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Schreibweise und Interpunktion des +Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler +sind stillschweigend korrigiert worden. + +Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt +worden: + + ~gesperrt gedruckter Text~, +antiqua gedruckter Text+ + +Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt. + +####################################################################### + + Der + Hochlandspfarrer + + Von Ingeborg Maria Sick + + Berechtigte Übersetzung aus + dem Dänischen von + Pauline Klaiber + + + [Illustration] + + + Sechzehnte Auflage + + [Illustration] + + + 1 · 9 · 2 · 1 + + Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart + + + [Illustration] + + Gedruckt in Stuttgart + bei ~J. F. Steinkopf~ + + + + + Inhaltsverzeichnis. + + + Seite + In die Ferne 5 + Der Pfarrer von Li 27 + Das dänische Fräulein 79 + Hinauf 227 + + + + + In die Ferne + + + + + [Illustration] + + +Weit droben im Hochgebirge von Norwegen liegt das ferne, einsame +Kirchspiel Li. + +Ich wünschte, ich könnte sagen: »Komm und folge mir dahin auf +raschen Flügeln, mit dem blitzschnellen Flug des Schneehuhns!« Ein +Flügelrauschen, und wir wären da! + +Denn sonst wirst du am Ende umkehren wollen, ehe der halbe Weg +zurückgelegt ist. + +Zuerst müssen wir nach Trondheim. Und von da geht es »in aller +Herrgottsfrühe« hinaus und hinein in die Fjorde, mehrere Stunden lang, +hinauf, aber auch hinab. Denn der kleine Dampfer schwankt wie ein +Betrunkener auf den schäumenden Wogen dahin, bis er endlich in Stenkjer +anlegt. + +Das enge Städtchen inmitten einer großartig schönen Umgebung +überspringen wir und fahren sogleich mit dem Postwagen in nördlicher +Richtung weiter und weiter, bis wir endlich in den langen Abendschatten +das Wasser der Snaasenbucht zu unseren Füßen durch die Tannen schimmern +sehen. Dann geht es wieder an Bord eines noch kleineren Dampfers als am +Morgen und nun auf den friedlichen Wellen des Gebirgsees weiter bis zum +späten Abend. + +Während der Fahrt drängen sich plötzlich die wenigen Reisenden auf dem +Verdeck zusammen. »Ein Elch! Ein Elch!« Draußen, mitten auf dem Wasser +schwimmt ein großer Elch, der sein riesiges, graues Maul mit weit +aufgeblasenen, schnaubenden Nüstern hoch über die Wogen erhebt. + +Bei Sonnenuntergang taucht am Ende des Wassers weiß und ruhig der +Wegsethof auf. + +Wir gehen ans Land; und während der kleine Dampfer sich entfernt, +indem er das letzte Rauschen des Weltlärms weit, weit mit sich +wegführt, ist hier ein großartiges, merkwürdig stilles Naturreich, das +uns umschließt. + +Wir übernachten auf dem Hof, und am nächsten Tage ziehen wir weiter mit +dem Skjuts,[1] dem norwegischen zweirädrigen Postwagen. + +[Footnote 1: Sprich Schüts.] + +Durch Tannenwälder geht es, hohen Felswänden entlang, wo kletternde +Linneen und St. Olafslichter wachsbleich und schön unter glänzenden +Tautropfen duften. + +Der Morgen verwandelt sich in einen heißen, strahlenden Mittag -- und +noch immer rollt unser Wagen durch diese stumme, wie traumbefangene +Schönheit dahin, wo wir nicht einem einzigen Menschen begegnen. Nur +weiße »Bergfrauen« winken uns aus jeder Felsenspalte, wo nur immer sie +Fuß zu fassen vermocht hatten. + +Höchstens alle vier Stunden taucht ein einzelner Hof zwischen den +Tannen auf, eine menschliche Oase mitten in der Wüste der Einsamkeit, +wo unserer warten -- nicht Dattelpalmen und Quellwasser, sondern +Rauchfleisch, Fladenbrot und dicke Milch, mit der wir kaum fertig +werden, bis wir wieder weiter müssen. + +Sie sagen alle »du« zu uns, -- ich meine, die Bewohner der Höfe und +unser Postillion; sonst sehen wir niemand. + +Gegen Nachmittag wird unser Postknecht redselig. Den ganzen Morgen ist +er wortkarg gewesen; aber nun scheint es, als ob ein gewisses lauerndes +Mißtrauen gegen unsere Fragen von ihm gewichen sei, und wir erfahren +vielerlei, das wir uns allmählich klar zu machen suchen. + +Ola heißt er, -- Ola Klövigaarden. + +Wir fragen ihn, ob sich keine Elfen oder Kobolde in dieser Gegend +aufhalten. Wir sagen, es komme uns hier so vor, als könne es allerhand +Erscheinungen geben. + +Zuerst will er nichts davon wissen. Dann aber deutet er plötzlich auf +einen großen Felsblock, der sich hoch oben über einen einsamen Hof +hinausbeugt, und sagt, da drin habe das Elfenvolk sein Schloß. Wenn man +oben auf dem Felsen stehe, könne man in ein tiefes Loch hinabsehen. Das +sei der Eingang. Und wenn man etwas da hinunterwerfe, ein Tuch oder +sonst etwas, so werde es einem gleich wieder zurückgeschleudert. Aber +niemand solle ihm weismachen wollen, daß das vom Luftzug komme. Und wer +könnte es denn sein, der dann gleichzeitig da unten lache? + +Und seine Großmutter, die sich auf den Hof dort verheiratet habe, sei +einmal als junge Frau ganz allein zu Hause gewesen. Da sei plötzlich +unter der Tür des Vorratshauses, wo sie eben Mehl holen wollte, einer +gestanden und habe gesagt, daß die Waldfrau drinnen im Felsen in +Kindsnöten liege. + +Die Großmutter habe sich gefürchtet, nein zu sagen, aber eben so große +Angst habe sie vor dem Mitgehen gehabt. Da sei ihr eingefallen, daß es +Christenpflicht sei, zu helfen. Und da sei sie mitgegangen, hinunter +durch das schwarze Loch in den Felsen hinein. Da drinnen habe die +Ärmste gelegen, und die Großmutter habe ihr geholfen aus schwerer Not. +Aber als sie dann durch die Felsenkuppe wieder herauskam, habe neben +ihr eine scheckige Kuh gestanden, die ihr nach dem Hofe gefolgt sei. +Das sei der Dank der Waldleute gewesen. Und bis auf den heutigen Tag +gebe es scheckige Kühe auf dem Hof. Jeder könne hingehen und es sehen. + +Wir fragten ihn, ob er nicht noch mehr wisse. Nein, sagte er, sonst +wisse er nichts mehr. + +Kurz nachher aber begann er wieder: Doch ja; damals, als sein Vater +da droben »gehütet« habe, da habe er, ohne an etwas Böses zu denken, +plötzlich ein graues Männchen mitten unter den Ziegen stehen sehen, und +als er hinging und es fragte, woher es komme, -- da sei es plötzlich +»weg« gewesen. Aber den ganzen Tag habe man den Ziegen nicht nahe +kommen dürfen, so verscheucht seien sie gewesen. -- -- -- + +Der Abend bricht an, und da halten wir vor dem Nynäshof. Dieser liegt +dicht am Weg an den Felsen angelehnt. Und jenseits des Wegs zieht der +Fluß rauschend dahin. Dann ragen wieder Felswände auf -- mitten aus +dem brausenden Strom heraus. Denn eng ist das Tal und düster durch +die überhängenden Tannen, die auf den zu beiden Seiten aufsteigenden +Felswänden wachsen. + +Die meisten der Bewohner des Hofs sind »aus«, auf der Alm mit den +Kühen, wie Ola erklärt. Nur die Frau und ein junger Bursche sind +zufälligerweise daheim und können uns eine Lagerstätte anweisen. + +Die Gastbetten -- vier an der Zahl -- stehen in einem Raum neben der +großen Spinnstube, die im Sommer öde und verlassen ist. + +Gebrauchte Bettücher, Elentierfelle als Decken, und Türen, die man +nicht verriegeln kann, -- weder die von der Stube nach der Treppe, +noch die von der Treppe ins Freie -- drohen im ersten Augenblick, uns +den Schlaf zu verscheuchen. Aber die Müdigkeit nach dem vielstündigen +Rütteln im Postwagen über Stock und Stein bekommt die Oberhand. + +Um Mitternacht kehrt das Bewußtsein plötzlich zurück mit dem Gefühl, +daß alle Spinnrädchen in der Spinnstube nebenan anfangen zu schnurren +-- -- -- schnurren -- -- -- + +Und es ist einem, als ob man hinter den schwirrenden Rädchen alle +verstorbenen Mädchen und Frauen des Hofs sitzen sehen müsse, wenn man +dort hineinlugte, und die nickten einem zu, -- bis man entdeckt, daß es +nur der Fluß ist, der so nahe braust, so unglaublich nahe; es ist, als +ziehe er einem mitten durch den Kopf. + +Und man hat das Gefühl, als könne von Schlaf keine Rede mehr sein, so +lange dieser Ton anhält, -- -- -- bis einen das Rauschen und Schnurren +schließlich doch wieder einlullt. -- + +Der nächste Tag ist der anstrengendste der ganzen Reise. Zuerst wieder +im Postwagen drei bis vier Stunden in gleichmäßigem Steigen längs der +Felswand, den Fluß tief unter uns. Dann zieht dieser seines Weges, wir +gehen den unserigen, bis unser Pfad an dem »steilen Felsen« aufhört, wo +wir vom Wagen steigen und uns mit einem »Schönen Dank!« und »Adieu!« +von Ola verabschieden. + +Nun beginnt die Fußwanderung. Der Führer geht mit unserem Koffer auf +der Schulter voran. Hinauf, hinauf. + +Es führt jetzt ein Pfad über die Felsen, der meistens recht leicht +erkennbar ist, -- aber auch die alten »Warten« stehen noch da von den +Tagen her, wo sie die einzigen Wegweiser in dieser Höhe gewesen sind. +-- -- + +Nachdem wir ein paar Stunden gewandert sind, hält der Führer plötzlich +an und betrachtet aufmerksam den Boden zu seinen Füßen. + +»Bären,« sagt er und richtet den Kopf mit einer jähen Bewegung auf, die +für unsern Koffer beinahe verhängnisvoll wird. + +Quer über den Weg laufen frische Bärenspuren .... + +Blitzschnell spähen unsere Blicke nach allen Seiten. Die Tannen sind +hier ganz nieder und wachsen nur zerstreut, -- Steine, Zwergbirken und +Wacholderbüsche bedecken abwechslungsweise die Abhänge, so daß wir +weit umherschauen können. Aber Meister Petz ist nirgends zu sehen. Der +Führer meint, er habe sich in das entfernte Tannendickicht auf der +linken Seite, hinter dem sich der Fluß versteckt, zurückgezogen. + +Trotzdem -- ganz sicher fühlen wir uns nicht. Und als es plötzlich in +dem niederen Wacholdergebüsch zur Rechten raschelt, bleiben wir atemlos +und mit bleichen Gesichtern stehen, während ein Flug Schneehühner in +brauner Sommertracht dicht am Boden über den Pfad hinstreicht. + +Nachdem die erste halbe Stunde verflossen ist, können wir doch unserer +Ängstlichkeit Herr werden und uns nun das Erhabene unserer Lage ganz zu +eigen machen. + +An einer Biegung des Wegs stoßen wir auf einen eingezäunten Weideplatz +mit einer niederen, langgestreckten Sennhütte. Die Sennerin steht unter +der Türe, und bei ihr trinken wir frisch gemolkene, schäumende Milch +von würzig frischem Geschmack. + +Wir erkundigen uns, ob sie nichts von dem Bären gesehen habe. + +Jawohl, sagt sie, beinahe die ganze Nacht seien Männer hinter ihm her +gewesen. Gestern noch habe er ein schwarzes Kälbchen geraubt. + +Auf dem höchsten Punkt, mitten in der öden, steinigen Gebirgsgegend, +bleibt der Führer stehen und sagt: »Dort sind die drei Wasser von Li.« + +Und draußen in der Ferne sehen wir durch wogende Nebel hindurch etwas +leuchten. Etwas, das Tauperlen in einem Schleier gleicht, so kommt es +uns vor. + +Das sind die drei Wasser, über die wir hinüber müssen, ehe wir den +Pfarrhof erreichen. + +Wir fragen den Führer, ob er glaube, daß wir in dieser Nacht noch +hingelangen könnten. + +Er glaubt es nicht. Es ist jetzt zwei Uhr nachmittags. + +Nun beginnt der Abstieg; an manchen Stellen geht es jäh hinab. Es geht +rasch, manchmal allzu rasch. + +Die Kiefern zeigen sich wieder, sowie einzelne schwache Versuche, +Laubbäume vorzustellen. + +Der Pfad wird ebener und etwas breiter. Aber jetzt sind die Füße wund +und die Gedanken müde. Wir fühlen keine Linderung, während wir gehen +und immer weiter gehen. + +Dann durchschneidet ein Sturzbach unsern Weg mit zorniger, brausender +Abwehr. + +Ein paar Kiefernstämme sind über den Bach gelegt und bilden eine nicht +ganz sichere Brücke, auf der wir über die Tiefe schwanken. + +Zwischen den steilen feuchten Steinen am Bachesrand wachsen ganz lichte +und schleierzarte junge Birken. + +Eine davon neigt sich geknickt über den funkelnden Schaum der Tiefe. + +Sie hat ihre Geschichte, diese Birke. + +Während du weiter gehst und deine Gedanken sich mit deinen müden Füßen +im Takt bewegen, tönt ihre Geschichte dir nach -- -- sie läßt dich +nicht los -- -- bildet sich zu Versen -- die du einfangen mußt -- +gleichsam Schritt für Schritt. + + Wo der Strom sich stürzt von der Felsenwand, + Mit lichtem Haare die Birke stand. + + Sie starrt in des Wasserfalls tosende Hast + Und neiget die Krone, vom Schwindel erfaßt. + + Das tobende Wunder ergreift sie so stark, + Voll Sehnen erbebt sie im innersten Mark -- + + Nur einmal vom Schaume so weiß und rein + Voll stürmischer Liebe umfangen zu sein. + + Ach könnte den Fuß sie sich lösen frei, + Dann würden die Winde ihr stehen bei! + + Sie müht sich, -- der Wind ihr die Arbeit kürzt, -- + Gebrochen die Birke zu Boden stürzt. + + * * * * * + + Ich zog einst zu Berg am sonnigen Tag, + Da welkend die Birke am Felsen lag. + + Nicht war sie gestürzt in der Wogen Schwall, + Obwohl ihre Wurzel gebrochen im Fall. + + Noch sterbend streckt sie die Arme aus + Nach dem nimmer erreichten Wogengebraus. + + Und doch, vielleicht war sie glücklich und froh, + Es flüsterten leise die Blätter mir so: + + »Und könnt' um Handbreit' nur näher ich sein + Des brausenden Wunders blendendem Schein, + + Und kühlte auch nur mich in letzter Stund + Der perlende Geist aus des Wasserfalls Schlund, + + Nicht tauschte ich, welkend, die Todespein, + Für Leben und blüh'nde Gesundheit ein. + + Du scheinst mir arm, ob auch frisch und gesund, + Gesegnet sei mir meine Herzenswund!« + + -- Der Armen am Felsen Gott gnädig sei -- + Und dem, der wandert so rüstig vorbei! + +Der Führer begleitet uns bis an das erste Wasser, das wir gegen Abend +erreichen. + +Das erste Wasser ist blau und leicht gekräuselt, mit kleinen, +schaumgekrönten Wellen, die wie im Spiel miteinander auf- und abwogen +-- wie Kinderköpfchen im Sonnenschein. + +In dem großen roten Bauernhof, nicht weit vom Wasser entfernt, kocht +man für uns Kaffee und backt Pfannkuchen. + +Wir fragen, ob man uns über das Wasser rudern könne. + +Ja, wenn ein Mann mit einem Boot da sei, lautet die Antwort. + +Wir gehen ans Wasser. Es ist ein Mann mit einem Boot da; und wir haben +das unbestimmte Gefühl, daß der See der blaue Tanganjika und der Mann +Livingstone, wir aber Stanley seien, der durch ein Wunder gerade den +fand, den er suchte. + +Er ist auf dem Heimweg, der Mann, und muß nur über das erste Wasser; +aber er geht doch darauf ein, uns auch noch über das zweite zu rudern. + +So fahren wir also hinüber, während das Wasser unaufhörlich an unser +Boot plätschert und all die blinkenden blauen Wellen miteinander sich +uns als einer willkommenen Unterbrechung der Einförmigkeit des Daseins +zu nähern suchen. + +Wir fragen den Mann, wie lang der Winter in dieser Gegend währe. Er +antwortet, daß er am siebzehnten Mai noch zu Fuß über den See gegangen +sei. + +Wie merkwürdig, sich all diese kleinen lebenslustigen Wogen bis zum +Freiheitstag hinter dem erdrückenden Gefängnistor des Eises eingesperrt +zu denken! + +Der Mann fragt, wohin die Reise gehe. + +»Nach Nord-Li; ins Pfarrhaus.« + +Er nickt. »Ach so -- zu ihm, dem Pfarrer,« sagt er, zeigt aber keine +Lust, weiter zu fragen, und auch keine, gefragt zu werden, und so +unterlassen wir es. + +Wir erreichen das Ufer und ziehen das Boot mit vieler Mühe über eine +schmale Landstrecke zum zweiten Wasser hin. + +Das zweite Wasser ist schwarz und abgeschlossen, als hätte es alle +Schwermut der tannenbekleideten Ufer und die tiefe Stille der +Einsamkeit in sich hineingesaugt. Schwer und tot ruht es rings um unser +Boot, kaum kann es durch die Ruderschläge zum geringsten Laut geweckt +werden; es sitzt gleichsam in sich selbst versunken, vornübergebeugt +da und starrt in seine eigene, grundlose Tiefe hinab, in endloser +Betrachtung eines Geheimnisses, das niemand mit ihm teilen kann. + +In merkwürdig gedrückter Stimmung gelangen wir hinüber. + +»So jetzt,« sagt der Mann, »jetzt einfach gerade aus übers Moor, bis du +das dritte Wasser siehst. Wo das Moor endet, da beginnt das Wasser.« + +Dann gleitet er zurück in seinem Boot. + +Geradeaus übers Moor ...... Ja, das geht schon. Das heißt, -- zur Not. +Und nicht geradeaus. + +Hinein und hinaus geht es -- mit schwappenden Lauten und schwankendem +Grund, dann auf etwas festerem Erdreich mit Tannen und niederen Birken +wie kleinen Inseln. + +Dann wieder hinaus auf schwankendes Moor, wo das klare Wasser leise in +deine Fußstapfen rieselt .... + +Aber das Moor, wo endet es? + +Ja, in deinen müden Gedanken dreht sich diese Frage im Kreise herum, +bis eine lange Stunde vergangen ist. + +Und dann, -- während du entdeckst, daß es sich noch immer gleich +unermeßlich vor dir ausdehnt, -- da weißt du es: das Moor, -- es geht +bis ans Ende der Welt! Und wo es aufhört, -- -- da ist das äußerste +Meer. + +Und du selbst gehst auch bis ans Ende der Welt, während es unter deinen +Füßen rieselt, während ein Meer von weißen Multenblüten[2] rings um +dich herwogt. + +[Footnote 2: Multe = gelbe Berghimbeere.] + +Du gehst und gehst, während die Sonne, müde von ihrem fast +vierundzwanzigstündigen Tag, endlich wie eine rote Fackel hinter den +Höhen im Norden erlischt. + +Und nun ist es dir, als ob du nicht weiter könntest, als ob es mit dir +zu Ende sei, lange, lange, ehe das Ende des Moors erreicht ist. + +Und es liegt ein gewisses müdes Behagen in dem Gedanken, daß es weiße +Blüten genug habe, das Moor, um dich zuzudecken, da wo du zu Boden +sinken mußt, -- -- daß es weiße Blüten hat -- -- -- immer mehr weiße +Blüten -- um noch den zuzudecken -- -- und jenen -- -- und alle, die du +kennst, und von denen du etwas weißt -- -- alle, die auf dem Wege sind +wie du -- ans Ende der Welt. + +Dann kommst du an einen Hügel, -- du kannst dich kaum hinaufschleppen. +Ein Hügel, der dunkel ist von rauschenden Tannen ... + +Die schlanken Stämme weichen wie auf Verabredung plötzlich zurück ... +Und du trittst hinab ans äußerste Meer. + +Nein, das dritte Wasser gleitet zu dir heran und legt seine glänzende, +silberhelle Fläche um dein müdes Bild -- wie eine beruhigende Umarmung. + +Und in demselben Augenblick ist nichts mehr da, was wehe tut, weder in +deinen Gedanken noch an deinen Füßen. + +Ein Boot ist da -- aber kein Fährmann ... Und du weißt nicht, woher es +kam, oder wie du hineinkamst. + +Aber du gleitest dahin. -- Du gleitest über die glänzende silberhelle +Fläche ... Und auf einmal weißt du es: Hier ist es, wo sie geboren +wird, die helle Nacht. + +Die helle Mitternacht, die weißlich auf all den abgerundeten Bergkämmen +zittert, -- hier erhebt sie sich. + +Dieser geschliffene, glänzende Spiegel ist es, den das Hochgebirge zum +Himmel aufhebt, dieser Spiegel, der den Tag einsaugt und den Abglanz +der Sonne zurückwirft, -- wenn die goldene Kugel untergegangen ist, -- +um die ganze weite Wölbung, die die Erde umspannt, zu erleuchten. + +Du weißt nicht, wie du hinüberkommst über all dies flüssige Silber, das +mit einem eigenen kristallhellen Ton leise vor deinem Boot +zurückweicht. + +Du weißt nicht, wie es zugeht, daß du dich an einem grünen Uferrand +befindest, der jäh zu einem niederen Haus aufsteigt -- mit dunklen +Kiefern im Hintergrund und etwas Weißem und Schlankem daneben, -- wie +ein Kirchturm, der sich vertrauensvoll an die Felswand lehnt. + +Du hörst die andern sagen, vom Pfarrhaus aus müsse jemand gesehen +haben, daß um die Mitternacht ein Boot auf dem Wasser war, und der +müsse die Pächtersleute geweckt und alles zur Ankunft vorbereitet +haben, denn mehrere Leute kommen ans Ufer herab. -- -- Aber du +verstehst die Worte nicht. + +Es ist dir, als ob die weiche Uferlinie, die sich dir +entgegengestreckt, nur einen Namen haben könne: Jenseits. -- Jenseits, +wo alle irdische Art und Weise aufhört. + +Aber in dem Augenblick, wo das Boot mit einem letzten Plätschern ans +Ufer gleitet, wirst du auf dem Sand dort eine Gestalt gewahr, hoch und +dunkel wie ein Bote der ersten dunkeln Nacht mitten in all dem +Leuchten. + +Und da wirst du dir bewußt, daß du das Ziel deiner mühseligen, weiten +Pilgerfahrt erreicht hast, den einsamen Pfarrer da oben zwischen den +fernen Bergen. + + [Illustration] + + + + + Der Pfarrer von Li + + + + + [Illustration] + + +In dem Pfarrhof am Ufer, das jäh aus dem großen Wasserspiegel +aufsteigt, wohnt der Pfarrer. Allein -- ganz allein. Die Zimmer in dem +langen, hellangestrichenen Holzgebäude hallen von seinen Fußtritten +wider. So hat er es selbst gewollt, als er, ein noch junger Mann von +etwas über dreißig Jahren, hierherkam. Und so ist es noch immer. + +Hier, wie an allen solchen abgelegenen Orten, pflegen die Pfarrer nicht +lange zu bleiben; in der Regel nur fünf Jahre. + +Aber als diese Zeit verflossen war, meldete sich dieser Pfarrer nicht +weg. Ruhig blieb er, bis noch weitere fünf Jahre zu den ersten gekommen +waren. Und seither ist wieder ein Jahr vergangen, und noch eines, und +er ist schon in der Mitte des dritten, also dem dreizehnten, seit er +herauf kam. + +So lange ist vor ihm noch nie einer dagewesen. Die Frau des vorigen +Pfarrers sagte, daß die Stelle am besten nur für junge Leute passe, die +jedes Jahr ein Kind bekämen. Denn wenn man nicht dafür sorgte, den Ort +zu bevölkern, so könnte man vor Einsamkeit verrückt werden. + +Er wurde nicht verrückt. Aber man hätte glauben können, daß er es +gewesen sei, als er hier herauf kam, so sonderbar richtete er sich ein. +Und so düster und schwermütig, wie er ausgesehen hatte! + +In dem Haus rechts von dem Hauptgebäude wohnen die Pächtersleute mit +dem Küster, die einzigen andern Menschen, die sich an dem Ort befinden. + +Der Pfarrer übertrug der Pächtersfrau sogleich seine ganze Haushaltung. +Sie, Kari, konnte diese leicht mit übernehmen. Den Verhältnissen +angemessen ist sie hier nicht sehr umständlich. + +Milch, Sahne und Eier hat man genug; sein Brot backt man sich selbst. +Seine Waren werden einem einmal im Jahr zugeschickt. Fische, herrliche +Forellen erhält man im Sommer aus dem See; selbstverständlich lebt +man viel von gesalzenem und geräuchertem Fleisch, aber dazwischen +schlachtet man auch, so daß man frisches Fleisch hat; um die +Weihnachtszeit einen Ochsen, der in dem rotangestrichenen Vorratshaus +aufgehängt wird, wo er sogleich gefriert, so daß man bis weit in den +Mai hinein frisches Fleisch essen kann. Wildbret bietet zuzeiten auch +manchen Hochgenuß; Schneehühner, Haselhühner und Auerhahn gibt es in +Menge; Bärenfleisch und Rentierbraten gehören nicht zu den +Seltenheiten. + +Die Pächtersleute hielten einen Knecht und eine Magd und hatten +selbst zwei Töchterchen mit runden, sonnverbrannten, von weißlichem +an der Sonne gebleichtem Haar umgebenen Gesichtern, die allmählich +heranwuchsen und der Mutter flinke Hände zum Mitangreifen bekamen. +Von ihrem vierzehnten Jahr an konnte Sigrid, die älteste von ihnen, +beinahe ausschließlich die Bedienung des Pfarrers übernehmen. + +Durch die Küche und das Waschhaus haben die Pächtersleute eine +Verbindung mit der Wohnung des Pfarrers, und das Essen wird ihm +hinübergebracht. Er sitzt am Tisch in der großen Eßstube. Allein ... + +Nur im Hochsommer, wo Freunde und Verwandte ab und zu einen +Ferienausflug herauf machen, hat er Tischgenossen. Aber die Gäste +übernachten im Pächterhaus, wo Platz genug ist. Es ist so am +einfachsten wegen der Bedienung. + +Im Pfarrhaus selbst findet sich nur ein Bett außer dem des Pfarrers. +Dies aber ist immer bereit in der Kammer neben seinem Schlafzimmer. +Er sagt, wenn eine wandernde, vielleicht verirrte Seele einmal +in der Nacht anklopfe, so solle das Lager ihrer warten, ohne daß +die Pächtersfamilie aufgescheucht werden müsse, um einer fremden, +vielleicht zweifelhaften Persönlichkeit Obdach zu gewähren. + +Aber die umherstreifende Seele ist in all diesen Jahren in keiner Nacht +gekommen. Und wo sollte sie wohl auch herkommen? -- Hier herauf! -- -- + +Die Zimmer des Pfarrhauses sind groß, und es sind ihrer nicht wenige. +Am Platz ist nicht gespart worden. Sie liegen alle in einer Reihe; die +Fenster gehen auf die große, silberhelle Wasserfläche hinaus mit der +Aussicht auf all die tannenbestandenen, unbewohnten Höhenzüge ringsum. + +Die Zimmer sind spärlich und sehr einfach ausgestattet. Von +einem Pfarrer zum andern bleiben die Möbel stehen, so daß die +neuvermählten Paare, die meistens um diese Stelle einkommen, sich alle +Widerwärtigkeiten mit der Aussteuer sparen können, bis sie wieder +südwärts ziehen. + +Nur sein schönes Harmonium hatte der Pfarrer mitgebracht, -- nicht ohne +große Schwierigkeiten. Aber einen mußte er doch wohl haben, um sich mit +ihm zu unterhalten. Etwas mußte er um sich haben, das die Luft in den +öden Zimmern in eine tönende Bewegung versetzen könnte. + +Er singt oft zu seinem Spiel, aber er spielt doch noch öfters -- +manchmal bis tief in die Nacht hinein. Da vertraut er wohl dem +Instrument einige von den Gedanken an, die er mit niemand teilen kann, +und die das Instrument dann in Harmonien ausspricht. -- -- + +Der Morgen nach unserer nächtlichen Ankunft auf dem Pfarrhof wird mit +Glockentönen begonnen, -- mit schwingenden Glockentönen, die einen auf- +und abschaukeln in einem seligen, halbbewußten Traumzustand, wobei man +ohne eine bestimmte Vorstellung von Zeit und Ort ein unaussprechliches +Gefühl hat von den »Glocken des Himmelreichs, die da läuten für mich«. + +Dann klopft es an der Tür. Die Pächtersfrau tritt ein, und damit nimmt +das Dasein festere Formen an. Sie hat uns sehr lange schlafen lassen, +will aber nun melden, daß der Frühstückstisch bereit stehe, daß die +Kirchenbesucher sich auf dem Wasser gezeigt haben, und daß es zum +erstenmal geläutet habe. + +Obgleich sie sagt, wir müßten uns beeilen mit dem Aufstehen, bleibt +sie doch noch eine Weile stehen und erzählt uns von dem Ort und dem +Pfarrer, das meiste von dem, was eben hier mitgeteilt worden ist. + +In großer Eile ziehen wir uns an, frühstücken auch in demselben Tempo. +Dann geht es hinaus. + +Der Hofplatz ist breit und geräumig, von vier Gebäuden im Viereck +eingeschlossen. Das Haus nach dem See ist das Hauptgebäude. Von dem +Flur vor dem Eßzimmer führt eine Tür mit großen Renntiergeweihen +darüber nach dem Hof. + +Draußen senkt sich die grüne Küste zum See hinab, und hinter dem +Pfarrhof steigt sie in die Höhe -- hoch und steil. + +Aber eine Gruppe kleiner dunkler Holzhäuser, deren Dächer mit +Rasenstücken bedeckt sind, -- die wir gestern abend nicht sahen, +weil sie sich in der nächtlichen Dämmerung nicht von der Felswand +unterschieden -- drückt sich dicht bei dem Pfarrhof zusammen. + +Also doch ein Dorf im kleinen, -- Menschen als Unterbrechung der großen +Einsamkeit? + +Nein, -- es sind keine bewohnten Heimstätten, nur Sonntagshäuser, von +den Kirchenbesuchern errichtet. Denn die Kirchengäste kommen weit her, +die meisten wenigstens; von dem Gebirge herab, über Moore, über das +Wasser. Früh am Morgen, um fünf oder sechs Uhr, müssen verschiedene von +ihnen zu Hause aufbrechen, um zu rechter Zeit zur Liturgie um elf Uhr +in der Kirche zu sein. + +Wenn nun zwei Feiertage nach einander kommen, wenn schlechtes Wetter +eintrifft, oder wenn es dunkle Winterzeit ist, dann wird in den +kleinen Hütten übernachtet. Es sind da Bänke an den Wänden, und Felle +liegen darauf, um sich damit zuzudecken. + +In der hellen Sommerzeit aber wird nur der ganze Sonntag da zugebracht. + +In jedem der Häuschen ist ein Pejs (offene Feuerstelle). -- Da wird +Feuer angemacht, Kaffee und Kartoffeln gekocht und die mitgebrachten +Speisen verzehrt. Man macht sich gegenseitig Besuche. Die Männer stehen +vor den Häusern und besprechen die Begebenheiten der Woche. + +Verhältnismäßig ist es den ganzen Tag hindurch bevölkert und lebendig. + +Gegen Abend ziehen alle wieder fort, um in der hellen Nacht noch nach +Hause zu kommen, und das Dörfchen ist die ganze Woche hindurch wieder +ausgestorben. + +Bisweilen verhindert das Wetter oder die Jahreszeit die Kirchenbesucher +ganz am Kommen. Besonders in der dunkeln, stürmischen Herbstzeit, ehe +die weißen Winterwege die Verbindung erleichtern, und während des +Tauens im Frühjahr geschieht dies oft eine ganze Reihe von Sonntagen +hindurch. + +Dann schweigen die Glocken, und die Kirchentüren öffnen sich nicht. +In der Stube des Pfarrers versammeln sich die Pächtersleute und der +Küster, und da wird der Gottesdienst gehalten. + +Wenn aber der spähende Blick, von einem der Fenster aus, den ersten +schwarzen Schimmer von Menschen auf der gefrorenen, schneeweißen +Fläche entdeckt, oder das erste Boot auf dem Wasser, dann öffnet der +Schullehrer die Kirchentüren, der Pächter, der zugleich auch Glöckner +ist, geht in den Turm, um die Glocke zu läuten, und der Pfarrer zieht +den Talar an. -- -- -- + +Geradeso geht es auch heute. Die hohe schwarze Gestalt steht schon vor +dem Pfarrhaus, um die Kirchleute zu begrüßen, die sich nun versammeln +und drunten am Wasser Grüße auswechseln, und dann in Scharen das Ufer +ersteigen. + +Der Pfarrer drückt jedem die Hand; alle sagen »du« zu ihm. Dann steigt +er, die Bibel in der Hand, an ihrer Spitze den steilen aber kurzen Weg +zur Kirche hinauf. + +Wir schließen uns ihnen an. Die Kirche ist nicht sehr groß, aber so +hell, daß es einen festlichen Eindruck macht. Und über dem Altar +strahlt ein riesengroßes, glattes, goldenes Kreuz anstatt der +friedenstörenden Altarbilder, deren wir uns von den letzten Kirchen, +die wir drunten gesehen haben, noch erinnern. + +Der Kantor singt vor, aber des Pfarrers orgeltiefe Stimme trägt den +ganzen Gesang: + + »Seit jenem Tag, Erlöser mein, + Da du vom Tod erstanden, + Strahlt' eines neuen Tages Schein + Hell über allen Landen. + Und als mit: »Friede sei mit euch!« + Du grüßtest die voll Sorgen, + Der heil'ge Geist sank nieder gleich + Am frohsten Sonntagsmorgen.« + +Wie hier oben gepredigt wird? Kräftig, aber so einfach als möglich. Mit +Bildern aus dem Leben, das alle hier kennen. + +Er, der Pfarrer, hat gesagt: »Ich kam hier herauf, um den Seelen, -- +und sei es auch nur einer einzigen, -- zu einem Verhältnis zu Gott zu +verhelfen. Nicht in erster Linie zu einem Gott, denn einen Gott haben +doch die meisten. Sondern zu dem lebendigen Gott, zu der unbedingten +Gemeinschaft mit ihm.« + +Und dieser Gedanke ist der Grundton aller seiner Verkündigung. Wir +hören ihn mehreremal predigen -- in der Kirche und bei Versammlungen +in seiner Stube, -- aber die Erinnerung an das, was er gesagt hat, +vereinigt sich gleichsam zu dem einen: »Sie haben doch einen Gott, die +meisten Menschen.« + +Manche haben ihn freilich nur in der Natur. Da haben sie ihn +hingesetzt, um zu regieren und zu leiten. Sie meinen wohl auch, er +besorge es bisweilen schlecht. Aber sie haben eben keinen andern, +dem sie die Leitung übertragen könnten. Und dann halten sie ihn doch +außerhalb ihrer Türen. + +Andere -- die meisten vielleicht -- haben ihn in der Kirche. Sie nehmen +ihn am Sonntag mit dem Gesangbuch hervor, wickeln ihn mit diesem ins +Taschentuch hinein wie einen Verstorbenen, sie schenken ihm ein etwas +schweres Gehör und einen schläfrigen Gesang, und haben sonst nur wenig +mit ihm zu schaffen die ganze Woche hindurch. + +Andere haben ihn in ihrem Kummer, in ihrer Not und Gefahr. Da steht +er drohend vor ihnen. Er erhält einige Klagen, erschrockene Rufe und +Gebete und wenig oder gar keinen Dank. Das gibst du wohl auch zu, daß +er es war, der »Ola, den Sonnenstrahl dein« genommen hat, oder der, der +die Lawine an deinem Hause vorübergehen ließ, in jener Frühlingsnacht, +als du zu ihm riefst. + +Aber, ob du es glaubst, daß er es war, oder ob du meinst, daß es von +selber so kam, das macht keinen so großen Unterschied. Denn in all +diesem ist kein Verhältnis, kein Verhältnis zu Gott. + +Das Verhältnis zu ihm, du, -- das ist es, worauf es ankommt. + +Das Verhältnis ist da. Du kannst durchaus nicht darum herumkommen. Du +bist dazu geboren. Du bist hineingetauft worden ...... Aber du mußt es +selbst aufnehmen, sonst wird es zu einem Nichts für dich. Und nicht nur +zu einem Nichts, sondern zu dem, was schlimmer ist, zum Gericht. + +Das Verhältnis zu Gott wird auf dieselbe Weise aufgenommen, wie alle +persönlichen Lebensverhältnisse -- du begibst dich hinein. Nur geht +dies tiefer als das tiefste menschliche Verhältnis, in dem du stehst. +Und viel völliger mußt du dich dazu hergeben. + +In einem halben Gottesverhältnis kannst du nicht stehen. Denn Gott der +Herr selbst hat sich ganz und ohne Vorbehalt in ein Verhältnis zu dir +begeben. Da war einer, der sich hier unten zur Welt kommen ließ, sich +in Fleisch und Blut kleidete, dir ähnlich wurde, damit du ihn ergreifen +könnest, damit er dein werden könnte. Einer, der starb, um seine +Gemeinschaft zu dir zu vollenden ... + +Und ganz will er dich haben, denn er liebt dich. Wäre er nicht die +Liebe -- auch für dich, dann könnte er sich wohl mit weniger begnügen, +mit einem Teil von dir. Aber nun will er kein Atom von dir missen, denn +er liebt dich ganz, will dich ganz retten. + +Dich selbst -- was ist denn das? + +Ja, das ist nicht nur deine Überzeugung, wie viele meinen. Es sind +nicht nur deine Gedanken, deine Worte, deine Gebete, die Gott verlangt. +Es sind nicht deine Sünden, obgleich du sicherlich ihm diese Bürde zu +tragen geben mußt! Wer sonst könnte, wer wollte sie tragen? Es ist auch +nicht nur deine Liebe, obgleich -- wem solltest du sie sonst geben als +ihm? + +Nein, -- dein tiefster ~Wille~ ist es, um den es sich handelt. +Denn in dem Willen sitzest du selbst. Weißt du das? Ja, du weißt es. +Deshalb bist du so langsam, das Verhältnis instand zu setzen. Über +seinen Willen möchte man selbst herrschen ... + +Nein, gerade ihn sollst du bringen, ihn übergeben, vollständig und +ganz, ohne Vorbehalt, ohne Bedingungen. + +Dann bist du selbst in das Verhältnis hineingegeben und kannst es dir +ganz zueignen. + + Denn, wer sich selbst hat hingegeben, + Erst der erhält das volle Leben. + + * * * * * + +Der Gottesdienst ist lang. Doch nicht, weil die Predigt es ist, aber es +sind mehrere Kinder da, die getauft werden sollen. + +Darnach geht der Pfarrer nach Hause, um zu Mittag zu essen, während +die Kirchgänger sich in die Häuschen begeben, aus deren Schornsteinen +allmählich dünne, bläuliche Rauchsäulen aufsteigen. + +Zwischen zwei und drei Uhr kommen die Kinder ins Pfarrhaus. Es kommen +sowohl die kleinen, die während des ganzen Gottesdienstes am Morgen +ihre Köpfchen an die Schulter der Mutter gedrückt oder in deren Schoß +ruhig geschlummert haben, als auch die großen, die in dem Bewußtsein, +eine höhere Stufe der Entwicklung erreicht zu haben, mit starren, +runden, verständnislosen Augen dagesessen hatten. + +Der Pfarrer singt zuerst mit ihnen: Liederverse, die sie verstehen +können, oder noch öfters kleine Lieder, die er selbst zu bekannten +Melodien gedichtet hat. Er gibt genau acht, daß richtig gesungen wird. + +Treuherzige, klanglose, aber taktfeste und ganz reine Stimmchen singen +in der Pfarrstube: + + »Den Todesschlaf ein Mägdlein schlief, + Vom Leichentuch behangen. + »Sie ist nicht tot,« der Heiland rief, + »Vom Schlafe nur befangen.« + + Den Todesschlaf ein Mägdlein schlief + In fernen Morgenlanden. + »Erwache!« Jesu Stimme rief -- -- + Und sie ist auferstanden. + + Es brach des starren Todes Band, + Sie hob die Augenlider -- + Stand auf und ging an Jesu Hand + Gesund und fröhlich wieder. + + O Herr, wenn ich einst liege tot + Wie jenes Kind, das bleiche, + So ruf mich aus des Grabes Not + Zu deinem Himmelreiche! + + Da löst sich jedes Todesband, + Und während Engel singen, + Wirst du an deiner lieben Hand + Ins Paradies mich bringen!« + +Und dann erzählt er ihnen von dem kleinen Mädchen, das zwölf Jahre +alt war -- gerade wie Aslaug und Karen -- und das im Sonnenschein +umhersprang, wie diese auch. Aber dann wurde es krank und starb. + +Das können sich die Kinder alle vorstellen. Das eine hatte die »Guri«, +das andere den »Peter« im Sarg liegen sehen, mit geschlossenen +Augen und bleichen starren Gesichtern, die, so oft das Tuch vom +Sarg aufgehoben wurde, mit jedem Tag bis zum Begräbnis bleicher und +eingefallener geworden waren. Sie kennen besser als andere, was es +heißt, eine Leiche zu Hause zu haben, diese Kinder der einsamen, fernen +Berge. + +Und sie verstehen auch alle, wie lieb man den haben müsse, der den +ganzen langen, steilen Weg heraufkommen wollte, der »auf einmal« an der +Tür stehen könnte und sagen: »Das Kind ist nicht gestorben, sondern es +schläft.« + +Und der dann hintreten könnte zu dem schwarzen Sarge, der das kalte +Händchen in seine Hand nehmen, das rote Blut auf die wachsbleichen +Wangen zurückrufen und die kleine zusammengesunkene Gestalt wieder +aufrichten könnte, frisch und lebendig, so daß Vater und Mutter nicht +mehr weinen würden, so oft sie das Tuch aufheben ... Das ist es auch, +was der Pfarrer von ihnen haben möchte. »Das können Kinder verstehen,« +sagt er. »Es kommt ihnen ganz natürlich vor ... Und damit ist der erste +Schritt getan hinein in das Verhältnis, das später ihr ganzes Leben +einnehmen soll.« + +Die Kinder hängen alle an ihm und freuen sich über die Sonntagsschule +bei ihm. Er ist so freundlich gegen sie. Unter den Erwachsenen gibt es +allerdings solche, die ihn streng finden, unter den Kindern aber kein +einziges. Wenn sie krank werden, verlangen sie immer nach ihm. So war +es bei Guri auch gewesen. + +Guri, die sonst immer lustig war und wie ein Kätzchen auf den Felsen +umhersprang, -- aber sich so sehr vor dem Sterben fürchtete, als sie +krank wurde -- -- und dagelegen hatte, und immerfort nach der Tür +gestarrt mit großen, vor Angst und Fieber glänzenden Augen, als ob es +von dorther kommen müsse, -- -- sie war ganz ruhig geworden, sobald er +nur in die Stube getreten war. + +Wenn er an ihrem Bett saß, ihr das Haar zurückstrich und sie fragte, +ob sie glauben könne, daß der ~Eine~, der sie am allermeisten +liebe -- mehr als Vater und Mutter -- sie in seinen Arm nehmen werde, +so lange ihr so bange vor dem Sterben sei, -- da fühlte sie sich ganz +sicher und verstand gar nicht mehr, daß sie so große Angst gehabt +hatte. + +Er war dann auch bei ihr gewesen in ihrer letzten Stunde. Er kam +in einem Wetter, daß man sich bekreuzen mußte, weil er die Fahrt +gewagt hatte, um ihre kalten Hände zu halten, bis sie in den seinen +erstarrten. -- + +Wenn die Kinder gegangen sind, bleibt der Pfarrer den ganzen Nachmittag +in seiner Stube, um bald den einen, bald den andern der Sonntagsgäste +zu empfangen, die ihm mitteilen wollen, wie alles daheim steht, ihn +bitten, wenn es ihm möglich sei, einmal zu ihnen zu kommen, um nach +einem Kranken, einem Altersschwachen, einer angefochtenen Seele zu +sehen -- oder auch nur, damit sie ihm von ihren eigenen Zweifeln und +Sorgen erzählen könnten. + +Am Abend -- gegen sechs oder sieben Uhr -- versammeln sich dann alle, +die noch nicht abgereist sind, in dem Eßzimmer des Pfarrhauses. Da +spricht der Pfarrer wieder zu ihnen, betet und singt mit ihnen, während +die Kinder draußen auf dem großen Hofplatz spielen dürfen. + +Dann gibt es Kaffee, den Kari gekocht hat, und Kuchen -- Waffeln, »Arme +Ritter« und »Fladen« -- die sie im Lauf der Woche gebacken hat. + +So hat der Pfarrer es verlangt, obgleich Kari meint, das gehe sehr +weit, so viele zu bewirten. Aber er sagt, daß er sich diese Ausgabe +erlauben könne, er, der nur für sich selbst zu sorgen habe. Er geht +herum und sieht nach, daß die Kinder vom Hof hereingerufen werden und +auch ihren Teil von den Kuchen bekommen. + +Dann begeben sich die Kirchgänger nach dem See hinunter. Und nun muß +der Pfarrer müde sein. Aber er sagt, Arbeit ermüde nicht, sie erhalte +einen frisch. + +Er setzt sich ans Harmonium in seinem Zimmer, dessen Fenster nach dem +See hinausgehen. Und während die Boote vom Ufer abstoßen, spielt er ein +Lied, in das die Kirchenleute drunten einstimmen. Die Stimmen erheben +sich im Chor und vereinigen sich mit der seinigen: + + »Wer sind die vor Gottes Throne? + Was ist das für eine Schar? + Träget jeder eine Krone, + Glänzen wie die Sterne klar, + Halleluja singen all, + Loben Gott mit hohem Schall.« + +Ein Boot nach dem andern gleitet hinaus; über die helle, glänzende +Wasserfläche hin tönt es kräftig durch den stillen Abend: + + »Es sind die, so wohl gerungen + Für des großen Gottes Ehr', + Haben Welt und Tod bezwungen, + Folgend nicht dem Sünderheer, + Die erlanget in dem Krieg + Durch des Herren Arm den Sieg.« + +Allmählich verlieren sich die Stimmen zwischen den Ruderschlägen in der +Ferne. Schwächer und schwächer -- schließlich hinsterbend -- klingt es +zu uns herauf: + + »Daß mein Teil sei bei den Frommen, + Welche, Herr, dir ähnlich sind, + Und auch ich, der Not entnommen, + Als ein treues Gotteskind + Dann, genahet zu dem Thron, + Nehme den verheißnen Lohn.« + +Viel mehr Ruhe gönnt sich der Pfarrer auch am Werktag nicht. + +Eher ist dieser in gewisser Beziehung noch anstrengender für ihn; denn +da reist er weit umher. + +Sein Boot fährt rasch auf dem Wasser dahin, und sein gelbes +Nordlandpferdchen trabt mit ihm über Felsen und Moore. Oftmals kehrt er +erst sehr spät in der Nacht zurück. Seine entfernte, weit verstreute +Gemeinde muß er aufsuchen. + +An diesen abgelegenen Orten, wo der Bezirksarzt sich nur einmal im +Jahr zeigt -- in Gesellschaft des Landrichters und des Vogts, die im +Hochsommer heraufkommen, um drei Tage lang Thing zu halten und dann +wieder aus dem Bereich der Bewohner zu verschwinden, müsse der, der +dableibe, für alle zu erreichen sein, sagt er. + +Und er muß auch Rat wissen für Seele und Leib zugleich. Denn sie +kommen ja zu ihm in allen möglichen Angelegenheiten. Und sie sagen, er +habe gewißlich mehr Doktorbücher studiert, als man zum Praktizieren +notwendig habe, und er habe ihnen mit seinem Arzneikasten und seiner +Verbandtasche verschiedentlich mehr geholfen, als es irgend ein Arzt +hätte tun können. + +Es ist unbegreiflich, welchem Wind und welchen Wegen er selbst in der +strengen Jahreszeit trotzt, um bei den Menschen herumzukommen. + +Oftmals hat man ihm wohlgemeinte Warnungen zukommen lassen, sich doch +nicht hinauszuwagen, mit der Begründung, die sonst für entscheidend +gilt, daß er sein Leben dabei einbüßen könne. + +Hierauf aber antwortet er nur: »Ja, das soll ja eines der echten +Kennzeichen eines Hirten sein; nach der Bibel wenigstens.« + +Ein Pfarrer, der nur der Vollstrecker der gottesdienstlichen Zeremonien +sei, werde seiner Meinung nach »ein tönendes Erz oder eine klingende +Schelle«. + +Der Beruf umfasse viel mehr, sagt er. Die Seelsorge sei der wichtigste +Teil. Die Seelen müßten aufgesucht werden. + +Jeder Mensch habe doch seine Seele; auch hier oben. Tief versteckt +könne sie sein -- und manchmal an den schlechtesten Orten. Der eine +könne sie in seinem alten, schmierigen, ledernen Geldbeutel haben, -- +der andere in der Flasche. Und selbst viele von den Christen, denen die +Glocken zur Kirche läuteten, schienen eine merkwürdige Übung darin zu +haben, ihre Seelen während des Gottesdienstes fern zu halten. + +»Aber irgendwo ist sie,« sagt der Pfarrer, »und wer jahraus jahrein in +die Häuser kommt, wird sie schließlich auch finden, -- ohne zu fragen. +Denn niemals soll man sich einer Seele durch Fragen nähern wollen. Wer +fragt, wird gar leicht von Neugierde oder von der Tadelsucht getrieben, +vor denen der Mensch ganz natürlicherweise die Tür verschließt. Wer von +wirklicher Liebe getrieben wird, wird es verstehen, sich zu einer Seele +hindurchzufühlen, die sich im tiefsten Innern immer darnach sehnt, +gefunden zu werden.« + +Und so sitzt der Pfarrer jenseits des Wassers bei Peter Fossegaarden, +dessen ganzer Stolz seine Schweine sind, und ist vollständig überzeugt, +daß nie ein Schinken so gut schmeckt, wie gerade hier. Oder er klettert +zu Jens Bakken hinauf, der ein Holzschneider ist, und will genau +wissen, wie man das macht. Nicht um die Kunst von ihm zu erlernen, tut +es der Pfarrer, sondern um die Arbeit zu verstehen und wertschätzen +zu können. Oder er sitzt bei Karen, die zweimal im Jahr Fladenbrot im +Pfarrhaus backt, und will dem Backen zusehen, -- oder bei der alten +Gunhild, die halbblind ist, aber noch immer seine Socken strickt, und +sagt zu ihr, er könne sich gar nicht denken, daß sie nicht hundert +Jahre alt werde, denn es könne niemals jemand so für ihn stricken wie +sie. + +Und der Pfarrer meint, was er sagt. Er hat ein menschliches Interesse +für alle menschliche Arbeit im großen wie im kleinen. + +Aber gleichzeitig sucht er nach der Stelle, wo ein Zugang zur Seele +ist, wo diese ihre scheuen und oft so hilflosen Augen zu ihm aufschlägt +-- um sich ihrer mit warmer und fester Freundeshand anzunehmen. + +In der strengsten Jahreszeit gibt es Wochen und Monate, wo der Pfarrer +gezwungen ist, daheim zu bleiben. Den langen, langen schneeweißen +Winter hindurch -- wie vertreibt er sich da die Zeit? Wenn die Lampe um +zwei oder drei Uhr angezündet wird, -- und bei trübem Wetter brennt sie +fast den ganzen Tag hindurch -- womit füllt er da die Einsamkeit all +der nächtlichen Stunden aus? Ja, da spielt er Harmonium, er liest, -- +oder er denkt ... + +Er hat alle seine Bücher mit heraufgebracht, und seine Briefe und +Zeitungen holt er sich alle acht Tage, wenn das Wetter es erlaubt, auf +der kleinen Poststation, die drüben über dem See, hinter der Landzunge +gegen Westen verborgen liegt. Volle zwölf Tage braucht die Post, um von +Trondheim heraufzugelangen; so viele Seitensprünge hat sie zu machen. + +Seine Reisen nach den Filialen unternimmt er auch im Winter so +regelmäßig wie möglich; einmal im Monat nach Sörli und dreimal im +Jahre nach der Trunsjöer Kapelle, -- über Felsen und Seen und Moore, +-- wie es am besten vorwärts geht, denn zu keinem der genannten Orte +führt eine Straße. Es kommt vor, daß er auf halbem Wege wieder umkehren +oder im voraus schon die Reise aufgeben muß; aber da muß es schon sehr +schlimm sein. + +In der Zeit von Weihnachten bis Ostern gibt er den +Konfirmanden-Unterricht. Die Konfirmanden kommen ins Pfarrhaus, -- +nicht auf zwei Stunden, sondern gleich auf vierzehn Tage, und da +gibt er ihnen jeden Morgen Unterricht. Die meisten von ihnen werden +bei Kari einquartiert, und die, die das Pächterhaus nicht aufnehmen +kann, übernachten in der Küsterwohnung, von wo sie aber durch die +Schneemassen hindurch nicht immer bis zum Pfarrhaus gelangen können. + +So geht das Leben seinen Gang, -- einen Winter nach dem andern in der +aufreibenden Einförmigkeit, die so endlos zu durchleben sein kann, und +die doch so merkwürdig kurz ist, wenn man darauf zurückschaut, weil die +Jahre in einander fließen, lautlos und ohne Farbe, wie lauter Stunden +einer einzigen Nachtwache. + +Noch eins hat er, um die langen, einsamen Tage auszufüllen. Er +~schreibt~. Er begann nicht gleich damit, denn er wollte sich +zuerst ganz in seinem Beruf hier oben einleben. Der Beruf sollte ihn +ungeteilt haben. + +Aber in den zweiten fünf Jahren, -- nachdem er gleichsam alle in seine +Gedanken und in sein Herz aufgenommen hatte, -- da begann er die Bücher +zu schreiben, die den »Hochlandspfarrer« -- dieses Pseudonym hatte er +gewählt -- zu einem wohlbekannten Gast in vielen Heimstätten machte. + +Dann entstand auch sein größtes Werk, die »Briefe an die eine Seele«, +das in Heften herauskam, die beständig vermehrt wurden, bis es einen +Brief für jeden Tag im Jahre gab. Es waren längere oder ganz kurze +Briefe, immer mit einer Bibelstelle als Ausgangspunkt, und alle mit dem +einen Zweck: zu ziehen, zu locken, zu ~nötigen~ -- könnte man wohl +sagen -- die ~eine~ Seele in ein Verhältnis zu Gott hinein, hin +auf den Weg zur Vollendung ... + +Er hat gleichsam die Bedenken und Einwendungen dieser Seele erlauscht, +hat ihre Zweifel, ihren Widerstand erraten und gefühlt, welche Saiten +den tiefsten Widerhall bei ihr erwecken würden. + +Er schneidet die Nebenwege ab, versperrt den Rückzug, hält aber +bisweilen in einer ganz friedlichen Betrachtung plötzlich still, wie um +der Seele Ruhe zu gönnen -- eine Ruhepause. + +Er ist wie ein Führer im Gebirge, der mit einem andern an der Hand +hinaufsteigt, und der zwar den Gipfel, der erreicht werden soll, nicht +niedriger machen kann, aber die Schwierigkeiten des Aufstiegs zu +erleichtern und zu überwinden sucht. + +Dies ist der Ton, der durch seine Verkündigung geht, nur ist er +gleichsam noch persönlicher. + + * * * * * + +»Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen!« Matth. 22, 37. + +Die Hand aufs Herz -- tust du das? + +Nein, wirst du sagen, dein Herz sei zu arm, leer und kalt. Das ist wohl +wahr, aber das gilt hier nicht als Entschuldigung. Denn es wird danach +gefragt, ob du so liebest, wie dein Herz es vermag, -- sonst nach +nichts. + +Und kann denn dein Herz gar nicht lieben? Gibt es nicht den oder jenen, +-- deinen ~Nächsten~ -- den es umfaßt, feurig stark, den es fester +hält als selbst das Leben? Doch, es gibt jemand ... Das läßt du dir +nicht nehmen. + +Ist es denn dann so, daß dein irdisches Herz nur abwärts lieben kann +-- zur Erde, auf der Erde -- nicht aufwärts? Ja, du selbst kannst kein +Gefühl in deinem Herzen hervorbringen. Aber die Liebe, die du zu einem +andern hast, die kannst du hinaufreichen. Das Herz, das einen andern +umfaßt, das kannst du in die Hände geben, die das erste Recht daran +haben. + +Du wirst einwenden, das hieße das Gebot umgehen. Nein, das heißt zu ihm +aufsteigen. + +»+Sursum corda+« -- die Herzen in die Höhe! -- hat es seit den +ältesten Zeiten in der Kirche geklungen. + +Und die Gemeinde antwortet: »+Habemus ad Dominum+« -- wir erheben +sie zum Herrn. + +Wenn du dein Herz hinaufgibst mit der großen Liebe, von der es erfüllt +ist, dann wirst du das erreichen, was dein tiefstes, unaussprechliches +Geheimnis werden wird -- das, daß deine Liebe verwandelt wird. + + * * * * * + +»Wer zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater und seine Mutter und +sein Weib und seine Kinder und dazu auch sein eigen Leben, der kann +nicht mein Jünger sein.« Luk. 14, 26. + +Ich nehme das stärkste Wort, das ich finden kann und erkläre es nicht. +Ich lasse es dich so buchstäblich verstehen, wie -- es nicht einmal +verstanden werden soll. + +Und ich behaupte, das Wort, das bei denen, die draußen stehen, Anstoß +erregt und von vielen Christen übersprungen wird, das ist eines von +denen, die ~dich~ am stärksten ergreifen, denn niemals wirst du +dich mit einem Verhältnis zu Gott begnügen, das nicht unbedingt ist. + +In der irdischen Liebe würden es die meisten nicht können. Das wird +ohne Einwendung begriffen, und je mehr man liebt, desto mehr will man +das andere besitzen, ganz und ungeteilt. + +Aber die Forderung, die die Menschen ganz von selbst aneinander +stellen, -- an der nehmen sie Anstoß, sobald sie von oben kommt. + +So sei es nicht bei dir. Wo du dich hingeben sollst -- auch seelisch +--, wirst du verlangt werden, ganz und ungeteilt. + +Denn du wirst begreifen, daß wer alles zu verlangen wagt, auch alles zu +geben hat. + + * * * * * + +»Petrus trat aus dem Schiff und ging auf dem Wasser.« Matth. 14, 29. + +Aber es war nicht das Wasser, das ihn trug. Auf ~Wogen~ kann man +nicht treten. Trotzdem -- die Menschen sind nicht von dieser Einbildung +wegzubringen. Hast du sie nicht auch geteilt? + +Was anders hat die Welt dir wohl geboten, um darauf zu treten -- was +anderes als Wogen? Was anders hat dein eigenes schwankendes, kraftloses +Herz dir geboten? Und auch du hast wie die andern gedacht, daß sie dich +tragen würden. Ist es nicht so? + +Petrus ging im ~Glauben~ vorwärts. Der Glaube ist Felsengrund +unter den Füßen; der einzige, der sich findet. Als er diesen verläßt, +da »beginnt er zu sinken«. Denn es gibt nur das eine von diesen beiden; +entweder du lebst im Glauben -- dann stehst du auf Felsengrund, -- oder +dein Leben ist ein fortgesetztes Hinausgleiten in die Wogen, -- die dir +schließlich über dem Kopf zusammenschlagen. + +Aber merk dir eines: es sieht aus, als sei es gerade ~umgekehrt~; +als ob dieses »im Glauben Vorwärtsgehen« so viel sei, als ein Loslassen +des Festen und Sicheren, ein Hinaustreten aus dem Schiff -- und mit +geschlossenen Augen den Sprung wagen in die unendliche Tiefe. + +So wird es immer gefühlt werden, und aus diesem Gefühl heraus muß es +getan werden. + +Aber in Wirklichkeit setzt man da erst seinen Fuß auf den Felsen, den +das Weltmeer nicht erschüttern kann, und den die schwarzen, trüben +Wasser des Todes nicht zu überfluten vermögen. + + * * * * * + +»Die, so in den Schranken laufen, die laufen alle, aber ~einer~ +erlangt das Kleinod.« 1. Kor. 9, 24. + +Der eine, der das Kleinod erlangt, der sollst du sein. + +Ja, wirst du sagen -- aber die andern dann? Ist es nicht schrecklich, +daß ich auf ihre Kosten gewinnen soll? + +Mein Freund, -- laß dich dadurch nicht aufhalten! + +In der Sache deiner Seligkeit handelt es sich niemals um einen Wettlauf +mit andern. Ihr seid nur zu zweit auf der Bahn, du und noch einer, den +du ganz genau kennst, nämlich dein »alter Mensch«, -- wie wir ihn zu +nennen gelehrt worden sind. + +Der Einsatz ist das Leben; nur einer gewinnt es. Der andere muß sterben +... Von diesen beiden lebt immer einer auf Kosten des anderen. + +Und dein alter Mensch läuft furchtbar schnell. Er gönnt sich Tag und +Nacht keine Ruhe. + +Läufst du so, daß du gewinnen kannst? O stehe eines Tages da -- der +andere sterbend zu deinen Füßen -- mit dem Kleinod in der Hand! + + * * * * * + +Merkwürdig ist es doch mit ~der einen Seele~, die er noch immer +sucht, für die er noch immer arbeitet, um sie in das Geheimnis der +Gemeinschaft mit Gott hineinzuführen! War sie denn hier oben nicht +zu finden? Es scheint fast unmöglich, daß von einer so eifrigen, so +aufopfernden Wirksamkeit keine Früchte nachzuweisen sein sollten! + +Doch darüber erfahren wir nichts, wenigstens nichts von ihm selbst. +Und die andern Leute wohnen zu zerstreut, als daß wir da nachfragen +könnten. Nur das sehen wir allerdings, daß die Leute in verhältnismäßig +großen Scharen zur Kirche kommen und daß sie den Pfarrer zu ihren +Kranken und Sterbenden holen lassen, sobald die Verhältnisse es nur +erlauben. + +Aber die eine Seele ist vielleicht noch weiter entfernt, als nur +»jenseits der drei Wasser«, weiter entfernt, als hinter dem endlosen +Moor, -- tief drunten in der Welt, die so merkwürdig fern liegt. + +Hat er wohl jemand da drunten, den er rufen möchte? + + * * * * * + +Da ist ein Punkt, über den wir gern etwas wissen möchten. Der Pfarrer +ist in all den Jahren, seit er hier herauf zog, nie wieder drunten +gewesen. Und schon ehe wir ins Pfarrhaus kamen, hörten wir, daß er +sich nach einer großen und bitteren Enttäuschung, die er erlebt hatte, +für alle Zeiten von der Welt losgesagt habe. + +Kari weiß etwas davon, daß es ein »Weltkind« gewesen war, das einmal +seine Netze ausgeworfen hatte, um ihn zu fangen, und daß es ihm -- dem +Weltkind -- eigentlich auch geglückt war, daß es ihn dann jedoch selbst +wieder verlassen hatte. Wie die Sache aber eigentlich zusammenhängt, +das kann sie uns doch nicht sagen. Sie hat nur so viel verstanden, daß +es gut war, »daß er ~sie~ los wurde«. + +Sigrid freilich, die könnte mehr davon erzählen, wenn sie nur wollte. + +Sigrid ist die älteste der Pächterstöchter, die, sobald sie halb +erwachsen war, die Bedienung des Pfarrers besorgt hatte. Es war ihm +lieb, ihre sanftmütige Erscheinung um sich zu haben, sie kommen und +gehen zu sehen, mit ihren langen hellen flachsblonden Zöpfen, ihrem +kindlich runden Gesicht und den blauen, schwermütigen Augen, deren +Ausdruck in so merkwürdigem Gegensatz mit ihrem taghellen Farbenglanz +stand. + +Sigrid erriet, wie er es in allem haben wollte. Sie fühlte es +gleichsam an sich selbst, wenn er müde oder betrübt war, wenn er allein +sein wollte, oder wenn sie kommen durfte. Und sie fragte nie. Deshalb +sprach er auch mit ihr mehr, als mit irgend einer der andern. + +Dann kam der neue, ganz junge Kantor herauf. + +Er stammte aus der Gegend und hatte als Kind mit Sigrid gespielt, wenn +er Sonntags mit seinen Eltern zur Kirche kam. Er hatte sie schon damals +lieb gehabt, das wortkarge Mädchen mit den aschblonden Zöpfen und den +schüchternen, niedergeschlagenen Augen. Und nun mußte er ja baldigst +eine Frau haben, die seine einsame kleine Kantorwohnung mit ihm teilen +sollte, -- dort droben auf dem Gipfel des Tannenhügels, etwas rechts +vom Pfarrhof. + +Als die Eltern Sigrid fragten, ob sie ihn »möge«, antwortete sie, daß +sie es nicht recht wisse. Und dies war ja so vielversprechend, daß man +gut sogleich mit den Vorbereitungen zur Hochzeit beginnen konnte. + +Der Pfarrer wollte nur ungern Sigrid verlieren und sie durch Gudveig +ersetzt haben, die zwar ganz dasselbe Gesicht und Haar wie die +Schwester hatte, sich aber immer mit Geräusch anmeldete und so froh und +gleichgültig aus ihren blauen Augen schaute. Er meinte auch, Sigrid sei +zu gut für den kleinen, redseligen Kantor. + +Aber als ihm Kari zu verstehen gab, daß es für Sigrid selbst am besten +wäre, wenn sie wo anders hinkäme, da sprach er mit dieser nur noch +davon, wie gut sie es in dem hübschen, kleinen Häuschen bekommen werde. + +Aber Sigrid weinte viel, als sie dorthin gekommen war. Sie sehe auch +immer nach dem Pfarrhof, sagte ihr Mann, der glaubte, sie habe Heimweh +nach den Eltern. Und des Nachts, wenn es schlecht Wetter sei, dann +liege sie mit großen, offenen Augen da -- wie jemand, der hinaushorcht. +Oder sie fahre vom Schlaf auf und frage, ob das des Pfarrers Tür sei, +die aufgemacht werde, und ob er wieder heimgekommen sei. -- Aber viele +haben es ja auch so in ~der~ Zeit. + +Jetzt im Frühling bekam sie ein Kind, ein kleines »helles Mägdlein«, +mit dem sie sich abgeben konnte. Und da kam sie zur Ruhe im Küsterhaus. + +Sigrid wußte wahrscheinlich mehr von den Ereignissen aus des Pfarrers +Jugend, als irgend sonst jemand. + +Und einmal hatte sie ein Bild gesehen -- von einer, die »so schön, so +wunderschön« gewesen war, daß es einem mitten durchs Herz ging. + +Aber Sigrid ist ja nun nicht mehr daheim. Und die wenigen Male, wo wir +sie in der Kirche oder auf einen kleinen Besuch zu den Eltern kommen +sehen, die hellen, schwermütigen Augen unbeweglich niedergeschlagen, da +bekommen wir den Eindruck, daß sie zu denen gehört, wo es gar nichts +nützt, wenn man fragt. + +Außer uns ist zurzeit noch eine Schwester des Pfarrers in der +Pächterwohnung. Sie ist eine schöne feine Gestalt, einige Jahre älter +als er, -- die wohnte bei ihm, ehe er hier herauf zog, wohin sie +ihm aus Gesundheitsrücksichten nicht folgen konnte. Nur während der +heißesten Sommerzeit besucht sie ihn auf einige Monate. + +Auf ihre gebildete Weise ist sie ganz ebenso verschlossen wie die +blonde Sigrid. Als sie daher eines Tages ganz leicht den Punkt +berührte, der uns interessiert, geschah es nur, weil es ihr sehr +schwer wird, über das ganz zu schweigen, wodurch die Hochachtung vor +dem Bruder bei andern vermehrt werden könnte, -- was ihre größte, +vielleicht ihre einzige Schwäche ist. + +Eines Morgens führt sie uns nach dem »Tal Josaphat«, wie der Pfarrer +eine breite Felsenschlucht tief im Walde genannt hat, wo die Sonne so +warm und golden eingefangen wird, daß wie ein leuchtender Abglanz der +Sonne selbst eine wirre und farbenprächtige Blumenfülle -- gelb, weiß, +lila, rot, besonders rot -- auf langen wogenden Stielen aus der Erde +hervorbricht. Tief unten rieselt ein klares Bächlein, das leise mit +sich selber plaudert, so daß man dessen Dasein ganz vergessen kann, -- +bis man plötzlich mit dem Fuß hineintritt. + +Hier nun sagte sie mit einer Anspielung auf jenes Jugenderlebnis des +Pfarrers: »Ich schaue in diesem Punkt zu meinem Bruder auf. Niemand von +uns rührt je daran -- selbstverständlich. Seit er hier herauf gezogen +ist, hat er nur ein einziges Mal darauf angespielt. Damals sagte er: +›Ich bin dieser Person großen Dank schuldig. Niemals wäre ich ›alles +für alle‹ geworden, wenn ich nicht mit einem Schlag von jeder Rücksicht +auf mich selbst frei geworden wäre -- von all meinem Eigenen!‹ -- Und +das ist sicher, ein dauerndes Verhältnis zu dieser Person, über die +ich mir kein Urteil erlaube, hätte dem Leben, das sich über sich selbst +ganz zu Gott erhebt, und in das er jetzt so tief eingedrungen ist, den +Weg versperrt. Aber ihr gar zu danken, dahin können wir andern nicht +gelangen! Was damals war, vor dreizehn Jahren, möchte ich am liebsten +ganz aus meiner Erinnerung auslöschen.« -- + +Sie ist ein ausgezeichnetes Wesen, die Schwester des Pfarrers. Wir +zweifeln nicht daran, daß sie richtig sieht. Und doch -- -- an sie, die +»so wunderschön war, daß es einem mitten durchs Herz geht«, und von der +los zu kommen ein Glück für ihn war, -- -- wir können es nicht lassen, +wir müssen viel an sie denken. + +Die Pächtersfrau vertraut uns an demselben Tag an, daß sie, Alette, +diesmal nicht so lange hier bleiben werde wie sonst, sondern bald +nachdem wir abgereist seien, auch wieder südwärts ziehe. Sie wird +nämlich heiraten, -- sie! Einen ausgezeichneten Pfarrer in Christiania, +der früher Missionar und mit einer Freundin von ihr verheiratet gewesen +war. Er hat ein paar erwachsene Kinder und einige unerwachsene dazu, +so daß sie eine schöne und ernste Aufgabe bekommt. Sie kam hierher, um +mit dem Pfarrer darüber zu reden. Und er freut sich nur darüber. + +Sie will durchaus, er soll im August hinunterkommen und sie trauen +-- er soll der sein, der ihr neues Leben einsegnet -- und sich dann +zugleich nach einer Stelle da drunten umsehen. Auf das erste hat er +noch nicht bestimmt geantwortet, aber zum zweiten sagt er, -- wie +immer, wenn jemand wünscht, daß er sich wegmelde --: »Ich muß erst hier +fertig sein.« + +Wir begreifen nicht recht, woher Kari all dies weiß. Wahrscheinlich +gibt es hier im Winter so wenig zu hören, daß sie im Sommer ihre Ohren +doppelt gebrauchen muß. + + * * * * * + +Unser kurzer Aufenthalt ist bald zu Ende. Der letzte Abend ist +gekommen. + +Nach Sonnenuntergang ist es immer kühl hier oben. Wenn der glühende +Sonnenball versunken ist und ein Silberglanz vom Wasser aufsteigt, dann +überkommt einen selbst in der heißen Jahreszeit ein eigenes +Kältegefühl. + +Am letzten Abend, den wir hier zubringen, wo es auch schon den Tag +über kühl gewesen ist, sinkt die Temperatur auf einen solch niederen +Grad der Sonnenwärme herab, daß der Pfarrer uns vorschlägt, auf der +Feuerstelle in seinem Zimmer ein Feuer anzuzünden. + +Kari trägt trockenes Brennmaterial herbei, Tannenzweige und +Tannenzapfen. Und bald knistern und sprühen die Feuerflammen ermunternd +und erwärmend in dem offenen Kamin. + +Die Studierstube ist uns am liebsten. Hier sind die meisten seiner +eigenen Sachen, die sich in dem flackernden Schein des Feuers ganz +märchenhaft ausnehmen. + +Ein goldener Schimmer spielt auf den weißlichen Renntierfellen des +Sofas. Und das große Bild über dem Schreibtisch, die Madonna von +Murillo aus dem Palazzo Pitti, strahlt in so warmem Glanz, als ob das +junge lebendige Gesicht wirklich aus Fleisch und Blut wäre. + +Das große Kruzifix in der Ecke über dem Harmonium ist nicht beleuchtet. +Aber auf dem Bild, das darunter hängt, -- das Abendmahl in Emmaus von +Tizian, -- liegt eine Glut, wie von dem Sonnenuntergang des Ostertags +selbst. + +Nicht weit von diesem Bild entfernt geht Napoleon mit erhobenem Banner +über die Brücke von Arcole. Glühender Eifer flammt in seinen bleichen +Wangen auf. + +Und plötzlich fällt es uns auf, daß der Pfarrer, wie er dasitzt und +das Feuer schürt, diesem Bilde gleicht, -- mit dem wallenden schwarzen +Haar, dem feingeschnittenen Gesicht und dem Ernst, der mit dem Feuer +verwandt ist, in seinen dunklen Augen. + +Die Schwester des Pfarrers steht am Tisch, legt kleine Kuchen auf einen +Teller und bereitet zur Feier des Abends Glühwein. + +Wir hätten nicht gedacht, daß der Pfarrer Wein trinken würde. Es +geschieht auch nur sehr selten, aber er hat nichts dagegen, daß seinen +Gästen Wein angeboten wird. + +So oft neue Tannenzweige auf das Feuer geworfen werden, zischt und +knistert es am stärksten, die Flammen schlagen hoch auf, und die roten +Tannennadeln fliegen wie glühende Leuchtkäfer umher. + +Eines von uns verwundert sich darüber, daß der Pfarrer so wenig von den +Früchten seiner Arbeit zu erzählen wisse. + +»Das könnte er leichter als sonst einer,« sagt die Schwester vom Tisch +her. + +Er aber erwidert: »Ich bin hier, um die Seelen zu rufen, nicht aber, +um ihre Bekehrung festzustellen. Außerdem -- sein Verhältnis zu Gott, +das ist immer eines Menschen tiefstes Geheimnis. -- Es hat auch +seine äußeren Seiten, selbstverständlich muß es sie haben, wie jedes +persönliche Verhältnis. Es gibt Tatsachen, auf die man deuten kann. +Aber das ist nicht die Hauptsache. Ob die volle Hingabe stattgefunden +hat, im tiefsten Innern, das weiß nur der eine, der in die Seele +hineinsieht.« + +Er schaut eine Weile schweigend in die Flammen. Dann sagt er: »Ich +habe mich wirklich hier oben oft beschämt gefühlt. Wie treuherzig und +einfältig können diese Menschen in ihrem Gedankengang sein! Wie zum +Beispiel Guttorm, weißt du?« + +»Der mit dem Haus?« fragt die Schwester. + +»Ja, der mit seinem Haus, das er nie ›vergoldet‹ und fein genug +bekommen konnte. Zu dessen Ausschmückung er jede freie Stunde verwandte +-- schnitzte, malte, firnißte -- und das er sein Kind nannte. Nur still +dasitzen und sich in der Stube umsehen, eine größere Freude kannte +er nicht. Und oft kam es vor, daß er gerade am Sonntag die Gicht in +seinem Bein spürte, so daß er zu Hause bleiben mußte, -- und sich dann +nur den alten Knud holte, um ihm zu zeigen, was es seit dem letztenmal +Neues in der Stube gab. Ich sagte zu ihm: ›Hüte dich, Guttorm, daß du +dein Herz nicht zu sehr an dein Haus hängst, du kommst doch nicht wie +eine Schnecke mit ihm auf dem Rücken in den Himmel hinein!‹ Er aber +lachte und sagte, da sei keine Gefahr. + +Dann mußte er einmal ins Gebirge mit seiner Frau. Sie waren zwei bis +drei Tage abwesend. Und als er den großen Schlüssel im Schloß umdrehte, +betete er: ›Herr, mein Gott, beschütze mein Haus, so lange ich weg +bin.‹ + +Als er zurückkam, hatte der Blitz hineingeschlagen, und es war bis auf +den Grund niedergebrannt. + +Eine Weile betrachtete er schweigend die schwarze rauchende +Brandstätte. Die Frau jammerte und weinte, aber Guttorm faltete seine +Hände und betete: ›Mein Herr, ich danke dir. Ich sehe, daß du mich +selbst beschützt hast.‹ + +Ja, könnten wir wohl sprechen wie er? Sogleich, in demselben +Augenblick, wo wir das verloren hätten, woran unser Herz am meisten +hing?« + +»Niemals wäre er so weit gekommen, so sprechen zu können, wenn du nicht +mit ihm geredet hättest -- so oft und so viel,« sagt die Schwester. + +Aber der Pfarrer hört nicht darauf. Schweigend, wie in tiefe Gedanken +versunken, starrt er in die Flammen. Dann sagt er, ein wenig zögernd: +»Bisweilen habe ich gedacht, ob sich hier oben nur ein einziger Mensch +findet, der sein Verhältnis zu Gott verwirklicht hat, -- einer, der +sich danach gesehnt hatte, es zu verwirklichen, weil er wußte, wie +mangelhaft dies Verhältnis -- in Wirklichkeit gewesen war -- -- -- Aber +das war dann jedenfalls nicht mein Tun.« + +Er wirft wieder ein Bündel Tannenzweige auf die Glut. Es knistert und +flammt, und eine Feuergarbe von roten Leuchtkäfern schwirrt sprühend +auf. Unten, zwischen den großen Holzscheitern, liegen ein paar +Tannenzapfen, die mit ruhigen blauen Flammen brennen. + +Dann bittet eines der Anwesenden den Pfarrer um ein Märchen; denn das +gehöre dazu. »Am liebsten eine Spukgeschichte,« ist ein anderes so +keck, hinzuzufügen. + +Seine Schwester schüttelt den Kopf. »Das kann mein Bruder nicht. Er hat +an anderes zu denken gehabt.« + +Aber der Pfarrer antwortet: »Warum denn nicht? Vielleicht könnte ich +etwas erzählen, was einem hier passiert ist, hier oben. Wenn ich den +Namen nicht nenne ....« + +Er schaut eine Weile in die Flammen; dann erzählt er: »Ein Bursche ging +am Moor entlang, als es von Multeblüten ganz weiß war. Während er so +dahin ging, sah er jemand auf dem Moor stehen. Es kam ihm vor, als sei +es Ingrid Koppen. Sie pflückte Blumen. + +Er rief ihr zu, warum sie denn die Blumen pflücke; dann gebe es ja +weniger Multebeeren. Ob sie denn daran nicht gedacht habe? + +Da trat sie zu ihm und reichte ihm die Blüten über einen schmalen Bach +hinüber, der sie vom Wege trennte. + +Lachend nahm er sie. -- + +Am nächsten Abend überkam es ihn aufs neue, so daß er wieder den +Fußpfad dem Moor entlang gehen mußte. + +Da draußen war ein Mädchen und pflückte weiße Multeblüten. Sie trat so +leicht auf, daß ihre Fußspitzen nie einsanken. Marta Sandvigen war es, +soviel er sehen konnte. + +Er rief ihr zu, und sie trat näher und reichte ihm die Blumen. + +Aber zugleich ergriff er ihre Hand. + +Da blieb sie ganz ruhig stehen. Sie war ihm so nahe, so daß er sich +über das kleine Rinnsal hinüberbeugen und sie küssen konnte. + +Sie sah ihn nur an, und da küßte er sie noch einmal. + +Der nächste Tag war ein Sonntag. Er begleitete seine Mutter, die blind +war, in die Kirche. Er gab aber nicht acht darauf, daß sie sich an den +Steinen des Weges stieß. Er hörte auch nichts von den heiligen Worten, +sondern sah nur immer ein Meer von Multeblüten, das im Winde wogte. -- +Und ein Mädchen, das mitten darin stand. -- + +Am Abend, als er hinauskam, war sie wieder da. Sie -- nein, der Name +fiel ihm nur nicht ein. Sie war wie alle andern, sie, und auch wie +sonst niemand. + +Sie stand dicht am Wege und reichte ihm die Hand über das Bächlein. + +Mit einem Sprung setzte er hinüber, schlang die Arme um sie und küßte +sie. Sie sah ihn nur an, und er hielt sie fest. + +Da begann sie, ihn in das Moor hineinzuziehen. + +›Wohnst du dort drüben?‹ fragte er und deutete darüber hin. Sie aber +nickte nur. + +Da begann der Grund unter ihm zu wanken. Er sah sich um und merkte, daß +es gerade auf die grundlose Stelle zuging, wo die Kuh im vorigen Jahr +versunken war; da rief er: ›Wir müssen zurück! Komm, komm!‹ + +Sie aber schüttelte den Kopf, als wolle sie sagen: ›Ich kann nicht,‹ +und bannte ihm die Augen mit ihrem Blick. + +Er sank bis an die Knie ein. Aber ihm war, als seien es ihre Augen, die +ihn zogen, diese Augen, in die er nun wohl versank. + +›Im Namen Gottes!‹ schrie er. + +Er wußte später nie, wie er frei geworden war. Aber als er wieder auf +dem Weg stand und auf das Moor hinausschaute, da war niemand mehr +zwischen den weißen Blumen. + +Jedermann sagte, das sei die Waldnymphe gewesen, die ihn verlockt habe, +und es sei gut, daß er losgekommen. + +Aber er fand keine Ruhe dabei. Er erinnerte sich wohl, daß sie ihn +beinahe in den Sumpf hineingezogen hatte. Und es war ihm doch, als sei +es eine gewesen, wie er -- ein Menschenkind, wie er auch ... + +Und er konnte den Gedanken nicht mehr los werden: Ob sie wohl dort +versunken war? Es war ihm, als fühle er an sich selbst, wie sie da +draußen sank und sank. Dann mußte er zum Moor hinaus, wieder und +wieder. Und dann rief er sie mit allen Namen, die er kannte. + +Er dachte: Einmal finde ich wohl den richtigen. Dann kommt sie. Und +dann ziehe ich sie zu mir herüber. Herüber auf den festen Weg. + +Und -- ja, er steht wohl noch dort und ruft ...« + + * * * * * + +Die Wanduhr schlägt zehn Uhr. Der Pfarrer steht plötzlich auf und sagt, +es sei hohe Zeit für uns, zu Bett zu gehen, für uns, die wir morgen in +aller Frühe aufbrechen müßten. + +Dann setzt er sich ans Harmonium und stimmt ein Abendlied an: + + »Die Sonne sinkt am Himmelsrand, -- + Ich sehn' mich nach dem Morgenland, + Dem keine Nacht zu eigen, + Wo frei von Erdenleid und -lust + Sein Haupt an Gottes eigne Brust + Darf der Erlöste neigen. + + Nun sinkt die Nacht auf Flur und Au'n, + Ich sehne mich nach Edens Gau'n, + Wo keine Stürme brausen, + Wo in dem tausendfält'gen Tag, + Dem eignen Herzschlag Gottes mag + Still der Erlöste lauschen ....« + + * * * * * + +Wir nehmen Abschied vom Pfarrer an der offenen Feuerstätte, deren +leuchtende Flammen nun zu einer glimmenden Glut zusammengesunken sind, +die uns von der Asche wie mit roten Augen anstarrt. + +Der Pfarrer sagt, er wolle für uns wachen, bis der letzte Funken +erloschen sei. Und wir verlassen ihn da, wo er alle die roten Augen +bewacht, die sich schließen -- eins nach dem andern. + +Denkt er vielleicht an die Seelen hier oben zwischen den fernen Bergen, +an die zerstreuten Funken, die er gerne zu einem flammenden Feuer +vereinigen würde? Oder geht sein Gedanke vielleicht noch immer zurück +zu dem, was gewesen, -- vor dreizehn Jahren? + + [Illustration] + + + + + Das dänische Fräulein. + + + + + [Illustration] + + +Im Winter vor dreizehn Jahren gab es in Christiania zwei Menschen, die +in einem bestimmten Kreis die Aufmerksamkeit in hohem Grade auf sich +zogen; eine blendende junge Dame aus Kopenhagen und einen asketischen +norwegischen Pfarrer, dessen kräftige, begeisterte Verkündigung +entweder anzog oder Ärgernis erregte. + +~Sie~ war noch in der ersten Hälfte der Zwanziger, elegant, +lebhaft und begabt, -- die Bühne sei ihr heimlicher Wunsch gewesen, +hieß es -- unabhängig und reich. Ihren Vater hatte sie als ganz kleines +Kind verloren, ihre Mutter vor etwa einem Jahre. Sie hatte seither in +der großen Wohnung weitergelebt, mit einem Bruder zusammen, der als +Jurist eine gute Stellung hatte, aber verlobt war; also konnte das +Zusammenleben kein dauerndes sein. + +Nach Verfluß des Trauerjahres, im Oktober, war sie auf den Vorschlag +der aus Dänemark stammenden Frau Konsul Hallager, ihrer Tante +väterlicherseits, eingegangen, nämlich nach Christiania zu kommen +und den Winter in deren schönem Heim am Drammensweg zuzubringen. Die +Kopenhagener Geselligkeit kannte sie ja auswendig, nun wollte sie es +einmal mit der norwegischen versuchen. + +»Dann werden wir sie schon hier oben verheiraten,« sagte die Tante. +»Und das wäre auch in jeder Beziehung die passendste Lösung.« + +~Er~ war erst wenig über dreißig, war ein angehender +Schriftsteller in freigeistiger Richtung gewesen, hatte aber, wie es +hieß durch den plötzlichen Tod seines besten Freundes, mit seiner +ganzen früheren Lebensanschauung gebrochen. + +Damals hatte er sich dann auf die Theologie geworfen und war +nun als Pfarrer mit einem flammenden Eifer aufgetreten, mit dem +zweischneidigen Schwert des Wortes, bereit zum Angriff und zur +Verteidigung. Bis jetzt war er noch dritter Geistlicher an seiner +Kirche, füllte diese aber, so oft er predigte, das ganze Jahr hindurch +mehr als seine Oberen. + +Die Frau Konsul empfing ihre Nichte, die sie ein paar Jahre nicht mehr +gesehen hatte, mit überströmender Zärtlichkeit. + +»Laß mich sehen, ob du noch immer so reizend bist? Ja, wahrhaftig, du +hast dich gar nicht verändert!« sagte sie, noch ehe das junge Mädchen +aus dem Eisenbahnwagen gestiegen war. »Dann komm und gib deiner alten +Tante einen Kuß!« + +Reizend konnte sie schon genannt werden -- wenigstens in gewissen +Augenblicken -- viel eher als eigentlich vollendet schön. Sie wirkte +wie Sonnenschein. Und die Leute wurden von ihren glänzenden Augen, +ihren weißen Zähnen, ihrer blendend schönen Gesichtsfarbe und besonders +von dem Ausdruck übersprudelnden Lebens hingerissen, ohne eigentlich zu +wissen, wie sie aussah. + +»Habt ihr ein besonderes Vergnügen, das ihr mir bieten könntet?« fragte +sie, als sie nach ihrer Ankunft am Frühstückstisch saß. + +»Jawohl,« sagte der Konsul, dem diese erste Mahlzeit, bei der die +Familie versammelt war, die feierliche Veranlassung gab, das Wort zu +ergreifen. Sonst hatte er sich angewöhnt, seinen Teil der Unterhaltung +seiner Gemahlin zu überlassen, die ihren eigenen und den seinigen dazu +mit Glanz besorgte. »Wir haben eine Singhalesentruppe.« + +»Die wir eben gehabt haben.« + +»Und einen großen italienischen tragischen Helden, vor dem alle +weiblichen Herzen schmelzen -- --« + +»Und den wir auch gehabt haben.« + +»Dann haben wir einen Pfarrer, der blitzt und donnert.« + +»Die haben wir zu Dutzenden! Das ist nicht vielversprechend.« + +»Ja, hör ihn nur erst einmal,« sagte die Tante, die fand, daß der +Augenblick gekommen sei, wo sie das Wort übernehmen müsse. »Von seiner +Art gehen keine zwölf aufs Dutzend.« + +»Hast du ihn gern, Tante?« + +»Ihn selbst? Ja, mein Kind, er ist ja der Neffe meines Mannes und kommt +oft zu uns. Ich habe die ganze Familie meines Mannes sehr gern. Ja +wirklich, das darf ich wohl behaupten.« + +Der Konsul murmelte etwas, das aber höchstens seine Serviette zu hören +bekam. + +»Aber seine Art zu predigen,« fuhr die Tante fort, »nein, ich bitte +um ein freundliches, mildes Christentum, das trösten kann, aber nicht +erschreckt. Das habe ich ihm selbst mit klaren Worten gesagt, -- du +erinnerst dich doch auch daran, Hallager?« + +Die Anrede war mehr bekräftigend als fragend, und die Frau Konsul fuhr +fort, ohne eine Antwort abzuwarten: »Aber begabt ist er. Du mußt ihn +unbedingt einmal hören, denn du gehst doch wohl noch in die Kirche? -- +Keine Leberpastete gefällig, selbstgemachte?« + +»Doch, bitte, sie ist ausgezeichnet. -- Ja, ich bin doch kein so ganzer +Heide wie Erik. Ich ging mit Mutter immer in die Kirche und tue es +auch seither, bisweilen wenigstens. Aber wenn mich jemand ganz vom +Christentum abbringen könnte, so wären es diese düsteren, verdammenden +Pfarrer! Sie erregen bei mir nur die Lust, ihnen zu widersprechen, und +außerdem glaube ich gar nicht an ihre Heiligkeit. Sie versagen sich +ein paar gleichgültige Dinge, und im übrigen essen und trinken und +freien sie, gerade wie alle andern auch.« + +»Ja, aber dies paßt nun nicht auf Halfdan. Er ißt und trinkt so wenig, +daß seine Schwester ganz bekümmert darüber ist. Und er ist auch nicht +verheiratet.« + +»Das ist merkwürdig -- für einen Pfarrer! Ist er auch nicht einmal +verlobt?« + +»Nein, in diesem Stück ist er sehr eigen. Er sagt, es sei ganz +überflüssig viel Heiraterei unter den Pfarrern, und es wäre recht gut, +wenn man sich ein wenig daran erinnerte, daß die beiden größten Apostel +unverheiratet gewesen seien. Das ist ja Paulus -- und Petrus -- -- +nein, -- mir ist, als stehe irgendwo etwas von dessen Schwiegermutter. +Nun, dann ist es eben einer der andern.« + +»Vielleicht Johannes,« schlug der Konsul vor; aber es wurde nicht +weiter darüber nachgeforscht. + +»Wohnt dein Pfarrer mit einer Schwester zusammen?« fragte die Nichte. + +»Ja, sie blieben nach des Vaters Tod miteinander in der väterlichen +Wohnung. Die Schwester ist etwas älter als der Bruder und wird sich +wohl kaum verheiraten. Ich bilde mir immer ein, Alette müsse einmal +eine unglückliche Liebe gehabt haben. Jetzt geht sie vollständig in +ihrem Bruder auf. Es ist ganz ausgezeichnet für ihn, daß er eine so +gesetzte, besonnene und taktvolle Dame im Hause hat, denn die Pfarrer +sind gar vielem ausgesetzt! Aber nun ist sie da, um die vielen -- -- +angefochtenen Frauenzimmer, die mit solch leerem Gerede zu so einem +Pfarrer kommen, etwas abzuhalten. Die Lust, sich ihm anzuvertrauen, +nimmt etwas ab, wenn sie zuerst die Schwester gesehen haben.« + +»Sie bewacht ihn -- das kann ich mir denken.« + +»Ja, das tut sie -- und treu.« + +»Das ist gewiß ein Paar, das mir nicht gefallen wird,« sagte die +Nichte. Dann stand man vom Tisch auf. + +-- Als die Nichte schon ein paar Wochen in Christiania war, sagte die +Frau Konsul eines Tages zu ihr: + +»Es ist recht arg, daß wir immer so vielerlei vorhatten, sodaß du noch +nicht einmal Halfdan predigen gehört hast. Nun erwarten wir ihn morgen +abend, -- so weit man ihn überhaupt erwarten kann. Denn an dem Abend, +wo man ihn eingeladen hat, ist dann immer entweder eine Betstunde, +die gehalten werden muß, oder es liegt irgend jemand im Sterben! Aber +vielleicht kommt er doch, und dann ist das ja ein wenig unangenehm.« + +»Im Gegenteil, es ist ausgezeichnet,« sagte die Nichte. »Er meint wohl, +man könne keine Stunde in Christiania sein, ohne wenigstens die halbe +davon im Vereinshaus zu sitzen und ihm zuzuhören. Ich glaube gar nicht, +daß ich mir irgend etwas aus ihm mache. Wie ich höre, soll er ebenso +kohlschwarz sein wie seine Predigten, ein richtiger Halfdan Svarte. Und +das ist gar nicht nett. Er müßte gerade recht hell sein, -- glänzend +hell. Dann wäre es ein pikanter Gegensatz.« + +»Ja, schwarz ist er,« sagte die Tante. »Aber er sieht gut aus, eher zu +gut, sonst wäre es vielleicht doch nicht so gedrückt voll in seiner +Kirche.« + +Am nächsten Abend kleidete sich die Nichte mit mehr als gewöhnlicher +Sorgfalt an; es war ja eine größere Gesellschaft. + +Sie wählte einen ganz neuen Anzug aus dunklem Samt, der am Hals +ausgeschnitten und mit einer indischen Goldstickerei eingefaßt +war. Ihr weißer Hals hob sich blendend weiß aus dem dunkelblauen +Gewand. Nur eine ganz feine, goldene Kette trug sie dreimal um den +Hals geschlungen, und in ihrem lockigen Haar leuchtete eine einzige +feuerfarbige, seidene Mohnblüte. + +»Wir werden ihm ein wenig in die Augen stechen,« dachte sie und nickte +ihrem Spiegelbilde zu. »Das wird ihm gut tun -- zur Abwechslung --« + +Es waren schon viele Gäste in dem hellen, schönen Salon versammelt. Und +auch hier, wie fast überall, drehte sich das Gespräch um den Pfarrer +und die Geschichten, die von ihm erzählt wurden. + +»Es ist merkwürdig,« sagte die Dänin zu ihrem Nachbar, »daß ein solcher +Mönch überhaupt in Gesellschaft geht.« + +»Er tut es wohl auch nur bei seinen Verwandten. Vielleicht hofft er, +Gutes zu wirken, auch auf diese Weise.« + +Eine der Damen hatte an demselben Tag eine neue, ganz wahre und +schauerliche Geschichte von ihm gehört. + +»Wissen Sie, was er zu der Tochter des Bürgermeisters K. gesagt hat, +als sie kam, um das Begräbnis ihres Vaters zu bestellen? War Ihr Vater +ein gläubiger Mann? fragte er gleich am Anfang. -- Vater pflegte nicht +davon zu sprechen, sagte sie. -- Ging er in die Kirche? -- Vater war +mehrere Jahre krank. -- Aber ehe er krank wurde? -- Nicht sehr oft, +glaube ich. -- Las er fleißig in der Bibel? -- Nicht, so viel ich weiß. +Aber gut war er, mein Vater! -- Dann ist ihm die Hölle gewiß. -- Aber +da nahm sie das Blatt vom Mund, sie, die Gudrun K. -- Wollen Sie meinen +Vater in die Hölle tun? fragte sie. Dann danke ich. Da gehe ich lieber +zu einem Pfarrer, der ihn in den Himmel tun will. Es wird mir nicht +schwer werden, einen solchen zu finden!« + +Während des Stimmengewirrs nach dieser Erzählung, mitten unter dem +Lachen und der Entrüstung, hörte die Nichte eine Stimme, ruhig wie +einen Glockenton, die dicht neben ihr fragte: »Von wem handelt die +Geschichte?« + +Mit einer sekundenlangen, peinlichen Verlegenheit schaute die Frau +Konsul auf. Dann sagte sie entschlossen: »Aufrichtig gesprochen, mein +Lieber, sie handelte von dir.« + +Blitzschnell wandte die Nichte den Kopf. + +Kohlschwarz -- ja! Fast blauschwarzes, wallendes Haar, von der weißen, +von Gedanken gefurchten Stirn zurückgestrichen, schmale dunkle Augen, +etwas verschlossene, scharf geschnittene Züge, das Kinn und der +bartlose Mund klassisch fein in den Linien, wie die des großen +Napoleon. + +»Ja, du mußt entschuldigen, daß du es gehört hast,« sagte die Konsulin, +»es ist recht langweilig.« + +»Im Gegenteil, sie war ganz unterhaltend, und das pflegen sie sonst +nicht zu sein, die Geschichten, die über mich im Umlauf sind.« + +Nun stellte ihn die Tante einigen aus der Gesellschaft vor, die ihn +noch nicht kannten. Nachdem die Begrüßungen ausgetauscht waren, ließ er +sich da, wo er stand, etwas im Hintergrund auf einen Stuhl nieder. + +Die Nichte wandte ihm ihr strahlendes Gesicht voll zu. + +»Ist sie nicht wahr, die Geschichte?« fragte sie. + +Er atmete plötzlich hastig auf, wie wenn er überrumpelt worden wäre. +Ja, sie merkte es gut, obgleich er es nicht sehen lassen wollte. + +Dann sagte er ruhig: »Finden Sie etwa, daß sie mir ähnlich sieht? +Haben Sie mich predigen gehört?« + +»Nein.« Sie freute sich, so antworten zu können. »Während der beiden +ersten Sonntage, die ich an einem neuen Ort bin, gelingt es mir nie, in +die Kirche zu kommen. Aber könnte sie nicht wahr sein?« + +»Nein, denn es ist gerade eine Eigenheit von mir, daß mir die +Verstorbenen so sehr leid tun. Die Lebenden kann ich angreifen, -- +und das tue ich gerne. Denn es gehört Kraft dazu, einen Menschen +von sich selbst frei zu machen. Aber -- einen Toten! Den stillen, +verteidigungslosen, hilflosen! -- Es ist zum Händeringen schwer, daß +man nichts für einen Toten tun kann! Aber über den herfallen, der vor +dem schlimmsten Gericht steht -- nein, etwas so Feiges!« + +»Sie wissen ja gar nicht, wie Gott richten wird.« + +»Ich glaube doch, daß man dafür einen ganz guten Maßstab hat. -- Aber +ich dachte vorhin nicht an das Gericht Gottes. Ein Toter steht unter +seinem eigenen Gericht. -- Mit nackter Seele -- -- + +Schon von Kind auf wäre ich gerne bis ans Ende der Welt gewandert, +wenn ich dadurch einem Toten ein Versteck in meinem Herzen hätte bieten +können! Und ich kann diesen Gedanken noch immer nicht los werden, +selbst jetzt noch nicht.« + +Es fiel ihr auf, wie weich seine Augen doch waren, wie sie gleichsam +das sammetweiche, verschlossene Dunkel des Nachthimmels hatten. + +Ihr eigenes Gesicht wurde ernst bei seinen Worten. »Ich verstehe dieses +Gefühl gut,« sagte sie. »Ich habe sehr liebe Verstorbene.« + +»Ich weiß es, Sie Ärmste!« + +Dies klang so natürlich, so wenig überlegen, daß es ihr, obgleich +sie in diesem Augenblick gerührt war, doch nicht gefiel. Er war so +selbstbewußt und unerschütterlich! -- + +Seine Schwester war mit ihm gekommen; aber sie hatte ein stilles +Talent, sich der Aufmerksamkeit zu entziehen, um diese ungeteilt auf +den Bruder richten zu können, so daß niemand weiter acht auf sie gab, +bis die Nichte zu ihr trat und sie anredete. + +Alette glich ihrem Bruder in den Zügen ein wenig, war aber blond und +hatte blaugraue Augen, die aus der Entfernung sehr kühl aussahen, in +der Nähe aber herzlich sein konnten. Ja, aber nicht immer, wie die +Nichte bald entdeckte. Sie hatte geglaubt, das Fräulein werde dankbar +dafür sein, daß sich jemand mit ihr abgab, sah aber nach einer kurzen +Unterhaltung ein, daß ihre Zurückhaltung voller Selbstgefühl war, und +daß sie sich nicht das geringste daraus machte, sich mit andern, als +die sie selbst wählte, einzulassen. + +Die Nichte war denn auch rasch mit ihr fertig und mischte sich wieder +unter die andern. + +Dann kam das Essen, stehendes Büfett, wo die Nichte der Tante bei der +Versorgung der Gäste behilflich sein mußte. + +Hierauf setzte sich eine ältere Cousine, die dreißig Tänze auswendig +konnte und deshalb rundum in der Familie eingeladen wurde, ans Klavier, +und die großen Tische im Eßzimmer wurden auf die Seite gerückt, damit +die jungen Leute ein Tänzchen machen konnten. + +Die Nichte besann sich einen Augenblick, dann ging sie quer durchs +Zimmer zu dem Pfarrer hin, der an der Salontür lehnte, und verneigte +sich vor ihm in all ihrem Glanz. + +Er verbeugte sich tief, so tief, daß er noch nicht ganz fertig war, +als sie sich wieder aufrichtete. + +»Ich danke, aber ich tanze nicht.« + +»Sind Sie zu fromm dazu?« Sie hatte sich darnach gesehnt, ihm diese +Worte zuschleudern zu können. + +»Gefällt es Ihnen vielleicht, wenn ein Pfarrer tanzt?« + +»Jawohl,« entgegnete sie schnell. »Ich tanze selbst sehr gern und --« + +»Wenn er von einem wilden Galopp -- mit flatternden Rockschößen -- zu +einem krebskranken Mann geht, wie ich nachher? Dann sind Sie genügsamer +als ich. Den Pfarrer möchte ich nicht an meinem Sterbebette haben.« + +»Nein, natürlich nicht, wenn Sie zu einem Kranken müssen.« + +»Übrigens hätte ich das eigentlich nicht von Ihnen gedacht. Ich hätte +geglaubt, daß Sie die Pfarrer eher zu weltlich als zu enthaltsam +fänden.« + +Das war im Grunde auch wahr, so daß sie ihm nicht widersprechen konnte. + +»Ihr Kranker,« sagte sie mit etwas röteren Wangen, »wird er bald +sterben?« + +»Sehr bald.« + +»So helfen Sie ihm -- vorher.« + +»Das ist es gerade, was ich versuche,« antwortete er kurz. Und sie +wußte wohl, daß er keinen Gefallen an ihr fand. + +Aber die Schwester noch weniger. Sie fühlte es, als sie nach diesem +Gespräch an ihr vorüber kam und von der mißbilligendsten Kühle der +blaugrauen Augen getroffen wurde. Doch die Huld und Gnade dieses Paares +konnte sie wohl entbehren! + + * * * * * + +Der nächste Sonntag kam herbei. Die Frau Konsul hatte Schnupfen und +wagte nicht, in die Kirche zu gehen. + +»Die Luft in der Kirche ist am allerschädlichsten, wenn man erkältet +ist,« sagte sie. »Und ich möchte die Gesellschaft bei Bödkers nur sehr +ungern absagen. Sonst ist es mir sehr leid, wenn ich drei Sonntage +vergehen lassen muß, ohne das Gotteshaus zu besuchen. In welche Kirche +willst du gehen?« fragte sie die Nichte, die eben den Hut aufsetzte. + +»Ich weiß nicht recht,« erwiderte diese, während sie einen weißen +Schleier um ihren Hut band, in dem Gedanken, daß dieser sie etwas mehr +in die Augen fallend mache. »Vielleicht gehe ich hin und höre Halfdan +Svarte donnern,« fügte sie kurz nachher hinzu, »wenn es noch nicht zu +spät ist.« + +»Nein, zur Predigt kommst du gerade noch recht.« + +Sie tat es; und sie kam noch zeitig genug, obgleich sie ihn eigentlich +recht gerne bei der Liturgie gehört hätte. Er war ja wegen seiner +schönen Stimme bekannt. + +Wie sie so dastand, -- von sitzen war keine Rede, wenn man so spät +kam, -- hatte sie die Kanzel gerade vor sich und konnte noch besser +als neulich sein Gesicht studieren, konnte sehen, welche feine Linien +Mund und Kinn hatten, und wie schön er sie bewegte, wenn er sprach. +Die Mundwinkel waren besonders anziehend. Der untere Teil des Gesichts +hatte wirklich die Schönheit des großen Franzosenkaisers. + +Auf einmal wußte sie es. Hier auf der Kanzel sah er ganz so aus, wie +Napoleon auf der Brücke von Arcole. Hier war derselbe Blick, mit dem +jener zurückschaut, ob seine Leute ihm folgen, -- mit der ganzen +Energie des konzentrierten Willens, um sie vorwärts zu treiben. + +Ob sie ihm nachfolgen, -- -- nicht, wer sie sind, nicht, wie sie +aussehen ... Sie fühlte es, vor diesen Augen verschwanden hundert +weiße Schleier wie Nebel vor der Sonne, sie fühlte, daß alle Farben, +alle Schönheit eines Gesichts diese Augen nicht aufhalten konnten auf +ihrem Wege nach innen, um einzig und allein darnach zu sehen, ob die +Seele, ihre ganze Fähigkeit aufs höchste angespannt, ihm folge auf dem +Wege dahin, wohin er voranschritt, das Banner über seinem Haupte hoch +erhoben. + +Sie schlug die Augen nieder. Sie fühlte, sie war nicht mit in dem Strom +des Wollens, der ihm aus all den aufgerichteten Augen entgegenfließen +sollte, als ein Ja und Amen auf das, was er verlangte. + +Als er die Kanzel verließ, erst da wurde es ihr klar, daß sie beinahe +nichts von seiner Predigt gehört hatte. + +Was sollte sie nun der Tante sagen, die es liebte, den Gottesdienst -- +oder besser gesagt, die Predigt -- bei Tische zu besprechen? Natürlich +war sie kraß, und sie handelte ja von der Verklärung auf dem Berge, -- +diese beiden Tatsachen ließen sich vielleicht etwas weiter ausgeführt +glücklich verwenden, so daß der eigentliche Mangel verborgen blieb. + +Während des Gesangs sah sie ihn wieder an. Da wandte er ja der Gemeinde +den Rücken, aber sie war so weit auf der Seite, daß sie ihn ungefähr im +Profil hatte. Seine Augen waren auf das große Kruzifix über dem Altar +gerichtet. + +Und plötzlich sah sie seinen Blick wie einen Blitz aus der dunklen +Tiefe der Augen hervordringen. Dieser Blick war ein Feuer -- eine +Feuersglut, die die gemarterte Gestalt vor ihm umschloß -- von den +durchbohrten Füßen an bis zu dem dornengekrönten Haupt. In diesem Blick +lag die ganze Seele. Und diese Seele war Feuer. + +Wo sie im Lauf des Tages stand oder ging, immer sah sie den Blick, wie +er sich, einer Flamme gleich, einen Weg brach. Und jedesmal empfand sie +ihn wie einen brennenden Schmerz. + +War es, weil sie selbst ihren Mangel fühlte an dem Einen, dem Einzigen, +zu dem man solch einen Blick erhebt? Ja, daher kam es wohl! + +-- Bei Bödkers war man nur im kleinen Familienkreis versammelt, aber +sie ging der entzückenden Kinder wegen sehr gern hin. Das jüngste +der Flachsköpfchen dort hatte bei ihrem ersten Besuch seine runden +Ärmchen von hinten um ihren Hals geschlungen und gesagt: »Ach ... ~du +dänisches Fräulein~!« + +Die Erwachsenen in der Familie hatten diese Benennung dann aufgenommen, +und nun wurde sie ausschließlich so genannt. + +Es war so reizend, die Kinder um sich zu haben, die leuchtenden, +goldblonden Köpfchen innig an sich geschmiegt. + +Der Pfarrer und seine Schwester waren auch da. Sie kamen spät und +mußten natürlich gleich nach dem Essen wieder weg zu einer der ewigen +Versammlungen. Er sah müde aus und sprach fast nichts. Überhaupt, wie +konnten die norwegischen Männer schweigen! -- Die Schwester schien das +ganz in der Ordnung zu finden, daß ihn hier niemand dazu brachte, den +Mund aufzumachen. Aber das dänische Fräulein wollte mit ihm reden, sie +wollte ihn herausfordern. Sie fühlte, daß er sich nichts daraus machte, +und das reizte sie. + +Bei Tisch unterhielt sie alle die andern -- fröhlich und lebendig, -- +aber beim Kaffee trat sie zu ihm, als er einen Augenblick allein stand. + +»Heute habe ich Sie also predigen hören.« + +»Ich sah Sie -- ja.« + +»Sie waren sehr streng.« -- Sie konnte wohl annehmen, daß er das +gewesen war. + +»Stimmte das, was ich gesagt habe, nicht mit der Bibel überein? Dann +können Sie ja meine Worte einfach kassieren, sonst aber müssen Sie Ihre +Klage höheren Orts vorbringen.« + +»Wie übervoll Ihre Kirche war!« Es war doch wohl besser, von der +Predigt abzulenken. + +»Ja.« + +Entgegenkommend war er nicht. Aber so leicht gab sie ihre Sache nicht +auf. + +»Wissen Sie, heute ist es mir klar geworden, wie ein Gesicht +verklärt, das heißt enthüllt wird. Dies geschieht, wenn das Gefühl, +das das tiefste in einem Herzen ist, das die Persönlichkeit enthält, +hervorbricht.« + +Keine Antwort. Es war ihr, als sehe er ungeduldig aus. + +»Ich wünschte, ich könnte mit Ihnen zu der Versammlung gehen,« begann +sie wieder. + +»Warum?« + +»Weil -- hier ist es nicht sehr unterhaltend.« + +»Ja, -- das ist ein sehr guter Grund.« + +Sie merkte, daß er gehen wollte -- und da schaute sie ihm plötzlich +gerade in die Augen. »Warum versuchen Sie es nicht, mich zu bek....., +ja, auf mich einzuwirken? Bin ich vielleicht nicht würdig genug?« + +Er hielt ihren Blick mit unerschütterlichem Ernst aus, ohne eine Spur +von Weichheit in den Augen. + +»Die Unwürdigen sind es, die ich suche,« sagte er. »Und gerade das -- +ich weiß nicht, ob Sie ...... Ich habe mir keine Gedanken über Sie +gemacht, aber Sie machen eher den Eindruck, als ob Sie überhaupt keine +geistlichen Begriffe hätten, im tiefsten Sinne genommen.« + +Sie lachte. »Wie schmeichelhaft! Ja, was fehlt mir denn Ihrer Ansicht +nach?« + +»Die Hilfsbedürftigkeit. Sie haben ja Überfluß, und es fehlt Ihnen +nichts.« + +»Woher wissen Sie das?« + +»Ich höre es, ich sehe es. Sie wissen Auswege, und Sie verstehen +auszuweichen. Wo der Ernst des Lebens Ihnen entgegentritt, lassen Sie +ihn als Gesprächsthema schnell wieder fallen. Sie lassen sich dadurch +nicht in Angst jagen. Wenn die Hilfsbedürftigkeit bei einem Menschen +die Oberhand gewinnt, den Kopf hervorstreckt -- angstvoll wie ein +Ertrinkender --, dann ist die Stunde gekommen, ihm eine Planke zu +reichen, die ihn tragen kann. Aber nicht dem, der sich sicher fühlt und +nach der Rettungsplanke -- nur hintänzeln will.« + +Sie hatte aufgehört zu lachen. Denn sie fühlte, daß das Lachen leicht +in Weinen umschlagen könnte. + +Nun wandte sie sich ab, ohne noch ein Wort hinzuzufügen. -- -- Und da +fühlte sie, daß er sie gerne zurückgehalten hätte, daß er bereute, sich +übereilt zu haben. Aber so leicht -- -- nein, so leicht sollte es ihm +doch nicht gemacht werden. + +Sie verschanzte sich hinter den Stuhl ihrer Tante und blieb da +sitzen, bis er sich verabschiedete. Und da reichte sie ihm nur die +Fingerspitzen über die Stuhllehne weg, ohne aufzusehen. Und es half ihm +nichts, daß eine zögernde Bitte in seinem Händedruck lag. + +An der Tür des Eßzimmers blieb er plötzlich stehen und sagte: »Nicht +wahr, gnädiges Fräulein, Sie fragten vorhin nach meinem Krebskranken? +Es ist mir etwas eingefallen, was ich Ihnen gerne von ihm erzählen +möchte.« + +Wie überrascht stand sie auf. »Meinen Sie mich?« fragte sie und folgte +ihm langsam und zögernd ins Eßzimmer. + +Hier streckte er ihr beide Hände entgegen. »Habe ich Sie verletzt? +Bitte, verzeihen Sie mir!« Sie stand unbeweglich vor ihm und erwiderte +nichts, wenigstens nicht gleich. + +»Nicht ich habe gesucht,« fuhr er fort, »ein Gespräch mit Ihnen +anzuknüpfen. Meine Absicht war es, Ihnen auszuweichen. Ich meine -- wir +beide sind so sehr verschieden -- -- Aber das ist keine Entschuldigung, +das weiß ich. Ich bitte Sie, vergeben Sie mir.« + +Jetzt schaute sie auf. »Sie tun mir Unrecht,« sagte sie. »Weil ich +lebhaft bin und vielleicht mein Äußeres gegen mich spricht, sprechen +Sie mir sogleich jeglichen Ernst ab. Das ist sehr oberflächlich +geurteilt.« + +»Nein, Sie täuschen sich. Begabung und Schönheit sind keine Hindernisse +für das Christentum, und ich würde sie nie als solche betrachten. Es +kam mir nur vor, als seien Sie mit so wenig zufrieden, als begehrten +Sie gar nicht mehr und nichts anderes. Ist es nicht so, wirklich nicht?« + +»Nein, nein, doch nicht ganz.« + +Ihre eigene Stimme klang ihr wie die einer Fremden. Sie klang so +ängstlich. + +»Ich wünschte, Sie könnten jetzt mit mir gehen,« sagte er nach einer +Weile. »Dann würde ich mit Ihnen reden. -- Aber nicht mit einem weißen +Schleier auf dem Hut, der würde dort zu sehr abstechen -- da, wohin ich +jetzt gehe.« + +Sie sah ihn an mit dem Schimmer eines forschenden Lächelns im Auge. + +»Ich wollte, ich könnte,« sagte sie. »Ich würde ein altes Tuch um +den Kopf binden wie die gewöhnlichste Frau. Aber versuchen Sie so zu +sprechen, daß ich es verstehen kann.« + +»Ich will sehen, was ich tun kann. -- Doch nun adieu!« + +Er konnte auch lächeln! Und die dunklen Augen waren so mild, daß sie +seinen Blick fühlte wie eine Berührung. + +»Doch was macht der Patient?« + +»Es geht ihm besser, -- in geistlicher Hinsicht.« + +Während sie zu den andern zurückkehrte, dachte sie: »Wenn er sich +nur das nächstemal auch wieder übereilen würde! Die Verpflichtung, +es wieder gut zu machen, wird immer groß bei ihm sein. -- Und sonst +interessiere ich ihn ja nicht, während doch jede glattgekämmte +Vereinsdame dessen ganz sicher sein kann.« + +Aber das nächstemal ließ auf sich warten. + +Die Schwester hatte wohl die Szene in der Eßstube bemerkt und +ihn gewarnt. Die selbstbewußte Alette hatte ja erklärt, daß die +Kopenhagener kein ernsthafter Menschenschlag seien, und sie, das +dänische Fräulein, sicherlich als die schlimmste dieser leichtsinnigen +Rasse hingestellt. Überhaupt -- jemand mit gekräuseltem Haar, schlanker +Taille und kleinen Füßen konnte keinen Lebensernst haben. So einer +mußte man nur ausweichen. + +Und die Männer sind so naiv, so ganz von dem rein Äußerlichen gefangen +genommen! Es gibt Frauen, von denen man sie immer glauben machen kann, +daß sie sich vor ihnen hüten müßten. Sie kannte Frauen, die geglaubt +hätten, sie seien verloren, wenn sie Stirnlocken trügen, die in der +Sonntagsschule unterrichteten und das bescheidene Auftreten angenommen +hatten, das förmlich um Entschuldigung bittet, daß man überhaupt da +ist, und die aber nachher doch ganz gut wußten, was sie wollten. Aber +diese waren sicher, stets vollkommenem Zutrauen zu begegnen. + +Aber so eine wie das dänische Fräulein, die versuchte man nicht einmal +zu bekehren. Dazu hatte man ja die Armenhäusler und die Fabrikmädchen! +Wie sonderbar, daß Männer wie dieser Pfarrer so wenig in ihrem eigenen +gebildeten Kreise wirken! Das wollte sie ihm doch das nächstemal zu +bedenken geben. Ja, das nächstemal, das nicht kommen wollte! + +Die ganze Woche verging. Sie wurde es so müde, in Gedanken lange +Gespräche zu führen, die immer gelangen, die immer ein erstaunlich +günstiges Resultat hatten, daß sie sie gern alle um ein einziges +kleines wirkliches, mißglücktes Zwiegespräch hingegeben hätte. + +Dann kam der Sonntag. Aber da predigte er nicht einmal. + +»Gehst du nie in die Betstunde, Tante?« fragte die Nichte am Morgen, +die Zeitung in der Hand. + +»Nein, Kind, ich will lieber meine Erbauung in der Kirche haben. +Aber ich habe gar nichts dagegen und lasse auch die Dienstmädchen +abwechslungsweise hingehen, wenigstens manchmal. Heute abend soll +Margit gehen und Halfdan in dem Vereinshaus in der Kalmeyerstraße +hören. Ich glaube, er spricht über die Freiheit.« + +»Ich hätte beinahe Lust, mitzugehen. Ich will es einmal versuchen.« + +»Ja, dann begleitet sie dich.« + +Es war sehr voll in dem Vereinshaus und sehr heiß. Voll von Menschen, +die nicht ganz in derselben Tonart sangen. -- Freiheit -- ja, um alle +hinauszukehren und frische Luft hereinzulassen, das war es, was sie in +diesem Augenblick am meisten gewünscht hätte. + +Als die hohe, dunkle Gestalt die Rednerbühne betrat und über die +Versammlung hinschaute, kam es ihr plötzlich vor, als ob sein Blick +kalt und müde werde. + +»Er hat mich entdeckt,« dachte sie. + +Es war deutlich, daß sie ihn störte. War nicht etwas Gezwungenes, etwas +Unwirkliches in seinem Gebet? Riß es denn ihn und alle die andern mit? + +Dann kam die Rede. ~Freiheit~, -- das Wort, das einem den Atem +benimmt, dessen bloßer Ton schon dies und jenes sprengt, das Wort, das +das ganze Brausen des entfesselten Sturms hat -- würde er von solcher +Freiheit sprechen? Er, der nichts wünschte, als die Fesseln um sich und +andere fester zu ziehen. + +Nun ja, man hätte es sich ja denken können, daß er es so auslegen würde. + +Man werde in Knechtschaft geboren und lebe gebunden, -- ja, das sei man +ja an vielen Orten. Nicht allein von harten Verhältnissen, Krankheit, +Kummer, Armut, Tyrannei anderer, von all dem, was man sein böses +Schicksal nenne, unter dem man seufze. All dies sei nicht als Fessel +zu rechnen. -- Ach, sie dächte doch! -- Oder besser gesagt, es komme +alles von ~einem~ her, von dem Joch, dem eisernen Joch, das »die +sündige Natur« heiße -- von diesem eisernen Joch, das ein wahnsinniger +Mensch im Anfang der Zeiten einmal auf seine Schultern genommen habe, +in dem falschen Glauben, daß es die Freiheit sei, und der dann damit +zusammengewachsen sei, mit dem eisernen Joch, unter dem man nun geboren +werde, das mit jedem Tag schwerer werde, immer tiefer ins Fleisch +einschneide und einen immer mehr zur Erde hinunterdrücke, schließlich +bis in den grundlosen Pfuhl des Todes .... + +Ja natürlich, es lag etwas Unfreies darin, daß man so viele Fehler +hatte! Aber sie hingen doch auch mit den guten Seiten eines Menschen +zusammen .... Ja, vielleicht war es gerade dieses Verwachsensein, was +er meinte -- + +Dann ging er dazu über, zu erklären, was Freiheit sei. + +»Freiheit ist nur eins, Aufhebung der Knechtschaft. Das eiserne Joch +unter die Füße treten. Aber wer ist dazu tüchtig? Wir kraftlose +Menschen nicht, die nicht einmal das geringste bemeistern können -- +Krankheit, Kummer, Armut -- wer von uns kann aufstehen und das eiserne +Joch seiner eigenen sündigen Natur brechen?« + +Dann, -- dann sprach er von einem, der das getan habe, einer, der +selbst nicht unter dem eisernen Joch geboren war, der aufrecht, ganz +aufrecht und frei durch die Reihen der Gebeugten schritt, der es aber +den andern abnahm, es den niedergebeugten Rücken der Menschen entriß +mit starken, reinen Händen, und es auf blutigen Schultern trug, der +seine Handflächen wund riß, um es entzwei zu brechen. -- Einer, der +Liebe genug hatte, um selbst unter diesem eisernen Joch zu Boden zu +stürzen, unter ihm zermalmt zu werden, -- aber auch Lebenskraft genug, +heilige, ungebrochene Lebenskraft, um eines Morgens aufzustehen, +und das Joch unter die Füße zu treten, damit »du wirklich frei sein +solltest«. + +»Bist du frei? Vielleicht hast du es gar nicht gefühlt, daß du ein +Sklave bist. So wahnsinnig töricht ist ja die Welt immer noch, daß sie +meint, das eiserne Joch, das sei die Freiheit. Daß sie es wagt, zu +behaupten, daß die Freiheit um so größer sei, je tiefer sie einen in +den Schmutz hinunterdrücken könne. Die Befreiung von dem Joch dagegen, +das nennt sie Knechtschaft. + +Doch im tiefsten Innern des Menschen findet sich eine Stelle, wo die +Wahrheit ihren Sitz hat, und von der aus er richtig sehen kann, wenn +er selbst nur will. Und wenn der Ruf, der große Ruf der Wahrheit durch +die Welt geht, wenn er mit dem Flügelschlag des Geistes durch die Welt +tönt und laut in Klarheit das bekräftigt, was du selbst dunkel fühlst, +dann bist du dafür verantwortlich, wie du wählst. Aus der Weltklugheit +heraus, die, wie du im tiefsten Innern wohl weißt, Lüge ist, oder +aus der Wahrheit. Entweder Knechtschaft -- Knechtschaft unter deine +eigene sündige Natur -- oder Freiheit durch den einen Einzigen, der das +eiserne Joch zerbrechen kann, auch für dich. -- Auch hier in diesem +Saal gibt es eine Wahl, -- merk dir das! Auch in dieser Stunde werdet +ihr zur Freiheit berufen, meine Brüder!« -- -- + +Nach der Rede wurde der Pfarrer von all denen, die ihm zum Dank die +Hand drücken wollten, förmlich belagert. Das war wohl so Sitte nach den +Betstunden. + +»Geh du nur heim, Margit,« sagte das dänische Fräulein zu dem +Dienstmädchen. »Meine Tante wird dich wohl beim Teetisch nötig haben. +Es sind Bekannte von mir da, die ich gerne begrüßen möchte, und ich +gehe dann mit ihnen.« + +Langsam lichteten sich die Reihen, während sie der Mitte des Saales +zuschritt. Es war ihr, als halte er die andern zurück, während sie +näher trat. Tat er es, um ihr auszuweichen? Oder -- nein, das konnte +nicht sein -- um sie zuletzt und allein zu haben. -- Sie wurde die +Letzte. + +»Sind Sie allein?« fragte er wie erstaunt. + +»Und Sie?« hätte sie beinahe mit einer Art Jubel im Ton ausgerufen, +aber sie antwortete nur: »Ja, ich habe das Mädchen heimgeschickt, weil +es so spät wurde.« + +»Meine Schwester hat einen sehr schlimmen Husten,« sagte er, ohne +einen Zusammenhang mit ihren Worten. Aber ihr war es, als verstünden +sie eins des andern Gedankengang, und als sei seine Bemerkung ganz +selbstverständlich. + +Es war auch selbstverständlich, daß er mit ihr den Saal verließ und +neben ihr her ging. + +Sie sprachen die ganze Zeit von der Freiheit -- davon, daß man frei +werden müsse, frei von -- von dem, »das bindet«, sagte sie. »Bei dem +Wort Freiheit -- ich liebe es -- denke ich meistens an die Freiheit, zu +handeln.« + +»Das kommt auf eins heraus. Das eine folgt aus dem andern.« + +»Ja, das kann wohl sein, aber es ist doch nicht dasselbe. Sie sprachen +aber doch nicht von ~meiner~ Freiheit -- meiner Freiheit, zu ... +Was Sie darüber sagen würden, das zu hören hatte ich mich gesehnt. +Verstehen Sie nicht? Die Freiheit, die gleichsam mit einem fortbraust, +fort in einen ungeheuren Raum, wo es keinen Zwang gibt. Die Freiheit, +zu -- -- zu denken, sprechen, fühlen, zu leben wie ich, gerade ich, +will und mag. Das Recht, ich selbst zu sein, dem Drang meiner eigenen +Persönlichkeit zu folgen, wie der Vogel, der fliegt, und wie der Fisch, +der schwimmt.« + +»Wo finden Sie diese?« fragte er. »Den Drang kenne ich recht +gut. Vielleicht war er es, der mich, mehr als alles andere, +hinauswarf, hinaus in die große Freiheit. Den Tummelplatz für seine +Persönlichkeit, die Luft für den Vogel, das Wasser für den Fisch -- das +~Lebenselement für das Leben des einzelnen~ -- mit dem jubelnden +Recht da zu sein, zu atmen, sich zu bewegen als der, der man ist, -- in +seiner tiefsten und wahrsten Bedeutung -- -- wo findet sich das?« + +Unwillkürlich entfuhr ihr, -- obgleich sie dies früher niemals mit dem +Gedanken an Freiheit verbunden hatte: »In dem Herzen eines anderen +Menschen.« + +»Ja, -- -- ja, da würde man es noch am ehesten finden. Aber dies ist +trotzdem ein begrenzter Raum, ein Menschenherz hat Grenzen. Man stößt +mit der Stirne an, auch da. Nur ~ein~ Herz ist unbegrenzt. Nur +an ~einem~ Ort kann man aus tiefster Seele aufatmen, in das +Weltenmeer untertauchen.« -- + +»Ja -- aber sind Sie denn nicht gebunden, -- gebunden -- --« + +»Von ~meiner~ Freiheit? Doch. Aber ihr Joch drückt nicht nieder. +Sie ist gleich Flügeln, die tragen nach oben -- unwiderstehlich!« + +Plötzlich blieb er stehen und sah sich um. + +»Darf ich Sie hier in eine Straßenbahn setzen?« sagte er. »In einem +Haus ganz in der Nähe liegt ein kleines Mädchen, sterbend, schon tot +vielleicht, dessen Mutter ich besuchen möchte.« + +»Dann warten Sie um meinetwillen nicht auf die Straßenbahn,« sagte sie +hastig. »Gehen Sie nur gleich!« + +»Nein, nein -- ich lasse Sie nicht allein auf der Straße stehen. Der +Wagen könnte ja besetzt sein.« + +»Könnte ich dann nicht --?« Sie hielt inne, bange vor einer +abschlägigen Antwort. + +»Mit hinaufgehen? Doch. Aber es ist ein trauriger Anblick. Das Kind ist +taubstumm. Und das erschwert alles so sehr.« + +Sie gingen durch ein paar Gäßchen, die sie nicht kannte. »Karl XII. +Straße,« las sie im Laternenschein an einer Ecke. + +Vor einem niederen, alten Haus hielt er an. »Einundzwanzig,« sagte er. +»Hier ist es.« + +Sie gingen durch das Tor und auf ein dunkles Loch zu. Er zündete ein +Streichholz an, und in dessen flackerndem Licht sah sie einen kleinen, +dunklen Hof -- er schien wie dazu geschaffen, von Ratten zu wimmeln -- +und eine Treppe, die zu einem Altan führte. + +Die morschen Stufen krachten unter ihren Tritten. Der Pfarrer tastete +den Gang entlang bis zu einer Tür, wo er anklopfte. + +Eine Frau, alt aussehend mitten in jungen Jahren und mit verweinten +Augen, machte ihnen auf. + +»Ich bin es, der Pfarrer. Ich mußte noch einmal sehen, wie es bei Tulla +steht.« + +Die Frau schüttelte nur den Kopf. + +Sie traten in eine kleine, ganz reinliche Stube. Neben einem großen +Bett stand ein kleineres, worin sich etwas bewegte mit tastenden +Händchen und einer kleinen, stöhnenden Brust. Da lag ein Kind von zwei +bis drei Jahren, den Tod im Gesicht, mit großen hilflosen, erschreckten +Augen, die nichts von der Qual begreifen konnten, die es überwältigte. +Der Atem drang wie ein hartes Zischen über die fiebertrockenen, +offenstehenden Lippen, die mit einer bräunlichen Kruste bedeckt waren. + +Der Pfarrer und seine Begleiterin traten an das Bettchen. Einen +Augenblick betrachtete sie stumm das Kind, -- dann wandte sie sich +plötzlich zu der Frau und küßte sie. + +Die Mutter brach in Tränen aus. »Liebe Tulla,« sagte sie, »liebe Tulla!« + +Das Fräulein trat ans Fenster und öffnete einen Flügel. + +»Um ihr den Atem zu erleichtern,« sagte sie. »Hier ist es so beklommen.« + +Von dem weiten, ruhigen Sternenhimmel her strich ein Strom reiner +und kühler Luft herein. -- -- Dann nahm das Fräulein ihr Flakon mit +kölnischem Wasser, das sie mit in die Betstunde genommen, aber nicht +benützt hatte, und träufelte von dem Inhalt auf das Kissen um das +kleine, fahle Gesicht her, -- das Kind atmete plötzlich etwas hurtiger +und tiefer. + +Ein Glas mit Wasser und Saft stand neben dem Bett, aber die Kleine +konnte nicht mehr schlucken. Das Fräulein befeuchtete ihren Finger +in dem Glas und begann dem Kinde die harten, vertrockneten Lippen zu +netzen. Sie war so froh, daß sie ein klein wenig äußerliche Hilfe +leisten konnte, etwas anderes konnte sie doch nicht bringen. + +»Sie sind ja eine ganze Krankenpflegerin, Frau Pfarrer,« sagte die +Frau, während der Pfarrer seinen Überzieher auf einen Stuhl legte. + +Sie nickte nur dazu. Es wäre so umständlich gewesen, die Frau +aufzuklären. + +»Nein, daß der Herr Pfarrer auch noch seine Frau mitgenommen hat!« fuhr +die Frau fort, als dieser wieder an das Bett trat. + +Nun kam die Aufklärung mit Blitzesschnelle. + +»Dies ist ein dänisches Fräulein, das von der Betstunde aus mitkam. Ich +bin nicht verheiratet.« + +Die Eile, mit der er diesen belastenden Verdacht zurückwies, trieb ihr +das Blut in die Wangen, aber sie fuhr ruhig fort, sich mit der Kleinen +zu beschäftigen. + +Plötzlich sah der Pfarrer auf den Finger, mit dem sie über den Mund des +Kindes strich. + +»Tuberkulose,« sagte er leise. + +»Ja,« antwortete sie, als ob sie den Gedanken nicht verstünde. Aber sie +wünschte, daß sie eine kleine Wunde am Finger hätte und daß er es sehen +würde. + +Das Kind rang nach Luft mit den krampfhaft unruhigen Händchen und +Füßchen, mit ausgedehnten Nasenlöchern und zuckenden Lippen. + +»Meine kleine Tulla,« sagte die Mutter, die neben dem Bettchen auf den +Knien lag. »Mutter ist hier. -- Kannst du Mutter sehen, Tulla? Mutter +würde dir so gern alles abnehmen, wenn sie nur könnte!« + +Sachte schob der Pfarrer eine Hand unter das Kissen des Kindes und +richtete dessen Köpfchen ein wenig auf. + +Während sich die beiden so in vereinter Fürsorge um das sterbende Kind +bemühten, stieg plötzlich ein Gedanke in ihr auf, der ihr das Blut +noch heißer in die Wangen trieb als vorhin. Stieg vielleicht derselbe +Gedanke auch in ihm auf? + +»Lasset uns beten!« sagte er -- mit einem Ton, als ob er sich selbst +unterbreche. »Wir wollen sie im Gebet hinauftragen. Arme kleine Tulla, +sie hat es nötig, daß sie nach oben getragen wird.« + +Er kniete neben der Mutter nieder und legte die Hand, die er frei +hatte, auf deren gefaltete Hände. + +Das dänische Fräulein überlegte, ob sie auch niederknien solle; sie +wußte nicht recht, was tun. Sie fühlte, wie sehr er nun wünschte, daß +er seine Schwester und nicht sie hier gehabt hätte. Schließlich blieb +sie stehen, um die Lippen des Kindes zu netzen und seine Stirne zu +trocknen, auf der eiskalter Schweiß ausbrach. + +Er betete langsam, mit ganz einfachen Worten, die die Frau gerade +nachsagen oder still mitbeten konnte. Aber das dänische Fräulein wurde +von der Innigkeit betroffen, von dieser Kraft der Innigkeit, womit +jedes Wort das kleine Mädchen umfaßte und wirklich nach oben trug und +hinaufhob. »Als sie beteten, da bewegte sich die Stätte.« Sie bekam auf +einmal eine Empfindung von einer Macht, die die Welt bewegt. + + »Wir heben Herz und Hände + Zum Sternenhimmel auf -- --« + +Auf diese Weise kam sie selbst mit in die Bewegung hinein, sie konnte +nicht draußen bleiben, sie mußte folgen. Der Aufstieg riß sie mit. + + »Es reicht die Himmelsleiter + Zum Himmel von der Erd' -- --« + +Diese stiegen sie nun hinauf, er voraus, das Kind auf dem Arm hoch +erhoben und die Mutter an der Hand. + +Aufwärts ging es, Schritt für Schritt, bis die letzte Stufe erreicht +war. + +Diese Gewißheit in der Anrufung Gottes! Nein, diese Worte waren nicht +in die leere Luft gerufen, wo Tausende von Gebeten umherflattern, +ohne ihr Ziel zu erreichen. Sie waren wie unmittelbar in ein Antlitz +gesprochen, -- in das Antlitz da oben über der Himmelsleiter, sie waren +in ein Herz hineingesprochen, in ein offenes Herz, ein weit geöffnetes, +mit Raum für Millionen solcher kleiner gequälter Wesen wie diese Tulla. + +Die Atemzüge des Kindes waren in ein Röcheln übergegangen, das stockte +und wiederkam, in abgerissenen Stößen. + +Das dänische Fräulein hatte erst ~einen~ Menschen sterben sehen, +ihre Mutter, und sie fürchtete sich vor diesem Anblick. Trotzdem beugte +sie nun ihr Gesicht zu dem Kinde nieder, um die letzten Zuckungen der +Mutter zu verbergen. + +Aber es kamen keine mehr. Es war nur, als ob eine Hand, -- eine Hand, +die sie dafür hätte küssen können -- über das verzerrte Gesichtchen +hinstriche und es glättete, jede Spur der Qual auslöschte zu tiefer, +tiefer Ruhe. + + »Und Gottes Engel halten + Treu Wache um das Kind -- --« + +Der Pfarrer sagte Amen, und die Stille jagte die Mutter auf. + +»Lieber Gott!« rief sie, und warf sich weinend über die kleine Leiche. + + * * * * * + +Eine halbe Stunde später traten die beiden den Heimweg an. Die Mutter +hatte den ersten Schmerz ausgeweint, und eine Nachbarsfrau hatte +versprochen, sie während der Nacht zu sich zu nehmen oder bei ihr zu +bleiben. + +Stumm schritten sie unter dem tiefen funkelnden Sternenhimmel dahin. + +»Kleine Tulla,« sagte sie und schaute auf. »Ob sie jetzt hören kann? Ob +sie nun atmen kann?« + +»Ja,« sagte er. Aber sie wußte nicht, ob er ihre Frage beantwortet, +oder sie nur wiederholt hatte. + +Dann herrschte wieder Schweigen zwischen ihnen. Es war so schön, ganz +zu schweigen, neben einander zu gehen, ohne Worte, mit denselben +Gedanken -- durch die weite und tiefe sternhelle Nacht. + +Da hatten sie das Tor erreicht, und sie bat ihn nicht, mit +heraufzukommen. Sie verstand wohl, daß er nicht wollte. Hätte sie es +nur selbst vermeiden können, die andern noch zu sehen, sowie alle die +Fragen in Beziehung auf ihr Ausbleiben beantworten zu müssen. + +»Ich danke Ihnen,« sagte er, indem er ihr die Hand reichte. + +»Nein, ich habe zu danken, daß Sie mich mitnahmen,« erwiderte sie, +»obgleich ich weiß, daß Sie jede andere Persönlichkeit vorgezogen +hätten.« + +»Warum?« + +Sie schwieg. + +»Von allen Menschen hätte ich am liebsten den dabei gehabt, der das +getan hätte, was Sie taten.« + +»Was denn?« Sie sah ihn erstaunt an. + +»Die Mutter zu küssen,« sagte er ernst. + +»Ach das --« Glänzende Tränen traten ihr in die Augen. Und es wurde +ihr nicht leicht, deren Spur zu verwischen, während sie die Treppe +hinaufstieg. + +Und sie kamen wieder, die Tränen, als sie allein in ihrem Schlafzimmer +war und vor dem großen Spiegel saß, während ihr das aufgelöste Haar +über den weißen Frisiermantel hinabfloß. + +Ihr Gesicht sah so traurig aus in dem Spiegel vor ihr, mitten in all +der dunklen Fülle, daß sie sich selbst darüber verwunderte. + +Da klopfte es an die Tür, und die Tante trat ein. + +»Ich bin es nur, mein liebes Mädchen. Ich möchte gern ein Wort mit dir +reden, ehe ich zur Ruhe gehe. Beim Abendbrot ging es ja nicht an.« + +Sie setzte sich auf einen der niederen, mit Cretonne überzogenen Stühle. + +»Höre, mein Kind, du bist doch nicht auf dem Wege, dich von Halfdan +bekehren zu lassen?« + +»Wie kommst du darauf, Tante?« + +»Ja, denn es sah ja ein wenig eigentümlich aus, als du ihm neulich ins +Eßzimmer folgen solltest, um mit ihm über -- Gott im Himmel mag wissen, +was für einen Kranken zu sprechen, den du gar nicht kennst. Und nun +heute abend kommst du ganz sonderbar von dieser Betstunde heim, -- eine +ganze Stunde nach Margit, -- und sagst, daß du mit ihm gegangen seist. +Und -- --« + +»Wäre es denn so entsetzlich, wenn der Ernst des Lebens mich auch +einmal ergreifen würde?« + +»Nein, durchaus nicht. Ich bin weit entfernt, zu denken, daß ein +Mensch leicht zu viel bekommen könne vom Christentum, wenn mir die +krasse Form auch etwas zuwider ist. Aber die Sache ist die: wenn es +Frauen sind, die von Halfdan erweckt werden, junge Frauen, -- ja, +ältere übrigens auch, -- dann werden sie in der Regel zu ihm selbst +bekehrt. Und dabei ist nichts gewonnen. Deshalb möchte ich dich nur +warnen. Ich hätte gar nicht gedacht, daß er nach deinem Geschmack sein +könnte. Aber nun kommt es mir doch so vor -- in einem gewissen +Sinne -- --« + +»Tante, weißt du, daß das, was du sagst, empörend ist! Wenn ein Pfarrer +nicht hundert Jahre alt ist, kahlköpfig oder verwachsen, dann soll man +gleich in ihn verliebt sein, wenn seine Worte nur den allergeringsten +Eindruck auf einen machen.« + +»Nein, mein liebes Kind, das soll man gar nicht. Aber man wird es sehr +leicht. Wenn ein Pfarrer, besonders einer der ganz strengen, jung und +schön ist, dann ist es ein gefährliches Ding.« + +»Nun, hier kannst du jedenfalls ganz ruhig sein, Tante. Von allen +Mädchen auf der weiten Welt wäre ich wohl das letzte, das er wählen +würde.« + +»Ja, darin wirst du recht haben, das glaube ich auch. Für so verständig +halte ich Halfdan doch. Im ganzen ist er den Frauen gegenüber immer +vollständig kalt geblieben. Er gibt sich nicht die geringste Mühe, +ihnen zu gefallen, und will ja auch gar nicht heiraten, was ich aber +doch am allerbesten für ihn finden würde, wenn es ein besonnenes, +gesetztes und christliches Mädchen wäre, wie Alette zum Beispiel. +Ich habe schon oft gedacht, wie schade es sei, daß die beiden gerade +Geschwister sind. Sie hätten ein ausgezeichnetes Ehepaar gegeben.« + +Die Nichte lachte, -- laut und zornig abweisend, -- und schüttelte ihre +langen Locken. + +»Nun ja, das kann ja auch nicht sein. -- Aber verstehe mich nun recht, +mein liebes Kind, ich will durchaus nicht haben, daß er nun hingeht +und dich -- fanatisch macht, so daß du ganz übersiehst, was sich Gutes +für dich in der Welt finden könnte, und denkst, er sei der einzige, +nach dessen Weisheit du dich richten müßtest, -- und schließlich damit +endigst, daß du um seinetwillen Diakonissin oder Krankenpflegerin +wirst, -- wie ich zwei andere kenne, die es so gemacht haben.« + +»Davor brauchst du keine Angst zu haben. Es liegt durchaus nicht in +meiner Natur, mich nach der Weisheit eines andern zu richten oder +Krankenpflegerin zu werden,« sie hielt inne und dachte nur noch weiter, +»obgleich das auch nicht das Schlimmste in der Welt wäre, wo es so +viele kleine Mädchen gibt, die sterben müssen, -- und Mütter, die das +mit ansehen müssen.« -- + +Als die Tante gegangen war, sprang das junge Mädchen auf und ging lange +im Zimmer auf und ab, während sie alle Augenblicke ihre wallenden Haare +schüttelte. Sie war innerlich empört über alles, was die Tante gesagt +hatte. Aber als sie endlich zur Ruhe gegangen war, kamen die Tränen +aufs neue. Denn sie mußte wieder hineinschauen in die traurige Welt, +in die sie einen Einblick bekommen hatte, die Welt, in der es so viele +kleine Mädchen gab, die sterben mußten, -- und Mütter, die das mit +ansehen mußten. + + * * * * * + +Wieder endlos leere Tage! Und sie konnte nichts tun, um sie +auszufüllen. Überall, wo sie ihn hätte treffen können, sagte er ab, zu +großen wie zu kleineren Gesellschaften. + +Sie wünschte, mit ihm sprechen zu können. Ganz, ganz anders +-- im Zusammenhang. Sie sehnte sich darnach, ihm einen viel +richtigeren Eindruck von sich beizubringen, gerade weil sie auf ganz +entgegengesetztem Grund und Boden stand. + +Stand -- ja das heißt, einen festen Grund unter den Füßen, in Form +einer bestimmten Lebensanschauung, einer festgewurzelten Überzeugung +hatte sie wohl eigentlich nicht. Aber sie liebte alle großen Gefühle, +alle großen Gestalten. Sie hatte ja auch die Religion nicht ganz über +Bord geworfen, nur spielte diese gar keine Rolle in ihrem Leben; sie +lebte nicht in ihr. Die meisten Christen haben ja ihr Leben neben der +Religion. + +Sie wünschte sehr, er solle wissen, daß sie alles Große verstehen +könne, auch was es heißt, sein Leben für seine Überzeugung einsetzen. +Ja, daß dies auch als das Größte vor ihr stand. + +Aber er machte sich wohl gar nichts daraus, von ihr gewürdigt zu +werden, oder irgend einen anderen Eindruck von ihrer Persönlichkeit zu +bekommen, als den, den er sich selbst gebildet hatte. Den, der ihn -- +trotz allem -- doch eigentlich abstieß. + +Sie, nur sie sehnte sich danach, daß es doch geschehe. Aber nach den +Reden der Tante an jenem Abend konnte sie nun in dieser Richtung gar +keinen Versuch machen. + +Dann war der Konsul so freundlich, sich einen kleinen Influenzaanfall +anzuschaffen, der ihn zwar nicht ans Bett, aber doch eine Woche lang +ans Zimmer fesselte, und der die Veranlassung war, daß der Neffe ihn +besuchte. + +Er blieb lange -- unbegreiflich lange -- drinnen beim Onkel. Dann trat +er ins Kabinett, wo die Tante mit der Nichte saß; diese malte eben +goldene und bronzierte braunrote Chrysanthemen auf einen Ofenschirm aus +wasserblauem Atlas für die Tante. + +»Ist sie nicht ein Genie, Halfdan?« sagte die Tante. »Komm und setz +dich ein Weilchen zu uns, mein Lieber.« + +Er begrüßte die beiden Damen, und während die Nichte zu ihm aufsah, war +es ihr, als liege jene strahlende Sternennacht, wo sie Seite an Seite +gegangen waren, so hoffnungslos weit zurück, daß es ganz unmöglich sei, +da wieder anzuknüpfen, wo sie abgebrochen hatten. + +Das Anknüpfen wurde hier übrigens nicht ihre Sache; das besorgte die +Frau Konsul immer, wenn sie anwesend war. + +»Kannst du mir nicht helfen, Halfdan, dieses verstockte Mädchen zu der +Einsicht zu bringen, daß es die Bestimmung des Weibes ist, sich zu +verheiraten. Ist es nicht so?« + +»Doch, ich wüßte nicht, welche es sonst noch für sie gäbe. Sie ist, +wie ich gelehrt worden bin, dazu geschaffen, die Gehilfin des Mannes +zu sein. Und ich meine, es sei am besten, wenn sie diese Bestimmung +erfülle.« + +Die Nichte wußte nicht recht, ob dies Ernst oder Ironie war, und +erwiderte ein wenig herausfordernd: »Ich glaube doch, daß man dies auf +mehr als eine Art kann. Ich habe immer Lust gehabt, zur Bühne zu gehen. +Glauben Sie nicht, daß man von da aus eine geistige Gehilfin für Männer +und Frauen sein kann?« + +Er zeigte keine Entrüstung, wie sie erwartet hatte, sondern antwortete +ganz ruhig: »Vielleicht, aber dies wäre doch mehr indirekt.« + +»Ja, das ist ein unsicherer, schwieriger Weg,« sagte die Tante. »Und +deine Mutter war so sehr dagegen. Jawohl, das war sie, ihr Wunsch war, +dich gut verheiratet zu sehen. Das weiß ich am besten.« + +»Ja, liebe Tante, aber dazu gehören ja unglücklicherweise zwei. Und ich +weiß absolut keinen, der mich haben möchte.« + +»Nicht? Nun, dann weiß ich mehrere. Nehmen wir nur zum Beispiel ++Dr.+ Carlsen. Hast du es neulich bei Bödkers nicht bemerkt, +Halfdan, wie seine Augen keinen Blick von ihr verwandten?« + +»Nein, -- -- doch -- es ist möglich.« + +»Ja, Kind, dessen bin ich ganz sicher, daß er nur einen Gedanken hat, +nämlich dich zur Frau zu bekommen. Nun heißt es ja, er werde seinem +Vater als Oberarzt an der Irrenanstalt in R... nachfolgen, und +dann -- --« + +»Dann kann er sich selbst als ersten Patienten anmelden, wenn du recht +hast. Denn dann müßte er ja an Größenwahn leiden.« + +Sie konnte der Lust nicht widerstehen, die Tante ein wenig zu necken +und den andern wissen zu lassen, wie wenig sie für diesen +Dr.+ +Carlsen übrig hatte. Trotzdem aber war es ihr, nachdem ihr die Worte +entschlüpft waren, ganz klar, daß sie sich, und zwar gerade hier, +zeitlebens unmöglich gemacht habe. Aber gleichzeitig hörte sie +neben sich ein Lachen, ein ganz lautes und »bubenmäßiges«, wie die +Tante es empört nannte. Und da mußte sie unaufhaltsam mitlachen. Mit +ihm zusammen lachen! Das brachte sie um viele Meilen näher! Später +erinnerte sie sich mit freudigem Schauder daran, wie es gewesen war, +als ihr Lachen in dem seinigen unterging. + +»Du hilfst mir ja recht gut, sie zu ermahnen,« sagte die Tante. »Aber +du hast ja auch selbst nicht das gute Beispiel gegeben.« + +»Entschuldige, Tante, ich bin es ja nicht, der als Gehilfe erschaffen +worden ist.« + +»Nein, aber du bist dazu geschaffen, eine Gehilfin zu haben, und ohne +das hat der Mann ›es nicht gut‹. Das bin ich gelehrt worden.« + +»Meinst du vielleicht, er habe es durch die Hilfe der Frau sehr ›gut‹ +bekommen -- der Mann nämlich? Eine andere Bibelstelle nennt die Frau +mit ganz klaren Worten auch ein Hindernis. Und ich bin auch überzeugt, +daß ein Mann sehr vorsichtig sein muß, ehe er diese -- Möglichkeit +in sein Leben einfügt. Besonders ein Pfarrer, bei dem alle Ansprüche +verschärft sind, äußerlich wenigstens.« + +»Darauf kann ich nur erwidern, daß die besten Pfarrer, die ich gekannt +habe, jedenfalls eine oder auch mehrere Frauen gehabt haben. Je mehr +ein Pfarrer wie alle andern lebt, um so seelsorgerlicher kann er sein, +natürlich auf die rechte Art und Weise.« + +»Auf die bequemste jedenfalls.« + +»Laß doch den Herrn Pfarrer in Frieden, Tante,« sagte die Nichte ein +wenig erregt. »Wenn man in jedem Jahrhundert einmal einen Pfarrer +trifft, der nicht verheiratet ist, so muß man doch einräumen, daß -- +daß der dann dem Ideal am nächsten ist.« + +»Nein, das gebe ich auf keinen Fall zu. Bischof H. war dreimal +verheiratet. Und einen besseren Seelsorger als ihn verlange ich nicht. +Und von einem andern ausgezeichneten Bischof weiß ich, daß er es bis zu +vier Frauen brachte.« + +»Dann muß ich es wohl aufgeben, Bischof zu werden, mir wird es +sicherlich an den entscheidenden Bedingungen fehlen.« + +Wieder lachte er, und ihr Lachen flog auf zum Zusammenklang wie ein +Vogel mit befreiten Schwingen. Wer hätte gedacht, daß er so lachen +könnte. Sie kannte dieses Lachen ja von Grund aus. Warum versteckte er +es denn so gut? + +Aber die Frau Konsul schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte, mit +solchen Würdenträgern dürfe man keinen Scherz treiben. + +Später sagte sie noch, so höre man ihn jetzt nur selten lachen. Das sei +ein Nachklang aus der Zeit, wo er gar so übersprudelnd gewesen sei. + +Und übersprudelnd zu sein, dazu hatte die Nichte an diesem Tag die +größte Lust. Ihre Chrysanthemen strahlten wie reines Sonnengold! Und +der Konsul war von beispielloser Liebenswürdigkeit. Hatte er es denn +nicht so eingerichtet, daß der Pfarrer versprochen hatte, am nächsten +Abend mit der Schwester zu kommen, und zwar ganz in der Familie! + +Nun, während der ersten Hälfte des Abends hatte man eigentlich nur von +~ihr~ etwas. Er vergrub sich ja bei dem Onkel bis zum Abendbrot. +Und bei Konsuls speiste man sehr spät zu Mittag und zu Abend, ganz +entgegen den sonstigen Gewohnheiten in Christiania. + +Die Tante schätzte Alette sehr; sie liebte es, diese hie und da neben +sich auf dem Sofa zu haben, zu einem »ruhigen, vernünftigen Gespräch +über den Ernst des Lebens«, worunter sie all die Armut, Krankheit und +Not meinte, in die das Fräulein durch den Bruder einen Einblick erhielt. + +Die Nichte saß über eine Handarbeit gebeugt und wurde ganz blaß vor +Ungeduld über all die »traurigen Geschichten« aus diesem ewigen +Zusammenleben mit »Halfdan«; aber auf einmal ergoß sich eine helle Röte +über ihr ganzes Gesicht. + +Alette erzählte, daß der Bruder kürzlich bei einer Witwe gewesen sei, +die ihr einziges Kind verloren hatte, ein taubstummes dreijähriges +Mädchen, an Tuberkulose, und daß es ganz herzzerreißend gewesen sei, +sehen zu müssen, wie diese Kleine, die nichts verstand und nichts sagen +konnte, all dieses schwere Leiden durchmachen mußte. + +»An dem Abend, wo sie starb, ist Halfdan angegriffener gewesen, als +ich ihn seit langer Zeit gesehen habe. Bis spät in der Nacht ging er +in seinem Zimmer auf und ab. Er konnte nach diesem Anblick durchaus +keine Ruhe finden. Ich wäre so gerne mit ihm gegangen, aber es war in +den Tagen, wo ich wegen meines Hustens das Zimmer hüten mußte. Deshalb +mußte er allein gehen.« + +»Es war schwer, davon zu hören,« sagte die Tante, »und recht traurig +für dich, daß du nicht mit ihm in das Trauerhaus gehen konntest. Eine +Frau findet so oft den richtigen Balsam für eine betrübte Seele.« + +Ja, da war eine, in der eine jubelnde Freudenstimmung aufstieg, aber +sie saß über ihre Arbeit gebeugt ganz still da. + +Alette wandte sich nicht an sie. Diese Sachen lagen natürlich ganz +außerhalb der Erfahrung und der Interessen der jungen dänischen Dame. + +Als der Bruder endlich mit dem Konsul eintrat, erzählte die Schwester +eben von einem Jungen, der von einem Wagen überfahren worden war +und große Schmerzen litt. Es war der Sohn eines Arbeiters, und als +der Pfarrer diesen ermahnte, für das arme Kind zu beten, hatte er +geantwortet: »Wir haben niemand, zu dem wir beten können.« + +»Ist es nicht schrecklich, wenn man bedenkt, daß es Tausende gibt, +die wie dieser Mann niemand haben, zu dem sie beten können? Kann man +begreifen, wie es möglich ist, ohne Gebet zu leben?« + +»Nein, da hast du recht,« sagte die Konsulin. »Es ist erschütternd.« + +»Aber schlimmer ist es doch,« sagte der Bruder, »daß es Tausende gibt +-- auch von denen, die beten, wenigstens dann und wann -- die niemand +haben, den sie ~anbeten~.« + +Beide Damen auf dem Sofa stimmten damit überein, die Schwester wohl aus +Überzeugung, die Tante vielleicht mehr aus Höflichkeit als Wirtin. + +Einen Augenblick später stand er in dem Kabinett, um die Chrysanthemen +zu betrachten, die die Nichte an diesem Tag beinahe vollendet hatte. + +»Ich weiß, was anbeten heißt,« sagte sie plötzlich, während sie die +Lampe für ihn in die Höhe hielt. + +»Nun -- dann gratuliere ich.« + +»Nein, ach nein, so war es nicht gemeint. Ich wollte nur sagen -- ich +habe es einmal gesehen -- in dem Blick eines Menschen. Es heißt so +viel, als seine ganze Seele hingeben.« + +»Ja, so könnte es wohl ausgedrückt werden. Aber es klingt nicht +treffend, nicht stark genug. Es heißt gleichsam, seine ganze +Persönlichkeit zusammenfassen: alles, was man hat, alles, was man +ist, in ein einziges Gefühl -- ein einziges abgrundtiefes Gefühl der +Ohnmacht, des Nichts -- -- und es dann zu den Füßen eines Einzigen +ausschütten. David sagt in einem der Psalmen, daß er ›ausgegossen sei +wie Wasser‹, das gehört dazu. Seine ganze Seele wie Wasser auf die Erde +ausgießen, vor die Füße eines Einzigen -- -- und dadurch gewonnen -- +aufgenommen -- vertieft -- verwirklicht werden.« + +»Ja,« sagte sie. »Ich habe dies gesehen.« + +»Ich glaube, es ist sehr selten,« sagte er. »Es steht ja geschrieben: +Du sollst Gott deinen Herrn anbeten. Und dies ist in dem Verhältnis +zu Gott das Höchste und Tiefste, das Erste und das Letzte. Aber sie +tun es nicht, die Tausende! Sie erreichen nie den Augenblick, den ganz +unentbehrlichen in einem Menschenleben, wo alle Worte und Gedanken, +alle Fähigkeiten und Kräfte zur Erde sinken -- ohnmächtig. Wo der +unaussprechliche Seufzer die Seele trägt wie eine Woge, hinein ins +Heiligtum.« + +Während er sprach, schaute er fortgesetzt ihre Chrysanthemen an. +Aber sie fühlte, daß sein Blick durch die Blumen hindurch glitt, weit +helleren Bildern in der Ferne entgegen, und mit etwas von dem im Auge, +das sie von jenem Tag her kannte, wo sie ihn vor dem Altar gesehen +hatte. Und gerade wie damals berührte es sie wie ein Schmerz. + +Sie selbst war ja so weit weg -- so fern von ihm in diesem Augenblick +-- und weit, weit entfernt von dem Tiefsten und Höchsten, von dem +ersten und letzten Moment in einem Verhältnis zu Gott. + +Und doch -- was es hieß, seine ganze Persönlichkeit in ein einziges +Gefühl zu vereinigen und ausgegossen zu sein wie Wasser auf der Erde, +vor den Füßen eines Einzigen, -- wer, ach wer in der weiten Welt konnte +es besser verstehen als sie? + + * * * * * + +Im Dezember wollten Konsuls einen Ball geben, das heißt -- die gnädige +Frau wollte es. + +»Etwas muß man tun, wenn man einen solchen Vogel Phönix im Hause hat,« +sagte sie. + +Der Konsul sah aus, als ob er dächte, weniger hätte es auch getan; aber +die Aussicht auf eine ungestörte Spielpartie in seinem Zimmer mit +einigen der Vettern verlockte ihn zu schweigender Einwilligung. + +Großartig sollte es werden. Wenn der Saal ausgeräumt wurde, hatten +vierundzwanzig tanzende Paare gut Platz. Was tat es da, wenn man +mehrere Tage vor und nachher in seinem eigenen Heim saß »wie Marius auf +den Trümmern von Karthago« -- oder wie es sonst der Konsul zu nennen +pflegte. + +Die Nichte hatte nur einen Gedanken, während sie Einladungen +adressierte und ihr Kleid anprobierte -- ob, ob -- --? + +Nein, das war wohl unmöglich! + +»Es sähe aus, als wollte man Halfdan und Alette zum besten haben, wenn +man sie zu so etwas einladen würde,« sagte die Tante. »Aber hinter +ihrem Rücken soll der Ball auch nicht gehalten werden. Ein paar Tage +vorher schreibe ich an sie, daß wir eine kleine Tanzgesellschaft geben +-- für unser liebes »dänisches Fräulein« -- und ob sie nicht Lust +hätten, sich ihn anzusehen. Aber das haben sie natürlich nicht.« + +Und der Tag rückte herbei. + +Und es geschah -- ja, das Unmögliche selbst flutete herein ins Leben +mit seiner unhemmbaren Gewalt und machte alle bleichen Möglichkeiten +zuschanden. + +Es gab einen Liedervers, der einmal nach einem Begräbnis durch ihr +Kinderköpfchen gegangen war und sich da festgesetzt hatte. »Da wird mir +das zum Grund, was vorher Dach gewesen.« Diese Vorstellung gefiel ihr +als kleines Mädchen. Und nun war es ihr, als würde sie zur Wirklichkeit. + +Der Sternenhimmel, den sie hoch über sich in unermeßlichem Glanz hatte +leuchten sehen, der lag eines Abends zu ihren Füßen als der Grund, der +ihr ganzes Dasein trug. + +Der Augenblick kam, wo alles nicht mehr seinen Gang ging, seinen +gewohnten trägen, bekannten, abgemessenen Gang, sondern wo »die Sonne +stille stand in Gibeon und der Mond im Tale Ajalon«, wo das ganze +große, schwirrende Weltrad stille stand, während alles im Weltenraum +nur verwundert mit angehaltenem Atem lauschte. + +»Und es geschah« -- + +Wie es geschah? Ach, tausend-, zehntausendmal begann sie immer aufs +neue in Gedanken ... und kam doch nie damit zu Ende, kam nie an dem +Punkt vorbei, wo alles vor ihr aufging in strahlendem Licht ... so daß +sie immer und immer wieder vorne anfangen mußte ... + +Es war an dem Ball ihres Onkels. + +Sie hatte ihr Kleid gewählt und es angezogen mit der einzigen, beinahe +unmöglichen Möglichkeit vor Augen. + +Der blaßgelbe, von Spitzen verschleierte Atlas schmiegte sich +glänzend und knisternd um ihre schlanke Gestalt und umschloß ihre +feine Büste wie ein Panzer. Goldleuchtende Topase funkelten in ihrem +dunklen, lockigen Haar, um den weißen Hals und zwischen den Spitzen +über der Brust, wo sie dunkelviolette, von schwerem Duft erfüllte +Heliotropblüten festhielten. + +Sie war spät fertig geworden, und als sie aus ihrem Zimmer in die +festlichen Räume trat, waren die Lichter überall schon angezündet. Im +Saal war man eben bei den letzten angelangt. + +Hier drinnen stand die Frau Konsul in blaßgrauem broschiertem +Atlas, eifrig beschäftigt, einem Lohndiener einige nachdrückliche +Verhaltungsmaßregeln zu geben, während der Konsul schon mitten im +Zimmer stand, wo er mit ihr zusammen die Gäste begrüßen sollte, die +sie schon draußen hörte. + +Die Nichte wandte an der Tür des Saales wieder um, ging durchs +Wohnzimmer zurück und ins Kabinett hinein, wo rosenfarbige seidene +Lichtschirme auf allen Lampen einen Dämmerschein wie von einem +Sonnenuntergang verbreiteten. Es war ihr zuwider, sich besehen und +bewundern zu lassen. + +Und doch war sie die Königin des Abends -- das fühlte sie selbst -- +von der funkelnden Nadel im Haar an bis hinunter zu dem spitzigen +Atlasschuh. + +Der große Spiegel in der Ecke am Fenster zeigte ihre Gestalt in +wirklich hinreißendem Glanz, während sie langsam, -- gleichsam in müder +Majestät darauf zuschritt. + +Da -- -- nein, nein -- -- nein -- -- blitzschnell schloß sie die +Augen ... + +Nein -- -- es war ein Trugbild --, eine glühende Sehnsucht, die in ihr +aufstieg und sie verwirrte, -- -- es war eine Einbildung, daß sie da +vor sich im Spiegel -- aus dem Hintergrund des Zimmers ein Augenpaar +auf sich gerichtet gesehen hatte. + +Zwei Augen, -- deren Blick hervordrang wie eine lodernde Glut, die ihre +ganze leuchtende Gestalt umhüllte ... + +Sie hielt die Augen fest geschlossen. Sie konnte es nicht ertragen, +sehen zu müssen, daß es nur eine Einbildung war -- und wagte doch nicht +sicher zu glauben, daß die Augen wirklich da ~waren~. + +Mechanisch glitt sie näher zu dem Spiegel hin ... Wenn aber nun der +vergoldete Blumenbehälter, der davor stand, sie aufhielt, -- was dann? + +Sie stieß mit dem Fuß an das Hindernis -- blieb dicht vor dem Spiegel +stehen, öffnete die Augen, groß und dunkel vor angstvoller Erwartung -- +und sah ... + +Der Blick war noch da. Und der Blick war Feuer. + +Langsam, mit blassen Wangen, wandte sie sich vom Spiegel. + +Der Blick war da ... Näher -- näher ... loderte er flammend auf, ihr +entgegen ... + +Er kam von einem, der mitten durchs Zimmer geschritten war ... und nun +sich vor ihr auf die Knie niederließ ... + +Ein halb unterdrückter Schrei -- -- und sie fiel zu Boden in all ihrer +leuchtenden Herrlichkeit ... + +Einen einzigen schwindelnden Augenblick waren Arme um sie -- war ein +glühender Atem über ihrem Gesicht -- war eine kecke Hand da, die die +Heliotropblüten von ihrer Brust nahm und sie an der seinigen barg. + + * * * * * + +Da kamen die Gäste. + +»Wir haben sehr hübsche Damen heute abend, Frau Smit!« sagte die Frau +Konsul. »Aber meiner Nichte gebührt doch der erste Preis.« + +»Ja, da haben Sie ganz recht. Wenn sie nur nicht so bleich wäre! Ist +sie auch gesund?« + +Die Nichte sollte den Ball eröffnen mit einem Vetter aus Kopenhagen, +der auf acht Tage gekommen war, aus dem sie sich aber nicht viel +machte. Er hatte den wenig ehrerbietigen freien Ton des Vetters ihr +gegenüber. + +»Ist es dir sehr leid, wenn wir nicht vortanzen?« fragte sie, während +sie im Saal umhergingen. + +»Bist du verrückt?« + +»Nein -- aber ich glaube, Onkel Hallager hat mich mit der Influenza +angesteckt. Es ist mir ganz sonderbar im Kopf.« + +»Ja, du siehst auch todesblaß aus. -- Nein -- um meinetwillen keine +Aufregung. -- Obgleich -- ich bin als Tänzer berühmt.« + +Sie traten zur Seite und ließen ein anderes Paar vortanzen, dem +sogleich mehrere folgten. + +»Es wäre doch recht ärgerlich, wenn du mitten in der Saison krank +würdest. Denn es ist doch wohl nicht er, der Halfdan, der dich so +verwandelt hat, daß du nicht einmal mehr wagst, ein Tänzchen in Ehren +zu machen! -- Hast du übrigens gesehen, daß seine Heiligkeit heute +anwesend ist? Mitten in all dieser Verderbnis der Welt? Was das nun +bedeuten soll! Niemand kann es begreifen.« + +»Vielleicht ist eine Seele da, deren er sich annehmen will.« + +»So eine Affektation! Mitten in einem Ballsaal!« + +»Ach -- wenn es sich nun ums Leben handelte -- ich kann gut verstehen, +daß man da eingreifen möchte -- selbst in einem Ballsaal.« + +Die Frau Konsul kam in all ihrem broschierten Glanz eilig auf sie zu. + +»Aber Kind, warum tanzst du denn nicht?« + +»Ich habe Fieber, liebe Tante, und fürchte, es könnte schlimmer werden.« + +»Mein liebes Kind, das fehlte nur noch. Frage doch +Dr.+ Carlsen +um Rat.« + +»Nein, nein. Nicht heute abend. Das fällt bloß auf.« + +»Dann setze dich wenigstens. Und sieh, daß du etwas Warmes zu trinken +bekommst!« + +Kurz nachher trat der Pfarrer auf sie zu. + +»Haben Sie noch eine Tour für mich frei?« fragte er. »Auf diese Weise +kann ich ja auch mittun.« + +Sie reichte ihm ihre Tanzkarte, ohne ein Wort zu sagen und ohne die +Augen zu ihm aufzuschlagen. + +Den ersten Tanz nach dem Essen hatte sie frei gehalten. Er machte ein +Zeichen daneben und entfernte sich. + +Sie sah auf die Karte -- und barg sie in ihrem Gürtel. + +»Du siehst aus, als seiest du am Ohnmächtigwerden,« sagte der Vetter. +»Geh hinauf und leg dich in der Pause ein wenig nieder.« + +In der Pause war sie vielen teilnehmenden Fragen und Ratschlägen +ausgesetzt, die sie nur quälten. + +»Ausnahmsweise ist es ja ganz angenehm, nicht zu tanzen,« sagte sie. +»Ich habe mehr von der Unterhaltung meiner Herrn.« + +»Meinst du damit auch den Tanz, der eben zu Ende gegangen ist? Er, der +Nikolai, hat es unserer Ansicht nach doch nur in den Beinen,« sagten +die norwegischen Cousinen. + +Das Souper war ungewöhnlich früh festgesetzt worden, weil der Konsul +ausdrücklich befohlen hatte, daß die, die nicht tanzten, nicht bis +Mitternacht hungern dürften. Infolge dessen hatte die Konsulin es so +eingerichtet, daß man alle soliden Gerichte bei einer ersten Mahlzeit +bekam und sich später nur noch um einen ausgesucht feinen Nachtisch +versammelte. + +Die Frau des Hauses selbst wurde von einem bekannten schwedischen +Professor zu Tisch geführt. + +Er mußte die Tischrede halten; und nach einem Hoch auf den Wirt und die +Wirtin und einem auf das herrliche Gebirgsland Norwegen erhob er sich +und hielt eine Rede auf »die Frau«. + +Nachdem er verschiedene schöne, wenn auch nicht durchaus neue +Vergleiche für sie gefunden hatte, erklärte er schließlich, daß er, +einer begeisterten Zustimmung sicher, festsetzen wolle, daß die »Frau, +wenn sie so ist, wie sie sein soll -- --« + +»Das ist sie ja nie,« warf der Konsul plötzlich ein. + +Dies wurde gehört, und da bekam der Konsul die begeisterte Zustimmung. + +Der Professor lachte mit den andern und sagte, als er endlich wieder +zu Wort kommen konnte, daß er, nachdem der Schluß seiner Rede in der +ersten Form unmöglich gemacht sei, und weil alle mit dem verehrten +Gastgeber übereingestimmt hätten, vorschlagen wolle, daß jedermann sein +Glas leere auf »die Frau, die nicht so ist, wie sie sein soll, weil sie +trotzdem reizend ist.« + +Ein lautes Bravo erklang im ganzen Saal. + +Aber die Konsulin, die sich ihr Urteil über die Äußerung vorbehielt, +drohte lächelnd dem Professor und sagte, daß sie dieses Hoch nicht +annehme, weil sie eine solche Huldigung mehr als zweifelhaft finde. + +Da trat die Nichte plötzlich mit dem erhobenen Champagnerglas und +fieberheißen Wangen zu dem Professor. + +»Darf ich Ihnen für Ihre Rede danken?« sagte sie. »Als die Frau, +die gar nicht ist, wie sie sein soll, die aber dem Manne dankt, der +hervorhebt, daß sie doch angeht.« + +Lächelnd verbeugte sich der Professor vor ihr. Dann trank er ein +besonderes Glas mit der Wirtin auf »die Frau, die ist, wie sie sein +soll«. + +Dann folgte ein Tanz, während dem das dänische Fräulein wieder ruhig +bei ihrem Tischherrn sitzen blieb und auf alle seine Bemerkungen immer +einsilbigere Antworten gab. + +Während der nächsten Pause bat die Tante sie dringend, doch zu Bett zu +gehen. + +»Du bist wirklich krank. Man merkt es an allem.« + +Aber sie erwiderte, daß sie bis zum Schluß aushalten wolle. + +Als die Musik den nächsten Tanz anstimmte, hatte sie große Angst, es +könne sie jemand beobachten. Sie fühlte, daß sie ganz kalt im Gesicht +wurde ... + +Lachend und plaudernd zogen die Paare in den Saal hinein, und die +älteren Leute folgten langsam zur Tür, um dem Tanzen zuzusehen. -- Ihr +Herz stand still -- + +Er kam und bot ihr den Arm. + +Mit niedergeschlagenen Augen legte sie ihre weißen Fingerspitzen darauf. + +Und ohne ein Wort, wie auf vorhergehende Verabredung, führte er sie +hinaus aus dem Saal, durch die leeren Zimmer nach der großen Veranda, +die dem Fest zu Ehren geöffnet und in einen Wintergarten umgewandelt +worden war, mit vielen blühenden Pflanzen, über die matte weiße Ampeln +ein weiches Opallicht warfen. + +Indem er sie zu der Glastüre hinausführte, fühlte er, daß die Hand, die +auf seinem Arm ruhte, eiskalt war und zitterte. + +Er legte seine Hand darüber. »Warum?« fragte er. »Fürchten Sie sich?« + +»Ja.« Dies klang tonlos wie ein kaum vernehmbares Flüstern. Und die +bebenden Augenlider lagen tief auf den Augen. + +Er hielt an. »Sollen wir umkehren?« + +»Nein, nein, -- nein!« + +Er beugte sich tief herab und drückte seine Lippen auf die weiße +zitternde Hand. + +Dann führte er sie hinaus -- in den Duft und Schatten der blühenden +Gewächse ..... + + * * * * * + +Schlafen -- -- nein, von Schlaf war in dieser Nacht keine Rede. + +Sie warf sich nur hin und her, wie von einer Feuerwoge gewiegt ... die +Feuerwoge, die um sie aufgelodert war, die sie mit Gewalt fortgerissen +hatte und fortgetragen, weg von sich selbst, -- da draußen zwischen all +den Blumen .... + +Die Blumen, die Blumen! Es waren so viele frisch erblühte, daran +erinnerte sie sich nun. Die hatten sie angesehen wie mit Augen. Sie +hätte gern alle die geöffneten Kelche geschlossen -- die Hände darüber +gelegt -- + +Sie durften nicht, -- durften nicht gesehen haben -- das, woran sie +sich selbst nur mit geschlossenen Augen zu erinnern wagte, -- den +Augenblick, den einzigen Augenblick, den sie wirklich gelebt hatte, +seit sie geboren war, -- den Augenblick, wo sie sich in die Hände eines +andern hingab. + +Ach, diese Hände, die sie umschlossen -- so siegessicher, so +gebieterisch, und doch so bittend! Die Hände, die nahmen, und indem +sie nahmen, ihr tausendfach wiedergaben, sie ohne Maß und grenzenlos +bereicherten, sie mit dem unfaßlichen, unergründlichen Gefühl +erfüllten, zu sein, zu sein ...... das, was man nie erreicht, ehe man +einem andern gehört. + +Denn sich zu eigen gehören, das heißt sterben. Ja, weniger als sterben, +es heißt ~gar nicht~ sein. + +Aber einem andern zu eigen werden, das heißt leben. Sie drückte beide +Hände aufs Herz. Ja, nun schlug es ... wie jauchzend schnell, wie +lebendig! + +So lange die Dunkelheit sie umfing, war das ganze schwindelnde Glück +noch da. + +-- Aber als die Dämmerung sachte herbeischlich und sie mit kalten, +nüchternen Augen anschaute, da richtete sie sich mit einem Ruck im +Bette auf und fühlte, daß es unmöglich sein konnte. Nein, es konnte +nicht sein! + +Der anbrechende Morgen, grau und eisig, ohne Farbe, ohne Schatten, ohne +Glanz wie die Vernunft selbst, erinnerte sie immer an eine Hinrichtung. +Und auf einmal war es ihr, als sei sie die Verurteilte. + +Denn diese Morgendämmerung, sie schlich sich auch zu ihm hinein. Sie +weckte ihn aus der Verblendung des gestrigen Tages wie aus einem +Fiebertraum. Er würde es unbarmherzig deutlich sehen, daß es das +Undenkbarste, das Wahnsinnigste wäre, -- daß sie von allen die letzte +sei, die er wählen sollte. + +Er würde das Todesurteil fällen, -- sie fühlte es -- und es bestätigen, +wenn er beim Kaffee in die blaugrauen Augen der Schwester sah, die +nüchtern waren wie die Morgendämmerung selbst, deren ruhiger Blick ihn +hell wach machen mußte. Dann würde der Schwertstreich fallen -- es +schauderte sie im Nacken -- und sie würde die Nachricht erhalten ... + +Sie stand auf und kleidete sich an -- stehend wollte sie den Schlag +hinnehmen -- und jagte den Mädchen durch ihr plötzliches, unerwartetes +Eintreten keinen kleinen Schrecken ein. Sie waren gewohnt, daß das +dänische Fräulein von allen zuletzt aufstand. + +Der Kaffeetisch war bald gedeckt. Und zum ersten- und letztenmal trank +sie mit dem Konsul zusammen, der zeitig wie immer auf sein Kontor +wollte. Die Tante, die sonst eine Frühaufsteherin war, fühlte sich an +diesem Tag übermüdet und glaubte, die Nichte ruhe auch noch. + +Das dänische Fräulein setzte sich ins Kabinett. In allen andern Zimmern +ging man noch immer wie zwischen den Ruinen von Karthago, wie der +Onkel vor sich hin brummte, als er sich eilig diesem Anblick entzog. + +Hier wartete sie auf den Brief, der kommen mußte -- und unwillkürlich +begann sie, ihre Antwort zu formen. + +»Es ist wahr, daß ich weit entfernt bin, vollkommen zu sein. Wo wollen +Sie übrigens den Menschen finden, der das ist? -- Aber ich liebe Sie, +wie niemand, niemand sonst auf der Welt es kann -- --« + +Gegen elf Uhr klingelte es. Zum zwanzigstenmal stand ihr Herz still -- +und als sie seine Stimme hörte, verstand sie. Er wollte es ihr selbst +sagen. + +Das Stubenmädchen öffnete ihm die Türe. Sie erhob sich und stand da -- +starr und weiß wie eine Bildsäule. + +Die Tür wurde geschlossen. Und in demselben Augenblick war sie der Erde +entrückt und die Welt um sie versunken -- die Feuerwoge ergriff sie ... + +Das erste, was sie sagte, als es ihr möglich war zu Wort zu kommen, war: + +»Ich bin es nicht wert, ich bin es nicht wert.« + +»Die Unwürdigen sind es, die ich suche,« sagte er und wollte nicht +aufhören, sie zu küssen. + +»Ja, aber nicht dazu, -- Halfdan -- du mußt mich anhören!« + +Er hielt sie plötzlich auf Armeslänge von sich. »Was hast du gesagt?« + +»Es wird mir nie gelingen, es dir zu sagen, wenn -- du mich so +ansiehst.« + +Sie faltete die Hände um seine Schulter, legte ihren Kopf darauf und +sagte: »Halfdan -- geliebter Halfdan --« + +»Nun muß ich dich sehen, -- ich muß wirklich.« + +»Nein -- nein, du mußt mich hören. Halfdan -- von dem Scheitel bis zu +den Zehenspitzen, von den Augen bis auf den tiefsten Grund der Seele +habe ich nichts, das annähernd gut genug für dich wäre.« + +Er strich ihr sanft übers Haar. »Ich meine, das könntest du mich +entscheiden lassen.« + +Der dunkle Nacken wurde energisch geschüttelt. »Nein, denn du kannst es +nicht so gut wissen, wie ich. -- Und du konntest mich auch zuerst nicht +leiden.« + +»Nicht?« Er strich ihr wieder übers Haar. »Nein -- leiden vielleicht +nicht.« + +»Und siehst du, Halfdan, du mußt dich nicht fürs ganze Leben gebunden +halten, weil du gestern abend ein wenig -- verwirrt wurdest.« + +Er nahm ihren Kopf zwischen seine beiden Hände. »Was wurde ich?« fragte +er. + +»-- oder überrumpelt von -- all dem, das doch keine Spur von Wert hat.« + +»Was wurde ich?« + +Sie brach in Tränen aus; die schreckliche Spannung, in der sie sich +befand, mußte sich Luft schaffen. Und sie konnte seinen scherzhaft +glücklichen Ton nicht ertragen. + +Er ließ sich auf ein Knie nieder und zog sie in seine Arme, er konnte +sie nicht weinen sehen und wollte wissen, was er gesagt habe, das ihr +weh habe tun können. Sie schmiegte ihr tränenfeuchtes Gesicht an das +seinige. + +»Was hast du mir vorhin sagen wollen, Geliebte -- Geliebte?« fragte er. + +»Daß -- wenn du es bereuen solltest, Halfdan -- wenn du vor dir selbst +einräumen müßtest, daß du eine bessere Wahl hättest treffen sollen, -- +daß dann niemand« -- sie schmiegte ihre Wange fester an die seinige -- +»hörst du, niemand dir mehr recht darin gäbe als ich -- niemand, der +dich doch besser verstehen könnte, wenn du nun -- es ungeschehen machen +würdest.« + +»Dann müßte etwas anderes zuerst ungeschehen gemacht werden, das, daß +du existierst.« + +Er stand auf und hob sie mit sich in die Höhe. + +»Du bist die, die ich liebe,« sagte er und schlang seine Arme innig um +ihren Hals. »Das war keine andere, das kann keine andere je werden. Du +bist mir als Gattin zugeführt worden, das glaube ich. Und das, was mir +gehört, gebe ich nicht frei. Denn es gehört zu meinem eigenen Leben, zu +meiner eigenen Persönlichkeit.« + +Er neigte seine Lippen zu den ihrigen. + +»Fleisch von meinem Fleisch, Seele von meiner Seele, trotz allem, was +anders aussehen könnte, -- ich liebe dich.« + + * * * * * + +Die Frau Konsul war fast verzweifelt, als sie die Verlobung hörte, und +machte durchaus kein Hehl aus ihren Gefühlen. + +»Es ist der reinste Wahnsinn,« sagte sie zu der Nichte. »So wenig haben +noch nie zwei Menschen zusammengepaßt.« + +»Aber wir lieben einander, wie sich noch nie zwei Menschen geliebt +haben.« + +»Ja, das kennt man. Sich so lieben, können alle Männer und Frauen mit +nur ein wenig gutem Willen und Gelegenheit. Das ist nichts, um darauf +zu bauen. Nein, ob man zusammenpaßt, das entscheidet das Glück in der +Ehe.« + +Die Nichte schlang den Arm um die Tante. »Die Lieb ist lauter Freude!« +sang sie. »Glaubst du das nicht?« + +»Ich glaube, daß ihr einander unglücklich machen werdet. Das glaube +ich. Für dich passen nicht die engen und düsteren Falten, in die er nun +einmal sein Leben gelegt hat. Du mit deinen künstlerischen Interessen, +deinem lebenslustigen Sinn, deinen verfeinerten Gewohnheiten, du +solltest einen Mann der Wissenschaft oder einen Künstler heiraten, der +ein großes Haus machen und geistreiche Leute um sich versammeln würde. +Und es ist auch um Halfdan schade. Du bist durchaus nicht die Frau, die +er haben sollte.« + +»Er hat mich aber doch gewählt.« + +»Ja -- er hat sich in dich verliebt. Das wundert mich nicht. +Ursprünglich ist er eine etwas leidenschaftliche Natur. Und er hat sich +so eingeschnürt, daß es an irgend einem Punkt brechen mußte. Im ganzen +genommen sind die Männer ja -- zuzeiten -- viel heißblütiger, von ihren +Leidenschaften viel mehr beherrscht, als wir Frauen. Dann sind sie +keinen Vernunftgründen zugänglich. -- Aber zu anderen Zeiten sind sie +wieder viel nüchterner und überlegter, als wir begreifen, und in einem +solchen Augenblick kannst du es ja versuchen, ihn zu fragen, ob du +seinem eigenen Ideal von einer Pfarrfrau entsprichst. Dazu bist du ja +nicht einmal christlich genug.« + +»Ich habe ihn gefragt, und er hat geantwortet -- nach reiflicher +Überlegung. Nie möchte ich ihn durch das binden, was du die +leidenschaftlichen Momente nennst. Es gibt nicht viel Gleichartiges +in uns, das ist wahr. Aber deshalb kann doch Einigkeit zwischen uns +sein. Sie kommt nicht daher, daß man sich gleicht, sondern daß man sich +ergänzt.« + +Im ganzen Familien- und Freundeskreis wurde die Neuigkeit mit Anklängen +an die Aussprüche der Tante aufgenommen. + +»+Vox populi+,« sagte der Pfarrer, »darin können wir uns nicht +täuschen. Es ist nur gut, daß sie nicht immer mit +vox dei+ +zusammenfällt.« + +Sie lachte, aber nicht ganz so freudig wie er. Denn es war eine +Unsicherheit über ihr, und diese ließ sich nicht weglachen. + +Was die Nächste, seine Schwester, gesagt hatte, erfuhr niemand. Zu +allen andern sagte sie nur: »Ich habe seit Jahren gewünscht, daß +Halfdan sich verheirate.« + +Und wenn man weiter fragte, ob auch die Schwägerin nach ihrem Wunsch +sei, antwortete sie: »Ich verlasse mich auf die Wahl meines Bruders, in +diesem wie in allem andern.« + +»Alette hat es recht nett aufgenommen,« sagte die Konsulin. »Und sie +wird sich auch wohl taktvoll und korrekt aufführen, solange es dauert. +Denn das soll mir doch niemand weismachen wollen, daß die Verlobung +nicht wieder rückgängig werde.« + + + * * * * * + +Das Herz klopfte der jungen Braut heftig, als sie zum erstenmal zu +Alette ging. + +Das waren nun die Zimmer, wo ihre sehnsüchtigen Gedanken so oft in alle +Winkel geschlüpft waren, die Zimmer, in denen sein tägliches Leben sich +abspielte, das Leben, von dem es ihr vorkam, daß sie gern ihr Herzblut +hingeben würde, um an dessen kleinsten, unbedeutendsten Vorkommnissen +teilnehmen zu dürfen. + +Zum erstenmal an seinem Schreibtisch stehen, neben dem Stuhl, den er zu +benützen pflegte, -- durchs Eßzimmer gehen, wo er bei Tisch saß -- sie +war so überwältigt davon, daß sie zuerst gar nichts sagen konnte. + +Die Schwester war bleich, trat ihr aber mit ausgestreckten Händen +entgegen. + +»Ich wünsche Ihnen Glück,« sagte sie, indem sie die Braut ernst ansah. + +Diese versuchte zu lächeln. »Ich weiß, daß Sie mich nicht lieb haben,« +sagte sie. + +»Dazu kenne ich Sie noch zu wenig,« erwiderte Alette ruhig, während sie +einen Stuhl für die Schwägerin heranzog und sich selbst auch setzte. + +Da geschah etwas, was wahrscheinlich alle beide in gleichem Grad +überraschte. Die Schwägerin lag plötzlich vor Alettes Stuhl auf den +Knien, den Kopf in deren Schoß. + +»Ich bin bei weitem -- bei weitem nicht gut genug für ihn, ich weiß es, +ich fühle es.« + +Alette strich ihr leicht und nicht unsanft übers Haar. »Wir können alle +wachsen,« sagte sie. »Mit Gottes Hilfe! Je mehr wir unsere Mängel +fühlen, desto mehr sehnen wir uns nach dieser Hilfe, nicht wahr?« + +»Ja, ja.« Aber dieser Ausbruch, der nicht mit der Wärme aufgenommen +wurde, die ihm entsprach, machte die Begegnung noch gezwungener als +vorher. + +Sie war in seinem Zimmer, -- er war ausgegangen. Sie sehnte sich, alles +zu berühren, wagte es aber nicht recht. Sie bat, alle Bilder von ihm, +von seiner frühesten Jugend an, sehen zu dürfen, wagte es dann aber +nicht, sich so darein zu vertiefen, wie sie es wünschte. Zwei Bilder +von ihm erhielt sie, eins als Kind und eins aus späteren Jahren. + +»Dies hier kann ich Ihnen nicht geben,« sagte Alette, als die Braut +ihre Blicke von einem nicht abwenden konnte, auf dem die Augen +hinreißend waren in ihrem Suchen nach -- nach dem Einzigen. »Es wurde +für mich allein aufgenommen. Gleich nach dem Umschlag. Er sagte, daß +nur ich allein dieses Bild verstehen könne, ich, die dabei war -- im +Kampf.« + +»Waren es schwere Zeiten?« Sie fragte erregt, mit eifersüchtigem +Interesse für eine Zeit seines Lebens, wo sie außerhalb stand. + +»Es ist immer schwer, wenn die Wahrheit in einem Menschen siegen soll. +Sie muß erkauft werden, wissen Sie.« + +Alette stockte, als ob sie denke, die andere könne das ja doch nicht +verstehen. + +Das Schweigen wurde so drückend, daß ihm ein Ende gemacht werden mußte. + +»Es gibt so vieles, was ich von Ihnen hören, von Ihnen lernen möchte,« +sagte die Schwägerin und ergriff Alettes Hand. »Darf ich ab und zu +kommen und Sie fragen?« + +»Jawohl, -- so oft Sie wollen.« Aber es lag keine Begeisterung in dem +Ton, und es konnte ja auch keine da sein. + +Als das dänische Fräulein heimkam, lag ein Brief von Erik da. Wenn nur +wenigstens Erik zufrieden war! Aber das konnte man ja nicht erwarten. +Nein, er war wütend. + +»Du hättest nichts Schlimmeres tun können, als mir einen der +geistlichen Nachtraben als Schwager auf den Hals zu hetzen. Du bist +hunderttausendmal zu gut für so einen.« + +Na, Erik verstand es ja gut. Mit einem Seufzer legte sie den Brief weg. +Um keinen Preis durfte Halfdan ihn zu Gesicht bekommen. Aber es wäre +vielleicht ganz angenehm, wenn Alette ihn lesen würde. + +Wie eine Oase in der Wüste war allein der Glückwunsch des Konsuls +gewesen. Er hatte sie auf die Stirne geküßt und gesagt: »Gott segne +dich, mein Kind! Du bekommst einen guten Mann -- einen guten Mann. +Werde ihm nun auch eine gute Frau.« + +Eine gute Frau! Das klang so gleichgültig, so einfach. -- Eigentlich +sehr wenig begehrenswert, würde sie früher gefunden haben -- und doch +so schwindelnd hoch über ihr, kam es ihr nun vor. + +Und sie konnte sich nicht ganz darüber beruhigen, ob ihm das nicht auch +selbst klar würde, ob er nicht zu der Einsicht käme, daß die andern +recht hätten? Nein, nicht die andern an und für sich, aber zu der +Einsicht, daß +vox populi+ doch hier +vox dei+ sei? + +Ach, die Angst jener ersten Nacht, die von Zeit zu Zeit wiederkehrte, +besonders am Sonntag! + +»Es muß herrlich für Sie sein, wenn Sie ihn jetzt predigen hören,« +sagten die Leute zu ihr. + +Herrlich -- ja. Wer konnte wie sie dem hinreißenden Flug seiner Worte +folgen? Und doch saß sie in seiner Kirche in Todesangst und mit +Zittern vor dem, was kommen würde. So oft er vor dem Altar stand, wenn +sie seinen Kopf zurückgebeugt sah und wußte, mit welchem Blick die +Augen aufgehoben waren -- da war die Angst am größten. + +Nun verstand sie, was der Stich im Herzen gleich beim erstenmal gewesen +war: Schmerz, wirklicher, eifersüchtiger Schmerz über die Macht, die +die stärkste in seinem Leben war. Es war ihr immer, als wolle diese +Macht ihn verlangen, allein und ungeteilt. Das flammende Wort aus dem +Alten Testament: »Ich bin ein eifriger Gott« traf sie wie ein Stachel. +Es war ihr, als würde sich Halfdan am Altar umwenden und sie verwerfen +... + +Ja, es war ihr, als ob Alette darauf warte, vielleicht darum bete -- +bei jedem Kirchgang. + +Und viel sicherer war sie eigentlich auch nicht, so oft sie ihn mit +andern zusammen sah. Da war er in seinem Wesen beinahe gerade wie +früher gegen sie, zurückhaltend und manchmal mißbilligend. Es fiel ihm +nie ein, ihr auch nur die Hand zu küssen, wenn es jemand sah. Nun, das +war ja begreiflich, natürlich. Aber er sah sie auch kaum an. Besonders +nicht, wenn Alette anwesend war. + +Auch war sie bei weitem nicht so mit den Ereignissen seines Lebens +verwachsen wie die Schwester. Es war ja begreiflich, daß er fand, es +sei zu umständlich, ihr all die Leute aufzuzählen, die getauft oder +getraut oder begraben werden sollten; auch daß er nicht jedesmal kommen +und sie abholen konnte, so oft er zu einem Kranken mußte, obwohl sie +ihn darum gebeten hatte. + +Aber dadurch hatte die Schwester immer viel mehr Gemeinsames mit ihm. +Und das Gefühl, außerhalb zu stehen, war ihr sehr peinlich. + +Dann gab es noch etwas, was sie beunruhigte, und zwar beinahe am +meisten von allem. Sie bemerkte nämlich nicht den geringsten Versuch +von seiner Seite, sie zu ändern, sie zu bekehren. + +Wenn er sie sich wirklich als seine Lebensgefährtin, als seine +Pfarrfrau dachte, würde er dann nicht ganz unwillkürlich und sobald +als möglich versuchen, auf sie einzuwirken, damit sie mit ihm eins +werde in seiner Lebensanschauung? -- Und wenn er das unterließ, war es +nicht darum, weil sich bei ihm selbst ein unbewußter Zweifel an der +Dauerhaftigkeit des Verhältnisses fand? + +Doch gab es auch Stunden, wo alle Angst und Unsicherheit verschwanden, +wie krankhafte Träume vor dem lichten Tag, -- die Stunden, wo die +Feuerwoge sie erfaßte, wo seine Arme, um sie geschlungen, sie in +die einzige Welt einschlossen, die es für sie gab, -- eine weitere, +größere, unendlichere, je näher, je inniger er sie an sein Herz zog. Da +lebte sie, da atmete sie. Aber sie mußte wieder hinaus, -- hinaus, wo +die kalte Angst saß und auf sie lauerte. + +»Halfdan,« sagte sie eines Vormittags, »da ist etwas, das du mir so +schnell wie möglich sagen mußt. Wie möchtest du mich haben? Ich kann +doch noch bei weitem nicht nach deinem Geschmack sein?« + +Sie drückte die gefalteten Hände auf sein Herz. + +»Das Weib, so wie es deiner Ansicht nach sein soll, will ich werden. +Sag mir, wie du mich haben möchtest!« + +Er faßte sie unter das Kinn. + +»Meinst du, das gehe so: ›Er sprach -- und es geschah.‹« + +»Versuche es. Soll ich mein Haar glatt scheiteln? Ich sehe dann +gräßlich aus. Soll ich meine Nägel ganz kurz abschneiden? Soll ich mich +anders kleiden?« + +Er begann, ihr das Haar glatt zu streichen. »Laß mich einmal sehen,« +sagte er. + +Sie verbarg ihr Gesicht. »Nein, nein!« rief sie. »Du gibst mich in +demselben Augenblick auf!« + +»Möchtest du das vielleicht erreichen?« + +»Ich möchte erreichen, daß ich die vollkommenste Gattin würde, die du +finden kannst.« + +Er schüttelte den Kopf. »Meinst du, das werde auf diese Weise erreicht? +-- Die Verwandlung eines Menschen! Die innerlichste, die freieste +Sache, die es gibt! Von außen her -- und auf Kommando?« + +»Jedenfalls glaubte ich, man müsse einem Menschen das Christentum bis +an den Fingerspitzen anmerken können. Das hast du selbst einmal gesagt.« + +»Ja, gewiß, gewiß! Aber es soll jedenfalls nicht da beginnen. -- All +die äußeren Dinge, die du nennst, -- ob sie von dem neuen Leben wie +verwelkte Blätter abgestreift werden, oder ob die braunen Blätter +hängen bleiben hinter all den frischen Trieben, wie an den jungen +Buchen in deinen Wäldern, -- das ist so unbeschreiblich gleichgültig.« + +»Aber wenn die äußeren Dinge ein Hindernis für das neue Leben sind, +und das können sie so leicht sein, dann muß man doch anfangen, sie +abzustreifen.« + +»Ja natürlich. Alles, was im Menschen für den Durchbruch des Lebens ein +Hindernis ist, alles, was das Wachstum hemmt, und wäre es selbst die +eigene Hand, das soll ja abgehauen werden, -- wären es auch ›Äcker oder +Gewerbe‹, wäre es -- --« + +Da trat die Tante ein, und er erhob sich, um zu gehen. + +Im Flur küßte er plötzlich ihr Haar. »Ich bitte um Gnade für die +Locken,« sagte er. »Laß sie so, wie sie sind.« + +Ach, die Locken! -- Wenn sonst nichts da gewesen wäre, worin Gefahr +lag! -- ›Äcker und Gewerbe‹ ... Ja, das aufzugeben, was man nicht +hatte, darauf konnte man leicht eingehen. Aber -- das dritte, das er +nicht genannt hatte ... Das Hindernis, das in sein Leben einzuverleiben +ihm so viel Bedenken gemacht hatte, würde es nicht eines Tages -- in +ihrer Gestalt -- ihn so bedenklich machen, daß -- + +Und wenn es die eigene Hand wäre, so müßte sie ja abgehauen werden ... + + * * * * * + +Seither waren mehrere Wochen vergangen. Das frohe Weihnachtsfest war +vorüber, und man hatte schon beinahe den langen Januar hinter sich. + +Das dänische Fräulein ging überall hin, wo ihr Verlobter sprach, und +auch zu allen Versammlungen, denen er nur anwohnte. Sonst aber ging sie +zu keinen großen Festlichkeiten mehr und auch nicht mehr ins Theater, +überhaupt nur dahin, wo er auch dabei sein konnte, obgleich er sie +nicht mit einem Wort in dieser Richtung beeinflußt hatte. + +Sie ging auch sehr einfach gekleidet, und in einigen der +Vormittagsstunden, wo sie sonst gemalt oder Klavier gespielt hatte, +strickte sie nun grobe, graue Strümpfe für arme Kinder. Und es war +ihr, als liebe sie alle die kleinen kalten, nicht immer ganz reinen +Beinchen, die hineingesteckt werden sollten ... + +Sie war auch alle Tage draußen in der Küche bei Trine -- mit glühenden +Wangen und in einer großen Kattunschürze. Denn eines war sicher, ein +gutes Essen sollte Halfdan bekommen, wenn er mit ihr verheiratet war; +so gut, wie er nie gedacht hätte, daß die täglichen Speisen schmecken +könnten, und daß er dadurch Lust bekäme, noch einmal so viel zu essen +als jetzt, oder, daß er zum wenigsten von dem, was er verzehrte, so gut +wie möglich ernährt würde. + +»Mach es nur nicht gar zu schlimm,« sagte die Tante. »Ich meine, du +übertreibest es. ›Lieb mich wenig, lieb mich lange,‹ das ist mein +Wahlspruch. Man soll niemals verschwenderisch sein, weder mit seinem +Eifer noch mit seinen Gefühlen, sonst kommt auf einmal ein Rückschlag.« + +»Liebe, kluge Tante, das Weltmeer braucht nicht am Wasser zu sparen.« + +»Ja, die großen Worte -- an sie glaube ich nicht so recht. Da ziehe ich +den goldenen Mittelweg vor -- auch hier.« + +»Den goldenen Mittelweg? -- Der ist in der Regel das vergoldete Elend.« + +»Wer sagt das?« + +»Halfdan.« + +»Ach, er sagt so viel. Wolltest du dich nach allem richten, was er +sagt, dann -- dann hättest du ihn ja nicht einmal nehmen können. Denn +mehr als irgend ein anderer hat er gegen die Schwachheit der Pfarrer, +in den Ehestand zu treten, gesprochen.« + +»Wenn Halfdan es dennoch tut, dann kommt es daher, daß er jetzt +klarer in diesem Punkt sieht. Er handelt immer aus seiner innersten +Überzeugung heraus, und nur aus dieser.« + +»Ja, meinethalb mag er gerne! Du mußt es ja am besten wissen! Ich +glaube aber doch, daß es sich auch etwas anders erklären ließe. Wir +haben einen guten Liedervers, in dem heißt es: + + Auch die großen Heil'gen haben + Adams Fleisch und Kleider an!« + +Bei diesen Worten der Tante stieg plötzlich ein Gedanke in ihr auf: +Sollte Halfdan in dem Urteil anderer verloren haben? Sollte er in deren +Würdigung auf eine niederere Stufe herunter gesunken sein, weil er sich +an sie gebunden hatte? + +Ach das Urteil der Welt! Wie feig, wie falsch! Hatte nicht jedermann +gesagt, daß er zu streng gegen sich selbst sei, ganz unvernünftig +asketisch? Und in demselben Augenblick, wo er ein klein wenig mehr +nach ihren Anschauungen handelte, wandten sie sich gegen ihn und +deuteten dafür mit Fingern auf ihn. Nein -- sie war empört! + +Aber mochte es so sein! Wie andere ihr und Halfdans Verhältnis +beurteilten, war ihr unsäglich gleichgültig. Er nur war es, er allein, +der über dieses und über sie zu urteilen hatte. So klar, so klar wie +möglich! + +»Halfdan!« sagte sie bei einem der wenigen Male, wo er Zeit hatte, +mit ihr spazieren zu gehen, an einem schönen Wintertag, wo von weißen +Bäumen auf dem St. Hanshügel Schneesterne auf ihr Haar und ihre kleine +dunkle Pelzmütze herunterrieselten. »Du fragst mich so wenig nach mir +selbst aus. Du solltest mich doch ganz kennen lernen!« + +»Um die Kenntnis von einem andern, die man durch Ausfragen bekommt, +gebe ich nicht viel. Ich wende eine andere Art und Weise an.« + +»Wenn sie dann nur ebenso sicher ist! Ich möchte gern, daß du dir ganz +klar wärest --« + +»Wie viel Gutes sich hinter dem -- häßlichen Äußern verbirgt?« + +»Nein, gerade das Gegenteil.« + +»Immer kommst du mit deinen Fehlern! Wie wäre es, wenn wir zur +Abwechslung nun einmal die meinigen vornehmen würden? Ich bin hitzig, +jähzornig, ungeduldig, herrschsüchtig --« + +Sie lachte und drückte seinen Arm fester. + +»Ach du abscheulicher Mann! Wie schlimm werde ich es bei dir bekommen! +Deine Fehler, Halfdan! Nein, daß du so dumm sein kannst und sie +aufzählen! Glaubst du denn, ich hätte an meine Fehler gedacht! Du und +ich, -- könnten wir uns wohl je unsere Fehler vorwerfen? Wir können ja +gleichsam durch sie hindurchsehen! Und wir haben doch auch den großen +Mantel, weißt du, um sie alle zu bedecken. Nicht wahr?« + +Er legte seine Hand auf die ihrige, die auf seinem Arm lag -- mit der +Bewegung, die sie von jenem Abend her so gut kannte. + +»Geliebte,« sagte er. »Mein Herzlieb!« + +Kurz nachher fuhr sie fort: »Nein, was ich sagen wollte, war, daß ja -- +ein so großer Unterschied zwischen uns beiden sei. Denn du, Halfdan, du +bist -- ja du stehst in einem Verhältnis zu Gott. Von ihm aus lebst du +dein ganzes Leben. Du hast dich hingegeben bis auf den Grund der Seele, +bis in die Fingerspitzen, -- einem hingegeben, der für dich in allen +Dingen ~will~, weil du selbst aus eigenem freiem Willen nur eines +~willst~, ihn, nur ihn in alle Ewigkeit.« + +Er blieb unter den schlanken weißen Bäumen stehen. + +»Ja,« sagte er, »so ist es -- woher weißt du das?« + +»Von meinem Verhältnis zu dir. Aus ihm heraus kann ich das Verhältnis +zu Gott wohl verstehen. Und besonders verstehen, daß ~ich~ +gar nicht darin stehe. Ich bete wohl, -- das habe ich von Kind auf +getan! -- ich gehe in die Kirche, jetzt könnte ich es gar nicht mehr +entbehren, dich zu hören, und ich zweifle eigentlich nicht. Ich meine, +ich lasse mich nicht auf meine eigenen Zweifel ein. Was mein Verstand +einwendet, mit dem kann ich leicht fertig werden. Denn an einen +Gott glauben, gegen den er nicht ein klein wenig etwas einzuwenden +hätte, das könnte ich doch nicht so recht. Er würde so verdächtig +selbstgeschaffen. -- Aber all dies ist einfach nichts, das weißt du +selbst. Ich -- ich ~bete~ nicht ~an~, ich stehe nur in einem +einzigen lebendigen Verhältnis, mit meiner ganzen Persönlichkeit, und +ich will nur eins, dich, dich und nur dich!« + +Wieder blieb er stehen. »Ich fühle mich beinahe versucht, zu sagen: du +bist verzweifelt ehrlich.« + +»Was meinst du damit?« + +»Nichts.« + +Sie gingen ein paar Schritte weiter; dann sagte er: »Das muß ich +doch sagen. Sich klar machen, daß man außerhalb steht, ist die erste +notwendige Bedingung, um hineinzukommen. Dieser Standpunkt ist also +nicht der schlimmste.« + +»Aber auch lange nicht der beste.« + +»Nein -- selbstverständlich nicht --« + +Im Flur hielt sie ihn einen Augenblick zurück, ehe sie ins Zimmer +traten. + +»Du hast noch etwas vor mir voraus. Aber das muß ich flüstern; es ist +leichtsinnig.« + +»Kann ich's ertragen, es zu hören?« + +»Ich weiß nicht recht, wir können es ja versuchen.« + +Sie legte ihre Lippen dicht an sein Ohr: + +»Halfdan Svarte ist so schön --« + +»Ja, das ist sicher. Darin ist er dem dänischen Fräulein weit über.« + +»-- so schön wie ein römischer Kaiser.« + +»Das hat man ihm noch nie gesagt.« + +»Nein, natürlich nicht! Aber etwas hast du vielleicht noch nie gehört, +nämlich wie die römischen Kaiser sich nennen ließen: »+Aeternitas +tua+.« Kannst du so viel lateinisch, daß du verstehst, was es heißt? +Und so nenne ich meinen eigenen wunderschönen Kaiser von ganzem Herzen: ++Aeternitas tua!+ Er ist der Bleibende, der Seiende, der Einzige +für mich -- Und ich bin sein -- in Zeit und Ewigkeit.« + +-- Eine Woche später waren der Pfarrer und seine Schwester in kleinem +Freundeskreis bei Konsuls zu Mittag. Die gnädige Frau hatte ein feines +Diner bestellt zu Ehren eines durchreisenden dänischen Pfarrers, eines +Jugendfreundes von ihr, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. + +Gegen ihre Gewohnheit war die Nichte zeitig fertig und saß in ihrem +weißen Gewand mit einem Buch in der Hand da, als Halfdan eintrat. + +»Ich dachte an die Sonne,« sagte sie, »und nun scheint sie. Halfdan, +warum dichtest du nicht mehr? Ich liebe deine Verse!« + +»Sagst du nicht einmal guten Tag?« + +Sie sprang auf. »Ich grüße dich, mein Liebster! Guten Morgen! -- Nun, +warum dichtest du nicht mehr? Hast du keine Zeit dazu?« + +»Doch. Aber die Persönlichkeit kann man nur in ~einem~ haben.« + +»Aber andere Pfarrer tun es doch auch!« + +»Mag wohl sein. Ich aber muß mich auf eines konzentrieren, mich nicht +zerstreuen, nicht etwas Unwirkliches hineinmischen. Meine Predigt soll +keine Dichtung sein. Davon haben wir genug in der Kirche, auch von +denen, die keine Dichter sind!« + +»Wenn du das Dichten aufgegeben hast, als du dich bekehrtest, dann ist +dich dein Christentum wirklich teuer gekommen.« + +»Ja, -- das Christentum, das einen nichts kostet, ist in der Regel eben +so viel wert, wie -- der Einsatz.« + +»Aber, Halfdan, es kommt mir vor, als habest du nicht einmal das Recht +dazu; ein Talent hat man bekommen, um es zu benützen.« + +»Bisweilen auch, um es zu hemmen. Wenn es nämlich das hemmt, was mehr +wert ist.« + +»Nein, dann wäre es sinnlos, daß man es bekommen hätte. Es soll doch +Zinsen tragen, das weiß ich.« + +»Wenn ein Talent, von einer Überzeugung gehemmt, den ethischen Wert +eines Menschen erhöhte, dann hätte es sich verzinst, am reichsten, am +tiefsten. Die beste Frucht ist immer ~Persönlichkeit~.« + +»Halfdan, nun bist du zum Verzweifeln! Soll man denn allen seinen +Talenten und Neigungen entgegentreten? Das ist schließlich nicht +auszuhalten.« + +»Wie kannst du so töricht fragen? Mit oder gegen seine Neigung, das ist +ganz gleichgültig; aber der Forderung, der persönlichen Forderung der +Wahrheit an jeden Menschen, der muß gehorcht werden, was es auch kosten +mag. Deshalb dichte ich jetzt nicht mehr. Aber ich tue es vielleicht +später wieder. In solchen Dingen kann niemand einem raten oder einen +beurteilen. Nicht einmal das dänische Fräulein, das so sehr klug ist.« + +Allmählich kamen auch die anderen Gäste, und man ging zu Tisch. + +Während der Mahlzeit herrschte eine sehr lebhafte und fröhliche +Stimmung. + +Als die Herren nach dem Essen eine Zigarre rauchten, verließ die Nichte +die andern Damen und zog sich ins Kabinett zurück, das doch etwas näher +beim Rauchzimmer war. + +Während sie da saß, ergriff sie ein ganz überwältigendes Gefühl. +Lieber Gott im Himmel! Wie liebte sie Halfdan, der so stark war, so +unerschütterlich treu seiner Überzeugung, so schonungslos auf der +Wacht vor allen Schlupfwinkeln in seiner Seele, wo sich eine irdische +Schwachheit festsetzen und ihn in ihre Fäden einspinnen könnte! + +So ganz überwältigend stieg dies Gefühl in ihr auf, daß sie den Kopf +auf die Marmorplatte vor sich sinken ließ ... + +Dann war auf einmal jemand da, der seine heißen Lippen auf ihren Nacken +drückte. + +»Ich mußte dich einen Augenblick haben. Ich mußte! Und mir war es, als +seiest du hier.« + +Er saß neben ihr und legte den Arm um sie. + +»Halfdan, es ist nicht zu ertragen, daß es Tage, Stunden -- Sekunden +geben soll, wo ich dich nicht sehe, dich nicht höre, nicht mit dir lebe +...« + +»Ich glaube auch, daß ich dich jetzt nicht mehr loslasse.« + +»Nein, -- könntest du das? Du könntest es nicht über dich gewinnen. Die +Welt geht jedesmal unter. Denk ein wenig daran!« + +Näher, inniger zog er sie an sich. + +»Ist die Welt jetzt?« + +»Ja -- o ja! Das Leben ist. Und ich bin!« + +»Ja du bist -- du bist! Das ist das Lebenswunder. Weißt du übrigens -- +ich kann es beinahe nicht aushalten, dich in Weiß zu sehen!« + +»Und ich hatte gerade gedacht, ich sei so hübsch in Weiß.« + +»Das ist es nicht. Eher -- eher zu hübsch! Aber wenn ich dich in diesem +Gewand sehe, dann ist es mir, als sei der Augenblick gekommen, wo du +das weiße Brautkleid trägst und wo du mein bist, mein ganz und gar.« + +»Das bin ich in allen meinen Kleidern.« + +»Ja. Aber -- --« + +»Halfdan, verstehst du denn nicht, daß -- daß ich nicht noch mehr dein +eigen werden kann, als ich es schon bin? Das ist unmöglich.« + +»Kannst du es wirklich nicht?« + +»Nein, bist du denn nicht so klug, daß du ein klein wenig davon +verstehst, wie ich dich liebe? -- Nein, die Männer begreifen ja nie +etwas. Nun werde ich es dir ein für allemal sagen, aber es ist ein +großes Geheimnis: Ich bin -- ich bin nur Liebe zu dir. Verstehst du +nun, daß ich nicht noch mehr werden kann? Das ist mehr als Braut, ist +mehr als Gattin. Sie sagen oft so jämmerlich wenig, diese Namen. Aber, +wenn du immer noch mehr ausfindig machen kannst -- und ich also noch +mehr als -- als meine Liebe geben kann, -- und ~dir~ geben kann, +dann machst du mich nur noch glücklicher und immer glücklicher. So, +dies sollst du nun studieren, Tag und Nacht, dein ganzes Leben lang, +hörst du?« + +»Ach, du dänisches Fräulein!« + +»Und, Halfdan -- ach, ich habe dir noch mehr zu sagen!« + +»Nein, nein -- nein! Jetzt nicht sprechen! Nur zusammen schweigen. +Zusammen sein, die kurzen, kurzen Augenblicke, die wir haben. Steht +nicht irgendwo: ›Er schloß ihr die Augen, er schloß ihr den Mund!‹ +Nun schließe ich, nun schließe ich deinen Mund, den süßen, unruhigen +reizenden Mund. Dann siehst du nicht, dann sprichst du nicht, -- bist +nur bei mir, du, mein Lieb, mein Herz!« + +Vom Herrenzimmer her näherten sich Schritte. + +Sie standen beide auf. »Daß andere auch noch das Recht haben, da zu +sein!« sagte sie. + +Er lachte und küßte ihr die Hände. + +Als die beiden mit den andern in den Salon traten, fragte die Konsulin +eben nach einem Missionar in Indien, dessen Frau Alettes Freundin war. + +»Ich glaube,« antwortete diese, »daß er sich von dort wegmeldet.« + +»Wirklich! Und es hieß doch, daß seine Predigt so viele gewonnen habe.« + +»Aber Laura kann das Klima nicht ertragen.« + +»Ach so -- ja dann ...« + +»Ihre Gesundheit ist vom Fieber vollständig untergraben. Sie kann also +dort nicht weiterleben.« + +»Was kann sie nicht?« rief plötzlich die Nichte leidenschaftlich. + +»In dem Klima dort leben, du hörst es ja, Kind.« + +»Dann muß sie eben dort sterben.« + +Der dänische Pfarrer nickte seinem norwegischen Amtsbruder lächelnd zu. +»Sie bekommen eine Gattin, die kein Hindernis für Sie sein wird. Das +merkt man.« + +»Nein,« lautete die Antwort ruhig. »Sonst könnte ich sie auch nicht +gebrauchen.« + +Sie sah ihn strahlend an. Aber er erwiderte ihren Blick nicht. + +»Es ist sehr keck von dir, so etwas zu sagen,« sagte die Tante +mißbilligend. »Der Mann hat doch nicht gelobt, seine Frau umzubringen. +Deshalb denken wir andern, er tue seine Pflicht, wenn er mit ihr +zurückkehrt.« + +»Mag er es tun! Aber dann soll er allein wieder hinaus und Mission +treiben.« + +»Was würde dann aus dem Familienleben?« + +»Das muß er opfern, natürlich, wenn es mit seinem Beruf in Streit +gerät.« + +»Nein, entschuldigen Sie,« fiel nun der dänische Pfarrer ein, »ich +stelle mich da wirklich auf die Seite Ihrer Tante. Der Mann hat vor dem +Altar gelobt, bei seiner Frau zu stehen in guten und bösen Tagen. Ich +glaube kaum, daß es vor Gott recht wäre, wenn er sie verließe.« + +»Ich glaubte doch, ein Christ müsse alles verlassen um des Herrn +willen. Dieser Mann steht auf, verläßt die Arbeit für das Reich Gottes +und folgt seiner Frau. Und in der Bibel steht doch auf jedem Blatt, daß +›sie alles verließen und ihm nachfolgten‹.« + +»Allerdings, das steht da -- mehrere Male. Und das muß auch getan +werden, wenn es verlangt wird. Aber das sind nur besondere Fälle, +Ausnahmen. Die Zeitgenossen des Herrn konnten sich nicht täuschen, +daß dies Verlangen an sie gestellt wurde, und daß sie es buchstäblich +zu nehmen hatten. Wir andern aber müssen ganz besonders vorsichtig in +diesem Punkt sein. Denn in der Regel besteht das Verlangen des Herrn +nur darin, daß man allem, was man hat, um seinetwillen absagen soll. +Und dies heißt nicht »verlassen«. So fassen es nur die Katholiken auf. +Daher kommt alle ihre mißverstandene, krankhafte Askese. Wir andern +verstehen, daß wir nur in Entsagung besitzen sollen. Nicht, -- ja nicht +irgend etwas, das wir haben, über den Herrn und sein Reich stellen, +nicht etwas höher achten, weder Reichtum, Heimat, Gattin, noch das +Leben, -- ein Christ soll dies alles nicht verlassen, nicht wegwerfen, +sondern es nur besitzen -- in Entsagung.« + +Gerührt nickte die Konsulin ihrem Jugendfreund zu. »Danke, lieber Berg. +Das war so recht klar ausgelegt.« + +Alle anderen schienen diese laue Erklärung zu billigen. Aber dazu war +das dänische Fräulein zu ehrlich. Und sie wußte einen, der es auch +nicht tat, der seinem älteren Kollegen nur nicht widersprechen wollte. +Aber er sollte hören, daß sie ihn verstand. + +»Ja, auf diese Weise ist es allerdings ganz bequem, ein Christ zu +sein,« sagte sie. »Aber dann verstehe ich nicht, warum überall in der +Bibel die großen Anforderungen gestellt werden, wenn man sich nur davor +hüten soll, sie zu erfüllen. Wenn sie so erleichtert und umerklärt +werden können, muß man zuerst ehrlich sein und sie lieber ganz +streichen. Denn in der Praxis kann ich keine Spur von Unterschied darin +sehen, ob man in Entsagung besitzt oder gar nicht.« + +»Das muß man fühlen,« sagte der dänische Pfarrer. »Und ich hoffe, Sie +werden dahin gelangen. Das Christentum ist der Glaube im Geist, und +nicht im Buchstaben. Man muß suchen, dies verstehen zu lernen.« + +Die Frau Konsul schlug nun vor, etwas zu musizieren, um einen passenden +Abschluß der Diskussion, bei der die Beteiligung der Nichte durchaus +nicht ihren Beifall hatte, herbeizuführen. + +Und bald war die Dissonanz auch in Spiel und Gesang aufgelöst. + +Als die Gesellschaft aufbrach, hatte Halfdan ein Buch im Kabinett +liegen lassen und ging hinein, um es zu holen. + +Sie lief ihm nach, sie mußte einen verständnisinnigen Blick, einen +Händedruck haben. + +Er aber wandte ihr fremde und kalte Augen zu. + +»Ein für allemal, sprich bei solchen Dingen nicht mit, bis du sie +besser verstehst. Du zeigst damit nur, daß du unendlich weit außerhalb +stehst; daß du gar keinen Begriff von geistlicher Auffassung hast!« + +Da fuhr sie auf. »Bedeutet geistlich sein so viel als allen Bibelworten +ihren Stachel nehmen, sie beschneiden, beschnipfeln, sie überzuckern, +damit man sie ohne Mühe verschlucken kann? -- Dann ist das geistliche +Christentum die reine Jämmerlichkeit! Und das kannst du doch unmöglich +meinen, du, der alles opfert, was es auch sei.« + +»Ja, aber du nimmst es so unverständig, weil du so ganz außerhalb bist +und bleibst. Und vorläufig sollst du Christentum nur lernen, nicht es +lehren.« + +Ihr dunkler Kopf richtete sich stolz vor ihm auf. + +»Was ich sagen oder nicht sagen soll, das lasse ich mir niemals +vorschreiben.« + +Er ging nach der Tür, ohne noch ein Wort zu sagen. Und da fühlte sie +sich nur noch von einem Gefühl der Angst beherrscht. + +»Halfdan -- nein, geh nicht so von mir! Ich verstehe es ja nicht wie +du. Sag mir nur, wie ich sprechen soll!« + +Er blieb stehen und sah sie einen Augenblick an. Dann zog er ihren Kopf +an sich und drückte seine Lippen fest auf die ihrigen. + +»So,« sagte er. + +»Ach, Halfdan, wenn ich auf diese Weise schweigen darf, dann möchte ich +am liebsten nie wieder ein Wort sagen!« + +Er sah sie an und küßte sie noch einmal. + + * * * * * + +Februar und März vergingen. Und die Pläne für die Zukunft begannen +festere Formen anzunehmen. + +Der Plan war, daß sie im Anfang Mai nach Dänemark reisen solle, um ihre +Aussteuer zu besorgen, und daß die Hochzeit dann im Lauf des Sommers +stattfinden würde. + +Glücklicherweise war Alette so gestellt, daß sie sich, wie die Tante +sagte, »ein kleines sorgenfreies Heim« einrichten konnte, und die +Nichte hatte von ihren Eltern auch soviel geerbt, daß das Brautpaar +mit der Hochzeit nicht zu warten brauchte, bis der Pfarrer ein größeres +Einkommen hatte. + +»Weißt du, ob Halfdan sich um etwas gemeldet hat?« fragte die Tante im +Frühjahr eines Morgens die Nichte. + +»Ich glaube nicht. Er sagte neulich, es wäre vielleicht gut, wenn wir +ganz von Christiania wegkämen. Aber er sagte nichts davon, daß er sich +irgendwohin melden wolle. Warum fragst du?« + +»Ach, weil Bödkers Bruder, der im Konsistorium ist, bei Hallager war +und sagte, -- aber es muß ja ein Irrtum sein --« + +»Was denn?« + +»Daß Halfdan sich um eine der schrecklichsten, ödesten und nördlichsten +Pfarreien beworben habe. Aber das ist ja unmöglich. Denn dorthin könnte +er dich doch nicht mitnehmen! Ebensogut könnte er dir den Nordpol +anbieten.« + +Mit einem plötzlichen Angstgefühl legte die Nichte die Hand aufs Herz, +sagte aber nur: + +»Und wenn er sich um eine Pfarrei auf dem Monde bewerben würde, für +mich könnte es keinen Unterschied machen.« + +»Ja, das wäre auch besser, denn diese bekäme er doch nicht. -- Aber es +muß ein Gerede von Bödker sein. Es ist ja unmöglich. -- Das wäre die +mißverstandene Askese, gegen die Pastor Berg neulich so klar sprach.« + +-- Den ganzen Tag hindurch stand nur ein Bild vor ihrer Seele. Ein +Bild, von dem sie, wie es ihr vorkam, einmal geträumt haben mußte, und +das nun so deutlich vor ihr stand, daß es war, als sehe sie es mit +ihren leiblichen Augen -- das Bild, das einen zeigte, der hinaufstieg, +hinauf, hinauf, bis ihn das strahlende Licht in der Höhe aufnahm. Und +unten stand ein anderer, der sich die Hände an den Felsen blutig riß, +ohne mitkommen zu können .... + +Sie war sogleich überzeugt, daß die Nachricht der Wahrheit entsprach. +Und sie verstand seinen Gedanken vollständig: er brach auf, -- er brach +auf. Auf diese Weise wurde der Schlag vorbereitet, den ihre geheime +Angst erwartet hatte, gleichsam von der ersten Stunde an. + +Von droben aus der Höhe, der strengen, weißen, einsamen Höhe, hatte er +den Ruf vernommen -- der nach »oben« zog -- »unerbittlich«. -- Und er +verließ alles, stand auf und folgte ihm. + +Er schob sie weg, ohne Klage, ohne eine Einwendung, stieg dem starken, +klaren, leuchtenden Tag entgegen, ohne sich auch nur ein einziges Mal +nach dem umzuwenden, was dahinten blieb. + +Nun fiel es, das Damoklesschwert, das sie über ihrem Kopf hängen +gefühlt hatte. + +Und hinter aller Angst, allem Schmerz war es doch wie wunderbare, +schmerzliche Freude. + +Denn das, was ihn so ganz gefangen nahm, sogar weg von ihr zog, es war +doch das, was sie am meisten an ihm liebte! + +-- Der Pfarrer kam an dem Abend zu Besuch und war kaum ins +Zimmer getreten, als die Tante ihm entgegenrief: »Hier sind die +abenteuerlichsten Gerüchte über dich im Umlauf, Halfdan! Daß du +wahnsinnig geworden seiest und dich um Finn-Li beworben habest.« + +»Ich glaube beinahe, das Gerücht hat recht; ich bin nämlich wirklich so +wahnsinnig.« + +»Nein, hör mal, das ist zu arg! Es ist vollständig unvernünftig! Du, +mit deiner Tüchtigkeit und Begabung, zu diesen einsamen Bauern hinauf!« + +»Sollen diese denn nur untüchtige Leute haben?« + +»Und das kannst du ihr ja ganz und gar nicht bieten! Ich hoffe, du +bekommst die Stelle nicht.« + +»Dazu ist wohl keine Gefahr.« + +»Nun, dann hoffe ich wirklich, daß sie dich aufgibt, hätte ich beinahe +gesagt.« + +Da wurde die Tante einen Augenblick hinausgerufen. + +Als die beiden allein waren, trat er zu ihr: + +»Fragst du gar nicht?« + +»Ich bin entschlossen, dir zu folgen -- und nicht, dich zu fragen,« +sagte sie mit einiger Anstrengung. + +»Aber ich möchte doch so gern antworten. Ach, wie kalt deine Hände +sind! Ist das Herz so warm?« + +Sie fragte leise: »Ist es -- um der einsamen Seelen willen?« + +»Vielleicht. Obgleich -- Seelen gibt es an jedem Ort. Und einsam sind +sie alle. Nein -- das ist es nicht gerade.« + +Die Konsulin trat wieder ein. + +»Mein Mann sagt wie ich, daß wir dich davon abbringen müßten. Es gibt +Stellen genug hier im Tiefland.« + +»Ja, und das ist recht gut für die, die das Hochland nicht ertragen +können. Aber es gibt andere, die das Tiefland hinter sich lassen +müssen, die hinauf müssen -- ganz hinauf -- bis zur höchsten Spitze.« + +»Ja, das heißt man allerdings eine Sache auf die Spitze treiben, da +hast du ganz recht.« + +»Halfdan,« sagte die Nichte plötzlich laut. »Du willst +~Hochlandspfarrer~ werden, und da tust du recht daran. Dazu paßst +du gerade. Du darfst dich nicht aufhalten lassen. Du darfst dich im +Tiefland nicht fesseln lassen!« + +Er streichelte ihr die Hand. »Es ist zwar nicht so ganz das, was wir +unter Hochland da droben verstehen,« sagte er. »Aber dies ist ein +schöner Titel.« + +»Meinst du?« sagte die Konsulin. »Da weiß ich aber doch, daß +geschrieben stehet: Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet +euch herunter zu den niedrigen.« + +»Wenn Paulus es so gemeint hätte wie du -- dann hätte er nicht selbst +darnach gelebt. Und wir haben noch einen Größeren als ihn, der uns den +Weg nach oben gezeigt hat. Einer, der predigte und betete, der kämpfte +und am Kreuz starb. Einer, der uns gelehrt hat, daß man auf der Höhe +leben soll. Von da geht man ein -- zur Vollendung des Lebens.« + +»Das ist alles ganz wahr. Aber die Nachfolge kann man nicht +~buchstäblich~ nehmen -- das hast du selbst gesagt.« + +»Es schadet nichts, wenn es einer doch einmal buchstäblich nimmt.« + +»Ja, aber davon kann nun doch hier keine Rede sein. Sag doch etwas, +Kind! Diese Meldung muß zurückgenommen werden.« + +Aber sie sagte nichts -- auch nicht, als der Konsul hereinkam und mit +wirklich treffenden kurzen Worten die Bestrebungen seiner Frau, diesen +Beschluß zu ändern, unterstützte. + +Nach dem Abendbrot setzte sich der Pfarrer an den Flügel im Saal, um +einige Kirchenlieder zu singen, die seine Braut gerne hören wollte. + +Sie saß hinter ihm, auf einem niederen, mit Atlas bezogenen Sofa, in +der Dunkelheit, die die beiden Lichter auf dem Instrument nicht zu +erhellen vermochten, und lauschte auf die glockenreine, schöne Stimme, +ohne ein Wort von dem Gesang aufzufassen. + +Kurz nachher saß er auf dem Sofa neben ihr. »Weißt du, warum?« fragte +er. + +Sie dachte die ganze Zeit an nichts als an die Stelle da oben hoch im +Norden, um die er sich gemeldet hatte. Nun kam die Erklärung. + +»Ich will es dir sagen. Aber es ist ein Geheimnis. Heute bin ich der, +der flüstern muß.« + +Er schlang die Arme um ihren Hals und legte seine Lippen dicht an ihr +Ohr: »Es gibt eine, die ich ganz für mich allein haben muß. Ganz, ganz +allein. -- Deshalb, glaube ich, habe ich es getan.« + +Sie rührte sich nicht, verstand es noch nicht recht. + +»Ich muß alle andern, die ganze Welt weg haben. Ich muß einen Ort +finden, fern, einsam, verborgen, -- wie der, wo der Steinadler seinen +Horst hat. Dort das Hochzeitshaus aufrichten! Und dich auf meinen Armen +hinauftragen! Zu mir hinauf, zu mir allein!« + +Sie tat einen tiefen Atemzug -- einen erlösenden. + +»Und ich glaubte -- ich dachte --« + +»Was dachtest du?« + +»Daß du -- daß du von mir fort wolltest.« + +Er lachte und drückte ihr lockiges Haupt inniger an sich. + +»Ja, du bist ein Kind! Ein törichtes, törichtes Kind, das nicht das +Geringste von allem versteht. Du weißt gar nicht, wie du alles, was +sich in mir regt, gefesselt hast. Wie abhängig ich von dir bin, um zu +leben. Wie du Lebensbedingung für mich bist. Du bist das Licht meiner +Augen! der Schlag meines Herzens! mein Atemzug selbst ... das, was man +sich nicht entreißen läßt. Das, wofür man bis aufs Blut kämpft. -- Denn +ohne das kann man nicht leben.« + +»Ach Halfdan, sag es noch einmal! Sag es noch einmal!« + +»Mein Leben -- mein Leben! Hast du es jetzt gehört? Verstehst du es +jetzt? Weißt du nun, daß ich alles auf die Seite geschoben haben muß, +abgeschnitten, weil ich dich so ungeteilt haben will, so endlos, +daß niemand anders auch nur einen Schimmer von dir haben darf! +Begreifst du, daß ich hoch, hoch hinauf muß, bis zu dem fernsten, +wolkenverhüllten Gipfel, wo kein spähendes Auge uns sieht -- um mein +Lieb heimzuführen? -- Da hinauf, wo nur du für mich lebst, wo nur du +da bist, lebenswarm mit klopfendem Herzen, -- für meine Liebe und für +mich! Wo wir zusammen hinausgleiten können in die große, schwindelnde +Tiefe. Nichts wissen, nichts erinnern, nichts fühlen, als nur einander +angehören, -- einander angehören!« + +Sie schlug die Hände vors Gesicht. + +»Halfdan, dann muß ich sterben.« + +»Gewiß nicht. Dann sollst du leben.« + +»Ja, o ja ... Aber begreifst du nicht, daß gleichsam eine Todesangst in +dieser grenzenlosen Hingabe liegt? Halfdan, die Freude, mit dir allein +zu sein, für dich allein, -- sie wird mir das Herz zersprengen! Ich muß +daran sterben! Aber es wird trotzdem so sein, wie in dem Liede: Und +hätt ich tausend Leben gleich -- um ~eins~ nicht wollt ich bitten!« + +Als die beiden wieder ins Wohnzimmer traten, sagte die Tante: »Hast du +Halfdan nun von dem unsinnigen Einfall abgebracht?« + +Mit strahlendem Blick wandte die Nichte sich ihr zu: »Nein, nun +verstehe ich ihn. Wir sind ganz einig darüber.« + +»Ja,« sagte der Pfarrer ruhig, »sie nimmt es wirklich sehr verständig +auf, Tante, daß es gar keinen Sinn hätte, das aufzugeben, was mir als +das Richtige vorkommt.« + +Als er gegangen war, sagte die Konsulin zu ihrer Nichte: »Wenn du in +dieser Weise auf alle seine verrückten Ideen eingehst, benimmst du +dich sehr unklug.« + +»Ich habe auch gar nicht die Absicht, Halfdan gegenüber klug zu sein, +ich möchte ihn nur fühlen lassen, daß er auf mich nicht die geringste +Rücksicht zu nehmen braucht.« + +»Dieser Wunsch kann dir leicht erfüllt werden. Er ist jetzt schon so +rücksichtslos, daß es unbegreiflich ist. Sein Betragen gegen dich hat +mich schon wiederholt gekränkt. Aber es ist deine eigene Schuld. Und du +wirst ihn damit erst nicht glücklich machen.« + +»Ach Tante!« + +»Ja, im Augenblick denkt er natürlich, es sei sehr bequem, eine -- +Sklavin für alle seine Wünsche zu haben. Aber auf die Dauer wird es ihn +langweilen. Er wird immer unvernünftiger in seinen Ansprüchen werden, +und die immer weniger achten, die ihm nie einen verständigen Widerstand +zu leisten vermag.« + +»Du kennst Halfdan nicht, Tante.« + +»Liebes Kind, die Männer -- wenn man nur einen kennt, kennt man sie +alle auswendig.« + +Die Nichte schlang den Arm um sie. »Komm und besuche uns am Nordpol, +Tantchen! Dann sollst du sehen, wie furchtbar gut wir es beieinander +haben.« + +»Nein, das wird nicht geschehen. Weder Hallager noch ich können uns +darauf einlassen, uns den Hals zu brechen oder in einem Moor bis zum +jüngsten Tag stecken zu bleiben.« + +-- Die Nichte konnte durchaus nicht zur Ruhe gehen. Von einem Zimmer +ins andere flog sie in atemloser Freude. + +All die kalte qualvolle dumme Angst war von der leuchtenden +Siegesgewißheit wie ein Stein von ihrem Herzen gewälzt worden. Die +stärkste Macht in seinem Leben war -- ~sie~. + +Er ließ sie nie wieder los, weil er -- nicht konnte! Er war fest, +unauflöslich an sie gebunden! Fühlte, dachte, wollte nur sie! + +Ach, die jubelnde Sicherheit! + +Alette, -- ihre Tante, -- alle übertriebene Vorsicht, -- die ganze Welt +-- was wußten sie, was verstanden sie, was vermochten sie? Selbst -- +selbst die Macht, die sie beständig wie eine nach ihm ausgestreckte +Hand gesehen hatte, auch sie kam gar nicht in Streit mit ~ihr~? +Jene hatte seine Überzeugung, natürlich. Aber sie, die Braut, sie hatte +ihn selbst! Ihr gehörte er! + +Droben auf der Höhe, wo die Wolken die Gipfel verhüllten, da würde er +die Stätte für die große, alles vergessende Götterliebe errichten. + +Deshalb, nur deshalb zog er dort hinauf. + +Und dies war recht, vollkommen recht, menschlich und natürlich recht! +Wer konnte ein einziges Wort dagegen sagen? + +Als sie endlich, müde und vor Glück fast schwindelig, in das Reich der +Träume hinüberglitt, folgten ihr einige Worte auch dahin, Worte, von +denen sie nicht wußte, wo sie sie gelesen hatte: »Königin, Königin +werd' ich sein in Ewigkeit! -- Ich -- und niemand außer mir!« + +-- Am nächsten Tag kam der Pfarrer nicht zu Besuch. Aber er sandte ihr +einige Linien, wie öfters, wenn er wußte, daß er sie nicht sehen würde. + +Diesmal enthielt der Brief nur ein paar Verse: + + Vögelein schnäbelt im blühenden Dorn, + Zwitschert ein Liebeslied leise -- -- + Dort, wo der Bergwind stößt in sein Horn, + Hoch über Gletscher und Wogenzorn + Der Adler zieht seine Kreise. + + Vögelein fröhlich sein Nestchen schmiegt, + Lauschig in Rosengewinden -- -- + Weithin der Adler die Luft durchfliegt, + Hoch, wo im Sommer der Schnee noch liegt, + Eilt er die Liebste zu finden. + + Schmetternd das Vöglein von Freude singt, + Von Rosen, Liebe und Sonne -- -- + Hoch, wo kein Echo der Erde dringt, + Birgt, in der Brautkammer wolkenumringt, + Der Adler die Liebeswonne! + + * * * * * + +Sie barg das Papier an ihrem Herzen. Und so oft sie nur die Hand darauf +legte und nur das leiseste Knistern vernahm, durchfuhr sie ein Jubel, +der ihr fast den Atem raubte. + + * * * * * + +Der Pfarrer bekam die Stelle, um die er sich beworben hatte. Im Juni +sollte er hinaufreisen, dann ins Amt eingesetzt werden und hierauf die +Vorbereitungen zum Empfang der Braut treffen. + +Für das dänische Fräulein näherte sich die Zeit der Abreise von +Christiania mit raschen Schritten. + +Und so angegriffen und unruhig war sie geworden, daß ihre Tante ganz +bekümmert um sie war. + +»So nervös habe ich dich noch nie gesehen,« sagte sie. »Ich glaube, es +ist gut, wenn du eine Zeitlang ganz von Halfdan wegkommst, um dich in +Ruhe sammeln zu können.« + +»Ruhe! Ach, mir ist es zum Sterben zumut, wenn ich daran denke.« + +»Zum Sterben! Wenn du zwei oder drei Monate von ihm getrennt bist?« + +»Für mich ist es immer wie ein Sterben, wenn ich von Halfdan getrennt +bin, ob es nun Tage, Stunden oder Minuten sind!« + +»Darauf antworte ich überhaupt nicht,« sagte die Konsulin. »Ich bin +zwei Jahre als Braut in Kopenhagen gewesen, ohne Hallager öfter als +jedes Frühjahr einmal zu sehen, aber ich habe mir nie eingebildet, daß +ich darüber zu beklagen gewesen wäre.« + +An einem der letzten Abende sollte der Pfarrer bei einer Versammlung +sprechen, und die Konsulin hatte ihn und seine Schwester gebeten, +ihre Nichte von dort nach Hause zu begleiten und den Tee bei ihnen zu +trinken. + +»Wovon sprach Halfdan heute abend?« fragte die Tante, als sie Alette +auf dem Sofa neben sich hatte. + +»Über die Worte Esaus, als er sein Erstgeburtsrecht um das +Linsengericht verkauft: Gib mir von dem Roten!« + +»Das war ein eigentümlicher Text,« meinte die Konsulin. »Was konntest +du eigentlich darüber sagen, mein Lieber?« + +»Daß diese Worte jeden Tag wiederholt werden.« + +»Meinst du? Die Verhältnisse sind doch jetzt ganz anders. Man kann sie +doch nicht gut mit denen von damals vergleichen.« + +»Aber die Menschen sind noch ebenso wahnsinnig. Sie verkaufen ihr +Erstgeburtsrecht, das Recht zum Reiche Gottes, das Recht zu der Liebe +Gottes, um ›das Rote‹ in jeglicher Gestalt, um Augenlust, Fleischeslust +und hoffärtiges Leben.« + +»Ja, auf diese Weise kann man es allerdings sagen.« + +»Und nicht nur die ewige Herrlichkeit, auch seinen Beruf, seine +Aufgabe, sein eigentliches Leben verspielt man um ›das Rote‹. -- -- Das +ist das Entsetzliche, daß wir das Tiefste, das Wahrste in uns nicht +immer als das Stärkste empfinden. Weil die Bewegung an der Oberfläche +am stärksten gefühlt wird, deshalb kann das Kleinere dem Größeren die +Macht rauben.« + +Als die Konsulin mit einer nachdenklichen Miene schwieg, worunter sie +ab und zu einmal verbarg, daß sie im Augenblick nichts zu entgegnen +wußte, ergriff Alette das Wort. + +»Während du heute abend sprachst, mußte ich mehrere Male an jenen +Weisen im Altertum denken, der all sein Geld von dem Gipfel eines +Berges in den Abgrund hinunterwarf und diese Tat dann mit dem Ausspruch +erklärte: ›Ich tat es, damit es nicht mich einmal hinunterstürze.‹ So +klug und scharfsichtig sind nicht alle Christen.« + +»Nein. Obgleich das, was er getan hat, uns eigentlich vorgeschrieben +ist, und zwar aus ganz demselben Grund. Aber in dem Punkt, wo die Lust +uns bindet, sind wir oft größere Heiden als jener Weise. Jämmerlich +abhängig! Und blind! ›Das Rote‹ flimmert uns vor den Augen und blendet +uns. Erst nachher sieht man das klar ein. Dann begreift man nicht, daß +man treulos werden und das Größte verleugnen konnte, aus erbärmlichem +Hunger nach einem Gericht Linsen. Esau schrie laut und ward über +die Maßen betrübt, als er die Folgen sah. Aber was half es? Das +Erstgeburtsrecht war verspielt.« + +»Wie hieß jener Weise, Alette?« fragte die Tante. »Das war eine schöne +Geschichte, ein Wort zum Nachdenken.« + +»Ich erinnere mich im Augenblick seines Namens nicht,« antwortete sie. + +Dann ging man zum Abendbrot. Die Nichte war so stumm, daß die Tante sie +fragte, ob sie sich nicht wohl fühle. + +»Die Betstunde war so ergreifend,« sagte sie nur. + +Der Pfarrer war von seinem Thema des Abends, sowie von mehreren +Zuhörern, die ihm nachher gedankt hatten, und von denen er wußte, daß +sie sonst gar nicht kirchlich waren, so erfüllt, daß er sich nicht +besonders mit seiner Braut beschäftigte. + +Als er und die Schwester aufbrachen, war sie verschwunden. + +Er fand sie im Kabinett. + +Sie wandte ihm das Gesicht zu und sagte sogleich: »Alles, was du heute +abend gesagt hast, in der Versammlung und hier, meinst du das wirklich?« + +Er zog die Augenbrauen zusammen. »Ob ich es meine,« sagte er kurz. +»Was ist das für eine Frage? -- Wenn du dich sonst nicht so ganz auf +meine Worte verlässest, so kannst du es ruhig tun, wenn ich aus meinem +Verhältnis zu Gott heraus rede. Denn dann spreche ich aus dem heraus, +was das Wahrste in mir ist.« + +»Ja, ja natürlich. -- Es war töricht von mir, so zu fragen.« + +Er neigte sich vor, um sie zu küssen. + +»Ei, wie blaß die Wangen sind! Und die Lippen auch!« + +Er lächelte, indem er ihr Gesicht näher an sich zog. »Wo ist all das +Rote -- das Rote, das sonst da zu sein pflegt? Ich muß sehen, daß ich +es hervorrufe.« + +Wie in plötzlicher Angst zog sie ihren Kopf zurück. + +»Nein -- nein.« + +»Ach so -- -- gute Nacht dann.« + +Sie streckte die Hände nach ihm aus: »Doch Halfdan, versuche -- +versuche, ob du es hervorrufen kannst!« + + * * * * * + +Als das dänische Fräulein ihre Abschiedsbesuche machte, konnten sich +die Leute nicht genug verwundern, wie elend sie aussah. + +Sie verabschiedete sich bei allen Bekannten, denn es war ihre Absicht, +sich in Dänemark trauen zu lassen, ohne den Tag genau anzugeben; dann +durch Christiania und Trondheim ohne Aufenthalt nach der fernen Heimat +zu reisen, von wo sie wohl in langen Zeiten nicht wieder nach dem Süden +kommen würde. So hatte der Pfarrer es gewünscht, und wie immer richtete +sie sich nach ihm. + +Jedermann fand, daß es allerdings eine ernste Sache sei, der sie +entgegengehe, aber doch nicht so aufreibend, wie sie es zu finden +schien. Und man begann allmählich, über sie zu tuscheln. War sie +vielleicht doch auf dem Wege, den Schritt zu bereuen, den alle Leute so +unüberlegt gefunden hatten, und der nun Folgen nach sich zog, die sie +nicht mit in Rechnung genommen hatte? Das ernste, einsame Leben auf dem +Gebirge, das so gar nicht für sie paßte. + +Am Abend vor ihrer Abreise ging sie zu Bödkers, bei denen sie oft mit +Halfdan zusammen gewesen war. + +Die Flachsköpfchen waren eben zu Bett gebracht worden. Aber sie bat, +zu ihnen hineingehen und ihnen einen Abschiedskuß geben zu dürfen. Da +ging die Mutter mit ihr ins Kinderzimmer. + +»Das dänische Fräulein kommt, um euch Lebewohl zu sagen,« sagte sie. +»Nun werden wir sie sehr lange nicht wiedersehen. Und nun wollen wir +die Hände falten und alle miteinander für sie beten, nicht wahr? Wir +haben sie doch so sehr lieb.« + +Aus vier weißen Bettchen streckten sich eifrige Ärmchen ihr entgegen, +und jedes Kind wollte ihren schimmernden Lockenkopf auf sein Kissen +ziehen, um sich innig an ihn anschmiegen zu können. + +Aber als die Rede auf das Gebet kam, das sie mit anhören würde, da +wurden die Großen verlegen und wagten es nicht. Sie krochen unter die +Decken -- und taten es erst später alle miteinander, als das dänische +Fräulein das Zimmer wieder verlassen hatte. + +Nur das kleinste Mädchen rief sogleich: »Ich will!« und setzte sich im +Bettchen auf. + +Da kniete die Mutter neben ihm nieder und faltete ihre Hände um die +dicken rosigen Fingerchen. Dann betete sie langsam, während die Kleine +jedes Wort mit ihrer süßen Kinderstimme nachsagte: »Lieber Vater im +Himmel! Nun reist das dänische Fräulein weit von uns weg, und wir +können nicht bei ihr sein. Aber geh du mit ihr und schirme und segne +sie, um Jesu willen, wo sie steht und geht. Aber besonders -- besonders +wenn sie einmal sterben muß. Amen.« + +Der Kopf des dänischen Fräuleins sank plötzlich auf das Fußende des +Kinderbettchens nieder. Und die Mutter sah, wie ihr ganzer Körper von +heftigem, unterdrücktem Weinen erschüttert wurde. + +Sanft und fürsorglich legte sie ihren Arm um die schlanke Gestalt und +führte sie ins andere Zimmer. + +»Liebste,« sagte sie, »habe ich Ihnen weh getan? Ich weiß, Sie wünschen +jetzt zu leben, und da mag es schwer sein, an den Tod zu denken. Das +Wort ist mir entschlüpft, denn ein guter Tod ist doch das Beste, was +wir einander wünschen können. Aber ich wünsche ja, daß Sie zuerst +leben, lange und glücklich mit Ihrem Halfdan.« + +Aber, den Kopf an die Schulter der Freundin gelehnt, weinte die andere +unaufhaltsam. Und es war, als ob jedes der liebevollen Worte das +merkwürdig verzweifelte Weinen nur noch verstärkte. Schließlich zog +Frau Bödker die Schluchzende aufs Sofa nieder und strich ihr übers +Haar, ebenso mütterlich, als sei es eines ihrer Flachsköpfchen. + +»Meine Liebe,« fuhr sie fort, »es drängt mich, Ihnen eins zu sagen. +Ich habe mich über Ihre Verlobung gefreut, gleich als ich davon hörte. +Denn ich glaube, daß Sie als eine von Gott gesandte Freude zu Halfdan +gekommen sind. Er nimmt das Leben so ernst, so entsagungsvoll, daß ich +ihm alle Freude gönne, die ihm zuteil werden kann. Und ich glaube, daß +er Sie -- für das Höchste gewinnen wird. Es kann nicht anders sein. +Aber auch Sie werden ihn etwas lehren können. Sie sind so ehrlich, daß +ich mich oft ganz beschämt gefühlt habe. Und wenn Sie einmal etwas +als recht erkannt haben, gibt es nichts anderes mehr für Sie, als es +sogleich zu tun; das habe ich mehr als einmal bemerkt. Sie können +nichts hinwegerklären und verschleiern, worin wir andern oft recht gute +Übung haben. Ich glaube, Sie werden das, was Halfdan predigt, einmal +ins Leben übertragen, -- besser als eines von uns.« + +Das dänische Fräulein hob ihr verweintes Gesicht und küßte sie. + +»Alles, was Sie von mir denken und glauben,« sagte sie, »ist weit -- +weit besser als in der Wirklichkeit. Aber -- das, was Halfdan predigt, +das will ich ins Leben übertragen, und wenn mir das Herz darüber +brechen sollte.« + +Oft, oft, wenn sie später mit ihren Flachsköpfchen betete, mußte die +Mutter an jenen Abend denken. Und dann versank sie in tiefe Gedanken, +und immer schüttelte sie zum Schluß den Kopf, wie jemand, der das, was +er glaubt, nicht mit dem, was vorliegt, in Einklang bringen kann. + +Am nächsten Vormittag, dem Tag, an dem sie abends abreiste, ging das +dänische Fräulein zu Alette. Der Pfarrer war nicht daheim, und sie +wußte es. Die Schwester ergriff beide Hände ihrer Schwägerin und sah +ihr ernst und eindringlich in die Augen. + +»Der Herr bereite Sie vor und stärke Sie zu der Aufgabe, die Sie +übernehmen, der schönsten, die es für eine Frau gibt: die Gehilfin +eines Dieners des Herrn in seinem hohen Beruf zu sein.« + +»Ich danke Ihnen,« sagte die Braut. + +Dann bat sie, einen Augenblick in sein Zimmer treten zu dürfen. + +Sie blieb eine Weile still vor dem großen Bilde der Madonna von Murillo +vom Palazzo Pitti stehen, das er über seinen Schreibtisch gehängt hatte +-- weil er fand, daß es ihr gleiche. Ein Bild von ihr, das jedermann +betrachten und erkennen könnte, wollte er nicht aufstellen, das trug er +nur bei sich. Aber dies sei sie ja doch, hatte er gesagt, heimlich und +für ihn allein. + +Sie stieg auf den Stuhl vor dem Schreibtisch, kniete auf die +Tischplatte und küßte das Bild ... + +Auf dem Tisch lag ein kleiner Papierstreifen, auf den er in aller Eile +die Adresse einer armen Familie gekritzelt hatte. -- Sie nahm den +weißen Elfenbeinfederhalter, den sie ihm selbst geschenkt hatte, und +schrieb: »Geliebter, geliebter Halfdan Svarte« -- mit ihrer schönen, +großen Handschrift, die er so sehr liebte -- gerade unter die fremde +Hausnummer ... + +Noch ein langer, sehnsüchtiger Blick, der gleichsam alle Gegenstände +des Zimmers umschloß -- dann ging sie wieder hinaus. + +Als sie sich von Alette verabschiedete, sagte diese zögernd: »Da ist +noch etwas, das ich Ihnen gerne sagen möchte. Sie werden nun ganz +allein mit ihm sein, -- und werden wohl einen bedeutenden Einfluß auf +ihn gewinnen. Das bekommt die Gattin immer. Aber -- wollen Sie daran +denken, daß Halfdan niemals so recht von Herzen glücklich wird, wenn +nicht das eine -- das eine, das das Größte und Stärkste in ihm ist, bei +allem zuerst kommt? Vor allen Rücksichten, vor allen Freuden -- -- vor +allem Zusammensein mit Ihnen ...« + +Die andere richtete ihre dunklen Augen auf die Schwägerin und sagte: +»Das glaube ich auch. Ja, ich werde daran denken.« + +Halfdan sollte bei Konsuls zu Mittag essen und seine Braut dann nach +dem Bahnhof begleiten, er ganz allein. + +Er brachte ihr einen Strauß von lichten Rosen und dunklen duftenden +Heliotropblüten. »Zum Dank für die, die ich mir genommen habe,« sagte +er. »Weißt du es noch?« + +Bei Tisch trug sie ein weißes Kleid und hatte seine Blumen angesteckt. + +Der Konsul hatte Champagner herbeigeholt, und da die Beredsamkeit +seiner Frau ganz in Rührung aufgelöst war, weil sie ihre geliebte +dänische Perle verlieren sollte, mußte er dem Brautpaar eine kurze +Abschiedsrede halten. + +»Der Herr sei mit euch -- droben auf der Höhe, wohin euer Weg nun geht! +Über dich, Halfdan, habe ich ihr schon meine Ansicht gesagt, und nun +sage ich sie dir auch über sie. Man weiß nicht, wie lieb sie ist, ehe +man sie bei sich im Haus gehabt hat. Und das will viel heißen. Ich +wünsche euch Glück, Kinder!« + +Die Nichte weinte, küßte ihn und sagte, er halte sie nur für so gut, +weil er sie mit seinen eigenen herzensguten Augen betrachtet habe. -- + +Als sie sich später umgekleidet hatte, und der Wagen vor der Tür stand, +weinte sie wieder heftig am Hals ihrer Tante. Sie dankte immer wieder +für den Winter, den besten, den einzigen, den sie je erlebt habe ... + +Und die Konsulin weinte von ganzem Herzen mit und bat sie, ja nicht zu +vergessen, daß sie und der abscheuliche Mann, der sie so weit wegführe, +immer eine Heimat hier hätten. + +Der Konsul zeigte sich außerordentlich besorgt, daß all ihr Gepäck gut +im Wagen untergebracht wurde, schneuzte sich aber doch verschiedene +Male recht verdächtig, und die Mägde weinten im Chor. + +Als sie sich von Halfdan auf dem Bahnhof verabschiedete, weinte sie +nicht; sie war ganz still und blaß wie eine Leiche. + +»In zwei Monaten,« flüsterte er. »Da hole ich, was mir gehört, und +lasse es in meinem ganzen Leben nicht wieder los -- nie lasse ich dich +wieder wegreisen.« + +Als sie an dem Fenster des Wagenabteils stand und der Zug sich in +Bewegung setzte, streckte sie plötzlich die Arme aus und rief laut: +»Halfdan!« + +Angstvoll klang es -- wie ein Hilferuf, so daß er ihr beinahe +nachsprang. Aber schon war sie ihm nicht mehr erreichbar. -- -- + + * * * * * + +Vier Wochen später wußte man in dem ganzen großen Bekanntenkreis in +Christiania, daß das dänische Fräulein seine Verlobung aufgelöst hatte. + +Aber das war auch alles, was man erfuhr. In den Beweggrund, oder die +Art und Weise, wie es geschehen war, wurde niemand eingeweiht. + +Niemand, nicht einmal Alette sah den Brief, den der Pfarrer erhalten +hatte, und den er so verzweiflungsvoll oft durchlas, daß er ihn bald +trostlos gut auswendig konnte. + +»Was ich heute schreiben muß, will ich so schnell und so kurz als +möglich sagen, obgleich es das Resultat langer, langer, ernster +Erwägungen und mein unwiderruflicher Entschluß ist. Ich kann Ihnen +nicht da hinauf folgen. Sie müssen ohne mich Ihren neuen Beruf antreten. + +»Ich wünsche Ihnen, daß Sie ganz und vollkommen die Lebensaufgabe +erfüllen, die das Erste und Größte für Sie ist, nämlich +~Hochlandspfarrer~ zu werden, wozu Sie, wie ich glaube, berufen +sind. + +»Ich weiß, -- ich weiß, daß Sie jetzt leiden werden ... Aber ich glaube +auch, daß Ihre Arbeit alle Leere nach meinem Entschwinden ausfüllen +kann -- -- und ich kann nicht bei Ihnen sein.« -- -- -- + +An demselben Tag, wo der Pfarrer den Brief bekam, reiste er nach +Kopenhagen. Es war am Anfang der Woche, da konnte er sich schon ein +paar Tage frei machen. + +Am nächsten Abend stand er in ihrer Wohnung, wo ihn der Bruder +empfing, dem die peinliche Lage äußerst widerwärtig war. + +Der Pfarrer verlangte eine Unterredung mit seiner Braut. Aber der +Bruder sagte, sie sei verreist, zu Verwandten aufs Land, und er habe +ihr hoch und teuer versprechen müssen, daß er ihren Aufenthaltsort +nicht verraten werde. + +Hierauf verlangte der Pfarrer, daß ein Brief, den er noch an diesem +Abend schreiben wolle, ihr unverzüglich nachgeschickt werde. Und dies +versprach der Bruder. + +Den Brief seiner Braut legte Halfdan in einen Umschlag, um ihn +zurückzuschicken, und außerdem schrieb er selbst: »Ich betrachte Deinen +Brief als ungeschrieben, -- denn ich habe ihn nicht angenommen. Und ich +tue es niemals. + +»Das Verhältnis zu mir kannst Du nicht lösen. Niemals davon loskommen! +Denn solange Du und ich existieren, so lange stehen wir in einem +Verhältnis zu einander. Es ist ein Teil von uns selbst. Und das weißt +Du ebenso gut wie ich. -- + +»Ich verlange Dich, so wie Du bist, als mein eigen. -- Und Du wirst es +nicht wagen, Dich Deinem eigenen Lebensberuf zu entziehen. + +»Ich nehme Dich an der Hand, -- sie ist mein. Ich fasse Dich um das +Herz -- es ist mein. Und mit dem großen Recht der Liebe, die ich zu Dir +habe, sage ich: Komm! Folge mir!« -- + +Er hatte das Papier schon zusammengelegt, als er es plötzlich noch +einmal entfaltete und ihren Namen -- nur ihren Namen, ganz zuletzt +hinschrieb. + +Auf diesen Brief erhielt er umgehend als Antwort nur die drei Worte: +»Ich kann nicht!« -- -- -- + +Da reiste er zurück nach Christiania. + +Aber er verstand und verstand die Welt nicht mehr. Was war geschehen? +Wie war es nur so gekommen? + +Entweder war er klug und die ganze Welt verrückt, oder -- war er +derjenige, welcher verrückt war. Eines war gewiß, das ganze Dasein war +ein unbegreifliches Chaos. + +Die öffentliche Meinung war in diesem Fall, wie nach der Verlobung +auch, recht übereinstimmend. + +Es sei nur gut, daß die Verlobung aufgelöst worden sei. Die beiden +hätten durchaus nicht zusammengepaßt. Und das Leben, in das er sie +hineinführen wollte, habe sie sicher zurückgeschreckt, so verwöhnt und +verfeinert, wie sie gewesen sei. + +Immerhin habe es ja den Anschein gehabt, als ob sie richtig verliebt in +ihn gewesen wäre. Und zu bedauern sei es, daß sie so lange gezögert, +bis sie ein Ende gemacht habe. + +Der Konsulin, die selbst einen Brief von der Nichte erhalten hatte, +ging es außerordentlich nahe. + +»Mir ist es zumut, als hätten wir einen Todesfall im Hause gehabt,« +sagte sie. »Hallager ist ganz aus dem gewohnten Geleise. Aber was +habe ich gesagt? Es ist geradezu ein Verhängnis, daß ich immer recht +bekomme! Nun werden es die guten Leute selbst einsehen! Aber es ist +ein wenig spät. Es tut mir für beide leid, am meisten für Halfdan. Er +bindet sich nur sehr stark, und nun vielleicht nie wieder. -- Über mein +süßes Mädchen bin ich ein wenig ärgerlich. Sie hätte es sich früher +besser überlegen sollen. Aber Halfdan betrug sich ihr gegenüber auch +nicht immer richtig.« + +»Nein,« sagte die öffentliche Meinung in Gestalt einer Dame, die zu +Besuch kam. »Er war zu kalt und recht wenig rücksichtsvoll gegen sie.« + +»Kalt? -- Ja, darüber können andere nicht urteilen, nach meiner +Erfahrung wenigstens. Aber rücksichtslos, das war er. Er überlegte +nie, was sie wünschen oder nötig haben könnte. Und nun zuletzt diese +Pfarrei! Das hat dem Faß den Boden ausgeschlagen! Ich habe ihm damals +gleich gesagt, daß es eine unvernünftige Idee sei. Es ist ja nicht +frömmer, ob man an dem einen oder an dem andern Ort predigt.« + +»War sie von Anfang an verzweifelt darüber?« + +»Nein, da sagte sie, es sei herrlich, und daß sie am liebsten mit ihm +auf den Mond ginge, -- ich glaube, so sagte sie. Aber so etwas hält +nicht vor! Als sie in ihr schönes Heim zurückkehrte, zu ihren Freunden, +ihrem künstlerischen Umgangskreis, und dann an die Pfarrei hoch droben +auf einer Felsenspitze dachte, ohne einen anderen Umgang als -- Bären, +wenn es gut geht, da sank ihr der Mut. Und das ist nicht zu verwundern. +Aber es tut mir leid, mehr als ich Ihnen sagen kann, Frau Smit.« + +Von der Schwester des Pfarrers bekam man über die Auflösung noch +weniger zu hören, als einst über die Verlobung. + +Zu der Konsulin, die ihr den Brief der Nichte zeigte, um sie etwas +milder zu stimmen, sagte sie nur: »Ich verurteile sie nicht. Sie steht +eigentlich vollständig außerhalb meines Verständnisses! Ich denke, +sie hat sich selbst gerichtet. Und sicherlich ganz richtig. Wenn sie +sagt, daß sie Halfdan nicht folgen könne, so wird es wahr sein. Den +Weg auf die Höhe an seiner Seite, dazu hat sie nicht die Kraft. Es ist +nur so schwer, daß er es glauben konnte und nun den bitteren Schmerz +durchmachen muß, sich in einem anderen Menschen so tief getäuscht zu +haben.« + +Von dem Tage an, wo der Pfarrer von seiner kurzen Reise nach Norwegen +zurückkehrte, die einen so schneidenden Gegensatz zu dem bildete, was +geplant gewesen war, wurde das dänische Fräulein und die ganze Periode, +die sich an sie knüpfte, nicht mehr zwischen den Geschwistern berührt. + +Den ganzen ersten Tag und auch die Nacht schloß sich Halfdan ein, -- +mit einem Ausdruck im Gesicht, daß Alette es nicht gewagt haben würde, +ihn allein zu lassen, wenn sie nicht gewußt hätte, mit wem er sich +einschloß. + +Die ganze Nacht hindurch hörte sie ihn in seinem Zimmer auf und ab +gehen, oder sich schwer niederwerfen -- auf einen Stuhl, oder auf den +Boden. Sie wußte es nicht. + + ++Gegen Morgen trat er bei ihr ein, -- und er sah in dem bleichen +Tagesgrauen aus wie eine Leiche. + +Er trat zu ihr und sagte: »Nun habe ich es durchgekämpft. Ich will es +auf mich nehmen und will es tragen. Jetzt gehe ich weiter.« + +»Gott sei Dank!« sagte sie leise. + +Aber in demselben Augenblick brach er neben ihr zusammen. Und das Bett, +auf das er sich stützte, zitterte unter seinem heftigen, furchtbaren +Schluchzen. + +Sie umschloß seinen Kopf mit zärtlichen Händen; während ihr selbst die +Tränen über die Wangen liefen, neigte sie sich über ihn und begann +leise und innig für ihn zu beten. Mit der ganzen Liebe, die sie für ihn +fühlte, mit ihrem unerschütterlichen Vertrauen zu dem großen Helfer +betete sie. + +Allmählich wurde er ruhiger und richtete sich auf. + +»Ich danke dir,« sagte er und küßte sie auf die Stirne. »Was getragen +werden muß, kann auch getragen werden. Das Hindernis, an dem wir uns +die Stirne blutig stoßen, soll uns nicht niederschlagen. Das bedeutet +immer nur, daß wir höher hinauf sollen. Darüber hinaus!« + +Von dem Tag an erfüllte er alle seine Pflichten wie vorher und +bereitete seine Abreise nach der fernen Pfarrei vor. + +Das Herz der Schwester blutete, wenn sie daran dachte, daß er in diese +Einsamkeit hinaufziehen mußte. + +Ihre Gesundheit war viel zu gebrechlich, als daß sie daran denken +konnte, sich in einer so rauhen Gegend niederzulassen. Trotzdem hatte +sie es ihm gleich vorgeschlagen; sie hätte um seinetwillen gern ihre +Gesundheit drangegeben. + +Aber er nahm das Anerbieten nicht an; er hätte es nicht für recht +gehalten. Das einzige, worauf er einging, war, daß sie im Hochsommer +einen Besuch im Pfarrhause machen dürfe. + +Ende Juni reiste er ab. Und im Juli kam sie zu ihm. Dies wiederholte +sich regelmäßig jedes Jahr. + +Sie hatte gehofft, er werde sich wegmelden, als die ersten fünf Jahre +um waren, und sich an einen milderen und näheren Ort versetzen lassen. + +Er aber sagte: »Ich habe hier oben eine Aufgabe zu lösen.« Da war sie +nicht wieder darauf zurückgekommen. + +Jeden Winter hoffte sie auf einen Besuch von ihm, wenn auch nur auf +kurze Zeit. Aber er sagte, das müsse warten, noch immer würde es ihn +nur peinlich berühren, wenn er wieder nach Christiania käme. -- + +Im Sommer begleiteten manchmal auch andere die Schwester nach dem +Norden. Verwandte oder Freunde, Bödkers und einzelne der Cousinen, +solche, mit denen der Pfarrer sich gut verstand. + +»Ich glaube, ich verstehe Alettes Gedanken, wenn sie Margarete oder +die liebe, bescheidene Sophie nach dieser Einöde mitnimmt,« sagte +die Konsulin. »Wenn man nur bald hören würde, daß sich Halfdan mit +einer von ihnen verlobt hätte. Dann könnte man glauben, er habe sein +Herzeleid überwunden und bekomme nun eine behagliche Heimat mit einer +netten Frau, die ihn auf eine vernünftige Art glücklich machen würde, +-- auf eine Art, die Bestand hat.« + +Aber dies bekam man eben nicht zu hören. + +Der fremde Vogel, den er einmal an sein Nest fesseln zu können +geglaubt hatte, flog weiter und weiter fort aus seinem Bereich. + +Anderthalb Jahre nach der aufgehobenen Verlobung erfuhr man, daß das +dänische Fräulein nach einer energischen und gründlichen Ausbildung zur +Bühne gegangen sei. + +An die Tante, die diesen Schritt mißbilligte, schrieb sie, sie müsse +eine Aufgabe haben, die sie ganz in Anspruch nehme, damit sie ihr Leben +damit ausfüllen könne. + +Mehrere Jahre lang hatte sie einen schönen, hervorragenden Platz an der +Bühne. + +Dann hörte man, daß sie sich wieder ganz plötzlich ins Privatleben +zurückgezogen habe. + +-- Weit entfernt von einander waren die Welten, in denen die beiden +Leben verliefen, die einmal nahe daran gewesen waren, in einander zu +fließen. + + [Illustration] + + + + + Hinauf. + + + + + [Illustration] + +Die helle Nacht ruht über dem Gebirge ... + +Die große, spiegelklare Wasserfläche wirft den Glanz der Sonne zurück, +und eine silberhelle, zitternde Beleuchtung hat sich über das steile +Ufer und bis zu dem weißen Pfarrhaus hingebreitet. + +Es ist etwas Wunderbares um diese hellen Nächte. Man empfindet sie +immer, als stünden sie außerhalb der Gegenwart. + +Der helle Tag, die dunkle Nacht -- in ihnen findet man sich so +natürlich zurecht. Aber die helle Nacht -- sie scheint nicht dieser +Welt anzugehören. Es ist, als lasse sie etwas ahnen, etwas weit +Größeres als den Morgen, der über der Welt anzubrechen pflegt. + +Es ist, als öffne sich eine Türe zu lautlosen lichten Gefilden, zu +einer Stätte der Erwartung, wo man dem Sonnenaufgang der Vollendung +entgegenschaut. + +In der hellen Nacht gibt es einen Zugang von einer Welt in die andere. +Man fühlt sich dem stillen lebendigen Dasein des Jenseits gleichsam +näher als in der lärmenden Unwirklichkeit des Tagewerks. -- + +Über die glänzende Wasserfläche gleitet ein Boot nach dem Ufer des +Pfarrhofs. Eine einzelne Gestalt steigt aus und bleibt am Ufer stehen. + +Der Fährmann, der an einer kleinen Poststation seinen Wohnsitz hat, +rudert nach ein paar Augenblicken wieder weg. Er weiß, daß der Pfarrer +auf einer Amtsreise in Sörli ist und erst in drei Tagen um Mitternacht +zurück sein kann. Aber die Tür des Pfarrhauses steht offen, -- das weiß +er auch -- wenn die Pächtersleute je schlafen gegangen sein sollten. + +Das Boot gleitet dahin wie ein Schatten auf dem glatten Silber der +breiten Fläche. + +Die Gestalt geht nicht nach dem Pfarrhaus, sondern setzt sich auf einen +großen Stein am Ufer und hüllt sich dichter in ihren langen, dunklen +Mantel. Sie sitzt unbeweglich, als sei sie eins mit dem Stein. Und sie +wartet .... + +Die helle Nacht steigt lautlos aus dem weißlichen Wasser auf und +umzieht alle Berge mit ihrem zarten Glanz. + +Die blanke Fläche ist unbeweglich wie Glas. Nur drinnen zwischen den +Ufersteinen schlägt sie ein paar leuchtende Falten, die sich mit einem +leisen beruhigenden Rauschen auf dem weichen Sand glätten, und diese +schwache Bewegung, in tausendfacher Wiederholung, ist das einzige, +woran man merken kann, daß die Zeit vergeht. + +Sonst scheint alles ganz still zu stehen, wie in träumerische Ahnung +verloren. Dann ertönt ein Laut, fern und unbestimmt, ein Laut, der die +Stille nicht zu unterbrechen scheint, -- selbst als er deutlicher wird, +-- sondern eher wie mit ihr verschmilzt. Es ist der taktfeste Ton von +Ruderschlägen, die sich nähern. + +Ein ruhiger Ton. Und doch ist es, als ginge ihm ein gespanntes, von +Herzklopfen begleitetes Lauschen mit angehaltenem Atem entgegen. + +Um die dunkle, mit Tannen bestandene Landzunge zur Linken gleitet ein +Boot und fährt auf das Ufer zu. + +Knirschend fährt es auf den Sand und hält. + +Der Pfarrer steht auf und steigt aus, -- ein einsamer Mann, der in +der Nacht in sein einsames Haus zurückkehrt, wie schon hundert- ja +tausendmal zuvor. Plötzlich bleibt er stehen. Er steht wie angewurzelt. + +Die Gestalt da vor ihm auf dem Stein, unbeweglich wie dieser .... + +Der Pfarrer schlägt beide Hände vors Gesicht. Dann fühlt er auf einmal +alles Blut zum Herzen strömen, als wolle es dieses zersprengen. Und es +wird ihm schwarz vor den Augen .... + +Nicht, weil überhaupt eine Gestalt dort sitzt, obgleich auch das an und +für sich unerwartet ist. Eher weil die schlanken Umrisse der Gestalt -- +die ganze Haltung -- die Art, wie der Mantel gefaltet ist .... + +Die Gestalt erhebt sich, tritt einen Schritt näher ..... und gleitet +lautlos in den Sand zu seinen Füßen .... + +Mit einer heftigen Kraftanstrengung geht er bis zu dem Stein hin, setzt +sich darauf und bedeckt dann das Gesicht wieder mit einer Hand. + +Denn es saust ihm in den Ohren, es schwindelt ihm vor den Augen. + +Die Gestalt neigt ihr Gesicht auf seine andere Hand, die schwer und +kalt auf seinen Knien liegt. + +Und so bleiben sie unbeweglich lange, lange. + +Es ist möglich, daß hinter ihm ein gähnender Schlund von leeren Tagen +und qualvollen Nächten ist, der sich nun langsam und besänftigend +ausfüllt, so daß die friedliche Verbindung mit der Vergangenheit wieder +hergestellt werden kann. Und es ist möglich, daß er einen Weg vor sich +liegen sieht, gebahnt hin zur Vollendung des Lebens ... + +Denn dies ist die helle Nacht, in der die getrennten Welten +zusammentreffen -- -- -- -- + + * * * * * + +»Halfdan, ich bin es.« + +Die Stimme wieder! Der Klang, der unerreichbare, den wieder zu +vernehmen seine Ohren auf einer einzigen Sehnsuchtswache gestanden +hatten. Jetzt so heimisch und gewohnt, als habe er immer zwischen +diesen Höhen geklungen. + +»Ich bin es.« + +Die Ahnung eines Lächelns zieht über seine Lippen. Als ob es nötig +wäre, ihm dies zu sagen! + +Noch bleibt er eine Weile sitzen, ohne zu sprechen. Er hat vergessen, +was er sagen wollte, wenn er sie einmal wiedersähe. Er hat sich so +lange darauf vorbereitet, daß nun alles entschwunden ist -- alles. + +»Halfdan, darf ich kommen?« + +Er will sprechen, kann aber nicht; er legt nur seine Hand auf ihr Haar. + +Endlich sagt er: »Du kommst sehr spät. Ich habe gerufen und gerufen.« + +Seine Stimme ist so merkwürdig heiser und tonlos, wie die eines +Menschen, der im Traum spricht. Und es wird ihm schwer, die Worte +herauszubringen. »Ich habe dich -- erwartet. Du mußtest kommen. Ich +habe dich gerufen -- nicht zu mir -- aber ich wußte, wenn du einmal +hinüberkämest -- und dich selber fändest, dann mußtest du heraufkommen.« + +Sie schaut zu ihm auf. »Halfdan, ich habe dich rufen hören, und nun bin +ich hinübergekommen. Du hast mich mitgezogen. Aber auf meine eigene +Weise -- -- und nicht auf die eines andern in der Welt.« + +Indem sein Blick den ihrigen trifft, ist es, als ob er erwache. Und das +zurückgedrängte Leid der vielen Jahre ist im Begriff loszubrechen, in +einem tiefen und bitteren Groll. + +Mit bebenden Händen erfaßt er ihren Kopf. »Wie konntest du? -- Wie +konntest du? -- Du wußtest, was du tatest? Du -- --« + +Aber in demselben Augenblick läßt er sie auch schon wieder los und +steht auf. »Nein, nein! Antworte mir nicht, -- antworte mir nicht. Du +bist hier. Das soll mir genug sein -- es ist genug. -- Komm!« + +Sie richtet sich langsam auf. + +»Ja, wie konnte ich?« sagt sie. + +Durch den Mantel faßt er nach ihrer Hand und steigt mit ihr das Ufer +empor. Auf halbem Weg halten sie an, um Atem zu schöpfen. + +Er deutet nach dem südlichen Himmel. + +»Sieh,« sagt er, »der weiße Streifen über dem Berggipfel dort -- wie +ein feiner langgestreckter Regenbogen -- der steht wieder dort, ganz, +wie gestern abend auch.« + +»Ja,« sagt sie, als hätte sie ihn gestern abend auch gesehen. + +Er will weiter gehen, aber sie hält ihn zurück. + +»Alle die Orte, wo du -- um meinetwillen gelitten hast, -- zeige sie +mir.« + +Er schüttelt den Kopf. »Es wären zu viele -- es wäre überall.« + +Aber er wendet sich nicht dem Pfarrhaus zu. Er geht nach der +entgegengesetzten Seite, hinein zwischen die rauschenden Tannen, und +führt sie ins Tal Josaphat, zu der blumigen Felsenspalte tief im Wald. + +All die bunten Blüten stehen unbeweglich und duften in nächtlich +verschleiertem Glanz. Und es ist, als weine das Bächlein im Schlaf. + +»Hier,« sagt er, »hier hab ich gedacht, daß du sitzen würdest. In der +Mittagssonne zwischen all den Blumen -- und daß ich die Arme um dich +und sie legte.« + +Sie pflückt ein paar von den Blumen und befestigt sie an ihrer Brust. + +Dann gehen sie weiter. + +Ein feiner, plätschernder Wasserstrahl rieselt aus einer Felsenspalte, +gleitet hinab über den harten Stein, wo er eine dünne grünliche +Spur hinterläßt, und verschwindet unter kleinen Farnkräutern und +Renntiermoos am Fuß des Felsens. + +»Hier hab ich gedacht, daß du versuchen würdest, von dem Wasserstrahl +zu trinken, daß du von den Tropfen ganz bespritzt würdest und -- lachen +würdest. Und daß ich alle Tropfen von deinem Gesicht trinken wollte. +Ich bin immer durstig an diesem Wasser vorübergegangen ...« + +Sie hält die hohle Hand unter den Strahl und hebt sie an seinen Mund. +Er trinkt einen oder zwei der kühlen Tropfen. + +Aber indem er ihre Hand losläßt, umfaßt er ihr Gesicht. + +»Ich habe gedürstet -- gedürstet,« sagt er. + +Und er küßt sie. + +Da schlingt sie die Arme um seinen Hals. + +»Halfdan -- Halfdan!« + +Es war, als mache sich ihr Herz frei in einem erlösenden Schrei. + +Einen Augenblick scheint er am Zusammenbrechen zu sein. Dann richtet er +sich jäh auf. + +»Komm!« sagt er. »Wir müssen höher hinauf.« + +Sie steigen, steigen. Den schmalen Pfad geht es hinauf, der sich am +Felsen hinzieht, bis er auf einem großen flachen Felsblock endet, der +sich über den dunklen Tannenwald und den glänzenden See zu ihren Füßen +hinauslehnt. + +»Hier --« sagt er und setzt sich auf eine kleine Bank an der Felswand. + +Sie setzt sich neben ihn, und er erfaßt ihre beiden Hände. + +»Hier oben --« sagt er, hält aber wieder inne und betrachtet ihre Hände. + +»Was ich jetzt sage,« beginnt er kurz nachher, »muß so verstanden +werden, als sei es in meinem Innern gesprochen.« + +»Ja, ja.« + +»Hier oben lernte ich -- in einer bitteren Nacht, als die Wahrheit mich +dazu zwang -- von der Höhe aus auf das hinab zu sehen, was zwischen uns +gewesen war. Und es konnte nicht bestehen, -- nein, nicht ~ganz~.« + +Sie macht eine Bewegung. Und mit stärkerer Stimme fährt er fort: »Es +war nicht, weil ich zweifelte, daß du die Rechte, die Einzige für mich +seiest, die, die mit ganzer Liebe zu besitzen ich volles Recht hatte. +Dessen war ich ganz sicher. + +»Auch nicht, weil dies Verhältnis noch Mängel und Schwachheiten +zeigte. Das hat so wenig zu bedeuten. Es muß immer so sein zwischen +unvollkommenen Menschen.« + +Er hält inne. Und sie drückt seine Hände. + +»Sondern weil ich außerhalb stand, nicht wahr?« fragt sie leise. +»Deshalb wurde ich ein Hindernis für dich. -- Sag es nur!« + +»Nein, nein. -- Ich will dir nicht die Schuld beimessen. Hättest du +anders gestanden, wäre es wohl nicht so gekommen. Aber die Schuld war +mein -- mein allein. + +»Denn das war es, daß ich -- dich außerhalb meines Verhältnisses zu +Gott hatte. Ich wollte dich haben wie einen Raub. Ich wollte dich mit +Gewalt hinreißen, aber zu mir -- zu mir allein, dich ausschließlich +so in meinen Besitz bringen, -- daß nicht allein alle andern +ausgeschlossen waren, sondern daß auch der Zugang nach oben verriegelt +war. Denn es war -- nun spreche ich aus der tiefsten Tiefe meines +Gewissens -- es war, als fürchtete ich, es könnte für meine Liebe etwas +verloren gehen, wenn du unter eine höhere Macht kämest als die meinige. + +»Ich war ein Heide in diesem Stück. Ich wollte dich nur für mein +eigenes Glück und für nichts anderes im Himmel und auf der Erde. + +»Ich wußte es selbst nicht. Aber als ich in die Einsamkeit hier herauf +kam, da erkannte ich es. Da sah ich, wie tief in der Ebene ich gewesen +war, obgleich ich davon gesprochen hatte, daß ich auf der Höhe stehe. +Es gibt nur einen Weg nach der Höhe über sich selbst hinaus -- zu Gott. +Aber ich war unten -- tief drunten in mir selbst. + +»Da begriff ich, warum dieses Zusammensein aufgehoben werden mußte. Da +konnte ich es auf mich nehmen, nicht das, was mir getan worden war, +sondern das, was ich dadurch lernen sollte, -- ich sollte durch den +unnatürlichen Schmerz lernen, ohne dich zu sein. Da konnte ich mich +darunter beugen, ja -- ihn ~wollen~. + +»Und erst da wurde mein Verhältnis zu Gott vollkommen. Denn da ging ich +ganz darin auf. Ich übergab meinen Willen bis zum letzten Punkt, -- bis +zu dem Punkt, wo man bis aufs Blut kämpft, um das Eigene behalten zu +dürfen. Da wurde ich zum Pfarrer geweiht, dem Herrn geheiligt.« + +Sie beugt sich vor und küßt seine Hände. »Hochlandspfarrer«, flüstert +sie. + +Er wendet ihr das Gesicht zu. + +»Aber da fühlte ich mich fast als deinen Schuldner, verstehst du. Und +es nagte an mir, wie wenig ich dir geholfen hatte auf dem Weg nach +oben. Da wünschte ich, das Leben einzusetzen, um dich zu rufen. Nicht +zu mir, nein, nicht zu mir, -- zu dem Verhältnis, wozu du dich mehr als +sonst jemand, den ich kenne, eignest. Und ich habe es getan -- täglich. +Und nicht am meisten da, wo der Ruf hinausging in die Welt. + +»Hier wollte ich ausharren, bis du kamst. Kamst du, dann wußte ich, daß +ich dich ruhig aufnehmen konnte. Denn dann warst du eins mit mir im +Höchsten. Und wurdest mir aufs neue gegeben. Von oben ... + +»Und nun -- -- nur das will ich noch sagen, was du tatest, kann nicht +verteidigt werden, -- nicht entschuldigt. Es soll es auch nicht. +Aber es besteht nicht mehr, wenn du da bist. Und für mich ist es gut +geworden. Es zog mich hinauf.« + +Sie sitzt eine Weile unbeweglich. Dann sagt sie: »Halfdan -- ich +habe das alles gewußt. Ich habe es aus jedem Wort, das du schriebst, +herausgelesen. Und ich habe es an mir selbst gefühlt, wie weit du +gekommen warst. Deshalb wagte ich auch zu kommen.« + +Er streichelt ihr zärtlich übers Haar. »Wagtest du es früher nicht? +Wagtest du es nicht immer, zu mir zu kommen? Was hätte ich nicht +ausgelöscht, wenn du gekommen wärest. Auch ehe ich so weit gekommen +war!« + +Er steht auf. + +»Komm!« sagt er. »Ich habe ein Nachtlager für dich. Und bald ... bald +ein Heim!« + +Sie zögert noch auf der Bank. »Halfdan, bist du sicher, daß du auch +morgen noch ebenso sprechen wirst?« + +»Warum nicht? Was meinst du?« + +»Ich meine, -- wenn du mich beim hellen Tage siehst, dann -- o Halfdan!« + +Sie verbirgt plötzlich ihr Gesicht in den Händen. + +»Ach, so meinst du es? Laß mich einmal sehen!« Er richtet ihren Kopf +auf. »Bist du sehr verändert?« + +»Ein wenig schon -- ich meine natürlich ...« + +»In einem Punkt bist du unverändert,« sagt er ruhig. »Du bist noch +ebenso töricht wie damals. Du solltest wissen, daß ich auf so etwas +nicht antworte.« + +»Ach Halfdan! Aber dann -- es tut nichts, wenn du mich wieder töricht +findest -- ich will es dir gegenüber so gern sein, -- aber dann gib +mir den Namen, der sagt, was ich dir sein soll, -- ich muß das jetzt +hören, verstehst du. Und niemand kann ihn mir geben, als du allein.« + +Sie erhebt sich, läßt den langen dunklen Mantel fallen und steht vor +ihm im weißen Gewand. + +Er stößt einen Freudenruf aus und breitet die Arme aus. + +Sie aber sinkt zu Boden und bricht in Tränen aus. + +Er zieht sie in seine Arme. + +»Durch Gottes Gnade -- mein Weib,« sagt er. »Fleisch von meinem +Fleische, Seele von meiner Seele, ich liebe dich.« + + * * * * * + +Sie wenden sich dem Pfarrhaus zu. Da bleibt sie stehen. + +»Ist deine Kirche offen?« + +»Nein, aber ich habe den Schlüssel bei mir. Willst du hineingehen?« + +»Ja, einen Augenblick. Mit dir.« + +Er öffnet die Tür des Kirchleins. Die helle Nacht gleitet weißlich +zu den Bogenfenstern herein und füllt den Raum mit ihrer lautlosen +Erwartung. Das große Kreuz auf dem Altar leuchtet wie der erste goldene +Streifen des Sonnenaufgangs. + +Er legt den Arm um sie, und sie gehen langsam darauf zu. Sie knien +zusammen auf dem Kissen vor dem Altar nieder. + +Ohne Worte. Denn das ist der Augenblick, wo alle Worte und Gedanken +verstummen, -- machtlos. Wo die unaussprechlichen Seufzer die Seele wie +mit einem letzten Wogenschlag ins Heiligtum hineintragen ... + +Ihr ist es, als zittere die Luft um sie her von heimlichem +Glockengeläute. + +»+Sursum corda+ ... +sursum corda+ ...« + +Und der Herzschlag selbst gibt Antwort: + +»+Habemus ad dominum!+« + +-- Kurz nachher stehen sie vor dem Pfarrhaus. Sie schaut sich nach +allen Seiten um. + +»Wie fandest du den Weg?« fragt er, seine Hand an ihre weiche Wange +legend. + +Sie sieht ihn an, lächelt dann zum erstenmal und antwortet mit Solveigs +Worten: + + »Ich wanderte lang, oft fragt' man mich aus, + Doch immer nur sagt' ich: Ich gehe nach Haus.« + +Da lächelt auch er. + +Er will sie ins Haus hineinführen, aber sie legt ihre Hand auf seinen +Arm und sagt: + +»Halfdan!« + +»Ja.« + +»Ich muß dir etwas sagen, ehe ich hineingehe ... Ich meine nicht, +wie ich hinüberkam. Das kannst du später hören, alles von den langen +Jahren, -- bis ich sicher war, daß ich nun kommen durfte ... Es ist +etwas anderes ... Ich hätte gewiß nicht den Mut, es zu sagen, wenn du +nicht so gesprochen hättest, wie vorhin -- und -- --« + +»Was ist es denn?« + +Sie steigt auf einen großen Stein, der vor der Haustür liegt. + +»Nun sollst du das größte Geheimnis erfahren. Du darfst mir aber kein +Wort erwidern -- -- hörst du! Und niemals später auf das Gesagte +zurückkommen. Denn ich weiß, daß sich vieles dagegen sagen ließe ... +Und ich könnte nicht ertragen, wenn du es tätest ... Und ich kann doch +von keinem Menschen ein Urteil darüber annehmen ... Ich weiß nur, daß +es ganz von innen herauskam -- von da, wo die Wahrheit in mir ist ... +Und daß ich -- -- ja, ich würde es gerade wieder so machen, wenn es +sein müßte.« + +Er tritt ganz nahe zu ihr. + +»Was hast du getan? -- Was ist es? Laß es mich hören!« + +Sie umschlingt sein dunkles Haupt und zieht es an ihr Herz. + +»Halfdan -- du weißt, daß nichts in mir war. Ich war ganz leer und +ferne.« + +Er richtet den Kopf auf, um zu sprechen. Sie aber zieht ihn inniger an +sich. + +»Nur -- nur dein tiefstes, innerstes Verhältnis -- -- das fühlte ich, +das liebte ich, an das glaubte ich, -- auch -- --« + +Sie zögert einen Augenblick. -- »Ja, auch wenn ich es nicht sah, wenn +anderes dich in Anspruch nahm, -- nicht tiefer, aber stärker ... Dies +klingt vielleicht sonderbar, aber ich glaube, ich hätte mein Leben +hingeben können um dein Verhältnis zu Gott. Denn ich wußte, daß du da +~dein Leben~ hattest. + +»Und dann, -- dann merkte ich, -- dann wurde es mir klar, -- dann bekam +ich Todesangst, daß -- nein, nein, -- nun muß ich flüstern, und du +darfst es nicht gehört haben ...« + +Sie legt ihre Lippen an sein Ohr. Und er vernimmt ihre leisen, bebenden +Worte und mit ihnen den starken schnellen Schlag ihres Herzens. + +Plötzlich hebt er heftig den Kopf. + +»Du? -- du? --« + +Sie legt ihre Hand auf seine Lippen und flüstert wieder -- leise und +eindringlich. + +Dann ist sie fertig. Vor ihm auf dem Stein steht sie, bebend -- und +weiß wie ihr weißes Gewand. + +Eine Weile steht er stumm und unbeweglich und schaut weit hinaus in die +helle Nacht. Findet deren friedliche Klarheit wohl jetzt den Weg zu dem +dunkelsten Punkt der Vergangenheit? + +Endlich sagt er leise: »Ich kann nicht darauf antworten, -- ich soll +ja auch nicht. Und das ist gut ... Denn niemals könnte ich mich damit +einverstanden erklären, daß dies die rechte Weise war. Ich könnte nie +einräumen, daß -- nein, nein, ich will nichts sagen -- das muß zwischen +dir und einem Größeren bleiben, bis zu dem Tag, der alles klar machen +wird.« + +Er richtet seinen Blick auf sie, wie sie vor ihm steht -- weiß in ihrem +weißen Gewand. + +In dem Blick lag sein ganzes Herz. + +»Eins, nur eins mußt du hören! Was auch dagegen gesagt werden könnte -- +ich glaube doch, der -- ~Hochlandspfarrer~, der über sich selbst +hinausgelangte und eine andere Seele in die Tiefe seines Verhältnisses +zu Gott mit hineinzog -- --« Er beugt sich nieder und führt den Saum +ihres weißen Gewandes an seine Lippen -- »~Der warst du -- du, du~ +...« + +[Illustration] + + + + +Ingeborg Maria Sick's Schriften. + + +Berechtigte Übersetzung aus dem Dänischen von ~Pauline Klaiber~ + + =Der Hochlandspfarrer.= Eine Erzählung aus Norwegen. + + =Jungfrau Else.= Roman. + + =Großmutter Ursulas Garten.= Roman. + + =Ina.= Roman. + + =Daheim.= Bilder von dem alten Pfarrhaus. + + =Schritte in der Nacht.= Roman. + + =Von Erde bist du genommen.= Fünf Novellen. + + =Kathi von Goldrain.= Erzählung. + + =Kaspars Zinglers Herz.= Erzählung. + + =Freundlichkeit ist das halbe Leben.= Zwei Erzählungen. + + =Das schlafende Haus.= Novelle. + + =Das Blumenwunder und andere Geschichten.= + + +Verlag von J. F. Steinkopf in Stuttgart. + + +Weitere gute Bücher aus dem + +Verlag von J. F. Steinkopf in Stuttgart. + + + =Boeckh-Arnold, E., Lieb' ist Wunder.= Roman. + + =Boie, Marg., Das köstliche Leben.= Roman. + + =Burgdorf, P. C., Jochen Klingworths Abschied.= + + =Engel, F., Kampf und Kraft.= Roman. + + =Falk-Rönne, J., Das Land des Glücks.= Roman. Aus dem Dänischen + von Gertrud Bauer. + + =Günther, A., Die Heilige und ihr Narr.= 2 Bände. + + =Auf Agnes Günthers Spuren.= Sechs Landschaften nach Aquarellen + von Felix Hollenberg. + + =Seelchens Heimat.= Zwanzig Naturaufnahmen der Stätten, wo Agnes + Günthers »Heilige und ihr Narr« zu Hause sind. In Mappe. + + =Josten, H., Der Stärkste.= Die Geschichte eines stillen Lebens. + + --, =Die Holdselige=. Zwei Märchen für besinnliche Leute. Mit + Bildern von Elisabeth Kellermann. + + =Kotzde, W., Die Wittenbergisch Nachtigall.= + + --, =Die Pilgerin=. Roman. + + --, =Wilhelm Drömers Siegesgang=. Roman. + + --, =Die Krone Svinthilas=. Novelle. + + --, =Wolfram=. Ein Wartburgroman. + + --, =Mittsommernacht=. Novelle. + + =Lindner, A. L., Des Lebens Schönheit.= Roman. + + =Mahnert, L., »... bis du am Boden liegst!«= Roman. + + =v. Sell, S. Ch., Weggenossen.= Roman. + + --, =Unterirdische Wasser=. Roman. + + --, =Die helle Nacht=. Roman. + + --, =Die Prähme=. Roman. + + --, =Die Sonne leuchtet über der Stadt=. Roman. + + --, =Germanische Gestalten=. Gedichte und Balladen. + + =Steinhausen, G., Irmela.= Eine Geschichte aus alter Zeit. + Gebunden. + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78787 *** diff --git a/78787-h/78787-h.htm b/78787-h/78787-h.htm new file mode 100644 index 0000000..b9c442b --- /dev/null +++ b/78787-h/78787-h.htm @@ -0,0 +1,6146 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <title> + Der Hochlandspfarrer | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%;} + + h1,h2 { + text-align: center; + clear: both;} + +h1 {font-size: 240%} +h2,.s2 {font-size: 175%} +.s3 {font-size: 125%} +.s5 {font-size: 90%;} + +h2 { + padding-top: 1.5em; + margin-bottom: 1.0em; + page-break-before: avoid; + font-weight: normal; + text-indent: 1em; } + +p { + margin-top: .51em; + text-align: justify; + margin-bottom: .49em; + text-indent: 1em; } + +.p0 {text-indent: 0em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: 33.5%; + margin-right: 33.5%; + clear: both; +} + +hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%;} +hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%;} +@media print { hr.chap {display: none; visibility: hidden;} } +hr.full {width: 95%; margin-left: 2.5%; margin-right: 2.5%;} + +div.chapter {page-break-before: always;} +h2.nobreak {page-break-before: avoid;} + +div.newpage { page-break-before: always; } + +div.ads { + page-break-before: always; + font-size: 0.8em; + max-width: 40em; + margin-left: auto; + margin-right: auto + } + +table { + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} +table.toc { + width: 18em; + margin: auto;} + +.x-ebookmaker table.toc { + width: 95%; + margin: auto 2.5%;} + +.tdl {text-align: left;} +.tdr {text-align: right;} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + font-size: small; + text-align: right; + font-style: normal; + font-weight: normal; + font-variant: normal; + text-indent: 0; +} /* page numbers */ + +.bt {border-top: 2px solid;} + +.bbox {border: 2px solid; + padding: 1em; + page-break-before: avoid; + page-break-after: avoid;} + +.center {text-align: center;} + +.mtop3 {margin-top: 3em; } + +.padbot3 {padding-bottom: 3em; } + +.padtop2 {padding-top: 2em; } +.padtop3 {padding-top: 3em; } +.padtop5 {padding-top: 5em; } + +.gesperrt{ letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em;} + +em.gesperrt { font-style: normal;} + +.antiqua { font-style: italic;} + +/* Images */ + +img { + max-width: 100%; + height: auto; +} +img.w100 {width: 100%;} + +div.dc { + float: left; + margin: 0.25em 0.5em 0 0; + line-height: 1;} + +.x-ebookmaker div.dc { + float: left; + margin: 0.25em 0.9em 0 0; + line-height: 1;} + +.h6em {height: 6em; width: auto;} + +.hide-first { + visibility: hidden; + margin-left: -0.75em;} + + +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; + page-break-inside: avoid; + max-width: 100%;} + +/* Footnotes */ + +.footnote {margin-left: 5%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em; } + +.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} + +.fnanchor { + vertical-align: super; + font-size: .8em; + text-decoration: none;} + +/* Poetry */ +/* uncomment the next line for centered poetry */ +.poetry-container {text-align: center;} +.poetry {text-align: left; margin-left: 5%; margin-right: 5%;} +.poetry .stanza {margin: 1em auto;} +.poetry .verse {text-indent: -3em; padding-left: 3em;} + +/* Transcriber's notes */ +.transnote {background-color: #E6E6FA; + color: black; + font-size:small; + padding:0.5em; + margin-bottom:5em; + font-family:sans-serif, serif; +} +.poetry .indent2 {text-indent: -2em;} + +/* Illustration classes */ +.illowe2 {width: 2em;} +.illowe4 {width: 4em;} +.illowe5 {width: 5em;} +.illowp46 {width: 46%;} +.illowp100 {width: 100%;} + +/* Illustration classes (e-Books)*/ +.x-ebookmaker .illowe2 {width: 4%; margin: auto 48%;} +.x-ebookmaker .illowe4 {width: 8%; margin: auto 46%;} +.x-ebookmaker .illowe5 {width: 10%; margin: auto 45%;} +.x-ebookmaker .illowp46 {width: 100%;} + + </style> +</head> + +<body> +<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78787 ***</div> + + +<div class="transnote"> +<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p> +<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion +des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche +Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p> +<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p> +<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.</p> +</div> + +<figure class="figcenter illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;"> + <img class="w100" src="images/cover.jpg" alt="cover"> +</figure> + +<figure class="figcenter padtop3 illowp46" id="illu-001" style="max-width: 67.8125em;"> + <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="Deckblatt"> +</figure> + +<h1>Der<br> +Hochlandspfarrer</h1> + +<p class="s2 center">Von Ingeborg Maria Sick</p> + +<p class="center">Berechtigte Übersetzung aus<br> +dem Dänischen von<br> +Pauline Klaiber</p> + +<p class="mtop3 center">Sechzehnte Auflage</p> + +<figure class="figcenter padtop3 illowe4" id="001a"> + <img class="w100" src="images/001a.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<p class="center">1 · 9 · 2 · 1<br> +Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart</p> + +<div class="newpage"> +<figure class="figcenter padtop5 illowe4" id="illu-002"> + <img class="w100" src="images/illu-002.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<p class="s5 center">Gedruckt in Stuttgart<br> +bei <em class="gesperrt">J. F. Steinkopf</em></p> +</div> + + +<div class="chapter"> +<h2>Inhaltsverzeichnis.</h2> + + +<table class="toc"> +<tr> +<td class="tdl"></td> +<td class="tdr">Seite</td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">In die Ferne</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_5">5</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Der Pfarrer von Li</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_27">27</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Das dänische Fräulein</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_79">79</a></td> +</tr> +<tr> +<td class="tdl">Hinauf</td> +<td class="tdr"><a href="#Seite_227">227</a></td> +</tr> +</table> +</div> + + + +<hr class="full"> + +<div class="newpage"> +<h2 class="nobreak" id="In_die_Ferne">In die Ferne</h2> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p> +</div> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-005" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-005.jpg" alt="Landschaft"> +</figure> + +<div class="dc"> + <img class="h6em" id="drop-w" src="images/drop-w.jpg" alt="W"> +</div> + +<p class="p0"><span class="hide-first">W</span>eit droben im Hochgebirge von Norwegen liegt das ferne, einsame +Kirchspiel Li.</p> + +<p>Ich wünschte, ich könnte sagen: »Komm und folge mir dahin auf +raschen Flügeln, mit dem blitzschnellen Flug des Schneehuhns!« Ein +Flügelrauschen, und wir wären da!</p> + +<p>Denn sonst wirst du am Ende umkehren wollen, ehe der halbe Weg +zurückgelegt ist.</p> + +<p>Zuerst müssen wir nach Trondheim. Und von da geht es »in aller +Herrgottsfrühe« hinaus<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> und hinein in die Fjorde, mehrere Stunden lang, +hinauf, aber auch hinab. Denn der kleine Dampfer schwankt wie ein +Betrunkener auf den schäumenden Wogen dahin, bis er endlich in Stenkjer +anlegt.</p> + +<p>Das enge Städtchen inmitten einer großartig schönen Umgebung +überspringen wir und fahren sogleich mit dem Postwagen in nördlicher +Richtung weiter und weiter, bis wir endlich in den langen Abendschatten +das Wasser der Snaasenbucht zu unseren Füßen durch die Tannen schimmern +sehen. Dann geht es wieder an Bord eines noch kleineren Dampfers als am +Morgen und nun auf den friedlichen Wellen des Gebirgsees weiter bis zum +späten Abend.</p> + +<p>Während der Fahrt drängen sich plötzlich die wenigen Reisenden auf dem +Verdeck zusammen. »Ein Elch! Ein Elch!« Draußen, mitten auf dem Wasser +schwimmt ein großer Elch, der sein riesiges, graues Maul mit weit +aufgeblasenen, schnaubenden Nüstern hoch über die Wogen erhebt.</p> + +<p>Bei Sonnenuntergang taucht am Ende des Wassers weiß und ruhig der +Wegsethof auf.</p> + +<p>Wir gehen ans Land; und während der kleine<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> Dampfer sich entfernt, +indem er das letzte Rauschen des Weltlärms weit, weit mit sich +wegführt, ist hier ein großartiges, merkwürdig stilles Naturreich, das +uns umschließt.</p> + +<p>Wir übernachten auf dem Hof, und am nächsten Tage ziehen wir weiter mit +dem Skjuts,<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> dem norwegischen zweirädrigen Postwagen.</p> + +<div class="footnote"> + +<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Sprich Schüts.</p> + +</div> + +<p>Durch Tannenwälder geht es, hohen Felswänden entlang, wo kletternde +Linneen und St. Olafslichter wachsbleich und schön unter glänzenden +Tautropfen duften.</p> + +<p>Der Morgen verwandelt sich in einen heißen, strahlenden Mittag — und +noch immer rollt unser Wagen durch diese stumme, wie traumbefangene +Schönheit dahin, wo wir nicht einem einzigen Menschen begegnen. Nur +weiße »Bergfrauen« winken uns aus jeder Felsenspalte, wo nur immer sie +Fuß zu fassen vermocht hatten.</p> + +<p>Höchstens alle vier Stunden taucht ein einzelner Hof zwischen den +Tannen auf, eine menschliche Oase mitten in der Wüste der Einsamkeit, +wo unserer warten — nicht Dattelpalmen und Quellwasser, sondern +Rauchfleisch, <span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span>Fladenbrot und dicke Milch, mit der wir kaum fertig +werden, bis wir wieder weiter müssen.</p> + +<p>Sie sagen alle »du« zu uns, — ich meine, die Bewohner der Höfe und +unser Postillion; sonst sehen wir niemand.</p> + +<p>Gegen Nachmittag wird unser Postknecht redselig. Den ganzen Morgen ist +er wortkarg gewesen; aber nun scheint es, als ob ein gewisses lauerndes +Mißtrauen gegen unsere Fragen von ihm gewichen sei, und wir erfahren +vielerlei, das wir uns allmählich klar zu machen suchen.</p> + +<p>Ola heißt er, — Ola Klövigaarden.</p> + +<p>Wir fragen ihn, ob sich keine Elfen oder Kobolde in dieser Gegend +aufhalten. Wir sagen, es komme uns hier so vor, als könne es allerhand +Erscheinungen geben.</p> + +<p>Zuerst will er nichts davon wissen. Dann aber deutet er plötzlich auf +einen großen Felsblock, der sich hoch oben über einen einsamen Hof +hinausbeugt, und sagt, da drin habe das Elfenvolk sein Schloß. Wenn man +oben auf dem Felsen stehe, könne man in ein tiefes Loch hinabsehen. Das +sei der Eingang. Und wenn man etwas da hinunterwerfe, ein Tuch oder +sonst etwas, so werde es einem gleich wieder<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> zurückgeschleudert. Aber +niemand solle ihm weismachen wollen, daß das vom Luftzug komme. Und wer +könnte es denn sein, der dann gleichzeitig da unten lache?</p> + +<p>Und seine Großmutter, die sich auf den Hof dort verheiratet habe, sei +einmal als junge Frau ganz allein zu Hause gewesen. Da sei plötzlich +unter der Tür des Vorratshauses, wo sie eben Mehl holen wollte, einer +gestanden und habe gesagt, daß die Waldfrau drinnen im Felsen in +Kindsnöten liege.</p> + +<p>Die Großmutter habe sich gefürchtet, nein zu sagen, aber eben so große +Angst habe sie vor dem Mitgehen gehabt. Da sei ihr eingefallen, daß es +Christenpflicht sei, zu helfen. Und da sei sie mitgegangen, hinunter +durch das schwarze Loch in den Felsen hinein. Da drinnen habe die +Ärmste gelegen, und die Großmutter habe ihr geholfen aus schwerer Not. +Aber als sie dann durch die Felsenkuppe wieder herauskam, habe neben +ihr eine scheckige Kuh gestanden, die ihr nach dem Hofe gefolgt sei. +Das sei der Dank der Waldleute gewesen. Und bis auf den heutigen Tag +gebe es scheckige Kühe auf dem Hof. Jeder könne hingehen und es sehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p> + +<p>Wir fragten ihn, ob er nicht noch mehr wisse. Nein, sagte er, sonst +wisse er nichts mehr.</p> + +<p>Kurz nachher aber begann er wieder: Doch ja; damals, als sein Vater +da droben »gehütet« habe, da habe er, ohne an etwas Böses zu denken, +plötzlich ein graues Männchen mitten unter den Ziegen stehen sehen, und +als er hinging und es fragte, woher es komme, — da sei es plötzlich +»weg« gewesen. Aber den ganzen Tag habe man den Ziegen nicht nahe +kommen dürfen, so verscheucht seien sie gewesen. — — —</p> + +<p>Der Abend bricht an, und da halten wir vor dem Nynäshof. Dieser liegt +dicht am Weg an den Felsen angelehnt. Und jenseits des Wegs zieht der +Fluß rauschend dahin. Dann ragen wieder Felswände auf — mitten aus +dem brausenden Strom heraus. Denn eng ist das Tal und düster durch +die überhängenden Tannen, die auf den zu beiden Seiten aufsteigenden +Felswänden wachsen.</p> + +<p>Die meisten der Bewohner des Hofs sind »aus«, auf der Alm mit den +Kühen, wie Ola erklärt. Nur die Frau und ein junger Bursche sind +zufälligerweise daheim und können uns eine Lagerstätte anweisen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p> + +<p>Die Gastbetten — vier an der Zahl — stehen in einem Raum neben der +großen Spinnstube, die im Sommer öde und verlassen ist.</p> + +<p>Gebrauchte Bettücher, Elentierfelle als Decken, und Türen, die man +nicht verriegeln kann, — weder die von der Stube nach der Treppe, +noch die von der Treppe ins Freie — drohen im ersten Augenblick, uns +den Schlaf zu verscheuchen. Aber die Müdigkeit nach dem vielstündigen +Rütteln im Postwagen über Stock und Stein bekommt die Oberhand.</p> + +<p>Um Mitternacht kehrt das Bewußtsein plötzlich zurück mit dem Gefühl, +daß alle Spinnrädchen in der Spinnstube nebenan anfangen zu schnurren +— — — schnurren — — —</p> + +<p>Und es ist einem, als ob man hinter den schwirrenden Rädchen alle +verstorbenen Mädchen und Frauen des Hofs sitzen sehen müsse, wenn man +dort hineinlugte, und die nickten einem zu, — bis man entdeckt, daß es +nur der Fluß ist, der so nahe braust, so unglaublich nahe; es ist, als +ziehe er einem mitten durch den Kopf.</p> + +<p>Und man hat das Gefühl, als könne von Schlaf keine Rede mehr sein, so +lange dieser Ton<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> anhält, — — — bis einen das Rauschen und Schnurren +schließlich doch wieder einlullt. —</p> + +<p>Der nächste Tag ist der anstrengendste der ganzen Reise. Zuerst wieder +im Postwagen drei bis vier Stunden in gleichmäßigem Steigen längs der +Felswand, den Fluß tief unter uns. Dann zieht dieser seines Weges, wir +gehen den unserigen, bis unser Pfad an dem »steilen Felsen« aufhört, wo +wir vom Wagen steigen und uns mit einem »Schönen Dank!« und »Adieu!« +von Ola verabschieden.</p> + +<p>Nun beginnt die Fußwanderung. Der Führer geht mit unserem Koffer auf +der Schulter voran. Hinauf, hinauf.</p> + +<p>Es führt jetzt ein Pfad über die Felsen, der meistens recht leicht +erkennbar ist, — aber auch die alten »Warten« stehen noch da von den +Tagen her, wo sie die einzigen Wegweiser in dieser Höhe gewesen sind. +— —</p> + +<p>Nachdem wir ein paar Stunden gewandert sind, hält der Führer plötzlich +an und betrachtet aufmerksam den Boden zu seinen Füßen.</p> + +<p>»Bären,« sagt er und richtet den Kopf mit einer jähen Bewegung auf, die +für unsern Koffer beinahe verhängnisvoll wird.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span></p> + +<p>Quer über den Weg laufen frische Bärenspuren ....</p> + +<p>Blitzschnell spähen unsere Blicke nach allen Seiten. Die Tannen sind +hier ganz nieder und wachsen nur zerstreut, — Steine, Zwergbirken und +Wacholderbüsche bedecken abwechslungsweise die Abhänge, so daß wir +weit umherschauen können. Aber Meister Petz ist nirgends zu sehen. Der +Führer meint, er habe sich in das entfernte Tannendickicht auf der +linken Seite, hinter dem sich der Fluß versteckt, zurückgezogen.</p> + +<p>Trotzdem — ganz sicher fühlen wir uns nicht. Und als es plötzlich in +dem niederen Wacholdergebüsch zur Rechten raschelt, bleiben wir atemlos +und mit bleichen Gesichtern stehen, während ein Flug Schneehühner in +brauner Sommertracht dicht am Boden über den Pfad hinstreicht.</p> + +<p>Nachdem die erste halbe Stunde verflossen ist, können wir doch unserer +Ängstlichkeit Herr werden und uns nun das Erhabene unserer Lage ganz zu +eigen machen.</p> + +<p>An einer Biegung des Wegs stoßen wir auf einen eingezäunten Weideplatz +mit einer niederen, langgestreckten Sennhütte. Die Sennerin steht unter +der Türe, und bei ihr trinken wir<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> frisch gemolkene, schäumende Milch +von würzig frischem Geschmack.</p> + +<p>Wir erkundigen uns, ob sie nichts von dem Bären gesehen habe.</p> + +<p>Jawohl, sagt sie, beinahe die ganze Nacht seien Männer hinter ihm her +gewesen. Gestern noch habe er ein schwarzes Kälbchen geraubt.</p> + +<p>Auf dem höchsten Punkt, mitten in der öden, steinigen Gebirgsgegend, +bleibt der Führer stehen und sagt: »Dort sind die drei Wasser von Li.«</p> + +<p>Und draußen in der Ferne sehen wir durch wogende Nebel hindurch etwas +leuchten. Etwas, das Tauperlen in einem Schleier gleicht, so kommt es +uns vor.</p> + +<p>Das sind die drei Wasser, über die wir hinüber müssen, ehe wir den +Pfarrhof erreichen.</p> + +<p>Wir fragen den Führer, ob er glaube, daß wir in dieser Nacht noch +hingelangen könnten.</p> + +<p>Er glaubt es nicht. Es ist jetzt zwei Uhr nachmittags.</p> + +<p>Nun beginnt der Abstieg; an manchen Stellen geht es jäh hinab. Es geht +rasch, manchmal allzu rasch.</p> + +<p>Die Kiefern zeigen sich wieder, sowie einzelne schwache Versuche, +Laubbäume vorzustellen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p> + +<p>Der Pfad wird ebener und etwas breiter. Aber jetzt sind die Füße wund +und die Gedanken müde. Wir fühlen keine Linderung, während wir gehen +und immer weiter gehen.</p> + +<p>Dann durchschneidet ein Sturzbach unsern Weg mit zorniger, brausender +Abwehr.</p> + +<p>Ein paar Kiefernstämme sind über den Bach gelegt und bilden eine nicht +ganz sichere Brücke, auf der wir über die Tiefe schwanken.</p> + +<p>Zwischen den steilen feuchten Steinen am Bachesrand wachsen ganz lichte +und schleierzarte junge Birken.</p> + +<p>Eine davon neigt sich geknickt über den funkelnden Schaum der Tiefe.</p> + +<p>Sie hat ihre Geschichte, diese Birke.</p> + +<p>Während du weiter gehst und deine Gedanken sich mit deinen müden Füßen +im Takt bewegen, tönt ihre Geschichte dir nach — — sie läßt dich +nicht los — — bildet sich zu Versen — die du einfangen mußt — +gleichsam Schritt für Schritt.</p> + + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Wo der Strom sich stürzt von der Felsenwand,</div> + <div class="verse indent2">Mit lichtem Haare die Birke stand.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Sie starrt in des Wasserfalls tosende Hast</div> + <div class="verse indent2">Und neiget die Krone, vom Schwindel erfaßt.</div> + </div> +<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Das tobende Wunder ergreift sie so stark,</div> + <div class="verse indent2">Voll Sehnen erbebt sie im innersten Mark --</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Nur einmal vom Schaume so weiß und rein</div> + <div class="verse indent2">Voll stürmischer Liebe umfangen zu sein.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Ach könnte den Fuß sie sich lösen frei,</div> + <div class="verse indent2">Dann würden die Winde ihr stehen bei!</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Sie müht sich, -- der Wind ihr die Arbeit kürzt, --</div> + <div class="verse indent2">Gebrochen die Birke zu Boden stürzt. </div> + </div> +</div> +</div> + +<hr class="tb"> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Ich zog einst zu Berg am sonnigen Tag,</div> + <div class="verse indent2">Da welkend die Birke am Felsen lag.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Nicht war sie gestürzt in der Wogen Schwall,</div> + <div class="verse indent2">Obwohl ihre Wurzel gebrochen im Fall.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Noch sterbend streckt sie die Arme aus</div> + <div class="verse indent2">Nach dem nimmer erreichten Wogengebraus.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Und doch, vielleicht war sie glücklich und froh,</div> + <div class="verse indent2">Es flüsterten leise die Blätter mir so:</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">»Und könnt' um Handbreit' nur näher ich sein</div> + <div class="verse indent2">Des brausenden Wunders blendendem Schein,</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Und kühlte auch nur mich in letzter Stund</div> + <div class="verse indent2">Der perlende Geist aus des Wasserfalls Schlund,</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Nicht tauschte ich, welkend, die Todespein,</div> + <div class="verse indent2">Für Leben und blüh'nde Gesundheit ein.</div> + </div> +<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Du scheinst mir arm, ob auch frisch und gesund,</div> + <div class="verse indent2">Gesegnet sei mir meine Herzenswund!«</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">-- Der Armen am Felsen Gott gnädig sei --</div> + <div class="verse indent2">Und dem, der wandert so rüstig vorbei! </div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Der Führer begleitet uns bis an das erste Wasser, das wir gegen Abend +erreichen.</p> + +<p>Das erste Wasser ist blau und leicht gekräuselt, mit kleinen, +schaumgekrönten Wellen, die wie im Spiel miteinander auf- und abwogen +— wie Kinderköpfchen im Sonnenschein.</p> + +<p>In dem großen roten Bauernhof, nicht weit vom Wasser entfernt, kocht +man für uns Kaffee und backt Pfannkuchen.</p> + +<p>Wir fragen, ob man uns über das Wasser rudern könne.</p> + +<p>Ja, wenn ein Mann mit einem Boot da sei, lautet die Antwort.</p> + +<p>Wir gehen ans Wasser. Es ist ein Mann mit einem Boot da; und wir haben +das unbestimmte Gefühl, daß der See der blaue Tanganjika und der Mann +Livingstone, wir aber Stanley seien, der durch ein Wunder gerade den +fand, den er suchte.</p> + +<p>Er ist auf dem Heimweg, der Mann, und muß nur über das erste Wasser; +aber er geht<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> doch darauf ein, uns auch noch über das zweite zu rudern.</p> + +<p>So fahren wir also hinüber, während das Wasser unaufhörlich an unser +Boot plätschert und all die blinkenden blauen Wellen miteinander sich +uns als einer willkommenen Unterbrechung der Einförmigkeit des Daseins +zu nähern suchen.</p> + +<p>Wir fragen den Mann, wie lang der Winter in dieser Gegend währe. Er +antwortet, daß er am siebzehnten Mai noch zu Fuß über den See gegangen +sei.</p> + +<p>Wie merkwürdig, sich all diese kleinen lebenslustigen Wogen bis zum +Freiheitstag hinter dem erdrückenden Gefängnistor des Eises eingesperrt +zu denken!</p> + +<p>Der Mann fragt, wohin die Reise gehe.</p> + +<p>»Nach Nord-Li; ins Pfarrhaus.«</p> + +<p>Er nickt. »Ach so — zu ihm, dem Pfarrer,« sagt er, zeigt aber keine +Lust, weiter zu fragen, und auch keine, gefragt zu werden, und so +unterlassen wir es.</p> + +<p>Wir erreichen das Ufer und ziehen das Boot mit vieler Mühe über eine +schmale Landstrecke zum zweiten Wasser hin.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p> + +<p>Das zweite Wasser ist schwarz und abgeschlossen, als hätte es alle +Schwermut der tannenbekleideten Ufer und die tiefe Stille der +Einsamkeit in sich hineingesaugt. Schwer und tot ruht es rings um unser +Boot, kaum kann es durch die Ruderschläge zum geringsten Laut geweckt +werden; es sitzt gleichsam in sich selbst versunken, vornübergebeugt +da und starrt in seine eigene, grundlose Tiefe hinab, in endloser +Betrachtung eines Geheimnisses, das niemand mit ihm teilen kann.</p> + +<p>In merkwürdig gedrückter Stimmung gelangen wir hinüber.</p> + +<p>»So jetzt,« sagt der Mann, »jetzt einfach gerade aus übers Moor, bis du +das dritte Wasser siehst. Wo das Moor endet, da beginnt das Wasser.«</p> + +<p>Dann gleitet er zurück in seinem Boot.</p> + +<p>Geradeaus übers Moor ...... Ja, das geht schon. Das heißt, — zur Not. +Und nicht geradeaus.</p> + +<p>Hinein und hinaus geht es — mit schwappenden Lauten und schwankendem +Grund, dann auf etwas festerem Erdreich mit Tannen und niederen Birken +wie kleinen Inseln.</p> + +<p>Dann wieder hinaus auf schwankendes Moor,<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> wo das klare Wasser leise in +deine Fußstapfen rieselt ....</p> + +<p>Aber das Moor, wo endet es?</p> + +<p>Ja, in deinen müden Gedanken dreht sich diese Frage im Kreise herum, +bis eine lange Stunde vergangen ist.</p> + +<p>Und dann, — während du entdeckst, daß es sich noch immer gleich +unermeßlich vor dir ausdehnt, — da weißt du es: das Moor, — es geht +bis ans Ende der Welt! Und wo es aufhört, — — da ist das äußerste +Meer.</p> + +<p>Und du selbst gehst auch bis ans Ende der Welt, während es unter deinen +Füßen rieselt, während ein Meer von weißen Multenblüten<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> rings um +dich herwogt.</p> + +<div class="footnote"> +<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Multe = gelbe Berghimbeere.</p> +</div> + +<p>Du gehst und gehst, während die Sonne, müde von ihrem fast +vierundzwanzigstündigen Tag, endlich wie eine rote Fackel hinter den +Höhen im Norden erlischt.</p> + +<p>Und nun ist es dir, als ob du nicht weiter könntest, als ob es mit dir +zu Ende sei, lange, lange, ehe das Ende des Moors erreicht ist.</p> + +<p>Und es liegt ein gewisses müdes Behagen in <span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span>dem Gedanken, daß es weiße +Blüten genug habe, das Moor, um dich zuzudecken, da wo du zu Boden +sinken mußt, — — daß es weiße Blüten hat — — — immer mehr weiße +Blüten — um noch den zuzudecken — — und jenen — — und alle, die du +kennst, und von denen du etwas weißt — — alle, die auf dem Wege sind +wie du — ans Ende der Welt.</p> + +<p>Dann kommst du an einen Hügel, — du kannst dich kaum hinaufschleppen. +Ein Hügel, der dunkel ist von rauschenden Tannen ...</p> + +<p>Die schlanken Stämme weichen wie auf Verabredung plötzlich zurück ... +Und du trittst hinab ans äußerste Meer.</p> + +<p>Nein, das dritte Wasser gleitet zu dir heran und legt seine glänzende, +silberhelle Fläche um dein müdes Bild — wie eine beruhigende Umarmung.</p> + +<p>Und in demselben Augenblick ist nichts mehr da, was wehe tut, weder in +deinen Gedanken noch an deinen Füßen.</p> + +<p>Ein Boot ist da — aber kein Fährmann ... Und du weißt nicht, woher es +kam, oder wie du hineinkamst.</p> + +<p>Aber du gleitest dahin. — Du gleitest über<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> die glänzende silberhelle +Fläche ... Und auf einmal weißt du es: Hier ist es, wo sie geboren +wird, die helle Nacht.</p> + +<p>Die helle Mitternacht, die weißlich auf all den abgerundeten Bergkämmen +zittert, — hier erhebt sie sich.</p> + +<p>Dieser geschliffene, glänzende Spiegel ist es, den das Hochgebirge zum +Himmel aufhebt, dieser Spiegel, der den Tag einsaugt und den Abglanz +der Sonne zurückwirft, — wenn die goldene Kugel untergegangen ist, — +um die ganze weite Wölbung, die die Erde umspannt, zu erleuchten.</p> + +<p>Du weißt nicht, wie du hinüberkommst über all dies flüssige Silber, das +mit einem eigenen kristallhellen Ton leise vor deinem Boot zurückweicht.</p> + +<p>Du weißt nicht, wie es zugeht, daß du dich an einem grünen Uferrand +befindest, der jäh zu einem niederen Haus aufsteigt — mit dunklen +Kiefern im Hintergrund und etwas Weißem und Schlankem daneben, — wie +ein Kirchturm, der sich vertrauensvoll an die Felswand lehnt.</p> + +<p>Du hörst die andern sagen, vom Pfarrhaus aus müsse jemand gesehen +haben, daß um die<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> Mitternacht ein Boot auf dem Wasser war, und der +müsse die Pächtersleute geweckt und alles zur Ankunft vorbereitet +haben, denn mehrere Leute kommen ans Ufer herab. — — Aber du +verstehst die Worte nicht.</p> + +<p>Es ist dir, als ob die weiche Uferlinie, die sich dir +entgegengestreckt, nur einen Namen haben könne: Jenseits. — Jenseits, +wo alle irdische Art und Weise aufhört.</p> + +<p>Aber in dem Augenblick, wo das Boot mit einem letzten Plätschern ans +Ufer gleitet, wirst du auf dem Sand dort eine Gestalt gewahr, hoch und +dunkel wie ein Bote der ersten dunkeln Nacht mitten in all dem Leuchten.</p> + +<p>Und da wirst du dir bewußt, daß du das Ziel deiner mühseligen, weiten +Pilgerfahrt erreicht hast, den einsamen Pfarrer da oben zwischen den +fernen Bergen.</p> + +<figure class="figcenter illowe2" id="illu-023"> + <img class="w100" src="images/illu-023.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="newpage"> +<h2 class="nobreak" id="Der_Pfarrer_von_Li">Der Pfarrer von Li</h2> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p> + + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-027" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-027.jpg" alt="Landschaft"> +</figure> + +<div class="dc"> + <img class="h6em" id="drop-i1" src="images/drop-i1.jpg" alt="I"> +</div> +</div> + +<p class="p0"><span class="hide-first">I</span> n dem Pfarrhof am Ufer, das jäh aus dem großen Wasserspiegel +aufsteigt, wohnt der Pfarrer. Allein — ganz allein. Die Zimmer in dem +langen, hellangestrichenen Holzgebäude hallen von seinen Fußtritten +wider. So hat er es selbst gewollt, als er, ein noch junger Mann von +etwas über dreißig Jahren, hierherkam. Und so ist es noch immer.</p> + +<p>Hier, wie an allen solchen abgelegenen Orten, pflegen die Pfarrer nicht +lange zu bleiben; in der Regel nur fünf Jahre.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p> + +<p>Aber als diese Zeit verflossen war, meldete sich dieser Pfarrer nicht +weg. Ruhig blieb er, bis noch weitere fünf Jahre zu den ersten gekommen +waren. Und seither ist wieder ein Jahr vergangen, und noch eines, und +er ist schon in der Mitte des dritten, also dem dreizehnten, seit er +herauf kam.</p> + +<p>So lange ist vor ihm noch nie einer dagewesen. Die Frau des vorigen +Pfarrers sagte, daß die Stelle am besten nur für junge Leute passe, die +jedes Jahr ein Kind bekämen. Denn wenn man nicht dafür sorgte, den Ort +zu bevölkern, so könnte man vor Einsamkeit verrückt werden.</p> + +<p>Er wurde nicht verrückt. Aber man hätte glauben können, daß er es +gewesen sei, als er hier herauf kam, so sonderbar richtete er sich ein. +Und so düster und schwermütig, wie er ausgesehen hatte!</p> + +<p>In dem Haus rechts von dem Hauptgebäude wohnen die Pächtersleute mit +dem Küster, die einzigen andern Menschen, die sich an dem Ort befinden.</p> + +<p>Der Pfarrer übertrug der Pächtersfrau sogleich seine ganze Haushaltung. +Sie, Kari, konnte diese leicht mit übernehmen. Den Verhältnissen<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span> +angemessen ist sie hier nicht sehr umständlich.</p> + +<p>Milch, Sahne und Eier hat man genug; sein Brot backt man sich selbst. +Seine Waren werden einem einmal im Jahr zugeschickt. Fische, herrliche +Forellen erhält man im Sommer aus dem See; selbstverständlich lebt +man viel von gesalzenem und geräuchertem Fleisch, aber dazwischen +schlachtet man auch, so daß man frisches Fleisch hat; um die +Weihnachtszeit einen Ochsen, der in dem rotangestrichenen Vorratshaus +aufgehängt wird, wo er sogleich gefriert, so daß man bis weit in den +Mai hinein frisches Fleisch essen kann. Wildbret bietet zuzeiten auch +manchen Hochgenuß; Schneehühner, Haselhühner und Auerhahn gibt es in +Menge; Bärenfleisch und Rentierbraten gehören nicht zu den Seltenheiten.</p> + +<p>Die Pächtersleute hielten einen Knecht und eine Magd und hatten +selbst zwei Töchterchen mit runden, sonnverbrannten, von weißlichem +an der Sonne gebleichtem Haar umgebenen Gesichtern, die allmählich +heranwuchsen und der Mutter flinke Hände zum Mitangreifen bekamen. +Von ihrem vierzehnten Jahr an konnte Sigrid,<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> die älteste von ihnen, +beinahe ausschließlich die Bedienung des Pfarrers übernehmen.</p> + +<p>Durch die Küche und das Waschhaus haben die Pächtersleute eine +Verbindung mit der Wohnung des Pfarrers, und das Essen wird ihm +hinübergebracht. Er sitzt am Tisch in der großen Eßstube. Allein ...</p> + +<p>Nur im Hochsommer, wo Freunde und Verwandte ab und zu einen +Ferienausflug herauf machen, hat er Tischgenossen. Aber die Gäste +übernachten im Pächterhaus, wo Platz genug ist. Es ist so am +einfachsten wegen der Bedienung.</p> + +<p>Im Pfarrhaus selbst findet sich nur ein Bett außer dem des Pfarrers. +Dies aber ist immer bereit in der Kammer neben seinem Schlafzimmer. +Er sagt, wenn eine wandernde, vielleicht verirrte Seele einmal +in der Nacht anklopfe, so solle das Lager ihrer warten, ohne daß +die Pächtersfamilie aufgescheucht werden müsse, um einer fremden, +vielleicht zweifelhaften Persönlichkeit Obdach zu gewähren.</p> + +<p>Aber die umherstreifende Seele ist in all diesen Jahren in keiner Nacht +gekommen. Und wo sollte sie wohl auch herkommen? — Hier herauf! — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p> + +<p>Die Zimmer des Pfarrhauses sind groß, und es sind ihrer nicht wenige. +Am Platz ist nicht gespart worden. Sie liegen alle in einer Reihe; die +Fenster gehen auf die große, silberhelle Wasserfläche hinaus mit der +Aussicht auf all die tannenbestandenen, unbewohnten Höhenzüge ringsum.</p> + +<p>Die Zimmer sind spärlich und sehr einfach ausgestattet. Von +einem Pfarrer zum andern bleiben die Möbel stehen, so daß die +neuvermählten Paare, die meistens um diese Stelle einkommen, sich alle +Widerwärtigkeiten mit der Aussteuer sparen können, bis sie wieder +südwärts ziehen.</p> + +<p>Nur sein schönes Harmonium hatte der Pfarrer mitgebracht, — nicht ohne +große Schwierigkeiten. Aber einen mußte er doch wohl haben, um sich mit +ihm zu unterhalten. Etwas mußte er um sich haben, das die Luft in den +öden Zimmern in eine tönende Bewegung versetzen könnte.</p> + +<p>Er singt oft zu seinem Spiel, aber er spielt doch noch öfters — +manchmal bis tief in die Nacht hinein. Da vertraut er wohl dem +Instrument einige von den Gedanken an, die er mit niemand teilen kann, +und die das Instrument dann in Harmonien ausspricht. — —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p> + +<p>Der Morgen nach unserer nächtlichen Ankunft auf dem Pfarrhof wird mit +Glockentönen begonnen, — mit schwingenden Glockentönen, die einen auf- +und abschaukeln in einem seligen, halbbewußten Traumzustand, wobei man +ohne eine bestimmte Vorstellung von Zeit und Ort ein unaussprechliches +Gefühl hat von den »Glocken des Himmelreichs, die da läuten für mich«.</p> + +<p>Dann klopft es an der Tür. Die Pächtersfrau tritt ein, und damit nimmt +das Dasein festere Formen an. Sie hat uns sehr lange schlafen lassen, +will aber nun melden, daß der Frühstückstisch bereit stehe, daß die +Kirchenbesucher sich auf dem Wasser gezeigt haben, und daß es zum +erstenmal geläutet habe.</p> + +<p>Obgleich sie sagt, wir müßten uns beeilen mit dem Aufstehen, bleibt +sie doch noch eine Weile stehen und erzählt uns von dem Ort und dem +Pfarrer, das meiste von dem, was eben hier mitgeteilt worden ist.</p> + +<p>In großer Eile ziehen wir uns an, frühstücken auch in demselben Tempo. +Dann geht es hinaus.</p> + +<p>Der Hofplatz ist breit und geräumig, von vier Gebäuden im Viereck +eingeschlossen. Das Haus nach dem See ist das Hauptgebäude. Von dem<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span> +Flur vor dem Eßzimmer führt eine Tür mit großen Renntiergeweihen +darüber nach dem Hof.</p> + +<p>Draußen senkt sich die grüne Küste zum See hinab, und hinter dem +Pfarrhof steigt sie in die Höhe — hoch und steil.</p> + +<p>Aber eine Gruppe kleiner dunkler Holzhäuser, deren Dächer mit +Rasenstücken bedeckt sind, — die wir gestern abend nicht sahen, +weil sie sich in der nächtlichen Dämmerung nicht von der Felswand +unterschieden — drückt sich dicht bei dem Pfarrhof zusammen.</p> + +<p>Also doch ein Dorf im kleinen, — Menschen als Unterbrechung der großen +Einsamkeit?</p> + +<p>Nein, — es sind keine bewohnten Heimstätten, nur Sonntagshäuser, von +den Kirchenbesuchern errichtet. Denn die Kirchengäste kommen weit her, +die meisten wenigstens; von dem Gebirge herab, über Moore, über das +Wasser. Früh am Morgen, um fünf oder sechs Uhr, müssen verschiedene von +ihnen zu Hause aufbrechen, um zu rechter Zeit zur Liturgie um elf Uhr +in der Kirche zu sein.</p> + +<p>Wenn nun zwei Feiertage nach einander kommen, wenn schlechtes Wetter +eintrifft, oder wenn es dunkle Winterzeit ist, dann wird in den<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span> +kleinen Hütten übernachtet. Es sind da Bänke an den Wänden, und Felle +liegen darauf, um sich damit zuzudecken.</p> + +<p>In der hellen Sommerzeit aber wird nur der ganze Sonntag da zugebracht.</p> + +<p>In jedem der Häuschen ist ein Pejs (offene Feuerstelle). — Da wird +Feuer angemacht, Kaffee und Kartoffeln gekocht und die mitgebrachten +Speisen verzehrt. Man macht sich gegenseitig Besuche. Die Männer stehen +vor den Häusern und besprechen die Begebenheiten der Woche.</p> + +<p>Verhältnismäßig ist es den ganzen Tag hindurch bevölkert und lebendig.</p> + +<p>Gegen Abend ziehen alle wieder fort, um in der hellen Nacht noch nach +Hause zu kommen, und das Dörfchen ist die ganze Woche hindurch wieder +ausgestorben.</p> + +<p>Bisweilen verhindert das Wetter oder die Jahreszeit die Kirchenbesucher +ganz am Kommen. Besonders in der dunkeln, stürmischen Herbstzeit, ehe +die weißen Winterwege die Verbindung erleichtern, und während des +Tauens im Frühjahr geschieht dies oft eine ganze Reihe von Sonntagen +hindurch.</p> + +<p>Dann schweigen die Glocken, und die Kirchentüren<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> öffnen sich nicht. +In der Stube des Pfarrers versammeln sich die Pächtersleute und der +Küster, und da wird der Gottesdienst gehalten.</p> + +<p>Wenn aber der spähende Blick, von einem der Fenster aus, den ersten +schwarzen Schimmer von Menschen auf der gefrorenen, schneeweißen +Fläche entdeckt, oder das erste Boot auf dem Wasser, dann öffnet der +Schullehrer die Kirchentüren, der Pächter, der zugleich auch Glöckner +ist, geht in den Turm, um die Glocke zu läuten, und der Pfarrer zieht +den Talar an. — — —</p> + +<p>Geradeso geht es auch heute. Die hohe schwarze Gestalt steht schon vor +dem Pfarrhaus, um die Kirchleute zu begrüßen, die sich nun versammeln +und drunten am Wasser Grüße auswechseln, und dann in Scharen das Ufer +ersteigen.</p> + +<p>Der Pfarrer drückt jedem die Hand; alle sagen »du« zu ihm. Dann steigt +er, die Bibel in der Hand, an ihrer Spitze den steilen aber kurzen Weg +zur Kirche hinauf.</p> + +<p>Wir schließen uns ihnen an. Die Kirche ist nicht sehr groß, aber so +hell, daß es einen festlichen Eindruck macht. Und über dem Altar +strahlt ein riesengroßes, glattes, goldenes Kreuz anstatt der +friedenstörenden Altarbilder, deren<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> wir uns von den letzten Kirchen, +die wir drunten gesehen haben, noch erinnern.</p> + +<p>Der Kantor singt vor, aber des Pfarrers orgeltiefe Stimme trägt den +ganzen Gesang:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">»Seit jenem Tag, Erlöser mein,</div> + <div class="verse indent2">Da du vom Tod erstanden,</div> + <div class="verse indent2">Strahlt' eines neuen Tages Schein</div> + <div class="verse indent2">Hell über allen Landen.</div> + <div class="verse indent2">Und als mit: »Friede sei mit euch!«</div> + <div class="verse indent2">Du grüßtest die voll Sorgen,</div> + <div class="verse indent2">Der heil'ge Geist sank nieder gleich</div> + <div class="verse indent2">Am frohsten Sonntagsmorgen.«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Wie hier oben gepredigt wird? Kräftig, aber so einfach als möglich. Mit +Bildern aus dem Leben, das alle hier kennen.</p> + +<p>Er, der Pfarrer, hat gesagt: »Ich kam hier herauf, um den Seelen, — +und sei es auch nur einer einzigen, — zu einem Verhältnis zu Gott zu +verhelfen. Nicht in erster Linie zu einem Gott, denn einen Gott haben +doch die meisten. Sondern zu dem lebendigen Gott, zu der unbedingten +Gemeinschaft mit ihm.«</p> + +<p>Und dieser Gedanke ist der Grundton aller seiner Verkündigung. Wir +hören ihn mehreremal predigen — in der Kirche und bei Versammlungen<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span> +in seiner Stube, — aber die Erinnerung an das, was er gesagt hat, +vereinigt sich gleichsam zu dem einen: »Sie haben doch einen Gott, die +meisten Menschen.«</p> + +<p>Manche haben ihn freilich nur in der Natur. Da haben sie ihn +hingesetzt, um zu regieren und zu leiten. Sie meinen wohl auch, er +besorge es bisweilen schlecht. Aber sie haben eben keinen andern, +dem sie die Leitung übertragen könnten. Und dann halten sie ihn doch +außerhalb ihrer Türen.</p> + +<p>Andere — die meisten vielleicht — haben ihn in der Kirche. Sie nehmen +ihn am Sonntag mit dem Gesangbuch hervor, wickeln ihn mit diesem ins +Taschentuch hinein wie einen Verstorbenen, sie schenken ihm ein etwas +schweres Gehör und einen schläfrigen Gesang, und haben sonst nur wenig +mit ihm zu schaffen die ganze Woche hindurch.</p> + +<p>Andere haben ihn in ihrem Kummer, in ihrer Not und Gefahr. Da steht +er drohend vor ihnen. Er erhält einige Klagen, erschrockene Rufe und +Gebete und wenig oder gar keinen Dank. Das gibst du wohl auch zu, daß +er es war, der »Ola, den Sonnenstrahl dein« genommen hat, oder der, der +die Lawine an deinem Hause vorübergehen<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> ließ, in jener Frühlingsnacht, +als du zu ihm riefst.</p> + +<p>Aber, ob du es glaubst, daß er es war, oder ob du meinst, daß es von +selber so kam, das macht keinen so großen Unterschied. Denn in all +diesem ist kein Verhältnis, kein Verhältnis zu Gott.</p> + +<p>Das Verhältnis zu ihm, du, — das ist es, worauf es ankommt.</p> + +<p>Das Verhältnis ist da. Du kannst durchaus nicht darum herumkommen. Du +bist dazu geboren. Du bist hineingetauft worden ...... Aber du mußt es +selbst aufnehmen, sonst wird es zu einem Nichts für dich. Und nicht nur +zu einem Nichts, sondern zu dem, was schlimmer ist, zum Gericht.</p> + +<p>Das Verhältnis zu Gott wird auf dieselbe Weise aufgenommen, wie alle +persönlichen Lebensverhältnisse — du begibst dich hinein. Nur geht +dies tiefer als das tiefste menschliche Verhältnis, in dem du stehst. +Und viel völliger mußt du dich dazu hergeben.</p> + +<p>In einem halben Gottesverhältnis kannst du nicht stehen. Denn Gott der +Herr selbst hat sich ganz und ohne Vorbehalt in ein Verhältnis zu<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> dir +begeben. Da war einer, der sich hier unten zur Welt kommen ließ, sich +in Fleisch und Blut kleidete, dir ähnlich wurde, damit du ihn ergreifen +könnest, damit er dein werden könnte. Einer, der starb, um seine +Gemeinschaft zu dir zu vollenden ...</p> + +<p>Und ganz will er dich haben, denn er liebt dich. Wäre er nicht die +Liebe — auch für dich, dann könnte er sich wohl mit weniger begnügen, +mit einem Teil von dir. Aber nun will er kein Atom von dir missen, denn +er liebt dich ganz, will dich ganz retten.</p> + +<p>Dich selbst — was ist denn das?</p> + +<p>Ja, das ist nicht nur deine Überzeugung, wie viele meinen. Es sind +nicht nur deine Gedanken, deine Worte, deine Gebete, die Gott verlangt. +Es sind nicht deine Sünden, obgleich du sicherlich ihm diese Bürde zu +tragen geben mußt! Wer sonst könnte, wer wollte sie tragen? Es ist auch +nicht nur deine Liebe, obgleich — wem solltest du sie sonst geben als +ihm?</p> + +<p>Nein, — dein tiefster <em class="gesperrt">Wille</em> ist es, um den es sich handelt. +Denn in dem Willen sitzest du selbst. Weißt du das? Ja, du weißt es. +Deshalb bist du so langsam, das Verhältnis instand<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> zu setzen. Über +seinen Willen möchte man selbst herrschen ...</p> + +<p>Nein, gerade ihn sollst du bringen, ihn übergeben, vollständig und +ganz, ohne Vorbehalt, ohne Bedingungen.</p> + +<p>Dann bist du selbst in das Verhältnis hineingegeben und kannst es dir +ganz zueignen.</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Denn, wer sich selbst hat hingegeben,</div> + <div class="verse indent2">Erst der erhält das volle Leben.</div> + </div> +</div> +</div> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Gottesdienst ist lang. Doch nicht, weil die Predigt es ist, aber es +sind mehrere Kinder da, die getauft werden sollen.</p> + +<p>Darnach geht der Pfarrer nach Hause, um zu Mittag zu essen, während +die Kirchgänger sich in die Häuschen begeben, aus deren Schornsteinen +allmählich dünne, bläuliche Rauchsäulen aufsteigen.</p> + +<p>Zwischen zwei und drei Uhr kommen die Kinder ins Pfarrhaus. Es kommen +sowohl die kleinen, die während des ganzen Gottesdienstes am Morgen +ihre Köpfchen an die Schulter der Mutter gedrückt oder in deren Schoß +ruhig geschlummert haben, als auch die großen, die in dem Bewußtsein, +eine höhere Stufe der Entwicklung<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> erreicht zu haben, mit starren, +runden, verständnislosen Augen dagesessen hatten.</p> + +<p>Der Pfarrer singt zuerst mit ihnen: Liederverse, die sie verstehen +können, oder noch öfters kleine Lieder, die er selbst zu bekannten +Melodien gedichtet hat. Er gibt genau acht, daß richtig gesungen wird.</p> + +<p>Treuherzige, klanglose, aber taktfeste und ganz reine Stimmchen singen +in der Pfarrstube:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">»Den Todesschlaf ein Mägdlein schlief,</div> + <div class="verse indent2">Vom Leichentuch behangen.</div> + <div class="verse indent2">»Sie ist nicht tot,« der Heiland rief,</div> + <div class="verse indent2">»Vom Schlafe nur befangen.«</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Den Todesschlaf ein Mägdlein schlief</div> + <div class="verse indent2">In fernen Morgenlanden.</div> + <div class="verse indent2">»Erwache!« Jesu Stimme rief -- --</div> + <div class="verse indent2">Und sie ist auferstanden.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Es brach des starren Todes Band,</div> + <div class="verse indent2">Sie hob die Augenlider --</div> + <div class="verse indent2">Stand auf und ging an Jesu Hand</div> + <div class="verse indent2">Gesund und fröhlich wieder.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">O Herr, wenn ich einst liege tot</div> + <div class="verse indent2">Wie jenes Kind, das bleiche,</div> + <div class="verse indent2">So ruf mich aus des Grabes Not</div> + <div class="verse indent2">Zu deinem Himmelreiche!</div> + </div> +<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Da löst sich jedes Todesband,</div> + <div class="verse indent2">Und während Engel singen,</div> + <div class="verse indent2">Wirst du an deiner lieben Hand</div> + <div class="verse indent2">Ins Paradies mich bringen!«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Und dann erzählt er ihnen von dem kleinen Mädchen, das zwölf Jahre +alt war — gerade wie Aslaug und Karen — und das im Sonnenschein +umhersprang, wie diese auch. Aber dann wurde es krank und starb.</p> + +<p>Das können sich die Kinder alle vorstellen. Das eine hatte die »Guri«, +das andere den »Peter« im Sarg liegen sehen, mit geschlossenen +Augen und bleichen starren Gesichtern, die, so oft das Tuch vom +Sarg aufgehoben wurde, mit jedem Tag bis zum Begräbnis bleicher und +eingefallener geworden waren. Sie kennen besser als andere, was es +heißt, eine Leiche zu Hause zu haben, diese Kinder der einsamen, fernen +Berge.</p> + +<p>Und sie verstehen auch alle, wie lieb man den haben müsse, der den +ganzen langen, steilen Weg heraufkommen wollte, der »auf einmal« an der +Tür stehen könnte und sagen: »Das Kind ist nicht gestorben, sondern es +schläft.«</p> + +<p>Und der dann hintreten könnte zu dem schwarzen Sarge, der das kalte +Händchen in seine Hand<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> nehmen, das rote Blut auf die wachsbleichen +Wangen zurückrufen und die kleine zusammengesunkene Gestalt wieder +aufrichten könnte, frisch und lebendig, so daß Vater und Mutter nicht +mehr weinen würden, so oft sie das Tuch aufheben ... Das ist es auch, +was der Pfarrer von ihnen haben möchte. »Das können Kinder verstehen,« +sagt er. »Es kommt ihnen ganz natürlich vor ... Und damit ist der erste +Schritt getan hinein in das Verhältnis, das später ihr ganzes Leben +einnehmen soll.«</p> + +<p>Die Kinder hängen alle an ihm und freuen sich über die Sonntagsschule +bei ihm. Er ist so freundlich gegen sie. Unter den Erwachsenen gibt es +allerdings solche, die ihn streng finden, unter den Kindern aber kein +einziges. Wenn sie krank werden, verlangen sie immer nach ihm. So war +es bei Guri auch gewesen.</p> + +<p>Guri, die sonst immer lustig war und wie ein Kätzchen auf den Felsen +umhersprang, — aber sich so sehr vor dem Sterben fürchtete, als sie +krank wurde — — und dagelegen hatte, und immerfort nach der Tür +gestarrt mit großen, vor Angst und Fieber glänzenden Augen, als ob es +von dorther kommen müsse, — — sie war ganz<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> ruhig geworden, sobald er +nur in die Stube getreten war.</p> + +<p>Wenn er an ihrem Bett saß, ihr das Haar zurückstrich und sie fragte, +ob sie glauben könne, daß der <em class="gesperrt">Eine</em>, der sie am allermeisten +liebe — mehr als Vater und Mutter — sie in seinen Arm nehmen werde, +so lange ihr so bange vor dem Sterben sei, — da fühlte sie sich ganz +sicher und verstand gar nicht mehr, daß sie so große Angst gehabt hatte.</p> + +<p>Er war dann auch bei ihr gewesen in ihrer letzten Stunde. Er kam +in einem Wetter, daß man sich bekreuzen mußte, weil er die Fahrt +gewagt hatte, um ihre kalten Hände zu halten, bis sie in den seinen +erstarrten. —</p> + +<p>Wenn die Kinder gegangen sind, bleibt der Pfarrer den ganzen Nachmittag +in seiner Stube, um bald den einen, bald den andern der Sonntagsgäste +zu empfangen, die ihm mitteilen wollen, wie alles daheim steht, ihn +bitten, wenn es ihm möglich sei, einmal zu ihnen zu kommen, um nach +einem Kranken, einem Altersschwachen, einer angefochtenen Seele zu +sehen — oder auch nur, damit sie ihm von ihren eigenen Zweifeln und +Sorgen erzählen könnten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p> + +<p>Am Abend — gegen sechs oder sieben Uhr — versammeln sich dann alle, +die noch nicht abgereist sind, in dem Eßzimmer des Pfarrhauses. Da +spricht der Pfarrer wieder zu ihnen, betet und singt mit ihnen, während +die Kinder draußen auf dem großen Hofplatz spielen dürfen.</p> + +<p>Dann gibt es Kaffee, den Kari gekocht hat, und Kuchen — Waffeln, »Arme +Ritter« und »Fladen« — die sie im Lauf der Woche gebacken hat.</p> + +<p>So hat der Pfarrer es verlangt, obgleich Kari meint, das gehe sehr +weit, so viele zu bewirten. Aber er sagt, daß er sich diese Ausgabe +erlauben könne, er, der nur für sich selbst zu sorgen habe. Er geht +herum und sieht nach, daß die Kinder vom Hof hereingerufen werden und +auch ihren Teil von den Kuchen bekommen.</p> + +<p>Dann begeben sich die Kirchgänger nach dem See hinunter. Und nun muß +der Pfarrer müde sein. Aber er sagt, Arbeit ermüde nicht, sie erhalte +einen frisch.</p> + +<p>Er setzt sich ans Harmonium in seinem Zimmer, dessen Fenster nach dem +See hinausgehen. Und während die Boote vom Ufer abstoßen, spielt er ein +Lied, in das die Kirchenleute drunten<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> einstimmen. Die Stimmen erheben +sich im Chor und vereinigen sich mit der seinigen:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">»Wer sind die vor Gottes Throne?</div> + <div class="verse indent2">Was ist das für eine Schar?</div> + <div class="verse indent2">Träget jeder eine Krone,</div> + <div class="verse indent2">Glänzen wie die Sterne klar,</div> + <div class="verse indent2">Halleluja singen all,</div> + <div class="verse indent2">Loben Gott mit hohem Schall.«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Ein Boot nach dem andern gleitet hinaus; über die helle, glänzende +Wasserfläche hin tönt es kräftig durch den stillen Abend:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">»Es sind die, so wohl gerungen</div> + <div class="verse indent2">Für des großen Gottes Ehr',</div> + <div class="verse indent2">Haben Welt und Tod bezwungen,</div> + <div class="verse indent2">Folgend nicht dem Sünderheer,</div> + <div class="verse indent2">Die erlanget in dem Krieg</div> + <div class="verse indent2">Durch des Herren Arm den Sieg.«</div> + </div> +</div> +</div> + +<p>Allmählich verlieren sich die Stimmen zwischen den Ruderschlägen in der +Ferne. Schwächer und schwächer — schließlich hinsterbend — klingt es +zu uns herauf:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">»Daß mein Teil sei bei den Frommen,</div> + <div class="verse indent2">Welche, Herr, dir ähnlich sind,</div> + <div class="verse indent2">Und auch ich, der Not entnommen,</div> + <div class="verse indent2">Als ein treues Gotteskind</div> + <div class="verse indent2">Dann, genahet zu dem Thron,</div> + <div class="verse indent2">Nehme den verheißnen Lohn.«</div> + </div> +</div> +</div> +<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span></p> + +<p>Viel mehr Ruhe gönnt sich der Pfarrer auch am Werktag nicht.</p> + +<p>Eher ist dieser in gewisser Beziehung noch anstrengender für ihn; denn +da reist er weit umher.</p> + +<p>Sein Boot fährt rasch auf dem Wasser dahin, und sein gelbes +Nordlandpferdchen trabt mit ihm über Felsen und Moore. Oftmals kehrt er +erst sehr spät in der Nacht zurück. Seine entfernte, weit verstreute +Gemeinde muß er aufsuchen.</p> + +<p>An diesen abgelegenen Orten, wo der Bezirksarzt sich nur einmal im +Jahr zeigt — in Gesellschaft des Landrichters und des Vogts, die im +Hochsommer heraufkommen, um drei Tage lang Thing zu halten und dann +wieder aus dem Bereich der Bewohner zu verschwinden, müsse der, der +dableibe, für alle zu erreichen sein, sagt er.</p> + +<p>Und er muß auch Rat wissen für Seele und Leib zugleich. Denn sie +kommen ja zu ihm in allen möglichen Angelegenheiten. Und sie sagen, er +habe gewißlich mehr Doktorbücher studiert, als man zum Praktizieren +notwendig habe, und er habe ihnen mit seinem Arzneikasten und seiner +Verbandtasche verschiedentlich mehr geholfen, als es irgend ein Arzt +hätte tun können.</p> + +<p>Es ist unbegreiflich, welchem Wind und<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> welchen Wegen er selbst in der +strengen Jahreszeit trotzt, um bei den Menschen herumzukommen.</p> + +<p>Oftmals hat man ihm wohlgemeinte Warnungen zukommen lassen, sich doch +nicht hinauszuwagen, mit der Begründung, die sonst für entscheidend +gilt, daß er sein Leben dabei einbüßen könne.</p> + +<p>Hierauf aber antwortet er nur: »Ja, das soll ja eines der echten +Kennzeichen eines Hirten sein; nach der Bibel wenigstens.«</p> + +<p>Ein Pfarrer, der nur der Vollstrecker der gottesdienstlichen Zeremonien +sei, werde seiner Meinung nach »ein tönendes Erz oder eine klingende +Schelle«.</p> + +<p>Der Beruf umfasse viel mehr, sagt er. Die Seelsorge sei der wichtigste +Teil. Die Seelen müßten aufgesucht werden.</p> + +<p>Jeder Mensch habe doch seine Seele; auch hier oben. Tief versteckt +könne sie sein — und manchmal an den schlechtesten Orten. Der eine +könne sie in seinem alten, schmierigen, ledernen Geldbeutel haben, — +der andere in der Flasche. Und selbst viele von den Christen, denen die +Glocken zur Kirche läuteten, schienen eine merkwürdige<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> Übung darin zu +haben, ihre Seelen während des Gottesdienstes fern zu halten.</p> + +<p>»Aber irgendwo ist sie,« sagt der Pfarrer, »und wer jahraus jahrein in +die Häuser kommt, wird sie schließlich auch finden, — ohne zu fragen. +Denn niemals soll man sich einer Seele durch Fragen nähern wollen. Wer +fragt, wird gar leicht von Neugierde oder von der Tadelsucht getrieben, +vor denen der Mensch ganz natürlicherweise die Tür verschließt. Wer von +wirklicher Liebe getrieben wird, wird es verstehen, sich zu einer Seele +hindurchzufühlen, die sich im tiefsten Innern immer darnach sehnt, +gefunden zu werden.«</p> + +<p>Und so sitzt der Pfarrer jenseits des Wassers bei Peter Fossegaarden, +dessen ganzer Stolz seine Schweine sind, und ist vollständig überzeugt, +daß nie ein Schinken so gut schmeckt, wie gerade hier. Oder er klettert +zu Jens Bakken hinauf, der ein Holzschneider ist, und will genau +wissen, wie man das macht. Nicht um die Kunst von ihm zu erlernen, tut +es der Pfarrer, sondern um die Arbeit zu verstehen und wertschätzen +zu können. Oder er sitzt bei Karen, die zweimal im Jahr Fladenbrot im +Pfarrhaus backt,<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> und will dem Backen zusehen, — oder bei der alten +Gunhild, die halbblind ist, aber noch immer seine Socken strickt, und +sagt zu ihr, er könne sich gar nicht denken, daß sie nicht hundert +Jahre alt werde, denn es könne niemals jemand so für ihn stricken wie +sie.</p> + +<p>Und der Pfarrer meint, was er sagt. Er hat ein menschliches Interesse +für alle menschliche Arbeit im großen wie im kleinen.</p> + +<p>Aber gleichzeitig sucht er nach der Stelle, wo ein Zugang zur Seele +ist, wo diese ihre scheuen und oft so hilflosen Augen zu ihm aufschlägt +— um sich ihrer mit warmer und fester Freundeshand anzunehmen.</p> + +<p>In der strengsten Jahreszeit gibt es Wochen und Monate, wo der Pfarrer +gezwungen ist, daheim zu bleiben. Den langen, langen schneeweißen +Winter hindurch — wie vertreibt er sich da die Zeit? Wenn die Lampe um +zwei oder drei Uhr angezündet wird, — und bei trübem Wetter brennt sie +fast den ganzen Tag hindurch — womit füllt er da die Einsamkeit all +der nächtlichen Stunden aus? Ja, da spielt er Harmonium, er liest, — +oder er denkt ...</p> + +<p>Er hat alle seine Bücher mit heraufgebracht,<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> und seine Briefe und +Zeitungen holt er sich alle acht Tage, wenn das Wetter es erlaubt, auf +der kleinen Poststation, die drüben über dem See, hinter der Landzunge +gegen Westen verborgen liegt. Volle zwölf Tage braucht die Post, um von +Trondheim heraufzugelangen; so viele Seitensprünge hat sie zu machen.</p> + +<p>Seine Reisen nach den Filialen unternimmt er auch im Winter so +regelmäßig wie möglich; einmal im Monat nach Sörli und dreimal im +Jahre nach der Trunsjöer Kapelle, — über Felsen und Seen und Moore, +— wie es am besten vorwärts geht, denn zu keinem der genannten Orte +führt eine Straße. Es kommt vor, daß er auf halbem Wege wieder umkehren +oder im voraus schon die Reise aufgeben muß; aber da muß es schon sehr +schlimm sein.</p> + +<p>In der Zeit von Weihnachten bis Ostern gibt er den +Konfirmanden-Unterricht. Die Konfirmanden kommen ins Pfarrhaus, — +nicht auf zwei Stunden, sondern gleich auf vierzehn Tage, und da +gibt er ihnen jeden Morgen Unterricht. Die meisten von ihnen werden +bei Kari einquartiert, und die, die das Pächterhaus nicht aufnehmen +kann, übernachten in der Küsterwohnung,<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> von wo sie aber durch die +Schneemassen hindurch nicht immer bis zum Pfarrhaus gelangen können.</p> + +<p>So geht das Leben seinen Gang, — einen Winter nach dem andern in der +aufreibenden Einförmigkeit, die so endlos zu durchleben sein kann, und +die doch so merkwürdig kurz ist, wenn man darauf zurückschaut, weil die +Jahre in einander fließen, lautlos und ohne Farbe, wie lauter Stunden +einer einzigen Nachtwache.</p> + +<p>Noch eins hat er, um die langen, einsamen Tage auszufüllen. Er +<em class="gesperrt">schreibt</em>. Er begann nicht gleich damit, denn er wollte sich +zuerst ganz in seinem Beruf hier oben einleben. Der Beruf sollte ihn +ungeteilt haben.</p> + +<p>Aber in den zweiten fünf Jahren, — nachdem er gleichsam alle in seine +Gedanken und in sein Herz aufgenommen hatte, — da begann er die Bücher +zu schreiben, die den »Hochlandspfarrer« — dieses Pseudonym hatte er +gewählt — zu einem wohlbekannten Gast in vielen Heimstätten machte.</p> + +<p>Dann entstand auch sein größtes Werk, die »Briefe an die eine Seele«, +das in Heften herauskam, die beständig vermehrt wurden, bis<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> es einen +Brief für jeden Tag im Jahre gab. Es waren längere oder ganz kurze +Briefe, immer mit einer Bibelstelle als Ausgangspunkt, und alle mit dem +einen Zweck: zu ziehen, zu locken, zu <em class="gesperrt">nötigen</em> — könnte man wohl +sagen — die <em class="gesperrt">eine</em> Seele in ein Verhältnis zu Gott hinein, hin +auf den Weg zur Vollendung ...</p> + +<p>Er hat gleichsam die Bedenken und Einwendungen dieser Seele erlauscht, +hat ihre Zweifel, ihren Widerstand erraten und gefühlt, welche Saiten +den tiefsten Widerhall bei ihr erwecken würden.</p> + +<p>Er schneidet die Nebenwege ab, versperrt den Rückzug, hält aber +bisweilen in einer ganz friedlichen Betrachtung plötzlich still, wie um +der Seele Ruhe zu gönnen — eine Ruhepause.</p> + +<p>Er ist wie ein Führer im Gebirge, der mit einem andern an der Hand +hinaufsteigt, und der zwar den Gipfel, der erreicht werden soll, nicht +niedriger machen kann, aber die Schwierigkeiten des Aufstiegs zu +erleichtern und zu überwinden sucht.</p> + +<p>Dies ist der Ton, der durch seine Verkündigung geht, nur ist er +gleichsam noch persönlicher.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen!« Matth. 22, 37.</p> + +<p>Die Hand aufs Herz — tust du das?</p> + +<p>Nein, wirst du sagen, dein Herz sei zu arm, leer und kalt. Das ist wohl +wahr, aber das gilt hier nicht als Entschuldigung. Denn es wird danach +gefragt, ob du so liebest, wie dein Herz es vermag, — sonst nach +nichts.</p> + +<p>Und kann denn dein Herz gar nicht lieben? Gibt es nicht den oder jenen, +— deinen <em class="gesperrt">Nächsten</em> — den es umfaßt, feurig stark, den es fester +hält als selbst das Leben? Doch, es gibt jemand ... Das läßt du dir +nicht nehmen.</p> + +<p>Ist es denn dann so, daß dein irdisches Herz nur abwärts lieben kann +— zur Erde, auf der Erde — nicht aufwärts? Ja, du selbst kannst kein +Gefühl in deinem Herzen hervorbringen. Aber die Liebe, die du zu einem +andern hast, die kannst du hinaufreichen. Das Herz, das einen andern +umfaßt, das kannst du in die Hände geben, die das erste Recht daran +haben.</p> + +<p>Du wirst einwenden, das hieße das Gebot umgehen. Nein, das heißt zu ihm +aufsteigen.</p> + +<p>»<span class="antiqua">Sursum corda</span>« — die Herzen in die Höhe!<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> — hat es seit den +ältesten Zeiten in der Kirche geklungen.</p> + +<p>Und die Gemeinde antwortet: »<span class="antiqua">Habemus ad Dominum</span>« — wir erheben +sie zum Herrn.</p> + +<p>Wenn du dein Herz hinaufgibst mit der großen Liebe, von der es erfüllt +ist, dann wirst du das erreichen, was dein tiefstes, unaussprechliches +Geheimnis werden wird — das, daß deine Liebe verwandelt wird.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Wer zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater und seine Mutter und +sein Weib und seine Kinder und dazu auch sein eigen Leben, der kann +nicht mein Jünger sein.« Luk. 14, 26.</p> + +<p>Ich nehme das stärkste Wort, das ich finden kann und erkläre es nicht. +Ich lasse es dich so buchstäblich verstehen, wie — es nicht einmal +verstanden werden soll.</p> + +<p>Und ich behaupte, das Wort, das bei denen, die draußen stehen, Anstoß +erregt und von vielen Christen übersprungen wird, das ist eines von +denen, die <em class="gesperrt">dich</em> am stärksten ergreifen, denn niemals wirst du +dich mit einem Verhältnis zu Gott begnügen, das nicht unbedingt ist.</p> + +<p>In der irdischen Liebe würden es die meisten<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> nicht können. Das wird +ohne Einwendung begriffen, und je mehr man liebt, desto mehr will man +das andere besitzen, ganz und ungeteilt.</p> + +<p>Aber die Forderung, die die Menschen ganz von selbst aneinander +stellen, — an der nehmen sie Anstoß, sobald sie von oben kommt.</p> + +<p>So sei es nicht bei dir. Wo du dich hingeben sollst — auch seelisch +—, wirst du verlangt werden, ganz und ungeteilt.</p> + +<p>Denn du wirst begreifen, daß wer alles zu verlangen wagt, auch alles zu +geben hat.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Petrus trat aus dem Schiff und ging auf dem Wasser.« Matth. 14, 29.</p> + +<p>Aber es war nicht das Wasser, das ihn trug. Auf <em class="gesperrt">Wogen</em> kann man +nicht treten. Trotzdem — die Menschen sind nicht von dieser Einbildung +wegzubringen. Hast du sie nicht auch geteilt?</p> + +<p>Was anders hat die Welt dir wohl geboten, um darauf zu treten — was +anderes als Wogen? Was anders hat dein eigenes schwankendes, kraftloses +Herz dir geboten? Und auch du hast wie die andern gedacht, daß sie dich +tragen würden. Ist es nicht so?</p> + +<p>Petrus ging im <em class="gesperrt">Glauben</em> vorwärts. Der<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Glaube ist Felsengrund +unter den Füßen; der einzige, der sich findet. Als er diesen verläßt, +da »beginnt er zu sinken«. Denn es gibt nur das eine von diesen beiden; +entweder du lebst im Glauben — dann stehst du auf Felsengrund, — oder +dein Leben ist ein fortgesetztes Hinausgleiten in die Wogen, — die dir +schließlich über dem Kopf zusammenschlagen.</p> + +<p>Aber merk dir eines: es sieht aus, als sei es gerade <em class="gesperrt">umgekehrt</em>; +als ob dieses »im Glauben Vorwärtsgehen« so viel sei, als ein Loslassen +des Festen und Sicheren, ein Hinaustreten aus dem Schiff — und mit +geschlossenen Augen den Sprung wagen in die unendliche Tiefe.</p> + +<p>So wird es immer gefühlt werden, und aus diesem Gefühl heraus muß es +getan werden.</p> + +<p>Aber in Wirklichkeit setzt man da erst seinen Fuß auf den Felsen, den +das Weltmeer nicht erschüttern kann, und den die schwarzen, trüben +Wasser des Todes nicht zu überfluten vermögen.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Die, so in den Schranken laufen, die laufen alle, aber <em class="gesperrt">einer</em> +erlangt das Kleinod.« 1. Kor. 9, 24.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p> + +<p>Der eine, der das Kleinod erlangt, der sollst du sein.</p> + +<p>Ja, wirst du sagen — aber die andern dann? Ist es nicht schrecklich, +daß ich auf ihre Kosten gewinnen soll?</p> + +<p>Mein Freund, — laß dich dadurch nicht aufhalten!</p> + +<p>In der Sache deiner Seligkeit handelt es sich niemals um einen Wettlauf +mit andern. Ihr seid nur zu zweit auf der Bahn, du und noch einer, den +du ganz genau kennst, nämlich dein »alter Mensch«, — wie wir ihn zu +nennen gelehrt worden sind.</p> + +<p>Der Einsatz ist das Leben; nur einer gewinnt es. Der andere muß sterben +... Von diesen beiden lebt immer einer auf Kosten des anderen.</p> + +<p>Und dein alter Mensch läuft furchtbar schnell. Er gönnt sich Tag und +Nacht keine Ruhe.</p> + +<p>Läufst du so, daß du gewinnen kannst? O stehe eines Tages da — der +andere sterbend zu deinen Füßen — mit dem Kleinod in der Hand!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Merkwürdig ist es doch mit <em class="gesperrt">der einen Seele</em>, die er noch immer +sucht, für die er noch immer arbeitet, um sie in das Geheimnis der<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span> +Gemeinschaft mit Gott hineinzuführen! War sie denn hier oben nicht +zu finden? Es scheint fast unmöglich, daß von einer so eifrigen, so +aufopfernden Wirksamkeit keine Früchte nachzuweisen sein sollten!</p> + +<p>Doch darüber erfahren wir nichts, wenigstens nichts von ihm selbst. +Und die andern Leute wohnen zu zerstreut, als daß wir da nachfragen +könnten. Nur das sehen wir allerdings, daß die Leute in verhältnismäßig +großen Scharen zur Kirche kommen und daß sie den Pfarrer zu ihren +Kranken und Sterbenden holen lassen, sobald die Verhältnisse es nur +erlauben.</p> + +<p>Aber die eine Seele ist vielleicht noch weiter entfernt, als nur +»jenseits der drei Wasser«, weiter entfernt, als hinter dem endlosen +Moor, — tief drunten in der Welt, die so merkwürdig fern liegt.</p> + +<p>Hat er wohl jemand da drunten, den er rufen möchte?</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Da ist ein Punkt, über den wir gern etwas wissen möchten. Der Pfarrer +ist in all den Jahren, seit er hier herauf zog, nie wieder drunten +gewesen. Und schon ehe wir ins Pfarrhaus kamen,<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> hörten wir, daß er +sich nach einer großen und bitteren Enttäuschung, die er erlebt hatte, +für alle Zeiten von der Welt losgesagt habe.</p> + +<p>Kari weiß etwas davon, daß es ein »Weltkind« gewesen war, das einmal +seine Netze ausgeworfen hatte, um ihn zu fangen, und daß es ihm — dem +Weltkind — eigentlich auch geglückt war, daß es ihn dann jedoch selbst +wieder verlassen hatte. Wie die Sache aber eigentlich zusammenhängt, +das kann sie uns doch nicht sagen. Sie hat nur so viel verstanden, daß +es gut war, »daß er <em class="gesperrt">sie</em> los wurde«.</p> + +<p>Sigrid freilich, die könnte mehr davon erzählen, wenn sie nur wollte.</p> + +<p>Sigrid ist die älteste der Pächterstöchter, die, sobald sie halb +erwachsen war, die Bedienung des Pfarrers besorgt hatte. Es war ihm +lieb, ihre sanftmütige Erscheinung um sich zu haben, sie kommen und +gehen zu sehen, mit ihren langen hellen flachsblonden Zöpfen, ihrem +kindlich runden Gesicht und den blauen, schwermütigen Augen, deren +Ausdruck in so merkwürdigem Gegensatz mit ihrem taghellen Farbenglanz +stand.</p> + +<p>Sigrid erriet, wie er es in allem haben wollte.<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Sie fühlte es +gleichsam an sich selbst, wenn er müde oder betrübt war, wenn er allein +sein wollte, oder wenn sie kommen durfte. Und sie fragte nie. Deshalb +sprach er auch mit ihr mehr, als mit irgend einer der andern.</p> + +<p>Dann kam der neue, ganz junge Kantor herauf.</p> + +<p>Er stammte aus der Gegend und hatte als Kind mit Sigrid gespielt, wenn +er Sonntags mit seinen Eltern zur Kirche kam. Er hatte sie schon damals +lieb gehabt, das wortkarge Mädchen mit den aschblonden Zöpfen und den +schüchternen, niedergeschlagenen Augen. Und nun mußte er ja baldigst +eine Frau haben, die seine einsame kleine Kantorwohnung mit ihm teilen +sollte, — dort droben auf dem Gipfel des Tannenhügels, etwas rechts +vom Pfarrhof.</p> + +<p>Als die Eltern Sigrid fragten, ob sie ihn »möge«, antwortete sie, daß +sie es nicht recht wisse. Und dies war ja so vielversprechend, daß man +gut sogleich mit den Vorbereitungen zur Hochzeit beginnen konnte.</p> + +<p>Der Pfarrer wollte nur ungern Sigrid verlieren und sie durch Gudveig +ersetzt haben, die zwar ganz dasselbe Gesicht und Haar wie die<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span> +Schwester hatte, sich aber immer mit Geräusch anmeldete und so froh und +gleichgültig aus ihren blauen Augen schaute. Er meinte auch, Sigrid sei +zu gut für den kleinen, redseligen Kantor.</p> + +<p>Aber als ihm Kari zu verstehen gab, daß es für Sigrid selbst am besten +wäre, wenn sie wo anders hinkäme, da sprach er mit dieser nur noch +davon, wie gut sie es in dem hübschen, kleinen Häuschen bekommen werde.</p> + +<p>Aber Sigrid weinte viel, als sie dorthin gekommen war. Sie sehe auch +immer nach dem Pfarrhof, sagte ihr Mann, der glaubte, sie habe Heimweh +nach den Eltern. Und des Nachts, wenn es schlecht Wetter sei, dann +liege sie mit großen, offenen Augen da — wie jemand, der hinaushorcht. +Oder sie fahre vom Schlaf auf und frage, ob das des Pfarrers Tür sei, +die aufgemacht werde, und ob er wieder heimgekommen sei. — Aber viele +haben es ja auch so in <em class="gesperrt">der</em> Zeit.</p> + +<p>Jetzt im Frühling bekam sie ein Kind, ein kleines »helles Mägdlein«, +mit dem sie sich abgeben konnte. Und da kam sie zur Ruhe im Küsterhaus.</p> + +<p>Sigrid wußte wahrscheinlich mehr von den<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Ereignissen aus des Pfarrers +Jugend, als irgend sonst jemand.</p> + +<p>Und einmal hatte sie ein Bild gesehen — von einer, die »so schön, so +wunderschön« gewesen war, daß es einem mitten durchs Herz ging.</p> + +<p>Aber Sigrid ist ja nun nicht mehr daheim. Und die wenigen Male, wo wir +sie in der Kirche oder auf einen kleinen Besuch zu den Eltern kommen +sehen, die hellen, schwermütigen Augen unbeweglich niedergeschlagen, da +bekommen wir den Eindruck, daß sie zu denen gehört, wo es gar nichts +nützt, wenn man fragt.</p> + +<p>Außer uns ist zurzeit noch eine Schwester des Pfarrers in der +Pächterwohnung. Sie ist eine schöne feine Gestalt, einige Jahre älter +als er, — die wohnte bei ihm, ehe er hier herauf zog, wohin sie +ihm aus Gesundheitsrücksichten nicht folgen konnte. Nur während der +heißesten Sommerzeit besucht sie ihn auf einige Monate.</p> + +<p>Auf ihre gebildete Weise ist sie ganz ebenso verschlossen wie die +blonde Sigrid. Als sie daher eines Tages ganz leicht den Punkt +berührte, der uns interessiert, geschah es nur, weil es ihr sehr +schwer wird, über das ganz zu schweigen, wodurch die Hochachtung vor +dem Bruder bei<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> andern vermehrt werden könnte, — was ihre größte, +vielleicht ihre einzige Schwäche ist.</p> + +<p>Eines Morgens führt sie uns nach dem »Tal Josaphat«, wie der Pfarrer +eine breite Felsenschlucht tief im Walde genannt hat, wo die Sonne so +warm und golden eingefangen wird, daß wie ein leuchtender Abglanz der +Sonne selbst eine wirre und farbenprächtige Blumenfülle — gelb, weiß, +lila, rot, besonders rot — auf langen wogenden Stielen aus der Erde +hervorbricht. Tief unten rieselt ein klares Bächlein, das leise mit +sich selber plaudert, so daß man dessen Dasein ganz vergessen kann, — +bis man plötzlich mit dem Fuß hineintritt.</p> + +<p>Hier nun sagte sie mit einer Anspielung auf jenes Jugenderlebnis des +Pfarrers: »Ich schaue in diesem Punkt zu meinem Bruder auf. Niemand von +uns rührt je daran — selbstverständlich. Seit er hier herauf gezogen +ist, hat er nur ein einziges Mal darauf angespielt. Damals sagte er: +›Ich bin dieser Person großen Dank schuldig. Niemals wäre ich ›alles +für alle‹ geworden, wenn ich nicht mit einem Schlag von jeder Rücksicht +auf mich selbst frei geworden wäre — von all meinem Eigenen!‹ — Und +das<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> ist sicher, ein dauerndes Verhältnis zu dieser Person, über die +ich mir kein Urteil erlaube, hätte dem Leben, das sich über sich selbst +ganz zu Gott erhebt, und in das er jetzt so tief eingedrungen ist, den +Weg versperrt. Aber ihr gar zu danken, dahin können wir andern nicht +gelangen! Was damals war, vor dreizehn Jahren, möchte ich am liebsten +ganz aus meiner Erinnerung auslöschen.« —</p> + +<p>Sie ist ein ausgezeichnetes Wesen, die Schwester des Pfarrers. Wir +zweifeln nicht daran, daß sie richtig sieht. Und doch — — an sie, die +»so wunderschön war, daß es einem mitten durchs Herz geht«, und von der +los zu kommen ein Glück für ihn war, — — wir können es nicht lassen, +wir müssen viel an sie denken.</p> + +<p>Die Pächtersfrau vertraut uns an demselben Tag an, daß sie, Alette, +diesmal nicht so lange hier bleiben werde wie sonst, sondern bald +nachdem wir abgereist seien, auch wieder südwärts ziehe. Sie wird +nämlich heiraten, — sie! Einen ausgezeichneten Pfarrer in Christiania, +der früher Missionar und mit einer Freundin von ihr verheiratet gewesen +war. Er hat ein paar erwachsene Kinder und einige unerwachsene dazu,<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span> +so daß sie eine schöne und ernste Aufgabe bekommt. Sie kam hierher, um +mit dem Pfarrer darüber zu reden. Und er freut sich nur darüber.</p> + +<p>Sie will durchaus, er soll im August hinunterkommen und sie trauen +— er soll der sein, der ihr neues Leben einsegnet — und sich dann +zugleich nach einer Stelle da drunten umsehen. Auf das erste hat er +noch nicht bestimmt geantwortet, aber zum zweiten sagt er, — wie +immer, wenn jemand wünscht, daß er sich wegmelde —: »Ich muß erst hier +fertig sein.«</p> + +<p>Wir begreifen nicht recht, woher Kari all dies weiß. Wahrscheinlich +gibt es hier im Winter so wenig zu hören, daß sie im Sommer ihre Ohren +doppelt gebrauchen muß.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Unser kurzer Aufenthalt ist bald zu Ende. Der letzte Abend ist gekommen.</p> + +<p>Nach Sonnenuntergang ist es immer kühl hier oben. Wenn der glühende +Sonnenball versunken ist und ein Silberglanz vom Wasser aufsteigt, dann +überkommt einen selbst in der heißen Jahreszeit ein eigenes Kältegefühl.</p> + +<p>Am letzten Abend, den wir hier zubringen, wo es auch schon den Tag +über kühl gewesen<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> ist, sinkt die Temperatur auf einen solch niederen +Grad der Sonnenwärme herab, daß der Pfarrer uns vorschlägt, auf der +Feuerstelle in seinem Zimmer ein Feuer anzuzünden.</p> + +<p>Kari trägt trockenes Brennmaterial herbei, Tannenzweige und +Tannenzapfen. Und bald knistern und sprühen die Feuerflammen ermunternd +und erwärmend in dem offenen Kamin.</p> + +<p>Die Studierstube ist uns am liebsten. Hier sind die meisten seiner +eigenen Sachen, die sich in dem flackernden Schein des Feuers ganz +märchenhaft ausnehmen.</p> + +<p>Ein goldener Schimmer spielt auf den weißlichen Renntierfellen des +Sofas. Und das große Bild über dem Schreibtisch, die Madonna von +Murillo aus dem Palazzo Pitti, strahlt in so warmem Glanz, als ob das +junge lebendige Gesicht wirklich aus Fleisch und Blut wäre.</p> + +<p>Das große Kruzifix in der Ecke über dem Harmonium ist nicht beleuchtet. +Aber auf dem Bild, das darunter hängt, — das Abendmahl in Emmaus von +Tizian, — liegt eine Glut, wie von dem Sonnenuntergang des Ostertags +selbst.</p> + +<p>Nicht weit von diesem Bild entfernt geht Napoleon mit erhobenem Banner +über die<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> Brücke von Arcole. Glühender Eifer flammt in seinen bleichen +Wangen auf.</p> + +<p>Und plötzlich fällt es uns auf, daß der Pfarrer, wie er dasitzt und +das Feuer schürt, diesem Bilde gleicht, — mit dem wallenden schwarzen +Haar, dem feingeschnittenen Gesicht und dem Ernst, der mit dem Feuer +verwandt ist, in seinen dunklen Augen.</p> + +<p>Die Schwester des Pfarrers steht am Tisch, legt kleine Kuchen auf einen +Teller und bereitet zur Feier des Abends Glühwein.</p> + +<p>Wir hätten nicht gedacht, daß der Pfarrer Wein trinken würde. Es +geschieht auch nur sehr selten, aber er hat nichts dagegen, daß seinen +Gästen Wein angeboten wird.</p> + +<p>So oft neue Tannenzweige auf das Feuer geworfen werden, zischt und +knistert es am stärksten, die Flammen schlagen hoch auf, und die roten +Tannennadeln fliegen wie glühende Leuchtkäfer umher.</p> + +<p>Eines von uns verwundert sich darüber, daß der Pfarrer so wenig von den +Früchten seiner Arbeit zu erzählen wisse.</p> + +<p>»Das könnte er leichter als sonst einer,« sagt die Schwester vom Tisch +her.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p> + +<p>Er aber erwidert: »Ich bin hier, um die Seelen zu rufen, nicht aber, +um ihre Bekehrung festzustellen. Außerdem — sein Verhältnis zu Gott, +das ist immer eines Menschen tiefstes Geheimnis. — Es hat auch +seine äußeren Seiten, selbstverständlich muß es sie haben, wie jedes +persönliche Verhältnis. Es gibt Tatsachen, auf die man deuten kann. +Aber das ist nicht die Hauptsache. Ob die volle Hingabe stattgefunden +hat, im tiefsten Innern, das weiß nur der eine, der in die Seele +hineinsieht.«</p> + +<p>Er schaut eine Weile schweigend in die Flammen. Dann sagt er: »Ich +habe mich wirklich hier oben oft beschämt gefühlt. Wie treuherzig und +einfältig können diese Menschen in ihrem Gedankengang sein! Wie zum +Beispiel Guttorm, weißt du?«</p> + +<p>»Der mit dem Haus?« fragt die Schwester.</p> + +<p>»Ja, der mit seinem Haus, das er nie ›vergoldet‹ und fein genug +bekommen konnte. Zu dessen Ausschmückung er jede freie Stunde verwandte +— schnitzte, malte, firnißte — und das er sein Kind nannte. Nur still +dasitzen und sich in der Stube umsehen, eine größere Freude kannte +er nicht. Und oft kam es vor, daß er<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> gerade am Sonntag die Gicht in +seinem Bein spürte, so daß er zu Hause bleiben mußte, — und sich dann +nur den alten Knud holte, um ihm zu zeigen, was es seit dem letztenmal +Neues in der Stube gab. Ich sagte zu ihm: ›Hüte dich, Guttorm, daß du +dein Herz nicht zu sehr an dein Haus hängst, du kommst doch nicht wie +eine Schnecke mit ihm auf dem Rücken in den Himmel hinein!‹ Er aber +lachte und sagte, da sei keine Gefahr.</p> + +<p>Dann mußte er einmal ins Gebirge mit seiner Frau. Sie waren zwei bis +drei Tage abwesend. Und als er den großen Schlüssel im Schloß umdrehte, +betete er: ›Herr, mein Gott, beschütze mein Haus, so lange ich weg bin.‹</p> + +<p>Als er zurückkam, hatte der Blitz hineingeschlagen, und es war bis auf +den Grund niedergebrannt.</p> + +<p>Eine Weile betrachtete er schweigend die schwarze rauchende +Brandstätte. Die Frau jammerte und weinte, aber Guttorm faltete seine +Hände und betete: ›Mein Herr, ich danke dir. Ich sehe, daß du mich +selbst beschützt hast.‹</p> + +<p>Ja, könnten wir wohl sprechen wie er? Sogleich, in demselben +Augenblick, wo wir das verloren<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> hätten, woran unser Herz am meisten +hing?«</p> + +<p>»Niemals wäre er so weit gekommen, so sprechen zu können, wenn du nicht +mit ihm geredet hättest — so oft und so viel,« sagt die Schwester.</p> + +<p>Aber der Pfarrer hört nicht darauf. Schweigend, wie in tiefe Gedanken +versunken, starrt er in die Flammen. Dann sagt er, ein wenig zögernd: +»Bisweilen habe ich gedacht, ob sich hier oben nur ein einziger Mensch +findet, der sein Verhältnis zu Gott verwirklicht hat, — einer, der +sich danach gesehnt hatte, es zu verwirklichen, weil er wußte, wie +mangelhaft dies Verhältnis — in Wirklichkeit gewesen war — — — Aber +das war dann jedenfalls nicht mein Tun.«</p> + +<p>Er wirft wieder ein Bündel Tannenzweige auf die Glut. Es knistert und +flammt, und eine Feuergarbe von roten Leuchtkäfern schwirrt sprühend +auf. Unten, zwischen den großen Holzscheitern, liegen ein paar +Tannenzapfen, die mit ruhigen blauen Flammen brennen.</p> + +<p>Dann bittet eines der Anwesenden den Pfarrer um ein Märchen; denn das +gehöre dazu. »Am liebsten eine Spukgeschichte,« ist ein anderes so +keck, hinzuzufügen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p> + +<p>Seine Schwester schüttelt den Kopf. »Das kann mein Bruder nicht. Er hat +an anderes zu denken gehabt.«</p> + +<p>Aber der Pfarrer antwortet: »Warum denn nicht? Vielleicht könnte ich +etwas erzählen, was einem hier passiert ist, hier oben. Wenn ich den +Namen nicht nenne ....«</p> + +<p>Er schaut eine Weile in die Flammen; dann erzählt er: »Ein Bursche ging +am Moor entlang, als es von Multeblüten ganz weiß war. Während er so +dahin ging, sah er jemand auf dem Moor stehen. Es kam ihm vor, als sei +es Ingrid Koppen. Sie pflückte Blumen.</p> + +<p>Er rief ihr zu, warum sie denn die Blumen pflücke; dann gebe es ja +weniger Multebeeren. Ob sie denn daran nicht gedacht habe?</p> + +<p>Da trat sie zu ihm und reichte ihm die Blüten über einen schmalen Bach +hinüber, der sie vom Wege trennte.</p> + +<p>Lachend nahm er sie. —</p> + +<p>Am nächsten Abend überkam es ihn aufs neue, so daß er wieder den +Fußpfad dem Moor entlang gehen mußte.</p> + +<p>Da draußen war ein Mädchen und pflückte weiße Multeblüten. Sie trat so +leicht auf, daß<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> ihre Fußspitzen nie einsanken. Marta Sandvigen war es, +soviel er sehen konnte.</p> + +<p>Er rief ihr zu, und sie trat näher und reichte ihm die Blumen.</p> + +<p>Aber zugleich ergriff er ihre Hand.</p> + +<p>Da blieb sie ganz ruhig stehen. Sie war ihm so nahe, so daß er sich +über das kleine Rinnsal hinüberbeugen und sie küssen konnte.</p> + +<p>Sie sah ihn nur an, und da küßte er sie noch einmal.</p> + +<p>Der nächste Tag war ein Sonntag. Er begleitete seine Mutter, die blind +war, in die Kirche. Er gab aber nicht acht darauf, daß sie sich an den +Steinen des Weges stieß. Er hörte auch nichts von den heiligen Worten, +sondern sah nur immer ein Meer von Multeblüten, das im Winde wogte. — +Und ein Mädchen, das mitten darin stand. —</p> + +<p>Am Abend, als er hinauskam, war sie wieder da. Sie — nein, der Name +fiel ihm nur nicht ein. Sie war wie alle andern, sie, und auch wie +sonst niemand.</p> + +<p>Sie stand dicht am Wege und reichte ihm die Hand über das Bächlein.</p> + +<p>Mit einem Sprung setzte er hinüber, schlang<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> die Arme um sie und küßte +sie. Sie sah ihn nur an, und er hielt sie fest.</p> + +<p>Da begann sie, ihn in das Moor hineinzuziehen.</p> + +<p>›Wohnst du dort drüben?‹ fragte er und deutete darüber hin. Sie aber +nickte nur.</p> + +<p>Da begann der Grund unter ihm zu wanken. Er sah sich um und merkte, daß +es gerade auf die grundlose Stelle zuging, wo die Kuh im vorigen Jahr +versunken war; da rief er: ›Wir müssen zurück! Komm, komm!‹</p> + +<p>Sie aber schüttelte den Kopf, als wolle sie sagen: ›Ich kann nicht,‹ +und bannte ihm die Augen mit ihrem Blick.</p> + +<p>Er sank bis an die Knie ein. Aber ihm war, als seien es ihre Augen, die +ihn zogen, diese Augen, in die er nun wohl versank.</p> + +<p>›Im Namen Gottes!‹ schrie er.</p> + +<p>Er wußte später nie, wie er frei geworden war. Aber als er wieder auf +dem Weg stand und auf das Moor hinausschaute, da war niemand mehr +zwischen den weißen Blumen.</p> + +<p>Jedermann sagte, das sei die Waldnymphe gewesen, die ihn verlockt habe, +und es sei gut, daß er losgekommen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p> + +<p>Aber er fand keine Ruhe dabei. Er erinnerte sich wohl, daß sie ihn +beinahe in den Sumpf hineingezogen hatte. Und es war ihm doch, als sei +es eine gewesen, wie er — ein Menschenkind, wie er auch ...</p> + +<p>Und er konnte den Gedanken nicht mehr los werden: Ob sie wohl dort +versunken war? Es war ihm, als fühle er an sich selbst, wie sie da +draußen sank und sank. Dann mußte er zum Moor hinaus, wieder und +wieder. Und dann rief er sie mit allen Namen, die er kannte.</p> + +<p>Er dachte: Einmal finde ich wohl den richtigen. Dann kommt sie. Und +dann ziehe ich sie zu mir herüber. Herüber auf den festen Weg.</p> + +<p>Und — ja, er steht wohl noch dort und ruft ...«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Wanduhr schlägt zehn Uhr. Der Pfarrer steht plötzlich auf und sagt, +es sei hohe Zeit für uns, zu Bett zu gehen, für uns, die wir morgen in +aller Frühe aufbrechen müßten.</p> + +<p>Dann setzt er sich ans Harmonium und stimmt ein Abendlied an:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">»Die Sonne sinkt am Himmelsrand, --</div> + <div class="verse indent2">Ich sehn' mich nach dem Morgenland,</div> + <div class="verse indent2">Dem keine Nacht zu eigen,</div> + <div class="verse indent2">Wo frei von Erdenleid und -lust</div> + <div class="verse indent2">Sein Haupt an Gottes eigne Brust</div> + <div class="verse indent2">Darf der Erlöste neigen.</div> +</div> +<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span></p> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Nun sinkt die Nacht auf Flur und Au'n,</div> + <div class="verse indent2">Ich sehne mich nach Edens Gau'n,</div> + <div class="verse indent2">Wo keine Stürme brausen,</div> + <div class="verse indent2">Wo in dem tausendfält'gen Tag,</div> + <div class="verse indent2">Dem eignen Herzschlag Gottes mag</div> + <div class="verse indent2">Still der Erlöste lauschen ....«</div> + </div> +</div> +</div> + +<hr class="tb"> + +<p>Wir nehmen Abschied vom Pfarrer an der offenen Feuerstätte, deren +leuchtende Flammen nun zu einer glimmenden Glut zusammengesunken sind, +die uns von der Asche wie mit roten Augen anstarrt.</p> + +<p>Der Pfarrer sagt, er wolle für uns wachen, bis der letzte Funken +erloschen sei. Und wir verlassen ihn da, wo er alle die roten Augen +bewacht, die sich schließen — eins nach dem andern.</p> + +<p>Denkt er vielleicht an die Seelen hier oben zwischen den fernen Bergen, +an die zerstreuten Funken, die er gerne zu einem flammenden Feuer +vereinigen würde? Oder geht sein Gedanke vielleicht noch immer zurück +zu dem, was gewesen, — vor dreizehn Jahren?</p> + +<figure class="figcenter illowe5" id="illu-076"> + <img class="w100" src="images/illu-076.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="newpage"> +<h2 class="nobreak" id="Das_daenische_Fraeulein">Das dänische Fräulein.</h2> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-079" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-079.jpg" alt="Landschaft"> +</figure> +</div> + +<div class="dc"> + <img class="h6em" id="drop-i2" src="images/drop-i2.jpg" alt="I"> +</div> + +<p class="p0"><span class="hide-first">I</span> m Winter vor dreizehn Jahren gab es in Christiania zwei Menschen, die +in einem bestimmten Kreis die Aufmerksamkeit in hohem Grade auf sich +zogen; eine blendende junge Dame aus Kopenhagen und einen asketischen +norwegischen Pfarrer, dessen kräftige, begeisterte Verkündigung +entweder anzog oder Ärgernis erregte.</p> + +<p><em class="gesperrt">Sie</em> war noch in der ersten Hälfte der Zwanziger, elegant, +lebhaft und begabt, — die Bühne sei ihr heimlicher Wunsch gewesen, +hieß es — unabhängig und reich. Ihren Vater hatte sie als ganz kleines +Kind verloren, ihre<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> Mutter vor etwa einem Jahre. Sie hatte seither in +der großen Wohnung weitergelebt, mit einem Bruder zusammen, der als +Jurist eine gute Stellung hatte, aber verlobt war; also konnte das +Zusammenleben kein dauerndes sein.</p> + +<p>Nach Verfluß des Trauerjahres, im Oktober, war sie auf den Vorschlag +der aus Dänemark stammenden Frau Konsul Hallager, ihrer Tante +väterlicherseits, eingegangen, nämlich nach Christiania zu kommen +und den Winter in deren schönem Heim am Drammensweg zuzubringen. Die +Kopenhagener Geselligkeit kannte sie ja auswendig, nun wollte sie es +einmal mit der norwegischen versuchen.</p> + +<p>»Dann werden wir sie schon hier oben verheiraten,« sagte die Tante. +»Und das wäre auch in jeder Beziehung die passendste Lösung.«</p> + +<p><em class="gesperrt">Er</em> war erst wenig über dreißig, war ein angehender +Schriftsteller in freigeistiger Richtung gewesen, hatte aber, wie es +hieß durch den plötzlichen Tod seines besten Freundes, mit seiner +ganzen früheren Lebensanschauung gebrochen.</p> + +<p>Damals hatte er sich dann auf die Theologie geworfen und war +nun als Pfarrer mit einem flammenden Eifer aufgetreten, mit dem +zweischneidigen<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> Schwert des Wortes, bereit zum Angriff und zur +Verteidigung. Bis jetzt war er noch dritter Geistlicher an seiner +Kirche, füllte diese aber, so oft er predigte, das ganze Jahr hindurch +mehr als seine Oberen.</p> + +<p>Die Frau Konsul empfing ihre Nichte, die sie ein paar Jahre nicht mehr +gesehen hatte, mit überströmender Zärtlichkeit.</p> + +<p>»Laß mich sehen, ob du noch immer so reizend bist? Ja, wahrhaftig, du +hast dich gar nicht verändert!« sagte sie, noch ehe das junge Mädchen +aus dem Eisenbahnwagen gestiegen war. »Dann komm und gib deiner alten +Tante einen Kuß!«</p> + +<p>Reizend konnte sie schon genannt werden — wenigstens in gewissen +Augenblicken — viel eher als eigentlich vollendet schön. Sie wirkte +wie Sonnenschein. Und die Leute wurden von ihren glänzenden Augen, +ihren weißen Zähnen, ihrer blendend schönen Gesichtsfarbe und besonders +von dem Ausdruck übersprudelnden Lebens hingerissen, ohne eigentlich zu +wissen, wie sie aussah.</p> + +<p>»Habt ihr ein besonderes Vergnügen, das ihr mir bieten könntet?« fragte +sie, als sie nach ihrer Ankunft am Frühstückstisch saß.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p> + +<p>»Jawohl,« sagte der Konsul, dem diese erste Mahlzeit, bei der die +Familie versammelt war, die feierliche Veranlassung gab, das Wort zu +ergreifen. Sonst hatte er sich angewöhnt, seinen Teil der Unterhaltung +seiner Gemahlin zu überlassen, die ihren eigenen und den seinigen dazu +mit Glanz besorgte. »Wir haben eine Singhalesentruppe.«</p> + +<p>»Die wir eben gehabt haben.«</p> + +<p>»Und einen großen italienischen tragischen Helden, vor dem alle +weiblichen Herzen schmelzen — —«</p> + +<p>»Und den wir auch gehabt haben.«</p> + +<p>»Dann haben wir einen Pfarrer, der blitzt und donnert.«</p> + +<p>»Die haben wir zu Dutzenden! Das ist nicht vielversprechend.«</p> + +<p>»Ja, hör ihn nur erst einmal,« sagte die Tante, die fand, daß der +Augenblick gekommen sei, wo sie das Wort übernehmen müsse. »Von seiner +Art gehen keine zwölf aufs Dutzend.«</p> + +<p>»Hast du ihn gern, Tante?«</p> + +<p>»Ihn selbst? Ja, mein Kind, er ist ja der Neffe meines Mannes und kommt +oft zu uns. Ich habe die ganze Familie meines Mannes<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> sehr gern. Ja +wirklich, das darf ich wohl behaupten.«</p> + +<p>Der Konsul murmelte etwas, das aber höchstens seine Serviette zu hören +bekam.</p> + +<p>»Aber seine Art zu predigen,« fuhr die Tante fort, »nein, ich bitte +um ein freundliches, mildes Christentum, das trösten kann, aber nicht +erschreckt. Das habe ich ihm selbst mit klaren Worten gesagt, — du +erinnerst dich doch auch daran, Hallager?«</p> + +<p>Die Anrede war mehr bekräftigend als fragend, und die Frau Konsul fuhr +fort, ohne eine Antwort abzuwarten: »Aber begabt ist er. Du mußt ihn +unbedingt einmal hören, denn du gehst doch wohl noch in die Kirche? — +Keine Leberpastete gefällig, selbstgemachte?«</p> + +<p>»Doch, bitte, sie ist ausgezeichnet. — Ja, ich bin doch kein so ganzer +Heide wie Erik. Ich ging mit Mutter immer in die Kirche und tue es +auch seither, bisweilen wenigstens. Aber wenn mich jemand ganz vom +Christentum abbringen könnte, so wären es diese düsteren, verdammenden +Pfarrer! Sie erregen bei mir nur die Lust, ihnen zu widersprechen, und +außerdem glaube ich gar nicht an ihre Heiligkeit. Sie versagen sich +ein<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> paar gleichgültige Dinge, und im übrigen essen und trinken und +freien sie, gerade wie alle andern auch.«</p> + +<p>»Ja, aber dies paßt nun nicht auf Halfdan. Er ißt und trinkt so wenig, +daß seine Schwester ganz bekümmert darüber ist. Und er ist auch nicht +verheiratet.«</p> + +<p>»Das ist merkwürdig — für einen Pfarrer! Ist er auch nicht einmal +verlobt?«</p> + +<p>»Nein, in diesem Stück ist er sehr eigen. Er sagt, es sei ganz +überflüssig viel Heiraterei unter den Pfarrern, und es wäre recht gut, +wenn man sich ein wenig daran erinnerte, daß die beiden größten Apostel +unverheiratet gewesen seien. Das ist ja Paulus — und Petrus — — +nein, — mir ist, als stehe irgendwo etwas von dessen Schwiegermutter. +Nun, dann ist es eben einer der andern.«</p> + +<p>»Vielleicht Johannes,« schlug der Konsul vor; aber es wurde nicht +weiter darüber nachgeforscht.</p> + +<p>»Wohnt dein Pfarrer mit einer Schwester zusammen?« fragte die Nichte.</p> + +<p>»Ja, sie blieben nach des Vaters Tod miteinander in der väterlichen +Wohnung. Die Schwester ist etwas älter als der Bruder und wird sich<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span> +wohl kaum verheiraten. Ich bilde mir immer ein, Alette müsse einmal +eine unglückliche Liebe gehabt haben. Jetzt geht sie vollständig in +ihrem Bruder auf. Es ist ganz ausgezeichnet für ihn, daß er eine so +gesetzte, besonnene und taktvolle Dame im Hause hat, denn die Pfarrer +sind gar vielem ausgesetzt! Aber nun ist sie da, um die vielen — — +angefochtenen Frauenzimmer, die mit solch leerem Gerede zu so einem +Pfarrer kommen, etwas abzuhalten. Die Lust, sich ihm anzuvertrauen, +nimmt etwas ab, wenn sie zuerst die Schwester gesehen haben.«</p> + +<p>»Sie bewacht ihn — das kann ich mir denken.«</p> + +<p>»Ja, das tut sie — und treu.«</p> + +<p>»Das ist gewiß ein Paar, das mir nicht gefallen wird,« sagte die +Nichte. Dann stand man vom Tisch auf.</p> + +<p>— Als die Nichte schon ein paar Wochen in Christiania war, sagte die +Frau Konsul eines Tages zu ihr:</p> + +<p>»Es ist recht arg, daß wir immer so vielerlei vorhatten, sodaß du noch +nicht einmal Halfdan predigen gehört hast. Nun erwarten wir ihn morgen +abend, — so weit man ihn überhaupt erwarten kann. Denn an dem Abend, +wo man<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> ihn eingeladen hat, ist dann immer entweder eine Betstunde, +die gehalten werden muß, oder es liegt irgend jemand im Sterben! Aber +vielleicht kommt er doch, und dann ist das ja ein wenig unangenehm.«</p> + +<p>»Im Gegenteil, es ist ausgezeichnet,« sagte die Nichte. »Er meint wohl, +man könne keine Stunde in Christiania sein, ohne wenigstens die halbe +davon im Vereinshaus zu sitzen und ihm zuzuhören. Ich glaube gar nicht, +daß ich mir irgend etwas aus ihm mache. Wie ich höre, soll er ebenso +kohlschwarz sein wie seine Predigten, ein richtiger Halfdan Svarte. Und +das ist gar nicht nett. Er müßte gerade recht hell sein, — glänzend +hell. Dann wäre es ein pikanter Gegensatz.«</p> + +<p>»Ja, schwarz ist er,« sagte die Tante. »Aber er sieht gut aus, eher zu +gut, sonst wäre es vielleicht doch nicht so gedrückt voll in seiner +Kirche.«</p> + +<p>Am nächsten Abend kleidete sich die Nichte mit mehr als gewöhnlicher +Sorgfalt an; es war ja eine größere Gesellschaft.</p> + +<p>Sie wählte einen ganz neuen Anzug aus dunklem Samt, der am Hals +ausgeschnitten und mit einer indischen Goldstickerei eingefaßt +war. Ihr<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> weißer Hals hob sich blendend weiß aus dem dunkelblauen +Gewand. Nur eine ganz feine, goldene Kette trug sie dreimal um den +Hals geschlungen, und in ihrem lockigen Haar leuchtete eine einzige +feuerfarbige, seidene Mohnblüte.</p> + +<p>»Wir werden ihm ein wenig in die Augen stechen,« dachte sie und nickte +ihrem Spiegelbilde zu. »Das wird ihm gut tun — zur Abwechslung —«</p> + +<p>Es waren schon viele Gäste in dem hellen, schönen Salon versammelt. Und +auch hier, wie fast überall, drehte sich das Gespräch um den Pfarrer +und die Geschichten, die von ihm erzählt wurden.</p> + +<p>»Es ist merkwürdig,« sagte die Dänin zu ihrem Nachbar, »daß ein solcher +Mönch überhaupt in Gesellschaft geht.«</p> + +<p>»Er tut es wohl auch nur bei seinen Verwandten. Vielleicht hofft er, +Gutes zu wirken, auch auf diese Weise.«</p> + +<p>Eine der Damen hatte an demselben Tag eine neue, ganz wahre und +schauerliche Geschichte von ihm gehört.</p> + +<p>»Wissen Sie, was er zu der Tochter des Bürgermeisters K. gesagt hat, +als sie kam, um<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> das Begräbnis ihres Vaters zu bestellen? War Ihr Vater +ein gläubiger Mann? fragte er gleich am Anfang. — Vater pflegte nicht +davon zu sprechen, sagte sie. — Ging er in die Kirche? — Vater war +mehrere Jahre krank. — Aber ehe er krank wurde? — Nicht sehr oft, +glaube ich. — Las er fleißig in der Bibel? — Nicht, so viel ich weiß. +Aber gut war er, mein Vater! — Dann ist ihm die Hölle gewiß. — Aber +da nahm sie das Blatt vom Mund, sie, die Gudrun K. — Wollen Sie meinen +Vater in die Hölle tun? fragte sie. Dann danke ich. Da gehe ich lieber +zu einem Pfarrer, der ihn in den Himmel tun will. Es wird mir nicht +schwer werden, einen solchen zu finden!«</p> + +<p>Während des Stimmengewirrs nach dieser Erzählung, mitten unter dem +Lachen und der Entrüstung, hörte die Nichte eine Stimme, ruhig wie +einen Glockenton, die dicht neben ihr fragte: »Von wem handelt die +Geschichte?«</p> + +<p>Mit einer sekundenlangen, peinlichen Verlegenheit schaute die Frau +Konsul auf. Dann sagte sie entschlossen: »Aufrichtig gesprochen, mein +Lieber, sie handelte von dir.«</p> + +<p>Blitzschnell wandte die Nichte den Kopf.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span></p> + +<p>Kohlschwarz — ja! Fast blauschwarzes, wallendes Haar, von der weißen, +von Gedanken gefurchten Stirn zurückgestrichen, schmale dunkle Augen, +etwas verschlossene, scharf geschnittene Züge, das Kinn und der +bartlose Mund klassisch fein in den Linien, wie die des großen Napoleon.</p> + +<p>»Ja, du mußt entschuldigen, daß du es gehört hast,« sagte die Konsulin, +»es ist recht langweilig.«</p> + +<p>»Im Gegenteil, sie war ganz unterhaltend, und das pflegen sie sonst +nicht zu sein, die Geschichten, die über mich im Umlauf sind.«</p> + +<p>Nun stellte ihn die Tante einigen aus der Gesellschaft vor, die ihn +noch nicht kannten. Nachdem die Begrüßungen ausgetauscht waren, ließ er +sich da, wo er stand, etwas im Hintergrund auf einen Stuhl nieder.</p> + +<p>Die Nichte wandte ihm ihr strahlendes Gesicht voll zu.</p> + +<p>»Ist sie nicht wahr, die Geschichte?« fragte sie.</p> + +<p>Er atmete plötzlich hastig auf, wie wenn er überrumpelt worden wäre. +Ja, sie merkte es gut, obgleich er es nicht sehen lassen wollte.</p> + +<p>Dann sagte er ruhig: »Finden Sie etwa,<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> daß sie mir ähnlich sieht? +Haben Sie mich predigen gehört?«</p> + +<p>»Nein.« Sie freute sich, so antworten zu können. »Während der beiden +ersten Sonntage, die ich an einem neuen Ort bin, gelingt es mir nie, in +die Kirche zu kommen. Aber könnte sie nicht wahr sein?«</p> + +<p>»Nein, denn es ist gerade eine Eigenheit von mir, daß mir die +Verstorbenen so sehr leid tun. Die Lebenden kann ich angreifen, — +und das tue ich gerne. Denn es gehört Kraft dazu, einen Menschen +von sich selbst frei zu machen. Aber — einen Toten! Den stillen, +verteidigungslosen, hilflosen! — Es ist zum Händeringen schwer, daß +man nichts für einen Toten tun kann! Aber über den herfallen, der vor +dem schlimmsten Gericht steht — nein, etwas so Feiges!«</p> + +<p>»Sie wissen ja gar nicht, wie Gott richten wird.«</p> + +<p>»Ich glaube doch, daß man dafür einen ganz guten Maßstab hat. — Aber +ich dachte vorhin nicht an das Gericht Gottes. Ein Toter steht unter +seinem eigenen Gericht. — Mit nackter Seele — —</p> + +<p>Schon von Kind auf wäre ich gerne bis ans<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> Ende der Welt gewandert, +wenn ich dadurch einem Toten ein Versteck in meinem Herzen hätte bieten +können! Und ich kann diesen Gedanken noch immer nicht los werden, +selbst jetzt noch nicht.«</p> + +<p>Es fiel ihr auf, wie weich seine Augen doch waren, wie sie gleichsam +das sammetweiche, verschlossene Dunkel des Nachthimmels hatten.</p> + +<p>Ihr eigenes Gesicht wurde ernst bei seinen Worten. »Ich verstehe dieses +Gefühl gut,« sagte sie. »Ich habe sehr liebe Verstorbene.«</p> + +<p>»Ich weiß es, Sie Ärmste!«</p> + +<p>Dies klang so natürlich, so wenig überlegen, daß es ihr, obgleich +sie in diesem Augenblick gerührt war, doch nicht gefiel. Er war so +selbstbewußt und unerschütterlich! —</p> + +<p>Seine Schwester war mit ihm gekommen; aber sie hatte ein stilles +Talent, sich der Aufmerksamkeit zu entziehen, um diese ungeteilt auf +den Bruder richten zu können, so daß niemand weiter acht auf sie gab, +bis die Nichte zu ihr trat und sie anredete.</p> + +<p>Alette glich ihrem Bruder in den Zügen ein wenig, war aber blond und +hatte blaugraue Augen, die aus der Entfernung sehr kühl aussahen,<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> in +der Nähe aber herzlich sein konnten. Ja, aber nicht immer, wie die +Nichte bald entdeckte. Sie hatte geglaubt, das Fräulein werde dankbar +dafür sein, daß sich jemand mit ihr abgab, sah aber nach einer kurzen +Unterhaltung ein, daß ihre Zurückhaltung voller Selbstgefühl war, und +daß sie sich nicht das geringste daraus machte, sich mit andern, als +die sie selbst wählte, einzulassen.</p> + +<p>Die Nichte war denn auch rasch mit ihr fertig und mischte sich wieder +unter die andern.</p> + +<p>Dann kam das Essen, stehendes Büfett, wo die Nichte der Tante bei der +Versorgung der Gäste behilflich sein mußte.</p> + +<p>Hierauf setzte sich eine ältere Cousine, die dreißig Tänze auswendig +konnte und deshalb rundum in der Familie eingeladen wurde, ans Klavier, +und die großen Tische im Eßzimmer wurden auf die Seite gerückt, damit +die jungen Leute ein Tänzchen machen konnten.</p> + +<p>Die Nichte besann sich einen Augenblick, dann ging sie quer durchs +Zimmer zu dem Pfarrer hin, der an der Salontür lehnte, und verneigte +sich vor ihm in all ihrem Glanz.</p> + +<p>Er verbeugte sich tief, so tief, daß er noch<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> nicht ganz fertig war, +als sie sich wieder aufrichtete.</p> + +<p>»Ich danke, aber ich tanze nicht.«</p> + +<p>»Sind Sie zu fromm dazu?« Sie hatte sich darnach gesehnt, ihm diese +Worte zuschleudern zu können.</p> + +<p>»Gefällt es Ihnen vielleicht, wenn ein Pfarrer tanzt?«</p> + +<p>»Jawohl,« entgegnete sie schnell. »Ich tanze selbst sehr gern und —«</p> + +<p>»Wenn er von einem wilden Galopp — mit flatternden Rockschößen — zu +einem krebskranken Mann geht, wie ich nachher? Dann sind Sie genügsamer +als ich. Den Pfarrer möchte ich nicht an meinem Sterbebette haben.«</p> + +<p>»Nein, natürlich nicht, wenn Sie zu einem Kranken müssen.«</p> + +<p>»Übrigens hätte ich das eigentlich nicht von Ihnen gedacht. Ich hätte +geglaubt, daß Sie die Pfarrer eher zu weltlich als zu enthaltsam +fänden.«</p> + +<p>Das war im Grunde auch wahr, so daß sie ihm nicht widersprechen konnte.</p> + +<p>»Ihr Kranker,« sagte sie mit etwas röteren Wangen, »wird er bald +sterben?«</p> + +<p>»Sehr bald.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p> + +<p>»So helfen Sie ihm — vorher.«</p> + +<p>»Das ist es gerade, was ich versuche,« antwortete er kurz. Und sie +wußte wohl, daß er keinen Gefallen an ihr fand.</p> + +<p>Aber die Schwester noch weniger. Sie fühlte es, als sie nach diesem +Gespräch an ihr vorüber kam und von der mißbilligendsten Kühle der +blaugrauen Augen getroffen wurde. Doch die Huld und Gnade dieses Paares +konnte sie wohl entbehren!</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der nächste Sonntag kam herbei. Die Frau Konsul hatte Schnupfen und +wagte nicht, in die Kirche zu gehen.</p> + +<p>»Die Luft in der Kirche ist am allerschädlichsten, wenn man erkältet +ist,« sagte sie. »Und ich möchte die Gesellschaft bei Bödkers nur sehr +ungern absagen. Sonst ist es mir sehr leid, wenn ich drei Sonntage +vergehen lassen muß, ohne das Gotteshaus zu besuchen. In welche Kirche +willst du gehen?« fragte sie die Nichte, die eben den Hut aufsetzte.</p> + +<p>»Ich weiß nicht recht,« erwiderte diese, während sie einen weißen +Schleier um ihren Hut band, in dem Gedanken, daß dieser sie etwas<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> mehr +in die Augen fallend mache. »Vielleicht gehe ich hin und höre Halfdan +Svarte donnern,« fügte sie kurz nachher hinzu, »wenn es noch nicht zu +spät ist.«</p> + +<p>»Nein, zur Predigt kommst du gerade noch recht.«</p> + +<p>Sie tat es; und sie kam noch zeitig genug, obgleich sie ihn eigentlich +recht gerne bei der Liturgie gehört hätte. Er war ja wegen seiner +schönen Stimme bekannt.</p> + +<p>Wie sie so dastand, — von sitzen war keine Rede, wenn man so spät +kam, — hatte sie die Kanzel gerade vor sich und konnte noch besser +als neulich sein Gesicht studieren, konnte sehen, welche feine Linien +Mund und Kinn hatten, und wie schön er sie bewegte, wenn er sprach. +Die Mundwinkel waren besonders anziehend. Der untere Teil des Gesichts +hatte wirklich die Schönheit des großen Franzosenkaisers.</p> + +<p>Auf einmal wußte sie es. Hier auf der Kanzel sah er ganz so aus, wie +Napoleon auf der Brücke von Arcole. Hier war derselbe Blick, mit dem +jener zurückschaut, ob seine Leute ihm folgen, — mit der ganzen +Energie des konzentrierten Willens, um sie vorwärts zu treiben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p> + +<p>Ob sie ihm nachfolgen, — — nicht, wer sie sind, nicht, wie sie +aussehen ... Sie fühlte es, vor diesen Augen verschwanden hundert +weiße Schleier wie Nebel vor der Sonne, sie fühlte, daß alle Farben, +alle Schönheit eines Gesichts diese Augen nicht aufhalten konnten auf +ihrem Wege nach innen, um einzig und allein darnach zu sehen, ob die +Seele, ihre ganze Fähigkeit aufs höchste angespannt, ihm folge auf dem +Wege dahin, wohin er voranschritt, das Banner über seinem Haupte hoch +erhoben.</p> + +<p>Sie schlug die Augen nieder. Sie fühlte, sie war nicht mit in dem Strom +des Wollens, der ihm aus all den aufgerichteten Augen entgegenfließen +sollte, als ein Ja und Amen auf das, was er verlangte.</p> + +<p>Als er die Kanzel verließ, erst da wurde es ihr klar, daß sie beinahe +nichts von seiner Predigt gehört hatte.</p> + +<p>Was sollte sie nun der Tante sagen, die es liebte, den Gottesdienst — +oder besser gesagt, die Predigt — bei Tische zu besprechen? Natürlich +war sie kraß, und sie handelte ja von der Verklärung auf dem Berge, — +diese beiden Tatsachen ließen sich vielleicht etwas weiter ausgeführt<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span> +glücklich verwenden, so daß der eigentliche Mangel verborgen blieb.</p> + +<p>Während des Gesangs sah sie ihn wieder an. Da wandte er ja der Gemeinde +den Rücken, aber sie war so weit auf der Seite, daß sie ihn ungefähr im +Profil hatte. Seine Augen waren auf das große Kruzifix über dem Altar +gerichtet.</p> + +<p>Und plötzlich sah sie seinen Blick wie einen Blitz aus der dunklen +Tiefe der Augen hervordringen. Dieser Blick war ein Feuer — eine +Feuersglut, die die gemarterte Gestalt vor ihm umschloß — von den +durchbohrten Füßen an bis zu dem dornengekrönten Haupt. In diesem Blick +lag die ganze Seele. Und diese Seele war Feuer.</p> + +<p>Wo sie im Lauf des Tages stand oder ging, immer sah sie den Blick, wie +er sich, einer Flamme gleich, einen Weg brach. Und jedesmal empfand sie +ihn wie einen brennenden Schmerz.</p> + +<p>War es, weil sie selbst ihren Mangel fühlte an dem Einen, dem Einzigen, +zu dem man solch einen Blick erhebt? Ja, daher kam es wohl!</p> + +<p>— Bei Bödkers war man nur im kleinen Familienkreis versammelt, aber +sie ging der entzückenden Kinder wegen sehr gern hin. Das<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> jüngste +der Flachsköpfchen dort hatte bei ihrem ersten Besuch seine runden +Ärmchen von hinten um ihren Hals geschlungen und gesagt: »Ach ... <em class="gesperrt">du +dänisches Fräulein</em>!«</p> + +<p>Die Erwachsenen in der Familie hatten diese Benennung dann aufgenommen, +und nun wurde sie ausschließlich so genannt.</p> + +<p>Es war so reizend, die Kinder um sich zu haben, die leuchtenden, +goldblonden Köpfchen innig an sich geschmiegt.</p> + +<p>Der Pfarrer und seine Schwester waren auch da. Sie kamen spät und +mußten natürlich gleich nach dem Essen wieder weg zu einer der ewigen +Versammlungen. Er sah müde aus und sprach fast nichts. Überhaupt, wie +konnten die norwegischen Männer schweigen! — Die Schwester schien das +ganz in der Ordnung zu finden, daß ihn hier niemand dazu brachte, den +Mund aufzumachen. Aber das dänische Fräulein wollte mit ihm reden, sie +wollte ihn herausfordern. Sie fühlte, daß er sich nichts daraus machte, +und das reizte sie.</p> + +<p>Bei Tisch unterhielt sie alle die andern — fröhlich und lebendig, — +aber beim Kaffee trat sie zu ihm, als er einen Augenblick allein stand.</p> + +<p>»Heute habe ich Sie also predigen hören.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p> + +<p>»Ich sah Sie — ja.«</p> + +<p>»Sie waren sehr streng.« — Sie konnte wohl annehmen, daß er das +gewesen war.</p> + +<p>»Stimmte das, was ich gesagt habe, nicht mit der Bibel überein? Dann +können Sie ja meine Worte einfach kassieren, sonst aber müssen Sie Ihre +Klage höheren Orts vorbringen.«</p> + +<p>»Wie übervoll Ihre Kirche war!« Es war doch wohl besser, von der +Predigt abzulenken.</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Entgegenkommend war er nicht. Aber so leicht gab sie ihre Sache nicht +auf.</p> + +<p>»Wissen Sie, heute ist es mir klar geworden, wie ein Gesicht +verklärt, das heißt enthüllt wird. Dies geschieht, wenn das Gefühl, +das das tiefste in einem Herzen ist, das die Persönlichkeit enthält, +hervorbricht.«</p> + +<p>Keine Antwort. Es war ihr, als sehe er ungeduldig aus.</p> + +<p>»Ich wünschte, ich könnte mit Ihnen zu der Versammlung gehen,« begann +sie wieder.</p> + +<p>»Warum?«</p> + +<p>»Weil — hier ist es nicht sehr unterhaltend.«</p> + +<p>»Ja, — das ist ein sehr guter Grund.«</p> + +<p>Sie merkte, daß er gehen wollte — und da<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> schaute sie ihm plötzlich +gerade in die Augen. »Warum versuchen Sie es nicht, mich zu bek....., +ja, auf mich einzuwirken? Bin ich vielleicht nicht würdig genug?«</p> + +<p>Er hielt ihren Blick mit unerschütterlichem Ernst aus, ohne eine Spur +von Weichheit in den Augen.</p> + +<p>»Die Unwürdigen sind es, die ich suche,« sagte er. »Und gerade das — +ich weiß nicht, ob Sie ...... Ich habe mir keine Gedanken über Sie +gemacht, aber Sie machen eher den Eindruck, als ob Sie überhaupt keine +geistlichen Begriffe hätten, im tiefsten Sinne genommen.«</p> + +<p>Sie lachte. »Wie schmeichelhaft! Ja, was fehlt mir denn Ihrer Ansicht +nach?«</p> + +<p>»Die Hilfsbedürftigkeit. Sie haben ja Überfluß, und es fehlt Ihnen +nichts.«</p> + +<p>»Woher wissen Sie das?«</p> + +<p>»Ich höre es, ich sehe es. Sie wissen Auswege, und Sie verstehen +auszuweichen. Wo der Ernst des Lebens Ihnen entgegentritt, lassen Sie +ihn als Gesprächsthema schnell wieder fallen. Sie lassen sich dadurch +nicht in Angst jagen. Wenn die Hilfsbedürftigkeit bei einem Menschen +die Oberhand gewinnt, den Kopf hervorstreckt —<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> angstvoll wie ein +Ertrinkender —, dann ist die Stunde gekommen, ihm eine Planke zu +reichen, die ihn tragen kann. Aber nicht dem, der sich sicher fühlt und +nach der Rettungsplanke — nur hintänzeln will.«</p> + +<p>Sie hatte aufgehört zu lachen. Denn sie fühlte, daß das Lachen leicht +in Weinen umschlagen könnte.</p> + +<p>Nun wandte sie sich ab, ohne noch ein Wort hinzuzufügen. — — Und da +fühlte sie, daß er sie gerne zurückgehalten hätte, daß er bereute, sich +übereilt zu haben. Aber so leicht — — nein, so leicht sollte es ihm +doch nicht gemacht werden.</p> + +<p>Sie verschanzte sich hinter den Stuhl ihrer Tante und blieb da +sitzen, bis er sich verabschiedete. Und da reichte sie ihm nur die +Fingerspitzen über die Stuhllehne weg, ohne aufzusehen. Und es half ihm +nichts, daß eine zögernde Bitte in seinem Händedruck lag.</p> + +<p>An der Tür des Eßzimmers blieb er plötzlich stehen und sagte: »Nicht +wahr, gnädiges Fräulein, Sie fragten vorhin nach meinem Krebskranken? +Es ist mir etwas eingefallen, was ich Ihnen gerne von ihm erzählen +möchte.«</p> + +<p>Wie überrascht stand sie auf. »Meinen Sie<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> mich?« fragte sie und folgte +ihm langsam und zögernd ins Eßzimmer.</p> + +<p>Hier streckte er ihr beide Hände entgegen. »Habe ich Sie verletzt? +Bitte, verzeihen Sie mir!« Sie stand unbeweglich vor ihm und erwiderte +nichts, wenigstens nicht gleich.</p> + +<p>»Nicht ich habe gesucht,« fuhr er fort, »ein Gespräch mit Ihnen +anzuknüpfen. Meine Absicht war es, Ihnen auszuweichen. Ich meine — wir +beide sind so sehr verschieden — — Aber das ist keine Entschuldigung, +das weiß ich. Ich bitte Sie, vergeben Sie mir.«</p> + +<p>Jetzt schaute sie auf. »Sie tun mir Unrecht,« sagte sie. »Weil ich +lebhaft bin und vielleicht mein Äußeres gegen mich spricht, sprechen +Sie mir sogleich jeglichen Ernst ab. Das ist sehr oberflächlich +geurteilt.«</p> + +<p>»Nein, Sie täuschen sich. Begabung und Schönheit sind keine Hindernisse +für das Christentum, und ich würde sie nie als solche betrachten. Es +kam mir nur vor, als seien Sie mit so wenig zufrieden, als begehrten +Sie gar nicht mehr und nichts anderes. Ist es nicht so, wirklich nicht?«</p> + +<p>»Nein, nein, doch nicht ganz.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span></p> + +<p>Ihre eigene Stimme klang ihr wie die einer Fremden. Sie klang so +ängstlich.</p> + +<p>»Ich wünschte, Sie könnten jetzt mit mir gehen,« sagte er nach einer +Weile. »Dann würde ich mit Ihnen reden. — Aber nicht mit einem weißen +Schleier auf dem Hut, der würde dort zu sehr abstechen — da, wohin ich +jetzt gehe.«</p> + +<p>Sie sah ihn an mit dem Schimmer eines forschenden Lächelns im Auge.</p> + +<p>»Ich wollte, ich könnte,« sagte sie. »Ich würde ein altes Tuch um +den Kopf binden wie die gewöhnlichste Frau. Aber versuchen Sie so zu +sprechen, daß ich es verstehen kann.«</p> + +<p>»Ich will sehen, was ich tun kann. — Doch nun adieu!«</p> + +<p>Er konnte auch lächeln! Und die dunklen Augen waren so mild, daß sie +seinen Blick fühlte wie eine Berührung.</p> + +<p>»Doch was macht der Patient?«</p> + +<p>»Es geht ihm besser, — in geistlicher Hinsicht.«</p> + +<p>Während sie zu den andern zurückkehrte, dachte sie: »Wenn er sich +nur das nächstemal auch wieder übereilen würde! Die Verpflichtung, +es wieder gut zu machen, wird immer groß bei ihm sein. — Und sonst +interessiere ich ihn ja<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> nicht, während doch jede glattgekämmte +Vereinsdame dessen ganz sicher sein kann.«</p> + +<p>Aber das nächstemal ließ auf sich warten.</p> + +<p>Die Schwester hatte wohl die Szene in der Eßstube bemerkt und +ihn gewarnt. Die selbstbewußte Alette hatte ja erklärt, daß die +Kopenhagener kein ernsthafter Menschenschlag seien, und sie, das +dänische Fräulein, sicherlich als die schlimmste dieser leichtsinnigen +Rasse hingestellt. Überhaupt — jemand mit gekräuseltem Haar, schlanker +Taille und kleinen Füßen konnte keinen Lebensernst haben. So einer +mußte man nur ausweichen.</p> + +<p>Und die Männer sind so naiv, so ganz von dem rein Äußerlichen gefangen +genommen! Es gibt Frauen, von denen man sie immer glauben machen kann, +daß sie sich vor ihnen hüten müßten. Sie kannte Frauen, die geglaubt +hätten, sie seien verloren, wenn sie Stirnlocken trügen, die in der +Sonntagsschule unterrichteten und das bescheidene Auftreten angenommen +hatten, das förmlich um Entschuldigung bittet, daß man überhaupt da +ist, und die aber nachher doch ganz gut wußten, was sie wollten. Aber +diese waren sicher, stets vollkommenem Zutrauen zu begegnen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p> + +<p>Aber so eine wie das dänische Fräulein, die versuchte man nicht einmal +zu bekehren. Dazu hatte man ja die Armenhäusler und die Fabrikmädchen! +Wie sonderbar, daß Männer wie dieser Pfarrer so wenig in ihrem eigenen +gebildeten Kreise wirken! Das wollte sie ihm doch das nächstemal zu +bedenken geben. Ja, das nächstemal, das nicht kommen wollte!</p> + +<p>Die ganze Woche verging. Sie wurde es so müde, in Gedanken lange +Gespräche zu führen, die immer gelangen, die immer ein erstaunlich +günstiges Resultat hatten, daß sie sie gern alle um ein einziges +kleines wirkliches, mißglücktes Zwiegespräch hingegeben hätte.</p> + +<p>Dann kam der Sonntag. Aber da predigte er nicht einmal.</p> + +<p>»Gehst du nie in die Betstunde, Tante?« fragte die Nichte am Morgen, +die Zeitung in der Hand.</p> + +<p>»Nein, Kind, ich will lieber meine Erbauung in der Kirche haben. +Aber ich habe gar nichts dagegen und lasse auch die Dienstmädchen +abwechslungsweise hingehen, wenigstens manchmal. Heute abend soll +Margit gehen und Halfdan in dem Vereinshaus in der Kalmeyerstraße +hören. Ich glaube, er spricht über die Freiheit.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p> + +<p>»Ich hätte beinahe Lust, mitzugehen. Ich will es einmal versuchen.«</p> + +<p>»Ja, dann begleitet sie dich.«</p> + +<p>Es war sehr voll in dem Vereinshaus und sehr heiß. Voll von Menschen, +die nicht ganz in derselben Tonart sangen. — Freiheit — ja, um alle +hinauszukehren und frische Luft hereinzulassen, das war es, was sie in +diesem Augenblick am meisten gewünscht hätte.</p> + +<p>Als die hohe, dunkle Gestalt die Rednerbühne betrat und über die +Versammlung hinschaute, kam es ihr plötzlich vor, als ob sein Blick +kalt und müde werde.</p> + +<p>»Er hat mich entdeckt,« dachte sie.</p> + +<p>Es war deutlich, daß sie ihn störte. War nicht etwas Gezwungenes, etwas +Unwirkliches in seinem Gebet? Riß es denn ihn und alle die andern mit?</p> + +<p>Dann kam die Rede. <em class="gesperrt">Freiheit</em>, — das Wort, das einem den Atem +benimmt, dessen bloßer Ton schon dies und jenes sprengt, das Wort, das +das ganze Brausen des entfesselten Sturms hat — würde er von solcher +Freiheit sprechen? Er, der nichts wünschte, als die Fesseln um sich und +andere fester zu ziehen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p> + +<p>Nun ja, man hätte es sich ja denken können, daß er es so auslegen würde.</p> + +<p>Man werde in Knechtschaft geboren und lebe gebunden, — ja, das sei man +ja an vielen Orten. Nicht allein von harten Verhältnissen, Krankheit, +Kummer, Armut, Tyrannei anderer, von all dem, was man sein böses +Schicksal nenne, unter dem man seufze. All dies sei nicht als Fessel +zu rechnen. — Ach, sie dächte doch! — Oder besser gesagt, es komme +alles von <em class="gesperrt">einem</em> her, von dem Joch, dem eisernen Joch, das »die +sündige Natur« heiße — von diesem eisernen Joch, das ein wahnsinniger +Mensch im Anfang der Zeiten einmal auf seine Schultern genommen habe, +in dem falschen Glauben, daß es die Freiheit sei, und der dann damit +zusammengewachsen sei, mit dem eisernen Joch, unter dem man nun geboren +werde, das mit jedem Tag schwerer werde, immer tiefer ins Fleisch +einschneide und einen immer mehr zur Erde hinunterdrücke, schließlich +bis in den grundlosen Pfuhl des Todes ....</p> + +<p>Ja natürlich, es lag etwas Unfreies darin, daß man so viele Fehler +hatte! Aber sie hingen doch auch mit den guten Seiten eines Menschen<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span> +zusammen .... Ja, vielleicht war es gerade dieses Verwachsensein, was +er meinte —</p> + +<p>Dann ging er dazu über, zu erklären, was Freiheit sei.</p> + +<p>»Freiheit ist nur eins, Aufhebung der Knechtschaft. Das eiserne Joch +unter die Füße treten. Aber wer ist dazu tüchtig? Wir kraftlose +Menschen nicht, die nicht einmal das geringste bemeistern können — +Krankheit, Kummer, Armut — wer von uns kann aufstehen und das eiserne +Joch seiner eigenen sündigen Natur brechen?«</p> + +<p>Dann, — dann sprach er von einem, der das getan habe, einer, der +selbst nicht unter dem eisernen Joch geboren war, der aufrecht, ganz +aufrecht und frei durch die Reihen der Gebeugten schritt, der es aber +den andern abnahm, es den niedergebeugten Rücken der Menschen entriß +mit starken, reinen Händen, und es auf blutigen Schultern trug, der +seine Handflächen wund riß, um es entzwei zu brechen. — Einer, der +Liebe genug hatte, um selbst unter diesem eisernen Joch zu Boden zu +stürzen, unter ihm zermalmt zu werden, — aber auch Lebenskraft genug, +heilige, ungebrochene Lebenskraft, um eines Morgens<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> aufzustehen, +und das Joch unter die Füße zu treten, damit »du wirklich frei sein +solltest«.</p> + +<p>»Bist du frei? Vielleicht hast du es gar nicht gefühlt, daß du ein +Sklave bist. So wahnsinnig töricht ist ja die Welt immer noch, daß sie +meint, das eiserne Joch, das sei die Freiheit. Daß sie es wagt, zu +behaupten, daß die Freiheit um so größer sei, je tiefer sie einen in +den Schmutz hinunterdrücken könne. Die Befreiung von dem Joch dagegen, +das nennt sie Knechtschaft.</p> + +<p>Doch im tiefsten Innern des Menschen findet sich eine Stelle, wo die +Wahrheit ihren Sitz hat, und von der aus er richtig sehen kann, wenn +er selbst nur will. Und wenn der Ruf, der große Ruf der Wahrheit durch +die Welt geht, wenn er mit dem Flügelschlag des Geistes durch die Welt +tönt und laut in Klarheit das bekräftigt, was du selbst dunkel fühlst, +dann bist du dafür verantwortlich, wie du wählst. Aus der Weltklugheit +heraus, die, wie du im tiefsten Innern wohl weißt, Lüge ist, oder +aus der Wahrheit. Entweder Knechtschaft — Knechtschaft unter deine +eigene sündige Natur — oder Freiheit durch den einen Einzigen, der das +eiserne Joch zerbrechen kann, auch für dich. — Auch hier in diesem +Saal<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> gibt es eine Wahl, — merk dir das! Auch in dieser Stunde werdet +ihr zur Freiheit berufen, meine Brüder!« — —</p> + +<p>Nach der Rede wurde der Pfarrer von all denen, die ihm zum Dank die +Hand drücken wollten, förmlich belagert. Das war wohl so Sitte nach den +Betstunden.</p> + +<p>»Geh du nur heim, Margit,« sagte das dänische Fräulein zu dem +Dienstmädchen. »Meine Tante wird dich wohl beim Teetisch nötig haben. +Es sind Bekannte von mir da, die ich gerne begrüßen möchte, und ich +gehe dann mit ihnen.«</p> + +<p>Langsam lichteten sich die Reihen, während sie der Mitte des Saales +zuschritt. Es war ihr, als halte er die andern zurück, während sie +näher trat. Tat er es, um ihr auszuweichen? Oder — nein, das konnte +nicht sein — um sie zuletzt und allein zu haben. — Sie wurde die +Letzte.</p> + +<p>»Sind Sie allein?« fragte er wie erstaunt.</p> + +<p>»Und Sie?« hätte sie beinahe mit einer Art Jubel im Ton ausgerufen, +aber sie antwortete nur: »Ja, ich habe das Mädchen heimgeschickt, weil +es so spät wurde.«</p> + +<p>»Meine Schwester hat einen sehr schlimmen Husten,« sagte er, ohne +einen Zusammenhang<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> mit ihren Worten. Aber ihr war es, als verstünden +sie eins des andern Gedankengang, und als sei seine Bemerkung ganz +selbstverständlich.</p> + +<p>Es war auch selbstverständlich, daß er mit ihr den Saal verließ und +neben ihr her ging.</p> + +<p>Sie sprachen die ganze Zeit von der Freiheit — davon, daß man frei +werden müsse, frei von — von dem, »das bindet«, sagte sie. »Bei dem +Wort Freiheit — ich liebe es — denke ich meistens an die Freiheit, zu +handeln.«</p> + +<p>»Das kommt auf eins heraus. Das eine folgt aus dem andern.«</p> + +<p>»Ja, das kann wohl sein, aber es ist doch nicht dasselbe. Sie sprachen +aber doch nicht von <em class="gesperrt">meiner</em> Freiheit — meiner Freiheit, zu ... +Was Sie darüber sagen würden, das zu hören hatte ich mich gesehnt. +Verstehen Sie nicht? Die Freiheit, die gleichsam mit einem fortbraust, +fort in einen ungeheuren Raum, wo es keinen Zwang gibt. Die Freiheit, +zu — — zu denken, sprechen, fühlen, zu leben wie ich, gerade ich, +will und mag. Das Recht, ich selbst zu sein, dem Drang meiner eigenen +Persönlichkeit zu folgen, wie der Vogel, der fliegt, und wie der Fisch, +der schwimmt.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p> + +<p>»Wo finden Sie diese?« fragte er. »Den Drang kenne ich recht +gut. Vielleicht war er es, der mich, mehr als alles andere, +hinauswarf, hinaus in die große Freiheit. Den Tummelplatz für seine +Persönlichkeit, die Luft für den Vogel, das Wasser für den Fisch — das +<em class="gesperrt">Lebenselement für das Leben des einzelnen</em> — mit dem jubelnden +Recht da zu sein, zu atmen, sich zu bewegen als der, der man ist, — in +seiner tiefsten und wahrsten Bedeutung — — wo findet sich das?«</p> + +<p>Unwillkürlich entfuhr ihr, — obgleich sie dies früher niemals mit dem +Gedanken an Freiheit verbunden hatte: »In dem Herzen eines anderen +Menschen.«</p> + +<p>»Ja, — — ja, da würde man es noch am ehesten finden. Aber dies ist +trotzdem ein begrenzter Raum, ein Menschenherz hat Grenzen. Man stößt +mit der Stirne an, auch da. Nur <em class="gesperrt">ein</em> Herz ist unbegrenzt. Nur +an <em class="gesperrt">einem</em> Ort kann man aus tiefster Seele aufatmen, in das +Weltenmeer untertauchen.« —</p> + +<p>»Ja — aber sind Sie denn nicht gebunden, — gebunden — —«</p> + +<p>»Von <em class="gesperrt">meiner</em> Freiheit? Doch. Aber ihr<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> Joch drückt nicht nieder. +Sie ist gleich Flügeln, die tragen nach oben — unwiderstehlich!«</p> + +<p>Plötzlich blieb er stehen und sah sich um.</p> + +<p>»Darf ich Sie hier in eine Straßenbahn setzen?« sagte er. »In einem +Haus ganz in der Nähe liegt ein kleines Mädchen, sterbend, schon tot +vielleicht, dessen Mutter ich besuchen möchte.«</p> + +<p>»Dann warten Sie um meinetwillen nicht auf die Straßenbahn,« sagte sie +hastig. »Gehen Sie nur gleich!«</p> + +<p>»Nein, nein — ich lasse Sie nicht allein auf der Straße stehen. Der +Wagen könnte ja besetzt sein.«</p> + +<p>»Könnte ich dann nicht —?« Sie hielt inne, bange vor einer +abschlägigen Antwort.</p> + +<p>»Mit hinaufgehen? Doch. Aber es ist ein trauriger Anblick. Das Kind ist +taubstumm. Und das erschwert alles so sehr.«</p> + +<p>Sie gingen durch ein paar Gäßchen, die sie nicht kannte. »Karl XII. +Straße,« las sie im Laternenschein an einer Ecke.</p> + +<p>Vor einem niederen, alten Haus hielt er an. »Einundzwanzig,« sagte er. +»Hier ist es.«</p> + +<p>Sie gingen durch das Tor und auf ein dunkles Loch zu. Er zündete ein +Streichholz an, und<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> in dessen flackerndem Licht sah sie einen kleinen, +dunklen Hof — er schien wie dazu geschaffen, von Ratten zu wimmeln — +und eine Treppe, die zu einem Altan führte.</p> + +<p>Die morschen Stufen krachten unter ihren Tritten. Der Pfarrer tastete +den Gang entlang bis zu einer Tür, wo er anklopfte.</p> + +<p>Eine Frau, alt aussehend mitten in jungen Jahren und mit verweinten +Augen, machte ihnen auf.</p> + +<p>»Ich bin es, der Pfarrer. Ich mußte noch einmal sehen, wie es bei Tulla +steht.«</p> + +<p>Die Frau schüttelte nur den Kopf.</p> + +<p>Sie traten in eine kleine, ganz reinliche Stube. Neben einem großen +Bett stand ein kleineres, worin sich etwas bewegte mit tastenden +Händchen und einer kleinen, stöhnenden Brust. Da lag ein Kind von zwei +bis drei Jahren, den Tod im Gesicht, mit großen hilflosen, erschreckten +Augen, die nichts von der Qual begreifen konnten, die es überwältigte. +Der Atem drang wie ein hartes Zischen über die fiebertrockenen, +offenstehenden Lippen, die mit einer bräunlichen Kruste bedeckt waren.</p> + +<p>Der Pfarrer und seine Begleiterin traten an<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> das Bettchen. Einen +Augenblick betrachtete sie stumm das Kind, — dann wandte sie sich +plötzlich zu der Frau und küßte sie.</p> + +<p>Die Mutter brach in Tränen aus. »Liebe Tulla,« sagte sie, »liebe Tulla!«</p> + +<p>Das Fräulein trat ans Fenster und öffnete einen Flügel.</p> + +<p>»Um ihr den Atem zu erleichtern,« sagte sie. »Hier ist es so beklommen.«</p> + +<p>Von dem weiten, ruhigen Sternenhimmel her strich ein Strom reiner +und kühler Luft herein. — — Dann nahm das Fräulein ihr Flakon mit +kölnischem Wasser, das sie mit in die Betstunde genommen, aber nicht +benützt hatte, und träufelte von dem Inhalt auf das Kissen um das +kleine, fahle Gesicht her, — das Kind atmete plötzlich etwas hurtiger +und tiefer.</p> + +<p>Ein Glas mit Wasser und Saft stand neben dem Bett, aber die Kleine +konnte nicht mehr schlucken. Das Fräulein befeuchtete ihren Finger +in dem Glas und begann dem Kinde die harten, vertrockneten Lippen zu +netzen. Sie war so froh, daß sie ein klein wenig äußerliche Hilfe +leisten konnte, etwas anderes konnte sie doch nicht bringen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p> + +<p>»Sie sind ja eine ganze Krankenpflegerin, Frau Pfarrer,« sagte die +Frau, während der Pfarrer seinen Überzieher auf einen Stuhl legte.</p> + +<p>Sie nickte nur dazu. Es wäre so umständlich gewesen, die Frau +aufzuklären.</p> + +<p>»Nein, daß der Herr Pfarrer auch noch seine Frau mitgenommen hat!« fuhr +die Frau fort, als dieser wieder an das Bett trat.</p> + +<p>Nun kam die Aufklärung mit Blitzesschnelle.</p> + +<p>»Dies ist ein dänisches Fräulein, das von der Betstunde aus mitkam. Ich +bin nicht verheiratet.«</p> + +<p>Die Eile, mit der er diesen belastenden Verdacht zurückwies, trieb ihr +das Blut in die Wangen, aber sie fuhr ruhig fort, sich mit der Kleinen +zu beschäftigen.</p> + +<p>Plötzlich sah der Pfarrer auf den Finger, mit dem sie über den Mund des +Kindes strich.</p> + +<p>»Tuberkulose,« sagte er leise.</p> + +<p>»Ja,« antwortete sie, als ob sie den Gedanken nicht verstünde. Aber sie +wünschte, daß sie eine kleine Wunde am Finger hätte und daß er es sehen +würde.</p> + +<p>Das Kind rang nach Luft mit den krampfhaft<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> unruhigen Händchen und +Füßchen, mit ausgedehnten Nasenlöchern und zuckenden Lippen.</p> + +<p>»Meine kleine Tulla,« sagte die Mutter, die neben dem Bettchen auf den +Knien lag. »Mutter ist hier. — Kannst du Mutter sehen, Tulla? Mutter +würde dir so gern alles abnehmen, wenn sie nur könnte!«</p> + +<p>Sachte schob der Pfarrer eine Hand unter das Kissen des Kindes und +richtete dessen Köpfchen ein wenig auf.</p> + +<p>Während sich die beiden so in vereinter Fürsorge um das sterbende Kind +bemühten, stieg plötzlich ein Gedanke in ihr auf, der ihr das Blut +noch heißer in die Wangen trieb als vorhin. Stieg vielleicht derselbe +Gedanke auch in ihm auf?</p> + +<p>»Lasset uns beten!« sagte er — mit einem Ton, als ob er sich selbst +unterbreche. »Wir wollen sie im Gebet hinauftragen. Arme kleine Tulla, +sie hat es nötig, daß sie nach oben getragen wird.«</p> + +<p>Er kniete neben der Mutter nieder und legte die Hand, die er frei +hatte, auf deren gefaltete Hände.</p> + +<p>Das dänische Fräulein überlegte, ob sie auch niederknien solle; sie +wußte nicht recht, was tun.<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> Sie fühlte, wie sehr er nun wünschte, daß +er seine Schwester und nicht sie hier gehabt hätte. Schließlich blieb +sie stehen, um die Lippen des Kindes zu netzen und seine Stirne zu +trocknen, auf der eiskalter Schweiß ausbrach.</p> + +<p>Er betete langsam, mit ganz einfachen Worten, die die Frau gerade +nachsagen oder still mitbeten konnte. Aber das dänische Fräulein wurde +von der Innigkeit betroffen, von dieser Kraft der Innigkeit, womit +jedes Wort das kleine Mädchen umfaßte und wirklich nach oben trug und +hinaufhob. »Als sie beteten, da bewegte sich die Stätte.« Sie bekam auf +einmal eine Empfindung von einer Macht, die die Welt bewegt.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Wir heben Herz und Hände</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Zum Sternenhimmel auf — —«</span><br> +</p> + +<p>Auf diese Weise kam sie selbst mit in die Bewegung hinein, sie konnte +nicht draußen bleiben, sie mußte folgen. Der Aufstieg riß sie mit.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Es reicht die Himmelsleiter</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Zum Himmel von der Erd' — —«</span><br> +</p> + +<p>Diese stiegen sie nun hinauf, er voraus, das Kind auf dem Arm hoch +erhoben und die Mutter an der Hand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p> + +<p>Aufwärts ging es, Schritt für Schritt, bis die letzte Stufe erreicht +war.</p> + +<p>Diese Gewißheit in der Anrufung Gottes! Nein, diese Worte waren nicht +in die leere Luft gerufen, wo Tausende von Gebeten umherflattern, +ohne ihr Ziel zu erreichen. Sie waren wie unmittelbar in ein Antlitz +gesprochen, — in das Antlitz da oben über der Himmelsleiter, sie waren +in ein Herz hineingesprochen, in ein offenes Herz, ein weit geöffnetes, +mit Raum für Millionen solcher kleiner gequälter Wesen wie diese Tulla.</p> + +<p>Die Atemzüge des Kindes waren in ein Röcheln übergegangen, das stockte +und wiederkam, in abgerissenen Stößen.</p> + +<p>Das dänische Fräulein hatte erst <em class="gesperrt">einen</em> Menschen sterben sehen, +ihre Mutter, und sie fürchtete sich vor diesem Anblick. Trotzdem beugte +sie nun ihr Gesicht zu dem Kinde nieder, um die letzten Zuckungen der +Mutter zu verbergen.</p> + +<p>Aber es kamen keine mehr. Es war nur, als ob eine Hand, — eine Hand, +die sie dafür hätte küssen können — über das verzerrte Gesichtchen +hinstriche und es glättete, jede Spur der Qual auslöschte zu tiefer, +tiefer Ruhe.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Und Gottes Engel halten</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Treu Wache um das Kind — —«</span><br> +</p> + +<p>Der Pfarrer sagte Amen, und die Stille jagte die Mutter auf.</p> + +<p>»Lieber Gott!« rief sie, und warf sich weinend über die kleine Leiche.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Eine halbe Stunde später traten die beiden den Heimweg an. Die Mutter +hatte den ersten Schmerz ausgeweint, und eine Nachbarsfrau hatte +versprochen, sie während der Nacht zu sich zu nehmen oder bei ihr zu +bleiben.</p> + +<p>Stumm schritten sie unter dem tiefen funkelnden Sternenhimmel dahin.</p> + +<p>»Kleine Tulla,« sagte sie und schaute auf. »Ob sie jetzt hören kann? Ob +sie nun atmen kann?«</p> + +<p>»Ja,« sagte er. Aber sie wußte nicht, ob er ihre Frage beantwortet, +oder sie nur wiederholt hatte.</p> + +<p>Dann herrschte wieder Schweigen zwischen ihnen. Es war so schön, ganz +zu schweigen, neben einander zu gehen, ohne Worte, mit denselben +Gedanken — durch die weite und tiefe sternhelle Nacht.</p> + +<p>Da hatten sie das Tor erreicht, und sie bat<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> ihn nicht, mit +heraufzukommen. Sie verstand wohl, daß er nicht wollte. Hätte sie es +nur selbst vermeiden können, die andern noch zu sehen, sowie alle die +Fragen in Beziehung auf ihr Ausbleiben beantworten zu müssen.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen,« sagte er, indem er ihr die Hand reichte.</p> + +<p>»Nein, ich habe zu danken, daß Sie mich mitnahmen,« erwiderte sie, +»obgleich ich weiß, daß Sie jede andere Persönlichkeit vorgezogen +hätten.«</p> + +<p>»Warum?«</p> + +<p>Sie schwieg.</p> + +<p>»Von allen Menschen hätte ich am liebsten den dabei gehabt, der das +getan hätte, was Sie taten.«</p> + +<p>»Was denn?« Sie sah ihn erstaunt an.</p> + +<p>»Die Mutter zu küssen,« sagte er ernst.</p> + +<p>»Ach das —« Glänzende Tränen traten ihr in die Augen. Und es wurde +ihr nicht leicht, deren Spur zu verwischen, während sie die Treppe +hinaufstieg.</p> + +<p>Und sie kamen wieder, die Tränen, als sie allein in ihrem Schlafzimmer +war und vor dem großen Spiegel saß, während ihr das aufgelöste Haar +über den weißen Frisiermantel hinabfloß.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span></p> + +<p>Ihr Gesicht sah so traurig aus in dem Spiegel vor ihr, mitten in all +der dunklen Fülle, daß sie sich selbst darüber verwunderte.</p> + +<p>Da klopfte es an die Tür, und die Tante trat ein.</p> + +<p>»Ich bin es nur, mein liebes Mädchen. Ich möchte gern ein Wort mit dir +reden, ehe ich zur Ruhe gehe. Beim Abendbrot ging es ja nicht an.«</p> + +<p>Sie setzte sich auf einen der niederen, mit Cretonne überzogenen Stühle.</p> + +<p>»Höre, mein Kind, du bist doch nicht auf dem Wege, dich von Halfdan +bekehren zu lassen?«</p> + +<p>»Wie kommst du darauf, Tante?«</p> + +<p>»Ja, denn es sah ja ein wenig eigentümlich aus, als du ihm neulich ins +Eßzimmer folgen solltest, um mit ihm über — Gott im Himmel mag wissen, +was für einen Kranken zu sprechen, den du gar nicht kennst. Und nun +heute abend kommst du ganz sonderbar von dieser Betstunde heim, — eine +ganze Stunde nach Margit, — und sagst, daß du mit ihm gegangen seist. +Und — —«</p> + +<p>»Wäre es denn so entsetzlich, wenn der Ernst des Lebens mich auch +einmal ergreifen würde?«</p> + +<p>»Nein, durchaus nicht. Ich bin weit entfernt,<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> zu denken, daß ein +Mensch leicht zu viel bekommen könne vom Christentum, wenn mir die +krasse Form auch etwas zuwider ist. Aber die Sache ist die: wenn es +Frauen sind, die von Halfdan erweckt werden, junge Frauen, — ja, +ältere übrigens auch, — dann werden sie in der Regel zu ihm selbst +bekehrt. Und dabei ist nichts gewonnen. Deshalb möchte ich dich nur +warnen. Ich hätte gar nicht gedacht, daß er nach deinem Geschmack sein +könnte. Aber nun kommt es mir doch so vor — in einem gewissen +Sinne — —«</p> + +<p>»Tante, weißt du, daß das, was du sagst, empörend ist! Wenn ein Pfarrer +nicht hundert Jahre alt ist, kahlköpfig oder verwachsen, dann soll man +gleich in ihn verliebt sein, wenn seine Worte nur den allergeringsten +Eindruck auf einen machen.«</p> + +<p>»Nein, mein liebes Kind, das soll man gar nicht. Aber man wird es sehr +leicht. Wenn ein Pfarrer, besonders einer der ganz strengen, jung und +schön ist, dann ist es ein gefährliches Ding.«</p> + +<p>»Nun, hier kannst du jedenfalls ganz ruhig sein, Tante. Von allen +Mädchen auf der weiten Welt wäre ich wohl das letzte, das er wählen +würde.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p> + +<p>»Ja, darin wirst du recht haben, das glaube ich auch. Für so verständig +halte ich Halfdan doch. Im ganzen ist er den Frauen gegenüber immer +vollständig kalt geblieben. Er gibt sich nicht die geringste Mühe, +ihnen zu gefallen, und will ja auch gar nicht heiraten, was ich aber +doch am allerbesten für ihn finden würde, wenn es ein besonnenes, +gesetztes und christliches Mädchen wäre, wie Alette zum Beispiel. +Ich habe schon oft gedacht, wie schade es sei, daß die beiden gerade +Geschwister sind. Sie hätten ein ausgezeichnetes Ehepaar gegeben.«</p> + +<p>Die Nichte lachte, — laut und zornig abweisend, — und schüttelte ihre +langen Locken.</p> + +<p>»Nun ja, das kann ja auch nicht sein. — Aber verstehe mich nun recht, +mein liebes Kind, ich will durchaus nicht haben, daß er nun hingeht +und dich — fanatisch macht, so daß du ganz übersiehst, was sich Gutes +für dich in der Welt finden könnte, und denkst, er sei der einzige, +nach dessen Weisheit du dich richten müßtest, — und schließlich damit +endigst, daß du um seinetwillen Diakonissin oder Krankenpflegerin +wirst, — wie ich zwei andere kenne, die es so gemacht haben.«</p> + +<p>»Davor brauchst du keine Angst zu haben. Es<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> liegt durchaus nicht in +meiner Natur, mich nach der Weisheit eines andern zu richten oder +Krankenpflegerin zu werden,« sie hielt inne und dachte nur noch weiter, +»obgleich das auch nicht das Schlimmste in der Welt wäre, wo es so +viele kleine Mädchen gibt, die sterben müssen, — und Mütter, die das +mit ansehen müssen.« —</p> + +<p>Als die Tante gegangen war, sprang das junge Mädchen auf und ging lange +im Zimmer auf und ab, während sie alle Augenblicke ihre wallenden Haare +schüttelte. Sie war innerlich empört über alles, was die Tante gesagt +hatte. Aber als sie endlich zur Ruhe gegangen war, kamen die Tränen +aufs neue. Denn sie mußte wieder hineinschauen in die traurige Welt, +in die sie einen Einblick bekommen hatte, die Welt, in der es so viele +kleine Mädchen gab, die sterben mußten, — und Mütter, die das mit +ansehen mußten.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Wieder endlos leere Tage! Und sie konnte nichts tun, um sie +auszufüllen. Überall, wo sie ihn hätte treffen können, sagte er ab, zu +großen wie zu kleineren Gesellschaften.</p> + +<p>Sie wünschte, mit ihm sprechen zu können.<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> Ganz, ganz anders +— im Zusammenhang. Sie sehnte sich darnach, ihm einen viel +richtigeren Eindruck von sich beizubringen, gerade weil sie auf ganz +entgegengesetztem Grund und Boden stand.</p> + +<p>Stand — ja das heißt, einen festen Grund unter den Füßen, in Form +einer bestimmten Lebensanschauung, einer festgewurzelten Überzeugung +hatte sie wohl eigentlich nicht. Aber sie liebte alle großen Gefühle, +alle großen Gestalten. Sie hatte ja auch die Religion nicht ganz über +Bord geworfen, nur spielte diese gar keine Rolle in ihrem Leben; sie +lebte nicht in ihr. Die meisten Christen haben ja ihr Leben neben der +Religion.</p> + +<p>Sie wünschte sehr, er solle wissen, daß sie alles Große verstehen +könne, auch was es heißt, sein Leben für seine Überzeugung einsetzen. +Ja, daß dies auch als das Größte vor ihr stand.</p> + +<p>Aber er machte sich wohl gar nichts daraus, von ihr gewürdigt zu +werden, oder irgend einen anderen Eindruck von ihrer Persönlichkeit zu +bekommen, als den, den er sich selbst gebildet hatte. Den, der ihn — +trotz allem — doch eigentlich abstieß.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p> + +<p>Sie, nur sie sehnte sich danach, daß es doch geschehe. Aber nach den +Reden der Tante an jenem Abend konnte sie nun in dieser Richtung gar +keinen Versuch machen.</p> + +<p>Dann war der Konsul so freundlich, sich einen kleinen Influenzaanfall +anzuschaffen, der ihn zwar nicht ans Bett, aber doch eine Woche lang +ans Zimmer fesselte, und der die Veranlassung war, daß der Neffe ihn +besuchte.</p> + +<p>Er blieb lange — unbegreiflich lange — drinnen beim Onkel. Dann trat +er ins Kabinett, wo die Tante mit der Nichte saß; diese malte eben +goldene und bronzierte braunrote Chrysanthemen auf einen Ofenschirm aus +wasserblauem Atlas für die Tante.</p> + +<p>»Ist sie nicht ein Genie, Halfdan?« sagte die Tante. »Komm und setz +dich ein Weilchen zu uns, mein Lieber.«</p> + +<p>Er begrüßte die beiden Damen, und während die Nichte zu ihm aufsah, war +es ihr, als liege jene strahlende Sternennacht, wo sie Seite an Seite +gegangen waren, so hoffnungslos weit zurück, daß es ganz unmöglich sei, +da wieder anzuknüpfen, wo sie abgebrochen hatten.</p> + +<p>Das Anknüpfen wurde hier übrigens nicht ihre<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> Sache; das besorgte die +Frau Konsul immer, wenn sie anwesend war.</p> + +<p>»Kannst du mir nicht helfen, Halfdan, dieses verstockte Mädchen zu der +Einsicht zu bringen, daß es die Bestimmung des Weibes ist, sich zu +verheiraten. Ist es nicht so?«</p> + +<p>»Doch, ich wüßte nicht, welche es sonst noch für sie gäbe. Sie ist, +wie ich gelehrt worden bin, dazu geschaffen, die Gehilfin des Mannes +zu sein. Und ich meine, es sei am besten, wenn sie diese Bestimmung +erfülle.«</p> + +<p>Die Nichte wußte nicht recht, ob dies Ernst oder Ironie war, und +erwiderte ein wenig herausfordernd: »Ich glaube doch, daß man dies auf +mehr als eine Art kann. Ich habe immer Lust gehabt, zur Bühne zu gehen. +Glauben Sie nicht, daß man von da aus eine geistige Gehilfin für Männer +und Frauen sein kann?«</p> + +<p>Er zeigte keine Entrüstung, wie sie erwartet hatte, sondern antwortete +ganz ruhig: »Vielleicht, aber dies wäre doch mehr indirekt.«</p> + +<p>»Ja, das ist ein unsicherer, schwieriger Weg,« sagte die Tante. »Und +deine Mutter war so sehr dagegen. Jawohl, das war sie, ihr Wunsch war,<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span> +dich gut verheiratet zu sehen. Das weiß ich am besten.«</p> + +<p>»Ja, liebe Tante, aber dazu gehören ja unglücklicherweise zwei. Und ich +weiß absolut keinen, der mich haben möchte.«</p> + +<p>»Nicht? Nun, dann weiß ich mehrere. Nehmen wir nur zum Beispiel +<span class="antiqua">Dr.</span> Carlsen. Hast du es neulich bei Bödkers nicht bemerkt, +Halfdan, wie seine Augen keinen Blick von ihr verwandten?«</p> + +<p>»Nein, — — doch — es ist möglich.«</p> + +<p>»Ja, Kind, dessen bin ich ganz sicher, daß er nur einen Gedanken hat, +nämlich dich zur Frau zu bekommen. Nun heißt es ja, er werde seinem +Vater als Oberarzt an der Irrenanstalt in R... nachfolgen, und +dann — —«</p> + +<p>»Dann kann er sich selbst als ersten Patienten anmelden, wenn du recht +hast. Denn dann müßte er ja an Größenwahn leiden.«</p> + +<p>Sie konnte der Lust nicht widerstehen, die Tante ein wenig zu necken +und den andern wissen zu lassen, wie wenig sie für diesen <span class="antiqua">Dr.</span> +Carlsen übrig hatte. Trotzdem aber war es ihr, nachdem ihr die Worte +entschlüpft waren, ganz klar, daß sie sich, und zwar gerade hier, +zeitlebens<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> unmöglich gemacht habe. Aber gleichzeitig hörte sie +neben sich ein Lachen, ein ganz lautes und »bubenmäßiges«, wie die +Tante es empört nannte. Und da mußte sie unaufhaltsam mitlachen. Mit +ihm zusammen lachen! Das brachte sie um viele Meilen näher! Später +erinnerte sie sich mit freudigem Schauder daran, wie es gewesen war, +als ihr Lachen in dem seinigen unterging.</p> + +<p>»Du hilfst mir ja recht gut, sie zu ermahnen,« sagte die Tante. »Aber +du hast ja auch selbst nicht das gute Beispiel gegeben.«</p> + +<p>»Entschuldige, Tante, ich bin es ja nicht, der als Gehilfe erschaffen +worden ist.«</p> + +<p>»Nein, aber du bist dazu geschaffen, eine Gehilfin zu haben, und ohne +das hat der Mann ›es nicht gut‹. Das bin ich gelehrt worden.«</p> + +<p>»Meinst du vielleicht, er habe es durch die Hilfe der Frau sehr ›gut‹ +bekommen — der Mann nämlich? Eine andere Bibelstelle nennt die Frau +mit ganz klaren Worten auch ein Hindernis. Und ich bin auch überzeugt, +daß ein Mann sehr vorsichtig sein muß, ehe er diese — Möglichkeit +in sein Leben einfügt. Besonders ein Pfarrer, bei dem alle Ansprüche +verschärft sind, äußerlich wenigstens.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p> + +<p>»Darauf kann ich nur erwidern, daß die besten Pfarrer, die ich gekannt +habe, jedenfalls eine oder auch mehrere Frauen gehabt haben. Je mehr +ein Pfarrer wie alle andern lebt, um so seelsorgerlicher kann er sein, +natürlich auf die rechte Art und Weise.«</p> + +<p>»Auf die bequemste jedenfalls.«</p> + +<p>»Laß doch den Herrn Pfarrer in Frieden, Tante,« sagte die Nichte ein +wenig erregt. »Wenn man in jedem Jahrhundert einmal einen Pfarrer +trifft, der nicht verheiratet ist, so muß man doch einräumen, daß — +daß der dann dem Ideal am nächsten ist.«</p> + +<p>»Nein, das gebe ich auf keinen Fall zu. Bischof H. war dreimal +verheiratet. Und einen besseren Seelsorger als ihn verlange ich nicht. +Und von einem andern ausgezeichneten Bischof weiß ich, daß er es bis zu +vier Frauen brachte.«</p> + +<p>»Dann muß ich es wohl aufgeben, Bischof zu werden, mir wird es +sicherlich an den entscheidenden Bedingungen fehlen.«</p> + +<p>Wieder lachte er, und ihr Lachen flog auf zum Zusammenklang wie ein +Vogel mit befreiten Schwingen. Wer hätte gedacht, daß er so lachen<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span> +könnte. Sie kannte dieses Lachen ja von Grund aus. Warum versteckte er +es denn so gut?</p> + +<p>Aber die Frau Konsul schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte, mit +solchen Würdenträgern dürfe man keinen Scherz treiben.</p> + +<p>Später sagte sie noch, so höre man ihn jetzt nur selten lachen. Das sei +ein Nachklang aus der Zeit, wo er gar so übersprudelnd gewesen sei.</p> + +<p>Und übersprudelnd zu sein, dazu hatte die Nichte an diesem Tag die +größte Lust. Ihre Chrysanthemen strahlten wie reines Sonnengold! Und +der Konsul war von beispielloser Liebenswürdigkeit. Hatte er es denn +nicht so eingerichtet, daß der Pfarrer versprochen hatte, am nächsten +Abend mit der Schwester zu kommen, und zwar ganz in der Familie!</p> + +<p>Nun, während der ersten Hälfte des Abends hatte man eigentlich nur von +<em class="gesperrt">ihr</em> etwas. Er vergrub sich ja bei dem Onkel bis zum Abendbrot. +Und bei Konsuls speiste man sehr spät zu Mittag und zu Abend, ganz +entgegen den sonstigen Gewohnheiten in Christiania.</p> + +<p>Die Tante schätzte Alette sehr; sie liebte es, diese hie und da neben +sich auf dem Sofa zu haben, zu einem »ruhigen, vernünftigen Gespräch<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span> +über den Ernst des Lebens«, worunter sie all die Armut, Krankheit und +Not meinte, in die das Fräulein durch den Bruder einen Einblick erhielt.</p> + +<p>Die Nichte saß über eine Handarbeit gebeugt und wurde ganz blaß vor +Ungeduld über all die »traurigen Geschichten« aus diesem ewigen +Zusammenleben mit »Halfdan«; aber auf einmal ergoß sich eine helle Röte +über ihr ganzes Gesicht.</p> + +<p>Alette erzählte, daß der Bruder kürzlich bei einer Witwe gewesen sei, +die ihr einziges Kind verloren hatte, ein taubstummes dreijähriges +Mädchen, an Tuberkulose, und daß es ganz herzzerreißend gewesen sei, +sehen zu müssen, wie diese Kleine, die nichts verstand und nichts sagen +konnte, all dieses schwere Leiden durchmachen mußte.</p> + +<p>»An dem Abend, wo sie starb, ist Halfdan angegriffener gewesen, als +ich ihn seit langer Zeit gesehen habe. Bis spät in der Nacht ging er +in seinem Zimmer auf und ab. Er konnte nach diesem Anblick durchaus +keine Ruhe finden. Ich wäre so gerne mit ihm gegangen, aber es war in +den Tagen, wo ich wegen meines<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Hustens das Zimmer hüten mußte. Deshalb +mußte er allein gehen.«</p> + +<p>»Es war schwer, davon zu hören,« sagte die Tante, »und recht traurig +für dich, daß du nicht mit ihm in das Trauerhaus gehen konntest. Eine +Frau findet so oft den richtigen Balsam für eine betrübte Seele.«</p> + +<p>Ja, da war eine, in der eine jubelnde Freudenstimmung aufstieg, aber +sie saß über ihre Arbeit gebeugt ganz still da.</p> + +<p>Alette wandte sich nicht an sie. Diese Sachen lagen natürlich ganz +außerhalb der Erfahrung und der Interessen der jungen dänischen Dame.</p> + +<p>Als der Bruder endlich mit dem Konsul eintrat, erzählte die Schwester +eben von einem Jungen, der von einem Wagen überfahren worden war +und große Schmerzen litt. Es war der Sohn eines Arbeiters, und als +der Pfarrer diesen ermahnte, für das arme Kind zu beten, hatte er +geantwortet: »Wir haben niemand, zu dem wir beten können.«</p> + +<p>»Ist es nicht schrecklich, wenn man bedenkt, daß es Tausende gibt, +die wie dieser Mann niemand haben, zu dem sie beten können? Kann<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> man +begreifen, wie es möglich ist, ohne Gebet zu leben?«</p> + +<p>»Nein, da hast du recht,« sagte die Konsulin. »Es ist erschütternd.«</p> + +<p>»Aber schlimmer ist es doch,« sagte der Bruder, »daß es Tausende gibt +— auch von denen, die beten, wenigstens dann und wann — die niemand +haben, den sie <em class="gesperrt">anbeten</em>.«</p> + +<p>Beide Damen auf dem Sofa stimmten damit überein, die Schwester wohl aus +Überzeugung, die Tante vielleicht mehr aus Höflichkeit als Wirtin.</p> + +<p>Einen Augenblick später stand er in dem Kabinett, um die Chrysanthemen +zu betrachten, die die Nichte an diesem Tag beinahe vollendet hatte.</p> + +<p>»Ich weiß, was anbeten heißt,« sagte sie plötzlich, während sie die +Lampe für ihn in die Höhe hielt.</p> + +<p>»Nun — dann gratuliere ich.«</p> + +<p>»Nein, ach nein, so war es nicht gemeint. Ich wollte nur sagen — ich +habe es einmal gesehen — in dem Blick eines Menschen. Es heißt so +viel, als seine ganze Seele hingeben.«</p> + +<p>»Ja, so könnte es wohl ausgedrückt werden.<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> Aber es klingt nicht +treffend, nicht stark genug. Es heißt gleichsam, seine ganze +Persönlichkeit zusammenfassen: alles, was man hat, alles, was man +ist, in ein einziges Gefühl — ein einziges abgrundtiefes Gefühl der +Ohnmacht, des Nichts — — und es dann zu den Füßen eines Einzigen +ausschütten. David sagt in einem der Psalmen, daß er ›ausgegossen sei +wie Wasser‹, das gehört dazu. Seine ganze Seele wie Wasser auf die Erde +ausgießen, vor die Füße eines Einzigen — — und dadurch gewonnen — +aufgenommen — vertieft — verwirklicht werden.«</p> + +<p>»Ja,« sagte sie. »Ich habe dies gesehen.«</p> + +<p>»Ich glaube, es ist sehr selten,« sagte er. »Es steht ja geschrieben: +Du sollst Gott deinen Herrn anbeten. Und dies ist in dem Verhältnis +zu Gott das Höchste und Tiefste, das Erste und das Letzte. Aber sie +tun es nicht, die Tausende! Sie erreichen nie den Augenblick, den ganz +unentbehrlichen in einem Menschenleben, wo alle Worte und Gedanken, +alle Fähigkeiten und Kräfte zur Erde sinken — ohnmächtig. Wo der +unaussprechliche Seufzer die Seele trägt wie eine Woge, hinein ins +Heiligtum.«</p> + +<p>Während er sprach, schaute er fortgesetzt ihre<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> Chrysanthemen an. +Aber sie fühlte, daß sein Blick durch die Blumen hindurch glitt, weit +helleren Bildern in der Ferne entgegen, und mit etwas von dem im Auge, +das sie von jenem Tag her kannte, wo sie ihn vor dem Altar gesehen +hatte. Und gerade wie damals berührte es sie wie ein Schmerz.</p> + +<p>Sie selbst war ja so weit weg — so fern von ihm in diesem Augenblick +— und weit, weit entfernt von dem Tiefsten und Höchsten, von dem +ersten und letzten Moment in einem Verhältnis zu Gott.</p> + +<p>Und doch — was es hieß, seine ganze Persönlichkeit in ein einziges +Gefühl zu vereinigen und ausgegossen zu sein wie Wasser auf der Erde, +vor den Füßen eines Einzigen, — wer, ach wer in der weiten Welt konnte +es besser verstehen als sie?</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Im Dezember wollten Konsuls einen Ball geben, das heißt — die gnädige +Frau wollte es.</p> + +<p>»Etwas muß man tun, wenn man einen solchen Vogel Phönix im Hause hat,« +sagte sie.</p> + +<p>Der Konsul sah aus, als ob er dächte, weniger hätte es auch getan; aber +die Aussicht auf eine<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> ungestörte Spielpartie in seinem Zimmer mit +einigen der Vettern verlockte ihn zu schweigender Einwilligung.</p> + +<p>Großartig sollte es werden. Wenn der Saal ausgeräumt wurde, hatten +vierundzwanzig tanzende Paare gut Platz. Was tat es da, wenn man +mehrere Tage vor und nachher in seinem eigenen Heim saß »wie Marius auf +den Trümmern von Karthago« — oder wie es sonst der Konsul zu nennen +pflegte.</p> + +<p>Die Nichte hatte nur einen Gedanken, während sie Einladungen +adressierte und ihr Kleid anprobierte — ob, ob — —?</p> + +<p>Nein, das war wohl unmöglich!</p> + +<p>»Es sähe aus, als wollte man Halfdan und Alette zum besten haben, wenn +man sie zu so etwas einladen würde,« sagte die Tante. »Aber hinter +ihrem Rücken soll der Ball auch nicht gehalten werden. Ein paar Tage +vorher schreibe ich an sie, daß wir eine kleine Tanzgesellschaft geben +— für unser liebes »dänisches Fräulein« — und ob sie nicht Lust +hätten, sich ihn anzusehen. Aber das haben sie natürlich nicht.«</p> + +<p>Und der Tag rückte herbei.</p> + +<p>Und es geschah — ja, das Unmögliche selbst<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> flutete herein ins Leben +mit seiner unhemmbaren Gewalt und machte alle bleichen Möglichkeiten +zuschanden.</p> + +<p>Es gab einen Liedervers, der einmal nach einem Begräbnis durch ihr +Kinderköpfchen gegangen war und sich da festgesetzt hatte. »Da wird mir +das zum Grund, was vorher Dach gewesen.« Diese Vorstellung gefiel ihr +als kleines Mädchen. Und nun war es ihr, als würde sie zur Wirklichkeit.</p> + +<p>Der Sternenhimmel, den sie hoch über sich in unermeßlichem Glanz hatte +leuchten sehen, der lag eines Abends zu ihren Füßen als der Grund, der +ihr ganzes Dasein trug.</p> + +<p>Der Augenblick kam, wo alles nicht mehr seinen Gang ging, seinen +gewohnten trägen, bekannten, abgemessenen Gang, sondern wo »die Sonne +stille stand in Gibeon und der Mond im Tale Ajalon«, wo das ganze +große, schwirrende Weltrad stille stand, während alles im Weltenraum +nur verwundert mit angehaltenem Atem lauschte.</p> + +<p>»Und es geschah« —</p> + +<p>Wie es geschah? Ach, tausend-, zehntausendmal begann sie immer aufs +neue in Gedanken ...<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> und kam doch nie damit zu Ende, kam nie an dem +Punkt vorbei, wo alles vor ihr aufging in strahlendem Licht ... so daß +sie immer und immer wieder vorne anfangen mußte ...</p> + +<p>Es war an dem Ball ihres Onkels.</p> + +<p>Sie hatte ihr Kleid gewählt und es angezogen mit der einzigen, beinahe +unmöglichen Möglichkeit vor Augen.</p> + +<p>Der blaßgelbe, von Spitzen verschleierte Atlas schmiegte sich +glänzend und knisternd um ihre schlanke Gestalt und umschloß ihre +feine Büste wie ein Panzer. Goldleuchtende Topase funkelten in ihrem +dunklen, lockigen Haar, um den weißen Hals und zwischen den Spitzen +über der Brust, wo sie dunkelviolette, von schwerem Duft erfüllte +Heliotropblüten festhielten.</p> + +<p>Sie war spät fertig geworden, und als sie aus ihrem Zimmer in die +festlichen Räume trat, waren die Lichter überall schon angezündet. Im +Saal war man eben bei den letzten angelangt.</p> + +<p>Hier drinnen stand die Frau Konsul in blaßgrauem broschiertem +Atlas, eifrig beschäftigt, einem Lohndiener einige nachdrückliche +Verhaltungsmaßregeln zu geben, während der Konsul schon mitten im +Zimmer stand, wo er mit ihr<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> zusammen die Gäste begrüßen sollte, die +sie schon draußen hörte.</p> + +<p>Die Nichte wandte an der Tür des Saales wieder um, ging durchs +Wohnzimmer zurück und ins Kabinett hinein, wo rosenfarbige seidene +Lichtschirme auf allen Lampen einen Dämmerschein wie von einem +Sonnenuntergang verbreiteten. Es war ihr zuwider, sich besehen und +bewundern zu lassen.</p> + +<p>Und doch war sie die Königin des Abends — das fühlte sie selbst — +von der funkelnden Nadel im Haar an bis hinunter zu dem spitzigen +Atlasschuh.</p> + +<p>Der große Spiegel in der Ecke am Fenster zeigte ihre Gestalt in +wirklich hinreißendem Glanz, während sie langsam, — gleichsam in müder +Majestät darauf zuschritt.</p> + +<p>Da — — nein, nein — — nein — — blitzschnell schloß sie die +Augen ...</p> + +<p>Nein — — es war ein Trugbild —, eine glühende Sehnsucht, die in ihr +aufstieg und sie verwirrte, — — es war eine Einbildung, daß sie da +vor sich im Spiegel — aus dem Hintergrund des Zimmers ein Augenpaar +auf sich gerichtet gesehen hatte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span></p> + +<p>Zwei Augen, — deren Blick hervordrang wie eine lodernde Glut, die ihre +ganze leuchtende Gestalt umhüllte ...</p> + +<p>Sie hielt die Augen fest geschlossen. Sie konnte es nicht ertragen, +sehen zu müssen, daß es nur eine Einbildung war — und wagte doch nicht +sicher zu glauben, daß die Augen wirklich da <em class="gesperrt">waren</em>.</p> + +<p>Mechanisch glitt sie näher zu dem Spiegel hin ... Wenn aber nun der +vergoldete Blumenbehälter, der davor stand, sie aufhielt, — was dann?</p> + +<p>Sie stieß mit dem Fuß an das Hindernis — blieb dicht vor dem Spiegel +stehen, öffnete die Augen, groß und dunkel vor angstvoller Erwartung — +und sah ...</p> + +<p>Der Blick war noch da. Und der Blick war Feuer.</p> + +<p>Langsam, mit blassen Wangen, wandte sie sich vom Spiegel.</p> + +<p>Der Blick war da ... Näher — näher ... loderte er flammend auf, ihr +entgegen ...</p> + +<p>Er kam von einem, der mitten durchs Zimmer geschritten war ... und nun +sich vor ihr auf die Knie niederließ ...</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p> + +<p>Ein halb unterdrückter Schrei — — und sie fiel zu Boden in all ihrer +leuchtenden Herrlichkeit ...</p> + +<p>Einen einzigen schwindelnden Augenblick waren Arme um sie — war ein +glühender Atem über ihrem Gesicht — war eine kecke Hand da, die die +Heliotropblüten von ihrer Brust nahm und sie an der seinigen barg.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Da kamen die Gäste.</p> + +<p>»Wir haben sehr hübsche Damen heute abend, Frau Smit!« sagte die Frau +Konsul. »Aber meiner Nichte gebührt doch der erste Preis.«</p> + +<p>»Ja, da haben Sie ganz recht. Wenn sie nur nicht so bleich wäre! Ist +sie auch gesund?«</p> + +<p>Die Nichte sollte den Ball eröffnen mit einem Vetter aus Kopenhagen, +der auf acht Tage gekommen war, aus dem sie sich aber nicht viel +machte. Er hatte den wenig ehrerbietigen freien Ton des Vetters ihr +gegenüber.</p> + +<p>»Ist es dir sehr leid, wenn wir nicht vortanzen?« fragte sie, während +sie im Saal umhergingen.</p> + +<p>»Bist du verrückt?«</p> + +<p>»Nein — aber ich glaube, Onkel Hallager hat<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> mich mit der Influenza +angesteckt. Es ist mir ganz sonderbar im Kopf.«</p> + +<p>»Ja, du siehst auch todesblaß aus. — Nein — um meinetwillen keine +Aufregung. — Obgleich — ich bin als Tänzer berühmt.«</p> + +<p>Sie traten zur Seite und ließen ein anderes Paar vortanzen, dem +sogleich mehrere folgten.</p> + +<p>»Es wäre doch recht ärgerlich, wenn du mitten in der Saison krank +würdest. Denn es ist doch wohl nicht er, der Halfdan, der dich so +verwandelt hat, daß du nicht einmal mehr wagst, ein Tänzchen in Ehren +zu machen! — Hast du übrigens gesehen, daß seine Heiligkeit heute +anwesend ist? Mitten in all dieser Verderbnis der Welt? Was das nun +bedeuten soll! Niemand kann es begreifen.«</p> + +<p>»Vielleicht ist eine Seele da, deren er sich annehmen will.«</p> + +<p>»So eine Affektation! Mitten in einem Ballsaal!«</p> + +<p>»Ach — wenn es sich nun ums Leben handelte — ich kann gut verstehen, +daß man da eingreifen möchte — selbst in einem Ballsaal.«</p> + +<p>Die Frau Konsul kam in all ihrem broschierten Glanz eilig auf sie zu.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p> + +<p>»Aber Kind, warum tanzst du denn nicht?«</p> + +<p>»Ich habe Fieber, liebe Tante, und fürchte, es könnte schlimmer werden.«</p> + +<p>»Mein liebes Kind, das fehlte nur noch. Frage doch <span class="antiqua">Dr.</span> Carlsen +um Rat.«</p> + +<p>»Nein, nein. Nicht heute abend. Das fällt bloß auf.«</p> + +<p>»Dann setze dich wenigstens. Und sieh, daß du etwas Warmes zu trinken +bekommst!«</p> + +<p>Kurz nachher trat der Pfarrer auf sie zu.</p> + +<p>»Haben Sie noch eine Tour für mich frei?« fragte er. »Auf diese Weise +kann ich ja auch mittun.«</p> + +<p>Sie reichte ihm ihre Tanzkarte, ohne ein Wort zu sagen und ohne die +Augen zu ihm aufzuschlagen.</p> + +<p>Den ersten Tanz nach dem Essen hatte sie frei gehalten. Er machte ein +Zeichen daneben und entfernte sich.</p> + +<p>Sie sah auf die Karte — und barg sie in ihrem Gürtel.</p> + +<p>»Du siehst aus, als seiest du am Ohnmächtigwerden,« sagte der Vetter. +»Geh hinauf und leg dich in der Pause ein wenig nieder.«</p> + +<p>In der Pause war sie vielen teilnehmenden<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> Fragen und Ratschlägen +ausgesetzt, die sie nur quälten.</p> + +<p>»Ausnahmsweise ist es ja ganz angenehm, nicht zu tanzen,« sagte sie. +»Ich habe mehr von der Unterhaltung meiner Herrn.«</p> + +<p>»Meinst du damit auch den Tanz, der eben zu Ende gegangen ist? Er, der +Nikolai, hat es unserer Ansicht nach doch nur in den Beinen,« sagten +die norwegischen Cousinen.</p> + +<p>Das Souper war ungewöhnlich früh festgesetzt worden, weil der Konsul +ausdrücklich befohlen hatte, daß die, die nicht tanzten, nicht bis +Mitternacht hungern dürften. Infolge dessen hatte die Konsulin es so +eingerichtet, daß man alle soliden Gerichte bei einer ersten Mahlzeit +bekam und sich später nur noch um einen ausgesucht feinen Nachtisch +versammelte.</p> + +<p>Die Frau des Hauses selbst wurde von einem bekannten schwedischen +Professor zu Tisch geführt.</p> + +<p>Er mußte die Tischrede halten; und nach einem Hoch auf den Wirt und die +Wirtin und einem auf das herrliche Gebirgsland Norwegen erhob er sich +und hielt eine Rede auf »die Frau«.</p> + +<p>Nachdem er verschiedene schöne, wenn auch<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> nicht durchaus neue +Vergleiche für sie gefunden hatte, erklärte er schließlich, daß er, +einer begeisterten Zustimmung sicher, festsetzen wolle, daß die »Frau, +wenn sie so ist, wie sie sein soll — —«</p> + +<p>»Das ist sie ja nie,« warf der Konsul plötzlich ein.</p> + +<p>Dies wurde gehört, und da bekam der Konsul die begeisterte Zustimmung.</p> + +<p>Der Professor lachte mit den andern und sagte, als er endlich wieder +zu Wort kommen konnte, daß er, nachdem der Schluß seiner Rede in der +ersten Form unmöglich gemacht sei, und weil alle mit dem verehrten +Gastgeber übereingestimmt hätten, vorschlagen wolle, daß jedermann sein +Glas leere auf »die Frau, die nicht so ist, wie sie sein soll, weil sie +trotzdem reizend ist.«</p> + +<p>Ein lautes Bravo erklang im ganzen Saal.</p> + +<p>Aber die Konsulin, die sich ihr Urteil über die Äußerung vorbehielt, +drohte lächelnd dem Professor und sagte, daß sie dieses Hoch nicht +annehme, weil sie eine solche Huldigung mehr als zweifelhaft finde.</p> + +<p>Da trat die Nichte plötzlich mit dem erhobenen Champagnerglas und +fieberheißen Wangen zu dem Professor.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p> + +<p>»Darf ich Ihnen für Ihre Rede danken?« sagte sie. »Als die Frau, +die gar nicht ist, wie sie sein soll, die aber dem Manne dankt, der +hervorhebt, daß sie doch angeht.«</p> + +<p>Lächelnd verbeugte sich der Professor vor ihr. Dann trank er ein +besonderes Glas mit der Wirtin auf »die Frau, die ist, wie sie sein +soll«.</p> + +<p>Dann folgte ein Tanz, während dem das dänische Fräulein wieder ruhig +bei ihrem Tischherrn sitzen blieb und auf alle seine Bemerkungen immer +einsilbigere Antworten gab.</p> + +<p>Während der nächsten Pause bat die Tante sie dringend, doch zu Bett zu +gehen.</p> + +<p>»Du bist wirklich krank. Man merkt es an allem.«</p> + +<p>Aber sie erwiderte, daß sie bis zum Schluß aushalten wolle.</p> + +<p>Als die Musik den nächsten Tanz anstimmte, hatte sie große Angst, es +könne sie jemand beobachten. Sie fühlte, daß sie ganz kalt im Gesicht +wurde ...</p> + +<p>Lachend und plaudernd zogen die Paare in den Saal hinein, und die +älteren Leute folgten langsam zur Tür, um dem Tanzen zuzusehen. — Ihr +Herz stand still —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span></p> + +<p>Er kam und bot ihr den Arm.</p> + +<p>Mit niedergeschlagenen Augen legte sie ihre weißen Fingerspitzen darauf.</p> + +<p>Und ohne ein Wort, wie auf vorhergehende Verabredung, führte er sie +hinaus aus dem Saal, durch die leeren Zimmer nach der großen Veranda, +die dem Fest zu Ehren geöffnet und in einen Wintergarten umgewandelt +worden war, mit vielen blühenden Pflanzen, über die matte weiße Ampeln +ein weiches Opallicht warfen.</p> + +<p>Indem er sie zu der Glastüre hinausführte, fühlte er, daß die Hand, die +auf seinem Arm ruhte, eiskalt war und zitterte.</p> + +<p>Er legte seine Hand darüber. »Warum?« fragte er. »Fürchten Sie sich?«</p> + +<p>»Ja.« Dies klang tonlos wie ein kaum vernehmbares Flüstern. Und die +bebenden Augenlider lagen tief auf den Augen.</p> + +<p>Er hielt an. »Sollen wir umkehren?«</p> + +<p>»Nein, nein, — nein!«</p> + +<p>Er beugte sich tief herab und drückte seine Lippen auf die weiße +zitternde Hand.</p> + +<p>Dann führte er sie hinaus — in den Duft und Schatten der blühenden +Gewächse .....</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p> + +<hr class="tb"> + +<p>Schlafen — — nein, von Schlaf war in dieser Nacht keine Rede.</p> + +<p>Sie warf sich nur hin und her, wie von einer Feuerwoge gewiegt ... die +Feuerwoge, die um sie aufgelodert war, die sie mit Gewalt fortgerissen +hatte und fortgetragen, weg von sich selbst, — da draußen zwischen all +den Blumen ....</p> + +<p>Die Blumen, die Blumen! Es waren so viele frisch erblühte, daran +erinnerte sie sich nun. Die hatten sie angesehen wie mit Augen. Sie +hätte gern alle die geöffneten Kelche geschlossen — die Hände darüber +gelegt —</p> + +<p>Sie durften nicht, — durften nicht gesehen haben — das, woran sie +sich selbst nur mit geschlossenen Augen zu erinnern wagte, — den +Augenblick, den einzigen Augenblick, den sie wirklich gelebt hatte, +seit sie geboren war, — den Augenblick, wo sie sich in die Hände eines +andern hingab.</p> + +<p>Ach, diese Hände, die sie umschlossen — so siegessicher, so +gebieterisch, und doch so bittend! Die Hände, die nahmen, und indem +sie nahmen, ihr tausendfach wiedergaben, sie ohne Maß und grenzenlos +bereicherten, sie mit dem unfaßlichen, unergründlichen Gefühl +erfüllten, zu sein, zu<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> sein ...... das, was man nie erreicht, ehe man +einem andern gehört.</p> + +<p>Denn sich zu eigen gehören, das heißt sterben. Ja, weniger als sterben, +es heißt <em class="gesperrt">gar nicht</em> sein.</p> + +<p>Aber einem andern zu eigen werden, das heißt leben. Sie drückte beide +Hände aufs Herz. Ja, nun schlug es ... wie jauchzend schnell, wie +lebendig!</p> + +<p>So lange die Dunkelheit sie umfing, war das ganze schwindelnde Glück +noch da.</p> + +<p>— Aber als die Dämmerung sachte herbeischlich und sie mit kalten, +nüchternen Augen anschaute, da richtete sie sich mit einem Ruck im +Bette auf und fühlte, daß es unmöglich sein konnte. Nein, es konnte +nicht sein!</p> + +<p>Der anbrechende Morgen, grau und eisig, ohne Farbe, ohne Schatten, ohne +Glanz wie die Vernunft selbst, erinnerte sie immer an eine Hinrichtung. +Und auf einmal war es ihr, als sei sie die Verurteilte.</p> + +<p>Denn diese Morgendämmerung, sie schlich sich auch zu ihm hinein. Sie +weckte ihn aus der Verblendung des gestrigen Tages wie aus einem +Fiebertraum. Er würde es unbarmherzig deutlich<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> sehen, daß es das +Undenkbarste, das Wahnsinnigste wäre, — daß sie von allen die letzte +sei, die er wählen sollte.</p> + +<p>Er würde das Todesurteil fällen, — sie fühlte es — und es bestätigen, +wenn er beim Kaffee in die blaugrauen Augen der Schwester sah, die +nüchtern waren wie die Morgendämmerung selbst, deren ruhiger Blick ihn +hell wach machen mußte. Dann würde der Schwertstreich fallen — es +schauderte sie im Nacken — und sie würde die Nachricht erhalten ...</p> + +<p>Sie stand auf und kleidete sich an — stehend wollte sie den Schlag +hinnehmen — und jagte den Mädchen durch ihr plötzliches, unerwartetes +Eintreten keinen kleinen Schrecken ein. Sie waren gewohnt, daß das +dänische Fräulein von allen zuletzt aufstand.</p> + +<p>Der Kaffeetisch war bald gedeckt. Und zum ersten- und letztenmal trank +sie mit dem Konsul zusammen, der zeitig wie immer auf sein Kontor +wollte. Die Tante, die sonst eine Frühaufsteherin war, fühlte sich an +diesem Tag übermüdet und glaubte, die Nichte ruhe auch noch.</p> + +<p>Das dänische Fräulein setzte sich ins Kabinett. In allen andern Zimmern +ging man noch<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> immer wie zwischen den Ruinen von Karthago, wie der +Onkel vor sich hin brummte, als er sich eilig diesem Anblick entzog.</p> + +<p>Hier wartete sie auf den Brief, der kommen mußte — und unwillkürlich +begann sie, ihre Antwort zu formen.</p> + +<p>»Es ist wahr, daß ich weit entfernt bin, vollkommen zu sein. Wo wollen +Sie übrigens den Menschen finden, der das ist? — Aber ich liebe Sie, +wie niemand, niemand sonst auf der Welt es kann — —«</p> + +<p>Gegen elf Uhr klingelte es. Zum zwanzigstenmal stand ihr Herz still — +und als sie seine Stimme hörte, verstand sie. Er wollte es ihr selbst +sagen.</p> + +<p>Das Stubenmädchen öffnete ihm die Türe. Sie erhob sich und stand da — +starr und weiß wie eine Bildsäule.</p> + +<p>Die Tür wurde geschlossen. Und in demselben Augenblick war sie der Erde +entrückt und die Welt um sie versunken — die Feuerwoge ergriff sie ...</p> + +<p>Das erste, was sie sagte, als es ihr möglich war zu Wort zu kommen, war:</p> + +<p>»Ich bin es nicht wert, ich bin es nicht wert.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p> + +<p>»Die Unwürdigen sind es, die ich suche,« sagte er und wollte nicht +aufhören, sie zu küssen.</p> + +<p>»Ja, aber nicht dazu, — Halfdan — du mußt mich anhören!«</p> + +<p>Er hielt sie plötzlich auf Armeslänge von sich. »Was hast du gesagt?«</p> + +<p>»Es wird mir nie gelingen, es dir zu sagen, wenn — du mich so +ansiehst.«</p> + +<p>Sie faltete die Hände um seine Schulter, legte ihren Kopf darauf und +sagte: »Halfdan — geliebter Halfdan —«</p> + +<p>»Nun muß ich dich sehen, — ich muß wirklich.«</p> + +<p>»Nein — nein, du mußt mich hören. Halfdan — von dem Scheitel bis zu +den Zehenspitzen, von den Augen bis auf den tiefsten Grund der Seele +habe ich nichts, das annähernd gut genug für dich wäre.«</p> + +<p>Er strich ihr sanft übers Haar. »Ich meine, das könntest du mich +entscheiden lassen.«</p> + +<p>Der dunkle Nacken wurde energisch geschüttelt. »Nein, denn du kannst es +nicht so gut wissen, wie ich. — Und du konntest mich auch zuerst nicht +leiden.«</p> + +<p>»Nicht?« Er strich ihr wieder übers Haar. »Nein — leiden vielleicht +nicht.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p> + +<p>»Und siehst du, Halfdan, du mußt dich nicht fürs ganze Leben gebunden +halten, weil du gestern abend ein wenig — verwirrt wurdest.«</p> + +<p>Er nahm ihren Kopf zwischen seine beiden Hände. »Was wurde ich?« fragte +er.</p> + +<p>»— oder überrumpelt von — all dem, das doch keine Spur von Wert hat.«</p> + +<p>»Was wurde ich?«</p> + +<p>Sie brach in Tränen aus; die schreckliche Spannung, in der sie sich +befand, mußte sich Luft schaffen. Und sie konnte seinen scherzhaft +glücklichen Ton nicht ertragen.</p> + +<p>Er ließ sich auf ein Knie nieder und zog sie in seine Arme, er konnte +sie nicht weinen sehen und wollte wissen, was er gesagt habe, das ihr +weh habe tun können. Sie schmiegte ihr tränenfeuchtes Gesicht an das +seinige.</p> + +<p>»Was hast du mir vorhin sagen wollen, Geliebte — Geliebte?« fragte er.</p> + +<p>»Daß — wenn du es bereuen solltest, Halfdan — wenn du vor dir selbst +einräumen müßtest, daß du eine bessere Wahl hättest treffen sollen, — +daß dann niemand« — sie schmiegte ihre Wange fester an die seinige — +»hörst du, niemand dir mehr recht darin gäbe als ich — niemand,<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> der +dich doch besser verstehen könnte, wenn du nun — es ungeschehen machen +würdest.«</p> + +<p>»Dann müßte etwas anderes zuerst ungeschehen gemacht werden, das, daß +du existierst.«</p> + +<p>Er stand auf und hob sie mit sich in die Höhe.</p> + +<p>»Du bist die, die ich liebe,« sagte er und schlang seine Arme innig um +ihren Hals. »Das war keine andere, das kann keine andere je werden. Du +bist mir als Gattin zugeführt worden, das glaube ich. Und das, was mir +gehört, gebe ich nicht frei. Denn es gehört zu meinem eigenen Leben, zu +meiner eigenen Persönlichkeit.«</p> + +<p>Er neigte seine Lippen zu den ihrigen.</p> + +<p>»Fleisch von meinem Fleisch, Seele von meiner Seele, trotz allem, was +anders aussehen könnte, — ich liebe dich.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Die Frau Konsul war fast verzweifelt, als sie die Verlobung hörte, und +machte durchaus kein Hehl aus ihren Gefühlen.</p> + +<p>»Es ist der reinste Wahnsinn,« sagte sie zu der Nichte. »So wenig haben +noch nie zwei Menschen zusammengepaßt.«</p> + +<p>»Aber wir lieben einander, wie sich noch nie zwei Menschen geliebt +haben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p> + +<p>»Ja, das kennt man. Sich so lieben, können alle Männer und Frauen mit +nur ein wenig gutem Willen und Gelegenheit. Das ist nichts, um darauf +zu bauen. Nein, ob man zusammenpaßt, das entscheidet das Glück in der +Ehe.«</p> + +<p>Die Nichte schlang den Arm um die Tante. »Die Lieb ist lauter Freude!« +sang sie. »Glaubst du das nicht?«</p> + +<p>»Ich glaube, daß ihr einander unglücklich machen werdet. Das glaube +ich. Für dich passen nicht die engen und düsteren Falten, in die er nun +einmal sein Leben gelegt hat. Du mit deinen künstlerischen Interessen, +deinem lebenslustigen Sinn, deinen verfeinerten Gewohnheiten, du +solltest einen Mann der Wissenschaft oder einen Künstler heiraten, der +ein großes Haus machen und geistreiche Leute um sich versammeln würde. +Und es ist auch um Halfdan schade. Du bist durchaus nicht die Frau, die +er haben sollte.«</p> + +<p>»Er hat mich aber doch gewählt.«</p> + +<p>»Ja — er hat sich in dich verliebt. Das wundert mich nicht. +Ursprünglich ist er eine etwas leidenschaftliche Natur. Und er hat sich +so eingeschnürt, daß es an irgend einem Punkt brechen<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> mußte. Im ganzen +genommen sind die Männer ja — zuzeiten — viel heißblütiger, von ihren +Leidenschaften viel mehr beherrscht, als wir Frauen. Dann sind sie +keinen Vernunftgründen zugänglich. — Aber zu anderen Zeiten sind sie +wieder viel nüchterner und überlegter, als wir begreifen, und in einem +solchen Augenblick kannst du es ja versuchen, ihn zu fragen, ob du +seinem eigenen Ideal von einer Pfarrfrau entsprichst. Dazu bist du ja +nicht einmal christlich genug.«</p> + +<p>»Ich habe ihn gefragt, und er hat geantwortet — nach reiflicher +Überlegung. Nie möchte ich ihn durch das binden, was du die +leidenschaftlichen Momente nennst. Es gibt nicht viel Gleichartiges +in uns, das ist wahr. Aber deshalb kann doch Einigkeit zwischen uns +sein. Sie kommt nicht daher, daß man sich gleicht, sondern daß man sich +ergänzt.«</p> + +<p>Im ganzen Familien- und Freundeskreis wurde die Neuigkeit mit Anklängen +an die Aussprüche der Tante aufgenommen.</p> + +<p>»<span class="antiqua">Vox populi</span>,« sagte der Pfarrer, »darin können wir uns nicht +täuschen. Es ist nur gut, daß sie nicht immer mit <span class="antiqua">vox dei</span> +zusammenfällt.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span></p> + +<p>Sie lachte, aber nicht ganz so freudig wie er. Denn es war eine +Unsicherheit über ihr, und diese ließ sich nicht weglachen.</p> + +<p>Was die Nächste, seine Schwester, gesagt hatte, erfuhr niemand. Zu +allen andern sagte sie nur: »Ich habe seit Jahren gewünscht, daß +Halfdan sich verheirate.«</p> + +<p>Und wenn man weiter fragte, ob auch die Schwägerin nach ihrem Wunsch +sei, antwortete sie: »Ich verlasse mich auf die Wahl meines Bruders, in +diesem wie in allem andern.«</p> + +<p>»Alette hat es recht nett aufgenommen,« sagte die Konsulin. »Und sie +wird sich auch wohl taktvoll und korrekt aufführen, solange es dauert. +Denn das soll mir doch niemand weismachen wollen, daß die Verlobung +nicht wieder rückgängig werde.«</p> + + +<hr class="tb"> + +<p>Das Herz klopfte der jungen Braut heftig, als sie zum erstenmal zu +Alette ging.</p> + +<p>Das waren nun die Zimmer, wo ihre sehnsüchtigen Gedanken so oft in alle +Winkel geschlüpft waren, die Zimmer, in denen sein tägliches Leben sich +abspielte, das Leben, von dem es ihr vorkam, daß sie gern ihr Herzblut +hingeben<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> würde, um an dessen kleinsten, unbedeutendsten Vorkommnissen +teilnehmen zu dürfen.</p> + +<p>Zum erstenmal an seinem Schreibtisch stehen, neben dem Stuhl, den er zu +benützen pflegte, — durchs Eßzimmer gehen, wo er bei Tisch saß — sie +war so überwältigt davon, daß sie zuerst gar nichts sagen konnte.</p> + +<p>Die Schwester war bleich, trat ihr aber mit ausgestreckten Händen +entgegen.</p> + +<p>»Ich wünsche Ihnen Glück,« sagte sie, indem sie die Braut ernst ansah.</p> + +<p>Diese versuchte zu lächeln. »Ich weiß, daß Sie mich nicht lieb haben,« +sagte sie.</p> + +<p>»Dazu kenne ich Sie noch zu wenig,« erwiderte Alette ruhig, während sie +einen Stuhl für die Schwägerin heranzog und sich selbst auch setzte.</p> + +<p>Da geschah etwas, was wahrscheinlich alle beide in gleichem Grad +überraschte. Die Schwägerin lag plötzlich vor Alettes Stuhl auf den +Knien, den Kopf in deren Schoß.</p> + +<p>»Ich bin bei weitem — bei weitem nicht gut genug für ihn, ich weiß es, +ich fühle es.«</p> + +<p>Alette strich ihr leicht und nicht unsanft übers Haar. »Wir können alle +wachsen,« sagte sie. »Mit Gottes Hilfe! Je mehr wir unsere Mängel<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span> +fühlen, desto mehr sehnen wir uns nach dieser Hilfe, nicht wahr?«</p> + +<p>»Ja, ja.« Aber dieser Ausbruch, der nicht mit der Wärme aufgenommen +wurde, die ihm entsprach, machte die Begegnung noch gezwungener als +vorher.</p> + +<p>Sie war in seinem Zimmer, — er war ausgegangen. Sie sehnte sich, alles +zu berühren, wagte es aber nicht recht. Sie bat, alle Bilder von ihm, +von seiner frühesten Jugend an, sehen zu dürfen, wagte es dann aber +nicht, sich so darein zu vertiefen, wie sie es wünschte. Zwei Bilder +von ihm erhielt sie, eins als Kind und eins aus späteren Jahren.</p> + +<p>»Dies hier kann ich Ihnen nicht geben,« sagte Alette, als die Braut +ihre Blicke von einem nicht abwenden konnte, auf dem die Augen +hinreißend waren in ihrem Suchen nach — nach dem Einzigen. »Es wurde +für mich allein aufgenommen. Gleich nach dem Umschlag. Er sagte, daß +nur ich allein dieses Bild verstehen könne, ich, die dabei war — im +Kampf.«</p> + +<p>»Waren es schwere Zeiten?« Sie fragte erregt, mit eifersüchtigem +Interesse für eine Zeit seines Lebens, wo sie außerhalb stand.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p> + +<p>»Es ist immer schwer, wenn die Wahrheit in einem Menschen siegen soll. +Sie muß erkauft werden, wissen Sie.«</p> + +<p>Alette stockte, als ob sie denke, die andere könne das ja doch nicht +verstehen.</p> + +<p>Das Schweigen wurde so drückend, daß ihm ein Ende gemacht werden mußte.</p> + +<p>»Es gibt so vieles, was ich von Ihnen hören, von Ihnen lernen möchte,« +sagte die Schwägerin und ergriff Alettes Hand. »Darf ich ab und zu +kommen und Sie fragen?«</p> + +<p>»Jawohl, — so oft Sie wollen.« Aber es lag keine Begeisterung in dem +Ton, und es konnte ja auch keine da sein.</p> + +<p>Als das dänische Fräulein heimkam, lag ein Brief von Erik da. Wenn nur +wenigstens Erik zufrieden war! Aber das konnte man ja nicht erwarten. +Nein, er war wütend.</p> + +<p>»Du hättest nichts Schlimmeres tun können, als mir einen der +geistlichen Nachtraben als Schwager auf den Hals zu hetzen. Du bist +hunderttausendmal zu gut für so einen.«</p> + +<p>Na, Erik verstand es ja gut. Mit einem Seufzer legte sie den Brief weg. +Um keinen Preis durfte Halfdan ihn zu Gesicht bekommen. Aber<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> es wäre +vielleicht ganz angenehm, wenn Alette ihn lesen würde.</p> + +<p>Wie eine Oase in der Wüste war allein der Glückwunsch des Konsuls +gewesen. Er hatte sie auf die Stirne geküßt und gesagt: »Gott segne +dich, mein Kind! Du bekommst einen guten Mann — einen guten Mann. +Werde ihm nun auch eine gute Frau.«</p> + +<p>Eine gute Frau! Das klang so gleichgültig, so einfach. — Eigentlich +sehr wenig begehrenswert, würde sie früher gefunden haben — und doch +so schwindelnd hoch über ihr, kam es ihr nun vor.</p> + +<p>Und sie konnte sich nicht ganz darüber beruhigen, ob ihm das nicht auch +selbst klar würde, ob er nicht zu der Einsicht käme, daß die andern +recht hätten? Nein, nicht die andern an und für sich, aber zu der +Einsicht, daß <span class="antiqua">vox populi</span> doch hier <span class="antiqua">vox dei</span> sei?</p> + +<p>Ach, die Angst jener ersten Nacht, die von Zeit zu Zeit wiederkehrte, +besonders am Sonntag!</p> + +<p>»Es muß herrlich für Sie sein, wenn Sie ihn jetzt predigen hören,« +sagten die Leute zu ihr.</p> + +<p>Herrlich — ja. Wer konnte wie sie dem hinreißenden Flug seiner Worte +folgen? Und doch<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> saß sie in seiner Kirche in Todesangst und mit +Zittern vor dem, was kommen würde. So oft er vor dem Altar stand, wenn +sie seinen Kopf zurückgebeugt sah und wußte, mit welchem Blick die +Augen aufgehoben waren — da war die Angst am größten.</p> + +<p>Nun verstand sie, was der Stich im Herzen gleich beim erstenmal gewesen +war: Schmerz, wirklicher, eifersüchtiger Schmerz über die Macht, die +die stärkste in seinem Leben war. Es war ihr immer, als wolle diese +Macht ihn verlangen, allein und ungeteilt. Das flammende Wort aus dem +Alten Testament: »Ich bin ein eifriger Gott« traf sie wie ein Stachel. +Es war ihr, als würde sich Halfdan am Altar umwenden und sie verwerfen +...</p> + +<p>Ja, es war ihr, als ob Alette darauf warte, vielleicht darum bete — +bei jedem Kirchgang.</p> + +<p>Und viel sicherer war sie eigentlich auch nicht, so oft sie ihn mit +andern zusammen sah. Da war er in seinem Wesen beinahe gerade wie +früher gegen sie, zurückhaltend und manchmal mißbilligend. Es fiel ihm +nie ein, ihr auch nur die Hand zu küssen, wenn es jemand sah. Nun, das +war ja begreiflich, natürlich. Aber er sah sie auch<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> kaum an. Besonders +nicht, wenn Alette anwesend war.</p> + +<p>Auch war sie bei weitem nicht so mit den Ereignissen seines Lebens +verwachsen wie die Schwester. Es war ja begreiflich, daß er fand, es +sei zu umständlich, ihr all die Leute aufzuzählen, die getauft oder +getraut oder begraben werden sollten; auch daß er nicht jedesmal kommen +und sie abholen konnte, so oft er zu einem Kranken mußte, obwohl sie +ihn darum gebeten hatte.</p> + +<p>Aber dadurch hatte die Schwester immer viel mehr Gemeinsames mit ihm. +Und das Gefühl, außerhalb zu stehen, war ihr sehr peinlich.</p> + +<p>Dann gab es noch etwas, was sie beunruhigte, und zwar beinahe am +meisten von allem. Sie bemerkte nämlich nicht den geringsten Versuch +von seiner Seite, sie zu ändern, sie zu bekehren.</p> + +<p>Wenn er sie sich wirklich als seine Lebensgefährtin, als seine +Pfarrfrau dachte, würde er dann nicht ganz unwillkürlich und sobald +als möglich versuchen, auf sie einzuwirken, damit sie mit ihm eins +werde in seiner Lebensanschauung? — Und wenn er das unterließ, war es +nicht darum, weil sich bei ihm selbst ein unbewußter<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> Zweifel an der +Dauerhaftigkeit des Verhältnisses fand?</p> + +<p>Doch gab es auch Stunden, wo alle Angst und Unsicherheit verschwanden, +wie krankhafte Träume vor dem lichten Tag, — die Stunden, wo die +Feuerwoge sie erfaßte, wo seine Arme, um sie geschlungen, sie in +die einzige Welt einschlossen, die es für sie gab, — eine weitere, +größere, unendlichere, je näher, je inniger er sie an sein Herz zog. Da +lebte sie, da atmete sie. Aber sie mußte wieder hinaus, — hinaus, wo +die kalte Angst saß und auf sie lauerte.</p> + +<p>»Halfdan,« sagte sie eines Vormittags, »da ist etwas, das du mir so +schnell wie möglich sagen mußt. Wie möchtest du mich haben? Ich kann +doch noch bei weitem nicht nach deinem Geschmack sein?«</p> + +<p>Sie drückte die gefalteten Hände auf sein Herz.</p> + +<p>»Das Weib, so wie es deiner Ansicht nach sein soll, will ich werden. +Sag mir, wie du mich haben möchtest!«</p> + +<p>Er faßte sie unter das Kinn.</p> + +<p>»Meinst du, das gehe so: ›Er sprach — und es geschah.‹«</p> + +<p>»Versuche es. Soll ich mein Haar glatt scheiteln?<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> Ich sehe dann +gräßlich aus. Soll ich meine Nägel ganz kurz abschneiden? Soll ich mich +anders kleiden?«</p> + +<p>Er begann, ihr das Haar glatt zu streichen. »Laß mich einmal sehen,« +sagte er.</p> + +<p>Sie verbarg ihr Gesicht. »Nein, nein!« rief sie. »Du gibst mich in +demselben Augenblick auf!«</p> + +<p>»Möchtest du das vielleicht erreichen?«</p> + +<p>»Ich möchte erreichen, daß ich die vollkommenste Gattin würde, die du +finden kannst.«</p> + +<p>Er schüttelte den Kopf. »Meinst du, das werde auf diese Weise erreicht? +— Die Verwandlung eines Menschen! Die innerlichste, die freieste +Sache, die es gibt! Von außen her — und auf Kommando?«</p> + +<p>»Jedenfalls glaubte ich, man müsse einem Menschen das Christentum bis +an den Fingerspitzen anmerken können. Das hast du selbst einmal gesagt.«</p> + +<p>»Ja, gewiß, gewiß! Aber es soll jedenfalls nicht da beginnen. — All +die äußeren Dinge, die du nennst, — ob sie von dem neuen Leben wie +verwelkte Blätter abgestreift werden, oder ob die braunen Blätter +hängen bleiben hinter all<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> den frischen Trieben, wie an den jungen +Buchen in deinen Wäldern, — das ist so unbeschreiblich gleichgültig.«</p> + +<p>»Aber wenn die äußeren Dinge ein Hindernis für das neue Leben sind, +und das können sie so leicht sein, dann muß man doch anfangen, sie +abzustreifen.«</p> + +<p>»Ja natürlich. Alles, was im Menschen für den Durchbruch des Lebens ein +Hindernis ist, alles, was das Wachstum hemmt, und wäre es selbst die +eigene Hand, das soll ja abgehauen werden, — wären es auch ›Äcker oder +Gewerbe‹, wäre es — —«</p> + +<p>Da trat die Tante ein, und er erhob sich, um zu gehen.</p> + +<p>Im Flur küßte er plötzlich ihr Haar. »Ich bitte um Gnade für die +Locken,« sagte er. »Laß sie so, wie sie sind.«</p> + +<p>Ach, die Locken! — Wenn sonst nichts da gewesen wäre, worin Gefahr +lag! — ›Äcker und Gewerbe‹ ... Ja, das aufzugeben, was man nicht +hatte, darauf konnte man leicht eingehen. Aber — das dritte, das er +nicht genannt hatte ... Das Hindernis, das in sein Leben einzuverleiben +ihm so viel Bedenken gemacht hatte, würde es<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> nicht eines Tages — in +ihrer Gestalt — ihn so bedenklich machen, daß —</p> + +<p>Und wenn es die eigene Hand wäre, so müßte sie ja abgehauen werden ...</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Seither waren mehrere Wochen vergangen. Das frohe Weihnachtsfest war +vorüber, und man hatte schon beinahe den langen Januar hinter sich.</p> + +<p>Das dänische Fräulein ging überall hin, wo ihr Verlobter sprach, und +auch zu allen Versammlungen, denen er nur anwohnte. Sonst aber ging sie +zu keinen großen Festlichkeiten mehr und auch nicht mehr ins Theater, +überhaupt nur dahin, wo er auch dabei sein konnte, obgleich er sie +nicht mit einem Wort in dieser Richtung beeinflußt hatte.</p> + +<p>Sie ging auch sehr einfach gekleidet, und in einigen der +Vormittagsstunden, wo sie sonst gemalt oder Klavier gespielt hatte, +strickte sie nun grobe, graue Strümpfe für arme Kinder. Und es war +ihr, als liebe sie alle die kleinen kalten, nicht immer ganz reinen +Beinchen, die hineingesteckt werden sollten ...</p> + +<p>Sie war auch alle Tage draußen in der Küche<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> bei Trine — mit glühenden +Wangen und in einer großen Kattunschürze. Denn eines war sicher, ein +gutes Essen sollte Halfdan bekommen, wenn er mit ihr verheiratet war; +so gut, wie er nie gedacht hätte, daß die täglichen Speisen schmecken +könnten, und daß er dadurch Lust bekäme, noch einmal so viel zu essen +als jetzt, oder, daß er zum wenigsten von dem, was er verzehrte, so gut +wie möglich ernährt würde.</p> + +<p>»Mach es nur nicht gar zu schlimm,« sagte die Tante. »Ich meine, du +übertreibest es. ›Lieb mich wenig, lieb mich lange,‹ das ist mein +Wahlspruch. Man soll niemals verschwenderisch sein, weder mit seinem +Eifer noch mit seinen Gefühlen, sonst kommt auf einmal ein Rückschlag.«</p> + +<p>»Liebe, kluge Tante, das Weltmeer braucht nicht am Wasser zu sparen.«</p> + +<p>»Ja, die großen Worte — an sie glaube ich nicht so recht. Da ziehe ich +den goldenen Mittelweg vor — auch hier.«</p> + +<p>»Den goldenen Mittelweg? — Der ist in der Regel das vergoldete Elend.«</p> + +<p>»Wer sagt das?«</p> + +<p>»Halfdan.«</p> + +<p>»Ach, er sagt so viel. Wolltest du dich nach<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> allem richten, was er +sagt, dann — dann hättest du ihn ja nicht einmal nehmen können. Denn +mehr als irgend ein anderer hat er gegen die Schwachheit der Pfarrer, +in den Ehestand zu treten, gesprochen.«</p> + +<p>»Wenn Halfdan es dennoch tut, dann kommt es daher, daß er jetzt +klarer in diesem Punkt sieht. Er handelt immer aus seiner innersten +Überzeugung heraus, und nur aus dieser.«</p> + +<p>»Ja, meinethalb mag er gerne! Du mußt es ja am besten wissen! Ich +glaube aber doch, daß es sich auch etwas anders erklären ließe. Wir +haben einen guten Liedervers, in dem heißt es:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Auch die großen Heil'gen haben</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Adams Fleisch und Kleider an!«</span><br> +</p> + +<p>Bei diesen Worten der Tante stieg plötzlich ein Gedanke in ihr auf: +Sollte Halfdan in dem Urteil anderer verloren haben? Sollte er in deren +Würdigung auf eine niederere Stufe herunter gesunken sein, weil er sich +an sie gebunden hatte?</p> + +<p>Ach das Urteil der Welt! Wie feig, wie falsch! Hatte nicht jedermann +gesagt, daß er zu streng gegen sich selbst sei, ganz unvernünftig +asketisch? Und in demselben Augenblick, wo er ein klein<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> wenig mehr +nach ihren Anschauungen handelte, wandten sie sich gegen ihn und +deuteten dafür mit Fingern auf ihn. Nein — sie war empört!</p> + +<p>Aber mochte es so sein! Wie andere ihr und Halfdans Verhältnis +beurteilten, war ihr unsäglich gleichgültig. Er nur war es, er allein, +der über dieses und über sie zu urteilen hatte. So klar, so klar wie +möglich!</p> + +<p>»Halfdan!« sagte sie bei einem der wenigen Male, wo er Zeit hatte, +mit ihr spazieren zu gehen, an einem schönen Wintertag, wo von weißen +Bäumen auf dem St. Hanshügel Schneesterne auf ihr Haar und ihre kleine +dunkle Pelzmütze herunterrieselten. »Du fragst mich so wenig nach mir +selbst aus. Du solltest mich doch ganz kennen lernen!«</p> + +<p>»Um die Kenntnis von einem andern, die man durch Ausfragen bekommt, +gebe ich nicht viel. Ich wende eine andere Art und Weise an.«</p> + +<p>»Wenn sie dann nur ebenso sicher ist! Ich möchte gern, daß du dir ganz +klar wärest —«</p> + +<p>»Wie viel Gutes sich hinter dem — häßlichen Äußern verbirgt?«</p> + +<p>»Nein, gerade das Gegenteil.«</p> + +<p>»Immer kommst du mit deinen Fehlern! Wie<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> wäre es, wenn wir zur +Abwechslung nun einmal die meinigen vornehmen würden? Ich bin hitzig, +jähzornig, ungeduldig, herrschsüchtig —«</p> + +<p>Sie lachte und drückte seinen Arm fester.</p> + +<p>»Ach du abscheulicher Mann! Wie schlimm werde ich es bei dir bekommen! +Deine Fehler, Halfdan! Nein, daß du so dumm sein kannst und sie +aufzählen! Glaubst du denn, ich hätte an meine Fehler gedacht! Du und +ich, — könnten wir uns wohl je unsere Fehler vorwerfen? Wir können ja +gleichsam durch sie hindurchsehen! Und wir haben doch auch den großen +Mantel, weißt du, um sie alle zu bedecken. Nicht wahr?«</p> + +<p>Er legte seine Hand auf die ihrige, die auf seinem Arm lag — mit der +Bewegung, die sie von jenem Abend her so gut kannte.</p> + +<p>»Geliebte,« sagte er. »Mein Herzlieb!«</p> + +<p>Kurz nachher fuhr sie fort: »Nein, was ich sagen wollte, war, daß ja — +ein so großer Unterschied zwischen uns beiden sei. Denn du, Halfdan, du +bist — ja du stehst in einem Verhältnis zu Gott. Von ihm aus lebst du +dein ganzes Leben. Du hast dich hingegeben bis auf den Grund der Seele, +bis in die Fingerspitzen, — einem hingegeben, der für dich in allen<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span> +Dingen <em class="gesperrt">will</em>, weil du selbst aus eigenem freiem Willen nur eines +<em class="gesperrt">willst</em>, ihn, nur ihn in alle Ewigkeit.«</p> + +<p>Er blieb unter den schlanken weißen Bäumen stehen.</p> + +<p>»Ja,« sagte er, »so ist es — woher weißt du das?«</p> + +<p>»Von meinem Verhältnis zu dir. Aus ihm heraus kann ich das Verhältnis +zu Gott wohl verstehen. Und besonders verstehen, daß <em class="gesperrt">ich</em> +gar nicht darin stehe. Ich bete wohl, — das habe ich von Kind auf +getan! — ich gehe in die Kirche, jetzt könnte ich es gar nicht mehr +entbehren, dich zu hören, und ich zweifle eigentlich nicht. Ich meine, +ich lasse mich nicht auf meine eigenen Zweifel ein. Was mein Verstand +einwendet, mit dem kann ich leicht fertig werden. Denn an einen +Gott glauben, gegen den er nicht ein klein wenig etwas einzuwenden +hätte, das könnte ich doch nicht so recht. Er würde so verdächtig +selbstgeschaffen. — Aber all dies ist einfach nichts, das weißt du +selbst. Ich — ich <em class="gesperrt">bete</em> nicht <em class="gesperrt">an</em>, ich stehe nur in einem +einzigen lebendigen Verhältnis, mit meiner ganzen Persönlichkeit, und +ich will nur eins, dich, dich und nur dich!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span></p> + +<p>Wieder blieb er stehen. »Ich fühle mich beinahe versucht, zu sagen: du +bist verzweifelt ehrlich.«</p> + +<p>»Was meinst du damit?«</p> + +<p>»Nichts.«</p> + +<p>Sie gingen ein paar Schritte weiter; dann sagte er: »Das muß ich +doch sagen. Sich klar machen, daß man außerhalb steht, ist die erste +notwendige Bedingung, um hineinzukommen. Dieser Standpunkt ist also +nicht der schlimmste.«</p> + +<p>»Aber auch lange nicht der beste.«</p> + +<p>»Nein — selbstverständlich nicht —«</p> + +<p>Im Flur hielt sie ihn einen Augenblick zurück, ehe sie ins Zimmer +traten.</p> + +<p>»Du hast noch etwas vor mir voraus. Aber das muß ich flüstern; es ist +leichtsinnig.«</p> + +<p>»Kann ich's ertragen, es zu hören?«</p> + +<p>»Ich weiß nicht recht, wir können es ja versuchen.«</p> + +<p>Sie legte ihre Lippen dicht an sein Ohr:</p> + +<p>»Halfdan Svarte ist so schön —«</p> + +<p>»Ja, das ist sicher. Darin ist er dem dänischen Fräulein weit über.«</p> + +<p>»— so schön wie ein römischer Kaiser.«</p> + +<p>»Das hat man ihm noch nie gesagt.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p> + +<p>»Nein, natürlich nicht! Aber etwas hast du vielleicht noch nie gehört, +nämlich wie die römischen Kaiser sich nennen ließen: »<span class="antiqua">Aeternitas +tua</span>.« Kannst du so viel lateinisch, daß du verstehst, was es heißt? +Und so nenne ich meinen eigenen wunderschönen Kaiser von ganzem Herzen: +<span class="antiqua">Aeternitas tua!</span> Er ist der Bleibende, der Seiende, der Einzige +für mich — Und ich bin sein — in Zeit und Ewigkeit.«</p> + +<p>— Eine Woche später waren der Pfarrer und seine Schwester in kleinem +Freundeskreis bei Konsuls zu Mittag. Die gnädige Frau hatte ein feines +Diner bestellt zu Ehren eines durchreisenden dänischen Pfarrers, eines +Jugendfreundes von ihr, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.</p> + +<p>Gegen ihre Gewohnheit war die Nichte zeitig fertig und saß in ihrem +weißen Gewand mit einem Buch in der Hand da, als Halfdan eintrat.</p> + +<p>»Ich dachte an die Sonne,« sagte sie, »und nun scheint sie. Halfdan, +warum dichtest du nicht mehr? Ich liebe deine Verse!«</p> + +<p>»Sagst du nicht einmal guten Tag?«</p> + +<p>Sie sprang auf. »Ich grüße dich, mein Liebster! Guten Morgen! — Nun, +warum dichtest du nicht mehr? Hast du keine Zeit dazu?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p> + +<p>»Doch. Aber die Persönlichkeit kann man nur in <em class="gesperrt">einem</em> haben.«</p> + +<p>»Aber andere Pfarrer tun es doch auch!«</p> + +<p>»Mag wohl sein. Ich aber muß mich auf eines konzentrieren, mich nicht +zerstreuen, nicht etwas Unwirkliches hineinmischen. Meine Predigt soll +keine Dichtung sein. Davon haben wir genug in der Kirche, auch von +denen, die keine Dichter sind!«</p> + +<p>»Wenn du das Dichten aufgegeben hast, als du dich bekehrtest, dann ist +dich dein Christentum wirklich teuer gekommen.«</p> + +<p>»Ja, — das Christentum, das einen nichts kostet, ist in der Regel eben +so viel wert, wie — der Einsatz.«</p> + +<p>»Aber, Halfdan, es kommt mir vor, als habest du nicht einmal das Recht +dazu; ein Talent hat man bekommen, um es zu benützen.«</p> + +<p>»Bisweilen auch, um es zu hemmen. Wenn es nämlich das hemmt, was mehr +wert ist.«</p> + +<p>»Nein, dann wäre es sinnlos, daß man es bekommen hätte. Es soll doch +Zinsen tragen, das weiß ich.«</p> + +<p>»Wenn ein Talent, von einer Überzeugung gehemmt, den ethischen Wert +eines Menschen<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> erhöhte, dann hätte es sich verzinst, am reichsten, am +tiefsten. Die beste Frucht ist immer <em class="gesperrt">Persönlichkeit</em>.«</p> + +<p>»Halfdan, nun bist du zum Verzweifeln! Soll man denn allen seinen +Talenten und Neigungen entgegentreten? Das ist schließlich nicht +auszuhalten.«</p> + +<p>»Wie kannst du so töricht fragen? Mit oder gegen seine Neigung, das ist +ganz gleichgültig; aber der Forderung, der persönlichen Forderung der +Wahrheit an jeden Menschen, der muß gehorcht werden, was es auch kosten +mag. Deshalb dichte ich jetzt nicht mehr. Aber ich tue es vielleicht +später wieder. In solchen Dingen kann niemand einem raten oder einen +beurteilen. Nicht einmal das dänische Fräulein, das so sehr klug ist.«</p> + +<p>Allmählich kamen auch die anderen Gäste, und man ging zu Tisch.</p> + +<p>Während der Mahlzeit herrschte eine sehr lebhafte und fröhliche +Stimmung.</p> + +<p>Als die Herren nach dem Essen eine Zigarre rauchten, verließ die Nichte +die andern Damen und zog sich ins Kabinett zurück, das doch etwas näher +beim Rauchzimmer war.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p> + +<p>Während sie da saß, ergriff sie ein ganz überwältigendes Gefühl. +Lieber Gott im Himmel! Wie liebte sie Halfdan, der so stark war, so +unerschütterlich treu seiner Überzeugung, so schonungslos auf der +Wacht vor allen Schlupfwinkeln in seiner Seele, wo sich eine irdische +Schwachheit festsetzen und ihn in ihre Fäden einspinnen könnte!</p> + +<p>So ganz überwältigend stieg dies Gefühl in ihr auf, daß sie den Kopf +auf die Marmorplatte vor sich sinken ließ ...</p> + +<p>Dann war auf einmal jemand da, der seine heißen Lippen auf ihren Nacken +drückte.</p> + +<p>»Ich mußte dich einen Augenblick haben. Ich mußte! Und mir war es, als +seiest du hier.«</p> + +<p>Er saß neben ihr und legte den Arm um sie.</p> + +<p>»Halfdan, es ist nicht zu ertragen, daß es Tage, Stunden — Sekunden +geben soll, wo ich dich nicht sehe, dich nicht höre, nicht mit dir lebe +...«</p> + +<p>»Ich glaube auch, daß ich dich jetzt nicht mehr loslasse.«</p> + +<p>»Nein, — könntest du das? Du könntest es nicht über dich gewinnen. Die +Welt geht jedesmal unter. Denk ein wenig daran!«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p> + +<p>Näher, inniger zog er sie an sich.</p> + +<p>»Ist die Welt jetzt?«</p> + +<p>»Ja — o ja! Das Leben ist. Und ich bin!«</p> + +<p>»Ja du bist — du bist! Das ist das Lebenswunder. Weißt du übrigens — +ich kann es beinahe nicht aushalten, dich in Weiß zu sehen!«</p> + +<p>»Und ich hatte gerade gedacht, ich sei so hübsch in Weiß.«</p> + +<p>»Das ist es nicht. Eher — eher zu hübsch! Aber wenn ich dich in diesem +Gewand sehe, dann ist es mir, als sei der Augenblick gekommen, wo du +das weiße Brautkleid trägst und wo du mein bist, mein ganz und gar.«</p> + +<p>»Das bin ich in allen meinen Kleidern.«</p> + +<p>»Ja. Aber — —«</p> + +<p>»Halfdan, verstehst du denn nicht, daß — daß ich nicht noch mehr dein +eigen werden kann, als ich es schon bin? Das ist unmöglich.«</p> + +<p>»Kannst du es wirklich nicht?«</p> + +<p>»Nein, bist du denn nicht so klug, daß du ein klein wenig davon +verstehst, wie ich dich liebe? — Nein, die Männer begreifen ja nie +etwas. Nun werde ich es dir ein für allemal sagen, aber es ist ein +großes Geheimnis: Ich bin — ich bin nur Liebe zu dir. Verstehst du<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span> +nun, daß ich nicht noch mehr werden kann? Das ist mehr als Braut, ist +mehr als Gattin. Sie sagen oft so jämmerlich wenig, diese Namen. Aber, +wenn du immer noch mehr ausfindig machen kannst — und ich also noch +mehr als — als meine Liebe geben kann, — und <em class="gesperrt">dir</em> geben kann, +dann machst du mich nur noch glücklicher und immer glücklicher. So, +dies sollst du nun studieren, Tag und Nacht, dein ganzes Leben lang, +hörst du?«</p> + +<p>»Ach, du dänisches Fräulein!«</p> + +<p>»Und, Halfdan — ach, ich habe dir noch mehr zu sagen!«</p> + +<p>»Nein, nein — nein! Jetzt nicht sprechen! Nur zusammen schweigen. +Zusammen sein, die kurzen, kurzen Augenblicke, die wir haben. Steht +nicht irgendwo: ›Er schloß ihr die Augen, er schloß ihr den Mund!‹ +Nun schließe ich, nun schließe ich deinen Mund, den süßen, unruhigen +reizenden Mund. Dann siehst du nicht, dann sprichst du nicht, — bist +nur bei mir, du, mein Lieb, mein Herz!«</p> + +<p>Vom Herrenzimmer her näherten sich Schritte.</p> + +<p>Sie standen beide auf. »Daß andere auch noch das Recht haben, da zu +sein!« sagte sie.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p> + +<p>Er lachte und küßte ihr die Hände.</p> + +<p>Als die beiden mit den andern in den Salon traten, fragte die Konsulin +eben nach einem Missionar in Indien, dessen Frau Alettes Freundin war.</p> + +<p>»Ich glaube,« antwortete diese, »daß er sich von dort wegmeldet.«</p> + +<p>»Wirklich! Und es hieß doch, daß seine Predigt so viele gewonnen habe.«</p> + +<p>»Aber Laura kann das Klima nicht ertragen.«</p> + +<p>»Ach so — ja dann ...«</p> + +<p>»Ihre Gesundheit ist vom Fieber vollständig untergraben. Sie kann also +dort nicht weiterleben.«</p> + +<p>»Was kann sie nicht?« rief plötzlich die Nichte leidenschaftlich.</p> + +<p>»In dem Klima dort leben, du hörst es ja, Kind.«</p> + +<p>»Dann muß sie eben dort sterben.«</p> + +<p>Der dänische Pfarrer nickte seinem norwegischen Amtsbruder lächelnd zu. +»Sie bekommen eine Gattin, die kein Hindernis für Sie sein wird. Das +merkt man.«</p> + +<p>»Nein,« lautete die Antwort ruhig. »Sonst könnte ich sie auch nicht +gebrauchen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p> + +<p>Sie sah ihn strahlend an. Aber er erwiderte ihren Blick nicht.</p> + +<p>»Es ist sehr keck von dir, so etwas zu sagen,« sagte die Tante +mißbilligend. »Der Mann hat doch nicht gelobt, seine Frau umzubringen. +Deshalb denken wir andern, er tue seine Pflicht, wenn er mit ihr +zurückkehrt.«</p> + +<p>»Mag er es tun! Aber dann soll er allein wieder hinaus und Mission +treiben.«</p> + +<p>»Was würde dann aus dem Familienleben?«</p> + +<p>»Das muß er opfern, natürlich, wenn es mit seinem Beruf in Streit +gerät.«</p> + +<p>»Nein, entschuldigen Sie,« fiel nun der dänische Pfarrer ein, »ich +stelle mich da wirklich auf die Seite Ihrer Tante. Der Mann hat vor dem +Altar gelobt, bei seiner Frau zu stehen in guten und bösen Tagen. Ich +glaube kaum, daß es vor Gott recht wäre, wenn er sie verließe.«</p> + +<p>»Ich glaubte doch, ein Christ müsse alles verlassen um des Herrn +willen. Dieser Mann steht auf, verläßt die Arbeit für das Reich Gottes +und folgt seiner Frau. Und in der Bibel steht doch auf jedem Blatt, daß +›sie alles verließen und ihm nachfolgten‹.«</p> + +<p>»Allerdings, das steht da — mehrere Male.<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> Und das muß auch getan +werden, wenn es verlangt wird. Aber das sind nur besondere Fälle, +Ausnahmen. Die Zeitgenossen des Herrn konnten sich nicht täuschen, +daß dies Verlangen an sie gestellt wurde, und daß sie es buchstäblich +zu nehmen hatten. Wir andern aber müssen ganz besonders vorsichtig in +diesem Punkt sein. Denn in der Regel besteht das Verlangen des Herrn +nur darin, daß man allem, was man hat, um seinetwillen absagen soll. +Und dies heißt nicht »verlassen«. So fassen es nur die Katholiken auf. +Daher kommt alle ihre mißverstandene, krankhafte Askese. Wir andern +verstehen, daß wir nur in Entsagung besitzen sollen. Nicht, — ja nicht +irgend etwas, das wir haben, über den Herrn und sein Reich stellen, +nicht etwas höher achten, weder Reichtum, Heimat, Gattin, noch das +Leben, — ein Christ soll dies alles nicht verlassen, nicht wegwerfen, +sondern es nur besitzen — in Entsagung.«</p> + +<p>Gerührt nickte die Konsulin ihrem Jugendfreund zu. »Danke, lieber Berg. +Das war so recht klar ausgelegt.«</p> + +<p>Alle anderen schienen diese laue Erklärung zu billigen. Aber dazu war +das dänische Fräulein<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> zu ehrlich. Und sie wußte einen, der es auch +nicht tat, der seinem älteren Kollegen nur nicht widersprechen wollte. +Aber er sollte hören, daß sie ihn verstand.</p> + +<p>»Ja, auf diese Weise ist es allerdings ganz bequem, ein Christ zu +sein,« sagte sie. »Aber dann verstehe ich nicht, warum überall in der +Bibel die großen Anforderungen gestellt werden, wenn man sich nur davor +hüten soll, sie zu erfüllen. Wenn sie so erleichtert und umerklärt +werden können, muß man zuerst ehrlich sein und sie lieber ganz +streichen. Denn in der Praxis kann ich keine Spur von Unterschied darin +sehen, ob man in Entsagung besitzt oder gar nicht.«</p> + +<p>»Das muß man fühlen,« sagte der dänische Pfarrer. »Und ich hoffe, Sie +werden dahin gelangen. Das Christentum ist der Glaube im Geist, und +nicht im Buchstaben. Man muß suchen, dies verstehen zu lernen.«</p> + +<p>Die Frau Konsul schlug nun vor, etwas zu musizieren, um einen passenden +Abschluß der Diskussion, bei der die Beteiligung der Nichte durchaus +nicht ihren Beifall hatte, herbeizuführen.</p> + +<p>Und bald war die Dissonanz auch in Spiel und Gesang aufgelöst.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p> + +<p>Als die Gesellschaft aufbrach, hatte Halfdan ein Buch im Kabinett +liegen lassen und ging hinein, um es zu holen.</p> + +<p>Sie lief ihm nach, sie mußte einen verständnisinnigen Blick, einen +Händedruck haben.</p> + +<p>Er aber wandte ihr fremde und kalte Augen zu.</p> + +<p>»Ein für allemal, sprich bei solchen Dingen nicht mit, bis du sie +besser verstehst. Du zeigst damit nur, daß du unendlich weit außerhalb +stehst; daß du gar keinen Begriff von geistlicher Auffassung hast!«</p> + +<p>Da fuhr sie auf. »Bedeutet geistlich sein so viel als allen Bibelworten +ihren Stachel nehmen, sie beschneiden, beschnipfeln, sie überzuckern, +damit man sie ohne Mühe verschlucken kann? — Dann ist das geistliche +Christentum die reine Jämmerlichkeit! Und das kannst du doch unmöglich +meinen, du, der alles opfert, was es auch sei.«</p> + +<p>»Ja, aber du nimmst es so unverständig, weil du so ganz außerhalb bist +und bleibst. Und vorläufig sollst du Christentum nur lernen, nicht es +lehren.«</p> + +<p>Ihr dunkler Kopf richtete sich stolz vor ihm auf.</p> + +<p>»Was ich sagen oder nicht sagen soll, das lasse ich mir niemals +vorschreiben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p> + +<p>Er ging nach der Tür, ohne noch ein Wort zu sagen. Und da fühlte sie +sich nur noch von einem Gefühl der Angst beherrscht.</p> + +<p>»Halfdan — nein, geh nicht so von mir! Ich verstehe es ja nicht wie +du. Sag mir nur, wie ich sprechen soll!«</p> + +<p>Er blieb stehen und sah sie einen Augenblick an. Dann zog er ihren Kopf +an sich und drückte seine Lippen fest auf die ihrigen.</p> + +<p>»So,« sagte er.</p> + +<p>»Ach, Halfdan, wenn ich auf diese Weise schweigen darf, dann möchte ich +am liebsten nie wieder ein Wort sagen!«</p> + +<p>Er sah sie an und küßte sie noch einmal.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Februar und März vergingen. Und die Pläne für die Zukunft begannen +festere Formen anzunehmen.</p> + +<p>Der Plan war, daß sie im Anfang Mai nach Dänemark reisen solle, um ihre +Aussteuer zu besorgen, und daß die Hochzeit dann im Lauf des Sommers +stattfinden würde.</p> + +<p>Glücklicherweise war Alette so gestellt, daß sie sich, wie die Tante +sagte, »ein kleines sorgenfreies Heim« einrichten konnte, und die +Nichte hatte<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> von ihren Eltern auch soviel geerbt, daß das Brautpaar +mit der Hochzeit nicht zu warten brauchte, bis der Pfarrer ein größeres +Einkommen hatte.</p> + +<p>»Weißt du, ob Halfdan sich um etwas gemeldet hat?« fragte die Tante im +Frühjahr eines Morgens die Nichte.</p> + +<p>»Ich glaube nicht. Er sagte neulich, es wäre vielleicht gut, wenn wir +ganz von Christiania wegkämen. Aber er sagte nichts davon, daß er sich +irgendwohin melden wolle. Warum fragst du?«</p> + +<p>»Ach, weil Bödkers Bruder, der im Konsistorium ist, bei Hallager war +und sagte, — aber es muß ja ein Irrtum sein —«</p> + +<p>»Was denn?«</p> + +<p>»Daß Halfdan sich um eine der schrecklichsten, ödesten und nördlichsten +Pfarreien beworben habe. Aber das ist ja unmöglich. Denn dorthin könnte +er dich doch nicht mitnehmen! Ebensogut könnte er dir den Nordpol +anbieten.«</p> + +<p>Mit einem plötzlichen Angstgefühl legte die Nichte die Hand aufs Herz, +sagte aber nur:</p> + +<p>»Und wenn er sich um eine Pfarrei auf dem Monde bewerben würde, für +mich könnte es keinen Unterschied machen.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p> + +<p>»Ja, das wäre auch besser, denn diese bekäme er doch nicht. — Aber es +muß ein Gerede von Bödker sein. Es ist ja unmöglich. — Das wäre die +mißverstandene Askese, gegen die Pastor Berg neulich so klar sprach.«</p> + +<p>— Den ganzen Tag hindurch stand nur ein Bild vor ihrer Seele. Ein +Bild, von dem sie, wie es ihr vorkam, einmal geträumt haben mußte, und +das nun so deutlich vor ihr stand, daß es war, als sehe sie es mit +ihren leiblichen Augen — das Bild, das einen zeigte, der hinaufstieg, +hinauf, hinauf, bis ihn das strahlende Licht in der Höhe aufnahm. Und +unten stand ein anderer, der sich die Hände an den Felsen blutig riß, +ohne mitkommen zu können ....</p> + +<p>Sie war sogleich überzeugt, daß die Nachricht der Wahrheit entsprach. +Und sie verstand seinen Gedanken vollständig: er brach auf, — er brach +auf. Auf diese Weise wurde der Schlag vorbereitet, den ihre geheime +Angst erwartet hatte, gleichsam von der ersten Stunde an.</p> + +<p>Von droben aus der Höhe, der strengen, weißen, einsamen Höhe, hatte er +den Ruf vernommen — der nach »oben« zog — »unerbittlich«. — Und er +verließ alles, stand auf und folgte ihm.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span></p> + +<p>Er schob sie weg, ohne Klage, ohne eine Einwendung, stieg dem starken, +klaren, leuchtenden Tag entgegen, ohne sich auch nur ein einziges Mal +nach dem umzuwenden, was dahinten blieb.</p> + +<p>Nun fiel es, das Damoklesschwert, das sie über ihrem Kopf hängen +gefühlt hatte.</p> + +<p>Und hinter aller Angst, allem Schmerz war es doch wie wunderbare, +schmerzliche Freude.</p> + +<p>Denn das, was ihn so ganz gefangen nahm, sogar weg von ihr zog, es war +doch das, was sie am meisten an ihm liebte!</p> + +<p>— Der Pfarrer kam an dem Abend zu Besuch und war kaum ins +Zimmer getreten, als die Tante ihm entgegenrief: »Hier sind die +abenteuerlichsten Gerüchte über dich im Umlauf, Halfdan! Daß du +wahnsinnig geworden seiest und dich um Finn-Li beworben habest.«</p> + +<p>»Ich glaube beinahe, das Gerücht hat recht; ich bin nämlich wirklich so +wahnsinnig.«</p> + +<p>»Nein, hör mal, das ist zu arg! Es ist vollständig unvernünftig! Du, +mit deiner Tüchtigkeit und Begabung, zu diesen einsamen Bauern hinauf!«</p> + +<p>»Sollen diese denn nur untüchtige Leute haben?«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p> + +<p>»Und das kannst du ihr ja ganz und gar nicht bieten! Ich hoffe, du +bekommst die Stelle nicht.«</p> + +<p>»Dazu ist wohl keine Gefahr.«</p> + +<p>»Nun, dann hoffe ich wirklich, daß sie dich aufgibt, hätte ich beinahe +gesagt.«</p> + +<p>Da wurde die Tante einen Augenblick hinausgerufen.</p> + +<p>Als die beiden allein waren, trat er zu ihr:</p> + +<p>»Fragst du gar nicht?«</p> + +<p>»Ich bin entschlossen, dir zu folgen — und nicht, dich zu fragen,« +sagte sie mit einiger Anstrengung.</p> + +<p>»Aber ich möchte doch so gern antworten. Ach, wie kalt deine Hände +sind! Ist das Herz so warm?«</p> + +<p>Sie fragte leise: »Ist es — um der einsamen Seelen willen?«</p> + +<p>»Vielleicht. Obgleich — Seelen gibt es an jedem Ort. Und einsam sind +sie alle. Nein — das ist es nicht gerade.«</p> + +<p>Die Konsulin trat wieder ein.</p> + +<p>»Mein Mann sagt wie ich, daß wir dich davon abbringen müßten. Es gibt +Stellen genug hier im Tiefland.«</p> + +<p>»Ja, und das ist recht gut für die, die das<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> Hochland nicht ertragen +können. Aber es gibt andere, die das Tiefland hinter sich lassen +müssen, die hinauf müssen — ganz hinauf — bis zur höchsten Spitze.«</p> + +<p>»Ja, das heißt man allerdings eine Sache auf die Spitze treiben, da +hast du ganz recht.«</p> + +<p>»Halfdan,« sagte die Nichte plötzlich laut. »Du willst +<em class="gesperrt">Hochlandspfarrer</em> werden, und da tust du recht daran. Dazu paßst +du gerade. Du darfst dich nicht aufhalten lassen. Du darfst dich im +Tiefland nicht fesseln lassen!«</p> + +<p>Er streichelte ihr die Hand. »Es ist zwar nicht so ganz das, was wir +unter Hochland da droben verstehen,« sagte er. »Aber dies ist ein +schöner Titel.«</p> + +<p>»Meinst du?« sagte die Konsulin. »Da weiß ich aber doch, daß +geschrieben stehet: Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet +euch herunter zu den niedrigen.«</p> + +<p>»Wenn Paulus es so gemeint hätte wie du — dann hätte er nicht selbst +darnach gelebt. Und wir haben noch einen Größeren als ihn, der uns den +Weg nach oben gezeigt hat. Einer, der predigte und betete, der kämpfte +und am Kreuz starb. Einer, der uns gelehrt hat, daß man auf<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> der Höhe +leben soll. Von da geht man ein — zur Vollendung des Lebens.«</p> + +<p>»Das ist alles ganz wahr. Aber die Nachfolge kann man nicht +<em class="gesperrt">buchstäblich</em> nehmen — das hast du selbst gesagt.«</p> + +<p>»Es schadet nichts, wenn es einer doch einmal buchstäblich nimmt.«</p> + +<p>»Ja, aber davon kann nun doch hier keine Rede sein. Sag doch etwas, +Kind! Diese Meldung muß zurückgenommen werden.«</p> + +<p>Aber sie sagte nichts — auch nicht, als der Konsul hereinkam und mit +wirklich treffenden kurzen Worten die Bestrebungen seiner Frau, diesen +Beschluß zu ändern, unterstützte.</p> + +<p>Nach dem Abendbrot setzte sich der Pfarrer an den Flügel im Saal, um +einige Kirchenlieder zu singen, die seine Braut gerne hören wollte.</p> + +<p>Sie saß hinter ihm, auf einem niederen, mit Atlas bezogenen Sofa, in +der Dunkelheit, die die beiden Lichter auf dem Instrument nicht zu +erhellen vermochten, und lauschte auf die glockenreine, schöne Stimme, +ohne ein Wort von dem Gesang aufzufassen.</p> + +<p>Kurz nachher saß er auf dem Sofa neben ihr. »Weißt du, warum?« fragte +er.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span></p> + +<p>Sie dachte die ganze Zeit an nichts als an die Stelle da oben hoch im +Norden, um die er sich gemeldet hatte. Nun kam die Erklärung.</p> + +<p>»Ich will es dir sagen. Aber es ist ein Geheimnis. Heute bin ich der, +der flüstern muß.«</p> + +<p>Er schlang die Arme um ihren Hals und legte seine Lippen dicht an ihr +Ohr: »Es gibt eine, die ich ganz für mich allein haben muß. Ganz, ganz +allein. — Deshalb, glaube ich, habe ich es getan.«</p> + +<p>Sie rührte sich nicht, verstand es noch nicht recht.</p> + +<p>»Ich muß alle andern, die ganze Welt weg haben. Ich muß einen Ort +finden, fern, einsam, verborgen, — wie der, wo der Steinadler seinen +Horst hat. Dort das Hochzeitshaus aufrichten! Und dich auf meinen Armen +hinauftragen! Zu mir hinauf, zu mir allein!«</p> + +<p>Sie tat einen tiefen Atemzug — einen erlösenden.</p> + +<p>»Und ich glaubte — ich dachte —«</p> + +<p>»Was dachtest du?«</p> + +<p>»Daß du — daß du von mir fort wolltest.«</p> + +<p>Er lachte und drückte ihr lockiges Haupt inniger an sich.</p> + +<p>»Ja, du bist ein Kind! Ein törichtes, törichtes<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> Kind, das nicht das +Geringste von allem versteht. Du weißt gar nicht, wie du alles, was +sich in mir regt, gefesselt hast. Wie abhängig ich von dir bin, um zu +leben. Wie du Lebensbedingung für mich bist. Du bist das Licht meiner +Augen! der Schlag meines Herzens! mein Atemzug selbst ... das, was man +sich nicht entreißen läßt. Das, wofür man bis aufs Blut kämpft. — Denn +ohne das kann man nicht leben.«</p> + +<p>»Ach Halfdan, sag es noch einmal! Sag es noch einmal!«</p> + +<p>»Mein Leben — mein Leben! Hast du es jetzt gehört? Verstehst du es +jetzt? Weißt du nun, daß ich alles auf die Seite geschoben haben muß, +abgeschnitten, weil ich dich so ungeteilt haben will, so endlos, +daß niemand anders auch nur einen Schimmer von dir haben darf! +Begreifst du, daß ich hoch, hoch hinauf muß, bis zu dem fernsten, +wolkenverhüllten Gipfel, wo kein spähendes Auge uns sieht — um mein +Lieb heimzuführen? — Da hinauf, wo nur du für mich lebst, wo nur du +da bist, lebenswarm mit klopfendem Herzen, — für meine Liebe und für +mich! Wo wir zusammen hinausgleiten können in die große, schwindelnde +Tiefe. Nichts wissen,<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> nichts erinnern, nichts fühlen, als nur einander +angehören, — einander angehören!«</p> + +<p>Sie schlug die Hände vors Gesicht.</p> + +<p>»Halfdan, dann muß ich sterben.«</p> + +<p>»Gewiß nicht. Dann sollst du leben.«</p> + +<p>»Ja, o ja ... Aber begreifst du nicht, daß gleichsam eine Todesangst in +dieser grenzenlosen Hingabe liegt? Halfdan, die Freude, mit dir allein +zu sein, für dich allein, — sie wird mir das Herz zersprengen! Ich muß +daran sterben! Aber es wird trotzdem so sein, wie in dem Liede: Und +hätt ich tausend Leben gleich — um <em class="gesperrt">eins</em> nicht wollt ich bitten!«</p> + +<p>Als die beiden wieder ins Wohnzimmer traten, sagte die Tante: »Hast du +Halfdan nun von dem unsinnigen Einfall abgebracht?«</p> + +<p>Mit strahlendem Blick wandte die Nichte sich ihr zu: »Nein, nun +verstehe ich ihn. Wir sind ganz einig darüber.«</p> + +<p>»Ja,« sagte der Pfarrer ruhig, »sie nimmt es wirklich sehr verständig +auf, Tante, daß es gar keinen Sinn hätte, das aufzugeben, was mir als +das Richtige vorkommt.«</p> + +<p>Als er gegangen war, sagte die Konsulin zu ihrer Nichte: »Wenn du in +dieser Weise auf alle<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> seine verrückten Ideen eingehst, benimmst du +dich sehr unklug.«</p> + +<p>»Ich habe auch gar nicht die Absicht, Halfdan gegenüber klug zu sein, +ich möchte ihn nur fühlen lassen, daß er auf mich nicht die geringste +Rücksicht zu nehmen braucht.«</p> + +<p>»Dieser Wunsch kann dir leicht erfüllt werden. Er ist jetzt schon so +rücksichtslos, daß es unbegreiflich ist. Sein Betragen gegen dich hat +mich schon wiederholt gekränkt. Aber es ist deine eigene Schuld. Und du +wirst ihn damit erst nicht glücklich machen.«</p> + +<p>»Ach Tante!«</p> + +<p>»Ja, im Augenblick denkt er natürlich, es sei sehr bequem, eine — +Sklavin für alle seine Wünsche zu haben. Aber auf die Dauer wird es ihn +langweilen. Er wird immer unvernünftiger in seinen Ansprüchen werden, +und die immer weniger achten, die ihm nie einen verständigen Widerstand +zu leisten vermag.«</p> + +<p>»Du kennst Halfdan nicht, Tante.«</p> + +<p>»Liebes Kind, die Männer — wenn man nur einen kennt, kennt man sie +alle auswendig.«</p> + +<p>Die Nichte schlang den Arm um sie. »Komm und besuche uns am Nordpol, +Tantchen! Dann<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> sollst du sehen, wie furchtbar gut wir es beieinander +haben.«</p> + +<p>»Nein, das wird nicht geschehen. Weder Hallager noch ich können uns +darauf einlassen, uns den Hals zu brechen oder in einem Moor bis zum +jüngsten Tag stecken zu bleiben.«</p> + +<p>— Die Nichte konnte durchaus nicht zur Ruhe gehen. Von einem Zimmer +ins andere flog sie in atemloser Freude.</p> + +<p>All die kalte qualvolle dumme Angst war von der leuchtenden +Siegesgewißheit wie ein Stein von ihrem Herzen gewälzt worden. Die +stärkste Macht in seinem Leben war — <em class="gesperrt">sie</em>.</p> + +<p>Er ließ sie nie wieder los, weil er — nicht konnte! Er war fest, +unauflöslich an sie gebunden! Fühlte, dachte, wollte nur sie!</p> + +<p>Ach, die jubelnde Sicherheit!</p> + +<p>Alette, — ihre Tante, — alle übertriebene Vorsicht, — die ganze Welt +— was wußten sie, was verstanden sie, was vermochten sie? Selbst — +selbst die Macht, die sie beständig wie eine nach ihm ausgestreckte +Hand gesehen hatte, auch sie kam gar nicht in Streit mit <em class="gesperrt">ihr</em>? +Jene hatte seine Überzeugung, natürlich. Aber sie, die Braut, sie hatte +ihn selbst! Ihr gehörte er!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span></p> + +<p>Droben auf der Höhe, wo die Wolken die Gipfel verhüllten, da würde er +die Stätte für die große, alles vergessende Götterliebe errichten.</p> + +<p>Deshalb, nur deshalb zog er dort hinauf.</p> + +<p>Und dies war recht, vollkommen recht, menschlich und natürlich recht! +Wer konnte ein einziges Wort dagegen sagen?</p> + +<p>Als sie endlich, müde und vor Glück fast schwindelig, in das Reich der +Träume hinüberglitt, folgten ihr einige Worte auch dahin, Worte, von +denen sie nicht wußte, wo sie sie gelesen hatte: »Königin, Königin +werd' ich sein in Ewigkeit! — Ich — und niemand außer mir!«</p> + +<p>— Am nächsten Tag kam der Pfarrer nicht zu Besuch. Aber er sandte ihr +einige Linien, wie öfters, wenn er wußte, daß er sie nicht sehen würde.</p> + +<p>Diesmal enthielt der Brief nur ein paar Verse:</p> + +<div class="poetry-container"> +<div class="poetry"> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Vögelein schnäbelt im blühenden Dorn,</div> + <div class="verse indent2">Zwitschert ein Liebeslied leise -- --</div> + <div class="verse indent2">Dort, wo der Bergwind stößt in sein Horn,</div> + <div class="verse indent2">Hoch über Gletscher und Wogenzorn</div> + <div class="verse indent2">Der Adler zieht seine Kreise.</div> + </div> +<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span></p> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Vögelein fröhlich sein Nestchen schmiegt,</div> + <div class="verse indent2">Lauschig in Rosengewinden -- --</div> + <div class="verse indent2">Weithin der Adler die Luft durchfliegt,</div> + <div class="verse indent2">Hoch, wo im Sommer der Schnee noch liegt,</div> + <div class="verse indent2">Eilt er die Liebste zu finden.</div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse indent2">Schmetternd das Vöglein von Freude singt,</div> + <div class="verse indent2">Von Rosen, Liebe und Sonne -- --</div> + <div class="verse indent2">Hoch, wo kein Echo der Erde dringt,</div> + <div class="verse indent2">Birgt, in der Brautkammer wolkenumringt,</div> + <div class="verse indent2">Der Adler die Liebeswonne!</div> + </div> +</div> +</div> + +<hr class="tb"> + +<p>Sie barg das Papier an ihrem Herzen. Und so oft sie nur die Hand darauf +legte und nur das leiseste Knistern vernahm, durchfuhr sie ein Jubel, +der ihr fast den Atem raubte.</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Der Pfarrer bekam die Stelle, um die er sich beworben hatte. Im Juni +sollte er hinaufreisen, dann ins Amt eingesetzt werden und hierauf die +Vorbereitungen zum Empfang der Braut treffen.</p> + +<p>Für das dänische Fräulein näherte sich die Zeit der Abreise von +Christiania mit raschen Schritten.</p> + +<p>Und so angegriffen und unruhig war sie geworden, daß ihre Tante ganz +bekümmert um sie war.</p> + +<p>»So nervös habe ich dich noch nie gesehen,«<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> sagte sie. »Ich glaube, es +ist gut, wenn du eine Zeitlang ganz von Halfdan wegkommst, um dich in +Ruhe sammeln zu können.«</p> + +<p>»Ruhe! Ach, mir ist es zum Sterben zumut, wenn ich daran denke.«</p> + +<p>»Zum Sterben! Wenn du zwei oder drei Monate von ihm getrennt bist?«</p> + +<p>»Für mich ist es immer wie ein Sterben, wenn ich von Halfdan getrennt +bin, ob es nun Tage, Stunden oder Minuten sind!«</p> + +<p>»Darauf antworte ich überhaupt nicht,« sagte die Konsulin. »Ich bin +zwei Jahre als Braut in Kopenhagen gewesen, ohne Hallager öfter als +jedes Frühjahr einmal zu sehen, aber ich habe mir nie eingebildet, daß +ich darüber zu beklagen gewesen wäre.«</p> + +<p>An einem der letzten Abende sollte der Pfarrer bei einer Versammlung +sprechen, und die Konsulin hatte ihn und seine Schwester gebeten, +ihre Nichte von dort nach Hause zu begleiten und den Tee bei ihnen zu +trinken.</p> + +<p>»Wovon sprach Halfdan heute abend?« fragte die Tante, als sie Alette +auf dem Sofa neben sich hatte.</p> + +<p>»Über die Worte Esaus, als er sein Erstgeburtsrecht<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> um das +Linsengericht verkauft: Gib mir von dem Roten!«</p> + +<p>»Das war ein eigentümlicher Text,« meinte die Konsulin. »Was konntest +du eigentlich darüber sagen, mein Lieber?«</p> + +<p>»Daß diese Worte jeden Tag wiederholt werden.«</p> + +<p>»Meinst du? Die Verhältnisse sind doch jetzt ganz anders. Man kann sie +doch nicht gut mit denen von damals vergleichen.«</p> + +<p>»Aber die Menschen sind noch ebenso wahnsinnig. Sie verkaufen ihr +Erstgeburtsrecht, das Recht zum Reiche Gottes, das Recht zu der Liebe +Gottes, um ›das Rote‹ in jeglicher Gestalt, um Augenlust, Fleischeslust +und hoffärtiges Leben.«</p> + +<p>»Ja, auf diese Weise kann man es allerdings sagen.«</p> + +<p>»Und nicht nur die ewige Herrlichkeit, auch seinen Beruf, seine +Aufgabe, sein eigentliches Leben verspielt man um ›das Rote‹. — — Das +ist das Entsetzliche, daß wir das Tiefste, das Wahrste in uns nicht +immer als das Stärkste empfinden. Weil die Bewegung an der Oberfläche +am stärksten gefühlt wird, deshalb kann das Kleinere dem Größeren die +Macht rauben.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span></p> + +<p>Als die Konsulin mit einer nachdenklichen Miene schwieg, worunter sie +ab und zu einmal verbarg, daß sie im Augenblick nichts zu entgegnen +wußte, ergriff Alette das Wort.</p> + +<p>»Während du heute abend sprachst, mußte ich mehrere Male an jenen +Weisen im Altertum denken, der all sein Geld von dem Gipfel eines +Berges in den Abgrund hinunterwarf und diese Tat dann mit dem Ausspruch +erklärte: ›Ich tat es, damit es nicht mich einmal hinunterstürze.‹ So +klug und scharfsichtig sind nicht alle Christen.«</p> + +<p>»Nein. Obgleich das, was er getan hat, uns eigentlich vorgeschrieben +ist, und zwar aus ganz demselben Grund. Aber in dem Punkt, wo die Lust +uns bindet, sind wir oft größere Heiden als jener Weise. Jämmerlich +abhängig! Und blind! ›Das Rote‹ flimmert uns vor den Augen und blendet +uns. Erst nachher sieht man das klar ein. Dann begreift man nicht, daß +man treulos werden und das Größte verleugnen konnte, aus erbärmlichem +Hunger nach einem Gericht Linsen. Esau schrie laut und ward über +die Maßen betrübt, als er die Folgen sah. Aber was half es? Das +Erstgeburtsrecht war verspielt.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span></p> + +<p>»Wie hieß jener Weise, Alette?« fragte die Tante. »Das war eine schöne +Geschichte, ein Wort zum Nachdenken.«</p> + +<p>»Ich erinnere mich im Augenblick seines Namens nicht,« antwortete sie.</p> + +<p>Dann ging man zum Abendbrot. Die Nichte war so stumm, daß die Tante sie +fragte, ob sie sich nicht wohl fühle.</p> + +<p>»Die Betstunde war so ergreifend,« sagte sie nur.</p> + +<p>Der Pfarrer war von seinem Thema des Abends, sowie von mehreren +Zuhörern, die ihm nachher gedankt hatten, und von denen er wußte, daß +sie sonst gar nicht kirchlich waren, so erfüllt, daß er sich nicht +besonders mit seiner Braut beschäftigte.</p> + +<p>Als er und die Schwester aufbrachen, war sie verschwunden.</p> + +<p>Er fand sie im Kabinett.</p> + +<p>Sie wandte ihm das Gesicht zu und sagte sogleich: »Alles, was du heute +abend gesagt hast, in der Versammlung und hier, meinst du das wirklich?«</p> + +<p>Er zog die Augenbrauen zusammen. »Ob ich es meine,« sagte er kurz. +»Was ist das für<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> eine Frage? — Wenn du dich sonst nicht so ganz auf +meine Worte verlässest, so kannst du es ruhig tun, wenn ich aus meinem +Verhältnis zu Gott heraus rede. Denn dann spreche ich aus dem heraus, +was das Wahrste in mir ist.«</p> + +<p>»Ja, ja natürlich. — Es war töricht von mir, so zu fragen.«</p> + +<p>Er neigte sich vor, um sie zu küssen.</p> + +<p>»Ei, wie blaß die Wangen sind! Und die Lippen auch!«</p> + +<p>Er lächelte, indem er ihr Gesicht näher an sich zog. »Wo ist all das +Rote — das Rote, das sonst da zu sein pflegt? Ich muß sehen, daß ich +es hervorrufe.«</p> + +<p>Wie in plötzlicher Angst zog sie ihren Kopf zurück.</p> + +<p>»Nein — nein.«</p> + +<p>»Ach so — — gute Nacht dann.«</p> + +<p>Sie streckte die Hände nach ihm aus: »Doch Halfdan, versuche — +versuche, ob du es hervorrufen kannst!«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Als das dänische Fräulein ihre Abschiedsbesuche machte, konnten sich +die Leute nicht genug verwundern, wie elend sie aussah.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p> + +<p>Sie verabschiedete sich bei allen Bekannten, denn es war ihre Absicht, +sich in Dänemark trauen zu lassen, ohne den Tag genau anzugeben; dann +durch Christiania und Trondheim ohne Aufenthalt nach der fernen Heimat +zu reisen, von wo sie wohl in langen Zeiten nicht wieder nach dem Süden +kommen würde. So hatte der Pfarrer es gewünscht, und wie immer richtete +sie sich nach ihm.</p> + +<p>Jedermann fand, daß es allerdings eine ernste Sache sei, der sie +entgegengehe, aber doch nicht so aufreibend, wie sie es zu finden +schien. Und man begann allmählich, über sie zu tuscheln. War sie +vielleicht doch auf dem Wege, den Schritt zu bereuen, den alle Leute so +unüberlegt gefunden hatten, und der nun Folgen nach sich zog, die sie +nicht mit in Rechnung genommen hatte? Das ernste, einsame Leben auf dem +Gebirge, das so gar nicht für sie paßte.</p> + +<p>Am Abend vor ihrer Abreise ging sie zu Bödkers, bei denen sie oft mit +Halfdan zusammen gewesen war.</p> + +<p>Die Flachsköpfchen waren eben zu Bett gebracht worden. Aber sie bat, +zu ihnen hineingehen und ihnen einen Abschiedskuß geben zu<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> dürfen. Da +ging die Mutter mit ihr ins Kinderzimmer.</p> + +<p>»Das dänische Fräulein kommt, um euch Lebewohl zu sagen,« sagte sie. +»Nun werden wir sie sehr lange nicht wiedersehen. Und nun wollen wir +die Hände falten und alle miteinander für sie beten, nicht wahr? Wir +haben sie doch so sehr lieb.«</p> + +<p>Aus vier weißen Bettchen streckten sich eifrige Ärmchen ihr entgegen, +und jedes Kind wollte ihren schimmernden Lockenkopf auf sein Kissen +ziehen, um sich innig an ihn anschmiegen zu können.</p> + +<p>Aber als die Rede auf das Gebet kam, das sie mit anhören würde, da +wurden die Großen verlegen und wagten es nicht. Sie krochen unter die +Decken — und taten es erst später alle miteinander, als das dänische +Fräulein das Zimmer wieder verlassen hatte.</p> + +<p>Nur das kleinste Mädchen rief sogleich: »Ich will!« und setzte sich im +Bettchen auf.</p> + +<p>Da kniete die Mutter neben ihm nieder und faltete ihre Hände um die +dicken rosigen Fingerchen. Dann betete sie langsam, während die Kleine +jedes Wort mit ihrer süßen Kinderstimme<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> nachsagte: »Lieber Vater im +Himmel! Nun reist das dänische Fräulein weit von uns weg, und wir +können nicht bei ihr sein. Aber geh du mit ihr und schirme und segne +sie, um Jesu willen, wo sie steht und geht. Aber besonders — besonders +wenn sie einmal sterben muß. Amen.«</p> + +<p>Der Kopf des dänischen Fräuleins sank plötzlich auf das Fußende des +Kinderbettchens nieder. Und die Mutter sah, wie ihr ganzer Körper von +heftigem, unterdrücktem Weinen erschüttert wurde.</p> + +<p>Sanft und fürsorglich legte sie ihren Arm um die schlanke Gestalt und +führte sie ins andere Zimmer.</p> + +<p>»Liebste,« sagte sie, »habe ich Ihnen weh getan? Ich weiß, Sie wünschen +jetzt zu leben, und da mag es schwer sein, an den Tod zu denken. Das +Wort ist mir entschlüpft, denn ein guter Tod ist doch das Beste, was +wir einander wünschen können. Aber ich wünsche ja, daß Sie zuerst +leben, lange und glücklich mit Ihrem Halfdan.«</p> + +<p>Aber, den Kopf an die Schulter der Freundin gelehnt, weinte die andere +unaufhaltsam. Und es war, als ob jedes der liebevollen Worte das<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span> +merkwürdig verzweifelte Weinen nur noch verstärkte. Schließlich zog +Frau Bödker die Schluchzende aufs Sofa nieder und strich ihr übers +Haar, ebenso mütterlich, als sei es eines ihrer Flachsköpfchen.</p> + +<p>»Meine Liebe,« fuhr sie fort, »es drängt mich, Ihnen eins zu sagen. +Ich habe mich über Ihre Verlobung gefreut, gleich als ich davon hörte. +Denn ich glaube, daß Sie als eine von Gott gesandte Freude zu Halfdan +gekommen sind. Er nimmt das Leben so ernst, so entsagungsvoll, daß ich +ihm alle Freude gönne, die ihm zuteil werden kann. Und ich glaube, daß +er Sie — für das Höchste gewinnen wird. Es kann nicht anders sein. +Aber auch Sie werden ihn etwas lehren können. Sie sind so ehrlich, daß +ich mich oft ganz beschämt gefühlt habe. Und wenn Sie einmal etwas +als recht erkannt haben, gibt es nichts anderes mehr für Sie, als es +sogleich zu tun; das habe ich mehr als einmal bemerkt. Sie können +nichts hinwegerklären und verschleiern, worin wir andern oft recht gute +Übung haben. Ich glaube, Sie werden das, was Halfdan predigt, einmal +ins Leben übertragen, — besser als eines von uns.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p> + +<p>Das dänische Fräulein hob ihr verweintes Gesicht und küßte sie.</p> + +<p>»Alles, was Sie von mir denken und glauben,« sagte sie, »ist weit — +weit besser als in der Wirklichkeit. Aber — das, was Halfdan predigt, +das will ich ins Leben übertragen, und wenn mir das Herz darüber +brechen sollte.«</p> + +<p>Oft, oft, wenn sie später mit ihren Flachsköpfchen betete, mußte die +Mutter an jenen Abend denken. Und dann versank sie in tiefe Gedanken, +und immer schüttelte sie zum Schluß den Kopf, wie jemand, der das, was +er glaubt, nicht mit dem, was vorliegt, in Einklang bringen kann.</p> + +<p>Am nächsten Vormittag, dem Tag, an dem sie abends abreiste, ging das +dänische Fräulein zu Alette. Der Pfarrer war nicht daheim, und sie +wußte es. Die Schwester ergriff beide Hände ihrer Schwägerin und sah +ihr ernst und eindringlich in die Augen.</p> + +<p>»Der Herr bereite Sie vor und stärke Sie zu der Aufgabe, die Sie +übernehmen, der schönsten, die es für eine Frau gibt: die Gehilfin +eines Dieners des Herrn in seinem hohen Beruf zu sein.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p> + +<p>»Ich danke Ihnen,« sagte die Braut.</p> + +<p>Dann bat sie, einen Augenblick in sein Zimmer treten zu dürfen.</p> + +<p>Sie blieb eine Weile still vor dem großen Bilde der Madonna von Murillo +vom Palazzo Pitti stehen, das er über seinen Schreibtisch gehängt hatte +— weil er fand, daß es ihr gleiche. Ein Bild von ihr, das jedermann +betrachten und erkennen könnte, wollte er nicht aufstellen, das trug er +nur bei sich. Aber dies sei sie ja doch, hatte er gesagt, heimlich und +für ihn allein.</p> + +<p>Sie stieg auf den Stuhl vor dem Schreibtisch, kniete auf die +Tischplatte und küßte das Bild ...</p> + +<p>Auf dem Tisch lag ein kleiner Papierstreifen, auf den er in aller Eile +die Adresse einer armen Familie gekritzelt hatte. — Sie nahm den +weißen Elfenbeinfederhalter, den sie ihm selbst geschenkt hatte, und +schrieb: »Geliebter, geliebter Halfdan Svarte« — mit ihrer schönen, +großen Handschrift, die er so sehr liebte — gerade unter die fremde +Hausnummer ...</p> + +<p>Noch ein langer, sehnsüchtiger Blick, der gleichsam alle Gegenstände +des Zimmers umschloß — dann ging sie wieder hinaus.</p> + +<p>Als sie sich von Alette verabschiedete, sagte<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> diese zögernd: »Da ist +noch etwas, das ich Ihnen gerne sagen möchte. Sie werden nun ganz +allein mit ihm sein, — und werden wohl einen bedeutenden Einfluß auf +ihn gewinnen. Das bekommt die Gattin immer. Aber — wollen Sie daran +denken, daß Halfdan niemals so recht von Herzen glücklich wird, wenn +nicht das eine — das eine, das das Größte und Stärkste in ihm ist, bei +allem zuerst kommt? Vor allen Rücksichten, vor allen Freuden — — vor +allem Zusammensein mit Ihnen ...«</p> + +<p>Die andere richtete ihre dunklen Augen auf die Schwägerin und sagte: +»Das glaube ich auch. Ja, ich werde daran denken.«</p> + +<p>Halfdan sollte bei Konsuls zu Mittag essen und seine Braut dann nach +dem Bahnhof begleiten, er ganz allein.</p> + +<p>Er brachte ihr einen Strauß von lichten Rosen und dunklen duftenden +Heliotropblüten. »Zum Dank für die, die ich mir genommen habe,« sagte +er. »Weißt du es noch?«</p> + +<p>Bei Tisch trug sie ein weißes Kleid und hatte seine Blumen angesteckt.</p> + +<p>Der Konsul hatte Champagner herbeigeholt, und da die Beredsamkeit +seiner Frau ganz in<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Rührung aufgelöst war, weil sie ihre geliebte +dänische Perle verlieren sollte, mußte er dem Brautpaar eine kurze +Abschiedsrede halten.</p> + +<p>»Der Herr sei mit euch — droben auf der Höhe, wohin euer Weg nun geht! +Über dich, Halfdan, habe ich ihr schon meine Ansicht gesagt, und nun +sage ich sie dir auch über sie. Man weiß nicht, wie lieb sie ist, ehe +man sie bei sich im Haus gehabt hat. Und das will viel heißen. Ich +wünsche euch Glück, Kinder!«</p> + +<p>Die Nichte weinte, küßte ihn und sagte, er halte sie nur für so gut, +weil er sie mit seinen eigenen herzensguten Augen betrachtet habe. —</p> + +<p>Als sie sich später umgekleidet hatte, und der Wagen vor der Tür stand, +weinte sie wieder heftig am Hals ihrer Tante. Sie dankte immer wieder +für den Winter, den besten, den einzigen, den sie je erlebt habe ...</p> + +<p>Und die Konsulin weinte von ganzem Herzen mit und bat sie, ja nicht zu +vergessen, daß sie und der abscheuliche Mann, der sie so weit wegführe, +immer eine Heimat hier hätten.</p> + +<p>Der Konsul zeigte sich außerordentlich besorgt, daß all ihr Gepäck gut +im Wagen untergebracht wurde, schneuzte sich aber doch verschiedene<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span> +Male recht verdächtig, und die Mägde weinten im Chor.</p> + +<p>Als sie sich von Halfdan auf dem Bahnhof verabschiedete, weinte sie +nicht; sie war ganz still und blaß wie eine Leiche.</p> + +<p>»In zwei Monaten,« flüsterte er. »Da hole ich, was mir gehört, und +lasse es in meinem ganzen Leben nicht wieder los — nie lasse ich dich +wieder wegreisen.«</p> + +<p>Als sie an dem Fenster des Wagenabteils stand und der Zug sich in +Bewegung setzte, streckte sie plötzlich die Arme aus und rief laut: +»Halfdan!«</p> + +<p>Angstvoll klang es — wie ein Hilferuf, so daß er ihr beinahe +nachsprang. Aber schon war sie ihm nicht mehr erreichbar. — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Vier Wochen später wußte man in dem ganzen großen Bekanntenkreis in +Christiania, daß das dänische Fräulein seine Verlobung aufgelöst hatte.</p> + +<p>Aber das war auch alles, was man erfuhr. In den Beweggrund, oder die +Art und Weise, wie es geschehen war, wurde niemand eingeweiht.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p> + +<p>Niemand, nicht einmal Alette sah den Brief, den der Pfarrer erhalten +hatte, und den er so verzweiflungsvoll oft durchlas, daß er ihn bald +trostlos gut auswendig konnte.</p> + +<p>»Was ich heute schreiben muß, will ich so schnell und so kurz als +möglich sagen, obgleich es das Resultat langer, langer, ernster +Erwägungen und mein unwiderruflicher Entschluß ist. Ich kann Ihnen +nicht da hinauf folgen. Sie müssen ohne mich Ihren neuen Beruf antreten.</p> + +<p>»Ich wünsche Ihnen, daß Sie ganz und vollkommen die Lebensaufgabe +erfüllen, die das Erste und Größte für Sie ist, nämlich +<em class="gesperrt">Hochlandspfarrer</em> zu werden, wozu Sie, wie ich glaube, berufen +sind.</p> + +<p>»Ich weiß, — ich weiß, daß Sie jetzt leiden werden ... Aber ich glaube +auch, daß Ihre Arbeit alle Leere nach meinem Entschwinden ausfüllen +kann — — und ich kann nicht bei Ihnen sein.« — — —</p> + +<p>An demselben Tag, wo der Pfarrer den Brief bekam, reiste er nach +Kopenhagen. Es war am Anfang der Woche, da konnte er sich schon ein +paar Tage frei machen.</p> + +<p>Am nächsten Abend stand er in ihrer Wohnung,<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> wo ihn der Bruder +empfing, dem die peinliche Lage äußerst widerwärtig war.</p> + +<p>Der Pfarrer verlangte eine Unterredung mit seiner Braut. Aber der +Bruder sagte, sie sei verreist, zu Verwandten aufs Land, und er habe +ihr hoch und teuer versprechen müssen, daß er ihren Aufenthaltsort +nicht verraten werde.</p> + +<p>Hierauf verlangte der Pfarrer, daß ein Brief, den er noch an diesem +Abend schreiben wolle, ihr unverzüglich nachgeschickt werde. Und dies +versprach der Bruder.</p> + +<p>Den Brief seiner Braut legte Halfdan in einen Umschlag, um ihn +zurückzuschicken, und außerdem schrieb er selbst: »Ich betrachte Deinen +Brief als ungeschrieben, — denn ich habe ihn nicht angenommen. Und ich +tue es niemals.</p> + +<p>»Das Verhältnis zu mir kannst Du nicht lösen. Niemals davon loskommen! +Denn solange Du und ich existieren, so lange stehen wir in einem +Verhältnis zu einander. Es ist ein Teil von uns selbst. Und das weißt +Du ebenso gut wie ich. —</p> + +<p>»Ich verlange Dich, so wie Du bist, als mein eigen. — Und Du wirst es +nicht wagen, Dich Deinem eigenen Lebensberuf zu entziehen.</p> + +<p>»Ich nehme Dich an der Hand, — sie ist mein.<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> Ich fasse Dich um das +Herz — es ist mein. Und mit dem großen Recht der Liebe, die ich zu Dir +habe, sage ich: Komm! Folge mir!« —</p> + +<p>Er hatte das Papier schon zusammengelegt, als er es plötzlich noch +einmal entfaltete und ihren Namen — nur ihren Namen, ganz zuletzt +hinschrieb.</p> + +<p>Auf diesen Brief erhielt er umgehend als Antwort nur die drei Worte: +»Ich kann nicht!« — — —</p> + +<p>Da reiste er zurück nach Christiania.</p> + +<p>Aber er verstand und verstand die Welt nicht mehr. Was war geschehen? +Wie war es nur so gekommen?</p> + +<p>Entweder war er klug und die ganze Welt verrückt, oder — war er +derjenige, welcher verrückt war. Eines war gewiß, das ganze Dasein war +ein unbegreifliches Chaos.</p> + +<p>Die öffentliche Meinung war in diesem Fall, wie nach der Verlobung +auch, recht übereinstimmend.</p> + +<p>Es sei nur gut, daß die Verlobung aufgelöst worden sei. Die beiden +hätten durchaus nicht zusammengepaßt. Und das Leben, in das er sie +hineinführen wollte, habe sie sicher zurückgeschreckt,<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> so verwöhnt und +verfeinert, wie sie gewesen sei.</p> + +<p>Immerhin habe es ja den Anschein gehabt, als ob sie richtig verliebt in +ihn gewesen wäre. Und zu bedauern sei es, daß sie so lange gezögert, +bis sie ein Ende gemacht habe.</p> + +<p>Der Konsulin, die selbst einen Brief von der Nichte erhalten hatte, +ging es außerordentlich nahe.</p> + +<p>»Mir ist es zumut, als hätten wir einen Todesfall im Hause gehabt,« +sagte sie. »Hallager ist ganz aus dem gewohnten Geleise. Aber was +habe ich gesagt? Es ist geradezu ein Verhängnis, daß ich immer recht +bekomme! Nun werden es die guten Leute selbst einsehen! Aber es ist +ein wenig spät. Es tut mir für beide leid, am meisten für Halfdan. Er +bindet sich nur sehr stark, und nun vielleicht nie wieder. — Über mein +süßes Mädchen bin ich ein wenig ärgerlich. Sie hätte es sich früher +besser überlegen sollen. Aber Halfdan betrug sich ihr gegenüber auch +nicht immer richtig.«</p> + +<p>»Nein,« sagte die öffentliche Meinung in Gestalt einer Dame, die zu +Besuch kam. »Er war zu kalt und recht wenig rücksichtsvoll gegen sie.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p> + +<p>»Kalt? — Ja, darüber können andere nicht urteilen, nach meiner +Erfahrung wenigstens. Aber rücksichtslos, das war er. Er überlegte +nie, was sie wünschen oder nötig haben könnte. Und nun zuletzt diese +Pfarrei! Das hat dem Faß den Boden ausgeschlagen! Ich habe ihm damals +gleich gesagt, daß es eine unvernünftige Idee sei. Es ist ja nicht +frömmer, ob man an dem einen oder an dem andern Ort predigt.«</p> + +<p>»War sie von Anfang an verzweifelt darüber?«</p> + +<p>»Nein, da sagte sie, es sei herrlich, und daß sie am liebsten mit ihm +auf den Mond ginge, — ich glaube, so sagte sie. Aber so etwas hält +nicht vor! Als sie in ihr schönes Heim zurückkehrte, zu ihren Freunden, +ihrem künstlerischen Umgangskreis, und dann an die Pfarrei hoch droben +auf einer Felsenspitze dachte, ohne einen anderen Umgang als — Bären, +wenn es gut geht, da sank ihr der Mut. Und das ist nicht zu verwundern. +Aber es tut mir leid, mehr als ich Ihnen sagen kann, Frau Smit.«</p> + +<p>Von der Schwester des Pfarrers bekam man über die Auflösung noch +weniger zu hören, als einst über die Verlobung.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span></p> + +<p>Zu der Konsulin, die ihr den Brief der Nichte zeigte, um sie etwas +milder zu stimmen, sagte sie nur: »Ich verurteile sie nicht. Sie steht +eigentlich vollständig außerhalb meines Verständnisses! Ich denke, +sie hat sich selbst gerichtet. Und sicherlich ganz richtig. Wenn sie +sagt, daß sie Halfdan nicht folgen könne, so wird es wahr sein. Den +Weg auf die Höhe an seiner Seite, dazu hat sie nicht die Kraft. Es ist +nur so schwer, daß er es glauben konnte und nun den bitteren Schmerz +durchmachen muß, sich in einem anderen Menschen so tief getäuscht zu +haben.«</p> + +<p>Von dem Tage an, wo der Pfarrer von seiner kurzen Reise nach Norwegen +zurückkehrte, die einen so schneidenden Gegensatz zu dem bildete, was +geplant gewesen war, wurde das dänische Fräulein und die ganze Periode, +die sich an sie knüpfte, nicht mehr zwischen den Geschwistern berührt.</p> + +<p>Den ganzen ersten Tag und auch die Nacht schloß sich Halfdan ein, — +mit einem Ausdruck im Gesicht, daß Alette es nicht gewagt haben würde, +ihn allein zu lassen, wenn sie nicht gewußt hätte, mit wem er sich +einschloß.</p> + +<p>Die ganze Nacht hindurch hörte sie ihn in seinem<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> Zimmer auf und ab +gehen, oder sich schwer niederwerfen — auf einen Stuhl, oder auf den +Boden. Sie wußte es nicht.</p> + +<p>Gegen Morgen trat er bei ihr ein, — und er sah in dem bleichen +Tagesgrauen aus wie eine Leiche.</p> + +<p>Er trat zu ihr und sagte: »Nun habe ich es durchgekämpft. Ich will es +auf mich nehmen und will es tragen. Jetzt gehe ich weiter.«</p> + +<p>»Gott sei Dank!« sagte sie leise.</p> + +<p>Aber in demselben Augenblick brach er neben ihr zusammen. Und das Bett, +auf das er sich stützte, zitterte unter seinem heftigen, furchtbaren +Schluchzen.</p> + +<p>Sie umschloß seinen Kopf mit zärtlichen Händen; während ihr selbst die +Tränen über die Wangen liefen, neigte sie sich über ihn und begann +leise und innig für ihn zu beten. Mit der ganzen Liebe, die sie für ihn +fühlte, mit ihrem unerschütterlichen Vertrauen zu dem großen Helfer +betete sie.</p> + +<p>Allmählich wurde er ruhiger und richtete sich auf.</p> + +<p>»Ich danke dir,« sagte er und küßte sie auf die Stirne. »Was getragen +werden muß, kann auch<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> getragen werden. Das Hindernis, an dem wir uns +die Stirne blutig stoßen, soll uns nicht niederschlagen. Das bedeutet +immer nur, daß wir höher hinauf sollen. Darüber hinaus!«</p> + +<p>Von dem Tag an erfüllte er alle seine Pflichten wie vorher und +bereitete seine Abreise nach der fernen Pfarrei vor.</p> + +<p>Das Herz der Schwester blutete, wenn sie daran dachte, daß er in diese +Einsamkeit hinaufziehen mußte.</p> + +<p>Ihre Gesundheit war viel zu gebrechlich, als daß sie daran denken +konnte, sich in einer so rauhen Gegend niederzulassen. Trotzdem hatte +sie es ihm gleich vorgeschlagen; sie hätte um seinetwillen gern ihre +Gesundheit drangegeben.</p> + +<p>Aber er nahm das Anerbieten nicht an; er hätte es nicht für recht +gehalten. Das einzige, worauf er einging, war, daß sie im Hochsommer +einen Besuch im Pfarrhause machen dürfe.</p> + +<p>Ende Juni reiste er ab. Und im Juli kam sie zu ihm. Dies wiederholte +sich regelmäßig jedes Jahr.</p> + +<p>Sie hatte gehofft, er werde sich wegmelden, als die ersten fünf Jahre +um waren, und sich an einen milderen und näheren Ort versetzen lassen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p> + +<p>Er aber sagte: »Ich habe hier oben eine Aufgabe zu lösen.« Da war sie +nicht wieder darauf zurückgekommen.</p> + +<p>Jeden Winter hoffte sie auf einen Besuch von ihm, wenn auch nur auf +kurze Zeit. Aber er sagte, das müsse warten, noch immer würde es ihn +nur peinlich berühren, wenn er wieder nach Christiania käme. —</p> + +<p>Im Sommer begleiteten manchmal auch andere die Schwester nach dem +Norden. Verwandte oder Freunde, Bödkers und einzelne der Cousinen, +solche, mit denen der Pfarrer sich gut verstand.</p> + +<p>»Ich glaube, ich verstehe Alettes Gedanken, wenn sie Margarete oder +die liebe, bescheidene Sophie nach dieser Einöde mitnimmt,« sagte +die Konsulin. »Wenn man nur bald hören würde, daß sich Halfdan mit +einer von ihnen verlobt hätte. Dann könnte man glauben, er habe sein +Herzeleid überwunden und bekomme nun eine behagliche Heimat mit einer +netten Frau, die ihn auf eine vernünftige Art glücklich machen würde, +— auf eine Art, die Bestand hat.«</p> + +<p>Aber dies bekam man eben nicht zu hören.</p> + +<p>Der fremde Vogel, den er einmal an sein Nest<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> fesseln zu können +geglaubt hatte, flog weiter und weiter fort aus seinem Bereich.</p> + +<p>Anderthalb Jahre nach der aufgehobenen Verlobung erfuhr man, daß das +dänische Fräulein nach einer energischen und gründlichen Ausbildung zur +Bühne gegangen sei.</p> + +<p>An die Tante, die diesen Schritt mißbilligte, schrieb sie, sie müsse +eine Aufgabe haben, die sie ganz in Anspruch nehme, damit sie ihr Leben +damit ausfüllen könne.</p> + +<p>Mehrere Jahre lang hatte sie einen schönen, hervorragenden Platz an der +Bühne.</p> + +<p>Dann hörte man, daß sie sich wieder ganz plötzlich ins Privatleben +zurückgezogen habe.</p> + +<p>— Weit entfernt von einander waren die Welten, in denen die beiden +Leben verliefen, die einmal nahe daran gewesen waren, in einander zu +fließen.</p> + +<figure class="figcenter illowe2" id="illu-224"> + <img class="w100" src="images/illu-224.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="newpage"> +<h2 class="nobreak" id="Hinauf">Hinauf.</h2> +</div> + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p> + +<figure class="figcenter illowp100" id="illu-227" style="max-width: 62.5em;"> + <img class="w100" src="images/illu-227.jpg" alt=""> +</figure> +</div> + +<div class="dc"> + <img class="h6em" id="drop-d" src="images/drop-d.jpg" alt="D"> +</div> + +<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>ie helle Nacht ruht über +dem Gebirge ...</p> + +<p>Die große, spiegelklare Wasserfläche wirft den Glanz der Sonne zurück, +und eine silberhelle, zitternde Beleuchtung hat sich über das steile +Ufer und bis zu dem weißen Pfarrhaus hingebreitet.</p> + +<p>Es ist etwas Wunderbares um diese hellen Nächte. Man empfindet sie +immer, als stünden sie außerhalb der Gegenwart.</p> + +<p>Der helle Tag, die dunkle Nacht — in ihnen findet man sich so +natürlich zurecht. Aber die<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> helle Nacht — sie scheint nicht dieser +Welt anzugehören. Es ist, als lasse sie etwas ahnen, etwas weit +Größeres als den Morgen, der über der Welt anzubrechen pflegt.</p> + +<p>Es ist, als öffne sich eine Türe zu lautlosen lichten Gefilden, zu +einer Stätte der Erwartung, wo man dem Sonnenaufgang der Vollendung +entgegenschaut.</p> + +<p>In der hellen Nacht gibt es einen Zugang von einer Welt in die andere. +Man fühlt sich dem stillen lebendigen Dasein des Jenseits gleichsam +näher als in der lärmenden Unwirklichkeit des Tagewerks. —</p> + +<p>Über die glänzende Wasserfläche gleitet ein Boot nach dem Ufer des +Pfarrhofs. Eine einzelne Gestalt steigt aus und bleibt am Ufer stehen.</p> + +<p>Der Fährmann, der an einer kleinen Poststation seinen Wohnsitz hat, +rudert nach ein paar Augenblicken wieder weg. Er weiß, daß der Pfarrer +auf einer Amtsreise in Sörli ist und erst in drei Tagen um Mitternacht +zurück sein kann. Aber die Tür des Pfarrhauses steht offen, — das weiß +er auch — wenn die Pächtersleute je schlafen gegangen sein sollten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p> + +<p>Das Boot gleitet dahin wie ein Schatten auf dem glatten Silber der +breiten Fläche.</p> + +<p>Die Gestalt geht nicht nach dem Pfarrhaus, sondern setzt sich auf einen +großen Stein am Ufer und hüllt sich dichter in ihren langen, dunklen +Mantel. Sie sitzt unbeweglich, als sei sie eins mit dem Stein. Und sie +wartet ....</p> + +<p>Die helle Nacht steigt lautlos aus dem weißlichen Wasser auf und +umzieht alle Berge mit ihrem zarten Glanz.</p> + +<p>Die blanke Fläche ist unbeweglich wie Glas. Nur drinnen zwischen den +Ufersteinen schlägt sie ein paar leuchtende Falten, die sich mit einem +leisen beruhigenden Rauschen auf dem weichen Sand glätten, und diese +schwache Bewegung, in tausendfacher Wiederholung, ist das einzige, +woran man merken kann, daß die Zeit vergeht.</p> + +<p>Sonst scheint alles ganz still zu stehen, wie in träumerische Ahnung +verloren. Dann ertönt ein Laut, fern und unbestimmt, ein Laut, der die +Stille nicht zu unterbrechen scheint, — selbst als er deutlicher wird, +— sondern eher wie mit ihr verschmilzt. Es ist der taktfeste Ton von +Ruderschlägen, die sich nähern.</p> + +<p>Ein ruhiger Ton. Und doch ist es, als ginge<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> ihm ein gespanntes, von +Herzklopfen begleitetes Lauschen mit angehaltenem Atem entgegen.</p> + +<p>Um die dunkle, mit Tannen bestandene Landzunge zur Linken gleitet ein +Boot und fährt auf das Ufer zu.</p> + +<p>Knirschend fährt es auf den Sand und hält.</p> + +<p>Der Pfarrer steht auf und steigt aus, — ein einsamer Mann, der in +der Nacht in sein einsames Haus zurückkehrt, wie schon hundert- ja +tausendmal zuvor. Plötzlich bleibt er stehen. Er steht wie angewurzelt.</p> + +<p>Die Gestalt da vor ihm auf dem Stein, unbeweglich wie dieser ....</p> + +<p>Der Pfarrer schlägt beide Hände vors Gesicht. Dann fühlt er auf einmal +alles Blut zum Herzen strömen, als wolle es dieses zersprengen. Und es +wird ihm schwarz vor den Augen ....</p> + +<p>Nicht, weil überhaupt eine Gestalt dort sitzt, obgleich auch das an und +für sich unerwartet ist. Eher weil die schlanken Umrisse der Gestalt — +die ganze Haltung — die Art, wie der Mantel gefaltet ist ....</p> + +<p>Die Gestalt erhebt sich, tritt einen Schritt näher ..... und gleitet +lautlos in den Sand zu seinen Füßen ....</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span></p> + +<p>Mit einer heftigen Kraftanstrengung geht er bis zu dem Stein hin, setzt +sich darauf und bedeckt dann das Gesicht wieder mit einer Hand.</p> + +<p>Denn es saust ihm in den Ohren, es schwindelt ihm vor den Augen.</p> + +<p>Die Gestalt neigt ihr Gesicht auf seine andere Hand, die schwer und +kalt auf seinen Knien liegt.</p> + +<p>Und so bleiben sie unbeweglich lange, lange.</p> + +<p>Es ist möglich, daß hinter ihm ein gähnender Schlund von leeren Tagen +und qualvollen Nächten ist, der sich nun langsam und besänftigend +ausfüllt, so daß die friedliche Verbindung mit der Vergangenheit wieder +hergestellt werden kann. Und es ist möglich, daß er einen Weg vor sich +liegen sieht, gebahnt hin zur Vollendung des Lebens ...</p> + +<p>Denn dies ist die helle Nacht, in der die getrennten Welten +zusammentreffen — — — —</p> + +<hr class="tb"> + +<p>»Halfdan, ich bin es.«</p> + +<p>Die Stimme wieder! Der Klang, der unerreichbare, den wieder zu +vernehmen seine Ohren auf einer einzigen Sehnsuchtswache gestanden +hatten. Jetzt so heimisch und gewohnt, als habe er immer zwischen +diesen Höhen geklungen.</p> + +<p>»Ich bin es.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span></p> + +<p>Die Ahnung eines Lächelns zieht über seine Lippen. Als ob es nötig +wäre, ihm dies zu sagen!</p> + +<p>Noch bleibt er eine Weile sitzen, ohne zu sprechen. Er hat vergessen, +was er sagen wollte, wenn er sie einmal wiedersähe. Er hat sich so +lange darauf vorbereitet, daß nun alles entschwunden ist — alles.</p> + +<p>»Halfdan, darf ich kommen?«</p> + +<p>Er will sprechen, kann aber nicht; er legt nur seine Hand auf ihr Haar.</p> + +<p>Endlich sagt er: »Du kommst sehr spät. Ich habe gerufen und gerufen.«</p> + +<p>Seine Stimme ist so merkwürdig heiser und tonlos, wie die eines +Menschen, der im Traum spricht. Und es wird ihm schwer, die Worte +herauszubringen. »Ich habe dich — erwartet. Du mußtest kommen. Ich +habe dich gerufen — nicht zu mir — aber ich wußte, wenn du einmal +hinüberkämest — und dich selber fändest, dann mußtest du heraufkommen.«</p> + +<p>Sie schaut zu ihm auf. »Halfdan, ich habe dich rufen hören, und nun bin +ich hinübergekommen. Du hast mich mitgezogen. Aber auf meine eigene +Weise — — und nicht auf die eines andern in der Welt.«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p> + +<p>Indem sein Blick den ihrigen trifft, ist es, als ob er erwache. Und das +zurückgedrängte Leid der vielen Jahre ist im Begriff loszubrechen, in +einem tiefen und bitteren Groll.</p> + +<p>Mit bebenden Händen erfaßt er ihren Kopf. »Wie konntest du? — Wie +konntest du? — Du wußtest, was du tatest? Du — —«</p> + +<p>Aber in demselben Augenblick läßt er sie auch schon wieder los und +steht auf. »Nein, nein! Antworte mir nicht, — antworte mir nicht. Du +bist hier. Das soll mir genug sein — es ist genug. — Komm!«</p> + +<p>Sie richtet sich langsam auf.</p> + +<p>»Ja, wie konnte ich?« sagt sie.</p> + +<p>Durch den Mantel faßt er nach ihrer Hand und steigt mit ihr das Ufer +empor. Auf halbem Weg halten sie an, um Atem zu schöpfen.</p> + +<p>Er deutet nach dem südlichen Himmel.</p> + +<p>»Sieh,« sagt er, »der weiße Streifen über dem Berggipfel dort — wie +ein feiner langgestreckter Regenbogen — der steht wieder dort, ganz, +wie gestern abend auch.«</p> + +<p>»Ja,« sagt sie, als hätte sie ihn gestern abend auch gesehen.</p> + +<p>Er will weiter gehen, aber sie hält ihn zurück.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p> + +<p>»Alle die Orte, wo du — um meinetwillen gelitten hast, — zeige sie +mir.«</p> + +<p>Er schüttelt den Kopf. »Es wären zu viele — es wäre überall.«</p> + +<p>Aber er wendet sich nicht dem Pfarrhaus zu. Er geht nach der +entgegengesetzten Seite, hinein zwischen die rauschenden Tannen, und +führt sie ins Tal Josaphat, zu der blumigen Felsenspalte tief im Wald.</p> + +<p>All die bunten Blüten stehen unbeweglich und duften in nächtlich +verschleiertem Glanz. Und es ist, als weine das Bächlein im Schlaf.</p> + +<p>»Hier,« sagt er, »hier hab ich gedacht, daß du sitzen würdest. In der +Mittagssonne zwischen all den Blumen — und daß ich die Arme um dich +und sie legte.«</p> + +<p>Sie pflückt ein paar von den Blumen und befestigt sie an ihrer Brust.</p> + +<p>Dann gehen sie weiter.</p> + +<p>Ein feiner, plätschernder Wasserstrahl rieselt aus einer Felsenspalte, +gleitet hinab über den harten Stein, wo er eine dünne grünliche +Spur hinterläßt, und verschwindet unter kleinen Farnkräutern und +Renntiermoos am Fuß des Felsens.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span></p> + +<p>»Hier hab ich gedacht, daß du versuchen würdest, von dem Wasserstrahl +zu trinken, daß du von den Tropfen ganz bespritzt würdest und — lachen +würdest. Und daß ich alle Tropfen von deinem Gesicht trinken wollte. +Ich bin immer durstig an diesem Wasser vorübergegangen ...«</p> + +<p>Sie hält die hohle Hand unter den Strahl und hebt sie an seinen Mund. +Er trinkt einen oder zwei der kühlen Tropfen.</p> + +<p>Aber indem er ihre Hand losläßt, umfaßt er ihr Gesicht.</p> + +<p>»Ich habe gedürstet — gedürstet,« sagt er.</p> + +<p>Und er küßt sie.</p> + +<p>Da schlingt sie die Arme um seinen Hals.</p> + +<p>»Halfdan — Halfdan!«</p> + +<p>Es war, als mache sich ihr Herz frei in einem erlösenden Schrei.</p> + +<p>Einen Augenblick scheint er am Zusammenbrechen zu sein. Dann richtet er +sich jäh auf.</p> + +<p>»Komm!« sagt er. »Wir müssen höher hinauf.«</p> + +<p>Sie steigen, steigen. Den schmalen Pfad geht es hinauf, der sich am +Felsen hinzieht, bis er auf einem großen flachen Felsblock endet, der +sich über den dunklen Tannenwald und den glänzenden See zu ihren Füßen +hinauslehnt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p> + +<p>»Hier —« sagt er und setzt sich auf eine kleine Bank an der Felswand.</p> + +<p>Sie setzt sich neben ihn, und er erfaßt ihre beiden Hände.</p> + +<p>»Hier oben —« sagt er, hält aber wieder inne und betrachtet ihre Hände.</p> + +<p>»Was ich jetzt sage,« beginnt er kurz nachher, »muß so verstanden +werden, als sei es in meinem Innern gesprochen.«</p> + +<p>»Ja, ja.«</p> + +<p>»Hier oben lernte ich — in einer bitteren Nacht, als die Wahrheit mich +dazu zwang — von der Höhe aus auf das hinab zu sehen, was zwischen uns +gewesen war. Und es konnte nicht bestehen, — nein, nicht <em class="gesperrt">ganz</em>.«</p> + +<p>Sie macht eine Bewegung. Und mit stärkerer Stimme fährt er fort: »Es +war nicht, weil ich zweifelte, daß du die Rechte, die Einzige für mich +seiest, die, die mit ganzer Liebe zu besitzen ich volles Recht hatte. +Dessen war ich ganz sicher.</p> + +<p>»Auch nicht, weil dies Verhältnis noch Mängel und Schwachheiten +zeigte. Das hat so wenig zu bedeuten. Es muß immer so sein zwischen +unvollkommenen Menschen.«</p> + +<p>Er hält inne. Und sie drückt seine Hände.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p> + +<p>»Sondern weil ich außerhalb stand, nicht wahr?« fragt sie leise. +»Deshalb wurde ich ein Hindernis für dich. — Sag es nur!«</p> + +<p>»Nein, nein. — Ich will dir nicht die Schuld beimessen. Hättest du +anders gestanden, wäre es wohl nicht so gekommen. Aber die Schuld war +mein — mein allein.</p> + +<p>»Denn das war es, daß ich — dich außerhalb meines Verhältnisses zu +Gott hatte. Ich wollte dich haben wie einen Raub. Ich wollte dich mit +Gewalt hinreißen, aber zu mir — zu mir allein, dich ausschließlich +so in meinen Besitz bringen, — daß nicht allein alle andern +ausgeschlossen waren, sondern daß auch der Zugang nach oben verriegelt +war. Denn es war — nun spreche ich aus der tiefsten Tiefe meines +Gewissens — es war, als fürchtete ich, es könnte für meine Liebe etwas +verloren gehen, wenn du unter eine höhere Macht kämest als die meinige.</p> + +<p>»Ich war ein Heide in diesem Stück. Ich wollte dich nur für mein +eigenes Glück und für nichts anderes im Himmel und auf der Erde.</p> + +<p>»Ich wußte es selbst nicht. Aber als ich in die Einsamkeit hier herauf +kam, da erkannte ich es. Da sah ich, wie tief in der Ebene ich gewesen<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span> +war, obgleich ich davon gesprochen hatte, daß ich auf der Höhe stehe. +Es gibt nur einen Weg nach der Höhe über sich selbst hinaus — zu Gott. +Aber ich war unten — tief drunten in mir selbst.</p> + +<p>»Da begriff ich, warum dieses Zusammensein aufgehoben werden mußte. Da +konnte ich es auf mich nehmen, nicht das, was mir getan worden war, +sondern das, was ich dadurch lernen sollte, — ich sollte durch den +unnatürlichen Schmerz lernen, ohne dich zu sein. Da konnte ich mich +darunter beugen, ja — ihn <em class="gesperrt">wollen</em>.</p> + +<p>»Und erst da wurde mein Verhältnis zu Gott vollkommen. Denn da ging ich +ganz darin auf. Ich übergab meinen Willen bis zum letzten Punkt, — bis +zu dem Punkt, wo man bis aufs Blut kämpft, um das Eigene behalten zu +dürfen. Da wurde ich zum Pfarrer geweiht, dem Herrn geheiligt.«</p> + +<p>Sie beugt sich vor und küßt seine Hände. »Hochlandspfarrer«, flüstert +sie.</p> + +<p>Er wendet ihr das Gesicht zu.</p> + +<p>»Aber da fühlte ich mich fast als deinen Schuldner, verstehst du. Und +es nagte an mir, wie wenig ich dir geholfen hatte auf dem Weg<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> nach +oben. Da wünschte ich, das Leben einzusetzen, um dich zu rufen. Nicht +zu mir, nein, nicht zu mir, — zu dem Verhältnis, wozu du dich mehr als +sonst jemand, den ich kenne, eignest. Und ich habe es getan — täglich. +Und nicht am meisten da, wo der Ruf hinausging in die Welt.</p> + +<p>»Hier wollte ich ausharren, bis du kamst. Kamst du, dann wußte ich, daß +ich dich ruhig aufnehmen konnte. Denn dann warst du eins mit mir im +Höchsten. Und wurdest mir aufs neue gegeben. Von oben ...</p> + +<p>»Und nun — — nur das will ich noch sagen, was du tatest, kann nicht +verteidigt werden, — nicht entschuldigt. Es soll es auch nicht. +Aber es besteht nicht mehr, wenn du da bist. Und für mich ist es gut +geworden. Es zog mich hinauf.«</p> + +<p>Sie sitzt eine Weile unbeweglich. Dann sagt sie: »Halfdan — ich +habe das alles gewußt. Ich habe es aus jedem Wort, das du schriebst, +herausgelesen. Und ich habe es an mir selbst gefühlt, wie weit du +gekommen warst. Deshalb wagte ich auch zu kommen.«</p> + +<p>Er streichelt ihr zärtlich übers Haar. »Wagtest du es früher nicht? +Wagtest du es nicht immer,<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> zu mir zu kommen? Was hätte ich nicht +ausgelöscht, wenn du gekommen wärest. Auch ehe ich so weit gekommen +war!«</p> + +<p>Er steht auf.</p> + +<p>»Komm!« sagt er. »Ich habe ein Nachtlager für dich. Und bald ... bald +ein Heim!«</p> + +<p>Sie zögert noch auf der Bank. »Halfdan, bist du sicher, daß du auch +morgen noch ebenso sprechen wirst?«</p> + +<p>»Warum nicht? Was meinst du?«</p> + +<p>»Ich meine, — wenn du mich beim hellen Tage siehst, dann — o Halfdan!«</p> + +<p>Sie verbirgt plötzlich ihr Gesicht in den Händen.</p> + +<p>»Ach, so meinst du es? Laß mich einmal sehen!« Er richtet ihren Kopf +auf. »Bist du sehr verändert?«</p> + +<p>»Ein wenig schon — ich meine natürlich ...«</p> + +<p>»In einem Punkt bist du unverändert,« sagt er ruhig. »Du bist noch +ebenso töricht wie damals. Du solltest wissen, daß ich auf so etwas +nicht antworte.«</p> + +<p>»Ach Halfdan! Aber dann — es tut nichts, wenn du mich wieder töricht +findest — ich will es dir gegenüber so gern sein, — aber dann<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> gib +mir den Namen, der sagt, was ich dir sein soll, — ich muß das jetzt +hören, verstehst du. Und niemand kann ihn mir geben, als du allein.«</p> + +<p>Sie erhebt sich, läßt den langen dunklen Mantel fallen und steht vor +ihm im weißen Gewand.</p> + +<p>Er stößt einen Freudenruf aus und breitet die Arme aus.</p> + +<p>Sie aber sinkt zu Boden und bricht in Tränen aus.</p> + +<p>Er zieht sie in seine Arme.</p> + +<p>»Durch Gottes Gnade — mein Weib,« sagt er. »Fleisch von meinem +Fleische, Seele von meiner Seele, ich liebe dich.«</p> + +<hr class="tb"> + +<p>Sie wenden sich dem Pfarrhaus zu. Da bleibt sie stehen.</p> + +<p>»Ist deine Kirche offen?«</p> + +<p>»Nein, aber ich habe den Schlüssel bei mir. Willst du hineingehen?«</p> + +<p>»Ja, einen Augenblick. Mit dir.«</p> + +<p>Er öffnet die Tür des Kirchleins. Die helle Nacht gleitet weißlich +zu den Bogenfenstern herein und füllt den Raum mit ihrer lautlosen<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span> +Erwartung. Das große Kreuz auf dem Altar leuchtet wie der erste goldene +Streifen des Sonnenaufgangs.</p> + +<p>Er legt den Arm um sie, und sie gehen langsam darauf zu. Sie knien +zusammen auf dem Kissen vor dem Altar nieder.</p> + +<p>Ohne Worte. Denn das ist der Augenblick, wo alle Worte und Gedanken +verstummen, — machtlos. Wo die unaussprechlichen Seufzer die Seele wie +mit einem letzten Wogenschlag ins Heiligtum hineintragen ...</p> + +<p>Ihr ist es, als zittere die Luft um sie her von heimlichem +Glockengeläute.</p> + +<p>»<span class="antiqua">Sursum corda</span> ... <span class="antiqua">sursum corda</span> ...«</p> + +<p>Und der Herzschlag selbst gibt Antwort:</p> + +<p>»<span class="antiqua">Habemus ad dominum!</span>«</p> + +<p>— Kurz nachher stehen sie vor dem Pfarrhaus. Sie schaut sich nach +allen Seiten um.</p> + +<p>»Wie fandest du den Weg?« fragt er, seine Hand an ihre weiche Wange +legend.</p> + +<p>Sie sieht ihn an, lächelt dann zum erstenmal und antwortet mit Solveigs +Worten:</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">»Ich wanderte lang, oft fragt' man mich aus,</span><br> +<span style="margin-left: 1em;">Doch immer nur sagt' ich: Ich gehe nach Haus.«</span><br> +</p> + +<p>Da lächelt auch er.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p> + +<p>Er will sie ins Haus hineinführen, aber sie legt ihre Hand auf seinen +Arm und sagt:</p> + +<p>»Halfdan!«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Ich muß dir etwas sagen, ehe ich hineingehe ... Ich meine nicht, +wie ich hinüberkam. Das kannst du später hören, alles von den langen +Jahren, — bis ich sicher war, daß ich nun kommen durfte ... Es ist +etwas anderes ... Ich hätte gewiß nicht den Mut, es zu sagen, wenn du +nicht so gesprochen hättest, wie vorhin — und — —«</p> + +<p>»Was ist es denn?«</p> + +<p>Sie steigt auf einen großen Stein, der vor der Haustür liegt.</p> + +<p>»Nun sollst du das größte Geheimnis erfahren. Du darfst mir aber kein +Wort erwidern — — hörst du! Und niemals später auf das Gesagte +zurückkommen. Denn ich weiß, daß sich vieles dagegen sagen ließe ... +Und ich könnte nicht ertragen, wenn du es tätest ... Und ich kann doch +von keinem Menschen ein Urteil darüber annehmen ... Ich weiß nur, daß +es ganz von innen herauskam — von da, wo die Wahrheit in mir ist ... +Und daß ich — — ja, ich würde<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> es gerade wieder so machen, wenn es +sein müßte.«</p> + +<p>Er tritt ganz nahe zu ihr.</p> + +<p>»Was hast du getan? — Was ist es? Laß es mich hören!«</p> + +<p>Sie umschlingt sein dunkles Haupt und zieht es an ihr Herz.</p> + +<p>»Halfdan — du weißt, daß nichts in mir war. Ich war ganz leer und +ferne.«</p> + +<p>Er richtet den Kopf auf, um zu sprechen. Sie aber zieht ihn inniger an +sich.</p> + +<p>»Nur — nur dein tiefstes, innerstes Verhältnis — — das fühlte ich, +das liebte ich, an das glaubte ich, — auch — —«</p> + +<p>Sie zögert einen Augenblick. — »Ja, auch wenn ich es nicht sah, wenn +anderes dich in Anspruch nahm, — nicht tiefer, aber stärker ... Dies +klingt vielleicht sonderbar, aber ich glaube, ich hätte mein Leben +hingeben können um dein Verhältnis zu Gott. Denn ich wußte, daß du da +<em class="gesperrt">dein Leben</em> hattest.</p> + +<p>»Und dann, — dann merkte ich, — dann wurde es mir klar, — dann bekam +ich Todesangst, daß — nein, nein, — nun muß ich flüstern, und du +darfst es nicht gehört haben ...«</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span></p> + +<p>Sie legt ihre Lippen an sein Ohr. Und er vernimmt ihre leisen, bebenden +Worte und mit ihnen den starken schnellen Schlag ihres Herzens.</p> + +<p>Plötzlich hebt er heftig den Kopf.</p> + +<p>»Du? — du? —«</p> + +<p>Sie legt ihre Hand auf seine Lippen und flüstert wieder — leise und +eindringlich.</p> + +<p>Dann ist sie fertig. Vor ihm auf dem Stein steht sie, bebend — und +weiß wie ihr weißes Gewand.</p> + +<p>Eine Weile steht er stumm und unbeweglich und schaut weit hinaus in die +helle Nacht. Findet deren friedliche Klarheit wohl jetzt den Weg zu dem +dunkelsten Punkt der Vergangenheit?</p> + +<p>Endlich sagt er leise: »Ich kann nicht darauf antworten, — ich soll +ja auch nicht. Und das ist gut ... Denn niemals könnte ich mich damit +einverstanden erklären, daß dies die rechte Weise war. Ich könnte nie +einräumen, daß — nein, nein, ich will nichts sagen — das muß zwischen +dir und einem Größeren bleiben, bis zu dem Tag, der alles klar machen +wird.«</p> + +<p>Er richtet seinen Blick auf sie, wie sie vor ihm steht — weiß in ihrem +weißen Gewand.</p> + +<p>In dem Blick lag sein ganzes Herz.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span></p> + +<p>»Eins, nur eins mußt du hören! Was auch dagegen gesagt werden könnte — +ich glaube doch, der — <em class="gesperrt">Hochlandspfarrer</em>, der über sich selbst +hinausgelangte und eine andere Seele in die Tiefe seines Verhältnisses +zu Gott mit hineinzog — —« Er beugt sich nieder und führt den Saum +ihres weißen Gewandes an seine Lippen — »<em class="gesperrt">Der warst du — du, du</em> +...«</p> + +<figure class="figcenter padtop2 padbot3 illowe2" id="illu-246"> + <img class="w100" src="images/illu-246.jpg" alt="deko"> +</figure> + +<div class="bbox"> +<p class="s3 center">Ingeborg Maria Sick's Schriften.</p> +<p class="bt"></p> +<div class="ads"> +<p class="center"> Berechtigte Übersetzung aus dem<br> + Dänischen von <em class="gesperrt">Pauline Klaiber</em></p> +<p><b>Der Hochlandspfarrer.</b> Eine Erzählung aus Norwegen.</p> +<p><b>Jungfrau Else.</b> Roman.</p> +<p><b>Großmutter Ursulas Garten.</b> Roman.</p> +<p><b>Ina.</b> Roman.</p> +<p><b>Daheim.</b> Bilder von dem alten Pfarrhaus.</p> +<p><b>Schritte in der Nacht.</b> Roman.</p> +<p><b>Von Erde bist du genommen.</b> Fünf Novellen.</p> +<p><b>Kathi von Goldrain.</b> Erzählung.</p> +<p><b>Kaspars Zinglers Herz.</b> Erzählung.</p> +<p><b>Freundlichkeit ist das halbe Leben.</b> Zwei Erzählungen.</p> +<p><b>Das schlafende Haus.</b> Novelle.</p> +<p><b>Das Blumenwunder und andere Geschichten.</b></p> +</div> +</div> + +<p class="center">Verlag von J. F. Steinkopf in Stuttgart.</p> + +<hr class="chap x-ebookmaker-drop"> +<div class="bbox"> + +<p class="center">Weitere gute Bücher aus dem<br> +Verlag von J. F. Steinkopf in Stuttgart.</p> + +<p class="bt"></p> +<div class="ads"> +<p><b>Boeckh-Arnold, E., Lieb' ist Wunder.</b> Roman.</p> +<p><b>Boie, Marg., Das köstliche Leben.</b> Roman.</p> +<p><b>Burgdorf, P. C., Jochen Klingworths Abschied.</b></p> +<p><b>Engel, F., Kampf und Kraft.</b> Roman.</p> +<p><b>Falk-Rönne, J., Das Land des Glücks.</b> Roman. Aus dem Dänischen +von Gertrud Bauer.</p> +<p><b>Günther, A., Die Heilige und ihr Narr.</b> 2 Bände.</p> +<p><b>Auf Agnes Günthers Spuren.</b> Sechs Landschaften nach Aquarellen +von Felix Hollenberg.</p> +<p><b>Seelchens Heimat.</b> Zwanzig Naturaufnahmen der Stätten, wo Agnes +Günthers »Heilige und ihr<br> + Narr« zu Hause sind. In Mappe.</p> +<p><b>Josten, H., Der Stärkste.</b> Die Geschichte eines stillen Lebens.</p> +<p>—, <b>Die Holdselige</b>. Zwei Märchen für besinnliche Leute. Mit +Bildern von Elisabeth Kellermann.</p> +<p><b>Kotzde, W., Die Wittenbergisch Nachtigall.</b></p> +<p>—, <b>Die Pilgerin</b>. Roman.</p> +<p>—, <b>Wilhelm Drömers Siegesgang</b>. Roman.</p> +<p>—, <b>Die Krone Svinthilas</b>. Novelle.</p> +<p>—, <b>Wolfram</b>. Ein Wartburgroman.</p> +<p>—, <b>Mittsommernacht</b>. Novelle.</p><p><b>Lindner, A. L., Des Lebens Schönheit.</b> Roman.</p> +<p><b>Mahnert, L., »... bis du am Boden liegst!«</b> Roman.</p> +<p><b>v. Sell, S. Ch., Weggenossen.</b> Roman.</p> +<p>—, <b>Unterirdische Wasser</b>. Roman.</p> +<p>—, <b>Die helle Nacht</b>. Roman.</p> +<p>—, <b>Die Prähme</b>. Roman.</p> +<p>—, <b>Die Sonne leuchtet über der Stadt</b>. Roman.</p> +<p>—, <b>Germanische Gestalten</b>. Gedichte und Balladen.</p> +<p><b>Steinhausen, G., Irmela.</b> Eine Geschichte aus alter Zeit. +Gebunden.</p> +</div> + </div> +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78787 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/78787-h/images/001a.jpg b/78787-h/images/001a.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..05c35c1 --- /dev/null +++ b/78787-h/images/001a.jpg diff --git a/78787-h/images/cover.jpg b/78787-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..ae3f0a3 --- /dev/null +++ b/78787-h/images/cover.jpg diff --git a/78787-h/images/drop-d.jpg b/78787-h/images/drop-d.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e88865a --- /dev/null +++ b/78787-h/images/drop-d.jpg diff --git a/78787-h/images/drop-i1.jpg b/78787-h/images/drop-i1.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5f8e6a4 --- /dev/null +++ b/78787-h/images/drop-i1.jpg diff --git a/78787-h/images/drop-i2.jpg b/78787-h/images/drop-i2.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5f8e6a4 --- /dev/null +++ b/78787-h/images/drop-i2.jpg diff --git a/78787-h/images/drop-w.jpg b/78787-h/images/drop-w.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3db80b1 --- /dev/null +++ b/78787-h/images/drop-w.jpg diff --git a/78787-h/images/illu-001.jpg b/78787-h/images/illu-001.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..dfcf2bc --- /dev/null +++ b/78787-h/images/illu-001.jpg diff --git a/78787-h/images/illu-002.jpg b/78787-h/images/illu-002.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4091c84 --- /dev/null +++ b/78787-h/images/illu-002.jpg diff --git a/78787-h/images/illu-005.jpg b/78787-h/images/illu-005.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..ac8c8c9 --- /dev/null +++ b/78787-h/images/illu-005.jpg diff --git a/78787-h/images/illu-023.jpg b/78787-h/images/illu-023.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d468325 --- /dev/null +++ b/78787-h/images/illu-023.jpg diff --git a/78787-h/images/illu-027.jpg b/78787-h/images/illu-027.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c918212 --- /dev/null +++ b/78787-h/images/illu-027.jpg diff --git a/78787-h/images/illu-076.jpg b/78787-h/images/illu-076.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f8580ab --- /dev/null +++ b/78787-h/images/illu-076.jpg diff --git a/78787-h/images/illu-079.jpg b/78787-h/images/illu-079.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..36c4be0 --- /dev/null +++ b/78787-h/images/illu-079.jpg diff --git a/78787-h/images/illu-224.jpg b/78787-h/images/illu-224.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2246ee7 --- /dev/null +++ b/78787-h/images/illu-224.jpg diff --git a/78787-h/images/illu-227.jpg b/78787-h/images/illu-227.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8af7560 --- /dev/null +++ b/78787-h/images/illu-227.jpg diff --git a/78787-h/images/illu-246.jpg b/78787-h/images/illu-246.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fa45edf --- /dev/null +++ b/78787-h/images/illu-246.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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