summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/9494-8.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '9494-8.txt')
-rw-r--r--9494-8.txt2376
1 files changed, 2376 insertions, 0 deletions
diff --git a/9494-8.txt b/9494-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..4ba9c60
--- /dev/null
+++ b/9494-8.txt
@@ -0,0 +1,2376 @@
+The Project Gutenberg EBook of Title: Der Schuss von der Kanzel, by
+Conrad Ferdinand Meyer
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
+www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+Title: Title: Der Schuss von der Kanzel
+
+Author: Conrad Ferdinand Meyer
+
+Posting Date: October 3, 2014 [EBook #9494]
+Release Date: December, 2005
+First Posted: October 5, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TITLE: DER SCHUSS VON DER KANZEL ***
+
+
+
+
+Produced by Delphine Lettau, Mike Pullen and Gutenberg Projekt-DE
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+Der Schuß von der Kanzel
+
+Novelle
+
+Conrad Ferdinand Meyer
+
+
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Zween geistliche Männer stiegen in der zweiten Abendstunde eines
+Oktobertages von dem hochgelegenen Ütikon nach dem Landungsplatze
+Obermeilen hinunter. Der kürzeste Weg vom Pfarrhause, das bequem
+neben der Kirche auf der ersten mit Wiesen und Fruchtbäumen bedeckten
+Stufe des Höhenzuges lag, nach der durch ein langes Gemäuer, einen
+sogenannten Hacken, geschützten Seebucht, führte sie durch leere
+Weinberge. Die Lese war beendigt. Zur Rechten und Linken zeigte der
+Weinstock nur gelbe oder zerrissene Blätter, und auf den das
+Rebgelände durchziehenden dunkelgrünen Rasenstreifen blühte die
+Zeitlose. Nur aus der Ferne, wo vielleicht ein erfahrener Mann seinen
+Wein außergewöhnlich lange hatte ausreifen lassen, damit der Tropfen
+um so kräftiger werde, scholl zuweilen ein vereinzeltes Winzerjauchzen
+herüber.
+
+Die beiden schritten, wie von einem Herbstgefühle gedrückt, ohne Worte
+einer hinter dem andern. Auch bot ihnen der mit ungleichen
+Steinplatten und Blöcken belegte steile Absteig eine unbequeme Treppe
+und wurden sie vom Winde, der aus Westen her in rauhen Stößen über den
+See fuhr, zuweilen hart gezaust.
+
+Die ersten Tage der Lese waren die schönsten des Jahres gewesen. Eine
+warme Föhnluft hatte die Schneeberge und den Schweizersee auf ihre
+Weise idealisiert, die Reihe der einen zu einem einzigen stillen,
+großen Leuchten verbunden, den andern mit dem tiefen und kräftigen
+Farbenglanze einer südlichen Meerbucht übergossen, als gelüste sie
+eine bacchische Landschaft, ein Stück Italien, über die Alpen zu
+versetzen.
+
+Heute aber blies ein heftiger Querwind, und die durch grelle Lichter
+und harte Schatten entstellten Hochgebirge traten in schroffer, fast
+barocker Erscheinung dem Auge viel zu nahe.
+
+"Pfannenstiel, dein Vorhaben entbehrt der Vernunft!" sagte nun
+plötzlich der Vorangehende, ein kurzer, stämmiger, trotz seiner Jugend
+fast etwas beleibter Mann, stand still und kehrte sein blühendes
+Gesicht rasch nach dem schmalen und hagern Gefährten um.
+
+Dieser stolperte zur Antwort über einen Stein; denn er hatte den Blick
+bis jetzt unverwandt auf die Turmspitze von Mythikon geheftet, die am
+jenseitigen Ufer über einer dunkelbewaldeten Halbinsel als schlanke
+Nadel in den Himmel aufstach. Nachdem er seine langen Beine wieder in
+richtigen Gang gebracht hatte, erwiderte er in angenehmem Brusttone:
+
+"Ich bilde mir ein, Rosenstock, der General werde mich nicht wie ein
+Lästrygone empfangen. Er ist mein Verwandter, wenn auch in entferntem
+Grade, und gestern noch habe ich ihm meine Dissertation über die
+Symbolik der Odyssee mit einer artigen Widmung zugesendet."
+
+"Heilige Einfalt!" brummte Rosenstock, der sein kräftiges Kolorit dem
+Gewerbe seiner Väter verdankte, die seit Menschengedenken eine in
+Zürich namhafte Fleischer- und Wursterfamilie gewesen, "du kennst ihn
+schlecht, den da drüben!", und er deutete mit einer kurzen Bewegung
+seines runden Kinns über den See nach einem Landhause von
+italienischer Bauart, das an der nördlichen Einbuchtung der
+eichenbestandenen Halbinsel lag. "Er ist für seine Verwandten nicht
+zärtlich, und deine schwärmerische Dissertation, die übrigens alle
+Verständigen befremdet hat, spottet er dir zuschanden." Der Pfarrer
+von Ütikon blies in die Luft, als formte er eine schillernde
+Seifenblase, dann fuhr er nach einer Weile fort:
+
+"Glaube mir, Pfannenstielchen, du hast besser mit den beiden Narren
+dort drüben, den Wertmüllern, nichts zu schaffen. Der General ist
+eine Brennessel, die keiner ungestochen berührt, und sein Vetter, der
+Pfarrer von Mythikon, das alte Kind, bringt unsern Stand in Verruf mit
+seiner Meute, seinem Gewehrkasten und seinem unaufhörlichen Puffen und
+Knallen. Du hast ja selbst im Frühjahre als Vikar genug darunter zu
+leiden gehabt. Freilich die Rahel mit ihrem feingebogenen Näschen und
+ihrem roten Kirschmunde! Aber sie liebt dich nicht! Die Junkerin
+wird schließlich bei einem Junker anlangen. Es heißt, sie sei mit dem
+Leo Kilchsperger verlobt. Doch laß dich's, hörst du, nicht anfechten.
+Ein Korb ist noch lange kein consilium abeundi. Um dich zu trösten:
+Auch ich habe deren einige erhalten, und, siehe, ich lebe und gedeihe,
+bin auch vor kurzem in den Stand der Ehe getreten."
+
+Der lange Kandidat warf unter seinen blonden, vom Winde verwehten
+Haaren hervor einen Blick der Verzweiflung auf den Kollegen und
+seufzte erbärmlich. Ihm mangelte die dessen Herzmuskel bekleidende
+Fettschicht.
+
+"Weg! fort von hier!" rief er dann schmerzvoll aufgeregt. "Ich gehe
+hier zugrunde! Der General wird mir die erledigte Feldkaplanei seiner
+venezianischen Kompanie nicht verweigern."
+
+"Pfannenstiel, ich wiederhole dir, dein Vorhaben entbehrt der Vernunft!
+Bleibe im Lande und nähre dich redlich."
+
+"Du nimmst mir allen Lebensatem", klagte der Blonde. "Ich soll nicht
+fort und kann nicht bleiben. Wohin soll ich denn? Ins Grab?"
+
+"Schäme dich! Deine Knabenschuhe vertreten sollst du! Der Gedanke
+mit der venezianischen Feldkaplanei wäre an sich so übel nicht. Das
+heißt, wenn du ein resoluter Mensch wärest und nicht so blaue
+unschuldige Kinderaugen hättest. Der General hat sie neulich mir
+angetragen. Ein so geräumig entwickelter Brustkasten würde seinen
+Leuten imponieren, meinte er. Natürlich Affenpossen! Denn er weiß,
+daß ich ein befestigter Mensch bin und meinen Weinberg nicht verlasse."
+
+"Warst du drüben?"
+
+"Vorgestern."--Dem Ütikoner stieg ein Zorn in den Kopf. "Seit er
+wieder hier ist--nicht länger als eine Woche--, hat der alte
+Störefried richtig Stadt und See in Aufruhr gebracht. Er komme, vor
+dem nächsten Feldzuge sein Haus zu bestellen, schrieb er von Wien.
+Nun er kam, und es begann ein Rollen von Karossen am linken Seeufer
+nach der Au zu. Die Landenberge, die Schmidte, die Reinharte, alle
+seine Verwandten, die den ergrauten Freigeist und Spötter sonst mieden
+wie einen Verpesteten, alle kamen und wollten ihn beerben. Er aber
+ist nie zu Hause, sondern fährt wie ein Satan auf dem See herum,
+blitzschnell in einer zwölfrudrigen Galeere, die er mit seinen Leuten
+bemannt. Meine Pfarrkinder reißen die Augen auf, werden unruhig und
+munkeln von Hexerei. Nicht genug! Vom Eindunkeln an bis gegen Morgen
+steigen feurige Drachen und Scheine aus den Schlöten des Auhauses auf.
+Der General, statt wie ein Christenmensch zu schlafen, schmiedet und
+schlossert zuweilen die ganze Nacht hindurch. Kunstreiche Schlösser,
+wahre Prachtstücke, hab ich von seiner Arbeit gesehn, die kein
+Dietrich öffnet, für Leute, sagte er mit einem boshaften Seitenblicke
+auf meine apostolische Armut, die Schätze sammeln, welche von Dieben
+gestohlen und von Motten gefressen werden. Nun du begreifst, die
+Funkengarbe spielt ihre Rolle und wird als Straße des Höllenfürsten
+durch den Schornstein viel betrachtet und reichlich besprochen. So
+wuchs die Gärung. Die Leute aufklären ist von eitel bösen Folgen.
+Ich wählte den kürzeren Weg und ging hinüber, den General als Freund
+zu warnen. Kreuzsapperlot, an den Abend werd ich mein Lebtag denken.
+Meine Warnung beseitigte er mit einem Hohnlächeln, dann faßte er mich
+am Rockknopfe, und ein Diskurs bricht los, wie Sturm und Wirbelwind,
+sag ich dir, Pfannenstiel., Mit abgerissenen Knöpfen und gerädert kam
+ich nach Hause. Mosler hat er mir vorgesetzt, aber mit den größten
+Bosheiten vergällt. Natürlich sprach er von seinem Testamente, denn
+das ist jetzt sein Steckenpferd. 'Ihr steht auch darin, Ehrwürden!'
+Ich erschrecke. 'Nun, ich will Euch den Paragraphen weisen.' Er
+öffnet das Konvolut. 'Leset.' Ich lese, und was lese ich,
+Pfannenstiel?
+
+"... 'Item, meinem schätzbaren Freunde, dem Pfarrer Rosenstock, zwei
+hohle Hemdknöpfe von Messing mit einer Glasscheibe versehen, worunter
+auf grünem Grunde je drei winzige Würfelchen liegen. Gestikuliert der
+Herr auf der Kanzel nun mit der Rechten, nun mit der Linken, und
+schüttelt besagte Würfelchen auf eine ungezwungene Weise, so kann er
+vermittelst wiederholter schräger Blicke bei währendem Sermone mit
+sich selbst ein kurzweiliges Spielchen machen. Vorgenannte Knöpfe
+sind in Algier, Tunis und Tripolis bei den Andächtigen beliebt und
+finden ihre Anwendung in den Moscheen während der Vorlesung des
+Korans'...
+
+"Nun denke dir, Pfannenstiel, das Ärgernis bei Eröffnung des
+Testamentes!--Der Bösewicht ließ sich dann erbitten, mir die Gabe
+gleich einzuhändigen und den Paragraphen zu streichen. Hier!" Und
+Rosenstock hob das niedliche Spielzeug aus seiner Brusttasche.
+
+"Das ist ja eine ganz ruchlose Erfindung", sagte Pfannenstiel mit
+einem Anfluge von Lächeln, denn er kannte die Neigung des Ütikoners
+zum Würfelspiele, "und du meinst, der General ist allen geistlichen
+Leuten aufsässig?"
+
+"Allen ohne Ausnahme, seit er puncto gottloser Reden prozessiert und
+um eine schwere Summe gebüßt wurde!"
+
+"Ist ihm nicht zu viel geschehen?" fragte Pfannenstiel, der sich den
+helvetisch reformierten Glaubensbegriff mit etwas bescheidener Mystik
+versüßte und in dem keine Ader eines kirchlichen Verfolgers war.
+
+"Durchaus nicht. Nur mußte er die ganze große Rechnung auf einmal
+bezahlen. Auf seinem ganzen Lebenswege, von Jugend an hat er
+blasphemiert, und das wurde dann so gesammelt, das summierte sich dann
+so. Als er endlich in unserm letzten Bürgerkriege Rapperswyl
+vergeblich belagerte, ohne Menschenleben zu schonen, was die erste
+Pflicht eines republikanischen Heerführers ist, erbitterte er die
+öffentliche Meinung gegen sich, und wir durften ihm an den Kragen. Da
+wurde ihm eingetränkt, was er alles an unserer Landeskirche gefrevelt
+hatte. Jetzt freilich dürfen wir dem Feldherrn der Apostolischen
+Majestät weiter nichts anhaben, sonst wird er uns zum Possen noch
+katholisch und das zweite Ärgernis schlimmer als das erste. Man
+erzählt sich, er tafle in Wien mit Jesuiten und Kapuzinern.--Wir
+geistlichen Leute sind eben, so oder so betitelt und verkleidet, in
+der Welt nicht zu entbehren!"
+
+Der Ütikoner belachte seinen Scherz und blieb stehen. "Hier ist die
+Grenze meines Weinbergs", sagte er. Mit diesem Ausdrucke bezeichnete
+er seine Gemeinde. "Willst du nach dem Erzählten noch hinüber zum
+Generale? Pfannenstiel, begehst du die Torheit?"
+
+"Ich will es ein bißchen mit der Torheit versuchen, die Weisheit hat
+mir bis jetzt nur herbe Früchte gezeitigt", erwiderte Pfannenstiel
+sanftmütig und schied von seinem gestrengen Kollegen.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Wenig später saß der verliebte und verzweifelnde Kandidat auf dem
+Querbrette eines langen und schmalen Nachens, den der junge Schiffmann
+Bläuling mitten über die Seebreite mit kaum aus dem Wasser gehobenem
+Ruder der Au zulenkte.
+
+Schon warf das schweigsame Eichendunkel seine schwarzen Abendschatten
+weit auf die schauernden Gewässer hinaus. Bläuling, ein ernsthafter,
+verschlossener Mensch mit regelmäßigen Gesichtszügen, tat den Mund
+nicht auf. Sein Nachen schoß gleichmäßig und kräftig, wie ein
+selbständiges Wesen durch die unruhige Flut. Auf und nieder war der
+ganze See mit gewölbten Segeln bevölkert; denn es war Sonnabend und
+die Schiffe kehrten von dem gestrigen städtischen Wochenmarkte heim.
+Drei Segel flogen heran, die eine Figur mit sich verschiebenden
+Endpunkten bildeten, und schlossen das Schifflein des Kandidaten in
+ihre Linien ein. "Nehmt mich mit in die weite Freiheit!" flehte er
+sie unbewußt an, aber sie entließen ihn wieder aus ihrem wandernden
+Netze.
+
+Unterdessen näherte sich zusehends das Landhaus des Generals und
+entwickelte seine Fassade. Der fest, aber leicht aufstrebende Bau
+hatte nichts zu tun mit den landesüblichen Hochgiebeln, und es war,
+als hätte er bei seiner Eigenart die Einsamkeit absichtlich aufgesucht.
+
+"Dort ist das Kämmerlein der Türkin", ließ sich jetzt der schweigsame
+Bläuling vernehmen, indem seine Rechte das Ruder fahren ließ und nach
+der Südecke des Hauses zeigte. "Der Türkin?" Der ganze Kandidat wurde
+zu einem bedenklichen Fragezeichen.
+
+"Nun ja, der Türkin des Wertmüllers; er hat sie aus dem Morgenlande
+heimgebracht, wo er für den Venezianer Krieg führte. Ich habe sie
+schon oft gesehen, ein hübsches Weibsbild mit goldenem Kopfputze und
+langen, offenen Haaren; gewöhnlich wenn ich vorüberfahre, legt sie die
+Finger an den Mund, als pfiffe sie einem Mannsvolk; aber gegenwärtig
+liegt sie nicht im Fenster."
+
+Ein langgezogener Ruf schnitt durch die Lüfte, gerade über die Barke
+hin: "Sweine-und!" scholl es vernehmlich vom Ufer her.
+
+Der aufgebrachte Bläuling schlug sein Ruder ins Wasser, daß zischend
+und spritzend ein breiter Strahl an der Seite des Fahrzeuges
+emporschoß.
+
+"So wird man", zürnte er, "seit den paar Tagen, daß der Wertmüller
+wieder hier ist, überall auf dem See mit Namen gerufen. Es ist der
+verreckte Schwarze, der mit dem Sprachrohre des Generals rumort und
+spektakelt. Vergangenen Sonntag im Löwen zu Meilen schenkten sie ihm
+ein und soffen ihn unter den Tisch. Dann brachten sie ihn nachts in
+meinem Schiffe dem Wertmüller zurück. Nun schimpft der Kaminfeger
+durch das Rohr nach Meilen hinüber, aber morgen, beim Eid, sitzt er
+wieder unter uns im Löwen.--Nun frage ich: woher hat der Mohr das
+fremde Wort? Hier sagt man sich auch wüst, aber nicht so."
+
+"Der General wird ihn so schelten", bemerkte Pfannenstiel kleinlaut.
+
+"So ist es, Herr", stimmte der Bursche ein. "Der Wertmüller bringt
+die hochdeutschen, fremdländischen Wörter ins Land, der Staatsverräter!
+Aber ich lasse mir auf dem See nicht so sagen, beim Eid nicht."
+
+Bläuling wandte ohne weiteres seine Barke und gewann mit eiligen,
+kräftigen Ruderzügen wieder die Seemitte.
+
+"Was ficht Euch an, guter Freund? Ich beschwöre Euch", eiferte
+Pfannenstiel. "Hinüber muß ich! Nehmt doppelte Löhnung!"
+
+Doch das Silber verlor seine Kraft gegen die patriotische Entrüstung,
+und der Kandidat mußte sich auf das Bitten und Flehen legen. Mit Mühe
+erlangte er von dem beleidigten Bläuling, daß ihn dieser, "weil Ihr es
+seid", sagte der Bursche, außerhalb der Tragweite des Sprachrohres um
+die ganze Halbinsel herum in ihre südliche Bucht beförderte. Dort
+ließ er den Kandidaten ans Ufer steigen und ruderte nach wenigen
+Minuten den sich rasch verkleinernden Nachen wieder mitten in der
+Bläue.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+So wurde Pfannenstiel wie ein Geächteter unter den Eichen der
+Halbinsel ausgesetzt. Ein enger Pfad vertiefte sich in das Halbdunkel,
+und er zögerte nicht, ihn zu betreten. Mit Diebesschritten eilte er
+durch das unter seinen Sohlen raschelnde Laub einer nahen Lichtung zu.
+Das einem bösen Traume verwandte Gefühl, den fremden Besitz auf so
+ungewöhnlichem Wege zu betreten, gab ihm Flügel, doch begann auch das
+Element des Abenteuerlichen, das in jedem Menschenherzen schlummert,
+seinen geheimen Reiz auf ihn auszuüben. So wirft sich ein Badender in
+die Flut, die er zuerst leise schauernd mit der Zehe geprüft hat.
+
+Die bald erreichte Lichtung war nur eine beschränkte, von oben wie
+durch eine Kuppelöffnung erhellte Moosstelle. Ein darauf spielendes
+Eichhorn setzte über den Kopf des Kandidaten weg auf einen
+niederhangenden Zweig, der erst ins Schwanken geriet, als das schnelle
+Tierchen schon einen zweiten erreicht hatte.
+
+Wieder führte der Pfad eine Weile durch das grüne Dunkel, bis er sich
+plötzlich wandte und der Kandidat das Landhaus in der Entfernung von
+wenigen Schritten vor sich erblickte.
+
+Diese Schritte aber tat er sehr langsam. Er gehörte zu jenen
+schüchternen Leuten, für welche das Auftreten und das Abgehen mit
+Schwierigkeiten verbunden ist, und der General stand im Rufe, seinen
+Gästen nur dieses, nicht aber jenes zu erleichtern. So kam es, daß er
+hinter der äußersten Eiche, einem gewaltigen Stamme, unschlüssig
+stehenblieb. Was er indessen aus seinem Verstecke hervor erlauschte,
+war ein idyllisches Bild, das ihn in keiner Weise hätte einschüchtern
+können.
+
+Der General plauderte in der hallenartig gebauten und zur jetzigen
+Herbstzeit nur allzu luftigen Veranda, deren sechs hohe Säulen ein
+prächtiges ausländisches Weinlaub umwand, gemütlich mit seinem Nachbar,
+dem Krachhalder, einem der Kirchenältesten von Mythikon, die der
+Kandidat während seines Vikariats allsonntäglich im Chore hatte sitzen
+sehen und die ihm bekannt waren wie die zwölf Apostel. Mit
+aufgestützten Ellenbogen ritt Wertmüller auf einem leichten Sessel und
+zeigte seine scharfe Habichtsnase und das stechende Kinn im Profil,
+während der schöne, alte, schlaue Kopf des Krachhalders einen ungemein
+milden Ausdruck hatte.
+
+"Wir sind wie die Blume des Feldes", führte der Alte in erbaulicher
+Weise das Gespräch, "und es trifft sich, Herr Wertmüller, daß wir
+beide in diesen Tagen unser Haus bestellen. Ich mache Euch kein
+Geheimnis daraus: Drei Pfund vergabe ich zur neuen Beschindelung
+unserer Kirchturmspitze."
+
+"Ich will mich auch nicht als Lump erweisen", versetzte der General,
+"und werfe testamentarisch ebensoviel aus zur Vergoldung unsers
+Gockels, daß sich das Tier nicht schämen muß, auf der neubeschindelten
+Spitze zu sitzen."
+
+Der Krachhalder schlurfte bedächtig aus dem vor ihm stehenden Glase,
+dann sprach er: "Ihr seid kein kirchlicher Mann, aber Ihr seid ein
+gemeinnütziger Mann. Erfahret: Die Gemeinde erwartet etwas von Euch."
+
+"Und was erwartet die Gemeinde von mir?" fragte der General neugierig.
+
+"Wollt Ihr es wissen? Und werdet Ihr es nicht zürnen?"
+
+"Durchaus nicht."
+
+Der Krachhalder machte eine zweite Pause. "Vielleicht ist Euch eine
+andere Stunde gelegener", sagte er.
+
+"Es gibt keine andere Stunde als die gegenwärtige. Benützt sie!"
+
+"Ihr würdet Euch ein schönes Andenken stiften, Herr General, bei Kind
+und Kindeskind..."
+
+"Ich unterschätze den Nachruhm nicht", sagte der General.
+
+Dem Krachhalder, der den wunderlichen Herrn so aufgeräumt sah, schien
+der günstige Augenblick gekommen, dem lange genährten Wunsche der
+Mythikoner in vorsichtigen Worten Gestalt zu geben.
+
+"Euer Forst im Wolfgang, Herr Wertmüller", begann er zögernd. Der
+General verfinsterte sich plötzlich, und der alte Bauer sah es wie
+eine Donnerwolke aufsteigen, "stößt seine Spitze..."
+
+"Wohin stößt er seine Spitze?" fragte Wertmüller grimmig.
+
+Der Krachhalder überlegte, ob er vor- oder rückwärts wolle, ungefähr
+wie ein mitten auf dem See vom Sturm Überraschter. Er entschied sich
+für das Vorrücken. "... mitten durch unsere Gemeindewaldung..."
+
+Jetzt sprang der General mit einem Satze von seinem Sessel auf, faßte
+ihn an einem Bein, schwang ihn durch die Lüfte und setzte sich in
+Fechtpositur.
+
+"Wollen mich die Mythikoner plündern?" schrie er wütend, "bin ich
+unter die Räuber gefallen?" Dann fuhr er, seine hölzerne Waffe senkend,
+gelassener fort: "Daraus wird nichts, Krachhalder. Redet das den
+Leuten aus. Ich will Euch nicht noch von jenseits des Grabes eine
+Nase drehen!"
+
+"Nichts für ungut", versetzte der Alte mit Ruhe, "Ihr werdet es
+bedenken, Herr Wertmüller."
+
+Auch er hatte sich erhoben und nahm von dem Generale mit einem
+treuherzigen Händedruck den landesüblichen Abschied.
+
+Wertmüller geleitete ihn ein paar Schritte, dann wandte er sich, und
+vor ihm stand sein Leibmohr Hassan. Der Schwarze machte eine
+flehentliche Gebärde und bat, das Deutsche wunderlich radbrechend, um
+einen Urlaub für morgen nachmittag; denn seine Seele zog ihn zu seinen
+neuen Freunden in Meilen.
+
+"Bist du ganz des Teufels, Hassan!" schalt ihn der General. "Sie
+haben dir letzten Sonntag drüben arg genug mitgespielt."
+
+"Mitgespielt!" wiederholte der Mohr, der das Wort mißverstand. "Schön,
+wundervoll Spiel!"
+
+"Hast du denn gar kein Ehrgefühl? Die Berührung mit der Zivilisation
+richtet dich zugrunde--du säufst wie ein Christ!"
+
+"Nicht saufen, Gnaden! Schön Spiel, einzig Spiel! J-aß!" Er riß eine
+solche Grimasse und verdrehte die Augen mit so leidenschaftlicher
+Inbrunst, daß Pfannenstiel, der, wie oft die unschuldigen Menschen,
+viel Sinn für das Komische und überdies jetzt etwas gespannte Nerven
+hatte, in ein vernehmliches Gekicher ausbrach, welches er mit aller
+Gewalt nicht unterdrücken konnte.
+
+Seine Gegenwart verraten sehend, trat der Kandidat, da er nicht wie
+eine überraschte Dryade in die Eiche hineinschlüpfen konnte, verschämt
+hinter derselben hervor und näherte sich dem General mit wiederholten
+verlegenen Bücklingen.
+
+"Was will denn Er hier?" fragte dieser gedehnt und maß ihn vom Wirbel
+bis zur Zehe: "Wer ist Er?"
+
+"Ich bin der Vetter... des Vetters... vom Vetter..." stotterte der
+Angeredete.
+
+Der General runzelte die Stirne.
+
+"Mein Vater war ein Pfannenstiel und meine Mutter ist eine selige
+Kollenbutz..."
+
+"Will Er mir seinen ganzen verfluchten Stammbaum explizieren? Was
+Vetter? Mein Bruder ist Er--alle Menschen sind Brüder! Scher Er sich
+zum Teufel!" und Wertmüller wandte ihm den Rücken.
+
+Pfannenstiel regte sich nicht. Der Empfang des Generals hatte ihn
+versteinert.
+
+"Fannen-stiel--", buchstabierte der Schwarze das ihm noch unbekannte
+Wort, als wolle er seinen deutschen Sprachschatz bereichern.
+
+"Pfannenstiel?" wiederholte auch der aufmerksam werdende General, "der
+Name ist mir bekannt--halt, Er ist doch nicht der Autor", und er
+kehrte sich dem Jüngling wieder zu, "der mir gestern seine
+Dissertation über die Symbolik der Odyssee zugesendet hat?"
+
+Pfannenstiel neigte bejahend das Haupt.
+
+"Dann ist Er ja ein ganz liebenswürdiger Mensch!" sagte Wertmüller und
+ergriff ihn freundlich bei der Hand. "Wir müssen uns kennenlernen."
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Er trat mit dem Gaste in die Veranda, drückte ihn auf einen Sitz
+nieder, goß ihm eines der auf dem Schenktische stehenden Gläser voll
+und ließ ihn sich erholen und erquicken.
+
+"Der Empfang war militärisch", tröstete er ihn dann, "aber Ihr werdet
+im Soldaten keinen unebenen Hauswirt finden. Ihr nächtigt heute auf
+der Au--ohne Widerrede!--Wir haben manches zu verhandeln.--Seht,
+Lieber, Eure Abhandlung hat mich ganz angenehm unterhalten", und
+Wertmüller langte nach dem Buche, welches in einer Fensternische des
+die Rückwand der Veranda bildenden Erdgeschosses lag und zwischen
+dessen Blätter er die zerlesene Dissertation des Kandidaten eingelegt
+hatte.
+
+"Zuerst eine Vorfrage. Warum habt Ihr mir Euer Werk nur mit einer
+Zeile zugeschrieben, statt mir es coram populo auf dem ersten weißen
+Blatte mit aufrichtigen, großen Druckbuchstaben zu dedizieren? Weil
+ich mit den Faffen, Euern Kollegen, gespannt bin, he? Ihr habt keinen
+Charakter, Pfannenstiel; ihr seid ein schwacher Mensch."
+
+Der Kandidat entschuldigte sich, seine unbedeutende Arbeit habe den
+Namen des berühmten Feldherrn und Literaturkenners nicht vor sich her
+tragen dürfen.
+
+"Durchaus nicht unbedeutend", lobte Wertmüller. "Ihr habt Phantasie
+und seid in die purpurnen Tiefen meines Lieblingsgedichtes
+untergetaucht, wie nicht leicht ein anderer. Freilich um etwas
+Absurdes zu beweisen. Aber es ist einmal nicht anders: wir Menschen
+verwenden unsere höchsten Kräfte zu albernen Resultaten. Dachtet Ihr
+daran, mich rechtzeitig zu Rate zu ziehen, ich gab Eurer Dissertation
+eine Wendung, die Euch selber, Eure fäffischen Examinatoren, das ganze
+Publikum in Erstaunen gesetzt hätte. Ihr habt es gefühlt,
+Pfannenstiel, daß die zweite Hälfte der Odyssee von besonderer
+Schönheit und Größe ist. Wie? Der Heimgekehrte wird als ein
+fahrender Bettler an seinem eigenen Herde mißhandelt. Wie? Die
+Freier reden sich ein, er kehre niemals wieder, und ahnen doch seine
+Gegenwart. Sie lachen und ihre Gesichter verzerrt schon der
+Todeskampf--das ist Poesie.--Aber Ihr habt recht, Pfannenstiel, was
+nützt mir die Poesie, wenn nicht eine Moral dahintersteckt? Es ist
+eine Devise in das Zuckerwerk hineingebacken--zerbrechen wir es! Da
+der Odysseus nicht bloß den Odysseus bedeuten darf, wen oder was
+bedeutet er denn? Unsern Herrn und Heiland--so beweist Ihr und habt
+Ihr es drucken lassen--, wenn er kommt zu richten Lebendige und Tote.
+Nein, Kandidat, Odysseus bedeutet jede in Knechtesgestalt mißhandelte
+Wahrheit mitten unter den übermütigen Freiern, will sagen, Faffen,
+denen sie einst in sieghafter Gestalt das Herz durchbohren wird.
+
+"He, Kandidat, wie gefällt Euch das?--So hättet Ihr es wenden sollen,
+und seid gewiß, Eure Dissertation hätte gerechtes Aufsehen erregt!"
+
+Pfannenstiel erbebte bei dem Gedanken, daß sich seiner Symbolik diese
+gotteslästerliche und verwegene Wendung hätte geben lassen. Sein
+einfaches Wesen ließ ihn den Pferdefuß des alten Spötters nicht oder
+doch nur in unbestimmten Umrissen erkennen.
+
+Um sich der Verlegenheit zu entziehen, dem alten Freigeiste eine
+Antwort geben zu müssen, nahm der Kandidat den Pergamentband in die
+Hände, mit welchem Wertmüller während seiner Rede gestikuliert hatte.
+Es war die aldinische Ausgabe der Odyssee. Pfannenstiel betrachtete
+andächtig das Titelblatt des seltenen Buches. Plötzlich fuhr er
+zurück wie vor einer züngelnden Natter. Er hatte auf dem freien Raume
+links neben dem Wappen des venezianischen Buchhändlers etwas
+verblichene, kühnfließende Federzüge entdeckt, die folgende Zeilen
+bildeten:
+
+Georgius Jenatius me jure possidet
+Constat R. 4. Kz. 12.
+
+Er warf das Buch weg, als atme es einen Blutgeruch aus.
+
+Damals moderte der fragwürdige Bündner schon seit Dezennien in der
+Domkirche von Chur, während sein Bild in zahmen und unpatriotischen
+Zeiten sich zu einem widerwärtigen verzerrt hatte, so daß nur der
+Apostat und der Blutmensch übrigblieb. Pfannenstiel betrachtete ihn
+einfach als ein Ungeheuer, an dessen Dagewesensein er kaum glauben,
+das er sich nicht realisieren konnte.
+
+Der General weidete sich an seinem Schrecken, dann sagte er leichthin:
+"Der liebe Mann, Euer gewesener Kollege, hat mich damit beschenkt, wie
+wir noch auf gutem Fuße standen und ich ihn auf seinem Malepartus in
+Davos besuchte."
+
+"Also hat er doch gelebt!" sprach der Kandidat halblaut vor sich hin,
+"er hat Bücher besessen, wie unsereiner, und ihren kostenden Preis auf
+das Titelblatt geschrieben."
+
+"Ja wohl hat er gelebt, und recht persönlich und zähe", sagte der
+General mit kurzem Lachen. "Noch heute nacht träumte mir von dem
+Bündner... Das kam daher, daß ich mich den ganzen gestrigen Tag mit
+einem häßlichen Geschäfte abgegeben hatte. Ich schrieb mein Testament
+nieder, und was ist kläglicher, als bei atmendem Leibe über seinen
+Besitz zu verfügen, der ja auch ein Teil von uns selber ist!"
+
+Die Neugierde des jungen Geistlichen wurde rege. Vielleicht war es
+ein warnendes Traumgesicht gewesen, das, fein und erbaulich ausgelegt,
+in dem ihm gegenüber Sitzenden einen guten und frommen Gedanken konnte
+entstehen lassen. "Wollt Ihr mir Euern Traum nicht mitteilen?" fragte
+er mit einem gefühlvollen Blicke.
+
+"Er steht zu Diensten. Es war in Chur. Menschengedränge,
+Staatsperücken, Militärpersonen--von der Hofkirche her Geläute und
+Salutschüsse. Wir treten unter dem Torbogen hervor in den
+bischöflichen Hof. Jetzt gehen wir zu zweien, neben mir ein Koloß.
+Ich sehe nur einen Federhut, darunter eine Gewaltsnase und den in den
+Kragen gesenkten pechschwarzen Spitzbart: 'Wertmüller', fragte der
+Große, 'wen bestatten wir?'--'Ich weiß nicht' sage ich. Wir treten in
+die Kathedrale zwischen das Gestühl des Schiffes. 'Wertmüller', fragt
+der andere, 'wem singen sie ein Requiem?'--'Ich weiß nicht' sag ich
+ungeduldig. 'Kleiner Wertmüller', sagt er, 'stell dich einmal auf die
+Zehen und sieh, wer da vorn aufgebahrt liegt.'--Jetzt unterscheide ich
+deutlich in den Ecken des Bahrtuches den Namenszug und das Wappen des
+Jenatschen, und im gleichen Augenblicke wendet er, neben mir stehend,
+mir das Gesicht zu--fahl mit verglühten Augen. 'Donnerwetter, Oberst',
+sag ich, 'Ihr liegt dort vorn unter dem Tuche mit Euern sieben
+Todeswunden und führt hier einen Diskurs mit mir! Seid Ihr doppelt?
+Ist das vernünftig? Ist das logisch? Schert Euch in die Hölle,
+Schäker!' Da antwortete er niedergeschlagen: 'Du hast mir nichts
+vorzurücken--mach dich nicht mausig. Auch du, Wertmüller, bist tot.'"
+
+Pfannenstiel überlief es kalt. Dieser Traum am Vorabende des ohne
+Zweifel blutigen Feldzuges, welcher dem General draußen im Reiche
+bevorstand, schien ihm von ernster Vorbedeutung, und er sann auf ein
+Wort geistlicher Zusprache.
+
+Auch Wertmüller konnte seinen Traum, nachdem er ihn einmal mitgeteilt,
+nicht sogleich wieder loswerden. "Der Oberst wurde von seinem
+Liebchen mit der Axt wie ein Stier niedergeschlagen", erging er sich
+in lauten Gedanken, "mir wird es so gut nicht werden. Fallen--wohlan!
+Aber nicht in einem Bettwinkel krepieren!"
+
+Vielleicht dachte er an Gift, denn er war am Hofe zu Wien in ein
+hartnäckiges Intrigenspiel verwickelt und hatte sich dort durch seinen
+Ehrgeiz Todfeinde gemacht.
+
+"Ehe ich meinen Koffer packe", fuhr er nach einer Pause fort, "möchte
+ich wohl noch einen Menschen glücklich machen--"
+
+Dem Kandidaten schoß das Wasser in die Augen, nicht in selbstsüchtigen
+Gedanken, sondern in uneigennütziger Freude über diese schöne Regung;
+doch es trocknete schnell, als der General seinen Satz abschloß:
+"--besonders wenn sich ein kräftiger Schabernack damit verbinden ließe."
+
+Das abergläubische Gefühl, das den General angewandelt hatte, war
+rasch vorübergegangen. "Was ist Euer Anliegen?" fragte er seinen Gast
+mit einer jener brüsken Wendungen, die ihm geläufig waren. "Ihr seid
+nicht hierhergekommen, um Euch meine Träume erzählen zu lassen."
+
+Nun berichtete Pfannenstiel dem Generale mit einer unschuldigen List,
+denn er wollte ihm seine Liebesverzweiflung, für die er ihm kein Organ
+zutraute, nicht verraten, wie ihn über dem Studium der Odyssee ein
+unwiderstehliches Verlangen ergriffen, die Heimat Homers, die goldene
+Hellas kennenzulernen. Da er keinen andern Weg wisse, seine
+Wanderlust zu befriedigen, sei ihm der Gedanke gekommen, sich bei dem
+Herrn für die Feldkaplanei seiner venezianischen Kompanie zu melden,
+die ja in den griechischen Besitzungen der Republik stationiere. "Sie
+ist erledigt", schloß er, "und wenn Ihr mir ein weniges gewogen seid,
+weiset Ihr mir die Stelle zu."
+
+Wertmüller blickte ihn scharf an. "Ich bin der letzte", sagte er,
+"der einem jungen Menschen eine gefährliche Karriere widerriete! Aber
+er muß dazu qualifiziert sein. Euer Knochengerüste, Freund, ist nicht
+fest genug gezimmert. Der erste beste relegierte Raufbold von Leipzig
+oder Jena wird meinen Kerlen mehr imponieren als Euer Johannesgesicht.
+Schlagt Euch das aus dem Kopfe. Wollt Ihr den Süden sehen, so sucht
+als Hofmeister Dienste bei einem jungen Kavalier und klopft ihm die
+Kleider! Doch auch das kann Euch nicht taugen. Das beste ist, Ihr
+bleibt zu Hause. Blickt aus! Zählt alle die Turmspitzen am See--das
+Kanaan der Pfarrer. Hier ist Euer Rhodus, hier tanzt--will sagen
+predigt!--Wozu sind die Geleise bürgerlicher Berufsarten da, als daß
+Euresgleichen sie befahre? Ihr wißt nicht, welcher Schenkelschluß
+dazu gehört, um das Leben souverän zu traktieren. Steht ab von Eurer
+Laune!", und er machte die Gebärde, als griffe er einem Rosse in die
+Zügel, das mit einem unvorsichtigen Knaben durchgegangen ist.
+
+Es entstand eine Pause. Wieder warf der General dem Kandidaten einen
+beobachtenden Blick zu.
+
+"Ihr seid ein lauterer Mensch", sagte er dann, "und es war Euer Ernst,
+Ihr würdet das griechische Abenteuer bestanden haben. Wie reimt sich
+das mit dem Pfannenstiel, den ich hier vor mir sehe? Da liegt ein Aal
+unter dem Steine. Ein verrückter Antiquar, wie sie zwischen den
+Ruinen herumkriechen, seid Ihr nicht. Also seid Ihr desperat. Aber
+warum seid Ihr desperat? Was treibt Euch weg? Heraus damit! Eine
+Figur? He? Ihr errötet!"
+
+Der sechzigjährige Wertmüller behandelte die weiblichen Wesen als
+Staffage und pflegte sie schlechtweg mit dem Malerausdrucke "Figuren"
+zu benennen.
+
+"Wo habt Ihr zuletzt konditioniert?"
+
+"In Mythikon bei Euerm Herrn Vetter während seiner Gichtanfälle."
+
+"Bei meinem Vetter? Will sagen bei der Rahel. Nun ist alles klar und
+deutlich wie mein neuverfaßtes Exerzierreglement. Das Mädchen hat
+Euch den Kopf verrückt und dann, wie recht und billig, einen Korb
+gegeben?"
+
+Der zartfühlende Kandidat hätte sich eher das Herz aus dem Leibe
+reißen lassen, als eingestanden, daß die Rahel--wie er daran nicht
+zweifeln konnte--ihm herzlich wohlwolle. Er antwortete bescheiden:
+
+"Der Herr Wertmüller, sonst mein Gönner, hat mich verabschiedet, weil
+ich mit Schießgewehr nicht umzugehen verstehe und mich auch davor
+scheue. Vor zwanzig Jahren ist damit in meiner Familie ein Unglück
+begegnet. Er nötigte mich, mit ihm in die Scheibe zu schießen, und
+ich habe keinen Schuß hineingebracht."
+
+"Ihr hättet Euch weigern sollen. Das hat Euch in Rahels Augen
+heruntergesetzt. Sie trifft immer ins Schwarze. Donnerwetter, da
+fällt mir ein, daß ich dem Alten noch etwas schuldig bin. Der
+geistliche Herr hat mir, während ich am Rheine bataillierte, meine
+Meute hier ganz meisterhaft beaufsichtigt. Er ist ein Kenner. Hassan,
+hol mir gleich das violette Saffianfutteral her, links zuunterst im
+Glasschranke der Waffenkammer.--Laßt Euch nicht stören, Kandidat." Der
+Mohr beeilte sich, und nach wenigen Augenblicken hielt Wertmüller zwei
+kleine Pistolen von zierlicher Arbeit in der Hand. Er reinigte mit
+einem Lederlappen die damaszierten Läufe und den Silberbeschlag der
+Kolben, in welchen hübsche seltsame Arabesken eingegraben waren.
+
+"Fortgefahren, Freund, in Eurer Elegie!" sagte er. "Das Mädchen also
+gab Euch einen Korb--oder ist es möglich, liebt sie Euch? Es gibt
+wunderliche Naturspiele!--und nur der Alte hätte Euch abblitzen lassen,
+he? Was gab er Euch für Gründe?"
+
+Pfannenstiel blieb erst die Antwort schuldig. Ihm war ängstlich
+zumute geworden, denn der General hatte, während er sprach, den Hahn
+der einen Pistole gespannt. Jetzt berührte Wertmüller den Drücker mit
+ganz leisem Finger, und der Hahn schlug nieder. Er spannte die zweite,
+streckte den Arm aus, schnitt eine Grimasse; nur nach harter
+Anstrengung gelang es ihm loszudrücken. Das Spiel der Feder mußte
+sich aus irgendeinem Grunde verhärtet haben, und er schüttelte
+unzufrieden den Kopf.
+
+Der Kandidat, der stark mit den Augen gezwinkert hatte, nahm jetzt den
+Faden des Gesprächs wieder auf, um den wahren Grund seiner
+Hoffnungslosigkeit anzudeuten. "Eine Wertmüllerin und ein
+Pfannenstiel!" sagte er in einem resignierten Tone, als nenne er Sonne
+und Mond und finde es ganz natürlich, daß dieselben nicht
+zusammenkommen.
+
+"Laß Er mich mit diesen Narreteien zufrieden!" fuhr ihn der General
+hart an. "Sind wir noch nicht über die Kreuzzüge hinaus, in welcher
+geistreichen Epoche die Wappen erfunden wurden? Aber auch damals, wie
+überhaupt jederzeit, galt der Mann mehr als der Name, sonst wäre die
+Welt längst vermodert wie ein wurmstichiger Apfel. Seh Er,
+Pfannenstiel, ich gelte hier für einen Patricius; als ich aber in
+kaiserliche Dienste trat, wie blickten die Herren Kollegen von soundso
+viel Quartieren hochnasig auf das plebejische Mühlrad in meinem Wappen
+herunter. Dennoch mußten sie es eben leiden, daß der Müller die von
+ihnen mehr als zur Hälfte ruinierte Kampagne wiederherstellte und
+gewann! Hör Er, Pfannenstiel, es fehlt Ihm an Selbstgefühl, und das
+schadet Ihm bei der Rahel."
+
+Der Kandidat befand sich in einem seltsamen Falle. Er konnte den
+Standpunkt Wertmüllers nicht teilen, denn er fühlte dunkel, daß eine
+so vollständige Vorurteilslosigkeit die ganze alte Ordnung der Dinge
+durchstieß, und diese war ihm ehrwürdig, auch da, wo sie zu seinen
+Ungunsten wirkte.
+
+Aber Wertmüller verlangte keine Antwort. Er hatte sich erhoben und
+trat, in jeder Hand eine Pistole, einem hochgewachsenen Mädchen
+entgegen, das auf dem vom festen Lande her ausmündenden Wege einherkam.
+Der General hatte den Kies unter ihren leichten, raschen Schritten
+knirschen hören.
+
+"Guten Abend, Patchen", begrüßte er sie, und seine grauen Augen
+leuchteten.
+
+Das schöne Fräulein aber zog die Brauen zusammen, bis der Alte die
+beiden Pistolen, die ihr offenbar ein Ärgernis waren, die eine in die
+rechte, die andere in die linke seiner geräumigen Rocktaschen steckte.
+"Ich habe Besuch, Rahel", sagte er. "Erlaube mir, meinen jungen
+Freund dir vorzustellen, den Herrn Kandidaten Pfannenstiel."
+
+Die Wertmüllerin war näher getreten, während sich Pfannenstiel
+linkisch von seinem Stuhle erhob. Sie bekämpfte ein Erröten, das aber
+sieghaft bis in die feine Stirn und bis unter die Wurzeln ihres vollen
+braunen Haares aufflammte. Der Kandidat schlug erst die Augen nieder,
+als hätte er mit ihnen ein Bündnis geschlossen, keine Jungfrau
+anzuschauen, erhob sie dann aber mit einem so innigen und strahlenden
+Ausdrucke des Glückes und der Liebe, und seine guten Blicke fanden in
+zwei braunen Augen einen so warmen Empfang, daß selbst der alte
+Spötter seine Freude hatte an der ungeschminkten Neigung zweier
+unschuldiger Menschenkinder.
+
+Er vermehrte seltsamerweise die erste süße Verwirrung der beiden mit
+keinem Scherzworte. Ist es nicht, als ob ein tiefes und wahres Gefühl
+in seinem natürlichen und bescheidenen Ausdrucke aus dieser Welt des
+Zwanges und der Maske uns in eine zugleich größere und einfachere
+versetze, wo der Spott keine Stelle findet?
+
+Lange freilich hätte er sie nicht ungeneckt gelassen, aber das
+gescheite und tapfere Mädchen enthob ihn der Versuchung. "Ich habe
+mit Euch zu reden, Pate", sagte sie, "und gehe voran nach der zweiten
+Bank am See. Laßt mich nicht zu lange warten!"
+
+Sie verbeugte sich leicht gegen den Kandidaten und war verschwunden.
+
+Der General nahm diesen bei der Hand und führte ihn eine Treppe hinauf
+in sein Bibliothekzimmer, in das die Seebreite durch drei hohe
+Bogenfenster hereinleuchtete.
+
+"Seid getrost", sagte er, "ich werde bei der Rahel für Euch Partei
+nehmen. Unterdessen wird es Euch hier an Unterhaltung nicht mangeln.
+Ihr liebt Bücher! Hier findet Ihr die Poeten des Jahrhunderts tutti
+quanti." Er zeigte auf einen Glasschrank und verließ den Saal. Da
+standen sie in glänzenden Reihen, die Franzosen, die Italiener, die
+Spanier, selbst einige Engländer, ein gehäufter Schatz von Geist,
+Phantasie und Wohllaut, und Wertmüller, der ohne Frage auf der Höhe
+der Zeitbildung stand, würde ungläubig den Kopf geschüttelt haben,
+wenn ihm zugeflüstert worden wäre, einer fehle hier, der sie alle
+insgesamt voll aufwiege.
+
+Der überall Belesene hatte William Shakespeare nicht einmal nennen
+hören.
+
+Der Kandidat ließ die Poeten unberührt, denn für ein junges Blut ist
+die Nähe der Geliebten mehr als alle neun Musen.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Der General hatte einen Pfad eingeschlagen, der sich dicht am Ufer um
+die Krümmungen der Halbinsel schlängelte, und hier erblickte er bald
+Rahel Wertmüller, die, auf einer verwitterten Steinbank sitzend, das
+feine Profil nach der jetzt abendlich dämmernden Flut hinwendete. Ein
+aufrichtiger Ausdruck tiefer Betrübnis lag auf dem hübschen und
+entschlossenen Gesichtchen.
+
+"Was dichtest und trachtest du?" redete er sie an.
+
+Sie antwortete, ohne sich zu erheben: "Ich bin nicht mit Euch
+zufrieden, Pate."
+
+Der General lehnte sich an den Stamm einer Eiche und kreuzte die Arme.
+"Womit habe ich es bei Euer Wohlgeboren verscherzt?" sagte er.
+
+Das Fräulein warf ihm einen Blick des Vorwurfs zu. "Ihr fragt noch,
+Pate? Wahrlich, Ihr handelt an Papa nicht gut, der Euch doch nur
+Liebes und nichts zuleide getan hat.--Was war das wieder für ein
+Spektakel vergangenen Sonntag! Durch Eure Verleitung hat er den
+ganzen Nachmittag mit Euch auf Euerm Au-Teiche herumgeknallt. Welch
+ein Schauspiel! Aufflatternde verwundete Enten, im Moor nach der
+Beute watende Jungen, der Vater in großen Stiefeln und das ganze Dorf
+als Zuschauer!..."
+
+"Es beurteilte die Schüsse", warf Wertmüller ein.
+
+"Pate"--das Mädchen war von seinem Sitze aufgesprungen, und seine
+schlanke Gestalt bebte vor Unwillen--"ich meinte bisher, Ihr
+hättet--trotz mancher Wunderlichkeit--das Herz am rechten Flecke.
+Aber ich habe mich geirrt und fange an zu glauben, hier sei bei Euch
+etwas nicht in Ordnung!", und sie wies mit einer kleinen Gebärde des
+Zeigefingers nach der linken Brustseite des Generals. "Ich hielt
+Euch", fügte sie freundlicher hinzu, "für eine Art Rübezahl... so
+heißt doch der Geist des Riesengebirges, von dessen Koboldstreichen
+Ihr so lustig zu erzählen wißt?..."
+
+"Dem es zuweilen Spaß macht, Gutes zu tun, und der, wenn er Gutes tut,
+dabei sich einen Spaß macht."
+
+"So ungefähr. Doch, wie gesagt, wenn Ihr ebenso boshaft seid wie der
+Berggeist--von Wohltat ist dabei nichts sichtbar. Ihr werdet den
+Vater noch ins Verderben stoßen. Wären unsere Mythikoner im Grund
+nicht so gute Leute, die ihren Pfarrer decken, wo sie können, längst
+wäre in Zürich gegen ihn Klage erhoben worden. Und mit Recht; denn
+ein Geistlicher, der wachend und träumend keinen andern Gedanken mehr
+hat als Halali und Halalo, muß jeder christlichen Seele ein tägliches
+Ärgernis sein. Das wächst mit den Jahren. Neulich da der Herr Dekan
+seinen Besuch meldete und zur selben Zeit der Bote eine in der Stadt
+angekaufte Jagdflinte dem Vater zutrug, mußte ich ihm dieselbe
+unkindlich entwinden und in meinen Kleiderschrank verschließen, sonst
+hätte er noch--ein schrecklicher Gedanke--den ehrwürdigen Herrn
+Steinfels aufs Korn genommen. Ihr lacht, Pate?--Ihr seid abscheulich!
+--Ich könnte Euch darum hassen, daß Ihr, der seine Schwäche kennt, ihn
+noch stachelt und aufreizt, als wäret Ihr sein böser Engel.--Nächstens
+wird er noch einmal mit geladenem Gewehr die Kanzel besteigen!... Ich
+freute mich, da Ihr kamet, und nun frage ich: Reist Ihr bald, Pate?"
+
+"Mit geladenem Gewehr die Kanzel besteigen?" wiederholte Wertmüller,
+den dieser Gedanke zu frappieren schien. "La, la, Patchen! Der Vater
+ist mir der erträglichste aller Schwarzröcke und du bist mir die
+liebste aller Figuren. Ich will dem Alten eine Genugtuung geben.
+Weißt du was? Ich gehe morgen bei Euch zur Kirche--das rehabilitiert
+den Vater zu Stadt und Lande."
+
+Rahel schien von dieser Aussicht wenig erbaut. "Pate", sagte sie,
+"Ihr habt mich aus der Taufe gehoben und das Gelübde getan, auf mein
+zeitliches und ewiges Heil bedacht zu sein. Für das letztere könnet
+Ihr nichts tun, denn es steht in diesem Punkte bei Euch selbst sehr
+windig. Aber ist das ein Grund, auch mein zeitliches zu ruinieren?
+Ihr solltet, scheint mir, im Gegenteil darauf denken, mich wenigstens
+auf dieser Erde glücklich zu machen--und Ihr macht mich unglücklich!"
+Sie zerdrückte eine Träne.
+
+- "Vortrefflich räsoniert", sagte der General. "Patchen, ich bin der
+Berggeist und du hast drei Wünsche bei mir zu gut."
+
+"Nun", versetzte das Fräulein, auf den Scherz eingehend. "Erstens:
+Heilt den Vater von seiner ungeistlichen Jagdlust!"
+
+- "Unmöglich. Sie steckt im Blute. Er ist ein Wertmüller. Aber ich
+kann seiner Leidenschaft eine unschädliche Bahn geben. Zweitens?"
+
+"Zweitens..." Rahel zögerte.
+
+"Laß mich an deiner Stelle reden, Mädchen. Zweitens: Gebt dem
+Hauptmann Leo Kilchsperger Urlaub zu Werbung, Verlöbnis und Heirat."
+
+- "Nein!" versetzte Rahel lebhaft.
+
+- "Er ist ein perfekter Kavalier."
+
+- "Einem perfekten Kavalier hängt manches um und an, worauf ich
+Verzicht leiste, Pate."
+
+- "Ein beschränkter Standpunkt."
+
+- "Ich halte ihn fest, Pate."
+
+- "Meinetwegen.--Also ein anderes Zweites. Zweitens: Berggeist,
+verschaffe dem Kandidaten Pfannenstiel die von ihm begehrte
+Feldkaplanei in venezianischen Diensten."
+
+- "Nimmermehr!" rief die Wertmüllerin. "Was? der Unglückliche begehrt
+die Feldkaplanei unter Euerm venezianischen Gesindel? Der zarte und
+gute Mensch? Darum ist er zu Euch gekommen?"
+
+Der General bejahte. "Ich rede es ihm nicht aus."
+
+- "Redet es ihm aus, Pate. Grassiert nicht Pest und Fieber in Morea?"
+
+- "Zuweilen."
+
+- "Liest man nicht von häufigen Schiffbrüchen im Adriatischen Meere?"
+
+- "Hin und wieder."
+
+- "Ist die Gesellschaft in Venedig nicht ganz entsetzlich schlecht?"
+
+- "Die gute ist dort wie allenthalben und die schlechte ganz
+vortrefflich."
+
+- "Pate, er darf nicht hin, um keinen Preis!"
+
+- "Gut. Also ein anderes Zweites verbunden mit dem Dritten: Berggeist,
+mache den Kandidaten Pfannenstiel zum wohlbestellten Pfarrer von
+Mythikon und gib mich ihm zur Frau!"
+
+Rahel wurde feuerrot. "Ja, Berggeist", sagte sie tapfer.
+
+Diese resolute Antwort gefiel dem General aus der Maßen.
+
+"Er ist eine reinliche Natur", lobte er, "aber ihm fehlt die
+Männlichkeit, welche die Figuren unwiderstehlich hinreißt--"
+
+- "Bah", machte sie leichthin und fuhr entschlossen fort: "Pate, Ihr
+habt ein Dutzend Feldschlachten gewonnen, Ihr verderbt Euern
+listigsten Feinden in der Hofburg das Spiel, Ihr seid ein berühmter
+und welterfahrner Mann--wendet ein Hundertteilchen Eures Geistes daran,
+mich--was sage ich--uns glücklich zu machen, und wir werden es Euch
+zeitlebens Dank wissen."
+
+Der General ließ sich auf die leere Steinbank nieder und legte in
+tiefem Nachdenken die Hände auf die Knie, wie eine ägyptische Gottheit.
+So berührte er die beiden Pistolen in seinen Taschen; es blitzte in
+seinen scharfen grauen Augen plötzlich auf, und er brach in ein
+unbändiges Gelächter aus, wie er seit Dezennien nicht mehr gelacht
+hatte, in ein wahres Schulbubengelächter. Da er zugleich
+aufgesprungen war, rasch dem Innern der Halbinsel sich zukehrend,
+wiederholte ein Echo diesen Ausbruch ausgelassener Lustigkeit in so
+geisterhafter und grotesker Weise, daß es war, als hielten sich alle
+Faune und Panisken der Au die Bäuchlein über einen tollen und
+gottvergessenen Einfall.
+
+Der General beruhigte sich. Er schien seinen Anschlag und die
+Möglichkeit des Gelingens mit scharfem Verstande zu prüfen. Das
+Wagnis gefiel ihm. "Zähle auf mich, mein Kind", sagte er väterlich.
+
+- "Hört, Pate, dem Papa darf kein Leides geschehen!"
+
+- "Lauter Gutes."
+
+- "Pfannenstiel darf nicht gezaust werden!"
+
+Wertmüller zuckte die Achseln. "Der spielt eine ganz untergeordnete
+Rolle."
+
+- "Und Ihr werdet Euern Spaß dabei haben?" fragte das Mädchen gespannt,
+denn das Gelächter hatte sie doch etwas bedenklich gemacht.
+
+- "Ich werde meinen Spaß dabei haben."
+
+- "Kann es nicht mißlingen?"
+
+- "Der Plan ist auf die menschliche Unvernunft gegründet und somit
+tadellos. Aber etwas Chance gehört zu jedem Erfolg."
+
+- "Und mißlingt es?"
+
+- "So bezahlt Rudolf Wertmüller die Zeche."
+
+Noch einmal besann sich das Mädchen recht ernstlich; aber ihre
+resolute Natur trug den Sieg davon. Sie hatte überdies ein
+unbedingtes Vertrauen zu der verwegenen Kombinationsgabe und selbst in
+gewissen Grenzen zu der Loyalität ihres Verwandten. Daß ein
+schadenfroher Streich mitlaufen werde, wußte sie--es war das eben der
+Kaufpreis ihres Glückes--, aber sie wußte auch, daß Wertmüller sie
+liebhabe und seinen Spuk darum nicht allzu weit treiben würde. Zudem
+lag etwas in ihrem Blute, das eine rasche, wenn auch gewagte Lösung
+einer nagenden Ungewißheit vorzog.
+
+"Ans Werk, Rübezahl!" sagte sie. "Wann beginnst du dein Treiben,
+Berggeist?"
+
+- "Morgen mittag bist du Braut, Kindchen. Ich verreise Montag in der
+Frühe."
+
+- "Adieu, Berggeist!" grüßte sie enteilend und warf ihm eine Kußhand
+zu, während er ihr nachsah und seine Freude hatte an ihrem schlanken
+und sichern Gange.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Zu später Abendstunde saßen der General und der Kandidat an einer
+reichbesetzten und glänzend erleuchteten runden Tafel sich gegenüber
+in einem geräumigen Saale, dessen helle Stuckwände mit guten, in Öl
+gemalten Schlachtenbildern bedeckt waren.
+
+Wertmüller wußte, welche Poesie das "Tischlein, deck dich!" für einen
+in dürftigen Verhältnissen aufgewachsenen Jüngling hat; aber auch an
+geistiger Bewirtung ließ er es nicht fehlen. Er erzählte von seinen
+Fahrten in Griechenland, er rühmte die Naturwahrheit der Landschaften
+und der Meerfarben in der Odyssee, er ließ die edeln und maßvollen
+Formen eines hellenischen Tempels vor den Augen des entzückten
+Kandidaten aufsteigen--kurz, er machte ihn glücklich.
+
+Seiner davon unzertrennlichen militärischen Abenteuer gedachte er nur
+im Vorbeigehen, aber so drastisch, daß Pfannenstiel in der Nähe des
+alten Landsknechtes sich als einen herzhaften und verwegenen Mann
+fühlte, während Wertmüller in der naiven Bewunderung seines Zuhörers
+um einige Dezennien sich verjüngte und erleichterte.
+
+So achtete es Pfannenstiel nicht groß, als der General in der Hitze
+des Gespräches ihm auf den Leib rückte, von den vier breiten flachen
+Knöpfen, die sein Gewand zwischen den schmächtigen Schultern vorn
+zusammenhielten, den obersten abriß und denselben, nachdem er ihn
+einer kurzen Betrachtung unterworfen, in einen dunkeln Zimmerwinkel
+warf, dann an einem der mittlern drehte, bis dieser nur noch an einem
+Faden hing.
+
+Zwischen den Birnen und dem Käse aber änderte sich die Szene. Der
+General hatte gegen seine Gewohnheit--er war längst ein mäßiger Mann
+geworden--einige Gläser feurigen Burgunders geleert, und da er, wie
+man zu sagen pflegt, einen grimmigen Wein trank, begann es ihn denn
+doch ein bißchen zu wurmen, daß die schöne und tapfere Rahel ihr Herz
+an einen sanftmütigen, unkriegerischen Menschen, noch dazu an einen
+"Faffen" verschenkt hatte, und sein Dämon nötigte ihn, den Kandidaten,
+den er doch leiden mochte, zu gutem Ende noch einmal unbarmherzig zu
+foppen.
+
+Er befahl dem aufwartenden Hassan, Pulverhorn und Kugelbeutel zu
+bringen, zog die beiden Terzerole aus seinen Rocktaschen und legte sie
+vor sich auf die Tafel.
+
+"Die Rahel mag Euch", wendete er sich jetzt an den Kandidaten, "aber
+wollt Ihr sie zum Weibe gewinnen, müßt Ihr dem schönen Kinde einmal
+als ein ganzer Mann entgegentreten. Das wird ihr einen bleibenden
+Eindruck machen, und Ihr dürft Euch dann ruhig die eheliche
+Schlafmütze über die Ohren ziehen.--Mein Plan ist ganz einfach: Ich
+gehe morgen in Mythikon zur Kirche--erstaunt nicht, Pfannenstiel, ich
+bin kein Heide--und lade mich bei dem Vetter Pfarrer zu Mittag.
+Natürlich bleibt Rahel zu Hause und besorgt den Tisch, Ihr aber
+gewinnt bei währendem Gottesdienste auf Schleichwegen die Pfarre,
+entführt das Mädchen, bringt es hieher und, während Ihr sie küßt,
+armiere ich die zwei eisernen Kanonen, die Ihr auf dem Hausflur
+gesehen habt, und verteidige den schmalen Damm, der meine Insel mit
+dem Festlande verbindet. Treffen! Unterhandlung! Friedensschluß!"
+
+Wäre der Kandidat in seiner natürlichen Verfassung gewesen, er hätte
+diese Soldatenschnurre belächelt, aber der starke Wein war ihm in den
+Kopf gestiegen.
+
+"Entsetzlich!" rief er aus, fügte dann aber nach einer Pause und
+erleichtert hinzu: "und unmöglich! Die Rahel würde niemals
+einwilligen."
+
+- "Sie wird! Ihr erscheint, werft Euch zu ihren Füßen: Entflieh mit
+mir! oder..." Er ergriff ein Pistol und setzte es sich an die rechte
+Schläfe.
+
+- "Sie ist eine Christin!" rief der erhitzte Kandidat.
+
+- "Sie wird und muß wollen! Jede Figur wird von der männlichen
+Elementarkraft bezwungen. Kennt Ihr die neueste deutsche Literatur
+nicht?... den Lohenstein, den Hofmannswaldau?"
+
+- "Sie wird nicht wollen--nimmermehr!" wiederholte Pfannenstiel
+mechanisch.
+
+- "Dann fahrt Ihr ab--glorios mit Donner und Blitz!" und Wertmüller
+drückte los. Der Hahn schlug nieder, daß es Funken stob.
+
+Jetzt ermannte sich Pfannenstiel. Die ihm so nahegelegte ungeheure
+Freveltat und sein Schauder davor gaben ihm die Besinnung wieder und
+ernüchterten sein Gehirn. Auch fiel ihm die Warnung Rosenstocks ein.
+Er narrt und quält dich boshaft, sagte er sich, du bist ja ein
+geistlicher Mann und hast es mit einem schlimmen Feinde der Kirche zu
+tun.
+
+Ein Hohnlächeln zuckte in den Mundwinkeln des ihn beobachtenden,
+scharf beleuchteten Gesichtes, das in diesem Augenblicke einer
+grotesken Maske glich. Der Kandidat erhob sich von seinem Sitze und
+sprach nicht ohne Würde: "Wenn das Euer Ernst ist, so verweile ich
+keine Minute länger unter einem Dache, wo eine mehr als heidnische
+Verruchtheit gelehrt wird; ist es aber Euer Scherz, Herr Wertmüller,
+wie ich es glaube, so verlasse ich Euch ebenfalls, denn einen
+einfachen Menschen, der Euch nichts zuleide getan hat, zu hänseln und
+zu verhöhnen, das ist nicht christlich, nicht einmal menschlich--das
+ist teuflisch."
+
+Ein schöner, ehrlicher Zorn flammte in seinen blauen Augen, und er
+schritt der Türe zu.
+
+"La, la", sagte der General. "Was frühstückt Ihr morgen? Eier,
+Rebhuhn, Forelle?"
+
+Pfannenstiel öffnete und enteilte.
+
+"Der Mohr wird Euch aufs Zimmer leuchten! Auf Wiedersehen morgen beim
+Frühstück!" rief ihm Wertmüller nach.
+
+Der Alleingebliebene lud sorgfältig das leichtspielende Pistol mit
+Pulver und stieß einen derben Pfropfen nach. Das schwerspielende ließ
+er ungeladen. Beide übergab er dem Mohren mit dem Befehle, dieselben
+in seinen schwarzen Sammetrock zu stecken. Dann ergriff der General
+einen Leuchter und suchte sein Lager auf.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Der Kandidat eilte in raschem Laufe dem Damme zu, durch welchen die
+Südseite der Insel mit dem festen Lande zusammenhing. Oft hatte er,
+da er sich im verflossenen Frühjahre in Mythikon aufhielt, den Sitz
+des damals in Deutschland bataillierenden Generals mit neugierigen
+Augen gemustert, ohne ihn je zu betreten. Er wußte, daß der Damm
+gegen seine Mitte hin durch ein altertümliches kleines Tor und eine
+Brücke unterbrochen war, aber er war gewiß, kein Hindernis zu finden,
+da dieses Tor, wie er sich erinnerte, niemals geschlossen wurde, sich
+auch nicht schließen ließ, da es keine Torflügel hatte.
+
+Jetzt erreichte er das Ufer und erblickte zu seiner Linken die Linie
+des Dammes. Aber, o Mißgeschick! der von dem dämmernden Hintergrunde
+scharf abgehobene Balken der Brücke schwebte in der Luft und bildete
+statt eines rechten einen spitzen Winkel mit dem Profil der Pforte, an
+deren Steinbogen er durch zwei Ketten befestigt war. Das Tor, die
+aufgezogene Brücke, die kleine Verbindungslinie der Ketten--alles ließ
+sich mit überzeugender Deutlichkeit unterscheiden; denn der Mond gab
+genügendes Licht, und in dem leeren, nicht zu überspringenden
+Zwischenraume flimmerte sein Widerschein in dem silbernen Gewässer.
+Pfannenstiel war ein Gefangener. Unmöglichkeit, durch das Moor zu
+waten! Er wäre, da er die Furten des tückischen Röhrichts nicht
+kannte, bei den ersten Schritten versunken und hätte ein klägliches
+Ende genommen. Ratlos stand er am Inselgestade, während aus dem
+Sumpfe dicht vor seinen Füßen ein volltöniges Brekekex Koax Koax
+erscholl.
+
+Gerade an jenem Abende war unter den Fröschen der Au ein junger
+Lyriker von bedeutender Begabung aufgetaucht, der das feste und
+gegebene Motiv der Froschlyrik so keck in Angriff nahm und so
+gefühlvoll behandelte, daß der begeisterte Chor nicht müde wurde, die
+vorgesungene Strophe mit unersättlichem Enthusiasmus zu wiederholen.
+Auf den Kandidaten freilich machte das leidenschaftliche Gequäke einen
+tief melancholischen Eindruck, als steige es aus den Sümpfen des
+Acheron empor.
+
+In halber Verzweiflung wollte er nun über den Damm nach der Pforte
+eilen, ob sich die Zugbrücke mit Anstrengung aller Kräfte nicht senken
+ließe. Da gewahrte er, noch einmal vorwurfsvoll nach dem unheimlichen
+Landhause sich umwendend, eine ihm entgegenwandernde Helle, und nach
+wenigen Augenblicken stand Hassan mit einem Windlicht in der Faust an
+seiner Seite. Mit untertäniger Zutunlichkeit redete ihm der gutmütige
+Mohr zu, in die von ihm geflohene Wohnung zurückzukehren.
+
+"Langweilig Frosch, geistlicher Herr!" radbrechte Hassan, "Schloß an
+Zugbrücke--Zimmer bereit!"
+
+Was war zu tun? Nichts anderes, als Hassan zu folgen. In der großen,
+auf den gepflasterten Hausflur mündenden Küche entzündete der Mohr
+zwei Kerzen und leuchtete dem Kandidaten die Treppe hinauf. Auf der
+zweitobersten Stufe ergriff er ihn rasch am Arme: "Nicht erschrecken,
+geistlicher Herr!" flüsterte er. "Schildwache vor Zimmer von General."
+Und in der Tat, da stand eine Schildwache. Hassan beleuchtete sie
+mit der Kerze, und Pfannenstiel erblickte ein Skelett, das die
+Knochenhände auf eine Muskete gestützt hielt und an dem über die
+Rippen gekreuzten und blank gehaltenen Lederzeuge Patronentasche und
+Seitengewehr der zürcherischen Landmiliz trug. Ein kleines
+dreieckiges Hütchen war auf den hohlen Schädel gestülpt.
+
+Der Kandidat fürchtete das Bild des Todes nicht, er war mit demselben
+von Amts wegen vertraut, ja er hatte eine gewisse Vorliebe für die
+warnende und erbauliche Erscheinung des Knochenmannes. Aber wer war
+der Mensch, der da drinnen unter der Hut dieser gespenstischen Wache
+schlief? Und welche seltsame Lust fand er daran, mit den ernstesten
+Dingen sein frevles Gespötte zu treiben?
+
+Jetzt öffnete der Mohr das zweitäußerste Zimmer der Seeseite und
+stellte die beiden Leuchter auf den Kamin. Pfannenstiel, dessen
+Wangen glühten und fieberten, trat ans Fenster, um es aufzureißen;
+Hassan aber hielt ihn zurück.
+
+"Seeluft ungesund", warnte er und machte die Flügeltüre eines
+Nebenzimmers auf, um dem Erhitzten in unschädlicher Art mehr Luft zu
+verschaffen. Dann entfernte er sich mit einem demütigen Gruße.
+
+Der Kandidat schritt eine gute Weile in der Kammer auf und nieder, um
+seine erregte Phantasie zur Ruhe zu bringen und den wunderlichsten Tag
+seines Lebens einzuschläfern. Aber das gefährlichste Abenteuer
+desselben war noch unbestanden.
+
+Aus dem von Hassan geöffneten Nebenzimmer klang ein leiser Ton, wie
+ein tiefer Atemzug. Hatte die streichende Nachtluft die Falten eines
+Vorhanges bewegt oder war ein Käuzlein an den nur halb geschlossenen
+Jalousien vorbeigeflattert?
+
+Der Kandidat hemmte seinen Schritt und horchte. Plötzlich fiel ihm
+ein, daß dieses nächste Zimmer, das letzte der Fassade, kein anderes
+sein könne als die Räumlichkeit, welche der Schiffer Bläuling der
+Türkin des Generals angewiesen hatte.
+
+Die Möglichkeit einer solchen Nähe brachte den unbescholtenen jungen
+Geistlichen begreiflicherweise in die größte Angst und Unruhe, doch
+nach kurzer Überlegung beschloß er, in die berüchtigte Kammer mutig
+hineinzuleuchten.
+
+Er betrat einen reichen türkischen Teppich und stand, sich zur Rechten
+wendend, vor einem lebensgroßen Bilde, welches von vergoldetem,
+üppigem Blätterwerk eingerahmt war und die ganze, dem Fenster
+gegenüberstehende Wand des kleinen Kabinettes füllte. Das Bild war
+von einem Niederländer oder Spanier der damals kaum geschlossenen
+glänzenden Epoche in jener naturwarmen, bestrickenden Weise gemalt,
+die den Neuern verlorengegangen ist. Über eine Balustrade von
+maurischer Arbeit lehnte eine junge Orientalin mit den berauschenden
+dunkeln Augen und glühenden Lippen, bei deren Anblicke die Prinzen in
+Tausendundeiner Nacht unfehlbar in Ohnmacht fallen.
+
+Sie legte den Finger an den Mund, als bedeute sie den vor ihr
+Stehenden: Komm, aber schweige!
+
+Pfannenstiel, der nie etwas auch nur annähernd Ähnliches erblickt
+hatte, wurde tief und unheimlich erschüttert von der Verlockung dieser
+Gebärde, der Sprache dieser Augen. Es tauchte etwas ihm bis heute
+völlig unbekannt Gebliebenes in seiner Seele auf, etwas, dem er keinen
+Namen geben durfte--eine brennende Sehnsucht, die glückselige
+Möglichkeit ihrer Erfüllung! Vor diesem Bilde begann er an so
+übergewaltige Empfindungen zu glauben und vor ihrer Macht zu erbeben...
+
+Plötzlich wandte sich der Kandidat, lief in sein Schlafgemach zurück
+und begnügte sich nicht, die Türe zu verschließen, er schob noch den
+Riegel und drehte zuletzt den Schlüssel um. Nun glaubte er sein Lager
+gesichert und begrub sich in die Kissen desselben.
+
+Doch kaum war er entschlummert, so trat das schöne Schemen durch die
+Türe, ohne sie zu öffnen, und nahm tückisch Gestalt und Antlitz der
+Rahel Wertmüller an, ihren maidlichen Wuchs, ihre feinen geistigen
+Züge. Aber ihre Augen schmachteten wie die der Orientalin, und sie
+legte den Finger an den Mund.
+
+Nun kam eine böse, schlimme Stunde für den armen Kandidaten. Er
+wollte fliehen und wurde von einer dämonischen Gewalt zu den Füßen des
+Mädchens hingeworfen. Er stammelte unsinnige Bitten und machte sich
+verzweifelte Vorwürfe. Er umfaßte ihre Knie und verurteilte sich
+selbst als den ruchlosesten aller Sünder. Rahel, erst erstaunt, dann
+strengblickend und unwillig, stieß ihn zuletzt empört von sich weg.
+Jetzt stand der General neben ihm und reichte ihm das Pistol. "Die
+Figur", dozierte er, "wird bezwungen von der männlichen Elementarkraft."
+Dem Kandidaten wurde wie von eisernen, teuflischen Krallen der Arm
+gebogen, und er setzte sich die tödliche Waffe an die rechte Schläfe.
+"Fliehe mit mir!" stöhnte er. Sie wandte sich ab. Er drückte los,
+und erwachte, nicht in seinem Blute, aber in kaltem Schweiße gebadet.
+Dreimal trieb ihn der quälende Halbtraum in diesem Kreislaufe von
+Begierde, Frevel und Reue herum, bis er endlich das Fenster aufschloß
+und im reinen Hauche der heiligen Frühe in einen tiefen beruhigenden
+Schlaf versank.
+
+Er erwachte nicht, bis Hassan mit warmem Wasser ins Zimmer trat und
+auf seinen Befehl die Jalousien öffnete. Ein himmlischer, innig
+blauer Tag und das nun halb verwehte, nun vollhallende Geläute aller
+Seeglocken drang in die Traumkammer.
+
+"General Kirche gegangen", sagte der Mohr. "Geistlicher Herr
+frühstücken?"--
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Und der Mohr log nicht.
+
+Rudolf Wertmüller wandelte in dem Augenblicke, da sich sein Gast dem
+Schlummer entriß, schon unweit der Kirche von Mythikon unter den
+sonntäglichen Scharen, welche alle dahinführenden Wege und Fußsteige
+bevölkerten.
+
+Der sonst so rasche Schritt des Generals war heute ein gemessener und
+seine Haltung durchaus würdig und untadelig. Er war in schwarzen
+Sammet gekleidet und trug in der behandschuhten Rechten ein mit
+schweren vergoldeten Spangen geschlossenes Gesangbuch.
+
+Seltsam! Wertmüller, der seit langem jede Kirche gemieden hatte,
+stand bei den Mythikonern in dem schlimmen Rufe und der schwefelgelben
+Beleuchtung eines verhärteten Freigeistes, es war ihnen eine
+ausgemachte, nicht anzufechtende Tatsache, daß ihn über kurz oder lang
+der Teufel holen werde--und dennoch waren sie herzlich erfreut, ja
+gerührt, ihn auf ihrem Kirchwege einherschreiten zu sehen. Sie
+erblickten in seinem Erscheinen durchaus nicht einen Akt der Buße,
+denn sie liebten es nicht und hielten es für schmählich--hierin den
+griechischen Dramatikern ähnlich--, wenn eine erwachsene Person ihren
+Charakter wechselte; sie trauten es dem Generale zu, daß er konsequent
+bleibe und resolut ins Verderben fahre. Die Mythikoner faßten
+vielmehr den Kirchgang des alten Kriegsmannes als eine Höflichkeit auf,
+als eine Ehre, die er der Gemeinde erweise, als einen öffentlichen
+Abschiedsbesuch vor seinem Abgange ins Feldlager.
+
+Das Grüßen nahm kein Ende, und jeder Gruß ward von dem heute
+ausnahmsweise Leutseligen mit einem Nicken oder einem kurzen
+freundlichen Worte erwidert. Nur ein altes Weib, das böseste in der
+Gemeinde, stieß ihre blödsinnige Tochter zurück, die den General
+angaffte, und raunte ihr vernehmlich zu: "Verbirg dich hinter mir,
+sonst nimmt er dich und macht dich zur Türkin!"
+
+Weniger erfreut über den Anblick des ungewohnten Kirchgängers war der
+Pfarrer Wilpert Wertmüller, als er, mit Mantel und Kragen angetan, aus
+dem Tore seines Hofraums trat, in dessen Mitte hinter einem
+altergrauen Brunnen zwei mächtige Pappeln sich leis im Winde wiegten.
+Seine Überraschung war eine vollständige; denn Rahel hatte geschwiegen.
+
+Der Pfarrer, ein Sechziger von noch rüstigem Aussehen und nicht gerade
+geistreichen, aber männlichen Gesichtszügen, mochte den General als
+einen versuchten Weidmann in Wald und Feld wohl leiden; daß er aber
+seine Erbauung gerade in der Kirche von Mythikon suchte--das hätte er
+ihm gerne erlassen.
+
+Je unwillkommener, desto höflicher war der General. Er zog den Hut,
+dann nahm er den Pfarrer an der Hand und führte ihn in den Flur seines
+Hauses zurück. Gerade in diesem Augenblicke setzte die schöne,
+morgenfrische Rahel ihren Fuß auf die unterste Stufe der Treppe,
+sonntäglich angetan und ebenfalls ein kleines, in schwarzen Sammet
+gebundenes Gesangbuch in der Hand.
+
+"Kind, du bist reizend! eine Nymphe!" begrüßte sie Wertmüller. "Lasse
+dich väterlich auf die Stirn küssen!"
+
+Sie weigerte sich nicht, und der kleine, aber fest und wohlgebaute
+General richtete sich auf den Fußspitzen empor, um die feine weiße
+Stirn des hochgewachsenen Mädchens zu erreichen, eine eher komische
+als zärtliche Gruppe.
+
+"Bittest du mich nach der Predigt zu Tische, Alter?" fragte Wertmüller.
+
+"Selbstverständlich!" versetzte der gastfreundliche Pfarrer. "Rahel
+bleibt zu Hause und besorgt die Küche."
+
+Das willige Mädchen fügte mit einem leichten Knickse hinzu: "Wir
+bedanken uns, Pate!" und eilte in das obere Stockwerk zurück.
+
+"Ich bringe dir etwas mit, Alter", lächelte der General.
+
+"Gewehr?" fuhr der Pfarrer heraus, und seine Augen leuchteten.
+
+Wertmüller nickte bejahend und zog unter dem breiten Schoße seines
+Sammetrockes ein Pistol hervor. Die vornehme Fasson und der
+damaszierte Lauf des kleinen Meisterstückes der damaligen
+Büchsenschmiedekunst stachen dem Pfarrer gewaltig in die Augen. Seine
+ganze Leidenschaft erwachte. Wertmüller trat mit ihm aus dem
+dämmerigen Flur durch die Hintertüre der Pfarre in den Garten, um ihn
+die kostbare kleine Waffe im vollen Tageslichte bewundern zu lassen.
+
+Die ganze Langseite des Hauses war mit einer ziemlich niedrigen
+Weinlaube bekleidet; an dem einen Ende dieses grünen Bogenganges hatte
+der Pfarrer vor Jahren eine steinerne Mauer mit einer kleinen Scheibe
+aufführen lassen, um sich, an dem entgegengesetzten Eingange Posto
+fassend, während seiner freien Stunden im Schießen zu üben.
+
+"Aus der Levante?" fragte er, sich des Pistols bemächtigend.
+
+"Venezianische Nachahmung. Sieh hier die verschlungene Chiffre
+GG--bedeutet Gregorio Gozzoli", rühmte Wertmüller.
+
+"Ich erinnere mich, diesen Schatz von Pistölchen in deiner
+Waffenkammer auf der Au gesehen zu haben,--aber war es nicht ein
+Pärchen?"
+
+"Du träumst..."
+
+"Ich kann mich geirrt haben. Spielt das kleine Ding leicht?"
+
+"Leider ist der Drücker etwas verhärtet, aber du darfst das fremde
+Meisterstücklein keinem hiesigen Büchsenmacher anvertrauen, er würde
+dir es verderben."
+
+"Etwas hart? tut nichts!" sagte der Pfarrer. Er nahm trotz Mantel und
+Kragen am einen Ende der Laube Stellung. Auf dem linken Fuße ruhend,
+den rechten vorgesetzt, zog er den Hahn und krümmte den Arm.
+
+Eben verstummten die Glocken auf dem nahen Kirchturme, und das
+Auszittern ihrer letzten Schläge verklang in dem Gesumme der Wespen,
+die sich geräuschvoll um die noch nicht geschnittenen Goldtrauben der
+Laube tummelten.
+
+Der Pfarrer hörte nichts--er drückte und drückte mit dem Aufgebot
+aller Kraft.
+
+"Pfui, Alter, was schneidest du für Grimassen?" spottete Wertmüller.
+"Gib her!" Er entriß ihm die Waffe und legte seinen eisernen Finger an
+den Drücker. Der Hahn schlug schmetternd nieder. "Du verlierst deine
+Muskelkraft, Vetter! Dich entnervt die gliederlösende Senectus! Ich
+will dir selbst den Mechanismus etwas geschmeidiger machen--du weißt,
+daß ich ein ruhmreicher Schlosser und ganz leidlicher Büchsenschmied
+bin!" Der General ließ die schmucke kleine Waffe in die Tiefe seiner
+Tasche zurückgleiten.
+
+"Nein, nein, nein!" rief der Pfarrer leidenschaftlich. "Du hast es
+mir einmal geschenkt! Ich lasse es nicht mehr aus den Händen!..."
+
+Zögernd hob der General das Pistol wieder hervor--nicht mehr dasselbe.
+Er hatte es, der alte Taschenspieler, mit dem auch für ein schärferes
+und ruhiges Auge nicht leicht davon zu unterscheidenden Zwillinge
+gewechselt.
+
+Der Pfarrer hielt die Waffe kaum wieder in der Hand, als er sich von
+neuem in Positur stellte, denn er war ganz Feuer und Flamme geworden,
+und Miene machte, den Hahn noch einmal zu spannen.
+
+Der General aber fiel ihm in den Arm. "Hernach!" redete er ihm zu.
+"Donnerwetter! Es hat längst ausgeläutet."
+
+Herr Wilpert Wertmüller erwachte wie aus einem Traume, besann sich,
+lauschte. Es herrschte eine tiefe Stille, nur die Wespen summten.
+
+Er steckte das Pistol eilig in die geräumige Rocktasche, und die
+Vettern beschritten den kurzen, jetzt völlig menschenleeren Weg nach
+der nahen Kirche.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Als die zwei Wertmüller den heiligen Raum betraten, war er schon bis
+auf den letzten Platz gefüllt. Im Schiffe saßen rechts die Männer,
+links die Weiber, im Chore, das Antlitz der Gemeinde zugewendet, die
+Kirchenältesten, unter ihnen der Krachhalder.
+
+Zwei breite, oben durch ein großes Halbrund verbundene Mauerpfeiler
+schieden Chor und Kirche. An dem rechts gelegenen schwebte die Kanzel
+und am Fuße der steilen Kanzeltreppe befand sich der einzig leer
+gebliebene Sitz, der mit Schnitzwerk verzierte Stuhl von Eichenholz,
+welchen der Pfarrer während des Gesanges einzunehmen pflegte. Diesen
+wies er jetzt dem General an und bestieg ohne Verzug die Kanzel. Der
+Verspätete hatte Eile, der Gemeinde die Nummer des heutigen
+Kirchenliedes zu bezeichnen.
+
+Es war das beliebteste des neuen Gesangbuchs, ein Danklied für die
+gelungene Lese, erst in neuerer Zeit verfaßt und aus Deutschland
+gekommen, mit dreisten und geschmacklosen Schnörkeln im damaligen
+Rokokostile, aber nicht ohne Klang und Farbe.
+
+Jede Strophe begann mit der Aufforderung, den Geber alles Guten
+vermittelst eines immer wieder andern Instrumentes zu loben. Dem
+Autor mochte ein Kirchenbild vorgeschwebt haben. Aber nicht jene
+zarten musizierenden Engel Giambellinis, welche an das Dichterwort
+erinnern:
+
+Da geigen die Geiger so himmlisch klar,
+Da blasen die Bläser so wunderbar...
+
+
+Nein! sondern die auf einer robusten Wolke lagernde und mit allen
+möglichen Instrumenten ausgerüstete pausbäckige himmlische Hofkapelle
+irgendeines Bravourbildes aus der Rubensschen Schule.
+
+"Frohlocket, frohlocket!..." erscholl es heiter und volltönig in dem
+schönen, reinlichen Raume, durch dessen acht Spitzbogenfenster das
+leuchtende Blau des himmlischen Tages hereinquoll.
+
+Der General, dessen Eintritt ein wohlgefälliges Gemurmel erregt hatte,
+wendete sein gesammeltes Antlitz der Gemeinde zu, konnte aber mit
+einer ungezwungenen Wendung des Kopfes leicht den hohen Sitz
+beobachten, wo sein Vetter horstete. Eben jetzt warf er einen Blick
+hinauf. Der Seelsorger von Mythikon, der das Jubellied schon oft
+gehört hatte und seiner ebenfalls schon oft gehaltenen Predigt sicher
+war, betastete leise seine Tasche.
+
+"Posaunet, posaunet!..." dröhnte es durch das Schiff. Wertmüller
+schielte die Kanzeltreppe hinauf. Der Vetter hatte das kleine
+Terzerol aus der Tasche gezogen und betrachtete es hinter der hohen
+Kanzelbrüstung mit Augen der Liebe.
+
+"Drommetet, drommetet!..." sangen die Mythikoner. Mitten durch den
+Trompetenlärm hörte der General deutlich ein scharfes Knacken, als
+würde droben ein Hahn gezogen. Er lächelte.
+
+Jetzt kam die letzte, die Lieblingsstrophe der Mythikonerinnen. "Und
+flötet, o flötet!..." sangen sie, so schön sie konnten. Der General
+warf wieder einen verstohlenen Blick nach der Kanzel hinauf. Spielend
+legte der Pfarrer eben seinen dicken Finger an den Drücker; wußte er
+doch, daß er die Feder mit aller Gewalt nicht bewegen konnte. Aber er
+zog ihn gleich wieder zurück, und die sanften Flöten verklangen.
+
+Der General unten an der Kanzel legte in gedrückter Stimmung sein
+Gesicht in Falten.
+
+Jetzt betete der geistliche Herr, der das kleine Gewehr in seine
+geräumige Tasche zurückgleiten ließ, in aller Andacht die Liturgie und
+las dann den Text aus der großen, ständig auf dem Kanzelbrette
+lagernden Bibel. Es war der herrliche siebenundvierzigste Psalm, der
+da beginnt: Frohlocket mit Händen, alle Völker, lobet Gott mit großem
+Schalle!
+
+Frisch und flott ging es in die Predigt hinein und schon war sie über
+ihr erstes Drittel gediehen. Noch einmal lauerte der General empor,
+sichtlich enttäuscht, mit einem fast vorwurfsvollen Blicke, der sich
+aber plötzlich erheiterte. Der Pfarrer hatte im Feuer der Aktion,
+während seine Linke vor allem Volke gestikulierte, mit der durch die
+Kanzel gedeckten Rechten instinktiv das geliebte Terzerol wieder
+hervorgezogen. "Lobet Gott mit großem Schalle!" rief er aus, und,
+paff! knallte ein kräftiger Schuß. Er stand im Rauch. Als er wieder
+sichtbar wurde, quoll die blaue Pulverwolke langsam um ihn empor und
+schwebte wie ein Weihrauch über der Gemeinde.
+
+Entsetzen, Schreck, Erstaunen, Ärger, Zorn, ersticktes Gelächter,
+diese ganze Tonleiter von Gefühlen fand ihren Ausdruck auf den
+Gesichtern der versammelten Zuhörer. Die Kirchenältesten im Chor aber
+zeigten entrüstete und strafende Mienen. Die Lage wurde bedenklich.
+
+Jetzt wendete sich der General mit einer zugleich leutseligen und
+imponierenden Gebärde an die aufgeregten Mythikoner:
+
+"Lieben Brüder, laßt euch den Schuß nicht anfechten. Bedenket: es ist
+nach menschlicher Voraussicht das letztemal, daß ich mich in eurer
+Mitte erbaue, ehe ich diesen meinen sterblichen Leib den Kugeln
+preisgebe.--Und Ihr, Herr Pfarrer, zeigt Euch als einen entschlossenen
+Mann und führt Euern Sermon zu Ende."
+
+Und wirklich, der Pfarrer setzte unerschrocken wieder ein und fuhr in
+seiner Predigt fort, unbeirrt, ohne den Faden zu verlieren, ohne sich
+um ein Wort zu vergreifen, zu stottern oder sich zu versprechen.
+
+Alles kehrte wieder in die Ordnung zurück. Nur das blaue
+Pulverwölkchen wollte sich in dem geschlossenen Raume gar nicht
+verlieren und schwebte hartnäckig über der Gemeinde, bald im Schatten,
+bald von einem Sonnenstrahl beleuchtet, bis seine Umrisse immer
+ungewisser wurden und sich endlich auflösten.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+Während der Pfarrer seine Predigt tapfer zu Ende führte, hatte die
+daheimgebliebene Rahel der alten Babeli und dem zur Aushilfe von
+dieser herbeigeholten Nachbarskinde ihre Befehle gegeben und trat
+jetzt, ein Körbchen und ein kleines Winzermesser in der Hand, vor die
+hintere Haustüre, um einige ihrer reifen sonnegebräunten Goldtrauben
+von der Laube zu schneiden.
+
+Da sah sie, sich gerade gegenüber, wo der Fußsteig um die von der
+Landstraße abliegende Seite des Gartens lief, ein seltsames Schauspiel.
+
+Ein unheimlicher Mensch stützte die Hände auf den Zaun, schwang sich
+mit fliegenden Rockschößen in einem wilden Satze über die Hecke und
+kam ihr stracks entgegen. Kaum traute sie ihren Augen. Konnte er es
+sein? Unmöglich! Und doch, er war es.
+
+Pfannenstiel hatte das Frühstück, welches ihm der dienstbeflissene
+Mohr im Speisesaale auf der Au versetzte, kaum berührt. Es trieb ihn
+fort über die jetzt gesenkte Zugbrücke, bergan, der Pfarre von
+Mythikon zu. Er wußte, daß er die Straßen und Steige, wenn auch nur
+für kurze Zeit, noch leer fand. Das orientalische Schemen war im
+Morgenwinde verflattert; aber, wie himmlisch leuchtend und frisch der
+Herbsttag aus seinen Nebelhüllen hervortrat, einer der gestern
+empfangenen Eindrücke war wie ein Stachel in der aufgeregten Seele des
+Kandidaten haften geblieben.
+
+Ihm fehle die Männlichkeit, hatte der General ihm vorgehalten, die
+einen unfehlbaren Sieg über das Weibliche davontrage. Das gab dem
+Kandidaten zu schaffen, und da sich ihm eine nächste Gelegenheit bot,
+etwas nach seiner Ansicht Kühnes zu unternehmen, und gerade das, wozu
+der General ihn aufgefordert hatte, so entschloß sich der Verwilderte,
+Rahel, wenn auch ohne Feuerwaffe, mit einem Morgenbesuche zu
+überraschen.
+
+Der Sprung über die Hecke war dann freilich keine Heldentat gewesen,
+sondern eine Flucht vor den ersten heimkehrenden Kirchgängern, die er
+zwischen den Bäumen der Landstraße zu sehen glaubte.
+
+Wie er sich mit unternehmender Miene und in entschiedener Haltung der
+Wertmüllerin näherte, erschrak diese ernstlich über sein Aussehen,
+seine fiebernden Augen, die Blässe und Abspannung, wie sie eine
+schlaflose Nacht auf dem Antlitze zurückläßt. Auch der herabhängende,
+halb abgedrehte Knopf und die Leere, die der andere weggerissene
+gelassen, entgingen ihr natürlich keinen Augenblick und vollendeten
+den beängstigenden Eindruck.
+
+"Um Himmels willen, was ist Euch, Herr Vikar?" sagte das Mädchen.
+"Seid Ihr krank? Ihr habt etwas Verstörtes, Fremdes an Euch, das mich
+erschreckt. O der heillose Pate--was hat er mit Euch vorgenommen? Er
+gelobte mir doch, Euch nichts anzutun, und nun hat er Euch gänzlich
+zerrüttet! Erzählt mir haarklein, was Euch auf der Au zugestoßen--
+vielleicht weiß ich Rat."
+
+Als ihr der Kandidat in die verständigen und doch so warmen Augen
+blickte, ward er sich urplötzlich dessen bewußt, was ihn eigentlich
+hergetrieben. Der Kobold des Abenteuers, der sich beim ersten
+Schritte, den er auf der Au getan, ihm auf den Nacken gesetzt hatte,
+sprang von seinem Rücken und ließ ihn fahren.
+
+Bis ins kleinste beichtete er den klaren braunen Augen seine
+Erlebnisse auf der Insel, nur die Vision der Türkin weglassend, die ja
+eine Ausgeburt seines erhitzten Gehirns gewesen war. Er gestand ihr,
+ihn habe der Vorwurf des Generals, ihm fehle das Männliche, verblüfft
+und beunruhigt, auch jetzt könne er noch nicht darüber hinwegkommen.
+Und er bat sie, ihm aufrichtig zu sagen, ob hier ein Mangel sei und
+wie dem abzuhelfen wäre.
+
+Rahel betrachtete ihn ein Weilchen fast gerührt, dann brach sie in ein
+helles Gelächter aus.
+
+"Der Pate trieb mit Euch sein Spiel", sagte sie, "aber daß er Euch das
+griechische Abenteuer widerriet, war recht. Ihr wolltet aus Eurer
+eigenen Natur heraus, und er hat Euch heimgespottet... Warum auch?
+Wie Ihr seid, und gerade wie Ihr seid, gefallt Ihr mir am besten.
+Papas ungeistliche Waidlust hat mir genug schwere Stunden gemacht!
+Für mich lob ich mir den Mann, der unsern Dorfleuten mit einem
+erbaulichen, durchsichtigen Wandel vorleuchtet, unsern Zehntwein
+schluckweise trinkt, seine Frau liebhat und zuweilen von einem
+bescheidenen und gelehrten Freunde besucht wird!... Diese Kavaliere!
+Ich habe übergenug von ihren Tafeldiskursen, wenn sie den Vater mit
+Roß und Wagen überfallen!--Der Pate hat Euch gestern in so manches
+eingeweiht, hat er Euch nicht auch den Streich erzählt, den er mit
+achtzehn Jahren seinem jungen Weibe spielte? Sie gelüstete nach
+Spanischbrötchen, wie man solche in Baden bäckt. 'Ich hole sie dir
+warm!' sagte er galant, sattelte und verritt. In Baden legte er die
+Brötchen in eine Schachtel und eine Zeile dazu, er verreise ins
+schwedische Lager. Diesen Abschied sandte er durch einen Boten, ihn
+selbst aber sah sie viele Jahre nicht wieder. Das hättet Ihr nicht
+getan!" Und sie reichte dem stillen Vikar die Hand.
+
+"Aber jetzt muß ich Euch sogleich die Knöpfe befestigen", setzte sie
+rasch hinzu, "es tut mir in den Augen und in der Seele weh, Euch in
+diesem Zustande zu sehen! Setzt Euch!"--dabei zeigte sie auf ein
+Bänklein unter der Laube--"ich hole Zwirn und Nadel."
+
+Pfannenstiel gehorchte, und sie entsprang mit dem traubengefüllten
+Körbchen.
+
+Nun kam es über ihn wie Paradiesesglück. Licht und Grün, die niedrige
+Laube, das bescheidene Pfarrhaus, die Erlösung von den Dämonen des
+Zweifels und der Unruhe!
+
+Sie freilich, die ihn davon befreit hatte, war selbst von Unruhe
+ergriffen. Welchen Streich hatte der General geplant oder schon
+ausgeführt? Sie machte sich Vorwürfe, ihm freie Hand dazu gegeben zu
+haben.
+
+In der Küche erfuhr sie, der Herr Pfarrer habe sich mit dem General
+eingeschlossen und bald darauf seien die Kirchenältesten langsam und
+feierlich die Treppe hinaufgeschritten. Etwas Unerhörtes müsse in der
+Kirche vorgefallen sein.
+
+Der Fischkuri, der ihr aus seinem Troge Forellen brachte, wurde von
+ihr befragt; aber er war nicht zum Reden zu bringen und schnitt ein
+dummes Gesicht.
+
+Bestürzt eilte das Mädchen in ihre Kammer und mußte lange suchen, ehe
+sie Nadel und Zwirn fand.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+
+Nachdem der Gottesdienst zu Mythikon ohne weitere Störung sein Ende
+genommen hatte, waren die Vettern nebeneinander in die nahe Pfarre
+zurückgeschritten, der Seelsorger zur Rechten des Generals, ohne sich
+um den Ausdruck der öffentlichen Meinung zu kümmern, welcher in den
+Mienen der ihnen Begegnenden unverkennbar zu lesen war.
+
+Dort öffnete der geistliche Wertmüller sein Studierzimmer, ließ den
+weltlichen wie einen straffälligen armen Sünder nachkommen und
+verschloß sorgfältig die Türe. Dann trat er dicht an den Freveltäter
+heran. "Vetter General", sagte er, "du hast an mir gehandelt als ein
+Schelm und ein Bube!", und er machte Miene, ihn am Kragen zu packen.
+
+"Hand weg!" entgegnete dieser. "Soll ich mich mit dir raufen, wie
+weiland mit dem Vetter Zeugherr von Stadelhofen in der Ratslaube zu
+Zürich, als wir uns die Perücken zausten, daß es nur so stob! Bedenke
+dein Amt, deine Würde!"
+
+"Mein Amt, meine Würde!" wiederholte der Pfarrer langsam und
+schmerzlich. Eine Träne netzte seine graue Wimper. Mit diesen vier
+schlichten Worten war dasselbe ausgedrückt, was uns in jener
+großartigen Tirade erschüttert, mit welcher Othello von seiner
+Vergangenheit und seinem Amte Abschied nimmt.
+
+Der General schluckte. Die Träne des alten Mannes war ihm entschieden
+zuviel.
+
+"La, la", tröstete er, "du hast eine prächtige Kaltblütigkeit gezeigt.
+Auf meine Ehre, ein echter Wertmüller! Es ist ein Feldherr an dir
+verlorengegangen."
+
+Aber die Schmeichelei verfing nicht. Auch der Moment der Wehmut war
+vorübergegangen.
+
+"Womit habe ich dich beleidigt?" zürnte der Entrüstete. "Habe ich je
+in meiner Kirche auf dich gestichelt oder angespielt? Habe ich dich
+nicht in deinem Heidentume völlig werden lassen und dich gedeckt, wie
+ich konnte?--Und zum Danke dafür hast du mir hinterlistig das Pistol
+vertauscht, du Gaukler und Taschenspieler!--Warum beschimpfst du meine
+grauen Haare, Kind der Bosheit? Weil es dir in deiner eigenen Haut
+nicht wohl ist!..."
+
+"La, la", sagte der General.
+
+Es pochte. Die Kirchenältesten von Mythikon traten in die Stube, dem
+Krachhalder den Vortritt lassend, und stellten sich in einem
+Halbkreise den Wertmüllern feierlich fast feindselig gegenüber. Der
+General las in den langen gefurchten Gesichtern, daß er mit seinem
+lästerlichen Scherze das dörfliche Gefühl schwer beleidigt hatte.
+
+In der Tat, der Krachhalder, auf den sie alle hinhörten, war in den
+Tiefen seiner Seele empört. Wenn er sich auch den abenteuerlichen
+Vorfall nicht ganz erklären konnte, setzte er ihn doch unbedenklich
+auf die Rechnung des Generals, welcher, die Schwäche seines
+geistlichen Vetters sich zunutze machend, ein landkundiges Ärgernis
+habe anstiften wollen. Dem Krachhalder lag die Ehre seiner Gemeinde
+am Herzen, und er hatte das Mythikonerkirchlein mit seinem schlanken
+Helme und seinen hellen acht Fenstern aufrichtig lieb.--Süß war ihm
+nach dem Schweiße der Woche der Kirchgang im reinlichen Sonntagsrocke
+und den Schnallenschuhen, süß und nachdenklich Taufe und Bestattung,
+die den Gottesdienst und das menschliche Leben begrenzen und einrahmen,
+süß das Angeredetwerden als sterblicher Adam und unsterbliche Seele,
+süß das Kämpfen mit dem Schlummer, das Übermanntwerden, das
+Wiedererwachen; süß das kräftige Amen, süß das Zusammenstehen mit den
+Ältesten auf dem Kirchhofe und die Begrüßung des Pfarrers, süß das
+gemütliche Heimwandeln.
+
+Man mußte ihn sehen, den ehrbaren Greis mit dem scharfgezeichneten
+Kopfe, wenn er bei einer Armensteuer, nach der Aufforderung des Herrn
+Pfarrers zu schöner brüderlicher Wohltat, das Wasser in den Augen, aus
+seinem Geldbeutel ein rotes Hellerchen hervorgrub!--
+
+Kurz, der Krachhalder war ein kirchlicher Mann, und das Herz blutete,
+oder richtiger gesagt, die Galle kochte ihm, die Stätte seiner
+sonntäglichen Gefühle verunglimpft und lächerlich gemacht zu sehen.
+
+"Was führt Euch hieher?" redete der General ihn an und fixierte ihn
+mit blitzenden Augen so scharf, daß der Krachhalder, der trotz seines
+guten Gewissens das nicht wohl ertragen konnte, mit seinen
+Augensternen nach rechts und links auswich, bis es ihm endlich gelang
+standzuhalten.
+
+"Macht aus einer Mücke keinen Elefanten!" fuhr Wertmüller, ohne die
+Antwort zu erwarten, fort. "Nehmt den Schuß als einen verspäteten aus
+der Lese, oder, in Teufels Namen, für was Ihr wollt!"
+
+"Die Lese war mittelmäßig", erwiderte der Kirchenälteste mit
+verhaltenem Grimme, "und der Schuß ist ein recht böser Handel, Ihr
+Herren Wertmüller! Ich besitze eine Chronik von Stadt und Land;
+darinnen steht verzeichnet, daß vor Jahren einem jungen geistlichen
+Herrn, der seiner Braut über den heiligen Kelch hin mit verliebten
+Augen zuwinkte...", der Krachhalder machte an seinem Halse das Zeichen
+eines Schnittes.
+
+"Blödsinn!. fuhr der General ungeduldig dazwischen.
+
+"Ich habe zu Hause auch eine Ketzergeschichte", sprach der Krachhalder
+hartnäckig fort, "darinnen alle Trennungen und Sekten von Anfang der
+Welt an beschrieben und abgebildet sind. Aber kein Adamit oder
+Wiedertäufer hat es je unternommen, bei währender Predigt einen Schuß
+abzugeben. Das, Herr Pfarrer, ist eine neue Religion."
+
+Dieser seufzte. Das Beispiellose seiner Tat stand ihm deutlich genug
+vor Augen.
+
+"Man wird den Schuß in Zürich untersuchen", drohte jetzt der
+unbarmherzige Bauer, "die Synagoge", er wollte sagen Synode, "wird
+darüber sitzen. Es tut mir leid für Euch, Herr Pfarrer; aber ich
+hoffe, sie fällt einen scharfen Spruch. Auch so wird uns der Spott
+nicht erspart werden, und das ist das Schlimmste, denn der Spott hat
+ein zähes Leben an unserm See. Wenn ich nur dran denke, wird es mir,
+beim Eid, schwarz vor den Augen. Das ganze rechte Ufer da drüben
+lacht uns aus. Keinen Schoppen können wir mehr trinken in Meilen oder
+Küßnach, ohne daß sie uns verhöhnen in allen Tonarten und Liederweisen.
+Der Schuß von Mythikon stirbt nicht am See, so wenig als in Altorf
+der Tellenschuß. Er haftet und lebt bei Kind und Kindeskind. Ich
+berufe mich auf Euch, Herr General", fuhr er fort, und die alten Augen
+leuchteten boshaft, "Ihr wißt, was das heißen will! Wie lange ist es
+her, daß Ihr von Rapperswyl abzogt? Damals wurdet Ihr von den
+Katholischen besungen, und, glaubt Ihr's? das lebt noch. Ihr seid ein
+verrühmter, abfigürter Mann, aber was hilft das? Erst vorgestern noch
+fuhr ein volles Pilgerschiff von Richterswyl her um die Au mit großem
+Lärm und Gesang. Ich stand in meinem Weinberge und denke: die Narren!
+--Gegen Euer Haus hin werden sie still. 'Das macht der Respekt', sag
+ich zu mir selbst. Ja, da hatt' ich es getroffen. Kaum sind sie
+recht unter Euern Fenstern, so bricht das Spottliedlein los. Ihr wißt
+das, wo sie den Wertmüller heimschicken zur Müllerin! Gut, daß Ihr
+verritten wart! Meineidig geärgert hab ich mich in meinen Reben..."
+
+"Schweigt!" fuhr ihn der General zornig an; denn der alte Schimpf
+jener aufgehobenen Belagerung brannte jetzt noch auf seiner Seele, ja
+schärfer als früher, als wäre er mit jener Tinte verzeichnet, die erst
+nach Jahren schwarz und unvertilglich hervortritt.
+
+Doch er beherrschte sich und wechselte den Ton. "Etwas Konfusion
+gehört zu jeder Komödie", sagte er, "aber wenn sie ihren Höhepunkt
+erreicht hat, muß ihr eine rasche Wendung zu gutem Schlusse helfen,
+sonst wird sogar die Verrücktheit langweilig.
+
+"Herr Pfarrer und liebe Nachbarn!
+
+"Gestern bis tief in die Nacht habe ich an meinem Testamente
+geschrieben und es Schlag zwölf Uhr unterzeichnet. Ich kenne Euer
+warmes Interesse an allem, was ich tue, lasse und nachlasse; erlaubt
+denn, daß ich Euch einiges daraus vorlese."
+
+Er zog eine Handschrift aus der Tasche und entfaltete sie. "Den
+Eingang, wo ich ein bißchen über den Wert der Dinge philosophiere,
+übergeh ich... 'Wenn ich, Rudolf Wertmüller, jemals sterbe...', doch
+das gehört auch nicht hieher...", er blätterte weiter. "Hier!
+'Schloß und Herrschaft Elgg, die ich aus den redlichen Ersparnissen
+meines letzten Feldzuges erworben, bleibt als Fideikommiß in meiner
+Familie', usw. 'Item--sintemal diese Herrschaft eine treffliche, aber
+vernachlässigte Jagd besitzt und eine mit den Beutestücken eben jener
+Kampagne versehene, aber noch unvollständige Waffenkammer, so verfüge
+ich, daß nach meinem Ableben mein Vetter, der Herr Pfarrer Wilpert
+Wertmüller, benanntes Schloß und Herrschaft bewohne und bewerbe, die
+Jagd herstelle, die Waffenkammer vervollkommne und überhaupt und in
+jeder Weise bis an sein Ende frei darüber schalte und walte, wenn
+anders dieser geistliche Herr sich wird entschließen können, sein in
+Mythikon habendes Amt niederzulegen und antistite probante an den
+Kandidaten Pfannenstiel zu transferieren, welchem Kandidaten ich mein
+Patenkind, die Rahel Wertmüllerin, zur Frau gebe, nicht ohne die
+väterliche Einwilligung jedoch, und mit Hinzufügung von dreitausend
+Zürchergulden, die ich dem Fräulein, in meinen Segen eingewickelt,
+hinterlasse.'
+
+"Uff", schöpfte der General Atem, "diese Sätze! Eine verteufelte
+Sprache, das Deutsche!"--
+
+Der Pfarrer kam sich vor wie ein Schiffbrüchiger, den dieselbe Welle
+begräbt und ans Land trägt. Seine verhängnisvolle Leidenschaft
+abgerechnet, ein verständiger Mann, erkannte er sofort, daß ihm der
+General den einzigen und dazu einen höchst angenehmen Weg öffne, der
+ihn aus Schimpf und Schande führen konnte.
+
+Er drückte seinem Übel- und Wohltäter mit einer Art von Rührung die
+Hand, und dieser schüttelte sie ihm mit den Worten: "Komme ich durch,
+so soll es dein Schade nicht sein, Vetter! Ich tue dann, als wär' ich
+tot, und installiere dich als mein eigener Testamentsvollstrecker in
+Elgg!"
+
+Die Mythikoner aber lauschten gleichsam mit allen Gliedmaßen, denn es
+schwante ihnen, daß jetzt sie an die Reihe kämen, beschenkt zu werden.
+
+"Ich vermache denen Mythikern", fuhr der General fort und sein
+Bleistift flog über das Papier in seiner Linken, denn er skizzierte
+den durch die Eingebung des Augenblickes entstandenen Paragraphen,
+"denen Mythikern vermache ich jene in ihre Gemeindewaldung am Wolfgang
+eingekeilte, zu zwei Dritteln mit Nadelholz, zu einem Drittel mit
+Buchen bestandene Spitze meines Besitztums, in der Weise, daß die
+beiden Marksteine des Gemeindegutes zu meinen Ungunsten durch eine
+gerade Linie verbunden werden.--
+
+"Heute noch--auf Ehrenwort und vor Zeugen--erhält dieser Zusatz mit
+meiner Unterschrift seine Endgültigkeit," erklärte der General, "in
+der Meinung jedoch und unter der Bedingung, daß der heute, wie eine
+unverbürgte Sage geht, in der Kirche von Mythikon abgefeuerte Schuß zu
+den ungeschehenen Dingen verstoßen und, soweit er Realität hätte, mit
+einem ewigen Schweigen bedeckt werde, welches sich die Mythiker
+eidlich verpflichten, weder in diesem Leben zu brechen noch jenseits
+des Grabes am jüngsten Tage und letzten Gerichte."
+
+Der Krachhalder war während dieser Mitteilung äußerlich ruhig
+geblieben, nur die Nasenflügel in dem übrigens gelassenen Gesicht
+zitterten ein wenig, und seine Fingerspitzen hatten sich um ein
+kleines einwärts gebogen, als wolle er das Geschenk festhalten. "Herr
+General, so wahr mir Gott helfe!" rief er jetzt und hob die Hand zum
+Schwure; Wertmüller aber schloß:
+
+"Widrigenfalls und bei gebrochenem Schweigen ich dies Vermächtnis bei
+meiner Rückkehr aus dem bevorstehenden Feldzuge umstoßen und vertilgen
+werde. Wäre mir dies nicht möglich wegen eingetretenen Sterbefalles,
+so schwöre ich, mich den Mythikern als Geist zu zeigen und zur Strafe
+ihres Eidbruches zwischen zwölf und eins ihre Dorfgasse
+abzupatrouillieren.--Werdet Ihr die Bedingung erfüllen können,
+Krachhalder?"
+
+"Unwitzig müßten wir sein", beteuerte dieser, "wenn wir nicht das Maul
+hielten!"
+
+"Und Eure Weiber?"
+
+"Dafür laßt uns Mythikoner sorgen", sagte der alte Bauer ruhig und
+machte eine bedeutungsvolle Handbewegung.
+
+"Aber, Krachhalder, stellt Euch vor, ich sei aus dem Reiche zurück",
+sagte der General freundlich, "Wir sitzen unter meiner Veranda, ich
+lege Euch so wie jetzt die Hand auf die Schulter, stoße mit Euch an
+und wir plaudern allerlei. Dann sag ich so im Vorbeigehen: Jener
+Schuß hat gut gekracht!..."
+
+"Welcher Schuß?--Das lügt Ihr, Herr General!" rief der Kirchenälteste
+mit einer sittlichen Entrüstung, die komischerweise durchaus nicht
+gespielt war, sondern das Gepräge vollkommener Aufrichtigkeit trug.
+
+Wertmüller lächelte zufrieden.
+
+"Jetzt heim, Ihr Männer!" mahnte der Alte. "Damit kein Unglück
+geschehe, muß in einer Viertelstunde das ganze Dorf wissen, daß der
+Schuß... will sagen, daß wir heute eine gute Predigt gehört haben."
+
+Er drückte dem Pfarrer die Hand. "Und Euch, Herr General", sagte er,
+"reiche ich sie als Eidgenosse."
+
+"Verzicht einen Augenblick", befahl Wertmüller, "und seid Zeugen, wie
+ein glücklicher Vater zwei Hände zusammenlegt. Der Vikar kann nicht
+ferne sein. Trogen mich nicht die Augen, so sah ich ihn von weitem
+über eine Hecke voltigieren mit einem Salto, den ich ihm nie zugetraut
+hätte."
+
+"Rahel, mein Kind, schnell!" rief der Pfarrer durch die geöffnete Türe
+ins Haus hinein.
+
+"Gleich, Vater!" scholl es zurück; aber nicht aus dem Innern der
+Wohnung, sondern von außen durch das Weinlaub des Bogenganges herauf.
+
+Rasch blickte der General aus dem Fenster und gewahrte durch das
+Blattgitter seine Schützlinge in einer Gruppe, die er sich durchaus
+nicht erklären konnte.
+
+"Hervor, Hirt und Hirtin, aus Arkadiens Lauben!" rief der alte Soldat.
+
+Da schritt Rahel unmutig errötend unter dem schützenden Blätterdache
+hervor und betrat mit Pfannenstiel, den sie mitzog, ein kleines von
+Edelobstbäumen umzogenes Rondell, das hart vor den Fenstern der
+Studierstube lag, aus denen der General mit den neugierigen
+Kirchenvorstehern herunterschaute.
+
+Das Fräulein hielt eine Nadel in der gelenken Hand und befestigte vor
+aller Augen einen herabhängenden Knopf am Rocke des Kandidaten. Sie
+ließ sich in der Arbeit nicht stören. Erst nachdem sie den Faden
+gekappt hatte, heftete sie die braunen Augen, in denen Ernst und
+Übermut kämpften, fest auf ihren wunderlichen Schutzgeist und rief ihm
+zu:
+
+"Pate, Ihr habt mir in kurzer Zeit den Herrn Vikar fast zerstört und
+zugrunde gerichtet. Wohl mußt' ich ihn wieder in Ordnung bringen,
+damit er vor Gott und Menschen erscheinen könne! Was aber habt Ihr
+mit dem obersten Knopfe angefangen, der hier mangelte und den ich
+durch einen des Vaters ersetzen mußte?--Schafft ihn zur Stelle, oder..."
+Sie erhob die Nadel mit einer so trotzigen und blutdürstigen Gebärde
+gegen den General, daß die Männer alle in schallendes Gelächter
+ausbrachen.
+
+Nach wenigen Augenblicken traten Pfannenstiel und Rahel vor den
+Pfarrer, der sie verlobte und segnete.
+
+Als aber die vergnügten Kirchenältesten sich entfernt hatten, gab der
+würdige Herr seinem künftigen Schwiegersohne noch eine kurze Ermahnung:
+
+"Was war das, Herr Vikar? An der Kirche vorüberschlüpfen, abgerissene
+Knöpfe!... Wo bleibt da die Würde, das Amt?"
+
+Dann wandte er sich gegen den General: "Ein Pärchen!" sagte er, "nun
+das andere! Gebt her, Vetter!"
+
+Und er langte ihm ohne Umstände in die Rocktasche, hob daraus das
+hartspielende Pistol, zog dann das in der Kirche entladene
+leichtspielende aus der seinigen und hielt sie vergleichend zusammen.
+
+
+
+So begab es sich, daß der Schuß von Mythikon totgeschwiegen und, im
+Widerspiel mit dem Tellenschusse, aus einer Realität zu einer blassen
+wesenlosen Sage verflüchtigt wurde, die noch heute als ein heimatloses
+Gespenst an den schönen Ufern unsres Sees herumschwebt.
+
+Aber auch wenn die Mythikoner geplaudert hätten, der General konnte
+sein Testament nicht mehr entkräften, denn er hatte die Eichen der Au
+zum letzten Male gesehen.
+
+Sein Ende war rasch, dunkel, unheimlich. Eines Abends beim
+Lichteranzünden ritt er mit seinem Gefolge in ein deutsches Städtchen
+ein, stieg im einzigen schlechten Wirtshause ab, berief den Schöffen
+zu sich und ordnete Requisitionen an. Ein paar Stunden später wurde
+er plötzlich von einem Krankheitsanfalle niedergeworfen und Schlag
+Mitternacht hauchte er seine seltsame Seele aus.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Schuß von der Kanzel, von
+Conrad Ferdinand Meyer.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Title: Der Schuss von der Kanzel, by
+Conrad Ferdinand Meyer
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK TITLE: DER SCHUSS VON DER KANZEL ***
+
+***** This file should be named 9494-8.txt or 9494-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/9/4/9/9494/
+
+Produced by Delphine Lettau, Mike Pullen and Gutenberg Projekt-DE
+Updated editions will replace the previous one--the old editions will
+be renamed.
+
+Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
+law means that no one owns a United States copyright in these works,
+so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
+States without permission and without paying copyright
+royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
+of this license, apply to copying and distributing Project
+Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
+concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
+and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
+specific permission. If you do not charge anything for copies of this
+eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given
+away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
+not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
+trademark license, especially commercial redistribution.
+
+START: FULL LICENSE
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
+Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
+www.gutenberg.org/license.
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
+Gutenberg-tm electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or
+destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
+possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
+Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
+by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
+person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
+1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
+agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
+electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
+Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
+of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
+works in the collection are in the public domain in the United
+States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
+United States and you are located in the United States, we do not
+claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
+displaying or creating derivative works based on the work as long as
+all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
+that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
+free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
+works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
+Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
+comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
+same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
+you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
+in a constant state of change. If you are outside the United States,
+check the laws of your country in addition to the terms of this
+agreement before downloading, copying, displaying, performing,
+distributing or creating derivative works based on this work or any
+other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
+representations concerning the copyright status of any work in any
+country outside the United States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
+immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
+prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
+on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
+phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
+performed, viewed, copied or distributed:
+
+ This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
+ most other parts of the world at no cost and with almost no
+ restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
+ under the terms of the Project Gutenberg License included with this
+ eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
+ United States, you'll have to check the laws of the country where you
+ are located before using this ebook.
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
+derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
+contain a notice indicating that it is posted with permission of the
+copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
+the United States without paying any fees or charges. If you are
+redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
+Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
+either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
+obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
+additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
+will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
+posted with the permission of the copyright holder found at the
+beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
+any word processing or hypertext form. However, if you provide access
+to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
+other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
+version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
+(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
+to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
+of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
+Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
+full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
+provided that
+
+* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
+ to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
+ agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
+ within 60 days following each date on which you prepare (or are
+ legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
+ payments should be clearly marked as such and sent to the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
+ Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation."
+
+* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or destroy all
+ copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
+ all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
+ works.
+
+* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+* You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
+Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
+are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
+from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
+Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
+trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
+Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
+electronic works, and the medium on which they may be stored, may
+contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
+or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
+other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
+cannot be read by your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium
+with your written explanation. The person or entity that provided you
+with the defective work may elect to provide a replacement copy in
+lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
+or entity providing it to you may choose to give you a second
+opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
+the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
+without further opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
+OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of
+damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
+violates the law of the state applicable to this agreement, the
+agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
+limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
+unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
+remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
+accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
+production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
+electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
+including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
+the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
+or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
+Defect you cause.
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of
+computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
+exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
+from people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
+donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search
+facility: www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+