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diff --git a/7888-0.txt b/7888-0.txt new file mode 100644 index 0000000..ab7bf11 --- /dev/null +++ b/7888-0.txt @@ -0,0 +1,3686 @@ +The Project Gutenberg eBook of Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzählung, +by Johanna Spyri + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and +most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms +of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you +will have to check the laws of the country where you are located before +using this eBook. + +Title: Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzählung + +Author: Johanna Spyri + +Release Date: April 1, 2005 [eBook #7888] +Last Updated: October 5, 2023 + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +Produced by: Delphine Lettau and Mike Pullen + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WISELIS WEG GEFUNDEN WIRD +ERZÄHLUNG *** + + + + +Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzählung + +Johanna Spyri + + + + +1. Kapitel +(Auf dem Schlittenweg) + + +Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einem Berghang. +Ich kann hier nicht sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig +beschreiben. Wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen. +Oben auf der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran, +voll schöner Blumen von allen Arten. Das gehört dem Oberst Ritter +und heißt Auf dem Hang. Von da geht es hinunter. Dann stehen auf +einem kleinen, ebenen Platz die Kirche und daneben das Pfarrhaus. +Dort hat die Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre fröhliche +Kindheit verlebt. + +Etwas weiter unten kommen das Schulhaus und noch einige Häuser, und +dann steht links am Weg noch ein Häuschen ganz allein. Davor liegt +auch ein Gärtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein +paar Resedastöckchen, daneben aber sind Beete mit Zichorien und +Spinat bepflanzt, mit einer niederen Hecke von +Johannisbeersträuchern umgeben. Alles ist da immer in bester +Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg wieder bergab +den ganzen langen Hang hinunter bis auf die große Straße, die an +der Aare entlang ins Land hinausführt. + +Dieser ganze lange Hang bildete zur Winterszeit den herrlichsten +Schlittenweg, der weit und breit zu finden war. Zehn Minuten lang +konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen. +Denn war man vom Haus des Obersten an bei diesem ersten, steilen +Absatz einmal recht in Fahrt gekommen, so gingen die Schlitten +vorwärts ohne Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestraße. + +Diese unvergleichliche Schlittenbahn machte auch das Lebensglück +einer großen Schar von Kindern aus, die alle, sobald nur die alte +Schulstubentür sich öffnete, herausstürzten, ihre Schlitten vom +Haufen rissen, den sie im Vorhof bildeten, und mit Windeseile zum +Schlittenweg rannten, wo die Stunden verflogen, man wußte nicht, +wie. Denn unten am Berg war man immer so schnell und beim +Hinaufsteigen dachte man so eifrig ans nächste Hinunterfahren, daß +man rasch wieder oben war. + +So brach immer zum großen Schrecken der Kinder die Nacht viel zu +früh herein, denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen +mußten. Da folgte dann gewöhnlich noch ein ziemlich stürmisches +Ende, denn da wollte man schnell noch einmal fahren und dann noch +einmal und dann nur noch ein einziges Mal. Und so mußte dann alles +noch in größter Eile zugehen, das Aufsitzen und das Abfahren und +wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da war auch ein Gesetz +errichtet worden, daß keiner hinunterfahren sollte, während die +anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle abfahren +und miteinander alle zurückkehren, damit kein Gedränge und +Schlittenverwickelungen entstehen könnten. Manchmal aber gab es +doch allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen +drangvollen Schlußfahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa +noch zu kurz kommen wollte. + +So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die +Schlittenbahn laut knisterte unter den Füßen der Kinder und der +Schnee nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte +darauf fahren können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber +waren alle glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im +angestrengten Lauf den ganzen Berg hinaufgelaufen und hatten ihre +Schlitten nachgezogen. Und nun wurden die Schlitten rasch gewendet, +die Kinder stürzten sich darauf, denn es hatte Eile. Drüben stand +schon hell der Mond am Himmel, und die Betglocke hatte auch schon +geläutet. + +Die Buben hatten aber alle gerufen: “Noch einmal! Noch einmal!” +Und die Mädchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es +eine Verwirrung und einen großen Lärm. Drei Buben wollten durchaus +auf demselben Platz mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte +auch nur einen Zentimeter zurückweichen und später abfahren. So +drückten sie einander auf die Seite hin, und der breite Chäppi +wurde von den beiden anderen so gegen den Rand des Weges hin +gestoßen, daß er ganz in den Schnee hineinsank mit seinem schweren +Schlitten und fühlte, daß er unter ihm stecken blieb. + +Eine große Wut ergriff ihn bei dem Gedanken, daß die anderen nun +abfahren würden. Er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf ein +kleines, schmales Mädchen, das neben ihm im Schnee stand. Es war +ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schürze gewickelt, um es +wärmer zu haben. Aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen +dünnen Körperchen. Das schien dem Chäppi ein passendes Wesen zu +sein um seine Wut daran auszulassen. + +“Kannst du einem nicht aus dem Weg gehen, du lumpiges Ding? Du +brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen +Schlitten. Wart nur, ich will dir schon aus dem Weg helfen.” Damit +stieß der Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kind +eine Schneewolke entgegenzuwerfen. + +Es floh zurück, so daß es bis an die Knie in den Schnee sank, und +sagte schüchtern: “Ich wollte nur zusehen.” + +Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee, als +ihn von hinten eine so erschütternde Ohrfeige traf, daß er fast vom +Schlitten fiel. “Wart du!” rief er außer sich vor Erbitterung, +denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte. Mit +geballter Hand drehte er sich um, seinen Feind zu treffen. + +Da stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zum +Abfahren zurecht gestellt. Er schaute nun ganz ruhig auf den +Chäppi nieder und sagte: “Probier’s!” Es war Chäppis Klassengenosse, +der elfjährige Otto Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine +Meinungsverschiedenheiten auszutragen hatte. Otto war ein +schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so breit wie der +Chäppi. Aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren, daß Otto +eine merkwürdige Gewandtheit in Händen und Füßen besaß, gegen die +der Chäppi sich nicht zu helfen wußte. + +Er schlug nicht zu, aber die geballte Hand hielt er immer noch hoch, +und wuterfüllt rief er: “Laß du mich gehen, ich habe nichts mit +dir zu tun!” + +“Aber ich mit dir”, entgegnete Otto kriegerisch. “Was brauchst du +das Wiseli dorthinein zu jagen und es noch mit Schnee zu +überschütten? Ich habe es gesehen, du Feigling. Fällt über ein +kleines Kind her, das sich nicht wehren kann!” Damit kehrte er +verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte sich dem Schneefeld zu, +wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte. “Komm heraus +aus dem Schnee, Wiseli”, sagte Otto mit Beschützermiene. “Siehst +du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen +Schlitten, und hast du nur zusehen müssen? Da, nimm meinen und +fahr einmal hinunter, schnell, siehst du, da fahren sie schon.” + +Das bleiche, schüchterne Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. +Zwei-, dreimal hatte es zugeschaut, wie eines nach dem andern auf +seinem Schlitten saß, und gedacht: Wenn ich nur ein einziges Mal +ganz hinten aufsitzen dürfte. Nun sollte es allein hinunterfahren +dürfen und dazu auf dem allerschönsten Schlitten mit dem Löwenkopf +vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht und hoch +mit Eisen beschlagen war. + +Vor lauter Glück stand Wiseli ganz unschlüssig da und schaute nach +dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu prügeln gedenke zur Strafe +für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz abgekühlt da, so als wäre +gar nichts geschehen. Und Otto stand so schutzverheißend daneben, +daß das Wiseli seinen Mut zusammennahm, um sein Glück zu erfassen. +Es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da nun Otto +mahnte: “Schnell, Wiseli, fahr ab”, so gehorchte es, und hinunter +ging’s wie vom Wind getragen. + +In der kürzesten Zeit hörte Otto die ganze Gesellschaft wieder +herankeuchen, und er rief der Kleinen entgegen: “Wiseli, bleib +unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu! +Nachher müssen wir gehen.” Das glückliche Wiseli setzte sich noch +einmal hin und genoß noch einmal die langersehnte Freude. Dann +brachte es den Schlitten zurück und dankte ganz schüchtern seinem +Wohltäter und rannte eilig davon. + +Otto fühlte sich sehr befriedigt. “Wo ist das Miezi?” rief er in +die Gesellschaft hinein, die sich allmählich zerstreute. + +“Da ist es”, ertönte eine fröhliche Kinderstimme, und aus dem +Knäuel heraus trat ein rundes, kleines Mädchen, das der Bruder Otto +als kräftiger Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm zum +väterlichen Haus lief. Denn es war heute spät geworden. Die +erlaubte Zeit des Schlittenfahrens war lange überschritten. + + + + +2. Kapitel +(Daheim, wo’s gut ist) + + +Als Otto und seine Schwester durch den langen, steinernen Hausflur +hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr +Licht in die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. +“So, endlich!” sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. “Die +Mutter hat schon nach euch gefragt, aber da war kein Bein zu sehen. +Und acht Uhr hat’s geschlagen--vor wer weiß wie langer Zeit.” Die +alte Trine war schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter +der beiden Kinder zur Welt kam. So hatte sie große Rechte im Haus +und fühlte sich durchaus als Familienmitglied, eigentlich als +Oberhaupt, denn an Alter und Erfahrung war sie die erste. Die alte +Trine war vernarrt in beide Kinder ihrer Herrschaft und sehr stolz +auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften. Das ließ sie aber nicht +merken, sondern sprach immer in entrüstetem Ton mit ihnen, denn das +fand sie erzieherisch. + +“Schuhe aus, Pantoffeln an!” rief sie jetzt. Der Befehl wurde aber +gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort kniete sie vor +Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, und zog +ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand inzwischen +mitten in der Stube und rührte sich nicht, was sonst nicht ihre Art +war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein paarmal +hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen sollte auf +dem Sessel sitzen. Aber es stand noch auf demselben Platz. + +“Nun, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann trocknen die +Schuhe von selbst”, sagte die Trine. + +“Pst! pst! Trine, ich habe etwas gehört. Wer ist in der großen +Stube?” fragte Miezchen und hob den Zeigefinger. + +“Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht hinein. +Jetzt setz dich”, mahnte Trine. + +Aber anstatt zu sitzen, sprang Miezchen hoch und rief: “Jetzt habe +ich’s wieder gehört, so lacht der Onkel Max.” + +“Was?” schrie Otto und war mit einem Satz bei der Tür. + +“Wart! wart!” schrie Miezchen nach und wollte gleich mit zur Tür +hinaus. Aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den Stuhl gesetzt, +die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den zappelnden +Füßchen. Doch gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen zur Tür +hinaus und hinüber in die große Stube und direkt auf den Onkel Max +los, der richtig dort im Lehnstuhl saß. + +Da war nun ein großer Freudenlärm und ein Grüßen und ein +Willkommenrufen in allen Tönen, und in das Lachen der Kinder +stimmte der Onkel Max mit ein. Es dauerte einige Zeit, bis sich +der Tumult etwas gelegt hatte und die Festfreude einen ruhigen +Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder war der Besuch des +Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der Onkel Max war ihr +besonderer Freund. Er war fast immer auf Reisen und kam nur alle +paar Monate einmal zu Besuch. Dann gab er sich aber mit den +Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an. Und was er für +wunderbar herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das +war mit nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig +und zauberhaft. Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in +allen Winkeln der Erde umher. Und aus jedem brachte er etwas +Eigentümliches mit. + +Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum, und die +dampfende Schüssel brachte völlige Besänftigung in die aufgeregten +Gemüter. Denn von der Schlittenbahn wurde immer ein richtiger +Appetit mitgebracht. “So”, sagte der Papa und blickte über den +Tisch hinüber, wo an der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig +arbeitete. “So, so, heute hat also das Miezchen keine Hand für +seinen Papa, noch habe ich keinen Gruß bekommen. Und jetzt ist +keine Zeit mehr dazu.” + +Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und +sagte: “Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Absicht getan, und +jetzt will ich gleich...” Und damit stieß sie mit großer +Anstrengung den Sessel zurück. + +Aber der Papa rief: “Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestörung! Da +gib die Hand über den Tisch hin, das übrige wollen wir dann +nachholen. So ist’s recht, Miezchen.” + +“Wie hat man eigentlich das Kind getauft, Marie? Ich war zwar auch +dabei, aber ich habe keine Ahnung, welcher Name in der Kirche +ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?” sagte der Onkel lachend. + +“Du warst wirklich dabei, Max”, entgegnete seine Schwester, “da du +der Pate des Kindes bist. Es erhielt damals den Namen Marie. Sein +Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den Namen noch recht +unnütz vervielfältigt.” + +“O nein, Mama, wirklich nicht unnütz”, rief Otto ernsthaft. +“Siehst du, Onkel, das geht nach ganz bestimmten Regeln. Wenn das +kleine Ding ordentlich und sanftmütig ist, dann nenne ich es +Miezchen. Das geschieht aber selten, und im gewöhnlichen Leben +nenne ich es daher Miezi. Wird es aber böse, dann sieht es ganz +aus wie ein kleiner wilder Kater und muß Miez genannt werden, der +Miez.” + +“Ja, ja, Otto”, tönte es nun zurück, “und wenn du böse wirst, dann +siehst du ganz aus wie ein--wie ein...” + +“Wie ein Mann”, ergänzte Otto, und da dem Miezchen eben kein +Vergleich einfiel, so arbeitete es jetzt um so emsiger an seinem +Brei herum. + +Der Onkel lachte laut auf. “Das Miezchen hat recht”, rief er, “es +ist besser, sich um seine Geschäfte zu kümmern, als auf Schmähungen +zu antworten.” “Aber, Kinder”, setzte er nach einer Weile hinzu, +“nun bin ich fast ein Jahr nicht hier gewesen, und ihr habt mir +noch gar nichts erzählt. Was habt ihr denn inzwischen alles +erlebt?” + +Die neuesten Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der Kinder. So +wurde gleich mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die eben +erlebte Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt +hatte, wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte +und endlich doch noch zu zwei Fahrten kam. + +“So ist’s recht, Otto”, sagte der Papa. “Du mußt deinem Namen Ehre +machen, für die Wehrlosen und Verfolgten mußt du dich immer +einsetzen. Wer ist das Wiseli?” + +“Du kannst das Kind und seine Mutter kaum kennen”, sagte die Mama, +zu ihrem Mann gewandt. “Aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter +recht gut. Du kannst dich doch noch auf den mageren Leineweber +besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er hatte ein einziges Kind +mit großen braunen Augen, das oft bei uns im Pfarrhaus war und so +schön singen konnte. Erinnerst du dich?” + +Bevor aber die weiteren Erinnerungen besprochen wurden, steckte die +alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: “Der Schreiner +Andres möchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er +nicht stört.” Diese harmlosen Worte verursachten große Verwirrung +in der Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlöffel, mit dem +sie soeben dem Onkel entgegenkommen wollte, beiseite und sagte +eilig: “Entschuldigt mich!” Rasch ging sie hinaus. Otto sprang so +stürmisch auf, daß er seinen Stuhl umwarf und dann selbst darüber +stürzte, als er davonlaufen wollte. Das Miezchen hatte ähnliche +Taten vor, aber der Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr +gesehen und hielt es nun mit beiden Armen fest. Aber es zappelte +jämmerlich und schrie: “Laß los, Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß +gehen.” + +“Wohin denn, Miezchen?” + +“Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf mir, Papa.” + +“Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lasse +ich dich los.” + +“Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der +Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los.” Nun stürmte auch +das Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max +brach in Gelächter aus und rief: “Wer ist denn der Schreiner Andres, +um den deine ganze Familie sich zu reißen scheint ?” + +“Das mußt du besser wissen als ich”, entgegnete der Oberst. “Es +wird wohl ein Jugendfreund von dir sein und das Fieber der +Verehrung wird auch dich noch ergreifen. Es muß in eurer Familie +sein, bei uns hat es die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel +sagen, daß der Schreiner Andres der Grundstein meines Hauses ist, +auf dem alles feststeht. Und sicher werde alles auseinanderbrechen, +sollte das Haus diesen Halt verlieren. Der Schreiner Andres ist +hier Rat, Trost, Heil und Hilfe in der Bedrängnis. Will meine Frau +ein Hausgerät haben, von dem sie gar nicht weiß, wie es aussehen +soll und wozu man es braucht--der Schreiner Andres erfindet es und +fertigt es an. Bricht Feuers- oder Wassersnot in der Küche oder im +Waschhaus aus, der Schreiner Andres greift in die Elemente und +bringt das Feuer ins Stocken und das Wasser in Fluß. Macht mein +Sohn einen recht dummen Streich, der Schreiner Andres bringt alles +wieder in Ordnung. Schmeißt meine Tochter das sämtliche Hausgerät +entzwei, der Schreiner Andres leimt es wieder zusammen. So ist der +Schreiner Andres die stützende Säule meines Hauses, und wenn diese +zusammenbrechen würde, so gingen wir alle in Trümmer.” + +Die Mutter war inzwischen wieder eingetreten, und ihr zuliebe +schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres sehr +eingehend. Onkel Max lachte schallend. + +“Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!” sagte die Mutter. “Ich weiß schon, +was ich an dem Schreiner Andres habe.” + +“Und ich auch”, bemerkte der Vater mit spöttischem Lächeln. + +“Und ich auch!” behauptete das Miezchen herzhaft. + +“Und ich auch!” sagte Otto seufzend, dem der Knöchel noch von +seinem Sturz über den Stuhl hin weh tat. + +“So, nun sind wir alle einer Meinung”, bemerkte die Mutter, “nun +können die Kinder in Frieden zu Bett gehen.” + +Auf diese Anzeige hin drohte dem Frieden gleich eine Störung. Aber +es half nichts, die alte Trine stand schon vor der Tür und achtete +darauf, daß die Hausordnung nicht überschritten wurde. Die Kinder +mußten sich verabschieden, und gleich nachher verschwand die Mutter +auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß die +Mutter zum Nachtgebet an ihre Betten gekommen war. + +Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den +Herren zurück und setzte sich gemütlich hin. + +“Endlich”, sagte da der Oberst aufatmend, als habe er eine harte +Schlacht hinter sich. “Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem +Schreiner Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch +etwas übrigbleibt.” + +“Und siehst du, Max”, sagte die Mutter lachend, “wenn mein Mann +noch so spottet--er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so +gern wie wir alle. Gestehe es nur ein, Otto! Eben hat mir Andres +auch für dich noch einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche +Summe gebracht und bittet um deine Hilfe.” + +“Das ist wahr”, sagte der Oberst, “einen ordentlicheren, +fleißigeren, zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich +Weib und Kind und Hab und Gut und alles anvertrauen wie keinem +anderen. Das ist der ehrlichste Mann in unserer ganzen Gemeinde +und noch weit darüber hinaus.” + +“Jetzt siehst du, Max”, sagte die Frau lachend, “ich konnte doch +nicht mehr sagen.” + +Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst unversehens +gefallen war. Dann entgegnete er: “Nun habt ihr mir alle so viel +von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich wirklich wissen möchte, +woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht +hier gesehen?” + +“Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max”, entgegnete seine +Schwester. “Du mußt dich noch an den Andres erinnern, mit dem wir +zur Schule gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei Brüder +zusammen in derselben Klasse mit dir waren? Der ältere war damals +schon ein rechter Taugenichts. Er war nicht dumm, aber tat nichts +und blieb darum stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder +in eine Klasse zusammen, in der du auch warst. Du mußt dich gewiß +erinnern, er hieß Jörg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er +bewarf uns, wo er konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Äpfeln und +Birnen und dann mit Schneebällen, und rief uns überall nach: +‘Aristokratenbrut!’” + +“Oh, der!” rief Onkel Max lachend, “ja, nun weiß ich auf einmal +alles. Richtig, ‘Aristokratenbrut’ rief er uns +beständig nach. Ich möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den +Sinn kam. Er war ein widerwärtiger Kerl. Da sah ich ihn einmal +einen viel kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln. Dem +half ich aber, dafür rief er mir mindestens zwölfmal nach: +‘Aristokratenbrut!’ Ach, nun weiß ich auch auf einmal, wer der +andere war. Das war der magere, kleine Andres, sein Bruder, das +ist gewiß euer Andres. Und dann ist das auch der Andres mit den +Veilchen, nicht wahr, Marie? Oh, jetzt verstehe ich schon die +dicke Freundschaft.” Onkel Max lachte aufs neue auf. + +“Was für Veilchen? Das muß ich wissen”, fiel der Oberst ein. + +“Oh, die Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als wäre sie +gestern geschehen”, sagte der Onkel ganz angeregt von seinen +Erinnerungen. “Die muß ich dir erzählen, Otto. Du weißt +vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorf in jenen +glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, +der fand, daß alle Mängel der Schulkinder aus ihnen heraus- und +alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt +werden könnten. So war er gezwungen, sehr viel zu prügeln, um den +einen oder andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf +einmal. Einmal nun war ihm der magere Andres unter die Hand +gekommen. Dem schlug er nun so kräftig seine wohlgemeinte +Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres laut aufschrie. In diesem +Augenblick stand meine kleine Schwester, die kürzlich in die Schule +eingetreten war und sich noch nicht so recht in die dort +herrschenden Gebräuche eingelebt hatte, plötzlich auf von ihrem +Sitz in der ersten Bank. Sie lief eilig zur Tür. Der Schullehrer +hielt inne mit seiner Arbeit und rief ihr nach: ‘Wohin läufst +du?’ Marie kehrte sich um. Die hellen Tränen liefen ihr über +die Backen, und sie sagte ganz aufrichtig: ‘Ich will heimgehen +und es dem Papa sagen.’ ‘Wart, ich will dir!’ rief jetzt der +Schullehrer überrascht und stürzte vom Andres weg auf die kleine +Marie los. Die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm +und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin. Dann sagte er +noch einmal: ‘Wart, ich will dir!’ Damit war aber alles abgetan. +Auch der Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen +friedlichen Ausgang. Aber die Tränen, die meine Schwester für den +Andres vergossen hatte, und ihr Einschreiten gegen den Tyrannen +wurden nicht vergessen. Von dem Tag an lag jeden Morgen ein Strauß +Veilchen auf ihrem Platz und durchduftete den ganzen Schulraum. +Und nachher kam noch ein anmutigerer Duft von dem Platz her, denn +da lagen große Erdbeersträuße mit den prächtigsten dunkelroten +Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren. Und so ging es das +ganze Jahr durch immerfort. Wie sich dann aber die Freundschaft zu +dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt ist, +das muß meine Schwester wissen und uns mitteilen.” + +Der Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tränen und der +Veilchen und forderte seine Frau auf, weiter zu erzählen. + +Sie sagte lachend: “Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ansicht +nach das ganze Jahr durch, Max. Das ist aber nicht ganz so. Aber +der gute Andres wurde wirklich das ganze Jahr durch nicht müde, mir +irgend etwas Erfreuliches aus Feld und Wald zu suchen und an meinen +Platz zu legen, solange wir miteinander zur Schule gingen. Er trat +dann lange vor mir aus und kam in die Lehre zu einem Schreiner in +der Stadt. Er kam aber oft nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus +den Augen. Und als mein Mann dieses Gut kaufte und wir uns eben +verheiratet hatten, handelte es sich darum, daß Andres sich etwas +ankaufen und sich selbständig niederlassen wollte. Er hatte seine +Eltern verloren und stand ganz allein, aber als tüchtiger Arbeiter +da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem sauberen kleinen +Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es aber nicht +ankaufen, da der Verkäufer sofort bares Geld haben wollte und +Andres erst etwas verdienen mußte. Aber wir kannten ihn und seine +Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen an für ihn, und er hat es +keinen Augenblick zu bereuen gehabt.” + +“Nein, wahrhaftig nicht”, fiel der Oberst ein. “Der brave Andres +hat längst sein Gut vollständig abgezahlt, und seither bringt er +mir jedes Jahr um diese Zeit eine ganz hübsche Summe, den Gewinn +seiner Jahresarbeit. Die lege ich ihm gut an. Er ist jetzt schon +ein wohlhabender Mann, und nun nimmt sein Besitztum jährlich sehr +zu. Er kann sein Häuschen noch zu einem großen Haus machen, der +brave Andres. Es ist nur schade, daß er wie ein Einsiedler lebt +und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen kann.” + +“Hat er denn keine Frau und keine Familie? Und wo ist der +bitterböse Jörg schließlich hingekommen?” fragte Onkel Max weiter. + +“Nein, er hat gar niemanden”, antwortete die Schwester. “Er lebt +völlig allein, wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, +traurige Geschichte erlebt, die ich mit angesehen habe und die ihm +gewiß alle Lust genommen hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder +Jörg ist hier einige Jahre herumgestrolcht. Er hat nie gearbeitet, +sondern gehofft, durch furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, +die keine Lumpen waren wie er, endlich doch noch sein Glück zu +machen. Und als ihm dies nicht gelang, auch der gute Andres ihm +endlich nicht mehr aus seinen Schulden und allem Bösen heraushelfen +konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er verschwunden. Wohin, +hat man nie recht gewußt. Jedermann war froh, daß er fort war.” + +“Was war denn die traurige Geschichte, Marie?” fragte der Bruder. +“Die muß ich auch noch wissen.” + +“Und ich auch”, sagte der Oberst und zündete zu der Erzählung +vergnüglich eine neue Zigarre an. + +“Aber Otto”, bemerkte die Frau Oberst, “dir habe ich dieses +Erlebnis wohl schon sechsmal erzählt.” + +“So?” entgegnete ruhig der Oberst. “Es gefällt mir, wie es scheint.” + +“So fang an!” ermunterte der Onkel. + +“Du mußt dich noch an das Kind erinnern können, Max”, begann seine +Schwester, “von dem ich heute abend schon einmal gesprochen habe, +das ganz in unserer Nähe wohnte. Es gehörte dem bleichen, mageren +Leineweber, den wir immer sein Weberschifflein hin- und herwerfen +hörten, wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und +nett aus und hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne +braune Haare. Es hieß Aloise.” + +“In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt”, warf Onkel Max ein. + +“Oh, ich weiß schon, warum”, fuhr seine Schwester fort. “Wir +nannten sie auch nie so, besonders du nicht. Wisi nannten wir sie, +zum Schrecken unserer seligen Mama. Weißt du denn nicht mehr, wie +oft du selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten +mit Mama und es so leise tönte: ‘Man muß das Wisi holen, +sonst geht’s nicht’?” + +Jetzt stieg die Erinnerung mit einemmal in Onkel Max’ Gedächtnis +auf. Er lachte auf und rief: “Oh, das ist’s, das Wisi, ja gewiß, +das Wisi kenne ich. Ich sehe es deutlich vor Augen mit dem +lustigen Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauflos +sang. Ich mochte es gern, das Wisi. Es war auch nett anzusehen. +Das ist wahr. Die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, +wenn ich ‘Wisi’ sagte. Ich habe aber nie gewußt, wie +das Wisi eigentlich hieß.” + +“Freilich hast du das gewußt”, bemerkte die Schwester, “denn +jedesmal sagte die Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schönen +Namen Aloise ein Wisi zu machen.” + +“Das habe ich wohl jedesmal überhört”, meinte Onkel Max. “Aber wo +ist denn das Wisi hingekommen?” + +“Du weißt, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir +sind miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur +sechsten. Da kann ich mich ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre +durch der Andres als treuster Freund und Beschützer dem Wisi zur +Seite stand in Freud und Leid. Und es konnte den Freund gut +brauchen. Meistens, wenn es zur Schule kam und die Tafel mit +Rechnungen bedeckt bringen sollte wie wir anderen auch, da stand +nicht eine Zahl darauf. Es legte sie aber mit dem lustigsten +Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden Augenblick stand +alles darauf, was darauf stehen sollte. Denn der Andres hatte +schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt. Oft +geschah es auch, daß Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen +eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte +im Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt. Und wenn +dann Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb +regelmäßig alles auf dem Andres sitzen. Nicht daß er von jemand +angeklagt wurde, sondern er selbst sagte gleich halblaut, er meine, +er habe die Scheibe zerdrückt. Und er glaube auch, er habe an dem +Pflaumenbaum gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder +wußten immer ganz gut, wie es war. Aber wir ließen es so gehen. +Wir waren so gewöhnt daran, daß es so sei, und dann hatten wir alle +das lustige Wisi so gern, daß wir’s ihm immer gönnten, wenn es +ungestraft davonkam. Und Äpfel und Birnen und Nüsse hatte Wisi +immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres. Denn was er +nur hatte und erlangen konnte, das stecke er alles dem Wisi in den +Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn sein +könne, daß der stille Andres gerade das allerlustigste und +aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe. Und dann +sann ich darüber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres +besonders gern habe. Es war wohl immer freundlich zu ihm, aber so +war es auch mit den anderen. Und als ich einmal ernstlich unsere +Mama fragte, wie das wohl sei, da schüttelte sie ein wenig den Kopf +und sagte: ‘Ich fürchte, ich fürchte, diese artige Aloise ist +ein wenig leichtsinnig und kann noch in eine schwere Schule kommen.’ +Diese Worte gaben mir viel zu denken und kamen mir immer +wieder in den Sinn.” + +Die Frau Oberst sah lächelnd vor sich hin. “Als wir dann zusammen +in den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmäßig am +Sonntagabend zu uns herüber, und wir sangen zusammen am Klavier +Choräle. Daran hatte es damals sehr große Freude, es konnte alle +die schönen Lieder auswendig und sang sie mit heller Stimme. Wir +hatten auch unsere Freude an den Abenden, Mama und ich, und auch +darüber, daß Wisi so gern in den Unterricht ging und ihn sich +wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein großes Mädchen geworden +und sah recht gut aus. Seine lustigen Augen hatte es noch, und +wenn es auch nie so kräftig aussah wie die Bauernmädchen im Dorf, +so hatte es doch eine blühende Gesichtsfarbe und war netter als sie +alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er +kam aber immer über den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu +uns ins Pfarrhaus, und am liebsten sprach er dann immer mit mir von +den vergangenen Tagen der Schule. Und dann kamen wir immer bald +auf das Wisi zu sprechen. Das kam so im Zusammenhang, und +schließlich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging +ganz das Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und während +alle Welt längst das Wisi nie anders also so genannt hatte, nannte +er es unwandelbar das ‘Wiseli’. Und das kam dann so +ganz eigen zärtlich heraus. + +Da kam auch ein Sonntag, als das Wisi und ich noch nicht achtzehn +Jahre alt waren. Gegen Abend trat er bei uns ein und sah ganz +rosig aus. Und als wir nun mit Mama zusammensaßen, da sagte Wisi, +es sei gekommen, uns mitzuteilen, daß es sich mit dem jungen +Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im Dorfe +wohnte. Sie könnten gleich heiraten, da er eine gute Anstellung +habe unten in der Fabrik, und so hätten sie denn schon alles +festgesetzt, daß sie gleich in zwölf Tagen zusammenkommen könnten. +Ich war so erstaunt und so traurig, daß ich kein Wort sagen konnte. +Eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz bekümmert +aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte ihm +vor, wie leichtsinnig es sei, daß es sich so schnell mit dem +Fabrikarbeiter eingelassen habe. Es kenne ihn ja kaum, und da sei +doch ein anderer, der ihm Jahre lang nachgegangen sei und ihm +gezeigt habe, wie lieb er es habe. Und zuletzt fragte sie es +dringend, ob denn nicht alles noch rückgängig gemacht werden oder +doch eine gute Zeitlang hinausgeschoben werden könne. Es könne +noch bei seinem Vater bleiben, es sei ja noch so jung. Da fing +Wisi zu weinen an und sagte, es habe ganz bestimmt sein Wort +gegeben, alles sei eingerichtet auf die Zeit und dem Vater sei’s +recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber das arme Wisi weinte +immer ärger. Da nahm sie es bei der Hand und zog es zum Klavier +hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir zusammen sangen. +Sie sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: ‘Trockne nun +deine Tränen, wir wollen noch einmal zusammen singen.’ Dann +schlug sie uns das Lied auf, und wir sangen zusammen: + +(‘Befiehl du deine Wege, +Und was dein Herze kränkt, +Der allertreusten Pflege +Des, der den Himmel lenkt.) + +(‘Der Wolken, Luft und Winden +Gibt Wege, Lauf und Bahn, +Der wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann.’) + +Wisi ging dann wieder getröstet von uns, die Mutter hatte ihm noch +einige freundliche Worte gesagt. + +Aber mich hatte die Sache recht traurig gemacht. Ich hatte ein +ganz bestimmtes Gefühl, daß das arme Wisi seine frohen Tage nun +hinter sich hatte, und dann tat mir der Andres unsäglich leid. Was +würde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein Wort, aber ein +paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war noch stiller +geworden als vorher. Ich habe auch seither nie mehr sein +stillfröhliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft gezeigt +hat.” + +“Der arme Kerl!” rief Onkel Max aus. “Hat er denn keine andere +Frau genommen?” + +“Ach, nein, Max”, entgegnete seine Schwester ein wenig strafend, +“wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen. Er ist ja die +Treue selbst.” + +“Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester”, erwiderte der +Bruder begütigend. “Ich konnte doch nicht voraussehen, daß dein +vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an +sich trägt. Aber das Wisi, erzähl weiter von ihm. Ich hoffe +wirklich, das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde +mir leid tun.” + +“Ich merke schon, Max”, sagte die Schwester, “daß du es heimlich +mit dem Wisi hältst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres, +dem es doch fast das Herz abgedrückt hat, daß das Wisi für ihn +verloren war.” + +“Doch, doch”, versicherte der Onkel, “ich kann ihm nachfühlen, wie +unglücklich er war. Aber weiter, wie ging’s mit dem Wisi? Es hat +doch seine lustigen Augen nicht verweint?” + +“Doch, ich glaube schon”, fuhr die Schwester fort. “Ich habe Wisi +nicht mehr oft gesehen, es hatte viel zu tun. Ich glaube, der Mann +war nicht eben böse, aber er hatte etwas Rohes, er konnte so grob +und unfreundlich sein, auch mit seinen kleinen Kindern. Wisi hatte +gewiß wenig Freude mehr. Es hatte mehrere nette Kinder, aber sie +waren alle sehr zart, es verlor sie wieder eins nach dem andern. +Fünf hatte es begraben müssen, nur ein einziges ist ihm geblieben, +ein feines, zartes Geschöpfchen, ein kleines Wiseli. Es ist nicht +viel größer als unser Miezchen und ist doch gut drei Jahre älter. +Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten, daß man +deutlich sehen konnte, was kommen würde. Und nun ist es auch da, +eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin. Ich fürchte, es ist +gar keine Hoffnung mehr.” + +“Nein!” rief Onkel Max erschrocken aus. “Das kann doch nicht sein, +ist’s wirklich wahr? Kann man da nichts machen, Marie? Wir wollen +doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen.” + +“Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen”, sagte die Schwester +traurig. “Da war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all +die Arbeit und Anstrengung viel zu zart.” + +“Und was macht nun der Mann?” fragte Onkel Max. + +“Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi +auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde +ihm in der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, daß man +ihn halbtot nachhause brachte. Danach konnte er nicht mehr +arbeiten. Er muß kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. +Wisi hatte ihn nun auch noch zu verpflegen zu allem andern. Er +starb dann ungefähr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt +Wisi allein mit dem Kind.” + +“Und so blieb von allem gar nichts mehr übrig als ein kleines +Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird’s doch +nicht kommen müssen. Das Wisi kann noch gesund werden und alles +noch kommen, wie es hätte sein sollen von Anfang an.” + +“Nein, nein, dazu ist es zu spät”, entgegnete die Schwester sehr +bestimmt. “Das arme Wisi hat seinen Leichtsinn schwer büßen müssen. +Aber jetzt ist es spät geworden.” Und fast erschrocken stand sie +auf, denn über dem Gespräch war die Mitternachtsstunde +vorübergegangen. + +Seit einiger Zeit schon war der Oberst ganz still geworden, er +hatte sich in seinen Lehnstuhl zurückgelegt und war fest +eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar keinen Schlaf, denn mit der +Erzählung von dem armen Wisi waren ihm alle Jugenderinnerungen so +lebendig aufgestiegen, daß er noch eine Menge von Dingen und +Persönlichkeiten besprechen wollte. Aber seine Schwester war +unerbittlich, sie hielt die Lampe in der Hand und drängte zum +Aufbruch. + +So half denn nichts. Um aber nicht allein die unwillkommene +Störung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so +gewaltigen Ruck an seinem Stuhl, daß der Oberst mit einem Schrecken +emporschoß, als sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber +sein Schwager klopfte ihm friedlich auf die Schulter und sagte: “Es +war nur eine leise Mahnung von seiten deiner Frau, daß wir uns +zurückziehen möchten.” Der Rückzug wurde dann vollzogen, und bald +stand das Haus auf der Höhe ganz still im Mondschein da. Und unten +am Berg stand eins, da sollte es auch bald still werden. Jetzt +brannte noch ein schwaches Lämpchen drinnen und warf seinen matten +Schimmer durch das schmale Schubfenster in die monderhellte Nacht +hinaus. + + + + +3. Kapitel +(Auch noch daheim) + + +Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten nach Hause gingen, +rannte das kleine Wiseli aus allen Kräften den Berg hinunter. Denn +es wußte, daß es länger fortgeblieben war, als die Mutter erwartete, +und das tat es sonst nicht. Aber heute war sein Glück so groß +gewesen, daß es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte. +Jetzt lief es um so schneller und wäre fast in einen Mann +hineingerannt, der eben aus der Tür des Häuschens trat, als es +hineinstürmen wollte. Er ging ihm aber ganz leise aus dem Weg, und +das Wiseli sprang vorwärts in die Stube hinein und auf die Mutter +zu, die auf einem kleinen Stuhl am Fenster saß und zu Wiselis +Erstaunen noch kein Licht angezündet hatte. + +“Mutter, bist du böse, daß ich so lang ausgeblieben bin?” rief es +und umarmte sie. + +“Nein, nein, Wiseli”, antwortete sie freundlich. “Aber ich bin +froh, daß du da bist.” + +Jetzt fing das Wiseli der Mutter von seinem großen Erlebnis zu +erzählen an, wie gut der Otto zu ihm gewesen war und wie es zweimal +mit dem allerschönsten Schlitten hatte den Berg hinunterfahren +können. Als es dann mit seiner Erzählung fertig war und die Mutter +noch immer so still dasaß, fiel ihm erst ein, daß sie das sonst +nicht tat. Es fragte verwundert: “Aber warum hast du noch kein +Licht, Mutter?” + +“Ich bin so müde heute abend, Wiseli”, antwortete sie. “Ich konnte +nicht aufstehen und Licht machen. Hol das Lämpchen herein und +bring mir einen Schluck Wasser mit, ich habe so großen Durst.” + +Wiseli lief in die Küche und kam bald zurück, in der einen Hand das +Licht und in der andern eine Flasche, in der ein roter Saft +schimmerte, so hell und einladend, daß die durstende Kranke erfreut +ausrief: “Was bringst du mir Schönes, Wiseli?” + +“Ich weiß nicht”, sagte das Kind, “es stand auf dem Küchentisch, +sieh, wie es funkelt.” + +Die Mutter nahm die Flasche in die Hand und roch daran. “Oh”, +sagte sie, “wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib mir schnell ein +wenig Wasser dazu, Wiseli.” + +Das Kind goß roten Saft in ein Glas und füllte es mit Wasser, und +mit durstigen Zügen trank die Mutter den erquickenden Beerensaft. +“Oh, wie das erfrischte” sagte sie und übergab das leere Glas dem +Kind. “Stell es weg, Wiseli, aber nicht weit. Mir ist, ich könnte +alles austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese +Flasche gebracht? Gewiß die Trine, es kommt von der Frau Oberst.” + +“War denn die Trine bei dir in der Stube, Mutter?” fragte das Kind. + +“Nein.” + +“Dann ist es nicht die Trine, das weiß ich”, sagte das Wiseli +bestimmt. “Sie geht jedesmal in die Stube, wenn sie etwas bringt. +Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er dies nicht +mitgebracht?” + +“Ach was, Wiseli”, fiel die Mutter ganz lebhaft ein. “Was sagst du +denn? Der Schreiner Andres war nie bei mir, was fällt dir denn +ein?” + +“Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier drinnen”, beteuerte +Wiseli. “Gerade, als ich hereinkam, trat er so schnell aus der Tür, +daß ich fast gegen ihn rannte. Hast du denn nichts gehört?” + +Die Mutter war eine Zeit lang ganz still, dann sagte sie: “Ich habe +schon gehört, daß jemand leise die Küchentür aufmachte. Erst +meinte ich, du seist es, und--es ist wahr, erst nachher hörte ich +dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, daß es der Schreiner +Andres war, der zu unserer Tür herauskam?” + +Wiseli war seiner Sache sicher. Es konnte so genau der Mutter +sagen, wie der Rock und die Kappe vom Schreiner Andres aussahen und +wie er erschrocken war, als es so mit einemmal an ihn heranrannte, +daß die Mutter auch davon überzeugt wurde. Sie sagte wie für sich: +“Dann war es der Andres, er hat gewußt, was mir so gut tun könnte.” + +“Jetzt fällt mir noch etwas ein, Mutter”, rief auf einmal das +Wiseli ganz erregt aus. “Jetzt weiß ich gewiß, wer einmal den +großen Topf Honig in die Küche gestellt hat, von dem du so gern +gegessen hast, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen. Weißt du, +Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir +etwas Suppe brachte, und sie sagte, sie wisse von all dem nichts. +Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Küche +gestellt.” + +“Das glaube ich auch”, sagte die Mutter und wischte sich über die +Augen. + +“Es ist ja nichts Trauriges”, sagte Wiseli ein wenig erschrocken, +als sie die Mutter immer wieder über die Augen wischen sah. + +“Du mußt ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es +ihm einmal, ich lasse ihm danken für alles Gute. Er hat es so gut +mit mir gemeint. Komm, setz dich ein wenig zu mir”, fuhr sie leise +fort. “Gib mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag +mir das Verslein, was ich dich gelehrt habe.” + +Wiseli holte noch einmal Wasser und goß von dem frischen Saft +hinein, und die Mutter trank noch einmal begierig davon. Dann +legte sie müde ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und +winkte das Wiseli zu sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu +hart, holte ein Kissen aus ihrem Bett herbei und legte es +sorgfältig unter den Kopf. Dann setzte es sich dicht neben sie auf +den Schemel und hielt ihre Hand fest in den seinigen. Und wie sie +gewünscht hatte, sagte es nun andächtig sein Verslein auf. + +(“Befiehl du deine Wege, +Und was dein Herze kränkt, +Der allertreusten Pflege +Des, der den Himmel lenkt.) + +(“Der Wolken, Luft und Winden +Gibt Wege Lauf und Bahn, +Der wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann.”) + + +Als Wiseli zu Ende war, sah es, daß die Mutter am Einschlafen war. +Sie sagte nur noch leise: “Denk daran, Wiseli! Und wenn du einmal +keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann +denk in deinem Herzen: + +(“Er wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann.”) + +Nun legte die Mutter sich müde hin und schlief ein, und Wiseli +wollte sie nicht wecken. Es legte sich mäuschenstill an sie heran, +und bald schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte +Lampe in dem stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von +selbst erlosch und das Häuschen dunkel dastand auf dem hellen +Mondscheinplatz. + +Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen +ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen hinein, +wie sie immer im Vorbeigehen tat. Da sah sie, wie Wiselis Mutter +auf dem Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte. +Das kam ihr so sonderbar vor, sie mußte nachsehen, was da geschehen +sei. Sie machte ein wenig die Tür auf und fragte: “Was hast du, +Wiseli? Ist die Mutter kränker geworden?” + +Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stammelte: “Ich--weiß nicht, +was die Mutter hat.” + +Das arme Kind ahnte, was mit der Mutter war, aber es konnte ja +nicht begreifen, daß es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, +aber sie war entschlafen für das ganze Erdenleben. Sie hörte nicht +mehr, wie ihr Wiseli nach ihr rief. Die Nachbarin trat zu dem +Kissen am Fenster und schaute die schlafende Frau an. Dann trat +sie erschrocken zurück und sagte: “Geh schnell, Wiseli, lauf und +hol deinen Onkel, er soll auf der Stelle herkommen. Du hast ja +sonst niemanden, und es muß sich jemand um alles kümmern. Lauf, +ich will warten, bis du wieder kommst.” + +Das Kind lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen. +Sein Herz war so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr, +daß Wiseli sich plötzlich mitten auf dem Weg hinsetzen und laut +weinen mußte. Denn jetzt wurde es ihm immer deutlicher bewußt, daß +die Mutter nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und +lief weiter, aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhören, denn in +seinem Herzen wurde der Jammer immer größer. + +Am Buchenrain, eine Viertelstunde von der Kirche entfernt, stand +das Haus des Onkels, wo Wiseli jetzt eben ankam und weinend unter +die Tür trat. Die Tante stand in der Küche und fragte kurz: “Was +ist mit dir?” + +Wiseli sagte halblaut unter Schluchzen, die Nachbarin habe es +geschickt, der Onkel möge schnell zur Mutter kommen. + +Die Tante sah das Kind an, sie mochte denken, es sei schlimm mit +der Mutter. Denn weniger mürrisch, als sie sonst redete, erklärte +sie: “Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist jetzt +nicht da.” + +Da kehrte Wiseli wieder um und lief zurück. Die Nachbarin stand +vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es war ihr zu +unheimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich ganz +nahe zur Mutter, so wie es nachts neben ihr gesessen hatte. Da saß +es ganz still und weinte, und von Zeit zu Zeit sagte es halblaut: +“Mutter!” + +Sie gab keine Antwort mehr. Da beugte Wiseli sich zu ihr und sagte: +“Mutter, du hörst mich, wenn du jetzt schon im Himmel bist und ich +dich nicht mehr hören kann.” + +So saß das Wiseli noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als +schon die Mittagszeit vorüber war. Da trat der Onkel in das +Stübchen, schaute sich ein wenig darin um und rief dann die +Nachbarin herein. “Sie müssen die Frau hier zurecht machen, Sie +wissen schon, wie ich meine”, sagte er, “so daß alles fertig ist +zum Wegholen. Dann nehmen Sie den Schlüssel an sich, daß da nichts +wegkommt.” Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: “Wo sind deine +Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein Bündelchen, +dann gehen wir.” + +“Wohin gehen wir denn?” fragte Wiseli zaghaft. + +“Heim gehen wir”, war die Antwort, “an den Buchenrain, da kannst du +bei uns sein. Du hast niemanden mehr auf der Welt als deinen Onkel.” + +Das Wiseli erschrak. Zum Buchenrain sollte es gehen und da daheim +sein. Es hatte von jeher eine große Furcht vor der Tante gehabt +und jedesmal eine Zeitlang vor der Tür gewartet, wenn es dem Onkel +etwas hatte berichten müssen, aus lauter Angst, die Tante würde mit +ihm schimpfen. Dann war der älteste Sohn da, der gewalttätige +Chäppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die warfen allen +Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein. + +Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. “Du mußt +dich nicht fürchten, Kleines”, sagte der Onkel freundlich. “Es +sind zwar mehr Leute bei uns im Haus als hier, aber das ist um so +lustiger für dich.” + +Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knöpfte je +zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander. Dann band es sein Tüchlein +um den Kopf und stand fertig da. + +“So”, sagte der Onkel, “nun gehen wir.” Er schritt zur Tür. + +Auf einmal schluchzte Wiseli laut auf. “Dann muß ja die Mutter +ganz allein sein.” Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie +fest. + +Der Onkel stand ein wenig verblüfft da. Er wußte nicht recht, wie +er dem Kinde erklären sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es +das nicht von selbst begriff. Denn Erklären war nicht seine Sache, +das hatte er nie probiert. Er sagte also: “Komm jetzt, komm! Ein +Kleines, wie du eins bist, muß folgen. Komm und mach nur kein +Geschrei, das hilft gar nichts.” + +Wiseli würgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem Onkel +zur Tür. Nur einmal sah es noch zurück und sagte ganz leise: +“Behüte dich Gott, Mutter!” + +Dann wanderte es mit seinem Bündelchen am Arm aus dem kleinen Haus, +wo es daheim gewesen war. Eben als die beiden miteinander +querfeldein gingen, kam von oben herunter die Trine, einen +gedeckten Korb am Arm. Noch stand die Nachbarin unter der Tür und +schaute dem Onkel und dem Kind nach. Die Trine trat auf sie zu und +sagte: “Heute bringe ich der kranken Frau was Gutes, aber ein wenig +spät. Wir haben den Herrn Onkel zum Besuch, da wird es immer spät.” + +“Und wenn Sie auch am Morgen früh gekommen wären, so wären Sie zu +spät gekommen heute. Sie ist in der Nacht gestorben.” + +“Ist das wirklich wahr?” rief die Trine erschrocken aus. “Ach, du +mein Gott, was wird meine Frau sagen.” Damit kehrte die Trine um +und lief ihren Weg zurück. + +Die Nachbarin trat in das stille Stübchen und machte Wiselis Mutter +so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bett liegen mußte. + + + + +4. Kapitel +(Beim Onkel) + + +Als das Wiseli mit dem Onkel in das Haus am Buchenrain trat, da +kamen die drei Buben aus der Scheune gestürzt und liefen hinter den +beiden her in die Stube. Alle drei starrten das Wiseli an. Aus +der Küche kam die Tante herein und schaute das Wiseli ebenfalls an, +als wenn sie es noch nie gesehen hätte. + +Der Onkel setzte sich hinter den Tisch und sagte: “Ich meine, man +könnte etwas essen. Das Kleine hat, denke ich, heute noch wenig +gehabt. Komm, setz dich”, sagte er, zu Wiseli gewandt, das immer +noch auf demselben Fleck stand, sein Bündelchen in der Hand. Es +gehorchte. Jetzt holte die Tante Most und Käse und legte das große +Schwarzbrot auf den Tisch. Der Onkel schnitt ein tüchtiges Stück +ab und legte eine Scheibe Käse darauf, dann schob er es vor das +Kind hin. “Da, iß, Kleines, du wirst Hunger haben.” + +“Nein, ich danke”, sagte Wiseli leise. Es hätte keinen Bissen +hinunterschlucken können, denn Leid und Angst und Weh schnürten ihm +so den Hals zu, daß es kaum atmen konnte. + +Die Buben standen immer noch da und starrten es an. “Mußt dich +nicht fürchten”, sagte der Onkel ermunternd, “iß nur zu.” Aber das +Wiseli saß unbeweglich da und rührte sein Brot nicht an. Die Tante +war bis jetzt auch stehengeblieben und hatte das Kind angeschaut +von oben bis unten, mit beiden Armen in die Seite gestemmt. +“Wenn’s dir nicht recht ist, so kannst du’s bleiben lassen”, sagte +sie nun, drehte sich um und ging wieder in die Küche. + +Als der Onkel sich gestärkt hatte, stand er auf und sagte: “Nimm’s +in die Tasche, nachher hast du sicher Hunger. Mußt dich nur nicht +fürchten.” Damit ging er auch in die Küche hinaus. Wiseli wollte +gehorchen und das Käsebrot in die Tasche stecken, aber diese war +viel zu klein. Es legte das Brot wieder auf den Tisch. + +“Ich will dir schon helfen”, sagte Chäppi, schnappte das Brot vom +Tisch weg und wollte abbeißen. Es flog aber in die Luft, denn der +Hans hatte von unten herauf Chäppis Hand einen tüchtigen Stoß +gegeben, damit ihm die Beute entfalle und er sie erwische. In dem +Augenblick aber huschte der Rudi schnell auf den Boden und haschte +den Fang weg. Jetzt stürzten die beiden Größeren auf ihn, und +einer fiel über den anderen her. Und nun gab es ein Schlagen und +Raufen und Lärmen und Heulen, daß es dem Wiseli angst und bange +wurde. + +Der Vater öffnete wieder die Küchentür und rief: “Was ist los?” + +Da schrien die drei Buben am Boden alle durcheinander. + +“Das Wiseli wollte nichts!” + +“Das Wiseli hatte keinen Hunger!” + +“Weil das Wiseli keins wollte!” + +Da rief der Vater noch lauter: “Wenn das nicht aufhört da drinnen, +so will ich mit dem Lederriemen kommen!” Dann schlug er die Tür +wieder zu. Das ‘da drinnen’; hörte aber noch nicht auf, +sondern als die Tür zu war, ging’s erst recht los. Denn der Hans +hatte entdeckt, daß es das wirksamste Mittel sei, den Feind zu +erschrecken, ihm in die Haare zu fahren, was die anderen sogleich +auch begriffen. Und so rissen sie nun alle drei jeder mit beiden +Händen an den Haaren eines anderen und schrien dazu fürchterlich. + +In der Küche saß die Tante auf einem Schemel und schälte Kartoffeln. +Als ihr Mann die Stubentür wieder geschlossen hatte, fragte sie: +“Was hast du mit dem Kind vor? Warum hast du es gleich mit +heimgenommen?” + +“Es wird, denke ich, bei jemandem sein müssen. Ich bin der +Patenonkel und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst +es ja schon brauchen. Das Wiseli kann dir im Haushalt helfen. Du +sagst ja immer, die Buben machen dir viel Arbeit.” + +“Das wird eine schöne Hilfe sein. Du kannst ja hören, wie es +zugeht drinnen in der ersten Viertelstunde schon, daß es da ist.” + +“Das habe ich schon manchmal gehört, schon bevor das Kleine da war. +Es hat, denke ich, nicht viel damit zu tun”, sagte der Onkel ruhig. + +“So”, entgegnete die Tante eifrig, “hast du denn nicht gehört, daß +sie alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?” + +“Sie schreien doch immer”, meinte der Onkel. “Mit der Kleinen +wirst du, denke ich, noch fertig werden. Sie ist kein bösartiges +Kind, das habe ich schon gemerkt. Sie kann auch folgen, besser als +die Buben.” + +Das war der Tante fast zu viel. “Ich meine, es sei nicht nötig, +daß man es jetzt schon gegen die Buben aufhetzt”, sagte sie und riß +die Häute immer schneller von den Kartoffeln. “Und dann möchte ich +nur wissen, wo das Kind schlafen soll.” + +Der Onkel schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und her, +dann sagte er ruhig: “Man kann nicht alles an einem Tag machen. Es +wird wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben, denke ich, und +das wird es wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer +gehen. Heute kann es auf der Ofenbank schlafen, da ist’s ja warm. +Dann kann man einen Vorschlag machen, wo es in unsere Kammer +hineingeht. Da kann man sein Bett hineinschieben.” + +“Ich habe mein Lebtag nie gehört, daß man zuerst das Kind bringt +und dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehört. Und dann +möchte ich auch wissen, wer das bezahlen muß, wenn man noch bauen +soll, um des Kindes willen.” + +“Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so muß sie uns auch +etwas für den Unterhalt geben”, erklärte der Onkel. “Ich nehme es +dann noch immer billiger an, als ein anderer es tun würde. Es +fühlt sich auch am wohlsten bei uns.” + +Mit dieser Überzeugung ging der Onkel in den Stall hinaus und rief +noch zurück, der Chäppi soll ihm nachkommen. Es war schwierig für +die Tante, sich Gehör zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie +den Auftrag ausrichten wollte. Da rauften und schrien die drei +noch immer. “Es wundert mich nur, daß du so zusiehst und kein Wort +zum Frieden sagst,” rief die Tante dem Wiseli zu, das sich scheu an +die Wand drückte und sich kaum zu rühren wagte. + +Nun wurde der Chäppi in den Stall geschickt, und die beiden anderen +liefen ihm nach. “Kannst du stricken?” fragte dann die Tante das +Wiseli. Es sagte schüchtern ja, Strümpfe könne es stricken. “So +nimm die”, sagte die Tante und nahm aus dem Schrank einen großen +braunen Strumpf heraus mit einem Garn, fast so dick wie Wiselis +Finger. “Du bist am Fuß, gib acht, daß er nicht zu kurz wird, er +ist für den Onkel.” + +Nun ging sie wieder in die Küche, und Wiseli setzte sich auf die +Ofenbank und mußte den langen Strumpf auf seinem Schoß +zusammenhalten. Der war so schwer, daß er ihm ganz die Hände +herunterzog, wenn er hing, so daß es die Nadeln nicht führen konnte. +Es hatte aber kaum recht angefangen mit seiner Arbeit, als die +Tante wieder hereinkam. “Du kannst jetzt herauskommen in die +Küche”, sagte sie. “Du kannst sehen, wie ich alles mache, so +kannst du mir an die Hand gehen nach und nach.” + +Wiseli gehorchte und sah draußen der Tante zu, soviel es konnte. +Aber immer schossen ihm wieder die Tränen in die Augen, und dann +sah es nichts mehr. Denn es mußte denken, wie es gewesen war, wenn +es der Mutter nachlief in die Küche, und wie sie mit ihm redete und +es immer wieder streichelte. Es fühlte aber, daß es nicht weinen +dürfe, und schluckte und schluckte, daß es fast meinte, es werde +erwürgt. Die Tante sagte ein paarmal: “Gib acht! So weißt du’s +nachher.” + +So ging es eine gute Zeitlang, dann hörte man ein lautes Gestampfe +auf dem Hausgang. “Mach schnell die Tür auf, sie kommen”, sagte +die Tante. Denn der Lärm kam vom Onkel und den Buben her, die +draußen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli machte die +Tür zu Stube auf, und die Tante hob eine große Pfanne vom Feuer und +lief damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen Haufen gebratener +Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch schüttete. Dann rannte sie +zurück, brachte ein großes Becken voll saurer Milch herein und +sagte: “Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so können +sie essen.” + +Wiseli zog schnell die Schublade auf, da lagen fünf Löffel und fünf +Messer, die legte es hin, und nun war der Abendtisch fertig. Der +Onkel und die Buben waren hereingekommen und saßen gleich auf den +Bänken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am Tisch stand ein +Stuhl, darauf hin wies nun der Onkel und sagte: “Es kann, denke ich, +dort sitzen, oder nicht?” + +“Freilich”, sagte die Tante, die auch einen Stuhl für sich bereit +hatte, auf der Seite gegen die Küche zu. Sie saß aber nur eine +Sekunde darauf still, dann lief sie wieder in die Küche, kam zurück +und setzte sich geschwind wieder zu einem Löffel voll Milch nieder. +Dann lief sie von neuem hinaus. Es wußte niemand, warum das so +sein mußte, denn das Kochen war ja beendet. Aber es war immer so, +und wenn der Onkel einmal sagte: “Sitz doch und iß einmal”, so kam +sie erst recht in Eile und sagte, sie habe nicht Zeit, so lange zu +sitzen, und draußen werde wohl jemand nachsehen müssen. Als sie +jetzt zum zweitenmal hereingeschossen kam und eilig eine Kartoffel +schälte, fiel ihr Wiselis Untätigkeit auf, das neben ihr saß, die +Hände in den Schoß gelegt. “Warum ißt du nicht?” fuhr sie es an. + +“Es hat keinen Löffel”, sagte Rudi, der auf der anderen Seite neben +ihm saß und schon lange den Grund herausgefunden hatte, warum +jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange noch +etwas da ist. + +“Ja so”, sagte die Tante. “Wem wäre es aber auch in den Sinn +gekommen, daß man auf einmal sechs Löffel haben muß? Man brauchte +ja immer nur fünf, und ein Messer wird auch sein müssen. Warum +kannst du aber auch nichts sagen? Du wirst wohl wissen, daß man +zum Essen einen Löffel braucht.” Diese Worte waren an das Wiseli +gerichtet. + +Es schaute die Tante scheu an und sagte leise: “Es ist gleich, ich +brauche keinen, ich habe keinen Hunger.” + +“Warum nicht?” fragte die Tante. “Bist du’s anders gewöhnt? Ich +habe nicht im Sinn, was zu ändern.” + +“Es ist wohl besser, wenn man das Kleine zuerst ein wenig in Ruhe +läßt. Man muß ihm keine Angst machen”, sagte der Onkel +beschwichtigend. “Es wird schon besser werden.” + +Nun ließ man das Wiseli in Ruhe, die anderen aßen weiter. Das Kind +saß unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch einmal +die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte, denn +der Fleck sei krank geworden, da mußte er noch einmal hinaus. Der +Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden +mit den Händen in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die +Schiefertafel abgewaschen, und als die Tante damit fertig war, +sagte sie zu Wiseli: “Du hast gesehen, wie ich’s mache, das kannst +du von nun an tun.” + +Jetzt setzte sich der Chäppi wieder hinter den Tisch. Er hatte +seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten, +seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst +starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen +Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasaß, denn es +konnte keine Masche sehen in seinem Winkel. Und sich an den Tisch +zu setzen, auf dem die trübe Öllampe stand, wagte es nicht. + +“Du wirst auch etwas tun können”, rief auf einmal Chäppi erbost zu +ihm hinüber, “du bist nicht das Geschickteste in der Schule.” + +Wiseli wußte nicht, was es sagen sollte, es war ja gar nicht in der +Schule gewesen heute und es wußte nicht, was zu tun war. Es war ja +überhaupt ganz aus aller Ordnung und Fassung. “Wenn ich rechnen +muß, so mußt du auch, oder dann tu ich’s auch nicht”, rief der +Chäppi wieder. Wiseli hielt sich mäuschenstill. “So, dann ist’s +recht”, fuhr Chäppi lärmend fort, “so tu ich keinen Strich mehr an +der Arbeit.” Damit warf er seinen Griffel weg. + +“So, so, dann tu ich auch nichts”, rief der Hans aus und steckte +ganz erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das +Lernen war ihm das Bitterste, das er kannte. + +“Ich will es schon dem Lehrer sagen, wer an allem schuld ist”, fing +Chäppi wieder an, “du kannst dann nur sehen, wie es dir geht.” So +hätte Chäppi wohl noch eine Zeitlang seinem bösen Wesen Luft +gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall zurückgekommen +wäre. Er trug zwei große, leere Futtersäcke auf der Schulter +herein und kam damit auf den Tisch zu. + +“Mach Platz”, sagte er zu Chäppi, der beide Ellbogen auf den Tisch +gestemmt hielt und den Kopf in die Hände stützte. Dann breitete er +die Säcke aus, faltete sie zusammen, noch einmal und noch einmal. +Danach ging er zur Ofenbank und legte das Paket darauf hin. “So”, +sagte er befriedigt, “das ist gut. Und wo hast du dein Bündelchen, +Kleines?” + +Wiseli holte es aus einer Ecke hervor, wo es bis jetzt gelegen +hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der Onkel das Bündelchen +am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank hin drückte, daß es +nicht so ganz kugelrund bleibe. + +“So, da kannst du schlafen”, sagte er nun zu Wiseli. “Frieren mußt +du nicht, der Ofen ist heiß, und auf das Bündelchen kannst du den +Kopf legen. So liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist’s +auch Zeit. Rasch ins Bett!” Damit nahm er die Öllampe vom Tisch +und ging zur Küche, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei +der Tür wandte er sich noch einmal um und sagte: “Schlaf gut. Mußt +nicht mehr nachdenken heute, denn es kommt dann schon besser.” + +Dann ging er hinaus. Nun kam die Tante noch einmal herein mit +einem Öllämpchen in der Hand und betrachtete das Lager. “Kannst du +liegen da?” fragte sie. “Du hast es ja warm hier am Ofen, manches +hat kein Bett und muß dazu erst noch frieren. Es kann dir auch +noch so gehen, sei du nur froh, daß du einstweilen unter einem +guten Dach bist. Gute Nacht!” + +“Gute Nacht!” sagte Wiseli leise. Die Tante hatte es aber +jedenfalls nicht gehört, denn sie war schon halb draußen, als sie +gute Nacht wünschte, und hatte die Tür gleich hinter sich zugemacht. +Jetzt saß Wiseli da in der dunklen Stube, alles war auf einmal +ganz still ringsum, es hörte keinen Ton mehr. Der Mond schien ein +wenig durch das eine Fenster herein, so daß Wiseli wieder erkennen +konnte, wo die Ofenbank war, worauf es schlafen sollte. Es ging +nun gleich hin und setzte sich auf sein Lager. + +Zum erstenmal heute, seit es die Mutter verlassen hatte, war es nun +allein und konnte sich besinnen. Die ganze Zeit bis jetzt war es +in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte ihm Angst und +Furcht eingeflößt, was es gesehen und gehört hatte, seit es von der +Mutter weg war. Und noch hatte es gar nicht weiter gedacht, nur +von einem Augenblick auf den anderen sich gefürchtet. Nun saß es +da, zum erstenmal in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar +und deutlich kam ihm nun der Gedanke, daß es sie nie mehr sehen +werde, daß es nie mehr mit ihr reden und sie hören könnte. Jetzt +kam auf einmal ein solches Gefühl der Verlassenheit über das Wiseli, +daß es ihm gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und +verloren auf der Welt und gar kein Mensch kümmere sich mehr um es, +und so müsse es nun ganz allein und im Dunkeln bleiben und umkommen. + +Und über das Wiseli kam ein solches Elend, daß es den Kopf auf sein +Bündelchen drückte, ganz bitterlich zu weinen anfing und trostlos +sagte: “Mutter, kannst du mich nicht hören? Mutter, hörst du mich +nicht?” + +Aber die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen +schlimm gehe und er leiden müsse, dann sei er froh, daß er zum +lieben Gott im Himmel schreien könne. Der höre ihn immer an und +wolle ihm gern helfen, wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhören +wollen oder helfen können. Das kam dem Wiseli in den Sinn, und es +richtete sich wieder auf und stieß schluchzend hervor: “Ach, lieber +Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist mir so angst, und die Mutter +hört mich nicht mehr!” Und so betete es zwei- oder dreimal, und +dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger. Es fühlte sich +getröstet, da doch der liebe Gott im Himmel noch da war, zu dem es +eben gerufen hatte. So war es doch nicht ganz, ganz allein. + +Jetzt erinnerte es sich auch an die Worte, die ihm die Mutter ganz +zuletzt noch gesagt hatte: “Wenn du einmal keinen Weg mehr vor dir +siehst und es dir ganz schwer wird...” So war es jetzt schon +gekommen, und doch hatte es noch nicht gewußt, wie das kommen +konnte, als die Mutter so sagte. Dann, hatte sie gesagt, solle es +daran denken, wie es heiße in seinem Lied: + +(“Er wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann.”) + +Jetzt verstand auch Wiseli mit einemmal, was die Worte bedeuteten, +die es vorher nur so hingesagt hatte, denn es hatte noch nie Angst +gehabt. Aber jetzt war es ja geradeso, daß es gar keinen Weg mehr +vor sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus. Denn vor ihm +stand gar nichts mehr als ein großer Schrecken vor jedem Augenblick +im Haus des Onkels. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein +Herz, wie es wieder und wieder so sagte: + +(“Er wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann.”) + +So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben +Gott im Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von +niemanden mehr gehört wird. Nie bis jetzt hatte es gewußt, wie gut +das tun kann. Es faltete jetzt ganz still seine Hände und fing +sein Lied von vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor +dem lieben Gott sagen und zu ihm beten. Es sagte auch jedes Wort +mit seinem ganzen Herzen, wie nie zuvor: + +(“Befiehl du deine Wege, +Und was dein Herze kränkt, +Der allertreusten Pflege +Des, der den Himmel lenkt.) + +(Der Wolken, Luft und Winden +Gibt Wege, Lauf und Bahn, +Er wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann.”) + + +Es war eine beruhigende Zuversicht ins Herz des Kindes gefallen. +Nachdem es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt hatte, +legte es seinen Kopf wieder auf das Bündelchen und schlief +augenblicklich ein. + +Jetzt träumte das Wiseli, es sehe einen schönen, weißen Weg vor +sich, ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging +zwischen lauter roten Nelken und Rosen durch und war so verlockend +anzusehn, daß man gleich hätte darauf hüpfen und springen mögen. +Und neben dem Wiseli stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei +der Hand, wie immer, und dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte: +“Sieh, Wiseli, das ist dein Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt: + +(“Er wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann?”) + +Und das Wiseli war sehr glücklich in seinem Traum, und auf seinem +Bündelchen schlief es so gut, als läge es in einem weichen Bett. + + + + +5. Kapitel +(Wie es weitergeht und Sommer wird) + + +Als die alte Trine mit dem Bericht auf den Berghang zurückkam, daß +Wiselis Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Patenonkel +geholt worden sei, entstand ein großer Aufruhr im Haus. Die Mutter +klagte, daß sie den Besuch bei der Kranken nicht mehr gemacht hatte, +den sie zu machen sich schon seit einigen Tagen bestimmt +vorgenommen hatte. Aber sie hatte keine Ahnung gehabt, daß das +Ende der armen Frau so nahe sein konnte. + +Otto lief aufgeregt im Zimmer auf und ab und rief immer wieder: “Es +ist eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn +er ihm etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine Rippen +zählen, wie manche davon noch ganz ist!” + +“Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?” +unterbrach die Mutter den Sohn. + +“Vom Chäppi”, erwiderte er. “Was kann er dem Wiseli alles tun, +wenn es mit ihm zusammen wohnen muß! Das ist eine Ungerechtigkeit! +Aber er soll es nur probieren...” Hier wurde Otto wieder +unterbrochen, denn ein wiederholtes, heftiges Stampfen übertönte +seine Stimme. + +“Was machst du für ein hirnerschütterndes Gerumpel, du Miez hinter +dem Ofen!” rief er aus, indem sich seine Aufregung nun nach dieser +Seite wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und stampfte +noch einmal mit großer Gewalt auf den Boden, denn es war bemüht, +seine Füße wieder in die völlig nassen Stiefel hinein zu zwingen, +die ihm die alte Trine vor kurzer Zeit mit der größten Mühe +ausgezogen hatte. + +Die Arbeit war sehr schwierig, und feuerrot vor Anstrengung keuchte +Miezchen hervor: “Kein Mensch kann in diese Stiefel hineinkommen +ohne Stampfen.” + +“Und warum müssen denn die Stiefel wieder an die Füße, da ich sie +gerade eben heruntergezogen habe, damit sie nicht mehr dran sind?” +rief die Trine, die noch im Zimmer stand. + +“Ich gehe zum Buchenrain und hole auf der Stelle das Wiseli zu uns, +es kann mein Bett haben”, erklärte das Miezchen entschlossen. + +Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das Miezchen +zugeschritten, hob es in die Höhe, setzte es fest auf einen Stuhl +und zog mit einem Ruck den halb angezwängten Stiefel wieder weg. +Aber sie beschwichtigte das zappelnde Kind, indem sie zustimmend +sagte: “Schon recht! Schon recht! Aber ich will’s schon für dich +besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Strümpfe und zwei Paar Schuhe +dafür naßzumachen. Dein Bett kannst du schon hergeben, du kannst +dann in die Rumpelkammer hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz +genug.” + +Aber das Miezchen hatte ganz andere Gedanken. Es hatte entdeckt, +daß es sich plötzlich von einem großen und täglich wiederkehrenden +Ungemach befreien könne, und nahm sich fest vor, es zu tun. Jeden +Abend nämlich, gerade wenn Miezchen im besten Zug der Unterhaltung +war, erklang auf einmal der Befehl, ins Bett zu gehen. Hierauf +erfolgten jedesmal große innere, häufig auch äußere Kämpfe, die +waren peinlich und dazu noch nutzlos. Wenn es nun sein Bett an das +Wiseli verschenkt hatte, so war mit einemmal allem abgeholfen, denn +da war keins mehr vorhanden, und Miezchen konnte für immer +aufbleiben. + +Diese Aussicht beglückte das Miezchen so sehr, daß alle seine +Gedanken darauf gerichtet waren und es erst gar nicht bemerkte, wie +die schlaue Trine nur darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen +Stiefel habhaft zu werden, ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli +zu holen. Als sie nun befriedigt mit ihren Stiefeln davonging und +Miezchen die Täuschung entdeckte, fing es so mörderisch zu schreien +an, daß Otto sich beide Ohren zuhalten und die Mutter ernstlich +einschreiten mußte. + +Sie versprach dann dem Miezchen, die Sache mit dem Papa besprechen +zu wollen, sobald er erst wieder zuhause sein würde. Denn er war +an dem Morgen dieses Tages mit Onkel Max abgereist, um einen lange +verabredeten Besuch bei einem alten Freund zu machen. So wurden +denn endlich die Ruhe und der Friede im Haus wiederhergestellt. + +Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem Ausflug zurück, und +die Mutter hielt Wort. Noch am Abend seiner Rückkehr besprach sie +mit dem Vater den Tod von Wiselis Mutter und seine neue Unterkunft. +Und es wurde gleich beschlossen, der Vater sollte am folgenden Tag +hingehen, um sich mit dem Herrn Pfarrer zu beraten, was für Wiseli +getan werden könnte. + +Dies wurde ausgeführt, und der Oberst brachte die Nachricht, daß am +vergangenen Sonntag, zwei Tage vorher, der Gemeindevorstand die +Sache schon geordnet hatte, wie sie nun bleiben würde. Wiseli +sollte ein Unterkommen haben, und da seine Mutter nichts +hinterlassen hatte, mußte die Gemeinde für das Kind sorgen, bis es +selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der Patenonkel sich +gleich angeboten, das Kind für eine geringe Summe bei sich zu +behalten. Er war als rechtschaffener Mensch bekannt, und da seine +Forderung so billig war, wurde ihm das Kind vom Vorstand sehr +bereitwillig zuerkannt. Und so war es denn fest und unabänderlich, +daß Wiselis neue Heimat das Haus des Onkels geworden war. + +“Es ist eigentlich gut so”, sagte der Oberst zu seiner Frau. “Das +Kind ist wohlversorgt. Was hätte man auch mit ihm machen wollen ? +Es ist ja noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu werden, und +alle elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus nehmen. Da +müßtest du ein Waisenhaus gründen.” + +Seine Frau war ein wenig bestürzt über die Nachricht, daß schon +alles festgesetzt sei. Sie hatte gehofft, es würde sich noch eine +andere Unterkunft für das Kind finden. Denn das zarte Wiseli in +dem Haus zu wissen, wo es viel Roheit hören und fühlen mußte, tat +ihr sehr leid. Doch hätte auch sie keinen Rat gewußt, und nun war +auch weiter nichts mehr zu tun, als die Sache hinzunehmen und sich +ab und zu um das Kind zu kümmern. + +Als am Morgen darauf Otto und Miezchen hörten, wie es mit Wiseli +stehe, da brach freilich noch einmal ein Sturm los. Otto erklärte, +Wiseli ginge es nun so wie Daniel in der Löwengrube, und probierte +dabei seine Faust auf dem Tisch--offenbar mit dem heimlichen +Wunsch, sie so auf Chäppis Rücken niedersausen zu lassen. Das +Miezchen lärmte und heulte ein wenig, teils aus Mitleid für Wiseli, +teils für sich selbst und seine vereitelten Hoffnungen auf ein +glückliches Entrinnen aus der täglichen Betthaft. Aber auch diese +Aufregung legte sich wie jede andere, und die Tage gingen wieder +ihren gewohnten Gang. + +Inzwischen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt im +Haus des Onkels. Sein Bett war angekommen. Es schlief nicht mehr +auf der Ofenbank, sondern, wie der Onkel gesagt hatte, in einem +Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer des Ehepaars und +derjenigen der Buben. In dem Verschlag hatten gerade sein Bett +Platz und eine kleine Kiste, worin seine Kleider lagen und auf die +es steigen mußte, um in sein Bett zu kommen, denn da war sonst gar +kein Raum mehr. Um sich morgens zu waschen, mußte es an den +Brunnen gehen, und wenn es kalt war, so sagte die Tante, das könne +es bleiben lassen und sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn +es wärmer sei. Aber daran war Wiseli nicht gewöhnt. Seine Mutter +hatte es gelehrt, sich recht sauber zu halten, und Wiseli wollte +lieber frieren als so ausschauen, wie es die Mutter ungern sehen +würde. + +Daheim war es anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in +der Stube sich hatte fertig machen können und sie dabei immer so +freundliche Worte mit ihm geredet hatte, dann den Kaffee auf den +Tisch stellte und sie beide nebeneinander saßen, wenn es fröhlich +sein Brot aß, ehe es zur Schule gehen mußte. Das war jetzt ganz +anders, und alles war so anders, sein ganzes Leben vom Morgen bis +zum Abend so anders, daß oft beim Erinnern an die Mutter und an die +Tage, die es bei ihr verbracht hatte, dem Wiseli das Wasser in die +Augen schoß. Und es schnürte ihm so das Herz zusammen, daß es +meinte, es könne nicht mehr weiterleben. + +Aber es wehrte sich tapfer, denn der Onkel sah es ungern, wenn es +weinte, oder traurig war. Und die Tante schimpfte dann mehr als je, +sie konnte es gar nicht leiden. + +Am liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg allein +in seinen Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken und +sein Lied sagen konnte. Da kam ein großer Trost in sein Herz. Es +dachte dann an seinen schönen Traum und war ganz sicher, daß der +liebe Gott ihm einen Weg suche, so wie ihn die Mutter gezeigt hatte. +Manchmal überlegte es auch, wie viele Menschen auf der Welt leben, +für die der liebe Gott zu sorgen und Wege bereit zu machen hat. +Und dann stieg ihm der Zweifel auf, ob er es vielleicht vergesse +über all den vielen. Aber da kam ihm gleich der gute Trost ins +Herz, daß ja die Mutter droben im Himmel sei und gewiß den lieben +Gott bitten würde, seinen Weg nicht zu vergessen. + +Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und froh, und es +wurde nie mehr so unglücklich wie am ersten Abend auf der Ofenbank. +Jeden Abend schlief es mit der frohen Zuversicht im Herzen ein: + +(“Er wird auch Wege finden +Wo dein Fuß gehen kann.”) + +So verging der Winter, und der sonnige Frühling kam. Die Bäume +wurden grün, und alle Wiesen standen voller Schlüsselblumen und +weißer Anemonen. Und im Wald rief lustig der Kuckuck, und schöne, +warme Lüfte zogen durch das Land und machten alle Herzen fröhlich, +so daß jeder wieder gern leben mochte. + +Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein, wenn +es am Morgen in die Schule ging und nachher wieder zum Buchenrain +zurückkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich daran zu erfreuen, +denn es mußte nun hart arbeiten. Jeder Augenblick, der neben der +Schule übrigblieb, mußte zu irgendeiner Arbeit benutzt werden. Und +manchen halben Tag der Woche mußte es daheim bleiben und durfte +nicht zur Schule gehen, weil da viel Nötigeres zu tun war, wie der +Onkel und hauptsächlich die Tante sagten. + +Die Frühlingsarbeiten hatten im Feld begonnen, und im Garten war +allerhand zu tun. Da mußte es mithelfen, und wenn die Tante +draußen war, mußte es kochen und nachher das Geschirr abwaschen, +den Trog für die Schweinchen zurecht machen und in die Scheune +hinübertragen. Neben alledem mußten die Hemden und Hosen der Buben +geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, daß Wiseli nie +wußte, wie es fertig werden sollte. Den ganzen Tag durch hieß es +an allen Ecken, wo es Arbeit gab: “Das kann das Kind machen, es hat +ja sonst nichts zu tun.” Dem Wiseli wurde es manchmal ganz +schwindlig, weil es gar nicht wußte, wo anfangen und wie alles zu +Ende bringen. Es wußte auch, wenn es mit dem Kartoffelsamen zum +Acker rannte, wo der Onkel schaufelte, würde die Tante sicher +schimpfen, daß es nicht zuvor in der Küche Feuer fürs Abendessen +gemacht hatte. Und machte Wiseli zuvor das Feuer an, so zankte +wieder der Chäppi, daß es nicht zuerst das Loch in seinem +Jackenärmel hatte flicken können. Er hatte es ihm ja schon lang +gesagt, und jedes rief ihm zu: “Warum machst du denn das nicht? Du +hast ja sonst nichts zu tun!” + +So war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule gehen konnte, da +hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wußte, was es tun mußte. Und +dazu war das auch der Ort, wo es noch freundliche Worte hörte. +Denn in jeder Pause oder nach dem Unterricht kam der Otto zu Wiseli, +redete freundlich mit ihm und brachte immer wieder eine Einladung +von seiner Mutter, daß es etwa am Sonntagabend zu ihnen komme. Sie +wollten dann zusammen spielen. Das konnte nun Wiseli nie ausführen, +denn am Sonntag mußte es den Kaffee machen, und die Tante erlaubte +ihm nicht, fortzugehen an dem einzigen Tag, da es ihr etwas helfen +könne, wie sie sagte. Aber es tat doch dem Wiseli sehr wohl, daß +Otto es immer wieder einlud, und allein schon, daß er freundlich +mit ihm sprach wie sonst niemand. + +Noch einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule ging. Es +mußte jedesmal an dem sauberen Gärtchen vom Schreiner Andres +vorbeigehen, da schaute es so gern hinein und paßte da an der +niederen Hecke immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den +Schreiner Andres zu sehen. Denn es hatte ihm ja noch etwas von der +Mutter auszurichten, das hatte es nicht vergessen. Aber in das +Haus hineinzugehen, dazu war Wiseli zu schüchtern. Es kannte den +Mann auch zu wenig, um einen solchen Schritt zu tun. Auch hatte es +eine eigene Art von Scheu vor ihm, weil er so still war und es nur +immer, wo es ihn traf, freundlich angesehen, aber fast nie etwas zu +ihm gesagt hatte. Seit dem Tod der Mutter hatte Wiseli den +Schreiner Andres nie mehr gesehen, wie oft es auch an der Hecke +gestanden und nach ihm ausgeschaut hatte. + +Mai und Juni waren vorbei, und die langen Sommertage waren gekommen, +da es auf dem Feld immer mehr Arbeit gibt. Es war heiß geworden. +Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom Onkel hinausgerufen wurde +und mit einem großen, schweren Rechen das Heu zusammenbringen oder +mit der breiten Holzgabel wieder auseinanderwerfen mußte, damit es +an der Sonne trockne. + +Oft mußte es so den ganzen Tag draußen helfen, und am Abend war es +dann so müde, daß es seine Arme kaum mehr bewegen konnte. Das +hätte es aber nicht geachtet, denn es dachte, das müsse so sein. +Aber wenn es dann etwa am Abend einen Augenblick still saß, dann +rief ihm der Chäppi gleich zu: “Du wirst so gut Rechnungen zu +machen haben wie ich. Du meinst, du müssest nichts tun, und in der +Schule kannst du ja nie etwas.” + +Das tat dem Wiseli weh, denn es hätte gern fleißig alles gelernt +und wäre gern regelmäßig zur Schule gegangen, damit es alles gut +begreifen und erlernen könnte. Und es wußte recht gut, daß es fast +überall zurück war. Es mußte ja so oft unterbrechen und hatte dann +gar keinen Zusammenhang, wußte auch gar nicht, was für Aufgaben zu +machen waren. + +Wenn es dann ohne Hausarbeiten in die Schule kam und dazu +ungeschickt antwortete und vieles gar nicht wußte, schämte es sich +sehr--besonders, wenn der Lehrer ihm dann vor allen Kindern sagte: +“Das hätte ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du warst immer am +klügsten.” Dann meinte es oft, es müsse in den Boden sinken vor +Scham, und nachher weinte es auf dem ganzen Heimweg. + +Aber dem Chäppi durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht, was +zu machen sei. Sonst schimpfte und lärmte er so lange, bis die +Tante hereinkam und auf Chäppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht +seine Nachlässigkeit vorwarf. Dann unterdrückte das Kind manchmal +seine Tränen, und erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen +freien Lauf lassen. Und sie kamen dann auch recht heiß und schwer, +denn es war ihm so, als hätten der liebe Gott und die Mutter es +ganz vergessen und kein Mensch auf der Welt kümmere sich um sein +Leben. + +In seinem Kummer konnte es oft lange sein Trostlied nicht sagen. +Es kam aber zu keiner Ruhe und konnte nie einschlafen, bis es die +Worte wieder recht zusammengefunden und sie mit Andacht hatte sagen +können, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht recht im Herzen +aufgehen wollte. + +So war das Wiseli auch eingeschlafen an einem schönen Juliabend, +und am Morgen darauf stand es zaghaft unten am Tisch, als die Buben +zur Schule aufbrachen. Es wagte nicht zu fragen, ob es auch gehen +dürfe, denn die Tante schien keine Zeit zu einer Antwort zu haben +und der Onkel hatte das Haus schon verlassen. + +Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das +offene Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen hinsprangen +und über ihren Köpfen die weißen Schmetterlinge in der Morgensonne +umherflogen. Die Tante hatte eine große Wäsche vorbereitet. Mußte +es wohl diese Woche am Waschtrog zubringen? Richtig, sie rief +schon nach ihm aus der Küche. Jetzt rief auch der Onkel nach +Wiseli. Er stand am Brunnen und sah es am Fenster. “Mach, mach, +Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja weit voraus. Das Heu ist +drinnen, mach, daß du in die Schule kommst!” + +Das ließ sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfaßte es +seinen Schulsack und lief zur Tür hinaus. + +“Sag dem Lehrer”, rief der Onkel ihm nach, “du wurdest jetzt eine +Zeitlang nicht fehlen. Er soll’s nicht so genau nehmen, wir haben +viel mit dem Heu zu tun gehabt.” + +Wiseli lief glücklich davon. So mußte es sich nicht an den +Waschtrog stellen, es durfte die ganze Woche in die Schule gehen. +Wie war es schön ringsum! Von allen Bäumen pfiffen die Vögel, und +das Gras duftete, und in der Sonne leuchteten die roten Margeriten +und die gelben Butterblumen. Wiseli konnte nicht stehenbleiben, es +war keine Zeit dazu. Aber es fühlte, wie schön die Landschaft war, +und lief voller Freuden mittendurch. + +Am selben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen Schulstube in +den sonnigen Abendschein hinausstürmen wollten, rief der Lehrer in +den Tumult hinein: “Wer hat in dieser Woche Ordnungsdienst?” + +“Der Otto, der Otto!” rief die ganze Schar und stürmte davon. + +“Otto”, sagte der Lehrer in ernstem Ton, “gestern ist hier nicht +aufgeräumt worden. Einmal will ich dir verzeihen. Aber laß mich +das nicht zweimal sehen, sonst müßte ich dich bestrafen.” + +Otto schaute einen Augenblick auf all die Nußschalen und +Papierfetzen und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und +aufgelesen sein sollten. Dann wandte er eilig den Kopf weg und +lief ebenfalls hinaus, denn der Lehrer war auch schon durch seine +Tür verschwunden. Draußen stand Otto auf dem sonnigen Platz, +schaute in den goldenen Abend hinaus und dachte: Jetzt könnte ich +heimgehen, und dann kriegte ich die Kappe voll Kirschen. Und dann +könnte ich auf dem Braunen ins Feld hinausreiten, wenn der Knecht +das Heu holt, und nun soll ich drinnen auf dem Boden Papierfetzen +zusammenlesen? + +Und Otto wurde durch seine Gedanken so aufgeregt, daß er ganz +grimmig vor sich hin sagte: “Ich wollte, es käme gerade jetzt der +jüngste Tag, und das Schulhaus und alles miteinander flöge in +tausend Stücken in die Luft.” Es blieb aber ringsum still und ruhig, +und von dem alles beendenden Erdbeben waren keine Anzeichen da. +Da kehrte sich endlich Otto wieder der Schultür zu, mit zornigem +Gesicht, denn er wußte ja, in den sauren Apfel mußte nun gebissen +werden. Oder morgen folgte die erniedrigende Strafe des +Nachsitzens. + +Er trat ein, aber beim ersten Schritt blieb er verwundert stehen. +Völlig aufgeräumt lag die Schulstube vor ihm, keine Fetzchen und +kein Stäubchen nirgends mehr zu sehen. Die Fenster standen offen, +und die Abendluft strömte in die geputzte Stube hinein. + +In dem Augenblick trat der Lehrer aus seinem Zimmer und schaute +überrascht um sich und auf den Otto, der mit großen Augen dastand. +Dann ging er zu dem Jungen und sagte ermunternd: “Du darfst +wirklich dein Werk anstaunen, das hätte ich dir nicht zugetraut. +Du bist ein guter Schüler, aber im Aufräumen hat du heute alle +übertroffen, was sonst bei dir nicht der Fall war.” Damit ging der +Lehrer fort, und als sich Otto noch mit einem letzten Blick +überzeugt hatte, daß er die Wirklichkeit vor sich sah, sprang er +vor Freude in zwei Sätzen die Treppe hinunter und über den Platz +weg. Er stürmte den Berghang hinauf, und erst als er der Mutter +das wunderbare Ereignis mitteilte, fing er an zu überlegen, wie es +sich zugetragen haben könnte. + +“Aus Versehen wird wohl keiner für dich aufgeräumt haben”, sagte +die Mutter. “Hast du etwa einen guten Freund, der sich so +edelmütig für dich aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein +könnte.” + +“Ich weiß es”, sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehört +hatte. + +“Wer war es denn?” rief Otto, teils neugierig, teils ungläubig. + +“Der Mauserhans”, erklärte Miezchen mit voller Überzeugung, “weil +du ihm vor einem Jahr einen Apfel gegeben hast.” + +“Ja, oder der Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht +genommen habe vor ein paar Jahren. Das wäre wohl ebenso +wahrscheinlich, du Wunder von einem Miez.” Damit rannte Otto davon, +denn jetzt war’s höchste Zeit, wenn er den Ritt ins Heu nicht +versäumen wollte. + +Inzwischen sprang das Wiseli mit vergnügtem Herzen den Berg +hinunter, vorbei an Schreiner Andres’ Gärtchen. Dann machte es +aber plötzlich kehrt und lief wieder zurück, denn es hatte im +Vorbeilaufen so schöne, rote Nelken gesehen in dem Garten, die +mußte es noch einmal ansehen, wenn es auch schon ein wenig spät war. +Es dachte: Den Buben komme ich doch nach, die machen erst auf +allen Wegen noch Kugelschieben. + +Die Nelken leuchteten in der Abendsonne so schön und dufteten so +herrlich über die niedere Hecke herüber dem Wiseli zu, daß es fast +nicht mehr von der Stelle fort wollte, so gut gefiel es ihm da. Da +trat auf einmal der Schreiner Andres aus seiner Tür heraus in das +Gärtchen und kam auf das Wiseli zu. Er gab ihm die Hand über die +Hecke und er sagte freundlich. “Willst du eine Nelke, Wiseli?” + +“Ja, gern”, antwortete es, “und dann sollte ich Ihnen auch noch +etwas ausrichten von der Mutter.” + +“Von der Mutter?” fragte der Schreiner Andres erstaunt und ließ die +Nelken aus der Hand fallen, die er eben abgebrochen hatte. + +Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie auf. Dann sah es zu +dem Mann auf, der ganz still dastand, und sagte: “Ja, noch zu +allerletzte als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von +dem guten Saft getrunken, den Sie in die Küche gestellt haben. Und +er hat ihr so gut geschmeckt, und dann hat sie mir aufgetragen, ich +soll Ihnen sagen, sie danke Ihnen vielmal dafür und auch noch für +alles Gute. Und sie sagte noch: ‘Er hat es gut mit mir +gemeint’.” Jetzt sah Wiseli, wie dem Schreiner Andres große +Tränen über die Wangen hinunterliefen. Er wollte etwas sagen, aber +es kam nichts heraus. Dann drückte er dem Wiseli fest die Hand, +wandte sich ab und ging ins Haus hinein. + +Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine +Mutter geweint, und es selbst hatte nur weinen dürfen, wenn es +niemand sah. Denn der Onkel wollte ja kein Geschrei, hatte er +gesagt, und vor der Tante durfte es noch weniger weinen. Und nun +war auf einmal jemand da, dem kamen die Tränen, weil es etwas von +der Mutter gesagt hatte. Dem Wiseli wurde es so zumute, als wäre +der Schreiner Andres sein liebster Freund auf der Welt, und es +faßte eine große Liebe zu ihm. Jetzt rannte es mit seinen Nelken +davon und war wie der Blitz am Buchenrain angelangt. Und das war +gut, denn eben sah es, wie die beiden Buben dem Haus zuliefen, und +es durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen. + +An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, daß es gar +nicht begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein können und gar +keine Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der +liebe Gott hatte es gewiß nicht vergessen, das wollte es nicht mehr +denken. Heute hatte er ihm ja so viel Freude bereitet, und beim +Einschlafen sah Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiner Andres +vor sich mit den Tränen darauf. + +Am folgenden Tag, es war nun Mittwoch, erlebte Otto die gleiche +Überraschung wie am Tag vorher, denn er hatte sich nicht enthalten +können, mit den andern aus der Schulstube hinauszurennen im ersten +Augenblick der Befreiung. Als er dann an seine Arbeit gehen wollte +und die Tür aufmachte--da war schon alles getan und die Stube in +bester Ordnung. + +Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde zu erregen. Auch war +er dem unbekannten Wohltäter so dankbar, daß es ihn drängte, das +auszusprechen. Am Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache +zugehe. + +Als nun die Schulstunden zu Ende waren und alles fortlief, stand +Otto einen Augenblick nachdenklich an seinem Platz. Er wußte nicht +recht, wo er am besten dem Wohltäter auflauern konnte. Aber mit +einemmal faßte ihn eine Schar rüstiger Kerle, seine Klassengenossen, +an allen Ecken an, und die Stimmen riefen durcheinander: “Komm +heraus! Heraus mit dir! Wir machen Räuber, du bist der Anführer.” + +Otto wehrte sich ein wenig. “Ich muß ja diese Woche Ordnung +machen”, rief er. + +“Ach, was”, erwiderten sie, “wegen einer Viertelstunde. Komm!” + +Otto ließ sich fortreißen, in der Stille verließ er sich schon ein +wenig auf seinen unbekannten Freund, der ihn vor der Strafe +schützen würde. Er fand es unbeschreiblich angenehm, eine solche +Fürsorge im Rücken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr +als eine Stunde, und Otto wäre verloren gewesen. Er lief keuchend +zur Schulstube zurück, um sich seinem Schicksal zu stellen, und +stieß dabei die Tür mit solchem Gepolter auf, daß der Lehrer +augenblicklich aus seiner Stube ins Lehrzimmer trat. + +“Was hast du gewollt, Otto?” fragte der Lehrer. + +“Nur noch einmal nachsehen”, stotterte Otto, “ob auch sicher alles +in Ordnung sei.” + +“Musterhaft”, bemerkte der Lehrer. “Dein Eifer ist löblich, aber +die Türen dabei halb einzuschlagen, ist nicht notwendig.” + +Otto ging gutgelaunt davon. Am Freitag war er entschlossen, den +Fleck nicht zu räumen, bis er im klaren war, denn da kam für ihn +nur noch der Samstagmorgen. Da wurde freilich immer noch groß +Ordnung gemacht. + +“Otto”, rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke vier Uhr schlug, +“trag mir schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer, er gibt dir +Bücher zurück. In fünf Minuten bist du wieder da zum Aufräumen.” + +Das war Otto nicht ganz recht, aber er mußte gehen. Außerdem +konnte er ja gleich wieder da sein. In wenig Sprüngen war er im +Pfarrhaus. + +Der Herr Pfarrer unterhielt sich noch mit jemandem. Die Frau +Pfarrerin rief Otto in den Garten hinaus, er mußte ihr berichten, +wie es der Mama gehe und dem Papa und dem Miezchen und dem Onkel +Max und den Verwandten in Deutschland. Und dann kam der Herr +Pfarrer, und Otto mußte erklären, wie er zu dem Auftrag gekommen +war und was ihm der Lehrer sonst noch gesagt habe. Endlich hatte +dann Otto seine Bücher erhalten, und pfeilschnell war er drüben, +riß die Tür der Schulstube auf--alles in Ordnung, alles still, +kein menschliches Wesen zu sehen. + +Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach den +grausigen Fetzen bücken müssen, dachte Otto befriedigt. Aber wer +hat die schreckliche Arbeit getan, ohne daß er mußte? Das wollte +er nun um jeden Preis wissen. + +Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto ließ +alle Kinder hinausgehen, und als nun die Schulstube leer war, trat +er vor die Tür hinaus, schloß sie zu und lehnte sich mit dem Rücken +daran. So mußte er doch gewiß sehen, ob da jemand hineingehen +würde, denn damit wollte er lieber beginnen als mit der schweren +Arbeit. Er stand und stand--es kam niemand. Er hörte die Uhr +halb zwölf schlagen--es kam niemand. Am Nachmittag stand aber ein +Ausflug bevor, es sollte heute früh zu Mittag gegessen werden. Er +sollte so schnell wie möglich zuhause sein. Er mußte also hinein +an die Arbeit, es grauste ihm. Er öffnete die Tür--da--Otto riß +noch mehr als das erstemal die Augen auf--wirklich, es war alles +getan, schöner als je. + +Dem Otto wurde es ganz eigentümlich zumute. Ob da irgendwelche +Geister ihre Hände im Spiel hatten? Ganz leise, wie nie sonst, +schlich er zur Tür hinaus. Gerade in diesem Augenblick kam ebenso +leise etwas aus des Lehrers Küche geschlichen, und auf einmal stand +das Wiseli ganz nahe vor ihm. Beide fuhren zusammen vor Schrecken, +und das Wiseli wurde so rot, als hätte es der Otto bei einem +Unrecht erwischt. Jetzt ging ihm ein Licht auf. + +“Sicher hast du das für mich gemacht die ganze Woche lang, Wiseli”, +rief er aus. “Das tut doch gewiß sonst kein Mensch, wenn er nicht +muß.” + +“Ich habe es aber so gern getan”, gab Wiseli zur Antwort. + +“Nein, nein, das mußt du nicht sagen, Wiseli. So etwas kann kein +Mensch auf der Welt gern tun”, sagte Otto überzeugt. + +“Doch--gewiß”, versicherte Wiseli, “ich habe die ganze Zeitlang +mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun durfte, +und während ich aufräumte, habe ich mich erst recht immerzu gefreut, +weil ich immer gedacht habe: jetzt kommt der Otto und findet alles +fertig und ist froh.” + +“Aber wie bist du denn darauf gekommen, daß du das für mich tun +wolltest?” fragte Otto verwundert. + +“Ich wußte schon, daß du es nicht gern tust, und ich habe schon +immer gedacht, wenn ich nur einmal dem Otto etwas geben könnte, wie +du mir den Schlitten, weißt du noch? Aber ich hatte nie etwas.” + +“Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du für +mich jetzt getan hast. Das will ich dir auch nicht vergessen, +Wiseli.” Und Otto gab ihm ganz gerührt die Hand. Wiselis Augen +leuchteten vor Freude wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto +noch wissen, wie es denn wieder in die Stube hineingekommen sei, da +er doch gewartet hatte, bis alle Kinder draußen waren. + +“Oh, ich bin gar nicht hinausgegangen”, sagte Wiseli. “Ich verbarg +mich schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehst schon noch ein +wenig hinaus wie jeden Tag vorher.” + +“Aber wie konntest du immer hinaus, ohne daß ich dich sah?” wollte +Otto noch wissen. + +“Wenn du mit den anderen herumliefst, konnte ich schon hinaus. Ich +paßte schon auf. Und gestern und heute, als ich nicht sicher war, +ging ich durch die Stube des Lehrers und fragte die Frau Lehrerin, +ob sie etwas für mich zu tun habe, sie gibt mir manchmal einen +Auftrag auszurichten, und dann ging ich durch die Küche fort. +Gestern war ich gerade hinter der Küchentür, als du in die +Schulstube ranntest.” + +Jetzt kannte Otto die ganze Geistergeschichte. Er gab dem Wiseli +noch einmal die Hand. “Danke, Wiseli”, sagte er herzlich. Und +dann lief eins da hinaus, das andere dort hinaus, und beide waren +froh und zufrieden. + + + + +6. Kapitel +(Das Alte und auch etwas Neues) + + +Der Sommer war vergangen, und auch die schönen Herbsttage waren zu +Ende. Es wurde kühl und nebelig am Abend, und in den feuchten +Wiesen fraßen die Kühe das letzte Gras ab. Hier und da flackerten +auf den Wiesen kleine Feuer auf, denn die Hirtenbuben brieten +Kartoffeln und wärmten sich die Hände. + +An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule heim und +erklärte seiner Mutter, er müsse nachsehen, was das Wiseli mache. +Denn seit den Herbstferien war es noch nicht in die Schule gekommen, +acht Tage lang nicht. Otto steckte seine Vesperäpfel zu sich und +lief davon. Am Buchenrain angekommen, sah er den Rudi vor der +Haustür am Boden sitzen und von einem Haufen Birnen, die neben ihm +lagen, eine nach der anderen zerreißen. + +“Wo ist das Wiseli?” fragte Otto. + +“Draußen”, war die Antwort. + +“Wo draußen?” + +“Auf der Wiese.” + +“Auf welcher Wiese?” + +“Ich weiß nicht.” Und Rudi kaute weiter an seinen Birnen. + +“Du stirbst einmal nicht am Gescheitsein”, bemerkte Otto und ging +auf gut Glück zur großen Wiese, die sich vom Haus bis gegen den +Wald hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter +einem Birnbaum und ging darauf zu. Richtig, da bückte sich Wiseli, +um die Birnen zusammenzulesen. Dort saß der Chäppi rittlings auf +seinem Birnenkorb, und zuhinterst lag der Hans rücklings über den +vollen Korb hin und schaukelte sich so darauf, daß der Korb jeden +Augenblick umzustürzen drohte. Chäppi sah ihm zu und lachte. + +Als Wiseli den Otto herankommen sah, leuchtete sein Gesicht auf. +“Guten Abend, Wiseli”, rief er von weitem, “warum bist du so lange +nicht in die Schule gekommen?” + +Wiseli streckte erfreut dem Otto die Hand entgegen. “Wir haben so +viel zu tun, darum durfte ich nicht kommen”, sagte es. “Sieh nur, +wie viel Birnen es gibt! Ich muß vom Morgen bis zum Abend auflesen, +soviel ich nur kann.” + +“Du hast ja ganz nasse Schuhe und Strümpfe”, erwiderte Otto. “Hier +ist’s nicht gemütlich. Frierst du nicht, wenn du so naß bist?” + +“Ich fröstle nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher heiß vom +Auflesen.” In diesem Augenblick gab der Hans seinem Korb einen +solchen Ruck, daß alles übereinander auf den Boden hinrollte. Der +Hans, der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen Richtungen +hin. + +“Oh, oh!” sagte Wiseli kläglich. “Nun muß man die alle wieder +zusammenlesen.” + +“Und die auch”, rief Chäppi und lachte, als die Birne, die er +geworfen hatte, das Wiseli an der Schläfe traf, daß es ganz bleich +wurde und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen schoß. + +Kaum hatte Otto das gesehen, als er auf den Chäppi losfuhr, ihn +samt seinem Korb umwarf und ihn fest im Genick packte. “Hör auf, +ich muß ersticken”, gurgelte der Chäppi. Jetzt lachte er nicht +mehr. + +“Du sollst daran denken, daß du es mit mir zu tun hast, wenn du so +mit dem Wiseli umgehst”, rief Otto zornig. “Hast du genug? Willst +du daran denken?” + +“Ja, ja, laß nur los!” bat Chäppi, mürbe gemacht. + +Nun ließ Otto los. “Jetzt hast du’s gespürt”, sagte er; “wenn du +dem Wiseli noch einmal etwas zuleide tust, so packe ich dich so, +daß du noch einen Schrecken hast davon, wenn du siebzig Jahre alt +bist. Auf Wiedersehen, Wiseli.” Damit drehte sich Otto um und ging +mit seinem Zorn nachhause. + +Hier suchte er gleich seine Mutter auf und erzählte ihr empört, daß +das Wiseli eine solche Behandlung erdulden müsse. Er war auch ganz +entschlossen, auf der Stelle zum Herrn Pfarrer zu gehen und den +Onkel und seine ganze Familie anzuklagen, damit man ihnen das +Wiseli entreiße. + +Die Mutter hörte zu, bis Otto sich ein wenig beruhigt hatte, dann +sagte sie: “Lieber Junge, das würde gar nichts nutzen, das Kind +würde man dem Onkel nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so +etwas hörte. Er meint es selbst nicht böse mit dem Kind, und es +ist kein genügender Grund da, ihm Wiseli wegzunehmen. Ich weiß, +daß das arme Kind jetzt ein hartes Brot ißt. Ich habe es auch +nicht vergessen, ich schaue immer danach aus, ob mir der liebe Gott +nicht einen Weg zeigt, wie dem Kind geholfen werden könnte. Die +Sache liegt mir auch am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn +du inzwischen das Wiseli schützen und den groben Chäppi ein wenig +zähmen kannst, ohne selbst dabei grob zu werden, so bin ich ganz +damit einverstanden.” + +Otto beruhigte sich bei dem Gedanken, daß die Mutter nach einem +anderen Weg für das Wiseli ausschaute. Er selber dachte alle +möglichen Rettungswege aus, aber alle führten in die Luft hinauf +und hatten keinen Boden. Und er sah ein, daß das Wiseli darauf +nicht gehen konnte. Als er dann zu Weihnachten seine Wünsche +aufschreiben durfte, da schrieb er ganz verzweifelt mit ungeheuren +Buchstaben, so als müßte man sie vom Himmel herunter lesen können, +auf sein Papier: ‘Ich wünsche, daß das Christkind das Wiseli +befreit.’ + +Nun war der kalte Januar wieder da, und der Schlittenweg war so +prächtig glatt und fest, daß die Kinder gar nicht genug bekommen +konnten, die herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eine helle +Mondnacht nach der anderen, und Otto hatte auf einmal den Einfall, +am allerschönsten müßte das Schlittenfahren im Mondschein sein. +Die ganze Gesellschaft sollte sich am Abend um sieben Uhr +zusammenfinden und die Mondscheinfahrten ausführen, denn es war der +Tag des Vollmonds. Da mußte es prächtig werden. + +Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen, und die +Schlittbahngenossen trennten sich gegen fünf Uhr wie gewöhnlich, da +die Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder zusammenzufinden. + +Weniger Anklang fand der Vorschlag bei Ottos Mutter, als er ihr +mitgeteilt wurde. Sie ließ sich gar nicht von der Begeisterung +hinreißen, mit der die Kinder beide auf einmal und in den lautesten +Tönen ihr das Wundervolle dieser Unternehmung schilderten. Sie +hielt ihnen die Kälte des späten Abends vor, die Unsicherheit der +Fahrten bei dem ungewissen Licht und alle Gefahren, die besonders +das Miezchen bedrohen könnten. + +Aber die Einwände blieben wirkungslos, und Miezchen bettelte +inständig, als hinge seine einzige Lebensfreude an dieser +Schlittenfahrt. Otto versprach auch, er wurde auf Miezchen +aufpassen und immer in seiner nächsten Nähe bleiben. + +Endlich willigte die Mutter ein. Mit großem Jubel und wohlverpackt +zogen die Kinder ein paar Stunden nachher in die helle Nacht hinaus. +Es ging alles ganz nach Wunsch, die Schlittenbahn war +unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der dunklen Stellen, wo der +Mondschein nicht hinfiel, erhöhte den Reiz der Unternehmung. Eine +Menge Kinder hatte sich eingefunden, alle waren in der fröhlichsten +Stimmung. + +Otto ließ sie alle vorausfahren, dann kam er, und zuletzt mußte das +Miezchen kommen, damit ihm keiner in den Rücken fahren konnte. So +hatte es Otto eingerichtet, er konnte sich dabei auch immer von +Zeit zu Zeit mit einem Blick vergewissern, ob Miezchen nachkomme. + +Als nun alles so gut ging, fiel einem der Buben ein, nun müßte +einmal der ganze Zug anhängen, nämlich ein Schlitten an den anderen +gebunden werden. So wollte man hinunterfahren, das müßte im +Mondenschein ein ganz besonderer Spaß werden. Unter großem Lärm +und allgemeiner Zustimmung ging man gleich ans Werk. + +Für Miezchen fand Otto die Fahrt doch ein wenig gefährlich, denn +manchmal gab es dabei einen großartigen Umsturz sämtlicher +Schlitten und Kinder. Das konnte er für das kleine Wesen nicht +riskieren. Er ließ seinen Schlitten zuletzt anbinden, der +Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter +dem Bruder her. Nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen +Schlitten langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurückblieb, denn +er war in der Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und die lange, +lange Kette sauste die glatte Bahn hinunter. + +Mit einemmal hörte Otto ein furchtbares Geschrei, und er kannte die +Stimme. Es war Miezchens Stimme. Was war da geschehen? Otto +hatte keine Wahl, er mußte die Lustpartie zu Ende machen, wie groß +auch sein Schrecken war. Aber kaum unten angelangt, riß er sein +Schlittenseil los und rannte den Berg hinauf. Alle anderen liefen +hinter ihm drein, denn fast alle hatten das Geschrei vernommen und +wollten auch sehen, was los war. An der halben Höhe des Berges +stand das Miezchen neben seinem Schlitten, schrie aus Leibeskräften +und weinte. Atemlos stürzte Otto heran und rief: “Was hast du? +Was hast du?” + +“Er hat mich--er hat mich--er hat mich”, stieß Miezchen +schluchzend hervor und kam nicht weiter vor Aufregung. + +“Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?” rief Otto. + +“Der Mann dort, der Mann, er hat mich--er hat mich totschlagen +wollen und hat mir--und hat mir--furchtbare Worte nachgerufen.” +So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei. + +“So sei doch nur still jetzt, Miezchen, tu doch nicht so. Er hat +dich ja doch nicht totgeschlagen. Hat er dich denn wirklich +geschlagen?” fragte Otto ganz zahm, denn er hatte Angst. + +“Nein. Aber er wollte, mit einem Stecken--so hat er ihn gehoben +und gesagt: ‘Wart du!’ Und ganz furchtbare Worte hat er +mir nachgerufen.” + +“So hat er dir eigentlich gar nichts getan”, sagte Otto und atmete +beruhigt auf. + +“Aber er hat ja--er hat ja--und ihr wart alle schon weit fort, +und ich war ganz allein.” Und vor Mitleid mit sich selbst brach +Miezchen noch einmal in lautes Weinen aus. + +“Bscht! Bscht!” beschwichtigte Otto. “Sei doch still jetzt, ich +gehe nun nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr. +Und wenn du nun gleich ganz still sein willst, so gebe ich dir den +roten Zuckerhahn vom Christbaum.” + +Das wirkte. Mit einemmal trocknete Miezchen seine Tränen und gab +keinen Laut mehr von sich. Denn den großen roten Zuckerhahn vom +Christbaum zu bekommen, war Miezchens allergrößter Wunsch gewesen. +Er war aber bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen, und Miezchen +hatte den Verlust nie verschmerzen können. Wie nun alles in +Ordnung war und die Kinder den Berg hinaufstiegen, wurde besprochen, +was es für ein Mann gewesen sein könne, der das Miezchen habe +totschlagen wollen. + +“Ach was, totschlagen”, rief Otto dazwischen. “Ich habe schon +lange gemerkt, wer es war. Wir haben ja im Herunterfahren den +großen Mann mit dem dicken Stock auch angetroffen, er mußte unseren +Schlitten ausweichen, in den Schnee hinein. Das machte ihn böse, +und als er dann hintennach das Miezi allein antraf, hat er es ein +wenig erschreckt und seinen Zorn an ihm ausgelassen.” + +Diese Erklärung fand allgemeine Zustimmung. Das war ja so +natürlich, daß jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn +gekommen. So wurde die Sache vergessen und lustig drauflos +gerodelt. Endlich aber mußte auch dieses Vergnügen ein Ende nehmen, +denn es hatte längst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da +aufgebrochen werden sollte. + +Auf dem Heimweg schärfte der Otto dem Miezchen ein, zuhause nichts +zu erzählen von dem Vorfall, sonst könnte die Mutter Angst bekommen. +Und dann dürften sie nie mehr im Mondschein Schlitten fahren. +Den Zuckerhahn würde Miezchen gleich bekommen, aber es müsse +versprechen, nichts zu erzählen. + +Miezchen versprach hoch und heilig, kein Wort zu sagen. Die Spuren +seiner Tränen waren auch längst verschwunden und konnten nichts +mehr verraten. + +Längst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und der +rote Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Träume und erfüllte sein +Herz mit einer so großen Freude, daß es im Schlaf lächelte. Da +klopfte es unten an die Haustür, so laut, daß der Oberst und seine +Frau vom Tisch auffuhren, an dem sie eben gemütlich gesessen und +sich über ihre Kinder unterhalten hatten. Und die alte Trine rief +in strafendem Ton zum Fenster hinaus: “Was ist das für eine Manier!” + +“Es ist ein großes Unglück geschehen”, tönte es von unten herauf. +“Der Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den Schreiner +Andres tot gefunden.” + +Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau hatten +genug gehört, denn auch sie waren zum offenen Fenster gegangen. +Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und lief zum Haus +des Schreiners. Als er in die Stube trat, fand er schon eine Menge +Leute da. Man hatte den Friedensrichter und Gemeindeamtmann geholt, +und eine Schar Neugieriger und Teilnehmender war mit ihnen +gekommen. Andres lag am Boden in einer Blutlache und gab kein +Lebenszeichen von sich. Der Oberst trat näher. + +“Ist denn jemand zum Doktor gelaufen?” fragte er. + +Es war niemand dorthin gegangen. Da sei ja doch nichts mehr zu +machen, meinten die Leute. + +“Lauf, was du kannst, zum Doktor”, befahl der Oberst einem Burschen. +“Sag ihm, ich lasse ihn bitten, er soll auf der Stelle kommen.” +Dann half er selbst den Andres vom Boden aufheben und in die Kammer +hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt trat der Oberst an die +schwatzenden Leute heran, um zu hören, wie der Vorfall sich +zugetragen hatte, ob jemand etwas Näheres wisse. + +Der Müllerssohn trat vor und erzählte, er sei vor einer halben +Stunde vorbeigekommen, und da er noch Licht gesehen habe in des +Schreiners Stube, habe er im Vorbeigehen schnell fragen wollen, ob +seine Aussteuersachen auch rechtzeitig fertig werden. Er habe die +Tür der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am +Boden gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend +ein Goldstück entgegengestreckt, als er hereingetreten sei. Er +habe dann den Leuten zugerufen, daß der Gemeindeamtmann kommen +solle. + +Der Matten-Joggi, der so hieß, weil er unten in der ‘Matte’, im Tal +wohnte, war ein schwachsinniger Mensch, der davon lebte, daß ihn +die Bauern mithelfen ließen. Er schleppte Steine und Sand, las +Obst auf oder machte im Winter Holzbündelchen. Daß er Böses getan +hätte, hatte man bis jetzt nicht gehört. Der Müllerssohn hatte ihm +gesagt, er solle da bleiben, bis auch der Präsident noch da sein +werde. So stand Joggi noch immer in einer Ecke, hielt seine Hand +fest zugeklemmt und lachte halblaut. + +Jetzt trat der Doktor in die Stube und hinter ihm her auch noch der +Präsident. Der Gemeindevorstand stellte sich nun mitten ins Zimmer +und verhörte die Leute. Der Doktor ging sofort in die Kammer +hinein, und der Oberst folgte ihm. Der Doktor untersuchte genau +den unbeweglichen Körper. + +“Da haben wir’s”, rief er plötzlich aus, “hier auf den Hinterkopf +ist Andres geschlagen worden, da ist eine große Wunde.” + +“Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?” + +“Nein, er atmet ganz leise, aber er ist böse dran.” + +Nun brauchte der Doktor Wasser und Schwämme und Weißzeug und noch +vieles. Die Leute draußen liefen alle durcheinander und suchten +und rissen alles von der Wand und aus dem Küchenkasten und brachten +Haufen von Sachen in die Kammer hinein, aber nichts von dem, das +der Doktor brauchte. + +“Da muß eine Frau her, die Verstand hat und weiß, was ein Kranker +nötig hat”, rief der Doktor ungeduldig. Alle schrien durcheinander. +Aber wenn einer eine wußte, so rief ein anderer: “Die kann nicht +kommen.” + +“Einer soll auf den Hang laufen”, befahl der Oberst. “Meine Frau +soll mir die Trine herunterschicken!” Sofort lief ein Mann davon. + +“Deine Frau wird dir aber nicht danken”, sagte der Doktor, “denn +ich lasse die Pflegerin drei bis vier Tage und Nächte nicht vom +Bett weg.” + +“Keine Sorge”, entgegnete der Oberst, “für den Andres gäbe meine +Frau alles her, nicht nur die alte Trine.” + +Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man +hatte hoffen können. Denn sie stand schon lange mit einem großen +Korb am Arm bereit, und die Frau Oberst stand neben ihr und +lauschte, ob einer gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen können, +daß der Andres wirklich tot sei, und hatte überlegt, was man +brauchen könnte, um ihm wieder auf die Beine zu helfen. So hatte +sie Schwamm und Verbandzeug, Wein und Öl und warme Flanelle in +einen Korb gepackt, und Trine mußte nur hinunterlaufen, als der +Bote kam. Der Doktor war sehr zufrieden. + +“Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, daß die ganze +Bande zum Haus hinauskommt!” rief er und schloß die Tür zu, +nachdem der Oberst hinausgetreten war. Der Gemeinderat war noch am +Beratschlagen. Da aber der Oberst erklärte, nun müsse alles das +Haus verlassen, faßten die Männer den Beschluß, vorläufig müsse der +Joggi eingesperrt werden. Dann wollte man weitersehen. + +Also mußten zwei Männer den Joggi in die Mitte nehmen, damit er +nicht davonlief, und ihn so zum Armenhaus bringen und in eine +Kammer sperren. Der Joggi ging aber ganz willig davon und lachte, +und von Zeit zu Zeit guckte er vergnügt in seine Faust hinein. + +Gleich am anderen Morgen ging die Frau Oberst voller Sorge zum +Häuschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der Kammer und +brachte die frohe Nachricht, Andres sei gegen Morgen schon ein +wenig zum Bewußtsein gekommen. Auch der Doktor sei schon dagewesen +und habe den Kranken über Erwarten gut angetroffen. Ihr aber habe +er eingeschärft, daß sie keinen Menschen in die Kammer hineinlasse, +Andres dürfe auch noch kein Wort reden, wenn er auch wollte, nicht. +Nur der Doktor und die Wärterin sollen vor seine Augen kommen, +erklärte die Trine in großem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst +einverstanden, und erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach +Hause zurück. + +So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Frau Oberst zum Haus +des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hören, ob etwas +fehle, das dann schnell herbeigeschafft werden mußte. Otto und +Miezchen mußten jeden Tag aufs neue besänftigt werden, daß sie +ihren kranken Freund noch nicht besuchen durften. Aber da war +immer noch keine Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch +unentbehrlich, wurde auch täglich vom Doktor gelobt für ihre +sorgfältige Pflege. + +Nach Ablauf der acht Tage schlug der Doktor seinem Freund, dem +Oberst, vor, nun einmal den Kranken zu besuchen, zu der Zeit, da er +selbst dort sein würde. Denn jetzt war der Augenblick gekommen, da +Andres wieder reden durfte. Und der Doktor wollte ihn in Gegenwart +des Obersten darüber befragen, was er selbst von dem unglücklichen +Vorfall wisse. + +Andres freute sich, als er dem Herrn Oberst die Hand drücken durfte. +Er hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle +Sorgfalt für seine Genesung kam. Dann besann er sich, so gut er +konnte, um die Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wußte +aber nur folgendes zu sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die er +jährlich dem Herrn Oberst zur Verwahrung brachte. Diese wollte er +noch einmal überzählen, um seiner Sache sicher zu sein. Er hatte +sich am späteren Abend hingesetzt, den Rücken gegen die Fenster und +die Tür gekehrt. Mitten im Zählen hörte er jemanden hereinkommen. +Ehe er aber aufgeschaut hatte, fiel ein furchtbarer Schlag auf +seinen Kopf. Von da an wußte er nichts mehr. + +Also hatte Andres Geld auf dem Tisch liegen gehabt. Davon war aber +gar nichts mehr gesehen worden, nur das einzige Stück in Joggis +Hand. Wo könnte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn +wirklich Joggi der Übeltäter war? Als Andres vernahm, wie der +Joggi gefunden worden und nun eingesperrt sei, wurde er ganz +unruhig. + +“Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi”, sagte er. +“Der tut ja keinem Kind etwas zuleide, der hat mich nicht +geschlagen.” + +Andres hatte aber auch gegen keinen anderen Menschen den leisesten +Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen +Menschen, der ihm so etwas hätte antun wollen. + +“Es kann auch ein Fremder gewesen sein”, bemerkte der Doktor, der +die niedrigen Fenster ansah. “Wenn Sie da beim hellen Licht Geld +auf dem Tisch liegen haben und zählen, so kann das von außen jeder +sehen und Lust zum Teilen bekommen.” + +“Ich habe nie an so etwas gedacht, es war immer alles offen,” sagte +der Andres gelassen. + +“Es ist gut, daß Sie noch etwas im Trockenen haben, Andres”, +bemerkte der Oberst. “Lassen Sie sich das nicht zu Herzen gehen. +Das wichtigste ist, daß Sie wieder gesund werden.” + +“Gewiß, Herr Oberst”, erwiderte Andres und schüttelte ihm die Hand. +“Ich habe nur zu danken. Der liebe Gott hat mir ja sonst schon +viel mehr gegeben, als ich brauche.” + +Die Herren verließen den friedlichen Andres, und vor der Tür sagte +der Doktor: “Dem ist wohler als dem anderen, der ihn +zusammenschlagen wollte.” + +Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte erzählt, die alle Buben in +der Schule beschäftigte und in große Teilnahme versetzte. Auch +Otto brachte sie nach Hause und mußte sie jeden Tag ein paarmal +wiederholen, denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte sie ihm +aufs neue großen Eindruck. + +Als man den Joggi an dem Abend lachend ins Armenhaus gebracht hatte, +da war er aufgefordert worden, sein Goldstück an einen seiner +Führer abzugeben, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber +klemmte seine Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben. +Aber die beiden waren stärker als er. Sie rissen ihm mit Gewalt +die Faust auf. Und der Friedensrichterssohn, der von dem Joggi +manchen Kratzer während der Arbeit erhalten hatte, sagte, als er +das Goldstück endlich in der Hand hielt: “So, jetzt wart nur, Joggi, +du wirst schon deinen Lohn bekommen. Wart nur, bis sie kommen, +sie werden dir’s dann schon zeigen.” + +Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu jammern, +denn er glaubte, er werde geköpft. Und seither aß er nicht und +trank nicht und stöhnte und jammerte fortwährend, denn die Furcht +und Angst vor dem Köpfen verfolgte ihn ständig. Schon zweimal +waren der Präsident und der Gemeindeamtmann bei ihm gewesen und +hatten ihm gesagt, er soll nur alles sagen, was er getan habe, er +werde nicht geköpft. + +Er wußte nichts zu sagen, als daß er beim Andres ins Fenster +geschaut habe, und der sei am Boden gelegen. Er sei zu ihm +hineingegangen und habe ihn ein wenig gestoßen, da sei er tot +gewesen. Da habe er etwas glänzen gesehen in einer Ecke und habe +es geholt, und dann sei der Müllerssohn gekommen und dann noch +viele. Hatte der Joggi so viel erzählt, so fing er wieder zu +stöhnen an und hörte nicht mehr auf. + + + + +7. Kapitel +(Wie es dem Kranken und jemand anderem besserging) + + +Seit dem Tag, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine +Frau auch nicht mehr draußen in der Stube, wenn sie kam, um nach +dem Kranken zu sehen. Täglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte +sich eine Weile an sein Bett zu einer gemütlichen kleinen +Unterhaltung und freute sich jedesmal über die Fortschritte der +Genesung. Zweimal schon waren auch Otto und Miezchen dagewesen und +hatten ihrem Freund Stärkungen mitgebracht. + +Andres sagte ganz gerührt zu der Trine, wenn selbst ein König krank +wäre, man könnte ihm nicht mehr Teilnahme zeigen. Der Doktor war +sehr zufrieden mit Andres, und als er einmal beim Herauskommen auf +den eintretenden Oberst traf, sagte er zu ihm: “Es geht Andres +schon viel besser. Deine Frau kann nun ihre Trine wieder +heimnehmen, die hat gute Dienste geleistet. Nur sollte ab und zu +jemand kommen. Der arme, verlassene Kerl muß doch essen und hat +keine Frau und kein Kind. Vielleicht weiß deine Frau Rat.” + +Der Oberst richtete den Auftrag aus, und am folgenden Morgen sagte +seine Frau, als sie den Andres besuchte: “Jetzt muß ich etwas mit +Ihnen besprechen, Andres. Ist es Ihnen recht?” + +“Gewiß, gewiß, mehr als recht”, erwiderte er und stützte seinen +Kopf auf den Ellbogen. + +“Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es Ihnen +schon so gut geht”, fing sie an. + +“Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir”, fiel der Andres ein, “ich +wollte sie jeden Tag heimschicken. Ich weiß ja, daß sie Ihnen +fehlt.” + +“Ich hätte sie nicht hereingelassen, wenn sie Ihnen gefolgt hätte”, +fuhr die Frau Oberst fort. “Aber jetzt ist es anders, da der +Doktor sie entläßt. Er sagte aber, was ich auch längst dachte. +Jemand sollte noch für ein paar Wochen Ihr Essen kochen oder es bei +mir holen und allerlei kleine Hilfsleistungen ausführen. Ich habe +nun gedacht, Andres, Sie könnten für diese Zeit das Wiseli +aufnehmen.” + +Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehört, als er von +seinem Ellbogen auf und in die Höhe schoß. + +“Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht”, rief er und wurde +ganz rot vor Anstrengung. “So etwas können Sie nicht denken. Ich +sollte hier drinnen im Bett liegen, und draußen in der Küche sollte +das schwache Kind für mich arbeiten! Ach, um Himmels willen, wie +dürfte ich noch an seine Mutter unter der Erde denken, wie würde +sie mich ansehen, wenn sie so etwas wüßte! Nein, nein, Frau Oberst, +meiner Lebtag nicht, lieber nicht essen, lieber nicht mehr +aufkommen--als so etwas.” + +Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig zu Ende reden lassen. Jetzt, als +er sich auf sein Kissen zurücklegte, sagte sie besänftigend: “Es +ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres. Überlegen +Sie doch einmal. Sie wissen ja, wo das Wiseli versorgt ist. +Meinen Sie, es habe dort nichts zu tun oder nur besonders leichte +Arbeit? Recht tüchtig muß es heran und bekommt so wenig +freundliche Worte dazu. Würden Sie ihm etwa auch keine geben? +Wissen Sie, was Wiselis Mutter tun würde, wenn sie jetzt neben uns +stände? Mit Tränen würde sie Ihnen danken, wenn Sie das Kind jetzt +in Ihr Haus nehmen würden, wo es gute Tage hätte. Das weiß ich, +und Sie sollten sehen, wie gern es Ihnen helfen würde.” + +Jetzt mußte dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er +wischte sich die Augen, dann sagte er: “Ach, ach! Wie könnte ich +aber zu dem Kind kommen? Sie geben es gewiß nicht weg, und dann +müßte man ja doch auch wissen, ob es wollte.” + +“Es ist jetzt schon gut, kümmern Sie sich nicht weiter darum, +Andres”, sagte die Frau Oberst fröhlich und stand von ihrem Sessel +auf. “Ich will nun selbst sehen, wie’s geht, denn mir liegt die +Sache nach allen Seiten hin am Herzen.” + +Damit nahm sie Abschied von Andres. Als sie aber schon unter der +Tür war, rief er ihr ängstlich nach: “Aber nur, wenn es will, das +Wiseli, nur, wenn es will--bitte, Frau Oberst!” + +Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig zu ihm +kommen oder dann gar nicht, und verließ das Haus. Sie ging aber +nicht den Berg hinauf, sondern hinunter zum Buchenrain, denn sie +wollte gleich versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so +gern haben wollte. + +Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem +Patenonkel zusammen, als er ins Haus gehen wollte. Er begrüßte sie, +ein wenig erstaunt über den Besuch, und sie teilte ihm gleich beim +Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei und wie sehr sie +hoffe, keinen abschlägigen Bescheid zu bekommen. Denn es liege ihr +viel daran, daß das Wiseli die Pflege zu Ende führen könne. Da die +Tante in der Küche die Unterhaltung hörte, kam sie auch herein und +war noch erstaunter als ihr Mann, den Besuch vorzufinden. + +Er erklärte ihr, warum die Frau Oberst gekommen sei, und sie meinte +gleich, das sei schon nichts, von dem Kind werde niemand eine +besondere Hilfe erwarten. Da sagte aber der Mann, was recht sei, +müsse man gelten lassen. Das Wiseli könne helfen, wo es sei, es +sei sehr tüchtig. Er würde das Kind nicht einmal gern weggehen +lassen, es sei folgsam und gelehrig. So für vierzehn Tage wollte +er nichts dagegen haben, daß es den Andres ein wenig verpflege. +Bis dahin werde er wohl wieder auf sein, daß es heim könne. Denn +länger könnte es dann nicht fort sein, dann komme schon so +allerhand Arbeit, denn da müsse man sich schon auf den Frühling +vorbereiten. + +“Ja, ja”, fügte die Frau hinzu, “ich habe nicht vor, immer wieder +von vorn mit ihm anzufangen. Jetzt habe ich ihm alles mit Mühe +gezeigt, das kann es nun anwenden. Der Andres soll nur selber ein +Kind anlernen, wenn er eins braucht.” + +“Ja, wegen vierzehn Tagen”, sagte der Mann beschwichtigend, “da +wollen wir auch nichts sagen. Man muß einander schon einen +Gefallen tun.” + +“Ich danke Ihnen”, sagte nun die Frau Oberst und stand auf. “Der +Andres wird Ihnen gewiß auch recht dankbar sein. Kann ich das +Wiseli gleich mit mir nehmen?” + +Die Tante meinte, es werde nicht so stark pressieren. Aber der +Mann fand es am besten so. Je schneller Wiseli gehe, desto früher +sei es wieder da, meinte er. Denn er bestand auf den vierzehn +Tagen. Wiseli wurde herbeigerufen, und der Onkel sagte ihm, es +solle schnell sein Bündelchen Kleider zusammenpacken, weiter nichts. +Wiseli gehorchte. Fragen durfte es nicht, warum. Seit es sein +Bündelchen in das Haus gebracht hatte, war gerade ein Jahr +vergangen. Es war nichts Neues hinzugekommen als sein schwarzes +Röcklein, das hatte es an. Es war aber nun abgetragen und hing wie +ein Fetzchen an dem Kind herab. Und Wiseli schaute ein wenig scheu +die Frau Oberst an, als es nun mit seinem leichten Bündelchen +dastand. + +Sie verstand den schüchternen Blick und sagte: “Komm nur, Wiseli, +wir gehen nicht weit, es geht schon so.” + +Dann nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und als Wiseli dem +Onkel die Hand gab, sagte er: “Du kommst bald wieder heim, du +brauchst dich nicht groß zu verabschieden.” + +Schweigend und sehr verwundert ging das Wiseli hinter der Frau +Oberst her, die rasch über den beschneiten Feldweg schritt, so als +befürchtete sie, man könnte sie samt dem Wiseli wieder zurückholen. +Als aber der Buchenrain nicht mehr zu sehen war, drehte sie sich +um und bleib stehen. + +“Wiseli”, sagte sie freundlich, “kennst du den Schreiner Andres?” + +“Ja, freilich”, antwortete Wiseli, und seine Augen leuchteten auf, +als es den Namen hörte. Die Frau Oberst war erstaunt. + +“Er ist krank”, fuhr sie fort. “Willst du ihn ein wenig verpflegen +und etwa vierzehn Tage bei ihm bleiben?” + +Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: “Ja, gern!” sagte der +Frau Oberst sein Gesicht. Das wurde ganz von Freudenröte +übergossen. Die Frau Oberst sah das gern. Doch mußte sie sich +wundern, daß Wiseli eine so besondere Freude zeigte. Denn sie +wußte nichts von seinem Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli +hatte es nie vergessen. + +Sie gingen nun wieder weiter. Aber nach einer Weile fügte die Frau +Oberst noch hinzu: “Du mußt es dann dem Schreiner Andres sagen, daß +du so gern zu ihm gekommen bist, Wiseli. Er glaubt es sonst nicht. +Vergiß es nicht.” + +“Nein, nein”, versicherte das Kind, “ich denke schon daran.” + +Nun waren sie bei dem Haus angekommen. Hier hielt es die Frau +Oberst für richtig, das Wiseli seinen Weg allein machen zu lassen. +Denn nach allem, was sie bemerkt hatte, mußte es ihm nicht schwer +werden, ihn zu finden. Sie verabschiedete das Kind an der Ecke und +sagte ihm, am Morgen werde sie wieder herunterkommen und sehen, wie +es ihm in dem neuen Haushalt gehe. Und wenn der Schreiner Andres +etwas brauche, das nicht da sei, so solle es zu ihr kommen. + +Wiseli ging nun zuversichtlich durch das Gärtchen und machte die +Haustür auf. Es wußte, daß der Andres drinnen in der Kammer hinter +der Stube liege. So trat es leise in die Stube ein. Darin war +niemand, aber es war schön aufgeräumt, noch von der alten Trine her. +Wiseli schaute alles gut an, wie es sein müsse. + +An der Wand hinten in der Stube stand ein Bett. Der Vorhang davor +war fast zugezogen, aber Wiseli konnte doch sehen, wie schön und +sauber es aussah, und es fragte sich, wer da schlafe. Jetzt +klopfte es leise an die Kammertür, und auf den Ruf des Andres trat +es ein und blieb ein wenig scheu an der Tür stehen. Andres +richtete sich auf in seinem Bett. + +“Ach, ach”, sagte er, halb erfreut und halb erschrocken, “bist du +es, Wiseli? Komm, gib mir die Hand.” Wiseli gehorchte. “Bist du +auch nicht ungern zu mir gekommen?” + +“Nein, nein”, antwortete Wiseli. + +Aber der Schreiner Andres war noch nicht beruhigt. + +“Ich meine nur, Wiseli”, fuhr er wieder fort, “du wärst vielleicht +lieber nicht gekommen. Aber die Frau Oberst ist so gut, und du +hast ihr vielleicht einen Gefallen tun wollen.” + +“Nein, nein”, versicherte Wiseli noch einmal, “sie hat gar nicht +gesagt, daß es ihr ein Gefallen sei. Sie hat mich gefragt, ob ich +gehen wolle, und ich wäre auf der ganzen Welt nirgends so gern +hingegangen wie zu Ihnen.” + +Diese Worte mußten den Andres ganz beruhigt haben. Er fragte +nichts mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen zurück und +schaute stumm das Wiseli an. Dann mußte er sich auf einmal +umdrehen und immer wieder über seine Augen wischen. + +“Was muß ich jetzt tun?” fragte Wiseli, als er sich immer noch +nicht umkehrte. + +Jetzt wandte er sich zu dem Kind und sagte freundlich: “Ich weiß es +gewiß nicht. Wiseli, tu du nur, was du willst, wenn du nur ein +wenig bei mir bleiben willst.” + +Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. Seit es die Stimme seiner +Mutter zum letztenmal hörte, hatte niemand mehr so zu ihm geredet. +Es war gerade, als spüre es die Liebe seiner Mutter wieder in +Andres’ Worten. Es mußte mit beiden Händen seine Hand nehmen, so +wie es oft die Hand der Mutter gefaßt hatte. Und so stand es eine +Weile an dem Bett, und es war so glücklich, daß es gar nichts sagen +konnte. Aber es dachte: Jetzt weiß es die Mutter auch und ist froh. + +Gerade so dachte der Andres: “Jetzt weiß es die Mutter auch und ist +froh.” + +Dann sagte das Wiseli: “Jetzt muß ich Ihnen gewiß etwas kochen, es +ist schon über Mittag. Was muß ich kochen?” + +“Koch du nur, was du willst”, sagte der Andres. Aber dem Wiseli +war es darum zu tun, es dem Kranken recht zu machen. Und es fragte +so lange hin und her, bis es gemerkt hatte, was er essen müsse-- +eine gute Suppe und ein Stück von dem Fleisch, das im Kasten war. +Und dann bestand er darauf, das Wiseli müsse noch einen Milchbrei +für sich kochen. + +Es wußte recht gut Bescheid in der Küche, denn es hatte wirklich +etwas gelernt bei der Tante, wenn auch unter harten Worten. Das +konnte es nun gut brauchen. So hatte es in kurzer Zeit alles +bereit gemacht, und der Kranke wünschte, daß es ein Tischchen an +sein Bett rücke und neben ihm sitze zum Essen, damit er es auch +sehen könne und wisse, daß es noch da sei. Ein so vergnügtes +Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht genossen, und auch der +Schreiner Andres nicht. + +Als sie damit zu Ende waren, stand das Kind auf. Aber Andres sah +das nicht gern und sagte: “Wohin willst du, Wiseli? Willst du +nicht noch ein wenig dableiben, oder wird es dir ein bißchen +langweilig bei mir?” + +“Nein, gewiß nicht”, versicherte Wiseli. “Aber nach dem Essen muß +man immer abwaschen und alles wieder sauber auf das Gestell +hinaufräumen.” + +“Ich weiß schon, wie man’s macht”, gestand Andres. “Ich habe +gedacht, heute nur, so zum erstenmal, könntest du ja nur alles +zusammenstellen und dann etwa morgen auf einmal aufwaschen.” + +“Wenn aber die Frau Oberst das sähe, so müßte ich mich fast zu Tode +schämen.” Und Wiseli machte ein ganz ernsthaftes Gesicht zu seiner +Versicherung. + +“Ja. Ja, du hast recht”, beschwichtigte Andres das Kind. “Mach +nur alles, wie du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist.” + +Nun ging das Wiseli an seine Arbeit und putzte und räumte und +ordnete, daß alles glänzte in der Küche. Dann stand es einen +Augenblick still, schaute ringsum und sagte ganz befriedigt: “So, +nun kann die Frau Oberst kommen.” + +Dann ging es wieder in die Stube hinein und warf einen fröhlichen +Blick auf das schöne, große Bett hinter dem Vorhang, denn der +Schreiner Andres hatte ihm gesagt, da müsse es schlafen. Der +kleine Kasten in der Ecke gehöre auch ihm, da könne es seine Sachen +hineinräumen. Es legte nun die Sachen aus seinem Bündelchen alle +ordentlich hinein, das war auch sehr bald getan, denn es war wenig +darin. Und nun ging es in die Kammer und setzte sich voller Freude +wieder an das Bett des Kranken, der schon lange nach der Tür +geschaut hatte, ob es noch nicht komme. + +Kaum war Wiseli wieder an dem Bett, so fragte es: “Haben Sie auch +einen Strumpf, an dem ich stricken kann?” + +“Nein, nein”, antwortete Andres, “du hast ja jetzt gearbeitet, und +wir wollen nun ein wenig vergnügt zusammen reden, über allerlei.” + +Aber Wiseli war gut geschult worden--zuerst in unvergeßlicher +Freundlichkeit von der Mutter und dann von der Tante mit Worten, +die auch nicht vergessen wurden, vor lauter Furcht, sie wieder zu +hören. Es sagte ganz überzeugt: “Ich darf nicht nur so dasitzen, +weil es doch nicht Sonntag ist. Aber ich kann reden und +gleichzeitig an dem Strumpf stricken.” + +Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte das Wiseli +von neuem, nur immer zu tun, was es meine. Und einen Strumpf könne +es auch holen, wenn es wolle, er habe aber keinen. Nun holte +Wiseli den seinigen und setzte sich damit wieder an das Bett hin. +Und es hatte recht gehabt, es konnte gut reden und stricken +gleichzeitig. + +Der Schreiner Andres hatte aber auch gleich ein Gespräch angefangen, +das dem Wiseli das allerwillkommenste war. Er hatte gleich von +der Mutter zu reden begonnen, und Wiseli hatte so gern geantwortet, +denn noch nie und mit keinem Menschen hatte es von seiner Mutter +reden können. Und es dachte doch immer an sie und alles, was es +mit ihr erlebt hatte. Nun wollte der Schreiner Andres so gern von +allem wissen, immer noch mehr, und das Wiseli erzählte fort und +fort, als könne es nicht mehr aufhören. Und der Andres hörte +gespannt zu. + +In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach dem anderen. +Für jeden geringsten Dienst, den es leistete, dankte ihm der Andres, +als ob es ihm die größte Wohltat erwiesen hätte. Und was es nur +tat, gefiel dem guten Mann, und er mußte es loben dafür. Er wurde +in wenigen Tagen so frisch und munter bei der Pflege, daß er +aufstehen wollte. Der Doktor war ganz erstaunt, wie gut es ihm +ging und wie fröhlich der Schreiner Andres auf einmal aussah. Er +saß nun den ganzen Tag am Fenster, wo die Sonne hinkam, und schaute +dem Wiseli nach auf Schritt und Tritt, so als ob er es gar nie +genug sehen könnte--wie es einen Kasten aufmachte und dann wieder +zu, wie ihm unter den Händen alles sauber und ordentlich wurde, wie +er es vorher nie gesehen hatte. + +Das Wiseli aber war glücklich in dem stillen Häuschen, da es nur +liebevolle Worte hörte, und unter den freundlichen Augen, die es +immerfort begleiteten. Es durfte gar nicht daran denken, wie bald +die vierzehn Tage zu Ende sein würden und es wieder zum Buchenrain +zurückkehren mußte. + + + + +8. Kapitel +(Es geschieht etwas Unerwartetes) + + +In dem Haus auf dem Hang wurde viel vom Schreiner Andres und dem +Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging die Frau Oberst nachsehen, +wie es dem Kranken gehe, und jedesmal brachte sie wieder einen +erfreulicheren Bericht nach Hause. + +Das versetzte alle in die freudigste Stimmung. Otto und Miezchen +machten einen Plan, wie ein großes Genesungsfest gefeiert werden +müßte in Schreiner Andres Stube, aber noch bevor Wiseli zum +Buchenrain zurückkehrte. Das sollte eine Hauptfreude und für +Andres und Wiseli eine große Überraschung werden. + +Es mußte aber noch ein Fest gefeiert werden vorher, denn heute war +der Geburtstag des Vaters und schon am frühen Morgen hatten +allerlei von Otto und Miezchen erfundene Feierlichkeiten +stattgefunden. Doch der Hauptmoment des Tages war jetzt gekommen, +beim Mittagessen. Ganz feierlich hatten Otto und Miezchen sich +schon hingesetzt in großer Erwartung all der Dinge, die da kommen +sollten. + +Nun erschienen auch Vater und Mutter, und die frohe Mahlzeit nahm +ihren Anfang. Nachdem das erste Gericht vergnüglich verzehrt +worden war, erschien eine zugedeckte Schüssel. Das war das +Geburtstagsgericht. Der Deckel wurde aufgehoben, und ein +prächtiger Blumenkohl stand da, so frisch, als hätte man ihn eben +im Garten geholt. + +“Das ist ja eine prächtige Blume”, sagte der Vater, “die muß man +loben. Aber eigentlich”, fuhr er etwas enttäuscht fort, “suchte +ich etwas anderes unter dem Deckel, Artischocken suchte ich. Kann +man die nicht auch finden irgendwo, wie Blumenkohl? Du weißt, +liebe Marie, ich schaue an gedeckten Tischen immer nur nach +Artischocken aus.” + +Mit einemmal schrie das Miezchen: “Eben! Eben! Geradeso hat er +gerufen--zweimal, furchtbar, und so hat er den Stecken aufgehoben +und so.” Und Miezchen fuhr ganz aufgeregt mit ihren Armen in der +Luft herum. Aber urplötzlich schwieg sie und fuhr schnell herunter +mit ihren Armen bis unter den Tisch und war ganz blutrot geworden. +Und ihr gegenüber saß Otto und warf ihr zornige Blicke zu. + +“Was ist das für eine seltsame Verherrlichung meines Geburtstags?” +fragte der Vater erstaunt. “Über den Tisch hin schreit meine +Tochter, als wollte man sie umbringen, und unter dem Tisch versetzt +mir mein Sohn so entsetzliche Stiefelstöße, daß ich blaue Flecken +bekomme. Ich möchte wissen, Otto, wo du diese angenehme +Unterhaltung gelernt hast.” + +Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis unter die Haare +hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem Tisch einige deutliche +Mahnungen geben wollen, daß es schweigen solle, hatte aber den +unrechten Platz getroffen und mit seinem Stiefel das Bein des +Vaters bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt. Er konnte nicht +mehr aufschauen. + +“Nun, Miezchen”, fing der Vater wieder an, “was ist denn aus deiner +Räubergeschichte geworden? Du kamst ja gar nicht zu Ende. Also-- +‘Artischocke’ hat der furchtbare Mann dich genannt und +den Stecken erhoben, und dann?” + +“Dann, dann”, stotterte Miezchen kleinlaut, denn es hatte begriffen, +daß es auf einmal alles verraten hatte und daß der Otto den +Zuckerhahn zurückfordern würde, “dann hat er mich doch nicht +totgeschlagen.” + +“So, das war nett von ihm”, sagte der Vater lachend. “Und dann +weiter?” + +“Dann weiter gar nichts mehr”, wimmerte Miezchen. + +“So, so, die Geschichte nimmt also ein fröhliches Ende. Der +Stecken bleibt in der Luft, und Miezchen geht als kleine +Artischocke nach Hause. Jetzt wollen wir gleich anstoßen auf alle +wohlgeratenen Artischocken und auf Schreiner Andres’ Gesundheit!” + +Damit erhob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft stimmte +ein. Es standen aber alle ein wenig still vom Tisch auf, denn in +jedem waren allerlei Gedanken aufgestiegen. Nur der Vater blieb +gelassen, setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine Zigarre an. + +Otto schlich ins andere Zimmer hinüber, drückte sich in eine Ecke +und dachte darüber nach, wie es sein werde, wenn alle anderen +wieder im Mondschein rodeln würden und er nie mehr dabei sein +dürfte. Denn er wußte, daß die Mutter dies von nun an verbieten +würde. + +Miezchen kroch ins Schlafzimmer hinein, kauerte sich neben dem Bett +auf das Schemelchen nieder, nahm den roten Zuckerhahn auf den Schoß +und war sehr traurig, daß es ihn zum letztenmal sehen sollte. + +Die Mutter blieb eine Zeitlang nachdenklich am Fenster stehen. +Ihre Gedanken mußten sie immer mehr und aufregender beschäftigen, +denn jetzt fing sie an im Zimmer hin und her zu gehen. Und +plötzlich verließ sie es und lief hierhin und dahin, suchte nach +dem Miezchen. Sie fand es endlich hinter seinem Bett auf dem +Schemel, in seine traurigen Betrachtungen versunken. + +“Miezchen”, sagte die Mutter, “jetzt erzähl mir, wo und wann ein +Mann dir drohte und was er dir nachgerufen hat.” + +Miezchen erzählte, was es wußte, es kann aber nicht viel mehr +heraus, als es schon gesagt hatte: Nachgerufen hatte ihm der Mann +das Wort, das der Papa am Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die +Mutter kehrte in das Zimmer zurück, wo der Vater saß, ging zu ihm +und sagte in erregtem Ton: “Ich muß es dir wirklich sagen, es kommt +mir immer wahrscheinlicher vor.” + +Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau +an. + +“Siehst du”, fuhr sie fort, “die Szene am Tisch hat mich auf einen +Gedanken gebracht, und je mehr ich ihn verfolge, je fester +gestaltet er sich vor meinen Augen.” + +“Setz dich doch und erzähl mir, was du meinst”, sagte der Oberst, +ganz neugierig geworden. + +Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr fort: “Du hast +Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich erschreckt worden +von dem Mann, von dem sie sprach. Es war nicht Spaß gewesen. +Darum ist es klar, daß er das Kind nicht ‘Artischocke’ +genannt hat. Wird er es nicht viel eher ‘Aristokratin’ +oder ‘Aristokratenbrut’ genannt haben? Du weißt, wer +uns früher diesen Titel nachrief, meinem Bruder und mir. Diesen +Augenblick habe ich von Miezchen gehört, daß der Vorfall sich an +dem Abend ereignet hatte, als Kinder im Mondschein auf der +Schlittenbahn waren. Am selben Abend wurde Andres halb erschlagen +gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jörg verschwunden. Und +im ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, wird sein +Bruder überfallen, dem kein anderer je etwas zuleide getan hat als +er. Gibt dir das nicht auch zu denken?” + +“Da könnte was dran sein”, entgegnete der Oberst nachdenklich. “Da +muß ich sofort etwas unternehmen.” + +Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten später +fuhr er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr der +Oberst jeden Tag einmal in die Stadt, um zu hören, ob Berichte +eingegangen seien. Am vierten Tag, als er am Abend nach Hause kam +und seine Frau noch an Miezchens Bett saß, ließ er sie schnell +rufen, denn er hatte ihr etwas Wichtiges zu erzählen. + +Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst teilte seiner Frau +mit, was er in der Stadt gehört hatte. Auf seine Aussagen hin +hatte die Polizei heimlich nach dem Jörg gesucht, und er war ohne +große Mühe gefunden worden. Denn er war ganz sicher, daß kein +Mensch ihn gesehen hatte, da er nur nachts in sein Dorf gekommen +und gleich wieder verschwunden war. + +So war er zunächst nur zur Stadt hinuntergegangen und hatte sich in +den Wirtshäusern herumgetrieben. Als er nun festgenommen und +verhört wurde, leugnete er zuerst alles. Als er aber hörte, der +Oberst Ritter habe schlagende Beweise gegen ihn vorzubringen, da +entfiel ihm der Mut. Denn er dachte, der Herr Oberst müsse ihn +gesehen haben, sonst wäre es unmöglich, daß er gerade auf ihn +gekommen wäre, da er frisch aus neapolitanischen Kriegsdiensten +zurückgekommen war. Daß ein einziges Wort, das er einem kleinen +Kind zugerufen hatte, ihn hatte verraten können, davon hatte er +keine Ahnung. + +Er fing dann an, furchtbar auf den Oberst zu schimpfen, und sagte, +er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut werde ihn noch ins +Unglück bringen. Im weiteren Verhör gestand er dann, er habe +seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm leihen wollen. Als er ihn +durch das erleuchtete Fenster erblickte, wie er eben eine gute +Summe vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den Andres +niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Töten habe er ihn nicht +wollen, nur ein wenig bewußtlos machen, damit er ihn nicht kenne. +Der größte Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden. Diese wurde +ihm abgenommen, und der Jörg wurde ins Gefängnis gesteckt. + +Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure Aufregung +im ganzen Dorf, denn eine solche Geschichte war noch nie +vorgefallen, seit es bestand. Besonders in der Schule kam alles +aus der Ordnung, so sehr interessierten sich alle Schüler für die +aufregende Begebenheit. Otto war einige Tage ganz außer Atem, da +er beständig da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein näherer +Umstand von der Sache zu hören war. + +Am dritten Abend nach der Verbreitung der Nachricht kam er aber so +aufgeregt nach Hause gestürzt, daß ihn die Mutter ermahnen mußte, +erst einen Augenblick still zu sitzen, da er vor Atemlosigkeit kein +Wort hervorbrachte und doch durchaus wieder eine Neuigkeit erzählen +wollte. Endlich konnte er sie loswerden. Man hatte den Joggi, der +bis dahin eingesperrt geblieben war, herausholen wollen. Aber der +arme Tropf fürchtete sich, und nun glaubte er, man hole ihn zum +Köpfen ab. Er weigerte sich, die Kammer zu verlassen. Dann hatten +zwei Männer ihn mit aller Gewalt herausgeschleppt, er hatte aber so +geschrien, daß alle Leute herbeiliefen. Und dann hatte er sich +noch mehr gefürchtet, und auf einmal war er davongeschossen wie ein +Pfeil und in die nächste Scheune hinein in den hintersten Winkel +des Stalles. Da hockte er ganz zusammengesunken mit einem +furchtbar erschrockenen Gesicht, und kein Mensch konnte ihn von der +Stelle bringen. Schon seit gestern hockte er so da, und der Bauer +hatte gesagt, wenn er nicht bald aufstehe, wolle er ihn mit der +Heugabel fortbringen. + +“Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder”, sagte die +Mutter, als Otto fertig erzählt hatte. “Der arme Joggi! Was muß +er nun leiden in seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da +er nicht versteht, was man ihm erklären könnte. Und der arme, +gutmütige Joggi ist ja ganz unschuldig. Ach, Kinder, hättet ihr +mir doch gleich das ganze Erlebnis erzählt, als ihr am Abend von +der Schlittenbahn kamt. Eure Heimlichtuerei hat nur Unglück +gebracht. Könnten wir doch den armen Menschen trösten und wieder +fröhlich machen!” + +Das Miezchen war ganz weich geworden. “Ich will ihm den roten +Zuckerhahn geben”, sagte es schluchzend. + +Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas +verächtlich: “Ja, einen Zuckerhahn einem erwachsenen Menschen geben! +Behalt du den nur für dich.” Aber dann bat er die Mutter, ihm und +Miezchen zu erlauben, dem Joggi etwas zu essen in den Stall zu +bringen. Er hatte gar nichts gehabt, seit er dort kauerte, zwei +ganze Tage lang. + +Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sofort ein Korb geholt +und Wurst und Brot und Käse hineingesteckt. Dann gingen die Kinder +den Berg hinunter, zum Stall. + +Mit einem ganz weißen, erschrockenen Gesicht kauerte der Joggi +hinten im Winkel und rührte sich nicht. Die Kinder kamen ein wenig +näher. Otto zeigte ihm den offenen Korb und sagte: “Komm hervor, +Joggi, das ist alles für dich zum Essen.” + +Joggi bewegte sich nicht. + +“Komm doch, Joggi”, mahnte Otto weiter. “Siehst du, sonst kommt +der Bauer und sticht dich mit der Heugabel hervor.” + +Joggi stieß einen entsetzten Ton aus und krümmte sich noch enger +zusammen. + +Jetzt ging Miezchen vorwärts und kam ganz nahe an den Joggi heran, +hielt den Mund an sein Ohr und flüsterte hinein: “Komm du nur mit +mir, Joggi, sie dürfen dich nicht köpfen. Der Papa hilft dir schon, +und siehst du, das Christkindlein hat dir einen roten Zuckerhahn +gebracht.” Und Miezchen nahm ganz heimlich den Zuckerhahn aus +seiner Tasche und steckte ihn dem Joggi zu. + +Diese heimlichen Trostesworte hatten eine wunderbar wirksame Kraft. +Der Joggi schaute das Miezchen an, ganz ohne Schrecken, dann +schaute er auf seinen roten Zuckerhahn. Und dann fing er an zu +lachen, was er seit vielen Tagen nicht mehr getan hatte. Dann +stand er auf, und nun ging Otto voran aus dem Stall, dann kam das +Miezchen, und ihm folgte der Joggi auf dem Fuß. + +Draußen sagte Otto dem Joggi: “Das kannst du mitnehmen, wir gehen +nun heim und du auch, dort hinunter.” + +Da schüttelte Joggi den Kopf und stellte sich hinter das Miezchen. +So gingen alle drei weiter, den Hang hinauf, voran der Otto, dann +Miezchen, dann der Joggi. Die Mutter sah den Zug herankommen, und +ihr Herz wurde ganz erleichtert, als sie sah, wie der Joggi hinter +dem Miezchen herschritt, den roten Zuckerhahn in der Hand hielt und +immerfort vergnüglich lachte. + +So traten die drei ins Haus und in die Stube, und hier holte das +Miezchen geschäftig einen Stuhl, nahm den Eßkorb zur Hand und +winkte dem Joggi, daß er komme. Als er dann am Tisch saß, legte es +alles, was im Korb war, vor ihn hin und sagte: “Iß du jetzt nur, +Joggi, und iß du nur alles auf und sei nun ganz fröhlich.” + +Da lachte der Joggi und aß die beiden großen Würste und das ganze +Brot und das ungeheure Stück Käse und dann noch die Krumen. Den +roten Zuckerhahn hielt er die ganze Zeit über fest mit seiner +linken Hand, schaute ihn an von Zeit zu Zeit und lachte vergnügt, +denn Wurst und Brot hatte er wohl auch schon bekommen. Aber einen +roten Zuckerhahn hatte ihm in seinem ganzen Leben noch niemand +geschenkt. + +Endlich ging der Joggi den Hang hinunter. Voller Freude schauten +die Mutter, Otto und Miezchen ihm nach. Er hielt seinen Zuckerhahn +bald in der einen, bald in der anderen Hand, lachte immerzu und +hatte seinen Schrecken ganz vergessen. + +Seit drei Tagen hatte die Frau Oberst den Schreiner Andres nicht +besucht. Es hatte sich so vieles ereignet in diesen Tagen, daß sie +gar nicht begriff, wie die Zeit dahingegangen war. Doch konnte sie +ja beruhigt sein, sie wußte, daß der Andres gut verpflegt und dazu +auf dem besten Weg der Genesung war. + +Ihr Mann hatte gleich am Morgen nach seiner Rückkehr aus der Stadt +den Andres besucht, um ihm die Entdeckung und die Festnahme seines +Bruders selbst mitzuteilen. Andres hatte ganz ruhig zugehört und +dann gesagt: “Er hat es so haben wollen. Es wäre doch besser +gewesen, er hätte mich um ein wenig Geld gebeten. Ich hätte es ihm +ja gegeben. Aber er hat immer lieber geprügelt als geredet.” + +Jetzt trat die Frau Oberst am sonnigen Wintermorgen aus ihrer Tür +und stieg fröhlich den Berg hinunter. Denn sie beschäftigte sich +in ihrem Innern mit einem Gedanken, der ihr gut gefiel. Als sie +die Haustür aufmachte beim Schreiner Andres, kam Wiseli eben aus +der Stube heraus. Seine Augen waren ganz aufgeschwollen und +hochrot vom Weinen. Es gab der Frau Oberst nur flüchtig die Hand +und lief scheu in die Küche hinein, um sich zu verstecken. + +So hatte die Frau Oberst das Wiseli noch nie gesehen. Was konnte +da geschehen sein? Sie trat in die Stube. Da saß am sonnigen +Fenster der Andres und sah aus, als sei ein noch nie erlebtes +Unheil über ihn hereingebrochen. + +“Was ist denn hier geschehen?” fragte die Frau Oberst und vergaß im +Schrecken guten Tag zu sagen. + +“Ach, Frau Oberst”, stöhnte Andres, “ich wollte, das Kind wäre nie +in mein Haus gekommen!” + +“Was”, rief sie noch erschrockener aus, “das Wiseli? Kann dieses +Kind Ihnen ein Leid angetan haben?” + +“Ach, um Himmels willen, nein, Frau Oberst, so meine ich es nicht”, +entgegnete Andres aufgeregt. “Aber nun ist das Kind bei mir +gewesen und hat mir ein Leben gemacht in meinem Häuschen, wie im +Paradies. Und jetzt muß ich das Kind wieder hergeben, und alles +wird viel öder und leerer um mich her sein als vorher. Ich kann es +nicht aushalten. Sie können sich gar nicht denken, wie lieb mir +das Kind ist. Ich kann es nicht aushalten, wenn sie mir’s +wegnehmen. Morgen muß es gehen, der Onkel hat schon zweimal den +Buben geschickt. Es müsse nun zurückkommen, morgen müsse es sein. +Und dann ist noch etwas, das mir fast das Herz zersprengt. Seitdem +der Onkel den Buben geschickt hat, ist das Kind ganz still geworden +und weint heimlich. Es will es nicht so zeigen, aber man kann’s +sehen, es fällt ihm schwer zu gehen. Und morgen muß es sein. Ich +übertreibe nicht, Frau Oberst. Aber das kann ich sagen. Alles, +was ich seit dreißig Jahren erspart und erarbeitet habe, gäbe ich +seinem Onkel, wenn er mir das Kind ließe.” + +Die Frau Oberst hatte den aufgeregten Andres zu Ende reden lassen. +Jetzt sagte sie ruhig: “Das würde ich nicht tun an Ihrer Stelle. +Ich würde es ganz anders machen.” + +Andres schaute sie fragend an. + +“Seht, Andres, so würde ich es machen. Ich würde sagen: ‘All +mein wohlverdientes Gut will ich jemandem zurücklassen, der mir +lieb ist. Ich will das Wiseli an Kindesstatt annehmen, ich will +sein Vater sein, und es soll als mein Kind in meinem Haus bleiben.’ +Würde Ihnen das nicht gefallen, Andres?” + +Der Andres hatte lautlos zugehört, und seine Augen waren immer +größer geworden. Jetzt ergriff er die Hand der Frau Oberst und +drückte sie. + +“Kann man das wirklich machen? Könnte ich sagen: das Wiseli ist +mein Kind, mein eigenes Kind, und niemand hat mehr ein Recht an dem +Kind, und kein Mensch kann es mir mehr nehmen?” + +“Das können Sie, Andres”, versicherte die Frau Oberst. “Sobald das +Wiseli Ihr Kind ist, hat kein Mensch mehr ein Recht auf das Kind. +Sie sind der Vater. Und weil ich mir gedacht hatte, Sie könnten +den Wunsch haben, das Wiseli zu behalten, so habe ich meinen Mann +gebeten, heute nicht fortzugehen, falls Sie etwa zur Stadt in die +Kanzlei fahren würden, daß alles bald festgesetzt werde, denn zu +Fuß können Sie noch nicht gehen.” + +Andres wußte gar nicht, was er tat vor Aufregung und Freude. Er +lief dahin und dorthin und suchte den Sonntagsrock. Dann rief er +immer wieder: “Ist es auch sicher wahr? Kann’s auch sein?” Dann +stand er wieder vor der Frau Oberst und fragte: “Kann es jetzt sein, +gleich jetzt, heute noch?” + +“Gleich jetzt”, versicherte sie. Doch gab sie nun dem Schreiner +Andres die Hand zum Abschied, sie mußte gehen und ihrem Mann +mitteilen, daß Andres schon reisefertig sei. + +“Sie sollten es dem Wiseli erst am Abend sagen, wenn alles gut +eingeleitet ist”, bemerkte die Frau Oberst noch unter der Tür. + +“Ja, sicher, sicher”, gab Andres zur Antwort. “Jetzt brächte ich +ohnehin kein Wort hervor.” + +Als die Tür sich schloß, setzte sich Andres auf seinen Stuhl und +zitterte an Händen und Füßen so sehr, daß er meinte, er könne nie +mehr aufstehen. So waren ihm die Freude und Aufregung in alle +Glieder gefahren. Es dauerte kaum eine halbe Stunde, da kam schon +der Wagen des Obersten angefahren und hielt am Gärtchen des +Schreiners. Und zu Wiselis unbeschreiblichem Erstaunen stieg der +Knecht von seinem Sitz herunter, kam herein, und nach wenigen +Minuten sah es, wie er wieder herauskam, den Schreiner Andres mit +beiden Armen festhielt und ihm dann in den Wagen half. + +Wiseli schaute dem Fuhrwerk nach, als bewege sich etwas Unfaßliches +vor seinen Augen, denn der Schreiner Andres hatte kein Wort mehr zu +ihm sagen können, nicht einmal, daß er ausfahren werde. + +Jetzt ging Wiseli in die Stube hinein und setzte sich ans Fenster, +wo sonst der Schreiner Andres saß. Und es konnte nichts anderes +mehr denken als nur immerzu: Heute ist der letzte Tag, und morgen +muß ich zum Onkel gehen. + +Als der Mittag herankam, ging Wiseli in die Küche hinaus und machte +zurecht, was der Andres essen sollte. Aber er kam nicht, und es +wollte nichts essen, wenn er nicht dabei war. So ging es wieder +hinein, und sofort stand der traurige Gedanke wieder vor ihm. + +Aber endlich wurde es so müde vom Nachdenken, daß sein Kopf ihm auf +die Schulter fiel und es fest einschlief. Aber noch im Schlaf +mußte es immer sagen: “Und morgen muß ich zum Onkel gehen.” Und +Wiseli sah nicht, wie leise der helle Abendschein in die Stube fiel +und einen schönen Tag verkündigte. + +Wiseli schreckte hoch, als jemand die Stubentür öffnete. Es war +der Schreiner Andres. Das Glück leuchtete ihm aus den Augen wie +heller Sonnenschein, so hatte ihn Wiseli noch nie gesehen. Es +schaute verwundert zu ihm auf. Jetzt mußte er auf seinen Stuhl +sitzen und Atem holen vor Rührung, nicht vor Erschöpfung. Dann +rief er mit triumphierender Stimme: “Es ist wahr, Wiseli, es ist +alles wirklich wahr! Die Herren haben alle ja gesagt. Du gehörst +mir, ich bin dein Vater, sag mir einmal ‘Vater’!” + +Wiseli war ganz schneeweiß geworden. Es stand da und starrte den +Andres an, aber es sagte kein Wort und bewegte sich nicht. + +“Ja so”, fing Andres wieder an, “du kannst es ja nicht begreifen, +es kommt mir alles durcheinander vor Freude. Jetzt will ich von +vorn anfangen. Siehst du, Wiseli, jetzt eben habe ich es in der +Kanzlei unterschrieben. Du bist jetzt mein Kind, und ich bin dein +Vater, und du bleibst hier bei mir für immer und gehst nie mehr +zurück zum Onkel. Hier bist du daheim, hier bei mir.” + +Jetzt hatte Wiseli alles begriffen. Auf einmal sprang es auf den +Andres zu, umfaßte ihn mit beiden Armen und rief: “Vater! Vater!” +Der Andres brachte kein Wort mehr hervor und das Wiseli auch nicht, +denn es kam so viel zusammen im Herzen und in den Gedanken, daß es +ganz überwältigt wurde. Aber mit einemmal war es, als ob ihm ein +helles Licht aufginge. Es schaute den Andres mit leuchtenden Augen +an und rief: “O Vater, jetzt weiß ich, wie es zugegangen ist und +wer uns geholfen hat.” + +“So, so, und wer denn, Wiseli?” fragte er. + +“Die Mutter!” war die rasche Antwort. + +“Die Mutter?” wiederholte Andres, ein wenig erstaunt. “Wie meinst +du das, Wiseli?” + +Jetzt erzählte das Kind, wie es die Mutter gesehen hatte, ganz +deutlich, wie sie es bei der Hand genommen und ihm einen sonnigen +Weg gezeigt und gesagt hatte: Sieh, Wiseli, das ist dein Weg. + +“Und jetzt, Vater”, fuhr Wiseli eifrig fort, “jetzt ist mir auf +einmal in den Sinn gekommen, wie der Weg war, gerade so, wie der +draußen im Garten, wenn die Sonne darauf scheint und die Nelken so +rot glühen und auf der anderen Seite die Rosen. Und die Mutter hat +ihn schon gekannt und hat gewiß das ganze Jahr den lieben Gott +gebeten, daß ich auf den Weg kommen dürfe. Sie hat schon gewußt, +wie gut ich es bei dir haben würde, wie sonst nirgends auf der +ganzen Welt. Das glaubst du jetzt auch, Vater, daß alles so +gegangen ist, nicht wahr, seit du weißt, daß die Mutter mir den Weg +bei den Nelken gezeigt hat?” + +Der gute Andres konnte nichts sagen, die hellen Tränen liefen ihm +die Wangen hinunter. Dabei aber lachte ihm eine solche Freude aus +den nassen Augen, daß es dem Wiseli nicht bange wurde. + +Als er aber endlich etwas sagen wollte, da hörte man nichts davon. +Denn in dem Augenblick wurde mit einem Krach die Tür aufgeschlagen, +und herein sprang mit einem Satz bis mitten in die Stube der Otto. +Dann machte er noch einen großen Sprung über einen Stuhl und rief: +“Juhe, wir haben gewonnen, und das Wiseli ist erlöst!” + +Hinter ihm stürzte das Miezchen hervor, rannte gleich auf seinen +Freund los und sagte mit bedeutungsvollem Winken gegen die Tür hin: +“Jetzt, Andres, wirst du gleich sehen, was zum Genesungsfest kommt!” + +Und da kam schon der Bäckerjunge herein mit einem so ungeheuren +Brett auf dem Kopf, daß er in der Tür steckenblieb und nicht damit +weiter konnte. Aber von hinten kam eine kräftige Hand, die hob und +schob und stützte das wankende Gebäude, bis es glücklich in der +Stube angelangt und auf den Tisch gesetzt war, den es gänzlich +bedeckte. Denn Otto und Miezchen hatten Sparbüchsen geopfert und +zum Genesungsfest den allergrößten Rahmkuchen machen lassen, den +ein Mensch machen könnte. Da er nun zu klein geworden wäre als +runder Kuchen, so hatte man ihn viereckig gemacht, so daß er den +Ofen ausfüllte von vorn bis hinten und nun den ganzen Tisch +bedeckte. + +Auf den Boden stellte nun die Trine, die hinter dem Bäckerjungen +hilfreich hereingekommen war, ihren großen Korb. Da waren ein +schöner Braten darin und Wein dazu, denn die Frau Oberst hatte +gesagt, heute habe der Andres gewiß noch keinen Bissen gegessen. +Und vielleicht das Wiseli ebenfalls nicht, und so war es auch. +Jetzt merkte auch das Wiseli, daß es hungrig war, als es alle die +einladenden Sachen vor sich sah. + +Nun setzte sich die ganze Gesellschaft an den Tisch, und man konnte +gar nicht absehen, wer von allen das fröhlichste Gesicht hatte. +Vor allem mußte der Riesenkuchen in der Mitte zerschnitten und die +Hälfte auf den Boden gelegt werden, daß man Platz bekam. Nun +folgte ein fröhliches Festessen, denn jedem, der an diesem Tisch +saß, war sein höchster Wunsch in Erfüllung gegangen. + +Als es nun spät geworden war unter all der Freude und man endlich +vom Tisch aufstehen mußte, sagte Andres: “Heute habt ihr ein Fest +bereitet. Aber am Sonntag will ich auch eins bereiten, dann kommt +ihr wieder. Und das soll das Fest des Einstands sein für mein +Töchterchen.” + +Nun schüttelten sich alle die Hände in der frohen Aussicht auf ein +neues herrliches Fest und auf die immerwährende Befriedigung, das +Wiseli beim Schreiner Andres zu wissen. In der Tür aber gab Wiseli +dem Otto noch einmal die Hand und sagte: “Ich danke dir +hunderttausendmal für alles Gute, Otto. Der Chäppi hat mir auch +nie mehr etwas an den Kopf geworfen, weil er nicht durfte. Das +habe ich nur dir zu danken.” + +“Und ich danke dir auch, Wiseli”, entgegnete Otto. “Ich habe gar +nie mehr die Fetzen auflesen müssen in der Schule. Das habe ich +nur dir zu danken.” + +Nun war in dem Stübchen alles still geworden, und der Mondschein +kam leise durchs Fenster herein, bei dem der Schreiner Andres saß, +während Wiseli abräumte. Dann kam das Kind zu ihm und sagte: +“Vater, soll ich dir nicht den Liedervers der Mutter laut vorbeten? +Ich habe ihn heute abend immer wieder leise für mich sagen müssen. +Den will ich gewiß mein ganzes Leben lang nie vergessen.” + +Andres wollte den Vers hören, und Wiseli schaute zu den Sternen auf +und sagte tief aus seinem Herzen heraus: + +(“Befiehl du deine Wege, +Und was dein Herze kränkt, +Der allertreusten Pflege +Des, der den Himmel lenkt.) + +(Der Wolken, Luft und Winden +Gibt Wege, Lauf und Bahn, +Der wird auch Wege finden, +Wo dein Fuß gehen kann.”) + + +Von diesem Tag an war und blieb das allerglücklichste Haus im +ganzen Dorf und im ganzen Land das Häuschen des Schreiners Andres +mit dem sonnigen Nelkengarten. Wo seither das Wiseli sich blicken +ließ, da waren alle Leute so freundlich mit ihm, daß es nur staunen +mußte. Denn vorher hatten sie es nie beachtet, und der Onkel und +die Tante gingen nie am Haus vorbei, ohne schnell hereinzukommen, +ihm die Hand zu geben und zu sagen, es solle auch zu ihnen kommen. + +Über diese Wendung war das Wiseli froh, denn es hatte immer +heimlich Angst gehabt beim Gedanken, was der Onkel zu allem sagen +werde. So war Wiseli von aller Furcht befreit und war fröhlich. +Im stillen aber dachte es: Der Otto und seine Familie waren gut mit +mir, als es mir schlechtging und ich niemanden mehr auf der Welt +hatte. Aber die anderen Leute sind erst freundlich mit mir +geworden, seit es mir gutgeht und ich einen Vater habe. Ich weiß +ganz gut, wer es am besten mit mir meint. + + +Ende dieses Projekt Gutenber Etextes Wie Wiselis Weg gefunden wird +Erzählung von Johanna Spyri. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WISELIS WEG GEFUNDEN WIRD +ERZÄHLUNG *** + +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the +United States without permission and without paying copyright +royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part +of this license, apply to copying and distributing Project +Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™ +concept and trademark. 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