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+Project Gutenberg's Die Hochzeit des Moenchs, by Conrad Ferdinand Meyer
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+Title: Die Hochzeit des Moenchs
+
+Author: Conrad Ferdinand Meyer
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+Release Date: December, 2005 [EBook #9495]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on October 5, 2003]
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+Edition: 10
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+Language: German
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HOCHZEIT DES MOENCHS ***
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+Produced by Delphine Lettau
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
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+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
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+Die Hochzeit des Moenchs
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+Conrad Ferdinand Meyer
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+Es war in Verona. Vor einem breiten Feuer das einen weitraeumigen Herd
+fuellte, lagerte in den bequemsten Stellungen, welche der Anstand
+erlaubt, ein junges Hofgesinde maennlichen und weiblichen Geschlechts
+um einen ebenso jugendlichen Herrscher und zwei bluehende Frauen. Dem
+Herd zur Linken sass diese fuerstliche Gruppe, welcher die uebrigen in
+einem Viertelkreis sich anschlossen, die ganze andere Seite des Herdes
+nach hoefischer Sitte frei lassend. Der Gebieter war derjenige
+Scaliger, welchen sie Cangrande nannten. Von den Frauen, in deren
+Mitte er sass, mochte die naechst dem Herd etwas zurueck und ins
+Halbdunkel gelehnte sein Eheweib, die andere, vollbeleuchtete, seine
+Verwandte oder Freundin sein, und es wurden mit bedeutsamen Blicken
+und halblautem Gelaechter Geschichten erzaehlt.
+
+Jetzt trat in diesen sinnlichen und mutwilligen Kreis ein
+gravitaetischer Mann, dessen grosse Zuege und lange Gewaender aus einer
+andern Welt zu sein schienen. "Herr, ich komme, mich an deinem Herde
+zu waermen", sprach der Fremdartige halb feierlich, halb geringschaetzig
+und verschmaehte hinzuzufuegen, dass die laessige Dienerschaft trotz des
+frostigen Novemberabends vergessen oder versaeumt hatte, Feuer in der
+hoch gelegenen Kammer des Gastes zu machen.
+
+"Setze dich neben mich, mein Dante", erwiderte Cangrande, "aber wenn
+du dich gesellig waermen willst, so blicke mir nicht nach deiner
+Gewohnheit stumm in die Flamme! Hier wird erzaehlt, und die Hand,
+welche heute Terzinen geschmiedet hat auf meine astrologische Kammer
+steigend, hoerte ich in der deinigen mit dumpfem Gesang Verse
+skandieren--, diese wuchtige Hand darf es heute nicht verweigern, das
+Spielzeug eines kurzweiligen Geschichtchens, ohne es zu zerbrechen,
+zwischen ihre Finger zu nehmen. Beurlaube die Goettinnen"--er meinte
+wohl die Musen--"und vergnuege dich mit diesen schoenen Sterblichen."
+Der Scaliger zeigte seinem Gast mit einer leichten Handbewegung die
+zwei Frauen, von welchen die groessere, die scheinbar gefuehllos im
+Schatten sass, nicht daran dachte zu ruecken, waehrend die kleinere und
+aufgeweckte dem Florentiner bereitwillig neben sich Raum machte. Aber
+dieser gab der Einladung seines Wirtes keine Folge, sondern waehlte
+stolz den letzten Sitz am Ende des Kreises. Ihm missfiel entweder die
+Zweiweiberei des Fuersten--wenn auch vielleicht nur das Spiel eines
+Abends--oder dann ekelte ihn der Hofnarr, welcher, die Beine vor sich
+hingestreckt, neben dem Sessel Cangrandes auf dem herabgeglittenen
+Mantel desselben am Boden sass.
+
+Dieser, ein alter, zahnloser Mensch mit Glotzaugen und einem schlaffen,
+verschwaetzten und vernaschten Maul--neben Dante der einzig Bejahrte
+der Gesellschaft--, hiess Gocciola, das heisst das Troepfchen, weil er
+die letzten klebrigen Tropfen aus den geleerten Glaesern
+zusammenzunaschen pflegte, und hasste den Fremdling mit kindischer
+Bosheit; denn er sah in Dante seinen Nebenbuhler um die nicht eben
+waehlerische Gunst des Herrn. Er schnitt ein Gesicht und erfrechte
+sich, seine huebsche Nachbarin zur Linken auf das an der hellen Decke
+des hohen Gemaches sich abschattende Profil des Dichters hoehnisch
+grinsend aufmerksam zu machen. Das Schattenbild Dantes glich einem
+Riesenweibe mit langgebogener Nase und hangender Lippe, einer Parze
+oder dergleichen. Das lebhafte Maedchen verwand ein kindliches Lachen.
+Ihr Nachbar, ein klug blickender Juengling, der Ascanio hiess, half ihr
+dasselbe ersticken, indem er sich an Dante wendete mit einer massvollen
+Ehrerbietung, in welcher dieser angeredet zu werden liebte.
+
+"Verschmaehe es nicht, du Homer und Virgil Italiens", bat er, "dich in
+unser harmloses Spiel zu mischen. Lass dich zu uns herab und erzaehle,
+Meister, statt zu singen."
+
+"Was ist euer Thema?" warf Dante hin, weniger ungesellig, als er
+begonnen hatte, aber immer noch muerrisch genug. "Ploetzlicher
+Berufswechsel", antwortete der Juengling buendig, "mit gutem oder
+schlechtem oder laecherlichem Ausgang."
+
+Dante besann sich. Seine schwermuetigen Augen betrachteten die
+Gesellschaft, deren Zusammensetzung ihm nicht durchaus zu missfallen
+schien; denn er entdeckte in derselben neben mancher flachen einige
+bedeutende Stirnen. "Hat einer unter euch den entkutteten Moench
+behandelt?" aeusserte der schon milder Gestimmte.
+
+"Gewiss, Dante!" antwortete, sein Italienisch mit einem leichten
+deutschen Akzent aussprechend, ein Kriegsmann von treuherzigem
+Aussehen, Germano mit Namen, der einen Ringelpanzer und einen lang
+herabhaengenden Schnurrbart trug. "Ich selbst erzaehlte den jungen
+Manuccio, welcher ueber die Mauern seines Klosters sprang, um Krieger
+zu werden."
+
+"Er tat recht", erklaerte Dante, "er hatte sich selbst getaeuscht ueber
+seine Anlage."
+
+"Ich, Meister", plauderte jetzt eine kecke, etwas ueppige Paduanerin,
+namens Isotta, "habe die Helene Manente erzaehlt, welche eben die erste
+Locke unter der geweihten Schere verscherzt hatte, aber schnell die
+uebrigen mit den beiden Haenden deckte und ihr Nonnengeluebde
+verschluckte, denn sie hatte ihren in barbareske Sklaverei geratenen
+und hoechst wunderbar daraus erretteten Freund unter dem Volk im Schiff
+der Kirche erblickt, wie er die geloesten Ketten"--sie wollte sagen: an
+der Mauer aufhing, aber ihr Geschwaetz wurde von dem Munde Dantes
+zerschnitten.
+
+"Sie tat gut", sagte er, "denn sie handelte aus der Wahrheit ihrer
+verliebten Natur. Von alledem ist hier die Rede nicht, sondern von
+einem ganz andern Fall: Wenn naemlich ein Moench nicht aus eigenem Trieb,
+nicht aus erwachter Weltlust oder Weltkraft, nicht weil er sein Wesen
+verkannt haette, sondern einem andern zuliebe, unter dem Druck eines
+fremden Willens, wenn auch vielleicht aus heiligen Gruenden der Pietaet,
+untreu an sich wird, sich selbst mehr noch als der Kirche gegebene
+Geluebde bricht und eine Kutte abwirft, die ihm auf dem Leib sass und
+ihn nicht drueckte. Wurde das schon erzaehlt? Nein? Gut, so werde ich
+es tun. Aber sage mir, wie endet solches Ding, mein Goenner und
+Beschuetzer?" Er hatte sich ganz gegen Cangrande gewendet.
+
+"Notwendig schlimm", antwortete dieser ohne Besinnen. "Wer mit freiem
+Anlauf springt, springt gut; wer gestossen wird, springt schlecht."
+
+"Du redest die Wahrheit, Herr", bestaetigte Dante, "und nicht anders,
+wenn ich ihn verstehe, meint es auch der Apostel, wo er schreibt: dass
+Suende sei, was nicht aus dem Glauben gehe, das heisst, aus der
+Ueberzeugung und Wahrheit unserer Natur."
+
+"Muss es denn ueberhaupt Moenche geben?" kicherte eine gedaempfte Stimme
+aus dem Halbdunkel, als wollte sie sagen: jede Befreiung aus einem an
+sich unnatuerlichen Stand ist eine Wohltat.
+
+Die dreiste und ketzerische Aeusserung erregte hier kein Aergernis, denn
+an diesem Hof wurde das kuehnste Reden ueber kirchliche Dinge geduldet,
+ja belaechelt, waehrend ein freies oder nur unvorsichtiges Wort ueber den
+Herrscher, seine Person oder seine Politik, verderben konnte.
+
+Dantes Auge suchte den Sprecher und entdeckte denselben in einem
+vornehmen, jungen Kleriker, dessen Finger mit dem kostbaren Kreuze
+taendelten, welches er ueber dem geistlichen Gewand trug.
+
+"Nicht meinetwegen", gab der Florentiner bedaechtig zur Antwort.
+"Moegen die Moenche aussterben, sobald ein Geschlecht ersteht, welches
+die beiden hoechsten Kraefte der Menschenseele, die sich auszuschliessen
+scheinen, die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit vereinigen lernt.
+Bis zu jener spaeten Weltstunde verwalte der Staat die eine, die Kirche
+die andere. Da aber die Uebung der Barmherzigkeit eine durchaus
+selbstlose Seele fordert, so sind die drei moenchischen Geluebde
+gerechtfertigt; denn es ist weniger schwer, wie die Erfahrung lehrt,
+der Lust ganz als halb zu entsagen."
+
+"Gibt es aber nicht mehr schlechte Moenche als gute?" fragte der
+geistliche Zweifler weiter.
+
+"Nein", behauptete Dante, "wenn man die menschliche Schwachheit
+beruecksichtigt. Es muesste denn mehr ungerechte Richter als gerechte,
+mehr feige Krieger als beherzte, mehr schlechte Menschen als gute
+geben."
+
+"Und ist das nicht der Fall?" fluesterte der im Halbdunkel.
+
+"Nein", entschied Dante, und eine himmlische Verklaerung erleuchtete
+seine strengen Zuege. "Fragt und untersucht unsere Philosophie nicht:
+wie ist das Boese in die Welt gekommen? Waeren die Boesen in der
+Mehrzahl, so fragten wir: wie kam das Gute in die Welt?"
+
+Diese stolzen und dunkeln Saetze imponierten der Gesellschaft, erregten
+aber auch die Besorgnis, der Florentiner moechte sich in seine
+Scholastik vertiefen statt in seine Geschichte.
+
+Cangrande sah, wie seine junge Freundin ein huebsches Gaehnen verwand.
+Unter solchen Umstaenden ergriff er das Wort und fragte: "Erzaehlst du
+uns eine wahre Geschichte, mein Dante, nach Dokumenten? oder eine Sage
+des Volksmunds? oder eine Erfindung deiner bekraenzten Stirne?"
+
+Dieser antwortete langsam betonend: "Ich entwickle meine Geschichte
+aus einer Grabschrift."
+
+"Aus einer Grabschrift?"
+
+"Aus einer Grabschrift, die ich vor Jahren bei den Franziskanern in
+Padua gelesen habe. Der Stein, welcher sie traegt, lag in einem Winkel
+des Klostergartens, allerdings unter wildem Rosengestraeuch versteckt,
+aber doch den Novizen zugaenglich, wenn sie auf allen vieren krochen
+und sich eine von Dornen zerkritzte Wange nicht reuen liessen. Ich
+befahl dem Prior--will sagen, ich ersuchte ihn, den fraglichen Stein
+in die Bibliothek zu versetzen und unter die Hut eines Greises zu
+stellen."
+
+"Was sagte denn der Stein?" liess sich jetzt die Gemahlin des Fuersten
+nachlaessig vernehmen.
+
+"Die Inschrift", erwiderte Dante, "war lateinisch und lautete: Hic
+jacet monachus Astorre cum uxore Antiope. Sepeliebat Azzolinus."
+
+"Was heisst denn das?" fragte die andere neugierig.
+
+Cangrande uebersetzte fliessend: "Hier schlummert der Moench Astorre
+neben seiner Gattin Antiope. Beide begrub Ezzelin."
+
+"Der abscheuliche Tyrann!" rief die Empfindsame. "Gewiss hat er die
+beiden lebendig begraben lassen, weil sie sich liebten, und das Opfer
+noch in der Gruft gehoehnt, indem er es die Gattin des Moenches nannte.
+Der Grausame!"
+
+"Kaum", meinte Dante. "Das hat sich in meinem Geiste anders gestaltet
+und ist auch nach der Geschichte unwahrscheinlich. Denn Ezzelin
+bedrohte wohl eher den kirchlichen Gehorsam als den Bruch geistlicher
+Geluebde. Ich nehme das 'sepeliebat' in freundlicherem Sinne: er gab
+den beiden ein Begraebnis."
+
+"Recht", rief Cangrande freudig, "du denkst wie ich, Florentiner!
+Ezzelino war eine Herrschernatur und, wie sie einmal sind, etwas rauh
+und gewaltsam. Neun Zehntel seiner Frevel haben ihm die Pfaffen und
+das fabelsuechtige Volk angedichtet." "Moechte dem so sein!" seufzte
+Dante. "Wo er uebrigens in meiner Fabel auftritt, ist er noch nicht
+das Ungeheuer, welches uns, wahr oder falsch, die Chronik schildert,
+sondern seine Grausamkeit beginnt sich nur erst zu zeichnen, mit einem
+Zug um den Mund sozusagen--"
+
+"Eine gebietende Gestalt", vollendete Cangrande feurig das Bildnis,
+"mit gestraeubtem, schwarzem Stirnhaar, wie du ihn in deinem zwoelften
+Gesang als einen Bewohner der Hoelle malst. Woher hast du dieses
+schwarzhaarige Haupt?"
+
+"Es ist das deinige", versetzte Dante kuehn, und Cangrande fuehlte sich
+geschmeichelt.
+
+"Auch die uebrigen Gestalten der Erzaehlung", fuhr er mit laechelnder
+Drohung fort, "werde ich, ihr gestattet es?"--und er wendete sich
+gegen die Umsitzenden--"aus eurer Mitte nehmen und ihnen eure Namen
+geben: euer Inneres lasse ich unangetastet, denn ich kann nicht darin
+lesen."
+
+"Meine Miene gebe ich dir preis", sagte grossartig die Fuerstin, deren
+Gleichgueltigkeit zu weichen begann.
+
+Ein Gemurmel der hoechsten Aufregung lief durch die Zuhoerer, und:
+"Deine Geschichte, Dante!" raunte es von allen Seiten, "deine
+Geschichte!"
+
+"Hier ist sie", sagte dieser und erzaehlte.
+
+"Wo sich der Gang der Brenta in einem schlanken Bogen der Stadt Padua
+naehert, ohne diese jedoch zu beruehren, glitt an einem himmlischen
+Sommertag unter gedaempftem Floetenschall eine bekraenzte, von festlich
+Gekleideten ueberfuellte Barke auf dem schnellen, aber ruhigen Wasser.
+Es war die Brautfahrt des Umberto Vicedomini und der Diana Pizzaguerra.
+Der Paduaner hatte sich seine Verlobte aus einem am obern Lauf des
+Flusses gelegenen Kloster geholt, wohin, kraft einer alten staedtischen
+Sitte, Maedchen von Stand vor ihrer Hochzeit zum Behufe frommer Uebungen
+sich zurueckzuziehen pflegen. Sie sass in der Mitte der Barke auf einem
+purpurnen Polster zwischen ihrem Braeutigam und den drei bluehenden
+Knaben seines ersten Bettes. Umberto Vicedomini hatte vor fuenf Jahren,
+da die Pest in Padua wuetete, das Weib seiner Jugend begraben und,
+obwohl in der Kraft der Maennlichkeit stehend, nur schwer und
+widerwillig, auf das taegliche Draengen eines alten und siechen Vaters,
+zu diesem zweiten Ehebund sich entschlossen.
+
+Mit eingezogenen Rudern fuhr die Barke, dem Willen des Stromes sich
+ueberlassend. Die Bootsknechte begleiteten die sanfte Musik mit einem
+halblauten Gesang. Da verstummten beide. Aller Augen hatten sich
+nach dem rechten Ufer gerichtet, an welchem ein grosser Reiter seinen
+Hengst baendigte und mit einer weiten Gebaerde nach der Barke herueber
+gruesste. Scheues Gemurmel durchlief die Reihen der Sitzenden. Die
+Ruderer rissen sich die roten Muetzen vom Kopf, und das ganze Fest
+erhob sich in Furcht und Ehrerbietung, auch der Braeutigam, Diana und
+die Knaben. Untertaenige Gebaerden, gruessende Arme, halbgebogene Knie
+wendeten sich gegen den Strand mit einem solchen Ungestuem und Uebermass
+der Bewegung, dass die Barke aus dem Gleichgewicht kam, sich nach
+rechts neigte und ploetzlich ueberwog. Ein Schrei des Entsetzens, ein
+drehender Wirbel, eine leere Strommitte, die sich mit Auftauchenden,
+wieder Versinkenden und den schwimmenden Kraenzen der verunglueckten
+Barke bevoelkerte. Hilfe war nicht ferne, denn wenig weiter unten lag
+ein kleiner Port, wo Fischer und Faehrleute hausten und heute auch die
+Rosse und Saenften warteten, welche die Gesellschaft, die jetzt im
+Strom unterging, vollends nach Padua haetten bringen sollen.
+
+Die zwei ersten der rettenden Kaehne strebten sich von den
+entgegengesetzten Ufern zu. In dem einen stand neben einem alten
+Fergen mit struppigem Bart Ezzelin, der Tyrann von Padua, der
+unschuldige Urheber des Verderbens, in dem andern, vom linken Ufer
+kommenden ein junger Moench und sein Faehrmann, welcher den staubigen
+Waller ueber den Strom stiess gerade in dem Augenblick, da sich darauf
+das Unheil zutrug. Die beiden Boote erreichten sich. Zwischen ihnen
+schwamm im Flusse etwas wie eine Fuelle blonden Haares, in das der
+Moench entschlossen hineingriff, knielings, mit weit ausgestrecktem
+Arme, waehrend sein Schiffer aus allen Kraeften sich auf die andere
+Seite des Nachens zurueckstemmte. An einer dicken Straehne hob der
+Moench ein Haupt, das die Augen geschlossen hielt, und dann, mit Hilfe
+des dicht herangekommenen Ezzelin, die Last eines von triefendem
+Gewand beschwerten Weibes aus der Stroemung. Der Tyrann war von seinem
+Nachen in den andern gesprungen und betrachtete jetzt das entseelte
+Haupt, das einen Ausdruck von Trotz und Unglueck trug, mit einer Art
+von Wohlgefallen, sei es an den grossen Zuegen desselben, sei es an der
+Ruhe des Todes.
+
+'Kennst du sie, Astorre?' fragte er den Moench. Dieser schuettelte
+verneinend den Kopf, und der andere fuhr fort: 'Siehe, es ist das Weib
+deines Bruders.'
+
+Der Moench warf auf das bleiche Antlitz einen mitleidigen, scheuen
+Blick, welches unter demselben langsam die schlummernden Augen oeffnete.
+
+'Bringe sie ans Ufer!' befahl Ezzelin, allein der Moench ueberliess sie
+seinem Faehrmann. 'Ich will meinen Bruder suchen', rief er, 'bis ich
+ihn finde.'--'Ich helfe dir, Moench', sagte der Tyrann, 'doch ich
+zweifle, dass wir ihn retten: ich sah ihn, wie er seine Knaben
+umschlang und, von den dreien umklammert, schwer in die Tiefe ging.'
+
+Inzwischen hatte sich die Brenta mit Fahrzeugen bedeckt. Es wurde
+gefischt mit Stangen, Haken, Angeln, Netzen, und in der rasch
+wechselnden Szene vervielfaeltigte sich ueber den Suchenden und den
+gehobenen Buerden die Gestalt des Herrschers.
+
+'Komm, Moench!' sagte er endlich. 'Hier gibt es fuer dich nichts mehr
+zu tun. Umberto und seine Knaben liegen nunmehr zu lang in der Tiefe,
+um ins Leben zurueckzukehren. Der Strom hat sie verschleppt. Er wird
+sie ans Ufer legen, wann er ihrer muede ist. Aber siehst du dort die
+Zelte?' Man hatte deren eine Zahl am Strand der Brenta zum Empfang der
+mit der Hochzeitsbarke Erwarteten aufgeschlagen und jetzt die Toten
+oder Scheintoten hineingelegt, welche von ihren schon aus dem nahen
+Padua herbeigeeilten Verwandten und Dienern umjammert wurden. 'Dort,
+Moench, verrichte, was deines Amtes ist: Werke der Barmherzigkeit!
+Troeste die Lebenden! Bestatte die Toten!'
+
+Der Moench hatte das Ufer betreten und den Reichsvogt aus den Augen
+verloren. Da kam ihm aus dem Gedraenge Diana entgegen, die Braut und
+Witwe seines Bruders, trostlos, aber ihrer Sinne wieder maechtig. Noch
+trieften die schweren Haare, aber auf ein gewechseltes Gewand: ein
+mitleidiges Weib aus dem Volke hatte ihr im Gezelt das eigene gegeben
+und sich des kostbaren Hochzeitskleides bemaechtigt. 'Frommer Bruder',
+wendete sie sich an Astorre, 'ich bin verlassen: die mir bestimmte
+Saenfte ist in der Verwirrung mit einer andern, Lebenden oder Toten, in
+die Stadt zurueckgekehrt. Begleite mich nach dem Hause meines
+Schwiegers, der dein Vater ist!'
+
+Die junge Witwe taeuschte sich. Nicht in der Bestuerzung und Verwirrung,
+sondern aus Feigheit und Aberglauben hatte das Gesinde des alten
+Vicedomini sie im Stiche gelassen. Es fuerchtete sich, dem jaehzornigen
+Alten eine Wittib und, mit ihr die Kunde von dem Untergang seines
+Hauses zu bringen.
+
+Da der Moench viele seinesgleichen unter den Zelten und im Freien mit
+barmherzigen Werken beschaeftigt sah, willfahrte er dem Gesuch. 'Gehen
+wir', sagte er und schlug mit dem jungen Weibe die Strasse nach der
+Stadt ein, deren Tuerme und Kuppeln auf dem blauen Himmel wuchsen. Der
+Weg war bedeckt mit Hunderten, die an den Strand eilten oder vom
+Strande zurueckkehrten. Die beiden schritten, oft voneinander getrennt,
+aber sich immer wieder findend, in der Mitte der Strasse, ohne
+miteinander zu reden, und wandelten jetzt schon durch die Vorstadt, wo
+die Gewerbe hausen. Hier standen ueberall--das Unglueck auf der Brenta
+hatte die ganze Bevoelkerung auf die Beine gebracht--laut plaudernde
+oder fluesternde Gruppen, welche das zufaellige Paar, das den Bruder und
+den Braeutigam verloren hatte, mit teilnehmender Neugierde betrachteten.
+
+Der Moench und Diana waren Gestalten, die jedes Kind in Padua kannte.
+Astorre, wenn er nicht fuer einen Heiligen galt, hatte doch den Ruf des
+musterhaften Moenches. Er konnte der Stadtmoench von Padua heissen, den
+das Volk verehrte und auf den es stolz war. Und mit Grund: denn er
+hatte auf die Vorrechte seines hohen Adels und den unermesslichen
+Besitz seines Hauses tapfer, ja freudig verzichtet und gab sein Leben
+in Zeiten der Seuche oder bei andern oeffentlichen Faehrlichkeiten, ohne
+zu markten, fuer den Geringsten und die Aermste preis. Dabei war er mit
+seinem kastanienbraunen Kraushaar, seinen warmen Augen und seiner
+edeln Gebaerde ein anmutender Mann, wie das Volk seine Heiligen liebt.
+
+Diana war in ihrer Weise nicht weniger namhaft, schon durch die
+Vollkraft des Wuchses, welche das Volk mehr als die zarten Reize
+bewundert. Ihre Mutter war eine Deutsche gewesen, ja eine Staufin,
+wie einige behaupteten, freilich nur dem Blute, nicht dem Gesetze nach.
+Deutschland und Welschland hatten zusammen als gute Schwestern diese
+grosse Gestalt gebaut.
+
+Wie herb und streng Diana mit ihresgleichen umging, mit den Geringen
+war sie leutselig, liess sich ihre Haendel erzaehlen, gab kurzen und
+deutlichen Bescheid und kuesste die zerlumptesten Kinder. Sie schenkte
+und spendete ohne Besinnen, wohl weil ihr Vater, der alte Pizzaguerra,
+nach Vicedomini der reichste Paduaner, zugleich der schmutzigste
+Geizhals war, und Diana sich des vaeterlichen Lasters schaemte.
+
+So verheiratete das ihr geneigte Volk in seinen Schenken und
+Plauderstuben Diana monatlich mit irgendeinem vornehmen Paduaner, doch
+die Wirklichkeit trug diesen frommen Wuenschen keine Rechnung. Drei
+Hindernisse erschwerten eine Brautschaft: die hohen und oft finsteren
+Brauen Dianas, die geschlossene Hand ihres Vaters und die blinde
+Anhaenglichkeit ihres Bruders Germano an den Tyrannen, bei dessen
+moeglichem Falle der treue Diener mit zugrunde gehen musste, seine Sippe
+nach sich ziehend.
+
+Endlich verlobte sich mit ihr, ohne Liebe, wie es stadtkundig war,
+Umberto Vicedomini, der jetzt in der Brenta lag.
+
+Uebrigens waren die beiden so versunken in ihren gerechten Schmerz, dass
+sie das eifrige Geschwaetz, welches sich an ihre Fersen heftete,
+entweder nicht vernahmen oder sich wenig um dasselbe bekuemmerten.
+Nicht das gab Anstoss, dass der Moench und das Weib nebeneinander
+schritten. Es erschien in der Ordnung, da der Moench an ihr zu troesten
+hatte und sie wohl beide denselben Weg gingen: zu dem alten Vicedomini,
+als die naechsten und natuerlichen Boten des Geschehenen.
+
+Die Weiber bejammerten Diana, dass sie einen Mann habe heiraten muessen,
+der sie nur als Ersatz fuer eine teure Gestorbene genommen, und
+beklagten sie in demselben Atemzug, dass sie diesen Mann vor der Ehe
+eingebuesst habe.
+
+Die Maenner dagegen eroerterten mit wichtigen Gebaerden und den
+schlausten Mienen eine brennende Frage, welche sich ueber den in der
+Brenta versunkenen vier Stammhaltern des ersten paduanischen
+Geschlechts eroeffnet hatte. Die Gluecksgueter der Vicedomini waren
+sprichwoertlich. Das Familienhaupt, ein ebenso energischer wie
+listiger Mensch, der es fertiggebracht hatte, mit beiden, dem fuenffach
+gebannten Tyrannen von Padua und der diesen verdammenden Kirche auf
+gutem Fuss zu bleiben, hatte sich lebelang nicht im geringsten mit
+etwas Oeffentlichem beschaeftigt, sondern ein zaehes Dasein und praechtige
+Willenskraefte auf ein einziges Ziel gewendet: den Reichtum und das
+Gedeihen seines Stammes. Jetzt war dieser vernichtet. Sein Aeltester
+und die Enkel lagen in der Brenta. Sein Zweiter und Dritter waren in
+eben diesem Ungluecksjahr, der eine vor zwei, der andere vor drei
+Monden von der Erde verschwunden. Den aeltern hatte der Tyrann
+verbraucht und auf einem seiner wilden Schlachtfelder zurueckgelassen.
+Der andere, aus welchem der vorurteilslose Vater einen grossartigen
+Kaufmann in venezianischem Stil gemacht, hatte sich an einer
+morgenlaendischen Kueste auf dem Kreuz verblutet, an welches ihn
+Seeraeuber geschlagen, verspaeteten Loesegeldes halber. Als Vierter
+blieb Astorre, der Moench. Dass er diesen mit dem Aufwand seines
+letzten Pulses den Klostergeluebden zu entreissen versuchen werde, daran
+zweifelten die schnellrechnenden Paduaner keinen Augenblick. Ob es
+ihm gelinge und der Moench sich dazu hergebe, darueber stritt jetzt die
+aufgeregte Gasse.
+
+Und sie stritt sich am Ende so laut und heftig, dass selbst der
+trauernde Moench nicht mehr im Zweifel darueberbleiben konnte, wer mit
+dem 'egli' und der 'ella' gemeint sei, welche aus den versammelten
+Gruppen ertoenten. Dergestalt schlug er, mehr noch seiner Gefaehrtin
+als seinethalben, eine mit Gras bewachsene Gasse ein, die seinen
+Sandalen wohlbekannt war, denn sie fuehrte laengs der verwitterten
+Ringmauer seines Klosters hin. Hier war es bis zum Schauder kuehl,
+aber die ganz Padua erfuellende Schreckenskunde hatte selbst diese
+Schatten erreicht. Aus den offenen Fenstern des Refektoriums, das in
+die dicke Mauer gebaut war, scholl an der verspaeteten
+Mittagstafel--die Katastrophe auf der Brenta hatte in der Stadt alle
+Zeiten und Stunden gestoert--das Tischgespraech der Brueder so zaenkisch
+und schreiend, so voller '-inibus' und '-atibus'--es wurde lateinisch
+gefuehrt--, oder dann stritt man sich mit Zitaten aus den Dekretalen,
+dass der Moench unschwer erriet, auch hier werde dasselbe oder ein
+aehnliches Dilemma wie auf der Strasse verhandelt. Und wenn er sich
+vielleicht nicht Rechenschaft gab, wovon, so wusste er doch, von wem
+die Rede ging. Aber was er nicht entdeckte, waren--"
+
+Mitten im Sprechen suchte Dante unter den Zuhoerern den vornehmen
+Kleriker, der sich hinter seinem Nachbarn verbarg.
+
+"--waren zwei brennende, hohle Augen, welche durch eine Luke in der
+Mauer auf ihn und das Weib an seiner Seite starrten. Diese Augen
+gehoerten einer unseligen Kreatur, einem verlorenen Moench, namens
+Serapion, welcher sich, Seele und Leib, im Kloster verzehrte. Mit
+seiner voreiligen Einbildungskraft hatte dieser auf der Stelle
+begriffen, dass sein Mitbruder Astorre zum laengsten nach der Regel des
+heiligen Franziskus gedarbt und gefastet habe und beneidete ihn rasend
+um den ihm von der Laune des Todes zugeworfenen Besitz weltlicher
+Gueter und Freuden. Er lauerte auf den Heimkehrenden, um die Mienen
+desselben zu erforschen und darin zu lesen, was Astorre ueber sich
+beschlossen haette. Seine Blicke verschlangen das Weib und hafteten an
+ihren Stapfen."
+
+Astorre lenkte die Schritte und die seiner Schwaegerin auf einen
+kleinen, von vier Stadtburgen gebildeten Platz und trat mit ihr in das
+tiefe Tor der vornehmsten. Auf einer Steinbank im Hof erblickte er
+zwei Ruhende, einen vom Wirbel zur Zehe gepanzerten, blutjungen
+Germanen und einen greisen Sarazenen. Der hingestreckte Deutsche
+hatte seinen schlummernden rotblonden Krauskopf in den Schoss des
+sitzenden Unglaeubigen gelegt, der, ebenfalls schlummernd, mit seinem
+schneeweissen Barte vaeterlich auf ihn niedernickte. Die zwei gehoerten
+zur Leibwache Ezzelins, welche sich in Nachahmung derjenigen seines
+Schwiegers, des Kaisers Friedrich, aus Deutschen und Sarazenen zu
+gleichen Teilen zusammensetzte. Der Tyrann war im Palaste. Er mochte
+es fuer seine Pflicht gehalten haben, den alten Vicedomini zu besuchen.
+In der Tat vernahmen Astorre und Diana schon auf der Wendeltreppe das
+Gespraech, welches Ezzelin in kurzen, ruhigen Worten, der Alte dagegen,
+der gaenzlich ausser sich zu sein schien, mit schreiender und
+scheltender Stimme fuehrte. Moench und Weib blieben am Eingang des
+Saales unter dem bleichen Gesinde stehen. Die Diener zitterten an
+allen Gliedern. Der Greis hatte sie mit den heftigsten Verwuenschungen
+ueberhaeuft und dann mit geballten Faeusten weggejagt, weil sie ihm
+verspaetete Botschaft vom Strand gebracht und dieselbe hervorzustottern
+sich kaum getraut. Ueberdies hatte dieses Gesinde der gefuerchtete
+Schritt des Tyrannen versteinert. Es war bei Todesstrafe verboten,
+ihn anzumelden. Unaufgehalten wie ein Geist betrat er Haeuser und
+Gemaecher.
+
+'Und das berichtest du so gelassen, Grausamer', tobte der Alte in
+seiner Verzweiflung, 'als erzaehltest du den Verlust eines Rosses oder
+einer Ernte? Du hast mir die viere getoetet, niemand anders als du!
+Was brauchtest du gerade zu jener Stunde am Strande zu reiten? Was
+brauchtest du auf die Brenta hinauszugruessen? Das hast du mir zuleide
+getan! Hoerst du wohl?'
+
+'Schicksal', antwortete Ezzelin.
+
+'Schicksal?' schrie der Vicedomini. 'Schicksal und Sternguckerei und
+Beschwoerungen und Verschwoerungen und Enthauptungen, von der Zinne auf
+das Pflaster sich werfende Weiber und hundert pfeildurchbohrte
+Juenglinge vom Ross sinkend in deinen versuchten, waghalsigen Schlachten,
+das ist deine Zeit und Regierung, Ezzelin, du Verfluchter und
+Verdammter! Uns alle ziehst du in deine blutigen Gleise, alles Leben
+und Sterben wird neben dir gewaltsam und unnatuerlich, und niemand
+endet mehr als reuiger Christ in seinem Bett!'
+
+'Du tust mir unrecht', versetzte der andere. Ich zwar habe mit der
+Kirche nichts zu schaffen. Sie laesst mich gleichgueltig. Aber dich und
+deinesgleichen habe ich nie gehindert, mit ihr zu verkehren. Das
+weisst du, sonst wuerdest du dich nicht erkuehnen, mit dem Heiligen Stuhl
+Briefe zu wechseln. Was drehst du da in deinen Haenden und verbirgst
+mir das paepstliche Siegel? Einen Ablass? Ein Breve? Gib her!
+Wahrhaftig, ein Breve! Darf ich es lesen? Du erlaubst? Dein Goenner,
+der Heilige Vater, schreibt dir, dass, wuerde dein Stamm erloeschen bis
+auf deinen Vierten und Letzten, den Moench, dieser ipso facto seiner
+Geluebde ledig sei, wenn er aus freiem Willen und eigenem Entschluss in
+die Welt zurueckkehre. Schlauer Fuchs, wie viele Unzen Goldes hat dich
+dieses Pergament gekostet?'
+
+'Verhoehnst du mich?' heulte der Alte. Was anderes blieb mir uebrig
+nach dem Tod meines Zweiten und Dritten? Fuer wen haette ich gesammelt
+und gespeichert? Fuer die Wuermer? Fuer dich? Willst du mich berauben?
+... Nein? So hilf mir, Gevatter'--der noch ungebannte Ezzelin hatte
+den dritten Knaben Vicedominis aus der Taufe gehoben, denselben, der
+sich fuer ihn auf dem Schlachtfeld geopfert--, 'hilf mir den Moench
+ueberwinden, dass er wieder weltlich werde und ein Weib nehme, befiehl
+es ihm, du Allgewaltiger, gib ihn mir statt des Sohnes, den du mir
+geschlachtet hast, halte mir den Daumen, wenn du mich liebst!'
+
+'Das geht mich nichts an', erwiderte der Tyrann ohne die geringste
+Erregung. Das mache er mit sich selbst aus. Freiwillig, sagt das
+Breve. Warum sollte er, wenn er ein guter Moench ist, wie ich glaube,
+seinen Stand wechseln? Damit das Blut der Vicedomini nicht versiege?
+Ist das eine Lebensbedingung der Welt? Sind die Vicedomini eine
+Notwendigkeit?'
+
+Jetzt kreischte der andere in rasender Wut: 'Du Boeser, du Moerder
+meiner Kinder! Ich durchblicke dich! Du willst mich beerben und mit
+meinem Geld deine wahnsinnigen Feldzuege fuehren!' Da gewahrte er seine
+Schwiegertochter, welche vor dem zoegernden Moench durch das Gesinde und
+ueber die Schwelle getreten war. Trotz seiner Leibesschwachheit
+stuerzte er ihr mit wankenden Schritten entgegen, ergriff und riss ihre
+Haende, als wollte er sie zur Verantwortung ziehen fuer das ueber sie
+beide gekommene Unheil. 'Wo hast du meinen Sohn, Diana?' keuchte er.
+
+'Er liegt in der Brenta', antwortete sie traurig, und ihre blauen
+Augen dunkelten.
+
+'Wo meine drei Enkel?'
+
+'In der Brenta', wiederholte sie.
+
+'Und dich bringst du mir als Geschenk? Dich behalte ich?' lachte der
+Alte misstoenig.
+
+'Wollte der Allmaechtige', sagte sie langsam, 'mich zoegen die Wellen,
+und die andern stuenden hier statt meiner!'
+
+Sie schwieg. Dann geriet sie in einen jaehen Zorn. 'Beleidigt dich
+mein Anblick und bin ich dir ueberlaestig, so halte dich an diesen: er
+hat mich, da ich schon gestorben war, an den Haaren gerissen und ins
+Leben zurueckgezogen!'
+
+Jetzt erst erblickte der Alte den Moench, seinen Sohn, und sein Geist
+sammelte sich mit einer Kraft und Schnelligkeit, welche der schwere
+Jammer eher gestaehlt als gelaehmt zu haben schien.
+
+'Wirklich? Dieser hat dich aus der Brenta geholt? Hm! Merkwuerdig!
+Die Wege Gottes sind doch wunderbar!'
+
+Er ergriff den Moench an Arm und Schulter, als wollte er sich desselben
+Leib und Seele bemaechtigen, und schleppte ihn und sich gegen seinen
+Krankenstuhl, auf welchen er hinfiel, ohne den gepressten Arm des nicht
+Widerstrebenden freizugeben. Diana folgte und kniete sich auf der
+andern Seite des Sessels nieder mit haengenden Armen und gefalteten
+Haenden, das Haupt auf die Lehne legend, so dass nur der Knoten ihres
+blonden Haares wie ein lebloser Gegenstand sichtbar blieb. Der Gruppe
+gegenueber sass Ezzelin, die Rechte auf das gerollte Breve wie auf einen
+Feldherrnstab gestuetzt.
+
+'Soehnchen, Soehnchen', wimmerte der Alte mit einer aus Wahrheit und
+List gemischten Zaertlichkeit, 'mein letzter und einziger Trost! Du
+Stab und Stecken meines Alters wirst mir nicht zwischen diesen
+zitternden Haenden zerbrechen!... Du begreifst', fuhr er in einem
+schon trockneren, sachlichen Ton fort, 'dass, wie die Dinge einmal
+liegen, deines Bleibens im Kloster nicht laenger sein kann. Ist es
+doch kanonisch, nicht wahr, Soehnchen, dass ein Moench, dessen Vater
+verarmt oder versiecht, von seinem Prior beurlaubt wird, um das Erbgut
+zu bebauen und den Urheber seiner Tage zu ernaehren. Ich aber brauche
+dich noch viel notwendiger. Deine Brueder und Neffen sind weg, und
+jetzt bist du es, der die Lebensfackel unseres Hauses traegt! Du bist
+ein Flaemmchen, das ich angezuendet habe, und mir kann nicht dienen, dass
+es in einer Zelle verglimme und verrauche! Wisse eines'--er hatte in
+den warmen, braunen Augen ein aufrichtiges Mitgefuehl gelesen, und die
+ehrerbietige Haltung des Moenches schien einen blinden Gehorsam zu
+versprechen--, 'ich bin kraenker, als du denkst. Nicht wahr,
+Isaschar?' Er wendete sich rueckwaerts gegen eine schmale Gestalt,
+welche, mit Flaeschchen und Loeffel in den Haenden, durch eine Nebentuer
+leise hinter den Stuhl des Alten getreten war und jetzt mit dem
+blassen Haupt bestaetigend nickte. Ich fahre dahin, aber ich sage dir,
+Astorre: Laesst du mich meines Wunsches ungewaehrt, so weigert sich dein
+Vaeterchen, in den Kahn des Totenfuehrers zu steigen, und bleibt
+zusammengekauert am Daemmerstrand sitzen!'
+
+Der Moench streichelte die fiebernde Hand des Alten zaertlich,
+antwortete aber mit Sicherheit zwei Worte: 'Meine Geluebde!'
+
+Ezzelin entfaltete das Breve.
+
+'Deine Geluebde?' schmeichelte der alte Vicedomini. Lose Stricke!
+Durchfeilte Fesseln! Mache eine Bewegung, und sie fallen. Die
+heilige Kirche, welcher du Ehrfurcht und Gehorsam schuldig bist,
+erklaert sie fuer ungueltig und nichtig. Da steht es geschrieben.' Sein
+duerrer Finger zeigte auf das Pergament mit dem paepstlichen Siegel.
+
+Der Moench naeherte sich ehrerbietig dem Herrscher, empfing die Schrift
+und las, von vier Augen beobachtet. Schwindelnd tat er einen Schritt
+rueckwaerts, als stuende er auf einer Turmhoehe und saehe das Gelaender
+ploetzlich weichen.
+
+Ezzelin griff dem Wankenden mit der kurzen Frage unter die Arme: 'Wem
+hast du dein Geluebde gegeben, Moench? Dir? oder der Kirche?'
+
+'Natuerlich beiden!' schrie der Alte erbost. 'Das sind verfluchte
+Spitzfindigkeiten! Nimm dich vor dem dort in acht, Soehnchen! Er will
+uns Vicedomini an den Bettelstab bringen!' Ohne Zorn legte Ezzelin die
+Rechte auf den Bart und schwur: 'Stirbt Vicedomini, so beerbt ihn der
+Moench hier, sein Sohn, und stiftet--sollte das Geschlecht mit ihm
+erloeschen und wenn er mich und seine Vaterstadt lieb hat--ein Hospital
+von einer gewissen Ausdehnung und Grossartigkeit, um welches uns die
+hundert Staedte'--er meinte die Staedte Italiens--'beneiden sollen. Nun,
+Gevatter, da ich mich von dem Vorwurf der Raubgier gereinigt habe,
+darf ich an den Moench ein paar weitere Fragen richten? Du gestattest?'
+
+Jetzt packte den Alten ein solcher Ingrimm, dass er in Kraempfe fiel.
+Noch aber liess er den Arm des Moenches, welchen er wieder ergriffen
+hatte, nicht fahren.
+
+Isaschar naeherte den vollen, mit einer stark duftenden Essenz
+gefuellten Loeffel vorsichtig den fahlen Lippen. Der Gefolterte wendete
+mit einer Anstrengung den Kopf ab. 'Lass mich in Ruhe!' stoehnte er,
+'du bist auch der Arzt des Vogts!' und schloss die Augen.
+
+Der Jude wandte die seinigen, welche glaenzend schwarz und sehr klug
+waren, gegen den Tyrannen, als flehe er um Verzeihung fuer diesen
+Argwohn. 'Wird er zur Besinnung zurueckkehren?' fragte Ezzelin.
+
+'Ich glaube', antwortete der Jude. 'Noch lebt er und wird wieder
+erwachen, aber nicht fuer lange, fuerchte ich. Diese Sonne sieht er
+nicht untergehen.'
+
+Der Tyrann ergriff den Augenblick, mit Astorre zu sprechen, der um den
+ohnmaechtigen Vater beschaeftigt war.
+
+'Stehe mir Rede, Moench!' sagte Ezzelin und wuehlte--seine
+Lieblingsgebaerde--mit den gespreizten Fingern der Rechten in dem
+Gewelle seines Bartes. 'Wieviel haben dich die drei Geluebde gekostet,
+die du vor zehn und einigen Jahren, ich gebe dir dreissig'--der Moench
+nickte--, beschworen hast?'
+
+Astorre schlug die lautern Augen auf und erwiderte ohne Bedenken:
+'Armut und Gehorsam, nichts sonst. Ich habe keinen Sinn fuer Besitz
+und gehorche leicht.' Er hielt inne und erroetete.
+
+Der Tyrann fand ein Wohlgefallen an dieser maennlichen Keuschheit.
+'Hat dir dieser hier deinen Stand aufgenoetigt oder dich dazu
+beschwatzt?' lenkte er ab.
+
+'Nein', erklaerte der Moench. Seit lange her, wie der Stammbaum erzaehlt,
+wird in unserm Hause von dreien oder vieren der letzte geistlich, sei
+es, damit wir Vicedomini einen Fuerbitter besitzen, oder um das Erbe
+und die Macht des Hauses zu wahren--gleichviel, der Brauch ist alt und
+ehrwuerdig. Ich kannte mein Los, welches mir nicht zuwider war, von
+jung an. Mir wurde kein Zwang auferlegt.'
+
+'Und das dritte?' holte Ezzelin nach--er meinte das dritte Geluebde.
+Astorre verstand ihn.
+
+Mit einem neuen, aber dieses Mal schwachen Erroeten erwiderte er: 'Es
+ist mir nicht leicht geworden, doch ich vermochte es wie andere Moenche,
+wenn sie gut beraten sind, und das war ich. Von dem heiligen
+Antonius', fuegte er ehrfuerchtig hinzu.
+
+"Dieser verdienstliche Heilige, wie ihr wisst, Herrschaften, hat einige
+Jahre bei den Franziskanern in Padua gelebt", erlaeuterte Dante.
+
+"Wie sollten wir nicht?" scherzte einer unter den Zuhoerern. "Haben
+wir doch die Reliquie verehrt, die in dem dortigen Klosterteich
+herumschwimmt: ich meine den Hecht, welcher weiland der Predigt des
+Heiligen beiwohnte, sich bekehrte, der Fleischspeise entsagte, im
+Guten standhielt und jetzt noch in hohem Alter als strenger Vegetarier.
+.. " Er verschluckte das Ende des Schwankes, denn Dante hatte gegen
+ihn die Stirn gerunzelt.
+
+'Und was riet er dir?' fragte Ezzelin. 'Meinen Stand einfach zu
+fassen, schlecht und recht', berichtete der Moench, als einen
+puenktlichen Dienst, etwa wie einen Kriegsdienst, welcher ja auch
+gehorsame Muskeln verlangt, und Entbehrungen, die ein wackerer Krieger
+nicht einmal als solche fuehlen darf: die Erde im Schweiss meines
+Angesichts zu graben, maessig zu essen, maessig zu fasten, weder Maedchen
+noch jungen Frauen Beichte zu sitzen, im Angesicht Gottes zu wandeln
+und seine Mutter nicht bruenstiger anzubeten, als das Breviarium
+vorschreibt.'
+
+Der Tyrann laechelte. Dann streckte er die Rechte gegen den Moench aus,
+ermahnend oder segnend, und sprach: 'Gluecklicher! Du hast einen Stern!
+Dein Heute entsteht leicht aus deinem Gestern und wird unversehens
+zu deinem Morgen! Du bist etwas und nichts Geringes; denn du uebst das
+Amt der Barmherzigkeit, das ich gelten lasse, wiewohl ich ein anderes
+bekleide. Wuerdest du in die Welt treten, die ihre eigenen Gesetze
+befolgt, welche zu lernen es fuer dich zu spaet ist, so wuerde dein
+klarer Stern zum laecherlichen Irrwisch und zerplatzte zischend nach
+ein paar albernen Spruengen unter dem Hohn der Himmlischen!
+
+Noch eines, und dies rede ich als der, welcher ich bin: der Herr von
+Padua. Dein Wandel war meinem Volk eine Erbauung, ein Beispiel der
+Entsagung. Der Aermste getroestete sich deiner, den er seine karge Kost
+und sein hartes Tagewerk teilen sah. Wirfst du die Kutte weg, freiest
+du, ein Vornehmer, eine Vornehme, schoepfst du mit vollen Haenden aus
+dem Reichtum deines Hauses, so begehst du Raub an dem Volk, welches
+dich als einen seinesgleichen in Besitz genommen hat, du machst mir
+Unzufriedene und Ungenuegsame, und entstaende daraus Zorn, Ungehorsam,
+Empoerung, mich sollte es nicht wundern. Die Dinge verketten sich!
+
+Ich und Padua koennen dich nicht entbehren! Mit deiner schoenen und
+ritterlichen Gestalt stichst du der Menge in die Augen und hast auch
+mehr oder wenigstens einen edlern Mut als deine baeurischen Brueder.
+Wenn das Volk nach seiner rasenden Art diesen hier'--er deutete auf
+Isaschar--'ermorden will, weil er ihm Hilfe bringt, was dem Juden in
+der letzten Pestzeit--wenig fehlte--geschehen waere, wer verteidigt ihn,
+wie du tatest, gegen die wahnsinnige Menge, bis ich da bin und Halt
+gebiete?
+
+Isaschar, hilf mir den Moench ueberzeugen!' wendete sich Ezzelin gegen
+den Arzt mit einem grausamen Laecheln. Schon deinetwegen darf er sich
+nicht entkutten!'
+
+'Herr', lispelte dieser, unter deinem Zepter wird sich die
+unvernuenftige Szene, welche du so gerecht wie blutig gestraft hast,
+kaum wiederholen, und meinethalb, dessen Glaube die Dauer des Stammes
+als Gottes hoechsten Segen preist, darf der Erlauchte'--so und schon
+nicht mehr den Ehrwuerdigen nannte er den Moench--nicht unvermaehlt
+bleiben.'
+
+Ezzelin laechelte ueber die Feinheit des Juden. 'Und wohin gehen deine
+Gedanken, Moench?' fragte er.
+
+'Sie stehen und beharren! Doch ich wollte--Gott verzeihe mir die
+Suende--, der Vater erwachte nicht mehr, dass ich nicht hart gegen ihn
+sein muss! Haette er nur schon die Zehrung empfangen!' Er kuesste heftig
+die Wange des Ohnmaechtigen, welcher darueber zur Besinnung kam.
+
+Der wieder Belebte tat einen schweren Seufzer, hob die mueden
+Augenlider und richtete aus dem grauen Gebuesch seiner haengenden Brauen
+einen Blick des Flehens auf den Moench. 'Wie steht's?' fragte er. Was
+hast du ueber mich verhaengt, Geliebtester? Himmel oder Hoelle?'
+
+'Vater', bat Astorre mit bewegter Stimme, deine Zeit ist um! Dein
+Stuendlein ist gekommen! Entschlage dich der weltlichen Dinge und
+Sorgen! Denke an die Seele! Siehe, deine Priester'--er meinte die
+der Pfarrkirche--'sind nebenan versammelt und harren mit den
+hochheiligen Sterbesakramenten.'
+
+Es war so. Die Tuer des Nebengemaches hatte sich sachte geoeffnet, aus
+demselben schimmerte schwaches, in der Tageshelle kaum sichtbares
+Kerzenlicht, ein Chor praeludierte gedaempft, und das leise Schuettern
+eines Gloeckchens wurde hoerbar.
+
+Jetzt klammerte sich der Alte, der seine Knie schon in die kalte Flut
+der Lethe versinken fuehlte, an den Moench, wie weiland Sankt Petrus auf
+dem See Genezareth an den Heiland. 'Du tust es mir!' lallte er.
+
+'Koennte ich! Duerfte ich!' seufzte der Moench. 'Bei allen Heiligen,
+Vater, denke an die Ewigkeit! Lass das Irdische! Deine Stunde ist da!'
+
+Diese verhallte Weigerung entzuendete das letzte Leben des Vicedomini
+zur lodernden Flamme. 'Ungehorsamer! Undankbarer!' zuernte er.
+
+Astorre winkte den Priestern.
+
+'Bei allen Teufeln', raste der Alte, 'lasst mich zufrieden mit eurem
+Geknete und Gesalbe! Ich habe nichts zu verspielen, ich bin schon ein
+Verdammter und bliebe es mitten im himmlischen Reigen, wenn mein Sohn
+mich mutwillig verstoesst und meinen Lebenskeim verdirbt!'
+
+Der entsetzte Moench, durch dieses grause Laestern im Tiefsten
+erschuettert, sah seinen Vater unwiderruflich der ewigen Unseligkeit
+anheimfallen. So meinte er und war fest davon ueberzeugt, wie ich es
+an seiner Stelle auch gewesen waere. Er warf sich vor dem Sterbenden
+in dunkler Verzweiflung auf die Knie und flehte unter stuerzenden
+Traenen: 'Herr, ich beschwoere Euch, habt Erbarmen mit Euch und mit mir!'
+
+'Lass den Schlaukopf seiner Wege gehen!', raunte der Tyrann. Der Moench
+vernahm es nicht.
+
+Wieder gab er den erstaunten Priestern ein Zeichen, und die
+Sterbelitanei wollte beginnen.
+
+Da kauerte sich der Alte zusammen wie ein trotziges Kind und
+schuettelte das graue Haupt.
+
+'Lass den Arglistigen seine Strasse ziehen!' mahnte Ezzelin lauter.
+--'Vater, Vater!' schluchzte der Moench, und seine Seele zerfloss in
+Mitleid.
+
+'Erlauchter Herr und christlicher Bruder', fragte jetzt ein Priester
+mit unsicherer Stimme, seid Ihr in der Verfassung, Euern Schoepfer und
+Heiland zu empfangen?'
+
+Der Alte schwieg.
+
+'Steht Ihr fest im Glauben an die Heilige Dreifaltigkeit? Antwortet
+mir, Herr!' fragte der Geistliche zum andern Male und wurde bleich wie
+ein Tuch, denn: 'Geleugnet und gelaestert sei sie!' rief der Sterbende
+mit starker Stimme, gelaestert und--'
+
+'Nicht weiter!' schrie der Moench und war aufgesprungen. 'Ich bin Euch
+zu Willen, Herr! Machet mit mir, was Ihr wollt! Nur dass Ihr Euch
+nicht in die Flammen stuerzet!'
+
+Der Alte seufzte wie nach einer schweren Anstrengung. Dann blickte er
+erleichtert, ich haette fast gesagt vergnuegt, um sich. Er ergriff mit
+tastender Hand den blonden Schopf Dianas, zog das sich von den Knien
+erhebende Weib in die Hoehe, nahm ihre Hand, die sich nicht weigerte,
+oeffnete die gekrampfte des Moenches und legte beide zusammen.
+
+'Gueltig! vor dem hochheiligen Sakrament!' frohlockte er und segnete
+das Paar. Der Moench widersprach nicht, und Diana schloss die Augen.
+
+'Jetzt rasch, ehrwuerdige Vaeter?' draengte der Alte, 'es eilt, wie ich
+meine, und ich bin in christlicher Verfassung.'
+
+Der Moench und seine Braut wollten hinter die priesterliche Schar
+zuruecktreten. 'Bleibt', murmelte der Sterbende, 'bleibt, dass euch
+meine getroesteten Augen zusammen sehen, bis sie brechen!' Astorre und
+Diana, kaum einige Schritte zurueckweichend, mussten mit vereinigten
+Haenden vor dem erloeschenden Blick des hartnaeckigen Greises verharren.
+
+Dieser murmelte eine kurze Beichte, empfing die letzte Zehrung und
+verschied, waehrend sie ihm die Sohlen salbten und der Priester den
+schon tauben Ohren jenes grossartige: 'Brich auf, christliche Seele!'
+zurief. Das gestorbene Antlitz trug den deutlichen Ausdruck
+triumphierender List.
+
+Der Tyrann hatte, waehrend ringsum alles auf den Knien lag, die heilige
+Handlung sitzend und mit ruhiger Aufmerksamkeit betrachtet, etwa wie
+man eine fremde Sitte beschaut oder wie ein Gelehrter das auf einem
+Sarkophag abgebildete Opfer eines alten Volkes besichtigt. Er naeherte
+sich dem Toten und drueckte ihm die Augen zu.
+
+Dann wendete er sich gegen Diana. 'Edle Frau', sagte er, 'ich denke,
+wir gehen nach Hause. Eure Eltern, wenn auch von Eurer Rettung
+unterrichtet, werden nach Euch verlangen. Auch tragt Ihr ein Gewand
+der Niedrigkeit, das Euch nicht kleidet.'
+
+'Fuerst, ich danke und folge Euch', erwiderte Diana, liess aber ihre
+Hand in der des Moenches ruhen, dessen Blick sie bis jetzt gemieden
+hatte. Nun schaute sie dem Gatten voll ins Gesicht und sprach mit
+einer tiefen, aber wohlklingenden Stimme, waehrend ihre Wangen sich mit
+dunkler Glut bedeckten: 'Mein Herr und Gebieter, wir durften die Seele
+des Vaters nicht umkommen lassen. So wurde ich Euer. Haltet mir
+bessere Treue als dem Kloster. Euer Bruder hat mich nicht geliebt.
+Vergebet mir, wenn ich so rede: ich sage die einfache Wahrheit. Ihr
+werdet an mir ein gutes und gehorsames Weib besitzen. Doch habe ich
+zwei Eigenschaften, welche Ihr schonen muesst. Ich bin jaehzornig, wenn
+man mir Recht oder Ehre antastet, und darin peinlich, dass man mir
+nichts versprechen darf, ohne es zu halten. Schon als Kind habe ich
+das schwer oder nicht gelitten. Ich bin von wenig Wuenschen und
+verlange nichts ueber das Alltaegliche hinaus; nur wo mir einmal etwas
+gezeigt und zugesagt wurde, da bedarf ich der Erfuellung, sonst
+verliere ich den Glauben und kraenke mich schwerer als andere Frauen
+ueber das Unrecht. Doch wie darf ich so zu Euch reden, mein Herr und
+Gebieter, den ich kaum kenne? Lasst mich verstummen. Lebt wohl, mein
+Gemahl, und gebt mir neun Tage, Euern Bruder zu betrauern.' Jetzt
+loeste sie langsam die Hand aus der seinigen und verschwand mit dem
+Tyrannen.
+
+Inzwischen hatte die geistliche Schar den Leichnam weggehoben, um ihn
+in der Hauskapelle aufzubahren und einzusegnen.
+
+Astorre stand allein in seinem verscherzten Moenchsgewande, welches
+eine von Reue erfuellte Brust bedeckte. Ein Heer von Dienern, das den
+seltsamen Vorgang belauscht und genuegend begriffen hatte, naeherte sich
+in unterwuerfigen Stellungen und mit furchtsamen Gebaerden seinem neuen
+Herrn, verbluefft und eingeschuechtert weniger noch durch den Wechsel
+der Herrschaft als durch das vermeintliche Sakrilegium der gebrochenen
+Geluebde--das leise gelesene Breve war nicht zu ihren Ohren
+gelangt--und durch die Verweltlichung des ehrwuerdigen Moenches. Diesem
+gelang es nicht, seinen Vater zu betrauern. Ihn beschlich, jetzt da
+er seines Willens wieder maechtig war, der Argwohn, was sage ich, ihn
+ueberkam die empoerende Gewissheit, dass ein Sterbender seinen guten
+Glauben betrogen und seine Barmherzigkeit missbraucht habe. Er
+entdeckte in der Verzweiflung des Alten den Schlupfwinkel der List und
+in der wilden Laesterung das berechnete Spiel an der Schwelle des Todes.
+Unwillig, fast feindselig wandte sich sein Gedanke gegen das ihm
+zugefallene Weib. Ihn versuchte der verzwickte moenchische Einfall,
+dasselbe nicht aus eigenem Herzen, sondern nur als Stellvertreter
+seines entseelten Bruders zu lieben; aber sein gesunder Sinn und sein
+redliches Gemuet verwarfen die schmaehliche Auskunft. Da er sie nun als
+die Seinige betrachtete, erwehrte er sich einer gewissen Verwunderung
+nicht, dass ihm sein Weib mit so buendiger Rede und harter
+Wahrheitsliebe entgegengetreten und so sachlich mit ihm sich
+auseinandergesetzt habe, ohne Schleier und Wolke, eine viel derbere
+und wirklichere Gestalt als die zarten Erscheinungen der Legende. Er
+hatte sich die Frauen weicher gedacht.
+
+Jetzt gewahrte der Moench ploetzlich sein Ordenskleid und den
+Widerspruch seiner Gefuehle und Betrachtungen mit demselben. Er
+schaemte sich vor seiner Kutte, und sie wurde ihm laestig. 'Gebt mir
+weltliches Gewand!' befahl er. Geschaeftige Diener umringten ihn, aus
+welchen er bald in der Tracht seines ertrunkenen Bruders, mit dem er
+ungefaehr von gleichem Wuchs war, hervortrat.
+
+In demselben Augenblick warf sich ihm der Narr seines Vaters, mit
+Namen Gocciola, zu Fuessen und huldigte ihm, nicht um wie die andern
+Verlaengerung seines Dienstes sich zu erbitten, sondern seinen Abschied
+und die Erlaubnis, den Stand zu wechseln, denn er sei der Welt
+ueberdruessig, seine Haare ergrauten und es stuende ihm schlecht an, mit
+der laeutenden Schellenkappe ins Jenseits zu gehen. Mit diesen
+weinerlichen Worten bemaechtigte er sich der abgeworfenen Kutte, welche
+das Gesinde zu beruehren sich gescheut hatte. Aber sein buntscheckiges
+Gehirn schlug einen Purzelbaum, und er fuegte luestern bei: 'Einmal
+moechte ich noch Amarellen essen, ehe ich der Welt und ihren
+Taeuschungen Valet sage! Hochzeit laesst hier nicht auf sich warten, wie
+ich glaube.' Er beleckte sich die Maulwinkel mit seiner fahlen Zunge.
+Dann bog er ein Knie vor dem Moench, schuettelte seine Schellen und
+entsprang, die Kutte hinter sich herschleifend.
+
+"Amarelle oder Amare", erlaeuterte Dante, "heisst das paduanische
+Hochzeitsgebaeck wegen seines bitteren Mandelgeschmackes und zugleich
+mit anmutiger Anspielung auf das Verbum der ersten Konjugation." Hier
+machte der Erzaehler eine Pause und verschattete Stirn und Augen mit
+der Hand, den weitern Gang seiner Fabel uebersinnend.
+
+Inzwischen trat der Majordom des Fuersten, ein Alsatier namens Burcardo,
+mit abgemessenen Schritten, umstaendlichen Buecklingen und weitlaeufigen
+Entschuldigungen, dass er die Unterhaltung stoeren muesse, vor Cangrande,
+welchen er in irgendeiner haeuslichen Angelegenheit um Befehl bat.
+Deutsche waren dazumal an den ghibellinischen Hoefen Italiens keine
+eben seltene Erscheinung, ja sie wurden gesucht und den Einheimischen
+vorgezogen wegen ihrer Redlichkeit und ihres angebotenen
+Verstaendnisses fuer Zeremonien und Gebraeuche.
+
+Als Dante das Haupt wieder hob, gewahrte er den Elsaesser und hoerte
+sein Welsch, das weich und hart beharrlich verwechselte, den Hof
+ergoetzend, das feine Ohr des Dichters aber empfindlich beleidigend.
+Sein Blick verweilte dann mit sichtlichem Wohlgefallen auf den zwei
+Juenglingen, Ascanio und dem bepanzerten Krieger. Zuletzt liess er ihn
+sinnend ruhen auf den beiden Frauen, der Herrin Diana, die sich belebt
+und deren marmorne Wange sich leicht geroetet hatte, und auf Antiope,
+der Freundin Cangrandes, einem huebschen und natuerlichen Wesen. Dann
+fuhr er fort:
+
+"Hinter der Stadtburg der Vicedomini dehnte sich vormals--jetzt, da
+das erlauchte Geschlecht laengst erloschen ist, hat sich jener Platz
+voellig veraendert--ein geraeumiger Bezirk bis an den Fuss der festen und
+breiten Stadtmauer aus, so geraeumig, dass er Weideplaetze fuer Herden,
+Gehege fuer Hirsche und Rehe, mit Fischen gefuellte Teiche, tiefe
+Waldschatten und sonnige Weinlauben enthielt. An einem leuchtenden
+Morgen, sieben Tage nach der Totenfeier, sass im schwarzen Schatten
+einer Zeder, den Ruecken an den Stamm gelehnt und die Schnaebel seiner
+Schuhe in das brennende Sonnenlicht streckend, der Moench Astorre; denn
+diesen Namen behielt er unter den Paduanern, obwohl er weltlich
+geworden war, waehrend seines kurzen Wandels auf der Erde. Er sass oder
+lag einem Brunnen gegenueber, der aus dem Mund einer gleichgueltigen
+Maske eine kuehle Flut sprudelte, unfern einer Steinbank, welcher er
+das weiche Polster des schwellenden Rasens vorgezogen hatte.
+
+Waehrend er sann oder traeumte, ich weiss nicht was, sprangen auf dem
+beinahe schon mittaeglich uebersonnten Platz vor dem Palast zwei junge
+Leute von staubbedeckten Gaeulen, der eine gepanzert, der andere mit
+Wahl gekleidet, obschon im Reisegewand. Ascanio und Germano, so
+hiessen die Reiter, waren die Guenstlinge des Vogtes und zugleich die
+Jugendgespielen des Moenches, mit welchen er bruederlich gelernt und
+sich ergoetzt hatte bis zu seinem fuenfzehnten Jahr, dem Beginn seines
+Noviziates. Ezzelin hatte sie an seinen Schwieger, Kaiser Friedrich,
+gesendet."
+
+Dante hielt inne und verneigte sich vor dem grossen Schatten.
+
+"Mit beantworteten Auftraegen kehrten die zwei zu dem Tyrannen zurueck,
+welchem sie noch ueberdies die Neuigkeit des Tages mitbrachten: eine in
+der kaiserlichen Kanzlei verfertigte Abschrift des an den christlichen
+Klerus gerichteten Hirtenbriefes, worin der Heilige Vater den
+geistvollen Kaiser vor dem Angesicht der Welt der aeussersten
+Gottlosigkeit anklagt.
+
+Obwohl mit wichtigen, vielleicht Eile heischenden Auftraegen und dem
+unheilschweren Dokument betraut, brachten die beiden es nicht ueber
+sich, an dem Heim ihres Jugendgespielen vorbei nach dem Stadtturm des
+Tyrannen zu sprengen. Sie hatten in der letzten Herberge vor Padua,
+wo sie, ohne den Buegel zu verlassen, ihre Pferde fressen und saufen
+liessen, von dem geschwaetzigen Schenkwirt das grosse Stadtunglueck und
+das groessere Stadtaergernis, den Untergang der Hochzeitsbarke und die
+weggeschleuderte Kutte des Moenches, erfahren, so ziemlich mit allen
+Umstaenden, ohne die vereinigten Haende Dianas und Astorres jedoch,
+welche noch nicht offenbar geworden waren. Unzerstoerliche Bande, die
+uns an die Gespielen unserer Kindheit fesseln! Von dem seltsamen
+Schicksal Astorres betroffen, konnten die beiden keine Ruhe finden,
+bis sie ihn mit Augen gesehen, den Wiedergewonnenen. Waehrend langer
+Jahre waren sie nur dem Moench begegnet, zufaellig auf der Strasse, ihn
+mit einem zwar freundlichen, aber durch aufrichtige Ehrfurcht
+vertieften und etwas fremden Kopfnicken begruessend.
+
+Gocciola, den sie im Hofe des Palastes fanden, wie er mit einer Semmel
+beschaeftigt auf einem Maeuerlein sass und die Beine baumeln liess, fuehrte
+sie in den Garten. Ihnen voranwandelnd, unterhielt der Narr die
+Juenglinge nicht von dem tragischen Schicksal des Hauses, sondern nur
+von seinen eigenen Angelegenheiten, welche ihm als das weit Wichtigere
+erschienen. Er erzaehlte, dass er bruenstig nach einem seligen Ende
+strebe, und verschluckte darueber den Rest der Semmel, ohne ihn mit
+seinen wackligen Zaehnen gekaut zu haben, so dass er fast daran
+erstickte. Ueber die Gesichter, die er schnitt, und ueber seine
+Sehnsucht nach der Zelle brach Ascanio in ein so lustiges Gelaechter
+aus, dass er damit den Himmel entwoelkte, wenn dieser heute nicht schon
+aus eigener Freude in leuchtenden Farben geschwelgt haette.
+
+Ascanio versagte sich nicht, das Troepfchen zu foppen, schon um den
+laestigen Begleiter loszuwerden. 'Aermster', begann er, 'du wirst
+die Zelle nicht erreichen, denn, unter uns, im tiefsten Vertrauen,
+mein Ohm, der Tyrann, hat ein begehrliches Auge auf dich geworfen.
+Lass dir sagen: Er besitzt vier Narren, den Stoiker, den Epikuraeer, den
+Platoniker, den Skeptiker, wie er sie benennt. Diese vier stellen
+sich, wann der Ernste spassen will, auf seinen Wink in die vier Ecken
+eines Saales, an dessen Woelbung der gestirnte Himmel und die
+Planetenbilder prangen. Der Ohm, im Hauskleid, tritt in die Mitte des
+Raumes, klatscht in die Haende, und die Philosophen wechseln hopsend
+die Winkel. Vorgestern ist der Stoiker heulend und winselnd
+draufgegangen, weil der Unersaettliche viele Pfunde Nudeln auf einmal
+verschlang. Der Ohm hat mir fluechtig angedeutet, er gedenke ihn zu
+ersetzen und werde sich von dem Moench, deinem neuen Herrn, als
+Erbsteuer dich, o Gocciola, erbitten. So steht es. Ezzelin fahndet
+nach dir. Wer weiss, ob er nicht hinter dir geht.' Dies war eine
+Anspielung auf die Allgegenwart des Tyrannen, welche die Paduaner in
+Furcht und bestaendigem Zittern hielt. Gocciola stiess einen Schrei aus,
+als falle die Hand des Gewaltigen auf seine Schulter, blickte sich um,
+und obwohl niemand hinter ihm ging als sein kurzer Schatten,
+fluechtete er sich zaehneklappernd in irgendein Versteck."
+
+"Ich streiche die Narren Ezzelins", unterbrach Dante mit einer
+griffelhaltenden Gebaerde, als schriebe er seine Fabel, statt sie zu
+sprechen, wie er tat. "Der Zug ist unwahr, oder dann log Ascanio. Es
+ist durchaus undenkbar, dass ein so ernster und urspruenglich edler
+Geist wie Ezzelin Narren gefuettert und sich an ihrem Bloedsinn ergoetzt
+habe." Diesen geraden Stich fuehrte der Florentiner gegen seinen
+Gastfreund, auf dessen Mantel Gocciola sass, den Dichter angrinsend.
+
+Cangrande tat nicht dergleichen. Er versprach sich im stillen, bei
+erster Gelegenheit mit Wucher heimzuzahlen.
+
+Befriedigt, fast heiter setzte Dante seine Erzaehlung fort.
+
+"Endlich entdeckten die beiden den entmoenchten Moench, welcher, wie
+gesagt, den Ruecken an den Stamm einer Pinie lehnte--"
+
+"An den Stamm einer Zeder, Dante", verbesserte die aufmerksam
+gewordene Fuerstin.
+
+"--einer Zeder lehnte und sich die Fussspitzen sonnte. Er bemerkte die
+sich ihm von beiden Seiten Naehernden nicht, so tief war er in sein
+leeres oder volles Traeumen versunken. Jetzt bueckte sich der
+mutwillige Ascanio nach einem Grashalm, brach denselben und kitzelte
+damit die Nase des Moenches, dass dieser dreimal kraeftig nieste.
+Astorre ergriff freundlich die Haende seiner Jugendgespielen und zog
+sie rechts und links neben sich auf den Rasen nieder. 'Nun, was sagt
+ihr dazu?' fragte er in einem Ton, der eher schuechtern als
+herausfordernd klang.
+
+'Zuerst mein aufrichtiges Lob deines Priors und deines Klosters!'
+scherzte Ascanio. 'Sie haben dich frisch bewahrt. Du schaust
+jugendlicher als wir beide. Freilich, die knappe weltliche Tracht und
+das glatte Kinn moegen dich auch verjuengen. Weisst du, dass du ein
+schoener Mann bist? Du liegst unter deiner Riesenzeder gleich dem
+ersten Menschen, den Gott, wie die Gelehrten behaupten, als einen
+Dreissigjaehrigen erschuf, und ich', fuhr er mit einer unschuldigen
+Miene fort, da er den Moench ueber seinen Mutwillen erroeten sah, 'bin
+wahrlich der letzte, dich zu tadeln, dass du dich aus der Kutte
+befreitest, denn sein Geschlecht zu erhalten, ist der Wunsch alles
+Lebenden.'
+
+'Es war nicht mein Wunsch noch freier Entschluss', bekannte der Moench
+wahrhaft. Widerstrebend tat ich den Willen eines sterbenden Vaters.'
+
+'Wirklich?' laechelte Ascanio. Erzaehle das niemandem, Astorre, als uns,
+die dich lieben. Andern wuerde dich diese Unselbstaendigkeit
+laecherlich oder gar veraechtlich machen. Und, weil wir vom
+Laecherlichen reden, gib acht, ich bitte dich, Astorre, dass du den
+Menschen aus dem Moench entwickelst, ohne den guten Geschmack zu
+beleidigen! Der heikle Uebergang will sorgfaeltig geschont und
+abgestuft sein. Nimm Rat an! Du reisest ein Jaehrchen, zum Beispiel
+an den Hof des Kaisers, von wo nach Padua und zurueck die Boten nicht
+zu laufen aufhoeren. Du laesst dich von Ezzelin nach Palermo senden!
+Dort lernst du neben dem vollkommensten Ritter und dem
+vorurteilslosesten Menschen--ich meine unsern zweiten Friedrich--auch
+die Weiber kennen und gewoehnst dir die Moenchsart ab, sie zu vergoettern
+oder geringzuschaetzen. Das Gemuet des Herrschers faerbt Hof und Stadt.
+Wie das Leben hier in Padua geworden ist unter meinem Ohm, dem
+Tyrannen, wild und uebertrieben und gewalttaetig, gibt es dir ein
+falsches Weltbild. Palermo, wo sich unter dem menschlichsten aller
+Herrscher Spiel und Ernst, Tugend und Lust, Treue und Unbestand, guter
+Glaube und kluges Misstrauen in den richtigen Verhaeltnissen mischen,
+bietet das wahrere. Dort vertaendelst du den Reigen eines Jahres mit
+unsern Freundinnen und Feindinnen in erlaubter oder laesslicher
+Weise'--der Moench runzelte die Stirn--, 'machst etwa einen Feldzug mit,
+ohne jedoch unbesonnen dich auszusetzen--denke an deine Bestimmung--,
+nur dass du dich wieder erinnerst, wie Pferd und Klinge gefuehrt
+werden--als Knabe verstandest du das--, behaeltst deine muntern braunen
+Augen, die--bei der Fackel der Aurora!--leuchten und spruehen, seit du
+das Kloster verlassen hast, ueberall offen und kehrst uns als ein Mann
+zurueck, der sich und andere besitzt.'
+
+'Er muss dort beim Kaiser eine Schwaebin heiraten', riet der Gepanzerte
+gutmuetig. 'Sie sind froemmer und verlaesslicher als unsere Weiber.'
+
+'Schweigst du wohl?' drohte ihm Ascanio mit dem Finger. 'Mache mir
+keine Langeweile mit semmelblonden Zoepfen!' Der Moench aber drueckte die
+Rechte Germanos, welche er noch nicht hatte fahren lassen.
+
+'Aufrichtig, Germano', forschte er, was sagst du dazu?' 'Wozu?' fragte
+dieser barsch.
+
+'Nun, zu meinem neuen Stand?'
+
+'Astorre, mein Freund', antwortete der Schnurrbaertige etwas verlegen,
+'ist es getan, fragt man nicht mehr herum nach Beirat und Urteil. Man
+behauptet sich, wo man steht. Willst du aber meine Meinung durchaus
+wissen, nun, schau, Astorre, verletzte Treue, gebrochenes Wort,
+Fahnenflucht und so weiter, dem gibt man in Germanien grobe Namen.
+Natuerlich bei dir ist's etwas ganz anderes, das laesst sich gar nicht
+vergleichen--und dann der sterbende Vater--Astorre, mein lieber Freund,
+du hast ganz huebsch gehandelt, nur waere das Gegenteil noch huebscher
+gewesen. Das ist meine Meinung', schloss er treuherzig.
+
+'So haettest du mir, waerest du dagewesen, die Hand deiner Schwester
+verweigert, Germano?'
+
+Dieser fiel aus den Wolken. 'Die Hand meiner Schwester? der Diana?
+Derselben, die deinen Bruder betrauert?' 'Derselben. Sie ist meine
+Verlobte.'
+
+'O herrlich!' rief jetzt der weltkluge Ascanio, und 'Erfreulich!' fiel
+Germano bei. 'Lass dich umarmen, Schwager!' Der Gepanzerte hatte trotz
+seiner Geradheit gute Lebensart. Aber er unterdrueckte einen Seufzer.
+So herzlich er die herbe Schwester achtete, dem Moench, wie dieser
+neben ihm sass, haette er, nach seinem natuerlichen Gefuehl, ein anderes
+Weib gegeben.
+
+So drehte er den Schnurrbart und Ascanio das Steuerruder des
+Gespraeches. 'Eigentlich, Astorre',--plauderte der Heitere, 'muessen
+wir damit anfangen, uns wieder kennenzulernen; nicht weniger als deine
+fuenfzehn beschaulichen Klosterjahre liegen zwischen unserer Kindheit
+und heute. Nicht dass wir inzwischen unser Wesen geaendert haetten, wer
+aendert es? Doch wir haben uns ausgewachsen. Dieser zum Beispiel'--er
+deutete gegen Germano--freut sich jetzt eines schoenen Waffenruhmes;
+aber ich habe ihn zu verklagen, dass er ein halber Deutscher geworden
+ist. Er'--Ascanio kruemmte den Arm, als leere er den Becher--'und
+hernach wird er tiefsinnig oder haendelsuechtig. Auch verachtet er
+unser suesses Italienisch: Ich werde deutsch mit euch reden! prahlt er
+und brummt die Baerenlaute einer unmenschlichen Sprache. Dann
+erbleicht sein Gesinde, seine Glaeubiger fliehen und unsere
+Paduanerinnen kehren ihm die stattlichen Ruecken zu. Dergestalt ist er
+vielleicht so jungfraeulich geblieben wie du, Astorre', und er legte
+dem Moench traulich die Hand auf die Schulter.
+
+Germano lachte herzlich und erwiderte, auf Ascanio zeigend: 'Und
+dieser hier hat seine Bestimmung gefunden, indem er der perfekte
+Hoefling wurde.'
+
+'Da irrst du dich, Germano', widersprach der Guenstling Ezzelins.
+Meine Bestimmung war, das Leben leicht und heiter zu geniessen.' Und
+zum Beweise dessen rief er freundlich gebietend das Kind des Gaertners
+herbei, das er in einiger Entfernung sich vorueberstehlen und nach
+seiner neuen Herrschaft, dem Moenche, schielen sah. Das huebsche Ding
+trug einen mit Trauben und Feigen ueberhaeuften Korb auf dem lachenden
+Haupte und schaute eher schelmisch als schuechtern. Ascanio war
+aufgesprungen. Er legte die Linke um die schlanke Seite des Maedchens
+und holte sich mit der Rechten aus dem Korb eine Traube. Zugleich
+suchte sein Mund die schwellenden Lippen. 'Mich duerstet', sagte er.
+Das Maedchen tat schaemig, hielt aber stille, weil es seine Fruechte
+nicht verschuetten wollte. Unmutig wendete sich der Moench von den zwei
+Leichtsinnigen ab, und das erschreckende Dirnchen entrann, da es die
+harte moenchische Gebaerde erblickte, den Pfad ihrer Flucht mit
+rollenden Fruechten bestreuend. Ascanio, der seine Traube in der Hand
+hielt, hob hinter den fluechtigen Stapfen noch zwei andere auf, deren
+eine er Germano bot, welcher aber die ungekelterte veraechtlich ins
+Gras warf. Die andere reichte der Mutwillige dem Moench, der sie eine
+Weile ebenfalls unberuehrt liess, dann aber gedankenlos eine saftige
+Beere und bald noch eine zweite und die dritte kostete.
+
+'Ein Hoefling?' fuhr Ascanio fort, der sich, belustigt durch die
+Zimperlichkeit des dreissigjaehrigen Moenches, wieder neben ihn auf den
+Rasen geworfen hatte. 'Glaube das nicht, Astorre! Glaube das
+Gegenteil! Ich bin der einzige, welcher meinem Ohm leise, aber
+verstaendlich zuredet, dass er nicht unbarmherzig werde, dass er ein
+Mensch bleibe.'
+
+'Er ist nur gerecht und sich selbst getreu!' meinte Germano. 'Ueber
+seine Gerechtigkeit!' jammerte Ascanio, 'und ueber seine Logik! Padua
+ist Reichslehen. Ezzelin ist Vogt. Wer ihm missfaellt, lehnt sich
+gegen das Reich auf. Hochverraeter werden-'. Er brachte es nicht ueber
+die Lippen. 'Abscheulich!' murmelte er. 'Und ueberhaupt: warum duerfen
+wir Welsche kein eigenes Leben unter unserer warmen Sonne fuehren?
+Warum dieses Nebelphantom des Reiches, das uns den Atem beengt? Ich
+rede nicht fuer mich. Ich bin an den Ohm gefesselt. Stirbt der Kaiser,
+den Gott erhalte, so wirft sich ganz Italien mit Fluechen und
+Verwuenschungen ueber den Tyrannen Ezzelin und den Neffen erwuergen sie
+so nebenbei.' Ascanio betrachtete ueber der ueppigen Erde den
+strahlenden Himmel und stiess einen Seufzer aus.
+
+'Uns beide', ergaenzte Germano kaltbluetig. 'Das aber hat Weile. Der
+Gebieter besitzt eine feste Prophezeiung. Der Gelehrte Guido Bonatti
+und Paul von Bagdad, welcher mit seinem langen Bart den Staub der
+Gasse zusammenfegt, haben ihm, so sehr sich die aufeinander
+Eifersuechtigen gewoehnlich widersprechen, ein neues seltsames Sternbild
+einmuetig folgendergestalt entraetselt: In einer Kuerze oder Laenge wird
+ein Sohn der Halbinsel die ungeteilte Krone derselben erringen mit
+Hilfe eines germanischen Kaisers, der fuer sein Teil jenseits der
+Gebirge alles Deutsche in einen harten Reichsapfel zusammenballt. Ist
+Friedrich dieser Kaiser? Ist dieser Koenig Ezzelin? Das weiss Gott,
+der Zeit und Stunde kennt, aber der Gebieter hat darauf seinen Ruhm
+und unsere Koepfe verwettet.'
+
+'Geflechte von Vernunft und Wahn!' aergerte sich Ascanio, waehrend der
+Moench erstaunte ueber die Macht der Sterne, den weiten Ehrgeiz der
+Herrscher und den alles mitreissenden Strom der Welt. Auch erschreckte
+ihn das Gespenst der beginnenden Grausamkeit Ezzelins, in welchem der
+Unschuldige die verkoerperte Gerechtigkeit gesehen hatte.
+
+Ascanio beantwortete seine schweigenden Zweifel, indem er fortfuhr:
+'Moegen sie beide einen boesen Tod finden, der stirnrunzelnde Guido und
+der baertige Heide! Sie verleiten den Ohm, seinen Launen und Luesten zu
+gehorchen, indem er das Notwendige zu tun glaubt. Hast du ihm schon
+zugeschaut, Germano, wie er bei seinem kargen Mahle in dem
+durchsichtigen Kristall des Bechers sein Wasser mit den drei oder vier
+blutroten Tropfen Sizilianers faerbt, welche er sich goennt? wie sein
+aufmerksamer Blick das Blut verfolgt, das sich langsam woelkt und durch
+den lautern Quell verbreitet? oder wie er den Toten die Lider
+zuzudruecken liebt, so dass es zur Hoeflichkeit geworden ist, den Vogt
+wie zu einem Fest an die Sterbelager zu bitten und ihm diese traurige
+Handlung zu ueberlassen? Ezzelin, mein Fuerst, werde mir nicht grausam!'
+rief der Juengling aus, von seinem Gefuehl ueberwaeltigt.
+
+'Ich denke nicht, Neffe', sprach es hinter ihm. Es war Ezzelin,
+welcher ungesehen herangetreten war und, obwohl kein Lauscher, den
+letzten schmerzlichen Ausruf Ascanios vernommen hatte.
+
+Die drei Juenglinge erhoben sich rasch und begruessten den Herrscher, der
+sich auf die Bank niederliess. Sein Gesicht war ruhig wie die Maske
+des Brunnens.
+
+'Ihr meine Boten', stellte er Ascanio und Germano zur Rede, 'was kam
+euch an, diesen hier'--er nickte leicht gegen den Moench--'vor mir
+aufzusuchen?'
+
+'Er ist unser Jugendgespiele und hat Seltsames erfahren',
+entschuldigte der Neffe, und Ezzelin liess es gelten. Er empfing die
+Briefschaften, die ihm Ascanio, das Knie biegend, ueberreichte. Alles
+schob er in den Busen ausser der Bulle. 'Siehe da', sagte er, 'das
+Neueste! Lies vor, Ascanio! Du hast juengere Augen als ich.'
+
+Ascanio rezitierte den apostolischen Brief, waehrend Ezzelin die Rechte
+in den Bart vergrub und mit daemonischem Vergnuegen zuhoerte.
+
+Zuerst gab der dreigekroente Schriftsteller dem geistreichen Kaiser den
+Namen eines apokalyptischen Ungeheuers. 'Ich kenne das, es ist
+absurd', sagte der Tyrann. 'Auch mich hat der Pontifex in seinen
+Briefen ausschweifend betitelt, bis ich ihn ermahnte, mich, welcher
+Ezzelin der Roemer heisst, fortan in klassischer Sprache zu schelten.
+Wie nennt er mich dieses Mal? Ich bin neugierig. Suche nur die
+Stelle, Ascanio--es wird sich eine finden--, wo er meinem Schwieger
+seinen boesen Umgang vorhaelt. Gib her!' Er ergriff das Schreiben und
+fand bald den Ort: hier beschuldigte der Papst den Kaiser, den Gatten
+seiner Tochter zu lieben, 'Ezzelino da Romano, den groessten Verbrecher
+der bewohnten Erde.'
+
+'Korrekt!' lobte Ezzelin und gab Ascanio das Schreiben zurueck. 'Lies
+mir die Gottlosigkeiten des Kaisers, Neffe', laechelte er.
+
+Ascanio las, Friedrich habe geaeussert, es gebe neben vielem Wahn nur
+zwei wahre Goetter: Natur und Vernunft. Der Tyrann zuckte die Achseln.
+
+Ascanio las ferner, Friedrich habe geredet: drei Gaukler, Moses,
+Mohammed und--er stockte--haetten die Welt betrogen. 'Oberflaechlich',
+tadelte Ezzelin, 'sie hatten ihre Sterne; aber, gesagt oder nicht, der
+Spruch graebt sich ein und wiegt fuer den unter der Tiara ein Heer und
+eine Flotte. Weiter.'
+
+Nun kam eine wunderliche Maer an die Reihe: Friedrich haette, durch ein
+wogendes Kornfeld reitend, mit seinem Gefolge gescherzt und in
+laesterlicher Anspielung auf die heilige Speise den Dreireim zum besten
+gegeben:
+
+So viele Aehren, so viele Goetter sind, Sie schiessen empor in der Sonne
+geschwind Und wiegen die goldenen Haeupter im Wind--
+
+Ezzelin besann sich. 'Seltsam!' fluesterte er. Mein Gedaechtnis hat
+dieses Verschen aufbewahrt. Es ist durchaus authentisch. Der Kaiser
+hat es mir mit froehlich lachendem Mund zugerufen, da wir zusammen im
+Angesicht der Tempeltruemmer von Enna jene strotzenden Aehrenfelder
+durchritten, mit welchen Goettin Ceres die sizilische Scholle gesegnet
+hat. Darauf besinne ich mich mit derselben Klarheit, welche an jenem
+Sommertag ueber der Insel glaenzte. Ich bin es nicht, der diesen
+heitern Scherz dem Pontifex mitgeteilt hat. Dazu bin ich zu ernsthaft.
+Wer tat es? Ich mache euch zu Richtern, Juenglinge. Wir ritten zu
+dreien, und der dritte--auch dessen bin ich gewiss, wie dieser
+leuchtenden Sonne'--sie warf gerade einen Strahl durch das Laub--'war
+Petrus de Vinea, der Unzertrennliche des Kaisers. Haette der fromme
+Kanzler fuer seine Seele gebangt und sein Gewissen durch einen Brief
+nach Rom erleichtert? Reitet ein Sarazene heute? Ja? Rasch, Ascanio.
+Ich diktiere dir eine Zeile.'
+
+Dieser zog Taefelchen und Stift hervor, liess sich auf das rechte Knie
+nieder und schrieb, das gebogene linke als Pult gebrauchend:
+
+'Erhabener Herr und geliebter Schwieger! Ein schnelles Wort. Das
+Verschen in der Bulle--Ihr seid zu geistreich, um Euch zu
+wiederholen--haben nur vier Ohren gehoert, die meinigen und die Eures
+Petrus, in den Kornfeldern von Enna, vor einem Jahr, da Ihr mich an
+Euern Hof beriefet und ich mit Euch die Insel durchritt. Kein Hahn
+kraeht danach, wenn nicht der im Evangelium, welcher den Verrat des
+Petrus bekraeftigte. Wenn Ihr mich und Euch liebet, Herr, so versuchet
+Euern Kanzler mit einer scharfen Frage.'
+
+'Blutiges Wortspiel! Das schreibe ich nicht! Die Hand zittert mir!'
+rief der erblassende Ascanio. 'Ich bringe den Kanzler nicht auf die
+Folter!' und er warf den Stift weg.
+
+'Dienstsache', bemerkte Germano trocken, hob den Stift auf und
+beendigte das Schreiben, welches er unter seine Eisenhaube schob. Es
+laeuft noch heute', sagte er. 'Mir fuer meine einfache Person hat der
+Capuaner nie gefallen: er hat einen verhuellten Blick.'
+
+Der Moench Astorre schauderte zusammen trotz der Mittagssonne. Zum
+ersten Male griff der aus dem Klosterfrieden Geschiedene, gleichsam
+mit Haenden, wie die schluepfrigen Windungen einer Natter den Argwohn
+oder den Verrat der Welt. Aus seinem Brueten weckte ihn ein strenges
+Wort Ezzelins, welches dieser an ihn richtete, von seiner Steinbank
+sich erhebend. 'Sprich, Moench, warum vergraebst du dich in dein Haus?
+Du hast es noch nie verlassen, seit du weltliches Gewand traegst. Du
+scheust die oeffentliche Meinung? Tritt ihr entgegen! Sie weicht
+zurueck. Machst du aber eine Bewegung der Flucht, so heftet sie sich
+an deine Sohle wie eine heulende Meute. Hast du deine Braut Diana
+besucht? Die Trauerwoche ist vorueber. Ich rate dir: heute noch lade
+deine Sippen, und heute noch vermaehle dich mit Diana!'
+
+'Und dann rasch mit euch auf dein entlegenstes Schloss!' beendigte
+Ascanio.
+
+'Das rate ich nicht', verbot der Tyrann. 'Keine Furcht. Keine Flucht.
+Heute vermaehlst du dich, und morgen haeltst du Hochzeit mit Masken.
+Valete!' Er schied, Germano winkend ihm zu folgen."
+
+"Darf ich unterbrechen?" fragte Cangrande, der hoeflich genug gewesen
+war, eine natuerliche Pause der Erzaehlung abzuwarten.
+
+"Du bist der Herr", versetzte der Florentiner muerrisch. "Traust du
+dem unsterblichen Kaiser jenes Wort von den drei grossen Gauklern zu?"
+
+"Non liquet."
+
+"Ich meine: in deinem innersten Gefuehl?"
+
+Dante verneinte mit einer deutlichen Bewegung des Hauptes. "Und doch
+hast du ihn als einen Gottlosen in den sechsten Kreis deiner Hoelle
+verdammt. Wie durftest du das? Rechtfertige dich!"
+
+"Herrlichkeit", antwortete der Florentiner, "die Komoedie spricht zu
+meinem Zeitalter. Dieses aber liest die fuerchterlichste der
+Laesterungen mit Recht oder Unrecht auf jener erhabenen Stirn. Ich
+vermag nichts gegen die fromme Meinung. Anders vielleicht urteilen
+die Kuenftigen."
+
+"Mein Dante", fragte Cangrande zum andern Mal, "glaubst du Petrus de
+Vinea unschuldig des Verrates an Kaiser und Reich?"
+
+"Non liquet."
+
+"Ich meine: in deinem innersten Gefuehl?" Dante verneinte mit derselben
+Gebaerde.
+
+"Und du laesst den Verraeter in deiner Komoedie seine Unschuld beteuern?"
+
+"Herr", rechtfertigte sich der Florentiner, "werde ich, wo klare
+Beweise fehlen, einen Sohn der Halbinsel mehr des Verrates bezichtigen,
+da schon so viele Arglistige und Zweideutige unter uns sind?"
+
+"Dante, mein Dante", sagte der Fuerst, "du glaubst nicht an die Schuld
+und du verdammst! Du glaubst an die Schuld und du sprichst frei!"
+Dann fuehrte er die Erzaehlung in spielendem Scherz weiter:
+
+"Auch der Moench und Ascanio verliessen jetzt den Garten und betraten
+die Halle." Doch Dante nahm ihm das Wort:
+
+"Keineswegs, sondern sie stiegen in eine Turmstube, dieselbe, die
+Astorre als Knabe mit ungeschorenen Locken bewohnt; denn dieser mied
+die grossen und prunkenden Gemaecher, welche er sich erst gewoehnen musste
+als sein Eigentum zu betrachten, wie er auch den ihm hinterlassenen
+goldenen Hort noch mit keinem Finger beruehrt hatte. Den beiden folgte,
+auf einen gebietenden Wink Ascanios, der Majordom Burcardo in
+gemessener Entfernung mit steifen Schritten und verdriesslichen Mienen."
+
+Der gleichnamige Haushofmeister Cangrandes war nach verrichtetem
+Geschaeft neugierig lauschend in den Saal zurueckgetreten, denn er hatte
+gemerkt, dass es sich um wohlbekannte Personen handle; da er nun sich
+selbst nennen hoerte und unversehens und lebensgross im Spiegel der
+Novelle erblickte, fand er diesen Missbrauch seiner Ehrenperson
+verwegen und durchaus unziemlich im Munde des beherbergten Gelehrten
+und geduldeten Fluechtlings, welchem er in gerechter Erwaegung der
+Verhaeltnisse und Unterschiede auf dem oberen Stockwerk des fuerstlichen
+Hauses eine denkbar einfache Kammer eingeraeumt hatte. Was die andern
+laechelnd gelitten, empfand er als ein Aergernis. Er runzelte die
+Brauen und rollte die Augen. Der Florentiner weidete sich mit
+ernsthaftem Gesicht an der Entruestung des Pedanten und liess sich in
+seiner Fabel nicht stoeren.
+
+"'Wuerdiger Herr', befragte Ascanio den Majordom--habe ich gesagt, dass
+dieser von Geburt ein Alsatier war?--'wie heiratet man in Padua?
+Astorre und ich sind unerfahrene Kinder in dieser Wissenschaft.'
+
+Der Haushofmeister warf sich in Positur, starr seinen Herrn anschauend,
+ohne Ascanio, der ihm nach seinen Begriffen nichts zu befehlen hatte,
+eines Blickes zu wuerdigen.
+
+'Distinguendum est', sagte er feierlich. 'Es ist auseinanderzuhalten:
+Werbung, Vermaehlung und Hochzeit.'
+
+'Wo steht das geschrieben?' scherzte Ascanio.
+
+'Ecce!' antwortete der Majordom, indem er ein grosses Buch entfaltete,
+das ihn niemals verliess. 'Hier!' und er wies mit dem gestreckten
+Finger der linken Hand auf den Titel, welcher lautete: 'Die Zeremonien
+von Padova nach genauer Erforschung zu Nutz und Frommen aller Ehrbaren
+und Anstaendigen, zusammengestellt von Messer Godoscalco Burcardo.' Er
+blaetterte und las: 'Erster Abschnitt: Die Werbung. Paragraph eins.
+Der ernsthafte Werber bringt einen Freund gleichen Standes als
+gueltigen Zeugen mit--'
+
+'Bei den ueberfluessigen Verdiensten meines Schutzheiligen', unterbrach
+ihn Ascanio ungeduldig, 'lass uns zufrieden mit ante und post, mit
+Werbung und Hochzeit, serviere uns das Mittelstueck: wie vermaehlt man
+sich in Padua?'
+
+'In Batova', kraehte der gereizte Alsatier, dessen barbarische
+Aussprache in der Gemuetsbewegung noch mehr als gewoehnlich hervortrat,
+'werden zu den adeligen Sbosalizien geladen die zwoelf grossen
+Geschlechter'--er zaehlte sie aus dem Gedaechtnis her--'zehn Tage voraus,
+nicht frueher, nicht spaeter, von dem Majordom des Braeutigams, gefolgt
+von sechs Dienern. In dieser erleuchten Versammlung werden die Ringe
+gewechselt. Man schluerft Cybrier und verzehrt als Hochzeitsgebaeck die
+Amarellen--'
+
+'Gott gebe, dass wir uns nicht die Zaehne ausreissen!' lachte Ascanio,
+und dem Majordom das Buch entreissend, durchlief er die Namen, von
+welchen sechs Familienhaeupter--sechs von zwoelfen--und einige Juenglinge
+mit breiten Strichen ausgeloescht waren. Sie mochten sich in
+irgendeine Verschwoerung gegen den Tyrannen verwickelt und darin den
+Untergang gefunden haben. 'Merk auf, Alter!' befahl Ascanio, fuer den
+Moench handelnd, welcher in einen Sessel gesunken war und in Gedanken
+verloren die freundliche Bevormundung sich gefallen liess. 'Du haeltst
+deinen Umgang mit den sechs Tagedieben zur Stunde, jetzt gleich, ohne
+Verzug, verstehst du? und ladest auf heute zur Vesperzeit.' 'Zehn Tage
+voraus', wiederholte Herr Burcardo majestaetisch, als verkuende er ein
+Reichsgesetz.
+
+'Heute und auf heute, Starrkopf!'
+
+'Unmoeglich', sprach der Majordom ruhig. Aendert Ihr den Lauf der
+Gestirne und Jahreszeiten?'
+
+'Du rebellierst? Juckt dich der Hals, Alter?' warnte Ascanio mit
+einem sonderbaren Laecheln.
+
+Das genuegte. Herr Burcardo erriet. Ezzelin hatte befohlen, und der
+hartnaeckigste der Pedanten fuegte sich ohne Murren, so eisern war die
+Rute des Tyrannen.
+
+'Dann ladest du die beiden Herrinnen Canossa nicht, die Olympia und
+die Antiope.'
+
+'Warum diese nicht?' fragte der Moench ploetzlich, wie von einem
+Zauberstab beruehrt. Die Luft faerbte sich vor seinem Blick, und ein
+Bild entstand, dessen erster Umriss schon seine ganze Seele fesselte.
+
+'Weil die Graefin Olympia eine Toerin ist, Astorre. Kennst du die
+Geschichte des armen Weibes nicht? Doch du stakest ja damals noch in
+den Windeln, will sagen in der Kutte. Es war vor drei Jahren, da die
+Blaetter gilbten.'
+
+'Im Sommer, Ascanio. Eben jaehrt es sich', widersprach der Moench.
+
+'Du hast recht--kennst du denn die Geschichte? Doch wie solltest du?
+Zu jener Zeit munkelte der Graf Canossa mit dem Legaten, wurde
+belauscht, ergriffen und verurteilt. Die Graefin tat einen Fussfall vor
+dem Ohm, der sich in sein Schweigen huellte. Sie wurde dann auf die
+straeflichste Weise von einem habgierigen Kaemmerer getaeuscht, welcher
+ihr Gewinnes wegen vorspiegelte, der Graf werde vor dem Block
+begnadigt werden. Das ging nicht in Erfuellung, und da man der Graefin
+einen Enthaupteten brachte, warf sich ihm die aus der Hoffnung
+kopfueber in die Verzweiflung Geschleuderte durch das Fenster entgegen,
+wunderbarerweise ohne sich zu verletzen, ausser dass sie sich den Fuss
+verstauchte. Aber von jenem Tag an war ihr Geist zerruettet. Wenn
+natuerliche Stimmungen sich unmerklich ineinander verlieren wie das
+erloeschende Licht in die wachsende Daemmerung, wechseln die ihrigen in
+rasendem Umschwung von Hell und Dunkel zwoelfmal in zwoelf Stunden. Von
+bestaendiger Unruhe gestachelt, eilt das elende Weib aus ihrem
+veroedeten Stadtpalast auf ihr Landgut und aus diesem in die Stadt
+zurueck, in ewigem Irrgang. Heute will sie ihr Kind einem Paechterssohn
+vermaehlen, weil nur Niedrigkeit Schutz und Frieden gewaehre, morgen
+waere ihr der edelste Freier, der uebrigens aus Scheu vor einer solchen
+Mutter sich nicht einstellt, kaum vornehm genug--'
+
+Haette Ascanio, waehrend seine Rede floss, den fluechtigsten Blick auf den
+Moench geworfen, er haette staunend innegehalten, denn das Antlitz des
+Moenches verklaerte sich vor Mitleid und Erbarmen.
+
+'Wenn der Tyrann', fuhr der Achtlose fort, an der Behausung Olympias
+vorueber auf die Jagd reitet, stuerzt sie ans Fenster und erwartet, er
+werde an ihrer Schwelle vom Pferd steigen und die in Ungnade Geratene,
+aber nun genug Gepruefte, guenstig und gnaedig an seinen Hof zurueckfuehren,
+wozu er wahrlich keine Lust hat. Eines andern Tages, oder noch an
+demselben, waehnt sie sich von Ezzelin, welcher sich nicht um sie
+bekuemmert, verfolgt und geaechtet. Sie glaubt sich verarmt und ihre
+Gueter, die er unberuehrt liess, eingezogen. So brennt und friert sie im
+Wechselfieber der schroffsten Gegensaetze, ist nicht nur selbst
+verrueckt, sondern verrueckt auch, was sie in die wirbelnden Kreise
+ihres Kopfes zieht, und stiftet--denn sie ist nur eine halbe Toerin und
+redet mitunter treffend und witzig--ueberall Unheil, wo ihr geglaubt
+wird. Es kann nicht die Rede davon sein, sie unter die Leute und an
+ein Fest zu bringen. Ein Wunder ist, dass ihr Kind, die Antiope,
+welches sie vergoettert und dessen Verheiratung sich im Mittelpunkt
+ihrer Phantasie dreht, auf diesem schwanken Boden den Verstand behaelt.
+Aber das Maedchen, das in seiner Fruehbluete steht und leidlich huebsch
+ist, hat eine gute Natur..' So ging es noch eine Weile fort.
+
+Astorre aber versank in seinem Traume. So sage ich, weil das
+Vergangene Traum ist. Denn der Moench sah, was er vor drei Jahren
+erlebt hatte: einen Block, den Henker daneben und sich selbst an der
+Stelle eines erkrankten Mitmoenches als geistlichen Troester, der einen
+armen Suender erwartet. Dieser--der Graf Canossa--erschien gefesselt,
+wollte aber durchaus nicht herhalten, sei es, weil er waehnte, seine
+Begnadigung werde, jetzt da er vor dem Blocke stehe, nicht saeumen, sei
+es einfach, weil er die Sonne liebte und die Gruft verabscheute. Er
+liess den Moench hart an und verschmaehte seine Gebete. Ein
+entsetzliches Ringen stand bevor, wenn er fortfuhr, sich zu straeuben
+und zu stemmen; denn er hielt sein Kind an der Hand, welches ihm--von
+den Wachen unbemerkt--zugesprungen war und ihn umklammerte, die
+ausdrucksvollsten Augen und die flehendsten Blicke auf den Moench
+heftend. Der Vater drueckte das Maedchen fest an seine Brust und schien
+sich mit diesem jungen Leben gegen die Vernichtung decken zu wollen,
+wurde aber von dem Henker nieder und mit dem Haupt auf den Block
+gedrueckt. Da legte das Kind Kopf und Nacken neben den vaeterlichen.
+Wollte es das Mitleid des Henkers erwecken? Wollte es den Vater
+ermutigen, das Unabwendbare zu leiden? Wollte es dem Unversoehnten den
+Namen eines Heiligen ins Ohr murmeln? Tat es das Unerhoerte ohne
+Besinnen und Ueberlegung, aus ueberstroemender kindlicher Liebe? Wollte
+es einfach mit ihm sterben?
+
+Jetzt leuchteten die Farben so kraeftig, dass der Moench die zwei
+nebeneinander liegenden Haelse, den ziegelroten Nacken des Grafen und
+den schneeweissen des Kindes mit dem gekraeuselten, goldbraunen Flaum
+wenige Schritte vor sich in voller Lebenswahrheit erblickte. Das
+Haelschen war von der schoensten Bildung und ungewoehnlicher Schlankheit.
+Astorre bebte, das fallende Beil moechte sich irren, und fuehlte sich
+in tiefster Seele erschuettert, nicht anders als das erste Mal, nur dass
+ihm die Sinne nicht schwanden, wie sie ihm damals geschwunden waren,
+als die schreckliche Szene in Wahrheit und Wirklichkeit sich ereignete,
+und er erst wieder zu sich kam, als alles vorueber war.
+
+'Hat mir mein Gebieter einen Auftrag zu geben?' stoerte den Verzueckten
+die schnurrende Stimme des Majordoms, der es schwer ertrug, von
+Ascanio gemeistert zu werden.
+
+'Burcardo', antwortete Astorre mit weicher Stimme, 'vergiss nicht, die
+zwei Frauen Canossa, Mutter und Tochter, zu laden. Es sei nicht
+gesagt, dass der Moench die von der Welt Gemiedenen und Verlassenen von
+sich fernhaelt. Ich ehre das Recht einer Ungluecklichen'--hier stimmte
+der Majordom mit eifrigem Nicken bei--, 'von mir geladen und empfangen
+zu werden. Wuerde sie uebergangen, es duerfte sie schwer kraenken, wie
+sie beschaffen ist.'
+
+'Beileibe!' warnte Ascanio. Tu dir doch das nicht zuleide! Dein
+Verloebnis ist schon abenteuerlich genug! Und das Abenteuerliche
+begeistert die Toerichten. Sie wird nach ihrer Art etwas Unglaubliches
+beginnen und irgendein tolles Wort in die Feier schleudern, welche
+sonst schon alle Paduanerinnen aufregt.'
+
+Herr Burcardo aber, der die Berechtigung einer Canossa, ob sie bei
+Verstande sei oder nicht, sich zu den Zwoelfen zu versammeln, mit den
+Zaehnen festhielt und seinen Gehorsam dem Vicedomini und keinem andern
+verpflichtet glaubte, verbeugte sich tief vor dem Moench. 'Deiner
+Herrlichkeit allein wird gehorcht', sprach er und entfernte sich.
+
+'O Moench, Moench', rief Ascanio, 'der die Barmherzigkeit in eine Welt
+traegt, wo kaum die Guete ungestraft bleibt!'
+
+"Doch wie wir Menschen sind," flocht Dante ein, "oft zeigt uns ein
+prophetisches Licht den Rand eines Abgrunds, aber dann kommt der Witz
+und kluegelt und laechelt und redet uns die Gefahr aus."
+
+Dergestalt fragte und beruhigte sich der Leichtsinnige: Welche
+Beziehung auf der Welt hat die Naerrin zu dem Moench, in dessen Leben
+sie nicht die geringste Rolle spielt? Und am Ende--wenn sie zu lachen
+gibt, so wuerzt sie uns die Amarellen! Er ahnte nicht von ferne, was
+sich in der Seele Astorres begab, aber auch wenn er geraten und
+geforscht, dieser haette sein keusches Geheimnis dem Weltkind nicht
+preisgegeben.
+
+So liess Ascanio es gut sein, und sich des andern Befehles des Tyrannen
+erinnernd, den Moench unter die Leute zu bringen, fragte er lustig:
+'Ist fuer den Ehereif gesorgt, Astorre? Denn es steht in den
+Zeremonien geschrieben, Abschnitt zwei, Paragraph soundso: Die Reife
+werden gewechselt.' Dieser erwiderte, es werde sich dergleichen in dem
+Hausschatz finden.
+
+'Nicht so, Astorre', meinte Ascanio. 'Wenn du mir folgst, kaufst du
+deiner Diana einen neuen. Wer weiss, was fuer Geschichten an den
+gebrauchten Ringen kleben. Wirf das Alte hinter dich. Auch schickt
+es sich ganz allerliebst: du kaufst ihr einen Ring bei dem Florentiner
+auf der Bruecke. Kennst du den Mann? Doch wie solltest du! Hoere: Als
+ich heute in der Fruehstunde, mit Germano in die Stadt zurueckkehrend,
+unsere einzige Bruecke ueber den Kanal beschritt--wir mussten absitzen
+und die Pferde fuehren, so dicht war dort das Gedraenge--, hatte, meiner
+Treu, auf dem verwitterten Kopf des Brueckenpfeilers ein Goldschmied
+seinen Laden aufgetan, und ganz Padua kramte und feilschte vor
+demselben. Warum auf der engen Bruecke, Astorre, da wir so viele
+Plaetze haben? Weil in Florenz die Schmucklaeden auf der Arnobruecke
+stehen. Denn--bewundere die Logik der Mode! wo kauft man feinen
+Schmuck, als bei einem Florentiner, und wo legt ein Florentiner aus,
+wenn nicht auf einer Bruecke? Er tut es einmal nicht anders. Sonst
+waere seine Ware ein plumpes Zeug und er selbst kein echter Florentiner.
+Doch dieser ist es, ich meine. Hat er doch mit riesigen Buchstaben
+ueber seine Bude geschrieben: Niccola Lippo dei Lippi, der Goldschmied,
+durch einen feilen und ungerechten Urteilsspruch, wie sie am Arno
+gebraeuchlich sind, aus der Heimat vertrieben. Auf, Astorre! gehen wir
+nach der Bruecke!'
+
+Dieser weigerte sich nicht, da er selbst das Beduerfnis fuehlen mochte,
+den Bann des Hausbezirkes zu brechen, welchen er, seit er seine Kutte
+niedergestreift, nicht mehr verlassen hatte.
+
+'Hast du Geld zu dir gesteckt, Freund Moench?' scherzte Ascanio. 'Dein
+Geluebde der Armut ist hinfaellig, und der Florentiner wird dich
+ueberfordern.' Er pochte an das Schiebfensterchen des im untern Flur,
+welchen die Juenglinge eben durchschritten, gelegenen Hauskontors. Es
+zeigte sich ein verschmitztes Gesicht, Jede Falte ein Betrug, und der
+Verwalter der Vicedomini--ein Genuese, wenn ich recht berichtet
+bin--reichte seinem Herrn mit kriechender Verbeugung einen mit
+Goldbyzantinern gefuellten Beutel. Dann wurde der Moench von einem
+Diener in den bequemen paduanischen Sommermantel mit Kapuze gehuellt.
+
+Auf der Strasse zog sich Astorre dieselbe tief ins Gesicht, weniger
+gegen die brennenden Strahlen der Sonne als aus langer Gewoehnung, und
+wandte sich freundlich gegen seinen Begleiter. 'Nicht wahr, Ascanio',
+sagte er, diesen Gang tue ich allein? Einen einfachen Goldring zu
+kaufen uebersteigt meinen Moenchsverstand nicht. Das traust du mir noch
+zu? Auf Wiedersehen bei meiner Vermaehlung, wann es Vesper laeutet!'
+Ascanio ging und rief noch ueber die Schulter zurueck: 'Einen, nicht
+zwei! Den deinigen gibt dir Diana! Merke dir das, Astorre!' Es war
+eine jener farbigen Seifenblasen, deren der Lustige mehr als eine
+taeglich von den Lippen in die Luft jagte.
+
+Fraget ihr mich, Herrschaften, warum der Moench den Freund beurlaubte,
+so sage ich: er wollte den himmlischen Ton, welchen die junge
+Maertyrerin der Kindesliebe in seinem Gemuet geweckt hatte, rein
+ausklingen lassen.
+
+Astorre hatte die Bruecke erreicht, welche trotz des Sonnenbrandes
+randvoll war und von den nahen zwei Ufern ein doppeltes
+Menschengedraenge vor den Laden des Florentiners fuehrte. Der Moench
+blieb unter seinem Mantel unerkannt, ob auch hin und wieder ein Auge
+fragend auf dem unbedecktem Teil seines Gesichtes ruhte. Adel und
+Buergerschaft suchte sich den Vortritt abzugewinnen. Vornehme Weiber
+stiegen aus ihren Saenften und liessen sich draengen und druecken, um ein
+Paar Armringe oder ein Stirnband von neuester Mache zu erhandeln. Der
+Florentiner hatte auf allen Plaetzen mit der Schelle verkuendigen lassen,
+er schliesse heute nach dem Ave Maria. Er dachte nicht daran. Doch
+was kostet einen Florentiner die Luege!
+
+Endlich stand der Moench, von Menschen eingeengt, vor der Bude. Der
+bestuermte Haendler, der sich verzehnfachte, streifte ihn mit einem
+erfahrenen Seitenblick und erriet sofort den Neuling. Womit diene ich
+dem gebildeten Geschmack der Herrlichkeit?' fragte er. Gib mir einen
+einfachen Goldreif', antwortete der Moench. Der Kaufmann ergriff einen
+Becher, auf welchem, nach florentinischer Kunst und Art, in erhabener
+Arbeit irgend etwas Ueppiges zu sehen war. Er schuettelte den Kelch, in
+dessen Bauch hundert Reifen wimmelten, und bot ihn Astorre.
+
+Dieser geriet in eine peinliche Verlegenheit. Er kannte den Umfang
+des Fingers nicht, welchen er mit einem Reif bekleiden sollte, und
+deren mehrere heraushebend, zauderte er sichtlich zwischen einem
+weitern und einem engern. Der Florentiner konnte den Spott nicht
+lassen, wie denn ein versteckter Hohn aus aller Rede am Arno
+hervorkichert. 'Kennt der Herr die Gestalt des Fingers nicht, welchen
+er doch wohl zuweilen gedrueckt hat?' fragte er mit einem unschuldigen
+Gesicht, aber als ein kluger Mann verbesserte er sich alsobald, und in
+der heimischen Meinung, der Verdacht der Unwissenheit sei beleidigend,
+derjenige der Suende aber schmeichle, gab er Astorre zwei Ringe, einen
+groessern und einen kleinern, die er aus Daumen und Zeigefinger seiner
+beiden Haende geschickt zwischen die Daumen und Zeigefinger des Moenches
+hinuebergleiten liess. 'Fuer die zwei Liebchen der Herrlichkeit',
+wisperte er sich verneigend.
+
+Ehe noch der Moench ueber diese lose Rede ungehalten werden konnte,
+erhielt er einen harten Stoss. Es war das Schulterblatt eines
+Rosspanzers, das ihn so unsanft streifte, dass er den kleinern Ring
+fallen liess. In demselben Augenblick schmetterte ihm der betaeubende
+Ton von acht Tuben ins Ohr. Die Feldmusik der germanischen Leibwache
+des Vogtes ritt in zwei Reihen, beide vier Rosse hoch, ueber die Bruecke,
+den ganzen Menscheninhalt derselben auseinanderwerfend und gegen die
+steinernen Gelaender pressend.
+
+Sobald die Blaeser vorueber waren, stuerzte der Moench, den festgehaltenen
+groessern Ring rasch in seinem Gewand bergend, dem kleinern nach,
+welcher unter den Hufen der Gaeule weggerollt war.
+
+Das alte Bauwerk der Bruecke war in der Mitte ausgefahren und vertieft,
+so dass der Reif die Hoehlung hinab und dann durch seine eigene Bewegung
+getrieben die andere Seite hinanrollte. Hier hatte eine junge Zofe,
+namens Isotta oder, wie man in Padua den Namen kuerzt, Sotte, das
+rollende und blitzende Ding gehascht, auf die Gefahr hin, von den
+Pferden zerstampft zu werden. 'Ein Gluecksring!' jubelte das unkluge
+Geschoepf und steckte einer jugendlichen Herrin, welcher sie das
+Begleite gab, mit kindischem Frohlocken den Fund an den schlanken
+Finger, den vierten der linken Hand, welcher ihr durch seine zierliche
+Bildung des engen Schmuckes besonders wuerdig und faehig schien. In
+Padua aber, wie auch hier in Verona, wenn mir recht ist, pflegt man
+den Trauring an der linken Hand zu tragen.
+
+Das Edelfraeulein zeigte sich unwillig ueber die Posse der Magd, war
+aber doch auch ein bisschen belustigt davon. Sie bemuehte sich eifrig,
+den fremden Ring, der ihr wie angegossen sass, dem Finger wieder
+abzuziehen. Da stand unversehens der Moench vor ihr und hob die Arme
+in freudiger Verwunderung. Seine Gebaerde aber war, dass er die
+geoeffnete rechte Hand vor sich hinstreckte, die linke in der Hoehe des
+Herzens hielt; denn er hatte, trotz der entfalteten Bluete, an der
+auffallenden Schlankheit des Halses und wohl mehr noch an der Bewegung
+seiner Seele das Kind wiedererkannt, dessen zartes Haupt er auf dem
+Block gesehen hatte.
+
+Waehrend das Maedchen bestuerzte, fragende Augen auf den Moench richtete
+und immerfort an dem widerspenstigen Ring drehte, zauderte Astorre,
+denselben zurueckzuverlangen. Doch es musste geschehen. Er oeffnete den
+Mund. 'Junge Herrin', begann er--und fuehlte sich von zwei starken,
+gepanzerten Armen umfasst, die sich seiner bemaechtigten und ihn
+emporzogen. Im Augenblick sah er sich, mit Hilfe eines andern
+Gepanzerten, ein Bein rechts, ein Bein links, auf ein stampfendes Ross
+gesetzt. 'Lass schauen', schallte ein gutmuetiges Gelaechter, 'ob du das
+Reiten nicht verlernt hast!' Es war Germano, welcher an der Spitze der
+von ihm befehligten deutschen Kohorte ritt, die der Vogt auf eine
+Ebene unweit Padua zur Musterung befohlen hatte. Da er unvermutet den
+Freund und Schwager im Freien erblickte, hatte er sich den
+unschuldigen Spass gemacht, denselben neben sich auf ein Pferd zu heben,
+von welchem ein junger Schwabe auf seinen Wink abgesprungen war. Das
+feurige Tier, welches den veraenderten Reiter spuerte, tat ein paar
+wilde Spruenge, es entstand ein Rossegedraeng auf der nicht geraeumigen
+Bruecke, und Astorre, dem die Kapuze zurueckgefallen war und der sich
+mit Muehe im Buegel hielt, wurde von dem entsetzt ausweichenden Volk
+erkannt. 'Der Moench! der Moench!' rief und deutete es von allen Seiten,
+aber schon hatte der kriegerische Tumult die Bruecke hinter sich und
+verschwand um eine Strassenecke. Der unbezahlt gebliebene Florentiner
+rannte nach, aber kaum zwanzig Schritte, denn ihm wurde bange um seine
+unter der schwachen Hut eines Juengelchens gelassene Ware, und dann
+belehrte ihn der Zuruf der Menge, dass er es mit einer bekannten und
+leicht aufzufindenden Persoenlichkeit zu tun habe. Er liess sich den
+Palast Astorres bezeichnen und meldete sich dort heute, morgen,
+uebermorgen. Die zwei ersten Male richtete er nichts aus, weil in der
+Behausung des Moenches alles drunter und drueber ging, das dritte Mal
+fand er die Siegel des Tyrannen an das verschlossene Tor geheftet.
+Mit diesem wollte der Feigling nichts zu schaffen haben und so ging er
+der Bezahlung verlustig.
+
+Die Frauen aber--zu Antiope und der leichtfertigen Zofe hatte sich
+noch eine dritte, durch den Brueckentumult von ihnen abgedraengte
+wiedergefunden--schritten in der entgegengesetzten Richtung. Diese
+war ein seltsam blickendes, vorzeitig, wie es schien, gealtertes Weib
+mit tiefen Furchen, grauen Haarbuescheln, aufgeregten Mienen, und
+schleppte ihr vernachlaessigtes, aber vornehmes Gewand mitten durch den
+Strassenstaub.
+
+Sotte erzaehlte eben der Alten, offenbar der Mutter des Fraeuleins, mit
+dummem Jubel den Vorgang auf der Bruecke: Astorre--auch ihr hatte der
+Zuruf des Volkes ihn genannt--Astorre der Moench, der stadtkundig
+freien muesse, habe Antiope verstohlenerweise einen Goldring zugerollt,
+und als sie--Sotte--, den Wink der Vorsehung und die Schlauheit des
+Moenches verstehend, ihn dem lieben Maedchen angesteckt, sei der Moench
+selbst vor dasselbe hingetreten, und da Antiope ihm den Ring in
+Zuechten habe zurueckgeben wollen, habe er--sie ahmte den Moench
+nach--die Linke zaertlich auf das Herz gelegt, so! die Rechte aber
+zurueckweisend ausgestreckt mit einer Gebaerde, die in ganz Italien
+nichts anderes sage und bedeute als: Behalte, Schatz!
+
+Endlich kam die erstaunte Antiope zu Wort und beschwor die Mutter, auf
+das alberne Geschwaetz Isottens nichts zu geben, aber umsonst. Madonna
+Olympia erhob die Arme gen Himmel und dankte auf offener Strasse dem
+heiligen Antonius mit Inbrunst, dass er ihre taegliche Bitte ueber alles
+Hoffen und Erwarten erhoert und ihrem Kleinod einen ebenbuertigen und
+tugendhaften Mann, einen seiner eigenen Soehne beschert habe. Dabei
+gebaerdete sie sich so abenteuerlich, dass die Vorbeigehenden lachend
+auf die Stirne wiesen. Die verwirrte Antiope gab sich alle
+erdenkliche Muehe, der Mutter das blendende Maerchen auszureden; aber
+diese hoerte nicht und baute leidenschaftlich an ihrem Luftschloss
+weiter.
+
+So langten die Frauen in dem Palast Canossa an und begegneten im
+Torbogen einem steif geputzten Majordom, dem sechs verschwenderisch
+gekleidete Diener folgten. Herr Burcardo liess, ehrerbietig
+zuruecktretend, Madonna Olympia die Treppe voraufgehen, dann, in einer
+oeden Halle angelangt, machte er drei abgezirkelte Verbeugungen, eine
+immer naeher und tiefer als die andere, und redete langsam und
+feierlich: 'Herrlichkeiten, mich sendet Astorre Vicedomini,
+hochdieselben untertaenigst zu seinen Sbosalizien zu laden, heute'--er
+verschluckte schmerzhaft 'in zehn Tagen'--'wann es Vesper laeutet.'"
+
+Dante hielt inne. Seine Fabel lag in ausgeschuetteter Fuelle vor ihm;
+aber sein strenger Geist waehlte und vereinfachte. Da rief ihn
+Cangrande.
+
+"Mein Dante", hub er an, "ich wundere mich, mit wie harten und aetzend
+scharfen Zuegen du deinen Florentiner umrissen hast! Dein Niccolo
+Lippo dei Lippi ist verbannt durch ein feiles und ungerechtes Urteil.
+Er selbst aber ist ein Ueberteurer, ein Schmeichler, ein Luegner, ein
+Spoetter, ein Schluepfriger und eine Memme, alles nach Art der
+Florentiner'. Und das ist nur ein winziges Flaemmchen aus dem
+Feuerregen von Verwuenschungen, womit du dein Florenz ueberschuettest,
+nur eine troepfelnde Neige jener bittern von Essig und Galle triefenden
+Terzinen, die du in deiner Komoedie der Vaterstadt zu kosten gibst.
+Lasse dir sagen, es ist unedel, seine Wiege zu schmaehen, seine Mutter
+zu beschaemen! Es kleidet nicht gut! Glaube mir, es macht einen
+schlechten Eindruck!
+
+Mein Dante, ich will dir erzaehlen von einem Puppenspiel, dem ich
+juengst, verkappt unter dem Volk mich umtreibend, in unserer Arena
+zuschaute. Du ruempfst die Nase, dass ich den niedrigen Geschmack habe,
+in maessigen Augenblicken an Puppen und Narren mich zu vergnuegen.
+Dennoch begleite mich vor die kleine Buehne! Was schaust du da? Mann
+und Weib zanken sich. Sie wird gepruegelt und weint. Ein Nachbar
+streckt den Kopf durch die Tuerspalte, predigt, straft, mischt sich ein.
+Doch siehe! das tapfere Weib erhebt sich gegen den Eindringling und
+nimmt Partei fuer den Mann. 'Wenn es mir beliebt, gepruegelt zu werden!'
+heult sie.
+
+Aehnlicherweise, mein Dante, spricht ein Hochherziger, welchen seine
+Vaterstadt misshandelt: Ich will geschlagen sein!"
+
+Viele junge und scharfe Augen hafteten auf dem Florentiner. Dieser
+verhuellte sich schweigend das Haupt. Was in ihm vorging, weiss niemand.
+Als er es wieder erhob, war seine Stirn vergraemter, sein Mund
+bitterer und seine Nase laenger.
+
+Dante lauschte. Der Wind pfiff um die Ecken der Burg und stiess einen
+schlecht verwahrten Laden auf. Monte Baldo hatte seine ersten Schauer
+gesendet. Man sah die Flocken staeuben und wirbeln, von der Flamme des
+Herdes beleuchtet. Der Dichter betrachtete den Schneesturm, und seine
+Tage, welche er sich entschluepfen fuehlte, erschienen ihm unter der
+Gestalt dieser bleichen Jagd und Flucht durch eine unstete Roete. Er
+bebte vor Frost.
+
+Und seine feinfuehligen Zuhoerer empfanden mit ihm, dass ihn kein eigenes
+Heim, sondern nur wandelbare Gunst wechselnder Goenner bedache und vor
+dem Winter beschirmen welcher Landstrasse und Feldweg mit Schnee
+bedeckte. Alle wurden es inne, und Cangrande, der von grosser
+Gesinnung war, zuerst: Hier sitzt ein Heimatloser!
+
+Der Fuerst erhob sich, den Narren wie eine Feder von seinem Mantel
+schuettelnd, trat auf den Verbannten zu, nahm ihn an der Hand und
+fuehrte ihn an seinen eigenen Platz, nahe dem Feuer. "Er gebuehrt dir",
+sagte er, und Dante widersprach nicht. Cangrande aber bediente sich
+des frei gewordenen Schemels. Er konnte dort bequem die beiden Frauen
+betrachten, zwischen welchen jetzt der Wanderer durch die Hoelle sass,
+den das Feuer gluehend beschien und der seine Erzaehlung folgendermassen
+fortsetzte.
+
+"Waehrend die mindern Glocken in Padua die Vesper laeuteten, versammelte
+sich unter dem Zederngebaelk des Prunksaales der Vicedomini, was von
+den zwoelf Geschlechtern uebriggeblieben war, den Eintritt des Hausherrn
+erwartend. Diana hielt sich zu Vater und Bruder. Ein leises
+Geschwaetz lief um. Die Maenner besprachen ernst und gruendlich die
+politische Seite der Vermaehlung zweier grosser staedtischer Geschlechter.
+Die Juenglinge scherzten halblaut ueber den heiratenden Moench. Die
+Frauen schauderten, trotz dem Breve des Papstes, vor dem Sakrilegium,
+welches nur die von knospenden Toechtern umringten in milderem Licht
+sahen, mit dem Zwang der Umstaende entschuldigten oder aus der
+Herzensguete des Moenches erklaerten. Die Maedchen waren lauter Erwartung.
+
+Die Anwesenheit der Olympia Canossa erregte Verwunderung und Unbehagen,
+denn sie war in auffallendem, fast koeniglichem Staat, als ob ihr bei
+der bevorstehenden Feier eine Hauptrolle zustuende, und redete mit
+unheimlicher Zungenfertigkeit in Antiope hinein, welche bangen Herzens
+die aufgebrachte Mutter fluesternd und flehend zu beschwichtigen suchte.
+Donna Olympia hatte sich schon auf den Treppen gewaltig geaergert, wo
+sie--Herr Burcardo beschaeftigte sich eben mit dem Empfang zweier
+anderer Herrschaften--von Gocciola, der eine neue, scharlachrote Kappe
+mit silbernen Schellen in der Hand hielt, ehrfuerchtig willkommen
+geheissen wurde. Jetzt mit den andern im Kreis stehend, belaestigte
+oder aengstigte sie durch ihr massloses Gebaerdenspiel ihre
+Standesgenossen. Mit Augenwinken und Kinnheben wurde auf die Aermste
+gedeutet. Keiner haette sie an des Moenches Statt geladen, und jeder
+machte sich darauf gefasst, sie werde diesem einen ihrer Streiche
+spielen.
+
+Burcardo meldete den Hausherrn. Astorre hatte sich von den Germanen
+bald losgemacht, war auf die Bruecke zurueckgeeilt, ohne dort den Ring
+noch die Frauen mehr zu finden, und sich darueber Vorwuerfe machend,
+obschon im Grunde nur der Zufall anzuklagen war, hatte er in der ihm
+bis zur Vesper bleibenden Stunde den Entschluss gefasst, in Zukunft
+immerdar nach den Regeln der Klugheit zu handeln. Mit diesem Vorsatz
+trat er in den Saal und in die Mitte der Versammelten. Der Druck der
+auf ihn gerichteten Aufmerksamkeit und die sozusagen in der Luft
+fuehlbaren Formen und Forderungen der Gesellschaft liessen ihn empfinden,
+dass er nicht die Wirklichkeit der Dinge sagen duerfe, energisch und
+mitunter haesslich wie sie ist, sondern ihr eine gemilderte und
+gefaellige Gestalt geben muesse. So hielt er sich unwillkuerlich in der
+Mitte zwischen Wahrheit und schoenem Schein und redete untadelig.
+
+'Herrschaften und Standesbrueder', begann er, 'der Tod hat eine reiche
+Ernte unter uns Vicedomini gehalten. Wie ich in Schwarz gekleidet vor
+euch stehe, trage ich Trauer um den Vater, drei Brueder und drei Neffen.
+Dass ich, von der Kirche freigelassen, den Wunsch eines sterbenden
+Vaters, in Sohn und Enkel fortzuleben, nach ernster Erwaegung'--hier
+verhallte sich der Klang seiner Stimme--'und gewissenhafter Pruefung
+vor Gott nicht glaubte ungewaehrt lassen zu duerfen, dieses werdet ihr
+verschieden beurteilen, billigend oder tadelnd, nach der Gerechtigkeit
+oder Milde, die euch innewohnt. Darin aber werdet ihr einiggehen, dass
+es mir bei meiner Vergangenheit nicht angestanden haette zu zaudern und
+zu waehlen, und dass hier nur das Naechstliegende und Ungesuchte Gott
+gefaellig sein konnte. Wer aber stand mir naeher als die schon mit mir
+durch die trostlose Trauer um meinen letzten Bruder vereinigte
+jungfraeuliche Witwe desselben? Und so ergriff ich ueber einem teuern
+Sterbebett diese Hand, wie ich sie jetzt ergreife'--er trat zu Diana
+und fuehrte sie in die Mitte--'und ihr den Trauring um den Finger lege.'
+So tat er. Der Ring passte. Diana tat dasselbe, indem sie dem Moench
+einen goldenen Reif anlegte. 'Es ist der meiner Mutter', sagte sie,
+'die ein wahrhaftes und tugendsames Weib war. Ich gebe dir einen Ring,
+der Treue gehalten hat.' Ein feierlich gemurmelter Glueckwunsch aller
+Anwesenden beschloss die ernste Handlung, und der alte Pizzaguerra, ein
+wuerdiger Greis--denn der Geiz ist ein gesundes Laster und laesst zu
+Jahren kommen--, weinte die uebliche Traene.
+
+Donna Olympia sah ihr Traumschloss auflodern und brennen mit sinkenden
+Saeulen und krachenden Balken. Sie tat einen Schritt vorwaerts, als
+wolle sie ihre Augen ueberfuehren, dass sie sich betruegen, dann einen
+zweiten in wachsender Wildheit, und jetzt stand sie dicht vor Astorre
+und Diana, die grauen Haare gestraeubt, und ihre rasenden Worte rannten
+und stuerzten wie ein Volk in Aufruhr.
+
+'Elender!' schrie sie. 'Gegen den Ring an dem Finger dieser da zeugt
+ein anderer und zuerst gegebener.' Sie riss Antiope, welche ihr in
+wachsender Angst und mit den flehendsten Gebaerden gefolgt war, hinter
+sich hervor und hob die Hand des Maedchens. 'Den Ring hier hast du
+meinem Kinde vor nicht einer Stunde auf der Bruecke bei dem Florentiner
+an den Finger gesteckt!' So hatte ihr ein falscher Spiegel den Vorgang
+verschoben. 'Ruchloser Mensch! Ehebrecherischer Moench! Oeffnet
+sich die Erde nicht, dich zu verschlingen? Haengt den Bruder Pfoertner,
+der im Rausch schnarchte und dich deiner Zelle entspringen liess!
+Deinen Luesten wolltest du froenen, aber du durftest dir eine andere
+Beute waehlen als eine ungerecht verfolgte, ratlose Wittib und eine
+unbeschuetzte Waise!'
+
+Die Marmordiele oeffnete sich nicht, und in den Blicken der Umstehenden
+las die Unglueckliche, die einem gerechten Mutterzorn arme und schwache
+Worte zu geben glaubte, den hellen Hohn oder ein Mitleid anderer Art,
+als sie es zu finden hoffte. Sie vernahm hinter sich das verstaendlich
+gefluesterte Wort: 'Naerrin!', und ihr Zorn schlug in ein wahnsinniges
+Gelaechter um. 'Ei, seht mir einmal den Toren', hohnlachte sie, 'der
+so dumm zwischen diesen beiden waehlen konnte! Ich mache euch zu
+Richtern, Herrschaften, und jeden, der Augen hat. Hier das herzige
+Koepfchen, die schwellende Jugend'--das uebrige vergass ich, aber ich
+weiss eines: Alle Juenglinge im Saale Vicedominis, und mehr als einer
+unter ihnen mochte locker leben, alle Juenglinge, die enthaltsamen und
+die es nicht waren, wendeten Ohr und Auge ab von den empoerenden Worten
+und Gebaerden einer Mutter, welche Zucht und Scham unter die Fuesse trat
+vor dem Kind, das sie geboren, und dieses preisgab wie eine Kupplerin.
+
+Alle im Saal bemitleideten Antiope. Nur Diana, so wenig sie an der
+Treue des Moenches zweifelte, empfand ich weiss nicht welchen dumpfen
+Groll ueber die ihrem Braeutigam frech gezeigte Schoenheit.
+
+Antiope mochte es verschuldet haben dadurch, dass sie den unseligen
+Reif am Finger behielt. Vielleicht tat sie es, um die sich selbst
+betoerende Mutter nicht zu reizen, in dem Gedanken, diese werde, durch
+die Wirklichkeit enttaeuscht, aus dem Hochmut, nach ihrer Art, in
+Kleinmut verfallen und alles mit einem Augenrollen und ein paar
+gemurmelten Worten voruebergehen. Oder dann hatte die junge Antiope
+selbst eine Fingerspitze in den sprudelnden Maerchenbrunnen getaucht.
+War die Begegnung auf der Bruecke nicht wunderbar, und waere ihre
+Erkiesung durch den Moench wunderbarer gewesen als das Schicksal, das
+ihn dem Kloster entriss?
+
+Jetzt erlitt sie grausame Strafe. Soweit es eine zuegellose Rede
+vermag, beraubte sie die eigene Mutter der schuetzenden Huellen.
+
+Eine dunkle Roete und eine noch dunklere fuhr ihr ueber Stirn und Nacken.
+Darauf begann sie in der allgemeinen Stille laut und bitterlich zu
+weinen.
+
+Selbst die graue Maenade lauschte betroffen. Dann zuckte ihr ein
+entsetzlicher Schmerz ueber das Gesicht und verdoppelte ihre Wut. 'Und
+die andere!' kreischte sie, auf Diana zeigend, 'dieses kaum aus dem
+Rohen gehauene breite Stueck Marmor! Diese verpfuschte Riesin, die
+Gott Vater stuemperte, als er noch Gesell war und kneten lernte! Pfui
+ueber den plumpen Leib ohne Leben und Seele! Wer haette ihr auch eine
+gespendet? Die Bastardin, ihre Mutter? die stupide Orsola? Oder der
+duerre Knicker dort? Nur widerstrebend hat er ihr ein karges Almosen
+von Seele verabfolgt!'
+
+Der alte Pizzaguerra blieb gelassen. Mit dem klaren Verstand der
+Geizigen vergass er nicht, wen er vor sich hatte. Seine Tochter Diana
+aber vergass es. Durch die rohe Verhoehnung ihres Leibes und ihrer
+Seele aufgebracht, tief empoert, zog sie die Brauen zusammen und ballte
+die Haende. Jetzt geriet sie ausser sich, da die Naerrin ihre Eltern ins
+Spiel zog, ihr die Mutter im Grabe beschimpfte, den Vater an den
+Pranger stellte. Ein bleicher Jaehzorn packte und uebermannte sie.
+
+'Huendin!' schrie sie und schlug--in Antiopes Angesicht; denn das
+verzweifelnde und beherzte Maedchen hatte sich vor die Mutter geworfen.
+Antiope stiess einen Laut aus, der den Saal und alle Herzen
+erschuetterte.
+
+Nun drehte sich das Rad in dem Kopf der Toerin vollstaendig um. Die
+hoechste Wut ging unter in unsaeglichem Jammer. 'Sie haben mir mein
+Kind geschlagen!' stoehnte sie, sank auf die Knie und schluchzte: 'Gibt
+es keinen Gott mehr im Himmel?'
+
+Jetzt war das Mass voll. Es waere schon frueher ueberlaufen, doch das
+Verhaengnis schritt rascher, als mein Mund es erzaehlte, so rasch, dass
+weder der Moench noch der nahestehende Germano den gehobenen Arm Dianas
+ergreifen und aufhalten konnte. Ascanio umschlang die Toerin, ein
+anderer Juengling fasste sie bei den Fuessen, die sich kaum Straeubende
+wurde fortgetragen, in ihre Saenfte gehoben und nach Hause gebracht.
+
+Noch stunden sich Diana und Antiope gegenueber, eine bleicher als die
+andere, Diana reuig und zerknirscht nach schnell verrauchtem Jaehzorn,
+Antiope nach Worten ringend; sie konnte nur nicht stammeln, sie
+bewegte lautlos die Lippen.
+
+Wenn jetzt der Moench Antiopes Hand ergriff, um der von seinem
+verlobten Weibe Misshandelten das Geleit zu geben, so erfuellte er damit
+nur die ritterliche und die gastwirtliche Pflicht. Alle fanden es
+selbstverstaendlich. Besonders Diana musste wuenschen, das Opfer ihrer
+Gewalttat aus den Augen zu verlieren. Auch sie entfernte sich dann
+mit Vater und Bruder. Die versammelten Gaeste aber hielten es fuer das
+Zarteste, gleichfalls bis auf die letzte Ferse zu verschwinden.
+
+Es klingelte unter dem mit Amarellen und Zyperwein bestellten
+Kredenztisch. Eine Narrenkappe kam zum Vorschein und Gocciola kroch
+auf allen vieren aus seinem leckern Versteck hervor. Alles war
+koestlich verlaufen nach seiner Ansicht; denn er hatte jetzt die volle
+Freiheit, Amarellen zu naschen und ein Glaeschen um das andere zu
+leeren. So vergnuegte er sich eine Weile, bis er nahende Schritte
+vernahm. Er wollte entwischen, aber einen verdriesslichen Blick, nach
+dem Stoerer werfend, erachtete er jede Flucht fuer unnoetig. Es war der
+Moench, der zurueckkehrte, und der Moench war ebenso frohlockend und
+ebenso berauscht wie er; denn der Moench--"
+
+"--Liebte Antiope?" unterbrach den Erzaehler die Freundin des Fuersten
+mit einem krankhaften Gelaechter.
+
+"Du sagst es, Herrin, er liebte Antiope", wiederholte Dante in
+tragischem Ton.
+
+"Natuerlich!"--"Wie anders?"--"Es musste so kommen!--So geht es
+gewoehnlich!" scholl es dem Erzaehler aus dem ganzen Hoererkreis entgegen.
+
+"Sachte, Juenglinge", murrte Dante. "Nein, so geht es nicht gewoehnlich.
+Meinet ihr denn, eine Liebe mit voller Hingabe des Lebens und der
+Seele sei etwas Alltaegliches, und glaubet wohl gar, so geliebt zu
+haben oder zu lieben? Enttaeuschet euch! Jeder spricht von Geistern,
+doch wenige haben sie gesehen. Ich will euch einen unverwerflichen
+Zeugen bringen. Es schleppt sich hier im Hause ein modisches
+Maerenbuch herum. Darin mit vorsichtigen Fingern blaetternd, habe ich
+unter vielem Wust ein wahres Wort gefunden. 'Liebe', heisst es an
+einer Stelle, 'ist selten und nimmt meistens ein schlimmes Ende.'"
+Dieses hatte Dante ernst gesprochen. Dann spottete er: "Da ihr alle
+in der Liebe so ausgelernt und bewandert seid und es mir ueberdies
+nicht ansteht, einen von der Leidenschaft ueberwaeltigten Juengling aus
+meinem zahnlosen Mund reden zu lassen, ueberspringe ich das
+verraeterische Selbstgespraech des zurueckkehrenden Astorre und sage kurz:
+Da ihn der verstaendige Ascanio belauschte, erschrak er und predigte
+ihm Vernunft."
+
+"Wirst du deine ruehrende Fabel so klaeglich verstuemmeln, mein Dante?"
+wendete sich die entzuendliche Freundin des Fuersten mit bittenden
+Haenden gegen den Florentiner. "Lass den Moench reden, dass wir
+teilnehmend erfahren, wie er sich abwendete von einer Rohen zu einer
+Zarten, einer Kalten zu einer Fuehlenden, von einem steinernen zu einem
+schlagenden Herzen--"
+
+"Ja, Florentiner", unterbrach die Fuerstin in, tiefer Bewegung und mit
+dunkel gluehender Wange, "lass deinen Moench reden, dass wir staunend
+vernehmen, wie es kommen konnte, dass Astorre, so unerfahren und
+taeuschbar er war, ein edles Weib verriet fuer eine Verschmitzte--hast
+du nicht gemerkt, Dante, dass Antiope eine Verschmitzte ist? Du kennst
+die Weiber wenig! In Wahrheit, ich sage dir"--sie hob den kraeftigen
+Arm und ballte die Faust--, "auch ich haette geschlagen, nicht die arme
+Toerin, sondern wissentlich die Arglistige, die sich um jeden Preis dem
+Moench vor das Angesicht bringen wollte!" Und sie fuehrte den Schlag in
+die Luft. Die andere erbebte leise.
+
+Cangrande, welcher die zwei Frauen, denen er jetzt gegenuebersass, nicht
+aufhoerte zu betrachten, bewunderte seine Fuerstin und freute sich ihrer
+grossen Leidenschaft. In diesem Augenblick fand er sie unvergleichlich
+schoener als die kleinere und zarte Nebenbuhlerin, welche er ihr
+gegeben hatte, denn das Hoechste und Tiefste der Empfindung erreicht
+seinen Ausdruck nur in einem starken Koerper und in einer starken Seele.
+
+Dante fuer sein Teil laechelte zum ersten und einzigen Mal an diesem
+Abend, da er die beiden Frauen so heftig auf der Schaukel seines
+Maerchens sich wiegen sah. Er brachte es sogar zu einer Neckerei.
+"Herrinnen", sagte er, "was verlangt ihr von mir? Selbstgespraech ist
+unvernuenftig. Hat je ein weiser Mann mit sich selbst gesprochen?"
+
+Nun erhob sich aus dem Halbdunkel ein mutwilliger Lockenkopf, und ein
+Edelknabe, der hinter irgendeinem Sessel oder einer Schleppe in
+traulichem Versteck mochte gekauert haben, rief herzhaft: "Grosser
+Meister, wie wenig du dich kennst oder zu kennen vorgibst! Wisse,
+Dante, niemand plaudert gelaeufiger mit sich selbst als du, in dem Grad,
+dass du nicht nur uns dumme Buben uebersiehst, sondern selbst das
+Schoene dicht an dir voruebergehen laesst, ohne es zu begruessen."
+
+"Wirklich?" sagte Dante. "Wo war das? Wo und wann?"
+
+"Nun gestern auf der Etschbruecke", laechelte der Knabe. "Du lehntest
+am Gelaender. Da ging die reizende Lukrezia Nani vorueber, deine Toga
+streifend. Wir Knaben folgten, sie bewundernd, und ihr entgegen
+schritten zwei feurige Kriegsleute, nach einem Blick aus ihren sanften
+Augen haschend. Sie aber suchte die deinigen--denn nicht jeder hat
+mit heiler Haut in der Hoelle gelustwandelt! Du, Meister,
+betrachtetest eine rollende Welle, welche in der Mitte der Etsch
+daherfuhr, und murmeltest etwas."
+
+"Ich liess das Meer gruessen. Die Woge war schoener als das Maedchen.
+Doch zurueck zu den zwei Toren! Horch, sie sprechen miteinander! Und
+bei allen Musen, fortan unterbreche mich keiner mehr, sonst findet uns
+Mitternacht noch am Maerchenherde.
+
+Als der Moench, nachdem er Antiope heimgefuehrt, seinen Saal wieder
+betrat--doch ich vergass zu sagen, dass er Ascanio nicht begegnete,
+obwohl dieser mit der Saenfte und Madonna Olympia darin denselben Weg
+gemacht hatte. Denn der Neffe, nachdem er die gaenzlich Vernichtete
+ihrer Dienerschaft uebergeben, war schleunig zu seinem Ohm, dem
+Tyrannen, geeilt, ihm den tollen Vorgang als frisches Gebaeck
+aufzutischen. Er hinterbrachte Ezzelin lieber eine Stadtgeschichte
+als eine Verschwoerung.
+
+Ich weiss nicht, ob der Moench so wohlgestaltet war, wie der Spoetter
+Ascanio ihn genannt hatte. Aber ich sehe ihn, der wie der bluehendste
+Juengling schreitet. Mit befluegelten Fuessen durchschwebt er den Saal,
+als truege ihn Zephir oder fuehrte ihn Iris. Seine Augen sind voller
+Sonne, und er murmelt Laute aus der Sprache der Seligen. Gocciola,
+der viel Zyperwein geschluckt hatte, fuehlte sich gleichfalls beherzt
+und verjuengt. Auch unter seinen Sohlen loeste sich der Marmorboden in
+weisses Gewoelk auf. Er verspuerte einen unbesiegbaren Durst, das
+Gemurmel auf den frischen Lippen Astorres, wie man sich ueber eine
+Quelle beugt, zu belauschen, und begann neben demselben die Laenge des
+Saales zu durchmessen, bald mit gespreizten, bald mit huepfenden
+Schritten, das Narrenzepter unter dem Arm.
+
+'Das zaertliche Haupt, das sich fuer den Vater bot, hat sich auch fuer
+die Mutter geboten und gegeben!' lispelte Astorre. 'Das schamhafte!
+wie es brannte! Das misshandelte! wie es litt! Das geschlagene! wie
+es aufschrie! Hat es mich je verlassen, seit es auf dem Block lag?
+Es wohnte in meinem Geist. Es begleitete mich allgegenwaertig,
+schwebte in meinem Gebet, strahlte in meiner Zelle, bettete sich auf
+mein Kissen! Lag das herzige Haupt mit dem weissen, schmalen Haelschen
+nicht neben dem des heiligen Paulus--'
+
+'Des heiligen Paulus?' kicherte das Troepfchen.
+
+'Des heiligen Paulus auf unserm Altarbild--'
+
+'Mit dem schwarzen Kraushaar und dem roten Hals auf dem breiten Block
+und dem Beil des Henkers darueber?' Gocciola verrichtete bei den
+Franziskanern zeitweilig seine Andacht.
+
+Der Moench nickte. 'Sah ich lange hin, so zuckte das Beil, und ich
+bebte zusammen. Habe ich es nicht dem Prior gebeichtet?'
+
+'Und was sagte der Prior?' examinierte Gocciola.
+
+'Mein Sohn', sagte er, 'was du sahest, war ein vorausgeeiltes Kind des
+himmlischen Triumphzuges. Fuerchte nichts! Dem ambrosischen Haelschen
+geschieht kein Leid!'
+
+'Aber', reizte der boese Narr, 'das Kind ist gewachsen, so hoch!' Er
+hob die Hand. Dann senkte er sie und hielt sie ueber dem Boden. 'Und
+die Kutte Euer Herrlichkeit', grinste er, 'liegt so tief!'
+
+Das Gemeine konnte den Moench nicht beruehren. Ein schoepferisches Feuer
+war aus der Hand Antiopes in die seinige gefahren und begann zuerst
+zart und sanft, dann immer heisser und schaerfer in seinen Adern zu
+brennen. 'Gepriesen sei Gott Vater', frohlockte er ploetzlich, 'der
+Mann und Weib geschaffen hat!'
+
+'Die Eva?' fragte der Narr.
+
+'Die Antiope!' antwortete der Moench.
+
+'Und die andere? Die Grosse? Was faengst du mit der an? Schickst du
+sie betteln?' Gocciola wischte sich die Augen.
+
+'Welche andere?' fragte der Moench. 'Gibt es ein Weib, das nicht
+Antiope waere!'
+
+Dies war selbst dem Narren zu stark. Er glotzte Astorre erschreckt an,
+wurde aber von einer Faust am Kragen gepackt, gegen die Pforte
+geschleppt und auf den Flur gesetzt. Dieselbe Hand legte sich dann
+auf Astorres Schulter.
+
+'Erwache, Traumwandler!' rief der zurueckgekehrte Ascanio, welcher die
+letzte schwaermerische Rede des Moenches belauscht hatte. Er zog den
+Verzueckten auf eine Fensterbank nieder, heftete fest Augen auf Augen,
+und: 'Astorre, du bist von Sinnen!' sprach er ihn an. Dieser wich
+zuerst den pruefenden Blicken wie geblendet aus, dann begegnete er
+ihnen mit den seinigen, die noch voller Jubel waren, um sie scheu
+niederzuschlagen.
+
+'Wunderst du dich?' sagte er dann.
+
+'So wenig wie ueber das Lodern einer Flamme', versetzte Ascanio. 'Aber
+da du kein blindes Element, sondern eine Vernunft und ein Wille bist,
+so tritt die Flamme aus, sonst frisst sie dich und ganz Padua. Muss dir
+das Weltkind goettliches und menschliches Gesetz predigen? Du bist
+vermaehlt! So redet dieser Ring an deinem Finger. Wenn du, wie erst
+dein Geluebde, jetzt dein Verloebnis brichst, brichst du Sitte, Pflicht,
+Ehre und den Stadtfrieden. Wenn du dir den Pfeil des blinden Gottes
+nicht rasch und heldenmuetig aus dem Herzen ziehst, ermordet er dich,
+Antiope und noch ein paar andere, wen es gerade treffen wird. Astorre!
+Astorre!'
+
+Ascanios mutwillige Lippen erstaunten ueber die grossen und ernsten
+Worte, welche er in seiner Herzensangst ihnen zu reden gab. 'Dein
+Name, Astorre', sagte er dann halb scherzend, 'schmettert wie eine
+Tuba und ruft dich zum Kampfe gegen dich selbst!'
+
+Astorre ermannte sich. 'Man hat mir ein Philtrum gegeben!' rief er
+aus. 'Ich rase, ich bin ein Wahnsinniger! Ascanio, ich gebe dir
+Macht ueber mich, fessle mich!'
+
+'An Dianen will ich dich fesseln!' sagte Ascanio. 'Folge mir, dass wir
+sie suchen!'
+
+'War es nicht Diana, die Antiope schlug?' fragte der Moench. 'Das hast
+du getraeumt! Du hast alles getraeumt! Du warst deiner Sinne nicht
+maechtig! Komm! Ich beschwoere dich! Ich befehle es dir! Ich
+ergreife und fuehre dich!'
+
+Wenn Ascanio die Wirklichkeit verjagen wollte, so fuehrte sie der auf
+dem Flur klirrende Schritt Germanos zurueck. Mit einem entschlossenen
+Gesicht trat der Bruder Dianens vor den Moench und fasste seine Hand.
+'Ein gestoertes Fest, Schwager!' sagte er. 'Die Schwester schickt
+mich--ich luege, sie schickt mich nicht. Denn sie hat sich in ihre
+Kammer eingeschlossen, und drinnen flennt sie und verflucht ihren
+Jaehzorn--heute ersaufen wir in Weibertraenen! Sie liebt dich, nur
+bringt sie es nicht ueber die Lippen--es ist in der Familie: ich kann
+es auch nicht. An dir hat sie keinen Augenblick gezweifelt. Es ist
+einfach.- Du hast irgendwo einen Ring verschleudert--wenn es der
+deinige war, den die kleine Canossa--wie heisst sie doch? richtig: die
+Antiope!--am Finger trug. Die naerrische Mutter fand ihn und hat
+daraus ihr Maerchen gesponnen. Antiope ist natuerlich an alledem
+unschuldig wie ein neugeborenes Kind--wer es anders meint, hat es mit
+mir zu tun!'
+
+'Nicht ich!' rief Astorre. 'Antiope ist rein wie der Himmel! Der
+Ring wurde von einem Zufall gerollt!' und er erzaehlte mit fliegenden
+Worten.
+
+'Aber auch der Schwester, die zufuhr, darfst du es nicht anrechnen,
+Astorre', behauptete Germano. 'Ihr schoss das Blut zu Kopf, sie sah
+nicht, wen sie vor sich hatte. Sie glaubte die Naerrin zu treffen, die
+ihr die Eltern verhunzte, und schlug die liebe Unschuld. Diese aber
+muss vor Gott und Menschen wieder zu Ehren und Wuerden gezogen werden.
+Lass das meine Sache sein, Schwager! Ich bin der Bruder. Es ist
+einfach.'
+
+'Du redest in einem fort und bleibst doch dunkel, Germano! Was hast
+du vor? Wie verguetest du es der Aermsten?' fragte Ascanio.
+
+'Es ist einfach', wiederholte Germano. 'Ich biete Antiope Canossa
+meine Hand und mache sie zu meinem Weibe.'
+
+Ascanio griff sich an die Stirn. Der Streich betaeubte ihn. Als er
+dann aber, schnell besonnen, naeher zusah, fand er das heroische Mittel
+gar nicht so uebel; doch warf er einen aengstlichen Blick auf den Moench.
+Dieser, seiner selbst wieder maechtig, hielt sich maeuschenstille und
+horchte aufmerksam. Das Ehrgefuehl des Kriegers scholl wie ein heller
+Ruf durch die Wildnis seiner Seele.
+
+'So treffe ich zwei Fliegen mit einem Schlag, Schwager', erlaeuterte
+Germano. 'Das Maedchen wird in ihren Zuechten und Ehren hergestellt.
+Den moechte ich sehen, der hinter meinem Weibe zischelte! Dann stifte
+ich Frieden zwischen euch Eheleuten. Diana braucht sich nicht laenger
+vor dir noch vor sich selbst zu schaemen und ist von ihrem Jaehzorn
+gruendlich geheilt. Ich sage dir: sie ist davon genesen, zeitlebens!'
+
+Astorre drueckte ihm die Hand. 'Du bist brav!' sagte er. Der Wille,
+seine himmlische oder irdische Lust tapfer zu ueberwinden, erstarkte in
+dem Moench. Doch dieser Wille war nicht frei und diese Tugend nicht
+selbstlos; denn sie klammerte sich an einen gefaehrlichen Sophismus:
+Nicht anders, als ich selbst eine Ungeliebte umarmen werde, troestete
+sich Astorre, wird auch Antiope von einem Mann sich umfangen lassen,
+welcher sie kurzerdinge freit, um fremdes Unrecht gutzumachen. Wir
+verzichten alle! Entsagung und Kasteiung in der Welt wie im Kloster!
+
+'Was geschehen muss, verschiebe ich nicht', draengte Germano. 'Sonst
+wuerde sie sich schlummerlos waelzen.' Ich weiss nicht, meinte er Diana
+oder Antiope. 'Schwager, du begleitest mich als Zeuge: ich tue es in
+den Formen.'
+
+'Nein, nein!' schrie Ascanio erschreckt. 'Nicht Astorre! Nimm mich!'
+
+Germano schuettelte den Kopf. 'Ascanio, mein Freund', sagte er, 'dazu
+eignest du dich nicht. Du bist kein ernsthafter Zeuge in Ehesachen!
+Auch wird mein Bruder Astorre es sich nicht nehmen lassen, fuer mich zu
+werben. Es ist ja zum grossen Teil seine eigene Angelegenheit. Nicht
+wahr, Astorre?' Dieser nickte. 'So bereite dich, Schwager. Mache
+dich huebsch! Haenge dir eine Kette um!'
+
+'Und', scherzte Ascanio gezwungen, 'wann du ueber den Hof gehst, tauche
+den Kopf in den Brunnen! Du selbst aber, Germano, traegst Panzer? So
+kriegerisch? Schickt sich das zur Freite?'
+
+'Ich bin lange nicht aus der Ruestung gekommen, und sie kleidet mich.
+Was betrachtest du mich von Kopf zu Fuessen, Ascanio?'
+
+'Ich frage mich, woher dieser Gepanzerte seine Sicherheit nimmt, nicht
+mitsamt der Sturmleiter in den Graben geworfen zu werden?'
+
+'Das kann nicht in Frage stehen', meinte Germano seelenruhig. 'Wird
+sich eine Beschaemte und Geschlagene einem Ritter verweigern? Da waere
+sie eine noch groessere Naerrin als ihre Mutter. Das ist doch sonnenklar,
+Ascanio. Komm, Astorre.'
+
+Waehrend der Zurueckbleibende mit verschlungenen Armen diese neue
+Wendung der Dinge bedachte, zweifelnd, ob dieselbe auf einen
+Spielplatz bluehender Kinder oder auf ein Camposanto fuehre, schritten
+seine Jugendfreunde den nicht langen Weg zum Palast Canossa.
+
+Der wolkenlose Tag verglomm in einem reingluehenden Abendgold, und
+horch! es laeutete Ave. Der Moench sprach innerlich die
+Gewohnheitsgebete, und sein etwas erhoeht liegendes Kloster verlaengerte
+zufaellig das vertraute Gelaeute um ein paar friedlich wehmuetige Schlaege,
+welchen die andern Stadtglocken den Luftraum nicht laenger streitig
+machten. Auch der Moench wurde des allgemeinen Friedens teilhaft.
+
+Da traf sein Blick das Gesicht des Freundes und ruhte auf den
+wetterharten Zuegen. Sie waren hell und freudig, von erfuellter Pflicht
+ohne Zweifel, aber doch auch von dem unbewussten oder unbewachten Glueck,
+unter dem von Ehre geschwellten Segel einer ritterlichen Handlung den
+Port einer seligen Insel zu erreichen. 'Die suesse Unschuld!' seufzte
+der Krieger.
+
+Rasend schnell begriff der Moench, dass der Bruder Dianens sich selbst
+taeuschte, wenn er sich fuer uneigennuetzig hielt, dass Germano Antiope zu
+lieben begann und sein Nebenbuhler war. Seine Brust empfand einen
+scharfen Biss, dann einen zweiten noch schaerfern, dass er haette
+aufschreien moegen. Und jetzt wuehlte und wimmelte schon ein ganzes
+Nest grimmiger Schlangen in seinem Busen. Herrschaften, Gott moege uns
+alle, Maenner und Weiber, vor der Eifersucht behueten! Sie ist die
+qualvollste der Peinen, und wer sie leidet, ist unseliger als meine
+Verdammten!
+
+Mit verzogenem Gesicht und gepresstem Herzen folgte der Moench dem
+selbstbewussten Freier die Treppen des erreichten Palastes hinauf.
+Dieser stand leer und verwahrlost. Madonna Olympia mochte sich
+eingeschlossen haben. Kein Gesinde, und alle Tueren offen. Sie
+durchschritten ungemeldet eine Reihe schon daemmernder Gemaecher: vor
+der Schwelle der letzten Kammer hielten sie stille, denn die junge
+Antiope sass am Fenster.
+
+Sein in den Umriss eines Kleeblattes endigender Bogen war voller
+Abendglorie, welche die liebreizende Gestalt im Halbkreis von Brust zu
+Nacken umfing. Ihre gezauste Haarkrone aehnelte den Spitzen eines
+Dornenkranzes, und die schmachtenden Lippen schluerften den Himmel.
+Das geschlagene Maedchen lag muede unter dem Druck der erduldeten
+Schande, mit zugefallenen Augendeckeln und erschlafften Armen; aber in
+der Stille ihres Herzens frohlockte sie und pries ihre Schmach, denn
+diese hatte sie mit Astorre auf ewig vereinigt.
+
+Und entzuendet sich nicht heute noch und bis ans Ende der Tage aus
+tiefstem Erbarmen hoechste Liebe? Wer widersteht dem Anblick des
+Schoenen, wenn es ungerecht leidet? Ich laestere nicht und kenne die
+Unterschiede, aber auch das Goettliche wurde geschlagen, und wir kuessen
+seine Striemen und Wunden.
+
+Antiope gruebelte nicht, ob Astorre sie liebe. Sie wusste es. Da war
+kein Zweifel. Sie war davon ueberzeugter als von den Atemzuegen ihrer
+Brust und den Schlaegen ihres Herzens. Keine Silbe hatte sie mit
+Astorre gewechselt vom ersten Schritt des Weges an, den sie zusammen
+gingen. Die Haende hielten sich nicht fester beim letzten: sie
+verwuchsen, ohne sich zu druecken. Sie durchdrangen sich wie zwei
+leichte, geistige Flammen und waren doch beim Scheiden wie die Wurzel
+aus der Erde kaum auseinander zu loesen.
+
+Antiope vergriff sich an fremdem Eigentum und beging Raub an Dianen
+fast in Unschuld, denn sie hatte weder Gewissen mehr noch auch nur
+Selbstbewusstsein. Padua, das mit seinen Tuermen vor ihr lag, die
+Mutter, des Moenches Verloebnis, Diana, die ganze Erde, alles war
+vernichtet: nichts als der Abgrund des Himmels, und dieser gefuellt mit
+Licht und Liebe.
+
+Astorre hatte von der ersten zur letzten Stufe der Treppe mit sich
+gerungen und meinte den Sieg erkaempft zu haben. Ich werde das Opfer
+vollbringen, prahlte er gegen sich selbst, und Germano bei seiner
+Werbung zur Seite stehen. Auf dem obersten Tritt rief er noch alle
+seine Heiligen an, voraus Sankt Franziskus, den Meister der
+Selbstueberwindung. Er griff in die Brust und glaubte, durch den
+himmlischen Beistand stark wie Herkules, die Schlangen erwuergt zu
+haben. Aber der Heilige mit den vier Wundmalen hatte sich abgewendet
+von dem untreuen Juenger, der seinen Strick und seine Kutte verschmaehte.
+
+Der danebenstehende Germano entwarf indessen seine Rede, konnte aber
+nicht ueber die zwei Argumente hinauskommen, welche ihm gleich
+anfaenglich eingeleuchtet hatten. Uebrigens war er guten
+Mutes--hatte er doch schon oefter im Reiterkampf seine Germanen
+angeredet--und fuerchtete sich nicht vor einem Maedchen. Nur das Warten
+ertrug er ebensowenig wie vor der Schlacht. Er klirrte leis mit dem
+Schwert an den Panzer.
+
+Antiope schrak zusammen, blickte hin, erhob sich rasch und stand, den
+Ruecken gegen das Fenster gewendet, mit dunklem Antlitz den sich im
+Daemmerlicht vor ihr verbeugenden Maennern gegenueber.
+
+'Sei getrost, Antiope Canossa!' redete Germano.
+
+'Ich bringe dir diesen mit, Astorre Vicedomini, welchen sie den Moench
+nennen, den Gatten meiner Schwester Diana, als gueltigen Zeugen: siehe,
+ich bin gekommen, dich--ohne Vater wie du bist und bei einer solchen
+Mutter--von dir selbst zum Weib zu begehren. Meine Schwester hat sich
+gegen dich vergessen'--er straeubte sich, ein staerkeres Wort zu
+brauchen und damit Dianen, die er verehrte, preiszugeben--'und ich,
+der Bruder, bin da, gutzumachen, was die Schwester schlecht gemacht
+hat. Diana mit Astorre, du mit mir, so euch entgegenkommend, werdet
+ihr Weiber euch die Haende geben.'
+
+Das empfindliche Gemuet des lauschenden Moenches verwundete diese rohe
+Gleichstellung des Misshandelns und des Leidens, der Schlagenden und
+der Geschlagenen--oder kruemmte sich eine Natter?--'Germano, so wirbt
+man nicht!' raunte er dem Gepanzerten zu.
+
+Dieser vernahm es, und da die dunkle Antiope maeuschenstille blieb,
+verstimmte er sich. Er fuehlte, dass er weicher reden sollte, und
+redete barscher. 'Ohne Vater und mit einer solchen Mutter',
+wiederholte er, beduerfet Ihr einer maennlichen Hut! Das konntet Ihr
+heute lernen, junge Herrin. Ihr werdet nicht zum andern Male vor ganz
+Padua beschaemt und geschlagen werden wollen! Gebet Euch mir, wie Ihr
+seid, und ich schirme Euch vom Wirbel zur Zehe!' Germano dachte an
+seinen Panzer.
+
+Astorre fand diese Werbung von empoerender Haerte: Germano, so schien
+ihm, behandelte Antiope wie seine Kriegsgefangene--oder zischte die
+Schlange?--'So wirbt man nicht, Germano!' keuchte er. Dieser wendete
+sich halb. 'Wenn du es besser verstehst', sagte er missmutig, 'wirb du
+fuer mich, Schwager.' Er trat raumgebend beiseite.
+
+Da naeherte sich Astorre, das Knie gebogen, hob die Haende mit sich
+einander beruehrenden Fingerspitzen, und seine bangen Blicke befragten
+das zarte Haupt auf dem blassen Goldgrunde. 'Findet Liebe Worte?'
+stammelte er. Daemmerung und Schweigen.
+
+Endlich lispelte Antiope: 'Fuer wen wirbst du, Astorre?'
+
+'Fuer diesen hier, meinen Bruder Germano', presste er hervor. Da barg
+sie das Antlitz mit den Haenden.
+
+Jetzt riss Germano die Geduld. 'Ich werde deutsch mit ihr reden',
+brach er los und: 'Kurz und gut, Antiope Canossa', liess er das Maedchen
+rauh an, 'wirst du mein Weib oder nicht?' Antiope wiegte das kleine
+Haupt sanft und sachte, aber trotz der wachsenden Nacht mit deutlicher
+Verneinung.
+
+'Ich habe meinen Korb', sprach Germano trocken. 'Komm, Schwager!' und
+er verliess den Saal mit ebenso festen Schritten, wie er ihn betreten
+hatte. Der Moench aber folgte ihm nicht.
+
+Astorre verharrte in seiner flehenden Stellung. Dann ergriff er,
+selbst zitternd, Antiopes zitternde Haende und loeste sie von dem
+Antlitz. Welcher Mund den andern suchte, weiss ich nicht, denn die
+Kammer war voellig finster geworden.
+
+Auch wurde es darin so stille, dass, waere ihr Ohr nicht voll
+stuermischen Jubels und seliger Choere gewesen, die Liebenden leicht in
+einem anstossenden Gelasse gemurmelte Gebete haetten vernehmen koennen.
+Das verhielt sich so: Neben Antiopes Kammer, einige Stufen tiefer, lag
+die Hauskapelle, und morgen jaehrte sich zum dritten Male der Tod des
+Grafen Canossa. Nach ueberschrittener Mitternacht sollte in Gegenwart
+der Witwe und der Waise die Seelenmesse gelesen werden. Schon hatte
+sich der Priester eingestellt, den Ministranten erwartend.
+
+Ebensowenig wie das unterirdische Gemurmel vernahm das Paar die
+schlurfenden Pantoffeln der Madonna Olympia, welche die Tochter suchte
+und nun bei dem spaerlichen Schein der Hausleuchte, die sie in der Hand
+trug, die Liebenden still und aufmerksam betrachtete. Dass die
+frechste Luege einer ausschweifenden Einbildungskraft vor ihren Augen
+in diesen zaertlich verschlungenen Gestalten zu Tat und Wahrheit wurde,
+darueber wunderte sich Madonna Olympia nicht; aber, es sei der Toerin
+zum Lobe gesagt, ebensowenig kostete sie einen Genuss der Rache. Sie
+weidete sich nicht an dem der gewalttaetigen Diana bevorstehenden
+bittern Leiden, sondern es ueberwog die einfache muetterliche Freude,
+ihr Kind zu seinem Preise gewertet, begehrt und geliebt zu sehen.
+
+Da jetzt, von einem scharfen Strahl aus ihrer Leuchte getroffen, die
+beiden verwundert aufblickten, fragte sie mit einer weichen und
+natuerlichen Stimme: 'Astorre Vicedomini, liebst du die Antiope
+Canossa?'
+
+'Ueber alles, Madonna!' antwortete der Moench.
+
+'Und verteidigst sie?'
+
+'Gegen eine Welt!' rief Astorre verwegen.
+
+'So ist es recht', beguetigte sie, 'aber nicht wahr, du meinst es
+redlich? Du verstossest sie nicht wie Dianen? Du naerrst mich nicht?
+Du machst eine arme Toerin, wie sie mich nennen, nicht ungluecklich? Du
+laesst mein Kindchen nicht wieder zu Schanden kommen? Du suchst keine
+Ausfluechte noch Aufschuebe? Du gibst den Augen die Gewissheit und
+fuehrst die Antiope gleich, als ein frommer Christ und wackerer
+Edelmann, zum Altar? Auch hast du nicht weit nach dem Pfaffen zu
+gehen. Hoerst du es murmeln? Da unten kniet einer.'
+
+Und sie oeffnete eine niedrige Tuer, hinter welcher ein paar steile
+Stufen in das haeusliche Heiligtum hinabfuehrten. Astorre warf einen
+Blick: Unter dem plumpen Gewoelbe vor einem kleinen Altar bei dem
+ungewissen Licht einer Kerze betete ein Barfuesser, welcher ihm an Alter
+und Gestalt nicht unaehnlich war und auch die Kutte und den Strick des
+heiligen Franziskus trug.
+
+Ich glaube, dass dieser Barfuesser hier und gerade zu dieser Stunde durch
+goettliche Schickung knien und beten musste, um Astorre zum letzten Male
+zu erschrecken und zu warnen. Doch in seinen lodernden Adern wurde
+die Arznei zum Gift. Da er die Verkoerperung seines Klosterlebens
+erblickte, kam ein trotziger Geist des Frevels und der Sicherheit ueber
+ihn. Mit gleichen Fuessen habe ich ueber mein erstes Geluebde weggesetzt,
+lachte er, und siehe, die Schranke fiel unter meinem Sprung--warum
+nicht ueber das zweite? Meine Heiligen haben mich unterliegen lassen!
+Vielleicht retten und beschuetzen sie den Suender! Der Verwildernde
+bemaechtigte sich Antiopes und trug sie, mehr als dass er sie fuehrte,
+die Stufen hinunter; Madonna Olympia aber, die sich nach einem kurzen
+lichten Moment wieder verwirrte, schlug hinter dem Moench und ihrem
+Kind die schwere Tuere zu wie hinter einem gelungenen Fang, einer
+gehuschten Beute und lauschte durch das Schluesselloch.
+
+Was sie sah, bleibt ungewiss. Nach der Meinung des Volkes haette
+Astorre den Barfuesser mit gezogenem Schwert bedroht und vergewaltigt.
+Das ist unmoeglich, denn der Mann Astorre hat niemals den Leib mit
+einem Schwert geguertet. Der Wahrheit naeher mag es kommen, dass der
+Barfuesser--traurig zu sagen--ein schlechter Moench war und vielleicht
+derselbe Beutel unter seine Kutte wanderte, den Astorre zu sich
+gesteckt hatte, da er fuer Diana den Ehereif kaufen ging.
+
+Dass aber anfaenglich der Priester sich sperrte, dass die zwei Moenche
+miteinander rangen, dass das schwere Gewoelbe eine haessliche Szene
+verbarg--solches lese ich in dem verzerrten und entsetzten Gesicht der
+Lauscherin. Donna Olympia verstand, dass da unten ein Frevel begangen
+werde, dass sie als die Anstifterin und Mitschuldige desselben der
+Strenge des Gesetzes und der Rache der Verratenen sich preisgebe, und
+da sich die Hinrichtung des Grafen, ihres Gemahls, jaehrte, glaubte sie
+auch ihr toerichtes Haupt dem Beil unrettbar verfallen. Sie waehnte den
+nahenden Schritt Ezzelins zu vernehmen. Da floh sie und schrie:
+'Hilfe! Moerder!'
+
+Die Gequaelte stuerzte auf den Flur und an das in den engen innern Hof
+blickende Fenster. 'Mein Maultier! Meine Saenfte!' rief sie hinunter,
+und lachend ueber den doppelten Befehl--das Maultier war fuer das Land,
+die Saenfte fuer die Stadt--erhob sich das Gesinde der Toerin langsam und
+bequem aus einem Winkel, wo es bei einer Kuerbislaterne trank und
+wuerfelte. Ein alter Stallmeister, welcher allein der ungluecklichen
+Herrin Treue hielt, sattelte bekuemmert zwei Maultiere und fuehrte sie
+durch den Torweg auf den an der Gasse liegenden Vorplatz des Palastes.
+Er hatte Donna Olympia schon auf mancher Irrfahrt begleitet. Die
+andern folgten witzereissend mit der Saenfte.
+
+Auf der grossen Treppe stiess die fluechtige Toerin, welche der auch bei
+den Unseligen uebermaechtige Trieb der Selbsterhaltung ihr geliebtes
+Kind vergessen liess, gegen den besorgten Ascanio, der, ohne Nachricht
+gelassen und von Unruhe getrieben, auf Kundschaft ausgegangen war.
+
+'Was ist geschehen, Signora?' fragte er eilig.
+
+'Ein Unglueck!' kraechzte sie wie ein aufwiegender Rabe, rannte die
+Treppe hinab, sass auf ihrem Tier, stachelte es mit rasender Ferse und
+verschwand im Dunkel.
+
+Ascanio suchte durch die finstern Gemaecher bis in die von der
+stehengebliebenen Ampel der Madonna Olympia erhellte Kammer Antiopes.
+Wie er sich darin umblickte, wurde die Tuer der Hauskapelle geoeffnet,
+und zwei schoene Gespenster entstiegen der Tiefe. Der Mutige begann zu
+zittern. 'Astorre, du bist mit ihr vermaehlt!' Der schallvolle Name
+droehnte im Echo des Gewoelbes wie die Tuba jenes Tages. 'Und traegst
+Dianens Ring am Finger!'
+
+Astorre riss ihn ab und schleuderte ihn von sich.
+
+Ascanio stuerzte an das offene Fenster, durch welches der Ring
+gesprungen war. 'Er ist in eine Spalte zwischen zwei Quadern
+geglitscht', sprach es aus der Gasse herauf. Ascanio erblickte
+Turbane und Eisenkappen. Es waren die Leute des Vogtes, welche ihre
+naechtliche Runde begannen.
+
+'Auf ein Wort, Abu Mohammed!' rief er, rasch besonnen, einen
+weissbaertigen Greis, der hoeflich erwiderte: 'Dein Wunsch ist mir Befehl!'
+und mit zwei anderen Sarazenen und einem Deutschen im Tore des
+Palastes verschwand.
+
+Abu-Mohammed-al-Tabib ueberwachte nicht nur die Sicherheit der Strasse,
+sondern betrat auch das Innerste der Haeuser, um Reichsverraeter--oder
+was der Vogt so benannte--zu verhaften. Kaiser Friedrich hatte ihn
+seinem Schwiegersohn, dem Tyrannen, gegeben, damit er diesem eine
+sarazenische Leibwache werbe, und an deren Spitze war er in Padua
+verblieben. Abu Mohammed war eine feine Erscheinung und hatte
+gewinnende Formen. Er nahm Anteil an dem Schmerz der Familie, deren
+Glied er in den Kerker oder zum Block fuehrte, und troestete die
+betruebte in seinem gebrochenen Italienisch mit Spruechen arabischer
+Dichter. Ich vermute, dass er seinen Beinamen 'al Tabib', das ist der
+Arzt, wenn er auch einige chirurgische Kenntnisse und Griffe besitzen
+mochte, zuerst und voraus gewissen aerztlichen Manieren verdankte:
+ermutigenden Handgebaerden, beruhigenden Worten, wie zum Beispiel: 'Es
+tut nicht weh' oder: 'Es geht vorueber', womit die Juenger Galens eine
+schmerzliche Operation einzuleiten pflegen. Kurz, Abu Mohammed
+behandelte das Tragische gelinde und war zur Zeit meiner Fabel trotz
+seines strengen und bittern Amtes in Padua keine verhasste
+Persoenlichkeit. Spaeter, da der Tyrann eine Lust daran fand,
+menschliche Leiber zu martern, woran du nicht glauben kannst,
+Cangrande!, verliess ihn Abu Mohammed und kehrte zu seinem guetigen
+Kaiser zurueck.
+
+Auf der Schwelle des Gemaches winkte Abu Mohammed seinen drei
+Begleitern, stehenzubleiben. Der Deutsche, der die Fackel trug, ein
+trotzig blickender Geselle, verharrte nicht lange. Er hatte heute zur
+Vesperstunde Germano nach dem Palaste Vicedomini begleitet und dieser
+ihm zugelacht: 'Lass mich jetzt! Ich verlobe hier mein Schwesterchen
+Diana dem Moenche!' Der Germane kannte die Schwester seines Hauptmanns
+und hatte eine Art stiller Neigung zu ihr, ihres hohen Wuchses und
+ihrer redlichen Augen halber. Da er nun den Moench, welchem er heute
+mittag zur Seite geritten, Hand in Hand mit einem kleinen und
+zierlichen Weibe sah, das ihm, neben dem grossen Bilde Dianens, als
+eine Puppe erschien, witterte er Treubruch, schmiss erzuernt die
+lodernde Fackel auf den Steinboden, wo sie der eine der Sarazenen
+behutsam aufhob, und eilte davon, Germano den Verrat des Moenches zu
+melden.
+
+Ascanio, der den Deutschen erriet, bat Abu Mohammed, ihn zurueckzurufen.
+Dieser aber weigerte sich. 'Er wuerde nicht gehorchen', sagte er
+sanft, 'und mir zwei oder drei meiner Leute niederhauen. Mit welchem
+andern Dienst, Herr, bin ich dir gefaellig? Verhafte ich diese
+bluehenden Jugenden?'
+
+'Astorre, sie wollen uns trennen!' schrie Antiope und suchte Schutz in
+den Armen des Moenches. Die am Altare Frevelnde hatte mit einer
+schuldlosen Seele auch die natuerliche Beherztheit eingebuesst. Der
+Moench, welchen seine Schuld vielmehr ermutigte und begeisterte, tat
+einen Schritt gegen den Sarazenen und riss ihm unversehens das Schwert
+aus der Scheide. 'Vorsichtig, Knabe, du koenntest dich schneiden',
+warnte dieser gutmuetig.
+
+'Lass dir sagen, Abu Mohammed', erklaerte Ascanio, 'dieser Rasende ist
+der Gespiele meiner Jugend und war lange Zeit der Moench Astorre, den
+du sicherlich auf den Strassen Paduas gesehen hast. Der eigene Vater
+hat ihn um sein Klostergeluebde geprellt und mit einem ungeliebten Weib
+vermaehlt. Vor wenigen Stunden wechselte er mit ihr die Ringe, und
+jetzt, wie du ihn hier siehst, ist er der Gatte dieser andern.'
+
+'Verhaengnis!' urteilte der Sarazene mild.
+
+'Und die Verratene', fuhr Ascanio fort, 'ist Diana Pizzaguerra, die
+Schwester Germanos! Du kennst ihn. Er glaubt und traut lange, sieht
+und greift er aber, dass er ein Getaeuschter und Betrogener ist, so
+spritzt ihm das Blut in die Augen, und er toetet.'
+
+'Nicht anders', bestaetigte Abu Mohammed. 'Er ist von der Mutter her
+ein Deutscher, und diese sind Kinder der Treue!'
+
+'Rate mir, Sarazene. Ich weiss nur eine Auskunft: vielleicht eine
+Rettung. Wir bringen die Sache vor den Vogt. Ezzelin mag richten.
+Inzwischen bewachen deine Leute den Moench in seinem eigenen festen
+Haus. Ich eile zum Ohm. Diese aber bringst du, Abu Mohammed, zu der
+Markgraefin Cunizza, der Schwester des Vogts, der frommen und
+leutseligen Domina, die hier seit einigen Wochen hofhaelt. Nimm die
+huebsche Suenderin! Ich anvertraue sie deinem weissen Barte.'--'Du
+darfst es', versicherte Mohammed.
+
+Antiope umklammerte den Moench und schrie noch klaeglicher als das
+erstemal: 'Sie wollen mich von dir trennen! Lass mich nicht, Astorre!
+keine Stunde! keinen Augenblick! Oder ich sterbe!' Der Moench hob das
+Schwert.
+
+Ascanio, der jede Gewalttat verabscheute, blickte den Sarazenen
+fragend an. Dieser betrachtete die sich umschlungen Haltenden mit
+vaeterlichen Augen. 'Lass die Schatten sich umarmen!' sagte er dann
+weichgestimmt, sei es, dass er ein Philosoph war und das Leben fuer
+Schein hielt, sei es, dass er sagen wollte: vielleicht verurteilt sie
+morgen Ezzelin zum Tode, goenne den verliebten Faltern die Stunde!
+
+Ascanio zweifelte nicht an der Wirklichkeit der Dinge; desto
+zugaenglicher war er dem zweiten Sinne des Spruches. Nicht allein als
+der Leichtfertige, der er war, sondern auch als ein Guetiger und
+Menschlicher zauderte er, die Liebenden auseinanderzureissen.
+
+'Astorre', fragte er, kennst du mich?'
+
+'Du warst mein Freund', antwortete dieser.
+
+'Und bin es noch. Du hast keinen treuern.'
+
+'O trenne mich nicht von ihr!' flehte jetzt der Moench in einem so
+ergreifenden Ton, dass Ascanio nicht widerstand. 'So bleibet zusammen',
+sagte er, 'bis ihr vor das Gericht tretet.' Er fluesterte mit Abu
+Mohammed.
+
+Dieser naeherte sich dem Moench, entwand ihm sachte das Schwert, Finger
+um Finger von dem Griff loesend, und liess es in die Scheide an seiner
+Huefte zurueckfallen. Dann trat er ans Fenster, winkte seiner Schar,
+und die Sarazenen bemaechtigten sich der auf dem Vorplatz
+stehengebliebenen Saenfte Madonna Olympias.
+
+Durch eine enge, finstere Gasse bewegte sich die schleunige Flucht:
+Antiope voran, von vier Sarazenen getragen, ihr zur Seite der Moench
+und Ascanio, dann die Turbane. Abu Mohammed schloss den Zug.
+
+Dieser eilte an einem kleinen Platz und einer erhellten Kirche vorueber.
+In die dunkle Fortsetzung der Gasse einmuendend, stiess er in hartem
+Anprall mit einem ihm entgegenkommenden andern, von zahlreichem Volk
+begleiteten Zuge zusammen. Heftiges Gezaenk erhob sich. 'Raum der
+Sposina!' rief die Menge. Chorknaben brachten aus der Kirche lange
+Kerzen herbei, deren wehende Flaemmchen sie mit vorgehaltener Hand
+schaetzten. Der gelbe Schimmer zeigte eine geneigte Saenfte und eine
+umgestuerzte Bahre. La Sposina war ein gestorbenes Braeutchen aus dem
+Volke, das zu Grabe getragen wurde. Die Tote regte sich nicht und
+liess sich gelassen wieder auf ihre Bahre legen. Das versammelte Volk
+aber erblickte den Moench, der die aus der Saenfte gesprungene Antiope
+schirmend umfing, und es wusste doch, dass der Moench heute mit Diana
+Pizzaguerra sich vermaehlt hatte. Abu Mohammed schaffte Ordnung. Ohne
+weitern Unfall erreichte man den Palast.
+
+Astorre und Antiope wurden von der Dienerschaft mit erstaunten und
+bestuerzten Blicken empfangen. Sie verschwanden im Tore, ohne von Abu
+Mohammed und Ascanio Abschied genommen zu haben. Dieser wickelte sich
+in sein Kleid und begleitete noch einige Schritte weit den Sarazenen,
+welcher die Stadtburg, die er bewachen sollte, umging, ihre Tore
+zaehlend und mit dem Blick die Hoehe ihrer Mauern messend.
+
+'Ein gefuellter Tag', sagte Ascanio.
+
+'Eine selige Nacht', erwiderte der Sarazene, den sternbesaeten Himmel
+betrachtend. Die ewigen Lichter, ob sie nun unsere Schicksale
+beherrschen oder nicht, wanderten nach ihren stillen Gesetzen, bis ein
+junger Tag, der juengste und letzte Astorres und Antiopes, die
+goettliche Fackel schwang.
+
+In einer Morgenstunde desselben lauschte der Tyrann mit seinem Neffen
+durch ein kleines Rundbogenfenster seines Stadtturmes auf den
+anliegenden Platz hinunter, den eine aufgeregte Menge fuellte, murmelnd
+und tosend wie die wechselnde Meereswoge.
+
+Die gestrige Begegnung der Saenfte mit der Bahre und der daraus
+entstandene Tumult hatten blitzschnell durch die ganze Stadt verlautet.
+Alle Koepfe beschaeftigten sich wachend und traeumend mit nichts anderm
+mehr als mit dem Moench und seiner Hochzeit: nicht nur dem Himmel habe
+der Ruchlose sein Geluebde gebrochen, sondern jetzt auch der Erde,
+seine Braut habe er verraten, seinen Reif verschleudert, in rasend
+raschem Wechsel mit einmal aufgeloderten Sinnen ein neues Weib gefreit,
+ein fuenfzehnjaehriges Maedchen, die Bluete des Lebens, und aus der
+zerrissenen Kutte sei ein gieriger Raubvogel aufgeflattert. Aber der
+gerechte Tyrann, der kein Ansehen der Person kenne, lasse das Haus,
+das den Verbrecher und die Verbrecherin verberge, von seinen Sarazenen
+bewachen; er werde heute, bald, jetzt die Missetat der zwei
+Vornehmen--denn die junge Suenderin Antiope sei eine Canossa--vor
+seinen Stuhl ziehen, der keuschen Diana ihr Recht schaffen und dem
+durch das schlechte Beispiel seines Adels beleidigten tugendhaften
+Volk die blutenden Koepfe der zwei Schuldigen durch das Fenster
+zuwerfen.
+
+Der Tyrann liess sich, waehrend er einen beobachtenden Blick auf die
+gaerende Masse warf, von Ascanio das Gestrige berichten. Die
+Verliebung ruehrte ihn nicht, nur der zugerollte Ring beschaeftigte ihn
+einen Augenblick als eine neue Form des Schicksals. 'Ich tadle',
+sagte er, 'dass du sie gestern nicht auseinandergerissen hast! Ich
+lobe, dass du sie bewachst! Die Vermaehlung mit Diana besteht zu Recht.
+Das mit dem Schwert erzwungene oder mit dem Beutel gekaufte Sakrament
+ist so nichtig wie moeglich. Der Pfaffe, der sich erschrecken oder
+bestechen liess, verdient den Galgen und, wird er eingefangen, so
+baumelt er. Noch einmal: warum tratest du nicht zwischen den
+Unmuendigen und das Kind? warum zerrtest du nicht einen Taumelnden aus
+den Armen einer Berauschten? Du gabest sie ihm! Jetzt sind sie
+Gatten.'
+
+Ascanio, welcher sich wieder hell und leichtfertig geschlafen hatte,
+verbarg ein Laecheln. 'Epikuraeer!' strafte ihn Ezzelin. Er aber
+schmeichelte: 'Es ist geschehen, gestrenger Ohm. Wenn du den Fall in
+deinen Machtkreis ziehst, ist alles gerettet! Beide Parteien habe ich
+vor deinen Richterstuhl beschieden auf diese neunte Stunde.' Ein
+gegenueberstehender Campanile schlug sie. 'Wolle nur, Ezzelin, und
+deine feste und kluge Hand loest den Knoten spielend. Liebe
+verschwendet, und Geist kennt Ehre nicht. Der verliebte Moench wird
+dem niedertraechtigen Geizhals, als welchen wir alle diesen wuerdigen
+Pizzaguerra kennen, hinwerfen, was er verlangt. Germano freilich wird
+das Schwert ziehen, doch du heisst es ihn in die Scheide zurueckstossen.
+Er ist dein Mann. Er knirscht, aber er gehorcht.'
+
+'Ich frage mich', sagte Ezzelin, 'ob ich recht tue, den Moench dem
+Schwert meines Germano zu entziehen. Darf Astorre leben? Kann er es,
+jetzt, da er nach verschleuderter Sandale auch den angezogenen
+ritterlichen Schuh zur Schlarpe tritt und der Cantus firmus des
+Moenches in einem geltenden Gassenhauer vertoent? Ich--was an mir
+liegt--friste dem Wankelmuetigen und Wertlosen das Dasein. Allein ich
+vermag nichts gegen sein Schicksal. Ist Astorre dem Schwerte Germanos
+bestimmt, so kann ich diesen es senken heissen, jener rennt doch hinein.
+Ich kenne das. Ich habe das erfahren.' Und er verfiel in ein Brueten.
+
+Scheu wandte Ascanio den Blick seitwaerts. Er wusste eine grausame
+Geschichte.
+
+Einst hatte der Tyrann ein Kastell erobert und die Empoerer, die es
+gehalten hatten, zum Schwerte verurteilt. Der erste beste
+Kriegsknecht schwang es. Da kniete, um den Todesstreich zu empfangen,
+ein schoener Knabe, dessen Zuege den Tyrannen fesselten. Ezzelin
+glaubte die seinigen zu erkennen und fragte den Juengling nach seinem
+Ursprung. Es war der Sohn eines Weibes, das Ezzelin in seiner Jugend
+suendig geliebt hatte. Er begnadigte den Verdammten. Dieser, von der
+eigenen Neugierde und den neidischen Sticheleien derer, welche ihre
+Soehne oder Verwandten durch jenes Bluturteil eingebuesst hatten, gereizt
+und verfolgt, ruhte nicht, bis er das Raetsel seiner Bevorzugung loeste.
+Er soll den Dolch gegen die eigene Mutter gezueckt und ihr das boese
+Geheimnis entrissen haben. Die enthuellte unehrliche Geburt vergiftete
+seine junge Seele. Er verschwor sich von neuem gegen den Tyrannen,
+ueberfiel ihn auf der Strasse und wurde von demselben Kriegsknecht, der
+zufaellig der erste war, Ezzelin zu Hilfe zu eilen, und mit demselben
+Schwert niedergestossen.
+
+Ezzelin verbarg das Haupt eine Weile mit der Rechten und betrachtete
+den Untergang seines Sohnes. Dann erhob er es langsam und fragte: Was
+aber wird aus Diana?'
+
+Ascanio zuckte die Achseln. 'Diana hat einen Unstern. Zwei Maenner
+hat sie verloren, den einen an die Brenta, den andern an ein
+lieblicheres Weib. Und dazu der karge Vater! Sie geht ins Kloster.
+Was bliebe ihr sonst?'
+
+Jetzt erhob sich drunten auf dem Platze ein Murren, ein Schelten, ein
+Verwuenschen, ein Drohen. 'Mordet den Moench!' reizten einzelne Stimmen,
+doch da sie sich in einen allgemeinen Schrei vereinigen wollten, ging
+der Volkszorn auf eine seltsame Weise in ein erstauntes und
+bewunderndes 'Ach!' ueber. 'Ach, wie schoen ist sie!' Der Tyrann und
+Ascanio konnten durch ihr Fenster den Auftritt bequem beobachten:
+Sarazenen auf schlanken Berbern, den Moench Astorre und sein junges
+Weib, die von Maultieren getragen wurden, umringend. Die neue
+Vicedomini ritt verhuellt. Aber wie die tausend Faeuste des Volkes sich
+gegen den Moench, ihren Gemahl, ballten, hatte sie sich
+leidenschaftlich vor ihn geworfen. Die liebende Gebaerde zerriss den
+Schleier. Es war nicht der Reiz ihres Antlitzes allein, noch die
+Jugend ihres Wuchses, sondern das volle Spiel der Seele, das
+gestaltete Gefuehl, der Atem des Lebens, was die Menge entwaffnete und
+hinriss, wie gestern den Moench, der jetzt als ein bluehender Triumphator
+ohne die leiseste Furcht, denn er glaubte sich gefestet und gefeit,
+mit seiner warmen Beute einherzog.
+
+Ezzelin betrachtete diesen Sieg der Schoenheit fast veraechtlich. Er
+wandte sein Auge teilnehmend gegen den zweiten Auftritt, welcher aus
+einer andern Gasse auf den Turmplatz muendete. Drei Vornehme, wie
+Astorre und Antiope zahlreich begleitet, suchten Bahn durch die Menge.
+In der Mitte ein schneeweisses Haupt: die wuerdige Erscheinung des
+alten Pizzaguerra. Ihm zur Linken Germano. Dieser hatte gestern
+schrecklich gezuernt, als ihm sein Deutscher die Kunde des Verrates
+brachte, und stuerzte spornstreichs zur Rache, wurde aber von dem
+Sarazenen ereilt, welcher ihn, den Vater und die Schwester auf die
+naechste Fruehstunde in den Turm und vor das Gericht des Vogtes lud. Er
+hatte darauf der Schwester den Frevel des Moenches, welchen er ihr
+lieber bis nach genommener Rache verheimlicht, offenbaren muessen und
+sich ueber ihre Fassung gewundert. Diana ritt zur Rechten des Vaters,
+keine andere als sonst, nur dass sie den breiten Nacken um einen
+schweren Gedanken tiefer als gestern trug.
+
+Die Menge, welche die Gekraenkte und ihr Recht Fordernde eine Minute
+frueher mit zuernendem Jubel begruesst haette, begnuegte sich jetzt, das
+Auge noch geblendet von dem Glanze Antiopes und den Verrat des Moenches
+begreifend und mitbegehend, der Gedrueckten ein mitleidiges: 'Arme!
+Aermste! Immer Geopferte!' zuzumurmeln.
+
+Jetzt erschienen die fuenf vor dem Tyrannen, der in einem nackten Saal
+auf einem nur um zwei Stufen ueber dem Boden erhoehten Stuhle sass. Vor
+ihm standen Klaeger und Verklagte sich gegenueber: hier die beiden
+Pizzaguerra und, ein wenig beiseite, die grosse Gestalt Dianas, dort,
+Hand in Hand verschlungen, der Moench und Antiope, alle in Ehrfurcht,
+waehrend Ascanio an dem hohen Sessel des Tyrannen lehnte, als wolle er
+seine Unparteilichkeit und die Mitte wahren zwischen zwei
+Jugendgespielen.
+
+'Herrschaften', begann Ezzelin, ich werde euern Fall nicht als eine
+Staatssache, wo Treubruch Verrat und Verrat Majestaetsverbrechen ist,
+behandeln, sondern als eine laessliche Familienangelegenheit. In der
+Tat, die Pizzaguerra, die Vicedomini, die Canossa sind ebenso edeln
+Blutes wie ich, nur dass die Erhabenheit des Kaisers mich zu ihrem Vogt
+in diesen ihren Laendern gemacht hat.' Ezzelin neigte das Haupt bei der
+Nennung der hoechsten Macht; er konnte es nicht entbloessen, da er
+dasselbe, wenn er es nicht mit dem Streithelm bedeckte, ueberall,
+selbst in Wind und Wetter, nach antiker Weise bar trug. 'So bilden
+die zwoelf Geschlechter eine grosse Familie, zu der auch ich durch eine
+meiner Ahnfrauen gehoere. Aber wie sind wir zusammengeschmolzen durch
+unselige Verblendung und strafbare Auflehnung einiger unter uns gegen
+das hoechste weltliche Amt! Wenn ihr mir glaubet, so sparen wir nach
+Kraeften, was noch vorhanden ist. In diesem Sinne halte ich die Rache
+der Pizzaguerra gegen Astorre Vicedomini auf, obwohl ich sie ihrer
+Natur nach eine gerechte nenne. Seid ihr', er wendete sich gegen die
+drei Pizzaguerra, 'mit meiner Milde nicht einverstanden, so hoeret und
+bedenket eines: Ich, Ezzelino da Romano, bin der erste und darum der
+Hauptschuldige. Haette ich mein Ross nicht an einem gewissen Tage und
+zu einer gewissen Stunde laengs der Brenta jagen lassen, Diana waere
+standesgemaess vermaehlt, und dieser hier murmelte sein Brevier. Haette
+ich meine Deutschen nicht zur Musterung befohlen an einem gewissen
+Tage und zu einer gewissen Stunde, so haette mein Germano den Moench
+nicht unzeitig auf einen Gaul gesetzt und dieser der Frau, welche er
+jetzt an der Hand haelt, den ihr von seinem boesen Daemon--'
+
+'Von meinem guten!' frohlockte der Moench.
+
+'--von seinem Daemon zugerollten Brautring wieder vom Finger gezogen.
+Darum, Herrschaften, beguenstigt mich, indem ihr mir die verwickelte
+Sache entwirren und schlichten helfet; denn bestandet ihr auf der
+Strenge, so muesste ich auch mich und mich zuerst verurteilen!'
+
+Diese ungewoehnliche Rede brachte den alten Pizzaguerra keineswegs aus
+der Fassung, und als ihn der Tyrann ansprach: 'Edler Herr, Euer ist
+die Klage', sagte er kurz und karg 'Herrlichkeit, Astorre Vicedomini
+verlobte sich oeffentlich und ganz nach den Gebraeuchen mit meinem Kinde
+Diana. Dann aber, ohne dass Diana sich gegen ihn vergangen haette,
+brach er sein Verloebnis. Unbegruendet, ungesetzlich,
+kirchenschaenderisch. Diese Tat wiegt schwer, und verlangt, wo nicht
+Blut, welches Deine Herrlichkeit nicht vergossen sehen will, eine
+schwere Suehne', und er machte die Gebaerde eines Kraemers, der
+Gewichtstein um Gewichtstein in eine Waagschale legt.
+
+'Ohne dass Diana sich vergangen haette?' wiederholte der Tyrann. 'Mich
+duenkt, sie verging sich. Hatte sie nicht eine Wahnsinnige vor sich?
+Und Diana schilt und schlaegt. Denn Diana ist jaehzornig und
+unvernuenftig, wenn sie sich in ihrem Recht gekraenkt glaubt.'
+
+Da nickte Diana und sprach: 'Du sagst die Wahrheit, Ezzelin.'
+
+'Das ist es auch', fuhr der Tyrann fort, 'warum Astorre sein Herz von
+ihr abgekehrt hat: er erblickte eine Barbarin.'
+
+'Nein, Herr', widersprach der Moench, die Verratene von neuem
+beleidigend, 'ich habe Diana nicht angeschaut, sondern das suesse
+Antlitz, das den Schlag empfing, und mein Eingeweide erbarmte sich.'
+
+Der Tyrann zuckte die Achseln. 'Du siehst, Pizzaguerra', laechelte er,
+'der Moench gleicht einem sittsamen Maedchen, das zum erstenmal einen
+starken Wein geschlurft hat und sich danach gebaerdet. Wir aber sind
+alte, nuechterne Leute. Sehen wir zu, wie die Sache sich austragen
+laesst.'
+
+Pizzaguerra erwiderte: 'Viel, Ezzelin, taete ich dir zu Gefallen wegen
+deiner Verdienste um Padua. Doch laesst sich beleidigte Hausehre suehnen
+anders als mit gezogenem Schwerte?' So redete der Vater Dianens und
+machte mit dem Arm eine edle Bewegung, welche aber in eine Gebaerde
+ausartete, die einer geoeffneten, wo nicht hingehaltenen Hand zum
+Verwechseln aehnlich sah. 'Biete, Astorre!' sagte der Vogt mit dem
+Doppelsinne: Biete die Hand! oder: Biete Geld und Gut!
+
+'Herr', wendete sich jetzt der Moench offen und edel gegen den Tyrannen,
+'wenn du einen Haltlosen, ja einen Sinnberaubten in mir erblickst,
+ich zuerne dir es nicht, denn ein starker Gott, den ich leugnete, weil
+ich sein Dasein nicht ahnen konnte, hat sich an mir geraecht und mich
+ueberwaeltigt. Noch jetzt treibt er mich wie ein Sturm und jagt mir den
+Mantel ueber den Kopf. Muss ich mein Glueck--bettelhaftes Wort!
+armselige Sprache!--muss ich das Hoechste des Lebens mit dem Leben
+bezahlen: ich begreife es und finde den Preis niedrig gestellt! Darf
+ich aber leben und mit dieser leben, so markte ich nicht!' Er laechelte
+selig. 'Nimm meine Habe, Pizzaguerra!'
+
+'Herrschaften', verfuegte der Tyrann, ich bevormunde diesen
+verschwenderischen Juengling. Unterhandeln wir zusammen, Pizzaguerra.
+Du hoertest es: ich habe weite Vollmacht. Was denkst du von den
+Bergwerken der Vicedomini?'
+
+Der ehrbare Greis schwieg, aber seine nahe zusammenliegenden Augen
+glitzerten wie zwei Diamanten.
+
+'Nimm meine Perlfischereien dazu!' rief Astorre, doch Ascanio, der die
+Stufen heruntergeglitten kam, verschloss ihm den Mund.
+
+'Edler Pizzaguerra', versuchte jetzt Ezzelin den Alten, 'nimm die
+Bergwerke! Ich weiss, die Ehre deines Hauses geht dir ueber alles und
+steht um keinen Preis feil, aber ich weiss ebenfalls, du bist ein guter
+Paduaner und tust dem Stadtfrieden etwas zuliebe.'
+
+Der Alte schwieg hartnaeckig.
+
+'Nimm die Minen', wiederholte Ezzelin, der das Wortspiel liebte, 'und
+gib die Minne!'
+
+'Die Bergwerke und die Fischereien?' fragte der Alte, als waere er
+schwerhoerig.
+
+'Die Bergwerke, sagte ich, und damit gut. Sie tragen viele tausend
+Pfund. Wuerdest du mehr fordern, Pizzaguerra, so haette ich mich in
+deiner Gesinnung betrogen und du setztest dich dem haesslichen Verdacht
+aus, um Ehre zu feilschen.'
+
+Da der Geizhals den Tyrannen fuerchtete und nicht mehr erlangen konnte,
+verschluckte er seinen Verdruss und bot dem Moench die trockene Hand.
+'Ein schriftliches Wort, Lebens und Sterbens halber', sagte er dann,
+zog Stift und Rechenbuechlein aus der Guerteltasche, entwarf mit
+zitternden Fingern die Urkunde 'coram domino Azzolino' und liess den
+Moench unterzeichnen. Hierauf verbeugte er sich vor dem Vogt und bat,
+ihn zu entschuldigen, wenn er, obwohl einer aus den Zwoelfen,
+Altersschwaeche halber der Hochzeit des Moenches nicht beiwohne.
+
+Germano hatte, seine Wut verbeissend, neben dem Vater gestanden. Jetzt
+loeste er den einen seiner Eisenhandschuhe. Er schleuderte ihn dem
+Moench ins Gesicht, haette ihm nicht eine Machtgebaerde des Tyrannen Halt
+geboten.
+
+'Sohn, willst du den oeffentlichen Frieden brechen?' mahnte jetzt auch
+der alte Pizzaguerra. Mein gegebenes Wort enthaelt und verbuergt auch
+das deinige. Gehorche! Bei meinem Fluch! Bei deiner Enterbung!'
+drohte er.
+
+Germano lachte. 'Kuemmert Euch um Eure schmutzigen Haendel, Vater!'
+warf er veraechtlich hin. 'Doch auch du, Ezzelin, Herr von Padua,
+darfst es mir nicht verwehren! Es ist Mannesrecht und Privatsache.
+Verweigere ich dem Kaiser und dir, seinem Vogt, den Gehorsam, so
+enthaupte mich; aber du hinderst mich nicht, gerecht wie du bist,
+diesen Moench zu erwuergen, der meine Schwester geaefft und mich
+beheuchelt hat. Waere Untreue straflos, wer moechte leben? Es ist des
+Platzes auf der Erde zu wenig fuer den Moench und mich. Das wird er
+selbst begreifen, wann er wieder zu Sinnen kommt.'
+
+'Germano', gebot Ezzelin, 'ich bin dein Kriegsherr. Morgen vielleicht
+ruft die Tuba. Du bist nicht dein eigen, du gehoerst dem Reich!'
+
+Germano erwiderte nichts. Er befestigte den Handschuh. 'Vorzeiten',
+sagte er dann, 'unter den blinden Heiden gab es eine Gottheit, welche
+gebrochene Treue raechte. Das wird sich mit dem Glockengelaeute nicht
+geaendert haben. Ihr befehle ich meine Sache!' Rasch erhob er die Hand.
+
+'So steht es gut', laechelte Ezzelin. 'Heute abend wird im Palaste
+Vicedomini Hochzeit mit Masken gefeiert, ganz wie gebraeuchlich. Ich
+gebe das Fest und lade euch ein, Germano und Diana. Ungepanzert,
+Germano! Mit kurzem Schwert!'
+
+'Grausamer!' stoehnte der Krieger. 'Kommt, Vater! Wie moeget Ihr
+laenger das Schauspiel unserer Schande geben?' Er riss den Alten mit
+sich fort.
+
+'Und du, Diana?' fragte Ezzelin, da er vor seinem Stuhl nur noch diese
+und die Neuvermaehlten sah. 'Begleitest du nicht Vater und Bruder?'
+
+'Wenn du es gestattest, Herr', sagte sie, 'habe ich ein Wort mit der
+Vicedomini zu reden.' An dem Moenche vorueber blickte sie fest auf
+Antiope.
+
+Diese, deren Hand Astorre nicht losgab, hatte an dem Gericht des
+Tyrannen einen leidenden, aber tief erregten Anteil genommen. Bald
+erroetete das liebende Weib. Bald entfaerbte sich eine Schuldige, die
+unter dem Laecheln und der Gnade Ezzelins sein wahres und ein sie
+verdammendes Urteil entdeckte. Bald jubelte ein der Strafe
+entwischtes Kind. Bald regte sich das erste Selbstgefuehl der jungen
+Herrin, der neuen Vicedomini. Jetzt, von Diana ins Gesicht angeredet,
+warf sie ihr scheue und feindselige Blicke entgegen.
+
+Diese liess sich nicht beirren. 'Schau her, Antiope!' sagte sie.
+'Hier mein Finger'--sie streckte ihn--'traegt den Ring deines Gatten.
+Den darfst du nicht vergessen. Ich bin nicht aberglaeubischer als
+andere, aber an deiner Stelle waere mir schlimm zumute! Schwer hast du
+dich an mir versuendigt, doch ich will gut und milde sein. Heute abend
+feierst du Hochzeit mit Masken nach den Gebraeuchen. Ich werde dir
+erscheinen. Komme reuig und demuetig und ziehe mir den Ring vom Finger!'
+
+Antiope stiess einen Schrei der Angst aus und klammerte sich an ihren
+Gatten. Dann, in seinen Armen geborgen, redete sie stuermisch: 'Ich
+soll mich erniedrigen? Was befiehlst du, Astorre? Meine Ehre ist
+deine Ehre! Ich bin nichts mehr als dein Eigentum, dein Herzklopfen,
+dein Atemzug und deine Seele. Wenn du willst und du gebietest, dann!'
+
+Astorre sprach, sein Weib zaertlich beruhigend, gegen Diana: 'Sie wird
+es tun. Moege dich ihre Demut versoehnen! und die meinige! Sei mein
+Gast heute nacht und bleibe meinem Hause guenstig!' Er wendete sich zu
+Ezzelin, dankte ihm ehrerbietig fuer Gericht und Gnade, verneigte sich
+und entfuehrte sein Weib. Auf der Schwelle aber wandte er sich noch
+fragend gegen Diana: 'Und in welcher Tracht wirst du bei uns
+erscheinen, dass wir dich kennen und dir Ehre bezeigen?'
+
+Diese laechelte veraechtlich. Wieder, wendete sie sich gegen Antiope.
+'Kommen werde ich als die, welche ich mich nenne und welche ich bin:
+die Unberuehrte, die Jungfraeuliche!' sagte sie stolz. Dann wiederholte
+sie: 'Antiope, denke daran: reuig und demuetig!'
+
+'Du meinst es ehrlich, Diana? Du fuehrst nichts im Schilde?' zweifelte
+der Tyrann, da ihm jetzt die Pizzaguerra allein gegenueberstand.
+
+'Nichts', erwiderte sie, jede Beteurung verschmaehend.
+
+'Und was wird aus dir, Diana?' fragte er.
+
+'Ezzelin', antwortete sie bitter, 'vor diesem deinem Richtstuhl hat
+mein Vater die Ehre und Rache seines Kindes um ein paar Erzklumpen
+verschachert. Ich bin nicht wert, dass mich die Sonne bescheine. Fuer
+solche ist die Zelle!' Und sie verliess den Saal.
+
+'Allervortrefflichster Ohm!' jubelte Ascanio. 'Du vermaehlst das
+seligste Paar in Padua und machst aus einer gefaehrlichen Geschichte
+ein reizendes Maerchen, womit ich einst, als ein ehrwuerdiger Greis,
+meine Enkel und Enkelinnen am Herdfeuer ergoetzen werde!'
+
+'Idyllischer Neffe', spottete der Tyrann. Er trat ans Fenster und
+blickte auf den Platz hinunter, wo die Menge noch in fieberhafter
+Neugierde standhielt. Ezzelin hatte Befehl gegeben, die vor ihn
+Beschiedenen durch eine Hinterpforte zu entlassen. 'Paduaner!' redete
+er jetzt mit gewaltiger Stimme, und Tausende schwiegen wie eine Einoede.
+'Ich habe den Handel untersucht. Er war verwickelt und die Schuld
+geteilt. Ich vergab, denn ich bin zur Milde geneigt jedesmal, wo die
+Majestaet des Reiches nicht beruehrt wird. Heute abend halten Hochzeit
+mit Masken Astorre Vicedomini und Antiope Canossa. Ich, Ezzelin, gebe
+das Fest und lade euch alle. Lasset es euch schmecken, ich bin der
+Wirt! Euch gehoeren Schenke und Gasse! Den Palast Vicedomini aber
+betrete noch gefaehrde mir keiner, sonst, bei meiner Hand!--und jetzt
+kehre ruhig jeder in das Seinige, wenn ihr mich lieb habet!'
+
+'Wie sie dich lieben!' scherzte Ascanio.--Ein unbestimmtes Gemurmel
+drang empor. Es verriegelte und verrann."
+
+Dante schoepfte Atem. Dann endigte er in raschen Saetzen.
+
+"Nachdem der Tyrann sein Gericht gehalten hatte, verritt er um Mittag
+nach einem seiner Kastelle, wo er baute. Er begehrte rechtzeitig nach
+Padua zurueckzukehren, um die vor Diana sich demuetigende Antiope zu
+betrachten.
+
+Aber gegen Voraussicht und Willen wurde er auf der mehrere Miglien von
+der Stadt entfernten Burg festgehalten. Dorthin kam ihm ein
+staubbedeckter Sarazene nachgesprengt und ueberreichte ihm ein
+eigenhaendiges Schreiben des Kaisers, das umgehende Antwort verlangte.
+Die Sache war von Bedeutung. Ezzelin hatte vor kurzem eine
+kaiserliche Burg im Ferraresischen, in deren Befehlshaber, einem
+Sizilianer, sein Scharfblick den Verraeter argwoehnte, naechtlicherweile
+ueberfallen, eingenommen und den zweideutigen kaiserlichen Burgvogt in
+Fesseln gelegt. Nun verlangte der Staufe Rechenschaft ueber diesen
+klugen, aber verwegenen Eingriff in seinen Machtkreis. Die arbeitende
+Stirn in die Linke gelegt, liess Ezzelin die Rechte ueber das Pergament
+gleiten, und sein Stift zog ihn vom ersten zum zweiten und vom zweiten
+zu einem dritten. Gruendlich unterhielt er sich mit dem erleuchten
+Schwiegervater ueber die Moeglichkeiten und Ziele eines bevorstehenden
+oder wenigstens geplanten Feldzuges. So verschwand ihm Stunde und
+Zeitmass. Erst als er sich wieder zu Pferde warf, erkannte er aus dem
+ihm vertrauten Wandel der Gestirne--sie blitzten in voller Klarheit--,
+dass er Padua kaum vor Mitternacht erreichen werde. Sein Gefolge weit
+hinter sich lassend, schnell wie ein Gespenst, flog er ueber die
+naechtige Ebene. Doch er waehlte seinen Weg und umritt vorsichtig einen
+wenig tiefen Graben, ueber welchen der kuehne Reiter an einem andern
+Tage spielend gesetzt haette: er verhinderte das Schicksal, seine Fahrt
+zu bedrohen und seinen Hengst zu stuerzen. Wieder verschlang er auf
+gestrecktem Renner den Raum, aber Paduas Lichter wollten noch nicht
+schimmern.
+
+Dort, vor der breiten Stadtfeste der Vicedomini, waehrend sie sich in
+rasch wachsender Daemmerung schwaerzte, hatte sich das trunkene Volk
+versammelt. Zuegellose wechselten mit possierlichen Szenen auf dem
+nicht grossen Platze. In der gedraengten Menge gor eine wilde, zornige
+Lust, ein bacchantischer Taumel, welchem die ausgelassene Jugend der
+Hochschule ein Element des Spottes und Witzes beimischte.
+
+Jetzt liess sich eine schleppende Kantilene vernehmen, in der Art einer
+Litanei, wie unsere Landleute zu singen pflegen. Es war ein Zug
+Bauern, alt und jung, aus einem der zahlreichen Doerfer im Besitz der
+Vicedomini. Dieses arme Volk, welches in seiner Abgelegenheit nichts
+von der Verweltlichung des Moenches, sondern nur in unbestimmten
+Umrissen die Vermaehlung des Erben erfahren, hatte sich vor
+Tagesanbruch mit den ueblichen Hochzeitsgeschenken aufgemacht und
+erreichte nun sein Ziel nach einer langen Wallfahrt im Staub der
+Landstrasse. Es hielt und duckte sich zusammen, langsam ueber den
+wogenden Platz vorrueckend, hier ein lockiger Knabe, fast noch ein Kind,
+mit einer goldenen Honigwabe, dort eine scheue, stolze Dirne, ein
+bloekendes, bebaendertes Laemmchen in den sorglichen Armen. Alle
+verlangten sie sehnlich nach dem Angesicht ihres neuen Herrn.
+
+Nun verschwanden sie nach und nach in der Woelbung des Tores, wo rechts
+und links die angezuendeten Fackeln in den Eisenringen loderten, mit
+der letzten Tageshelle streitend. Im Torweg befahl Ascanio als Ordner
+des Festes, er, der sonst so freundliche, mit einer schreienden und
+gereizten Stimme.
+
+Von Stunde zu Stunde wuchs der Frevelmut des Volkes, und als endlich
+die vornehmen Masken anlangten, wurden sie gestossen, dem Gesinde die
+Fackeln entrissen und auf den Steinplatten ausgetreten, die Edelweiber
+von ihren maennlichen Begleitern abgedraengt und luestern gehaenselt,
+ungeraecht von dem Schwertstich, der an gewoehnlichen Abenden die
+Frechheit sofort gestraft haette.
+
+Dergestalt kaempfte unweit des Palasttores ein hohes Weib in der Tracht
+einer Diana mit einem immer enger sich schliessenden Ringe von
+Klerikern und Schuelern niedersten Ranges. Ein hagerer Mensch liess
+seine mythologischen Kenntnisse glaenzen. 'Nicht Diana bist du!'
+naeselte er verbuhlt, 'du bist eine andere! ich erkenne dich. Hier
+sitzt dein Taeubchen!' und er zeigte auf den silbernen Halbmond ueber
+der Stirne der Goettin. Diese aber schmeichelte nicht wie Aphrodite,
+sondern zuernte wie Artemis. 'Weg, Schweine!' schalt sie. 'Ich bin
+eine reinliche Goettin und verabscheue die Kleriker!'--'Gurr, gurr!'
+girrte die Hopfenstange und tastete mit den Knochenhaenden, stiess aber
+auf der Stelle einen durchdringenden Schrei aus. Wimmernd hob der
+Elende die Hand und zeigte seinen Schaden. Sie war durch und durch
+gestochen und ueberquoll von Blut: das ergrimmte Maedchen hatte hinter
+sich in den Koecher gelangt--den entwendeten Jagdkoecher ihres
+Bruders--und mit einem der scharfgeschliffenen Pfeile die ekle Hand
+gezuechtigt. Schon wurde der rasche Auftritt von einem andern ebenso
+grausamen, wenn auch unblutigen verdraengt. Eine alle erdenklichen
+Widersprueche und schneidenden Misstoene durcheinanderwerfende Musik, die
+einem rasenden Zank der Verdammten in der Hoelle glich, brach sich Bahn
+durch die betaeubte und ergoetzte Menge. Das niederste und schlimmste
+Volk--Beutelschneider, Kuppler, Dirnen, Betteljungen--blies, kratzte,
+paukte, pfiff, quiekte, meckerte und grunzte vor und hinter einem
+abenteuerlichen Paar. Ein grosses, verwildertes Weib von zerstoerter
+Schoenheit ging Arm in Arm mit einem trunkenen Moench in zerfetzter
+Kutte. Dieses war der Klosterbruder Serapion, der, von dem Beispiel
+Astorres aufgestachelt, naechtlicherweile aus der Zelle entsprungen war
+und sich seit einer Woche im Schlamm der Gasse waelzte. Vor einem aus
+der finstern Palastmauer vorspringenden erhellten Erker machte die
+Horde halt, und mit einer geltenden Stimme und der Gebaerde eines
+oeffentlichen Ausrufers schrie das Weib: 'Kund und zu wissen,
+Herrschaften: ueber ein kurzes schlummert der Moench Astorre neben
+seiner Gattin Antiope!' Ein unbaendiges Gelaechter begleitete diese
+Verkuendigung.
+
+Jetzt nickte aus dem schmalen Bogenfenster des Erkers die laeutende
+Schellenkappe Gocciolas, und ein melancholisches Gesicht zeigte sich
+der Gasse.
+
+'Gutes Weib, sei stille!' klagte der Narr weinerlich auf den Platz
+hinunter. 'Du verletzest meine Erziehung und beleidigst mein
+Schamgefuehl!'
+
+'Guter Narr', antwortete die Schamlose, 'stosse dich nicht daran! Was
+die Vornehmen begehen, dem geben wir den Namen. Wir setzen die Titel
+auf die Buechsen der Apotheke!'
+
+'Bei meinen Todsuenden', jubelte Serapion, 'das tun wir! Bis
+Mitternacht soll die Hochzeit meines Bruederchens auf allen Plaetzen
+Paduas ausgeschellt und hell verkuendigt werden. Vorwaerts, marsch!
+Hopsassa!' und er hob das nackte Bein mit der Sandale aus den
+haengenden Lumpen der besudelten Kutte.
+
+Dieser von der Menge wuetend beklatschte Schwank verscholl an den
+steilen Mauern der maechtigen Burg, deren Fenster und Gemaecher zum
+grossen Teil gegen die innern Hofraeume gingen.
+
+In einem stillen, geschuetzten Gemach wurde Antiope von ihren Zofen,
+Sotte und einer andern, gekleidet und geschmueckt, waehrend Astorre den
+nicht enden wollenden Schwarm der Gaeste oben an den Treppen empfing.
+Sie schaute in ihre eigenen bangen Augen, die ihr aus einem
+Silberspiegel begegneten, welchen die Unterzofe mit einem neidischen
+Gesicht in nackten, frechen Armen hielt.
+
+'Sotte', fluesterte das junge Weib zu der Dienerin, die ihr die Haare
+flocht, 'du aehnelst mir und hast meinen Wuchs.--wechsle mit mir die
+Kleider, wenn du mich lieb hast! Gehe hin und ziehe ihr den Ring vom
+Finger! Reuig und demuetig! Verbeuge dich mit gekreuzten Armen vor
+der Pizzaguerra, wie die letzte Sklavin! Falle auf die Knie! Waelze
+dich am Boden! Wirf dich ganz weg! Nur nimm ihr den Ring! Ich lohne
+fuerstlich!' und da sie Sotte zaudern sah: 'Nimm und behalte alles, was
+ich Koestliches trage!' flehte die Herrin, und dieser Versuchung
+widerstand die eitle Sotte nicht.
+
+Astorre, welcher der Pflicht des Wirtes einen Augenblick entwendete,
+um sein Liebstes zu besuchen, fand im Gemach zwei sich umkleidende
+Frauen. Er erriet. 'Nein, Antiope!' verbot er. 'So darfst du nicht
+durchschluepfen. Es muss Wort gehalten werden! Ich verlange es von
+deiner Liebe. Ich befehle es dir!' Indem er diesen strengen Spruch
+mit einem Kuss auf den geliebten Nacken zu einem Kosewort machte, wurde
+er weggerissen von dem herbeieilenden Ascanio, welcher ihm vorstellte,
+seine Bauern wuenschten ihm ihre Gaben ohne Verzug zu ueberreichen, um
+in der Kuehle der Nacht den Heimweg anzutreten. Da sich Antiope
+wendete, um den Gatten wiederzukuessen, kuesste sie die Luft.
+
+Jetzt liess sie sich rasch fertig kleiden. Selbst die leichtfertige
+Sotte erschrak vor der Blaesse des Angesichts im Spiegel. Nichts lebte
+darin als die Angst der Augen und der Schimmer der zusarnmengepressten
+Zaehnchen. Ein roter Streif, der Schlag Dianens, wurde auf der weissen
+Stirn sichtbar.
+
+Nach beendigtem Putz erhob sich das Weib Astorres mit klopfenden
+Pulsen und haemmernden Schlaefen, verliess die sichere Kammer und
+durcheilte die Saele, Dianen suchend. Sie wurde gejagt von dem Mute
+der Furcht. Sie wollte jubelnd mit dem zurueckeroberten Ring ihrem
+Gatten entgegeneilen, dem sie den Anblick ihrer Busse erspart haette.
+
+Bald unterschied sie aus den Masken die hochgewachsene Goettin der Jagd,
+erkannte in ihr die Feindin und folgte, bebend und zornige Worte
+murmelnd, der gemessen Schreitenden, welche den Hauptsaal verliess und
+sich gnaedig in eines der schwachbeleuchteten und nur halb so hohen
+Nebengemaecher verlor. Die Goettin schien nicht oeffentliche Demuetigung,
+sondern Demut des Herzens zu verlangen.
+
+Jetzt neigte sich im Halbdunkel Antiope vor Diana. 'Gib mir den Ring!'
+presste sie hervor und tastete an dem kraeftigen Finger.
+
+'Demuetig und reuig?' fragte Diana.
+
+'Wie anders, Herrin?' fieberte die Unselige. 'Aber du treibst dein
+Spiel mit mir, Grausame! Du biegst deinen Finger, jetzt kruemmst du
+ihn!'
+
+Ob Antiope es sich einbildete? Ob Diana wirklich dieses Spiel trieb?
+Wie wenig ist ein gekruemmter Finger! Cangrande, du hast mich der
+Ungerechtigkeit bezichtigt. Ich entscheide nicht.
+
+Genug, die Vicedomini hob den geschmeidigen Leib und rief, die
+flammenden Augen auf die strengen der Pizzaguerra gerichtet: 'Neckst
+du eine Frau, Maedchen?' Dann bog sie sich wieder und suchte mit beiden
+Haenden dem Finger den Ring zu entreissen--da durchfuhr sie ein Blitz.
+Ihr die linke Hand ueberlassend, hatte die strafende Diana mit der
+Rechten einen Pfeil aus dem Koecher gezogen und Antiope getoetet. Diese
+sank zuerst auf die linke, dann auf die rechte Hand, drehte sich und
+lag, den Pfeil im Genick, auf die Seite gewendet.
+
+Der Moench, der nach Verabschiedung seiner laendlichen Gaeste
+zurueckgeeilt kam und sehnlich sein Weib suchte, fand eine Entseelte.
+Mit einem erstickten Schrei warf er sich neben sie nieder und zog ihr
+den Pfeil aus dem Halse. Ein Blutstrahl folgte. Astorre verlor die
+Besinnung.
+
+Als er aus seiner Ohnmacht erwachte, stand Germano vor ihm mit
+gekreuzten Armen. 'Bist du der Moerder?' fragte der Moench.
+
+'Ich morde keine Weiber', antwortete der andere traurig. 'Es ist
+meine Schwester, die ihr Recht gesucht hat.'
+
+Astorre tastete nach dem Pfeil und fand ihn. Aufgesprungen in einem
+Satz und das lange Geschoss mit der blutigen Spitze wie eine Klinge
+handhabend, fiel er in blinder Wut den Jugendgespielen an. Der
+Krieger schauderte leicht vor dem schwarzgekleideten, fahlen Gespenst
+mit den gestraeubten Haaren und dem Pfeil in der Faust.
+
+Er wich um einen Schritt. Das kurze Schwert ziehend, welches der
+Ungepanzerte heute trug, und den Pfeil damit festhaltend, sagte er
+mitleidig: 'Geh in dein Kloster zurueck, Astorre, das du nie haettest
+verlassen sollen!'
+
+Da gewahrte er ploetzlich den Tyrannen, der, gefolgt von dem ganzen
+Feste, welches dem laengst Erwarteten bis ans Tor entgegengestuerzt war,
+ihm gerade gegenueber durch die Tuer trat.
+
+Ezzelin streckte die Rechte, Friede gebietend, und Germano senkte
+ehrfuerchtig seine Waffe vor dem Kriegsherrn. Diesen Augenblick
+ergriff der rasende Moench und stiess dem Ezzelin Entgegenschauenden den
+Pfeil in die Brust. Aber auch sich traf er toedlich, von dem
+blitzschnell wieder gehobenen Schwert des Kriegers erreicht.
+
+Germano war stumm zusammengesunken. Der Moench, von Ascanio gestuetzt,
+tat noch einige wankende Schritte nach seinem Weib und bettete sich,
+von dem Freund niedergelassen, zu ihr, Mund an Mund.
+
+Die Hochzeitsgaeste umstanden die Vermaehlten. Ezzelin betrachtete den
+Tod. Hernach liess er sich auf ein Knie nieder und drueckte erst
+Antiope, darauf Astorre die Augen zu. In die Stille klang es misstoenig
+herein durch ein offenes Fenster. Man verstand aus dem Dunkel: 'Jetzt
+schlummert der Moench Astorre neben seiner Gattin Antiope.' Und ein
+fernes Gelaechter."
+
+Dante erhob sich. "Ich habe meinen Platz am Feuer bezahlt", sagte er,
+"und suche nun das Glueck des Schlummers. Der Herr des Friedens behuete
+uns alle!" Er wendete sich und schritt durch die Pforte, welche ihm
+der Edelknabe geoeffnet hatte. Aller Augen folgten ihm, der die Stufen
+einer fackelhellen Treppe langsam emporstieg.
+
+
+Ende dieses PRojekt Gutenberg Etxtes Die Hochzeit des Moenchs, von
+Conrad Ferdinand Meyer.
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die Hochzeit des Moenchs,
+by Conrad Ferdinand Meyer
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE HOCHZEIT DES MOENCHS ***
+
+This file should be named 7dhdm10.txt or 7dhdm10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7dhdm11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7dhdm10a.txt
+
+Produced by Delphine Lettau
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03
+
+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+http://www.gutenberg.net/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
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+
+
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+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
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+ processing or hypertext software, but only so long as
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+ author, and additional characters may be used to
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+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
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+ eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
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