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authorwww-data <www-data@mail.pglaf.org>2026-05-30 07:43:45 -0700
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+++ b/78787-0.txt
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78787 ***
+
+
+#######################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription.
+
+Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
+Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler
+sind stillschweigend korrigiert worden.
+
+Folgende Zeichen sind für die verschiedenen Schriftformen benutzt
+worden:
+
+ ~gesperrt gedruckter Text~, +antiqua gedruckter Text+
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.
+
+#######################################################################
+
+ Der
+ Hochlandspfarrer
+
+ Von Ingeborg Maria Sick
+
+ Berechtigte Übersetzung aus
+ dem Dänischen von
+ Pauline Klaiber
+
+
+ [Illustration]
+
+
+ Sechzehnte Auflage
+
+ [Illustration]
+
+
+ 1 · 9 · 2 · 1
+
+ Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart
+
+
+ [Illustration]
+
+ Gedruckt in Stuttgart
+ bei ~J. F. Steinkopf~
+
+
+
+
+ Inhaltsverzeichnis.
+
+
+ Seite
+ In die Ferne 5
+ Der Pfarrer von Li 27
+ Das dänische Fräulein 79
+ Hinauf 227
+
+
+
+
+ In die Ferne
+
+
+
+
+ [Illustration]
+
+
+Weit droben im Hochgebirge von Norwegen liegt das ferne, einsame
+Kirchspiel Li.
+
+Ich wünschte, ich könnte sagen: »Komm und folge mir dahin auf
+raschen Flügeln, mit dem blitzschnellen Flug des Schneehuhns!« Ein
+Flügelrauschen, und wir wären da!
+
+Denn sonst wirst du am Ende umkehren wollen, ehe der halbe Weg
+zurückgelegt ist.
+
+Zuerst müssen wir nach Trondheim. Und von da geht es »in aller
+Herrgottsfrühe« hinaus und hinein in die Fjorde, mehrere Stunden lang,
+hinauf, aber auch hinab. Denn der kleine Dampfer schwankt wie ein
+Betrunkener auf den schäumenden Wogen dahin, bis er endlich in Stenkjer
+anlegt.
+
+Das enge Städtchen inmitten einer großartig schönen Umgebung
+überspringen wir und fahren sogleich mit dem Postwagen in nördlicher
+Richtung weiter und weiter, bis wir endlich in den langen Abendschatten
+das Wasser der Snaasenbucht zu unseren Füßen durch die Tannen schimmern
+sehen. Dann geht es wieder an Bord eines noch kleineren Dampfers als am
+Morgen und nun auf den friedlichen Wellen des Gebirgsees weiter bis zum
+späten Abend.
+
+Während der Fahrt drängen sich plötzlich die wenigen Reisenden auf dem
+Verdeck zusammen. »Ein Elch! Ein Elch!« Draußen, mitten auf dem Wasser
+schwimmt ein großer Elch, der sein riesiges, graues Maul mit weit
+aufgeblasenen, schnaubenden Nüstern hoch über die Wogen erhebt.
+
+Bei Sonnenuntergang taucht am Ende des Wassers weiß und ruhig der
+Wegsethof auf.
+
+Wir gehen ans Land; und während der kleine Dampfer sich entfernt,
+indem er das letzte Rauschen des Weltlärms weit, weit mit sich
+wegführt, ist hier ein großartiges, merkwürdig stilles Naturreich, das
+uns umschließt.
+
+Wir übernachten auf dem Hof, und am nächsten Tage ziehen wir weiter mit
+dem Skjuts,[1] dem norwegischen zweirädrigen Postwagen.
+
+[Footnote 1: Sprich Schüts.]
+
+Durch Tannenwälder geht es, hohen Felswänden entlang, wo kletternde
+Linneen und St. Olafslichter wachsbleich und schön unter glänzenden
+Tautropfen duften.
+
+Der Morgen verwandelt sich in einen heißen, strahlenden Mittag -- und
+noch immer rollt unser Wagen durch diese stumme, wie traumbefangene
+Schönheit dahin, wo wir nicht einem einzigen Menschen begegnen. Nur
+weiße »Bergfrauen« winken uns aus jeder Felsenspalte, wo nur immer sie
+Fuß zu fassen vermocht hatten.
+
+Höchstens alle vier Stunden taucht ein einzelner Hof zwischen den
+Tannen auf, eine menschliche Oase mitten in der Wüste der Einsamkeit,
+wo unserer warten -- nicht Dattelpalmen und Quellwasser, sondern
+Rauchfleisch, Fladenbrot und dicke Milch, mit der wir kaum fertig
+werden, bis wir wieder weiter müssen.
+
+Sie sagen alle »du« zu uns, -- ich meine, die Bewohner der Höfe und
+unser Postillion; sonst sehen wir niemand.
+
+Gegen Nachmittag wird unser Postknecht redselig. Den ganzen Morgen ist
+er wortkarg gewesen; aber nun scheint es, als ob ein gewisses lauerndes
+Mißtrauen gegen unsere Fragen von ihm gewichen sei, und wir erfahren
+vielerlei, das wir uns allmählich klar zu machen suchen.
+
+Ola heißt er, -- Ola Klövigaarden.
+
+Wir fragen ihn, ob sich keine Elfen oder Kobolde in dieser Gegend
+aufhalten. Wir sagen, es komme uns hier so vor, als könne es allerhand
+Erscheinungen geben.
+
+Zuerst will er nichts davon wissen. Dann aber deutet er plötzlich auf
+einen großen Felsblock, der sich hoch oben über einen einsamen Hof
+hinausbeugt, und sagt, da drin habe das Elfenvolk sein Schloß. Wenn man
+oben auf dem Felsen stehe, könne man in ein tiefes Loch hinabsehen. Das
+sei der Eingang. Und wenn man etwas da hinunterwerfe, ein Tuch oder
+sonst etwas, so werde es einem gleich wieder zurückgeschleudert. Aber
+niemand solle ihm weismachen wollen, daß das vom Luftzug komme. Und wer
+könnte es denn sein, der dann gleichzeitig da unten lache?
+
+Und seine Großmutter, die sich auf den Hof dort verheiratet habe, sei
+einmal als junge Frau ganz allein zu Hause gewesen. Da sei plötzlich
+unter der Tür des Vorratshauses, wo sie eben Mehl holen wollte, einer
+gestanden und habe gesagt, daß die Waldfrau drinnen im Felsen in
+Kindsnöten liege.
+
+Die Großmutter habe sich gefürchtet, nein zu sagen, aber eben so große
+Angst habe sie vor dem Mitgehen gehabt. Da sei ihr eingefallen, daß es
+Christenpflicht sei, zu helfen. Und da sei sie mitgegangen, hinunter
+durch das schwarze Loch in den Felsen hinein. Da drinnen habe die
+Ärmste gelegen, und die Großmutter habe ihr geholfen aus schwerer Not.
+Aber als sie dann durch die Felsenkuppe wieder herauskam, habe neben
+ihr eine scheckige Kuh gestanden, die ihr nach dem Hofe gefolgt sei.
+Das sei der Dank der Waldleute gewesen. Und bis auf den heutigen Tag
+gebe es scheckige Kühe auf dem Hof. Jeder könne hingehen und es sehen.
+
+Wir fragten ihn, ob er nicht noch mehr wisse. Nein, sagte er, sonst
+wisse er nichts mehr.
+
+Kurz nachher aber begann er wieder: Doch ja; damals, als sein Vater
+da droben »gehütet« habe, da habe er, ohne an etwas Böses zu denken,
+plötzlich ein graues Männchen mitten unter den Ziegen stehen sehen, und
+als er hinging und es fragte, woher es komme, -- da sei es plötzlich
+»weg« gewesen. Aber den ganzen Tag habe man den Ziegen nicht nahe
+kommen dürfen, so verscheucht seien sie gewesen. -- -- --
+
+Der Abend bricht an, und da halten wir vor dem Nynäshof. Dieser liegt
+dicht am Weg an den Felsen angelehnt. Und jenseits des Wegs zieht der
+Fluß rauschend dahin. Dann ragen wieder Felswände auf -- mitten aus
+dem brausenden Strom heraus. Denn eng ist das Tal und düster durch
+die überhängenden Tannen, die auf den zu beiden Seiten aufsteigenden
+Felswänden wachsen.
+
+Die meisten der Bewohner des Hofs sind »aus«, auf der Alm mit den
+Kühen, wie Ola erklärt. Nur die Frau und ein junger Bursche sind
+zufälligerweise daheim und können uns eine Lagerstätte anweisen.
+
+Die Gastbetten -- vier an der Zahl -- stehen in einem Raum neben der
+großen Spinnstube, die im Sommer öde und verlassen ist.
+
+Gebrauchte Bettücher, Elentierfelle als Decken, und Türen, die man
+nicht verriegeln kann, -- weder die von der Stube nach der Treppe,
+noch die von der Treppe ins Freie -- drohen im ersten Augenblick, uns
+den Schlaf zu verscheuchen. Aber die Müdigkeit nach dem vielstündigen
+Rütteln im Postwagen über Stock und Stein bekommt die Oberhand.
+
+Um Mitternacht kehrt das Bewußtsein plötzlich zurück mit dem Gefühl,
+daß alle Spinnrädchen in der Spinnstube nebenan anfangen zu schnurren
+-- -- -- schnurren -- -- --
+
+Und es ist einem, als ob man hinter den schwirrenden Rädchen alle
+verstorbenen Mädchen und Frauen des Hofs sitzen sehen müsse, wenn man
+dort hineinlugte, und die nickten einem zu, -- bis man entdeckt, daß es
+nur der Fluß ist, der so nahe braust, so unglaublich nahe; es ist, als
+ziehe er einem mitten durch den Kopf.
+
+Und man hat das Gefühl, als könne von Schlaf keine Rede mehr sein, so
+lange dieser Ton anhält, -- -- -- bis einen das Rauschen und Schnurren
+schließlich doch wieder einlullt. --
+
+Der nächste Tag ist der anstrengendste der ganzen Reise. Zuerst wieder
+im Postwagen drei bis vier Stunden in gleichmäßigem Steigen längs der
+Felswand, den Fluß tief unter uns. Dann zieht dieser seines Weges, wir
+gehen den unserigen, bis unser Pfad an dem »steilen Felsen« aufhört, wo
+wir vom Wagen steigen und uns mit einem »Schönen Dank!« und »Adieu!«
+von Ola verabschieden.
+
+Nun beginnt die Fußwanderung. Der Führer geht mit unserem Koffer auf
+der Schulter voran. Hinauf, hinauf.
+
+Es führt jetzt ein Pfad über die Felsen, der meistens recht leicht
+erkennbar ist, -- aber auch die alten »Warten« stehen noch da von den
+Tagen her, wo sie die einzigen Wegweiser in dieser Höhe gewesen sind.
+-- --
+
+Nachdem wir ein paar Stunden gewandert sind, hält der Führer plötzlich
+an und betrachtet aufmerksam den Boden zu seinen Füßen.
+
+»Bären,« sagt er und richtet den Kopf mit einer jähen Bewegung auf, die
+für unsern Koffer beinahe verhängnisvoll wird.
+
+Quer über den Weg laufen frische Bärenspuren ....
+
+Blitzschnell spähen unsere Blicke nach allen Seiten. Die Tannen sind
+hier ganz nieder und wachsen nur zerstreut, -- Steine, Zwergbirken und
+Wacholderbüsche bedecken abwechslungsweise die Abhänge, so daß wir
+weit umherschauen können. Aber Meister Petz ist nirgends zu sehen. Der
+Führer meint, er habe sich in das entfernte Tannendickicht auf der
+linken Seite, hinter dem sich der Fluß versteckt, zurückgezogen.
+
+Trotzdem -- ganz sicher fühlen wir uns nicht. Und als es plötzlich in
+dem niederen Wacholdergebüsch zur Rechten raschelt, bleiben wir atemlos
+und mit bleichen Gesichtern stehen, während ein Flug Schneehühner in
+brauner Sommertracht dicht am Boden über den Pfad hinstreicht.
+
+Nachdem die erste halbe Stunde verflossen ist, können wir doch unserer
+Ängstlichkeit Herr werden und uns nun das Erhabene unserer Lage ganz zu
+eigen machen.
+
+An einer Biegung des Wegs stoßen wir auf einen eingezäunten Weideplatz
+mit einer niederen, langgestreckten Sennhütte. Die Sennerin steht unter
+der Türe, und bei ihr trinken wir frisch gemolkene, schäumende Milch
+von würzig frischem Geschmack.
+
+Wir erkundigen uns, ob sie nichts von dem Bären gesehen habe.
+
+Jawohl, sagt sie, beinahe die ganze Nacht seien Männer hinter ihm her
+gewesen. Gestern noch habe er ein schwarzes Kälbchen geraubt.
+
+Auf dem höchsten Punkt, mitten in der öden, steinigen Gebirgsgegend,
+bleibt der Führer stehen und sagt: »Dort sind die drei Wasser von Li.«
+
+Und draußen in der Ferne sehen wir durch wogende Nebel hindurch etwas
+leuchten. Etwas, das Tauperlen in einem Schleier gleicht, so kommt es
+uns vor.
+
+Das sind die drei Wasser, über die wir hinüber müssen, ehe wir den
+Pfarrhof erreichen.
+
+Wir fragen den Führer, ob er glaube, daß wir in dieser Nacht noch
+hingelangen könnten.
+
+Er glaubt es nicht. Es ist jetzt zwei Uhr nachmittags.
+
+Nun beginnt der Abstieg; an manchen Stellen geht es jäh hinab. Es geht
+rasch, manchmal allzu rasch.
+
+Die Kiefern zeigen sich wieder, sowie einzelne schwache Versuche,
+Laubbäume vorzustellen.
+
+Der Pfad wird ebener und etwas breiter. Aber jetzt sind die Füße wund
+und die Gedanken müde. Wir fühlen keine Linderung, während wir gehen
+und immer weiter gehen.
+
+Dann durchschneidet ein Sturzbach unsern Weg mit zorniger, brausender
+Abwehr.
+
+Ein paar Kiefernstämme sind über den Bach gelegt und bilden eine nicht
+ganz sichere Brücke, auf der wir über die Tiefe schwanken.
+
+Zwischen den steilen feuchten Steinen am Bachesrand wachsen ganz lichte
+und schleierzarte junge Birken.
+
+Eine davon neigt sich geknickt über den funkelnden Schaum der Tiefe.
+
+Sie hat ihre Geschichte, diese Birke.
+
+Während du weiter gehst und deine Gedanken sich mit deinen müden Füßen
+im Takt bewegen, tönt ihre Geschichte dir nach -- -- sie läßt dich
+nicht los -- -- bildet sich zu Versen -- die du einfangen mußt --
+gleichsam Schritt für Schritt.
+
+ Wo der Strom sich stürzt von der Felsenwand,
+ Mit lichtem Haare die Birke stand.
+
+ Sie starrt in des Wasserfalls tosende Hast
+ Und neiget die Krone, vom Schwindel erfaßt.
+
+ Das tobende Wunder ergreift sie so stark,
+ Voll Sehnen erbebt sie im innersten Mark --
+
+ Nur einmal vom Schaume so weiß und rein
+ Voll stürmischer Liebe umfangen zu sein.
+
+ Ach könnte den Fuß sie sich lösen frei,
+ Dann würden die Winde ihr stehen bei!
+
+ Sie müht sich, -- der Wind ihr die Arbeit kürzt, --
+ Gebrochen die Birke zu Boden stürzt.
+
+ * * * * *
+
+ Ich zog einst zu Berg am sonnigen Tag,
+ Da welkend die Birke am Felsen lag.
+
+ Nicht war sie gestürzt in der Wogen Schwall,
+ Obwohl ihre Wurzel gebrochen im Fall.
+
+ Noch sterbend streckt sie die Arme aus
+ Nach dem nimmer erreichten Wogengebraus.
+
+ Und doch, vielleicht war sie glücklich und froh,
+ Es flüsterten leise die Blätter mir so:
+
+ »Und könnt' um Handbreit' nur näher ich sein
+ Des brausenden Wunders blendendem Schein,
+
+ Und kühlte auch nur mich in letzter Stund
+ Der perlende Geist aus des Wasserfalls Schlund,
+
+ Nicht tauschte ich, welkend, die Todespein,
+ Für Leben und blüh'nde Gesundheit ein.
+
+ Du scheinst mir arm, ob auch frisch und gesund,
+ Gesegnet sei mir meine Herzenswund!«
+
+ -- Der Armen am Felsen Gott gnädig sei --
+ Und dem, der wandert so rüstig vorbei!
+
+Der Führer begleitet uns bis an das erste Wasser, das wir gegen Abend
+erreichen.
+
+Das erste Wasser ist blau und leicht gekräuselt, mit kleinen,
+schaumgekrönten Wellen, die wie im Spiel miteinander auf- und abwogen
+-- wie Kinderköpfchen im Sonnenschein.
+
+In dem großen roten Bauernhof, nicht weit vom Wasser entfernt, kocht
+man für uns Kaffee und backt Pfannkuchen.
+
+Wir fragen, ob man uns über das Wasser rudern könne.
+
+Ja, wenn ein Mann mit einem Boot da sei, lautet die Antwort.
+
+Wir gehen ans Wasser. Es ist ein Mann mit einem Boot da; und wir haben
+das unbestimmte Gefühl, daß der See der blaue Tanganjika und der Mann
+Livingstone, wir aber Stanley seien, der durch ein Wunder gerade den
+fand, den er suchte.
+
+Er ist auf dem Heimweg, der Mann, und muß nur über das erste Wasser;
+aber er geht doch darauf ein, uns auch noch über das zweite zu rudern.
+
+So fahren wir also hinüber, während das Wasser unaufhörlich an unser
+Boot plätschert und all die blinkenden blauen Wellen miteinander sich
+uns als einer willkommenen Unterbrechung der Einförmigkeit des Daseins
+zu nähern suchen.
+
+Wir fragen den Mann, wie lang der Winter in dieser Gegend währe. Er
+antwortet, daß er am siebzehnten Mai noch zu Fuß über den See gegangen
+sei.
+
+Wie merkwürdig, sich all diese kleinen lebenslustigen Wogen bis zum
+Freiheitstag hinter dem erdrückenden Gefängnistor des Eises eingesperrt
+zu denken!
+
+Der Mann fragt, wohin die Reise gehe.
+
+»Nach Nord-Li; ins Pfarrhaus.«
+
+Er nickt. »Ach so -- zu ihm, dem Pfarrer,« sagt er, zeigt aber keine
+Lust, weiter zu fragen, und auch keine, gefragt zu werden, und so
+unterlassen wir es.
+
+Wir erreichen das Ufer und ziehen das Boot mit vieler Mühe über eine
+schmale Landstrecke zum zweiten Wasser hin.
+
+Das zweite Wasser ist schwarz und abgeschlossen, als hätte es alle
+Schwermut der tannenbekleideten Ufer und die tiefe Stille der
+Einsamkeit in sich hineingesaugt. Schwer und tot ruht es rings um unser
+Boot, kaum kann es durch die Ruderschläge zum geringsten Laut geweckt
+werden; es sitzt gleichsam in sich selbst versunken, vornübergebeugt
+da und starrt in seine eigene, grundlose Tiefe hinab, in endloser
+Betrachtung eines Geheimnisses, das niemand mit ihm teilen kann.
+
+In merkwürdig gedrückter Stimmung gelangen wir hinüber.
+
+»So jetzt,« sagt der Mann, »jetzt einfach gerade aus übers Moor, bis du
+das dritte Wasser siehst. Wo das Moor endet, da beginnt das Wasser.«
+
+Dann gleitet er zurück in seinem Boot.
+
+Geradeaus übers Moor ...... Ja, das geht schon. Das heißt, -- zur Not.
+Und nicht geradeaus.
+
+Hinein und hinaus geht es -- mit schwappenden Lauten und schwankendem
+Grund, dann auf etwas festerem Erdreich mit Tannen und niederen Birken
+wie kleinen Inseln.
+
+Dann wieder hinaus auf schwankendes Moor, wo das klare Wasser leise in
+deine Fußstapfen rieselt ....
+
+Aber das Moor, wo endet es?
+
+Ja, in deinen müden Gedanken dreht sich diese Frage im Kreise herum,
+bis eine lange Stunde vergangen ist.
+
+Und dann, -- während du entdeckst, daß es sich noch immer gleich
+unermeßlich vor dir ausdehnt, -- da weißt du es: das Moor, -- es geht
+bis ans Ende der Welt! Und wo es aufhört, -- -- da ist das äußerste
+Meer.
+
+Und du selbst gehst auch bis ans Ende der Welt, während es unter deinen
+Füßen rieselt, während ein Meer von weißen Multenblüten[2] rings um
+dich herwogt.
+
+[Footnote 2: Multe = gelbe Berghimbeere.]
+
+Du gehst und gehst, während die Sonne, müde von ihrem fast
+vierundzwanzigstündigen Tag, endlich wie eine rote Fackel hinter den
+Höhen im Norden erlischt.
+
+Und nun ist es dir, als ob du nicht weiter könntest, als ob es mit dir
+zu Ende sei, lange, lange, ehe das Ende des Moors erreicht ist.
+
+Und es liegt ein gewisses müdes Behagen in dem Gedanken, daß es weiße
+Blüten genug habe, das Moor, um dich zuzudecken, da wo du zu Boden
+sinken mußt, -- -- daß es weiße Blüten hat -- -- -- immer mehr weiße
+Blüten -- um noch den zuzudecken -- -- und jenen -- -- und alle, die du
+kennst, und von denen du etwas weißt -- -- alle, die auf dem Wege sind
+wie du -- ans Ende der Welt.
+
+Dann kommst du an einen Hügel, -- du kannst dich kaum hinaufschleppen.
+Ein Hügel, der dunkel ist von rauschenden Tannen ...
+
+Die schlanken Stämme weichen wie auf Verabredung plötzlich zurück ...
+Und du trittst hinab ans äußerste Meer.
+
+Nein, das dritte Wasser gleitet zu dir heran und legt seine glänzende,
+silberhelle Fläche um dein müdes Bild -- wie eine beruhigende Umarmung.
+
+Und in demselben Augenblick ist nichts mehr da, was wehe tut, weder in
+deinen Gedanken noch an deinen Füßen.
+
+Ein Boot ist da -- aber kein Fährmann ... Und du weißt nicht, woher es
+kam, oder wie du hineinkamst.
+
+Aber du gleitest dahin. -- Du gleitest über die glänzende silberhelle
+Fläche ... Und auf einmal weißt du es: Hier ist es, wo sie geboren
+wird, die helle Nacht.
+
+Die helle Mitternacht, die weißlich auf all den abgerundeten Bergkämmen
+zittert, -- hier erhebt sie sich.
+
+Dieser geschliffene, glänzende Spiegel ist es, den das Hochgebirge zum
+Himmel aufhebt, dieser Spiegel, der den Tag einsaugt und den Abglanz
+der Sonne zurückwirft, -- wenn die goldene Kugel untergegangen ist, --
+um die ganze weite Wölbung, die die Erde umspannt, zu erleuchten.
+
+Du weißt nicht, wie du hinüberkommst über all dies flüssige Silber, das
+mit einem eigenen kristallhellen Ton leise vor deinem Boot
+zurückweicht.
+
+Du weißt nicht, wie es zugeht, daß du dich an einem grünen Uferrand
+befindest, der jäh zu einem niederen Haus aufsteigt -- mit dunklen
+Kiefern im Hintergrund und etwas Weißem und Schlankem daneben, -- wie
+ein Kirchturm, der sich vertrauensvoll an die Felswand lehnt.
+
+Du hörst die andern sagen, vom Pfarrhaus aus müsse jemand gesehen
+haben, daß um die Mitternacht ein Boot auf dem Wasser war, und der
+müsse die Pächtersleute geweckt und alles zur Ankunft vorbereitet
+haben, denn mehrere Leute kommen ans Ufer herab. -- -- Aber du
+verstehst die Worte nicht.
+
+Es ist dir, als ob die weiche Uferlinie, die sich dir
+entgegengestreckt, nur einen Namen haben könne: Jenseits. -- Jenseits,
+wo alle irdische Art und Weise aufhört.
+
+Aber in dem Augenblick, wo das Boot mit einem letzten Plätschern ans
+Ufer gleitet, wirst du auf dem Sand dort eine Gestalt gewahr, hoch und
+dunkel wie ein Bote der ersten dunkeln Nacht mitten in all dem
+Leuchten.
+
+Und da wirst du dir bewußt, daß du das Ziel deiner mühseligen, weiten
+Pilgerfahrt erreicht hast, den einsamen Pfarrer da oben zwischen den
+fernen Bergen.
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Der Pfarrer von Li
+
+
+
+
+ [Illustration]
+
+
+In dem Pfarrhof am Ufer, das jäh aus dem großen Wasserspiegel
+aufsteigt, wohnt der Pfarrer. Allein -- ganz allein. Die Zimmer in dem
+langen, hellangestrichenen Holzgebäude hallen von seinen Fußtritten
+wider. So hat er es selbst gewollt, als er, ein noch junger Mann von
+etwas über dreißig Jahren, hierherkam. Und so ist es noch immer.
+
+Hier, wie an allen solchen abgelegenen Orten, pflegen die Pfarrer nicht
+lange zu bleiben; in der Regel nur fünf Jahre.
+
+Aber als diese Zeit verflossen war, meldete sich dieser Pfarrer nicht
+weg. Ruhig blieb er, bis noch weitere fünf Jahre zu den ersten gekommen
+waren. Und seither ist wieder ein Jahr vergangen, und noch eines, und
+er ist schon in der Mitte des dritten, also dem dreizehnten, seit er
+herauf kam.
+
+So lange ist vor ihm noch nie einer dagewesen. Die Frau des vorigen
+Pfarrers sagte, daß die Stelle am besten nur für junge Leute passe, die
+jedes Jahr ein Kind bekämen. Denn wenn man nicht dafür sorgte, den Ort
+zu bevölkern, so könnte man vor Einsamkeit verrückt werden.
+
+Er wurde nicht verrückt. Aber man hätte glauben können, daß er es
+gewesen sei, als er hier herauf kam, so sonderbar richtete er sich ein.
+Und so düster und schwermütig, wie er ausgesehen hatte!
+
+In dem Haus rechts von dem Hauptgebäude wohnen die Pächtersleute mit
+dem Küster, die einzigen andern Menschen, die sich an dem Ort befinden.
+
+Der Pfarrer übertrug der Pächtersfrau sogleich seine ganze Haushaltung.
+Sie, Kari, konnte diese leicht mit übernehmen. Den Verhältnissen
+angemessen ist sie hier nicht sehr umständlich.
+
+Milch, Sahne und Eier hat man genug; sein Brot backt man sich selbst.
+Seine Waren werden einem einmal im Jahr zugeschickt. Fische, herrliche
+Forellen erhält man im Sommer aus dem See; selbstverständlich lebt
+man viel von gesalzenem und geräuchertem Fleisch, aber dazwischen
+schlachtet man auch, so daß man frisches Fleisch hat; um die
+Weihnachtszeit einen Ochsen, der in dem rotangestrichenen Vorratshaus
+aufgehängt wird, wo er sogleich gefriert, so daß man bis weit in den
+Mai hinein frisches Fleisch essen kann. Wildbret bietet zuzeiten auch
+manchen Hochgenuß; Schneehühner, Haselhühner und Auerhahn gibt es in
+Menge; Bärenfleisch und Rentierbraten gehören nicht zu den
+Seltenheiten.
+
+Die Pächtersleute hielten einen Knecht und eine Magd und hatten
+selbst zwei Töchterchen mit runden, sonnverbrannten, von weißlichem
+an der Sonne gebleichtem Haar umgebenen Gesichtern, die allmählich
+heranwuchsen und der Mutter flinke Hände zum Mitangreifen bekamen.
+Von ihrem vierzehnten Jahr an konnte Sigrid, die älteste von ihnen,
+beinahe ausschließlich die Bedienung des Pfarrers übernehmen.
+
+Durch die Küche und das Waschhaus haben die Pächtersleute eine
+Verbindung mit der Wohnung des Pfarrers, und das Essen wird ihm
+hinübergebracht. Er sitzt am Tisch in der großen Eßstube. Allein ...
+
+Nur im Hochsommer, wo Freunde und Verwandte ab und zu einen
+Ferienausflug herauf machen, hat er Tischgenossen. Aber die Gäste
+übernachten im Pächterhaus, wo Platz genug ist. Es ist so am
+einfachsten wegen der Bedienung.
+
+Im Pfarrhaus selbst findet sich nur ein Bett außer dem des Pfarrers.
+Dies aber ist immer bereit in der Kammer neben seinem Schlafzimmer.
+Er sagt, wenn eine wandernde, vielleicht verirrte Seele einmal
+in der Nacht anklopfe, so solle das Lager ihrer warten, ohne daß
+die Pächtersfamilie aufgescheucht werden müsse, um einer fremden,
+vielleicht zweifelhaften Persönlichkeit Obdach zu gewähren.
+
+Aber die umherstreifende Seele ist in all diesen Jahren in keiner Nacht
+gekommen. Und wo sollte sie wohl auch herkommen? -- Hier herauf! -- --
+
+Die Zimmer des Pfarrhauses sind groß, und es sind ihrer nicht wenige.
+Am Platz ist nicht gespart worden. Sie liegen alle in einer Reihe; die
+Fenster gehen auf die große, silberhelle Wasserfläche hinaus mit der
+Aussicht auf all die tannenbestandenen, unbewohnten Höhenzüge ringsum.
+
+Die Zimmer sind spärlich und sehr einfach ausgestattet. Von
+einem Pfarrer zum andern bleiben die Möbel stehen, so daß die
+neuvermählten Paare, die meistens um diese Stelle einkommen, sich alle
+Widerwärtigkeiten mit der Aussteuer sparen können, bis sie wieder
+südwärts ziehen.
+
+Nur sein schönes Harmonium hatte der Pfarrer mitgebracht, -- nicht ohne
+große Schwierigkeiten. Aber einen mußte er doch wohl haben, um sich mit
+ihm zu unterhalten. Etwas mußte er um sich haben, das die Luft in den
+öden Zimmern in eine tönende Bewegung versetzen könnte.
+
+Er singt oft zu seinem Spiel, aber er spielt doch noch öfters --
+manchmal bis tief in die Nacht hinein. Da vertraut er wohl dem
+Instrument einige von den Gedanken an, die er mit niemand teilen kann,
+und die das Instrument dann in Harmonien ausspricht. -- --
+
+Der Morgen nach unserer nächtlichen Ankunft auf dem Pfarrhof wird mit
+Glockentönen begonnen, -- mit schwingenden Glockentönen, die einen auf-
+und abschaukeln in einem seligen, halbbewußten Traumzustand, wobei man
+ohne eine bestimmte Vorstellung von Zeit und Ort ein unaussprechliches
+Gefühl hat von den »Glocken des Himmelreichs, die da läuten für mich«.
+
+Dann klopft es an der Tür. Die Pächtersfrau tritt ein, und damit nimmt
+das Dasein festere Formen an. Sie hat uns sehr lange schlafen lassen,
+will aber nun melden, daß der Frühstückstisch bereit stehe, daß die
+Kirchenbesucher sich auf dem Wasser gezeigt haben, und daß es zum
+erstenmal geläutet habe.
+
+Obgleich sie sagt, wir müßten uns beeilen mit dem Aufstehen, bleibt
+sie doch noch eine Weile stehen und erzählt uns von dem Ort und dem
+Pfarrer, das meiste von dem, was eben hier mitgeteilt worden ist.
+
+In großer Eile ziehen wir uns an, frühstücken auch in demselben Tempo.
+Dann geht es hinaus.
+
+Der Hofplatz ist breit und geräumig, von vier Gebäuden im Viereck
+eingeschlossen. Das Haus nach dem See ist das Hauptgebäude. Von dem
+Flur vor dem Eßzimmer führt eine Tür mit großen Renntiergeweihen
+darüber nach dem Hof.
+
+Draußen senkt sich die grüne Küste zum See hinab, und hinter dem
+Pfarrhof steigt sie in die Höhe -- hoch und steil.
+
+Aber eine Gruppe kleiner dunkler Holzhäuser, deren Dächer mit
+Rasenstücken bedeckt sind, -- die wir gestern abend nicht sahen,
+weil sie sich in der nächtlichen Dämmerung nicht von der Felswand
+unterschieden -- drückt sich dicht bei dem Pfarrhof zusammen.
+
+Also doch ein Dorf im kleinen, -- Menschen als Unterbrechung der großen
+Einsamkeit?
+
+Nein, -- es sind keine bewohnten Heimstätten, nur Sonntagshäuser, von
+den Kirchenbesuchern errichtet. Denn die Kirchengäste kommen weit her,
+die meisten wenigstens; von dem Gebirge herab, über Moore, über das
+Wasser. Früh am Morgen, um fünf oder sechs Uhr, müssen verschiedene von
+ihnen zu Hause aufbrechen, um zu rechter Zeit zur Liturgie um elf Uhr
+in der Kirche zu sein.
+
+Wenn nun zwei Feiertage nach einander kommen, wenn schlechtes Wetter
+eintrifft, oder wenn es dunkle Winterzeit ist, dann wird in den
+kleinen Hütten übernachtet. Es sind da Bänke an den Wänden, und Felle
+liegen darauf, um sich damit zuzudecken.
+
+In der hellen Sommerzeit aber wird nur der ganze Sonntag da zugebracht.
+
+In jedem der Häuschen ist ein Pejs (offene Feuerstelle). -- Da wird
+Feuer angemacht, Kaffee und Kartoffeln gekocht und die mitgebrachten
+Speisen verzehrt. Man macht sich gegenseitig Besuche. Die Männer stehen
+vor den Häusern und besprechen die Begebenheiten der Woche.
+
+Verhältnismäßig ist es den ganzen Tag hindurch bevölkert und lebendig.
+
+Gegen Abend ziehen alle wieder fort, um in der hellen Nacht noch nach
+Hause zu kommen, und das Dörfchen ist die ganze Woche hindurch wieder
+ausgestorben.
+
+Bisweilen verhindert das Wetter oder die Jahreszeit die Kirchenbesucher
+ganz am Kommen. Besonders in der dunkeln, stürmischen Herbstzeit, ehe
+die weißen Winterwege die Verbindung erleichtern, und während des
+Tauens im Frühjahr geschieht dies oft eine ganze Reihe von Sonntagen
+hindurch.
+
+Dann schweigen die Glocken, und die Kirchentüren öffnen sich nicht.
+In der Stube des Pfarrers versammeln sich die Pächtersleute und der
+Küster, und da wird der Gottesdienst gehalten.
+
+Wenn aber der spähende Blick, von einem der Fenster aus, den ersten
+schwarzen Schimmer von Menschen auf der gefrorenen, schneeweißen
+Fläche entdeckt, oder das erste Boot auf dem Wasser, dann öffnet der
+Schullehrer die Kirchentüren, der Pächter, der zugleich auch Glöckner
+ist, geht in den Turm, um die Glocke zu läuten, und der Pfarrer zieht
+den Talar an. -- -- --
+
+Geradeso geht es auch heute. Die hohe schwarze Gestalt steht schon vor
+dem Pfarrhaus, um die Kirchleute zu begrüßen, die sich nun versammeln
+und drunten am Wasser Grüße auswechseln, und dann in Scharen das Ufer
+ersteigen.
+
+Der Pfarrer drückt jedem die Hand; alle sagen »du« zu ihm. Dann steigt
+er, die Bibel in der Hand, an ihrer Spitze den steilen aber kurzen Weg
+zur Kirche hinauf.
+
+Wir schließen uns ihnen an. Die Kirche ist nicht sehr groß, aber so
+hell, daß es einen festlichen Eindruck macht. Und über dem Altar
+strahlt ein riesengroßes, glattes, goldenes Kreuz anstatt der
+friedenstörenden Altarbilder, deren wir uns von den letzten Kirchen,
+die wir drunten gesehen haben, noch erinnern.
+
+Der Kantor singt vor, aber des Pfarrers orgeltiefe Stimme trägt den
+ganzen Gesang:
+
+ »Seit jenem Tag, Erlöser mein,
+ Da du vom Tod erstanden,
+ Strahlt' eines neuen Tages Schein
+ Hell über allen Landen.
+ Und als mit: »Friede sei mit euch!«
+ Du grüßtest die voll Sorgen,
+ Der heil'ge Geist sank nieder gleich
+ Am frohsten Sonntagsmorgen.«
+
+Wie hier oben gepredigt wird? Kräftig, aber so einfach als möglich. Mit
+Bildern aus dem Leben, das alle hier kennen.
+
+Er, der Pfarrer, hat gesagt: »Ich kam hier herauf, um den Seelen, --
+und sei es auch nur einer einzigen, -- zu einem Verhältnis zu Gott zu
+verhelfen. Nicht in erster Linie zu einem Gott, denn einen Gott haben
+doch die meisten. Sondern zu dem lebendigen Gott, zu der unbedingten
+Gemeinschaft mit ihm.«
+
+Und dieser Gedanke ist der Grundton aller seiner Verkündigung. Wir
+hören ihn mehreremal predigen -- in der Kirche und bei Versammlungen
+in seiner Stube, -- aber die Erinnerung an das, was er gesagt hat,
+vereinigt sich gleichsam zu dem einen: »Sie haben doch einen Gott, die
+meisten Menschen.«
+
+Manche haben ihn freilich nur in der Natur. Da haben sie ihn
+hingesetzt, um zu regieren und zu leiten. Sie meinen wohl auch, er
+besorge es bisweilen schlecht. Aber sie haben eben keinen andern,
+dem sie die Leitung übertragen könnten. Und dann halten sie ihn doch
+außerhalb ihrer Türen.
+
+Andere -- die meisten vielleicht -- haben ihn in der Kirche. Sie nehmen
+ihn am Sonntag mit dem Gesangbuch hervor, wickeln ihn mit diesem ins
+Taschentuch hinein wie einen Verstorbenen, sie schenken ihm ein etwas
+schweres Gehör und einen schläfrigen Gesang, und haben sonst nur wenig
+mit ihm zu schaffen die ganze Woche hindurch.
+
+Andere haben ihn in ihrem Kummer, in ihrer Not und Gefahr. Da steht
+er drohend vor ihnen. Er erhält einige Klagen, erschrockene Rufe und
+Gebete und wenig oder gar keinen Dank. Das gibst du wohl auch zu, daß
+er es war, der »Ola, den Sonnenstrahl dein« genommen hat, oder der, der
+die Lawine an deinem Hause vorübergehen ließ, in jener Frühlingsnacht,
+als du zu ihm riefst.
+
+Aber, ob du es glaubst, daß er es war, oder ob du meinst, daß es von
+selber so kam, das macht keinen so großen Unterschied. Denn in all
+diesem ist kein Verhältnis, kein Verhältnis zu Gott.
+
+Das Verhältnis zu ihm, du, -- das ist es, worauf es ankommt.
+
+Das Verhältnis ist da. Du kannst durchaus nicht darum herumkommen. Du
+bist dazu geboren. Du bist hineingetauft worden ...... Aber du mußt es
+selbst aufnehmen, sonst wird es zu einem Nichts für dich. Und nicht nur
+zu einem Nichts, sondern zu dem, was schlimmer ist, zum Gericht.
+
+Das Verhältnis zu Gott wird auf dieselbe Weise aufgenommen, wie alle
+persönlichen Lebensverhältnisse -- du begibst dich hinein. Nur geht
+dies tiefer als das tiefste menschliche Verhältnis, in dem du stehst.
+Und viel völliger mußt du dich dazu hergeben.
+
+In einem halben Gottesverhältnis kannst du nicht stehen. Denn Gott der
+Herr selbst hat sich ganz und ohne Vorbehalt in ein Verhältnis zu dir
+begeben. Da war einer, der sich hier unten zur Welt kommen ließ, sich
+in Fleisch und Blut kleidete, dir ähnlich wurde, damit du ihn ergreifen
+könnest, damit er dein werden könnte. Einer, der starb, um seine
+Gemeinschaft zu dir zu vollenden ...
+
+Und ganz will er dich haben, denn er liebt dich. Wäre er nicht die
+Liebe -- auch für dich, dann könnte er sich wohl mit weniger begnügen,
+mit einem Teil von dir. Aber nun will er kein Atom von dir missen, denn
+er liebt dich ganz, will dich ganz retten.
+
+Dich selbst -- was ist denn das?
+
+Ja, das ist nicht nur deine Überzeugung, wie viele meinen. Es sind
+nicht nur deine Gedanken, deine Worte, deine Gebete, die Gott verlangt.
+Es sind nicht deine Sünden, obgleich du sicherlich ihm diese Bürde zu
+tragen geben mußt! Wer sonst könnte, wer wollte sie tragen? Es ist auch
+nicht nur deine Liebe, obgleich -- wem solltest du sie sonst geben als
+ihm?
+
+Nein, -- dein tiefster ~Wille~ ist es, um den es sich handelt.
+Denn in dem Willen sitzest du selbst. Weißt du das? Ja, du weißt es.
+Deshalb bist du so langsam, das Verhältnis instand zu setzen. Über
+seinen Willen möchte man selbst herrschen ...
+
+Nein, gerade ihn sollst du bringen, ihn übergeben, vollständig und
+ganz, ohne Vorbehalt, ohne Bedingungen.
+
+Dann bist du selbst in das Verhältnis hineingegeben und kannst es dir
+ganz zueignen.
+
+ Denn, wer sich selbst hat hingegeben,
+ Erst der erhält das volle Leben.
+
+ * * * * *
+
+Der Gottesdienst ist lang. Doch nicht, weil die Predigt es ist, aber es
+sind mehrere Kinder da, die getauft werden sollen.
+
+Darnach geht der Pfarrer nach Hause, um zu Mittag zu essen, während
+die Kirchgänger sich in die Häuschen begeben, aus deren Schornsteinen
+allmählich dünne, bläuliche Rauchsäulen aufsteigen.
+
+Zwischen zwei und drei Uhr kommen die Kinder ins Pfarrhaus. Es kommen
+sowohl die kleinen, die während des ganzen Gottesdienstes am Morgen
+ihre Köpfchen an die Schulter der Mutter gedrückt oder in deren Schoß
+ruhig geschlummert haben, als auch die großen, die in dem Bewußtsein,
+eine höhere Stufe der Entwicklung erreicht zu haben, mit starren,
+runden, verständnislosen Augen dagesessen hatten.
+
+Der Pfarrer singt zuerst mit ihnen: Liederverse, die sie verstehen
+können, oder noch öfters kleine Lieder, die er selbst zu bekannten
+Melodien gedichtet hat. Er gibt genau acht, daß richtig gesungen wird.
+
+Treuherzige, klanglose, aber taktfeste und ganz reine Stimmchen singen
+in der Pfarrstube:
+
+ »Den Todesschlaf ein Mägdlein schlief,
+ Vom Leichentuch behangen.
+ »Sie ist nicht tot,« der Heiland rief,
+ »Vom Schlafe nur befangen.«
+
+ Den Todesschlaf ein Mägdlein schlief
+ In fernen Morgenlanden.
+ »Erwache!« Jesu Stimme rief -- --
+ Und sie ist auferstanden.
+
+ Es brach des starren Todes Band,
+ Sie hob die Augenlider --
+ Stand auf und ging an Jesu Hand
+ Gesund und fröhlich wieder.
+
+ O Herr, wenn ich einst liege tot
+ Wie jenes Kind, das bleiche,
+ So ruf mich aus des Grabes Not
+ Zu deinem Himmelreiche!
+
+ Da löst sich jedes Todesband,
+ Und während Engel singen,
+ Wirst du an deiner lieben Hand
+ Ins Paradies mich bringen!«
+
+Und dann erzählt er ihnen von dem kleinen Mädchen, das zwölf Jahre
+alt war -- gerade wie Aslaug und Karen -- und das im Sonnenschein
+umhersprang, wie diese auch. Aber dann wurde es krank und starb.
+
+Das können sich die Kinder alle vorstellen. Das eine hatte die »Guri«,
+das andere den »Peter« im Sarg liegen sehen, mit geschlossenen
+Augen und bleichen starren Gesichtern, die, so oft das Tuch vom
+Sarg aufgehoben wurde, mit jedem Tag bis zum Begräbnis bleicher und
+eingefallener geworden waren. Sie kennen besser als andere, was es
+heißt, eine Leiche zu Hause zu haben, diese Kinder der einsamen, fernen
+Berge.
+
+Und sie verstehen auch alle, wie lieb man den haben müsse, der den
+ganzen langen, steilen Weg heraufkommen wollte, der »auf einmal« an der
+Tür stehen könnte und sagen: »Das Kind ist nicht gestorben, sondern es
+schläft.«
+
+Und der dann hintreten könnte zu dem schwarzen Sarge, der das kalte
+Händchen in seine Hand nehmen, das rote Blut auf die wachsbleichen
+Wangen zurückrufen und die kleine zusammengesunkene Gestalt wieder
+aufrichten könnte, frisch und lebendig, so daß Vater und Mutter nicht
+mehr weinen würden, so oft sie das Tuch aufheben ... Das ist es auch,
+was der Pfarrer von ihnen haben möchte. »Das können Kinder verstehen,«
+sagt er. »Es kommt ihnen ganz natürlich vor ... Und damit ist der erste
+Schritt getan hinein in das Verhältnis, das später ihr ganzes Leben
+einnehmen soll.«
+
+Die Kinder hängen alle an ihm und freuen sich über die Sonntagsschule
+bei ihm. Er ist so freundlich gegen sie. Unter den Erwachsenen gibt es
+allerdings solche, die ihn streng finden, unter den Kindern aber kein
+einziges. Wenn sie krank werden, verlangen sie immer nach ihm. So war
+es bei Guri auch gewesen.
+
+Guri, die sonst immer lustig war und wie ein Kätzchen auf den Felsen
+umhersprang, -- aber sich so sehr vor dem Sterben fürchtete, als sie
+krank wurde -- -- und dagelegen hatte, und immerfort nach der Tür
+gestarrt mit großen, vor Angst und Fieber glänzenden Augen, als ob es
+von dorther kommen müsse, -- -- sie war ganz ruhig geworden, sobald er
+nur in die Stube getreten war.
+
+Wenn er an ihrem Bett saß, ihr das Haar zurückstrich und sie fragte,
+ob sie glauben könne, daß der ~Eine~, der sie am allermeisten
+liebe -- mehr als Vater und Mutter -- sie in seinen Arm nehmen werde,
+so lange ihr so bange vor dem Sterben sei, -- da fühlte sie sich ganz
+sicher und verstand gar nicht mehr, daß sie so große Angst gehabt
+hatte.
+
+Er war dann auch bei ihr gewesen in ihrer letzten Stunde. Er kam
+in einem Wetter, daß man sich bekreuzen mußte, weil er die Fahrt
+gewagt hatte, um ihre kalten Hände zu halten, bis sie in den seinen
+erstarrten. --
+
+Wenn die Kinder gegangen sind, bleibt der Pfarrer den ganzen Nachmittag
+in seiner Stube, um bald den einen, bald den andern der Sonntagsgäste
+zu empfangen, die ihm mitteilen wollen, wie alles daheim steht, ihn
+bitten, wenn es ihm möglich sei, einmal zu ihnen zu kommen, um nach
+einem Kranken, einem Altersschwachen, einer angefochtenen Seele zu
+sehen -- oder auch nur, damit sie ihm von ihren eigenen Zweifeln und
+Sorgen erzählen könnten.
+
+Am Abend -- gegen sechs oder sieben Uhr -- versammeln sich dann alle,
+die noch nicht abgereist sind, in dem Eßzimmer des Pfarrhauses. Da
+spricht der Pfarrer wieder zu ihnen, betet und singt mit ihnen, während
+die Kinder draußen auf dem großen Hofplatz spielen dürfen.
+
+Dann gibt es Kaffee, den Kari gekocht hat, und Kuchen -- Waffeln, »Arme
+Ritter« und »Fladen« -- die sie im Lauf der Woche gebacken hat.
+
+So hat der Pfarrer es verlangt, obgleich Kari meint, das gehe sehr
+weit, so viele zu bewirten. Aber er sagt, daß er sich diese Ausgabe
+erlauben könne, er, der nur für sich selbst zu sorgen habe. Er geht
+herum und sieht nach, daß die Kinder vom Hof hereingerufen werden und
+auch ihren Teil von den Kuchen bekommen.
+
+Dann begeben sich die Kirchgänger nach dem See hinunter. Und nun muß
+der Pfarrer müde sein. Aber er sagt, Arbeit ermüde nicht, sie erhalte
+einen frisch.
+
+Er setzt sich ans Harmonium in seinem Zimmer, dessen Fenster nach dem
+See hinausgehen. Und während die Boote vom Ufer abstoßen, spielt er ein
+Lied, in das die Kirchenleute drunten einstimmen. Die Stimmen erheben
+sich im Chor und vereinigen sich mit der seinigen:
+
+ »Wer sind die vor Gottes Throne?
+ Was ist das für eine Schar?
+ Träget jeder eine Krone,
+ Glänzen wie die Sterne klar,
+ Halleluja singen all,
+ Loben Gott mit hohem Schall.«
+
+Ein Boot nach dem andern gleitet hinaus; über die helle, glänzende
+Wasserfläche hin tönt es kräftig durch den stillen Abend:
+
+ »Es sind die, so wohl gerungen
+ Für des großen Gottes Ehr',
+ Haben Welt und Tod bezwungen,
+ Folgend nicht dem Sünderheer,
+ Die erlanget in dem Krieg
+ Durch des Herren Arm den Sieg.«
+
+Allmählich verlieren sich die Stimmen zwischen den Ruderschlägen in der
+Ferne. Schwächer und schwächer -- schließlich hinsterbend -- klingt es
+zu uns herauf:
+
+ »Daß mein Teil sei bei den Frommen,
+ Welche, Herr, dir ähnlich sind,
+ Und auch ich, der Not entnommen,
+ Als ein treues Gotteskind
+ Dann, genahet zu dem Thron,
+ Nehme den verheißnen Lohn.«
+
+Viel mehr Ruhe gönnt sich der Pfarrer auch am Werktag nicht.
+
+Eher ist dieser in gewisser Beziehung noch anstrengender für ihn; denn
+da reist er weit umher.
+
+Sein Boot fährt rasch auf dem Wasser dahin, und sein gelbes
+Nordlandpferdchen trabt mit ihm über Felsen und Moore. Oftmals kehrt er
+erst sehr spät in der Nacht zurück. Seine entfernte, weit verstreute
+Gemeinde muß er aufsuchen.
+
+An diesen abgelegenen Orten, wo der Bezirksarzt sich nur einmal im
+Jahr zeigt -- in Gesellschaft des Landrichters und des Vogts, die im
+Hochsommer heraufkommen, um drei Tage lang Thing zu halten und dann
+wieder aus dem Bereich der Bewohner zu verschwinden, müsse der, der
+dableibe, für alle zu erreichen sein, sagt er.
+
+Und er muß auch Rat wissen für Seele und Leib zugleich. Denn sie
+kommen ja zu ihm in allen möglichen Angelegenheiten. Und sie sagen, er
+habe gewißlich mehr Doktorbücher studiert, als man zum Praktizieren
+notwendig habe, und er habe ihnen mit seinem Arzneikasten und seiner
+Verbandtasche verschiedentlich mehr geholfen, als es irgend ein Arzt
+hätte tun können.
+
+Es ist unbegreiflich, welchem Wind und welchen Wegen er selbst in der
+strengen Jahreszeit trotzt, um bei den Menschen herumzukommen.
+
+Oftmals hat man ihm wohlgemeinte Warnungen zukommen lassen, sich doch
+nicht hinauszuwagen, mit der Begründung, die sonst für entscheidend
+gilt, daß er sein Leben dabei einbüßen könne.
+
+Hierauf aber antwortet er nur: »Ja, das soll ja eines der echten
+Kennzeichen eines Hirten sein; nach der Bibel wenigstens.«
+
+Ein Pfarrer, der nur der Vollstrecker der gottesdienstlichen Zeremonien
+sei, werde seiner Meinung nach »ein tönendes Erz oder eine klingende
+Schelle«.
+
+Der Beruf umfasse viel mehr, sagt er. Die Seelsorge sei der wichtigste
+Teil. Die Seelen müßten aufgesucht werden.
+
+Jeder Mensch habe doch seine Seele; auch hier oben. Tief versteckt
+könne sie sein -- und manchmal an den schlechtesten Orten. Der eine
+könne sie in seinem alten, schmierigen, ledernen Geldbeutel haben, --
+der andere in der Flasche. Und selbst viele von den Christen, denen die
+Glocken zur Kirche läuteten, schienen eine merkwürdige Übung darin zu
+haben, ihre Seelen während des Gottesdienstes fern zu halten.
+
+»Aber irgendwo ist sie,« sagt der Pfarrer, »und wer jahraus jahrein in
+die Häuser kommt, wird sie schließlich auch finden, -- ohne zu fragen.
+Denn niemals soll man sich einer Seele durch Fragen nähern wollen. Wer
+fragt, wird gar leicht von Neugierde oder von der Tadelsucht getrieben,
+vor denen der Mensch ganz natürlicherweise die Tür verschließt. Wer von
+wirklicher Liebe getrieben wird, wird es verstehen, sich zu einer Seele
+hindurchzufühlen, die sich im tiefsten Innern immer darnach sehnt,
+gefunden zu werden.«
+
+Und so sitzt der Pfarrer jenseits des Wassers bei Peter Fossegaarden,
+dessen ganzer Stolz seine Schweine sind, und ist vollständig überzeugt,
+daß nie ein Schinken so gut schmeckt, wie gerade hier. Oder er klettert
+zu Jens Bakken hinauf, der ein Holzschneider ist, und will genau
+wissen, wie man das macht. Nicht um die Kunst von ihm zu erlernen, tut
+es der Pfarrer, sondern um die Arbeit zu verstehen und wertschätzen
+zu können. Oder er sitzt bei Karen, die zweimal im Jahr Fladenbrot im
+Pfarrhaus backt, und will dem Backen zusehen, -- oder bei der alten
+Gunhild, die halbblind ist, aber noch immer seine Socken strickt, und
+sagt zu ihr, er könne sich gar nicht denken, daß sie nicht hundert
+Jahre alt werde, denn es könne niemals jemand so für ihn stricken wie
+sie.
+
+Und der Pfarrer meint, was er sagt. Er hat ein menschliches Interesse
+für alle menschliche Arbeit im großen wie im kleinen.
+
+Aber gleichzeitig sucht er nach der Stelle, wo ein Zugang zur Seele
+ist, wo diese ihre scheuen und oft so hilflosen Augen zu ihm aufschlägt
+-- um sich ihrer mit warmer und fester Freundeshand anzunehmen.
+
+In der strengsten Jahreszeit gibt es Wochen und Monate, wo der Pfarrer
+gezwungen ist, daheim zu bleiben. Den langen, langen schneeweißen
+Winter hindurch -- wie vertreibt er sich da die Zeit? Wenn die Lampe um
+zwei oder drei Uhr angezündet wird, -- und bei trübem Wetter brennt sie
+fast den ganzen Tag hindurch -- womit füllt er da die Einsamkeit all
+der nächtlichen Stunden aus? Ja, da spielt er Harmonium, er liest, --
+oder er denkt ...
+
+Er hat alle seine Bücher mit heraufgebracht, und seine Briefe und
+Zeitungen holt er sich alle acht Tage, wenn das Wetter es erlaubt, auf
+der kleinen Poststation, die drüben über dem See, hinter der Landzunge
+gegen Westen verborgen liegt. Volle zwölf Tage braucht die Post, um von
+Trondheim heraufzugelangen; so viele Seitensprünge hat sie zu machen.
+
+Seine Reisen nach den Filialen unternimmt er auch im Winter so
+regelmäßig wie möglich; einmal im Monat nach Sörli und dreimal im
+Jahre nach der Trunsjöer Kapelle, -- über Felsen und Seen und Moore,
+-- wie es am besten vorwärts geht, denn zu keinem der genannten Orte
+führt eine Straße. Es kommt vor, daß er auf halbem Wege wieder umkehren
+oder im voraus schon die Reise aufgeben muß; aber da muß es schon sehr
+schlimm sein.
+
+In der Zeit von Weihnachten bis Ostern gibt er den
+Konfirmanden-Unterricht. Die Konfirmanden kommen ins Pfarrhaus, --
+nicht auf zwei Stunden, sondern gleich auf vierzehn Tage, und da
+gibt er ihnen jeden Morgen Unterricht. Die meisten von ihnen werden
+bei Kari einquartiert, und die, die das Pächterhaus nicht aufnehmen
+kann, übernachten in der Küsterwohnung, von wo sie aber durch die
+Schneemassen hindurch nicht immer bis zum Pfarrhaus gelangen können.
+
+So geht das Leben seinen Gang, -- einen Winter nach dem andern in der
+aufreibenden Einförmigkeit, die so endlos zu durchleben sein kann, und
+die doch so merkwürdig kurz ist, wenn man darauf zurückschaut, weil die
+Jahre in einander fließen, lautlos und ohne Farbe, wie lauter Stunden
+einer einzigen Nachtwache.
+
+Noch eins hat er, um die langen, einsamen Tage auszufüllen. Er
+~schreibt~. Er begann nicht gleich damit, denn er wollte sich
+zuerst ganz in seinem Beruf hier oben einleben. Der Beruf sollte ihn
+ungeteilt haben.
+
+Aber in den zweiten fünf Jahren, -- nachdem er gleichsam alle in seine
+Gedanken und in sein Herz aufgenommen hatte, -- da begann er die Bücher
+zu schreiben, die den »Hochlandspfarrer« -- dieses Pseudonym hatte er
+gewählt -- zu einem wohlbekannten Gast in vielen Heimstätten machte.
+
+Dann entstand auch sein größtes Werk, die »Briefe an die eine Seele«,
+das in Heften herauskam, die beständig vermehrt wurden, bis es einen
+Brief für jeden Tag im Jahre gab. Es waren längere oder ganz kurze
+Briefe, immer mit einer Bibelstelle als Ausgangspunkt, und alle mit dem
+einen Zweck: zu ziehen, zu locken, zu ~nötigen~ -- könnte man wohl
+sagen -- die ~eine~ Seele in ein Verhältnis zu Gott hinein, hin
+auf den Weg zur Vollendung ...
+
+Er hat gleichsam die Bedenken und Einwendungen dieser Seele erlauscht,
+hat ihre Zweifel, ihren Widerstand erraten und gefühlt, welche Saiten
+den tiefsten Widerhall bei ihr erwecken würden.
+
+Er schneidet die Nebenwege ab, versperrt den Rückzug, hält aber
+bisweilen in einer ganz friedlichen Betrachtung plötzlich still, wie um
+der Seele Ruhe zu gönnen -- eine Ruhepause.
+
+Er ist wie ein Führer im Gebirge, der mit einem andern an der Hand
+hinaufsteigt, und der zwar den Gipfel, der erreicht werden soll, nicht
+niedriger machen kann, aber die Schwierigkeiten des Aufstiegs zu
+erleichtern und zu überwinden sucht.
+
+Dies ist der Ton, der durch seine Verkündigung geht, nur ist er
+gleichsam noch persönlicher.
+
+ * * * * *
+
+»Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen!« Matth. 22, 37.
+
+Die Hand aufs Herz -- tust du das?
+
+Nein, wirst du sagen, dein Herz sei zu arm, leer und kalt. Das ist wohl
+wahr, aber das gilt hier nicht als Entschuldigung. Denn es wird danach
+gefragt, ob du so liebest, wie dein Herz es vermag, -- sonst nach
+nichts.
+
+Und kann denn dein Herz gar nicht lieben? Gibt es nicht den oder jenen,
+-- deinen ~Nächsten~ -- den es umfaßt, feurig stark, den es fester
+hält als selbst das Leben? Doch, es gibt jemand ... Das läßt du dir
+nicht nehmen.
+
+Ist es denn dann so, daß dein irdisches Herz nur abwärts lieben kann
+-- zur Erde, auf der Erde -- nicht aufwärts? Ja, du selbst kannst kein
+Gefühl in deinem Herzen hervorbringen. Aber die Liebe, die du zu einem
+andern hast, die kannst du hinaufreichen. Das Herz, das einen andern
+umfaßt, das kannst du in die Hände geben, die das erste Recht daran
+haben.
+
+Du wirst einwenden, das hieße das Gebot umgehen. Nein, das heißt zu ihm
+aufsteigen.
+
+»+Sursum corda+« -- die Herzen in die Höhe! -- hat es seit den
+ältesten Zeiten in der Kirche geklungen.
+
+Und die Gemeinde antwortet: »+Habemus ad Dominum+« -- wir erheben
+sie zum Herrn.
+
+Wenn du dein Herz hinaufgibst mit der großen Liebe, von der es erfüllt
+ist, dann wirst du das erreichen, was dein tiefstes, unaussprechliches
+Geheimnis werden wird -- das, daß deine Liebe verwandelt wird.
+
+ * * * * *
+
+»Wer zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater und seine Mutter und
+sein Weib und seine Kinder und dazu auch sein eigen Leben, der kann
+nicht mein Jünger sein.« Luk. 14, 26.
+
+Ich nehme das stärkste Wort, das ich finden kann und erkläre es nicht.
+Ich lasse es dich so buchstäblich verstehen, wie -- es nicht einmal
+verstanden werden soll.
+
+Und ich behaupte, das Wort, das bei denen, die draußen stehen, Anstoß
+erregt und von vielen Christen übersprungen wird, das ist eines von
+denen, die ~dich~ am stärksten ergreifen, denn niemals wirst du
+dich mit einem Verhältnis zu Gott begnügen, das nicht unbedingt ist.
+
+In der irdischen Liebe würden es die meisten nicht können. Das wird
+ohne Einwendung begriffen, und je mehr man liebt, desto mehr will man
+das andere besitzen, ganz und ungeteilt.
+
+Aber die Forderung, die die Menschen ganz von selbst aneinander
+stellen, -- an der nehmen sie Anstoß, sobald sie von oben kommt.
+
+So sei es nicht bei dir. Wo du dich hingeben sollst -- auch seelisch
+--, wirst du verlangt werden, ganz und ungeteilt.
+
+Denn du wirst begreifen, daß wer alles zu verlangen wagt, auch alles zu
+geben hat.
+
+ * * * * *
+
+»Petrus trat aus dem Schiff und ging auf dem Wasser.« Matth. 14, 29.
+
+Aber es war nicht das Wasser, das ihn trug. Auf ~Wogen~ kann man
+nicht treten. Trotzdem -- die Menschen sind nicht von dieser Einbildung
+wegzubringen. Hast du sie nicht auch geteilt?
+
+Was anders hat die Welt dir wohl geboten, um darauf zu treten -- was
+anderes als Wogen? Was anders hat dein eigenes schwankendes, kraftloses
+Herz dir geboten? Und auch du hast wie die andern gedacht, daß sie dich
+tragen würden. Ist es nicht so?
+
+Petrus ging im ~Glauben~ vorwärts. Der Glaube ist Felsengrund
+unter den Füßen; der einzige, der sich findet. Als er diesen verläßt,
+da »beginnt er zu sinken«. Denn es gibt nur das eine von diesen beiden;
+entweder du lebst im Glauben -- dann stehst du auf Felsengrund, -- oder
+dein Leben ist ein fortgesetztes Hinausgleiten in die Wogen, -- die dir
+schließlich über dem Kopf zusammenschlagen.
+
+Aber merk dir eines: es sieht aus, als sei es gerade ~umgekehrt~;
+als ob dieses »im Glauben Vorwärtsgehen« so viel sei, als ein Loslassen
+des Festen und Sicheren, ein Hinaustreten aus dem Schiff -- und mit
+geschlossenen Augen den Sprung wagen in die unendliche Tiefe.
+
+So wird es immer gefühlt werden, und aus diesem Gefühl heraus muß es
+getan werden.
+
+Aber in Wirklichkeit setzt man da erst seinen Fuß auf den Felsen, den
+das Weltmeer nicht erschüttern kann, und den die schwarzen, trüben
+Wasser des Todes nicht zu überfluten vermögen.
+
+ * * * * *
+
+»Die, so in den Schranken laufen, die laufen alle, aber ~einer~
+erlangt das Kleinod.« 1. Kor. 9, 24.
+
+Der eine, der das Kleinod erlangt, der sollst du sein.
+
+Ja, wirst du sagen -- aber die andern dann? Ist es nicht schrecklich,
+daß ich auf ihre Kosten gewinnen soll?
+
+Mein Freund, -- laß dich dadurch nicht aufhalten!
+
+In der Sache deiner Seligkeit handelt es sich niemals um einen Wettlauf
+mit andern. Ihr seid nur zu zweit auf der Bahn, du und noch einer, den
+du ganz genau kennst, nämlich dein »alter Mensch«, -- wie wir ihn zu
+nennen gelehrt worden sind.
+
+Der Einsatz ist das Leben; nur einer gewinnt es. Der andere muß sterben
+... Von diesen beiden lebt immer einer auf Kosten des anderen.
+
+Und dein alter Mensch läuft furchtbar schnell. Er gönnt sich Tag und
+Nacht keine Ruhe.
+
+Läufst du so, daß du gewinnen kannst? O stehe eines Tages da -- der
+andere sterbend zu deinen Füßen -- mit dem Kleinod in der Hand!
+
+ * * * * *
+
+Merkwürdig ist es doch mit ~der einen Seele~, die er noch immer
+sucht, für die er noch immer arbeitet, um sie in das Geheimnis der
+Gemeinschaft mit Gott hineinzuführen! War sie denn hier oben nicht
+zu finden? Es scheint fast unmöglich, daß von einer so eifrigen, so
+aufopfernden Wirksamkeit keine Früchte nachzuweisen sein sollten!
+
+Doch darüber erfahren wir nichts, wenigstens nichts von ihm selbst.
+Und die andern Leute wohnen zu zerstreut, als daß wir da nachfragen
+könnten. Nur das sehen wir allerdings, daß die Leute in verhältnismäßig
+großen Scharen zur Kirche kommen und daß sie den Pfarrer zu ihren
+Kranken und Sterbenden holen lassen, sobald die Verhältnisse es nur
+erlauben.
+
+Aber die eine Seele ist vielleicht noch weiter entfernt, als nur
+»jenseits der drei Wasser«, weiter entfernt, als hinter dem endlosen
+Moor, -- tief drunten in der Welt, die so merkwürdig fern liegt.
+
+Hat er wohl jemand da drunten, den er rufen möchte?
+
+ * * * * *
+
+Da ist ein Punkt, über den wir gern etwas wissen möchten. Der Pfarrer
+ist in all den Jahren, seit er hier herauf zog, nie wieder drunten
+gewesen. Und schon ehe wir ins Pfarrhaus kamen, hörten wir, daß er
+sich nach einer großen und bitteren Enttäuschung, die er erlebt hatte,
+für alle Zeiten von der Welt losgesagt habe.
+
+Kari weiß etwas davon, daß es ein »Weltkind« gewesen war, das einmal
+seine Netze ausgeworfen hatte, um ihn zu fangen, und daß es ihm -- dem
+Weltkind -- eigentlich auch geglückt war, daß es ihn dann jedoch selbst
+wieder verlassen hatte. Wie die Sache aber eigentlich zusammenhängt,
+das kann sie uns doch nicht sagen. Sie hat nur so viel verstanden, daß
+es gut war, »daß er ~sie~ los wurde«.
+
+Sigrid freilich, die könnte mehr davon erzählen, wenn sie nur wollte.
+
+Sigrid ist die älteste der Pächterstöchter, die, sobald sie halb
+erwachsen war, die Bedienung des Pfarrers besorgt hatte. Es war ihm
+lieb, ihre sanftmütige Erscheinung um sich zu haben, sie kommen und
+gehen zu sehen, mit ihren langen hellen flachsblonden Zöpfen, ihrem
+kindlich runden Gesicht und den blauen, schwermütigen Augen, deren
+Ausdruck in so merkwürdigem Gegensatz mit ihrem taghellen Farbenglanz
+stand.
+
+Sigrid erriet, wie er es in allem haben wollte. Sie fühlte es
+gleichsam an sich selbst, wenn er müde oder betrübt war, wenn er allein
+sein wollte, oder wenn sie kommen durfte. Und sie fragte nie. Deshalb
+sprach er auch mit ihr mehr, als mit irgend einer der andern.
+
+Dann kam der neue, ganz junge Kantor herauf.
+
+Er stammte aus der Gegend und hatte als Kind mit Sigrid gespielt, wenn
+er Sonntags mit seinen Eltern zur Kirche kam. Er hatte sie schon damals
+lieb gehabt, das wortkarge Mädchen mit den aschblonden Zöpfen und den
+schüchternen, niedergeschlagenen Augen. Und nun mußte er ja baldigst
+eine Frau haben, die seine einsame kleine Kantorwohnung mit ihm teilen
+sollte, -- dort droben auf dem Gipfel des Tannenhügels, etwas rechts
+vom Pfarrhof.
+
+Als die Eltern Sigrid fragten, ob sie ihn »möge«, antwortete sie, daß
+sie es nicht recht wisse. Und dies war ja so vielversprechend, daß man
+gut sogleich mit den Vorbereitungen zur Hochzeit beginnen konnte.
+
+Der Pfarrer wollte nur ungern Sigrid verlieren und sie durch Gudveig
+ersetzt haben, die zwar ganz dasselbe Gesicht und Haar wie die
+Schwester hatte, sich aber immer mit Geräusch anmeldete und so froh und
+gleichgültig aus ihren blauen Augen schaute. Er meinte auch, Sigrid sei
+zu gut für den kleinen, redseligen Kantor.
+
+Aber als ihm Kari zu verstehen gab, daß es für Sigrid selbst am besten
+wäre, wenn sie wo anders hinkäme, da sprach er mit dieser nur noch
+davon, wie gut sie es in dem hübschen, kleinen Häuschen bekommen werde.
+
+Aber Sigrid weinte viel, als sie dorthin gekommen war. Sie sehe auch
+immer nach dem Pfarrhof, sagte ihr Mann, der glaubte, sie habe Heimweh
+nach den Eltern. Und des Nachts, wenn es schlecht Wetter sei, dann
+liege sie mit großen, offenen Augen da -- wie jemand, der hinaushorcht.
+Oder sie fahre vom Schlaf auf und frage, ob das des Pfarrers Tür sei,
+die aufgemacht werde, und ob er wieder heimgekommen sei. -- Aber viele
+haben es ja auch so in ~der~ Zeit.
+
+Jetzt im Frühling bekam sie ein Kind, ein kleines »helles Mägdlein«,
+mit dem sie sich abgeben konnte. Und da kam sie zur Ruhe im Küsterhaus.
+
+Sigrid wußte wahrscheinlich mehr von den Ereignissen aus des Pfarrers
+Jugend, als irgend sonst jemand.
+
+Und einmal hatte sie ein Bild gesehen -- von einer, die »so schön, so
+wunderschön« gewesen war, daß es einem mitten durchs Herz ging.
+
+Aber Sigrid ist ja nun nicht mehr daheim. Und die wenigen Male, wo wir
+sie in der Kirche oder auf einen kleinen Besuch zu den Eltern kommen
+sehen, die hellen, schwermütigen Augen unbeweglich niedergeschlagen, da
+bekommen wir den Eindruck, daß sie zu denen gehört, wo es gar nichts
+nützt, wenn man fragt.
+
+Außer uns ist zurzeit noch eine Schwester des Pfarrers in der
+Pächterwohnung. Sie ist eine schöne feine Gestalt, einige Jahre älter
+als er, -- die wohnte bei ihm, ehe er hier herauf zog, wohin sie
+ihm aus Gesundheitsrücksichten nicht folgen konnte. Nur während der
+heißesten Sommerzeit besucht sie ihn auf einige Monate.
+
+Auf ihre gebildete Weise ist sie ganz ebenso verschlossen wie die
+blonde Sigrid. Als sie daher eines Tages ganz leicht den Punkt
+berührte, der uns interessiert, geschah es nur, weil es ihr sehr
+schwer wird, über das ganz zu schweigen, wodurch die Hochachtung vor
+dem Bruder bei andern vermehrt werden könnte, -- was ihre größte,
+vielleicht ihre einzige Schwäche ist.
+
+Eines Morgens führt sie uns nach dem »Tal Josaphat«, wie der Pfarrer
+eine breite Felsenschlucht tief im Walde genannt hat, wo die Sonne so
+warm und golden eingefangen wird, daß wie ein leuchtender Abglanz der
+Sonne selbst eine wirre und farbenprächtige Blumenfülle -- gelb, weiß,
+lila, rot, besonders rot -- auf langen wogenden Stielen aus der Erde
+hervorbricht. Tief unten rieselt ein klares Bächlein, das leise mit
+sich selber plaudert, so daß man dessen Dasein ganz vergessen kann, --
+bis man plötzlich mit dem Fuß hineintritt.
+
+Hier nun sagte sie mit einer Anspielung auf jenes Jugenderlebnis des
+Pfarrers: »Ich schaue in diesem Punkt zu meinem Bruder auf. Niemand von
+uns rührt je daran -- selbstverständlich. Seit er hier herauf gezogen
+ist, hat er nur ein einziges Mal darauf angespielt. Damals sagte er:
+›Ich bin dieser Person großen Dank schuldig. Niemals wäre ich ›alles
+für alle‹ geworden, wenn ich nicht mit einem Schlag von jeder Rücksicht
+auf mich selbst frei geworden wäre -- von all meinem Eigenen!‹ -- Und
+das ist sicher, ein dauerndes Verhältnis zu dieser Person, über die
+ich mir kein Urteil erlaube, hätte dem Leben, das sich über sich selbst
+ganz zu Gott erhebt, und in das er jetzt so tief eingedrungen ist, den
+Weg versperrt. Aber ihr gar zu danken, dahin können wir andern nicht
+gelangen! Was damals war, vor dreizehn Jahren, möchte ich am liebsten
+ganz aus meiner Erinnerung auslöschen.« --
+
+Sie ist ein ausgezeichnetes Wesen, die Schwester des Pfarrers. Wir
+zweifeln nicht daran, daß sie richtig sieht. Und doch -- -- an sie, die
+»so wunderschön war, daß es einem mitten durchs Herz geht«, und von der
+los zu kommen ein Glück für ihn war, -- -- wir können es nicht lassen,
+wir müssen viel an sie denken.
+
+Die Pächtersfrau vertraut uns an demselben Tag an, daß sie, Alette,
+diesmal nicht so lange hier bleiben werde wie sonst, sondern bald
+nachdem wir abgereist seien, auch wieder südwärts ziehe. Sie wird
+nämlich heiraten, -- sie! Einen ausgezeichneten Pfarrer in Christiania,
+der früher Missionar und mit einer Freundin von ihr verheiratet gewesen
+war. Er hat ein paar erwachsene Kinder und einige unerwachsene dazu,
+so daß sie eine schöne und ernste Aufgabe bekommt. Sie kam hierher, um
+mit dem Pfarrer darüber zu reden. Und er freut sich nur darüber.
+
+Sie will durchaus, er soll im August hinunterkommen und sie trauen
+-- er soll der sein, der ihr neues Leben einsegnet -- und sich dann
+zugleich nach einer Stelle da drunten umsehen. Auf das erste hat er
+noch nicht bestimmt geantwortet, aber zum zweiten sagt er, -- wie
+immer, wenn jemand wünscht, daß er sich wegmelde --: »Ich muß erst hier
+fertig sein.«
+
+Wir begreifen nicht recht, woher Kari all dies weiß. Wahrscheinlich
+gibt es hier im Winter so wenig zu hören, daß sie im Sommer ihre Ohren
+doppelt gebrauchen muß.
+
+ * * * * *
+
+Unser kurzer Aufenthalt ist bald zu Ende. Der letzte Abend ist
+gekommen.
+
+Nach Sonnenuntergang ist es immer kühl hier oben. Wenn der glühende
+Sonnenball versunken ist und ein Silberglanz vom Wasser aufsteigt, dann
+überkommt einen selbst in der heißen Jahreszeit ein eigenes
+Kältegefühl.
+
+Am letzten Abend, den wir hier zubringen, wo es auch schon den Tag
+über kühl gewesen ist, sinkt die Temperatur auf einen solch niederen
+Grad der Sonnenwärme herab, daß der Pfarrer uns vorschlägt, auf der
+Feuerstelle in seinem Zimmer ein Feuer anzuzünden.
+
+Kari trägt trockenes Brennmaterial herbei, Tannenzweige und
+Tannenzapfen. Und bald knistern und sprühen die Feuerflammen ermunternd
+und erwärmend in dem offenen Kamin.
+
+Die Studierstube ist uns am liebsten. Hier sind die meisten seiner
+eigenen Sachen, die sich in dem flackernden Schein des Feuers ganz
+märchenhaft ausnehmen.
+
+Ein goldener Schimmer spielt auf den weißlichen Renntierfellen des
+Sofas. Und das große Bild über dem Schreibtisch, die Madonna von
+Murillo aus dem Palazzo Pitti, strahlt in so warmem Glanz, als ob das
+junge lebendige Gesicht wirklich aus Fleisch und Blut wäre.
+
+Das große Kruzifix in der Ecke über dem Harmonium ist nicht beleuchtet.
+Aber auf dem Bild, das darunter hängt, -- das Abendmahl in Emmaus von
+Tizian, -- liegt eine Glut, wie von dem Sonnenuntergang des Ostertags
+selbst.
+
+Nicht weit von diesem Bild entfernt geht Napoleon mit erhobenem Banner
+über die Brücke von Arcole. Glühender Eifer flammt in seinen bleichen
+Wangen auf.
+
+Und plötzlich fällt es uns auf, daß der Pfarrer, wie er dasitzt und
+das Feuer schürt, diesem Bilde gleicht, -- mit dem wallenden schwarzen
+Haar, dem feingeschnittenen Gesicht und dem Ernst, der mit dem Feuer
+verwandt ist, in seinen dunklen Augen.
+
+Die Schwester des Pfarrers steht am Tisch, legt kleine Kuchen auf einen
+Teller und bereitet zur Feier des Abends Glühwein.
+
+Wir hätten nicht gedacht, daß der Pfarrer Wein trinken würde. Es
+geschieht auch nur sehr selten, aber er hat nichts dagegen, daß seinen
+Gästen Wein angeboten wird.
+
+So oft neue Tannenzweige auf das Feuer geworfen werden, zischt und
+knistert es am stärksten, die Flammen schlagen hoch auf, und die roten
+Tannennadeln fliegen wie glühende Leuchtkäfer umher.
+
+Eines von uns verwundert sich darüber, daß der Pfarrer so wenig von den
+Früchten seiner Arbeit zu erzählen wisse.
+
+»Das könnte er leichter als sonst einer,« sagt die Schwester vom Tisch
+her.
+
+Er aber erwidert: »Ich bin hier, um die Seelen zu rufen, nicht aber,
+um ihre Bekehrung festzustellen. Außerdem -- sein Verhältnis zu Gott,
+das ist immer eines Menschen tiefstes Geheimnis. -- Es hat auch
+seine äußeren Seiten, selbstverständlich muß es sie haben, wie jedes
+persönliche Verhältnis. Es gibt Tatsachen, auf die man deuten kann.
+Aber das ist nicht die Hauptsache. Ob die volle Hingabe stattgefunden
+hat, im tiefsten Innern, das weiß nur der eine, der in die Seele
+hineinsieht.«
+
+Er schaut eine Weile schweigend in die Flammen. Dann sagt er: »Ich
+habe mich wirklich hier oben oft beschämt gefühlt. Wie treuherzig und
+einfältig können diese Menschen in ihrem Gedankengang sein! Wie zum
+Beispiel Guttorm, weißt du?«
+
+»Der mit dem Haus?« fragt die Schwester.
+
+»Ja, der mit seinem Haus, das er nie ›vergoldet‹ und fein genug
+bekommen konnte. Zu dessen Ausschmückung er jede freie Stunde verwandte
+-- schnitzte, malte, firnißte -- und das er sein Kind nannte. Nur still
+dasitzen und sich in der Stube umsehen, eine größere Freude kannte
+er nicht. Und oft kam es vor, daß er gerade am Sonntag die Gicht in
+seinem Bein spürte, so daß er zu Hause bleiben mußte, -- und sich dann
+nur den alten Knud holte, um ihm zu zeigen, was es seit dem letztenmal
+Neues in der Stube gab. Ich sagte zu ihm: ›Hüte dich, Guttorm, daß du
+dein Herz nicht zu sehr an dein Haus hängst, du kommst doch nicht wie
+eine Schnecke mit ihm auf dem Rücken in den Himmel hinein!‹ Er aber
+lachte und sagte, da sei keine Gefahr.
+
+Dann mußte er einmal ins Gebirge mit seiner Frau. Sie waren zwei bis
+drei Tage abwesend. Und als er den großen Schlüssel im Schloß umdrehte,
+betete er: ›Herr, mein Gott, beschütze mein Haus, so lange ich weg
+bin.‹
+
+Als er zurückkam, hatte der Blitz hineingeschlagen, und es war bis auf
+den Grund niedergebrannt.
+
+Eine Weile betrachtete er schweigend die schwarze rauchende
+Brandstätte. Die Frau jammerte und weinte, aber Guttorm faltete seine
+Hände und betete: ›Mein Herr, ich danke dir. Ich sehe, daß du mich
+selbst beschützt hast.‹
+
+Ja, könnten wir wohl sprechen wie er? Sogleich, in demselben
+Augenblick, wo wir das verloren hätten, woran unser Herz am meisten
+hing?«
+
+»Niemals wäre er so weit gekommen, so sprechen zu können, wenn du nicht
+mit ihm geredet hättest -- so oft und so viel,« sagt die Schwester.
+
+Aber der Pfarrer hört nicht darauf. Schweigend, wie in tiefe Gedanken
+versunken, starrt er in die Flammen. Dann sagt er, ein wenig zögernd:
+»Bisweilen habe ich gedacht, ob sich hier oben nur ein einziger Mensch
+findet, der sein Verhältnis zu Gott verwirklicht hat, -- einer, der
+sich danach gesehnt hatte, es zu verwirklichen, weil er wußte, wie
+mangelhaft dies Verhältnis -- in Wirklichkeit gewesen war -- -- -- Aber
+das war dann jedenfalls nicht mein Tun.«
+
+Er wirft wieder ein Bündel Tannenzweige auf die Glut. Es knistert und
+flammt, und eine Feuergarbe von roten Leuchtkäfern schwirrt sprühend
+auf. Unten, zwischen den großen Holzscheitern, liegen ein paar
+Tannenzapfen, die mit ruhigen blauen Flammen brennen.
+
+Dann bittet eines der Anwesenden den Pfarrer um ein Märchen; denn das
+gehöre dazu. »Am liebsten eine Spukgeschichte,« ist ein anderes so
+keck, hinzuzufügen.
+
+Seine Schwester schüttelt den Kopf. »Das kann mein Bruder nicht. Er hat
+an anderes zu denken gehabt.«
+
+Aber der Pfarrer antwortet: »Warum denn nicht? Vielleicht könnte ich
+etwas erzählen, was einem hier passiert ist, hier oben. Wenn ich den
+Namen nicht nenne ....«
+
+Er schaut eine Weile in die Flammen; dann erzählt er: »Ein Bursche ging
+am Moor entlang, als es von Multeblüten ganz weiß war. Während er so
+dahin ging, sah er jemand auf dem Moor stehen. Es kam ihm vor, als sei
+es Ingrid Koppen. Sie pflückte Blumen.
+
+Er rief ihr zu, warum sie denn die Blumen pflücke; dann gebe es ja
+weniger Multebeeren. Ob sie denn daran nicht gedacht habe?
+
+Da trat sie zu ihm und reichte ihm die Blüten über einen schmalen Bach
+hinüber, der sie vom Wege trennte.
+
+Lachend nahm er sie. --
+
+Am nächsten Abend überkam es ihn aufs neue, so daß er wieder den
+Fußpfad dem Moor entlang gehen mußte.
+
+Da draußen war ein Mädchen und pflückte weiße Multeblüten. Sie trat so
+leicht auf, daß ihre Fußspitzen nie einsanken. Marta Sandvigen war es,
+soviel er sehen konnte.
+
+Er rief ihr zu, und sie trat näher und reichte ihm die Blumen.
+
+Aber zugleich ergriff er ihre Hand.
+
+Da blieb sie ganz ruhig stehen. Sie war ihm so nahe, so daß er sich
+über das kleine Rinnsal hinüberbeugen und sie küssen konnte.
+
+Sie sah ihn nur an, und da küßte er sie noch einmal.
+
+Der nächste Tag war ein Sonntag. Er begleitete seine Mutter, die blind
+war, in die Kirche. Er gab aber nicht acht darauf, daß sie sich an den
+Steinen des Weges stieß. Er hörte auch nichts von den heiligen Worten,
+sondern sah nur immer ein Meer von Multeblüten, das im Winde wogte. --
+Und ein Mädchen, das mitten darin stand. --
+
+Am Abend, als er hinauskam, war sie wieder da. Sie -- nein, der Name
+fiel ihm nur nicht ein. Sie war wie alle andern, sie, und auch wie
+sonst niemand.
+
+Sie stand dicht am Wege und reichte ihm die Hand über das Bächlein.
+
+Mit einem Sprung setzte er hinüber, schlang die Arme um sie und küßte
+sie. Sie sah ihn nur an, und er hielt sie fest.
+
+Da begann sie, ihn in das Moor hineinzuziehen.
+
+›Wohnst du dort drüben?‹ fragte er und deutete darüber hin. Sie aber
+nickte nur.
+
+Da begann der Grund unter ihm zu wanken. Er sah sich um und merkte, daß
+es gerade auf die grundlose Stelle zuging, wo die Kuh im vorigen Jahr
+versunken war; da rief er: ›Wir müssen zurück! Komm, komm!‹
+
+Sie aber schüttelte den Kopf, als wolle sie sagen: ›Ich kann nicht,‹
+und bannte ihm die Augen mit ihrem Blick.
+
+Er sank bis an die Knie ein. Aber ihm war, als seien es ihre Augen, die
+ihn zogen, diese Augen, in die er nun wohl versank.
+
+›Im Namen Gottes!‹ schrie er.
+
+Er wußte später nie, wie er frei geworden war. Aber als er wieder auf
+dem Weg stand und auf das Moor hinausschaute, da war niemand mehr
+zwischen den weißen Blumen.
+
+Jedermann sagte, das sei die Waldnymphe gewesen, die ihn verlockt habe,
+und es sei gut, daß er losgekommen.
+
+Aber er fand keine Ruhe dabei. Er erinnerte sich wohl, daß sie ihn
+beinahe in den Sumpf hineingezogen hatte. Und es war ihm doch, als sei
+es eine gewesen, wie er -- ein Menschenkind, wie er auch ...
+
+Und er konnte den Gedanken nicht mehr los werden: Ob sie wohl dort
+versunken war? Es war ihm, als fühle er an sich selbst, wie sie da
+draußen sank und sank. Dann mußte er zum Moor hinaus, wieder und
+wieder. Und dann rief er sie mit allen Namen, die er kannte.
+
+Er dachte: Einmal finde ich wohl den richtigen. Dann kommt sie. Und
+dann ziehe ich sie zu mir herüber. Herüber auf den festen Weg.
+
+Und -- ja, er steht wohl noch dort und ruft ...«
+
+ * * * * *
+
+Die Wanduhr schlägt zehn Uhr. Der Pfarrer steht plötzlich auf und sagt,
+es sei hohe Zeit für uns, zu Bett zu gehen, für uns, die wir morgen in
+aller Frühe aufbrechen müßten.
+
+Dann setzt er sich ans Harmonium und stimmt ein Abendlied an:
+
+ »Die Sonne sinkt am Himmelsrand, --
+ Ich sehn' mich nach dem Morgenland,
+ Dem keine Nacht zu eigen,
+ Wo frei von Erdenleid und -lust
+ Sein Haupt an Gottes eigne Brust
+ Darf der Erlöste neigen.
+
+ Nun sinkt die Nacht auf Flur und Au'n,
+ Ich sehne mich nach Edens Gau'n,
+ Wo keine Stürme brausen,
+ Wo in dem tausendfält'gen Tag,
+ Dem eignen Herzschlag Gottes mag
+ Still der Erlöste lauschen ....«
+
+ * * * * *
+
+Wir nehmen Abschied vom Pfarrer an der offenen Feuerstätte, deren
+leuchtende Flammen nun zu einer glimmenden Glut zusammengesunken sind,
+die uns von der Asche wie mit roten Augen anstarrt.
+
+Der Pfarrer sagt, er wolle für uns wachen, bis der letzte Funken
+erloschen sei. Und wir verlassen ihn da, wo er alle die roten Augen
+bewacht, die sich schließen -- eins nach dem andern.
+
+Denkt er vielleicht an die Seelen hier oben zwischen den fernen Bergen,
+an die zerstreuten Funken, die er gerne zu einem flammenden Feuer
+vereinigen würde? Oder geht sein Gedanke vielleicht noch immer zurück
+zu dem, was gewesen, -- vor dreizehn Jahren?
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Das dänische Fräulein.
+
+
+
+
+ [Illustration]
+
+
+Im Winter vor dreizehn Jahren gab es in Christiania zwei Menschen, die
+in einem bestimmten Kreis die Aufmerksamkeit in hohem Grade auf sich
+zogen; eine blendende junge Dame aus Kopenhagen und einen asketischen
+norwegischen Pfarrer, dessen kräftige, begeisterte Verkündigung
+entweder anzog oder Ärgernis erregte.
+
+~Sie~ war noch in der ersten Hälfte der Zwanziger, elegant,
+lebhaft und begabt, -- die Bühne sei ihr heimlicher Wunsch gewesen,
+hieß es -- unabhängig und reich. Ihren Vater hatte sie als ganz kleines
+Kind verloren, ihre Mutter vor etwa einem Jahre. Sie hatte seither in
+der großen Wohnung weitergelebt, mit einem Bruder zusammen, der als
+Jurist eine gute Stellung hatte, aber verlobt war; also konnte das
+Zusammenleben kein dauerndes sein.
+
+Nach Verfluß des Trauerjahres, im Oktober, war sie auf den Vorschlag
+der aus Dänemark stammenden Frau Konsul Hallager, ihrer Tante
+väterlicherseits, eingegangen, nämlich nach Christiania zu kommen
+und den Winter in deren schönem Heim am Drammensweg zuzubringen. Die
+Kopenhagener Geselligkeit kannte sie ja auswendig, nun wollte sie es
+einmal mit der norwegischen versuchen.
+
+»Dann werden wir sie schon hier oben verheiraten,« sagte die Tante.
+»Und das wäre auch in jeder Beziehung die passendste Lösung.«
+
+~Er~ war erst wenig über dreißig, war ein angehender
+Schriftsteller in freigeistiger Richtung gewesen, hatte aber, wie es
+hieß durch den plötzlichen Tod seines besten Freundes, mit seiner
+ganzen früheren Lebensanschauung gebrochen.
+
+Damals hatte er sich dann auf die Theologie geworfen und war
+nun als Pfarrer mit einem flammenden Eifer aufgetreten, mit dem
+zweischneidigen Schwert des Wortes, bereit zum Angriff und zur
+Verteidigung. Bis jetzt war er noch dritter Geistlicher an seiner
+Kirche, füllte diese aber, so oft er predigte, das ganze Jahr hindurch
+mehr als seine Oberen.
+
+Die Frau Konsul empfing ihre Nichte, die sie ein paar Jahre nicht mehr
+gesehen hatte, mit überströmender Zärtlichkeit.
+
+»Laß mich sehen, ob du noch immer so reizend bist? Ja, wahrhaftig, du
+hast dich gar nicht verändert!« sagte sie, noch ehe das junge Mädchen
+aus dem Eisenbahnwagen gestiegen war. »Dann komm und gib deiner alten
+Tante einen Kuß!«
+
+Reizend konnte sie schon genannt werden -- wenigstens in gewissen
+Augenblicken -- viel eher als eigentlich vollendet schön. Sie wirkte
+wie Sonnenschein. Und die Leute wurden von ihren glänzenden Augen,
+ihren weißen Zähnen, ihrer blendend schönen Gesichtsfarbe und besonders
+von dem Ausdruck übersprudelnden Lebens hingerissen, ohne eigentlich zu
+wissen, wie sie aussah.
+
+»Habt ihr ein besonderes Vergnügen, das ihr mir bieten könntet?« fragte
+sie, als sie nach ihrer Ankunft am Frühstückstisch saß.
+
+»Jawohl,« sagte der Konsul, dem diese erste Mahlzeit, bei der die
+Familie versammelt war, die feierliche Veranlassung gab, das Wort zu
+ergreifen. Sonst hatte er sich angewöhnt, seinen Teil der Unterhaltung
+seiner Gemahlin zu überlassen, die ihren eigenen und den seinigen dazu
+mit Glanz besorgte. »Wir haben eine Singhalesentruppe.«
+
+»Die wir eben gehabt haben.«
+
+»Und einen großen italienischen tragischen Helden, vor dem alle
+weiblichen Herzen schmelzen -- --«
+
+»Und den wir auch gehabt haben.«
+
+»Dann haben wir einen Pfarrer, der blitzt und donnert.«
+
+»Die haben wir zu Dutzenden! Das ist nicht vielversprechend.«
+
+»Ja, hör ihn nur erst einmal,« sagte die Tante, die fand, daß der
+Augenblick gekommen sei, wo sie das Wort übernehmen müsse. »Von seiner
+Art gehen keine zwölf aufs Dutzend.«
+
+»Hast du ihn gern, Tante?«
+
+»Ihn selbst? Ja, mein Kind, er ist ja der Neffe meines Mannes und kommt
+oft zu uns. Ich habe die ganze Familie meines Mannes sehr gern. Ja
+wirklich, das darf ich wohl behaupten.«
+
+Der Konsul murmelte etwas, das aber höchstens seine Serviette zu hören
+bekam.
+
+»Aber seine Art zu predigen,« fuhr die Tante fort, »nein, ich bitte
+um ein freundliches, mildes Christentum, das trösten kann, aber nicht
+erschreckt. Das habe ich ihm selbst mit klaren Worten gesagt, -- du
+erinnerst dich doch auch daran, Hallager?«
+
+Die Anrede war mehr bekräftigend als fragend, und die Frau Konsul fuhr
+fort, ohne eine Antwort abzuwarten: »Aber begabt ist er. Du mußt ihn
+unbedingt einmal hören, denn du gehst doch wohl noch in die Kirche? --
+Keine Leberpastete gefällig, selbstgemachte?«
+
+»Doch, bitte, sie ist ausgezeichnet. -- Ja, ich bin doch kein so ganzer
+Heide wie Erik. Ich ging mit Mutter immer in die Kirche und tue es
+auch seither, bisweilen wenigstens. Aber wenn mich jemand ganz vom
+Christentum abbringen könnte, so wären es diese düsteren, verdammenden
+Pfarrer! Sie erregen bei mir nur die Lust, ihnen zu widersprechen, und
+außerdem glaube ich gar nicht an ihre Heiligkeit. Sie versagen sich
+ein paar gleichgültige Dinge, und im übrigen essen und trinken und
+freien sie, gerade wie alle andern auch.«
+
+»Ja, aber dies paßt nun nicht auf Halfdan. Er ißt und trinkt so wenig,
+daß seine Schwester ganz bekümmert darüber ist. Und er ist auch nicht
+verheiratet.«
+
+»Das ist merkwürdig -- für einen Pfarrer! Ist er auch nicht einmal
+verlobt?«
+
+»Nein, in diesem Stück ist er sehr eigen. Er sagt, es sei ganz
+überflüssig viel Heiraterei unter den Pfarrern, und es wäre recht gut,
+wenn man sich ein wenig daran erinnerte, daß die beiden größten Apostel
+unverheiratet gewesen seien. Das ist ja Paulus -- und Petrus -- --
+nein, -- mir ist, als stehe irgendwo etwas von dessen Schwiegermutter.
+Nun, dann ist es eben einer der andern.«
+
+»Vielleicht Johannes,« schlug der Konsul vor; aber es wurde nicht
+weiter darüber nachgeforscht.
+
+»Wohnt dein Pfarrer mit einer Schwester zusammen?« fragte die Nichte.
+
+»Ja, sie blieben nach des Vaters Tod miteinander in der väterlichen
+Wohnung. Die Schwester ist etwas älter als der Bruder und wird sich
+wohl kaum verheiraten. Ich bilde mir immer ein, Alette müsse einmal
+eine unglückliche Liebe gehabt haben. Jetzt geht sie vollständig in
+ihrem Bruder auf. Es ist ganz ausgezeichnet für ihn, daß er eine so
+gesetzte, besonnene und taktvolle Dame im Hause hat, denn die Pfarrer
+sind gar vielem ausgesetzt! Aber nun ist sie da, um die vielen -- --
+angefochtenen Frauenzimmer, die mit solch leerem Gerede zu so einem
+Pfarrer kommen, etwas abzuhalten. Die Lust, sich ihm anzuvertrauen,
+nimmt etwas ab, wenn sie zuerst die Schwester gesehen haben.«
+
+»Sie bewacht ihn -- das kann ich mir denken.«
+
+»Ja, das tut sie -- und treu.«
+
+»Das ist gewiß ein Paar, das mir nicht gefallen wird,« sagte die
+Nichte. Dann stand man vom Tisch auf.
+
+-- Als die Nichte schon ein paar Wochen in Christiania war, sagte die
+Frau Konsul eines Tages zu ihr:
+
+»Es ist recht arg, daß wir immer so vielerlei vorhatten, sodaß du noch
+nicht einmal Halfdan predigen gehört hast. Nun erwarten wir ihn morgen
+abend, -- so weit man ihn überhaupt erwarten kann. Denn an dem Abend,
+wo man ihn eingeladen hat, ist dann immer entweder eine Betstunde,
+die gehalten werden muß, oder es liegt irgend jemand im Sterben! Aber
+vielleicht kommt er doch, und dann ist das ja ein wenig unangenehm.«
+
+»Im Gegenteil, es ist ausgezeichnet,« sagte die Nichte. »Er meint wohl,
+man könne keine Stunde in Christiania sein, ohne wenigstens die halbe
+davon im Vereinshaus zu sitzen und ihm zuzuhören. Ich glaube gar nicht,
+daß ich mir irgend etwas aus ihm mache. Wie ich höre, soll er ebenso
+kohlschwarz sein wie seine Predigten, ein richtiger Halfdan Svarte. Und
+das ist gar nicht nett. Er müßte gerade recht hell sein, -- glänzend
+hell. Dann wäre es ein pikanter Gegensatz.«
+
+»Ja, schwarz ist er,« sagte die Tante. »Aber er sieht gut aus, eher zu
+gut, sonst wäre es vielleicht doch nicht so gedrückt voll in seiner
+Kirche.«
+
+Am nächsten Abend kleidete sich die Nichte mit mehr als gewöhnlicher
+Sorgfalt an; es war ja eine größere Gesellschaft.
+
+Sie wählte einen ganz neuen Anzug aus dunklem Samt, der am Hals
+ausgeschnitten und mit einer indischen Goldstickerei eingefaßt
+war. Ihr weißer Hals hob sich blendend weiß aus dem dunkelblauen
+Gewand. Nur eine ganz feine, goldene Kette trug sie dreimal um den
+Hals geschlungen, und in ihrem lockigen Haar leuchtete eine einzige
+feuerfarbige, seidene Mohnblüte.
+
+»Wir werden ihm ein wenig in die Augen stechen,« dachte sie und nickte
+ihrem Spiegelbilde zu. »Das wird ihm gut tun -- zur Abwechslung --«
+
+Es waren schon viele Gäste in dem hellen, schönen Salon versammelt. Und
+auch hier, wie fast überall, drehte sich das Gespräch um den Pfarrer
+und die Geschichten, die von ihm erzählt wurden.
+
+»Es ist merkwürdig,« sagte die Dänin zu ihrem Nachbar, »daß ein solcher
+Mönch überhaupt in Gesellschaft geht.«
+
+»Er tut es wohl auch nur bei seinen Verwandten. Vielleicht hofft er,
+Gutes zu wirken, auch auf diese Weise.«
+
+Eine der Damen hatte an demselben Tag eine neue, ganz wahre und
+schauerliche Geschichte von ihm gehört.
+
+»Wissen Sie, was er zu der Tochter des Bürgermeisters K. gesagt hat,
+als sie kam, um das Begräbnis ihres Vaters zu bestellen? War Ihr Vater
+ein gläubiger Mann? fragte er gleich am Anfang. -- Vater pflegte nicht
+davon zu sprechen, sagte sie. -- Ging er in die Kirche? -- Vater war
+mehrere Jahre krank. -- Aber ehe er krank wurde? -- Nicht sehr oft,
+glaube ich. -- Las er fleißig in der Bibel? -- Nicht, so viel ich weiß.
+Aber gut war er, mein Vater! -- Dann ist ihm die Hölle gewiß. -- Aber
+da nahm sie das Blatt vom Mund, sie, die Gudrun K. -- Wollen Sie meinen
+Vater in die Hölle tun? fragte sie. Dann danke ich. Da gehe ich lieber
+zu einem Pfarrer, der ihn in den Himmel tun will. Es wird mir nicht
+schwer werden, einen solchen zu finden!«
+
+Während des Stimmengewirrs nach dieser Erzählung, mitten unter dem
+Lachen und der Entrüstung, hörte die Nichte eine Stimme, ruhig wie
+einen Glockenton, die dicht neben ihr fragte: »Von wem handelt die
+Geschichte?«
+
+Mit einer sekundenlangen, peinlichen Verlegenheit schaute die Frau
+Konsul auf. Dann sagte sie entschlossen: »Aufrichtig gesprochen, mein
+Lieber, sie handelte von dir.«
+
+Blitzschnell wandte die Nichte den Kopf.
+
+Kohlschwarz -- ja! Fast blauschwarzes, wallendes Haar, von der weißen,
+von Gedanken gefurchten Stirn zurückgestrichen, schmale dunkle Augen,
+etwas verschlossene, scharf geschnittene Züge, das Kinn und der
+bartlose Mund klassisch fein in den Linien, wie die des großen
+Napoleon.
+
+»Ja, du mußt entschuldigen, daß du es gehört hast,« sagte die Konsulin,
+»es ist recht langweilig.«
+
+»Im Gegenteil, sie war ganz unterhaltend, und das pflegen sie sonst
+nicht zu sein, die Geschichten, die über mich im Umlauf sind.«
+
+Nun stellte ihn die Tante einigen aus der Gesellschaft vor, die ihn
+noch nicht kannten. Nachdem die Begrüßungen ausgetauscht waren, ließ er
+sich da, wo er stand, etwas im Hintergrund auf einen Stuhl nieder.
+
+Die Nichte wandte ihm ihr strahlendes Gesicht voll zu.
+
+»Ist sie nicht wahr, die Geschichte?« fragte sie.
+
+Er atmete plötzlich hastig auf, wie wenn er überrumpelt worden wäre.
+Ja, sie merkte es gut, obgleich er es nicht sehen lassen wollte.
+
+Dann sagte er ruhig: »Finden Sie etwa, daß sie mir ähnlich sieht?
+Haben Sie mich predigen gehört?«
+
+»Nein.« Sie freute sich, so antworten zu können. »Während der beiden
+ersten Sonntage, die ich an einem neuen Ort bin, gelingt es mir nie, in
+die Kirche zu kommen. Aber könnte sie nicht wahr sein?«
+
+»Nein, denn es ist gerade eine Eigenheit von mir, daß mir die
+Verstorbenen so sehr leid tun. Die Lebenden kann ich angreifen, --
+und das tue ich gerne. Denn es gehört Kraft dazu, einen Menschen
+von sich selbst frei zu machen. Aber -- einen Toten! Den stillen,
+verteidigungslosen, hilflosen! -- Es ist zum Händeringen schwer, daß
+man nichts für einen Toten tun kann! Aber über den herfallen, der vor
+dem schlimmsten Gericht steht -- nein, etwas so Feiges!«
+
+»Sie wissen ja gar nicht, wie Gott richten wird.«
+
+»Ich glaube doch, daß man dafür einen ganz guten Maßstab hat. -- Aber
+ich dachte vorhin nicht an das Gericht Gottes. Ein Toter steht unter
+seinem eigenen Gericht. -- Mit nackter Seele -- --
+
+Schon von Kind auf wäre ich gerne bis ans Ende der Welt gewandert,
+wenn ich dadurch einem Toten ein Versteck in meinem Herzen hätte bieten
+können! Und ich kann diesen Gedanken noch immer nicht los werden,
+selbst jetzt noch nicht.«
+
+Es fiel ihr auf, wie weich seine Augen doch waren, wie sie gleichsam
+das sammetweiche, verschlossene Dunkel des Nachthimmels hatten.
+
+Ihr eigenes Gesicht wurde ernst bei seinen Worten. »Ich verstehe dieses
+Gefühl gut,« sagte sie. »Ich habe sehr liebe Verstorbene.«
+
+»Ich weiß es, Sie Ärmste!«
+
+Dies klang so natürlich, so wenig überlegen, daß es ihr, obgleich
+sie in diesem Augenblick gerührt war, doch nicht gefiel. Er war so
+selbstbewußt und unerschütterlich! --
+
+Seine Schwester war mit ihm gekommen; aber sie hatte ein stilles
+Talent, sich der Aufmerksamkeit zu entziehen, um diese ungeteilt auf
+den Bruder richten zu können, so daß niemand weiter acht auf sie gab,
+bis die Nichte zu ihr trat und sie anredete.
+
+Alette glich ihrem Bruder in den Zügen ein wenig, war aber blond und
+hatte blaugraue Augen, die aus der Entfernung sehr kühl aussahen, in
+der Nähe aber herzlich sein konnten. Ja, aber nicht immer, wie die
+Nichte bald entdeckte. Sie hatte geglaubt, das Fräulein werde dankbar
+dafür sein, daß sich jemand mit ihr abgab, sah aber nach einer kurzen
+Unterhaltung ein, daß ihre Zurückhaltung voller Selbstgefühl war, und
+daß sie sich nicht das geringste daraus machte, sich mit andern, als
+die sie selbst wählte, einzulassen.
+
+Die Nichte war denn auch rasch mit ihr fertig und mischte sich wieder
+unter die andern.
+
+Dann kam das Essen, stehendes Büfett, wo die Nichte der Tante bei der
+Versorgung der Gäste behilflich sein mußte.
+
+Hierauf setzte sich eine ältere Cousine, die dreißig Tänze auswendig
+konnte und deshalb rundum in der Familie eingeladen wurde, ans Klavier,
+und die großen Tische im Eßzimmer wurden auf die Seite gerückt, damit
+die jungen Leute ein Tänzchen machen konnten.
+
+Die Nichte besann sich einen Augenblick, dann ging sie quer durchs
+Zimmer zu dem Pfarrer hin, der an der Salontür lehnte, und verneigte
+sich vor ihm in all ihrem Glanz.
+
+Er verbeugte sich tief, so tief, daß er noch nicht ganz fertig war,
+als sie sich wieder aufrichtete.
+
+»Ich danke, aber ich tanze nicht.«
+
+»Sind Sie zu fromm dazu?« Sie hatte sich darnach gesehnt, ihm diese
+Worte zuschleudern zu können.
+
+»Gefällt es Ihnen vielleicht, wenn ein Pfarrer tanzt?«
+
+»Jawohl,« entgegnete sie schnell. »Ich tanze selbst sehr gern und --«
+
+»Wenn er von einem wilden Galopp -- mit flatternden Rockschößen -- zu
+einem krebskranken Mann geht, wie ich nachher? Dann sind Sie genügsamer
+als ich. Den Pfarrer möchte ich nicht an meinem Sterbebette haben.«
+
+»Nein, natürlich nicht, wenn Sie zu einem Kranken müssen.«
+
+»Übrigens hätte ich das eigentlich nicht von Ihnen gedacht. Ich hätte
+geglaubt, daß Sie die Pfarrer eher zu weltlich als zu enthaltsam
+fänden.«
+
+Das war im Grunde auch wahr, so daß sie ihm nicht widersprechen konnte.
+
+»Ihr Kranker,« sagte sie mit etwas röteren Wangen, »wird er bald
+sterben?«
+
+»Sehr bald.«
+
+»So helfen Sie ihm -- vorher.«
+
+»Das ist es gerade, was ich versuche,« antwortete er kurz. Und sie
+wußte wohl, daß er keinen Gefallen an ihr fand.
+
+Aber die Schwester noch weniger. Sie fühlte es, als sie nach diesem
+Gespräch an ihr vorüber kam und von der mißbilligendsten Kühle der
+blaugrauen Augen getroffen wurde. Doch die Huld und Gnade dieses Paares
+konnte sie wohl entbehren!
+
+ * * * * *
+
+Der nächste Sonntag kam herbei. Die Frau Konsul hatte Schnupfen und
+wagte nicht, in die Kirche zu gehen.
+
+»Die Luft in der Kirche ist am allerschädlichsten, wenn man erkältet
+ist,« sagte sie. »Und ich möchte die Gesellschaft bei Bödkers nur sehr
+ungern absagen. Sonst ist es mir sehr leid, wenn ich drei Sonntage
+vergehen lassen muß, ohne das Gotteshaus zu besuchen. In welche Kirche
+willst du gehen?« fragte sie die Nichte, die eben den Hut aufsetzte.
+
+»Ich weiß nicht recht,« erwiderte diese, während sie einen weißen
+Schleier um ihren Hut band, in dem Gedanken, daß dieser sie etwas mehr
+in die Augen fallend mache. »Vielleicht gehe ich hin und höre Halfdan
+Svarte donnern,« fügte sie kurz nachher hinzu, »wenn es noch nicht zu
+spät ist.«
+
+»Nein, zur Predigt kommst du gerade noch recht.«
+
+Sie tat es; und sie kam noch zeitig genug, obgleich sie ihn eigentlich
+recht gerne bei der Liturgie gehört hätte. Er war ja wegen seiner
+schönen Stimme bekannt.
+
+Wie sie so dastand, -- von sitzen war keine Rede, wenn man so spät
+kam, -- hatte sie die Kanzel gerade vor sich und konnte noch besser
+als neulich sein Gesicht studieren, konnte sehen, welche feine Linien
+Mund und Kinn hatten, und wie schön er sie bewegte, wenn er sprach.
+Die Mundwinkel waren besonders anziehend. Der untere Teil des Gesichts
+hatte wirklich die Schönheit des großen Franzosenkaisers.
+
+Auf einmal wußte sie es. Hier auf der Kanzel sah er ganz so aus, wie
+Napoleon auf der Brücke von Arcole. Hier war derselbe Blick, mit dem
+jener zurückschaut, ob seine Leute ihm folgen, -- mit der ganzen
+Energie des konzentrierten Willens, um sie vorwärts zu treiben.
+
+Ob sie ihm nachfolgen, -- -- nicht, wer sie sind, nicht, wie sie
+aussehen ... Sie fühlte es, vor diesen Augen verschwanden hundert
+weiße Schleier wie Nebel vor der Sonne, sie fühlte, daß alle Farben,
+alle Schönheit eines Gesichts diese Augen nicht aufhalten konnten auf
+ihrem Wege nach innen, um einzig und allein darnach zu sehen, ob die
+Seele, ihre ganze Fähigkeit aufs höchste angespannt, ihm folge auf dem
+Wege dahin, wohin er voranschritt, das Banner über seinem Haupte hoch
+erhoben.
+
+Sie schlug die Augen nieder. Sie fühlte, sie war nicht mit in dem Strom
+des Wollens, der ihm aus all den aufgerichteten Augen entgegenfließen
+sollte, als ein Ja und Amen auf das, was er verlangte.
+
+Als er die Kanzel verließ, erst da wurde es ihr klar, daß sie beinahe
+nichts von seiner Predigt gehört hatte.
+
+Was sollte sie nun der Tante sagen, die es liebte, den Gottesdienst --
+oder besser gesagt, die Predigt -- bei Tische zu besprechen? Natürlich
+war sie kraß, und sie handelte ja von der Verklärung auf dem Berge, --
+diese beiden Tatsachen ließen sich vielleicht etwas weiter ausgeführt
+glücklich verwenden, so daß der eigentliche Mangel verborgen blieb.
+
+Während des Gesangs sah sie ihn wieder an. Da wandte er ja der Gemeinde
+den Rücken, aber sie war so weit auf der Seite, daß sie ihn ungefähr im
+Profil hatte. Seine Augen waren auf das große Kruzifix über dem Altar
+gerichtet.
+
+Und plötzlich sah sie seinen Blick wie einen Blitz aus der dunklen
+Tiefe der Augen hervordringen. Dieser Blick war ein Feuer -- eine
+Feuersglut, die die gemarterte Gestalt vor ihm umschloß -- von den
+durchbohrten Füßen an bis zu dem dornengekrönten Haupt. In diesem Blick
+lag die ganze Seele. Und diese Seele war Feuer.
+
+Wo sie im Lauf des Tages stand oder ging, immer sah sie den Blick, wie
+er sich, einer Flamme gleich, einen Weg brach. Und jedesmal empfand sie
+ihn wie einen brennenden Schmerz.
+
+War es, weil sie selbst ihren Mangel fühlte an dem Einen, dem Einzigen,
+zu dem man solch einen Blick erhebt? Ja, daher kam es wohl!
+
+-- Bei Bödkers war man nur im kleinen Familienkreis versammelt, aber
+sie ging der entzückenden Kinder wegen sehr gern hin. Das jüngste
+der Flachsköpfchen dort hatte bei ihrem ersten Besuch seine runden
+Ärmchen von hinten um ihren Hals geschlungen und gesagt: »Ach ... ~du
+dänisches Fräulein~!«
+
+Die Erwachsenen in der Familie hatten diese Benennung dann aufgenommen,
+und nun wurde sie ausschließlich so genannt.
+
+Es war so reizend, die Kinder um sich zu haben, die leuchtenden,
+goldblonden Köpfchen innig an sich geschmiegt.
+
+Der Pfarrer und seine Schwester waren auch da. Sie kamen spät und
+mußten natürlich gleich nach dem Essen wieder weg zu einer der ewigen
+Versammlungen. Er sah müde aus und sprach fast nichts. Überhaupt, wie
+konnten die norwegischen Männer schweigen! -- Die Schwester schien das
+ganz in der Ordnung zu finden, daß ihn hier niemand dazu brachte, den
+Mund aufzumachen. Aber das dänische Fräulein wollte mit ihm reden, sie
+wollte ihn herausfordern. Sie fühlte, daß er sich nichts daraus machte,
+und das reizte sie.
+
+Bei Tisch unterhielt sie alle die andern -- fröhlich und lebendig, --
+aber beim Kaffee trat sie zu ihm, als er einen Augenblick allein stand.
+
+»Heute habe ich Sie also predigen hören.«
+
+»Ich sah Sie -- ja.«
+
+»Sie waren sehr streng.« -- Sie konnte wohl annehmen, daß er das
+gewesen war.
+
+»Stimmte das, was ich gesagt habe, nicht mit der Bibel überein? Dann
+können Sie ja meine Worte einfach kassieren, sonst aber müssen Sie Ihre
+Klage höheren Orts vorbringen.«
+
+»Wie übervoll Ihre Kirche war!« Es war doch wohl besser, von der
+Predigt abzulenken.
+
+»Ja.«
+
+Entgegenkommend war er nicht. Aber so leicht gab sie ihre Sache nicht
+auf.
+
+»Wissen Sie, heute ist es mir klar geworden, wie ein Gesicht
+verklärt, das heißt enthüllt wird. Dies geschieht, wenn das Gefühl,
+das das tiefste in einem Herzen ist, das die Persönlichkeit enthält,
+hervorbricht.«
+
+Keine Antwort. Es war ihr, als sehe er ungeduldig aus.
+
+»Ich wünschte, ich könnte mit Ihnen zu der Versammlung gehen,« begann
+sie wieder.
+
+»Warum?«
+
+»Weil -- hier ist es nicht sehr unterhaltend.«
+
+»Ja, -- das ist ein sehr guter Grund.«
+
+Sie merkte, daß er gehen wollte -- und da schaute sie ihm plötzlich
+gerade in die Augen. »Warum versuchen Sie es nicht, mich zu bek.....,
+ja, auf mich einzuwirken? Bin ich vielleicht nicht würdig genug?«
+
+Er hielt ihren Blick mit unerschütterlichem Ernst aus, ohne eine Spur
+von Weichheit in den Augen.
+
+»Die Unwürdigen sind es, die ich suche,« sagte er. »Und gerade das --
+ich weiß nicht, ob Sie ...... Ich habe mir keine Gedanken über Sie
+gemacht, aber Sie machen eher den Eindruck, als ob Sie überhaupt keine
+geistlichen Begriffe hätten, im tiefsten Sinne genommen.«
+
+Sie lachte. »Wie schmeichelhaft! Ja, was fehlt mir denn Ihrer Ansicht
+nach?«
+
+»Die Hilfsbedürftigkeit. Sie haben ja Überfluß, und es fehlt Ihnen
+nichts.«
+
+»Woher wissen Sie das?«
+
+»Ich höre es, ich sehe es. Sie wissen Auswege, und Sie verstehen
+auszuweichen. Wo der Ernst des Lebens Ihnen entgegentritt, lassen Sie
+ihn als Gesprächsthema schnell wieder fallen. Sie lassen sich dadurch
+nicht in Angst jagen. Wenn die Hilfsbedürftigkeit bei einem Menschen
+die Oberhand gewinnt, den Kopf hervorstreckt -- angstvoll wie ein
+Ertrinkender --, dann ist die Stunde gekommen, ihm eine Planke zu
+reichen, die ihn tragen kann. Aber nicht dem, der sich sicher fühlt und
+nach der Rettungsplanke -- nur hintänzeln will.«
+
+Sie hatte aufgehört zu lachen. Denn sie fühlte, daß das Lachen leicht
+in Weinen umschlagen könnte.
+
+Nun wandte sie sich ab, ohne noch ein Wort hinzuzufügen. -- -- Und da
+fühlte sie, daß er sie gerne zurückgehalten hätte, daß er bereute, sich
+übereilt zu haben. Aber so leicht -- -- nein, so leicht sollte es ihm
+doch nicht gemacht werden.
+
+Sie verschanzte sich hinter den Stuhl ihrer Tante und blieb da
+sitzen, bis er sich verabschiedete. Und da reichte sie ihm nur die
+Fingerspitzen über die Stuhllehne weg, ohne aufzusehen. Und es half ihm
+nichts, daß eine zögernde Bitte in seinem Händedruck lag.
+
+An der Tür des Eßzimmers blieb er plötzlich stehen und sagte: »Nicht
+wahr, gnädiges Fräulein, Sie fragten vorhin nach meinem Krebskranken?
+Es ist mir etwas eingefallen, was ich Ihnen gerne von ihm erzählen
+möchte.«
+
+Wie überrascht stand sie auf. »Meinen Sie mich?« fragte sie und folgte
+ihm langsam und zögernd ins Eßzimmer.
+
+Hier streckte er ihr beide Hände entgegen. »Habe ich Sie verletzt?
+Bitte, verzeihen Sie mir!« Sie stand unbeweglich vor ihm und erwiderte
+nichts, wenigstens nicht gleich.
+
+»Nicht ich habe gesucht,« fuhr er fort, »ein Gespräch mit Ihnen
+anzuknüpfen. Meine Absicht war es, Ihnen auszuweichen. Ich meine -- wir
+beide sind so sehr verschieden -- -- Aber das ist keine Entschuldigung,
+das weiß ich. Ich bitte Sie, vergeben Sie mir.«
+
+Jetzt schaute sie auf. »Sie tun mir Unrecht,« sagte sie. »Weil ich
+lebhaft bin und vielleicht mein Äußeres gegen mich spricht, sprechen
+Sie mir sogleich jeglichen Ernst ab. Das ist sehr oberflächlich
+geurteilt.«
+
+»Nein, Sie täuschen sich. Begabung und Schönheit sind keine Hindernisse
+für das Christentum, und ich würde sie nie als solche betrachten. Es
+kam mir nur vor, als seien Sie mit so wenig zufrieden, als begehrten
+Sie gar nicht mehr und nichts anderes. Ist es nicht so, wirklich nicht?«
+
+»Nein, nein, doch nicht ganz.«
+
+Ihre eigene Stimme klang ihr wie die einer Fremden. Sie klang so
+ängstlich.
+
+»Ich wünschte, Sie könnten jetzt mit mir gehen,« sagte er nach einer
+Weile. »Dann würde ich mit Ihnen reden. -- Aber nicht mit einem weißen
+Schleier auf dem Hut, der würde dort zu sehr abstechen -- da, wohin ich
+jetzt gehe.«
+
+Sie sah ihn an mit dem Schimmer eines forschenden Lächelns im Auge.
+
+»Ich wollte, ich könnte,« sagte sie. »Ich würde ein altes Tuch um
+den Kopf binden wie die gewöhnlichste Frau. Aber versuchen Sie so zu
+sprechen, daß ich es verstehen kann.«
+
+»Ich will sehen, was ich tun kann. -- Doch nun adieu!«
+
+Er konnte auch lächeln! Und die dunklen Augen waren so mild, daß sie
+seinen Blick fühlte wie eine Berührung.
+
+»Doch was macht der Patient?«
+
+»Es geht ihm besser, -- in geistlicher Hinsicht.«
+
+Während sie zu den andern zurückkehrte, dachte sie: »Wenn er sich
+nur das nächstemal auch wieder übereilen würde! Die Verpflichtung,
+es wieder gut zu machen, wird immer groß bei ihm sein. -- Und sonst
+interessiere ich ihn ja nicht, während doch jede glattgekämmte
+Vereinsdame dessen ganz sicher sein kann.«
+
+Aber das nächstemal ließ auf sich warten.
+
+Die Schwester hatte wohl die Szene in der Eßstube bemerkt und
+ihn gewarnt. Die selbstbewußte Alette hatte ja erklärt, daß die
+Kopenhagener kein ernsthafter Menschenschlag seien, und sie, das
+dänische Fräulein, sicherlich als die schlimmste dieser leichtsinnigen
+Rasse hingestellt. Überhaupt -- jemand mit gekräuseltem Haar, schlanker
+Taille und kleinen Füßen konnte keinen Lebensernst haben. So einer
+mußte man nur ausweichen.
+
+Und die Männer sind so naiv, so ganz von dem rein Äußerlichen gefangen
+genommen! Es gibt Frauen, von denen man sie immer glauben machen kann,
+daß sie sich vor ihnen hüten müßten. Sie kannte Frauen, die geglaubt
+hätten, sie seien verloren, wenn sie Stirnlocken trügen, die in der
+Sonntagsschule unterrichteten und das bescheidene Auftreten angenommen
+hatten, das förmlich um Entschuldigung bittet, daß man überhaupt da
+ist, und die aber nachher doch ganz gut wußten, was sie wollten. Aber
+diese waren sicher, stets vollkommenem Zutrauen zu begegnen.
+
+Aber so eine wie das dänische Fräulein, die versuchte man nicht einmal
+zu bekehren. Dazu hatte man ja die Armenhäusler und die Fabrikmädchen!
+Wie sonderbar, daß Männer wie dieser Pfarrer so wenig in ihrem eigenen
+gebildeten Kreise wirken! Das wollte sie ihm doch das nächstemal zu
+bedenken geben. Ja, das nächstemal, das nicht kommen wollte!
+
+Die ganze Woche verging. Sie wurde es so müde, in Gedanken lange
+Gespräche zu führen, die immer gelangen, die immer ein erstaunlich
+günstiges Resultat hatten, daß sie sie gern alle um ein einziges
+kleines wirkliches, mißglücktes Zwiegespräch hingegeben hätte.
+
+Dann kam der Sonntag. Aber da predigte er nicht einmal.
+
+»Gehst du nie in die Betstunde, Tante?« fragte die Nichte am Morgen,
+die Zeitung in der Hand.
+
+»Nein, Kind, ich will lieber meine Erbauung in der Kirche haben.
+Aber ich habe gar nichts dagegen und lasse auch die Dienstmädchen
+abwechslungsweise hingehen, wenigstens manchmal. Heute abend soll
+Margit gehen und Halfdan in dem Vereinshaus in der Kalmeyerstraße
+hören. Ich glaube, er spricht über die Freiheit.«
+
+»Ich hätte beinahe Lust, mitzugehen. Ich will es einmal versuchen.«
+
+»Ja, dann begleitet sie dich.«
+
+Es war sehr voll in dem Vereinshaus und sehr heiß. Voll von Menschen,
+die nicht ganz in derselben Tonart sangen. -- Freiheit -- ja, um alle
+hinauszukehren und frische Luft hereinzulassen, das war es, was sie in
+diesem Augenblick am meisten gewünscht hätte.
+
+Als die hohe, dunkle Gestalt die Rednerbühne betrat und über die
+Versammlung hinschaute, kam es ihr plötzlich vor, als ob sein Blick
+kalt und müde werde.
+
+»Er hat mich entdeckt,« dachte sie.
+
+Es war deutlich, daß sie ihn störte. War nicht etwas Gezwungenes, etwas
+Unwirkliches in seinem Gebet? Riß es denn ihn und alle die andern mit?
+
+Dann kam die Rede. ~Freiheit~, -- das Wort, das einem den Atem
+benimmt, dessen bloßer Ton schon dies und jenes sprengt, das Wort, das
+das ganze Brausen des entfesselten Sturms hat -- würde er von solcher
+Freiheit sprechen? Er, der nichts wünschte, als die Fesseln um sich und
+andere fester zu ziehen.
+
+Nun ja, man hätte es sich ja denken können, daß er es so auslegen würde.
+
+Man werde in Knechtschaft geboren und lebe gebunden, -- ja, das sei man
+ja an vielen Orten. Nicht allein von harten Verhältnissen, Krankheit,
+Kummer, Armut, Tyrannei anderer, von all dem, was man sein böses
+Schicksal nenne, unter dem man seufze. All dies sei nicht als Fessel
+zu rechnen. -- Ach, sie dächte doch! -- Oder besser gesagt, es komme
+alles von ~einem~ her, von dem Joch, dem eisernen Joch, das »die
+sündige Natur« heiße -- von diesem eisernen Joch, das ein wahnsinniger
+Mensch im Anfang der Zeiten einmal auf seine Schultern genommen habe,
+in dem falschen Glauben, daß es die Freiheit sei, und der dann damit
+zusammengewachsen sei, mit dem eisernen Joch, unter dem man nun geboren
+werde, das mit jedem Tag schwerer werde, immer tiefer ins Fleisch
+einschneide und einen immer mehr zur Erde hinunterdrücke, schließlich
+bis in den grundlosen Pfuhl des Todes ....
+
+Ja natürlich, es lag etwas Unfreies darin, daß man so viele Fehler
+hatte! Aber sie hingen doch auch mit den guten Seiten eines Menschen
+zusammen .... Ja, vielleicht war es gerade dieses Verwachsensein, was
+er meinte --
+
+Dann ging er dazu über, zu erklären, was Freiheit sei.
+
+»Freiheit ist nur eins, Aufhebung der Knechtschaft. Das eiserne Joch
+unter die Füße treten. Aber wer ist dazu tüchtig? Wir kraftlose
+Menschen nicht, die nicht einmal das geringste bemeistern können --
+Krankheit, Kummer, Armut -- wer von uns kann aufstehen und das eiserne
+Joch seiner eigenen sündigen Natur brechen?«
+
+Dann, -- dann sprach er von einem, der das getan habe, einer, der
+selbst nicht unter dem eisernen Joch geboren war, der aufrecht, ganz
+aufrecht und frei durch die Reihen der Gebeugten schritt, der es aber
+den andern abnahm, es den niedergebeugten Rücken der Menschen entriß
+mit starken, reinen Händen, und es auf blutigen Schultern trug, der
+seine Handflächen wund riß, um es entzwei zu brechen. -- Einer, der
+Liebe genug hatte, um selbst unter diesem eisernen Joch zu Boden zu
+stürzen, unter ihm zermalmt zu werden, -- aber auch Lebenskraft genug,
+heilige, ungebrochene Lebenskraft, um eines Morgens aufzustehen,
+und das Joch unter die Füße zu treten, damit »du wirklich frei sein
+solltest«.
+
+»Bist du frei? Vielleicht hast du es gar nicht gefühlt, daß du ein
+Sklave bist. So wahnsinnig töricht ist ja die Welt immer noch, daß sie
+meint, das eiserne Joch, das sei die Freiheit. Daß sie es wagt, zu
+behaupten, daß die Freiheit um so größer sei, je tiefer sie einen in
+den Schmutz hinunterdrücken könne. Die Befreiung von dem Joch dagegen,
+das nennt sie Knechtschaft.
+
+Doch im tiefsten Innern des Menschen findet sich eine Stelle, wo die
+Wahrheit ihren Sitz hat, und von der aus er richtig sehen kann, wenn
+er selbst nur will. Und wenn der Ruf, der große Ruf der Wahrheit durch
+die Welt geht, wenn er mit dem Flügelschlag des Geistes durch die Welt
+tönt und laut in Klarheit das bekräftigt, was du selbst dunkel fühlst,
+dann bist du dafür verantwortlich, wie du wählst. Aus der Weltklugheit
+heraus, die, wie du im tiefsten Innern wohl weißt, Lüge ist, oder
+aus der Wahrheit. Entweder Knechtschaft -- Knechtschaft unter deine
+eigene sündige Natur -- oder Freiheit durch den einen Einzigen, der das
+eiserne Joch zerbrechen kann, auch für dich. -- Auch hier in diesem
+Saal gibt es eine Wahl, -- merk dir das! Auch in dieser Stunde werdet
+ihr zur Freiheit berufen, meine Brüder!« -- --
+
+Nach der Rede wurde der Pfarrer von all denen, die ihm zum Dank die
+Hand drücken wollten, förmlich belagert. Das war wohl so Sitte nach den
+Betstunden.
+
+»Geh du nur heim, Margit,« sagte das dänische Fräulein zu dem
+Dienstmädchen. »Meine Tante wird dich wohl beim Teetisch nötig haben.
+Es sind Bekannte von mir da, die ich gerne begrüßen möchte, und ich
+gehe dann mit ihnen.«
+
+Langsam lichteten sich die Reihen, während sie der Mitte des Saales
+zuschritt. Es war ihr, als halte er die andern zurück, während sie
+näher trat. Tat er es, um ihr auszuweichen? Oder -- nein, das konnte
+nicht sein -- um sie zuletzt und allein zu haben. -- Sie wurde die
+Letzte.
+
+»Sind Sie allein?« fragte er wie erstaunt.
+
+»Und Sie?« hätte sie beinahe mit einer Art Jubel im Ton ausgerufen,
+aber sie antwortete nur: »Ja, ich habe das Mädchen heimgeschickt, weil
+es so spät wurde.«
+
+»Meine Schwester hat einen sehr schlimmen Husten,« sagte er, ohne
+einen Zusammenhang mit ihren Worten. Aber ihr war es, als verstünden
+sie eins des andern Gedankengang, und als sei seine Bemerkung ganz
+selbstverständlich.
+
+Es war auch selbstverständlich, daß er mit ihr den Saal verließ und
+neben ihr her ging.
+
+Sie sprachen die ganze Zeit von der Freiheit -- davon, daß man frei
+werden müsse, frei von -- von dem, »das bindet«, sagte sie. »Bei dem
+Wort Freiheit -- ich liebe es -- denke ich meistens an die Freiheit, zu
+handeln.«
+
+»Das kommt auf eins heraus. Das eine folgt aus dem andern.«
+
+»Ja, das kann wohl sein, aber es ist doch nicht dasselbe. Sie sprachen
+aber doch nicht von ~meiner~ Freiheit -- meiner Freiheit, zu ...
+Was Sie darüber sagen würden, das zu hören hatte ich mich gesehnt.
+Verstehen Sie nicht? Die Freiheit, die gleichsam mit einem fortbraust,
+fort in einen ungeheuren Raum, wo es keinen Zwang gibt. Die Freiheit,
+zu -- -- zu denken, sprechen, fühlen, zu leben wie ich, gerade ich,
+will und mag. Das Recht, ich selbst zu sein, dem Drang meiner eigenen
+Persönlichkeit zu folgen, wie der Vogel, der fliegt, und wie der Fisch,
+der schwimmt.«
+
+»Wo finden Sie diese?« fragte er. »Den Drang kenne ich recht
+gut. Vielleicht war er es, der mich, mehr als alles andere,
+hinauswarf, hinaus in die große Freiheit. Den Tummelplatz für seine
+Persönlichkeit, die Luft für den Vogel, das Wasser für den Fisch -- das
+~Lebenselement für das Leben des einzelnen~ -- mit dem jubelnden
+Recht da zu sein, zu atmen, sich zu bewegen als der, der man ist, -- in
+seiner tiefsten und wahrsten Bedeutung -- -- wo findet sich das?«
+
+Unwillkürlich entfuhr ihr, -- obgleich sie dies früher niemals mit dem
+Gedanken an Freiheit verbunden hatte: »In dem Herzen eines anderen
+Menschen.«
+
+»Ja, -- -- ja, da würde man es noch am ehesten finden. Aber dies ist
+trotzdem ein begrenzter Raum, ein Menschenherz hat Grenzen. Man stößt
+mit der Stirne an, auch da. Nur ~ein~ Herz ist unbegrenzt. Nur
+an ~einem~ Ort kann man aus tiefster Seele aufatmen, in das
+Weltenmeer untertauchen.« --
+
+»Ja -- aber sind Sie denn nicht gebunden, -- gebunden -- --«
+
+»Von ~meiner~ Freiheit? Doch. Aber ihr Joch drückt nicht nieder.
+Sie ist gleich Flügeln, die tragen nach oben -- unwiderstehlich!«
+
+Plötzlich blieb er stehen und sah sich um.
+
+»Darf ich Sie hier in eine Straßenbahn setzen?« sagte er. »In einem
+Haus ganz in der Nähe liegt ein kleines Mädchen, sterbend, schon tot
+vielleicht, dessen Mutter ich besuchen möchte.«
+
+»Dann warten Sie um meinetwillen nicht auf die Straßenbahn,« sagte sie
+hastig. »Gehen Sie nur gleich!«
+
+»Nein, nein -- ich lasse Sie nicht allein auf der Straße stehen. Der
+Wagen könnte ja besetzt sein.«
+
+»Könnte ich dann nicht --?« Sie hielt inne, bange vor einer
+abschlägigen Antwort.
+
+»Mit hinaufgehen? Doch. Aber es ist ein trauriger Anblick. Das Kind ist
+taubstumm. Und das erschwert alles so sehr.«
+
+Sie gingen durch ein paar Gäßchen, die sie nicht kannte. »Karl XII.
+Straße,« las sie im Laternenschein an einer Ecke.
+
+Vor einem niederen, alten Haus hielt er an. »Einundzwanzig,« sagte er.
+»Hier ist es.«
+
+Sie gingen durch das Tor und auf ein dunkles Loch zu. Er zündete ein
+Streichholz an, und in dessen flackerndem Licht sah sie einen kleinen,
+dunklen Hof -- er schien wie dazu geschaffen, von Ratten zu wimmeln --
+und eine Treppe, die zu einem Altan führte.
+
+Die morschen Stufen krachten unter ihren Tritten. Der Pfarrer tastete
+den Gang entlang bis zu einer Tür, wo er anklopfte.
+
+Eine Frau, alt aussehend mitten in jungen Jahren und mit verweinten
+Augen, machte ihnen auf.
+
+»Ich bin es, der Pfarrer. Ich mußte noch einmal sehen, wie es bei Tulla
+steht.«
+
+Die Frau schüttelte nur den Kopf.
+
+Sie traten in eine kleine, ganz reinliche Stube. Neben einem großen
+Bett stand ein kleineres, worin sich etwas bewegte mit tastenden
+Händchen und einer kleinen, stöhnenden Brust. Da lag ein Kind von zwei
+bis drei Jahren, den Tod im Gesicht, mit großen hilflosen, erschreckten
+Augen, die nichts von der Qual begreifen konnten, die es überwältigte.
+Der Atem drang wie ein hartes Zischen über die fiebertrockenen,
+offenstehenden Lippen, die mit einer bräunlichen Kruste bedeckt waren.
+
+Der Pfarrer und seine Begleiterin traten an das Bettchen. Einen
+Augenblick betrachtete sie stumm das Kind, -- dann wandte sie sich
+plötzlich zu der Frau und küßte sie.
+
+Die Mutter brach in Tränen aus. »Liebe Tulla,« sagte sie, »liebe Tulla!«
+
+Das Fräulein trat ans Fenster und öffnete einen Flügel.
+
+»Um ihr den Atem zu erleichtern,« sagte sie. »Hier ist es so beklommen.«
+
+Von dem weiten, ruhigen Sternenhimmel her strich ein Strom reiner
+und kühler Luft herein. -- -- Dann nahm das Fräulein ihr Flakon mit
+kölnischem Wasser, das sie mit in die Betstunde genommen, aber nicht
+benützt hatte, und träufelte von dem Inhalt auf das Kissen um das
+kleine, fahle Gesicht her, -- das Kind atmete plötzlich etwas hurtiger
+und tiefer.
+
+Ein Glas mit Wasser und Saft stand neben dem Bett, aber die Kleine
+konnte nicht mehr schlucken. Das Fräulein befeuchtete ihren Finger
+in dem Glas und begann dem Kinde die harten, vertrockneten Lippen zu
+netzen. Sie war so froh, daß sie ein klein wenig äußerliche Hilfe
+leisten konnte, etwas anderes konnte sie doch nicht bringen.
+
+»Sie sind ja eine ganze Krankenpflegerin, Frau Pfarrer,« sagte die
+Frau, während der Pfarrer seinen Überzieher auf einen Stuhl legte.
+
+Sie nickte nur dazu. Es wäre so umständlich gewesen, die Frau
+aufzuklären.
+
+»Nein, daß der Herr Pfarrer auch noch seine Frau mitgenommen hat!« fuhr
+die Frau fort, als dieser wieder an das Bett trat.
+
+Nun kam die Aufklärung mit Blitzesschnelle.
+
+»Dies ist ein dänisches Fräulein, das von der Betstunde aus mitkam. Ich
+bin nicht verheiratet.«
+
+Die Eile, mit der er diesen belastenden Verdacht zurückwies, trieb ihr
+das Blut in die Wangen, aber sie fuhr ruhig fort, sich mit der Kleinen
+zu beschäftigen.
+
+Plötzlich sah der Pfarrer auf den Finger, mit dem sie über den Mund des
+Kindes strich.
+
+»Tuberkulose,« sagte er leise.
+
+»Ja,« antwortete sie, als ob sie den Gedanken nicht verstünde. Aber sie
+wünschte, daß sie eine kleine Wunde am Finger hätte und daß er es sehen
+würde.
+
+Das Kind rang nach Luft mit den krampfhaft unruhigen Händchen und
+Füßchen, mit ausgedehnten Nasenlöchern und zuckenden Lippen.
+
+»Meine kleine Tulla,« sagte die Mutter, die neben dem Bettchen auf den
+Knien lag. »Mutter ist hier. -- Kannst du Mutter sehen, Tulla? Mutter
+würde dir so gern alles abnehmen, wenn sie nur könnte!«
+
+Sachte schob der Pfarrer eine Hand unter das Kissen des Kindes und
+richtete dessen Köpfchen ein wenig auf.
+
+Während sich die beiden so in vereinter Fürsorge um das sterbende Kind
+bemühten, stieg plötzlich ein Gedanke in ihr auf, der ihr das Blut
+noch heißer in die Wangen trieb als vorhin. Stieg vielleicht derselbe
+Gedanke auch in ihm auf?
+
+»Lasset uns beten!« sagte er -- mit einem Ton, als ob er sich selbst
+unterbreche. »Wir wollen sie im Gebet hinauftragen. Arme kleine Tulla,
+sie hat es nötig, daß sie nach oben getragen wird.«
+
+Er kniete neben der Mutter nieder und legte die Hand, die er frei
+hatte, auf deren gefaltete Hände.
+
+Das dänische Fräulein überlegte, ob sie auch niederknien solle; sie
+wußte nicht recht, was tun. Sie fühlte, wie sehr er nun wünschte, daß
+er seine Schwester und nicht sie hier gehabt hätte. Schließlich blieb
+sie stehen, um die Lippen des Kindes zu netzen und seine Stirne zu
+trocknen, auf der eiskalter Schweiß ausbrach.
+
+Er betete langsam, mit ganz einfachen Worten, die die Frau gerade
+nachsagen oder still mitbeten konnte. Aber das dänische Fräulein wurde
+von der Innigkeit betroffen, von dieser Kraft der Innigkeit, womit
+jedes Wort das kleine Mädchen umfaßte und wirklich nach oben trug und
+hinaufhob. »Als sie beteten, da bewegte sich die Stätte.« Sie bekam auf
+einmal eine Empfindung von einer Macht, die die Welt bewegt.
+
+ »Wir heben Herz und Hände
+ Zum Sternenhimmel auf -- --«
+
+Auf diese Weise kam sie selbst mit in die Bewegung hinein, sie konnte
+nicht draußen bleiben, sie mußte folgen. Der Aufstieg riß sie mit.
+
+ »Es reicht die Himmelsleiter
+ Zum Himmel von der Erd' -- --«
+
+Diese stiegen sie nun hinauf, er voraus, das Kind auf dem Arm hoch
+erhoben und die Mutter an der Hand.
+
+Aufwärts ging es, Schritt für Schritt, bis die letzte Stufe erreicht
+war.
+
+Diese Gewißheit in der Anrufung Gottes! Nein, diese Worte waren nicht
+in die leere Luft gerufen, wo Tausende von Gebeten umherflattern,
+ohne ihr Ziel zu erreichen. Sie waren wie unmittelbar in ein Antlitz
+gesprochen, -- in das Antlitz da oben über der Himmelsleiter, sie waren
+in ein Herz hineingesprochen, in ein offenes Herz, ein weit geöffnetes,
+mit Raum für Millionen solcher kleiner gequälter Wesen wie diese Tulla.
+
+Die Atemzüge des Kindes waren in ein Röcheln übergegangen, das stockte
+und wiederkam, in abgerissenen Stößen.
+
+Das dänische Fräulein hatte erst ~einen~ Menschen sterben sehen,
+ihre Mutter, und sie fürchtete sich vor diesem Anblick. Trotzdem beugte
+sie nun ihr Gesicht zu dem Kinde nieder, um die letzten Zuckungen der
+Mutter zu verbergen.
+
+Aber es kamen keine mehr. Es war nur, als ob eine Hand, -- eine Hand,
+die sie dafür hätte küssen können -- über das verzerrte Gesichtchen
+hinstriche und es glättete, jede Spur der Qual auslöschte zu tiefer,
+tiefer Ruhe.
+
+ »Und Gottes Engel halten
+ Treu Wache um das Kind -- --«
+
+Der Pfarrer sagte Amen, und die Stille jagte die Mutter auf.
+
+»Lieber Gott!« rief sie, und warf sich weinend über die kleine Leiche.
+
+ * * * * *
+
+Eine halbe Stunde später traten die beiden den Heimweg an. Die Mutter
+hatte den ersten Schmerz ausgeweint, und eine Nachbarsfrau hatte
+versprochen, sie während der Nacht zu sich zu nehmen oder bei ihr zu
+bleiben.
+
+Stumm schritten sie unter dem tiefen funkelnden Sternenhimmel dahin.
+
+»Kleine Tulla,« sagte sie und schaute auf. »Ob sie jetzt hören kann? Ob
+sie nun atmen kann?«
+
+»Ja,« sagte er. Aber sie wußte nicht, ob er ihre Frage beantwortet,
+oder sie nur wiederholt hatte.
+
+Dann herrschte wieder Schweigen zwischen ihnen. Es war so schön, ganz
+zu schweigen, neben einander zu gehen, ohne Worte, mit denselben
+Gedanken -- durch die weite und tiefe sternhelle Nacht.
+
+Da hatten sie das Tor erreicht, und sie bat ihn nicht, mit
+heraufzukommen. Sie verstand wohl, daß er nicht wollte. Hätte sie es
+nur selbst vermeiden können, die andern noch zu sehen, sowie alle die
+Fragen in Beziehung auf ihr Ausbleiben beantworten zu müssen.
+
+»Ich danke Ihnen,« sagte er, indem er ihr die Hand reichte.
+
+»Nein, ich habe zu danken, daß Sie mich mitnahmen,« erwiderte sie,
+»obgleich ich weiß, daß Sie jede andere Persönlichkeit vorgezogen
+hätten.«
+
+»Warum?«
+
+Sie schwieg.
+
+»Von allen Menschen hätte ich am liebsten den dabei gehabt, der das
+getan hätte, was Sie taten.«
+
+»Was denn?« Sie sah ihn erstaunt an.
+
+»Die Mutter zu küssen,« sagte er ernst.
+
+»Ach das --« Glänzende Tränen traten ihr in die Augen. Und es wurde
+ihr nicht leicht, deren Spur zu verwischen, während sie die Treppe
+hinaufstieg.
+
+Und sie kamen wieder, die Tränen, als sie allein in ihrem Schlafzimmer
+war und vor dem großen Spiegel saß, während ihr das aufgelöste Haar
+über den weißen Frisiermantel hinabfloß.
+
+Ihr Gesicht sah so traurig aus in dem Spiegel vor ihr, mitten in all
+der dunklen Fülle, daß sie sich selbst darüber verwunderte.
+
+Da klopfte es an die Tür, und die Tante trat ein.
+
+»Ich bin es nur, mein liebes Mädchen. Ich möchte gern ein Wort mit dir
+reden, ehe ich zur Ruhe gehe. Beim Abendbrot ging es ja nicht an.«
+
+Sie setzte sich auf einen der niederen, mit Cretonne überzogenen Stühle.
+
+»Höre, mein Kind, du bist doch nicht auf dem Wege, dich von Halfdan
+bekehren zu lassen?«
+
+»Wie kommst du darauf, Tante?«
+
+»Ja, denn es sah ja ein wenig eigentümlich aus, als du ihm neulich ins
+Eßzimmer folgen solltest, um mit ihm über -- Gott im Himmel mag wissen,
+was für einen Kranken zu sprechen, den du gar nicht kennst. Und nun
+heute abend kommst du ganz sonderbar von dieser Betstunde heim, -- eine
+ganze Stunde nach Margit, -- und sagst, daß du mit ihm gegangen seist.
+Und -- --«
+
+»Wäre es denn so entsetzlich, wenn der Ernst des Lebens mich auch
+einmal ergreifen würde?«
+
+»Nein, durchaus nicht. Ich bin weit entfernt, zu denken, daß ein
+Mensch leicht zu viel bekommen könne vom Christentum, wenn mir die
+krasse Form auch etwas zuwider ist. Aber die Sache ist die: wenn es
+Frauen sind, die von Halfdan erweckt werden, junge Frauen, -- ja,
+ältere übrigens auch, -- dann werden sie in der Regel zu ihm selbst
+bekehrt. Und dabei ist nichts gewonnen. Deshalb möchte ich dich nur
+warnen. Ich hätte gar nicht gedacht, daß er nach deinem Geschmack sein
+könnte. Aber nun kommt es mir doch so vor -- in einem gewissen
+Sinne -- --«
+
+»Tante, weißt du, daß das, was du sagst, empörend ist! Wenn ein Pfarrer
+nicht hundert Jahre alt ist, kahlköpfig oder verwachsen, dann soll man
+gleich in ihn verliebt sein, wenn seine Worte nur den allergeringsten
+Eindruck auf einen machen.«
+
+»Nein, mein liebes Kind, das soll man gar nicht. Aber man wird es sehr
+leicht. Wenn ein Pfarrer, besonders einer der ganz strengen, jung und
+schön ist, dann ist es ein gefährliches Ding.«
+
+»Nun, hier kannst du jedenfalls ganz ruhig sein, Tante. Von allen
+Mädchen auf der weiten Welt wäre ich wohl das letzte, das er wählen
+würde.«
+
+»Ja, darin wirst du recht haben, das glaube ich auch. Für so verständig
+halte ich Halfdan doch. Im ganzen ist er den Frauen gegenüber immer
+vollständig kalt geblieben. Er gibt sich nicht die geringste Mühe,
+ihnen zu gefallen, und will ja auch gar nicht heiraten, was ich aber
+doch am allerbesten für ihn finden würde, wenn es ein besonnenes,
+gesetztes und christliches Mädchen wäre, wie Alette zum Beispiel.
+Ich habe schon oft gedacht, wie schade es sei, daß die beiden gerade
+Geschwister sind. Sie hätten ein ausgezeichnetes Ehepaar gegeben.«
+
+Die Nichte lachte, -- laut und zornig abweisend, -- und schüttelte ihre
+langen Locken.
+
+»Nun ja, das kann ja auch nicht sein. -- Aber verstehe mich nun recht,
+mein liebes Kind, ich will durchaus nicht haben, daß er nun hingeht
+und dich -- fanatisch macht, so daß du ganz übersiehst, was sich Gutes
+für dich in der Welt finden könnte, und denkst, er sei der einzige,
+nach dessen Weisheit du dich richten müßtest, -- und schließlich damit
+endigst, daß du um seinetwillen Diakonissin oder Krankenpflegerin
+wirst, -- wie ich zwei andere kenne, die es so gemacht haben.«
+
+»Davor brauchst du keine Angst zu haben. Es liegt durchaus nicht in
+meiner Natur, mich nach der Weisheit eines andern zu richten oder
+Krankenpflegerin zu werden,« sie hielt inne und dachte nur noch weiter,
+»obgleich das auch nicht das Schlimmste in der Welt wäre, wo es so
+viele kleine Mädchen gibt, die sterben müssen, -- und Mütter, die das
+mit ansehen müssen.« --
+
+Als die Tante gegangen war, sprang das junge Mädchen auf und ging lange
+im Zimmer auf und ab, während sie alle Augenblicke ihre wallenden Haare
+schüttelte. Sie war innerlich empört über alles, was die Tante gesagt
+hatte. Aber als sie endlich zur Ruhe gegangen war, kamen die Tränen
+aufs neue. Denn sie mußte wieder hineinschauen in die traurige Welt,
+in die sie einen Einblick bekommen hatte, die Welt, in der es so viele
+kleine Mädchen gab, die sterben mußten, -- und Mütter, die das mit
+ansehen mußten.
+
+ * * * * *
+
+Wieder endlos leere Tage! Und sie konnte nichts tun, um sie
+auszufüllen. Überall, wo sie ihn hätte treffen können, sagte er ab, zu
+großen wie zu kleineren Gesellschaften.
+
+Sie wünschte, mit ihm sprechen zu können. Ganz, ganz anders
+-- im Zusammenhang. Sie sehnte sich darnach, ihm einen viel
+richtigeren Eindruck von sich beizubringen, gerade weil sie auf ganz
+entgegengesetztem Grund und Boden stand.
+
+Stand -- ja das heißt, einen festen Grund unter den Füßen, in Form
+einer bestimmten Lebensanschauung, einer festgewurzelten Überzeugung
+hatte sie wohl eigentlich nicht. Aber sie liebte alle großen Gefühle,
+alle großen Gestalten. Sie hatte ja auch die Religion nicht ganz über
+Bord geworfen, nur spielte diese gar keine Rolle in ihrem Leben; sie
+lebte nicht in ihr. Die meisten Christen haben ja ihr Leben neben der
+Religion.
+
+Sie wünschte sehr, er solle wissen, daß sie alles Große verstehen
+könne, auch was es heißt, sein Leben für seine Überzeugung einsetzen.
+Ja, daß dies auch als das Größte vor ihr stand.
+
+Aber er machte sich wohl gar nichts daraus, von ihr gewürdigt zu
+werden, oder irgend einen anderen Eindruck von ihrer Persönlichkeit zu
+bekommen, als den, den er sich selbst gebildet hatte. Den, der ihn --
+trotz allem -- doch eigentlich abstieß.
+
+Sie, nur sie sehnte sich danach, daß es doch geschehe. Aber nach den
+Reden der Tante an jenem Abend konnte sie nun in dieser Richtung gar
+keinen Versuch machen.
+
+Dann war der Konsul so freundlich, sich einen kleinen Influenzaanfall
+anzuschaffen, der ihn zwar nicht ans Bett, aber doch eine Woche lang
+ans Zimmer fesselte, und der die Veranlassung war, daß der Neffe ihn
+besuchte.
+
+Er blieb lange -- unbegreiflich lange -- drinnen beim Onkel. Dann trat
+er ins Kabinett, wo die Tante mit der Nichte saß; diese malte eben
+goldene und bronzierte braunrote Chrysanthemen auf einen Ofenschirm aus
+wasserblauem Atlas für die Tante.
+
+»Ist sie nicht ein Genie, Halfdan?« sagte die Tante. »Komm und setz
+dich ein Weilchen zu uns, mein Lieber.«
+
+Er begrüßte die beiden Damen, und während die Nichte zu ihm aufsah, war
+es ihr, als liege jene strahlende Sternennacht, wo sie Seite an Seite
+gegangen waren, so hoffnungslos weit zurück, daß es ganz unmöglich sei,
+da wieder anzuknüpfen, wo sie abgebrochen hatten.
+
+Das Anknüpfen wurde hier übrigens nicht ihre Sache; das besorgte die
+Frau Konsul immer, wenn sie anwesend war.
+
+»Kannst du mir nicht helfen, Halfdan, dieses verstockte Mädchen zu der
+Einsicht zu bringen, daß es die Bestimmung des Weibes ist, sich zu
+verheiraten. Ist es nicht so?«
+
+»Doch, ich wüßte nicht, welche es sonst noch für sie gäbe. Sie ist,
+wie ich gelehrt worden bin, dazu geschaffen, die Gehilfin des Mannes
+zu sein. Und ich meine, es sei am besten, wenn sie diese Bestimmung
+erfülle.«
+
+Die Nichte wußte nicht recht, ob dies Ernst oder Ironie war, und
+erwiderte ein wenig herausfordernd: »Ich glaube doch, daß man dies auf
+mehr als eine Art kann. Ich habe immer Lust gehabt, zur Bühne zu gehen.
+Glauben Sie nicht, daß man von da aus eine geistige Gehilfin für Männer
+und Frauen sein kann?«
+
+Er zeigte keine Entrüstung, wie sie erwartet hatte, sondern antwortete
+ganz ruhig: »Vielleicht, aber dies wäre doch mehr indirekt.«
+
+»Ja, das ist ein unsicherer, schwieriger Weg,« sagte die Tante. »Und
+deine Mutter war so sehr dagegen. Jawohl, das war sie, ihr Wunsch war,
+dich gut verheiratet zu sehen. Das weiß ich am besten.«
+
+»Ja, liebe Tante, aber dazu gehören ja unglücklicherweise zwei. Und ich
+weiß absolut keinen, der mich haben möchte.«
+
+»Nicht? Nun, dann weiß ich mehrere. Nehmen wir nur zum Beispiel
++Dr.+ Carlsen. Hast du es neulich bei Bödkers nicht bemerkt,
+Halfdan, wie seine Augen keinen Blick von ihr verwandten?«
+
+»Nein, -- -- doch -- es ist möglich.«
+
+»Ja, Kind, dessen bin ich ganz sicher, daß er nur einen Gedanken hat,
+nämlich dich zur Frau zu bekommen. Nun heißt es ja, er werde seinem
+Vater als Oberarzt an der Irrenanstalt in R... nachfolgen, und
+dann -- --«
+
+»Dann kann er sich selbst als ersten Patienten anmelden, wenn du recht
+hast. Denn dann müßte er ja an Größenwahn leiden.«
+
+Sie konnte der Lust nicht widerstehen, die Tante ein wenig zu necken
+und den andern wissen zu lassen, wie wenig sie für diesen +Dr.+
+Carlsen übrig hatte. Trotzdem aber war es ihr, nachdem ihr die Worte
+entschlüpft waren, ganz klar, daß sie sich, und zwar gerade hier,
+zeitlebens unmöglich gemacht habe. Aber gleichzeitig hörte sie
+neben sich ein Lachen, ein ganz lautes und »bubenmäßiges«, wie die
+Tante es empört nannte. Und da mußte sie unaufhaltsam mitlachen. Mit
+ihm zusammen lachen! Das brachte sie um viele Meilen näher! Später
+erinnerte sie sich mit freudigem Schauder daran, wie es gewesen war,
+als ihr Lachen in dem seinigen unterging.
+
+»Du hilfst mir ja recht gut, sie zu ermahnen,« sagte die Tante. »Aber
+du hast ja auch selbst nicht das gute Beispiel gegeben.«
+
+»Entschuldige, Tante, ich bin es ja nicht, der als Gehilfe erschaffen
+worden ist.«
+
+»Nein, aber du bist dazu geschaffen, eine Gehilfin zu haben, und ohne
+das hat der Mann ›es nicht gut‹. Das bin ich gelehrt worden.«
+
+»Meinst du vielleicht, er habe es durch die Hilfe der Frau sehr ›gut‹
+bekommen -- der Mann nämlich? Eine andere Bibelstelle nennt die Frau
+mit ganz klaren Worten auch ein Hindernis. Und ich bin auch überzeugt,
+daß ein Mann sehr vorsichtig sein muß, ehe er diese -- Möglichkeit
+in sein Leben einfügt. Besonders ein Pfarrer, bei dem alle Ansprüche
+verschärft sind, äußerlich wenigstens.«
+
+»Darauf kann ich nur erwidern, daß die besten Pfarrer, die ich gekannt
+habe, jedenfalls eine oder auch mehrere Frauen gehabt haben. Je mehr
+ein Pfarrer wie alle andern lebt, um so seelsorgerlicher kann er sein,
+natürlich auf die rechte Art und Weise.«
+
+»Auf die bequemste jedenfalls.«
+
+»Laß doch den Herrn Pfarrer in Frieden, Tante,« sagte die Nichte ein
+wenig erregt. »Wenn man in jedem Jahrhundert einmal einen Pfarrer
+trifft, der nicht verheiratet ist, so muß man doch einräumen, daß --
+daß der dann dem Ideal am nächsten ist.«
+
+»Nein, das gebe ich auf keinen Fall zu. Bischof H. war dreimal
+verheiratet. Und einen besseren Seelsorger als ihn verlange ich nicht.
+Und von einem andern ausgezeichneten Bischof weiß ich, daß er es bis zu
+vier Frauen brachte.«
+
+»Dann muß ich es wohl aufgeben, Bischof zu werden, mir wird es
+sicherlich an den entscheidenden Bedingungen fehlen.«
+
+Wieder lachte er, und ihr Lachen flog auf zum Zusammenklang wie ein
+Vogel mit befreiten Schwingen. Wer hätte gedacht, daß er so lachen
+könnte. Sie kannte dieses Lachen ja von Grund aus. Warum versteckte er
+es denn so gut?
+
+Aber die Frau Konsul schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte, mit
+solchen Würdenträgern dürfe man keinen Scherz treiben.
+
+Später sagte sie noch, so höre man ihn jetzt nur selten lachen. Das sei
+ein Nachklang aus der Zeit, wo er gar so übersprudelnd gewesen sei.
+
+Und übersprudelnd zu sein, dazu hatte die Nichte an diesem Tag die
+größte Lust. Ihre Chrysanthemen strahlten wie reines Sonnengold! Und
+der Konsul war von beispielloser Liebenswürdigkeit. Hatte er es denn
+nicht so eingerichtet, daß der Pfarrer versprochen hatte, am nächsten
+Abend mit der Schwester zu kommen, und zwar ganz in der Familie!
+
+Nun, während der ersten Hälfte des Abends hatte man eigentlich nur von
+~ihr~ etwas. Er vergrub sich ja bei dem Onkel bis zum Abendbrot.
+Und bei Konsuls speiste man sehr spät zu Mittag und zu Abend, ganz
+entgegen den sonstigen Gewohnheiten in Christiania.
+
+Die Tante schätzte Alette sehr; sie liebte es, diese hie und da neben
+sich auf dem Sofa zu haben, zu einem »ruhigen, vernünftigen Gespräch
+über den Ernst des Lebens«, worunter sie all die Armut, Krankheit und
+Not meinte, in die das Fräulein durch den Bruder einen Einblick erhielt.
+
+Die Nichte saß über eine Handarbeit gebeugt und wurde ganz blaß vor
+Ungeduld über all die »traurigen Geschichten« aus diesem ewigen
+Zusammenleben mit »Halfdan«; aber auf einmal ergoß sich eine helle Röte
+über ihr ganzes Gesicht.
+
+Alette erzählte, daß der Bruder kürzlich bei einer Witwe gewesen sei,
+die ihr einziges Kind verloren hatte, ein taubstummes dreijähriges
+Mädchen, an Tuberkulose, und daß es ganz herzzerreißend gewesen sei,
+sehen zu müssen, wie diese Kleine, die nichts verstand und nichts sagen
+konnte, all dieses schwere Leiden durchmachen mußte.
+
+»An dem Abend, wo sie starb, ist Halfdan angegriffener gewesen, als
+ich ihn seit langer Zeit gesehen habe. Bis spät in der Nacht ging er
+in seinem Zimmer auf und ab. Er konnte nach diesem Anblick durchaus
+keine Ruhe finden. Ich wäre so gerne mit ihm gegangen, aber es war in
+den Tagen, wo ich wegen meines Hustens das Zimmer hüten mußte. Deshalb
+mußte er allein gehen.«
+
+»Es war schwer, davon zu hören,« sagte die Tante, »und recht traurig
+für dich, daß du nicht mit ihm in das Trauerhaus gehen konntest. Eine
+Frau findet so oft den richtigen Balsam für eine betrübte Seele.«
+
+Ja, da war eine, in der eine jubelnde Freudenstimmung aufstieg, aber
+sie saß über ihre Arbeit gebeugt ganz still da.
+
+Alette wandte sich nicht an sie. Diese Sachen lagen natürlich ganz
+außerhalb der Erfahrung und der Interessen der jungen dänischen Dame.
+
+Als der Bruder endlich mit dem Konsul eintrat, erzählte die Schwester
+eben von einem Jungen, der von einem Wagen überfahren worden war
+und große Schmerzen litt. Es war der Sohn eines Arbeiters, und als
+der Pfarrer diesen ermahnte, für das arme Kind zu beten, hatte er
+geantwortet: »Wir haben niemand, zu dem wir beten können.«
+
+»Ist es nicht schrecklich, wenn man bedenkt, daß es Tausende gibt,
+die wie dieser Mann niemand haben, zu dem sie beten können? Kann man
+begreifen, wie es möglich ist, ohne Gebet zu leben?«
+
+»Nein, da hast du recht,« sagte die Konsulin. »Es ist erschütternd.«
+
+»Aber schlimmer ist es doch,« sagte der Bruder, »daß es Tausende gibt
+-- auch von denen, die beten, wenigstens dann und wann -- die niemand
+haben, den sie ~anbeten~.«
+
+Beide Damen auf dem Sofa stimmten damit überein, die Schwester wohl aus
+Überzeugung, die Tante vielleicht mehr aus Höflichkeit als Wirtin.
+
+Einen Augenblick später stand er in dem Kabinett, um die Chrysanthemen
+zu betrachten, die die Nichte an diesem Tag beinahe vollendet hatte.
+
+»Ich weiß, was anbeten heißt,« sagte sie plötzlich, während sie die
+Lampe für ihn in die Höhe hielt.
+
+»Nun -- dann gratuliere ich.«
+
+»Nein, ach nein, so war es nicht gemeint. Ich wollte nur sagen -- ich
+habe es einmal gesehen -- in dem Blick eines Menschen. Es heißt so
+viel, als seine ganze Seele hingeben.«
+
+»Ja, so könnte es wohl ausgedrückt werden. Aber es klingt nicht
+treffend, nicht stark genug. Es heißt gleichsam, seine ganze
+Persönlichkeit zusammenfassen: alles, was man hat, alles, was man
+ist, in ein einziges Gefühl -- ein einziges abgrundtiefes Gefühl der
+Ohnmacht, des Nichts -- -- und es dann zu den Füßen eines Einzigen
+ausschütten. David sagt in einem der Psalmen, daß er ›ausgegossen sei
+wie Wasser‹, das gehört dazu. Seine ganze Seele wie Wasser auf die Erde
+ausgießen, vor die Füße eines Einzigen -- -- und dadurch gewonnen --
+aufgenommen -- vertieft -- verwirklicht werden.«
+
+»Ja,« sagte sie. »Ich habe dies gesehen.«
+
+»Ich glaube, es ist sehr selten,« sagte er. »Es steht ja geschrieben:
+Du sollst Gott deinen Herrn anbeten. Und dies ist in dem Verhältnis
+zu Gott das Höchste und Tiefste, das Erste und das Letzte. Aber sie
+tun es nicht, die Tausende! Sie erreichen nie den Augenblick, den ganz
+unentbehrlichen in einem Menschenleben, wo alle Worte und Gedanken,
+alle Fähigkeiten und Kräfte zur Erde sinken -- ohnmächtig. Wo der
+unaussprechliche Seufzer die Seele trägt wie eine Woge, hinein ins
+Heiligtum.«
+
+Während er sprach, schaute er fortgesetzt ihre Chrysanthemen an.
+Aber sie fühlte, daß sein Blick durch die Blumen hindurch glitt, weit
+helleren Bildern in der Ferne entgegen, und mit etwas von dem im Auge,
+das sie von jenem Tag her kannte, wo sie ihn vor dem Altar gesehen
+hatte. Und gerade wie damals berührte es sie wie ein Schmerz.
+
+Sie selbst war ja so weit weg -- so fern von ihm in diesem Augenblick
+-- und weit, weit entfernt von dem Tiefsten und Höchsten, von dem
+ersten und letzten Moment in einem Verhältnis zu Gott.
+
+Und doch -- was es hieß, seine ganze Persönlichkeit in ein einziges
+Gefühl zu vereinigen und ausgegossen zu sein wie Wasser auf der Erde,
+vor den Füßen eines Einzigen, -- wer, ach wer in der weiten Welt konnte
+es besser verstehen als sie?
+
+ * * * * *
+
+Im Dezember wollten Konsuls einen Ball geben, das heißt -- die gnädige
+Frau wollte es.
+
+»Etwas muß man tun, wenn man einen solchen Vogel Phönix im Hause hat,«
+sagte sie.
+
+Der Konsul sah aus, als ob er dächte, weniger hätte es auch getan; aber
+die Aussicht auf eine ungestörte Spielpartie in seinem Zimmer mit
+einigen der Vettern verlockte ihn zu schweigender Einwilligung.
+
+Großartig sollte es werden. Wenn der Saal ausgeräumt wurde, hatten
+vierundzwanzig tanzende Paare gut Platz. Was tat es da, wenn man
+mehrere Tage vor und nachher in seinem eigenen Heim saß »wie Marius auf
+den Trümmern von Karthago« -- oder wie es sonst der Konsul zu nennen
+pflegte.
+
+Die Nichte hatte nur einen Gedanken, während sie Einladungen
+adressierte und ihr Kleid anprobierte -- ob, ob -- --?
+
+Nein, das war wohl unmöglich!
+
+»Es sähe aus, als wollte man Halfdan und Alette zum besten haben, wenn
+man sie zu so etwas einladen würde,« sagte die Tante. »Aber hinter
+ihrem Rücken soll der Ball auch nicht gehalten werden. Ein paar Tage
+vorher schreibe ich an sie, daß wir eine kleine Tanzgesellschaft geben
+-- für unser liebes »dänisches Fräulein« -- und ob sie nicht Lust
+hätten, sich ihn anzusehen. Aber das haben sie natürlich nicht.«
+
+Und der Tag rückte herbei.
+
+Und es geschah -- ja, das Unmögliche selbst flutete herein ins Leben
+mit seiner unhemmbaren Gewalt und machte alle bleichen Möglichkeiten
+zuschanden.
+
+Es gab einen Liedervers, der einmal nach einem Begräbnis durch ihr
+Kinderköpfchen gegangen war und sich da festgesetzt hatte. »Da wird mir
+das zum Grund, was vorher Dach gewesen.« Diese Vorstellung gefiel ihr
+als kleines Mädchen. Und nun war es ihr, als würde sie zur Wirklichkeit.
+
+Der Sternenhimmel, den sie hoch über sich in unermeßlichem Glanz hatte
+leuchten sehen, der lag eines Abends zu ihren Füßen als der Grund, der
+ihr ganzes Dasein trug.
+
+Der Augenblick kam, wo alles nicht mehr seinen Gang ging, seinen
+gewohnten trägen, bekannten, abgemessenen Gang, sondern wo »die Sonne
+stille stand in Gibeon und der Mond im Tale Ajalon«, wo das ganze
+große, schwirrende Weltrad stille stand, während alles im Weltenraum
+nur verwundert mit angehaltenem Atem lauschte.
+
+»Und es geschah« --
+
+Wie es geschah? Ach, tausend-, zehntausendmal begann sie immer aufs
+neue in Gedanken ... und kam doch nie damit zu Ende, kam nie an dem
+Punkt vorbei, wo alles vor ihr aufging in strahlendem Licht ... so daß
+sie immer und immer wieder vorne anfangen mußte ...
+
+Es war an dem Ball ihres Onkels.
+
+Sie hatte ihr Kleid gewählt und es angezogen mit der einzigen, beinahe
+unmöglichen Möglichkeit vor Augen.
+
+Der blaßgelbe, von Spitzen verschleierte Atlas schmiegte sich
+glänzend und knisternd um ihre schlanke Gestalt und umschloß ihre
+feine Büste wie ein Panzer. Goldleuchtende Topase funkelten in ihrem
+dunklen, lockigen Haar, um den weißen Hals und zwischen den Spitzen
+über der Brust, wo sie dunkelviolette, von schwerem Duft erfüllte
+Heliotropblüten festhielten.
+
+Sie war spät fertig geworden, und als sie aus ihrem Zimmer in die
+festlichen Räume trat, waren die Lichter überall schon angezündet. Im
+Saal war man eben bei den letzten angelangt.
+
+Hier drinnen stand die Frau Konsul in blaßgrauem broschiertem
+Atlas, eifrig beschäftigt, einem Lohndiener einige nachdrückliche
+Verhaltungsmaßregeln zu geben, während der Konsul schon mitten im
+Zimmer stand, wo er mit ihr zusammen die Gäste begrüßen sollte, die
+sie schon draußen hörte.
+
+Die Nichte wandte an der Tür des Saales wieder um, ging durchs
+Wohnzimmer zurück und ins Kabinett hinein, wo rosenfarbige seidene
+Lichtschirme auf allen Lampen einen Dämmerschein wie von einem
+Sonnenuntergang verbreiteten. Es war ihr zuwider, sich besehen und
+bewundern zu lassen.
+
+Und doch war sie die Königin des Abends -- das fühlte sie selbst --
+von der funkelnden Nadel im Haar an bis hinunter zu dem spitzigen
+Atlasschuh.
+
+Der große Spiegel in der Ecke am Fenster zeigte ihre Gestalt in
+wirklich hinreißendem Glanz, während sie langsam, -- gleichsam in müder
+Majestät darauf zuschritt.
+
+Da -- -- nein, nein -- -- nein -- -- blitzschnell schloß sie die
+Augen ...
+
+Nein -- -- es war ein Trugbild --, eine glühende Sehnsucht, die in ihr
+aufstieg und sie verwirrte, -- -- es war eine Einbildung, daß sie da
+vor sich im Spiegel -- aus dem Hintergrund des Zimmers ein Augenpaar
+auf sich gerichtet gesehen hatte.
+
+Zwei Augen, -- deren Blick hervordrang wie eine lodernde Glut, die ihre
+ganze leuchtende Gestalt umhüllte ...
+
+Sie hielt die Augen fest geschlossen. Sie konnte es nicht ertragen,
+sehen zu müssen, daß es nur eine Einbildung war -- und wagte doch nicht
+sicher zu glauben, daß die Augen wirklich da ~waren~.
+
+Mechanisch glitt sie näher zu dem Spiegel hin ... Wenn aber nun der
+vergoldete Blumenbehälter, der davor stand, sie aufhielt, -- was dann?
+
+Sie stieß mit dem Fuß an das Hindernis -- blieb dicht vor dem Spiegel
+stehen, öffnete die Augen, groß und dunkel vor angstvoller Erwartung --
+und sah ...
+
+Der Blick war noch da. Und der Blick war Feuer.
+
+Langsam, mit blassen Wangen, wandte sie sich vom Spiegel.
+
+Der Blick war da ... Näher -- näher ... loderte er flammend auf, ihr
+entgegen ...
+
+Er kam von einem, der mitten durchs Zimmer geschritten war ... und nun
+sich vor ihr auf die Knie niederließ ...
+
+Ein halb unterdrückter Schrei -- -- und sie fiel zu Boden in all ihrer
+leuchtenden Herrlichkeit ...
+
+Einen einzigen schwindelnden Augenblick waren Arme um sie -- war ein
+glühender Atem über ihrem Gesicht -- war eine kecke Hand da, die die
+Heliotropblüten von ihrer Brust nahm und sie an der seinigen barg.
+
+ * * * * *
+
+Da kamen die Gäste.
+
+»Wir haben sehr hübsche Damen heute abend, Frau Smit!« sagte die Frau
+Konsul. »Aber meiner Nichte gebührt doch der erste Preis.«
+
+»Ja, da haben Sie ganz recht. Wenn sie nur nicht so bleich wäre! Ist
+sie auch gesund?«
+
+Die Nichte sollte den Ball eröffnen mit einem Vetter aus Kopenhagen,
+der auf acht Tage gekommen war, aus dem sie sich aber nicht viel
+machte. Er hatte den wenig ehrerbietigen freien Ton des Vetters ihr
+gegenüber.
+
+»Ist es dir sehr leid, wenn wir nicht vortanzen?« fragte sie, während
+sie im Saal umhergingen.
+
+»Bist du verrückt?«
+
+»Nein -- aber ich glaube, Onkel Hallager hat mich mit der Influenza
+angesteckt. Es ist mir ganz sonderbar im Kopf.«
+
+»Ja, du siehst auch todesblaß aus. -- Nein -- um meinetwillen keine
+Aufregung. -- Obgleich -- ich bin als Tänzer berühmt.«
+
+Sie traten zur Seite und ließen ein anderes Paar vortanzen, dem
+sogleich mehrere folgten.
+
+»Es wäre doch recht ärgerlich, wenn du mitten in der Saison krank
+würdest. Denn es ist doch wohl nicht er, der Halfdan, der dich so
+verwandelt hat, daß du nicht einmal mehr wagst, ein Tänzchen in Ehren
+zu machen! -- Hast du übrigens gesehen, daß seine Heiligkeit heute
+anwesend ist? Mitten in all dieser Verderbnis der Welt? Was das nun
+bedeuten soll! Niemand kann es begreifen.«
+
+»Vielleicht ist eine Seele da, deren er sich annehmen will.«
+
+»So eine Affektation! Mitten in einem Ballsaal!«
+
+»Ach -- wenn es sich nun ums Leben handelte -- ich kann gut verstehen,
+daß man da eingreifen möchte -- selbst in einem Ballsaal.«
+
+Die Frau Konsul kam in all ihrem broschierten Glanz eilig auf sie zu.
+
+»Aber Kind, warum tanzst du denn nicht?«
+
+»Ich habe Fieber, liebe Tante, und fürchte, es könnte schlimmer werden.«
+
+»Mein liebes Kind, das fehlte nur noch. Frage doch +Dr.+ Carlsen
+um Rat.«
+
+»Nein, nein. Nicht heute abend. Das fällt bloß auf.«
+
+»Dann setze dich wenigstens. Und sieh, daß du etwas Warmes zu trinken
+bekommst!«
+
+Kurz nachher trat der Pfarrer auf sie zu.
+
+»Haben Sie noch eine Tour für mich frei?« fragte er. »Auf diese Weise
+kann ich ja auch mittun.«
+
+Sie reichte ihm ihre Tanzkarte, ohne ein Wort zu sagen und ohne die
+Augen zu ihm aufzuschlagen.
+
+Den ersten Tanz nach dem Essen hatte sie frei gehalten. Er machte ein
+Zeichen daneben und entfernte sich.
+
+Sie sah auf die Karte -- und barg sie in ihrem Gürtel.
+
+»Du siehst aus, als seiest du am Ohnmächtigwerden,« sagte der Vetter.
+»Geh hinauf und leg dich in der Pause ein wenig nieder.«
+
+In der Pause war sie vielen teilnehmenden Fragen und Ratschlägen
+ausgesetzt, die sie nur quälten.
+
+»Ausnahmsweise ist es ja ganz angenehm, nicht zu tanzen,« sagte sie.
+»Ich habe mehr von der Unterhaltung meiner Herrn.«
+
+»Meinst du damit auch den Tanz, der eben zu Ende gegangen ist? Er, der
+Nikolai, hat es unserer Ansicht nach doch nur in den Beinen,« sagten
+die norwegischen Cousinen.
+
+Das Souper war ungewöhnlich früh festgesetzt worden, weil der Konsul
+ausdrücklich befohlen hatte, daß die, die nicht tanzten, nicht bis
+Mitternacht hungern dürften. Infolge dessen hatte die Konsulin es so
+eingerichtet, daß man alle soliden Gerichte bei einer ersten Mahlzeit
+bekam und sich später nur noch um einen ausgesucht feinen Nachtisch
+versammelte.
+
+Die Frau des Hauses selbst wurde von einem bekannten schwedischen
+Professor zu Tisch geführt.
+
+Er mußte die Tischrede halten; und nach einem Hoch auf den Wirt und die
+Wirtin und einem auf das herrliche Gebirgsland Norwegen erhob er sich
+und hielt eine Rede auf »die Frau«.
+
+Nachdem er verschiedene schöne, wenn auch nicht durchaus neue
+Vergleiche für sie gefunden hatte, erklärte er schließlich, daß er,
+einer begeisterten Zustimmung sicher, festsetzen wolle, daß die »Frau,
+wenn sie so ist, wie sie sein soll -- --«
+
+»Das ist sie ja nie,« warf der Konsul plötzlich ein.
+
+Dies wurde gehört, und da bekam der Konsul die begeisterte Zustimmung.
+
+Der Professor lachte mit den andern und sagte, als er endlich wieder
+zu Wort kommen konnte, daß er, nachdem der Schluß seiner Rede in der
+ersten Form unmöglich gemacht sei, und weil alle mit dem verehrten
+Gastgeber übereingestimmt hätten, vorschlagen wolle, daß jedermann sein
+Glas leere auf »die Frau, die nicht so ist, wie sie sein soll, weil sie
+trotzdem reizend ist.«
+
+Ein lautes Bravo erklang im ganzen Saal.
+
+Aber die Konsulin, die sich ihr Urteil über die Äußerung vorbehielt,
+drohte lächelnd dem Professor und sagte, daß sie dieses Hoch nicht
+annehme, weil sie eine solche Huldigung mehr als zweifelhaft finde.
+
+Da trat die Nichte plötzlich mit dem erhobenen Champagnerglas und
+fieberheißen Wangen zu dem Professor.
+
+»Darf ich Ihnen für Ihre Rede danken?« sagte sie. »Als die Frau,
+die gar nicht ist, wie sie sein soll, die aber dem Manne dankt, der
+hervorhebt, daß sie doch angeht.«
+
+Lächelnd verbeugte sich der Professor vor ihr. Dann trank er ein
+besonderes Glas mit der Wirtin auf »die Frau, die ist, wie sie sein
+soll«.
+
+Dann folgte ein Tanz, während dem das dänische Fräulein wieder ruhig
+bei ihrem Tischherrn sitzen blieb und auf alle seine Bemerkungen immer
+einsilbigere Antworten gab.
+
+Während der nächsten Pause bat die Tante sie dringend, doch zu Bett zu
+gehen.
+
+»Du bist wirklich krank. Man merkt es an allem.«
+
+Aber sie erwiderte, daß sie bis zum Schluß aushalten wolle.
+
+Als die Musik den nächsten Tanz anstimmte, hatte sie große Angst, es
+könne sie jemand beobachten. Sie fühlte, daß sie ganz kalt im Gesicht
+wurde ...
+
+Lachend und plaudernd zogen die Paare in den Saal hinein, und die
+älteren Leute folgten langsam zur Tür, um dem Tanzen zuzusehen. -- Ihr
+Herz stand still --
+
+Er kam und bot ihr den Arm.
+
+Mit niedergeschlagenen Augen legte sie ihre weißen Fingerspitzen darauf.
+
+Und ohne ein Wort, wie auf vorhergehende Verabredung, führte er sie
+hinaus aus dem Saal, durch die leeren Zimmer nach der großen Veranda,
+die dem Fest zu Ehren geöffnet und in einen Wintergarten umgewandelt
+worden war, mit vielen blühenden Pflanzen, über die matte weiße Ampeln
+ein weiches Opallicht warfen.
+
+Indem er sie zu der Glastüre hinausführte, fühlte er, daß die Hand, die
+auf seinem Arm ruhte, eiskalt war und zitterte.
+
+Er legte seine Hand darüber. »Warum?« fragte er. »Fürchten Sie sich?«
+
+»Ja.« Dies klang tonlos wie ein kaum vernehmbares Flüstern. Und die
+bebenden Augenlider lagen tief auf den Augen.
+
+Er hielt an. »Sollen wir umkehren?«
+
+»Nein, nein, -- nein!«
+
+Er beugte sich tief herab und drückte seine Lippen auf die weiße
+zitternde Hand.
+
+Dann führte er sie hinaus -- in den Duft und Schatten der blühenden
+Gewächse .....
+
+ * * * * *
+
+Schlafen -- -- nein, von Schlaf war in dieser Nacht keine Rede.
+
+Sie warf sich nur hin und her, wie von einer Feuerwoge gewiegt ... die
+Feuerwoge, die um sie aufgelodert war, die sie mit Gewalt fortgerissen
+hatte und fortgetragen, weg von sich selbst, -- da draußen zwischen all
+den Blumen ....
+
+Die Blumen, die Blumen! Es waren so viele frisch erblühte, daran
+erinnerte sie sich nun. Die hatten sie angesehen wie mit Augen. Sie
+hätte gern alle die geöffneten Kelche geschlossen -- die Hände darüber
+gelegt --
+
+Sie durften nicht, -- durften nicht gesehen haben -- das, woran sie
+sich selbst nur mit geschlossenen Augen zu erinnern wagte, -- den
+Augenblick, den einzigen Augenblick, den sie wirklich gelebt hatte,
+seit sie geboren war, -- den Augenblick, wo sie sich in die Hände eines
+andern hingab.
+
+Ach, diese Hände, die sie umschlossen -- so siegessicher, so
+gebieterisch, und doch so bittend! Die Hände, die nahmen, und indem
+sie nahmen, ihr tausendfach wiedergaben, sie ohne Maß und grenzenlos
+bereicherten, sie mit dem unfaßlichen, unergründlichen Gefühl
+erfüllten, zu sein, zu sein ...... das, was man nie erreicht, ehe man
+einem andern gehört.
+
+Denn sich zu eigen gehören, das heißt sterben. Ja, weniger als sterben,
+es heißt ~gar nicht~ sein.
+
+Aber einem andern zu eigen werden, das heißt leben. Sie drückte beide
+Hände aufs Herz. Ja, nun schlug es ... wie jauchzend schnell, wie
+lebendig!
+
+So lange die Dunkelheit sie umfing, war das ganze schwindelnde Glück
+noch da.
+
+-- Aber als die Dämmerung sachte herbeischlich und sie mit kalten,
+nüchternen Augen anschaute, da richtete sie sich mit einem Ruck im
+Bette auf und fühlte, daß es unmöglich sein konnte. Nein, es konnte
+nicht sein!
+
+Der anbrechende Morgen, grau und eisig, ohne Farbe, ohne Schatten, ohne
+Glanz wie die Vernunft selbst, erinnerte sie immer an eine Hinrichtung.
+Und auf einmal war es ihr, als sei sie die Verurteilte.
+
+Denn diese Morgendämmerung, sie schlich sich auch zu ihm hinein. Sie
+weckte ihn aus der Verblendung des gestrigen Tages wie aus einem
+Fiebertraum. Er würde es unbarmherzig deutlich sehen, daß es das
+Undenkbarste, das Wahnsinnigste wäre, -- daß sie von allen die letzte
+sei, die er wählen sollte.
+
+Er würde das Todesurteil fällen, -- sie fühlte es -- und es bestätigen,
+wenn er beim Kaffee in die blaugrauen Augen der Schwester sah, die
+nüchtern waren wie die Morgendämmerung selbst, deren ruhiger Blick ihn
+hell wach machen mußte. Dann würde der Schwertstreich fallen -- es
+schauderte sie im Nacken -- und sie würde die Nachricht erhalten ...
+
+Sie stand auf und kleidete sich an -- stehend wollte sie den Schlag
+hinnehmen -- und jagte den Mädchen durch ihr plötzliches, unerwartetes
+Eintreten keinen kleinen Schrecken ein. Sie waren gewohnt, daß das
+dänische Fräulein von allen zuletzt aufstand.
+
+Der Kaffeetisch war bald gedeckt. Und zum ersten- und letztenmal trank
+sie mit dem Konsul zusammen, der zeitig wie immer auf sein Kontor
+wollte. Die Tante, die sonst eine Frühaufsteherin war, fühlte sich an
+diesem Tag übermüdet und glaubte, die Nichte ruhe auch noch.
+
+Das dänische Fräulein setzte sich ins Kabinett. In allen andern Zimmern
+ging man noch immer wie zwischen den Ruinen von Karthago, wie der
+Onkel vor sich hin brummte, als er sich eilig diesem Anblick entzog.
+
+Hier wartete sie auf den Brief, der kommen mußte -- und unwillkürlich
+begann sie, ihre Antwort zu formen.
+
+»Es ist wahr, daß ich weit entfernt bin, vollkommen zu sein. Wo wollen
+Sie übrigens den Menschen finden, der das ist? -- Aber ich liebe Sie,
+wie niemand, niemand sonst auf der Welt es kann -- --«
+
+Gegen elf Uhr klingelte es. Zum zwanzigstenmal stand ihr Herz still --
+und als sie seine Stimme hörte, verstand sie. Er wollte es ihr selbst
+sagen.
+
+Das Stubenmädchen öffnete ihm die Türe. Sie erhob sich und stand da --
+starr und weiß wie eine Bildsäule.
+
+Die Tür wurde geschlossen. Und in demselben Augenblick war sie der Erde
+entrückt und die Welt um sie versunken -- die Feuerwoge ergriff sie ...
+
+Das erste, was sie sagte, als es ihr möglich war zu Wort zu kommen, war:
+
+»Ich bin es nicht wert, ich bin es nicht wert.«
+
+»Die Unwürdigen sind es, die ich suche,« sagte er und wollte nicht
+aufhören, sie zu küssen.
+
+»Ja, aber nicht dazu, -- Halfdan -- du mußt mich anhören!«
+
+Er hielt sie plötzlich auf Armeslänge von sich. »Was hast du gesagt?«
+
+»Es wird mir nie gelingen, es dir zu sagen, wenn -- du mich so
+ansiehst.«
+
+Sie faltete die Hände um seine Schulter, legte ihren Kopf darauf und
+sagte: »Halfdan -- geliebter Halfdan --«
+
+»Nun muß ich dich sehen, -- ich muß wirklich.«
+
+»Nein -- nein, du mußt mich hören. Halfdan -- von dem Scheitel bis zu
+den Zehenspitzen, von den Augen bis auf den tiefsten Grund der Seele
+habe ich nichts, das annähernd gut genug für dich wäre.«
+
+Er strich ihr sanft übers Haar. »Ich meine, das könntest du mich
+entscheiden lassen.«
+
+Der dunkle Nacken wurde energisch geschüttelt. »Nein, denn du kannst es
+nicht so gut wissen, wie ich. -- Und du konntest mich auch zuerst nicht
+leiden.«
+
+»Nicht?« Er strich ihr wieder übers Haar. »Nein -- leiden vielleicht
+nicht.«
+
+»Und siehst du, Halfdan, du mußt dich nicht fürs ganze Leben gebunden
+halten, weil du gestern abend ein wenig -- verwirrt wurdest.«
+
+Er nahm ihren Kopf zwischen seine beiden Hände. »Was wurde ich?« fragte
+er.
+
+»-- oder überrumpelt von -- all dem, das doch keine Spur von Wert hat.«
+
+»Was wurde ich?«
+
+Sie brach in Tränen aus; die schreckliche Spannung, in der sie sich
+befand, mußte sich Luft schaffen. Und sie konnte seinen scherzhaft
+glücklichen Ton nicht ertragen.
+
+Er ließ sich auf ein Knie nieder und zog sie in seine Arme, er konnte
+sie nicht weinen sehen und wollte wissen, was er gesagt habe, das ihr
+weh habe tun können. Sie schmiegte ihr tränenfeuchtes Gesicht an das
+seinige.
+
+»Was hast du mir vorhin sagen wollen, Geliebte -- Geliebte?« fragte er.
+
+»Daß -- wenn du es bereuen solltest, Halfdan -- wenn du vor dir selbst
+einräumen müßtest, daß du eine bessere Wahl hättest treffen sollen, --
+daß dann niemand« -- sie schmiegte ihre Wange fester an die seinige --
+»hörst du, niemand dir mehr recht darin gäbe als ich -- niemand, der
+dich doch besser verstehen könnte, wenn du nun -- es ungeschehen machen
+würdest.«
+
+»Dann müßte etwas anderes zuerst ungeschehen gemacht werden, das, daß
+du existierst.«
+
+Er stand auf und hob sie mit sich in die Höhe.
+
+»Du bist die, die ich liebe,« sagte er und schlang seine Arme innig um
+ihren Hals. »Das war keine andere, das kann keine andere je werden. Du
+bist mir als Gattin zugeführt worden, das glaube ich. Und das, was mir
+gehört, gebe ich nicht frei. Denn es gehört zu meinem eigenen Leben, zu
+meiner eigenen Persönlichkeit.«
+
+Er neigte seine Lippen zu den ihrigen.
+
+»Fleisch von meinem Fleisch, Seele von meiner Seele, trotz allem, was
+anders aussehen könnte, -- ich liebe dich.«
+
+ * * * * *
+
+Die Frau Konsul war fast verzweifelt, als sie die Verlobung hörte, und
+machte durchaus kein Hehl aus ihren Gefühlen.
+
+»Es ist der reinste Wahnsinn,« sagte sie zu der Nichte. »So wenig haben
+noch nie zwei Menschen zusammengepaßt.«
+
+»Aber wir lieben einander, wie sich noch nie zwei Menschen geliebt
+haben.«
+
+»Ja, das kennt man. Sich so lieben, können alle Männer und Frauen mit
+nur ein wenig gutem Willen und Gelegenheit. Das ist nichts, um darauf
+zu bauen. Nein, ob man zusammenpaßt, das entscheidet das Glück in der
+Ehe.«
+
+Die Nichte schlang den Arm um die Tante. »Die Lieb ist lauter Freude!«
+sang sie. »Glaubst du das nicht?«
+
+»Ich glaube, daß ihr einander unglücklich machen werdet. Das glaube
+ich. Für dich passen nicht die engen und düsteren Falten, in die er nun
+einmal sein Leben gelegt hat. Du mit deinen künstlerischen Interessen,
+deinem lebenslustigen Sinn, deinen verfeinerten Gewohnheiten, du
+solltest einen Mann der Wissenschaft oder einen Künstler heiraten, der
+ein großes Haus machen und geistreiche Leute um sich versammeln würde.
+Und es ist auch um Halfdan schade. Du bist durchaus nicht die Frau, die
+er haben sollte.«
+
+»Er hat mich aber doch gewählt.«
+
+»Ja -- er hat sich in dich verliebt. Das wundert mich nicht.
+Ursprünglich ist er eine etwas leidenschaftliche Natur. Und er hat sich
+so eingeschnürt, daß es an irgend einem Punkt brechen mußte. Im ganzen
+genommen sind die Männer ja -- zuzeiten -- viel heißblütiger, von ihren
+Leidenschaften viel mehr beherrscht, als wir Frauen. Dann sind sie
+keinen Vernunftgründen zugänglich. -- Aber zu anderen Zeiten sind sie
+wieder viel nüchterner und überlegter, als wir begreifen, und in einem
+solchen Augenblick kannst du es ja versuchen, ihn zu fragen, ob du
+seinem eigenen Ideal von einer Pfarrfrau entsprichst. Dazu bist du ja
+nicht einmal christlich genug.«
+
+»Ich habe ihn gefragt, und er hat geantwortet -- nach reiflicher
+Überlegung. Nie möchte ich ihn durch das binden, was du die
+leidenschaftlichen Momente nennst. Es gibt nicht viel Gleichartiges
+in uns, das ist wahr. Aber deshalb kann doch Einigkeit zwischen uns
+sein. Sie kommt nicht daher, daß man sich gleicht, sondern daß man sich
+ergänzt.«
+
+Im ganzen Familien- und Freundeskreis wurde die Neuigkeit mit Anklängen
+an die Aussprüche der Tante aufgenommen.
+
+»+Vox populi+,« sagte der Pfarrer, »darin können wir uns nicht
+täuschen. Es ist nur gut, daß sie nicht immer mit +vox dei+
+zusammenfällt.«
+
+Sie lachte, aber nicht ganz so freudig wie er. Denn es war eine
+Unsicherheit über ihr, und diese ließ sich nicht weglachen.
+
+Was die Nächste, seine Schwester, gesagt hatte, erfuhr niemand. Zu
+allen andern sagte sie nur: »Ich habe seit Jahren gewünscht, daß
+Halfdan sich verheirate.«
+
+Und wenn man weiter fragte, ob auch die Schwägerin nach ihrem Wunsch
+sei, antwortete sie: »Ich verlasse mich auf die Wahl meines Bruders, in
+diesem wie in allem andern.«
+
+»Alette hat es recht nett aufgenommen,« sagte die Konsulin. »Und sie
+wird sich auch wohl taktvoll und korrekt aufführen, solange es dauert.
+Denn das soll mir doch niemand weismachen wollen, daß die Verlobung
+nicht wieder rückgängig werde.«
+
+
+ * * * * *
+
+Das Herz klopfte der jungen Braut heftig, als sie zum erstenmal zu
+Alette ging.
+
+Das waren nun die Zimmer, wo ihre sehnsüchtigen Gedanken so oft in alle
+Winkel geschlüpft waren, die Zimmer, in denen sein tägliches Leben sich
+abspielte, das Leben, von dem es ihr vorkam, daß sie gern ihr Herzblut
+hingeben würde, um an dessen kleinsten, unbedeutendsten Vorkommnissen
+teilnehmen zu dürfen.
+
+Zum erstenmal an seinem Schreibtisch stehen, neben dem Stuhl, den er zu
+benützen pflegte, -- durchs Eßzimmer gehen, wo er bei Tisch saß -- sie
+war so überwältigt davon, daß sie zuerst gar nichts sagen konnte.
+
+Die Schwester war bleich, trat ihr aber mit ausgestreckten Händen
+entgegen.
+
+»Ich wünsche Ihnen Glück,« sagte sie, indem sie die Braut ernst ansah.
+
+Diese versuchte zu lächeln. »Ich weiß, daß Sie mich nicht lieb haben,«
+sagte sie.
+
+»Dazu kenne ich Sie noch zu wenig,« erwiderte Alette ruhig, während sie
+einen Stuhl für die Schwägerin heranzog und sich selbst auch setzte.
+
+Da geschah etwas, was wahrscheinlich alle beide in gleichem Grad
+überraschte. Die Schwägerin lag plötzlich vor Alettes Stuhl auf den
+Knien, den Kopf in deren Schoß.
+
+»Ich bin bei weitem -- bei weitem nicht gut genug für ihn, ich weiß es,
+ich fühle es.«
+
+Alette strich ihr leicht und nicht unsanft übers Haar. »Wir können alle
+wachsen,« sagte sie. »Mit Gottes Hilfe! Je mehr wir unsere Mängel
+fühlen, desto mehr sehnen wir uns nach dieser Hilfe, nicht wahr?«
+
+»Ja, ja.« Aber dieser Ausbruch, der nicht mit der Wärme aufgenommen
+wurde, die ihm entsprach, machte die Begegnung noch gezwungener als
+vorher.
+
+Sie war in seinem Zimmer, -- er war ausgegangen. Sie sehnte sich, alles
+zu berühren, wagte es aber nicht recht. Sie bat, alle Bilder von ihm,
+von seiner frühesten Jugend an, sehen zu dürfen, wagte es dann aber
+nicht, sich so darein zu vertiefen, wie sie es wünschte. Zwei Bilder
+von ihm erhielt sie, eins als Kind und eins aus späteren Jahren.
+
+»Dies hier kann ich Ihnen nicht geben,« sagte Alette, als die Braut
+ihre Blicke von einem nicht abwenden konnte, auf dem die Augen
+hinreißend waren in ihrem Suchen nach -- nach dem Einzigen. »Es wurde
+für mich allein aufgenommen. Gleich nach dem Umschlag. Er sagte, daß
+nur ich allein dieses Bild verstehen könne, ich, die dabei war -- im
+Kampf.«
+
+»Waren es schwere Zeiten?« Sie fragte erregt, mit eifersüchtigem
+Interesse für eine Zeit seines Lebens, wo sie außerhalb stand.
+
+»Es ist immer schwer, wenn die Wahrheit in einem Menschen siegen soll.
+Sie muß erkauft werden, wissen Sie.«
+
+Alette stockte, als ob sie denke, die andere könne das ja doch nicht
+verstehen.
+
+Das Schweigen wurde so drückend, daß ihm ein Ende gemacht werden mußte.
+
+»Es gibt so vieles, was ich von Ihnen hören, von Ihnen lernen möchte,«
+sagte die Schwägerin und ergriff Alettes Hand. »Darf ich ab und zu
+kommen und Sie fragen?«
+
+»Jawohl, -- so oft Sie wollen.« Aber es lag keine Begeisterung in dem
+Ton, und es konnte ja auch keine da sein.
+
+Als das dänische Fräulein heimkam, lag ein Brief von Erik da. Wenn nur
+wenigstens Erik zufrieden war! Aber das konnte man ja nicht erwarten.
+Nein, er war wütend.
+
+»Du hättest nichts Schlimmeres tun können, als mir einen der
+geistlichen Nachtraben als Schwager auf den Hals zu hetzen. Du bist
+hunderttausendmal zu gut für so einen.«
+
+Na, Erik verstand es ja gut. Mit einem Seufzer legte sie den Brief weg.
+Um keinen Preis durfte Halfdan ihn zu Gesicht bekommen. Aber es wäre
+vielleicht ganz angenehm, wenn Alette ihn lesen würde.
+
+Wie eine Oase in der Wüste war allein der Glückwunsch des Konsuls
+gewesen. Er hatte sie auf die Stirne geküßt und gesagt: »Gott segne
+dich, mein Kind! Du bekommst einen guten Mann -- einen guten Mann.
+Werde ihm nun auch eine gute Frau.«
+
+Eine gute Frau! Das klang so gleichgültig, so einfach. -- Eigentlich
+sehr wenig begehrenswert, würde sie früher gefunden haben -- und doch
+so schwindelnd hoch über ihr, kam es ihr nun vor.
+
+Und sie konnte sich nicht ganz darüber beruhigen, ob ihm das nicht auch
+selbst klar würde, ob er nicht zu der Einsicht käme, daß die andern
+recht hätten? Nein, nicht die andern an und für sich, aber zu der
+Einsicht, daß +vox populi+ doch hier +vox dei+ sei?
+
+Ach, die Angst jener ersten Nacht, die von Zeit zu Zeit wiederkehrte,
+besonders am Sonntag!
+
+»Es muß herrlich für Sie sein, wenn Sie ihn jetzt predigen hören,«
+sagten die Leute zu ihr.
+
+Herrlich -- ja. Wer konnte wie sie dem hinreißenden Flug seiner Worte
+folgen? Und doch saß sie in seiner Kirche in Todesangst und mit
+Zittern vor dem, was kommen würde. So oft er vor dem Altar stand, wenn
+sie seinen Kopf zurückgebeugt sah und wußte, mit welchem Blick die
+Augen aufgehoben waren -- da war die Angst am größten.
+
+Nun verstand sie, was der Stich im Herzen gleich beim erstenmal gewesen
+war: Schmerz, wirklicher, eifersüchtiger Schmerz über die Macht, die
+die stärkste in seinem Leben war. Es war ihr immer, als wolle diese
+Macht ihn verlangen, allein und ungeteilt. Das flammende Wort aus dem
+Alten Testament: »Ich bin ein eifriger Gott« traf sie wie ein Stachel.
+Es war ihr, als würde sich Halfdan am Altar umwenden und sie verwerfen
+...
+
+Ja, es war ihr, als ob Alette darauf warte, vielleicht darum bete --
+bei jedem Kirchgang.
+
+Und viel sicherer war sie eigentlich auch nicht, so oft sie ihn mit
+andern zusammen sah. Da war er in seinem Wesen beinahe gerade wie
+früher gegen sie, zurückhaltend und manchmal mißbilligend. Es fiel ihm
+nie ein, ihr auch nur die Hand zu küssen, wenn es jemand sah. Nun, das
+war ja begreiflich, natürlich. Aber er sah sie auch kaum an. Besonders
+nicht, wenn Alette anwesend war.
+
+Auch war sie bei weitem nicht so mit den Ereignissen seines Lebens
+verwachsen wie die Schwester. Es war ja begreiflich, daß er fand, es
+sei zu umständlich, ihr all die Leute aufzuzählen, die getauft oder
+getraut oder begraben werden sollten; auch daß er nicht jedesmal kommen
+und sie abholen konnte, so oft er zu einem Kranken mußte, obwohl sie
+ihn darum gebeten hatte.
+
+Aber dadurch hatte die Schwester immer viel mehr Gemeinsames mit ihm.
+Und das Gefühl, außerhalb zu stehen, war ihr sehr peinlich.
+
+Dann gab es noch etwas, was sie beunruhigte, und zwar beinahe am
+meisten von allem. Sie bemerkte nämlich nicht den geringsten Versuch
+von seiner Seite, sie zu ändern, sie zu bekehren.
+
+Wenn er sie sich wirklich als seine Lebensgefährtin, als seine
+Pfarrfrau dachte, würde er dann nicht ganz unwillkürlich und sobald
+als möglich versuchen, auf sie einzuwirken, damit sie mit ihm eins
+werde in seiner Lebensanschauung? -- Und wenn er das unterließ, war es
+nicht darum, weil sich bei ihm selbst ein unbewußter Zweifel an der
+Dauerhaftigkeit des Verhältnisses fand?
+
+Doch gab es auch Stunden, wo alle Angst und Unsicherheit verschwanden,
+wie krankhafte Träume vor dem lichten Tag, -- die Stunden, wo die
+Feuerwoge sie erfaßte, wo seine Arme, um sie geschlungen, sie in
+die einzige Welt einschlossen, die es für sie gab, -- eine weitere,
+größere, unendlichere, je näher, je inniger er sie an sein Herz zog. Da
+lebte sie, da atmete sie. Aber sie mußte wieder hinaus, -- hinaus, wo
+die kalte Angst saß und auf sie lauerte.
+
+»Halfdan,« sagte sie eines Vormittags, »da ist etwas, das du mir so
+schnell wie möglich sagen mußt. Wie möchtest du mich haben? Ich kann
+doch noch bei weitem nicht nach deinem Geschmack sein?«
+
+Sie drückte die gefalteten Hände auf sein Herz.
+
+»Das Weib, so wie es deiner Ansicht nach sein soll, will ich werden.
+Sag mir, wie du mich haben möchtest!«
+
+Er faßte sie unter das Kinn.
+
+»Meinst du, das gehe so: ›Er sprach -- und es geschah.‹«
+
+»Versuche es. Soll ich mein Haar glatt scheiteln? Ich sehe dann
+gräßlich aus. Soll ich meine Nägel ganz kurz abschneiden? Soll ich mich
+anders kleiden?«
+
+Er begann, ihr das Haar glatt zu streichen. »Laß mich einmal sehen,«
+sagte er.
+
+Sie verbarg ihr Gesicht. »Nein, nein!« rief sie. »Du gibst mich in
+demselben Augenblick auf!«
+
+»Möchtest du das vielleicht erreichen?«
+
+»Ich möchte erreichen, daß ich die vollkommenste Gattin würde, die du
+finden kannst.«
+
+Er schüttelte den Kopf. »Meinst du, das werde auf diese Weise erreicht?
+-- Die Verwandlung eines Menschen! Die innerlichste, die freieste
+Sache, die es gibt! Von außen her -- und auf Kommando?«
+
+»Jedenfalls glaubte ich, man müsse einem Menschen das Christentum bis
+an den Fingerspitzen anmerken können. Das hast du selbst einmal gesagt.«
+
+»Ja, gewiß, gewiß! Aber es soll jedenfalls nicht da beginnen. -- All
+die äußeren Dinge, die du nennst, -- ob sie von dem neuen Leben wie
+verwelkte Blätter abgestreift werden, oder ob die braunen Blätter
+hängen bleiben hinter all den frischen Trieben, wie an den jungen
+Buchen in deinen Wäldern, -- das ist so unbeschreiblich gleichgültig.«
+
+»Aber wenn die äußeren Dinge ein Hindernis für das neue Leben sind,
+und das können sie so leicht sein, dann muß man doch anfangen, sie
+abzustreifen.«
+
+»Ja natürlich. Alles, was im Menschen für den Durchbruch des Lebens ein
+Hindernis ist, alles, was das Wachstum hemmt, und wäre es selbst die
+eigene Hand, das soll ja abgehauen werden, -- wären es auch ›Äcker oder
+Gewerbe‹, wäre es -- --«
+
+Da trat die Tante ein, und er erhob sich, um zu gehen.
+
+Im Flur küßte er plötzlich ihr Haar. »Ich bitte um Gnade für die
+Locken,« sagte er. »Laß sie so, wie sie sind.«
+
+Ach, die Locken! -- Wenn sonst nichts da gewesen wäre, worin Gefahr
+lag! -- ›Äcker und Gewerbe‹ ... Ja, das aufzugeben, was man nicht
+hatte, darauf konnte man leicht eingehen. Aber -- das dritte, das er
+nicht genannt hatte ... Das Hindernis, das in sein Leben einzuverleiben
+ihm so viel Bedenken gemacht hatte, würde es nicht eines Tages -- in
+ihrer Gestalt -- ihn so bedenklich machen, daß --
+
+Und wenn es die eigene Hand wäre, so müßte sie ja abgehauen werden ...
+
+ * * * * *
+
+Seither waren mehrere Wochen vergangen. Das frohe Weihnachtsfest war
+vorüber, und man hatte schon beinahe den langen Januar hinter sich.
+
+Das dänische Fräulein ging überall hin, wo ihr Verlobter sprach, und
+auch zu allen Versammlungen, denen er nur anwohnte. Sonst aber ging sie
+zu keinen großen Festlichkeiten mehr und auch nicht mehr ins Theater,
+überhaupt nur dahin, wo er auch dabei sein konnte, obgleich er sie
+nicht mit einem Wort in dieser Richtung beeinflußt hatte.
+
+Sie ging auch sehr einfach gekleidet, und in einigen der
+Vormittagsstunden, wo sie sonst gemalt oder Klavier gespielt hatte,
+strickte sie nun grobe, graue Strümpfe für arme Kinder. Und es war
+ihr, als liebe sie alle die kleinen kalten, nicht immer ganz reinen
+Beinchen, die hineingesteckt werden sollten ...
+
+Sie war auch alle Tage draußen in der Küche bei Trine -- mit glühenden
+Wangen und in einer großen Kattunschürze. Denn eines war sicher, ein
+gutes Essen sollte Halfdan bekommen, wenn er mit ihr verheiratet war;
+so gut, wie er nie gedacht hätte, daß die täglichen Speisen schmecken
+könnten, und daß er dadurch Lust bekäme, noch einmal so viel zu essen
+als jetzt, oder, daß er zum wenigsten von dem, was er verzehrte, so gut
+wie möglich ernährt würde.
+
+»Mach es nur nicht gar zu schlimm,« sagte die Tante. »Ich meine, du
+übertreibest es. ›Lieb mich wenig, lieb mich lange,‹ das ist mein
+Wahlspruch. Man soll niemals verschwenderisch sein, weder mit seinem
+Eifer noch mit seinen Gefühlen, sonst kommt auf einmal ein Rückschlag.«
+
+»Liebe, kluge Tante, das Weltmeer braucht nicht am Wasser zu sparen.«
+
+»Ja, die großen Worte -- an sie glaube ich nicht so recht. Da ziehe ich
+den goldenen Mittelweg vor -- auch hier.«
+
+»Den goldenen Mittelweg? -- Der ist in der Regel das vergoldete Elend.«
+
+»Wer sagt das?«
+
+»Halfdan.«
+
+»Ach, er sagt so viel. Wolltest du dich nach allem richten, was er
+sagt, dann -- dann hättest du ihn ja nicht einmal nehmen können. Denn
+mehr als irgend ein anderer hat er gegen die Schwachheit der Pfarrer,
+in den Ehestand zu treten, gesprochen.«
+
+»Wenn Halfdan es dennoch tut, dann kommt es daher, daß er jetzt
+klarer in diesem Punkt sieht. Er handelt immer aus seiner innersten
+Überzeugung heraus, und nur aus dieser.«
+
+»Ja, meinethalb mag er gerne! Du mußt es ja am besten wissen! Ich
+glaube aber doch, daß es sich auch etwas anders erklären ließe. Wir
+haben einen guten Liedervers, in dem heißt es:
+
+ Auch die großen Heil'gen haben
+ Adams Fleisch und Kleider an!«
+
+Bei diesen Worten der Tante stieg plötzlich ein Gedanke in ihr auf:
+Sollte Halfdan in dem Urteil anderer verloren haben? Sollte er in deren
+Würdigung auf eine niederere Stufe herunter gesunken sein, weil er sich
+an sie gebunden hatte?
+
+Ach das Urteil der Welt! Wie feig, wie falsch! Hatte nicht jedermann
+gesagt, daß er zu streng gegen sich selbst sei, ganz unvernünftig
+asketisch? Und in demselben Augenblick, wo er ein klein wenig mehr
+nach ihren Anschauungen handelte, wandten sie sich gegen ihn und
+deuteten dafür mit Fingern auf ihn. Nein -- sie war empört!
+
+Aber mochte es so sein! Wie andere ihr und Halfdans Verhältnis
+beurteilten, war ihr unsäglich gleichgültig. Er nur war es, er allein,
+der über dieses und über sie zu urteilen hatte. So klar, so klar wie
+möglich!
+
+»Halfdan!« sagte sie bei einem der wenigen Male, wo er Zeit hatte,
+mit ihr spazieren zu gehen, an einem schönen Wintertag, wo von weißen
+Bäumen auf dem St. Hanshügel Schneesterne auf ihr Haar und ihre kleine
+dunkle Pelzmütze herunterrieselten. »Du fragst mich so wenig nach mir
+selbst aus. Du solltest mich doch ganz kennen lernen!«
+
+»Um die Kenntnis von einem andern, die man durch Ausfragen bekommt,
+gebe ich nicht viel. Ich wende eine andere Art und Weise an.«
+
+»Wenn sie dann nur ebenso sicher ist! Ich möchte gern, daß du dir ganz
+klar wärest --«
+
+»Wie viel Gutes sich hinter dem -- häßlichen Äußern verbirgt?«
+
+»Nein, gerade das Gegenteil.«
+
+»Immer kommst du mit deinen Fehlern! Wie wäre es, wenn wir zur
+Abwechslung nun einmal die meinigen vornehmen würden? Ich bin hitzig,
+jähzornig, ungeduldig, herrschsüchtig --«
+
+Sie lachte und drückte seinen Arm fester.
+
+»Ach du abscheulicher Mann! Wie schlimm werde ich es bei dir bekommen!
+Deine Fehler, Halfdan! Nein, daß du so dumm sein kannst und sie
+aufzählen! Glaubst du denn, ich hätte an meine Fehler gedacht! Du und
+ich, -- könnten wir uns wohl je unsere Fehler vorwerfen? Wir können ja
+gleichsam durch sie hindurchsehen! Und wir haben doch auch den großen
+Mantel, weißt du, um sie alle zu bedecken. Nicht wahr?«
+
+Er legte seine Hand auf die ihrige, die auf seinem Arm lag -- mit der
+Bewegung, die sie von jenem Abend her so gut kannte.
+
+»Geliebte,« sagte er. »Mein Herzlieb!«
+
+Kurz nachher fuhr sie fort: »Nein, was ich sagen wollte, war, daß ja --
+ein so großer Unterschied zwischen uns beiden sei. Denn du, Halfdan, du
+bist -- ja du stehst in einem Verhältnis zu Gott. Von ihm aus lebst du
+dein ganzes Leben. Du hast dich hingegeben bis auf den Grund der Seele,
+bis in die Fingerspitzen, -- einem hingegeben, der für dich in allen
+Dingen ~will~, weil du selbst aus eigenem freiem Willen nur eines
+~willst~, ihn, nur ihn in alle Ewigkeit.«
+
+Er blieb unter den schlanken weißen Bäumen stehen.
+
+»Ja,« sagte er, »so ist es -- woher weißt du das?«
+
+»Von meinem Verhältnis zu dir. Aus ihm heraus kann ich das Verhältnis
+zu Gott wohl verstehen. Und besonders verstehen, daß ~ich~
+gar nicht darin stehe. Ich bete wohl, -- das habe ich von Kind auf
+getan! -- ich gehe in die Kirche, jetzt könnte ich es gar nicht mehr
+entbehren, dich zu hören, und ich zweifle eigentlich nicht. Ich meine,
+ich lasse mich nicht auf meine eigenen Zweifel ein. Was mein Verstand
+einwendet, mit dem kann ich leicht fertig werden. Denn an einen
+Gott glauben, gegen den er nicht ein klein wenig etwas einzuwenden
+hätte, das könnte ich doch nicht so recht. Er würde so verdächtig
+selbstgeschaffen. -- Aber all dies ist einfach nichts, das weißt du
+selbst. Ich -- ich ~bete~ nicht ~an~, ich stehe nur in einem
+einzigen lebendigen Verhältnis, mit meiner ganzen Persönlichkeit, und
+ich will nur eins, dich, dich und nur dich!«
+
+Wieder blieb er stehen. »Ich fühle mich beinahe versucht, zu sagen: du
+bist verzweifelt ehrlich.«
+
+»Was meinst du damit?«
+
+»Nichts.«
+
+Sie gingen ein paar Schritte weiter; dann sagte er: »Das muß ich
+doch sagen. Sich klar machen, daß man außerhalb steht, ist die erste
+notwendige Bedingung, um hineinzukommen. Dieser Standpunkt ist also
+nicht der schlimmste.«
+
+»Aber auch lange nicht der beste.«
+
+»Nein -- selbstverständlich nicht --«
+
+Im Flur hielt sie ihn einen Augenblick zurück, ehe sie ins Zimmer
+traten.
+
+»Du hast noch etwas vor mir voraus. Aber das muß ich flüstern; es ist
+leichtsinnig.«
+
+»Kann ich's ertragen, es zu hören?«
+
+»Ich weiß nicht recht, wir können es ja versuchen.«
+
+Sie legte ihre Lippen dicht an sein Ohr:
+
+»Halfdan Svarte ist so schön --«
+
+»Ja, das ist sicher. Darin ist er dem dänischen Fräulein weit über.«
+
+»-- so schön wie ein römischer Kaiser.«
+
+»Das hat man ihm noch nie gesagt.«
+
+»Nein, natürlich nicht! Aber etwas hast du vielleicht noch nie gehört,
+nämlich wie die römischen Kaiser sich nennen ließen: »+Aeternitas
+tua+.« Kannst du so viel lateinisch, daß du verstehst, was es heißt?
+Und so nenne ich meinen eigenen wunderschönen Kaiser von ganzem Herzen:
++Aeternitas tua!+ Er ist der Bleibende, der Seiende, der Einzige
+für mich -- Und ich bin sein -- in Zeit und Ewigkeit.«
+
+-- Eine Woche später waren der Pfarrer und seine Schwester in kleinem
+Freundeskreis bei Konsuls zu Mittag. Die gnädige Frau hatte ein feines
+Diner bestellt zu Ehren eines durchreisenden dänischen Pfarrers, eines
+Jugendfreundes von ihr, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.
+
+Gegen ihre Gewohnheit war die Nichte zeitig fertig und saß in ihrem
+weißen Gewand mit einem Buch in der Hand da, als Halfdan eintrat.
+
+»Ich dachte an die Sonne,« sagte sie, »und nun scheint sie. Halfdan,
+warum dichtest du nicht mehr? Ich liebe deine Verse!«
+
+»Sagst du nicht einmal guten Tag?«
+
+Sie sprang auf. »Ich grüße dich, mein Liebster! Guten Morgen! -- Nun,
+warum dichtest du nicht mehr? Hast du keine Zeit dazu?«
+
+»Doch. Aber die Persönlichkeit kann man nur in ~einem~ haben.«
+
+»Aber andere Pfarrer tun es doch auch!«
+
+»Mag wohl sein. Ich aber muß mich auf eines konzentrieren, mich nicht
+zerstreuen, nicht etwas Unwirkliches hineinmischen. Meine Predigt soll
+keine Dichtung sein. Davon haben wir genug in der Kirche, auch von
+denen, die keine Dichter sind!«
+
+»Wenn du das Dichten aufgegeben hast, als du dich bekehrtest, dann ist
+dich dein Christentum wirklich teuer gekommen.«
+
+»Ja, -- das Christentum, das einen nichts kostet, ist in der Regel eben
+so viel wert, wie -- der Einsatz.«
+
+»Aber, Halfdan, es kommt mir vor, als habest du nicht einmal das Recht
+dazu; ein Talent hat man bekommen, um es zu benützen.«
+
+»Bisweilen auch, um es zu hemmen. Wenn es nämlich das hemmt, was mehr
+wert ist.«
+
+»Nein, dann wäre es sinnlos, daß man es bekommen hätte. Es soll doch
+Zinsen tragen, das weiß ich.«
+
+»Wenn ein Talent, von einer Überzeugung gehemmt, den ethischen Wert
+eines Menschen erhöhte, dann hätte es sich verzinst, am reichsten, am
+tiefsten. Die beste Frucht ist immer ~Persönlichkeit~.«
+
+»Halfdan, nun bist du zum Verzweifeln! Soll man denn allen seinen
+Talenten und Neigungen entgegentreten? Das ist schließlich nicht
+auszuhalten.«
+
+»Wie kannst du so töricht fragen? Mit oder gegen seine Neigung, das ist
+ganz gleichgültig; aber der Forderung, der persönlichen Forderung der
+Wahrheit an jeden Menschen, der muß gehorcht werden, was es auch kosten
+mag. Deshalb dichte ich jetzt nicht mehr. Aber ich tue es vielleicht
+später wieder. In solchen Dingen kann niemand einem raten oder einen
+beurteilen. Nicht einmal das dänische Fräulein, das so sehr klug ist.«
+
+Allmählich kamen auch die anderen Gäste, und man ging zu Tisch.
+
+Während der Mahlzeit herrschte eine sehr lebhafte und fröhliche
+Stimmung.
+
+Als die Herren nach dem Essen eine Zigarre rauchten, verließ die Nichte
+die andern Damen und zog sich ins Kabinett zurück, das doch etwas näher
+beim Rauchzimmer war.
+
+Während sie da saß, ergriff sie ein ganz überwältigendes Gefühl.
+Lieber Gott im Himmel! Wie liebte sie Halfdan, der so stark war, so
+unerschütterlich treu seiner Überzeugung, so schonungslos auf der
+Wacht vor allen Schlupfwinkeln in seiner Seele, wo sich eine irdische
+Schwachheit festsetzen und ihn in ihre Fäden einspinnen könnte!
+
+So ganz überwältigend stieg dies Gefühl in ihr auf, daß sie den Kopf
+auf die Marmorplatte vor sich sinken ließ ...
+
+Dann war auf einmal jemand da, der seine heißen Lippen auf ihren Nacken
+drückte.
+
+»Ich mußte dich einen Augenblick haben. Ich mußte! Und mir war es, als
+seiest du hier.«
+
+Er saß neben ihr und legte den Arm um sie.
+
+»Halfdan, es ist nicht zu ertragen, daß es Tage, Stunden -- Sekunden
+geben soll, wo ich dich nicht sehe, dich nicht höre, nicht mit dir lebe
+...«
+
+»Ich glaube auch, daß ich dich jetzt nicht mehr loslasse.«
+
+»Nein, -- könntest du das? Du könntest es nicht über dich gewinnen. Die
+Welt geht jedesmal unter. Denk ein wenig daran!«
+
+Näher, inniger zog er sie an sich.
+
+»Ist die Welt jetzt?«
+
+»Ja -- o ja! Das Leben ist. Und ich bin!«
+
+»Ja du bist -- du bist! Das ist das Lebenswunder. Weißt du übrigens --
+ich kann es beinahe nicht aushalten, dich in Weiß zu sehen!«
+
+»Und ich hatte gerade gedacht, ich sei so hübsch in Weiß.«
+
+»Das ist es nicht. Eher -- eher zu hübsch! Aber wenn ich dich in diesem
+Gewand sehe, dann ist es mir, als sei der Augenblick gekommen, wo du
+das weiße Brautkleid trägst und wo du mein bist, mein ganz und gar.«
+
+»Das bin ich in allen meinen Kleidern.«
+
+»Ja. Aber -- --«
+
+»Halfdan, verstehst du denn nicht, daß -- daß ich nicht noch mehr dein
+eigen werden kann, als ich es schon bin? Das ist unmöglich.«
+
+»Kannst du es wirklich nicht?«
+
+»Nein, bist du denn nicht so klug, daß du ein klein wenig davon
+verstehst, wie ich dich liebe? -- Nein, die Männer begreifen ja nie
+etwas. Nun werde ich es dir ein für allemal sagen, aber es ist ein
+großes Geheimnis: Ich bin -- ich bin nur Liebe zu dir. Verstehst du
+nun, daß ich nicht noch mehr werden kann? Das ist mehr als Braut, ist
+mehr als Gattin. Sie sagen oft so jämmerlich wenig, diese Namen. Aber,
+wenn du immer noch mehr ausfindig machen kannst -- und ich also noch
+mehr als -- als meine Liebe geben kann, -- und ~dir~ geben kann,
+dann machst du mich nur noch glücklicher und immer glücklicher. So,
+dies sollst du nun studieren, Tag und Nacht, dein ganzes Leben lang,
+hörst du?«
+
+»Ach, du dänisches Fräulein!«
+
+»Und, Halfdan -- ach, ich habe dir noch mehr zu sagen!«
+
+»Nein, nein -- nein! Jetzt nicht sprechen! Nur zusammen schweigen.
+Zusammen sein, die kurzen, kurzen Augenblicke, die wir haben. Steht
+nicht irgendwo: ›Er schloß ihr die Augen, er schloß ihr den Mund!‹
+Nun schließe ich, nun schließe ich deinen Mund, den süßen, unruhigen
+reizenden Mund. Dann siehst du nicht, dann sprichst du nicht, -- bist
+nur bei mir, du, mein Lieb, mein Herz!«
+
+Vom Herrenzimmer her näherten sich Schritte.
+
+Sie standen beide auf. »Daß andere auch noch das Recht haben, da zu
+sein!« sagte sie.
+
+Er lachte und küßte ihr die Hände.
+
+Als die beiden mit den andern in den Salon traten, fragte die Konsulin
+eben nach einem Missionar in Indien, dessen Frau Alettes Freundin war.
+
+»Ich glaube,« antwortete diese, »daß er sich von dort wegmeldet.«
+
+»Wirklich! Und es hieß doch, daß seine Predigt so viele gewonnen habe.«
+
+»Aber Laura kann das Klima nicht ertragen.«
+
+»Ach so -- ja dann ...«
+
+»Ihre Gesundheit ist vom Fieber vollständig untergraben. Sie kann also
+dort nicht weiterleben.«
+
+»Was kann sie nicht?« rief plötzlich die Nichte leidenschaftlich.
+
+»In dem Klima dort leben, du hörst es ja, Kind.«
+
+»Dann muß sie eben dort sterben.«
+
+Der dänische Pfarrer nickte seinem norwegischen Amtsbruder lächelnd zu.
+»Sie bekommen eine Gattin, die kein Hindernis für Sie sein wird. Das
+merkt man.«
+
+»Nein,« lautete die Antwort ruhig. »Sonst könnte ich sie auch nicht
+gebrauchen.«
+
+Sie sah ihn strahlend an. Aber er erwiderte ihren Blick nicht.
+
+»Es ist sehr keck von dir, so etwas zu sagen,« sagte die Tante
+mißbilligend. »Der Mann hat doch nicht gelobt, seine Frau umzubringen.
+Deshalb denken wir andern, er tue seine Pflicht, wenn er mit ihr
+zurückkehrt.«
+
+»Mag er es tun! Aber dann soll er allein wieder hinaus und Mission
+treiben.«
+
+»Was würde dann aus dem Familienleben?«
+
+»Das muß er opfern, natürlich, wenn es mit seinem Beruf in Streit
+gerät.«
+
+»Nein, entschuldigen Sie,« fiel nun der dänische Pfarrer ein, »ich
+stelle mich da wirklich auf die Seite Ihrer Tante. Der Mann hat vor dem
+Altar gelobt, bei seiner Frau zu stehen in guten und bösen Tagen. Ich
+glaube kaum, daß es vor Gott recht wäre, wenn er sie verließe.«
+
+»Ich glaubte doch, ein Christ müsse alles verlassen um des Herrn
+willen. Dieser Mann steht auf, verläßt die Arbeit für das Reich Gottes
+und folgt seiner Frau. Und in der Bibel steht doch auf jedem Blatt, daß
+›sie alles verließen und ihm nachfolgten‹.«
+
+»Allerdings, das steht da -- mehrere Male. Und das muß auch getan
+werden, wenn es verlangt wird. Aber das sind nur besondere Fälle,
+Ausnahmen. Die Zeitgenossen des Herrn konnten sich nicht täuschen,
+daß dies Verlangen an sie gestellt wurde, und daß sie es buchstäblich
+zu nehmen hatten. Wir andern aber müssen ganz besonders vorsichtig in
+diesem Punkt sein. Denn in der Regel besteht das Verlangen des Herrn
+nur darin, daß man allem, was man hat, um seinetwillen absagen soll.
+Und dies heißt nicht »verlassen«. So fassen es nur die Katholiken auf.
+Daher kommt alle ihre mißverstandene, krankhafte Askese. Wir andern
+verstehen, daß wir nur in Entsagung besitzen sollen. Nicht, -- ja nicht
+irgend etwas, das wir haben, über den Herrn und sein Reich stellen,
+nicht etwas höher achten, weder Reichtum, Heimat, Gattin, noch das
+Leben, -- ein Christ soll dies alles nicht verlassen, nicht wegwerfen,
+sondern es nur besitzen -- in Entsagung.«
+
+Gerührt nickte die Konsulin ihrem Jugendfreund zu. »Danke, lieber Berg.
+Das war so recht klar ausgelegt.«
+
+Alle anderen schienen diese laue Erklärung zu billigen. Aber dazu war
+das dänische Fräulein zu ehrlich. Und sie wußte einen, der es auch
+nicht tat, der seinem älteren Kollegen nur nicht widersprechen wollte.
+Aber er sollte hören, daß sie ihn verstand.
+
+»Ja, auf diese Weise ist es allerdings ganz bequem, ein Christ zu
+sein,« sagte sie. »Aber dann verstehe ich nicht, warum überall in der
+Bibel die großen Anforderungen gestellt werden, wenn man sich nur davor
+hüten soll, sie zu erfüllen. Wenn sie so erleichtert und umerklärt
+werden können, muß man zuerst ehrlich sein und sie lieber ganz
+streichen. Denn in der Praxis kann ich keine Spur von Unterschied darin
+sehen, ob man in Entsagung besitzt oder gar nicht.«
+
+»Das muß man fühlen,« sagte der dänische Pfarrer. »Und ich hoffe, Sie
+werden dahin gelangen. Das Christentum ist der Glaube im Geist, und
+nicht im Buchstaben. Man muß suchen, dies verstehen zu lernen.«
+
+Die Frau Konsul schlug nun vor, etwas zu musizieren, um einen passenden
+Abschluß der Diskussion, bei der die Beteiligung der Nichte durchaus
+nicht ihren Beifall hatte, herbeizuführen.
+
+Und bald war die Dissonanz auch in Spiel und Gesang aufgelöst.
+
+Als die Gesellschaft aufbrach, hatte Halfdan ein Buch im Kabinett
+liegen lassen und ging hinein, um es zu holen.
+
+Sie lief ihm nach, sie mußte einen verständnisinnigen Blick, einen
+Händedruck haben.
+
+Er aber wandte ihr fremde und kalte Augen zu.
+
+»Ein für allemal, sprich bei solchen Dingen nicht mit, bis du sie
+besser verstehst. Du zeigst damit nur, daß du unendlich weit außerhalb
+stehst; daß du gar keinen Begriff von geistlicher Auffassung hast!«
+
+Da fuhr sie auf. »Bedeutet geistlich sein so viel als allen Bibelworten
+ihren Stachel nehmen, sie beschneiden, beschnipfeln, sie überzuckern,
+damit man sie ohne Mühe verschlucken kann? -- Dann ist das geistliche
+Christentum die reine Jämmerlichkeit! Und das kannst du doch unmöglich
+meinen, du, der alles opfert, was es auch sei.«
+
+»Ja, aber du nimmst es so unverständig, weil du so ganz außerhalb bist
+und bleibst. Und vorläufig sollst du Christentum nur lernen, nicht es
+lehren.«
+
+Ihr dunkler Kopf richtete sich stolz vor ihm auf.
+
+»Was ich sagen oder nicht sagen soll, das lasse ich mir niemals
+vorschreiben.«
+
+Er ging nach der Tür, ohne noch ein Wort zu sagen. Und da fühlte sie
+sich nur noch von einem Gefühl der Angst beherrscht.
+
+»Halfdan -- nein, geh nicht so von mir! Ich verstehe es ja nicht wie
+du. Sag mir nur, wie ich sprechen soll!«
+
+Er blieb stehen und sah sie einen Augenblick an. Dann zog er ihren Kopf
+an sich und drückte seine Lippen fest auf die ihrigen.
+
+»So,« sagte er.
+
+»Ach, Halfdan, wenn ich auf diese Weise schweigen darf, dann möchte ich
+am liebsten nie wieder ein Wort sagen!«
+
+Er sah sie an und küßte sie noch einmal.
+
+ * * * * *
+
+Februar und März vergingen. Und die Pläne für die Zukunft begannen
+festere Formen anzunehmen.
+
+Der Plan war, daß sie im Anfang Mai nach Dänemark reisen solle, um ihre
+Aussteuer zu besorgen, und daß die Hochzeit dann im Lauf des Sommers
+stattfinden würde.
+
+Glücklicherweise war Alette so gestellt, daß sie sich, wie die Tante
+sagte, »ein kleines sorgenfreies Heim« einrichten konnte, und die
+Nichte hatte von ihren Eltern auch soviel geerbt, daß das Brautpaar
+mit der Hochzeit nicht zu warten brauchte, bis der Pfarrer ein größeres
+Einkommen hatte.
+
+»Weißt du, ob Halfdan sich um etwas gemeldet hat?« fragte die Tante im
+Frühjahr eines Morgens die Nichte.
+
+»Ich glaube nicht. Er sagte neulich, es wäre vielleicht gut, wenn wir
+ganz von Christiania wegkämen. Aber er sagte nichts davon, daß er sich
+irgendwohin melden wolle. Warum fragst du?«
+
+»Ach, weil Bödkers Bruder, der im Konsistorium ist, bei Hallager war
+und sagte, -- aber es muß ja ein Irrtum sein --«
+
+»Was denn?«
+
+»Daß Halfdan sich um eine der schrecklichsten, ödesten und nördlichsten
+Pfarreien beworben habe. Aber das ist ja unmöglich. Denn dorthin könnte
+er dich doch nicht mitnehmen! Ebensogut könnte er dir den Nordpol
+anbieten.«
+
+Mit einem plötzlichen Angstgefühl legte die Nichte die Hand aufs Herz,
+sagte aber nur:
+
+»Und wenn er sich um eine Pfarrei auf dem Monde bewerben würde, für
+mich könnte es keinen Unterschied machen.«
+
+»Ja, das wäre auch besser, denn diese bekäme er doch nicht. -- Aber es
+muß ein Gerede von Bödker sein. Es ist ja unmöglich. -- Das wäre die
+mißverstandene Askese, gegen die Pastor Berg neulich so klar sprach.«
+
+-- Den ganzen Tag hindurch stand nur ein Bild vor ihrer Seele. Ein
+Bild, von dem sie, wie es ihr vorkam, einmal geträumt haben mußte, und
+das nun so deutlich vor ihr stand, daß es war, als sehe sie es mit
+ihren leiblichen Augen -- das Bild, das einen zeigte, der hinaufstieg,
+hinauf, hinauf, bis ihn das strahlende Licht in der Höhe aufnahm. Und
+unten stand ein anderer, der sich die Hände an den Felsen blutig riß,
+ohne mitkommen zu können ....
+
+Sie war sogleich überzeugt, daß die Nachricht der Wahrheit entsprach.
+Und sie verstand seinen Gedanken vollständig: er brach auf, -- er brach
+auf. Auf diese Weise wurde der Schlag vorbereitet, den ihre geheime
+Angst erwartet hatte, gleichsam von der ersten Stunde an.
+
+Von droben aus der Höhe, der strengen, weißen, einsamen Höhe, hatte er
+den Ruf vernommen -- der nach »oben« zog -- »unerbittlich«. -- Und er
+verließ alles, stand auf und folgte ihm.
+
+Er schob sie weg, ohne Klage, ohne eine Einwendung, stieg dem starken,
+klaren, leuchtenden Tag entgegen, ohne sich auch nur ein einziges Mal
+nach dem umzuwenden, was dahinten blieb.
+
+Nun fiel es, das Damoklesschwert, das sie über ihrem Kopf hängen
+gefühlt hatte.
+
+Und hinter aller Angst, allem Schmerz war es doch wie wunderbare,
+schmerzliche Freude.
+
+Denn das, was ihn so ganz gefangen nahm, sogar weg von ihr zog, es war
+doch das, was sie am meisten an ihm liebte!
+
+-- Der Pfarrer kam an dem Abend zu Besuch und war kaum ins
+Zimmer getreten, als die Tante ihm entgegenrief: »Hier sind die
+abenteuerlichsten Gerüchte über dich im Umlauf, Halfdan! Daß du
+wahnsinnig geworden seiest und dich um Finn-Li beworben habest.«
+
+»Ich glaube beinahe, das Gerücht hat recht; ich bin nämlich wirklich so
+wahnsinnig.«
+
+»Nein, hör mal, das ist zu arg! Es ist vollständig unvernünftig! Du,
+mit deiner Tüchtigkeit und Begabung, zu diesen einsamen Bauern hinauf!«
+
+»Sollen diese denn nur untüchtige Leute haben?«
+
+»Und das kannst du ihr ja ganz und gar nicht bieten! Ich hoffe, du
+bekommst die Stelle nicht.«
+
+»Dazu ist wohl keine Gefahr.«
+
+»Nun, dann hoffe ich wirklich, daß sie dich aufgibt, hätte ich beinahe
+gesagt.«
+
+Da wurde die Tante einen Augenblick hinausgerufen.
+
+Als die beiden allein waren, trat er zu ihr:
+
+»Fragst du gar nicht?«
+
+»Ich bin entschlossen, dir zu folgen -- und nicht, dich zu fragen,«
+sagte sie mit einiger Anstrengung.
+
+»Aber ich möchte doch so gern antworten. Ach, wie kalt deine Hände
+sind! Ist das Herz so warm?«
+
+Sie fragte leise: »Ist es -- um der einsamen Seelen willen?«
+
+»Vielleicht. Obgleich -- Seelen gibt es an jedem Ort. Und einsam sind
+sie alle. Nein -- das ist es nicht gerade.«
+
+Die Konsulin trat wieder ein.
+
+»Mein Mann sagt wie ich, daß wir dich davon abbringen müßten. Es gibt
+Stellen genug hier im Tiefland.«
+
+»Ja, und das ist recht gut für die, die das Hochland nicht ertragen
+können. Aber es gibt andere, die das Tiefland hinter sich lassen
+müssen, die hinauf müssen -- ganz hinauf -- bis zur höchsten Spitze.«
+
+»Ja, das heißt man allerdings eine Sache auf die Spitze treiben, da
+hast du ganz recht.«
+
+»Halfdan,« sagte die Nichte plötzlich laut. »Du willst
+~Hochlandspfarrer~ werden, und da tust du recht daran. Dazu paßst
+du gerade. Du darfst dich nicht aufhalten lassen. Du darfst dich im
+Tiefland nicht fesseln lassen!«
+
+Er streichelte ihr die Hand. »Es ist zwar nicht so ganz das, was wir
+unter Hochland da droben verstehen,« sagte er. »Aber dies ist ein
+schöner Titel.«
+
+»Meinst du?« sagte die Konsulin. »Da weiß ich aber doch, daß
+geschrieben stehet: Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet
+euch herunter zu den niedrigen.«
+
+»Wenn Paulus es so gemeint hätte wie du -- dann hätte er nicht selbst
+darnach gelebt. Und wir haben noch einen Größeren als ihn, der uns den
+Weg nach oben gezeigt hat. Einer, der predigte und betete, der kämpfte
+und am Kreuz starb. Einer, der uns gelehrt hat, daß man auf der Höhe
+leben soll. Von da geht man ein -- zur Vollendung des Lebens.«
+
+»Das ist alles ganz wahr. Aber die Nachfolge kann man nicht
+~buchstäblich~ nehmen -- das hast du selbst gesagt.«
+
+»Es schadet nichts, wenn es einer doch einmal buchstäblich nimmt.«
+
+»Ja, aber davon kann nun doch hier keine Rede sein. Sag doch etwas,
+Kind! Diese Meldung muß zurückgenommen werden.«
+
+Aber sie sagte nichts -- auch nicht, als der Konsul hereinkam und mit
+wirklich treffenden kurzen Worten die Bestrebungen seiner Frau, diesen
+Beschluß zu ändern, unterstützte.
+
+Nach dem Abendbrot setzte sich der Pfarrer an den Flügel im Saal, um
+einige Kirchenlieder zu singen, die seine Braut gerne hören wollte.
+
+Sie saß hinter ihm, auf einem niederen, mit Atlas bezogenen Sofa, in
+der Dunkelheit, die die beiden Lichter auf dem Instrument nicht zu
+erhellen vermochten, und lauschte auf die glockenreine, schöne Stimme,
+ohne ein Wort von dem Gesang aufzufassen.
+
+Kurz nachher saß er auf dem Sofa neben ihr. »Weißt du, warum?« fragte
+er.
+
+Sie dachte die ganze Zeit an nichts als an die Stelle da oben hoch im
+Norden, um die er sich gemeldet hatte. Nun kam die Erklärung.
+
+»Ich will es dir sagen. Aber es ist ein Geheimnis. Heute bin ich der,
+der flüstern muß.«
+
+Er schlang die Arme um ihren Hals und legte seine Lippen dicht an ihr
+Ohr: »Es gibt eine, die ich ganz für mich allein haben muß. Ganz, ganz
+allein. -- Deshalb, glaube ich, habe ich es getan.«
+
+Sie rührte sich nicht, verstand es noch nicht recht.
+
+»Ich muß alle andern, die ganze Welt weg haben. Ich muß einen Ort
+finden, fern, einsam, verborgen, -- wie der, wo der Steinadler seinen
+Horst hat. Dort das Hochzeitshaus aufrichten! Und dich auf meinen Armen
+hinauftragen! Zu mir hinauf, zu mir allein!«
+
+Sie tat einen tiefen Atemzug -- einen erlösenden.
+
+»Und ich glaubte -- ich dachte --«
+
+»Was dachtest du?«
+
+»Daß du -- daß du von mir fort wolltest.«
+
+Er lachte und drückte ihr lockiges Haupt inniger an sich.
+
+»Ja, du bist ein Kind! Ein törichtes, törichtes Kind, das nicht das
+Geringste von allem versteht. Du weißt gar nicht, wie du alles, was
+sich in mir regt, gefesselt hast. Wie abhängig ich von dir bin, um zu
+leben. Wie du Lebensbedingung für mich bist. Du bist das Licht meiner
+Augen! der Schlag meines Herzens! mein Atemzug selbst ... das, was man
+sich nicht entreißen läßt. Das, wofür man bis aufs Blut kämpft. -- Denn
+ohne das kann man nicht leben.«
+
+»Ach Halfdan, sag es noch einmal! Sag es noch einmal!«
+
+»Mein Leben -- mein Leben! Hast du es jetzt gehört? Verstehst du es
+jetzt? Weißt du nun, daß ich alles auf die Seite geschoben haben muß,
+abgeschnitten, weil ich dich so ungeteilt haben will, so endlos,
+daß niemand anders auch nur einen Schimmer von dir haben darf!
+Begreifst du, daß ich hoch, hoch hinauf muß, bis zu dem fernsten,
+wolkenverhüllten Gipfel, wo kein spähendes Auge uns sieht -- um mein
+Lieb heimzuführen? -- Da hinauf, wo nur du für mich lebst, wo nur du
+da bist, lebenswarm mit klopfendem Herzen, -- für meine Liebe und für
+mich! Wo wir zusammen hinausgleiten können in die große, schwindelnde
+Tiefe. Nichts wissen, nichts erinnern, nichts fühlen, als nur einander
+angehören, -- einander angehören!«
+
+Sie schlug die Hände vors Gesicht.
+
+»Halfdan, dann muß ich sterben.«
+
+»Gewiß nicht. Dann sollst du leben.«
+
+»Ja, o ja ... Aber begreifst du nicht, daß gleichsam eine Todesangst in
+dieser grenzenlosen Hingabe liegt? Halfdan, die Freude, mit dir allein
+zu sein, für dich allein, -- sie wird mir das Herz zersprengen! Ich muß
+daran sterben! Aber es wird trotzdem so sein, wie in dem Liede: Und
+hätt ich tausend Leben gleich -- um ~eins~ nicht wollt ich bitten!«
+
+Als die beiden wieder ins Wohnzimmer traten, sagte die Tante: »Hast du
+Halfdan nun von dem unsinnigen Einfall abgebracht?«
+
+Mit strahlendem Blick wandte die Nichte sich ihr zu: »Nein, nun
+verstehe ich ihn. Wir sind ganz einig darüber.«
+
+»Ja,« sagte der Pfarrer ruhig, »sie nimmt es wirklich sehr verständig
+auf, Tante, daß es gar keinen Sinn hätte, das aufzugeben, was mir als
+das Richtige vorkommt.«
+
+Als er gegangen war, sagte die Konsulin zu ihrer Nichte: »Wenn du in
+dieser Weise auf alle seine verrückten Ideen eingehst, benimmst du
+dich sehr unklug.«
+
+»Ich habe auch gar nicht die Absicht, Halfdan gegenüber klug zu sein,
+ich möchte ihn nur fühlen lassen, daß er auf mich nicht die geringste
+Rücksicht zu nehmen braucht.«
+
+»Dieser Wunsch kann dir leicht erfüllt werden. Er ist jetzt schon so
+rücksichtslos, daß es unbegreiflich ist. Sein Betragen gegen dich hat
+mich schon wiederholt gekränkt. Aber es ist deine eigene Schuld. Und du
+wirst ihn damit erst nicht glücklich machen.«
+
+»Ach Tante!«
+
+»Ja, im Augenblick denkt er natürlich, es sei sehr bequem, eine --
+Sklavin für alle seine Wünsche zu haben. Aber auf die Dauer wird es ihn
+langweilen. Er wird immer unvernünftiger in seinen Ansprüchen werden,
+und die immer weniger achten, die ihm nie einen verständigen Widerstand
+zu leisten vermag.«
+
+»Du kennst Halfdan nicht, Tante.«
+
+»Liebes Kind, die Männer -- wenn man nur einen kennt, kennt man sie
+alle auswendig.«
+
+Die Nichte schlang den Arm um sie. »Komm und besuche uns am Nordpol,
+Tantchen! Dann sollst du sehen, wie furchtbar gut wir es beieinander
+haben.«
+
+»Nein, das wird nicht geschehen. Weder Hallager noch ich können uns
+darauf einlassen, uns den Hals zu brechen oder in einem Moor bis zum
+jüngsten Tag stecken zu bleiben.«
+
+-- Die Nichte konnte durchaus nicht zur Ruhe gehen. Von einem Zimmer
+ins andere flog sie in atemloser Freude.
+
+All die kalte qualvolle dumme Angst war von der leuchtenden
+Siegesgewißheit wie ein Stein von ihrem Herzen gewälzt worden. Die
+stärkste Macht in seinem Leben war -- ~sie~.
+
+Er ließ sie nie wieder los, weil er -- nicht konnte! Er war fest,
+unauflöslich an sie gebunden! Fühlte, dachte, wollte nur sie!
+
+Ach, die jubelnde Sicherheit!
+
+Alette, -- ihre Tante, -- alle übertriebene Vorsicht, -- die ganze Welt
+-- was wußten sie, was verstanden sie, was vermochten sie? Selbst --
+selbst die Macht, die sie beständig wie eine nach ihm ausgestreckte
+Hand gesehen hatte, auch sie kam gar nicht in Streit mit ~ihr~?
+Jene hatte seine Überzeugung, natürlich. Aber sie, die Braut, sie hatte
+ihn selbst! Ihr gehörte er!
+
+Droben auf der Höhe, wo die Wolken die Gipfel verhüllten, da würde er
+die Stätte für die große, alles vergessende Götterliebe errichten.
+
+Deshalb, nur deshalb zog er dort hinauf.
+
+Und dies war recht, vollkommen recht, menschlich und natürlich recht!
+Wer konnte ein einziges Wort dagegen sagen?
+
+Als sie endlich, müde und vor Glück fast schwindelig, in das Reich der
+Träume hinüberglitt, folgten ihr einige Worte auch dahin, Worte, von
+denen sie nicht wußte, wo sie sie gelesen hatte: »Königin, Königin
+werd' ich sein in Ewigkeit! -- Ich -- und niemand außer mir!«
+
+-- Am nächsten Tag kam der Pfarrer nicht zu Besuch. Aber er sandte ihr
+einige Linien, wie öfters, wenn er wußte, daß er sie nicht sehen würde.
+
+Diesmal enthielt der Brief nur ein paar Verse:
+
+ Vögelein schnäbelt im blühenden Dorn,
+ Zwitschert ein Liebeslied leise -- --
+ Dort, wo der Bergwind stößt in sein Horn,
+ Hoch über Gletscher und Wogenzorn
+ Der Adler zieht seine Kreise.
+
+ Vögelein fröhlich sein Nestchen schmiegt,
+ Lauschig in Rosengewinden -- --
+ Weithin der Adler die Luft durchfliegt,
+ Hoch, wo im Sommer der Schnee noch liegt,
+ Eilt er die Liebste zu finden.
+
+ Schmetternd das Vöglein von Freude singt,
+ Von Rosen, Liebe und Sonne -- --
+ Hoch, wo kein Echo der Erde dringt,
+ Birgt, in der Brautkammer wolkenumringt,
+ Der Adler die Liebeswonne!
+
+ * * * * *
+
+Sie barg das Papier an ihrem Herzen. Und so oft sie nur die Hand darauf
+legte und nur das leiseste Knistern vernahm, durchfuhr sie ein Jubel,
+der ihr fast den Atem raubte.
+
+ * * * * *
+
+Der Pfarrer bekam die Stelle, um die er sich beworben hatte. Im Juni
+sollte er hinaufreisen, dann ins Amt eingesetzt werden und hierauf die
+Vorbereitungen zum Empfang der Braut treffen.
+
+Für das dänische Fräulein näherte sich die Zeit der Abreise von
+Christiania mit raschen Schritten.
+
+Und so angegriffen und unruhig war sie geworden, daß ihre Tante ganz
+bekümmert um sie war.
+
+»So nervös habe ich dich noch nie gesehen,« sagte sie. »Ich glaube, es
+ist gut, wenn du eine Zeitlang ganz von Halfdan wegkommst, um dich in
+Ruhe sammeln zu können.«
+
+»Ruhe! Ach, mir ist es zum Sterben zumut, wenn ich daran denke.«
+
+»Zum Sterben! Wenn du zwei oder drei Monate von ihm getrennt bist?«
+
+»Für mich ist es immer wie ein Sterben, wenn ich von Halfdan getrennt
+bin, ob es nun Tage, Stunden oder Minuten sind!«
+
+»Darauf antworte ich überhaupt nicht,« sagte die Konsulin. »Ich bin
+zwei Jahre als Braut in Kopenhagen gewesen, ohne Hallager öfter als
+jedes Frühjahr einmal zu sehen, aber ich habe mir nie eingebildet, daß
+ich darüber zu beklagen gewesen wäre.«
+
+An einem der letzten Abende sollte der Pfarrer bei einer Versammlung
+sprechen, und die Konsulin hatte ihn und seine Schwester gebeten,
+ihre Nichte von dort nach Hause zu begleiten und den Tee bei ihnen zu
+trinken.
+
+»Wovon sprach Halfdan heute abend?« fragte die Tante, als sie Alette
+auf dem Sofa neben sich hatte.
+
+Ȇber die Worte Esaus, als er sein Erstgeburtsrecht um das
+Linsengericht verkauft: Gib mir von dem Roten!«
+
+»Das war ein eigentümlicher Text,« meinte die Konsulin. »Was konntest
+du eigentlich darüber sagen, mein Lieber?«
+
+»Daß diese Worte jeden Tag wiederholt werden.«
+
+»Meinst du? Die Verhältnisse sind doch jetzt ganz anders. Man kann sie
+doch nicht gut mit denen von damals vergleichen.«
+
+»Aber die Menschen sind noch ebenso wahnsinnig. Sie verkaufen ihr
+Erstgeburtsrecht, das Recht zum Reiche Gottes, das Recht zu der Liebe
+Gottes, um ›das Rote‹ in jeglicher Gestalt, um Augenlust, Fleischeslust
+und hoffärtiges Leben.«
+
+»Ja, auf diese Weise kann man es allerdings sagen.«
+
+»Und nicht nur die ewige Herrlichkeit, auch seinen Beruf, seine
+Aufgabe, sein eigentliches Leben verspielt man um ›das Rote‹. -- -- Das
+ist das Entsetzliche, daß wir das Tiefste, das Wahrste in uns nicht
+immer als das Stärkste empfinden. Weil die Bewegung an der Oberfläche
+am stärksten gefühlt wird, deshalb kann das Kleinere dem Größeren die
+Macht rauben.«
+
+Als die Konsulin mit einer nachdenklichen Miene schwieg, worunter sie
+ab und zu einmal verbarg, daß sie im Augenblick nichts zu entgegnen
+wußte, ergriff Alette das Wort.
+
+»Während du heute abend sprachst, mußte ich mehrere Male an jenen
+Weisen im Altertum denken, der all sein Geld von dem Gipfel eines
+Berges in den Abgrund hinunterwarf und diese Tat dann mit dem Ausspruch
+erklärte: ›Ich tat es, damit es nicht mich einmal hinunterstürze.‹ So
+klug und scharfsichtig sind nicht alle Christen.«
+
+»Nein. Obgleich das, was er getan hat, uns eigentlich vorgeschrieben
+ist, und zwar aus ganz demselben Grund. Aber in dem Punkt, wo die Lust
+uns bindet, sind wir oft größere Heiden als jener Weise. Jämmerlich
+abhängig! Und blind! ›Das Rote‹ flimmert uns vor den Augen und blendet
+uns. Erst nachher sieht man das klar ein. Dann begreift man nicht, daß
+man treulos werden und das Größte verleugnen konnte, aus erbärmlichem
+Hunger nach einem Gericht Linsen. Esau schrie laut und ward über
+die Maßen betrübt, als er die Folgen sah. Aber was half es? Das
+Erstgeburtsrecht war verspielt.«
+
+»Wie hieß jener Weise, Alette?« fragte die Tante. »Das war eine schöne
+Geschichte, ein Wort zum Nachdenken.«
+
+»Ich erinnere mich im Augenblick seines Namens nicht,« antwortete sie.
+
+Dann ging man zum Abendbrot. Die Nichte war so stumm, daß die Tante sie
+fragte, ob sie sich nicht wohl fühle.
+
+»Die Betstunde war so ergreifend,« sagte sie nur.
+
+Der Pfarrer war von seinem Thema des Abends, sowie von mehreren
+Zuhörern, die ihm nachher gedankt hatten, und von denen er wußte, daß
+sie sonst gar nicht kirchlich waren, so erfüllt, daß er sich nicht
+besonders mit seiner Braut beschäftigte.
+
+Als er und die Schwester aufbrachen, war sie verschwunden.
+
+Er fand sie im Kabinett.
+
+Sie wandte ihm das Gesicht zu und sagte sogleich: »Alles, was du heute
+abend gesagt hast, in der Versammlung und hier, meinst du das wirklich?«
+
+Er zog die Augenbrauen zusammen. »Ob ich es meine,« sagte er kurz.
+»Was ist das für eine Frage? -- Wenn du dich sonst nicht so ganz auf
+meine Worte verlässest, so kannst du es ruhig tun, wenn ich aus meinem
+Verhältnis zu Gott heraus rede. Denn dann spreche ich aus dem heraus,
+was das Wahrste in mir ist.«
+
+»Ja, ja natürlich. -- Es war töricht von mir, so zu fragen.«
+
+Er neigte sich vor, um sie zu küssen.
+
+»Ei, wie blaß die Wangen sind! Und die Lippen auch!«
+
+Er lächelte, indem er ihr Gesicht näher an sich zog. »Wo ist all das
+Rote -- das Rote, das sonst da zu sein pflegt? Ich muß sehen, daß ich
+es hervorrufe.«
+
+Wie in plötzlicher Angst zog sie ihren Kopf zurück.
+
+»Nein -- nein.«
+
+»Ach so -- -- gute Nacht dann.«
+
+Sie streckte die Hände nach ihm aus: »Doch Halfdan, versuche --
+versuche, ob du es hervorrufen kannst!«
+
+ * * * * *
+
+Als das dänische Fräulein ihre Abschiedsbesuche machte, konnten sich
+die Leute nicht genug verwundern, wie elend sie aussah.
+
+Sie verabschiedete sich bei allen Bekannten, denn es war ihre Absicht,
+sich in Dänemark trauen zu lassen, ohne den Tag genau anzugeben; dann
+durch Christiania und Trondheim ohne Aufenthalt nach der fernen Heimat
+zu reisen, von wo sie wohl in langen Zeiten nicht wieder nach dem Süden
+kommen würde. So hatte der Pfarrer es gewünscht, und wie immer richtete
+sie sich nach ihm.
+
+Jedermann fand, daß es allerdings eine ernste Sache sei, der sie
+entgegengehe, aber doch nicht so aufreibend, wie sie es zu finden
+schien. Und man begann allmählich, über sie zu tuscheln. War sie
+vielleicht doch auf dem Wege, den Schritt zu bereuen, den alle Leute so
+unüberlegt gefunden hatten, und der nun Folgen nach sich zog, die sie
+nicht mit in Rechnung genommen hatte? Das ernste, einsame Leben auf dem
+Gebirge, das so gar nicht für sie paßte.
+
+Am Abend vor ihrer Abreise ging sie zu Bödkers, bei denen sie oft mit
+Halfdan zusammen gewesen war.
+
+Die Flachsköpfchen waren eben zu Bett gebracht worden. Aber sie bat,
+zu ihnen hineingehen und ihnen einen Abschiedskuß geben zu dürfen. Da
+ging die Mutter mit ihr ins Kinderzimmer.
+
+»Das dänische Fräulein kommt, um euch Lebewohl zu sagen,« sagte sie.
+»Nun werden wir sie sehr lange nicht wiedersehen. Und nun wollen wir
+die Hände falten und alle miteinander für sie beten, nicht wahr? Wir
+haben sie doch so sehr lieb.«
+
+Aus vier weißen Bettchen streckten sich eifrige Ärmchen ihr entgegen,
+und jedes Kind wollte ihren schimmernden Lockenkopf auf sein Kissen
+ziehen, um sich innig an ihn anschmiegen zu können.
+
+Aber als die Rede auf das Gebet kam, das sie mit anhören würde, da
+wurden die Großen verlegen und wagten es nicht. Sie krochen unter die
+Decken -- und taten es erst später alle miteinander, als das dänische
+Fräulein das Zimmer wieder verlassen hatte.
+
+Nur das kleinste Mädchen rief sogleich: »Ich will!« und setzte sich im
+Bettchen auf.
+
+Da kniete die Mutter neben ihm nieder und faltete ihre Hände um die
+dicken rosigen Fingerchen. Dann betete sie langsam, während die Kleine
+jedes Wort mit ihrer süßen Kinderstimme nachsagte: »Lieber Vater im
+Himmel! Nun reist das dänische Fräulein weit von uns weg, und wir
+können nicht bei ihr sein. Aber geh du mit ihr und schirme und segne
+sie, um Jesu willen, wo sie steht und geht. Aber besonders -- besonders
+wenn sie einmal sterben muß. Amen.«
+
+Der Kopf des dänischen Fräuleins sank plötzlich auf das Fußende des
+Kinderbettchens nieder. Und die Mutter sah, wie ihr ganzer Körper von
+heftigem, unterdrücktem Weinen erschüttert wurde.
+
+Sanft und fürsorglich legte sie ihren Arm um die schlanke Gestalt und
+führte sie ins andere Zimmer.
+
+»Liebste,« sagte sie, »habe ich Ihnen weh getan? Ich weiß, Sie wünschen
+jetzt zu leben, und da mag es schwer sein, an den Tod zu denken. Das
+Wort ist mir entschlüpft, denn ein guter Tod ist doch das Beste, was
+wir einander wünschen können. Aber ich wünsche ja, daß Sie zuerst
+leben, lange und glücklich mit Ihrem Halfdan.«
+
+Aber, den Kopf an die Schulter der Freundin gelehnt, weinte die andere
+unaufhaltsam. Und es war, als ob jedes der liebevollen Worte das
+merkwürdig verzweifelte Weinen nur noch verstärkte. Schließlich zog
+Frau Bödker die Schluchzende aufs Sofa nieder und strich ihr übers
+Haar, ebenso mütterlich, als sei es eines ihrer Flachsköpfchen.
+
+»Meine Liebe,« fuhr sie fort, »es drängt mich, Ihnen eins zu sagen.
+Ich habe mich über Ihre Verlobung gefreut, gleich als ich davon hörte.
+Denn ich glaube, daß Sie als eine von Gott gesandte Freude zu Halfdan
+gekommen sind. Er nimmt das Leben so ernst, so entsagungsvoll, daß ich
+ihm alle Freude gönne, die ihm zuteil werden kann. Und ich glaube, daß
+er Sie -- für das Höchste gewinnen wird. Es kann nicht anders sein.
+Aber auch Sie werden ihn etwas lehren können. Sie sind so ehrlich, daß
+ich mich oft ganz beschämt gefühlt habe. Und wenn Sie einmal etwas
+als recht erkannt haben, gibt es nichts anderes mehr für Sie, als es
+sogleich zu tun; das habe ich mehr als einmal bemerkt. Sie können
+nichts hinwegerklären und verschleiern, worin wir andern oft recht gute
+Übung haben. Ich glaube, Sie werden das, was Halfdan predigt, einmal
+ins Leben übertragen, -- besser als eines von uns.«
+
+Das dänische Fräulein hob ihr verweintes Gesicht und küßte sie.
+
+»Alles, was Sie von mir denken und glauben,« sagte sie, »ist weit --
+weit besser als in der Wirklichkeit. Aber -- das, was Halfdan predigt,
+das will ich ins Leben übertragen, und wenn mir das Herz darüber
+brechen sollte.«
+
+Oft, oft, wenn sie später mit ihren Flachsköpfchen betete, mußte die
+Mutter an jenen Abend denken. Und dann versank sie in tiefe Gedanken,
+und immer schüttelte sie zum Schluß den Kopf, wie jemand, der das, was
+er glaubt, nicht mit dem, was vorliegt, in Einklang bringen kann.
+
+Am nächsten Vormittag, dem Tag, an dem sie abends abreiste, ging das
+dänische Fräulein zu Alette. Der Pfarrer war nicht daheim, und sie
+wußte es. Die Schwester ergriff beide Hände ihrer Schwägerin und sah
+ihr ernst und eindringlich in die Augen.
+
+»Der Herr bereite Sie vor und stärke Sie zu der Aufgabe, die Sie
+übernehmen, der schönsten, die es für eine Frau gibt: die Gehilfin
+eines Dieners des Herrn in seinem hohen Beruf zu sein.«
+
+»Ich danke Ihnen,« sagte die Braut.
+
+Dann bat sie, einen Augenblick in sein Zimmer treten zu dürfen.
+
+Sie blieb eine Weile still vor dem großen Bilde der Madonna von Murillo
+vom Palazzo Pitti stehen, das er über seinen Schreibtisch gehängt hatte
+-- weil er fand, daß es ihr gleiche. Ein Bild von ihr, das jedermann
+betrachten und erkennen könnte, wollte er nicht aufstellen, das trug er
+nur bei sich. Aber dies sei sie ja doch, hatte er gesagt, heimlich und
+für ihn allein.
+
+Sie stieg auf den Stuhl vor dem Schreibtisch, kniete auf die
+Tischplatte und küßte das Bild ...
+
+Auf dem Tisch lag ein kleiner Papierstreifen, auf den er in aller Eile
+die Adresse einer armen Familie gekritzelt hatte. -- Sie nahm den
+weißen Elfenbeinfederhalter, den sie ihm selbst geschenkt hatte, und
+schrieb: »Geliebter, geliebter Halfdan Svarte« -- mit ihrer schönen,
+großen Handschrift, die er so sehr liebte -- gerade unter die fremde
+Hausnummer ...
+
+Noch ein langer, sehnsüchtiger Blick, der gleichsam alle Gegenstände
+des Zimmers umschloß -- dann ging sie wieder hinaus.
+
+Als sie sich von Alette verabschiedete, sagte diese zögernd: »Da ist
+noch etwas, das ich Ihnen gerne sagen möchte. Sie werden nun ganz
+allein mit ihm sein, -- und werden wohl einen bedeutenden Einfluß auf
+ihn gewinnen. Das bekommt die Gattin immer. Aber -- wollen Sie daran
+denken, daß Halfdan niemals so recht von Herzen glücklich wird, wenn
+nicht das eine -- das eine, das das Größte und Stärkste in ihm ist, bei
+allem zuerst kommt? Vor allen Rücksichten, vor allen Freuden -- -- vor
+allem Zusammensein mit Ihnen ...«
+
+Die andere richtete ihre dunklen Augen auf die Schwägerin und sagte:
+»Das glaube ich auch. Ja, ich werde daran denken.«
+
+Halfdan sollte bei Konsuls zu Mittag essen und seine Braut dann nach
+dem Bahnhof begleiten, er ganz allein.
+
+Er brachte ihr einen Strauß von lichten Rosen und dunklen duftenden
+Heliotropblüten. »Zum Dank für die, die ich mir genommen habe,« sagte
+er. »Weißt du es noch?«
+
+Bei Tisch trug sie ein weißes Kleid und hatte seine Blumen angesteckt.
+
+Der Konsul hatte Champagner herbeigeholt, und da die Beredsamkeit
+seiner Frau ganz in Rührung aufgelöst war, weil sie ihre geliebte
+dänische Perle verlieren sollte, mußte er dem Brautpaar eine kurze
+Abschiedsrede halten.
+
+»Der Herr sei mit euch -- droben auf der Höhe, wohin euer Weg nun geht!
+Über dich, Halfdan, habe ich ihr schon meine Ansicht gesagt, und nun
+sage ich sie dir auch über sie. Man weiß nicht, wie lieb sie ist, ehe
+man sie bei sich im Haus gehabt hat. Und das will viel heißen. Ich
+wünsche euch Glück, Kinder!«
+
+Die Nichte weinte, küßte ihn und sagte, er halte sie nur für so gut,
+weil er sie mit seinen eigenen herzensguten Augen betrachtet habe. --
+
+Als sie sich später umgekleidet hatte, und der Wagen vor der Tür stand,
+weinte sie wieder heftig am Hals ihrer Tante. Sie dankte immer wieder
+für den Winter, den besten, den einzigen, den sie je erlebt habe ...
+
+Und die Konsulin weinte von ganzem Herzen mit und bat sie, ja nicht zu
+vergessen, daß sie und der abscheuliche Mann, der sie so weit wegführe,
+immer eine Heimat hier hätten.
+
+Der Konsul zeigte sich außerordentlich besorgt, daß all ihr Gepäck gut
+im Wagen untergebracht wurde, schneuzte sich aber doch verschiedene
+Male recht verdächtig, und die Mägde weinten im Chor.
+
+Als sie sich von Halfdan auf dem Bahnhof verabschiedete, weinte sie
+nicht; sie war ganz still und blaß wie eine Leiche.
+
+»In zwei Monaten,« flüsterte er. »Da hole ich, was mir gehört, und
+lasse es in meinem ganzen Leben nicht wieder los -- nie lasse ich dich
+wieder wegreisen.«
+
+Als sie an dem Fenster des Wagenabteils stand und der Zug sich in
+Bewegung setzte, streckte sie plötzlich die Arme aus und rief laut:
+»Halfdan!«
+
+Angstvoll klang es -- wie ein Hilferuf, so daß er ihr beinahe
+nachsprang. Aber schon war sie ihm nicht mehr erreichbar. -- --
+
+ * * * * *
+
+Vier Wochen später wußte man in dem ganzen großen Bekanntenkreis in
+Christiania, daß das dänische Fräulein seine Verlobung aufgelöst hatte.
+
+Aber das war auch alles, was man erfuhr. In den Beweggrund, oder die
+Art und Weise, wie es geschehen war, wurde niemand eingeweiht.
+
+Niemand, nicht einmal Alette sah den Brief, den der Pfarrer erhalten
+hatte, und den er so verzweiflungsvoll oft durchlas, daß er ihn bald
+trostlos gut auswendig konnte.
+
+»Was ich heute schreiben muß, will ich so schnell und so kurz als
+möglich sagen, obgleich es das Resultat langer, langer, ernster
+Erwägungen und mein unwiderruflicher Entschluß ist. Ich kann Ihnen
+nicht da hinauf folgen. Sie müssen ohne mich Ihren neuen Beruf antreten.
+
+»Ich wünsche Ihnen, daß Sie ganz und vollkommen die Lebensaufgabe
+erfüllen, die das Erste und Größte für Sie ist, nämlich
+~Hochlandspfarrer~ zu werden, wozu Sie, wie ich glaube, berufen
+sind.
+
+»Ich weiß, -- ich weiß, daß Sie jetzt leiden werden ... Aber ich glaube
+auch, daß Ihre Arbeit alle Leere nach meinem Entschwinden ausfüllen
+kann -- -- und ich kann nicht bei Ihnen sein.« -- -- --
+
+An demselben Tag, wo der Pfarrer den Brief bekam, reiste er nach
+Kopenhagen. Es war am Anfang der Woche, da konnte er sich schon ein
+paar Tage frei machen.
+
+Am nächsten Abend stand er in ihrer Wohnung, wo ihn der Bruder
+empfing, dem die peinliche Lage äußerst widerwärtig war.
+
+Der Pfarrer verlangte eine Unterredung mit seiner Braut. Aber der
+Bruder sagte, sie sei verreist, zu Verwandten aufs Land, und er habe
+ihr hoch und teuer versprechen müssen, daß er ihren Aufenthaltsort
+nicht verraten werde.
+
+Hierauf verlangte der Pfarrer, daß ein Brief, den er noch an diesem
+Abend schreiben wolle, ihr unverzüglich nachgeschickt werde. Und dies
+versprach der Bruder.
+
+Den Brief seiner Braut legte Halfdan in einen Umschlag, um ihn
+zurückzuschicken, und außerdem schrieb er selbst: »Ich betrachte Deinen
+Brief als ungeschrieben, -- denn ich habe ihn nicht angenommen. Und ich
+tue es niemals.
+
+»Das Verhältnis zu mir kannst Du nicht lösen. Niemals davon loskommen!
+Denn solange Du und ich existieren, so lange stehen wir in einem
+Verhältnis zu einander. Es ist ein Teil von uns selbst. Und das weißt
+Du ebenso gut wie ich. --
+
+»Ich verlange Dich, so wie Du bist, als mein eigen. -- Und Du wirst es
+nicht wagen, Dich Deinem eigenen Lebensberuf zu entziehen.
+
+»Ich nehme Dich an der Hand, -- sie ist mein. Ich fasse Dich um das
+Herz -- es ist mein. Und mit dem großen Recht der Liebe, die ich zu Dir
+habe, sage ich: Komm! Folge mir!« --
+
+Er hatte das Papier schon zusammengelegt, als er es plötzlich noch
+einmal entfaltete und ihren Namen -- nur ihren Namen, ganz zuletzt
+hinschrieb.
+
+Auf diesen Brief erhielt er umgehend als Antwort nur die drei Worte:
+»Ich kann nicht!« -- -- --
+
+Da reiste er zurück nach Christiania.
+
+Aber er verstand und verstand die Welt nicht mehr. Was war geschehen?
+Wie war es nur so gekommen?
+
+Entweder war er klug und die ganze Welt verrückt, oder -- war er
+derjenige, welcher verrückt war. Eines war gewiß, das ganze Dasein war
+ein unbegreifliches Chaos.
+
+Die öffentliche Meinung war in diesem Fall, wie nach der Verlobung
+auch, recht übereinstimmend.
+
+Es sei nur gut, daß die Verlobung aufgelöst worden sei. Die beiden
+hätten durchaus nicht zusammengepaßt. Und das Leben, in das er sie
+hineinführen wollte, habe sie sicher zurückgeschreckt, so verwöhnt und
+verfeinert, wie sie gewesen sei.
+
+Immerhin habe es ja den Anschein gehabt, als ob sie richtig verliebt in
+ihn gewesen wäre. Und zu bedauern sei es, daß sie so lange gezögert,
+bis sie ein Ende gemacht habe.
+
+Der Konsulin, die selbst einen Brief von der Nichte erhalten hatte,
+ging es außerordentlich nahe.
+
+»Mir ist es zumut, als hätten wir einen Todesfall im Hause gehabt,«
+sagte sie. »Hallager ist ganz aus dem gewohnten Geleise. Aber was
+habe ich gesagt? Es ist geradezu ein Verhängnis, daß ich immer recht
+bekomme! Nun werden es die guten Leute selbst einsehen! Aber es ist
+ein wenig spät. Es tut mir für beide leid, am meisten für Halfdan. Er
+bindet sich nur sehr stark, und nun vielleicht nie wieder. -- Über mein
+süßes Mädchen bin ich ein wenig ärgerlich. Sie hätte es sich früher
+besser überlegen sollen. Aber Halfdan betrug sich ihr gegenüber auch
+nicht immer richtig.«
+
+»Nein,« sagte die öffentliche Meinung in Gestalt einer Dame, die zu
+Besuch kam. »Er war zu kalt und recht wenig rücksichtsvoll gegen sie.«
+
+»Kalt? -- Ja, darüber können andere nicht urteilen, nach meiner
+Erfahrung wenigstens. Aber rücksichtslos, das war er. Er überlegte
+nie, was sie wünschen oder nötig haben könnte. Und nun zuletzt diese
+Pfarrei! Das hat dem Faß den Boden ausgeschlagen! Ich habe ihm damals
+gleich gesagt, daß es eine unvernünftige Idee sei. Es ist ja nicht
+frömmer, ob man an dem einen oder an dem andern Ort predigt.«
+
+»War sie von Anfang an verzweifelt darüber?«
+
+»Nein, da sagte sie, es sei herrlich, und daß sie am liebsten mit ihm
+auf den Mond ginge, -- ich glaube, so sagte sie. Aber so etwas hält
+nicht vor! Als sie in ihr schönes Heim zurückkehrte, zu ihren Freunden,
+ihrem künstlerischen Umgangskreis, und dann an die Pfarrei hoch droben
+auf einer Felsenspitze dachte, ohne einen anderen Umgang als -- Bären,
+wenn es gut geht, da sank ihr der Mut. Und das ist nicht zu verwundern.
+Aber es tut mir leid, mehr als ich Ihnen sagen kann, Frau Smit.«
+
+Von der Schwester des Pfarrers bekam man über die Auflösung noch
+weniger zu hören, als einst über die Verlobung.
+
+Zu der Konsulin, die ihr den Brief der Nichte zeigte, um sie etwas
+milder zu stimmen, sagte sie nur: »Ich verurteile sie nicht. Sie steht
+eigentlich vollständig außerhalb meines Verständnisses! Ich denke,
+sie hat sich selbst gerichtet. Und sicherlich ganz richtig. Wenn sie
+sagt, daß sie Halfdan nicht folgen könne, so wird es wahr sein. Den
+Weg auf die Höhe an seiner Seite, dazu hat sie nicht die Kraft. Es ist
+nur so schwer, daß er es glauben konnte und nun den bitteren Schmerz
+durchmachen muß, sich in einem anderen Menschen so tief getäuscht zu
+haben.«
+
+Von dem Tage an, wo der Pfarrer von seiner kurzen Reise nach Norwegen
+zurückkehrte, die einen so schneidenden Gegensatz zu dem bildete, was
+geplant gewesen war, wurde das dänische Fräulein und die ganze Periode,
+die sich an sie knüpfte, nicht mehr zwischen den Geschwistern berührt.
+
+Den ganzen ersten Tag und auch die Nacht schloß sich Halfdan ein, --
+mit einem Ausdruck im Gesicht, daß Alette es nicht gewagt haben würde,
+ihn allein zu lassen, wenn sie nicht gewußt hätte, mit wem er sich
+einschloß.
+
+Die ganze Nacht hindurch hörte sie ihn in seinem Zimmer auf und ab
+gehen, oder sich schwer niederwerfen -- auf einen Stuhl, oder auf den
+Boden. Sie wußte es nicht.
+
+
++Gegen Morgen trat er bei ihr ein, -- und er sah in dem bleichen
+Tagesgrauen aus wie eine Leiche.
+
+Er trat zu ihr und sagte: »Nun habe ich es durchgekämpft. Ich will es
+auf mich nehmen und will es tragen. Jetzt gehe ich weiter.«
+
+»Gott sei Dank!« sagte sie leise.
+
+Aber in demselben Augenblick brach er neben ihr zusammen. Und das Bett,
+auf das er sich stützte, zitterte unter seinem heftigen, furchtbaren
+Schluchzen.
+
+Sie umschloß seinen Kopf mit zärtlichen Händen; während ihr selbst die
+Tränen über die Wangen liefen, neigte sie sich über ihn und begann
+leise und innig für ihn zu beten. Mit der ganzen Liebe, die sie für ihn
+fühlte, mit ihrem unerschütterlichen Vertrauen zu dem großen Helfer
+betete sie.
+
+Allmählich wurde er ruhiger und richtete sich auf.
+
+»Ich danke dir,« sagte er und küßte sie auf die Stirne. »Was getragen
+werden muß, kann auch getragen werden. Das Hindernis, an dem wir uns
+die Stirne blutig stoßen, soll uns nicht niederschlagen. Das bedeutet
+immer nur, daß wir höher hinauf sollen. Darüber hinaus!«
+
+Von dem Tag an erfüllte er alle seine Pflichten wie vorher und
+bereitete seine Abreise nach der fernen Pfarrei vor.
+
+Das Herz der Schwester blutete, wenn sie daran dachte, daß er in diese
+Einsamkeit hinaufziehen mußte.
+
+Ihre Gesundheit war viel zu gebrechlich, als daß sie daran denken
+konnte, sich in einer so rauhen Gegend niederzulassen. Trotzdem hatte
+sie es ihm gleich vorgeschlagen; sie hätte um seinetwillen gern ihre
+Gesundheit drangegeben.
+
+Aber er nahm das Anerbieten nicht an; er hätte es nicht für recht
+gehalten. Das einzige, worauf er einging, war, daß sie im Hochsommer
+einen Besuch im Pfarrhause machen dürfe.
+
+Ende Juni reiste er ab. Und im Juli kam sie zu ihm. Dies wiederholte
+sich regelmäßig jedes Jahr.
+
+Sie hatte gehofft, er werde sich wegmelden, als die ersten fünf Jahre
+um waren, und sich an einen milderen und näheren Ort versetzen lassen.
+
+Er aber sagte: »Ich habe hier oben eine Aufgabe zu lösen.« Da war sie
+nicht wieder darauf zurückgekommen.
+
+Jeden Winter hoffte sie auf einen Besuch von ihm, wenn auch nur auf
+kurze Zeit. Aber er sagte, das müsse warten, noch immer würde es ihn
+nur peinlich berühren, wenn er wieder nach Christiania käme. --
+
+Im Sommer begleiteten manchmal auch andere die Schwester nach dem
+Norden. Verwandte oder Freunde, Bödkers und einzelne der Cousinen,
+solche, mit denen der Pfarrer sich gut verstand.
+
+»Ich glaube, ich verstehe Alettes Gedanken, wenn sie Margarete oder
+die liebe, bescheidene Sophie nach dieser Einöde mitnimmt,« sagte
+die Konsulin. »Wenn man nur bald hören würde, daß sich Halfdan mit
+einer von ihnen verlobt hätte. Dann könnte man glauben, er habe sein
+Herzeleid überwunden und bekomme nun eine behagliche Heimat mit einer
+netten Frau, die ihn auf eine vernünftige Art glücklich machen würde,
+-- auf eine Art, die Bestand hat.«
+
+Aber dies bekam man eben nicht zu hören.
+
+Der fremde Vogel, den er einmal an sein Nest fesseln zu können
+geglaubt hatte, flog weiter und weiter fort aus seinem Bereich.
+
+Anderthalb Jahre nach der aufgehobenen Verlobung erfuhr man, daß das
+dänische Fräulein nach einer energischen und gründlichen Ausbildung zur
+Bühne gegangen sei.
+
+An die Tante, die diesen Schritt mißbilligte, schrieb sie, sie müsse
+eine Aufgabe haben, die sie ganz in Anspruch nehme, damit sie ihr Leben
+damit ausfüllen könne.
+
+Mehrere Jahre lang hatte sie einen schönen, hervorragenden Platz an der
+Bühne.
+
+Dann hörte man, daß sie sich wieder ganz plötzlich ins Privatleben
+zurückgezogen habe.
+
+-- Weit entfernt von einander waren die Welten, in denen die beiden
+Leben verliefen, die einmal nahe daran gewesen waren, in einander zu
+fließen.
+
+ [Illustration]
+
+
+
+
+ Hinauf.
+
+
+
+
+ [Illustration]
+
+Die helle Nacht ruht über dem Gebirge ...
+
+Die große, spiegelklare Wasserfläche wirft den Glanz der Sonne zurück,
+und eine silberhelle, zitternde Beleuchtung hat sich über das steile
+Ufer und bis zu dem weißen Pfarrhaus hingebreitet.
+
+Es ist etwas Wunderbares um diese hellen Nächte. Man empfindet sie
+immer, als stünden sie außerhalb der Gegenwart.
+
+Der helle Tag, die dunkle Nacht -- in ihnen findet man sich so
+natürlich zurecht. Aber die helle Nacht -- sie scheint nicht dieser
+Welt anzugehören. Es ist, als lasse sie etwas ahnen, etwas weit
+Größeres als den Morgen, der über der Welt anzubrechen pflegt.
+
+Es ist, als öffne sich eine Türe zu lautlosen lichten Gefilden, zu
+einer Stätte der Erwartung, wo man dem Sonnenaufgang der Vollendung
+entgegenschaut.
+
+In der hellen Nacht gibt es einen Zugang von einer Welt in die andere.
+Man fühlt sich dem stillen lebendigen Dasein des Jenseits gleichsam
+näher als in der lärmenden Unwirklichkeit des Tagewerks. --
+
+Über die glänzende Wasserfläche gleitet ein Boot nach dem Ufer des
+Pfarrhofs. Eine einzelne Gestalt steigt aus und bleibt am Ufer stehen.
+
+Der Fährmann, der an einer kleinen Poststation seinen Wohnsitz hat,
+rudert nach ein paar Augenblicken wieder weg. Er weiß, daß der Pfarrer
+auf einer Amtsreise in Sörli ist und erst in drei Tagen um Mitternacht
+zurück sein kann. Aber die Tür des Pfarrhauses steht offen, -- das weiß
+er auch -- wenn die Pächtersleute je schlafen gegangen sein sollten.
+
+Das Boot gleitet dahin wie ein Schatten auf dem glatten Silber der
+breiten Fläche.
+
+Die Gestalt geht nicht nach dem Pfarrhaus, sondern setzt sich auf einen
+großen Stein am Ufer und hüllt sich dichter in ihren langen, dunklen
+Mantel. Sie sitzt unbeweglich, als sei sie eins mit dem Stein. Und sie
+wartet ....
+
+Die helle Nacht steigt lautlos aus dem weißlichen Wasser auf und
+umzieht alle Berge mit ihrem zarten Glanz.
+
+Die blanke Fläche ist unbeweglich wie Glas. Nur drinnen zwischen den
+Ufersteinen schlägt sie ein paar leuchtende Falten, die sich mit einem
+leisen beruhigenden Rauschen auf dem weichen Sand glätten, und diese
+schwache Bewegung, in tausendfacher Wiederholung, ist das einzige,
+woran man merken kann, daß die Zeit vergeht.
+
+Sonst scheint alles ganz still zu stehen, wie in träumerische Ahnung
+verloren. Dann ertönt ein Laut, fern und unbestimmt, ein Laut, der die
+Stille nicht zu unterbrechen scheint, -- selbst als er deutlicher wird,
+-- sondern eher wie mit ihr verschmilzt. Es ist der taktfeste Ton von
+Ruderschlägen, die sich nähern.
+
+Ein ruhiger Ton. Und doch ist es, als ginge ihm ein gespanntes, von
+Herzklopfen begleitetes Lauschen mit angehaltenem Atem entgegen.
+
+Um die dunkle, mit Tannen bestandene Landzunge zur Linken gleitet ein
+Boot und fährt auf das Ufer zu.
+
+Knirschend fährt es auf den Sand und hält.
+
+Der Pfarrer steht auf und steigt aus, -- ein einsamer Mann, der in
+der Nacht in sein einsames Haus zurückkehrt, wie schon hundert- ja
+tausendmal zuvor. Plötzlich bleibt er stehen. Er steht wie angewurzelt.
+
+Die Gestalt da vor ihm auf dem Stein, unbeweglich wie dieser ....
+
+Der Pfarrer schlägt beide Hände vors Gesicht. Dann fühlt er auf einmal
+alles Blut zum Herzen strömen, als wolle es dieses zersprengen. Und es
+wird ihm schwarz vor den Augen ....
+
+Nicht, weil überhaupt eine Gestalt dort sitzt, obgleich auch das an und
+für sich unerwartet ist. Eher weil die schlanken Umrisse der Gestalt --
+die ganze Haltung -- die Art, wie der Mantel gefaltet ist ....
+
+Die Gestalt erhebt sich, tritt einen Schritt näher ..... und gleitet
+lautlos in den Sand zu seinen Füßen ....
+
+Mit einer heftigen Kraftanstrengung geht er bis zu dem Stein hin, setzt
+sich darauf und bedeckt dann das Gesicht wieder mit einer Hand.
+
+Denn es saust ihm in den Ohren, es schwindelt ihm vor den Augen.
+
+Die Gestalt neigt ihr Gesicht auf seine andere Hand, die schwer und
+kalt auf seinen Knien liegt.
+
+Und so bleiben sie unbeweglich lange, lange.
+
+Es ist möglich, daß hinter ihm ein gähnender Schlund von leeren Tagen
+und qualvollen Nächten ist, der sich nun langsam und besänftigend
+ausfüllt, so daß die friedliche Verbindung mit der Vergangenheit wieder
+hergestellt werden kann. Und es ist möglich, daß er einen Weg vor sich
+liegen sieht, gebahnt hin zur Vollendung des Lebens ...
+
+Denn dies ist die helle Nacht, in der die getrennten Welten
+zusammentreffen -- -- -- --
+
+ * * * * *
+
+»Halfdan, ich bin es.«
+
+Die Stimme wieder! Der Klang, der unerreichbare, den wieder zu
+vernehmen seine Ohren auf einer einzigen Sehnsuchtswache gestanden
+hatten. Jetzt so heimisch und gewohnt, als habe er immer zwischen
+diesen Höhen geklungen.
+
+»Ich bin es.«
+
+Die Ahnung eines Lächelns zieht über seine Lippen. Als ob es nötig
+wäre, ihm dies zu sagen!
+
+Noch bleibt er eine Weile sitzen, ohne zu sprechen. Er hat vergessen,
+was er sagen wollte, wenn er sie einmal wiedersähe. Er hat sich so
+lange darauf vorbereitet, daß nun alles entschwunden ist -- alles.
+
+»Halfdan, darf ich kommen?«
+
+Er will sprechen, kann aber nicht; er legt nur seine Hand auf ihr Haar.
+
+Endlich sagt er: »Du kommst sehr spät. Ich habe gerufen und gerufen.«
+
+Seine Stimme ist so merkwürdig heiser und tonlos, wie die eines
+Menschen, der im Traum spricht. Und es wird ihm schwer, die Worte
+herauszubringen. »Ich habe dich -- erwartet. Du mußtest kommen. Ich
+habe dich gerufen -- nicht zu mir -- aber ich wußte, wenn du einmal
+hinüberkämest -- und dich selber fändest, dann mußtest du heraufkommen.«
+
+Sie schaut zu ihm auf. »Halfdan, ich habe dich rufen hören, und nun bin
+ich hinübergekommen. Du hast mich mitgezogen. Aber auf meine eigene
+Weise -- -- und nicht auf die eines andern in der Welt.«
+
+Indem sein Blick den ihrigen trifft, ist es, als ob er erwache. Und das
+zurückgedrängte Leid der vielen Jahre ist im Begriff loszubrechen, in
+einem tiefen und bitteren Groll.
+
+Mit bebenden Händen erfaßt er ihren Kopf. »Wie konntest du? -- Wie
+konntest du? -- Du wußtest, was du tatest? Du -- --«
+
+Aber in demselben Augenblick läßt er sie auch schon wieder los und
+steht auf. »Nein, nein! Antworte mir nicht, -- antworte mir nicht. Du
+bist hier. Das soll mir genug sein -- es ist genug. -- Komm!«
+
+Sie richtet sich langsam auf.
+
+»Ja, wie konnte ich?« sagt sie.
+
+Durch den Mantel faßt er nach ihrer Hand und steigt mit ihr das Ufer
+empor. Auf halbem Weg halten sie an, um Atem zu schöpfen.
+
+Er deutet nach dem südlichen Himmel.
+
+»Sieh,« sagt er, »der weiße Streifen über dem Berggipfel dort -- wie
+ein feiner langgestreckter Regenbogen -- der steht wieder dort, ganz,
+wie gestern abend auch.«
+
+»Ja,« sagt sie, als hätte sie ihn gestern abend auch gesehen.
+
+Er will weiter gehen, aber sie hält ihn zurück.
+
+»Alle die Orte, wo du -- um meinetwillen gelitten hast, -- zeige sie
+mir.«
+
+Er schüttelt den Kopf. »Es wären zu viele -- es wäre überall.«
+
+Aber er wendet sich nicht dem Pfarrhaus zu. Er geht nach der
+entgegengesetzten Seite, hinein zwischen die rauschenden Tannen, und
+führt sie ins Tal Josaphat, zu der blumigen Felsenspalte tief im Wald.
+
+All die bunten Blüten stehen unbeweglich und duften in nächtlich
+verschleiertem Glanz. Und es ist, als weine das Bächlein im Schlaf.
+
+»Hier,« sagt er, »hier hab ich gedacht, daß du sitzen würdest. In der
+Mittagssonne zwischen all den Blumen -- und daß ich die Arme um dich
+und sie legte.«
+
+Sie pflückt ein paar von den Blumen und befestigt sie an ihrer Brust.
+
+Dann gehen sie weiter.
+
+Ein feiner, plätschernder Wasserstrahl rieselt aus einer Felsenspalte,
+gleitet hinab über den harten Stein, wo er eine dünne grünliche
+Spur hinterläßt, und verschwindet unter kleinen Farnkräutern und
+Renntiermoos am Fuß des Felsens.
+
+»Hier hab ich gedacht, daß du versuchen würdest, von dem Wasserstrahl
+zu trinken, daß du von den Tropfen ganz bespritzt würdest und -- lachen
+würdest. Und daß ich alle Tropfen von deinem Gesicht trinken wollte.
+Ich bin immer durstig an diesem Wasser vorübergegangen ...«
+
+Sie hält die hohle Hand unter den Strahl und hebt sie an seinen Mund.
+Er trinkt einen oder zwei der kühlen Tropfen.
+
+Aber indem er ihre Hand losläßt, umfaßt er ihr Gesicht.
+
+»Ich habe gedürstet -- gedürstet,« sagt er.
+
+Und er küßt sie.
+
+Da schlingt sie die Arme um seinen Hals.
+
+»Halfdan -- Halfdan!«
+
+Es war, als mache sich ihr Herz frei in einem erlösenden Schrei.
+
+Einen Augenblick scheint er am Zusammenbrechen zu sein. Dann richtet er
+sich jäh auf.
+
+»Komm!« sagt er. »Wir müssen höher hinauf.«
+
+Sie steigen, steigen. Den schmalen Pfad geht es hinauf, der sich am
+Felsen hinzieht, bis er auf einem großen flachen Felsblock endet, der
+sich über den dunklen Tannenwald und den glänzenden See zu ihren Füßen
+hinauslehnt.
+
+»Hier --« sagt er und setzt sich auf eine kleine Bank an der Felswand.
+
+Sie setzt sich neben ihn, und er erfaßt ihre beiden Hände.
+
+»Hier oben --« sagt er, hält aber wieder inne und betrachtet ihre Hände.
+
+»Was ich jetzt sage,« beginnt er kurz nachher, »muß so verstanden
+werden, als sei es in meinem Innern gesprochen.«
+
+»Ja, ja.«
+
+»Hier oben lernte ich -- in einer bitteren Nacht, als die Wahrheit mich
+dazu zwang -- von der Höhe aus auf das hinab zu sehen, was zwischen uns
+gewesen war. Und es konnte nicht bestehen, -- nein, nicht ~ganz~.«
+
+Sie macht eine Bewegung. Und mit stärkerer Stimme fährt er fort: »Es
+war nicht, weil ich zweifelte, daß du die Rechte, die Einzige für mich
+seiest, die, die mit ganzer Liebe zu besitzen ich volles Recht hatte.
+Dessen war ich ganz sicher.
+
+»Auch nicht, weil dies Verhältnis noch Mängel und Schwachheiten
+zeigte. Das hat so wenig zu bedeuten. Es muß immer so sein zwischen
+unvollkommenen Menschen.«
+
+Er hält inne. Und sie drückt seine Hände.
+
+»Sondern weil ich außerhalb stand, nicht wahr?« fragt sie leise.
+»Deshalb wurde ich ein Hindernis für dich. -- Sag es nur!«
+
+»Nein, nein. -- Ich will dir nicht die Schuld beimessen. Hättest du
+anders gestanden, wäre es wohl nicht so gekommen. Aber die Schuld war
+mein -- mein allein.
+
+»Denn das war es, daß ich -- dich außerhalb meines Verhältnisses zu
+Gott hatte. Ich wollte dich haben wie einen Raub. Ich wollte dich mit
+Gewalt hinreißen, aber zu mir -- zu mir allein, dich ausschließlich
+so in meinen Besitz bringen, -- daß nicht allein alle andern
+ausgeschlossen waren, sondern daß auch der Zugang nach oben verriegelt
+war. Denn es war -- nun spreche ich aus der tiefsten Tiefe meines
+Gewissens -- es war, als fürchtete ich, es könnte für meine Liebe etwas
+verloren gehen, wenn du unter eine höhere Macht kämest als die meinige.
+
+»Ich war ein Heide in diesem Stück. Ich wollte dich nur für mein
+eigenes Glück und für nichts anderes im Himmel und auf der Erde.
+
+»Ich wußte es selbst nicht. Aber als ich in die Einsamkeit hier herauf
+kam, da erkannte ich es. Da sah ich, wie tief in der Ebene ich gewesen
+war, obgleich ich davon gesprochen hatte, daß ich auf der Höhe stehe.
+Es gibt nur einen Weg nach der Höhe über sich selbst hinaus -- zu Gott.
+Aber ich war unten -- tief drunten in mir selbst.
+
+»Da begriff ich, warum dieses Zusammensein aufgehoben werden mußte. Da
+konnte ich es auf mich nehmen, nicht das, was mir getan worden war,
+sondern das, was ich dadurch lernen sollte, -- ich sollte durch den
+unnatürlichen Schmerz lernen, ohne dich zu sein. Da konnte ich mich
+darunter beugen, ja -- ihn ~wollen~.
+
+»Und erst da wurde mein Verhältnis zu Gott vollkommen. Denn da ging ich
+ganz darin auf. Ich übergab meinen Willen bis zum letzten Punkt, -- bis
+zu dem Punkt, wo man bis aufs Blut kämpft, um das Eigene behalten zu
+dürfen. Da wurde ich zum Pfarrer geweiht, dem Herrn geheiligt.«
+
+Sie beugt sich vor und küßt seine Hände. »Hochlandspfarrer«, flüstert
+sie.
+
+Er wendet ihr das Gesicht zu.
+
+»Aber da fühlte ich mich fast als deinen Schuldner, verstehst du. Und
+es nagte an mir, wie wenig ich dir geholfen hatte auf dem Weg nach
+oben. Da wünschte ich, das Leben einzusetzen, um dich zu rufen. Nicht
+zu mir, nein, nicht zu mir, -- zu dem Verhältnis, wozu du dich mehr als
+sonst jemand, den ich kenne, eignest. Und ich habe es getan -- täglich.
+Und nicht am meisten da, wo der Ruf hinausging in die Welt.
+
+»Hier wollte ich ausharren, bis du kamst. Kamst du, dann wußte ich, daß
+ich dich ruhig aufnehmen konnte. Denn dann warst du eins mit mir im
+Höchsten. Und wurdest mir aufs neue gegeben. Von oben ...
+
+»Und nun -- -- nur das will ich noch sagen, was du tatest, kann nicht
+verteidigt werden, -- nicht entschuldigt. Es soll es auch nicht.
+Aber es besteht nicht mehr, wenn du da bist. Und für mich ist es gut
+geworden. Es zog mich hinauf.«
+
+Sie sitzt eine Weile unbeweglich. Dann sagt sie: »Halfdan -- ich
+habe das alles gewußt. Ich habe es aus jedem Wort, das du schriebst,
+herausgelesen. Und ich habe es an mir selbst gefühlt, wie weit du
+gekommen warst. Deshalb wagte ich auch zu kommen.«
+
+Er streichelt ihr zärtlich übers Haar. »Wagtest du es früher nicht?
+Wagtest du es nicht immer, zu mir zu kommen? Was hätte ich nicht
+ausgelöscht, wenn du gekommen wärest. Auch ehe ich so weit gekommen
+war!«
+
+Er steht auf.
+
+»Komm!« sagt er. »Ich habe ein Nachtlager für dich. Und bald ... bald
+ein Heim!«
+
+Sie zögert noch auf der Bank. »Halfdan, bist du sicher, daß du auch
+morgen noch ebenso sprechen wirst?«
+
+»Warum nicht? Was meinst du?«
+
+»Ich meine, -- wenn du mich beim hellen Tage siehst, dann -- o Halfdan!«
+
+Sie verbirgt plötzlich ihr Gesicht in den Händen.
+
+»Ach, so meinst du es? Laß mich einmal sehen!« Er richtet ihren Kopf
+auf. »Bist du sehr verändert?«
+
+»Ein wenig schon -- ich meine natürlich ...«
+
+»In einem Punkt bist du unverändert,« sagt er ruhig. »Du bist noch
+ebenso töricht wie damals. Du solltest wissen, daß ich auf so etwas
+nicht antworte.«
+
+»Ach Halfdan! Aber dann -- es tut nichts, wenn du mich wieder töricht
+findest -- ich will es dir gegenüber so gern sein, -- aber dann gib
+mir den Namen, der sagt, was ich dir sein soll, -- ich muß das jetzt
+hören, verstehst du. Und niemand kann ihn mir geben, als du allein.«
+
+Sie erhebt sich, läßt den langen dunklen Mantel fallen und steht vor
+ihm im weißen Gewand.
+
+Er stößt einen Freudenruf aus und breitet die Arme aus.
+
+Sie aber sinkt zu Boden und bricht in Tränen aus.
+
+Er zieht sie in seine Arme.
+
+»Durch Gottes Gnade -- mein Weib,« sagt er. »Fleisch von meinem
+Fleische, Seele von meiner Seele, ich liebe dich.«
+
+ * * * * *
+
+Sie wenden sich dem Pfarrhaus zu. Da bleibt sie stehen.
+
+»Ist deine Kirche offen?«
+
+»Nein, aber ich habe den Schlüssel bei mir. Willst du hineingehen?«
+
+»Ja, einen Augenblick. Mit dir.«
+
+Er öffnet die Tür des Kirchleins. Die helle Nacht gleitet weißlich
+zu den Bogenfenstern herein und füllt den Raum mit ihrer lautlosen
+Erwartung. Das große Kreuz auf dem Altar leuchtet wie der erste goldene
+Streifen des Sonnenaufgangs.
+
+Er legt den Arm um sie, und sie gehen langsam darauf zu. Sie knien
+zusammen auf dem Kissen vor dem Altar nieder.
+
+Ohne Worte. Denn das ist der Augenblick, wo alle Worte und Gedanken
+verstummen, -- machtlos. Wo die unaussprechlichen Seufzer die Seele wie
+mit einem letzten Wogenschlag ins Heiligtum hineintragen ...
+
+Ihr ist es, als zittere die Luft um sie her von heimlichem
+Glockengeläute.
+
+»+Sursum corda+ ... +sursum corda+ ...«
+
+Und der Herzschlag selbst gibt Antwort:
+
+»+Habemus ad dominum!+«
+
+-- Kurz nachher stehen sie vor dem Pfarrhaus. Sie schaut sich nach
+allen Seiten um.
+
+»Wie fandest du den Weg?« fragt er, seine Hand an ihre weiche Wange
+legend.
+
+Sie sieht ihn an, lächelt dann zum erstenmal und antwortet mit Solveigs
+Worten:
+
+ »Ich wanderte lang, oft fragt' man mich aus,
+ Doch immer nur sagt' ich: Ich gehe nach Haus.«
+
+Da lächelt auch er.
+
+Er will sie ins Haus hineinführen, aber sie legt ihre Hand auf seinen
+Arm und sagt:
+
+»Halfdan!«
+
+»Ja.«
+
+»Ich muß dir etwas sagen, ehe ich hineingehe ... Ich meine nicht,
+wie ich hinüberkam. Das kannst du später hören, alles von den langen
+Jahren, -- bis ich sicher war, daß ich nun kommen durfte ... Es ist
+etwas anderes ... Ich hätte gewiß nicht den Mut, es zu sagen, wenn du
+nicht so gesprochen hättest, wie vorhin -- und -- --«
+
+»Was ist es denn?«
+
+Sie steigt auf einen großen Stein, der vor der Haustür liegt.
+
+»Nun sollst du das größte Geheimnis erfahren. Du darfst mir aber kein
+Wort erwidern -- -- hörst du! Und niemals später auf das Gesagte
+zurückkommen. Denn ich weiß, daß sich vieles dagegen sagen ließe ...
+Und ich könnte nicht ertragen, wenn du es tätest ... Und ich kann doch
+von keinem Menschen ein Urteil darüber annehmen ... Ich weiß nur, daß
+es ganz von innen herauskam -- von da, wo die Wahrheit in mir ist ...
+Und daß ich -- -- ja, ich würde es gerade wieder so machen, wenn es
+sein müßte.«
+
+Er tritt ganz nahe zu ihr.
+
+»Was hast du getan? -- Was ist es? Laß es mich hören!«
+
+Sie umschlingt sein dunkles Haupt und zieht es an ihr Herz.
+
+»Halfdan -- du weißt, daß nichts in mir war. Ich war ganz leer und
+ferne.«
+
+Er richtet den Kopf auf, um zu sprechen. Sie aber zieht ihn inniger an
+sich.
+
+»Nur -- nur dein tiefstes, innerstes Verhältnis -- -- das fühlte ich,
+das liebte ich, an das glaubte ich, -- auch -- --«
+
+Sie zögert einen Augenblick. -- »Ja, auch wenn ich es nicht sah, wenn
+anderes dich in Anspruch nahm, -- nicht tiefer, aber stärker ... Dies
+klingt vielleicht sonderbar, aber ich glaube, ich hätte mein Leben
+hingeben können um dein Verhältnis zu Gott. Denn ich wußte, daß du da
+~dein Leben~ hattest.
+
+»Und dann, -- dann merkte ich, -- dann wurde es mir klar, -- dann bekam
+ich Todesangst, daß -- nein, nein, -- nun muß ich flüstern, und du
+darfst es nicht gehört haben ...«
+
+Sie legt ihre Lippen an sein Ohr. Und er vernimmt ihre leisen, bebenden
+Worte und mit ihnen den starken schnellen Schlag ihres Herzens.
+
+Plötzlich hebt er heftig den Kopf.
+
+»Du? -- du? --«
+
+Sie legt ihre Hand auf seine Lippen und flüstert wieder -- leise und
+eindringlich.
+
+Dann ist sie fertig. Vor ihm auf dem Stein steht sie, bebend -- und
+weiß wie ihr weißes Gewand.
+
+Eine Weile steht er stumm und unbeweglich und schaut weit hinaus in die
+helle Nacht. Findet deren friedliche Klarheit wohl jetzt den Weg zu dem
+dunkelsten Punkt der Vergangenheit?
+
+Endlich sagt er leise: »Ich kann nicht darauf antworten, -- ich soll
+ja auch nicht. Und das ist gut ... Denn niemals könnte ich mich damit
+einverstanden erklären, daß dies die rechte Weise war. Ich könnte nie
+einräumen, daß -- nein, nein, ich will nichts sagen -- das muß zwischen
+dir und einem Größeren bleiben, bis zu dem Tag, der alles klar machen
+wird.«
+
+Er richtet seinen Blick auf sie, wie sie vor ihm steht -- weiß in ihrem
+weißen Gewand.
+
+In dem Blick lag sein ganzes Herz.
+
+»Eins, nur eins mußt du hören! Was auch dagegen gesagt werden könnte --
+ich glaube doch, der -- ~Hochlandspfarrer~, der über sich selbst
+hinausgelangte und eine andere Seele in die Tiefe seines Verhältnisses
+zu Gott mit hineinzog -- --« Er beugt sich nieder und führt den Saum
+ihres weißen Gewandes an seine Lippen -- »~Der warst du -- du, du~
+...«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Ingeborg Maria Sick's Schriften.
+
+
+Berechtigte Übersetzung aus dem Dänischen von ~Pauline Klaiber~
+
+ =Der Hochlandspfarrer.= Eine Erzählung aus Norwegen.
+
+ =Jungfrau Else.= Roman.
+
+ =Großmutter Ursulas Garten.= Roman.
+
+ =Ina.= Roman.
+
+ =Daheim.= Bilder von dem alten Pfarrhaus.
+
+ =Schritte in der Nacht.= Roman.
+
+ =Von Erde bist du genommen.= Fünf Novellen.
+
+ =Kathi von Goldrain.= Erzählung.
+
+ =Kaspars Zinglers Herz.= Erzählung.
+
+ =Freundlichkeit ist das halbe Leben.= Zwei Erzählungen.
+
+ =Das schlafende Haus.= Novelle.
+
+ =Das Blumenwunder und andere Geschichten.=
+
+
+Verlag von J. F. Steinkopf in Stuttgart.
+
+
+Weitere gute Bücher aus dem
+
+Verlag von J. F. Steinkopf in Stuttgart.
+
+
+ =Boeckh-Arnold, E., Lieb' ist Wunder.= Roman.
+
+ =Boie, Marg., Das köstliche Leben.= Roman.
+
+ =Burgdorf, P. C., Jochen Klingworths Abschied.=
+
+ =Engel, F., Kampf und Kraft.= Roman.
+
+ =Falk-Rönne, J., Das Land des Glücks.= Roman. Aus dem Dänischen
+ von Gertrud Bauer.
+
+ =Günther, A., Die Heilige und ihr Narr.= 2 Bände.
+
+ =Auf Agnes Günthers Spuren.= Sechs Landschaften nach Aquarellen
+ von Felix Hollenberg.
+
+ =Seelchens Heimat.= Zwanzig Naturaufnahmen der Stätten, wo Agnes
+ Günthers »Heilige und ihr Narr« zu Hause sind. In Mappe.
+
+ =Josten, H., Der Stärkste.= Die Geschichte eines stillen Lebens.
+
+ --, =Die Holdselige=. Zwei Märchen für besinnliche Leute. Mit
+ Bildern von Elisabeth Kellermann.
+
+ =Kotzde, W., Die Wittenbergisch Nachtigall.=
+
+ --, =Die Pilgerin=. Roman.
+
+ --, =Wilhelm Drömers Siegesgang=. Roman.
+
+ --, =Die Krone Svinthilas=. Novelle.
+
+ --, =Wolfram=. Ein Wartburgroman.
+
+ --, =Mittsommernacht=. Novelle.
+
+ =Lindner, A. L., Des Lebens Schönheit.= Roman.
+
+ =Mahnert, L., »... bis du am Boden liegst!«= Roman.
+
+ =v. Sell, S. Ch., Weggenossen.= Roman.
+
+ --, =Unterirdische Wasser=. Roman.
+
+ --, =Die helle Nacht=. Roman.
+
+ --, =Die Prähme=. Roman.
+
+ --, =Die Sonne leuchtet über der Stadt=. Roman.
+
+ --, =Germanische Gestalten=. Gedichte und Balladen.
+
+ =Steinhausen, G., Irmela.= Eine Geschichte aus alter Zeit.
+ Gebunden.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78787 ***
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+ Der Hochlandspfarrer | Project Gutenberg
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+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78787 ***</div>
+
+
+<div class="transnote">
+<p class="s3 center">Anmerkungen zur Transkription.</p>
+<p class="p0">Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion
+des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche
+Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.</p>
+<p class="p0">Worte in Antiquaschrift sind "<i>kursiv</i>" dargestellt.</p>
+<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter erstellt.</p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp46" id="cover" style="max-width: 100em;">
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+
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+ <img class="w100" src="images/illu-001.jpg" alt="Deckblatt">
+</figure>
+
+<h1>Der<br>
+Hochlandspfarrer</h1>
+
+<p class="s2 center">Von Ingeborg Maria Sick</p>
+
+<p class="center">Berechtigte Übersetzung aus<br>
+dem Dänischen von<br>
+Pauline Klaiber</p>
+
+<p class="mtop3 center">Sechzehnte Auflage</p>
+
+<figure class="figcenter padtop3 illowe4" id="001a">
+ <img class="w100" src="images/001a.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<p class="center">1 · 9 · 2 · 1<br>
+Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart</p>
+
+<div class="newpage">
+<figure class="figcenter padtop5 illowe4" id="illu-002">
+ <img class="w100" src="images/illu-002.jpg" alt="deko">
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+
+<p class="s5 center">Gedruckt in Stuttgart<br>
+bei <em class="gesperrt">J. F. Steinkopf</em></p>
+</div>
+
+
+<div class="chapter">
+<h2>Inhaltsverzeichnis.</h2>
+
+
+<table class="toc">
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+<td class="tdl"></td>
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+</tr>
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+</tr>
+<tr>
+<td class="tdl">Der Pfarrer von Li</td>
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+<tr>
+<td class="tdl">Hinauf</td>
+<td class="tdr"><a href="#Seite_227">227</a></td>
+</tr>
+</table>
+</div>
+
+
+
+<hr class="full">
+
+<div class="newpage">
+<h2 class="nobreak" id="In_die_Ferne">In die Ferne</h2>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_5">[S. 5]</span></p>
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-005" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-005.jpg" alt="Landschaft">
+</figure>
+
+<div class="dc">
+ <img class="h6em" id="drop-w" src="images/drop-w.jpg" alt="W">
+</div>
+
+<p class="p0"><span class="hide-first">W</span>eit droben im Hochgebirge von Norwegen liegt das ferne, einsame
+Kirchspiel Li.</p>
+
+<p>Ich wünschte, ich könnte sagen: »Komm und folge mir dahin auf
+raschen Flügeln, mit dem blitzschnellen Flug des Schneehuhns!« Ein
+Flügelrauschen, und wir wären da!</p>
+
+<p>Denn sonst wirst du am Ende umkehren wollen, ehe der halbe Weg
+zurückgelegt ist.</p>
+
+<p>Zuerst müssen wir nach Trondheim. Und von da geht es »in aller
+Herrgottsfrühe« hinaus<span class="pagenum" id="Seite_6">[S. 6]</span> und hinein in die Fjorde, mehrere Stunden lang,
+hinauf, aber auch hinab. Denn der kleine Dampfer schwankt wie ein
+Betrunkener auf den schäumenden Wogen dahin, bis er endlich in Stenkjer
+anlegt.</p>
+
+<p>Das enge Städtchen inmitten einer großartig schönen Umgebung
+überspringen wir und fahren sogleich mit dem Postwagen in nördlicher
+Richtung weiter und weiter, bis wir endlich in den langen Abendschatten
+das Wasser der Snaasenbucht zu unseren Füßen durch die Tannen schimmern
+sehen. Dann geht es wieder an Bord eines noch kleineren Dampfers als am
+Morgen und nun auf den friedlichen Wellen des Gebirgsees weiter bis zum
+späten Abend.</p>
+
+<p>Während der Fahrt drängen sich plötzlich die wenigen Reisenden auf dem
+Verdeck zusammen. »Ein Elch! Ein Elch!« Draußen, mitten auf dem Wasser
+schwimmt ein großer Elch, der sein riesiges, graues Maul mit weit
+aufgeblasenen, schnaubenden Nüstern hoch über die Wogen erhebt.</p>
+
+<p>Bei Sonnenuntergang taucht am Ende des Wassers weiß und ruhig der
+Wegsethof auf.</p>
+
+<p>Wir gehen ans Land; und während der kleine<span class="pagenum" id="Seite_7">[S. 7]</span> Dampfer sich entfernt,
+indem er das letzte Rauschen des Weltlärms weit, weit mit sich
+wegführt, ist hier ein großartiges, merkwürdig stilles Naturreich, das
+uns umschließt.</p>
+
+<p>Wir übernachten auf dem Hof, und am nächsten Tage ziehen wir weiter mit
+dem Skjuts,<a id="FNAnker_1" href="#Fussnote_1" class="fnanchor">[1]</a> dem norwegischen zweirädrigen Postwagen.</p>
+
+<div class="footnote">
+
+<p><a id="Fussnote_1" href="#FNAnker_1" class="label">[1]</a> Sprich Schüts.</p>
+
+</div>
+
+<p>Durch Tannenwälder geht es, hohen Felswänden entlang, wo kletternde
+Linneen und St. Olafslichter wachsbleich und schön unter glänzenden
+Tautropfen duften.</p>
+
+<p>Der Morgen verwandelt sich in einen heißen, strahlenden Mittag — und
+noch immer rollt unser Wagen durch diese stumme, wie traumbefangene
+Schönheit dahin, wo wir nicht einem einzigen Menschen begegnen. Nur
+weiße »Bergfrauen« winken uns aus jeder Felsenspalte, wo nur immer sie
+Fuß zu fassen vermocht hatten.</p>
+
+<p>Höchstens alle vier Stunden taucht ein einzelner Hof zwischen den
+Tannen auf, eine menschliche Oase mitten in der Wüste der Einsamkeit,
+wo unserer warten — nicht Dattelpalmen und Quellwasser, sondern
+Rauchfleisch, <span class="pagenum" id="Seite_8">[S. 8]</span>Fladenbrot und dicke Milch, mit der wir kaum fertig
+werden, bis wir wieder weiter müssen.</p>
+
+<p>Sie sagen alle »du« zu uns, — ich meine, die Bewohner der Höfe und
+unser Postillion; sonst sehen wir niemand.</p>
+
+<p>Gegen Nachmittag wird unser Postknecht redselig. Den ganzen Morgen ist
+er wortkarg gewesen; aber nun scheint es, als ob ein gewisses lauerndes
+Mißtrauen gegen unsere Fragen von ihm gewichen sei, und wir erfahren
+vielerlei, das wir uns allmählich klar zu machen suchen.</p>
+
+<p>Ola heißt er, — Ola Klövigaarden.</p>
+
+<p>Wir fragen ihn, ob sich keine Elfen oder Kobolde in dieser Gegend
+aufhalten. Wir sagen, es komme uns hier so vor, als könne es allerhand
+Erscheinungen geben.</p>
+
+<p>Zuerst will er nichts davon wissen. Dann aber deutet er plötzlich auf
+einen großen Felsblock, der sich hoch oben über einen einsamen Hof
+hinausbeugt, und sagt, da drin habe das Elfenvolk sein Schloß. Wenn man
+oben auf dem Felsen stehe, könne man in ein tiefes Loch hinabsehen. Das
+sei der Eingang. Und wenn man etwas da hinunterwerfe, ein Tuch oder
+sonst etwas, so werde es einem gleich wieder<span class="pagenum" id="Seite_9">[S. 9]</span> zurückgeschleudert. Aber
+niemand solle ihm weismachen wollen, daß das vom Luftzug komme. Und wer
+könnte es denn sein, der dann gleichzeitig da unten lache?</p>
+
+<p>Und seine Großmutter, die sich auf den Hof dort verheiratet habe, sei
+einmal als junge Frau ganz allein zu Hause gewesen. Da sei plötzlich
+unter der Tür des Vorratshauses, wo sie eben Mehl holen wollte, einer
+gestanden und habe gesagt, daß die Waldfrau drinnen im Felsen in
+Kindsnöten liege.</p>
+
+<p>Die Großmutter habe sich gefürchtet, nein zu sagen, aber eben so große
+Angst habe sie vor dem Mitgehen gehabt. Da sei ihr eingefallen, daß es
+Christenpflicht sei, zu helfen. Und da sei sie mitgegangen, hinunter
+durch das schwarze Loch in den Felsen hinein. Da drinnen habe die
+Ärmste gelegen, und die Großmutter habe ihr geholfen aus schwerer Not.
+Aber als sie dann durch die Felsenkuppe wieder herauskam, habe neben
+ihr eine scheckige Kuh gestanden, die ihr nach dem Hofe gefolgt sei.
+Das sei der Dank der Waldleute gewesen. Und bis auf den heutigen Tag
+gebe es scheckige Kühe auf dem Hof. Jeder könne hingehen und es sehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_10">[S. 10]</span></p>
+
+<p>Wir fragten ihn, ob er nicht noch mehr wisse. Nein, sagte er, sonst
+wisse er nichts mehr.</p>
+
+<p>Kurz nachher aber begann er wieder: Doch ja; damals, als sein Vater
+da droben »gehütet« habe, da habe er, ohne an etwas Böses zu denken,
+plötzlich ein graues Männchen mitten unter den Ziegen stehen sehen, und
+als er hinging und es fragte, woher es komme, — da sei es plötzlich
+»weg« gewesen. Aber den ganzen Tag habe man den Ziegen nicht nahe
+kommen dürfen, so verscheucht seien sie gewesen. — — —</p>
+
+<p>Der Abend bricht an, und da halten wir vor dem Nynäshof. Dieser liegt
+dicht am Weg an den Felsen angelehnt. Und jenseits des Wegs zieht der
+Fluß rauschend dahin. Dann ragen wieder Felswände auf — mitten aus
+dem brausenden Strom heraus. Denn eng ist das Tal und düster durch
+die überhängenden Tannen, die auf den zu beiden Seiten aufsteigenden
+Felswänden wachsen.</p>
+
+<p>Die meisten der Bewohner des Hofs sind »aus«, auf der Alm mit den
+Kühen, wie Ola erklärt. Nur die Frau und ein junger Bursche sind
+zufälligerweise daheim und können uns eine Lagerstätte anweisen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_11">[S. 11]</span></p>
+
+<p>Die Gastbetten — vier an der Zahl — stehen in einem Raum neben der
+großen Spinnstube, die im Sommer öde und verlassen ist.</p>
+
+<p>Gebrauchte Bettücher, Elentierfelle als Decken, und Türen, die man
+nicht verriegeln kann, — weder die von der Stube nach der Treppe,
+noch die von der Treppe ins Freie — drohen im ersten Augenblick, uns
+den Schlaf zu verscheuchen. Aber die Müdigkeit nach dem vielstündigen
+Rütteln im Postwagen über Stock und Stein bekommt die Oberhand.</p>
+
+<p>Um Mitternacht kehrt das Bewußtsein plötzlich zurück mit dem Gefühl,
+daß alle Spinnrädchen in der Spinnstube nebenan anfangen zu schnurren
+— — — schnurren — — —</p>
+
+<p>Und es ist einem, als ob man hinter den schwirrenden Rädchen alle
+verstorbenen Mädchen und Frauen des Hofs sitzen sehen müsse, wenn man
+dort hineinlugte, und die nickten einem zu, — bis man entdeckt, daß es
+nur der Fluß ist, der so nahe braust, so unglaublich nahe; es ist, als
+ziehe er einem mitten durch den Kopf.</p>
+
+<p>Und man hat das Gefühl, als könne von Schlaf keine Rede mehr sein, so
+lange dieser Ton<span class="pagenum" id="Seite_12">[S. 12]</span> anhält, — — — bis einen das Rauschen und Schnurren
+schließlich doch wieder einlullt. —</p>
+
+<p>Der nächste Tag ist der anstrengendste der ganzen Reise. Zuerst wieder
+im Postwagen drei bis vier Stunden in gleichmäßigem Steigen längs der
+Felswand, den Fluß tief unter uns. Dann zieht dieser seines Weges, wir
+gehen den unserigen, bis unser Pfad an dem »steilen Felsen« aufhört, wo
+wir vom Wagen steigen und uns mit einem »Schönen Dank!« und »Adieu!«
+von Ola verabschieden.</p>
+
+<p>Nun beginnt die Fußwanderung. Der Führer geht mit unserem Koffer auf
+der Schulter voran. Hinauf, hinauf.</p>
+
+<p>Es führt jetzt ein Pfad über die Felsen, der meistens recht leicht
+erkennbar ist, — aber auch die alten »Warten« stehen noch da von den
+Tagen her, wo sie die einzigen Wegweiser in dieser Höhe gewesen sind.
+— —</p>
+
+<p>Nachdem wir ein paar Stunden gewandert sind, hält der Führer plötzlich
+an und betrachtet aufmerksam den Boden zu seinen Füßen.</p>
+
+<p>»Bären,« sagt er und richtet den Kopf mit einer jähen Bewegung auf, die
+für unsern Koffer beinahe verhängnisvoll wird.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_13">[S. 13]</span></p>
+
+<p>Quer über den Weg laufen frische Bärenspuren ....</p>
+
+<p>Blitzschnell spähen unsere Blicke nach allen Seiten. Die Tannen sind
+hier ganz nieder und wachsen nur zerstreut, — Steine, Zwergbirken und
+Wacholderbüsche bedecken abwechslungsweise die Abhänge, so daß wir
+weit umherschauen können. Aber Meister Petz ist nirgends zu sehen. Der
+Führer meint, er habe sich in das entfernte Tannendickicht auf der
+linken Seite, hinter dem sich der Fluß versteckt, zurückgezogen.</p>
+
+<p>Trotzdem — ganz sicher fühlen wir uns nicht. Und als es plötzlich in
+dem niederen Wacholdergebüsch zur Rechten raschelt, bleiben wir atemlos
+und mit bleichen Gesichtern stehen, während ein Flug Schneehühner in
+brauner Sommertracht dicht am Boden über den Pfad hinstreicht.</p>
+
+<p>Nachdem die erste halbe Stunde verflossen ist, können wir doch unserer
+Ängstlichkeit Herr werden und uns nun das Erhabene unserer Lage ganz zu
+eigen machen.</p>
+
+<p>An einer Biegung des Wegs stoßen wir auf einen eingezäunten Weideplatz
+mit einer niederen, langgestreckten Sennhütte. Die Sennerin steht unter
+der Türe, und bei ihr trinken wir<span class="pagenum" id="Seite_14">[S. 14]</span> frisch gemolkene, schäumende Milch
+von würzig frischem Geschmack.</p>
+
+<p>Wir erkundigen uns, ob sie nichts von dem Bären gesehen habe.</p>
+
+<p>Jawohl, sagt sie, beinahe die ganze Nacht seien Männer hinter ihm her
+gewesen. Gestern noch habe er ein schwarzes Kälbchen geraubt.</p>
+
+<p>Auf dem höchsten Punkt, mitten in der öden, steinigen Gebirgsgegend,
+bleibt der Führer stehen und sagt: »Dort sind die drei Wasser von Li.«</p>
+
+<p>Und draußen in der Ferne sehen wir durch wogende Nebel hindurch etwas
+leuchten. Etwas, das Tauperlen in einem Schleier gleicht, so kommt es
+uns vor.</p>
+
+<p>Das sind die drei Wasser, über die wir hinüber müssen, ehe wir den
+Pfarrhof erreichen.</p>
+
+<p>Wir fragen den Führer, ob er glaube, daß wir in dieser Nacht noch
+hingelangen könnten.</p>
+
+<p>Er glaubt es nicht. Es ist jetzt zwei Uhr nachmittags.</p>
+
+<p>Nun beginnt der Abstieg; an manchen Stellen geht es jäh hinab. Es geht
+rasch, manchmal allzu rasch.</p>
+
+<p>Die Kiefern zeigen sich wieder, sowie einzelne schwache Versuche,
+Laubbäume vorzustellen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_15">[S. 15]</span></p>
+
+<p>Der Pfad wird ebener und etwas breiter. Aber jetzt sind die Füße wund
+und die Gedanken müde. Wir fühlen keine Linderung, während wir gehen
+und immer weiter gehen.</p>
+
+<p>Dann durchschneidet ein Sturzbach unsern Weg mit zorniger, brausender
+Abwehr.</p>
+
+<p>Ein paar Kiefernstämme sind über den Bach gelegt und bilden eine nicht
+ganz sichere Brücke, auf der wir über die Tiefe schwanken.</p>
+
+<p>Zwischen den steilen feuchten Steinen am Bachesrand wachsen ganz lichte
+und schleierzarte junge Birken.</p>
+
+<p>Eine davon neigt sich geknickt über den funkelnden Schaum der Tiefe.</p>
+
+<p>Sie hat ihre Geschichte, diese Birke.</p>
+
+<p>Während du weiter gehst und deine Gedanken sich mit deinen müden Füßen
+im Takt bewegen, tönt ihre Geschichte dir nach — — sie läßt dich
+nicht los — — bildet sich zu Versen — die du einfangen mußt —
+gleichsam Schritt für Schritt.</p>
+
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Wo der Strom sich stürzt von der Felsenwand,</div>
+ <div class="verse indent2">Mit lichtem Haare die Birke stand.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Sie starrt in des Wasserfalls tosende Hast</div>
+ <div class="verse indent2">Und neiget die Krone, vom Schwindel erfaßt.</div>
+ </div>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_16">[S. 16]</span></p>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Das tobende Wunder ergreift sie so stark,</div>
+ <div class="verse indent2">Voll Sehnen erbebt sie im innersten Mark --</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Nur einmal vom Schaume so weiß und rein</div>
+ <div class="verse indent2">Voll stürmischer Liebe umfangen zu sein.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Ach könnte den Fuß sie sich lösen frei,</div>
+ <div class="verse indent2">Dann würden die Winde ihr stehen bei!</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Sie müht sich, -- der Wind ihr die Arbeit kürzt, --</div>
+ <div class="verse indent2">Gebrochen die Birke zu Boden stürzt. </div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="tb">
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Ich zog einst zu Berg am sonnigen Tag,</div>
+ <div class="verse indent2">Da welkend die Birke am Felsen lag.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Nicht war sie gestürzt in der Wogen Schwall,</div>
+ <div class="verse indent2">Obwohl ihre Wurzel gebrochen im Fall.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Noch sterbend streckt sie die Arme aus</div>
+ <div class="verse indent2">Nach dem nimmer erreichten Wogengebraus.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Und doch, vielleicht war sie glücklich und froh,</div>
+ <div class="verse indent2">Es flüsterten leise die Blätter mir so:</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">»Und könnt' um Handbreit' nur näher ich sein</div>
+ <div class="verse indent2">Des brausenden Wunders blendendem Schein,</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Und kühlte auch nur mich in letzter Stund</div>
+ <div class="verse indent2">Der perlende Geist aus des Wasserfalls Schlund,</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Nicht tauschte ich, welkend, die Todespein,</div>
+ <div class="verse indent2">Für Leben und blüh'nde Gesundheit ein.</div>
+ </div>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_17">[S. 17]</span></p>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Du scheinst mir arm, ob auch frisch und gesund,</div>
+ <div class="verse indent2">Gesegnet sei mir meine Herzenswund!«</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">-- Der Armen am Felsen Gott gnädig sei --</div>
+ <div class="verse indent2">Und dem, der wandert so rüstig vorbei! </div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Der Führer begleitet uns bis an das erste Wasser, das wir gegen Abend
+erreichen.</p>
+
+<p>Das erste Wasser ist blau und leicht gekräuselt, mit kleinen,
+schaumgekrönten Wellen, die wie im Spiel miteinander auf- und abwogen
+— wie Kinderköpfchen im Sonnenschein.</p>
+
+<p>In dem großen roten Bauernhof, nicht weit vom Wasser entfernt, kocht
+man für uns Kaffee und backt Pfannkuchen.</p>
+
+<p>Wir fragen, ob man uns über das Wasser rudern könne.</p>
+
+<p>Ja, wenn ein Mann mit einem Boot da sei, lautet die Antwort.</p>
+
+<p>Wir gehen ans Wasser. Es ist ein Mann mit einem Boot da; und wir haben
+das unbestimmte Gefühl, daß der See der blaue Tanganjika und der Mann
+Livingstone, wir aber Stanley seien, der durch ein Wunder gerade den
+fand, den er suchte.</p>
+
+<p>Er ist auf dem Heimweg, der Mann, und muß nur über das erste Wasser;
+aber er geht<span class="pagenum" id="Seite_18">[S. 18]</span> doch darauf ein, uns auch noch über das zweite zu rudern.</p>
+
+<p>So fahren wir also hinüber, während das Wasser unaufhörlich an unser
+Boot plätschert und all die blinkenden blauen Wellen miteinander sich
+uns als einer willkommenen Unterbrechung der Einförmigkeit des Daseins
+zu nähern suchen.</p>
+
+<p>Wir fragen den Mann, wie lang der Winter in dieser Gegend währe. Er
+antwortet, daß er am siebzehnten Mai noch zu Fuß über den See gegangen
+sei.</p>
+
+<p>Wie merkwürdig, sich all diese kleinen lebenslustigen Wogen bis zum
+Freiheitstag hinter dem erdrückenden Gefängnistor des Eises eingesperrt
+zu denken!</p>
+
+<p>Der Mann fragt, wohin die Reise gehe.</p>
+
+<p>»Nach Nord-Li; ins Pfarrhaus.«</p>
+
+<p>Er nickt. »Ach so — zu ihm, dem Pfarrer,« sagt er, zeigt aber keine
+Lust, weiter zu fragen, und auch keine, gefragt zu werden, und so
+unterlassen wir es.</p>
+
+<p>Wir erreichen das Ufer und ziehen das Boot mit vieler Mühe über eine
+schmale Landstrecke zum zweiten Wasser hin.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_19">[S. 19]</span></p>
+
+<p>Das zweite Wasser ist schwarz und abgeschlossen, als hätte es alle
+Schwermut der tannenbekleideten Ufer und die tiefe Stille der
+Einsamkeit in sich hineingesaugt. Schwer und tot ruht es rings um unser
+Boot, kaum kann es durch die Ruderschläge zum geringsten Laut geweckt
+werden; es sitzt gleichsam in sich selbst versunken, vornübergebeugt
+da und starrt in seine eigene, grundlose Tiefe hinab, in endloser
+Betrachtung eines Geheimnisses, das niemand mit ihm teilen kann.</p>
+
+<p>In merkwürdig gedrückter Stimmung gelangen wir hinüber.</p>
+
+<p>»So jetzt,« sagt der Mann, »jetzt einfach gerade aus übers Moor, bis du
+das dritte Wasser siehst. Wo das Moor endet, da beginnt das Wasser.«</p>
+
+<p>Dann gleitet er zurück in seinem Boot.</p>
+
+<p>Geradeaus übers Moor ...... Ja, das geht schon. Das heißt, — zur Not.
+Und nicht geradeaus.</p>
+
+<p>Hinein und hinaus geht es — mit schwappenden Lauten und schwankendem
+Grund, dann auf etwas festerem Erdreich mit Tannen und niederen Birken
+wie kleinen Inseln.</p>
+
+<p>Dann wieder hinaus auf schwankendes Moor,<span class="pagenum" id="Seite_20">[S. 20]</span> wo das klare Wasser leise in
+deine Fußstapfen rieselt ....</p>
+
+<p>Aber das Moor, wo endet es?</p>
+
+<p>Ja, in deinen müden Gedanken dreht sich diese Frage im Kreise herum,
+bis eine lange Stunde vergangen ist.</p>
+
+<p>Und dann, — während du entdeckst, daß es sich noch immer gleich
+unermeßlich vor dir ausdehnt, — da weißt du es: das Moor, — es geht
+bis ans Ende der Welt! Und wo es aufhört, — — da ist das äußerste
+Meer.</p>
+
+<p>Und du selbst gehst auch bis ans Ende der Welt, während es unter deinen
+Füßen rieselt, während ein Meer von weißen Multenblüten<a id="FNAnker_2" href="#Fussnote_2" class="fnanchor">[2]</a> rings um
+dich herwogt.</p>
+
+<div class="footnote">
+<p><a id="Fussnote_2" href="#FNAnker_2" class="label">[2]</a> Multe = gelbe Berghimbeere.</p>
+</div>
+
+<p>Du gehst und gehst, während die Sonne, müde von ihrem fast
+vierundzwanzigstündigen Tag, endlich wie eine rote Fackel hinter den
+Höhen im Norden erlischt.</p>
+
+<p>Und nun ist es dir, als ob du nicht weiter könntest, als ob es mit dir
+zu Ende sei, lange, lange, ehe das Ende des Moors erreicht ist.</p>
+
+<p>Und es liegt ein gewisses müdes Behagen in <span class="pagenum" id="Seite_21">[S. 21]</span>dem Gedanken, daß es weiße
+Blüten genug habe, das Moor, um dich zuzudecken, da wo du zu Boden
+sinken mußt, — — daß es weiße Blüten hat — — — immer mehr weiße
+Blüten — um noch den zuzudecken — — und jenen — — und alle, die du
+kennst, und von denen du etwas weißt — — alle, die auf dem Wege sind
+wie du — ans Ende der Welt.</p>
+
+<p>Dann kommst du an einen Hügel, — du kannst dich kaum hinaufschleppen.
+Ein Hügel, der dunkel ist von rauschenden Tannen ...</p>
+
+<p>Die schlanken Stämme weichen wie auf Verabredung plötzlich zurück ...
+Und du trittst hinab ans äußerste Meer.</p>
+
+<p>Nein, das dritte Wasser gleitet zu dir heran und legt seine glänzende,
+silberhelle Fläche um dein müdes Bild — wie eine beruhigende Umarmung.</p>
+
+<p>Und in demselben Augenblick ist nichts mehr da, was wehe tut, weder in
+deinen Gedanken noch an deinen Füßen.</p>
+
+<p>Ein Boot ist da — aber kein Fährmann ... Und du weißt nicht, woher es
+kam, oder wie du hineinkamst.</p>
+
+<p>Aber du gleitest dahin. — Du gleitest über<span class="pagenum" id="Seite_22">[S. 22]</span> die glänzende silberhelle
+Fläche ... Und auf einmal weißt du es: Hier ist es, wo sie geboren
+wird, die helle Nacht.</p>
+
+<p>Die helle Mitternacht, die weißlich auf all den abgerundeten Bergkämmen
+zittert, — hier erhebt sie sich.</p>
+
+<p>Dieser geschliffene, glänzende Spiegel ist es, den das Hochgebirge zum
+Himmel aufhebt, dieser Spiegel, der den Tag einsaugt und den Abglanz
+der Sonne zurückwirft, — wenn die goldene Kugel untergegangen ist, —
+um die ganze weite Wölbung, die die Erde umspannt, zu erleuchten.</p>
+
+<p>Du weißt nicht, wie du hinüberkommst über all dies flüssige Silber, das
+mit einem eigenen kristallhellen Ton leise vor deinem Boot zurückweicht.</p>
+
+<p>Du weißt nicht, wie es zugeht, daß du dich an einem grünen Uferrand
+befindest, der jäh zu einem niederen Haus aufsteigt — mit dunklen
+Kiefern im Hintergrund und etwas Weißem und Schlankem daneben, — wie
+ein Kirchturm, der sich vertrauensvoll an die Felswand lehnt.</p>
+
+<p>Du hörst die andern sagen, vom Pfarrhaus aus müsse jemand gesehen
+haben, daß um die<span class="pagenum" id="Seite_23">[S. 23]</span> Mitternacht ein Boot auf dem Wasser war, und der
+müsse die Pächtersleute geweckt und alles zur Ankunft vorbereitet
+haben, denn mehrere Leute kommen ans Ufer herab. — — Aber du
+verstehst die Worte nicht.</p>
+
+<p>Es ist dir, als ob die weiche Uferlinie, die sich dir
+entgegengestreckt, nur einen Namen haben könne: Jenseits. — Jenseits,
+wo alle irdische Art und Weise aufhört.</p>
+
+<p>Aber in dem Augenblick, wo das Boot mit einem letzten Plätschern ans
+Ufer gleitet, wirst du auf dem Sand dort eine Gestalt gewahr, hoch und
+dunkel wie ein Bote der ersten dunkeln Nacht mitten in all dem Leuchten.</p>
+
+<p>Und da wirst du dir bewußt, daß du das Ziel deiner mühseligen, weiten
+Pilgerfahrt erreicht hast, den einsamen Pfarrer da oben zwischen den
+fernen Bergen.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe2" id="illu-023">
+ <img class="w100" src="images/illu-023.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="newpage">
+<h2 class="nobreak" id="Der_Pfarrer_von_Li">Der Pfarrer von Li</h2>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_27">[S. 27]</span></p>
+
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-027" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-027.jpg" alt="Landschaft">
+</figure>
+
+<div class="dc">
+ <img class="h6em" id="drop-i1" src="images/drop-i1.jpg" alt="I">
+</div>
+</div>
+
+<p class="p0"><span class="hide-first">I</span> n dem Pfarrhof am Ufer, das jäh aus dem großen Wasserspiegel
+aufsteigt, wohnt der Pfarrer. Allein — ganz allein. Die Zimmer in dem
+langen, hellangestrichenen Holzgebäude hallen von seinen Fußtritten
+wider. So hat er es selbst gewollt, als er, ein noch junger Mann von
+etwas über dreißig Jahren, hierherkam. Und so ist es noch immer.</p>
+
+<p>Hier, wie an allen solchen abgelegenen Orten, pflegen die Pfarrer nicht
+lange zu bleiben; in der Regel nur fünf Jahre.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_28">[S. 28]</span></p>
+
+<p>Aber als diese Zeit verflossen war, meldete sich dieser Pfarrer nicht
+weg. Ruhig blieb er, bis noch weitere fünf Jahre zu den ersten gekommen
+waren. Und seither ist wieder ein Jahr vergangen, und noch eines, und
+er ist schon in der Mitte des dritten, also dem dreizehnten, seit er
+herauf kam.</p>
+
+<p>So lange ist vor ihm noch nie einer dagewesen. Die Frau des vorigen
+Pfarrers sagte, daß die Stelle am besten nur für junge Leute passe, die
+jedes Jahr ein Kind bekämen. Denn wenn man nicht dafür sorgte, den Ort
+zu bevölkern, so könnte man vor Einsamkeit verrückt werden.</p>
+
+<p>Er wurde nicht verrückt. Aber man hätte glauben können, daß er es
+gewesen sei, als er hier herauf kam, so sonderbar richtete er sich ein.
+Und so düster und schwermütig, wie er ausgesehen hatte!</p>
+
+<p>In dem Haus rechts von dem Hauptgebäude wohnen die Pächtersleute mit
+dem Küster, die einzigen andern Menschen, die sich an dem Ort befinden.</p>
+
+<p>Der Pfarrer übertrug der Pächtersfrau sogleich seine ganze Haushaltung.
+Sie, Kari, konnte diese leicht mit übernehmen. Den Verhältnissen<span class="pagenum" id="Seite_29">[S. 29]</span>
+angemessen ist sie hier nicht sehr umständlich.</p>
+
+<p>Milch, Sahne und Eier hat man genug; sein Brot backt man sich selbst.
+Seine Waren werden einem einmal im Jahr zugeschickt. Fische, herrliche
+Forellen erhält man im Sommer aus dem See; selbstverständlich lebt
+man viel von gesalzenem und geräuchertem Fleisch, aber dazwischen
+schlachtet man auch, so daß man frisches Fleisch hat; um die
+Weihnachtszeit einen Ochsen, der in dem rotangestrichenen Vorratshaus
+aufgehängt wird, wo er sogleich gefriert, so daß man bis weit in den
+Mai hinein frisches Fleisch essen kann. Wildbret bietet zuzeiten auch
+manchen Hochgenuß; Schneehühner, Haselhühner und Auerhahn gibt es in
+Menge; Bärenfleisch und Rentierbraten gehören nicht zu den Seltenheiten.</p>
+
+<p>Die Pächtersleute hielten einen Knecht und eine Magd und hatten
+selbst zwei Töchterchen mit runden, sonnverbrannten, von weißlichem
+an der Sonne gebleichtem Haar umgebenen Gesichtern, die allmählich
+heranwuchsen und der Mutter flinke Hände zum Mitangreifen bekamen.
+Von ihrem vierzehnten Jahr an konnte Sigrid,<span class="pagenum" id="Seite_30">[S. 30]</span> die älteste von ihnen,
+beinahe ausschließlich die Bedienung des Pfarrers übernehmen.</p>
+
+<p>Durch die Küche und das Waschhaus haben die Pächtersleute eine
+Verbindung mit der Wohnung des Pfarrers, und das Essen wird ihm
+hinübergebracht. Er sitzt am Tisch in der großen Eßstube. Allein ...</p>
+
+<p>Nur im Hochsommer, wo Freunde und Verwandte ab und zu einen
+Ferienausflug herauf machen, hat er Tischgenossen. Aber die Gäste
+übernachten im Pächterhaus, wo Platz genug ist. Es ist so am
+einfachsten wegen der Bedienung.</p>
+
+<p>Im Pfarrhaus selbst findet sich nur ein Bett außer dem des Pfarrers.
+Dies aber ist immer bereit in der Kammer neben seinem Schlafzimmer.
+Er sagt, wenn eine wandernde, vielleicht verirrte Seele einmal
+in der Nacht anklopfe, so solle das Lager ihrer warten, ohne daß
+die Pächtersfamilie aufgescheucht werden müsse, um einer fremden,
+vielleicht zweifelhaften Persönlichkeit Obdach zu gewähren.</p>
+
+<p>Aber die umherstreifende Seele ist in all diesen Jahren in keiner Nacht
+gekommen. Und wo sollte sie wohl auch herkommen? — Hier herauf! — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_31">[S. 31]</span></p>
+
+<p>Die Zimmer des Pfarrhauses sind groß, und es sind ihrer nicht wenige.
+Am Platz ist nicht gespart worden. Sie liegen alle in einer Reihe; die
+Fenster gehen auf die große, silberhelle Wasserfläche hinaus mit der
+Aussicht auf all die tannenbestandenen, unbewohnten Höhenzüge ringsum.</p>
+
+<p>Die Zimmer sind spärlich und sehr einfach ausgestattet. Von
+einem Pfarrer zum andern bleiben die Möbel stehen, so daß die
+neuvermählten Paare, die meistens um diese Stelle einkommen, sich alle
+Widerwärtigkeiten mit der Aussteuer sparen können, bis sie wieder
+südwärts ziehen.</p>
+
+<p>Nur sein schönes Harmonium hatte der Pfarrer mitgebracht, — nicht ohne
+große Schwierigkeiten. Aber einen mußte er doch wohl haben, um sich mit
+ihm zu unterhalten. Etwas mußte er um sich haben, das die Luft in den
+öden Zimmern in eine tönende Bewegung versetzen könnte.</p>
+
+<p>Er singt oft zu seinem Spiel, aber er spielt doch noch öfters —
+manchmal bis tief in die Nacht hinein. Da vertraut er wohl dem
+Instrument einige von den Gedanken an, die er mit niemand teilen kann,
+und die das Instrument dann in Harmonien ausspricht. — —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_32">[S. 32]</span></p>
+
+<p>Der Morgen nach unserer nächtlichen Ankunft auf dem Pfarrhof wird mit
+Glockentönen begonnen, — mit schwingenden Glockentönen, die einen auf-
+und abschaukeln in einem seligen, halbbewußten Traumzustand, wobei man
+ohne eine bestimmte Vorstellung von Zeit und Ort ein unaussprechliches
+Gefühl hat von den »Glocken des Himmelreichs, die da läuten für mich«.</p>
+
+<p>Dann klopft es an der Tür. Die Pächtersfrau tritt ein, und damit nimmt
+das Dasein festere Formen an. Sie hat uns sehr lange schlafen lassen,
+will aber nun melden, daß der Frühstückstisch bereit stehe, daß die
+Kirchenbesucher sich auf dem Wasser gezeigt haben, und daß es zum
+erstenmal geläutet habe.</p>
+
+<p>Obgleich sie sagt, wir müßten uns beeilen mit dem Aufstehen, bleibt
+sie doch noch eine Weile stehen und erzählt uns von dem Ort und dem
+Pfarrer, das meiste von dem, was eben hier mitgeteilt worden ist.</p>
+
+<p>In großer Eile ziehen wir uns an, frühstücken auch in demselben Tempo.
+Dann geht es hinaus.</p>
+
+<p>Der Hofplatz ist breit und geräumig, von vier Gebäuden im Viereck
+eingeschlossen. Das Haus nach dem See ist das Hauptgebäude. Von dem<span class="pagenum" id="Seite_33">[S. 33]</span>
+Flur vor dem Eßzimmer führt eine Tür mit großen Renntiergeweihen
+darüber nach dem Hof.</p>
+
+<p>Draußen senkt sich die grüne Küste zum See hinab, und hinter dem
+Pfarrhof steigt sie in die Höhe — hoch und steil.</p>
+
+<p>Aber eine Gruppe kleiner dunkler Holzhäuser, deren Dächer mit
+Rasenstücken bedeckt sind, — die wir gestern abend nicht sahen,
+weil sie sich in der nächtlichen Dämmerung nicht von der Felswand
+unterschieden — drückt sich dicht bei dem Pfarrhof zusammen.</p>
+
+<p>Also doch ein Dorf im kleinen, — Menschen als Unterbrechung der großen
+Einsamkeit?</p>
+
+<p>Nein, — es sind keine bewohnten Heimstätten, nur Sonntagshäuser, von
+den Kirchenbesuchern errichtet. Denn die Kirchengäste kommen weit her,
+die meisten wenigstens; von dem Gebirge herab, über Moore, über das
+Wasser. Früh am Morgen, um fünf oder sechs Uhr, müssen verschiedene von
+ihnen zu Hause aufbrechen, um zu rechter Zeit zur Liturgie um elf Uhr
+in der Kirche zu sein.</p>
+
+<p>Wenn nun zwei Feiertage nach einander kommen, wenn schlechtes Wetter
+eintrifft, oder wenn es dunkle Winterzeit ist, dann wird in den<span class="pagenum" id="Seite_34">[S. 34]</span>
+kleinen Hütten übernachtet. Es sind da Bänke an den Wänden, und Felle
+liegen darauf, um sich damit zuzudecken.</p>
+
+<p>In der hellen Sommerzeit aber wird nur der ganze Sonntag da zugebracht.</p>
+
+<p>In jedem der Häuschen ist ein Pejs (offene Feuerstelle). — Da wird
+Feuer angemacht, Kaffee und Kartoffeln gekocht und die mitgebrachten
+Speisen verzehrt. Man macht sich gegenseitig Besuche. Die Männer stehen
+vor den Häusern und besprechen die Begebenheiten der Woche.</p>
+
+<p>Verhältnismäßig ist es den ganzen Tag hindurch bevölkert und lebendig.</p>
+
+<p>Gegen Abend ziehen alle wieder fort, um in der hellen Nacht noch nach
+Hause zu kommen, und das Dörfchen ist die ganze Woche hindurch wieder
+ausgestorben.</p>
+
+<p>Bisweilen verhindert das Wetter oder die Jahreszeit die Kirchenbesucher
+ganz am Kommen. Besonders in der dunkeln, stürmischen Herbstzeit, ehe
+die weißen Winterwege die Verbindung erleichtern, und während des
+Tauens im Frühjahr geschieht dies oft eine ganze Reihe von Sonntagen
+hindurch.</p>
+
+<p>Dann schweigen die Glocken, und die Kirchentüren<span class="pagenum" id="Seite_35">[S. 35]</span> öffnen sich nicht.
+In der Stube des Pfarrers versammeln sich die Pächtersleute und der
+Küster, und da wird der Gottesdienst gehalten.</p>
+
+<p>Wenn aber der spähende Blick, von einem der Fenster aus, den ersten
+schwarzen Schimmer von Menschen auf der gefrorenen, schneeweißen
+Fläche entdeckt, oder das erste Boot auf dem Wasser, dann öffnet der
+Schullehrer die Kirchentüren, der Pächter, der zugleich auch Glöckner
+ist, geht in den Turm, um die Glocke zu läuten, und der Pfarrer zieht
+den Talar an. — — —</p>
+
+<p>Geradeso geht es auch heute. Die hohe schwarze Gestalt steht schon vor
+dem Pfarrhaus, um die Kirchleute zu begrüßen, die sich nun versammeln
+und drunten am Wasser Grüße auswechseln, und dann in Scharen das Ufer
+ersteigen.</p>
+
+<p>Der Pfarrer drückt jedem die Hand; alle sagen »du« zu ihm. Dann steigt
+er, die Bibel in der Hand, an ihrer Spitze den steilen aber kurzen Weg
+zur Kirche hinauf.</p>
+
+<p>Wir schließen uns ihnen an. Die Kirche ist nicht sehr groß, aber so
+hell, daß es einen festlichen Eindruck macht. Und über dem Altar
+strahlt ein riesengroßes, glattes, goldenes Kreuz anstatt der
+friedenstörenden Altarbilder, deren<span class="pagenum" id="Seite_36">[S. 36]</span> wir uns von den letzten Kirchen,
+die wir drunten gesehen haben, noch erinnern.</p>
+
+<p>Der Kantor singt vor, aber des Pfarrers orgeltiefe Stimme trägt den
+ganzen Gesang:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">»Seit jenem Tag, Erlöser mein,</div>
+ <div class="verse indent2">Da du vom Tod erstanden,</div>
+ <div class="verse indent2">Strahlt' eines neuen Tages Schein</div>
+ <div class="verse indent2">Hell über allen Landen.</div>
+ <div class="verse indent2">Und als mit: »Friede sei mit euch!«</div>
+ <div class="verse indent2">Du grüßtest die voll Sorgen,</div>
+ <div class="verse indent2">Der heil'ge Geist sank nieder gleich</div>
+ <div class="verse indent2">Am frohsten Sonntagsmorgen.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Wie hier oben gepredigt wird? Kräftig, aber so einfach als möglich. Mit
+Bildern aus dem Leben, das alle hier kennen.</p>
+
+<p>Er, der Pfarrer, hat gesagt: »Ich kam hier herauf, um den Seelen, —
+und sei es auch nur einer einzigen, — zu einem Verhältnis zu Gott zu
+verhelfen. Nicht in erster Linie zu einem Gott, denn einen Gott haben
+doch die meisten. Sondern zu dem lebendigen Gott, zu der unbedingten
+Gemeinschaft mit ihm.«</p>
+
+<p>Und dieser Gedanke ist der Grundton aller seiner Verkündigung. Wir
+hören ihn mehreremal predigen — in der Kirche und bei Versammlungen<span class="pagenum" id="Seite_37">[S. 37]</span>
+in seiner Stube, — aber die Erinnerung an das, was er gesagt hat,
+vereinigt sich gleichsam zu dem einen: »Sie haben doch einen Gott, die
+meisten Menschen.«</p>
+
+<p>Manche haben ihn freilich nur in der Natur. Da haben sie ihn
+hingesetzt, um zu regieren und zu leiten. Sie meinen wohl auch, er
+besorge es bisweilen schlecht. Aber sie haben eben keinen andern,
+dem sie die Leitung übertragen könnten. Und dann halten sie ihn doch
+außerhalb ihrer Türen.</p>
+
+<p>Andere — die meisten vielleicht — haben ihn in der Kirche. Sie nehmen
+ihn am Sonntag mit dem Gesangbuch hervor, wickeln ihn mit diesem ins
+Taschentuch hinein wie einen Verstorbenen, sie schenken ihm ein etwas
+schweres Gehör und einen schläfrigen Gesang, und haben sonst nur wenig
+mit ihm zu schaffen die ganze Woche hindurch.</p>
+
+<p>Andere haben ihn in ihrem Kummer, in ihrer Not und Gefahr. Da steht
+er drohend vor ihnen. Er erhält einige Klagen, erschrockene Rufe und
+Gebete und wenig oder gar keinen Dank. Das gibst du wohl auch zu, daß
+er es war, der »Ola, den Sonnenstrahl dein« genommen hat, oder der, der
+die Lawine an deinem Hause vorübergehen<span class="pagenum" id="Seite_38">[S. 38]</span> ließ, in jener Frühlingsnacht,
+als du zu ihm riefst.</p>
+
+<p>Aber, ob du es glaubst, daß er es war, oder ob du meinst, daß es von
+selber so kam, das macht keinen so großen Unterschied. Denn in all
+diesem ist kein Verhältnis, kein Verhältnis zu Gott.</p>
+
+<p>Das Verhältnis zu ihm, du, — das ist es, worauf es ankommt.</p>
+
+<p>Das Verhältnis ist da. Du kannst durchaus nicht darum herumkommen. Du
+bist dazu geboren. Du bist hineingetauft worden ...... Aber du mußt es
+selbst aufnehmen, sonst wird es zu einem Nichts für dich. Und nicht nur
+zu einem Nichts, sondern zu dem, was schlimmer ist, zum Gericht.</p>
+
+<p>Das Verhältnis zu Gott wird auf dieselbe Weise aufgenommen, wie alle
+persönlichen Lebensverhältnisse — du begibst dich hinein. Nur geht
+dies tiefer als das tiefste menschliche Verhältnis, in dem du stehst.
+Und viel völliger mußt du dich dazu hergeben.</p>
+
+<p>In einem halben Gottesverhältnis kannst du nicht stehen. Denn Gott der
+Herr selbst hat sich ganz und ohne Vorbehalt in ein Verhältnis zu<span class="pagenum" id="Seite_39">[S. 39]</span> dir
+begeben. Da war einer, der sich hier unten zur Welt kommen ließ, sich
+in Fleisch und Blut kleidete, dir ähnlich wurde, damit du ihn ergreifen
+könnest, damit er dein werden könnte. Einer, der starb, um seine
+Gemeinschaft zu dir zu vollenden ...</p>
+
+<p>Und ganz will er dich haben, denn er liebt dich. Wäre er nicht die
+Liebe — auch für dich, dann könnte er sich wohl mit weniger begnügen,
+mit einem Teil von dir. Aber nun will er kein Atom von dir missen, denn
+er liebt dich ganz, will dich ganz retten.</p>
+
+<p>Dich selbst — was ist denn das?</p>
+
+<p>Ja, das ist nicht nur deine Überzeugung, wie viele meinen. Es sind
+nicht nur deine Gedanken, deine Worte, deine Gebete, die Gott verlangt.
+Es sind nicht deine Sünden, obgleich du sicherlich ihm diese Bürde zu
+tragen geben mußt! Wer sonst könnte, wer wollte sie tragen? Es ist auch
+nicht nur deine Liebe, obgleich — wem solltest du sie sonst geben als
+ihm?</p>
+
+<p>Nein, — dein tiefster <em class="gesperrt">Wille</em> ist es, um den es sich handelt.
+Denn in dem Willen sitzest du selbst. Weißt du das? Ja, du weißt es.
+Deshalb bist du so langsam, das Verhältnis instand<span class="pagenum" id="Seite_40">[S. 40]</span> zu setzen. Über
+seinen Willen möchte man selbst herrschen ...</p>
+
+<p>Nein, gerade ihn sollst du bringen, ihn übergeben, vollständig und
+ganz, ohne Vorbehalt, ohne Bedingungen.</p>
+
+<p>Dann bist du selbst in das Verhältnis hineingegeben und kannst es dir
+ganz zueignen.</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Denn, wer sich selbst hat hingegeben,</div>
+ <div class="verse indent2">Erst der erhält das volle Leben.</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Gottesdienst ist lang. Doch nicht, weil die Predigt es ist, aber es
+sind mehrere Kinder da, die getauft werden sollen.</p>
+
+<p>Darnach geht der Pfarrer nach Hause, um zu Mittag zu essen, während
+die Kirchgänger sich in die Häuschen begeben, aus deren Schornsteinen
+allmählich dünne, bläuliche Rauchsäulen aufsteigen.</p>
+
+<p>Zwischen zwei und drei Uhr kommen die Kinder ins Pfarrhaus. Es kommen
+sowohl die kleinen, die während des ganzen Gottesdienstes am Morgen
+ihre Köpfchen an die Schulter der Mutter gedrückt oder in deren Schoß
+ruhig geschlummert haben, als auch die großen, die in dem Bewußtsein,
+eine höhere Stufe der Entwicklung<span class="pagenum" id="Seite_41">[S. 41]</span> erreicht zu haben, mit starren,
+runden, verständnislosen Augen dagesessen hatten.</p>
+
+<p>Der Pfarrer singt zuerst mit ihnen: Liederverse, die sie verstehen
+können, oder noch öfters kleine Lieder, die er selbst zu bekannten
+Melodien gedichtet hat. Er gibt genau acht, daß richtig gesungen wird.</p>
+
+<p>Treuherzige, klanglose, aber taktfeste und ganz reine Stimmchen singen
+in der Pfarrstube:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">»Den Todesschlaf ein Mägdlein schlief,</div>
+ <div class="verse indent2">Vom Leichentuch behangen.</div>
+ <div class="verse indent2">»Sie ist nicht tot,« der Heiland rief,</div>
+ <div class="verse indent2">»Vom Schlafe nur befangen.«</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Den Todesschlaf ein Mägdlein schlief</div>
+ <div class="verse indent2">In fernen Morgenlanden.</div>
+ <div class="verse indent2">»Erwache!« Jesu Stimme rief -- --</div>
+ <div class="verse indent2">Und sie ist auferstanden.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Es brach des starren Todes Band,</div>
+ <div class="verse indent2">Sie hob die Augenlider --</div>
+ <div class="verse indent2">Stand auf und ging an Jesu Hand</div>
+ <div class="verse indent2">Gesund und fröhlich wieder.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">O Herr, wenn ich einst liege tot</div>
+ <div class="verse indent2">Wie jenes Kind, das bleiche,</div>
+ <div class="verse indent2">So ruf mich aus des Grabes Not</div>
+ <div class="verse indent2">Zu deinem Himmelreiche!</div>
+ </div>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_42">[S. 42]</span></p>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Da löst sich jedes Todesband,</div>
+ <div class="verse indent2">Und während Engel singen,</div>
+ <div class="verse indent2">Wirst du an deiner lieben Hand</div>
+ <div class="verse indent2">Ins Paradies mich bringen!«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Und dann erzählt er ihnen von dem kleinen Mädchen, das zwölf Jahre
+alt war — gerade wie Aslaug und Karen — und das im Sonnenschein
+umhersprang, wie diese auch. Aber dann wurde es krank und starb.</p>
+
+<p>Das können sich die Kinder alle vorstellen. Das eine hatte die »Guri«,
+das andere den »Peter« im Sarg liegen sehen, mit geschlossenen
+Augen und bleichen starren Gesichtern, die, so oft das Tuch vom
+Sarg aufgehoben wurde, mit jedem Tag bis zum Begräbnis bleicher und
+eingefallener geworden waren. Sie kennen besser als andere, was es
+heißt, eine Leiche zu Hause zu haben, diese Kinder der einsamen, fernen
+Berge.</p>
+
+<p>Und sie verstehen auch alle, wie lieb man den haben müsse, der den
+ganzen langen, steilen Weg heraufkommen wollte, der »auf einmal« an der
+Tür stehen könnte und sagen: »Das Kind ist nicht gestorben, sondern es
+schläft.«</p>
+
+<p>Und der dann hintreten könnte zu dem schwarzen Sarge, der das kalte
+Händchen in seine Hand<span class="pagenum" id="Seite_43">[S. 43]</span> nehmen, das rote Blut auf die wachsbleichen
+Wangen zurückrufen und die kleine zusammengesunkene Gestalt wieder
+aufrichten könnte, frisch und lebendig, so daß Vater und Mutter nicht
+mehr weinen würden, so oft sie das Tuch aufheben ... Das ist es auch,
+was der Pfarrer von ihnen haben möchte. »Das können Kinder verstehen,«
+sagt er. »Es kommt ihnen ganz natürlich vor ... Und damit ist der erste
+Schritt getan hinein in das Verhältnis, das später ihr ganzes Leben
+einnehmen soll.«</p>
+
+<p>Die Kinder hängen alle an ihm und freuen sich über die Sonntagsschule
+bei ihm. Er ist so freundlich gegen sie. Unter den Erwachsenen gibt es
+allerdings solche, die ihn streng finden, unter den Kindern aber kein
+einziges. Wenn sie krank werden, verlangen sie immer nach ihm. So war
+es bei Guri auch gewesen.</p>
+
+<p>Guri, die sonst immer lustig war und wie ein Kätzchen auf den Felsen
+umhersprang, — aber sich so sehr vor dem Sterben fürchtete, als sie
+krank wurde — — und dagelegen hatte, und immerfort nach der Tür
+gestarrt mit großen, vor Angst und Fieber glänzenden Augen, als ob es
+von dorther kommen müsse, — — sie war ganz<span class="pagenum" id="Seite_44">[S. 44]</span> ruhig geworden, sobald er
+nur in die Stube getreten war.</p>
+
+<p>Wenn er an ihrem Bett saß, ihr das Haar zurückstrich und sie fragte,
+ob sie glauben könne, daß der <em class="gesperrt">Eine</em>, der sie am allermeisten
+liebe — mehr als Vater und Mutter — sie in seinen Arm nehmen werde,
+so lange ihr so bange vor dem Sterben sei, — da fühlte sie sich ganz
+sicher und verstand gar nicht mehr, daß sie so große Angst gehabt hatte.</p>
+
+<p>Er war dann auch bei ihr gewesen in ihrer letzten Stunde. Er kam
+in einem Wetter, daß man sich bekreuzen mußte, weil er die Fahrt
+gewagt hatte, um ihre kalten Hände zu halten, bis sie in den seinen
+erstarrten. —</p>
+
+<p>Wenn die Kinder gegangen sind, bleibt der Pfarrer den ganzen Nachmittag
+in seiner Stube, um bald den einen, bald den andern der Sonntagsgäste
+zu empfangen, die ihm mitteilen wollen, wie alles daheim steht, ihn
+bitten, wenn es ihm möglich sei, einmal zu ihnen zu kommen, um nach
+einem Kranken, einem Altersschwachen, einer angefochtenen Seele zu
+sehen — oder auch nur, damit sie ihm von ihren eigenen Zweifeln und
+Sorgen erzählen könnten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_45">[S. 45]</span></p>
+
+<p>Am Abend — gegen sechs oder sieben Uhr — versammeln sich dann alle,
+die noch nicht abgereist sind, in dem Eßzimmer des Pfarrhauses. Da
+spricht der Pfarrer wieder zu ihnen, betet und singt mit ihnen, während
+die Kinder draußen auf dem großen Hofplatz spielen dürfen.</p>
+
+<p>Dann gibt es Kaffee, den Kari gekocht hat, und Kuchen — Waffeln, »Arme
+Ritter« und »Fladen« — die sie im Lauf der Woche gebacken hat.</p>
+
+<p>So hat der Pfarrer es verlangt, obgleich Kari meint, das gehe sehr
+weit, so viele zu bewirten. Aber er sagt, daß er sich diese Ausgabe
+erlauben könne, er, der nur für sich selbst zu sorgen habe. Er geht
+herum und sieht nach, daß die Kinder vom Hof hereingerufen werden und
+auch ihren Teil von den Kuchen bekommen.</p>
+
+<p>Dann begeben sich die Kirchgänger nach dem See hinunter. Und nun muß
+der Pfarrer müde sein. Aber er sagt, Arbeit ermüde nicht, sie erhalte
+einen frisch.</p>
+
+<p>Er setzt sich ans Harmonium in seinem Zimmer, dessen Fenster nach dem
+See hinausgehen. Und während die Boote vom Ufer abstoßen, spielt er ein
+Lied, in das die Kirchenleute drunten<span class="pagenum" id="Seite_46">[S. 46]</span> einstimmen. Die Stimmen erheben
+sich im Chor und vereinigen sich mit der seinigen:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">»Wer sind die vor Gottes Throne?</div>
+ <div class="verse indent2">Was ist das für eine Schar?</div>
+ <div class="verse indent2">Träget jeder eine Krone,</div>
+ <div class="verse indent2">Glänzen wie die Sterne klar,</div>
+ <div class="verse indent2">Halleluja singen all,</div>
+ <div class="verse indent2">Loben Gott mit hohem Schall.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Ein Boot nach dem andern gleitet hinaus; über die helle, glänzende
+Wasserfläche hin tönt es kräftig durch den stillen Abend:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">»Es sind die, so wohl gerungen</div>
+ <div class="verse indent2">Für des großen Gottes Ehr',</div>
+ <div class="verse indent2">Haben Welt und Tod bezwungen,</div>
+ <div class="verse indent2">Folgend nicht dem Sünderheer,</div>
+ <div class="verse indent2">Die erlanget in dem Krieg</div>
+ <div class="verse indent2">Durch des Herren Arm den Sieg.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<p>Allmählich verlieren sich die Stimmen zwischen den Ruderschlägen in der
+Ferne. Schwächer und schwächer — schließlich hinsterbend — klingt es
+zu uns herauf:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">»Daß mein Teil sei bei den Frommen,</div>
+ <div class="verse indent2">Welche, Herr, dir ähnlich sind,</div>
+ <div class="verse indent2">Und auch ich, der Not entnommen,</div>
+ <div class="verse indent2">Als ein treues Gotteskind</div>
+ <div class="verse indent2">Dann, genahet zu dem Thron,</div>
+ <div class="verse indent2">Nehme den verheißnen Lohn.«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_47">[S. 47]</span></p>
+
+<p>Viel mehr Ruhe gönnt sich der Pfarrer auch am Werktag nicht.</p>
+
+<p>Eher ist dieser in gewisser Beziehung noch anstrengender für ihn; denn
+da reist er weit umher.</p>
+
+<p>Sein Boot fährt rasch auf dem Wasser dahin, und sein gelbes
+Nordlandpferdchen trabt mit ihm über Felsen und Moore. Oftmals kehrt er
+erst sehr spät in der Nacht zurück. Seine entfernte, weit verstreute
+Gemeinde muß er aufsuchen.</p>
+
+<p>An diesen abgelegenen Orten, wo der Bezirksarzt sich nur einmal im
+Jahr zeigt — in Gesellschaft des Landrichters und des Vogts, die im
+Hochsommer heraufkommen, um drei Tage lang Thing zu halten und dann
+wieder aus dem Bereich der Bewohner zu verschwinden, müsse der, der
+dableibe, für alle zu erreichen sein, sagt er.</p>
+
+<p>Und er muß auch Rat wissen für Seele und Leib zugleich. Denn sie
+kommen ja zu ihm in allen möglichen Angelegenheiten. Und sie sagen, er
+habe gewißlich mehr Doktorbücher studiert, als man zum Praktizieren
+notwendig habe, und er habe ihnen mit seinem Arzneikasten und seiner
+Verbandtasche verschiedentlich mehr geholfen, als es irgend ein Arzt
+hätte tun können.</p>
+
+<p>Es ist unbegreiflich, welchem Wind und<span class="pagenum" id="Seite_48">[S. 48]</span> welchen Wegen er selbst in der
+strengen Jahreszeit trotzt, um bei den Menschen herumzukommen.</p>
+
+<p>Oftmals hat man ihm wohlgemeinte Warnungen zukommen lassen, sich doch
+nicht hinauszuwagen, mit der Begründung, die sonst für entscheidend
+gilt, daß er sein Leben dabei einbüßen könne.</p>
+
+<p>Hierauf aber antwortet er nur: »Ja, das soll ja eines der echten
+Kennzeichen eines Hirten sein; nach der Bibel wenigstens.«</p>
+
+<p>Ein Pfarrer, der nur der Vollstrecker der gottesdienstlichen Zeremonien
+sei, werde seiner Meinung nach »ein tönendes Erz oder eine klingende
+Schelle«.</p>
+
+<p>Der Beruf umfasse viel mehr, sagt er. Die Seelsorge sei der wichtigste
+Teil. Die Seelen müßten aufgesucht werden.</p>
+
+<p>Jeder Mensch habe doch seine Seele; auch hier oben. Tief versteckt
+könne sie sein — und manchmal an den schlechtesten Orten. Der eine
+könne sie in seinem alten, schmierigen, ledernen Geldbeutel haben, —
+der andere in der Flasche. Und selbst viele von den Christen, denen die
+Glocken zur Kirche läuteten, schienen eine merkwürdige<span class="pagenum" id="Seite_49">[S. 49]</span> Übung darin zu
+haben, ihre Seelen während des Gottesdienstes fern zu halten.</p>
+
+<p>»Aber irgendwo ist sie,« sagt der Pfarrer, »und wer jahraus jahrein in
+die Häuser kommt, wird sie schließlich auch finden, — ohne zu fragen.
+Denn niemals soll man sich einer Seele durch Fragen nähern wollen. Wer
+fragt, wird gar leicht von Neugierde oder von der Tadelsucht getrieben,
+vor denen der Mensch ganz natürlicherweise die Tür verschließt. Wer von
+wirklicher Liebe getrieben wird, wird es verstehen, sich zu einer Seele
+hindurchzufühlen, die sich im tiefsten Innern immer darnach sehnt,
+gefunden zu werden.«</p>
+
+<p>Und so sitzt der Pfarrer jenseits des Wassers bei Peter Fossegaarden,
+dessen ganzer Stolz seine Schweine sind, und ist vollständig überzeugt,
+daß nie ein Schinken so gut schmeckt, wie gerade hier. Oder er klettert
+zu Jens Bakken hinauf, der ein Holzschneider ist, und will genau
+wissen, wie man das macht. Nicht um die Kunst von ihm zu erlernen, tut
+es der Pfarrer, sondern um die Arbeit zu verstehen und wertschätzen
+zu können. Oder er sitzt bei Karen, die zweimal im Jahr Fladenbrot im
+Pfarrhaus backt,<span class="pagenum" id="Seite_50">[S. 50]</span> und will dem Backen zusehen, — oder bei der alten
+Gunhild, die halbblind ist, aber noch immer seine Socken strickt, und
+sagt zu ihr, er könne sich gar nicht denken, daß sie nicht hundert
+Jahre alt werde, denn es könne niemals jemand so für ihn stricken wie
+sie.</p>
+
+<p>Und der Pfarrer meint, was er sagt. Er hat ein menschliches Interesse
+für alle menschliche Arbeit im großen wie im kleinen.</p>
+
+<p>Aber gleichzeitig sucht er nach der Stelle, wo ein Zugang zur Seele
+ist, wo diese ihre scheuen und oft so hilflosen Augen zu ihm aufschlägt
+— um sich ihrer mit warmer und fester Freundeshand anzunehmen.</p>
+
+<p>In der strengsten Jahreszeit gibt es Wochen und Monate, wo der Pfarrer
+gezwungen ist, daheim zu bleiben. Den langen, langen schneeweißen
+Winter hindurch — wie vertreibt er sich da die Zeit? Wenn die Lampe um
+zwei oder drei Uhr angezündet wird, — und bei trübem Wetter brennt sie
+fast den ganzen Tag hindurch — womit füllt er da die Einsamkeit all
+der nächtlichen Stunden aus? Ja, da spielt er Harmonium, er liest, —
+oder er denkt ...</p>
+
+<p>Er hat alle seine Bücher mit heraufgebracht,<span class="pagenum" id="Seite_51">[S. 51]</span> und seine Briefe und
+Zeitungen holt er sich alle acht Tage, wenn das Wetter es erlaubt, auf
+der kleinen Poststation, die drüben über dem See, hinter der Landzunge
+gegen Westen verborgen liegt. Volle zwölf Tage braucht die Post, um von
+Trondheim heraufzugelangen; so viele Seitensprünge hat sie zu machen.</p>
+
+<p>Seine Reisen nach den Filialen unternimmt er auch im Winter so
+regelmäßig wie möglich; einmal im Monat nach Sörli und dreimal im
+Jahre nach der Trunsjöer Kapelle, — über Felsen und Seen und Moore,
+— wie es am besten vorwärts geht, denn zu keinem der genannten Orte
+führt eine Straße. Es kommt vor, daß er auf halbem Wege wieder umkehren
+oder im voraus schon die Reise aufgeben muß; aber da muß es schon sehr
+schlimm sein.</p>
+
+<p>In der Zeit von Weihnachten bis Ostern gibt er den
+Konfirmanden-Unterricht. Die Konfirmanden kommen ins Pfarrhaus, —
+nicht auf zwei Stunden, sondern gleich auf vierzehn Tage, und da
+gibt er ihnen jeden Morgen Unterricht. Die meisten von ihnen werden
+bei Kari einquartiert, und die, die das Pächterhaus nicht aufnehmen
+kann, übernachten in der Küsterwohnung,<span class="pagenum" id="Seite_52">[S. 52]</span> von wo sie aber durch die
+Schneemassen hindurch nicht immer bis zum Pfarrhaus gelangen können.</p>
+
+<p>So geht das Leben seinen Gang, — einen Winter nach dem andern in der
+aufreibenden Einförmigkeit, die so endlos zu durchleben sein kann, und
+die doch so merkwürdig kurz ist, wenn man darauf zurückschaut, weil die
+Jahre in einander fließen, lautlos und ohne Farbe, wie lauter Stunden
+einer einzigen Nachtwache.</p>
+
+<p>Noch eins hat er, um die langen, einsamen Tage auszufüllen. Er
+<em class="gesperrt">schreibt</em>. Er begann nicht gleich damit, denn er wollte sich
+zuerst ganz in seinem Beruf hier oben einleben. Der Beruf sollte ihn
+ungeteilt haben.</p>
+
+<p>Aber in den zweiten fünf Jahren, — nachdem er gleichsam alle in seine
+Gedanken und in sein Herz aufgenommen hatte, — da begann er die Bücher
+zu schreiben, die den »Hochlandspfarrer« — dieses Pseudonym hatte er
+gewählt — zu einem wohlbekannten Gast in vielen Heimstätten machte.</p>
+
+<p>Dann entstand auch sein größtes Werk, die »Briefe an die eine Seele«,
+das in Heften herauskam, die beständig vermehrt wurden, bis<span class="pagenum" id="Seite_53">[S. 53]</span> es einen
+Brief für jeden Tag im Jahre gab. Es waren längere oder ganz kurze
+Briefe, immer mit einer Bibelstelle als Ausgangspunkt, und alle mit dem
+einen Zweck: zu ziehen, zu locken, zu <em class="gesperrt">nötigen</em> — könnte man wohl
+sagen — die <em class="gesperrt">eine</em> Seele in ein Verhältnis zu Gott hinein, hin
+auf den Weg zur Vollendung ...</p>
+
+<p>Er hat gleichsam die Bedenken und Einwendungen dieser Seele erlauscht,
+hat ihre Zweifel, ihren Widerstand erraten und gefühlt, welche Saiten
+den tiefsten Widerhall bei ihr erwecken würden.</p>
+
+<p>Er schneidet die Nebenwege ab, versperrt den Rückzug, hält aber
+bisweilen in einer ganz friedlichen Betrachtung plötzlich still, wie um
+der Seele Ruhe zu gönnen — eine Ruhepause.</p>
+
+<p>Er ist wie ein Führer im Gebirge, der mit einem andern an der Hand
+hinaufsteigt, und der zwar den Gipfel, der erreicht werden soll, nicht
+niedriger machen kann, aber die Schwierigkeiten des Aufstiegs zu
+erleichtern und zu überwinden sucht.</p>
+
+<p>Dies ist der Ton, der durch seine Verkündigung geht, nur ist er
+gleichsam noch persönlicher.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_54">[S. 54]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Du sollst Gott deinen Herrn lieben von ganzem Herzen!« Matth. 22, 37.</p>
+
+<p>Die Hand aufs Herz — tust du das?</p>
+
+<p>Nein, wirst du sagen, dein Herz sei zu arm, leer und kalt. Das ist wohl
+wahr, aber das gilt hier nicht als Entschuldigung. Denn es wird danach
+gefragt, ob du so liebest, wie dein Herz es vermag, — sonst nach
+nichts.</p>
+
+<p>Und kann denn dein Herz gar nicht lieben? Gibt es nicht den oder jenen,
+— deinen <em class="gesperrt">Nächsten</em> — den es umfaßt, feurig stark, den es fester
+hält als selbst das Leben? Doch, es gibt jemand ... Das läßt du dir
+nicht nehmen.</p>
+
+<p>Ist es denn dann so, daß dein irdisches Herz nur abwärts lieben kann
+— zur Erde, auf der Erde — nicht aufwärts? Ja, du selbst kannst kein
+Gefühl in deinem Herzen hervorbringen. Aber die Liebe, die du zu einem
+andern hast, die kannst du hinaufreichen. Das Herz, das einen andern
+umfaßt, das kannst du in die Hände geben, die das erste Recht daran
+haben.</p>
+
+<p>Du wirst einwenden, das hieße das Gebot umgehen. Nein, das heißt zu ihm
+aufsteigen.</p>
+
+<p>»<span class="antiqua">Sursum corda</span>« — die Herzen in die Höhe!<span class="pagenum" id="Seite_55">[S. 55]</span> — hat es seit den
+ältesten Zeiten in der Kirche geklungen.</p>
+
+<p>Und die Gemeinde antwortet: »<span class="antiqua">Habemus ad Dominum</span>« — wir erheben
+sie zum Herrn.</p>
+
+<p>Wenn du dein Herz hinaufgibst mit der großen Liebe, von der es erfüllt
+ist, dann wirst du das erreichen, was dein tiefstes, unaussprechliches
+Geheimnis werden wird — das, daß deine Liebe verwandelt wird.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Wer zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater und seine Mutter und
+sein Weib und seine Kinder und dazu auch sein eigen Leben, der kann
+nicht mein Jünger sein.« Luk. 14, 26.</p>
+
+<p>Ich nehme das stärkste Wort, das ich finden kann und erkläre es nicht.
+Ich lasse es dich so buchstäblich verstehen, wie — es nicht einmal
+verstanden werden soll.</p>
+
+<p>Und ich behaupte, das Wort, das bei denen, die draußen stehen, Anstoß
+erregt und von vielen Christen übersprungen wird, das ist eines von
+denen, die <em class="gesperrt">dich</em> am stärksten ergreifen, denn niemals wirst du
+dich mit einem Verhältnis zu Gott begnügen, das nicht unbedingt ist.</p>
+
+<p>In der irdischen Liebe würden es die meisten<span class="pagenum" id="Seite_56">[S. 56]</span> nicht können. Das wird
+ohne Einwendung begriffen, und je mehr man liebt, desto mehr will man
+das andere besitzen, ganz und ungeteilt.</p>
+
+<p>Aber die Forderung, die die Menschen ganz von selbst aneinander
+stellen, — an der nehmen sie Anstoß, sobald sie von oben kommt.</p>
+
+<p>So sei es nicht bei dir. Wo du dich hingeben sollst — auch seelisch
+—, wirst du verlangt werden, ganz und ungeteilt.</p>
+
+<p>Denn du wirst begreifen, daß wer alles zu verlangen wagt, auch alles zu
+geben hat.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Petrus trat aus dem Schiff und ging auf dem Wasser.« Matth. 14, 29.</p>
+
+<p>Aber es war nicht das Wasser, das ihn trug. Auf <em class="gesperrt">Wogen</em> kann man
+nicht treten. Trotzdem — die Menschen sind nicht von dieser Einbildung
+wegzubringen. Hast du sie nicht auch geteilt?</p>
+
+<p>Was anders hat die Welt dir wohl geboten, um darauf zu treten — was
+anderes als Wogen? Was anders hat dein eigenes schwankendes, kraftloses
+Herz dir geboten? Und auch du hast wie die andern gedacht, daß sie dich
+tragen würden. Ist es nicht so?</p>
+
+<p>Petrus ging im <em class="gesperrt">Glauben</em> vorwärts. Der<span class="pagenum" id="Seite_57">[S. 57]</span> Glaube ist Felsengrund
+unter den Füßen; der einzige, der sich findet. Als er diesen verläßt,
+da »beginnt er zu sinken«. Denn es gibt nur das eine von diesen beiden;
+entweder du lebst im Glauben — dann stehst du auf Felsengrund, — oder
+dein Leben ist ein fortgesetztes Hinausgleiten in die Wogen, — die dir
+schließlich über dem Kopf zusammenschlagen.</p>
+
+<p>Aber merk dir eines: es sieht aus, als sei es gerade <em class="gesperrt">umgekehrt</em>;
+als ob dieses »im Glauben Vorwärtsgehen« so viel sei, als ein Loslassen
+des Festen und Sicheren, ein Hinaustreten aus dem Schiff — und mit
+geschlossenen Augen den Sprung wagen in die unendliche Tiefe.</p>
+
+<p>So wird es immer gefühlt werden, und aus diesem Gefühl heraus muß es
+getan werden.</p>
+
+<p>Aber in Wirklichkeit setzt man da erst seinen Fuß auf den Felsen, den
+das Weltmeer nicht erschüttern kann, und den die schwarzen, trüben
+Wasser des Todes nicht zu überfluten vermögen.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Die, so in den Schranken laufen, die laufen alle, aber <em class="gesperrt">einer</em>
+erlangt das Kleinod.« 1. Kor. 9, 24.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_58">[S. 58]</span></p>
+
+<p>Der eine, der das Kleinod erlangt, der sollst du sein.</p>
+
+<p>Ja, wirst du sagen — aber die andern dann? Ist es nicht schrecklich,
+daß ich auf ihre Kosten gewinnen soll?</p>
+
+<p>Mein Freund, — laß dich dadurch nicht aufhalten!</p>
+
+<p>In der Sache deiner Seligkeit handelt es sich niemals um einen Wettlauf
+mit andern. Ihr seid nur zu zweit auf der Bahn, du und noch einer, den
+du ganz genau kennst, nämlich dein »alter Mensch«, — wie wir ihn zu
+nennen gelehrt worden sind.</p>
+
+<p>Der Einsatz ist das Leben; nur einer gewinnt es. Der andere muß sterben
+... Von diesen beiden lebt immer einer auf Kosten des anderen.</p>
+
+<p>Und dein alter Mensch läuft furchtbar schnell. Er gönnt sich Tag und
+Nacht keine Ruhe.</p>
+
+<p>Läufst du so, daß du gewinnen kannst? O stehe eines Tages da — der
+andere sterbend zu deinen Füßen — mit dem Kleinod in der Hand!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Merkwürdig ist es doch mit <em class="gesperrt">der einen Seele</em>, die er noch immer
+sucht, für die er noch immer arbeitet, um sie in das Geheimnis der<span class="pagenum" id="Seite_59">[S. 59]</span>
+Gemeinschaft mit Gott hineinzuführen! War sie denn hier oben nicht
+zu finden? Es scheint fast unmöglich, daß von einer so eifrigen, so
+aufopfernden Wirksamkeit keine Früchte nachzuweisen sein sollten!</p>
+
+<p>Doch darüber erfahren wir nichts, wenigstens nichts von ihm selbst.
+Und die andern Leute wohnen zu zerstreut, als daß wir da nachfragen
+könnten. Nur das sehen wir allerdings, daß die Leute in verhältnismäßig
+großen Scharen zur Kirche kommen und daß sie den Pfarrer zu ihren
+Kranken und Sterbenden holen lassen, sobald die Verhältnisse es nur
+erlauben.</p>
+
+<p>Aber die eine Seele ist vielleicht noch weiter entfernt, als nur
+»jenseits der drei Wasser«, weiter entfernt, als hinter dem endlosen
+Moor, — tief drunten in der Welt, die so merkwürdig fern liegt.</p>
+
+<p>Hat er wohl jemand da drunten, den er rufen möchte?</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Da ist ein Punkt, über den wir gern etwas wissen möchten. Der Pfarrer
+ist in all den Jahren, seit er hier herauf zog, nie wieder drunten
+gewesen. Und schon ehe wir ins Pfarrhaus kamen,<span class="pagenum" id="Seite_60">[S. 60]</span> hörten wir, daß er
+sich nach einer großen und bitteren Enttäuschung, die er erlebt hatte,
+für alle Zeiten von der Welt losgesagt habe.</p>
+
+<p>Kari weiß etwas davon, daß es ein »Weltkind« gewesen war, das einmal
+seine Netze ausgeworfen hatte, um ihn zu fangen, und daß es ihm — dem
+Weltkind — eigentlich auch geglückt war, daß es ihn dann jedoch selbst
+wieder verlassen hatte. Wie die Sache aber eigentlich zusammenhängt,
+das kann sie uns doch nicht sagen. Sie hat nur so viel verstanden, daß
+es gut war, »daß er <em class="gesperrt">sie</em> los wurde«.</p>
+
+<p>Sigrid freilich, die könnte mehr davon erzählen, wenn sie nur wollte.</p>
+
+<p>Sigrid ist die älteste der Pächterstöchter, die, sobald sie halb
+erwachsen war, die Bedienung des Pfarrers besorgt hatte. Es war ihm
+lieb, ihre sanftmütige Erscheinung um sich zu haben, sie kommen und
+gehen zu sehen, mit ihren langen hellen flachsblonden Zöpfen, ihrem
+kindlich runden Gesicht und den blauen, schwermütigen Augen, deren
+Ausdruck in so merkwürdigem Gegensatz mit ihrem taghellen Farbenglanz
+stand.</p>
+
+<p>Sigrid erriet, wie er es in allem haben wollte.<span class="pagenum" id="Seite_61">[S. 61]</span> Sie fühlte es
+gleichsam an sich selbst, wenn er müde oder betrübt war, wenn er allein
+sein wollte, oder wenn sie kommen durfte. Und sie fragte nie. Deshalb
+sprach er auch mit ihr mehr, als mit irgend einer der andern.</p>
+
+<p>Dann kam der neue, ganz junge Kantor herauf.</p>
+
+<p>Er stammte aus der Gegend und hatte als Kind mit Sigrid gespielt, wenn
+er Sonntags mit seinen Eltern zur Kirche kam. Er hatte sie schon damals
+lieb gehabt, das wortkarge Mädchen mit den aschblonden Zöpfen und den
+schüchternen, niedergeschlagenen Augen. Und nun mußte er ja baldigst
+eine Frau haben, die seine einsame kleine Kantorwohnung mit ihm teilen
+sollte, — dort droben auf dem Gipfel des Tannenhügels, etwas rechts
+vom Pfarrhof.</p>
+
+<p>Als die Eltern Sigrid fragten, ob sie ihn »möge«, antwortete sie, daß
+sie es nicht recht wisse. Und dies war ja so vielversprechend, daß man
+gut sogleich mit den Vorbereitungen zur Hochzeit beginnen konnte.</p>
+
+<p>Der Pfarrer wollte nur ungern Sigrid verlieren und sie durch Gudveig
+ersetzt haben, die zwar ganz dasselbe Gesicht und Haar wie die<span class="pagenum" id="Seite_62">[S. 62]</span>
+Schwester hatte, sich aber immer mit Geräusch anmeldete und so froh und
+gleichgültig aus ihren blauen Augen schaute. Er meinte auch, Sigrid sei
+zu gut für den kleinen, redseligen Kantor.</p>
+
+<p>Aber als ihm Kari zu verstehen gab, daß es für Sigrid selbst am besten
+wäre, wenn sie wo anders hinkäme, da sprach er mit dieser nur noch
+davon, wie gut sie es in dem hübschen, kleinen Häuschen bekommen werde.</p>
+
+<p>Aber Sigrid weinte viel, als sie dorthin gekommen war. Sie sehe auch
+immer nach dem Pfarrhof, sagte ihr Mann, der glaubte, sie habe Heimweh
+nach den Eltern. Und des Nachts, wenn es schlecht Wetter sei, dann
+liege sie mit großen, offenen Augen da — wie jemand, der hinaushorcht.
+Oder sie fahre vom Schlaf auf und frage, ob das des Pfarrers Tür sei,
+die aufgemacht werde, und ob er wieder heimgekommen sei. — Aber viele
+haben es ja auch so in <em class="gesperrt">der</em> Zeit.</p>
+
+<p>Jetzt im Frühling bekam sie ein Kind, ein kleines »helles Mägdlein«,
+mit dem sie sich abgeben konnte. Und da kam sie zur Ruhe im Küsterhaus.</p>
+
+<p>Sigrid wußte wahrscheinlich mehr von den<span class="pagenum" id="Seite_63">[S. 63]</span> Ereignissen aus des Pfarrers
+Jugend, als irgend sonst jemand.</p>
+
+<p>Und einmal hatte sie ein Bild gesehen — von einer, die »so schön, so
+wunderschön« gewesen war, daß es einem mitten durchs Herz ging.</p>
+
+<p>Aber Sigrid ist ja nun nicht mehr daheim. Und die wenigen Male, wo wir
+sie in der Kirche oder auf einen kleinen Besuch zu den Eltern kommen
+sehen, die hellen, schwermütigen Augen unbeweglich niedergeschlagen, da
+bekommen wir den Eindruck, daß sie zu denen gehört, wo es gar nichts
+nützt, wenn man fragt.</p>
+
+<p>Außer uns ist zurzeit noch eine Schwester des Pfarrers in der
+Pächterwohnung. Sie ist eine schöne feine Gestalt, einige Jahre älter
+als er, — die wohnte bei ihm, ehe er hier herauf zog, wohin sie
+ihm aus Gesundheitsrücksichten nicht folgen konnte. Nur während der
+heißesten Sommerzeit besucht sie ihn auf einige Monate.</p>
+
+<p>Auf ihre gebildete Weise ist sie ganz ebenso verschlossen wie die
+blonde Sigrid. Als sie daher eines Tages ganz leicht den Punkt
+berührte, der uns interessiert, geschah es nur, weil es ihr sehr
+schwer wird, über das ganz zu schweigen, wodurch die Hochachtung vor
+dem Bruder bei<span class="pagenum" id="Seite_64">[S. 64]</span> andern vermehrt werden könnte, — was ihre größte,
+vielleicht ihre einzige Schwäche ist.</p>
+
+<p>Eines Morgens führt sie uns nach dem »Tal Josaphat«, wie der Pfarrer
+eine breite Felsenschlucht tief im Walde genannt hat, wo die Sonne so
+warm und golden eingefangen wird, daß wie ein leuchtender Abglanz der
+Sonne selbst eine wirre und farbenprächtige Blumenfülle — gelb, weiß,
+lila, rot, besonders rot — auf langen wogenden Stielen aus der Erde
+hervorbricht. Tief unten rieselt ein klares Bächlein, das leise mit
+sich selber plaudert, so daß man dessen Dasein ganz vergessen kann, —
+bis man plötzlich mit dem Fuß hineintritt.</p>
+
+<p>Hier nun sagte sie mit einer Anspielung auf jenes Jugenderlebnis des
+Pfarrers: »Ich schaue in diesem Punkt zu meinem Bruder auf. Niemand von
+uns rührt je daran — selbstverständlich. Seit er hier herauf gezogen
+ist, hat er nur ein einziges Mal darauf angespielt. Damals sagte er:
+›Ich bin dieser Person großen Dank schuldig. Niemals wäre ich ›alles
+für alle‹ geworden, wenn ich nicht mit einem Schlag von jeder Rücksicht
+auf mich selbst frei geworden wäre — von all meinem Eigenen!‹ — Und
+das<span class="pagenum" id="Seite_65">[S. 65]</span> ist sicher, ein dauerndes Verhältnis zu dieser Person, über die
+ich mir kein Urteil erlaube, hätte dem Leben, das sich über sich selbst
+ganz zu Gott erhebt, und in das er jetzt so tief eingedrungen ist, den
+Weg versperrt. Aber ihr gar zu danken, dahin können wir andern nicht
+gelangen! Was damals war, vor dreizehn Jahren, möchte ich am liebsten
+ganz aus meiner Erinnerung auslöschen.« —</p>
+
+<p>Sie ist ein ausgezeichnetes Wesen, die Schwester des Pfarrers. Wir
+zweifeln nicht daran, daß sie richtig sieht. Und doch — — an sie, die
+»so wunderschön war, daß es einem mitten durchs Herz geht«, und von der
+los zu kommen ein Glück für ihn war, — — wir können es nicht lassen,
+wir müssen viel an sie denken.</p>
+
+<p>Die Pächtersfrau vertraut uns an demselben Tag an, daß sie, Alette,
+diesmal nicht so lange hier bleiben werde wie sonst, sondern bald
+nachdem wir abgereist seien, auch wieder südwärts ziehe. Sie wird
+nämlich heiraten, — sie! Einen ausgezeichneten Pfarrer in Christiania,
+der früher Missionar und mit einer Freundin von ihr verheiratet gewesen
+war. Er hat ein paar erwachsene Kinder und einige unerwachsene dazu,<span class="pagenum" id="Seite_66">[S. 66]</span>
+so daß sie eine schöne und ernste Aufgabe bekommt. Sie kam hierher, um
+mit dem Pfarrer darüber zu reden. Und er freut sich nur darüber.</p>
+
+<p>Sie will durchaus, er soll im August hinunterkommen und sie trauen
+— er soll der sein, der ihr neues Leben einsegnet — und sich dann
+zugleich nach einer Stelle da drunten umsehen. Auf das erste hat er
+noch nicht bestimmt geantwortet, aber zum zweiten sagt er, — wie
+immer, wenn jemand wünscht, daß er sich wegmelde —: »Ich muß erst hier
+fertig sein.«</p>
+
+<p>Wir begreifen nicht recht, woher Kari all dies weiß. Wahrscheinlich
+gibt es hier im Winter so wenig zu hören, daß sie im Sommer ihre Ohren
+doppelt gebrauchen muß.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Unser kurzer Aufenthalt ist bald zu Ende. Der letzte Abend ist gekommen.</p>
+
+<p>Nach Sonnenuntergang ist es immer kühl hier oben. Wenn der glühende
+Sonnenball versunken ist und ein Silberglanz vom Wasser aufsteigt, dann
+überkommt einen selbst in der heißen Jahreszeit ein eigenes Kältegefühl.</p>
+
+<p>Am letzten Abend, den wir hier zubringen, wo es auch schon den Tag
+über kühl gewesen<span class="pagenum" id="Seite_67">[S. 67]</span> ist, sinkt die Temperatur auf einen solch niederen
+Grad der Sonnenwärme herab, daß der Pfarrer uns vorschlägt, auf der
+Feuerstelle in seinem Zimmer ein Feuer anzuzünden.</p>
+
+<p>Kari trägt trockenes Brennmaterial herbei, Tannenzweige und
+Tannenzapfen. Und bald knistern und sprühen die Feuerflammen ermunternd
+und erwärmend in dem offenen Kamin.</p>
+
+<p>Die Studierstube ist uns am liebsten. Hier sind die meisten seiner
+eigenen Sachen, die sich in dem flackernden Schein des Feuers ganz
+märchenhaft ausnehmen.</p>
+
+<p>Ein goldener Schimmer spielt auf den weißlichen Renntierfellen des
+Sofas. Und das große Bild über dem Schreibtisch, die Madonna von
+Murillo aus dem Palazzo Pitti, strahlt in so warmem Glanz, als ob das
+junge lebendige Gesicht wirklich aus Fleisch und Blut wäre.</p>
+
+<p>Das große Kruzifix in der Ecke über dem Harmonium ist nicht beleuchtet.
+Aber auf dem Bild, das darunter hängt, — das Abendmahl in Emmaus von
+Tizian, — liegt eine Glut, wie von dem Sonnenuntergang des Ostertags
+selbst.</p>
+
+<p>Nicht weit von diesem Bild entfernt geht Napoleon mit erhobenem Banner
+über die<span class="pagenum" id="Seite_68">[S. 68]</span> Brücke von Arcole. Glühender Eifer flammt in seinen bleichen
+Wangen auf.</p>
+
+<p>Und plötzlich fällt es uns auf, daß der Pfarrer, wie er dasitzt und
+das Feuer schürt, diesem Bilde gleicht, — mit dem wallenden schwarzen
+Haar, dem feingeschnittenen Gesicht und dem Ernst, der mit dem Feuer
+verwandt ist, in seinen dunklen Augen.</p>
+
+<p>Die Schwester des Pfarrers steht am Tisch, legt kleine Kuchen auf einen
+Teller und bereitet zur Feier des Abends Glühwein.</p>
+
+<p>Wir hätten nicht gedacht, daß der Pfarrer Wein trinken würde. Es
+geschieht auch nur sehr selten, aber er hat nichts dagegen, daß seinen
+Gästen Wein angeboten wird.</p>
+
+<p>So oft neue Tannenzweige auf das Feuer geworfen werden, zischt und
+knistert es am stärksten, die Flammen schlagen hoch auf, und die roten
+Tannennadeln fliegen wie glühende Leuchtkäfer umher.</p>
+
+<p>Eines von uns verwundert sich darüber, daß der Pfarrer so wenig von den
+Früchten seiner Arbeit zu erzählen wisse.</p>
+
+<p>»Das könnte er leichter als sonst einer,« sagt die Schwester vom Tisch
+her.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_69">[S. 69]</span></p>
+
+<p>Er aber erwidert: »Ich bin hier, um die Seelen zu rufen, nicht aber,
+um ihre Bekehrung festzustellen. Außerdem — sein Verhältnis zu Gott,
+das ist immer eines Menschen tiefstes Geheimnis. — Es hat auch
+seine äußeren Seiten, selbstverständlich muß es sie haben, wie jedes
+persönliche Verhältnis. Es gibt Tatsachen, auf die man deuten kann.
+Aber das ist nicht die Hauptsache. Ob die volle Hingabe stattgefunden
+hat, im tiefsten Innern, das weiß nur der eine, der in die Seele
+hineinsieht.«</p>
+
+<p>Er schaut eine Weile schweigend in die Flammen. Dann sagt er: »Ich
+habe mich wirklich hier oben oft beschämt gefühlt. Wie treuherzig und
+einfältig können diese Menschen in ihrem Gedankengang sein! Wie zum
+Beispiel Guttorm, weißt du?«</p>
+
+<p>»Der mit dem Haus?« fragt die Schwester.</p>
+
+<p>»Ja, der mit seinem Haus, das er nie ›vergoldet‹ und fein genug
+bekommen konnte. Zu dessen Ausschmückung er jede freie Stunde verwandte
+— schnitzte, malte, firnißte — und das er sein Kind nannte. Nur still
+dasitzen und sich in der Stube umsehen, eine größere Freude kannte
+er nicht. Und oft kam es vor, daß er<span class="pagenum" id="Seite_70">[S. 70]</span> gerade am Sonntag die Gicht in
+seinem Bein spürte, so daß er zu Hause bleiben mußte, — und sich dann
+nur den alten Knud holte, um ihm zu zeigen, was es seit dem letztenmal
+Neues in der Stube gab. Ich sagte zu ihm: ›Hüte dich, Guttorm, daß du
+dein Herz nicht zu sehr an dein Haus hängst, du kommst doch nicht wie
+eine Schnecke mit ihm auf dem Rücken in den Himmel hinein!‹ Er aber
+lachte und sagte, da sei keine Gefahr.</p>
+
+<p>Dann mußte er einmal ins Gebirge mit seiner Frau. Sie waren zwei bis
+drei Tage abwesend. Und als er den großen Schlüssel im Schloß umdrehte,
+betete er: ›Herr, mein Gott, beschütze mein Haus, so lange ich weg bin.‹</p>
+
+<p>Als er zurückkam, hatte der Blitz hineingeschlagen, und es war bis auf
+den Grund niedergebrannt.</p>
+
+<p>Eine Weile betrachtete er schweigend die schwarze rauchende
+Brandstätte. Die Frau jammerte und weinte, aber Guttorm faltete seine
+Hände und betete: ›Mein Herr, ich danke dir. Ich sehe, daß du mich
+selbst beschützt hast.‹</p>
+
+<p>Ja, könnten wir wohl sprechen wie er? Sogleich, in demselben
+Augenblick, wo wir das verloren<span class="pagenum" id="Seite_71">[S. 71]</span> hätten, woran unser Herz am meisten
+hing?«</p>
+
+<p>»Niemals wäre er so weit gekommen, so sprechen zu können, wenn du nicht
+mit ihm geredet hättest — so oft und so viel,« sagt die Schwester.</p>
+
+<p>Aber der Pfarrer hört nicht darauf. Schweigend, wie in tiefe Gedanken
+versunken, starrt er in die Flammen. Dann sagt er, ein wenig zögernd:
+»Bisweilen habe ich gedacht, ob sich hier oben nur ein einziger Mensch
+findet, der sein Verhältnis zu Gott verwirklicht hat, — einer, der
+sich danach gesehnt hatte, es zu verwirklichen, weil er wußte, wie
+mangelhaft dies Verhältnis — in Wirklichkeit gewesen war — — — Aber
+das war dann jedenfalls nicht mein Tun.«</p>
+
+<p>Er wirft wieder ein Bündel Tannenzweige auf die Glut. Es knistert und
+flammt, und eine Feuergarbe von roten Leuchtkäfern schwirrt sprühend
+auf. Unten, zwischen den großen Holzscheitern, liegen ein paar
+Tannenzapfen, die mit ruhigen blauen Flammen brennen.</p>
+
+<p>Dann bittet eines der Anwesenden den Pfarrer um ein Märchen; denn das
+gehöre dazu. »Am liebsten eine Spukgeschichte,« ist ein anderes so
+keck, hinzuzufügen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_72">[S. 72]</span></p>
+
+<p>Seine Schwester schüttelt den Kopf. »Das kann mein Bruder nicht. Er hat
+an anderes zu denken gehabt.«</p>
+
+<p>Aber der Pfarrer antwortet: »Warum denn nicht? Vielleicht könnte ich
+etwas erzählen, was einem hier passiert ist, hier oben. Wenn ich den
+Namen nicht nenne ....«</p>
+
+<p>Er schaut eine Weile in die Flammen; dann erzählt er: »Ein Bursche ging
+am Moor entlang, als es von Multeblüten ganz weiß war. Während er so
+dahin ging, sah er jemand auf dem Moor stehen. Es kam ihm vor, als sei
+es Ingrid Koppen. Sie pflückte Blumen.</p>
+
+<p>Er rief ihr zu, warum sie denn die Blumen pflücke; dann gebe es ja
+weniger Multebeeren. Ob sie denn daran nicht gedacht habe?</p>
+
+<p>Da trat sie zu ihm und reichte ihm die Blüten über einen schmalen Bach
+hinüber, der sie vom Wege trennte.</p>
+
+<p>Lachend nahm er sie. —</p>
+
+<p>Am nächsten Abend überkam es ihn aufs neue, so daß er wieder den
+Fußpfad dem Moor entlang gehen mußte.</p>
+
+<p>Da draußen war ein Mädchen und pflückte weiße Multeblüten. Sie trat so
+leicht auf, daß<span class="pagenum" id="Seite_73">[S. 73]</span> ihre Fußspitzen nie einsanken. Marta Sandvigen war es,
+soviel er sehen konnte.</p>
+
+<p>Er rief ihr zu, und sie trat näher und reichte ihm die Blumen.</p>
+
+<p>Aber zugleich ergriff er ihre Hand.</p>
+
+<p>Da blieb sie ganz ruhig stehen. Sie war ihm so nahe, so daß er sich
+über das kleine Rinnsal hinüberbeugen und sie küssen konnte.</p>
+
+<p>Sie sah ihn nur an, und da küßte er sie noch einmal.</p>
+
+<p>Der nächste Tag war ein Sonntag. Er begleitete seine Mutter, die blind
+war, in die Kirche. Er gab aber nicht acht darauf, daß sie sich an den
+Steinen des Weges stieß. Er hörte auch nichts von den heiligen Worten,
+sondern sah nur immer ein Meer von Multeblüten, das im Winde wogte. —
+Und ein Mädchen, das mitten darin stand. —</p>
+
+<p>Am Abend, als er hinauskam, war sie wieder da. Sie — nein, der Name
+fiel ihm nur nicht ein. Sie war wie alle andern, sie, und auch wie
+sonst niemand.</p>
+
+<p>Sie stand dicht am Wege und reichte ihm die Hand über das Bächlein.</p>
+
+<p>Mit einem Sprung setzte er hinüber, schlang<span class="pagenum" id="Seite_74">[S. 74]</span> die Arme um sie und küßte
+sie. Sie sah ihn nur an, und er hielt sie fest.</p>
+
+<p>Da begann sie, ihn in das Moor hineinzuziehen.</p>
+
+<p>›Wohnst du dort drüben?‹ fragte er und deutete darüber hin. Sie aber
+nickte nur.</p>
+
+<p>Da begann der Grund unter ihm zu wanken. Er sah sich um und merkte, daß
+es gerade auf die grundlose Stelle zuging, wo die Kuh im vorigen Jahr
+versunken war; da rief er: ›Wir müssen zurück! Komm, komm!‹</p>
+
+<p>Sie aber schüttelte den Kopf, als wolle sie sagen: ›Ich kann nicht,‹
+und bannte ihm die Augen mit ihrem Blick.</p>
+
+<p>Er sank bis an die Knie ein. Aber ihm war, als seien es ihre Augen, die
+ihn zogen, diese Augen, in die er nun wohl versank.</p>
+
+<p>›Im Namen Gottes!‹ schrie er.</p>
+
+<p>Er wußte später nie, wie er frei geworden war. Aber als er wieder auf
+dem Weg stand und auf das Moor hinausschaute, da war niemand mehr
+zwischen den weißen Blumen.</p>
+
+<p>Jedermann sagte, das sei die Waldnymphe gewesen, die ihn verlockt habe,
+und es sei gut, daß er losgekommen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_75">[S. 75]</span></p>
+
+<p>Aber er fand keine Ruhe dabei. Er erinnerte sich wohl, daß sie ihn
+beinahe in den Sumpf hineingezogen hatte. Und es war ihm doch, als sei
+es eine gewesen, wie er — ein Menschenkind, wie er auch ...</p>
+
+<p>Und er konnte den Gedanken nicht mehr los werden: Ob sie wohl dort
+versunken war? Es war ihm, als fühle er an sich selbst, wie sie da
+draußen sank und sank. Dann mußte er zum Moor hinaus, wieder und
+wieder. Und dann rief er sie mit allen Namen, die er kannte.</p>
+
+<p>Er dachte: Einmal finde ich wohl den richtigen. Dann kommt sie. Und
+dann ziehe ich sie zu mir herüber. Herüber auf den festen Weg.</p>
+
+<p>Und — ja, er steht wohl noch dort und ruft ...«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Wanduhr schlägt zehn Uhr. Der Pfarrer steht plötzlich auf und sagt,
+es sei hohe Zeit für uns, zu Bett zu gehen, für uns, die wir morgen in
+aller Frühe aufbrechen müßten.</p>
+
+<p>Dann setzt er sich ans Harmonium und stimmt ein Abendlied an:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">»Die Sonne sinkt am Himmelsrand, --</div>
+ <div class="verse indent2">Ich sehn' mich nach dem Morgenland,</div>
+ <div class="verse indent2">Dem keine Nacht zu eigen,</div>
+ <div class="verse indent2">Wo frei von Erdenleid und -lust</div>
+ <div class="verse indent2">Sein Haupt an Gottes eigne Brust</div>
+ <div class="verse indent2">Darf der Erlöste neigen.</div>
+</div>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_76">[S. 76]</span></p>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Nun sinkt die Nacht auf Flur und Au'n,</div>
+ <div class="verse indent2">Ich sehne mich nach Edens Gau'n,</div>
+ <div class="verse indent2">Wo keine Stürme brausen,</div>
+ <div class="verse indent2">Wo in dem tausendfält'gen Tag,</div>
+ <div class="verse indent2">Dem eignen Herzschlag Gottes mag</div>
+ <div class="verse indent2">Still der Erlöste lauschen ....«</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wir nehmen Abschied vom Pfarrer an der offenen Feuerstätte, deren
+leuchtende Flammen nun zu einer glimmenden Glut zusammengesunken sind,
+die uns von der Asche wie mit roten Augen anstarrt.</p>
+
+<p>Der Pfarrer sagt, er wolle für uns wachen, bis der letzte Funken
+erloschen sei. Und wir verlassen ihn da, wo er alle die roten Augen
+bewacht, die sich schließen — eins nach dem andern.</p>
+
+<p>Denkt er vielleicht an die Seelen hier oben zwischen den fernen Bergen,
+an die zerstreuten Funken, die er gerne zu einem flammenden Feuer
+vereinigen würde? Oder geht sein Gedanke vielleicht noch immer zurück
+zu dem, was gewesen, — vor dreizehn Jahren?</p>
+
+<figure class="figcenter illowe5" id="illu-076">
+ <img class="w100" src="images/illu-076.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="newpage">
+<h2 class="nobreak" id="Das_daenische_Fraeulein">Das dänische Fräulein.</h2>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_79">[S. 79]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-079" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-079.jpg" alt="Landschaft">
+</figure>
+</div>
+
+<div class="dc">
+ <img class="h6em" id="drop-i2" src="images/drop-i2.jpg" alt="I">
+</div>
+
+<p class="p0"><span class="hide-first">I</span> m Winter vor dreizehn Jahren gab es in Christiania zwei Menschen, die
+in einem bestimmten Kreis die Aufmerksamkeit in hohem Grade auf sich
+zogen; eine blendende junge Dame aus Kopenhagen und einen asketischen
+norwegischen Pfarrer, dessen kräftige, begeisterte Verkündigung
+entweder anzog oder Ärgernis erregte.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Sie</em> war noch in der ersten Hälfte der Zwanziger, elegant,
+lebhaft und begabt, — die Bühne sei ihr heimlicher Wunsch gewesen,
+hieß es — unabhängig und reich. Ihren Vater hatte sie als ganz kleines
+Kind verloren, ihre<span class="pagenum" id="Seite_80">[S. 80]</span> Mutter vor etwa einem Jahre. Sie hatte seither in
+der großen Wohnung weitergelebt, mit einem Bruder zusammen, der als
+Jurist eine gute Stellung hatte, aber verlobt war; also konnte das
+Zusammenleben kein dauerndes sein.</p>
+
+<p>Nach Verfluß des Trauerjahres, im Oktober, war sie auf den Vorschlag
+der aus Dänemark stammenden Frau Konsul Hallager, ihrer Tante
+väterlicherseits, eingegangen, nämlich nach Christiania zu kommen
+und den Winter in deren schönem Heim am Drammensweg zuzubringen. Die
+Kopenhagener Geselligkeit kannte sie ja auswendig, nun wollte sie es
+einmal mit der norwegischen versuchen.</p>
+
+<p>»Dann werden wir sie schon hier oben verheiraten,« sagte die Tante.
+»Und das wäre auch in jeder Beziehung die passendste Lösung.«</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Er</em> war erst wenig über dreißig, war ein angehender
+Schriftsteller in freigeistiger Richtung gewesen, hatte aber, wie es
+hieß durch den plötzlichen Tod seines besten Freundes, mit seiner
+ganzen früheren Lebensanschauung gebrochen.</p>
+
+<p>Damals hatte er sich dann auf die Theologie geworfen und war
+nun als Pfarrer mit einem flammenden Eifer aufgetreten, mit dem
+zweischneidigen<span class="pagenum" id="Seite_81">[S. 81]</span> Schwert des Wortes, bereit zum Angriff und zur
+Verteidigung. Bis jetzt war er noch dritter Geistlicher an seiner
+Kirche, füllte diese aber, so oft er predigte, das ganze Jahr hindurch
+mehr als seine Oberen.</p>
+
+<p>Die Frau Konsul empfing ihre Nichte, die sie ein paar Jahre nicht mehr
+gesehen hatte, mit überströmender Zärtlichkeit.</p>
+
+<p>»Laß mich sehen, ob du noch immer so reizend bist? Ja, wahrhaftig, du
+hast dich gar nicht verändert!« sagte sie, noch ehe das junge Mädchen
+aus dem Eisenbahnwagen gestiegen war. »Dann komm und gib deiner alten
+Tante einen Kuß!«</p>
+
+<p>Reizend konnte sie schon genannt werden — wenigstens in gewissen
+Augenblicken — viel eher als eigentlich vollendet schön. Sie wirkte
+wie Sonnenschein. Und die Leute wurden von ihren glänzenden Augen,
+ihren weißen Zähnen, ihrer blendend schönen Gesichtsfarbe und besonders
+von dem Ausdruck übersprudelnden Lebens hingerissen, ohne eigentlich zu
+wissen, wie sie aussah.</p>
+
+<p>»Habt ihr ein besonderes Vergnügen, das ihr mir bieten könntet?« fragte
+sie, als sie nach ihrer Ankunft am Frühstückstisch saß.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_82">[S. 82]</span></p>
+
+<p>»Jawohl,« sagte der Konsul, dem diese erste Mahlzeit, bei der die
+Familie versammelt war, die feierliche Veranlassung gab, das Wort zu
+ergreifen. Sonst hatte er sich angewöhnt, seinen Teil der Unterhaltung
+seiner Gemahlin zu überlassen, die ihren eigenen und den seinigen dazu
+mit Glanz besorgte. »Wir haben eine Singhalesentruppe.«</p>
+
+<p>»Die wir eben gehabt haben.«</p>
+
+<p>»Und einen großen italienischen tragischen Helden, vor dem alle
+weiblichen Herzen schmelzen — —«</p>
+
+<p>»Und den wir auch gehabt haben.«</p>
+
+<p>»Dann haben wir einen Pfarrer, der blitzt und donnert.«</p>
+
+<p>»Die haben wir zu Dutzenden! Das ist nicht vielversprechend.«</p>
+
+<p>»Ja, hör ihn nur erst einmal,« sagte die Tante, die fand, daß der
+Augenblick gekommen sei, wo sie das Wort übernehmen müsse. »Von seiner
+Art gehen keine zwölf aufs Dutzend.«</p>
+
+<p>»Hast du ihn gern, Tante?«</p>
+
+<p>»Ihn selbst? Ja, mein Kind, er ist ja der Neffe meines Mannes und kommt
+oft zu uns. Ich habe die ganze Familie meines Mannes<span class="pagenum" id="Seite_83">[S. 83]</span> sehr gern. Ja
+wirklich, das darf ich wohl behaupten.«</p>
+
+<p>Der Konsul murmelte etwas, das aber höchstens seine Serviette zu hören
+bekam.</p>
+
+<p>»Aber seine Art zu predigen,« fuhr die Tante fort, »nein, ich bitte
+um ein freundliches, mildes Christentum, das trösten kann, aber nicht
+erschreckt. Das habe ich ihm selbst mit klaren Worten gesagt, — du
+erinnerst dich doch auch daran, Hallager?«</p>
+
+<p>Die Anrede war mehr bekräftigend als fragend, und die Frau Konsul fuhr
+fort, ohne eine Antwort abzuwarten: »Aber begabt ist er. Du mußt ihn
+unbedingt einmal hören, denn du gehst doch wohl noch in die Kirche? —
+Keine Leberpastete gefällig, selbstgemachte?«</p>
+
+<p>»Doch, bitte, sie ist ausgezeichnet. — Ja, ich bin doch kein so ganzer
+Heide wie Erik. Ich ging mit Mutter immer in die Kirche und tue es
+auch seither, bisweilen wenigstens. Aber wenn mich jemand ganz vom
+Christentum abbringen könnte, so wären es diese düsteren, verdammenden
+Pfarrer! Sie erregen bei mir nur die Lust, ihnen zu widersprechen, und
+außerdem glaube ich gar nicht an ihre Heiligkeit. Sie versagen sich
+ein<span class="pagenum" id="Seite_84">[S. 84]</span> paar gleichgültige Dinge, und im übrigen essen und trinken und
+freien sie, gerade wie alle andern auch.«</p>
+
+<p>»Ja, aber dies paßt nun nicht auf Halfdan. Er ißt und trinkt so wenig,
+daß seine Schwester ganz bekümmert darüber ist. Und er ist auch nicht
+verheiratet.«</p>
+
+<p>»Das ist merkwürdig — für einen Pfarrer! Ist er auch nicht einmal
+verlobt?«</p>
+
+<p>»Nein, in diesem Stück ist er sehr eigen. Er sagt, es sei ganz
+überflüssig viel Heiraterei unter den Pfarrern, und es wäre recht gut,
+wenn man sich ein wenig daran erinnerte, daß die beiden größten Apostel
+unverheiratet gewesen seien. Das ist ja Paulus — und Petrus — —
+nein, — mir ist, als stehe irgendwo etwas von dessen Schwiegermutter.
+Nun, dann ist es eben einer der andern.«</p>
+
+<p>»Vielleicht Johannes,« schlug der Konsul vor; aber es wurde nicht
+weiter darüber nachgeforscht.</p>
+
+<p>»Wohnt dein Pfarrer mit einer Schwester zusammen?« fragte die Nichte.</p>
+
+<p>»Ja, sie blieben nach des Vaters Tod miteinander in der väterlichen
+Wohnung. Die Schwester ist etwas älter als der Bruder und wird sich<span class="pagenum" id="Seite_85">[S. 85]</span>
+wohl kaum verheiraten. Ich bilde mir immer ein, Alette müsse einmal
+eine unglückliche Liebe gehabt haben. Jetzt geht sie vollständig in
+ihrem Bruder auf. Es ist ganz ausgezeichnet für ihn, daß er eine so
+gesetzte, besonnene und taktvolle Dame im Hause hat, denn die Pfarrer
+sind gar vielem ausgesetzt! Aber nun ist sie da, um die vielen — —
+angefochtenen Frauenzimmer, die mit solch leerem Gerede zu so einem
+Pfarrer kommen, etwas abzuhalten. Die Lust, sich ihm anzuvertrauen,
+nimmt etwas ab, wenn sie zuerst die Schwester gesehen haben.«</p>
+
+<p>»Sie bewacht ihn — das kann ich mir denken.«</p>
+
+<p>»Ja, das tut sie — und treu.«</p>
+
+<p>»Das ist gewiß ein Paar, das mir nicht gefallen wird,« sagte die
+Nichte. Dann stand man vom Tisch auf.</p>
+
+<p>— Als die Nichte schon ein paar Wochen in Christiania war, sagte die
+Frau Konsul eines Tages zu ihr:</p>
+
+<p>»Es ist recht arg, daß wir immer so vielerlei vorhatten, sodaß du noch
+nicht einmal Halfdan predigen gehört hast. Nun erwarten wir ihn morgen
+abend, — so weit man ihn überhaupt erwarten kann. Denn an dem Abend,
+wo man<span class="pagenum" id="Seite_86">[S. 86]</span> ihn eingeladen hat, ist dann immer entweder eine Betstunde,
+die gehalten werden muß, oder es liegt irgend jemand im Sterben! Aber
+vielleicht kommt er doch, und dann ist das ja ein wenig unangenehm.«</p>
+
+<p>»Im Gegenteil, es ist ausgezeichnet,« sagte die Nichte. »Er meint wohl,
+man könne keine Stunde in Christiania sein, ohne wenigstens die halbe
+davon im Vereinshaus zu sitzen und ihm zuzuhören. Ich glaube gar nicht,
+daß ich mir irgend etwas aus ihm mache. Wie ich höre, soll er ebenso
+kohlschwarz sein wie seine Predigten, ein richtiger Halfdan Svarte. Und
+das ist gar nicht nett. Er müßte gerade recht hell sein, — glänzend
+hell. Dann wäre es ein pikanter Gegensatz.«</p>
+
+<p>»Ja, schwarz ist er,« sagte die Tante. »Aber er sieht gut aus, eher zu
+gut, sonst wäre es vielleicht doch nicht so gedrückt voll in seiner
+Kirche.«</p>
+
+<p>Am nächsten Abend kleidete sich die Nichte mit mehr als gewöhnlicher
+Sorgfalt an; es war ja eine größere Gesellschaft.</p>
+
+<p>Sie wählte einen ganz neuen Anzug aus dunklem Samt, der am Hals
+ausgeschnitten und mit einer indischen Goldstickerei eingefaßt
+war. Ihr<span class="pagenum" id="Seite_87">[S. 87]</span> weißer Hals hob sich blendend weiß aus dem dunkelblauen
+Gewand. Nur eine ganz feine, goldene Kette trug sie dreimal um den
+Hals geschlungen, und in ihrem lockigen Haar leuchtete eine einzige
+feuerfarbige, seidene Mohnblüte.</p>
+
+<p>»Wir werden ihm ein wenig in die Augen stechen,« dachte sie und nickte
+ihrem Spiegelbilde zu. »Das wird ihm gut tun — zur Abwechslung —«</p>
+
+<p>Es waren schon viele Gäste in dem hellen, schönen Salon versammelt. Und
+auch hier, wie fast überall, drehte sich das Gespräch um den Pfarrer
+und die Geschichten, die von ihm erzählt wurden.</p>
+
+<p>»Es ist merkwürdig,« sagte die Dänin zu ihrem Nachbar, »daß ein solcher
+Mönch überhaupt in Gesellschaft geht.«</p>
+
+<p>»Er tut es wohl auch nur bei seinen Verwandten. Vielleicht hofft er,
+Gutes zu wirken, auch auf diese Weise.«</p>
+
+<p>Eine der Damen hatte an demselben Tag eine neue, ganz wahre und
+schauerliche Geschichte von ihm gehört.</p>
+
+<p>»Wissen Sie, was er zu der Tochter des Bürgermeisters K. gesagt hat,
+als sie kam, um<span class="pagenum" id="Seite_88">[S. 88]</span> das Begräbnis ihres Vaters zu bestellen? War Ihr Vater
+ein gläubiger Mann? fragte er gleich am Anfang. — Vater pflegte nicht
+davon zu sprechen, sagte sie. — Ging er in die Kirche? — Vater war
+mehrere Jahre krank. — Aber ehe er krank wurde? — Nicht sehr oft,
+glaube ich. — Las er fleißig in der Bibel? — Nicht, so viel ich weiß.
+Aber gut war er, mein Vater! — Dann ist ihm die Hölle gewiß. — Aber
+da nahm sie das Blatt vom Mund, sie, die Gudrun K. — Wollen Sie meinen
+Vater in die Hölle tun? fragte sie. Dann danke ich. Da gehe ich lieber
+zu einem Pfarrer, der ihn in den Himmel tun will. Es wird mir nicht
+schwer werden, einen solchen zu finden!«</p>
+
+<p>Während des Stimmengewirrs nach dieser Erzählung, mitten unter dem
+Lachen und der Entrüstung, hörte die Nichte eine Stimme, ruhig wie
+einen Glockenton, die dicht neben ihr fragte: »Von wem handelt die
+Geschichte?«</p>
+
+<p>Mit einer sekundenlangen, peinlichen Verlegenheit schaute die Frau
+Konsul auf. Dann sagte sie entschlossen: »Aufrichtig gesprochen, mein
+Lieber, sie handelte von dir.«</p>
+
+<p>Blitzschnell wandte die Nichte den Kopf.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_89">[S. 89]</span></p>
+
+<p>Kohlschwarz — ja! Fast blauschwarzes, wallendes Haar, von der weißen,
+von Gedanken gefurchten Stirn zurückgestrichen, schmale dunkle Augen,
+etwas verschlossene, scharf geschnittene Züge, das Kinn und der
+bartlose Mund klassisch fein in den Linien, wie die des großen Napoleon.</p>
+
+<p>»Ja, du mußt entschuldigen, daß du es gehört hast,« sagte die Konsulin,
+»es ist recht langweilig.«</p>
+
+<p>»Im Gegenteil, sie war ganz unterhaltend, und das pflegen sie sonst
+nicht zu sein, die Geschichten, die über mich im Umlauf sind.«</p>
+
+<p>Nun stellte ihn die Tante einigen aus der Gesellschaft vor, die ihn
+noch nicht kannten. Nachdem die Begrüßungen ausgetauscht waren, ließ er
+sich da, wo er stand, etwas im Hintergrund auf einen Stuhl nieder.</p>
+
+<p>Die Nichte wandte ihm ihr strahlendes Gesicht voll zu.</p>
+
+<p>»Ist sie nicht wahr, die Geschichte?« fragte sie.</p>
+
+<p>Er atmete plötzlich hastig auf, wie wenn er überrumpelt worden wäre.
+Ja, sie merkte es gut, obgleich er es nicht sehen lassen wollte.</p>
+
+<p>Dann sagte er ruhig: »Finden Sie etwa,<span class="pagenum" id="Seite_90">[S. 90]</span> daß sie mir ähnlich sieht?
+Haben Sie mich predigen gehört?«</p>
+
+<p>»Nein.« Sie freute sich, so antworten zu können. »Während der beiden
+ersten Sonntage, die ich an einem neuen Ort bin, gelingt es mir nie, in
+die Kirche zu kommen. Aber könnte sie nicht wahr sein?«</p>
+
+<p>»Nein, denn es ist gerade eine Eigenheit von mir, daß mir die
+Verstorbenen so sehr leid tun. Die Lebenden kann ich angreifen, —
+und das tue ich gerne. Denn es gehört Kraft dazu, einen Menschen
+von sich selbst frei zu machen. Aber — einen Toten! Den stillen,
+verteidigungslosen, hilflosen! — Es ist zum Händeringen schwer, daß
+man nichts für einen Toten tun kann! Aber über den herfallen, der vor
+dem schlimmsten Gericht steht — nein, etwas so Feiges!«</p>
+
+<p>»Sie wissen ja gar nicht, wie Gott richten wird.«</p>
+
+<p>»Ich glaube doch, daß man dafür einen ganz guten Maßstab hat. — Aber
+ich dachte vorhin nicht an das Gericht Gottes. Ein Toter steht unter
+seinem eigenen Gericht. — Mit nackter Seele — —</p>
+
+<p>Schon von Kind auf wäre ich gerne bis ans<span class="pagenum" id="Seite_91">[S. 91]</span> Ende der Welt gewandert,
+wenn ich dadurch einem Toten ein Versteck in meinem Herzen hätte bieten
+können! Und ich kann diesen Gedanken noch immer nicht los werden,
+selbst jetzt noch nicht.«</p>
+
+<p>Es fiel ihr auf, wie weich seine Augen doch waren, wie sie gleichsam
+das sammetweiche, verschlossene Dunkel des Nachthimmels hatten.</p>
+
+<p>Ihr eigenes Gesicht wurde ernst bei seinen Worten. »Ich verstehe dieses
+Gefühl gut,« sagte sie. »Ich habe sehr liebe Verstorbene.«</p>
+
+<p>»Ich weiß es, Sie Ärmste!«</p>
+
+<p>Dies klang so natürlich, so wenig überlegen, daß es ihr, obgleich
+sie in diesem Augenblick gerührt war, doch nicht gefiel. Er war so
+selbstbewußt und unerschütterlich! —</p>
+
+<p>Seine Schwester war mit ihm gekommen; aber sie hatte ein stilles
+Talent, sich der Aufmerksamkeit zu entziehen, um diese ungeteilt auf
+den Bruder richten zu können, so daß niemand weiter acht auf sie gab,
+bis die Nichte zu ihr trat und sie anredete.</p>
+
+<p>Alette glich ihrem Bruder in den Zügen ein wenig, war aber blond und
+hatte blaugraue Augen, die aus der Entfernung sehr kühl aussahen,<span class="pagenum" id="Seite_92">[S. 92]</span> in
+der Nähe aber herzlich sein konnten. Ja, aber nicht immer, wie die
+Nichte bald entdeckte. Sie hatte geglaubt, das Fräulein werde dankbar
+dafür sein, daß sich jemand mit ihr abgab, sah aber nach einer kurzen
+Unterhaltung ein, daß ihre Zurückhaltung voller Selbstgefühl war, und
+daß sie sich nicht das geringste daraus machte, sich mit andern, als
+die sie selbst wählte, einzulassen.</p>
+
+<p>Die Nichte war denn auch rasch mit ihr fertig und mischte sich wieder
+unter die andern.</p>
+
+<p>Dann kam das Essen, stehendes Büfett, wo die Nichte der Tante bei der
+Versorgung der Gäste behilflich sein mußte.</p>
+
+<p>Hierauf setzte sich eine ältere Cousine, die dreißig Tänze auswendig
+konnte und deshalb rundum in der Familie eingeladen wurde, ans Klavier,
+und die großen Tische im Eßzimmer wurden auf die Seite gerückt, damit
+die jungen Leute ein Tänzchen machen konnten.</p>
+
+<p>Die Nichte besann sich einen Augenblick, dann ging sie quer durchs
+Zimmer zu dem Pfarrer hin, der an der Salontür lehnte, und verneigte
+sich vor ihm in all ihrem Glanz.</p>
+
+<p>Er verbeugte sich tief, so tief, daß er noch<span class="pagenum" id="Seite_93">[S. 93]</span> nicht ganz fertig war,
+als sie sich wieder aufrichtete.</p>
+
+<p>»Ich danke, aber ich tanze nicht.«</p>
+
+<p>»Sind Sie zu fromm dazu?« Sie hatte sich darnach gesehnt, ihm diese
+Worte zuschleudern zu können.</p>
+
+<p>»Gefällt es Ihnen vielleicht, wenn ein Pfarrer tanzt?«</p>
+
+<p>»Jawohl,« entgegnete sie schnell. »Ich tanze selbst sehr gern und —«</p>
+
+<p>»Wenn er von einem wilden Galopp — mit flatternden Rockschößen — zu
+einem krebskranken Mann geht, wie ich nachher? Dann sind Sie genügsamer
+als ich. Den Pfarrer möchte ich nicht an meinem Sterbebette haben.«</p>
+
+<p>»Nein, natürlich nicht, wenn Sie zu einem Kranken müssen.«</p>
+
+<p>»Übrigens hätte ich das eigentlich nicht von Ihnen gedacht. Ich hätte
+geglaubt, daß Sie die Pfarrer eher zu weltlich als zu enthaltsam
+fänden.«</p>
+
+<p>Das war im Grunde auch wahr, so daß sie ihm nicht widersprechen konnte.</p>
+
+<p>»Ihr Kranker,« sagte sie mit etwas röteren Wangen, »wird er bald
+sterben?«</p>
+
+<p>»Sehr bald.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_94">[S. 94]</span></p>
+
+<p>»So helfen Sie ihm — vorher.«</p>
+
+<p>»Das ist es gerade, was ich versuche,« antwortete er kurz. Und sie
+wußte wohl, daß er keinen Gefallen an ihr fand.</p>
+
+<p>Aber die Schwester noch weniger. Sie fühlte es, als sie nach diesem
+Gespräch an ihr vorüber kam und von der mißbilligendsten Kühle der
+blaugrauen Augen getroffen wurde. Doch die Huld und Gnade dieses Paares
+konnte sie wohl entbehren!</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der nächste Sonntag kam herbei. Die Frau Konsul hatte Schnupfen und
+wagte nicht, in die Kirche zu gehen.</p>
+
+<p>»Die Luft in der Kirche ist am allerschädlichsten, wenn man erkältet
+ist,« sagte sie. »Und ich möchte die Gesellschaft bei Bödkers nur sehr
+ungern absagen. Sonst ist es mir sehr leid, wenn ich drei Sonntage
+vergehen lassen muß, ohne das Gotteshaus zu besuchen. In welche Kirche
+willst du gehen?« fragte sie die Nichte, die eben den Hut aufsetzte.</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht recht,« erwiderte diese, während sie einen weißen
+Schleier um ihren Hut band, in dem Gedanken, daß dieser sie etwas<span class="pagenum" id="Seite_95">[S. 95]</span> mehr
+in die Augen fallend mache. »Vielleicht gehe ich hin und höre Halfdan
+Svarte donnern,« fügte sie kurz nachher hinzu, »wenn es noch nicht zu
+spät ist.«</p>
+
+<p>»Nein, zur Predigt kommst du gerade noch recht.«</p>
+
+<p>Sie tat es; und sie kam noch zeitig genug, obgleich sie ihn eigentlich
+recht gerne bei der Liturgie gehört hätte. Er war ja wegen seiner
+schönen Stimme bekannt.</p>
+
+<p>Wie sie so dastand, — von sitzen war keine Rede, wenn man so spät
+kam, — hatte sie die Kanzel gerade vor sich und konnte noch besser
+als neulich sein Gesicht studieren, konnte sehen, welche feine Linien
+Mund und Kinn hatten, und wie schön er sie bewegte, wenn er sprach.
+Die Mundwinkel waren besonders anziehend. Der untere Teil des Gesichts
+hatte wirklich die Schönheit des großen Franzosenkaisers.</p>
+
+<p>Auf einmal wußte sie es. Hier auf der Kanzel sah er ganz so aus, wie
+Napoleon auf der Brücke von Arcole. Hier war derselbe Blick, mit dem
+jener zurückschaut, ob seine Leute ihm folgen, — mit der ganzen
+Energie des konzentrierten Willens, um sie vorwärts zu treiben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_96">[S. 96]</span></p>
+
+<p>Ob sie ihm nachfolgen, — — nicht, wer sie sind, nicht, wie sie
+aussehen ... Sie fühlte es, vor diesen Augen verschwanden hundert
+weiße Schleier wie Nebel vor der Sonne, sie fühlte, daß alle Farben,
+alle Schönheit eines Gesichts diese Augen nicht aufhalten konnten auf
+ihrem Wege nach innen, um einzig und allein darnach zu sehen, ob die
+Seele, ihre ganze Fähigkeit aufs höchste angespannt, ihm folge auf dem
+Wege dahin, wohin er voranschritt, das Banner über seinem Haupte hoch
+erhoben.</p>
+
+<p>Sie schlug die Augen nieder. Sie fühlte, sie war nicht mit in dem Strom
+des Wollens, der ihm aus all den aufgerichteten Augen entgegenfließen
+sollte, als ein Ja und Amen auf das, was er verlangte.</p>
+
+<p>Als er die Kanzel verließ, erst da wurde es ihr klar, daß sie beinahe
+nichts von seiner Predigt gehört hatte.</p>
+
+<p>Was sollte sie nun der Tante sagen, die es liebte, den Gottesdienst —
+oder besser gesagt, die Predigt — bei Tische zu besprechen? Natürlich
+war sie kraß, und sie handelte ja von der Verklärung auf dem Berge, —
+diese beiden Tatsachen ließen sich vielleicht etwas weiter ausgeführt<span class="pagenum" id="Seite_97">[S. 97]</span>
+glücklich verwenden, so daß der eigentliche Mangel verborgen blieb.</p>
+
+<p>Während des Gesangs sah sie ihn wieder an. Da wandte er ja der Gemeinde
+den Rücken, aber sie war so weit auf der Seite, daß sie ihn ungefähr im
+Profil hatte. Seine Augen waren auf das große Kruzifix über dem Altar
+gerichtet.</p>
+
+<p>Und plötzlich sah sie seinen Blick wie einen Blitz aus der dunklen
+Tiefe der Augen hervordringen. Dieser Blick war ein Feuer — eine
+Feuersglut, die die gemarterte Gestalt vor ihm umschloß — von den
+durchbohrten Füßen an bis zu dem dornengekrönten Haupt. In diesem Blick
+lag die ganze Seele. Und diese Seele war Feuer.</p>
+
+<p>Wo sie im Lauf des Tages stand oder ging, immer sah sie den Blick, wie
+er sich, einer Flamme gleich, einen Weg brach. Und jedesmal empfand sie
+ihn wie einen brennenden Schmerz.</p>
+
+<p>War es, weil sie selbst ihren Mangel fühlte an dem Einen, dem Einzigen,
+zu dem man solch einen Blick erhebt? Ja, daher kam es wohl!</p>
+
+<p>— Bei Bödkers war man nur im kleinen Familienkreis versammelt, aber
+sie ging der entzückenden Kinder wegen sehr gern hin. Das<span class="pagenum" id="Seite_98">[S. 98]</span> jüngste
+der Flachsköpfchen dort hatte bei ihrem ersten Besuch seine runden
+Ärmchen von hinten um ihren Hals geschlungen und gesagt: »Ach ... <em class="gesperrt">du
+dänisches Fräulein</em>!«</p>
+
+<p>Die Erwachsenen in der Familie hatten diese Benennung dann aufgenommen,
+und nun wurde sie ausschließlich so genannt.</p>
+
+<p>Es war so reizend, die Kinder um sich zu haben, die leuchtenden,
+goldblonden Köpfchen innig an sich geschmiegt.</p>
+
+<p>Der Pfarrer und seine Schwester waren auch da. Sie kamen spät und
+mußten natürlich gleich nach dem Essen wieder weg zu einer der ewigen
+Versammlungen. Er sah müde aus und sprach fast nichts. Überhaupt, wie
+konnten die norwegischen Männer schweigen! — Die Schwester schien das
+ganz in der Ordnung zu finden, daß ihn hier niemand dazu brachte, den
+Mund aufzumachen. Aber das dänische Fräulein wollte mit ihm reden, sie
+wollte ihn herausfordern. Sie fühlte, daß er sich nichts daraus machte,
+und das reizte sie.</p>
+
+<p>Bei Tisch unterhielt sie alle die andern — fröhlich und lebendig, —
+aber beim Kaffee trat sie zu ihm, als er einen Augenblick allein stand.</p>
+
+<p>»Heute habe ich Sie also predigen hören.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_99">[S. 99]</span></p>
+
+<p>»Ich sah Sie — ja.«</p>
+
+<p>»Sie waren sehr streng.« — Sie konnte wohl annehmen, daß er das
+gewesen war.</p>
+
+<p>»Stimmte das, was ich gesagt habe, nicht mit der Bibel überein? Dann
+können Sie ja meine Worte einfach kassieren, sonst aber müssen Sie Ihre
+Klage höheren Orts vorbringen.«</p>
+
+<p>»Wie übervoll Ihre Kirche war!« Es war doch wohl besser, von der
+Predigt abzulenken.</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Entgegenkommend war er nicht. Aber so leicht gab sie ihre Sache nicht
+auf.</p>
+
+<p>»Wissen Sie, heute ist es mir klar geworden, wie ein Gesicht
+verklärt, das heißt enthüllt wird. Dies geschieht, wenn das Gefühl,
+das das tiefste in einem Herzen ist, das die Persönlichkeit enthält,
+hervorbricht.«</p>
+
+<p>Keine Antwort. Es war ihr, als sehe er ungeduldig aus.</p>
+
+<p>»Ich wünschte, ich könnte mit Ihnen zu der Versammlung gehen,« begann
+sie wieder.</p>
+
+<p>»Warum?«</p>
+
+<p>»Weil — hier ist es nicht sehr unterhaltend.«</p>
+
+<p>»Ja, — das ist ein sehr guter Grund.«</p>
+
+<p>Sie merkte, daß er gehen wollte — und da<span class="pagenum" id="Seite_100">[S. 100]</span> schaute sie ihm plötzlich
+gerade in die Augen. »Warum versuchen Sie es nicht, mich zu bek.....,
+ja, auf mich einzuwirken? Bin ich vielleicht nicht würdig genug?«</p>
+
+<p>Er hielt ihren Blick mit unerschütterlichem Ernst aus, ohne eine Spur
+von Weichheit in den Augen.</p>
+
+<p>»Die Unwürdigen sind es, die ich suche,« sagte er. »Und gerade das —
+ich weiß nicht, ob Sie ...... Ich habe mir keine Gedanken über Sie
+gemacht, aber Sie machen eher den Eindruck, als ob Sie überhaupt keine
+geistlichen Begriffe hätten, im tiefsten Sinne genommen.«</p>
+
+<p>Sie lachte. »Wie schmeichelhaft! Ja, was fehlt mir denn Ihrer Ansicht
+nach?«</p>
+
+<p>»Die Hilfsbedürftigkeit. Sie haben ja Überfluß, und es fehlt Ihnen
+nichts.«</p>
+
+<p>»Woher wissen Sie das?«</p>
+
+<p>»Ich höre es, ich sehe es. Sie wissen Auswege, und Sie verstehen
+auszuweichen. Wo der Ernst des Lebens Ihnen entgegentritt, lassen Sie
+ihn als Gesprächsthema schnell wieder fallen. Sie lassen sich dadurch
+nicht in Angst jagen. Wenn die Hilfsbedürftigkeit bei einem Menschen
+die Oberhand gewinnt, den Kopf hervorstreckt —<span class="pagenum" id="Seite_101">[S. 101]</span> angstvoll wie ein
+Ertrinkender —, dann ist die Stunde gekommen, ihm eine Planke zu
+reichen, die ihn tragen kann. Aber nicht dem, der sich sicher fühlt und
+nach der Rettungsplanke — nur hintänzeln will.«</p>
+
+<p>Sie hatte aufgehört zu lachen. Denn sie fühlte, daß das Lachen leicht
+in Weinen umschlagen könnte.</p>
+
+<p>Nun wandte sie sich ab, ohne noch ein Wort hinzuzufügen. — — Und da
+fühlte sie, daß er sie gerne zurückgehalten hätte, daß er bereute, sich
+übereilt zu haben. Aber so leicht — — nein, so leicht sollte es ihm
+doch nicht gemacht werden.</p>
+
+<p>Sie verschanzte sich hinter den Stuhl ihrer Tante und blieb da
+sitzen, bis er sich verabschiedete. Und da reichte sie ihm nur die
+Fingerspitzen über die Stuhllehne weg, ohne aufzusehen. Und es half ihm
+nichts, daß eine zögernde Bitte in seinem Händedruck lag.</p>
+
+<p>An der Tür des Eßzimmers blieb er plötzlich stehen und sagte: »Nicht
+wahr, gnädiges Fräulein, Sie fragten vorhin nach meinem Krebskranken?
+Es ist mir etwas eingefallen, was ich Ihnen gerne von ihm erzählen
+möchte.«</p>
+
+<p>Wie überrascht stand sie auf. »Meinen Sie<span class="pagenum" id="Seite_102">[S. 102]</span> mich?« fragte sie und folgte
+ihm langsam und zögernd ins Eßzimmer.</p>
+
+<p>Hier streckte er ihr beide Hände entgegen. »Habe ich Sie verletzt?
+Bitte, verzeihen Sie mir!« Sie stand unbeweglich vor ihm und erwiderte
+nichts, wenigstens nicht gleich.</p>
+
+<p>»Nicht ich habe gesucht,« fuhr er fort, »ein Gespräch mit Ihnen
+anzuknüpfen. Meine Absicht war es, Ihnen auszuweichen. Ich meine — wir
+beide sind so sehr verschieden — — Aber das ist keine Entschuldigung,
+das weiß ich. Ich bitte Sie, vergeben Sie mir.«</p>
+
+<p>Jetzt schaute sie auf. »Sie tun mir Unrecht,« sagte sie. »Weil ich
+lebhaft bin und vielleicht mein Äußeres gegen mich spricht, sprechen
+Sie mir sogleich jeglichen Ernst ab. Das ist sehr oberflächlich
+geurteilt.«</p>
+
+<p>»Nein, Sie täuschen sich. Begabung und Schönheit sind keine Hindernisse
+für das Christentum, und ich würde sie nie als solche betrachten. Es
+kam mir nur vor, als seien Sie mit so wenig zufrieden, als begehrten
+Sie gar nicht mehr und nichts anderes. Ist es nicht so, wirklich nicht?«</p>
+
+<p>»Nein, nein, doch nicht ganz.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_103">[S. 103]</span></p>
+
+<p>Ihre eigene Stimme klang ihr wie die einer Fremden. Sie klang so
+ängstlich.</p>
+
+<p>»Ich wünschte, Sie könnten jetzt mit mir gehen,« sagte er nach einer
+Weile. »Dann würde ich mit Ihnen reden. — Aber nicht mit einem weißen
+Schleier auf dem Hut, der würde dort zu sehr abstechen — da, wohin ich
+jetzt gehe.«</p>
+
+<p>Sie sah ihn an mit dem Schimmer eines forschenden Lächelns im Auge.</p>
+
+<p>»Ich wollte, ich könnte,« sagte sie. »Ich würde ein altes Tuch um
+den Kopf binden wie die gewöhnlichste Frau. Aber versuchen Sie so zu
+sprechen, daß ich es verstehen kann.«</p>
+
+<p>»Ich will sehen, was ich tun kann. — Doch nun adieu!«</p>
+
+<p>Er konnte auch lächeln! Und die dunklen Augen waren so mild, daß sie
+seinen Blick fühlte wie eine Berührung.</p>
+
+<p>»Doch was macht der Patient?«</p>
+
+<p>»Es geht ihm besser, — in geistlicher Hinsicht.«</p>
+
+<p>Während sie zu den andern zurückkehrte, dachte sie: »Wenn er sich
+nur das nächstemal auch wieder übereilen würde! Die Verpflichtung,
+es wieder gut zu machen, wird immer groß bei ihm sein. — Und sonst
+interessiere ich ihn ja<span class="pagenum" id="Seite_104">[S. 104]</span> nicht, während doch jede glattgekämmte
+Vereinsdame dessen ganz sicher sein kann.«</p>
+
+<p>Aber das nächstemal ließ auf sich warten.</p>
+
+<p>Die Schwester hatte wohl die Szene in der Eßstube bemerkt und
+ihn gewarnt. Die selbstbewußte Alette hatte ja erklärt, daß die
+Kopenhagener kein ernsthafter Menschenschlag seien, und sie, das
+dänische Fräulein, sicherlich als die schlimmste dieser leichtsinnigen
+Rasse hingestellt. Überhaupt — jemand mit gekräuseltem Haar, schlanker
+Taille und kleinen Füßen konnte keinen Lebensernst haben. So einer
+mußte man nur ausweichen.</p>
+
+<p>Und die Männer sind so naiv, so ganz von dem rein Äußerlichen gefangen
+genommen! Es gibt Frauen, von denen man sie immer glauben machen kann,
+daß sie sich vor ihnen hüten müßten. Sie kannte Frauen, die geglaubt
+hätten, sie seien verloren, wenn sie Stirnlocken trügen, die in der
+Sonntagsschule unterrichteten und das bescheidene Auftreten angenommen
+hatten, das förmlich um Entschuldigung bittet, daß man überhaupt da
+ist, und die aber nachher doch ganz gut wußten, was sie wollten. Aber
+diese waren sicher, stets vollkommenem Zutrauen zu begegnen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_105">[S. 105]</span></p>
+
+<p>Aber so eine wie das dänische Fräulein, die versuchte man nicht einmal
+zu bekehren. Dazu hatte man ja die Armenhäusler und die Fabrikmädchen!
+Wie sonderbar, daß Männer wie dieser Pfarrer so wenig in ihrem eigenen
+gebildeten Kreise wirken! Das wollte sie ihm doch das nächstemal zu
+bedenken geben. Ja, das nächstemal, das nicht kommen wollte!</p>
+
+<p>Die ganze Woche verging. Sie wurde es so müde, in Gedanken lange
+Gespräche zu führen, die immer gelangen, die immer ein erstaunlich
+günstiges Resultat hatten, daß sie sie gern alle um ein einziges
+kleines wirkliches, mißglücktes Zwiegespräch hingegeben hätte.</p>
+
+<p>Dann kam der Sonntag. Aber da predigte er nicht einmal.</p>
+
+<p>»Gehst du nie in die Betstunde, Tante?« fragte die Nichte am Morgen,
+die Zeitung in der Hand.</p>
+
+<p>»Nein, Kind, ich will lieber meine Erbauung in der Kirche haben.
+Aber ich habe gar nichts dagegen und lasse auch die Dienstmädchen
+abwechslungsweise hingehen, wenigstens manchmal. Heute abend soll
+Margit gehen und Halfdan in dem Vereinshaus in der Kalmeyerstraße
+hören. Ich glaube, er spricht über die Freiheit.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_106">[S. 106]</span></p>
+
+<p>»Ich hätte beinahe Lust, mitzugehen. Ich will es einmal versuchen.«</p>
+
+<p>»Ja, dann begleitet sie dich.«</p>
+
+<p>Es war sehr voll in dem Vereinshaus und sehr heiß. Voll von Menschen,
+die nicht ganz in derselben Tonart sangen. — Freiheit — ja, um alle
+hinauszukehren und frische Luft hereinzulassen, das war es, was sie in
+diesem Augenblick am meisten gewünscht hätte.</p>
+
+<p>Als die hohe, dunkle Gestalt die Rednerbühne betrat und über die
+Versammlung hinschaute, kam es ihr plötzlich vor, als ob sein Blick
+kalt und müde werde.</p>
+
+<p>»Er hat mich entdeckt,« dachte sie.</p>
+
+<p>Es war deutlich, daß sie ihn störte. War nicht etwas Gezwungenes, etwas
+Unwirkliches in seinem Gebet? Riß es denn ihn und alle die andern mit?</p>
+
+<p>Dann kam die Rede. <em class="gesperrt">Freiheit</em>, — das Wort, das einem den Atem
+benimmt, dessen bloßer Ton schon dies und jenes sprengt, das Wort, das
+das ganze Brausen des entfesselten Sturms hat — würde er von solcher
+Freiheit sprechen? Er, der nichts wünschte, als die Fesseln um sich und
+andere fester zu ziehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_107">[S. 107]</span></p>
+
+<p>Nun ja, man hätte es sich ja denken können, daß er es so auslegen würde.</p>
+
+<p>Man werde in Knechtschaft geboren und lebe gebunden, — ja, das sei man
+ja an vielen Orten. Nicht allein von harten Verhältnissen, Krankheit,
+Kummer, Armut, Tyrannei anderer, von all dem, was man sein böses
+Schicksal nenne, unter dem man seufze. All dies sei nicht als Fessel
+zu rechnen. — Ach, sie dächte doch! — Oder besser gesagt, es komme
+alles von <em class="gesperrt">einem</em> her, von dem Joch, dem eisernen Joch, das »die
+sündige Natur« heiße — von diesem eisernen Joch, das ein wahnsinniger
+Mensch im Anfang der Zeiten einmal auf seine Schultern genommen habe,
+in dem falschen Glauben, daß es die Freiheit sei, und der dann damit
+zusammengewachsen sei, mit dem eisernen Joch, unter dem man nun geboren
+werde, das mit jedem Tag schwerer werde, immer tiefer ins Fleisch
+einschneide und einen immer mehr zur Erde hinunterdrücke, schließlich
+bis in den grundlosen Pfuhl des Todes ....</p>
+
+<p>Ja natürlich, es lag etwas Unfreies darin, daß man so viele Fehler
+hatte! Aber sie hingen doch auch mit den guten Seiten eines Menschen<span class="pagenum" id="Seite_108">[S. 108]</span>
+zusammen .... Ja, vielleicht war es gerade dieses Verwachsensein, was
+er meinte —</p>
+
+<p>Dann ging er dazu über, zu erklären, was Freiheit sei.</p>
+
+<p>»Freiheit ist nur eins, Aufhebung der Knechtschaft. Das eiserne Joch
+unter die Füße treten. Aber wer ist dazu tüchtig? Wir kraftlose
+Menschen nicht, die nicht einmal das geringste bemeistern können —
+Krankheit, Kummer, Armut — wer von uns kann aufstehen und das eiserne
+Joch seiner eigenen sündigen Natur brechen?«</p>
+
+<p>Dann, — dann sprach er von einem, der das getan habe, einer, der
+selbst nicht unter dem eisernen Joch geboren war, der aufrecht, ganz
+aufrecht und frei durch die Reihen der Gebeugten schritt, der es aber
+den andern abnahm, es den niedergebeugten Rücken der Menschen entriß
+mit starken, reinen Händen, und es auf blutigen Schultern trug, der
+seine Handflächen wund riß, um es entzwei zu brechen. — Einer, der
+Liebe genug hatte, um selbst unter diesem eisernen Joch zu Boden zu
+stürzen, unter ihm zermalmt zu werden, — aber auch Lebenskraft genug,
+heilige, ungebrochene Lebenskraft, um eines Morgens<span class="pagenum" id="Seite_109">[S. 109]</span> aufzustehen,
+und das Joch unter die Füße zu treten, damit »du wirklich frei sein
+solltest«.</p>
+
+<p>»Bist du frei? Vielleicht hast du es gar nicht gefühlt, daß du ein
+Sklave bist. So wahnsinnig töricht ist ja die Welt immer noch, daß sie
+meint, das eiserne Joch, das sei die Freiheit. Daß sie es wagt, zu
+behaupten, daß die Freiheit um so größer sei, je tiefer sie einen in
+den Schmutz hinunterdrücken könne. Die Befreiung von dem Joch dagegen,
+das nennt sie Knechtschaft.</p>
+
+<p>Doch im tiefsten Innern des Menschen findet sich eine Stelle, wo die
+Wahrheit ihren Sitz hat, und von der aus er richtig sehen kann, wenn
+er selbst nur will. Und wenn der Ruf, der große Ruf der Wahrheit durch
+die Welt geht, wenn er mit dem Flügelschlag des Geistes durch die Welt
+tönt und laut in Klarheit das bekräftigt, was du selbst dunkel fühlst,
+dann bist du dafür verantwortlich, wie du wählst. Aus der Weltklugheit
+heraus, die, wie du im tiefsten Innern wohl weißt, Lüge ist, oder
+aus der Wahrheit. Entweder Knechtschaft — Knechtschaft unter deine
+eigene sündige Natur — oder Freiheit durch den einen Einzigen, der das
+eiserne Joch zerbrechen kann, auch für dich. — Auch hier in diesem
+Saal<span class="pagenum" id="Seite_110">[S. 110]</span> gibt es eine Wahl, — merk dir das! Auch in dieser Stunde werdet
+ihr zur Freiheit berufen, meine Brüder!« — —</p>
+
+<p>Nach der Rede wurde der Pfarrer von all denen, die ihm zum Dank die
+Hand drücken wollten, förmlich belagert. Das war wohl so Sitte nach den
+Betstunden.</p>
+
+<p>»Geh du nur heim, Margit,« sagte das dänische Fräulein zu dem
+Dienstmädchen. »Meine Tante wird dich wohl beim Teetisch nötig haben.
+Es sind Bekannte von mir da, die ich gerne begrüßen möchte, und ich
+gehe dann mit ihnen.«</p>
+
+<p>Langsam lichteten sich die Reihen, während sie der Mitte des Saales
+zuschritt. Es war ihr, als halte er die andern zurück, während sie
+näher trat. Tat er es, um ihr auszuweichen? Oder — nein, das konnte
+nicht sein — um sie zuletzt und allein zu haben. — Sie wurde die
+Letzte.</p>
+
+<p>»Sind Sie allein?« fragte er wie erstaunt.</p>
+
+<p>»Und Sie?« hätte sie beinahe mit einer Art Jubel im Ton ausgerufen,
+aber sie antwortete nur: »Ja, ich habe das Mädchen heimgeschickt, weil
+es so spät wurde.«</p>
+
+<p>»Meine Schwester hat einen sehr schlimmen Husten,« sagte er, ohne
+einen Zusammenhang<span class="pagenum" id="Seite_111">[S. 111]</span> mit ihren Worten. Aber ihr war es, als verstünden
+sie eins des andern Gedankengang, und als sei seine Bemerkung ganz
+selbstverständlich.</p>
+
+<p>Es war auch selbstverständlich, daß er mit ihr den Saal verließ und
+neben ihr her ging.</p>
+
+<p>Sie sprachen die ganze Zeit von der Freiheit — davon, daß man frei
+werden müsse, frei von — von dem, »das bindet«, sagte sie. »Bei dem
+Wort Freiheit — ich liebe es — denke ich meistens an die Freiheit, zu
+handeln.«</p>
+
+<p>»Das kommt auf eins heraus. Das eine folgt aus dem andern.«</p>
+
+<p>»Ja, das kann wohl sein, aber es ist doch nicht dasselbe. Sie sprachen
+aber doch nicht von <em class="gesperrt">meiner</em> Freiheit — meiner Freiheit, zu ...
+Was Sie darüber sagen würden, das zu hören hatte ich mich gesehnt.
+Verstehen Sie nicht? Die Freiheit, die gleichsam mit einem fortbraust,
+fort in einen ungeheuren Raum, wo es keinen Zwang gibt. Die Freiheit,
+zu — — zu denken, sprechen, fühlen, zu leben wie ich, gerade ich,
+will und mag. Das Recht, ich selbst zu sein, dem Drang meiner eigenen
+Persönlichkeit zu folgen, wie der Vogel, der fliegt, und wie der Fisch,
+der schwimmt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_112">[S. 112]</span></p>
+
+<p>»Wo finden Sie diese?« fragte er. »Den Drang kenne ich recht
+gut. Vielleicht war er es, der mich, mehr als alles andere,
+hinauswarf, hinaus in die große Freiheit. Den Tummelplatz für seine
+Persönlichkeit, die Luft für den Vogel, das Wasser für den Fisch — das
+<em class="gesperrt">Lebenselement für das Leben des einzelnen</em> — mit dem jubelnden
+Recht da zu sein, zu atmen, sich zu bewegen als der, der man ist, — in
+seiner tiefsten und wahrsten Bedeutung — — wo findet sich das?«</p>
+
+<p>Unwillkürlich entfuhr ihr, — obgleich sie dies früher niemals mit dem
+Gedanken an Freiheit verbunden hatte: »In dem Herzen eines anderen
+Menschen.«</p>
+
+<p>»Ja, — — ja, da würde man es noch am ehesten finden. Aber dies ist
+trotzdem ein begrenzter Raum, ein Menschenherz hat Grenzen. Man stößt
+mit der Stirne an, auch da. Nur <em class="gesperrt">ein</em> Herz ist unbegrenzt. Nur
+an <em class="gesperrt">einem</em> Ort kann man aus tiefster Seele aufatmen, in das
+Weltenmeer untertauchen.« —</p>
+
+<p>»Ja — aber sind Sie denn nicht gebunden, — gebunden — —«</p>
+
+<p>»Von <em class="gesperrt">meiner</em> Freiheit? Doch. Aber ihr<span class="pagenum" id="Seite_113">[S. 113]</span> Joch drückt nicht nieder.
+Sie ist gleich Flügeln, die tragen nach oben — unwiderstehlich!«</p>
+
+<p>Plötzlich blieb er stehen und sah sich um.</p>
+
+<p>»Darf ich Sie hier in eine Straßenbahn setzen?« sagte er. »In einem
+Haus ganz in der Nähe liegt ein kleines Mädchen, sterbend, schon tot
+vielleicht, dessen Mutter ich besuchen möchte.«</p>
+
+<p>»Dann warten Sie um meinetwillen nicht auf die Straßenbahn,« sagte sie
+hastig. »Gehen Sie nur gleich!«</p>
+
+<p>»Nein, nein — ich lasse Sie nicht allein auf der Straße stehen. Der
+Wagen könnte ja besetzt sein.«</p>
+
+<p>»Könnte ich dann nicht —?« Sie hielt inne, bange vor einer
+abschlägigen Antwort.</p>
+
+<p>»Mit hinaufgehen? Doch. Aber es ist ein trauriger Anblick. Das Kind ist
+taubstumm. Und das erschwert alles so sehr.«</p>
+
+<p>Sie gingen durch ein paar Gäßchen, die sie nicht kannte. »Karl XII.
+Straße,« las sie im Laternenschein an einer Ecke.</p>
+
+<p>Vor einem niederen, alten Haus hielt er an. »Einundzwanzig,« sagte er.
+»Hier ist es.«</p>
+
+<p>Sie gingen durch das Tor und auf ein dunkles Loch zu. Er zündete ein
+Streichholz an, und<span class="pagenum" id="Seite_114">[S. 114]</span> in dessen flackerndem Licht sah sie einen kleinen,
+dunklen Hof — er schien wie dazu geschaffen, von Ratten zu wimmeln —
+und eine Treppe, die zu einem Altan führte.</p>
+
+<p>Die morschen Stufen krachten unter ihren Tritten. Der Pfarrer tastete
+den Gang entlang bis zu einer Tür, wo er anklopfte.</p>
+
+<p>Eine Frau, alt aussehend mitten in jungen Jahren und mit verweinten
+Augen, machte ihnen auf.</p>
+
+<p>»Ich bin es, der Pfarrer. Ich mußte noch einmal sehen, wie es bei Tulla
+steht.«</p>
+
+<p>Die Frau schüttelte nur den Kopf.</p>
+
+<p>Sie traten in eine kleine, ganz reinliche Stube. Neben einem großen
+Bett stand ein kleineres, worin sich etwas bewegte mit tastenden
+Händchen und einer kleinen, stöhnenden Brust. Da lag ein Kind von zwei
+bis drei Jahren, den Tod im Gesicht, mit großen hilflosen, erschreckten
+Augen, die nichts von der Qual begreifen konnten, die es überwältigte.
+Der Atem drang wie ein hartes Zischen über die fiebertrockenen,
+offenstehenden Lippen, die mit einer bräunlichen Kruste bedeckt waren.</p>
+
+<p>Der Pfarrer und seine Begleiterin traten an<span class="pagenum" id="Seite_115">[S. 115]</span> das Bettchen. Einen
+Augenblick betrachtete sie stumm das Kind, — dann wandte sie sich
+plötzlich zu der Frau und küßte sie.</p>
+
+<p>Die Mutter brach in Tränen aus. »Liebe Tulla,« sagte sie, »liebe Tulla!«</p>
+
+<p>Das Fräulein trat ans Fenster und öffnete einen Flügel.</p>
+
+<p>»Um ihr den Atem zu erleichtern,« sagte sie. »Hier ist es so beklommen.«</p>
+
+<p>Von dem weiten, ruhigen Sternenhimmel her strich ein Strom reiner
+und kühler Luft herein. — — Dann nahm das Fräulein ihr Flakon mit
+kölnischem Wasser, das sie mit in die Betstunde genommen, aber nicht
+benützt hatte, und träufelte von dem Inhalt auf das Kissen um das
+kleine, fahle Gesicht her, — das Kind atmete plötzlich etwas hurtiger
+und tiefer.</p>
+
+<p>Ein Glas mit Wasser und Saft stand neben dem Bett, aber die Kleine
+konnte nicht mehr schlucken. Das Fräulein befeuchtete ihren Finger
+in dem Glas und begann dem Kinde die harten, vertrockneten Lippen zu
+netzen. Sie war so froh, daß sie ein klein wenig äußerliche Hilfe
+leisten konnte, etwas anderes konnte sie doch nicht bringen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_116">[S. 116]</span></p>
+
+<p>»Sie sind ja eine ganze Krankenpflegerin, Frau Pfarrer,« sagte die
+Frau, während der Pfarrer seinen Überzieher auf einen Stuhl legte.</p>
+
+<p>Sie nickte nur dazu. Es wäre so umständlich gewesen, die Frau
+aufzuklären.</p>
+
+<p>»Nein, daß der Herr Pfarrer auch noch seine Frau mitgenommen hat!« fuhr
+die Frau fort, als dieser wieder an das Bett trat.</p>
+
+<p>Nun kam die Aufklärung mit Blitzesschnelle.</p>
+
+<p>»Dies ist ein dänisches Fräulein, das von der Betstunde aus mitkam. Ich
+bin nicht verheiratet.«</p>
+
+<p>Die Eile, mit der er diesen belastenden Verdacht zurückwies, trieb ihr
+das Blut in die Wangen, aber sie fuhr ruhig fort, sich mit der Kleinen
+zu beschäftigen.</p>
+
+<p>Plötzlich sah der Pfarrer auf den Finger, mit dem sie über den Mund des
+Kindes strich.</p>
+
+<p>»Tuberkulose,« sagte er leise.</p>
+
+<p>»Ja,« antwortete sie, als ob sie den Gedanken nicht verstünde. Aber sie
+wünschte, daß sie eine kleine Wunde am Finger hätte und daß er es sehen
+würde.</p>
+
+<p>Das Kind rang nach Luft mit den krampfhaft<span class="pagenum" id="Seite_117">[S. 117]</span> unruhigen Händchen und
+Füßchen, mit ausgedehnten Nasenlöchern und zuckenden Lippen.</p>
+
+<p>»Meine kleine Tulla,« sagte die Mutter, die neben dem Bettchen auf den
+Knien lag. »Mutter ist hier. — Kannst du Mutter sehen, Tulla? Mutter
+würde dir so gern alles abnehmen, wenn sie nur könnte!«</p>
+
+<p>Sachte schob der Pfarrer eine Hand unter das Kissen des Kindes und
+richtete dessen Köpfchen ein wenig auf.</p>
+
+<p>Während sich die beiden so in vereinter Fürsorge um das sterbende Kind
+bemühten, stieg plötzlich ein Gedanke in ihr auf, der ihr das Blut
+noch heißer in die Wangen trieb als vorhin. Stieg vielleicht derselbe
+Gedanke auch in ihm auf?</p>
+
+<p>»Lasset uns beten!« sagte er — mit einem Ton, als ob er sich selbst
+unterbreche. »Wir wollen sie im Gebet hinauftragen. Arme kleine Tulla,
+sie hat es nötig, daß sie nach oben getragen wird.«</p>
+
+<p>Er kniete neben der Mutter nieder und legte die Hand, die er frei
+hatte, auf deren gefaltete Hände.</p>
+
+<p>Das dänische Fräulein überlegte, ob sie auch niederknien solle; sie
+wußte nicht recht, was tun.<span class="pagenum" id="Seite_118">[S. 118]</span> Sie fühlte, wie sehr er nun wünschte, daß
+er seine Schwester und nicht sie hier gehabt hätte. Schließlich blieb
+sie stehen, um die Lippen des Kindes zu netzen und seine Stirne zu
+trocknen, auf der eiskalter Schweiß ausbrach.</p>
+
+<p>Er betete langsam, mit ganz einfachen Worten, die die Frau gerade
+nachsagen oder still mitbeten konnte. Aber das dänische Fräulein wurde
+von der Innigkeit betroffen, von dieser Kraft der Innigkeit, womit
+jedes Wort das kleine Mädchen umfaßte und wirklich nach oben trug und
+hinaufhob. »Als sie beteten, da bewegte sich die Stätte.« Sie bekam auf
+einmal eine Empfindung von einer Macht, die die Welt bewegt.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Wir heben Herz und Hände</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Zum Sternenhimmel auf — —«</span><br>
+</p>
+
+<p>Auf diese Weise kam sie selbst mit in die Bewegung hinein, sie konnte
+nicht draußen bleiben, sie mußte folgen. Der Aufstieg riß sie mit.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Es reicht die Himmelsleiter</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Zum Himmel von der Erd' — —«</span><br>
+</p>
+
+<p>Diese stiegen sie nun hinauf, er voraus, das Kind auf dem Arm hoch
+erhoben und die Mutter an der Hand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_119">[S. 119]</span></p>
+
+<p>Aufwärts ging es, Schritt für Schritt, bis die letzte Stufe erreicht
+war.</p>
+
+<p>Diese Gewißheit in der Anrufung Gottes! Nein, diese Worte waren nicht
+in die leere Luft gerufen, wo Tausende von Gebeten umherflattern,
+ohne ihr Ziel zu erreichen. Sie waren wie unmittelbar in ein Antlitz
+gesprochen, — in das Antlitz da oben über der Himmelsleiter, sie waren
+in ein Herz hineingesprochen, in ein offenes Herz, ein weit geöffnetes,
+mit Raum für Millionen solcher kleiner gequälter Wesen wie diese Tulla.</p>
+
+<p>Die Atemzüge des Kindes waren in ein Röcheln übergegangen, das stockte
+und wiederkam, in abgerissenen Stößen.</p>
+
+<p>Das dänische Fräulein hatte erst <em class="gesperrt">einen</em> Menschen sterben sehen,
+ihre Mutter, und sie fürchtete sich vor diesem Anblick. Trotzdem beugte
+sie nun ihr Gesicht zu dem Kinde nieder, um die letzten Zuckungen der
+Mutter zu verbergen.</p>
+
+<p>Aber es kamen keine mehr. Es war nur, als ob eine Hand, — eine Hand,
+die sie dafür hätte küssen können — über das verzerrte Gesichtchen
+hinstriche und es glättete, jede Spur der Qual auslöschte zu tiefer,
+tiefer Ruhe.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_120">[S. 120]</span></p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Und Gottes Engel halten</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Treu Wache um das Kind — —«</span><br>
+</p>
+
+<p>Der Pfarrer sagte Amen, und die Stille jagte die Mutter auf.</p>
+
+<p>»Lieber Gott!« rief sie, und warf sich weinend über die kleine Leiche.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Eine halbe Stunde später traten die beiden den Heimweg an. Die Mutter
+hatte den ersten Schmerz ausgeweint, und eine Nachbarsfrau hatte
+versprochen, sie während der Nacht zu sich zu nehmen oder bei ihr zu
+bleiben.</p>
+
+<p>Stumm schritten sie unter dem tiefen funkelnden Sternenhimmel dahin.</p>
+
+<p>»Kleine Tulla,« sagte sie und schaute auf. »Ob sie jetzt hören kann? Ob
+sie nun atmen kann?«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte er. Aber sie wußte nicht, ob er ihre Frage beantwortet,
+oder sie nur wiederholt hatte.</p>
+
+<p>Dann herrschte wieder Schweigen zwischen ihnen. Es war so schön, ganz
+zu schweigen, neben einander zu gehen, ohne Worte, mit denselben
+Gedanken — durch die weite und tiefe sternhelle Nacht.</p>
+
+<p>Da hatten sie das Tor erreicht, und sie bat<span class="pagenum" id="Seite_121">[S. 121]</span> ihn nicht, mit
+heraufzukommen. Sie verstand wohl, daß er nicht wollte. Hätte sie es
+nur selbst vermeiden können, die andern noch zu sehen, sowie alle die
+Fragen in Beziehung auf ihr Ausbleiben beantworten zu müssen.</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen,« sagte er, indem er ihr die Hand reichte.</p>
+
+<p>»Nein, ich habe zu danken, daß Sie mich mitnahmen,« erwiderte sie,
+»obgleich ich weiß, daß Sie jede andere Persönlichkeit vorgezogen
+hätten.«</p>
+
+<p>»Warum?«</p>
+
+<p>Sie schwieg.</p>
+
+<p>»Von allen Menschen hätte ich am liebsten den dabei gehabt, der das
+getan hätte, was Sie taten.«</p>
+
+<p>»Was denn?« Sie sah ihn erstaunt an.</p>
+
+<p>»Die Mutter zu küssen,« sagte er ernst.</p>
+
+<p>»Ach das —« Glänzende Tränen traten ihr in die Augen. Und es wurde
+ihr nicht leicht, deren Spur zu verwischen, während sie die Treppe
+hinaufstieg.</p>
+
+<p>Und sie kamen wieder, die Tränen, als sie allein in ihrem Schlafzimmer
+war und vor dem großen Spiegel saß, während ihr das aufgelöste Haar
+über den weißen Frisiermantel hinabfloß.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_122">[S. 122]</span></p>
+
+<p>Ihr Gesicht sah so traurig aus in dem Spiegel vor ihr, mitten in all
+der dunklen Fülle, daß sie sich selbst darüber verwunderte.</p>
+
+<p>Da klopfte es an die Tür, und die Tante trat ein.</p>
+
+<p>»Ich bin es nur, mein liebes Mädchen. Ich möchte gern ein Wort mit dir
+reden, ehe ich zur Ruhe gehe. Beim Abendbrot ging es ja nicht an.«</p>
+
+<p>Sie setzte sich auf einen der niederen, mit Cretonne überzogenen Stühle.</p>
+
+<p>»Höre, mein Kind, du bist doch nicht auf dem Wege, dich von Halfdan
+bekehren zu lassen?«</p>
+
+<p>»Wie kommst du darauf, Tante?«</p>
+
+<p>»Ja, denn es sah ja ein wenig eigentümlich aus, als du ihm neulich ins
+Eßzimmer folgen solltest, um mit ihm über — Gott im Himmel mag wissen,
+was für einen Kranken zu sprechen, den du gar nicht kennst. Und nun
+heute abend kommst du ganz sonderbar von dieser Betstunde heim, — eine
+ganze Stunde nach Margit, — und sagst, daß du mit ihm gegangen seist.
+Und — —«</p>
+
+<p>»Wäre es denn so entsetzlich, wenn der Ernst des Lebens mich auch
+einmal ergreifen würde?«</p>
+
+<p>»Nein, durchaus nicht. Ich bin weit entfernt,<span class="pagenum" id="Seite_123">[S. 123]</span> zu denken, daß ein
+Mensch leicht zu viel bekommen könne vom Christentum, wenn mir die
+krasse Form auch etwas zuwider ist. Aber die Sache ist die: wenn es
+Frauen sind, die von Halfdan erweckt werden, junge Frauen, — ja,
+ältere übrigens auch, — dann werden sie in der Regel zu ihm selbst
+bekehrt. Und dabei ist nichts gewonnen. Deshalb möchte ich dich nur
+warnen. Ich hätte gar nicht gedacht, daß er nach deinem Geschmack sein
+könnte. Aber nun kommt es mir doch so vor — in einem gewissen
+Sinne — —«</p>
+
+<p>»Tante, weißt du, daß das, was du sagst, empörend ist! Wenn ein Pfarrer
+nicht hundert Jahre alt ist, kahlköpfig oder verwachsen, dann soll man
+gleich in ihn verliebt sein, wenn seine Worte nur den allergeringsten
+Eindruck auf einen machen.«</p>
+
+<p>»Nein, mein liebes Kind, das soll man gar nicht. Aber man wird es sehr
+leicht. Wenn ein Pfarrer, besonders einer der ganz strengen, jung und
+schön ist, dann ist es ein gefährliches Ding.«</p>
+
+<p>»Nun, hier kannst du jedenfalls ganz ruhig sein, Tante. Von allen
+Mädchen auf der weiten Welt wäre ich wohl das letzte, das er wählen
+würde.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_124">[S. 124]</span></p>
+
+<p>»Ja, darin wirst du recht haben, das glaube ich auch. Für so verständig
+halte ich Halfdan doch. Im ganzen ist er den Frauen gegenüber immer
+vollständig kalt geblieben. Er gibt sich nicht die geringste Mühe,
+ihnen zu gefallen, und will ja auch gar nicht heiraten, was ich aber
+doch am allerbesten für ihn finden würde, wenn es ein besonnenes,
+gesetztes und christliches Mädchen wäre, wie Alette zum Beispiel.
+Ich habe schon oft gedacht, wie schade es sei, daß die beiden gerade
+Geschwister sind. Sie hätten ein ausgezeichnetes Ehepaar gegeben.«</p>
+
+<p>Die Nichte lachte, — laut und zornig abweisend, — und schüttelte ihre
+langen Locken.</p>
+
+<p>»Nun ja, das kann ja auch nicht sein. — Aber verstehe mich nun recht,
+mein liebes Kind, ich will durchaus nicht haben, daß er nun hingeht
+und dich — fanatisch macht, so daß du ganz übersiehst, was sich Gutes
+für dich in der Welt finden könnte, und denkst, er sei der einzige,
+nach dessen Weisheit du dich richten müßtest, — und schließlich damit
+endigst, daß du um seinetwillen Diakonissin oder Krankenpflegerin
+wirst, — wie ich zwei andere kenne, die es so gemacht haben.«</p>
+
+<p>»Davor brauchst du keine Angst zu haben. Es<span class="pagenum" id="Seite_125">[S. 125]</span> liegt durchaus nicht in
+meiner Natur, mich nach der Weisheit eines andern zu richten oder
+Krankenpflegerin zu werden,« sie hielt inne und dachte nur noch weiter,
+»obgleich das auch nicht das Schlimmste in der Welt wäre, wo es so
+viele kleine Mädchen gibt, die sterben müssen, — und Mütter, die das
+mit ansehen müssen.« —</p>
+
+<p>Als die Tante gegangen war, sprang das junge Mädchen auf und ging lange
+im Zimmer auf und ab, während sie alle Augenblicke ihre wallenden Haare
+schüttelte. Sie war innerlich empört über alles, was die Tante gesagt
+hatte. Aber als sie endlich zur Ruhe gegangen war, kamen die Tränen
+aufs neue. Denn sie mußte wieder hineinschauen in die traurige Welt,
+in die sie einen Einblick bekommen hatte, die Welt, in der es so viele
+kleine Mädchen gab, die sterben mußten, — und Mütter, die das mit
+ansehen mußten.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Wieder endlos leere Tage! Und sie konnte nichts tun, um sie
+auszufüllen. Überall, wo sie ihn hätte treffen können, sagte er ab, zu
+großen wie zu kleineren Gesellschaften.</p>
+
+<p>Sie wünschte, mit ihm sprechen zu können.<span class="pagenum" id="Seite_126">[S. 126]</span> Ganz, ganz anders
+— im Zusammenhang. Sie sehnte sich darnach, ihm einen viel
+richtigeren Eindruck von sich beizubringen, gerade weil sie auf ganz
+entgegengesetztem Grund und Boden stand.</p>
+
+<p>Stand — ja das heißt, einen festen Grund unter den Füßen, in Form
+einer bestimmten Lebensanschauung, einer festgewurzelten Überzeugung
+hatte sie wohl eigentlich nicht. Aber sie liebte alle großen Gefühle,
+alle großen Gestalten. Sie hatte ja auch die Religion nicht ganz über
+Bord geworfen, nur spielte diese gar keine Rolle in ihrem Leben; sie
+lebte nicht in ihr. Die meisten Christen haben ja ihr Leben neben der
+Religion.</p>
+
+<p>Sie wünschte sehr, er solle wissen, daß sie alles Große verstehen
+könne, auch was es heißt, sein Leben für seine Überzeugung einsetzen.
+Ja, daß dies auch als das Größte vor ihr stand.</p>
+
+<p>Aber er machte sich wohl gar nichts daraus, von ihr gewürdigt zu
+werden, oder irgend einen anderen Eindruck von ihrer Persönlichkeit zu
+bekommen, als den, den er sich selbst gebildet hatte. Den, der ihn —
+trotz allem — doch eigentlich abstieß.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_127">[S. 127]</span></p>
+
+<p>Sie, nur sie sehnte sich danach, daß es doch geschehe. Aber nach den
+Reden der Tante an jenem Abend konnte sie nun in dieser Richtung gar
+keinen Versuch machen.</p>
+
+<p>Dann war der Konsul so freundlich, sich einen kleinen Influenzaanfall
+anzuschaffen, der ihn zwar nicht ans Bett, aber doch eine Woche lang
+ans Zimmer fesselte, und der die Veranlassung war, daß der Neffe ihn
+besuchte.</p>
+
+<p>Er blieb lange — unbegreiflich lange — drinnen beim Onkel. Dann trat
+er ins Kabinett, wo die Tante mit der Nichte saß; diese malte eben
+goldene und bronzierte braunrote Chrysanthemen auf einen Ofenschirm aus
+wasserblauem Atlas für die Tante.</p>
+
+<p>»Ist sie nicht ein Genie, Halfdan?« sagte die Tante. »Komm und setz
+dich ein Weilchen zu uns, mein Lieber.«</p>
+
+<p>Er begrüßte die beiden Damen, und während die Nichte zu ihm aufsah, war
+es ihr, als liege jene strahlende Sternennacht, wo sie Seite an Seite
+gegangen waren, so hoffnungslos weit zurück, daß es ganz unmöglich sei,
+da wieder anzuknüpfen, wo sie abgebrochen hatten.</p>
+
+<p>Das Anknüpfen wurde hier übrigens nicht ihre<span class="pagenum" id="Seite_128">[S. 128]</span> Sache; das besorgte die
+Frau Konsul immer, wenn sie anwesend war.</p>
+
+<p>»Kannst du mir nicht helfen, Halfdan, dieses verstockte Mädchen zu der
+Einsicht zu bringen, daß es die Bestimmung des Weibes ist, sich zu
+verheiraten. Ist es nicht so?«</p>
+
+<p>»Doch, ich wüßte nicht, welche es sonst noch für sie gäbe. Sie ist,
+wie ich gelehrt worden bin, dazu geschaffen, die Gehilfin des Mannes
+zu sein. Und ich meine, es sei am besten, wenn sie diese Bestimmung
+erfülle.«</p>
+
+<p>Die Nichte wußte nicht recht, ob dies Ernst oder Ironie war, und
+erwiderte ein wenig herausfordernd: »Ich glaube doch, daß man dies auf
+mehr als eine Art kann. Ich habe immer Lust gehabt, zur Bühne zu gehen.
+Glauben Sie nicht, daß man von da aus eine geistige Gehilfin für Männer
+und Frauen sein kann?«</p>
+
+<p>Er zeigte keine Entrüstung, wie sie erwartet hatte, sondern antwortete
+ganz ruhig: »Vielleicht, aber dies wäre doch mehr indirekt.«</p>
+
+<p>»Ja, das ist ein unsicherer, schwieriger Weg,« sagte die Tante. »Und
+deine Mutter war so sehr dagegen. Jawohl, das war sie, ihr Wunsch war,<span class="pagenum" id="Seite_129">[S. 129]</span>
+dich gut verheiratet zu sehen. Das weiß ich am besten.«</p>
+
+<p>»Ja, liebe Tante, aber dazu gehören ja unglücklicherweise zwei. Und ich
+weiß absolut keinen, der mich haben möchte.«</p>
+
+<p>»Nicht? Nun, dann weiß ich mehrere. Nehmen wir nur zum Beispiel
+<span class="antiqua">Dr.</span> Carlsen. Hast du es neulich bei Bödkers nicht bemerkt,
+Halfdan, wie seine Augen keinen Blick von ihr verwandten?«</p>
+
+<p>»Nein, — — doch — es ist möglich.«</p>
+
+<p>»Ja, Kind, dessen bin ich ganz sicher, daß er nur einen Gedanken hat,
+nämlich dich zur Frau zu bekommen. Nun heißt es ja, er werde seinem
+Vater als Oberarzt an der Irrenanstalt in R... nachfolgen, und
+dann — —«</p>
+
+<p>»Dann kann er sich selbst als ersten Patienten anmelden, wenn du recht
+hast. Denn dann müßte er ja an Größenwahn leiden.«</p>
+
+<p>Sie konnte der Lust nicht widerstehen, die Tante ein wenig zu necken
+und den andern wissen zu lassen, wie wenig sie für diesen <span class="antiqua">Dr.</span>
+Carlsen übrig hatte. Trotzdem aber war es ihr, nachdem ihr die Worte
+entschlüpft waren, ganz klar, daß sie sich, und zwar gerade hier,
+zeitlebens<span class="pagenum" id="Seite_130">[S. 130]</span> unmöglich gemacht habe. Aber gleichzeitig hörte sie
+neben sich ein Lachen, ein ganz lautes und »bubenmäßiges«, wie die
+Tante es empört nannte. Und da mußte sie unaufhaltsam mitlachen. Mit
+ihm zusammen lachen! Das brachte sie um viele Meilen näher! Später
+erinnerte sie sich mit freudigem Schauder daran, wie es gewesen war,
+als ihr Lachen in dem seinigen unterging.</p>
+
+<p>»Du hilfst mir ja recht gut, sie zu ermahnen,« sagte die Tante. »Aber
+du hast ja auch selbst nicht das gute Beispiel gegeben.«</p>
+
+<p>»Entschuldige, Tante, ich bin es ja nicht, der als Gehilfe erschaffen
+worden ist.«</p>
+
+<p>»Nein, aber du bist dazu geschaffen, eine Gehilfin zu haben, und ohne
+das hat der Mann ›es nicht gut‹. Das bin ich gelehrt worden.«</p>
+
+<p>»Meinst du vielleicht, er habe es durch die Hilfe der Frau sehr ›gut‹
+bekommen — der Mann nämlich? Eine andere Bibelstelle nennt die Frau
+mit ganz klaren Worten auch ein Hindernis. Und ich bin auch überzeugt,
+daß ein Mann sehr vorsichtig sein muß, ehe er diese — Möglichkeit
+in sein Leben einfügt. Besonders ein Pfarrer, bei dem alle Ansprüche
+verschärft sind, äußerlich wenigstens.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_131">[S. 131]</span></p>
+
+<p>»Darauf kann ich nur erwidern, daß die besten Pfarrer, die ich gekannt
+habe, jedenfalls eine oder auch mehrere Frauen gehabt haben. Je mehr
+ein Pfarrer wie alle andern lebt, um so seelsorgerlicher kann er sein,
+natürlich auf die rechte Art und Weise.«</p>
+
+<p>»Auf die bequemste jedenfalls.«</p>
+
+<p>»Laß doch den Herrn Pfarrer in Frieden, Tante,« sagte die Nichte ein
+wenig erregt. »Wenn man in jedem Jahrhundert einmal einen Pfarrer
+trifft, der nicht verheiratet ist, so muß man doch einräumen, daß —
+daß der dann dem Ideal am nächsten ist.«</p>
+
+<p>»Nein, das gebe ich auf keinen Fall zu. Bischof H. war dreimal
+verheiratet. Und einen besseren Seelsorger als ihn verlange ich nicht.
+Und von einem andern ausgezeichneten Bischof weiß ich, daß er es bis zu
+vier Frauen brachte.«</p>
+
+<p>»Dann muß ich es wohl aufgeben, Bischof zu werden, mir wird es
+sicherlich an den entscheidenden Bedingungen fehlen.«</p>
+
+<p>Wieder lachte er, und ihr Lachen flog auf zum Zusammenklang wie ein
+Vogel mit befreiten Schwingen. Wer hätte gedacht, daß er so lachen<span class="pagenum" id="Seite_132">[S. 132]</span>
+könnte. Sie kannte dieses Lachen ja von Grund aus. Warum versteckte er
+es denn so gut?</p>
+
+<p>Aber die Frau Konsul schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte, mit
+solchen Würdenträgern dürfe man keinen Scherz treiben.</p>
+
+<p>Später sagte sie noch, so höre man ihn jetzt nur selten lachen. Das sei
+ein Nachklang aus der Zeit, wo er gar so übersprudelnd gewesen sei.</p>
+
+<p>Und übersprudelnd zu sein, dazu hatte die Nichte an diesem Tag die
+größte Lust. Ihre Chrysanthemen strahlten wie reines Sonnengold! Und
+der Konsul war von beispielloser Liebenswürdigkeit. Hatte er es denn
+nicht so eingerichtet, daß der Pfarrer versprochen hatte, am nächsten
+Abend mit der Schwester zu kommen, und zwar ganz in der Familie!</p>
+
+<p>Nun, während der ersten Hälfte des Abends hatte man eigentlich nur von
+<em class="gesperrt">ihr</em> etwas. Er vergrub sich ja bei dem Onkel bis zum Abendbrot.
+Und bei Konsuls speiste man sehr spät zu Mittag und zu Abend, ganz
+entgegen den sonstigen Gewohnheiten in Christiania.</p>
+
+<p>Die Tante schätzte Alette sehr; sie liebte es, diese hie und da neben
+sich auf dem Sofa zu haben, zu einem »ruhigen, vernünftigen Gespräch<span class="pagenum" id="Seite_133">[S. 133]</span>
+über den Ernst des Lebens«, worunter sie all die Armut, Krankheit und
+Not meinte, in die das Fräulein durch den Bruder einen Einblick erhielt.</p>
+
+<p>Die Nichte saß über eine Handarbeit gebeugt und wurde ganz blaß vor
+Ungeduld über all die »traurigen Geschichten« aus diesem ewigen
+Zusammenleben mit »Halfdan«; aber auf einmal ergoß sich eine helle Röte
+über ihr ganzes Gesicht.</p>
+
+<p>Alette erzählte, daß der Bruder kürzlich bei einer Witwe gewesen sei,
+die ihr einziges Kind verloren hatte, ein taubstummes dreijähriges
+Mädchen, an Tuberkulose, und daß es ganz herzzerreißend gewesen sei,
+sehen zu müssen, wie diese Kleine, die nichts verstand und nichts sagen
+konnte, all dieses schwere Leiden durchmachen mußte.</p>
+
+<p>»An dem Abend, wo sie starb, ist Halfdan angegriffener gewesen, als
+ich ihn seit langer Zeit gesehen habe. Bis spät in der Nacht ging er
+in seinem Zimmer auf und ab. Er konnte nach diesem Anblick durchaus
+keine Ruhe finden. Ich wäre so gerne mit ihm gegangen, aber es war in
+den Tagen, wo ich wegen meines<span class="pagenum" id="Seite_134">[S. 134]</span> Hustens das Zimmer hüten mußte. Deshalb
+mußte er allein gehen.«</p>
+
+<p>»Es war schwer, davon zu hören,« sagte die Tante, »und recht traurig
+für dich, daß du nicht mit ihm in das Trauerhaus gehen konntest. Eine
+Frau findet so oft den richtigen Balsam für eine betrübte Seele.«</p>
+
+<p>Ja, da war eine, in der eine jubelnde Freudenstimmung aufstieg, aber
+sie saß über ihre Arbeit gebeugt ganz still da.</p>
+
+<p>Alette wandte sich nicht an sie. Diese Sachen lagen natürlich ganz
+außerhalb der Erfahrung und der Interessen der jungen dänischen Dame.</p>
+
+<p>Als der Bruder endlich mit dem Konsul eintrat, erzählte die Schwester
+eben von einem Jungen, der von einem Wagen überfahren worden war
+und große Schmerzen litt. Es war der Sohn eines Arbeiters, und als
+der Pfarrer diesen ermahnte, für das arme Kind zu beten, hatte er
+geantwortet: »Wir haben niemand, zu dem wir beten können.«</p>
+
+<p>»Ist es nicht schrecklich, wenn man bedenkt, daß es Tausende gibt,
+die wie dieser Mann niemand haben, zu dem sie beten können? Kann<span class="pagenum" id="Seite_135">[S. 135]</span> man
+begreifen, wie es möglich ist, ohne Gebet zu leben?«</p>
+
+<p>»Nein, da hast du recht,« sagte die Konsulin. »Es ist erschütternd.«</p>
+
+<p>»Aber schlimmer ist es doch,« sagte der Bruder, »daß es Tausende gibt
+— auch von denen, die beten, wenigstens dann und wann — die niemand
+haben, den sie <em class="gesperrt">anbeten</em>.«</p>
+
+<p>Beide Damen auf dem Sofa stimmten damit überein, die Schwester wohl aus
+Überzeugung, die Tante vielleicht mehr aus Höflichkeit als Wirtin.</p>
+
+<p>Einen Augenblick später stand er in dem Kabinett, um die Chrysanthemen
+zu betrachten, die die Nichte an diesem Tag beinahe vollendet hatte.</p>
+
+<p>»Ich weiß, was anbeten heißt,« sagte sie plötzlich, während sie die
+Lampe für ihn in die Höhe hielt.</p>
+
+<p>»Nun — dann gratuliere ich.«</p>
+
+<p>»Nein, ach nein, so war es nicht gemeint. Ich wollte nur sagen — ich
+habe es einmal gesehen — in dem Blick eines Menschen. Es heißt so
+viel, als seine ganze Seele hingeben.«</p>
+
+<p>»Ja, so könnte es wohl ausgedrückt werden.<span class="pagenum" id="Seite_136">[S. 136]</span> Aber es klingt nicht
+treffend, nicht stark genug. Es heißt gleichsam, seine ganze
+Persönlichkeit zusammenfassen: alles, was man hat, alles, was man
+ist, in ein einziges Gefühl — ein einziges abgrundtiefes Gefühl der
+Ohnmacht, des Nichts — — und es dann zu den Füßen eines Einzigen
+ausschütten. David sagt in einem der Psalmen, daß er ›ausgegossen sei
+wie Wasser‹, das gehört dazu. Seine ganze Seele wie Wasser auf die Erde
+ausgießen, vor die Füße eines Einzigen — — und dadurch gewonnen —
+aufgenommen — vertieft — verwirklicht werden.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie. »Ich habe dies gesehen.«</p>
+
+<p>»Ich glaube, es ist sehr selten,« sagte er. »Es steht ja geschrieben:
+Du sollst Gott deinen Herrn anbeten. Und dies ist in dem Verhältnis
+zu Gott das Höchste und Tiefste, das Erste und das Letzte. Aber sie
+tun es nicht, die Tausende! Sie erreichen nie den Augenblick, den ganz
+unentbehrlichen in einem Menschenleben, wo alle Worte und Gedanken,
+alle Fähigkeiten und Kräfte zur Erde sinken — ohnmächtig. Wo der
+unaussprechliche Seufzer die Seele trägt wie eine Woge, hinein ins
+Heiligtum.«</p>
+
+<p>Während er sprach, schaute er fortgesetzt ihre<span class="pagenum" id="Seite_137">[S. 137]</span> Chrysanthemen an.
+Aber sie fühlte, daß sein Blick durch die Blumen hindurch glitt, weit
+helleren Bildern in der Ferne entgegen, und mit etwas von dem im Auge,
+das sie von jenem Tag her kannte, wo sie ihn vor dem Altar gesehen
+hatte. Und gerade wie damals berührte es sie wie ein Schmerz.</p>
+
+<p>Sie selbst war ja so weit weg — so fern von ihm in diesem Augenblick
+— und weit, weit entfernt von dem Tiefsten und Höchsten, von dem
+ersten und letzten Moment in einem Verhältnis zu Gott.</p>
+
+<p>Und doch — was es hieß, seine ganze Persönlichkeit in ein einziges
+Gefühl zu vereinigen und ausgegossen zu sein wie Wasser auf der Erde,
+vor den Füßen eines Einzigen, — wer, ach wer in der weiten Welt konnte
+es besser verstehen als sie?</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Im Dezember wollten Konsuls einen Ball geben, das heißt — die gnädige
+Frau wollte es.</p>
+
+<p>»Etwas muß man tun, wenn man einen solchen Vogel Phönix im Hause hat,«
+sagte sie.</p>
+
+<p>Der Konsul sah aus, als ob er dächte, weniger hätte es auch getan; aber
+die Aussicht auf eine<span class="pagenum" id="Seite_138">[S. 138]</span> ungestörte Spielpartie in seinem Zimmer mit
+einigen der Vettern verlockte ihn zu schweigender Einwilligung.</p>
+
+<p>Großartig sollte es werden. Wenn der Saal ausgeräumt wurde, hatten
+vierundzwanzig tanzende Paare gut Platz. Was tat es da, wenn man
+mehrere Tage vor und nachher in seinem eigenen Heim saß »wie Marius auf
+den Trümmern von Karthago« — oder wie es sonst der Konsul zu nennen
+pflegte.</p>
+
+<p>Die Nichte hatte nur einen Gedanken, während sie Einladungen
+adressierte und ihr Kleid anprobierte — ob, ob — —?</p>
+
+<p>Nein, das war wohl unmöglich!</p>
+
+<p>»Es sähe aus, als wollte man Halfdan und Alette zum besten haben, wenn
+man sie zu so etwas einladen würde,« sagte die Tante. »Aber hinter
+ihrem Rücken soll der Ball auch nicht gehalten werden. Ein paar Tage
+vorher schreibe ich an sie, daß wir eine kleine Tanzgesellschaft geben
+— für unser liebes »dänisches Fräulein« — und ob sie nicht Lust
+hätten, sich ihn anzusehen. Aber das haben sie natürlich nicht.«</p>
+
+<p>Und der Tag rückte herbei.</p>
+
+<p>Und es geschah — ja, das Unmögliche selbst<span class="pagenum" id="Seite_139">[S. 139]</span> flutete herein ins Leben
+mit seiner unhemmbaren Gewalt und machte alle bleichen Möglichkeiten
+zuschanden.</p>
+
+<p>Es gab einen Liedervers, der einmal nach einem Begräbnis durch ihr
+Kinderköpfchen gegangen war und sich da festgesetzt hatte. »Da wird mir
+das zum Grund, was vorher Dach gewesen.« Diese Vorstellung gefiel ihr
+als kleines Mädchen. Und nun war es ihr, als würde sie zur Wirklichkeit.</p>
+
+<p>Der Sternenhimmel, den sie hoch über sich in unermeßlichem Glanz hatte
+leuchten sehen, der lag eines Abends zu ihren Füßen als der Grund, der
+ihr ganzes Dasein trug.</p>
+
+<p>Der Augenblick kam, wo alles nicht mehr seinen Gang ging, seinen
+gewohnten trägen, bekannten, abgemessenen Gang, sondern wo »die Sonne
+stille stand in Gibeon und der Mond im Tale Ajalon«, wo das ganze
+große, schwirrende Weltrad stille stand, während alles im Weltenraum
+nur verwundert mit angehaltenem Atem lauschte.</p>
+
+<p>»Und es geschah« —</p>
+
+<p>Wie es geschah? Ach, tausend-, zehntausendmal begann sie immer aufs
+neue in Gedanken ...<span class="pagenum" id="Seite_140">[S. 140]</span> und kam doch nie damit zu Ende, kam nie an dem
+Punkt vorbei, wo alles vor ihr aufging in strahlendem Licht ... so daß
+sie immer und immer wieder vorne anfangen mußte ...</p>
+
+<p>Es war an dem Ball ihres Onkels.</p>
+
+<p>Sie hatte ihr Kleid gewählt und es angezogen mit der einzigen, beinahe
+unmöglichen Möglichkeit vor Augen.</p>
+
+<p>Der blaßgelbe, von Spitzen verschleierte Atlas schmiegte sich
+glänzend und knisternd um ihre schlanke Gestalt und umschloß ihre
+feine Büste wie ein Panzer. Goldleuchtende Topase funkelten in ihrem
+dunklen, lockigen Haar, um den weißen Hals und zwischen den Spitzen
+über der Brust, wo sie dunkelviolette, von schwerem Duft erfüllte
+Heliotropblüten festhielten.</p>
+
+<p>Sie war spät fertig geworden, und als sie aus ihrem Zimmer in die
+festlichen Räume trat, waren die Lichter überall schon angezündet. Im
+Saal war man eben bei den letzten angelangt.</p>
+
+<p>Hier drinnen stand die Frau Konsul in blaßgrauem broschiertem
+Atlas, eifrig beschäftigt, einem Lohndiener einige nachdrückliche
+Verhaltungsmaßregeln zu geben, während der Konsul schon mitten im
+Zimmer stand, wo er mit ihr<span class="pagenum" id="Seite_141">[S. 141]</span> zusammen die Gäste begrüßen sollte, die
+sie schon draußen hörte.</p>
+
+<p>Die Nichte wandte an der Tür des Saales wieder um, ging durchs
+Wohnzimmer zurück und ins Kabinett hinein, wo rosenfarbige seidene
+Lichtschirme auf allen Lampen einen Dämmerschein wie von einem
+Sonnenuntergang verbreiteten. Es war ihr zuwider, sich besehen und
+bewundern zu lassen.</p>
+
+<p>Und doch war sie die Königin des Abends — das fühlte sie selbst —
+von der funkelnden Nadel im Haar an bis hinunter zu dem spitzigen
+Atlasschuh.</p>
+
+<p>Der große Spiegel in der Ecke am Fenster zeigte ihre Gestalt in
+wirklich hinreißendem Glanz, während sie langsam, — gleichsam in müder
+Majestät darauf zuschritt.</p>
+
+<p>Da — — nein, nein — — nein — — blitzschnell schloß sie die
+Augen ...</p>
+
+<p>Nein — — es war ein Trugbild —, eine glühende Sehnsucht, die in ihr
+aufstieg und sie verwirrte, — — es war eine Einbildung, daß sie da
+vor sich im Spiegel — aus dem Hintergrund des Zimmers ein Augenpaar
+auf sich gerichtet gesehen hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_142">[S. 142]</span></p>
+
+<p>Zwei Augen, — deren Blick hervordrang wie eine lodernde Glut, die ihre
+ganze leuchtende Gestalt umhüllte ...</p>
+
+<p>Sie hielt die Augen fest geschlossen. Sie konnte es nicht ertragen,
+sehen zu müssen, daß es nur eine Einbildung war — und wagte doch nicht
+sicher zu glauben, daß die Augen wirklich da <em class="gesperrt">waren</em>.</p>
+
+<p>Mechanisch glitt sie näher zu dem Spiegel hin ... Wenn aber nun der
+vergoldete Blumenbehälter, der davor stand, sie aufhielt, — was dann?</p>
+
+<p>Sie stieß mit dem Fuß an das Hindernis — blieb dicht vor dem Spiegel
+stehen, öffnete die Augen, groß und dunkel vor angstvoller Erwartung —
+und sah ...</p>
+
+<p>Der Blick war noch da. Und der Blick war Feuer.</p>
+
+<p>Langsam, mit blassen Wangen, wandte sie sich vom Spiegel.</p>
+
+<p>Der Blick war da ... Näher — näher ... loderte er flammend auf, ihr
+entgegen ...</p>
+
+<p>Er kam von einem, der mitten durchs Zimmer geschritten war ... und nun
+sich vor ihr auf die Knie niederließ ...</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_143">[S. 143]</span></p>
+
+<p>Ein halb unterdrückter Schrei — — und sie fiel zu Boden in all ihrer
+leuchtenden Herrlichkeit ...</p>
+
+<p>Einen einzigen schwindelnden Augenblick waren Arme um sie — war ein
+glühender Atem über ihrem Gesicht — war eine kecke Hand da, die die
+Heliotropblüten von ihrer Brust nahm und sie an der seinigen barg.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Da kamen die Gäste.</p>
+
+<p>»Wir haben sehr hübsche Damen heute abend, Frau Smit!« sagte die Frau
+Konsul. »Aber meiner Nichte gebührt doch der erste Preis.«</p>
+
+<p>»Ja, da haben Sie ganz recht. Wenn sie nur nicht so bleich wäre! Ist
+sie auch gesund?«</p>
+
+<p>Die Nichte sollte den Ball eröffnen mit einem Vetter aus Kopenhagen,
+der auf acht Tage gekommen war, aus dem sie sich aber nicht viel
+machte. Er hatte den wenig ehrerbietigen freien Ton des Vetters ihr
+gegenüber.</p>
+
+<p>»Ist es dir sehr leid, wenn wir nicht vortanzen?« fragte sie, während
+sie im Saal umhergingen.</p>
+
+<p>»Bist du verrückt?«</p>
+
+<p>»Nein — aber ich glaube, Onkel Hallager hat<span class="pagenum" id="Seite_144">[S. 144]</span> mich mit der Influenza
+angesteckt. Es ist mir ganz sonderbar im Kopf.«</p>
+
+<p>»Ja, du siehst auch todesblaß aus. — Nein — um meinetwillen keine
+Aufregung. — Obgleich — ich bin als Tänzer berühmt.«</p>
+
+<p>Sie traten zur Seite und ließen ein anderes Paar vortanzen, dem
+sogleich mehrere folgten.</p>
+
+<p>»Es wäre doch recht ärgerlich, wenn du mitten in der Saison krank
+würdest. Denn es ist doch wohl nicht er, der Halfdan, der dich so
+verwandelt hat, daß du nicht einmal mehr wagst, ein Tänzchen in Ehren
+zu machen! — Hast du übrigens gesehen, daß seine Heiligkeit heute
+anwesend ist? Mitten in all dieser Verderbnis der Welt? Was das nun
+bedeuten soll! Niemand kann es begreifen.«</p>
+
+<p>»Vielleicht ist eine Seele da, deren er sich annehmen will.«</p>
+
+<p>»So eine Affektation! Mitten in einem Ballsaal!«</p>
+
+<p>»Ach — wenn es sich nun ums Leben handelte — ich kann gut verstehen,
+daß man da eingreifen möchte — selbst in einem Ballsaal.«</p>
+
+<p>Die Frau Konsul kam in all ihrem broschierten Glanz eilig auf sie zu.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_145">[S. 145]</span></p>
+
+<p>»Aber Kind, warum tanzst du denn nicht?«</p>
+
+<p>»Ich habe Fieber, liebe Tante, und fürchte, es könnte schlimmer werden.«</p>
+
+<p>»Mein liebes Kind, das fehlte nur noch. Frage doch <span class="antiqua">Dr.</span> Carlsen
+um Rat.«</p>
+
+<p>»Nein, nein. Nicht heute abend. Das fällt bloß auf.«</p>
+
+<p>»Dann setze dich wenigstens. Und sieh, daß du etwas Warmes zu trinken
+bekommst!«</p>
+
+<p>Kurz nachher trat der Pfarrer auf sie zu.</p>
+
+<p>»Haben Sie noch eine Tour für mich frei?« fragte er. »Auf diese Weise
+kann ich ja auch mittun.«</p>
+
+<p>Sie reichte ihm ihre Tanzkarte, ohne ein Wort zu sagen und ohne die
+Augen zu ihm aufzuschlagen.</p>
+
+<p>Den ersten Tanz nach dem Essen hatte sie frei gehalten. Er machte ein
+Zeichen daneben und entfernte sich.</p>
+
+<p>Sie sah auf die Karte — und barg sie in ihrem Gürtel.</p>
+
+<p>»Du siehst aus, als seiest du am Ohnmächtigwerden,« sagte der Vetter.
+»Geh hinauf und leg dich in der Pause ein wenig nieder.«</p>
+
+<p>In der Pause war sie vielen teilnehmenden<span class="pagenum" id="Seite_146">[S. 146]</span> Fragen und Ratschlägen
+ausgesetzt, die sie nur quälten.</p>
+
+<p>»Ausnahmsweise ist es ja ganz angenehm, nicht zu tanzen,« sagte sie.
+»Ich habe mehr von der Unterhaltung meiner Herrn.«</p>
+
+<p>»Meinst du damit auch den Tanz, der eben zu Ende gegangen ist? Er, der
+Nikolai, hat es unserer Ansicht nach doch nur in den Beinen,« sagten
+die norwegischen Cousinen.</p>
+
+<p>Das Souper war ungewöhnlich früh festgesetzt worden, weil der Konsul
+ausdrücklich befohlen hatte, daß die, die nicht tanzten, nicht bis
+Mitternacht hungern dürften. Infolge dessen hatte die Konsulin es so
+eingerichtet, daß man alle soliden Gerichte bei einer ersten Mahlzeit
+bekam und sich später nur noch um einen ausgesucht feinen Nachtisch
+versammelte.</p>
+
+<p>Die Frau des Hauses selbst wurde von einem bekannten schwedischen
+Professor zu Tisch geführt.</p>
+
+<p>Er mußte die Tischrede halten; und nach einem Hoch auf den Wirt und die
+Wirtin und einem auf das herrliche Gebirgsland Norwegen erhob er sich
+und hielt eine Rede auf »die Frau«.</p>
+
+<p>Nachdem er verschiedene schöne, wenn auch<span class="pagenum" id="Seite_147">[S. 147]</span> nicht durchaus neue
+Vergleiche für sie gefunden hatte, erklärte er schließlich, daß er,
+einer begeisterten Zustimmung sicher, festsetzen wolle, daß die »Frau,
+wenn sie so ist, wie sie sein soll — —«</p>
+
+<p>»Das ist sie ja nie,« warf der Konsul plötzlich ein.</p>
+
+<p>Dies wurde gehört, und da bekam der Konsul die begeisterte Zustimmung.</p>
+
+<p>Der Professor lachte mit den andern und sagte, als er endlich wieder
+zu Wort kommen konnte, daß er, nachdem der Schluß seiner Rede in der
+ersten Form unmöglich gemacht sei, und weil alle mit dem verehrten
+Gastgeber übereingestimmt hätten, vorschlagen wolle, daß jedermann sein
+Glas leere auf »die Frau, die nicht so ist, wie sie sein soll, weil sie
+trotzdem reizend ist.«</p>
+
+<p>Ein lautes Bravo erklang im ganzen Saal.</p>
+
+<p>Aber die Konsulin, die sich ihr Urteil über die Äußerung vorbehielt,
+drohte lächelnd dem Professor und sagte, daß sie dieses Hoch nicht
+annehme, weil sie eine solche Huldigung mehr als zweifelhaft finde.</p>
+
+<p>Da trat die Nichte plötzlich mit dem erhobenen Champagnerglas und
+fieberheißen Wangen zu dem Professor.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_148">[S. 148]</span></p>
+
+<p>»Darf ich Ihnen für Ihre Rede danken?« sagte sie. »Als die Frau,
+die gar nicht ist, wie sie sein soll, die aber dem Manne dankt, der
+hervorhebt, daß sie doch angeht.«</p>
+
+<p>Lächelnd verbeugte sich der Professor vor ihr. Dann trank er ein
+besonderes Glas mit der Wirtin auf »die Frau, die ist, wie sie sein
+soll«.</p>
+
+<p>Dann folgte ein Tanz, während dem das dänische Fräulein wieder ruhig
+bei ihrem Tischherrn sitzen blieb und auf alle seine Bemerkungen immer
+einsilbigere Antworten gab.</p>
+
+<p>Während der nächsten Pause bat die Tante sie dringend, doch zu Bett zu
+gehen.</p>
+
+<p>»Du bist wirklich krank. Man merkt es an allem.«</p>
+
+<p>Aber sie erwiderte, daß sie bis zum Schluß aushalten wolle.</p>
+
+<p>Als die Musik den nächsten Tanz anstimmte, hatte sie große Angst, es
+könne sie jemand beobachten. Sie fühlte, daß sie ganz kalt im Gesicht
+wurde ...</p>
+
+<p>Lachend und plaudernd zogen die Paare in den Saal hinein, und die
+älteren Leute folgten langsam zur Tür, um dem Tanzen zuzusehen. — Ihr
+Herz stand still —</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_149">[S. 149]</span></p>
+
+<p>Er kam und bot ihr den Arm.</p>
+
+<p>Mit niedergeschlagenen Augen legte sie ihre weißen Fingerspitzen darauf.</p>
+
+<p>Und ohne ein Wort, wie auf vorhergehende Verabredung, führte er sie
+hinaus aus dem Saal, durch die leeren Zimmer nach der großen Veranda,
+die dem Fest zu Ehren geöffnet und in einen Wintergarten umgewandelt
+worden war, mit vielen blühenden Pflanzen, über die matte weiße Ampeln
+ein weiches Opallicht warfen.</p>
+
+<p>Indem er sie zu der Glastüre hinausführte, fühlte er, daß die Hand, die
+auf seinem Arm ruhte, eiskalt war und zitterte.</p>
+
+<p>Er legte seine Hand darüber. »Warum?« fragte er. »Fürchten Sie sich?«</p>
+
+<p>»Ja.« Dies klang tonlos wie ein kaum vernehmbares Flüstern. Und die
+bebenden Augenlider lagen tief auf den Augen.</p>
+
+<p>Er hielt an. »Sollen wir umkehren?«</p>
+
+<p>»Nein, nein, — nein!«</p>
+
+<p>Er beugte sich tief herab und drückte seine Lippen auf die weiße
+zitternde Hand.</p>
+
+<p>Dann führte er sie hinaus — in den Duft und Schatten der blühenden
+Gewächse .....</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_150">[S. 150]</span></p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Schlafen — — nein, von Schlaf war in dieser Nacht keine Rede.</p>
+
+<p>Sie warf sich nur hin und her, wie von einer Feuerwoge gewiegt ... die
+Feuerwoge, die um sie aufgelodert war, die sie mit Gewalt fortgerissen
+hatte und fortgetragen, weg von sich selbst, — da draußen zwischen all
+den Blumen ....</p>
+
+<p>Die Blumen, die Blumen! Es waren so viele frisch erblühte, daran
+erinnerte sie sich nun. Die hatten sie angesehen wie mit Augen. Sie
+hätte gern alle die geöffneten Kelche geschlossen — die Hände darüber
+gelegt —</p>
+
+<p>Sie durften nicht, — durften nicht gesehen haben — das, woran sie
+sich selbst nur mit geschlossenen Augen zu erinnern wagte, — den
+Augenblick, den einzigen Augenblick, den sie wirklich gelebt hatte,
+seit sie geboren war, — den Augenblick, wo sie sich in die Hände eines
+andern hingab.</p>
+
+<p>Ach, diese Hände, die sie umschlossen — so siegessicher, so
+gebieterisch, und doch so bittend! Die Hände, die nahmen, und indem
+sie nahmen, ihr tausendfach wiedergaben, sie ohne Maß und grenzenlos
+bereicherten, sie mit dem unfaßlichen, unergründlichen Gefühl
+erfüllten, zu sein, zu<span class="pagenum" id="Seite_151">[S. 151]</span> sein ...... das, was man nie erreicht, ehe man
+einem andern gehört.</p>
+
+<p>Denn sich zu eigen gehören, das heißt sterben. Ja, weniger als sterben,
+es heißt <em class="gesperrt">gar nicht</em> sein.</p>
+
+<p>Aber einem andern zu eigen werden, das heißt leben. Sie drückte beide
+Hände aufs Herz. Ja, nun schlug es ... wie jauchzend schnell, wie
+lebendig!</p>
+
+<p>So lange die Dunkelheit sie umfing, war das ganze schwindelnde Glück
+noch da.</p>
+
+<p>— Aber als die Dämmerung sachte herbeischlich und sie mit kalten,
+nüchternen Augen anschaute, da richtete sie sich mit einem Ruck im
+Bette auf und fühlte, daß es unmöglich sein konnte. Nein, es konnte
+nicht sein!</p>
+
+<p>Der anbrechende Morgen, grau und eisig, ohne Farbe, ohne Schatten, ohne
+Glanz wie die Vernunft selbst, erinnerte sie immer an eine Hinrichtung.
+Und auf einmal war es ihr, als sei sie die Verurteilte.</p>
+
+<p>Denn diese Morgendämmerung, sie schlich sich auch zu ihm hinein. Sie
+weckte ihn aus der Verblendung des gestrigen Tages wie aus einem
+Fiebertraum. Er würde es unbarmherzig deutlich<span class="pagenum" id="Seite_152">[S. 152]</span> sehen, daß es das
+Undenkbarste, das Wahnsinnigste wäre, — daß sie von allen die letzte
+sei, die er wählen sollte.</p>
+
+<p>Er würde das Todesurteil fällen, — sie fühlte es — und es bestätigen,
+wenn er beim Kaffee in die blaugrauen Augen der Schwester sah, die
+nüchtern waren wie die Morgendämmerung selbst, deren ruhiger Blick ihn
+hell wach machen mußte. Dann würde der Schwertstreich fallen — es
+schauderte sie im Nacken — und sie würde die Nachricht erhalten ...</p>
+
+<p>Sie stand auf und kleidete sich an — stehend wollte sie den Schlag
+hinnehmen — und jagte den Mädchen durch ihr plötzliches, unerwartetes
+Eintreten keinen kleinen Schrecken ein. Sie waren gewohnt, daß das
+dänische Fräulein von allen zuletzt aufstand.</p>
+
+<p>Der Kaffeetisch war bald gedeckt. Und zum ersten- und letztenmal trank
+sie mit dem Konsul zusammen, der zeitig wie immer auf sein Kontor
+wollte. Die Tante, die sonst eine Frühaufsteherin war, fühlte sich an
+diesem Tag übermüdet und glaubte, die Nichte ruhe auch noch.</p>
+
+<p>Das dänische Fräulein setzte sich ins Kabinett. In allen andern Zimmern
+ging man noch<span class="pagenum" id="Seite_153">[S. 153]</span> immer wie zwischen den Ruinen von Karthago, wie der
+Onkel vor sich hin brummte, als er sich eilig diesem Anblick entzog.</p>
+
+<p>Hier wartete sie auf den Brief, der kommen mußte — und unwillkürlich
+begann sie, ihre Antwort zu formen.</p>
+
+<p>»Es ist wahr, daß ich weit entfernt bin, vollkommen zu sein. Wo wollen
+Sie übrigens den Menschen finden, der das ist? — Aber ich liebe Sie,
+wie niemand, niemand sonst auf der Welt es kann — —«</p>
+
+<p>Gegen elf Uhr klingelte es. Zum zwanzigstenmal stand ihr Herz still —
+und als sie seine Stimme hörte, verstand sie. Er wollte es ihr selbst
+sagen.</p>
+
+<p>Das Stubenmädchen öffnete ihm die Türe. Sie erhob sich und stand da —
+starr und weiß wie eine Bildsäule.</p>
+
+<p>Die Tür wurde geschlossen. Und in demselben Augenblick war sie der Erde
+entrückt und die Welt um sie versunken — die Feuerwoge ergriff sie ...</p>
+
+<p>Das erste, was sie sagte, als es ihr möglich war zu Wort zu kommen, war:</p>
+
+<p>»Ich bin es nicht wert, ich bin es nicht wert.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_154">[S. 154]</span></p>
+
+<p>»Die Unwürdigen sind es, die ich suche,« sagte er und wollte nicht
+aufhören, sie zu küssen.</p>
+
+<p>»Ja, aber nicht dazu, — Halfdan — du mußt mich anhören!«</p>
+
+<p>Er hielt sie plötzlich auf Armeslänge von sich. »Was hast du gesagt?«</p>
+
+<p>»Es wird mir nie gelingen, es dir zu sagen, wenn — du mich so
+ansiehst.«</p>
+
+<p>Sie faltete die Hände um seine Schulter, legte ihren Kopf darauf und
+sagte: »Halfdan — geliebter Halfdan —«</p>
+
+<p>»Nun muß ich dich sehen, — ich muß wirklich.«</p>
+
+<p>»Nein — nein, du mußt mich hören. Halfdan — von dem Scheitel bis zu
+den Zehenspitzen, von den Augen bis auf den tiefsten Grund der Seele
+habe ich nichts, das annähernd gut genug für dich wäre.«</p>
+
+<p>Er strich ihr sanft übers Haar. »Ich meine, das könntest du mich
+entscheiden lassen.«</p>
+
+<p>Der dunkle Nacken wurde energisch geschüttelt. »Nein, denn du kannst es
+nicht so gut wissen, wie ich. — Und du konntest mich auch zuerst nicht
+leiden.«</p>
+
+<p>»Nicht?« Er strich ihr wieder übers Haar. »Nein — leiden vielleicht
+nicht.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_155">[S. 155]</span></p>
+
+<p>»Und siehst du, Halfdan, du mußt dich nicht fürs ganze Leben gebunden
+halten, weil du gestern abend ein wenig — verwirrt wurdest.«</p>
+
+<p>Er nahm ihren Kopf zwischen seine beiden Hände. »Was wurde ich?« fragte
+er.</p>
+
+<p>»— oder überrumpelt von — all dem, das doch keine Spur von Wert hat.«</p>
+
+<p>»Was wurde ich?«</p>
+
+<p>Sie brach in Tränen aus; die schreckliche Spannung, in der sie sich
+befand, mußte sich Luft schaffen. Und sie konnte seinen scherzhaft
+glücklichen Ton nicht ertragen.</p>
+
+<p>Er ließ sich auf ein Knie nieder und zog sie in seine Arme, er konnte
+sie nicht weinen sehen und wollte wissen, was er gesagt habe, das ihr
+weh habe tun können. Sie schmiegte ihr tränenfeuchtes Gesicht an das
+seinige.</p>
+
+<p>»Was hast du mir vorhin sagen wollen, Geliebte — Geliebte?« fragte er.</p>
+
+<p>»Daß — wenn du es bereuen solltest, Halfdan — wenn du vor dir selbst
+einräumen müßtest, daß du eine bessere Wahl hättest treffen sollen, —
+daß dann niemand« — sie schmiegte ihre Wange fester an die seinige —
+»hörst du, niemand dir mehr recht darin gäbe als ich — niemand,<span class="pagenum" id="Seite_156">[S. 156]</span> der
+dich doch besser verstehen könnte, wenn du nun — es ungeschehen machen
+würdest.«</p>
+
+<p>»Dann müßte etwas anderes zuerst ungeschehen gemacht werden, das, daß
+du existierst.«</p>
+
+<p>Er stand auf und hob sie mit sich in die Höhe.</p>
+
+<p>»Du bist die, die ich liebe,« sagte er und schlang seine Arme innig um
+ihren Hals. »Das war keine andere, das kann keine andere je werden. Du
+bist mir als Gattin zugeführt worden, das glaube ich. Und das, was mir
+gehört, gebe ich nicht frei. Denn es gehört zu meinem eigenen Leben, zu
+meiner eigenen Persönlichkeit.«</p>
+
+<p>Er neigte seine Lippen zu den ihrigen.</p>
+
+<p>»Fleisch von meinem Fleisch, Seele von meiner Seele, trotz allem, was
+anders aussehen könnte, — ich liebe dich.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Die Frau Konsul war fast verzweifelt, als sie die Verlobung hörte, und
+machte durchaus kein Hehl aus ihren Gefühlen.</p>
+
+<p>»Es ist der reinste Wahnsinn,« sagte sie zu der Nichte. »So wenig haben
+noch nie zwei Menschen zusammengepaßt.«</p>
+
+<p>»Aber wir lieben einander, wie sich noch nie zwei Menschen geliebt
+haben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_157">[S. 157]</span></p>
+
+<p>»Ja, das kennt man. Sich so lieben, können alle Männer und Frauen mit
+nur ein wenig gutem Willen und Gelegenheit. Das ist nichts, um darauf
+zu bauen. Nein, ob man zusammenpaßt, das entscheidet das Glück in der
+Ehe.«</p>
+
+<p>Die Nichte schlang den Arm um die Tante. »Die Lieb ist lauter Freude!«
+sang sie. »Glaubst du das nicht?«</p>
+
+<p>»Ich glaube, daß ihr einander unglücklich machen werdet. Das glaube
+ich. Für dich passen nicht die engen und düsteren Falten, in die er nun
+einmal sein Leben gelegt hat. Du mit deinen künstlerischen Interessen,
+deinem lebenslustigen Sinn, deinen verfeinerten Gewohnheiten, du
+solltest einen Mann der Wissenschaft oder einen Künstler heiraten, der
+ein großes Haus machen und geistreiche Leute um sich versammeln würde.
+Und es ist auch um Halfdan schade. Du bist durchaus nicht die Frau, die
+er haben sollte.«</p>
+
+<p>»Er hat mich aber doch gewählt.«</p>
+
+<p>»Ja — er hat sich in dich verliebt. Das wundert mich nicht.
+Ursprünglich ist er eine etwas leidenschaftliche Natur. Und er hat sich
+so eingeschnürt, daß es an irgend einem Punkt brechen<span class="pagenum" id="Seite_158">[S. 158]</span> mußte. Im ganzen
+genommen sind die Männer ja — zuzeiten — viel heißblütiger, von ihren
+Leidenschaften viel mehr beherrscht, als wir Frauen. Dann sind sie
+keinen Vernunftgründen zugänglich. — Aber zu anderen Zeiten sind sie
+wieder viel nüchterner und überlegter, als wir begreifen, und in einem
+solchen Augenblick kannst du es ja versuchen, ihn zu fragen, ob du
+seinem eigenen Ideal von einer Pfarrfrau entsprichst. Dazu bist du ja
+nicht einmal christlich genug.«</p>
+
+<p>»Ich habe ihn gefragt, und er hat geantwortet — nach reiflicher
+Überlegung. Nie möchte ich ihn durch das binden, was du die
+leidenschaftlichen Momente nennst. Es gibt nicht viel Gleichartiges
+in uns, das ist wahr. Aber deshalb kann doch Einigkeit zwischen uns
+sein. Sie kommt nicht daher, daß man sich gleicht, sondern daß man sich
+ergänzt.«</p>
+
+<p>Im ganzen Familien- und Freundeskreis wurde die Neuigkeit mit Anklängen
+an die Aussprüche der Tante aufgenommen.</p>
+
+<p>»<span class="antiqua">Vox populi</span>,« sagte der Pfarrer, »darin können wir uns nicht
+täuschen. Es ist nur gut, daß sie nicht immer mit <span class="antiqua">vox dei</span>
+zusammenfällt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_159">[S. 159]</span></p>
+
+<p>Sie lachte, aber nicht ganz so freudig wie er. Denn es war eine
+Unsicherheit über ihr, und diese ließ sich nicht weglachen.</p>
+
+<p>Was die Nächste, seine Schwester, gesagt hatte, erfuhr niemand. Zu
+allen andern sagte sie nur: »Ich habe seit Jahren gewünscht, daß
+Halfdan sich verheirate.«</p>
+
+<p>Und wenn man weiter fragte, ob auch die Schwägerin nach ihrem Wunsch
+sei, antwortete sie: »Ich verlasse mich auf die Wahl meines Bruders, in
+diesem wie in allem andern.«</p>
+
+<p>»Alette hat es recht nett aufgenommen,« sagte die Konsulin. »Und sie
+wird sich auch wohl taktvoll und korrekt aufführen, solange es dauert.
+Denn das soll mir doch niemand weismachen wollen, daß die Verlobung
+nicht wieder rückgängig werde.«</p>
+
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Das Herz klopfte der jungen Braut heftig, als sie zum erstenmal zu
+Alette ging.</p>
+
+<p>Das waren nun die Zimmer, wo ihre sehnsüchtigen Gedanken so oft in alle
+Winkel geschlüpft waren, die Zimmer, in denen sein tägliches Leben sich
+abspielte, das Leben, von dem es ihr vorkam, daß sie gern ihr Herzblut
+hingeben<span class="pagenum" id="Seite_160">[S. 160]</span> würde, um an dessen kleinsten, unbedeutendsten Vorkommnissen
+teilnehmen zu dürfen.</p>
+
+<p>Zum erstenmal an seinem Schreibtisch stehen, neben dem Stuhl, den er zu
+benützen pflegte, — durchs Eßzimmer gehen, wo er bei Tisch saß — sie
+war so überwältigt davon, daß sie zuerst gar nichts sagen konnte.</p>
+
+<p>Die Schwester war bleich, trat ihr aber mit ausgestreckten Händen
+entgegen.</p>
+
+<p>»Ich wünsche Ihnen Glück,« sagte sie, indem sie die Braut ernst ansah.</p>
+
+<p>Diese versuchte zu lächeln. »Ich weiß, daß Sie mich nicht lieb haben,«
+sagte sie.</p>
+
+<p>»Dazu kenne ich Sie noch zu wenig,« erwiderte Alette ruhig, während sie
+einen Stuhl für die Schwägerin heranzog und sich selbst auch setzte.</p>
+
+<p>Da geschah etwas, was wahrscheinlich alle beide in gleichem Grad
+überraschte. Die Schwägerin lag plötzlich vor Alettes Stuhl auf den
+Knien, den Kopf in deren Schoß.</p>
+
+<p>»Ich bin bei weitem — bei weitem nicht gut genug für ihn, ich weiß es,
+ich fühle es.«</p>
+
+<p>Alette strich ihr leicht und nicht unsanft übers Haar. »Wir können alle
+wachsen,« sagte sie. »Mit Gottes Hilfe! Je mehr wir unsere Mängel<span class="pagenum" id="Seite_161">[S. 161]</span>
+fühlen, desto mehr sehnen wir uns nach dieser Hilfe, nicht wahr?«</p>
+
+<p>»Ja, ja.« Aber dieser Ausbruch, der nicht mit der Wärme aufgenommen
+wurde, die ihm entsprach, machte die Begegnung noch gezwungener als
+vorher.</p>
+
+<p>Sie war in seinem Zimmer, — er war ausgegangen. Sie sehnte sich, alles
+zu berühren, wagte es aber nicht recht. Sie bat, alle Bilder von ihm,
+von seiner frühesten Jugend an, sehen zu dürfen, wagte es dann aber
+nicht, sich so darein zu vertiefen, wie sie es wünschte. Zwei Bilder
+von ihm erhielt sie, eins als Kind und eins aus späteren Jahren.</p>
+
+<p>»Dies hier kann ich Ihnen nicht geben,« sagte Alette, als die Braut
+ihre Blicke von einem nicht abwenden konnte, auf dem die Augen
+hinreißend waren in ihrem Suchen nach — nach dem Einzigen. »Es wurde
+für mich allein aufgenommen. Gleich nach dem Umschlag. Er sagte, daß
+nur ich allein dieses Bild verstehen könne, ich, die dabei war — im
+Kampf.«</p>
+
+<p>»Waren es schwere Zeiten?« Sie fragte erregt, mit eifersüchtigem
+Interesse für eine Zeit seines Lebens, wo sie außerhalb stand.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_162">[S. 162]</span></p>
+
+<p>»Es ist immer schwer, wenn die Wahrheit in einem Menschen siegen soll.
+Sie muß erkauft werden, wissen Sie.«</p>
+
+<p>Alette stockte, als ob sie denke, die andere könne das ja doch nicht
+verstehen.</p>
+
+<p>Das Schweigen wurde so drückend, daß ihm ein Ende gemacht werden mußte.</p>
+
+<p>»Es gibt so vieles, was ich von Ihnen hören, von Ihnen lernen möchte,«
+sagte die Schwägerin und ergriff Alettes Hand. »Darf ich ab und zu
+kommen und Sie fragen?«</p>
+
+<p>»Jawohl, — so oft Sie wollen.« Aber es lag keine Begeisterung in dem
+Ton, und es konnte ja auch keine da sein.</p>
+
+<p>Als das dänische Fräulein heimkam, lag ein Brief von Erik da. Wenn nur
+wenigstens Erik zufrieden war! Aber das konnte man ja nicht erwarten.
+Nein, er war wütend.</p>
+
+<p>»Du hättest nichts Schlimmeres tun können, als mir einen der
+geistlichen Nachtraben als Schwager auf den Hals zu hetzen. Du bist
+hunderttausendmal zu gut für so einen.«</p>
+
+<p>Na, Erik verstand es ja gut. Mit einem Seufzer legte sie den Brief weg.
+Um keinen Preis durfte Halfdan ihn zu Gesicht bekommen. Aber<span class="pagenum" id="Seite_163">[S. 163]</span> es wäre
+vielleicht ganz angenehm, wenn Alette ihn lesen würde.</p>
+
+<p>Wie eine Oase in der Wüste war allein der Glückwunsch des Konsuls
+gewesen. Er hatte sie auf die Stirne geküßt und gesagt: »Gott segne
+dich, mein Kind! Du bekommst einen guten Mann — einen guten Mann.
+Werde ihm nun auch eine gute Frau.«</p>
+
+<p>Eine gute Frau! Das klang so gleichgültig, so einfach. — Eigentlich
+sehr wenig begehrenswert, würde sie früher gefunden haben — und doch
+so schwindelnd hoch über ihr, kam es ihr nun vor.</p>
+
+<p>Und sie konnte sich nicht ganz darüber beruhigen, ob ihm das nicht auch
+selbst klar würde, ob er nicht zu der Einsicht käme, daß die andern
+recht hätten? Nein, nicht die andern an und für sich, aber zu der
+Einsicht, daß <span class="antiqua">vox populi</span> doch hier <span class="antiqua">vox dei</span> sei?</p>
+
+<p>Ach, die Angst jener ersten Nacht, die von Zeit zu Zeit wiederkehrte,
+besonders am Sonntag!</p>
+
+<p>»Es muß herrlich für Sie sein, wenn Sie ihn jetzt predigen hören,«
+sagten die Leute zu ihr.</p>
+
+<p>Herrlich — ja. Wer konnte wie sie dem hinreißenden Flug seiner Worte
+folgen? Und doch<span class="pagenum" id="Seite_164">[S. 164]</span> saß sie in seiner Kirche in Todesangst und mit
+Zittern vor dem, was kommen würde. So oft er vor dem Altar stand, wenn
+sie seinen Kopf zurückgebeugt sah und wußte, mit welchem Blick die
+Augen aufgehoben waren — da war die Angst am größten.</p>
+
+<p>Nun verstand sie, was der Stich im Herzen gleich beim erstenmal gewesen
+war: Schmerz, wirklicher, eifersüchtiger Schmerz über die Macht, die
+die stärkste in seinem Leben war. Es war ihr immer, als wolle diese
+Macht ihn verlangen, allein und ungeteilt. Das flammende Wort aus dem
+Alten Testament: »Ich bin ein eifriger Gott« traf sie wie ein Stachel.
+Es war ihr, als würde sich Halfdan am Altar umwenden und sie verwerfen
+...</p>
+
+<p>Ja, es war ihr, als ob Alette darauf warte, vielleicht darum bete —
+bei jedem Kirchgang.</p>
+
+<p>Und viel sicherer war sie eigentlich auch nicht, so oft sie ihn mit
+andern zusammen sah. Da war er in seinem Wesen beinahe gerade wie
+früher gegen sie, zurückhaltend und manchmal mißbilligend. Es fiel ihm
+nie ein, ihr auch nur die Hand zu küssen, wenn es jemand sah. Nun, das
+war ja begreiflich, natürlich. Aber er sah sie auch<span class="pagenum" id="Seite_165">[S. 165]</span> kaum an. Besonders
+nicht, wenn Alette anwesend war.</p>
+
+<p>Auch war sie bei weitem nicht so mit den Ereignissen seines Lebens
+verwachsen wie die Schwester. Es war ja begreiflich, daß er fand, es
+sei zu umständlich, ihr all die Leute aufzuzählen, die getauft oder
+getraut oder begraben werden sollten; auch daß er nicht jedesmal kommen
+und sie abholen konnte, so oft er zu einem Kranken mußte, obwohl sie
+ihn darum gebeten hatte.</p>
+
+<p>Aber dadurch hatte die Schwester immer viel mehr Gemeinsames mit ihm.
+Und das Gefühl, außerhalb zu stehen, war ihr sehr peinlich.</p>
+
+<p>Dann gab es noch etwas, was sie beunruhigte, und zwar beinahe am
+meisten von allem. Sie bemerkte nämlich nicht den geringsten Versuch
+von seiner Seite, sie zu ändern, sie zu bekehren.</p>
+
+<p>Wenn er sie sich wirklich als seine Lebensgefährtin, als seine
+Pfarrfrau dachte, würde er dann nicht ganz unwillkürlich und sobald
+als möglich versuchen, auf sie einzuwirken, damit sie mit ihm eins
+werde in seiner Lebensanschauung? — Und wenn er das unterließ, war es
+nicht darum, weil sich bei ihm selbst ein unbewußter<span class="pagenum" id="Seite_166">[S. 166]</span> Zweifel an der
+Dauerhaftigkeit des Verhältnisses fand?</p>
+
+<p>Doch gab es auch Stunden, wo alle Angst und Unsicherheit verschwanden,
+wie krankhafte Träume vor dem lichten Tag, — die Stunden, wo die
+Feuerwoge sie erfaßte, wo seine Arme, um sie geschlungen, sie in
+die einzige Welt einschlossen, die es für sie gab, — eine weitere,
+größere, unendlichere, je näher, je inniger er sie an sein Herz zog. Da
+lebte sie, da atmete sie. Aber sie mußte wieder hinaus, — hinaus, wo
+die kalte Angst saß und auf sie lauerte.</p>
+
+<p>»Halfdan,« sagte sie eines Vormittags, »da ist etwas, das du mir so
+schnell wie möglich sagen mußt. Wie möchtest du mich haben? Ich kann
+doch noch bei weitem nicht nach deinem Geschmack sein?«</p>
+
+<p>Sie drückte die gefalteten Hände auf sein Herz.</p>
+
+<p>»Das Weib, so wie es deiner Ansicht nach sein soll, will ich werden.
+Sag mir, wie du mich haben möchtest!«</p>
+
+<p>Er faßte sie unter das Kinn.</p>
+
+<p>»Meinst du, das gehe so: ›Er sprach — und es geschah.‹«</p>
+
+<p>»Versuche es. Soll ich mein Haar glatt scheiteln?<span class="pagenum" id="Seite_167">[S. 167]</span> Ich sehe dann
+gräßlich aus. Soll ich meine Nägel ganz kurz abschneiden? Soll ich mich
+anders kleiden?«</p>
+
+<p>Er begann, ihr das Haar glatt zu streichen. »Laß mich einmal sehen,«
+sagte er.</p>
+
+<p>Sie verbarg ihr Gesicht. »Nein, nein!« rief sie. »Du gibst mich in
+demselben Augenblick auf!«</p>
+
+<p>»Möchtest du das vielleicht erreichen?«</p>
+
+<p>»Ich möchte erreichen, daß ich die vollkommenste Gattin würde, die du
+finden kannst.«</p>
+
+<p>Er schüttelte den Kopf. »Meinst du, das werde auf diese Weise erreicht?
+— Die Verwandlung eines Menschen! Die innerlichste, die freieste
+Sache, die es gibt! Von außen her — und auf Kommando?«</p>
+
+<p>»Jedenfalls glaubte ich, man müsse einem Menschen das Christentum bis
+an den Fingerspitzen anmerken können. Das hast du selbst einmal gesagt.«</p>
+
+<p>»Ja, gewiß, gewiß! Aber es soll jedenfalls nicht da beginnen. — All
+die äußeren Dinge, die du nennst, — ob sie von dem neuen Leben wie
+verwelkte Blätter abgestreift werden, oder ob die braunen Blätter
+hängen bleiben hinter all<span class="pagenum" id="Seite_168">[S. 168]</span> den frischen Trieben, wie an den jungen
+Buchen in deinen Wäldern, — das ist so unbeschreiblich gleichgültig.«</p>
+
+<p>»Aber wenn die äußeren Dinge ein Hindernis für das neue Leben sind,
+und das können sie so leicht sein, dann muß man doch anfangen, sie
+abzustreifen.«</p>
+
+<p>»Ja natürlich. Alles, was im Menschen für den Durchbruch des Lebens ein
+Hindernis ist, alles, was das Wachstum hemmt, und wäre es selbst die
+eigene Hand, das soll ja abgehauen werden, — wären es auch ›Äcker oder
+Gewerbe‹, wäre es — —«</p>
+
+<p>Da trat die Tante ein, und er erhob sich, um zu gehen.</p>
+
+<p>Im Flur küßte er plötzlich ihr Haar. »Ich bitte um Gnade für die
+Locken,« sagte er. »Laß sie so, wie sie sind.«</p>
+
+<p>Ach, die Locken! — Wenn sonst nichts da gewesen wäre, worin Gefahr
+lag! — ›Äcker und Gewerbe‹ ... Ja, das aufzugeben, was man nicht
+hatte, darauf konnte man leicht eingehen. Aber — das dritte, das er
+nicht genannt hatte ... Das Hindernis, das in sein Leben einzuverleiben
+ihm so viel Bedenken gemacht hatte, würde es<span class="pagenum" id="Seite_169">[S. 169]</span> nicht eines Tages — in
+ihrer Gestalt — ihn so bedenklich machen, daß —</p>
+
+<p>Und wenn es die eigene Hand wäre, so müßte sie ja abgehauen werden ...</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Seither waren mehrere Wochen vergangen. Das frohe Weihnachtsfest war
+vorüber, und man hatte schon beinahe den langen Januar hinter sich.</p>
+
+<p>Das dänische Fräulein ging überall hin, wo ihr Verlobter sprach, und
+auch zu allen Versammlungen, denen er nur anwohnte. Sonst aber ging sie
+zu keinen großen Festlichkeiten mehr und auch nicht mehr ins Theater,
+überhaupt nur dahin, wo er auch dabei sein konnte, obgleich er sie
+nicht mit einem Wort in dieser Richtung beeinflußt hatte.</p>
+
+<p>Sie ging auch sehr einfach gekleidet, und in einigen der
+Vormittagsstunden, wo sie sonst gemalt oder Klavier gespielt hatte,
+strickte sie nun grobe, graue Strümpfe für arme Kinder. Und es war
+ihr, als liebe sie alle die kleinen kalten, nicht immer ganz reinen
+Beinchen, die hineingesteckt werden sollten ...</p>
+
+<p>Sie war auch alle Tage draußen in der Küche<span class="pagenum" id="Seite_170">[S. 170]</span> bei Trine — mit glühenden
+Wangen und in einer großen Kattunschürze. Denn eines war sicher, ein
+gutes Essen sollte Halfdan bekommen, wenn er mit ihr verheiratet war;
+so gut, wie er nie gedacht hätte, daß die täglichen Speisen schmecken
+könnten, und daß er dadurch Lust bekäme, noch einmal so viel zu essen
+als jetzt, oder, daß er zum wenigsten von dem, was er verzehrte, so gut
+wie möglich ernährt würde.</p>
+
+<p>»Mach es nur nicht gar zu schlimm,« sagte die Tante. »Ich meine, du
+übertreibest es. ›Lieb mich wenig, lieb mich lange,‹ das ist mein
+Wahlspruch. Man soll niemals verschwenderisch sein, weder mit seinem
+Eifer noch mit seinen Gefühlen, sonst kommt auf einmal ein Rückschlag.«</p>
+
+<p>»Liebe, kluge Tante, das Weltmeer braucht nicht am Wasser zu sparen.«</p>
+
+<p>»Ja, die großen Worte — an sie glaube ich nicht so recht. Da ziehe ich
+den goldenen Mittelweg vor — auch hier.«</p>
+
+<p>»Den goldenen Mittelweg? — Der ist in der Regel das vergoldete Elend.«</p>
+
+<p>»Wer sagt das?«</p>
+
+<p>»Halfdan.«</p>
+
+<p>»Ach, er sagt so viel. Wolltest du dich nach<span class="pagenum" id="Seite_171">[S. 171]</span> allem richten, was er
+sagt, dann — dann hättest du ihn ja nicht einmal nehmen können. Denn
+mehr als irgend ein anderer hat er gegen die Schwachheit der Pfarrer,
+in den Ehestand zu treten, gesprochen.«</p>
+
+<p>»Wenn Halfdan es dennoch tut, dann kommt es daher, daß er jetzt
+klarer in diesem Punkt sieht. Er handelt immer aus seiner innersten
+Überzeugung heraus, und nur aus dieser.«</p>
+
+<p>»Ja, meinethalb mag er gerne! Du mußt es ja am besten wissen! Ich
+glaube aber doch, daß es sich auch etwas anders erklären ließe. Wir
+haben einen guten Liedervers, in dem heißt es:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Auch die großen Heil'gen haben</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Adams Fleisch und Kleider an!«</span><br>
+</p>
+
+<p>Bei diesen Worten der Tante stieg plötzlich ein Gedanke in ihr auf:
+Sollte Halfdan in dem Urteil anderer verloren haben? Sollte er in deren
+Würdigung auf eine niederere Stufe herunter gesunken sein, weil er sich
+an sie gebunden hatte?</p>
+
+<p>Ach das Urteil der Welt! Wie feig, wie falsch! Hatte nicht jedermann
+gesagt, daß er zu streng gegen sich selbst sei, ganz unvernünftig
+asketisch? Und in demselben Augenblick, wo er ein klein<span class="pagenum" id="Seite_172">[S. 172]</span> wenig mehr
+nach ihren Anschauungen handelte, wandten sie sich gegen ihn und
+deuteten dafür mit Fingern auf ihn. Nein — sie war empört!</p>
+
+<p>Aber mochte es so sein! Wie andere ihr und Halfdans Verhältnis
+beurteilten, war ihr unsäglich gleichgültig. Er nur war es, er allein,
+der über dieses und über sie zu urteilen hatte. So klar, so klar wie
+möglich!</p>
+
+<p>»Halfdan!« sagte sie bei einem der wenigen Male, wo er Zeit hatte,
+mit ihr spazieren zu gehen, an einem schönen Wintertag, wo von weißen
+Bäumen auf dem St. Hanshügel Schneesterne auf ihr Haar und ihre kleine
+dunkle Pelzmütze herunterrieselten. »Du fragst mich so wenig nach mir
+selbst aus. Du solltest mich doch ganz kennen lernen!«</p>
+
+<p>»Um die Kenntnis von einem andern, die man durch Ausfragen bekommt,
+gebe ich nicht viel. Ich wende eine andere Art und Weise an.«</p>
+
+<p>»Wenn sie dann nur ebenso sicher ist! Ich möchte gern, daß du dir ganz
+klar wärest —«</p>
+
+<p>»Wie viel Gutes sich hinter dem — häßlichen Äußern verbirgt?«</p>
+
+<p>»Nein, gerade das Gegenteil.«</p>
+
+<p>»Immer kommst du mit deinen Fehlern! Wie<span class="pagenum" id="Seite_173">[S. 173]</span> wäre es, wenn wir zur
+Abwechslung nun einmal die meinigen vornehmen würden? Ich bin hitzig,
+jähzornig, ungeduldig, herrschsüchtig —«</p>
+
+<p>Sie lachte und drückte seinen Arm fester.</p>
+
+<p>»Ach du abscheulicher Mann! Wie schlimm werde ich es bei dir bekommen!
+Deine Fehler, Halfdan! Nein, daß du so dumm sein kannst und sie
+aufzählen! Glaubst du denn, ich hätte an meine Fehler gedacht! Du und
+ich, — könnten wir uns wohl je unsere Fehler vorwerfen? Wir können ja
+gleichsam durch sie hindurchsehen! Und wir haben doch auch den großen
+Mantel, weißt du, um sie alle zu bedecken. Nicht wahr?«</p>
+
+<p>Er legte seine Hand auf die ihrige, die auf seinem Arm lag — mit der
+Bewegung, die sie von jenem Abend her so gut kannte.</p>
+
+<p>»Geliebte,« sagte er. »Mein Herzlieb!«</p>
+
+<p>Kurz nachher fuhr sie fort: »Nein, was ich sagen wollte, war, daß ja —
+ein so großer Unterschied zwischen uns beiden sei. Denn du, Halfdan, du
+bist — ja du stehst in einem Verhältnis zu Gott. Von ihm aus lebst du
+dein ganzes Leben. Du hast dich hingegeben bis auf den Grund der Seele,
+bis in die Fingerspitzen, — einem hingegeben, der für dich in allen<span class="pagenum" id="Seite_174">[S. 174]</span>
+Dingen <em class="gesperrt">will</em>, weil du selbst aus eigenem freiem Willen nur eines
+<em class="gesperrt">willst</em>, ihn, nur ihn in alle Ewigkeit.«</p>
+
+<p>Er blieb unter den schlanken weißen Bäumen stehen.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte er, »so ist es — woher weißt du das?«</p>
+
+<p>»Von meinem Verhältnis zu dir. Aus ihm heraus kann ich das Verhältnis
+zu Gott wohl verstehen. Und besonders verstehen, daß <em class="gesperrt">ich</em>
+gar nicht darin stehe. Ich bete wohl, — das habe ich von Kind auf
+getan! — ich gehe in die Kirche, jetzt könnte ich es gar nicht mehr
+entbehren, dich zu hören, und ich zweifle eigentlich nicht. Ich meine,
+ich lasse mich nicht auf meine eigenen Zweifel ein. Was mein Verstand
+einwendet, mit dem kann ich leicht fertig werden. Denn an einen
+Gott glauben, gegen den er nicht ein klein wenig etwas einzuwenden
+hätte, das könnte ich doch nicht so recht. Er würde so verdächtig
+selbstgeschaffen. — Aber all dies ist einfach nichts, das weißt du
+selbst. Ich — ich <em class="gesperrt">bete</em> nicht <em class="gesperrt">an</em>, ich stehe nur in einem
+einzigen lebendigen Verhältnis, mit meiner ganzen Persönlichkeit, und
+ich will nur eins, dich, dich und nur dich!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_175">[S. 175]</span></p>
+
+<p>Wieder blieb er stehen. »Ich fühle mich beinahe versucht, zu sagen: du
+bist verzweifelt ehrlich.«</p>
+
+<p>»Was meinst du damit?«</p>
+
+<p>»Nichts.«</p>
+
+<p>Sie gingen ein paar Schritte weiter; dann sagte er: »Das muß ich
+doch sagen. Sich klar machen, daß man außerhalb steht, ist die erste
+notwendige Bedingung, um hineinzukommen. Dieser Standpunkt ist also
+nicht der schlimmste.«</p>
+
+<p>»Aber auch lange nicht der beste.«</p>
+
+<p>»Nein — selbstverständlich nicht —«</p>
+
+<p>Im Flur hielt sie ihn einen Augenblick zurück, ehe sie ins Zimmer
+traten.</p>
+
+<p>»Du hast noch etwas vor mir voraus. Aber das muß ich flüstern; es ist
+leichtsinnig.«</p>
+
+<p>»Kann ich's ertragen, es zu hören?«</p>
+
+<p>»Ich weiß nicht recht, wir können es ja versuchen.«</p>
+
+<p>Sie legte ihre Lippen dicht an sein Ohr:</p>
+
+<p>»Halfdan Svarte ist so schön —«</p>
+
+<p>»Ja, das ist sicher. Darin ist er dem dänischen Fräulein weit über.«</p>
+
+<p>»— so schön wie ein römischer Kaiser.«</p>
+
+<p>»Das hat man ihm noch nie gesagt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_176">[S. 176]</span></p>
+
+<p>»Nein, natürlich nicht! Aber etwas hast du vielleicht noch nie gehört,
+nämlich wie die römischen Kaiser sich nennen ließen: »<span class="antiqua">Aeternitas
+tua</span>.« Kannst du so viel lateinisch, daß du verstehst, was es heißt?
+Und so nenne ich meinen eigenen wunderschönen Kaiser von ganzem Herzen:
+<span class="antiqua">Aeternitas tua!</span> Er ist der Bleibende, der Seiende, der Einzige
+für mich — Und ich bin sein — in Zeit und Ewigkeit.«</p>
+
+<p>— Eine Woche später waren der Pfarrer und seine Schwester in kleinem
+Freundeskreis bei Konsuls zu Mittag. Die gnädige Frau hatte ein feines
+Diner bestellt zu Ehren eines durchreisenden dänischen Pfarrers, eines
+Jugendfreundes von ihr, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.</p>
+
+<p>Gegen ihre Gewohnheit war die Nichte zeitig fertig und saß in ihrem
+weißen Gewand mit einem Buch in der Hand da, als Halfdan eintrat.</p>
+
+<p>»Ich dachte an die Sonne,« sagte sie, »und nun scheint sie. Halfdan,
+warum dichtest du nicht mehr? Ich liebe deine Verse!«</p>
+
+<p>»Sagst du nicht einmal guten Tag?«</p>
+
+<p>Sie sprang auf. »Ich grüße dich, mein Liebster! Guten Morgen! — Nun,
+warum dichtest du nicht mehr? Hast du keine Zeit dazu?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_177">[S. 177]</span></p>
+
+<p>»Doch. Aber die Persönlichkeit kann man nur in <em class="gesperrt">einem</em> haben.«</p>
+
+<p>»Aber andere Pfarrer tun es doch auch!«</p>
+
+<p>»Mag wohl sein. Ich aber muß mich auf eines konzentrieren, mich nicht
+zerstreuen, nicht etwas Unwirkliches hineinmischen. Meine Predigt soll
+keine Dichtung sein. Davon haben wir genug in der Kirche, auch von
+denen, die keine Dichter sind!«</p>
+
+<p>»Wenn du das Dichten aufgegeben hast, als du dich bekehrtest, dann ist
+dich dein Christentum wirklich teuer gekommen.«</p>
+
+<p>»Ja, — das Christentum, das einen nichts kostet, ist in der Regel eben
+so viel wert, wie — der Einsatz.«</p>
+
+<p>»Aber, Halfdan, es kommt mir vor, als habest du nicht einmal das Recht
+dazu; ein Talent hat man bekommen, um es zu benützen.«</p>
+
+<p>»Bisweilen auch, um es zu hemmen. Wenn es nämlich das hemmt, was mehr
+wert ist.«</p>
+
+<p>»Nein, dann wäre es sinnlos, daß man es bekommen hätte. Es soll doch
+Zinsen tragen, das weiß ich.«</p>
+
+<p>»Wenn ein Talent, von einer Überzeugung gehemmt, den ethischen Wert
+eines Menschen<span class="pagenum" id="Seite_178">[S. 178]</span> erhöhte, dann hätte es sich verzinst, am reichsten, am
+tiefsten. Die beste Frucht ist immer <em class="gesperrt">Persönlichkeit</em>.«</p>
+
+<p>»Halfdan, nun bist du zum Verzweifeln! Soll man denn allen seinen
+Talenten und Neigungen entgegentreten? Das ist schließlich nicht
+auszuhalten.«</p>
+
+<p>»Wie kannst du so töricht fragen? Mit oder gegen seine Neigung, das ist
+ganz gleichgültig; aber der Forderung, der persönlichen Forderung der
+Wahrheit an jeden Menschen, der muß gehorcht werden, was es auch kosten
+mag. Deshalb dichte ich jetzt nicht mehr. Aber ich tue es vielleicht
+später wieder. In solchen Dingen kann niemand einem raten oder einen
+beurteilen. Nicht einmal das dänische Fräulein, das so sehr klug ist.«</p>
+
+<p>Allmählich kamen auch die anderen Gäste, und man ging zu Tisch.</p>
+
+<p>Während der Mahlzeit herrschte eine sehr lebhafte und fröhliche
+Stimmung.</p>
+
+<p>Als die Herren nach dem Essen eine Zigarre rauchten, verließ die Nichte
+die andern Damen und zog sich ins Kabinett zurück, das doch etwas näher
+beim Rauchzimmer war.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_179">[S. 179]</span></p>
+
+<p>Während sie da saß, ergriff sie ein ganz überwältigendes Gefühl.
+Lieber Gott im Himmel! Wie liebte sie Halfdan, der so stark war, so
+unerschütterlich treu seiner Überzeugung, so schonungslos auf der
+Wacht vor allen Schlupfwinkeln in seiner Seele, wo sich eine irdische
+Schwachheit festsetzen und ihn in ihre Fäden einspinnen könnte!</p>
+
+<p>So ganz überwältigend stieg dies Gefühl in ihr auf, daß sie den Kopf
+auf die Marmorplatte vor sich sinken ließ ...</p>
+
+<p>Dann war auf einmal jemand da, der seine heißen Lippen auf ihren Nacken
+drückte.</p>
+
+<p>»Ich mußte dich einen Augenblick haben. Ich mußte! Und mir war es, als
+seiest du hier.«</p>
+
+<p>Er saß neben ihr und legte den Arm um sie.</p>
+
+<p>»Halfdan, es ist nicht zu ertragen, daß es Tage, Stunden — Sekunden
+geben soll, wo ich dich nicht sehe, dich nicht höre, nicht mit dir lebe
+...«</p>
+
+<p>»Ich glaube auch, daß ich dich jetzt nicht mehr loslasse.«</p>
+
+<p>»Nein, — könntest du das? Du könntest es nicht über dich gewinnen. Die
+Welt geht jedesmal unter. Denk ein wenig daran!«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_180">[S. 180]</span></p>
+
+<p>Näher, inniger zog er sie an sich.</p>
+
+<p>»Ist die Welt jetzt?«</p>
+
+<p>»Ja — o ja! Das Leben ist. Und ich bin!«</p>
+
+<p>»Ja du bist — du bist! Das ist das Lebenswunder. Weißt du übrigens —
+ich kann es beinahe nicht aushalten, dich in Weiß zu sehen!«</p>
+
+<p>»Und ich hatte gerade gedacht, ich sei so hübsch in Weiß.«</p>
+
+<p>»Das ist es nicht. Eher — eher zu hübsch! Aber wenn ich dich in diesem
+Gewand sehe, dann ist es mir, als sei der Augenblick gekommen, wo du
+das weiße Brautkleid trägst und wo du mein bist, mein ganz und gar.«</p>
+
+<p>»Das bin ich in allen meinen Kleidern.«</p>
+
+<p>»Ja. Aber — —«</p>
+
+<p>»Halfdan, verstehst du denn nicht, daß — daß ich nicht noch mehr dein
+eigen werden kann, als ich es schon bin? Das ist unmöglich.«</p>
+
+<p>»Kannst du es wirklich nicht?«</p>
+
+<p>»Nein, bist du denn nicht so klug, daß du ein klein wenig davon
+verstehst, wie ich dich liebe? — Nein, die Männer begreifen ja nie
+etwas. Nun werde ich es dir ein für allemal sagen, aber es ist ein
+großes Geheimnis: Ich bin — ich bin nur Liebe zu dir. Verstehst du<span class="pagenum" id="Seite_181">[S. 181]</span>
+nun, daß ich nicht noch mehr werden kann? Das ist mehr als Braut, ist
+mehr als Gattin. Sie sagen oft so jämmerlich wenig, diese Namen. Aber,
+wenn du immer noch mehr ausfindig machen kannst — und ich also noch
+mehr als — als meine Liebe geben kann, — und <em class="gesperrt">dir</em> geben kann,
+dann machst du mich nur noch glücklicher und immer glücklicher. So,
+dies sollst du nun studieren, Tag und Nacht, dein ganzes Leben lang,
+hörst du?«</p>
+
+<p>»Ach, du dänisches Fräulein!«</p>
+
+<p>»Und, Halfdan — ach, ich habe dir noch mehr zu sagen!«</p>
+
+<p>»Nein, nein — nein! Jetzt nicht sprechen! Nur zusammen schweigen.
+Zusammen sein, die kurzen, kurzen Augenblicke, die wir haben. Steht
+nicht irgendwo: ›Er schloß ihr die Augen, er schloß ihr den Mund!‹
+Nun schließe ich, nun schließe ich deinen Mund, den süßen, unruhigen
+reizenden Mund. Dann siehst du nicht, dann sprichst du nicht, — bist
+nur bei mir, du, mein Lieb, mein Herz!«</p>
+
+<p>Vom Herrenzimmer her näherten sich Schritte.</p>
+
+<p>Sie standen beide auf. »Daß andere auch noch das Recht haben, da zu
+sein!« sagte sie.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_182">[S. 182]</span></p>
+
+<p>Er lachte und küßte ihr die Hände.</p>
+
+<p>Als die beiden mit den andern in den Salon traten, fragte die Konsulin
+eben nach einem Missionar in Indien, dessen Frau Alettes Freundin war.</p>
+
+<p>»Ich glaube,« antwortete diese, »daß er sich von dort wegmeldet.«</p>
+
+<p>»Wirklich! Und es hieß doch, daß seine Predigt so viele gewonnen habe.«</p>
+
+<p>»Aber Laura kann das Klima nicht ertragen.«</p>
+
+<p>»Ach so — ja dann ...«</p>
+
+<p>»Ihre Gesundheit ist vom Fieber vollständig untergraben. Sie kann also
+dort nicht weiterleben.«</p>
+
+<p>»Was kann sie nicht?« rief plötzlich die Nichte leidenschaftlich.</p>
+
+<p>»In dem Klima dort leben, du hörst es ja, Kind.«</p>
+
+<p>»Dann muß sie eben dort sterben.«</p>
+
+<p>Der dänische Pfarrer nickte seinem norwegischen Amtsbruder lächelnd zu.
+»Sie bekommen eine Gattin, die kein Hindernis für Sie sein wird. Das
+merkt man.«</p>
+
+<p>»Nein,« lautete die Antwort ruhig. »Sonst könnte ich sie auch nicht
+gebrauchen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_183">[S. 183]</span></p>
+
+<p>Sie sah ihn strahlend an. Aber er erwiderte ihren Blick nicht.</p>
+
+<p>»Es ist sehr keck von dir, so etwas zu sagen,« sagte die Tante
+mißbilligend. »Der Mann hat doch nicht gelobt, seine Frau umzubringen.
+Deshalb denken wir andern, er tue seine Pflicht, wenn er mit ihr
+zurückkehrt.«</p>
+
+<p>»Mag er es tun! Aber dann soll er allein wieder hinaus und Mission
+treiben.«</p>
+
+<p>»Was würde dann aus dem Familienleben?«</p>
+
+<p>»Das muß er opfern, natürlich, wenn es mit seinem Beruf in Streit
+gerät.«</p>
+
+<p>»Nein, entschuldigen Sie,« fiel nun der dänische Pfarrer ein, »ich
+stelle mich da wirklich auf die Seite Ihrer Tante. Der Mann hat vor dem
+Altar gelobt, bei seiner Frau zu stehen in guten und bösen Tagen. Ich
+glaube kaum, daß es vor Gott recht wäre, wenn er sie verließe.«</p>
+
+<p>»Ich glaubte doch, ein Christ müsse alles verlassen um des Herrn
+willen. Dieser Mann steht auf, verläßt die Arbeit für das Reich Gottes
+und folgt seiner Frau. Und in der Bibel steht doch auf jedem Blatt, daß
+›sie alles verließen und ihm nachfolgten‹.«</p>
+
+<p>»Allerdings, das steht da — mehrere Male.<span class="pagenum" id="Seite_184">[S. 184]</span> Und das muß auch getan
+werden, wenn es verlangt wird. Aber das sind nur besondere Fälle,
+Ausnahmen. Die Zeitgenossen des Herrn konnten sich nicht täuschen,
+daß dies Verlangen an sie gestellt wurde, und daß sie es buchstäblich
+zu nehmen hatten. Wir andern aber müssen ganz besonders vorsichtig in
+diesem Punkt sein. Denn in der Regel besteht das Verlangen des Herrn
+nur darin, daß man allem, was man hat, um seinetwillen absagen soll.
+Und dies heißt nicht »verlassen«. So fassen es nur die Katholiken auf.
+Daher kommt alle ihre mißverstandene, krankhafte Askese. Wir andern
+verstehen, daß wir nur in Entsagung besitzen sollen. Nicht, — ja nicht
+irgend etwas, das wir haben, über den Herrn und sein Reich stellen,
+nicht etwas höher achten, weder Reichtum, Heimat, Gattin, noch das
+Leben, — ein Christ soll dies alles nicht verlassen, nicht wegwerfen,
+sondern es nur besitzen — in Entsagung.«</p>
+
+<p>Gerührt nickte die Konsulin ihrem Jugendfreund zu. »Danke, lieber Berg.
+Das war so recht klar ausgelegt.«</p>
+
+<p>Alle anderen schienen diese laue Erklärung zu billigen. Aber dazu war
+das dänische Fräulein<span class="pagenum" id="Seite_185">[S. 185]</span> zu ehrlich. Und sie wußte einen, der es auch
+nicht tat, der seinem älteren Kollegen nur nicht widersprechen wollte.
+Aber er sollte hören, daß sie ihn verstand.</p>
+
+<p>»Ja, auf diese Weise ist es allerdings ganz bequem, ein Christ zu
+sein,« sagte sie. »Aber dann verstehe ich nicht, warum überall in der
+Bibel die großen Anforderungen gestellt werden, wenn man sich nur davor
+hüten soll, sie zu erfüllen. Wenn sie so erleichtert und umerklärt
+werden können, muß man zuerst ehrlich sein und sie lieber ganz
+streichen. Denn in der Praxis kann ich keine Spur von Unterschied darin
+sehen, ob man in Entsagung besitzt oder gar nicht.«</p>
+
+<p>»Das muß man fühlen,« sagte der dänische Pfarrer. »Und ich hoffe, Sie
+werden dahin gelangen. Das Christentum ist der Glaube im Geist, und
+nicht im Buchstaben. Man muß suchen, dies verstehen zu lernen.«</p>
+
+<p>Die Frau Konsul schlug nun vor, etwas zu musizieren, um einen passenden
+Abschluß der Diskussion, bei der die Beteiligung der Nichte durchaus
+nicht ihren Beifall hatte, herbeizuführen.</p>
+
+<p>Und bald war die Dissonanz auch in Spiel und Gesang aufgelöst.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_186">[S. 186]</span></p>
+
+<p>Als die Gesellschaft aufbrach, hatte Halfdan ein Buch im Kabinett
+liegen lassen und ging hinein, um es zu holen.</p>
+
+<p>Sie lief ihm nach, sie mußte einen verständnisinnigen Blick, einen
+Händedruck haben.</p>
+
+<p>Er aber wandte ihr fremde und kalte Augen zu.</p>
+
+<p>»Ein für allemal, sprich bei solchen Dingen nicht mit, bis du sie
+besser verstehst. Du zeigst damit nur, daß du unendlich weit außerhalb
+stehst; daß du gar keinen Begriff von geistlicher Auffassung hast!«</p>
+
+<p>Da fuhr sie auf. »Bedeutet geistlich sein so viel als allen Bibelworten
+ihren Stachel nehmen, sie beschneiden, beschnipfeln, sie überzuckern,
+damit man sie ohne Mühe verschlucken kann? — Dann ist das geistliche
+Christentum die reine Jämmerlichkeit! Und das kannst du doch unmöglich
+meinen, du, der alles opfert, was es auch sei.«</p>
+
+<p>»Ja, aber du nimmst es so unverständig, weil du so ganz außerhalb bist
+und bleibst. Und vorläufig sollst du Christentum nur lernen, nicht es
+lehren.«</p>
+
+<p>Ihr dunkler Kopf richtete sich stolz vor ihm auf.</p>
+
+<p>»Was ich sagen oder nicht sagen soll, das lasse ich mir niemals
+vorschreiben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_187">[S. 187]</span></p>
+
+<p>Er ging nach der Tür, ohne noch ein Wort zu sagen. Und da fühlte sie
+sich nur noch von einem Gefühl der Angst beherrscht.</p>
+
+<p>»Halfdan — nein, geh nicht so von mir! Ich verstehe es ja nicht wie
+du. Sag mir nur, wie ich sprechen soll!«</p>
+
+<p>Er blieb stehen und sah sie einen Augenblick an. Dann zog er ihren Kopf
+an sich und drückte seine Lippen fest auf die ihrigen.</p>
+
+<p>»So,« sagte er.</p>
+
+<p>»Ach, Halfdan, wenn ich auf diese Weise schweigen darf, dann möchte ich
+am liebsten nie wieder ein Wort sagen!«</p>
+
+<p>Er sah sie an und küßte sie noch einmal.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Februar und März vergingen. Und die Pläne für die Zukunft begannen
+festere Formen anzunehmen.</p>
+
+<p>Der Plan war, daß sie im Anfang Mai nach Dänemark reisen solle, um ihre
+Aussteuer zu besorgen, und daß die Hochzeit dann im Lauf des Sommers
+stattfinden würde.</p>
+
+<p>Glücklicherweise war Alette so gestellt, daß sie sich, wie die Tante
+sagte, »ein kleines sorgenfreies Heim« einrichten konnte, und die
+Nichte hatte<span class="pagenum" id="Seite_188">[S. 188]</span> von ihren Eltern auch soviel geerbt, daß das Brautpaar
+mit der Hochzeit nicht zu warten brauchte, bis der Pfarrer ein größeres
+Einkommen hatte.</p>
+
+<p>»Weißt du, ob Halfdan sich um etwas gemeldet hat?« fragte die Tante im
+Frühjahr eines Morgens die Nichte.</p>
+
+<p>»Ich glaube nicht. Er sagte neulich, es wäre vielleicht gut, wenn wir
+ganz von Christiania wegkämen. Aber er sagte nichts davon, daß er sich
+irgendwohin melden wolle. Warum fragst du?«</p>
+
+<p>»Ach, weil Bödkers Bruder, der im Konsistorium ist, bei Hallager war
+und sagte, — aber es muß ja ein Irrtum sein —«</p>
+
+<p>»Was denn?«</p>
+
+<p>»Daß Halfdan sich um eine der schrecklichsten, ödesten und nördlichsten
+Pfarreien beworben habe. Aber das ist ja unmöglich. Denn dorthin könnte
+er dich doch nicht mitnehmen! Ebensogut könnte er dir den Nordpol
+anbieten.«</p>
+
+<p>Mit einem plötzlichen Angstgefühl legte die Nichte die Hand aufs Herz,
+sagte aber nur:</p>
+
+<p>»Und wenn er sich um eine Pfarrei auf dem Monde bewerben würde, für
+mich könnte es keinen Unterschied machen.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_189">[S. 189]</span></p>
+
+<p>»Ja, das wäre auch besser, denn diese bekäme er doch nicht. — Aber es
+muß ein Gerede von Bödker sein. Es ist ja unmöglich. — Das wäre die
+mißverstandene Askese, gegen die Pastor Berg neulich so klar sprach.«</p>
+
+<p>— Den ganzen Tag hindurch stand nur ein Bild vor ihrer Seele. Ein
+Bild, von dem sie, wie es ihr vorkam, einmal geträumt haben mußte, und
+das nun so deutlich vor ihr stand, daß es war, als sehe sie es mit
+ihren leiblichen Augen — das Bild, das einen zeigte, der hinaufstieg,
+hinauf, hinauf, bis ihn das strahlende Licht in der Höhe aufnahm. Und
+unten stand ein anderer, der sich die Hände an den Felsen blutig riß,
+ohne mitkommen zu können ....</p>
+
+<p>Sie war sogleich überzeugt, daß die Nachricht der Wahrheit entsprach.
+Und sie verstand seinen Gedanken vollständig: er brach auf, — er brach
+auf. Auf diese Weise wurde der Schlag vorbereitet, den ihre geheime
+Angst erwartet hatte, gleichsam von der ersten Stunde an.</p>
+
+<p>Von droben aus der Höhe, der strengen, weißen, einsamen Höhe, hatte er
+den Ruf vernommen — der nach »oben« zog — »unerbittlich«. — Und er
+verließ alles, stand auf und folgte ihm.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_190">[S. 190]</span></p>
+
+<p>Er schob sie weg, ohne Klage, ohne eine Einwendung, stieg dem starken,
+klaren, leuchtenden Tag entgegen, ohne sich auch nur ein einziges Mal
+nach dem umzuwenden, was dahinten blieb.</p>
+
+<p>Nun fiel es, das Damoklesschwert, das sie über ihrem Kopf hängen
+gefühlt hatte.</p>
+
+<p>Und hinter aller Angst, allem Schmerz war es doch wie wunderbare,
+schmerzliche Freude.</p>
+
+<p>Denn das, was ihn so ganz gefangen nahm, sogar weg von ihr zog, es war
+doch das, was sie am meisten an ihm liebte!</p>
+
+<p>— Der Pfarrer kam an dem Abend zu Besuch und war kaum ins
+Zimmer getreten, als die Tante ihm entgegenrief: »Hier sind die
+abenteuerlichsten Gerüchte über dich im Umlauf, Halfdan! Daß du
+wahnsinnig geworden seiest und dich um Finn-Li beworben habest.«</p>
+
+<p>»Ich glaube beinahe, das Gerücht hat recht; ich bin nämlich wirklich so
+wahnsinnig.«</p>
+
+<p>»Nein, hör mal, das ist zu arg! Es ist vollständig unvernünftig! Du,
+mit deiner Tüchtigkeit und Begabung, zu diesen einsamen Bauern hinauf!«</p>
+
+<p>»Sollen diese denn nur untüchtige Leute haben?«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_191">[S. 191]</span></p>
+
+<p>»Und das kannst du ihr ja ganz und gar nicht bieten! Ich hoffe, du
+bekommst die Stelle nicht.«</p>
+
+<p>»Dazu ist wohl keine Gefahr.«</p>
+
+<p>»Nun, dann hoffe ich wirklich, daß sie dich aufgibt, hätte ich beinahe
+gesagt.«</p>
+
+<p>Da wurde die Tante einen Augenblick hinausgerufen.</p>
+
+<p>Als die beiden allein waren, trat er zu ihr:</p>
+
+<p>»Fragst du gar nicht?«</p>
+
+<p>»Ich bin entschlossen, dir zu folgen — und nicht, dich zu fragen,«
+sagte sie mit einiger Anstrengung.</p>
+
+<p>»Aber ich möchte doch so gern antworten. Ach, wie kalt deine Hände
+sind! Ist das Herz so warm?«</p>
+
+<p>Sie fragte leise: »Ist es — um der einsamen Seelen willen?«</p>
+
+<p>»Vielleicht. Obgleich — Seelen gibt es an jedem Ort. Und einsam sind
+sie alle. Nein — das ist es nicht gerade.«</p>
+
+<p>Die Konsulin trat wieder ein.</p>
+
+<p>»Mein Mann sagt wie ich, daß wir dich davon abbringen müßten. Es gibt
+Stellen genug hier im Tiefland.«</p>
+
+<p>»Ja, und das ist recht gut für die, die das<span class="pagenum" id="Seite_192">[S. 192]</span> Hochland nicht ertragen
+können. Aber es gibt andere, die das Tiefland hinter sich lassen
+müssen, die hinauf müssen — ganz hinauf — bis zur höchsten Spitze.«</p>
+
+<p>»Ja, das heißt man allerdings eine Sache auf die Spitze treiben, da
+hast du ganz recht.«</p>
+
+<p>»Halfdan,« sagte die Nichte plötzlich laut. »Du willst
+<em class="gesperrt">Hochlandspfarrer</em> werden, und da tust du recht daran. Dazu paßst
+du gerade. Du darfst dich nicht aufhalten lassen. Du darfst dich im
+Tiefland nicht fesseln lassen!«</p>
+
+<p>Er streichelte ihr die Hand. »Es ist zwar nicht so ganz das, was wir
+unter Hochland da droben verstehen,« sagte er. »Aber dies ist ein
+schöner Titel.«</p>
+
+<p>»Meinst du?« sagte die Konsulin. »Da weiß ich aber doch, daß
+geschrieben stehet: Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet
+euch herunter zu den niedrigen.«</p>
+
+<p>»Wenn Paulus es so gemeint hätte wie du — dann hätte er nicht selbst
+darnach gelebt. Und wir haben noch einen Größeren als ihn, der uns den
+Weg nach oben gezeigt hat. Einer, der predigte und betete, der kämpfte
+und am Kreuz starb. Einer, der uns gelehrt hat, daß man auf<span class="pagenum" id="Seite_193">[S. 193]</span> der Höhe
+leben soll. Von da geht man ein — zur Vollendung des Lebens.«</p>
+
+<p>»Das ist alles ganz wahr. Aber die Nachfolge kann man nicht
+<em class="gesperrt">buchstäblich</em> nehmen — das hast du selbst gesagt.«</p>
+
+<p>»Es schadet nichts, wenn es einer doch einmal buchstäblich nimmt.«</p>
+
+<p>»Ja, aber davon kann nun doch hier keine Rede sein. Sag doch etwas,
+Kind! Diese Meldung muß zurückgenommen werden.«</p>
+
+<p>Aber sie sagte nichts — auch nicht, als der Konsul hereinkam und mit
+wirklich treffenden kurzen Worten die Bestrebungen seiner Frau, diesen
+Beschluß zu ändern, unterstützte.</p>
+
+<p>Nach dem Abendbrot setzte sich der Pfarrer an den Flügel im Saal, um
+einige Kirchenlieder zu singen, die seine Braut gerne hören wollte.</p>
+
+<p>Sie saß hinter ihm, auf einem niederen, mit Atlas bezogenen Sofa, in
+der Dunkelheit, die die beiden Lichter auf dem Instrument nicht zu
+erhellen vermochten, und lauschte auf die glockenreine, schöne Stimme,
+ohne ein Wort von dem Gesang aufzufassen.</p>
+
+<p>Kurz nachher saß er auf dem Sofa neben ihr. »Weißt du, warum?« fragte
+er.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_194">[S. 194]</span></p>
+
+<p>Sie dachte die ganze Zeit an nichts als an die Stelle da oben hoch im
+Norden, um die er sich gemeldet hatte. Nun kam die Erklärung.</p>
+
+<p>»Ich will es dir sagen. Aber es ist ein Geheimnis. Heute bin ich der,
+der flüstern muß.«</p>
+
+<p>Er schlang die Arme um ihren Hals und legte seine Lippen dicht an ihr
+Ohr: »Es gibt eine, die ich ganz für mich allein haben muß. Ganz, ganz
+allein. — Deshalb, glaube ich, habe ich es getan.«</p>
+
+<p>Sie rührte sich nicht, verstand es noch nicht recht.</p>
+
+<p>»Ich muß alle andern, die ganze Welt weg haben. Ich muß einen Ort
+finden, fern, einsam, verborgen, — wie der, wo der Steinadler seinen
+Horst hat. Dort das Hochzeitshaus aufrichten! Und dich auf meinen Armen
+hinauftragen! Zu mir hinauf, zu mir allein!«</p>
+
+<p>Sie tat einen tiefen Atemzug — einen erlösenden.</p>
+
+<p>»Und ich glaubte — ich dachte —«</p>
+
+<p>»Was dachtest du?«</p>
+
+<p>»Daß du — daß du von mir fort wolltest.«</p>
+
+<p>Er lachte und drückte ihr lockiges Haupt inniger an sich.</p>
+
+<p>»Ja, du bist ein Kind! Ein törichtes, törichtes<span class="pagenum" id="Seite_195">[S. 195]</span> Kind, das nicht das
+Geringste von allem versteht. Du weißt gar nicht, wie du alles, was
+sich in mir regt, gefesselt hast. Wie abhängig ich von dir bin, um zu
+leben. Wie du Lebensbedingung für mich bist. Du bist das Licht meiner
+Augen! der Schlag meines Herzens! mein Atemzug selbst ... das, was man
+sich nicht entreißen läßt. Das, wofür man bis aufs Blut kämpft. — Denn
+ohne das kann man nicht leben.«</p>
+
+<p>»Ach Halfdan, sag es noch einmal! Sag es noch einmal!«</p>
+
+<p>»Mein Leben — mein Leben! Hast du es jetzt gehört? Verstehst du es
+jetzt? Weißt du nun, daß ich alles auf die Seite geschoben haben muß,
+abgeschnitten, weil ich dich so ungeteilt haben will, so endlos,
+daß niemand anders auch nur einen Schimmer von dir haben darf!
+Begreifst du, daß ich hoch, hoch hinauf muß, bis zu dem fernsten,
+wolkenverhüllten Gipfel, wo kein spähendes Auge uns sieht — um mein
+Lieb heimzuführen? — Da hinauf, wo nur du für mich lebst, wo nur du
+da bist, lebenswarm mit klopfendem Herzen, — für meine Liebe und für
+mich! Wo wir zusammen hinausgleiten können in die große, schwindelnde
+Tiefe. Nichts wissen,<span class="pagenum" id="Seite_196">[S. 196]</span> nichts erinnern, nichts fühlen, als nur einander
+angehören, — einander angehören!«</p>
+
+<p>Sie schlug die Hände vors Gesicht.</p>
+
+<p>»Halfdan, dann muß ich sterben.«</p>
+
+<p>»Gewiß nicht. Dann sollst du leben.«</p>
+
+<p>»Ja, o ja ... Aber begreifst du nicht, daß gleichsam eine Todesangst in
+dieser grenzenlosen Hingabe liegt? Halfdan, die Freude, mit dir allein
+zu sein, für dich allein, — sie wird mir das Herz zersprengen! Ich muß
+daran sterben! Aber es wird trotzdem so sein, wie in dem Liede: Und
+hätt ich tausend Leben gleich — um <em class="gesperrt">eins</em> nicht wollt ich bitten!«</p>
+
+<p>Als die beiden wieder ins Wohnzimmer traten, sagte die Tante: »Hast du
+Halfdan nun von dem unsinnigen Einfall abgebracht?«</p>
+
+<p>Mit strahlendem Blick wandte die Nichte sich ihr zu: »Nein, nun
+verstehe ich ihn. Wir sind ganz einig darüber.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte der Pfarrer ruhig, »sie nimmt es wirklich sehr verständig
+auf, Tante, daß es gar keinen Sinn hätte, das aufzugeben, was mir als
+das Richtige vorkommt.«</p>
+
+<p>Als er gegangen war, sagte die Konsulin zu ihrer Nichte: »Wenn du in
+dieser Weise auf alle<span class="pagenum" id="Seite_197">[S. 197]</span> seine verrückten Ideen eingehst, benimmst du
+dich sehr unklug.«</p>
+
+<p>»Ich habe auch gar nicht die Absicht, Halfdan gegenüber klug zu sein,
+ich möchte ihn nur fühlen lassen, daß er auf mich nicht die geringste
+Rücksicht zu nehmen braucht.«</p>
+
+<p>»Dieser Wunsch kann dir leicht erfüllt werden. Er ist jetzt schon so
+rücksichtslos, daß es unbegreiflich ist. Sein Betragen gegen dich hat
+mich schon wiederholt gekränkt. Aber es ist deine eigene Schuld. Und du
+wirst ihn damit erst nicht glücklich machen.«</p>
+
+<p>»Ach Tante!«</p>
+
+<p>»Ja, im Augenblick denkt er natürlich, es sei sehr bequem, eine —
+Sklavin für alle seine Wünsche zu haben. Aber auf die Dauer wird es ihn
+langweilen. Er wird immer unvernünftiger in seinen Ansprüchen werden,
+und die immer weniger achten, die ihm nie einen verständigen Widerstand
+zu leisten vermag.«</p>
+
+<p>»Du kennst Halfdan nicht, Tante.«</p>
+
+<p>»Liebes Kind, die Männer — wenn man nur einen kennt, kennt man sie
+alle auswendig.«</p>
+
+<p>Die Nichte schlang den Arm um sie. »Komm und besuche uns am Nordpol,
+Tantchen! Dann<span class="pagenum" id="Seite_198">[S. 198]</span> sollst du sehen, wie furchtbar gut wir es beieinander
+haben.«</p>
+
+<p>»Nein, das wird nicht geschehen. Weder Hallager noch ich können uns
+darauf einlassen, uns den Hals zu brechen oder in einem Moor bis zum
+jüngsten Tag stecken zu bleiben.«</p>
+
+<p>— Die Nichte konnte durchaus nicht zur Ruhe gehen. Von einem Zimmer
+ins andere flog sie in atemloser Freude.</p>
+
+<p>All die kalte qualvolle dumme Angst war von der leuchtenden
+Siegesgewißheit wie ein Stein von ihrem Herzen gewälzt worden. Die
+stärkste Macht in seinem Leben war — <em class="gesperrt">sie</em>.</p>
+
+<p>Er ließ sie nie wieder los, weil er — nicht konnte! Er war fest,
+unauflöslich an sie gebunden! Fühlte, dachte, wollte nur sie!</p>
+
+<p>Ach, die jubelnde Sicherheit!</p>
+
+<p>Alette, — ihre Tante, — alle übertriebene Vorsicht, — die ganze Welt
+— was wußten sie, was verstanden sie, was vermochten sie? Selbst —
+selbst die Macht, die sie beständig wie eine nach ihm ausgestreckte
+Hand gesehen hatte, auch sie kam gar nicht in Streit mit <em class="gesperrt">ihr</em>?
+Jene hatte seine Überzeugung, natürlich. Aber sie, die Braut, sie hatte
+ihn selbst! Ihr gehörte er!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_199">[S. 199]</span></p>
+
+<p>Droben auf der Höhe, wo die Wolken die Gipfel verhüllten, da würde er
+die Stätte für die große, alles vergessende Götterliebe errichten.</p>
+
+<p>Deshalb, nur deshalb zog er dort hinauf.</p>
+
+<p>Und dies war recht, vollkommen recht, menschlich und natürlich recht!
+Wer konnte ein einziges Wort dagegen sagen?</p>
+
+<p>Als sie endlich, müde und vor Glück fast schwindelig, in das Reich der
+Träume hinüberglitt, folgten ihr einige Worte auch dahin, Worte, von
+denen sie nicht wußte, wo sie sie gelesen hatte: »Königin, Königin
+werd' ich sein in Ewigkeit! — Ich — und niemand außer mir!«</p>
+
+<p>— Am nächsten Tag kam der Pfarrer nicht zu Besuch. Aber er sandte ihr
+einige Linien, wie öfters, wenn er wußte, daß er sie nicht sehen würde.</p>
+
+<p>Diesmal enthielt der Brief nur ein paar Verse:</p>
+
+<div class="poetry-container">
+<div class="poetry">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Vögelein schnäbelt im blühenden Dorn,</div>
+ <div class="verse indent2">Zwitschert ein Liebeslied leise -- --</div>
+ <div class="verse indent2">Dort, wo der Bergwind stößt in sein Horn,</div>
+ <div class="verse indent2">Hoch über Gletscher und Wogenzorn</div>
+ <div class="verse indent2">Der Adler zieht seine Kreise.</div>
+ </div>
+<p><span class="pagenum" id="Seite_200">[S. 200]</span></p>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Vögelein fröhlich sein Nestchen schmiegt,</div>
+ <div class="verse indent2">Lauschig in Rosengewinden -- --</div>
+ <div class="verse indent2">Weithin der Adler die Luft durchfliegt,</div>
+ <div class="verse indent2">Hoch, wo im Sommer der Schnee noch liegt,</div>
+ <div class="verse indent2">Eilt er die Liebste zu finden.</div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse indent2">Schmetternd das Vöglein von Freude singt,</div>
+ <div class="verse indent2">Von Rosen, Liebe und Sonne -- --</div>
+ <div class="verse indent2">Hoch, wo kein Echo der Erde dringt,</div>
+ <div class="verse indent2">Birgt, in der Brautkammer wolkenumringt,</div>
+ <div class="verse indent2">Der Adler die Liebeswonne!</div>
+ </div>
+</div>
+</div>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Sie barg das Papier an ihrem Herzen. Und so oft sie nur die Hand darauf
+legte und nur das leiseste Knistern vernahm, durchfuhr sie ein Jubel,
+der ihr fast den Atem raubte.</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Der Pfarrer bekam die Stelle, um die er sich beworben hatte. Im Juni
+sollte er hinaufreisen, dann ins Amt eingesetzt werden und hierauf die
+Vorbereitungen zum Empfang der Braut treffen.</p>
+
+<p>Für das dänische Fräulein näherte sich die Zeit der Abreise von
+Christiania mit raschen Schritten.</p>
+
+<p>Und so angegriffen und unruhig war sie geworden, daß ihre Tante ganz
+bekümmert um sie war.</p>
+
+<p>»So nervös habe ich dich noch nie gesehen,«<span class="pagenum" id="Seite_201">[S. 201]</span> sagte sie. »Ich glaube, es
+ist gut, wenn du eine Zeitlang ganz von Halfdan wegkommst, um dich in
+Ruhe sammeln zu können.«</p>
+
+<p>»Ruhe! Ach, mir ist es zum Sterben zumut, wenn ich daran denke.«</p>
+
+<p>»Zum Sterben! Wenn du zwei oder drei Monate von ihm getrennt bist?«</p>
+
+<p>»Für mich ist es immer wie ein Sterben, wenn ich von Halfdan getrennt
+bin, ob es nun Tage, Stunden oder Minuten sind!«</p>
+
+<p>»Darauf antworte ich überhaupt nicht,« sagte die Konsulin. »Ich bin
+zwei Jahre als Braut in Kopenhagen gewesen, ohne Hallager öfter als
+jedes Frühjahr einmal zu sehen, aber ich habe mir nie eingebildet, daß
+ich darüber zu beklagen gewesen wäre.«</p>
+
+<p>An einem der letzten Abende sollte der Pfarrer bei einer Versammlung
+sprechen, und die Konsulin hatte ihn und seine Schwester gebeten,
+ihre Nichte von dort nach Hause zu begleiten und den Tee bei ihnen zu
+trinken.</p>
+
+<p>»Wovon sprach Halfdan heute abend?« fragte die Tante, als sie Alette
+auf dem Sofa neben sich hatte.</p>
+
+<p>Ȇber die Worte Esaus, als er sein Erstgeburtsrecht<span class="pagenum" id="Seite_202">[S. 202]</span> um das
+Linsengericht verkauft: Gib mir von dem Roten!«</p>
+
+<p>»Das war ein eigentümlicher Text,« meinte die Konsulin. »Was konntest
+du eigentlich darüber sagen, mein Lieber?«</p>
+
+<p>»Daß diese Worte jeden Tag wiederholt werden.«</p>
+
+<p>»Meinst du? Die Verhältnisse sind doch jetzt ganz anders. Man kann sie
+doch nicht gut mit denen von damals vergleichen.«</p>
+
+<p>»Aber die Menschen sind noch ebenso wahnsinnig. Sie verkaufen ihr
+Erstgeburtsrecht, das Recht zum Reiche Gottes, das Recht zu der Liebe
+Gottes, um ›das Rote‹ in jeglicher Gestalt, um Augenlust, Fleischeslust
+und hoffärtiges Leben.«</p>
+
+<p>»Ja, auf diese Weise kann man es allerdings sagen.«</p>
+
+<p>»Und nicht nur die ewige Herrlichkeit, auch seinen Beruf, seine
+Aufgabe, sein eigentliches Leben verspielt man um ›das Rote‹. — — Das
+ist das Entsetzliche, daß wir das Tiefste, das Wahrste in uns nicht
+immer als das Stärkste empfinden. Weil die Bewegung an der Oberfläche
+am stärksten gefühlt wird, deshalb kann das Kleinere dem Größeren die
+Macht rauben.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_203">[S. 203]</span></p>
+
+<p>Als die Konsulin mit einer nachdenklichen Miene schwieg, worunter sie
+ab und zu einmal verbarg, daß sie im Augenblick nichts zu entgegnen
+wußte, ergriff Alette das Wort.</p>
+
+<p>»Während du heute abend sprachst, mußte ich mehrere Male an jenen
+Weisen im Altertum denken, der all sein Geld von dem Gipfel eines
+Berges in den Abgrund hinunterwarf und diese Tat dann mit dem Ausspruch
+erklärte: ›Ich tat es, damit es nicht mich einmal hinunterstürze.‹ So
+klug und scharfsichtig sind nicht alle Christen.«</p>
+
+<p>»Nein. Obgleich das, was er getan hat, uns eigentlich vorgeschrieben
+ist, und zwar aus ganz demselben Grund. Aber in dem Punkt, wo die Lust
+uns bindet, sind wir oft größere Heiden als jener Weise. Jämmerlich
+abhängig! Und blind! ›Das Rote‹ flimmert uns vor den Augen und blendet
+uns. Erst nachher sieht man das klar ein. Dann begreift man nicht, daß
+man treulos werden und das Größte verleugnen konnte, aus erbärmlichem
+Hunger nach einem Gericht Linsen. Esau schrie laut und ward über
+die Maßen betrübt, als er die Folgen sah. Aber was half es? Das
+Erstgeburtsrecht war verspielt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_204">[S. 204]</span></p>
+
+<p>»Wie hieß jener Weise, Alette?« fragte die Tante. »Das war eine schöne
+Geschichte, ein Wort zum Nachdenken.«</p>
+
+<p>»Ich erinnere mich im Augenblick seines Namens nicht,« antwortete sie.</p>
+
+<p>Dann ging man zum Abendbrot. Die Nichte war so stumm, daß die Tante sie
+fragte, ob sie sich nicht wohl fühle.</p>
+
+<p>»Die Betstunde war so ergreifend,« sagte sie nur.</p>
+
+<p>Der Pfarrer war von seinem Thema des Abends, sowie von mehreren
+Zuhörern, die ihm nachher gedankt hatten, und von denen er wußte, daß
+sie sonst gar nicht kirchlich waren, so erfüllt, daß er sich nicht
+besonders mit seiner Braut beschäftigte.</p>
+
+<p>Als er und die Schwester aufbrachen, war sie verschwunden.</p>
+
+<p>Er fand sie im Kabinett.</p>
+
+<p>Sie wandte ihm das Gesicht zu und sagte sogleich: »Alles, was du heute
+abend gesagt hast, in der Versammlung und hier, meinst du das wirklich?«</p>
+
+<p>Er zog die Augenbrauen zusammen. »Ob ich es meine,« sagte er kurz.
+»Was ist das für<span class="pagenum" id="Seite_205">[S. 205]</span> eine Frage? — Wenn du dich sonst nicht so ganz auf
+meine Worte verlässest, so kannst du es ruhig tun, wenn ich aus meinem
+Verhältnis zu Gott heraus rede. Denn dann spreche ich aus dem heraus,
+was das Wahrste in mir ist.«</p>
+
+<p>»Ja, ja natürlich. — Es war töricht von mir, so zu fragen.«</p>
+
+<p>Er neigte sich vor, um sie zu küssen.</p>
+
+<p>»Ei, wie blaß die Wangen sind! Und die Lippen auch!«</p>
+
+<p>Er lächelte, indem er ihr Gesicht näher an sich zog. »Wo ist all das
+Rote — das Rote, das sonst da zu sein pflegt? Ich muß sehen, daß ich
+es hervorrufe.«</p>
+
+<p>Wie in plötzlicher Angst zog sie ihren Kopf zurück.</p>
+
+<p>»Nein — nein.«</p>
+
+<p>»Ach so — — gute Nacht dann.«</p>
+
+<p>Sie streckte die Hände nach ihm aus: »Doch Halfdan, versuche —
+versuche, ob du es hervorrufen kannst!«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Als das dänische Fräulein ihre Abschiedsbesuche machte, konnten sich
+die Leute nicht genug verwundern, wie elend sie aussah.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_206">[S. 206]</span></p>
+
+<p>Sie verabschiedete sich bei allen Bekannten, denn es war ihre Absicht,
+sich in Dänemark trauen zu lassen, ohne den Tag genau anzugeben; dann
+durch Christiania und Trondheim ohne Aufenthalt nach der fernen Heimat
+zu reisen, von wo sie wohl in langen Zeiten nicht wieder nach dem Süden
+kommen würde. So hatte der Pfarrer es gewünscht, und wie immer richtete
+sie sich nach ihm.</p>
+
+<p>Jedermann fand, daß es allerdings eine ernste Sache sei, der sie
+entgegengehe, aber doch nicht so aufreibend, wie sie es zu finden
+schien. Und man begann allmählich, über sie zu tuscheln. War sie
+vielleicht doch auf dem Wege, den Schritt zu bereuen, den alle Leute so
+unüberlegt gefunden hatten, und der nun Folgen nach sich zog, die sie
+nicht mit in Rechnung genommen hatte? Das ernste, einsame Leben auf dem
+Gebirge, das so gar nicht für sie paßte.</p>
+
+<p>Am Abend vor ihrer Abreise ging sie zu Bödkers, bei denen sie oft mit
+Halfdan zusammen gewesen war.</p>
+
+<p>Die Flachsköpfchen waren eben zu Bett gebracht worden. Aber sie bat,
+zu ihnen hineingehen und ihnen einen Abschiedskuß geben zu<span class="pagenum" id="Seite_207">[S. 207]</span> dürfen. Da
+ging die Mutter mit ihr ins Kinderzimmer.</p>
+
+<p>»Das dänische Fräulein kommt, um euch Lebewohl zu sagen,« sagte sie.
+»Nun werden wir sie sehr lange nicht wiedersehen. Und nun wollen wir
+die Hände falten und alle miteinander für sie beten, nicht wahr? Wir
+haben sie doch so sehr lieb.«</p>
+
+<p>Aus vier weißen Bettchen streckten sich eifrige Ärmchen ihr entgegen,
+und jedes Kind wollte ihren schimmernden Lockenkopf auf sein Kissen
+ziehen, um sich innig an ihn anschmiegen zu können.</p>
+
+<p>Aber als die Rede auf das Gebet kam, das sie mit anhören würde, da
+wurden die Großen verlegen und wagten es nicht. Sie krochen unter die
+Decken — und taten es erst später alle miteinander, als das dänische
+Fräulein das Zimmer wieder verlassen hatte.</p>
+
+<p>Nur das kleinste Mädchen rief sogleich: »Ich will!« und setzte sich im
+Bettchen auf.</p>
+
+<p>Da kniete die Mutter neben ihm nieder und faltete ihre Hände um die
+dicken rosigen Fingerchen. Dann betete sie langsam, während die Kleine
+jedes Wort mit ihrer süßen Kinderstimme<span class="pagenum" id="Seite_208">[S. 208]</span> nachsagte: »Lieber Vater im
+Himmel! Nun reist das dänische Fräulein weit von uns weg, und wir
+können nicht bei ihr sein. Aber geh du mit ihr und schirme und segne
+sie, um Jesu willen, wo sie steht und geht. Aber besonders — besonders
+wenn sie einmal sterben muß. Amen.«</p>
+
+<p>Der Kopf des dänischen Fräuleins sank plötzlich auf das Fußende des
+Kinderbettchens nieder. Und die Mutter sah, wie ihr ganzer Körper von
+heftigem, unterdrücktem Weinen erschüttert wurde.</p>
+
+<p>Sanft und fürsorglich legte sie ihren Arm um die schlanke Gestalt und
+führte sie ins andere Zimmer.</p>
+
+<p>»Liebste,« sagte sie, »habe ich Ihnen weh getan? Ich weiß, Sie wünschen
+jetzt zu leben, und da mag es schwer sein, an den Tod zu denken. Das
+Wort ist mir entschlüpft, denn ein guter Tod ist doch das Beste, was
+wir einander wünschen können. Aber ich wünsche ja, daß Sie zuerst
+leben, lange und glücklich mit Ihrem Halfdan.«</p>
+
+<p>Aber, den Kopf an die Schulter der Freundin gelehnt, weinte die andere
+unaufhaltsam. Und es war, als ob jedes der liebevollen Worte das<span class="pagenum" id="Seite_209">[S. 209]</span>
+merkwürdig verzweifelte Weinen nur noch verstärkte. Schließlich zog
+Frau Bödker die Schluchzende aufs Sofa nieder und strich ihr übers
+Haar, ebenso mütterlich, als sei es eines ihrer Flachsköpfchen.</p>
+
+<p>»Meine Liebe,« fuhr sie fort, »es drängt mich, Ihnen eins zu sagen.
+Ich habe mich über Ihre Verlobung gefreut, gleich als ich davon hörte.
+Denn ich glaube, daß Sie als eine von Gott gesandte Freude zu Halfdan
+gekommen sind. Er nimmt das Leben so ernst, so entsagungsvoll, daß ich
+ihm alle Freude gönne, die ihm zuteil werden kann. Und ich glaube, daß
+er Sie — für das Höchste gewinnen wird. Es kann nicht anders sein.
+Aber auch Sie werden ihn etwas lehren können. Sie sind so ehrlich, daß
+ich mich oft ganz beschämt gefühlt habe. Und wenn Sie einmal etwas
+als recht erkannt haben, gibt es nichts anderes mehr für Sie, als es
+sogleich zu tun; das habe ich mehr als einmal bemerkt. Sie können
+nichts hinwegerklären und verschleiern, worin wir andern oft recht gute
+Übung haben. Ich glaube, Sie werden das, was Halfdan predigt, einmal
+ins Leben übertragen, — besser als eines von uns.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_210">[S. 210]</span></p>
+
+<p>Das dänische Fräulein hob ihr verweintes Gesicht und küßte sie.</p>
+
+<p>»Alles, was Sie von mir denken und glauben,« sagte sie, »ist weit —
+weit besser als in der Wirklichkeit. Aber — das, was Halfdan predigt,
+das will ich ins Leben übertragen, und wenn mir das Herz darüber
+brechen sollte.«</p>
+
+<p>Oft, oft, wenn sie später mit ihren Flachsköpfchen betete, mußte die
+Mutter an jenen Abend denken. Und dann versank sie in tiefe Gedanken,
+und immer schüttelte sie zum Schluß den Kopf, wie jemand, der das, was
+er glaubt, nicht mit dem, was vorliegt, in Einklang bringen kann.</p>
+
+<p>Am nächsten Vormittag, dem Tag, an dem sie abends abreiste, ging das
+dänische Fräulein zu Alette. Der Pfarrer war nicht daheim, und sie
+wußte es. Die Schwester ergriff beide Hände ihrer Schwägerin und sah
+ihr ernst und eindringlich in die Augen.</p>
+
+<p>»Der Herr bereite Sie vor und stärke Sie zu der Aufgabe, die Sie
+übernehmen, der schönsten, die es für eine Frau gibt: die Gehilfin
+eines Dieners des Herrn in seinem hohen Beruf zu sein.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_211">[S. 211]</span></p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen,« sagte die Braut.</p>
+
+<p>Dann bat sie, einen Augenblick in sein Zimmer treten zu dürfen.</p>
+
+<p>Sie blieb eine Weile still vor dem großen Bilde der Madonna von Murillo
+vom Palazzo Pitti stehen, das er über seinen Schreibtisch gehängt hatte
+— weil er fand, daß es ihr gleiche. Ein Bild von ihr, das jedermann
+betrachten und erkennen könnte, wollte er nicht aufstellen, das trug er
+nur bei sich. Aber dies sei sie ja doch, hatte er gesagt, heimlich und
+für ihn allein.</p>
+
+<p>Sie stieg auf den Stuhl vor dem Schreibtisch, kniete auf die
+Tischplatte und küßte das Bild ...</p>
+
+<p>Auf dem Tisch lag ein kleiner Papierstreifen, auf den er in aller Eile
+die Adresse einer armen Familie gekritzelt hatte. — Sie nahm den
+weißen Elfenbeinfederhalter, den sie ihm selbst geschenkt hatte, und
+schrieb: »Geliebter, geliebter Halfdan Svarte« — mit ihrer schönen,
+großen Handschrift, die er so sehr liebte — gerade unter die fremde
+Hausnummer ...</p>
+
+<p>Noch ein langer, sehnsüchtiger Blick, der gleichsam alle Gegenstände
+des Zimmers umschloß — dann ging sie wieder hinaus.</p>
+
+<p>Als sie sich von Alette verabschiedete, sagte<span class="pagenum" id="Seite_212">[S. 212]</span> diese zögernd: »Da ist
+noch etwas, das ich Ihnen gerne sagen möchte. Sie werden nun ganz
+allein mit ihm sein, — und werden wohl einen bedeutenden Einfluß auf
+ihn gewinnen. Das bekommt die Gattin immer. Aber — wollen Sie daran
+denken, daß Halfdan niemals so recht von Herzen glücklich wird, wenn
+nicht das eine — das eine, das das Größte und Stärkste in ihm ist, bei
+allem zuerst kommt? Vor allen Rücksichten, vor allen Freuden — — vor
+allem Zusammensein mit Ihnen ...«</p>
+
+<p>Die andere richtete ihre dunklen Augen auf die Schwägerin und sagte:
+»Das glaube ich auch. Ja, ich werde daran denken.«</p>
+
+<p>Halfdan sollte bei Konsuls zu Mittag essen und seine Braut dann nach
+dem Bahnhof begleiten, er ganz allein.</p>
+
+<p>Er brachte ihr einen Strauß von lichten Rosen und dunklen duftenden
+Heliotropblüten. »Zum Dank für die, die ich mir genommen habe,« sagte
+er. »Weißt du es noch?«</p>
+
+<p>Bei Tisch trug sie ein weißes Kleid und hatte seine Blumen angesteckt.</p>
+
+<p>Der Konsul hatte Champagner herbeigeholt, und da die Beredsamkeit
+seiner Frau ganz in<span class="pagenum" id="Seite_213">[S. 213]</span> Rührung aufgelöst war, weil sie ihre geliebte
+dänische Perle verlieren sollte, mußte er dem Brautpaar eine kurze
+Abschiedsrede halten.</p>
+
+<p>»Der Herr sei mit euch — droben auf der Höhe, wohin euer Weg nun geht!
+Über dich, Halfdan, habe ich ihr schon meine Ansicht gesagt, und nun
+sage ich sie dir auch über sie. Man weiß nicht, wie lieb sie ist, ehe
+man sie bei sich im Haus gehabt hat. Und das will viel heißen. Ich
+wünsche euch Glück, Kinder!«</p>
+
+<p>Die Nichte weinte, küßte ihn und sagte, er halte sie nur für so gut,
+weil er sie mit seinen eigenen herzensguten Augen betrachtet habe. —</p>
+
+<p>Als sie sich später umgekleidet hatte, und der Wagen vor der Tür stand,
+weinte sie wieder heftig am Hals ihrer Tante. Sie dankte immer wieder
+für den Winter, den besten, den einzigen, den sie je erlebt habe ...</p>
+
+<p>Und die Konsulin weinte von ganzem Herzen mit und bat sie, ja nicht zu
+vergessen, daß sie und der abscheuliche Mann, der sie so weit wegführe,
+immer eine Heimat hier hätten.</p>
+
+<p>Der Konsul zeigte sich außerordentlich besorgt, daß all ihr Gepäck gut
+im Wagen untergebracht wurde, schneuzte sich aber doch verschiedene<span class="pagenum" id="Seite_214">[S. 214]</span>
+Male recht verdächtig, und die Mägde weinten im Chor.</p>
+
+<p>Als sie sich von Halfdan auf dem Bahnhof verabschiedete, weinte sie
+nicht; sie war ganz still und blaß wie eine Leiche.</p>
+
+<p>»In zwei Monaten,« flüsterte er. »Da hole ich, was mir gehört, und
+lasse es in meinem ganzen Leben nicht wieder los — nie lasse ich dich
+wieder wegreisen.«</p>
+
+<p>Als sie an dem Fenster des Wagenabteils stand und der Zug sich in
+Bewegung setzte, streckte sie plötzlich die Arme aus und rief laut:
+»Halfdan!«</p>
+
+<p>Angstvoll klang es — wie ein Hilferuf, so daß er ihr beinahe
+nachsprang. Aber schon war sie ihm nicht mehr erreichbar. — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Vier Wochen später wußte man in dem ganzen großen Bekanntenkreis in
+Christiania, daß das dänische Fräulein seine Verlobung aufgelöst hatte.</p>
+
+<p>Aber das war auch alles, was man erfuhr. In den Beweggrund, oder die
+Art und Weise, wie es geschehen war, wurde niemand eingeweiht.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_215">[S. 215]</span></p>
+
+<p>Niemand, nicht einmal Alette sah den Brief, den der Pfarrer erhalten
+hatte, und den er so verzweiflungsvoll oft durchlas, daß er ihn bald
+trostlos gut auswendig konnte.</p>
+
+<p>»Was ich heute schreiben muß, will ich so schnell und so kurz als
+möglich sagen, obgleich es das Resultat langer, langer, ernster
+Erwägungen und mein unwiderruflicher Entschluß ist. Ich kann Ihnen
+nicht da hinauf folgen. Sie müssen ohne mich Ihren neuen Beruf antreten.</p>
+
+<p>»Ich wünsche Ihnen, daß Sie ganz und vollkommen die Lebensaufgabe
+erfüllen, die das Erste und Größte für Sie ist, nämlich
+<em class="gesperrt">Hochlandspfarrer</em> zu werden, wozu Sie, wie ich glaube, berufen
+sind.</p>
+
+<p>»Ich weiß, — ich weiß, daß Sie jetzt leiden werden ... Aber ich glaube
+auch, daß Ihre Arbeit alle Leere nach meinem Entschwinden ausfüllen
+kann — — und ich kann nicht bei Ihnen sein.« — — —</p>
+
+<p>An demselben Tag, wo der Pfarrer den Brief bekam, reiste er nach
+Kopenhagen. Es war am Anfang der Woche, da konnte er sich schon ein
+paar Tage frei machen.</p>
+
+<p>Am nächsten Abend stand er in ihrer Wohnung,<span class="pagenum" id="Seite_216">[S. 216]</span> wo ihn der Bruder
+empfing, dem die peinliche Lage äußerst widerwärtig war.</p>
+
+<p>Der Pfarrer verlangte eine Unterredung mit seiner Braut. Aber der
+Bruder sagte, sie sei verreist, zu Verwandten aufs Land, und er habe
+ihr hoch und teuer versprechen müssen, daß er ihren Aufenthaltsort
+nicht verraten werde.</p>
+
+<p>Hierauf verlangte der Pfarrer, daß ein Brief, den er noch an diesem
+Abend schreiben wolle, ihr unverzüglich nachgeschickt werde. Und dies
+versprach der Bruder.</p>
+
+<p>Den Brief seiner Braut legte Halfdan in einen Umschlag, um ihn
+zurückzuschicken, und außerdem schrieb er selbst: »Ich betrachte Deinen
+Brief als ungeschrieben, — denn ich habe ihn nicht angenommen. Und ich
+tue es niemals.</p>
+
+<p>»Das Verhältnis zu mir kannst Du nicht lösen. Niemals davon loskommen!
+Denn solange Du und ich existieren, so lange stehen wir in einem
+Verhältnis zu einander. Es ist ein Teil von uns selbst. Und das weißt
+Du ebenso gut wie ich. —</p>
+
+<p>»Ich verlange Dich, so wie Du bist, als mein eigen. — Und Du wirst es
+nicht wagen, Dich Deinem eigenen Lebensberuf zu entziehen.</p>
+
+<p>»Ich nehme Dich an der Hand, — sie ist mein.<span class="pagenum" id="Seite_217">[S. 217]</span> Ich fasse Dich um das
+Herz — es ist mein. Und mit dem großen Recht der Liebe, die ich zu Dir
+habe, sage ich: Komm! Folge mir!« —</p>
+
+<p>Er hatte das Papier schon zusammengelegt, als er es plötzlich noch
+einmal entfaltete und ihren Namen — nur ihren Namen, ganz zuletzt
+hinschrieb.</p>
+
+<p>Auf diesen Brief erhielt er umgehend als Antwort nur die drei Worte:
+»Ich kann nicht!« — — —</p>
+
+<p>Da reiste er zurück nach Christiania.</p>
+
+<p>Aber er verstand und verstand die Welt nicht mehr. Was war geschehen?
+Wie war es nur so gekommen?</p>
+
+<p>Entweder war er klug und die ganze Welt verrückt, oder — war er
+derjenige, welcher verrückt war. Eines war gewiß, das ganze Dasein war
+ein unbegreifliches Chaos.</p>
+
+<p>Die öffentliche Meinung war in diesem Fall, wie nach der Verlobung
+auch, recht übereinstimmend.</p>
+
+<p>Es sei nur gut, daß die Verlobung aufgelöst worden sei. Die beiden
+hätten durchaus nicht zusammengepaßt. Und das Leben, in das er sie
+hineinführen wollte, habe sie sicher zurückgeschreckt,<span class="pagenum" id="Seite_218">[S. 218]</span> so verwöhnt und
+verfeinert, wie sie gewesen sei.</p>
+
+<p>Immerhin habe es ja den Anschein gehabt, als ob sie richtig verliebt in
+ihn gewesen wäre. Und zu bedauern sei es, daß sie so lange gezögert,
+bis sie ein Ende gemacht habe.</p>
+
+<p>Der Konsulin, die selbst einen Brief von der Nichte erhalten hatte,
+ging es außerordentlich nahe.</p>
+
+<p>»Mir ist es zumut, als hätten wir einen Todesfall im Hause gehabt,«
+sagte sie. »Hallager ist ganz aus dem gewohnten Geleise. Aber was
+habe ich gesagt? Es ist geradezu ein Verhängnis, daß ich immer recht
+bekomme! Nun werden es die guten Leute selbst einsehen! Aber es ist
+ein wenig spät. Es tut mir für beide leid, am meisten für Halfdan. Er
+bindet sich nur sehr stark, und nun vielleicht nie wieder. — Über mein
+süßes Mädchen bin ich ein wenig ärgerlich. Sie hätte es sich früher
+besser überlegen sollen. Aber Halfdan betrug sich ihr gegenüber auch
+nicht immer richtig.«</p>
+
+<p>»Nein,« sagte die öffentliche Meinung in Gestalt einer Dame, die zu
+Besuch kam. »Er war zu kalt und recht wenig rücksichtsvoll gegen sie.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_219">[S. 219]</span></p>
+
+<p>»Kalt? — Ja, darüber können andere nicht urteilen, nach meiner
+Erfahrung wenigstens. Aber rücksichtslos, das war er. Er überlegte
+nie, was sie wünschen oder nötig haben könnte. Und nun zuletzt diese
+Pfarrei! Das hat dem Faß den Boden ausgeschlagen! Ich habe ihm damals
+gleich gesagt, daß es eine unvernünftige Idee sei. Es ist ja nicht
+frömmer, ob man an dem einen oder an dem andern Ort predigt.«</p>
+
+<p>»War sie von Anfang an verzweifelt darüber?«</p>
+
+<p>»Nein, da sagte sie, es sei herrlich, und daß sie am liebsten mit ihm
+auf den Mond ginge, — ich glaube, so sagte sie. Aber so etwas hält
+nicht vor! Als sie in ihr schönes Heim zurückkehrte, zu ihren Freunden,
+ihrem künstlerischen Umgangskreis, und dann an die Pfarrei hoch droben
+auf einer Felsenspitze dachte, ohne einen anderen Umgang als — Bären,
+wenn es gut geht, da sank ihr der Mut. Und das ist nicht zu verwundern.
+Aber es tut mir leid, mehr als ich Ihnen sagen kann, Frau Smit.«</p>
+
+<p>Von der Schwester des Pfarrers bekam man über die Auflösung noch
+weniger zu hören, als einst über die Verlobung.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_220">[S. 220]</span></p>
+
+<p>Zu der Konsulin, die ihr den Brief der Nichte zeigte, um sie etwas
+milder zu stimmen, sagte sie nur: »Ich verurteile sie nicht. Sie steht
+eigentlich vollständig außerhalb meines Verständnisses! Ich denke,
+sie hat sich selbst gerichtet. Und sicherlich ganz richtig. Wenn sie
+sagt, daß sie Halfdan nicht folgen könne, so wird es wahr sein. Den
+Weg auf die Höhe an seiner Seite, dazu hat sie nicht die Kraft. Es ist
+nur so schwer, daß er es glauben konnte und nun den bitteren Schmerz
+durchmachen muß, sich in einem anderen Menschen so tief getäuscht zu
+haben.«</p>
+
+<p>Von dem Tage an, wo der Pfarrer von seiner kurzen Reise nach Norwegen
+zurückkehrte, die einen so schneidenden Gegensatz zu dem bildete, was
+geplant gewesen war, wurde das dänische Fräulein und die ganze Periode,
+die sich an sie knüpfte, nicht mehr zwischen den Geschwistern berührt.</p>
+
+<p>Den ganzen ersten Tag und auch die Nacht schloß sich Halfdan ein, —
+mit einem Ausdruck im Gesicht, daß Alette es nicht gewagt haben würde,
+ihn allein zu lassen, wenn sie nicht gewußt hätte, mit wem er sich
+einschloß.</p>
+
+<p>Die ganze Nacht hindurch hörte sie ihn in seinem<span class="pagenum" id="Seite_221">[S. 221]</span> Zimmer auf und ab
+gehen, oder sich schwer niederwerfen — auf einen Stuhl, oder auf den
+Boden. Sie wußte es nicht.</p>
+
+<p>Gegen Morgen trat er bei ihr ein, — und er sah in dem bleichen
+Tagesgrauen aus wie eine Leiche.</p>
+
+<p>Er trat zu ihr und sagte: »Nun habe ich es durchgekämpft. Ich will es
+auf mich nehmen und will es tragen. Jetzt gehe ich weiter.«</p>
+
+<p>»Gott sei Dank!« sagte sie leise.</p>
+
+<p>Aber in demselben Augenblick brach er neben ihr zusammen. Und das Bett,
+auf das er sich stützte, zitterte unter seinem heftigen, furchtbaren
+Schluchzen.</p>
+
+<p>Sie umschloß seinen Kopf mit zärtlichen Händen; während ihr selbst die
+Tränen über die Wangen liefen, neigte sie sich über ihn und begann
+leise und innig für ihn zu beten. Mit der ganzen Liebe, die sie für ihn
+fühlte, mit ihrem unerschütterlichen Vertrauen zu dem großen Helfer
+betete sie.</p>
+
+<p>Allmählich wurde er ruhiger und richtete sich auf.</p>
+
+<p>»Ich danke dir,« sagte er und küßte sie auf die Stirne. »Was getragen
+werden muß, kann auch<span class="pagenum" id="Seite_222">[S. 222]</span> getragen werden. Das Hindernis, an dem wir uns
+die Stirne blutig stoßen, soll uns nicht niederschlagen. Das bedeutet
+immer nur, daß wir höher hinauf sollen. Darüber hinaus!«</p>
+
+<p>Von dem Tag an erfüllte er alle seine Pflichten wie vorher und
+bereitete seine Abreise nach der fernen Pfarrei vor.</p>
+
+<p>Das Herz der Schwester blutete, wenn sie daran dachte, daß er in diese
+Einsamkeit hinaufziehen mußte.</p>
+
+<p>Ihre Gesundheit war viel zu gebrechlich, als daß sie daran denken
+konnte, sich in einer so rauhen Gegend niederzulassen. Trotzdem hatte
+sie es ihm gleich vorgeschlagen; sie hätte um seinetwillen gern ihre
+Gesundheit drangegeben.</p>
+
+<p>Aber er nahm das Anerbieten nicht an; er hätte es nicht für recht
+gehalten. Das einzige, worauf er einging, war, daß sie im Hochsommer
+einen Besuch im Pfarrhause machen dürfe.</p>
+
+<p>Ende Juni reiste er ab. Und im Juli kam sie zu ihm. Dies wiederholte
+sich regelmäßig jedes Jahr.</p>
+
+<p>Sie hatte gehofft, er werde sich wegmelden, als die ersten fünf Jahre
+um waren, und sich an einen milderen und näheren Ort versetzen lassen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_223">[S. 223]</span></p>
+
+<p>Er aber sagte: »Ich habe hier oben eine Aufgabe zu lösen.« Da war sie
+nicht wieder darauf zurückgekommen.</p>
+
+<p>Jeden Winter hoffte sie auf einen Besuch von ihm, wenn auch nur auf
+kurze Zeit. Aber er sagte, das müsse warten, noch immer würde es ihn
+nur peinlich berühren, wenn er wieder nach Christiania käme. —</p>
+
+<p>Im Sommer begleiteten manchmal auch andere die Schwester nach dem
+Norden. Verwandte oder Freunde, Bödkers und einzelne der Cousinen,
+solche, mit denen der Pfarrer sich gut verstand.</p>
+
+<p>»Ich glaube, ich verstehe Alettes Gedanken, wenn sie Margarete oder
+die liebe, bescheidene Sophie nach dieser Einöde mitnimmt,« sagte
+die Konsulin. »Wenn man nur bald hören würde, daß sich Halfdan mit
+einer von ihnen verlobt hätte. Dann könnte man glauben, er habe sein
+Herzeleid überwunden und bekomme nun eine behagliche Heimat mit einer
+netten Frau, die ihn auf eine vernünftige Art glücklich machen würde,
+— auf eine Art, die Bestand hat.«</p>
+
+<p>Aber dies bekam man eben nicht zu hören.</p>
+
+<p>Der fremde Vogel, den er einmal an sein Nest<span class="pagenum" id="Seite_224">[S. 224]</span> fesseln zu können
+geglaubt hatte, flog weiter und weiter fort aus seinem Bereich.</p>
+
+<p>Anderthalb Jahre nach der aufgehobenen Verlobung erfuhr man, daß das
+dänische Fräulein nach einer energischen und gründlichen Ausbildung zur
+Bühne gegangen sei.</p>
+
+<p>An die Tante, die diesen Schritt mißbilligte, schrieb sie, sie müsse
+eine Aufgabe haben, die sie ganz in Anspruch nehme, damit sie ihr Leben
+damit ausfüllen könne.</p>
+
+<p>Mehrere Jahre lang hatte sie einen schönen, hervorragenden Platz an der
+Bühne.</p>
+
+<p>Dann hörte man, daß sie sich wieder ganz plötzlich ins Privatleben
+zurückgezogen habe.</p>
+
+<p>— Weit entfernt von einander waren die Welten, in denen die beiden
+Leben verliefen, die einmal nahe daran gewesen waren, in einander zu
+fließen.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe2" id="illu-224">
+ <img class="w100" src="images/illu-224.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="newpage">
+<h2 class="nobreak" id="Hinauf">Hinauf.</h2>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum" id="Seite_227">[S. 227]</span></p>
+
+<figure class="figcenter illowp100" id="illu-227" style="max-width: 62.5em;">
+ <img class="w100" src="images/illu-227.jpg" alt="">
+</figure>
+</div>
+
+<div class="dc">
+ <img class="h6em" id="drop-d" src="images/drop-d.jpg" alt="D">
+</div>
+
+<p class="p0"><span class="hide-first">D</span>ie helle Nacht ruht über
+dem Gebirge ...</p>
+
+<p>Die große, spiegelklare Wasserfläche wirft den Glanz der Sonne zurück,
+und eine silberhelle, zitternde Beleuchtung hat sich über das steile
+Ufer und bis zu dem weißen Pfarrhaus hingebreitet.</p>
+
+<p>Es ist etwas Wunderbares um diese hellen Nächte. Man empfindet sie
+immer, als stünden sie außerhalb der Gegenwart.</p>
+
+<p>Der helle Tag, die dunkle Nacht — in ihnen findet man sich so
+natürlich zurecht. Aber die<span class="pagenum" id="Seite_228">[S. 228]</span> helle Nacht — sie scheint nicht dieser
+Welt anzugehören. Es ist, als lasse sie etwas ahnen, etwas weit
+Größeres als den Morgen, der über der Welt anzubrechen pflegt.</p>
+
+<p>Es ist, als öffne sich eine Türe zu lautlosen lichten Gefilden, zu
+einer Stätte der Erwartung, wo man dem Sonnenaufgang der Vollendung
+entgegenschaut.</p>
+
+<p>In der hellen Nacht gibt es einen Zugang von einer Welt in die andere.
+Man fühlt sich dem stillen lebendigen Dasein des Jenseits gleichsam
+näher als in der lärmenden Unwirklichkeit des Tagewerks. —</p>
+
+<p>Über die glänzende Wasserfläche gleitet ein Boot nach dem Ufer des
+Pfarrhofs. Eine einzelne Gestalt steigt aus und bleibt am Ufer stehen.</p>
+
+<p>Der Fährmann, der an einer kleinen Poststation seinen Wohnsitz hat,
+rudert nach ein paar Augenblicken wieder weg. Er weiß, daß der Pfarrer
+auf einer Amtsreise in Sörli ist und erst in drei Tagen um Mitternacht
+zurück sein kann. Aber die Tür des Pfarrhauses steht offen, — das weiß
+er auch — wenn die Pächtersleute je schlafen gegangen sein sollten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_229">[S. 229]</span></p>
+
+<p>Das Boot gleitet dahin wie ein Schatten auf dem glatten Silber der
+breiten Fläche.</p>
+
+<p>Die Gestalt geht nicht nach dem Pfarrhaus, sondern setzt sich auf einen
+großen Stein am Ufer und hüllt sich dichter in ihren langen, dunklen
+Mantel. Sie sitzt unbeweglich, als sei sie eins mit dem Stein. Und sie
+wartet ....</p>
+
+<p>Die helle Nacht steigt lautlos aus dem weißlichen Wasser auf und
+umzieht alle Berge mit ihrem zarten Glanz.</p>
+
+<p>Die blanke Fläche ist unbeweglich wie Glas. Nur drinnen zwischen den
+Ufersteinen schlägt sie ein paar leuchtende Falten, die sich mit einem
+leisen beruhigenden Rauschen auf dem weichen Sand glätten, und diese
+schwache Bewegung, in tausendfacher Wiederholung, ist das einzige,
+woran man merken kann, daß die Zeit vergeht.</p>
+
+<p>Sonst scheint alles ganz still zu stehen, wie in träumerische Ahnung
+verloren. Dann ertönt ein Laut, fern und unbestimmt, ein Laut, der die
+Stille nicht zu unterbrechen scheint, — selbst als er deutlicher wird,
+— sondern eher wie mit ihr verschmilzt. Es ist der taktfeste Ton von
+Ruderschlägen, die sich nähern.</p>
+
+<p>Ein ruhiger Ton. Und doch ist es, als ginge<span class="pagenum" id="Seite_230">[S. 230]</span> ihm ein gespanntes, von
+Herzklopfen begleitetes Lauschen mit angehaltenem Atem entgegen.</p>
+
+<p>Um die dunkle, mit Tannen bestandene Landzunge zur Linken gleitet ein
+Boot und fährt auf das Ufer zu.</p>
+
+<p>Knirschend fährt es auf den Sand und hält.</p>
+
+<p>Der Pfarrer steht auf und steigt aus, — ein einsamer Mann, der in
+der Nacht in sein einsames Haus zurückkehrt, wie schon hundert- ja
+tausendmal zuvor. Plötzlich bleibt er stehen. Er steht wie angewurzelt.</p>
+
+<p>Die Gestalt da vor ihm auf dem Stein, unbeweglich wie dieser ....</p>
+
+<p>Der Pfarrer schlägt beide Hände vors Gesicht. Dann fühlt er auf einmal
+alles Blut zum Herzen strömen, als wolle es dieses zersprengen. Und es
+wird ihm schwarz vor den Augen ....</p>
+
+<p>Nicht, weil überhaupt eine Gestalt dort sitzt, obgleich auch das an und
+für sich unerwartet ist. Eher weil die schlanken Umrisse der Gestalt —
+die ganze Haltung — die Art, wie der Mantel gefaltet ist ....</p>
+
+<p>Die Gestalt erhebt sich, tritt einen Schritt näher ..... und gleitet
+lautlos in den Sand zu seinen Füßen ....</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_231">[S. 231]</span></p>
+
+<p>Mit einer heftigen Kraftanstrengung geht er bis zu dem Stein hin, setzt
+sich darauf und bedeckt dann das Gesicht wieder mit einer Hand.</p>
+
+<p>Denn es saust ihm in den Ohren, es schwindelt ihm vor den Augen.</p>
+
+<p>Die Gestalt neigt ihr Gesicht auf seine andere Hand, die schwer und
+kalt auf seinen Knien liegt.</p>
+
+<p>Und so bleiben sie unbeweglich lange, lange.</p>
+
+<p>Es ist möglich, daß hinter ihm ein gähnender Schlund von leeren Tagen
+und qualvollen Nächten ist, der sich nun langsam und besänftigend
+ausfüllt, so daß die friedliche Verbindung mit der Vergangenheit wieder
+hergestellt werden kann. Und es ist möglich, daß er einen Weg vor sich
+liegen sieht, gebahnt hin zur Vollendung des Lebens ...</p>
+
+<p>Denn dies ist die helle Nacht, in der die getrennten Welten
+zusammentreffen — — — —</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>»Halfdan, ich bin es.«</p>
+
+<p>Die Stimme wieder! Der Klang, der unerreichbare, den wieder zu
+vernehmen seine Ohren auf einer einzigen Sehnsuchtswache gestanden
+hatten. Jetzt so heimisch und gewohnt, als habe er immer zwischen
+diesen Höhen geklungen.</p>
+
+<p>»Ich bin es.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_232">[S. 232]</span></p>
+
+<p>Die Ahnung eines Lächelns zieht über seine Lippen. Als ob es nötig
+wäre, ihm dies zu sagen!</p>
+
+<p>Noch bleibt er eine Weile sitzen, ohne zu sprechen. Er hat vergessen,
+was er sagen wollte, wenn er sie einmal wiedersähe. Er hat sich so
+lange darauf vorbereitet, daß nun alles entschwunden ist — alles.</p>
+
+<p>»Halfdan, darf ich kommen?«</p>
+
+<p>Er will sprechen, kann aber nicht; er legt nur seine Hand auf ihr Haar.</p>
+
+<p>Endlich sagt er: »Du kommst sehr spät. Ich habe gerufen und gerufen.«</p>
+
+<p>Seine Stimme ist so merkwürdig heiser und tonlos, wie die eines
+Menschen, der im Traum spricht. Und es wird ihm schwer, die Worte
+herauszubringen. »Ich habe dich — erwartet. Du mußtest kommen. Ich
+habe dich gerufen — nicht zu mir — aber ich wußte, wenn du einmal
+hinüberkämest — und dich selber fändest, dann mußtest du heraufkommen.«</p>
+
+<p>Sie schaut zu ihm auf. »Halfdan, ich habe dich rufen hören, und nun bin
+ich hinübergekommen. Du hast mich mitgezogen. Aber auf meine eigene
+Weise — — und nicht auf die eines andern in der Welt.«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_233">[S. 233]</span></p>
+
+<p>Indem sein Blick den ihrigen trifft, ist es, als ob er erwache. Und das
+zurückgedrängte Leid der vielen Jahre ist im Begriff loszubrechen, in
+einem tiefen und bitteren Groll.</p>
+
+<p>Mit bebenden Händen erfaßt er ihren Kopf. »Wie konntest du? — Wie
+konntest du? — Du wußtest, was du tatest? Du — —«</p>
+
+<p>Aber in demselben Augenblick läßt er sie auch schon wieder los und
+steht auf. »Nein, nein! Antworte mir nicht, — antworte mir nicht. Du
+bist hier. Das soll mir genug sein — es ist genug. — Komm!«</p>
+
+<p>Sie richtet sich langsam auf.</p>
+
+<p>»Ja, wie konnte ich?« sagt sie.</p>
+
+<p>Durch den Mantel faßt er nach ihrer Hand und steigt mit ihr das Ufer
+empor. Auf halbem Weg halten sie an, um Atem zu schöpfen.</p>
+
+<p>Er deutet nach dem südlichen Himmel.</p>
+
+<p>»Sieh,« sagt er, »der weiße Streifen über dem Berggipfel dort — wie
+ein feiner langgestreckter Regenbogen — der steht wieder dort, ganz,
+wie gestern abend auch.«</p>
+
+<p>»Ja,« sagt sie, als hätte sie ihn gestern abend auch gesehen.</p>
+
+<p>Er will weiter gehen, aber sie hält ihn zurück.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_234">[S. 234]</span></p>
+
+<p>»Alle die Orte, wo du — um meinetwillen gelitten hast, — zeige sie
+mir.«</p>
+
+<p>Er schüttelt den Kopf. »Es wären zu viele — es wäre überall.«</p>
+
+<p>Aber er wendet sich nicht dem Pfarrhaus zu. Er geht nach der
+entgegengesetzten Seite, hinein zwischen die rauschenden Tannen, und
+führt sie ins Tal Josaphat, zu der blumigen Felsenspalte tief im Wald.</p>
+
+<p>All die bunten Blüten stehen unbeweglich und duften in nächtlich
+verschleiertem Glanz. Und es ist, als weine das Bächlein im Schlaf.</p>
+
+<p>»Hier,« sagt er, »hier hab ich gedacht, daß du sitzen würdest. In der
+Mittagssonne zwischen all den Blumen — und daß ich die Arme um dich
+und sie legte.«</p>
+
+<p>Sie pflückt ein paar von den Blumen und befestigt sie an ihrer Brust.</p>
+
+<p>Dann gehen sie weiter.</p>
+
+<p>Ein feiner, plätschernder Wasserstrahl rieselt aus einer Felsenspalte,
+gleitet hinab über den harten Stein, wo er eine dünne grünliche
+Spur hinterläßt, und verschwindet unter kleinen Farnkräutern und
+Renntiermoos am Fuß des Felsens.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_235">[S. 235]</span></p>
+
+<p>»Hier hab ich gedacht, daß du versuchen würdest, von dem Wasserstrahl
+zu trinken, daß du von den Tropfen ganz bespritzt würdest und — lachen
+würdest. Und daß ich alle Tropfen von deinem Gesicht trinken wollte.
+Ich bin immer durstig an diesem Wasser vorübergegangen ...«</p>
+
+<p>Sie hält die hohle Hand unter den Strahl und hebt sie an seinen Mund.
+Er trinkt einen oder zwei der kühlen Tropfen.</p>
+
+<p>Aber indem er ihre Hand losläßt, umfaßt er ihr Gesicht.</p>
+
+<p>»Ich habe gedürstet — gedürstet,« sagt er.</p>
+
+<p>Und er küßt sie.</p>
+
+<p>Da schlingt sie die Arme um seinen Hals.</p>
+
+<p>»Halfdan — Halfdan!«</p>
+
+<p>Es war, als mache sich ihr Herz frei in einem erlösenden Schrei.</p>
+
+<p>Einen Augenblick scheint er am Zusammenbrechen zu sein. Dann richtet er
+sich jäh auf.</p>
+
+<p>»Komm!« sagt er. »Wir müssen höher hinauf.«</p>
+
+<p>Sie steigen, steigen. Den schmalen Pfad geht es hinauf, der sich am
+Felsen hinzieht, bis er auf einem großen flachen Felsblock endet, der
+sich über den dunklen Tannenwald und den glänzenden See zu ihren Füßen
+hinauslehnt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_236">[S. 236]</span></p>
+
+<p>»Hier —« sagt er und setzt sich auf eine kleine Bank an der Felswand.</p>
+
+<p>Sie setzt sich neben ihn, und er erfaßt ihre beiden Hände.</p>
+
+<p>»Hier oben —« sagt er, hält aber wieder inne und betrachtet ihre Hände.</p>
+
+<p>»Was ich jetzt sage,« beginnt er kurz nachher, »muß so verstanden
+werden, als sei es in meinem Innern gesprochen.«</p>
+
+<p>»Ja, ja.«</p>
+
+<p>»Hier oben lernte ich — in einer bitteren Nacht, als die Wahrheit mich
+dazu zwang — von der Höhe aus auf das hinab zu sehen, was zwischen uns
+gewesen war. Und es konnte nicht bestehen, — nein, nicht <em class="gesperrt">ganz</em>.«</p>
+
+<p>Sie macht eine Bewegung. Und mit stärkerer Stimme fährt er fort: »Es
+war nicht, weil ich zweifelte, daß du die Rechte, die Einzige für mich
+seiest, die, die mit ganzer Liebe zu besitzen ich volles Recht hatte.
+Dessen war ich ganz sicher.</p>
+
+<p>»Auch nicht, weil dies Verhältnis noch Mängel und Schwachheiten
+zeigte. Das hat so wenig zu bedeuten. Es muß immer so sein zwischen
+unvollkommenen Menschen.«</p>
+
+<p>Er hält inne. Und sie drückt seine Hände.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_237">[S. 237]</span></p>
+
+<p>»Sondern weil ich außerhalb stand, nicht wahr?« fragt sie leise.
+»Deshalb wurde ich ein Hindernis für dich. — Sag es nur!«</p>
+
+<p>»Nein, nein. — Ich will dir nicht die Schuld beimessen. Hättest du
+anders gestanden, wäre es wohl nicht so gekommen. Aber die Schuld war
+mein — mein allein.</p>
+
+<p>»Denn das war es, daß ich — dich außerhalb meines Verhältnisses zu
+Gott hatte. Ich wollte dich haben wie einen Raub. Ich wollte dich mit
+Gewalt hinreißen, aber zu mir — zu mir allein, dich ausschließlich
+so in meinen Besitz bringen, — daß nicht allein alle andern
+ausgeschlossen waren, sondern daß auch der Zugang nach oben verriegelt
+war. Denn es war — nun spreche ich aus der tiefsten Tiefe meines
+Gewissens — es war, als fürchtete ich, es könnte für meine Liebe etwas
+verloren gehen, wenn du unter eine höhere Macht kämest als die meinige.</p>
+
+<p>»Ich war ein Heide in diesem Stück. Ich wollte dich nur für mein
+eigenes Glück und für nichts anderes im Himmel und auf der Erde.</p>
+
+<p>»Ich wußte es selbst nicht. Aber als ich in die Einsamkeit hier herauf
+kam, da erkannte ich es. Da sah ich, wie tief in der Ebene ich gewesen<span class="pagenum" id="Seite_238">[S. 238]</span>
+war, obgleich ich davon gesprochen hatte, daß ich auf der Höhe stehe.
+Es gibt nur einen Weg nach der Höhe über sich selbst hinaus — zu Gott.
+Aber ich war unten — tief drunten in mir selbst.</p>
+
+<p>»Da begriff ich, warum dieses Zusammensein aufgehoben werden mußte. Da
+konnte ich es auf mich nehmen, nicht das, was mir getan worden war,
+sondern das, was ich dadurch lernen sollte, — ich sollte durch den
+unnatürlichen Schmerz lernen, ohne dich zu sein. Da konnte ich mich
+darunter beugen, ja — ihn <em class="gesperrt">wollen</em>.</p>
+
+<p>»Und erst da wurde mein Verhältnis zu Gott vollkommen. Denn da ging ich
+ganz darin auf. Ich übergab meinen Willen bis zum letzten Punkt, — bis
+zu dem Punkt, wo man bis aufs Blut kämpft, um das Eigene behalten zu
+dürfen. Da wurde ich zum Pfarrer geweiht, dem Herrn geheiligt.«</p>
+
+<p>Sie beugt sich vor und küßt seine Hände. »Hochlandspfarrer«, flüstert
+sie.</p>
+
+<p>Er wendet ihr das Gesicht zu.</p>
+
+<p>»Aber da fühlte ich mich fast als deinen Schuldner, verstehst du. Und
+es nagte an mir, wie wenig ich dir geholfen hatte auf dem Weg<span class="pagenum" id="Seite_239">[S. 239]</span> nach
+oben. Da wünschte ich, das Leben einzusetzen, um dich zu rufen. Nicht
+zu mir, nein, nicht zu mir, — zu dem Verhältnis, wozu du dich mehr als
+sonst jemand, den ich kenne, eignest. Und ich habe es getan — täglich.
+Und nicht am meisten da, wo der Ruf hinausging in die Welt.</p>
+
+<p>»Hier wollte ich ausharren, bis du kamst. Kamst du, dann wußte ich, daß
+ich dich ruhig aufnehmen konnte. Denn dann warst du eins mit mir im
+Höchsten. Und wurdest mir aufs neue gegeben. Von oben ...</p>
+
+<p>»Und nun — — nur das will ich noch sagen, was du tatest, kann nicht
+verteidigt werden, — nicht entschuldigt. Es soll es auch nicht.
+Aber es besteht nicht mehr, wenn du da bist. Und für mich ist es gut
+geworden. Es zog mich hinauf.«</p>
+
+<p>Sie sitzt eine Weile unbeweglich. Dann sagt sie: »Halfdan — ich
+habe das alles gewußt. Ich habe es aus jedem Wort, das du schriebst,
+herausgelesen. Und ich habe es an mir selbst gefühlt, wie weit du
+gekommen warst. Deshalb wagte ich auch zu kommen.«</p>
+
+<p>Er streichelt ihr zärtlich übers Haar. »Wagtest du es früher nicht?
+Wagtest du es nicht immer,<span class="pagenum" id="Seite_240">[S. 240]</span> zu mir zu kommen? Was hätte ich nicht
+ausgelöscht, wenn du gekommen wärest. Auch ehe ich so weit gekommen
+war!«</p>
+
+<p>Er steht auf.</p>
+
+<p>»Komm!« sagt er. »Ich habe ein Nachtlager für dich. Und bald ... bald
+ein Heim!«</p>
+
+<p>Sie zögert noch auf der Bank. »Halfdan, bist du sicher, daß du auch
+morgen noch ebenso sprechen wirst?«</p>
+
+<p>»Warum nicht? Was meinst du?«</p>
+
+<p>»Ich meine, — wenn du mich beim hellen Tage siehst, dann — o Halfdan!«</p>
+
+<p>Sie verbirgt plötzlich ihr Gesicht in den Händen.</p>
+
+<p>»Ach, so meinst du es? Laß mich einmal sehen!« Er richtet ihren Kopf
+auf. »Bist du sehr verändert?«</p>
+
+<p>»Ein wenig schon — ich meine natürlich ...«</p>
+
+<p>»In einem Punkt bist du unverändert,« sagt er ruhig. »Du bist noch
+ebenso töricht wie damals. Du solltest wissen, daß ich auf so etwas
+nicht antworte.«</p>
+
+<p>»Ach Halfdan! Aber dann — es tut nichts, wenn du mich wieder töricht
+findest — ich will es dir gegenüber so gern sein, — aber dann<span class="pagenum" id="Seite_241">[S. 241]</span> gib
+mir den Namen, der sagt, was ich dir sein soll, — ich muß das jetzt
+hören, verstehst du. Und niemand kann ihn mir geben, als du allein.«</p>
+
+<p>Sie erhebt sich, läßt den langen dunklen Mantel fallen und steht vor
+ihm im weißen Gewand.</p>
+
+<p>Er stößt einen Freudenruf aus und breitet die Arme aus.</p>
+
+<p>Sie aber sinkt zu Boden und bricht in Tränen aus.</p>
+
+<p>Er zieht sie in seine Arme.</p>
+
+<p>»Durch Gottes Gnade — mein Weib,« sagt er. »Fleisch von meinem
+Fleische, Seele von meiner Seele, ich liebe dich.«</p>
+
+<hr class="tb">
+
+<p>Sie wenden sich dem Pfarrhaus zu. Da bleibt sie stehen.</p>
+
+<p>»Ist deine Kirche offen?«</p>
+
+<p>»Nein, aber ich habe den Schlüssel bei mir. Willst du hineingehen?«</p>
+
+<p>»Ja, einen Augenblick. Mit dir.«</p>
+
+<p>Er öffnet die Tür des Kirchleins. Die helle Nacht gleitet weißlich
+zu den Bogenfenstern herein und füllt den Raum mit ihrer lautlosen<span class="pagenum" id="Seite_242">[S. 242]</span>
+Erwartung. Das große Kreuz auf dem Altar leuchtet wie der erste goldene
+Streifen des Sonnenaufgangs.</p>
+
+<p>Er legt den Arm um sie, und sie gehen langsam darauf zu. Sie knien
+zusammen auf dem Kissen vor dem Altar nieder.</p>
+
+<p>Ohne Worte. Denn das ist der Augenblick, wo alle Worte und Gedanken
+verstummen, — machtlos. Wo die unaussprechlichen Seufzer die Seele wie
+mit einem letzten Wogenschlag ins Heiligtum hineintragen ...</p>
+
+<p>Ihr ist es, als zittere die Luft um sie her von heimlichem
+Glockengeläute.</p>
+
+<p>»<span class="antiqua">Sursum corda</span> ... <span class="antiqua">sursum corda</span> ...«</p>
+
+<p>Und der Herzschlag selbst gibt Antwort:</p>
+
+<p>»<span class="antiqua">Habemus ad dominum!</span>«</p>
+
+<p>— Kurz nachher stehen sie vor dem Pfarrhaus. Sie schaut sich nach
+allen Seiten um.</p>
+
+<p>»Wie fandest du den Weg?« fragt er, seine Hand an ihre weiche Wange
+legend.</p>
+
+<p>Sie sieht ihn an, lächelt dann zum erstenmal und antwortet mit Solveigs
+Worten:</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">»Ich wanderte lang, oft fragt' man mich aus,</span><br>
+<span style="margin-left: 1em;">Doch immer nur sagt' ich: Ich gehe nach Haus.«</span><br>
+</p>
+
+<p>Da lächelt auch er.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_243">[S. 243]</span></p>
+
+<p>Er will sie ins Haus hineinführen, aber sie legt ihre Hand auf seinen
+Arm und sagt:</p>
+
+<p>»Halfdan!«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Ich muß dir etwas sagen, ehe ich hineingehe ... Ich meine nicht,
+wie ich hinüberkam. Das kannst du später hören, alles von den langen
+Jahren, — bis ich sicher war, daß ich nun kommen durfte ... Es ist
+etwas anderes ... Ich hätte gewiß nicht den Mut, es zu sagen, wenn du
+nicht so gesprochen hättest, wie vorhin — und — —«</p>
+
+<p>»Was ist es denn?«</p>
+
+<p>Sie steigt auf einen großen Stein, der vor der Haustür liegt.</p>
+
+<p>»Nun sollst du das größte Geheimnis erfahren. Du darfst mir aber kein
+Wort erwidern — — hörst du! Und niemals später auf das Gesagte
+zurückkommen. Denn ich weiß, daß sich vieles dagegen sagen ließe ...
+Und ich könnte nicht ertragen, wenn du es tätest ... Und ich kann doch
+von keinem Menschen ein Urteil darüber annehmen ... Ich weiß nur, daß
+es ganz von innen herauskam — von da, wo die Wahrheit in mir ist ...
+Und daß ich — — ja, ich würde<span class="pagenum" id="Seite_244">[S. 244]</span> es gerade wieder so machen, wenn es
+sein müßte.«</p>
+
+<p>Er tritt ganz nahe zu ihr.</p>
+
+<p>»Was hast du getan? — Was ist es? Laß es mich hören!«</p>
+
+<p>Sie umschlingt sein dunkles Haupt und zieht es an ihr Herz.</p>
+
+<p>»Halfdan — du weißt, daß nichts in mir war. Ich war ganz leer und
+ferne.«</p>
+
+<p>Er richtet den Kopf auf, um zu sprechen. Sie aber zieht ihn inniger an
+sich.</p>
+
+<p>»Nur — nur dein tiefstes, innerstes Verhältnis — — das fühlte ich,
+das liebte ich, an das glaubte ich, — auch — —«</p>
+
+<p>Sie zögert einen Augenblick. — »Ja, auch wenn ich es nicht sah, wenn
+anderes dich in Anspruch nahm, — nicht tiefer, aber stärker ... Dies
+klingt vielleicht sonderbar, aber ich glaube, ich hätte mein Leben
+hingeben können um dein Verhältnis zu Gott. Denn ich wußte, daß du da
+<em class="gesperrt">dein Leben</em> hattest.</p>
+
+<p>»Und dann, — dann merkte ich, — dann wurde es mir klar, — dann bekam
+ich Todesangst, daß — nein, nein, — nun muß ich flüstern, und du
+darfst es nicht gehört haben ...«</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_245">[S. 245]</span></p>
+
+<p>Sie legt ihre Lippen an sein Ohr. Und er vernimmt ihre leisen, bebenden
+Worte und mit ihnen den starken schnellen Schlag ihres Herzens.</p>
+
+<p>Plötzlich hebt er heftig den Kopf.</p>
+
+<p>»Du? — du? —«</p>
+
+<p>Sie legt ihre Hand auf seine Lippen und flüstert wieder — leise und
+eindringlich.</p>
+
+<p>Dann ist sie fertig. Vor ihm auf dem Stein steht sie, bebend — und
+weiß wie ihr weißes Gewand.</p>
+
+<p>Eine Weile steht er stumm und unbeweglich und schaut weit hinaus in die
+helle Nacht. Findet deren friedliche Klarheit wohl jetzt den Weg zu dem
+dunkelsten Punkt der Vergangenheit?</p>
+
+<p>Endlich sagt er leise: »Ich kann nicht darauf antworten, — ich soll
+ja auch nicht. Und das ist gut ... Denn niemals könnte ich mich damit
+einverstanden erklären, daß dies die rechte Weise war. Ich könnte nie
+einräumen, daß — nein, nein, ich will nichts sagen — das muß zwischen
+dir und einem Größeren bleiben, bis zu dem Tag, der alles klar machen
+wird.«</p>
+
+<p>Er richtet seinen Blick auf sie, wie sie vor ihm steht — weiß in ihrem
+weißen Gewand.</p>
+
+<p>In dem Blick lag sein ganzes Herz.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Seite_246">[S. 246]</span></p>
+
+<p>»Eins, nur eins mußt du hören! Was auch dagegen gesagt werden könnte —
+ich glaube doch, der — <em class="gesperrt">Hochlandspfarrer</em>, der über sich selbst
+hinausgelangte und eine andere Seele in die Tiefe seines Verhältnisses
+zu Gott mit hineinzog — —« Er beugt sich nieder und führt den Saum
+ihres weißen Gewandes an seine Lippen — »<em class="gesperrt">Der warst du — du, du</em>
+...«</p>
+
+<figure class="figcenter padtop2 padbot3 illowe2" id="illu-246">
+ <img class="w100" src="images/illu-246.jpg" alt="deko">
+</figure>
+
+<div class="bbox">
+<p class="s3 center">Ingeborg Maria Sick's Schriften.</p>
+<p class="bt"></p>
+<div class="ads">
+<p class="center"> Berechtigte Übersetzung aus dem<br>
+&nbsp;Dänischen von <em class="gesperrt">Pauline Klaiber</em></p>
+<p><b>Der Hochlandspfarrer.</b> Eine Erzählung aus Norwegen.</p>
+<p><b>Jungfrau Else.</b> Roman.</p>
+<p><b>Großmutter Ursulas Garten.</b> Roman.</p>
+<p><b>Ina.</b> Roman.</p>
+<p><b>Daheim.</b> Bilder von dem alten Pfarrhaus.</p>
+<p><b>Schritte in der Nacht.</b> Roman.</p>
+<p><b>Von Erde bist du genommen.</b> Fünf Novellen.</p>
+<p><b>Kathi von Goldrain.</b> Erzählung.</p>
+<p><b>Kaspars Zinglers Herz.</b> Erzählung.</p>
+<p><b>Freundlichkeit ist das halbe Leben.</b> Zwei Erzählungen.</p>
+<p><b>Das schlafende Haus.</b> Novelle.</p>
+<p><b>Das Blumenwunder und andere Geschichten.</b></p>
+</div>
+</div>
+
+<p class="center">Verlag von J. F. Steinkopf in Stuttgart.</p>
+
+<hr class="chap x-ebookmaker-drop">
+<div class="bbox">
+
+<p class="center">Weitere gute Bücher aus dem<br>
+Verlag von J. F. Steinkopf in Stuttgart.</p>
+
+<p class="bt"></p>
+<div class="ads">
+<p><b>Boeckh-Arnold, E., Lieb' ist Wunder.</b> Roman.</p>
+<p><b>Boie, Marg., Das köstliche Leben.</b> Roman.</p>
+<p><b>Burgdorf, P. C., Jochen Klingworths Abschied.</b></p>
+<p><b>Engel, F., Kampf und Kraft.</b> Roman.</p>
+<p><b>Falk-Rönne, J., Das Land des Glücks.</b> Roman. Aus dem Dänischen
+von Gertrud Bauer.</p>
+<p><b>Günther, A., Die Heilige und ihr Narr.</b> 2 Bände.</p>
+<p><b>Auf Agnes Günthers Spuren.</b> Sechs Landschaften nach Aquarellen
+von Felix Hollenberg.</p>
+<p><b>Seelchens Heimat.</b> Zwanzig Naturaufnahmen der Stätten, wo Agnes
+Günthers »Heilige und ihr<br>
+&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Narr« zu Hause sind. In Mappe.</p>
+<p><b>Josten, H., Der Stärkste.</b> Die Geschichte eines stillen Lebens.</p>
+<p>—, <b>Die Holdselige</b>. Zwei Märchen für besinnliche Leute. Mit
+Bildern von Elisabeth Kellermann.</p>
+<p><b>Kotzde, W., Die Wittenbergisch Nachtigall.</b></p>
+<p>—, <b>Die Pilgerin</b>. Roman.</p>
+<p>—, <b>Wilhelm Drömers Siegesgang</b>. Roman.</p>
+<p>—, <b>Die Krone Svinthilas</b>. Novelle.</p>
+<p>—, <b>Wolfram</b>. Ein Wartburgroman.</p>
+<p>—, <b>Mittsommernacht</b>. Novelle.</p><p><b>Lindner, A. L., Des Lebens Schönheit.</b> Roman.</p>
+<p><b>Mahnert, L., »... bis du am Boden liegst!«</b> Roman.</p>
+<p><b>v. Sell, S. Ch., Weggenossen.</b> Roman.</p>
+<p>—, <b>Unterirdische Wasser</b>. Roman.</p>
+<p>—, <b>Die helle Nacht</b>. Roman.</p>
+<p>—, <b>Die Prähme</b>. Roman.</p>
+<p>—, <b>Die Sonne leuchtet über der Stadt</b>. Roman.</p>
+<p>—, <b>Germanische Gestalten</b>. Gedichte und Balladen.</p>
+<p><b>Steinhausen, G., Irmela.</b> Eine Geschichte aus alter Zeit.
+Gebunden.</p>
+</div>
+ </div>
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 78787 ***</div>
+</body>
+</html>
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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+This book, including all associated images, markup, improvements,
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