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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:30:23 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:30:23 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of L'Arrabbiata, by Paul Heyse
+#2 in our series by Paul Heyse
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: L'Arrabbiata
+
+Author: Paul Heyse
+
+Release Date: April, 2005 [EBook #7858]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on May 26, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: iso-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK L'ARRABBIATA ***
+
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+
+Produced by Juliet Sutherland and Mike Pullen
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+
+L'Arrabbiata (1)
+
+{ed. (1) Die Eigensinnige }
+
+Paul Heyse
+
+Novelle (1853)
+
+
+Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Über dem Vesuv lagerte eine
+breite graue Nebelschicht, die sich nach Neapel hinÜberdehnte und die
+kleinen Städte an jenem Küstenstrich verdunkelte. Das Meer lag still.
+An der Marine (2) aber, die unter dem hohen Sorrentiner Felsenufer
+in einer engen Bucht angelegt ist, rührten sich schon Fischer mit
+ihren Weibern, die Kähne mit Netzen, die zum Fischen über Nacht
+draußen gelegen hatten, an großen Tauen ans Land zu ziehen. Andere
+rüsteten ihre Barken, richteten die Segel zu und schleppten Ruder und
+Segelstangen aus den großen vergitterten GewÖlben vor, die tief in
+den Felsen hineingebaut über Nacht das Schiffgerät bewahren. Man sah
+keinen müßig gehen; denn auch die Alten, die keine Fahrt mehr machen,
+reihten sich in die große Kette derer ein, die an den Netzen zogen,
+und hie und da stand ein Mütterchen mit der Spindel auf einem der
+flachen Dächer, oder machte sich mit den Enkeln zu schaffen, während
+die Tochter dem Manne half.
+
+{ed. (2) Küste }
+
+Siehst du, Rachela, da ist unser Padre Curato, sagte eine Alte zu
+einem kleinen Ding von zehn Jahren, das neben ihr sein Spindelchen
+schwang. Eben steigt er ins Schiff. Der Antonino soll ihn nach
+Capri hinüberfahren. Maria Santissima, was sieht der ehrwürdige Herr
+noch verschlafen aus!--Und damit winkte sie mit der Hand einem
+kleinen freundlichen Padre zu, der unten sich eben zurechtgesetzt
+hatte in der Barke, nachdem er seinen schwarzen Rock sorgfältig
+aufgehoben und über die Holzbank gebreitet hatte. Die andern am
+Strand hielten mit der Arbeit ein, um ihren Pfarrer abfahren zu sehen,
+der nach rechts und links freundlich nickte und grüßte.
+
+Warum muß er denn nach Capri, Großmutter? fragte das Kind. Haben die
+Leute dort keinen Pfarrer, daß sie unsern borgen müssen?
+
+Sei nicht so einfältig, sagte die Alte. Genug haben sie da und die
+schönsten Kirchen und sogar einen Einsiedler, wie wir ihn nicht haben.
+Aber da ist eine vornehme Signora, die hat lange hier in Sorrent
+gewohnt und war sehr krank, daß der Padre oft zu ihr mußte mit dem
+Hochwürdigsten, wenn sie dachten, sie übersteht keine Nacht mehr.
+Nun, die heilige Jungfrau hat ihr beigestanden, daß sie wieder frisch
+und gesund worden ist und hat alle Tage im Meere baden können. Als
+sie von hier fort ist, nach Capri hinüber, hat sie noch einen schönen
+Haufen Dukaten an die Kirche geschenkt und an das arme Volk, und hat
+nicht fort wollen, sagen sie, ehe der Padre nicht versprochen hat,
+sie drüben zu besuchen, daß sie ihm beichten kann. Denn es ist
+erstaunlich, was sie auf ihn hält. Und wir können uns segnen, daß
+wir ihn zum Pfarrer haben, der Gaben hat wie ein Erzbischof und dem
+die hohen Herrschaften nachfragen. Die Madonna sei mit ihm!--Und
+damit winkte sie zum Schiffchen hinunter, das eben abstoßen wollte.
+
+Werden wir klares Wetter haben, mein Sohn? fragte der kleine Priester
+und sah bedenklich nach Neapel hinüber.
+
+Die Sonne ist noch nicht heraus, erwiderte der Bursch. Mit dem
+bißchen Nebel wird sie schon fertig werden.
+
+So fahr zu, daß wir vor der Hitze ankommen.
+
+Antonino griff eben zu dem langen Ruder, um die Barke ins Freie zu
+treiben, als er plötzlich innehielt und nach der Höhe des steilen
+Weges hinaufsah, der von dem Städtchen Sorrent zur Marine hinabführt.
+
+Eine schlanke Mädchengestalt ward oben sichtbar, die eilig die Steine
+hinabschritt und mit einem Tuch winkte. Sie trug ein Bündelchen
+unterm Arm, und ihr Aufzug war dürftig genug. Doch hatte sie eine
+fast vornehme, nur etwas wilde Art, den Kopf in den Nacken zu werfen
+und die schwarze Flechte, die sie vorn über der Stirn umgeschlungen
+trug, stand ihr wie ein Diadem.
+
+Worauf warten wir? fragte der Pfarrer.
+
+Es kommt da noch jemand auf die Barke zu, der auch wohl nach Capri
+will. Wenn Ihr erlaubt, Padre--es geht darum nicht langsamer, denn
+'s ist nur ein junges Ding von kaum achtzehn Jahr.
+
+In diesem Augenblick trat das Mädchen hinter der Mauer hervor, die
+den gewundenen Weg einfaßt. Laurella! sagte der Pfarrer. Was hat
+sie in Capri zu tun?
+
+Antonino zuckte die Achseln.--Das Mädchen kam mit hastigen Schritten
+heran und sah vor sich hin.
+
+Guten Tag, l'Arrabbiata! riefen einige von den jungen Schiffern. Sie
+hätten wohl noch mehr gesagt, wenn die Gegenwart des Curato sie nicht
+in Respekt gehalten hätte, denn die trotzige stumme Art, in der das
+Mädchen ihren Gruß hinnahm, schien die Übermütigen zu reizen.
+
+Guten Tag, Laurella, rief nun auch der Pfarrer. Wie steht's? Willst
+du mit nach Capri?
+
+Wenn's erlaubt ist, Padre!
+
+Frage den Antonino, der ist der Patron der Barke. Ist jeder doch
+Herr seines Eigentums und Gott Herr über uns alle.
+
+Da ist ein halber Carlin (3), sagte Laurella, ohne den jungen
+Schiffer anzusehen. Wenn ich dafür mit kann.
+
+{ed. (3) Carlino: alte neapolitanische Münze }
+
+Du kannst's besser brauchen, als ich, brummte der Bursch und schob
+einige Körbe mit Orangen zurecht, daß Platz wurde. Er sollte sie in
+Capri verkaufen, denn die Felseninsel trägt nicht genug für den
+Bedarf der vielen Besucher.
+
+Ich will nicht umsonst mit, erwiderte das Mädchen und die schwarzen
+Augenbrauen zuckten.
+
+Komm nur, Kind, sagte der Pfarrer. Er ist ein braver Junge und will
+nicht reich werden von deinem bißchen Armut. Da, steig ein--und er
+reichte ihr die Hand--und setz dich hier neben mich. Sieh, da hat er
+dir seine Jacke hingelegt, daß du weicher sitzen sollst. Mir hat
+er's nicht so gut gemacht. Aber junges Volk, das treibt's immer so.
+Für ein kleines Frauenzimmer wird mehr gesorgt, als für zehn
+geistliche Herren. Nun nun, brauchst dich nicht zu entschuldigen,
+Tonino. 's ist unsers Herrgotts Einrichtung, daß sich gleich zu
+gleich hält.
+
+Laurella war inzwischen eingestiegen und hatte sich gesetzt, nachdem
+sie die Jacke ohne ein Wort zu sagen beiseit geschoben hatte. Der
+junge Schiffer ließ sie liegen und murmelte was zwischen den Zähnen.
+Dann stieß er kräftig gegen den Uferdamm und der kleine Kahn flog in
+den Golf hinaus.
+
+Was hast du da im Bündel, fragte der Pfarrer, während sie nun übers
+Meer hintrieben, das sich eben von den ersten Sonnenstrahlen lichtete.
+
+Seide, Garn und ein Brot, Padre. Ich soll die Seide an eine Frau in
+Capri verkaufen, die Bänder macht, und das Garn an eine andere.
+
+Hast du's selbst gesponnen?
+
+Ja, Herr.
+
+Wenn ich mich recht erinnere, hast du auch gelernt, Bänder machen.
+
+Ja, Herr. Aber es geht wieder schlimmer mit der Mutter, daß ich
+nicht aus dem Hause kann und einen eignen Webstuhl können wir nicht
+bezahlen.
+
+Geht schlimmer! Oh, oh! Da ich um Ostern bei euch war, saß sie doch
+auf.
+
+Der Frühling ist immer die böseste Zeit für sie. Seit wir die großen
+Stürme hatten und die Erdstöße, hat sie immer liegen müssen vor
+Schmerzen.
+
+Laß nicht nach mit Beten und Bitten, mein Kind, daß die heilige
+Jungfrau Fürbitte tut. Und sei brav und fleißig, damit dein Gebet
+erhört werde.
+
+Nach einer Pause: Wie du da zum Strand herunterkamst, riefen sie dir
+zu: Guten Tag, l'Arrabbiata! Warum heißen sie dich so? Es ist kein
+schöner Name für eine Christin, die sanft sein soll und demütig.
+
+Das Mädchen glühte über das ganze braune Gesicht und ihre Augen
+funkelten.
+
+Sie haben ihren Spott mit mir, weil ich nicht tanze und singe und
+viel Redens mache, wie andere. Sie sollten mich gehen lassen; ich tu
+ihnen ja nichts.
+
+Du könntest aber freundlich sein zu jedermann. Tanzen und singen
+mögen andere, denen das Leben leichter ist. Aber ein gutes Wort
+geben schickt sich auch für einen Betrübten.
+
+Sie sah vor sich nieder und zog die Brauen dichter zusammen, als
+wollte sie ihre schwarzen Augen drunter verstecken. Eine Weile
+fuhren sie schweigend dahin. Die Sonne stand nun prächtig über dem
+Gebirg, die Spitze des Vesuv ragte über die Wolkenschicht heraus, die
+noch den Fuß umzogen hielt, und die Häuser auf der Ebene von Sorrent
+blickten weiß aus den grünen Orangengärten hervor.
+
+Hat jener Maler nichts wieder von sich hören lassen, Laurella, jener
+Napolitaner, der dich zur Frau haben wollte? fragte der Pfarrer.
+
+Sie schüttelte den Kopf.
+
+Er kam damals, ein Bild von dir zu machen. Warum hast du's ihm
+abgeschlagen?
+
+Wozu wollt' er es nur? Es sind andere schöner als ich. Und
+dann--wer weiß, was er damit getrieben hätte. Er hätte mich damit
+verzaubern können und meine Seele beschädigen, oder mich gar zu Tode
+bringen, sagte die Mutter.
+
+Glaube nicht so sündliche Dinge, sprach der Pfarrer ernsthaft. Bist
+du nicht immer in Gottes Hand, ohne dessen Willen dir kein Haar vom
+Haupte fällt? Und soll ein Mensch mit so einem Bild in der Hand
+stärker sein als der Herrgott?--Zudem konntest du ja sehen, daß er
+dir wohlwollte. Hat er dich sonst heiraten wollen?
+
+Sie schwieg.
+
+Und warum hast du ihn ausgeschlagen? Es soll ein braver Mann gewesen
+sein und ganz stattlich und hätte dich und deine Mutter besser
+ernähren können, als du es nun kannst mit dem bißchen Spinnen und
+Seidewickeln.
+
+Wir sind arme Leute, sagte sie heftig, und meine Mutter nun gar seit
+so lange krank. Wir wären ihm nur zur Last gefallen. Und ich tauge
+auch nicht für einen Signore. Wenn seine Freunde zu ihm gekommen
+wären, hätte er sich meiner geschämt.
+
+Was du auch redest! Ich sage dir ja, daß es ein braver Herr war.
+Und überdies wollte er ja nach Sorrent übersiedeln. Es wird nicht
+bald so einer wiederkommen, der wie recht vom Himmel geschickt war,
+um euch aufzuhelfen.
+
+Ich will gar keinen Mann, niemals! sagte sie ganz trotzig und wie vor
+sich hin.
+
+Hast du ein Gelübde getan, oder willst in ein Kloster gehen?
+
+Sie schüttelte den Kopf.
+
+Die Leute haben recht, die dir deinen Eigensinn vorhalten, wenn auch
+jener Name nicht schön ist. Bedenkst du nicht, daß du nicht allein
+auf der Welt bist, und durch diesen Starrsinn deiner kranken Mutter
+das Leben und ihre Krankheit nur bitterer machst? Was kannst du für
+wichtige Gründe haben, jede rechtschaffene Hand abzuweisen, die dich
+und die Mutter stützen will? Antworte mir, Laurella!
+
+Ich habe wohl einen Grund, sagte sie leise und zögernd. Aber ich
+kann ihn nicht sagen.
+
+Nicht sagen? Auch mir nicht? Nicht deinem Beichtvater, dem du doch
+sonst wohl zutraust, daß er es gut mit dir meint? Oder nicht?
+
+Sie nickte.
+
+So erleichtere dein Herz, Kind. Wenn du recht hast, will ich der
+erste sein, dir recht zu geben. Aber du bist jung und kennst die
+Welt wenig, und es möchte dich später einmal gereuen, wenn du um
+kindischer Gedanken willen dein Glück verscherzt hast.
+
+
+
+Sie warf einen flüchtigen scheuen Blick nach dem Burschen hinüber,
+der emsig rudernd hinten im Kahn saß und die wollne Mütze tief in die
+Stirn gezogen hatte. Er starrte zur Seite ins Meer und schien in
+seine eignen Gedanken versunken zu sein. Der Pfarrer sah ihren Blick
+und neigte sein Ohr näher zu ihr.
+
+Ihr habt meinen Vater nicht gekannt, flüsterte sie, und ihre Augen
+sahen finster.
+
+Deinen Vater? Er starb ja, denke ich, da du kaum zehn Jahr alt warst.
+Was hat dein Vater, dessen Seele im Paradiese sein möge, mit deinem
+Eigensinn zu schaffen?
+
+Ihr habt ihn nicht gekannt, Padre. Ihr wißt nicht, daß er allein
+schuld ist an der Krankheit der Mutter.
+
+Wie das?
+
+Weil er sie mißhandelt hat und geschlagen und mit Füßen getreten.
+Ich weiß noch die Nächte, wenn er nach Hause kam und war in Wut. Sie
+sagte ihm nie ein Wort und tat alles, was er wollte. Er aber schlug
+sie, daß mir das Herz brechen wollte. Ich zog dann die Decke über
+den Kopf und tat als ob ich schliefe, weinte aber die ganze Nacht.
+Und wenn er sie dann am Boden liegen sah, verwandelt' er sich
+plötzlich und hob sie auf und küßte sie, daß sie schrie, er werde sie
+ersticken. Die Mutter hat mir verboten, daß ich nie ein Wort davon
+sagen soll; aber es griff sie so an, daß sie nun die langen Jahre,
+seit er tot ist, noch nicht wieder gesund worden ist. Und wenn sie
+früh sterben sollte, was der Himmel verhüte, ich weiß wohl, wer sie
+umgebracht hat.
+
+Der kleine Priester wiegte das Haupt und schien unschlüssig, wie weit
+er seinem Beichtkind recht geben sollte. Endlich sagte er: Vergib
+ihm, wie ihm deine Mutter vergeben hat. Hefte nicht deine Gedanken
+an jene traurigen Bilder, Laurella. Es werden bessere Zeiten für
+dich kommen, und dich alles vergessen machen.
+
+Nie vergess' ich das, sagte sie und schauerte zusammen. Und wißt,
+Padre, darum will ich eine Jungfrau bleiben, um keinem untertänig zu
+sein, der mich mißhandelte und dann liebkoste. Wenn mich jetzt einer
+schlagen oder küssen will, so weiß ich mich zu wehren. Aber meine
+Mutter durfte sich schon nicht wehren, nicht der Schläge erwehren und
+nicht der Küsse, weil sie ihn lieb hatte. Und ich will keinen so
+lieb haben, daß ich um ihn krank und elend würde.
+
+Bist du nun nicht ein Kind und sprichst wie eine, die nichts weiß von
+dem, was auf Erden geschieht? Sind denn alle Männer wie dein armer
+Vater war, daß sie jeder Laune und Leidenschaft nachgeben und ihren
+Frauen schlecht begegnen? Hast du nicht rechtschaffne Menschen genug
+gesehen in der ganzen Nachbarschaft, und Frauen, die in Frieden und
+Einigkeit mit ihren Männern leben?
+
+Von meinem Vater wußt' es auch niemand, wie er zu meiner Mutter war,
+denn sie wäre eher tausendmal gestorben, als es einem sagen und
+klagen. Und das alles, weil sie ihn liebte. Wenn es so um die Liebe
+ist, daß sie einem die Lippen schließt, wo man Hülfe schreien sollte,
+und einen wehrlos macht gegen Ärgeres, als der ärgste Feind einem
+antun könnte, so will ich nie mein Herz an einen Mann hängen.
+
+Ich sage dir, daß du ein Kind bist und nicht weißt, was du sprichst.
+Du wirst auch viel gefragt werden von deinem Herzen, ob du lieben
+willst oder nicht, wenn seine Zeit gekommen ist; dann hilft alles
+nicht, was du dir jetzt in den Kopf setzest.--Wieder nach einer Pause:
+Und jener Maler, hast du ihm auch zugetraut, daß er dir hart
+begegnen würde?
+
+Er machte so Augen, wie ich sie bei meinem Vater gesehen habe, wenn
+er der Mutter abbat und sie in die Arme nehmen wollte, um ihr wieder
+gute Worte zu geben. Die Augen kenn ich. Es kann sie auch einer
+machen, der's übers Herz bringt, seine Frau zu schlagen, die ihm nie
+was zuleide getan hat. Mir graute, wie ich die Augen wieder sah.
+
+Darauf schwieg sie beharrlich still. Auch der Pfarrer schwieg. Er
+besann sich wohl auf viele schöne Sprüche, die er dem Mädchen hätte
+vorhalten können. Aber die Gegenwart des jungen Schiffers, der gegen
+das Ende der Beichte unruhiger geworden war, verschloß ihm den Mund.
+
+Als sie nach einer zweistündigen Fahrt in dem kleinen Hafen von Capri
+anlangten, trug Antonino den geistlichen Herrn aus dem Kahn über die
+letzten flachen Wellen, und setzte ihn ehrerbietig ab. Doch hatte
+Laurella nicht warten wollen, bis er wieder zurückwatete und sie
+nachholte. Sie nahm ihr Röckchen zusammen, die Holzpantöffelchen in
+die rechte, das Bündel in die linke Hand und plätscherte hurtig ans
+Land.
+
+Ich bleibe heut wohl lang auf Capri, sagte der Padre, und du brauchst
+nicht auf mich zu warten. Vielleicht komm ich gar erst morgen nach
+Haus. Und du, Laurella, wenn du heimkommst, grüße die Mutter. Ich
+besuche euch in dieser Woche noch. Du fährst doch noch vor der Nacht
+zurück?
+
+Wenn Gelegenheit ist, sagte das Mädchen, und machte sich an ihrem
+Rock zu schaffen.
+
+Du weißt, daß ich auch zurück muß, sprach Antonino, wie er meinte in
+sehr gleichgültigem Ton. Ich wart auf dich bis Ave Maria. Wenn du
+dann nicht kommst, soll mir's auch gleich sein.
+
+Du mußt kommen, Laurella, fiel der kleine Herr ein. Du darfst deine
+Mutter keine Nacht allein lassen. Ist's weit, wo du hin mußt?
+
+Auf Anacapri, in eine Vigne (4).
+
+{ed. (4) Weinberg }
+
+Und ich muß auf Capri zu. Behüt dich Gott, Kind, und dich, mein Sohn.
+
+Laurella küßte ihm die Hand, und ließ ein Lebewohl fallen, in das
+sich der Padre und Antonino teilen mochten. Antonino indessen
+eignete sich's nicht zu. Er zog seine Mütze vor dem Padre und sah
+Laurella nicht an.
+
+Als sie ihm aber beide den Rücken gekehrt hatten, ließ er seine Augen
+nur kurze Zeit mit dem geistlichen Herrn wandern, der über das tiefe
+Kieselgeröll mühsam hinschritt, und schickte sie dann dem Mädchen
+nach, das sich rechts die Höhe hinauf gewandt hatte, die Hand über
+die Augen haltend gegen die scharfe Sonne. Ehe sich der Weg oben
+zwischen Mauern zurückzieht, stand sie einen Augenblick still, wie um
+Atem zu schöpfen, und sah um. Die Marine lag zu ihren Füßen, ringsum
+türmte sich der schroffe Fels, das Meer blaute in seltener Pracht--es
+war wohl ein Anblick, des Stehenbleibens wert. Der Zufall fügte es,
+daß ihr Blick, bei Antoninos Barke vorübereilend, sich mit jenem
+Blick begegnete, den Antonino ihr nachgeschickt hatte. Sie machten
+beide eine Bewegung, wie Leute, die sich entschuldigen wollen, es sei
+etwas nur aus Versehen geschehen, worauf das Mädchen mit finsterm
+Munde ihren Weg fortsetzte.
+
+
+
+Es war erst eine Stunde nach Mittag, und schon saß Antonino zwei
+Stunden lang auf einer Bank vor der Fischerschenke. Es mußte ihm was
+durch den Sinn gehen, denn alle fünf Minuten sprang er auf, trat in
+die Sonne hinaus, und überblickte sorgfältig die Wege, die links und
+rechts nach den zwei Inselstädtchen führen. Das Wetter sei ihm
+bedenklich, sagte er dann zu der Wirtin der Osterie. Es sei wohl
+klar, aber er kenne diese Farbe des Himmels und Meeres. Gerade so
+habe es ausgesehen, ehe der letzte große Sturm war, wo er die
+englische Familie nur mit Not ans Land gebracht habe. Sie werde sich
+erinnern.
+
+Nein, sagte die Frau.
+
+Nun, sie solle an ihn denken, wenn sich's noch vor Nacht verändere.
+
+Sind viel Herrschaften drüben? fragte die Wirtin nach einer Weile.
+
+Es fängt eben an. Bisher hatten wir schlechte Zeit. Die wegen der
+Bäder kommen, ließen auf sich warten.
+
+Das Frühjahr kam spät. Habt ihr mehr verdient, als wir hier auf
+Capri?
+
+Es hätte nicht ausgereicht zweimal die Woche Makkaroni zu essen, wenn
+ich bloß auf die Barke angewiesen wäre. Dann und wann einen Brief
+nach Neapel zu bringen, oder einen Signore aufs Meer gerudert, der
+angeln wollte. Das war alles. Aber Ihr wißt, daß mein Onkel die
+großen Orangengärten hat, und ein reicher Mann ist. Tonino, sagt er,
+solang ich lebe, sollst du nicht Not leiden, und nachher wird auch
+für dich gesorgt werden. So hab ich den Winter mit Gottes Hülfe
+überstanden.
+
+Hat er Kinder, Euer Onkel?
+
+Nein. Er war nie verheiratet, und lang außer Landes, wo er denn
+manchen Piaster zusammengebracht hat. Nun hat er vor, eine große
+Fischerei anzufangen und will mich über das ganze Wesen setzen, daß
+ich nach dem Rechten sehe.
+
+So seid Ihr ja ein gemachter Mann, Antonino.
+
+Der junge Schiffer zuckte die Achseln. Es hat jeder sein Bündel zu
+tragen, sagte er. Damit sprang er auf und sah wieder links und
+rechts nach dem Wetter, obwohl er wissen mußte, daß es nur eine
+Wetterseite gibt.
+
+Ich bring Euch noch eine Flasche. Euer Onkel kann's bezahlen, sagte
+die Wirtin.
+
+Nur noch ein Glas, denn Ihr habt hier eine feurige Art Wein. Der
+Kopf ist mir schon ganz warm.
+
+Er geht nicht ins Blut. Ihr könnt trinken, soviel Ihr wollt. Da
+kommt eben mein Mann, mit dem müßt Ihr noch eine Weile sitzen und
+schwatzen.
+
+Wirklich kam, das Netz über die Schulter gehängt, die rote Mütze über
+den geringelten Haaren, der stattliche Padrone der Schenke von der
+Höhe herunter. Er hatte Fische in die Stadt gebracht, die jene
+vornehme Dame bestellt hatte, um sie dem kleinen Pfarrer von Sorrent
+vorzusetzen. Wie er des jungen Schiffers ansichtig wurde, winkte er
+ihm herzlich mit der Hand einen Willkommen zu, setzte sich dann neben
+ihn auf die Bank, und fing an zu fragen und zu erzählen. Eben
+brachte sein Weib eine zweite Flasche des echten unverfälschten Capri,
+als der Ufersand zur Linken knisterte und Laurella des Weges von
+Anacapri daherkam. Sie grüßte flüchtig mit dem Kopf und stand
+unschlüssig still.
+
+
+
+Antonino sprang auf. Ich muß fort, sagte er. 's ist ein Mädchen aus
+Sorrent, das heut früh mit dem Signor Curato kam und auf die Nacht
+wieder zu ihrer kranken Mutter will.
+
+Nun nun, 's ist noch lang bis Nacht, sagte der Fischer. Sie wird
+doch Zeit haben, ein Glas Wein zu trinken. Holla, Frau, bring noch
+ein Glas.
+
+Ich danke, ich trinke nicht, sagte Laurella und blieb in einiger
+Entfernung.
+
+Schenk nur ein, Frau, schenk ein! Sie läßt sich nötigen.
+
+Laßt sie, sagte der Bursch. Sie hat einen harten Kopf; was sie
+einmal nicht will, das redet ihr kein Heiliger ein.--Und damit nahm
+er eilfertig Abschied, lief nach der Barke hinunter, löste das Seil,
+und stand nun in Erwartung des Mädchens. Die grüßte noch einmal nach
+der Wirtin der Schenke zurück und ging dann mit zaudernden Schritten
+der Barke zu. Sie sah vorher nach allen Seiten um, als erwarte sie,
+daß sich noch andere Gesellschaft einfinden würde. Die Marine aber
+war menschenleer, die Fischer schliefen oder fuhren im Meer mit
+Angeln und Netzen, wenige Frauen und Kinder saßen unter den Türen,
+schlafend oder spinnend, und die Fremden, die am Morgen
+herübergefahren, warteten die kühlere Tageszeit zur Rückfahrt ab.
+Sie konnte auch nicht zu lange umschauen, denn ehe sie es wehren
+konnte, hatte Antonino sie in die Arme genommen und trug sie wie ein
+Kind in den Nachen. Dann sprang er nach und mit wenigen
+Ruderschlägen waren sie schon im offenen Meer.
+
+Sie hatte sich vorn in den Kahn gesetzt und ihm halb den Rücken
+zugedreht, daß er sie nur von der Seite sehen konnte. Ihre Züge
+waren jetzt noch ernsthafter als gewöhnlich. Über die kurze Stirn
+hing das Haar tief herein, um den feinen Nasenflügel zitterte ein
+eigensinniger Zug; der volle Mund war fest geschlossen.--Als sie eine
+Zeitlang so stillschweigend über Meer gefahren waren, empfand sie den
+Sonnenbrand, nahm das Brot aus dem Tuch und schlang dieses über die
+Flechte. Dann fing sie an von dem Brote zu essen und ihr Mittagsmahl
+zu halten, denn sie hatte auf Capri nichts genossen.
+
+Antonino sah das nicht lange mit an. Er holte aus einem der Körbe,
+die am Morgen mit Orangen gefüllt gewesen, zwei hervor, und sagte: da
+hast du was zu deinem Brot, Laurella. Glaub nicht, daß ich sie für
+dich zurückbehalten habe. Sie sind aus dem Korb in den Kahn gerollt
+und ich fand sie, als ich die leeren Körbe wieder in die Barke setzte.
+
+Iß du sie doch. Ich hab an meinem Brote genug.
+
+Sie sind erfrischend in der Hitze, und du bist weit gelaufen.
+
+Sie gaben mir oben ein Glas Wasser, das hat mich schon erfrischt.
+
+Wie du willst, sagte er, und ließ sie wieder in den Korb fallen.
+
+Neues Stillschweigen. Das Meer war spiegelglatt und rauschte kaum um
+den Kiel. Auch die weißen Seevögel, die in den Uferhöhlen nisten,
+zogen lautlos auf ihren Raub.
+
+Du könntest die zwei Orangen deiner Mutter bringen, fing Antonino
+wieder an.
+
+Wir haben ihrer noch zu Haus, und wenn sie zu Ende sind, geh ich und
+kaufe neue.
+
+Bringe ihr sie nur, und ein Kompliment von mir.
+
+Sie kennt dich ja nicht.
+
+So könntest du ihr sagen, wer ich bin.
+
+Ich kenne dich auch nicht.
+
+Es war nicht das erste Mal, daß sie ihn so verleugnete. Vor einem
+Jahre, als der Maler eben nach Sorrent gekommen war, traf sich's an
+einem Sonntage, daß Antonino mit anderen jungen Burschen aus dem Ort
+auf einem freieren Platz neben der Hauptstraße Boccia spielte. Dort
+begegnete der Maler zuerst Laurella, die, einen Wasserkrug auf dem
+Kopfe tragend, ohne sein zu achten, vorüberschritt. Der Napolitaner,
+von dem Anblick betroffen, stand still und sah ihr nach, obwohl er
+sich mitten in der Bahn des Spieles befand und mit zwei Schritten sie
+hätte räumen können. Eine unsanfte Kugel, die ihm gegen das
+Fußgelenk fuhr, mußte ihn daran erinnern, daß hier der Ort nicht sei,
+sich in Gedanken zu verlieren. Er sah um, als erwarte er eine
+Entschuldigung. Der junge Schiffer, der den Wurf getan hatte, stand
+schweigend und trotzig inmitten seiner Freunde, daß der Fremde es
+geraten fand, einen Wortwechsel zu vermeiden und zu gehen. Doch
+hatte man von dem Handel gesprochen, und sprach von neuem davon, als
+der Maler sich offen um Laurella bewarb. Ich kenne ihn nicht, sagte
+diese unwillig, als der Maler sie fragte, ob sie ihn jenes
+unhöflichen Burschen wegen ausschlüge. Und doch war auch ihr jenes
+Gerede zu Ohren gekommen. Seitdem, wenn ihr Antonino begegnete,
+hatte sie ihn wohl wieder erkannt.
+
+Und nun saßen sie im Kahn wie die bittersten Feinde, und beiden
+klopfte das Herz tödlich. Das sonst gutmütige Gesicht Antoninos war
+heftig gerötet, er schlug in die Wellen, daß der Schaum ihn
+überspritzte, und seine Lippen zitterten zuweilen, als spräche er
+böse Worte. Sie tat, als bemerke sie es nicht, und machte ihr
+unbefangenstes Gesicht, neigte sich über den Bord des Nachens und
+ließ die Flut durch ihre Finger gleiten. Dann band sie ihr Tuch
+wieder ab und ordnete ihr Haar, als sei sie ganz allein im Kahn. Nur
+die Augenbrauen zuckten noch, und umsonst hielt sie die nassen Hände
+gegen ihre brennenden Wangen, um sie zu kühlen.
+
+Nun waren sie mitten auf dem Meer, und nah und fern ließ sich kein
+Segel blicken. Die Insel war zurückgeblieben, die Küste lag im
+Sonnenduft weitab, nicht einmal eine Möwe durchflog die tiefe
+Einsamkeit. Antonino sah um sich her. Ein Gedanke schien in ihm
+aufzusteigen. Die Röte wich plötzlich von seinen Wangen, und er ließ
+die Ruder sinken. Unwillkürlich sah Laurella nach ihm um, gespannt,
+aber furchtlos.
+
+Ich muß ein Ende machen, brach der Bursch heraus. Es dauert mir
+schon zu lange und wundert mich schier, daß ich nicht drüber zugrunde
+gegangen bin. Du kennst mich nicht, sagst du? Hast du nicht lange
+genug mit angesehen, wie ich bei dir vorüberging als ein Unsinniger,
+und hatte das ganze Herz voll, dir zu sagen? Dann machtest du deinen
+bösen Mund und drehtest mir den Rücken.
+
+Was hatt' ich mit dir zu reden, sagte sie kurz. Ich habe wohl gesehn,
+daß du mit mir anbinden wolltest. Ich wollt' aber nicht in der
+Leute Mäuler kommen um nichts und wieder nichts. Denn zum Manne
+nehmen mag ich dich nicht, dich nicht und keinen.
+
+Und keinen? So wirst du nicht immer sagen. Weil du den Maler
+weggeschickt hast? Pah! Du warst noch ein Kind damals. Es wird dir
+schon einmal einsam werden und dann, toll wie du bist, nimmst du den
+ersten besten.
+
+Es weiß keiner seine Zukunft. Kann sein, daß ich meinen Sinn ändere.
+Was geht's dich an?
+
+Was es mich angeht? fuhr er auf und sprang von der Ruderbank empor,
+daß der Kahn schaukelte. Was es mich angeht? Und so kannst du noch
+fragen, nachdem du weißt, wie es um mich steht? Müsse der elend
+umkommen, dem je besser von dir begegnet würde, als mir.
+
+Hab ich mich dir je versprochen? Kann ich dafür, wenn dein Kopf
+unsinnig ist? Was hast du für ein Recht auf mich?
+
+Oh, rief er aus, es steht freilich nicht geschrieben, es hat's kein
+Advokat in Latein abgefaßt und versiegelt, aber das weiß ich, daß ich
+so viel Recht auf dich habe, wie in den Himmel zu kommen, wenn ich
+ein braver Kerl gewesen bin. Meinst du, daß ich mit ansehn will,
+wenn du mit einem andern in die Kirche gehst und die Mädchen gehn mir
+vorüber und zucken die Achseln? Soll ich mir den Schimpf antun
+lassen?
+
+Tu was du willst. Ich laß mir nicht bangen, soviel du auch drohst.
+Ich will auch tun, was ich will.
+
+Du wirst nicht lange so sprechen, sagte er und bebte über den ganzen
+Leib. Ich bin Manns genug, daß ich mir das Leben nicht länger von
+solch einem Trotzkopf verderben lasse. Weißt du, daß du hier in
+meiner Macht bist und tun mußt, was ich will?
+
+Sie fuhr leicht zusammen und blitzte ihn mit den Augen an.
+
+Bringe mich um, wenn du's wagst, sagte sie langsam.
+
+Man muß nichts halb tun, sagte er, und seine Stimme klang leiser. 's
+ist Platz für uns beide im Meer. Ich kann dir nicht helfen, Kind,
+--und er sprach fast mitleidig, wie aus dem Traum--aber wir müssen
+hinunter, alle beide, und auf einmal, und jetzt! schrie er überlaut,
+und faßte sie plötzlich mit beiden Armen an. Aber im Augenblick zog
+er die rechte Hand zurück, das Blut quoll hervor, sie hatte ihn
+heftig hineingebissen.
+
+Muß ich tun, was du willst? rief sie und stieß ihn mit einer raschen
+Wendung von sich. Laß sehn, ob ich in deiner Macht bin!--Damit
+sprang sie über den Bord des Kahns und verschwand einen Augenblick in
+der Tiefe.
+
+Sie kam gleich wieder herauf, ihr Röckchen umschloß sie fest, ihre
+Haare waren von den Wellen aufgelöst und hingen schwer über den Hals
+nieder, mit den Armen ruderte sie emsig und schwamm, ohne einen Laut
+von sich zu geben, kräftig von der Barke weg nach der Küste zu. Der
+jähe Schreck schien ihm die Sinne gelähmt zu haben. Er stand im Kahn,
+vorgebeugt, die Blicke starr nach ihr hingerichtet, als begebe sich
+ein Wunder vor seinen Augen. Dann schüttelte er sich, stürzte nach
+den Rudern, und fuhr ihr mit aller Kraft, die er aufzubieten hatte,
+nach, während der Boden seines Kahns von dem immer zuströmenden Blute
+rot wurde.
+
+Im Nu war er an ihrer Seite, so hastig sie schwamm. Bei Maria
+Santissima! rief er, komm in den Kahn. Ich bin ein Toller gewesen;
+Gott weiß, was mir die Vernunft benebelte. Wie ein Blitz vom Himmel
+fuhr mir's ins Hirn, daß ich ganz aufbrannte und wußte nicht, was ich
+tat und redete. Du sollst mir nicht vergeben, Laurella, nur dein
+Leben retten und wieder einsteigen.
+
+Sie schwamm fort, als habe sie nichts gehört.
+
+Du kannst nicht bis ans Land kommen, es sind noch zwei Miglien. Denk
+an deine Mutter. Wenn dir ein Unglück begegnete, sie stürbe vor
+Entsetzen.
+
+Sie maß mit einem Blick die Entfernung von der Küste. Dann, ohne zu
+antworten, schwamm sie an die Barke heran, und faßte den Bord mit den
+Händen. Er stand auf, ihr zu helfen; seine Jacke, die auf der Bank
+gelegen, glitt ins Meer, als der Nachen von der Last des Mädchens
+nach der einen Seite hinübergezogen wurde. Gewandt schwang sie sich
+empor und erklomm ihren früheren Sitz. Als er sie geborgen sah,
+griff er wieder zu den Rudern. Sie aber wand ihr triefendes Röckchen
+aus, und rang das Wasser aus den Flechten. Dabei sah sie auf den
+Boden der Barke, und bemerkte jetzt das Blut. Sie warf einen raschen
+Blick nach der Hand, die, als sei sie unverwundet, das Ruder führte.
+Da, sagte sie, und reichte ihm ihr Tuch. Er schüttelte den Kopf und
+ruderte vorwärts. Sie stand endlich auf, trat zu ihm und band ihm
+das Tuch fest um die tiefe Wunde. Darauf nahm sie ihm, soviel er
+auch abwehrte, das eine Ruder aus der Hand und setzte sich ihm
+gegenüber, doch ohne ihn anzusehn, fest auf das Ruder blickend, das
+vom Blut gerötet war, und mit kräftigen Stößen die Barke forttreibend.
+Sie waren beide blaß und still. Als sie näher ans Land kamen,
+begegneten ihnen Fischer, die ihre Netze auf die Nacht auswerfen
+wollten. Sie riefen Antonino an und neckten Laurella. Keins sah auf
+oder erwiderte ein Wort.
+
+Die Sonne stand noch ziemlich hoch über Procida (5), als sie die
+Marine erreichten. Laurella schüttelte ihr Röckchen, das fast völlig
+überm Meer getrocknet war und sprang ans Land. Die alte spinnende
+Frau, die sie schon am Morgen hatte abfahren sehn, stand wieder auf
+dem Dach. Was hast du an der Hand, Tonino? rief sie hinunter. Jesus
+Christus, die Barke schwimmt ja in Blut.
+
+{ed. (5) Kleine Insel bei Neapel }
+
+'s ist nichts, Commare (2), erwiderte der Bursch. Ich riß mich an
+einem Nagel, der zu weit vorsah. Morgen ist's vorbei. Das
+verwünschte Blut ist nur gleich bei der Hand, daß es gefährlicher
+aussieht, als es ist.
+
+{ed. (6) Gevatterin }
+
+Ich will kommen und dir Kräuter auflegen, Comparello (7). Wart, ich
+komme schon!
+
+{ed. (7) Gevatterchen }
+
+Bemüht Euch nicht, Commare. Ist schon alles geschehn und morgen
+wird's vorbei sein und vergessen. Ich habe eine gesunde Haut, die
+gleich wieder über jede Wunde zuwächst.
+
+Addio, sagte Laurella, und wandte sich nach dem Pfad, der hinaufführt.
+
+Gute Nacht! rief ihr der Bursch nach, ohne sie anzusehn. Dann trug
+er das Gerät aus dem Schiff und die Körbe dazu, und stieg die kleine
+Steintreppe zu seiner Hütte hinauf.
+
+
+
+Es war keiner außer ihm in den zwei Kammern, durch die er nun hin und
+her ging. Zu den offnen Fensterchen, die nur mit hölzernen Läden
+verschlossen werden, strich die Luft etwas erfrischender herein, als
+über das ruhige Meer, und in der Einsamkeit war ihm wohl. Er stand
+auch lange vor dem kleinen Bilde der Mutter Gottes, und sah die aus
+Silberpapier daraufgeklebte Sternenglorie andächtig an. Doch zu
+beten fiel ihm nicht ein. Um was hätte er bitten sollen, da er
+nichts mehr hoffte.
+
+Und der Tag schien heute stillzustehn. Er sehnte sich nach der
+Dunkelheit, denn er war müde, und der Blutverlust hatte ihn auch mehr
+angegriffen, als er sich gestand. Er fühlte heftige Schmerzen an der
+Hand, setzte sich auf einem Schemel und löste den Verband. Das
+zurückgedrängte Blut schoß wieder hervor, und die Hand war stark um
+die Wunde angeschwollen. Er wusch sie sorgfältig und kühlte sie
+lange. Als er sie wieder vorzog, unterschied er deutlich die Spur
+von Laurellas Zähnen. Sie hatte recht, sagte er. Eine Bestie war
+ich und verdien es nicht besser. Ich will ihr morgen ihr Tuch durch
+den Giuseppe zurückschicken, denn mich soll sie nicht wiedersehn.
+--Und nun wusch er das Tuch sorgfältig und breitete es in der Sonne
+aus, nachdem er sich die Hand wieder verbunden hatte, so gut er's mit
+der Linken und den Zähnen konnte. Dann warf er sich auf sein Bett
+und schloß die Augen.
+
+Der helle Mond weckte ihn aus einem halben Schlaf, zugleich der
+Schmerz in der Hand. Er sprang eben wieder auf, um die pochenden
+Schläge des Bluts in Wasser zu beruhigen, als er ein Geräusch an
+seiner Tür hörte. Wer ist da? rief er und öffnete. Laurella stand
+vor ihm.
+
+Ohne viel zu fragen trat sie ein. Sie warf das Tuch ab, das sie über
+den Kopf geschlungen hatte und stellte ein Körbchen auf den Tisch.
+Dann schöpfte sie tief Atem.
+
+Du kommst, dein Tuch zu holen, sagte er, du hättest dir die Mühe
+ersparen können, denn morgen in der Früh hätte ich Giuseppe gebeten,
+es dir zu bringen.
+
+Es ist nicht um das Tuch, erwiderte sie rasch. Ich bin auf dem Berg
+gewesen, um dir Kräuter zu holen, die gegen das Bluten sind. Da!
+Und sie hob den Deckel vom Körbchen.
+
+Zu viel Mühe, sagte er, und ohne alle Herbigkeit, zu viel Mühe. Es
+geht schon besser, viel besser, und wenn es schlimmer ginge, ging es
+auch nach Verdienst. Was willst du hier um die Zeit? Wenn dich
+einer hier träfe, du weißt, wie sie schwatzen, obwohl sie nicht
+wissen, was sie sagen.
+
+Ich kümmere mich um keinen, sprach sie heftig. Aber die Hand will
+ich sehen und die Kräuter darauf tun, denn mit der Linken bringst du
+es nicht zustande.
+
+Ich sage dir, daß es unnötig ist.
+
+So laß es mich sehen, damit ich's glaube.
+
+Sie ergriff ohne weiteres die Hand, die sich nicht wehren konnte, und
+band die Lappen ab. Als sie die starke Geschwulst sah, fuhr sie
+zusammen und schrie auf: Jesus Maria!
+
+Es ist ein bißchen aufgelaufen, sagte er. Das geht weg in einem Tag
+und einer Nacht.
+
+Sie schüttelte den Kopf: So kommst du in einer Woche lang nicht aufs
+Meer.
+
+Ich denke, schon übermorgen. Was tut's auch.
+
+Indessen hatte sie ein Becken geholt und die Wunde von neuem
+gewaschen, was er litt wie ein Kind. Dann legte sie die heilsamen
+Blätter des Krauts darauf, die ihm das Brennen sogleich linderten und
+verband die Hand mit Streifen Leinwand, die sie auch mitgebracht
+hatte.
+
+Als es getan war, sagte er: Ich danke dir. Und höre, wenn du mir
+noch einen Gefallen tun willst, vergib mir, daß mir heut so eine
+Tollheit über den Kopf wuchs und vergiß das alles, was ich gesagt und
+getan habe. Ich weiß selbst nicht, wie es kam. Du hast mir nie
+Veranlassung dazu gegeben, du wahrhaftig nicht. Und du sollst schon
+nichts wieder von mir hören, was dich kränken könnte.
+
+Ich habe dir abzubitten, fiel sie ein. Ich hätte dir alles anders
+und besser vorstellen sollen und dich nicht aufbringen durch meine
+stumme Art. Und nun gar die Wunde-Es war Notwehr und die höchste
+Zeit, daß ich meiner Sinne wieder mächtig wurde. Und wie gesagt, es
+hat nichts zu bedeuten. Sprich nicht von Vergeben. Du hast mir
+wohlgetan, und das dank ich dir. Und nun geh schlafen und da--da ist
+auch dein Tuch, daß du's gleich mitnehmen kannst.
+
+Er reichte es ihr, aber sie stand noch immer und schien mit sich
+selbst zu kämpfen. Endlich sagte sie: du hast auch deine Jacke
+eingebüßt um meinetwegen; und ich weiß, daß das Geld für die Orangen
+darin steckte. Es fiel mir alles erst unterwegs ein. Ich kann dir's
+nicht so wieder ersetzen, denn wir haben es nicht, und wenn wir's
+hätten, gehört' es der Mutter. Aber da hab ich das silberne Kreuz,
+das mir der Maler auf den Tisch legte, als er das letzte Mal bei uns
+war. Ich hab es seitdem nicht angesehn und mag es nicht länger im
+Kasten haben. Wenn du es verkaufst, es ist wohl ein paar Piaster
+wert, sagte damals die Mutter, so wäre dir dein Schaden ersetzt, und
+was fehlen sollte, will ich suchen mit Spinnen zu verdienen, nachts,
+wenn die Mutter schläft.
+
+Ich nehme nichts, sagte er kurz und schob das blanke Kreuzchen zurück,
+das sie aus der Tasche geholt hatte.
+
+Du mußt's nehmen, sagte sie. Wer weiß, wie lang du mit dieser Hand
+nichts verdienen kannst. Da liegt's und ich will's nie wieder sehn
+mit meinen Augen.
+
+So wirf es ins Meer.
+
+Es ist ja kein Geschenk, was ich dir mache; es ist nicht mehr, als
+dein gutes Recht und was dir zukommt.
+
+Recht? Ich habe kein Recht auf irgendwas von dir. Wenn du mir
+später einmal begegnen solltest, tu mir den Gefallen und sieh mich
+nicht an, daß ich nicht denke, du erinnerst mich an das, was ich dir
+schuldig bin. Und nun gute Nacht, und laß es das Letzte sein.
+
+Er legte ihr das Tuch in den Korb und das Kreuz dazu und schloß den
+Deckel darauf. Als er dann aufsah und ihr ins Gesicht, erschrak er.
+Große schwere Tropfen stürzten ihr über die Wangen. Sie ließ ihnen
+ihren Lauf.
+
+Maria Santissima! rief er, bist du krank? Du zitterst von Kopf bis
+Fuß.
+
+Es ist nichts, sagte sie. Ich will heim! Und wankte nach der Tür.
+Das Weinen übermannte sie, daß sie die Stirn gegen den Pfosten
+drückte und nun laut und heftig schluchzte. Aber eh' er ihr nach
+konnte, um sie zurückzuhalten, wandte sie sich plötzlich um und
+stürzte ihm an den Hals.
+
+Ich kann's nicht ertragen, schrie sie und preßte ihn an sich, wie
+sich ein Sterbender ans Leben klammert, ich kann's nicht hören, daß
+du mir gute Worte gibst und mich von dir gehen heißest mit all der
+Schuld auf dem Gewissen. Schlage mich, tritt mich mit Füßen,
+verwünsche mich!--oder, wenn es wahr ist, daß du mich lieb hast, noch,
+nach alle dem Bösen, das ich dir getan habe, da nimm mich und
+behalte mich und mach mit mir, was du willst. Aber schick mich nicht
+so fort von dir!--Neues heftiges Schluchzen unterbrach sie.
+
+Er hielt sie eine Weile sprachlos in den Armen. Ob ich dich noch
+liebe? rief er endlich. Heilige Mutter Gottes, meinst du, es sei all
+mein Herzblut aus der kleinen Wunde von mir gewichen? Fühlst du's
+nicht da in meiner Brust hämmern, als wollt' es heraus und zu dir?
+Wenn du's nur sagst, um mich zu versuchen oder weil du Mitleiden mit
+mir hast, so geh und ich will auch das noch vergessen. Du sollst
+nicht denken, daß du mir's schuldig bist, weil du weißt, was ich um
+dich leide.
+
+Nein, sagte sie fest und sah von seiner Schulter auf und ihm mit den
+nassen Augen heftig ins Gesicht, ich liebe dich, und daß ich's nur
+sage, ich hab es lange gefürchtet und dagegen getrotzt. Und nun will
+ich anders werden, denn ich kann's nicht mehr aushalten, dich nicht
+anzusehn, wenn du mir auf der Gasse vorüberkommst. Nun will ich dich
+auch küssen, sagte sie, daß du dir sagen kannst, wenn du wieder in
+Zweifel sein solltest: Sie hat mich geküßt, und Laurella küßt keinen,
+als den sie zum Manne will.
+
+Sie küßte ihn dreimal und dann machte sie sich los und sagte: Gute
+Nacht, mein Liebster! Geh nun schlafen und heile deine Hand, und geh
+nicht mit mir, denn ich fürchte mich nicht, vor keinem, als nur vor
+dir.
+
+Damit huschte sie durch die Tür und verschwand in den Schatten der
+Mauer. Er aber sah noch lange durchs Fenster, aufs Meer hinaus, über
+dem alle Sterne zu schwanken schienen.
+
+
+
+Als der kleine Padre Curato das nächste Mal aus dem Beichtstuhl kam,
+in dem Laurella lange gekniet hatte, lächelte er still in sich hinein.
+Wer hätte gedacht, sagte er bei sich selbst, daß Gott sich so
+schnell dieses wunderlichen Herzens erbarmen würde. Und ich machte
+mir noch Vorwürfe, daß ich den Dämon Eigensinn nicht härter bedräut
+hatte. Aber unsere Augen sind kurzsichtig für die Wege des Himmels.
+Nun so segne sie der Herr und lasse mich's erleben, daß mich
+Laurellas ältester Bube einmal an seines Vaters Statt über Meer führt.
+Ei ei ei! l'Arrabbiata!
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes L'Arrabbiata von Paul Heyse.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of L'Arrabbiata, by Paul Heyse
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK L'ARRABBIATA ***
+
+This file should be named 7858-8.txt or 7858-8.zip
+
+Produced by Juliet Sutherland and Mike Pullen
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
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+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
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+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
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+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
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