</p> + +<p> +Langsam drang das Gas überall ein. +</p> + +<p> +Es wehte daher durch Wasserleitungsrohre, durch Türritzen +und Fensterspalten, durch Mauern, durch Glas, durch +Stein, durch Eisen. +</p> + +<p> +Es war völlige Windstille. Das Gas verflüchtigte sich +nicht. +</p> + +<p> +Hunde, Hühner, Pferde lagen auf den Trottoiren, Klumpen, +Fetzen von Haut, auch das Leben der Bäume und +Gräser schien restlos getilgt. +</p> + +<p> +Absolut tödliche Gase waren mit sogenannten Reizgasen +gemischt: man mußte vor Augen-, Nasen- und Mundschmerzen +die Masken abreißen, das absolut tödliche Gas +fand durch die Luftröhre in die Lunge Eingang, und man +war rettungslos geliefert. +</p> + +<p> +Dann wieder setzte eine Gasbombenbeschießung ein, kombiniert +mit Brisanzgeschossen: so erreichte man außerdem +noch eine hübsche Sprengwirkung: durch die aufgerissenen +Löcher flutete nun das Giftgas in vollkommener Dichtigkeit. +</p> + +<p> +Vorne an der Front wurden die Bewegungen der nachstoßenden +Infanterie langsamer und unsicherer. Gewisse +Gassumpfgebiete waren für sie überhaupt nicht mehr +passierbar. In Masken standen sich von nun an die Bajonettfechter, +die Handgranatenwerfer gegenüber. +</p> + +<p> +In die gasverseuchten Grabensysteme stürzten sich die +Stoßtrupps hinein, wie die Frettchen in einen Kaninchenbau. +Mit Bajonetten und Handgranaten kitzelten sie die +letzten noch Ueberlebenden heraus. Zweifüßige gespenstische +Larven jagten in den Grabengängen hintereinander her, +die Büchse mit dem Filtereinsatz hing vom Mund herab wie +ein kurzer Rüssel. +</p> + +<p> +„So ein Krieg – +</p> + +<p> +„Kotzbrocken – +</p> + +<p> +„Klamottenkrieg ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> +Und Max Herse fand eben in einem Unterstand, der zur +Nachbardivision gehörte, folgendes Flugblatt an einem +Balken angeheftet: +</p> + +<p> +„Helft mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung habt, +zur schnellsten Beendigung des Menschenmordens. Verlangt +das sofortige Ende des Krieges. Erhebt euch zum Kampfe, +getretene und hingemordete Völker! Es naht die Stunde +des Völkerfriedens. Nieder mit dem Krieg ...“ +</p> + +<p> +Quatsch. +</p> + +<p> +Was war das!? +</p> + +<p> +Wie ein Herzschlag pochte es in der Erde. Jeden Moment +konnte man auffliegen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-5-6"> +<span class="firstline">VI</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Deutsche Sturminfanterie stürmte auf dem Balkan. Im +Wüstensand, hoch im Gebirge. Der deutsche Soldat kämpfte +auf einer Front, die so groß war, daß die Sonne über ihr +nie unterging. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Herbst war. Weiche, braunrot getupfte Waldgefälle. Wie +Riesenpolster wölbten sich hoch die italienischen Berge. +Himmel und Seeen wurden eins. Glutblau, wie Lapislazuli. +</p> + +<p> +Das italienische Bataillon war nicht zu fassen. +</p> + +<p> +Es hatte sich, gegen jede Feuerart gedeckt, in Schluchten +und Kavernen eingenistet. +</p> + +<p> +Man unterscheidet zwischen Zielen, die mechanisch zerstörbar +sind und solchen, die nur chemisch zu erledigen sind. +</p> + +<p> +Zu den letzteren gehörte in diesem Fall die italienische +Stellung. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Vier volle Nächte dauerte der Antransport des Kampfgeräts. +Da die Anmarschstraßen von Truppen- und Sanitätskolonnen +überfüllt waren, mußten Seitenpfade begangen +werden. Im Zickzack arbeiteten sich die Trägerkolonnen +empor, ausgetrocknete Waldbachschluchten mußten +mühsam überquert werden, immer wieder sanken die Träger +von Müdigkeit übermannt um, dann hieß es ein Plateau +<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> +überqueren, das von der feindlichen Artillerie voll eingesehen +werden konnte, Felssplitter mischten sich mit +Granatsplittern, ein wahrer Splitterorkan ging nieder, es +stäubte und prasselte von oben her, von unten auf, von allen +Seiten, in den Wipfeln der Tannen pfiff es und knackte +es, die Granataufschläge auf dem Felsboden waren schrill +und gellend. +</p> + +<p> +Ein Riß: ein Granatstoß fegte mitten durch eine Trägerkolonne +hindurch. +</p> + +<p> +Sich um sich drehende plumpe Säcke rollten sie einen Abhang +hinunter. Ein Latschengestrüpp fing einige von ihnen +auf, die anderen kollerten schreiend weiter. +</p> + +<p> +Viele Träger warfen jetzt die Rohre weg. +</p> + +<p> +Endlich waren die tausend Gasminen an der deutschen +Front eingebaut. Tausend Rohre waren genau nach der +italienischen Front hin ausgerichtet. Es war ein Uhr nachts. +Das deutsche Gaswerferbataillon stand in Bereitschaft. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es war eine Nacht wie alle Nächte. +</p> + +<p> +Rötlich-blau. Ein dunkel-tönender Strich war fern das +Rauschen der Bergwässer. Die tausend und abertausend +Blinkfeuer der Sterne leuchteten ungetrübt, hie und da riß +sich ein Schuß aus dem Dunkel heraus, Leuchtraketen stoben +knatternd aus dem Erddickicht auf, eine kurze Salve folgte, +ein Durcheinander-Rattern, und wieder lag alles wie verkrochen +in einer Höhle da, die Hände der Mannschaften +glitten von dem Gewehrschaft ab, die Geschützbedienungen +schnarchten, nur die Horchposten wachten noch, jedes geringste +Geräusch zeichnete sich ihnen vielfach vergrößert ein +in der Ohrmuschel, sie standen dicht vor dem Stacheldrahtkranz +unbewegt. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Zum Abschuß fertig ...“ +</p> + +<p> +Punkt zwei Uhr wurde eine Gassalve von über 900 +Minen gleichzeitig abgefeuert. Die Zündung erfolgte elektrisch +von einer Stelle aus. +</p> + +<p> +Ein gewaltiger Feuerfächer durchsprang grell die Nacht. +Tausend Mündungsfeuer blitzten gleichzeitig auf. Hunderttausende +von Menschen hielten jetzt gleichzeitig den Atem +<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> +an. Einige schreckten aus dem Schlaf hervor: „Was ist ... +Was ist los ...?“ Schneidend, eiskalt war dieser Feuerschein, +wie eiserne Zacken standen die fernsten Bergspitzen +darin. Und schon rauschte ein ebenso gewaltiger unterirdischer +Donner auf, von allen Bergwänden rings als +hundertfaches Echo widerschallend, man bekam einen Augenblick +lang keine Luft mehr. Wie ein unsichtbares Gewicht +preßte auf alle Lungen die Luft herein. Die Magennerven +rebellierten bei einigen. Einige kauerten sich am Boden +nieder, andere hatten Arme und Beine von sich gestreckt. +Wieder andere bedeckten mit den Händen das Gesicht und +heulten einfach drauf los. Jeder aber hielt sich irgendwo +fest. Und es war dies alles doch nur der Bruchteil einer +Sekunde. +</p> + +<p> +Rudel von Leuchtkugeln flatterten sogleich empor. +</p> + +<p> +Ein riesiger schwarzer Rauchschleim zog unten dahin. +</p> + +<p> +Man hätte meinen können, man befinde sich hoch über den +Wolken. +</p> + +<p> +Ein Rauschen, Summen, Sirren, Plätschern war in der +Luft. +</p> + +<p> +Die Luft war wellengleich bewegt, wie unter der Einwirkung +riesiger Schraubenumdrehungen, Blasebälge oder +gigantischer Propellerschläge. +</p> + +<p> +Endlich: +</p> + +<p> +Trum-trum ... +</p> + +<p> +Trum-trum-trumtrum ... vielhundertmal dieses: trum-trum +... und so fort. +</p> + +<p> +Es war das dumpfe Niederklatschen der Minen, die in +kurzer Reihenfolge aufeinander krepierten. +</p> + +<p> +Wieder Feuerschein ... +</p> + +<p> +Wieder diese Erderschütterung ... +</p> + +<p> +Wieder jene geheimnisvollen, sprengenden Flügelschläge +... +</p> + +<p> +Hinten und vorne, überall: Stichflammen – +</p> + +<p> +Eine zweite Salve krachte ... +</p> + +<p> +Eine dritte ... +</p> + +<p> +<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> +Wieder gurgelte es, ächzte es, der Erdgrund stieß ein +paar Mal gewaltig auf. Wie im Galopp ruckte der Boden +einige Male von selbst nach vorwärts, eine Erdschicht schob +sich über eine andere, Schutt kam wie eine Lawine ins +Rollen und rutschte davon, steil prasselten breite Erdfontänen +hoch, mit riesigen Felsklumpen darunter, wie +Hagel schlugen sie wieder nieder. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Gasanhäufung im italienischen Graben war so dicht, +daß die Gasmasken völlig versagten. +</p> + +<p> +Die Minen aber waren zudem noch mit Einlagen aus +Petroleum versehen, das bei der Explosion zerstäubte und +brennend den Stoff der Gasschutzmaske durchlöcherte. +Artilleriebrisanzfeuer setzte zu gleicher Zeit von der deutschen +Front ein. +</p> + +<p> +Sechshundert Mann lagen da, Pferde und Hunde darunter, +krümmten sich, platzten, stießen, einer irrsinniger als +der andere, lallende Laute aus, man konnte schon von Kopfwunden, +Fleischwunden, Knochenschüssen nicht mehr reden: +das ganze italienische Bataillon war einfach zu einer +breiigen Masse zusammengestampft, die Gasschwaden zogen +in den Unterständen ein, räucherten sie aus, beim nächsten +Windzug schlugen sie wieder zurück, erhoben sich, senkten sich, +je nachdem, und marschierten nun, als unheimliche Kolonne, +weiter in das Hinterland. +</p> + +<p> +Jeder Instinkt, jedes Denkvermögen hörte auf. Das Gesetz +der Schwerkraft selbst schien aufgehoben. +</p> + +<p> +Strudel bildeten sich, Luftgefälle, Luftwirbel, bewegliche +Gasmauern, Flammen zuckten hervor, ganze Flammenschleier +wieder breiteten sich aus, schrumpften, gerannen, +und brachen plötzlich wieder hervor, ein dicker, spiralig geschwollener +Flammenstoß. +</p> + +<p> +Und mitten in den nun schon sich verflüchtigenden Gasnebel +hinein stießen einige Stunden später – es war jetzt +gegen sechs Uhr morgens – die Infanteriereihen, die Gasschutzmaske +aufgesetzt, führten einen verzweifelten Bajonettkampf +durch, Maske gegen Maske. +</p> + +<p> +Geschlechter von zweifüßigen Larven stießen da mit +blankem Messer auf einem gespenstischen Schlachtfeld auf +<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> +sich ein, mancher riß sich plötzlich selbst die Maske von dem +Gesicht herunter, eine angstverzerrte Grimasse wurde einen +Augenblick lang sichtbar, ein Schluck ... und schon ertrank +er rettungslos im Gassumpf. +</p> + +<p> +Die Sonne ging auf. Der Himmel drückte bald wie +glühendes Eisen. Die Erde selbst aber wurde darunter +aufgeweicht, schäumte und brodelte, der über und über durchtrichterte +Boden schien wie ein mit flüssiger Lava getränkter +Feuerschwamm. Die Poren, die die Tausende von +Granatlöchern darstellten, waren mit Bündeln von Menschenleichen +vollgestopft. Die Luft zwischen Himmel und Erde +stand still. Jeden Moment, dachte man, fängt auch sie zu +brennen an ... Kein Baum, kein Strauch. Schattenlos +strotzten auch die gewaltigsten Felsklumpen empor aus +diesem Flammensumpf ... +</p> + +<p> +Tausende von Gasvergifteten schmorten jetzt langsam sich +zutod in der Hitze. +</p> + +<p> +Manche Leichname fingen zu brodeln an. +</p> + +<p> +Fliegen summten, Käfer und Eidechsen krabbelten darüber. +</p> + +<p> +Da liegt so ein fleischiger Haufen: die Gedärme aus dem +Bauch neben sich hingeschüttet: ein seltsames Leben beginnt +sich in dem Kadaver zu regen. +</p> + +<p> +Es riecht nach Oliven, nach Staub ... geronnenes Blut +und faules Fleisch riecht, Jauche und Eiter ... überall +sieht man es qualmen ... +</p> + +<p> +Ein solches Unmaß an Hitze, wie es einem Gasvergifteten +auferlegt ist zu ertragen, kann man sich kaum vorstellen. +</p> + +<p> +Die ganzen Eingeweide verbrennen von innen, die +Lungenwände sind wie mit einer beißenden Säure ausgelegt, +mit jedem Herzschlag pumpt es sich wie siedendes +Blei durch die Adern. Von oben preßt sich einem die +Sonne, ein scharlachener Klotz, schwer auf den Schädel, +zentnerschwer; die Kehle steckt wie zwischen einem langsam +sich zudrehenden Schraubstock ... Ekelhaft kleberig ist der +Schlund, hart, porös wie Bimsstein fühlt sich die Zunge an. +</p> + +<p> +Hunderte lagen noch auf den Knien vor den Sanitätern +und flehten um den Fangschuß. Morphiuminjektionen +<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> +wurden verabreicht. Wieder einige hatten das Glück, noch +ihr Bajonett zu besitzen. Sie machten Harakiri. +</p> + +<p> +Gewaltige Strahlenmassen prallten jetzt in diesem Talkessel +zusammen. +</p> + +<p> +Es war gegen Mittag ... +</p> + +<p> +Die Bergspitzen glänzten wie Messing. +</p> + +<p> +Junge Regimenter, flaumlose Kindergesichter, stolperten +über diese Leichenwelt hinweg im Sturmschritt. Italienische +Tanks krochen die Dolomitenstraßen herauf. +</p> + +<p> +Ueberall Menschenblutspritzer, Knochensplitter, Fleischfetzen: +alles mit Menschenblut vollgesogen. Bis über die +Knie blieb man oft stecken im Menschendreck. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-5-7"> +<span class="firstline">VII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Max Herse stand mit seiner Vision plötzlich mitten auf +einem Platz der inneren Stadt. +</p> + +<p> +Es lärmte Alarm. Es brandete und brauste ... +</p> + +<p> +Eine Musik: Räderknurren, Stahlhämmer, Treibriemen, +Bohrer und Schaufeln ... +</p> + +<p> +Max rieb sich die Augen – +</p> + +<p> +Und das Schwergewicht der Welt hatte sich ihm unmerklich +verschoben; es war, als rückte sich ihm jetzt erst, das +erste Mal, sein Inneres zurecht ... +</p> + +<p> +Muskelbänder, Adern, Sehnen, Armhebel: darauf ruhte +die Welt, und als Max ein vornehm aufgemachtes Spielwarengeschäft +erblickte, da dachte er schon wieder ganz proletarisch +folgerichtig: +</p> + +<p> +„An diesen Puppenköpfen, Kinderuhren, Haarnadeln, dem +ganzen Schnickschnack der modernen Kleinindustrie klebt +Blut und Schweiß lebendiger Menschen, die unter den +elendesten Verhältnissen ihr Leben fristen. Der elegante +Herr, der seine Autobrille dort aufsetzt, denkt nicht daran, +daß diese Brille zusammengesetzt ist in einer dunklen Küche, +die als Arbeitsraum dient, oder in einem Kellerloch, von +unterernährten darbenden Menschen ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> +So scharf, so anschaulich, so gründlich hatte Max bisher +noch nicht gedacht. +</p> + +<p> +„So muß gedacht werden, so muß die Welt angesehen, +so muß sie erlebt werden! Das ist der einzig berechtigte und +historisch notwendige Denk- und Anschauungsakt. So muß +die Welt betrachtet werden und im Kampf von uns Proleten +verändert werden. Alles andere ist ein menschenmörderischer +Luxus ... Es gibt nur <em>einen</em> Standpunkt, von +dem aus diese vermorschte Welt aus den Angeln gehoben +werden kann, und dieser Standpunkt ist der unsere.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +In diesem Augenblick marschierte ein Zug der Kommunistischen +Jugend vorüber. +</p> + +<p> +Rote Fahnen wehten. +</p> + +<p> +Die „Internationale“ sang. +</p> + +<p> +Dieser Gesang hatte Rhythmus, Takt, Tonfall einer unerbittlichen +Kampfansage. +</p> + +<p> +Noch einmal verbanden sich Maxens Gedanken mit jenen +Erinnerungen, die ihn vor einer halben Stunde noch heimgesucht +hatten: +</p> + +<p> +„Ja, die ganze Stadt war ein Trümmerhaufen, als wir +damals einmarschierten. Kein lebendes Wesen weit und +breit. Nur in einem verschütteten Haus aus einem Kellerloch +die Stimme eines halb verhungerten Kindes, das ... +das die „Internationale“ sang ... Ja, ich erinnere mich +noch deutlich, das war für viele unserer Soldaten damals +ein grausamer, grauenhafter Weckruf. Viele wurden mit +einem Mal nüchtern. Das proletarische Gewissen gellte in +ihnen wie eine Sturmglocke. Tränen liefen ihnen über die +Backen. Knirschten mit den Zähnen ... Ja, der erste Zug +unserer Kompagnie stand mitten im Marsch auf einen +Augenblick starr, wie versteinert zu einer Säule. Wir haben +das Kind dann ausgegraben. Es war ein belgisches Proletariermädchen. +Die ganze Kompagnie hegte es als ihr +Kleinod. Es war unser Herzenshalt. Es war das Beste, +was wir damals hatten.“ – +</p> + +<p> +Da schwenkten die Jungkommunisten in eine Seitenstraße +ab, und Max bemerkte, wie er ihnen freundlich zunickte, er +<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> +hatte auch, ohne daß er sich dessen bewußt war, den Hut +zum Gruß abgezogen. +</p> + +<p> +Er murmelte noch leise vor sich hin: +</p> + +<p> +„Bravo, Burschen! Nur so weiter! Ist nicht am Ende +doch alles, was man über euch herschimpft, eitel Lug +und Trug!? Muß es denn nicht so sein!? ... Können +euch denn eure Feinde loben!? ... Recht so! Vorwärts +in die Zukunft ... Auf eueren Schultern ruht – die +Welt ...“ +</p> + +<p> +Ein Spießer bleckte die Zähne. +</p> + +<p> +„Was der für ein widerliches Gebiß hat. Man möchte +ihm das Gebiß aus dem Maul reißen. Pfui Teufel ... +So eine feiste Fresse ...“ +</p> + +<p> +Es war inzwischen Abend geworden. +</p> + +<p> +Die ganze Stadt war wie eine sich immer wieder von +selbst aufziehende Mechanik, eine auf geheimnisvolle Weise +immer wieder sich selbst regulierende Wildnis voll intensivsten +Leuchtens. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-5-8"> +<span class="firstline">VIII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Max schob sich automatisch einige Straßen durch. +</p> + +<p> +„Nun muß ich aber doch endlich einmal auch bei Lene +vorbeischauen.“ +</p> + +<p> +Lene war Arbeiterin in einer Trikotagenfabrik. +</p> + +<p> +Max hatte sie neulich nur kurz in der Versammlung gesprochen. +Hie und da sah man sich Sonntags, dann machte +man einen Sprung in die Umgebung Berlins hinaus, zu +mehr langte es ja ohnedies nicht. Sie kannten sich von der +sozialdemokratischen Arbeiterjugend her. In der letzten Zeit +allerdings waren sie ganz außer Kontakt gekommen. Das +kam, weil Max sich seit einigen Monaten wenig mehr +um Politik kümmerte, Lene aber ganz in die Arbeiterbewegung +hineinwuchs und eigentlich schon vollends darin +aufging. +</p> + +<p> +Lene empfing ihn gleich unter der Tür mit den Worten: +</p> + +<p> +<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> +„Du, Max, denk dir nur, gestern bin ich aus der Partei +ausgetreten. Ich kann es nicht mehr länger so mitmachen. +Die letzten Wochen haben mir den Rest gegeben ... Ich +habe mich heute noch nicht entschieden ... Zu den Kommunisten +kann ich noch nicht ... Auch weißt du, hab ich so +eine Intellektuellenschrulle, das ist das mit der Gewaltfrage +...“ +</p> + +<p> +Max blieb gleich mitten im Zimmer stehen. +</p> + +<p> +„Die Gewaltfrage also ists. Das kann ich dir nur sagen: +ich für mein Teil könnte das nicht als Hinderungsgrund +betrachten. Die ganze Gesellschaft ist ja doch nichts weiter +als Gewalt. Gewalt ist Geld, Gewalt ist: daß du und ich +in die Fabrik gehen, Gewalt ist, wie du wohnst, das ganze +Recht, alle Sitten und Gebräuche beruhen auf Gewalt. Auf +nacktester brutalster Gewalt ... Nur haben natürlich die, +die herrschen, ein Interesse daran, diesen bitteren Gewaltkern +wohlschmeckend zu machen. Sie schwätzen also vieles +und schönes von der Gewaltlosigkeit ihrer Gewalt. Sie +legalisieren die Gewalt ... Ist nicht die Arbeitsstätte +heute für die weitaus meisten Menschen eine Schlachtbank?! +Der ganze Produktionsprozeß ist Gewalt, die Art +und Weise, wie produziert, wie verteilt und wie verdient +wird ... Ja, gehe nur einen Schritt so wie es der herrschenden +Klasse nicht paßt, gleich packt dich in der oder jener +Form die Gewalt ... Der ganze Gesellschaftsapparat, samt +Staat, Beamtenmaschine, Militär, Polizei dazu: Gewalt, +Gewalt, nichts als Gewalt. Und sieh: dieser friedliche Gewaltkörper +bricht eines Tags plötzlich aus und dieses Geschwür, +bisher nur unter der Oberfläche eiternd, das ist der +Krieg ... Es bleibt uns schon nichts anderes übrig, als diesen +ganzen Gewaltkörper mit Gewalt zu zerschlagen ... Und +überhaupt: geschichtlich betrachtet: die Gewalt war und ist +noch immer seit jeher, seit Menschengedenken, die Geburtshelferin +jeder alten Gesellschaft gewesen, die mit einer +neuen schwanger ging ... Lene, du mußt wieder einmal +das „Kommunistische Manifest“ lesen. Wir müssen gewaltig +viel aufholen, wir sind durch die bürgerlichen Schulen und +durch unsere verbürgerlichten Führer ungeheuer verdorben +und verbildet worden. Wir müssen uns wieder zu uns +<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> +selbst zurückfinden, zu uns, zu unserem unverfälschten +instinktsicheren Klassenstandpunkt ...“ +</p> + +<p> +Max streckte Lene die Hand hin. +</p> + +<p> +Die schüttelte nur ungläubig lachend den Kopf – +</p> + +<p> +Dann schlug sie ein. +</p> + +<p> +„Recht hast du, Max, sehr recht: wir sind an uns selbst +irre geworden ... Ja, aber, Max, seit wann ... Das ist +ja gut gekommen mit Dir! ... Ich staune nur so ... Neulich +in der Versammlung nämlich, da hast du mir schon gar +nicht gefallen ... Ich hab’ dich immer bei jedem Satz, den +der Redner sagte, beobachtet ... Ja, Max, das, was die +Gewalt anbetrifft, das weiß ich natürlich auch, so tief bin +ich ja doch noch nicht gesunken: auch die Ideen, die heute +herrschend sind und die man uns so schön eingewickelt durch +die Presse als tägliche Herzens- und Gehirnkost verabreicht, +bedeuten Gewalt und dienen ihrerseits treu dem Gewaltsystem, +mittels dessen das Bürgertum über uns herrscht ... +Aber, schau: den Eintritt in die Kommunistische Partei: das +muß ich mir gründlich überlegen. Die Kommunistische Partei +ist eben nicht so eine Partei wie die anderen Parteien, das +jedenfalls habe ich längst begriffen. Da heißt es, voll und +ganz in der Arbeit aufgehen, sich opfern, restlos sich opfern. +Disziplin halten, sich unterordnen. Sonst hat das Ganze +gar keinen Sinn ... Und darum, um diesen letzten +Entschluß kämpfe ich noch. Das muß doch ein jeder +ernsthaft vorher mit sich selbst abmachen. Kann ich das, +was von mir verlangt werden wird, auch leisten? Daraufhin +prüfe ich mich ... Aber ich werde schon wohl nicht +anders können ...“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-5-9"> +<span class="firstline">IX</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Es war spät Nacht, als Max sich auf den Heimweg +machte. +</p> + +<p> +Er fühlte sich gewaltig gestärkt und über sich selbst emporgehoben. +</p> + +<p> +„Ich werde schon fertig damit. Nur keine Bange ... Ich +bin in den letzten Tagen der Lösung des Problems schon +<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> +ziemlich nahe gekommen ... Lene ist ein Prachtkerl ... Auch +sie hat mir noch geholfen ... Wird der Wilhelm Augen +machen, wenn ich ihm erzähle ... Nun gut so ... Jetzt nur +noch ein kleiner Stoß ... Doch genug für heute ...“ +</p> + +<p> +Die Straßen waren menschenleer. +</p> + +<p> +An einer Straßenbahnkreuzung wurden die Schienen ausgebessert. +Ein Haufen von Arbeitsmännern hantierte mit +Schweißapparaten. Schienenhobel flitzten. Eine Weiche +wurde schwer herausgehoben. +</p> + +<p> +Das blaue Licht der Sauerstoffgebläse gespensterte magisch +auf und ab in der Nacht. Huschte die Häusermauern entlang. +Wie Gerippe, mit fahlen Knochenhäuten bespannt, +geisterten sie ... +</p> + +<p> +„Arbeitskollegen. Genossen. Proleten. Wir. Du und ich. +Wir gehören zusammen ... Proletarier aller Länder, vereinigt +euch!“ +</p> + +<p> +Ein wunderbarer Satz! +</p> + +<p> +Max sprach ihn immer wieder vor sich hin. +</p> + +<p> +Welcher Menschengehirnkraft, Menschenerfahrung, welchen +Menschenleids bedurfte es, um diesen proletarischen Block +zusammenzuschweißen! Trieb nicht vorher die ganze Menschheit +in einem riesigen Leidensmeer, Traumtrümmer an +Traumtrümmer!? Was an Heroismus, Aufopferung, Disziplin +wird weiterhin nötig sein, um diesen Block in Bewegung +zu setzen, welche gewaltigen Hebelkräfte, ihn über +die dem Untergang geweihten Geschlechter der Vergangenheit +hinweg in die Zukunft zu wälzen! ... Gebt uns eine +Partei! so schrie es aus Millionen Mündern in allen +Menschensprachen. Gebt uns eine Partei! Einen aus Millionen +Proletarierarmen geschmiedeten Hebelarm, eine +eisern in sich gefügte Organisation, ein Willens-Kollektiv, +ein Erfahrungs-Kollektiv ... und verlaßt euch drauf: wir +werden es schaffen! +</p> + +<p> +„Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ +</p> + +<p> +Eine Parole. Eine Fanfare. Der alarmschmetternde +Grundton des proletarischen Siegesmarsches. – +</p> + +<p> +<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> +Max marschierte im Infanterieschritt. +</p> + +<p> +Pfiff dazu ... +</p> + +<p> +Marschierte mit Hunderten, mit Tausenden ... +</p> + +<p> +Im Gleichschritt. Im Arbeiter-Marsch. +</p> + +<p> +Kolonnen marschierten auf Kolonnen ... +</p> + +<p> +Manchmal gewitterte ein elektrischer Schein über den +Horizont herauf. +</p> + +<p> +Auch schimmerte es schon rötlich an der Himmelsferne. +Nun färbte sich ein langverzogener Wolkenstreifen lebendig +rot. +</p> + +<p> +Die ersten Fabriksirenen heulten ... +</p> + +<p> +Ein riesiger steinerner Pfuhl, ein ungeheurer aus Granit +und Zement gehauener Leidenstümpel ist diese Stadt. +Morgen, übermorgen, wie schön und frei werden dann die +Menschen wohnen! +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +So glücklich und kräftig zugleich war Max in seinem +Leben noch nie. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-6"> +<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> +<span class="firstline">5. Kapitel.</span><br> +Die Kriegsdebatte im amerikanischen +Offiziersklub +</h2> + +</div> + +<p class="ctoc"> +Abkommandiert zum Gas-Dienst. +– Ein Kamerad von den Luftstreitkräften. +– Die Kriegsdebatte im +amerikanischen Offiziersklub. – +Einige wichtige Ergänzungspunkte +zum Kampf gegen den imperialistischen +Krieg. – Der Völkerbund +organisiert den Vernichtungskampf +gegen die Kommunisten im Weltmaßstab. +„Vertilgt die Kommunisten +wie Ratten!“ – Mary Green +auf dem elektrischen Hinrichtungsstuhl. +– Generalstreik in USA. – +Eine rote Zelle in der amerikanischen Armee. +GBRO: Geheim-Bund +revolutionärer Offiziere. – Es +kann beginnen! – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-6-1"> +<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> +<span class="firstline">I</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Seit einem Vierteljahr war der amerikanische Leutnant +der Infanterie Frank Morrow zum Gasdienst abkommandiert. +Frank Morrow entstammte einer Arbeiterfamilie, +er selbst arbeitete vor dem Krieg bei Ford. Auf +den Schlachtfeldern Frankreichs avancierte er, gegen Ende +des Krieges war er Führer eines Stoßtrupps. Frank +Morrows Körper selbst glich einem Schlachtfeld: Arme und +Beine trugen breite Narben von Bajonettstichen, der linke +Lungenflügel war zweimal durchlöchert. Damals, im kleinen +Kriegslazarett von Belleville, wohin er schwer verwundet +aus der großen Angriffsschlacht der Deutschen heraus gerade +noch rechtzeitig abtransportiert werden konnte, schwanden +ihm die letzten Illusionen über den Krieg, mit denen er +über den großen Ozean gegen die Deutschen gezogen war ... +Immer wieder brach das zerschossene Lungengewebe auf, +das blutige Exsudat drückte auf das Herz, die Aerzte hatten +die Hoffnung aufgegeben. Frank konnte es nur noch mit dem +Sauerstoffapparat aushalten, er bekam keine Luft mehr. +Eine Punktion folgte der anderen. Bis eines Nachts, Frank +erinnerte sich daran genau, der Arzt mit einer Schwester +hereinstürzte, ihm den Augendeckel lüftete, den Kopf +schüttelte ... und Frank auf den Operationstisch gelegt +wurde, während der Arzt zum Assistenten bemerkte: „Vorsicht +beim Aufsitzen, er kann uns unter der Hand bleiben.“ +Frank war von dem vielen Sekt, den Herzmitteln und +dem Morphium ganz dösig. Trotzdem fühlte er ganz deutlich, +um was es ging. Sein oder Nichtsein. Er sprach zu +sich mit einer wimmernden Stimme einen militärischen +Befehl. Und wieder wurde eine Punktion vorgenommen ... +</p> + +<p> +Nach weiteren acht Tagen war Frank bereits auf und +spazierte im Garten des Kriegslazaretts umher. Ununterbrochen +heulte und schluchzte er, die Augen waren an das +Licht nicht mehr gewöhnt, die Nerven bis aufs äußerste +angespannt, der Körper war außer Rand und Band, es +<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> +schüttelte ihn hin und her, und es begann ein langes intensives +Zittern ... +</p> + +<p> +Damals lernte Frank Morrow Thomas Butler kennen, +Thomas Butler vom dritten Flugzeuggeschwader. Den +Namen kannte er, Thomas Butler hatte in der Heeresgruppe +die meisten Abschüsse. Er war der Sohn eines +Chikagoer Holzwarenfabrikanten, zynisch und aufgeklärt, +und führte sich bei Frank gleich mit den Worten ein: „Der +ganze Krieg, Kamerad, ist weiter nichts als eine Riesenprofitquetsche +... Wir allesamt sind die Beschissenen ...“ +Und die Gespräche über den Krieg wurden fortgesetzt. +Thomas las dabei oft Stellen aus den Briefen einer gewissen +Mary Green vor, von der Frank zunächst nur +wußte, daß sie die Freundin Butlers und eine Sozialistin +war. Frank wurde zum Nachdenken gezwungen. Er wehrte +sich zwar oft innerlich dagegen, Thomas ließ aber nicht +ab, und das Resultat war: auch Frank Morrow betrachtete +seitdem alle Vorgänge mit kritischen Augen. +</p> + +<p> +„Für wen eigentlich schlagen wir uns!?“ fragten sich die +Beiden. Und die Antwort hieß: für das Bankhaus Morgan +und Kompagnie. +</p> + +<p> +„Und für wen die Deutschen!?“ „Für die „Deutsche Bank“ +vielleicht. Die Firma kann aber auch anders heißen.“ +</p> + +<p> +Und wer hat den Krieg begonnen? +</p> + +<p> +Keiner von beiden. Und alle Beide. +</p> + +<p> +Wenn zwei Räuber sich um die Beute streiten, da ist es +schwer, zu entscheiden, wer angefangen hat. Außerdem, wer +einen Verteidigungskrieg und wer einen Angriffskrieg führt, +das kann nur historisch entschieden werden. Die diplomatische +Frage kommt hier nicht in Betracht. Aber historisch +betrachtet führt nur der einen Verteidigungskrieg, der eine +höher organisierte Gesellschaftsform gegen eine reaktionäre +verteidigt. Ob er dabei angreift oder der Angegriffene ist, +ist gleichgültig. 1914 ...!? Sie waren sich klar darüber, +was alle die Phrasen von Nationalehre, Vaterlandsverteidigung, +Freiheitskampf bedeuteten ... Eigentlich +sind wir ganz elende Hunde, sagten sie sich, daß wir uns +sowas gefallen lassen ... einfach unter Einsatz unseres +<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> +Lebens die Kastanien für die Riesenfinanzschufte aus dem +Feuer zu holen?! ... Man kommt sich bei einem solchen +Sklavendienst selbst verächtlich vor ... +</p> + +<p> +Eines Tages setzten sie sich wieder einmal zusammen. +Sie versuchten es jetzt mit dem Galgenhumor. Zwar der +Galgen wird dabei nicht aufgehoben ... „aber Geduld, wir +zerreißen vielleicht doch noch dieses ganze Riesengespinst +von Lebenslüge, in das wir noch verstrickt sind. Wir sind +schon dabei ...“ Sie zählten auf, was jeder kriegführende +Staat eigentlich von sich behauptet. Ohne Mühe ließ +sich folgendes dabei herausfinden: Daß er einen Verteidigungskrieg +führt und für die gerechte Sache kämpft, daß +er einen Kampf für Freiheit und Zivilisation aller Völker +führt, daß er einen dauernden Frieden anstrebt, daß er +alle Kräfte anspannen und kämpfen wird, bis der Gegner +endgültig niedergeworfen ist, daß er ohne Zweifel Sieger +bleiben wird, daß er siegreich vorgeht und nur geringe +Verluste zu verzeichnen hat, daß die Bomben seiner Flieger +nur militärische Institutionen der Gegner treffen und immer +mit großem Erfolg, daß seine Artillerie und seine Flieger +bedeutend besser sind als die Flieger und die Artillerie der +Gegner, daß er gerade jetzt große Unternehmungen plant, +die unbedingt Erfolg versprechen, daß der liebe Gott ihm zur +Seite steht ... +</p> + +<p> +Und jeder kriegführende Staat behauptet weiter: +</p> + +<p> +Daß der Gegner den Krieg gewollt hat und seit langem +dazu rüstet, daß der Gegner den Krieg angefangen und +„uns“ überfallen hat, daß der Gegner einen Eroberungskrieg +führt und die Welt beherrschen will, daß der Gegner +das Völkerrecht mit Füßen tritt, daß der Gegner die Neutralität +kleiner Staaten bedroht, daß der Gegner den +Krieg mit barbarischen Mitteln führt, Dum-Dum-Geschosse +anwendet, das Rote Kreuz mißbraucht, Gefangene mißhandelt, +Frauen vergewaltige, mordet und plündert, daß +die Kriegsgerichte des Gegners eine Verhöhnung des Gesetzes +sind, daß der Gegner Gefangene tötet, freie Städte +bombardiert, Frauen und Kinder tötet, „uns“ aber +damit nie einen militärischen Schaden zufügt, daß der +<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> +Ueberfall des Gegners immer im Keim erstickt oder mit +großen Verlusten für den Feind zurückgeschlagen wird, daß +der Gegner Gasbomben gebraucht, ein Seeräuber ist, ohne +Notwendigkeit den neutralen Handel unterbindet, daß die +Informationen des Gegners durchwegs Lügen und Verleumdungen +sind, daß der Gegner die Neutralen mittels +Lügen, Drohungen und Bestechungen zu bearbeiten sucht, +daß der Gegner die neutralen Staaten, zu deren größtem +Unglück, in den Krieg hetzt, daß der Gegner an Geldmangel, +Teuerung, Industriekrisen leidet, daß die Kriegsanleihen +des Gegners nur durch Betrug zustande kommen, daß beim +Gegner Epidemien wüten, daß im Lande des Gegners Streik +und innere Zerwürfnisse herrschen, daß beim Gegner Minister +und Generale zurücktreten, daß der Gegner kampfesmüde +ist ...“ +</p> + +<p> +Sechsunddreißig solcher Punkte hatte man leicht beisammen. +Kein Zweifel: die Staatsmänner und Politiker +aller Nationen verfügten über eine ganz gerissene Technik, +die Völker gegenseitig in Schwung zu bringen ... Und +die beiden Offiziere sahen sich ratlos an: „Und nun, wir ... +was mit unseren Erkenntnissen anfangen ... Was +tun ...!“ +</p> + +<p> +Und zu gleicher Zeit kam ein Brief, der mitteilte, Mary +Green sei wegen antimilitaristischer Propaganda zu zwei +Jahren Gefängnis verurteilt worden. In diesem Brief +stand: „Es ist gut abgegangen. Eine große Anzahl von +Antimilitaristen wurde gelyncht, die grauenhaftesten Bestialitäten +sind dabei vorgekommen ... Lieber Junge: +Mary läßt Dir sagen, Du sollst gründlich über das alles +nachdenken und endlich auch die Konsequenzen ziehen. Dieses +Menschheitsunglück kann von uns, die wir die Einsicht in +den ganzen Mechanismus haben, nicht weiter schweigend +ertragen werden. Agitiere für den Frieden ... Doch der +einzige Kampf gegen den Krieg: das ist die soziale Revolution +...“ +</p> + +<p> +Die beiden Offiziere wurden noch unschlüssiger. +</p> + +<p> +Doch das Ende des Krieges kam. +</p> + +<p> +Die Waffenstillstandsverhandlungen begannen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-6-2"> +<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> +<span class="firstline">II</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Welch eine Rückfahrt! +</p> + +<p> +Ein glorreicher Siegeszug übers Meer! Welch ein +Triumph! +</p> + +<p> +Als die Transportdampfer in Sicht der Newyorker +Freiheitsstatue gekommen waren, begannen plötzlich mit +einem Male alle Schiffssirenen zu heulen, Leuchtraketen +schossen auf, Hunderte von Torpedobooten und Schaluppen +umkreisten die Heimkehrenden. Die Militärkapelle spielte +die Nationalhymne. +</p> + +<p> +Die Wolkenkratzer glühten. +</p> + +<p> +Hoch hinauf in die Nacht brannten die Siegesfeuer. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Truppen waren ausgeschifft. +</p> + +<p> +Umarmungen. Küsse. Endlose Händedrücke. +</p> + +<p> +Die Tränen der Tausende von Witwen und Waisen +glätteten nicht diesen Freudenstrudel. +</p> + +<p> +Auch Frank Morrow und Thomas Butler waren heimgekehrt. +</p> + +<p> +Mary Green war aus dem Gefängnis entlassen ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Das Nachkriegsleben begann. +</p> + +<p> +Weder Frank Morrow noch Thomas Butler nahmen +ihren Abschied. Sie blieben bei der Truppe ... Auch Mary +war dafür, überall mußte angepackt werden, und man +konnte nicht wissen ... Denn von Abrüstung war nicht die +Rede, im Gegenteil. Die Waffen wurden vervollkommnet. +Die Kriegserfahrungen eigentlich erst jetzt recht +ausgewertet. Es gab großartige Manöver, Manöver, bei +denen kein Mensch mehr sichtbar war: sie wurden nur +mit mechanischen Kriegsmitteln, mit Tanks und mit Panzerwagen +ausgeführt. Es wurden gewaltige Befestigungspläne +besprochen, der Panamakanal und die Hawaiischen +Inseln sollten zu Wunderwerken modernster Kriegskunst +ausgebaut werden, zu den stärksten militärischen Stützpunkten +der Welt. Militärischer Drill begann bereits in +den Schulen, Privatarmeen wurden aufgestellt, geheime +<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> +illegale Organisationen, militärisch organisierte Streikbrechergarden +entstanden ... Das Land wurde unruhig ... +Millionen enteigneter Farmer wanderten in die Städte. +Die Regierung griff straff in die Zügel. Prozesse gegen +Sozialisten häuften sich. Zu gleicher Zeit wurden die Propagandamittel, +Kino und Presse, stark forciert. Rußland: +so hieß die Gefahr. Im Herzen Amerikas selbst wohnt +Rußland. Die werktätigen Massen Amerikas schauten nach +Russland. Gefängnismauern und Barrikaden mußten gegen +die rote, gegen die bolschewistische Gefahr errichtet werden ... +Da liefen in allen Newyorker Kinos schon die antibolschewistischen +Greuelfilme: da war zu sehen, wie es die +Kommunisten trieben: Berge von Erschossenen häuften sich +vor dem andächtig glotzenden Publikum ... Die weißgardistischen +Emigranten stützten den Feldzug: sie schrieben Lebenserinnerungen, +und ihre Flucht aus dem roten Massengrab +war wirklich heldenhaft abenteuerlich. Kapitalisten aller +Länder vereinigt euch! Diese Parole, zwar nicht so deutlich +ausgesprochen, wurde bis zu einem gewissen Grad zur Tat ... +</p> + +<p> +Japan wuchs sich energisch groß. +</p> + +<p> +Vereine von Rassenschützern erhoben warnend die Stimme. +</p> + +<p> +Da geschahen einige Erdbeben, Feuersbrünste bei den +Gelben: man dankte auf Wallstreet Gott auf den Knien. +Doch bedeutete das nur einen zeitweiligen Aufschub. +</p> + +<p> +Man hörte aus Deutschland: Die Arbeiterschaft mobilisiert +sich, Rote Armeen bilden sich, das bolschewistische Feuer +springt nach Europa über. In der amerikanischen Finanzwelt +gab es zwei Meinungen: die einen: das kümmert uns nicht, +laßt Europa Europa sein; die anderen: wir brauchen +Europa, unser Kapitalexport stockt ... Deren Meinung +setzte sich allmählich durch. In Deutschland war Ruhe +und Ordnung auch wieder eingekehrt. Frankreich klopfte +man rechtzeitig noch auf die Finger. Der Frank +sank ... Und die Vertreter der Nationen erschienen, der +amerikanische diesmal mit einbegriffen, zur Lösung des +Reparationsproblems am Verhandlungstisch. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die beiden Freunde bildeten sich weiter. Es war ihnen +allmählich bewußt geworden, welche Funktion sie als +<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> +Offiziere der bewaffneten Macht auszuüben hatten. Sie +wurden radikale Sozialisten, das heißt gründliche Sozialisten. +</p> + +<p> +„Jeder an seinem Platz ... Und wir, wir werden <em>hier</em> +unsere Pflicht tun.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-6-3"> +<span class="firstline">III</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Die beiden Freunde hatten sich wieder in Newyork +getroffen. +</p> + +<p> +„Und wie stehts in Edgewood! ...“ +</p> + +<p> +„Nicht gleich mit der Türe ins Haus fallen, Thomas ... +Darüber später ...“ +</p> + +<p> +„Wir gehen gleich in den Klub!?“ ... +</p> + +<p> +„Ja, und morgen treffen wir uns mit Mary ... Es +wird allerlei Interessantes zu berichten geben ... Auch +Bolleff ist hier, ein bulgarischer Genosse ... Aber man +muß auf die Detektivs acht geben ... Die Luft wird immer +dicker ...“ +</p> + +<p> +Ein gewaltiger Menschenstrom begann. +</p> + +<p> +„Ah, die Weltmeisterschaft ...“ +</p> + +<p> +Und schon schwirrten die Gesprächsfetzen: +</p> + +<p> +„Ich setze auf Dempsey!“ +</p> + +<p> +„Dempsey?! ... Ja, man weiß nicht, was wahr ist. +Aber man hat sich ganz erstaunliches von dem Argentinier +erzählt ...“ +</p> + +<p> +„Ach, diese Stierhelden und Pampasbullen, meist ist’s +nicht viel gerade, was dahinter steckt ... Ein schwerer mörderischer +Schlag, der kein Gras mehr wachsen läßt, wo er +hintrifft ... Aber Technik, meist keine Ahnung; ... +Auch keine Luft, höchstens über drei Runden Stehvermögen +... Alles Reklame, Maulaufreißertum, Profitgier +... Da, sieh’ nur ...“ +</p> + +<p> +Und der ununterbrochen sich dahinwälzende Menschenstrom +erfaßte die beiden Offiziere, schob sie mit von Straße +zu Straße, Hunderttausende trieben so vorwärts, der Riesensportarena +zu, in der heute die Weltmeisterschaft im Schwergewicht +zwischen Dempsey und Firpo ausgetragen werden +<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> +sollte. Das Geschrei der Straßenhändler, das blitzende Rauschen +von Lichtkegeln in der Luft, gleitende Trottoirs, +fünfzigstöckige Wolkenkratzer, bengalisch illuminiert, unübersehbare +Reihen von Automobilen, die im Menschenstrom +steckengeblieben waren, Absperrungsketten der Polizeimannschaften, +Billethändler dazwischen, alles erdrückt, gequetscht, +manchmal wieder vor dem Eingang ganze +Menschengruppen um sich selbst kreisend, wie Menschenwirbel, +und dort hingen wohl zehn Meter große Plakate +mit den beiden Boxergestalten, da sprach irgend jemand +vom Balkon durch einen Schalltrichter, eine zweite Stimme +gegenüber aus einem Lautsprecher, dort glitten die Hochbahnen +vorüber, Lichtpunkte flimmerten hinauf in die Nacht, +Lichtbänder rollten wieder hoch oben vorüber, leuchtende +Buchstaben, „Persil bleibt Persil“, „Die Zarin ist soeben in +Washington eingetroffen“, Aufzüge sah man strahlend aufwärtsgehoben +in gläsernen Warenhäusern, die Asphaltböden, +über <a id="corr-27"></a>denen diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, +das merkte man; ein langhingezogener Donner: das +waren die Untergrundbahnen, ausgedehnte Zementröhrensysteme +unterflochten die Erde ... Dempsey – Firpo: ein +einziger Gedanke, ein einziger Wille war diesen Hunderttausenden +aufsuggeriert, dieser Gedanke trieb sie, packte sie, +peitschte sie, flammte sie vorwärts, dieser tausendgliederige +Massenkörper war nur von der Sucht nach diesem einen +Erlebnis durchschüttert ... +</p> + +<p> +„Wie am Tag der Kriegserklärung ...“ +</p> + +<p> +„Erhebend! Gewaltig!“ +</p> + +<p> +Den beiden Offizieren war es gelungen, die Menschenmassen +zu durchkreuzen und in eine leere Seitenstraße einzubiegen. +Diese Seitenstraße war wie ein vom Wellenschlag +unberührtes Bassin. +</p> + +<p> +„Und denkst du eigentlich noch oft an den Krieg?“ +</p> + +<p> +„Dann ragten sie empor zu brutaler Größe, geschmeidige +Tiger der Gräben, Meister des Sprengstoffs.“ So habe ich +neulich im Gedicht eines Deutschen gelesen. Ob ich noch +an den Krieg denke? An den, der gewesen ist, nicht mehr. +An den, der kommen wird. Ich bin doch schließlich zum +Gasdienst abkommandiert.“ +</p> + +<p> +<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> +„Ich bin gespannt auf heute abend. Man müßte öfter +solche Vorträge hören können. Immerhin, gegen früher, +es wird jetzt in der Armee doch mehr für politische und +kriegswissenschaftliche Bildung getan ...“ +</p> + +<p> +„Die Deutschen waren uns darin bei weitem überlegen. +Doch wir haben den Vorsprung eingeholt ... Die Welt +gehört USA. Ich sage das nicht unbegründet. Ich gehöre +gewiß nicht zur Gattung jener Hornochsenpatrioten, die nicht +weiter als ihre eigene Nasenspitze reicht, zu blicken vermögen. +Ich sage das, na ... auf Grund meiner Erfahrungen +in Edgewood. Verstehst du mich ... Vom militärpolitischen +Standpunkt aus, meine ich das.“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-6-4"> +<span class="firstline">IV</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +„Das chemische Kampfmittel ist gekommen, um zu bleiben. +Mit dieser Tatsache wird sich die Welt abfinden müssen.“ +</p> + +<p> +Mit diesen Worten begann Professor Snowden seinen +Vortrag vor Offizieren der amerikanischen Marine, des +Heers und der Luftflotte. Auch Vertreter der Zivilbehörden +und der Industrie waren dazu erschienen. +</p> + +<p> +Professor Snowden gab zunächst einen kurzen geschichtlichen +Rückblick. +</p> + +<p> +„Jahrtausende liegen die Anfänge des Gaskriegs zurück, +künstliche Staubwolken, raucherzeugende Brennstoffe, Vernebeln +der feindlichen Stellungen und Ausräuchern: das +war schon im Altertum und im Mittelalter bekannt. Und +schon im Jahre 1854 wurden dem englischen Kriegsministerium +Gasbomben vorgelegt. Ein deutscher Apotheker +war es, der während des deutsch-französischen Krieges +1870-71 eine Füllung der Granaten mit Veratrin empfahl, +einem lediglich stark zum Niesen reizenden Stoff. Sein +Vorschlag kam damals jedoch nicht zur Durchführung. +</p> + +<p> +„In den 500 Jahren, die vergangen waren, seit die +Feuerwaffe Harnisch und Lanze überwand, hat man anfangs +langsam, dann in den letzten 50 Jahren in außerordentlich +gesteigertem Tempo gelernt, die Feuergeschwindigkeit, die +Durchschlagkraft und die Rasanz der fliegenden Eisenteile +<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> +zu erhöhen, mit denen man den Gegner bekämpfte. Dabei +war man zu einem Punkte gelangt, der die bisherige Kriegsführung +praktisch umwarf. Denn alle diese fliegenden +Eisenteile waren von größter Wirkung im freien Feld, aber +durch Erdwälle von mäßiger Stärke verhältnismäßig +bequem aufzuhalten. Das gab dem Verteidiger eine grundsätzliche +technische Ueberlegenheit über den Angreifer. Der +menschliche Körper mit seinen zwei Quadratmeter Oberfläche +stellte eine Zielscheibe dar, die gegen den Eisenstrudel +von Maschinengewehr und Feldkanone nicht mehr unbeschädigt +an die verteidigte Stellung heranzubringen war. +Der Verteidiger konnte nicht vor dem Sturme in seiner +Erddeckung niedergekämpft werden, weil ihn die fliegenden +Eisenteile nicht genügend erreichten. Es war eine Sache +der naturwissenschaftlichen Phantasie, diesen Zustand voraussehen +und auf die Abhilfe zu verfallen, die der Stand der +Technik möglich machte. Diese Abhilfe ist der Gaskrieg.“ +</p> + +<p> +Während Professor Snowden exakt die drei verschiedenen +Etappen der Gasexperimente im Weltkrieg schilderte, das +Gasblasen, das Gasschießen, das Gaswerfen – wobei er +unablässig betonte, daß es sich damals lediglich um Experimente +handelte und sozusagen der Gaskampf noch in den +Kinderschuhen steckte – überlegt sich Frank sprunghaft die +neuesten Arbeiten des „Gasdienstes“ in den Laboratorien +und auf den Uebungsplätzen von Edgewood. +</p> + +<p> +„Ja, in der Tat, man kann sagen, das Problem der +Fernlenkung ist gelöst. Eine Kommandotafel, ein Druck: +automatischer Start: und das mechanische Flugzeug, durch +keinerlei atmosphärische Verhältnisse behindert, schießt – +500 Kilometer Stundengeschwindigkeit – seinem Ziel zu ... +Phantastische Gedanken, allein der Technik ist kein Ding +unmöglich ... Sehen wir nur unsere modernen Tanks +an. Wie wendig sie sind, wie schnell. 70 Kilometer machen +wir heute schon mit ihnen pro Stunde. Eine ideale Verbindung +von Feuer und Bewegung! ... Wie war es nur +bei den letzten Manövern? Da sah man schon keinen +Menschen mehr. Auch die Munitions- und Proviantübernahme, +sowie Mannschaftswechsel erfolgten vollkommen +automatisch, durch Reservekampfwagen ... Nun besteht das +<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> +Problem noch darin, die Tanks gasdicht zu machen. Dann +durchqueren wir mit ihnen wie mit Unterseebooten die +Gassümpfe. Der Krieg hat nun einmal die feste ungepanzerte +Feuerlinie durch die gepanzerte bewegte Feuerlinie ersetzt +...“ +</p> + +<p> +„So ist also, dachte Frank zu Ende, der kommende Krieg +wieder ein Bewegungskrieg. Das Massenheer wird durch +das Spezialistenheer ersetzt. Uebergänge sind möglich. Genaue +Prophezeiungen lassen sich natürlich nicht anstellen. +Aber das Ueberraschungsmoment gewinnt ungeheuer an +Bedeutung ...“ +</p> + +<p> +Das sprach auch soeben Professor Snowden aus: +</p> + +<p> +„Die chemische Kriegsführung stellt zur Zeit die letzte +Entwicklungsstufe der Kriegskunst dar. Sie ist die bisher +wissenschaftlichste aller Kampfmethoden. Vom ökonomischen +Standpunkt ist die chemische Waffe billiger als alle anderen. +Sie ist aber auch die humanste. Meine Herren! Man hat +die Verwendung von Giftgasen als Kampfmittel grausam +und unnatürlich genannt, unzweifelhaft ist dies auch im +Anfang so empfunden worden. Aber man muß dabei doch +bedenken, daß man jede neue Methode der Kriegführung, +so auch die Einführung des Schießpulvers als grausam bezeichnet +hat, erst allmählich hat es seine Schrecken verloren. +</p> + +<p> +„So stehen alle Weltmächte demnach sichtlich unter dem +Eindruck, daß die Ueberlegenheit in einem kommenden Krieg +dem gehören wird, der überraschend einen unparierbaren +Hieb mit der chemischen Waffe führen kann. Erstrebenswert +darum ist die Herstellung geheimgehaltener Gaskampfstoffe, +die kein anderer hat. Es ist ohne weiteres also selbstverständlich, +daß geheimgehaltene Fortschritte in dieser Richtung +einen militärischen Vorsprung bedeuten würden, der +vom Gegner im Verlauf des Krieges wohl kaum eingeholt +werden könnte. Denn Schutz gegen Kampfgase ist nur möglich, +wenn ihre Zusammensetzung bekannt ist. Neue Gase +wirken also meistens vernichtend ...“ +</p> + +<p> +Mit einem Aufruf zur Zusammenarbeit von Offizieren, +Naturwissenschaftlern, Chemikern und Technikern schloß der +Professor seinen Vortrag. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-6-5"> +<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> +<span class="firstline">V</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Es entspann sich sofort eine lebhafte Diskussion. +</p> + +<p> +Man debattierte in Gruppen. +</p> + +<p> +„So und nicht anders muß es kommen, auf diese Art und +Weise macht sich der Krieg selbst unmöglich. Das Kriegsungeheuer +beißt sich selbst den Kopf ab. Sehen Sie nicht +ein, meine Herrn, daß nach den interessanten Ausführungen +des Professor Snowden das Kriegführen eine unmögliche +Sache geworden ist? Ein solcher Zukunftskrieg, würdig +von einem Jules Verne beschrieben zu werden, er ist ein +Angstprodukt verhetzter Gehirne, eine Wahngeburt, nicht +mehr, das ist unmöglich, sage ich Ihnen, die Menschheit in +ihrer Gesamtheit wird sich nicht in so frivoler Weise der +Barbarei überantworten lassen. Jules Vernsche Phantasien, +Mondfahrten, Abenteuer im Uferlosen ... nichts mehr.“ +</p> + +<p> +Es war ein Wilsonianer, der so sprach. Ein gealtertes, +elegantes Männchen, ein Monokel im Auge. Professor der +Medizin an der Universität. +</p> + +<p> +„Und der Völkerbund!?“ wisperte er erregt weiter, „und +das Washingtoner Abkommen! Ziehen Sie, bitte, in Betracht, +meine Herren, den Artikel 5 des Vertrages ... +Schreiten wir weiter fort auf dem Weg der Abrüstung, die +Befriedung der Welt ist sichergestellt. Ich sage Ihnen, +meine Herren, der vergangene Krieg ist und bleibt der +letzte ... Mögen auch kleine Konflikte noch entstehen, +Krisen, Empörung und Streit aufwirbeln, mögen auch die +Kolonialvölker, uneinsichtig wie sie sind, gegen Kultur und +Gesittung randalieren ... ein Krieg von dem Ausmaß und +in den Formen, wie Sie ihn uns beschrieben haben, ist eine +glatte Unmöglichkeit. Aberglauben einfach, nichts weiter ... +Die Zivilisation, meine Herren, marschiert. Ich meinerseits +schwöre in dieser Beziehung absolut auf den Völkerbund ...“ +</p> + +<p> +„Aber, lieber Arthur, welche Töne!“ grinste ihm gummikauend +ganz jovial ein chemischer Sachverständiger entgegen. +„Sie gütiger Apostel der Aufklärungszeit. Gewiß, gewiß. +Ihr Pazifismus ist mir psychologisch gut erklärlich aus der +Katerstimmung nach dem Weltkrieg heraus. Aber, ich denke, +<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> +wir haben das heute, nach 5 Jahren doch wohl schon gründlich +überwunden. Ueberall, wohin Sie sehen in der Welt, +erteilen wir doch mit Bajonetten etc. bereits wieder gründliche +Lektionen im praktischen Pazifismus, wie Sie das +nennen. Nun zum Thema. Dazu wäre kurz folgendes zu sagen: +solange das Gas von anderen Militärmächten in ihre +Bewaffnung eingereiht ist, können und werden wir es nicht +fallen lassen. Chemische Kriegsabteilungen bilden jetzt +einen wesentlichen Teil der militärischen Organisationen +Frankreichs, Italiens und der USA., und in jedem dieser +Länder sind Experimente im Gange, wirksame Methoden +für Gasangriffe auszuarbeiten. Auf die Verwendung von +Gasen verzichten, hieße die Sicherung unserer Kampfeinrichtung +auf das Spiel setzen, und im Hinblick auf die Erfahrungen, +die wir im Krieg gemacht haben, würde es +glatten Irrsinn bedeuten, solch ein Risiko zu laufen. Im +übrigen ist es sehr töricht den Gaskampf als Kampfart zu +verdammen und jemandem Vorwürfe zu machen, ihn aufgebracht +zu haben. In Wirklichkeit ist es keine Kampfmethode, +die man nicht etwa hätte voraussehen können. +Die ehemalige Entrüstung gilt nicht dem Gaskampf selbst, +sondern nur dem Bruch der Vereinbarungen. Kindliche +Einfalt und unberechtigte Bedenken haben Frankreich bei +Kriegsbeginn abgehalten, sich einer so vorzüglichen Waffe +zu bedienen. Die französischen Chemiker haben sie sofort +vorgeschlagen. Ein gänzlich falsch angebrachtes Schamgefühl +hat Frankreich um den Prioritätsanspruch gebracht ... +Kurz: wir alle betrachten den Gaskrieg als den Krieg der +Zukunft und bereiten uns emsig auf die chemische Kriegsführung +vor. Und das sind keine Märchen, keine Legenden, +liebes Professorchen, sondern Tatsachen. Es wäre klug, +wenn Sie im Zusammenhang damit einmal bei sich erwägen +würden, ob das hier Gehörte auch nicht für <a id="corr-28"></a>Ihr Fach +bedeutende Gewinne bringen könnte ...“ +</p> + +<p> +„Ich verstehe Sie nicht, meine Herren, Sie setzen sich über +die Abrüstungskonferenz und über den Friedenswillen der +Völker einfach hinweg, als wäre das alles etwas, was man +im entscheidenden Moment mit dem kleinen Finger umstößt. +Dem ist nun doch nicht so ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> +„Der Beschluß der Abrüstungskonferenz, den Gaskampf +zu verbieten, steht nur auf dem Papier, denn in Wirklichkeit +kann er den Gebrauch von Giftgasen in einem neuen Krieg +nicht verhindern. Deshalb war es auch ein Fehler, nicht auf +die Ansichten der Sachverständigen zu hören, sondern auf +die Ansicht von Nichtfachleuten, die aus allgemein menschlichen +Erwägungen heraus den Gaskampf als grausame, +ungehörige Anwendung der Wissenschaft verurteilen. Die +Vorbereitung für die chemische Kriegführung muß weiter +betrieben werden ... Es dürfte wenig Zweifel darüber +herrschen, daß das chemische Kampfmittel gegebenenfalls +in sehr viel größeren Mengen und in anderer Weise verwandt +werden dürfte, als im letzten Krieg. Daraus ergibt +sich trotz der Washingtoner Beschlüsse die Notwendigkeit +für unser Land, die chemische Kriegführung weiter auszubauen. +Die demoralisierende Wirkung von Gas auf einen +in seinem Gebrauch ungeübten Gegner ist so groß, daß kein +Führer es verantworten kann, wenn er daraus nicht vollen +Nutzen zieht. Eine Nation mit größeren wissenschaftlichen +Kenntnissen wird unzweifelhaft im nächsten Krieg von +dieser Wissenschaft vollsten Gebrauch machen, wenn sie der +Ansicht ist, daß sie dadurch den Krieg gewinnt.“ +</p> + +<p> +Aber auch ein Professor der Soziologie war vorhanden: +</p> + +<p> +„Und da sehen Sie, meine Herrschaften, auch auf ein +anderes Problem möchte ich beiläufig aufmerksam machen. +Die neue Kriegstechnik gibt uns wieder die Waffe in die +Hand. Wie ein Bumerang kehrt die Waffe, die wir notgedrungen +eine Zeit lang aus der Hand geben mußten, +wieder an ihr ursprüngliches Ziel zurück. Lassen Sie mich +das erklären. Im letzten Krieg war das Klassenbewußtsein +des Proletariats noch nicht allzu entwickelt. Die 2. Internationale +spielte ihre Rolle gut: sie ist Schulter an Schulter +mit uns rechtzeitig allen Versuchen den Krieg in den Bürgerkrieg +umzuleiten entgegengetreten. In einem kommenden +Krieg dürfte ihr das vermutlich nicht mehr gelingen. Rußland +ist da. Die Kommunistischen Parteien haben in allen +Kontinenten tief in der Arbeiterschaft Wurzel geschlagen. +Eine Volksbewaffnung, ein Massenaufgebot: bedenken Sie, +welch ein Risiko, welch eine Gefahr für uns! Da aber +<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> +trennt die neue Kriegstechnik das Proletariat von der +Waffe, die Waffe bleibt in unserer Hand, nur an den Produktionsstätten +haben wir die Arbeiterkadres noch nötig, +die nichts mehr und nichts weniger nur mehr Arbeitskadres +sind. Wir, die Bourgeoisie an der Front: das Proletariat +im Hinterland, in der Etappe, das Proletariat in der Gefahrzone. +Wir: in Tanks, in Flugzeugen, in durch Kollektivschutz +gesicherten Laboratorien, so sieht in einer schroffen +Wendung der Verhältnisse der neue Krieg aus.“ +</p> + +<p> +Der Pazifist machte wieder Einwendungen. Streik, +Generalstreik, Kriegsdienstverweigerung, Sabotage in den +Munitionsfabriken usw. +</p> + +<p> +Dutzendweise prasselten da Gegenargumente auf ihn +nieder. +</p> + +<p> +„Ja, aber lieber Professor! Munitionsarbeiterstreik. +Glauben Sie denn, daß unsere guten Proleten überhaupt +wissen, was sie herstellen. Gas, Giftgas: muß ich Ihnen, +naives Gemüt, denn erklären, daß dies alles in Arzneien, +Parfümerien, in Düngemitteln, in den Seifenfabrikaten +enthalten ist? Wo fängt die Munitionsherstellung an und +wo hört sie auf? Sehen Sie, die Raupenschlepper der +Tanks, werden sie nicht auch zu Traktoren verwendet? +Haben Sie nie etwas von den Normungstendenzen der +Industrie gehört ... O, das ist alles organisiert ...“ +</p> + +<p> +Ein anderer spottete: +</p> + +<p> +„Streik, Dienstverweigerer. Sie rechnen nicht mit der +Atmosphäre beim Ausbruch eines bewaffneten Konflikts. +Sie rechnen nicht mit der Macht der Presse, mit der Erschütterung, +die wir in neun Zehntel aller Menschen mit +Schauergeschichten und Greuelmärchen bewirken können, mögen +sie noch so absurd und noch so schamlos dumm erlogen sein. +Sie rechnen nicht mit der Spaltung der Arbeiterschaft. +Die revolutionären Elemente haben bestimmt im Anfang +des Krieges keinen großen Einfluß, erst unter den direkten +Wirkungen ... und dann: entweder – oder! Wir siegen +oder – das andere ist Sache der feindlichen Besatzungstruppen. +Wir werden uns auch hier zur rechten Zeit verständigen. +Hundertprozentige Irrsinns-Atmosphäre, mein +<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> +Herr! ... Das verdient in Rechnung gestellt, einkalkuliert +zu werden, mein Herr! ... Nur wir, die Arrangeure, ein +Prozent der Gesamtmenschheit, behält klar den Kopf. Denn +wir sind darauf eingestellt, wir kennen die Vorbereitungen, +für uns allein ist die Kriegserklärung kein Ueberraschungsmoment, +wir allein wissen nur allzu genau – im Gegensatz +zu gewissen Sozialisten, Sie entschuldigen schon – daß +die Produktionsmethode, die wir heute betreiben, und Krieg +unbedingt zusammengehören, in ihrem Wesensgrund eins +sind, und daß der sogenannte Friede nur eine Atempause +ist ... Wie lange eine solche dauert, das kann man nicht +sicher prophezeihen ... Wir geben für einen kommenden +Krieg kein Datum an ... Kurz gesagt: Träumen wir nicht +den Frieden, sondern <span class="antiqua">para bellum</span>! Bereite den Krieg +vor ... +</p> + +<p> +„Hat schon Nietzsche gesagt: nur im Schatten des +Schwertes –“ +</p> + +<p> +„... Wir dürfen ja wohl hoffen, Herr Professor, daß +Sie nur außerhalb ihres Geschäfts so pazifistisch sich gerieren +... Wenn der Krieg einmal da ist, verlassen wir +uns darauf: Sie schreiben alles, was noch aus dem letzten +Loch pfeift, k. v. ...“ +</p> + +<p> +„Eingeschlagen!“ +</p> + +<p> +„Nun, das ja ... Wir sind doch schließlich allzumal +Patrioten. Kern-amerikanisch.“ +</p> + +<p> +Eine Pause trat ein ... +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-6-6"> +<span class="firstline">VI</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Berühmte Herrenreiter, Tennisspieler, Tänzerinnen, ein +Arzt, monokelblitzende Herren vom demokratischen Yachtklub +promenierten schon auf und ab, eine Filmdiva zirpte +am Arm des berühmten Relativitätstheoretikers vorüber, +eine parfümierte Duftwolke durchschütterte die Luft. Die +Kinoschauspielerin war raffiniert einfach gekleidet, ein goldenes +Kreuz im weiten Halsausschnitt, schwarze Seide. Sie +hatte merkwürdigerweise den Spitznamen „Lola, das Känguruh“. +Eine andere hieß „Das Sardellenbrötchen“, eine +dritte „Der Vampir“. +</p> + +<p> +<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> +„Unterseeboote –“ +</p> + +<p> +Grunzte ein hoher Geistlicher sehr bedächtig: +</p> + +<p> +„... sind gewiß lieblos, unchristlich. Sie sind genau so +ungerecht wie der Mammon. Gerade darum entsagen wir +ihnen nimmer. Wir brauchen sie, wie wir ja auch nach Jesu +eigenem Wort den Mammon brauchen sollen. Das ist eben +das Schöne, daß wir bei dem allen das Wort Jesu für uns +haben ... Unsere Schuld wahrlich ist es nicht, wenn wir in +der Blutarbeit des Krieges auch die des Henkers zugleich +mit verrichten müssen ...“ +</p> + +<p> +„Meine Herren! In der Tat! Der Mensch wurde über +sich selbst hinausgehoben! Wenn ich mich an die Jahre des +Krieges zurückerinnere: in der Tat: wir durften unsere +Bilder dorther nehmen, wo die ewigen Sterne hangen ... +Wir sahen keine Vergangenheit mehr: wir waren das Schicksal +selbst ... Wie das Wehen einer neuen Zeit, so ging ein +Geist des gegenseitigen Verstehens und der gegenseitigen +Hilfsbereitschaft durch die Menschenherzen. Und die vaterlandslosen +Gesellen haben ihre Pflicht erfüllt und sich darin +in keiner Weise von den Patrioten übertreffen lassen ... +Ein jubelnder Aufschrei hat die Herzen des Volkes durchglüht, +ein versöhnender Hauch hat sich über die Herzen des +Volkes gebreitet. Darüber sind sich doch alle meine Freunde +klar, ohne den Krieg wären die vielen demokratischen Freiheiten +in den USA. noch lange nicht erreicht worden. Ein +solcher Sieges- und Friedenspreis ist der Opfer würdig ... +Das sage ich, trotzdem oder besser eben weil ich Sozialist +bin ...“ +</p> + +<p> +„Ja, wirklich, es war aber auch ein heißes Bad in +schwarzem Blut nach so viel feuchten Lauheiten von +Muttermilch und Brudertränen dringend notwendig. Es +war eine ordentliche Begießung mit Blut nötig. Vor allen +Dingen: wir sind unserer zuviel geworden. Und der Krieg +nimmt allemal eine Unmenge von Menschen weg, die nur +lebten, weil sie eben geboren waren. Unter den Tausenden +von Leichen, die im Tode vereinigt sind und sich nur noch +durch die Farbe der Uniform unterscheiden, wie viele sind +denn darunter, die man zu beweinen oder deren wir uns +auch nur zu erinnern brauchten!? Ich wette meinen Kopf, +<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> +daß sie nicht an die Zahl der Finger und der Zehen heranreichen. +– Man halte uns nicht zur Gemütserschütterung +die Tränen der Mütter vor! Zu was aber sind auch nach +einem gewissen Alter die Mütter überhaupt noch zu gebrauchen +als zum Heulen!? Der Krieg nutzt außerdem der +Landwirtschaft und der Neuzeitlichkeit. Die Schlachtfelder +liefern für viele Jahre einen erheblich höheren Ertrag als +zuvor ohne irgendwelche Düngemittel. Was für schöne Kohlköpfe +werden wir essen, wo die Leichen sich aufhäufen, und +welche dicken Kartoffeln wird man einige Jahre später in +den Gegenden ernten, wo die Leichenmassen der deutschen +Infanteristen liegen. Wir wollen den Krieg lieben und ihn, +solange er dauert, als Feinschmecker auskosten ...“ +</p> + +<p> +So dozierte ein Aesthet. Er war bekannt durch den Besitz +einer reichhaltigen Porzellansammlung. Er selbst galt +als Kraftnatur und bevorzugte von allen anderen Kunstrichtungen +den Futurismus. +</p> + +<p> +Gegen einige Einwände, die namentlich von weiblicher +Seite gemacht wurden, erhob sich sofort der Psychiater: +</p> + +<p> +„Sie müssen einsehen lernen, die Kriegskassandren beiderlei +Geschlechts, daß es Demenz verrät, die Modefrage nach +dem Frieden stoßzubeten. Krieg lernt man nicht an einem +Tag. Der Krieg, bisher Reaktion auf Reiz, Ehrensache, +Mittel zum Zweck: im Moment der Kriegserklärung wird +er Selbstzweck. Und von da an, hoffe ich dringend, werden +auch alle jene noch unerlösten amerikanischen Seelen, +möglicherweise sogar die letzten Pazifisten, ihren Sündenfall +erkennen, werden erkennen, daß ihre Ideale keine Reliquien +sondern Relikte sind. Und die ganze Nation wird wie ein +Mann den ewigen Krieg wiederfordern ... Im übrigen: +wenn es Sie interessiert: ich bin jetzt gerade bei einer +Psychoanalyse der Arbeiterbewegung: die ununterbrochenen +Klagen über die Unterdrückung der Arbeiterklasse durch die +Bourgeoisie sind nichts weiter als die Sublimierung des +Verfolgungswahns, und was die Losung „Proletarier aller +Länder vereinigt euch“ betrifft: so ist sie nichts anderes als +der Klassenausdruck der Homosexualität ...“ +</p> + +<p> +„Nein, was Sie sagen!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-6-7"> +<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> +<span class="firstline">VII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Im Musik-Salon wurde inzwischen über Kunst debattiert. +</p> + +<p> +Ein Bücherschrank öffnete sich. +</p> + +<p> +Zuerst liebkoste man mit den Fingerspitzen die Einbände. +</p> + +<p> +Ein berühmter Kritiker drehte sich hin und her in der +Mitte eines Kreises, wie ein Pfau, zwei sehr fett geratene +Schauspielerinnen umwogten ihn, endlich schaufelte er sich +durch die Fleischmassen hindurch, elastisch wippend. Den +mit ihm Sprechenden ließ er nur sein Profil sehen. +</p> + +<p> +„Auch Sie hier, Herr Doktor!? ... Ein wenig +herausgeflogen aus der Studierstube?! ... Nun, was macht +Ihre Arbeit!?“ +</p> + +<p> +„Ja, ganz richtig, was die Kriegsschuldfrage anbetrifft: +mir fehlt in meinen Untersuchungen nur noch eine Minute +im damaligen Leben des leider verewigten Zaren ... Dann +ist der Kreis lückenlos geschlossen ... Jeden Staatsmann +habe ich wissenschaftlich gewissenhaft unter die Lupe genommen +... Ich kann aber heute schon Ihnen vertraulich +versichern, die Unschuld der Entente wird einwandfrei bewiesen +...“ +</p> + +<p> +„Und korrespondieren Sie noch mit ... na, ich meine den +Verfasser von diesem Buch „Untergang des Abendlandes“ +oder so ähnlich ...“ +</p> + +<p> +„Gewiß. Gewiß. Eine renaissancehafte Cäsarennatur, +gemästet an den von ihm selbst gezeugten Kadavern ... +Hat übrigens die Absicht über das „Große Wasser“ zu +kommen ... Würde sich lohnen ... Jemand, der es finanziell +arrangieren würde, würde bestimmt, bei der großen Aussicht +auf Erfolg, zu finden sein.“ +</p> + +<p> +„Das so wie so. Ist ja ganz nach dem Geschmack unseres +Publikums ...“ +</p> + +<p> +„Man muß dem Volk die Wege zu Kraft und Schönheit +weisen. Sport. Sport: das ist das in unserem Zeitalter +gegebene Mittel dazu ...“ unterbrach jetzt die Beiden ein +dritter. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Vom Leben nach dem Tode“ wurde jetzt gesprochen. +</p> + +<p> +„Ein aktuelles Thema sozusagen“, schnauzte jemand. +</p> + +<p> +<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> +Einige lächelten zwar skeptisch, sie erklärten sich für +Agnostiker und Relativisten, aber die Jenseitsgläubigen +gewannen unschwer die Oberhand. +</p> + +<p> +„Religiös zu sein ist modern. Außerdem liebe ich prinzipiell +nur religiöse Menschen. Haben Sie neulich nicht das +Bild des Kardinals im Journal gesehen! Ein feiner Kopf! +Totschick.“ +</p> + +<p> +Die Filmdiva erinnerte sich daran genau. +</p> + +<p> +„Ueberwundener Standpunkt!“ höhnte der Kunstmaler, +der fest an einen persönlichen Gott glaubte, zu einem der +Ungläubigen hinüber und entwickelte eine exakte Topographie +des Jenseits. Er ging zur Beschreibung der Hölle +über, und kicherte satanisch, als er jedem Ungläubigen dort +bereitwilligst sein Plätzchen zuwies. +</p> + +<p> +Der Kunstmaler bekannte gleich darauf dem interessiert +aufhorchenden Zuhörerkreis nicht unbescheiden, er selbst befinde +sich im Zustand der Gnade, das regelmäßig gepflogene +Gebet erwirke in ihm eine magische Kraft, Gottes Stimme +sei auch heute noch ganz reell zu hören ... Verlor sich aber +gleich darauf in einem langwierig ausgesponnenen Traktat +über das Wesen des Sündenreizes und über Luthers „Fortiter +peccare“ und schloß damit, daß dem Gläubigen alles +erlaubt sei. Auf die Reue lediglich komme es an. +</p> + +<p> +Ein neukatholischer Universitätsprofessor wiederholte dabei +monoton: +</p> + +<p> +„Man muß sein Leben opfern ... Für mich persönlich +allerdings, das muß ich gestehen, wäre der Heldentod keine +besondere Sache. Wer, wie ich, in der Entspannung lebt, +wem, wie mir, das Leben leicht ist ... Das Problem der +Opferung umfaßt bei mir nicht solche materielle Bezirke ...“ +</p> + +<p> +Wieder war ein Wortstreit ausgebrochen. +</p> + +<p> +Ein Theosoph schlug sich mit einem Mystiker, ein Protestant +mit einem Neukatholiken, ein Monist griff taktlos ein, +und alles hielt sich plötzlich die Ohren zu und kreischte: +</p> + +<p> +„Ausgerechnet Darwin!“ +</p> + +<p> +Und die Gesellschaft schlug unter Anleitung eines bekannten +Schauspielers jetzt einige prächtig gelungene Saltomortales +in Geistreichigkeiten ... Die Witze hüpften ... +</p> + +<p> +<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> +Aber schon ließ sich ein Sekretär des Auswärtigen Amtes +hören: +</p> + +<p> +„Soll ich Ihnen, meine sehr verehrten Herrschaften, vielleicht +einmal schildern, wie das Volk in Wirklichkeit fühlt +und denkt!? Ja!? Vielleicht jage ich damit auch den letzten +Restspuk ihrer pazifistischen Illusiönchen zum Teufel! +</p> + +<p> +„Es handelt sich um die Lynchjustiz an Negern im Staate +Ohio. +</p> + +<p> +„Stellen Sie sich bitte vor: eine Menge von 10000 Personen. +Geballte Fäuste, blutunterlaufene Augen, Fluchen +und Schimpfen. Mit Stöcken, Pechfackeln, Revolvern, Besen, +Stricken, Messern, Scheren, Schirmen, Vitriol bewaffnet. +Inmitten dieser entfesselten und immer wachsenden Truppe +ein schwarzer Klumpen, einmal nach links, einmal nach +rechts gestoßen, geschlagen, niedergetreten, zerrissen, blutbedeckt, +beinahe tot ... Die lynchende Menge schleppt +ihr Opfer, den Neger, mit sich. In einen Wald oder +auf einen öffentlichen Platz. Dort wird er an einen Baum +gebunden, mit Petroleum oder sonstigem Brennstoff begossen. +Bevor das Feuer angezündet wird und seinen Körper +erfaßt, wird ihm ein Zahn nach dem andern ausgeschlagen, +werden ihm die Augen ausgerissen, wird ihm das Haar in +Büscheln vom Kopf gerissen, wobei ganze Hautfetzen mitgehen +und ein blutiger Schädel zurückgelassen wird. Der +Körper wird derart geschlagen, daß kleine Fleischstücke +herumfliegen ... Der Neger atmet noch; aber er schreit +nicht mehr. Denn man hat ihm seine Zunge mit glühendem +Eisen verbrannt. Der ganze Körper krampft sich zusammen +wie eine Schlange, die halb zertreten wird, wenn man ihn +von zwei oder drei Seiten zugleich mit glühendem Eisen +versengt. Mit einem Messer wird ihm sein Ohr abgeschnitten +... „Oh, wie schwarz er ist! Wie häßlich er ist!“ +kreischen die Damen, die ihm das Gesicht zerfleischen. „Man +soll ihn anzünden!“ schreit einer. „Nur langsam“, fügt ein +anderer hinzu, „nur hübsch langsam braten lassen, damit er +nicht zu rasch stirbt, sonst hat die Sache keinen Witz.“ Der +Schwarze wird geröstet, gebraten, bis der Körper schließlich +fast verkohlt ist. Aber <em>ein</em> Tod ist zu wenig. Darum hängt +<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> +man den Körper noch auf, genauer gesagt, man hängt das +auf, was von seinem Leichnam übrig ist, und alle Zuschauer +klatschen Beifall und rufen „Hurra“! Wenn die Menge sich +an dem Schauspiel genügend satt gesehen hat, läßt man den +Leichnam zur Erde fallen. Man schneidet die Stricke, mit +denen er angebunden und gehenkt worden ist, in kleine +Stücke, von denen jedes um drei oder fünf Dollar +verkauft wird. Das sind Andenken, die Glück bringen, und +um die sich die Frauen reißen ...“ +</p> + +<p> +Man schwieg auf diese Erzählung hin nicht lange. +</p> + +<p> +„Schauderhaft ... Furchtbar ...“ +</p> + +<p> +„Das Urböse im Menschen, die Bestie, der Satan ...“ +</p> + +<p> +„Ob es nun wahr ist, was Sie uns erzählt haben oder +nicht ... es war spannend erzählt, es prägte sich einem deutlich +ein ...“ +</p> + +<p> +„Nun, wir sind keine Nervenbündel ... und wenn die +Frauen sich ängstigen: <span class="antiqua">mulier taceat in ecclesia</span>! +Uebrigens: auch Weiber werden zu Hyänen, und wie der +Krieg gezeigt hat, oft zu sehr brauchbaren ... +</p> + +<p> +„Ja, du meine süße Hyäne ...“ +</p> + +<p> +Man scherzte schon wieder. +</p> + +<p> +Der Neger war rasch vergessen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-6-8"> +<span class="firstline">VIII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Professor Snowden nahm indeß das Schlußwort: +</p> + +<p> +Eine Generalstabskarte war aufgespannt, auf der der +Vortragende die einzelnen Positionen mit dem Stab aufzeigte. +</p> + +<p> +„Ich werde jetzt versuchen, eine ökonomische Analyse des +kommenden Krieges zu geben ... Es handelt sich dabei vor +allem um die nichtkapitalistischen Absatzmärkte in China +und Indien. England ist im Jahre 1925 so gut wie aus +China vertrieben, so daß jetzt der Kampf zwischen den beiden +siegreichen Mächten Japan und Amerika beginnt. China +mit seinen 400 Millionen Einwohnern, von denen der größte +Teil Kleinbürger sind, 320 Millionen in der Landwirtschaft, +<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> +die sie kleinbürgerlich betreiben, ein großer Teil von Kleinbürgern +in den Städten, und Indien mit seinen 320 Millionen, +darunter 217 Millionen in der Landwirtschaft: sind die +beiden großen Hauptbecken, wo wir noch Mehrwert realisieren +können, namentlich nachdem sich der nichtkapitalistische +Markt in Amerika und Kanada immer mehr verengt hat. +In Amerika sind allein in den letzten 10 Jahren etwa +7 Millionen Farmer als Proletarier in die Städte gewandert. +</p> + +<p> +„Schon früh haben wir die große Bedeutung Chinas +erkannt. +</p> + +<p> +„Das Vordringen unserer Standard-Oil-Compagnie in +China, das Eindringen unserer amerikanischen Maschinen in +China ist ein deutliches Zeichen dafür. Wir mußten unsere +Zivilisationsbestrebungen aber auch militärisch fundieren. +Die erste Periode war im Jahre 1899 der amerikanisch-spanische +Krieg, in dem wir die Philippinen, direkt vor +China, annektierten. In der zweiten Periode wird die Verbindung +zwischen den Vereinigten Staaten und den +Philippinen hergestellt, werden im ganzen Stillen Ozean +feste Kriegsstützpunkte zu seiner Beherrschung, zur Vorbereitung +des weiteren Vordringens nach China, nach Ostasien +gemacht. Durch den Abkauf der dänischen Inselgruppe +St. Thome, durch den Ausbau von Hawaii, insbesondere +durch den Ausbau des dortigen Kriegshafens Perl Harbor, +durch Ausbau von Dutch-Harbor auf Alaska, nach dem +Krieg durch die Besetzung und den Ausbau von Tutuila +in der ozeanischen Inselgruppe und schließlich durch die Besetzung +und den Ausbau von Guam haben wir ein weites, +großes Viereck geschaffen, das zur Vorbereitung von Angriffen +bezw. Abwehr vorzüglich geeignet ist. Dieses große +Viereck im Stillen Ozean erhält seine Rückenstützpunkte durch +Kalifornien auf der einen Seite, durch den Panamakanal, +und damit die Verbindung zum Atlantischen Ozean auf +der anderen Seite. +</p> + +<p> +„Nun, und auf der anderen Seite steht Japan, das gleichfalls +Anspruch auf China und Indien erhebt, und das +immer stärker gleichfalls vordringen will. +</p> + +<p> +<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> +„Die Probleme des japanischen Imperialismus lassen sich +auf zwei Hauptfragen zurückführen. Das eine ist selbstverständlicherweise +die Frage des Absatzes seiner Ware, das +andere ist das spezifisch japanische Problem der Uebervölkerung, +und damit die Notwendigkeit der Ansiedlung und +des Ausbaues seines Imperiums. Bereits 1919 hat Graf +Komura erklärt, daß Japan verloren sei, wenn es ihm nicht +gelinge, in einem Menschenalter Raum für 100 Millionen +Menschen zu sichern und obendrein seine Auswanderungsräume +unter der Flagge zusammenzuhalten. +</p> + +<p> +„In Japan drängen sich auf einer Fläche, die etwa so +groß ist wie die Deutschlands, dabei aber vielfach unbewohnbar +ist durch steile Vulkanberge, 78 Millionen zusammen, +sein Geburtenüberschuß betrug in dem einen Jahre 1921 +724600 Geburten, während der Ueberschuß in den über 250 +Jahren der japanischen Abgeschlossenheit von 1600 bis +1886 nur 900000 betrug. Die plötzlich so starke Ausdehnung +vor allem zwingt Japan, fremde Gebiete zu erobern, dorthin +die Mengen von proletarisierten Bauern und Proletariern +zu übertragen. So hat Japan Korea besetzt und völlig +zur japanischen Kolonie ausgebildet, so dringt es in China +ein, in Indien, in Südafrika, so hat es sich vor allem schon +in Kalifornien, in unserer direktesten Nähe, festgesetzt. Vor +dem Erlaß unseres Einwanderungsverbots und auch jetzt +noch steht Kalifornien vor der Gefahr eine japanische +Kolonie zu werden. Bereits 1922 gab es 110000 Japaner +in Kalifornien, denen mehr als zwei Drittel des hochwertigen +Weizenlandes gehören. +</p> + +<p> +„Nun die Frage der Rohstoffversorgungsmöglichkeiten +Japans! +</p> + +<p> +„Während Japan selbst nicht reich an Kohle, arm an +Eisen und Oel ist, ist China und Korea außerordentlich +mit Kohle und Eisenerz versehen. Während man den japanischen +Kohlenvorrat insgesamt auf etwa 1600 Millionen +Tonnen schätzt, wird der chinesische auf 15 Milliarden Tonnen +geschätzt. Ebenso belaufen sich die chinesischen Eisenerzvorräte +auf zirka 45000 Millionen Tonnen, während die +Japans nur etwa 4000 Millionen Tonnen betragen. Das +<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> +Vordringen Japans in China, das bereits durch große Bindungen, +durch große Beteiligung der Japaner an Eisen- +und Stahlwerken vollzogen ist, droht für unseren Handel +jetzt zur direkten Gefahr zu werden! Für England ist Japan +bereits zur Gefahr geworden! Der englisch-japanische Vertrag +ist auch aus diesen Gründen nicht mehr erneuert +worden. Und die Errichtung der Singapore-Basis +seitens England kann nur Japan gelten. Wir können daher +wirklich von einer gelben Gefahr sprechen und die Gefahr +eines kommenden Krieges ist damit ebenfalls in große Nähe +gerückt.“ +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +Da platzte die Nachricht herein: +</p> + +<p> +„Dempsey Knockout-Sieger nach zwei heftigsten an Ueberraschungen +reichen Runden über Firpo ...“ +</p> + +<p> +Der Lärm der Straße schwoll. +</p> + +<p> +Ein Menschenkatarakt ... +</p> + +<p> +Frank und Thomas trieben steuerlos dahin durch die +Nacht wie durch ein Traumland ... +</p> + +<p> +„Mir ist es oft“, sagte Frank zuerst, „als sei das Proletariat +aller Länder, dieser Riesenmenschenmassenleib, mit +magnetischen Strömen geladen und mitten hinein in ein +Stahlgewitter gestellt, dazu ausgesucht, die Blitze, die sich +aus der labyrinthischen Wirrnis dieser Gesellschaftsform +entladen, auf sich abzuziehen ... Ein wandelnder Blitzableiter +...“ +</p> + +<p> +„Nun heißt es aber für uns: mit zehnfacher Kraft heran +an die Arbeit! Wir müssen gleich morgen zu einem wirklichen +Resultat kommen! ...“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-6-9"> +<span class="firstline">IX</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +„Ich schlage vor“, nahm die Genossin Green das Wort, +„nachdem wir jetzt die ausführlichen Berichte der Genossen +Morrow und Butler gehört haben, eine Resolution zu +fassen und sie allen revolutionären Arbeiterorganisationen +der Welt vorzulegen und dringend zur Annahme und zur +Durchführung zu empfehlen. Auch der Genosse Bolleff von +<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> +der bulgarischen Sektion hat einige Bemerkungen gemacht, +die wir berücksichtigen müssen. Wir Sozialisten Amerikas, +als des Landes, das am weitesten fortgeschritten ist in der +imperialistischen Kriegstechnik, haben demnach die Pflicht, +auch in der Bekämpfung des imperialistischen Krieges +führend zu sein und unsere Beobachtungen allen Sektionen +mitzuteilen. Unsere Kommission zur Beobachtung der imperialistischen +Kriegsrüstungen hat gut gearbeitet, sie steht +nach wie vor mit unseren illegalen Organisationen in +engster Verbindung und wird sich weiter intensivst ihrer +Aufgabe widmen. Die Resolution, die wir aufgesetzt haben, +lautet: +</p> + +<div class="article"> +<h4 class="hdr" id="subchap-6-9-1"> +Einige wichtige Ergänzungspunkte zum +Kampf gegen den imperialistischen Krieg +</h4> + +<p class="first"> +„Zu dem Kampf gegen den imperialistischen Krieg gehört +unmittelbar auch die möglichst genaue Kenntnis der Waffen, +die in diesem Krieg aller Voraussicht nach zur Anwendung +kommen werden. Wir müssen in unserer Aufklärungsarbeit +unbedingt regelmäßig über den Stand der modernen Kriegstechnik +konkret berichten können und auch von dieser Richtung +her die Massen damit bekannt machen, was für sie +ein kommender Krieg bedeutet. +</p> + +<p> +„Der Weltkrieg war eine Revolution für die gesamte +Kriegstechnik. +</p> + +<p> +„Es läßt sich nun nicht leugnen, daß unsere gesamte bisherige +Antikriegspropaganda viel zu sehr auf den vorhergegangenen +Krieg eingestellt war, viel zu „konservativ“ war +und daß wir es nicht richtig verstanden haben, die experimentellen +Ansätze der im vorhergegangenen Krieg entwickelten +Kriegstechniken scharf herauszuanalysieren, ihre Weiterentwicklung +in der Nachkriegsperiode in aller Oeffentlichkeit +zu verfolgen und damit den entscheidenden Wendepunkt im +Charakter der gesamten Kriegsführung überhaupt überzeugend +darzutun. Das, was gewesen ist, interessiert uns doch +nur im Hinblick auf das, was ist, im Hinblick auf das, was +sein wird. +</p> + +<p> +„In den wenn verhältnismäßig auch nur spärlichen Berichten +der Bourgeoisie über dieses Thema aber bietet sich +<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> +uns ein ungeheueres Agitationsmaterial dar, das, im entscheidenden +Augenblick richtig eingesetzt, eine durchschlagende +Wirkung auf die weitesten Kreise unserer Meinung nach +ausüben müßte. +</p> + +<p> +„Es gilt den Fortschritt der Militärtechnik in allen +Ländern mit größter Sorgfalt zu verfolgen, um einerseits +durch die Schilderung des Konkreten dem Proletariat ein +Bild des kommenden Krieges in anschaulichster, lebenswirklichster +Weise geben zu können und um andererseits durch die +intensive Beschäftigung mit den Rüstungen in dieser Weise, +durch ihr näheres Studium auf Grund der dabei gemachten +Erfahrungen realere Anhaltspunkte für unseren Kampf +gegen den Krieg zu gewinnen. +</p> + +<p> +„Wir amerikanischen Genossen ersuchen euch, Genossen, +schon heute auf dieser Basis eine großzügige Aufklärungspropaganda +über den chemischen Krieg zum 1. August dieses +Jahres vorzubereiten. (Vorträge, Aufklärungsmeetings, +Broschüren usw.) Vor allem aber auch mit Nachdruck +darauf hinzuweisen, daß die polnische Regierung am 9. März +1925 das erste Mal im Klassenkrieg gegen revolutionäre +Arbeiter chemische Kampfstoffe eingesetzt hat. Dies ist +unseres Wissens das erste Mal, daß im Bürgerkrieg chemische +Kampfstoffe angewendet wurden. Wir gehen wohl nicht +fehl in der Annahme, daß es nur eine Frage der Schärfe +in der Zuspitzung der Klassenverhältnisse ist, ob und wann +das Gas auch im Bürgerkrieg allgemein seine Verwendung +finden wird. Die Bourgeoisie spart bekanntlich nur deswegen +ihr bestes Pulver auf, um ihre Geheimnisse nicht +vorzeitig preiszugeben. Es wäre aber äußerst verhängnisvoll +für uns, uns darüber Illusionen zu machen und uns, +wenn es einmal hart auf hart geht, auf einen solchen Kampf +nicht einzustellen. +</p> + +<p> +„Wir fordern euch, Genossen, daher auf, alle das eure +zu tun zur Konkretisierung unserer Methoden des Kampfes +gegen den imperialistischen Krieg ...“ +</p> + +</div> + +<p> +„Wünscht einer der Genossen zu dieser Resolution das +Wort?“ +</p> + +<p> +<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> +Der bulgarische Genosse meldete sich. +</p> + +<p> +„Genosse Bolleff!“ +</p> + +<p> +Der bulgarische Genosse bemängelt vor allem, daß die +Resolution selbst nicht genügend konkret sei, die Konkretheit +fordere, ohne selbst dieser Anforderung zu entsprechen. +So hätte man auf den Abrüstungsschwindel genau eingehen +müssen, nachweisen müssen, daß Rüstungsindustrie identisch +ist mit Farbstoffindustrie und daß die ungeheure Entwicklung +der chemischen Industrie gleichbedeutend ist mit der +ungeheuren Aufrüstung, wie sie fieberhaft in allen Ländern +betrieben wird. „Wir hätten am besten Amerika als Beispiel +anführen können, das vor dem Krieg sieben chemische +Fabriken besaß, nach dem Kriege bereits 118! Dann hätte +man sagen müssen: daß alle schweren Giftstoffe Abkömmlinge +der Farbindustrie bezw. der Heilmittelindustrie sind. +So weiß im Zeitalter des Giftgaskrieges der Arbeiter in der +Fabrik nicht mehr, ob er ein harmloses Heilmittel, irgendeine +Farbe oder aber ein äußerst gefährliches Giftgas herstellt. +Hier enthüllt sich mit voller Schärfe die konterrevolutionäre +Forderung der 2. Internationale, daß man bei +Kriegsausbruch einfach den Krieg unmöglich macht dadurch, +daß man keine Munition herstellt. Hier zeigt sich klar, daß +diese Forderung nur dazu dient, das Proletariat von der +Erkenntnis der unerbittlichen Notwendigkeit des Kampfes +gegen die Bourgeoisie, des Krieges gegen den Krieg, abzuhalten. +Wir müssen dabei in Rechnung stellen, daß man +versuchen wird, die Belegschaften dieser Fabriken mit „zuverlässigen“ +Elementen auszufüllen. Die Resolution hätte +noch besonders hinweisen müssen auf die Wichtigkeit unserer +Betriebszellenarbeit in diesen Fabriken, auf unsere Zellenzeitungen +in diesen Betrieben ...“ +</p> + +<p> +Als zweiter meldete sich ein amerikanischer Genosse. +</p> + +<p> +In der Resolution sei die Tatsache nicht in Betracht gezogen, +daß die amerikanische Polizei bereits gegen sogenannte +Verbrecher ausreichend von Gashandgranaten Gebrauch +mache, daß man Gas in Gefängnissen gegen Meuterer +verwende, ja daß man bereits Experimente angestellt habe, +den elektrischen Hinrichtungsstuhl durch Gas zu ersetzen ... +<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> +Abgesehen aber davon, hätte man auch formulieren müssen, +daß der Kampf gegen den imperialistischen Krieg eben +gleichbedeutend ist mit dem Kampf um den Besitz der Produktionsmittel. +Daß der Kern der Sache der Besitz der Produktionsmittel +ist. Und daß das Entweder-Oder, Sozialismus +oder Untergang in die Barbarei, in diesem Zusammenhang +zur höchsten Aktualität gesteigert, plötzlich eine ganz +neue schlagartige Beleuchtung erhält. +</p> + +<p> +„Zweierlei scheint mir noch zu fehlen“, fügte jetzt Genosse +Morrow hinzu: „erstens daß alle Kampfmittel und Kampfstoffe +eben dadurch, daß sie uns bekannt sind, beweisen, daß +sie von den einschlägigen Kreisen bereits längst aufgegeben +sind, und daß wir im Ernstfall bei weitem schärfere und +ausgiebigere Kampfstoffe zu erwarten haben ... Und +dann: daß man mit allen Mitteln dem Unfug entgegentreten +muß, den zukünftigen Krieg utopisch durch allerlei +phantastischen Schnickschnack wie Todesstrahlen und mechanische +Polizeimänner zu verzerren, dadurch wird nur erreicht, +daß auch das bereits wirklich Vorhandene angezweifelt +wird, und unsere ganze Kampagne sich leerläuft. +Die Bourgeoisie allerdings hat das größte Interesse daran, +diesen Dingen gegenüber die Methode der Camouflage anzuwenden, +d. h. Dinge, die sie nicht mehr verschweigen kann, +durch Kombination mit blödsinnigem Ulk als harmlos und +als unwirklich darzustellen. Das hätte meiner Meinung +nach berücksichtigt werden müssen ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Damit war die Debatte über die Resolution beendet. +</p> + +<p> +Es wurde vorgeschlagen, als Kommentar zur Resolution +zwei ausführliche Artikel anzufügen, der eine mit dem +Titel: „Der zukünftige Krieg und die chemische Industrie +der Welt“, der andere „Die chemische Waffe im kommenden +Krieg!“ Diese Arbeiten sollten möglichst knapp gehalten, +mit überzeugendem Tatsachenmaterial versehen sein und +so präzis wie nur möglich formuliert werden. Mit der +Ausarbeitung wurden die Genossen Frank Morrow und +Thomas Butler beauftragt. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-6-10"> +<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> +<span class="firstline">X</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Die Ereignisse überstürzten sich. +</p> + +<p> +Mancher der besten Kommunisten hatte das Tempo falsch +eingeschätzt. +</p> + +<p> +Die Kriegsgefahr springt wie eine Springflut die Völker +an ... +</p> + +<p> +Die großen amerikanischen Flottenmanöver im Stillen +Ozean begannen. Eine gewaltige militärische Demonstration +gegen Japan ... +</p> + +<p> +Sieben Monate lang sind die verschiedenen Schiffseinheiten +unterwegs. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Pearl Harbor auf Hawaii: +</p> + +<p> +12 Schlachtkreuzer, 6 Kreuzer, 56 Zerstörer, 6 Unterseeboote, +1 Geschwader Flugzeuge, 2 Flugzeugmutterschiffe: +sind zum Angriff angesetzt. +</p> + +<p> +Minengürtel, mit Unterseebooten verseuchte Zonen, +sperren Hawaii ab. Ein einziger Feuer und Eisen speiender +Krater ist Hawaii ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Je näher die Kriegsgefahr heranrückt, desto energischer +betreiben die einzelnen Regierungen die Kommunistenverfolgungen. +Die Revolutionsgefahr wächst. Alle kommunistischen +Sektionen sind schon in die Illegalität gedrängt. +Kommunistengesetze, Geheimerlasse zur Bekämpfung unruhiger +Elemente durchwirbeln die Länder. Die Parlamente +heben rücksichtslos die Immunität der kommunistischen Abgeordneten +auf. Die Demokraten regieren nur wackelnd noch +auf den Krückstöcken rigorosester Ausnahmegesetze ... +Ueberall drängen die ausgebeuteten Volksmassen vor. Die +Sozialdemokratien aller Länder spalten sich ... +</p> + +<p> +Der Völkerbund beschäftigt sich mit der kommunistischen +Gefahr. +</p> + +<p> +Ob ein „heiliger Krieg“ gegen Sowjetrußland noch einmal +die durch die verschiedensten Interessengegensätze zersplitterten +Kapitalisten aller Länder zusammenzwingt? +<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> +Man ist willens, die Austragung der Konflikte unter sich +bis nach der Niederringung der „Roten Gefahr“ aufzuschieben. +</p> + +<p> +Der Vernichtungskampf gegen die Kommunisten wird +im Weltmaßstab organisiert. +</p> + +<p> +Die Regierungen haben die Kommunisten offen außerhalb +des Gesetzes gestellt, sind entschlossen, ihre Organisationen +wie Ratten auszurotten. Armee, Polizei, Miliz, +Gruppen von Reserveoffizieren spüren alle bekannten Kommunisten +auf und ermorden sie ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +In Newyork findet der Hochverratsprozeß gegen Mary +Green und 25 Genossen statt. Den Angeklagten wird zur Last +gelegt, Giftgase fabriziert zu haben, Cholerabazillen und +Giftbakterien mit Hilfe bestochener Chemiker und Aerzte +hergestellt zu haben, in solchen Mengen, um über Nacht halb +Amerika damit zu vergiften. Drei Giftmorde seien bereits +auf Konto dieser Organisation zu setzen, weitere Attentate +u. a. auf Morgan, Ford usw. seien geplant gewesen, umfangreiche +Waffenlager mit Toluol, Dynamit, Nitroglyzerin +usw. habe man entdeckt, sogar ausgedehnte Materiallager +zur Herstellung von Bombenflugzeugen. Einzig und allein +den mit einer Beamtenkorruptionsaffäre in Zusammenhang +stehenden Ankaufsversuch von Unterseebooten zwecks In-die-Luft-Sprengung +der amerikanischen Hochseeflotte bezog der +Oberstaatsanwalt nicht in seine Anklagerede ein. +</p> + +<p> +Der eigentliche Träger dieser riesigen und nach allen derartigen +Prozessen eigentlich reichlich banal erscheinenden +Komödie war ein außerordentlich gut funktionierender +Spitzelapparat. Die Angeklagten wurden glatt der ihnen +zur Last gelegten Verbrechen überführt. Jede Lücke der +Beweisführung war restlos geschlossen. +</p> + +<p> +Verteidiger waren gewaltsam aus dem Sitzungssaal entfernt. +Den Angeklagten wird das Schlußwort entzogen ... +</p> + +<p> +Die Zeitungen heulen. Stoßen Warnungssignale aus. +</p> + +<p> +Der Tag der Urteilsverkündung naht ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Man traut seinen Ohren nicht, man liest die Ueberschriften +der Extrablätter einige Male: +</p> + +<p> +<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> +„Mary Green und drei Genossen sind zum Tode verurteilt.“ +</p> + +<p> +Schon eine halbe Stunde darauf kommt es zu Zusammenstößen +mit der Arbeiterschaft. +</p> + +<p> +Am Abend wird der Generalstreik verkündet. +</p> + +<p> +Ganz Amerika ist plötzlich ein riesiges Grab. Die Menschen +gehen leis wie auf den Fußspitzen. +</p> + +<p> +„Jetzt nur nicht nachgeben! Durchbrechen!“ feixt das +Gericht. „Man wird es uns sonst als Schwäche auslegen ...“ +</p> + +<p> +Die Armee und die Flotte sind mobilisiert. Die Luftstreitkräfte +versehen zunächst noch den Aufklärungsdienst. +</p> + +<p> +Amerikas Lunge atmet nur mit viertel Kraft. +</p> + +<p> +Schlaff hängen die Muskeln herunter. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Manche äußern: +</p> + +<p> +„Man hätte sie nicht zum Tode verurteilen sollen ... Man +soll keine Märtyrer schaffen ... So erledigen ... geschickt ... +Das stürzt uns in zu große Unkosten ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +An Sing-Sing ist nicht heranzukommen. Schwere MGs +funken in die Menschenmassen hinein ... +</p> + +<p> +Während draußen die Kugelspritzen knattern, wird Mary +Green mitgeteilt, daß morgen früh fünf Uhr das Urteil +vollstreckt wird. +</p> + +<p> +Sie zuckt zurück, einen Augenblick ... fern verrauschen die +Salven. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es ist fünf Uhr früh. +</p> + +<p> +Mary Green wird einen langen zementgemauerten Korridor +entlang in das „Todeskabinett“ geführt. +</p> + +<p> +Sie singt mit leiser Stimme. +</p> + +<p> +Sie hört fern, fern, ganz fern als Antwort: +</p> + +<p> +„Macht auf –“ +</p> + +<p> +Eine zweite Stimme – +</p> + +<p> +Eine dritte – +</p> + +<p> +Die fernen Stimmen werden zum fernen Chor. +</p> + +<p> +Der ferne Chor wird zum Massengesang. +</p> + +<p> +Der Massengesang zum Orkan. +</p> + +<p> +<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> +Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne: +</p> + +<p> +Gewaltige Zeiten dröhnen heran, in denen der Mensch das +Letzte, was er zu handeln und zu erdulden fähig sein wird, +aus sich auspressen wird. Groß und opferreich wie noch keine +wird diese Zeit sein; grausam, niedrig und erbärmlich aber +zugleich. Diese Zeit donnert, rast, knattert dahin, ein +reißender Feuerstrom. Die Menschen: gestaltgewordene +Leidensbrände entzünden sich an sich selbst. Das Gewölbe des +Himmels schmilzt und tropft flüssiges Feuer, die Erde +schäumt, wird Lava und fließt über die Horizonte ab. +</p> + +<p> +Und alle diese Menschen werden namenlos sein, tragen +nur das Zeichen ihrer Klassenzugehörigkeit an sich. Es gibt +kein Menschendasein außerhalb der Klasse mehr. Alles fühlt, +denkt, ringt sich der Klasse zu, kämpft sich bis ins Klasseninnere +hinein, kämpft auf Leben und Tod um das Wesentliche, +um den Klassenkern. +</p> + +<p> +Das wird die Zeit sein, wo die Galgen und Hinrichtungsmaschinen +wieder öffentlich mitten auf den Plätzen +der Städte errichtet werden. Von allen Seiten hupen die +herrschaftlichen Automobile herbei. Die Herren und Damen +der vornehmen Gesellschaft sind zahlreich vertreten. So viel +Blut aber auf der Erde gibt es nicht, daß je sie ihren Blutdurst +stillen könnten ... Sie sind mit Operngläsern und +photographischen Apparaten versehen, es ist, als wohnten +sie einem großen Sportereignis bei. Auf dem Platz der +Hinrichtung sind Reihen von Filmapparaten aufgestellt. O +die einst so friedliebende Bourgeoisie: sie schwelgt heute +in Orgien von Blutrache und sadistischen Greueln ohne +Maßen. +</p> + +<p> +Die Polizeichefs werden nicht mehr für die Zuchthäuser +arbeiten, nicht mehr für Krüppelheime und Obdachlosenasyle, +sondern für die Friedhöfe ... +</p> + +<p> +Das wird auch die Zeit sein der Wiederauferstehung der +Folter. +</p> + +<p> +Mit schweren eisernen Ketten wird man die Leiber der +Gefangenen umschmieden. Das Schlagen mit Gummiknüppeln, +das Aufreißen der Fingernägel, Einschlagen von +Nägeln in die Füße, Brechen der Körperteile und der +<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> +Rippen: das wird keine allzu große Seltenheit mehr sein. +Man wird die Gefangenen aus den Städten herausfahren, +sie zwingen, ihre Gräber selbst zu schaufeln, sie bei lebendigem +Leib begraben ... Man wird nach raffiniert ausgeklügelten +wissenschaftlichen Methoden die Qualen steigern, bis zum +Wahnsinn des Gefolterten sie steigern und dann die Geständnisse, +deren man bedarf, Protokoll um Protokoll auspressen. +</p> + +<p> +Aber die Galgen reden eine Sprache, der Galgen, die +Hinrichtungsmaschine, die Folter spricht ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Und der Galgen kreist. +</p> + +<p> +Kreist um Europa. +</p> + +<p> +Kreist durch alle fünf Weltteile ... +</p> + +<p> +In jeder Himmelsrichtung wächst riesengroß aus der +Erde auf Galgen an Galgen. +</p> + +<p> +Der Tisch unter ihm ist umgeworfen. +</p> + +<p> +Der Leichnam an dem eingeseiften Hanfstrick, eine weiße +Kapuze dem Kopf übergezogen, dreht sich jetzt langsam, +schwingt hin und her wie ein Pendel ... +</p> + +<p> +Und die Leichname unter dem Galgen, die Galgen selbst +sprechen: +</p> + +<p> +„Hört es! Und lernt daraus! +</p> + +<p> +„Kein Erbarmen gibt es im Bürgerkrieg. +</p> + +<p> +„Kein Erbarmen. +</p> + +<p> +„Wer den Klassenfeind nicht hart zu schlagen versteht, der +wird von ihm vernichtet ... +</p> + +<p> +„Sie oder wir ...“ +</p> + +<p> +– – – – +</p> + +<p> +Mary Greens Blick sieht starr in die Ferne, während +ihr im Beisein eines Dutzend braver amerikanischer Bürger +noch einmal das Todesurteil verlesen wird. +</p> + +<p> +Vierzig wohlangesehene Bürger der Stadt Newyork +nehmen an der Hinrichtung teil. +</p> + +<p> +Es dauert insgesamt drei Minuten. +</p> + +<p> +Schon ist sie auf dem elektrischen Stuhl festgeschnallt ... +</p> + +<p> +<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> +Spricht fest, und in den ledernen Bandagen noch einmal +ein wenig sich aufrichtend: +</p> + +<p> +„Lenin ist tot. +</p> + +<p> +„Der Leninismus lebt. +</p> + +<p> +„Lenin lebt. +</p> + +<p> +„Wir in ihm. +</p> + +<p> +„Er in uns ... +</p> + +<p> +„Es lebe die Welt-Re ...“ +</p> + +<p> +Sie bricht mitten im Wort ab. +</p> + +<p> +Drei amerikanische Untertanen stehen hinter einem +Schirm. Jeder drückt auf einen Kontaktknopf. Nur einer +aber löst den tödlichen Strom aus ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Wo ein Polizist in den Arbeitervierteln sich noch sehen +läßt, wird er abgeknallt. Jetzt gilt das Gesetz der Klassenrache +... +</p> + +<p> +Drei oder vier Zeitungen können noch arbeiten. Sie sind +von Regierungstruppen besetzt. Streikbrecherkompagnien +sind dorthin beordert. +</p> + +<p> +Die Presse kläfft: +</p> + +<p> +„Ende der Giftmörderin.“ Bazillenmärchen und abenteuerliche +Gaslegenden werden von neuem aufgetischt. Der +Glaube daran aber ist im Volk Amerikas schon bedeutend +erschüttert ... +</p> + +<p> +Und Japan horcht nach Amerika hinüber mit gespannten +Ohren. +</p> + +<p> +Der japanische Kriegsrat hat die Mobilisation angeordnet. +</p> + +<p> +Die Bankiers Amerikas erstarren. +</p> + +<p> +Es sind Menschenmasken, blutleer, wie gehauen aus +Granit. +</p> + +<p> +„Das ist das Weltende ... Das ist Amerikas Untergang ...“ +</p> + +<p> +Die Regierung ruft auf: +</p> + +<p> +„Amerikaner! Wahrt eure heiligsten Güter! Der äußere +Feind ... Laßt für die Zeit des Verteidigungskrieges gegen +die gelbe Gefahr euere inneren Zerwürfnisse schweigen ... +<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> +Regierungswechsel ... Die neue Regierung ist bereit ... +Das Gesamtwohl der Nation erheischt ... Auf zu den +Waffen ...“ +</p> + +<p> +Die Geistlichen versuchten es im Auftrag der neugebildeten +Regierung von den Kanzeln herab: „Auf! Söhne +Amerikas! Dem Feind das Bajonett zwischen die Rippen +gerannt! Im Namen Gottes ...“ +</p> + +<p> +Die Antwort der amerikanischen Arbeiterschaft ist ein +einziges Kopfschütteln. +</p> + +<p> +Der Generalstreik geht weiter ... +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-6-11"> +<span class="firstline">XI</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +In der Arbeiterpresse der ganzen Welt erscheint jetzt +folgender Artikel: +</p> + +<div class="article"> +<h4 class="hdr" id="subchap-6-11-1"> +Die chemische Waffe im kommenden Krieg +</h4> + +<h5 class="subhdr"> +1. Gaskrieg und Luftkrieg +</h5> + +<p class="first"> +Das Gaskampfmittel wird erst durch das Flugzeug zu +der furchtbaren Kriegswaffe. Flugzeug und Gaskampfmittel +bilden zusammen eine Einheit, die ausschlaggebend +für die völlige Veränderung der Kriegstaktik und Strategie +ist. +</p> + +<p> +Das Wesentliche dabei ist die Aufhebung der Front, damit +auch die Aufhebung des Hinterlandes. Das Hinterland wird +zur Front. +</p> + +<p> +Sehr deutlich und offen sprechen die Generäle aller +Staaten es aus, daß das Hauptziel, das Angriffsobjekt des +nächsten Krieges nicht mehr so sehr die Front, d. h. die sich +vorwärts und rückwärts bewegende bezw. stillstehende Linie +der feindlichen Armee ist, sondern daß vielmehr die Hauptangriffspunkte +die Großstädte, die Industriewerkstätten usw. +sind, also, daß das Hauptgewicht auf die Vernichtung +gerade jener Teile des Proletariats gelegt wird, die in den +Produktionsstätten des Krieges beschäftigt sind, d. h. bei der +neuen Form der Armeen, der größte Teil des Proletariats. +</p> + +<p> +<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> +Hier zeigt sich bereits der Grundzug der veränderten +Kriegstechnik. Die Anwendung des Gaskrieges, des Flugzeugkrieges +bedingen eine kleine Armee von Spezialisten, +mit anderen Worten: im Zusammenhang mit der Entwicklung +des Klassenbewußtseins des Proletariats tritt +immer stärker die Trennung des Proletariats von der Waffe +ein. +</p> + +<p> +Die Luftwaffe ist außerordentlich stark vermehrt worden. +</p> + +<p> +Die französische Heeresluftflotte z. B. verfügt über etwa +5000 Flugzeuge, davon sind 3000 startbereit. Zurzeit produziert +Frankreich 150 Flugzeuge monatlich. Man spricht vom +Flugzeug nur noch als von einem fliegenden Geschütz, vom +Gas als von mikroskopischen Geschossen. Die französische Industrie +ist auf Grund der fortschreitenden Normungstendenzen +so organisiert, daß im Ernstfall stündlich je ein Flugzeug +hergestellt werden kann ... Auf eine besondere Verwendung +der Flugzeuge ist insbesondere aufmerksam zu machen: +das ist der Bau von Spezialflugzeugen für Gasverwendung, +bei denen vermittels von in einem Röhrensystem angebrachten +Düsen Gas auf die Erde gestreut wird. Durch die starke +Abkühlung infolge des Ausströmens kühlen sich das Gas +und die fein verteilten Flüssigkeitspartikelchen stark ab und +senken sich wie ein feiner Nebel, wie Tau – daher auch der +Name „Tau des Todes“ – mit großer Schnelligkeit auf die +Erde. Bei Versuchen im Jahre 1922 auf dem Schießplatz +in Aberdeen in den Vereinigten Staaten wurde eine unschädliche +aromatische Flüssigkeit durch einen derartig gebauten +Flieger herabgestreut. In weniger als einer Minute +war der Geruch deutlich auf einer Fläche von über 50000 +Quadratmetern wahrnehmbar. Es sei noch darauf hingewiesen, +daß seit langem bereits erfolgreich die Flugzeuge +ohne Führer von der Erde aus gelenkt werden können. So +berichtet bereits am 15. November 1923 die „Revue +d’Artillerie“ von erfolgreichen Versuchen mit automatischen +Flugzeugen, die auf Entfernungen von 20 Kilometern ganz +sicher, ohne Eingriffe des Passagiers durch funkentelegraphische +Lenkung geführt wurden. +</p> + +<h5 class="subhdr"> +<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> +2. Die Giftgasstoffe +</h5> + +<p class="first"> +Ueber die Giftgasstoffe selbst bewahren natürlich die +einzelnen imperialistischen Mächte völliges Stillschweigen. +Die Wirkung eines Gasstoffes, der bekannt ist, wird dadurch +entweder stark herabgesetzt oder überhaupt wertlos gemacht. +Es ist äußerst wahrscheinlich, daß zu Beginn des nächsten +Krieges oder in seinem Verlauf gänzlich neue Gasstoffe von +bisher unbekannter Wirkung auftauchen. Das „Idealgas“, +nach dem die einzelnen imperialistischen Gruppen suchen, +ist ein Gas, das durch keinen Sinn wahrgenommen wird, +Gasmasken völlig durchtränkt, sofort tödlich wirkt und +außerdem den Körper auch von außen her angreift. Diese +„idealen“ Bedingungen hat man gespalten und beschäftigt +sich vor allen Dingen nunmehr mit der Suche nach zwei +Richtungen hin: dem geruch- und geschmacklosen Gas, das +absolut tödlich wirkt, und dem auch tödlichen Gas, das +außerdem noch den Körper angreift. Das „Idealgas“ für +die erste Richtung ist das Kohlenstoffmonoxyd (CO), das +bei der unvollständigen Verbrennung von Kohle entsteht. +Dieses Gas ist absolut tödlich. Es scheint, daß es den Amerikanern +gelungen ist, dieses Gas als Kriegswaffe zu verwenden. +</p> + +<p> +Das zweite Gas, das außerordentlich stark auf die Haut +wirkt, ist das Yperite (Senfgas) und das Levisite. Wahrscheinlich +sind beide Sorten längst überholt, aber die neuen +Mittel liegen in ähnlicher Richtung. +</p> + +<p> +Yperite und Levisite oder die ihnen ähnlichen Gase +werden sich insbesondere in zerstörender Gewalt auswirken, +wenn sie, was ohne Zweifel steht, auf die Industriezentren +angewandt werden. War das Bewegen während des +Krieges 1914 bis 1918 in durch Yperite vergasten Gebieten +nur möglich, wenn man außer der Gasmaske noch eine besondere +undurchdringliche Schutzkleidung trug, so mag man +sich selbst die Wirkung dort vorstellen, wo in dicht gedrängten +Haufen, in Proletariervierteln, in Fabriken, die +Menschen leben, ohne daß sie mit den geringsten Schutzmitteln +ausgerüstet wären. Da gleichzeitig eine Rettung +aus den vergasten Gebieten unmöglich sein wird durch die +<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> +ungeheure Ausdehnung des vergasten Raumes, so liegt +offensichtlich die Vernichtung eines großen Teiles des Proletariats +als zwangsläufige Folge vor. +</p> + +<h5 class="subhdr"> +3. Giftgase und chemische Industrie +</h5> + +<p class="first"> +Besonders wichtig bei der modernen Gastechnik ist, daß +alle diese schweren Giftstoffe Abkömmlinge der Farbindustrie +bezw. der Heilmittelindustrie sind. Es handelt sich +daher für die einzelnen Länder nicht so sehr darum, einen +möglichst großen Vorrat aufzuspeichern, sondern es geht bei +den einzelnen imperialistischen Gruppen um die möglichst +hohe Steigerung der Produktionsmöglichkeit. Wir haben +infolgedessen eine außerordentlich starke Entwicklung der +chemischen Industrie, die natürlich hohe Profite einheimst, +hohe Unterstützungen vom Staate erhält. In den Vereinigten +Staaten z. B. gab es 1914 sieben chemische Fabriken. +1918: 118 mit einem Kapital von 200 Millionen Dollar. +Die Gesamtfarbenproduktion belief sich in den Vereinigten +Staaten 1914 auf 6,6 Millionen Pfund, 1922 auf 64,6 Millionen, +1923 auf 93,7 Millionen, so daß die Farbenproduktion +in den neun Jahren auf mehr als das 14fache gestiegen +ist. Gegen eine Einfuhr von 46 Millionen Pfund im Jahre +1913 wurden 1923 lediglich drei Millionen eingeführt, dagegen +17,9 Millionen ausgeführt. In dem Zolltarif sind +außerordentlich hohe Zollsätze für Farben festgelegt worden. +Während England 1913 etwa 14 Prozent seines Bedarfs +selbst produzierte, stellt es nach einem Bericht des Handelsamtes +in Washington gegenwärtig 80 Prozent seines Verbrauches +selbst her. Die englische Regierung hat sich verpflichtet, +ein Sechstel der Produktion selbst zu übernehmen. +Die französische Produktion ist noch stärker gestiegen. +Während Frankreich noch 1920 46 Prozent seines Verbrauchs +einführte, ist diese Einfuhr im ersten Halbjahr +1924 auf 5 Prozent zurückgegangen. Die Produktion hat +sich demzufolge in diesen vier Jahren verdoppelt. Während +Frankreich 1920 noch 7000 Tonnen jährlich produzierte, +produziert es im ersten Halbjahr 1924 bereits 8000 Tonnen. +Die Entwicklung in anderen Ländern ist ganz ähnlich. +</p> + +<p> +<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> +Diese schnelle Entwicklung der Farbenindustrie hat zur +Ursache, daß die meisten Gasstoffe entweder Zwischenprodukte +von Farbstoffen sind oder daß die Farbstoffe (und +Heilmittel) Ausgangspunkt für die Gasmittel sind. So +haben die Arsine, also die Reihe der Levisite usw., das +gleiche Ausgangsprodukt wie das Salvarsan. Yperite +und auch der andere Gasstoff, die Levisite, haben ein +gleiches Zwischenprodukt wie das vielgebrauchte Indigo. +Das Phosgen und die Tränengase haben gleiche Zwischenprodukte +wie die hellroten, blauen und violetten Farben. +Die Pikrinsäure, Ausgangspunkt einer Reihe von giftigen +Farben, ebenso wie sie in der Sprengtechnik angewandt +wird, ergibt durch einfache Chlorierung das sehr schädlich +wirkende Chlorpikrin. Aus dem Anilin werden gleichzeitig +Yperite, verschiedene Anilinfarben und Heilmittel hergestellt. +</p> + +<h5 class="subhdr"> +4. Giftgase und Proletariat +</h5> + +<p class="first"> +Damit zeigt sich ein weiterer wesentlicher Zug des Gaskampfes. +Das Proletariat, das früher Panzerplatten, +Kanonen, Sprengstoffe, Munition herstellte, kannte genau +den Zweck der Fabrikation. Im Zeitalter des Giftgaskrieges +weiß der Arbeiter in der Fabrik nicht mehr, ob er +ein harmloses Heilmittel, irgend eine Farbe oder ein äußerst +gefährliches Giftgas herstellt. +</p> + +<p> +Hier enthüllt sich mit voller Schärfe die konterrevolutionäre +Forderung der Zweiten Internationale, daß man bei +Kriegsausbruch den Krieg einfach unmöglich mache, dadurch, +daß man keine Munition herstellt. Hier zeigt sich +klar, daß diese Forderung nur dazu dient, das Proletariat +von der Erkenntnis der unerbittlichen Notwendigkeit des +Kampfes gegen die Bourgeoisie, des „Krieg dem Kriege“, +abzuhalten. +</p> + +<p> +Der nächste Krieg wird in der Hauptsache geführt werden +gegen die großen Städte und gegen die Industriezentren. +Das Proletariat ist in seiner Masse im nächsten Krieg an +die Produktionsstätten gebunden. Der Hauptangriff richtet +<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> +sich gegen die Produktionswerkstätten, die verschärfte Bedeutung +haben, da es in diesem nächsten Krieg auf die +dauernde Produktion der Giftstoffe und der Flugzeuge ankommt. +</p> + +<p> +Der nächste Krieg wird geführt werden von einer vom +Proletariat losgelösten Spezialistentruppe mit Waffen, bei +deren Produktion der Arbeiter nicht weiß, daß er Waffen +herstellt. So erscheint das Proletariat zunächst getrennt +und losgelöst von der Waffe, aber in weit höherem Maß +ist die Waffe wiederum dadurch in seine Hand gegeben, daß +das Proletariat an den Stätten der Produktion von Kriegsmitteln, +die eine weit höhere Bedeutung gewinnen, in +starkem Maß konzentriert ist. Damit wird die einzige Möglichkeit +für das Proletariat, diesem kommenden Krieg zu +begegnen oder ihn zu beendigen, klar sichtbar: nur wenn +es die Leitung der Produktion in den Händen hat, nur +wenn es den Betrieb besitzt, kann es die Produktion der +Kriegsmittel verhindern. Daher wird mit erhöhter Notwendigkeit +die Umwandlung der kapitalistischen Wirtschaft +in die proletarische vorzunehmen sein. Dies kann nur geschehen +dadurch, daß die Bourgeoisie gestürzt und das Proletariat +die Leitung der Produktion, die Macht überhaupt +übernimmt. So verlangt die moderne Kriegsführung ihre +schleunigste Beendigung durch die Umwandlung des Krieges +in einen Krieg des Proletariats gegen die Bourgeoisie zu +ihrem Sturze. Diese Kriegsführung verlangt schon vorher +die Vorbereitung des Kampfes des Proletariats.“ +</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-6-12"> +<span class="firstline">XII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Die Proletarier wußten nun, woran sie waren. +</p> + +<p> +„Das also hätten wir von diesem Menschen-Kehricht zu +erwarten gehabt. Pfui Teufel! ...“ +</p> + +<p> +Ueberallhin flatterten die Flugblätter. +</p> + +<p> +Die Regierungen setzen Kopfprämien aus. +</p> + +<p> +Hilft nichts. +</p> + +<p> +<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> +Das Geheimnis des kommenden Kriegs war enthüllt. Es +war eine schreckliche Bewußtwerdung. +</p> + +<p> +„Wer ist nun der wirkliche Giftgasfabrikant!? Wer ist +der Bazillenmassenmörder nun in Wirklichkeit? ...“ +</p> + +<p> +Millionen knirschten vor Wut ... +</p> + +<p> +„Wie stehts in Edgewood!? Können wir uns auf die +Mannschaften der Bombenflugzeuggeschwader verlassen!? +Sind die Arsenale in Ordnung!?“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Nachrichten lauteten unbestimmt. +</p> + +<p> +Die Krise zog sich enger wie ein Strick um die Hälse der +Finanzmagnaten zusammen. Man hatte Verdauungs- und +Schluckbeschwerden. Viele Hebel am Regierungsapparat +funktionierten schon nicht mehr. Von vielen Stellen blieb die +Antwort aus. Eine rote Zelle ist in der Armee, hieß es. +Die Panik fieberte empor. GBRO. Was ist GBRO.? +Geheimbund revolutionärer Offiziere ... Den reaktionären +Gewerkschaftsführern entglitt nun völlig die Bewegung ... +</p> + +<p> +Mechanische Armeen ließ die Regierung aufmarschieren: +</p> + +<p> +Bataillone schwerer Tanks, Bataillone mittlerer Tanks, +Brigaden mechanischer Artillerie, schwere MG.-Kompagnien. +... Man verließ sich auf die niederschmetternde psychologische +Wirkung. +</p> + +<p> +Vergebens. +</p> + +<p> +Die Arbeiterschaft steht Gewehr bei Fuß. +</p> + +<p> +Wir sind gerüstet. +</p> + +<p> +Wir sind bereit, die Feuerprobe zu bestehen ... +</p> + +<p> +Wir warten nur auf das Angriffssignal. +</p> + +<p> +Die Stellungen des Gegners sind genau bekannt. +</p> + +<p> +Es gibt kein Verhandeln mehr. +</p> + +<p> +Nun ist es klar: +</p> + +<p> +„Die Frage, die die geschichtliche Situation dem Proletariat +stellt, ist nicht die Wahl zwischen Krieg und Frieden, +sondern zwischen imperialistischem Krieg und Krieg gegen +diesen Krieg ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> +Wie bewegungslos ist in diesem Augenblick Amerika! +Einige Muskelbänder nur spielen an ihm noch, wie im +Starrkrampf. +</p> + +<p> +„Nieder mit dem Menschenschlachthaus!“ gellt jubelnd +eine Stimme. +</p> + +<p> +„Für heute und für immer!“ +</p> + +<p> +Millionen Augen zucken nach oben. +</p> + +<p> +„Werden sie es wagen ... Schicken sie uns die Flieger ... +Und –“ +</p> + +<p> +„Und –“ +</p> + +<p> +„Werden die Unseren in Edgewood ihre Pflicht tun ...“ +</p> + +<p> +Kein Laut. +</p> + +<p> +Die Stadt ist wie vergletschert ... +</p> + +<p> +Da ... +</p> + +<p> +Dort stürzen sich schon im Sturmschritt Arbeiterbataillone +über den Platz – +</p> + +<p> +„Sprung auf! Marsch! Marsch!“ +</p> + +<p> +„Wir haben mehr zu verlieren als nur unsere Ketten: +wir haben die Zukunft der Welt zu verlieren!“ +</p> + +<p> +Vorwärts! Auf drum! Los! +</p> + +<p> +Es kann beginnen! +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-7"> +<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> +<span class="firstline">6. Kapitel.</span><br> +Der erste Mai +</h2> + +</div> + +<p class="ctoc"> +Ein Brief. – Sonne über Schweizer +Bergen. – „Gebt uns eine Partei!“ +Der 1. Mai: ein Welt-Kampftag! – +Aufmarsch der „Vaterländischen +Verbände“. Rote Gegendemonstration. +– Provokateure an der Arbeit. +– Ein Blutbad. – Am Abend +des 1. Mai. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-7-1"> +<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> +<span class="firstline">I</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Als Peter spät nachts nach Hause kam, fand er von seiner +Mutter einen Brief vor. +</p> + +<p> +„Mein Lieber! Auf Deinen ausführlichen Brief will ich +Dir antworten, indem ich Dir den folgenden Ausschnitt aus +einer Zeitung schicke, die ich jetzt täglich lese. Diese Schilderung +stammt von Eugen Leviné, wie Du weißt, vom Münchener +Standgericht zum Tode verurteilt und erschossen. Dieser +Bericht ist auch meine Antwort auf Deinen Brief. Ich bin +glücklich über Dich, Peter, Du hast den richtigen Weg gefunden. +Nun, nimm und lies!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Und Peter las: +</p> + +<p> +„Der Wind heult. In der kleinen Petroleumlampe flackert +die Flamme, züngelt hin und her, biegt sich und beugt sich. +Phantastisch tanzt der Schatten des Teekessels an den runden +Wänden der Turmzelle. Auf der harten Pritsche liege ich, +fest gehüllt in meinen Pelz, und lausche dem Liede des +Windes. In den verrosteten Angeln knarrt das Fenster +und ächzt. Die kleine Ratte, die mir sonst Gesellschaft leistet, +graziös über den Tisch läuft und hin und her huscht, wagt +sich heute aus dem Loch nicht heraus. Ganz allein bin ich +heute. Starre zur Decke. Lasse müde den Blick über die +Wände gleiten. Alles so bekannt. Die Namen an den +Wänden. Kommentare der Nachfolger: „Ab nach dem Zuchthaus +zu Smolensk“, „Hingerichtet in Wilna“ ... Und daneben +immer und immer wieder: „Es lebe der Kampf“, „Es +lebe die Revolution.“ +</p> + +<p> +Der Wind heult und wieder flackert das Licht in der +Lampe, wieder tanzen phantastische Schatten. Immer fester +hülle ich mich in den Pelz, den sie mir gelassen haben. Es ist +kalt in der Turmzelle. Schon ermüden die Augen und fallen +langsam zu. Da plötzlich fahre ich auf. Draußen auf der +eisernen Treppe höre ich Schritte und Kettengeklirr, Stimmen +und Kommandorufe. Sie nahen in der Richtung meiner +<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> +Zelle. Unter mir verstummen sie. Dumpf dröhnend fällt in +der unteren Turmzelle die eisenbeschlagene Tür ins Schloß. +Wieder Stimmengewirr und stampfende Schritte. Dann +wieder Stille. +</p> + +<p> +Nur der Wind heult. Der Fensterrahmen knarrt, die +Flamme in der Lampe züngelt und flackert, und phantastisch +tanzen die Schatten. +</p> + +<p> +Ich lausche angestrengt. In die Zelle unter mir haben sie +einen „Neuen“ gebracht. Wer ist es? Ein Fremder, ein +Freund? Ein Genosse oder Krimineller? Was droht ihm? +Der Galgen? Oder bloß Kerker? Ich lausche. Wird er nicht +klopfen? Nicht seinen Namen nennen? Nein, es bleibt still. +Nur der Wind singt sein Lied. +</p> + +<p> +Ich lege das Ohr an die Wand – alles still. Kein Laut. +</p> + +<p> +Vielleicht weiß er nicht, daß jemand über ihm sitzt. Ich +nehme den Metallbecher und klopfe leise an die Wand: ta ta +– tatatatata – tatata – leise, rhythmisch. „Kto wy?“ – +„Wer seid ihr?“ Aber ich komme nicht zu Ende. An der +Tür ein leises, schleichendes Geräusch. Schnell ist der Becher +versteckt. Ich liege auf dem Rücken, mit verschränkten +Armen, mit künstlich gleichgültigem Gesicht. Ich schaue nach +dem Guckloch an der Tür. Ein entzündetes Auge richtet +seinen Blick auf mich. Ich erwidere den Blick und fühle, wie +etwas Feindseliges wider meinen Willen aus meinem Auge +spricht. Da wird das Guckloch wieder geschlossen und an +Stelle des Auges grinst hinter der kleinen Oeffnung die +dunkle Metallplatte. +</p> + +<p> +Nun bin ich wieder allein. Mit dem Klopfen ist es heute +nacht zu Ende. Sonst werde ich angezeigt. +</p> + +<p> +Uebrigens scheint der Neue das Klopfen nicht zu verstehen. +Morgen muß ich versuchen, ihm das Klopfalphabet +zuzustellen. Durch wen? Ich überlege. Denke an verschiedene +Kriminelle, die Zutritt zum unteren Korridor haben. +Am einfachsten wäre es ja, den Brief durchs Fenster an +einem Strick hinabzulassen. Doch das ist gefährlich. Die +Posten haben Befehl, zu feuern, sobald sich jemand am +Fenster zeigt. Ich werde mit Butkewitsch sprechen. Der hat +als Putzer zu allen Zellen unseres Korridors Zutritt. Vielleicht +kann er mir helfen. Es eilt ja auch nicht. Morgen +<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> +wird sich schon ein Weg finden. Ich schließe die Augen und +versuche zu schlafen. Lange höre ich noch das Knarren des +Fensters, lange höre ich noch das Heulen des Windes ... +Dann aber allmählich legt sich bleierne Müdigkeit wie ein +Reifen um die Stirn, und ich schlafe ein ... +</p> + +<p> +Langsam dreht sich der Schlüssel im Türschloß. Einmal, +zweimal. Knarrend geht die Tür auf. Ekelhafter Geruch +von Dutzenden von Paraschas (Eimern) schlägt vom Korridor +in die Turmzelle. Ich öffne die Augen. Es dämmert +kaum. Gähnend steht der Wärter in der Tür, nestelt am +Gurt, steckt den Revolver zurecht. „Guten Morgen“, „Guten +Morgen“. Klappernd mit den Holzpantoffeln auf dem +steinernen Boden, klirrend mit den eisernen Ketten, läuft +Butkewitsch, der Korridorputzer, hin und her. „Guten +Morgen.“ – Er läuft ans Fenster, reißt es auf und +kühlend netzt die frische Morgenluft mir das Gesicht. Ich +wende den Kopf zum Fenster, atme in vollen Zügen die +Luft ein. Da gewahre ich im fahlen Morgenlicht auf dem +Fensterbrett etwas Weißes: einen kleinen Zettel. Schnell +sehe ich weg, damit der Wärter nicht der Richtung meines +Blickes folgt. Doch er hat nichts gemerkt. Noch immer macht +er sich gähnend am Revolver zu schaffen. Wieder klirren die +Ketten und klappern die Pantoffeln: Butkewitsch bringt die +leere Parascha. Schnell wechseln wir einen Blick des Einverständnisses. +Dann nimmt er die leergebrannte Lampe +vom Tisch, und die Tür fällt dröhnend ins Schloß. Zweimal +drehte sich der Schlüssel. Ich bin wieder allein. +</p> + +<p> +Einen Blick aufs Guckloch in der Tür: Nein, niemand. Ich +nehme den Zettel vom Fenster. Ich erkenne die Handschrift, +ein Genosse vom unteren Korridor schreibt mir: „Genosse! +Gestern nacht hat man einen Neuen gebracht. Du kennst ihn +nicht. Er sitzt unter Dir im Turm. Morgen wird er zur +Hinrichtung transportiert. In unserer Zelle sitzen seine +Freunde. Sie wollen ihm einen letzten Gruß senden. Jede +Verbindung mit seiner Zelle im unteren Korridor ist abgeschnitten. +Versuche den beiliegenden Zettel zu ihm zu +schaffen. Es sind letzte Abschiedsgrüße. Dank im voraus ...“ +</p> + +<p> +Den ganzen Vormittag gehe ich in meiner Zelle auf und +ab und überlege. Unten ist die Verbindung mit ihm abgeschnitten. +<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> +Es gibt nur ein einziges Mittel: Ich muß ihm +den Brief durchs Fenster zustellen ... +</p> + +<p> +Als ich um zwölf das Mittagessen in Empfang nehme, +raune ich Butkewitsch zu: „Das Telephon!“ Er nickt. Eine +halbe Stunde später bringt er heißes Wasser für den Tee. +Der Wärter bleibt in der Tür stehen. Butkewitsch macht sich +am Tisch zu schaffen. Der Wärter wird ärgerlich. „Na, wirds +bald?“ Da beginnen zwei Kriminelle in dem Korridor +Streit. Absichtlich, um den Wärter abzulenken. Laut +schallen die Schimpfworte. Der Wärter geht hinaus. „Wollt +ihr wohl Ruhe halten!“ Butkewitsch benutzt den Augenblick, +zieht unter seiner Jacke ein Bündel hervor, wirft es +schnell unter meine Pritsche und geht auch hinaus. Auf +dem Korridor ist es wieder ruhig, der Wärter kommt zurück, +läßt seine Blicke prüfend durch die Zelle schweifen und +geht dann auch hinaus. Die Tür fällt ins Schloß, wieder +knarrt zweimal der Schlüssel und wieder bin ich allein. Das +„Telephon“ liegt unter der Pritsche: ein langer Strick aus +Fetzen von Bettüchern zusammengesetzt. Der Zettel ist in +einer Spalte der Wand versteckt. Ich muß warten. Ein +dreifacher Ring umgibt das Gefängnis. Innen im Hof Gefängniswärter +und Feldjäger, draußen, vor der Mauer, +Schutzleute. Gerade vor meinem Fenster – ein Feldjäger. +Er muß es sehen, wenn ich das „Telephon“ hinablasse. Doch +ich habe Glück. Heute abend soll ein Feldjäger auf Wache +kommen, der mit uns heimlich sympathisiert. Der wird schon +ein Auge zudrücken. Und die Außenposten werden es nicht +so schnell merken. Ich habe alles für den Abend bereit. +Schreibe ein Klopfalphabet mit Erläuterungen, damit der +Genosse wenigstens die letzte Nacht mit mir sprechen kann. +Vielleicht hat er letzte Wünsche zu übermitteln, letzte +Grüße ... +</p> + +<p> +Es dämmert. Ich hocke auf dem Fensterbrett. Im Garten +des Gefängnisdirektors, draußen, vor unserer Mauer, räkeln +sich die Schutzleute. Innen im Hofe, vor dem Fenster, steht +der Feldjäger. Sieht er mich nicht? Will er mich nicht sehen? +</p> + +<p> +Ich stecke die Hand zwischen die Gitterstäbe und lasse langsam +das „Telephon“ hinab. Unten baumelt der Brief. Nach +meiner Berechnung muß er jetzt vor seinem Fenster sein. +<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> +Ich klopfe an die Wand, um den Genossen aufmerksam zu +machen. Keine Antwort. Das Telephon baumelt im Winde. +Vielleicht kann er es nicht greifen, weil es so hin und her +geht. Ich ziehe das Telephon wieder herauf, beschwere es +mit dem Metallbecher und lasse es hinab. Gerade gespannt +hängt jetzt der Strick. Jetzt muß der Brief vor seinem Fenster +sein. Ich klopfe mit dem Fuß auf den Boden, klopfe mit +dem schweren Holzschemel. Laut. Er muß es hören. Aber +unten bleibt alles still. Keine Hand greift nach dem Brief. +</p> + +<p> +Der Feldjäger wird unruhig. Er winkt mir und macht +mir ein Zeichen. Ich soll aufhören. Ich beachte es nicht. Die +Schutzleute an der Außenmauer haben es auch bemerkt. +Laut tönen ihre Stimmen. „Hundesohn! – mach, daß du +fortkommst vom Fenster!“ +</p> + +<p> +Jetzt gilt es. Länger kann ich nicht bleiben. Gesehen hat +man mich ja doch schon. Ich presse das Gesicht an die Gitterstäbe +und rufe: „Genosse! Genosse! Warum nehmen Sie den +Brief nicht?“ – „Hundesohn! Wirds bald? Wir schießen!“ +Und schon greifen sie nach den Gewehren. Ich lausche – +noch einen Augenblick, sonst ist es zu spät. Da dringt eine +Stimme von unten herauf, stammelnd und klagend, leise +und kraftlos, so leise, daß ich das Gehör anstrengen muß, um +zu hören: „Genos–se ... Ich kann ... den Brief ... nicht +... nehmen. Beim Verhör ... hat man ... mir ... beide +Arme ... gebrochen. Genosse ... leb wohl ...“ Leise und +klagend tönt die Stimme und bricht plötzlich ab. +</p> + +<p> +Ein wütendes Winken des Feldjägers; die Schutzleute vor +der Mauer haben schon angelegt. Mit einem Ruck reiße ich +das Telephon nach oben und lasse mich vom Fensterbrett +gleiten, verstecke alles schnell unter der Pritsche. +</p> + +<p> +Es ist höchste Zeit gewesen. Aufgescheucht vom Lärm, +macht der Wärter auf dem Korridor seine Runde. Und +jetzt schaut sein Auge durchs Guckloch. Aber ich liege schon +auf meiner Pritsche auf dem Rücken mit verschränkten +Armen und beruhigt geht er weiter ... +</p> + +<p> +Nachts als es ganz still ist und draußen vor der Tür +regelmäßiges Schnarchen ertönt, stehe ich auf und verbrenne +alles: das Klopfalphabet, die Erläuterungen und +die letzten Grüße. +</p> + +<p> +<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> +Rußig züngelt die Flamme zur Lampe heraus, ergreift +das Papier und leckt gierig daran. Ein Häufchen Asche fällt +auf den Tisch. Der Wind heult, fährt zwischen den Fensterritzen +hindurch, und die Aschestückchen flattern durch die +Zelle: Das Alphabet, die Erläuterungen und die letzten +Grüße. +</p> + +<p> +Unten aber sitzt der, dem sie galten. Am Vorabend seiner +Hinrichtung. Mit gebrochenen Armen. Und niemand, der +ihm ein letztes Abschiedswort sagen könnte. +</p> + +<p> +Der Wind heult. Unruhig flackert die Flamme. Phantastisch +tanzen die Schatten. Am Fußboden bewegen sich +zitternd Aschestückchen. +</p> + +<p> +Ich liege wieder auf der Pritsche. Hülle mich fester in den +Pelz. Fröstle trotzdem. Schließe krampfhaft die Augen, +beiße die Zähne zusammen. Im Ohr klingt immer noch leise +und klagend die stammelnde Stimme: +</p> + +<p> +„Ich kann den Brief nicht nehmen, Genosse! Leb wohl!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es ging gegen Morgen. +</p> + +<p> +Peter las noch immer den Brief. +</p> + +<p> +„Dieser Brief soll eine Antwort sein ... Sind denn auch +ihr bei einer Voruntersuchung beide Arme gebrochen +worden ...? Aber sie war doch nicht verhaftet ... oder +sollte das ganz anders gemeint sein, so vielleicht, daß ...“ +</p> + +<p> +„Ja, so ist es!“ Nun kannte er plötzlich die Bedeutung +der Antwort. +</p> + +<p> +„Zehn Jahre solch eines „Zusammenlebens“, das war ihre +Voruntersuchung, und jetzt ... Sie ist einfach ein körperlich +und geistig gebrochener Mensch, und kann nicht mehr.“ +</p> + +<p> +Peter rieb sich den Schlaf aus den Augen und machte sich +an seine Arbeit. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Und wieder strahlte die Sonne auf. +</p> + +<p> +Früher war es: die Stadt erwachte. Jetzt wacht sie Tag +und Nacht. +</p> + +<p> +Alle Gegenstände ringsum – Kleider, Möbel, Häuser, +Straßen, was es auch sei – sprechen laut und eindringlich +im Frühlicht ihre stumme Sprache: +</p> + +<p> +<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> +„Im Anfang war die Arbeit. Alle Waren, die heute +produziert werden, sind geronnenes Menschenleid ... Du +kleidest dich in Blut und Tränen. Was du ißt und trinkst: +heißt Menschenschweiß, ist Menschenbitternis ... Du schwebst +nicht in der Luft. Der Grund, auf dem deine Füße stehen, +was ist er anderes als eine Plattform gekrümmter Menschenrücken +...?! Unsichtbar eingegraben ist in alles, was dich +umgibt, die Rune der Not ...“ +</p> + +<p> +So, so ist es, und nicht anders. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-7-2"> +<span class="firstline">II</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Zur gleichen Zeit ging auch über den Schweizer Bergen +die Sonne auf. Groß, rot, schmetternd ... +</p> + +<p> +Ein Horn blies. Die Kurgäste, in Pelze und Mäntel gehüllt, +traten aus ihren Appartements und Prachtzimmern +auf die Veranden und die Balkone des Hotels „Rigikulm“ +hinaus, um den Sonnenaufgang zu bewundern. +</p> + +<p> +Der Kurhaussaal unten wurde eben aufgeräumt, noch +hingen Girlanden, Papierschlangen und bunte Lampione +herum von dem Fest, das vorige Nacht zu Ehren der Ankunft +der „Deutschen“ gegeben worden war. +</p> + +<p> +Es war ein wildes, ausgelassenes Fest, an nichts wurde +gespart, es glich einem Karneval, alle Teilnehmer hatten +sich phantastisch kostümiert. Es waren die letzten Deutschen, +die über die Grenze gekommen waren, bevor diese endgültig +abgesperrt wurde. +</p> + +<p> +Auch der Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung war unter +ihnen. +</p> + +<p> +Er fungierte in den letzten Jahren als Untersuchungsrichter +und war durch einige bedeutende politische Prozesse +allgemein bekannt geworden. Die Zuspitzung der inneren +Verhältnisse in Deutschland ließ es für ihn geraten erscheinen, +Deutschland zu verlassen. Seine vorgesetzte Behörde +selbst riet ihm dazu. Er sollte sich im Ausland bereithalten, +bis sich die weitere Entwicklung der Lage besser +übersehen ließ. +</p> + +<p> +<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> +Landgerichtsdirektor Dr. Friedjung, übernächtigt, den +Mantel über, darunter noch im Maskenkostüm, stand, abseits +von der übrigen Gesellschaft, am Rand der Felsen. +</p> + +<p> +Der berühmte Hofopernsänger Eugen Garu, eine etwas +fettlich geratene Siegfriedsgestalt, sang eben zur Begrüßung +der aufgegangenen Sonne eine italienische Arie. Als er +mit einer geschwollenen Stimme endete, die wie der Bizeps +eines Ringers klang oder wie Nackenspeck, klatschten die Zuhörer +begeistert Beifall. +</p> + +<p> +Es waren Politiker, hohe Beamte, Schauspieler, Tänzerinnen, +Filmstars, auch Literaten, Professoren und ähnliche +Kulturträger darunter. +</p> + +<p> +Im gesamten neutralen Ausland schossen jetzt solche Kolonien +deutscher Emigranten empor. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Landgerichtsdirektor klingelte in Gedanken. +</p> + +<p> +„Wo bleibt heute nur der Gerichtsdiener mit der Aktenmappe!?“ +</p> + +<p> +Dr. Friedjung war allein im Büro. Niemand war zur +Stelle. +</p> + +<p> +Die ganze Alpenwelt glühte jetzt ... +</p> + +<p> +Ein flammender Blutballon schwebte die Sonne am blaudunstigen +Gewölb herauf. +</p> + +<p> +„Auch die Zeitungen bleiben aus ...“ +</p> + +<p> +Und er sah auf die Uhr. Der Zeiger stand. Das Uhrwerk +war abgelaufen ... +</p> + +<p> +„Sehr verehrter Herr Dr. Reuchlin! Ich habe die verzweifelte +Ehre, Ihnen, leider Gottes, mitteilen zu müssen, +auch meinerseits Vater eines Sohnes zu sein, der ...“, setzte +der Landgerichtsdirektor in Gedanken auf und knüllte dabei +hastig nervös in der Hosentasche seiner Maskenuniform +an einem Brief herum, in dem ihm ein Kollege über die +neueste Entwicklung Peters schrieb ... +</p> + +<p> +„Verdammt!“ +</p> + +<p> +Und sein ganzes Leben schrumpfte ihm plötzlich in einen +Akt zusammen, Akt Heinrich Friedjung, er blätterte darin, +dann schlug er die erste Seite auf und siehe da, darauf stand: +<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> +Versalien, Fraktur, wie früher „Im Namen des Volkes“: +„Verlustliste.“ +</p> + +<p> +Namen standen der Reihe nach herunter, hinter jedem ein +Kreuz. +</p> + +<p> +Andere Namen, dahinter: +</p> + +<table class="tab211"> +<tbody> + <tr> + <td class="col1">8</td> + <td class="col2">Jahre Zuchthaus,</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">17</td> + <td class="col2">Jahre Zuchthaus,</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">25</td> + <td class="col2">Jahre Zuchthaus,</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"> </td> + <td class="col2">lebenslänglich ...</td> + </tr> +</tbody> +</table> +<p> +Er zählte zusammen: +</p> + +<table class="tab211"> +<tbody> + <tr> + <td class="col1">15</td> + <td class="col2">Kreuze,</td> + </tr> + <tr> + <td class="col1">987</td> + <td class="col2">Jahre ...</td> + </tr> +</tbody> +</table> +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Wieder sang der Hofopernsänger. +</p> + +<p> +Alle Kurgäste sangen im Chor: +</p> + +<p> +„Deutschland über alles ...“ +</p> + +<p> +Auch zu Dr. Friedjung drang der Gesang: +</p> + +<p> +„Damit steh und falle ich ... Herrlich weit haben wirs +gebracht ... Dahin also ist es jetzt gekommen ...“ +</p> + +<p> +Es wurde schon warm, die Sonne brannte und die +Schminke lief ihm dick vom Gesicht. +</p> + +<p> +„Das Untersuchungsverfahren gegen Friedjung Heinrich +ist abgeschlossen“, hörte er jetzt sich selbst sprechen. „Die +Hauptverhandlung ist bereits eröffnet. Die Zeugenvernehmung +ist beendet. Das Plädoyer des Staatsanwalts beginnt: +</p> + +<p> +„und so stelle ich hiermit den Antrag auf Zuerkennung +einer Strafe in der Höhe des gesetzlich zulässigen Mindeststrafmaßes +und beantrage demnach ...“ +</p> + +<p> +Mit den Händen schob sich der Angeklagte Dr. Friedjung +in ein Gebüsch hinein, setzte sich auf einen Stein und lächelte. +</p> + +<p> +„Der Angeklagte hat das Schlußwort.“ +</p> + +<p> +„Meine Herren Richter!“ Der Angeklagte stand vom +Stein auf. „Eigelb ist nun die Sonne. Die Sonne: ein +Dotter. Und wenn man von dieser Tatsache ausgehend den +Weltraum sich als etwas Atmosphärisch-Gläsernes vorstellt, +dann ... Ei im Glas ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> +Weiter kam er in seiner Betrachtung nicht. +</p> + +<p> +„Jetzt beginnt er zu simulieren“, bemerkte irgendwer im +Zuhörerraum spöttisch. +</p> + +<p> +Die Richter erschienen wieder nach einer Sekundenpause. +</p> + +<p> +Alles erhob sich. +</p> + +<p> +„Das Gericht hat dem Antrag des Anklagevertreters +stattgegeben und auf das gesetzlich zulässige Mindeststrafmaß +erkannt, auf ...“ +</p> + +<p> +„Der Strafvollzug tritt sofort in Kraft.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Aus der Tasche, in der er an dem Brief herumgeknüllt +hatte, zog der Landgerichtsdirektor die Pistole hervor. +</p> + +<p> +„Schwarzblau ... Prima Stahlware ... Wie ein kleiner +Monteur siehst du ja aus ... Bist mein Söhnchen vielleicht +gar selbst, heißt am Ende noch Peter, und bist wohl nun +schon auch inzwischen zum klassenbewußten Proleten geworden!? +... Wie dem aber auch sein mag ... Dein alter +Vater ist dir nicht lange mehr gram darüber ... Mußte ja +so kommen ... Kann auch gar nicht anders sein ...“ +</p> + +<p> +Nun traten plötzlich alle die von ihm Voruntersuchten auf +ihn zu, alle sie, die er nur in der einzigen Absicht voruntersucht +hatte, um sie dem Henker zu überantworten: Gehängte, +Gefallbeilte, die in der Untersuchungshaft meuchlings Ermordeten, +Kopfschüssler: +</p> + +<p> +„Im Namen des Volkes! Bitte ...“ +</p> + +<p> +„... über a–alles in der Welt!“ schloß vielstimmig, hoch +tremolierend die Schar der Kurgäste. +</p> + +<p> +Kreischend lachte der Landgerichtsdirektor auf. +</p> + +<p> +Durch alle Räume hindurch, wie aus einem Megaphon +durch die ganze Welt schrie dieses Gelächter. +</p> + +<p> +Dann drückte er ab. +</p> + +<p> +Es tat wie ein die ganze Herzgegend tief durchdringender +leichter Schlag mit der flachen Hand. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-7-3"> +<span class="firstline">III</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Ein schluchtenartiges, von steilen Gefällen überschüttetes +Gelände war diese Zeit. +</p> + +<p> +<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> +Die Partei arbeitete sich hoch hinauf durch diese Zeit wie +ein Traktor: die schwer keuchende Masse des Proletariats +hinter ihm dumpf, wie eine aus Fleisch, Eisen und Ruß geknetete +Wolke. +</p> + +<p> +Mit Blut, Tränen und Schweiß unlösbar ineinander verkittet, +bewegte sich der Menschenmillionenknäuel der Ausgebeuteten +daher. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Partei war zu einer Kampfmaschine geworden. +</p> + +<p> +Absolute Starrheit, Festigkeit, Sicherheit in allem Prinzipiellen, +größte Biegsamkeit, Elastizität, Beweglichkeit, +Manövrierfähigkeit in allem übrigen ... +</p> + +<p> +Jeder hatte seine Funktion. Der Hydra der Korruption +wurde rücksichtslos Kopf um Kopf abgeschlagen ... +</p> + +<p> +Ein unermeßliches Kampffeld war zu übersehen. +</p> + +<p> +Die Fühler und Tastorgane der Partei reichten bis in +den kleinsten Winkel hinein. Kein Verein, keine Vereinigung +gab es ohne rote Zelle. Die Betriebszellen wuchsen, +fraßen wie reißend Feuer um sich, die Proletariermassen +wurden wieder glühend ... Die Fabriken wurden die +Kasernen der Arbeiter, wurden zu roten Kampfarsenalen, +zu roten Bollwerken ... +</p> + +<p> +Die Sektionen der Komintern, eisern in sich gefügte, +disziplinierte Organismen, krümmten und schlugen sich, +stießen vor, wichen aus, nahmen hier den Kampf mit dem +Gegner auf, bissen und rissen sich durch, zogen dort sich zurück; +an einer anderen Stelle wieder ließen sie es nur beim +Geplänkel. +</p> + +<p> +Millionenäugig war dieser Kampfkörper. Das Gehirn, +ein einziger Erfahrungs- und Willensapparat, über Millionen +Muskeln, Arme, Herzen, Nervenbündel gebietend. +Jede Schraube an diesem lebendigen Mechanismus war fest +angezogen, jeder Teil bis auf den letzten Grad seiner +Leistungsfähigkeit ausgenützt und gespannt ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Partei hatte aus ihren Fehlern und Niederlagen gelernt, +im Kreuzfeuer der Verfolgungen und der Illegalität +<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> +ward sie nur widerstandsfähiger und härter geschmiedet, +jeder Prolet hatte seinen beträchtlichen Anteil an den +tausendfachen Verbesserungen, die unter den erschwertesten +Umständen in den letzten Jahren durchgeführt werden +mußten. Voll Stolz, Zuversicht und mit unerschütterlichem +Vertrauen sah er auf seine Partei, auf seine Kampfführung: +ein gewaltiges, aus Proletarierherzblut gewachsenes Instrument, +das exakt funktionierende Hebelwerkzeug der +sozialen Revolution. +</p> + +<p> +Das Proletariat war wieder auf sich selbst gestellt. +</p> + +<p> +Das Proletariat glaubte wieder an sich selbst. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-7-4"> +<span class="firstline">IV</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Der Student Peter Friedjung und der Arbeiter Max +Herse waren beinahe zu gleicher Zeit in die Partei eingetreten. +</p> + +<p> +Lene arbeitete sogar seit einem halben Jahr schon in einer +Parteistellung. +</p> + +<p> +Peter verrichtete ganz selbstverständlich die Parteikleinarbeit +wie jeder andere. So hatte er auch binnen kurzem +das Mißtrauen, das die Proleten zuerst ihm als einem +Intellektuellen gegenüber hatten, überwunden. Man hatte +ihn herzlich gern, er sprach immer nur ganz kurz in der Diskussion, +aber alles, was er sagte, hatte Hand und Fuß und +war nicht aus dem Abstrakten her oder aus dem Lichtblauen +gesogen. +</p> + +<p> +Zu berechtigt war dieses Mißtrauen gegenüber den Intellektuellen, +sah Peter immer mehr ein, die Intellektuellen +sind zu schwach, zu beeinflußbar, treten häufig nur in die +Partei ein, um dort unter einem anderen Vorzeichen die +große Rolle zu spielen, und wenn man auf ihren verfluchten, +meistens noch dazu eingebildeten Individualismus und ihre +läppischen Eitelkeiten keine Rücksicht nimmt, dann ist es +kaum mit ihnen auszuhalten. Immer heißt es da ihrem +seelischen Differenzierungsquark Reverenz erweisen, die +Empfindlichkeit ihrer feinen Seelenplatte ist aufs höchste +übersteigert, und bestimmt ist mindestens jeder dritte in +<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> +diesem Augenblick eine gekränkte Leberwurst. Aber für das +alles ist kein Raum in einer bolschewistischen Partei. Man +muß ihnen den Schädel ordentlich einboxen ... +</p> + +<p> +Unzuverlässig. Unpünktlich ... +</p> + +<p> +Mit solchen Menschen läßt sich eben rein schon gar nichts +anfangen ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Da begann wieder einmal einer jener Menschenart mit +Peter anzubinden, einer der an der Peripherie der Partei +Herumwimmelnden, für gewöhnlich „Sympathisierender“ +genannt, einer, der in alles hineinschmeckte, von außen her +sich alles zu beurteilen anmaßte, und zu dessen einträglichem +Berufe es gehörte, alles, was es auch sein mag, an der +Partei zu bemäkeln. Ein Groß-Nörgler, ein sympathisierender +Gernegroß, einer, der die gesamte kommunistische Bewegung +am liebsten zur Deckung seines Größenwahnbedarfs +für alle Ewigkeit gepachtet hätte ... Ebenso, wie er für sich +selbst einen fanatischen Persönlichkeitskult beanspruchte, +ebenso hinterhältig griff er mit Verleumdungen in der oder +in jener Person die Gesamtpartei an, ging immer mit +alarmierenden Gerüchten krebsen, trug jeder einmal aufkommenden +Panikstimmung gewissenhaft Rechnung und erwies +sich so in weitesten Intellektuellenkreisen als ein zugkräftiger +Miesmacher. Er selbst rührte natürlich, mit den +verwegensten Projekten zwar immerdar schwanger, in der +praktischen Arbeit keinen Finger. +</p> + +<p> +„Und was sagst du nun, Peter, zu der Genossin Kramer! +... Diese aufgeplusterte Kröte! Aber Geld hat sie immer, +niemand weiß woher, und eine Villa hat sie sich auch gebaut +und sie trieft nur so von französischem Puder und +Schminke ... Sie lebt offenbar mit drei Genossen zugleich +zusammen ... Da gibt es Sowjetsterne bei ihr aus Schlagsahne, +hörst du, auf Kuchen, zum Geburtstag ... Aber wenn +sie nur den Mund auftut: das raspelt herunter wie aus einer +Blechtrommel ... Das ist ein richtiges antibolschewistisches +Greuel ... Wenn ich die schon sehe, da vergeht mir schon +wieder die ganze Lust an der Bewegung ... Schau dir nur +diese Feldwebelin an, wie aufdringlich die herumquatscht, +Phrasen, nichts als Phrasen ... Man müßte ihr einmal +<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> +ordentlich den Hintern ... Aber daß so etwas auch die +Partei duldet ... +</p> + +<p> +„Na, überhaupt die Partei! Sieh dir, Peter, einmal die +Führer an! Hochwürden! Marx-Pfaffen! Euer organisatorischer +Leiter, dieser verknöcherte Bonze, bezieht er nicht +zusammen mit seiner Frau ein doppeltes Gehalt? ... Ja, +euere Führer verstehen sich zwar fürtrefflich aufs Kuhhandeln, +aber nicht aufs Kämpfen. Haben sie <em>die</em> Situation +vielleicht ausgenützt!? Und die, und die ... Und da +soll wieder das und dort wieder jenes vorgekommen sein. +Hast du nicht gehört, daß ... Und übrigens neulich habe ich +den Genossen Bittermann getroffen, sieht sehr schlecht aus, +der mir erzählt hat, daß ... und auch im Bezirk soll es oberfaul +stehn ... und R. und A. sollen aus der Partei bereits +wieder ausgeschlossen sein, und von G. sagt man, daß er ein +Spitzel sei, und L. soll zur SPD übergetreten sein ... Auch +hab ich gehört, daß die Arbeiterkorrespondenzen von Intellektuellen +geschrieben seien, stimmt daran nicht was, und +schau nur die Berichterstattung unserer Presse an ... Im +übrigen bitt ich dich, Peter, mach keinen Gebrauch von dem, +was ich dir soeben vertraulich mitgeteilt habe. Ich möchte +nicht haben, daß ...“ +</p> + +<p> +Am liebsten hätte Peter gleich dem Stänker den Rücken +gekehrt. Aber er hatte Geduld gelernt und blieb ruhig. +Sagte jetzt nur ganz sachlich: +</p> + +<p> +„Nun aber stopp, Stänker! Mach Schluß! Mich interessiert +nicht, wessen Nase dir nicht gefällt!“ +</p> + +<p> +Der Stänker platzte jetzt beinahe vor Erbitterung. Spie +Gift und Galle. Nichts war ihm radikal genug, aber auf einmal +schlug er wieder ins Gegenteil um, stülpte sich um, völlig +haltlos warf es ihn von einem Extrem ins andere ... Vom +Abkillen und mißverstandenen Reformvorschlägen sprach er +im selben Augenblick. +</p> + +<p> +„Eine heilige Sache fürwahr, für die sichs zu sterben +lohnte, war vormals der Kommunismus! Was habt ihr aus +dem schönen Kommunismus gemacht? Einen der Idee +feindlichen Kloakenhaufen ...“ +</p> + +<p> +So schloß der Stänker seinen Wutausbruch. +</p> + +<p> +<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> +„Daß du jetzt nur keinen Anfall bekommst, Stänker! Dir +scheint ja eine Riesenlaus über die Leber gelaufen zu sein ... +Aber, du entschuldigst schon, das, was du hier verzapfst, ist +Quatsch mit Sauerkohl. Mir ist schon ganz speiübel ...“ +</p> + +<p> +Und ein schöner Misthaufen ist das, dachte sich Peter, was +da alles ins Zeug schießt: Utopien, Ueberradikalismus, Versöhnlertum, +Menschenliebe, dummdreiste Gehässigkeit: alles +hübsch einträchtiglich chaotisch sprießt da beieinander. +</p> + +<p> +„Ist das wirklich, Stänker, deiner Weisheit letzter Schluß? +Du tust mir ordentlich leid ...“ +</p> + +<p> +„Und was ist das mit der Kaltstellung Trotzkis? ...“, +kläffte der Stänker noch ... +</p> + +<p> +Während Peter versuchte, trotzdem dem Stänker noch +einmal klarzulegen, was eigentlich eine Partei sei und wie +er sie von seinem individuellen Standpunkt aus vollkommen +schief sehe, ja sie auch, da er ihr inneres Leben und +ihre innere Gesetzmäßigkeit nicht kenne, völlig daneben beurteilen +und sie aus seinem ganzen blödsinnigen Egozentrismus +heraus kindisch verzerren müsse. +</p> + +<p> +„Wenn sich einer wie du immer um sich selbst dreht, +glaubst du, der bekommt eine richtige Uebersicht ...? Die +Umgebung erscheint dann natürlich unter einer individuell +willkürlich verzogenen Perspektive.“ +</p> + +<p> +Und weiter erläuterte Peter, daß die Partei mit +einer gewaltigen Filtriermaschine vergleichbar sei, in der +jeder einzelne, ohne Rücksicht auf seine Funktion, ordentlich +durchtrainiert und durchgeknetet werde und sicher in kürzester +Frist bald auf einen Platz zu stehen komme, wo er letzten +Endes seiner Begabung und Veranlagung nach hingehöre. +</p> + +<p> +„Sicher, es gibt Reibungen, muß solche geben, es geht nicht +immer alles so glatt ab, aber wozu diese Verweichlichung, +lernen wir nur ein wenig den Ellenbogen gebrauchen, man +muß es dem anderen deswegen nicht gleich so krummnehmen. +Die Korruption wird nie ganz auszuschalten sein, +trotzdem, natürlich, sie muß aufs Aeußerste reduziert +und darum auf das Heftigste, überall dort, wo sie auftritt, +bekämpft werden: aber, die revolutionäre Bewegung, aus +dem Schoß der kapitalistischen Gesellschaft geboren, trägt +<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> +deutlich die Zeichen ihres Ursprungs an sich ... Das nicht +begreifen heißt, von Dialektik auch nicht das geringste verstanden +zu haben ... Und nun, mein lieber Gottlieb Jeremias +Stänker, treib es mit deinen Anschuldigungen nicht +allzu toll, kühle dich ein wenig ab, verordne dir selbst eine +kalte Abreibung, ich kann dir zum Schluß nur sagen: die +Partei leistet heute wirklich, magst du es anpacken, wo du +willst, positive Arbeit und daß es keine bessere Zentrale gibt +als die, die wir heute haben, das ist gewisser als gewiß ... +Es gibt aber immer zweierlei Kritik ... Na, Freundchen +Stänker, du verstehst, was ich meine ... +</p> + +<p> +„Und nun, mein Lieber, will ich dir noch sagen, was ich +für eine Auffassung von einem Kommunisten, der diesen +Namen zu recht trägt, habe. Schreib dirs, wenn dus +kapiert hast, hinter die Ohren. Jeder Kommunist muß +wissen, daß er, wo auch immer: im Betriebe, in der Gewerkschaft, +in der Genossenschaft, nur dann voll seine Pflicht +tun kann, wenn er in jeder Beziehung den Arbeitern ein +Vorbild ist: der aufgeklärteste, gebildetste, geschickteste Arbeiter +in der Betriebsversammlung, der energischste, +mutigste, klassenbewußteste dem Unternehmer, Direktor, +Antreiber gegenüber; der eifrigste, aufopferndste Gewerkschafts- +und Genossenschaftsarbeiter, der sachlichste, positivste, +kampfbereiteste als Betriebs-, Gewerkschafts-, Genossenschaftsfunktionär, +kurz, überall dort, wo er Arbeiter +vertritt. Jeder Kommunist muß sich der Verantwortung für +jede Aeußerung bewußt sein. Sachlichkeit, Positivität, +kritische Schärfe, Unerschrockenheit, glühender Haß und +kalter Verstand allen Bonzen gegenüber, Geduld, große Geduld +allen andersdenkenden Arbeitern gegenüber, organisatorische +Fähigkeiten, Werben unter den Unorganisierten für +die Gewerkschaften zur Verstärkung des kommunistischen Einflusses, +Fähigkeit mit der Feder einfach, präzis, wirklichkeitsgetreu +umzugehen, Abstreifen jedes zünftlerischen, spießbürgerlichen, +individualistisch verseuchten Geistes, jeder Art +von luxuriöser Gehirnfatzkerei – das muß die Partei von +jedem ihrer Mitglieder verlangen, und nur der, der diesen +Anforderungen voll gewachsen ist, verdient den Ehrentitel +eines Kommunisten.“ +</p> + +<p> +<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> +Und Peter verabschiedete sich mit einem kurzen Ruck vom +Stänker. +</p> + +<p> +Der rief ihm noch nach: +</p> + +<p> +„Bei Philippi sehen wir uns wieder! Denk an mich! Mit +der Parole „Diktatur des Proletariats!“ gewinnt ihr keinen +Blumentopf ...“ +</p> + +<p> +Und hopste verbissen von dannen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Peter widerte es an. +</p> + +<p> +„Wozu nun diese lange Auseinandersetzung? Ein hoffnungsloser +Fall. So einer wird aus seinen Komplizierungen +und seelischen Verkrümmungen heraus eines Tages noch +zum Spitzel ... Das Besondere, das Originale, das Interessante, +das ist bei diesen sensationslüsternen, pseudodämonischen +Individual-Säuen die Hauptsache! Nervenkitzel und +Seelenschleim, mit einem tüchtigen Schuß „Gottes-Rummel“ +gemischt: diese Welt liegt hinter uns ... +</p> + +<p> +„Komische Käuze! +</p> + +<p> +„Der eine lebt nach dem Motto: „Ich trinke nicht, ich +rauche nicht, ich lebe vegetarisch: mein Kopf ward schon zum +Kohlkopf ...“ Ein anderer hat schon den Zustand des reinen +Wurzelkauertums erreicht und ein dritter endlich, ein +biederer Schmock von Stinnes Gnaden, wittert rote Morgenluft, +stellt sich um und fristet sein Dasein als feiste Revolutionswanze +... Lebendige Leichname sind am schwersten totzukriegen.“ +– +</p> + +<p> +Auch der Inhaber eines kleinen Kramladens, Eugen +Brennessel, der „Heringsbändiger“ genannt, erkundigt sich +neulich eingehend bei Peter, meinte aber am Schluß ganz +treuherzig: „Nur glaub ich nicht, daß Sie auf diese Weise es +zu etwas bringen werden ...“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-7-5"> +<span class="firstline">V</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Max und Lene saßen beieinander. +</p> + +<p> +„Und morgen ist der 1. Mai ... Ach, Max, wenn ich an +die Maifeiern bei der SPD denke, mir wird bei der Erinnerung +noch ganz übel ... Die vielstimmigen schmalzigen +<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> +Männerchöre und die Reigentänze ... Dieses ganze „Jupeidi +Jupeida“. Einmal haben wir sogar aufgeführt: „Sah ein +Knab ein Röslein stehn ...“ Und dann die Umzüge: im +Gehrock, die Angströhre aufgestülpt, den Zylinder, mit roter +Schärpe um und die Blechmusik an der Spitze: Tschindarassa +... Es war wirklich ein schöner gemütlich-biederer +sozialdemokratischer Bußbrüder- und Betschwesternverein ... +Ich bin froh, daß es jetzt gründlich aus ist mit diesen Spießbürgerparaden +... Weißt du was, morgen wird es großartig +werden. Der Aufmarsch! Der große Sprechchor! Die +roten Frontkämpfer! ... Aber es ist jetzt auch eine Zeit! +In der ganzen Welt wird morgen das Proletariat aufstehen, +wir sind wieder gewaltig mächtig und selbstbewußt geworden +... Es ist freilich eine Lust zu leben! ...“ +</p> + +<p> +„Ja, Lene, auch ich, wenn ich zurückdenke ... Damals, bei +den Sozialdemokraten ... Eine abscheuliche Erinnerung! ... +Wir haben uns einfach verlaufen. Jetzt erst weiß ich richtig, +wozu ich in der Welt eigentlich da bin ...“ +</p> + +<p> +„Ach, Max, ich bin ja auch so sehr glücklich ...“ +</p> + +<p> +Nun kam auch schon der Genosse Lange. +</p> + +<p> +„Na, ihr beiden! ... Und du, Max, du Dr. Unblutig des +Klassenkampfs! ...“ +</p> + +<p> +„Gut gehts, Wilhelm ... Wir haben gerade von früher +gesprochen ... Was den Dr. Unblutig anbelangt: laß mich +aus damit, mit dem, was gewesen ist, bin ich fertig ... +Strich darunter: und ich glaub, ich hab in den letzten +Monaten meine Parteivergangenheit nachgeholt ...“ +</p> + +<p> +„Also: nichts für ungut, Max. Ich widme dir hiermit +– wie es so schön in dem Bericht über eine SPD.-Bonzenzusammenkunft +heißt – einen Anerkennungsschluck! +Prost! ... Ja, Max, an den Heimweg von damals hab ich +noch oft gedacht! ... Halsstarrig wart ihr, dickschädelig ... +mich hats oft recht gewurmt und dabei in der Hand gejuckt. +Hätt aber damals auch nicht viel geholfen ... Na, und +was sagst du zu den Nachrichten über China, über die +amerikanischen Manöver, zu dem intensiven Wettrüsten!? ... +Und hast du den Artikel über den Gaskrieg von den amerikanischen +Genossen gelesen?! ... Ich glaub halt immer, wir +<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> +müssen schleunigst unsere Arbeit verdoppeln ... Ganz gewaltig +scharf auf der Hut sein! ...“ +</p> + +<p> +„Was ich dazu meine!? ... Wenn man bedenkt, wie wir +1914 ausgezogen sind: mit blanken Knöpfen an den Uniformen, +mit der Pickelhaube auf, meist noch ohne Ueberzug, +und wenn man sich jetzt klarmacht, wie rapid schnell die +ganze Kriegstechnik während des Krieges selbst sich entwickelt +hat, und daß man sich allem Anschein nach auch nach +Kriegsschluß nicht auf die faule Bärenhaut gelegt hat, sondern +weitergearbeitet und weiterexperimentiert hat, so muß +man meines Erachtens schon ein ganz phantasieloses und +borniert verblendetes Rindvieh sein, um nicht einzusehen, +daß ein kommender Krieg eine ganz höllische Sache sein +wird, mit der verglichen der vorhergegangene Krieg sich +noch wie eine harmlose Holzerei ausnehmen wird ... Und +daß wir Proleten dabei eine wesentlich andere Rolle spielen +werden, die Regie hat uns gleichsam die Statistenrolle übertragen, +nur haben diesmal eben die Statisten ganz und gar +allein den Hauptdreck auszufressen ...“ +</p> + +<p> +„Das weißt du ja auch schon, daß morgen die vaterländischen +Verbände aufmarschieren wollen. Da wirds wieder +ein „Gloria! Gloria! Victoria!“ gröhlen, wenn wir Proleten +ihnen nicht ordentlich diesmal das Maul verstopfen ... +Auch die Polizei liegt in erhöhter Alarmbereitschaft. +Truppen sind um Berlin konzentriert. Man wird uns provozieren +wollen ... Also: Vorsicht! ... Es sind auch von +der Zentrale dahingehend entsprechende Vorkehrungen getroffen +worden ... Na, wir sprechen uns ja morgen früh +im Lokal noch ... Gute Nacht beieinander! ...“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-7-6"> +<span class="firstline">VI</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Max überlegte sich noch einmal den Artikel über den kommenden +Krieg. Keine Uebertreibungen, sagte er immer +wieder zu sich selbst. „Natürlich, es ist wahrscheinlich: zuerst +geht es schon noch mit Tanks und mit Brisanz und mit +Dreadnoughts los. Die Bombenflugzeuggeschwader mit +Gasmunition: das ist sozusagen der Clou. Der neue Krieg +wird kein hundertprozentig reiner chemischer Krieg sein, auch +<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> +hier gibt es Uebergänge, Variationen, Kombinationen wie +überall, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist tief miteinander +verfilzt, das ist knorpelig ineinander verwachsen +und löst sich nicht so abrupt von einander los ... Ganze +Industriegebiete werden zwar gegen die Sicht der Flieger +eingenebelt werden. Aber andererseits gibt es auch bereits +Apparate, mit denen man von über 3000 Meter hoch genaueste +Standortfeststellungen machen kann. Die Einnebelung +wird also wenig Zweck haben. Nur als Vertröstung, +als Beruhigungsmittel im ersten Augenblick ... Und die, +die das Geld dazu haben, werden natürlich die Gefahrenzone +schleunigst verlassen und sich auf dem Land in Sicherheit +bringen ... Ja, wenn es in der Macht der einzelnen imperialistischen +Gruppen läge, ich glaube ihren flennenden Versicherungen +gern, der Krieg ist heute bei dem hohen Stand +des Klassenbewußtseins des Proletariats ein großes Risiko +und sie möchten natürlich am liebsten den Krieg vermeiden +... Aber das System, dessen Gesetzmäßigkeit sie +treibt und zum Handeln zwingt, ist stärker als ihr +Wille ... Sie müssen, ob sie wollen oder nicht ... Und +für die Arbeiterschaft heißt es diesmal endgültig: verrecken +oder kämpfen. Etwas anderes gibt es gar nicht ... Ich +glaube aber auch nicht mehr, daß einer der unseren noch auf +die pazifistischen Schwindeleien hereinfällt ... An diesem +Schmus hat sich heute die Mehrzahl der Menschheit bereits +ordentlich überfressen ... Ein deutlich hörbares Bauchgrimmen +geht durchs Land ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es war am Vorabend des ersten Mai. +</p> + +<p> +Wie ein gewaltiger atmosphärischer Druck so drückte es auf +die Stadt herein. +</p> + +<p> +Alles war noch „verdeckt“, da und dort an den Straßenecken +sah man Gruppen von Menschen, die debattierten, die +einen oder anderen begrüßten sich mit „Rot Front!“ oder +mit „Heil!“, die Läden waren überfüllt, vor Lebensmittelgeschäften +stand man Polonaise, in langen Windungen kroch +vor den Brotgeschäften die Schlange der Hausfrauen. „Wie +einst im Mai ... In unserer herrlich großen Weltkriegszeit +nämlich ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> +Eine Abteilung Motorradfahrer der Schutzpolizei durchknatterte +jetzt die Straße, ein Tank manövrierte quer über +einen Platz ... +</p> + +<p> +Die ganze Stadt rüstete ... +</p> + +<p> +Sie war wie ein unsichtbares Kriegslager ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Au Backe!“ entfuhr es Max beim Anblick eines Kampfwagens. +Der trug in weißen ungelenken Buchstaben den +Namen „Totila“, vorne an der Motor-Haube einen Totenkopf. +„Eine geballte Ladung Handgranaten darunter, und +wie ein Kartengehäuse klappt diese ganze Stahlschachtel auseinander. +Auch abblocken oder, was schon vorgekommen sein +soll, ein wohlgezielter Schuß eines Scharfschützen durch den +Sehschlitz: auch damit wird der Bursche zu erledigen sein. +Aber trotzdem: so ein Kerl schlaucht einem gewaltig ... +Das psychische Moment dabei ist das Wichtigste ...“ +</p> + +<p> +Die Nachricht kam: +</p> + +<p> +Eine Erwerbslosendemonstration ist in der Linienstraße +von der berittenen Hundertschaft zur besonderen Verwendung +<a id="corr-40"></a>zusammengehauen worden. Tote. Viele Verletzte ... +Auch Plünderung von Lebensmittelgeschäften im Norden der +Stadt. Offenbar: Provokateure an der Arbeit. Ein Aufruf +der Regierung kam heraus mit Amnestieversprechen, +Ankündigung ausreichender Lebensmittelzufuhr im Lauf +der nächsten Tage, mit einem ausführlichen Dementi aller +Kriegs- und Krisengerüchte. „Einigkeit macht stark. Unsere +Stärke beruht in unserer Einigkeit.“ Solche und ähnlich +bereits historisch sattsam bekannte Flausen, von denen kaum +noch jemand Notiz nahm, wenn nicht mit einem bissigen +Witz, ließ der damalige Reichspräsident tagaus tagein +wieder durch die Presse austrompeten ... +</p> + +<p> +Die ganze Wirtschaftslast lag auf den Knochen der Arbeiter. +Mit den Knochen der Arbeiter wurde gezahlt, die +Knochen der Arbeiter selbst wurden zu einem Spottpreis an +ausländische Finanzcliquen verschachert, an allen Ecken und +Enden händerangen und feilschten kreischend die Finanzmagnaten: +„Knochen her! Wir brauchen Knochen! Knochen!“ +</p> + +<p> +Alle Klassenkräfte befanden sich damals in einer ununterbrochenen +Bewegung, ein steter Fluß, jeder Tag brachte eine +<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> +neue Situation, ganze Gesellschaftsschichten tauchten plötzlich +unter in einem jener gespenstischen Krisenwirbel, wie sie +damals an der Tagesordnung waren; das alles wechselte +und veränderte sich im Laufe einer Stunde. +</p> + +<p> +„Nichts steht fest. Nicht einmal das.“ +</p> + +<p> +Aus dieser Stimmung heraus kam es oft genug zu Selbstmord +und Wahnsinn. +</p> + +<p> +Lohnkämpfe. Teilstreiks. Ueberall Ansätze zu einer +Massenaktion. Ueberall Ausbrüche der Volkswut. Eine +elementare Verzweiflungswelle fegte über ganze Landesteile. +</p> + +<p> +Die Frontlinien des bevorstehenden Kampfes zeichneten +sich immer deutlicher ab. Es drängte an vielen Orten bereits +stürmisch zur Entscheidung. Die einzelnen Führungen hielten +noch zurück ... +</p> + +<p> +Die meisten Menschen blieben in dieser Nacht zusammen. +</p> + +<p> +Viele gingen, trotzdem die Regierung teils pathetisch-beschwörend, +teils energisch drohend dazu aufforderte, nicht +von der Straße – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-7-7"> +<span class="firstline">VII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Draußen vor der Stadt war ein warmer Frühlingstag. +</p> + +<p> +Der Wind fegt übers Land. +</p> + +<p> +Das Gras fließt ... +</p> + +<p> +Kolonnen von Landarbeitern marschieren stadtwärts. +</p> + +<p> +Auf allen Wegen Landarbeiterkolonnen, sie tragen rote +Fahnen, singen: „Wacht auf ...“ +</p> + +<p> +Ein alter Bauer sitzt, an der Pfeife nagend, vor seiner +halb verfallenen Hütte: +</p> + +<p> +„Bravo, Jungens, machts gut! ... Dann baut ein neues +Dorf auf, das alte ist ja so zu nichts mehr zu gebrauchen ... +Bevor dieses Jahr das Korn in die Scheuer fährt, wird die +Erde noch viel Menschenblut in sich hineinstürzen. Meine +Hand ist trocken. Der Boden hitzig. Das bedeutet Menschenblut +... O, das sind Zeiten ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> +„Recht so, Alter!“ schreien ein paar junge Burschen zu +ihm herüber: „Nur den Mut nicht verlieren! Wir schaffens +schon ...“ +</p> + +<p> +Der ferne Dunstschleier zerreißt. Näher rückt heran die +Stadt. Wie ein noch schlafendes Steinungeheuer liegt sie +da, die Vororte inmitten breiter Flächen Grün wie Tatzen. +</p> + +<p> +Kein Fabrikschlot raucht. +</p> + +<p> +Keine Kirchenglocke läutet ... +</p> + +<p> +Eine Pappelallee zieht sich am Horizont hin, wie eine +Reihe schwarzschwälender Flammen ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Ganze Stadtteile sind seit dem frühesten Morgen von +Polizei und Militär abgesperrt. +</p> + +<p> +Die sämtlichen Zufahrtsstraßen zur Stadt sind durch +Panzerwagen und Maschinengewehrabteilungen gesichert. +</p> + +<p> +Erkundungsflieger kreisen hoch in der Luft. +</p> + +<p> +Die Eisenbahngleise entlang streifen Militärpatrouillen. +</p> + +<p> +Ein Panzerzug rangiert: jetzt gibt er Volldampf und heult +der Stadt zu. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Immer wieder werden die Landarbeiterkolonnen abgedrängt. +</p> + +<p> +Es wird schon gegen Mittag. +</p> + +<p> +Unruhig kreisen sie um die Stadt. +</p> + +<p> +Sie müssen durch – +</p> + +<p> +Im Südosten brechen sie endlich herein. Dort sind die +Arbeiterbezirke. +</p> + +<p> +Von den Offizieren der Absperrungskommandos wird der +Befehl zum Feuern gegeben. +</p> + +<p> +Viele Soldaten schießen nicht. Viele halten in die Luft ... +</p> + +<p> +Die Offiziere werden an die Wand gedrückt. +</p> + +<p> +Gewehre und Bajonette zerbrechen ... +</p> + +<p> +Die Absperrungskommandos sind überrannt. +</p> + +<p> +Laut singend, geschlossenen Zugs, marschieren die Landarbeiter +weiter ... +</p> + +<p> +Aus jeder Straße strömt jetzt ein neuer Zug. +</p> + +<p> +„Des Volkes Blut verströmt in Bächen“, singen die einen. +</p> + +<p> +<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> +Die anderen: +</p> + +<p> +„Bolschewisten! Bolschewisten! Edelste der Kommunisten!“ +</p> + +<p> +Auf den Balkonen beugen sich Menschen herab, in die +Hände klatschend. An den Straßenecken begrüßen die Marschierenden +große Menschengruppen im Chor: +</p> + +<p> +„Rot Front! Rot Front! Rot Front!“ +</p> + +<p> +Es trommelt. +</p> + +<p> +Es pfeift. +</p> + +<p> +Trompetensalven schmettern darein ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Das Militär wird zurückgezogen. +</p> + +<p> +Hie und da fern am Straßenende sieht man noch einen +Panzerwagen davonrattern. +</p> + +<p> +In den Flanken ist der Arbeiterzug durch Radfahrerabteilungen +gesichert. +</p> + +<p> +Auf den Dächern sind Arbeitertrupps aufgestellt, sie +winken mit den Mützen. +</p> + +<p> +Ob die Regierung im letzten Augenblick noch ein Versammlungs- +oder Demonstrationsverbot erlassen hat, ist +nicht mehr in Erfahrung zu bringen. +</p> + +<p> +Die ganze Stadt ist ein gewaltiger, roter Menschenwirbel. +</p> + +<p> +Frauen mit roten Kopftüchern. Der Jung-Spartakus-Bund. +Greise. Witwen und Waisen. Aber es marschiert +auch ein Frauen-Regiment auf, genannt „Regiment Rosa“. +Hell schmettert Gesang aus ihren Reihen ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Auf den Asphaltstraßen der Stadt dröhnt daher ein roter +Menschenmassen-Orkan. +</p> + +<p> +Da marschiert an, langsam und immer wieder stockend, +der Zug der Kriegsopfer: manche werden auf Bahren getragen, +die meisten humpeln sich mühsam vorwärts auf +monoton klappernden Krückstöcken, da ist die Abteilung der +Erblindeten, hier die der Armlosen, hier die der Beinlosen, +hier sind welche, die nur einen gliederlosen Rumpf noch ihr +eigen nennen. Hier werden Tafeln getragen: „Wir sind das +ABC des Kriegs!“ Oder: „Krieg dem Krieg!“ Oder: „Proletarier, +gedenkt des imperialistischen Kriegs!“ +</p> + +<p> +Ohne Musik marschiert der Zug. +</p> + +<p> +Ein Skelett an der Spitze, mit der Zahl: 13 Millionen. +</p> + +<p> +<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> +Die Straße erstarrt. Die Häuserpforten erstarren. Jedes +Wort gerinnt im Mund. Das Leben friert ... Es ist großes +Schweigen. +</p> + +<p> +Schweigend marschiert der Zug. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Im Westen der Stadt sind die vaterländischen Verbände +aufmarschiert. +</p> + +<p> +In straffester militärischer Disziplin. +</p> + +<p> +Die Mannschaften sind außerordentlich gut und modern +eingekleidet. Sie haben den Sturmriemen umgeschnallt. +Feldflasche und Brotbeutel. Viele tragen den Stahlhelm. +Pistolen. Auch Leinwandsäckchen mit Eierhandgranaten. +</p> + +<p> +Eine Unzahl Autos und Lastkraftwagen stehen ihnen zur +Verfügung. +</p> + +<p> +In einer Autogarage befindet sich ein Waffenlager. Dort +in einem Bankhaus eine Befehlsstelle. Nach überall hin +durch Kuriere verbunden. +</p> + +<p> +Eine Feldtelephonleitung wird unter besonderer Sicherung +jetzt nach vorne gelegt. +</p> + +<p> +Die Spitzentruppen setzten sich unauffällig in Bewegung. +</p> + +<p> +Der Westen ist tot, ausgestorben. Jalousien und Läden +sind heruntergelassen. Nur wenig Menschen zeigen sich +noch ... Wo überhaupt noch Verkehr ist, kann man immer +mit ziemlicher Sicherheit ein Munitionsdepot oder eine +Reservestelle vermuten. +</p> + +<p> +Ein grauhaariger Spitzbart instruiert an einer Straßenecke +nochmals seine Gruppe: +</p> + +<p> +„Treudeutsch!“ schließt er seine Instruktion. +</p> + +<p> +„Allewege!“ schnarrt es ihm zurück. +</p> + +<p> +Die deutsche Kriegsflagge weht. Schwarzweißrot. Hakenkreuzstandarten. +</p> + +<p> +Trommler, Trompeter, Pfeifer. +</p> + +<p> +Die Eichenstöcke, mit eisernen Spitzen versehen, schultern +sich. +</p> + +<p> +„Achtung!“ +</p> + +<p> +„Ohne Tritt! Marsch ...“ +</p> + +<p> +Parole: „Baltikum.“ +</p> + +<p> +<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> +„Die Vöglein im Walde ...“ „Das Flaggenlied.“ +</p> + +<p> +Die Gesichter unter den Stahlhelmen sind hartkantig, +erdig. Zum Aeußersten entschlossen. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Kasernen der Schutzpolizei und des Militärs werden +durch Stacheldrahtverhaue abgesperrt. +</p> + +<p> +An der Bannmeile ist eine mechanische Barrikade aus +einem Geschwader Panzerwagen und gepanzerter Lastkraftwagen +errichtet. +</p> + +<p> +Festen Schritts marschieren dort stundenlang die roten +Bataillone vorüber. +</p> + +<p> +Es wird gegen 3 Uhr nachmittags. +</p> + +<p> +Zu Zusammenstößen ist es nicht gekommen. Kleine +Zwischenfälle, nicht der Rede wert. +</p> + +<p> +Auch von den „Vaterländischen“ ist weit und breit nichts +zu sehen. +</p> + +<p> +Wie es heißt: sie sind wieder in ihre Quartiere abgerückt. +</p> + +<p> +Und so findet das Arbeiter-Riesen-Meeting auf einem +Platz mitten im Stadtzentrum statt. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es sind über Hunderttausende. +</p> + +<p> +Aus allen Straßenmündungen preßt es sich schwer herein. +</p> + +<p> +Die Roten Frontkämpfer halten den Ordnerdienst. +</p> + +<p> +Die ungeheure Anzahl der roten Fahnen: sie flattern in +der Luft wie glühende Flammenzungen. +</p> + +<p> +Jeder Betrieb hat seine Fahne. +</p> + +<p> +Ein langgezogener Trommelwirbel ... +</p> + +<p> +Von den Dächern widerhallt es. +</p> + +<p> +Ueber die ganze Innenstadt hin fluten die Trommelwellen. +</p> + +<p> +Ein Trompetenstoß. +</p> + +<p> +Elektrisch zuckts in den Gliedern ... +</p> + +<p> +Das Meeting beginnt. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Ein Sprechchor, tausend Genossen und Genossinnen, +donnert empor. +</p> + +<p> +„Der erste Mai!“ +</p> + +<p> +Dann: +</p> + +<p> +<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> +Alle singen. +</p> + +<p> +Ist dies ein Gesang noch!? Es ist ein Stimmenstrom, +eine Riesenklangwoge, die sich hebt und senkt, die aufsteigt, +anschwillt, in Millionen von Stimmenlichtern blinkend, jäh +und steil sich überschlägt, dann ruhig wieder und gewaltig +ihres Weges dahinzieht ... Nur die letzte Strophe: die +Stimmen verstärken sich, es schlägt auf: hart, gehackt, rhythmisch: +als eine eiserne Brandung. +</p> + +<p> +Durch einen Schalltrichter wird verkündet: +</p> + +<p> +„Ein amerikanischer Genosse spricht!“ +</p> + +<p> +Zwei Arme schwingen, zwei Fäuste ballen sich: jetzt wächst +die Menschengestalt übermenschengroß heraus aus der Tribüne. +</p> + +<p> +„Wir amerikanischen Genossen, wir grüßen dich, deutsches +Proletariat! Wir stehen vor der Entscheidung ... Die +Kriegsrüstungen ... Der Krieg gegen Rußland. Gegen +Japan ... Und euere Regierung: wißt ihr von den Geheimverträgen, +den geheimen militärischen Bündnissen ... +Deutschland, das Aufmarschgebiet gegen Rußland ...“ +</p> + +<p> +Ein tosender Millionenschrei stieß in diesem Moment hoch: +</p> + +<p> +„Nein! Niemehr! Nimmermehr! Bürgerkrieg!“ +</p> + +<p> +Der amerikanische Genosse fuhr fort: +</p> + +<p> +„Der Völkerbund hat den Krieg gegen Russland gefordert! +Ueberall Kommunistenverfolgungen, Hinrichtungen, Pogrome, +Massakres ... Es lebe die Diktatur des Proletariats! +Sie allein vermag diesem menschenmörderischen, niederträchtigen +Spuk ein für alle Mal ein Ende zu machen! ...“ +</p> + +<p> +„Die amerikanische Kommunistische Partei! Sie lebe –“ +</p> + +<p> +„Hoch! Hoch! Hoch!“ +</p> + +<p> +Nur: Wortbrocken, Sprachfetzen. +</p> + +<p> +Aber den Sinn verstand jeder. +</p> + +<p> +Und schon spricht der japanische Genosse, der russische, ein +bulgarischer Genosse spricht. +</p> + +<p> +„Genossen! Deutsche Kommunisten! Deutsche Arbeiter! +Deutsche Proletarier! Die Stunde zum Handeln ist da! Der +Tag der Abrechnung ist gekommen, der Tag der Abrechnung +mit den Volkspeinigern und Volksmördern ...“ +</p> + +<p> +Wieder ein Zwischenschrei: +</p> + +<p> +<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> +„Nieder mit den Verrätern des Volks ... verrecken ... +</p> + +<p> +„Genug jetzt der Foltern und Bestialitäten! Wir setzen +dieser vergangenen Zeit den Grabstein ... Heute, am ersten +Mai: überall, bei den kleinen japanischen Maisbauern, bis +hoch hinauf in die einsamsten Bergdörfer Chinas: der Sturm +bricht los, der Sturm erfaßt Höhen und Tiefen, über +Deutschland hinweg, über Europa hinweg, von Asien über +Afrika; in allen fünf Erdteilen: die große rote Sturmglocke +läutet: das werktätige Volk, das Proletariat steht auf ...“ +</p> + +<p> +Für die Frauen spricht Genossin Martha, eine alte erfahrene +Bolschewistin, zehn Jahre Zuchthaus hat sie hinter +sich, sie hat auch mit der Waffe in der Hand gekämpft, sie ist +lungenkrank, jedes Wort preßt sie aus sich heraus, immer +wieder von begeisterungsflammenden Zurufen unterbrochen: +„Auch wir Frauen, das geloben wir, werden unsere Pflicht +tun. Wir Genossinnen werden nicht hinter euch, Genossen, +zurückstehen! Verlaßt euch darauf!“ +</p> + +<p> +Ein deutscher Genosse erhält noch das Wort: +</p> + +<p> +„Erster Mai! Tag der Heerschau des Weltproletariats! +Tag du des Aufmarschs der Proletariermassen in allen fünf +Erdteilen! Erster Mai: Kampftag: laß uns bereit sein! +Laß stahlhart uns werden, ausfüllen die letzte Lücke in unserer +Front! Laß denken unsere Gedanken nur dies eine: +Kampf! Unsere Herzen nur dies eine fühlen, unsere Willen +nur dies eine wollen: Kampf ...“ +</p> + +<p> +Ein Jugendgenosse tritt vor, er ballt die Faust zum +Schwur: +</p> + +<p> +„Unermüdlich wollen wir kämpfen! Unsere Muskeln +spannen, unsere Gehirne stählen, mit unserem Herztakt euch +alle, die ihr in Ketten noch schlaft, wachhämmern! In uns +schüren den Willensbrand, bis diese Welt von uns erobert +ist, bis du, erster Mai, du Weltkampftag, der Weltfeiertag +aller werktätig Schaffenden geworden bist!“ +</p> + +<p> +Ein Sprechchor von Jungpionieren antwortet im Chor: +</p> + +<p> +„Nicht eher werden ruhen wir! Nicht eher werden die +Hände wir falten! Das schwören wir! ...“ +</p> + +<p> +Hunderttausende von Stimmen fallen jetzt wieder ein: +</p> + +<p> +„Das schwören wir. Schwören wir. Schwören wir ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> +Ein Trompetensignal. +</p> + +<p> +Ein Genosse in der Roten-Frontkämpfer-Uniform steht auf +der Tribüne. +</p> + +<p> +Der Fahneneid ... +</p> + +<p> +Eine große und dunkle Stimme spricht vor: +</p> + +<p> +„Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören +rot: Sieg oder Tod!“ +</p> + +<p> +„Sieg oder Tod!“ jauchzt die Menschenmasse. +</p> + +<p> +„Wir schwören: beim Blut der Brüder, das zur Erde +rinnt – +</p> + +<p> +„Wir schwören: am Riesenstrom der Tränen, die vergossen +sind – +</p> + +<p> +„Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören +rot: Sieg oder Tod!“ +</p> + +<p> +„Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht. +</p> + +<p> +„Wir sind der Sturmschritt einer Neuen Zeit!“ – +</p> + +<p> +Wieder waren Hunderttausende von Menschenstimmen +eine Felswand lebendigen Echos. +</p> + +<p> +„Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht. +</p> + +<p> +„Wir sind der Sturmschritt einer Neuen Zeit ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die „Internationale“ erscholl. +</p> + +<p> +Eine Sturmlawine – +</p> + +<p> +Menschenkörper rissen unter dem Gesang sich steil empor. +</p> + +<p> +Die rote Flut kommt. Die rote Flut steigt. Zeit der Ebbe: +vorbei ... Aufwärts! Aufwärts! Aufrecht schon stehen wir +hoch oben auf dem Kamm der Woge ... +</p> + +<p> +Und plötzlich wurde spontan aus der Menschenmasse heraus +ein bekannter illegaler Genosse der Zentrale auf die +Schultern gehoben, er schwenkte die Mütze, sein Arm stand, +schräg, wie ein Fahrtzeichen: +</p> + +<p> +„Arbeiter! Proletarier! Genossen! Seid ihr bereit zum +Kampf, seid ihr bereit, dem Ruf zum Generalstreik, dem Ruf +zum bewaffneten Aufstand zu folgen, wenn ihn die Partei +an euch ergehen läßt?“ +</p> + +<p> +„Allzeit bereit!“ +</p> + +<p> +<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> +„Keine Woche wird mehr vergehen, bis euch die Partei +zum Kampf aufruft. Unsere Parole heißt: Eroberung der +Macht!!!“ +</p> + +<p> +„Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ tönte jetzt, einfach und +schlicht gesungen. Viele bekamen es mit dem Schlucken. +Manche weinten. Und manche wieder sangen, das Angesicht +von einem glücklichen Lächeln verzückt. +</p> + +<p> +Max hatte Lene eingehakt. +</p> + +<p> +„Siehst du, Millionen an Millionen stürmen jetzt in diesem +Augenblick, geordnet in unübersehbaren Reihen, den steilen +Abhang der Zeit herauf im Sturmschritt. Dieser Abhang +ist ein Geröllfeld, bedeckt mit Schädelstücken und Körperknochen, +alle Sträucher haben statt der Knospen Knollen, +getränkt mit Menschenblut. Alle die brechen heut auf, Blutrinnen, +Blutbäche: alle die schießen, zu einem Wildstrom von +vergossenem Menschenblut anschwellend, empor ... Was +singen sie, diese proletarischen Sturmtruppen, diese Eroberer +der Menschheitszukunft: „Wir fürchten nicht den +Tod! Denn unsere Fahn ist rot ...“ +</p> + +<p> +Das Trompetensignal blies. +</p> + +<p> +Ein kurzer Trommelwirbelstoß. +</p> + +<p> +Die Züge ordneten sich zum Abmarsch ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Und – +</p> + +<p> +In diesem Augenblick geschah, allen völlig unerwartet, +das Unglaubliche. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-7-8"> +<span class="firstline">VIII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Die Sonne ging eben sprühend unter, Gewitterwolken +trieben an wie Schlammfluten: da stand plötzlich mitten in +den Menschenmassen auf der Südostseite des Platzes ein Geschwader +von Kampfwagen: die kleinen Panzertürme +drehten sich, die Maschinengewehrmündungen senkten sich +abwärts, die Führer machten die Kampfmaschinen gefechtsbereit +... +</p> + +<p> +Die Motore knatterten und unter einem metallischen Gebrüll +schoben sie sich weiter in die Menschenmasse hinein. +</p> + +<p> +<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> +Dort rammten sie sich fest. +</p> + +<p> +Man konnte noch beobachten, wie sich die Gittertore der +Einfahrt eines erstklassigen Hotels schlossen, eine Rolle mit +Stacheldraht abgewickelt wurde und dahinter eine Gruppe +mit Stahlhelmen im Anschlag lag. +</p> + +<p> +Dieses Hotel hatte der Panzerwagenkolonne als Hinterhalt +gedient ... +</p> + +<p> +Schon ertönten laut die Kommandos des roten Ordnerdienstes: +</p> + +<p> +„Ruhe halten, Genossen! Nicht provozieren lassen! Weitergehn!“ +</p> + +<p> +Da wurde auch schon die Abmarschstraße auf der Gegenseite +des Platzes durch eine Gruppe Tanks abgesperrt. Es +war eine neue mechanische Abriegelung das erste Mal zur +Anwendung gebracht worden, und zwar mittels des sogenannten +berüchtigten Schutzgitters, einer Art Stacheldrahtgürtel, +der von Tank zu Tank gezogen war und der, wie es +hieß, elektrisch geladen sein sollte. +</p> + +<p> +Die Tanks machten Halt. Sie lagen breitseitig da, wie +verankert. +</p> + +<p> +In diesem Moment entstand die Panik. +</p> + +<p> +Unter den Demonstranten waren schon von Anfang an +große Mengen von sogenannten Zivilspähern verteilt +worden, denen nun die Aufgabe zufiel, die Panik künstlich +zu steigern und die empörten Massen zu einem Angriff aufzuputschen. +Dies war sehr schwierig, denn die Massen hielten +eine mustergültige Disziplin ... +</p> + +<p> +Da fiel plötzlich vom Balkon eines Hotels, dann von +einem gegenüberliegenden Haus, aus einem Fenster des +ersten Stockes, ein Schuß, noch einer, mehrere: es waren +kleine krachende Pistolenschüsse, und diese galten für die +Führer der Kampfwagengeschwader als Angriffssignal ... +</p> + +<p> +„Aus der Menge ist geschossen worden!“ +</p> + +<p> +Die Polizeiagenten, die auftragsgemäß die Schüsse abgegeben +hatten, verdufteten schleunigst. +</p> + +<p> +„Platz frei! Straße frei!“ gellte ein Lautsprecher ... „Oder +es wird geschossen!“ +</p> + +<p> +Dabei knackten schon die M.-G.s. +</p> + +<p> +<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> +Menschen sah man, die sprangen durch einen Kopfschuß +getroffen über einen halben Meter hoch, Menschenleiber verschlangen +sich, wurden zu einem unentwirrbaren Knäuel +geballt und wälzten sich, sich gegenseitig erdrückend, ineinander-, +übereinanderstehend, dem Ausgang zu. +</p> + +<p> +Es gab aber nur noch einen Ausgang ... +</p> + +<p> +Die M.-G.s strichen systematisch den ganzen Platz ab. +</p> + +<p> +Einige Rote Frontkämpfer sprangen wie wilde Tiere, +Schaum um den Mund, die gepanzerten Ungetüme an, +schnellten federnd wieder zurück: gewaltige tellergroße +Brandwunden an den Händen. Die eisernen Bestien spien +elektrische Ströme. +</p> + +<p> +Auch Max mußte sich mit Gewalt zurückhalten, um nicht +einfach mit seinem Kopf gegen diese mörderische Wand zu +rennen ... +</p> + +<p> +Menschen lagen übereinander. +</p> + +<p> +Ueber Max lag ein baumstarker, stämmiger Prolet, der +sich mit der Hand die ausgefleischte Hüfte zuhielt und kräftig +schrie: „Ich will nicht sterben. Ich will nicht sterben ...“ +Dabei verdrehten sich ihm die Augen, quollen hervor rund +und groß, wie zwei elfenbeinerne Billardkugeln. +</p> + +<p> +Er biß sich in Max hinein – +</p> + +<p> +Max bekam einen Genickkrampf. Ein eiserner Knopf +massierte ihm den Halswirbel. +</p> + +<p> +Einer umschlang einen Laternenpfahl. Barst mitten am +Bauch entzwei. Die Gedärme schütteten sich vor ihm hin +nach allen Seiten. Andere schleiften darüber hinweg, +glitschten in eine schmierige Blutlache, krochen über ein +Häuflein verspritzten Gehirns weiter ... +</p> + +<p> +Einer gestikulierte, hatte den Mund weit offen, sprach, +aber in dem allgemeinen Geschrei versackten die Worte. +Einer gurgelte, ein anderer stieß ganz kurze trockene Hustenlaute +hervor. +</p> + +<p> +Viele waren wie irrsinnig, hatten Lachkrämpfe, knieten +mit entblößtem Oberkörper, wackelten mit dem Kopf, ohne +sich von der Stelle zu rühren, und starrten mit brennenden +Augen lang in den Tumult. +</p> + +<p> +<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> +Es wurde dunkel. +</p> + +<p> +Scheinwerferabteilungen waren auf den Dächern der angrenzenden +Häuserblocks postiert. Scharfe Stöße Lichts blendeten +herab. +</p> + +<p> +Eine dritte Tankkolonne knatterte an und begann die +Räumung des Platzes von Norden her. Es waren wieder +drei Kampfwagen, durch straff gespannte Stahltrossen miteinander +verbunden: so rasierten sie langsam und schräg +dahin. +</p> + +<p> +Der Platz war nun völlig eingepfercht. Auch der einzige +Ausgang war nicht mehr frei, er war längst von Schwerverwundeten +und von Leichenhaufen verstopft. +</p> + +<p> +Max kauerte zum Sprung geduckt in Deckung hinter einer +dürftigen, aus drei Toten aufgeworfenen Menschenbarrikade. +</p> + +<p> +An ein Durchkommen war jetzt nicht mehr zu denken. +</p> + +<p> +Max biß sich die Lippen: „Jetzt Achtung: daß mir nicht +schlecht wird!“ +</p> + +<p> +Hob sich ein wenig und sah über den Platz hinweg die +Straße hinunter: immer noch rannten ab und zu welche im +Zickzack, bis zu einer bestimmten Grenze, hier streuten die +M.-G.s eine genau vorher berechnete und markierte Linie +ab: dort klappten die Flüchtlinge plötzlich nach vorn oder +nach rückwärts in sich zusammen wie ein Taschenmesser, +streckten alle Viere von sich und blieben flach auf die Erde +gedrückt liegen ... +</p> + +<p> +Max schnellte hoch, wie eine Sprungfeder warf sich in ihm +das Rückgrat, setzte sich den Hut auf und schritt, als ob nichts +geschehen wäre, schräg über den Platz. Er hatte nur den +einen Gedanken: wenn schon, dann nicht von hinten, es ist +leichter, den Tod im Angesicht ... +</p> + +<p> +Der ganze Hinterkopf schien ihm offen, das Gehirn bloß +zu liegen: eine einzige Wundfläche ... +</p> + +<p> +In diesem Moment öffneten sich sämtliche mechanische +Sperren, die Tankgeschwader führten einige kurze Manöver +aus und ratterten ab. +</p> + +<p> +<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> +Max sah noch, sich rasch in die Dunkelheit drückend, eine +Hundertschaft, noch eine, eine dritte im Laufschritt heranstürzend, +mit gefälltem Bajonett. Sie hatten den Befehl, die +noch Lebenden von den Ermordeten zu sondieren. +</p> + +<p> +Der Platz lag unter den Scheinwerfern wie unter einer +kaltgelben gespenstischen Lichtdusche. +</p> + +<p> +Wimmernd und langgedehnt, vollrauschend, oft wie +Akkorde, so tönten daraus noch Menschenschreie, der Platz +machte von dieser Stelle aus den Eindruck eines mit +Zappelndem angefüllten Kessels, an den Wänden klebten +noch Menschen, die Truppen stießen sie der Mitte zu: dort +schichtete sich Haufen an Haufen ... Mit Eisensplittern, Geschoßspitzen, +Stahlspänen war reingekehrt. +</p> + +<p> +Fleisch. Blut. Knochen. +</p> + +<p> +Pulverqualm, Ausdünstung, Todesangstschweiß: es war +ein feuchter Brodem ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es begann langsam in großen Tropfen zu regnen. +</p> + +<p> +Bald ferner, bald näher: nun prasselte ein Gewitterhagel +hinweg. +</p> + +<p> +Es trommelte, knatterte, tackte ... +</p> + +<p> +Viel Menschen fuhren erschreckt auf, öffneten die Fenster: +</p> + +<p> +„Gehts los? ... Wird schon wieder geschossen? ...“ +</p> + +<p> +Nichts. Nur die Dunkelheit. Die Häuserfronten: zackige +Konturen darin. +</p> + +<p> +Hie und da zuckte ein Blitz. Die Dunkelheit leuchtete. +Dann ächzte ein Donner ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die ganze Stadt blieb die Nacht über aufgescheucht. +</p> + +<p> +Schon die zweite Nacht in solcher Unruhe ... +</p> + +<p> +Ueberall war es auch noch zu Zusammenstößen mit den +„Vaterländischen“ gekommen. +</p> + +<p> +Alle wichtigen Punkte der Stadt waren bereits im Lauf +des Abends militärisch gesichert worden. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-7-9"> +<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> +<span class="firstline">IX</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Max trottete sich in einem beinahe bewußtlosen Zustand +heim. +</p> + +<p> +Oft mußte er sich anhalten, aber das waren nur die Aufregung +und die Nerven, er war unverletzt. +</p> + +<p> +Oft wurde er angesprochen, ein Prolet sah ihm ins Gesicht, +fragte ihn kurz, drückte ihm die Hand und verschwand +wieder im Dunkel. +</p> + +<p> +„Rache!“ +</p> + +<p> +Dieses Wort hörte Max auf seinem Heimweg oftmals. +</p> + +<p> +Auch an einer Gruppe von „Vaterländischen“ kam er vorbei, +sie unterhielten sich angeregt und laut, da sie in größerer +Anzahl beisammen standen. Sie trugen bereits Karabiner. +Es waren breit aufgedunsene und verfettete Gesichter, aber +auch scharfgeschnittene Profile waren darunter, richtige +Galgenvögel- und Mördervisagen. +</p> + +<p> +„Den Arbeiterschweinen wird jetzt gründlich der Garaus +gemacht werden“, quietschte einer. Er hatte dünne Beinchen +und trug eine Gymnasiastenmütze. +</p> + +<p> +„Was suchst du Schwein hier!“ schrie einer, mit Schmissen +im Gesicht, Max nach, der ohne zu mucken weiterlief. +</p> + +<p> +„Mach, daß du weiterkommst oder du bist eine Leiche ...“ +</p> + +<p> +Derartiges wurde ihm oft noch nachgerufen. +</p> + +<p> +Max dachte: „Jetzt, jeden Augenblick ...“ +</p> + +<p> +Er spürte es in den Ohren ... +</p> + +<p> +Es waren meist, wie sich Max schnell vergewisserte, +Reserveoffiziere, Studenten, Fabrikantensöhne, Angestellte, +aber wenig, und hie und da auch noch ein wütiger Kleinbürger. +</p> + +<p> +Die gaben kein Pardon. +</p> + +<p> +„Nun aber auch kein falsches Mitleid mehr wie früher +diesen berufsmäßigen Mörderbanden gegenüber ... Jeder +von diesen, den wir schonen, kostet uns Blut! ... Keine +Illusionen mehr, die Blut kosten!“ +</p> + +<p> +Auffällig war: der Wachtdienst in und außerhalb der +Kasernen wurde durchwegs von verstärkten Offiziersposten +versehen ... Holla, da stimmt etwas nicht, schloß Max, die +<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> +scheinen ihrer Sache nicht ganz sicher zu sein, und Max +schlich sich noch ein wenig in dieser Gegend herum, bis er +auf einen einzelnen Soldatenposten stieß. +</p> + +<p> +„Kamerad!“ +</p> + +<p> +Der Soldat sprang drei Schritte zurück. +</p> + +<p> +Dann lachte er plötzlich und kam auf Max zu: +</p> + +<p> +„Rot Front!“ +</p> + +<p> +„Richtig, es rumort gewaltig auch unter uns. Dicke Luft. +Sehr brenzlich. Alles in Alarmbereitschaft. 30 Prozent sind +euch, wenn es losgeht, sicher ... Die Behandlung wird +immer gemeiner: „Halten Sie die Schnauze oder ich schieße +Sie nieder ...“ Das ist gang und gäbe. Ohne Scheißkerl +und Arschloch kommt man uns gegenüber überhaupt schon +nicht mehr aus ... Gestern ist bei den Kraftfahrern ein +Leutnant hochgegangen, bei den technischen Truppen ein +Major, auch bei den Fliegern ists faul ... Fortsetzung folgt. +Nun genug für heute! ... Rot Front!“ +</p> + +<p> +Max war auf diese Auskunft sehr stolz. +</p> + +<p> +„Natürlich“, wiederholte er für sich, „einen Platz zu +räumen und dazu nur verhältnismäßig geringe militärische +Kräfte einsetzen: das bedeutet den Willen, den Vorsatz +haben, es zu einem Zusammenstoß kommen zu lassen. Das +ist absichtlicher Massenmord von seiten der Regierung. Mißverständnisse +und Irrtümer sind bei der verhältnismäßig +langen Zeitdauer dieser Exekution völlig ausgeschlossen ... +Ein neues Schandwerk der Volksverbrecher ... Aber alles +was sie tun, zwingt sie mit unerbittlicher Folgerichtigkeit in +ihre eigene Katastrophe hinein ...“ +</p> + +<p> +An der Ecke seiner Straße traf Max auf seinen Zimmernachbarn, +den Straßenbahnschaffner. +</p> + +<p> +„Na, und –“ +</p> + +<p> +„Schon beschlossene Sache: Morgen ist Generalstreik. Einstimmig +angenommener Beschluß ... Sollst sofort in das +Lokal von Fritz kommen ... Wartete auf dich, um dir das +zu sagen ... ich hab einen anderen Auftrag, muß noch in +die Stadt ...“ +</p> + +<p> +Aus seiner inneren Manteltasche zog der Straßenbahnschaffner +ein Pack Klebestreifen hervor. +</p> + +<p> +<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> +„Nieder mit der Mörderregierung! Es lebe die Diktatur +des Proletariats! Generalstreik! Alle Macht den Räten!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-7-10"> +<span class="firstline">X</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Max klopfte sein Zeichen. +</p> + +<p> +Der eiserne Rolladen vor der Eingangstür der kleinen +Gastwirtschaft hob sich ein wenig, Max schlüpfte hindurch. +</p> + +<p> +Ungefähr fünfzig Genossen waren anwesend. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Niemand sprach ein Wort. +</p> + +<p> +Der Genosse Lange saß in der Ecke, den Kopf eingebunden, +so kreidebleich, staunte Max, habe ich noch nie einen Menschen +gesehen. +</p> + +<p> +Lene schluchzte in sich hinein. +</p> + +<p> +Es dauerte eine halbe Stunde. +</p> + +<p> +Einer stand hin und wieder auf und ging vor sich hersummend +unruhig auf und ab. +</p> + +<p> +Hie und da zählte einer still für sich die Anwesenden. +</p> + +<p> +Zehn Genossen waren noch dazugekommen. +</p> + +<p> +„Nun aber Schluß!“ Genosse Lange erhob sich. +</p> + +<p> +„Wer fehlt!?“ +</p> + +<p> +Dann erstatten die Betriebszellenobleute kurz Bericht. +</p> + +<p> +„Also, das sind allein von unserer Gruppe zehn Mann. +Nahezu ein fünftel ... Auch Genosse Friedjung. Die +Funktion übernimmst du, Max. Einverstanden!“ +</p> + +<p> +Das „ja“ war das selbstverständlichste von der Welt. +</p> + +<p> +„Weiß jemand etwas vom Genossen Friedjung?“ +</p> + +<p> +Mehrere Genossen meldeten sich. +</p> + +<p> +„Einige Polizeiagenten haben ihn herausgestochert. Er +muß schwer verletzt sein. Man hat ihn über den Platz fortgetragen +... In ein Sanitätsautomobil ...“ +</p> + +<p> +„Gut, wir wissen Bescheid ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Also! Genossen und Genossinnen! Morgen ist wahrscheinlich +Generalstreik ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> +Max bestätigte: +</p> + +<p> +„Es ist schon sicher ... Einstimmig ...“ +</p> + +<p> +„Also, um so besser! Wir erwarten heute noch einen +Kurier der Zentrale ... Ich denke, bis dahin werde +ich einen kurzen Ueberblick über die politische Lage geben ... +Ich glaube, eine Diskussion zu diesem Punkt ist nicht nötig ... +Dann wird inzwischen der Kurier erschienen sein, und wir +werden im Anschluß daran sofort das Weitere beraten. Im +übrigen: seit heute werden keine neuen Mitglieder mehr in +die Partei aufgenommen. Den Revolutionsschmarotzern muß +gleich im Anfang das Handwerk gelegt werden ... Dies +nur nebenbei ... +</p> + +<p> +„Die Kriegsgefahr zwischen Amerika und Japan hat sich +bedeutend verschärft. Die Kriegsvorbereitungen haben ihren +Höhepunkt erreicht. Wie das amerikanische und japanische +Proletariat darauf reagiert, ist noch ungewiß. Ferner: die +Hälfte aller Betriebe ist in Deutschland stillgelegt. Der +Außenhandel war in dem vorhergehenden halben Jahre +gleich null. Die Stabilisierung ist zu Ende ... Die Absatzschwierigkeiten +aller kapitalistischen Staaten sind enorm. +Auch das Mandat, das Deutschland vom Völkerbund über +seine früheren Kolonien erhalten hat, konnte nicht viel +retten. England hat die größten Schwierigkeiten in Indien. +Der Konkurrenzkampf hat die schärfsten Formen angenommen. +Eine kriegerische Auseinandersetzung ist nicht mehr zu vermeiden +... Jeden Tag also ist die Kriegserklärung zu erwarten, +oder vielmehr die erste kriegerische Handlung ... +Wir alle wissen, was das bedeutet ... Selbstverständlich +ist es für uns gleichgültig, wer, diplomatisch gesehen, der +angreifende Teil ist. Jeder der Partner ist gleichschuldig +und ein Räuber ... Zur Lage in Deutschland im besonderen: +überall Plünderungen von Lebensmittelgeschäften, +Industriekrisen, eine ungeheure Arbeitslosigkeit, verbunden +mit Hungersnot, besonders in den ländlichen Bezirken, wo +teilweise von den völlig industrialisierten Großgrundbesitzern +das Getreide zurückgehalten wird, Hungersnot also bei +vollen Scheunen ... Die nationalistischen Banden bewaffnen +sich ... Zu gleicher Zeit starke Tendenzen, den Krieg gegen +<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> +Russland zu proklamieren als „heiligen Krieg“ und damit +im Zusammenhang der Entschluß der kapitalistischen Regierungen, +zu diesem Zweck die revolutionäre Arbeiterschaft +mit treuer Unterstützung der allerdings heute völlig isolierten +SPD.-Führerschaft entscheidend aufs Haupt zu schlagen ... +Also, wir befinden uns alle inmitten eines Krisenwirbels +von internationalem Ausmaß ... Die weitesten Kreise +der werktätigen Bevölkerung stehen heute hinter uns und +sind bereit, mit uns ...“ +</p> + +<p> +Der Kurier der Zentrale stürzte herein. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Und! +</p> + +<p> +? +</p> + +<p> +Er schüttelte kräftig dem Genossen Lange die Hand. +</p> + +<p> +Alle Genossen waren wie elektrisiert aufgesprungen. +</p> + +<p> +Und – +</p> + +<p> +Und – +</p> + +<p> +Nur zwei Worte brachte der Kurier noch heraus: +</p> + +<p> +„Generalstreik! ...“ +</p> + +<p> +„Krieg dem Krieg!“ +</p> + +<p> +Viele Genossen umarmten sich. Einige heulten drauf los. +</p> + +<p> +Einer flüsterte nur immer wieder die Namen: +</p> + +<p> +„Rosa!“ „Karl!“ „Lenin!“ +</p> + +<p> +„Bravo! Nun Gott sei Dank! Endlich!“ +</p> + +<p> +Lene stürzte auf Max zu: +</p> + +<p> +„Na, Max, hab ichs nicht gleich gesagt ...“ +</p> + +<p> +Max sang leise vor sich hin. +</p> + +<p> +„Daß ich das noch erleben durfte ...“ +</p> + +<p> +„Nun aber zur Sache!“ +</p> + +<p> +Der Kurier stürzte fort. +</p> + +<p> +Es war feierlich und ernst. +</p> + +<p> +Eingehend wurden die einzelnen organisatorischen Maßnahmen +besprochen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-7-11"> +<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> +<span class="firstline">XI</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Die Regierung beriet ununterbrochen Tag und Nacht. +</p> + +<p> +Die Herren kamen kaum noch zum Essen ... +</p> + +<p> +Das Regierungsviertel war ein offenes Heerlager. +</p> + +<p> +Die Keller der Regierungsgebäude waren in Waffenmagazine +umgewandelt worden. An jeder Straßenecke +Alarmmelder. Ueberall ragten Antennenmasten. +</p> + +<p> +Die Bannmeile ward erneut militärisch-mechanisch abgesperrt +... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Präsident der Republik war damals schon altersschwach. +Er litt an Arterienverkalkung. Er saß in einem der Konferenzzimmer +in einem hohen Lehnstuhl, dessen Rückenwand +mit dem Adler und mit den Reichsfarben geschmückt war. +Er trug Pulswärmer und hatte die geschwollenen Füße in +ein dickes Plaid eingewickelt. Seine Frau titulierte er mit +dem Kosenamen „Schnucki“. Die Augenbrauen waren ihm +nach Bismarck-Art buschig über der Nasenwurzel zusammengewachsen. +Er atmete schwer. Von Zeit zu Zeit erhob er sich, +eine Klingel schrillte durchs Haus, aus allen Beratungszimmern +strömte es herbei, und der Präsident sprach: „Hochansehnliche +Versammlung! Hohes Haus! Einigkeit macht +stark. Unsere Stärke ist die Einigkeit. Schon damals, als +mich das Vertrauen des Volkes auf diesen hohen und verantwortungsvollen +Posten berufen hatte, erklärte ich, daß +ich mich besonders der Armen und Elenden annehmen werde, +aller jener, die in dem gewaltigen wirtschaftlichen Ringen +unserer Zeit nach Aufopferung ihrer Kräfte zu Boden liegen. +Mein Bestreben bleibt es auch heute, die Klassengegensätze +zu mildern, ich reiche darum heute erneut jedem Deutschen +feierlich die Hand. Durch Treue und Pflichterfüllung auch +im Kleinsten müssen wir uns die Achtung in der Welt +wiederverschaffen. Durch Selbstachtung zur Weltachtung! +Dann kann Deutschland nicht untergehn ... Treue um +Treue! ...“ +</p> + +<p> +Diese Rede las er ab. +</p> + +<p> +<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> +Das Blatt knisterte bedenklich. Der Präsident litt auch +an einem ausgesprochenen Tatterich. +</p> + +<p> +„Hat der Trottel den Aufruf „An mein Volk“ jetzt endlich +unterzeichnet!?“ fragte inzwischen ein höherer Militär +einen Sekretär des Innern. +</p> + +<p> +Der Sekretär nickte diensteifrig. +</p> + +<p> +„Alles druckfertig, Exzellenz, hier in meiner Mappe ... +Man mußte ihm dabei die Feder führen ... Schrecklich, +nicht wahr, schrecklich ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Ueber das Land war der Ausnahmezustand verhängt. Die +Militärdiktatur war errichtet. +</p> + +<p> +Die Zimmer, in denen wirklich über Wohl und Wehe +des Landes entschieden wurde, lagen in einem anderen +Stockwerk. Die Minister und die einzelnen ministeriellen +Abteilungen wurden von dorther nur kurz unterrichtet und +hatten weiter nichts zu tun, als binnen kürzester Frist die +einzelnen Ordres genau nach Anweisung auszuführen. +</p> + +<p> +Die sämtlichen militärischen Befehlshaber der einzelnen +Kommandobezirke der Hauptstadt waren erschienen. Der +englische und der amerikanische Militärattaché waren ebenfalls +zugegen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Chef des Generalstabes referierte: +</p> + +<p> +„Amerika beabsichtigt, spätestens noch diese Woche anzugreifen. +Der diplomatische Vorwand wird soeben geschaffen. +Die Entscheidung liegt letzten Endes natürlich zwischen +Amerika und Russland. Gemäß unserer Verpflichtungen, +unseres militärischen Uebereinkommens, haben wir Deutschland +als Aufmarschgebiet gegen Osten übernommen: unsere +Vorbereitungen sind abgeschlossen. Genügend Plätze zur +Landung und zur Verproviantierung von Bombenflugzeuggeschwadern +sind vorhanden. Unsere eigenen Farbstoffabriken +arbeiten mit Hochdruck ... Russland mobilisiert. +Das ist das wichtigste Moment der letzten vierundzwanzig +Stunden. Diese Nachricht wird von uns geheimgehalten. +Denn wir befinden uns dadurch ohne Zweifel in einer verzwickten +Lage. Denn bedenklich mußte uns schon an und für +<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> +sich, abgesehen von dieser Tatsache, die Entwicklung unserer +inneren Lage stimmen, die Arbeiterbewegung wird weiter +entschieden radikal terrorisiert ... Auch große Teile der +übrigen Bevölkerung treiben im revolutionären Fahrwasser +... Die Bekanntgabe der russischen Mobilisation, +diese Nachricht wäre unseres Erachtens der Funke ins +Pulverfaß! Wie Sie wissen, meine Herren, gestern abend +ist es bereits zu einem aufstandähnlichen Zusammenstoß gekommen. +Es ist uns gelungen, diese sporadische und ihrem +Charakter nach spontane Bewegung ohne jeden Verlust für +uns im Blut zu ersticken. Dieser Erfolg darf uns über den +Ernst der Gesamtsituation nicht hinwegtäuschen. Wir haben +jetzt ein heikles Thema zu besprechen. Bei dieser Beratung +kommt es vor allen Dingen darauf an, Richtlinien für die +wirksamste Niederkämpfung der Aufständischen und für die Unschädlichmachung +ihrer Führer und für die Aushebung ihrer +Unruheherde auszuarbeiten, gemeinverständlich, so daß sie +jeder Mann im Heer begreift, besonders aber haben wir +darüber zu entscheiden, ob, unter welchen Umständen und in +welchem Ausmaß chemische Kampfstoffe eingesetzt werden +sollen. Es ist eine Frage der Zweckmäßigkeit. Wobei das +ideologische Moment nicht zu unterschätzen ist. Ich bitte die +einzelnen Sachverständigen diese beiden letzten Punkte besonders +scharf im Auge zu behalten! ... +</p> + +<p> +„Noch das eine: bitte, meine Herren, berücksichtigen +Sie: wir haben keine Zeit zu verlieren; also kurz und +bündig!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Beratung dauerte nicht lang. +</p> + +<p> +Der Bericht des chemischen Sachverständigen fiel zur allgemeinen +Zufriedenheit aus. +</p> + +<p> +Man war prinzipiell einstimmig für die Anwendung der +chemischen Kampfstoffe, doch sollte dieses Mittel so lang wie +nur irgend möglich aufgespart werden. Und wenn eingesetzt, +öffentlich abgeleugnet und vor allem auch eine Gasbeschießung +bezw. Gasausräucherung von Kommunistennestern +durch Anwendung genügender Mengen von Brisanzmunition +verschleiert werden. +</p> + +<p> +<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> +Außerdem sei in der nachfolgenden Pressekonferenz gebührend +und eindringlich darauf hinzuweisen, daß es sich +im Fall der Anwendung von Gasen von seiten der Regierungstruppen +um einen an sich höchst bedauerlichen Fall von +Notwehrakt bezw. Gegenmaßnahme handle, daß immer aber +nur betäubende Gase, d. h. Reiz- und Tränengase, zur Verschießung +kommen, die im übrigen bei weitem humaner und +bedeutend weniger verlustbringend seien als die blanke +Waffe bzw. das Brisanzgeschoß. Ferner: zuverlässigen Nachrichten +zufolge hätten die Kommunisten schon an anderen +Orten Gasmunition verschossen, besäßen außerdem umfangreiche +Gasläger und arbeiteten nach russischer Tschekamethode +mit Bakterienschleuderapparaten und Cholerabazillen. +– +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Wieder sprach der Präsident: +</p> + +<p> +„Nun denn also! Im Namen – zum Wohl unserer geliebten +deutschen Schicksalsgemeinschaft – im Namen des +Allerhöchsten!“ +</p> + +<p> +Und unterschrieb den besonderen Schießerlaß, nach dem +jeder, der mit der Waffe in der Hand ... ohne weiteres, +sofort ... und den Geheimbefehl an die Kommandostellen +der Flugzeuggeschwader, der Kampfwagenabteilungen und +der technisch-chemischen Spezialtruppen über die Anwendung +von giftigen Gasen im Fall eines Bürgerkrieges. +</p> + +<p> +Die Kommandeure traten ab. +</p> + +<p> +Eine zweite kurze Besprechung folgte. +</p> + +<p> +„Die Lage in Amerika aber scheint nach unseren letzten +Berichten doch nicht so ganz einfach zu sein ... Heutzutage +ist es den ziemlich aufgeklärten Massen gegenüber auch nicht +mehr so kinderleicht, einen einigermaßen passablen Kriegsvorwand +zu finden ... Doch Geschäft ist Geschäft ... Damit +basta ...“ +</p> + +<p> +Einige prominente Gewerkschaftsführer erhielten das +Wort. +</p> + +<p> +„Wir können nur immer und immer wieder betonen, wir +werden unsere Pflicht tun. Was in unseren Kräften liegt ... +<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> +Aber wir sehen die Lage schwarz in schwarz. Die Arbeiterschaft +ist gewillt, zu kämpfen, sie folgt unbedingt den Parolen +der Kommunistischen Partei, die jedes Kriegsabenteuer mit +dem Aufruf zum Bürgerkrieg beantworten wird ... Wir +selbst sind ziemlich einflußlos geworden ... Wir warnen +also dringend ... Ist der Krieg – sei es der Bürgerkrieg +oder der äußere Krieg – aber einmal ausgebrochen, so ist +es selbstverständlich, daß wir uns auf den Boden der gegebenen +Tatsachen stellen, d. h. auf der Seite der verfassungsmäßig +gewählten Regierung stehn werden. Wir folgen +damit nur der bewährten ruhmreichen Tradition unserer +Partei. Nur möchten wir bitten, um wenigstens den +demokratischen Schein zu wahren, das Parlament nicht völlig +auszuschalten. Vielleicht hie und da so eine kurze Sitzung, +in der selbstverständlich nur Regierungsvertretern oder Abgeordneten +der verfassungstreuen Parteien das Wort erteilt +werden soll. Wir stimmen im übrigen von vornherein dafür, +daß auch die kommunistischen Parlamentarier außerhalb +des Gesetzes gestellt werden.“ +</p> + +<p> +Der Kommandeur der Schutzpolizei erschien und erstattete +über die Vorfälle anläßlich der Demonstration am 1. Mai +Bericht. +</p> + +<p> +„Rhinozeros! Sie Gamaschenknopf!“ schnauzte ihn ein +militärischer Befehlshaber kameradschaftlich an. +</p> + +<p> +„Sie haben die ganze Lage künstlich überforciert. Die +Folge ist morgen Generalstreik. Es geht uns zu frühzeitig +los ... Haben Sie schon etwas Sicheres über den Termin, +wann die losschlagen ... Na, sie werden ja ihrer Gewohnheit +gemäß sich wieder gewaltig in der Zeitbestimmung, im +Tempo verrechnen, das ist das einzige, was die Kommunisten +immer noch nicht gelernt haben ... Also Nachrichten, detaillierte +Angaben über Stimmung der Bevölkerung usw. Es +ist höchste Zeit ... Und dann studieren Sie in Zukunft mit +mehr Sorgfalt unser Reglement über den Bürgerkrieg ...“ +</p> + +<p> +„Ich habe gemeint“, stotterte der Schutzpolizeiler heraus, +„je blutiger der erste Tag, desto besser ...“ +</p> + +<p> +Aber er hatte seine Schlappe weg. +</p> + +<p> +Mehrere Vertreter der „Vaterländischen Verbände“ baten +um Gehör. +</p> + +<p> +<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> +Sie jammerten über Zersetzungserscheinungen. Ohne hinreichende +Geldunterstützung von seiten der Großindustrie sei +nichts zu machen. Die Kleinbürger seien nur noch mit alleräußerster +Anstrengung bei der Stange zu halten. „Jede +Stunde, die wir zögern, bedeutet für uns eine ebenso gewaltige +moralische wie auch materielle Schlappe. Alles ist +bei uns auf sofortiges Losschlagen eingestellt. Dieser Stimmung +müssen wir Rechnung tragen. Wir lassen uns ohnedies +vielzuviel gefallen. Endlich ist die Stunde gekommen, +rücksichtslos durchzugreifen ... Wenn sich die Arbeiterschaft +erst wieder erholt, dann „Kopf ab“ und „Gute Nacht!“ Für +den Gummiknüppel ist die Zeit zu ernst ...“ +</p> + +<p> +„Ganz unsere Meinung“, pflichteten Vertreter der Industrie +und der Landwirtschaft dem Vorredner bei. „Sehen +Sie sich, meine Herren, bitte die Betriebe an! Fünfzig Prozent +davon stillgelegt, und der Rest arbeitet, aber fragen Sie +nur nicht, wie. Unter passiver Resistenz, unter täglichen +Sabotageakten ... Nein, so geht es nicht mehr weiter. +Keineswegs ... Und der Zustand der Eisenbahnen. Die +Eisenbahnergewerkschaften sind von allen die aufsässigsten ... +Jeder Respekt vor der Autorität der Regierung ist zum +Teufel ... Wir Arbeitgeber können die Ausartung unserer +Republik in den Bolschewismus keineswegs dulden. Schon +heute spricht man mit Fug und Recht von einem Staat im +Staate ... Und wie sieht es auf dem Land aus? ... Unsereins +ist ja seines Lebens nicht mehr sicher ... Jetzt oder +nie ... Meine Herren, entscheiden Sie sich jetzt, unmittelbar, +sofort: oder unser aller letztes Stündchen hat geschlagen +...“ +</p> + +<p> +„Bitten Sie den Leiter der politischen Abteilung der +Polizei!“ +</p> + +<p> +Oberregierungsrat Ledermann erschien. +</p> + +<p> +„Ihr Nachrichtenmaterial bitte. Wir brauchen unverzüglich +konkreteste Angaben. Unserer militärischen Exekution +muß sofort ein großangelegter Propagandafeldzug koordiniert +werden. Lassen Sie Berichte anfertigen, Zeugenaussagen, +Geständnisse von Gefangenen ... Nicht allzu konstruiert, +es muß raffinierter als bisher kombiniert werden +<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> +... Man ist draußen im Land inzwischen durch verschiedene +unserer Fehlleistungen hellhöriger und scharfsichtiger +geworden. Mißgriffe in der augenblicklichen Situation +können wir uns nicht leisten, jede Zufälligkeit kann katastrophale +Auswirkungen haben ... Also: Sie verbreiten zunächst +alarmierende Meldungen über kommunistische Putschvorbereitungen, +bezw. setzen Sie sich mit den entsprechenden +Stellen augenblicks in Verbindung und lassen Sie durch +Polizeiagenten Attentate und andere Terrorakte, am +besten auf sogenannte dem Volksempfinden nach geheiligte +Orte, wie Kirchen, Säuglingsheime, Krankenhäuser usw., +fabrizieren. Das neulich am 1. Mai soll die Feuerprobe gewesen +sein. Nun also rüstig weiter ... Lassen Sie noch heute +einige Höllenmaschinen in die kommunistischen Parteibüros +einschmuggeln. Dadurch kommen wir zu einer populären +Begründung der allgemeinen Mobilisierung. Dadurch bekommen +wir auch bedeutend mehr Reserven heran und +können die unzuverlässigen Regimenter auffüllen. Setzen +Sie Fahndungskommandos ein, schreiben Sie Kopfprämien +aus, zunächst muß der ganze Funktionärkörper der Kommunisten +rücksichtslos zerschlagen werden. Erst auf dieser Basis +können wir dann erfolgreich an der Sanierung weiterarbeiten. +Fälle von Insubordination, Meuterei bei der bewaffneten +Macht, rote Zellenbildungen in Armee und +Marine sind mir direkt zu melden. Anweisung an die Kriegsgerichte: +exemplarisch bestrafen, sofort Exempel statuieren! +Keine offizielle Hinrichtung revolutionärer Führer. Solche +sind auf der Flucht zu erschießen bezw. ist in besonders geeignet +erscheinenden Fällen geschickt ein Selbstmord zu +arrangieren ... Was „Auskundschafter“ und derartige Individuen +anbetrifft, so kaufen Sie in großer Anzahl dazu +geeignete Subjekte auf, wir brauchen Vorrat für mindestens +einen Monat. In den Obdachlosenasylen, die Sie durch +Polizeistreifen säubern lassen müssen, werden gegen entsprechendes +Handgeld sich immer welche in großer Anzahl +finden lassen ... Jede derartige Dienstleistung wird gegen +bar honoriert. Nach festen Sätzen. Spesen extra. Staatsstellung +in Aussicht stellen ... Ich empfehle mich und erwarte +Sie spätestens morgen früh persönlich zum Bericht ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> +Der Oberregierungsrat war entlassen. +</p> + +<p> +Die verschiedenen Herren verabschiedeten sich. +</p> + +<p> +Man salutierte. Stand stramm. +</p> + +<p> +Alle gingen an die Arbeit. +</p> + +<p> +Der Chef des Generalstabs stand mit mehreren Offizieren +vor der Karte. +</p> + +<p> +Mit blauen Marken wurde Berlin eingekreist ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Telefunkenzentrale fieberte. +</p> + +<p> +Telegraphenapparate klapperten. +</p> + +<p> +Lärmende Gerüchte poltern durch Stadt und Land. +</p> + +<p> +Extrablätter: +</p> + +<p> +„Generalstreik!“ +</p> + +<p> +Extrablätter: +</p> + +<p> +„Entdeckung kommunistischer Waffenlager. Drohender +Kommunisten-Putsch. Kommunistische Giftgase ... Die +Regierung hat die Mobilisation angeordnet ...“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-7-12"> +<span class="firstline">XII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Unter den Schwerverwundeten befand sich auch Peter. +</p> + +<p> +Er hatte einen Nierenschuß, und zwar einen Querschläger. +Die rechte Hüftenseite war fleischig ausgefetzt. +</p> + +<p> +Sein Zustand war hoffnungslos. +</p> + +<p> +Daran war überhaupt nicht zu zweifeln. +</p> + +<p> +Er war als Polizeihäftling in das Krankenhaus eingeliefert +worden. +</p> + +<p> +Es war jetzt Abend. Die Vögel sangen im Krankenhausgarten. +Immer wieder schrillte die Torglocke. Aufnahme +an Aufnahme. Auf den Gängen war Bewegung ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Peter lag in einer vergitterten Einzelzelle. +</p> + +<p> +Der Arzt untersuchte kurz. Auf einer Holztafel wurde der +Name mit Kreide aufgeschrieben. Drei Polizeikommissare +erschienen, wie es hieß, zu einer vorläufigen Vernehmung. +</p> + +<p> +<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> +Der Sterbende sprach nicht. +</p> + +<p> +Drei photographische Aufnahmen wurden gemacht. Man +zog ihm dazu die Jacke wieder an, drückte ihm den Hut auf, +dann stellte man ihn aus dem Bett heraus an die Wand. +</p> + +<p> +„So stehen Sie doch! Stellen Sie sich doch nicht dümmer +an als Sie sind! Knicken Sie doch nicht immer wieder in +sich zusammen wie ein hohler Schlauch! ...“ +</p> + +<p> +Fingerabdrücke. Messungen. +</p> + +<p> +Der Arzt spritzte, um den Sterbenden dabei frisch zu +halten, Herzmittel. +</p> + +<p> +Man mußte aber auch noch eine Aussage erpressen, man +mußte, koste es, was es wolle, ein Geständnis erzwingen, +klipp und klar mußte es sein, gemeinverständlich für jedermann, +nur er, Peter, konnte darüber Aufschluß geben; der +Student: war er nicht Leiter einer militärischen Abteilung, +vielleicht gar der berüchtigten kommunistischen GAKAB, +Gaskampfabwehrabteilung!? Man war informiert darüber. +Peter wußte am ehesten Bescheid ... +</p> + +<p> +„Lassen Sie, bitte, Herr Doktor, Sekt auffahren! ... +Wünschen Sie zu rauchen, eine Zigarette gefällig, Herr +Friedjung ... Oder was ist Ihnen angenehm!? ... Haben +Sie vielleicht Angehörige, gute Freunde, ein Fräulein Braut, +die Sie noch sprechen möchten ... Verheiratet sind Sie ja +nicht ... Und ihr Herr Vater, eine telegraphische Benachrichtigung +vielleicht ... Wir stehen Ihnen selbstverständlich +zu jeder Art Dienstleistung bereitwilligst zur Verfügung. +Das ist auch der eigentliche Grund unseres Kommens ... Aber +bequemen Sie sich bitte zu einer ganz kurzen Aussage. Ihr +Entgegenkommen soll Sie nicht reuen ... Sie kennen doch +den ... Und wo hält der sich auf ... Bitte, bitte, wir lassen +Sie sofort in Ruhe. Sie sind aus der Haft entlassen! Sofort +sind Sie frei ...!“ +</p> + +<p> +Peter schwieg. +</p> + +<p> +Nur einmal drehte er sich kurz auf: +</p> + +<p> +„Lassen Sie mich doch ... Quälen Sie mich nicht ... Sie +wissen doch, es hat keinen Zweck ... Das müßten Sie sich +<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> +doch eigentlich selbst sagen. Wozu diese Folter ... Sie +müßten sich eigentlich schämen ...“ +</p> + +<p> +Wieder wurde er im Bett aufgesetzt. +</p> + +<p> +„Sehen Sie, Herr Friedjung, Herr „Doktor“, alle diese +Unannehmlichkeiten müssen Sie über sich ergehen lassen. Sie +erschweren sich durch Ihr hartnäckiges, uns geradezu unverständliches +Schweigen nur ganz unnötigerweise selbst die +Lage ... Wollen Sie ... Es geschähe in einer solch kritischen +Situation auch sicher im Einverständnis mit der +Partei ...“ +</p> + +<p> +Peter schwieg. +</p> + +<p> +„Na, also, da müssen wir scheinbar andere Seiten aufziehen, +da werden wir kurzen Prozeß machen. Wollen Sie +jetzt oder wollen Sie nicht, Sie verfluchtes Kommunistenschwein? +Heraus mit der Sprache: Wo sind eure Gasläger!? +He! Oder wir brechen Ihnen noch bei lebendigem Leib die +Knochen entzwei ... Sie haben vielleicht gehört, in Ihrem +schönen heiligen roten Rußland benützt man Gefangene dazu, +um an ihnen ein neues Gas auszuprobieren ... Daß +so ein Dreckskerl, so ein Luder wie du nur ein Mal verreckt, +das genügt nicht ... Man müßte die Kommunisten, diese +Kannibalen, zur Vivisektion freigeben ...“ +</p> + +<p> +Und versetzte ihm einen Puff, daß der Sterbende an die +Wand rutschte. +</p> + +<p> +„Warte, du wirst gleich aus dem Bett herauskollern, +Freundchen, dann wirst du schön hübsch und brav auf dem +Boden unseren Dreck fressen ...“ +</p> + +<p> +„Laß ihn deinen ... lecken, diese Kommunistensau, +so haben es seine Bundesbrüder, die Franzosen, mit unseren +Gefangenen gemacht ... Na, so ein stures Vieh ...“ +</p> + +<p> +Einer der Kommissare klingelte. +</p> + +<p> +Der Arzt erschien. +</p> + +<p> +„Herr Doktor, der Kerl schweigt. Haben Sie vielleicht so +was wie einen elektrischen Pinsel!? Oder, was stark +schmerzt, eine Aetherinjektion vielleicht unter die Haut!? +Oder kann man ihn noch in eine drei Viertel Narkose, in +einen Chloräthylrausch versetzen, um dadurch vielleicht etwas +herauszukriegen!? ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> +„Aber meine Herren, ich muß davon abraten. Diese +Mittel versprechen hier keinen Erfolg mehr, fühlen Sie doch +den Puls, bei Mittelkranken ja, aber in solchen Fällen: kurz +vor dem Torschluß, fünf Minuten vor dem Exitus ... Ich +bin zwar Gerichtsarzt und in erster Linie Gehilfe des Richters, +aber, Herr Inspektor, wir wollen uns doch nicht noch +an einer Leiche vergreifen ...“ +</p> + +<p> +Der Herztakt des Sterbenden galoppierte. Setzte aus. +Brach sich wieder stockend, zögernd durch ... tropfenweise ... +Dann hämmerte er ganz, ganz langsam ... +</p> + +<p> +„Sehen Sie doch! ...“ +</p> + +<p> +Der Arzt lüpfte die Decke. +</p> + +<p> +„Es kommt ganz dick durch den Verband ...“ +</p> + +<p> +„Ein solches Kommunistendreckschwein!“ +</p> + +<p> +„Aber Herr Friedjung,“ versuchte es jetzt wieder einer +der Kommissare, „ich beschwöre Sie, im Augenblick Ihrer +letzten Stunde, vor Gottes Angesicht! Auch ich bin innerlich +tiefreligiös und ich spreche jetzt zu Ihnen wie Mensch zu +Mensch! ... Sie können uns doch unmöglich so unverrichteter +Dinge abziehen lassen! Versetzen Sie sich, bitte, wenn +es Ihnen auch schwer fällt, doch einmal für einen Augenblick +in unsere Lage! Was wird unser Chef dazu sagen, wenn +wir so mit leeren Händen nach Hause kommen! Wir verlieren +Ihretwegen, Herr Friedjung, noch unsere Stellung! +Und sind allesamt doch verheiratete Männer, bedenken Sie, +mit Weib und Kind und Haushalt! Sind schließlich doch +auch nur Proletarier!“ +</p> + +<p> +„Also, haben Sie Erbarmen mit uns!“ gab ein zweiter +dazu. „Mut gefaßt. Auf eine Aussage mehr oder weniger +kommts doch nicht an. Sprechen Sie, wir sind doch Männer! +Deutsche ehrliche offene Männer, die nichts zu befürchten +und zu verschweigen haben, und wenn die Welt voll Teufel +wär, unsere feste Burg ist unser Gott. Also ... Wir wollen +im Grund letzten Endes doch alle das Gleiche ...“ +</p> + +<p> +Peter schwieg ... +</p> + +<p> +Die Kommissare zogen türenschlagend ab. +</p> + +<p> +Die Schritte schleiften den Gang hinunter, ein Schlüssel +klirrte, eine Tür schnappte ... Nur fern wo schrie jemand ... +</p> + +<p> +<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> +„Der Nächste ...“ +</p> + +<p> +„Halt auch du stand, Genosse, und schweig!“ +</p> + +<p> +Peter war mit sich allein. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-7-13"> +<span class="firstline">XIII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Sind es Spinnenweben!? Licht-Gespinste? Sind es +Strahlengeflechte, die kreuz und quer in sich verschlungen, +durch den Weltraum gezogen sind!? +</p> + +<p> +Nein. +</p> + +<p> +Es ist das Gitter. +</p> + +<p> +Und das Gitter kommt auf Peter zu, wandert, wandert +vor ihm her, wandert ihm nach bis in den kleinsten Weltwinkel. +</p> + +<p> +Er steht in einer sauberen Stube. Er ist einem Mädchen +gut. Er hat sie umgefaßt. „Du, wollen wir nicht zueinander +„Du“ sagen!?“ Er ist eigentlich ganz glücklich ... +</p> + +<p> +Da senkt sich auch schon wieder schwer, schwarz, vierkantig +und schemenhaft vor ihm das Gitter herab. +</p> + +<p> +Das Gitter spricht: +</p> + +<p> +„Bevor ich nicht zerbrochen bin, gibt es für dich Ruhe +nicht! ... Peter, tu deine Pflicht! ... Feile, beiße dich mit +den Zähnen fest, reiße deine Hände wund daran, kniee dich +herauf zu mir, ziehe dich zu mir empor, presse deine Schädelknochen +hinein zwischen mich, rüttle daran, schüttle mich ... +Friß das Gitter ...“ +</p> + +<p> +Das Gitter spricht: +</p> + +<p> +„Ich laß dich nicht!“ +</p> + +<p> +„Wie schön das Leben ist!“ flüstert Peter. „Die Berge, +das Meer, wellengebuckelt, Gewitter darüber metallisch, wie +über einer gerippten Fläche aus schwarzem Erz! Und die +Jahreszeiten! So ein Winter voll Schneefließen und Skilauf! +... Wie die Bäume blühen, die Wälder duften ... +Wie ein Klotz liegt man ausgestreckt inmitten des Wiesenkrauts +... Windmühlenflügel am Horizont! Kornwagen, +die auf der steinigen Landstraße polternd von der Ernte +<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> +dorfwärts schwanken ... Menschen, gebräunte knochige Gesichter, +die in der Schenke vor einem hölzernen Tisch sitzen, +bei Rauch und bei Wein! ... O noch einmal! O noch <em>ein</em> +Mal!“ +</p> + +<p> +Und wieder fällt das Gitter, ein Netz diesmal, gewoben +aus Geschoßbahnen und Feuerdampf, es fällt und fällt, bis +der ganze Weltraum durchgittert ist. Auch das „schöne +Leben“ durchgittert ist! Irrsinnig flackernde Augenpaare +dahinter, Bajonette und Stacheldraht, Knochenknacken und +Aechzen und Tränenwimmern, das schwere Stampfen einer +Riesenpumpe, die Menschenblut pumpt, die Menschenmark, +Menschenlebenskraft saugt. Mordmaschinen, Fabrikanlagen: +Massenmord wie harmloses Kinderspielzeug fabrizierend ... +</p> + +<p> +Da sind Menschen, die vor dem Gitter flüchten. Menschen, +die hinter dem Gitterwerk träumen. Es ist ein goldener +Käfig, darin sie sich schändlich zutod träumen. Die Stäbe +sind broncen lackiert ... +</p> + +<p> +Das Gitter wächst ... Setzt Glieder an, Knoten, Verkuppelungen +... Es kann Menschen umarmen, Menschen umarmend +zu Tode drücken. Die Gitterstäbe sind vielkantig, +messerscharf ... +</p> + +<p> +Und das Gitter steht mitten in Europa. +</p> + +<p> +Und das Gitter steht in Asien. +</p> + +<p> +Steht um Afrika herum ... +</p> + +<p> +Dehnt sich aus und zieht sich wieder zusammen ... +</p> + +<p> +Schwimmt aufrecht stehend übers Meer – +</p> + +<p> +Umgittert Japan. Umgittert China ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Gitterstäbe werden lebendig, sind Menschen, uniformiert, +bewaffnet mit Pistolen und Handgranaten ... Und +das lebendige Gitter marschiert, macht Menschenjagd ... Und +die Gitterstäbe pflanzen sich wie spitze Pfähle fest mitten +hindurch durch Menschenleiber. Und das Gitter schwenkt +sich jetzt wehend im Wind wie eine Fahne über krampfhaft +sich zutode zuckende Menschenhaufen. Diese Fahne ist gehißt +auf einem pyramidenähnlichen Hügel von Leichenmüll. +</p> + +<p> +Die Fahne spricht: +</p> + +<p> +<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> +„Ich proklamiere die Menschenrechte. Ich bin die Fahne +der Zivilisation! Glaubt denen nicht, die da sagen: ich sei +eine Todesfalle. Glaubt denen nicht, die da prophezeien, +ich würde über kurz oder lang dennoch heruntergeholt. +Beugt euch, ihr heidnischen Völker, in Glauben und Demut +vor mir. Ich bin das Christentum. Ich bin die Erlösung. +Die Freiheit, die Arbeit, das Glück, die Lebensmöglichkeit +für alle ... Ich bin der Menschheitsfortschritt ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Ein feiner, in messerscharfen Strichen heruntergerissener +Regen rann. Rann senkrecht und wagrecht und schlang sich +plötzlich um Peter herum, ein fließendes Gitter ... Ein +unentwirrbares Regendickicht. Bis ein gewaltiger Lichtsturz +niederschoß ... das Regengitter durchschmolz ... +</p> + +<p> +Unter der Glut einer roten Sonne löste es sich auf. +</p> + +<p> +Peter stand frei in einer unbegrenzten Landschaft. +</p> + +<p> +Eine unendlich tiefe, jubilierende, glanzblaue Klang-Mulde +war die Welt. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Ein Genosse reichte ihm die Hand. +</p> + +<p> +Die Hand Peters war farblos geworden, alles Blut hatte +sich in das Herzinnere zurückgezogen, Peter sah auf seine +Hand hinab: da lag sie vor ihm auf der bunt gewürfelten +Bettdecke, groß, ausgeruht, unfaßbar fremd. +</p> + +<p> +„Gute Nacht! Peter!“ nickte der Genosse ihm zu. „Hasts +gut gemacht! Hab keine Zeit, viel noch zu schaffen. Muß +jetzt weiter ...“ +</p> + +<p> +„Bleib wohlauf!“ antwortete Peter, und das schon aus +einem sehr tiefen, wie mit einer samtenen Nacht ausgelegten +Hintergrund hervor: „Laß dirs gut gehen! Du schaffst es +schon! Zähne fest zusammenbeißen. Weiterarbeiten so. Nicht +wahr ...! Denn das eine steht heute unumstößlich fest: +mag der Einzelne auch fallen, das Ganze, die proletarische +Klasse siegt! ...“ +</p> + +<p> +Das sprach Peter schon wortlos. +</p> + +<p> +Der Genosse hörte es nicht mehr. +</p> + +<p> +<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> +Dieser Genosse, von dem Peter jetzt Abschied genommen +hatte, war aber nicht ein einzelner. Keine Einzelperson. Er +war anonym, namenlos, dieser Genosse war: die Partei, +dieser Genosse war: das Proletariat, dieser Genosse war die +Masse aller Ausgebeuteten und Verelendeten. Dieser Genosse +war die siegreiche Revolution. +</p> + +<p> +Dieser Genosse hieß auch: die Zukunft der Welt. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Peters Lippen bewegten sich immer noch. +</p> + +<p> +Nun versank er in sich. +</p> + +<p> +Die Augen glühten glanzweiß ... +</p> + +<p> +Menschenmassen schrieen gegeneinander. Menschenmassen +schoben immerfort kämpfend sich aufeinander zu ... +</p> + +<p> +Die Geräusche bewegten sich jetzt von ihm fort, wie ein +Blätterschwall, der dicht über den Boden dahinfegt. +</p> + +<p> +Noch einmal wölbte sich ein Wipfel von Geräusch über +ihm: Schüsse, Schreie, Knochensplitter ... Der Wipfel +schwang schmetternd über ihn hin ... Und es wurde +Herbst ... Der Wipfel entblätterte ... +</p> + +<p> +Es wurde traumhaft ruhig um ihn ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Trotzdem nun Peter ganz mit sich allein in der vergitterten +Zelle lag: so wenig einsam wie jetzt war er in seinem +Leben noch nie. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-8"> +<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> +<span class="firstline">7. Kapitel.</span><br> +Vom einzig gerechten Krieg +</h2> + +</div> + +<p class="ctoc"> +Das „Neue Leben“. – Wie es im +Himmel aussieht! Und auf Erden?! +– Gespensterlandschaft. – Vom +einzig gerechten Krieg. – Im Anfang +war die Arbeit. – Fleisch. +Blut. Knochen. – Denen, die in +Ketten träumen. – Roter Marsch. +– Gesang der Welteroberer. +</p> + +<div class="chapter"> + +<p class="sectiontop note"> +<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> +Wir lassen hier die Aufzeichnungen folgen, die Genosse +Peter Friedjung uns hinterlassen hat. +</p> + +</div> + +<h3 class="section1" id="chapter-8-1"> +<span class="firstline">I</span> +</h3> + +<p class="right"> +Im Anfang war die Arbeit +</p> + +<p class="first"> +„Es sind nun schon einige Jahre her, daß ich das bürgerliche +Leben verließ, in dem ich bisher, wenn vielleicht auch +absonderlich und phantastisch, lebte. Daß eine Brücke nach +der anderen ich hinter mir abbrach, bis endlich auch die +Konturen dieses alten Lebens immer mehr schwanden, ich +auf der neuen Erde Tag für Tag fester Fuß faßte, neue +Menschen fand, neue Kameraden gewann, und ich mit +meinem Vorleben, das ja auch nur ein bescheidenes Plätzchen +innerhalb der allgemeinen bürgerlichen Verworfenheit +darstellte, mich nurmehr dergestalt beschäftigte: den +eisklaren revolutionären Vernichtungsplan im Gehirn; +konkreten Willens, exakt und zweckmäßig gearbeitet wie +ein modernes Brechwerkzeug; ein unerschütterliches Bollwerk +von Haß gegen jede Form von Menschenausbeutung +im Herzen; die Waffe in der Hand. +</p> + +<p> +Die Realität dieses vergangenen Lebens ist notwendigerweise +eine gespenstische. +</p> + +<p> +Dieses Abschiednehmen, dieses Zurückweichen der Uferlinie +mag, wie mir bekannt ist, am besten, wenn auch auf +typisch kleinbürgerliche und idyllische Art und Weise, seinen +Ausdruck gefunden haben in jenen Worten aus Strindbergs +„Entzweit“ wo es am Schluß heißt: +</p> + +<p> +„Und so fuhr er wieder in die Welt hinaus. Als der +Dampfer an dem schönen Herbstabend sich den Strom hinaufarbeitete, +sah er noch einmal das Häuschen, dessen Fenster +jetzt leuchteten. Alles Böse und Häßliche, das er dort +gesehen hatte, war jetzt verschwunden; er empfand kaum +eine flüchtige Freude, diesem Gefängnis, in dem er so unerhört +gelitten hatte, entronnen zu sein. Nur Gefühle der +<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> +Dankbarkeit und der Wehmut ergriffen ihn. Einen Augenblick +zog das Band, das ihn an Weib und Kind fesselte, so +stark an, daß er sich ins Wasser stürzen wollte. Dann aber +drehten die Schaufelräder den Dampfer einige Male kräftig +vorwärts, das Band dehnte sich, streckte sich – und riß.“ +</p> + +<p> +Und riß! – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Nun zeichne ich hier die Kurve dieses Wegs der Ablösung +auf, einer Kurve, die oft einer Fieberkurve gleicht. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Zuchthausmauern, Hinrichtungen, Verfolgungen, Leichenhaufen, +lohnend bezahlter Meuchelmord: das ist die Landschaft, +durch die dich der Weg auf seiner neuen Richtung, +die er genommen, hindurchführt. Dein Schritt ist nicht mehr +eines Einzelnen Schritt, du schreitest im Gleichtakt, du +schreitest ihn als Kampfkolonne. +</p> + +<p> +Hinter dir, weit hinter dir der andere Teil der Menschheit +auf seinem verlorenen Posten, überwuchert von seinem +eigenen Pesthauch wie von Giftschwaden; rache-fletschend, +geifernd, verleumdend, zu jeder Untat und Gemeinheit +allzeit bereit: die Profitrate sinkt – ein panisches Gezeter: +und nun lassen sie hervorstürzen aus den Zwingkäfigen +ihrer Kasernen, sie, die schöngeistigen Ruhmredner auf Kultur +und Zivilisation, schlimmer als Hunnenhorden, die von +ihnen im Namen des Vaterlandes gedungenen Söldnertruppen +und die Garden der Streikbrecher, von Arbeiterverrätern +und bornierten Gewerkschaftsvertretern kommandiert; +Studenten- und Freiwilligenbataillone, durch +deklassierte Offiziere, abenteuer-lüsterne Professoren und +Pfaffen auf <a id="corr-47"></a>Arbeitermasscacres abgerichtet. +</p> + +<p> +Polizeirock, Windjacke, Uniformfetzen stürzt sich auf Arbeitskittel: +</p> + +<p> +„Jib ihm Saures!“ +</p> + +<p> +Oder: +</p> + +<p> +„Komm mit! Kusch dich! Oder sonst beißt sich was –“ +</p> + +<p> +Und das letzte Stadium des Martyriums des blutdurchtränkten +Arbeitskittels beginnt: endend mit jahrelangen +<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> +Zuchthausstrafen oder „An die Wand“, und angefangen mit +ausgeschlagenen Zähnen, ausgerissenen Augen und Rippenbrüchen +schon bei der Verhaftung, auf dem Transport oder +auf der Wachtstube. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Auseinanderfallen der Weltwirtschaft. Unfähigkeit des +Kapitalismus, irgend eines der großen internationalen +Probleme zu lösen. Valuta-Chaos. Unlösbarkeit der Reparationsfrage. +Verschärfte Krisenperiode. Einengung des +Weltmarkts. Uneinheitlichkeit der Konjunktur. Unerträgliche +Spannung zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften. +– +</p> + +<p> +Aber nur neue Terror-Akte gegenüber der werktätigen +Bevölkerung produzierten diese Tatsachen, und, maskiert +durch die Kulisse einer pazifistischen Aera, häuften sich +allenthalb die Explosivstoffe. Unter unsäglichen Leiden und +Opfern der von den Produktionsmitteln künstlich Abgetrennten, +der die Fundamente der Gesellschaft mittels des +lebendigen Kitts ihres Herzbluts, ihres Schweißes, ihrer +Tränen gerade noch notdürftig Zusammenhaltenden: arbeitete +in allen Fugen krachend weiter der altmodische und +an den wichtigsten Stellen schon völlig unbrauchbar gewordene +Welt-Mechanismus. +</p> + +<p> +Der ganze Apparat taugt eben nichts mehr, funktioniert +nicht mehr, kommt nicht in Schwung ... +</p> + +<p> +Auch die Kolonialvölker hatten zugelernt, rebellierten. +</p> + +<p> +Jeder, auch im entlegensten Weltwinkel, hatte allmählich +eine genügend hinreichende Dosis Erfahrung geschluckt. +</p> + +<p> +Unentwirrbar das Riesenknäuel der machtpolitischen +Probleme – +</p> + +<p> +Und die internationale Bourgeoisie bereitete trotz Völkerbund +und gegenteiliger scheinheiliger Versicherungen bereits +in ihren Flugzeugwerkstätten und chemischen Giftgasversuchslaboratorien +einen großartigen Start vor zu neuen +imperialistischen Weltkriegen. +</p> + +<p> +Immer wieder von neuem dazwischen heftige elementare +Ausbrüche ihrer inneren unüberwindbaren Interessengegensätze +... +</p> + +<p> +<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> +Auch kamen die aufgewecktesten Teile des Proletariats +endlich dahinter, wie höllisch-friedlich in Wahrheit so ein +imperialistischer Frieden war. +</p> + +<p> +Recht energisch knurrten schon ihre Reihen: +</p> + +<p> +„Mißtrauen! Mißtrauen der menschenfressenden Kanaille +gegenüber bis zum Aeußersten!“ +</p> + +<p> +Und: +</p> + +<p> +„Ein Narr, wer Tigern predigt Pflanzenkost!“ +</p> + +<p> +„Euer herrlicher Frieden: eine Fortsetzung eures glorreichen +Kriegs wohl, mit anderen Mitteln, was!?“ +</p> + +<p> +„Und wenn es schon einen „trockenen Putsch“ gibt, warum +soll es nicht auch einen „trockenen Krieg“ geben?“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Wahre Volksschlächter- und Massenhenkernaturen entstanden +auf diesem, von Fäulniskeimen durch und durch +unterminierten Boden. +</p> + +<p> +Professionelle Sadisten im Dienst der politischen Polizei, +Gewohnheitsverbrecher, Verräter, Denunzianten, Attentäter, +lebendige Marterinstrumente, menschliche Folterbestien, +Lockspitzel, geriebene Erpresser: das marschierte wie +ein Heer auf, verschlang, ein parasitäres Geschwür mörderisch +durchseuchend den ganzen Volkskörper, Unsummen vom +Staatshaushalt; denn diese, teils aus Unzurechnungsfähigen, +teils aus Menschendreck rekrutierte Geheimarmee +wollte eben auch gut bürgerlich leben und zählte nach +Hunderttausenden. +</p> + +<p> +„Mit Stumpf und Stiel ausrotten ...“ +</p> + +<p> +Dieser Plan gegenüber dem klassenbewußten revolutionären +Proletariat aller Länder kristallisierte sich also im +Lager der zu einem eisern-gelenkigen Abwehrblock zusammengeschweißten, +mit den raffiniertesten Großkampfmitteln +ausgerüsteten internationalen Welt-Bourgeoisie immer +deutlicher. Ob mit Hilfe des Faschismus oder mit Hilfe der +Sozialdemokratie, d. h. mittels einer sogenannten „Arbeiterregierung“, +ob offen, brutal oder ob pazifistisch, demokratisch, +illusionistisch: das war eine reine Taktikfrage, und +<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> +man war sich einig darüber drüben: das wird den verschiedenen +Zeitumständen und Kräfteverhältnissen entsprechend +abwechselnd, je nachdem, einmal so und einmal so, gehandhabt. +</p> + +<p> +Welt-Mobilisation. +</p> + +<p> +Front gegen Front. +</p> + +<p> +Es riß durch – +</p> + +<p> +Und es riß durch bis auf die Sprachverbindung hinab, bis +hinab auf die gleiche Erlebnismöglichkeit: +</p> + +<p> +Front gegen Front heißt: Sprache gegen Sprache, Gefühlsausdruck +gegen Gefühlsausdruck, heißt Denkart gegen +Denkart, heißt Anschauungsform gegen Anschauungsform, +heißt Weltbild gegen Weltbild. +</p> + +<p> +Denn eingetreten schon waren wir in das Zeitalter der +alle Erdteile umspannenden, der die Welt-Zukunft entscheidenden +Riesenklassenschlacht. Die Klassenkräfte gruppieren +sich, die Klassenkräfte manövrieren gegeneinander – +</p> + +<p> +Druck und Gegendruck – +</p> + +<p> +Und gewaltig drückte herein das Rote Rußland, ein Einhundertundfünfzig-Millionen-Volk; +einhundertundfünfzig +Millionen, Arbeiter- und Bauernmassen, warfen sich jetzt, +ein drückendes Gewicht, in die Wagschale; Rote Erde, ein +Sechstel des Erdteils ... Und dahinter die aus dem Bann +jahrtausendelanger Knechtschaft erwachenden, zu Meeren +aus Schmelzglut verwandelten Völker des Ostens ... +</p> + +<p> +Der Zeiger rückt vor in das letzte Viertel auf dem +Ziffernblatt des Menschheitsmanometers. Die Alarmpfeifen +an den Sicherheitsventilen trillern. Die Stahlhäute +schwitzen. Der Augenblick der Sprengung ist nah! Die +Stahlhäute werden rissig, beulen sich aus, dehnen, zerren, +biegen sich – – – +</p> + +<p> +Mit ewigkeitstriefenden Lippen beschwören zwar noch +ihre imaginären, verschiedenartig uniformierten Götter die +Fetischgläubigen, das gerechte, ja nur allzu gerechte Verdammnisurteil +der lebendigen Geschichte von den Häuptern +der heute Herrschenden gnädiglichst abzuwenden: immer +eindringlicher aber, selbst bis in die letzte unscheinbarste geringste +<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> +Alltäglichkeit hinein, kündigt sich an die gewitterschwangere +Atmosphäre einer End-Phase. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Wie je nur einer, so habe auch ich vormals begeisterungsinnig +genug verehrt sie alle, die Meisterwerke euerer Dichtung, +euerer Malerei, euerer Musik, euerer Plastik; ich +selbst war einer jener „Verklärer“, jener Ekstatiker der +Apotheose des „Abgrunds“; durchgeforscht habe ich mich durch +alle Gefühlswildnisse und weisheits-süchtig mich durchgedacht +durch die Labyrinthe eueres an Komplizierungen und +Kombinationen so berauschend reichen, ja überreichen +Denkens, durch alle scheinbar so lückenlos gefügten philosophischen +Systeme hindurch, grausam-offen sprechende Zeugnisse +des von euch zwangshaft nie und nimmer zu lösenden +Widerspruchs. Kindlich staunend aufgeblickt habe ich zu den +siebenmalsiebentausend Wundern euerer Maschinentechnik, +euerer genialen Organisationskunst, zu der, wie ihr gern +wahrhaben möchtet, metaphysisch-einheitlichen Geordnetheit +eueres Weltbilds – – – aber ich habe den Blutsumpf +auch mit eigenen Augen gesehen, auf dem euere Kultur +erbaut ist, und ich habe den selbstverständlichen Mut +geschöpft daraus, sie, und dadurch vor allem auch das, was +in meinem eigenen Dasein damit zusammenhängt, rücksichtslos +durch die Tat zu verneinen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-8-2"> +<span class="firstline">II</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Man kann einem Menschen nicht zum Vorwurf machen, +daß er in der bürgerlichen Gesellschaft gelebt hat. – +</p> + +<p> +Der eine: zerfetzt, den Körper mit Wunden bedeckt – +kämpft sich durch. Ob er den Uebergang gewinnt!? Und +dann, ob er nach diesem gewaltsamen, oft mit Gehirnzerrüttung +und Gesundheitsschädigung erkauften Durchbruch +noch soviel an lebendiger Kraft erübrigt hat, um auf der +Kampffront der werktätigen Millionenmassen seinen Mann +zu stellen: vorn, in der offenen Feuerlinie, im Nahgefecht, +bei der täglichen Kleinarbeit!? Denn das „Neue Leben“, +die Revolution, sie erfordert dich ganz. Sie verlangt unerbittlich +<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> +eine unendliche Fülle von exaktem Wissensmaterial +von dir; sprunghafte Kühnheit zugleich und zweckhafte +Fähigkeit ... Heroisch zu sein in den heroischen +Momenten der Geschichte ist leicht. Aber von nun an heißt +es: Spanne dich! – und wenn auch nur ein erbärmlicher +sozialdemokratischer Gewerkschaftsbürokrat die Scheibe ist – +auch dahinter leuchtet das große erhabene Ziel: auch da +mußt du dich hindurchschießen! +</p> + +<p> +Ob man die Möglichkeit der Gedankenvereinfachung noch +hat!? Die Möglichkeit des Sichinbeziehungsetzens mit dem +Ausdrucksorgan der Ausgebeuteten, der eine andere +Sprache spricht als die deine ist, die aber auch von nun an +die deine werden wird. Ob du dich damit bescheiden kannst, +zu lernen, weiter nichts als zu lernen, dich durch die asketisch-strenge +Schule der Partei hindurchzukneten, ein +Lernender zu sein, nichts weniger und nichts mehr als nur +ein Lernender ... Rücksichtslos alle deine bürgerlichen +individualistischen Exzesse aus dir auszuschneiden ... Um +eines Tages durch deine Arbeit dein neues Heimatrecht dir +zu erobern: vom Proletariat als seinesgleichen adoptiert zu +werden ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Das Gehirn in jenem „Alten Leben“ wird abstrakt, wie +eine Windblase, und entfernt sich, irrsinnig phosphoreszierend, +ins Zeit- und Raumlose. Du schwelgst zwar in einem +gewaltigen Pathos, aber es ist jenes berüchtigte romantische +Pathos der Distanz, das Pathos vom Wissen des Niejeverwirklichenkönnens, +das Pathos der hoffnungslosen Unüberbrückbarkeit +zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll. +</p> + +<p> +Andere geifern sich darüber hinweg mit Zynismen. +</p> + +<p> +Es ist ein und dasselbe. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Ob man sich selbst herunterholen kann!? +</p> + +<p> +Herunter bis auf diese naheste aller Erdnähen, bis zu +diesem festen granitenen fundamentalen Grund: Klassenkampf, +Klassensolidarität, Parteidisziplin, Parteiehre!? +Darnach, nachdem das ganze Dasein ausgelaugt von der +bürgerlichen Gifthölle ist oder millionenscherbig zersplittert! +<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> +Und man sich mühselig von neuem wieder zusammenklauben +muß! ... Dreivierteln seines Menschendaseins den Todesstoß +versetzen muß, um mit dem übriggebliebenen, ach so +spärlichen Restviertel von vorne, ganz von vorne zu beginnen!? +... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Nun, ich habe viele kennen gelernt, die auf diesem Wege +gefallen sind, zu etwas Besserem geboren als zu farblosem +Verzicht und ruhmlosem Opfertum: freiheits-fanatische, +prächtige, an allem Wahren und Schönen entzündbare und +alle Menschen rings um sich mitentzündende, gemeinschaftssüchtige +Menschen; Menschen, in ihrer Jugend wie Kraterberge, +mit explosiver Lava angefüllt, rissig rings von einem +ununterbrochenen ekstatischen Bersten; Jahr für Jahr aber +mehr und immer mehr abglühend bis zu einem wandelnden +Aschenhaufen, durchdunkelt von unheilbarer Schwermut. +Manche von ihnen schüttelten sich in dem ihnen von der Gesellschaft +angeborenen brennenden Kettengewand oft rasend +wie Berserker. Sie waren allesamt wissend, zum mindesten +aber ahnend, und in Gesprächen gelegentlich oder in einem +hingezuckten Blick verrieten sie ihr Geheimnis. +</p> + +<p> +Wie lautete ihr Geheimnis? +</p> + +<p> +Einfach: +</p> + +<p> +„Die Lebenskraft reicht uns eben nicht mehr hin, herüber, +herauf über den Rand zu kommen. Man bleibt hilflos, +einsam hängen wie in einem ungeheuren Rauchfang +im Weltabgrund ... Man läßt los. Ein Traum, ein violetter +vielleicht, wenn Sie wollen, von einem seligen, vergessenheitstrunkenen +Absturz. Fratzenhaft das alles, grimmassierend +... Ein elektrischer Einstich jeder Sternblick. +Alles Leben ist gläsernes Schweben ... Ueber metallisch +fließende Traumsteppen hin uferloses Tonwehen ... Die +Atmosphäre, die Atmosphäre, die ist es ... Sie ist zwangshaft +... Ein unheimlich unsichtbarer, mörderischer Fetisch ... +Unentrinnbar umklammert von einer mystischen Gefühls- +und Denkzange: ein mystischer Terror: man – kann nicht +mehr.“ +</p> + +<p> +<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> +Solchen kann man wirklich nicht zurufen: +</p> + +<p> +„Nur Mut!“ +</p> + +<p> +Das ist das völlige Abgekämpftsein, ein Bruchton aus der +Symphonie des bürgerlichen Klassensterbens, das in seltsamen +Klangkombinationen hinschmelzende Finale der +physiologischen Gebrochenheit. +</p> + +<p> +Ihr Welt-Rätsel!? Ihres Welträtsels Unergründbarkeit!? +</p> + +<p> +Sie fanden nicht mehr den Anschluß an die allein rettende, +an die alleinig heilende Realität dieser Erde, an die einzig +die Menschheitserlösung erkämpfende Macht dieser Erde, an +das Proletariat, an die Kampftruppe der Zukunft – und +so würgten sie sich selbst ab unter metaphysisch-grotesken, +oft harlekinhaften Todesgesten im Luftleeren. +</p> + +<p> +Mit welchem Aufwand an Sentimentalität, Zärtlichkeit, +Andacht bauten sie sich aus in dem auf dem Boden des Nichts +errichteten Elfenbeinturm ihrer Individualität für jede +Laune, für jede Absonderlichkeit ein eigenes Wohngemach; +ganze Appartements darin für treibhausdünstiges „Höhenleben“ +–: bis eines Tages dieses künstlich aufgeführte Gebäude +schwankte und zu dem zusammenstürzte, was es war: +zu einem Häufchen von Daseinsmoder, Lebensekel und +verworrener, ihrer blendenden Umschalung entkleideten +Weltlüge. +</p> + +<p> +Sie endeten alle mit Selbstmord, ob sie nun Hand an sich +legten oder nicht. +</p> + +<p> +Auch ihr Wahnsinn war Selbstmord. +</p> + +<p> +Man kann sie nicht verurteilen, man kann sich nicht zum +Richter aufwerfen über sie. +</p> + +<p> +Hier gibt es nur das eine: +</p> + +<p> +„Es ist schade, jammerschade.“ +</p> + +<p> +Ueber alle diese „Zu-kurz-Gesprungenen“ schreibe ich als +Epilog: +</p> + +<p> +Ich weiß, welches unausmeßbare Maß an Schmerzen ihr +erlitten habt. Ich bin fähig und ich bin auch willens, sie +mitzuleiden. Mancher von euch hat tapfer sich gewehrt; +<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> +jahrelang, jahrzehntelang sich tapfer gewehrt, bevor er die +Arme verschränkte oder die Hände faltete ... Wieviel, o +wie unaussprechbar viel an unausgelebter Kameradschaftlichkeit, +Herzensgüte, Menschenwärme, Lebensschwung ist +mit euch dahingegangen! Legionen von Begabungen unbarmherzig +erdrosselt! Ausgehungert irrtet herum ihr oft +monate-, ja jahrelang; ausgehungert bis auf den nackten +Knochen ... In diesem menschenschlächterischen, menschenunwürdigen +Menschheitszustand: was wird nicht zum +Spekulationsobjekt!? Euere Trauer, euere Not, euere +Tränen, euere Verzweiflung, euer Angstschweiß, euer Verfolgungswahn, +jede Pille der Bitternis, die ihr geschluckt +habt, jede Art euerer Marter bis zum letzten Todesröcheln +... Das alles ... Und mehr noch ... Geduldet, +gedacht, gefühlt, von Leidensstation zu Leidensstation gehetzt +– für wen?! Warum?! Wozu?! ... Für nichts und +wieder nichts! ... Hoch über der Sinnlosigkeit jeder Einzel-Existenz +thront, weiter behäbig sich mästend, der Welt-Unsinn +... Nicht eine Sekunde lang währte sein ach so oft +euch flammend versichertes Beileid! ... Dem Fresser dientet +ihr nur dazu, sich mehr noch anzufressen; dem Geilen nur, +sich von neuem aufzugeilen. Kein einziges seiner Massenopfer +habt je ihr den Massenmördern abgerungen. Euere +Waffen waren stumpf geworden mit der Zeit, ihr merktet +es vielleicht selbst nicht, aber sie ritzten nurmehr ganz an +der Oberfläche die wie zu einem Panzer geronnene Menschenhaut +... Da liegt ihr nun mit eueren gerupften Traumflügeln +auf dem Abfallhaufen der Geschichte ... Wir +haben es nicht nötig zu schwören: denn wir selbst sind gestaltgewordene +Schwüre der Rache ... Aber die Geschlechter +aller heute Herrschenden zusammengenommen: +was ists mehr denn ein elendes Häuflein Menschendreck ... +</p> + +<p> +Wir aber haben keine Zeit, euere Gräber auszugraben, +keine Zeit, euch zu mumifizieren, keine Zeit weder zu einer +Verklärung noch zu einer elegischen Gloriole ... Wir haben +nur Zeit, uns zu rüsten, damit wir bereit sind, wenn es +wieder soweit ist, diese barbarische Menschengesellschaft mit +dem Bajonett zu sondieren. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-8-3"> +<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> +<span class="firstline">III</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Der imperialistische Frieden war ein Krieg gegen das +Proletariat. Und nicht nur gegen das Proletariat, sondern +auch gegen die Mittelschichten und jeden einzelnen +Kleinbürger. +</p> + +<p> +(Nach einem der Fundamentalsätze der Lebenseinsicht: +lerne scharf zu unterscheiden zwischen der Phraseologie einer +Sache und dem Inhalt einer Sache; oder: nicht auf das, +was einer sagt, kommt es an, sondern darauf, was einer +tut. Auf die Fäuste sehen! Worte sind Lügenbeine!) +</p> + +<p> +Da lebt man nun so ein Leben lang herum: Feierabend +– und man kriecht sich wieder herein in seine zwei blümchentapetenüberzogenen +Wohnlöcher, an Körper und Geist +gleichermaßen erfrischt durch einen kräftigen, herzhaften +Vierzehnstundentag ... +</p> + +<p> +Für wen das eigentlich?! – +</p> + +<p> +Und da gibt es so eine gottverfluchte ketzerische Lehre +vom Mehrwert! ... +</p> + +<p> +Und das Kätzchen schnurrt so idyllisch-warm am Sims, +neben dem Nähkorb, und vielleicht auch so ein Kanarienvogelgeripp +in einem Goldstabkäfig, der Fliegenfänger +hängt herab von der Decke in der Mitte des Zimmers, dicht +besät mit den noch zappelnden Pünktchen der Schmeißfliegen. +Unten im Hof wimmert die Drehorgel, auf den Dächern die +Armeleutewäsche im Abendrot – +</p> + +<p> +Man knurrt, wird bissig wie ein Köter. Mit den Kollegen +hälts auch schwer, sich zu vertragen ... Man müßte +sich eigentlich wieder mal tüchtig sattessen und ordentlich +ausschlafen ... Das ganze hundsverreckte Dasein taugt ja +so zu nichts ... Man ist angesäuert wie gestockte Milch ... +Aber vielleicht: ’s langt doch noch einmal zu einer Laube +und darnach auch zu einem Einfamilienhaus ... Deutschland: +’s geht vorwärts, es bessert sich von Woche zu Woche, +wenn die Arbeitszeit auch steigt und der Reallohn auch +sinkt ... Die Rentenmark bleibt stabil ... Ueberall stehts +ja zu lesen ... +</p> + +<p> +<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> +Man spielt Fußball, hört Radio ... Siehst du wohl! +Recht muß Recht bleiben. Auch das Volk hat sein Vergnügen. +Auch verheiratet man sich frühzeitig: man hungert, +friert, man klöhnt zu zweien und ein regelmäßiger Beischlaf +ist gesichert ... Ach, außer dem gibt es noch tausend, +abertausend schöne Dinge, die einen von der Beantwortung +der Grundfrage seines eigenen Daseins abziehen. Ja, die +Fragestellung selbst: sie ist gründlich in Frage gestellt – – +</p> + +<p> +Und des Sonntags wackelt man sich hinaus ins Freie, +die Familie lüftet sich, das ist doch immerhin schon ein ganz +reeller Vorgeschmack vom Paradies. +</p> + +<p> +Nun, und auch der „Große Unbekannte“ erscheint in +mannigfaltiger Gestalt. Er streckt ausgerechnet immer gerade +dort seinen anbetungswürdigen klotzigen Schädel hervor, +wo das eigene Elend-Dasein das mit bestem Willen +nicht mehr zu verkleisternde Loch hat. An jeder Bruchstelle +erscheint er, der liebe Wundermann. Er hängt am Kreuz, +steigt widerspruchslos herunter, sofort, wenn z. B. der +Kaiser sein Volk zu den Waffen ruft, und bedient ein Maschinengewehr, +nimmt die Parade ab als S. M. oder hurt +hurtig in Berlin herum, bis auf Widerruf in der deutsch-nationalen +Presse, als Kaisersohn; drückt freundlich herablassend, +umstrahlt vom auserwählten Offizierskorps, einem +Veteranen die Hand, richtet rührend-anerkennende Worte +vom Dank des Vaterlandes an den Kriegskrüppel; überschüttet +wieder vom amerikanischen Himmel herab das von +seinen eigenen Finanzmagnaten bis auf das Weißbluten +ausgepowerte Deutschland mit einem im herrlichsten Unschuldsweiß +sprühenden Dollarregen; er ist weder ein +Wuchererstaat, noch spekuliert er auf Extraprofite aus dem +Kapitalexport; er ist Fabrikbesitzer, bieder, Treu und Redlichkeit. +Reserveleutnant, patenter Kerl, versteht was vom +Geschäft, und wenn er nicht wäre, wo gäbe es dann überhaupt +sonst noch Arbeit!? – +</p> + +<p> +„Nur Tagediebe und Müßiggänger bringen es bekanntlich +in dieser Welt zu nichts. Sei darum auch als Sklave +ein ganzer, vollkommener, treuer Sklave ... Jegliche Seele +sei den vorgesetzten Gewalten untergeben, denn es gibt keine +<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> +Gewalt außer von Gott; die es aber sind, die sind von +Gott eingesetzt ...“ +</p> + +<p> +Und weiter gehts in der allbekannten Melodie: +</p> + +<p> +Die Knochen knacken entzwei, die Muskelstränge lockern +sich, das Gesicht verzerrt sich in unausglättbare Falten, die +Dichter singen zwar: „Wie ein Fächer tut sich auf dem +Müden die Nacht“ – aber es ist anders, schade eigentlich, +aber was tuts auch ... +</p> + +<p> +Ausgequetscht der Leib wie eine Frucht, und die Haut +dann fortgeworfen. +</p> + +<p> +Vaterländische Lieder gröhlend waten Millionen im +Blutsumpf, ein Schlückchen „Heldenschnaps“ – und wenn +du grad nicht das übliche Pech hattest, das E.K. I. war dir +sicher ... Der Füsilier-Feldwebel wettert heute wieder im +Unterstand herum: die Kaiserbilder sind wieder von den +Ratten verschlissen ... Und das gewittert zudem bleischwer +über einem am Himmel; rabiat ... Zum Teufel mit +diesen himmlischen Heerscharen ... Aber man schmort sich +ja, so heißt es wenigstens, frischfröhlichgesund in diesem +Feuerkessel ... Arbeitetest du in einer Phosphorfabrik: fünf +Jahre – und schon stahlst du dich davon als eine Leiche ... +Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehn!? ... Pah, +Quatsch ... Was soll ich mich als Einzelner dagegen auflehnen +– – +</p> + +<p> +Mitgefangen, mitgehangen. +</p> + +<p> +Alles Jacke wie Hose. +</p> + +<p> +Schnurzegal. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Leib an Leib krümmt sich übereinander. +</p> + +<p> +Das ganze werktätige Volk ist nichts mehr weiter als ein +einziger zuckender Schmerzenskadaver, ein fleischerner Berg, +von abgerissenen Gliedern dicht überwachsen wie von Gestrüppen +... Der stößt keine lebendigen Schreie mehr aus, +Millionen erloschener Augen glühen daran schwarz; +schwärzer, durchdringender als selbst die Finsternis. Unterirdisch +nur ein unverständliches Murmeln. Hie und da +Wortfetzen. Hie und da ein fieberiges, feuriges Flackern; +fernes Alarmheulen ... Und hie und da ängstliches Zusammenrücken +<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> +an den Tischen der Götter, Halbgötter, Rentner, +Parasiten und anderer Heiligen: +</p> + +<p> +„Der Berg ... der Berg ... wehe ... Kommt er nicht +doch eines Tages über uns ...“ +</p> + +<p> +Aber die ganze Welt ist mit Fatalismen vollgepfropft. +Alles, was da ist, ist im molkig getrübten Bewußtsein der +Mehrzahl der Menschen heute noch vernünftig und muß +eben so sein, der Pfaffe, der Gerichtsherr, der Mehrwerts-Vampir, +der Journalist: das alles hängt zusammen an +unsichtbaren Fäden und zappelt sich herum im Weltraum +im Auftrag jenes großen grandiosen Ueberirdischen ... +</p> + +<p> +Hah! Und die papierene Sintflut schwemmt befehlsgemäß +heran! +</p> + +<p> +Tausende von Laboratorien fabrizieren das so beliebte +Volks-Opium: Aberglauben, Kulturdünkel, Verstocktheit ... +Immer wieder und immer von neuem wieder wird erfolgreich +das Preisrätsel gelöst: wie erhalte ich am besten die +Massen der Ausgebeuteten in Abhängigkeit und Dummheit? +... Die Bücherfabriken rascheln, die Zeitungen +flattern fröhlich wie winzige Papierdrachen von Hand zu +Hand im Wind ... In wunderbaren Einbänden, mit herrlichen +verlockenden Titeln geschmückt, auch sonst fein säuberlich +aufgemacht, präsentieren die Menschenfänger ihre im +Interesse der Massenverbreitung recht preiswert gehaltenen +Köder ... Aestheten, Schriftsteller, Gelehrte hocken herum, +gierig lauernd auf jeden Auftrag, gesellschaftstüchtige +Heimarbeiter. Sie sind ordentlich elastisch geworden mit der +Zeit, ihre geistigen Glieder zu Gummi gebogen, sie lernten +es, sich rasch umzustellen ... Tempo! Das Geschäft verlangt +es ... An solch originellen Charakteren hat es ja +bekanntlich nie gefehlt. Und die Kultur muß dem Volk erhalten +bleiben, koste es, was es wolle. Und der Heldentod +ist schließlich nur auf dem Papier was wert, in Wirklichkeit +keinen Pfifferling. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Kinomaschinen rattern. +</p> + +<p> +Hopla, mein Freund, damit auch deine Augen nicht verhungern. +Und ein strammer Militärmarsch „Ruck-zuck“ +sorgt für den Ohrenschmaus. +</p> + +<p> +<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> +Und die Männer der Regierung marschieren auf, liebe +freundliche Herren, kein Zweifel. Wie schön und blendend +neu gestärkt ist dem Herrn Präsidenten sein Frackhemd, wie +ein Harnisch; und einen Blick tut er, einen Blick, sage ich +Ihnen, aus der Tiefe seiner Seele in die Tiefe deiner Seele: +akkurat wie durchschaun tut er einen ... Da gibt es sogar +einen Wohltätigkeitstee, und die ausgemergelten dünnen +Fingerchen einiger extra ausgesuchter Musterproletarierkinder +zupfen an der Frau Minister herum: da ist alles +Samt und Seide, Perlenkettlein und Brillantring ... +Gottwohlgefällig rauscht dahin über das prima gebohnerte +Parkett der Hermelinmantel ... Wessen Herz blüht da +nicht über in Ehrfurcht und Bewunderung ... Und da +nippt so eine Exzellenz an einer anderen mit einem Handkuß +... Und stehen da nicht, in holder Umarmung mit +Unternehmern, Generälen und Bankpiraten aufgenommen, +hoffähige Gewerkschaftsbeamte, wie aus dem Ei gepellte, +tadelfrei geschnitzte und ebenholzschwarz mit neuen Paradefräcken +anlackierte Männlein: sie, die letzten Endes glorreich +immer wieder sich selbst begaunernden Schlaumeier! ... +Ihre Rede: ein bedingungsloses zu allem Ja und Amen ... +An Gründen hinterher, sogar überzeugenden, fehlt es bekanntlich +ja nie, und sie kommen sogar, einem Eingeweihten +zwar nicht gerade überraschend, ihren Unterdrückern zu +Hilfe, wenn diese ausnahmsweise einmal in Verlegenheit +geraten sind, und offerieren sich ihnen, lakaienhaft lächelnd, +auf dem Präsentierteller. +</p> + +<p> +Kanaillen – +</p> + +<p> +Deutschland über alles – +</p> + +<p> +Hurra! ... +</p> + +<p> +Kein Zweifel: diese Herren wollen – das Wohl der +Volksgemeinschaft scharf im treudeutschen Auge – alle nur +das Beste. +</p> + +<p> +Und da verschwindet eben so ein großer Schieber der +Weltgeschichte, die Aktentasche mit genialen Spekulationsprojekten +unter dem Arm, im Auto; vierzehn Stunden jeden +Tag ist er zu Konferenzen unterwegs, und jetzt, spät schon +<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> +über Mitternacht, noch mit einem ausländischen Vertreter +eine Verhandlung – +</p> + +<p> +Und hier der Reichstag: eine stürmische Sitzung zwar: +aber wirklich nur ein ganz bösartiger kann da bei der +Betrachtung dieser Ehrwürdigen, von Volkes Gnaden Gesalbten, +auf den Gedanken kommen: Schafstall ... Das +Schicksal des Volkes wird hier entschieden: darum, bist du +katholisch: bekreuzige dich! ... +</p> + +<p> +Blechmusik, Trommeln, Pauken, ein gellendes Trara – +Bajonett aufgepflanzt! Andacht! Bravo, die Reichswehr! +Prächtige Jungens, hieb- und stichfest ... Verwendbar +zwar vorerst, aber das ist ja grad kein Nationalunglück, nur +im Bürgerkrieg. Da kann man sich denn auch nicht wundern, +daß die Sympathie breitester Volkskreise auf ihrer +Seite ist, besonders, na besonders, wenn man den Kommunisten +dort als Gegenstück betrachtet: unordentlich, die +Hose in Fetzen, kein Hemd, nur ein blutbeflecktes Wollsweater, +tief in seiner Kellerwohnung, wie er dort bei +Kerzenlicht an seinem Schraubstock Handgranaten aus +alten Konservenbüchsen fabriziert, und man außerdem +noch gerade zufällig mitanzusehen freundlicherweise Gelegenheit +nimmt, wie eben ein anderer Genosse mit gewichtiger +Miene, durch eine Geheimfalltüre natürlich, eintritt, +und ihm dann glückstrahlend eine Handvoll Cholerabazillen +überreicht ... Nach dieser gewitterschwangeren Stimmung +strahlt selbst der im Kreis seiner Opfer extra für das verehrte +Publikum photographierte berühmte Massenmörder +heiter wie ein Sommertag ... +</p> + +<p> +Und nun noch zum Schluß: +</p> + +<p> +Badeszene am Lido: bewimpelte Strandflächen, neueste +Badetoiletten, blitzende Meerwellen – – +</p> + +<p> +Alles blökt, grunzt, summt – +</p> + +<p> +Auch die Begleitmusik schwellend-weich, ein gemütvolles +Tonsofa – +</p> + +<p> +Gottseidank! +</p> + +<p> +Großes Welt-Wettschnarchen. +</p> + +<p> +Es wird wieder behaglich ... +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-8-4"> +<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> +<span class="firstline">IV</span> +</h3> + +</div> + +<h4 class="subsection" id="subchap-8-4-1"> +Das „Jenseits“-Panorama +</h4> + +<p class="first"> +So beschaffen ist nun eben einmal die Welt: +</p> + +<p> +Da sitzen sie also nach wie vor hoch oben auf dem Palmengarten +des himmlischen Wolkenkratzers, von ihren eigenen +parfümierten Ausdünstungen umfächelt: die Kaiser und die +Könige, die Propheten und die Erzväter mit goldenen und +mit elfenbeinernen Szeptern und mit anderen demagogischen +Zauberstäben bewaffnet, und um sie herum, vielfach in sich +gestapelt, die Geschlechter der Menschheitshyänen, der gottwohlgefälligen +Menschheitsgeißeln und Zuchtruten: Finanzoligarchen, +je nach den Extraprofiten der Rang, Admirale, +Minister, Generale, in blendenden, ordensüberklirrten +Uniformen, Federbusch, Zylinder, Stahlhelm, und die +violett vom Ewigkeitsatem angehauchten Pfäfflein klappern, +teils inbrünstig schielend, teils mürrisch geifernd ihre Gebete, +und er, der Herr dieser aller, blinzelt und schmunzelt, +und saugt, wohl ein wenig zu wollüstig schlürfend, die narkotischen +Düfte des Weihrauchs ein und räkelt sich, daß der +ewigkeitsschwangere Leib beinahe aus dem Leim kracht, auf +seinem himmlischen Plüschsofa ... Die berühmtesten Medizinmänner +Europas aber betreuen ihn. Naht mit einer +Zeitenwende eine Ohnmacht dem Schöpfer der Welt: da +läuten gellend und wimmernd die unsichtbaren Sturmglocken +des Himmels, mit Strömen von wunderwirkendem +Digitalis durchpumpt man das göttliche Herz ... So hatte +er sich schon einigemale wieder erholt. Nach erfolgter +Genesung huldigten ihm die Heerscharen bei der +Himmelsparade. Die Antennen auf dem Himmelssanatorium +wisperten. Radio-Glückwünsche rieselten herein ins +Operationsprunkgemach aus allen Ecken der diesseitigen +und jenseitigen Welt. Nie sangen so innig wie damals die +Chöre der Heiligen das Halleluja, versammelt mitten im +Raum auf einer schwebenden Plattform. Auch die purpurn +glühende Abendwolke weinte vor Rührung. Es lächelten +selig verzückt die Friedenspalmwedel und die in ihrer +Einfalt kindisch naiv psalmenstammelnden Weihwasserpinsel. +<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> +Delegierte erschienen zur Audienz aus allen +Himmelsbetrieben – +</p> + +<p> +Diplomaten rutschen heran auf herrlich gepolsterten +Klubsesseln, die Oberengel spielen jetzt Skat, einer der im +diesseitigen Jammertal erfolgreichsten Henker bereitet die +allabendliche Fußwaschung. +</p> + +<p> +Wieder ein Zug: Epauletten-Helden, die Dirigenten des +Riesenflugzeugbombenwerfer-Orchesters, die Generalfeldmarschalle +der Trusts, und preisgekrönt mit den Ordensauszeichnungen +aller Erdteile, das größte Schmarotzergenie +dieser Zeit. Konzern-Päpste. Kartell-Kardinäle. Syndikat-Kommandeure +... +</p> + +<p> +Etwas abseits, die auserwählten Vertretungen der Arbeiteraristokraten +und kleinbürgerlicher Emporkömmlinge, in +leichtgeschürzten Batikgewändern, die Riesenplattfüße in +blumenbestickten Wollpantoffeln, sie schmauchen blaudunstig +die Ewigkeit an aus spiralig gewundenen Tabakspfeifen. +</p> + +<p> +Hier ist der Boden schlüpfrig von lakaienhaftem Gesabber. +</p> + +<p> +Sie krampfen sich noch jetzt hysterisch jauchzend zusammen +bei der Erinnerung an die mancherlei unseligen Taten jener +Abtrünnigen, Kommunisten geheißen, und sie versichern sich +immer wieder gegenseitig, voll pathetischen Ernstes, Sprechchor +gegen Sprechchor: +</p> + +<p> +„Wir sind doch allzumal zahme Haustiere ...“ +</p> + +<p> +Ein donnerähnliches Geblöke erfüllt in dieser Gegend des +Paradieses die siebenmal siebentausendfach echoenden sphärischen +Himmel. +</p> + +<p> +Richter, mit den aus den Fetzen der Todesurteile bunt +zusammengestückten Talaren; Korpsstudenten, die prominentesten +Angehörigen der Studentengarden, jedem die Anzahl +seiner Morde an der Arbeiterbevölkerung am Steiß aufnummeriert; +berühmte Faschistenhäuptlinge, Polizeispitzel +und Meuchelmörder. Hier auch Naturapostel und jene +sonderbaren Heiligen, die die Ankunft des jüngsten Tages +auf Erden predigten, die prophezeien und weissagen konnten +aus ihren Exkrementen. +</p> + +<p> +Da – +</p> + +<p> +<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> +Wie Heuschreckenschwärme ... Ein schwarzes Flügelschlagen: +so stürzt es sich heraus aus dem goldenen Lichtloch +der Ewigkeit ... +</p> + +<p> +Und die Maitressen der Reichen und Uebersatten schweben +vorüber, in der neuesten Mode, pedikürt, manikürt, ein +jedes Zeitalter, ein jedes Land strömt seinen besonderen, +gottlobpreisenden Wohlgeruch ... Tipptopp. Totschick. Geschminkt, +gesalbt, gepudert. Die Haare frisiert wie Stukkatur. +Fressen in die modrig duftenden Fratzen linienscharf +hineinziseliert ... +</p> + +<p> +Maler aller Zeiten haben ihnen leuchtende Glorienkringel +aufgemalt, auf die Hinterbacken Sprüche tätowiert. +Schenkel aus Brokat, fließende Gebeine; Dicke wie zentnerschwere +Fleischsäcke, Spindeldürre wie Drahtfigürchen, bunte +Kreuzchen statt der Brustwarzen ... +</p> + +<p> +Da verstummen augenblicks die heiligen Reden und die +Gespräche und die Gesänge – alles strömt herab von den +Tribünen und eilt nach den Marmordampfbädern und +Massagezellen, Knutsch-Dielen und Lustgemächern – und +der gesamte überirdische Chor ist ein einziges wollüstiges +Zungenschnalzen. Aller Nasenflügel schnuppern ... +</p> + +<p> +Halleluja! +</p> + +<p> +Andere Choräle tönen schon an, von Jazzband und +Niggertrommeln begleitet, mit absonderlichen Zynismen +und Zoten vermischt ... +</p> + +<h4 class="subsection" id="subchap-8-4-2"> +Der Blick von unten +</h4> + +<p class="first"> +Und tief unten die Völker der Bauern und die Völker +der Arbeiter, im Schweiß ihres Angesichts vollbringen sie ihr +Tagwerk: zur Ehre Gottes, zur Ehre der Menschheit, zur +Ehre ihres Vaterlandes ... Brot, Fleisch, alle Nahrung, alle +Kleidung: das alles hebt aufwärts sich wie auf automatischen +Fahrstühlen, dort breitet sichs aus in den Kammern der +Vornehmen, in den Küchen der Reichen – und ach, was vom +Tische des Herrn abfällt: es ist ein dürftiger, ein nur allzu +dürftiger Brosamen ... Ach, und sieh doch: gibts nicht +<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> +unter den Christen so viele Wohltäter der Menschheit, sie +gründen Kinderbewahranstalten und Sparkassen-Bibelvereine +und veranstalten so seelenstärkende Gefallenenfeiern +und Heldengedenkfeste, Stierkämpfe und Boxkämpfe, Fußballmeetings +und Baseballwettspiele, Tennisturniere, Autowettfahrten, +internationale Pferderennen, und lassen Messen +lesen zum Besten der noch kümmerlich Lebenden und zum +Heil der Seelen der glücklicherweise schon Verstorbenen, und +auch die Kirche, die alleinseligmachende, sie hat ihr Teil +daran, Sündenablaß gibts, Generalabsolution, richtig deine +kümmernisbeladene Seele auskotzen kannst du bei der +Beichte, und wenn du nur schön brav wedelst, hie und da +auch mal Almosen; Museen werden gebaut, mit den farbenprächtigsten +Gemälden darin, Eintritt frei, Bibliotheken +eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in <a id="corr-51"></a>Saffian, +Bibeln auf Zanderbütten und solche billig wie ein Ei zum +täglichen Hausgebrauch ... Und Gefängnisse sind da für die +Atheisten und Uebeltäter und ganz natürlicherweise für +alle die, die der himmlischen Weltordnung sich einfach nicht +fügen wollen, und eine moderne elektrische Hinrichtungsmaschine; +unterirdisch, schön unsichtbar sind dran die Kabel, +und bequem mit Leder gepolstert Arm- und Rückenlehne, +beinahe wie ein gotischer Großväterstuhl: das aber nur +für die Ewig-Rückfälligen oder völlig Unbekehrbaren; denn +Strafe, Buße und Abschreckung bei humanem Strafvollzug +zwar muß sein; Ruhe und Ordnung: so will es der Allerhöchste +Gerechtsame, wie es geschrieben steht im Buch, Seite X, +Seite Z bis Y, und auch der Soldat tut in diesem wunderlichen +Weltwerk seine Pflicht: ihm ist das kalte Eisen in die +Hand gegeben, er soll es führen ohne Scheu, er soll dem +Feind das Bajonett zwischen die Rippen rennen, er soll +sein Gewehr auf ihre Schädel schmettern, das ist sein heiliger +Beruf, das ist sein Gottesdienst. +</p> + +<p> +Und so ist demnach es unausbleiblich: +</p> + +<p> +„Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre, die Massengräber +der Tiefe stinken sein Lob, überall, allüberall ist eitel Glück +und Friede und Freude und Segen, und auch die Erde trieft +vor Wonne, ist voll davon.“ +</p> + +<p> +<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> +Das ist das Werk der Schöpfung. +</p> + +<p> +Und siehe da: +</p> + +<p> +Wie wir gesehen haben und wie wir es an uns erlebt +haben, Tag für Tag: +</p> + +<p> +Es war gut, nur allzu gut so. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-8-5"> +<span class="firstline">V</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Der Ausweg aus diesem Menschheits-Irrgarten!? +</p> + +<p> +Breit und wunderbar eben angelegt, asphalt-glatt, mit +Phrasen von Menschheitstum gepolstert, mit allen Bürgertugenden +gepflastert, auf Viadukten über die abgründigsten +aller Abgründe scheinbar schwebend gespannt, oft mit bengalischen +Fackeln phantastisch, märchenhaft erleuchtet: das ist +der Weg, der immer tiefer, gleichsam zwangshaft hineinführt +ins Labyrinth, ins völlig Ausweglose. +</p> + +<p> +Offizielle Wegweiser sind angebracht, wie: +</p> + +<p> +„Hier Rettung aus der Not!“ +</p> + +<p> +„Der richtige Weg!“ +</p> + +<p> +„Pfad der Hoffnung!“ +</p> + +<p> +„Hier: Weg des Fingerzeigs Gottes aus dem Tal der +Verdammnis!“ +</p> + +<p> +Auch antike, togaumhüllte Göttergestalten sind links und +rechts, diesem heiteren Lebenskorso entlang aufgestellt, bronzene +Reiterdenkmäler, Siegessäulen, marmorne Kriegergedächtnishallen, +und feierlich bewegen sich daher, auf hohen +Kothurnen stelzend, die Heldengestalten der vergangenen +Geschichte, berühmte Sprüche orakelnd, manche mit Dreispitz +oder in Ritterrüstung, Friedrich der Große, der Große +Kurfürst. +</p> + +<p> +„Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“ +</p> + +<p> +Oder: +</p> + +<p> +„Wenn auf unseren verödeten Exerzierplätzen wieder die +Schritte preußischer Grenadiere hallen, dann gehts mit uns +aufwärts!“ +</p> + +<p> +Auch für Musik ist auf dieser Wanderung hinreichend +gesorgt, für Tanz, für Poesie, für Bildung. In den kargen +<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> +Ruhestunden wirst du ausgiebig mit den erhabensten Gedanken +gratis gefüttert, Denk-Automaten schnurren, es wird +für dich gedacht, auf diese Weise wird ein schreckliches Unglück +verhütet, nämlich: daß du selbst zu denken etwa gezwungen +wirst. Und würde solch ein Unglück unvorhergesehenerweise +gar massenhaft auftreten, keine Epidemie +käme dem an Gemeingefährlichkeit gleich, es wäre das Chaos, +so ein Zustand wäre für die moderne Gesellschaft unertragbar. +So schmilzt auch die Stimme des berühmten Professors +der Gesellschaftskunde herab vom staatlichen Universitätskatheder: +„Klassenversöhnung! Volksgemeinschaft! Rückkehr +zum Gottesglauben!“ ... Oder ein anderer, seine Brust +wölbt sich unter einem Taifun von sogenannter Vaterlandsbegeisterung: +„Der heiligste Beruf der deutschen Arbeiterklasse +ist, die deutsche Wirtschaft für alle Verluste, die sie +im Weltkrieg erlitten hat, schadlos zu halten ...“ Und flugs +werden Menschenleben und verlorene Landstriche in Arbeitsstunden +umgerechnet, die der deutsche Kuli nun als Ueberstunden +hereinzuschuften hat ... Und die ganze Luft ist +erfüllt wie bei einer mittelalterlichen Hexenorgie mit Idealen, +Idolen, Phantomen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Das also ist ein eiliges Gekrabbel mit zugehaltenen Ohren, +verkleisterten Augen, verkniffenen Mündern; kopfüber +drängt und zwängt sich alles, einer schiebt den andern, rücksichtslos +gebraucht man den mit einem Eisenstachel noch besonders +wirksam bewaffneten Ellenbogen, und alles mischt +sich freudig erregt hinein in die Verwesung; alles maskiert, +es ist wie bei einem Karneval; alles wird breiig, verschwommen, +die Umrisse enträndern sich, nun fliegen die +Menschen dahin als Schemen, nebelhaft, mit Fangarmen, +künstlichen Rüsseln, unnatürlich sich überwuchernden Gebissen, +vergespenstert: mit Scheuklappen vor den links und rechts +sich ruckhaft-mechanisch aufgipfelnden Schädelpyramiden: ein +Staatsmann zeigt einen neuen Bluff, alle klatschten hypnotisiert +ekstatischen Beifall, „spontan“, „frenetisch“ wie es +im Zeitungsbericht heißt, durch einen Gaunertrick zeugt man +unter geheimnisvollen Beschwörungsformeln ein neues +polypenartiges Gebilde, den Völkerbund; da heben plötzlich +<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> +alle die Sektgläser, kreischen „Prost Neujahr!“ fallen sich +gegenseitig in die Arme vor Entzücken, würgen sich und +beißen sich aber gleich darauf die Gurgeln durch, und die +Glocken läuten dazu noch ganz ernsthaft „Friede auf Erden!“ +Sektierer aller Arten nun schwärmen heran, spleenige +Käuze, Prediger, von denen ein jeder eigensinnigst darauf +erpicht ist, auf seine nur ihm allein eigene und geschäftstüchtig +natürlich patentierte, höchst originelle Weise in den +Untergang zu stolpern; Pazifisten, mit Palmenschweifen +wedelnd, auf allen Vieren hopsend vor dem von ihnen mitgetragenen +imaginären Standbild des von ihnen nie zu +verwirklichenden Weltfriedens; geschäftig verhandeln sie +unter sich die gegen jedes Blutbad garantiert imprägnierten +Schutzmäntel ... O Prozession des Todes! ... Und +Strenggläubige noch, den Bedürfnissen eines modernen Zeitalters +nicht unbegabt angepaßt: auf fahrenden, in einem +eindrucksvollen Hundertkilometertempo angleitenden, elektrisch +betriebenen Betstühlen ... Lachsalven: ein irrsinniges +Grinsen ... Und das alles mit „Hoppsassa! Heisassa!“ immer +tiefer hinein in einen riesigen Pfuhl, mit blut- und kottriefenden +Masken. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Mit Gebälken, Barrikaden und Schranken aller Art aber +verrammelt ist der Weg, der aus dieser Marter-Höhle herausführt. +</p> + +<p> +Mit Stacheldrahtverhauen von den Herrn dieser Erde +abgesperrt, unterminiert, durchtupft mit Wolfsgruben, von +Schützengräben durchquert, von Schlingen und Fallen umstellt, +und mit einer Riesenwarnungstafel gütigst versehen: +</p> + +<p> +„Wer weitergeht, wird erschossen!“ +</p> + +<p> +Polizeitruppen, schweißtriefend, rasen in Lastwagen auf +und nieder, angaloppieren schneidig die berittenen Hundertschaften +„zur besonderen Verwendung“, die Gummiknüppel +flitzen, Säbelschneiden ziehen durch, die Gewehrkolbenschläge +dröhnen dumpf, Bajonettspitzen zucken, Schüsse knacken ... +und Panzerwagen, aus allen Luken beinahe lautlos Feuer +<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> +speiend, kriechen wie stahlhäutige Riesenkäfer hervor aus +den zu Forts ausgebauten Regierungsvierteln. Gasgranaten, +Bomben; Maschinengewehre knattern oben aus Flugzeugen. +</p> + +<p> +Haufen Erschossener. +</p> + +<p> +Haufen lebenslänglich in Zuchthäusern an die Mauern +Geketteter. +</p> + +<p> +Millionen: das Lebensmark ausgesogen von übermenschlichen +Entsagungen. +</p> + +<p> +Ein Haufen zum Tode Verurteilter: wie groß und unendlich +ruhig stehen sie an der Wand – +</p> + +<p> +Millionen namenloser Märtyrer: +</p> + +<p> +Und sie halten sich unverrückbar im Herzen eines jeden +Lebenden fest, im Kampf den Kämpfern ein gerades Richtzeichen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Und aufrecht schreitet diesen Weg trotzdem und trotz alledem +ein Zug: rußgeschwärzte Gestalten, beinahe nackt, singend, +unter einer großen roten Wolke als Fahne ... +</p> + +<p> +Ihre Schritte klirren, klirren wie Hämmer im Takt ... +</p> + +<p> +Kein Schönredner ist da, der die Gehirne dieser Männer +auslaugt mit Schwatz und mit Flausen ... +</p> + +<p> +Rhythmisch, hart schwingend, als ob die Straße selbst +marschiert, ist es. Die Lebendigkeit, das Leben, die Erde, +die Welt selbst ist hier in Bewegung; die Erdkugel rollt, +das Sonnenfeuer dreht sich, das Firmament zieht glanzstark +auf und nieder, die ganze Natur, alle Kreatur: alles +marschiert, alles singt hier, triumphierend und kühn, das: +</p> + +<p> +„Vorwärts!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Ein Kommando ertönt. +</p> + +<p> +Ist es der Sturm selbst, der menschliche Sprache gewonnen +hat; das Meer, das aufgewühlte Meer, das schreit, +schreit und tief hinten am Horizont hochpeitscht, der in +Millionen Flammensplitter zerspringt!? +</p> + +<p> +Ein Kommando – +</p> + +<p> +<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> +Stürzen die Gräber herauf, stülpt sich der Weltraum wie +ein sphärische Glasglocke um ... und die Pflastersteine würfelts +dahin wie kantige Granitschädel – – – +</p> + +<p> +Wie Lehm ist die Haut des Menschen, alles Blut zieht +sich bis ins Innerste des Herz-Kerns zurück – – – +</p> + +<p> +Und die Arme renkt es weit aus dem Körper hervor, +die Fäuste hängen schon wie rotierende Eisenkugeln dran +an den muskelschwellenden Gelenken ... +</p> + +<p> +Ein Kommando – +</p> + +<p> +Und widerhallen die Stimmen der Wurzeln in der +Tiefe ... +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +Und dies Kommandowort, das die Geschichte den werktätigen +Massen aller Länder zuruft, heißt: +</p> + +<p> +Klassenkrieg! – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-8-6"> +<span class="firstline">VI</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Keiner ist so blind, daß er letzten Endes nicht doch noch +sehend werden könnte. Auch die Verblendetsten sind nicht +verloren. +</p> + +<p> +Die gepanzerte Faust der Geschichte meißelt auch die verstocktesten +Schädel noch auf. +</p> + +<p> +Auch hier rinnen, über und über verschüttet, Quellen +unheimlicher Rache, Quellen lebensspendender Kraft. +</p> + +<p> +Ein magnetischer Streif donnert dahin der Rote Strom. +</p> + +<p> +Wenn er durch die Städte treibt: die Städte brechen auf, +die Fabriken ziehen mit, die Werften hämmern sich herein, +die Schiffssirenen aufruhrtrillern, die Krane neigen sich, +die Ufer bröckeln: der Strom, der Strom: uferlos, immer +uferloser wird er ... +</p> + +<p> +Was ist dieser Strom anderes als befreiungsschmetternd +aus den alten Welträumen sich ergießendes, alle Dämme +niederreißendes, jahrtausendelang gemartertes Herzblut!? +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +Schlag um Schlag in ihr Angesicht: +</p> + +<p> +<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> +Auch die Kleinbürger werden eines Tages noch gezwungen +werden, ihrem Feind ins Auge zu sehen. +</p> + +<p> +Herunter mit den Scheuklappen, aus ists mit dem Sichherumdrücken, +Schluß mit jedem Dem-Kampf-Ausweichen, +Farbe bekennen heißt es, Brust an Brust, Brust an Brust +gekettet: so beginnt auch hier das Ringen um die Entscheidung +... +</p> + +<p> +Langsam, zögernd, mißtrauisch rücken die Kleinbürger in +die proletarische Front ein: mancher auch im letzten Augenblick +noch bereit, seine Kameraden, seine Mitkämpfer, sich +selbst zu verraten. +</p> + +<p> +Aber die Erde kracht, die Risse reißen immer tiefer sich +ein, und sie, die Erde, sie ist mit keiner noch so ausgeklügelten +Phrase auf die Dauer mehr ganz zu leimen. +</p> + +<p> +Der Kleinbürger kann sich vorerst sein Vaterland bis in +alle Ewigkeit hinein nur schwarzweißrot vorstellen. +</p> + +<p> +Es wird nicht schwarzweißrot sein. +</p> + +<p> +Es wird nicht schwarzrotgold sein. +</p> + +<p> +Es wird rot sein. +</p> + +<p> +Die Kleinbürger täten klug daran, sich beizeiten damit abzufinden. +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +Die Welt wird unser sein. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-8-7"> +<span class="firstline">VII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Klassenkrieg – +</p> + +<p> +Ich habe nicht ein Jahr, nicht zwei, nicht drei Jahre – +ich habe zehn Jahre lang gebraucht, um dieses Wort auszusprechen. +</p> + +<p> +Von Angesicht zu Angesicht habe ich dieses Wort geschaut; +ich war allein mit ihm, so allein, wie nur ein Mensch mit +sich selbst sein kann ... +</p> + +<p> +Stirnfetzen, Gerippe, Gerippsplitter; abgerissene bluttriefende +Fleischstücke von Menschenwangen; niedergestampfte +Säuglinge, Gehirnmasse, die aus einer von Gewehrkolben +aufgehauenen Schädelnuß quillt; Mütter, flach +<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> +an die Mauern gequetscht von dem Luftdruck einer Fliegerbombe; +milchiges verflocktes Augenweiß; eingeknetet das +alles zu einem grobknochigen zementfarbenen Brei oder wie +seifige Lauge oder Mörtel, schon flüssiger geworden; Hautknäuel, +Fleischknollen, Menschenkadaver, stinkender wie Exkremente; +Torsos des Grauens, widerlichste Skelettfragmente +... Transport an Transport der zur Hinrichtung +Abgeführten ... O, ich habe auch die Stellungen studiert, +und nicht nur studiert!, dieses Zucken in den Mundwinkeln, +die unendliche klumpige Gliederschwere, der ganze Mensch +bis in die letzte Nervenfaser hinein elektrisch knisternd gespannt +und qualgeprägt: all derer, die, zum Tod verurteilt, +vor der Gewehrlinie knieen ... Ich weiß, was es heißt, die +Schlinge im Genick und zehn Sekunden noch sind es, o diese +ganz unfaßbaren, zeitlosen, weltweiten Sekunden!, zehn +Sekunden noch bis zum Weggezogenwerden des Schemels +unter deinen Füßen, und dann, dann der erste Augenblick +des Freischwebens am Strang – – +</p> + +<p> +Ich kenne wirklich auswendig das ABC des Kriegs, den +menschlichen Elementarunterricht des Kriegs sozusagen, +denn das Vergessenkönnen war nicht meine Tugend. Heilig +ist mir auch heute noch jeder Tropfen Herzblut – und eben +darum, und eben darum, weil ich nicht müde werden kann +zu klagen: o Mensch, du kümmerlicher, du elend dich im +rohesten Daseinskampf krümmender, du armseliger Wurm. +</p> + +<p> +Klassenkrieg. – +</p> + +<p> +Ich habe dieses Wort niedergehalten, trotzdem und trotz +alledem, in mir: lange genug war ich bereit, die verruchte +Grimasse dieser Welt mit schönen Illusionen zu umkränzen. +Ich brachte es einfach nicht über mich, das auszusprechen, was +ist. Das zu tun, was nottut ... +</p> + +<p> +Klassenkrieg ... +</p> + +<p> +Ich werde heute die Zähne zusammenbeißen und, wenn +der Ekel mich würgt, mit einem kräftigen Fluch dreinspucken +– +</p> + +<p> +Klassenkrieg. – +</p> + +<p> +Es geht nicht anders. +</p> + +<p> +Darüber kommt man nur mit Schwindel hinweg ... +</p> + +<p> +<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> +Ich habe nun alle Möglichkeiten, nicht nur in meinem +Gehirn, sondern auch in meinem Blut durchprüft. Erlebnis +an Erlebnis durchkontrolliert, Erfahrung durch Erfahrung. +Es sickerte hindurch durch die vielen Jahre wie +durch einen Filter. +</p> + +<p> +Bitter zwar und herb, aber die lauterste, durch kein +Surrogat künstlich verputzte Wahrheit: das ist das Grundresultat, +der Extrakt. +</p> + +<p> +„Bitte schön“, nun werden wir sagen, „Bitte schön, +meine Herrschaften, Essenz gefällig!?“ Denn wir sind +weder ein Kuriositäten-Kabinett noch ein Album, darin +man abstrakte Lebensweisheit sammelt ... +</p> + +<p> +Ich habe die Welt gründlich ausgeschmeckt. Nie und +nirgends begnügte ich mich nur mit einer Kostprobe. Ich +habe alle Menschenarten dieser Welt geschmeckt ... +</p> + +<p> +Und ich komme heim von meiner Irrfahrt, still, sehr +still geworden, ohne große Worte. Mein eigenes innerstes +Wesen empfängt mich, mich umarmend, wie eine Mutter, +bei meiner Heimkehr. Weiter: entdecke! erobere! Und ich +reihe mich vorbehaltlos der proletarischen Front ein. Alles, +was ist, alles, was je gewesen war, alle Erwägungen, die +ich anstelle darüber, was je einst noch sein wird: alles Vergangene, +Zukünftige, Gegenwärtige drängt mich schlicht, +völlig naturgemäß zu dieser Entscheidung. +</p> + +<p> +Sie hat mich organisch zersetzt, dann war es plötzlich +abrupt, sprunghaft – und die Entscheidung war, lange +bevor ich es eigentlich selbst bemerkte, gefallen ... +</p> + +<p> +Klassenkrieg ... +</p> + +<p> +Rache juckt mich nicht. +</p> + +<p> +Auch sachlich, kühl wie ein Stein kann ich sein. Nüchtern, +wie nur der Nüchternsten einer, den Weltgang betrachten. +Ich bin heute von keinem Fasching der Illusionen mehr gefoppt. +</p> + +<p> +So sehe ich das unausweichbare Gegeneinandervorrücken, +das Gegeneinander-mit-den-Spitzen-Zusammenstoßen, das +explosionsartig Gegeneinander-Aufprallen zweier Welten, +zweier Weltgruppen, zweier Weltgewalten, und in der +<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> +Weltmulde offen lagernd das gewaltigste Dynamit unseres +Zeitalters: +</p> + +<p> +Der Klassen-Widerstreit. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Und ihr? +</p> + +<p> +Ihr versucht den Klassenkampf hinwegzudekretieren. +„Volksgemeinschaft“ phrasendrischts heraus aus dem Programm +der Volksverbrecher: ihr versucht dadurch die Einheitlichkeit +eueres Weltbilds zu retten, o du hochgepriesene +Einheit, die du doch nur, immer offenkundiger, eine Einheit +unauflösbarer Widersprüche bist! O jämmerlich-hilfloseste +Versuche ihr engstirniger, kurzsichtiger Kretins! +</p> + +<p> +O ihr oft gar so honigsüß den Weltfrieden anlispelnden +Verbrecher-Hochstapler und Narren! +</p> + +<p> +Jede Unterdrückungsmaßnahme von euerer Seite her +muß, vielleicht zähneknirschend erkennt ihrs, muß, muß nur +unsere Waffen schärfen. Wir wetzen uns blank an euch wie +an einem Schleifstein. Und der Griff, mit dem nach unserer +Gurgel ihr euch streckt: damit reißt automatisch den +Todesstoß ihr euch selbst in euere Herzmitte. +</p> + +<p> +Ja, und die schlimmsten Fehler, die zu begehen wir überhaupt +nur fähig sind, o wieviel unendlich mal richtiger sind +sie, von der Perspektive der Geschichte der Menschheitsentwicklung +aus gesehen, als euere lauterste Wahrheit! – +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +So singe ich hin im Kampf zweier Welten, ein stählerngefittichtes +Schlachtlied, in Riesenschleifen kreisend über +der Revolutions-Aera. +</p> + +<p> +Zetert „Hilfe!“, Bürger! Kläfft „Jesus, Maria!“ und +„Mordio!“ +</p> + +<p> +Jammert! Heuchelt! Heult! +</p> + +<p> +Plärrt euch unseretwegen, wenn es sein muß, die Hosen +voll! +</p> + +<p> +Fabelt von Bürgerkriegsgreueln, Vergewaltigung, Terror, +Geiselfüsilladen, bestialischen Grausamkeiten – aufrichtig +sicherlich meint ihrs, ihr zivilisierten Kannibalen-Geschlechter! +</p> + +<p> +<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> +Phantasiert nur des nachts im Traum vom Geschröpftwerden, +von Barrikaden, von euch umschwirrenden Feuergarben +und Bajonettstichen! +</p> + +<p> +O welche Leichenbittermienen! O welch eine Krätze +rumort in euerem Gehirn! ... Kickeriki ... Ja, ja, der +Hahn kräht ... O ihr gütigen Visionen, Halluzinationen +aller Bornierten! +</p> + +<p> +Schmarotzer-Kulturphilister! +</p> + +<p> +Bei heruntergelassenen Jalousien, bei abgeblendetem +traumweichen Licht: so hockt ihr in eueren Luxusprachtappartements, +nichtsdestoweniger aber sind es die Abfallgruben, +die Parasitennester der lebendigen Geschichte. +Aesthetisch vermodernd, trotz euerer Schönheits- und Gesundheitskuren +in warmen Milch- und künstlichen Höhensonnenbädern! +</p> + +<p> +O ihr Treibhausgewächse, von Generation zu Generation +übernommen, wie mit Watte mit ausgesuchtesten Daseinsbedingungen +sorgfältig umwickelt und mühsam am Leben +erhätschelt! ... +</p> + +<p> +Packt den Ranzen euch auf mit Traktaten und Katechismen, +stopft den Wanst euch voll, bis zum tödlichen Erbrechen +voll, mit Bibelsprüchen! Du göttliches Gesindel, ihr +Augenaufschlagkünstler, ihr zynischen, ihr virtuosen Schufte +der Kirchen! Mästet fortab euch mit Reliquienresten und +langweilt unseretwegen zutod euch im stillen Kämmerlein +mit eueren albernen Sophistereien: Hände aber weg, ein +für alle Mal, von all dem, was lebt, und von all dem, +was nach Leben, Leben, lebendigem Leben stöhnt, was sich +Leben erobern will!!! +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +Unter dem sausenden Gleiten der Transmissionsriemen +beim Funkenspritzen der Schleifräder, beim Krach der +Explosionen tief unten in den Schächten der Bergwerke – +</p> + +<p> +Wenn der Hobel flitzt, beim Knirschen der Stahlsäge, +beim Staub der Eisenspäne – +</p> + +<p> +<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> +Gezeugt +</p> + +<p> +Inmitten des Pulverdampfs – +</p> + +<p> +In den unhygienischen gesundheitsmordenden Räumen +der Granat- und der Phosphorfabriken – +</p> + +<p> +Beim Granatendrehen der Proletarierfrauen, der Proletarierkinder +– +</p> + +<p> +Beim Kartoffelstehlen und auf den Heringspolonaisen – +</p> + +<p> +Beim tage- und nächtelangen Anstehn der Arbeiterfrauen +vor den Lebensmittelgeschäften – +</p> + +<p> +Im verzweiflungsvollen Schluchzen von Millionen der +ihrer Männer im imperialistischen Weltkrieg beraubten +Arbeiterwitwen – +</p> + +<p> +Dort +</p> + +<p> +In der armseligen Proletenwohnung – +</p> + +<p> +Dort +</p> + +<p> +In Granattrichtern, in Schützengräben – +</p> + +<p> +Dort +</p> + +<p> +Im Geklapper der Prothesenglieder der demonstrierenden +Kriegskrüppel auf den mit Luxusläden garnierten +Hauptstraßen – +</p> + +<p> +Im Zug der Erwerbslosen, +</p> + +<p> +Im Beschluß „Generalstreik“, +</p> + +<p> +Im ersten Schuß des bewaffneten Aufstands – +</p> + +<p> +In der Salve des Exekutionskommandos, die die ersten +roten Soldaten niederkracht – +</p> + +<p> +Großgezogen +</p> + +<p> +Mit Graupen und Grütze – +</p> + +<p> +Mit Hungertränen, +</p> + +<p> +Mit Tuberkeln, +</p> + +<p> +Mit Skrophulose, +</p> + +<p> +Mit Lebensangstschweiß – +</p> + +<p> +<em>So</em> +</p> + +<p> +<em>Steht die Neue Welt auf</em> – +</p> + +<p> +<em>So</em> +</p> + +<p> +<em>Steht die Neue Geschichte</em>, +</p> + +<p> +<em>Die Zukunft</em> +</p> + +<p> +<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> +<em>Auf</em> – +</p> + +<p> +Unfertig, +</p> + +<p> +Formlos, +</p> + +<p> +So wie es sein muß: +</p> + +<p> +Unter konvulsivischen Zuckungen, +</p> + +<p> +Schaum ohnmächtiger Rache noch um den Mund wie ein +Epileptiker – +</p> + +<p> +Aber +</p> + +<p> +Es wird schon, +</p> + +<p> +Es formt sich schon, +</p> + +<p> +Hart, stahlhart gerinnen die Umrisse – +</p> + +<p> +Das Herz beginnt zu schlagen, +</p> + +<p> +Zu hämmern: +</p> + +<p> +Ein eiserner Takt – +</p> + +<p> +O welch ein wunderbares, der Sonne gleich Menschenwärme +ausstrahlendes Herz – +</p> + +<p> +Hebel – Muskelstränge – Gelenke – +</p> + +<p> +Und +</p> + +<p> +Millionenfüßig ansteigend, kriechend, geduckt auf den +Sprung lauernd, nun: wie eine Sturzwelle, nun – +schreitend: +</p> + +<p> +Und die Revolution steht da +</p> + +<p> +Vor euch +</p> + +<p> +Unerbittlich, +</p> + +<p> +Ruhig – aus Millionen elektrisch blitzender Augen euch +erspähend – +</p> + +<p> +Mit Millionen zangenartiger Arme euch umklammernd – +</p> + +<p> +Aufrecht, +</p> + +<p> +Mann gegen Mann – – – +</p> + +<p> +„Wie eine Lawine –“ +</p> + +<p> +„Wie ein Orkan –“ +</p> + +<p> +„Wie Lavamasse, die herein sich in eueren Weltraum +wälzt – –“ +</p> + +<p> +Leibhafte Gestalt!!! +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> +Biedert euch an, ihr Hampelmänner der Geschichte mit +Göttern, Heroen, Titanen, mit dem ganzen wertlosen Plunder +und Seelen-Krimskrams der Vorzeit! ... +</p> + +<p> +Glotzt hinab in euch selbst, in den Abgrund des Nichts ... +</p> + +<p> +Purzelbaumschlagt, ihr metaphysischen Clowns! +</p> + +<p> +Auf! Ein Saltomortale ins Jenseits! +</p> + +<p> +Los! +</p> + +<p> +Auf zur Seelenwanderung! +</p> + +<p> +Produziert euch im Himmelszirkus mit Wesensschau! +</p> + +<p> +Heil euch, ihr Emigranten! +</p> + +<p> +Flugs, desertiert aus den Reihen des Diesseits! +</p> + +<p> +Die jenseitigen Geister verspüren Appetit nach euch. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-8-8"> +<span class="firstline">VIII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Ihr lebendig wandelnden Marter-Maschinerien der +Menschheit in menschenähnlicher Gestalt! Ihr großen allgewaltigen +Saugpumpen! Ihr demokratischen Würg-Götter, +ihr Knochenmühlen Gottes! Ihr allmächtig euch dünkenden +Akteure der Weltgeschichte – – +</p> + +<p> +(– bis auf weiteres) +</p> + +<p> +Die Erde, die ganze Erde haltet umkrallt ihr mit eueren +Gliedern, geheimnisvolle Riesenspinnen: euere Organe +wachsen sich aus, euere Organe verlängern sich: euere Hände, +euere Arme, euere Beine, euere Muskelbündel setzen sich +fort: Eisengelenke, Riesendampfer, Dampf-Hämmer, Hebel, +Krane, Räder, Maschinen, Werkzeuge! Euer Gehirn: ein +allgewaltiges Verrechnungsinstitut. Fest steht ihr mit beiden +Füßen, nein mit Millionen Füßen auf der Erde, verknüpft +untereinander mit blitzenden Stahlschienenbändern die fernsten +Weltteile, stopft voll, und das nennt ihr Kulturmission, +mit euerem wertlosen Gerümpel jeden Weltwinkel. „Der +Anfang sind wir“, so prahlt ihr großmäulig, „die Mitte und +das Ende der Welt.“ +</p> + +<p> +„Cäsarennaturen –“ +</p> + +<p> +„Führen zurück wir nicht unseren geistigen Stammbaum +auf die Schöpfer der Pyramiden –!?“ +</p> + +<p> +<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> +Da marschieren sie heran, lakaienhaft grinsend, euere +Angestelltenheere, es speichelt im Chor: „Respekt vor dem +Kapitalismus! Respekt vor dem Ungeheuer! Respekt!“ –: +Millionen Beamte, Techniker, Chemiker, Pfaffen, Aerzte, +Lehrer, Professoren, Künstler; so fein säuberlich wie auf +Emaille gemalt: Generäle als Trabanten. Eine Handbewegung +von euch, Druck auf einen Signalknopf: und automatisch +die Fabriken öffnen sich, und Hunderttausende von +Erwerbslosen speit es hinaus aus dem zementenen Rachen +auf die Straße; Menschenrudel überstürzen sich; das humpelt, +kriecht, rast schon irrsinnig geworden auf den Arbeitsnachweis, +von euch, ihr Auserwählten, die Gnade des Arbeitendürfens +in Empfang zu nehmen. Mürrisch gewährt +ihrs, wenn es euch in eueren räuberischen Produktionsplan +paßt, wenn nicht – wieder ein Signal, und rasch verständigt +ihr euch, das Militär sperrt ab – Handgranaten, +Fliegerbomben, Maschinengewehrsalven als Begleitung – +und Millionen laßt abschwenken ihr von der Straße des +Lebens zum Marsch in die Hunger-Dschungel ... +</p> + +<p> +„Gewürm, Abfall, Dung der Geschichte –“ +</p> + +<p> +Konstatiert ihr. <em>Der</em> Geschichte, die euere Geschichte ist. +Denn dort, wo die höchsten Schlote enden, dort ziehen sich +hin euere Höhen, mit Prachtgärten und Villen bebaut, die +modernen Götterwohnungen, die Königsschlösser unserer +Zeit, unsichtbar gegen jeden Ansturm der Rebellen verbarrikadiert, +und alles vom werktätigen Volk Geschaffene +findet dort in euch seinen endgültigen sinnvollen Ausklang. +</p> + +<p> +„O ihr gütigen Spender des heiligen Lebens, wie danken +wir euch! Den Lohn, den ihr uns auszahlt, welch ein kostbares +Geschenk! ... Und kleiden wir uns auch in Lumpen, +bewohnen wir auch Höhlen, und haben weder Speise noch +Trank ... und wir Frauen und Kinder: man kann sich schon +nirgends mehr anlehnen, so schmerzt es vor lauter Gerippe +– – – o ihr, euer gütiges Lächeln ist unseren Wunden +ein Balsam, und unser Vierzehnstundentag nichts weniger +und nichts mehr als ein Gottesdienst –“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Anders aber spricht die Wirklichkeit. +</p> + +<p> +<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> +Die Rußknäuel, die die Schächte ausatmen, ballen sich am +Himmel zu einer schweren Wolke. Stöße brennenden Windes +furchen das Land. +</p> + +<p> +Waggonweise nun laßt ausschütten ihr unter den Murrenden, +unter den Todgeweihten die jedes Klassenbewußtsein +mordende Korruption. Von euch gedungene Arbeiterführer +spalten auftragsgemäß jede proletarische Kampforganisation. +Verrat, Bestechung, Niedertracht ohne gleichen. +Die Arbeiter selbst bekriegen sich. Unter dem Aushängeschild +des Arbeiterwohls und der „Volkserneuerung“ gründen sich +neue arbeiterversklavende Verbände. Mißtrauen gegen +die bewährten revolutionären Führer: in jeder Herzfalte +sprießt schon euere giftige Saat. Da wieder laßt ihr einen, +freudig gewährend, einherstelzen im Prunkgewand anarchistischer +Phrasen; andere wieder orakeln von Rednertribünen +– und schmunzelnd kostet ihrs aus –: „Langsam voran, im +Zickzack vorwärts!“ Und das instinktiv schon klar entschiedene +Arbeitergehirn verwirrt sich, die Kampfkraft laugt sich +aus, planlos verläuft die Aktion und uneinheitlich – und +das Ende: ein blutiges Menschenknäuel. +</p> + +<p> +Denn rücksichtslos gebraucht ihr, wo das System der Korruption +nicht mehr ausreicht, gegen die sich Empörenden +euere schärfste Waffe: die Machtorganisation des Staates. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es marschiert aber, es marschiert, es marschiert. +</p> + +<p> +Die Straße selbst zu eueren Höhen hinan, ihr Unerreichbaren, +bewegt sich. +</p> + +<p> +Der Hungertod marschiert, die Arbeitslosigkeit marschiert, +es marschieren die Tuberkulose, die Syphilis, das Alkoholdelirium, +die unhygienischen Wohnungsstätten der Arbeiterbevölkerung: +schwer, schwerfällig, tappend, denn schwer nur +kommt es noch in Bewegung. Und das Massengrab des +imperialistischen Krieges marschiert, und Selbstmord und +Lebensverzweiflung, und dahinterher wieder Skrophulose +und fahrlässige Verstümmelung, und nebenan die Kolonialschmach +und die amerikanische Lynchjustiz, die Todesstrafe +marschiert, Gerichtsurteil an Gerichtsurteil, Millionen +Jahre Zuchthaus und Gefängnisstrafen, die Kinderarbeit, +<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> +die Herzensträgheit, die Gedankenzerrüttung ... eine riesige +schmutzig-gelbe gallertartige Masse von Millionen von Menschen +zerstörten Lebensglücks. +</p> + +<p> +Die Menschenunterdrückung, die Ausmergelung, die Unnatur, +der brutale Daseinskampf marschiert. +</p> + +<p> +Es ist eine Sintflut der Daseinssinnlosigkeit, eine Sintflut +des Nichts. +</p> + +<p> +Ist es Walhall, ist es der Olymp selbst, den ihr stürmen +wollt!? +</p> + +<p> +Hoffährtig glotzend psalmensingen die Priester zum christlichen +Himmel: aber schon schüttelt es wie Hagelkörner über +die ganze Welt hin zu Stahlgeschossen geronnene Menschentränen +... +</p> + +<p> +Und – +</p> + +<p> +Ein Gesang marschiert. +</p> + +<p> +Die „Internationale“ marschiert ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Wie ruhig, wie unendlich ruhig stehen die sieben „Der +Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes“ angeklagten Revolutionäre +vor ihren Richtern. +</p> + +<p> +Vier, fünf, zehn, zwölf, fünfzehn Jahre Zuchthaus. +</p> + +<p> +So lautet der Antrag des Staatsanwalts. +</p> + +<p> +Die Angeklagten haben das Schlußwort. +</p> + +<p> +„Wir haben jederzeit unser Ziel unumwunden zugegeben. +Die Strafe, die Sie gegen mich beantragt haben, wenn das +eine Strafe für meine kommunistische Gesinnung sein soll, +nun gut. Für den Kommunismus setze ich alles ein.“ +</p> + +<p> +„Für mich ist es einerlei, was der Gerichtshof beschließt. +Ich habe bis jetzt mit meinen Genossen gelitten: ich bin bereit, +wenn es sein muß, für meine Ueberzeugung weiter ins +Gefängnis zu gehn.“ +</p> + +<p> +„Ich habe für meine Ueberzeugung bisher im Gefängnis +gesessen. Ich habe dafür meinen Beruf aufgeben müssen. +Ich werde, wenn Sie es wollen, weiter zu leiden verstehn.“ +</p> + +<p> +„Eine Gesellschaftsordnung, die Millionen ins tiefste Unglück +hineingestoßen hat, ist nicht wert, weiter zu existieren. +<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> +Ich habe im Gefängnis in die tiefsten Tiefen hineingeschaut. +Wir werden es zu ändern verstehen. Sie werden mir mit +dem Strafantrag einen Lorbeerkranz um mein Haupt legen, +den ich gar nicht verdiene, denn ich bin ja nur ein einfacher +Funktionär. Ich werde trotz alledem den Kopf hochtragen.“ +</p> + +<p> +„Ich bin mir völlig klar darüber: der Leidensweg des +Proletariats erfordert große Opfer. Ich bin es gewohnt, +für den Kommunismus zu kämpfen und zu leiden. Ich werde +auch weiter Opfer zu bringen verstehn. Aber das Bewußtsein +habe ich und das macht uns alle stark: Zuletzt werden +wir die Sieger sein und triumphieren über den Schmutz der +heutigen bankrotten Gesellschaftsordnung.“ +</p> + +<p> +Und auch die Jugend des revolutionären Proletariats +meldet heroisch an ihre Stimme: +</p> + +<p> +„Ich bin stolz darauf, für meine Ueberzeugung vor Ihnen, +hoher Gerichtshof, zu stehen. Ein großer Arbeiterführer hat +uns einmal gesagt: wenn euere Altersgenossen ins Gasthaus +und ins Tingeltangel gehen, so werdet ihr mit einem +Lächeln ins Zuchthaus wandern. Nun, wenn sie mich ins +Gefängnis schicken wollen, ich bin bereit, für den Kampf der +Jugend meine ganze Person einzusetzen und werde stolz +die Gefängniszelle auf mich nehmen.“ +</p> + +<p> +„Wenn Sie mich verurteilen, nun gut, so werde ich dieses +Lehrgeld zahlen. Ich glaube, es wird sich lohnen.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Was ist das für eine Ruhe!? +</p> + +<p> +Das ist die Ruhe des Schongesiegthabens, nur einen +Schritt, nur einen kleinen Schritt noch ist die Geschichte zurück. +Morgen, übermorgen: es kommt, es wird kommen, es +muß kommen ... Der Kampf ist schon entschieden – und +wenn du zur Bekräftigung des Sieges noch das Siegel deines +Lebens drauf drücken mußt: so geschieht es ohne Zögern und +voller Heiterkeit. +</p> + +<p> +Was ist das für eine Sprache!? +</p> + +<p> +Das ist eine Sprache, die gesprochen wird, bald laut, bald +weniger laut, doch deutlich vernehmbar, bekennerisch, in allen +Erdteilen. Das ist der Grundton einer neuen Weltsprache, +<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> +der Sprache der Zukunft. Und jeder echte Dichter müßte +sie sprechen. +</p> + +<p> +Ja, die Höhe der Strafe: das ist einer der Gradmesser +der revolutionären Tüchtigkeit, einer der Gradmesser deiner +Menschheitsverantwortlichkeit. Das „An die Wand“: das ist +für den Revolutionär, wenn es schon sein muß, <a id="corr-58"></a>das aus +seinem Herzblut mit Freuden gespritzte Blutsiegel unter die +Botschaft: Einst kommen wird der Tag ... +</p> + +<p> +Denn – +</p> + +<p> +„Wer Kampf gegen den Bolschewismus beginnt, der sinkt +immer tiefer und tiefer. Er wird Verbündeter von Monarchisten, +Werkzeug von Imperialisten, dann Spion und +Bandit. Auf diesem Weg gibt es kein Zurück mehr.“ +</p> + +<p> +Mit diesem offenen Geständnis beschloß vor dem Roten +Revolutionstribunal einer der unerbittlichsten Gegner des +Sowjetsystems seinen verruchten Kampf gegen die Arbeiter- +und Bauernrepublik: Sawinkow. +</p> + +<p> +Und so ist es. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-8-9"> +<span class="firstline">IX</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Aus diesen Fangarmen sich zu befreien, aus Fangarmen, +die unsichtbar sind, die fließend sind, die wie ein millionenästiges +Gezweig dein Denken und Fühlen durchzweigen, um +so mehr, je mehr du vermeinst, ihrem eisernen Zugriff bereits +dich entzogen zu haben; heraus aus allen Verkettungen +und Verwindungen, denn wie ein Sperrfeuergürtel ist die +Not der Zeit um die begrenzte Zone deines Daseins gelegt; +heraus dich zu arbeiten, das Messer zwischen den Zähnen, +aus all den tausendfachen Verstrickungen, Durchgarnungen, +Hinterhältigkeiten und Unbewußtheiten: dazu ist die Kraft +eines einzelnen Lebens nicht genug, und wäre sie noch so +eine übermenschliche und gigantische. Aber du lebst dein +Leben weiter. Lebst dein Leben weiter im Leben +von Kämpfern, die um dich sind, die mit dir sind, +im Leben von Kämpfer-Generationen, die nach dir +kommen werden. Die besser kämpfen werden wie du, +zielsicherer, konzentrierter, gerüsteter. Die eines Tages auch +<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> +den Kampf zu Ende gekämpft haben werden, von dem es +heißen wird: +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Er war der größte, er war der herrlichste, er war der an +Niederlagen reichste: keiner war ihm gleich. +</p> + +<p> +Gekämpft habt ihr in Träumen; gekämpft habt ihr mit +entzündenden Worten, mit Melodien; mit Wandzeichnungen, +mit Debatten; mit euerer Atemzüge monotonen Rhythmen; +mit jedem euerer Herztakte, hart, gehackt klopfend +hindurch durch die stickicht qualmenden Fabrikräume: ihr +lebendigen Arbeitsmaschinen! +</p> + +<p> +Lawinen von Menschenmassen schüttelt aus sich heraus die +Erde. Lava von Menschenblut stampfte dampfend daher. +</p> + +<p> +Türme von Menschenleichen stiegen an aus der Tiefe. +Massengräber schluckten, ein schlammiger Rachen, die Lichtfrucht +der Sonne. +</p> + +<p> +Strang, Füsillade, elektrischer Hinrichtungsstuhl: +</p> + +<p> +Bis zur Neige geleert den Kelch der Bitternis! +</p> + +<p> +Nicht einen Tropfen nicht geschmeckten Leids schenkt euch +die nach Menschenopfern lechzende Menschenerde! +</p> + +<p> +Schritt auf Schritt auf dem wie eine getretene Schlange +sich windenden Weg siehst du, hereingebaut bis ins blaue +Erz des Himmels, Schädelpyramiden. +</p> + +<p> +Blutquellen perlten. Blutbäche schossen. Blutströme rollten. +Die Riesenorkane, mit den Flügeln des Hagels sie +schlagend, furchten das Blutmeer. +</p> + +<p> +Wer seid ihr!? +</p> + +<p> +Kolonnen rußgeschwärzter Männer – +</p> + +<p> +Kolonnen der Arbeitskittel – +</p> + +<p> +Kolonnen der Genossen, der Leninisten-Kommunisten – +</p> + +<p> +Kolonnen der Genossinnen – +</p> + +<p> +Kolonnen der Jungkommunisten – +</p> + +<p> +Kolonnen der Parteilosen-Sympathisierenden – +</p> + +<p> +Proletariat. +</p> + +<p> +Menschheitsgranit. +</p> + +<p> +<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> +Zu Wellenbergen der Geschichte verwandelte Menschenmassen. +</p> + +<p> +Welt-Eroberer. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es hingen nieder die Wälder von den Bergen wie schwarzes +Geläute. Die Felsen donnerten hoch oben im Luftleeren. +</p> + +<p> +Keine Tafel faßt je die Namen der Helden, gefallen in +der Riesenklassenschlacht. +</p> + +<p> +Die kommenden Geschlechter werden ein Instrument erfinden, +die Namen der Helden und Kämpfer der ganzen +Erde, die Schlachtäcker und Kampftaten alle gleichzeitig zu +nennen: das dröhnt wie Gebläse einer millionenstimmigen +Riesenorgel; alle Kreatur singt mit im Chor. +</p> + +<p> +Jeder Blick deiner Augen kämpft, jede Faser deines Herzens, +jede Bewegung deiner Hand kämpft. +</p> + +<p> +Einer voraus! +</p> + +<p> +Einer in der Mitte. +</p> + +<p> +Einer ist der Anfang. +</p> + +<p> +Das Gewölb hallt wieder vom Refrain des ersten +Tausends. +</p> + +<p> +Das zweite Tausend – +</p> + +<p> +Das dritte – +</p> + +<p> +Das vierte ... +</p> + +<p> +Das erste Hunderttausend – +</p> + +<p> +Schritt gefaßt! Schwenkt! Ausgeschwärmt – +</p> + +<p> +Massenprotest – Generalstreik – Massenaktion – Bewaffneter +Aufstand – – – +</p> + +<p> +Und wie ein Fächer sich entfaltet – +</p> + +<p> +Sturmwellen wirft der hohe Triumphgang der Geschichte. +</p> + +<p> +Alles ist Kampf, ist Bewegung. +</p> + +<p> +Die Natur selbst trommelt den Kampftakt. +</p> + +<p> +– – – – +</p> + +<p> +„Wer ist das!? +</p> + +<p> +„Was ist das!? +</p> + +<p> +„Einfach ein Irrsinniger!? +</p> + +<p> +„Oder –?! +</p> + +<div class="poem-container"> +<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„Ein Projektil der Geschichte –</p> + <p class="verse3">von nie dagewesener Sprengkraft!?“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +– – – – +</p> + +<p> +<em>Lenin</em> +</p> + +<p> +– – – – +</p> + +<p> +„Aus diesem Teig sind geknetet die Robespierres, die +Marats – und sogar noch viel, viel Größere ...“ +</p> + +<p> +– – – – +</p> + +<p> +Ihr stahlgepanzerten Großkampfmaschinen, rot bewimpelt, +seid gegrüßt! +</p> + +<p> +Hinüber! +</p> + +<p> +Ruckend zuckt es hinweg schon über Gräben, angefüllt mit +Stößen regenbogenfarbig schillernder Gasleichen. +</p> + +<p> +Stahl, Erz, Kohle, Kupfer, Metall, Wasser, Zement, das +Gift, die Wurzeln der Tiefe, das zarteste Blümlein der +Erde: nenn mir ein Ding, nenn mir ein Fleckchen im Weltraum, +nenn ein Element mir, das heute nicht kämpft. +</p> + +<p> +Auch die Vögel, die Sonne, Stern, Wald, Meer, von +Schwarz bis Purpur; Bergpfade und Gefälle: +</p> + +<p> +Alles jauchzt Kampfwillen. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Tausend Jahre oder darüber – ich zähl sie nicht –: aber +ich höre deutlich das Siegeslied, gesungen von dem befreiten +Welt-Volk, hereinschmettern in den Strudel der Klassenkampfzeit +aus der alle Menschenzeitalter triumph-kühn überhöhenden +Zukunft: +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Genossen! Kampfscharen! +</p> + +<p> +„Seht, das ist das Leben, das ihr uns erkämpftet! Auf +sonnenstarken Bergen: geflügelt überspringen wir Gipfel +an Gipfel; wie auf einer Fläche gleiten wir hin auf dem +Wind ... +</p> + +<p> +„Greift unsere Körper! Nicht nach der Zahl von Jahren +mehr leben wir: wandelnde Fackeln des Lebens sind wir, +genährt an dem ewigen unauslöschbaren allebendigen +Lebensbrand ... +</p> + +<p> +<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> +„Herrschaftslos herrschen wir! +</p> + +<p> +„Begeisterungs-glühend, ein Menschen-Stern, zieht jeder +Einzelne dahin über die Erdenbahn. +</p> + +<p> +„Was ists für Wärme, die in einer leuchtenden Woge, +länderauf, länderab, meerauf, meerab bis hinüber über +den Süd- und über den Nordpol wallt!? Nicht Golfstrom +ists und nicht Samum: es ist unser neuer Sommer, es ist +Wärme des Menschenherzens. +</p> + +<p> +„Was ists für ein schweigendes Gewittern im Raum, +Takt an Takt; es wölbt sich, ein kristallisches Kuppelgefüge, +strömt an, strömt an in Klangwellen, und wieder strahlt es +sich auseinander in vielfarbigen Schwingungen!? Es ist die +unermüdbare Schlagkraft des Menschenherzens. +</p> + +<p> +„Wie Wein schäumt über den Rand: so überquillt vor +Fruchtbarkeit die Erde an den Horizonten. Das ist Menschen-Unsterblichkeit. +Das ist Menschen-Kraft. – +</p> + +<p> +„Genossen! Kampfscharen! +</p> + +<p> +„Im fernsten Dunkel ruhen ungesprochen euere Sprachen. +O ihr Brücken, geflochten aus Menschenleibern, hineingebaut +in die Reiche des unerschöpfbaren Lebenslichts! ... +Kameraden! Der Helden der Vorzeit gedenkt! Der von +Menschen einst der Menschheit geschlagenen Wunden gedenkt! +</p> + +<p> +„Jauchzend gedenkt!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="chapter" id="part-9"> +<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> +<span class="firstline">8. Kapitel.</span><br> +Sowjet-Europa entgegen! +</h2> + +</div> + +<p class="ctoc"> +Prinzipielle Vorbemerkung zum +letzten Kapitel. – Kolonialwirren. +– Die Kriegsgaswolke am Horizont. +– Arbeiter bewaffnen sich. – +Was bedeutet (CHCl=CH)<span class="sub">3</span>As? – +Die Farbstoff-Fabriken rebellieren. +– Das chemische Kampfstoffarsenal +der USA: Edgewood. – Der +Sturm bricht los! – Der Kern der +Sache. – Abgefangene Radios aus +Amerika. – Nachrichten aus aller +Welt. – Japans werktätige Massen +brechen ihr Sklavenjoch. – Sowjet-Rußland +marschiert. – Unsterbliche +Opfer. – Sowjet-Europa entgegen! +</p> + +<div class="epi sectiontop chapter"> +<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> +<p> +„Ein preußischer Monarch hat am Ende des +18. Jahrhunderts einen klugen Satz geprägt: +„Würden unsere Soldaten verstehen, weswegen +wir Krieg führen, so hätte man keinen <em>einzigen +Krieg</em> führen können.“ Der alte +Preußenkönig war kein dummer Kerl. <em>Wir +aber</em> können jetzt sagen, wenn wir unsere +Lage mit derjenigen des preußischen Herrschers +vergleichen: „Wir können kämpfen deshalb, weil +die Massen <em>wissen</em>, weswegen sie kämpfen und +kämpfen wollen, ungeachtet der unerhörten Opfer, +weil sie wissen, daß sie verzweifelte, unsagbar +schwere Opfer bringen, <em>um ihre sozialistische +Sache zu verteidigen</em> im +Kampfe Schulter an Schulter mit jenen Arbeitern +in den anderen Ländern, die unsere Lage zu begreifen +angefangen haben.“ +</p> + +<p class="attr"> +Lenin +</p> + +</div> + +<h3 class="section1" id="chapter-9-1"> +<span class="firstline">I</span> +</h3> + +<p class="first"> +Noch einmal ein letzter Appell vor dem Sturm, ein Manifest +an alle, die menschenwürdig leben wollen, vor dem +Generalangriff! +</p> + +<p> +<em>Kameraden!</em> +</p> + +<p> +Die Transmissionsriemen knattern, die Schleifräder +spritzen Funken, 10000-PS-Motoren knurren ... Und das ist +ein Maschinenraum: an Millionen Hebeln zucken Millionen +Händepaare herum, wie abgeschlagen vom Körper sind sie, +aber an den Händen pulst noch ein Herz, eine Lunge atmet +noch, ein Gehirn will denken: noch ist der Mensch nicht ganz +tot, zwar ists schon nicht mehr viel, was hier noch um das +gütigst gewährte Existenzminimum ringt ... Und die elektrischen +Bogenlampen flimmern, die Expreßluxuszüge knüpfen +Weltende an Weltende, Riesendampfer schrauben sich +wohlig und sicher herauf durch den Ozean: der eine Teil der +Menschheit verlängert tausendkilometerlang seine Glieder, +dem anderen Teil der Menschheit schrumpfen sie, sterben sie +ab ... Phantastisch von kristallischen Lüstern erhellt überblüht +die Luxuskabine das armselige Schattendasein der +vier Wände des Lohnarbeiters, aber – sind nicht aus seinem +Herzblut, aus Schweiß und Herzblut des Lohnarbeiters die +Paläste gegossen? Maschinen, Licht, Lebensluft, Wärme: +<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> +ist es nicht sein Werk!? Und haben demnach diese anonymen +Schöpfer jeder Lebenskraft nicht das Recht, nein, nicht die +heilige Verpflichtung, sich im Fall, daß sie gewaltsam im +Interesse einiger weniger, die schon im Urteil der Geschichte +als Gesellschaftsverbrecher gebrandmarkt sind, aus dem +Lebensprozeß ausgeschaltet werden, hat diese Menschenmehrheit +demnach nicht die Pflicht, die ihr zur Verfügung stehenden +Notwehrmaßnahmen zu ergreifen, um der Verelendung, +der sicheren Katastrophe, dem Lebensuntergang zu entgehen! +</p> + +<p> +Das Natürlichste vom Natürlichen wäre es. Das Menschen-Selbstverständlichste +... +</p> + +<p> +Und die Trusts, die Kartelle, die Syndikate bewegen sich, +bewegen sich gegeneinander und jede ihrer Bewegungen +schafft Kollisionen, zeugt Krisen, schaufelt das Grab für +Hunderttausende. Und hört Ihr den Chor der Menschheitsvampire, +zunächst noch als ein konspiratives Flüstern: +</p> + +<div class="poem-container"> + <div class="poem"> + <div class="stanza"> + <p class="verse">„O heilige pazifistische Aera!</p> + <p class="verse">Der ganze Weltraum trieft ja von Friedensgeläuten!</p> + <p class="verse">Halleluja donnern hinweg über den Ozean</p> + <p class="verse">Die Kanonenschlünde der Dreadnoughts:</p> + <p class="verse">„Friede auf Erden!“</p> + <p class="verse">Ach, nur in den stillen Kämmerlein</p> + <p class="verse">Unserer Staatslaboratorien</p> + <p class="verse">Fabrizieren wir gutes Giftgas.</p> + <p class="verse">Seht: den Staat haben wir uns geschaffen</p> + <p class="verse">Als unsere beste Waffe –</p> + <p class="verse">Und wenn es wieder mal losgeht:</p> + <p class="verse">Diesmal wird der Konkurrenzkampf geführt</p> + <p class="verse">Als chemischer Krieg ...</p> + <p class="verse">(Sachbeschädigung ausgeschlossen.)</p> + <p class="verse">Phosphorbomben. Flugtorpedos. Elektrische Wellen –</p> + <p class="verse">Fünf Minuten –</p> + <p class="verse">Und (jede Pore exakt durchgiftet)</p> + <p class="verse">Liegt leblos so ein Riese</p> + <p class="verse">Wie z. B. Chikago da ...</p> + <p class="verse">Und wer bezahlt dann die Zeche!?</p> + <p class="verse">Zuviel Menschen sind ja so wie so auf der Welt.</p> + <p class="verse">Darüber sind wir uns einig ...</p> +<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> + <p class="verse">Tastet inzwischen die Erde ab:</p> + <p class="verse">Wo riechts nach Petroleum?!</p> + <p class="verse">Schade nur,</p> + <p class="verse">Daß der Mars noch nicht zu kolonisieren ist!“</p> + </div> + </div> +</div> + +<p class="noindent"> +Eine gespenstische Polonaise wandert indeß hindurch durch +den Weltraum die Millionen-Kolonne der körperlich und +geistig Verhungerten, Mann an Mann, Weib an Weib, +Kind an Kind ... Warum!? ... Genügt euch wirklich als +Antwort darauf nur ein Achselzucken!? Ist das Grundgesetz +der Gesellschaft für euch immer noch eine geheimnisvolle +mystische Chiffre, ohne Schlüssel!? Rutscht ihr immer noch +die Kniee euch wund vor dem erbärmlichsten gesellschaftlichen +Aberglauben: „Es ist immer so gewesen, es wird +immer so sein ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Ein Fünfsekunden-Querschnitt durch Zeitungskioske, +Theater, Verlage: es ist zum ... Es gleicht wohl einem +Sprung durch eine Papierhölle. Alles was einmal groß, +echt, gewaltig, lebendig war: verkauft, verwässert, entwertet, +verraten ... Alles ursprünglich Edle, Wahre, Heroische und +Schöne in eine schleimige Korruptionstunke eingetaucht, +jeder lautere Ton überkeift von einem zotigen Gemecker ... +</p> + +<p> +Aufgeplustert bis zum hysterischen Exzeß, widerlich zerschminkt, +bis zum Brechreiz bengalisch illuminiert: so stolzieren +die modernen Revuen an, und desto erfolgreicher sind +sie, desto inhaltsloser sie sind und desto nichtssagender und +leerer ihre bedauernswerten Akteure daherplappern: prächtig +maskierte Volksseuchen ... +</p> + +<p> +Magazine, Journale, Sumpfliteratur, Auflageziffern bis +300000 ... Und wer sind sie, die armseligen Opfer dieser +typischen Misthaufenerzeugnisse!? Im Café, in den Wartezimmern +des Arztes: dort strömen sie ihren pestilenzartigen +Geruch aus. +</p> + +<p> +Der Film, in sich bergend ungeahnte Möglichkeiten, was +ist aus ihm, eingespannt in den Rahmen der bürgerlichen +Gesellschaft, geworden!? Man braucht, glauben wir, nicht +<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> +mehr darüber zu sprechen. Film, Radio, Presse, Theater, +Literatur: das sind nur die verschiedenen Ressorts jenes +gewaltigen, immer mehr sich amerikanisierenden Propagandainstituts +zur Weiterzüchtung der menschlichen Dummheit. +Hier sind die staatlich konzessionierten Fälscherzentralen und +geistigen Bazillenfabriken, sie arbeiten so wundertätig wie +unter der Aufsicht des lieben Gottes selbst, sie hebt kein +Polizeikommando aus, aber sie produzieren ja auch so verflucht +erfolgreich in nächster Nähe des Regierungsviertels +und nicht in proletarischen Kellerwohnungen ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Aber bei klarer und nüchterner Ueberprüfung der Geschichte +der Menschen und der Geschichte der Natur müßtet auch +ihr eines Tages zu der Ueberzeugung kommen – nehmt alle +Erfahrungen der letzten Jahrzehnte hinzu, euere Erlebnisse +– zu der Ueberzeugung, daß die heutige bürgerliche Gesellschaft +samt ihrer sogenannten Kultur rettungslos dem +Untergang in die Zivilisationsbarbarei verfallen ist, und +daß sie nicht mehr dazu berufen sein kann, die wirtschaftlichen +und geistigen Weltprobleme in einem wirklich schöpferischen +Sinne zu lösen, daß sie nicht mehr dazu berufen sein kann, +aus sich heraus das einzige Bollwerk gegen die herannahende +Phase modernster chemischer Weltkriege zu errichten: die +planmäßig organisierte Weltgemeinschaft aller Werktätigen. +</p> + +<p> +Millionenmenschenmassen kreisen indeß lautlos nieder auf +den Grund in dem riesigen kapitalistischen Krisen-Wirbel ... +</p> + +<p> +Den Befreiungskampf des Menschen aus seinem gespenstischen +Warendasein, den Befreiungskampf der Menschheit +aus allen ökonomischen Zwangsformen, den Krieg gegen +den Krieg – und damit auch eueren Befreiungskampf, +Kopfarbeiter, aus den Fesseln geistiger Lohnsklaverei kämpft +heute die Klasse der Unterdrückten: das Proletariat. Seine +geschichtliche Mission, als einzige an der Verewigung dieses +Gesellschaftszustandes nicht interessierte Klasse, ist es, die +Hinfälligkeit und die barbarische Verlogenheit des heute +noch herrschenden Systems zu erkennen und ihm den organisierten +Widerspruch entgegenzustellen, die einheitlich geschlossene +<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> +Kampffront aller Ausgebeuteten gegen die Ausbeuterwirtschaft +und ihre Helfershelfer: den Massenterror +aller Werktätigen, den Klassenkrieg auf Leben und Tod. +</p> + +<p> +Diktatur der Bourgeoisie. Diktatur des Proletariats ... +</p> + +<p> +Ein Drittes, wie ihr es vielleicht gerne wahrhaben möchtet, +gibt es nicht. +</p> + +<p> +Kameraden! Welcher Front schließt ihr euch an? Entscheidet +euch! +</p> + +<p> +Verfallt dabei nicht in den dünkelhaften Fehler euerer Berufsschicht, +dessen Quelle auf Grund des besonderen Arbeitsplatzes, +den die meisten von euch auch heute noch im Produktionsprozeß +einnehmen, leicht auszuspüren ist, in den +Fehler, daß ihr euch selbst vormacht, selbständig, unabhängig +zu sein, euer eigener Herr zu sein, niemandem verpflichtet, +keinem Rechenschaft oder Tribut schuldig ... +Ja, zu handeln wähnt ihr, aber um so besser werdet +ihr, von der Illusion euerer Freiheit gut eingedeckt, gehandelt +und verhandelt ... Euere geistigen Positionen sind +mehr, als ihr euch gewöhnlich zugeben wollt, recht kräftig +materiell unterzementiert: drum, Augen auf, seht zu, wie +alles, was ihr tut, sich heute notgezwungenermaßen objektiv, +das heißt, von der Perspektive der Geschichte aus gesehen, +auswirken muß! Macht euch gefeit gegen idealistischen +Aberglauben, Jenseitstaumel und gegen jede Art +von noch so interessanten Mystifikationsversuchen, gegen +Nervenzauber und Seelenschmierereien, die gerade auf +Grund der Tatsache heutzutage Kurswert erhalten können, +als die Grundgesetze des Gesellschaftssystems und damit auch +die Lehre von dessen Ueberwindung, die revolutionäre +Theorie, nur verstandesmäßig zu erfassen sind. „Blickverschleierung +tut not“ aber orakeln, und sie wissen nur zu +gut warum, die Menschheitshyänen ... Habt acht auf die +offizielle, mit allen Kräften geförderte Fabrikation von +Gehirnvergasungsapparaten und auf die weit verbreitete +Produktion von mystischen Gehirnnebeln! +</p> + +<p> +Helft mit! Entlarvt das pazifistische Gesabber von angeblich +zukünftig humaneren Methoden im Austrag der Völkerkonflikte, +<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> +das beinahe blutrünstige Gekeife von der „pazifistischen +Aera“ als das, was es ist: als ein verruchtes Ablenkungsmanöver, +als den bewußten Betrugsversuch, +„Atempause“ und „Schonzeit“ ideologisch als eine ewige +Kategorie zu stabilisieren ... Erkennt den Unterschied +zwischen der Phraseologie einer Sache und dem Inhalt +einer Sache! Acht gehabt nicht auf das, was der Mund +spricht, sondern auf die Bewegung der Fäuste! Statt daß +ihr Worte, Papierform, Verfassungsparagraphen ernst +nehmt, stürzt euch, wenn ihr mit euerem Entschluß fertig +werden wollt, auf das spezifische Gewicht einer Handlung, +auf Berechnungen, auf Tatsachen! +</p> + +<p> +So laßt aus den Arsenalen der jährlichen Statistiken die +Millionenarmeen der Selbstmörder, der Verhungerten, der +Tuberkulösen, der Skrophulösen, jenen Millionenhaufen der +in diesem Gesellschaftszustand der Wirklichkeit nach völlig +Entrechteten vor euch aufmarschieren, die Kriegsopfer der +Kolonialkriege und die Tausende von Jahren zählenden Zuchthausstrafen +der politischen Gefangenen, und ihr werdet einwandfrei +feststellen können, was es auf sich hat, wenn die +Regierer aller Länder zynisch von den Parlamentstribünen +meckern: „Friede auf Erden!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Seht die Kommunistische Partei, die weit mehr als Partei +ist, die die Vorhut einer neuen kommenden Weltordnung, +die das gestaltgewordene neue Welt-Bewußtsein, +die der Stoßtrupp der Zukunft ist! Deren Mitglieder von +den nur allzu getreuen Hütern der Menschheitsverwesung +in allen Reichen der Erde über alle Maßen grausam verfolgt +und verleumdet sind, zu Tausenden und Abertausenden +ermordet oder lebenslänglich in Zuchthäusern eingesperrt, +aber in deren Reihen, trotz alledem, noch immer +wach erhalten ist und wach erhalten bleiben wird: Opfermut, +Solidaritätsgefühl, wahre Lebendigkeit, Disziplin, +Kampfgeist! ... +</p> + +<p> +Heraus mit euch aus euerer Knechtseligkeit, aus euerem +von mörderischen Ketten umstrickten Todesschlaf, aus euerer +Indifferenz, aus euerer stupiden, verantwortungslosen +<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> +Eigenbrödelei! Heraus mit euch aus euerer abstrakten +Atelier- und Studierstubenluft: wir beschwören euch: informiert +euch endlich darüber, was konkret in der Welt vor +sich geht! Folgt unseren Parolen: „Heran an den Feind! +Nieder mit Phantomen und Schemen! Herunter von den +Thronen mit den lebendigen gekrönten und ungekrönten +Leichnamen! Der Mensch muß endlich zu sich selbst den +Mut haben! Erobert euch die Wirklichkeit! ...“ +</p> + +<p> +Kämpft gegen den Welt-Unsinn, gegen den Welt-Wahnsinn, +gegen den Menschenmarkt, gegen das Menschen-Zuchthaus, +gegen das Menschen-Schlachthaus! Kämpft gegen die +im Interesse der Profitwirtschaft künstlich gezüchtete Menschendummheit, +kämpft für Menschenfreiheit! Kämpft für +die Wiedergeburt des Menschen aus der Menschen-Gemeinschaft! +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Meine Pflicht ist zu reden, ich will nicht mitschuldig +werden!“ Dieses stolze Wort Zolas haben unsere intellektuellen +Hampelmänner, kautschuk-elastisch, wie sie nun einmal +sind, und eingedenk der Tatsache, daß Zivilcourage in +diesen bösartigen Zeiten unter Umständen zu einer recht +brenzlichen Sache werden kann – dieses kühne Wort des +französischen Sozialisten hat also unsere offizielle Intelligenz +dahin abgewandelt, daß sie prinzipiell nur, wie nach einem +geheimen Abkommen, über <em>die</em> Dinge redet, die nicht der +Rede wert sind. +</p> + +<p> +Es gibt aber auch eine Lebensstrategie und damit auch +fundamentale Grundsätze dieser Lebensstrategie. Und die +Grundlage für jeden Erfolg beruht eben bekanntlich in der +Fähigkeit, den Gegner mit überlegenen Kräften am entscheidenden +Punkt im richtigen Augenblick zu schlagen. Ueber +überlegene Kräfte aber einmal verfügen zu können, das +verlangt schon heute: den vollen Lebenseinsatz jedes Einzelnen. +Der entscheidende Punkt der gegnerischen Stellung, +der springende Punkt, auf den zu alle Kräfte unserer Zeit +sich bewegen werden, ist: das Problem der Ausbeutung. +(„Wer alles verteidigen will, verteidigt nichts.“ Dies für +Wesensschauer und reine Seelenmenschen!) +</p> + +<p> +<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> +Was aber treiben objektiv unsere Intellektuellen?! +</p> + +<p> +Sie treiben „Tarnung“. (Oder Camouflage, wie es in +Amerika heißt, und woraus man bereits eine ganze Wissenschaft +gemacht hat ... Popularisiert diesen Begriff!) Was +ist Tarnung? Unter Tarnung versteht man die Kunst, den +Gegner über die wahren Absichten, die man hegt, im Unklaren +zu lassen. Unter Tarnung verstand man z. B. den +Grasbüschel am Stahlhelm des MG-Schützen, und da bekanntlich +auch der imperialistische Frieden die Fortsetzung +der Politik des imperialistischen Krieges mit besonderen Mitteln +ist, so versteht man unter Tarnung in der sogenannten +pazifistischen Aera: die serienweise Fabrikation von Ideologien +und Illusionen (Parlament, Demokratie, Völkerbund, +Ableugnung des Klassencharakters des Staates, der +Justiz, des Heeres, der Polizeigewalt usw. usw.), die dazu +geeignet sind, den Gegner, d. h. den Klassengegner, das +Proletariat, über die wahren Absichten der Volksverbrecher +und der Massenblutsauger im Unklaren zu lassen. Die +Spitzen der Klassenkampfbewegung womöglich schon ideologisch +und psychologisch abzubiegen und auf diese Weise sich +die Profitrate bzw. die höhere Profitrate zu sichern ... +</p> + +<p> +Selbstverständlich, so denken instinktsicher die Gewalthyänen, +man kann es sich schon was kosten lassen, den verwesungstriefenden +kapitalistischen Leichnam mit Girlanden +zu umwickeln, wer wird auch seinen eigenen Gestank und +seinen Totenschädel offen auf der Straße umhertragen! +Ideologische Parfümeriefabriken tun bei dem allgemeinen +Verwesungsgestank dringend not: man muß die Verwesung +wenigstens wohlriechend machen! Kulissen her! Man kann +sich doch nicht so jämmerlich, wie man in Wirklichkeit ist, +zeigen! Ja, denn es geht hart auf hart. Alle Kräfte mobilisiert +zum Endkampf heißt es da; hungern lassen heißt es +da, ausbeuten! Nur die Massen nicht in revolutionären +Schwung kommen lassen, nur die Haltung nicht verlieren. +Nur jetzt nicht ... Verflucht, bleibt bald für das internationale +Weltkapital nur noch China übrig, immer spärlicher +werden die Akkumulationsreste ... und wenn man sich nicht +mehr um Absatzgebiete hinmorden kann, was dann ... Wie +<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> +soll man weiterhin den Mehrwert realisieren!? ... Die Welt +ist aufgeteilt: nun muß man wohl bald dem Konkurrenten +den Produktionsapparat selbst zerschlagen ... +</p> + +<p> +Und Worte sind in solchen Zeiten nicht mehr dazu da, um +die Wahrheit zu sagen, sondern: um sie zu verdecken ... +</p> + +<p> +Nun, gut! Wir werden ihnen aber, wie man so sagt, +mörderisch in ihr verruchtes Handwerk pfuschen. Wir werden +reden, nicht um die Gegensätze zu verdecken, sondern um sie +aufzureißen. Damit alle sie sehen können, werden wir die +Wirklichkeit, nackt und brutal wie sie ist, in einen Kegel +von Blendlicht stellen ... +</p> + +<p> +Ja, euere Pflicht wäre es zu reden, Intellektuelle, um die +Klassenkräfte mit in Bewegung zu bringen, euere Pflicht +wäre es, den Motor an der Kampfmaschine des Klassenwiderstreites +mit anzukurbeln, für den nötigen Brennstoff +mit zu sorgen, mit zu sorgen dafür, daß die Zündkerze intakt +bleibt. Euere Pflicht wäre es, die proletarischen Klassenenergien +mit zu entwickeln. Euere Pflicht wäre es, zu reden, +um nicht an der drohenden Versackung ganzer Geschlechter +im „absoluten Krieg“, d. h. im „Gassumpf“, mitschuldig zu +werden. +</p> + +<p> +Euere Pflicht wäre es, nicht nur zu reden, um nicht an +dem stündlichen ungeheueren Menschheitsverbrechen mitschuldig +zu werden, sondern – – – +</p> + +<p> +Und wenn es euch auch den Kopf kostete! +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Aber auch im Fall, daß euere Entscheidung für die Revolution +ausfällt, auch in diesem Fall gilt es, mit einem +festeingewurzelten Aberglauben gründlich aufzuräumen. +</p> + +<p> +Denn Revolution bedeutet nicht nur gefühlsmäßige, begeisterungsflammende +Hingabe an das revolutionäre Ideal. +Damit ist bei weitem noch nicht alles getan. Revolution ist +nicht nur der bewaffnete Aufstand, ist nicht nur das Stadium +des Emporflammens der Massen-Empörung, Revolution +bedeutet auch kleine zermürbende Parteiarbeit. Revolution +ist auch die Klebekolonne. Revolution sind auch leere Versammlungen. +<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> +Revolution ist Legalität und Illegalität. Die +Kampfmaschine der Revolution: sie treibt einen ungeheueren +Verschleiß an Menschenzahl und Menschenkraft. Revolution +ist gründlichstes, exaktestes Wissen; sie ist das härteste, +gewagteste und furchtbarste Lebenstraining dieser Welt; sie +fordert deine Disziplin, deine Ausdauer, sie fordert dich +hinein bis auf die letzte Nervenfaser; sie fordert dich ganz. +Aber, es ist unschwer, wie Lenin sagt, revolutionär zu sein, +wenn die Revolution schon ausgebrochen ist und in Flammen +steht. „Nicht der ist revolutionär, der beim Eintritt der +Revolution revolutionär wird, sondern der, der auch zur +Zeit des stärksten Wütens der Reaktion die Grundsätze und +die Losungen der Revolution verficht ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Wir möchten es für euch wünschen, Kameraden, wir +möchten es herzlichst für euch, in euerem eigenen Interesse +wünschen: lernt wieder kennen Heroismus, Aufopferung, +Kameradschaftlichkeit. Lernt wieder kennen, was es heißt, +daß der Mensch nicht nur eine Ware ist, daß der Mensch +nicht nur ein über alle Maßen gedemütigtes Ausbeutungs- +und Spekulationsobjekt ist, sondern daß der Mensch vor +allen Dingen noch ein Wesen ist, das aus einem Herzen +besteht, das schlagen will, aus einem Gehirn, das denken will, +aus Fleisch und aus Blutteilen. Lernt wieder kennen, nachdem +ein Ideal nach dem andern euch zertrümmert worden +ist, lernt wieder kennen das Gefühl, einer Bewegung anzugehören, +der die Zukunft gewiß ist und deren Sieg gleichbedeutend +ist mit Menschenwürde und Menschenfreiheit. +Hier findet ihr hoch hinaus über alle spielerische Formelfexerei +und geheimnisgeile Spekulationskrämerei wieder +einen kräftigen Lebensinhalt. Unser Leben hat einen +wesentlichen, das heißt einen zukunftszeugenden Inhalt: +das ist das einfachste und wunderbarste zugleich, was ein +Mensch von sich aussagen kann. Ein Lebensinhalt, um den +es sich zu leben und zu kämpfen lohnt, und ein Lebensinhalt, +um den es sich, wenn es sein muß, auch zu sterben lohnt. +Mehr als das, etwas Schöneres, Herrlicheres, Gewaltigeres +gibt es nicht, was der Mensch dem Leben abzugewinnen +vermag ... +</p> + +<p> +<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> +Kämpft mit uns, wenn ihr wirklich ernsthaft gewillt seid, +daß endlich Schluß gemacht wird mit jenen uniformierten +Folterbestien, kämpft mit uns, wenn ihr wirklich ernsthaft +gewillt seid, daß endlich Schluß gemacht wird mit jener +Minderheit von Mehrwertshyänen in Menschengestalt, die +Glück, Freude, Leben, Gesundheit von Millionen und Abermillionen +Menschen täglich, ja stündlich auf dem Gewissen +haben! Kämpft mit, Kameraden, wenn ihr die Wiedergeburt +des Menschen aus der Menschengemeinschaft wollt, +kämpft mit uns, Schulter an Schulter mit dem klassenbewußtesten +Teil des Proletariats, Schulter an Schulter +mit der Kommunistischen Partei: für die Grundsätze und +für die Losungen der Revolution ...“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Solche und ähnliche Aufrufe erschienen damals in allen +Universitäten, Hochschulen ... Und die idealgesinntesten und +aktivsten Elemente der bürgerlichen Gesellschaft traten unter +die rote Fahne. Es geschah, daß mancher Chemiker, Techniker, +Künstler, Gelehrte, Arzt plötzlich wie aus einem +Lebensschlaf erwachend, die Augen sich rieb, staunte: „Ja, +die Kommunisten sind ja gar nicht so ... Die hab ich mir +immer ganz anders vorgestellt!“ Und mit einer ungeheueren +Ueberzeugungswucht und einem fanatischen Bekennermut +sich die gefährlichsten Kampflagen aussuchte. +</p> + +<p> +Zahl, Kampfstärke der beiden Fronten änderten sich Tag +für Tag. +</p> + +<p> +An manchen Stellen war ein großes Ueberlaufen ... +</p> + +<p> +Zwischenstufen, Mischungen, seltsamste Kombinationen, +Uebergänge: die ganze Welt erschien in einem strudelnd +flüssigen Zustand, und gespensterhaft phosphoreszierend. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-9-2"> +<span class="firstline">II</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Ein kurzer, schlagartig einsetzender Generalstreik: das war +das Vorspiel zum bewaffneten Aufstand. Nicht überall +lösten sich gleich bewaffnete Kämpfe aus, wie denn überhaupt +die ganze Lage nicht schematisch zu beurteilen war. +<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> +Ueber manchen Landesteilen lagerte eine unheimliche +Stille; war es Stille vor dem Sturm oder Grabesstille!? +Es war Stille vor dem Sturm, wie sich bald herausstellte. +Und jene Führer der Arbeiterbewegung hatten wieder einmal +damit bitter Unrecht behalten, die auch damals von der +Kampfmüdigkeit und von der Gelähmtheit der proletarischen +Energien unkten. Wurde auch die Generalstreikparole +nicht überall gleich restlos befolgt, beim Ruf zum bewaffneten +Aufstand zögerten nur noch wenige ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Um diese Zeit starb auch plötzlich der hochbetagte Präsident +der Republik am Schlagfluß. +</p> + +<p> +„Berufsmörder!“ „Mit Orden ausgezeichneter Funktionär +des Menschenmassenmords“, fluchten die einen ihm ins +Grab nach. „Deutschlands letzte Stütze!“ „Unsere letzte +Hoffnung!“ flennten die anderen. +</p> + +<p> +„Deutschland über alles“, hörte man damals das letzte +Mal. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Deutschland war in den letzten Jahren immer mehr zur +Bedeutungslosigkeit eines reinen Vasallenstaates, einer Industriekolonie, +herabgesunken. Die nationalen Kreise, die mit +der Parole „Nichterfüllung“ ans Ruder kamen, wurden im +Moment der Regierungsübernahme zu Vollstreckern der +Verschacherung des deutschen Nationalguts. Immer raffiniertere +Methoden im Volksbetrug wurden ausgebildet, bis +diese eines Tages in einen ganz gemeinen offensichtlichen +und plumpen Schwindel umschlugen. Dann wurde künstlich +sofort das patriotische Delirium aufs höchste gesteigert, +„Deutschland über alles“ ertönte, wie immer, wenn ein +ganz gerissenes Schiebermanöver im Gang war ... +</p> + +<p> +Die hin und wieder unter Ausbrüchen heilig-flammender +Empörung gegen Deutschlands Vergewaltigung erhobenen +Proteste wie auch das ganze Gefasel von der Wiedergutmachung +der Schuldlüge usw., war ein vorher genau mit +den einzelnen Staatengruppen abgekartetes Spiel, damit +sich den gutgläubigen Kleinbürgern gegenüber die nationale +Farbe der Regierungsträger nicht verwischen sollte. Ja, +<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> +diese hatten sich durch die Bank so brav und ordentlich gehalten, +daß der Völkerbund ihnen sogar ihre einstigen Kolonien +als Mandat übergab. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Wie Hammerschläge zum Sarge des Reichsoberhauptes +dröhnten jetzt die Geschütze in das Stadtinnere aus den +Vororten herein, wo Militär und bewaffnete Arbeiterschaft +miteinander im Kampfe lagen. +</p> + +<p> +Von Stacheldrahtverhauen geschützt bewegte sich der +Leichenzug dem Dom zu, wo die Beisetzung stattfand. Auf +Paraden und feierliches Gepränge hatte man, wie man +öffentlich kundtat, in Anbetracht der traurigen Lage der +deutschen Volksgemeinschaft verzichtet. +</p> + +<p> +Vor dem Dom machte sich eine Gruppe von Provokateuren +ans Werk, schleuderte eine Bombe ins Publikum, die fehlging, +aber immerhin eine ungeheuere Panik hervorrief, +bei der viele umkamen und es Hunderte von Verletzten gab; +und eine viertel Stunde darauf ließ die Regierung bereits +die Nachricht von einem kommunistischen Bombenanschlag +verbreiten. +</p> + +<p> +Man erklärte die Kommunisten für vogelfrei. Die +„Schwarzweißroten“ zogen auf Kommunistenjagd. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Draußen in einem Arbeiterviertel auf einem weiten +Platz waren in roten Särgen die ersten Revolutionsopfer +aufgebahrt. +</p> + +<p> +Als die KPD-Truppen anmarschierten: das klang hart, +exakt, schneidend. Schlagartig, metallisch, knallend. +</p> + +<p> +Der Revolutionsgesang war ein kräftiges, in Rhythmen +gefaßtes Klassenkampfbekenntnis, ein Schwur, eine Bürgerkriegsfanfare, +eine unerbittliche Kampfansage. +</p> + +<p> +Dieser Trauermarsch war ein Kriegsmarsch. +</p> + +<p> +Ein Genosse sprach. +</p> + +<p> +Er sprach von der roten Blutmauer der Föderierten: „Die +Mauer der Föderierten auf dem Kirchhof Père Lachaise, wo +damals der Massenmord vollzogen wurde, steht noch heute, +ein stummberedtes Zeugnis, welcher Raserei die herrschende +<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> +Klasse fähig ist, sobald das Proletariat wagt, für sein Recht +einzutreten. Dann kamen die Massenverhaftungen, als die +Abschlachtung aller sich als unmöglich erwies, die Erschießung +von willkürlich aus den Reihen der Gefangenen herausgesuchten +Schlachtopfern, die Abführung des Restes in +große Lager, wo sie der Vorführung vor die Kriegsgerichte +harrten ...“ Und der Genosse schilderte weiter, wie diese +Mauer durch alle Länder hindurch, über alle Meere hinweg +sich hinzieht, wie sie mit Strömen Proletarierblut getränkt +ist, und wie diese Mauer auch heute wieder auferrichtet ist, +turmhoch, wie an ihr das gesamte Proletariat steht, ausgesucht +von der weißen Menschenbestie dazu, wehrlos niedergemetzelt +zu werden ... Aber wie das Proletariat nun selbst +zur Mauer wird, jede Brust ein Stein, jede Gruppe von +Proleten ein scharfkantiger Quader, und wie plötzlich sich +diese proletarische Menschenmauer in Bewegung setzt, stampfend +über die Leiber der Mörder sich hinwegwälzt ... und +das vergossene Blut in der Mauer zu leuchten beginnt, +rotes Siegesblut und rotes Opferblut eins wird, glühend rot ... +</p> + +<p> +Und schloß mit den Worten Lenins: +</p> + +<p> +„Auf je hundert unserer Fehler, die die Bourgeoisie und +ihre Speichellecker in die Welt hinausschreien, kommen +zehntausend große Heldenakte, die umso größer und heldenhafter +sind, als sie einfach und unscheinbar sind, sich im +Alltag des Fabrikviertels oder des entlegenen Dorfes abspielen +und von Menschen begangen werden, die nicht gewohnt +sind und auch keine Möglichkeit dazu haben, ihren +Erfolg in die Welt hinauszutrompeten ...“ +</p> + +<p> +... Unsterbliche Opfer ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Weiter ging der Kampf. +</p> + +<p> +Maschinengewehrfeuer knatterte aus Flugzeugen, die +dicht über die Dächer hinwegflogen. Proletarische Scharfschützen +aber schossen in einem Stadtviertel aus Dachluken +und hinter Kaminen hervor ein ganzes Geschwader ab. +Ungemein beweglich war die Kampfesart, die sich im Verlauf +der bewaffneten Aktion die Arbeiter zueigen machten. +In kleinen elastisch hin und her manövrierenden Trupps +<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> +wurde gekämpft, die sich trennten, blitzschnell sich wieder vereinigten +und beinahe ohne Kommando sofort entschlossen zu +einem Angriffsstoß ausholten. Polizeiwachen wurden erstürmt, +niemand aber beging mehr den Fehler, sich darin +festzusetzen und die anrückenden feindlichen Truppenteile aus +der Verteidigungsstellung heraus zu bekämpfen. Jede erstürmte +Stellung wurde sofort geräumt, geschickt maskiert, +tagelang blockierte dann oft unter ungeheueren Verlusten +der Feind solche Masken. Der Kampfgeist der „Weißen“ +wurde dadurch bedenklich zermürbt. Schweres Artilleriematerial, +Flammenwerfer, Phosphor-Brandspritzen wurden +mühsam herangeschafft, denn nur nach gründlichster Vorbereitung +konnten die weißen Kommandos noch einen +Sturm wagen. Bei übermäßigen Verlusten oder Rückschlägen +ergab sich sofort eine Unzahl von Insubordinationen +und Desertionen, nur die technische Ueberlegenheit verhinderte +in diesem Moment noch den völligen Auflösungsprozeß +... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +So bewegte sich auch auf einer Erkundungsfahrt ein Geschwader +von Kampfwagen mitten in das Zentrum des +Arbeiterviertels hinein. +</p> + +<p> +Die Kampfwagen waren gasdicht abschließbar und mit +Sauerstoffapparaten ausgerüstet. +</p> + +<p> +Glühend heiß war es im Innern des Panzerwagens. +Die Fünf-Mann-Besatzung schwitzte, und das eiserne Ungetüm +holperte polternd über die aufgerissenen Straßenpflaster. +Der Leutnant stand am Sehschlitz, brüllt die Kommandos. +Wie ein Unterseeboot schwankt der Tank im hellen +Gewässer des Tages einher. +</p> + +<p> +Nichts ist zu sehen. Nur kurz und hart schlagen außen +die Geschosse unsichtbarer Schützen auf dem Stahlpanzer +auf. +</p> + +<p> +„Hagelwetter bei heiterem Himmel.“ +</p> + +<p> +Doch die Fünf-Mann-Besatzung ist nervös, es wird heiß +und immer heißer bis zum Ersticken, man ist halbnackt und +feuert, was die Kugelspritze hält, drauf los. Man stößt +mit voller Kraft über die Straßenecken vor, vermeidet +<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> +jeden toten Winkel, wendet kurz und schlenkert weiter im +Zickzack straßeneinwärts. Hinter allen Fenstern spürt man +Augen, Augen die wie sengende Strahlen in das Wageninnere +hineinbrennen, vorwärts, rückwärts, oben und unten: +überall lauert der Feind. Und die Antenne ist schon kaputt +geschossen. Man ist abgeschnitten ... Nur der Motor rauscht +und summt. +</p> + +<p> +Wieder um eine Ecke. +</p> + +<p> +Haustüren weit offen ... Man funkt hinein ... +</p> + +<p> +Der Leutnant sieht sich um: die vier Soldaten, Bauernjungens, +machen giftige Gesichter. Reißen mit Wut an den +Hebeln, ihre Bewegungen sind Stoß und Faustschlag ... +</p> + +<p> +Eine Leiche liegt mitten auf der Straße. +</p> + +<p> +„Volle Fahrt!“ +</p> + +<p> +Drüber hinweg ... +</p> + +<p> +War es eine Leiche!? +</p> + +<p> +Oder hat es sich im Tuch bewegt?! +</p> + +<p> +Und der Leutnant schreit noch: +</p> + +<p> +„Jetzt Kinder, seid doch vernünftig, eine geballte Ladung! +Achtung ...“ +</p> + +<p> +Und während die vier Soldaten ihm an die Kehle springen, +einer ihm das Messer zwischen die Rippen stößt, die +Pistole ihm zwischen den Fingern hindurchfällt, flutet auch +schon eine Feuerwelle durch den Panzerraum; zwei, drei +kurze Detonationen ... und die fünf Menschen hocken am +Boden: in sich verkrümmt, wie verkohlte Baumstümpfe. +</p> + +<p> +Auch die vier anderen Wagen des Geschwaders waren +abgefangen. Die Mannschaften hatten sich bedingungslos +ergeben. +</p> + +<p> +Die Schäden waren leicht auszureparieren. +</p> + +<p> +Genosse Max Herse gehörte zur Besatzung des Wagens +„Roter Blitz“, der auf Patrouille ausfuhr ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Wunderbare Dinge geschahen. +</p> + +<p> +So kam einer die Straße herunter, ein gutgekleideter +Mensch, mit dem Taschentuch winkend, auf den Wagen zu, +<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> +meldet sich mit einer tränenerstickten Stimme: „Helft mir! +Ich will wieder ein Mensch werden. Ich war es nur einmal +in meinem Leben, drei Tage lang ... Seitdem, ach ...“ +Der sonderbare Ueberläufer wird im Wagen mitgenommen, +kämpft später bei einer roten Sturmabteilung, fällt, ist +schwerverwundet und sein letztes Wort ist: „Ich kann euch +nicht sagen, wie glücklich ich bin ... nun ist ja alles gut +so ...“ – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Das Kampfgebiet wurde mehr und mehr von den Arbeitervierteln +weg in den Westen der Stadt verlegt, wo sich +die Villenquartiere und die vornehmen Geschäftshäuser befanden. +</p> + +<p> +Gemeinsam mit den roten Partisanen operieren die +roten Kampfwagen. +</p> + +<p> +„Nicht verbarrikadieren!“ so heißt es immer wieder ... +</p> + +<p> +Da trifft die Nachricht ein: +</p> + +<p> +„Die Funkstation ist besetzt.“ +</p> + +<p> +„Der Generalsturm bricht los!“ +</p> + +<p> +„Ueberall in ganz Deutschland!“ +</p> + +<p> +„Rußland mobilisiert. Rußland marschiert.“ +</p> + +<p> +„Ueber der polnischen Grenze steht schon das Rote Gewitter.“ +</p> + +<p> +So stark wirkte die Nachricht, daß zwei weitere Stadtviertel +in dieser Nacht von den Arbeitern erstürmt wurden. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Arbeiter sind ihrer Sache sicher und siegesbewußt. +„Die Welt wird unser sein!“ „Wir haben es lange genug +nur gesungen.“ +</p> + +<p> +Erwischt man einen von den „Schwarzweißroten“, so haut +man ihm die Jacke voll, läßt ihn laufen ... +</p> + +<p> +Bis eines Tages ein „Roter“ den „Weißen“ entkommt, +der Leib ist über und über mit Peitschen- und Säbelstriemen +bedeckt, über zwanzig Bajonettstiche, das eine Auge ausgerissen +... und er erzählt: an den Laternenpfählen ... unmenschliche +Martern ... Spießrutenlaufen ... Vergewaltigung +von Arbeiterfrauen ... Hinschlachtung von politischen +<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> +Gefangenen in den Gefängnissen ... und Gas, Giftgas ... +die Vorbereitungen sind getroffen ... Nehmt euch in Acht! ... +Dicke Luft ... Die Hauptsache, die kommt erst ...“ +</p> + +<p> +Von mehreren Seiten werden jetzt kurz hintereinander +diese Aussagen bestätigt. +</p> + +<p> +Der Prolet beißt die Zähne fester zusammen: +</p> + +<p> +„Gut so, wenn sie es haben wollen ... Von nun an wird +kurzer Prozeß gemacht! ...“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-9-3"> +<span class="firstline">III</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Max wurde in besonderem Auftrag ins Reich geschickt. +</p> + +<p> +Die Bahnhöfe, noch in den Händen der Regierungstruppen, +waren gesperrt. Nur Munitionszüge und Truppentransporte +verkehrten. Viele Brücken waren gesprengt, auf weite +Strecken die Schienen aufgerissen, Züge flogen jeden Tag +in die Luft. +</p> + +<p> +Max fuhr mit dem Motorrad. +</p> + +<p> +Serien von Landschaften zogen an ihm vorüber, kaleidoskopartig, +wie ein Filmstreifen. +</p> + +<p> +Die Aufträge, die er zu übermitteln hatte, waren in den +verschiedenen Hohlteilen der Maschine gut untergebracht. +Auch besaß er verschiedene Ausweise, darunter auch einen +„schwarzweißroten“ ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +So flog er an dunkelgrünen Wiesengründen vorbei, auf +denen noch friedlich die Kühe weideten, an Aeckern, die +leicht gekräuselten Wellenbeeten glichen: so lag das Heu +in Reihen ... Durch Dörfer hindurch, wo ihm Bittgebete +leiernd eine gebrechliche Prozession entgegenhinkte. Unbewegt +stand noch so ein Dorf, wie ein träger zähflüssiger +Tümpel, inmitten der gewaltigen Wirbelbewegung, die die +Industriegebiete bereits längst ergriffen hatte. +</p> + +<p> +Andere Orte wieder durchfuhr er, lange Autoreihen +hielten vor prächtig und amerikanisch aufgemachten Hotels: +die ausgewanderten Reichen waren hierher geflüchtet, hier +hatten sie sich wie die Ratten bei einer Feuersbrunst in die +<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> +Schlupflöcher verkrochen. Landhäuser, Villen mit Laubgängen +und herrlichen Gartenanlagen grenzten an den See: +wie viele Tausende von Menschen werden einst in diesen +Erholungsheimen ihr Leben feiern! Schwer und solid gebaute +Klöster standen vierschrötig auf Bergkuppen: auch +hier, das ganze Land in dieser Gegend war ein tief wieder +Lebensatem schöpfendes Ausruhen. +</p> + +<p> +Auch Siedlungen: mit Freideutschen, Christussen und +„Wandervögeln“ darin, die sich selbst auf den Aussterbeetat +gesetzt hatten, in die seltsamsten metaphysisch-verschrullten +Gedankengänge verstrickt, dabei vegetierend und wurzelkauend. +Eine zwanglose Selbstausschaltung dauernd Lebensuntüchtiger +aus dem Gesellschaftsprozeß, ein Ersatz für +Irrenanstalten bei harmloseren Fällen von Geisteserkrankungen. +</p> + +<p> +In der Nähe befanden sich einige ausgedehnte Konzentrationslager, +in denen neue Armeen gebildet wurden, +Büros zur Anwerbung von Freiwilligen waren fast in +jeder Gemeinde untergebracht, die Pfaffen warben eifrig +für diese Verbände im Beichtstuhl und von der Kanzel +herab bei ihrer Predigt. +</p> + +<p> +Weiter gings. +</p> + +<p> +Hier und dort hatten es die Regierer allerdings schon +gründlich mit den Bauern verscherzt, die ihre Dörfer verlassen +hatten und sich, wie das Gerücht ging, in einer bestimmten +Gegend zu einem Heerhaufen sammelten. Manchmal +waren Flammenschein und Rauchsäulen am Himmel: +Gutshöfe und Kirchen brannten: die Bauernschaft war aufgestanden +und hatte ihre Peiniger zu Paaren getrieben. +Unbewegt wie holzgeschnitzte Figuren standen an Wegkreuzungen, +rote Binden um den Arm, die bäuerlichen +Wachtposten, und oft, durch einen kurzen Durchblick durch +einen Wald hindurch, sah man: auf geschlungenen Feldpfaden +Züge von Marschierenden. An einer Stelle war es +zum Zusammenstoß gekommen. Max mußte einen Umweg +machen, alle Straßen lagen unter einem schweren Feuerdruck. +</p> + +<p> +<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> +An dem berüchtigten Zuchthaus kam Max vorbei, in dem +ein halbes Tausend von politischen Gefangenen elend ihr +Leben fristete, über zweitausend Jahre Gefangenschaft +saßen darin; dort in dem Mauerwinkel, über den +großen Lindenbaum hinweg, war die Stelle, wo die Hinrichtungen +mit dem Fallbeil stattfanden. +</p> + +<p> +Kein Gefangener war hinter den Gittern zu erblicken. +</p> + +<p> +Schlafen sie noch oder haben sie ihren Zwingkäfig bereits +verlassen? +</p> + +<p> +Der Nächstbeste unten im Dorf konnte ihn darüber aufklären. +</p> + +<p> +Vor zwei Tagen, da war es, da hätten die Gefangenen +gemeutert, seien unruhig geworden, man hätte es bis ins +Dorf herunter gehört. Da habe die Gefängnisleitung die +einzelnen Zellen mit Matratzen abdichten lassen, die Zellenräume +vergast, in jede eine Giftgasflasche hineingelegt ... +Drei Minuten hat es gedauert und der Lärm, der in diesem +Stadium dem Gebrüll von Tobsüchtigen glich, war zuende. +</p> + +<p> +Es wird die Zeit kommen, knirschte Max grimmig, da +man wieder dazu zurückkehren wird, Galgen öffentlich auf +den Plätzen zu errichten, eine Hinrichtung zur Volksbelustigung +zu machen, und wo man Torturen rücksichtslos anwenden +wird. Da werden Reihen von Märtyrern auf den +Tischen unter dem Strang stehen, eine weiße Kapuze über, +um den Hals die Bulle des Todesurteils ... und man wird +den Tisch unter ihren Füßen hinwegziehen, fest strafft sich +der Strick, und die zwei oder drei Henkersgesellen hängen sich +mit ihrem Gewicht noch an den Leib des Verurteilten ... und +die Sache ist erledigt. Man wird Menschen bis oben hin in +Watte einwickeln, mit leicht brennbarem Oel begießen, anzünden +und sie laufen lassen. Wir sind im Anfang einer Zeit +von Grausamkeiten, Barbareien, Greueln ohnegleichen und +bei all dem wird man verlogen, wie man ist, verächtlich und +human aufgeklärt auf die Geschichtsepoche der Inquisition +und der Hexenprozesse herabblicken ... Unsere Gerichte sind +Fabriken, weiter nichts als Fabriken, in denen nach einem +bestimmten Schema, Gesetz genannt, serienweise Urteile +fabriziert werden. Wer in dem Besitz dieser Fabriken ist!? +<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> +Na, wir werden dafür sorgen müssen, daß diese Betriebe +möglichst bald betriebsunfähig gemacht werden! ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +So kam Max bis ins Ruhrgebiet. +</p> + +<p> +Eine gelbliche Nebelschicht lag in der Luft. Es war still, +wie ein Feiertag. Max erinnerte sich an jene Bergwerkskatastrophe, +die damals den ersten Anstoß zu seiner proletarischen +Bewußtwerdung und zu seinem neuen Leben +gegeben hatte. Was der Kollege Straßenbahner jetzt wohl +machen mag!? ... Und Wilhelm!? Ein jeder von denen +stand auf seinem Posten, ein jeder hatte im großen Schlachtfeld +seinen bestimmten Kampfplatz. +</p> + +<p> +Auch Lene ... Sie war seit der Ausrufung des bewaffneten +Aufstands als Sanitäterin bei einer neu sich bildenden +roten Armee in Ostpreußen ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Das gesamte Ruhrgebiet war ein einziges rotes Riesenbollwerk. +</p> + +<p> +Fieberhaft wurde gearbeitet. +</p> + +<p> +Ueberall Patrouillen, Sicherungen, Motorradfahrerabteilungen +... +</p> + +<p> +Die Erde war geplatzt: nicht eine Armee nur, nein drei, +vier rote Armeen waren aus dieser mit Proletarierblut +überreichlich gedüngten Erde herausgestampft. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Nach heftigsten und für beide Seiten verlustreichsten +Kämpfen war die weiße Armee geschlagen worden, sie löste +sich auf dem Rückzug vollends auf, und die rote Armeeleitung +war eben dabei, einen großangelegten Aufmarschplan +gegen Norden, über Hannover, gegen Berlin auszuarbeiten. +</p> + +<p> +Hier sah Max zum erstenmal einen roten Panzerzug. +Pfeifend und schnaubend, unter dem Gesang „Völker, hört +die Signale“ schob er sich ins grüne Land hinein. +</p> + +<p> +„Glänzend organisiert“, mußte Max anerkennen. „Und +was für eine Disziplin!“ +</p> + +<p> +„Kein Fall von Plünderung oder ähnlichem ist bei uns +vorgekommen, ja ja, wir haben eben eine revolutionäre Tradition +<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> +... Die vielen Kämpfe in den vorhergegangenen +Jahren sind nicht umsonst gewesen ...“ Wurde ihm im +Hauptquartier berichtet. Und Heldentaten wurden erzählt, +ohne Namensnennung, jeder hatte sie vollbracht, sie gehörten +allen zusammen ... +</p> + +<p> +Hier erfuhr Max weiter: +</p> + +<p> +Generalstreik in USA. Bewaffnete Demonstrationen +gegen den imperialistischen Krieg in USA. Die Negervölker +in den Kolonien stehen auf ... Bis über Afrika, in Aegypten +und Indien. Streik der chinesischen Arbeiter in den +japanischen Spinnereien in Tsingtau. Sympathiestreik des +japanischen Proletariats. Bewaffnete Zusammenstöße. +Japans werktätige Massen sind in Aktion; Massen-Mobilisation; +brechen ihr Sklavenjoch ... +</p> + +<p> +Den Nachrichten von Amerika gegenüber verhielt sich +Max von Anfang an skeptisch. +</p> + +<p> +Die Partei ist noch schwach. Und das kann einer revolutionären +Bewegung immer das Genick brechen. Wie viel +Schutt spült eine Revolution herauf: Desperados, Hochstapler, +Hasardeure: wenn da nicht fest zugegriffen wird, und die +Mießmacherschweine dazu und die Flautegeier ...! Spitzel +und Provokateure ...! Nur eine starke Organisation ... +sonst geht das Spiel blutig verloren ... Alle gescheiterten +Aufstände lassen sich auf den Mangel einer führenden Rolle +der Partei zurückführen ... +</p> + +<p> +So 1919 zum Beispiel! +</p> + +<p> +Vom Roland bis zur Viktoria standen die Massen Kopf +an Kopf. Bis weit hinein in den Tiergarten standen sie. +Sie hatten ihre Waffen mitgebracht, sie ließen ihre roten +Banner wehen. Sie waren bereit, alles zu tun, alles zu +geben, das Leben selbst. Eine Armee von 200000 Mann. +Und da geschah das Unerhörte. Die Massen standen von +9 Uhr früh an in Kälte und Nebel. Und irgendwo saßen +die Führer und berieten. Der Nebel stieg, und die Massen +standen weiter. Aber die Führer berieten. Der Mittag +kam, und dazu die Kälte, der Hunger. Und die Führer berieten. +Die Massen fieberten vor Erregung: sie wollten +eine Tat, auch nur ein Wort, das ihre Erregung besänftigte. +<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> +Doch keiner wußte, welches. Denn die Führer berieten. +Der Nebel fiel weiter, und mit ihm die Dämmerung. Traurig +gingen die Massen nach Hause: sie hatten Großes gewollt +und nichts getan. Denn die Führer berieten. Im Marstall +hatten sie beraten, dann gingen sie weiter ins Polizeipräsidium +und berieten weiter. Draußen die Proletarier +auf dem leeren Alexanderplatz, die Knarre in der Hand, mit +leichten und schweren Maschinengewehren. Und drinnen +berieten die Führer. Im Präsidium wurden die Geschütze +klargemacht, Matrosen standen an jeder Ecke der Gänge, im +Vorderzimmer ein Gewimmel, Soldaten, Matrosen, Proletarier. +Und drinnen saßen die Führer und berieten. Sie +saßen den ganzen Abend und saßen die ganze Nacht und +berieten, sie saßen am nächsten Morgen, als der Tag graute, +teils noch, teils wieder, und berieten. Und wieder zogen +die Scharen in die Siegesallee, und noch saßen die Führer +und berieten ... +</p> + +<p> +Nur war es mehr eine Frage der Führung als der einzelnen +Führer, es war die Partei, die fehlte. +</p> + +<p> +Die Konterrevolution aber arbeitete indessen nach einem +einheitlichen Plan. Sie rechnete nicht nur mit Berlin, +sondern mit dem ganzen Reiche. Ein Werbebüro nach dem +andern wird eingerichtet, auf Lastautomobilen werden +Waffen herbeigefahren. Kraftwagen aus Kasernen und Depots, +ein ganzer Park von Fuhrwerken wird in Dahlem zusammengestellt, +wohin inzwischen Noske und Oberst Reinhard +aus Berlin geflüchtet sind. Nach drei Tagen schon glich +die Gegend einem Kriegslager. Es wurde mit fabelhaftem +Eifer und großer Schnelligkeit gearbeitet. Auffüllung von +Restbeständen der Gardekavallerieschützendivision in Berlin +– Zusammenfassung kleiner Truppenteile in den märkischen +Dörfern – eine letzte Besprechung und nach schleuniger +Zusammenstellung von Einwohnerwehren in den Berliner +Bourgeoisievierteln: Einmarsch, Sturm auf die von den +Arbeitern besetzten Gebäude und fünf Tage darauf: Berlin, +die stärkste Festung der deutschen Revolution, war gefallen. +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> +„Und nun Glück auf die Reise, Max, wie ungeheuer +wichtig das ist, was du durchzuführen hast, weißt du ja +selbst ...“ +</p> + +<p> +Und schon lag das Ruhrgebiet hinter ihm. Weiter gings. +</p> + +<p> +Max traute seinen Augen nicht: +</p> + +<p> +Da bewegte sich durch die Straßen eines Provinzstädtchens +ein großer Festzug, Militärvereine und Musikkapellen waren +in dem Zug, den verschiedene historische Gruppen „verschönerten“. +Auf zwei Wagen zogen die Pfahlbauern mit +ihren Häusern daher. Ihnen folgte Hermann, der Cherusker, +mit einem bewaffneten Gefolge. In Tierfelle gekleidet +zeigten sich die Alemannen. Die Kreuzfahrer, ein gewisser +Graf Eberhard im Bart, Landsknechte zu Fuß und zu +Pferd. Stolz marschierte Theodor Körner in lebenswahrer +Nachahmung, hinter ihm ritten die Schillschen Offiziere. +Und gar welch ein erinnerungsvolles Bild bot die Kolonialtruppe, +bei der ein mit acht Ochsen bespannter Wagen +schwarze und weiße Bewohner der Kolonien mit sich +führte ... +</p> + +<p> +Was war das nur!? +</p> + +<p> +Max lachte aus vollen Kräften. +</p> + +<p> +Es war ein Bezirkskriegertag. +</p> + +<p> +Eine tragigroteske Illustration dafür, wie die Vorstellungen +und die Ideen der Menschen noch lange an Zuständen +haften bleiben, die bereits durch die tatsächliche materielle +Entwicklung der Geschichte längst überholt sind ... +</p> + +<p> +Und schon tobten mit bärtigen Stimmen kerndeutsche +Männerchöre gegeneinander, vielstimmig, und mit tremolierenden +Gefühlsschnörkeln am Ende gesungen, ein Sängermassenwettstreit, +ein echt arisches Wettsingen ... +</p> + +<p> +„Die Wacht am Rhein“. „Heil dir im Siegerkranz“. +„Wer hat dich, du schöner Wald!“ ... +</p> + +<p> +Fern schluchzte ein altmodisches Grammophönlein ganz +blechern erbärmlich, und mollige Katzen schnurrten hinter +den mit Geranien bewachsenen Fenstersimsen ... +</p> + +<p> +Die Zuschauer im Bratenrock und Zylinder mit gestickten +Fahnen bildeten zu beiden Straßenseiten Spalier, wie +schwarz anlackierte Menschenpuppen. +</p> + +<p> +<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> +Auch die Bordellmutter Susanne stand mitten drin, +notierte in Gedanken eine Bestellung auf Flaschenbier, leckte +sich mit der Zunge die Lippen, faltete die Hände und schmunzelte +... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Und dann wieder: +</p> + +<p> +Violine, Cello, Klavier ... +</p> + +<p> +„Dabei läßt es sich zwar bis zum Schmelzen butterweich +träumen, behaglich seelen-schmatzen, liebkosen, plauschen, +schweifwedeln und wenn es hochkommt, bestenfalls noch ein +„guter Mensch“ werden ... Nichts mehr. Also: Schluß damit!“ +</p> + +<p> +Max gab Vollgas und flitzte, sich immer noch vor Lachen +schüttelnd, aus diesem gespenstischen Idyll von dannen ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es kam noch eine Irren- und Siechenanstalt, im Pavillonsystem +erbaut: die Blöden tappten mit eckig ungelenken Bewegungen +schwerfällig hinter den Zäunen entlang, nickten +und grinsten, manche waren ein gleichmäßiges ewiges Wandeln +auf und ab, andere wieder wie zu einer Säule erstarrt. +Das Heim der idiotischen Kinder war bei weitem das +Grauenhafteste, Säufergeburten lagen in den Windeln da, +mit unförmigen klumpigen Köpfen, die glanzlosen, wirr in +sich verschlungenen Augen schrien stumm eine entsetzliche +Anklage ... +</p> + +<p> +Einmal, mit einer Krankenkassenkommission, hatte auch +Max schon einen Gang durch ein städtisches Krankenhaus +gemacht. Gewiß, es war sauber, hygienisch, die Gänge, +die Bettreihen blitzblank, die Aerzte, die Schwestern +in ihren weißen Mänteln und Schürzen: dagegen war +nichts zu sagen. Welch ein Widerspruch: die Reinlichkeit, +die Pflege, die Barmherzigkeit: sie beginnt erst, +wenn der Mensch durch die skandalösesten unsaubersten +Verhältnisse draußen, durch Gemeinheit, Profitjägerei +und Menschenniedertracht unheilbar auf das Totenbett +gestreckt ist! Wie viele dieser hier liegenden Gangräne, +Lungenvereiterungen, innerer Verletzungen hätte eine richtige +Behandlung des betreffenden Menschen am Arbeitsplatz +<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> +unmöglich gemacht. Zu neun Zehntel bestimmt sind +alle diese Krankheiten unnötig: diese durchjauchten Verbände, +diese Kübel stinkenden Eiters, diese verstümmelten +Menschenkadaver im Leichenschauhaus: eine technisch besser +angelegte Gesellschaftsordnung wird auch im Laufe der +Jahre diesen ganzen kostspieligen und mit so ungeheuerlichen +Leiden verbundenen Menschheitsaussatz hinwegfegen ... +Und heute: die Mehrzahl der Menschen lebt nicht, sondern +wird durchs Leben gehetzt; stirbt nicht, sondern verreckt ... +</p> + +<p> +Noch am Abend traf Max am Ziel seiner Fahrt ein. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es war ein gewaltiger Komplex von Farbstoff-Fabriken, +der sich über eine Fläche von mehreren Quadratkilometern +erstreckte. +</p> + +<p> +Bei einem Genossen fand Max Unterkunft. +</p> + +<p> +In einem schäbigen Anzug meldete er sich am nächsten +Morgen auf dem Arbeitsnachweis, zeigte seine Papiere vor +und wurde auf Grund seiner „schwarzweißroten“ Empfehlung +sofort genommen. +</p> + +<p> +Am Tage darauf sollte die Arbeit in der Giftbude beginnen. +</p> + +<p> +Wahrscheinlich, so erfuhr er durch die Genossen, werde er +als Neuling gleich ins Gift gestellt ... +</p> + +<p> +Max trieb sich noch ein wenig in der Umgegend herum. +</p> + +<p> +Einige Holzfabriken in der Nähe streikten. In Gruppen +standen die Menschen vor den Telegraphenbüros. +</p> + +<p> +Die Farbstoffindustrie, durch eine besonders zuverlässige +Belegschaft ausgezeichnet, arbeitete nach wie vor mit Hochdruck. +</p> + +<p> +Die Konzentration des Militärs war in dieser Gegend besonders +stark. Zu Zusammenstößen war es bisher noch nicht +gekommen. Ueberall war die Meldung verbreitet: „Aufstandsbewegung +in Berlin niedergeworfen. Ruhe und Ordnung +wieder hergestellt.“ +</p> + +<p> +Die Farbstoffindustriearbeiter waren sofort an der gelblich +fahlen Hautfarbe zu erkennen. Die Zähne waren auffallend +schlecht, manche Münder wiesen mit eiterigen Geschwüren +<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> +behaftete klaffende Lücken auf. Die Augen waren +durchwegs entzündet. +</p> + +<p> +Viele Arbeiter litten dazu noch an inneren Nasengeschwüren, +an einer sogenannten Stinknase ... +</p> + +<p> +Der größte Teil der Arbeiterschaft der chemischen Industrie +war im Fabrikkomplex selbst in kleinen Backsteinhäuschen +mit einem spärlichen Gemüsegarten davor angesiedelt. Sie +durften augenblicklich nur mit besonderer Genehmigung der +Fabrikverwaltung das Areal verlassen ... +</p> + +<p> +Es war ein älterer, gutmütig aussehender Genosse, mit +dem Max ein längeres Gespräch anknüpfte. +</p> + +<p> +„Mehr als höchstens ein viertel Jahr, Freundchen, hält +es darin keiner aus. Wenn du an den Bottichen mit der +Gifttunke zu arbeiten hast oder beim Umfüllen in die +Flaschen ... in drei Monaten spätestens bist du eine Leiche +... da heißt es rasch Karriere machen oder aber ... Hier +leiden sie alle an Lungenkrebs, das ist sozusagen unsere Berufskrankheit +... Und die vielen Fälle von Verbrennungen +und Erblindungen ... Na, richtige Krepierer sind das ... +Und überhaupt jetzt: täglich kommen fünfzig neue herein, +täglich haben wir an die fünfzig Mann Abgang! Siehst du +die Baracken da drüben: das sind die Hoffnungslosen, unser +Sterbesalon ... Ist eben auch die gefährlichste Industrie ... +Und grad gegenwärtig: Hochbetrieb, Saison, Hochkonjunktur! +Lohnzuschlag! Ueberstunden, daß es nur so kracht! Gewaltige +Aufträge aus Amerika, sagte man. Heilmittelaufträge. +Aber man munkelt allerlei. Ist eben alles noch ungewiß. +Keiner weiß was genaueres darüber ...“ +</p> + +<p> +Max ließ den nichtsahnenden Genossen wiederholen: +</p> + +<p> +„Aufträge aus Amerika ... Heilmittel ...“ +</p> + +<p> +Dabei sah er ihn prüfend von unten an. +</p> + +<p> +„Glaubst du eigentlich selbst, was du sagst? ...“ +</p> + +<p> +„Ja, wir werden ja vermutlich auch streiken ... Soll aber +bereits alles abgewürgt und eine aussichtslose Sache +sein ...“ +</p> + +<p> +„Eine bestochene, eine korrumpierte Bande seid ihr!“ +fuhr es Max heraus. „Was ihr produziert, na, vorerst +Schwamm darüber ...!“ +</p> + +<p> +<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> +Und Max klärte den Genossen zunächst über Berlin auf. +</p> + +<p> +Dem Proleten standen dabei die Tränen in den Augen. +</p> + +<p> +„Nein, was du nicht sagst ... Diese Erzgauner ... So +eine Lumperei ...“ +</p> + +<p> +„Verlaß dich drauf ... Auch hier, wir werden schon +Trieb dahinter setzen. Auf euch vor allem kommt es jetzt +an. Ihr habt das Schicksal der ganzen Bewegung in der +Hand. Jetzt oder nie! ... Morgen wird die Arbeit losgehn! +... Parole: auf der ganzen Front ganze Arbeit!“ +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-9-4"> +<span class="firstline">IV</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Am anderen Morgen wurde Max auch wirklich gleich +mitten ins Gift gestellt. +</p> + +<p> +Er hatte sich schon beizeiten auf den Weg gemacht, setzte +sich noch vor Beginn der Arbeit mit den roten Zellenobleuten +in Verbindung, ermittelte genau die Struktur der +Belegschaft: wieviel Sozialdemokraten, Schwarzweißrote, +Persönliches usw., und besprach mit den Genossen kurz die +Situation im Reich, besonders in den großen Industriestädten, +worüber die Proleten, da die Regierung noch +den gesamten Nachrichtenapparat besaß, völlig uninformiert +waren. Dann ging er dazu über, ihnen klipp und +klar das Wesen und die Bedeutung ihrer Tätigkeit zu erklären. +Einige Flugschriften unterstützten das, doch im allgemeinen +konnte man sagen, was das Gebiet der Technik +des kommenden Krieges anbetraf, so war darin vom proletarischen +Standpunkt aus nur recht wenig Brauchbares +geleistet worden. Die Artikel der amerikanischen Genossen, +die Resolution, hie und da Aufsätze in den revolutionären +Tageszeitungen: aber mit Propaganda allein war eben +nicht alles zu machen und Erfahrung – die Genossen in der +chemischen Industrie waren auf dem besten Wege dazu, sich +diese möglichst teuer zu erkaufen. +</p> + +<p> +Immer wieder kamen sie mit den Einwänden: „Stimmt +ja gar nicht, was du sagst, diese Säuren braucht man zu +Seife und daraus werden Parfümerien gemacht, darüber +<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> +besteht doch gar kein Zweifel, sind doch genaueste Kontrollen +da, lies doch das Buch der Schweizer Chemikerin, +die erstens Kanone in ihrem Fach und zweitens noch dazu +eine Pazifistin ist, die läßt sich doch sicher nicht so leicht was +vormachen, ihre Kontrollvorschläge hat doch der Völkerbund +einstimmig angenommen, und die ganze öffentliche +Meinung der Welt ist gegen den Gaskrieg, na und überhaupt +... Der Chemische Krieg ist doch verboten und alle +Nationen haben unter Abgabe feierlichster Versicherungen +sich dagegen erklärt ... Siehst du, Genosse, du magst es ja +recht ehrlich meinen, aber wir, die wir jahrelang in der +Bude stecken, wir müssen doch schließlich am Ende auch noch +was davon verstehn: was wir zum Beispiel in letzter Zeit +fabrizieren, sind lediglich Heilmittel, Aufträge nach Amerika, +Salvarsan, davon wirst du ja gewiß auch schon gehört +haben ... Nicht wahr? ... Und deshalb auch der Lohnzuschlag.“ +</p> + +<p> +Man behandelte Max beinahe etwas herablassend wie +einen Laien. +</p> + +<p> +„Einen Vorschlag, Genosse Max! Alles, was du uns da +sagst, hat weder Hand noch Fuß! Komm erst einmal in +unseren Betrieb, schau dich einige Tage gründlich darin +um und informiere dich! ... Wir wollen dir gern dabei +behilflich sein ...“ +</p> + +<p> +„Gut so!“ Max schlug ein. +</p> + +<p> +„Verschrobene Vorstellungen! Inhaltsleere, blödsinnige +Phantastereien, alles ein hahnebüchener Schwindel, wenn +man ihm ernsthaft auf den Grund geht. Ein Kinderschreck! +Für alte Weiber und Flennbrüder! Da sieh nur mal her, +Max, Märchenerzähler!“ Und immer noch schüttelten sie +ungläubig die Köpfe. Sie schleppten bürgerliche illustrierte +Zeitungen an mit Beschreibungen mechanischer Polizeimänner, +die gar gruselig anzusehen waren, mit Todesstrahlen, +die mörderisch in den Lüften nach Fliegern herumstocherten +und mit anderem ähnlichen Mumpitz. +</p> + +<p> +Dann begannen aber doch einige der Genossen die Artikel +der Amerikaner zu lesen, langsam und schwerfällig lasen +sie, als ob sie buchstabierten. +</p> + +<p> +<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> +Einer dachte schon nach. +</p> + +<p> +Sah lang dabei in die Ferne. +</p> + +<p> +Schüttelte wieder den Kopf, las wieder. +</p> + +<p> +„So meinst du also, Genosse Max, das ganze so großartig +ethisch und human aufgezogene Verbot des Gaskriegs +durch den Völkerbund soll nichts weiter als nur ein +ganz elendiglicher Bluff gewesen sein. Eine Beruhigungspille +sozusagen ... Um uns Proleten vor allem in Sicherheit +zu wiegen ... Und damit man um so ungestörter sich +der Vorbereitung einer gewaltigen Massenhenkerarbeit +widmen kann.“ +</p> + +<p> +„Das allerdings meine ich“, entgegnete Genosse Max. +</p> + +<p> +Und fuhr fort: +</p> + +<p> +„Und die Bestätigung dieser Meinung wird nicht lange +mehr auf sich warten lassen. Aber wir müssen unseren Gegnern +zuvorkommen. Wir können nicht warten bis es soweit +ist, da es dann unter Umständen auch bereits zu spät sein +kann ...“ +</p> + +<p> +Wieder kam ein anderer gelaufen: +</p> + +<p> +„Also, das ... wir, wir Farbindustriearbeiter ... Nein, +das kann nicht möglich sein ... das wäre ja ...“ +</p> + +<p> +Er machte eine Bewegung, als ob er sich krümmte. +</p> + +<p> +Langsam und hartnäckig, mit viel Geduld, arbeitete sich +Max in diese Schädel hinein, er gab nicht nach, hielt sie +wie mit einer eisernen Umklammerung an ihrem eigenen +Gedankengang fest, bohrte weiter und führte sie sicher aus +ihren Illusionen heraus. +</p> + +<p> +„Schwierigkeiten sind nur dazu da, um überwunden zu +werden. Schwierigkeiten lechzen geradezu nach ihrer Ueberwindung.“ +Das war sein Leitspruch bei dieser Tätigkeit. +</p> + +<p> +Immer nachdenklicher wurden die anderen. +</p> + +<p> +Max gab ihnen ungeschminkte Wahrheit. Dadurch gewann +er ihr volles Vertrauen. So schilderte er ihnen eindringlich, +wie die Revolution ein langwieriger Prozeß sei, +voll von Aufopferung, Martern, Blut und Wunden, und +daß gar nicht daran zu denken sei, daß die Lage der Arbeiterschaft +bei der Machtübernahme sich gleich von heute +<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> +auf morgen bessere. Im Gegenteil ... „Wir Kommunisten +gaukeln euch nichts vor. Wer die Wahrheit nicht ertragen +kann, bitte sehr ... Aber es gibt für euch Proleten gar +keine andere Wahl. Entweder – oder. Ihr müßt kämpfen +oder – untergehn.“ +</p> + +<p> +„Nein, wir wollen nicht untergehn. Gewiß nicht ... +Und wenn, wie du uns mitgeteilt hast, unsere Brüder jetzt +kämpfen ...“ +</p> + +<p> +Max bemerkte schon: mit geschärften Augen beobachteten +sie alles, was im Betrieb vor sich ging, oft verschwand der +eine oder der andere für eine Weile, bis plötzlich eines Vormittags, +grün vor Schrecken, einer der Obleute zurückkam +und Max leise ins Ohr flüsterte: +</p> + +<p> +„Max, ich habs, es stimmt, was du sagst ... Hier ist die +genaue Aufstellung ... Eine ganze Liste ... Also es ist +festgestellt: seit drei Monaten fabrizieren wir weiter nichts +als Giftgas.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Max beobachtete genau die Herstellungsverfahren. +</p> + +<p> +Die Arbeiter hier in den Betrieben machten lediglich +Vorarbeiten. Erst im letzten Stadium vollzog sich die Umwandlung +der Produkte in chemische Kampfstoffe. Diese +Arbeit geschah in einem besonderen Gebäude, zu dem niemand +Zutritt hatte. Die Arbeiter dort waren vertragsgemäß +unkündbar auf mindestens 12 Jahre verpflichtet. +Vor dieser Zeit verließ auch keiner seinen Arbeitsplatz. Sie +wohnten dort. Nur Unverheiratete wurden aufgenommen. +Dieser Teil des Farbstoffwerkes hieß „Die Falle“ oder auch +„Die feste Burg“. Die meisten Arbeiter betrachteten die +„Falle“ als eine Art freiwilliger Quarantäne, da gewisse +Arbeiten mit Ansteckungsgefahr verbunden waren. Nur besonders +zuverlässige Leute, am liebsten aus den „Vaterländischen +Verbänden“, wurden hier aufgenommen. Auch +frühere Angehörige des Heeres, entlassene Unteroffiziere, +Soldaten wurden mit Vorliebe eingestellt. Nach allen +vier Himmelsrichtungen hin war die „Falle“ von der +übrigen Welt abgemauert, über die Mauer selbst aber zog +sich noch ein zwei Meter hoher Stacheldraht, wie man +<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> +vermutete, elektrisch geladen. „Versuche, das isolierte Gebiet +zu betreten, mit Lebensgefahr verbunden!“ warnten überall +Tafeln. Durch ein doppeltes Geleise war dieser mysteriöse +Teil des Farbstoffwerks direkt mit der Staatsbahn verbunden. +Ununterbrochen rollten nachts Güterzüge ein und +aus. +</p> + +<p> +Was dort vor sich ging, darüber erfuhr man im übrigen +Betrieb nichts. +</p> + +<p> +Die Arbeiter kümmerten sich nur wenig um die „Falle“. +</p> + +<p> +Sie war beinahe von einer Legende umwoben und atmete +ein geheimnisvolles Schweigen. +</p> + +<p> +Nur einmal: da soll es zu einem Zwischenfall gekommen +sein, als sich einer der Insassen aus dem Fenster stürzte im +Wahnsinn, wie es hieß, der durch die unsachgemäße Behandlung +von chemischen Mischungen erzeugt worden sei. +</p> + +<p> +Dieser Vorfall kam damals auch in den Betrieben zur +Sprache und wurde in Zusammenhang gebracht mit einer +Meldung aus Amerika, die über ein neues sogenanntes +„Wahnsinnsgas“ berichtete. +</p> + +<p> +Die Diskussion darüber dauerte vielleicht eine Woche. +</p> + +<p> +Es kam nichts dabei heraus. +</p> + +<p> +Man wollte zuerst eine Untersuchungskommission einsetzen. +</p> + +<p> +Doch wie gesagt: eine Woche lang, und die erregten Gemüter +beruhigten sich. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der Fabrikraum, in dem Max arbeitete, war bis aufs +äußerste ausgenützt. Es war genau berechnet, wieviel Platz +jeder Arbeiter brauchte, jede Arbeitsbewegung war kinematographisch +festgestellt: ein elektrisch betriebenes Band +rollte und führte dem Arbeiter die einzelnen Arbeitsprodukte +zu, an denen jeder Arbeiter nur mit einem Handgriff +eine bestimmte Prozedur vorzunehmen hatte. Zeit, Arbeitstempo +waren bis auf die Sekunde geregelt. Und immer +wieder wurden von den zu diesem Zweck besonders angestellten +Arbeitstechnikern neue Methoden herausgefunden, die +Arbeitsintensität zu steigern. +</p> + +<p> +<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> +Sämtliche Arbeiter trugen zum Schutz gegen die giftigen +Dämpfe haubenähnliche Masken, die Gläser der Sehschlitze +waren gegen den Beschlag durch ätzende Säuren besonders +eingefettet. +</p> + +<p> +Trotzdem waren die Schutzmaßnahmen, hauptsächlich die +an den in einem rasenden Tempo wirbelnden Maschinen, +recht mangelhaft. +</p> + +<p> +Die schönste Erholung war schließlich der „Sauerstoffraum“, +der nach je drei Stunden Arbeitszeit auf drei +Minuten aufgesucht werden konnte. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Ein dunkles Zischen und Surren schwebte in der Luft, ein +knatternder, gedämpfter Orkan, Eisenarme drehten sich und +neigten sich vielgelenkig über; Bottiche, gefüllt mit dickklebrigen +Brühen, schwenkten sich dicht unter der Decke dahin, +ein harziger Brei schwemmte selbsttätig von Kübel +zu Kübel, Wunderwerke von Präzisionsmaschinen nahmen +die kompliziertesten Mischungen vor. Durch andere Räume +hindurch, die großen Hallen glichen, sah man Kessel an +Kessel, zwei- und dreistöckige Kessel sozusagen, an denen auf +langen Leitern die Arbeiter herumstiegen. Mehrere Plattformen +teilten so einen Kessel nach oben ab, Max schien es, +als glichen sie ganz den gotischen Kirchen. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Mitten in der Arbeit hatte Max einmal die Vision: +</p> + +<p> +Alles gast, dampft, spritzt; der ganze Raum ist mit fliegenden, +spritzenden Säuren durchspannt; es knistert und +flackert phosphoreszierend an den Böden, die krautig und +haarig bewachsen sind, als Steinbrocken darin klotzige +Knochenschädel, und das Ganze brennt tropisch glühend, eine +morastige Landschaft, so heiß, daß die Haut unempfindlich +wird und die Augen aus den Stirnhöhlen heraustropfen, +dicke, perlenähnliche, weißlich-festgeronnene Blasen. Wesen +hausen in auszementierten Schlupflöchern und in Gräbern +als Unterständen, in schwere Gummianzüge gepreßt, +Masken-Helme aufgestülpt, durch die Worte nur noch +als dumpfes Gurgeln und Röcheln vernehmbar sind. „Der +neue Mensch!“ dozierte jemand, und immer dichter und +<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> +dichter ward das gasige Dickicht. „Jetzt endlich haben wir +es!“ dröhnte pathetisch und wohlig schnalzend eine Stimme: +„eine hochkonzentrierte Gaswolke, die die Möglichkeit bietet, +den Gegner zu überrumpeln und dabei doch die Eigenschaft +hat, von topographischen und meteorologischen Einflüssen +völlig unabhängig zu sein ... Dies Problem zu lösen war +in der Tat nicht ganz einfach ...“ Das Besondere an dieser +visionären Landschaft war, daß sie geometrisch exakt +und sauber aufgeteilt war, ja daß die zahllosen Einzelteile +und Figuren in ihr aufs feinste ausgebildet und +aufs strengste sich organisiert erwiesen, das Ganze aber +durchaus chaotisch und einem mittelalterlichen Spuk und +Hexensabbath vergleichbar. Alles drängte nach Auflösung, +ein in Strudeln sich um und um drehender Abgrund +schwamm, voll von Algen, Lurchen, Schnecken und Quallen. +Gestaltgewordene eitertriefende Geschwüre wandelten dazwischen, +Gewürme und stachlichte Riesenkletten: alles fabriziert, +saugt, atmet Gas: verfärbt sich und verwandelt sich +jeden Augenblick, Muscheltiere und Mollusken kommen hoch, +ganze Haufen exotischer, mit schlingenden Fangarmen bewehrter +fleischfressender Pflanzen, und darüber schillert und +brennt es wieder magisch hinweg, man hört beinahe nichts: +die Gashölle ist geruchlos und lautlos, und die Sonne in +diesem modernen Inferno glüht eisern, roh ausgezackt und +völlig unbewegt, schmettert sengend Strahl auf Strahl +nieder, jede Luftschicht wirkt wieder, die Hitzgrade vervielfachend, +als eine besondere Art atmosphärischen Brennspiegels: +und darunter dickt die Luft sich von selbst ein, wird +milchig, flockig und schwimmt, schleimige Fäden lassend, über +dem Erdsumpf dahin als eine molkige Riesenwolke ... +Alle Völker, alle Erdwesen sind durch die Giftgasschwemme +hindurchgegangen. Ein neues Wüstengebiet entsteht: alles +wie unter einer Bleiche gefleckt, und knöcherig überkrustet. – +</p> + +<p> +– – – – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Max studierte die tabellarische Uebersicht der wichtigsten +chemischen Kampfstoffe. Es war klar, die neuesten Verfahren +waren darunter nicht aufgezählt. Chemische Bezeichnung, +<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> +chemische Formel, militärische Bezeichnung, militärisch-technischer +Deckname, physiologische Wirkung, physikalische +Beschaffenheit, Siedepunkt, Flüchtigkeit, Wasserbeständigkeit, +das alles galt es gründlich durchzuarbeiten +und zu erforschen. +</p> + +<p> +Da erfuhr er, wie in der Geschichte der Entwicklung des +Gaskampfes die Gase selbst wechselten. Das Chlor wurde +vom Phosgen, einem Gase mit stärkerer Erstickungs- und +Giftwirkung als Chlor, abgelöst. Phosgen verdichtet sich +bereits bei 8 Grad zur Flüssigkeit und war daher vom +physikalischen Standpunkt aus kaum mehr als Gas anzusprechen. +Auch waren fast alle Stoffe, die im Gaskampf +künftighin zur Anwendung gelangten, unter gewöhnlicher +Temperatur und Druck entweder Flüssigkeiten oder feste +Körper. Die Bezeichnung „Gase“ wurde nur beibehalten, +weil diese Stoffe im Augenblick der Aktion sich entweder im +dampfförmigen Zustande befanden oder dünn als Rauch +oder Nebel zerstäubt wurden. Feste Stoffe, wie z. B. einzelne +Arsine, wurden bei der Explosion in feine Partikel +zerstäubt und verharrten lange Zeit schwebend in der +Luft ... +</p> + +<p> +Die chemischen Formeln schwankten ihm zunächst in +langen, sich immer wieder zersetzenden und sich wieder verdichtenden +abstrakten Reihen durch den Kopf. Endlich erreichte +er dabei eine klare, konkret-lebendige, sachlich-nüchterne +Vorstellung. +</p> + +<p> +Was bedeutete zum Beispiel: +</p> + +<p class="center"> +(CHCl=CH)<span class="sub">3</span>As!? +</p> + +<p class="noindent"> +Es war die Formel für Chlorovinyldichlorarsin, eine +Arsenverbindung, und die Bezeichnung für eine der drei +Arten der vielgenannten amerikanischen Levisite. +</p> + +<p> +Das Verfahren zu dessen Herstellung war zwar ungeheuer +kompliziert, aber trotzdem mit den technischen Mitteln, die +damals in jeder Farbstoffabrik vorhanden waren, unbedingt +auszuführen. +</p> + +<p> +Ebenso klar war: man konnte sich aber auch darauf nicht +festlegen. Im Gegenteil: alles sprach dafür, daß auch dieser +<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> +Kampfstoff überholt war. Doch diese Formel war ein Programm, +ein Warnungssignal, ein Ausrufungszeichen, ein +proletarischer Imperativ: „Wacht auf, Verdammte ...“ +</p> + +<p> +Sie war sozusagen das Symbol des Nullpunktes, des Gefrierpunktes, +auf dem jetzt die bürgerliche Kultur angelangt +war. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Dabei stieß Max auch auf die ungeheure Bedeutung des +Normenwesens. +</p> + +<p> +Die moderne Industrie, eingestellt auf Normisierung +und Massenherstellung, ermöglichte es nämlich, in verhältnismäßig +rascher Zeit anfangs experimentelle Erfolge bald +auf Massenverarbeitung umzustellen, so daß bis zu einem +gewissen Grade infolge der kolossalen Erweiterungsmöglichkeiten, +die dann zu einer rein mechanischen Fortführung +des gelungenen Experimentes werden, bei manchen Kriegsmitteln +im Frieden die Ausgaben ohne Gefährdung für die +militärische Schlagkraft beschränkt werden konnten. Daher +legten schon seit langem sämtliche Staaten ein so starkes +Gewicht, auch aus militärischen Gründen, auf die Durchführung +einer strengen Normisierung innerhalb der verschiedenen +Kriegsindustrien und der Industrie überhaupt, +die die erhöhte militärische Schlagkraft gewährleistete. Die +deutsche Industrie hatte gegenüber allen anderen Industrien +schon vor dem Kriege 1914-1918 ein verhältnismäßig stark +entwickeltes Normenwesen gehabt. Trotzdem herrschte damals +bei Kriegsbeginn in Deutschland auf den verschiedensten +Gebieten ein wirres Neben- und Durcheinander von +Modellen. Jede Truppengattung hatte beispielsweise +Spaten und sonstiges Schanzzeug, aber kaum zwei hatten +gleiche Modelle. Es gab unzählige Fahrzeuge, Fahrzeugteile, +Beschläge, Beschirrung, optisches und Fernsprechgerät +und noch vieles andere, was bei allen Waffengattungen +hätte gleich sein können, aber doch nicht gleich war. Verschlimmert +wurde diese Buntscheckigkeit durch die Zustände +in der Industrie. Jede Fabrik hatte an ihren Erzeugnissen +kleine Besonderheiten, die, an sich oft ziemlich belanglos, +doch den Austausch und die Durcheinanderverwendung mit +<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> +den Erzeugnissen anderer Fabriken ausschlossen. Um die +Kriegsindustrie und auch die übrigen Industrien auf +Massenproduktion von Kriegsmaterial vorzubereiten, +wurden in verschiedenen Staaten ähnlich wie längst in +Deutschland, Normenausschüsse der Industrien, die natürlich +mit den Generalstäben in enger Verbindung standen, geschaffen. +– +</p> + +<p> +Man muß nur hören können, wie „das Gras wächst“! – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Mit konkretem Material konnte nun Max der Belegschaft +gegenübertreten. +</p> + +<p> +„Der Kern der Sache –!? +</p> + +<p> +„Der Kern der Sache ist der Besitz der Produktionsmittel! +... +</p> + +<p> +„Arbeiter der Farbstoffindustrie! Euere Brüder, euere +Arbeitskollegen, euere Klassengenossen kämpfen in den +Städten, und ihr: morgen, übermorgen werden euere Arbeitsprodukte +die Entscheidung im Kampf herbeiführen, +euere Arbeitsprodukte, die chemischen Kampfstoffe, von +Fliegern über den Arbeitervierteln abgeworfen werden. +Arbeiter! An euer proletarisches Solidaritätsgefühl appelliere +ich. Arbeiter, werdet Kampfgenossen! Schluß mit der +menschenschlächterischen Arbeit, die ihr bisher, nichts +ahnend, hier in dieser Giftbude verrichtet habt! Generalstreik! +Sturm auf die „Menschenfalle“!“ +</p> + +<p> +Die Belegschaftsversammlung war ein einziger Empörungsschrei. +</p> + +<p> +„Heraus aus der Giftbude!“ +</p> + +<p> +„Sturm auf die „Menschenfalle“!“ +</p> + +<p> +Schon klapperten auf dem Direktionsbüro flink die Telegraphen. +</p> + +<p> +Aber auch von den umliegenden Ortschaften waren Arbeiter- +und Landarbeitertrupps alarmiert. +</p> + +<p> +„Nun aber, knorke, nun werden wir das Gesindel aus der +„Falle“ herausholen.“ +</p> + +<p> +So wie sie gerade standen, rannten sie los, manche +krempelten sich die Rockärmel hoch, manche mit dem Messer; +<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> +sie waren nicht zurückzuhalten. +</p> + +<p> +Nicht lange spie die „Falle“ Maschinengewehrfeuer. +</p> + +<p> +Ein langes, zischendes, brodelndes Geräusch kam: +</p> + +<p> +„Gas!“ +</p> + +<p> +„Gas!“ +</p> + +<p> +„Gas!“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Mit ungeheueren Verlusten für die Arbeiter wurde der +Sturm zurückgeschlagen. +</p> + +<p> +Dabei geschah es, daß einem, vielleicht am Rockärmel, ein +winziges Tröpfchen Gasflüssigkeit hängen blieb, er in einen +Raum trat, das Tröpfchen Gasflüssigkeit verdampfte, und er +sich selbst samt ungefähr fünfzig seiner Kameraden tödlich +ansteckte. +</p> + +<p> +Das gab auch dem Letzten, der noch immer nicht daran +glauben wollte, den Rest. +</p> + +<p> +Das ganze Farbstoffwerk mußte geräumt werden. +</p> + +<p> +Rings herum auf den Höhen, kilometerweit entfernt, +lagen die Arbeiter. Dann: endlich war das Geschütz herbeigeschafft, +und beim fünften Schuß stieg eine Flammenlohe +hoch, wie ein Feuer-Geysir, prasselnd, fauchend, und zerstäubte +über den ganzen Horizont hin, rings fächerartig +geöffnet, als Glühregen. +</p> + +<p> +Die „Falle“ war in die Luft geflogen. +</p> + +<p> +Erst in drei Tagen ging scharfer Wind. +</p> + +<p> +Die Gasschwaden verzogen sich. +</p> + +<p> +Die Arbeiter konnten wieder in ihren Werken einziehen. – +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-9-5"> +<span class="firstline">V</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Die roten Arbeiter- und Farmerbataillone, die in +Kolonnen von Hunderten von Lastkraftwagen bei Morgengrauen +auf verschiedenen Anmarschstraßen dem amerikanischen +Giftgas- und Waffenarsenal Edgewood zueilten, +sahen in der aufgehenden Morgensonne plötzlich vor sich +über eine schneeweiß schimmernde Ebene dahingestreckt ein +riesiges Mohnfeld. +</p> + +<p> +<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> +Die Blüten des Mohns schwangen im Wind, entfalteten +sich, wehten und leuchteten ... +</p> + +<p> +Einen Augenblick stoppten die Kolonnen, mit Ferngläsern +und Scherenfernrohren suchte man den Horizont ab: ein +Freudenschrei, ein Schrei, der in einen gewaltigen Massengesang +überschlug: hunderte von roten Fahnen flatterten +in der Ferne über den unzähligen weißlichen Wellblechbaracken +und auf den Giebeln der Verwaltungsgebäude, des +Kontrollwerkes und der Elektrizitätsanstalt. Ja, der Blitzableiter +jedes Fabrikschlotes trug ein rotes Fähnlein. +</p> + +<p> +Edgewood war gefallen! Edgewood, das gewaltigste +Kriegsarsenal der Welt, in den Händen der „Roten“! +</p> + +<p> +Hurra! Hurra! Hurra! +</p> + +<p> +Wie drei Freudensalven knallte es aus Hunderttausenden +von Mündern dahin ... +</p> + +<p> +Und in diesem Augenblick stieg es schon auf: Geschwader +an Geschwader, Kampfflieger, Aufklärungsflugzeuge, +Bombenflugzeuggeschwader: alle rote, lange, bänderartige +Wimpel an den Tragflächen. Das ganze Tal überzog sich +mit einer Schicht von Flaggenrot und Motorengeknatter: +in ruhig geschwungenen Schleifen zogen die Geschwader dahin, +in Spiralen tauchten sie auf und nieder in dem gläsernen +Luftmeer, und landeten dann unter dem gleichzeitigen +Jauchzen von hunderten von Fabriksirenen senkrecht +abschießend auf den verschiedenen Flugplätzen ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Der rote Kriegsrat des Farbstofftrusts, dem Arbeiter, +Matrosen, Soldaten, die Offiziere des revolutionären +Offiziersbundes angehörten, beschloß einstimmig: der Angriff +gegen die feindlichen Stellungen, Flugzeughäfen und +Flottenstützpunkte hat unmittelbar zu beginnen. Die +Operationsbasis ist durch die Industriegebiete und durch +die eroberten militärischen Bollwerke gegeben, das Ziel: +die rücksichtslose Niederkämpfung der feindlichen militärischen +Macht. Zu gleicher Zeit wird ein umfangreicher Propagandaapparat +eingesetzt, ein richtiger Feldzugsplan zur +Zersetzung, zur moralischen und materiellen, der feindlichen +<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> +Streitkräfte ist ausgearbeitet und wird in den einzelnen +Punkten von den betreffenden Stellen noch heute durchgeführt. +Es ist selbstverständlich, bei der geradezu bestialischen +Art, mit der die Weißen den Bürgerkrieg zu führen +belieben, daß von der chemischen Waffe zweckmäßig Gebrauch +gemacht wird. Die Zweckmäßigkeitsfrage wird bei +jeder taktischen Ueberlegung in den Mittelpunkt gestellt, +Sentiments und Ressentiments sind restlos auszuschalten ... +Keiner Erwägung bedarf der Beschluß, sich mit den revolutionären +Organisationen Japans, Europas, Rußlands unverzüglich +in Verbindung zu setzen ... Wobei, was andere +noch nicht revolutionierte Völker anbetrifft, zu bemerken ist; +das siegreiche Proletariat kann keinem fremden Volk irgendwelche +Beglückung aufzwingen, ohne damit seinen eigenen +Sieg zu untergraben ... Schon sind Fälle ferner gemeldet +worden, wonach die Regierungsflugzeuggeschwader die Reviere +der revolutionären Bergarbeiter eingegast haben, man +hat Kohlenschächte ersäuft, in denen man rebellische Belegschaften +vermutete, und durch Ueberläufer und abgefangene +Radios weiterhin festgestellt ist, daß umfangreiche Vorbereitungen +getroffen sind, Edgewood durch einen groß angelegten +Bombenfliegerangriff in einen Gassumpf zu verwandeln +... Also: wir werden ihnen die Suppe gründlich +zu schmecken geben, die sie uns zugedacht haben ... Das ist +selbstverständlich ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Wieder trillerten die Fabriksirenen. +</p> + +<p> +Die roten Fahnen wurden eingezogen: grau und eisig lag +Edgewood da. +</p> + +<p> +Die Flugzeuge waren startbereit. +</p> + +<p> +Auf einer elektrisch betriebenen Kleinbahn rollten die +schweren Riesenflügelbomben zum Flugplatz an: sie waren +mausgrau, am Kopf dicklich und rund und hatten ganz das +Aussehen von Walen. +</p> + +<p> +Ein Kommando. +</p> + +<p> +Viele Klingeln schrillten. Leuchttafeln zuckten auf ... +</p> + +<p> +Ein Lautsprecher dröhnte – +</p> + +<p> +Achtung! +</p> + +<p> +<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> +Los! +</p> + +<p> +Die erste Schlachtstaffel gleitet ab, schnellt senkrecht hoch. +</p> + +<p> +Die zweite ... +</p> + +<p> +Die Mannschaften unten winken mit den Mützen – +</p> + +<p> +Wieder: „Hurra! Hurra! Hurra!“ +</p> + +<p> +Und die Flieger werfen die roten Wimpel ab ... +</p> + +<p> +„Kameraden! Auf Wiedersehen!“ +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +Der Führer der Schlachtstaffel III ist der Genosse Thomas. +</p> + +<p> +„Na, mein Junge, noch ein Händedruck ... Halt dich +gut! ... Wir werden die Sache schmeißen ... Davon bin +ich fest überzeugt ... Glück auf die Reise ... Ich hoffe: +übermorgen! ...“ +</p> + +<p> +Und der Genosse Frank umarmte den Genossen Thomas. +</p> + +<p> +Dann küßten sich die Freunde. +</p> + +<p> +Frank bekam es dabei mit dem Schlucken ... +</p> + +<p> +Ein Pfiff ... +</p> + +<p> +Und auch Schlachtstaffel III erhob sich ... +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +Frank inspizierte die Gasläger. Die Bestandsaufnahme +war fertiggestellt. +</p> + +<p> +„Es genügt, um die ganze Welt einigemale mit Gas zu +vergiften ...“ +</p> + +<p> +Die Arbeiterschaft der verschiedenen Betriebe war inzwischen +versammelt und besprach einen neuen Produktionsplan. +</p> + +<p> +Die weitere Herstellung der Giftgase konnte bei der +großen Menge der vorhandenen chemischen Kampfstoffe sofort +eingestellt werden. Dagegen waren vom roten Kriegsrat +Flugzeuge („Goliath“-Typ) und Kampfwagen in bedeutender +Menge angefordert worden. Ebenfalls wieder +einstimmig erklärten sich die Arbeiter bereit, alles aus sich +herausholen zu wollen und die Arbeitszeit in keiner Weise +nach unten hin zu beschränken. +</p> + +<p> +„Für die kapitalistische Wirtschaft war uns jeder Knochen +zu schad ... wenn es für uns ist, für die Diktatur des Proletariats, +<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> +dann mit Freuden alle Muskeln, das Herz, das +Hirn, das Fleisch, alle Knochen ...“ +</p> + +<p> +Auch eine große Anzahl von Chemikern, Technikern, Ingenieuren, +die man im Augenblick der Uebernahme der +Macht absondern mußte, stellten sich jetzt bedingungslos den +„Roten“ zur Verfügung. +</p> + +<p> +„Es ist klar, die kapitalistische Produktionsweise ist einfach +zu unrationell, wir können bei weitem produktiver +wirtschaften, fünfzigmal soviel aus der Welt mit Leichtigkeit +herausholen ... Ihr Roten seid einfach die Vertreter +einer technisch am modernsten konstruierten Organisationsform +... Zu blöd, daß man diese Einsicht den Kapitalisten +mit Blut abzapfen muß ...“ +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +Und zu gleicher Zeit entwickelte sich jene erste Phase gewaltiger +Luftschlachten, die den weiteren Verlauf der Geschichte +Amerikas entscheidend beeinflussen sollten. Die Flugzeuggeschwader +der weißen und der roten Flugflotte stürzten +sich aufeinander, hakten sich ineinander fest und unlösbar +ineinander verbissen schossen sie, ein wirres Stahl- und +Drahtknäueldurcheinander, erdab. +</p> + +<p> +Andere Geschwader nebelten sich ein, blitzten plötzlich +völlig unerwartet aus dem Hinterhalt des Nebelschleims +hervor, oder überstreuten den von den feindlichen Flugzeugen +zu passierenden Luftraum mit einem dichten Netz +von Giftgas. +</p> + +<p> +Und unten auf der Erde marschierten die mechanischen +Armeen auf: Tanks, Panzerzüge, Straßenpanzerwagen ... +Rauchwellen fluteten übers Land, quadratkilometergroße +Herde von Giftrauchkerzen schwälten ... Ganze Städte versanken +in einem unergründlich tiefen und geheimnisvollen +Gasgrund ... Pflanzen, Wälder, Wiesengründe färbten +sich: grün, blau, violett. Wunderbare und seltsamste Farbenspiele +zauberten die Gasschwaden aus der Erde hervor. +Lautlos überzogen ganze Landesteile wie mit einer Decke +sich mit Todesschlaf ... +</p> + +<p> +Die Hochseeflotten liefen aus den Häfen aus: Kreuzer, +Dreadnougths, Unterseeboote, Flugzeugmutterschiffe ... +<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> +Und auf der Hochseeflotte meuterte es, ein Kriegsschiff hißt +die rote Fahne, noch eines, und die Forts auf Hawaii und +die Küstenwerke im Panamakanal ... Es war der Beginn +einer gewaltigen Seeschlacht. +</p> + +<p> +„Die Japaner kommen! ...“ funkte es dazwischen. Aber +trotzdem die beiden Flottengruppen sich immer vergrößerten: +es waren nur rote Flaggen zu sehen und weiße: die +Nationalfarben hatten keine Bedeutung mehr. +</p> + +<p> +In der Luft, auf der Erde, über Wasser und unter +Wasser: stürzt es sich übereinander her, würgt sich zutod, es +gibt kein Erbarmen. +</p> + +<p> +Heldentaten, die unbeschreiblich sind, Qualen ohne Maß, +Krämpfe und Zuckungen, wie sie die Erde seit ihrem Anbeginn +noch nicht gesehen hat, Schmerzensschreie, Hilfeschreie, +Todesgebrüll ... +</p> + +<p> +Jedes Lebewesen trug schon einen gespenstischen Flecken +an sich, zum Zeichen: angeätzt von der Gaslauge ... +</p> + +<p> +Ein blutiger Sommer rauscht ... – +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Genosse Thomas Butler gefallen in der Luftschlacht über +Hawaii.“ +</p> + +<p> +Die Nachricht kommt nach Edgewood. +</p> + +<p> +Genosse Morrow springt ins Flugzeug. +</p> + +<p> +Festgeschnallt. +</p> + +<p> +Sturzhelm und Gasmaske auf. +</p> + +<p> +Vorwärts! Los! +</p> + +<p> +„Genosse Frank Morrow gefallen in der Luftschlacht +mitten über dem Großen Ozean!“ +</p> + +<p> +Die Nachricht kommt nach Edgewood. +</p> + +<p> +Ein zweiter, ein dritter, ein vierter springen ins Flugzeug. +</p> + +<p> +Festgeschnallt. +</p> + +<p> +Sturzhelm und Gasmaske auf. +</p> + +<p> +Vorwärts! Los! +</p> + +<p> +„Der zweite, der dritte, der vierte gefallen in der Luftschlacht +über dem Panama ...“ +</p> + +<p> +<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> +Die Nachricht kommt nach Edgewood. +</p> + +<p> +Jetzt drängen hunderte an die startbereiten Flugzeuge +heran. +</p> + +<p> +Man stampft vor Wut, wenn man nicht mitkommt. +</p> + +<p> +Jeder wartet nur auf das eine: +</p> + +<p> +„Wann endlich kommt die Reihe an mich ...“ +</p> + +<p> +Nur eine Befürchtung, eine Todes- und Lebensangst: +</p> + +<p> +„Vielleicht ist dann schon der Krieg aus!“ +</p> + +<p> +Ueberall Butlers, überall Morrows, ob sie nun so heißen +oder nicht ... +</p> + +<p> +„Rußland marschiert! Das deutsche Proletariat im +Kampf!“ +</p> + +<p> +Die Nachricht kommt nach Edgewood. +</p> + +<p> +„Ein Hurra dem deutschen Proletariat!“ +</p> + +<p> +„Hoch Sowjet-Rußland!“ +</p> + +<p> +„Auch wir sind im Kampf, Brüder, die amerikanischen +Genossen: sie grüßen euch!“ +</p> + +<p> +„Japans werktätige Massen verhindern den Krieg! +Yokohama im Aufruhr.“ +</p> + +<p> +Auch diese Nachricht kommt nach Edgewood. +</p> + +<p> +„Bravo, japanische Genossen!“ +</p> + +<p> +„Die Kolonialvölker, Indien, China, Afrika ...“ +</p> + +<p> +„Hoch! Unsere Sache steht gut!“ +</p> + +<p> +„Würdig unserer Führerin, der Genossin Mary Green, +gemordet auf dem elektrischen Hinrichtungsstuhl, eingedenk +der Lehren unseres großen Meisters, des Genossen Lenin, +Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts gedenkend, und der +Tausenden, die von den weißen Banden aufs grausamste +gemeuchelt worden sind – +</p> + +<p> +„Festgeschnallt –“ +</p> + +<p> +„Sturzhelm und Gasmaske auf!“ +</p> + +<p> +„Vorwärts! Los!“ – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Die Milliardäre sitzen irgendwo hoch in den Bergen, +wimmern: +</p> + +<p> +„Zu schade, nun ist es mit der Urbarmachung der Polarregion +auch nichts ... Und die Geologen versichern doch, +<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> +gewaltige Kohlenläger seien vorhanden, deren Ausbeutung +relativ einfach sei, nur mit geringen Unkosten verbunden, +und der Tierreichtum ... der Verlust für die Menschheit +ist nicht auszudenken ... O welch ein Gewinn! ... Die +kostspieligen Expeditionen, wenn man bedenkt, die schließlich +doch wir finanziert haben, wie soll man das alles jetzt +verkalkulieren ... Es scheint, die Welt sehnt sich nach einer +neuen Verrechnungsart ... Ja, es scheint richtig so, was +die Priester angedroht und die Spiritisten prophezeit +haben: das Jahrtausend der Herrschaft des Pöbels beginnt. +Das ist die Sintflut. Wie lange sie währen wird, um die +Menschheit von ihren Sünden rein zu waschen?! Sicher: +wir haben nur immer das Beste gewollt ...“ +</p> + +<p> +„Keine Angst, ihr ehrenwerten Herren Bürger!“ kommt +ein Radio aus Edgewood. „Wir verderben euch nicht +eueren Lebensabend. Ein kärglich dosiertes Paradies ist +euch sicher. Das ist nur recht und billig. Auf einer Insel +irgendwo. Bei Kokosnüssen und Affenjagd, bei Brotbäumen, +bei Fischfang und Holzfällen ... Kriecht ruhig +aus eueren Berghöhlen heraus ... Wir vergreifen uns nicht +an Leichen, wenn sie auch noch wie ihr ein wenig parfümierten +Lebensodem ausströmen ...“ +</p> + +<p> +Die Lebensgreise aber knurren durch die künstlichen Goldgebisse +hindurch im Chor: +</p> + +<p> +„Wir kapitulieren nicht! +</p> + +<p> +„Rache!“ +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +Und – +</p> + +<p> +Ein blutiger Sommer rauscht ... +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-9-6"> +<span class="firstline">VI</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +„Bombenflug und Sauerstoff!“ fluchte Max. +</p> + +<p> +„Nur den Verstand nicht verlieren!“ redete ihm Wilhelm +gut zu, dem dabei aber selbst die Tränen über die Backen +herunterliefen. +</p> + +<p> +Viele Genossen knirschten laut auf. +</p> + +<p> +<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> +Die Nachricht, die soeben aus Amerika eintraf, war in der +Tat niederschmetternd. +</p> + +<p> +Alle im ersten Anlauf eroberten Positionen mußten, bis +auf Edgewood, aufgegeben werden. Edgewood selbst lag +seit drei Tagen bereits unter schwerstem Gasfeuer, bis auf +ein Drittel ungefähr war der ganze Komplex gasverseucht. +An ein weiteres Durchhalten war unter diesen Umständen +nicht mehr zu denken. +</p> + +<p> +Kurz und gut: die revolutionäre Aufstandsbewegung, im +Anbeginn unerwarteterweise siegreich vordringend, war +niedergeschlagen. In Anbetracht der ungeheueren blutigen +Verluste, mit denen der ganzen Sachlage nach bestimmt zu +rechnen war, schien ein Wiederaufflackern des bewaffneten +Aufstandes in absehbarer Zeit völlig ausgeschlossen. +</p> + +<p> +Ja, die amerikanische Regierung konnte schon wieder ernsthaft +in Betracht ziehen, die Feindseligkeiten gegen Japan +zu eröffnen. +</p> + +<p> +Wenn man sich die weitere Wirkung, die diese Nachricht +auf die breiten Massen des Proletariats ausüben wird, vorstellt: +es war zum Verzweifeln. Schon jetzt: jeder Tag +bringt neue Schwierigkeiten, schon jetzt melden sich immer +lauter die Stimmen derer an, die unter verhältnismäßig +anständigen Bedingungen den ganzen Aufstand zu liquidieren +bereit sind ... immer häufiger wird das Geschwätz von den +festen, 99prozentigen realen Garantieen für den Sieg ... +Jetzt heißt es: alle Kraft zusammennehmen, nur jetzt nicht +locker lassen, mit eiserner rücksichtsloser Energie allen derartigen +aktionslähmenden Versuchen entgegentreten, und, +in welcher Form sie sich auch äußern mögen: erbarmungslos +nieder mit ihnen. Nur unter keinen Umständen Flautestimmungen +und Krisenmachereien aufkommen lassen, nur +jetzt nicht! Solche Situationen waren noch immer Keimbeete, +Treibhausboden, richtiges Nährfutter für Verrätereien, +Verzicht, Hinterhältigkeiten unter einem meist überschwänglich +radikal sich gebärdenden verlogenen Phrasentum. +Einige wildgewordene Anarchisten großmaulten und +bramarbassierten besonders auffällig dazwischen herum: die +wollten am liebsten gleich, wie sie möglichst aufdringlich +<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> +betonten, die ganze „Bude“, worunter sie die Welt verstanden, +in die Luft sprengen: Vorbereitung und Ausführung +dieses nihilistischen pseudoheroisch-famosen Vernichtungsplans +überließen sie großmütig, wie sie nun einmal +waren, allerdings mit besonderer Vorliebe den andern. Sie +selbst klinkten sich ein geheimes Hintertürchen auf, um im +Fall einer Explosionskatastrophe sich schleunigst aus dem +Staube zu machen ... +</p> + +<p> +Trotzdem: +</p> + +<p> +Eine große, eine schöne, eine schwerwiegende Hoffnung +sank. +</p> + +<p> +Die gehißte rote Fahne, ein Intermezzo! Woraus es nun +zu lernen galt ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Auch der Vormarsch der russischen roten Armee stockte. +</p> + +<p> +Deutschland selbst war inzwischen zum Kriegsgebiet geworden. +</p> + +<p> +Englische Flugzeuggeschwader landeten bereits auf deutschem +Boden. Ungeheure Proviantmagazine, ganze Arsenale +und Werkstätten für Flugzeugersatzteile waren schon vordem +in den letzten Jahren errichtet worden ... +</p> + +<p> +Der Hunger begann. +</p> + +<p> +Seuchen und Krankheiten schossen üppig ins Kraut. +</p> + +<p> +Das kämpfende Proletariat hatte noch keine Entscheidung +herbeiführen können. +</p> + +<p> +Zwar die deutschen Farbstoffwerke hatten inzwischen +erfolgreich rebelliert, aber es gestaltete sich außerordentlich +schwierig, dort nur einigermaßen wieder die Produktion +in Gang zu bringen, um die Arbeitermassen auch +nur mit den allernötigsten Kampfmitteln zu versehen. Die +Arbeiten litten unter den beständigen Ueberfällen der Regierungsflieger, +die genau orientiert waren, jede verwundbare +Stelle solch eines Riesenbetriebes genau kannten und +an Hand von im Frieden wissenschaftlich ausgeführten Berechnungen +und Standortbestimmungen aus den phantastischsten +Höhen herab exakt ihre Bomben abwarfen. +</p> + +<p> +<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> +Dieses Störungsfeuer von oben hielt Tag und Nacht ununterbrochen +an: und die Arbeitsleistung wurde dadurch +auf ein Minimum reduziert ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„Die Gas-Walze kommt!“ so hieß es jeden Augenblick +in den noch von den Arbeitern gehaltenen Stadtteilen +Berlins. +</p> + +<p> +„Jetzt! Diesmal ganz sicher! Ich spürs schon ...“ +</p> + +<p> +Zwar verfügte man über einige Meßapparate, die jedes +Gasgemisch in der Luft sofort anzeigten, die Zusammensetzung +analysieren ließen, und so konnte man wenigstens, +grad leidlich genug, Vorkehrmaßnahmen treffen. Wie jede +Gasschutzabwehr war auch die proletarische höchst mangelhaft. +Ein Versuch, Kollektivschutzräume anzulegen, scheiterte +kläglich. Diese Dinge waren eben nicht so ohne weiteres +aus dem Boden zu stampfen. Ueberall fehlte es an +geeigneten Kräften, überall an Genossen, die auch nur über +die allerprimitivsten Kenntnisse in der Technik des Gaskampfes +verfügt hätten. Die Erfahrungen aus den Gasexperimenten +1915 bis 1918 waren bei der völlig veränderten +Lage nicht auszuwerten. Es mehrten sich die Stimmen, +die sagten: „Wir haben darin unendlich viel versäumt. Das +rächt sich jetzt bitter ... Wenn es uns schon nicht den Sieg +kosten wird, so doch gewaltige Menschenopfer.“ +</p> + +<p> +Eine leichte Panikstimmung verbreitete sich. +</p> + +<p> +Wieder hieß es: +</p> + +<p> +„Die Gaswalze kommt!“ +</p> + +<p> +Die unglaublichsten Vorstellungen über einen Gasangriff +grassierten, ununterbrochen waren einige dazu besonders +befähigte Genossen bei der Aufklärungsarbeit ... +</p> + +<p> +Und die Gaswalze kam wieder nicht. +</p> + +<p> +Noch immer nicht ... +</p> + +<p> +Und dennoch: beinahe jeder lauerte auf die ersten Symptome +einer Vergiftung. +</p> + +<p> +Bald aber rissen sich die Proleten wieder zusammen, packten +ihre Nervenbündel fest und es ging wieder einigermaßen +vorwärts ... +</p> + +<p> +<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> +„Na immer noch nicht“ – scherzte Max – „hoher Besuch +von oben? Schade, daß Pfingsten schon vorüber ist, sonst +könnte man sagen: Fest der Ausgießung des heiligen +Geistes ...“ +</p> + +<p> +Auch wurde man sich bald klar darüber: +</p> + +<p> +Die rote Welle überflutet auch diesmal aller Wahrscheinlichkeit +nach nicht die ganze Welt, nur einige Nationen +werden von ihr ergriffen werden, und man wird am Ende +dieser Kriegsperiode vor der Tatsache eines großen gewaltig +zusammengeschmiedeten Blocks von Sowjetrepubliken +stehen, denen gegenüber sich aber noch eine beträchtliche Anzahl +kapitalistischer Staaten behaupten wird. +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Wie hatte sich hier alles verändert, seitdem Max von Berlin +fort war! +</p> + +<p> +Einen halben Tag erst war er wieder zurück, doch lange +genug, um sofort zu erkennen: das ganze Kampftempo war +gründlich verändert, der Rhythmus des Aufstandes selbst +war ein wesentlich anderer geworden. +</p> + +<p> +Für Elan, für Schwung war nur wenig Platz mehr da, +auf andere Kämpfereigenschaften kam es jetzt vor allem an. +</p> + +<p> +Verbissen, zäh, zwei Schritte vor, eineinhalb wieder zurück, +und jeder Schritt verbunden mit Blut, wahnwitziger Anstrengung, +Verkrüppelungen, unheilbaren Wunden: so wurde +jetzt gekämpft, und jeder Mann hatte außerdem das kristallhelle +Bewußtsein dabei: das ist von allem noch längst nicht +das Letzte, der Feind hat seine Reserven noch nicht angebrochen, +seine letzten und gefährlichsten Kampfmittel noch +längst nicht eingesetzt ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Es war wieder ein warmer Sommerabend. +</p> + +<p> +Nichts war von den „Weißen“ zu sehen. +</p> + +<p> +Ruhe und Frieden weit und breit. +</p> + +<p> +Die „Weißen“ hatten sich tief in ihre Hauptstellungen +zurückgezogen. +</p> + +<p> +Das erstemal seit langem bemerkte Max wieder: die +Vögel sangen. +</p> + +<p> +<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> +Sangen sie wirklich!? +</p> + +<p> +Ja, sie sangen ... +</p> + +<p> +Max mußte sich fest über die Augen streichen, um nicht +drauf los zu heulen. +</p> + +<p> +Schön war es, wirklich: wunderbar. +</p> + +<p> +Und Max dachte einen Augenblick an die Welt, wie sie +nach all diesen Greueln und Gemetzeln kommen werde ... +</p> + +<p> +Inbrünstig sehnte er sich darnach. +</p> + +<p> +Wieder sangen die Vögel, aber wo in aller Welt sangen +sie!? +</p> + +<p> +Die Bäume an den Straßen und in den Anlagen waren +längst alle umgelegt, nur Fetzen von Bäumen und verkohlte +Baumstümpfe standen noch. +</p> + +<p> +Oder in den Häusern!? +</p> + +<p> +Singen sie heraus vielleicht aus eueren leergebrannten +Augen, ihr rätselhaften Mauer-Wesen!? +</p> + +<p> +Mittenhindurchgeschnitten waren manche Gebäude, wie +glatt mit der Axt durchgespalten: ein Zimmer mit Bett +und Stuhl war sichtbar, ein Kübel im Winkel; die Matratze +des dritten Stockes hing hinab in den zweiten, wie eine +ausgerissene Zunge; und der Plafond des ersten Stockes lag +wieder auf dem geborstenen Billardtisch einer Wirtschaft +parterre. Das sah aus wie auf der Bühne, unwirklich, mit +nichts Lebendigem mehr verbunden: daß Menschen je in +diesen Ziegellöchern gehaust haben: eine unvorstellbare Vorstellung +... +</p> + +<p> +Die Nachrichten, die noch im Laufe der Nacht eintrafen, +lauteten durchwegs wieder günstig. +</p> + +<p> +Der Druck der russischen Armee mache sich bereits deutlich +bemerkbar. Die feindliche Front im Osten sei bereits gründlich +aufmassiert, heute oder morgen spätestens erfolge der +Durchstoß. Das rote Loch im Osten also werde zur Tatsache. +Endlich! Inzwischen sei auch eine Luftschlacht geschlagen +worden, ebenfalls siegreich für die „Roten“, ebenfalls, +spätestens morgen gegen Abend, erwarte man die ersten +roten russischen Flieger über Berlin ... +</p> + +<p> +<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> +Mit einigen Genossen saß Max in einem Kellerunterstand +bis zum Anbruch des Morgens zusammen. +</p> + +<p> +Also: auch mit Lene stand alles gut. Sie war noch immer +in Ostpreußen, wo es vorwärts ging. Ueberhaupt: das +Land machte sich ... +</p> + +<p> +Die Genossen sprachen Einzelheiten aus den Kämpfen +durch, den und jenen nannte man, aber die Zeit reichte nicht +hin, alle aufzuzählen, die etwas besonderes vollbracht +hatten, sie hatten sich alle ausnahmslos ausgezeichnet gehalten. +</p> + +<p> +Jeder von ihnen oder auch wiederum keiner von ihnen +war ein Held. Der „Held“ war ein Kollektivbegriff geworden. +Der Held war das Proletariat. +</p> + +<p> +Einige, na das wußte man schon früher ... Daß sie abfallen +und abtrünnig werden würden, damit rechnete man, +und das gab also keine besondere Enttäuschung. +</p> + +<p> +„Die machen noch lange keine Niederlage ...“ +</p> + +<p> +„Und wenn wir allesamt, sage ich, so wie wir hier beieinandersitzen +jetzt, in diesem Augenblick futsch gehn, die Bewegung +geht weiter, die Bewegung steht und fällt nicht +mit dem Schicksal von Einzelpersonen, jeden von uns kann +es treffen, heute den, morgen den, nur die Bewegung: die +bleibt. Die kommunistische Bewegung ist: die materielle und +die ideologische Auswirkung und die kollektive Auswertung +des Klassen-Widerstreits. Die Bewegung, die ist: so lange +noch einer auf Kosten eines anderen lebt, so lange noch +einer satt und zufrieden die Hände sich reibt, während sein +Mitmensch leidet und hungert ...“ +</p> + +<p> +Dann kam die Sprache auf die Gefangenen. +</p> + +<p> +Die Genossen sprachen halblaut. +</p> + +<p> +Die Zunge sträubte sich, alle die Grausamkeiten und bestialischen +Gemeinheiten, die die „Weißen“ an völlig Wehrlosen +und an schon Sterbenden verübt hatten, auszusprechen. Was +Wunder: darüber regte sich ja längst keiner mehr auf: daß +man Gefangene mit dicken Ketten um den Leib an Bäume +und Laternenpfähle gebunden hatte ... und sich ihrer als +Zielscheibe für ein frischfröhliches Pistolenpreisschießen bediente +<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> +... Das Anbinden, das kannte man ja aus dem Feld +her ... Aber daß man Leichen den Kopf abschlägt und +ihn auf die Bajonette spießt, das wollte man überhaupt +nicht gelten lassen. Man hielt es absolut für eine +ganz unmögliche Ungeheuerlichkeit und beschuldigte lieber +den Erzähler hysterischer Uebertreibung ... +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +„An die Gewehre!“ +</p> + +<p> +Die Genossen erhoben sich. +</p> + +<p> +„Heute oder morgen fällt die Entscheidung! Heute der, +Max, morgen der! Machs gut! Leb wohl ...“ +</p> + +<p> +Wilhelm und Max trennten sich. +</p> + +<p> +Schweigend bezog jeder seine Stellung. +</p> + +<p> +Max kniete, fünf Stielhandgranaten im Gürtel, das Gewehr +schußfertig im Anschlag, hinter dem Schornstein auf +dem Dach einer Mietskaserne und beobachtete gespannt die +Straßenmündung. +</p> + +<p> +Es war halb vier Uhr morgens. +</p> + +<p> +Es war völlig windstill. +</p> + +<p> +Hie und da hörte man in der Ferne einen Schuß knacken. +</p> + +<p> +Wie Spinnenarme geisterten jetzt die ersten Strahlen der +Sonne am Horizont herauf. Wolken-Kolosse färbten sich +blühend, überquellend rot, wie frisch blutende Fleischstücke. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h3 class="section" id="chapter-9-7"> +<span class="firstline">VII</span> +</h3> + +</div> + +<p class="first"> +Das Bombardement hatte nicht länger als höchstens drei +Minuten gedauert. +</p> + +<p> +Fünf Gasbomben waren insgesamt abgeworfen worden. +</p> + +<p> +Das gasverseuchte Gebiet erstreckte sich auf den zweiten +Bezirk; einige daran angrenzende Parks und die Elektrizitätsanlage +in der Hauptstraße waren davon noch betroffen +worden. +</p> + +<p> +Es bildete sich ein Gassumpf. +</p> + +<p> +<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> +Trotzdem sich Max bei Erscheinen des Bombenflugzeuggeschwaders +sofort schleunigst in Galopp gesetzt hatte, hatte +er doch noch einen tüchtigen Gasschluck mitabbekommen. +</p> + +<p> +Auch jetzt, wo er, was das Zeug hält, die Straße hinunterrennt, +kann er das Gefühl nicht loswerden, als treibe er +noch mitten in einem dichten Gasschwaden. +</p> + +<p> +Kein Mensch ist zu erblicken. +</p> + +<p> +So kann er sich nicht recht klar darüber werden, ob er +sich eigentlich noch innerhalb oder schon außerhalb der verseuchten +Zone befindet. +</p> + +<p> +„Schlimme Sache das“, überdenkt er rasch, „Entseuchungskommandos +haben wir nicht, Chlorkalk zum Entseuchen ist +nur in ganz geringen Mengen da ...“ +</p> + +<p> +Mit einem Fetzen von Taschentuch hält er sich Mund und +Nase zu. Die Augen beißen wie zwei ausgebrannte Wundlöcher. +Automatisch fängt er zu heulen an. In den Ohren +tackt und tickt es. Er schwankt, taumelt. Auch der Gleichgewichtssinn +funktioniert nicht mehr ... +</p> + +<p> +Er reißt sich immer wieder an sich selbst hoch, mit einer +letzten Willensanspannung, wie an einem unsichtbaren +Nervenzügel. +</p> + +<p> +„Energie! Energie! Max!“ ruft er sich zu. Stolpert und +schwankt sich wieder einige Schritte vorwärts. +</p> + +<p> +„Man muß rücksichtslos Geiseln nehmen, sofort androhen +lassen: lebenslängliche Anstellung an der Wand ... als +Repressalie gegenüber solch einer unmenschlich-barbarischen +Kriegsführung. Aber gut so: sie haben sich damit selbst ihr +Grab gegraben ... Wenn das auch die ungeheuersten Menschenverluste +noch kosten wird ...“ +</p> + +<p> +Da bricht er. +</p> + +<p> +Ein langer blutiger Erguß. +</p> + +<p> +Die Gedärme kommen ihm hoch dabei. +</p> + +<p> +„Kotzerbärmlich ist mir zu Mut. Max, was ist nur mit +dir!? Soll es diesmal wirklich ernst werden!? Mach keinen +Quatsch! Das kann, das darf doch nicht sein ... Heute oder +morgen wird die Entscheidung fallen ... Nur jetzt nicht.“ +</p> + +<p> +<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> +Die ganze Oberfläche der Haut ist ihm brandig angelaufen, +es juckt und kratzt in ihm herum, eine unheimliche +innere Krätze, der Gaumen fühlt sich pelzig an, bei jedem +Atemzug hat er den Geschmack, als ziehe er flüssiges Feuer +ein. +</p> + +<p> +„Ob ich angesteckt bin ...?! Und ob ich nicht mehr zu +meinen Kameraden zurückkann, ohne auch sie anzustecken, +wie das beim Sturm auf die „Menschenfalle“ vorgekommen +ist ...?! Ist doch nichts zum Desinfizieren da ...“ +</p> + +<p> +„Nein! Ausgeschlossen, ich sterbe nicht!“ versichert er sich +gleich darauf wieder krampfhaft. „Mir ist nur ein klein +wenig übel!“ ermuntert er sich. „Unkraut verdirbt nicht. +Mir kann nichts geschehen. Wird schon wieder werden.“ +</p> + +<p> +Und schiebt sich mühsam mit den Knien um eine Ecke. +</p> + +<p> +Auch der Tastsinn, das Orientierungsvermögen funktionieren +nicht: die Gegenstände in nächster Nähe rücken auf +einmal in eine traumhafte Entfernung. +</p> + +<p> +Das Gesichtsfeld verengt sich, verschiebt sich. +</p> + +<p> +Eine ruckhaft von ihm sich abstoßende Häuserfront erscheint, +jäh in den Hintergrund abfallend, spitzwinkelig +nach innen zu verzogen ... +</p> + +<p> +Schwerfällig wie ein Sack sinkt er, mit den Händen sich +gerade noch aufstützend, nach vorne um. +</p> + +<p> +Ihm ists, als stürze er viele tausend Meter tief. +</p> + +<p> +Ein ganzes Leben dauert dieser Fall ... +</p> + +<p> +Dreht sich auf die Seite. Wälzt sich. +</p> + +<p> +Das Schwergewicht ist aufgehoben ... +</p> + +<p> +Als glitte er schwebend über den Boden hinweg. +</p> + +<p> +Bleibt liegen ... +</p> + +<p> +Wie lange –? +</p> + +<p> +Erwacht wieder ... +</p> + +<p> +Eine Turmuhr schlägt eben fünf. +</p> + +<p> +Er weiß nicht: ist es fünf Uhr morgens oder fünf Uhr +abends. +</p> + +<p> +Wiederholt noch wie aus einem früheren Leben: +</p> + +<p> +<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> +„Nur jetzt nicht ... Heute oder morgen muß die Entscheidung +fallen ... Ah, schön so, wie wunderbar, wie gut ... +Rote Flieger über Berlin.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Eine Maske, Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett, springt +auf vor ihm. +</p> + +<p> +„Hände hoch!“ +</p> + +<p> +Max macht eine mechanische drehende Armbewegung nach +aufwärts ... +</p> + +<p> +Die Bajonettspitze steht ihm senkrecht auf der Brust. +</p> + +<p> +Ein zweiter, ein dritter, noch einer tappt herzu: sie alle +sind in taucherähnliche, schwarzglänzende Gummiuniformen +gekleidet. Das einzige Abzeichen, das sie tragen: je zwei +kleine weißblecherne Totenkopfknöpfe oberhalb der beiden +Kragenspitzen. +</p> + +<p> +„Nur, nicht lange gefackelt ... Marsch! Kehrt um! Ab +damit! Marsch! An die Wand ...“ +</p> + +<p> +Die Stimmen kommen, durch die Maske gedämpft, von +tief unten herauf. +</p> + +<p> +Max wird einfach in eine Wand hineingeschoben. +</p> + +<p> +Er steht schon mit dem Gesicht gegen die Wand. +</p> + +<p> +Es war eine kurze dicke Verbindungsmauer zwischen zwei +Häuserblocks, zwischen der Delikateßwarenhandlung Andreas +Gräulich und einer Sargfabrik, gegründet 1860, Grieneisen. +</p> + +<p> +Max bemerkt: +</p> + +<p> +Die Ziegelsteinmauer war nur notdürftig verputzt, überall +Sprünge, Risse, faustgroße Löcher. +</p> + +<p> +„Armes Kind, ganz pockennarbig ...“ +</p> + +<p> +„Aha“, ergänzt und kommentiert er sich selbst: „der Irrsinn.“ +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Das Gas hängt bleischwer in ihm. +</p> + +<p> +Der Boden an dieser Stelle scheint ihm wieder abgrundtief +und sehr schlüpfrig. Viel Geplätscher ist unten, Wellengeplätscher, +<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> +wie Ozean ... Er befürchtet im letzten Moment +noch auszurutschen. +</p> + +<p> +Da spürt er plötzlich ganz deutlich in der Kehle, daß er +schreien müsse. Es war ein langgezogener strangulierender, +messerscharf schneidender Halsschmerz. +</p> + +<p> +Schreien, nichts als schreien – +</p> + +<p> +Schreit: +</p> + +<p> +„Sowjet-Deutschland entgegen!“ +</p> + +<p> +Dabei schwitzt er, daß es nur so an ihm herunterläuft. +</p> + +<p> +Neigt sich noch ein wenig vornüber. +</p> + +<p> +Berührt leicht mit der Stirn die Wand. +</p> + +<p> +Er verliert sein Gesicht. Das Gesicht schmilzt. +</p> + +<p> +Der Boden unter ihm rollt wie Wellen ... +</p> + +<p> +Und – +</p> + +<p> +Mit einem jähen Ruck schnellt er sich plötzlich um sich +herum ... +</p> + +<p> +– – – +</p> + +<p> +Die Salve knallte. – +</p> + +<p class="tb"> + +</p> + +<p class="noindent"> +Den Roten Entseuchungskommandos gelang es erst im +Verlauf einiger Monate, den Gassumpf, in den die Regierungsflieger +die Hauptstadt verwandelt hatten, trockenzulegen. +</p> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="sources" id="part-10"> +<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> +Quellennachweis +</h2> + +</div> + +<div class="sources sectiontop chapter"> +<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> +<h3 class="section1" id="chapter-10-1"> +<span class="firstline">I.</span><br> +Vom proletarischen Klassenstandpunkt aus +</h3> + +<p class="note"> +Aus den mit * bezeichneten Werken wurde teils wörtlich, +teils dem Sinn gemäß zitiert. +</p> + +<p> +<em>Lenin</em>: Ausgewählte Werke. Der Kampf um die Soziale +Revolution. Verlag für Literatur und Politik. +</p> + +<p> +<em>Stalin</em>: Lenin und der Leninismus. Verlag für Literatur und +Politik. +</p> + +<p> +*<em>Sinowjew</em>: Der Krieg und die Krise des Sozialismus. Verlag +für Literatur und Politik. +</p> + +<p> +<em>Engels</em>: Militärpolitische Aufsätze. +</p> + +<p> +*<em>Fischmann</em>: Der Gaskrieg. +</p> + +<p> +– Der Gaskrieg. Eine Flugschrift über den chemischen Krieg +für Industriearbeiter. +</p> + +<p> +– Die Chemie im Krieg und in der Landwirtschaft. Flugschrift +für Kleinbauern und Landarbeiter. +</p> + +<p> +<em>F. Meister:</em> Internationales Finanzkapital und europäische +Vertrustung. „Die Internationale.“ Zeitschrift für Praxis und +Theorie des Marxismus. Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten. +Berlin SW 61. „Die größten chemischen Werke +Deutschlands, schon bisher in Interessengemeinschaft verbunden, +haben sich in der I. G. Farbenindustrie-A.-G. zu +einer einheitlichen Firma mit einem Aktienkapital von 652 +Millionen Mark zusammengeschlossen. Dieser neue Trust ist +außerdem im Besitz der Aktien der Firma Cassella (Frankfurt +a. M.) und Kalle (Biebrich), deren Kapital weitere 70 Millionen +Mark beträgt. Wie um das <em>militärische</em> Moment +dieser Kapitalsgruppe zu unterstreichen, hat der Trust den +Hauptteil der für die Munitionsindustrie unentbehrlichen +Kunstseidenindustrie an sich gerissen und baut neue Fabrikationsmethoden +aus, so daß er etwa 75 Prozent dieser +Industrie in Deutschland beherrscht. Der übrige Teil der +deutschen Kunstseidenproduktion wird charakteristischerweise +von der sogenannten Pulver- und Sprengstoffgruppe +kontrolliert.“ +</p> + +<p> +<em>Baumann</em>: Das Rhein-Problem. Arbeiterliteratur. +</p> + +<p> +<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> +*<em>Erkner</em>: Artikel in der „Internationale“. Vereinigung Internationaler +Verlagsanstalten. +</p> + +<p> +<em>Georg</em>: ebendort. +</p> + +<p> +*<em>Rolf</em>: sämtliche Artikel in der Kriegsbeilage der „Roten Fahne“ +und in der „Neuen Zeitung“. +</p> + +<h3 class="section1" id="chapter-10-2"> +<span class="firstline">II.</span><br> +Vom bürgerlichen Klassenstandpunkt aus +</h3> + +<p class="first"> +<em>Adelsheim</em>, R., Dr., Riga: Ueber Gaskampfstoffe und Gasangriffe +im Weltkriege. In „Politik und Weltmacht“ August +1922. +</p> + +<p> +<em>Auld</em>, S. Y., Captain: Chemical Warfare. In „The Royal Engineers +Journal“ Februar 1922. Gas and Flame. +</p> + +<p> +<em>Bacon</em>, Raymond, F., Colonel, Chief of the Technical Division +U. S. A.: The work of the Technical Division Ch. W. S. In +„The Journal of Industrial and Engineering Chemistry“ S. 13. +Januar 1919. +</p> + +<p> +<em>Berlin</em>, Generalmajor: Waffenwesen. In M. Schwarte, „Die +militärischen Lehren des großen Krieges“. 1. Auflage. Verlag +Johann Amb. Barth, Leipzig 1920. +</p> + +<p> +<em>Berliner</em>, A. Dr.: Zur Beteiligung deutscher Gelehrter an +der Ausbildung von Gaskampfmitteln. In „Die Naturwissenschaften“, +Heft 43. 1919. +</p> + +<p> +<em>Bernhardi</em>: La guerra dell’avenire. +</p> + +<p> +<em>Bircher</em>: Ueber den Gasangriff, Allg. Schweizer Militärzeitung +63. 1917. +</p> + +<p> +<em>Bradley</em>, Dewey, Colonel, Chemical Warfare Service: Production +of Gas defense equipment for the army. In „The +Journal of Industrial and Engineering Chemistry“, S. 185, +März 1919. +</p> + +<p> +<em>Carr</em>: Bemerkungen über die Herstellung giftiger Gase in +Deutschland. In „Journal Soc. Chem. Ind.“ 38. 1919. +</p> + +<p> +<em>Cromwell</em> and <em>Wilson</em>: Armies of Industry. Yale Univ. +Press. +</p> + +<p> +<em>Dopter</em>, Professor, Paris: Vorlesung für Truppenoffiziere an +der Ecole supérieur de Guerre in Paris. +</p> + +<p> +<em>Dorsay</em>, M., Colonel: Development Division, Ch. W. S. U. S. A. +In „The Journal of Industrial and Engineering Chemistry“, S. 281. +April 1919. +</p> + +<p> +<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> +<em>Devin</em>: Die deutschen Militärapotheker im Weltkrieg siehe +Gemeinhardt. +</p> + +<p> +<em>Dyes</em>: Nordamerikas Rüstungen und das fünfte Jahr des Weltkrieges, +Chemiker-Zeitung, Cöthen 42, 1918. +</p> + +<p> +– Der Krieg der alliierten Chemiker gegen Deutsche und Neutrale. +Chemiker-Zeitung 44. 1920. +</p> + +<p> +<em>Engelhardt</em>, Dr.: Neuere Gesichtsmasken. In „Feuerschutz“ +Nr. 1, 1924. +</p> + +<p> +<em>v. Falkenhayn</em>, Erich, General d. Infanterie: Die Oberste +Heeresleitung in ihren wichtigsten Entscheidungen 1914 bis +1916. Verlag E. S. Mittler u. Sohn. Berlin 1920. +</p> + +<p> +<em>Feuville</em>, General: Les gaz à la guerre. In „La France Militaire“ +vom 31. Januar 1922. +</p> + +<p> +<em>Flusser</em>: Einiges über Gaskampfschädigung. Wiener Klin. +Wochenschrift Nr. 15, 1918. +</p> + +<p> +<em>Flury</em>, F., Professor: Ueber Kampfgasvergiftungen I und II. In +der „Zeitschrift für die gesamte experimentelle Medizin“. +13. Band. Verlag Jul. Springer, Berlin 1921. +</p> + +<p> +– und <em>Wieland</em>, H.: Ueber Kampfgasvergiftungen, ebendort. +</p> + +<p> +<em>Fries</em>, Amos A., Brigadier General, Chief of the Chemical +Warfare Service, U. S. A. In „The Journal of Industrial and +Engineering Chemistry“. 1919. Mai 1920. +</p> + +<p> +– and <em>West</em>, Clarence S. Major, U. S. A.: Chemical Warefare. +Mc. Graw Hill Book Company, New York 1921. +</p> + +<p> +– Vortrag, gehalten in der American Chemical Association, +1921. +</p> + +<p> +– In „The Infantry Journal“ S. 524. 1922. +</p> + +<p> +<em>Gemeinhardt</em>, K. Stabsapotheker: Hauptgasschutzlager und +Maskenprüfungsstellen. In Devin „Die deutschen Militärapotheker +im Weltkriege“. Verlag Jul. Springer. Berlin 1920. +</p> + +<p> +<em>Geyer</em>, H., Hauptmann: Die militärischen Grundlagen des Gaskampfes. +In M. Schwarte „Die Technik im Weltkriege“. +Verlag E. S. Mittler u. Sohn. Berlin. 1920. +</p> + +<p> +<em>Geyer</em>, H., Major: Gaskampf. In M. Schwarte „Die militärischen +Lehren des großen Krieges“. 2. Auflage. Verlag E. S. +Mittler u. Sohn. Berlin 1923. +</p> + +<p> +<em>Gilchrist</em>, H. L., Lieutenant Colonel M. C. U. S. A.: Reports +on the after effects of Warfare gases, herausgegeben vom +Kriegsdepartement, Chemical Warfare Medical Division 1923. +</p> + +<p> +<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> +<em>Gildemeister</em> u. <em>Heubner</em>, Dr.: Die Chlorpikrinvergiftung. +In „Zeitschrift für die gesamte experimentelle Medizin“, +13. Band. Berlin 1921. +</p> + +<p> +<em>Girsewald</em>: Gaskampf und Gasschutz. In „Die Technik des +20. Jahrhunderts“, Braunschweig 1921. +</p> + +<p> +<em>Goss</em>, B. C., Lieutenant Colonel, Chief Gas Officer I. Corps +U. S. A.: An Artillery Gas Attack. In „The Journal of Industrial +and Engineering Chemistry“, S. 829. September 1919. +</p> + +<p> +<em>Haber</em>, F., Professor: Fünf Vorträge aus den Jahren 1920 +bis 1923, Nr. 3. Die Chemie im Kriege, Nr. 5: Zur Geschichte +des Gaskampfes. Verlag Julius Springer, Berlin 1924. +</p> + +<p> +<em>Haller</em>: Les actualités de Chimie contemporaine. 1922. +</p> + +<p> +<em>Hanslian</em>, R., Dr., Stabsapotheker: Gasdienst. In G. Devin, +„Die deutschen Militärapotheker im Weltkriege“. Verlag +Julius Springer, Berlin 1920. +</p> + +<p> +– Das chemische Kampfmittel im Weltkriege. In „Berichte der +Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft“, S. 244. 1921. +</p> + +<p> +– Die Militärapotheker. In M. Schwarte, „Der große Krieg +1914-1918“, Die Organisationen der Kriegführung, II. Teil, +S. 540. Verlag Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1923. +</p> + +<p> +*<em>Hanslian</em>, R.: Der chemische Krieg. Mittler u. Sohn, Berlin. +</p> + +<p> +<em>Henke</em>, C., Oberstleutnant: Der Gaskampf. Im „Bundesblatt +des Deutschen Offiziersbundes“ Nr. 20 vom 25. Okt. 1923. +Berlin 1923. +</p> + +<p> +<em>Henry</em>, Colonel: Autres réflexions sur l’Infanterie. In „La +Revue d’Infanterie“, S. 414. 1922. +</p> + +<p> +<em>Heubner</em>: Die Erkrankungen durch Kampfgase. Die Naturwissenschaften. +8. 1920. Vollständige Darstellung. +</p> + +<p> +<em>Jones</em>, Ernst: Gas Warfare in the air. „International Aeronautis“, +Band I, Nr. 2. 1921. +</p> + +<p> +*<em>Jünger</em>, Ernst: In Stahlgewittern. Mittler u. Sohn, Berlin. +</p> + +<p> +<em>Kerschbaum</em>, Professor: Die Gaskampfmittel. In M. +Schwarte, „Die Technik im Weltkriege“, Verlag E. S. Mittler +u. Sohn, Berlin 1920. +</p> + +<p> +<em>Krasnow</em>, P., General: „Vom Zarenadler zur Roten Fahne“. +Deutsche Bearbeitung von Major v. Cochenhausen. 2. Auflage. +Band 3, S. 7. Verlag O. Diakow, Berlin 1924. +</p> + +<p> +<em>Lamb</em>, Wilson, and <em>Chaney</em>: Gas Mask Absorbents. In +„The Journal of Industrial and Engineering Chemistry“, S. 420. +Mai 1919. +</p> + +<p> +<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> +<em>Lefebure</em>, Major: „The Riddle of the Rhine“. London 1921. +</p> + +<p> +– L’énigme du Rhin, La stratégie chimique en temps de paix +et en temps de guerre. +</p> + +<p> +<em>Lidell-Hart</em>, Captain: The next great war. In „The Royal +Engineers Journal“, März 1924. +</p> + +<p> +<em>Ljungdahl</em>, C. E., Kapten: Giftiga gaser och deras användning. +„Artilleri-Tidskrift“, Heft 3/4, S. 123. Stockholm 1922. +</p> + +<p> +– Rökgranater. „Artilleri-Tidskrift“, Heft 1/2, S. 79 ff. 1923. +</p> + +<p> +<em>Ludendorff</em>, E.: „Meine Kriegserinnerungen“, Verlag E. S. +Mittler u. Sohn, Berlin 1919. +</p> + +<p> +– Urkunden der Obersten Heeresleitung über ihre Tätigkeit +1916-1918. (Deutsche Dienstvorschriften.) +</p> + +<p> +<em>Meyer</em>, J., Professor: Die Entwicklung des Gaskampfes. +„Chemikerzeitung“, S. 353. Verlag Cöthen in Anhalt, 1920. +</p> + +<p> +– Die Entwicklungstendenzen der chemischen Industrie Frankreichs +nach dem Kriege. „Chemiker-Zeitung“, S. 13. 1924. +</p> + +<p> +<em>Mills</em>, I. E., Dr.: Chemical Warfare. In „The military Engineer“, +Juli/August-Heft 1922. +</p> + +<p> +<em>Moureu</em>, Charles, Professor: La Chimie et la guerre science +et l’avenir. Verlag Masson et Co., Paris 1920. +</p> + +<p> +<em>Nordmann</em>, Charles: La guerre de gaz et l’avenir. In +„Revue de deux Mondes“, vom 15. Januar 1922. +</p> + +<p> +<em>Norris</em>, James F., Late Lieutenant Colonel, Chemical Warfare +Service U. S. A. The Manufacture of War gases in Germany. +In „The Journal of Industrial and Engineering +Chemistry“, S. 817 ff. September 1919. +</p> + +<p> +<em>Piccinini</em>: I gasi asfisianti 1920. Conferenze al battaglione +studenti militari. +</p> + +<p> +<em>Pick</em>, H., Dr.: Die Gasabwehrmittel. In M. Schwarte „Die +Technik im Weltkriege“. 1920. +</p> + +<p> +<em>Pope</em>: Herstellung und Geschichte des Senfgases, „Chem. +Zentralblatt“, IV. 1920. +</p> + +<p> +<em>Reizenstein</em>, F., Professor: Die Entwicklung des Gaskampfes. +In „Chemikerzeitung“, Seite 425. 1920. +</p> + +<p> +<em>Rumpf</em>, Diplom-Ingenieur: Die Minenwerfer. In M. Schwarte, +„Die Technik im Weltkriege“. 1920. +</p> + +<p> +<em>Rohrbeck</em>: Taktik. Mittler, Berlin 1920. +</p> + +<p> +<em>Rona</em>, P., Dr.: Ueber Zersetzung der Kampfstoffe durch +Wasser. In der „Zeitschrift für die gesamte experimentelle +Medizin“, Band 13. Verlag Julius Springer, Berlin 1921. +</p> + +<p> +<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> +<em>Ryba</em>, Oberbergrat: Der Gaskampf und die Gasschutzgeräte +im Weltkriege 1914 bis 1918. Montanverlag, Teplitz-Schönau +1921. +</p> + +<p> +<em>Schirmer</em>, Oberstleutnant: Schwere Artillerie. In M. +Schwarte, „Die militärischen Lehren des großen Krieges“, +I. Auflage. Verlag Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1920. +</p> + +<p> +<em>Schleich</em>, Oberleutnant: Der Gaskampf. In „Schweizerische +Vierteljahreszeitschrift für Kriegswissenschaft“, Heft 3. +1920. Gaskampfstoffe 250-270; 1921. +</p> + +<p> +<em>Schulze</em> und <em>Otto</em>, Veterinäre: Das Militärveterinärwesen. +In M. Schwarte, „Der große Krieg 1914 bis 1918“, Die Organisationen +der Kriegsführung. II. Teil. Verlag Johann Ambrosius +Barth. Leipzig 1923. +</p> + +<p> +<em>Schwarte</em>, M., Generalleutnant: Die militärischen Lehren +des großen Krieges, I. Auflage. Verlag Johann Ambrosius +Barth. Leipzig 1920. +</p> + +<p> +– Die militärischen Lehren des großen Krieges, II. Auflage. +Verlag E. S. Mittler u. Sohn. Berlin 1923. +</p> + +<p> +– Der große Krieg 1914 bis 1918, Die Organisation der Kriegführung. +II. Teil. Verlag Johann Ambrosius Barth. Leipzig +1923. Der Gaskrieg. +</p> + +<p> +– Die Technik im Zukunftskriege. Verlag Offene Worte. +Charlottenburg 1923. +</p> + +<p> +<em>Sillevaerts</em>, Capt. Médecin: Les gaz de combat. In +„Bulletins Belges des Sciences Militaires“, Heft 17-23. 1921. +</p> + +<p> +– Ce que nous devons craindre d’Allemagne. In „Bulletins +Belges des Sciences Militaires“, Heft Juli/September 1922. +</p> + +<p> +<em>Stegemann</em>, H., Professor: Geschichte des Krieges, Band +III und IV. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart und Berlin, +1919 und 1921. +</p> + +<p> +<em>Thorne</em>: The Riddle of the Rhine, The New York Times Book. +Review and Magazine, 1922. +</p> + +<p> +<em>Töpfer</em>, Oberst: Pionierwesen. In M. Schwarte, „Die militärischen +Lehren des großen Krieges“, I. Auflage. 1920. Gaskampf. +Jahrbuch der angew. Naturwissenschaften. Freiburg +1920. +</p> + +<p> +<em>Vautrin</em>, Commandant: La Protection individuelle française +et allemande contre les gaz de combat pendant la guerre de +1914 bis 1918, „Revue d’Artillerie“, November/Dezember 1922. +</p> + +<p> +<em>Warthin</em> and <em>Weller</em>: The Pathology of mustard gas. +</p> + +<p> +<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> +<em>Webster</em>, James, C., Oberleutnant im First Gas Regiment +U. S. A.: The First Gas Regiment. In „The Journal of Industrial +and Engineering Chemistry“, Juli 1919. +</p> + +<p> +<em>Weißenborn</em>, Dr., Marine-Oberstabsarzt: Gasgefahr bei der +Marine. In M. Schwarte, „Der große Krieg 1914 bis 1918“. +Organisationen. II. Teil. 1923. +</p> + +<p> +<em>Winternitz</em>: The Pathology of War gas Poisoning 1920. +Yale University Press. +</p> + +<p> +*<em>Woker</em>, Gertrud: Der kommende chemische Krieg, R. Oldenbourg, +Leipzig. +</p> + +<p> +Army and Navy Journal U. S. A., Nr. 44-51. 1922. +</p> + +<p> +Bureau of Mines U. S. A., Technical Paper, Nr. 82: Oxygen Mine +Rescue Apparatus and Physiological Effects on Uses. +</p> + +<p> +– Technical Paper, Nr. 248: Gas Masks for Gases met in +Fighting Fires. +</p> + +<p> +Chemical and Metallurgial Engineering, August-Heft: 1919 und +Heft 26. 1922. +</p> + +<p> +Chemiker-Zeitung, Deutsche. Verlag Cöthen in Anhalt. Gas +als Kampfmittel, Roth. Nr. 44, 1919. I. Jahrg. 1919, S. 365; +II. Jahrg. 1920, S. 185; III. Jahrg. 1920, S. 353; IV. Jahrg. 1921, +S. 110. Die deutsche chemische Industrie. Angaben über die +Produktion der Kampfgase. 43. 1919. Engl. Kriegsministerium: +Zukunft der chem. Kriegsmittel. 44. 1920. Handgranaten mit +Schwefelsäurefüllung. 44. 1920. Senfgasherstellung. IV. 1920. +</p> + +<p> +Excerpt from statement: 1. of Major General William L. <em>Siebert</em>, +Chemical Warfare Service, Hearings on H. R. 5227 pp. +274-284, 18. Juni 1919; 2. of Lieutenant Colonel Amos +A. <em>Fries</em>, Chemical Warfare Service, on H. R. 5227 pp. +287-291, 18. Juni 1919. Veröffentlicht in „The Journal of +Industrial and Engineering Chemistry“, September 1919. +</p> + +<p> +Die deutsche Kriegsführung und das Völkerrecht, herausgegeben +im Auftrage des Kriegsministeriums und der Obersten Heeresleitung. +Verlag E. S. Mittler u. Sohn, Berlin 1919. +</p> + +<p> +Dräger-Hefte, Periodische Mitteilungen des Drägerwerks Lübeck. +Heft 55, 56, 57, 58, 64/66, 69. +</p> + +<p> +Heerestechnik, herausgegeben von M. Schwarte. Nr. 12, 1923. +</p> + +<p> +History of the Great War. Medical Services. Diseases of the +War. Printed and published by His Majesty Stationery Office. +London 1922. +</p> + +<p> +La Nature. Jahrgang 1922. +</p> + +<p> +<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> +L’Independance Belge, Les poisons sur les champs de bataille. +Heft 234, 1922. +</p> + +<p> +Military Record, vom 24. November 1920. +</p> + +<p> +Science vom 2. Mai 1919. +</p> + +<p> +The Journal of Industrial and Engineering Chemistry. S. 9. +1919, 1920, 1921. +</p> + +<p> +The Literary Digest, Chemistry in the next War, vom 11. August +1923. +</p> + +<p> +The Royal Engineers Journal, Nr. 3, S. 195. The work of the +Royal Engineers in the European War. 1914 bis 1918. 1921. +</p> + +<p> +Tidskrift i Fortifikation (Svensk), Heft 1/2, S. 53. Gasskydd vid +permanenta befästningar. 1923. +</p> + +<p> +Zeitschrift für angewandte Chemie. Nr. 41, vom 23. Mai 1919, +S. 331. Nr. 34, 1921. Ein Todesregen (Levisite). Nr. 33, +S. 192, 1920. Ueber die Anwendung von Gasen, 32, 1919. +Herstellung und Geschichte des Senfgases, IV, 1920. +</p> + +<p> +Zeitschrift für Veterinärkunde, Jahrg. 33. Berlin 1921. +</p> + +<p> +Deutsches Militärwochenblatt. +</p> + +<p> +Pharmaz. Zeitung, 67. 46; 14, 1. Schelenz, Gas- und Feuerkrieg +und des Apothekers Rolle auf diesem Gebiete. +</p> + +<p> +Zeitschrift für experimentelle Medicin, 1922, 35; 97-114. Ueber +Gaskampfvergiftungen. +</p> + +<p> +Revue Gen. des Sciences pures et appl. 31, 45. 1921. +</p> + +<p> +– 31, 50, 257. 30, 1920. Sektion des Explosifs et des gaz au +labor. Municipal. +</p> + +<p> +– Kornubert. – La guerre des gaz. +</p> + +<p> +Journal of the Royal Artillery v. 46, 1920. +</p> + +<p> +Journal of the Chemical Society v. c XV – c XVI. 1919. +</p> + +<p> +Journal of the Society of Chemical Industry v. XXXVIII. 1919. +</p> + +<p> +Chimie et Industrie, 1919. +</p> + +<p> +Revue Militaires Suisse, 1922. Jacques. – La sixième arme. +</p> + +<p> +– 1923. +</p> + +<p> +Revue du Génnie Militaire (France), Capitaine Olivier. – La +guerre chimique. +</p> + +<p> +Rivista ospedaliere, 1918, Nr. 1. Carelli. – Contribute alla +conoscenze dell’intoscicazione. +</p> + +<p> +Moniteur scientifique: Yperite. 9. 11. Juli 1919. +</p> + +<p> +<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> +Chemisches Centralblatt, 1921, IV. de Kap-Herr: Die gewerbliche +Herstellung des Yperits. Dichlordiäthylsulfit, III. 321. +1920. +</p> + +<p> +Zeitschrift für gesamte exp. Medizin. Berlin 1921. Springer. +</p> + +<p> +Liebigs Annalen der Chemie, 1923. B. 431. +</p> + +<p> +Special Libraries, Nov. 1919. New York. +</p> + +<p> +Rivista ospedaliere, 1918. Nr. 1. Carelli, – „Contributo alla +conoscenze dell’intossicazione da iprite ed in particolar modo +del suo reparto anatomo-patoologico.“ +</p> + +<p> +Folia Medica. 1918. Nr. 33. Franco. – „Gasi asfissianti.“ +</p> + +<p> +Journ. Leb. and Clin. Med. 1919. The clinical pathology of +mustard gas. +</p> + +<p> +Annali di Medicine navale e coloniale. 1918 vol. II. Nr. 3-4. +Rho. – „Gasi asfissianti.“ +</p> + +<p> +Rivista di artiglieria e genie v. II. 1923. +</p> + +<p> +Medical Aspects of Mustard-gas Poisoning. 1919. +</p> + +<p> +Journal Phys. Chem. 24, 1920. +</p> + +<p> +Journal Pharmacol. 12 and 13. 1918, 1919. +</p> + +<p> +Journal Americ. Chem. Society, 41. 1919. +</p> + +<p> +Chemical and metallurgical Engineering. 1919. +</p> + +<p> +Journal of the Society of Chemical Industry. 1919. +</p> + +<p> +Comptes rendus de l’academie des Sciences. 1919. +</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="addendum" id="part-11"> +<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> +Nachtrag +</h2> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p class="sectiontop first"> +Bei Abschluß der Korrekturen erhalten wir die Nachricht +von einem Gaskampfreglement, wie es in der amerikanischen +Armee bei der Bekämpfung des „Mobs“ in Anwendung gebracht +werden soll. („Anwendung von chemischen Kampfstoffen in der +Heimat“.) Der „Mob“ wird in verschiedene Stufen nach seinem +Kampfwert eingeteilt. („Mob I: Männer bewaffnet. Mob II: +Männer unbewaffnet. Mob III: Männer, Frauen, Kinder gemischt.“) +Diesen verschiedenen Wertigkeitsgraden entsprechen +die verschiedenen chemischen Kampfstoffe, Gaskonzentration, +Gasmischungen, mit denen gegen den „Mob“ vorgegangen wird. +(„Gegen Mob I: Giftgas. Gegen Mob II: Reiz- und Tränengase, +„Feld-Konzentration“. Gegen Mob III: Reiz- und Tränengase, +lediglich nur zur Panikerzeugung.“) Auch die Verwendung von +Gas in Verbindung mit Flugzeugen gegen den „Mob“ ist vorgesehen. +(„Sprengung.“) Daß man unter „Mob“ die streikende +und demonstrierende Arbeiterschaft versteht, ist selbstverständlich. +(„Mit Gas kann man um die Ecke schießen!“) Dieses +Kampfreglement ist für uns ein wertvolles Dokument der zynischen +Sachlichkeit der amerikanischen Zivilisationsbarbarei und +zugleich auch ein einwandfreier Beleg für manche Stellen in +unserem Buch, die den naiven Leser vielleicht noch „utopisch“ +anmuten. Der Titel des amerikanischen Kampfreglements ist: +„Instruction Book, Chemical Warfare Service, U. S. Army“. +Und zu beziehen durch: Supt. of Public Documents, Govt. +Printing Office, Washington, D. C. America. +</p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="toc" id="part-12"> +<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> +Inhaltsverzeichnis +</h2> + +</div> + +<div class="table sectiontop chapter"> +<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> +<table class="toc"> +<tbody> + <tr> + <td class="col1"> </td> + <td class="col2"> </td> + <td class="col_page">Seite</td> + </tr> + <tr class="m"> + <td class="col1" colspan="2">Einleitung</td> + <td class="col_page"><a href="#page-5">5</a></td> + </tr> + <tr class="h"> + <td class="col1">1.</td> + <td class="col2">„Deutschland über alles ...!“</td> + <td class="col_page"><a href="#page-11">11</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"> </td> + <td class="col2">Episode aus den Novembertagen 1918. – „Deutschland über alles ...!“ – „Lazarettpoesie.“ – Den Veranstaltern patriotischer Heldengedenkfeiern gewidmet. – Heilige Familie. – Das Trio. – Menschen-Dreck. – Götter stürzen. – „Geh Deinen Weg!“ –</td> + <td class="col_page"> </td> + </tr> + <tr class="h"> + <td class="col1">2.</td> + <td class="col2">Die Erde platzt!</td> + <td class="col_page"><a href="#page-53">53</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"> </td> + <td class="col2">Schlagwetterkatastrophe auf Zeche „Königin Luise“. – Die „Majestät des Todes“. – „Was tut not!?“ – „Lieber im Feuer der Revolution verbrennen als –“. –</td> + <td class="col_page"> </td> + </tr> + <tr class="h"> + <td class="col1">3.</td> + <td class="col2">„Friede auf Erden –“</td> + <td class="col_page"><a href="#page-73">73</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"> </td> + <td class="col2">Max Herse, ein junger Arbeiter, besucht eine sozialdemokratische Versammlung. – Die Befriedung der Welt ist da. Der Weltfrieden scheint gesichert. Deutschland: die Industriewerkstatt der Welt! – Zeitungsleser im Café. Unheimliche Nachrichten. – Einiges vom Studenten Peter Friedjung. – Max Herse und seine Kollegen auf dem Heimweg. – Klebekolonnen bei der Arbeit. – Schlafende Menschen. – „Friede auf Erden.“ –</td> + <td class="col_page"> </td> + </tr> + <tr class="h"> + <td class="col1">4.</td> + <td class="col2">Nur ein Traum</td> + <td class="col_page"><a href="#page-119">119</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"> </td> + <td class="col2">Nur ein Traum ... – „Die neue Sintflut kommt von oben und als Gift.“ – Liebe Erinnerungen. – Der 21. April 1915: ein Wendepunkt in der Kriegsgeschichte. Die Deutschen blasen in Flandern, Frontabschnitt Bixschote-Langemarck, gegen englische Stellungen Gas ab. – Gasschießen, Gaswerfen. Eine Gastaktik entwickelt sich. – Doch alles in allem: es bleibt beim Experiment. (Diesmal noch.) – Und: was gewesen ist, ist gewesen. Keiner denkt mehr daran. –</td> + <td class="col_page"> </td> + </tr> + <tr class="h"> + <td class="col1"><a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a>5.</td> + <td class="col2">Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub</td> + <td class="col_page"><a href="#page-155">155</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"> </td> + <td class="col2">Abkommandiert zum Gas-Dienst – Ein Kamerad von den Luftstreitkräften. – Die Kriegsdebatte im amerikanischen Offiziersklub. – Einige wichtige Ergänzungspunkte zum Kampf gegen den imperialistischen Krieg. – Der Völkerbund organisiert den Vernichtungskampf gegen die Kommunisten im Weltmaßstab. „Vertilgt die Kommunisten wie Ratten!“ – Mary Green auf dem elektrischen Hinrichtungsstuhl. – Generalstreik in USA. – Eine rote Zelle in der amerikanischen Armee. GBRO: Geheim-Bund revolutionärer Offiziere. – Es kann beginnen! –</td> + <td class="col_page"> </td> + </tr> + <tr class="h"> + <td class="col1">6.</td> + <td class="col2">Der erste Mai</td> + <td class="col_page"><a href="#page-201">201</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"> </td> + <td class="col2">Ein Brief. – Sonne über Schweizer Bergen. – „Gebt uns eine Partei!“ – Kommunisten. – Der erste Mai: ein Weltkampftag. – Aufmarsch der Vaterländischen Verbände. – Rote Gegendemonstration. – Provokateure an der Arbeit. – Ein Blut-Bad. – Am Abend des ersten Mai. –</td> + <td class="col_page"> </td> + </tr> + <tr class="h"> + <td class="col1">7.</td> + <td class="col2">Vom einzig gerechten Krieg</td> + <td class="col_page"><a href="#page-257">257</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"> </td> + <td class="col2">Das „Neue Leben“. – Wie es im Himmel aussieht! Und auf Erden ... – Gespensterlandschaft. – Vom einzig gerechten Krieg. – Im Anfang war die Arbeit. – Fleisch, Blut, Knochen. – Denen, die in Ketten träumen! – Roter Marsch. – Gesang der Welteroberer. –</td> + <td class="col_page"> </td> + </tr> + <tr class="h"> + <td class="col1">8.</td> + <td class="col2">Sowjet-Europa entgegen!</td> + <td class="col_page"><a href="#page-301">301</a></td> + </tr> + <tr> + <td class="col1"> </td> + <td class="col2">Prinzipielle Vorbemerkung zum letzten Kapitel. – Kolonialwirren. – Die Kriegsgaswolke am Horizont. – Arbeiter bewaffnen sich. – Was bedeutet (CHCl=CH)<span class="sub">3</span>As? – Die Farbstoff-Fabriken rebellieren. – Das chemische Kampfstoffarsenal der USA. Edgewood. – Der Sturm bricht los! – Der Kern der Sache. – Abgefangene Radios aus Amerika. – Nachrichten aus aller Welt. – Japans werktätige Massen brechen ihr Sklavenjoch. – Sowjet-Rußland marschiert. – Unsterbliche Opfer. – Sowjet-Europa entgegen! –</td> + <td class="col_page"> </td> + </tr> + <tr class="m"> + <td class="col1" colspan="2">Quellen-Nachweis</td> + <td class="col_page"><a href="#page-359">359</a></td> + </tr> + <tr class="m"> + <td class="col1" colspan="2">Nachtrag</td> + <td class="col_page"><a href="#page-370">370</a></td> + </tr> +</tbody> +</table> +</div> + +<div class="ads chapter"> +<p class="also"> +Von Johannes R. Becher<br> +sind bisher erschienen: +</p> + +<p class="book"> +Der Leichnam auf dem Thron<br> +oder<br> +Schlagt dem Krieg den Schädel ein +</p> + +<p> +Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten +Berlin 1925 (von der Oberstaatsanwaltschaft +wegen „Vorbereitung +zum Hochverrat“ beschlagnahmt) +</p> + +<p class="book"> +Der Bankier reitet<br> +über das Schlachtfeld +</p> + +<p class="subt"> +Erzählung +</p> + +<p class="pub"> +Soeben erschienen im Agis-Verlag Wien +</p> + +</div> + +<div class="trnote chapter"> +<p class="transnote"> +Anmerkungen zur Transkription +</p> + +<p> +Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. +Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher): +</p> + + + +<ul> + +<li> +... ganz zu <span class="underline">deinem</span> Vorteil.“ ...<br> +... ganz zu <a href="#corr-4"><span class="underline">seinem</span></a> Vorteil.“ ...<br> +</li> + +<li> +... Schwefel, Asa <span class="underline">födita</span>, Menschenkot, Menschenblut usw., das ...<br> +... Schwefel, Asa <a href="#corr-12"><span class="underline">foetida</span></a>, Menschenkot, Menschenblut usw., das ...<br> +</li> + +<li> +... über <span class="underline">der</span> diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, ...<br> +... über <a href="#corr-27"><span class="underline">denen</span></a> diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, ...<br> +</li> + +<li> +... würden, ob das hier Gehörte auch nicht für <span class="underline">ihr</span> Fach ...<br> +... würden, ob das hier Gehörte auch nicht für <a href="#corr-28"><span class="underline">Ihr</span></a> Fach ...<br> +</li> + +<li> +... <span class="underline">gesammengehauen</span> worden. Tote. Viele Verletzte ... ...<br> +... <a href="#corr-40"><span class="underline">zusammengehauen</span></a> worden. Tote. Viele Verletzte ... ...<br> +</li> + +<li> +... Pfaffen auf <span class="underline">Arbermassacres</span> abgerichtet. ...<br> +... Pfaffen auf <a href="#corr-47"><span class="underline">Arbeitermasscacres</span></a> abgerichtet. ...<br> +</li> + +<li> +... eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in <span class="underline">Safran</span>, ...<br> +... eingerichtet, Bücher in Schweinslederbänden, in <a href="#corr-51"><span class="underline">Saffian</span></a>, ...<br> +</li> + +<li> +... für den Revolutionär, wenn es schon sein muß, <span class="underline">daß</span> aus ...<br> +... für den Revolutionär, wenn es schon sein muß, <a href="#corr-58"><span class="underline">das</span></a> aus ...<br> +</li> +</ul> +</div> + + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78251 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/78251-h/images/cover.jpg b/78251-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5226ae1 --- /dev/null +++ b/78251-h/images/cover.jpg diff --git a/78251-h/images/logo.jpg b/78251-h/images/logo.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e65570a --- /dev/null +++ b/78251-h/images/logo.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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