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+The Project Gutenberg eBook of Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzählung,
+by Johanna Spyri
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
+of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
+will have to check the laws of the country where you are located before
+using this eBook.
+
+Title: Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzählung
+
+Author: Johanna Spyri
+
+Release Date: April 1, 2005 [eBook #7888]
+Last Updated: October 5, 2023
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+Produced by: Delphine Lettau and Mike Pullen
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WISELIS WEG GEFUNDEN WIRD
+ERZÄHLUNG ***
+
+
+
+
+Wie Wiselis Weg gefunden wird Erzählung
+
+Johanna Spyri
+
+
+
+
+1. Kapitel
+(Auf dem Schlittenweg)
+
+
+Draußen vor der Stadt Bern liegt ein Dörflein an einem Berghang.
+Ich kann hier nicht sagen, wie es heißt, aber ich will es ein wenig
+beschreiben. Wer dann dahinkommt, der kann es gleich erkennen.
+Oben auf der Anhöhe steht ein einzelnes Haus mit einem Garten daran,
+voll schöner Blumen von allen Arten. Das gehört dem Oberst Ritter
+und heißt Auf dem Hang. Von da geht es hinunter. Dann stehen auf
+einem kleinen, ebenen Platz die Kirche und daneben das Pfarrhaus.
+Dort hat die Frau des Obersten als Pfarrerstochter ihre fröhliche
+Kindheit verlebt.
+
+Etwas weiter unten kommen das Schulhaus und noch einige Häuser, und
+dann steht links am Weg noch ein Häuschen ganz allein. Davor liegt
+auch ein Gärtchen mit ein paar Rosen und ein paar Nelken und ein
+paar Resedastöckchen, daneben aber sind Beete mit Zichorien und
+Spinat bepflanzt, mit einer niederen Hecke von
+Johannisbeersträuchern umgeben. Alles ist da immer in bester
+Ordnung und kein Unkraut zu sehen. Dann geht der Weg wieder bergab
+den ganzen langen Hang hinunter bis auf die große Straße, die an
+der Aare entlang ins Land hinausführt.
+
+Dieser ganze lange Hang bildete zur Winterszeit den herrlichsten
+Schlittenweg, der weit und breit zu finden war. Zehn Minuten lang
+konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen.
+Denn war man vom Haus des Obersten an bei diesem ersten, steilen
+Absatz einmal recht in Fahrt gekommen, so gingen die Schlitten
+vorwärts ohne Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestraße.
+
+Diese unvergleichliche Schlittenbahn machte auch das Lebensglück
+einer großen Schar von Kindern aus, die alle, sobald nur die alte
+Schulstubentür sich öffnete, herausstürzten, ihre Schlitten vom
+Haufen rissen, den sie im Vorhof bildeten, und mit Windeseile zum
+Schlittenweg rannten, wo die Stunden verflogen, man wußte nicht,
+wie. Denn unten am Berg war man immer so schnell und beim
+Hinaufsteigen dachte man so eifrig ans nächste Hinunterfahren, daß
+man rasch wieder oben war.
+
+So brach immer zum großen Schrecken der Kinder die Nacht viel zu
+früh herein, denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen
+mußten. Da folgte dann gewöhnlich noch ein ziemlich stürmisches
+Ende, denn da wollte man schnell noch einmal fahren und dann noch
+einmal und dann nur noch ein einziges Mal. Und so mußte dann alles
+noch in größter Eile zugehen, das Aufsitzen und das Abfahren und
+wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da war auch ein Gesetz
+errichtet worden, daß keiner hinunterfahren sollte, während die
+anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle abfahren
+und miteinander alle zurückkehren, damit kein Gedränge und
+Schlittenverwickelungen entstehen könnten. Manchmal aber gab es
+doch allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen
+drangvollen Schlußfahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa
+noch zu kurz kommen wollte.
+
+So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die
+Schlittenbahn laut knisterte unter den Füßen der Kinder und der
+Schnee nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte
+darauf fahren können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber
+waren alle glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im
+angestrengten Lauf den ganzen Berg hinaufgelaufen und hatten ihre
+Schlitten nachgezogen. Und nun wurden die Schlitten rasch gewendet,
+die Kinder stürzten sich darauf, denn es hatte Eile. Drüben stand
+schon hell der Mond am Himmel, und die Betglocke hatte auch schon
+geläutet.
+
+Die Buben hatten aber alle gerufen: “Noch einmal! Noch einmal!”
+Und die Mädchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es
+eine Verwirrung und einen großen Lärm. Drei Buben wollten durchaus
+auf demselben Platz mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte
+auch nur einen Zentimeter zurückweichen und später abfahren. So
+drückten sie einander auf die Seite hin, und der breite Chäppi
+wurde von den beiden anderen so gegen den Rand des Weges hin
+gestoßen, daß er ganz in den Schnee hineinsank mit seinem schweren
+Schlitten und fühlte, daß er unter ihm stecken blieb.
+
+Eine große Wut ergriff ihn bei dem Gedanken, daß die anderen nun
+abfahren würden. Er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf ein
+kleines, schmales Mädchen, das neben ihm im Schnee stand. Es war
+ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schürze gewickelt, um es
+wärmer zu haben. Aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen
+dünnen Körperchen. Das schien dem Chäppi ein passendes Wesen zu
+sein um seine Wut daran auszulassen.
+
+“Kannst du einem nicht aus dem Weg gehen, du lumpiges Ding? Du
+brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen
+Schlitten. Wart nur, ich will dir schon aus dem Weg helfen.” Damit
+stieß der Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kind
+eine Schneewolke entgegenzuwerfen.
+
+Es floh zurück, so daß es bis an die Knie in den Schnee sank, und
+sagte schüchtern: “Ich wollte nur zusehen.”
+
+Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee, als
+ihn von hinten eine so erschütternde Ohrfeige traf, daß er fast vom
+Schlitten fiel. “Wart du!” rief er außer sich vor Erbitterung,
+denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte. Mit
+geballter Hand drehte er sich um, seinen Feind zu treffen.
+
+Da stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zum
+Abfahren zurecht gestellt. Er schaute nun ganz ruhig auf den
+Chäppi nieder und sagte: “Probier’s!” Es war Chäppis Klassengenosse,
+der elfjährige Otto Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine
+Meinungsverschiedenheiten auszutragen hatte. Otto war ein
+schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so breit wie der
+Chäppi. Aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren, daß Otto
+eine merkwürdige Gewandtheit in Händen und Füßen besaß, gegen die
+der Chäppi sich nicht zu helfen wußte.
+
+Er schlug nicht zu, aber die geballte Hand hielt er immer noch hoch,
+und wuterfüllt rief er: “Laß du mich gehen, ich habe nichts mit
+dir zu tun!”
+
+“Aber ich mit dir”, entgegnete Otto kriegerisch. “Was brauchst du
+das Wiseli dorthinein zu jagen und es noch mit Schnee zu
+überschütten? Ich habe es gesehen, du Feigling. Fällt über ein
+kleines Kind her, das sich nicht wehren kann!” Damit kehrte er
+verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte sich dem Schneefeld zu,
+wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte. “Komm heraus
+aus dem Schnee, Wiseli”, sagte Otto mit Beschützermiene. “Siehst
+du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen
+Schlitten, und hast du nur zusehen müssen? Da, nimm meinen und
+fahr einmal hinunter, schnell, siehst du, da fahren sie schon.”
+
+Das bleiche, schüchterne Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah.
+Zwei-, dreimal hatte es zugeschaut, wie eines nach dem andern auf
+seinem Schlitten saß, und gedacht: Wenn ich nur ein einziges Mal
+ganz hinten aufsitzen dürfte. Nun sollte es allein hinunterfahren
+dürfen und dazu auf dem allerschönsten Schlitten mit dem Löwenkopf
+vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht und hoch
+mit Eisen beschlagen war.
+
+Vor lauter Glück stand Wiseli ganz unschlüssig da und schaute nach
+dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu prügeln gedenke zur Strafe
+für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz abgekühlt da, so als wäre
+gar nichts geschehen. Und Otto stand so schutzverheißend daneben,
+daß das Wiseli seinen Mut zusammennahm, um sein Glück zu erfassen.
+Es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da nun Otto
+mahnte: “Schnell, Wiseli, fahr ab”, so gehorchte es, und hinunter
+ging’s wie vom Wind getragen.
+
+In der kürzesten Zeit hörte Otto die ganze Gesellschaft wieder
+herankeuchen, und er rief der Kleinen entgegen: “Wiseli, bleib
+unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu!
+Nachher müssen wir gehen.” Das glückliche Wiseli setzte sich noch
+einmal hin und genoß noch einmal die langersehnte Freude. Dann
+brachte es den Schlitten zurück und dankte ganz schüchtern seinem
+Wohltäter und rannte eilig davon.
+
+Otto fühlte sich sehr befriedigt. “Wo ist das Miezi?” rief er in
+die Gesellschaft hinein, die sich allmählich zerstreute.
+
+“Da ist es”, ertönte eine fröhliche Kinderstimme, und aus dem
+Knäuel heraus trat ein rundes, kleines Mädchen, das der Bruder Otto
+als kräftiger Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm zum
+väterlichen Haus lief. Denn es war heute spät geworden. Die
+erlaubte Zeit des Schlittenfahrens war lange überschritten.
+
+
+
+
+2. Kapitel
+(Daheim, wo’s gut ist)
+
+
+Als Otto und seine Schwester durch den langen, steinernen Hausflur
+hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr
+Licht in die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam.
+“So, endlich!” sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. “Die
+Mutter hat schon nach euch gefragt, aber da war kein Bein zu sehen.
+Und acht Uhr hat’s geschlagen--vor wer weiß wie langer Zeit.” Die
+alte Trine war schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter
+der beiden Kinder zur Welt kam. So hatte sie große Rechte im Haus
+und fühlte sich durchaus als Familienmitglied, eigentlich als
+Oberhaupt, denn an Alter und Erfahrung war sie die erste. Die alte
+Trine war vernarrt in beide Kinder ihrer Herrschaft und sehr stolz
+auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften. Das ließ sie aber nicht
+merken, sondern sprach immer in entrüstetem Ton mit ihnen, denn das
+fand sie erzieherisch.
+
+“Schuhe aus, Pantoffeln an!” rief sie jetzt. Der Befehl wurde aber
+gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort kniete sie vor
+Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, und zog
+ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand inzwischen
+mitten in der Stube und rührte sich nicht, was sonst nicht ihre Art
+war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein paarmal
+hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen sollte auf
+dem Sessel sitzen. Aber es stand noch auf demselben Platz.
+
+“Nun, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann trocknen die
+Schuhe von selbst”, sagte die Trine.
+
+“Pst! pst! Trine, ich habe etwas gehört. Wer ist in der großen
+Stube?” fragte Miezchen und hob den Zeigefinger.
+
+“Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht hinein.
+Jetzt setz dich”, mahnte Trine.
+
+Aber anstatt zu sitzen, sprang Miezchen hoch und rief: “Jetzt habe
+ich’s wieder gehört, so lacht der Onkel Max.”
+
+“Was?” schrie Otto und war mit einem Satz bei der Tür.
+
+“Wart! wart!” schrie Miezchen nach und wollte gleich mit zur Tür
+hinaus. Aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den Stuhl gesetzt,
+die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den zappelnden
+Füßchen. Doch gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen zur Tür
+hinaus und hinüber in die große Stube und direkt auf den Onkel Max
+los, der richtig dort im Lehnstuhl saß.
+
+Da war nun ein großer Freudenlärm und ein Grüßen und ein
+Willkommenrufen in allen Tönen, und in das Lachen der Kinder
+stimmte der Onkel Max mit ein. Es dauerte einige Zeit, bis sich
+der Tumult etwas gelegt hatte und die Festfreude einen ruhigen
+Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder war der Besuch des
+Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der Onkel Max war ihr
+besonderer Freund. Er war fast immer auf Reisen und kam nur alle
+paar Monate einmal zu Besuch. Dann gab er sich aber mit den
+Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an. Und was er für
+wunderbar herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das
+war mit nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig
+und zauberhaft. Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in
+allen Winkeln der Erde umher. Und aus jedem brachte er etwas
+Eigentümliches mit.
+
+Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum, und die
+dampfende Schüssel brachte völlige Besänftigung in die aufgeregten
+Gemüter. Denn von der Schlittenbahn wurde immer ein richtiger
+Appetit mitgebracht. “So”, sagte der Papa und blickte über den
+Tisch hinüber, wo an der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig
+arbeitete. “So, so, heute hat also das Miezchen keine Hand für
+seinen Papa, noch habe ich keinen Gruß bekommen. Und jetzt ist
+keine Zeit mehr dazu.”
+
+Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und
+sagte: “Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Absicht getan, und
+jetzt will ich gleich...” Und damit stieß sie mit großer
+Anstrengung den Sessel zurück.
+
+Aber der Papa rief: “Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestörung! Da
+gib die Hand über den Tisch hin, das übrige wollen wir dann
+nachholen. So ist’s recht, Miezchen.”
+
+“Wie hat man eigentlich das Kind getauft, Marie? Ich war zwar auch
+dabei, aber ich habe keine Ahnung, welcher Name in der Kirche
+ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?” sagte der Onkel lachend.
+
+“Du warst wirklich dabei, Max”, entgegnete seine Schwester, “da du
+der Pate des Kindes bist. Es erhielt damals den Namen Marie. Sein
+Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den Namen noch recht
+unnütz vervielfältigt.”
+
+“O nein, Mama, wirklich nicht unnütz”, rief Otto ernsthaft.
+“Siehst du, Onkel, das geht nach ganz bestimmten Regeln. Wenn das
+kleine Ding ordentlich und sanftmütig ist, dann nenne ich es
+Miezchen. Das geschieht aber selten, und im gewöhnlichen Leben
+nenne ich es daher Miezi. Wird es aber böse, dann sieht es ganz
+aus wie ein kleiner wilder Kater und muß Miez genannt werden, der
+Miez.”
+
+“Ja, ja, Otto”, tönte es nun zurück, “und wenn du böse wirst, dann
+siehst du ganz aus wie ein--wie ein...”
+
+“Wie ein Mann”, ergänzte Otto, und da dem Miezchen eben kein
+Vergleich einfiel, so arbeitete es jetzt um so emsiger an seinem
+Brei herum.
+
+Der Onkel lachte laut auf. “Das Miezchen hat recht”, rief er, “es
+ist besser, sich um seine Geschäfte zu kümmern, als auf Schmähungen
+zu antworten.” “Aber, Kinder”, setzte er nach einer Weile hinzu,
+“nun bin ich fast ein Jahr nicht hier gewesen, und ihr habt mir
+noch gar nichts erzählt. Was habt ihr denn inzwischen alles
+erlebt?”
+
+Die neuesten Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der Kinder. So
+wurde gleich mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die eben
+erlebte Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt
+hatte, wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte
+und endlich doch noch zu zwei Fahrten kam.
+
+“So ist’s recht, Otto”, sagte der Papa. “Du mußt deinem Namen Ehre
+machen, für die Wehrlosen und Verfolgten mußt du dich immer
+einsetzen. Wer ist das Wiseli?”
+
+“Du kannst das Kind und seine Mutter kaum kennen”, sagte die Mama,
+zu ihrem Mann gewandt. “Aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter
+recht gut. Du kannst dich doch noch auf den mageren Leineweber
+besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er hatte ein einziges Kind
+mit großen braunen Augen, das oft bei uns im Pfarrhaus war und so
+schön singen konnte. Erinnerst du dich?”
+
+Bevor aber die weiteren Erinnerungen besprochen wurden, steckte die
+alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: “Der Schreiner
+Andres möchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er
+nicht stört.” Diese harmlosen Worte verursachten große Verwirrung
+in der Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlöffel, mit dem
+sie soeben dem Onkel entgegenkommen wollte, beiseite und sagte
+eilig: “Entschuldigt mich!” Rasch ging sie hinaus. Otto sprang so
+stürmisch auf, daß er seinen Stuhl umwarf und dann selbst darüber
+stürzte, als er davonlaufen wollte. Das Miezchen hatte ähnliche
+Taten vor, aber der Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr
+gesehen und hielt es nun mit beiden Armen fest. Aber es zappelte
+jämmerlich und schrie: “Laß los, Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß
+gehen.”
+
+“Wohin denn, Miezchen?”
+
+“Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf mir, Papa.”
+
+“Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lasse
+ich dich los.”
+
+“Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der
+Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los.” Nun stürmte auch
+das Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max
+brach in Gelächter aus und rief: “Wer ist denn der Schreiner Andres,
+um den deine ganze Familie sich zu reißen scheint ?”
+
+“Das mußt du besser wissen als ich”, entgegnete der Oberst. “Es
+wird wohl ein Jugendfreund von dir sein und das Fieber der
+Verehrung wird auch dich noch ergreifen. Es muß in eurer Familie
+sein, bei uns hat es die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel
+sagen, daß der Schreiner Andres der Grundstein meines Hauses ist,
+auf dem alles feststeht. Und sicher werde alles auseinanderbrechen,
+sollte das Haus diesen Halt verlieren. Der Schreiner Andres ist
+hier Rat, Trost, Heil und Hilfe in der Bedrängnis. Will meine Frau
+ein Hausgerät haben, von dem sie gar nicht weiß, wie es aussehen
+soll und wozu man es braucht--der Schreiner Andres erfindet es und
+fertigt es an. Bricht Feuers- oder Wassersnot in der Küche oder im
+Waschhaus aus, der Schreiner Andres greift in die Elemente und
+bringt das Feuer ins Stocken und das Wasser in Fluß. Macht mein
+Sohn einen recht dummen Streich, der Schreiner Andres bringt alles
+wieder in Ordnung. Schmeißt meine Tochter das sämtliche Hausgerät
+entzwei, der Schreiner Andres leimt es wieder zusammen. So ist der
+Schreiner Andres die stützende Säule meines Hauses, und wenn diese
+zusammenbrechen würde, so gingen wir alle in Trümmer.”
+
+Die Mutter war inzwischen wieder eingetreten, und ihr zuliebe
+schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres sehr
+eingehend. Onkel Max lachte schallend.
+
+“Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!” sagte die Mutter. “Ich weiß schon,
+was ich an dem Schreiner Andres habe.”
+
+“Und ich auch”, bemerkte der Vater mit spöttischem Lächeln.
+
+“Und ich auch!” behauptete das Miezchen herzhaft.
+
+“Und ich auch!” sagte Otto seufzend, dem der Knöchel noch von
+seinem Sturz über den Stuhl hin weh tat.
+
+“So, nun sind wir alle einer Meinung”, bemerkte die Mutter, “nun
+können die Kinder in Frieden zu Bett gehen.”
+
+Auf diese Anzeige hin drohte dem Frieden gleich eine Störung. Aber
+es half nichts, die alte Trine stand schon vor der Tür und achtete
+darauf, daß die Hausordnung nicht überschritten wurde. Die Kinder
+mußten sich verabschieden, und gleich nachher verschwand die Mutter
+auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß die
+Mutter zum Nachtgebet an ihre Betten gekommen war.
+
+Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den
+Herren zurück und setzte sich gemütlich hin.
+
+“Endlich”, sagte da der Oberst aufatmend, als habe er eine harte
+Schlacht hinter sich. “Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem
+Schreiner Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch
+etwas übrigbleibt.”
+
+“Und siehst du, Max”, sagte die Mutter lachend, “wenn mein Mann
+noch so spottet--er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so
+gern wie wir alle. Gestehe es nur ein, Otto! Eben hat mir Andres
+auch für dich noch einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche
+Summe gebracht und bittet um deine Hilfe.”
+
+“Das ist wahr”, sagte der Oberst, “einen ordentlicheren,
+fleißigeren, zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich
+Weib und Kind und Hab und Gut und alles anvertrauen wie keinem
+anderen. Das ist der ehrlichste Mann in unserer ganzen Gemeinde
+und noch weit darüber hinaus.”
+
+“Jetzt siehst du, Max”, sagte die Frau lachend, “ich konnte doch
+nicht mehr sagen.”
+
+Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst unversehens
+gefallen war. Dann entgegnete er: “Nun habt ihr mir alle so viel
+von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich wirklich wissen möchte,
+woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht
+hier gesehen?”
+
+“Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max”, entgegnete seine
+Schwester. “Du mußt dich noch an den Andres erinnern, mit dem wir
+zur Schule gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei Brüder
+zusammen in derselben Klasse mit dir waren? Der ältere war damals
+schon ein rechter Taugenichts. Er war nicht dumm, aber tat nichts
+und blieb darum stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder
+in eine Klasse zusammen, in der du auch warst. Du mußt dich gewiß
+erinnern, er hieß Jörg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er
+bewarf uns, wo er konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Äpfeln und
+Birnen und dann mit Schneebällen, und rief uns überall nach:
+‘Aristokratenbrut!’”
+
+“Oh, der!” rief Onkel Max lachend, “ja, nun weiß ich auf einmal
+alles. Richtig, ‘Aristokratenbrut’ rief er uns
+beständig nach. Ich möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den
+Sinn kam. Er war ein widerwärtiger Kerl. Da sah ich ihn einmal
+einen viel kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln. Dem
+half ich aber, dafür rief er mir mindestens zwölfmal nach:
+‘Aristokratenbrut!’ Ach, nun weiß ich auch auf einmal, wer der
+andere war. Das war der magere, kleine Andres, sein Bruder, das
+ist gewiß euer Andres. Und dann ist das auch der Andres mit den
+Veilchen, nicht wahr, Marie? Oh, jetzt verstehe ich schon die
+dicke Freundschaft.” Onkel Max lachte aufs neue auf.
+
+“Was für Veilchen? Das muß ich wissen”, fiel der Oberst ein.
+
+“Oh, die Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als wäre sie
+gestern geschehen”, sagte der Onkel ganz angeregt von seinen
+Erinnerungen. “Die muß ich dir erzählen, Otto. Du weißt
+vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorf in jenen
+glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten,
+der fand, daß alle Mängel der Schulkinder aus ihnen heraus- und
+alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt
+werden könnten. So war er gezwungen, sehr viel zu prügeln, um den
+einen oder andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf
+einmal. Einmal nun war ihm der magere Andres unter die Hand
+gekommen. Dem schlug er nun so kräftig seine wohlgemeinte
+Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres laut aufschrie. In diesem
+Augenblick stand meine kleine Schwester, die kürzlich in die Schule
+eingetreten war und sich noch nicht so recht in die dort
+herrschenden Gebräuche eingelebt hatte, plötzlich auf von ihrem
+Sitz in der ersten Bank. Sie lief eilig zur Tür. Der Schullehrer
+hielt inne mit seiner Arbeit und rief ihr nach: ‘Wohin läufst
+du?’ Marie kehrte sich um. Die hellen Tränen liefen ihr über
+die Backen, und sie sagte ganz aufrichtig: ‘Ich will heimgehen
+und es dem Papa sagen.’ ‘Wart, ich will dir!’ rief jetzt der
+Schullehrer überrascht und stürzte vom Andres weg auf die kleine
+Marie los. Die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm
+und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin. Dann sagte er
+noch einmal: ‘Wart, ich will dir!’ Damit war aber alles abgetan.
+Auch der Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen
+friedlichen Ausgang. Aber die Tränen, die meine Schwester für den
+Andres vergossen hatte, und ihr Einschreiten gegen den Tyrannen
+wurden nicht vergessen. Von dem Tag an lag jeden Morgen ein Strauß
+Veilchen auf ihrem Platz und durchduftete den ganzen Schulraum.
+Und nachher kam noch ein anmutigerer Duft von dem Platz her, denn
+da lagen große Erdbeersträuße mit den prächtigsten dunkelroten
+Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren. Und so ging es das
+ganze Jahr durch immerfort. Wie sich dann aber die Freundschaft zu
+dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt ist,
+das muß meine Schwester wissen und uns mitteilen.”
+
+Der Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tränen und der
+Veilchen und forderte seine Frau auf, weiter zu erzählen.
+
+Sie sagte lachend: “Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ansicht
+nach das ganze Jahr durch, Max. Das ist aber nicht ganz so. Aber
+der gute Andres wurde wirklich das ganze Jahr durch nicht müde, mir
+irgend etwas Erfreuliches aus Feld und Wald zu suchen und an meinen
+Platz zu legen, solange wir miteinander zur Schule gingen. Er trat
+dann lange vor mir aus und kam in die Lehre zu einem Schreiner in
+der Stadt. Er kam aber oft nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus
+den Augen. Und als mein Mann dieses Gut kaufte und wir uns eben
+verheiratet hatten, handelte es sich darum, daß Andres sich etwas
+ankaufen und sich selbständig niederlassen wollte. Er hatte seine
+Eltern verloren und stand ganz allein, aber als tüchtiger Arbeiter
+da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem sauberen kleinen
+Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es aber nicht
+ankaufen, da der Verkäufer sofort bares Geld haben wollte und
+Andres erst etwas verdienen mußte. Aber wir kannten ihn und seine
+Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen an für ihn, und er hat es
+keinen Augenblick zu bereuen gehabt.”
+
+“Nein, wahrhaftig nicht”, fiel der Oberst ein. “Der brave Andres
+hat längst sein Gut vollständig abgezahlt, und seither bringt er
+mir jedes Jahr um diese Zeit eine ganz hübsche Summe, den Gewinn
+seiner Jahresarbeit. Die lege ich ihm gut an. Er ist jetzt schon
+ein wohlhabender Mann, und nun nimmt sein Besitztum jährlich sehr
+zu. Er kann sein Häuschen noch zu einem großen Haus machen, der
+brave Andres. Es ist nur schade, daß er wie ein Einsiedler lebt
+und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen kann.”
+
+“Hat er denn keine Frau und keine Familie? Und wo ist der
+bitterböse Jörg schließlich hingekommen?” fragte Onkel Max weiter.
+
+“Nein, er hat gar niemanden”, antwortete die Schwester. “Er lebt
+völlig allein, wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange,
+traurige Geschichte erlebt, die ich mit angesehen habe und die ihm
+gewiß alle Lust genommen hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder
+Jörg ist hier einige Jahre herumgestrolcht. Er hat nie gearbeitet,
+sondern gehofft, durch furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen,
+die keine Lumpen waren wie er, endlich doch noch sein Glück zu
+machen. Und als ihm dies nicht gelang, auch der gute Andres ihm
+endlich nicht mehr aus seinen Schulden und allem Bösen heraushelfen
+konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er verschwunden. Wohin,
+hat man nie recht gewußt. Jedermann war froh, daß er fort war.”
+
+“Was war denn die traurige Geschichte, Marie?” fragte der Bruder.
+“Die muß ich auch noch wissen.”
+
+“Und ich auch”, sagte der Oberst und zündete zu der Erzählung
+vergnüglich eine neue Zigarre an.
+
+“Aber Otto”, bemerkte die Frau Oberst, “dir habe ich dieses
+Erlebnis wohl schon sechsmal erzählt.”
+
+“So?” entgegnete ruhig der Oberst. “Es gefällt mir, wie es scheint.”
+
+“So fang an!” ermunterte der Onkel.
+
+“Du mußt dich noch an das Kind erinnern können, Max”, begann seine
+Schwester, “von dem ich heute abend schon einmal gesprochen habe,
+das ganz in unserer Nähe wohnte. Es gehörte dem bleichen, mageren
+Leineweber, den wir immer sein Weberschifflein hin- und herwerfen
+hörten, wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und
+nett aus und hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne
+braune Haare. Es hieß Aloise.”
+
+“In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt”, warf Onkel Max ein.
+
+“Oh, ich weiß schon, warum”, fuhr seine Schwester fort. “Wir
+nannten sie auch nie so, besonders du nicht. Wisi nannten wir sie,
+zum Schrecken unserer seligen Mama. Weißt du denn nicht mehr, wie
+oft du selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten
+mit Mama und es so leise tönte: ‘Man muß das Wisi holen,
+sonst geht’s nicht’?”
+
+Jetzt stieg die Erinnerung mit einemmal in Onkel Max’ Gedächtnis
+auf. Er lachte auf und rief: “Oh, das ist’s, das Wisi, ja gewiß,
+das Wisi kenne ich. Ich sehe es deutlich vor Augen mit dem
+lustigen Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauflos
+sang. Ich mochte es gern, das Wisi. Es war auch nett anzusehen.
+Das ist wahr. Die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall,
+wenn ich ‘Wisi’ sagte. Ich habe aber nie gewußt, wie
+das Wisi eigentlich hieß.”
+
+“Freilich hast du das gewußt”, bemerkte die Schwester, “denn
+jedesmal sagte die Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schönen
+Namen Aloise ein Wisi zu machen.”
+
+“Das habe ich wohl jedesmal überhört”, meinte Onkel Max. “Aber wo
+ist denn das Wisi hingekommen?”
+
+“Du weißt, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir
+sind miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur
+sechsten. Da kann ich mich ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre
+durch der Andres als treuster Freund und Beschützer dem Wisi zur
+Seite stand in Freud und Leid. Und es konnte den Freund gut
+brauchen. Meistens, wenn es zur Schule kam und die Tafel mit
+Rechnungen bedeckt bringen sollte wie wir anderen auch, da stand
+nicht eine Zahl darauf. Es legte sie aber mit dem lustigsten
+Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden Augenblick stand
+alles darauf, was darauf stehen sollte. Denn der Andres hatte
+schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt. Oft
+geschah es auch, daß Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen
+eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte
+im Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt. Und wenn
+dann Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb
+regelmäßig alles auf dem Andres sitzen. Nicht daß er von jemand
+angeklagt wurde, sondern er selbst sagte gleich halblaut, er meine,
+er habe die Scheibe zerdrückt. Und er glaube auch, er habe an dem
+Pflaumenbaum gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder
+wußten immer ganz gut, wie es war. Aber wir ließen es so gehen.
+Wir waren so gewöhnt daran, daß es so sei, und dann hatten wir alle
+das lustige Wisi so gern, daß wir’s ihm immer gönnten, wenn es
+ungestraft davonkam. Und Äpfel und Birnen und Nüsse hatte Wisi
+immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres. Denn was er
+nur hatte und erlangen konnte, das stecke er alles dem Wisi in den
+Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn sein
+könne, daß der stille Andres gerade das allerlustigste und
+aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe. Und dann
+sann ich darüber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres
+besonders gern habe. Es war wohl immer freundlich zu ihm, aber so
+war es auch mit den anderen. Und als ich einmal ernstlich unsere
+Mama fragte, wie das wohl sei, da schüttelte sie ein wenig den Kopf
+und sagte: ‘Ich fürchte, ich fürchte, diese artige Aloise ist
+ein wenig leichtsinnig und kann noch in eine schwere Schule kommen.’
+Diese Worte gaben mir viel zu denken und kamen mir immer
+wieder in den Sinn.”
+
+Die Frau Oberst sah lächelnd vor sich hin. “Als wir dann zusammen
+in den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmäßig am
+Sonntagabend zu uns herüber, und wir sangen zusammen am Klavier
+Choräle. Daran hatte es damals sehr große Freude, es konnte alle
+die schönen Lieder auswendig und sang sie mit heller Stimme. Wir
+hatten auch unsere Freude an den Abenden, Mama und ich, und auch
+darüber, daß Wisi so gern in den Unterricht ging und ihn sich
+wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein großes Mädchen geworden
+und sah recht gut aus. Seine lustigen Augen hatte es noch, und
+wenn es auch nie so kräftig aussah wie die Bauernmädchen im Dorf,
+so hatte es doch eine blühende Gesichtsfarbe und war netter als sie
+alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er
+kam aber immer über den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu
+uns ins Pfarrhaus, und am liebsten sprach er dann immer mit mir von
+den vergangenen Tagen der Schule. Und dann kamen wir immer bald
+auf das Wisi zu sprechen. Das kam so im Zusammenhang, und
+schließlich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging
+ganz das Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und während
+alle Welt längst das Wisi nie anders also so genannt hatte, nannte
+er es unwandelbar das ‘Wiseli’. Und das kam dann so
+ganz eigen zärtlich heraus.
+
+Da kam auch ein Sonntag, als das Wisi und ich noch nicht achtzehn
+Jahre alt waren. Gegen Abend trat er bei uns ein und sah ganz
+rosig aus. Und als wir nun mit Mama zusammensaßen, da sagte Wisi,
+es sei gekommen, uns mitzuteilen, daß es sich mit dem jungen
+Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im Dorfe
+wohnte. Sie könnten gleich heiraten, da er eine gute Anstellung
+habe unten in der Fabrik, und so hätten sie denn schon alles
+festgesetzt, daß sie gleich in zwölf Tagen zusammenkommen könnten.
+Ich war so erstaunt und so traurig, daß ich kein Wort sagen konnte.
+Eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz bekümmert
+aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte ihm
+vor, wie leichtsinnig es sei, daß es sich so schnell mit dem
+Fabrikarbeiter eingelassen habe. Es kenne ihn ja kaum, und da sei
+doch ein anderer, der ihm Jahre lang nachgegangen sei und ihm
+gezeigt habe, wie lieb er es habe. Und zuletzt fragte sie es
+dringend, ob denn nicht alles noch rückgängig gemacht werden oder
+doch eine gute Zeitlang hinausgeschoben werden könne. Es könne
+noch bei seinem Vater bleiben, es sei ja noch so jung. Da fing
+Wisi zu weinen an und sagte, es habe ganz bestimmt sein Wort
+gegeben, alles sei eingerichtet auf die Zeit und dem Vater sei’s
+recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber das arme Wisi weinte
+immer ärger. Da nahm sie es bei der Hand und zog es zum Klavier
+hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir zusammen sangen.
+Sie sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: ‘Trockne nun
+deine Tränen, wir wollen noch einmal zusammen singen.’ Dann
+schlug sie uns das Lied auf, und wir sangen zusammen:
+
+(‘Befiehl du deine Wege,
+Und was dein Herze kränkt,
+Der allertreusten Pflege
+Des, der den Himmel lenkt.)
+
+(‘Der Wolken, Luft und Winden
+Gibt Wege, Lauf und Bahn,
+Der wird auch Wege finden,
+Wo dein Fuß gehen kann.’)
+
+Wisi ging dann wieder getröstet von uns, die Mutter hatte ihm noch
+einige freundliche Worte gesagt.
+
+Aber mich hatte die Sache recht traurig gemacht. Ich hatte ein
+ganz bestimmtes Gefühl, daß das arme Wisi seine frohen Tage nun
+hinter sich hatte, und dann tat mir der Andres unsäglich leid. Was
+würde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein Wort, aber ein
+paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war noch stiller
+geworden als vorher. Ich habe auch seither nie mehr sein
+stillfröhliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft gezeigt
+hat.”
+
+“Der arme Kerl!” rief Onkel Max aus. “Hat er denn keine andere
+Frau genommen?”
+
+“Ach, nein, Max”, entgegnete seine Schwester ein wenig strafend,
+“wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen. Er ist ja die
+Treue selbst.”
+
+“Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester”, erwiderte der
+Bruder begütigend. “Ich konnte doch nicht voraussehen, daß dein
+vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an
+sich trägt. Aber das Wisi, erzähl weiter von ihm. Ich hoffe
+wirklich, das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde
+mir leid tun.”
+
+“Ich merke schon, Max”, sagte die Schwester, “daß du es heimlich
+mit dem Wisi hältst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres,
+dem es doch fast das Herz abgedrückt hat, daß das Wisi für ihn
+verloren war.”
+
+“Doch, doch”, versicherte der Onkel, “ich kann ihm nachfühlen, wie
+unglücklich er war. Aber weiter, wie ging’s mit dem Wisi? Es hat
+doch seine lustigen Augen nicht verweint?”
+
+“Doch, ich glaube schon”, fuhr die Schwester fort. “Ich habe Wisi
+nicht mehr oft gesehen, es hatte viel zu tun. Ich glaube, der Mann
+war nicht eben böse, aber er hatte etwas Rohes, er konnte so grob
+und unfreundlich sein, auch mit seinen kleinen Kindern. Wisi hatte
+gewiß wenig Freude mehr. Es hatte mehrere nette Kinder, aber sie
+waren alle sehr zart, es verlor sie wieder eins nach dem andern.
+Fünf hatte es begraben müssen, nur ein einziges ist ihm geblieben,
+ein feines, zartes Geschöpfchen, ein kleines Wiseli. Es ist nicht
+viel größer als unser Miezchen und ist doch gut drei Jahre älter.
+Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten, daß man
+deutlich sehen konnte, was kommen würde. Und nun ist es auch da,
+eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin. Ich fürchte, es ist
+gar keine Hoffnung mehr.”
+
+“Nein!” rief Onkel Max erschrocken aus. “Das kann doch nicht sein,
+ist’s wirklich wahr? Kann man da nichts machen, Marie? Wir wollen
+doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen.”
+
+“Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen”, sagte die Schwester
+traurig. “Da war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all
+die Arbeit und Anstrengung viel zu zart.”
+
+“Und was macht nun der Mann?” fragte Onkel Max.
+
+“Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi
+auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde
+ihm in der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, daß man
+ihn halbtot nachhause brachte. Danach konnte er nicht mehr
+arbeiten. Er muß kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein.
+Wisi hatte ihn nun auch noch zu verpflegen zu allem andern. Er
+starb dann ungefähr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt
+Wisi allein mit dem Kind.”
+
+“Und so blieb von allem gar nichts mehr übrig als ein kleines
+Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird’s doch
+nicht kommen müssen. Das Wisi kann noch gesund werden und alles
+noch kommen, wie es hätte sein sollen von Anfang an.”
+
+“Nein, nein, dazu ist es zu spät”, entgegnete die Schwester sehr
+bestimmt. “Das arme Wisi hat seinen Leichtsinn schwer büßen müssen.
+Aber jetzt ist es spät geworden.” Und fast erschrocken stand sie
+auf, denn über dem Gespräch war die Mitternachtsstunde
+vorübergegangen.
+
+Seit einiger Zeit schon war der Oberst ganz still geworden, er
+hatte sich in seinen Lehnstuhl zurückgelegt und war fest
+eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar keinen Schlaf, denn mit der
+Erzählung von dem armen Wisi waren ihm alle Jugenderinnerungen so
+lebendig aufgestiegen, daß er noch eine Menge von Dingen und
+Persönlichkeiten besprechen wollte. Aber seine Schwester war
+unerbittlich, sie hielt die Lampe in der Hand und drängte zum
+Aufbruch.
+
+So half denn nichts. Um aber nicht allein die unwillkommene
+Störung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so
+gewaltigen Ruck an seinem Stuhl, daß der Oberst mit einem Schrecken
+emporschoß, als sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber
+sein Schwager klopfte ihm friedlich auf die Schulter und sagte: “Es
+war nur eine leise Mahnung von seiten deiner Frau, daß wir uns
+zurückziehen möchten.” Der Rückzug wurde dann vollzogen, und bald
+stand das Haus auf der Höhe ganz still im Mondschein da. Und unten
+am Berg stand eins, da sollte es auch bald still werden. Jetzt
+brannte noch ein schwaches Lämpchen drinnen und warf seinen matten
+Schimmer durch das schmale Schubfenster in die monderhellte Nacht
+hinaus.
+
+
+
+
+3. Kapitel
+(Auch noch daheim)
+
+
+Um die gleiche Zeit, da die Kinder des Obersten nach Hause gingen,
+rannte das kleine Wiseli aus allen Kräften den Berg hinunter. Denn
+es wußte, daß es länger fortgeblieben war, als die Mutter erwartete,
+und das tat es sonst nicht. Aber heute war sein Glück so groß
+gewesen, daß es einen Augenblick das Heimgehen vergessen hatte.
+Jetzt lief es um so schneller und wäre fast in einen Mann
+hineingerannt, der eben aus der Tür des Häuschens trat, als es
+hineinstürmen wollte. Er ging ihm aber ganz leise aus dem Weg, und
+das Wiseli sprang vorwärts in die Stube hinein und auf die Mutter
+zu, die auf einem kleinen Stuhl am Fenster saß und zu Wiselis
+Erstaunen noch kein Licht angezündet hatte.
+
+“Mutter, bist du böse, daß ich so lang ausgeblieben bin?” rief es
+und umarmte sie.
+
+“Nein, nein, Wiseli”, antwortete sie freundlich. “Aber ich bin
+froh, daß du da bist.”
+
+Jetzt fing das Wiseli der Mutter von seinem großen Erlebnis zu
+erzählen an, wie gut der Otto zu ihm gewesen war und wie es zweimal
+mit dem allerschönsten Schlitten hatte den Berg hinunterfahren
+können. Als es dann mit seiner Erzählung fertig war und die Mutter
+noch immer so still dasaß, fiel ihm erst ein, daß sie das sonst
+nicht tat. Es fragte verwundert: “Aber warum hast du noch kein
+Licht, Mutter?”
+
+“Ich bin so müde heute abend, Wiseli”, antwortete sie. “Ich konnte
+nicht aufstehen und Licht machen. Hol das Lämpchen herein und
+bring mir einen Schluck Wasser mit, ich habe so großen Durst.”
+
+Wiseli lief in die Küche und kam bald zurück, in der einen Hand das
+Licht und in der andern eine Flasche, in der ein roter Saft
+schimmerte, so hell und einladend, daß die durstende Kranke erfreut
+ausrief: “Was bringst du mir Schönes, Wiseli?”
+
+“Ich weiß nicht”, sagte das Kind, “es stand auf dem Küchentisch,
+sieh, wie es funkelt.”
+
+Die Mutter nahm die Flasche in die Hand und roch daran. “Oh”,
+sagte sie, “wie frische Himbeeren aus dem Wald, gib mir schnell ein
+wenig Wasser dazu, Wiseli.”
+
+Das Kind goß roten Saft in ein Glas und füllte es mit Wasser, und
+mit durstigen Zügen trank die Mutter den erquickenden Beerensaft.
+“Oh, wie das erfrischte” sagte sie und übergab das leere Glas dem
+Kind. “Stell es weg, Wiseli, aber nicht weit. Mir ist, ich könnte
+alles austrinken, so durstig bin ich. Wer hat mir denn diese
+Flasche gebracht? Gewiß die Trine, es kommt von der Frau Oberst.”
+
+“War denn die Trine bei dir in der Stube, Mutter?” fragte das Kind.
+
+“Nein.”
+
+“Dann ist es nicht die Trine, das weiß ich”, sagte das Wiseli
+bestimmt. “Sie geht jedesmal in die Stube, wenn sie etwas bringt.
+Aber der Schreiner Andres war ja bei dir, hat er dies nicht
+mitgebracht?”
+
+“Ach was, Wiseli”, fiel die Mutter ganz lebhaft ein. “Was sagst du
+denn? Der Schreiner Andres war nie bei mir, was fällt dir denn
+ein?”
+
+“Er war sicher, sicher, ganz bestimmt hier drinnen”, beteuerte
+Wiseli. “Gerade, als ich hereinkam, trat er so schnell aus der Tür,
+daß ich fast gegen ihn rannte. Hast du denn nichts gehört?”
+
+Die Mutter war eine Zeit lang ganz still, dann sagte sie: “Ich habe
+schon gehört, daß jemand leise die Küchentür aufmachte. Erst
+meinte ich, du seist es, und--es ist wahr, erst nachher hörte ich
+dich hereinrennen. Bist du sicher, Wiseli, daß es der Schreiner
+Andres war, der zu unserer Tür herauskam?”
+
+Wiseli war seiner Sache sicher. Es konnte so genau der Mutter
+sagen, wie der Rock und die Kappe vom Schreiner Andres aussahen und
+wie er erschrocken war, als es so mit einemmal an ihn heranrannte,
+daß die Mutter auch davon überzeugt wurde. Sie sagte wie für sich:
+“Dann war es der Andres, er hat gewußt, was mir so gut tun könnte.”
+
+“Jetzt fällt mir noch etwas ein, Mutter”, rief auf einmal das
+Wiseli ganz erregt aus. “Jetzt weiß ich gewiß, wer einmal den
+großen Topf Honig in die Küche gestellt hat, von dem du so gern
+gegessen hast, und vor ein paar Tagen die Apfelkuchen. Weißt du,
+Mutter, du wolltest durch die Trine danken lassen, als sie dir
+etwas Suppe brachte, und sie sagte, sie wisse von all dem nichts.
+Das hat sicher alles der Schreiner Andres heimlich in die Küche
+gestellt.”
+
+“Das glaube ich auch”, sagte die Mutter und wischte sich über die
+Augen.
+
+“Es ist ja nichts Trauriges”, sagte Wiseli ein wenig erschrocken,
+als sie die Mutter immer wieder über die Augen wischen sah.
+
+“Du mußt ihm einmal danken, Wiseli, ich kann es nicht mehr. Sag es
+ihm einmal, ich lasse ihm danken für alles Gute. Er hat es so gut
+mit mir gemeint. Komm, setz dich ein wenig zu mir”, fuhr sie leise
+fort. “Gib mir auch noch einmal zu trinken, und dann komm und sag
+mir das Verslein, was ich dich gelehrt habe.”
+
+Wiseli holte noch einmal Wasser und goß von dem frischen Saft
+hinein, und die Mutter trank noch einmal begierig davon. Dann
+legte sie müde ihren Kopf auf das niedere Gesims am Fenster und
+winkte das Wiseli zu sich. Es fand aber, da liege die Mutter zu
+hart, holte ein Kissen aus ihrem Bett herbei und legte es
+sorgfältig unter den Kopf. Dann setzte es sich dicht neben sie auf
+den Schemel und hielt ihre Hand fest in den seinigen. Und wie sie
+gewünscht hatte, sagte es nun andächtig sein Verslein auf.
+
+(“Befiehl du deine Wege,
+Und was dein Herze kränkt,
+Der allertreusten Pflege
+Des, der den Himmel lenkt.)
+
+(“Der Wolken, Luft und Winden
+Gibt Wege Lauf und Bahn,
+Der wird auch Wege finden,
+Wo dein Fuß gehen kann.”)
+
+
+Als Wiseli zu Ende war, sah es, daß die Mutter am Einschlafen war.
+Sie sagte nur noch leise: “Denk daran, Wiseli! Und wenn du einmal
+keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird, dann
+denk in deinem Herzen:
+
+(“Er wird auch Wege finden,
+Wo dein Fuß gehen kann.”)
+
+Nun legte die Mutter sich müde hin und schlief ein, und Wiseli
+wollte sie nicht wecken. Es legte sich mäuschenstill an sie heran,
+und bald schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte
+Lampe in dem stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von
+selbst erlosch und das Häuschen dunkel dastand auf dem hellen
+Mondscheinplatz.
+
+Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen
+ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen hinein,
+wie sie immer im Vorbeigehen tat. Da sah sie, wie Wiselis Mutter
+auf dem Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte.
+Das kam ihr so sonderbar vor, sie mußte nachsehen, was da geschehen
+sei. Sie machte ein wenig die Tür auf und fragte: “Was hast du,
+Wiseli? Ist die Mutter kränker geworden?”
+
+Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stammelte: “Ich--weiß nicht,
+was die Mutter hat.”
+
+Das arme Kind ahnte, was mit der Mutter war, aber es konnte ja
+nicht begreifen, daß es sie verloren hatte. Sie war ja noch da,
+aber sie war entschlafen für das ganze Erdenleben. Sie hörte nicht
+mehr, wie ihr Wiseli nach ihr rief. Die Nachbarin trat zu dem
+Kissen am Fenster und schaute die schlafende Frau an. Dann trat
+sie erschrocken zurück und sagte: “Geh schnell, Wiseli, lauf und
+hol deinen Onkel, er soll auf der Stelle herkommen. Du hast ja
+sonst niemanden, und es muß sich jemand um alles kümmern. Lauf,
+ich will warten, bis du wieder kommst.”
+
+Das Kind lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen.
+Sein Herz war so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr,
+daß Wiseli sich plötzlich mitten auf dem Weg hinsetzen und laut
+weinen mußte. Denn jetzt wurde es ihm immer deutlicher bewußt, daß
+die Mutter nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und
+lief weiter, aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhören, denn in
+seinem Herzen wurde der Jammer immer größer.
+
+Am Buchenrain, eine Viertelstunde von der Kirche entfernt, stand
+das Haus des Onkels, wo Wiseli jetzt eben ankam und weinend unter
+die Tür trat. Die Tante stand in der Küche und fragte kurz: “Was
+ist mit dir?”
+
+Wiseli sagte halblaut unter Schluchzen, die Nachbarin habe es
+geschickt, der Onkel möge schnell zur Mutter kommen.
+
+Die Tante sah das Kind an, sie mochte denken, es sei schlimm mit
+der Mutter. Denn weniger mürrisch, als sie sonst redete, erklärte
+sie: “Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist jetzt
+nicht da.”
+
+Da kehrte Wiseli wieder um und lief zurück. Die Nachbarin stand
+vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es war ihr zu
+unheimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich ganz
+nahe zur Mutter, so wie es nachts neben ihr gesessen hatte. Da saß
+es ganz still und weinte, und von Zeit zu Zeit sagte es halblaut:
+“Mutter!”
+
+Sie gab keine Antwort mehr. Da beugte Wiseli sich zu ihr und sagte:
+“Mutter, du hörst mich, wenn du jetzt schon im Himmel bist und ich
+dich nicht mehr hören kann.”
+
+So saß das Wiseli noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als
+schon die Mittagszeit vorüber war. Da trat der Onkel in das
+Stübchen, schaute sich ein wenig darin um und rief dann die
+Nachbarin herein. “Sie müssen die Frau hier zurecht machen, Sie
+wissen schon, wie ich meine”, sagte er, “so daß alles fertig ist
+zum Wegholen. Dann nehmen Sie den Schlüssel an sich, daß da nichts
+wegkommt.” Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: “Wo sind deine
+Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein Bündelchen,
+dann gehen wir.”
+
+“Wohin gehen wir denn?” fragte Wiseli zaghaft.
+
+“Heim gehen wir”, war die Antwort, “an den Buchenrain, da kannst du
+bei uns sein. Du hast niemanden mehr auf der Welt als deinen Onkel.”
+
+Das Wiseli erschrak. Zum Buchenrain sollte es gehen und da daheim
+sein. Es hatte von jeher eine große Furcht vor der Tante gehabt
+und jedesmal eine Zeitlang vor der Tür gewartet, wenn es dem Onkel
+etwas hatte berichten müssen, aus lauter Angst, die Tante würde mit
+ihm schimpfen. Dann war der älteste Sohn da, der gewalttätige
+Chäppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die warfen allen
+Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein.
+
+Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. “Du mußt
+dich nicht fürchten, Kleines”, sagte der Onkel freundlich. “Es
+sind zwar mehr Leute bei uns im Haus als hier, aber das ist um so
+lustiger für dich.”
+
+Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knöpfte je
+zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander. Dann band es sein Tüchlein
+um den Kopf und stand fertig da.
+
+“So”, sagte der Onkel, “nun gehen wir.” Er schritt zur Tür.
+
+Auf einmal schluchzte Wiseli laut auf. “Dann muß ja die Mutter
+ganz allein sein.” Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie
+fest.
+
+Der Onkel stand ein wenig verblüfft da. Er wußte nicht recht, wie
+er dem Kinde erklären sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es
+das nicht von selbst begriff. Denn Erklären war nicht seine Sache,
+das hatte er nie probiert. Er sagte also: “Komm jetzt, komm! Ein
+Kleines, wie du eins bist, muß folgen. Komm und mach nur kein
+Geschrei, das hilft gar nichts.”
+
+Wiseli würgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem Onkel
+zur Tür. Nur einmal sah es noch zurück und sagte ganz leise:
+“Behüte dich Gott, Mutter!”
+
+Dann wanderte es mit seinem Bündelchen am Arm aus dem kleinen Haus,
+wo es daheim gewesen war. Eben als die beiden miteinander
+querfeldein gingen, kam von oben herunter die Trine, einen
+gedeckten Korb am Arm. Noch stand die Nachbarin unter der Tür und
+schaute dem Onkel und dem Kind nach. Die Trine trat auf sie zu und
+sagte: “Heute bringe ich der kranken Frau was Gutes, aber ein wenig
+spät. Wir haben den Herrn Onkel zum Besuch, da wird es immer spät.”
+
+“Und wenn Sie auch am Morgen früh gekommen wären, so wären Sie zu
+spät gekommen heute. Sie ist in der Nacht gestorben.”
+
+“Ist das wirklich wahr?” rief die Trine erschrocken aus. “Ach, du
+mein Gott, was wird meine Frau sagen.” Damit kehrte die Trine um
+und lief ihren Weg zurück.
+
+Die Nachbarin trat in das stille Stübchen und machte Wiselis Mutter
+so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bett liegen mußte.
+
+
+
+
+4. Kapitel
+(Beim Onkel)
+
+
+Als das Wiseli mit dem Onkel in das Haus am Buchenrain trat, da
+kamen die drei Buben aus der Scheune gestürzt und liefen hinter den
+beiden her in die Stube. Alle drei starrten das Wiseli an. Aus
+der Küche kam die Tante herein und schaute das Wiseli ebenfalls an,
+als wenn sie es noch nie gesehen hätte.
+
+Der Onkel setzte sich hinter den Tisch und sagte: “Ich meine, man
+könnte etwas essen. Das Kleine hat, denke ich, heute noch wenig
+gehabt. Komm, setz dich”, sagte er, zu Wiseli gewandt, das immer
+noch auf demselben Fleck stand, sein Bündelchen in der Hand. Es
+gehorchte. Jetzt holte die Tante Most und Käse und legte das große
+Schwarzbrot auf den Tisch. Der Onkel schnitt ein tüchtiges Stück
+ab und legte eine Scheibe Käse darauf, dann schob er es vor das
+Kind hin. “Da, iß, Kleines, du wirst Hunger haben.”
+
+“Nein, ich danke”, sagte Wiseli leise. Es hätte keinen Bissen
+hinunterschlucken können, denn Leid und Angst und Weh schnürten ihm
+so den Hals zu, daß es kaum atmen konnte.
+
+Die Buben standen immer noch da und starrten es an. “Mußt dich
+nicht fürchten”, sagte der Onkel ermunternd, “iß nur zu.” Aber das
+Wiseli saß unbeweglich da und rührte sein Brot nicht an. Die Tante
+war bis jetzt auch stehengeblieben und hatte das Kind angeschaut
+von oben bis unten, mit beiden Armen in die Seite gestemmt.
+“Wenn’s dir nicht recht ist, so kannst du’s bleiben lassen”, sagte
+sie nun, drehte sich um und ging wieder in die Küche.
+
+Als der Onkel sich gestärkt hatte, stand er auf und sagte: “Nimm’s
+in die Tasche, nachher hast du sicher Hunger. Mußt dich nur nicht
+fürchten.” Damit ging er auch in die Küche hinaus. Wiseli wollte
+gehorchen und das Käsebrot in die Tasche stecken, aber diese war
+viel zu klein. Es legte das Brot wieder auf den Tisch.
+
+“Ich will dir schon helfen”, sagte Chäppi, schnappte das Brot vom
+Tisch weg und wollte abbeißen. Es flog aber in die Luft, denn der
+Hans hatte von unten herauf Chäppis Hand einen tüchtigen Stoß
+gegeben, damit ihm die Beute entfalle und er sie erwische. In dem
+Augenblick aber huschte der Rudi schnell auf den Boden und haschte
+den Fang weg. Jetzt stürzten die beiden Größeren auf ihn, und
+einer fiel über den anderen her. Und nun gab es ein Schlagen und
+Raufen und Lärmen und Heulen, daß es dem Wiseli angst und bange
+wurde.
+
+Der Vater öffnete wieder die Küchentür und rief: “Was ist los?”
+
+Da schrien die drei Buben am Boden alle durcheinander.
+
+“Das Wiseli wollte nichts!”
+
+“Das Wiseli hatte keinen Hunger!”
+
+“Weil das Wiseli keins wollte!”
+
+Da rief der Vater noch lauter: “Wenn das nicht aufhört da drinnen,
+so will ich mit dem Lederriemen kommen!” Dann schlug er die Tür
+wieder zu. Das ‘da drinnen’; hörte aber noch nicht auf,
+sondern als die Tür zu war, ging’s erst recht los. Denn der Hans
+hatte entdeckt, daß es das wirksamste Mittel sei, den Feind zu
+erschrecken, ihm in die Haare zu fahren, was die anderen sogleich
+auch begriffen. Und so rissen sie nun alle drei jeder mit beiden
+Händen an den Haaren eines anderen und schrien dazu fürchterlich.
+
+In der Küche saß die Tante auf einem Schemel und schälte Kartoffeln.
+Als ihr Mann die Stubentür wieder geschlossen hatte, fragte sie:
+“Was hast du mit dem Kind vor? Warum hast du es gleich mit
+heimgenommen?”
+
+“Es wird, denke ich, bei jemandem sein müssen. Ich bin der
+Patenonkel und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst
+es ja schon brauchen. Das Wiseli kann dir im Haushalt helfen. Du
+sagst ja immer, die Buben machen dir viel Arbeit.”
+
+“Das wird eine schöne Hilfe sein. Du kannst ja hören, wie es
+zugeht drinnen in der ersten Viertelstunde schon, daß es da ist.”
+
+“Das habe ich schon manchmal gehört, schon bevor das Kleine da war.
+Es hat, denke ich, nicht viel damit zu tun”, sagte der Onkel ruhig.
+
+“So”, entgegnete die Tante eifrig, “hast du denn nicht gehört, daß
+sie alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?”
+
+“Sie schreien doch immer”, meinte der Onkel. “Mit der Kleinen
+wirst du, denke ich, noch fertig werden. Sie ist kein bösartiges
+Kind, das habe ich schon gemerkt. Sie kann auch folgen, besser als
+die Buben.”
+
+Das war der Tante fast zu viel. “Ich meine, es sei nicht nötig,
+daß man es jetzt schon gegen die Buben aufhetzt”, sagte sie und riß
+die Häute immer schneller von den Kartoffeln. “Und dann möchte ich
+nur wissen, wo das Kind schlafen soll.”
+
+Der Onkel schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und her,
+dann sagte er ruhig: “Man kann nicht alles an einem Tag machen. Es
+wird wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben, denke ich, und
+das wird es wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer
+gehen. Heute kann es auf der Ofenbank schlafen, da ist’s ja warm.
+Dann kann man einen Vorschlag machen, wo es in unsere Kammer
+hineingeht. Da kann man sein Bett hineinschieben.”
+
+“Ich habe mein Lebtag nie gehört, daß man zuerst das Kind bringt
+und dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehört. Und dann
+möchte ich auch wissen, wer das bezahlen muß, wenn man noch bauen
+soll, um des Kindes willen.”
+
+“Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so muß sie uns auch
+etwas für den Unterhalt geben”, erklärte der Onkel. “Ich nehme es
+dann noch immer billiger an, als ein anderer es tun würde. Es
+fühlt sich auch am wohlsten bei uns.”
+
+Mit dieser Überzeugung ging der Onkel in den Stall hinaus und rief
+noch zurück, der Chäppi soll ihm nachkommen. Es war schwierig für
+die Tante, sich Gehör zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie
+den Auftrag ausrichten wollte. Da rauften und schrien die drei
+noch immer. “Es wundert mich nur, daß du so zusiehst und kein Wort
+zum Frieden sagst,” rief die Tante dem Wiseli zu, das sich scheu an
+die Wand drückte und sich kaum zu rühren wagte.
+
+Nun wurde der Chäppi in den Stall geschickt, und die beiden anderen
+liefen ihm nach. “Kannst du stricken?” fragte dann die Tante das
+Wiseli. Es sagte schüchtern ja, Strümpfe könne es stricken. “So
+nimm die”, sagte die Tante und nahm aus dem Schrank einen großen
+braunen Strumpf heraus mit einem Garn, fast so dick wie Wiselis
+Finger. “Du bist am Fuß, gib acht, daß er nicht zu kurz wird, er
+ist für den Onkel.”
+
+Nun ging sie wieder in die Küche, und Wiseli setzte sich auf die
+Ofenbank und mußte den langen Strumpf auf seinem Schoß
+zusammenhalten. Der war so schwer, daß er ihm ganz die Hände
+herunterzog, wenn er hing, so daß es die Nadeln nicht führen konnte.
+Es hatte aber kaum recht angefangen mit seiner Arbeit, als die
+Tante wieder hereinkam. “Du kannst jetzt herauskommen in die
+Küche”, sagte sie. “Du kannst sehen, wie ich alles mache, so
+kannst du mir an die Hand gehen nach und nach.”
+
+Wiseli gehorchte und sah draußen der Tante zu, soviel es konnte.
+Aber immer schossen ihm wieder die Tränen in die Augen, und dann
+sah es nichts mehr. Denn es mußte denken, wie es gewesen war, wenn
+es der Mutter nachlief in die Küche, und wie sie mit ihm redete und
+es immer wieder streichelte. Es fühlte aber, daß es nicht weinen
+dürfe, und schluckte und schluckte, daß es fast meinte, es werde
+erwürgt. Die Tante sagte ein paarmal: “Gib acht! So weißt du’s
+nachher.”
+
+So ging es eine gute Zeitlang, dann hörte man ein lautes Gestampfe
+auf dem Hausgang. “Mach schnell die Tür auf, sie kommen”, sagte
+die Tante. Denn der Lärm kam vom Onkel und den Buben her, die
+draußen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli machte die
+Tür zu Stube auf, und die Tante hob eine große Pfanne vom Feuer und
+lief damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen Haufen gebratener
+Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch schüttete. Dann rannte sie
+zurück, brachte ein großes Becken voll saurer Milch herein und
+sagte: “Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so können
+sie essen.”
+
+Wiseli zog schnell die Schublade auf, da lagen fünf Löffel und fünf
+Messer, die legte es hin, und nun war der Abendtisch fertig. Der
+Onkel und die Buben waren hereingekommen und saßen gleich auf den
+Bänken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am Tisch stand ein
+Stuhl, darauf hin wies nun der Onkel und sagte: “Es kann, denke ich,
+dort sitzen, oder nicht?”
+
+“Freilich”, sagte die Tante, die auch einen Stuhl für sich bereit
+hatte, auf der Seite gegen die Küche zu. Sie saß aber nur eine
+Sekunde darauf still, dann lief sie wieder in die Küche, kam zurück
+und setzte sich geschwind wieder zu einem Löffel voll Milch nieder.
+Dann lief sie von neuem hinaus. Es wußte niemand, warum das so
+sein mußte, denn das Kochen war ja beendet. Aber es war immer so,
+und wenn der Onkel einmal sagte: “Sitz doch und iß einmal”, so kam
+sie erst recht in Eile und sagte, sie habe nicht Zeit, so lange zu
+sitzen, und draußen werde wohl jemand nachsehen müssen. Als sie
+jetzt zum zweitenmal hereingeschossen kam und eilig eine Kartoffel
+schälte, fiel ihr Wiselis Untätigkeit auf, das neben ihr saß, die
+Hände in den Schoß gelegt. “Warum ißt du nicht?” fuhr sie es an.
+
+“Es hat keinen Löffel”, sagte Rudi, der auf der anderen Seite neben
+ihm saß und schon lange den Grund herausgefunden hatte, warum
+jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange noch
+etwas da ist.
+
+“Ja so”, sagte die Tante. “Wem wäre es aber auch in den Sinn
+gekommen, daß man auf einmal sechs Löffel haben muß? Man brauchte
+ja immer nur fünf, und ein Messer wird auch sein müssen. Warum
+kannst du aber auch nichts sagen? Du wirst wohl wissen, daß man
+zum Essen einen Löffel braucht.” Diese Worte waren an das Wiseli
+gerichtet.
+
+Es schaute die Tante scheu an und sagte leise: “Es ist gleich, ich
+brauche keinen, ich habe keinen Hunger.”
+
+“Warum nicht?” fragte die Tante. “Bist du’s anders gewöhnt? Ich
+habe nicht im Sinn, was zu ändern.”
+
+“Es ist wohl besser, wenn man das Kleine zuerst ein wenig in Ruhe
+läßt. Man muß ihm keine Angst machen”, sagte der Onkel
+beschwichtigend. “Es wird schon besser werden.”
+
+Nun ließ man das Wiseli in Ruhe, die anderen aßen weiter. Das Kind
+saß unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch einmal
+die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte, denn
+der Fleck sei krank geworden, da mußte er noch einmal hinaus. Der
+Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden
+mit den Händen in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die
+Schiefertafel abgewaschen, und als die Tante damit fertig war,
+sagte sie zu Wiseli: “Du hast gesehen, wie ich’s mache, das kannst
+du von nun an tun.”
+
+Jetzt setzte sich der Chäppi wieder hinter den Tisch. Er hatte
+seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten,
+seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst
+starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen
+Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasaß, denn es
+konnte keine Masche sehen in seinem Winkel. Und sich an den Tisch
+zu setzen, auf dem die trübe Öllampe stand, wagte es nicht.
+
+“Du wirst auch etwas tun können”, rief auf einmal Chäppi erbost zu
+ihm hinüber, “du bist nicht das Geschickteste in der Schule.”
+
+Wiseli wußte nicht, was es sagen sollte, es war ja gar nicht in der
+Schule gewesen heute und es wußte nicht, was zu tun war. Es war ja
+überhaupt ganz aus aller Ordnung und Fassung. “Wenn ich rechnen
+muß, so mußt du auch, oder dann tu ich’s auch nicht”, rief der
+Chäppi wieder. Wiseli hielt sich mäuschenstill. “So, dann ist’s
+recht”, fuhr Chäppi lärmend fort, “so tu ich keinen Strich mehr an
+der Arbeit.” Damit warf er seinen Griffel weg.
+
+“So, so, dann tu ich auch nichts”, rief der Hans aus und steckte
+ganz erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das
+Lernen war ihm das Bitterste, das er kannte.
+
+“Ich will es schon dem Lehrer sagen, wer an allem schuld ist”, fing
+Chäppi wieder an, “du kannst dann nur sehen, wie es dir geht.” So
+hätte Chäppi wohl noch eine Zeitlang seinem bösen Wesen Luft
+gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall zurückgekommen
+wäre. Er trug zwei große, leere Futtersäcke auf der Schulter
+herein und kam damit auf den Tisch zu.
+
+“Mach Platz”, sagte er zu Chäppi, der beide Ellbogen auf den Tisch
+gestemmt hielt und den Kopf in die Hände stützte. Dann breitete er
+die Säcke aus, faltete sie zusammen, noch einmal und noch einmal.
+Danach ging er zur Ofenbank und legte das Paket darauf hin. “So”,
+sagte er befriedigt, “das ist gut. Und wo hast du dein Bündelchen,
+Kleines?”
+
+Wiseli holte es aus einer Ecke hervor, wo es bis jetzt gelegen
+hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der Onkel das Bündelchen
+am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank hin drückte, daß es
+nicht so ganz kugelrund bleibe.
+
+“So, da kannst du schlafen”, sagte er nun zu Wiseli. “Frieren mußt
+du nicht, der Ofen ist heiß, und auf das Bündelchen kannst du den
+Kopf legen. So liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist’s
+auch Zeit. Rasch ins Bett!” Damit nahm er die Öllampe vom Tisch
+und ging zur Küche, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei
+der Tür wandte er sich noch einmal um und sagte: “Schlaf gut. Mußt
+nicht mehr nachdenken heute, denn es kommt dann schon besser.”
+
+Dann ging er hinaus. Nun kam die Tante noch einmal herein mit
+einem Öllämpchen in der Hand und betrachtete das Lager. “Kannst du
+liegen da?” fragte sie. “Du hast es ja warm hier am Ofen, manches
+hat kein Bett und muß dazu erst noch frieren. Es kann dir auch
+noch so gehen, sei du nur froh, daß du einstweilen unter einem
+guten Dach bist. Gute Nacht!”
+
+“Gute Nacht!” sagte Wiseli leise. Die Tante hatte es aber
+jedenfalls nicht gehört, denn sie war schon halb draußen, als sie
+gute Nacht wünschte, und hatte die Tür gleich hinter sich zugemacht.
+Jetzt saß Wiseli da in der dunklen Stube, alles war auf einmal
+ganz still ringsum, es hörte keinen Ton mehr. Der Mond schien ein
+wenig durch das eine Fenster herein, so daß Wiseli wieder erkennen
+konnte, wo die Ofenbank war, worauf es schlafen sollte. Es ging
+nun gleich hin und setzte sich auf sein Lager.
+
+Zum erstenmal heute, seit es die Mutter verlassen hatte, war es nun
+allein und konnte sich besinnen. Die ganze Zeit bis jetzt war es
+in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte ihm Angst und
+Furcht eingeflößt, was es gesehen und gehört hatte, seit es von der
+Mutter weg war. Und noch hatte es gar nicht weiter gedacht, nur
+von einem Augenblick auf den anderen sich gefürchtet. Nun saß es
+da, zum erstenmal in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar
+und deutlich kam ihm nun der Gedanke, daß es sie nie mehr sehen
+werde, daß es nie mehr mit ihr reden und sie hören könnte. Jetzt
+kam auf einmal ein solches Gefühl der Verlassenheit über das Wiseli,
+daß es ihm gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und
+verloren auf der Welt und gar kein Mensch kümmere sich mehr um es,
+und so müsse es nun ganz allein und im Dunkeln bleiben und umkommen.
+
+Und über das Wiseli kam ein solches Elend, daß es den Kopf auf sein
+Bündelchen drückte, ganz bitterlich zu weinen anfing und trostlos
+sagte: “Mutter, kannst du mich nicht hören? Mutter, hörst du mich
+nicht?”
+
+Aber die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen
+schlimm gehe und er leiden müsse, dann sei er froh, daß er zum
+lieben Gott im Himmel schreien könne. Der höre ihn immer an und
+wolle ihm gern helfen, wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhören
+wollen oder helfen können. Das kam dem Wiseli in den Sinn, und es
+richtete sich wieder auf und stieß schluchzend hervor: “Ach, lieber
+Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist mir so angst, und die Mutter
+hört mich nicht mehr!” Und so betete es zwei- oder dreimal, und
+dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger. Es fühlte sich
+getröstet, da doch der liebe Gott im Himmel noch da war, zu dem es
+eben gerufen hatte. So war es doch nicht ganz, ganz allein.
+
+Jetzt erinnerte es sich auch an die Worte, die ihm die Mutter ganz
+zuletzt noch gesagt hatte: “Wenn du einmal keinen Weg mehr vor dir
+siehst und es dir ganz schwer wird...” So war es jetzt schon
+gekommen, und doch hatte es noch nicht gewußt, wie das kommen
+konnte, als die Mutter so sagte. Dann, hatte sie gesagt, solle es
+daran denken, wie es heiße in seinem Lied:
+
+(“Er wird auch Wege finden,
+Wo dein Fuß gehen kann.”)
+
+Jetzt verstand auch Wiseli mit einemmal, was die Worte bedeuteten,
+die es vorher nur so hingesagt hatte, denn es hatte noch nie Angst
+gehabt. Aber jetzt war es ja geradeso, daß es gar keinen Weg mehr
+vor sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus. Denn vor ihm
+stand gar nichts mehr als ein großer Schrecken vor jedem Augenblick
+im Haus des Onkels. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein
+Herz, wie es wieder und wieder so sagte:
+
+(“Er wird auch Wege finden,
+Wo dein Fuß gehen kann.”)
+
+So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben
+Gott im Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von
+niemanden mehr gehört wird. Nie bis jetzt hatte es gewußt, wie gut
+das tun kann. Es faltete jetzt ganz still seine Hände und fing
+sein Lied von vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor
+dem lieben Gott sagen und zu ihm beten. Es sagte auch jedes Wort
+mit seinem ganzen Herzen, wie nie zuvor:
+
+(“Befiehl du deine Wege,
+Und was dein Herze kränkt,
+Der allertreusten Pflege
+Des, der den Himmel lenkt.)
+
+(Der Wolken, Luft und Winden
+Gibt Wege, Lauf und Bahn,
+Er wird auch Wege finden,
+Wo dein Fuß gehen kann.”)
+
+
+Es war eine beruhigende Zuversicht ins Herz des Kindes gefallen.
+Nachdem es mit Vertrauen die letzten Worte noch einmal gesagt hatte,
+legte es seinen Kopf wieder auf das Bündelchen und schlief
+augenblicklich ein.
+
+Jetzt träumte das Wiseli, es sehe einen schönen, weißen Weg vor
+sich, ganz trocken und hell von der Sonne beschienen, der ging
+zwischen lauter roten Nelken und Rosen durch und war so verlockend
+anzusehn, daß man gleich hätte darauf hüpfen und springen mögen.
+Und neben dem Wiseli stand seine Mutter und hielt es liebevoll bei
+der Hand, wie immer, und dabei zeigte sie auf den Weg hin und sagte:
+“Sieh, Wiseli, das ist dein Weg! Habe ich nicht zu dir gesagt:
+
+(“Er wird auch Wege finden,
+Wo dein Fuß gehen kann?”)
+
+Und das Wiseli war sehr glücklich in seinem Traum, und auf seinem
+Bündelchen schlief es so gut, als läge es in einem weichen Bett.
+
+
+
+
+5. Kapitel
+(Wie es weitergeht und Sommer wird)
+
+
+Als die alte Trine mit dem Bericht auf den Berghang zurückkam, daß
+Wiselis Mutter gestorben und das Kind soeben von seinem Patenonkel
+geholt worden sei, entstand ein großer Aufruhr im Haus. Die Mutter
+klagte, daß sie den Besuch bei der Kranken nicht mehr gemacht hatte,
+den sie zu machen sich schon seit einigen Tagen bestimmt
+vorgenommen hatte. Aber sie hatte keine Ahnung gehabt, daß das
+Ende der armen Frau so nahe sein konnte.
+
+Otto lief aufgeregt im Zimmer auf und ab und rief immer wieder: “Es
+ist eine Ungerechtigkeit! Es ist eine Ungerechtigkeit! Aber wenn
+er ihm etwas zuleide tut, dann kann er nachher nur seine Rippen
+zählen, wie manche davon noch ganz ist!”
+
+“Wen meinst du denn eigentlich, Otto, von wem sprichst du?”
+unterbrach die Mutter den Sohn.
+
+“Vom Chäppi”, erwiderte er. “Was kann er dem Wiseli alles tun,
+wenn es mit ihm zusammen wohnen muß! Das ist eine Ungerechtigkeit!
+Aber er soll es nur probieren...” Hier wurde Otto wieder
+unterbrochen, denn ein wiederholtes, heftiges Stampfen übertönte
+seine Stimme.
+
+“Was machst du für ein hirnerschütterndes Gerumpel, du Miez hinter
+dem Ofen!” rief er aus, indem sich seine Aufregung nun nach dieser
+Seite wandte. Miezchen kam hinter dem Ofen hervor und stampfte
+noch einmal mit großer Gewalt auf den Boden, denn es war bemüht,
+seine Füße wieder in die völlig nassen Stiefel hinein zu zwingen,
+die ihm die alte Trine vor kurzer Zeit mit der größten Mühe
+ausgezogen hatte.
+
+Die Arbeit war sehr schwierig, und feuerrot vor Anstrengung keuchte
+Miezchen hervor: “Kein Mensch kann in diese Stiefel hineinkommen
+ohne Stampfen.”
+
+“Und warum müssen denn die Stiefel wieder an die Füße, da ich sie
+gerade eben heruntergezogen habe, damit sie nicht mehr dran sind?”
+rief die Trine, die noch im Zimmer stand.
+
+“Ich gehe zum Buchenrain und hole auf der Stelle das Wiseli zu uns,
+es kann mein Bett haben”, erklärte das Miezchen entschlossen.
+
+Ebenso entschlossen kam jetzt die alte Trine auf das Miezchen
+zugeschritten, hob es in die Höhe, setzte es fest auf einen Stuhl
+und zog mit einem Ruck den halb angezwängten Stiefel wieder weg.
+Aber sie beschwichtigte das zappelnde Kind, indem sie zustimmend
+sagte: “Schon recht! Schon recht! Aber ich will’s schon für dich
+besorgen, du brauchst nicht zwei Paar Strümpfe und zwei Paar Schuhe
+dafür naßzumachen. Dein Bett kannst du schon hergeben, du kannst
+dann in die Rumpelkammer hinaufziehen zum Schlafen, da ist Platz
+genug.”
+
+Aber das Miezchen hatte ganz andere Gedanken. Es hatte entdeckt,
+daß es sich plötzlich von einem großen und täglich wiederkehrenden
+Ungemach befreien könne, und nahm sich fest vor, es zu tun. Jeden
+Abend nämlich, gerade wenn Miezchen im besten Zug der Unterhaltung
+war, erklang auf einmal der Befehl, ins Bett zu gehen. Hierauf
+erfolgten jedesmal große innere, häufig auch äußere Kämpfe, die
+waren peinlich und dazu noch nutzlos. Wenn es nun sein Bett an das
+Wiseli verschenkt hatte, so war mit einemmal allem abgeholfen, denn
+da war keins mehr vorhanden, und Miezchen konnte für immer
+aufbleiben.
+
+Diese Aussicht beglückte das Miezchen so sehr, daß alle seine
+Gedanken darauf gerichtet waren und es erst gar nicht bemerkte, wie
+die schlaue Trine nur darauf bedacht war, ohne Kampf der nassen
+Stiefel habhaft zu werden, ihr aber gar nicht einfiel, das Wiseli
+zu holen. Als sie nun befriedigt mit ihren Stiefeln davonging und
+Miezchen die Täuschung entdeckte, fing es so mörderisch zu schreien
+an, daß Otto sich beide Ohren zuhalten und die Mutter ernstlich
+einschreiten mußte.
+
+Sie versprach dann dem Miezchen, die Sache mit dem Papa besprechen
+zu wollen, sobald er erst wieder zuhause sein würde. Denn er war
+an dem Morgen dieses Tages mit Onkel Max abgereist, um einen lange
+verabredeten Besuch bei einem alten Freund zu machen. So wurden
+denn endlich die Ruhe und der Friede im Haus wiederhergestellt.
+
+Erst nach vier Tagen kamen die Herren von ihrem Ausflug zurück, und
+die Mutter hielt Wort. Noch am Abend seiner Rückkehr besprach sie
+mit dem Vater den Tod von Wiselis Mutter und seine neue Unterkunft.
+Und es wurde gleich beschlossen, der Vater sollte am folgenden Tag
+hingehen, um sich mit dem Herrn Pfarrer zu beraten, was für Wiseli
+getan werden könnte.
+
+Dies wurde ausgeführt, und der Oberst brachte die Nachricht, daß am
+vergangenen Sonntag, zwei Tage vorher, der Gemeindevorstand die
+Sache schon geordnet hatte, wie sie nun bleiben würde. Wiseli
+sollte ein Unterkommen haben, und da seine Mutter nichts
+hinterlassen hatte, mußte die Gemeinde für das Kind sorgen, bis es
+selbst sein Brot verdienen konnte. Nun hatte der Patenonkel sich
+gleich angeboten, das Kind für eine geringe Summe bei sich zu
+behalten. Er war als rechtschaffener Mensch bekannt, und da seine
+Forderung so billig war, wurde ihm das Kind vom Vorstand sehr
+bereitwillig zuerkannt. Und so war es denn fest und unabänderlich,
+daß Wiselis neue Heimat das Haus des Onkels geworden war.
+
+“Es ist eigentlich gut so”, sagte der Oberst zu seiner Frau. “Das
+Kind ist wohlversorgt. Was hätte man auch mit ihm machen wollen ?
+Es ist ja noch viel zu klein, um irgendwo angestellt zu werden, und
+alle elternlosen Kinder kannst du doch nicht ins Haus nehmen. Da
+müßtest du ein Waisenhaus gründen.”
+
+Seine Frau war ein wenig bestürzt über die Nachricht, daß schon
+alles festgesetzt sei. Sie hatte gehofft, es würde sich noch eine
+andere Unterkunft für das Kind finden. Denn das zarte Wiseli in
+dem Haus zu wissen, wo es viel Roheit hören und fühlen mußte, tat
+ihr sehr leid. Doch hätte auch sie keinen Rat gewußt, und nun war
+auch weiter nichts mehr zu tun, als die Sache hinzunehmen und sich
+ab und zu um das Kind zu kümmern.
+
+Als am Morgen darauf Otto und Miezchen hörten, wie es mit Wiseli
+stehe, da brach freilich noch einmal ein Sturm los. Otto erklärte,
+Wiseli ginge es nun so wie Daniel in der Löwengrube, und probierte
+dabei seine Faust auf dem Tisch--offenbar mit dem heimlichen
+Wunsch, sie so auf Chäppis Rücken niedersausen zu lassen. Das
+Miezchen lärmte und heulte ein wenig, teils aus Mitleid für Wiseli,
+teils für sich selbst und seine vereitelten Hoffnungen auf ein
+glückliches Entrinnen aus der täglichen Betthaft. Aber auch diese
+Aufregung legte sich wie jede andere, und die Tage gingen wieder
+ihren gewohnten Gang.
+
+Inzwischen hatte Wiseli nach und nach sich ein wenig eingelebt im
+Haus des Onkels. Sein Bett war angekommen. Es schlief nicht mehr
+auf der Ofenbank, sondern, wie der Onkel gesagt hatte, in einem
+Verschlag in dem schmalen Gang zwischen der Kammer des Ehepaars und
+derjenigen der Buben. In dem Verschlag hatten gerade sein Bett
+Platz und eine kleine Kiste, worin seine Kleider lagen und auf die
+es steigen mußte, um in sein Bett zu kommen, denn da war sonst gar
+kein Raum mehr. Um sich morgens zu waschen, mußte es an den
+Brunnen gehen, und wenn es kalt war, so sagte die Tante, das könne
+es bleiben lassen und sich dann an einem anderen Tag waschen, wenn
+es wärmer sei. Aber daran war Wiseli nicht gewöhnt. Seine Mutter
+hatte es gelehrt, sich recht sauber zu halten, und Wiseli wollte
+lieber frieren als so ausschauen, wie es die Mutter ungern sehen
+würde.
+
+Daheim war es anders gewesen, wenn es am Morgen bei der Mutter in
+der Stube sich hatte fertig machen können und sie dabei immer so
+freundliche Worte mit ihm geredet hatte, dann den Kaffee auf den
+Tisch stellte und sie beide nebeneinander saßen, wenn es fröhlich
+sein Brot aß, ehe es zur Schule gehen mußte. Das war jetzt ganz
+anders, und alles war so anders, sein ganzes Leben vom Morgen bis
+zum Abend so anders, daß oft beim Erinnern an die Mutter und an die
+Tage, die es bei ihr verbracht hatte, dem Wiseli das Wasser in die
+Augen schoß. Und es schnürte ihm so das Herz zusammen, daß es
+meinte, es könne nicht mehr weiterleben.
+
+Aber es wehrte sich tapfer, denn der Onkel sah es ungern, wenn es
+weinte, oder traurig war. Und die Tante schimpfte dann mehr als je,
+sie konnte es gar nicht leiden.
+
+Am liebsten war Wiseli der Augenblick, da es von allen weg allein
+in seinen Verschlag steigen und so recht an die Mutter denken und
+sein Lied sagen konnte. Da kam ein großer Trost in sein Herz. Es
+dachte dann an seinen schönen Traum und war ganz sicher, daß der
+liebe Gott ihm einen Weg suche, so wie ihn die Mutter gezeigt hatte.
+Manchmal überlegte es auch, wie viele Menschen auf der Welt leben,
+für die der liebe Gott zu sorgen und Wege bereit zu machen hat.
+Und dann stieg ihm der Zweifel auf, ob er es vielleicht vergesse
+über all den vielen. Aber da kam ihm gleich der gute Trost ins
+Herz, daß ja die Mutter droben im Himmel sei und gewiß den lieben
+Gott bitten würde, seinen Weg nicht zu vergessen.
+
+Das machte das Wiseli dann ganz zuversichtlich und froh, und es
+wurde nie mehr so unglücklich wie am ersten Abend auf der Ofenbank.
+Jeden Abend schlief es mit der frohen Zuversicht im Herzen ein:
+
+(“Er wird auch Wege finden
+Wo dein Fuß gehen kann.”)
+
+So verging der Winter, und der sonnige Frühling kam. Die Bäume
+wurden grün, und alle Wiesen standen voller Schlüsselblumen und
+weißer Anemonen. Und im Wald rief lustig der Kuckuck, und schöne,
+warme Lüfte zogen durch das Land und machten alle Herzen fröhlich,
+so daß jeder wieder gern leben mochte.
+
+Auch Wiselis Herz erfreuten die Blumen und der Sonnenschein, wenn
+es am Morgen in die Schule ging und nachher wieder zum Buchenrain
+zurückkehrte. Sonst blieb ihm keine Zeit, sich daran zu erfreuen,
+denn es mußte nun hart arbeiten. Jeder Augenblick, der neben der
+Schule übrigblieb, mußte zu irgendeiner Arbeit benutzt werden. Und
+manchen halben Tag der Woche mußte es daheim bleiben und durfte
+nicht zur Schule gehen, weil da viel Nötigeres zu tun war, wie der
+Onkel und hauptsächlich die Tante sagten.
+
+Die Frühlingsarbeiten hatten im Feld begonnen, und im Garten war
+allerhand zu tun. Da mußte es mithelfen, und wenn die Tante
+draußen war, mußte es kochen und nachher das Geschirr abwaschen,
+den Trog für die Schweinchen zurecht machen und in die Scheune
+hinübertragen. Neben alledem mußten die Hemden und Hosen der Buben
+geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, daß Wiseli nie
+wußte, wie es fertig werden sollte. Den ganzen Tag durch hieß es
+an allen Ecken, wo es Arbeit gab: “Das kann das Kind machen, es hat
+ja sonst nichts zu tun.” Dem Wiseli wurde es manchmal ganz
+schwindlig, weil es gar nicht wußte, wo anfangen und wie alles zu
+Ende bringen. Es wußte auch, wenn es mit dem Kartoffelsamen zum
+Acker rannte, wo der Onkel schaufelte, würde die Tante sicher
+schimpfen, daß es nicht zuvor in der Küche Feuer fürs Abendessen
+gemacht hatte. Und machte Wiseli zuvor das Feuer an, so zankte
+wieder der Chäppi, daß es nicht zuerst das Loch in seinem
+Jackenärmel hatte flicken können. Er hatte es ihm ja schon lang
+gesagt, und jedes rief ihm zu: “Warum machst du denn das nicht? Du
+hast ja sonst nichts zu tun!”
+
+So war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule gehen konnte, da
+hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wußte, was es tun mußte. Und
+dazu war das auch der Ort, wo es noch freundliche Worte hörte.
+Denn in jeder Pause oder nach dem Unterricht kam der Otto zu Wiseli,
+redete freundlich mit ihm und brachte immer wieder eine Einladung
+von seiner Mutter, daß es etwa am Sonntagabend zu ihnen komme. Sie
+wollten dann zusammen spielen. Das konnte nun Wiseli nie ausführen,
+denn am Sonntag mußte es den Kaffee machen, und die Tante erlaubte
+ihm nicht, fortzugehen an dem einzigen Tag, da es ihr etwas helfen
+könne, wie sie sagte. Aber es tat doch dem Wiseli sehr wohl, daß
+Otto es immer wieder einlud, und allein schon, daß er freundlich
+mit ihm sprach wie sonst niemand.
+
+Noch einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule ging. Es
+mußte jedesmal an dem sauberen Gärtchen vom Schreiner Andres
+vorbeigehen, da schaute es so gern hinein und paßte da an der
+niederen Hecke immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den
+Schreiner Andres zu sehen. Denn es hatte ihm ja noch etwas von der
+Mutter auszurichten, das hatte es nicht vergessen. Aber in das
+Haus hineinzugehen, dazu war Wiseli zu schüchtern. Es kannte den
+Mann auch zu wenig, um einen solchen Schritt zu tun. Auch hatte es
+eine eigene Art von Scheu vor ihm, weil er so still war und es nur
+immer, wo es ihn traf, freundlich angesehen, aber fast nie etwas zu
+ihm gesagt hatte. Seit dem Tod der Mutter hatte Wiseli den
+Schreiner Andres nie mehr gesehen, wie oft es auch an der Hecke
+gestanden und nach ihm ausgeschaut hatte.
+
+Mai und Juni waren vorbei, und die langen Sommertage waren gekommen,
+da es auf dem Feld immer mehr Arbeit gibt. Es war heiß geworden.
+Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom Onkel hinausgerufen wurde
+und mit einem großen, schweren Rechen das Heu zusammenbringen oder
+mit der breiten Holzgabel wieder auseinanderwerfen mußte, damit es
+an der Sonne trockne.
+
+Oft mußte es so den ganzen Tag draußen helfen, und am Abend war es
+dann so müde, daß es seine Arme kaum mehr bewegen konnte. Das
+hätte es aber nicht geachtet, denn es dachte, das müsse so sein.
+Aber wenn es dann etwa am Abend einen Augenblick still saß, dann
+rief ihm der Chäppi gleich zu: “Du wirst so gut Rechnungen zu
+machen haben wie ich. Du meinst, du müssest nichts tun, und in der
+Schule kannst du ja nie etwas.”
+
+Das tat dem Wiseli weh, denn es hätte gern fleißig alles gelernt
+und wäre gern regelmäßig zur Schule gegangen, damit es alles gut
+begreifen und erlernen könnte. Und es wußte recht gut, daß es fast
+überall zurück war. Es mußte ja so oft unterbrechen und hatte dann
+gar keinen Zusammenhang, wußte auch gar nicht, was für Aufgaben zu
+machen waren.
+
+Wenn es dann ohne Hausarbeiten in die Schule kam und dazu
+ungeschickt antwortete und vieles gar nicht wußte, schämte es sich
+sehr--besonders, wenn der Lehrer ihm dann vor allen Kindern sagte:
+“Das hätte ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du warst immer am
+klügsten.” Dann meinte es oft, es müsse in den Boden sinken vor
+Scham, und nachher weinte es auf dem ganzen Heimweg.
+
+Aber dem Chäppi durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht, was
+zu machen sei. Sonst schimpfte und lärmte er so lange, bis die
+Tante hereinkam und auf Chäppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht
+seine Nachlässigkeit vorwarf. Dann unterdrückte das Kind manchmal
+seine Tränen, und erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen
+freien Lauf lassen. Und sie kamen dann auch recht heiß und schwer,
+denn es war ihm so, als hätten der liebe Gott und die Mutter es
+ganz vergessen und kein Mensch auf der Welt kümmere sich um sein
+Leben.
+
+In seinem Kummer konnte es oft lange sein Trostlied nicht sagen.
+Es kam aber zu keiner Ruhe und konnte nie einschlafen, bis es die
+Worte wieder recht zusammengefunden und sie mit Andacht hatte sagen
+können, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht recht im Herzen
+aufgehen wollte.
+
+So war das Wiseli auch eingeschlafen an einem schönen Juliabend,
+und am Morgen darauf stand es zaghaft unten am Tisch, als die Buben
+zur Schule aufbrachen. Es wagte nicht zu fragen, ob es auch gehen
+dürfe, denn die Tante schien keine Zeit zu einer Antwort zu haben
+und der Onkel hatte das Haus schon verlassen.
+
+Jetzt liefen die Buben davon. Wiseli schaute ihnen nach durch das
+offene Fenster, wo sie zwischen den hohen Wiesenblumen hinsprangen
+und über ihren Köpfen die weißen Schmetterlinge in der Morgensonne
+umherflogen. Die Tante hatte eine große Wäsche vorbereitet. Mußte
+es wohl diese Woche am Waschtrog zubringen? Richtig, sie rief
+schon nach ihm aus der Küche. Jetzt rief auch der Onkel nach
+Wiseli. Er stand am Brunnen und sah es am Fenster. “Mach, mach,
+Wiseli, es ist Zeit, die Buben sind ja weit voraus. Das Heu ist
+drinnen, mach, daß du in die Schule kommst!”
+
+Das ließ sich Wiseli nicht zweimal sagen. Wie ein Blitz erfaßte es
+seinen Schulsack und lief zur Tür hinaus.
+
+“Sag dem Lehrer”, rief der Onkel ihm nach, “du wurdest jetzt eine
+Zeitlang nicht fehlen. Er soll’s nicht so genau nehmen, wir haben
+viel mit dem Heu zu tun gehabt.”
+
+Wiseli lief glücklich davon. So mußte es sich nicht an den
+Waschtrog stellen, es durfte die ganze Woche in die Schule gehen.
+Wie war es schön ringsum! Von allen Bäumen pfiffen die Vögel, und
+das Gras duftete, und in der Sonne leuchteten die roten Margeriten
+und die gelben Butterblumen. Wiseli konnte nicht stehenbleiben, es
+war keine Zeit dazu. Aber es fühlte, wie schön die Landschaft war,
+und lief voller Freuden mittendurch.
+
+Am selben Abend, als eben alle Kinder aus der dumpfen Schulstube in
+den sonnigen Abendschein hinausstürmen wollten, rief der Lehrer in
+den Tumult hinein: “Wer hat in dieser Woche Ordnungsdienst?”
+
+“Der Otto, der Otto!” rief die ganze Schar und stürmte davon.
+
+“Otto”, sagte der Lehrer in ernstem Ton, “gestern ist hier nicht
+aufgeräumt worden. Einmal will ich dir verzeihen. Aber laß mich
+das nicht zweimal sehen, sonst müßte ich dich bestrafen.”
+
+Otto schaute einen Augenblick auf all die Nußschalen und
+Papierfetzen und Apfelschnitze, die am Boden herumlagen und
+aufgelesen sein sollten. Dann wandte er eilig den Kopf weg und
+lief ebenfalls hinaus, denn der Lehrer war auch schon durch seine
+Tür verschwunden. Draußen stand Otto auf dem sonnigen Platz,
+schaute in den goldenen Abend hinaus und dachte: Jetzt könnte ich
+heimgehen, und dann kriegte ich die Kappe voll Kirschen. Und dann
+könnte ich auf dem Braunen ins Feld hinausreiten, wenn der Knecht
+das Heu holt, und nun soll ich drinnen auf dem Boden Papierfetzen
+zusammenlesen?
+
+Und Otto wurde durch seine Gedanken so aufgeregt, daß er ganz
+grimmig vor sich hin sagte: “Ich wollte, es käme gerade jetzt der
+jüngste Tag, und das Schulhaus und alles miteinander flöge in
+tausend Stücken in die Luft.” Es blieb aber ringsum still und ruhig,
+und von dem alles beendenden Erdbeben waren keine Anzeichen da.
+Da kehrte sich endlich Otto wieder der Schultür zu, mit zornigem
+Gesicht, denn er wußte ja, in den sauren Apfel mußte nun gebissen
+werden. Oder morgen folgte die erniedrigende Strafe des
+Nachsitzens.
+
+Er trat ein, aber beim ersten Schritt blieb er verwundert stehen.
+Völlig aufgeräumt lag die Schulstube vor ihm, keine Fetzchen und
+kein Stäubchen nirgends mehr zu sehen. Die Fenster standen offen,
+und die Abendluft strömte in die geputzte Stube hinein.
+
+In dem Augenblick trat der Lehrer aus seinem Zimmer und schaute
+überrascht um sich und auf den Otto, der mit großen Augen dastand.
+Dann ging er zu dem Jungen und sagte ermunternd: “Du darfst
+wirklich dein Werk anstaunen, das hätte ich dir nicht zugetraut.
+Du bist ein guter Schüler, aber im Aufräumen hat du heute alle
+übertroffen, was sonst bei dir nicht der Fall war.” Damit ging der
+Lehrer fort, und als sich Otto noch mit einem letzten Blick
+überzeugt hatte, daß er die Wirklichkeit vor sich sah, sprang er
+vor Freude in zwei Sätzen die Treppe hinunter und über den Platz
+weg. Er stürmte den Berghang hinauf, und erst als er der Mutter
+das wunderbare Ereignis mitteilte, fing er an zu überlegen, wie es
+sich zugetragen haben könnte.
+
+“Aus Versehen wird wohl keiner für dich aufgeräumt haben”, sagte
+die Mutter. “Hast du etwa einen guten Freund, der sich so
+edelmütig für dich aufopfert? Denk doch einmal nach, wie es sein
+könnte.”
+
+“Ich weiß es”, sagte Miezchen entschieden, das eifrig zugehört
+hatte.
+
+“Wer war es denn?” rief Otto, teils neugierig, teils ungläubig.
+
+“Der Mauserhans”, erklärte Miezchen mit voller Überzeugung, “weil
+du ihm vor einem Jahr einen Apfel gegeben hast.”
+
+“Ja, oder der Wilhelm Tell, weil ich ihm den seinigen nicht
+genommen habe vor ein paar Jahren. Das wäre wohl ebenso
+wahrscheinlich, du Wunder von einem Miez.” Damit rannte Otto davon,
+denn jetzt war’s höchste Zeit, wenn er den Ritt ins Heu nicht
+versäumen wollte.
+
+Inzwischen sprang das Wiseli mit vergnügtem Herzen den Berg
+hinunter, vorbei an Schreiner Andres’ Gärtchen. Dann machte es
+aber plötzlich kehrt und lief wieder zurück, denn es hatte im
+Vorbeilaufen so schöne, rote Nelken gesehen in dem Garten, die
+mußte es noch einmal ansehen, wenn es auch schon ein wenig spät war.
+Es dachte: Den Buben komme ich doch nach, die machen erst auf
+allen Wegen noch Kugelschieben.
+
+Die Nelken leuchteten in der Abendsonne so schön und dufteten so
+herrlich über die niedere Hecke herüber dem Wiseli zu, daß es fast
+nicht mehr von der Stelle fort wollte, so gut gefiel es ihm da. Da
+trat auf einmal der Schreiner Andres aus seiner Tür heraus in das
+Gärtchen und kam auf das Wiseli zu. Er gab ihm die Hand über die
+Hecke und er sagte freundlich. “Willst du eine Nelke, Wiseli?”
+
+“Ja, gern”, antwortete es, “und dann sollte ich Ihnen auch noch
+etwas ausrichten von der Mutter.”
+
+“Von der Mutter?” fragte der Schreiner Andres erstaunt und ließ die
+Nelken aus der Hand fallen, die er eben abgebrochen hatte.
+
+Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie auf. Dann sah es zu
+dem Mann auf, der ganz still dastand, und sagte: “Ja, noch zu
+allerletzte als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von
+dem guten Saft getrunken, den Sie in die Küche gestellt haben. Und
+er hat ihr so gut geschmeckt, und dann hat sie mir aufgetragen, ich
+soll Ihnen sagen, sie danke Ihnen vielmal dafür und auch noch für
+alles Gute. Und sie sagte noch: ‘Er hat es gut mit mir
+gemeint’.” Jetzt sah Wiseli, wie dem Schreiner Andres große
+Tränen über die Wangen hinunterliefen. Er wollte etwas sagen, aber
+es kam nichts heraus. Dann drückte er dem Wiseli fest die Hand,
+wandte sich ab und ging ins Haus hinein.
+
+Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine
+Mutter geweint, und es selbst hatte nur weinen dürfen, wenn es
+niemand sah. Denn der Onkel wollte ja kein Geschrei, hatte er
+gesagt, und vor der Tante durfte es noch weniger weinen. Und nun
+war auf einmal jemand da, dem kamen die Tränen, weil es etwas von
+der Mutter gesagt hatte. Dem Wiseli wurde es so zumute, als wäre
+der Schreiner Andres sein liebster Freund auf der Welt, und es
+faßte eine große Liebe zu ihm. Jetzt rannte es mit seinen Nelken
+davon und war wie der Blitz am Buchenrain angelangt. Und das war
+gut, denn eben sah es, wie die beiden Buben dem Haus zuliefen, und
+es durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen.
+
+An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, daß es gar
+nicht begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein können und gar
+keine Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der
+liebe Gott hatte es gewiß nicht vergessen, das wollte es nicht mehr
+denken. Heute hatte er ihm ja so viel Freude bereitet, und beim
+Einschlafen sah Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiner Andres
+vor sich mit den Tränen darauf.
+
+Am folgenden Tag, es war nun Mittwoch, erlebte Otto die gleiche
+Überraschung wie am Tag vorher, denn er hatte sich nicht enthalten
+können, mit den andern aus der Schulstube hinauszurennen im ersten
+Augenblick der Befreiung. Als er dann an seine Arbeit gehen wollte
+und die Tür aufmachte--da war schon alles getan und die Stube in
+bester Ordnung.
+
+Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde zu erregen. Auch war
+er dem unbekannten Wohltäter so dankbar, daß es ihn drängte, das
+auszusprechen. Am Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache
+zugehe.
+
+Als nun die Schulstunden zu Ende waren und alles fortlief, stand
+Otto einen Augenblick nachdenklich an seinem Platz. Er wußte nicht
+recht, wo er am besten dem Wohltäter auflauern konnte. Aber mit
+einemmal faßte ihn eine Schar rüstiger Kerle, seine Klassengenossen,
+an allen Ecken an, und die Stimmen riefen durcheinander: “Komm
+heraus! Heraus mit dir! Wir machen Räuber, du bist der Anführer.”
+
+Otto wehrte sich ein wenig. “Ich muß ja diese Woche Ordnung
+machen”, rief er.
+
+“Ach, was”, erwiderten sie, “wegen einer Viertelstunde. Komm!”
+
+Otto ließ sich fortreißen, in der Stille verließ er sich schon ein
+wenig auf seinen unbekannten Freund, der ihn vor der Strafe
+schützen würde. Er fand es unbeschreiblich angenehm, eine solche
+Fürsorge im Rücken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr
+als eine Stunde, und Otto wäre verloren gewesen. Er lief keuchend
+zur Schulstube zurück, um sich seinem Schicksal zu stellen, und
+stieß dabei die Tür mit solchem Gepolter auf, daß der Lehrer
+augenblicklich aus seiner Stube ins Lehrzimmer trat.
+
+“Was hast du gewollt, Otto?” fragte der Lehrer.
+
+“Nur noch einmal nachsehen”, stotterte Otto, “ob auch sicher alles
+in Ordnung sei.”
+
+“Musterhaft”, bemerkte der Lehrer. “Dein Eifer ist löblich, aber
+die Türen dabei halb einzuschlagen, ist nicht notwendig.”
+
+Otto ging gutgelaunt davon. Am Freitag war er entschlossen, den
+Fleck nicht zu räumen, bis er im klaren war, denn da kam für ihn
+nur noch der Samstagmorgen. Da wurde freilich immer noch groß
+Ordnung gemacht.
+
+“Otto”, rief der Lehrer, als am Freitag die Glocke vier Uhr schlug,
+“trag mir schnell das Zettelchen zum Herrn Pfarrer, er gibt dir
+Bücher zurück. In fünf Minuten bist du wieder da zum Aufräumen.”
+
+Das war Otto nicht ganz recht, aber er mußte gehen. Außerdem
+konnte er ja gleich wieder da sein. In wenig Sprüngen war er im
+Pfarrhaus.
+
+Der Herr Pfarrer unterhielt sich noch mit jemandem. Die Frau
+Pfarrerin rief Otto in den Garten hinaus, er mußte ihr berichten,
+wie es der Mama gehe und dem Papa und dem Miezchen und dem Onkel
+Max und den Verwandten in Deutschland. Und dann kam der Herr
+Pfarrer, und Otto mußte erklären, wie er zu dem Auftrag gekommen
+war und was ihm der Lehrer sonst noch gesagt habe. Endlich hatte
+dann Otto seine Bücher erhalten, und pfeilschnell war er drüben,
+riß die Tür der Schulstube auf--alles in Ordnung, alles still,
+kein menschliches Wesen zu sehen.
+
+Nun habe ich mich die ganze Woche nicht ein einziges Mal nach den
+grausigen Fetzen bücken müssen, dachte Otto befriedigt. Aber wer
+hat die schreckliche Arbeit getan, ohne daß er mußte? Das wollte
+er nun um jeden Preis wissen.
+
+Am Samstag waren die Schulstunden um elf Uhr zu Ende. Otto ließ
+alle Kinder hinausgehen, und als nun die Schulstube leer war, trat
+er vor die Tür hinaus, schloß sie zu und lehnte sich mit dem Rücken
+daran. So mußte er doch gewiß sehen, ob da jemand hineingehen
+würde, denn damit wollte er lieber beginnen als mit der schweren
+Arbeit. Er stand und stand--es kam niemand. Er hörte die Uhr
+halb zwölf schlagen--es kam niemand. Am Nachmittag stand aber ein
+Ausflug bevor, es sollte heute früh zu Mittag gegessen werden. Er
+sollte so schnell wie möglich zuhause sein. Er mußte also hinein
+an die Arbeit, es grauste ihm. Er öffnete die Tür--da--Otto riß
+noch mehr als das erstemal die Augen auf--wirklich, es war alles
+getan, schöner als je.
+
+Dem Otto wurde es ganz eigentümlich zumute. Ob da irgendwelche
+Geister ihre Hände im Spiel hatten? Ganz leise, wie nie sonst,
+schlich er zur Tür hinaus. Gerade in diesem Augenblick kam ebenso
+leise etwas aus des Lehrers Küche geschlichen, und auf einmal stand
+das Wiseli ganz nahe vor ihm. Beide fuhren zusammen vor Schrecken,
+und das Wiseli wurde so rot, als hätte es der Otto bei einem
+Unrecht erwischt. Jetzt ging ihm ein Licht auf.
+
+“Sicher hast du das für mich gemacht die ganze Woche lang, Wiseli”,
+rief er aus. “Das tut doch gewiß sonst kein Mensch, wenn er nicht
+muß.”
+
+“Ich habe es aber so gern getan”, gab Wiseli zur Antwort.
+
+“Nein, nein, das mußt du nicht sagen, Wiseli. So etwas kann kein
+Mensch auf der Welt gern tun”, sagte Otto überzeugt.
+
+“Doch--gewiß”, versicherte Wiseli, “ich habe die ganze Zeitlang
+mich immer auf den Abend gefreut, wenn ich es wieder tun durfte,
+und während ich aufräumte, habe ich mich erst recht immerzu gefreut,
+weil ich immer gedacht habe: jetzt kommt der Otto und findet alles
+fertig und ist froh.”
+
+“Aber wie bist du denn darauf gekommen, daß du das für mich tun
+wolltest?” fragte Otto verwundert.
+
+“Ich wußte schon, daß du es nicht gern tust, und ich habe schon
+immer gedacht, wenn ich nur einmal dem Otto etwas geben könnte, wie
+du mir den Schlitten, weißt du noch? Aber ich hatte nie etwas.”
+
+“Das ist viel mehr wert, als einen Schlitten leihen, was du für
+mich jetzt getan hast. Das will ich dir auch nicht vergessen,
+Wiseli.” Und Otto gab ihm ganz gerührt die Hand. Wiselis Augen
+leuchteten vor Freude wie lange nicht mehr. Aber nun wollte Otto
+noch wissen, wie es denn wieder in die Stube hineingekommen sei, da
+er doch gewartet hatte, bis alle Kinder draußen waren.
+
+“Oh, ich bin gar nicht hinausgegangen”, sagte Wiseli. “Ich verbarg
+mich schnell hinter dem Kasten, ich dachte, du gehst schon noch ein
+wenig hinaus wie jeden Tag vorher.”
+
+“Aber wie konntest du immer hinaus, ohne daß ich dich sah?” wollte
+Otto noch wissen.
+
+“Wenn du mit den anderen herumliefst, konnte ich schon hinaus. Ich
+paßte schon auf. Und gestern und heute, als ich nicht sicher war,
+ging ich durch die Stube des Lehrers und fragte die Frau Lehrerin,
+ob sie etwas für mich zu tun habe, sie gibt mir manchmal einen
+Auftrag auszurichten, und dann ging ich durch die Küche fort.
+Gestern war ich gerade hinter der Küchentür, als du in die
+Schulstube ranntest.”
+
+Jetzt kannte Otto die ganze Geistergeschichte. Er gab dem Wiseli
+noch einmal die Hand. “Danke, Wiseli”, sagte er herzlich. Und
+dann lief eins da hinaus, das andere dort hinaus, und beide waren
+froh und zufrieden.
+
+
+
+
+6. Kapitel
+(Das Alte und auch etwas Neues)
+
+
+Der Sommer war vergangen, und auch die schönen Herbsttage waren zu
+Ende. Es wurde kühl und nebelig am Abend, und in den feuchten
+Wiesen fraßen die Kühe das letzte Gras ab. Hier und da flackerten
+auf den Wiesen kleine Feuer auf, denn die Hirtenbuben brieten
+Kartoffeln und wärmten sich die Hände.
+
+An einem solchen nebelgrauen Abend kam Otto aus der Schule heim und
+erklärte seiner Mutter, er müsse nachsehen, was das Wiseli mache.
+Denn seit den Herbstferien war es noch nicht in die Schule gekommen,
+acht Tage lang nicht. Otto steckte seine Vesperäpfel zu sich und
+lief davon. Am Buchenrain angekommen, sah er den Rudi vor der
+Haustür am Boden sitzen und von einem Haufen Birnen, die neben ihm
+lagen, eine nach der anderen zerreißen.
+
+“Wo ist das Wiseli?” fragte Otto.
+
+“Draußen”, war die Antwort.
+
+“Wo draußen?”
+
+“Auf der Wiese.”
+
+“Auf welcher Wiese?”
+
+“Ich weiß nicht.” Und Rudi kaute weiter an seinen Birnen.
+
+“Du stirbst einmal nicht am Gescheitsein”, bemerkte Otto und ging
+auf gut Glück zur großen Wiese, die sich vom Haus bis gegen den
+Wald hinaufzog. Jetzt entdeckte er drei schwarze Punkte unter
+einem Birnbaum und ging darauf zu. Richtig, da bückte sich Wiseli,
+um die Birnen zusammenzulesen. Dort saß der Chäppi rittlings auf
+seinem Birnenkorb, und zuhinterst lag der Hans rücklings über den
+vollen Korb hin und schaukelte sich so darauf, daß der Korb jeden
+Augenblick umzustürzen drohte. Chäppi sah ihm zu und lachte.
+
+Als Wiseli den Otto herankommen sah, leuchtete sein Gesicht auf.
+“Guten Abend, Wiseli”, rief er von weitem, “warum bist du so lange
+nicht in die Schule gekommen?”
+
+Wiseli streckte erfreut dem Otto die Hand entgegen. “Wir haben so
+viel zu tun, darum durfte ich nicht kommen”, sagte es. “Sieh nur,
+wie viel Birnen es gibt! Ich muß vom Morgen bis zum Abend auflesen,
+soviel ich nur kann.”
+
+“Du hast ja ganz nasse Schuhe und Strümpfe”, erwiderte Otto. “Hier
+ist’s nicht gemütlich. Frierst du nicht, wenn du so naß bist?”
+
+“Ich fröstle nur manchmal ein wenig, sonst ist es mir eher heiß vom
+Auflesen.” In diesem Augenblick gab der Hans seinem Korb einen
+solchen Ruck, daß alles übereinander auf den Boden hinrollte. Der
+Hans, der Korb und alle Birnen, die fuhren nach allen Richtungen
+hin.
+
+“Oh, oh!” sagte Wiseli kläglich. “Nun muß man die alle wieder
+zusammenlesen.”
+
+“Und die auch”, rief Chäppi und lachte, als die Birne, die er
+geworfen hatte, das Wiseli an der Schläfe traf, daß es ganz bleich
+wurde und ihm vor Schmerz das Wasser in die Augen schoß.
+
+Kaum hatte Otto das gesehen, als er auf den Chäppi losfuhr, ihn
+samt seinem Korb umwarf und ihn fest im Genick packte. “Hör auf,
+ich muß ersticken”, gurgelte der Chäppi. Jetzt lachte er nicht
+mehr.
+
+“Du sollst daran denken, daß du es mit mir zu tun hast, wenn du so
+mit dem Wiseli umgehst”, rief Otto zornig. “Hast du genug? Willst
+du daran denken?”
+
+“Ja, ja, laß nur los!” bat Chäppi, mürbe gemacht.
+
+Nun ließ Otto los. “Jetzt hast du’s gespürt”, sagte er; “wenn du
+dem Wiseli noch einmal etwas zuleide tust, so packe ich dich so,
+daß du noch einen Schrecken hast davon, wenn du siebzig Jahre alt
+bist. Auf Wiedersehen, Wiseli.” Damit drehte sich Otto um und ging
+mit seinem Zorn nachhause.
+
+Hier suchte er gleich seine Mutter auf und erzählte ihr empört, daß
+das Wiseli eine solche Behandlung erdulden müsse. Er war auch ganz
+entschlossen, auf der Stelle zum Herrn Pfarrer zu gehen und den
+Onkel und seine ganze Familie anzuklagen, damit man ihnen das
+Wiseli entreiße.
+
+Die Mutter hörte zu, bis Otto sich ein wenig beruhigt hatte, dann
+sagte sie: “Lieber Junge, das würde gar nichts nutzen, das Kind
+würde man dem Onkel nicht wegnehmen, nur ihn reizen, wenn er so
+etwas hörte. Er meint es selbst nicht böse mit dem Kind, und es
+ist kein genügender Grund da, ihm Wiseli wegzunehmen. Ich weiß,
+daß das arme Kind jetzt ein hartes Brot ißt. Ich habe es auch
+nicht vergessen, ich schaue immer danach aus, ob mir der liebe Gott
+nicht einen Weg zeigt, wie dem Kind geholfen werden könnte. Die
+Sache liegt mir auch am Herzen, das kannst du glauben, Otto. Wenn
+du inzwischen das Wiseli schützen und den groben Chäppi ein wenig
+zähmen kannst, ohne selbst dabei grob zu werden, so bin ich ganz
+damit einverstanden.”
+
+Otto beruhigte sich bei dem Gedanken, daß die Mutter nach einem
+anderen Weg für das Wiseli ausschaute. Er selber dachte alle
+möglichen Rettungswege aus, aber alle führten in die Luft hinauf
+und hatten keinen Boden. Und er sah ein, daß das Wiseli darauf
+nicht gehen konnte. Als er dann zu Weihnachten seine Wünsche
+aufschreiben durfte, da schrieb er ganz verzweifelt mit ungeheuren
+Buchstaben, so als müßte man sie vom Himmel herunter lesen können,
+auf sein Papier: ‘Ich wünsche, daß das Christkind das Wiseli
+befreit.’
+
+Nun war der kalte Januar wieder da, und der Schlittenweg war so
+prächtig glatt und fest, daß die Kinder gar nicht genug bekommen
+konnten, die herrliche Bahn zu benutzen. Es kam auch eine helle
+Mondnacht nach der anderen, und Otto hatte auf einmal den Einfall,
+am allerschönsten müßte das Schlittenfahren im Mondschein sein.
+Die ganze Gesellschaft sollte sich am Abend um sieben Uhr
+zusammenfinden und die Mondscheinfahrten ausführen, denn es war der
+Tag des Vollmonds. Da mußte es prächtig werden.
+
+Mit Jubel wurde der Vorschlag angenommen, und die
+Schlittbahngenossen trennten sich gegen fünf Uhr wie gewöhnlich, da
+die Nacht einbrach, um sich um sieben Uhr wieder zusammenzufinden.
+
+Weniger Anklang fand der Vorschlag bei Ottos Mutter, als er ihr
+mitgeteilt wurde. Sie ließ sich gar nicht von der Begeisterung
+hinreißen, mit der die Kinder beide auf einmal und in den lautesten
+Tönen ihr das Wundervolle dieser Unternehmung schilderten. Sie
+hielt ihnen die Kälte des späten Abends vor, die Unsicherheit der
+Fahrten bei dem ungewissen Licht und alle Gefahren, die besonders
+das Miezchen bedrohen könnten.
+
+Aber die Einwände blieben wirkungslos, und Miezchen bettelte
+inständig, als hinge seine einzige Lebensfreude an dieser
+Schlittenfahrt. Otto versprach auch, er wurde auf Miezchen
+aufpassen und immer in seiner nächsten Nähe bleiben.
+
+Endlich willigte die Mutter ein. Mit großem Jubel und wohlverpackt
+zogen die Kinder ein paar Stunden nachher in die helle Nacht hinaus.
+Es ging alles ganz nach Wunsch, die Schlittenbahn war
+unvergleichlich, und das Geheimnisvolle der dunklen Stellen, wo der
+Mondschein nicht hinfiel, erhöhte den Reiz der Unternehmung. Eine
+Menge Kinder hatte sich eingefunden, alle waren in der fröhlichsten
+Stimmung.
+
+Otto ließ sie alle vorausfahren, dann kam er, und zuletzt mußte das
+Miezchen kommen, damit ihm keiner in den Rücken fahren konnte. So
+hatte es Otto eingerichtet, er konnte sich dabei auch immer von
+Zeit zu Zeit mit einem Blick vergewissern, ob Miezchen nachkomme.
+
+Als nun alles so gut ging, fiel einem der Buben ein, nun müßte
+einmal der ganze Zug anhängen, nämlich ein Schlitten an den anderen
+gebunden werden. So wollte man hinunterfahren, das müßte im
+Mondenschein ein ganz besonderer Spaß werden. Unter großem Lärm
+und allgemeiner Zustimmung ging man gleich ans Werk.
+
+Für Miezchen fand Otto die Fahrt doch ein wenig gefährlich, denn
+manchmal gab es dabei einen großartigen Umsturz sämtlicher
+Schlitten und Kinder. Das konnte er für das kleine Wesen nicht
+riskieren. Er ließ seinen Schlitten zuletzt anbinden, der
+Miezchens aber wurde freigelassen. So fuhr es, wie immer, hinter
+dem Bruder her. Nur konnte er jetzt nicht, wie sonst, seinen
+Schlitten langsamer fahren lassen, wenn Miezchen zurückblieb, denn
+er war in der Gewalt des Zuges. Jetzt ging es los, und die lange,
+lange Kette sauste die glatte Bahn hinunter.
+
+Mit einemmal hörte Otto ein furchtbares Geschrei, und er kannte die
+Stimme. Es war Miezchens Stimme. Was war da geschehen? Otto
+hatte keine Wahl, er mußte die Lustpartie zu Ende machen, wie groß
+auch sein Schrecken war. Aber kaum unten angelangt, riß er sein
+Schlittenseil los und rannte den Berg hinauf. Alle anderen liefen
+hinter ihm drein, denn fast alle hatten das Geschrei vernommen und
+wollten auch sehen, was los war. An der halben Höhe des Berges
+stand das Miezchen neben seinem Schlitten, schrie aus Leibeskräften
+und weinte. Atemlos stürzte Otto heran und rief: “Was hast du?
+Was hast du?”
+
+“Er hat mich--er hat mich--er hat mich”, stieß Miezchen
+schluchzend hervor und kam nicht weiter vor Aufregung.
+
+“Was hat er? Wer denn? Wo? Wer?” rief Otto.
+
+“Der Mann dort, der Mann, er hat mich--er hat mich totschlagen
+wollen und hat mir--und hat mir--furchtbare Worte nachgerufen.”
+So viel kam endlich heraus unter immer neuem Geschrei.
+
+“So sei doch nur still jetzt, Miezchen, tu doch nicht so. Er hat
+dich ja doch nicht totgeschlagen. Hat er dich denn wirklich
+geschlagen?” fragte Otto ganz zahm, denn er hatte Angst.
+
+“Nein. Aber er wollte, mit einem Stecken--so hat er ihn gehoben
+und gesagt: ‘Wart du!’ Und ganz furchtbare Worte hat er
+mir nachgerufen.”
+
+“So hat er dir eigentlich gar nichts getan”, sagte Otto und atmete
+beruhigt auf.
+
+“Aber er hat ja--er hat ja--und ihr wart alle schon weit fort,
+und ich war ganz allein.” Und vor Mitleid mit sich selbst brach
+Miezchen noch einmal in lautes Weinen aus.
+
+“Bscht! Bscht!” beschwichtigte Otto. “Sei doch still jetzt, ich
+gehe nun nicht mehr von dir weg, und der Mann kommt nicht mehr.
+Und wenn du nun gleich ganz still sein willst, so gebe ich dir den
+roten Zuckerhahn vom Christbaum.”
+
+Das wirkte. Mit einemmal trocknete Miezchen seine Tränen und gab
+keinen Laut mehr von sich. Denn den großen roten Zuckerhahn vom
+Christbaum zu bekommen, war Miezchens allergrößter Wunsch gewesen.
+Er war aber bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen, und Miezchen
+hatte den Verlust nie verschmerzen können. Wie nun alles in
+Ordnung war und die Kinder den Berg hinaufstiegen, wurde besprochen,
+was es für ein Mann gewesen sein könne, der das Miezchen habe
+totschlagen wollen.
+
+“Ach was, totschlagen”, rief Otto dazwischen. “Ich habe schon
+lange gemerkt, wer es war. Wir haben ja im Herunterfahren den
+großen Mann mit dem dicken Stock auch angetroffen, er mußte unseren
+Schlitten ausweichen, in den Schnee hinein. Das machte ihn böse,
+und als er dann hintennach das Miezi allein antraf, hat er es ein
+wenig erschreckt und seinen Zorn an ihm ausgelassen.”
+
+Diese Erklärung fand allgemeine Zustimmung. Das war ja so
+natürlich, daß jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn
+gekommen. So wurde die Sache vergessen und lustig drauflos
+gerodelt. Endlich aber mußte auch dieses Vergnügen ein Ende nehmen,
+denn es hatte längst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da
+aufgebrochen werden sollte.
+
+Auf dem Heimweg schärfte der Otto dem Miezchen ein, zuhause nichts
+zu erzählen von dem Vorfall, sonst könnte die Mutter Angst bekommen.
+Und dann dürften sie nie mehr im Mondschein Schlitten fahren.
+Den Zuckerhahn würde Miezchen gleich bekommen, aber es müsse
+versprechen, nichts zu erzählen.
+
+Miezchen versprach hoch und heilig, kein Wort zu sagen. Die Spuren
+seiner Tränen waren auch längst verschwunden und konnten nichts
+mehr verraten.
+
+Längst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und der
+rote Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Träume und erfüllte sein
+Herz mit einer so großen Freude, daß es im Schlaf lächelte. Da
+klopfte es unten an die Haustür, so laut, daß der Oberst und seine
+Frau vom Tisch auffuhren, an dem sie eben gemütlich gesessen und
+sich über ihre Kinder unterhalten hatten. Und die alte Trine rief
+in strafendem Ton zum Fenster hinaus: “Was ist das für eine Manier!”
+
+“Es ist ein großes Unglück geschehen”, tönte es von unten herauf.
+“Der Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den Schreiner
+Andres tot gefunden.”
+
+Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau hatten
+genug gehört, denn auch sie waren zum offenen Fenster gegangen.
+Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und lief zum Haus
+des Schreiners. Als er in die Stube trat, fand er schon eine Menge
+Leute da. Man hatte den Friedensrichter und Gemeindeamtmann geholt,
+und eine Schar Neugieriger und Teilnehmender war mit ihnen
+gekommen. Andres lag am Boden in einer Blutlache und gab kein
+Lebenszeichen von sich. Der Oberst trat näher.
+
+“Ist denn jemand zum Doktor gelaufen?” fragte er.
+
+Es war niemand dorthin gegangen. Da sei ja doch nichts mehr zu
+machen, meinten die Leute.
+
+“Lauf, was du kannst, zum Doktor”, befahl der Oberst einem Burschen.
+“Sag ihm, ich lasse ihn bitten, er soll auf der Stelle kommen.”
+Dann half er selbst den Andres vom Boden aufheben und in die Kammer
+hinein auf sein Bett legen. Erst jetzt trat der Oberst an die
+schwatzenden Leute heran, um zu hören, wie der Vorfall sich
+zugetragen hatte, ob jemand etwas Näheres wisse.
+
+Der Müllerssohn trat vor und erzählte, er sei vor einer halben
+Stunde vorbeigekommen, und da er noch Licht gesehen habe in des
+Schreiners Stube, habe er im Vorbeigehen schnell fragen wollen, ob
+seine Aussteuersachen auch rechtzeitig fertig werden. Er habe die
+Tür der Stube offen stehend, den Andres tot im Blut liegend am
+Boden gefunden. Der Matten-Joggi, der dabeistand, habe ihm lachend
+ein Goldstück entgegengestreckt, als er hereingetreten sei. Er
+habe dann den Leuten zugerufen, daß der Gemeindeamtmann kommen
+solle.
+
+Der Matten-Joggi, der so hieß, weil er unten in der ‘Matte’, im Tal
+wohnte, war ein schwachsinniger Mensch, der davon lebte, daß ihn
+die Bauern mithelfen ließen. Er schleppte Steine und Sand, las
+Obst auf oder machte im Winter Holzbündelchen. Daß er Böses getan
+hätte, hatte man bis jetzt nicht gehört. Der Müllerssohn hatte ihm
+gesagt, er solle da bleiben, bis auch der Präsident noch da sein
+werde. So stand Joggi noch immer in einer Ecke, hielt seine Hand
+fest zugeklemmt und lachte halblaut.
+
+Jetzt trat der Doktor in die Stube und hinter ihm her auch noch der
+Präsident. Der Gemeindevorstand stellte sich nun mitten ins Zimmer
+und verhörte die Leute. Der Doktor ging sofort in die Kammer
+hinein, und der Oberst folgte ihm. Der Doktor untersuchte genau
+den unbeweglichen Körper.
+
+“Da haben wir’s”, rief er plötzlich aus, “hier auf den Hinterkopf
+ist Andres geschlagen worden, da ist eine große Wunde.”
+
+“Aber er ist doch nicht tot, Doktor, was sagst du?”
+
+“Nein, er atmet ganz leise, aber er ist böse dran.”
+
+Nun brauchte der Doktor Wasser und Schwämme und Weißzeug und noch
+vieles. Die Leute draußen liefen alle durcheinander und suchten
+und rissen alles von der Wand und aus dem Küchenkasten und brachten
+Haufen von Sachen in die Kammer hinein, aber nichts von dem, das
+der Doktor brauchte.
+
+“Da muß eine Frau her, die Verstand hat und weiß, was ein Kranker
+nötig hat”, rief der Doktor ungeduldig. Alle schrien durcheinander.
+Aber wenn einer eine wußte, so rief ein anderer: “Die kann nicht
+kommen.”
+
+“Einer soll auf den Hang laufen”, befahl der Oberst. “Meine Frau
+soll mir die Trine herunterschicken!” Sofort lief ein Mann davon.
+
+“Deine Frau wird dir aber nicht danken”, sagte der Doktor, “denn
+ich lasse die Pflegerin drei bis vier Tage und Nächte nicht vom
+Bett weg.”
+
+“Keine Sorge”, entgegnete der Oberst, “für den Andres gäbe meine
+Frau alles her, nicht nur die alte Trine.”
+
+Keuchend und beladen kam die Trine an, viel schneller, als man
+hatte hoffen können. Denn sie stand schon lange mit einem großen
+Korb am Arm bereit, und die Frau Oberst stand neben ihr und
+lauschte, ob einer gelaufen komme. Sie hatte nicht annehmen können,
+daß der Andres wirklich tot sei, und hatte überlegt, was man
+brauchen könnte, um ihm wieder auf die Beine zu helfen. So hatte
+sie Schwamm und Verbandzeug, Wein und Öl und warme Flanelle in
+einen Korb gepackt, und Trine mußte nur hinunterlaufen, als der
+Bote kam. Der Doktor war sehr zufrieden.
+
+“Alles fort jetzt, gute Nacht, Oberst, und mach, daß die ganze
+Bande zum Haus hinauskommt!” rief er und schloß die Tür zu,
+nachdem der Oberst hinausgetreten war. Der Gemeinderat war noch am
+Beratschlagen. Da aber der Oberst erklärte, nun müsse alles das
+Haus verlassen, faßten die Männer den Beschluß, vorläufig müsse der
+Joggi eingesperrt werden. Dann wollte man weitersehen.
+
+Also mußten zwei Männer den Joggi in die Mitte nehmen, damit er
+nicht davonlief, und ihn so zum Armenhaus bringen und in eine
+Kammer sperren. Der Joggi ging aber ganz willig davon und lachte,
+und von Zeit zu Zeit guckte er vergnügt in seine Faust hinein.
+
+Gleich am anderen Morgen ging die Frau Oberst voller Sorge zum
+Häuschen des Andres hinunter. Trine kam leise aus der Kammer und
+brachte die frohe Nachricht, Andres sei gegen Morgen schon ein
+wenig zum Bewußtsein gekommen. Auch der Doktor sei schon dagewesen
+und habe den Kranken über Erwarten gut angetroffen. Ihr aber habe
+er eingeschärft, daß sie keinen Menschen in die Kammer hineinlasse,
+Andres dürfe auch noch kein Wort reden, wenn er auch wollte, nicht.
+Nur der Doktor und die Wärterin sollen vor seine Augen kommen,
+erklärte die Trine in großem Amtseifer. Damit war die Frau Oberst
+einverstanden, und erfreut kehrte sie mit ihren Nachrichten nach
+Hause zurück.
+
+So vergingen acht Tage. Jeden Morgen ging die Frau Oberst zum Haus
+des Kranken, um genau Bericht zu bekommen und zu hören, ob etwas
+fehle, das dann schnell herbeigeschafft werden mußte. Otto und
+Miezchen mußten jeden Tag aufs neue besänftigt werden, daß sie
+ihren kranken Freund noch nicht besuchen durften. Aber da war
+immer noch keine Erlaubnis vom Doktor. Die Trine war noch
+unentbehrlich, wurde auch täglich vom Doktor gelobt für ihre
+sorgfältige Pflege.
+
+Nach Ablauf der acht Tage schlug der Doktor seinem Freund, dem
+Oberst, vor, nun einmal den Kranken zu besuchen, zu der Zeit, da er
+selbst dort sein würde. Denn jetzt war der Augenblick gekommen, da
+Andres wieder reden durfte. Und der Doktor wollte ihn in Gegenwart
+des Obersten darüber befragen, was er selbst von dem unglücklichen
+Vorfall wisse.
+
+Andres freute sich, als er dem Herrn Oberst die Hand drücken durfte.
+Er hatte ja schon lange bemerkt, woher ihm alles Gute und alle
+Sorgfalt für seine Genesung kam. Dann besann er sich, so gut er
+konnte, um die Fragen der beiden Herren zu beantworten. Er wußte
+aber nur folgendes zu sagen: Er hatte seine Summe beisammen, die er
+jährlich dem Herrn Oberst zur Verwahrung brachte. Diese wollte er
+noch einmal überzählen, um seiner Sache sicher zu sein. Er hatte
+sich am späteren Abend hingesetzt, den Rücken gegen die Fenster und
+die Tür gekehrt. Mitten im Zählen hörte er jemanden hereinkommen.
+Ehe er aber aufgeschaut hatte, fiel ein furchtbarer Schlag auf
+seinen Kopf. Von da an wußte er nichts mehr.
+
+Also hatte Andres Geld auf dem Tisch liegen gehabt. Davon war aber
+gar nichts mehr gesehen worden, nur das einzige Stück in Joggis
+Hand. Wo könnte denn das andere Geld hingekommen sein, wenn
+wirklich Joggi der Übeltäter war? Als Andres vernahm, wie der
+Joggi gefunden worden und nun eingesperrt sei, wurde er ganz
+unruhig.
+
+“Sie sollen ihn doch gehen lassen, den armen Joggi”, sagte er.
+“Der tut ja keinem Kind etwas zuleide, der hat mich nicht
+geschlagen.”
+
+Andres hatte aber auch gegen keinen anderen Menschen den leisesten
+Verdacht. Er habe keine Feinde, sagte er, und kenne keinen
+Menschen, der ihm so etwas hätte antun wollen.
+
+“Es kann auch ein Fremder gewesen sein”, bemerkte der Doktor, der
+die niedrigen Fenster ansah. “Wenn Sie da beim hellen Licht Geld
+auf dem Tisch liegen haben und zählen, so kann das von außen jeder
+sehen und Lust zum Teilen bekommen.”
+
+“Ich habe nie an so etwas gedacht, es war immer alles offen,” sagte
+der Andres gelassen.
+
+“Es ist gut, daß Sie noch etwas im Trockenen haben, Andres”,
+bemerkte der Oberst. “Lassen Sie sich das nicht zu Herzen gehen.
+Das wichtigste ist, daß Sie wieder gesund werden.”
+
+“Gewiß, Herr Oberst”, erwiderte Andres und schüttelte ihm die Hand.
+“Ich habe nur zu danken. Der liebe Gott hat mir ja sonst schon
+viel mehr gegeben, als ich brauche.”
+
+Die Herren verließen den friedlichen Andres, und vor der Tür sagte
+der Doktor: “Dem ist wohler als dem anderen, der ihn
+zusammenschlagen wollte.”
+
+Vom Joggi wurde eine traurige Geschichte erzählt, die alle Buben in
+der Schule beschäftigte und in große Teilnahme versetzte. Auch
+Otto brachte sie nach Hause und mußte sie jeden Tag ein paarmal
+wiederholen, denn jedesmal, wenn er daran dachte, machte sie ihm
+aufs neue großen Eindruck.
+
+Als man den Joggi an dem Abend lachend ins Armenhaus gebracht hatte,
+da war er aufgefordert worden, sein Goldstück an einen seiner
+Führer abzugeben, den Sohn des Friedensrichters. Joggi aber
+klemmte seine Faust noch besser zusammen und wollte nichts hergeben.
+Aber die beiden waren stärker als er. Sie rissen ihm mit Gewalt
+die Faust auf. Und der Friedensrichterssohn, der von dem Joggi
+manchen Kratzer während der Arbeit erhalten hatte, sagte, als er
+das Goldstück endlich in der Hand hielt: “So, jetzt wart nur, Joggi,
+du wirst schon deinen Lohn bekommen. Wart nur, bis sie kommen,
+sie werden dir’s dann schon zeigen.”
+
+Da hatte der Joggi angefangen furchtbar zu schreien und zu jammern,
+denn er glaubte, er werde geköpft. Und seither aß er nicht und
+trank nicht und stöhnte und jammerte fortwährend, denn die Furcht
+und Angst vor dem Köpfen verfolgte ihn ständig. Schon zweimal
+waren der Präsident und der Gemeindeamtmann bei ihm gewesen und
+hatten ihm gesagt, er soll nur alles sagen, was er getan habe, er
+werde nicht geköpft.
+
+Er wußte nichts zu sagen, als daß er beim Andres ins Fenster
+geschaut habe, und der sei am Boden gelegen. Er sei zu ihm
+hineingegangen und habe ihn ein wenig gestoßen, da sei er tot
+gewesen. Da habe er etwas glänzen gesehen in einer Ecke und habe
+es geholt, und dann sei der Müllerssohn gekommen und dann noch
+viele. Hatte der Joggi so viel erzählt, so fing er wieder zu
+stöhnen an und hörte nicht mehr auf.
+
+
+
+
+7. Kapitel
+(Wie es dem Kranken und jemand anderem besserging)
+
+
+Seit dem Tag, da der Oberst den Andres besucht hatte, blieb seine
+Frau auch nicht mehr draußen in der Stube, wenn sie kam, um nach
+dem Kranken zu sehen. Täglich ging sie nun zu ihm hinein, setzte
+sich eine Weile an sein Bett zu einer gemütlichen kleinen
+Unterhaltung und freute sich jedesmal über die Fortschritte der
+Genesung. Zweimal schon waren auch Otto und Miezchen dagewesen und
+hatten ihrem Freund Stärkungen mitgebracht.
+
+Andres sagte ganz gerührt zu der Trine, wenn selbst ein König krank
+wäre, man könnte ihm nicht mehr Teilnahme zeigen. Der Doktor war
+sehr zufrieden mit Andres, und als er einmal beim Herauskommen auf
+den eintretenden Oberst traf, sagte er zu ihm: “Es geht Andres
+schon viel besser. Deine Frau kann nun ihre Trine wieder
+heimnehmen, die hat gute Dienste geleistet. Nur sollte ab und zu
+jemand kommen. Der arme, verlassene Kerl muß doch essen und hat
+keine Frau und kein Kind. Vielleicht weiß deine Frau Rat.”
+
+Der Oberst richtete den Auftrag aus, und am folgenden Morgen sagte
+seine Frau, als sie den Andres besuchte: “Jetzt muß ich etwas mit
+Ihnen besprechen, Andres. Ist es Ihnen recht?”
+
+“Gewiß, gewiß, mehr als recht”, erwiderte er und stützte seinen
+Kopf auf den Ellbogen.
+
+“Ich will nun die Trine wieder heimkommen lassen, weil es Ihnen
+schon so gut geht”, fing sie an.
+
+“Ach, Frau Oberst, glauben Sie mir”, fiel der Andres ein, “ich
+wollte sie jeden Tag heimschicken. Ich weiß ja, daß sie Ihnen
+fehlt.”
+
+“Ich hätte sie nicht hereingelassen, wenn sie Ihnen gefolgt hätte”,
+fuhr die Frau Oberst fort. “Aber jetzt ist es anders, da der
+Doktor sie entläßt. Er sagte aber, was ich auch längst dachte.
+Jemand sollte noch für ein paar Wochen Ihr Essen kochen oder es bei
+mir holen und allerlei kleine Hilfsleistungen ausführen. Ich habe
+nun gedacht, Andres, Sie könnten für diese Zeit das Wiseli
+aufnehmen.”
+
+Kaum hatte der Andres den Namen aussprechen gehört, als er von
+seinem Ellbogen auf und in die Höhe schoß.
+
+“Nein, nein, Frau Oberst, nein, sicher nicht”, rief er und wurde
+ganz rot vor Anstrengung. “So etwas können Sie nicht denken. Ich
+sollte hier drinnen im Bett liegen, und draußen in der Küche sollte
+das schwache Kind für mich arbeiten! Ach, um Himmels willen, wie
+dürfte ich noch an seine Mutter unter der Erde denken, wie würde
+sie mich ansehen, wenn sie so etwas wüßte! Nein, nein, Frau Oberst,
+meiner Lebtag nicht, lieber nicht essen, lieber nicht mehr
+aufkommen--als so etwas.”
+
+Die Oberstin hatte ihn ganz ruhig zu Ende reden lassen. Jetzt, als
+er sich auf sein Kissen zurücklegte, sagte sie besänftigend: “Es
+ist nicht so schlimm, was ich ausgedacht habe, Andres. Überlegen
+Sie doch einmal. Sie wissen ja, wo das Wiseli versorgt ist.
+Meinen Sie, es habe dort nichts zu tun oder nur besonders leichte
+Arbeit? Recht tüchtig muß es heran und bekommt so wenig
+freundliche Worte dazu. Würden Sie ihm etwa auch keine geben?
+Wissen Sie, was Wiselis Mutter tun würde, wenn sie jetzt neben uns
+stände? Mit Tränen würde sie Ihnen danken, wenn Sie das Kind jetzt
+in Ihr Haus nehmen würden, wo es gute Tage hätte. Das weiß ich,
+und Sie sollten sehen, wie gern es Ihnen helfen würde.”
+
+Jetzt mußte dem Andres auf einmal alles anders vorkommen. Er
+wischte sich die Augen, dann sagte er: “Ach, ach! Wie könnte ich
+aber zu dem Kind kommen? Sie geben es gewiß nicht weg, und dann
+müßte man ja doch auch wissen, ob es wollte.”
+
+“Es ist jetzt schon gut, kümmern Sie sich nicht weiter darum,
+Andres”, sagte die Frau Oberst fröhlich und stand von ihrem Sessel
+auf. “Ich will nun selbst sehen, wie’s geht, denn mir liegt die
+Sache nach allen Seiten hin am Herzen.”
+
+Damit nahm sie Abschied von Andres. Als sie aber schon unter der
+Tür war, rief er ihr ängstlich nach: “Aber nur, wenn es will, das
+Wiseli, nur, wenn es will--bitte, Frau Oberst!”
+
+Sie versprach noch einmal, das Kind sollte nur freiwillig zu ihm
+kommen oder dann gar nicht, und verließ das Haus. Sie ging aber
+nicht den Berg hinauf, sondern hinunter zum Buchenrain, denn sie
+wollte gleich versuchen, das Wiseli dahin zu bringen, wo sie es so
+gern haben wollte.
+
+Am Buchenrain angekommen, traf die Frau Oberst gerade mit dem
+Patenonkel zusammen, als er ins Haus gehen wollte. Er begrüßte sie,
+ein wenig erstaunt über den Besuch, und sie teilte ihm gleich beim
+Eintreten in die Stube mit, warum sie gekommen sei und wie sehr sie
+hoffe, keinen abschlägigen Bescheid zu bekommen. Denn es liege ihr
+viel daran, daß das Wiseli die Pflege zu Ende führen könne. Da die
+Tante in der Küche die Unterhaltung hörte, kam sie auch herein und
+war noch erstaunter als ihr Mann, den Besuch vorzufinden.
+
+Er erklärte ihr, warum die Frau Oberst gekommen sei, und sie meinte
+gleich, das sei schon nichts, von dem Kind werde niemand eine
+besondere Hilfe erwarten. Da sagte aber der Mann, was recht sei,
+müsse man gelten lassen. Das Wiseli könne helfen, wo es sei, es
+sei sehr tüchtig. Er würde das Kind nicht einmal gern weggehen
+lassen, es sei folgsam und gelehrig. So für vierzehn Tage wollte
+er nichts dagegen haben, daß es den Andres ein wenig verpflege.
+Bis dahin werde er wohl wieder auf sein, daß es heim könne. Denn
+länger könnte es dann nicht fort sein, dann komme schon so
+allerhand Arbeit, denn da müsse man sich schon auf den Frühling
+vorbereiten.
+
+“Ja, ja”, fügte die Frau hinzu, “ich habe nicht vor, immer wieder
+von vorn mit ihm anzufangen. Jetzt habe ich ihm alles mit Mühe
+gezeigt, das kann es nun anwenden. Der Andres soll nur selber ein
+Kind anlernen, wenn er eins braucht.”
+
+“Ja, wegen vierzehn Tagen”, sagte der Mann beschwichtigend, “da
+wollen wir auch nichts sagen. Man muß einander schon einen
+Gefallen tun.”
+
+“Ich danke Ihnen”, sagte nun die Frau Oberst und stand auf. “Der
+Andres wird Ihnen gewiß auch recht dankbar sein. Kann ich das
+Wiseli gleich mit mir nehmen?”
+
+Die Tante meinte, es werde nicht so stark pressieren. Aber der
+Mann fand es am besten so. Je schneller Wiseli gehe, desto früher
+sei es wieder da, meinte er. Denn er bestand auf den vierzehn
+Tagen. Wiseli wurde herbeigerufen, und der Onkel sagte ihm, es
+solle schnell sein Bündelchen Kleider zusammenpacken, weiter nichts.
+Wiseli gehorchte. Fragen durfte es nicht, warum. Seit es sein
+Bündelchen in das Haus gebracht hatte, war gerade ein Jahr
+vergangen. Es war nichts Neues hinzugekommen als sein schwarzes
+Röcklein, das hatte es an. Es war aber nun abgetragen und hing wie
+ein Fetzchen an dem Kind herab. Und Wiseli schaute ein wenig scheu
+die Frau Oberst an, als es nun mit seinem leichten Bündelchen
+dastand.
+
+Sie verstand den schüchternen Blick und sagte: “Komm nur, Wiseli,
+wir gehen nicht weit, es geht schon so.”
+
+Dann nahm sie schnell Abschied von den Leuten, und als Wiseli dem
+Onkel die Hand gab, sagte er: “Du kommst bald wieder heim, du
+brauchst dich nicht groß zu verabschieden.”
+
+Schweigend und sehr verwundert ging das Wiseli hinter der Frau
+Oberst her, die rasch über den beschneiten Feldweg schritt, so als
+befürchtete sie, man könnte sie samt dem Wiseli wieder zurückholen.
+Als aber der Buchenrain nicht mehr zu sehen war, drehte sie sich
+um und bleib stehen.
+
+“Wiseli”, sagte sie freundlich, “kennst du den Schreiner Andres?”
+
+“Ja, freilich”, antwortete Wiseli, und seine Augen leuchteten auf,
+als es den Namen hörte. Die Frau Oberst war erstaunt.
+
+“Er ist krank”, fuhr sie fort. “Willst du ihn ein wenig verpflegen
+und etwa vierzehn Tage bei ihm bleiben?”
+
+Mehr als Wiselis schnelle und kurze Antwort: “Ja, gern!” sagte der
+Frau Oberst sein Gesicht. Das wurde ganz von Freudenröte
+übergossen. Die Frau Oberst sah das gern. Doch mußte sie sich
+wundern, daß Wiseli eine so besondere Freude zeigte. Denn sie
+wußte nichts von seinem Erlebnis mit dem Andres, aber das Wiseli
+hatte es nie vergessen.
+
+Sie gingen nun wieder weiter. Aber nach einer Weile fügte die Frau
+Oberst noch hinzu: “Du mußt es dann dem Schreiner Andres sagen, daß
+du so gern zu ihm gekommen bist, Wiseli. Er glaubt es sonst nicht.
+Vergiß es nicht.”
+
+“Nein, nein”, versicherte das Kind, “ich denke schon daran.”
+
+Nun waren sie bei dem Haus angekommen. Hier hielt es die Frau
+Oberst für richtig, das Wiseli seinen Weg allein machen zu lassen.
+Denn nach allem, was sie bemerkt hatte, mußte es ihm nicht schwer
+werden, ihn zu finden. Sie verabschiedete das Kind an der Ecke und
+sagte ihm, am Morgen werde sie wieder herunterkommen und sehen, wie
+es ihm in dem neuen Haushalt gehe. Und wenn der Schreiner Andres
+etwas brauche, das nicht da sei, so solle es zu ihr kommen.
+
+Wiseli ging nun zuversichtlich durch das Gärtchen und machte die
+Haustür auf. Es wußte, daß der Andres drinnen in der Kammer hinter
+der Stube liege. So trat es leise in die Stube ein. Darin war
+niemand, aber es war schön aufgeräumt, noch von der alten Trine her.
+Wiseli schaute alles gut an, wie es sein müsse.
+
+An der Wand hinten in der Stube stand ein Bett. Der Vorhang davor
+war fast zugezogen, aber Wiseli konnte doch sehen, wie schön und
+sauber es aussah, und es fragte sich, wer da schlafe. Jetzt
+klopfte es leise an die Kammertür, und auf den Ruf des Andres trat
+es ein und blieb ein wenig scheu an der Tür stehen. Andres
+richtete sich auf in seinem Bett.
+
+“Ach, ach”, sagte er, halb erfreut und halb erschrocken, “bist du
+es, Wiseli? Komm, gib mir die Hand.” Wiseli gehorchte. “Bist du
+auch nicht ungern zu mir gekommen?”
+
+“Nein, nein”, antwortete Wiseli.
+
+Aber der Schreiner Andres war noch nicht beruhigt.
+
+“Ich meine nur, Wiseli”, fuhr er wieder fort, “du wärst vielleicht
+lieber nicht gekommen. Aber die Frau Oberst ist so gut, und du
+hast ihr vielleicht einen Gefallen tun wollen.”
+
+“Nein, nein”, versicherte Wiseli noch einmal, “sie hat gar nicht
+gesagt, daß es ihr ein Gefallen sei. Sie hat mich gefragt, ob ich
+gehen wolle, und ich wäre auf der ganzen Welt nirgends so gern
+hingegangen wie zu Ihnen.”
+
+Diese Worte mußten den Andres ganz beruhigt haben. Er fragte
+nichts mehr, er legte seinen Kopf auf sein Kissen zurück und
+schaute stumm das Wiseli an. Dann mußte er sich auf einmal
+umdrehen und immer wieder über seine Augen wischen.
+
+“Was muß ich jetzt tun?” fragte Wiseli, als er sich immer noch
+nicht umkehrte.
+
+Jetzt wandte er sich zu dem Kind und sagte freundlich: “Ich weiß es
+gewiß nicht. Wiseli, tu du nur, was du willst, wenn du nur ein
+wenig bei mir bleiben willst.”
+
+Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah. Seit es die Stimme seiner
+Mutter zum letztenmal hörte, hatte niemand mehr so zu ihm geredet.
+Es war gerade, als spüre es die Liebe seiner Mutter wieder in
+Andres’ Worten. Es mußte mit beiden Händen seine Hand nehmen, so
+wie es oft die Hand der Mutter gefaßt hatte. Und so stand es eine
+Weile an dem Bett, und es war so glücklich, daß es gar nichts sagen
+konnte. Aber es dachte: Jetzt weiß es die Mutter auch und ist froh.
+
+Gerade so dachte der Andres: “Jetzt weiß es die Mutter auch und ist
+froh.”
+
+Dann sagte das Wiseli: “Jetzt muß ich Ihnen gewiß etwas kochen, es
+ist schon über Mittag. Was muß ich kochen?”
+
+“Koch du nur, was du willst”, sagte der Andres. Aber dem Wiseli
+war es darum zu tun, es dem Kranken recht zu machen. Und es fragte
+so lange hin und her, bis es gemerkt hatte, was er essen müsse--
+eine gute Suppe und ein Stück von dem Fleisch, das im Kasten war.
+Und dann bestand er darauf, das Wiseli müsse noch einen Milchbrei
+für sich kochen.
+
+Es wußte recht gut Bescheid in der Küche, denn es hatte wirklich
+etwas gelernt bei der Tante, wenn auch unter harten Worten. Das
+konnte es nun gut brauchen. So hatte es in kurzer Zeit alles
+bereit gemacht, und der Kranke wünschte, daß es ein Tischchen an
+sein Bett rücke und neben ihm sitze zum Essen, damit er es auch
+sehen könne und wisse, daß es noch da sei. Ein so vergnügtes
+Mittagsmahl hatte Wiseli lange nicht genossen, und auch der
+Schreiner Andres nicht.
+
+Als sie damit zu Ende waren, stand das Kind auf. Aber Andres sah
+das nicht gern und sagte: “Wohin willst du, Wiseli? Willst du
+nicht noch ein wenig dableiben, oder wird es dir ein bißchen
+langweilig bei mir?”
+
+“Nein, gewiß nicht”, versicherte Wiseli. “Aber nach dem Essen muß
+man immer abwaschen und alles wieder sauber auf das Gestell
+hinaufräumen.”
+
+“Ich weiß schon, wie man’s macht”, gestand Andres. “Ich habe
+gedacht, heute nur, so zum erstenmal, könntest du ja nur alles
+zusammenstellen und dann etwa morgen auf einmal aufwaschen.”
+
+“Wenn aber die Frau Oberst das sähe, so müßte ich mich fast zu Tode
+schämen.” Und Wiseli machte ein ganz ernsthaftes Gesicht zu seiner
+Versicherung.
+
+“Ja. Ja, du hast recht”, beschwichtigte Andres das Kind. “Mach
+nur alles, wie du meinst, und geradeso, wie es dir recht ist.”
+
+Nun ging das Wiseli an seine Arbeit und putzte und räumte und
+ordnete, daß alles glänzte in der Küche. Dann stand es einen
+Augenblick still, schaute ringsum und sagte ganz befriedigt: “So,
+nun kann die Frau Oberst kommen.”
+
+Dann ging es wieder in die Stube hinein und warf einen fröhlichen
+Blick auf das schöne, große Bett hinter dem Vorhang, denn der
+Schreiner Andres hatte ihm gesagt, da müsse es schlafen. Der
+kleine Kasten in der Ecke gehöre auch ihm, da könne es seine Sachen
+hineinräumen. Es legte nun die Sachen aus seinem Bündelchen alle
+ordentlich hinein, das war auch sehr bald getan, denn es war wenig
+darin. Und nun ging es in die Kammer und setzte sich voller Freude
+wieder an das Bett des Kranken, der schon lange nach der Tür
+geschaut hatte, ob es noch nicht komme.
+
+Kaum war Wiseli wieder an dem Bett, so fragte es: “Haben Sie auch
+einen Strumpf, an dem ich stricken kann?”
+
+“Nein, nein”, antwortete Andres, “du hast ja jetzt gearbeitet, und
+wir wollen nun ein wenig vergnügt zusammen reden, über allerlei.”
+
+Aber Wiseli war gut geschult worden--zuerst in unvergeßlicher
+Freundlichkeit von der Mutter und dann von der Tante mit Worten,
+die auch nicht vergessen wurden, vor lauter Furcht, sie wieder zu
+hören. Es sagte ganz überzeugt: “Ich darf nicht nur so dasitzen,
+weil es doch nicht Sonntag ist. Aber ich kann reden und
+gleichzeitig an dem Strumpf stricken.”
+
+Das gefiel dem Andres nun auch wieder, und er ermunterte das Wiseli
+von neuem, nur immer zu tun, was es meine. Und einen Strumpf könne
+es auch holen, wenn es wolle, er habe aber keinen. Nun holte
+Wiseli den seinigen und setzte sich damit wieder an das Bett hin.
+Und es hatte recht gehabt, es konnte gut reden und stricken
+gleichzeitig.
+
+Der Schreiner Andres hatte aber auch gleich ein Gespräch angefangen,
+das dem Wiseli das allerwillkommenste war. Er hatte gleich von
+der Mutter zu reden begonnen, und Wiseli hatte so gern geantwortet,
+denn noch nie und mit keinem Menschen hatte es von seiner Mutter
+reden können. Und es dachte doch immer an sie und alles, was es
+mit ihr erlebt hatte. Nun wollte der Schreiner Andres so gern von
+allem wissen, immer noch mehr, und das Wiseli erzählte fort und
+fort, als könne es nicht mehr aufhören. Und der Andres hörte
+gespannt zu.
+
+In dieser Weise verging nun dem Wiseli ein Tag nach dem anderen.
+Für jeden geringsten Dienst, den es leistete, dankte ihm der Andres,
+als ob es ihm die größte Wohltat erwiesen hätte. Und was es nur
+tat, gefiel dem guten Mann, und er mußte es loben dafür. Er wurde
+in wenigen Tagen so frisch und munter bei der Pflege, daß er
+aufstehen wollte. Der Doktor war ganz erstaunt, wie gut es ihm
+ging und wie fröhlich der Schreiner Andres auf einmal aussah. Er
+saß nun den ganzen Tag am Fenster, wo die Sonne hinkam, und schaute
+dem Wiseli nach auf Schritt und Tritt, so als ob er es gar nie
+genug sehen könnte--wie es einen Kasten aufmachte und dann wieder
+zu, wie ihm unter den Händen alles sauber und ordentlich wurde, wie
+er es vorher nie gesehen hatte.
+
+Das Wiseli aber war glücklich in dem stillen Häuschen, da es nur
+liebevolle Worte hörte, und unter den freundlichen Augen, die es
+immerfort begleiteten. Es durfte gar nicht daran denken, wie bald
+die vierzehn Tage zu Ende sein würden und es wieder zum Buchenrain
+zurückkehren mußte.
+
+
+
+
+8. Kapitel
+(Es geschieht etwas Unerwartetes)
+
+
+In dem Haus auf dem Hang wurde viel vom Schreiner Andres und dem
+Wiseli gesprochen. Jeden Morgen ging die Frau Oberst nachsehen,
+wie es dem Kranken gehe, und jedesmal brachte sie wieder einen
+erfreulicheren Bericht nach Hause.
+
+Das versetzte alle in die freudigste Stimmung. Otto und Miezchen
+machten einen Plan, wie ein großes Genesungsfest gefeiert werden
+müßte in Schreiner Andres Stube, aber noch bevor Wiseli zum
+Buchenrain zurückkehrte. Das sollte eine Hauptfreude und für
+Andres und Wiseli eine große Überraschung werden.
+
+Es mußte aber noch ein Fest gefeiert werden vorher, denn heute war
+der Geburtstag des Vaters und schon am frühen Morgen hatten
+allerlei von Otto und Miezchen erfundene Feierlichkeiten
+stattgefunden. Doch der Hauptmoment des Tages war jetzt gekommen,
+beim Mittagessen. Ganz feierlich hatten Otto und Miezchen sich
+schon hingesetzt in großer Erwartung all der Dinge, die da kommen
+sollten.
+
+Nun erschienen auch Vater und Mutter, und die frohe Mahlzeit nahm
+ihren Anfang. Nachdem das erste Gericht vergnüglich verzehrt
+worden war, erschien eine zugedeckte Schüssel. Das war das
+Geburtstagsgericht. Der Deckel wurde aufgehoben, und ein
+prächtiger Blumenkohl stand da, so frisch, als hätte man ihn eben
+im Garten geholt.
+
+“Das ist ja eine prächtige Blume”, sagte der Vater, “die muß man
+loben. Aber eigentlich”, fuhr er etwas enttäuscht fort, “suchte
+ich etwas anderes unter dem Deckel, Artischocken suchte ich. Kann
+man die nicht auch finden irgendwo, wie Blumenkohl? Du weißt,
+liebe Marie, ich schaue an gedeckten Tischen immer nur nach
+Artischocken aus.”
+
+Mit einemmal schrie das Miezchen: “Eben! Eben! Geradeso hat er
+gerufen--zweimal, furchtbar, und so hat er den Stecken aufgehoben
+und so.” Und Miezchen fuhr ganz aufgeregt mit ihren Armen in der
+Luft herum. Aber urplötzlich schwieg sie und fuhr schnell herunter
+mit ihren Armen bis unter den Tisch und war ganz blutrot geworden.
+Und ihr gegenüber saß Otto und warf ihr zornige Blicke zu.
+
+“Was ist das für eine seltsame Verherrlichung meines Geburtstags?”
+fragte der Vater erstaunt. “Über den Tisch hin schreit meine
+Tochter, als wollte man sie umbringen, und unter dem Tisch versetzt
+mir mein Sohn so entsetzliche Stiefelstöße, daß ich blaue Flecken
+bekomme. Ich möchte wissen, Otto, wo du diese angenehme
+Unterhaltung gelernt hast.”
+
+Jetzt war die Reihe an Otto, feuerrot zu werden bis unter die Haare
+hinauf. Er hatte dem Miezchen unter dem Tisch einige deutliche
+Mahnungen geben wollen, daß es schweigen solle, hatte aber den
+unrechten Platz getroffen und mit seinem Stiefel das Bein des
+Vaters bearbeitet. Das hatte Otto nun entdeckt. Er konnte nicht
+mehr aufschauen.
+
+“Nun, Miezchen”, fing der Vater wieder an, “was ist denn aus deiner
+Räubergeschichte geworden? Du kamst ja gar nicht zu Ende. Also--
+‘Artischocke’ hat der furchtbare Mann dich genannt und
+den Stecken erhoben, und dann?”
+
+“Dann, dann”, stotterte Miezchen kleinlaut, denn es hatte begriffen,
+daß es auf einmal alles verraten hatte und daß der Otto den
+Zuckerhahn zurückfordern würde, “dann hat er mich doch nicht
+totgeschlagen.”
+
+“So, das war nett von ihm”, sagte der Vater lachend. “Und dann
+weiter?”
+
+“Dann weiter gar nichts mehr”, wimmerte Miezchen.
+
+“So, so, die Geschichte nimmt also ein fröhliches Ende. Der
+Stecken bleibt in der Luft, und Miezchen geht als kleine
+Artischocke nach Hause. Jetzt wollen wir gleich anstoßen auf alle
+wohlgeratenen Artischocken und auf Schreiner Andres’ Gesundheit!”
+
+Damit erhob der Vater sein Glas, und die Tischgesellschaft stimmte
+ein. Es standen aber alle ein wenig still vom Tisch auf, denn in
+jedem waren allerlei Gedanken aufgestiegen. Nur der Vater blieb
+gelassen, setzte sich zu seiner Zeitung und steckte eine Zigarre an.
+
+Otto schlich ins andere Zimmer hinüber, drückte sich in eine Ecke
+und dachte darüber nach, wie es sein werde, wenn alle anderen
+wieder im Mondschein rodeln würden und er nie mehr dabei sein
+dürfte. Denn er wußte, daß die Mutter dies von nun an verbieten
+würde.
+
+Miezchen kroch ins Schlafzimmer hinein, kauerte sich neben dem Bett
+auf das Schemelchen nieder, nahm den roten Zuckerhahn auf den Schoß
+und war sehr traurig, daß es ihn zum letztenmal sehen sollte.
+
+Die Mutter blieb eine Zeitlang nachdenklich am Fenster stehen.
+Ihre Gedanken mußten sie immer mehr und aufregender beschäftigen,
+denn jetzt fing sie an im Zimmer hin und her zu gehen. Und
+plötzlich verließ sie es und lief hierhin und dahin, suchte nach
+dem Miezchen. Sie fand es endlich hinter seinem Bett auf dem
+Schemel, in seine traurigen Betrachtungen versunken.
+
+“Miezchen”, sagte die Mutter, “jetzt erzähl mir, wo und wann ein
+Mann dir drohte und was er dir nachgerufen hat.”
+
+Miezchen erzählte, was es wußte, es kann aber nicht viel mehr
+heraus, als es schon gesagt hatte: Nachgerufen hatte ihm der Mann
+das Wort, das der Papa am Tisch gesagt hatte, behauptete es. Die
+Mutter kehrte in das Zimmer zurück, wo der Vater saß, ging zu ihm
+und sagte in erregtem Ton: “Ich muß es dir wirklich sagen, es kommt
+mir immer wahrscheinlicher vor.”
+
+Der Oberst legte seine Zeitung weg und schaute erstaunt seine Frau
+an.
+
+“Siehst du”, fuhr sie fort, “die Szene am Tisch hat mich auf einen
+Gedanken gebracht, und je mehr ich ihn verfolge, je fester
+gestaltet er sich vor meinen Augen.”
+
+“Setz dich doch und erzähl mir, was du meinst”, sagte der Oberst,
+ganz neugierig geworden.
+
+Seine Frau setzte sich neben ihn hin und fuhr fort: “Du hast
+Miezchens Aufregung gesehen, sie war sichtlich erschreckt worden
+von dem Mann, von dem sie sprach. Es war nicht Spaß gewesen.
+Darum ist es klar, daß er das Kind nicht ‘Artischocke’
+genannt hat. Wird er es nicht viel eher ‘Aristokratin’
+oder ‘Aristokratenbrut’ genannt haben? Du weißt, wer
+uns früher diesen Titel nachrief, meinem Bruder und mir. Diesen
+Augenblick habe ich von Miezchen gehört, daß der Vorfall sich an
+dem Abend ereignet hatte, als Kinder im Mondschein auf der
+Schlittenbahn waren. Am selben Abend wurde Andres halb erschlagen
+gefunden. Seit Jahren war der unheimliche Jörg verschwunden. Und
+im ersten Augenblick, da man wieder Spuren von ihm hat, wird sein
+Bruder überfallen, dem kein anderer je etwas zuleide getan hat als
+er. Gibt dir das nicht auch zu denken?”
+
+“Da könnte was dran sein”, entgegnete der Oberst nachdenklich. “Da
+muß ich sofort etwas unternehmen.”
+
+Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten später
+fuhr er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr der
+Oberst jeden Tag einmal in die Stadt, um zu hören, ob Berichte
+eingegangen seien. Am vierten Tag, als er am Abend nach Hause kam
+und seine Frau noch an Miezchens Bett saß, ließ er sie schnell
+rufen, denn er hatte ihr etwas Wichtiges zu erzählen.
+
+Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst teilte seiner Frau
+mit, was er in der Stadt gehört hatte. Auf seine Aussagen hin
+hatte die Polizei heimlich nach dem Jörg gesucht, und er war ohne
+große Mühe gefunden worden. Denn er war ganz sicher, daß kein
+Mensch ihn gesehen hatte, da er nur nachts in sein Dorf gekommen
+und gleich wieder verschwunden war.
+
+So war er zunächst nur zur Stadt hinuntergegangen und hatte sich in
+den Wirtshäusern herumgetrieben. Als er nun festgenommen und
+verhört wurde, leugnete er zuerst alles. Als er aber hörte, der
+Oberst Ritter habe schlagende Beweise gegen ihn vorzubringen, da
+entfiel ihm der Mut. Denn er dachte, der Herr Oberst müsse ihn
+gesehen haben, sonst wäre es unmöglich, daß er gerade auf ihn
+gekommen wäre, da er frisch aus neapolitanischen Kriegsdiensten
+zurückgekommen war. Daß ein einziges Wort, das er einem kleinen
+Kind zugerufen hatte, ihn hatte verraten können, davon hatte er
+keine Ahnung.
+
+Er fing dann an, furchtbar auf den Oberst zu schimpfen, und sagte,
+er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut werde ihn noch ins
+Unglück bringen. Im weiteren Verhör gestand er dann, er habe
+seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm leihen wollen. Als er ihn
+durch das erleuchtete Fenster erblickte, wie er eben eine gute
+Summe vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den Andres
+niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Töten habe er ihn nicht
+wollen, nur ein wenig bewußtlos machen, damit er ihn nicht kenne.
+Der größte Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden. Diese wurde
+ihm abgenommen, und der Jörg wurde ins Gefängnis gesteckt.
+
+Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure Aufregung
+im ganzen Dorf, denn eine solche Geschichte war noch nie
+vorgefallen, seit es bestand. Besonders in der Schule kam alles
+aus der Ordnung, so sehr interessierten sich alle Schüler für die
+aufregende Begebenheit. Otto war einige Tage ganz außer Atem, da
+er beständig da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein näherer
+Umstand von der Sache zu hören war.
+
+Am dritten Abend nach der Verbreitung der Nachricht kam er aber so
+aufgeregt nach Hause gestürzt, daß ihn die Mutter ermahnen mußte,
+erst einen Augenblick still zu sitzen, da er vor Atemlosigkeit kein
+Wort hervorbrachte und doch durchaus wieder eine Neuigkeit erzählen
+wollte. Endlich konnte er sie loswerden. Man hatte den Joggi, der
+bis dahin eingesperrt geblieben war, herausholen wollen. Aber der
+arme Tropf fürchtete sich, und nun glaubte er, man hole ihn zum
+Köpfen ab. Er weigerte sich, die Kammer zu verlassen. Dann hatten
+zwei Männer ihn mit aller Gewalt herausgeschleppt, er hatte aber so
+geschrien, daß alle Leute herbeiliefen. Und dann hatte er sich
+noch mehr gefürchtet, und auf einmal war er davongeschossen wie ein
+Pfeil und in die nächste Scheune hinein in den hintersten Winkel
+des Stalles. Da hockte er ganz zusammengesunken mit einem
+furchtbar erschrockenen Gesicht, und kein Mensch konnte ihn von der
+Stelle bringen. Schon seit gestern hockte er so da, und der Bauer
+hatte gesagt, wenn er nicht bald aufstehe, wolle er ihn mit der
+Heugabel fortbringen.
+
+“Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder”, sagte die
+Mutter, als Otto fertig erzählt hatte. “Der arme Joggi! Was muß
+er nun leiden in seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da
+er nicht versteht, was man ihm erklären könnte. Und der arme,
+gutmütige Joggi ist ja ganz unschuldig. Ach, Kinder, hättet ihr
+mir doch gleich das ganze Erlebnis erzählt, als ihr am Abend von
+der Schlittenbahn kamt. Eure Heimlichtuerei hat nur Unglück
+gebracht. Könnten wir doch den armen Menschen trösten und wieder
+fröhlich machen!”
+
+Das Miezchen war ganz weich geworden. “Ich will ihm den roten
+Zuckerhahn geben”, sagte es schluchzend.
+
+Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas
+verächtlich: “Ja, einen Zuckerhahn einem erwachsenen Menschen geben!
+Behalt du den nur für dich.” Aber dann bat er die Mutter, ihm und
+Miezchen zu erlauben, dem Joggi etwas zu essen in den Stall zu
+bringen. Er hatte gar nichts gehabt, seit er dort kauerte, zwei
+ganze Tage lang.
+
+Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sofort ein Korb geholt
+und Wurst und Brot und Käse hineingesteckt. Dann gingen die Kinder
+den Berg hinunter, zum Stall.
+
+Mit einem ganz weißen, erschrockenen Gesicht kauerte der Joggi
+hinten im Winkel und rührte sich nicht. Die Kinder kamen ein wenig
+näher. Otto zeigte ihm den offenen Korb und sagte: “Komm hervor,
+Joggi, das ist alles für dich zum Essen.”
+
+Joggi bewegte sich nicht.
+
+“Komm doch, Joggi”, mahnte Otto weiter. “Siehst du, sonst kommt
+der Bauer und sticht dich mit der Heugabel hervor.”
+
+Joggi stieß einen entsetzten Ton aus und krümmte sich noch enger
+zusammen.
+
+Jetzt ging Miezchen vorwärts und kam ganz nahe an den Joggi heran,
+hielt den Mund an sein Ohr und flüsterte hinein: “Komm du nur mit
+mir, Joggi, sie dürfen dich nicht köpfen. Der Papa hilft dir schon,
+und siehst du, das Christkindlein hat dir einen roten Zuckerhahn
+gebracht.” Und Miezchen nahm ganz heimlich den Zuckerhahn aus
+seiner Tasche und steckte ihn dem Joggi zu.
+
+Diese heimlichen Trostesworte hatten eine wunderbar wirksame Kraft.
+Der Joggi schaute das Miezchen an, ganz ohne Schrecken, dann
+schaute er auf seinen roten Zuckerhahn. Und dann fing er an zu
+lachen, was er seit vielen Tagen nicht mehr getan hatte. Dann
+stand er auf, und nun ging Otto voran aus dem Stall, dann kam das
+Miezchen, und ihm folgte der Joggi auf dem Fuß.
+
+Draußen sagte Otto dem Joggi: “Das kannst du mitnehmen, wir gehen
+nun heim und du auch, dort hinunter.”
+
+Da schüttelte Joggi den Kopf und stellte sich hinter das Miezchen.
+So gingen alle drei weiter, den Hang hinauf, voran der Otto, dann
+Miezchen, dann der Joggi. Die Mutter sah den Zug herankommen, und
+ihr Herz wurde ganz erleichtert, als sie sah, wie der Joggi hinter
+dem Miezchen herschritt, den roten Zuckerhahn in der Hand hielt und
+immerfort vergnüglich lachte.
+
+So traten die drei ins Haus und in die Stube, und hier holte das
+Miezchen geschäftig einen Stuhl, nahm den Eßkorb zur Hand und
+winkte dem Joggi, daß er komme. Als er dann am Tisch saß, legte es
+alles, was im Korb war, vor ihn hin und sagte: “Iß du jetzt nur,
+Joggi, und iß du nur alles auf und sei nun ganz fröhlich.”
+
+Da lachte der Joggi und aß die beiden großen Würste und das ganze
+Brot und das ungeheure Stück Käse und dann noch die Krumen. Den
+roten Zuckerhahn hielt er die ganze Zeit über fest mit seiner
+linken Hand, schaute ihn an von Zeit zu Zeit und lachte vergnügt,
+denn Wurst und Brot hatte er wohl auch schon bekommen. Aber einen
+roten Zuckerhahn hatte ihm in seinem ganzen Leben noch niemand
+geschenkt.
+
+Endlich ging der Joggi den Hang hinunter. Voller Freude schauten
+die Mutter, Otto und Miezchen ihm nach. Er hielt seinen Zuckerhahn
+bald in der einen, bald in der anderen Hand, lachte immerzu und
+hatte seinen Schrecken ganz vergessen.
+
+Seit drei Tagen hatte die Frau Oberst den Schreiner Andres nicht
+besucht. Es hatte sich so vieles ereignet in diesen Tagen, daß sie
+gar nicht begriff, wie die Zeit dahingegangen war. Doch konnte sie
+ja beruhigt sein, sie wußte, daß der Andres gut verpflegt und dazu
+auf dem besten Weg der Genesung war.
+
+Ihr Mann hatte gleich am Morgen nach seiner Rückkehr aus der Stadt
+den Andres besucht, um ihm die Entdeckung und die Festnahme seines
+Bruders selbst mitzuteilen. Andres hatte ganz ruhig zugehört und
+dann gesagt: “Er hat es so haben wollen. Es wäre doch besser
+gewesen, er hätte mich um ein wenig Geld gebeten. Ich hätte es ihm
+ja gegeben. Aber er hat immer lieber geprügelt als geredet.”
+
+Jetzt trat die Frau Oberst am sonnigen Wintermorgen aus ihrer Tür
+und stieg fröhlich den Berg hinunter. Denn sie beschäftigte sich
+in ihrem Innern mit einem Gedanken, der ihr gut gefiel. Als sie
+die Haustür aufmachte beim Schreiner Andres, kam Wiseli eben aus
+der Stube heraus. Seine Augen waren ganz aufgeschwollen und
+hochrot vom Weinen. Es gab der Frau Oberst nur flüchtig die Hand
+und lief scheu in die Küche hinein, um sich zu verstecken.
+
+So hatte die Frau Oberst das Wiseli noch nie gesehen. Was konnte
+da geschehen sein? Sie trat in die Stube. Da saß am sonnigen
+Fenster der Andres und sah aus, als sei ein noch nie erlebtes
+Unheil über ihn hereingebrochen.
+
+“Was ist denn hier geschehen?” fragte die Frau Oberst und vergaß im
+Schrecken guten Tag zu sagen.
+
+“Ach, Frau Oberst”, stöhnte Andres, “ich wollte, das Kind wäre nie
+in mein Haus gekommen!”
+
+“Was”, rief sie noch erschrockener aus, “das Wiseli? Kann dieses
+Kind Ihnen ein Leid angetan haben?”
+
+“Ach, um Himmels willen, nein, Frau Oberst, so meine ich es nicht”,
+entgegnete Andres aufgeregt. “Aber nun ist das Kind bei mir
+gewesen und hat mir ein Leben gemacht in meinem Häuschen, wie im
+Paradies. Und jetzt muß ich das Kind wieder hergeben, und alles
+wird viel öder und leerer um mich her sein als vorher. Ich kann es
+nicht aushalten. Sie können sich gar nicht denken, wie lieb mir
+das Kind ist. Ich kann es nicht aushalten, wenn sie mir’s
+wegnehmen. Morgen muß es gehen, der Onkel hat schon zweimal den
+Buben geschickt. Es müsse nun zurückkommen, morgen müsse es sein.
+Und dann ist noch etwas, das mir fast das Herz zersprengt. Seitdem
+der Onkel den Buben geschickt hat, ist das Kind ganz still geworden
+und weint heimlich. Es will es nicht so zeigen, aber man kann’s
+sehen, es fällt ihm schwer zu gehen. Und morgen muß es sein. Ich
+übertreibe nicht, Frau Oberst. Aber das kann ich sagen. Alles,
+was ich seit dreißig Jahren erspart und erarbeitet habe, gäbe ich
+seinem Onkel, wenn er mir das Kind ließe.”
+
+Die Frau Oberst hatte den aufgeregten Andres zu Ende reden lassen.
+Jetzt sagte sie ruhig: “Das würde ich nicht tun an Ihrer Stelle.
+Ich würde es ganz anders machen.”
+
+Andres schaute sie fragend an.
+
+“Seht, Andres, so würde ich es machen. Ich würde sagen: ‘All
+mein wohlverdientes Gut will ich jemandem zurücklassen, der mir
+lieb ist. Ich will das Wiseli an Kindesstatt annehmen, ich will
+sein Vater sein, und es soll als mein Kind in meinem Haus bleiben.’
+Würde Ihnen das nicht gefallen, Andres?”
+
+Der Andres hatte lautlos zugehört, und seine Augen waren immer
+größer geworden. Jetzt ergriff er die Hand der Frau Oberst und
+drückte sie.
+
+“Kann man das wirklich machen? Könnte ich sagen: das Wiseli ist
+mein Kind, mein eigenes Kind, und niemand hat mehr ein Recht an dem
+Kind, und kein Mensch kann es mir mehr nehmen?”
+
+“Das können Sie, Andres”, versicherte die Frau Oberst. “Sobald das
+Wiseli Ihr Kind ist, hat kein Mensch mehr ein Recht auf das Kind.
+Sie sind der Vater. Und weil ich mir gedacht hatte, Sie könnten
+den Wunsch haben, das Wiseli zu behalten, so habe ich meinen Mann
+gebeten, heute nicht fortzugehen, falls Sie etwa zur Stadt in die
+Kanzlei fahren würden, daß alles bald festgesetzt werde, denn zu
+Fuß können Sie noch nicht gehen.”
+
+Andres wußte gar nicht, was er tat vor Aufregung und Freude. Er
+lief dahin und dorthin und suchte den Sonntagsrock. Dann rief er
+immer wieder: “Ist es auch sicher wahr? Kann’s auch sein?” Dann
+stand er wieder vor der Frau Oberst und fragte: “Kann es jetzt sein,
+gleich jetzt, heute noch?”
+
+“Gleich jetzt”, versicherte sie. Doch gab sie nun dem Schreiner
+Andres die Hand zum Abschied, sie mußte gehen und ihrem Mann
+mitteilen, daß Andres schon reisefertig sei.
+
+“Sie sollten es dem Wiseli erst am Abend sagen, wenn alles gut
+eingeleitet ist”, bemerkte die Frau Oberst noch unter der Tür.
+
+“Ja, sicher, sicher”, gab Andres zur Antwort. “Jetzt brächte ich
+ohnehin kein Wort hervor.”
+
+Als die Tür sich schloß, setzte sich Andres auf seinen Stuhl und
+zitterte an Händen und Füßen so sehr, daß er meinte, er könne nie
+mehr aufstehen. So waren ihm die Freude und Aufregung in alle
+Glieder gefahren. Es dauerte kaum eine halbe Stunde, da kam schon
+der Wagen des Obersten angefahren und hielt am Gärtchen des
+Schreiners. Und zu Wiselis unbeschreiblichem Erstaunen stieg der
+Knecht von seinem Sitz herunter, kam herein, und nach wenigen
+Minuten sah es, wie er wieder herauskam, den Schreiner Andres mit
+beiden Armen festhielt und ihm dann in den Wagen half.
+
+Wiseli schaute dem Fuhrwerk nach, als bewege sich etwas Unfaßliches
+vor seinen Augen, denn der Schreiner Andres hatte kein Wort mehr zu
+ihm sagen können, nicht einmal, daß er ausfahren werde.
+
+Jetzt ging Wiseli in die Stube hinein und setzte sich ans Fenster,
+wo sonst der Schreiner Andres saß. Und es konnte nichts anderes
+mehr denken als nur immerzu: Heute ist der letzte Tag, und morgen
+muß ich zum Onkel gehen.
+
+Als der Mittag herankam, ging Wiseli in die Küche hinaus und machte
+zurecht, was der Andres essen sollte. Aber er kam nicht, und es
+wollte nichts essen, wenn er nicht dabei war. So ging es wieder
+hinein, und sofort stand der traurige Gedanke wieder vor ihm.
+
+Aber endlich wurde es so müde vom Nachdenken, daß sein Kopf ihm auf
+die Schulter fiel und es fest einschlief. Aber noch im Schlaf
+mußte es immer sagen: “Und morgen muß ich zum Onkel gehen.” Und
+Wiseli sah nicht, wie leise der helle Abendschein in die Stube fiel
+und einen schönen Tag verkündigte.
+
+Wiseli schreckte hoch, als jemand die Stubentür öffnete. Es war
+der Schreiner Andres. Das Glück leuchtete ihm aus den Augen wie
+heller Sonnenschein, so hatte ihn Wiseli noch nie gesehen. Es
+schaute verwundert zu ihm auf. Jetzt mußte er auf seinen Stuhl
+sitzen und Atem holen vor Rührung, nicht vor Erschöpfung. Dann
+rief er mit triumphierender Stimme: “Es ist wahr, Wiseli, es ist
+alles wirklich wahr! Die Herren haben alle ja gesagt. Du gehörst
+mir, ich bin dein Vater, sag mir einmal ‘Vater’!”
+
+Wiseli war ganz schneeweiß geworden. Es stand da und starrte den
+Andres an, aber es sagte kein Wort und bewegte sich nicht.
+
+“Ja so”, fing Andres wieder an, “du kannst es ja nicht begreifen,
+es kommt mir alles durcheinander vor Freude. Jetzt will ich von
+vorn anfangen. Siehst du, Wiseli, jetzt eben habe ich es in der
+Kanzlei unterschrieben. Du bist jetzt mein Kind, und ich bin dein
+Vater, und du bleibst hier bei mir für immer und gehst nie mehr
+zurück zum Onkel. Hier bist du daheim, hier bei mir.”
+
+Jetzt hatte Wiseli alles begriffen. Auf einmal sprang es auf den
+Andres zu, umfaßte ihn mit beiden Armen und rief: “Vater! Vater!”
+Der Andres brachte kein Wort mehr hervor und das Wiseli auch nicht,
+denn es kam so viel zusammen im Herzen und in den Gedanken, daß es
+ganz überwältigt wurde. Aber mit einemmal war es, als ob ihm ein
+helles Licht aufginge. Es schaute den Andres mit leuchtenden Augen
+an und rief: “O Vater, jetzt weiß ich, wie es zugegangen ist und
+wer uns geholfen hat.”
+
+“So, so, und wer denn, Wiseli?” fragte er.
+
+“Die Mutter!” war die rasche Antwort.
+
+“Die Mutter?” wiederholte Andres, ein wenig erstaunt. “Wie meinst
+du das, Wiseli?”
+
+Jetzt erzählte das Kind, wie es die Mutter gesehen hatte, ganz
+deutlich, wie sie es bei der Hand genommen und ihm einen sonnigen
+Weg gezeigt und gesagt hatte: Sieh, Wiseli, das ist dein Weg.
+
+“Und jetzt, Vater”, fuhr Wiseli eifrig fort, “jetzt ist mir auf
+einmal in den Sinn gekommen, wie der Weg war, gerade so, wie der
+draußen im Garten, wenn die Sonne darauf scheint und die Nelken so
+rot glühen und auf der anderen Seite die Rosen. Und die Mutter hat
+ihn schon gekannt und hat gewiß das ganze Jahr den lieben Gott
+gebeten, daß ich auf den Weg kommen dürfe. Sie hat schon gewußt,
+wie gut ich es bei dir haben würde, wie sonst nirgends auf der
+ganzen Welt. Das glaubst du jetzt auch, Vater, daß alles so
+gegangen ist, nicht wahr, seit du weißt, daß die Mutter mir den Weg
+bei den Nelken gezeigt hat?”
+
+Der gute Andres konnte nichts sagen, die hellen Tränen liefen ihm
+die Wangen hinunter. Dabei aber lachte ihm eine solche Freude aus
+den nassen Augen, daß es dem Wiseli nicht bange wurde.
+
+Als er aber endlich etwas sagen wollte, da hörte man nichts davon.
+Denn in dem Augenblick wurde mit einem Krach die Tür aufgeschlagen,
+und herein sprang mit einem Satz bis mitten in die Stube der Otto.
+Dann machte er noch einen großen Sprung über einen Stuhl und rief:
+“Juhe, wir haben gewonnen, und das Wiseli ist erlöst!”
+
+Hinter ihm stürzte das Miezchen hervor, rannte gleich auf seinen
+Freund los und sagte mit bedeutungsvollem Winken gegen die Tür hin:
+“Jetzt, Andres, wirst du gleich sehen, was zum Genesungsfest kommt!”
+
+Und da kam schon der Bäckerjunge herein mit einem so ungeheuren
+Brett auf dem Kopf, daß er in der Tür steckenblieb und nicht damit
+weiter konnte. Aber von hinten kam eine kräftige Hand, die hob und
+schob und stützte das wankende Gebäude, bis es glücklich in der
+Stube angelangt und auf den Tisch gesetzt war, den es gänzlich
+bedeckte. Denn Otto und Miezchen hatten Sparbüchsen geopfert und
+zum Genesungsfest den allergrößten Rahmkuchen machen lassen, den
+ein Mensch machen könnte. Da er nun zu klein geworden wäre als
+runder Kuchen, so hatte man ihn viereckig gemacht, so daß er den
+Ofen ausfüllte von vorn bis hinten und nun den ganzen Tisch
+bedeckte.
+
+Auf den Boden stellte nun die Trine, die hinter dem Bäckerjungen
+hilfreich hereingekommen war, ihren großen Korb. Da waren ein
+schöner Braten darin und Wein dazu, denn die Frau Oberst hatte
+gesagt, heute habe der Andres gewiß noch keinen Bissen gegessen.
+Und vielleicht das Wiseli ebenfalls nicht, und so war es auch.
+Jetzt merkte auch das Wiseli, daß es hungrig war, als es alle die
+einladenden Sachen vor sich sah.
+
+Nun setzte sich die ganze Gesellschaft an den Tisch, und man konnte
+gar nicht absehen, wer von allen das fröhlichste Gesicht hatte.
+Vor allem mußte der Riesenkuchen in der Mitte zerschnitten und die
+Hälfte auf den Boden gelegt werden, daß man Platz bekam. Nun
+folgte ein fröhliches Festessen, denn jedem, der an diesem Tisch
+saß, war sein höchster Wunsch in Erfüllung gegangen.
+
+Als es nun spät geworden war unter all der Freude und man endlich
+vom Tisch aufstehen mußte, sagte Andres: “Heute habt ihr ein Fest
+bereitet. Aber am Sonntag will ich auch eins bereiten, dann kommt
+ihr wieder. Und das soll das Fest des Einstands sein für mein
+Töchterchen.”
+
+Nun schüttelten sich alle die Hände in der frohen Aussicht auf ein
+neues herrliches Fest und auf die immerwährende Befriedigung, das
+Wiseli beim Schreiner Andres zu wissen. In der Tür aber gab Wiseli
+dem Otto noch einmal die Hand und sagte: “Ich danke dir
+hunderttausendmal für alles Gute, Otto. Der Chäppi hat mir auch
+nie mehr etwas an den Kopf geworfen, weil er nicht durfte. Das
+habe ich nur dir zu danken.”
+
+“Und ich danke dir auch, Wiseli”, entgegnete Otto. “Ich habe gar
+nie mehr die Fetzen auflesen müssen in der Schule. Das habe ich
+nur dir zu danken.”
+
+Nun war in dem Stübchen alles still geworden, und der Mondschein
+kam leise durchs Fenster herein, bei dem der Schreiner Andres saß,
+während Wiseli abräumte. Dann kam das Kind zu ihm und sagte:
+“Vater, soll ich dir nicht den Liedervers der Mutter laut vorbeten?
+Ich habe ihn heute abend immer wieder leise für mich sagen müssen.
+Den will ich gewiß mein ganzes Leben lang nie vergessen.”
+
+Andres wollte den Vers hören, und Wiseli schaute zu den Sternen auf
+und sagte tief aus seinem Herzen heraus:
+
+(“Befiehl du deine Wege,
+Und was dein Herze kränkt,
+Der allertreusten Pflege
+Des, der den Himmel lenkt.)
+
+(Der Wolken, Luft und Winden
+Gibt Wege, Lauf und Bahn,
+Der wird auch Wege finden,
+Wo dein Fuß gehen kann.”)
+
+
+Von diesem Tag an war und blieb das allerglücklichste Haus im
+ganzen Dorf und im ganzen Land das Häuschen des Schreiners Andres
+mit dem sonnigen Nelkengarten. Wo seither das Wiseli sich blicken
+ließ, da waren alle Leute so freundlich mit ihm, daß es nur staunen
+mußte. Denn vorher hatten sie es nie beachtet, und der Onkel und
+die Tante gingen nie am Haus vorbei, ohne schnell hereinzukommen,
+ihm die Hand zu geben und zu sagen, es solle auch zu ihnen kommen.
+
+Über diese Wendung war das Wiseli froh, denn es hatte immer
+heimlich Angst gehabt beim Gedanken, was der Onkel zu allem sagen
+werde. So war Wiseli von aller Furcht befreit und war fröhlich.
+Im stillen aber dachte es: Der Otto und seine Familie waren gut mit
+mir, als es mir schlechtging und ich niemanden mehr auf der Welt
+hatte. Aber die anderen Leute sind erst freundlich mit mir
+geworden, seit es mir gutgeht und ich einen Vater habe. Ich weiß
+ganz gut, wer es am besten mit mir meint.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenber Etextes Wie Wiselis Weg gefunden wird
+Erzählung von Johanna Spyri.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK WIE WISELIS WEG GEFUNDEN WIRD
+ERZÄHLUNG ***
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
+United States without permission and without paying copyright
+royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
+of this license, apply to copying and distributing Project
+Gutenberg™ electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG™
+concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
+and may not be used if you charge for an eBook, except by following
+the terms of the trademark license, including paying royalties for use
+of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
+copies of this eBook, complying with the trademark license is very
+easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
+of derivative works, reports, performances and research. Project
+Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
+do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
+by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
+license, especially commercial redistribution.
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+START: FULL LICENSE
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase “Project
+Gutenberg”), you agree to comply with all the terms of the Full
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+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or
+destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your
+possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
+Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound
+by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
+person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
+1.E.8.
+
+1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg™ electronic works if you follow the terms of this
+agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg™
+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation (“the
+Foundation” or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
+United States and you are located in the United States, we do not
+claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
+displaying or creating derivative works based on the work as long as
+all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
+that you will support the Project Gutenberg™ mission of promoting
+free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg™
+works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
+Project Gutenberg™ name associated with the work. You can easily
+comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg™ License when
+you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
+in a constant state of change. If you are outside the United States,
+check the laws of your country in addition to the terms of this
+agreement before downloading, copying, displaying, performing,
+distributing or creating derivative works based on this work or any
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+obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™
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+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg™ electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
+additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
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+posted with the permission of the copyright holder found at the
+beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg™.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg™ License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
+any word processing or hypertext form. However, if you provide access
+to or distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format
+other than “Plain Vanilla ASCII” or other format used in the official
+version posted on the official Project Gutenberg™ website
+(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
+to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
+of obtaining a copy upon request, of the work in its original “Plain
+Vanilla ASCII” or other form. Any alternate format must include the
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+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg™ electronic works
+provided that:
+
+• You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
+ to the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has
+ agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
+ within 60 days following each date on which you prepare (or are
+ legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
+ payments should be clearly marked as such and sent to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
+ Section 4, “Information about donations to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation.”
+
+• You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™
+ License. You must require such a user to return or destroy all
+ copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
+ all use of and all access to other copies of Project Gutenberg™
+ works.
+
+• You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+• You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg™ works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
+Gutenberg™ electronic work or group of works on different terms than
+are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
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+forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project Gutenberg™
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+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
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+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium
+with your written explanation. The person or entity that provided you
+with the defective work may elect to provide a replacement copy in
+lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
+or entity providing it to you may choose to give you a second
+opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
+without further opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you ‘AS-IS’, WITH NO
+OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of
+damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
+violates the law of the state applicable to this agreement, the
+agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
+limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
+unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
+remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg™ electronic works in
+accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
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+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
+including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
+the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
+or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any
+Defect you cause.
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg™
+
+Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s
+goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg™ and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org.
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West,
+Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
+to date contact information can be found at the Foundation’s website
+and official page at www.gutenberg.org/contact.
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
+widespread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate.
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg™ electronic
+works
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg™ concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg™ eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our website which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org.
+
+This website includes information about Project Gutenberg™,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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