summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--15213-8.txt4024
-rw-r--r--15213-8.zipbin0 -> 101768 bytes
-rw-r--r--15213-h.zipbin0 -> 106750 bytes
-rw-r--r--15213-h/15213-h.htm4135
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
7 files changed, 8175 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/15213-8.txt b/15213-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..7c1263c
--- /dev/null
+++ b/15213-8.txt
@@ -0,0 +1,4024 @@
+The Project Gutenberg eBook, J. W. v. Goethe's Biographie, by H. Doering
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: J. W. v. Goethe's Biographie
+
+Author: H. Doering
+
+Release Date: February 28, 2005 [eBook #15213]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK J. W. V. GOETHE'S BIOGRAPHIE***
+
+
+E-text prepared by the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading
+Team
+
+
+
+Transcriber's notes: _ Kursiv / italic
+ [] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos
+
+
+
+
+
+Biographien
+deutscher Classiker.
+
+Supplement zu der Göschen-Cottaischen Ausgabe "deutscher Classiker."
+
+Zweites Bändchen.
+
+Joh. W. v. Goethe.
+
+Jena, 1853.
+
+J. W. v. Goethe's Biographie
+
+von
+
+Dr. H. Doering
+
+Complet in Einem Bändchen
+
+Jena, 1853.
+
+
+
+
+
+
+
+Goethe's Leben.
+
+
+
+
+_Johann Wolfgang Goethe,_ später in den Adelstand erhoben, war zu Frankfurt
+am Main den 28. August 1749 geboren. Sein Großvater, _Friedrich Georg_, war
+Gastgeber zum Weidenhof. Eine glänzendere Stellung behauptete sein
+Großvater mütterlicher Seite _Johann Wolfgang Textor_ als Kaiserlicher
+Schultheiß. Er war ein ernster, in sich gekehrter, ziemlich wortkarger
+Mann, dabei sehr gewissenhaft und pünktlich in der Erfüllung seiner
+Berufsgeschäfte. In seinem ruhigen, leidenschaftslosen Charakter zeigte
+sich kaum eine Spur von Heftigkeit. Sehr behaglich fühlte er sich in seiner
+einförmigen Lebensweise, die ihn früh Morgens auf's Rathhaus, hierauf an
+seinen Mittagstisch und von diesem zu einem Schläfchen in seinen
+alterthümlichen Sessel führte. An seine Wohnung in der Friedberger Straße
+stieß ein theils mit Weinstöcken, theils mit Küchengewächsen und Blumen
+bepflanzter Garten, der in Mußestunden sein Lieblingsaufenthalt war. Die
+Blumenzucht und das Inoculiren der verschiedenen Rosenarten gewährte ihm
+eine angenehme Beschäftigung. Er trug dann gewöhnlich einen langen weiten
+Schlafrock und auf dem Kopfe eine faltige schwarze Sammetmütze. Die
+allgemeine Achtung, in der er stand, ward noch gesteigert durch ein ihm
+eigenthümliches Ahnungsvermögen, besonders in Dingen, die ihn selbst
+betrafen. In seinen Büchern und Schreibkalendern pflegte er seine Ahnungen
+und Träume kurz aufzuzeichnen.
+
+Mit einer fast peinlichen Strenge hing Goethes Vater, _Johann Caspar_, an
+allem Gewohnten und Herkömmlichen. Ein ernster Lakonismus gehörte zu den
+Grundzügen seines Charakters. Er handelte nach festen, aber durchaus
+rechtlichen Principien. Lernbegierig von früher Jugend an, hatte er auf dem
+Gymnasium zu Coburg rasche Fortschritte gemacht in seiner
+wissenschaftlichen Bildung, dann in Leipzig die Rechte studirt, und zu
+Gießen durch Vertheidigung seiner Dissertation: Electa de aditione
+hereditatis die juristische Doctorwürde erlangt. Seine Welt- und
+Menschenkenntniß hatte er, nach beendigten Studien, auf einer Reise durch
+Deutschland und Italien vermehrt, und war dadurch zu dem Besitz einer
+Gemälde- und Antikensammlung gekommen, die er sehr werth hielt und sie
+Fremden, die ihn besuchten, gern zeigte. In seinem, von öffentlichen
+Geschäften befreiten Leben fand er hinlängliche Muße zu Privatstudien, bei
+denen ihn seine ansehnliche und ausgewählte Bibliothek unterstützte. Mit
+dem Titel eines Kaiserlichen Raths führte er das Leben eines Privatmannes,
+das sich mit seinen Vermögensumständen vertrug. Von seinen Kindern, deren
+Unterricht ihn neben seinen mannigfachen Studien beschäftigte, waren die
+meisten früh gestorben, so daß zuletzt nur der Dichter und dessen Schwester
+_Cornelia_ übrig blieb. Er starb am 27sten May 1782 in seiner Vaterstadt
+Frankfurt am Main.
+
+Goethes Mutter, _Catharina Elisabeth_, eine Tochter des früher erwähnten
+Schultheißen _Johann Wolfgang Textor_, besaß keine gelehrte Bildung im
+eigentlichen Sinne dieses Worts. Doch beschäftigte sie sich, wenn sie das
+Hauswesen pünktlich und gewissenhaft besorgt hatte, mit dem Lesen irgend
+eines guten deutschen oder italienischen Buchs. Ihr Sinn war im Allgemeinen
+mehr auf das Praktische gerichtet. Eine eigenthümliche Scheu hatte sie vor
+heftigen und gewaltsamen Gemüthseindrücken, die sie in allen Lagen ihres
+Lebens möglichst von sich zu entfernen suchte. Nachdrücklich schärfte sie
+ihren Dienstboten ein, ihr nichts Schreckhaftes, Verdrießliches oder
+Beunruhigendes zu hinterbringen, was in ihrem Hause, in der Stadt oder in
+der Nachbarschaft vorgefallen. Sie ging darin so weit, daß sie, als ihr
+Sohn, der Dichter, längst von ihr entfernt, zu Weimar 1805 gefährlich
+erkrankt war, erst nach seiner Wiedergenesung das Gespräch auf einen
+Gegenstand lenkte, der ihrem treuen Mutterherzen nicht gleichgültig seyn
+konnte. Eigen war ihr eine reiche Ader von Witz und Humor. Gutmüthig von
+Natur deckte sie in Bezug auf ihre Kinder manches mit dem Mantel der Liebe
+zu, was ihres Gatten Ernst und Strenge scharf gerügt haben würde. Eine nie
+versiegende Quelle heiterer Unterhaltung bot ihr in spätern Lebensjahren
+der Umgang mit Bettina Brentano, der Schwester des bekannten Dichters und
+der nachherigen Gattin des Schriftstellers Ludwig Achim von Arnim. Als in
+höherem Alter ein langes Krankenlager ihre Kräfte erschöpft hatte und ihre
+bisherige Fassung und Heiterkeit von ihr gewichen war, machte sie sich oft
+bittere Vorwürfe über ihre Ungeduld im Leiden. "Ich habe mich," schrieb
+sie, in [sie, in] ihrem eigenthümlichen Frankfurter Dialect, "recht derb
+ausgescholten, und zu mir gesagt: Ei, schäme dich, alte Räthin! Hast gute
+Tage genug gehabt in der Welt, und den Wolfgang dazu; mußt, wenn die bösen
+kommen, nun auch vorlieb nehmen, und kein so übel Gesicht machen. Was soll
+das mit dir vorstellen, daß du so ungeduldig und garstig bist, wenn der
+liebe Gott dir ein Kreuz auflegt? Willst du denn immer auf Rosen gehen, und
+bist über's Ziel, bist über siebenzig Jahre hinaus? Schauen's, so hab' ich
+zu mir selbst gesagt, und sogleich ist ein Nachlaß gekommen und ist besser
+geworden, weil ich selbst nicht mehr so garstig war." Ihren Gatten
+überlebte sie sechs und zwanzig Jahre. Sie starb zu Frankfurt am Main den
+13. September 1808.
+
+Manche ihrer Eigenschaften waren auf Goethe übergegangen. Er war ein
+munterer Knabe, aufgeweckt zu allerlei muthwilligen Streichen. Durch seine
+Spielkameraden, die Söhne des dem elterlichen Hause gegenüber wohnenden
+Schultheißen v. Ochsenstein, ließ er sich einst verleiten, mehrere
+Schüsseln und Töpfe, mit denen er gespielt, von einem obern Stockwerk auf
+die Straße zu werfen, und freute sich herzlich über das dadurch verursachte
+Geräusch. Einen günstigen Einfluß auf seine früh erwachte Wißbegierde, die
+ihn zu mancherlei Fragen über die verschiedenartigsten Gegenstände antrieb,
+hatte seine Großmutter väterlicher Seite, Cornelia, eine sanfte,
+wohlwollende Frau, die ihren Enkel gern belehrte.
+
+Früh entwickelte sich in dem Knaben der Sinn für die Schönheiten der Natur,
+die er besonders in ihren erhabenen Erscheinungen, bei aufsteigenden
+Gewittern gern betrachtete. Sein Lieblingsaufenthalt im elterlichen Hause
+war ein hochgelegenes Zimmer, von welchem er über die Stadtmauern und Wälle
+die schöne und fruchtbare Ebne nach Höchst hin überschauen konnte. Oft
+ergötzte ihn dort der Anblick der untergehenden Sonne. Eine ernste
+ahnungsvolle Gemüthsstimmung, die ihn, seines lebhaften Temperaments
+ungeachtet, oft in seinem Knabenalter ergriff, weckte in ihm das Gefühl der
+Einsamkeit. Von der Furcht, die ihn bei eintretendem Abenddunkel in dem
+düstern, winkelhaften elterlichen Hause ergriff, suchte ihn sein Vater
+frühzeitig zu heilen. Mit umgewandtem Schlafrock, wie eine Spukgestalt,
+trat er dem Knaben und seiner Schwester Cornelia entgegen, wenn sie aus
+Furcht ihr einsames Schlafzimmer verließen und sich in die Kammern des
+Gesindes flüchteten. Ein wirksameres Mittel wandte Goethe's Mutter an,
+indem sie ihren Kindern, wenn sie Nachts ihre Furcht überwänden, Obst und
+allerlei Näschereien versprach.
+
+Die Betrachtung von Gemälden und Prospecten, die sein Vater aus Italien
+mitgebracht hatte, und ein Puppenspiel, mit welchem seine Großmutter ihn an
+einem Weihnachtsabend überraschte, beschäftigten in mehrfacher Weise
+Goethe's Einbildungskraft. Der Unterricht, den er bisher im elterlichen
+Hause genossen, ward geregelter, als sein Vater ihn in die Stadtschule
+schickte. Aus der strengen Zucht des elterlichen Hauses sah er sich in
+einen Freiheitskreis versetzt, der mit seinen Neigungen harmonirte. Seine
+an Alterthümern und Merkwürdigkeiten reiche Vaterstadt und ihre Umgegend
+lernte Goethe auf mancherlei Streifzügen kennen, die er mit einigen
+Schulkameraden unternahm. An der Mainbrücke fesselte seine Aufmerksamkeit
+das emsige Treiben der Handelswelt mit ihren den Strom auf- und abwärts
+segelnden Schiffen. Dann und wann verwandte er auch einige Kreuzer zur
+Ueberfahrt nach Sachsenhausen. Von besonderem Interesse war für ihn das
+Rathhaus, der sogenannte Römer, mit seinen gewölbten Hallen und besonders
+dem zur Wahl und Krönung des Kaisers dienenden Prunkzimmer, das mit den
+Brustbildern Karls des Großen, Rudolphs von Habsburg, Karls IV., Günthers
+von Schwarzburg und anderen hohen Häuptern geziert war.
+
+Von der Außenwelt wandte sich Goethe's Blick wieder nach dem elterlichen
+Hause zurück, das durch einen bedeutenden Bau erweitert und verschönert
+worden war. Seine Wißbegierde lockte ihn bisweilen in seines Vaters
+Bibliothek, die außer mehreren juristischen Werken, auch Schriften über
+Alterthumskunde, Reisebeschreibungen und einzelne Dichter enthielt. Es
+waren jedoch, außer Virgil, Horaz u.a. römischen Classikern, größtenteils
+italienische Poeten, wie Tasso, Ariost u. A., von denen der Knabe, bei
+seiner Unkenntniß der italienischen Sprache keinen Gebrauch machen konnte.
+Einen immer neuen Genuß gewährten ihm die Gemälde und Landschaften von
+Trautmann, Schütz, Junker, Seekatz u.a. Frankfurter Künstlern. Diese
+Gemälde, früher hie und da in der elterlichen Wohnung an mehreren Orten
+zerstreut, waren von Goethe's Vater bei dem Umbau seines Hauses in einem
+besondern Zimmer vereinigt worden. Goethe's Sinn für die Kunst ward zuerst
+geweckt durch die Betrachtung jener Werke.
+
+Nur durch anhaltenden Fleiß und Wiederholung des Gelernten war Goethe's
+Vater zum Besitz mannigfacher Kenntnisse gelangt. Um so mehr schätzte er
+das angeborne Talent seines Sohnes, der durch eine schnelle Auffassungsgabe
+und ein treffliches Gedächtniß bald dem von seinem Vater und seinen Lehrern
+ihm ertheilten Unterricht entwachsen war. Den grammatischen Regeln, mit
+ihren mannigfachen Ausnahmen, vermochte er zwar keinen sonderlichen
+Geschmack abzugewinnen. Doch machte er sich mit den Sprachformen und
+rhetorischen Wendungen schnell bekannt. Sein heller Kopf zeigte sich
+vorzüglich in der raschen Entwicklung von Begriffen. Durch seine
+schriftlichen Aufsätze, ihrer Sprachfehler ungeachtet, erwarb er sich im
+Allgemeinen seines Vaters Zufriedenheit, und manches kleine Geschenk
+belohnte seinen Fleiß. Der Privatunterricht, den er gemeinschaftlich mit
+mehreren Knaben seines Alters erhielt, förderte ihn wenig, da die von
+seinen Lehrern eingeschlagene Methode nicht geeignet war, ihm ein
+besonderes Interesse an wissenschaftlichen Gegenständen einzuflößen.
+Ueberdieß beschränkte sich jener Unterricht fast nur auf die Erklärung des
+Cornelius Nepos und auf das Neue Testament.
+
+Durch das Lesen deutscher Dichter bemächtigte sich seiner, wie er in
+spätern Jahren gestand, "eine unbeschreibliche Reim- und Versewuth." In dem
+Kreise seiner Jugendfreunde fanden seine poetischen Versuche großen
+Beifall. Um so mehr fand sich seine jugendliche Eitelkeit gekränkt, als
+einer seiner Mitschüler durch höchst mittelmäßige Verse ihm seinen
+Dichterruhm streitig zu machen suchte. Darüber entrüstet, stockte seine
+poetische Fruchtbarkeit ziemlich lange, bis ihn sein erwachtes Selbstgefühl
+und eine von seinen Lehrern mit Beifall aufgenommene Probearbeit über seine
+Anlagen und Fähigkeiten beruhigte.
+
+Reiche Nahrung für seine Wißbegierde fand Goethe in dem Orbus pictus, in
+Merians Kupferbibel, in der Acerra philologica und ähnlichen Werken, die
+damals die Stelle einer noch nicht vorhandenen Kinderbibliothek vertraten.
+Ovids Metamorphosen machten ihn mit der Mythologie bekannt. Seine Phantasie
+ward dadurch vielfach angeregt zu allerlei poetischen Entwürfen. Eine
+wohlthätige Wirkung auf sein Gemüth verdankte er den moralischen
+Schilderungen in Fenelon's Telemach. Unterhaltung und Belehrung schöpfte er
+ais Robinson Crusoe und aus der Insel Felsenburg. Aus dem romantischen
+Gebiet ward er wieder in die Wirklichkeit zurückgeführt durch die
+anziehenden Schilderungen in Anton's Reise um die Welt. Ein Zufall verhalf
+ihm in dem Laden eines Antiquars zum Besitz einer Reihe mannigfacher
+Schriften. Darunter befanden sich der Eulenspiegel, die vier Haimonskinder,
+die schöne Magelone, der Kaiser Octavian, Fortunatus und ähnliche
+Volksbücher.
+
+Dieser anmuthigen Lectüre mußte Goethe, als sie kaum begonnen, wieder
+entsagen. Er ward von den Blattern befallen, und brachte unter einem
+heftigen Fieber mehrere Tage beinahe blind zu. Die Aeußerung einer seiner
+Tanten: "Ach, Wolfgang, wie häßlich bist Du geworden?" kränkte ihn um so
+mehr, da die Blattern auf seinem Gesicht durchaus keine Spur zurückgelassen
+hatten. Auch von den Masern blieb er nicht verschont, und hatte dadurch
+Gelegenheit, sich im Stoicismus zu üben. Einigen Trost gewährte es ihm, daß
+er auf seinem Krankenlager an seinem jüngern Bruder Jacob, der in der
+Blüthe seiner Jahre starb, einen Leidensgefährten hatte.
+
+Seines Vaters Strenge nöthigte ihn, durch verdoppelte Unterrichtsstunden
+das während der Krankheit Versäumte wieder nachzuholen. Die Wohnung seiner
+Großeltern und ein daran stoßender Garten in der Friedberger Straße bot ihm
+dann und wann einen Zufluchtsort, sich seinen Lectionen zu entziehen.
+Besonders angenehm war ihm auch der Aufenthalt in dem Laden seiner Tante,
+Maria Melber, der Gattin eines Gewürzhändlers, die ihn mit allerlei
+Naschwerk beschenkte. Ihre Schwester war mit dem Pfarrer und
+Consistorialrath Stark verheiratet, in dessen Bibliothek ein anderer
+geistiger Genuß sich ihm darbot. In der Büchersammlung jenes gelehrten
+Mannes fand Goethe eine prosaische Uebersetzung des Homer. Dieser Dichter
+und bald nachher Virgil machten einen tiefen und bleibenden Eindruck auf
+das poetisch gestimmte Gemüth des Knaben.
+
+Weniger befriedigte sein Herz die trockene Moral, die ihm der bisher
+ertheilte Religionsunterricht gepredigt hatte. Er ward irre an den
+christlichen Dogmen. Entzweit mit seinen religiösen Begriffen, kam ihm der
+sonderbare Gedanke, nach dem Beispiel der Separatisten, Herrnhuter und
+anderer Secten, mit dem höchsten Wesen, das er aus seinem Walten in der
+Natur längst erkannt, sich in eine Art von unmittelbarer Verbindung zu
+setzen, und demselben nach alttestamentlicher Weise einen Altar zu
+errichten. Dazu benutzte er ein rothlakirtes, mit goldnen Blumen verziertes
+Musikpult, auf welchem er mehrere Räucherkerzen anzündete. Das
+Andachtsopfer stieg empor, mißlang jedoch bei der Wiederholung durch einen
+unglücklichen Zufall so gänzlich, daß die damit verbundene Feuersgefahr ihn
+warnte, in solcher Weise wieder dem höchsten Wesen sich zu nähern.
+
+Aus den friedlichen und ruhigen Zuständen, in denen Goethe seine Kindheit
+verlebt hatte, ward er aufgeschreckt durch den Ausbruch des siebenjährigen
+Krieges im Jahr 1756. Er war damals acht Jahre alt. Was er von Friedrich II
+und seiner Persönlichkeit erzählen gehört, begeisterte ihn. Er schrieb sich
+die Kriegslieder ab, durch welche Gleim unter der Maske eines preußischen
+Grenadiers die Heldenthaten des großen Königs verherrlichte. Seinen
+Lieblingshelden verkleinern zu hören, war ihm ein unerträgliches Gefühl.
+Als sich nach einigen Jahren durch die Theilnahme Frankreichs der
+Kriegsschauplatz bis in die Nähe Frankfurts zu ziehen drohte, hatte dieß
+für Goethe die Folge, daß er weniger, als bisher, das elterliche Haus
+verlassen durfte.
+
+Unter mannichfachen Beschäftigungen griff er wieder nach den Figuren des
+Puppenspiels, das er von seiner Großmutter zum Geschenk erhalten hatte. Mit
+Hülfe einiger Jugendgespielen ward das frühere Drama, für welches die
+Puppen hinreichten, mehrmals vorgestellt. Die Garderobe und die
+Decorationen nach und nach zu verändern, war eine Lieblingsbeschäftigung
+des Knaben. Sein Versuch, größere Stücke ufzuführen [aufzuführen],
+scheiterte jedoch an dem beschränkten Schauplatz. Unter diesen Umständen
+leistete ihm ein Bedienter seines Vaters wesentliche Dienste, indem er ihm
+Panzer und Rüstungen verfertigen half. Goethe und seine Gespielen ergötzten
+sich eine Zeitlang an den gegenseitigen Parteiungen und Gefechten, die
+mitunter in ernsthafte Händel ausarteten, bei denen es ohne derbe Schläge
+nicht abging.
+
+Durch einen andern Zeitvertreib, durch das Talent, Mährchen zu erzählen,
+die er meist selbst erfunden, empfahl sich Goethe seinen Jugendfreunden.
+Eins dieser Mährchen, "der neue Paris" betitelt, hat sich in Goethe's
+gesammelten Werken erhalten. Er bediente sich dabei des Kunstgriffs, in
+eigner Person zu sprechen, wodurch die von ihm geschilderten
+abenteuerlichen Ereignisse den Anschein bekamen, als wären sie ihm selbst
+begegnet. Durch die Localitäten, die er in seine Mährchen verwebte, erhöhte
+er ihre Wirkung auf seine Zuhörer, die unter lautem Beifall sich beeilten,
+den in dem Mährchen "der neue Paris" erwähnten Ort mit den Nußbäumen, der
+Tafel und dem Brunnen aufzusuchen, in ihren Berichten über das, was sie
+gefunden, jedoch sehr variirten. Erhalten hat sich noch aus jener Zeit
+(1757) in einem alten Exercitienheft Goethe's ein von ihm verfaßtes
+Gespräch, "Wolfgang und Maximilian" überschrieben. In diesem Dialog, dem
+ersten dramatischen Versuch des achtjährigen Knaben trat besonders die
+Naivität hervor, womit Goethe, durch seinen Vornamen Wolfgang bezeichnet,
+seinem Schulcameraden Maximilian gegenüber, sich als den Soliden und
+Wohlerzogenen geschildert hatte.
+
+Einen tiefen Eindruck auf Goethe's poetisch gestimmtes Gemüth machte um
+diese Zeit (1757) Klopstocks Messias. Er mußte dies berühmte Epos heimlich
+lesen, denn sein Vater, durch Canitz, Hagedorn, Gellert und andere Dichter
+an den Reim gewöhnt, äußerte die entschiedenste Abneigung gegen den
+Hexameter, oder, wie er sich ausdrückte, gegen Verse, die eigentlich gar
+keine Verse wären. Goethe und seine Schwester Cornelia benutzten jede
+Freistunde, um in irgend einem Winkel verborgen, die zartesten und
+ergreifendsten Stellen der Messiade sich einzuprägen, nächst Portia's Traum
+besonders das verzweiflungsvolle Gespräch zwischen Satan und Adramelech im
+zehnten Gesange der Klopstockschen Dichtung. Als jene geistlichen
+Verwünschungen, die sie schon oft recitirt, einst ziemlich laut hinter dem
+Ofen, wo sie sich verborgen hatten, hervorschollen, ließ der Barbier, der
+eben Goethe's Vater rasirte, vor Schreck das Seifenbecken fallen, wodurch
+der Alte, über und über beschüttet, doch nicht von seiner Abneigung gegen
+die Hexameter, denen er jenes Unheil beimaß, geheilt ward.
+
+Goethe's Kunstsinn ward geweckt und genährt, als der französische
+Königslieutenant Graf Thorane, ein enthusiastischer Freund und Kenner von
+Gemälden, bald nach der Besitznahme Frankfurts durch die französischen
+Truppen, in Goethe's elterlichem Hause einquartirt ward. Das Mansardzimmer,
+welches Goethe bisher bewohnt hatte, war dem Grafen zu einem Atelier
+eingeräumt worden, in welchem er mehrere Frankfurter Künstler für sich
+arbeiten ließ. Für Goethe, der ihn dort oft besuchte, ging daraus noch der
+Vortheil hervor, daß er in der französischen Sprache, die er bisher sehr
+vernachlässigt, sich immer mehr vervollkommnete. Mangelhaft blieb jedoch
+seine Kenntniß des Französischen, da er sie nicht auf dem Wege eines
+grammatikalischen Unterrichts erlangt hatte.
+
+Dies ward ihm besonders fühlbar, als ein Freibillet ihm den Eintritt in das
+französische Theater verschaffte, das damals in Franfurt errichtet worden
+war. Da er, besonders im Lustspiel, wo sehr schnell gesprochen ward, nur
+wenig von den Reden der Schauspieler verstand, richtete er seine
+Aufmerksamkeit vorzugsweise auf die Bewegung der auftretenden Personen und
+auf ihre Mimik. Er gelangte dadurch zu einer, wenn auch nur oberflächlichen
+Kenntniß des französischen Lust- und Trauerspiels, und ward einigermaßen
+vertraut mit den dramatischen Regeln der französischen Bühne. Der
+abgemessene Schritt, in dem sich die Tragödie bewegte, der gleichmäßige
+Tact der Alexandriner machte auf ihn einen wunderbaren Eindruck. Aus
+Racine's Trauerspielen, die er in seines Vaters Bibliothek fand, recitirte
+er mehrere auswendig gelernte Stellen nach Art und Weise der französischen
+Schauspieler, deren Ton und Accent sich seinem Ohr scharf eingeprägt hatte.
+Fast noch mehr als die Tragödie, behagten ihm die damals sehr beliebten
+Lustspiele von Destouches, Marivaux, la Chaussée und andern französischen
+Dichtern. Auch mehrere Opern und Schäferspiele sagten seinem damaligen
+Geschmacke zu, und noch lange nachher erinnerte er sich mit Vergnügen
+einzelner Scenen und der darin auftretenden Personen.
+
+Seinem Wunsch, auch mit der innern Einrichtung des Theaters bekannt zu
+werden, kam ein französischer Knabe, Derones mit Namen, zuvor, der ihn auf
+die Bühne und in die Garderobe führte. Der Uebermuth und die Prahlerei
+seines jungen Freundes ward ihm jedoch bald so lästig, daß zwischen beiden
+ein sehr gespanntes Verhältniß eintrat, welches sogar eine Herausforderung
+und ein Duell in ächt theatralischer Weise, dann aber wieder eine
+aufrichtige Versöhnung zur Folge hatte. Erleichtert ward ihm dadurch sein
+häufiger Theaterbesuch, den aber sein Vater sehr lebhaft mißbilligte. Die
+Bühne, meinte er, habe durchaus keinen Nutzen. Goethe bot seinen ganzen
+Scharfsinn auf, ihn vom Gegentheil zu überzeugen. Lessing's Trauerspiel,
+Miß Sara Sampson, der Kaufmann von London und ähnliche Stücke lieferten ihm
+die Beweise, wie das Laster im Glück, die Tugend im Unglück durch die
+poetische Gerechtigkeit wieder ausgeglichen werde. Dieser Behauptung, gegen
+die er nichts einzuwenden vermochte, stellte Goethes Vater den Einwurf
+entgegen, daß die in die theatralischen Vorstellungen oft verwebten
+Schelmstreiche und Betrügereien auf das unverdorbene Gemüth der Jugend
+nicht anders als nachtheilig wirken könnten. Wenn ihn irgend etwas mit der
+Bühne versöhnen konnte, so war es die Bemerkung, daß sein Sohn dadurch
+seine französischen Sprachkenntnisse vermehrte.
+
+Diese Kenntnisse benutzte Goethe zum Entwurf eines dramatischen Products,
+in welchem meistens allegorische Personen, wie Jupiter, Merkur und andere
+Götter mit ihren bekannten Attributen auftraten. Das Stück bestand
+größtentheils in Reminiscenzen aus Ovid's Metamorphosen. Seine
+Autoreitelkeit fühlte sich jedoch gekränkt, als der unlängst erwähnte
+französische Knabe, welchem er sein Product mitgetheilt und ihn um sein
+Urtheil gebeten, sich erlaubte, mehrere Stellen, ja ganze Scenen zu
+streichen. Für Goethe hatte dies Verfahren den Nutzen, daß er mit der
+französischen Dramaturgie, gegen deren Regeln er gefehlt haben sollte, sich
+näher bekannt machte. Zu diesem Zweck las er Corneille's Abhandlung über
+die Aristotelische dreifache Einheit, und studirte Racine's Werke, die ihm
+zum Theil schon bekannt waren, da er einige Jahre früher auf einem
+Kindertheater in dem Trauerspiel Brittannicus den Nero gespielt hatte. Bei
+seiner immer noch sehr mangelhaften Kenntniß des Französischen förderten
+ihn jedoch diese Studien äußerst wenig, und er gab sie wieder auf, als er
+nicht ohne Mühe die Vorreden gelesen hatte, in denen Corneille und Racine
+sich gegen die Kritiker und das Publikum vertheidigten.
+
+Entschieden regte sich in dem Knaben der in spätern Jahren wachsende Trieb,
+mancherlei Naturgegenstände, deren innere Beschaffenheit sich dem Auge
+entzog, näher kennen zu lernen. Er zerpflückte Blumen, um zu sehen, wie die
+Blätter in ihren Kelch eingefügt waren. Seine jugendliche Neugier und
+Forschungslust beschäftigte sich mit den verschiedenartigsten Gegenständen.
+Er bewunderte die geheime Anziehungskraft des Magnet's, und ermüdete nicht,
+jene ihm unerklärliche Wirkung an Feilspänen und Nähnadeln zu erproben. Mit
+Hülfe eines alten Spinnrades und einiger Arzneigläser versuchte er
+fruchtlos den Effect einer Electrisirmaschine hervorzubringen. Weniger aus
+eigner Neigung, als aus Gefälligkeit gegen seinen Vater, unterzog er sich
+dann und wann der Wartung und Pflege der im elterlichen Garten gehegten
+Seidenwürmer.
+
+Dieser geschäftige Müssiggang behagte ihm mehr, als der Unterricht im
+Englischen, zu welchem er von seinem Vater mit Strenge angehalten ward.
+Indeß gelangte er durch Fleiß in kurzer Zeit zu einer ziemlichen Fertigkeit
+im Englischen. Auch seine übrigen Sprachstudien vernachlässigte er nicht
+ganz. Seinem Wunsche, hebräisch zu lernen, um das Alte Testament in der
+Ursprache lesen zu können, gab Goethe's Vater seine Zustimmung. Durch den
+Magister Albrecht in der genannten Sprache unterrichtet, machte er darin
+ziemlich rasche Fortschritte.
+
+Wichtig und einflußreich wurden Goethe's Bibelstudien besonders dadurch,
+daß sie ihn zu einem epischen Gedicht begeisterten. Den Stoff dazu fand er
+in der Geschichte Josephs. Ueber die Form jedoch war er lange Zeit mit sich
+nicht einig. Nach reiflicher Ueberlegung wählte er die Prosa. Von jenem
+Gedicht, das einen ziemlichen Umfang gewann, hat sich nicht einmal ein
+Fragment erhalten. Auch manche lyrische Poesien, unter andern mehrere
+Gedichte in Anakreons Manier, gingen verloren. Einigen geistlichen Oden und
+andern religiösen Dichtungen, unter andern einer "Höllenfahrt Christi",
+zollte Goethe's Vater besondern Beifall. Auch durch mehrere Predigtauszüge,
+die er Sonntags in einem verborgnen Kirchstuhl entwarf, empfahl Goethe sich
+seinem Vater, zog sich jedoch seine lebhafte Mißbilligung zu, als er jene
+Arbeit wieder saumseliger betrieb und zuletzt gänzlich unterließ.
+
+Seinen Sohn zu einem tüchtigen Juristen zu bilden, war ein väterlicher
+Lieblingswunsch. Goethe erhielt von seinem Vater ein in catechetischer Form
+abgefaßtes Büchlein. Dadurch sollte ihm das Studium des Corpus Juris
+erleichtert werden. Er erlangte auch ziemliche Gewandtheit im Aufschlagen
+einzelner Stellen, vermochte jedoch, als er später das Struvische
+Compendium erhielt, der Rechtswissenschaft keinen sonderlichen Geschmack
+abzugewinnen. Damit es ihm nicht an der nöthigen körperlichen Bewegung
+fehlen möchte, ließ sein Vater ihn das Fechten, späterhin auch die
+Reitkunst lernen. Es war im Herbst 1761, als er auf die Reitbahn geschickt
+ward. Seines Lehrers pedantische Methode war jedoch nicht geeignet, ihn für
+die Reitkunst besonders zu interessiren.
+
+Der Dichtkunst war Goethe nicht untreu geworden. Eine für einen
+Jugendfreund geschriebene poetische Epistel, die sich leider nicht erhalten
+hat, empfahl sich durch ihre innere Wahrheit und Naivität, und hob jeden
+Zweifel, der über sein poetisches Talent noch obwalten konnte. Sein Product
+in mehreren Händen zu sehen, schmeichelte seiner jugendlichen Eitelkeit. Er
+theilte es daher mehreren jungen Leuten mit, die er zufällig kennen gelernt
+hatte. Die nähere Berührung, in die er mit ihnen trat, ward um so
+entscheidender für ihn, da sich daran ein Liebeshandel mit einem jungen
+Mädchen knüpfte, deren Namen er späterhin in seinem "Faust" verewigte.
+Seinem Stande nicht angemessen und für seine sittlichen Grundsätze von
+keinem wohlthätigen Einflusse war der Kreis, in den er eingetreten war, und
+der ihn von seiner geregelten Lebensweise entfernte und zu manchen
+Abentheuern und jugendlichen Uebereilungen verlockte. Nach seinen eignen
+Aeußerungen in spätern Jahren bestand jener Kreis aus jungen Menschen,
+sämmtlich älter als er, die der mittlern und niedern Volksklasse
+angehörend, mit oberflächlichen Schulkenntnissen, durch Abschreiben, durch
+Besorgung kleiner Geschäfte für die Kaufleute und Mäkler sich einen
+nothdürftigen Erwerb sicherten. Ihr zweideutiger Ruf war ihm unbekannt, und
+ein Licht darüber ging ihm erst auf, als seine Eltern ihn über den
+gewählten Umgang und seinen jugendlichen Leichtsinn die bittersten Vorwürfe
+machten. Ein tiefes Gefühl von Scham ergriff ihn, als er erfuhr, daß seine
+Genossen zum Verfälschen von Papieren, zur Nachahmung von Handschriften und
+andern sträflichen Handlungen ihre Zuflucht genommen hatten.
+
+Von der trostlosen Stimmung, in die er dadurch versetzt ward, konnte ihn
+nur Fleiß und Thätigkeit befreien. Er hatte aber auch noch manches
+nachzuholen, um sich zur Universität vorzubereiten, die er bald beziehen
+sollte. Ein weites Feld zu mannigfachen Betrachtungen eröffneten ihm seine
+fortgesetzten philosophischen Studien, größtenteils nach Brucker's
+Compendium. Dieser Beschäftigung ward er wieder untreu, als der eintretende
+Frühling ihn in die freie Natur lockte. Mit seinen Freunden besuchte er die
+in der Umgegend von Frankfurt gelegenen Vergnügungsorte. Noch mehr aber
+behagte ihm, in seiner Gemüthsstimmung die Einsamkeit der Wälder. In dem
+dunkeln Schatten alter Eichen und Buchen weilte er am liebsten.
+Unwillkührlich regte sich in ihm wieder der schon früh im elterlichen Hause
+erwachte Trieb, nach der Natur zu zeichnen. Alles, was er sah, gestaltete
+sich ihm zum Bilde. Fühlbar aber ward ihm bald, daß ihm nur die Gabe
+verliehen war, die ihm entgegentretenden Gegenstände im Ganzen aufzufassen.
+Zum Zeichnen des Einzelnen schien ihn die Natur aber so wenig bestimmt zu
+haben, als zum betreibenden Dichter. Demungeachtet setzte er seine Uebungen
+mit einer gewissen Hartnäckigkeit fort. Er ermüdete nicht in der
+schwierigen Zeichnung eines alten Baumstammes, an dessen gekrümmte Wurzeln
+sich blühende Farrenkräuter hingen.
+
+Mit Goethe's Skizzen, so unvollkommen sie auch seyn mochten, war sein Vater
+im Allgemeinen zufrieden, wenn er auch Einzelnes daran tadelte. Gern ließ
+er seinen Sohn umherstreifen, weil er von solchen Ausflügen eine neue
+Zeichnung erwartete. Zu Fußwanderungen mit einigen Freunden gönnte er ihm
+völlige Freiheit. Einen besondern Reiz hatten für Göthe [Goethe] die
+Gebirgsgegenden. Er besuchte Homburg, Kroneburg, bestieg den Feldberg und
+Königsstein, verweilte einige Tage in Wiesbaden und Schwalbach, und kam bis
+an den Rhein. Den jugendlichen Sinn, der sich mehr in der großen Natur, als
+in abgeschlossenen Räumen gefiel, konnte Mainz nicht fesseln. Einen
+erfreulichen Eindruck auf Goethe machte die anmuthige Lage von Biberich.
+Von da kehrte er in seine Vaterstadt zurück, mit einer ziemlich reichen
+Ausbeute von landschaftlichen Skizzen und Zeichnungen der verschiedensten
+Art, unter denen manche seines Vaters Beifall erhielten, andere jedoch auch
+scharf von ihm getadelt wurden.
+
+Dadurch verstimmt, schloß sich Goethe enger an seine Mutter an, die ihm
+mehr Milde und Nachsicht bewies, und selbst noch jugendlich, mit seinen
+Gefühlen und Lebensansichten mehr harmonirte, als der ernster gestimmte
+Vater. Ein fast noch innigeres Verhältniß bestand zwischen Goethe und
+seiner ungefähr ein Jahr jüngern Schwester Cornelia. Gemeinschaftliches
+Spiel und Lernen in den Jahren der Kindheit hatte späterhin, als sich
+beider physische und geistige Kräfte entwickelten, ein festes Vertrauen
+und eine wahrhaft geschwisterliche Liebe erzeugt. Goethe ward von
+seiner Schwester zum Vertrauten aller ihrer Empfindungen und
+Herzensangelegenheiten gewählt. Ziemlich gut bestand er im Allgemeinen, als
+sein Vater seine Kenntnisse in einzelnen Materien der Jurisprudenz prüfte.
+Mehrere wissenschaftliche Fächer beschäftigten seinen strebenden Geist,
+vorzüglich die Geschichte der ältern Literatur. Durch das fortgesetzte
+Studium von Geßners Isagoge und Morhofs Polyhistor, gerieth er fast auf den
+Irrweg, selbst ein Vielwisser zu werden. Sein Tag und Nacht fortgesetzter
+Fleiß drohte ihn eher zu verwirren, als wahrhaft zu bilden. Bayle's
+historisch-kritisches Wörterbuch führte ihn vollends in ein Labyrinth, aus
+welchem er sich kaum wieder herauszufinden wußte. Von der großen
+Wichtigkeit einer gründlichen Sprachkenntniß hatte er sich längst
+überzeugt. Das Hebräische war allmälig in den Hintergrund getreten. Auch
+Goethe's Kenntnisse in der griechischen Sprache reichten nicht viel weiter,
+als zum Verständniß des Neuen Testaments im Urtexte. Ernstlicher hatte er
+sich mit dem Lateinischen beschäftigt. Er war, obschon er keinen
+grammatikalischen Unterricht genossen, ziemlich bewandert in den römischen
+Classikern.
+
+Unter diesen Sprachstudien regte sich wieder in ihm der nie ganz
+schlummernde Trieb poetischer Nachbildung. Seine Productionskraft, die
+Leichtigkeit, womit er die Erzeugnisse seines Geistes niederschrieb, hatte
+sich vermehrt. Jugendliche Eitelkeit ließ ihn seine poetischen Producte mit
+einer gewissen Vorliebe betrachten. Der Tadel, den sie mitunter erfuhren,
+raubte ihm nicht die Ueberzeugung, künftig wohl Geisteserzeugnisse zu
+liefern, die sich mit denen eines Gellert, Uz, Hagedorn und andern damals
+hochgefeierten Dichtern messen könnten. Aber die poetische Laufbahn, so
+viel Lockendes sie auch für ihn hatte, schien ihm doch zu schwankend und
+unsicher, um sie zu seinem künftigen Lebensberuf zu wählen. Ein
+akademisches Lehramt lag im Bereich seiner Wünsche. Dazu wollte er sich
+fähig machen, um zur Bildung Anderer, wie zu seiner eigenen, etwas
+beitragen zu können.
+
+Viel Lockendes hatte für Goethe der Aufenthalt in Göttingen, wo Heyne,
+Michaelis und andere berühmte Männer lehrten. Sein Vater bestand jedoch
+darauf, daß er seine akademische Laufbahn in Leipzig beginnen sollte.
+Wiederholt schärfte er ihm zugleich ein, seine Zeit auf's Zweckmäßigste zu
+benutzen. Von seinem Vater ward er hierin so ausführlich belehrt, daß er,
+ohnedies verstimmt durch das Aufgeben eines Göttinger Lieblingsplans,
+beinahe den Entschluß faßte, in seiner Studien- und Lebensweise seinen
+eignen Weg zu verfolgen. Diese Idee schien ihm nicht blos romantisch,
+sondern auch ehrenvoll. Er dachte an seinen Landsmann Griesbach, der einen
+ähnlichen Weg einschlagen und sich als gelehrter Theolog und Schriftsteller
+einen allgemein geachteten Namen erworben hatte.
+
+Immer näher rückte indeß die Zeit, wo Goethe Frankfurt verlassen sollte.
+Begleitet von den Glückwünschen seiner Eltern und Freunde, fuhr er im
+October 1765 nach Leipzig. Seine Reisegenossen waren der in Frankfurt
+ansässige Buchhändler Fleischer und dessen Gattin, eine Tochter des damals
+geschätzten Dichters Triller, die ihren Vater in Wittenberg besuchen
+wollte. Die Jahreszeit, in der Goethe seine Reise antrat, war höchst
+unfreundlich. Durch den fast ununterbrochenen Regen waren die Wege fast
+unfahrbar geworden, und in der Gegend von Auerstadt blieb der Wagen völlig
+stecken. Es war die Zeit der Messe, als er in Leipzig ankam. In der
+sogenannten Feuerkugel, zwischen der Universitätsstraße und dem Neumarkt,
+bezog Goethe zwei nach dem Hofe hinaus gelegene Zimmer, die er während der
+Messe gemeinschaftlich mit seinem Reisegefährten, dem Buchhändler
+Fleischer, später jedoch allein bewohnte.
+
+In dem Hause des Professors Böhme, der Geschichte und Staatsrecht lehrte,
+fand Goethe, nachdem er seine Empfehlungsbriefe abgegeben, eine freundliche
+Aufnahme. Als er jedoch seine Abneigung gegen die Jurisprudenz sich merken
+ließ, und mit dem Plan hervortrat, sich den alten Sprachen und schönen
+Wissenschaften widmen zu wollen, mißbilligte Böhme, der die Dichter, selbst
+den allgemein gefeierten Gellert nicht leiden konnte, dies übereilte
+Vorhaben. Dringend empfahl er das Studium der römischen Alterthümer und der
+Rechtsgeschichte, und schloß seine Ermahnungen mit der Bitte, den gefaßten
+Entschluß reiflich zu überlegen. Seine Ueberredung wirkte. Goethe gab
+seinen Plan auf, und entschied sich für die Jurisprudenz. Nach Böhme's Rath
+sollte er zuerst Philosophie, Rechtsgeschichte und die Institutionen hören.
+Er ließ sich jedoch, ungeachtet der Abneigung Böhme's gegen Gellert, nicht
+abhalten, auch dessen Auditorium zu besuchen, besonders die Collegien über
+Literaturgeschichte, die jener hochgefeierte Mann nach Stockhausens
+bekanntem Compendium las. Nach der Schilderung, welche Goethe in spätern
+Jahren von Gellert entwarf, war er von Gestalt nicht groß, schwächlich,
+doch nicht hager. Er hatte sanfte, fast traurige Augen, eine sehr schöne
+Stirn, eine nicht übertriebene Habichtsnase, einen feinen Mund und ein
+gefälliges Oval des Gesichts, was, verbunden mit der Freundlichkeit in
+seinem Benehmen, einen angenehmen Eindruck machte.
+
+Durch die Vorlesungen, die Goethe, wenigstens anfangs, sehr regelmäßig
+besuchte, ward er nicht sonderlich gefördert. In den philosophischen
+Collegien fand er nicht die gehofften Aufschlüsse über einzelne, ihm dunkle
+Materien. Er ward bald nachlässig im Nachschreiben seiner Hefte. Sie wurden
+immer unvollständiger, besonders in den philosophischen Collegien, die der
+Professor Winkler las. Auch die juristischen Vorlesungen behagten ihm nicht
+lange. Was durch ein wissenschaftliches System in enge, schroffe Grenzen,
+in dürre Begriffe ohne Leben eingeschlossen worden war, konnte seinem
+poetisch gestimmten Gemüth nicht zusagen.
+
+Zu diesem Zwiespalt mit dem starren Facultätswesen und dem Geiste der
+akademischen Vorlesungen gesellten sich noch kleine Unannehmlichkeiten des
+Lebens, die ihm, verbunden mit seinen unbefriedigten Erwartungen, den
+Aufenthalt in Leipzig verleideten. Er mußte hier und da manchen Spott hören
+über seine altmodische Kleidung, die er aus dem elterlichen Hause
+mitgebracht hatte. Diese Kleidung mit einer andern zu vertauschen, die den
+Anforderungen der Mode mehr entsprach, ward Goethe erst veranlaßt, als er
+in einem damals sehr beliebten Lustspiel von Destouches den Herrn von
+Masuren in einem ähnlichen Tressenkleide, wie er selbst es trug, auftreten
+sah. Auch sein fremder Dialekt ward ein Gegenstand des Spotts. Unmuthig
+darüber, blieb er aus geselligen Cirkeln weg, in die er eingeführt worden
+war. Die Gattin des Professors Böhme, eine vielseitig gebildete Frau, in
+der er eine zweite Mutter fand, machte ihm seine Verstöße gegen die feine
+Lebensart bemerklich. Auch auf seinen ästhetischen Geschmack übte sie, wenn
+auch nur negativ, einen wohlthätigen Einfluß aus, indem sie dazu beitrug,
+ihm Gottsched's und seiner Anhänger Poesie zu verleiden. Ihr scharfes
+Urtheil über talentvolle Dichter, unter andern ihren bittern Tadel des von
+Weiße geschriebenen Lustspiels: "die Poeten nach der Mode," konnte Goethe,
+dem dieß Stück sehr gefiel, ihr nicht verzeihen. Seine eigene
+Autoreitelkeit fühlte sich verletzt durch ihre Aeußerungen über einige
+seiner lyrischen Gedichte, die er ihr anonym mittheilte.
+
+Kaum seinen Ohren traute Goethe, als er hörte, wie Gellert in einem seiner
+Collegien seine Zuhörer vor der Dichtkunst warnte, und sie zu prosaischen
+Ausarbeitungen aufforderte. Demungeachtet wagte Goethe, ihm einige seiner
+poetischen Versuche zu zeigen, die er, wie alle übrigen, mit rother Dinte
+corrigirte und die zu große Leidenschaftlichkeit in Styl und Darstellung,
+mitunter auch einige psychologische Verstöße tadelte. Eine scharfe Rüge,
+die seinen Lieblingsdichter Wieland traf, machte ihn so irre an seinem
+poetischen Talent, daß er in seinem Unmuth eines Tages alles, was er in
+Versen und Prosa geschrieben, den Flammen übergab. Ihn in seinem poetischen
+Streben zu fördern war der damalige Zustand der schönen Literatur in
+Deutschland nicht sonderlich geeignet. Aus den Dichtern, die Goethe sich
+hätte zum Muster nehmen können, aus Gellert, Lessing, Klopstock, Wieland u.
+A. blickte eine zu entschiedene Individualität hervor. Vor sclavischer
+Nachahmung bewahrte ihn sein besseres Gefühl. Was die Poesie der genannten
+Dichter Vortreffliches hatte, glaubte er nicht erreichen zu können; aber er
+fürchtete, in ihre Fehler zu verfallen. Er hatte zu sich und seinem Talent
+das Vertrauen verloren, und fand es erst wieder in dem Umgange mit mehreren
+gebildeten und kenntnisreichen jungen Männern, zu denen unter andern sein
+Landsmann und nachheriger Schwager Schlosser gehörte, der damals als
+geheimer Secretär des Herzogs Ludwig von Würtemberg diesen Fürsten nach
+Leipzig begleitet hatte.
+
+Durch Schlosser, der als Schriftsteller nicht unrühmlichbekannt war,
+erhielt Goethe Zutritt zu manchen gelehrten und einflußreichen Männern.
+Auch mit Gottsched, dem damaligen Tonangeber des ästhetischen Geschmacks,
+dessen Aussprüche, seinem Antagonisten Breitinger zum Trotz, noch immer als
+Orakel galten, ward Goethe auf die erwähnte Weise bekannt. Er fand ihn im
+ersten Stockwerk des goldnen Bären, welches ihm von seinem Verleger
+Breitkopf, aus Erkenntlichkeit für den großen Absatz seiner Schriften, zur
+lebenslänglichen Wohnung eingeräumt worden war. In einem Schlafrock von
+grünem Damast, mit rothem Taft gefüttert, trat Gottsched, wie Goethe in
+spätern Jahren erzählte, ihm und Schlosser entgegen. In demselben
+Augenblicke aber eilte ein Diener herbei, und reichte ihm eine große
+Perücke, um sein kahles Haupt zu bedecken. Der Saumselige bekam jedoch eine
+tüchtige Ohrfeige, worauf Gottsched mit großer Ruhe und Gleichgültigkeit
+die beiden Fremden zum Sitzen nöthigte und sich mit ihnen in ein Gespräch
+einließ, das meistens literarische Gegenstände betraf.
+
+Die beliebtesten englischen Autoren sich zum Muster zu wählen, hielt Goethe
+für das wirksamste Mittel, um sich von dem seichten Geschmack Gottsched's
+und seiner Schule frei zu erhalten. Aber auch zu einem gründlichen Studium
+der bessern deutschen Schriftsteller, die der Literatur eine neue Richtung
+gaben, ward Goethe durch den Umgang mit mehreren vielseitig gebildeten
+jungen Männern geführt, zu denen, außer einigen gebildeten Livländern, ein
+Bruder des Dichters Zachariä, der nachherige Privatgelehrte Pfeil und der
+durch seine geographischen und genealogischen Compendien bekannte
+Schriftsteller Krebel gehörten. Fleißig las Goethe in Lessings, Gleims,
+Hallers, Ramlers u. A. Schriften. Keiner dieser Dichter aber raubte ihm die
+Vorliebe für Wieland. Den Eindruck, den das Lehrgedicht "Muserion" damals
+auf ihn gemacht, schilderte er in spätern Jahren mit den Worten: "Hier, in
+diesem Gedicht war es, wo ich das Antike lebendig und neu vor mir zu sehen
+glaubte. Alles, was in Wielands Natur plastisch war, zeigte sich hier aufs
+Vollkommenste, und da der zu unglückseliger Nüchternheit verdammte
+Phanias-Timon sich zuletzt wieder mit seinem Mädchen und mit der Welt
+versöhnte, so mochte ich die menschenfeindliche Epoche wohl mit ihm
+durchleben."
+
+Ein flüchtiges Interesse nahm Goethe an der lange dauernden literärischen
+Fehde, welche die Verschiedenheit religiöser Meinungen zwischen den beiden
+Leipziger Professoren Ernesti und Crusius hervorrief. Jener ging
+bekanntlich in der biblischen Hermeneutik von allgemeinen philologischen
+Grundsätzen aus, während Crusius zu einer mystischen Erklärungsweise der
+heiligen Schrift sich hinneigte. Lebhafter, als für diese theologische
+Polemik, interessirte sich Goethe, neben seiner Beschäftigung mit der
+Dichtkunst und den schönen Wissenschaften, für die eifrigen Bemühungen
+Jerusalems, Zollikofers, Spaldings und anderer berühmten Theologen, in
+Predigten und Abhandlungen der Religion und Moral aufrichtige Verehrer zu
+verschaffen. Zurückgeschreckt durch die barocke Schreibart der Juristen,
+bildete Goethe nach jenen Mustern, besonders nach Mendelssohn und Garve,
+seinen Styl.
+
+Poetischen Stoff sammelte er auf einsamen Spaziergängen durch das
+Rosenthal, nach Gohlis und andern benachbarten Orten. Zu einer Idylle, auf
+die er noch in spätern Jahren einigen Werth legte, begeisterte ihn Annette,
+die Tochter eines Wirths, bei welchem er mit mehreren Freunden seinen
+Mittagstisch hatte. Ueber sein Liebesverhältniß entwarf Goethe in spätern
+Lebensjahren eine anziehende Schilderung in den Worten: "Ich war nach
+Menschenweise in meinen Namen verliebt, und schrieb ihn, wie junge Leute zu
+thun pflegen, überall an. Einst hatte ich ihn auch sehr schön und genau in
+die glatte Rinde eines Lindenbaums geschnitten. Den Herbst darauf, als
+meine Neigung zu Annetten in ihrer besten Blüthe war, gab ich mir die Mühe,
+den ihrigen oben darüber zu schneiden. Indeß hatte ich gegen Ende des
+Winters, als ein launischer Liebhaber, manche Gelegenheit vom Zaun
+gebrochen, sie zu quälen und ihr Verdruß zu machen. Im Frühjahr besuchte
+ich zufällig die Stelle. Der Saft, der mächtig in die Bäume trat, war durch
+die Einschnitte, die ihren Namen bezeichneten, und die noch nicht
+verharrscht waren, hervorgequollen, und benetzte mit unschuldigen
+Pflanzenthränen die schon hart gewordenen Züge des meinigen. Sie hier über
+mich weinen zu sehen, der ich oft durch mein Benehmen ihre Thränen
+hervorgerufen hatte, versetzte mich in Bestürzung. In Erinnerung meines
+Unrechts und ihrer Liebe kamen mir selbst die Thränen in die Augen. Ich
+eilte, ihr Alles doppelt und dreifach abzubitten, und verwandelte jenes
+Ereigniß in eine Idylle, die ich niemals ohne Rührung lesen oder Andern
+mittheilen konnte."
+
+Aus der poetischen Gattung, zu der jenes Gedicht gehörte, ward Goethe bald
+wieder auf die dramatische Dichtkunst hingewiesen durch den tiefen und
+bleibenden Eindruck, den Lessings Minna von Barnhelm auf ihn machte. Dieß
+ganz eigentlich aus dem Leben gegriffene Lustspiel von ächtem
+Nationalgehalt, lenkte seinen Blick zugleich auf die großen Weltereignisse
+des siebenjährigen Krieges. Neben dem bedeutenden Stoff bewunderte er
+besonders die concise Behandlung. Ein solches Muster zu erreichen, traute
+er sich nicht zu. Schon sein beschränkter Umgang mit vielseitig gebildeten
+Personen verhinderte ihn daran. In den eignen Busen mußte er greifen, wenn
+es ihm darum zu thun war, seinen Gedichten durch Empfindung oder Reflexion
+eine feste Basis zu geben. Fühlbar ward ihm wenigstens, daß er, um bei
+seinen poetischen Producten zu einer klaren Anschauung der einzelnen
+Gegenstände zu gelangen, aus dem Kreise, der ihn umgab und ihm ein
+Interesse einflößte, nicht heraustreten durfte. Solchen Ansichten
+verdankten mehrere lyrische Gedichte Goethe's, von denen sich jedoch nur
+wenige erhalten haben, ihre Entstehung. Goethe gab diesen Gedichten
+meistens die Form des Liedes, bisweilen auch ein freieres Versmaß. Es waren
+weniger Produkte einer sehr lebhaften Phantasie, als des ruhigen
+Verstandes, wofür schon die epigrammatische Wendung in einigen jener
+Gedichte zu sprechen schien. Unverändert blieb seinem Geiste die Richtung,
+Alles, was ihn erfreute, beunruhigte oder überhaupt in irgend einer Weise
+lebhaft beschäftigte, in ein poetisches Gewand zu kleiden. Seine Natur, die
+leicht von einem Extrem in's andre geworfen ward, gelangte dadurch zu einer
+gewissen Ruhe.
+
+Aus seinem, durch eigene Schuld, vorzüglich durch grundlose Eifersucht
+wieder aufgelösten Lebensverhältniß schöpfte Goethe die Idee zu seinem
+ersten dramatischen Werke. 1769 dichtete er sein Schauspiel: "die Laune des
+Verliebten", das er jedoch erst nach einer bedeutenden Reihe von Jahren dem
+Druck übergab. Seinem Inhalt nach war das Stück dem später gedichteten
+Schauspiel: "Erwin und Elmire" ähnlich, so wesentlich es sich von demselben
+durch die Form und Behandlungsart unterschied. Erhalten hat sich unter
+mehreren literarischen Entwürfen aus jener Zeit nur der Anfang einer in
+Alexandrinern verfaßten Uebersetzung von Corneille's Lustspiel: Le
+Menteur, unter dem Titel: "der Lügner", und außerdem das Fragment eines in
+Briefen zwischen "Arianne und Wetty" geschriebenen Romans. Man findet diese
+Bruchstücke in den neuerlich von A. Scholl herausgegebenen Briefen und
+Aufsätzen Goethes aus den Jahren 1766-1786. Vollendet ward von Goethe nur
+das Lustspiel: "Die Mitschuldigen." Er bedauerte in spätern Jahren, daß er
+über der ernsten Richtung in seinen ersten dramatischen Werken manchen
+heitern Stoff, den ihn das Studentenleben darbot, unbenutzt gelassen hatte.
+Seine Empfindungen legte er in einzelnen Liedern und Epigrammen nieder, die
+jedoch, nach seinem eignen Geständnisse in späterer Zeit, zu subjectiv
+waren, um außer ihn selbst, noch irgend Jemand zu interessiren.
+
+Einen frühen Jugendeindruck erneuerte in Goethe Gellerts wiederholte und
+dringende Ermahnung an seine Zuhörer, sich dem öffentlichen Gottesdienste
+und dem Genuß des heiligen Abendmahls nicht zu entziehen. Etwas Furchtbares
+hatte für Goethe von jeher die neutestamentliche Vorstellung gehabt: wer
+das Sakrament unwürdig genösse, äße und tränke sich selbst den Tod. Von
+mannigfachen Gewissensscrupeln beunruhigt, hatte er sich der
+Abendmahlsfeier lange entzogen, und Gellerts Ermahnungen fielen ihm um so
+schwerer aufs Herz. Ueber die ernsten Betrachtungen, denen er sich eine
+Zeit lang überließ, siegte indeß bald wieder angeborner Humor und
+jugendlicher Leichtsinn.
+
+Einflußreich und belehrend durch seine vielseitigen Sprach- und
+Literaturkenntnisse ward für Goethe die Bekanntschaft mit dem Hofmeister
+eines jungen Grafen von Lindenau. Er hieß Behrisch, und war, nach Goethes
+eigner Schilderung, ungeachtet seines redlichen Charakters und seiner
+vielen löblichen Eigenschaften, einer der größten Sonderlinge. Trotz der
+Würde seines äußern Benehmens war er immer zu allerlei muthwilligen Possen
+aufgelegt. Durch seine sarkastischen Bemerkungen weckte er in Goethe den
+Hang zur Satyre. Zur besondern Zielscheibe seines Witzes wählte sich dieser
+den Professor Clodius, der die stylistischen Vorlesungen übernommen, welche
+Gellert, seiner Kränklichkeit wegen, hatte aufgeben müssen. Durch den Tadel
+eines Gedichts, mit welchem Goethe die Hochzeit eines Oheims in Frankfurt
+verherrlichen wollte, hatte Clodius seine Autoreitelkeit verletzt.
+Gemeinschaftlich mit seinem Freunde Behrisch rächte sich Goethe durch
+lauten Spott über die mittelmäßigen Oden, mit denen Clodius mehrmals bei
+feierlichen Gelegenheiten hervorgetreten war. Die darin enthaltenen
+Kraftsprüche und Sentenzen benutzte Goethe zu einer Parodie. Es war ein an
+den damals sehr beliebten Conditor Händel gerichtetes Gedicht, welches zwar
+nicht gedruckt, doch bald in mehreren Abschriften verbreitet ward. Die
+Wirkung seiner Parodie verstärkte Goethe noch durch einen satyrischen
+Prolog, den er bald nachher zu dem von Clodius geschriebenen Lustspiel:
+"Medon oder die Rache des Weisen" dichtete. Nach seiner eignen Schilderung
+in spätern Jahren hatte Goethe in jenem Prolog Harlekin mit zwei Säcken
+auftreten lassen, mit moralisch-ästhetischem Sande gefüllt, den die
+Schauspieler den Zuschauern in die Augen streuen sollten. Der eine Sack,
+äußerte Harlekin, sei mit Wohlthaten gefüllt, die nichts kosteten, der
+andere mit allerlei hochtrabenden Sentenzen, hinter denen nichts stecke.
+Darum möchten die Zuschauer ja die Augen zudrücken u.s.w.
+
+Getrennt von seinem Freunde Behrisch, dem seine vielseitigen Kenntnisse die
+Stelle eines Erziehers des Erbprinzen von Dessau verschafft hatten, sank
+Goethe wieder aus Mangel an Selbstständigkeit in das vielfach bewegte und
+leidenschaftliche Treiben zurück, dem er durch Behrisch kaum entrissen
+worden war. Auf einen bessern Weg führte ihn das Studium der Kunst. Bei dem
+berühmten Oeser, der als Director der Leipziger Zeichnenakademie in dem
+alten Schlosse Pleißenburg wohnte, nahm Goethe Unterricht im Zeichnen.
+Durch die Betrachtung vorzüglicher Werke und Oesers geistreiche Bemerkungen
+darüber ward sein früh erwachter Kunstsinn wieder vielfach angeregt und
+genährt. Reichen Genuß verschafften ihm besonders die werthvollen Gemälde-
+und Kupferstichsammlungen mehrerer Leipziger Kunstfreunde. Er vermehrte
+dadurch seine Kenntnisse in einem Fache, worin er, nach einer Aeußerung in
+spätern Jahren, "einst die größte Zufriedenheit seines Lebens finden
+sollte." Von der bloßen Anschauung zum Denken erhob er sich durch das
+Studium der Schriften d'Argenville's, Christs, Winkelmanns u.A. Völlig klar
+ward ihm jedoch der Unterschied zwischen den bildenden und den Redekünsten
+erst durch Lessings Laokoon. Der Triumph des Schönen über das Häßliche
+zeigte sich ihm in der Vorstellung der Griechen, die sich den Tod als den
+Bruder des Schlafs und diesem bis zum Verwechseln ähnlich dachten.
+
+Einen reinen Kunstgenuß bot ihm ein kurzer Aufenthalt in Dresden und die
+Betrachtung der dortigen Gemäldegallerie. Vielfache Belehrung verdankte er
+dem Inspector Riedel. Kurz vor seiner Rückreise nach Leipzig lernte er auch
+den Director der Kunstakademie, v. Hagedorn, einen Bruder des Dichters,
+persönlich kennen. In Leipzig fühlte Goethe, obgleich er jenen reichen
+Kunstgenuß dort entbehren mußte, nach seinem eignen Geständniß, sich ganz
+behaglich durch freundschaftlichen Umgang und einen Zuwachs an Kenntnissen.
+Beides fand er in dem Hause des Buchhändlers Breitkopf, der auf dem
+Neumarkt im silbernen Bären wohnte. Der älteste Sohn jenes Mannes spielte
+mit ziemlicher Fertigkeit die Violine, und componirte einige von Goethe's
+Gedichten, die ohne Angabe des Druckorts 1768 zu Leipzig in Quart
+erschienen. Oft wurden in Breitkopfs Hause, dessen zweiter Sohn ebenfalls
+musikalisch war, Concerte veranstaltet. Manchen Genuß und Nutzen schöpfte
+Goethe auch aus Breitkopfs auserlesener Bibliothek, welche vorzüglich an
+Werken reich war, die sich auf den Ursprung und die Fortschritte der
+Buchdruckerkunst bezogen.
+
+Wichtig ward für Goethe die Bekanntschaft des aus Nürnberg gebürtigen
+Kupferstechers Stock, der ein Mansardzimmer im Breitkopfischen Hause
+bewohnte. Die Technik der Kupferstecherkunst hatte für Goethe einen so
+unwiderstehlichen Reiz, daß er der Begierde nicht widerstehen konnte, sich
+selbst in diesem Fache zu versuchen. Zur Zufriedenheit seines Lehrers Stock
+radirte er einige Landschaften nach Thiele und andern Künstlern. Erhalten
+haben sich aus jener Zeit noch zwei radirte Blätter Goethe's. Beide stellen
+Landschaften dar, mit kleinen Cascaden, umschlossen von Felsen und Grotten.
+An dem untern Rande beider Landschaften befinden sich die Worte. Peint par
+A. Thiele, gravé par Goethe. Das eine Blatt hatte Goethe mit den
+nachstehenden Worten seinem Vater gewidmet: Dedié à Monsieur Goethe,
+Conseiller actuel de S.M. Imperiale, par son fils très-obeissant. Das
+andere Blatt führt die Unterschrift: Dedié à Mr. le Docteur Hermann,
+Assesseur de la cour provinciale supréme de justice S. A. Elect. de Saxe et
+Sénateur de la ville de Leipsic, par son ami Goethe. Eine genaue und
+ausführliche Beschreibung der erwähnten Blätter lieferte ein Aufsatz Karl
+Buchner's im Morgenblatt vom Jahr 1828. No. 3-6.
+
+Den der Gesundheit nachtheiligen Dünsten, die sich beim Aetzen von
+Kupferstichen entwickelten, gab Goethe eine gefährliche Brustbeklemmung
+schuld, die er sich aber auch wohl durch den zu reichlichen Genuß des
+Merseburger Biers und starken Kaffees zugezogen haben mochte. Der
+Organismus seiner Natur ward so heftig erschüttert, daß er einst Nachts von
+einem heftigen Blutsturz erwachte. Die ärztliche Hülfe des Doctor Reichel
+beschleunigte seine Genesung. Er ward wieder heiter gestimmt für den Umgang
+mit seinen Freunden, die er durch Kränklichkeit und üble Laune von sich
+gescheucht hatte.
+
+Die Zeit, wo Goethe nach beendigten Studien wieder in das elterliche Haus
+zurückkehren sollte, war nahe. Kurz vor seiner Abreise ereignete sich ein
+Tumult zwischen den Studenten und Stadtsoldaten. Goethe hatte keinen
+Antheil an diesen Händeln. Mit jenem Nachklange akademischer Großthaten
+verließ er Leipzig im September 1768. Er hatte dort manche
+Freundschaftsverhältnisse angeknüpft. Den Einfluß, den der Aufenthalt in
+Leipzig auf seine Bildung gehabt, konnte er nicht verkennen. Gestehen mußte
+er sich freilich, daß er den Aussichten und Hoffnungen seiner Eltern nicht
+sonderlich entsprochen. Er hatte sich ganz andern Studien gewidmet, als
+sein Vater wünschen mochte, der nur mühsam den Unmuth verbarg, seinen Sohn,
+der nun promoviren und die ihm vorgeschriebene Bahn durchlaufen sollte,
+noch nicht hinlänglich dazu vorbereitet, und überdieß geistig und
+körperlich leidend heimkehren zu sehen.
+
+Goethe aber bereute nicht den selbst gewählten Pfad, und seine Dankbarkeit
+vergaß nie den Mann, der ihn zuerst darauf hingeleitet. Den 9. November
+1768 schrieb er nach Leipzig an Oeser: "Was bin ich Ihnen nicht alles
+schuldig, daß Sie mir den Weg zum Wahren und Schönen gezeigt, daß Sie mein
+Herz für den Reiz fühlbar gemacht haben. Ich bin Ihnen mehr schuldig, als
+ich Ihnen danken könnte. Der Geschmack, den ich am Schönen habe, meine
+Kenntnisse, meine Einsichten, hab' ich die nicht alle durch Sie? Wie gewiß,
+wie einleuchtend wahr ist mir der seltsame, fast unbegreifliche Satz
+geworden, daß die Werkstatt eines großen Künstlers mehr den keimenden
+Philosophen, den keimenden Dichter entwickle, als der Hörsaal des Weisen
+und des Kritikers. Lehre thut viel, aber Aufmunterung thut Alles.
+Aufmunterung nach dem Tadel ist Sonne nach dem Regen, fruchtbares Gedeihen.
+Wenn Sie meiner Liebe zu den Musen nicht aufgeholfen hätten, ich wäre
+verzweifelt. Sie wissen, was ich war, als ich zu Ihnen kam, und was ich
+war, als ich von Ihnen ging. Der Unterschied ist Ihr Werk."
+
+Als Göthe [Goethe] diesen Brief schrieb, war er unlängst genesen von einer
+gefährlichen Krankheit, die durch gestörte Verdauung und ein dadurch
+erzeugtes Asthma die lebhaftesten Besorgnisse seiner Eltern erregte.
+Unvergeßlich blieb ihm die liebreiche Pflege seiner Mutter und die
+zärtliche Theilnahme seiner Schwester Cornelia. Durch seine Krankheit allen
+irdischen Angelegenheiten entfremdet, wandte sich sein Geist dem
+Himmlischen zu. Mit der ganzen Wärme und Innigkeit seines Gefühls suchte er
+das Unsichtbare zu ergreifen. Wie ihn als Kind vorzugsweise das Alte
+Testament angesprochen, so beschäftigte er sich nun, von einem ähnlichen
+schwärmerischen Enthusiasmus ergriffen, mit den neutestamentlichen
+Schriften.
+
+In dieser Geistesrichtung begegnete ihm eine seelenkranke Freundin seiner
+
+Mutter, ein Fräulein von Klettenberg, aus deren Unterhaltungen und Briefen
+Goethe später den Stoff hernahm zu den in seinem "Wilhelm Meister"
+enthaltenen "Bekenntnissen einer schönen Seele." Sein Verhältniß zu dem
+Fräulein von Klettenberg blieb, ungeachtet der schwärmerischen Richtung
+ihres Geistes, der dem irdischen Daseyn gänzlich entfremdet, sich nur mit
+dem ewigen Heil der Seele beschäftigte, doch nicht ohne Einfluß auf
+Goethe's moralische Veredlung. Jedenfalls hätte er indeß seine Zeit besser
+verwenden können, als zu dem Lesen von allerlei mystischen Schriften. Durch
+Theophrast, Paracelsus u. A. ward er in das Gebiet der Chemie geführt. Mit
+Hülfe eines kleinen Laboratoriums machte er, nach Anleitung des
+Boerhave'schen Compendiums einige chemische Experimente, die, so
+unvollkommen sie auch ausfielen, seine Kenntnisse in mannigfacher Weise
+bereicherten. Auch das Zeichnen, Aetzen und Radiren trat wieder in die
+Reihe seiner Lieblingsbeschäftigungen. Nach den mannigfachsten Richtungen
+schweifte seine Thätigkeit, die erst eine feste Basis gewonnen zu haben
+schien, als er sich wieder zu philosophischen Studien wandte.
+
+Den Weg, den seine Bildung nahm, zeigte ein Brief an die Tochter seines
+Freundes Oeser, vom 13. Februar 1769. "Meine gegenwärtige Lebensart,"
+schrieb Goethe, "ist der Philosophie gewidmet. Eingesperrt, allein, Cirkel,
+Papier, Feder und Dinte und zwei Bücher ist mein ganzes Rüstzeug; und auf
+diesem einfachen Wege komme ich der Erkenntniß der Wahrheit oft so nah und
+weiter, als Andere mit ihrer Bibliothekswissenschaft. Ein großer Gelehrter
+ist selten ein großer Philosoph, und wer mit Mühe viel Bücher durchblättert
+hat, verachtet das leichte, einfache Buch der Natur, und es ist nichts
+wahr, als was einfältig ist. Freilich eine Recommendation für die wahre
+Weisheit! Wer den einfältigen Weg geht, der gehe ihn, und schweige still.
+Demuth und Bedächtlichkeit sind die nothwendigsten Eigenschaften unserer
+Schritte darauf, deren jeder endlich belohnt wird. Ich danke es Ihrem
+lieben Vater, er hat meine Seele zuerst zu diesem Wege bereitet. Die Zeit
+wird meinen Fleiß segnen, daß er ausführen kann, was angefangen ist. Wenn
+man anders denkt, als große Geister, so ist es gewöhnlich ein Zeichen eines
+kleinen Geistes. Ich mag nicht gern Eins und das Andere seyn. Ein großer
+Geist irrt so gut wie ein kleiner; jener, weil er keine Schranken kennt,
+dieser, weil er seinen Horizont für die Welt nimmt. O meine Freundin, das
+Licht ist die Wahrheit, von der doch das Licht quillt. Die Nacht ist
+Unwahrheit. Und was ist Schönheit? Sie ist nicht Licht und nicht Nacht,
+Dämmerung, eine Geburt von Wahrheit und Unwahrheit, ein Mittelding. In
+ihrem Reiche liegt ein Scheideweg, so zweideutig, so schielend, ein
+Herkules unter den Philosophen könnte sich vergreifen."
+
+In dankbarer Rückerinnerung an seinen "lieben Oeser" schrieb Goethe den 20.
+Februar 1770 an den Buchhändler Reich in Leipzig: "Nach Oeser und
+Shakspeare ist Wieland der Einzige, den ich für meinen ächten Lehrer
+erkenne. Andere hatten mir gezeigt, daß ich fehlte; diese zeigen mir, wie
+ich's besser machen sollte." Der erwähnte Brief enthielt zugleich einige
+charakteristische Bemerkungen über Wieland. "Mein Urtheil über den Diogenes
+von Sinope," schrieb Goethe, "werden Sie nicht verlangen. Empfinden und
+Schweigen ist Alles, was man bei dieser Gelegenheit thun kann, denn so gar
+loben soll man einen großen Mann nicht, wenn man nicht so groß ist, wie er.
+Aber geärgert hab' ich mich schon auf Wielands Rechnung, und ich glaube mit
+Recht. Wieland hat das Unglück, oft nicht verstanden zu werden. Vielleicht
+ist manchmal die Schuld sein, doch manchmal ist sie es nicht, und da muß
+man sich ärgern, wenn Leute ihre Mißverständnisse dem Publikum für
+Erklärungen verkaufen." Seine Verehrung Wielands sprach Goethe am Schlusse
+seines Briefes in den Worten aus. "Wenn Sie diesem großen Autor schreiben
+oder ihn sprechen, so haben Sie die Güte, ihm einen jungen Menschen bekannt
+zu machen, der zwar nicht Mann's genug ist, seine Verdienste zu schätzen,
+aber doch ein genug zärtliches Herz hat, sie zu verehren."
+
+Wie geringen Werth Goethe seinen in Leipzig entstandenen Gedichten beimaß,
+bewies er durch den ausgeführten Entschluß, den größten Theil derselben,
+bald nach seiner Ankunft in Frankfurt, den Flammen zu opfern. Auch mehrere
+unvollendete dramatische Werke traf dies Schicksal. Verschont blieben nur
+"die Laune des Verliebten" und "die Mitschuldigen." Das zuletzt genannte
+Stück erhielt noch einige Verbesserungen. Diese poetischen Beschäftigungen
+wurden unterbrochen durch seine nahe Abreise nach Straßburg. Dort sollte
+Goethe nach seines Vaters Wunsch, seine Studien vollenden und sich den
+juristischen Doctorhut erwerben. Noch immer gab Goethes Vater die Hoffnung
+nicht auf, aus seinem Sohne einen tüchtigen Rechtsgelehrten zu bilden.
+
+Vom Münster betrachtete Goethe bald nach seiner Ankunft in Straßburg, die
+Stadt und die Umgegend. Er pries sein Schicksal, das ihm einen so
+anmuthigen Aufenthalt bestimmt hatte. An der Sommerseite des Fischmarktes,
+einer langen und sehr belebten Straße, bezog er eine freundliche Wohnung.
+Den Mittagstisch hatte er in einer sehr gebildeten Kaufmannsfamilie, an die
+er empfohlen worden war. Ein großer Theil der Studirenden in Straßburg
+widmete sich der Arzneikunde. Dadurch gewann auch Goethe ein Interesse an
+der Medicin. Im zweiten Semester hörte er Chemie bei Spielmann, und
+Anatomie bei Lobstein, ohne darüber sein Berufsfach, die Jurisprudenz, zu
+vernachlässigen. Mit Hülfe eines Repetenten, den ihm einer seiner Freunde,
+der Actuar Salzmann, empfahl, ergänzte Goethe, was ihm noch fehlte, um in
+dem juristischen Examen mit Ehren zu bestehen.
+
+An Zerstreuung und Zerstückelung seiner Studien fehlte es ihm in Straßburg
+eben so wenig, wie während seines Aufenthalts in Leipzig. Lockend war für
+ihn das fröhliche Leben im Elsaß. Manchen Sommerabend brachte er mit
+einigen Freunden in öffentlichen Gärten und andern Lustorten zu. Auch
+unternahm er häufig Ausflüge, vorzüglich in die romantischen
+Gebirgsgegenden. Seine anmuthige Gestalt, sein offenes Wesen empfahlen ihn
+überall, und er gewann Zutritt zu den vornehmsten Cirkeln. Den
+Anforderungen des akademischen Lebens entsprach er durch seine Gewandtheit
+im Fechten. Aber auch dem Tanz und dem Kartenspiel, das er eigentlich nicht
+liebte, huldigte Goethe, um nicht gegen den feinen Gesellschaftston zu
+verstoßen.
+
+Unstreitig das wichtigste Ereigniß während seines Aufenthalts in Straßburg
+war die persönliche Bekanntschaft mit Herder, der als Reisebegleiter des
+gemüthskranken Prinzen von Holstein-Eutin nach Straßburg kam. Einen lange
+gehegten Lieblingswunsch sah Goethe erfüllt, als ihm gegönnt war, sich dem
+berühmten Manne zu nähern, der durch seine "Fragmente zur deutschen
+Literatur", durch seine "kritischen Wälder" und andere Schriften das
+Interesse des gebildeten Publikums entschieden auf sich gelenkt hatte. In
+dem Gasthofe, wo Herder eingekehrt, machte ihm Goethe seine Aufwartung.
+Herder trug ein schwarzes Kleid und einen seidnen Mantel von gleicher
+Farbe. Sein gepudertes Haar war in eine runde Locke aufgesteckt, wodurch er
+einem Geistlichen ähnlich sah. Nach der Schilderung, welche Goethe in
+spätern Jahren von Herders Persönlichkeit entwarf, war "sein Gesicht rund,
+die Stirn bedeutend, die Nase etwas stumpf, der Mund ein wenig aufgeworfen,
+aber höchst individuell angenehm und liebenswürdig. Unter schwarzen
+Augenbraunen blitzten ein Paar kohlschwarze Augen hervor, die ihre Wirkung
+nicht verfehlten, ungeachtet das eine Auge roth und entzündet war, und von
+Lobstein operirt werden sollte."
+
+Durch einen reichen Schatz von Lebenserfahrungen, verbunden mit einer
+eigenthümlichen Anziehungskraft, übte Herder, obgleich er nur fünf Jahre
+älter war als Goethe, auf diesen einen so unwiderstehlichen Reiz aus, daß
+er ihm mit Offenheit eine treuherzige Schilderung seiner
+Jugendbeschäftigungen und Liebhabereien entwarf. Herders scharfer Tadel und
+seine sarkastischen Bemerkungen vermochten ihn nicht in der Achtung
+herabzusetzen, die Goethe für ihn empfand. Er verdankte ihm einen großen
+Zuwachs an neuen Ideen und den mannigfachsten Kenntnissen. In einem ganz
+andern Lichte erschien ihm das Lieblingsbuch seiner Jugend, die Bibel,
+durch die von Herder in seinem Werke: "Vom Geist der hebräischen Poesie"
+gesammelten Blüthen morgenländischer Dichtkunst. Ueberall eröffnete ihm
+Herder einen freiern Blick in das große Gebiet der Literatur. Besonders
+ward Goethe durch ihn mit den vorzüglichsten Erzeugnissen der englischen
+Literatur bekannt. Einen noch entschiedeneren Einfluß würde Herder auf
+Goethe's Bildung gewonnen haben, wenn er seine unersättliche Wißbegierde
+nicht oft zurückgeschreckt hätte durch allerlei sarkastische Bemerkungen,
+die besonders Goethe's Selbstgefälligkeit und Eitelkeit trafen. Aus Furcht
+vor Herders Tadel verbarg ihm Goethe daher auch sein Interesse an
+poetischen Gegenständen, und namentlich die Idee, den biedern und tapfern
+Ritter Götz von Berlichingen zu einem dramatischen Helden zu wählen.
+
+Zu dem Kreise, in welchem sich Goethe damals bewegte, gehörten außer
+Herder, noch einige andere, mehr oder minder ausgezeichnete Individuen. Der
+unter dem Namen Jung-Stilling bekannte Schriftsteller befand sich damals in
+Straßburg. Goethe rühmte in spätern Jahren an ihm seinen Enthusiasmus für
+alles Gute, Wahre und Rechte. "Unverwüstlich, äußerte Goethe, war sein
+Glaube an Gott und an eine unmittelbar von ihm ausgehende Hülfe. Sein
+Glaube duldete keinen Zweifel, und seine Ueberzeugung keinen Spott." Eine
+eigenthümliche Treuherzigkeit und ein leichter Humor charakterisirte, nach
+Goethe's eignem Geständniß, seinen Freund Franz Lerse. Seine Gewandtheit im
+Fechten qualificirte ihn zum Schieds- und Kampfrichter bei allen Händeln,
+die in der Studentenwelt sich nicht durch Worte und Erklärungen beseitigen
+ließen. Den Namen seines Freundes verewigte Goethe später in seinem "Götz
+von Berlichingen." Erst in der letzten Zeit seines Aufenthalts lernte er
+den als genialen Sonderling bekannten Dichter Lenz kennen, der später
+(1792) in Geisteszerrüttung zu Moskau starb. Die Excentricität Shakspeare's
+und den unvergleichlichen Humor des Britten zu empfinden und nachzubilden,
+war Niemand geeigneter, als Lenz, wie er durch seine Uebersetzung von
+Love's labour's lost und durch die derselben beigefügten Anmerkungen über
+das Theater bewies. Wie er, fühlte sich auch Goethe nicht zurückgestoßen
+durch die Derbheit in Shakspeare's Werken, vielmehr reichlich entschädigt
+durch die darin herrschende Wahrheit und Natur. In ihren geselligen Cirkeln
+bediente Goethe mit seinen Freunden sich der von Shakspeare gebrauchten
+Worte und Redensarten. Er ward ihr Vorbild im Dichten, wie im Leben.
+
+Das früh in Goethe erwachte Gefühl für Naturschönheiten lockte ihn in die
+anmuthige Umgegend Straßburgs. Mit einigen dortigen Freunden besuchte er
+Zabern, Buchsweiler, Lützelstein, Saarbrück und andere Städte und Flecken
+im Elsaß. Auf diesen Excursionen lernte er mehrere Familien kennen, bei
+denen er eine gastfreie Aufnahme fand. Vorzüglich war dieß der Fall bei dem
+Pfarrer Brion in dem etwa sechs Stunden von Straßburg entfernten Dorfe
+Sesenheim. Ein besonderes Interesse erhielt diese Bekanntschaft für Goethe
+durch ein Liebesverhältnis zur dritten Tochter jenes Geistlichen. Nach
+übereinstimmenden Zeugnissen war Friederike Brion ein Mädchen von schönem
+Wuchs, blondem Haar und blauen Augen. Was ihr an äußern Reizen abging,
+ersetzte sie durch Anmuth in ihrem Wesen und durch das Talent geselliger
+Unterhaltung. Sie hatte ihren Geist durch das Lesen der besten
+Schrifsteller [Schriftsteller] gebildet, und war musikalisch. Oft
+durchwanderte Goethe mit ihr die anmuthige Gegend. Ein Buchenwäldchen war
+sein Lieblingsplatz. Gesellige Zerstreuungen, mitunter Pfänderspiele, bei
+denen Goethe durch seinen Witz und Humor glänzte, erheiterten den Kreis von
+Freunden und Verwandten in des Pfarrers Brion Wohnung zu Sesenheim, wenn
+Goethe, nach Straßburg zurückgekehrt, dort wieder erschien. Er verweilte
+mitunter mehrere Wochen in Sesenheim. Den Taumel von Zerstreuungen, in
+denen er sich befand, schilderten einzelne Stellen in seinen Briefen an den
+Actuar Salzmann in Straßburg.
+
+"Getanzt hab' ich," schrieb er unter andern, "am Pfingstmontage von 2 Uhr
+nach Tisch bis zwölf Uhr in der Nacht, in einem fort, außer einigen
+Intermezzo's von Essen und Trinken. Wir hatten brave Schnurranten erwischt,
+da ging's wie Wetter. Das ganze Ich war in das Tanzen versunken." Er
+schadete durch das Uebermaß seiner Gesundheit. Geplagt von einem
+hartnäckigen Husten, schrieb er einige Tage später: "Man lebt doch nur
+halb, wenn man nicht Athem schöpfen kann. Und doch mag ich nicht in die
+Stadt zurück. Die Bewegung und freie Luft hilft wenigstens, was zu helfen
+ist." Nicht ohne einen Anflug von Trübsinn schloß er seinen Brief mit den
+Worten: "Die Welt ist schön, so schön! Wer's genießen könnte! Ich bin
+manchmal ärgerlich darüber, und manchmal halte ich mir erbauliche
+Erbauungsstunden über das Heute, über diese Idee, die unserer
+Glückseligkeit so unentbehrlich ist, und die mancher Professor der Ethik
+nicht faßt, und keiner gut verträgt."
+
+Sein immer leidenschaftlicher gewordenes Verhältniß zu Friederiken fing an
+ihn zu beunruhigen. Goethe fühlte, daß es sich bald, vielleicht für immer
+auflösen mußte, da die Zeit seiner Abreise von Straßburg nahe war. Seine
+Besuche in Sesenheim wurden Seltener, aber sein Briefwechsel mit
+Friederiken dauerte fort. Goethes Zeit war freilich beschränkt. Er mußte an
+die Ausarbeitung seiner Dissertation denken, die ihm die juristische
+Doctorwürde verschaffen sollte. Das von ihm gewählte Thema war nach seiner
+eignen Aeußerung in spätern Jahren: "der Gesetzgeber sei nicht allein
+berechtigt, sondern verpflichtet, einen gewissen Cultus festzusetzen, von
+welchem weder die Geistlichkeit, noch die Laien sich lossagen dürften."
+Unter dem Vorsitz der Straßburger Professoren Koch und Oberlin fand die
+Disputation am 6. August 1771 statt. Einige von Goethes akademischen
+Freunden waren die Opponenten.
+
+Mit Thränen nahm Friederike von ihm Abschied, als er ihr vom Pferde herab
+nochmals die Hand reichte. Sie hatte ihn wahrhaft geliebt. Sie soll später
+mehrere Heirathsanträge mit der Aeußerung zurückgewiesen haben: "wer einmal
+Goethe'n geliebt, könne keinen Andern lieben." Ein sonderbarer Zufall
+begegnete ihm nach jenem schmerzlichen Abschiede auf seinem Ritt nach
+Drusenheim. Seine eigene Gestalt glaubte er zu erblicken, die ihm zu Pferde
+entgegenkam, in einem hechtgrauen, mit Gold verbrämten Kleide, wie er es
+wirklich nach acht Jahren trug, als er noch einmal in Sesenheim einen
+Besuch machte. Friederike sah ihn seitdem nicht wieder. Sie soll jedoch,
+nach seinen brieflichen Aeußerungen, schon damals sich mit dem Gedanken
+vertraut gemacht haben, auf seinen Besitz zu verzichten.
+
+Goethe's Empfang im elterlichen Hause übertraf seine Erwartungen. Erfreut,
+seinen Sohn durch die erlangte Doctorwürde seinem künftigen Beruf um einen
+Schritt näher gerückt zu sehen, ließ Goethe's Vater den Beifall, den er der
+Dissertation gezollt, auch auf mehrere Gedichte, Aufsätze und Skizzen
+übergehen, die Goethe während seines Aufenthalts in Straßburg entworfen
+hatte. Von seinen Leipziger Bekannten fand Goethe in Frankfurt, außer
+seinem Landsmann und nachherigen Schwager Schlosser, auch dessen Bruder,
+einen tüchtigen Juristen, der nebenher der Poesie huldigte, und die
+Hochzeit von Goethe's Schwester Cornelia durch ein zu Frankfurt 1773 in
+Folio gedrucktes Gedicht verherrlichte.
+
+Wichtig und einflußreich ward für Goethe die Bekanntschaft mit Merk, der
+damals als Kriegszahlmeister in Darmstadt lebte, und mit mannigfachen
+Kenntnissen und einer vielseitigen Bildung, unerschütterliche Redlichkeit
+und einen offenen, geraden Charakter verband. Lebhaft interessirte er sich
+in mehrfacher Hinsicht für Goethe und dessen Talente, und väterlich warnte
+er ihn, seine Thätigkeit nicht nach den verschiedenartigsten Richtungen zu
+zersplittern. Er ermunterte ihn, seine Fähigkeiten und Kräfte zu
+concentriren, und tadelte ihn, wenn er eine begonnene literarische Arbeit
+wieder aufgab, und immer nur Skizzen und Fragmente lieferte. Unter solchen
+Aufmunterungen entwarf Goethe die ersten Umrisse zum "Faust" und "Götz von
+Berlichingen."
+
+Durch die Beschäftigung mit dem zuletzt genannten dramatischen Werk war
+Goethe in das fünfzehnte und sechszehnte Jahrhundert zurückgeführt worden.
+Luthers Leben und Thaten, die in jenem Zeitraum so herrlich hervorglänzten,
+näherten ihn wieder der heiligen Schrift und der Betrachtung religiöser
+Gefühle und Meinungen. Er übte seinen Scharfsinn an dem Alten und Neuen
+Testament in exegetisch kritischen Untersuchungen. Zu einem besondern
+Studium machte er das Dogma von der Erbsünde. Ausführlich erörterte er
+diese Lehre in einem dem Druck übergebenen Briefe, den er unter der Maske
+eines Landgeistlichen an seinen Amtsbruder richtete. Ebenfalls angeblich
+von einem Landpfarrer in Schwaben verfaßt, war der von Goethe
+herausgegebene "Versuch einer gründlichen Beantwortung einiger bisher
+unerörterten biblischen Fragen." Ueber den Inhalt der zuletzt genannten
+Schrift legte Goethe selbst in spätern Jahren das offene Bekenntniß ab:
+"Ich gerieth damals auf die wunderlichsten Einfälle. Ich glaubte gefunden
+zu haben, daß nicht unsere zehn Gebote auf den Tafeln Moses gestanden, daß
+die Israeliten keine vierzig Jahre, sondern nur kurze Zeit durch die Wüste
+gewandert wären u.s.w. Auch das Neue Testament war vor meinen
+Untersuchungen nicht sicher. Ich verschonte es nicht mit meiner
+Sonderungslust, und glaubte auch in dieser Region allerlei Entdeckungen zu
+machen. Die Gabe der Sprachen am Pfingstfest in Glanz und Klarheit
+ertheilt, deutete ich mir auf eine etwas abstruse Weise, nicht geeignet,
+sich viele Theilnahme zu verschaffen." Die erwähnten kleinen Schriften, ein
+Verlagsartikel des Buchhändlers Eichenberg in Frankfurt am Main, erschienen
+1773 ohne Angabe des Druckorts und Verlegers, und wurden in die neuesten
+Ausgaben von Goethe's Werken aufgenommen. Aus diesem Ideenkreise ward er
+wieder entfernt durch das wachsende Interesse an seinem Ritterschauspiel
+"Götz von Berlichingen." Manche historische Studien waren ihm dabei
+unerläßlich. Dem Werke von Datt: de pace publica verdankte er manche
+Aufklärung der dunkeln Zeitperiode, in der sein Stück spielte. Seine
+Stimmung, während er mit seinem dramatischen Werke beschäftigt war,
+schilderte er den 28. November 1771 in einem Briefe an seinen Freund, den
+Actuar Salzmann in Straßburg. "Sie kennen mich so gut," schrieb er, "und
+dennoch wett' ich, Sie errathen nicht, warum ich nicht schreibe. Es ist
+eine Leidenschaft, eine ganz unerwartete Leidenschaft; Sie wissen, daß mich
+dergleichen in ein Cirkelchen werfen kann, daß ich Sonne, Mond und die
+lieben Sterne darüber vergesse. Ich kann nicht ohne das seyn, Sie wissen es
+lange, und koste es was es wolle, ich stürze mich drein. Dießmal sind keine
+Folgen zu befürchten. Mein ganzer Genius liegt auf einem Unternehmen,
+worüber Homer und Shakspeare und Alles vergessen werden. Ich dramatisire
+die Geschichte eines der edelsten Deutschen, rette das Andenken eines
+braven Mannes, und die viele Arbeit, die mich's kostet, macht mir einen
+wahren Zeitvertreib, den ich so nöthig habe. Es ist traurig, an einem Orte
+zu leben, wo unsere ganze Wirksamkeit in sich selbst summen muß. Ich ziehe
+mit mir selbst auf dem Felde und auf dem Papier herum. Es wäre aber eine
+traurige Gesellschaft, wenn ich nicht alle Stärke die ich in mir fühle, auf
+ein Object würfe, und das zu packen und zu tragen suchte, so viel mir
+möglich, und was nicht geht, das schleppe ich. Ich hoffe Sie nicht wenig zu
+vergnügen, wenn ich Ihnen einen edlen Vorfahren, die wir leider nur von
+ihren Grabsteinen kennen, im Leben darstelle. Wie oft wünsche ich Sie
+hierher, um Ihnen ein Stückchen Arbeit zu lesen und Urtheil und Beifall von
+Ihnen zu hören. Hier ist Alles um mich herum todt. Frankfurt bieibt
+[bleibt] das Nest, Nidus, wenn Sie wollen, wohl um Vögel auszubrüten,
+sonst auch figürlich Spelunca. Gott helfe aus diesem Elend, Amen." In
+einem spätern Briefe an Salzmann vom 3. Februar 1772 dankte Goethe dem
+Freunde für den Beifall, den er den ihm mitgetheilten Proben des Götz von
+Berlichingen zollte, und fügte hinzu. "Das Diarium meiner Umstände ist, wie
+Sie wissen, für den geschwindesten Schreiber unmöglich. Inzwischen haben
+Sie aus dem Drama gesehen, daß die Intentionen meiner Seele dauernder
+werden, und ich hoffe, sie soll sich nach und nach bestimmen. Aussichten
+erweitern sich täglich, und Hindernisse räumen sich weg. Ein Tag mag bei
+dem andern in die Schule gehen; denn einmal für allemal, die Minorennität
+läßt sich doch nicht überspringen."
+
+So stark auch das Interesse an seinem dramatischen Werke seyn mochte, ließ
+sich doch der andere Eindruck auf Goethe's Gefühl dadurch nicht
+beschwichtigen. Tief ergriffen hatte ihn ein Brief aus Sesenheim. Er fühlte
+Friederikens Schmerz, ohne ihn lindern zu können. Losreißen mußte er sich
+von der düstern Stimmung, die sich seiner bemächtigte und seine ganze
+Thätigkeit zu lähmen drohte. Er bedurfte der Zerstreuung. Erst in der
+freien Natur fühlte er sich wieder wohler. Seine Freunde nannten ihn den
+Wanderer, weil er oft mehrere Tage in der Umgegend von Frankfurt
+umherstrich, und bisweilen selbst den Weg nach Darmstadt und Homburg
+einschlug. Auf diesen einsamen Wanderungen entstanden mehrere seiner
+lyrischen Poesieen, unter denen sich nur das Gedicht: "Wanderers
+Sturmlied", das er, während er einem furchtbaren Wetter entgegenging, vor
+sich hin recitirte, in seinen Werken erhalten hat. Bisweilen beschränkte er
+seine Streifzüge blos auf Frankfurt und die Vorstädte dieses Orts. Er kam
+dadurch mit den verschiedenen Ständen und Volksklassen in Berührung. In
+einem Briefe vom ersten Juni 1773 erzählte Goethe, wie er rüstig Wasser
+herbeigeschleppt, um ein Nachts in der Judengasse ausgebrochenes Feuer
+löschen zu helfen. "Die wundersamsten, innigsten, mannigfachsten
+Empfindungen", schrieb er, "haben mir meine Mühe auf der Stelle belohnt.
+Ich habe bei dieser Gelegenheit das gemeine Volk wieder kennen gelernt und
+bin überzeugt worden, daß es doch die besten Menschen sind."
+
+Durch seine scheinbar zerstreute Lebensweise ward Goethe's Thätigkeit nicht
+unterbrochen. Wenigstens entging ihm keine der neuern literarischen
+Erscheinungen in dem Gebiete der Literatur. Von dem Eindruck, den Herders
+"älteste Urkunde des Menschengeschlechts" auf ihn gemacht, konnte er sich
+selbst kaum Rechenschaft geben. In einem Briefe an einen Freund des
+elterlichen Hauses, an den damals in Algier lebenden dänischen Consul
+Schönborn, vom 8. Juni 1773, nannte er Herder's Werk "ein so mystisch
+weitstrahlsinniges Ganze, eine in der Fülle verschlungener Aeste lebende
+Welt, daß weder eine Zeichnung nach verjüngtem Maßstabe einigen Ausdruck
+der Riesengestalt nachäffen, noch eine treue Silhouette einiger Theile
+melodisch und mit sympatethischem Klang in der Seele anschlagen könnte.
+Herder", fügte er hinzu, "ist in die Tiefen seiner Empfindung
+hinabgestiegen, hat darin alle die hohe heilige Kraft der simpeln Natur
+aufgewühlt, und führt sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem, hie und da
+morgenfreundlich lächelnden orphischem Gesange vom Aufgange herauf über die
+neue Welt, nachdem er vorher die Lasterbrut der neuern Geister, Deisten,
+Atheisten, Philologen, Textverbesserer, Orientalisten u. s. w. mit Feuer
+und Schwert und Fluthsturm ausgetilgt."
+
+Mit dieser glühenden Begeisterung für Herder contrastirte ein in diesem
+Briefe enthaltener heftiger Ausfall gegen Wieland, der durch eine nicht
+sonderlich günstige Beurtheilung des Götz von Berlichingen im deutschen
+Merkur Goethe's Autoreitelkeit gekränkt hatte und dadurch in seiner frühern
+Achtung sehr gesunken war. Klopstock ward Goethe's Lieblingsdichter. Die
+Messiade hatte ihn schon in seiner Jugend begeistert. Sorgfältig schrieb er
+sich aber auch die einzelnen Oden und Elegien jenes Sängers ab, und freute
+sich sehr, als die Landgräfin Caroline von Hessen-Darmstadt die erste
+Sammlung von Klopstocks Gedichten veranstaltete. Auch für die von diesem
+Schriftsteller damals herausgegebene "Deutsche Gelehrtenrepublik"
+interessirte sich Goethe lebhaft. "Dies herrliche Werk", schrieb er, "hat
+mir neues Leben in die Seele gegossen. Die einzige Poetik aller Zeiten und
+Völker, die einzigen Regeln, die möglich sind! Das heißt Geschichte des
+Gefühls, wie es sich nach und nach festigt und läutert, und wie mit ihm
+Ausdruck und Sprache sich bilden. Und die biedersten Aldermans-Wahrheiten
+von dem, was edel und menschlich ist am Dichter, alles das aus dem tiefsten
+Herzen, eigenster Erfahrung, mit einer bezaubernden Simplicität
+hingeschrieben. Der unter den Jünglingen, den das Unglück unter die
+Recensentenschaar geführt hat, und der nun, wenn er dies Werk liest, nicht
+seine Feder wegwirft, alle Kritik und Kritelei verschwört, sich nicht wie
+ein Quietist zur Contemplation seiner selbst niedersetzt, aus dem wird
+nichts; denn hier fließen die beiden Quellen bildender Empfindung lauter
+aus dem Thron der Natur."
+
+Eine der eigenthümlichsten Erscheinungen in der damaligen literarischen
+Welt war Lavater. Es hieß, er werde nach Frankfurt kommen. Diesen
+merkwürdigen Mann kennen zu lernen, war für Goethe von hohem Interesse. In
+einem Briefe an Schönborn vom 8. Juni 1773 beklagte er Lavater's "Mangel an
+selbstständigem Gefühl," und entwarf von ihm eine Art von Charakteristik in
+den Worten: "Die beste Seele wird von dem Menschenschicksal so innig
+gepeinigt, weil ein kranker Körper und ein schweifender Geist ihm die
+collective Kraft entzogen und so der besten Freude des Wohnens in sich
+selbst, beraubt hat. Es ist unglaublich, wie schwach er ist, und wie man
+ihm, der doch den schönsten, schlichtesten Menschenverstand hat, sogleich
+Räthsel und Mysterien spricht, wenn man aus dem in sich und durch sich
+lebenden und wirkenden Herzen redet."
+
+Sein Urtheil über Lavater änderte Goethe, als er ihn bald nachher
+persönlich kennen lernte. "Er war", schrieb er den 4. Juli 1773, "vier Tage
+bei uns, und ich habe wieder gelernt, daß man über Niemand reden soll, wenn
+man ihn noch nicht gesehen hat. Wie ganz anders ward doch Alles! Lavater
+sagt so oft, daß er schwach sei, und ich habe noch Niemand gekannt, der
+schönere Stärken gehabt hätte, als er. In seinem Element ist er unermüdet
+thätig, fertig, entschlossen, und eine Seele voll der herrlichste Liebe und
+Unschuld. Ich habe ihn nie für einen Schwärmer gehalten, und er hat noch
+weniger Einbildungskraft, als ich mir vorstellte. Aber weil seine
+Empfindungen ihm die wahrsten, so sehr verkannten Verhältnisse der Natur in
+seine Seele prägen, er daher jede Terminologie wegwirft, aus vollem Herzen
+spricht und handelt, und seine Zuhörer in eine fremde Welt zu versetzen
+scheint, indem er sie in die ihnen unbekannten Winkel ihres eignen Herzens
+führt,--kann er dem Vorwurf eines Phantasten nicht entgehen.--Seine
+Physiognomik giebt ein weitläufiges Werk mit vielen Kupfern. Es wird große
+Beiträge zur bildenden Kunst enthalten, und dem Historien- und
+Portraitmaler unentbehrlich seyn."
+
+Während Goethe die deutsche Literatur und ihre Vertreter mit scharfem Blick
+beobachtete, ruhte nicht seine eigene literarische Thätigkeit. Einige
+Auskunft über mehrere schriftstellerische Arbeiten gab er in einem Briefe
+an Schönborn vom 1. Juni 1773. "Allerlei Neues," schrieb er, "hab' ich
+gemacht. Eine Geschichte des Titels: Die Leiden des jungen Werthers, darin
+ich einen jungen Menschen darstelle, der mit einer tiefen reinen Empfindung
+und wahrer Penetration begabt, sich in schwärmende Träume verliert, sich
+durch Speculation untergräbt, bis er zuletzt durch dazu tretende
+Leidenschaften, besonders eine endlose Liebe zerrüttet, sich eine Kugel vor
+den Kopf schießt. Dann hab' ich ein Trauerspiel gearbeitet: Clavigo, eine
+moderne Anecdote dramatisirt, mit möglichster Simplicität und
+Herzenswahrheit. Mein Held ist ein unbestimmter, halb groß, halb kleiner
+Mensch, der Pendant zum Weislinger im Götz, vielmehr Weislinger selbst in
+der ganzen Rundung einer Hauptperson. Auch finden sich hier Scenen, die ich
+im Götz, um das Hauptinteresse nicht zu schwächen, nur andeuten konnte.
+Noch einige Pläne zu großen Dramen hab' ich gefunden und in meinem Herzen."
+
+In diesem Briefe gestand Goethe, daß er "zwar nicht aus Frankfurt gekommen,
+doch ein so verworrenes Leben geführt habe, daß es ihm an neuen
+Empfindungen und Ideen nie gemangelt." Der Zeitpunkt war indeß nahe, wo er,
+nach seines Vaters Wunsch, Frankfurt wieder verlassen, und sich nach
+Wetzlar begeben sollte, um sich in dem dortigen Reichskammergericht in der
+juridischen Praxis zu üben. Dieser Ortswechsel hatte wenig Lockendes für
+ihn. Er fürchtete, daß in Wetzlar, außer dem Civil- und Staatsrecht, ihm
+nichts Wissenschaftliches entgegen treten, und daß besonders seine Liebe
+zur Poesie dort wenig Nahrung finden möchte. In letzterer Hinsicht sorgte
+das Schicksal für ihn, indem es ihm in Wetzlar zur Bekanntschaft Gotter's
+verhalf. Die entschiedene Vorliebe dieses Dichters für die französischen
+Dramatiker konnte Goethe zwar nicht theilen. Gleichwohl fand zwischen ihm
+und Gotter ein lebhafter Ideenaustausch statt. Durch seinen neuen Freund
+ward Goethe zu mehreren lyrischen Gedichten angeregt, die zum Theil, wie
+unter andern das treffliche Gedicht: "der Wanderer," in dem Göttinger
+Musenalmanach aufgenommen wurden. Dadurch kam Goethe in nähere Berührung
+mit dem Göttinger Dichterbunde, zu welchem die Grafen Stolberg, Voß,
+Bürger, Hölty u.A. gehörten. Die hohe Verehrung, welche die genannten
+Dichter Klopstock zollten, konnte Goethe nicht in gleichem Maße theilen.
+Seine frühere Begeisterung für den Sänger des Messias hatte eine Grenze
+gefunden, seit Klopstock in seinen Oden, statt der griechischen Mythologie,
+die Nomenclatur der nordischen Götterlehre eingeführt hatte.
+
+Unter seinen mannigfachen poetischen Beschäftigungen, besonders einem
+eifrigen Studium des Homer, ward Goethe durch täglich wiederkehrende
+Gespräche über den Zustand des Visitationsgerichts und über so manche dabei
+obwaltende Hindernisse und Mängel auf unangenehme Weise daran erinnert, daß
+er sich in Wetzlar befand. Das kleinliche Detail von Nachlässigkeiten,
+Versäumnissen, Ungerechtigkeiten, Bestechungen u.s.w. ermüdete ihn.
+Zerstreut durch öffentliche Amtsgeschäfte, wollte ihm keine ästhetische
+Arbeit gelingen. Erwünscht kam ihm die durch Merk in Darmstadt an ihn
+ergangene Aufforderung zu Beiträgen für die Frankfurter gelehrten Anzeigen.
+Goethe's Schwager, Schlosser, war der Herausgeber jenes Blattes. Die von
+Goethe für die Frankfurter gelehrten Anzeigen gelieferten Recensionen waren
+großentheils Nachklänge seiner akademischen Jahre. Ueberall zeigte sich
+darin die frisch hervorbrechende Naturkraft des Dichters, die allem
+trocknen Theorieenwesen abhold, sich in jeder Weise Luft zu machen suchte.
+Heftig bekämpfte er alles Falsche, Schiefe und Unnatürliche in jenen
+Recensionen, die kaum eine Spur enthielten von der in spätern Jahren ihm
+eignen Ruhe und Besonnenheit.
+
+Willkommene Zerstreuung fand er auf einer Rheinreise, zu der ihn Merk in
+Darmstadt aufgefordert hatte. In Coblenz lernte er Wielands Jugendfreundin
+Sophie la Roche, und außer ihr besonders den durch seine anziehende
+Unterhaltungsgabe bekannten Schriftsteller Leuchsenring kennen, dessen
+Charakter Goethe später mit vielem Humor in seinem Fastnachtsspiel "Pater
+Brey" schilderte. Manche Ausflüge unternahm Goethe in die Umgegend, unter
+andern nach Ehrenbreitstein.
+
+Seine schriftstellerische Thätigkeit hatte eine Zeit lang geruht. Erst als
+er Wetzlar verlassen und wieder nach Frankfurt zurückgekehrt war,
+gestaltete sich der Stoff zum "Götz von Berlichingen", den er lange mit
+sich herumgetragen, zu einem eigentlichen Ganzen. Dies Sujet hatte sich vor
+seiner Einbildungskraft so weit ausgedehnt, daß es die Grenzen der
+dramatischen Form völlig zu überschreiten drohte. Seine Schwester Cornelia
+konnte die Vollendung des Werks kaum erwarten. Sie äußerte oft ihre Zweifel
+an Goethe's Beharrlichkeit. Wie er in spätern Jahren erzählte, war er mit
+seiner Arbeit in sechs Wochen fertig. Weder Merk's, noch Herder's Urtheil,
+denen er sein Manuscript mittheilte, befriedigte ihn. Wie er selbst über
+sein dramatisches Product dachte, schilderte Goethe in spätern Jahren. Mit
+den ersten Acten seines Schauspiels war er im Allgemeinen zufrieden; in den
+folgenden aber, besonders gegen das Ende, habe ihn, meinte er, eine
+wunderbare Leidenschaft unbewußt hingerissen.
+
+"Ich hatte," gestand Goethe, "indem ich mich bemühte, Adelheid
+liebenswürdig zu schildern, mich selbst in sie verliebt. Unwillkürlich war
+meine Feder nur ihr gewidmet. Das Interesse an ihrem Schicksal nahm
+überhand, und wie ohnehin gegen das Ende des Stücks Götz außer aller
+Thätigkeit gesetzt, nur zu einer unglücklichen Theilnahme am Bauernkriege
+zurückkehrte, so war nichts natürlicher, als daß eine reizende Frau ihn bei
+mir ausstach. Diesen Mangel, oder vielmehr diesen tadelhaften Ueberfluß
+erkannt' ich bald. Ich suchte daher meinem Werke immer mehr historischen
+und nationalen Gehalt zu geben, und das, was daran fabelhaft oder blos
+leidenschaftlich war, auszulöschen, wobei ich freilich manches aufopferte.
+So hatte ich mir z. B. etwas Rechtes zu Gute gethan, indem ich in einer
+grausen nächtlichen Zigeunerscene Adelheid auftreten, und ihre schöne
+Gegenwart Wunder thun ließ. Eine nähere Prüfung verbannte diese Scene, so
+wie auch der im vierten und fünften Act umständlich ausgeführte
+Liebeshandel zwischen Franz und seiner gnädigen Frau sich in's Enge zog,
+und nur in seinen Hauptmomenten hervorleuchtete."
+
+Goethe entschloß sich zu einer Umarbeitung seines Schauspiels, die er in
+einigen Wochen vollendete. In seinen gesammelten Werken findet man auch den
+"Götz von Berlichingen" in seiner ursprünglichen Gestalt und eine spätere
+Theaterbearbeitung jenes Schauspiels vom Jahr 1804. Niemand war jedoch
+unzufriedener mit dieser Umformung seines Stücks, als Merk. Er drang auf
+die Herausgabe des Schauspiels, und erbot sich, als Goethe, wie schon
+früher bei den "Mitschuldigen," keinen Verleger finden konnte, die
+Druckkosten zu übernehmen, wenn Goethe für die Anschaffung des Papiers
+sorgen wollte. So ward der "Götz von Berlichingen" 1773 zu Hamburg gedruckt
+und bereits im nächsten Jahre neu aufgelegt in der Vaterstadt des Dichters,
+der sich, nach seinem eignen Geständnisse aus späterer Zeit, "bei sehr
+erschöpfter Casse in großer Verlegenheit befand, wie er das Papier bezahlen
+sollte, auf welchem er die Welt mit seinem Talent bekannt gemacht hatte."
+
+Der Stoff, den Goethe gewählt, war zu einer weit verbreiteten Wirkung
+geeignet. Indem er seinem eignen Freiheitsgefühl Luft machte, hatte er den
+deutschen Patriotismus genährt, der durch Klopstocks "Hermannsschlacht" und
+die Bardenlieder geweckt worden war. Der Antheil des Publikums an jener
+"wilden dramatischen Skizze," wie Goethe sein Schauspiel in spätern Jahren
+nannte, war um so größer, je edler und einnehmender die poetische Gestalt
+des historischen Götz von ihm gezeichnet worden war, der in einer wilden,
+gesetzlosen Zeit kein Bedenken trug, zur Selbsthülfe zu greifen. Unter dem
+Lobe, das dem Dichter sowohl der Schilderung der einzelnen Charaktere, als
+auch des Styls wegen gespendet ward, traf ihn auch mancher bittere Tadel,
+besonders der Vorwurf, das Faustrecht mit zu glänzenden Farben geschildert,
+und der gesetzlosen Willkühr dadurch das Wort geredet zu haben. Goethe
+schien sich um die über sein dramatisches Product gefällten Urtheile wenig
+zu kümmern. Belustigend aber war für ihn die Idee eines Buchhändlers, der
+ihn aufforderte, ein Dutzend solcher Stücke zu schreiben, und sie gut zu
+honoriren versprach.
+
+Mit Goethe's mannigfachen poetischen Entwürfen harmonirten nicht die völlig
+heterogenen Geschäfte, denen er sich in Wetzlar widmen mußte. Die kalte
+Wirklichkeit, die seine Ideale zerstörte, erzeugte in ihm einen tiefen
+Unmuth und beinahe völligen Lebensüberdruß, der noch verstärkt ward
+durch die leidenschaftliche Neigung zu einem ihm versagten Gegenstande.
+Durch den vertrauten Umgang mit Charlotte Buff, der Tochter eines
+Amtmanns in Wetzlar, die mit dem dort sich aufhaltenden Bremischen
+Gesandschaftssecretär Kestner verlobt war, suchte Goethe die Leere
+auszufüllen, die das aufgelöste Verhältniß mit der Pfarrerstochter in
+Sesenheim in seinem Herzen zurückgelassen hatte. Oft allein mit dem
+Gegenstande seiner Neigung, im Garten und auf einsamen Spaziergängen,
+fühlte er das Verderbliche seiner wachsenden Leidenschaft. Das Leben ward
+ihm gleichgültig, da seine hochfliegende Phantasie überall an die Schranken
+einer bürgerlichen Existenz im gewöhnlichsten Sinne des Worts stieß, die
+ihm keinen heitern Blick in die Zukunft gewährte. In seiner unmuthigen
+Stimmung kam ihm sogar einige Mal der Gedanke, sich selbst das Leben zu
+nehmen. Um so erschütternder wirkte auf ihn der Selbstmord eines seiner
+Bekannten. Es war Karl Wilhelm Jerusalem, ein Sohn des bekannten
+Braunschweiger Theologen. Gepeinigt von einer unbefriedigten Leidenschaft
+zu eben dem Gegenstande, welchem Goethe nicht ohne harten Kampf entsagt,
+hatte jener unglückliche junge Mann sein Leben durch eine Kugel geendet.
+
+Tief ergriffen von der genauen Schilderung jenes tragischen Ereignisses,
+unternahm es Goethe, in seinem "Werther" den qualvollen Zustand zu
+schildern, den er aus eigner Erfahrung kannte. Was er selbst empfunden,
+setzte sein Gemüth in eine leidenschaftliche Bewegung, und so geschah es,
+daß er seinem Roman das Feuer und die Gluth einhauchte, die keinen
+Unterschied zuläßt zwischen der Dichtung und der Wirklichkeit. Nach
+Goethe's eignem Geständniß in späterer Zeit schrieb er, jede äußere Störung
+so viel als möglich vermeidend, den "Werther" in vier Wochen, ohne zuvor
+einen eigentlichen Plan entworfen oder einzelne Theile seines Romans
+ausgeführt zu haben. Er ward beinahe vergöttert wegen seines Werks, fand
+aber auf der andern Seite auch zahlreiche Gegner, besonders als das
+unglückliche Ende seines schwärmerischen Helden manche zu gleicher That
+reizte.
+
+Dem vielfachen Unheil, daß man jenem Roman mit und ohne Grund beimaß, wäre
+zufälliger Weise beinahe vorgebeugt worden, wenn Goethe, verstimmt durch
+die Gleichgültigkeit Merk's bei der Mittheilung seines Romans, den
+Entschluß ausgeführt hätte, ihn sofort zu verbrennen. Mit dem Buchhändler
+Weygand in Leipzig war Goethe über den Verlag seines Romans einig geworden.
+Gerade an dem Hochzeitstage seiner Schwester Cornelia kam der Brief
+Weygands an, der ihn aufforderte, das Manuscript nach Leipzig zu senden.
+Der "Werther" erschien 1774, und bereits im nächsten Jahre eine neue
+Ausgabe mit einigen Zusätzen und mit einigen späterhin weggelassenen Versen
+auf dem Titelblatte der beiden Theile des Romans.
+
+Goethe war, als er sein Werk vollendet, wieder heiterer geworden. Er hatte
+sich, nach seinem eignen Geständniß in spätern Jahren, "aus einem
+stürmischen Element gerettet auf dem er durch eigene und fremde Schuld,
+durch zufällige und gewählte Lebensweise, durch Vorsatz und Uebereilung
+umhergetrieben worden war."
+
+In Bezug auf die zahllosen Nachahmungen, Kritiken und Parodien seines Werks
+äußerte er sich unmuthig in einem Briefe vom 6. März 1775 mit den Worten:
+"Ich bin des Ausgrabens und Secirens meines Werther herzlich satt. Der Eine
+schilt, der Andere lobt, der Dritte sagt, es gehe doch noch an, und so
+hetzt mich Einer wie der Andere. Nimmt mir's doch," fügte er hinzu, "nichts
+von meinem Ganzen, rührt's und rückt mich's doch nicht in meinen Arbeiten,
+die immer nur die aufbewahrten Freuden und Leiden meines Lebens sind." An
+einer von dem Berliner Buchhändler Friedrich Nicolai herausgegebenen
+Schrift, "die Freuden des jungen Werther" betitelt, rächte sich Goethe
+durch ein satyrisches Gedicht: "Nicolai an Werthers Grabe" und durch einen
+in Prosa geschriebenen Dialog zwischen Lotte und Werther. Beide Producte
+blieben ungedruckt.
+
+Den mannigfachen Fragen, die über das Leben und den Charakter des
+unglücklichen Jünglings, den er in seinem Roman geschildert, an ihn
+gerichtet wurden, suchte Goethevergebens auszuweichen. Die Neugier des
+Publikums befriedigte einigermaßen der unbekannte Verfasser einer damals
+(1775) erschienenen Schrift: "Berichtigung der Geschichte des jungen
+Werthers." Ungeachtet der ihm lästigen Zudringlichkeit fühlte sich Goethe
+doch als Autor geschmeichelt, daß mehrere talentvolle junge Männer seine
+Bekanntschaft suchten oder den Umgang mit ihm erneuerten. Am innigsten
+schloß sich, als er wieder nach Frankfurt zurückgekehrt war, der Dichter
+Lenz an ihn an, den er schon, wie früher erwähnt, in Straßburg kennen
+gelernt hatte. Er zeigte ihm mehrere seiner dramatischen Produkte, den
+"Hofmeister," den "neuen Mendoza" u.a.m. Auch Wagner, der als Doctor der
+Rechte und Advokat in Frankfurt, gleichfalls der Poesie huldigte, kam dem
+Verfasser des Götz und Werther mit treuherziger Offenheit entgegen. Er
+täuschte jedoch Goethe's Vertrauen, der ihm mehrere seiner dramatischen
+Pläne mitgetheilt hatte. Gretchens Katastrophe im Faust benutzte Wagner
+unter andern für ein von ihm geschriebenes Trauerspiel, "die
+Kindesmörderin" betitelt. Reiner und inniger war das Verhältniß Goethe's zu
+seinem Landsmann, dem Dichter Klinger.
+
+Mit Lavater hatte Goethe schon längere Zeit in Briefwechsel gestanden, und
+ihm, außer mehreren literarischen Entwürfen, den "Werther" im Manuscript
+mitgetheilt. Den 20. August 1774 schrieb er an Lavater: "Du wirst großen
+Antheil nehmen an den Leiden des lieben Jungen, den ich darstelle. Wir
+gingen neben einander, an die sechs Jahre, ohne uns zu nähern; und nun hab'
+ich seiner Geschichte meine Empfindungen geliehen, und so macht's ein
+wunderliches Ganze." In Bezug auf seine Thätigkeit bemerkte er in diesem
+Briefe: "Ich bin nicht laß; so lange ich auf der Erde bin, erobere ich
+gewiß meinen Schritt Landes täglich." Ueber seine Beschäftigungen ertheilte
+er einige Auskunft in einem spätern Schreiben vom 18. October 1774. "Meine
+Arbeit," äußerte er, "hat bisher in Portraits im Großen und in kleinen
+Liebesliedern bestanden. Ich habe seit drei Tagen mit dem mir möglichsten
+Fleiße gearbeitet, und bin noch nicht fertig. Es ist gut, daß man einmal
+Alles thue, was man thun kann." Lavaters Vorwürfe über die Zersplitterung
+seiner Zeit und Kräfte fertigte Goethe mit den Worten ab: "Was neckst Du
+mich wegen meiner Amüsements? Ich wollte, ich hätte eine höhere Bestimmung,
+so wollte ich weder meine Handlungen Amüsements nennen, noch mich, statt zu
+handeln, amüsiren."
+
+Eine fortwährende Anregung gab dem Briefwechsel Goethe's mit Lavater, außer
+den Artikeln, die jener für dessen Physiognomik lieferte, besonders
+Lavaters Lieblingsthema, der Streit zwischen Wissen und Glauben. Ein Brief
+Goethe's, vom 24. November 1774, an Lavater und dessen Freund, den Diakonus
+Pfenninger in Zürich zugleich gerichtet, enthielt in dieser Hinsicht einige
+charakteristische Bemerkungen. Mit Herzlichkeit und in dem vertraulichen
+Tone schrieb Goethe: "Glaube mir, lieber Bruder, es wird die Zeit kommen,
+da wir uns verstehen werden. Du redest mit mir, wie mit einem Ungläubigen,
+der begreifen will, der bewiesen haben will, der nicht erfahren hat; und
+von alle dem ist gerade das Gegentheil in meinem Herzen.--Bin ich nicht
+resignirter im Begreifen und Beweisen, als ihr? Ich bin vielleicht
+ein Thor, daß ich euch nicht den Gefallen thue, mich mit euren
+Worten auszudrücken, und daß ich nicht einmal durch eine reine
+Experimental-Psychologie meines Innern euch darlege, daß ich ein Mensch
+bin, daher nicht anders sentiren kann, als andere Menschen, und daß Alles,
+was unter uns Widerspruch scheint, nur Wortstreit ist, der daraus entsteht,
+weil ich die Sachen unter andern Combinationen sentire, und darum,
+ihre Relativität ausdrückend, sie anders benennen muß, welches aller
+Controversen Quelle ewig war und ewig bleiben wird.--Und daß du mich ewig
+mit Zeugnissen quälen willst! Wozu das? Brauch ich Zeugniß, daß ich bin?
+Zeugniß, daß ich fühle? Nur so schätze, liebe, bete ich die Zeugnisse an,
+die mir darlegen, wie Tausend oder Einer vor mir eben das gefühlt haben,
+was mich kräftigt und stärkt. Und so ist das Wort der Menschen mir Wort
+Gottes, mögen's Pfaffen oder Huren gesammelt, und es zum Kanon gerollt
+oder als Fragmente hingestreut haben. Und mit inniger Seele fall' ich
+dem Bruder um den Hals--Moses! Prophet! Evangelist! Apostel! Spinoza
+oder Macchiavell! Darf aber auch zu Jedem sagen: Lieber Freund, geht
+dir's doch wie mir. Im Einzelnen sentirst Du kräftig und herrlich; das
+Ganze aber ging in deinen Kopf so wenig, als in den meinigen."
+
+Der briefliche Ideenaustausch Goethe's mit Lavater verwandelte sich, als
+dieser 1774 wieder nach Frankfurt kam, in mündliche Ueberlieferung. Das
+Phantastische in Lavaters Natur verkannte Goethe nicht, aber er fand es,
+wie er in einem früher erwähnten Briefe sich ausgedrückt hatte, "mit dem
+schönsten, schlichtesten Menschenverstande gepaart." Ihn fesselte damals
+jede Natur, mochte sie auch von der seinigen noch so verschieden seyn. Nach
+Ems, wohin sich Lavater begab, begleitete ihn Goethe. Kaum wieder nach
+Frankfurt zurückgekehrt, traf er dort mit Basedow zusammen, der damals in
+der Pädagogik ein helleres Licht angezündet hatte, doch in allerlei
+seltsamen religiösen Ansichten befangen war, die er aufs Lebhafteste
+vertheidigte. Durch das Cynische in seinem Aeußern und ganzen Wesen fühlte
+sich Goethe zurückgestoßen, besonders durch den Geruch des schlechten
+Tabaks, den Basedow auf der Reise nach Ems, wohin ihn Goethe begleitete,
+fortwährend in die Luft blies. In mehrfacher Weise störte Basedow die
+gesellige Unterhaltung in dem Hause der Frau v. Stein zu Nassau. Als Goethe
+mit Lavater und Basedow wieder nach Frankfurt zurückkehrte, und, wie er in
+einem noch erhaltenen Gedicht sagt: "als das Weltkind zwischen zwei
+Propheten saß," benutzte er Basedows entschiedene Abneigung gegen die
+Trinitatslehre zu einer lustigen Rache. Er hieß den Kutscher schnell
+vorüberfahren bei einem Wirthshause, in welchem Basedow seinen brennenden
+Durst stillen wollte. Indem Goethe auf das mit zwei verschränkten Triangeln
+versehene Gasthofsschild hinwieß, äußerte er schalkhaft, daß Basedow, der
+schon über Einen Triangel außer Fassung gerathe, bei diesem Anblick
+geradezu verrückt hätte werden müssen.
+
+Unbefriedigt und verletzt durch die ungleichartigen Naturen Lavaters und
+Basedows, schloß sich Goethe mit größerer Innigkeit den Gebrüdern Jacobi
+an, die er in Cöln kennen gelernt hatte. Der Dichter I.G. Jacobi verzieh
+ihm den Spott, den er sich über seine mit Gleim gewechselten Briefe und
+Gedichte, die damals im Druck erschienen waren, erlaubt hatte. Das offene
+Vertrauen, mit welchem ihm besonders F.H. Jacobi entgegenkam, gewann
+Goethe's Herz. Aber auch sein Geist fand Befriedigung in mannigfachen
+philosophischen Gesprächen, besonders über das System und die Lehre
+Spinoza's. Im wechselseitigen Austausch ihrer Ideen fühlten sich die
+Freunde sehr glücklich. Jacobi schrieb damals, den 27. August 1774, an
+Wieland: "Was Goethe und ich einander seyn sollten, seyn mußten, war,
+sobald wir vom Himmel herunter neben einander gefallen waren, sogleich
+entschieden. Jeder glaubte von dem Andern mehr zu empfangen, als er ihm
+geben konnte; Mangel und Reichthum auf beiden Seiten umarmten einander; so
+ward die Liebe unter uns."
+
+In der Gemäldegallerie zu Düsseldorf, wohin Goethe mit den Gebrüdern Jacobi
+gereist war, fand sein Kunstsinn volle Befriedigung. Mit einem seiner
+Straßburger Bekannten, mit Jung-Stilling, traf Goethe in Elberfeld
+zusammen. Heinse, der Verfasser des Ardinghello, den er dort kennen lernte,
+bewunderte, nach einer brieflichen Aeußerung, an dem damals fünf und
+zwanzigjährigen Goethe "das Genie, vom Wirbel bis zur Zehe, den Geist mit
+Adlersflügeln."
+
+Nach den verschiedenartigsten Richtungen verlor sich, als er wieder nach
+Frankfurt zurückgekehrt war, Goethe's literarische Thätigkeit. Er äußerte
+sich darüber in einem damaligen Briefe: "Geschrieben hab' ich allerlei,
+gewissermaßen wenig, im Grunde nichts. Wir schöpfen den Schaum von dem
+großen Strom der Menschheit mit unsern Kielen, und bilden uns ein,
+wenigstens schwimmende Inseln gefangen zu haben." So bezeichnete Goethe
+seine mannigfachen literarischen Entwürfe, von denen fast keiner ausgeführt
+ward. Längere Zeit beschäftigte ihn die Idee, das Leben Mahomet's
+dramatisch zu behandeln. Mehrere Scenen wurden theils skizzirt, theils
+vollendet. Erhalten hat sich jedoch von jenem Stück nichts weiter, als das
+in Goethe's Werken aufbewahrte Gedicht: "Mahomet's Gesang." Die bekannte
+Geschichte von dem ewigen Juden, die sich ihm schon früh durch die
+Volksbücher eingeprägt hatte, wollte er zu einem Epos benutzen. Auch die
+Fabel vom Prometheus hielt er für eine dramatische Bearbeitung geeigenet,
+von der sich jedoch nichts weiter erhalten hat, als das in Goethe's Werken
+aufbewahrte Gedicht "Prometheus." Vollendet ward von Goethe um diese Zeit
+(1774) nur das Trauerspiel "Clavigo", wozu ihm die von Beaumarchais
+geschriebenen Memoiren die nächste Veranlassung gegeben hatten.
+Gleichzeitig veröffentlichte Goethe aber auch unter dem Titel einer Farçe
+seine dramatische Dichtung: "Götter, Helden und Wieland." In den
+Anmerkungen zu seiner Uebersetzung Shakspeare's hatte Wieland den großen
+Britten scharf getadelt. Durch diesen Tadel und die zu moderne Behandlung
+der griechischen Götter in dem von Wieland geschriebenen Singspiel
+"Alceste" gereizt und aufgeregt, schrieb Goethe jenes satyrische Product,
+das seinen bisherigen Verhältnissen unvermuthet eine ganz andere und für
+sein späteres Leben einflußreiche Wendung gab.
+
+Durch jene Posse hatte Goethe die Aufmerksamkeit eines jungen Fürsten
+erregt, der sich für den Verfasser des Götz und Werther bereits lebhaft
+interessirt hatte. Es war der damalige Erbprinz und nachheriger Großherzog
+Carl August von Sachsen-Weimar, der begleitet von seinem jüngern Bruder,
+dem Prinzen Constantin und dessen Erzieher v. Knebel, auf einer damalichen
+Reise Frankfurt berührte. Goethe ward den beiden Fürsten auf deren Wunsch,
+vorgestellt und bald nachher, im November 1775, als geheimer Legationsrath
+nach Weimar gerufen, wo er im damaligen geheimen Consilium Sitz und Stimme
+erhielt. Sein neues Verhältniß schilderte er in einem Briefe an Lavater vom
+21. December 1775 mit den Worten: "Ich bin hier in Weimar wie unter den
+Meinigen. Der Herzog wird mir immer werther, und ich ihm immer
+verbundener." In einem spätern Briefe vom 22. Januar 1778 meldete Goethe
+seinem Freunde Merk: "Ich bin nun ganz in alle Hof- und politische Händel
+verwickelt. Meine Lage ist vorteilhaft genug, und die Herzogthümer Weimar
+und Eisenach sind immer ein Schauplatz, um zu versuchen, wie einem die
+Weltrolle zu Gesichte steht."
+
+Mit vielem Humor charakterisirte Goethe seinen heterogenen Geschäftskreis
+in einem Briefe an Merk vom 5. August 1778. "Im Innern", schrieb er, "geht
+mir alles nach Wunsch. Das Element, in dem ich schwebe, hat alle
+Aehnlichkeit mit dem Wasser; es zieht Jeden an, und doch versagt dem, der
+auch nur bis an die Brust hineinspringt, im Anfange der Athem. Muß er nun
+gar gleich tauchen, so verschwinden ihm Himmel und Erde. Hält man's dann
+eine Weile aus, und kriegt das Gefühl, das einem das Element trägt, und daß
+man doch nicht untersinkt, wenn man gleich nur mit der Nase hervor guckt,
+nun so findet sich im Menschen auch Glied und Geschick zum Froschwesen, und
+man lernt mit wenig Bewegung viel thun."
+
+Dieser Brief Goethe's enthielt auch eine Schilderung seiner durch ein
+bekanntes Gedicht verewigten Harzreise. "Letzten Winter", schrieb er, "hat
+mir eine Reise auf den Harz das reinste Vergnügen gegeben. Du weißt, so
+sehr ich's hasse, wenn man das Natürliche abentheuerlich machen will, so
+wohl ist mir's, wenn das Abenteuerliche natürlich zugeht. Ich machte mich
+ganz allein auf, etwa den letzten November, zu Pferde, mit einem
+Mantelsack, und ritt durch Schloßen, Frost und Koth aus Nordhausen den Harz
+hinein in die Baumannshöhle, über Wernigerode, Goßlar, auf den hohen Harz,
+das Detail erzähl' ich dir einmal, und überwand alle Schwierigkeiten, und
+stand am 8. December, glaub' ich, Mittags um Eins auf dem Brocken, oben in
+der heitersten, brennendsten Sonne, über dem anderthalb Ellen hohen Schnee,
+und sah die Gegend von Deutschland unter mir, Alles von Wolken bedeckt, daß
+der Förster, den ich mit Mühe persuadirt hatte, mich zu führen, selbst vor
+Verwunderung außer sich kam, sich da zu sehen, da er viele Jahre am Fuße
+wohnend, das immer für unmöglich gehalten hatte. Da war ich vierzehn Tage
+allein, daß kein Mensch wußte, wo ich war. Von dem Gedanken der Einsamkeit
+findest du auf dem beiliegenden Blatt fliegende Streifen." Dies Blatt
+enthielt das bekannte Gedicht: "Harzreise im Winter." Mehrere Stellen darin
+bezogen sich auf den Sohn des Superintendenten Plessing in Wernigerode,
+einen talentvollen, doch zum Theil durch das Lesen des "Werther" in eine
+unheilbare Schwermuth versunkenen jungen Mann, den Goethe im Gasthofe zu
+Wernigerode kennen gelernt hatte.
+
+Was Goethe selbst in spätern Jahren sich zum Vorwurf machte, daß er durch
+sein zerstreutes und vielfach bewegtes Leben die Wirksamkeit seines
+poetischen Talents beschränkt und beinahe zerstört habe, rügte schon damals
+sein Freund Merk mit den Worten: "Was Teufel fällt dem Wolfgang ein, am
+Hofe herumzuschranzen und zu scherwenzeln? Giebt es nichts Besseres für ihn
+zu thun?" Die Wahrheit dieser auch von Andern ihm gemachten Vorwürfe fühlte
+Goethe. Aber er erkannte und schätzte auch das Wohlwollen und die
+Freundschaft seines Fürsten, und bemühte sich dem ihm geschenkten Vertrauen
+auf jede Weise zu entsprechen. Mit seinem Beruf, wenn ihm derselbe
+vielleicht auch nicht völlig klar war, meinte er es jedenfalls redlich. In
+einem seiner damaligen Briefe gestand er: das ihm aufgetragene Tagwerk, das
+ihm täglich leichter und schwerer werde, erfordere wachend und träumend
+seine Gegenwart.
+
+"Diese Pflicht", schrieb er, "wird mir täglich theurer, und darin wünschte
+ich's den größten Menschen gleich zu thun, und in nichts Größerem. Diese
+Begierde, die Pyramide meines Daseyns, deren Basis mir angegeben und
+gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles
+Andere, und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf nicht säumen,
+ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksal
+in der Mitte, und der babylonische Thurm bleibt stumpf unvollendet.
+Wenigstens soll man sagen, er war kühn entworfen, und wenn ich lebe,
+sollen, will's Gott, die Kräfte hinaufreichen."
+
+Begrenzt ward dieser weit aussehende Lebensplan Goethe's durch das in ihm
+erwachte lebhafte Interesse an theatralischen Vorstellungen. Zu Ettersburg
+und Tiefurt waren mehrere kleine Stücke und Operetten in den Buchenwäldern
+an der Ilm aufgeführt worden. Einsiedel, Seckendorf, Musäus u.A. hatten
+jenem Bedürfniß durch dramatische Producte gehuldigt, und Goethe selbst
+hatte zu diesem Zweck seine "Fischerin", und die Singspiele "Erwin und
+Elmire" und "Claudine von Villa Bella" gedichtet. Später übernahm er die
+Leitung eines in Weimar errichteten Liebhabertheaters, bei welchem der Hof
+die Kosten der Garderobe, Musik, Beleuchtung u.s.w. bestritt. Eine
+Hauptzierde jener Bühne war die talentvolle Carona Schröter, damals
+Hofsängerin, welcher Goethe später in seinem Gedicht: "Miedings Tod" ein
+unvergängliches Denkmal setzte. Auch Goethe trat in jenem Lieblingstheater
+auf, als Alcest in den "Mitschuldigen", später als Orest in seiner
+"Iphigenie" auf. Sein Spiel in ernsten Rollen soll zu leidenschaftlich und
+ungestüm gewesen seyn. Besser gelang ihm die Darstellung humoristischer
+Charaktere, vorzüglich in den von ihm gedichteten Fastnachtsspielen, als
+Hamann, als Marktschreier in dem "Jahrmarkt von Plundersweilern" u.a.m. Für
+theatralische Zwecke schrieb Goethe, außer seinen größern Werken, noch das
+dramatisch vorgestellte Gedicht "Epiphanias."
+
+Ueber einen kurzen Aufenthalt in Berlin, wohin er 1778 den Herzog von
+Weimar begleitete, schrieb Goethe an Merk: "Ich war nur wenige Tage in
+Berlin, und guckte nur drein, wie das Kind in den Schön-Raritäten-Kasten.
+Aber du weißt, wie ich im Anschauen lebe; es sind mir tausend Lichter
+aufgegangen. Und dem alten Fritz bin ich recht nahe worden; da hab' ich
+sein Wesen gesehen, sein Gold, Silber, Marmor, Affen, Papageien und
+zerrissene Vorhänge, und habe über den großen Menschen seine eignen
+Lumpenhunde räsonniren hören. Die Generäle, die ich halbdutzendweise bei
+Tisch mir gegenüber gehabt, machen mir den jetzigen König gegenwärtiger.
+Mit Menschen hab' ich sonst gar nichts zu verkehren gehabt, und habe in
+preußischen Staaten kein laut Wort hervorgebracht, daß sie nicht könnten
+drucken lassen, dafür ich gelegentlich als stolz u.s.w. ausgeschrieen
+worden bin."
+
+Einen weitern Ausflug unternahm Goethe 1779 nach der Schweiz. Er machte
+diese Reise in Gesellschaft seines von ihm hochverehrten Fürsten, der ihn
+kurz zuvor zum Geheimen Rath ernannt hatte. Die glückliche Heimkehr
+wünschte Goethe durch ein Denkmal zu verewigen, das er dem Herzog im
+Weimarischen Park errichten lassen wollte. Sehr ausführlich äußerte er sich
+in einem im November 1779 geschriebenen Briefe an Lavater über diese Idee,
+bei der er auf die Mitwirkung des rühmlich bekannten Malers Füßli in Zürich
+rechnete. "Mein erster Gedanke," schrieb Goethe, "war so. Ich wollte dem
+Monument eine viereckige Form geben. Von drei Seiten sollte jede eine
+einzelne bedeutende Figur, und die vierte eine Inschrift haben. Zuförderst
+sollte das gute heilsame Glück stehen, durch das die Schlachten gewonnen
+und die Schiffe regiert werden, günstigen Wind im Nacken, die launische
+Freundin und Belohnerin kecker Unternehmungen mit Steuerruder und Kranz. Im
+Felde zur Rechten hatte ich mir den Genius, den Antreiber, Wegmacher,
+Wegweiser, Fackelträger muthigen Schrittes gedacht. In dem Felde zur Linken
+sollte Terminus, der ruhige Grenzbeschreiber, der bedächtige, mäßige
+Rathgeber stillstehend mit dem Schlangenstabe einen Grenzstein bezeichnen,
+jener lebend rührig vordringend, dieser ruhig, sanft in sich gekehrt, zwei
+Söhne, eine Mutter--der ältere jener, der jüngere dieser. Das hintere Feld
+hatte die Inschrift: Fortunae Duci Reduci Natisque Genio Et Termino Ex
+Voto. Du siehst, was ich für Ideen damit zusammenbinden wollte. Sowohl auf
+dieser Reise als im ganzen Lande, als im ganzen Leben, sind wir diesen
+Gottheiten sehr zu Schuldnern geworden. Das erste Mal, wo wir nach einer
+langen, nicht immer fröhlichen Zeit, in die freie Welt kommen, zusammen den
+ersten bedeutenden Schritt wagen, gleich mit dem schönsten Hauche des
+Glücks fortgetrieben zu werden, in der spätern Jahreszeit, Alles mit
+günstiger Sonne und Gestirnen. Den ganzen Weg, den wir machen, begleitet
+von einem guten Geiste, der überall die Fackel vorträgt, hierhin ladet,
+dorthin treibt, daß, wenn ich zurück sehe, wir zu so manchem, das unsere
+Reise ganz macht, nicht durch unsere Wege und Wollen geleitet worden sind,
+und dann am Ende, daß wir auch durch den schönen Glückssohn bedeutet
+wurden, wo wir aufhören, wo wir einen Grenzbogen beschreiben und wieder
+zurückkehren sollten, was wieder einen unglaublichen Einfluß auf unsere
+Zurückgelassenen hat und haben wird. Das alles zusammen giebt mir die
+Empfindung, die ich nicht schöner zu ehren weiß, als womit alle Zeiten
+durch die Menschen Gott verehrt haben." Das in diesem Briefe ausführlich
+beschriebene Denkmal, das aus einem "lichtgrauen Stein" bestehen sollte,
+"der an den Marmor grenze," kam nicht zu Stande. Die Ausführung dieser
+Idee mochte ihre Schwierigkeiten haben. Ob der Maler Füßli die von ihm
+gewünschte Zeichnung wirklich lieferte, ist zweifelhaft. So viel ist gewiß,
+daß sie im Frühjahr 1780 noch nicht vorhanden war.
+
+Mit Lavater, der sich darüber in einem seiner Briefe bitter beklagte, hatte
+Goethe in der Schweiz genußreiche Tage verlebt. Er freute sich sehr, ihn
+wieder zu sehen, und seine Gedanken mit ihm austauschen zu können, so wenig
+beide auch, besonders in ihren Ansichten über religiöse Gegenstände, mit
+einander übereinstimmten. "Nicht allein vergnüglich", schrieb Goethe den
+28. October 1779, "sondern gesegnet uns beiden, soll unsere Zusammenkunft
+seyn. Für ein Paar Leute, die Gott auf so verschiedene Art dienen, sind wir
+vielleicht die einzigen, und ich denke, wir wollen mehr zusammen überlegen
+und ausmachen, als ein ganzes Concilium mit seinen Pfaffen, Huren und
+Mauleseln. Eins aber werden wir doch wohl thun, daß wir einander unsere
+Particular-Religionen ungehudelt lassen. Du bist gut darin, aber ich bin
+manchmal hart und unhold. Da bitt' ich dich im Voraus um Geduld. So hat mir
+z. B. Tobler deine Offenbarung Johannis gegeben. An der ist mir nun nichts,
+als deine Handschrift, darum hab' ich sie auch zu lesen angefangen. Es
+hilft nichts, ich kann das Göttliche nirgends, und das Poetische nur hie
+und da finden. Das Ganze ist mir fatal; mir ist's, als röche ich überall
+einen Menschen durch, der gar keinen Geruch von dem gehabt, der da ist A.
+und O.--Ich bin ein sehr irdischer Mensch; mir ist das Gleichniß vom
+ungerechten Haushalter, vom verlornen Sohn, vom Säemann, von der Perle u.
+s. w. göttlicher--wenn je was Göttliches da seyn soll--als die sieben
+Botschafter, Leuchter, Hörner, Siegel, Sterne und Wehe. Ich denke auch aus
+der Wahrheit zu seyn, aber aus der Wahrheit der fünf Sinne, und Gott habe
+Geduld mit mir, wie bisher.--Gegen deine Messiade hab' ich nichts; sie
+liest sich gut, wenn man einmal das Buch mag, und was in der Apokalypse
+enthalten ist, drückt sich durch deinen Mund rein und gut in die Seele. Das
+willst du da; wozu denn aber die ewigen Trümpfe, mit denen man nicht
+sticht, und kein Spiel gewinnt, weil sie kein Mensch gelten läßt? Du
+siehst, ich bin noch immer der Alte, und falle dir wieder von eben der
+Seite, wie vormals, zur Last. Ich war schon in Versuchung, das Blatt zu
+zerreißen; doch da wir uns sehen werden, so mag es gehen."
+
+Die in diesem Briefe enthaltenen Aeußerungen zeigten, wie Goethe den
+nüchternen gesunden Menschenverstand den schwärmerischen Ansichten Lavaters
+gegenüber geltend machte. Im mündlichen Austausch ihrer Ideen, im
+traulichen Gespräch hatten sie sich wenigstens so weit genähert, als ihre
+individuelle Denk- und Empfindungsweise erlaubte. Selbst das mißbilligende
+Urtheil über manche Schriften Lavaters nahm Goethe zurück. "Deine
+Offenbarung Johannis," schrieb er den 2. November 1779, "hat mir viel
+Vergnügen gemacht. Ich habe sie recht und vieles davon mehr als einmal
+gelesen. Da ich hörte, du habest darüber von Amtswegen gepredigt, gab es
+mir ein ganz neues Interesse, denn ich konnte nun mehr begreifen, wie du
+dich mit diesem Buche so lange beschäftigt, es ganz in dich hinüber
+empfunden hast, und es in einem so fremden vehiculo ohne fremden,
+vielleicht eigentlich heterogenen Zusatz wieder aus dir herausquellen
+lassen konntest; denn nach meiner Empfindung macht deine Ausmalung keinen
+andern Eindruck, als die Originalskizze macht, wenigstens einer Seele aus
+diesem Jahrhundert, wo man die Ideen, die du hineinlegst, selbst von
+Kindheit an hineinzulegen pflegt. Die Arbeit selbst ist dir glücklich von
+statten gegangen; einige treffliche Züge der Auslegung und Empfindung sind
+darin. Ausgemalt sind viele Stellen ganz trefflich, besonders alle, die der
+innern Empfindung von Zärtlichkeit und Kraft, wie z. B. die Verheißung des
+ewigen Lebens, das Weiden der Schafe unter Palmen u. s. w. In einigen
+Gestalten und Gleichnissen hast du dich auch gut gehalten; nur schwinden
+deine Ungeheuer für mich zu schnell in allegorischen Dampf. Doch ist auch
+dieß, wenn ich's recht bedenke, das klügste Theil, das du ergreifen
+kannst." Der Brief schließt mit den herzlichen Worten: "Laß uns ja einander
+bleiben, einander mehr werden. Neue Freunde und Lieben mag ich nicht.
+Leider fühl' ich meine dreißig Jahre und Weltwesen. Schon einige Ferne von
+dem werdenden, sich entfaltenden, ich erkenn' es noch mit Vergnügen, mein
+Geist ist ihm nah, aber mein Herz ist fremd. Große Gedanken, die dem
+Jüngling ganz fremd, füllen jetzt meine Seele."
+
+In einem Briefe an Merk, vom 7. April 1780, meldete Goethe seine Genesung
+von einer langwierigen Krankheit, die ihn bald nach der Rückkehr aus der
+Schweiz befallen. "Schon in Frankfurt," schrieb er, "und als wir in der
+Kälte an den Höfen herumzogen, war mir's nicht just. Die Bewegung der Reise
+ließ es nicht zum Ausbruch kommen. Doch hatte ich eine böse
+Zusammengezogenheit, eine Kälte, und Untheilnehmung, die Jedermann auffiel
+und gar nicht natürlich war. Jetzt geht Alles wieder ganz gut."
+
+Dieser Brief Goethe's enthielt zugleich flüchtige Andeutungen über manche
+literärische Entwürfe, die jedoch größtentheils unausgeführt blieben. "Der
+wichtigste Theil meiner Schweizerreise," schrieb er, "ist aus einzelnen, im
+Moment geschriebenen Blättchen und Briefchen durch eine lebhafte Erinnerung
+componirt. Wieland declarirte es für ein Poema. Ich habe aber noch weit
+mehr damit vor, und wenn es mir glückt, so will ich mit diesem Garn viele
+Vögel fangen. Zur Geschichte Herzog Bernhards von Weimar hab' ich viele
+Documente und Collectaneen zusammengebracht, kann sie schon ziemlich
+erzählen, und will, wenn ich erst den Scheiterhaufen gedruckter und
+ungedruckter Nachrichten, Urkunden und Anecdoten recht zierlich
+zusammengelegt, ausgeschmückt, und eine Menge schönen Räucherwerks und
+Wohlgeruchs darauf herumgestreut habe, ihn einmal bei schöner trockner
+Nachtzeit anzünden, und auch dieses Kunst- und Lustfeuer zum Vergnügen des
+Publici brennen lassen."
+
+Auch in einem spätern Briefe an Lavater, vom 5. Juni 1780, nahm Goethe die
+Idee einer Biographie des Herzogs Bernhard wieder auf. "Ich scharre",
+schrieb er, "nach meiner Art, Vorrath zu einer Lebensbeschreibung dieses
+als Helden und Herrscher wirklich sehr merkwürdigen Mannes, der in seiner
+kurzen Laufbahn ein Liebling der Menschen gewesen ist, allmählich zusammen,
+und erwarte die Zeit, wo mir's vielleicht glücken wird, ein Feuerwerk
+daraus zu machen. Seine Jahre fallen in den dreißigjährigen Krieg. Sein und
+seiner Brüder Familiengemälde interessirt mich noch am meisten, da ich
+ihren Urenkeln, in denen so manche Züge leibhaftig wiederkommen, so nahe
+bin. Uebrigens versuche ich allerlei Beschwörungen und Hocus pocus, um
+die Gestalten gleichzeitiger Helden und Lumpen in Nachahmung der Hexe zu
+Endor wenigstens bis an den Gürtel aus dem Grabe steigen zu lassen, und
+allenfalls irgend einen König, der an Zeichen und Wunder glaubt, in's
+Bockshorn zu jagen."
+
+Ueber jene Idee, die er wieder aufgab, äußerte sich Goethe in späteren
+Jahren mit den Worten: "Manche Zeit und Mühe ward auf den Vorsatz, das
+Leben Herzog Bernhards zu schreiben, vergebens aufgewendet. Nach vielfachem
+Sammeln und mehrmaligem Schematisiren ward zuletzt nur allzu klar, daß die
+Ereignisse des Helden kein Bild machten. In der jammervollen Ilias des
+dreißigjährigen Krieges spielte er eine würdige Rolle, ließ sich aber von
+jener Gesellschaft nicht absondern. Einen Ausweg glaubte ich jedoch
+gefunden zu haben. Ich wollte das Leben schreiben wie einen ersten Band,
+der den zweiten nothwendig machte. Ueberall sollten Verzahnungen stehen
+bleiben, damit Jedermann bedauerte, daß ein frühzeitiger Tod den Baumeister
+verhindert habe, sein Werk zu vollenden. Für mich war diese Bemühung nicht
+unfruchtbar; denn wie das Studium zu Götz von Berlichingen mir tiefere
+Einsicht in das funfzehnte und sechszehnte Jahrhundert gewährte, so mußte
+mir diesmal die Verworfenheit des siebzehnten sich mehr entwickeln, als
+sonst vielleicht geschehen wäre."
+
+Auch durch anderweitige Beschäftigungen mochte Goethe jener historischen
+Arbeit entzogen worden seyn. Noch immer betrieb er mit lebhaftem Interesse
+die seit frühester Jugend ihm liebgewordenen Kunststudien. Seine Briefe an
+Merk und Lavater enthielten mannigfache Aeußerungen über den Entwurf und
+die Ausführung werthvoller Landschaften, Blätter und Skizzen, die er theils
+besaß, theils zu erhalten wünschte, um seine Sammlung zu vervollständigen.
+Ueber Albrecht Dürer schrieb er den 6. März 1780 an Lavater: "Ich verehre
+täglich mehr die mit Gold und Silber nicht zu bezahlende Arbeit des Mannes,
+der, wenn man ihn recht im Innersten erkennen lernt, an Wahrheit,
+Erhabenheit, und selbst Grazie nur die ersten Italiener zu seines Gleichen
+hat. Dieses wollen wir laut sagen." In diesem Briefe erwähnte er den Besitz
+einer Sammlung von "geistigen Handrissen, besonders in Landschaften", die
+er zu vermehren wünschte. Er schrieb darüber an Lavater: "Passe doch auf,
+dir geht so vieles durch die Hände. Wenn du so ein Blatt findest, worauf
+die erste, schnellste, unmittelbarste Aeußerung des Künstlergeistes
+gedruckt ist, so lasse es dir nicht entwischen, wenn du's um leidliches
+Geld haben kannst. Mir macht's ein besonderes Vergnügen."
+
+Genährt ward Goethe's Kunstinteresse durch einen vierzehntägigen Aufenthalt
+Oeser's in Ettersburg. Nichts konnte ihm erfreulicher seyn, als das
+Wiedersehen seines alten Leipziger Freundes und Lehrers, dem er, nach
+seinem eignen Geständniß in früher mitgetheilten Briefen, einen großen
+Theil seiner Bildung verdankte. Oeser war vielfach beschäftigt mit der
+Einrichtung und Anordnung des Liebhabertheaters in Ettersburg, auf welchem
+das von Goethe nach Aristophanes bearbeitete Lustspiel: "die Vögel"
+vorgestellt werden sollte. Goethe schrieb über Oeser: "Der Alte hatte den
+ganzen Tag etwas zu kramen, anzugeben, zu verändern, zu zeichnen, zu
+deuten, zu besprechen, zu lehren u.s.w., daß keine Minute leer war. Seitdem
+er fort ist, gehts freilich ein wenig stiller und einfacher zu."
+
+Durch Oeser's Abreise wich Goethe's Neigung zur Kunst allmählich dem in
+späteren Jahren wachsenden Interesse an mannigfachen Naturgegenständen.
+Seinem Freunde Merk hatte er in einem Briefe vom 3. Juli 1780 die Nachricht
+mitgetheilt, daß der Bildhauer Klauer Oeser's Kopf "allerliebst bossirt",
+und daß derselbe in Gyps gegossen und in grauen Stein gehauen werden solle.
+"A propops", fügte er hinzu, "von Steinen hab' ich jetzt etwas sehr
+Angenehmes und Unterhaltendes angefangen. Durch einen jungen Menschen, den
+wir zum Bergwesen herbeiziehen, lasse ich eine mineralogische Beschreibung
+von Weimar, Eisenach und Jena machen. Er bringt alle Steinarten mit seiner
+Beschreibung überein, und numerirt mit, woraus ein sehr einfaches aber für
+uns interessantes Cabinet entsteht. Wir finden auch mancherlei, was gut und
+nützlich, ich will aber nicht sagen, einträglich ist." Seinen Brief schloß
+Goethe mit der an Merk gerichteten Bitte: "Du thust mir einen großen
+Gefallen, wenn du mir gelegentlich ein Stück von den Graniten schicktest,
+die nicht weit von euch im Gebirge liegen, wo große abgesägte Stücke davon
+glauben machen, daß die Römer ihre Obelisken daher geholt haben. Wenn du
+einmal Gelegenheit findest zu erforschen, was der Felsberg auf seiner
+höchsten Höhe für Steine hat, wird es mir auch sehr angenehm seyn."
+
+Während Goethe das Gebiet der Wissenschaft und Kunst nach den
+mannigfachsten Richtungen durchstreifte, schien seine poetische Thätigkeit
+zu schlummern. Geweckt ward sie wieder durch die Erscheinung von Wielands
+Oberon. Er schrieb darüber an Merk den 7. April 1780: "Du wirst den Oberon
+gelesen und dich daran erfreut haben. Ich habe Wielandn' dafür einen
+Lorbeerkranz geschickt, der ihn sehr erfreut hat." Nach einem spätern
+Briefe an Lavater vom 3. Juli 1780 war Goethe überzeugt: "so lange Poesie
+Poesie, Gold Gold und Crystall Crystall bleibe, werde auch Wieland's Oberon
+als ein Meisterstück poetischer Kunst geliebt und bewundert werden."
+
+Von dem genannten Epos begeistert, warnte er in einem Briefe vom 24. Juni
+1780 vor der seichten und anmaßenden Kritik, die auch das Trefflichste
+nicht verschone. "Bei Gelegenheit von Wieland's Oberon", schrieb er an
+Lavater, "brauchst du das Wort Talent, als wenn es der Gegensatz von Genie
+wäre, wo nicht ganz, doch wenigstens etwas Subordinirtes. Wir sollten aber
+bedenken, daß das eigentliche Talent nichts weiter seyn kann, als die
+Sprache des Genies. Ich will nicht chikaniren, denn ich weiß wohl, was du
+im Durchschnitt damit sagen willst, und ich zupfe dich nur beim Aermel. Wir
+sind oft gar zu freigebig mit allgemeinen Worten, und schneiden, wenn wir
+ein Buch gelesen haben, das uns von Seite zu Seite Freude gemacht, und
+aller Ehren werth vorgekommen ist, endlich gern mit der Scheere so gerade
+durch, wie durch einen weißen Bogen Papier. Wenn ich ein solches Werk auch
+blos als ein Schnitzbildchen ansehe, so wird es doch der feinsten Scheere
+unmöglich, alle kleinen Formenzüge und Linien, worin der Werth liegt,
+herauszusondern. Es ist nachher noch eins, was man nicht so leicht an einem
+solchen Werke schätzt, weil es so selten ist: daß nämlich der Autor nichts
+hat machen wollen und gemacht hat, als was eben da steht. Für das Gefühl,
+die Kunst und Freiheit, vieles wegzulassen, gebührt ihm freilich der größte
+Dank, den ihm aber auch nur der Künstler und Mitgenosse giebt."
+
+Damit beruhigte sich Goethe bei dem einseitigen Urtheil, das von mehreren
+Seiten seinen "Triumph der Empfindsamkeit" traf, eine harmlose Satyre auf
+das damalige Weimarische Theaterpersonal, mit Anspielungen auf mancherlei
+Vorfälle und Tagesereignisse. Manchen Tadel mußte er auch vernehmen über
+die vorherrschende Sentimentalität in dem von ihm geschriebenen Schauspiel
+"Lila", in dem Drama "die Geschwister," und in andern seiner damaligen
+Producte. In eine dramatische Form kleidete Goethe auch mehrere theils
+ernste, theils scherzhafte Gedichte, zu denen er durch Festlichkeiten des
+Weimarischen Hofes veranlaßt ward.
+
+Eine höhere poetische Idee lag seiner "Iphigenie" zum Grunde. Der erste
+Entwurf dieses Schauspiels und seines erst mehrere Jahre später vollendeten
+Romans: "Wilhelm Meisters Lehrjahre" fällt in diese Periode von Goethe's
+Leben. Das Urtheil seiner Freunde, denen er mehrere von seinen damaligen
+Producten handschriftlich mittheilte, war ihm nicht gleichgültig. Den 24.
+Juli 1780 schrieb er an Lavater: "Daß du Freude gehabt hast an meiner
+Iphigenie, ist mir ein außerordentliches Geschenk. Da wir mit unsern
+Existenzen so nahe stehen, und mit unsern Gedanken und Imaginationen so
+weit auseinander gehen wie zwei Schützen, die mit dem Rücken aneinander
+lehnend, nach ganz verschiedenen Zielen schießen, so erlaube ich mir
+niemals den Wunsch, daß meine Sachen dir etwas werden könnten. Ich freue
+mich deswegen recht herzlich, daß ich auch mit diesem Product wieder an's
+Herz gekommen bin."
+
+In solcher Stimmung verschmerzte Goethe den Verdruß und Unmuth, den ihm ein
+gewinnsüchtiger Buchhändler, Himburg in Berlin, bereitet hatte, als er ohne
+Goethe's Mitwissen eine Sammlung seiner bisherigen Schriften in zwei
+Octavbänden veranstaltete. Goethe erhielt von ihm einen Brief, in welchem
+er dem Publikum einen großen Dienst erwiesen zu haben meinte, und sich
+erbot, dem Dichter als einen Beweis seiner Erkenntlichkeit einiges Berliner
+Porcellan zu schicken. Empört über die Anmaßung des unberufenen Verlegers
+seiner Schriften, ließ Goethe das an ihn gerichtete Schreiben
+unbeantwortet, und rächte sich im Stillen durch einige satyrische Verse.
+
+Wissenschaftliche Forschungen der verschiedensten Art behielten für ihn ein
+lebhaftes Interesse. Immer neuen Genuß schöpfte er aus der Betrachtung der
+Natur, auch der anorganischen, auf seinen öftern Reisen in die Umgegend,
+besonders nach Franken, als Begleiter des Herzogs von Weimar. In Bezug auf
+seine mineralogischen Studien bemerkte Goethe in einem Briefe an Merk vom
+11. October 1780: "Ich habe mich diesen Wissenschaften mit völliger
+Leidenschaft ergeben, und habe eine sehr große Freude daran. Dabei schränke
+ich mich aber nicht, wie die neuesten Chursachsen, philisterhaft darauf
+ein, ob jener Berg dem Herzog von Weimar gehört oder nicht. Wie ein Hirsch,
+der ohne Rücksicht des Territoriums sich äset, so denk' ich, muß der
+Mineralog auch seyn. Und so hab' ich vom Gipfel des Inselbergs, des
+höchsten vom Thüringerwalde, bis in's Würzburgische, Fuldaische, Hessische,
+Chursächsische, bis über die Saale hinüber, und wieder so weiter bis
+Saalfeld und Coburg herum, meine schnellen Ausflüge getrieben; habe die
+meisten Stein- und Gebirgsarten von allen diesen Gegenden beisammen, und
+finde in meiner Art zu sehen, das bischen Metallische, das den mühseligen
+Menschen in die Tiefen hineinlockt, immer das Geringste. Durch dieses alles
+zusammen und durch die Kramereien meiner Vorgänger bin ich im Stande, einen
+kleinen Aufsatz zu liefern, der gewiß interessant seyn soll. Ich habe jetzt
+die allgemeinsten Ideen und gewiß einen reinen Begriff, wie alles auf
+einander steht und liegt, ohne Prätension auszuführen, wie es auf einander
+gekommen ist. Da ich einmal nichts aus Büchern lernen kann, so fang' ich
+erst jetzt an, nachdem ich die meilenlangen Blätter unserer Gegenden
+umgeschlagen habe, auch die Erfahrungen Anderer zu studiren und zu nutzen.
+Dies Feld ist, wie ich jetzt erst sehe, kurze Zeit her mit großem Fleiße
+bebaut worden, und ich bin überzeugt, daß bei so viel Versuchen und
+Hülfsmitteln ein einziger großer Mensch, der mit den Füßen oder dem Geist
+die Welt umlaufen könnte, diesen seltsam zusammengebauten Ball ein- für
+allemal erkennen und beschreiben könnte, was vielleicht schon Büffon im
+höchsten Sinne gethan hat, weßhalb auch Franzosen und Deutschfranzosen
+sagen, er habe einen Roman geschrieben, welches sehr wohl gesagt ist, weil
+das ehrsame Publikum alles Außerordentliche nur durch den Roman kennt."
+
+Durch diese Studien und andere Lieblingsneigungen ward Goethe nicht der
+Amtsthätigkeit entzogen, die seine Stellung als Geheimer Rath mit Sitz und
+Stimme in mehreren Collegien von ihm forderte. Die Huld seines Fürsten
+hatte ihn von manchen lästigen Geschäften befreit. Auch ward ihm, nach
+einem früher mitgetheilten Geständnisse, "sein Tagewerk leicht." Gleichwohl
+beklagte er sich in einem im Februar 1781 an Lavater geschriebenen Briefe,
+daß er fast zu viel auf sich lade. Er fügte hinzu: "Staatssachen sollte der
+Mensch, der darein versetzt ist, sich ganz widmen, und ich möchte doch auch
+so vieles Andere nicht fallen lassen."
+
+In gleichem Sinne hatte er schon in einem frühern Briefe an Lavater
+geäußert: "Den guten Landes- und Hausvater würdest du näher nur bedauern.
+Was da auszustehen ist, spricht keine Zunge aus. Herrschaft wird Niemand
+angeboren, und der sie ererbte, muß sie so bitter gewinnen, wie der
+Eroberer, wenn er sie haben will, und bitterer. Es versteht dieß kein
+Mensch, der seinen Wirkungskreis aus sich geschaffen und ausgetrieben hat."
+Dann tröstete er sich wieder mit dem behaglichen Gefühl der Gesundheit. In
+einem Briefe an Lavater vom 18. März 1781 sprach er den Wunsch aus, daß
+Gott ihn noch lange auf dieser schönen Welt erhalten und ihm Kraft
+verleihen möchte, ihr zu dienen und sie zu nutzen. "Mit mir steht's gut,"
+schrieb er, "besonders innerlich. In weltlichen Dingen erwerb' ich täglich
+mehr Gewandtheit, und vom Geiste fallen mir täglich Schuppen und Nebel, daß
+ich denke, er müßte ganz nackt dastehen, und doch bleiben ihm noch Hüllen
+genug."
+
+Was ihn besonders über den Druck und Wechsel äußerer Lebensverhältnisse
+erhob, war Goethe's Sinn für die Schönheiten der Natur. Mannigfachen Genuß
+bot ihm sein am Weimarischen Park gelegener Garten. "Die nächsten Wochen
+des Frühlings," schrieb er den 9. April 1781 an Lavater, "sind mir
+gesegnet. Jeden Morgen empfängt mich eine neue Blume oder Knospe. Die
+stille, reine, immer wiederkehrende, leidenlose Vegetation tröstet mich oft
+über der Menschen Noth, ihre moralischen und noch mehr physischen Uebel."
+Aehnliche Aeußerungen enthielt ein späterer Brief an Lavater vom 22. Juni
+1781. "Glaube mir," schrieb Goethe, "unsere moralische und politische Welt
+ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken minirt, wie eine große
+Stadt zu seyn pflegt, an deren Zusammenhang und ihrer Bewohner Verhältnisse
+wohl Niemand denkt und sinnt. Nun wird es dem, der davon einige Kundschaft
+hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt, und dort
+einmal ein Rauch aufgeht aus einer Schlucht."
+
+Von solchen Betrachtungen wandte sich Goethe, wie er es schon in seiner
+Jugend gethan, zum Uebersinnlichen. "Ich bin," schrieb er an Lavater,
+"geneigter als Jemand, noch an eine Welt, außer der sichtbaren, zu glauben,
+und ich habe Dichtungs- und Lebenskraft genug, sogar mein eignes
+beschränktes Selbst zu einem Swedenborgischen Geister-Universum erweitert
+zu fühlen. Alsdann mag ich aber gern, daß das Alberne und Ekelhafte
+menschlicher Excremente durch eine feine Gährung abgesondert, und der
+reinlichste Zustand, in den wir versetzt werden können, empfunden werde."
+
+Unter mannigfachen Arbeiten und Zerstreuungen war Goethe, nach seinen
+eignen Worten, wieder zur Poesie zurückgekehrt. Neben der noch
+unvollendeten "Iphigenie" beschäftigte ihn die Idee, Torquato Tasso, den
+Dichter des befreiten Jerusalems, zum Helden eines Drama's zu wählen.
+Den Stoff zu den Umgebungen seines Schauspiels fand er an dem Hofe der
+Herzogin Amalie von Weimar. Dort lernte er den Ton kennen, der solchen
+Umgebungen ziemte. Seinem Freunde Lavater berichtete Goethe den 14.
+November 1781, er habe den ersten Act seines "Tasso" vollendet. "Ich
+wünsche," fügte er hinzu, "daß er auch für dich geschrieben seyn
+möchte." Goethe befand sich übrigens in einer Stimmung und in
+Verhältnissen, die der raschen Förderung seines Werks nicht günstig
+schienen. "Die Unruhe, in der ich lebe," schrieb er, ["]läßt mich nicht
+über dergleichen vergnügliche Arbeiten bleiben, und so sehe ich auch
+noch nicht den Raum vor mir, die übrigen Acte zu enden. Es geht mir, wie
+es den Verschwendern geht, die in dem Augenblicke, wenn über Mangel an
+Einnahme, überspannte Schulden und Ausgaben geklagt wird, gleichsam von
+einem Geiste des Widerspruchs außer sich gesetzt, sich in neue
+Verbindungen und Unkosten zu stürzen pflegen."
+
+Treffend hatte Goethe in diesem Briefe sich selbst und die Beweglichkeit
+seines Geistes geschildert, die ihn nicht lange bei einem und demselben
+Gegenstande verweilen ließ. Auch das dramatische Interesse vermochte ihn
+nicht ausschließlich zu fesseln. In dem eben erwähnten Briefe meldete
+Goethe: "Auf unserer Zeichnungsakademie hab' ich mir diesen Winter
+vorgenommen, mit den Lehrern und Schülern den Knochenbau des menschlichen
+Körpers durchzugehen, sowohl um ihnen als mir zu nützen, sie auf das
+Merkwürdige dieser einzigen Gestalt zu führen, und sie dadurch auf die
+erste Stufe zu stellen, das Bedeutende in der Nachahmung sichtlicher Dinge
+zu erkennen und zu suchen. Zugleich behandle ich die Knochen als einen
+Text, woran sich alles Leben und alles Menschliche anhängen läßt; habe
+dabei den Vortheil, zweimal die Woche öffentlich zu reden, und über Dinge,
+die mir werth sind, mich mit aufmerksamen Menschen zu unterhalten.["] Das
+sei, meinte er, ein Vergnügen, dem er in dem gewöhnlichen Welt-, Geschäfts-
+und Hofleben entsagen müßte. Seine Jahre spornten ihn zu verdoppelter
+Thätigkeit. "Mit meinem Leben," schrieb er, "rückt es stark vor, und ich
+fange nun bald an zu begreifen, warum wir, sobald wir uns hienieden
+einzurichten angefangen haben, wieder weiter müssen."
+
+
+Ueberhäufte Amtsgeschäfte nahmen damals Goethe's Kräfte fast übermäßig in
+Anspruch. Den 16. Juli 1782 schrieb er an Merk: "Es geht mir, wie dem
+Treufreund in meinen Vögeln. Mir wird ein Stück des Reichs nach dem andern
+auf einem Spaziergange übertragen. Diesmal muß mir's nun freilich Ernst,
+sehr Ernst seyn, denn mein Herr Vorgänger hat mir viel Arbeit gemacht.
+Manchmal wird mir's sauer, denn ich stehe redlich aus. Dann denk' ich
+wieder: Hic est aut nusquam, quod quaerimus." Auf ähnliche Weise äußerte
+sich Goethe in einem spätern Briefe vom 29. Juli 1782: "Von mir hab' ich
+nichts zu sagen, als daß ich mich meinem Beruf aufopfere, in dem ich nichts
+weiter suche, als wenn es das Ziel meiner Begriffe wäre."
+
+Von den irdischen Angelegenheiten wandte sich Goethe wieder zu dem
+Uebersinnlichen. Sein Interesse daran ward durch den Briefwechsel mit
+Lavater lebendig erhalten. "Daß du", schrieb er den 4. October 1782, "mir
+noch einmal den innern Zusammenhang deiner Religion vorlegen wolltest, war
+mir sehr willkommen. Wir werden ja nun wohl bald einmal einander über
+diesen Punkt kennen und in Ruhe lassen. Großen Dank verdient die Natur, daß
+sie in die Existenz eines jeden lebenden Wesens auch so viel Handlungskraft
+gelegt hat, daß es sich, wenn es an einem oder dem andern Ende zerrissen
+wird, selbst wieder zusammenflicken kann; und was sind tausendfältige
+Religionen anders, als tausendfache Aeußerungen dieser Heilungskraft? Mein
+Pflaster schlägt bei dir nicht an, deins nicht bei mir; in unsres Vaters
+Apotheke sind viel Recepte. So hab' ich auf deinen Brief nichts zu
+antworten, nichts zu widerlegen; aber dagegen zu stellen hab' ich vieles.
+Wir sollten einmal unsere Glaubensbekenntnisse in zwei Columnen neben
+einander setzen, und darauf einen Friedens- und Toleranzbund errichten."
+
+Näher, als diese religiösen Betrachtungen, lagen Goethe's Liebe zur Natur
+und seinem heitern Weltsinn seine geognostischen und mineralogischen
+Studien. Auch die Osteologie hatte er, wie bereits erwähnt, in den Kreis
+seiner Forschungen gezogen. "Ich freue mich", schrieb er den 23. April 1784
+an Merk, "daß du so frisch fort arbeitest in deinem Knochenwesen. Ich habe
+die Zeit über auch Verschiedenes in anatomicis, wie es die Zeit erlauben
+wollte, gepfuscht, wovon ich vielleicht ehestens etwas werde produciren
+können." In einem spätern Briefe an Merk, vom 6. August 1784, schrieb
+Goethe: "Schicke mir den Schädel deiner Myrmecophaga sobald als möglich;
+du erzeigst mir dadurch einen außerordentlichen Gefallen. Ich brauche ihn
+zu meiner Inauguraldisputation, durch welche ich mich in eurem docto
+corpore zu legitimiren gesonnen bin. Das eigentliche Thema halte ich noch
+geheim, um euch eine angenehme Ueberraschung zu machen. Ich komme nunmehr
+wieder auf den Harz, und werde meine mineralogischen und oryktologischen
+Beobachtungen, in denen ich bisher unermüdet fortgefahren, immer weiter
+treiben. Ich fange an, auf Resultate zu kommen, die ich aber bis jetzt noch
+für mich behalte." Diese Resultate theilte Goethe bald nachher in einer in
+seinen Werken aufbewahrten Abhandlung mit, in welcher er zu beweisen
+suchte, "daß den Menschen, wie den Thieren, ein Zwischenknochen der obern
+Kinnlade zuzuschreiben sei."
+
+Goethe's Dichtertalent schien unter so heterogenen Beschäftigungen zu
+schlummern. Die früher erwähnten Anfänge des "Wilhelm Meister" hatten lange
+geruht. Eine ganz neue Richtung erhielten Goethes Lebensverhältnisse und
+seine Thätigkeit, als die Huld seines Fürsten ihm vergönnte, das Land zu
+sehen, das von frühester Jugend an ein Gegenstand seiner Sehnsucht gewesen.
+Im September 1786 reiste er nach Italien. Dort fand sein reiches Gemüth die
+gleiche Empfänglichkeit für das Hohe und kindlich Liebliche, sein tiefer
+Sinn für Natur und Kunst die vollste Befriedigung.
+
+Das unvollendete Manuscript seiner "Iphigenie" hatte Goethe nach Italien
+mitgenommen. Dieser erste Entwurf, völlig abweichend in der Form, die jenes
+Schauspiel später erhielt, ist von A. Stahr (Oldenburg 1839) veröffentlicht
+worden. Goethe schrieb darüber den 8. September 1786: "Das Stück, wie es
+gegenwärtig da steht, ist mehr Entwurf, als Ausführung; es ist in
+poetischer Prosa geschrieben, die sich manchmal in einen jambischen
+Rhythmus verliert, auch wohl andern Sylbenmaßen ähnelt. Dies thut freilich
+der Wirkung großen Eintrag, wenn man es nicht sehr gut liest und durch
+gewisse Kunstgriffe diese Mängel zu verbergen weiß. Herder legte mir dies
+so dringend an's Herz, und da ich meinen größern Reiseplan ihm, wie Allen,
+verborgen hatte, so glaubte er, es sei nur wieder von einer Bergwandrung
+die Rede, und weil er sich gegen Mineralogie und Geologie immer spöttisch
+äußerte, meinte er, ich sollte, statt taubes Gestein zu klopfen, meine
+Werkzeuge an diese Arbeit wenden. Jetzt sondere ich die Iphigenie aus dem
+Packet, und nehme sie mit mir in das schöne warme Land als Begleiterin. Der
+Tag ist so lang, das Nachdenken ungestört, und die herrlichen Bilder der
+Urwelt verdrängen keineswegs den poetischen Sinn; sie rufen ihn vielmehr,
+von Bewegung und freier Luft begleitet, nur desto schneller hervor."
+
+Am [Am] 28. September 1786 war Goethe in Venedig angekommen. "Ich bin
+hier," schrieb er, "gut logirt in der Königin von England, nicht weit vom
+Marcusplatze. Meine Fenster gehen auf einen schmalen Canal zwischen hohen
+Häusern. Gleich unter mir befindet sich eine einbogige Brücke, und
+gegenüber ein schmales, belebtes Gäßchen. So wohn' ich, und die Einsamkeit,
+nach der ich oft so sehnsuchtsvoll geseufzt, kann ich nun recht genießen;
+denn nirgends fühlt man sich einsamer, als im Gewimmel, wo man sich, Allen
+ganz unbekannt, durchdrängt."
+
+Ermüdet von einer Wandrung durch die Stadt mit ihren Canälen, Brücken und
+Brückchen, setzte sich Goethe am Michaelisfeste, wo eine ungeheuere
+Menschenmasse über den Rialto nach der Kirche zog, in eine Gondel. Durch
+den nördlichen Theil des großen Canals fuhr er in die Lagunen bis gegen den
+Marcusplatz. Er überließ sich seinen einsamen Betrachtungen. "So war ich
+nun," schrieb er, "auf einmal ein Mitherr des adriatischen Meeres, wie
+jeder Venetianer sich fühlt, wenn er sich in seine Gondel legt. Ich
+gedachte dabei meines Vaters, der nichts Besseres wußte, als von diesen
+Dingen zu erzählen. Wird mir's nicht auch so gehen? Alles, was mich
+umgiebt, ist würdig, ein großes Werk versammelter Menschenkraft, ein
+herrliches Monument, nicht eines Gebieters sondern eines Volkes. Und wenn
+auch ihre Lagunen sich nach und nach ausfüllen, böse Dünste über dem Sumpfe
+schweben, ihr Handel geschwächt, ihre Macht gesunken ist, so wird die ganze
+Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick dem Beobachter
+unehrwürdig seyn. Sie unterliegt der Zeit, wie Alles, was ein erscheinendes
+Daseyn hat."
+
+Einen genußreichen Abend versprach sich Goethe im Theater St. Chrysostomo.
+Die Vorstellung von Crebillon's Electra befriedigte ihn nicht, ungeachtet
+des im Allgemeinen braven Spiels. "Indessen," schrieb er, "hab' ich doch
+wieder gelernt. Der italienische, immer einsylbige Jambe hat für die
+Deklamation große Unbequemlichkeit, weil die letzte Sylbe durchaus kurz
+ist, und wider den Willen des Declamators in die Höhe schlägt."
+
+Lebhafter, als für die italienische Bühne, interessirte sich Goethe für die
+Baukunst, die, nach seinen eignen Worten, "wie ein Geist aus dem Grabe
+hervorstieg." Fleißig studirte er den Vitruv, Palladio und andere
+Schriftsteller, um so zu einer klaren Vorstellung von jenen werthvollen
+Ueberresten vergangner Zeit zu gelangen. Als er nach einem vierzehntägigen
+Aufenthalt in Venedig am 14. October 1786 die Stadt wieder verließ, und
+über Ferrara, Cento, Bologna, Lugano, Perugia, Terni und Citta nach Rom
+reiste, glaubte er sich das Zeugniß geben zu können: "Ich bin nur kurze
+Zeit in Venedig gewesen, aber ich habe mir die dortige Existenz genugsam
+zugeeignet, und weiß, daß ich, wenn auch einen unvollständigen, doch einen
+ganz klaren und wahren Begriff mit wegnehme."
+
+Begeistert von dem Eindruck mehrerer Gemälde Raphael's, die er in Bologna
+betrachtet hatte, besonders einer heiligen Agathe, schrieb Goethe den 19.
+October 1786: "Ich habe mir die Gestalt wohl gemerkt, und werde ihr im
+Geist meine Iphigenie vorlesen, und meine Heldin nichts sagen lassen, was
+diese Heilige nicht aussprechen möchte.--Da ich einmal dieser süßen Bürde
+gedenke, die ich auf meinen Wandrungen mit mir führe, so kann ich nicht
+verschweigen, daß zu den großen Kunst- und Naturgegenständen, durch die ich
+mich durcharbeiten muß, noch eine wundersame Folge von poetischen Gestalten
+hindurchzieht, die mich beunruhigen. Von Cento herüber wollte ich meine
+Arbeit an Iphigenie fortsetzen; aber was geschah? Der Geist führte mir das
+Argument der Iphigenie von Tauris vor die Seele, und ich mußte es
+ausbilden. So kurz als möglich sei es hier verzeichnet: Electra, in
+gewisser Hoffnung, daß Orest das Bild der Taurischen Diana nach Delphi
+bringen werde, erscheint in dem Tempel des Apoll, und widmet die grausame
+Axt, die so viel Unheil in Pelops Hause angerichtet, als schließliches
+Sühnopfer dem Gotte. Zu ihr tritt leider einer der Griechen, und erzählt,
+wie er Orest und Pylades nach Tauris begleitet, die beiden Freunde zum Tode
+führen sehen, und sich glücklich gerettet habe. Die leidenschaftliche
+Electra kennt sich selbst nicht, und weiß nicht, ob sie gegen Götter oder
+Menschen ihre Wuth richten soll. Indessen sind Iphigenie, Orest und Pylades
+gleichfalls in Delphi angekommen. Iphigenie'ns heilige Ruhe contrastirt gar
+merkwürdig mit Electra's irdischer Leidenschaft, als die beiden Gestalten,
+wechselseitig unerkannt, zusammentreffen. Der entflohene Grieche erblickt
+Iphigenie'n, erkennt die Priesterin, welche die Freunde geopfert, und er
+entdeckt es Electra. Diese ist im Begriff, mit demselben Beil, welches sie
+dem Altar wieder entreißt, Iphigenie'n zu ermorden, als eine glückliche
+Wendung dieses letzte schreckliche Uebel von den Geschwistern abwendet."
+Wenn diese Scene gelänge, meinte Goethe, dürfte nicht leicht etwas Größeres
+und Rührenderes auf der Bühne gesehen worden seyn. "Aber," fügte er hinzu,
+"wo soll man Hände und Zeit hernehmen, wenn auch der Geist willig wäre?"
+
+Groß und gewaltig war der Eindruck, den die "Hauptstadt der Welt" auf
+Goethe's Gemüth machte. So nannte er Rom in einem Briefe vom 1. November
+1786. In lebhafter Erinnerung an die römischen Prospecte im elterlichen
+Hause, schrieb Goethe: "Alle Träume meiner Jugend seh' ich nun erfüllt, ich
+sehe die ersten Kupferbilder wieder. Was ich in Gemälden, Zeichnungen und
+Holzschnitten schon lange gekannt, steht nun beisammen vor mir. Wohin ich
+gehe, finde ich eine Bekanntschaft in einer neuen Welt. Es ist Alles, wie
+ich mir's dachte, und Alles neu. Eben dies kann ich von meinen
+Betrachtungen, von meinen Ideen sagen. Ich habe keinen ganz neuen Gedanken
+gehabt, nichts ganz fremd gefunden; aber die alten Ideen sind so bestimmt,
+so lebendig, so zusammenhängend geworden, daß sie für neu gelten können."
+
+Zu Goethe's vorzüglichsten Bekanntschaften in Rom gehörte der Fürst
+Lichtenstein, der italienische Dichter Monti, der besonders durch seine
+mythologischen Forschungen bekannte Schriftsteller Moritz und der
+Historienmaler Tischbein. Mit dem Letztern hatte Goethe schon früher in
+Briefwechsel gestanden. Durch Tischbein gelangte er zu einem klaren
+Verständniß und einer richtigen Würdigung der zahlreichen und unschätzbaren
+Gemälde Raphael's, Michel Angelo's u.A. in der Peterskirche und besonders
+in der Sixtinischen Capelle.
+
+Eine treuere Anhänglichkeit und eine an Schwärmerei grenzende Vorliebe für
+seine literarischen Erzeugnisse, besonders für den Werther, zeigte keiner
+von Goethe's Freunden in solchem Grade, als Moritz. Goethe interessirte
+sich lebhaft für ihn, und nahm innigen Antheil an seinem Schicksal, als
+Moritz durch einen unglücklichen Fall den Arm brach. Goethe schrieb
+darüber: "Was ich bei diesem Leidenden als Wärter, Beichtvater und
+Vertrauter, als Finanzminister und geheimer Secretär erfahren und gelernt,
+mag mir in der Folge zu Gute kommen. Die fatalsten Leiden und die edelsten
+Genüsse gingen diese Zeit über immer einander zur Seite."
+
+Charakteristisch in mehrfacher Hinsicht war ein Schreiben, welches Goethe
+im November 1786 an den Herzog von Weimar richtete. "Wie dank' ich Ihnen,"
+schrieb er aus Rom, "daß Sie mir diese köstliche Muße geben und gönnen. Da
+doch einmal von Jugend auf mein Geist diese Richtung genommen, so hätt' ich
+nie ruhig werden können, ohne dies Ziel zu erreichen. Mein Verhältniß zu
+den Geschäften ist aus meinem persönlichen zu Ihnen entstanden; lassen Sie
+nun ein neues Verhältniß zu Ihnen nach so manchen Jahren aus dem bisherigen
+hervorgehen. Ich darf wohl sagen, ich habe mich in dieser Einsamkeit selbst
+wiedergefunden. Aber als was? Als Künstler! Was ich sonst noch bin, werden
+Sie beurtheilen und nutzen. Sie haben durch Ihr fortdauerndes wirkendes
+Leben jene fürstliche Kenntniß, wozu die Menschen zu benutzen sind, immer
+mehr erweitert und geschärft, wie mir jeder Ihrer Briefe deutlich sehen
+läßt. Dieser Beurtheilung unterwerfe ich mich gern. Fragen Sie mich über
+die Symphonie, die Sie zu spielen gedenken; ich will gern und ehrlich
+jederzeit meine Meinung sagen. Lassen Sie mich an Ihrer Seite das ganze Maß
+meiner Existenz ausfüllen, so wird meine Kraft, wie eine neu geöffnete,
+gesammelte, gereinigte Quelle, von einer Höhe nach Ihrem Willen leicht da
+oder dorthin zu leiten seyn. Schon sehe ich, was mir die Reise genützt, wie
+sie mich aufgeklärt und meine Existenz erheitert hat. Wie Sie mich bisher
+getragen, sorgen Sie ferner für mich. Sie thun mir mehr wohl, als ich
+selbst kann, als ich wünschen und verlangen darf. Ich habe so ein großes
+und schönes Stück Welt gesehen, und das Resultat ist, daß ich nur mit Ihnen
+und den Ihrigen leben mag. Ja, ich würde Ihnen noch mehr werden, als ich
+oft bisher war, wenn Sie mich nur das thun lassen, was Niemand als ich thun
+kann, und das Uebrige Andern auftragen. Ihre Gesinnungen, die Sie mir in
+Ihrem Briefe zu erkennen gaben, sind so schön, für mich bis zur Beschämung
+ehrenvoll, daß ich nur sagen kann: Herr, hier bin ich, mache aus deinem
+Knechte, was du willst."
+
+In einem spätern Schreiben an den Herzog von Weimar sprach Goethe den
+Wunsch aus, das Land seines Fürsten nach seiner Rückkehr "als Fremder
+durchreisen zu dürfen." Mit ganz frischem Auge, meinte er, würde ihn dann
+die Gewohnheit, Land und Welt zu sehen, jede Provinz betrachten lassen.
+"Ich würde," fügte er hinzu, "mir nach meiner Art ein neues Bild machen,
+einen vollständigen Begriff erlangen, und mich zu jeder Art von Dienst
+gleichsam auf's neue qualificiren, zu dem mich Ihre Güte, Ihr Zutrauen
+bestimmen will. Bei Ihnen und den Ihrigen ist mein Herz und Sinn, wenn sich
+gleich die Träume einer Welt in die Wagschale legen. Der Mensch bedarf
+wenig; Liebe und Sicherheit seines Verhältnisses zu dem einmal Gewählten
+und Gegebenen kann er nicht entbehren." So bewahrte Goethe mit reiner
+Pietät die treue Anhänglichkeit und innige Verehrung für einen Fürsten, dem
+er sein Lebensglück und die Muße zu seiner literarischen Thätigkeit
+verdankte.
+
+Fleißig beschäftigte sich Goethe in Rom mit der Fortsetzung und Vollendung
+der Iphigenie. Zu Anfange des Jahres 1787 war er damit fertig geworden. In
+einem Briefe vom 6. Januar machte er die Orte namhaft, wo er sich
+vorzugsweise mit seiner dramatischen Dichtung beschäftigt hatte. Er schrieb
+darüber: "Am Garda-See, als der gewaltige Mittagswind die Wellen an's Ufer
+trieb, und wo ich wenigstens so allein war, als meine Heldin am Gestade von
+Tauris, zog ich die ersten Linien der neuen Bearbeitung, die ich in Verona,
+Vicenza, Padua, am fleißigsten aber in Venedig fortsetzte. Dann aber
+gerieth die Arbeit in Stocken. Ich ward auf eine neue Erfindung geführt,
+nämlich Iphigenie auf Delphi zu schreiben, was ich auch sogleich gethan
+hätte, wenn nicht die Zerstreuung und ein Pflichtgefühl gegen das ältere
+Stück mich davon abgehalten hätten."
+
+Was ihn dazu bewog, seine Iphigenie ursprünglich in Prosa zu schreiben,
+war, nach seinen eignen Worten "die Unsicherheit, in der die deutsche
+Prosodie schwebe." "Es ist auffallend," schrieb er, "daß wir in unserer
+Sprache nur wenige Sylben finden, die entschieden kurz oder lang sind; mit
+den übrigen verfährt man nach Geschmack und Willkühr." Ungeachtet dieser
+Bemerkungen gab er späterhin seinem Schauspiel eine metrische Form. Das
+vollendete Manuscript hatte er nach Weimar gesandt, um das Urtheil seiner
+Freunde zu vernehmen. In den ruhigen Gang des Stücks konnten sie sich nicht
+sogleich finden. Sie hatten mehr leidenschaftliche Bewegung erwartet,
+"etwas Berlichingisches", wie Goethe sich darüber äußerte. Immer dachten
+sie sich den Dichter noch in seiner poetischen Sturm- und Drangperiode, die
+längst für ihn vorüber war.
+
+In einem Briefe vom 21. Februar 1787 beklagte sich Goethe, noch kein
+gründliches und erschöpfendes Urtheil über die Iphigenie gehört zu haben.
+Das könnte ihm, meinte er, zur Leitung dienen bei seinem "Tasso", denn das
+sei doch eine ähnliche Arbeit. Von diesem Schauspiel hatte er damals die
+ersten Scenen entworfen. "Der Gegenstand," schrieb er, "ist fast noch
+beschränkter, als in der Iphigenie, und will daher im Einzelnen noch mehr
+ausgearbeitet seyn. Doch weiß ich noch nicht, was es werden wird. Das
+Vorhandene muß ich ganz zerstören. Es hat zu lange gelegen, und weder die
+Personen, noch der Plan, noch der Ton haben mit meiner jetzigen Ansicht die
+geringste Verwandtschaft."
+
+Bestärkt ward Goethe in diesem Entschluß durch den Beifall, der von
+einsichtsvollen Freunden seiner Umarbeitung der Iphigenie gezollt ward. Ihn
+selbst ließ sein Schauspiel auch in der veränderten Form unbefriedigt.
+
+Indeß tröstete er sich darüber in einem Briefe vom 16. März 1787. Eine
+solche Arbeit, meinte er, werde eigentlich nie fertig; man müsse sie für
+fertig erklären, wenn man nach Zeit und Umständen das Möglichste gethan
+habe. "Das soll mich aber," fügte er hinzu, "nicht abschrecken, mit dem
+Tasso eine ähnliche Operation vorzunehmen. Lieber würfe ich ihn in's Feuer.
+Aber ich will bei meinem Entschluß beharren, und da es einmal nicht anders
+ist, so wollen wir ein wunderlich Werk daraus machen."
+
+Beschäftigt mit seiner dramatischen Dichtung, blieb Goethe, wenn man den
+Umgang mit dem Landschaftsmaler Hackert ausnimmt, dessen Leben er später so
+anziehend beschrieb, auch in Neapel "dem eigensinnigen Einsiedlersinn"
+treu, der ihm schon in Rom von seinen Freunden zum Vorwurf gemacht worden
+war. "Freilich scheint es," schrieb er, "ein wunderliches Beginnen, daß man
+in die Welt geht, um allein bleiben zu wollen." Während Goethe sich aber
+dem geselligen Leben entzog, streifte er in der Umgegend umher. "Neapel ist
+ein Paradies," äußerte er in dem vorhin mitgetheilten Briefe. "Jedermann
+lebt in einer Art von trunkener Selbstvergessenheit. Mir geht es eben so.
+Ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch."
+
+Längere Zeit schwankte Goethe in dem Entschluß, auch Sicilien zu besuchen.
+"Eine Seereise," schrieb er, "fehlt mir ganz in meinen Begriffen. Die
+kleine Ueberfahrt, vielleicht eine Küstenumschiffung, wird meiner
+Einbildungskraft nachhelfen und mir die Welt erweitern. Und so geh' ich
+denn Donnerstag den 29sten mit der Corvette, die ich, des Seewesens
+unkundig, in meinem vorigen Briefe zum Rang einer Fregatte erhob, nach
+Palermo."
+
+Von der Seekrankheit befallen, wagte sich Goethe längere Zeit nicht wieder
+auf's Verdeck, und mußte so den herrlichen Anblick der Küsten und Inseln
+entbehren. "Abgeschlossen von der äußern Welt," schrieb er, "ließ ich die
+innere walten, und da eine langsame Fahrt vorauszusehen war, gab ich mir
+gleich zu bedeutender Unterhaltung ein starkes Pensum auf. Die zwei ersten
+Acte des Tasso, in poetischer Prosa geschrieben, habe ich von allen
+Papieren allein mit über See genommen. Diese beiden Acte, schon vor
+mehreren Jahren geschrieben, hatten etwas Weichliches, Nebelhaftes, welches
+sich jedoch bald verlor, als ich, nach neueren Ansichten, die Form
+vorwalten und den Rhythmus eintreten ließ."
+
+Einen begeisternden Eindruck machte auf Goethe der majestätische Anblick
+des Meeres mit seinen zahllosen Inseln. In dieser lebendigen Umgebung
+glaubte er, nach seinen eignen Worten, den besten Commentar zu Homers
+Odyssee zu finden, deren Lectüre ihn damals beschäftigte. "Was den Homer
+betrifft," schrieb er an Herder, "so ist mir eine Decke von den Augen
+gefallen. Die Beschreibungen, die Gleichnisse u.s.w. kommen uns poetisch
+vor, und sind doch unsäglich natürlich, aber freilich mit einer Reinheit
+und Innigkeit bezeichnet, vor der man erschrickt. Selbst die sonderbarsten
+erlogensten Begebenheiten haben eine Natürlichkeit, die ich nie so gefühlt
+habe, als in der Nähe der betriebenen Gegenstände. Ich möchte den Gedanken
+kurz so ausdrücken: _sie_ stellen die Existenz dar; _wir_ gewähren den
+Effect; _sie_ schildern das Fürchterliche; _wir_ schildern fürchterlich;
+_sie_ das Angenehme, _wir_ angenehm. Daher kommt alles Uebertriebene, alle
+falsche Grazie, aller Schwulst. Wenn das, was ich sage, nicht neu ist, so
+hab' ich es doch bei neuem Anlaß recht lebhaft gefühlt. Nun ich alle diese
+Küsten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen, Felsen und
+Sandstreifen, buschige Hügel, sanfte Wälder, fruchtbare Felder, geschmückte
+Gärten, gepflegte Bäume, hängende Reben, Wolkenberge und immer heitere
+Ebenen, Klippen und Bänke und das alles umgebende Meer mit so vielen
+Abwechselungen und Mannigfaltigkeiten vor mir habe--nun ist mir erst die
+Odyssee ein lebendiges Wort."
+
+Ergriffen von diesen Ideen, wollte Goethe in der Heldin einer Tragödie,
+"Nausikaa" betitelt, von welcher sich jedoch nur die zwei ersten Scenen des
+ersten Acts in Goethe's Werken erhalten haben, nach seinen eignen
+Aeußerungen, "eine treffliche, von Vielen umworbene Jungfrau darstellen,
+die keiner Neigung sich bewußt, alle Freier bisher ablehnend behandelt,
+durch einen sittsamen Fremdling aber gerührt, aus ihrem Zustande
+herausträte und durch eine voreilige Aeußerung ihrer Neigung sich
+compromittirte." Von dieser Situation versprach sich Goethe eine große
+tragische Wirkung. Der Reichthum der subordinirten Motive und besonders das
+Meer- und Inselhafte der Ausführung sollte, nach Goethe's Ansicht, jener
+einfachen Fabel ein besonderes Interesse geben. Er war so ergriffen von
+seinem Gegenstande, daß er darüber, wie er äußerte, "seinen Aufenthalt zu
+Palermo, ja den größten Theil seiner übrigen sicilianischen Reise
+verträumte."
+
+Der lebendige Antheil an jenem Süjet verlor sich jedoch bald wieder. In
+einem Briefe vom 17. April 1787 beklagte sich Goethe "über das wahrhafte
+Unglück, von vielerlei Geistern verfolgt und versucht zu werden." In einem
+öffentlichen Garten weckte die Betrachtung mehrerer dort blühender Gewächse
+in ihm eine alte Lieblingsidee. Er wollte, wo möglich, unter dieser Schaar
+die Urpflanze entdecken. Eine poetische Form gab Goethe dieser Idee in
+seinem Gedicht. "die Metamorphose der Pflanzen." Wissenschaftlich erörterte
+er jenen Gegenstand in seinem 1790 gedruckten "Versuch, die Metamorphose
+der Pflanzen zu erklären."
+
+Wie Goethe die Natur überhaupt, besonders aber im
+
+Gegensatze zur Kunst betrachtete, zeigten die nachfolgenden Aeußerungen in
+einem Schreiben an die Herzogin Luise von Sachsen-Weimar: "Das geringste
+Product der Natur hat den Kreis seiner Vollkommenheit in sich, und ich darf
+nur Augen haben, um zu sehen, so kann ich die Verhältnisse entdecken; ich
+bin sicher, daß innerhalb eines kleinen Cirkels eine ganze wahre Existenz
+beschlossen ist. Ein Kunstwerk hingegen hat seine Vollkommenheit außer
+sich; das Beste liegt in der Idee des Künstlers, die er selten oder nie
+erreicht; alles Folgende in gewissen angenommenen Gesetzen, welche zwar aus
+der Natur der Kunst und des Handwerks hergeleitet, aber doch nicht so
+leicht zu verstehen und zu entziffern sind, als die Gesetze der lebendigen
+Natur. Bei den Kunstwerken ist viel Tradition, die Naturwerke sind immer
+wie ein frisch ausgesprochenes Wort Gottes."
+
+Ueber die vorhin erwähnte Idee einer Metamorphose der Pflanzen erklärte
+sich Goethe näher in einem Briefe an Herder vom März 1787. Er äußerte
+darin, daß er dem Geheimniß der Pflanzenerzeugung und Organisation ganz
+nahe gekommen sei, und meinte, daß es nichts Einfacheres gehen könnte.
+Unter dem italienischen Himmel ließen sich darüber die herrlichsten
+Beobachtungen anstellen. "Den Hauptpunkt, wo der Keim steckt," schrieb
+Goethe, "hab' ich ganz klar und zweifellos gefunden. Alles Uebrige sah ich
+schon im Ganzen, und nur noch einige Punkte müssen bestimmter werden. Die
+Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, um welches die
+Natur selbst mich beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu,
+kann man alsdann Pflanzen in's Unendliche erfinden, die consequent seyn
+müssen, d. h. die, wenn sie auch nicht existiren, doch existiren können,
+und nicht etwa malerische und dichterische Schatten und Scheine sind,
+sondern innerliche Wahrheit und Nothwendigkeit haben." Dasselbe Gesetz,
+meinte Goethe, werde sich auf alles übrige Lebende anwenden lassen.
+
+In mehreren von Goethe's damaligen Briefen regte sich die Sehnsucht, wieder
+in seine Heimath zurückzukehren. Besonders freute er sich auf das
+Wiedersehen Herders, mit dem er stets in innigen Verhältnissen gelebt
+hatte. An ihn schrieb er den 17. März 1787. "Wir sind so nahe in unserer
+Vorstellungsweise, als es möglich ist, ohne eins zu seyn, und in den
+Hauptquellen am nächsten. Wenn du diese Zeit her viel aus dir selbst
+geschöpft hast, so hab' ich viel erworben, und ich kann einen guten Tausch
+machen. Ich bin freilich mit meiner Vorstellung sehr an's Gegenwärtige
+geheftet, und je mehr ich die Welt sehe, desto weniger kann ich hoffen, daß
+die Menschheit je Eine weise, kluge, glückliche Masse werden könne.
+Vielleicht ist unter den Millionen eine, die sich des Vorzugs rühmen kann;
+bei der Constitution der unsrigen bleibt mir so wenig für sie, als für
+Sicilien bei der seinigen zu hoffen."
+
+In dieser Stimmung versprach sich Goethe viel von dem damals noch
+ungedruckten dritten Theil von Herders Ideen zu einer Geschichte der
+Philosophie der Menschheit. "Ich glaube selbst," schrieb Goethe, "daß die
+Humanität endlich siegen wird. Nur fürcht' ich, daß zu gleicher Zeit die
+Welt ein großes Hospital, und Einer des Andern humaner Krankenwärter seyn
+werde." Als ihn nun das sehnlich erwartete Buch begrüßte, schrieb er den
+12. Oktober 1787 an Herder: "Den lebhaftesten Dank für die Ideen. Sie sind
+mir als das liebwertheste Evangelium gekommen. Die interessantesten Studien
+meines Lebens laufen da zusammen."
+
+Lockerer ward nach Goethe's Rückkehr aus Italien das Band zwischen ihm und
+Herder. Was beide von einander trennte, war ihre verschiedenartige Stellung
+zu der Kantischen Philosophie, die damals ihren sich immer weiter
+ausbreitenden Einfluß geltend machte, und für die Wissenschaft, wie für
+Poesie und Kunst, ganz neue Principien aufstellte. Als Kant mit seiner
+"Kritik der reinen Vernunft" hervorgetreten war, erklärte sich Herder,
+obgleich er ein Schüler Kant's gewesen war, für einen seiner
+entschiedensten Gegner. Goethe aber, obgleich er für Philosophie im
+strengsten Sinne des Worts eigentlich kein Organ hatte, hielt sich doch zur
+Parthei derjenigen, die mit Kant behaupteten: wenn auch alle menschliche
+Erkenntniß mit der Erfahrung beginne, so entspränge sie darum doch nicht
+immer unbedingt aus der Erfahrung.
+
+Während seines Aufenthalts in Rom hatte Goethe mit Moritz viel über Kunst
+und Kunsttheorie gesprochen. Immer hatte ihm eine feste Basis gefehlt.
+Diese glaubte er in einem spätern Werke Kant's, in der "Kritik der
+Urtheilskraft" zu finden. Daraus entsprang seine Vorliebe für dieß Buch und
+seine Abneigung gegen Herder, der es ihm zu verleiden suchte. Goethe
+glaubte diesen philosophischen Studien mannigfache Belehrung zu verdanken.
+Wenn er auch im Einzelnen nicht immer mit der Vorstellungsart und Ansichten
+Kant's übereinstimmen konnte, so schienen doch die Hauptideen in der
+"Kritik der Urtheilskraft" seiner Denk- und Empfindungsweise im Allgemeinen
+analog. Das innere Leben der Kunst, wie der Natur, ihr beiderseitiges
+Wirken von innen heraus schien ihm klar ausgesprochen in jenem Werke
+Kant's, das kurze Zeit jene andere Lectüre verdrängte. Seine innere
+Ueberzeugung mußte ihm jedoch bald sagen, daß er für abstracte Philosophie
+und ihre metaphysischen Träume nicht geschaffen sei.
+
+Ein höheres Interesse gewann für Goethe, bald nach seiner Ankunft in
+Weimar, das frische Naturleben, besonders als seine Vorliebe für Botanik
+durch Batsch, Göttling u.a. ausgezeichnete Männer in der benachbarten
+Universitätsstadt Jena aufs Neue angeregt ward. Die Aufsicht über die
+dortigen wissenschaftlichen Anstalten, die Einrichtung und Anordnung der
+Museen, die Pflege des botanischen Gartens gaben ihm eine ebenso angenehme,
+als lehrreiche Beschäftigung. Die Betrachtung der Natur, verbunden mit dem
+Studium der Botanik, entschädigte ihn für den Mangel eines Kunstlebens, wie
+er es in Italien genossen hatte. Immer kehrte Goethe, auch wenn er sich
+eine Zeit lang daraus entfernte, wieder in dieß Gebiet zurück. Ihm blieb
+ein lebendiges Interesse, der Bildung und Umbildung organischer Naturen
+nachzuforschen. Die von ihm selbst in seiner "Metamorphose der Pflanzen"
+aufgestellte Theorie diente ihm dabei zum Wegweiser. Aber die Natur schien
+ihm zugleich synthetisch zu handeln, indem sie völlig fremdartig scheinende
+Verhältnisse einander näherte und sie zusammen in Eins verknüpfte.
+
+Unter diesen Forschungen wandte sich Goethes Thätigkeit abwechselnd wieder
+zu anderweitigen Beschäftigungen. Sein poetisches Talent übte sich, nach
+der Vollendung der "Iphigenie" und des "Tasso" an dem Trauerspiel "Egmont."
+Merkwürdig war ihm der Umstand, daß nach den Zeitungen die von ihm
+geschilderten Scenen sich in Brüssel fast wörtlich erneuert hatten. Noch
+vor dem Ausbruch der französischen Revolution hatte die berüchtigte
+Halsbandgeschichte, während seines Aufenthalts in Italien einen tiefen
+Eindruck auf ihn gemacht. Er hatte die über jenen Vorfall erschienenen
+Proceßacten mit Aufmerksamkeit gelesen. Die in Sicilien von ihm gesammelten
+"Nachrichten über Cagliostro und seine Familie" benutzte Goethe zu seinem
+Lustspiel: "Der Großcophta." Nach einzelnen, von dem Capellmeister
+Reichardt componirten Liedern zu schließen, hätte sich jener Stoff
+vielleicht noch besser zu einer Oper geeignet. Goethe versuchte sich indeß
+auch in der eben genannten Gattung der Poesie. Unvollendet blieb jedoch
+sein Singspiel: "die ungleichen Hausgenossen." Nachklänge seines
+Aufenthalts in Italien waren die "römischen Elegien" und die
+"venetianischen Epigramme." Sie wurden jedoch erst gedichtet nach einem
+abermaligen längern Aufenthalt Goethe's in Rom und Venedig (1790) im
+Gefolge der Herzogin Amalie von Sachsen-Weimar.
+
+Kaum wieder aus Italien zurückgekehrt, begleitete Goethe den Herzog von
+Weimar nach Schlesien, wo die preußischen und österreichischen Gesandten
+sich auf dem Congreß zu Reichenbach versammelten. In Breslau, mitten unter
+der allgemeinen Bewegung, welche die Truppenmärsche und Manöver der
+verschiedenen Regimenter veranlaßten, ward Goethe wieder von der alten
+Lieblingsidee ergriffen, sich völlig zu isoliren, und mit Naturstudien,
+besonders aber mit der vergleichenden Anatomie sich zu beschäftigen. Zur
+festen Ueberzeugung ward ihm die Idee, daß ein allgemeiner, durch
+Metamorphose erzeugter Typus durch die sämmtlichen organischen Geschöpfe
+hindurchgehe und in allen seinen Abstufungen sich beobachten lasse. In
+mehreren, zum Theil ungedruckt gebliebenen Abhandlungen zergliederte Goethe
+dieß Thema. Er fand jedoch bald, daß die Aufgabe zu groß war, um genügend
+gelöst zu werden. Auf andere wissenschaftliche Gegenstände lenkte sich
+daher, als er wieder nach Weimar zurückgekehrt war, Goethe's Thätigkeit.
+Eine geräumige dunkle Kammer in seinem freigelegnen Wohnhause mit dem daran
+stoßenden Garten begünstigte seine chromatischen Untersuchungen, die damals
+ein lebhaftes Interesse für ihn gewonnen hatten. Zu einem besondern
+Gegenstande seiner Aufmerksamkeit machte er die prismatischen
+Erscheinungen. Die Resultate seiner Forschungen veröffentlichte Goethe in
+seinen "optischen Beiträgen," von denen 1791 das erste Stück erschien.
+
+Seinem Dichtergenius und der Liebe zur dramatischen Poesie ward er wieder
+zurückgegeben, als er um diese Zeit die Leitung des Weimarischen
+Hoftheaters übernahm. Diese Bühne hatte sich aus den in Weimar
+zurückgebliebenen Mitgliedern der Bellomo'schen Schauspielertruppe
+gebildet, welche seit 1784 nicht ohne Beifall in der genannten Residenz
+gespielt hatte. Die unermüdliche Thätigkeit des Concertmeisters Cranz
+verschaffte besonders den italienischen und französischen Opern, welche
+Vulpius für das Theater bearbeitete, dort längere Zeit Aufnahme und
+Beifall. Beschäftigung und Unterhaltung zugleich fand Goethe, der die
+Leitung des Ganzen übernommen hatte, in den mannigfachen Versuchen, das
+Talent der Schauspieler zu wecken, und ihrem Spiel, wie der technischen
+Einrichtung der Bühne, eine immer höhere Vollkommenheit zu geben. In diesen
+Bemühungen unterstützte ihn besonders Einsiedel, der, mit gleicher Vorliebe
+für die Oper, im Gefolge der Herzogin Amalie aus Italien nach Weimar
+zurückgekehrt war. In diesem heitern Lebenskreise erhielt Goethe's Geist
+eine ernstere Richtung durch den Blick auf die damaligen Zeitereignisse
+nach dem Ausbruch der französischen Revolution. In den "Unterhaltungen
+deutscher Ausgewanderten," in den Lustspielen "der Bürgergeneral" und "die
+Aufgeregten", von denen das zuletzt genannte Stück unvollendet blieb,
+beschäftigte sich Goethe's Phantasie, einzelne Scenen des damaligen
+Kriegstheaters darzustellen, das er bald aus eigner Anschauung kennen
+lernen sollte. Es war um diese Zeit, als er den Herzog von Weimar auf dem
+Feldzuge in die Champagne begleitete. Ueber Frankfurt, Mainz, Trier und
+Luxemburg begab sich Goethe 1792 nach Longwi, welches er den 26. August
+schon eingenommen fand, von da nach Valmy und von Trier die Mosel hinab
+nach Coblenz.
+
+Auch in diesem vielfach bewegten und zerstreuten Leben verlor Goethe seine
+wissenschaftlichen Forschungen nicht völlig aus den Augen. Manche
+Naturbeobachtungen und die fortgesetzte Beschäftigung mit seinen
+chromatischen Arbeiten lenkten seinen Blick von den Kriegsereignissen
+hinweg. Der Entwurf zu einer allgemeinen "Farbenlehre" fiel in diese Zeit.
+Aber auch Goethe's Dichtertalent regte sich wieder auf mannigfache Weise,
+unter andern in einer freien Umarbeitung des altdeutschen Gedichts
+"Reinecke Fuchs," für welches er statt der Jamben Hexameter wählte, um sich
+in diesem, ihm noch wenig geläufigen Versmaß auch einmal zu versuchen.
+
+In dem allgemeinen Kriegstumult, der ihn umgab, als er der Belagerung von
+Mainz beiwohnte, ward Goethe an die ruhigen bürgerlichen Verhältnisse
+seiner Vaterstadt Frankfurt erinnert durch einen Brief seiner Mutter, die
+ihm Aussichten eröffnete zu einer durch den Tod seines Oheims Textor
+erledigten Rathsherrnstelle. Viel Lockendes hatte die Aussicht für ihn, in
+seiner Vaterstadt rasch empor zu steigen von einer Ehrenstufe zur andern,
+und auf die reichsstädtische Verfassung Frankfurts einen bedeutenden
+Einfluß zu gewinnen. Aber das unumschränkte Vertrauen, das der Herzog von
+Weimar in ihn gesetzt, die mannigfachen Beweise der Huld seines Fürsten und
+ein nicht zu unterdrückendes Gefühl der Dankbarkeit waren für ihn mehr als
+hinreichend, jenen Antrag abzulehnen. Auch täuschte er sich wohl nicht,
+wenn er den neuen Wirkungskreis, in den er treten sollte, weder seinen
+Fähigkeiten, noch seinen Neigungen angemessen hielt.
+
+Genußreiche Tage verlebte Goethe damals mit seinem Jugendfreunde Jacobi in
+Pempelfort, wo ihn eine geräumige und geschmackvoll decorirte Wohnung mit
+einem daran stoßenden Garten empfing. Der Tag ward meistens in der freien
+Natur zugebracht. Die Abende waren größtentheils der geselligen
+Unterhaltung über die neusten Erscheinungen im Gebiet der schönen Literatur
+gewidmet. Auch hier erlebte Goethe ein ähnliches Schicksal, wie bei der
+ersten Mittheilung des Manuscripts seiner "Iphigenie". Seine Freunde
+konnten sich nicht sogleich finden in den Ton und Charakter seiner neusten
+poetischen Producte, ungeachtet er in denselben doch mit seinem Lebensgange
+immer gleichen Schritt gehalten zu haben glaubte. Das Verhältniß zu seinen
+Freunden ward dadurch nicht gestört. Er schied von ihnen mit den
+wohlthuenden Eindrücken, welche die Betrachtung der Gemäldegallerie in dem
+benachbarten Düsseldorf auf ihn gemacht hatte.
+
+In Duisburg fand Goethe einen alten Bekannten wieder, den Sohn des
+Professors Plessing, den er vor sechzehn Jahren, wie früher erwähnt, auf
+seiner damaligen Harzreise in dem Gasthofe zu Wernigerode kennen gelernt
+hatte. Plessing hatte sich seitdem zu einem geachteten Schriftsteller
+erhoben. Aber sein früherer Trübsinn war nicht von ihm gewichen. Noch immer
+schien er nach einem Unerreichbaren zu streben. Das Gespräch zwischen ihm
+und Goethe gerieth bald in Stocken, als die Erinnerung an frühere
+Verhältnisse, auf die er immer wieder zurückkam, erschöpft war.
+
+Freundlich und zuvorkommend war die Aufnahme, welche Goethe im November
+1792 bei der vielseitig gebildeten Fürstin Amalie von Gallizin in Münster
+fand. Die Betrachtung einer kostbaren Sammlung von geschnittenen Steinen
+veranlaßte den Dichter zu der Bemerkung, daß die christliche Religion sich
+mit der bildenden Kunst von jeher in einer Art von Zwiespalt befunden habe,
+da jene sich von der Sinnlichkeit zu entfernen strebe, diese dagegen das
+sinnliche Element für ihren eigentlichen Wirkungskreis erkenne und darin
+verharre. Diese Idee legte Goethe dem sinnigen Gedicht: "der neue Amor" zum
+Grunde, welches man in der Sammlung seiner Werke findet.
+
+Das vielfach bewegte Reiseleben hatte Goethe wieder mit den ruhigen
+Verhältnissen in Weimar vertauscht. Von den politischen Ereignissen, welche
+die Welt bedrohten, war er zum Theil ein Zeuge gewesen. Den Bürger, den
+Bauer, den Soldaten hatte er mit mannigfachen Drangsalen kämpfen sehen.
+Noch immer dauerten die ungeheuern Bewegungen fort, die die Revolution im
+Innern Frankreichs hervorgerufen hatte. Der Tod Ludwigs XVI. und seiner
+Gemahlin, die Greulthaten Robespierre's, Danton's und anderer damaliger
+Machthaber erfüllten die Welt mit Schrecken, und bei den raschen
+Kriegsschritten der aufgeregten französischen Nation schien eine
+Veränderung, wo nicht ein völliger Umsturz aller bestehenden Verhältnisse
+zu fürchten. Ueberall hörte man von Kriegsrüstungen und von Flüchtlingen,
+die in ihrer Heimath bedroht, anderswo ein Asyl suchten. Vergebens bot
+Goethe seiner Mutter einen ruhigen Aufenthalt in Weimar an. Sie fühlte
+keine Besorgniß für ihre eigne Person, tröstete sich durch Bibelstellen,
+und wollte sich durchaus nicht trennen von ihrer Vaterstadt Frankfurt, mit
+der sie, wie Goethe sich ausdrückte, "ganz eigentlich zusammengewachsen
+war."
+
+Von dem bewegten Treiben der Außenwelt wandte sich Goethe, seiner
+Gewohnheit nach, wieder zu mannigfachen literarischen Beschäftigungen. Das
+Gedicht "Reinecke Fuchs" ward um diese Zeit vollendet. Auch der Druck des
+ersten Bandes von "Wilhelm Meisters Lehrjahren" hatte begonnen. Seinen
+botanischen und mineralogischen Studien widmete sich Goethe ebenfalls
+wieder mit großem Eifer. Erfreulich war für ihn in dieser Hinsicht der
+unterhaltende und belehrende Umgang mit Göttling, Batsch, Voigt und andern
+Professoren der Universität Jena. Ein besonderer Gegenstand seiner
+Aufmerksamkeit war das Bergwesen in Ilmenau, und mancher Ausflug in jene
+Gegend ward von ihm unternommen. Goethe freute sich über die Fortschritte
+jenes Unternehmens, die bei beschränkten Mitteln freilich nur mäßig seyn
+konnten.
+
+Unstreitig das wichtigste Ereignis in Goethe's Leben war das um diese Zeit
+(1794) sich entwickelnde nähere Verhältniß zu Schiller. Aus entschiedener
+Abneigung gegen die frühern Producte dieses Dichters, die ihn an die
+poetische Sturm- und Drangperiode erinnerten, der er längst entwachsen war,
+hatte er sich bisher von Schiller entfernt gehalten. Zwar war er ihm 1789
+behülflich gewesen zu einer Professur in Jena, aber an ein näheres
+Verhältniß schienen beide nicht zu denken. Ein philosophisches Gespräch in
+einer Sitzung der von dem Professor Batsch in Jena gegründeten
+naturforschenden Gesellschaft bewirkte die erste Annäherung der beiden
+Dichter. Das von Schiller damals herausgegebene Journal: "die Horen" ward
+das vermittelnde Band zwischen ihm und Goethe, der ebenfalls Beiträge zu
+jener Zeitschrift lieferte.
+
+Das Verhältniß zwischen beiden Dichtern ward bald immer inniger. An
+Schillers Arbeiten nahm Goethe das lebhafteste Interesse, das durch die
+Uebereinstimmung ihrer Ideen immer wieder aufs neue angeregt ward. Ueber
+eine damals noch ungedruckte Abhandlung Schillers schrieb Goethe den 4.
+September 1794: "Ich habe Ihre Entwickelung des Erhabenen mit vielem
+Vergnügen gelesen, und mich daraus aufs neue überzeugt, daß uns nicht
+allein dieselben Gegenstände interessiren, sondern daß wir auch in der Art,
+sie anzusehen, meistens übereinkommen. Ueber alle Hauptpunkte, seh' ich,
+sind wir eins, und was die Abweichungen, die Standpunkte, die Verbindungen
+des Ausdrucks betrifft, so zeugen diese von dem Reichthum des Objects und
+der ihm correspondirenden Mannigfaltigkeit der Subjecte." Dieser Brief
+enthielt zugleich eine an Schiller gerichtete Einladung, nach Weimar zu
+kommen, und in Goethe's Hause zu wohnen. "Wir unterhielten uns", schrieb
+Goethe, "sähen Freunde, die uns am ähnlichsten gesinnt wären, und würden
+nicht ohne Nutzen von einander scheiden." Schillers Individualität
+berücksichtigend fügte Goethe noch hinzu: "Sie sollen ganz nach ihrer Art
+und Weise leben, und sich ganz wie zu Hause einrichten." Schiller folgte
+jener Einladung, und Goethe schrieb den 1. October 1794: "Nach unserer
+vierzehntägigen Conferenz wissen wir nun, daß wir in Prinzipien einig sind,
+und die Kreise unsers Empfindens, Denkens und Wirkens theils coincidiren,
+theils sich berühren."
+
+Zur Aufnahme in die von Schiller herausgegebenen "Horen" sandte Goethe,
+seine "römischen Elegien", zwei "Episteln", denen noch eine dritte folgen
+sollte, und andere poetische Beiträge. Auch zu einigen Aufsätzen hoffte er
+noch Muße zu finden unter der fortwährenden Beschäftigung mit seinem
+"Wilhelm Meister." "Zu kleinen Erzählungen", schrieb er den 27. November
+1794, "hab' ich große Lust, nach der Last, die einem so ein Pseudo-Epos,
+wie der Roman, auferlegt. Ich denke dabei wie die Erzählerin in der Tausend
+und Einen Nacht zu verfahren."
+
+Lebhaft interessirte sich Goethe für Schillers "Briefe über ästhetische
+Erziehung." Diese Abhandlung harmonirte im Wesentlichen mit seinen eignen
+Ansichten und Ideen. Er schrieb darüber den 26. October 1794: "Wie uns ein
+köstlicher, unserer Natur analoger Trank willig hinunterschleicht und auf
+der Zunge schon durch gute Stimmung des Nervensystems seine heilsame
+Wirkung zeigt, so waren mir diese Briefe angenehm und wohlthätig, und wie
+sollte es anders seyn, da ich das, was ich für recht seit langer Zeit
+erkannt, auf eine so zusammenhängende und edle Weise vorgetragen fand. In
+diesem behaglichen Zustande hätte mich ein Billet Herders beinahe gestört,
+der uns, die wir an dieser Vorstellungsart Freude haben, gern einer
+Einseitigkeit beschuldigen möchte. Da man aber im Reiche der Erscheinungen
+es überhaupt nicht so genau nehmen darf, und es immer schon tröstlich genug
+ist, mit einer Anzahl geprüfter Menschen eher zum Nutzen als Schaden seiner
+selbst und seiner Zeitgenossen zu irren, so wollen wir getrost und
+unverrückt so fortleben, und wirklich und in unserm Seyn und Wollen ein
+Ganzes denken, um unser Stückwerk nur einigermaßen vollständig zu machen."
+
+Treffend bezeichnete Goethe so seine unvollendeten literarischen Arbeiten.
+Der "Faust", zu dessen Fortsetzung ihn Schiller ermuntert hatte, ruhte
+längst. "Ich wage nicht," schrieb Goethe, "das Packet aufzuschnüren, das
+ihn gefangen hält." Seine Thätigkeit zersplitterte sich in mannigfachen
+Plänen und Entwürfen, die er großentheils für die "Horen" auszuführen
+gedachte. Einer seiner gehaltvollsten Beiträge für dieses Journal waren die
+bisher ungedruckt gebliebenen "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter."
+Den Werth und Gehalt seiner Producte machte Goethe fast ohne Ausnahme von
+Schillers Urtheil abhängig. Durch ihn gewann er auch das fast verlorene
+Vertrauen zu seinem Roman wieder. Er glaubte, als er denselben begann, das
+Publikum zu Anforderungen berechtigt zu haben, die er sich nicht zu
+erfüllen getraute.
+
+Beruhigt über das im Allgemeinen günstig lautende Urtheil Schillers, dem er
+einen Theil des Manuscripts gesandt hatte, schrieb Goethe an ihn den 10.
+December 1794: "Sie haben mir sehr wohl gethan durch das gute Zeugniß, daß
+sie dem ersten Buche meines Romans geben. Nach den sonderbaren Schicksalen,
+welche diese Production von innen und außen gehabt hat, wäre es kein
+Wunder, wenn ich ganz und gar confus darüber würde. Ich habe mich zuletzt
+blos an meine Idee gehalten, und will mich freuen, wenn sie mich aus diesem
+Labyrinth herausleitet." Schiller war ihm hierzu durch seinen Rath
+behülflich, und dankbar erkannte er des Freundes Bemühungen. Er gewann
+dadurch wieder Muth zur Fortsetzung seines Werks. Ein Brief vom 11. März
+1795 enthielt das Geständniß, daß er den größten Theil des vierten Buchs
+vom "Wilhelm Meister" zum Druck abgesandt, und außerdem noch eine Novelle,
+"der Procurator", geschrieben habe.
+
+Aus dem Carlsbade zurückgekehrt, wohin ihn im Juni 1795 seine
+Kränklichkeit, besonders katarrhalische Zufälle genöthigt hatten, unternahm
+Goethe häufige Ausflüge nach Jena. Außer Schiller fand er dort auch
+Alexander und Wilhelm von Humboldt. Er verlebte in Jena genußreiche Tage.
+Naturwissenschaftliche Betrachtungen wechselten mit Gesprächen über Poesie
+und Kunst. Zur Fortsetzung des "Wilhelm Meister" und zu Beiträgen für die
+"Horen" ermunterte ihn Schiller, so wenig auch dessen Erwartungen die
+genannte Zeitschrift entsprach. Schiller hatte von jenem Journal eine
+allgemein verbreitete großartige Wirkung gehofft, und stieß dagegen von
+Seiten des Publikums überall auf Mangel an Empfänglichkeit und auf
+kleinliche Ansichten. Goethe theilte seines Freundes Begeistrung für alles
+Treffliche, den lebendigen Haß gegen falschen Geschmack und gegen jede
+Beschränkung der Wissenschaft und Kunst. Entrüstet über die kalte Aufnahme
+der "Horen" und über die einseitige Beurtheilung dieser Zeitschrift in
+mehreren kritischen Blättern, schrieb Goethe: "Ueberall spukt doch dieser
+Geist anmaßlicher Halbheit. Welch eine sonderbare Mischung von Selbstbetrug
+und Klarheit diese Personen zu ihrer Existenz brauchen, und was dieser
+Cirkel sich für eine Terminologie gemacht hat, um das zu beseitigen, was
+ihnen nicht ansteht, und das, was sie besitzen, als die Schlange Mosis
+aufzustellen, ist in der That merkwürdig."
+
+In solcher Stimmung vereinigte sich Goethe mit Schiller zur Abfassung der
+unter dem Namen "Xenien" bekannten Epigramme. Ein damaliger Brief Schillers
+bezeichnete sie als "wilde Satyre, besonders gegen Schriftsteller und
+schriftstellerische Producte gerichtet, untermischt mit einzelnen
+poetischen und philosophischen Gedankenblitzen." Lebhaft ergriff Goethe
+diese von ihm ausgegangene Idee. Er schrieb darüber an Schiller den 23.
+December 1795: "Den Einfall, auf alle Zeitschriften Epigramme zu machen,
+wie die Xenien des Martial sind, der mir diese Tage zugekommen ist, müssen
+wir cultiviren, und eine solche Sammlung in Ihren Musenalmanach des
+nächsten Jahres bringen."
+
+Nur auf wenige subordinirte Geister hatte sich anfangs der Witz in den
+erwähnten Epigrammen beschränkt. Der Stoff breitete sich jedoch immer mehr
+aus, und die Pfeile der Satyre verschonten auch nicht Namen, die der
+deutschen Literatur zur Ehre gereichten. Die bedeutendsten unter den
+zahlreichen Gegenschriften, welche die Xenien veranlaßten, waren von Gleim,
+Claudius, Jenisch, Dyk, Manso u.A. Mit vielem Scharfsinn und mit der
+feinsten Ironie suchte Wieland, der ebenfalls in den Xenien nicht geschont
+worden war, in einem gedruckten Briefe einen Freund zu überzeugen, daß
+Schiller und Goethe, nach ihren bisherigen ausgezeichneten Producten,
+unmöglich die Verfasser der Xenien seyn könnten. Ueber die
+Gewissensscrupel, durch die das in jenen Producten mitunter verletzte
+Zartgefühl sich an seinem Freunde Schiller rächte, setzte sich Goethe's
+heiterer Weltsinn hinweg. "Daß man," schrieb er, "nicht überall mit uns
+zufrieden seyn sollte, war ja unsere Absicht, und da das literarische
+Faustrecht noch nicht abgeschafft ist, so bedienen wir uns der reinen
+Befugniß, uns selbst Recht zu verschaffen. Ich erwarte nur, daß mir Jemand
+etwas merken läßt, wo ich mich denn so lustig und artig als möglich
+expectoriren werde."
+
+Neben den "Xenien" entstanden damals mehrere Gedichte Goethe's, die zu dem
+Trefflichsten gehören, was die deutsche Poesie aufzuweisen hat, so unter
+andern die Elegie "Alexis und Dora", und, durch einen Wetteifer mit
+Schiller veranlaßt, mehrere Balladen: "die Braut von Corinth, der Gott und
+die Bajadere, das Blümlein Wunderschön, der Junggesell und der Mühlbach,
+der Müllerin Verrath" u.a.m. Auch mehrere humoristische Gedichte fielen in
+diese Zeit, wie unter andern das bekannte Tischlied: "Mich ergreift, ich
+nicht wie u.s.w." Für die "Horen" lieferte Goethe, außer andern Beiträgen,
+einzelne Fragmente aus seiner damals noch unvollendeten Biographie des
+Florentinischen Goldschmids "Benvenuto Cellini." Immer aber blieb der
+"Wilhelm Meister" seine Hauptbeschäftigung.
+
+In Bezug auf Schillers kritische Bemerkungen über das ihm mitgetheilte
+Manuscript seines Romans, bemerkte Goethe treffend: "Der Fehler, den Sie
+mit Recht bemerken, kommt aus meiner innersten Natur, aus einem gewissen
+realistischen Tic, durch den ich meine Existenz, meine Handlungen, meine
+Schriften den Menschen aus den Augen zu rücken behaglich finde. So werde
+ich immer gern incognito reisen, das geringere Kleid vor dem bessern
+wählen, den unbedeutenden Gegenstand oder doch den weniger bedeutenden
+Ausdruck vorziehen, mich leichtsinniger betragen, als ich bin, und mich so,
+ich möchte sagen, zwischen mich selbst und meine eigene Erscheinung
+stellen. Nach dieser allgemeinen Beichte will ich gern zur besondern
+übergehen, daß ich ohne Ihren Antrieb und Anstoß wider besser Wissen und
+Gewissen, mir auch diese Eigenheit bei einem Roman hätte hingehen lassen,
+welches denn doch bei dem ungeheuren Aufwande, der darauf gemacht ist,
+unverzeihlich gewesen wäre, da alles das, was gefordert werden kann, theils
+so leicht zu erkennen, theils so bequem zu machen ist. Es ist keine Frage,
+daß die scheinbaren, von mir ausgesprochenen Resultate viel beschränkter
+sind, als der Inhalt des Werks, und ich komme mir vor, wie einer, der,
+nachdem er viele und große Zahlen über einander gestellt, endlich
+muthwillig selbst Additionsfehler macht, um die letzte Summe, Gott weiß,
+aus was für einer Grille, zu verringern. Ich bin Ihnen den lebhaftesten
+Dank schuldig, daß Sie noch zur rechten Zeit, auf eine so entschiedene Art,
+diese perverse Manier zur Sprache bringen, und ich werde gewiß, in wiefern
+es mir möglich ist, Ihren gerechten Wünschen entgegen gehen."
+
+Ueber die einseitigen Urtheile, welche seinen Roman, den er 1796 vollendet
+hatte, von mehreren Seiten trafen, machte sich Goethe in den unmuthigen
+Worten Luft: "Möchte bei solchen Aeußerungen nicht die Hippokrene zu Eis
+erstarren, und Pegasus sich mausern! Doch das war vor fünf und zwanzig
+Jahren, als ich anfing, eben so, und wird so seyn, wenn ich lange geendigt
+habe. Indeß ist es nicht zu leugnen, daß es doch aussieht, als wenn gewisse
+Einsichten und Grundsätze, ohne die man sich eigentlich keinem Kunstwerke
+nähern sollte, nach und nach allgemeiner werden müßten."
+
+Den Eindruck, den die mannigfachen, gegen die "Xenien" gerichteten
+Broschüren auf ihn gemacht hatten, schilderte Goethe in einem Briefe an
+Schiller vom 7. December 1796. "Wenn ich aufrichtig seyn soll," schrieb er,
+"so ist das Betragen des Volks ganz nach meinem Wunsch. Es ist eine nicht
+genug gekannte und geübte Politik, daß Jeder, der auf einigen Nachruhm
+Anspruch macht, seine Zeitgenossen zwingen soll, alles, was sie gegen ihn
+in petto haben, von sich zu geben. Den Eindruck davon vertilgt er durch
+die Gegenwart, Leben und Wirken jederzeit wieder. Was half es manchem
+bescheidenen, verdienstvollen und klugen Manne, den ich überlebt habe, daß
+er durch unglaubliche Nachgiebigkeit, Unthätigkeit, Schmeichelei, Rücken
+und Zurechtlegen einen leidlichen Ruf zeitlebens erhielt? Gleich nach dem
+Tode sitzt der Advokat des Teufels neben dem Leichnam, und der Engel, der
+ihm Widerpart halten soll, macht gewöhnlich eine klägliche Gebehrde. Ich
+hoffe, daß die Xenien auch eine ganze Weile wirken, und den bösen Geist
+gegen uns in Thätigkeit erhalten werden. Wir wollen indeß unsere positiven
+Arbeiten fortsetzen, und ihm die Negation überlassen. Nicht eher, als bis
+sie ganz ruhig sind und sicher zu seyn glauben, müssen wir, wenn der Humor
+frisch bleibt, sie noch einmal recht aus dem Fundament ärgern."
+
+Dieser Vorsatz unterblieb. Einen würdigern Gebrauch machte Goethe von
+seinem poetischen Talent in dem epischen Gedicht "Hermann und Dorothea,"
+das er um diese Zeit entworfen hatte. Er schrieb darüber den 18. Januar
+1797 an Schiller, die wunderbare Epoche, in der er eingetreten, sei ihm
+höchst merkwürdig. "Ich schleppe von der analytischen Zeit noch so vieles
+mit, das [daß] ich es nicht loswerden und kaum verarbeiten kann. Indessen
+bleibt mir nichts übrig, als auf diesem Strom mein Fahrzeug so gut zu
+lenken, als es nur gehen will. In's Ferne und Ganze läßt sich nichts
+voraussagen, da diese regulirte Naturkraft, wie alle unregulirten, durch
+nichts in der Welt geleitet werden kann, sondern sich selbst bilden muß,
+auch aus sich selbst und auf ihre Weise wirkt.["]
+
+Goethe blieb seiner Natur und schnell wechselnden Geistesrichtung treu.
+Schon eilf Tage später, am 29. Januar, beklagte er sich, "daß für ihn an
+keine ästhetische Stimmung zu denken sei." Seine Thätigkeit wandte sich
+wieder zu wissenschaftlichen Gegenständen. "Die Farbentafeln," schrieb er,
+"schließen sich immer fester an einander, und in Betrachtung organischer
+Naturen bin ich auch nicht müßig gewesen. Es leuchten mir in diesen langen
+Nächten ganz wundersame Lichter. Ich hoffe, es sollen keine Irrlichter
+seyn." In einem spätern Briefe an Schiller vom 8. Februar 1797 gestand
+Goethe, er sei wie ein Ball, den eine Stunde der andern zuwerfe. "In den
+Frühstunden," schrieb er, "suche ich die letzte Lieferung des Benvenuto
+Cellini zu bearbeiten. Ueber die Metamorphose der Insekten gelingen mir
+allerlei gute Bemerkungen. Die Raupen, die ich im Winter in der warmen
+Stube hielt, erscheinen schon nach und nach als Schmetterlinge, und ich
+suche sie auf dem Wege zu dieser neuen Verwandlung zu ertappen."
+
+In diese stillen Beschäftigungen griffen die damaligen politischen
+Ereignisse störend ein. Die mannigfachen Truppenmärsche der europäischen
+Mächte ließen auf den nahen Ausbruch eines allgemeinen Kriegs schließen.
+Erst als die Besorgnisse allmälig verschwanden, gewann Goethe wieder Muth
+zur Fortsetzung seines noch unvollendeten Gedichts "Hermann und Dorothea."
+Unterbrochen ward er jedoch darin durch physische Leiden, besonders durch
+einen hartnäckigen Katarrh, der ihn während seines Aufenthalts in Jena
+heimsuchte. An Schiller schrieb er den 27. Februar 1797: "Ich bin wirklich
+mit Hausarrest belegt, sitze am warmen Ofen, und friere von innen heraus.
+Der Kopf ist mir eingenommen, und meine ganze Intelligenz wäre nicht im
+Stande, durch einen freien Denkactus den einfachsten Wurm zu produciren;
+vielmehr muß sie dem Salmiak und dem Liquiriziensaft, als Dingen, die an
+sich den häßlichsten Geschmack haben, wider ihren Willen die Existenz
+zugestehen. Wir wollen hoffen, daß wir aus der Erniedrigung dieser realen
+Bedrängnisse zur Herrlichkeit poetischer Darstellungen nächstens gelangen
+werden, und glauben dies um so sicherer, als uns die Wunder der stetigen
+Naturwirkungen bekannt sind."
+
+Am 1. März 1797 meldete Goethe, daß "der Katarrh zwar im Abmarsch sei," er
+aber noch das Zimmer hüten müßte. "Die Gewohnheit", schrieb er, "fängt an,
+mir diesen Aufenthalt erträglich zu machen." Er äußerte in diesem Briefe
+die Hoffnung, sein Gedicht "Hermann und Dorothea," wovon er den vierten
+Gesang vollendet habe, glücklich zu Ende zu bringen. "So verschmähen also,"
+schrieb er, "die Musen den asthenischen Zustand nicht, in welchem ich mich
+durch das Uebel versetzt fühle. Vielleicht ist es gar ihren Einflüssen
+günstig." Bereits am 4. März meldete Goethe, daß die Arbeit fortrücke, und
+schon anfange, Masse zu machen. "Nur auf zwei Tage," schrieb er, "kommt es
+noch an, so ist der Schatz gehoben, und ist er erst einmal über der Erde,
+so findet sich alsdann das Poliren von selbst." Merkwürdig sei es, fügte
+Goethe hinzu, wie das Gedicht gegen das Ende sich ganz zu seinem
+idyllischen Ursprung hinneige.
+
+Die Erfindung, die Wahl des Stoffs hielt Goethe bei jedem poetischen Werke
+für die Hauptsache. Form und Darstellung, meinte er, seien nur Nebendinge.
+Er schrieb darüber an Schiller den 5. April 1797: "Sie haben ganz Recht,
+daß in den Gestalten der alten Dichtkunst, wie in der Bildhauerkunst, ein
+Abstractum erscheint, das seine Höhe nur durch das, was man Styl nennt,
+erreichen kann. Es giebt auch Abstracta durch Manier, wie bei den
+Franzosen. Auf dem Glück der Fabel beruht freilich alles; man ist wegen des
+Hauptaufwandes sicher, die meisten Leser und Zuschauer nehmen dann doch
+nichts weiter davon, und dem Dichter bleibt doch das ganze Verdienst einer
+lebendigen Ausführung, die desto fleißiger seyn kann, je besser die Fabel
+ist."
+
+Abgelenkt ward Goethe wieder von der Beschäftigung mit seinem Epos durch
+eine jugendliche Lieblingsidee, die in ihm auftauchte. Die Bibel ward für
+ihn ein Gegenstand mannigfacher Forschungen. "Indem ich den
+patriarchalischen Ueberresten nachspürte," schrieb er den 12. April 1797,
+"bin ich in das Alte Testament gerathen, und habe mich auf's Neue nicht
+genug verwundern können über die Confusion und die Widersprüche der fünf
+Bücher Mosis, die freilich, wie bekannt, aus hunderterlei schriftlichen und
+mündlichen Traditionen zusammengestellt seyn mögen. Ueber den Zug der
+Kinder Israel in der Wüste hab' ich einige artige Bemerkungen gemacht, und
+es ist der verwegene Gedanke in mir entstanden, ob nicht die große Zeit,
+welche sie darin zugebracht haben, erst eine spätere Erfindung sei."
+
+Näher erklärte sich Goethe hierüber in einem Briefe vom 15. April 1797.
+"Noch immer," schrieb er, "hab' ich die Kinder Israel in der Wüste
+begleitet. Meine kritisch-historisch-poetische Arbeit geht davon aus, daß
+die vorhandenen Bücher sich selbst widersprechen und sich selbst verrathen;
+und der ganze Spaß, den ich mir mache, läuft dahin hinaus, das menschlich
+Wahrscheinliche von dem Absichtlichen und blos Imaginirten zu sondern, und
+doch für meine Meinung überall Belege aufzufinden. Alle Hypothesen dieser
+Art bestehen blos durch das Natürliche des Gedankens und durch die
+Mannigfaltigkeit der Phänomene, auf die er sich gründet." Es sei ihm, fügte
+Goethe hinzu, "recht wohl zu Muthe, wieder einmal etwas auf kurze Zeit zu
+haben, bei dem er mit Interesse im eigentlichen Sinne des Worts spielen
+könne, denn die Poesie, wie er sie seit einiger Zeit treibe, sei doch eine
+gar zu ernste Beschäftigung."
+
+Neben diesen Bibelstudien, bei denen ihm Eichhorn's Einleitung in das Alte
+Testament wesentliche Dienste leistete, hatten sich die einzelnen Gesänge
+von "Hermann und Dorothea" nach und nach zu einem Ganzen gerundet. An
+Schiller schrieb Goethe den 28. April 1797: "Mein Gedicht ist fertig. Es
+besteht aus zweitausend Hexametern, und ist in neun Gesänge getheilt, und
+ich sehe darin wenigstens einen Theil meiner Wünsche erfüllt. Die höchste
+Instanz, vor der es gerichtet werden kann, ist die, vor welche der
+Menschenmaler seine Compositionen bringt, und es wird die Frage seyn, ob
+man unter dem modernen Costüm meines Gedichts die wahren ächten
+Menschenproportionen anerkennen werde. Der Gegenstand selbst ist äußerst
+glücklich, ein Süjet, wie man es in seinem Leben nicht zweimal findet; wie
+denn überhaupt die Gegenstände zu wahren Kunstwerken seltener gefunden
+werden, als man denkt, woher auch die Alten sich nur beständig in einem
+gewissen Kreise bewegen. In der Lage, in der ich mich befinde, habe ich mir
+zugeschworen, an nichts mehr Theil zu nehmen, als an dem, was ich so in
+meiner Gewalt habe, wie ein Gedicht, wo man weiß, daß man zuletzt nur sich
+zu tadeln oder zu loben hat; an einem Werke, an dem man, wenn der Plan
+einmal gut ist, nicht das Schicksal des Penelopeischen Schleiers erlebt.
+Leider lösen in allen übrigen Dingen einem die Menschen gewöhnlich wieder
+auf, was man mit großer Sorgfalt gewoben hat, und das Leben gleicht jener
+beschwerlichen Art zu wallfahrten, wo man drei Schritte vor, und zwei
+zurück thun muß."
+
+So wenig auch Goethe's individuelle Natur, die Vielseitigkeit seines
+Geistes ihm erlaubte, bei dem in diesem Briefe ausgesprochenen Entschlusse
+ernstlich zu beharren, so schien er doch diesmal demselben treu bleiben zu
+wollen. "Ich habe," schrieb er den 22. Juni 1797, "mich entschlossen, an
+meinen Faust zu gehen, und ihn, wo nicht zu vollenden, doch wenigstens um
+ein gutes Theil weiter zu bringen, indem ich das, was gedruckt ist, wieder
+auflöse, und es mit dem, was schon fertig oder erfunden ist, in große
+Massen disponire, und so die Ausführung des Plans, der eigentlich nur eine
+Idee ist, näher vorbereite. Nun hab' ich eben diese Idee und deren
+Darstellung wieder vorgenommen, und bin mit mir selbst ziemlich einig. Da
+die verschiedenen Theile dieses Gedichts in Absicht auf die Stimmung
+verschieden behandelt werden können, wenn sie sich nur dem Geist und Ton
+des Ganzen subordiniren, und da übrigens die ganze Arbeit subjectiv ist, so
+kann ich in einzelnen Momenten mich damit beschäftigen, und so bin ich auch
+jetzt etwas zu leisten im Stande. Ich werde vorerst die großen erfundenen
+und halb bearbeiteten Massen zu enden, und mit dem, was gedruckt ist,
+zusammen zu stellen suchen, und so lange treiben, bis sich der Kreis selbst
+erschöpft."
+
+Unterbrochen ward Goethe's Beschäftigung mit dem "Faust", so wie seine
+ganze literarische Thätigkeit durch eine Reise nach der Schweiz. Den 30.
+Juli 1797 verließ er Weimar. Unterwegs beschäftigte ihn die genaue
+Betrachtung der Gegenden, besonders in Bezug auf Geognosie und die darauf
+gegründete Cultur des Bodens. Genußreiche Tage verlebte er in seiner
+Vaterstadt Frankfurt. Unter mehreren Bekanntschaften, die er dort theils
+anknüpfte, theils erneuerte, war besonders Sömmering für ihn belehrend
+durch seine geistreiche Unterhaltung, durch Präparate und Zeichnungen. Zur
+Ausführung einiger poetischen Entwürfe fehlte ihm die nöthige Stimmung, die
+er erst nach der Rückkehr von einem ruhigen Zustande erwartete. Von
+Frankfurt a.M. ging er über Heidelberg, Heilbronn und Ludwigsburg nach
+Stuttgart, wo er den kunstliebenden Kaufmann Rapp und die Bildhauer
+Dannecker und Scheffauer kennen lernte. In der Schweiz, wohin er sich im
+September 1797 begab, fand sein poetisches Talent mannigfache Anregung
+durch die Betrachtung der schönen Natur. "Herrliche Stoffe zu Idyllen und
+Elegien," schrieb er, "habe ich aufgefunden, und Einiges schon wirklich
+gemacht." Am längsten verweilte er bei der Idee, den Befreier der Schweiz
+zum Helden eines epischen Gedichts zu wählen. Er schrieb darüber den 14.
+October 1797: "Ich bin fest überzeugt, daß die Fabel vom Tell sich werde
+episch behandeln lassen, und es würde daher, wenn es mir, wie ich vorhabe,
+gelingt, der sonderbare Fall eintreten, daß das Mährchen durch die Poesie
+erst zu seiner vollkommnen Wahrheit gelangte, anstatt daß man sonst, um
+etwas zu leisten, die Geschichte zur Fabel machen muß. Das beschränkte,
+höchst bedeutende Local, worauf die Begebenheit spielt, hab' ich mir wieder
+recht genau vergegenwärtigt, so wie die Charaktere, Sitten und Gebräuche
+der Menschen in diesen Gegenden, so gut in der kurzen Zeit möglich,
+beobachtet, und es kommt nun auf gut Glück an, ob aus diesem Unternehmen
+etwas werden kann."
+
+Andere Gegenstände verdrängten die Ausführung dieser Idee. Indeß meinte
+Goethe doch, daß nur ein wenig Gewohnheit dazu gehöre, die literarische
+Thätigkeit, an die man daheim gewöhnt sei, auch auswärts fortzusetzen.
+"Wenn die Reise," schrieb er, "zu gewissen Zeiten zerstreut, so führt sie
+uns zu andern Zeiten desto schneller auf uns selbst zurück. Der Mangel an
+äußeren Verhältnissen und Verbindungen, ja die lange Weile ist demjenigen
+günstig, der manches zu verarbeiten hat. Die Reise gleicht einem Spiel; man
+empfängt mehr oder weniger, als man hofft, man kann ungestört eine Weile
+hinschlendern, und dann ist man wieder genöthigt, sich einen Augenblick
+zusammenzunehmen. Für Naturen, wie die meinige, die sich gern festsetzen
+und die Dinge festhalten, ist eine Reise unschätzbar; sie belebt,
+berichtigt, belehrt und bildet."
+
+Bei seiner Rückkehr nach Weimar widmete Goethe vorzugsweise seine
+Aufmerksamkeit dem Theater. Sein Interesse an der Bühne, durch die
+schriftliche und mündliche Unterhaltung mit Schiller immer auf's neue
+belebt, ward noch höher gesteigert, als Iffland im April 1798 eine Reihe
+von glänzenden Darstellungen gab. Vielfach thätig war Goethe bei dem neuen
+Theatergebäude, das damals durch den Architekten Thouret aus Stuttgart in
+Weimar errichtet und mit einem Prolog Schillers eröffnet ward, welchem eine
+Vorstellung von Wallensteins Lager folgte. Goethe fühlte sich der
+dramatischen Gattung seit längerer Zeit entfremdet. Er gestand dies in
+einem Briefe an Schiller vom 9. December 1797. "Ohne ein lebhaftes
+pathologisches Interesse," schrieb er, "ist es mir nie gelungen, irgend
+eine tragische Situation zu bearbeiten, und ich habe sie daher eher
+vermieden, als aufgesucht. Sollte es wohl auch einer von den Vorzügen der
+Alten gewesen seyn, da bei uns die Naturwahrheit mitwirken muß, um ein
+solches Wesen hervorzubringen? Ich kenne mich zwar nicht selbst genug, um
+zu wissen, ob ich eine wahre Tragödie schreiben könnte; ich erschrecke aber
+blos vor dem Unternehmen, und bin überzeugt, daß ich mich durch den bloßen
+Versuch zerstören könnte."
+
+In der Beilage zu einem an Schiller gerichteten Briefe hatte Goethe den
+Unterschied zwischen epischer und dramatischer Dichtung scharf bezeichnet.
+Doch blieb er der erstern treu, weil sie mit seinen Naturanlagen mehr
+harmonirte. Das fortgesetzte Studium des Homer führte ihn zu dem Entwurf
+eines epischen Gedichts unter dem Titel "Achilleis", das jedoch unvollendet
+blieb. Den 6. December 1797 schrieb Goethe: "Ich habe diese Tage
+fortgefahren, die Ilias zu studiren, und zu überlegen, ob zwischen ihr und
+der Odyssee nicht noch eine Epopöe inne liege. Ich finde aber eigentlich
+nur tragische Stoffe, es sei nun, daß es wirklich so ist, oder daß ich nur
+den epischen nicht finden kann. Das Lebensende des Achill mit seinen
+Umgebungen ließe eine epische Behandlung zu, und forderte sie gewissermaßen
+wegen der Breite des zu bearbeitenden Stoffs. Nun würde die Frage
+entstehen, ob man wohl thue, einen tragischen Stoff ebenfalls episch zu
+behandeln. Es läßt sich allerlei dafür und dagegen sagen. Was den Effect
+betrifft, so würde ein Neuer, der für Neue arbeitet, immer dabei im
+Vortheil seyn, weil man ohne pathologisches Interesse sich wohl schwerlich
+den Beifall der Zeit erwerben wird."
+
+Noch in mehreren seiner Briefe kam Goethe wieder auf diese Idee zurück, die
+er jedoch, der Ermunterungen Schillers ungeachtet, nicht realisirte.
+Dankbar erkannte er jedoch des Freundes wohlthätigen Einfluß auf seine
+poetische Thätigkeit. Er schrieb darüber den 6. Januar 1798 an Schiller:
+"Das günstige Zusammentreffen unsrer beiden Naturen hat uns schon manchen
+Vortheil verschafft. Wenn ich Ihnen zum Repräsentanten mancher Objecte
+diente, so haben Sie mich von der allzustrengen Beobachtung der äußern
+Dinge und ihrer Verhältnisse auf mich selbst zurückgeführt. Sie haben mich
+die Vielseitigkeit des innern Menschen mit mehr Billigkeit anzuschauen
+gelehrt, Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft, und mich zum Dichter
+gemacht, welches zu seyn ich so gut als aufgehört hatte."
+
+Seine poetische Unfruchtbarkeit erklärte sich Goethe aus den noch immer
+fortdauernden Nachwirkungen seines zerstreuten Reiselebens. "Das Material,
+das ich erbeute," schrieb er, "kann ich zu nichts brauchen, und ich bin
+außer aller Stimmung gekommen, irgend etwas zu thun. Ich erinnere mich aus
+früherer Zeit eben solcher Wirkungen, und es ist mir aus manchen Fällen und
+Umständen wohl bekannt, daß Eindrücke bei mir sehr lange wirken müssen, bis
+sie zum poetischen Gebrauch sich willig finden lassen. Ich habe auch
+deshalb ganz pausirt, und erwarte nun, was mir mein erster Aufenthalt in
+Jena bringen wird."
+
+Die erwartete poetische Ausbeute bestand jedoch nur in einzelnen kleinen
+Gedichten, unter denen die "Weissagungen des Bakis" vielleicht die
+bedeutendsten waren. Goethe wandte sich zur bildenden Kunst. Ihn
+beschäftigten die Vorarbeiten zur Herausgabe einer Zeitschrift, "die
+Propyläen" betitelt. Gleichzeitig setzte er die Biographie des "Benvenuto
+Cellini" fort, als Anhaltspunkt der Geschichte des sechzehnten
+Jahrhunderts. Daran reihten sich mannigfache andere Beschäftigungen, die in
+der rauhen und unfreundlichen Witterung des Januar ihm die Zeit verkürzten.
+Er nahm unter andern seine "Farbenlehre" wieder zur Hand.
+
+Seinem Freunde Schiller kam er aufmunternd entgegen durch das lebhafte
+Interesse an dem "Wallenstein." Gemeinschaftlich mit Schiller entwarf er
+die Idee, mehrere ältere Schauspiele dem Geschmack der neuern Zeit zu
+nähern, und sie in einer Umbildung auf die Bühne zu bringen. Dem deutschen
+Theater sollte dadurch zu einem soliden Repertoir verholfen werden. Goethe
+machte hiezu den Anfang mit seiner Uebersetzung des Mahomet und Tancred von
+Voltaire, Schiller mit der Umarbeitung von Shakespeare's [Shakspeare's]
+Macbeth.
+
+Durch den Beifall, mit welchem Schillers "Wallenstein," seine "Maria
+Stuart" u.a. seiner spätern dramatischen Werke bei der Vorstellung auf der
+Bühne aufgenommen wurden, fühlte sich Goethe ermuntert, in einer ihm seit
+mehrern Jahren beinahe fremd gewordenen Gattung sich wieder zu versuchen.
+Die Memoiren der Stephanie von Bourbon boten ihm den Stoff zu einer
+Tragödie, die er später unter dem Titel "die natürliche Tochter" herausgab.
+Nach seinem eignen Geständniß wollte er darin "wie in einem Gefäß alles
+niederlegen, was er über die französische Revolution und ihre Folgen theils
+gedacht, theils niedergeschrieben hatte." Während der Beschäftigung mit
+diesem Werke blieb er thätig für die "Propyläen." Manche Mußestunde widmete
+er auch, durch Schelling's Naturphilosophie angeregt, verschiedenen damit
+zusammenhängenden Studien. Aus seiner Gartenwohnung am sogenannten Stern,
+einem Theil des Weimarischen Parks, beobachtete er durch ein
+Spiegeltelescop den Mondwechsel mit seinen wunderbaren Erscheinungen.
+Daneben beschäftigte ihn die Lectüre von Herder's "Fragmenten zur
+Geschichte der Literatur", von "Winkelmanns Briefen" und von Milton's
+"verlorenem Paradiese", um, nach seinem eignen Geständniß, "die
+mannigfachsten Zustände, Denk- und Dichtweisen sich zu vergegenwärtigen."
+
+Wie Goethe die Literatur überhaupt, insonderheit aber die Poesie
+betrachtete, zeigte folgende Stelle in einem Briefe vom 6. März 1800: "Was
+die großen Anforderungen betrifft, die man jetzt an den Dichter macht, so
+glaube ich, daß sie nicht leicht einen Dichter hervorbringen werden. Die
+Dichtkunst verlangt ein Subject, das sie ausüben soll, eine gewisse
+gutmüthige, in's Reale verliebte Beschränktheit, hinter welcher das
+Absolute verborgen liegt. Die Forderungen von oben herein zerstören jenen
+unschuldigen productiven Zustand, und setzen vor lauter Poesie an die
+Stelle der Poesie etwas, das nun ein für allemal nicht Poesie ist, wie wir
+in unsern Tagen leider gewahr werden, und so verhält es sich mit den
+verwandten Künsten, ja mit der Kunst im weitesten Sinne. Dies ist mein
+Glaubensbekenntnis welches übrigens keine weitern Ansprüche macht."
+
+Unter den mannigfachen Beschäftigungen, auf die sich die Vielseitigkeit
+seines Geistes lenkte, überraschte ihn eins der trübsten Ereignisse, der
+Tod Schillers am 9. Mai 1805. Mit seiner eigenen Kränklichkeit hatte Goethe
+den Freund unter seinen physischen Leiden zu trösten gesucht. Scherzend
+schrieb er ihm den 24. Januar 1805: "Ob nach der alten Lehre die humores
+peccantis im Körper herumspazieren, oder ob nach der neuern die
+verhältnißmäßig schwächern Theile in désavantage sind, genug, bei mir
+hinkt es bald hier, bald dort, und sind die Unbequemlichkeiten in den
+Gedärmen in's Diaphragma, von da in die Brust, ferner in den Hals und so
+weiter in's Auge gefahren, wo sie mir denn am allerwenigsten willkommen
+sind."
+
+Die scherzhafte Stimmung in diesem Briefe wich bald dem Gefühl der Wehmuth
+und Trauer bei dem lange gefürchteten Verlust seines Freundes. Als Goethe,
+mehrere Wochen an sein Zimmer gefesselt, zu Anfange Mai sich zum ersten Mal
+aus dem Hause wagte, traf er Schiller, der eben im Begriff war, in's
+Theater zu gehen. "Ein Mißbehagen," erzählt Goethe selbst, "hinderte mich,
+ihn zu begleiten, und so schieden wir vor seiner Hausthür, um uns nie
+wiederzusehen. Bei dem Zustande meines Körpers und Geistes wagte Niemand,
+die Nachricht von seinem Scheiden in meine Einsamkeit zu bringen. Schiller
+war am neunten Mai verschieden, und ich nun von allen meinen Uebeln doppelt
+und dreifach angefallen." Seine Stimmung schilderte folgende Stelle in
+einem Briefe vom 1. Juni 1805. "Ich dachte mich selbst zu verlieren, und
+verliere einen Freund, und in demselben die Hälfte meines Daseyns.
+Eigentlich", fügte er hinzu, "sollte ich eine neue Lebensweise anfangen.
+Aber dazu ist in meinen Jahren auch kein Weg mehr. Ich sehe also jetzt
+jeden Tag unmittelbar vor mich hin, ohne an eine weitere Folge zu denken."
+
+Mehr als jemals, fühlte Goethe das Bedürfnis einer anhaltenden Thätigkeit.
+Manche Hindernisse stellten sich der Ausführung des Plans entgegen, das von
+Schiller unvollendet zurückgelassene Trauerspiel "Demetrius" zu beenden.
+Unterstützt durch mehrere schätzbare Beiträge F.A. Wolfs gab Goethe damals
+(1805) das für die Kunstgeschichte wichtige Werk: "Winkelmann und sein
+Jahrhundert" heraus, und gleichzeitig einen aus dem Französischen
+übersetzten Dialog Diderots, unter dem Titel: "Rameau's Neffe."
+
+Trübe Tage brachte ihm die Schlacht bei Jena am 14. October 1806 und die
+allgemeine Plünderung, welche die Stadt Weimar traf. Mitten unter jenen
+Kriegsstürmen reichte Goethe, in bereits vorgerücktem Alter einer
+vieljährigen Freundin am Altar die Hand. Es war Christiane Vulpius, eine
+Schwester des bekannten Romanschriftstellers und nachherigen
+Oberbibliothekars in Weimar.
+
+Neben einer genauen Durchsicht seiner bisherigen Schriften, die in einer
+zwölfbändigen Gesammtausgabe 1806 erschienen, beschäftigte sich Goethe mit
+seinen wissenschaftlichen Forschungen, vor allen mit seiner "Farbenlehre,"
+die 1808 mit einer Zueignung an die Herzogin Louise von Sachsen-Weimar ans
+Licht trat. Jene Forschungen weckten in ihm die Idee zu einem Roman, in
+welchem er unter dem Titel "die Wahlverwandtschaften" nach seinem eignen
+Geständniß, "das Leben von seiner täglichen Licht- und Schattenseite
+darstellen, und zugleich die Macht begreiflich machen wollte, die das Spiel
+geheimer Naturgesetze über menschliche Verhältnisse ausübt." Die von ihm
+begonnene Biographie des Landschaftsmalers Philipp Hackert, mit dem er in
+Rom genußreiche Tage verlebt hatte, trat in den Hintergrund durch Goethe's
+Beschäftigung mit seiner Selbstbiographie, die er unter dem Titel:
+"Dichtung und Wahrheit aus meinem Leben" in mehrern Bänden herausgab.
+Ungeachtet seiner Abneigung gegen alle politischen Tendenzen, verewigte
+Goethe die Befreiung seines Vaterlandes von französischer Botmäßigkeit
+durch das Festspiel: "Des Epimenides Erwachen", das zuerst in Berlin
+vorgestellt ward. Die Stimmung, in welcher er dies Stück, welchem eine alte
+griechische Mythe zum Grunde lag, gedichtet hatte, kehrte ihm wieder, und
+er verfaßte die Inschrift für das dem Fürsten Blücher in seiner Vaterstadt
+Rostock errichtete Denkmal.
+
+Das Interesse an botanischen und mineralogischen Studien ward in Goethe
+erhalten durch seine jährlich nach Carlsbad und Töplitz unternommenen
+Badereisen, zu denen ihn sein Gesundheitszustand nöthigte. Einer seiner
+Freunde erzählte, wie er unterwegs aus dem Wagen gestiegen sei und mit
+einem Hammer Steine zerklopft habe. Seine Vaterstadt Frankfurt, die er nach
+siebzehn Jahren (1814) zum ersten mal wieder besuchte, ehrte ihn durch eine
+Vorstellung seines "Tasso", und feierte auf eine noch glänzendere Weise
+(1818) seinen siebzigsten Geburtstag durch Ueberreichung eines goldenen
+Lorbeerkranzes, der an Werth die Summe von 1500 Fl. überstiegen haben soll.
+Goethe dankte seinen Verehrern durch das in seinen Werken aufbewahrte
+Gedicht: "Die Feier des 28. August dankbar zu erwiedern."
+
+Das von ihm unter dem Titel: "Kunst und Alterthum" 1816 herausgegebene
+Journal, welches kurze Reiseberichte, und Recensionen über neuere Werke der
+Dichtkunst, Malerei und Plastik enthielt, war eine Art von Fortsetzung der
+Aufsätze, die Goethe früher in Verbindung mit den Weimarischen
+Kunstfreunden in den "Propyläen" und in der Allgemeinen Literaturzeitung
+mitgetheilt hatte. Für den Theil seiner Studien, dem er seit früher Jugend
+unverändert treu geblieben war, gründete er eine, in einzelnen Heften
+fortlaufende Zeitschrift: "Zur Morphologie und Naturwissenschaft überhaupt"
+betitelt. Das Gebiet der Poesie, aus dem er sich längere Zeit entfernt
+hatte, betrat er wieder in einer Art von Fortsetzung seines Romans "Wilhelm
+Meister", die er unter dem Titel "Wilhelm Meisters Wanderjahre" herausgab.
+In eigentümlicher Weise suchte er in seinem "Westöstlichen Divan" die
+orientalische Poesie auf den deutschen Boden zu verpflanzen. An der Bühne
+und ihren Vorstellungen nahm er wenig Antheil mehr. Das Auftreten eines
+Thieres in dem bekannten Drama. "Der Hund des Aubry" hielt er für eine so
+tiefe Herabwürdigung der Bühne, daß er sich dadurch bewogen fand, 1817 die
+bisher von ihm geführte Theaterdirection niederzulegen.
+
+Die ruhige Besonnenheit und Klarheit, die seinem Geiste stets eigen war und
+die sich im höhern Alter noch steigerte, vermißte Goethe in der neuern
+Literatur. Mit der Richtung, die sie genommen, konnte er sich eben so wenig
+befreunden, als mit den eigenthümlichen Fortschritten der Cultur überhaupt.
+Nicht ohne Bitterkeit äußerte er sich darüber in einem Briefe vom 9. Juni
+1825 mit den Worten: "Alles ist jetzt ultra, alles transcendirt
+unaufhaltsam, im Denken, wie im Thun. Niemand kennt sich mehr. Niemand
+begreift das Element, worin er schwebt und wirkt, Niemand den Stoff, den er
+bearbeitet. Von reiner Einfalt kann die Rede nicht seyn; einfältiges Zeug
+giebt es genug. Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt, und dann im
+Zeitstrom fortgerissen. Reichthum und Schnelligkeit ist es, was die Welt
+bewundert. Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen
+Facilitäten der Communication sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht,
+sich zu überbilden, und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren.
+Eigentlich ist es das Jahrhundert für die fähigen Köpfe, für
+leichtfassende, practische Menschen, die, mit einer gewissen Gewandtheit
+ausgestattet, ihre Superiorität über die Menge fühlen, wenn sie gleich
+selbst nicht zum Höchsten begabt sind."
+
+Eine ruhigere Stimmung herrschte in einem Briefe Goethe's vom 3. November
+1825. "Von mir," schrieb er, "kann ich so viel sagen, daß ich, meinem Alter
+und Umständen nach, wohl zufrieden seyn darf. Die Verhandlungen wegen einer
+neuen Ausgabe meiner Werke geben mir mehr als billig zu thun; sie sind nun
+ein ganzes Jahr im Gange. Alles läßt sich aber so gut an, und verspricht
+den Meinigen unerwartete Vortheile, um derentwillen es wohl der Mühe werth
+ist, sich zu bemühen. Auch fehlt es nicht mitunter an guten Gedanken und
+neuen Ansichten, zu denen man auf der Höhe des Lebens gelangt."
+
+Erhalten ward Goethe in dieser heitern Stimmung durch seinen lebhaften
+Antheil an zwei Dichtern des Auslandes, mit denen er um diese Zeit in
+schriftliche Berührung kam. Den Italiener Manzoni, für dessen Tragödie:
+"Der Graf von Carmagnola," sich Goethe lebhaft interessirte, nannte er in
+einem seiner Briefe "einen Dichter, der verdiene, daß man ihn studire."
+Durch die eigentümliche Art und Weise, wie der Lord Byron die dem "Faust"
+zu Grunde liegende Idee des unbefriedigten Strebens eines reichen, aber in
+sich zerfallenen Gemüths für das Drama: "Manfred" benutzt hatte, lenkte
+sich Goethe's Aufmerksamkeit auf diesen Dichter, dessen großes poetisches
+Talent er zwar anerkannte, doch zugleich sich wieder von ihm zurückgestoßen
+fühlte durch Byron's an Verzweiflung grenzende Unzufriedenheit mit der Welt
+und ihren Verhältnissen.
+
+Zu den erfreulichsten Erscheinungen für Goethe in seinem höheren Alter
+gehörte die durch zahlreiche Gedichte seiner Freunde und Verehrer und durch
+sonstige werthvolle Gaben gefeierte Wiederkehr seines Geburtstages. Innig
+freute er sich, daß sein Talent noch immer eine Anerkennung fand zu einer
+Zeit, wo eine einseitige und befangene Kritik ihm seinen wohlverdienten
+Dichterruhm zu schmälern suchte. Zu einer allgemeinen und würdigen Feier,
+nicht blos in Weimar, sondern auch in mehreren andern Städten Deutschlands
+ward Goethe's Jubelfest im Jahr 1825. Die funfzigste Wiederkehr des Tages,
+an welchem Goethe in den Weimarischen Lebenskreis eingetreten war, sollte
+zugleich als sein Dienstjubiläum gefeiert werden. Dies geschah auf den
+Wunsch seines Fürsten, dem er ein halbes Jahrhundert hindurch seine treue
+Gesinnung als Staatsmann, Dichter, Rathgeber und Freund im höchsten Sinne
+des Worts in mannigfacher Weise bethätigt hatte. Aehnliche Festlichkeiten,
+von denen eine in Weimar erschienene Schrift eine ausführliche Beschreibung
+lieferte, hatten einige Monate früher, den 5. November 1825 bei dem durch
+Goethe mehrfach verherrlichten Regierungsjubiläum seines Fürsten statt
+gefunden.
+
+Goethe war dadurch seiner gewohnten stillen Thätigkeit entzogen worden. Die
+Nachwirkungen jener geräuschvollen Tage schien er noch lange zu empfinden.
+Er schrieb darüber den 16. November 1825: "Wie der Eindruck des Unglücks
+durch die Zeit gemildert wird, so bedarf das Glück auch dieses wohlthätigen
+Einflusses. Erst nach und nach erhole ich mich vom 7. November. Solchen
+Tagen sucht man sich im Augenblick möglichst gleich zu stellen, fühlt aber
+erst hinterher, daß eine solche Anstrengung nothwendig einen abgespannten
+Zustand zur Folge hat. Ich bin höchst bedrängt, zwar nicht von Sorgen, aber
+doch von Besorgungen, und das kann sich zuletzt zu einem Grade steigern,
+daß es fast dasselbe wird."
+
+Den Standpunkt, aus welchem Goethe im höheren Alter das Leben mit seinen
+mannigfach wechselnden Erscheinungen betrachtete, zeigte folgende Stelle in
+einem Briefe vom 19ten März 1827: "Mir erscheint der zunächst mich
+berührende Personenkreis wie ein Convolut sibyllinischer Bücher, deren eins
+nach dem andern, von Lebensflammen aufgezehrt, in der Luft zerstiebt, und
+dabei den übrig bleibenden von Augenblick zu Augenblick höhern Werth
+verleiht. Wirken wir fort, bis wir, vor oder nach einander, vom Weltgeist
+berufen in den Aether zurückkehren. Möge dann der ewig Lebendige uns neue
+Thätigkeiten, denen analog, in welchem wir uns schon erprobt, nicht
+versagen. Fügt er sodann Erinnerung und Nachgefühl des Rechten und Guten,
+was wir hier schon gewollt und geleistet, väterlich hinzu, so werden wir
+gewiß um desto rascher in die Kämme des Weltgetriebes eingreifen. Die
+entelechische Monade muß sich nur in rastloser Thätigkeit erhalten; wird
+ihr diese zur andern Natur, so kann es ihr in Ewigkeit nicht an
+Beschäftigung fehlen. Man verzeihe mir diese obstrusen Ausdrücke. Hat der
+Mensch sich doch von jeher in solche Regionen verloren, in solchen
+Spracharten sich mitzutheilen versucht, da, wo die Vernunft nicht
+hinreichte, und wo man doch die Unvernunft nicht wollte walten lassen."
+
+Unter Goethe's poetischen Entwürfen beschäftigte ihn vorzüglich eine
+Fortsetzung seines "Faust." Diese Tragödie, zu welcher er ein
+Zwischenspiel, "Helena" betitelt, gedichtet hatte, sollte einen zweiten
+Theil erhalten. Mit dieser poetischen Arbeit beschäftigte er sich
+größtentheils in seiner am Park gelegenen Gartenwohnung. Heiter gestimmt
+ward er durch den Anblick der freien Natur. "Die Vegetation," schrieb er,
+"hat sich dieses Jahr in der ganzen Umgegend auch an alten Bäumen
+bemerklich gemacht, und so freue ich mich des lange Versäumten und
+Vernachlässigten noch mehr, als eines Vermißten und Ersehnten. Ich fühle
+mich genöthigt, jeden Tag wenigstens einige Stunden in meinem Garten
+zuzubringen." Den 21. November 1827 meldete Goethe, der zweite Theil des
+Faust rücke rasch fort. "Die Aufgabe," schrieb er, "ist hier, wie bei der
+Helena, das Vorhandene so zu bilden und zu richten, daß es zum Neuen passe
+und klappe, wobei manches zu verwerfen, manches umzuarbeiten ist."
+
+
+Sein selten wankender Gesundheitszustand gönnte ihm eine rastlose
+Thätigkeit. Er hatte daher auch seit einigen Jahren seine gewöhnlichen
+Sommerreisen nach Carlsbad und Töplitz aufgegeben. Hinsichtlich seiner
+Arbeiten meinte er in einem Briefe vom 22. April 1828: "Wenn der Mensch
+nicht von Natur zu seinem Talent verdammt wäre, so müßte man sich als
+thöricht schelten, daß man in einem langen Leben immer neue Pein und
+wiederholtes Mühsal sich aufläde."
+
+Den Eindruck, den der Tod seines von ihm innig verehrten Fürsten, des
+Großherzogs Carl August von Sachsen-Weimar, der den 14. Juni 1828 zu
+Graditz bei Torgau gestorben war, auf Goethe machte, schilderte ein aus
+Dornburg vom 10. Juli datirter Brief. "Bei dem schmerzlichsten Zustande
+meines Innern," schrieb Goethe, "mußte ich wenigstens meine äußern Sinne
+schonen. Ich begab mich daher den 7. Juli hieher, um den düstern Functionen
+zu entgehen, wodurch man, wie billig und schicklich, der Menge symbolisch
+darstellt, was sie im Augenblicke verloren hat, und was sie diesmal gewiß
+auch in jedem Sinne empfindet."
+
+Linderung für seinen Schmerz fand Goethe in der schönen Natur Dornburgs und
+der Umgegend, wo er längere Zeit verweilte. "Ein reich ausgestatteter
+Blumengarten," schrieb er, "vollhängende Weingelände sind mir überall zur
+Seite, und da thut sich dann die alte wohlfundirte Liebschaft wieder auf.
+Gründliche Gedanken sind ein Schatz, der im Stillen wächst, und Interessen
+zu Interessen schlägt. Davon zehre ich denn auch gegenwärtig, ohne den
+kleinsten Theil aufzehren zu können. Denn das ächte Lebendige wächst nach,
+wie das Bösartige der Hydra auch nicht zu tilgen ist." Diese Aeußerung
+entlockten dem greisen Dichter die mannichfachen Versuche seiner Gegner,
+seine poetischen und wissenschaftlichen Bestrebungen in einem falschen
+Lichte zu zeigen, und ihn dadurch in der Achtung des Publikums
+herabzusetzen. Goethe äußerte sich darüber mit den Worten: "Von allem, was
+gegen mich geschieht, keine Notiz zu nehmen, wird mir im Alter, wie in der
+Jugend erlaubt seyn. Ich habe Breite genug, mich in der Welt zu bewegen,
+und es darf mich nicht kümmern, ob sich irgend einer da oder dort in den
+Weg stellt, den ich gegangen bin."
+
+Ueber die ungenügenden und fehlerhaften Geisteserzeugnisse mancher neueren
+
+Schriftsteller, vorzüglich auf dem wissenschaftlichen Felde, äußerte sich
+Goethe unmuthig in einem Briefe vom 2. Januar 1829. "Es giebt," schrieb er,
+"sehr vorzügliche Leute, aber die Hansnarren wollen alle von vorn anfangen,
+und unabhängig, selbstständig, original, eigenmächtig, uneingreifend,
+gerade vor sich hin, und wie man die Thorheiten alle nennen möchte, wirken,
+und dem Unerreichbaren genug thun. Ich sehe diesem Gange seit 1789 zu, und
+weiß, was hätte geschehen können, wenn irgend Einer rein eingegriffen, und
+nicht jeder ein Peculium für sich behalten hätte. Mir ziemt jetzt 1829
+über das Vorliegende klar zu werden, es vielleicht auszusprechen. Doch wenn
+mir das auch gelingt, wird's doch nichts helfen; denn das Wahre ist einfach
+und giebt wenig zu thun; das Falsche giebt Gelegenheit, Zeit und Kräfte zu
+zersplittern."
+
+Wissenschaftliche Forschungen behielten für Goethe noch immer ein sehr
+lebhaftes Interesse. "Ich suche," schrieb er, "meine Stellung gegen
+Geologie, Geognosie und Oryktognosie klar zu machen, weder polemisch, noch
+conciliarisch, sondern positiv und individuell. Das ist das Klügste, was
+man in alten Tagen thun kann. Die Wissenschaften, mit denen wir uns
+beschäftigen, rücken unverhältnißmäßig vor, manchmal gründlich, oft
+übereilt und modisch. Da dürfen wir denn nicht unmittelbar nachrücken, weil
+wir keine Zeit mehr haben, auf irgend eine Weise leichtsinnig in der Irre
+zu gehen. Um aber nicht zu stocken und allzuweit zurück zu bleiben, sind
+Prüfungen unserer Zustände nöthig. Mich bringt nichts ab von meinem alten
+erprobten Wege: die Probleme sacht wie Zwiebelhäute zu enthüllen, und
+Respect zu behalten vor allen wahrhaft stilllebenden Knospen. Je älter ich
+werde, desto mehr vertrau' ich auf das Gesetz, wonach die Rose und Lilie
+blüht."
+
+Manche erfreuliche Anerkennung ward Goethe's Talenten im In- und Auslande
+gezollt. Mehrere seiner Freunde und Verehrer in England und Schottland
+überraschte ihn bei der Wiederkehr seines Geburtstages am 28. August durch
+das Geschenk eines kostbaren, mit großer Kunstfertigkeit gearbeiteten
+Petschafts. Fast gleichzeitig erhielt er seine von dem französischen
+Bildhauer David gefertigte Colossalbüste, anderer werthvollen Geschenke und
+Auszeichnungen nicht zu gedenken. Sein Leben war in mehrfacher Hinsicht ein
+glückliches zu nennen. Gleichwohl blieb er nicht verschont von bittern
+Erfahrungen. Seinen einzigen Sohn, den Kammerrath August v. Goethe, entriß
+ihm der Tod zu Rom in der Blüthe seiner Jahre, am 28. October 1830.
+Goethe's Fassung bei diesem Verlust schilderte folgende Stelle in einem
+seiner damaligen Briefe. "Hier kann allein der große Begriff der Pflicht
+uns aufrecht erhalten. Ich habe keine Sorge, als mich im Gleichgewicht zu
+erhalten. Der Körper muß, der Geist will, und wer seinem Wollen die
+nothwendige Bahn vorgeschrieben sieht, der braucht sich nicht viel zu
+besinnen."
+
+So ward eine verdoppelte Thätigkeit, die seiner Natur ein dringendes
+Bedürfniß war, für Goethe zugleich das wirksamste Mittel, schmerzhaften
+Eindrücken kräftig zu begegnen. Beschäftigte ihn irgend eine große Idee, so
+entsagte er oft ganze Monate jeder Lectüre, um sich nicht durch andere
+Gegenstände zu zerstreuen. "Es ist doch," schrieb er, "genau betrachtet,
+nur eine Philisterei, wenn wir demjenigen zu viel Antheil schenken, worin
+wir nicht wirken können. Und dann darf ich wohl sagen: ich erfahre das
+Glück, daß mir in meinem hohen Alter Gedanken aufgehen, welche zu verfolgen
+und in Ausübung zu bringen, eine Wiederholung des Lebens gar wohl werth
+wäre. Daher wollen wir uns, so lange es Tag ist, nicht mit Allotrien
+beschäftigen."
+
+Eine gewisse Begrenzung der Thätigkeit hielt Goethe für nothwendig. "Es ist
+ganz eins," schrieb er, "in welchem Kreise ein edler Mensch wirkt, wenn er
+nur diesen Kreis genau kennen zu lernen und völlig auszufüllen weiß. Wofür
+aber der Mensch nicht wirken kann, dafür sollte er auch nicht ängstlich
+sorgen, nicht über Bedürfniß und Empfänglichkeit des Kreises hinaus, in den
+ihn Gott und die Natur gestellt, anmaßlich weiter wirken wollen. Alles
+Voreilige schadet; die Mittelstraße zu überspringen, ist nicht heilsam.
+Thue nur jeder an seiner Stelle das Rechte, ohne sich um den Wirrwarr zu
+bekümmern, der fern oder nah die Stunden auf die unseligste Weise verdirbt,
+so werden Gleichgesinnte sich bald ihm anschließen, und Vertrauen und
+wachsende Einsicht von selbst immer größere Kreise bilden."
+
+Diesen Lebensregeln und seiner rastlosen Thätigkeit auch in höherem Alter
+treu zu bleiben, war ihm durch die fast ununterbrochene Dauer seiner
+Gesundheit gegönnt. Er genas bald wieder von einem Blutsturz, der ihn 1831
+befiel, als er sich mit dem Ordnen seines literarischen Nachlasses und mit
+dem zweiten Theil des "Faust" beschäftigte. Im August des genannten Jahres
+ging er nach Ilmenau. Nach seinem eignen Geständniß hatte er sich dorthin
+begeben, um den persönlichen Huldigungen auszuweichen, die ihn bei der
+Wiederkehr seines Geburtstages zu überraschen pflegten.
+
+Sichtbar gestärkt kehrte er wieder nach Weimar zurück. Die Kraft und
+Munterkeit des Geistes im Gespräch mit seinen Freunden ließ kaum ahnen, daß
+ihm sein Lebensende sehr nahe war. Ein Engländer, der ihn besuchte,
+schilderte ihn noch so jung und kräftig wie einen Vierziger. Dem kalten
+Luftzug, der ihn auf dem Gange aus seiner Studirstube nach den vordern
+Zimmern angeweht habe, schrieb Goethe ein heftiges Bruststechen zu, das
+nach einer unruhigen Nacht noch am Morgen fortdauerte. Er ahnte keine
+Gefahr, als ärztliche Mittel jenes Uebel und den fieberhaften Zustand
+beseitigt hatten. Sein Athem war jedoch noch immer beengt, und in Gegenwart
+seines Arztes, des Dr. Vogel, den er den 20. März 1832 hatte rufen
+lassen, preßte ihm der Schmerz schneidende Töne aus. Von einer innern Angst
+bald in das Bette, bald in den daneben stehenden Lehnstuhl getrieben,
+fürchtete er eine Wiederkehr des Blutsturzes, der ihn das Jahr zuvor
+befallen. Seine Gesichtszüge waren verzerrt, das Antlitz graublau, der
+ganze Körper kalt, und von triefendem Schweiß bedeckt. Er fühlte sich sehr
+matt, und es traten Augenblicke völliger Bewußtlosigkeit ein. Mitunter
+phantasirte er, indem er ruhig in seinem Lehnstuhl saß. "Seht," sprach er
+unter andern, "seht den schönen weiblichen Kopf mit schwarzen Locken, in
+prächtigem Colorit, mit dunkelm Hintergrunde!" Unter solchen und ähnlichen
+Phantasieen und Rückerinnerungen an seinen ihm vorangegangenen Freund
+Schiller, rief er seinem Diener zu, doch den zweiten Fensterladen zu
+öffnen, damit mehr Licht in's Zimmer komme. Es sollen seine letzten Worte
+gewesen seyn. Immer schwerer athmend, drückte er sich in die linke Seite
+seines Lehnsessels. Es war am 22. März 1832, als er wie es schien,
+schmerzlos verschied.
+
+Jenen Tag, an welchem sieben Jahre früher ein unglücklicher Brand das
+Weimarische Theater vernichtet, hatte Goethe, dem Glauben an Ahnungen von
+jeher geneigt, immer für einen tragischen und unglücksschwangern Tag
+gehalten. Mehrmals hatte er gefragt, der wievielste Tag im März heute sei,
+und der Zufall wollte, daß er an demselben Tage, in derselben Stunde starb,
+wo vor dreizehn Jahren sein vieljähriger Freund und Amtscollege, der
+Minister v. Voigt, verschieden war.
+
+"Am Morgen nach Goethe's Tode," erzählt einer seiner jüngern Freunde,
+"ergriff mich eine tiefe Sehnsucht, seine irdische Hülle noch einmal zu
+sehen. Sein treuer Diener Friedrich schloß mir das Zimmer auf, wo man ihn
+hingelegt hatte. Auf den Rücken ausgestreckt, ruhte er wie ein Schlafender.
+Tiefer Friede und Festigkeit waltete auf den Zügen seines erhabenen edeln
+Gesichts. Die mächtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen. Ich hatte das
+Verlangen nach einer Locke von seinen Haaren, doch die Ehrfurcht hinderte
+mich, sie ihm abzuschneiden. Der Körper lag nackend in ein weißes Betttuch
+gehüllt. Große Eisstücke hatte man in einiger Nähe umhergestellt, um ihn
+selbst frisch zu erhalten so lange als möglich. Friedrich schlug das Tuch
+auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht dieser Glieder.
+Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und
+sanft muskulös; die Füße zierlich und von der reinsten Form, und nirgends
+am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung und Verfall. Ein
+vollkommener Mensch lag in großer Schönheit vor mir, und das Entzücken, das
+ich darüber empfand, ließ mich auf Augenblicke vergessen, daß der
+unsterbliche Geist eine solche Hülle verlassen. Ich legte meine Hand auf
+sein Herz--es war eine tiefe Stille--und ich wendete mich abwärts, um
+meinen verhaltenen Thränen freien Lauf zu lassen."
+
+Die allgemeine Liebe und Verehrung, die er im Leben genossen, zeigte
+Goethe's glänzende Begräbnißfeier am 26. März 1832. Eine öffentliche
+Ausstellung seiner Leiche war der Beerdigung vorangegangen. Seine irdischen
+Ueberreste empfing die fürstliche Gruft. Die Weimarische Bühne blieb an
+Goethe's Begräbnißtage geschlossen, und ward am 27. März mit einer
+Vorstellung seines "Tasso" eröffnet. Am Schlusse des Stücks sprach der
+Schauspieler Durand einen von dem Geh. Rath und Kanzler v. Müller
+gedichteten, alle Gemüther tief ergreifenden Epilog. Auch mehrere Gedichte
+von Goethes Freunden und Verehrern sagten seinen Zeitgenossen, was sie an
+ihm verloren. In mehrfacher Hinsicht paßten auf ihn selbst die Worte, die
+er einst am Grabe der Herzogin Amalia von Sachsen-Weimar gesprochen: "Das
+ist der Vorzug edler Naturen, daß ihr Hinscheiden in höhere Regionen
+segnend wirkt, wie ihr Verweilen auf der Erde, daß sie uns von dorther,
+gleich Sternen, entgegen leuchten, als Richtpunkte, wohin wir unsern Lauf
+bei einer nur zu oft durch Stürme unterbrochenen Fahrt zu lenken haben; daß
+diejenigen, zu denen wir uns oft als zu Wohlwollenden und Hülfreichen im
+Leben hinwendeten, nun die sehnsuchtsvollen Blicke nach sich ziehen, als
+Vollendete, Selige."
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK J. W. V. GOETHE'S BIOGRAPHIE***
+
+
+******* This file should be named 15213-8.txt or 15213-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+https://www.gutenberg.org/dirs/1/5/2/1/15213
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
diff --git a/15213-8.zip b/15213-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..cd40d9b
--- /dev/null
+++ b/15213-8.zip
Binary files differ
diff --git a/15213-h.zip b/15213-h.zip
new file mode 100644
index 0000000..44c9d10
--- /dev/null
+++ b/15213-h.zip
Binary files differ
diff --git a/15213-h/15213-h.htm b/15213-h/15213-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..58f04cc
--- /dev/null
+++ b/15213-h/15213-h.htm
@@ -0,0 +1,4135 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+<html>
+<head>
+<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1" />
+<title>The Project Gutenberg eBook of J. W. v. Goethe's Biographie, by H. Doering</title>
+ <style type="text/css">
+/*<![CDATA[ XML blockout */
+<!--
+ p { margin-top: .75em;
+ text-align: justify;
+ margin-bottom: .75em;
+ }
+ h1,h2 {
+ text-align: center; /* all headings centered */
+ clear: both;
+ }
+ h3 {
+ clear: both;
+ }
+ hr { width: 33%;
+ margin-top: 2em;
+ margin-bottom: 2em;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+ clear: both;
+ }
+
+
+ body{margin-left: 10%;
+ margin-right: 10%;
+ }
+
+ .linenum {position: absolute; top: auto; left: 4%;} /* poetry number */
+ .blockquot{margin-left: 5%; margin-right: 10%;}
+ .pagenum {position: absolute; left: 92%; font-size: smaller; text-align: right;} /* page numbers */
+ .sidenote {width: 20%; padding-bottom: .5em; padding-top: .5em;
+ padding-left: .5em; padding-right: .5em; margin-left: 1em;
+ float: right; clear: right; margin-top: 1em;
+ font-size: smaller; background: #eeeeee; border: dashed 1px;}
+
+ .bb {border-bottom: solid 2px;}
+ .bl {border-left: solid 2px;}
+ .bt {border-top: solid 2px;}
+ .br {border-right: solid 2px;}
+ .bbox {border: solid 2px;}
+
+ .center {text-align: center;}
+ .smcap {font-variant: small-caps;}
+
+ .caption {font-weight: bold;}
+
+ .figcenter {margin: auto; text-align: center;}
+
+ .figleft {float: left; clear: left; margin-left: 0; margin-bottom: 1em; margin-top:
+ 1em; margin-right: 1em; padding: 0; text-align: center;}
+
+ .figright {float: right; clear: right; margin-left: 1em; margin-bottom: 1em;
+ margin-top: 1em; margin-right: 0; padding: 0; text-align: center;}
+
+ .footnotes {border: dashed 1px;}
+ .footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;}
+ .footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;}
+ .fnanchor {vertical-align: super; font-size: .8em; text-decoration: none;}
+
+ .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;}
+ .poem br {display: none;}
+ .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;}
+ .poem span {display: block; margin: 0; padding-left: 3em; text-indent: -3em;}
+ .poem span.i2 {display: block; margin-left: 2em;}
+ .poem span.i4 {display: block; margin-left: 4em;}
+ .u {text-decoration: underline;}
+ hr.full { width: 100%; }
+ pre {font-size: 8pt;}
+ // -->
+ /* XML end ]]>*/
+ </style>
+</head>
+<body>
+<h1>The Project Gutenberg eBook, J. W. v. Goethe's Biographie, by H. Doering</h1>
+<pre>
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at <a href = "https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre>
+<p>Title: J. W. v. Goethe's Biographie</p>
+<p>Author: H. Doering</p>
+<p>Release Date: February 28, 2005 [eBook #15213]</p>
+<p>Language: German</p>
+<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
+<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK J. W. V. GOETHE'S BIOGRAPHIE***</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="center">
+<h4>E-text prepared by the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team</h4>
+</div>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="center">
+<table border="0" cellpadding="10" style="background-color: #ccccff;">
+ <tr>
+ <td valign="top">
+ Transcriber's Note:
+ </td>
+ <td>
+ [&nbsp;] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+
+<h1>Biographien</h1>
+<div class="center">deutscher Classiker.</div>
+
+
+<div class="center">Supplement
+zu der G&ouml;schen-Cottaischen Ausgabe
+&quot;deutscher Classiker.&quot;<br /><br />
+</div>
+
+<div class="center"><big>Zweites B&auml;ndchen.</big></div>
+
+<div class="center"><big>Joh. W. v. Goethe.</big><br /><br /></div>
+
+<div class="center">Jena, 1853.</div>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="J_W_v_Goethes" id="J_W_v_Goethes" />J. W. v. Goethe's<br />
+<i>Biographie</i></h2>
+
+<div class="center"><i>von</i></div>
+
+<div class="center">Dr. H. Doering.</div>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<div class="center"><a name="Complet_in_Einem_Bandchen" id="Complet_in_Einem_Bandchen" />Complet in Einem B&auml;ndchen
+</div>
+<div class="center"><i>Jena, 1853.</i></div>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+
+<h3><a name="Goethes_Leben" id="Goethes_Leben" /><i>Goethe's Leben.</i></h3>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p><i>Johann Wolfgang Goethe,</i> sp&auml;ter in den Adelstand erhoben, war zu Frankfurt
+am Main den 28. August 1749 geboren. Sein Gro&szlig;vater, <i>Friedrich Georg</i>, war
+Gastgeber zum Weidenhof. Eine gl&auml;nzendere Stellung behauptete sein
+Gro&szlig;vater m&uuml;tterlicher Seite <i>Johann Wolfgang Textor</i> als Kaiserlicher
+Schulthei&szlig;. Er war ein ernster, in sich gekehrter, ziemlich wortkarger
+Mann, dabei sehr gewissenhaft und p&uuml;nktlich in der Erf&uuml;llung seiner
+Berufsgesch&auml;fte. In seinem ruhigen, leidenschaftslosen Charakter zeigte
+sich kaum eine Spur von Heftigkeit. Sehr behaglich f&uuml;hlte er sich in seiner
+einf&ouml;rmigen Lebensweise, die ihn fr&uuml;h Morgens auf's Rathhaus, hierauf an
+seinen Mittagstisch und von diesem zu einem Schl&auml;fchen in seinen
+alterth&uuml;mlichen Sessel f&uuml;hrte. An seine Wohnung in der Friedberger Stra&szlig;e
+stie&szlig; ein theils mit Weinst&ouml;cken, theils mit K&uuml;chengew&auml;chsen und Blumen
+bepflanzter Garten, der in Mu&szlig;estunden sein Lieblingsaufenthalt war. Die
+Blumenzucht und das Inoculiren der verschiedenen Rosenarten gew&auml;hrte ihm
+eine angenehme Besch&auml;ftigung. Er trug dann gew&ouml;hnlich einen langen weiten
+Schlafrock und auf dem Kopfe eine faltige schwarze Sammetm&uuml;tze. Die
+allgemeine Achtung, in der er stand, ward noch gesteigert durch ein ihm
+eigenth&uuml;mliches Ahnungsverm&ouml;gen, besonders in Dingen, die ihn selbst
+betrafen. In seinen B&uuml;chern und Schreibkalendern pflegte er seine Ahnungen
+und Tr&auml;ume kurz aufzuzeichnen.</p>
+
+<p>Mit einer fast peinlichen Strenge hing Goethes Vater, <i>Johann Caspar</i>, an
+allem Gewohnten und Herk&ouml;mmlichen. Ein ernster Lakonismus geh&ouml;rte zu den
+Grundz&uuml;gen seines Charakters. Er handelte nach festen, aber durchaus
+rechtlichen Principien. Lernbegierig von fr&uuml;her Jugend an, hatte er auf dem
+Gymnasium zu Coburg rasche Fortschritte gemacht in seiner
+wissenschaftlichen Bildung, dann in Leipzig die Rechte studirt, und zu
+Gie&szlig;en durch Vertheidigung seiner Dissertation: <span class="u">Electa de aditione
+hereditatis</span> die juristische Doctorw&uuml;rde erlangt. Seine Welt- und
+Menschenkenntni&szlig; hatte er, nach beendigten Studien, auf einer Reise durch
+Deutschland und Italien vermehrt, und war dadurch zu dem Besitz einer
+Gem&auml;lde- und Antikensammlung gekommen, die er sehr werth hielt und sie
+Fremden, die ihn besuchten, gern zeigte. In seinem, von &ouml;ffentlichen
+Gesch&auml;ften befreiten Leben fand er hinl&auml;ngliche Mu&szlig;e zu Privatstudien, bei
+denen ihn seine ansehnliche und ausgew&auml;hlte Bibliothek unterst&uuml;tzte. Mit
+dem Titel eines Kaiserlichen Raths f&uuml;hrte er das Leben eines Privatmannes,
+das sich mit seinen Verm&ouml;gensumst&auml;nden vertrug. Von seinen Kindern, deren
+Unterricht ihn neben seinen mannigfachen Studien besch&auml;ftigte, waren die
+meisten fr&uuml;h gestorben, so da&szlig; zuletzt nur der Dichter und dessen Schwester
+<i>Cornelia</i> &uuml;brig blieb. Er starb am 27sten May 1782 in seiner Vaterstadt
+Frankfurt am Main.</p>
+
+<p>Goethes Mutter, <i>Catharina Elisabeth</i>, eine Tochter des fr&uuml;her erw&auml;hnten
+Schulthei&szlig;en <i>Johann Wolfgang Textor</i>, besa&szlig; keine gelehrte Bildung im
+eigentlichen Sinne dieses Worts. Doch besch&auml;ftigte sie sich, wenn sie das
+Hauswesen p&uuml;nktlich und gewissenhaft besorgt hatte, mit dem Lesen irgend
+eines guten deutschen oder italienischen Buchs. Ihr Sinn war im Allgemeinen
+mehr auf das Praktische gerichtet. Eine eigenth&uuml;mliche Scheu hatte sie vor
+heftigen und gewaltsamen Gem&uuml;thseindr&uuml;cken, die sie in allen Lagen ihres
+Lebens m&ouml;glichst von sich zu entfernen suchte. Nachdr&uuml;cklich sch&auml;rfte sie
+ihren Dienstboten ein, ihr nichts Schreckhaftes, Verdrie&szlig;liches oder
+Beunruhigendes zu hinterbringen, was in ihrem Hause, in der Stadt oder in
+der Nachbarschaft vorgefallen. Sie ging darin so weit, da&szlig; sie, als ihr
+Sohn, der Dichter, l&auml;ngst von ihr entfernt, zu Weimar 1805 gef&auml;hrlich
+erkrankt war, erst nach seiner Wiedergenesung das Gespr&auml;ch auf einen
+Gegenstand lenkte, der ihrem treuen Mutterherzen nicht gleichg&uuml;ltig seyn
+konnte. Eigen war ihr eine reiche Ader von Witz und Humor. Gutm&uuml;thig von
+Natur deckte sie in Bezug auf ihre Kinder manches mit dem Mantel der Liebe
+zu, was ihres Gatten Ernst und Strenge scharf ger&uuml;gt haben w&uuml;rde. Eine nie
+versiegende Quelle heiterer Unterhaltung bot ihr in sp&auml;tern Lebensjahren
+der Umgang mit Bettina Brentano, der Schwester des bekannten Dichters und
+der nachherigen Gattin des Schriftstellers Ludwig Achim von Arnim. Als in
+h&ouml;herem Alter ein langes Krankenlager ihre Kr&auml;fte ersch&ouml;pft hatte und ihre
+bisherige Fassung und Heiterkeit von ihr gewichen war, machte sie sich oft
+bittere Vorw&uuml;rfe &uuml;ber ihre Ungeduld im Leiden. &quot;Ich habe mich,&quot; schrieb
+sie, in [sie, in] ihrem eigenth&uuml;mlichen Frankfurter Dialect, &quot;recht derb
+ausgescholten, und zu mir gesagt: Ei, sch&auml;me dich, alte R&auml;thin! Hast gute
+Tage genug gehabt in der Welt, und den Wolfgang dazu; mu&szlig;t, wenn die b&ouml;sen
+kommen, nun auch vorlieb nehmen, und kein so &uuml;bel Gesicht machen. Was soll
+das mit dir vorstellen, da&szlig; du so ungeduldig und garstig bist, wenn der
+liebe Gott dir ein Kreuz auflegt? Willst du denn immer auf Rosen gehen, und
+bist &uuml;ber's Ziel, bist &uuml;ber siebenzig Jahre hinaus? Schauen's, so hab' ich
+zu mir selbst gesagt, und sogleich ist ein Nachla&szlig; gekommen und ist besser
+geworden, weil ich selbst nicht mehr so garstig war.&quot; Ihren Gatten
+&uuml;berlebte sie sechs und zwanzig Jahre. Sie starb zu Frankfurt am Main den
+13. September 1808.</p>
+
+<p>Manche ihrer Eigenschaften waren auf Goethe &uuml;bergegangen. Er war ein
+munterer Knabe, aufgeweckt zu allerlei muthwilligen Streichen. Durch seine
+Spielkameraden, die S&ouml;hne des dem elterlichen Hause gegen&uuml;ber wohnenden
+Schulthei&szlig;en v. Ochsenstein, lie&szlig; er sich einst verleiten, mehrere
+Sch&uuml;sseln und T&ouml;pfe, mit denen er gespielt, von einem obern Stockwerk auf
+die Stra&szlig;e zu werfen, und freute sich herzlich &uuml;ber das dadurch verursachte
+Ger&auml;usch. Einen g&uuml;nstigen Einflu&szlig; auf seine fr&uuml;h erwachte Wi&szlig;begierde, die
+ihn zu mancherlei Fragen &uuml;ber die verschiedenartigsten Gegenst&auml;nde antrieb,
+hatte seine Gro&szlig;mutter v&auml;terlicher Seite, Cornelia, eine sanfte,
+wohlwollende Frau, die ihren Enkel gern belehrte.</p>
+
+<p>Fr&uuml;h entwickelte sich in dem Knaben der Sinn f&uuml;r die Sch&ouml;nheiten der Natur,
+die er besonders in ihren erhabenen Erscheinungen, bei aufsteigenden
+Gewittern gern betrachtete. Sein Lieblingsaufenthalt im elterlichen Hause
+war ein hochgelegenes Zimmer, von welchem er &uuml;ber die Stadtmauern und W&auml;lle
+die sch&ouml;ne und fruchtbare Ebne nach H&ouml;chst hin &uuml;berschauen konnte. Oft
+erg&ouml;tzte ihn dort der Anblick der untergehenden Sonne. Eine ernste
+ahnungsvolle Gem&uuml;thsstimmung, die ihn, seines lebhaften Temperaments
+ungeachtet, oft in seinem Knabenalter ergriff, weckte in ihm das Gef&uuml;hl der
+Einsamkeit. Von der Furcht, die ihn bei eintretendem Abenddunkel in dem
+d&uuml;stern, winkelhaften elterlichen Hause ergriff, suchte ihn sein Vater
+fr&uuml;hzeitig zu heilen. Mit umgewandtem Schlafrock, wie eine Spukgestalt,
+trat er dem Knaben und seiner Schwester Cornelia entgegen, wenn sie aus
+Furcht ihr einsames Schlafzimmer verlie&szlig;en und sich in die Kammern des
+Gesindes fl&uuml;chteten. Ein wirksameres Mittel wandte Goethe's Mutter an,
+indem sie ihren Kindern, wenn sie Nachts ihre Furcht &uuml;berw&auml;nden, Obst und
+allerlei N&auml;schereien versprach.</p>
+
+<p>Die Betrachtung von Gem&auml;lden und Prospecten, die sein Vater aus Italien
+mitgebracht hatte, und ein Puppenspiel, mit welchem seine Gro&szlig;mutter ihn an
+einem Weihnachtsabend &uuml;berraschte, besch&auml;ftigten in mehrfacher Weise
+Goethe's Einbildungskraft. Der Unterricht, den er bisher im elterlichen
+Hause genossen, ward geregelter, als sein Vater ihn in die Stadtschule
+schickte. Aus der strengen Zucht des elterlichen Hauses sah er sich in
+einen Freiheitskreis versetzt, der mit seinen Neigungen harmonirte. Seine
+an Alterth&uuml;mern und Merkw&uuml;rdigkeiten reiche Vaterstadt und ihre Umgegend
+lernte Goethe auf mancherlei Streifz&uuml;gen kennen, die er mit einigen
+Schulkameraden unternahm. An der Mainbr&uuml;cke fesselte seine Aufmerksamkeit
+das emsige Treiben der Handelswelt mit ihren den Strom auf- und abw&auml;rts
+segelnden Schiffen. Dann und wann verwandte er auch einige Kreuzer zur
+Ueberfahrt nach Sachsenhausen. Von besonderem Interesse war f&uuml;r ihn das
+Rathhaus, der sogenannte R&ouml;mer, mit seinen gew&ouml;lbten Hallen und besonders
+dem zur Wahl und Kr&ouml;nung des Kaisers dienenden Prunkzimmer, das mit den
+Brustbildern Karls des Gro&szlig;en, Rudolphs von Habsburg, Karls IV., G&uuml;nthers
+von Schwarzburg und anderen hohen H&auml;uptern geziert war.</p>
+
+<p>Von der Au&szlig;enwelt wandte sich Goethe's Blick wieder nach dem elterlichen
+Hause zur&uuml;ck, das durch einen bedeutenden Bau erweitert und versch&ouml;nert
+worden war. Seine Wi&szlig;begierde lockte ihn bisweilen in seines Vaters
+Bibliothek, die au&szlig;er mehreren juristischen Werken, auch Schriften &uuml;ber
+Alterthumskunde, Reisebeschreibungen und einzelne Dichter enthielt. Es
+waren jedoch, au&szlig;er Virgil, Horaz u.a. r&ouml;mischen Classikern, gr&ouml;&szlig;tenteils
+italienische Poeten, wie Tasso, Ariost u. A., von denen der Knabe, bei
+seiner Unkenntni&szlig; der italienischen Sprache keinen Gebrauch machen konnte.
+Einen immer neuen Genu&szlig; gew&auml;hrten ihm die Gem&auml;lde und Landschaften von
+Trautmann, Sch&uuml;tz, Junker, Seekatz u.a. Frankfurter K&uuml;nstlern. Diese
+Gem&auml;lde, fr&uuml;her hie und da in der elterlichen Wohnung an mehreren Orten
+zerstreut, waren von Goethe's Vater bei dem Umbau seines Hauses in einem
+besondern Zimmer vereinigt worden. Goethe's Sinn f&uuml;r die Kunst ward zuerst
+geweckt durch die Betrachtung jener Werke.</p>
+
+<p>Nur durch anhaltenden Flei&szlig; und Wiederholung des Gelernten war Goethe's
+Vater zum Besitz mannigfacher Kenntnisse gelangt. Um so mehr sch&auml;tzte er
+das angeborne Talent seines Sohnes, der durch eine schnelle Auffassungsgabe
+und ein treffliches Ged&auml;chtni&szlig; bald dem von seinem Vater und seinen Lehrern
+ihm ertheilten Unterricht entwachsen war. Den grammatischen Regeln, mit
+ihren mannigfachen Ausnahmen, vermochte er zwar keinen sonderlichen
+Geschmack abzugewinnen. Doch machte er sich mit den Sprachformen und
+rhetorischen Wendungen schnell bekannt. Sein heller Kopf zeigte sich
+vorz&uuml;glich in der raschen Entwicklung von Begriffen. Durch seine
+schriftlichen Aufs&auml;tze, ihrer Sprachfehler ungeachtet, erwarb er sich im
+Allgemeinen seines Vaters Zufriedenheit, und manches kleine Geschenk
+belohnte seinen Flei&szlig;. Der Privatunterricht, den er gemeinschaftlich mit
+mehreren Knaben seines Alters erhielt, f&ouml;rderte ihn wenig, da die von
+seinen Lehrern eingeschlagene Methode nicht geeignet war, ihm ein
+besonderes Interesse an wissenschaftlichen Gegenst&auml;nden einzufl&ouml;&szlig;en.
+Ueberdie&szlig; beschr&auml;nkte sich jener Unterricht fast nur auf die Erkl&auml;rung des
+Cornelius Nepos und auf das Neue Testament.</p>
+
+<p>Durch das Lesen deutscher Dichter bem&auml;chtigte sich seiner, wie er in
+sp&auml;tern Jahren gestand, &quot;eine unbeschreibliche Reim- und Versewuth.&quot; In dem
+Kreise seiner Jugendfreunde fanden seine poetischen Versuche gro&szlig;en
+Beifall. Um so mehr fand sich seine jugendliche Eitelkeit gekr&auml;nkt, als
+einer seiner Mitsch&uuml;ler durch h&ouml;chst mittelm&auml;&szlig;ige Verse ihm seinen
+Dichterruhm streitig zu machen suchte. Dar&uuml;ber entr&uuml;stet, stockte seine
+poetische Fruchtbarkeit ziemlich lange, bis ihn sein erwachtes Selbstgef&uuml;hl
+und eine von seinen Lehrern mit Beifall aufgenommene Probearbeit &uuml;ber seine
+Anlagen und F&auml;higkeiten beruhigte.</p>
+
+<p>Reiche Nahrung f&uuml;r seine Wi&szlig;begierde fand Goethe in dem <span class="u">Orbus pictus</span>, in
+Merians Kupferbibel, in der <span class="u">Acerra philologica</span> und &auml;hnlichen Werken, die
+damals die Stelle einer noch nicht vorhandenen Kinderbibliothek vertraten.
+Ovids Metamorphosen machten ihn mit der Mythologie bekannt. Seine Phantasie
+ward dadurch vielfach angeregt zu allerlei poetischen Entw&uuml;rfen. Eine
+wohlth&auml;tige Wirkung auf sein Gem&uuml;th verdankte er den moralischen
+Schilderungen in Fenelon's Telemach. Unterhaltung und Belehrung sch&ouml;pfte er
+ais Robinson Crusoe und aus der Insel Felsenburg. Aus dem romantischen
+Gebiet ward er wieder in die Wirklichkeit zur&uuml;ckgef&uuml;hrt durch die
+anziehenden Schilderungen in Anton's Reise um die Welt. Ein Zufall verhalf
+ihm in dem Laden eines Antiquars zum Besitz einer Reihe mannigfacher
+Schriften. Darunter befanden sich der Eulenspiegel, die vier Haimonskinder,
+die sch&ouml;ne Magelone, der Kaiser Octavian, Fortunatus und &auml;hnliche
+Volksb&uuml;cher.</p>
+
+<p>Dieser anmuthigen Lect&uuml;re mu&szlig;te Goethe, als sie kaum begonnen, wieder
+entsagen. Er ward von den Blattern befallen, und brachte unter einem
+heftigen Fieber mehrere Tage beinahe blind zu. Die Aeu&szlig;erung einer seiner
+Tanten: &quot;Ach, Wolfgang, wie h&auml;&szlig;lich bist Du geworden?&quot; kr&auml;nkte ihn um so
+mehr, da die Blattern auf seinem Gesicht durchaus keine Spur zur&uuml;ckgelassen
+hatten. Auch von den Masern blieb er nicht verschont, und hatte dadurch
+Gelegenheit, sich im Stoicismus zu &uuml;ben. Einigen Trost gew&auml;hrte es ihm, da&szlig;
+er auf seinem Krankenlager an seinem j&uuml;ngern Bruder Jacob, der in der
+Bl&uuml;the seiner Jahre starb, einen Leidensgef&auml;hrten hatte.</p>
+
+<p>Seines Vaters Strenge n&ouml;thigte ihn, durch verdoppelte Unterrichtsstunden
+das w&auml;hrend der Krankheit Vers&auml;umte wieder nachzuholen. Die Wohnung seiner
+Gro&szlig;eltern und ein daran sto&szlig;ender Garten in der Friedberger Stra&szlig;e bot ihm
+dann und wann einen Zufluchtsort, sich seinen Lectionen zu entziehen.
+Besonders angenehm war ihm auch der Aufenthalt in dem Laden seiner Tante,
+Maria Melber, der Gattin eines Gew&uuml;rzh&auml;ndlers, die ihn mit allerlei
+Naschwerk beschenkte. Ihre Schwester war mit dem Pfarrer und
+Consistorialrath Stark verheiratet, in dessen Bibliothek ein anderer
+geistiger Genu&szlig; sich ihm darbot. In der B&uuml;chersammlung jenes gelehrten
+Mannes fand Goethe eine prosaische Uebersetzung des Homer. Dieser Dichter
+und bald nachher Virgil machten einen tiefen und bleibenden Eindruck auf
+das poetisch gestimmte Gem&uuml;th des Knaben.</p>
+
+<p>Weniger befriedigte sein Herz die trockene Moral, die ihm der bisher
+ertheilte Religionsunterricht gepredigt hatte. Er ward irre an den
+christlichen Dogmen. Entzweit mit seinen religi&ouml;sen Begriffen, kam ihm der
+sonderbare Gedanke, nach dem Beispiel der Separatisten, Herrnhuter und
+anderer Secten, mit dem h&ouml;chsten Wesen, das er aus seinem Walten in der
+Natur l&auml;ngst erkannt, sich in eine Art von unmittelbarer Verbindung zu
+setzen, und demselben nach alttestamentlicher Weise einen Altar zu
+errichten. Dazu benutzte er ein rothlakirtes, mit goldnen Blumen verziertes
+Musikpult, auf welchem er mehrere R&auml;ucherkerzen anz&uuml;ndete. Das
+Andachtsopfer stieg empor, mi&szlig;lang jedoch bei der Wiederholung durch einen
+ungl&uuml;cklichen Zufall so g&auml;nzlich, da&szlig; die damit verbundene Feuersgefahr ihn
+warnte, in solcher Weise wieder dem h&ouml;chsten Wesen sich zu n&auml;hern.</p>
+
+<p>Aus den friedlichen und ruhigen Zust&auml;nden, in denen Goethe seine Kindheit
+verlebt hatte, ward er aufgeschreckt durch den Ausbruch des siebenj&auml;hrigen
+Krieges im Jahr 1756. Er war damals acht Jahre alt. Was er von Friedrich II
+und seiner Pers&ouml;nlichkeit erz&auml;hlen geh&ouml;rt, begeisterte ihn. Er schrieb sich
+die Kriegslieder ab, durch welche Gleim unter der Maske eines preu&szlig;ischen
+Grenadiers die Heldenthaten des gro&szlig;en K&ouml;nigs verherrlichte. Seinen
+Lieblingshelden verkleinern zu h&ouml;ren, war ihm ein unertr&auml;gliches Gef&uuml;hl.
+Als sich nach einigen Jahren durch die Theilnahme Frankreichs der
+Kriegsschauplatz bis in die N&auml;he Frankfurts zu ziehen drohte, hatte die&szlig;
+f&uuml;r Goethe die Folge, da&szlig; er weniger, als bisher, das elterliche Haus
+verlassen durfte.</p>
+
+<p>Unter mannichfachen Besch&auml;ftigungen griff er wieder nach den Figuren des
+Puppenspiels, das er von seiner Gro&szlig;mutter zum Geschenk erhalten hatte. Mit
+H&uuml;lfe einiger Jugendgespielen ward das fr&uuml;here Drama, f&uuml;r welches die
+Puppen hinreichten, mehrmals vorgestellt. Die Garderobe und die
+Decorationen nach und nach zu ver&auml;ndern, war eine Lieblingsbesch&auml;ftigung
+des Knaben. Sein Versuch, gr&ouml;&szlig;ere St&uuml;cke ufzuf&uuml;hren [aufzuf&uuml;hren],
+scheiterte jedoch an dem beschr&auml;nkten Schauplatz. Unter diesen Umst&auml;nden
+leistete ihm ein Bedienter seines Vaters wesentliche Dienste, indem er ihm
+Panzer und R&uuml;stungen verfertigen half. Goethe und seine Gespielen erg&ouml;tzten
+sich eine Zeitlang an den gegenseitigen Parteiungen und Gefechten, die
+mitunter in ernsthafte H&auml;ndel ausarteten, bei denen es ohne derbe Schl&auml;ge
+nicht abging.</p>
+
+<p>Durch einen andern Zeitvertreib, durch das Talent, M&auml;hrchen zu erz&auml;hlen,
+die er meist selbst erfunden, empfahl sich Goethe seinen Jugendfreunden.
+Eins dieser M&auml;hrchen, &quot;der neue Paris&quot; betitelt, hat sich in Goethe's
+gesammelten Werken erhalten. Er bediente sich dabei des Kunstgriffs, in
+eigner Person zu sprechen, wodurch die von ihm geschilderten
+abenteuerlichen Ereignisse den Anschein bekamen, als w&auml;ren sie ihm selbst
+begegnet. Durch die Localit&auml;ten, die er in seine M&auml;hrchen verwebte, erh&ouml;hte
+er ihre Wirkung auf seine Zuh&ouml;rer, die unter lautem Beifall sich beeilten,
+den in dem M&auml;hrchen &quot;der neue Paris&quot; erw&auml;hnten Ort mit den Nu&szlig;b&auml;umen, der
+Tafel und dem Brunnen aufzusuchen, in ihren Berichten &uuml;ber das, was sie
+gefunden, jedoch sehr variirten. Erhalten hat sich noch aus jener Zeit
+(1757) in einem alten Exercitienheft Goethe's ein von ihm verfa&szlig;tes
+Gespr&auml;ch, &quot;Wolfgang und Maximilian&quot; &uuml;berschrieben. In diesem Dialog, dem
+ersten dramatischen Versuch des achtj&auml;hrigen Knaben trat besonders die
+Naivit&auml;t hervor, womit Goethe, durch seinen Vornamen Wolfgang bezeichnet,
+seinem Schulcameraden Maximilian gegen&uuml;ber, sich als den Soliden und
+Wohlerzogenen geschildert hatte.</p>
+
+<p>Einen tiefen Eindruck auf Goethe's poetisch gestimmtes Gem&uuml;th machte um
+diese Zeit (1757) Klopstocks Messias. Er mu&szlig;te dies ber&uuml;hmte Epos heimlich
+lesen, denn sein Vater, durch Canitz, Hagedorn, Gellert und andere Dichter
+an den Reim gew&ouml;hnt, &auml;u&szlig;erte die entschiedenste Abneigung gegen den
+Hexameter, oder, wie er sich ausdr&uuml;ckte, gegen Verse, die eigentlich gar
+keine Verse w&auml;ren. Goethe und seine Schwester Cornelia benutzten jede
+Freistunde, um in irgend einem Winkel verborgen, die zartesten und
+ergreifendsten Stellen der Messiade sich einzupr&auml;gen, n&auml;chst Portia's Traum
+besonders das verzweiflungsvolle Gespr&auml;ch zwischen Satan und Adramelech im
+zehnten Gesange der Klopstockschen Dichtung. Als jene geistlichen
+Verw&uuml;nschungen, die sie schon oft recitirt, einst ziemlich laut hinter dem
+Ofen, wo sie sich verborgen hatten, hervorschollen, lie&szlig; der Barbier, der
+eben Goethe's Vater rasirte, vor Schreck das Seifenbecken fallen, wodurch
+der Alte, &uuml;ber und &uuml;ber besch&uuml;ttet, doch nicht von seiner Abneigung gegen
+die Hexameter, denen er jenes Unheil beima&szlig;, geheilt ward.</p>
+
+<p>Goethe's Kunstsinn ward geweckt und gen&auml;hrt, als der franz&ouml;sische
+K&ouml;nigslieutenant Graf Thorane, ein enthusiastischer Freund und Kenner von
+Gem&auml;lden, bald nach der Besitznahme Frankfurts durch die franz&ouml;sischen
+Truppen, in Goethe's elterlichem Hause einquartirt ward. Das Mansardzimmer,
+welches Goethe bisher bewohnt hatte, war dem Grafen zu einem Atelier
+einger&auml;umt worden, in welchem er mehrere Frankfurter K&uuml;nstler f&uuml;r sich
+arbeiten lie&szlig;. F&uuml;r Goethe, der ihn dort oft besuchte, ging daraus noch der
+Vortheil hervor, da&szlig; er in der franz&ouml;sischen Sprache, die er bisher sehr
+vernachl&auml;ssigt, sich immer mehr vervollkommnete. Mangelhaft blieb jedoch
+seine Kenntni&szlig; des Franz&ouml;sischen, da er sie nicht auf dem Wege eines
+grammatikalischen Unterrichts erlangt hatte.</p>
+
+<p>Dies ward ihm besonders f&uuml;hlbar, als ein Freibillet ihm den Eintritt in das
+franz&ouml;sische Theater verschaffte, das damals in Franfurt errichtet worden
+war. Da er, besonders im Lustspiel, wo sehr schnell gesprochen ward, nur
+wenig von den Reden der Schauspieler verstand, richtete er seine
+Aufmerksamkeit vorzugsweise auf die Bewegung der auftretenden Personen und
+auf ihre Mimik. Er gelangte dadurch zu einer, wenn auch nur oberfl&auml;chlichen
+Kenntni&szlig; des franz&ouml;sischen Lust- und Trauerspiels, und ward einigerma&szlig;en
+vertraut mit den dramatischen Regeln der franz&ouml;sischen B&uuml;hne. Der
+abgemessene Schritt, in dem sich die Trag&ouml;die bewegte, der gleichm&auml;&szlig;ige
+Tact der Alexandriner machte auf ihn einen wunderbaren Eindruck. Aus
+Racine's Trauerspielen, die er in seines Vaters Bibliothek fand, recitirte
+er mehrere auswendig gelernte Stellen nach Art und Weise der franz&ouml;sischen
+Schauspieler, deren Ton und Accent sich seinem Ohr scharf eingepr&auml;gt hatte.
+Fast noch mehr als die Trag&ouml;die, behagten ihm die damals sehr beliebten
+Lustspiele von Destouches, Marivaux, la Chauss&eacute;e und andern franz&ouml;sischen
+Dichtern. Auch mehrere Opern und Sch&auml;ferspiele sagten seinem damaligen
+Geschmacke zu, und noch lange nachher erinnerte er sich mit Vergn&uuml;gen
+einzelner Scenen und der darin auftretenden Personen.</p>
+
+<p>Seinem Wunsch, auch mit der innern Einrichtung des Theaters bekannt zu
+werden, kam ein franz&ouml;sischer Knabe, Derones mit Namen, zuvor, der ihn auf
+die B&uuml;hne und in die Garderobe f&uuml;hrte. Der Uebermuth und die Prahlerei
+seines jungen Freundes ward ihm jedoch bald so l&auml;stig, da&szlig; zwischen beiden
+ein sehr gespanntes Verh&auml;ltni&szlig; eintrat, welches sogar eine Herausforderung
+und ein Duell in &auml;cht theatralischer Weise, dann aber wieder eine
+aufrichtige Vers&ouml;hnung zur Folge hatte. Erleichtert ward ihm dadurch sein
+h&auml;ufiger Theaterbesuch, den aber sein Vater sehr lebhaft mi&szlig;billigte. Die
+B&uuml;hne, meinte er, habe durchaus keinen Nutzen. Goethe bot seinen ganzen
+Scharfsinn auf, ihn vom Gegentheil zu &uuml;berzeugen. Lessing's Trauerspiel,
+Mi&szlig; Sara Sampson, der Kaufmann von London und &auml;hnliche St&uuml;cke lieferten ihm
+die Beweise, wie das Laster im Gl&uuml;ck, die Tugend im Ungl&uuml;ck durch die
+poetische Gerechtigkeit wieder ausgeglichen werde. Dieser Behauptung, gegen
+die er nichts einzuwenden vermochte, stellte Goethes Vater den Einwurf
+entgegen, da&szlig; die in die theatralischen Vorstellungen oft verwebten
+Schelmstreiche und Betr&uuml;gereien auf das unverdorbene Gem&uuml;th der Jugend
+nicht anders als nachtheilig wirken k&ouml;nnten. Wenn ihn irgend etwas mit der
+B&uuml;hne vers&ouml;hnen konnte, so war es die Bemerkung, da&szlig; sein Sohn dadurch
+seine franz&ouml;sischen Sprachkenntnisse vermehrte.</p>
+
+<p>Diese Kenntnisse benutzte Goethe zum Entwurf eines dramatischen Products,
+in welchem meistens allegorische Personen, wie Jupiter, Merkur und andere
+G&ouml;tter mit ihren bekannten Attributen auftraten. Das St&uuml;ck bestand
+gr&ouml;&szlig;tentheils in Reminiscenzen aus Ovid's Metamorphosen. Seine
+Autoreitelkeit f&uuml;hlte sich jedoch gekr&auml;nkt, als der unl&auml;ngst erw&auml;hnte
+franz&ouml;sische Knabe, welchem er sein Product mitgetheilt und ihn um sein
+Urtheil gebeten, sich erlaubte, mehrere Stellen, ja ganze Scenen zu
+streichen. F&uuml;r Goethe hatte dies Verfahren den Nutzen, da&szlig; er mit der
+franz&ouml;sischen Dramaturgie, gegen deren Regeln er gefehlt haben sollte, sich
+n&auml;her bekannt machte. Zu diesem Zweck las er Corneille's Abhandlung &uuml;ber
+die Aristotelische dreifache Einheit, und studirte Racine's Werke, die ihm
+zum Theil schon bekannt waren, da er einige Jahre fr&uuml;her auf einem
+Kindertheater in dem Trauerspiel Brittannicus den Nero gespielt hatte. Bei
+seiner immer noch sehr mangelhaften Kenntni&szlig; des Franz&ouml;sischen f&ouml;rderten
+ihn jedoch diese Studien &auml;u&szlig;erst wenig, und er gab sie wieder auf, als er
+nicht ohne M&uuml;he die Vorreden gelesen hatte, in denen Corneille und Racine
+sich gegen die Kritiker und das Publikum vertheidigten.</p>
+
+<p>Entschieden regte sich in dem Knaben der in sp&auml;tern Jahren wachsende Trieb,
+mancherlei Naturgegenst&auml;nde, deren innere Beschaffenheit sich dem Auge
+entzog, n&auml;her kennen zu lernen. Er zerpfl&uuml;ckte Blumen, um zu sehen, wie die
+Bl&auml;tter in ihren Kelch eingef&uuml;gt waren. Seine jugendliche Neugier und
+Forschungslust besch&auml;ftigte sich mit den verschiedenartigsten Gegenst&auml;nden.
+Er bewunderte die geheime Anziehungskraft des Magnet's, und erm&uuml;dete nicht,
+jene ihm unerkl&auml;rliche Wirkung an Feilsp&auml;nen und N&auml;hnadeln zu erproben. Mit
+H&uuml;lfe eines alten Spinnrades und einiger Arzneigl&auml;ser versuchte er
+fruchtlos den Effect einer Electrisirmaschine hervorzubringen. Weniger aus
+eigner Neigung, als aus Gef&auml;lligkeit gegen seinen Vater, unterzog er sich
+dann und wann der Wartung und Pflege der im elterlichen Garten gehegten
+Seidenw&uuml;rmer.</p>
+
+<p>Dieser gesch&auml;ftige M&uuml;ssiggang behagte ihm mehr, als der Unterricht im
+Englischen, zu welchem er von seinem Vater mit Strenge angehalten ward.
+Inde&szlig; gelangte er durch Flei&szlig; in kurzer Zeit zu einer ziemlichen Fertigkeit
+im Englischen. Auch seine &uuml;brigen Sprachstudien vernachl&auml;ssigte er nicht
+ganz. Seinem Wunsche, hebr&auml;isch zu lernen, um das Alte Testament in der
+Ursprache lesen zu k&ouml;nnen, gab Goethe's Vater seine Zustimmung. Durch den
+Magister Albrecht in der genannten Sprache unterrichtet, machte er darin
+ziemlich rasche Fortschritte.</p>
+
+<p>Wichtig und einflu&szlig;reich wurden Goethe's Bibelstudien besonders dadurch,
+da&szlig; sie ihn zu einem epischen Gedicht begeisterten. Den Stoff dazu fand er
+in der Geschichte Josephs. Ueber die Form jedoch war er lange Zeit mit sich
+nicht einig. Nach reiflicher Ueberlegung w&auml;hlte er die Prosa. Von jenem
+Gedicht, das einen ziemlichen Umfang gewann, hat sich nicht einmal ein
+Fragment erhalten. Auch manche lyrische Poesien, unter andern mehrere
+Gedichte in Anakreons Manier, gingen verloren. Einigen geistlichen Oden und
+andern religi&ouml;sen Dichtungen, unter andern einer &quot;H&ouml;llenfahrt Christi&quot;,
+zollte Goethe's Vater besondern Beifall. Auch durch mehrere Predigtausz&uuml;ge,
+die er Sonntags in einem verborgnen Kirchstuhl entwarf, empfahl Goethe sich
+seinem Vater, zog sich jedoch seine lebhafte Mi&szlig;billigung zu, als er jene
+Arbeit wieder saumseliger betrieb und zuletzt g&auml;nzlich unterlie&szlig;.</p>
+
+<p>Seinen Sohn zu einem t&uuml;chtigen Juristen zu bilden, war ein v&auml;terlicher
+Lieblingswunsch. Goethe erhielt von seinem Vater ein in catechetischer Form
+abgefa&szlig;tes B&uuml;chlein. Dadurch sollte ihm das Studium des <span class="u">Corpus Juris</span>
+erleichtert werden. Er erlangte auch ziemliche Gewandtheit im Aufschlagen
+einzelner Stellen, vermochte jedoch, als er sp&auml;ter das Struvische
+Compendium erhielt, der Rechtswissenschaft keinen sonderlichen Geschmack
+abzugewinnen. Damit es ihm nicht an der n&ouml;thigen k&ouml;rperlichen Bewegung
+fehlen m&ouml;chte, lie&szlig; sein Vater ihn das Fechten, sp&auml;terhin auch die
+Reitkunst lernen. Es war im Herbst 1761, als er auf die Reitbahn geschickt
+ward. Seines Lehrers pedantische Methode war jedoch nicht geeignet, ihn f&uuml;r
+die Reitkunst besonders zu interessiren.</p>
+
+<p>Der Dichtkunst war Goethe nicht untreu geworden. Eine f&uuml;r einen
+Jugendfreund geschriebene poetische Epistel, die sich leider nicht erhalten
+hat, empfahl sich durch ihre innere Wahrheit und Naivit&auml;t, und hob jeden
+Zweifel, der &uuml;ber sein poetisches Talent noch obwalten konnte. Sein Product
+in mehreren H&auml;nden zu sehen, schmeichelte seiner jugendlichen Eitelkeit. Er
+theilte es daher mehreren jungen Leuten mit, die er zuf&auml;llig kennen gelernt
+hatte. Die n&auml;here Ber&uuml;hrung, in die er mit ihnen trat, ward um so
+entscheidender f&uuml;r ihn, da sich daran ein Liebeshandel mit einem jungen
+M&auml;dchen kn&uuml;pfte, deren Namen er sp&auml;terhin in seinem &quot;Faust&quot; verewigte.
+Seinem Stande nicht angemessen und f&uuml;r seine sittlichen Grunds&auml;tze von
+keinem wohlth&auml;tigen Einflusse war der Kreis, in den er eingetreten war, und
+der ihn von seiner geregelten Lebensweise entfernte und zu manchen
+Abentheuern und jugendlichen Uebereilungen verlockte. Nach seinen eignen
+Aeu&szlig;erungen in sp&auml;tern Jahren bestand jener Kreis aus jungen Menschen,
+s&auml;mmtlich &auml;lter als er, die der mittlern und niedern Volksklasse
+angeh&ouml;rend, mit oberfl&auml;chlichen Schulkenntnissen, durch Abschreiben, durch
+Besorgung kleiner Gesch&auml;fte f&uuml;r die Kaufleute und M&auml;kler sich einen
+nothd&uuml;rftigen Erwerb sicherten. Ihr zweideutiger Ruf war ihm unbekannt, und
+ein Licht dar&uuml;ber ging ihm erst auf, als seine Eltern ihn &uuml;ber den
+gew&auml;hlten Umgang und seinen jugendlichen Leichtsinn die bittersten Vorw&uuml;rfe
+machten. Ein tiefes Gef&uuml;hl von Scham ergriff ihn, als er erfuhr, da&szlig; seine
+Genossen zum Verf&auml;lschen von Papieren, zur Nachahmung von Handschriften und
+andern str&auml;flichen Handlungen ihre Zuflucht genommen hatten.</p>
+
+<p>Von der trostlosen Stimmung, in die er dadurch versetzt ward, konnte ihn
+nur Flei&szlig; und Th&auml;tigkeit befreien. Er hatte aber auch noch manches
+nachzuholen, um sich zur Universit&auml;t vorzubereiten, die er bald beziehen
+sollte. Ein weites Feld zu mannigfachen Betrachtungen er&ouml;ffneten ihm seine
+fortgesetzten philosophischen Studien, gr&ouml;&szlig;tenteils nach Brucker's
+Compendium. Dieser Besch&auml;ftigung ward er wieder untreu, als der eintretende
+Fr&uuml;hling ihn in die freie Natur lockte. Mit seinen Freunden besuchte er die
+in der Umgegend von Frankfurt gelegenen Vergn&uuml;gungsorte. Noch mehr aber
+behagte ihm, in seiner Gem&uuml;thsstimmung die Einsamkeit der W&auml;lder. In dem
+dunkeln Schatten alter Eichen und Buchen weilte er am liebsten.
+Unwillk&uuml;hrlich regte sich in ihm wieder der schon fr&uuml;h im elterlichen Hause
+erwachte Trieb, nach der Natur zu zeichnen. Alles, was er sah, gestaltete
+sich ihm zum Bilde. F&uuml;hlbar aber ward ihm bald, da&szlig; ihm nur die Gabe
+verliehen war, die ihm entgegentretenden Gegenst&auml;nde im Ganzen aufzufassen.
+Zum Zeichnen des Einzelnen schien ihn die Natur aber so wenig bestimmt zu
+haben, als zum betreibenden Dichter. Demungeachtet setzte er seine Uebungen
+mit einer gewissen Hartn&auml;ckigkeit fort. Er erm&uuml;dete nicht in der
+schwierigen Zeichnung eines alten Baumstammes, an dessen gekr&uuml;mmte Wurzeln
+sich bl&uuml;hende Farrenkr&auml;uter hingen.</p>
+
+<p>Mit Goethe's Skizzen, so unvollkommen sie auch seyn mochten, war sein Vater
+im Allgemeinen zufrieden, wenn er auch Einzelnes daran tadelte. Gern lie&szlig;
+er seinen Sohn umherstreifen, weil er von solchen Ausfl&uuml;gen eine neue
+Zeichnung erwartete. Zu Fu&szlig;wanderungen mit einigen Freunden g&ouml;nnte er ihm
+v&ouml;llige Freiheit. Einen besondern Reiz hatten f&uuml;r G&ouml;the [Goethe] die
+Gebirgsgegenden. Er besuchte Homburg, Kroneburg, bestieg den Feldberg und
+K&ouml;nigsstein, verweilte einige Tage in Wiesbaden und Schwalbach, und kam bis
+an den Rhein. Den jugendlichen Sinn, der sich mehr in der gro&szlig;en Natur, als
+in abgeschlossenen R&auml;umen gefiel, konnte Mainz nicht fesseln. Einen
+erfreulichen Eindruck auf Goethe machte die anmuthige Lage von Biberich.
+Von da kehrte er in seine Vaterstadt zur&uuml;ck, mit einer ziemlich reichen
+Ausbeute von landschaftlichen Skizzen und Zeichnungen der verschiedensten
+Art, unter denen manche seines Vaters Beifall erhielten, andere jedoch auch
+scharf von ihm getadelt wurden.</p>
+
+<p>Dadurch verstimmt, schlo&szlig; sich Goethe enger an seine Mutter an, die ihm
+mehr Milde und Nachsicht bewies, und selbst noch jugendlich, mit seinen
+Gef&uuml;hlen und Lebensansichten mehr harmonirte, als der ernster gestimmte
+Vater. Ein fast noch innigeres Verh&auml;ltni&szlig; bestand zwischen Goethe und
+seiner ungef&auml;hr ein Jahr j&uuml;ngern Schwester Cornelia. Gemeinschaftliches
+Spiel und Lernen in den Jahren der Kindheit hatte sp&auml;terhin, als sich
+beider physische und geistige Kr&auml;fte entwickelten, ein festes Vertrauen und
+eine wahrhaft geschwisterliche Liebe erzeugt. Goethe ward von seiner
+Schwester zum Vertrauten aller ihrer Empfindungen und
+Herzensangelegenheiten gew&auml;hlt. Ziemlich gut bestand er im Allgemeinen, als
+sein Vater seine Kenntnisse in einzelnen Materien der Jurisprudenz pr&uuml;fte.
+Mehrere wissenschaftliche F&auml;cher besch&auml;ftigten seinen strebenden Geist,
+vorz&uuml;glich die Geschichte der &auml;ltern Literatur. Durch das fortgesetzte
+Studium von Ge&szlig;ners Isagoge und Morhofs Polyhistor, gerieth er fast auf den
+Irrweg, selbst ein Vielwisser zu werden. Sein Tag und Nacht fortgesetzter
+Flei&szlig; drohte ihn eher zu verwirren, als wahrhaft zu bilden. Bayle's
+historisch-kritisches W&ouml;rterbuch f&uuml;hrte ihn vollends in ein Labyrinth, aus
+welchem er sich kaum wieder herauszufinden wu&szlig;te. Von der gro&szlig;en
+Wichtigkeit einer gr&uuml;ndlichen Sprachkenntni&szlig; hatte er sich l&auml;ngst
+&uuml;berzeugt. Das Hebr&auml;ische war allm&auml;lig in den Hintergrund getreten. Auch
+Goethe's Kenntnisse in der griechischen Sprache reichten nicht viel weiter,
+als zum Verst&auml;ndni&szlig; des Neuen Testaments im Urtexte. Ernstlicher hatte er
+sich mit dem Lateinischen besch&auml;ftigt. Er war, obschon er keinen
+grammatikalischen Unterricht genossen, ziemlich bewandert in den r&ouml;mischen
+Classikern.</p>
+
+<p>Unter diesen Sprachstudien regte sich wieder in ihm der nie ganz
+schlummernde Trieb poetischer Nachbildung. Seine Productionskraft, die
+Leichtigkeit, womit er die Erzeugnisse seines Geistes niederschrieb, hatte
+sich vermehrt. Jugendliche Eitelkeit lie&szlig; ihn seine poetischen Producte mit
+einer gewissen Vorliebe betrachten. Der Tadel, den sie mitunter erfuhren,
+raubte ihm nicht die Ueberzeugung, k&uuml;nftig wohl Geisteserzeugnisse zu
+liefern, die sich mit denen eines Gellert, Uz, Hagedorn und andern damals
+hochgefeierten Dichtern messen k&ouml;nnten. Aber die poetische Laufbahn, so
+viel Lockendes sie auch f&uuml;r ihn hatte, schien ihm doch zu schwankend und
+unsicher, um sie zu seinem k&uuml;nftigen Lebensberuf zu w&auml;hlen. Ein
+akademisches Lehramt lag im Bereich seiner W&uuml;nsche. Dazu wollte er sich
+f&auml;hig machen, um zur Bildung Anderer, wie zu seiner eigenen, etwas
+beitragen zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Viel Lockendes hatte f&uuml;r Goethe der Aufenthalt in G&ouml;ttingen, wo Heyne,
+Michaelis und andere ber&uuml;hmte M&auml;nner lehrten. Sein Vater bestand jedoch
+darauf, da&szlig; er seine akademische Laufbahn in Leipzig beginnen sollte.
+Wiederholt sch&auml;rfte er ihm zugleich ein, seine Zeit auf's Zweckm&auml;&szlig;igste zu
+benutzen. Von seinem Vater ward er hierin so ausf&uuml;hrlich belehrt, da&szlig; er,
+ohnedies verstimmt durch das Aufgeben eines G&ouml;ttinger Lieblingsplans,
+beinahe den Entschlu&szlig; fa&szlig;te, in seiner Studien- und Lebensweise seinen
+eignen Weg zu verfolgen. Diese Idee schien ihm nicht blos romantisch,
+sondern auch ehrenvoll. Er dachte an seinen Landsmann Griesbach, der einen
+&auml;hnlichen Weg einschlagen und sich als gelehrter Theolog und Schriftsteller
+einen allgemein geachteten Namen erworben hatte.</p>
+
+<p>Immer n&auml;her r&uuml;ckte inde&szlig; die Zeit, wo Goethe Frankfurt verlassen sollte.
+Begleitet von den Gl&uuml;ckw&uuml;nschen seiner Eltern und Freunde, fuhr er im
+October 1765 nach Leipzig. Seine Reisegenossen waren der in Frankfurt
+ans&auml;ssige Buchh&auml;ndler Fleischer und dessen Gattin, eine Tochter des damals
+gesch&auml;tzten Dichters Triller, die ihren Vater in Wittenberg besuchen
+wollte. Die Jahreszeit, in der Goethe seine Reise antrat, war h&ouml;chst
+unfreundlich. Durch den fast ununterbrochenen Regen waren die Wege fast
+unfahrbar geworden, und in der Gegend von Auerstadt blieb der Wagen v&ouml;llig
+stecken. Es war die Zeit der Messe, als er in Leipzig ankam. In der
+sogenannten Feuerkugel, zwischen der Universit&auml;tsstra&szlig;e und dem Neumarkt,
+bezog Goethe zwei nach dem Hofe hinaus gelegene Zimmer, die er w&auml;hrend der
+Messe gemeinschaftlich mit seinem Reisegef&auml;hrten, dem Buchh&auml;ndler
+Fleischer, sp&auml;ter jedoch allein bewohnte.</p>
+
+<p>In dem Hause des Professors B&ouml;hme, der Geschichte und Staatsrecht lehrte,
+fand Goethe, nachdem er seine Empfehlungsbriefe abgegeben, eine freundliche
+Aufnahme. Als er jedoch seine Abneigung gegen die Jurisprudenz sich merken
+lie&szlig;, und mit dem Plan hervortrat, sich den alten Sprachen und sch&ouml;nen
+Wissenschaften widmen zu wollen, mi&szlig;billigte B&ouml;hme, der die Dichter, selbst
+den allgemein gefeierten Gellert nicht leiden konnte, dies &uuml;bereilte
+Vorhaben. Dringend empfahl er das Studium der r&ouml;mischen Alterth&uuml;mer und der
+Rechtsgeschichte, und schlo&szlig; seine Ermahnungen mit der Bitte, den gefa&szlig;ten
+Entschlu&szlig; reiflich zu &uuml;berlegen. Seine Ueberredung wirkte. Goethe gab
+seinen Plan auf, und entschied sich f&uuml;r die Jurisprudenz. Nach B&ouml;hme's Rath
+sollte er zuerst Philosophie, Rechtsgeschichte und die Institutionen h&ouml;ren.
+Er lie&szlig; sich jedoch, ungeachtet der Abneigung B&ouml;hme's gegen Gellert, nicht
+abhalten, auch dessen Auditorium zu besuchen, besonders die Collegien &uuml;ber
+Literaturgeschichte, die jener hochgefeierte Mann nach Stockhausens
+bekanntem Compendium las. Nach der Schilderung, welche Goethe in sp&auml;tern
+Jahren von Gellert entwarf, war er von Gestalt nicht gro&szlig;, schw&auml;chlich,
+doch nicht hager. Er hatte sanfte, fast traurige Augen, eine sehr sch&ouml;ne
+Stirn, eine nicht &uuml;bertriebene Habichtsnase, einen feinen Mund und ein
+gef&auml;lliges Oval des Gesichts, was, verbunden mit der Freundlichkeit in
+seinem Benehmen, einen angenehmen Eindruck machte.</p>
+
+<p>Durch die Vorlesungen, die Goethe, wenigstens anfangs, sehr regelm&auml;&szlig;ig
+besuchte, ward er nicht sonderlich gef&ouml;rdert. In den philosophischen
+Collegien fand er nicht die gehofften Aufschl&uuml;sse &uuml;ber einzelne, ihm dunkle
+Materien. Er ward bald nachl&auml;ssig im Nachschreiben seiner Hefte. Sie wurden
+immer unvollst&auml;ndiger, besonders in den philosophischen Collegien, die der
+Professor Winkler las. Auch die juristischen Vorlesungen behagten ihm nicht
+lange. Was durch ein wissenschaftliches System in enge, schroffe Grenzen,
+in d&uuml;rre Begriffe ohne Leben eingeschlossen worden war, konnte seinem
+poetisch gestimmten Gem&uuml;th nicht zusagen.</p>
+
+<p>Zu diesem Zwiespalt mit dem starren Facult&auml;tswesen und dem Geiste der
+akademischen Vorlesungen gesellten sich noch kleine Unannehmlichkeiten des
+Lebens, die ihm, verbunden mit seinen unbefriedigten Erwartungen, den
+Aufenthalt in Leipzig verleideten. Er mu&szlig;te hier und da manchen Spott h&ouml;ren
+&uuml;ber seine altmodische Kleidung, die er aus dem elterlichen Hause
+mitgebracht hatte. Diese Kleidung mit einer andern zu vertauschen, die den
+Anforderungen der Mode mehr entsprach, ward Goethe erst veranla&szlig;t, als er
+in einem damals sehr beliebten Lustspiel von Destouches den Herrn von
+Masuren in einem &auml;hnlichen Tressenkleide, wie er selbst es trug, auftreten
+sah. Auch sein fremder Dialekt ward ein Gegenstand des Spotts. Unmuthig
+dar&uuml;ber, blieb er aus geselligen Cirkeln weg, in die er eingef&uuml;hrt worden
+war. Die Gattin des Professors B&ouml;hme, eine vielseitig gebildete Frau, in
+der er eine zweite Mutter fand, machte ihm seine Verst&ouml;&szlig;e gegen die feine
+Lebensart bemerklich. Auch auf seinen &auml;sthetischen Geschmack &uuml;bte sie, wenn
+auch nur negativ, einen wohlth&auml;tigen Einflu&szlig; aus, indem sie dazu beitrug,
+ihm Gottsched's und seiner Anh&auml;nger Poesie zu verleiden. Ihr scharfes
+Urtheil &uuml;ber talentvolle Dichter, unter andern ihren bittern Tadel des von
+Wei&szlig;e geschriebenen Lustspiels: &quot;die Poeten nach der Mode,&quot; konnte Goethe,
+dem die&szlig; St&uuml;ck sehr gefiel, ihr nicht verzeihen. Seine eigene
+Autoreitelkeit f&uuml;hlte sich verletzt durch ihre Aeu&szlig;erungen &uuml;ber einige
+seiner lyrischen Gedichte, die er ihr anonym mittheilte.</p>
+
+<p>Kaum seinen Ohren traute Goethe, als er h&ouml;rte, wie Gellert in einem seiner
+Collegien seine Zuh&ouml;rer vor der Dichtkunst warnte, und sie zu prosaischen
+Ausarbeitungen aufforderte. Demungeachtet wagte Goethe, ihm einige seiner
+poetischen Versuche zu zeigen, die er, wie alle &uuml;brigen, mit rother Dinte
+corrigirte und die zu gro&szlig;e Leidenschaftlichkeit in Styl und Darstellung,
+mitunter auch einige psychologische Verst&ouml;&szlig;e tadelte. Eine scharfe R&uuml;ge,
+die seinen Lieblingsdichter Wieland traf, machte ihn so irre an seinem
+poetischen Talent, da&szlig; er in seinem Unmuth eines Tages alles, was er in
+Versen und Prosa geschrieben, den Flammen &uuml;bergab. Ihn in seinem poetischen
+Streben zu f&ouml;rdern war der damalige Zustand der sch&ouml;nen Literatur in
+Deutschland nicht sonderlich geeignet. Aus den Dichtern, die Goethe sich
+h&auml;tte zum Muster nehmen k&ouml;nnen, aus Gellert, Lessing, Klopstock, Wieland u.
+A. blickte eine zu entschiedene Individualit&auml;t hervor. Vor sclavischer
+Nachahmung bewahrte ihn sein besseres Gef&uuml;hl. Was die Poesie der genannten
+Dichter Vortreffliches hatte, glaubte er nicht erreichen zu k&ouml;nnen; aber er
+f&uuml;rchtete, in ihre Fehler zu verfallen. Er hatte zu sich und seinem Talent
+das Vertrauen verloren, und fand es erst wieder in dem Umgange mit mehreren
+gebildeten und kenntnisreichen jungen M&auml;nnern, zu denen unter andern sein
+Landsmann und nachheriger Schwager Schlosser geh&ouml;rte, der damals als
+geheimer Secret&auml;r des Herzogs Ludwig von W&uuml;rtemberg diesen F&uuml;rsten nach
+Leipzig begleitet hatte.</p>
+
+<p>Durch Schlosser, der als Schriftsteller nicht unr&uuml;hmlichbekannt war,
+erhielt Goethe Zutritt zu manchen gelehrten und einflu&szlig;reichen M&auml;nnern.
+Auch mit Gottsched, dem damaligen Tonangeber des &auml;sthetischen Geschmacks,
+dessen Ausspr&uuml;che, seinem Antagonisten Breitinger zum Trotz, noch immer als
+Orakel galten, ward Goethe auf die erw&auml;hnte Weise bekannt. Er fand ihn im
+ersten Stockwerk des goldnen B&auml;ren, welches ihm von seinem Verleger
+Breitkopf, aus Erkenntlichkeit f&uuml;r den gro&szlig;en Absatz seiner Schriften, zur
+lebensl&auml;nglichen Wohnung einger&auml;umt worden war. In einem Schlafrock von
+gr&uuml;nem Damast, mit rothem Taft gef&uuml;ttert, trat Gottsched, wie Goethe in
+sp&auml;tern Jahren erz&auml;hlte, ihm und Schlosser entgegen. In demselben
+Augenblicke aber eilte ein Diener herbei, und reichte ihm eine gro&szlig;e
+Per&uuml;cke, um sein kahles Haupt zu bedecken. Der Saumselige bekam jedoch eine
+t&uuml;chtige Ohrfeige, worauf Gottsched mit gro&szlig;er Ruhe und Gleichg&uuml;ltigkeit
+die beiden Fremden zum Sitzen n&ouml;thigte und sich mit ihnen in ein Gespr&auml;ch
+einlie&szlig;, das meistens literarische Gegenst&auml;nde betraf.</p>
+
+<p>Die beliebtesten englischen Autoren sich zum Muster zu w&auml;hlen, hielt Goethe
+f&uuml;r das wirksamste Mittel, um sich von dem seichten Geschmack Gottsched's
+und seiner Schule frei zu erhalten. Aber auch zu einem gr&uuml;ndlichen Studium
+der bessern deutschen Schriftsteller, die der Literatur eine neue Richtung
+gaben, ward Goethe durch den Umgang mit mehreren vielseitig gebildeten
+jungen M&auml;nnern gef&uuml;hrt, zu denen, au&szlig;er einigen gebildeten Livl&auml;ndern, ein
+Bruder des Dichters Zachari&auml;, der nachherige Privatgelehrte Pfeil und der
+durch seine geographischen und genealogischen Compendien bekannte
+Schriftsteller Krebel geh&ouml;rten. Flei&szlig;ig las Goethe in Lessings, Gleims,
+Hallers, Ramlers u. A. Schriften. Keiner dieser Dichter aber raubte ihm die
+Vorliebe f&uuml;r Wieland. Den Eindruck, den das Lehrgedicht &quot;Muserion&quot; damals
+auf ihn gemacht, schilderte er in sp&auml;tern Jahren mit den Worten: &quot;Hier, in
+diesem Gedicht war es, wo ich das Antike lebendig und neu vor mir zu sehen
+glaubte. Alles, was in Wielands Natur plastisch war, zeigte sich hier aufs
+Vollkommenste, und da der zu ungl&uuml;ckseliger N&uuml;chternheit verdammte
+Phanias-Timon sich zuletzt wieder mit seinem M&auml;dchen und mit der Welt
+vers&ouml;hnte, so mochte ich die menschenfeindliche Epoche wohl mit ihm
+durchleben.&quot;</p>
+
+<p>Ein fl&uuml;chtiges Interesse nahm Goethe an der lange dauernden liter&auml;rischen
+Fehde, welche die Verschiedenheit religi&ouml;ser Meinungen zwischen den beiden
+Leipziger Professoren Ernesti und Crusius hervorrief. Jener ging
+bekanntlich in der biblischen Hermeneutik von allgemeinen philologischen
+Grunds&auml;tzen aus, w&auml;hrend Crusius zu einer mystischen Erkl&auml;rungsweise der
+heiligen Schrift sich hinneigte. Lebhafter, als f&uuml;r diese theologische
+Polemik, interessirte sich Goethe, neben seiner Besch&auml;ftigung mit der
+Dichtkunst und den sch&ouml;nen Wissenschaften, f&uuml;r die eifrigen Bem&uuml;hungen
+Jerusalems, Zollikofers, Spaldings und anderer ber&uuml;hmten Theologen, in
+Predigten und Abhandlungen der Religion und Moral aufrichtige Verehrer zu
+verschaffen. Zur&uuml;ckgeschreckt durch die barocke Schreibart der Juristen,
+bildete Goethe nach jenen Mustern, besonders nach Mendelssohn und Garve,
+seinen Styl.</p>
+
+<p>Poetischen Stoff sammelte er auf einsamen Spazierg&auml;ngen durch das
+Rosenthal, nach Gohlis und andern benachbarten Orten. Zu einer Idylle, auf
+die er noch in sp&auml;tern Jahren einigen Werth legte, begeisterte ihn Annette,
+die Tochter eines Wirths, bei welchem er mit mehreren Freunden seinen
+Mittagstisch hatte. Ueber sein Liebesverh&auml;ltni&szlig; entwarf Goethe in sp&auml;tern
+Lebensjahren eine anziehende Schilderung in den Worten: &quot;Ich war nach
+Menschenweise in meinen Namen verliebt, und schrieb ihn, wie junge Leute zu
+thun pflegen, &uuml;berall an. Einst hatte ich ihn auch sehr sch&ouml;n und genau in
+die glatte Rinde eines Lindenbaums geschnitten. Den Herbst darauf, als
+meine Neigung zu Annetten in ihrer besten Bl&uuml;the war, gab ich mir die M&uuml;he,
+den ihrigen oben dar&uuml;ber zu schneiden. Inde&szlig; hatte ich gegen Ende des
+Winters, als ein launischer Liebhaber, manche Gelegenheit vom Zaun
+gebrochen, sie zu qu&auml;len und ihr Verdru&szlig; zu machen. Im Fr&uuml;hjahr besuchte
+ich zuf&auml;llig die Stelle. Der Saft, der m&auml;chtig in die B&auml;ume trat, war durch
+die Einschnitte, die ihren Namen bezeichneten, und die noch nicht
+verharrscht waren, hervorgequollen, und benetzte mit unschuldigen
+Pflanzenthr&auml;nen die schon hart gewordenen Z&uuml;ge des meinigen. Sie hier &uuml;ber
+mich weinen zu sehen, der ich oft durch mein Benehmen ihre Thr&auml;nen
+hervorgerufen hatte, versetzte mich in Best&uuml;rzung. In Erinnerung meines
+Unrechts und ihrer Liebe kamen mir selbst die Thr&auml;nen in die Augen. Ich
+eilte, ihr Alles doppelt und dreifach abzubitten, und verwandelte jenes
+Ereigni&szlig; in eine Idylle, die ich niemals ohne R&uuml;hrung lesen oder Andern
+mittheilen konnte.&quot;</p>
+
+<p>Aus der poetischen Gattung, zu der jenes Gedicht geh&ouml;rte, ward Goethe bald
+wieder auf die dramatische Dichtkunst hingewiesen durch den tiefen und
+bleibenden Eindruck, den Lessings Minna von Barnhelm auf ihn machte. Die&szlig;
+ganz eigentlich aus dem Leben gegriffene Lustspiel von &auml;chtem
+Nationalgehalt, lenkte seinen Blick zugleich auf die gro&szlig;en Weltereignisse
+des siebenj&auml;hrigen Krieges. Neben dem bedeutenden Stoff bewunderte er
+besonders die concise Behandlung. Ein solches Muster zu erreichen, traute
+er sich nicht zu. Schon sein beschr&auml;nkter Umgang mit vielseitig gebildeten
+Personen verhinderte ihn daran. In den eignen Busen mu&szlig;te er greifen, wenn
+es ihm darum zu thun war, seinen Gedichten durch Empfindung oder Reflexion
+eine feste Basis zu geben. F&uuml;hlbar ward ihm wenigstens, da&szlig; er, um bei
+seinen poetischen Producten zu einer klaren Anschauung der einzelnen
+Gegenst&auml;nde zu gelangen, aus dem Kreise, der ihn umgab und ihm ein
+Interesse einfl&ouml;&szlig;te, nicht heraustreten durfte. Solchen Ansichten
+verdankten mehrere lyrische Gedichte Goethe's, von denen sich jedoch nur
+wenige erhalten haben, ihre Entstehung. Goethe gab diesen Gedichten
+meistens die Form des Liedes, bisweilen auch ein freieres Versma&szlig;. Es waren
+weniger Produkte einer sehr lebhaften Phantasie, als des ruhigen
+Verstandes, wof&uuml;r schon die epigrammatische Wendung in einigen jener
+Gedichte zu sprechen schien. Unver&auml;ndert blieb seinem Geiste die Richtung,
+Alles, was ihn erfreute, beunruhigte oder &uuml;berhaupt in irgend einer Weise
+lebhaft besch&auml;ftigte, in ein poetisches Gewand zu kleiden. Seine Natur, die
+leicht von einem Extrem in's andre geworfen ward, gelangte dadurch zu einer
+gewissen Ruhe.</p>
+
+<p>Aus seinem, durch eigene Schuld, vorz&uuml;glich durch grundlose Eifersucht
+wieder aufgel&ouml;sten Lebensverh&auml;ltni&szlig; sch&ouml;pfte Goethe die Idee zu seinem
+ersten dramatischen Werke. 1769 dichtete er sein Schauspiel: &quot;die Laune des
+Verliebten&quot;, das er jedoch erst nach einer bedeutenden Reihe von Jahren dem
+Druck &uuml;bergab. Seinem Inhalt nach war das St&uuml;ck dem sp&auml;ter gedichteten
+Schauspiel: &quot;Erwin und Elmire&quot; &auml;hnlich, so wesentlich es sich von demselben
+durch die Form und Behandlungsart unterschied. Erhalten hat sich unter
+mehreren literarischen Entw&uuml;rfen aus jener Zeit nur der Anfang einer in
+Alexandrinern verfa&szlig;ten Uebersetzung von Corneille's Lustspiel: <span class="u">Le
+Menteur</span>, unter dem Titel: &quot;der L&uuml;gner&quot;, und au&szlig;erdem das Fragment eines in
+Briefen zwischen &quot;Arianne und Wetty&quot; geschriebenen Romans. Man findet diese
+Bruchst&uuml;cke in den neuerlich von A. Scholl herausgegebenen Briefen und
+Aufs&auml;tzen Goethes aus den Jahren 1766-1786. Vollendet ward von Goethe nur
+das Lustspiel: &quot;Die Mitschuldigen.&quot; Er bedauerte in sp&auml;tern Jahren, da&szlig; er
+&uuml;ber der ernsten Richtung in seinen ersten dramatischen Werken manchen
+heitern Stoff, den ihn das Studentenleben darbot, unbenutzt gelassen hatte.
+Seine Empfindungen legte er in einzelnen Liedern und Epigrammen nieder, die
+jedoch, nach seinem eignen Gest&auml;ndnisse in sp&auml;terer Zeit, zu subjectiv
+waren, um au&szlig;er ihn selbst, noch irgend Jemand zu interessiren.</p>
+
+<p>Einen fr&uuml;hen Jugendeindruck erneuerte in Goethe Gellerts wiederholte und
+dringende Ermahnung an seine Zuh&ouml;rer, sich dem &ouml;ffentlichen Gottesdienste
+und dem Genu&szlig; des heiligen Abendmahls nicht zu entziehen. Etwas Furchtbares
+hatte f&uuml;r Goethe von jeher die neutestamentliche Vorstellung gehabt: wer
+das Sakrament unw&uuml;rdig gen&ouml;sse, &auml;&szlig;e und tr&auml;nke sich selbst den Tod. Von
+mannigfachen Gewissensscrupeln beunruhigt, hatte er sich der
+Abendmahlsfeier lange entzogen, und Gellerts Ermahnungen fielen ihm um so
+schwerer aufs Herz. Ueber die ernsten Betrachtungen, denen er sich eine
+Zeit lang &uuml;berlie&szlig;, siegte inde&szlig; bald wieder angeborner Humor und
+jugendlicher Leichtsinn.</p>
+
+<p>Einflu&szlig;reich und belehrend durch seine vielseitigen Sprach- und
+Literaturkenntnisse ward f&uuml;r Goethe die Bekanntschaft mit dem Hofmeister
+eines jungen Grafen von Lindenau. Er hie&szlig; Behrisch, und war, nach Goethes
+eigner Schilderung, ungeachtet seines redlichen Charakters und seiner
+vielen l&ouml;blichen Eigenschaften, einer der gr&ouml;&szlig;ten Sonderlinge. Trotz der
+W&uuml;rde seines &auml;u&szlig;ern Benehmens war er immer zu allerlei muthwilligen Possen
+aufgelegt. Durch seine sarkastischen Bemerkungen weckte er in Goethe den
+Hang zur Satyre. Zur besondern Zielscheibe seines Witzes w&auml;hlte sich dieser
+den Professor Clodius, der die stylistischen Vorlesungen &uuml;bernommen, welche
+Gellert, seiner Kr&auml;nklichkeit wegen, hatte aufgeben m&uuml;ssen. Durch den Tadel
+eines Gedichts, mit welchem Goethe die Hochzeit eines Oheims in Frankfurt
+verherrlichen wollte, hatte Clodius seine Autoreitelkeit verletzt.
+Gemeinschaftlich mit seinem Freunde Behrisch r&auml;chte sich Goethe durch
+lauten Spott &uuml;ber die mittelm&auml;&szlig;igen Oden, mit denen Clodius mehrmals bei
+feierlichen Gelegenheiten hervorgetreten war. Die darin enthaltenen
+Kraftspr&uuml;che und Sentenzen benutzte Goethe zu einer Parodie. Es war ein an
+den damals sehr beliebten Conditor H&auml;ndel gerichtetes Gedicht, welches zwar
+nicht gedruckt, doch bald in mehreren Abschriften verbreitet ward. Die
+Wirkung seiner Parodie verst&auml;rkte Goethe noch durch einen satyrischen
+Prolog, den er bald nachher zu dem von Clodius geschriebenen Lustspiel:
+&quot;Medon oder die Rache des Weisen&quot; dichtete. Nach seiner eignen Schilderung
+in sp&auml;tern Jahren hatte Goethe in jenem Prolog Harlekin mit zwei S&auml;cken
+auftreten lassen, mit moralisch-&auml;sthetischem Sande gef&uuml;llt, den die
+Schauspieler den Zuschauern in die Augen streuen sollten. Der eine Sack,
+&auml;u&szlig;erte Harlekin, sei mit Wohlthaten gef&uuml;llt, die nichts kosteten, der
+andere mit allerlei hochtrabenden Sentenzen, hinter denen nichts stecke.
+Darum m&ouml;chten die Zuschauer ja die Augen zudr&uuml;cken u.s.w.</p>
+
+<p>Getrennt von seinem Freunde Behrisch, dem seine vielseitigen Kenntnisse die
+Stelle eines Erziehers des Erbprinzen von Dessau verschafft hatten, sank
+Goethe wieder aus Mangel an Selbstst&auml;ndigkeit in das vielfach bewegte und
+leidenschaftliche Treiben zur&uuml;ck, dem er durch Behrisch kaum entrissen
+worden war. Auf einen bessern Weg f&uuml;hrte ihn das Studium der Kunst. Bei dem
+ber&uuml;hmten Oeser, der als Director der Leipziger Zeichnenakademie in dem
+alten Schlosse Plei&szlig;enburg wohnte, nahm Goethe Unterricht im Zeichnen.
+Durch die Betrachtung vorz&uuml;glicher Werke und Oesers geistreiche Bemerkungen
+dar&uuml;ber ward sein fr&uuml;h erwachter Kunstsinn wieder vielfach angeregt und
+gen&auml;hrt. Reichen Genu&szlig; verschafften ihm besonders die werthvollen Gem&auml;lde-
+und Kupferstichsammlungen mehrerer Leipziger Kunstfreunde. Er vermehrte
+dadurch seine Kenntnisse in einem Fache, worin er, nach einer Aeu&szlig;erung in
+sp&auml;tern Jahren, &quot;einst die gr&ouml;&szlig;te Zufriedenheit seines Lebens finden
+sollte.&quot; Von der blo&szlig;en Anschauung zum Denken erhob er sich durch das
+Studium der Schriften d'Argenville's, Christs, Winkelmanns u.A. V&ouml;llig klar
+ward ihm jedoch der Unterschied zwischen den bildenden und den Redek&uuml;nsten
+erst durch Lessings Laokoon. Der Triumph des Sch&ouml;nen &uuml;ber das H&auml;&szlig;liche
+zeigte sich ihm in der Vorstellung der Griechen, die sich den Tod als den
+Bruder des Schlafs und diesem bis zum Verwechseln &auml;hnlich dachten.</p>
+
+<p>Einen reinen Kunstgenu&szlig; bot ihm ein kurzer Aufenthalt in Dresden und die
+Betrachtung der dortigen Gem&auml;ldegallerie. Vielfache Belehrung verdankte er
+dem Inspector Riedel. Kurz vor seiner R&uuml;ckreise nach Leipzig lernte er auch
+den Director der Kunstakademie, v. Hagedorn, einen Bruder des Dichters,
+pers&ouml;nlich kennen. In Leipzig f&uuml;hlte Goethe, obgleich er jenen reichen
+Kunstgenu&szlig; dort entbehren mu&szlig;te, nach seinem eignen Gest&auml;ndni&szlig;, sich ganz
+behaglich durch freundschaftlichen Umgang und einen Zuwachs an Kenntnissen.
+Beides fand er in dem Hause des Buchh&auml;ndlers Breitkopf, der auf dem
+Neumarkt im silbernen B&auml;ren wohnte. Der &auml;lteste Sohn jenes Mannes spielte
+mit ziemlicher Fertigkeit die Violine, und componirte einige von Goethe's
+Gedichten, die ohne Angabe des Druckorts 1768 zu Leipzig in Quart
+erschienen. Oft wurden in Breitkopfs Hause, dessen zweiter Sohn ebenfalls
+musikalisch war, Concerte veranstaltet. Manchen Genu&szlig; und Nutzen sch&ouml;pfte
+Goethe auch aus Breitkopfs auserlesener Bibliothek, welche vorz&uuml;glich an
+Werken reich war, die sich auf den Ursprung und die Fortschritte der
+Buchdruckerkunst bezogen.</p>
+
+<p>Wichtig ward f&uuml;r Goethe die Bekanntschaft des aus N&uuml;rnberg geb&uuml;rtigen
+Kupferstechers Stock, der ein Mansardzimmer im Breitkopfischen Hause
+bewohnte. Die Technik der Kupferstecherkunst hatte f&uuml;r Goethe einen so
+unwiderstehlichen Reiz, da&szlig; er der Begierde nicht widerstehen konnte, sich
+selbst in diesem Fache zu versuchen. Zur Zufriedenheit seines Lehrers Stock
+radirte er einige Landschaften nach Thiele und andern K&uuml;nstlern. Erhalten
+haben sich aus jener Zeit noch zwei radirte Bl&auml;tter Goethe's. Beide stellen
+Landschaften dar, mit kleinen Cascaden, umschlossen von Felsen und Grotten.
+An dem untern Rande beider Landschaften befinden sich die Worte. <span class="u">Peint par
+A. Thiele, grav&eacute; par Goethe</span>. Das eine Blatt hatte Goethe mit den
+nachstehenden Worten seinem Vater gewidmet: <span class="u">Dedi&eacute; &agrave; Monsieur Goethe,
+Conseiller actuel de S.M. Imperiale, par son fils tr&egrave;s-obeissant</span>. Das
+andere Blatt f&uuml;hrt die Unterschrift: <span class="u">Dedi&eacute; &agrave; Mr. le Docteur Hermann,
+Assesseur de la cour provinciale supr&eacute;me de justice S. A. Elect. de Saxe et
+S&eacute;nateur de la ville de Leipsic, par son ami Goethe</span>. Eine genaue und
+ausf&uuml;hrliche Beschreibung der erw&auml;hnten Bl&auml;tter lieferte ein Aufsatz Karl
+Buchner's im Morgenblatt vom Jahr 1828. No. 3-6.</p>
+
+<p>Den der Gesundheit nachtheiligen D&uuml;nsten, die sich beim Aetzen von
+Kupferstichen entwickelten, gab Goethe eine gef&auml;hrliche Brustbeklemmung
+schuld, die er sich aber auch wohl durch den zu reichlichen Genu&szlig; des
+Merseburger Biers und starken Kaffees zugezogen haben mochte. Der
+Organismus seiner Natur ward so heftig ersch&uuml;ttert, da&szlig; er einst Nachts von
+einem heftigen Blutsturz erwachte. Die &auml;rztliche H&uuml;lfe des Doctor Reichel
+beschleunigte seine Genesung. Er ward wieder heiter gestimmt f&uuml;r den Umgang
+mit seinen Freunden, die er durch Kr&auml;nklichkeit und &uuml;ble Laune von sich
+gescheucht hatte.</p>
+
+<p>Die Zeit, wo Goethe nach beendigten Studien wieder in das elterliche Haus
+zur&uuml;ckkehren sollte, war nahe. Kurz vor seiner Abreise ereignete sich ein
+Tumult zwischen den Studenten und Stadtsoldaten. Goethe hatte keinen
+Antheil an diesen H&auml;ndeln. Mit jenem Nachklange akademischer Gro&szlig;thaten
+verlie&szlig; er Leipzig im September 1768. Er hatte dort manche
+Freundschaftsverh&auml;ltnisse angekn&uuml;pft. Den Einflu&szlig;, den der Aufenthalt in
+Leipzig auf seine Bildung gehabt, konnte er nicht verkennen. Gestehen mu&szlig;te
+er sich freilich, da&szlig; er den Aussichten und Hoffnungen seiner Eltern nicht
+sonderlich entsprochen. Er hatte sich ganz andern Studien gewidmet, als
+sein Vater w&uuml;nschen mochte, der nur m&uuml;hsam den Unmuth verbarg, seinen Sohn,
+der nun promoviren und die ihm vorgeschriebene Bahn durchlaufen sollte,
+noch nicht hinl&auml;nglich dazu vorbereitet, und &uuml;berdie&szlig; geistig und
+k&ouml;rperlich leidend heimkehren zu sehen.</p>
+
+<p>Goethe aber bereute nicht den selbst gew&auml;hlten Pfad, und seine Dankbarkeit
+verga&szlig; nie den Mann, der ihn zuerst darauf hingeleitet. Den 9. November
+1768 schrieb er nach Leipzig an Oeser: &quot;Was bin ich Ihnen nicht alles
+schuldig, da&szlig; Sie mir den Weg zum Wahren und Sch&ouml;nen gezeigt, da&szlig; Sie mein
+Herz f&uuml;r den Reiz f&uuml;hlbar gemacht haben. Ich bin Ihnen mehr schuldig, als
+ich Ihnen danken k&ouml;nnte. Der Geschmack, den ich am Sch&ouml;nen habe, meine
+Kenntnisse, meine Einsichten, hab' ich die nicht alle durch Sie? Wie gewi&szlig;,
+wie einleuchtend wahr ist mir der seltsame, fast unbegreifliche Satz
+geworden, da&szlig; die Werkstatt eines gro&szlig;en K&uuml;nstlers mehr den keimenden
+Philosophen, den keimenden Dichter entwickle, als der H&ouml;rsaal des Weisen
+und des Kritikers. Lehre thut viel, aber Aufmunterung thut Alles.
+Aufmunterung nach dem Tadel ist Sonne nach dem Regen, fruchtbares Gedeihen.
+Wenn Sie meiner Liebe zu den Musen nicht aufgeholfen h&auml;tten, ich w&auml;re
+verzweifelt. Sie wissen, was ich war, als ich zu Ihnen kam, und was ich
+war, als ich von Ihnen ging. Der Unterschied ist Ihr Werk.&quot;</p>
+
+<p>Als G&ouml;the [Goethe] diesen Brief schrieb, war er unl&auml;ngst genesen von einer
+gef&auml;hrlichen Krankheit, die durch gest&ouml;rte Verdauung und ein dadurch
+erzeugtes Asthma die lebhaftesten Besorgnisse seiner Eltern erregte.
+Unverge&szlig;lich blieb ihm die liebreiche Pflege seiner Mutter und die
+z&auml;rtliche Theilnahme seiner Schwester Cornelia. Durch seine Krankheit allen
+irdischen Angelegenheiten entfremdet, wandte sich sein Geist dem
+Himmlischen zu. Mit der ganzen W&auml;rme und Innigkeit seines Gef&uuml;hls suchte er
+das Unsichtbare zu ergreifen. Wie ihn als Kind vorzugsweise das Alte
+Testament angesprochen, so besch&auml;ftigte er sich nun, von einem &auml;hnlichen
+schw&auml;rmerischen Enthusiasmus ergriffen, mit den neutestamentlichen
+Schriften.</p>
+
+<p>In dieser Geistesrichtung begegnete ihm eine seelenkranke Freundin seiner</p>
+
+<p>Mutter, ein Fr&auml;ulein von Klettenberg, aus deren Unterhaltungen und Briefen
+Goethe sp&auml;ter den Stoff hernahm zu den in seinem &quot;Wilhelm Meister&quot;
+enthaltenen &quot;Bekenntnissen einer sch&ouml;nen Seele.&quot; Sein Verh&auml;ltni&szlig; zu dem
+Fr&auml;ulein von Klettenberg blieb, ungeachtet der schw&auml;rmerischen Richtung
+ihres Geistes, der dem irdischen Daseyn g&auml;nzlich entfremdet, sich nur mit
+dem ewigen Heil der Seele besch&auml;ftigte, doch nicht ohne Einflu&szlig; auf
+Goethe's moralische Veredlung. Jedenfalls h&auml;tte er inde&szlig; seine Zeit besser
+verwenden k&ouml;nnen, als zu dem Lesen von allerlei mystischen Schriften. Durch
+Theophrast, Paracelsus u. A. ward er in das Gebiet der Chemie gef&uuml;hrt. Mit
+H&uuml;lfe eines kleinen Laboratoriums machte er, nach Anleitung des
+Boerhave'schen Compendiums einige chemische Experimente, die, so
+unvollkommen sie auch ausfielen, seine Kenntnisse in mannigfacher Weise
+bereicherten. Auch das Zeichnen, Aetzen und Radiren trat wieder in die
+Reihe seiner Lieblingsbesch&auml;ftigungen. Nach den mannigfachsten Richtungen
+schweifte seine Th&auml;tigkeit, die erst eine feste Basis gewonnen zu haben
+schien, als er sich wieder zu philosophischen Studien wandte.</p>
+
+<p>Den Weg, den seine Bildung nahm, zeigte ein Brief an die Tochter seines
+Freundes Oeser, vom 13. Februar 1769. &quot;Meine gegenw&auml;rtige Lebensart,&quot;
+schrieb Goethe, &quot;ist der Philosophie gewidmet. Eingesperrt, allein, Cirkel,
+Papier, Feder und Dinte und zwei B&uuml;cher ist mein ganzes R&uuml;stzeug; und auf
+diesem einfachen Wege komme ich der Erkenntni&szlig; der Wahrheit oft so nah und
+weiter, als Andere mit ihrer Bibliothekswissenschaft. Ein gro&szlig;er Gelehrter
+ist selten ein gro&szlig;er Philosoph, und wer mit M&uuml;he viel B&uuml;cher durchbl&auml;ttert
+hat, verachtet das leichte, einfache Buch der Natur, und es ist nichts
+wahr, als was einf&auml;ltig ist. Freilich eine Recommendation f&uuml;r die wahre
+Weisheit! Wer den einf&auml;ltigen Weg geht, der gehe ihn, und schweige still.
+Demuth und Bed&auml;chtlichkeit sind die nothwendigsten Eigenschaften unserer
+Schritte darauf, deren jeder endlich belohnt wird. Ich danke es Ihrem
+lieben Vater, er hat meine Seele zuerst zu diesem Wege bereitet. Die Zeit
+wird meinen Flei&szlig; segnen, da&szlig; er ausf&uuml;hren kann, was angefangen ist. Wenn
+man anders denkt, als gro&szlig;e Geister, so ist es gew&ouml;hnlich ein Zeichen eines
+kleinen Geistes. Ich mag nicht gern Eins und das Andere seyn. Ein gro&szlig;er
+Geist irrt so gut wie ein kleiner; jener, weil er keine Schranken kennt,
+dieser, weil er seinen Horizont f&uuml;r die Welt nimmt. O meine Freundin, das
+Licht ist die Wahrheit, von der doch das Licht quillt. Die Nacht ist
+Unwahrheit. Und was ist Sch&ouml;nheit? Sie ist nicht Licht und nicht Nacht,
+D&auml;mmerung, eine Geburt von Wahrheit und Unwahrheit, ein Mittelding. In
+ihrem Reiche liegt ein Scheideweg, so zweideutig, so schielend, ein
+Herkules unter den Philosophen k&ouml;nnte sich vergreifen.&quot;</p>
+
+<p>In dankbarer R&uuml;ckerinnerung an seinen &quot;lieben Oeser&quot; schrieb Goethe den 20.
+Februar 1770 an den Buchh&auml;ndler Reich in Leipzig: &quot;Nach Oeser und
+Shakspeare ist Wieland der Einzige, den ich f&uuml;r meinen &auml;chten Lehrer
+erkenne. Andere hatten mir gezeigt, da&szlig; ich fehlte; diese zeigen mir, wie
+ich's besser machen sollte.&quot; Der erw&auml;hnte Brief enthielt zugleich einige
+charakteristische Bemerkungen &uuml;ber Wieland. &quot;Mein Urtheil &uuml;ber den Diogenes
+von Sinope,&quot; schrieb Goethe, &quot;werden Sie nicht verlangen. Empfinden und
+Schweigen ist Alles, was man bei dieser Gelegenheit thun kann, denn so gar
+loben soll man einen gro&szlig;en Mann nicht, wenn man nicht so gro&szlig; ist, wie er.
+Aber ge&auml;rgert hab' ich mich schon auf Wielands Rechnung, und ich glaube mit
+Recht. Wieland hat das Ungl&uuml;ck, oft nicht verstanden zu werden. Vielleicht
+ist manchmal die Schuld sein, doch manchmal ist sie es nicht, und da mu&szlig;
+man sich &auml;rgern, wenn Leute ihre Mi&szlig;verst&auml;ndnisse dem Publikum f&uuml;r
+Erkl&auml;rungen verkaufen.&quot; Seine Verehrung Wielands sprach Goethe am Schlusse
+seines Briefes in den Worten aus. &quot;Wenn Sie diesem gro&szlig;en Autor schreiben
+oder ihn sprechen, so haben Sie die G&uuml;te, ihm einen jungen Menschen bekannt
+zu machen, der zwar nicht Mann's genug ist, seine Verdienste zu sch&auml;tzen,
+aber doch ein genug z&auml;rtliches Herz hat, sie zu verehren.&quot;</p>
+
+<p>Wie geringen Werth Goethe seinen in Leipzig entstandenen Gedichten beima&szlig;,
+bewies er durch den ausgef&uuml;hrten Entschlu&szlig;, den gr&ouml;&szlig;ten Theil derselben,
+bald nach seiner Ankunft in Frankfurt, den Flammen zu opfern. Auch mehrere
+unvollendete dramatische Werke traf dies Schicksal. Verschont blieben nur
+&quot;die Laune des Verliebten&quot; und &quot;die Mitschuldigen.&quot; Das zuletzt genannte
+St&uuml;ck erhielt noch einige Verbesserungen. Diese poetischen Besch&auml;ftigungen
+wurden unterbrochen durch seine nahe Abreise nach Stra&szlig;burg. Dort sollte
+Goethe nach seines Vaters Wunsch, seine Studien vollenden und sich den
+juristischen Doctorhut erwerben. Noch immer gab Goethes Vater die Hoffnung
+nicht auf, aus seinem Sohne einen t&uuml;chtigen Rechtsgelehrten zu bilden.</p>
+
+<p>Vom M&uuml;nster betrachtete Goethe bald nach seiner Ankunft in Stra&szlig;burg, die
+Stadt und die Umgegend. Er pries sein Schicksal, das ihm einen so
+anmuthigen Aufenthalt bestimmt hatte. An der Sommerseite des Fischmarktes,
+einer langen und sehr belebten Stra&szlig;e, bezog er eine freundliche Wohnung.
+Den Mittagstisch hatte er in einer sehr gebildeten Kaufmannsfamilie, an die
+er empfohlen worden war. Ein gro&szlig;er Theil der Studirenden in Stra&szlig;burg
+widmete sich der Arzneikunde. Dadurch gewann auch Goethe ein Interesse an
+der Medicin. Im zweiten Semester h&ouml;rte er Chemie bei Spielmann, und
+Anatomie bei Lobstein, ohne dar&uuml;ber sein Berufsfach, die Jurisprudenz, zu
+vernachl&auml;ssigen. Mit H&uuml;lfe eines Repetenten, den ihm einer seiner Freunde,
+der Actuar Salzmann, empfahl, erg&auml;nzte Goethe, was ihm noch fehlte, um in
+dem juristischen Examen mit Ehren zu bestehen.</p>
+
+<p>An Zerstreuung und Zerst&uuml;ckelung seiner Studien fehlte es ihm in Stra&szlig;burg
+eben so wenig, wie w&auml;hrend seines Aufenthalts in Leipzig. Lockend war f&uuml;r
+ihn das fr&ouml;hliche Leben im Elsa&szlig;. Manchen Sommerabend brachte er mit
+einigen Freunden in &ouml;ffentlichen G&auml;rten und andern Lustorten zu. Auch
+unternahm er h&auml;ufig Ausfl&uuml;ge, vorz&uuml;glich in die romantischen
+Gebirgsgegenden. Seine anmuthige Gestalt, sein offenes Wesen empfahlen ihn
+&uuml;berall, und er gewann Zutritt zu den vornehmsten Cirkeln. Den
+Anforderungen des akademischen Lebens entsprach er durch seine Gewandtheit
+im Fechten. Aber auch dem Tanz und dem Kartenspiel, das er eigentlich nicht
+liebte, huldigte Goethe, um nicht gegen den feinen Gesellschaftston zu
+versto&szlig;en.</p>
+
+<p>Unstreitig das wichtigste Ereigni&szlig; w&auml;hrend seines Aufenthalts in Stra&szlig;burg
+war die pers&ouml;nliche Bekanntschaft mit Herder, der als Reisebegleiter des
+gem&uuml;thskranken Prinzen von Holstein-Eutin nach Stra&szlig;burg kam. Einen lange
+gehegten Lieblingswunsch sah Goethe erf&uuml;llt, als ihm geg&ouml;nnt war, sich dem
+ber&uuml;hmten Manne zu n&auml;hern, der durch seine &quot;Fragmente zur deutschen
+Literatur&quot;, durch seine &quot;kritischen W&auml;lder&quot; und andere Schriften das
+Interesse des gebildeten Publikums entschieden auf sich gelenkt hatte. In
+dem Gasthofe, wo Herder eingekehrt, machte ihm Goethe seine Aufwartung.
+Herder trug ein schwarzes Kleid und einen seidnen Mantel von gleicher
+Farbe. Sein gepudertes Haar war in eine runde Locke aufgesteckt, wodurch er
+einem Geistlichen &auml;hnlich sah. Nach der Schilderung, welche Goethe in
+sp&auml;tern Jahren von Herders Pers&ouml;nlichkeit entwarf, war &quot;sein Gesicht rund,
+die Stirn bedeutend, die Nase etwas stumpf, der Mund ein wenig aufgeworfen,
+aber h&ouml;chst individuell angenehm und liebensw&uuml;rdig. Unter schwarzen
+Augenbraunen blitzten ein Paar kohlschwarze Augen hervor, die ihre Wirkung
+nicht verfehlten, ungeachtet das eine Auge roth und entz&uuml;ndet war, und von
+Lobstein operirt werden sollte.&quot;</p>
+
+<p>Durch einen reichen Schatz von Lebenserfahrungen, verbunden mit einer
+eigenth&uuml;mlichen Anziehungskraft, &uuml;bte Herder, obgleich er nur f&uuml;nf Jahre
+&auml;lter war als Goethe, auf diesen einen so unwiderstehlichen Reiz aus, da&szlig;
+er ihm mit Offenheit eine treuherzige Schilderung seiner
+Jugendbesch&auml;ftigungen und Liebhabereien entwarf. Herders scharfer Tadel und
+seine sarkastischen Bemerkungen vermochten ihn nicht in der Achtung
+herabzusetzen, die Goethe f&uuml;r ihn empfand. Er verdankte ihm einen gro&szlig;en
+Zuwachs an neuen Ideen und den mannigfachsten Kenntnissen. In einem ganz
+andern Lichte erschien ihm das Lieblingsbuch seiner Jugend, die Bibel,
+durch die von Herder in seinem Werke: &quot;Vom Geist der hebr&auml;ischen Poesie&quot;
+gesammelten Bl&uuml;then morgenl&auml;ndischer Dichtkunst. Ueberall er&ouml;ffnete ihm
+Herder einen freiern Blick in das gro&szlig;e Gebiet der Literatur. Besonders
+ward Goethe durch ihn mit den vorz&uuml;glichsten Erzeugnissen der englischen
+Literatur bekannt. Einen noch entschiedeneren Einflu&szlig; w&uuml;rde Herder auf
+Goethe's Bildung gewonnen haben, wenn er seine uners&auml;ttliche Wi&szlig;begierde
+nicht oft zur&uuml;ckgeschreckt h&auml;tte durch allerlei sarkastische Bemerkungen,
+die besonders Goethe's Selbstgef&auml;lligkeit und Eitelkeit trafen. Aus Furcht
+vor Herders Tadel verbarg ihm Goethe daher auch sein Interesse an
+poetischen Gegenst&auml;nden, und namentlich die Idee, den biedern und tapfern
+Ritter G&ouml;tz von Berlichingen zu einem dramatischen Helden zu w&auml;hlen.</p>
+
+<p>Zu dem Kreise, in welchem sich Goethe damals bewegte, geh&ouml;rten au&szlig;er
+Herder, noch einige andere, mehr oder minder ausgezeichnete Individuen. Der
+unter dem Namen Jung-Stilling bekannte Schriftsteller befand sich damals in
+Stra&szlig;burg. Goethe r&uuml;hmte in sp&auml;tern Jahren an ihm seinen Enthusiasmus f&uuml;r
+alles Gute, Wahre und Rechte. &quot;Unverw&uuml;stlich, &auml;u&szlig;erte Goethe, war sein
+Glaube an Gott und an eine unmittelbar von ihm ausgehende H&uuml;lfe. Sein
+Glaube duldete keinen Zweifel, und seine Ueberzeugung keinen Spott.&quot; Eine
+eigenth&uuml;mliche Treuherzigkeit und ein leichter Humor charakterisirte, nach
+Goethe's eignem Gest&auml;ndni&szlig;, seinen Freund Franz Lerse. Seine Gewandtheit im
+Fechten qualificirte ihn zum Schieds- und Kampfrichter bei allen H&auml;ndeln,
+die in der Studentenwelt sich nicht durch Worte und Erkl&auml;rungen beseitigen
+lie&szlig;en. Den Namen seines Freundes verewigte Goethe sp&auml;ter in seinem &quot;G&ouml;tz
+von Berlichingen.&quot; Erst in der letzten Zeit seines Aufenthalts lernte er
+den als genialen Sonderling bekannten Dichter Lenz kennen, der sp&auml;ter
+(1792) in Geisteszerr&uuml;ttung zu Moskau starb. Die Excentricit&auml;t Shakspeare's
+und den unvergleichlichen Humor des Britten zu empfinden und nachzubilden,
+war Niemand geeigneter, als Lenz, wie er durch seine Uebersetzung von
+<span class="u">Love's labour's lost</span> und durch die derselben beigef&uuml;gten Anmerkungen &uuml;ber
+das Theater bewies. Wie er, f&uuml;hlte sich auch Goethe nicht zur&uuml;ckgesto&szlig;en
+durch die Derbheit in Shakspeare's Werken, vielmehr reichlich entsch&auml;digt
+durch die darin herrschende Wahrheit und Natur. In ihren geselligen Cirkeln
+bediente Goethe mit seinen Freunden sich der von Shakspeare gebrauchten
+Worte und Redensarten. Er ward ihr Vorbild im Dichten, wie im Leben.</p>
+
+<p>Das fr&uuml;h in Goethe erwachte Gef&uuml;hl f&uuml;r Natursch&ouml;nheiten lockte ihn in die
+anmuthige Umgegend Stra&szlig;burgs. Mit einigen dortigen Freunden besuchte er
+Zabern, Buchsweiler, L&uuml;tzelstein, Saarbr&uuml;ck und andere St&auml;dte und Flecken
+im Elsa&szlig;. Auf diesen Excursionen lernte er mehrere Familien kennen, bei
+denen er eine gastfreie Aufnahme fand. Vorz&uuml;glich war die&szlig; der Fall bei dem
+Pfarrer Brion in dem etwa sechs Stunden von Stra&szlig;burg entfernten Dorfe
+Sesenheim. Ein besonderes Interesse erhielt diese Bekanntschaft f&uuml;r Goethe
+durch ein Liebesverh&auml;ltnis zur dritten Tochter jenes Geistlichen. Nach
+&uuml;bereinstimmenden Zeugnissen war Friederike Brion ein M&auml;dchen von sch&ouml;nem
+Wuchs, blondem Haar und blauen Augen. Was ihr an &auml;u&szlig;ern Reizen abging,
+ersetzte sie durch Anmuth in ihrem Wesen und durch das Talent geselliger
+Unterhaltung. Sie hatte ihren Geist durch das Lesen der besten
+Schrifsteller [Schriftsteller] gebildet, und war musikalisch. Oft
+durchwanderte Goethe mit ihr die anmuthige Gegend. Ein Buchenw&auml;ldchen war
+sein Lieblingsplatz. Gesellige Zerstreuungen, mitunter Pf&auml;nderspiele, bei
+denen Goethe durch seinen Witz und Humor gl&auml;nzte, erheiterten den Kreis von
+Freunden und Verwandten in des Pfarrers Brion Wohnung zu Sesenheim, wenn
+Goethe, nach Stra&szlig;burg zur&uuml;ckgekehrt, dort wieder erschien. Er verweilte
+mitunter mehrere Wochen in Sesenheim. Den Taumel von Zerstreuungen, in
+denen er sich befand, schilderten einzelne Stellen in seinen Briefen an den
+Actuar Salzmann in Stra&szlig;burg.</p>
+
+<p>&quot;Getanzt hab' ich,&quot; schrieb er unter andern, &quot;am Pfingstmontage von 2 Uhr
+nach Tisch bis zw&ouml;lf Uhr in der Nacht, in einem fort, au&szlig;er einigen
+Intermezzo's von Essen und Trinken. Wir hatten brave Schnurranten erwischt,
+da ging's wie Wetter. Das ganze Ich war in das Tanzen versunken.&quot; Er
+schadete durch das Ueberma&szlig; seiner Gesundheit. Geplagt von einem
+hartn&auml;ckigen Husten, schrieb er einige Tage sp&auml;ter: &quot;Man lebt doch nur
+halb, wenn man nicht Athem sch&ouml;pfen kann. Und doch mag ich nicht in die
+Stadt zur&uuml;ck. Die Bewegung und freie Luft hilft wenigstens, was zu helfen
+ist.&quot; Nicht ohne einen Anflug von Tr&uuml;bsinn schlo&szlig; er seinen Brief mit den
+Worten: &quot;Die Welt ist sch&ouml;n, so sch&ouml;n! Wer's genie&szlig;en k&ouml;nnte! Ich bin
+manchmal &auml;rgerlich dar&uuml;ber, und manchmal halte ich mir erbauliche
+Erbauungsstunden &uuml;ber das Heute, &uuml;ber diese Idee, die unserer
+Gl&uuml;ckseligkeit so unentbehrlich ist, und die mancher Professor der Ethik
+nicht fa&szlig;t, und keiner gut vertr&auml;gt.&quot;</p>
+
+<p>Sein immer leidenschaftlicher gewordenes Verh&auml;ltni&szlig; zu Friederiken fing an
+ihn zu beunruhigen. Goethe f&uuml;hlte, da&szlig; es sich bald, vielleicht f&uuml;r immer
+aufl&ouml;sen mu&szlig;te, da die Zeit seiner Abreise von Stra&szlig;burg nahe war. Seine
+Besuche in Sesenheim wurden Seltener, aber sein Briefwechsel mit
+Friederiken dauerte fort. Goethes Zeit war freilich beschr&auml;nkt. Er mu&szlig;te an
+die Ausarbeitung seiner Dissertation denken, die ihm die juristische
+Doctorw&uuml;rde verschaffen sollte. Das von ihm gew&auml;hlte Thema war nach seiner
+eignen Aeu&szlig;erung in sp&auml;tern Jahren: &quot;der Gesetzgeber sei nicht allein
+berechtigt, sondern verpflichtet, einen gewissen Cultus festzusetzen, von
+welchem weder die Geistlichkeit, noch die Laien sich lossagen d&uuml;rften.&quot;
+Unter dem Vorsitz der Stra&szlig;burger Professoren Koch und Oberlin fand die
+Disputation am 6. August 1771 statt. Einige von Goethes akademischen
+Freunden waren die Opponenten.</p>
+
+<p>Mit Thr&auml;nen nahm Friederike von ihm Abschied, als er ihr vom Pferde herab
+nochmals die Hand reichte. Sie hatte ihn wahrhaft geliebt. Sie soll sp&auml;ter
+mehrere Heirathsantr&auml;ge mit der Aeu&szlig;erung zur&uuml;ckgewiesen haben: &quot;wer einmal
+Goethe'n geliebt, k&ouml;nne keinen Andern lieben.&quot; Ein sonderbarer Zufall
+begegnete ihm nach jenem schmerzlichen Abschiede auf seinem Ritt nach
+Drusenheim. Seine eigene Gestalt glaubte er zu erblicken, die ihm zu Pferde
+entgegenkam, in einem hechtgrauen, mit Gold verbr&auml;mten Kleide, wie er es
+wirklich nach acht Jahren trug, als er noch einmal in Sesenheim einen
+Besuch machte. Friederike sah ihn seitdem nicht wieder. Sie soll jedoch,
+nach seinen brieflichen Aeu&szlig;erungen, schon damals sich mit dem Gedanken
+vertraut gemacht haben, auf seinen Besitz zu verzichten.</p>
+
+<p>Goethe's Empfang im elterlichen Hause &uuml;bertraf seine Erwartungen. Erfreut,
+seinen Sohn durch die erlangte Doctorw&uuml;rde seinem k&uuml;nftigen Beruf um einen
+Schritt n&auml;her ger&uuml;ckt zu sehen, lie&szlig; Goethe's Vater den Beifall, den er der
+Dissertation gezollt, auch auf mehrere Gedichte, Aufs&auml;tze und Skizzen
+&uuml;bergehen, die Goethe w&auml;hrend seines Aufenthalts in Stra&szlig;burg entworfen
+hatte. Von seinen Leipziger Bekannten fand Goethe in Frankfurt, au&szlig;er
+seinem Landsmann und nachherigen Schwager Schlosser, auch dessen Bruder,
+einen t&uuml;chtigen Juristen, der nebenher der Poesie huldigte, und die
+Hochzeit von Goethe's Schwester Cornelia durch ein zu Frankfurt 1773 in
+Folio gedrucktes Gedicht verherrlichte.</p>
+
+<p>Wichtig und einflu&szlig;reich ward f&uuml;r Goethe die Bekanntschaft mit Merk, der
+damals als Kriegszahlmeister in Darmstadt lebte, und mit mannigfachen
+Kenntnissen und einer vielseitigen Bildung, unersch&uuml;tterliche Redlichkeit
+und einen offenen, geraden Charakter verband. Lebhaft interessirte er sich
+in mehrfacher Hinsicht f&uuml;r Goethe und dessen Talente, und v&auml;terlich warnte
+er ihn, seine Th&auml;tigkeit nicht nach den verschiedenartigsten Richtungen zu
+zersplittern. Er ermunterte ihn, seine F&auml;higkeiten und Kr&auml;fte zu
+concentriren, und tadelte ihn, wenn er eine begonnene literarische Arbeit
+wieder aufgab, und immer nur Skizzen und Fragmente lieferte. Unter solchen
+Aufmunterungen entwarf Goethe die ersten Umrisse zum &quot;Faust&quot; und &quot;G&ouml;tz von
+Berlichingen.&quot;</p>
+
+<p>Durch die Besch&auml;ftigung mit dem zuletzt genannten dramatischen Werk war
+Goethe in das f&uuml;nfzehnte und sechszehnte Jahrhundert zur&uuml;ckgef&uuml;hrt worden.
+Luthers Leben und Thaten, die in jenem Zeitraum so herrlich hervorgl&auml;nzten,
+n&auml;herten ihn wieder der heiligen Schrift und der Betrachtung religi&ouml;ser
+Gef&uuml;hle und Meinungen. Er &uuml;bte seinen Scharfsinn an dem Alten und Neuen
+Testament in exegetisch kritischen Untersuchungen. Zu einem besondern
+Studium machte er das Dogma von der Erbs&uuml;nde. Ausf&uuml;hrlich er&ouml;rterte er
+diese Lehre in einem dem Druck &uuml;bergebenen Briefe, den er unter der Maske
+eines Landgeistlichen an seinen Amtsbruder richtete. Ebenfalls angeblich
+von einem Landpfarrer in Schwaben verfa&szlig;t, war der von Goethe
+herausgegebene &quot;Versuch einer gr&uuml;ndlichen Beantwortung einiger bisher
+uner&ouml;rterten biblischen Fragen.&quot; Ueber den Inhalt der zuletzt genannten
+Schrift legte Goethe selbst in sp&auml;tern Jahren das offene Bekenntni&szlig; ab:
+&quot;Ich gerieth damals auf die wunderlichsten Einf&auml;lle. Ich glaubte gefunden
+zu haben, da&szlig; nicht unsere zehn Gebote auf den Tafeln Moses gestanden, da&szlig;
+die Israeliten keine vierzig Jahre, sondern nur kurze Zeit durch die W&uuml;ste
+gewandert w&auml;ren u.s.w. Auch das Neue Testament war vor meinen
+Untersuchungen nicht sicher. Ich verschonte es nicht mit meiner
+Sonderungslust, und glaubte auch in dieser Region allerlei Entdeckungen zu
+machen. Die Gabe der Sprachen am Pfingstfest in Glanz und Klarheit
+ertheilt, deutete ich mir auf eine etwas abstruse Weise, nicht geeignet,
+sich viele Theilnahme zu verschaffen.&quot; Die erw&auml;hnten kleinen Schriften, ein
+Verlagsartikel des Buchh&auml;ndlers Eichenberg in Frankfurt am Main, erschienen
+1773 ohne Angabe des Druckorts und Verlegers, und wurden in die neuesten
+Ausgaben von Goethe's Werken aufgenommen. Aus diesem Ideenkreise ward er
+wieder entfernt durch das wachsende Interesse an seinem Ritterschauspiel
+&quot;G&ouml;tz von Berlichingen.&quot; Manche historische Studien waren ihm dabei
+unerl&auml;&szlig;lich. Dem Werke von Datt: <span class="u">de pace publica</span> verdankte er manche
+Aufkl&auml;rung der dunkeln Zeitperiode, in der sein St&uuml;ck spielte. Seine
+Stimmung, w&auml;hrend er mit seinem dramatischen Werke besch&auml;ftigt war,
+schilderte er den 28. November 1771 in einem Briefe an seinen Freund, den
+Actuar Salzmann in Stra&szlig;burg. &quot;Sie kennen mich so gut,&quot; schrieb er, &quot;und
+dennoch wett' ich, Sie errathen nicht, warum ich nicht schreibe. Es ist
+eine Leidenschaft, eine ganz unerwartete Leidenschaft; Sie wissen, da&szlig; mich
+dergleichen in ein Cirkelchen werfen kann, da&szlig; ich Sonne, Mond und die
+lieben Sterne dar&uuml;ber vergesse. Ich kann nicht ohne das seyn, Sie wissen es
+lange, und koste es was es wolle, ich st&uuml;rze mich drein. Die&szlig;mal sind keine
+Folgen zu bef&uuml;rchten. Mein ganzer Genius liegt auf einem Unternehmen,
+wor&uuml;ber Homer und Shakspeare und Alles vergessen werden. Ich dramatisire
+die Geschichte eines der edelsten Deutschen, rette das Andenken eines
+braven Mannes, und die viele Arbeit, die mich's kostet, macht mir einen
+wahren Zeitvertreib, den ich so n&ouml;thig habe. Es ist traurig, an einem Orte
+zu leben, wo unsere ganze Wirksamkeit in sich selbst summen mu&szlig;. Ich ziehe
+mit mir selbst auf dem Felde und auf dem Papier herum. Es w&auml;re aber eine
+traurige Gesellschaft, wenn ich nicht alle St&auml;rke die ich in mir f&uuml;hle, auf
+ein Object w&uuml;rfe, und das zu packen und zu tragen suchte, so viel mir
+m&ouml;glich, und was nicht geht, das schleppe ich. Ich hoffe Sie nicht wenig zu
+vergn&uuml;gen, wenn ich Ihnen einen edlen Vorfahren, die wir leider nur von
+ihren Grabsteinen kennen, im Leben darstelle. Wie oft w&uuml;nsche ich Sie
+hierher, um Ihnen ein St&uuml;ckchen Arbeit zu lesen und Urtheil und Beifall von
+Ihnen zu h&ouml;ren. Hier ist Alles um mich herum todt. Frankfurt bieibt
+[bleibt] das Nest, <span class="u">Nidus</span>, wenn Sie wollen, wohl um V&ouml;gel auszubr&uuml;ten,
+sonst auch fig&uuml;rlich <span class="u">Spelunca</span>. Gott helfe aus diesem Elend, Amen.&quot; In
+einem sp&auml;tern Briefe an Salzmann vom 3. Februar 1772 dankte Goethe dem
+Freunde f&uuml;r den Beifall, den er den ihm mitgetheilten Proben des G&ouml;tz von
+Berlichingen zollte, und f&uuml;gte hinzu. &quot;Das Diarium meiner Umst&auml;nde ist, wie
+Sie wissen, f&uuml;r den geschwindesten Schreiber unm&ouml;glich. Inzwischen haben
+Sie aus dem Drama gesehen, da&szlig; die Intentionen meiner Seele dauernder
+werden, und ich hoffe, sie soll sich nach und nach bestimmen. Aussichten
+erweitern sich t&auml;glich, und Hindernisse r&auml;umen sich weg. Ein Tag mag bei
+dem andern in die Schule gehen; denn einmal f&uuml;r allemal, die Minorennit&auml;t
+l&auml;&szlig;t sich doch nicht &uuml;berspringen.&quot;</p>
+
+<p>So stark auch das Interesse an seinem dramatischen Werke seyn mochte, lie&szlig;
+sich doch der andere Eindruck auf Goethe's Gef&uuml;hl dadurch nicht
+beschwichtigen. Tief ergriffen hatte ihn ein Brief aus Sesenheim. Er f&uuml;hlte
+Friederikens Schmerz, ohne ihn lindern zu k&ouml;nnen. Losrei&szlig;en mu&szlig;te er sich
+von der d&uuml;stern Stimmung, die sich seiner bem&auml;chtigte und seine ganze
+Th&auml;tigkeit zu l&auml;hmen drohte. Er bedurfte der Zerstreuung. Erst in der
+freien Natur f&uuml;hlte er sich wieder wohler. Seine Freunde nannten ihn den
+Wanderer, weil er oft mehrere Tage in der Umgegend von Frankfurt
+umherstrich, und bisweilen selbst den Weg nach Darmstadt und Homburg
+einschlug. Auf diesen einsamen Wanderungen entstanden mehrere seiner
+lyrischen Poesieen, unter denen sich nur das Gedicht: &quot;Wanderers
+Sturmlied&quot;, das er, w&auml;hrend er einem furchtbaren Wetter entgegenging, vor
+sich hin recitirte, in seinen Werken erhalten hat. Bisweilen beschr&auml;nkte er
+seine Streifz&uuml;ge blos auf Frankfurt und die Vorst&auml;dte dieses Orts. Er kam
+dadurch mit den verschiedenen St&auml;nden und Volksklassen in Ber&uuml;hrung. In
+einem Briefe vom ersten Juni 1773 erz&auml;hlte Goethe, wie er r&uuml;stig Wasser
+herbeigeschleppt, um ein Nachts in der Judengasse ausgebrochenes Feuer
+l&ouml;schen zu helfen. &quot;Die wundersamsten, innigsten, mannigfachsten
+Empfindungen&quot;, schrieb er, &quot;haben mir meine M&uuml;he auf der Stelle belohnt.
+Ich habe bei dieser Gelegenheit das gemeine Volk wieder kennen gelernt und
+bin &uuml;berzeugt worden, da&szlig; es doch die besten Menschen sind.&quot;</p>
+
+<p>Durch seine scheinbar zerstreute Lebensweise ward Goethe's Th&auml;tigkeit nicht
+unterbrochen. Wenigstens entging ihm keine der neuern literarischen
+Erscheinungen in dem Gebiete der Literatur. Von dem Eindruck, den Herders
+&quot;&auml;lteste Urkunde des Menschengeschlechts&quot; auf ihn gemacht, konnte er sich
+selbst kaum Rechenschaft geben. In einem Briefe an einen Freund des
+elterlichen Hauses, an den damals in Algier lebenden d&auml;nischen Consul
+Sch&ouml;nborn, vom 8. Juni 1773, nannte er Herder's Werk &quot;ein so mystisch
+weitstrahlsinniges Ganze, eine in der F&uuml;lle verschlungener Aeste lebende
+Welt, da&szlig; weder eine Zeichnung nach verj&uuml;ngtem Ma&szlig;stabe einigen Ausdruck
+der Riesengestalt nach&auml;ffen, noch eine treue Silhouette einiger Theile
+melodisch und mit sympatethischem Klang in der Seele anschlagen k&ouml;nnte.
+Herder&quot;, f&uuml;gte er hinzu, &quot;ist in die Tiefen seiner Empfindung
+hinabgestiegen, hat darin alle die hohe heilige Kraft der simpeln Natur
+aufgew&uuml;hlt, und f&uuml;hrt sie nun in d&auml;mmerndem, wetterleuchtendem, hie und da
+morgenfreundlich l&auml;chelnden orphischem Gesange vom Aufgange herauf &uuml;ber die
+neue Welt, nachdem er vorher die Lasterbrut der neuern Geister, Deisten,
+Atheisten, Philologen, Textverbesserer, Orientalisten u. s. w. mit Feuer
+und Schwert und Fluthsturm ausgetilgt.&quot;</p>
+
+<p>Mit dieser gl&uuml;henden Begeisterung f&uuml;r Herder contrastirte ein in diesem
+Briefe enthaltener heftiger Ausfall gegen Wieland, der durch eine nicht
+sonderlich g&uuml;nstige Beurtheilung des G&ouml;tz von Berlichingen im deutschen
+Merkur Goethe's Autoreitelkeit gekr&auml;nkt hatte und dadurch in seiner fr&uuml;hern
+Achtung sehr gesunken war. Klopstock ward Goethe's Lieblingsdichter. Die
+Messiade hatte ihn schon in seiner Jugend begeistert. Sorgf&auml;ltig schrieb er
+sich aber auch die einzelnen Oden und Elegien jenes S&auml;ngers ab, und freute
+sich sehr, als die Landgr&auml;fin Caroline von Hessen-Darmstadt die erste
+Sammlung von Klopstocks Gedichten veranstaltete. Auch f&uuml;r die von diesem
+Schriftsteller damals herausgegebene &quot;Deutsche Gelehrtenrepublik&quot;
+interessirte sich Goethe lebhaft. &quot;Dies herrliche Werk&quot;, schrieb er, &quot;hat
+mir neues Leben in die Seele gegossen. Die einzige Poetik aller Zeiten und
+V&ouml;lker, die einzigen Regeln, die m&ouml;glich sind! Das hei&szlig;t Geschichte des
+Gef&uuml;hls, wie es sich nach und nach festigt und l&auml;utert, und wie mit ihm
+Ausdruck und Sprache sich bilden. Und die biedersten Aldermans-Wahrheiten
+von dem, was edel und menschlich ist am Dichter, alles das aus dem tiefsten
+Herzen, eigenster Erfahrung, mit einer bezaubernden Simplicit&auml;t
+hingeschrieben. Der unter den J&uuml;nglingen, den das Ungl&uuml;ck unter die
+Recensentenschaar gef&uuml;hrt hat, und der nun, wenn er dies Werk liest, nicht
+seine Feder wegwirft, alle Kritik und Kritelei verschw&ouml;rt, sich nicht wie
+ein Quietist zur Contemplation seiner selbst niedersetzt, aus dem wird
+nichts; denn hier flie&szlig;en die beiden Quellen bildender Empfindung lauter
+aus dem Thron der Natur.&quot;</p>
+
+<p>Eine der eigenth&uuml;mlichsten Erscheinungen in der damaligen literarischen
+Welt war Lavater. Es hie&szlig;, er werde nach Frankfurt kommen. Diesen
+merkw&uuml;rdigen Mann kennen zu lernen, war f&uuml;r Goethe von hohem Interesse. In
+einem Briefe an Sch&ouml;nborn vom 8. Juni 1773 beklagte er Lavater's &quot;Mangel an
+selbstst&auml;ndigem Gef&uuml;hl,&quot; und entwarf von ihm eine Art von Charakteristik in
+den Worten: &quot;Die beste Seele wird von dem Menschenschicksal so innig
+gepeinigt, weil ein kranker K&ouml;rper und ein schweifender Geist ihm die
+collective Kraft entzogen und so der besten Freude des Wohnens in sich
+selbst, beraubt hat. Es ist unglaublich, wie schwach er ist, und wie man
+ihm, der doch den sch&ouml;nsten, schlichtesten Menschenverstand hat, sogleich
+R&auml;thsel und Mysterien spricht, wenn man aus dem in sich und durch sich
+lebenden und wirkenden Herzen redet.&quot;</p>
+
+<p>Sein Urtheil &uuml;ber Lavater &auml;nderte Goethe, als er ihn bald nachher
+pers&ouml;nlich kennen lernte. &quot;Er war&quot;, schrieb er den 4. Juli 1773, &quot;vier Tage
+bei uns, und ich habe wieder gelernt, da&szlig; man &uuml;ber Niemand reden soll, wenn
+man ihn noch nicht gesehen hat. Wie ganz anders ward doch Alles! Lavater
+sagt so oft, da&szlig; er schwach sei, und ich habe noch Niemand gekannt, der
+sch&ouml;nere St&auml;rken gehabt h&auml;tte, als er. In seinem Element ist er unerm&uuml;det
+th&auml;tig, fertig, entschlossen, und eine Seele voll der herrlichste Liebe und
+Unschuld. Ich habe ihn nie f&uuml;r einen Schw&auml;rmer gehalten, und er hat noch
+weniger Einbildungskraft, als ich mir vorstellte. Aber weil seine
+Empfindungen ihm die wahrsten, so sehr verkannten Verh&auml;ltnisse der Natur in
+seine Seele pr&auml;gen, er daher jede Terminologie wegwirft, aus vollem Herzen
+spricht und handelt, und seine Zuh&ouml;rer in eine fremde Welt zu versetzen
+scheint, indem er sie in die ihnen unbekannten Winkel ihres eignen Herzens
+f&uuml;hrt,&mdash;kann er dem Vorwurf eines Phantasten nicht entgehen.&mdash;Seine
+Physiognomik giebt ein weitl&auml;ufiges Werk mit vielen Kupfern. Es wird gro&szlig;e
+Beitr&auml;ge zur bildenden Kunst enthalten, und dem Historien- und
+Portraitmaler unentbehrlich seyn.&quot;</p>
+
+<p>W&auml;hrend Goethe die deutsche Literatur und ihre Vertreter mit scharfem Blick
+beobachtete, ruhte nicht seine eigene literarische Th&auml;tigkeit. Einige
+Auskunft &uuml;ber mehrere schriftstellerische Arbeiten gab er in einem Briefe
+an Sch&ouml;nborn vom 1. Juni 1773. &quot;Allerlei Neues,&quot; schrieb er, &quot;hab' ich
+gemacht. Eine Geschichte des Titels: Die Leiden des jungen Werthers, darin
+ich einen jungen Menschen darstelle, der mit einer tiefen reinen Empfindung
+und wahrer Penetration begabt, sich in schw&auml;rmende Tr&auml;ume verliert, sich
+durch Speculation untergr&auml;bt, bis er zuletzt durch dazu tretende
+Leidenschaften, besonders eine endlose Liebe zerr&uuml;ttet, sich eine Kugel vor
+den Kopf schie&szlig;t. Dann hab' ich ein Trauerspiel gearbeitet: Clavigo, eine
+moderne Anecdote dramatisirt, mit m&ouml;glichster Simplicit&auml;t und
+Herzenswahrheit. Mein Held ist ein unbestimmter, halb gro&szlig;, halb kleiner
+Mensch, der Pendant zum Weislinger im G&ouml;tz, vielmehr Weislinger selbst in
+der ganzen Rundung einer Hauptperson. Auch finden sich hier Scenen, die ich
+im G&ouml;tz, um das Hauptinteresse nicht zu schw&auml;chen, nur andeuten konnte.
+Noch einige Pl&auml;ne zu gro&szlig;en Dramen hab' ich gefunden und in meinem Herzen.&quot;</p>
+
+<p>In diesem Briefe gestand Goethe, da&szlig; er &quot;zwar nicht aus Frankfurt gekommen,
+doch ein so verworrenes Leben gef&uuml;hrt habe, da&szlig; es ihm an neuen
+Empfindungen und Ideen nie gemangelt.&quot; Der Zeitpunkt war inde&szlig; nahe, wo er,
+nach seines Vaters Wunsch, Frankfurt wieder verlassen, und sich nach
+Wetzlar begeben sollte, um sich in dem dortigen Reichskammergericht in der
+juridischen Praxis zu &uuml;ben. Dieser Ortswechsel hatte wenig Lockendes f&uuml;r
+ihn. Er f&uuml;rchtete, da&szlig; in Wetzlar, au&szlig;er dem Civil- und Staatsrecht, ihm
+nichts Wissenschaftliches entgegen treten, und da&szlig; besonders seine Liebe
+zur Poesie dort wenig Nahrung finden m&ouml;chte. In letzterer Hinsicht sorgte
+das Schicksal f&uuml;r ihn, indem es ihm in Wetzlar zur Bekanntschaft Gotter's
+verhalf. Die entschiedene Vorliebe dieses Dichters f&uuml;r die franz&ouml;sischen
+Dramatiker konnte Goethe zwar nicht theilen. Gleichwohl fand zwischen ihm
+und Gotter ein lebhafter Ideenaustausch statt. Durch seinen neuen Freund
+ward Goethe zu mehreren lyrischen Gedichten angeregt, die zum Theil, wie
+unter andern das treffliche Gedicht: &quot;der Wanderer,&quot; in dem G&ouml;ttinger
+Musenalmanach aufgenommen wurden. Dadurch kam Goethe in n&auml;here Ber&uuml;hrung
+mit dem G&ouml;ttinger Dichterbunde, zu welchem die Grafen Stolberg, Vo&szlig;,
+B&uuml;rger, H&ouml;lty u.A. geh&ouml;rten. Die hohe Verehrung, welche die genannten
+Dichter Klopstock zollten, konnte Goethe nicht in gleichem Ma&szlig;e theilen.
+Seine fr&uuml;here Begeisterung f&uuml;r den S&auml;nger des Messias hatte eine Grenze
+gefunden, seit Klopstock in seinen Oden, statt der griechischen Mythologie,
+die Nomenclatur der nordischen G&ouml;tterlehre eingef&uuml;hrt hatte.</p>
+
+<p>Unter seinen mannigfachen poetischen Besch&auml;ftigungen, besonders einem
+eifrigen Studium des Homer, ward Goethe durch t&auml;glich wiederkehrende
+Gespr&auml;che &uuml;ber den Zustand des Visitationsgerichts und &uuml;ber so manche dabei
+obwaltende Hindernisse und M&auml;ngel auf unangenehme Weise daran erinnert, da&szlig;
+er sich in Wetzlar befand. Das kleinliche Detail von Nachl&auml;ssigkeiten,
+Vers&auml;umnissen, Ungerechtigkeiten, Bestechungen u.s.w. erm&uuml;dete ihn.
+Zerstreut durch &ouml;ffentliche Amtsgesch&auml;fte, wollte ihm keine &auml;sthetische
+Arbeit gelingen. Erw&uuml;nscht kam ihm die durch Merk in Darmstadt an ihn
+ergangene Aufforderung zu Beitr&auml;gen f&uuml;r die Frankfurter gelehrten Anzeigen.
+Goethe's Schwager, Schlosser, war der Herausgeber jenes Blattes. Die von
+Goethe f&uuml;r die Frankfurter gelehrten Anzeigen gelieferten Recensionen waren
+gro&szlig;entheils Nachkl&auml;nge seiner akademischen Jahre. Ueberall zeigte sich
+darin die frisch hervorbrechende Naturkraft des Dichters, die allem
+trocknen Theorieenwesen abhold, sich in jeder Weise Luft zu machen suchte.
+Heftig bek&auml;mpfte er alles Falsche, Schiefe und Unnat&uuml;rliche in jenen
+Recensionen, die kaum eine Spur enthielten von der in sp&auml;tern Jahren ihm
+eignen Ruhe und Besonnenheit.</p>
+
+<p>Willkommene Zerstreuung fand er auf einer Rheinreise, zu der ihn Merk in
+Darmstadt aufgefordert hatte. In Coblenz lernte er Wielands Jugendfreundin
+Sophie la Roche, und au&szlig;er ihr besonders den durch seine anziehende
+Unterhaltungsgabe bekannten Schriftsteller Leuchsenring kennen, dessen
+Charakter Goethe sp&auml;ter mit vielem Humor in seinem Fastnachtsspiel &quot;Pater
+Brey&quot; schilderte. Manche Ausfl&uuml;ge unternahm Goethe in die Umgegend, unter
+andern nach Ehrenbreitstein.</p>
+
+<p>Seine schriftstellerische Th&auml;tigkeit hatte eine Zeit lang geruht. Erst als
+er Wetzlar verlassen und wieder nach Frankfurt zur&uuml;ckgekehrt war,
+gestaltete sich der Stoff zum &quot;G&ouml;tz von Berlichingen&quot;, den er lange mit
+sich herumgetragen, zu einem eigentlichen Ganzen. Dies Sujet hatte sich vor
+seiner Einbildungskraft so weit ausgedehnt, da&szlig; es die Grenzen der
+dramatischen Form v&ouml;llig zu &uuml;berschreiten drohte. Seine Schwester Cornelia
+konnte die Vollendung des Werks kaum erwarten. Sie &auml;u&szlig;erte oft ihre Zweifel
+an Goethe's Beharrlichkeit. Wie er in sp&auml;tern Jahren erz&auml;hlte, war er mit
+seiner Arbeit in sechs Wochen fertig. Weder Merk's, noch Herder's Urtheil,
+denen er sein Manuscript mittheilte, befriedigte ihn. Wie er selbst &uuml;ber
+sein dramatisches Product dachte, schilderte Goethe in sp&auml;tern Jahren. Mit
+den ersten Acten seines Schauspiels war er im Allgemeinen zufrieden; in den
+folgenden aber, besonders gegen das Ende, habe ihn, meinte er, eine
+wunderbare Leidenschaft unbewu&szlig;t hingerissen.</p>
+
+<p>&quot;Ich hatte,&quot; gestand Goethe, &quot;indem ich mich bem&uuml;hte, Adelheid
+liebensw&uuml;rdig zu schildern, mich selbst in sie verliebt. Unwillk&uuml;rlich war
+meine Feder nur ihr gewidmet. Das Interesse an ihrem Schicksal nahm
+&uuml;berhand, und wie ohnehin gegen das Ende des St&uuml;cks G&ouml;tz au&szlig;er aller
+Th&auml;tigkeit gesetzt, nur zu einer ungl&uuml;cklichen Theilnahme am Bauernkriege
+zur&uuml;ckkehrte, so war nichts nat&uuml;rlicher, als da&szlig; eine reizende Frau ihn bei
+mir ausstach. Diesen Mangel, oder vielmehr diesen tadelhaften Ueberflu&szlig;
+erkannt' ich bald. Ich suchte daher meinem Werke immer mehr historischen
+und nationalen Gehalt zu geben, und das, was daran fabelhaft oder blos
+leidenschaftlich war, auszul&ouml;schen, wobei ich freilich manches aufopferte.
+So hatte ich mir z. B. etwas Rechtes zu Gute gethan, indem ich in einer
+grausen n&auml;chtlichen Zigeunerscene Adelheid auftreten, und ihre sch&ouml;ne
+Gegenwart Wunder thun lie&szlig;. Eine n&auml;here Pr&uuml;fung verbannte diese Scene, so
+wie auch der im vierten und f&uuml;nften Act umst&auml;ndlich ausgef&uuml;hrte
+Liebeshandel zwischen Franz und seiner gn&auml;digen Frau sich in's Enge zog,
+und nur in seinen Hauptmomenten hervorleuchtete.&quot;</p>
+
+<p>Goethe entschlo&szlig; sich zu einer Umarbeitung seines Schauspiels, die er in
+einigen Wochen vollendete. In seinen gesammelten Werken findet man auch den
+&quot;G&ouml;tz von Berlichingen&quot; in seiner urspr&uuml;nglichen Gestalt und eine sp&auml;tere
+Theaterbearbeitung jenes Schauspiels vom Jahr 1804. Niemand war jedoch
+unzufriedener mit dieser Umformung seines St&uuml;cks, als Merk. Er drang auf
+die Herausgabe des Schauspiels, und erbot sich, als Goethe, wie schon
+fr&uuml;her bei den &quot;Mitschuldigen,&quot; keinen Verleger finden konnte, die
+Druckkosten zu &uuml;bernehmen, wenn Goethe f&uuml;r die Anschaffung des Papiers
+sorgen wollte. So ward der &quot;G&ouml;tz von Berlichingen&quot; 1773 zu Hamburg gedruckt
+und bereits im n&auml;chsten Jahre neu aufgelegt in der Vaterstadt des Dichters,
+der sich, nach seinem eignen Gest&auml;ndnisse aus sp&auml;terer Zeit, &quot;bei sehr
+ersch&ouml;pfter Casse in gro&szlig;er Verlegenheit befand, wie er das Papier bezahlen
+sollte, auf welchem er die Welt mit seinem Talent bekannt gemacht hatte.&quot;</p>
+
+<p>Der Stoff, den Goethe gew&auml;hlt, war zu einer weit verbreiteten Wirkung
+geeignet. Indem er seinem eignen Freiheitsgef&uuml;hl Luft machte, hatte er den
+deutschen Patriotismus gen&auml;hrt, der durch Klopstocks &quot;Hermannsschlacht&quot; und
+die Bardenlieder geweckt worden war. Der Antheil des Publikums an jener
+&quot;wilden dramatischen Skizze,&quot; wie Goethe sein Schauspiel in sp&auml;tern Jahren
+nannte, war um so gr&ouml;&szlig;er, je edler und einnehmender die poetische Gestalt
+des historischen G&ouml;tz von ihm gezeichnet worden war, der in einer wilden,
+gesetzlosen Zeit kein Bedenken trug, zur Selbsth&uuml;lfe zu greifen. Unter dem
+Lobe, das dem Dichter sowohl der Schilderung der einzelnen Charaktere, als
+auch des Styls wegen gespendet ward, traf ihn auch mancher bittere Tadel,
+besonders der Vorwurf, das Faustrecht mit zu gl&auml;nzenden Farben geschildert,
+und der gesetzlosen Willk&uuml;hr dadurch das Wort geredet zu haben. Goethe
+schien sich um die &uuml;ber sein dramatisches Product gef&auml;llten Urtheile wenig
+zu k&uuml;mmern. Belustigend aber war f&uuml;r ihn die Idee eines Buchh&auml;ndlers, der
+ihn aufforderte, ein Dutzend solcher St&uuml;cke zu schreiben, und sie gut zu
+honoriren versprach.</p>
+
+<p>Mit Goethe's mannigfachen poetischen Entw&uuml;rfen harmonirten nicht die v&ouml;llig
+heterogenen Gesch&auml;fte, denen er sich in Wetzlar widmen mu&szlig;te. Die kalte
+Wirklichkeit, die seine Ideale zerst&ouml;rte, erzeugte in ihm einen tiefen
+Unmuth und beinahe v&ouml;lligen Lebens&uuml;berdru&szlig;, der noch verst&auml;rkt ward durch
+die leidenschaftliche Neigung zu einem ihm versagten Gegenstande. Durch den
+vertrauten Umgang mit Charlotte Buff, der Tochter eines Amtmanns in
+Wetzlar, die mit dem dort sich aufhaltenden Bremischen
+Gesandschaftssecret&auml;r Kestner verlobt war, suchte Goethe die Leere
+auszuf&uuml;llen, die das aufgel&ouml;ste Verh&auml;ltni&szlig; mit der Pfarrerstochter in
+Sesenheim in seinem Herzen zur&uuml;ckgelassen hatte. Oft allein mit dem
+Gegenstande seiner Neigung, im Garten und auf einsamen Spazierg&auml;ngen,
+f&uuml;hlte er das Verderbliche seiner wachsenden Leidenschaft. Das Leben ward
+ihm gleichg&uuml;ltig, da seine hochfliegende Phantasie &uuml;berall an die Schranken
+einer b&uuml;rgerlichen Existenz im gew&ouml;hnlichsten Sinne des Worts stie&szlig;, die
+ihm keinen heitern Blick in die Zukunft gew&auml;hrte. In seiner unmuthigen
+Stimmung kam ihm sogar einige Mal der Gedanke, sich selbst das Leben zu
+nehmen. Um so ersch&uuml;tternder wirkte auf ihn der Selbstmord eines seiner
+Bekannten. Es war Karl Wilhelm Jerusalem, ein Sohn des bekannten
+Braunschweiger Theologen. Gepeinigt von einer unbefriedigten Leidenschaft
+zu eben dem Gegenstande, welchem Goethe nicht ohne harten Kampf entsagt,
+hatte jener ungl&uuml;ckliche junge Mann sein Leben durch eine Kugel geendet.</p>
+
+<p>Tief ergriffen von der genauen Schilderung jenes tragischen Ereignisses,
+unternahm es Goethe, in seinem &quot;Werther&quot; den qualvollen Zustand zu
+schildern, den er aus eigner Erfahrung kannte. Was er selbst empfunden,
+setzte sein Gem&uuml;th in eine leidenschaftliche Bewegung, und so geschah es,
+da&szlig; er seinem Roman das Feuer und die Gluth einhauchte, die keinen
+Unterschied zul&auml;&szlig;t zwischen der Dichtung und der Wirklichkeit. Nach
+Goethe's eignem Gest&auml;ndni&szlig; in sp&auml;terer Zeit schrieb er, jede &auml;u&szlig;ere St&ouml;rung
+so viel als m&ouml;glich vermeidend, den &quot;Werther&quot; in vier Wochen, ohne zuvor
+einen eigentlichen Plan entworfen oder einzelne Theile seines Romans
+ausgef&uuml;hrt zu haben. Er ward beinahe verg&ouml;ttert wegen seines Werks, fand
+aber auf der andern Seite auch zahlreiche Gegner, besonders als das
+ungl&uuml;ckliche Ende seines schw&auml;rmerischen Helden manche zu gleicher That
+reizte.</p>
+
+<p>Dem vielfachen Unheil, da&szlig; man jenem Roman mit und ohne Grund beima&szlig;, w&auml;re
+zuf&auml;lliger Weise beinahe vorgebeugt worden, wenn Goethe, verstimmt durch
+die Gleichg&uuml;ltigkeit Merk's bei der Mittheilung seines Romans, den
+Entschlu&szlig; ausgef&uuml;hrt h&auml;tte, ihn sofort zu verbrennen. Mit dem Buchh&auml;ndler
+Weygand in Leipzig war Goethe &uuml;ber den Verlag seines Romans einig geworden.
+Gerade an dem Hochzeitstage seiner Schwester Cornelia kam der Brief
+Weygands an, der ihn aufforderte, das Manuscript nach Leipzig zu senden.
+Der &quot;Werther&quot; erschien 1774, und bereits im n&auml;chsten Jahre eine neue
+Ausgabe mit einigen Zus&auml;tzen und mit einigen sp&auml;terhin weggelassenen Versen
+auf dem Titelblatte der beiden Theile des Romans.</p>
+
+<p>Goethe war, als er sein Werk vollendet, wieder heiterer geworden. Er hatte
+sich, nach seinem eignen Gest&auml;ndni&szlig; in sp&auml;tern Jahren, &quot;aus einem
+st&uuml;rmischen Element gerettet auf dem er durch eigene und fremde Schuld,
+durch zuf&auml;llige und gew&auml;hlte Lebensweise, durch Vorsatz und Uebereilung
+umhergetrieben worden war.&quot;</p>
+
+<p>In Bezug auf die zahllosen Nachahmungen, Kritiken und Parodien seines Werks
+&auml;u&szlig;erte er sich unmuthig in einem Briefe vom 6. M&auml;rz 1775 mit den Worten:
+&quot;Ich bin des Ausgrabens und Secirens meines Werther herzlich satt. Der Eine
+schilt, der Andere lobt, der Dritte sagt, es gehe doch noch an, und so
+hetzt mich Einer wie der Andere. Nimmt mir's doch,&quot; f&uuml;gte er hinzu, &quot;nichts
+von meinem Ganzen, r&uuml;hrt's und r&uuml;ckt mich's doch nicht in meinen Arbeiten,
+die immer nur die aufbewahrten Freuden und Leiden meines Lebens sind.&quot; An
+einer von dem Berliner Buchh&auml;ndler Friedrich Nicolai herausgegebenen
+Schrift, &quot;die Freuden des jungen Werther&quot; betitelt, r&auml;chte sich Goethe
+durch ein satyrisches Gedicht: &quot;Nicolai an Werthers Grabe&quot; und durch einen
+in Prosa geschriebenen Dialog zwischen Lotte und Werther. Beide Producte
+blieben ungedruckt.</p>
+
+<p>Den mannigfachen Fragen, die &uuml;ber das Leben und den Charakter des
+ungl&uuml;cklichen J&uuml;nglings, den er in seinem Roman geschildert, an ihn
+gerichtet wurden, suchte Goethevergebens auszuweichen. Die Neugier des
+Publikums befriedigte einigerma&szlig;en der unbekannte Verfasser einer damals
+(1775) erschienenen Schrift: &quot;Berichtigung der Geschichte des jungen
+Werthers.&quot; Ungeachtet der ihm l&auml;stigen Zudringlichkeit f&uuml;hlte sich Goethe
+doch als Autor geschmeichelt, da&szlig; mehrere talentvolle junge M&auml;nner seine
+Bekanntschaft suchten oder den Umgang mit ihm erneuerten. Am innigsten
+schlo&szlig; sich, als er wieder nach Frankfurt zur&uuml;ckgekehrt war, der Dichter
+Lenz an ihn an, den er schon, wie fr&uuml;her erw&auml;hnt, in Stra&szlig;burg kennen
+gelernt hatte. Er zeigte ihm mehrere seiner dramatischen Produkte, den
+&quot;Hofmeister,&quot; den &quot;neuen Mendoza&quot; u.a.m. Auch Wagner, der als Doctor der
+Rechte und Advokat in Frankfurt, gleichfalls der Poesie huldigte, kam dem
+Verfasser des G&ouml;tz und Werther mit treuherziger Offenheit entgegen. Er
+t&auml;uschte jedoch Goethe's Vertrauen, der ihm mehrere seiner dramatischen
+Pl&auml;ne mitgetheilt hatte. Gretchens Katastrophe im Faust benutzte Wagner
+unter andern f&uuml;r ein von ihm geschriebenes Trauerspiel, &quot;die
+Kindesm&ouml;rderin&quot; betitelt. Reiner und inniger war das Verh&auml;ltni&szlig; Goethe's zu
+seinem Landsmann, dem Dichter Klinger.</p>
+
+<p>Mit Lavater hatte Goethe schon l&auml;ngere Zeit in Briefwechsel gestanden, und
+ihm, au&szlig;er mehreren literarischen Entw&uuml;rfen, den &quot;Werther&quot; im Manuscript
+mitgetheilt. Den 20. August 1774 schrieb er an Lavater: &quot;Du wirst gro&szlig;en
+Antheil nehmen an den Leiden des lieben Jungen, den ich darstelle. Wir
+gingen neben einander, an die sechs Jahre, ohne uns zu n&auml;hern; und nun hab'
+ich seiner Geschichte meine Empfindungen geliehen, und so macht's ein
+wunderliches Ganze.&quot; In Bezug auf seine Th&auml;tigkeit bemerkte er in diesem
+Briefe: &quot;Ich bin nicht la&szlig;; so lange ich auf der Erde bin, erobere ich
+gewi&szlig; meinen Schritt Landes t&auml;glich.&quot; Ueber seine Besch&auml;ftigungen ertheilte
+er einige Auskunft in einem sp&auml;tern Schreiben vom 18. October 1774. &quot;Meine
+Arbeit,&quot; &auml;u&szlig;erte er, &quot;hat bisher in Portraits im Gro&szlig;en und in kleinen
+Liebesliedern bestanden. Ich habe seit drei Tagen mit dem mir m&ouml;glichsten
+Flei&szlig;e gearbeitet, und bin noch nicht fertig. Es ist gut, da&szlig; man einmal
+Alles thue, was man thun kann.&quot; Lavaters Vorw&uuml;rfe &uuml;ber die Zersplitterung
+seiner Zeit und Kr&auml;fte fertigte Goethe mit den Worten ab: &quot;Was neckst Du
+mich wegen meiner Am&uuml;sements? Ich wollte, ich h&auml;tte eine h&ouml;here Bestimmung,
+so wollte ich weder meine Handlungen Am&uuml;sements nennen, noch mich, statt zu
+handeln, am&uuml;siren.&quot;</p>
+
+<p>Eine fortw&auml;hrende Anregung gab dem Briefwechsel Goethe's mit Lavater, au&szlig;er
+den Artikeln, die jener f&uuml;r dessen Physiognomik lieferte, besonders
+Lavaters Lieblingsthema, der Streit zwischen Wissen und Glauben. Ein Brief
+Goethe's, vom 24. November 1774, an Lavater und dessen Freund, den Diakonus
+Pfenninger in Z&uuml;rich zugleich gerichtet, enthielt in dieser Hinsicht einige
+charakteristische Bemerkungen. Mit Herzlichkeit und in dem vertraulichen
+Tone schrieb Goethe: &quot;Glaube mir, lieber Bruder, es wird die Zeit kommen,
+da wir uns verstehen werden. Du redest mit mir, wie mit einem Ungl&auml;ubigen,
+der begreifen will, der bewiesen haben will, der nicht erfahren hat; und
+von alle dem ist gerade das Gegentheil in meinem Herzen.&mdash;Bin ich nicht
+resignirter im Begreifen und Beweisen, als ihr? Ich bin vielleicht ein
+Thor, da&szlig; ich euch nicht den Gefallen thue, mich mit euren Worten
+auszudr&uuml;cken, und da&szlig; ich nicht einmal durch eine reine
+Experimental-Psychologie meines Innern euch
+darlege, da&szlig; ich ein Mensch bin, daher nicht
+anders sentiren kann, als andere Menschen, und da&szlig; Alles, was unter uns
+Widerspruch scheint, nur Wortstreit ist, der daraus entsteht, weil ich die
+Sachen unter andern Combinationen sentire, und darum, ihre Relativit&auml;t
+ausdr&uuml;ckend, sie anders benennen mu&szlig;, welches aller Controversen Quelle
+ewig war und ewig bleiben wird.&mdash;Und da&szlig; du mich ewig mit Zeugnissen qu&auml;len
+willst! Wozu das? Brauch ich Zeugni&szlig;, da&szlig; ich bin? Zeugni&szlig;, da&szlig; ich f&uuml;hle?
+Nur so sch&auml;tze, liebe, bete ich die Zeugnisse an, die mir darlegen, wie
+Tausend oder Einer vor mir eben das gef&uuml;hlt haben, was mich kr&auml;ftigt und
+st&auml;rkt. Und so ist das Wort der Menschen mir Wort Gottes, m&ouml;gen's Pfaffen
+oder Huren gesammelt, und es zum Kanon gerollt oder als Fragmente
+hingestreut haben. Und mit inniger Seele fall' ich dem Bruder um den Hals&mdash;
+Moses! Prophet! Evangelist! Apostel! Spinoza oder Macchiavell! Darf aber
+auch zu Jedem sagen: Lieber Freund, geht dir's doch wie mir. Im Einzelnen
+sentirst Du kr&auml;ftig und herrlich; das Ganze aber ging in deinen Kopf so
+wenig, als in den meinigen.&quot;</p>
+
+<p>Der briefliche Ideenaustausch Goethe's mit Lavater verwandelte sich, als
+dieser 1774 wieder nach Frankfurt kam, in m&uuml;ndliche Ueberlieferung. Das
+Phantastische in Lavaters Natur verkannte Goethe nicht, aber er fand es,
+wie er in einem fr&uuml;her erw&auml;hnten Briefe sich ausgedr&uuml;ckt hatte, &quot;mit dem
+sch&ouml;nsten, schlichtesten Menschenverstande gepaart.&quot; Ihn fesselte damals
+jede Natur, mochte sie auch von der seinigen noch so verschieden seyn. Nach
+Ems, wohin sich Lavater begab, begleitete ihn Goethe. Kaum wieder nach
+Frankfurt zur&uuml;ckgekehrt, traf er dort mit Basedow zusammen, der damals in
+der P&auml;dagogik ein helleres Licht angez&uuml;ndet hatte, doch in allerlei
+seltsamen religi&ouml;sen Ansichten befangen war, die er aufs Lebhafteste
+vertheidigte. Durch das Cynische in seinem Aeu&szlig;ern und ganzen Wesen f&uuml;hlte
+sich Goethe zur&uuml;ckgesto&szlig;en, besonders durch den Geruch des schlechten
+Tabaks, den Basedow auf der Reise nach Ems, wohin ihn Goethe begleitete,
+fortw&auml;hrend in die Luft blies. In mehrfacher Weise st&ouml;rte Basedow die
+gesellige Unterhaltung in dem Hause der Frau v. Stein zu Nassau. Als Goethe
+mit Lavater und Basedow wieder nach Frankfurt zur&uuml;ckkehrte, und, wie er in
+einem noch erhaltenen Gedicht sagt: &quot;als das Weltkind zwischen zwei
+Propheten sa&szlig;,&quot; benutzte er Basedows entschiedene Abneigung gegen die
+Trinitatslehre zu einer lustigen Rache. Er hie&szlig; den Kutscher schnell
+vor&uuml;berfahren bei einem Wirthshause, in welchem Basedow seinen brennenden
+Durst stillen wollte. Indem Goethe auf das mit zwei verschr&auml;nkten Triangeln
+versehene Gasthofsschild hinwie&szlig;, &auml;u&szlig;erte er schalkhaft, da&szlig; Basedow, der
+schon &uuml;ber Einen Triangel au&szlig;er Fassung gerathe, bei diesem Anblick
+geradezu verr&uuml;ckt h&auml;tte werden m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Unbefriedigt und verletzt durch die ungleichartigen Naturen Lavaters und
+Basedows, schlo&szlig; sich Goethe mit gr&ouml;&szlig;erer Innigkeit den Gebr&uuml;dern Jacobi
+an, die er in C&ouml;ln kennen gelernt hatte. Der Dichter I.G. Jacobi verzieh
+ihm den Spott, den er sich &uuml;ber seine mit Gleim gewechselten Briefe und
+Gedichte, die damals im Druck erschienen waren, erlaubt hatte. Das offene
+Vertrauen, mit welchem ihm besonders F.H. Jacobi entgegenkam, gewann
+Goethe's Herz. Aber auch sein Geist fand Befriedigung in mannigfachen
+philosophischen Gespr&auml;chen, besonders &uuml;ber das System und die Lehre
+Spinoza's. Im wechselseitigen Austausch ihrer Ideen f&uuml;hlten sich die
+Freunde sehr gl&uuml;cklich. Jacobi schrieb damals, den 27. August 1774, an
+Wieland: &quot;Was Goethe und ich einander seyn sollten, seyn mu&szlig;ten, war,
+sobald wir vom Himmel herunter neben einander gefallen waren, sogleich
+entschieden. Jeder glaubte von dem Andern mehr zu empfangen, als er ihm
+geben konnte; Mangel und Reichthum auf beiden Seiten umarmten einander; so
+ward die Liebe unter uns.&quot;</p>
+
+<p>In der Gem&auml;ldegallerie zu D&uuml;sseldorf, wohin Goethe mit den Gebr&uuml;dern Jacobi
+gereist war, fand sein Kunstsinn volle Befriedigung. Mit einem seiner
+Stra&szlig;burger Bekannten, mit Jung-Stilling, traf Goethe in Elberfeld
+zusammen. Heinse, der Verfasser des Ardinghello, den er dort kennen lernte,
+bewunderte, nach einer brieflichen Aeu&szlig;erung, an dem damals f&uuml;nf und
+zwanzigj&auml;hrigen Goethe &quot;das Genie, vom Wirbel bis zur Zehe, den Geist mit
+Adlersfl&uuml;geln.&quot;</p>
+
+<p>Nach den verschiedenartigsten Richtungen verlor sich, als er wieder nach
+Frankfurt zur&uuml;ckgekehrt war, Goethe's literarische Th&auml;tigkeit. Er &auml;u&szlig;erte
+sich dar&uuml;ber in einem damaligen Briefe: &quot;Geschrieben hab' ich allerlei,
+gewisserma&szlig;en wenig, im Grunde nichts. Wir sch&ouml;pfen den Schaum von dem
+gro&szlig;en Strom der Menschheit mit unsern Kielen, und bilden uns ein,
+wenigstens schwimmende Inseln gefangen zu haben.&quot; So bezeichnete Goethe
+seine mannigfachen literarischen Entw&uuml;rfe, von denen fast keiner ausgef&uuml;hrt
+ward. L&auml;ngere Zeit besch&auml;ftigte ihn die Idee, das Leben Mahomet's
+dramatisch zu behandeln. Mehrere Scenen wurden theils skizzirt, theils
+vollendet. Erhalten hat sich jedoch von jenem St&uuml;ck nichts weiter, als das
+in Goethe's Werken aufbewahrte Gedicht: &quot;Mahomet's Gesang.&quot; Die bekannte
+Geschichte von dem ewigen Juden, die sich ihm schon fr&uuml;h durch die
+Volksb&uuml;cher eingepr&auml;gt hatte, wollte er zu einem Epos benutzen. Auch die
+Fabel vom Prometheus hielt er f&uuml;r eine dramatische Bearbeitung geeigenet,
+von der sich jedoch nichts weiter erhalten hat, als das in Goethe's Werken
+aufbewahrte Gedicht &quot;Prometheus.&quot; Vollendet ward von Goethe um diese Zeit
+(1774) nur das Trauerspiel &quot;Clavigo&quot;, wozu ihm die von Beaumarchais
+geschriebenen Memoiren die n&auml;chste Veranlassung gegeben hatten.
+Gleichzeitig ver&ouml;ffentlichte Goethe aber auch unter dem Titel einer Far&ccedil;e
+seine dramatische Dichtung: &quot;G&ouml;tter, Helden und Wieland.&quot; In den
+Anmerkungen zu seiner Uebersetzung Shakspeare's hatte Wieland den gro&szlig;en
+Britten scharf getadelt. Durch diesen Tadel und die zu moderne Behandlung
+der griechischen G&ouml;tter in dem von Wieland geschriebenen Singspiel
+&quot;Alceste&quot; gereizt und aufgeregt, schrieb Goethe jenes satyrische Product,
+das seinen bisherigen Verh&auml;ltnissen unvermuthet eine ganz andere und f&uuml;r
+sein sp&auml;teres Leben einflu&szlig;reiche Wendung gab.</p>
+
+<p>Durch jene Posse hatte Goethe die Aufmerksamkeit eines jungen F&uuml;rsten
+erregt, der sich f&uuml;r den Verfasser des G&ouml;tz und Werther bereits lebhaft
+interessirt hatte. Es war der damalige Erbprinz und nachheriger Gro&szlig;herzog
+Carl August von Sachsen-Weimar, der begleitet von seinem j&uuml;ngern Bruder,
+dem Prinzen Constantin und dessen Erzieher v. Knebel, auf einer damalichen
+Reise Frankfurt ber&uuml;hrte. Goethe ward den beiden F&uuml;rsten auf deren Wunsch,
+vorgestellt und bald nachher, im November 1775, als geheimer Legationsrath
+nach Weimar gerufen, wo er im damaligen geheimen Consilium Sitz und Stimme
+erhielt. Sein neues Verh&auml;ltni&szlig; schilderte er in einem Briefe an Lavater vom
+21. December 1775 mit den Worten: &quot;Ich bin hier in Weimar wie unter den
+Meinigen. Der Herzog wird mir immer werther, und ich ihm immer
+verbundener.&quot; In einem sp&auml;tern Briefe vom 22. Januar 1778 meldete Goethe
+seinem Freunde Merk: &quot;Ich bin nun ganz in alle Hof- und politische H&auml;ndel
+verwickelt. Meine Lage ist vorteilhaft genug, und die Herzogth&uuml;mer Weimar
+und Eisenach sind immer ein Schauplatz, um zu versuchen, wie einem die
+Weltrolle zu Gesichte steht.&quot;</p>
+
+<p>Mit vielem Humor charakterisirte Goethe seinen heterogenen Gesch&auml;ftskreis
+in einem Briefe an Merk vom 5. August 1778. &quot;Im Innern&quot;, schrieb er, &quot;geht
+mir alles nach Wunsch. Das Element, in dem ich schwebe, hat alle
+Aehnlichkeit mit dem Wasser; es zieht Jeden an, und doch versagt dem, der
+auch nur bis an die Brust hineinspringt, im Anfange der Athem. Mu&szlig; er nun
+gar gleich tauchen, so verschwinden ihm Himmel und Erde. H&auml;lt man's dann
+eine Weile aus, und kriegt das Gef&uuml;hl, das einem das Element tr&auml;gt, und da&szlig;
+man doch nicht untersinkt, wenn man gleich nur mit der Nase hervor guckt,
+nun so findet sich im Menschen auch Glied und Geschick zum Froschwesen, und
+man lernt mit wenig Bewegung viel thun.&quot;</p>
+
+<p>Dieser Brief Goethe's enthielt auch eine Schilderung seiner durch ein
+bekanntes Gedicht verewigten Harzreise. &quot;Letzten Winter&quot;, schrieb er, &quot;hat
+mir eine Reise auf den Harz das reinste Vergn&uuml;gen gegeben. Du wei&szlig;t, so
+sehr ich's hasse, wenn man das Nat&uuml;rliche abentheuerlich machen will, so
+wohl ist mir's, wenn das Abenteuerliche nat&uuml;rlich zugeht. Ich machte mich
+ganz allein auf, etwa den letzten November, zu Pferde, mit einem
+Mantelsack, und ritt durch Schlo&szlig;en, Frost und Koth aus Nordhausen den Harz
+hinein in die Baumannsh&ouml;hle, &uuml;ber Wernigerode, Go&szlig;lar, auf den hohen Harz,
+das Detail erz&auml;hl' ich dir einmal, und &uuml;berwand alle Schwierigkeiten, und
+stand am 8. December, glaub' ich, Mittags um Eins auf dem Brocken, oben in
+der heitersten, brennendsten Sonne, &uuml;ber dem anderthalb Ellen hohen Schnee,
+und sah die Gegend von Deutschland unter mir, Alles von Wolken bedeckt, da&szlig;
+der F&ouml;rster, den ich mit M&uuml;he persuadirt hatte, mich zu f&uuml;hren, selbst vor
+Verwunderung au&szlig;er sich kam, sich da zu sehen, da er viele Jahre am Fu&szlig;e
+wohnend, das immer f&uuml;r unm&ouml;glich gehalten hatte. Da war ich vierzehn Tage
+allein, da&szlig; kein Mensch wu&szlig;te, wo ich war. Von dem Gedanken der Einsamkeit
+findest du auf dem beiliegenden Blatt fliegende Streifen.&quot; Dies Blatt
+enthielt das bekannte Gedicht: &quot;Harzreise im Winter.&quot; Mehrere Stellen darin
+bezogen sich auf den Sohn des Superintendenten Plessing in Wernigerode,
+einen talentvollen, doch zum Theil durch das Lesen des &quot;Werther&quot; in eine
+unheilbare Schwermuth versunkenen jungen Mann, den Goethe im Gasthofe zu
+Wernigerode kennen gelernt hatte.</p>
+
+<p>Was Goethe selbst in sp&auml;tern Jahren sich zum Vorwurf machte, da&szlig; er durch
+sein zerstreutes und vielfach bewegtes Leben die Wirksamkeit seines
+poetischen Talents beschr&auml;nkt und beinahe zerst&ouml;rt habe, r&uuml;gte schon damals
+sein Freund Merk mit den Worten: &quot;Was Teufel f&auml;llt dem Wolfgang ein, am
+Hofe herumzuschranzen und zu scherwenzeln? Giebt es nichts Besseres f&uuml;r ihn
+zu thun?&quot; Die Wahrheit dieser auch von Andern ihm gemachten Vorw&uuml;rfe f&uuml;hlte
+Goethe. Aber er erkannte und sch&auml;tzte auch das Wohlwollen und die
+Freundschaft seines F&uuml;rsten, und bem&uuml;hte sich dem ihm geschenkten Vertrauen
+auf jede Weise zu entsprechen. Mit seinem Beruf, wenn ihm derselbe
+vielleicht auch nicht v&ouml;llig klar war, meinte er es jedenfalls redlich. In
+einem seiner damaligen Briefe gestand er: das ihm aufgetragene Tagwerk, das
+ihm t&auml;glich leichter und schwerer werde, erfordere wachend und tr&auml;umend
+seine Gegenwart.</p>
+
+<p>&quot;Diese Pflicht&quot;, schrieb er, &quot;wird mir t&auml;glich theurer, und darin w&uuml;nschte
+ich's den gr&ouml;&szlig;ten Menschen gleich zu thun, und in nichts Gr&ouml;&szlig;erem. Diese
+Begierde, die Pyramide meines Daseyns, deren Basis mir angegeben und
+gegr&uuml;ndet ist, so hoch als m&ouml;glich in die Luft zu spitzen, &uuml;berwiegt alles
+Andere, und l&auml;&szlig;t kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf nicht s&auml;umen,
+ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksal
+in der Mitte, und der babylonische Thurm bleibt stumpf unvollendet.
+Wenigstens soll man sagen, er war k&uuml;hn entworfen, und wenn ich lebe,
+sollen, will's Gott, die Kr&auml;fte hinaufreichen.&quot;</p>
+
+<p>Begrenzt ward dieser weit aussehende Lebensplan Goethe's durch das in ihm
+erwachte lebhafte Interesse an theatralischen Vorstellungen. Zu Ettersburg
+und Tiefurt waren mehrere kleine St&uuml;cke und Operetten in den Buchenw&auml;ldern
+an der Ilm aufgef&uuml;hrt worden. Einsiedel, Seckendorf, Mus&auml;us u.A. hatten
+jenem Bed&uuml;rfni&szlig; durch dramatische Producte gehuldigt, und Goethe selbst
+hatte zu diesem Zweck seine &quot;Fischerin&quot;, und die Singspiele &quot;Erwin und
+Elmire&quot; und &quot;Claudine von Villa Bella&quot; gedichtet. Sp&auml;ter &uuml;bernahm er die
+Leitung eines in Weimar errichteten Liebhabertheaters, bei welchem der Hof
+die Kosten der Garderobe, Musik, Beleuchtung u.s.w. bestritt. Eine
+Hauptzierde jener B&uuml;hne war die talentvolle Carona Schr&ouml;ter, damals
+Hofs&auml;ngerin, welcher Goethe sp&auml;ter in seinem Gedicht: &quot;Miedings Tod&quot; ein
+unverg&auml;ngliches Denkmal setzte. Auch Goethe trat in jenem Lieblingstheater
+auf, als Alcest in den &quot;Mitschuldigen&quot;, sp&auml;ter als Orest in seiner
+&quot;Iphigenie&quot; auf. Sein Spiel in ernsten Rollen soll zu leidenschaftlich und
+ungest&uuml;m gewesen seyn. Besser gelang ihm die Darstellung humoristischer
+Charaktere, vorz&uuml;glich in den von ihm gedichteten Fastnachtsspielen, als
+Hamann, als Marktschreier in dem &quot;Jahrmarkt von Plundersweilern&quot; u.a.m. F&uuml;r
+theatralische Zwecke schrieb Goethe, au&szlig;er seinen gr&ouml;&szlig;ern Werken, noch das
+dramatisch vorgestellte Gedicht &quot;Epiphanias.&quot;</p>
+
+<p>Ueber einen kurzen Aufenthalt in Berlin, wohin er 1778 den Herzog von
+Weimar begleitete, schrieb Goethe an Merk: &quot;Ich war nur wenige Tage in
+Berlin, und guckte nur drein, wie das Kind in den Sch&ouml;n-Rarit&auml;ten-Kasten.
+Aber du wei&szlig;t, wie ich im Anschauen lebe; es sind mir tausend Lichter
+aufgegangen. Und dem alten Fritz bin ich recht nahe worden; da hab' ich
+sein Wesen gesehen, sein Gold, Silber, Marmor, Affen, Papageien und
+zerrissene Vorh&auml;nge, und habe &uuml;ber den gro&szlig;en Menschen seine eignen
+Lumpenhunde r&auml;sonniren h&ouml;ren. Die Gener&auml;le, die ich halbdutzendweise bei
+Tisch mir gegen&uuml;ber gehabt, machen mir den jetzigen K&ouml;nig gegenw&auml;rtiger.
+Mit Menschen hab' ich sonst gar nichts zu verkehren gehabt, und habe in
+preu&szlig;ischen Staaten kein laut Wort hervorgebracht, da&szlig; sie nicht k&ouml;nnten
+drucken lassen, daf&uuml;r ich gelegentlich als stolz u.s.w. ausgeschrieen
+worden bin.&quot;</p>
+
+<p>Einen weitern Ausflug unternahm Goethe 1779 nach der Schweiz. Er machte
+diese Reise in Gesellschaft seines von ihm hochverehrten F&uuml;rsten, der ihn
+kurz zuvor zum Geheimen Rath ernannt hatte. Die gl&uuml;ckliche Heimkehr
+w&uuml;nschte Goethe durch ein Denkmal zu verewigen, das er dem Herzog im
+Weimarischen Park errichten lassen wollte. Sehr ausf&uuml;hrlich &auml;u&szlig;erte er sich
+in einem im November 1779 geschriebenen Briefe an Lavater &uuml;ber diese Idee,
+bei der er auf die Mitwirkung des r&uuml;hmlich bekannten Malers F&uuml;&szlig;li in Z&uuml;rich
+rechnete. &quot;Mein erster Gedanke,&quot; schrieb Goethe, &quot;war so. Ich wollte dem
+Monument eine viereckige Form geben. Von drei Seiten sollte jede eine
+einzelne bedeutende Figur, und die vierte eine Inschrift haben. Zuf&ouml;rderst
+sollte das gute heilsame Gl&uuml;ck stehen, durch das die Schlachten gewonnen
+und die Schiffe regiert werden, g&uuml;nstigen Wind im Nacken, die launische
+Freundin und Belohnerin kecker Unternehmungen mit Steuerruder und Kranz. Im
+Felde zur Rechten hatte ich mir den Genius, den Antreiber, Wegmacher,
+Wegweiser, Fackeltr&auml;ger muthigen Schrittes gedacht. In dem Felde zur Linken
+sollte Terminus, der ruhige Grenzbeschreiber, der bed&auml;chtige, m&auml;&szlig;ige
+Rathgeber stillstehend mit dem Schlangenstabe einen Grenzstein bezeichnen,
+jener lebend r&uuml;hrig vordringend, dieser ruhig, sanft in sich gekehrt, zwei
+S&ouml;hne, eine Mutter&mdash;der &auml;ltere jener, der j&uuml;ngere dieser. Das hintere Feld
+hatte die Inschrift: <span class="u">Fortunae Duci Reduci Natisque Genio Et Termino Ex
+Voto.</span> Du siehst, was ich f&uuml;r Ideen damit zusammenbinden wollte. Sowohl auf
+dieser Reise als im ganzen Lande, als im ganzen Leben, sind wir diesen
+Gottheiten sehr zu Schuldnern geworden. Das erste Mal, wo wir nach einer
+langen, nicht immer fr&ouml;hlichen Zeit, in die freie Welt kommen, zusammen den
+ersten bedeutenden Schritt wagen, gleich mit dem sch&ouml;nsten Hauche des
+Gl&uuml;cks fortgetrieben zu werden, in der sp&auml;tern Jahreszeit, Alles mit
+g&uuml;nstiger Sonne und Gestirnen. Den ganzen Weg, den wir machen, begleitet
+von einem guten Geiste, der &uuml;berall die Fackel vortr&auml;gt, hierhin ladet,
+dorthin treibt, da&szlig;, wenn ich zur&uuml;ck sehe, wir zu so manchem, das unsere
+Reise ganz macht, nicht durch unsere Wege und Wollen geleitet worden sind,
+und dann am Ende, da&szlig; wir auch durch den sch&ouml;nen Gl&uuml;ckssohn bedeutet
+wurden, wo wir aufh&ouml;ren, wo wir einen Grenzbogen beschreiben und wieder
+zur&uuml;ckkehren sollten, was wieder einen unglaublichen Einflu&szlig; auf unsere
+Zur&uuml;ckgelassenen hat und haben wird. Das alles zusammen giebt mir die
+Empfindung, die ich nicht sch&ouml;ner zu ehren wei&szlig;, als womit alle Zeiten
+durch die Menschen Gott verehrt haben.&quot; Das in diesem Briefe ausf&uuml;hrlich
+beschriebene Denkmal, das aus einem &quot;lichtgrauen Stein&quot; bestehen sollte,
+&quot;der an den Marmor grenze,&quot; kam nicht zu Stande. Die Ausf&uuml;hrung dieser
+Idee mochte ihre Schwierigkeiten haben. Ob der Maler F&uuml;&szlig;li die von ihm
+gew&uuml;nschte Zeichnung wirklich lieferte, ist zweifelhaft. So viel ist gewi&szlig;,
+da&szlig; sie im Fr&uuml;hjahr 1780 noch nicht vorhanden war.</p>
+
+<p>Mit Lavater, der sich dar&uuml;ber in einem seiner Briefe bitter beklagte, hatte
+Goethe in der Schweiz genu&szlig;reiche Tage verlebt. Er freute sich sehr, ihn
+wieder zu sehen, und seine Gedanken mit ihm austauschen zu k&ouml;nnen, so wenig
+beide auch, besonders in ihren Ansichten &uuml;ber religi&ouml;se Gegenst&auml;nde, mit
+einander &uuml;bereinstimmten. &quot;Nicht allein vergn&uuml;glich&quot;, schrieb Goethe den
+28. October 1779, &quot;sondern gesegnet uns beiden, soll unsere Zusammenkunft
+seyn. F&uuml;r ein Paar Leute, die Gott auf so verschiedene Art dienen, sind wir
+vielleicht die einzigen, und ich denke, wir wollen mehr zusammen &uuml;berlegen
+und ausmachen, als ein ganzes Concilium mit seinen Pfaffen, Huren und
+Mauleseln. Eins aber werden wir doch wohl thun, da&szlig; wir einander unsere
+Particular-Religionen ungehudelt lassen. Du bist gut darin, aber ich bin
+manchmal hart und unhold. Da bitt' ich dich im Voraus um Geduld. So hat mir
+z. B. Tobler deine Offenbarung Johannis gegeben. An der ist mir nun nichts,
+als deine Handschrift, darum hab' ich sie auch zu lesen angefangen. Es
+hilft nichts, ich kann das G&ouml;ttliche nirgends, und das Poetische nur hie
+und da finden. Das Ganze ist mir fatal; mir ist's, als r&ouml;che ich &uuml;berall
+einen Menschen durch, der gar keinen Geruch von dem gehabt, der da ist A.
+und O.&mdash;Ich bin ein sehr irdischer Mensch; mir ist das Gleichni&szlig; vom
+ungerechten Haushalter, vom verlornen Sohn, vom S&auml;emann, von der Perle u.
+s. w. g&ouml;ttlicher&mdash;wenn je was G&ouml;ttliches da seyn soll&mdash;als die sieben
+Botschafter, Leuchter, H&ouml;rner, Siegel, Sterne und Wehe. Ich denke auch aus
+der Wahrheit zu seyn, aber aus der Wahrheit der f&uuml;nf Sinne, und Gott habe
+Geduld mit mir, wie bisher.&mdash;Gegen deine Messiade hab' ich nichts; sie
+liest sich gut, wenn man einmal das Buch mag, und was in der Apokalypse
+enthalten ist, dr&uuml;ckt sich durch deinen Mund rein und gut in die Seele. Das
+willst du da; wozu denn aber die ewigen Tr&uuml;mpfe, mit denen man nicht
+sticht, und kein Spiel gewinnt, weil sie kein Mensch gelten l&auml;&szlig;t? Du
+siehst, ich bin noch immer der Alte, und falle dir wieder von eben der
+Seite, wie vormals, zur Last. Ich war schon in Versuchung, das Blatt zu
+zerrei&szlig;en; doch da wir uns sehen werden, so mag es gehen.&quot;</p>
+
+<p>Die in diesem Briefe enthaltenen Aeu&szlig;erungen zeigten, wie Goethe den
+n&uuml;chternen gesunden Menschenverstand den schw&auml;rmerischen Ansichten Lavaters
+gegen&uuml;ber geltend machte. Im m&uuml;ndlichen Austausch ihrer Ideen, im
+traulichen Gespr&auml;ch hatten sie sich wenigstens so weit gen&auml;hert, als ihre
+individuelle Denk- und Empfindungsweise erlaubte. Selbst das mi&szlig;billigende
+Urtheil &uuml;ber manche Schriften Lavaters nahm Goethe zur&uuml;ck. &quot;Deine
+Offenbarung Johannis,&quot; schrieb er den 2. November 1779, &quot;hat mir viel
+Vergn&uuml;gen gemacht. Ich habe sie recht und vieles davon mehr als einmal
+gelesen. Da ich h&ouml;rte, du habest dar&uuml;ber von Amtswegen gepredigt, gab es
+mir ein ganz neues Interesse, denn ich konnte nun mehr begreifen, wie du
+dich mit diesem Buche so lange besch&auml;ftigt, es ganz in dich hin&uuml;ber
+empfunden hast, und es in einem so fremden <span class="u">vehiculo</span> ohne fremden,
+vielleicht eigentlich heterogenen Zusatz wieder aus dir herausquellen
+lassen konntest; denn nach meiner Empfindung macht deine Ausmalung keinen
+andern Eindruck, als die Originalskizze macht, wenigstens einer Seele aus
+diesem Jahrhundert, wo man die Ideen, die du hineinlegst, selbst von
+Kindheit an hineinzulegen pflegt. Die Arbeit selbst ist dir gl&uuml;cklich von
+statten gegangen; einige treffliche Z&uuml;ge der Auslegung und Empfindung sind
+darin. Ausgemalt sind viele Stellen ganz trefflich, besonders alle, die der
+innern Empfindung von Z&auml;rtlichkeit und Kraft, wie z. B. die Verhei&szlig;ung des
+ewigen Lebens, das Weiden der Schafe unter Palmen u. s. w. In einigen
+Gestalten und Gleichnissen hast du dich auch gut gehalten; nur schwinden
+deine Ungeheuer f&uuml;r mich zu schnell in allegorischen Dampf. Doch ist auch
+die&szlig;, wenn ich's recht bedenke, das kl&uuml;gste Theil, das du ergreifen
+kannst.&quot; Der Brief schlie&szlig;t mit den herzlichen Worten: &quot;La&szlig; uns ja einander
+bleiben, einander mehr werden. Neue Freunde und Lieben mag ich nicht.
+Leider f&uuml;hl' ich meine drei&szlig;ig Jahre und Weltwesen. Schon einige Ferne von
+dem werdenden, sich entfaltenden, ich erkenn' es noch mit Vergn&uuml;gen, mein
+Geist ist ihm nah, aber mein Herz ist fremd. Gro&szlig;e Gedanken, die dem
+J&uuml;ngling ganz fremd, f&uuml;llen jetzt meine Seele.&quot;</p>
+
+<p>In einem Briefe an Merk, vom 7. April 1780, meldete Goethe seine Genesung
+von einer langwierigen Krankheit, die ihn bald nach der R&uuml;ckkehr aus der
+Schweiz befallen. &quot;Schon in Frankfurt,&quot; schrieb er, &quot;und als wir in der
+K&auml;lte an den H&ouml;fen herumzogen, war mir's nicht just. Die Bewegung der Reise
+lie&szlig; es nicht zum Ausbruch kommen. Doch hatte ich eine b&ouml;se
+Zusammengezogenheit, eine K&auml;lte, und Untheilnehmung, die Jedermann auffiel
+und gar nicht nat&uuml;rlich war. Jetzt geht Alles wieder ganz gut.&quot;</p>
+
+<p>Dieser Brief Goethe's enthielt zugleich fl&uuml;chtige Andeutungen &uuml;ber manche
+liter&auml;rische Entw&uuml;rfe, die jedoch gr&ouml;&szlig;tentheils unausgef&uuml;hrt blieben. &quot;Der
+wichtigste Theil meiner Schweizerreise,&quot; schrieb er, &quot;ist aus einzelnen, im
+Moment geschriebenen Bl&auml;ttchen und Briefchen durch eine lebhafte Erinnerung
+componirt. Wieland declarirte es f&uuml;r ein Poema. Ich habe aber noch weit
+mehr damit vor, und wenn es mir gl&uuml;ckt, so will ich mit diesem Garn viele
+V&ouml;gel fangen. Zur Geschichte Herzog Bernhards von Weimar hab' ich viele
+Documente und Collectaneen zusammengebracht, kann sie schon ziemlich
+erz&auml;hlen, und will, wenn ich erst den Scheiterhaufen gedruckter und
+ungedruckter Nachrichten, Urkunden und Anecdoten recht zierlich
+zusammengelegt, ausgeschm&uuml;ckt, und eine Menge sch&ouml;nen R&auml;ucherwerks und
+Wohlgeruchs darauf herumgestreut habe, ihn einmal bei sch&ouml;ner trockner
+Nachtzeit anz&uuml;nden, und auch dieses Kunst- und Lustfeuer zum Vergn&uuml;gen des
+Publici brennen lassen.&quot;</p>
+
+<p>Auch in einem sp&auml;tern Briefe an Lavater, vom 5. Juni 1780, nahm Goethe die
+Idee einer Biographie des Herzogs Bernhard wieder auf. &quot;Ich scharre&quot;,
+schrieb er, &quot;nach meiner Art, Vorrath zu einer Lebensbeschreibung dieses
+als Helden und Herrscher wirklich sehr merkw&uuml;rdigen Mannes, der in seiner
+kurzen Laufbahn ein Liebling der Menschen gewesen ist, allm&auml;hlich zusammen,
+und erwarte die Zeit, wo mir's vielleicht gl&uuml;cken wird, ein Feuerwerk
+daraus zu machen. Seine Jahre fallen in den drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieg. Sein und
+seiner Br&uuml;der Familiengem&auml;lde interessirt mich noch am meisten, da ich
+ihren Urenkeln, in denen so manche Z&uuml;ge leibhaftig wiederkommen, so nahe
+bin. Uebrigens versuche ich allerlei Beschw&ouml;rungen und <span class="u">Hocus pocus</span>, um
+die Gestalten gleichzeitiger Helden und Lumpen in Nachahmung der Hexe zu
+Endor wenigstens bis an den G&uuml;rtel aus dem Grabe steigen zu lassen, und
+allenfalls irgend einen K&ouml;nig, der an Zeichen und Wunder glaubt, in's
+Bockshorn zu jagen.&quot;</p>
+
+<p>Ueber jene Idee, die er wieder aufgab, &auml;u&szlig;erte sich Goethe in sp&auml;teren
+Jahren mit den Worten: &quot;Manche Zeit und M&uuml;he ward auf den Vorsatz, das
+Leben Herzog Bernhards zu schreiben, vergebens aufgewendet. Nach vielfachem
+Sammeln und mehrmaligem Schematisiren ward zuletzt nur allzu klar, da&szlig; die
+Ereignisse des Helden kein Bild machten. In der jammervollen Ilias des
+drei&szlig;igj&auml;hrigen Krieges spielte er eine w&uuml;rdige Rolle, lie&szlig; sich aber von
+jener Gesellschaft nicht absondern. Einen Ausweg glaubte ich jedoch
+gefunden zu haben. Ich wollte das Leben schreiben wie einen ersten Band,
+der den zweiten nothwendig machte. Ueberall sollten Verzahnungen stehen
+bleiben, damit Jedermann bedauerte, da&szlig; ein fr&uuml;hzeitiger Tod den Baumeister
+verhindert habe, sein Werk zu vollenden. F&uuml;r mich war diese Bem&uuml;hung nicht
+unfruchtbar; denn wie das Studium zu G&ouml;tz von Berlichingen mir tiefere
+Einsicht in das funfzehnte und sechszehnte Jahrhundert gew&auml;hrte, so mu&szlig;te
+mir diesmal die Verworfenheit des siebzehnten sich mehr entwickeln, als
+sonst vielleicht geschehen w&auml;re.&quot;</p>
+
+<p>Auch durch anderweitige Besch&auml;ftigungen mochte Goethe jener historischen
+Arbeit entzogen worden seyn. Noch immer betrieb er mit lebhaftem Interesse
+die seit fr&uuml;hester Jugend ihm liebgewordenen Kunststudien. Seine Briefe an
+Merk und Lavater enthielten mannigfache Aeu&szlig;erungen &uuml;ber den Entwurf und
+die Ausf&uuml;hrung werthvoller Landschaften, Bl&auml;tter und Skizzen, die er theils
+besa&szlig;, theils zu erhalten w&uuml;nschte, um seine Sammlung zu vervollst&auml;ndigen.
+Ueber Albrecht D&uuml;rer schrieb er den 6. M&auml;rz 1780 an Lavater: &quot;Ich verehre
+t&auml;glich mehr die mit Gold und Silber nicht zu bezahlende Arbeit des Mannes,
+der, wenn man ihn recht im Innersten erkennen lernt, an Wahrheit,
+Erhabenheit, und selbst Grazie nur die ersten Italiener zu seines Gleichen
+hat. Dieses wollen wir laut sagen.&quot; In diesem Briefe erw&auml;hnte er den Besitz
+einer Sammlung von &quot;geistigen Handrissen, besonders in Landschaften&quot;, die
+er zu vermehren w&uuml;nschte. Er schrieb dar&uuml;ber an Lavater: &quot;Passe doch auf,
+dir geht so vieles durch die H&auml;nde. Wenn du so ein Blatt findest, worauf
+die erste, schnellste, unmittelbarste Aeu&szlig;erung des K&uuml;nstlergeistes
+gedruckt ist, so lasse es dir nicht entwischen, wenn du's um leidliches
+Geld haben kannst. Mir macht's ein besonderes Vergn&uuml;gen.&quot;</p>
+
+<p>Gen&auml;hrt ward Goethe's Kunstinteresse durch einen vierzehnt&auml;gigen Aufenthalt
+Oeser's in Ettersburg. Nichts konnte ihm erfreulicher seyn, als das
+Wiedersehen seines alten Leipziger Freundes und Lehrers, dem er, nach
+seinem eignen Gest&auml;ndni&szlig; in fr&uuml;her mitgetheilten Briefen, einen gro&szlig;en
+Theil seiner Bildung verdankte. Oeser war vielfach besch&auml;ftigt mit der
+Einrichtung und Anordnung des Liebhabertheaters in Ettersburg, auf welchem
+das von Goethe nach Aristophanes bearbeitete Lustspiel: &quot;die V&ouml;gel&quot;
+vorgestellt werden sollte. Goethe schrieb &uuml;ber Oeser: &quot;Der Alte hatte den
+ganzen Tag etwas zu kramen, anzugeben, zu ver&auml;ndern, zu zeichnen, zu
+deuten, zu besprechen, zu lehren u.s.w., da&szlig; keine Minute leer war. Seitdem
+er fort ist, gehts freilich ein wenig stiller und einfacher zu.&quot;</p>
+
+<p>Durch Oeser's Abreise wich Goethe's Neigung zur Kunst allm&auml;hlich dem in
+sp&auml;teren Jahren wachsenden Interesse an mannigfachen Naturgegenst&auml;nden.
+Seinem Freunde Merk hatte er in einem Briefe vom 3. Juli 1780 die Nachricht
+mitgetheilt, da&szlig; der Bildhauer Klauer Oeser's Kopf &quot;allerliebst bossirt&quot;,
+und da&szlig; derselbe in Gyps gegossen und in grauen Stein gehauen werden solle.
+&quot;<span class="u">A propops</span>&quot;, f&uuml;gte er hinzu, &quot;von Steinen hab' ich jetzt etwas sehr
+Angenehmes und Unterhaltendes angefangen. Durch einen jungen Menschen, den
+wir zum Bergwesen herbeiziehen, lasse ich eine mineralogische Beschreibung
+von Weimar, Eisenach und Jena machen. Er bringt alle Steinarten mit seiner
+Beschreibung &uuml;berein, und numerirt mit, woraus ein sehr einfaches aber f&uuml;r
+uns interessantes Cabinet entsteht. Wir finden auch mancherlei, was gut und
+n&uuml;tzlich, ich will aber nicht sagen, eintr&auml;glich ist.&quot; Seinen Brief schlo&szlig;
+Goethe mit der an Merk gerichteten Bitte: &quot;Du thust mir einen gro&szlig;en
+Gefallen, wenn du mir gelegentlich ein St&uuml;ck von den Graniten schicktest,
+die nicht weit von euch im Gebirge liegen, wo gro&szlig;e abges&auml;gte St&uuml;cke davon
+glauben machen, da&szlig; die R&ouml;mer ihre Obelisken daher geholt haben. Wenn du
+einmal Gelegenheit findest zu erforschen, was der Felsberg auf seiner
+h&ouml;chsten H&ouml;he f&uuml;r Steine hat, wird es mir auch sehr angenehm seyn.&quot;</p>
+
+<p>W&auml;hrend Goethe das Gebiet der Wissenschaft und Kunst nach den
+mannigfachsten Richtungen durchstreifte, schien seine poetische Th&auml;tigkeit
+zu schlummern. Geweckt ward sie wieder durch die Erscheinung von Wielands
+Oberon. Er schrieb dar&uuml;ber an Merk den 7. April 1780: &quot;Du wirst den Oberon
+gelesen und dich daran erfreut haben. Ich habe Wielandn' daf&uuml;r einen
+Lorbeerkranz geschickt, der ihn sehr erfreut hat.&quot; Nach einem sp&auml;tern
+Briefe an Lavater vom 3. Juli 1780 war Goethe &uuml;berzeugt: &quot;so lange Poesie
+Poesie, Gold Gold und Crystall Crystall bleibe, werde auch Wieland's Oberon
+als ein Meisterst&uuml;ck poetischer Kunst geliebt und bewundert werden.&quot;</p>
+
+<p>Von dem genannten Epos begeistert, warnte er in einem Briefe vom 24. Juni
+1780 vor der seichten und anma&szlig;enden Kritik, die auch das Trefflichste
+nicht verschone. &quot;Bei Gelegenheit von Wieland's Oberon&quot;, schrieb er an
+Lavater, &quot;brauchst du das Wort Talent, als wenn es der Gegensatz von Genie
+w&auml;re, wo nicht ganz, doch wenigstens etwas Subordinirtes. Wir sollten aber
+bedenken, da&szlig; das eigentliche Talent nichts weiter seyn kann, als die
+Sprache des Genies. Ich will nicht chikaniren, denn ich wei&szlig; wohl, was du
+im Durchschnitt damit sagen willst, und ich zupfe dich nur beim Aermel. Wir
+sind oft gar zu freigebig mit allgemeinen Worten, und schneiden, wenn wir
+ein Buch gelesen haben, das uns von Seite zu Seite Freude gemacht, und
+aller Ehren werth vorgekommen ist, endlich gern mit der Scheere so gerade
+durch, wie durch einen wei&szlig;en Bogen Papier. Wenn ich ein solches Werk auch
+blos als ein Schnitzbildchen ansehe, so wird es doch der feinsten Scheere
+unm&ouml;glich, alle kleinen Formenz&uuml;ge und Linien, worin der Werth liegt,
+herauszusondern. Es ist nachher noch eins, was man nicht so leicht an einem
+solchen Werke sch&auml;tzt, weil es so selten ist: da&szlig; n&auml;mlich der Autor nichts
+hat machen wollen und gemacht hat, als was eben da steht. F&uuml;r das Gef&uuml;hl,
+die Kunst und Freiheit, vieles wegzulassen, geb&uuml;hrt ihm freilich der gr&ouml;&szlig;te
+Dank, den ihm aber auch nur der K&uuml;nstler und Mitgenosse giebt.&quot;</p>
+
+<p>Damit beruhigte sich Goethe bei dem einseitigen Urtheil, das von mehreren
+Seiten seinen &quot;Triumph der Empfindsamkeit&quot; traf, eine harmlose Satyre auf
+das damalige Weimarische Theaterpersonal, mit Anspielungen auf mancherlei
+Vorf&auml;lle und Tagesereignisse. Manchen Tadel mu&szlig;te er auch vernehmen &uuml;ber
+die vorherrschende Sentimentalit&auml;t in dem von ihm geschriebenen Schauspiel
+&quot;Lila&quot;, in dem Drama &quot;die Geschwister,&quot; und in andern seiner damaligen
+Producte. In eine dramatische Form kleidete Goethe auch mehrere theils
+ernste, theils scherzhafte Gedichte, zu denen er durch Festlichkeiten des
+Weimarischen Hofes veranla&szlig;t ward.</p>
+
+<p>Eine h&ouml;here poetische Idee lag seiner &quot;Iphigenie&quot; zum Grunde. Der erste
+Entwurf dieses Schauspiels und seines erst mehrere Jahre sp&auml;ter vollendeten
+Romans: &quot;Wilhelm Meisters Lehrjahre&quot; f&auml;llt in diese Periode von Goethe's
+Leben. Das Urtheil seiner Freunde, denen er mehrere von seinen damaligen
+Producten handschriftlich mittheilte, war ihm nicht gleichg&uuml;ltig. Den 24.
+Juli 1780 schrieb er an Lavater: &quot;Da&szlig; du Freude gehabt hast an meiner
+Iphigenie, ist mir ein au&szlig;erordentliches Geschenk. Da wir mit unsern
+Existenzen so nahe stehen, und mit unsern Gedanken und Imaginationen so
+weit auseinander gehen wie zwei Sch&uuml;tzen, die mit dem R&uuml;cken aneinander
+lehnend, nach ganz verschiedenen Zielen schie&szlig;en, so erlaube ich mir
+niemals den Wunsch, da&szlig; meine Sachen dir etwas werden k&ouml;nnten. Ich freue
+mich deswegen recht herzlich, da&szlig; ich auch mit diesem Product wieder an's
+Herz gekommen bin.&quot;</p>
+
+<p>In solcher Stimmung verschmerzte Goethe den Verdru&szlig; und Unmuth, den ihm ein
+gewinns&uuml;chtiger Buchh&auml;ndler, Himburg in Berlin, bereitet hatte, als er ohne
+Goethe's Mitwissen eine Sammlung seiner bisherigen Schriften in zwei
+Octavb&auml;nden veranstaltete. Goethe erhielt von ihm einen Brief, in welchem
+er dem Publikum einen gro&szlig;en Dienst erwiesen zu haben meinte, und sich
+erbot, dem Dichter als einen Beweis seiner Erkenntlichkeit einiges Berliner
+Porcellan zu schicken. Emp&ouml;rt &uuml;ber die Anma&szlig;ung des unberufenen Verlegers
+seiner Schriften, lie&szlig; Goethe das an ihn gerichtete Schreiben
+unbeantwortet, und r&auml;chte sich im Stillen durch einige satyrische Verse.</p>
+
+<p>Wissenschaftliche Forschungen der verschiedensten Art behielten f&uuml;r ihn ein
+lebhaftes Interesse. Immer neuen Genu&szlig; sch&ouml;pfte er aus der Betrachtung der
+Natur, auch der anorganischen, auf seinen &ouml;ftern Reisen in die Umgegend,
+besonders nach Franken, als Begleiter des Herzogs von Weimar. In Bezug auf
+seine mineralogischen Studien bemerkte Goethe in einem Briefe an Merk vom
+11. October 1780: &quot;Ich habe mich diesen Wissenschaften mit v&ouml;lliger
+Leidenschaft ergeben, und habe eine sehr gro&szlig;e Freude daran. Dabei schr&auml;nke
+ich mich aber nicht, wie die neuesten Chursachsen, philisterhaft darauf
+ein, ob jener Berg dem Herzog von Weimar geh&ouml;rt oder nicht. Wie ein Hirsch,
+der ohne R&uuml;cksicht des Territoriums sich &auml;set, so denk' ich, mu&szlig; der
+Mineralog auch seyn. Und so hab' ich vom Gipfel des Inselbergs, des
+h&ouml;chsten vom Th&uuml;ringerwalde, bis in's W&uuml;rzburgische, Fuldaische, Hessische,
+Churs&auml;chsische, bis &uuml;ber die Saale hin&uuml;ber, und wieder so weiter bis
+Saalfeld und Coburg herum, meine schnellen Ausfl&uuml;ge getrieben; habe die
+meisten Stein- und Gebirgsarten von allen diesen Gegenden beisammen, und
+finde in meiner Art zu sehen, das bischen Metallische, das den m&uuml;hseligen
+Menschen in die Tiefen hineinlockt, immer das Geringste. Durch dieses alles
+zusammen und durch die Kramereien meiner Vorg&auml;nger bin ich im Stande, einen
+kleinen Aufsatz zu liefern, der gewi&szlig; interessant seyn soll. Ich habe jetzt
+die allgemeinsten Ideen und gewi&szlig; einen reinen Begriff, wie alles auf
+einander steht und liegt, ohne Pr&auml;tension auszuf&uuml;hren, wie es auf einander
+gekommen ist. Da ich einmal nichts aus B&uuml;chern lernen kann, so fang' ich
+erst jetzt an, nachdem ich die meilenlangen Bl&auml;tter unserer Gegenden
+umgeschlagen habe, auch die Erfahrungen Anderer zu studiren und zu nutzen.
+Dies Feld ist, wie ich jetzt erst sehe, kurze Zeit her mit gro&szlig;em Flei&szlig;e
+bebaut worden, und ich bin &uuml;berzeugt, da&szlig; bei so viel Versuchen und
+H&uuml;lfsmitteln ein einziger gro&szlig;er Mensch, der mit den F&uuml;&szlig;en oder dem Geist
+die Welt umlaufen k&ouml;nnte, diesen seltsam zusammengebauten Ball ein- f&uuml;r
+allemal erkennen und beschreiben k&ouml;nnte, was vielleicht schon B&uuml;ffon im
+h&ouml;chsten Sinne gethan hat, we&szlig;halb auch Franzosen und Deutschfranzosen
+sagen, er habe einen Roman geschrieben, welches sehr wohl gesagt ist, weil
+das ehrsame Publikum alles Au&szlig;erordentliche nur durch den Roman kennt.&quot;</p>
+
+<p>Durch diese Studien und andere Lieblingsneigungen ward Goethe nicht der
+Amtsth&auml;tigkeit entzogen, die seine Stellung als Geheimer Rath mit Sitz und
+Stimme in mehreren Collegien von ihm forderte. Die Huld seines F&uuml;rsten
+hatte ihn von manchen l&auml;stigen Gesch&auml;ften befreit. Auch ward ihm, nach
+einem fr&uuml;her mitgetheilten Gest&auml;ndnisse, &quot;sein Tagewerk leicht.&quot; Gleichwohl
+beklagte er sich in einem im Februar 1781 an Lavater geschriebenen Briefe,
+da&szlig; er fast zu viel auf sich lade. Er f&uuml;gte hinzu: &quot;Staatssachen sollte der
+Mensch, der darein versetzt ist, sich ganz widmen, und ich m&ouml;chte doch auch
+so vieles Andere nicht fallen lassen.&quot;</p>
+
+<p>In gleichem Sinne hatte er schon in einem fr&uuml;hern Briefe an Lavater
+ge&auml;u&szlig;ert: &quot;Den guten Landes- und Hausvater w&uuml;rdest du n&auml;her nur bedauern.
+Was da auszustehen ist, spricht keine Zunge aus. Herrschaft wird Niemand
+angeboren, und der sie ererbte, mu&szlig; sie so bitter gewinnen, wie der
+Eroberer, wenn er sie haben will, und bitterer. Es versteht die&szlig; kein
+Mensch, der seinen Wirkungskreis aus sich geschaffen und ausgetrieben hat.&quot;
+Dann tr&ouml;stete er sich wieder mit dem behaglichen Gef&uuml;hl der Gesundheit. In
+einem Briefe an Lavater vom 18. M&auml;rz 1781 sprach er den Wunsch aus, da&szlig;
+Gott ihn noch lange auf dieser sch&ouml;nen Welt erhalten und ihm Kraft
+verleihen m&ouml;chte, ihr zu dienen und sie zu nutzen. &quot;Mit mir steht's gut,&quot;
+schrieb er, &quot;besonders innerlich. In weltlichen Dingen erwerb' ich t&auml;glich
+mehr Gewandtheit, und vom Geiste fallen mir t&auml;glich Schuppen und Nebel, da&szlig;
+ich denke, er m&uuml;&szlig;te ganz nackt dastehen, und doch bleiben ihm noch H&uuml;llen
+genug.&quot;</p>
+
+<p>Was ihn besonders &uuml;ber den Druck und Wechsel &auml;u&szlig;erer Lebensverh&auml;ltnisse
+erhob, war Goethe's Sinn f&uuml;r die Sch&ouml;nheiten der Natur. Mannigfachen Genu&szlig;
+bot ihm sein am Weimarischen Park gelegener Garten. &quot;Die n&auml;chsten Wochen
+des Fr&uuml;hlings,&quot; schrieb er den 9. April 1781 an Lavater, &quot;sind mir
+gesegnet. Jeden Morgen empf&auml;ngt mich eine neue Blume oder Knospe. Die
+stille, reine, immer wiederkehrende, leidenlose Vegetation tr&ouml;stet mich oft
+&uuml;ber der Menschen Noth, ihre moralischen und noch mehr physischen Uebel.&quot;
+Aehnliche Aeu&szlig;erungen enthielt ein sp&auml;terer Brief an Lavater vom 22. Juni
+1781. &quot;Glaube mir,&quot; schrieb Goethe, &quot;unsere moralische und politische Welt
+ist mit unterirdischen G&auml;ngen, Kellern und Kloaken minirt, wie eine gro&szlig;e
+Stadt zu seyn pflegt, an deren Zusammenhang und ihrer Bewohner Verh&auml;ltnisse
+wohl Niemand denkt und sinnt. Nun wird es dem, der davon einige Kundschaft
+hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einst&uuml;rzt, und dort
+einmal ein Rauch aufgeht aus einer Schlucht.&quot;</p>
+
+<p>Von solchen Betrachtungen wandte sich Goethe, wie er es schon in seiner
+Jugend gethan, zum Uebersinnlichen. &quot;Ich bin,&quot; schrieb er an Lavater,
+&quot;geneigter als Jemand, noch an eine Welt, au&szlig;er der sichtbaren, zu glauben,
+und ich habe Dichtungs- und Lebenskraft genug, sogar mein eignes
+beschr&auml;nktes Selbst zu einem Swedenborgischen Geister-Universum erweitert
+zu f&uuml;hlen. Alsdann mag ich aber gern, da&szlig; das Alberne und Ekelhafte
+menschlicher Excremente durch eine feine G&auml;hrung abgesondert, und der
+reinlichste Zustand, in den wir versetzt werden k&ouml;nnen, empfunden werde.&quot;</p>
+
+<p>Unter mannigfachen Arbeiten und Zerstreuungen war Goethe, nach seinen
+eignen Worten, wieder zur Poesie zur&uuml;ckgekehrt. Neben der noch
+unvollendeten &quot;Iphigenie&quot; besch&auml;ftigte ihn die Idee, Torquato Tasso, den
+Dichter des befreiten Jerusalems, zum Helden eines Drama's zu w&auml;hlen.
+Den Stoff zu den Umgebungen seines Schauspiels fand er an dem Hofe der
+Herzogin Amalie von Weimar. Dort lernte er den Ton kennen, der solchen
+Umgebungen ziemte. Seinem Freunde Lavater berichtete Goethe den 14.
+November 1781, er habe den ersten Act seines &quot;Tasso&quot; vollendet. &quot;Ich
+w&uuml;nsche,&quot; f&uuml;gte er hinzu, &quot;da&szlig; er auch f&uuml;r dich geschrieben seyn
+m&ouml;chte.&quot; Goethe befand sich &uuml;brigens in einer Stimmung und in
+Verh&auml;ltnissen, die der raschen F&ouml;rderung seines Werks nicht g&uuml;nstig
+schienen. &quot;Die Unruhe, in der ich lebe,&quot; schrieb er, [&quot;]l&auml;&szlig;t mich nicht
+&uuml;ber dergleichen vergn&uuml;gliche Arbeiten bleiben, und so sehe ich auch
+noch nicht den Raum vor mir, die &uuml;brigen Acte zu enden. Es geht mir, wie
+es den Verschwendern geht, die in dem Augenblicke, wenn &uuml;ber Mangel an
+Einnahme, &uuml;berspannte Schulden und Ausgaben geklagt wird, gleichsam von
+einem Geiste des Widerspruchs au&szlig;er sich gesetzt, sich in neue
+Verbindungen und Unkosten zu st&uuml;rzen pflegen.&quot;</p>
+
+<p>Treffend hatte Goethe in diesem Briefe sich selbst und die Beweglichkeit
+seines Geistes geschildert, die ihn nicht lange bei einem und demselben
+Gegenstande verweilen lie&szlig;. Auch das dramatische Interesse vermochte ihn
+nicht ausschlie&szlig;lich zu fesseln. In dem eben erw&auml;hnten Briefe meldete
+Goethe: &quot;Auf unserer Zeichnungsakademie hab' ich mir diesen Winter
+vorgenommen, mit den Lehrern und Sch&uuml;lern den Knochenbau des menschlichen
+K&ouml;rpers durchzugehen, sowohl um ihnen als mir zu n&uuml;tzen, sie auf das
+Merkw&uuml;rdige dieser einzigen Gestalt zu f&uuml;hren, und sie dadurch auf die
+erste Stufe zu stellen, das Bedeutende in der Nachahmung sichtlicher Dinge
+zu erkennen und zu suchen. Zugleich behandle ich die Knochen als einen
+Text, woran sich alles Leben und alles Menschliche anh&auml;ngen l&auml;&szlig;t; habe
+dabei den Vortheil, zweimal die Woche &ouml;ffentlich zu reden, und &uuml;ber Dinge,
+die mir werth sind, mich mit aufmerksamen Menschen zu unterhalten.[&quot;] Das
+sei, meinte er, ein Vergn&uuml;gen, dem er in dem gew&ouml;hnlichen Welt-, Gesch&auml;fts-
+und Hofleben entsagen m&uuml;&szlig;te. Seine Jahre spornten ihn zu verdoppelter
+Th&auml;tigkeit. &quot;Mit meinem Leben,&quot; schrieb er, &quot;r&uuml;ckt es stark vor, und ich
+fange nun bald an zu begreifen, warum wir, sobald wir uns hienieden
+einzurichten angefangen haben, wieder weiter m&uuml;ssen.&quot;</p>
+
+
+<p>Ueberh&auml;ufte Amtsgesch&auml;fte nahmen damals Goethe's Kr&auml;fte fast &uuml;berm&auml;&szlig;ig in
+Anspruch. Den 16. Juli 1782 schrieb er an Merk: &quot;Es geht mir, wie dem
+Treufreund in meinen V&ouml;geln. Mir wird ein St&uuml;ck des Reichs nach dem andern
+auf einem Spaziergange &uuml;bertragen. Diesmal mu&szlig; mir's nun freilich Ernst,
+sehr Ernst seyn, denn mein Herr Vorg&auml;nger hat mir viel Arbeit gemacht.
+Manchmal wird mir's sauer, denn ich stehe redlich aus. Dann denk' ich
+wieder: <span class="u">Hic est aut nusquam, quod quaerimus.</span>&quot; Auf &auml;hnliche Weise &auml;u&szlig;erte
+sich Goethe in einem sp&auml;tern Briefe vom 29. Juli 1782: &quot;Von mir hab' ich
+nichts zu sagen, als da&szlig; ich mich meinem Beruf aufopfere, in dem ich nichts
+weiter suche, als wenn es das Ziel meiner Begriffe w&auml;re.&quot;</p>
+
+<p>Von den irdischen Angelegenheiten wandte sich Goethe wieder zu dem
+Uebersinnlichen. Sein Interesse daran ward durch den Briefwechsel mit
+Lavater lebendig erhalten. &quot;Da&szlig; du&quot;, schrieb er den 4. October 1782, &quot;mir
+noch einmal den innern Zusammenhang deiner Religion vorlegen wolltest, war
+mir sehr willkommen. Wir werden ja nun wohl bald einmal einander &uuml;ber
+diesen Punkt kennen und in Ruhe lassen. Gro&szlig;en Dank verdient die Natur, da&szlig;
+sie in die Existenz eines jeden lebenden Wesens auch so viel Handlungskraft
+gelegt hat, da&szlig; es sich, wenn es an einem oder dem andern Ende zerrissen
+wird, selbst wieder zusammenflicken kann; und was sind tausendf&auml;ltige
+Religionen anders, als tausendfache Aeu&szlig;erungen dieser Heilungskraft? Mein
+Pflaster schl&auml;gt bei dir nicht an, deins nicht bei mir; in unsres Vaters
+Apotheke sind viel Recepte. So hab' ich auf deinen Brief nichts zu
+antworten, nichts zu widerlegen; aber dagegen zu stellen hab' ich vieles.
+Wir sollten einmal unsere Glaubensbekenntnisse in zwei Columnen neben
+einander setzen, und darauf einen Friedens- und Toleranzbund errichten.&quot;</p>
+
+<p>N&auml;her, als diese religi&ouml;sen Betrachtungen, lagen Goethe's Liebe zur Natur
+und seinem heitern Weltsinn seine geognostischen und mineralogischen
+Studien. Auch die Osteologie hatte er, wie bereits erw&auml;hnt, in den Kreis
+seiner Forschungen gezogen. &quot;Ich freue mich&quot;, schrieb er den 23. April 1784
+an Merk, &quot;da&szlig; du so frisch fort arbeitest in deinem Knochenwesen. Ich habe
+die Zeit &uuml;ber auch Verschiedenes <span class="u">in anatomicis</span>, wie es die Zeit erlauben
+wollte, gepfuscht, wovon ich vielleicht ehestens etwas werde produciren
+k&ouml;nnen.&quot; In einem sp&auml;tern Briefe an Merk, vom 6. August 1784, schrieb
+Goethe: &quot;Schicke mir den Sch&auml;del deiner <span class="u">Myrmecophaga</span> sobald als m&ouml;glich;
+du erzeigst mir dadurch einen au&szlig;erordentlichen Gefallen. Ich brauche ihn
+zu meiner Inauguraldisputation, durch welche ich mich in eurem <span class="u">docto
+corpore</span> zu legitimiren gesonnen bin. Das eigentliche Thema halte ich noch
+geheim, um euch eine angenehme Ueberraschung zu machen. Ich komme nunmehr
+wieder auf den Harz, und werde meine mineralogischen und oryktologischen
+Beobachtungen, in denen ich bisher unerm&uuml;det fortgefahren, immer weiter
+treiben. Ich fange an, auf Resultate zu kommen, die ich aber bis jetzt noch
+f&uuml;r mich behalte.&quot; Diese Resultate theilte Goethe bald nachher in einer in
+seinen Werken aufbewahrten Abhandlung mit, in welcher er zu beweisen
+suchte, &quot;da&szlig; den Menschen, wie den Thieren, ein Zwischenknochen der obern
+Kinnlade zuzuschreiben sei.&quot;</p>
+
+<p>Goethe's Dichtertalent schien unter so heterogenen Besch&auml;ftigungen zu
+schlummern. Die fr&uuml;her erw&auml;hnten Anf&auml;nge des &quot;Wilhelm Meister&quot; hatten lange
+geruht. Eine ganz neue Richtung erhielten Goethes Lebensverh&auml;ltnisse und
+seine Th&auml;tigkeit, als die Huld seines F&uuml;rsten ihm verg&ouml;nnte, das Land zu
+sehen, das von fr&uuml;hester Jugend an ein Gegenstand seiner Sehnsucht gewesen.
+Im September 1786 reiste er nach Italien. Dort fand sein reiches Gem&uuml;th die
+gleiche Empf&auml;nglichkeit f&uuml;r das Hohe und kindlich Liebliche, sein tiefer
+Sinn f&uuml;r Natur und Kunst die vollste Befriedigung.</p>
+
+<p>Das unvollendete Manuscript seiner &quot;Iphigenie&quot; hatte Goethe nach Italien
+mitgenommen. Dieser erste Entwurf, v&ouml;llig abweichend in der Form, die jenes
+Schauspiel sp&auml;ter erhielt, ist von A. Stahr (Oldenburg 1839) ver&ouml;ffentlicht
+worden. Goethe schrieb dar&uuml;ber den 8. September 1786: &quot;Das St&uuml;ck, wie es
+gegenw&auml;rtig da steht, ist mehr Entwurf, als Ausf&uuml;hrung; es ist in
+poetischer Prosa geschrieben, die sich manchmal in einen jambischen
+Rhythmus verliert, auch wohl andern Sylbenma&szlig;en &auml;hnelt. Dies thut freilich
+der Wirkung gro&szlig;en Eintrag, wenn man es nicht sehr gut liest und durch
+gewisse Kunstgriffe diese M&auml;ngel zu verbergen wei&szlig;. Herder legte mir dies
+so dringend an's Herz, und da ich meinen gr&ouml;&szlig;ern Reiseplan ihm, wie Allen,
+verborgen hatte, so glaubte er, es sei nur wieder von einer Bergwandrung
+die Rede, und weil er sich gegen Mineralogie und Geologie immer sp&ouml;ttisch
+&auml;u&szlig;erte, meinte er, ich sollte, statt taubes Gestein zu klopfen, meine
+Werkzeuge an diese Arbeit wenden. Jetzt sondere ich die Iphigenie aus dem
+Packet, und nehme sie mit mir in das sch&ouml;ne warme Land als Begleiterin. Der
+Tag ist so lang, das Nachdenken ungest&ouml;rt, und die herrlichen Bilder der
+Urwelt verdr&auml;ngen keineswegs den poetischen Sinn; sie rufen ihn vielmehr,
+von Bewegung und freier Luft begleitet, nur desto schneller hervor.&quot;</p>
+
+<p>Am [Am] 28. September 1786 war Goethe in Venedig angekommen. &quot;Ich bin
+hier,&quot; schrieb er, &quot;gut logirt in der K&ouml;nigin von England, nicht weit vom
+Marcusplatze. Meine Fenster gehen auf einen schmalen Canal zwischen hohen
+H&auml;usern. Gleich unter mir befindet sich eine einbogige Br&uuml;cke, und
+gegen&uuml;ber ein schmales, belebtes G&auml;&szlig;chen. So wohn' ich, und die Einsamkeit,
+nach der ich oft so sehnsuchtsvoll geseufzt, kann ich nun recht genie&szlig;en;
+denn nirgends f&uuml;hlt man sich einsamer, als im Gewimmel, wo man sich, Allen
+ganz unbekannt, durchdr&auml;ngt.&quot;</p>
+
+<p>Erm&uuml;det von einer Wandrung durch die Stadt mit ihren Can&auml;len, Br&uuml;cken und
+Br&uuml;ckchen, setzte sich Goethe am Michaelisfeste, wo eine ungeheuere
+Menschenmasse &uuml;ber den Rialto nach der Kirche zog, in eine Gondel. Durch
+den n&ouml;rdlichen Theil des gro&szlig;en Canals fuhr er in die Lagunen bis gegen den
+Marcusplatz. Er &uuml;berlie&szlig; sich seinen einsamen Betrachtungen. &quot;So war ich
+nun,&quot; schrieb er, &quot;auf einmal ein Mitherr des adriatischen Meeres, wie
+jeder Venetianer sich f&uuml;hlt, wenn er sich in seine Gondel legt. Ich
+gedachte dabei meines Vaters, der nichts Besseres wu&szlig;te, als von diesen
+Dingen zu erz&auml;hlen. Wird mir's nicht auch so gehen? Alles, was mich
+umgiebt, ist w&uuml;rdig, ein gro&szlig;es Werk versammelter Menschenkraft, ein
+herrliches Monument, nicht eines Gebieters sondern eines Volkes. Und wenn
+auch ihre Lagunen sich nach und nach ausf&uuml;llen, b&ouml;se D&uuml;nste &uuml;ber dem Sumpfe
+schweben, ihr Handel geschw&auml;cht, ihre Macht gesunken ist, so wird die ganze
+Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick dem Beobachter
+unehrw&uuml;rdig seyn. Sie unterliegt der Zeit, wie Alles, was ein erscheinendes
+Daseyn hat.&quot;</p>
+
+<p>Einen genu&szlig;reichen Abend versprach sich Goethe im Theater St. Chrysostomo.
+Die Vorstellung von Crebillon's Electra befriedigte ihn nicht, ungeachtet
+des im Allgemeinen braven Spiels. &quot;Indessen,&quot; schrieb er, &quot;hab' ich doch
+wieder gelernt. Der italienische, immer einsylbige Jambe hat f&uuml;r die
+Deklamation gro&szlig;e Unbequemlichkeit, weil die letzte Sylbe durchaus kurz
+ist, und wider den Willen des Declamators in die H&ouml;he schl&auml;gt.&quot;</p>
+
+<p>Lebhafter, als f&uuml;r die italienische B&uuml;hne, interessirte sich Goethe f&uuml;r die
+Baukunst, die, nach seinen eignen Worten, &quot;wie ein Geist aus dem Grabe
+hervorstieg.&quot; Flei&szlig;ig studirte er den Vitruv, Palladio und andere
+Schriftsteller, um so zu einer klaren Vorstellung von jenen werthvollen
+Ueberresten vergangner Zeit zu gelangen. Als er nach einem vierzehnt&auml;gigen
+Aufenthalt in Venedig am 14. October 1786 die Stadt wieder verlie&szlig;, und
+&uuml;ber Ferrara, Cento, Bologna, Lugano, Perugia, Terni und Citta nach Rom
+reiste, glaubte er sich das Zeugni&szlig; geben zu k&ouml;nnen: &quot;Ich bin nur kurze
+Zeit in Venedig gewesen, aber ich habe mir die dortige Existenz genugsam
+zugeeignet, und wei&szlig;, da&szlig; ich, wenn auch einen unvollst&auml;ndigen, doch einen
+ganz klaren und wahren Begriff mit wegnehme.&quot;</p>
+
+<p>Begeistert von dem Eindruck mehrerer Gem&auml;lde Raphael's, die er in Bologna
+betrachtet hatte, besonders einer heiligen Agathe, schrieb Goethe den 19.
+October 1786: &quot;Ich habe mir die Gestalt wohl gemerkt, und werde ihr im
+Geist meine Iphigenie vorlesen, und meine Heldin nichts sagen lassen, was
+diese Heilige nicht aussprechen m&ouml;chte.&mdash;Da ich einmal dieser s&uuml;&szlig;en B&uuml;rde
+gedenke, die ich auf meinen Wandrungen mit mir f&uuml;hre, so kann ich nicht
+verschweigen, da&szlig; zu den gro&szlig;en Kunst- und Naturgegenst&auml;nden, durch die ich
+mich durcharbeiten mu&szlig;, noch eine wundersame Folge von poetischen Gestalten
+hindurchzieht, die mich beunruhigen. Von Cento her&uuml;ber wollte ich meine
+Arbeit an Iphigenie fortsetzen; aber was geschah? Der Geist f&uuml;hrte mir das
+Argument der Iphigenie von Tauris vor die Seele, und ich mu&szlig;te es
+ausbilden. So kurz als m&ouml;glich sei es hier verzeichnet: Electra, in
+gewisser Hoffnung, da&szlig; Orest das Bild der Taurischen Diana nach Delphi
+bringen werde, erscheint in dem Tempel des Apoll, und widmet die grausame
+Axt, die so viel Unheil in Pelops Hause angerichtet, als schlie&szlig;liches
+S&uuml;hnopfer dem Gotte. Zu ihr tritt leider einer der Griechen, und erz&auml;hlt,
+wie er Orest und Pylades nach Tauris begleitet, die beiden Freunde zum Tode
+f&uuml;hren sehen, und sich gl&uuml;cklich gerettet habe. Die leidenschaftliche
+Electra kennt sich selbst nicht, und wei&szlig; nicht, ob sie gegen G&ouml;tter oder
+Menschen ihre Wuth richten soll. Indessen sind Iphigenie, Orest und Pylades
+gleichfalls in Delphi angekommen. Iphigenie'ns heilige Ruhe contrastirt gar
+merkw&uuml;rdig mit Electra's irdischer Leidenschaft, als die beiden Gestalten,
+wechselseitig unerkannt, zusammentreffen. Der entflohene Grieche erblickt
+Iphigenie'n, erkennt die Priesterin, welche die Freunde geopfert, und er
+entdeckt es Electra. Diese ist im Begriff, mit demselben Beil, welches sie
+dem Altar wieder entrei&szlig;t, Iphigenie'n zu ermorden, als eine gl&uuml;ckliche
+Wendung dieses letzte schreckliche Uebel von den Geschwistern abwendet.&quot;
+Wenn diese Scene gel&auml;nge, meinte Goethe, d&uuml;rfte nicht leicht etwas Gr&ouml;&szlig;eres
+und R&uuml;hrenderes auf der B&uuml;hne gesehen worden seyn. &quot;Aber,&quot; f&uuml;gte er hinzu,
+&quot;wo soll man H&auml;nde und Zeit hernehmen, wenn auch der Geist willig w&auml;re?&quot;</p>
+
+<p>Gro&szlig; und gewaltig war der Eindruck, den die &quot;Hauptstadt der Welt&quot; auf
+Goethe's Gem&uuml;th machte. So nannte er Rom in einem Briefe vom 1. November
+1786. In lebhafter Erinnerung an die r&ouml;mischen Prospecte im elterlichen
+Hause, schrieb Goethe: &quot;Alle Tr&auml;ume meiner Jugend seh' ich nun erf&uuml;llt, ich
+sehe die ersten Kupferbilder wieder. Was ich in Gem&auml;lden, Zeichnungen und
+Holzschnitten schon lange gekannt, steht nun beisammen vor mir. Wohin ich
+gehe, finde ich eine Bekanntschaft in einer neuen Welt. Es ist Alles, wie
+ich mir's dachte, und Alles neu. Eben dies kann ich von meinen
+Betrachtungen, von meinen Ideen sagen. Ich habe keinen ganz neuen Gedanken
+gehabt, nichts ganz fremd gefunden; aber die alten Ideen sind so bestimmt,
+so lebendig, so zusammenh&auml;ngend geworden, da&szlig; sie f&uuml;r neu gelten k&ouml;nnen.&quot;</p>
+
+<p>Zu Goethe's vorz&uuml;glichsten Bekanntschaften in Rom geh&ouml;rte der F&uuml;rst
+Lichtenstein, der italienische Dichter Monti, der besonders durch seine
+mythologischen Forschungen bekannte Schriftsteller Moritz und der
+Historienmaler Tischbein. Mit dem Letztern hatte Goethe schon fr&uuml;her in
+Briefwechsel gestanden. Durch Tischbein gelangte er zu einem klaren
+Verst&auml;ndni&szlig; und einer richtigen W&uuml;rdigung der zahlreichen und unsch&auml;tzbaren
+Gem&auml;lde Raphael's, Michel Angelo's u.A. in der Peterskirche und besonders
+in der Sixtinischen Capelle.</p>
+
+<p>Eine treuere Anh&auml;nglichkeit und eine an Schw&auml;rmerei grenzende Vorliebe f&uuml;r
+seine literarischen Erzeugnisse, besonders f&uuml;r den Werther, zeigte keiner
+von Goethe's Freunden in solchem Grade, als Moritz. Goethe interessirte
+sich lebhaft f&uuml;r ihn, und nahm innigen Antheil an seinem Schicksal, als
+Moritz durch einen ungl&uuml;cklichen Fall den Arm brach. Goethe schrieb
+dar&uuml;ber: &quot;Was ich bei diesem Leidenden als W&auml;rter, Beichtvater und
+Vertrauter, als Finanzminister und geheimer Secret&auml;r erfahren und gelernt,
+mag mir in der Folge zu Gute kommen. Die fatalsten Leiden und die edelsten
+Gen&uuml;sse gingen diese Zeit &uuml;ber immer einander zur Seite.&quot;</p>
+
+<p>Charakteristisch in mehrfacher Hinsicht war ein Schreiben, welches Goethe
+im November 1786 an den Herzog von Weimar richtete. &quot;Wie dank' ich Ihnen,&quot;
+schrieb er aus Rom, &quot;da&szlig; Sie mir diese k&ouml;stliche Mu&szlig;e geben und g&ouml;nnen. Da
+doch einmal von Jugend auf mein Geist diese Richtung genommen, so h&auml;tt' ich
+nie ruhig werden k&ouml;nnen, ohne dies Ziel zu erreichen. Mein Verh&auml;ltni&szlig; zu
+den Gesch&auml;ften ist aus meinem pers&ouml;nlichen zu Ihnen entstanden; lassen Sie
+nun ein neues Verh&auml;ltni&szlig; zu Ihnen nach so manchen Jahren aus dem bisherigen
+hervorgehen. Ich darf wohl sagen, ich habe mich in dieser Einsamkeit selbst
+wiedergefunden. Aber als was? Als K&uuml;nstler! Was ich sonst noch bin, werden
+Sie beurtheilen und nutzen. Sie haben durch Ihr fortdauerndes wirkendes
+Leben jene f&uuml;rstliche Kenntni&szlig;, wozu die Menschen zu benutzen sind, immer
+mehr erweitert und gesch&auml;rft, wie mir jeder Ihrer Briefe deutlich sehen
+l&auml;&szlig;t. Dieser Beurtheilung unterwerfe ich mich gern. Fragen Sie mich &uuml;ber
+die Symphonie, die Sie zu spielen gedenken; ich will gern und ehrlich
+jederzeit meine Meinung sagen. Lassen Sie mich an Ihrer Seite das ganze Ma&szlig;
+meiner Existenz ausf&uuml;llen, so wird meine Kraft, wie eine neu ge&ouml;ffnete,
+gesammelte, gereinigte Quelle, von einer H&ouml;he nach Ihrem Willen leicht da
+oder dorthin zu leiten seyn. Schon sehe ich, was mir die Reise gen&uuml;tzt, wie
+sie mich aufgekl&auml;rt und meine Existenz erheitert hat. Wie Sie mich bisher
+getragen, sorgen Sie ferner f&uuml;r mich. Sie thun mir mehr wohl, als ich
+selbst kann, als ich w&uuml;nschen und verlangen darf. Ich habe so ein gro&szlig;es
+und sch&ouml;nes St&uuml;ck Welt gesehen, und das Resultat ist, da&szlig; ich nur mit Ihnen
+und den Ihrigen leben mag. Ja, ich w&uuml;rde Ihnen noch mehr werden, als ich
+oft bisher war, wenn Sie mich nur das thun lassen, was Niemand als ich thun
+kann, und das Uebrige Andern auftragen. Ihre Gesinnungen, die Sie mir in
+Ihrem Briefe zu erkennen gaben, sind so sch&ouml;n, f&uuml;r mich bis zur Besch&auml;mung
+ehrenvoll, da&szlig; ich nur sagen kann: Herr, hier bin ich, mache aus deinem
+Knechte, was du willst.&quot;</p>
+
+<p>In einem sp&auml;tern Schreiben an den Herzog von Weimar sprach Goethe den
+Wunsch aus, das Land seines F&uuml;rsten nach seiner R&uuml;ckkehr &quot;als Fremder
+durchreisen zu d&uuml;rfen.&quot; Mit ganz frischem Auge, meinte er, w&uuml;rde ihn dann
+die Gewohnheit, Land und Welt zu sehen, jede Provinz betrachten lassen.
+&quot;Ich w&uuml;rde,&quot; f&uuml;gte er hinzu, &quot;mir nach meiner Art ein neues Bild machen,
+einen vollst&auml;ndigen Begriff erlangen, und mich zu jeder Art von Dienst
+gleichsam auf's neue qualificiren, zu dem mich Ihre G&uuml;te, Ihr Zutrauen
+bestimmen will. Bei Ihnen und den Ihrigen ist mein Herz und Sinn, wenn sich
+gleich die Tr&auml;ume einer Welt in die Wagschale legen. Der Mensch bedarf
+wenig; Liebe und Sicherheit seines Verh&auml;ltnisses zu dem einmal Gew&auml;hlten
+und Gegebenen kann er nicht entbehren.&quot; So bewahrte Goethe mit reiner
+Piet&auml;t die treue Anh&auml;nglichkeit und innige Verehrung f&uuml;r einen F&uuml;rsten, dem
+er sein Lebensgl&uuml;ck und die Mu&szlig;e zu seiner literarischen Th&auml;tigkeit
+verdankte.</p>
+
+<p>Flei&szlig;ig besch&auml;ftigte sich Goethe in Rom mit der Fortsetzung und Vollendung
+der Iphigenie. Zu Anfange des Jahres 1787 war er damit fertig geworden. In
+einem Briefe vom 6. Januar machte er die Orte namhaft, wo er sich
+vorzugsweise mit seiner dramatischen Dichtung besch&auml;ftigt hatte. Er schrieb
+dar&uuml;ber: &quot;Am Garda-See, als der gewaltige Mittagswind die Wellen an's Ufer
+trieb, und wo ich wenigstens so allein war, als meine Heldin am Gestade von
+Tauris, zog ich die ersten Linien der neuen Bearbeitung, die ich in Verona,
+Vicenza, Padua, am flei&szlig;igsten aber in Venedig fortsetzte. Dann aber
+gerieth die Arbeit in Stocken. Ich ward auf eine neue Erfindung gef&uuml;hrt,
+n&auml;mlich Iphigenie auf Delphi zu schreiben, was ich auch sogleich gethan
+h&auml;tte, wenn nicht die Zerstreuung und ein Pflichtgef&uuml;hl gegen das &auml;ltere
+St&uuml;ck mich davon abgehalten h&auml;tten.&quot;</p>
+
+<p>Was ihn dazu bewog, seine Iphigenie urspr&uuml;nglich in Prosa zu schreiben,
+war, nach seinen eignen Worten &quot;die Unsicherheit, in der die deutsche
+Prosodie schwebe.&quot; &quot;Es ist auffallend,&quot; schrieb er, &quot;da&szlig; wir in unserer
+Sprache nur wenige Sylben finden, die entschieden kurz oder lang sind; mit
+den &uuml;brigen verf&auml;hrt man nach Geschmack und Willk&uuml;hr.&quot; Ungeachtet dieser
+Bemerkungen gab er sp&auml;terhin seinem Schauspiel eine metrische Form. Das
+vollendete Manuscript hatte er nach Weimar gesandt, um das Urtheil seiner
+Freunde zu vernehmen. In den ruhigen Gang des St&uuml;cks konnten sie sich nicht
+sogleich finden. Sie hatten mehr leidenschaftliche Bewegung erwartet,
+&quot;etwas Berlichingisches&quot;, wie Goethe sich dar&uuml;ber &auml;u&szlig;erte. Immer dachten
+sie sich den Dichter noch in seiner poetischen Sturm- und Drangperiode, die
+l&auml;ngst f&uuml;r ihn vor&uuml;ber war.</p>
+
+<p>In einem Briefe vom 21. Februar 1787 beklagte sich Goethe, noch kein
+gr&uuml;ndliches und ersch&ouml;pfendes Urtheil &uuml;ber die Iphigenie geh&ouml;rt zu haben.
+Das k&ouml;nnte ihm, meinte er, zur Leitung dienen bei seinem &quot;Tasso&quot;, denn das
+sei doch eine &auml;hnliche Arbeit. Von diesem Schauspiel hatte er damals die
+ersten Scenen entworfen. &quot;Der Gegenstand,&quot; schrieb er, &quot;ist fast noch
+beschr&auml;nkter, als in der Iphigenie, und will daher im Einzelnen noch mehr
+ausgearbeitet seyn. Doch wei&szlig; ich noch nicht, was es werden wird. Das
+Vorhandene mu&szlig; ich ganz zerst&ouml;ren. Es hat zu lange gelegen, und weder die
+Personen, noch der Plan, noch der Ton haben mit meiner jetzigen Ansicht die
+geringste Verwandtschaft.&quot;</p>
+
+<p>Best&auml;rkt ward Goethe in diesem Entschlu&szlig; durch den Beifall, der von
+einsichtsvollen Freunden seiner Umarbeitung der Iphigenie gezollt ward. Ihn
+selbst lie&szlig; sein Schauspiel auch in der ver&auml;nderten Form unbefriedigt.</p>
+
+<p>Inde&szlig; tr&ouml;stete er sich dar&uuml;ber in einem Briefe vom 16. M&auml;rz 1787. Eine
+solche Arbeit, meinte er, werde eigentlich nie fertig; man m&uuml;sse sie f&uuml;r
+fertig erkl&auml;ren, wenn man nach Zeit und Umst&auml;nden das M&ouml;glichste gethan
+habe. &quot;Das soll mich aber,&quot; f&uuml;gte er hinzu, &quot;nicht abschrecken, mit dem
+Tasso eine &auml;hnliche Operation vorzunehmen. Lieber w&uuml;rfe ich ihn in's Feuer.
+Aber ich will bei meinem Entschlu&szlig; beharren, und da es einmal nicht anders
+ist, so wollen wir ein wunderlich Werk daraus machen.&quot;</p>
+
+<p>Besch&auml;ftigt mit seiner dramatischen Dichtung, blieb Goethe, wenn man den
+Umgang mit dem Landschaftsmaler Hackert ausnimmt, dessen Leben er sp&auml;ter so
+anziehend beschrieb, auch in Neapel &quot;dem eigensinnigen Einsiedlersinn&quot;
+treu, der ihm schon in Rom von seinen Freunden zum Vorwurf gemacht worden
+war. &quot;Freilich scheint es,&quot; schrieb er, &quot;ein wunderliches Beginnen, da&szlig; man
+in die Welt geht, um allein bleiben zu wollen.&quot; W&auml;hrend Goethe sich aber
+dem geselligen Leben entzog, streifte er in der Umgegend umher. &quot;Neapel ist
+ein Paradies,&quot; &auml;u&szlig;erte er in dem vorhin mitgetheilten Briefe. &quot;Jedermann
+lebt in einer Art von trunkener Selbstvergessenheit. Mir geht es eben so.
+Ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch.&quot;</p>
+
+<p>L&auml;ngere Zeit schwankte Goethe in dem Entschlu&szlig;, auch Sicilien zu besuchen.
+&quot;Eine Seereise,&quot; schrieb er, &quot;fehlt mir ganz in meinen Begriffen. Die
+kleine Ueberfahrt, vielleicht eine K&uuml;stenumschiffung, wird meiner
+Einbildungskraft nachhelfen und mir die Welt erweitern. Und so geh' ich
+denn Donnerstag den 29sten mit der Corvette, die ich, des Seewesens
+unkundig, in meinem vorigen Briefe zum Rang einer Fregatte erhob, nach
+Palermo.&quot;</p>
+
+<p>Von der Seekrankheit befallen, wagte sich Goethe l&auml;ngere Zeit nicht wieder
+auf's Verdeck, und mu&szlig;te so den herrlichen Anblick der K&uuml;sten und Inseln
+entbehren. &quot;Abgeschlossen von der &auml;u&szlig;ern Welt,&quot; schrieb er, &quot;lie&szlig; ich die
+innere walten, und da eine langsame Fahrt vorauszusehen war, gab ich mir
+gleich zu bedeutender Unterhaltung ein starkes Pensum auf. Die zwei ersten
+Acte des Tasso, in poetischer Prosa geschrieben, habe ich von allen
+Papieren allein mit &uuml;ber See genommen. Diese beiden Acte, schon vor
+mehreren Jahren geschrieben, hatten etwas Weichliches, Nebelhaftes, welches
+sich jedoch bald verlor, als ich, nach neueren Ansichten, die Form
+vorwalten und den Rhythmus eintreten lie&szlig;.&quot;</p>
+
+<p>Einen begeisternden Eindruck machte auf Goethe der majest&auml;tische Anblick
+des Meeres mit seinen zahllosen Inseln. In dieser lebendigen Umgebung
+glaubte er, nach seinen eignen Worten, den besten Commentar zu Homers
+Odyssee zu finden, deren Lect&uuml;re ihn damals besch&auml;ftigte. &quot;Was den Homer
+betrifft,&quot; schrieb er an Herder, &quot;so ist mir eine Decke von den Augen
+gefallen. Die Beschreibungen, die Gleichnisse u.s.w. kommen uns poetisch
+vor, und sind doch uns&auml;glich nat&uuml;rlich, aber freilich mit einer Reinheit
+und Innigkeit bezeichnet, vor der man erschrickt. Selbst die sonderbarsten
+erlogensten Begebenheiten haben eine Nat&uuml;rlichkeit, die ich nie so gef&uuml;hlt
+habe, als in der N&auml;he der betriebenen Gegenst&auml;nde. Ich m&ouml;chte den Gedanken
+kurz so ausdr&uuml;cken: <i>sie</i> stellen die Existenz dar; <i>wir</i> gew&auml;hren den
+Effect; <i>sie</i> schildern das F&uuml;rchterliche; <i>wir</i> schildern f&uuml;rchterlich;
+<i>sie</i> das Angenehme, <i>wir</i> angenehm. Daher kommt alles Uebertriebene, alle
+falsche Grazie, aller Schwulst. Wenn das, was ich sage, nicht neu ist, so
+hab' ich es doch bei neuem Anla&szlig; recht lebhaft gef&uuml;hlt. Nun ich alle diese
+K&uuml;sten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen, Felsen und
+Sandstreifen, buschige H&uuml;gel, sanfte W&auml;lder, fruchtbare Felder, geschm&uuml;ckte
+G&auml;rten, gepflegte B&auml;ume, h&auml;ngende Reben, Wolkenberge und immer heitere
+Ebenen, Klippen und B&auml;nke und das alles umgebende Meer mit so vielen
+Abwechselungen und Mannigfaltigkeiten vor mir habe&mdash;nun ist mir erst die
+Odyssee ein lebendiges Wort.&quot;</p>
+
+<p>Ergriffen von diesen Ideen, wollte Goethe in der Heldin einer Trag&ouml;die,
+&quot;Nausikaa&quot; betitelt, von welcher sich jedoch nur die zwei ersten Scenen des
+ersten Acts in Goethe's Werken erhalten haben, nach seinen eignen
+Aeu&szlig;erungen, &quot;eine treffliche, von Vielen umworbene Jungfrau darstellen,
+die keiner Neigung sich bewu&szlig;t, alle Freier bisher ablehnend behandelt,
+durch einen sittsamen Fremdling aber ger&uuml;hrt, aus ihrem Zustande
+heraustr&auml;te und durch eine voreilige Aeu&szlig;erung ihrer Neigung sich
+compromittirte.&quot; Von dieser Situation versprach sich Goethe eine gro&szlig;e
+tragische Wirkung. Der Reichthum der subordinirten Motive und besonders das
+Meer- und Inselhafte der Ausf&uuml;hrung sollte, nach Goethe's Ansicht, jener
+einfachen Fabel ein besonderes Interesse geben. Er war so ergriffen von
+seinem Gegenstande, da&szlig; er dar&uuml;ber, wie er &auml;u&szlig;erte, &quot;seinen Aufenthalt zu
+Palermo, ja den gr&ouml;&szlig;ten Theil seiner &uuml;brigen sicilianischen Reise
+vertr&auml;umte.&quot;</p>
+
+<p>Der lebendige Antheil an jenem S&uuml;jet verlor sich jedoch bald wieder. In
+einem Briefe vom 17. April 1787 beklagte sich Goethe &quot;&uuml;ber das wahrhafte
+Ungl&uuml;ck, von vielerlei Geistern verfolgt und versucht zu werden.&quot; In einem
+&ouml;ffentlichen Garten weckte die Betrachtung mehrerer dort bl&uuml;hender Gew&auml;chse
+in ihm eine alte Lieblingsidee. Er wollte, wo m&ouml;glich, unter dieser Schaar
+die Urpflanze entdecken. Eine poetische Form gab Goethe dieser Idee in
+seinem Gedicht. &quot;die Metamorphose der Pflanzen.&quot; Wissenschaftlich er&ouml;rterte
+er jenen Gegenstand in seinem 1790 gedruckten &quot;Versuch, die Metamorphose
+der Pflanzen zu erkl&auml;ren.&quot;</p>
+
+<p>Wie Goethe die Natur &uuml;berhaupt, besonders aber im</p>
+
+<p>Gegensatze zur Kunst betrachtete, zeigten die nachfolgenden Aeu&szlig;erungen in
+einem Schreiben an die Herzogin Luise von Sachsen-Weimar: &quot;Das geringste
+Product der Natur hat den Kreis seiner Vollkommenheit in sich, und ich darf
+nur Augen haben, um zu sehen, so kann ich die Verh&auml;ltnisse entdecken; ich
+bin sicher, da&szlig; innerhalb eines kleinen Cirkels eine ganze wahre Existenz
+beschlossen ist. Ein Kunstwerk hingegen hat seine Vollkommenheit au&szlig;er
+sich; das Beste liegt in der Idee des K&uuml;nstlers, die er selten oder nie
+erreicht; alles Folgende in gewissen angenommenen Gesetzen, welche zwar aus
+der Natur der Kunst und des Handwerks hergeleitet, aber doch nicht so
+leicht zu verstehen und zu entziffern sind, als die Gesetze der lebendigen
+Natur. Bei den Kunstwerken ist viel Tradition, die Naturwerke sind immer
+wie ein frisch ausgesprochenes Wort Gottes.&quot;</p>
+
+<p>Ueber die vorhin erw&auml;hnte Idee einer Metamorphose der Pflanzen erkl&auml;rte
+sich Goethe n&auml;her in einem Briefe an Herder vom M&auml;rz 1787. Er &auml;u&szlig;erte
+darin, da&szlig; er dem Geheimni&szlig; der Pflanzenerzeugung und Organisation ganz
+nahe gekommen sei, und meinte, da&szlig; es nichts Einfacheres gehen k&ouml;nnte.
+Unter dem italienischen Himmel lie&szlig;en sich dar&uuml;ber die herrlichsten
+Beobachtungen anstellen. &quot;Den Hauptpunkt, wo der Keim steckt,&quot; schrieb
+Goethe, &quot;hab' ich ganz klar und zweifellos gefunden. Alles Uebrige sah ich
+schon im Ganzen, und nur noch einige Punkte m&uuml;ssen bestimmter werden. Die
+Urpflanze wird das wunderlichste Gesch&ouml;pf von der Welt, um welches die
+Natur selbst mich beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schl&uuml;ssel dazu,
+kann man alsdann Pflanzen in's Unendliche erfinden, die consequent seyn
+m&uuml;ssen, d. h. die, wenn sie auch nicht existiren, doch existiren k&ouml;nnen,
+und nicht etwa malerische und dichterische Schatten und Scheine sind,
+sondern innerliche Wahrheit und Nothwendigkeit haben.&quot; Dasselbe Gesetz,
+meinte Goethe, werde sich auf alles &uuml;brige Lebende anwenden lassen.</p>
+
+<p>In mehreren von Goethe's damaligen Briefen regte sich die Sehnsucht, wieder
+in seine Heimath zur&uuml;ckzukehren. Besonders freute er sich auf das
+Wiedersehen Herders, mit dem er stets in innigen Verh&auml;ltnissen gelebt
+hatte. An ihn schrieb er den 17. M&auml;rz 1787. &quot;Wir sind so nahe in unserer
+Vorstellungsweise, als es m&ouml;glich ist, ohne eins zu seyn, und in den
+Hauptquellen am n&auml;chsten. Wenn du diese Zeit her viel aus dir selbst
+gesch&ouml;pft hast, so hab' ich viel erworben, und ich kann einen guten Tausch
+machen. Ich bin freilich mit meiner Vorstellung sehr an's Gegenw&auml;rtige
+geheftet, und je mehr ich die Welt sehe, desto weniger kann ich hoffen, da&szlig;
+die Menschheit je Eine weise, kluge, gl&uuml;ckliche Masse werden k&ouml;nne.
+Vielleicht ist unter den Millionen eine, die sich des Vorzugs r&uuml;hmen kann;
+bei der Constitution der unsrigen bleibt mir so wenig f&uuml;r sie, als f&uuml;r
+Sicilien bei der seinigen zu hoffen.&quot;</p>
+
+<p>In dieser Stimmung versprach sich Goethe viel von dem damals noch
+ungedruckten dritten Theil von Herders Ideen zu einer Geschichte der
+Philosophie der Menschheit. &quot;Ich glaube selbst,&quot; schrieb Goethe, &quot;da&szlig; die
+Humanit&auml;t endlich siegen wird. Nur f&uuml;rcht' ich, da&szlig; zu gleicher Zeit die
+Welt ein gro&szlig;es Hospital, und Einer des Andern humaner Krankenw&auml;rter seyn
+werde.&quot; Als ihn nun das sehnlich erwartete Buch begr&uuml;&szlig;te, schrieb er den
+12. Oktober 1787 an Herder: &quot;Den lebhaftesten Dank f&uuml;r die Ideen. Sie sind
+mir als das liebwertheste Evangelium gekommen. Die interessantesten Studien
+meines Lebens laufen da zusammen.&quot;</p>
+
+<p>Lockerer ward nach Goethe's R&uuml;ckkehr aus Italien das Band zwischen ihm und
+Herder. Was beide von einander trennte, war ihre verschiedenartige Stellung
+zu der Kantischen Philosophie, die damals ihren sich immer weiter
+ausbreitenden Einflu&szlig; geltend machte, und f&uuml;r die Wissenschaft, wie f&uuml;r
+Poesie und Kunst, ganz neue Principien aufstellte. Als Kant mit seiner
+&quot;Kritik der reinen Vernunft&quot; hervorgetreten war, erkl&auml;rte sich Herder,
+obgleich er ein Sch&uuml;ler Kant's gewesen war, f&uuml;r einen seiner
+entschiedensten Gegner. Goethe aber, obgleich er f&uuml;r Philosophie im
+strengsten Sinne des Worts eigentlich kein Organ hatte, hielt sich doch zur
+Parthei derjenigen, die mit Kant behaupteten: wenn auch alle menschliche
+Erkenntni&szlig; mit der Erfahrung beginne, so entspr&auml;nge sie darum doch nicht
+immer unbedingt aus der Erfahrung.</p>
+
+<p>W&auml;hrend seines Aufenthalts in Rom hatte Goethe mit Moritz viel &uuml;ber Kunst
+und Kunsttheorie gesprochen. Immer hatte ihm eine feste Basis gefehlt.
+Diese glaubte er in einem sp&auml;tern Werke Kant's, in der &quot;Kritik der
+Urtheilskraft&quot; zu finden. Daraus entsprang seine Vorliebe f&uuml;r die&szlig; Buch und
+seine Abneigung gegen Herder, der es ihm zu verleiden suchte. Goethe
+glaubte diesen philosophischen Studien mannigfache Belehrung zu verdanken.
+Wenn er auch im Einzelnen nicht immer mit der Vorstellungsart und Ansichten
+Kant's &uuml;bereinstimmen konnte, so schienen doch die Hauptideen in der
+&quot;Kritik der Urtheilskraft&quot; seiner Denk- und Empfindungsweise im Allgemeinen
+analog. Das innere Leben der Kunst, wie der Natur, ihr beiderseitiges
+Wirken von innen heraus schien ihm klar ausgesprochen in jenem Werke
+Kant's, das kurze Zeit jene andere Lect&uuml;re verdr&auml;ngte. Seine innere
+Ueberzeugung mu&szlig;te ihm jedoch bald sagen, da&szlig; er f&uuml;r abstracte Philosophie
+und ihre metaphysischen Tr&auml;ume nicht geschaffen sei.</p>
+
+<p>Ein h&ouml;heres Interesse gewann f&uuml;r Goethe, bald nach seiner Ankunft in
+Weimar, das frische Naturleben, besonders als seine Vorliebe f&uuml;r Botanik
+durch Batsch, G&ouml;ttling u.a. ausgezeichnete M&auml;nner in der benachbarten
+Universit&auml;tsstadt Jena aufs Neue angeregt ward. Die Aufsicht &uuml;ber die
+dortigen wissenschaftlichen Anstalten, die Einrichtung und Anordnung der
+Museen, die Pflege des botanischen Gartens gaben ihm eine ebenso angenehme,
+als lehrreiche Besch&auml;ftigung. Die Betrachtung der Natur, verbunden mit dem
+Studium der Botanik, entsch&auml;digte ihn f&uuml;r den Mangel eines Kunstlebens, wie
+er es in Italien genossen hatte. Immer kehrte Goethe, auch wenn er sich
+eine Zeit lang daraus entfernte, wieder in die&szlig; Gebiet zur&uuml;ck. Ihm blieb
+ein lebendiges Interesse, der Bildung und Umbildung organischer Naturen
+nachzuforschen. Die von ihm selbst in seiner &quot;Metamorphose der Pflanzen&quot;
+aufgestellte Theorie diente ihm dabei zum Wegweiser. Aber die Natur schien
+ihm zugleich synthetisch zu handeln, indem sie v&ouml;llig fremdartig scheinende
+Verh&auml;ltnisse einander n&auml;herte und sie zusammen in Eins verkn&uuml;pfte.</p>
+
+<p>Unter diesen Forschungen wandte sich Goethes Th&auml;tigkeit abwechselnd wieder
+zu anderweitigen Besch&auml;ftigungen. Sein poetisches Talent &uuml;bte sich, nach
+der Vollendung der &quot;Iphigenie&quot; und des &quot;Tasso&quot; an dem Trauerspiel &quot;Egmont.&quot;
+Merkw&uuml;rdig war ihm der Umstand, da&szlig; nach den Zeitungen die von ihm
+geschilderten Scenen sich in Br&uuml;ssel fast w&ouml;rtlich erneuert hatten. Noch
+vor dem Ausbruch der franz&ouml;sischen Revolution hatte die ber&uuml;chtigte
+Halsbandgeschichte, w&auml;hrend seines Aufenthalts in Italien einen tiefen
+Eindruck auf ihn gemacht. Er hatte die &uuml;ber jenen Vorfall erschienenen
+Proce&szlig;acten mit Aufmerksamkeit gelesen. Die in Sicilien von ihm gesammelten
+&quot;Nachrichten &uuml;ber Cagliostro und seine Familie&quot; benutzte Goethe zu seinem
+Lustspiel: &quot;Der Gro&szlig;cophta.&quot; Nach einzelnen, von dem Capellmeister
+Reichardt componirten Liedern zu schlie&szlig;en, h&auml;tte sich jener Stoff
+vielleicht noch besser zu einer Oper geeignet. Goethe versuchte sich inde&szlig;
+auch in der eben genannten Gattung der Poesie. Unvollendet blieb jedoch
+sein Singspiel: &quot;die ungleichen Hausgenossen.&quot; Nachkl&auml;nge seines
+Aufenthalts in Italien waren die &quot;r&ouml;mischen Elegien&quot; und die
+&quot;venetianischen Epigramme.&quot; Sie wurden jedoch erst gedichtet nach einem
+abermaligen l&auml;ngern Aufenthalt Goethe's in Rom und Venedig (1790) im
+Gefolge der Herzogin Amalie von Sachsen-Weimar.</p>
+
+<p>Kaum wieder aus Italien zur&uuml;ckgekehrt, begleitete Goethe den Herzog von
+Weimar nach Schlesien, wo die preu&szlig;ischen und &ouml;sterreichischen Gesandten
+sich auf dem Congre&szlig; zu Reichenbach versammelten. In Breslau, mitten unter
+der allgemeinen Bewegung, welche die Truppenm&auml;rsche und Man&ouml;ver der
+verschiedenen Regimenter veranla&szlig;ten, ward Goethe wieder von der alten
+Lieblingsidee ergriffen, sich v&ouml;llig zu isoliren, und mit Naturstudien,
+besonders aber mit der vergleichenden Anatomie sich zu besch&auml;ftigen. Zur
+festen Ueberzeugung ward ihm die Idee, da&szlig; ein allgemeiner, durch
+Metamorphose erzeugter Typus durch die s&auml;mmtlichen organischen Gesch&ouml;pfe
+hindurchgehe und in allen seinen Abstufungen sich beobachten lasse. In
+mehreren, zum Theil ungedruckt gebliebenen Abhandlungen zergliederte Goethe
+die&szlig; Thema. Er fand jedoch bald, da&szlig; die Aufgabe zu gro&szlig; war, um gen&uuml;gend
+gel&ouml;st zu werden. Auf andere wissenschaftliche Gegenst&auml;nde lenkte sich
+daher, als er wieder nach Weimar zur&uuml;ckgekehrt war, Goethe's Th&auml;tigkeit.
+Eine ger&auml;umige dunkle Kammer in seinem freigelegnen Wohnhause mit dem daran
+sto&szlig;enden Garten beg&uuml;nstigte seine chromatischen Untersuchungen, die damals
+ein lebhaftes Interesse f&uuml;r ihn gewonnen hatten. Zu einem besondern
+Gegenstande seiner Aufmerksamkeit machte er die prismatischen
+Erscheinungen. Die Resultate seiner Forschungen ver&ouml;ffentlichte Goethe in
+seinen &quot;optischen Beitr&auml;gen,&quot; von denen 1791 das erste St&uuml;ck erschien.</p>
+
+<p>Seinem Dichtergenius und der Liebe zur dramatischen Poesie ward er wieder
+zur&uuml;ckgegeben, als er um diese Zeit die Leitung des Weimarischen
+Hoftheaters &uuml;bernahm. Diese B&uuml;hne hatte sich aus den in Weimar
+zur&uuml;ckgebliebenen Mitgliedern der Bellomo'schen Schauspielertruppe
+gebildet, welche seit 1784 nicht ohne Beifall in der genannten Residenz
+gespielt hatte. Die unerm&uuml;dliche Th&auml;tigkeit des Concertmeisters Cranz
+verschaffte besonders den italienischen und franz&ouml;sischen Opern, welche
+Vulpius f&uuml;r das Theater bearbeitete, dort l&auml;ngere Zeit Aufnahme und
+Beifall. Besch&auml;ftigung und Unterhaltung zugleich fand Goethe, der die
+Leitung des Ganzen &uuml;bernommen hatte, in den mannigfachen Versuchen, das
+Talent der Schauspieler zu wecken, und ihrem Spiel, wie der technischen
+Einrichtung der B&uuml;hne, eine immer h&ouml;here Vollkommenheit zu geben. In diesen
+Bem&uuml;hungen unterst&uuml;tzte ihn besonders Einsiedel, der, mit gleicher Vorliebe
+f&uuml;r die Oper, im Gefolge der Herzogin Amalie aus Italien nach Weimar
+zur&uuml;ckgekehrt war. In diesem heitern Lebenskreise erhielt Goethe's Geist
+eine ernstere Richtung durch den Blick auf die damaligen Zeitereignisse
+nach dem Ausbruch der franz&ouml;sischen Revolution. In den &quot;Unterhaltungen
+deutscher Ausgewanderten,&quot; in den Lustspielen &quot;der B&uuml;rgergeneral&quot; und &quot;die
+Aufgeregten&quot;, von denen das zuletzt genannte St&uuml;ck unvollendet blieb,
+besch&auml;ftigte sich Goethe's Phantasie, einzelne Scenen des damaligen
+Kriegstheaters darzustellen, das er bald aus eigner Anschauung kennen
+lernen sollte. Es war um diese Zeit, als er den Herzog von Weimar auf dem
+Feldzuge in die Champagne begleitete. Ueber Frankfurt, Mainz, Trier und
+Luxemburg begab sich Goethe 1792 nach Longwi, welches er den 26. August
+schon eingenommen fand, von da nach Valmy und von Trier die Mosel hinab
+nach Coblenz.</p>
+
+<p>Auch in diesem vielfach bewegten und zerstreuten Leben verlor Goethe seine
+wissenschaftlichen Forschungen nicht v&ouml;llig aus den Augen. Manche
+Naturbeobachtungen und die fortgesetzte Besch&auml;ftigung mit seinen
+chromatischen Arbeiten lenkten seinen Blick von den Kriegsereignissen
+hinweg. Der Entwurf zu einer allgemeinen &quot;Farbenlehre&quot; fiel in diese Zeit.
+Aber auch Goethe's Dichtertalent regte sich wieder auf mannigfache Weise,
+unter andern in einer freien Umarbeitung des altdeutschen Gedichts
+&quot;Reinecke Fuchs,&quot; f&uuml;r welches er statt der Jamben Hexameter w&auml;hlte, um sich
+in diesem, ihm noch wenig gel&auml;ufigen Versma&szlig; auch einmal zu versuchen.</p>
+
+<p>In dem allgemeinen Kriegstumult, der ihn umgab, als er der Belagerung von
+Mainz beiwohnte, ward Goethe an die ruhigen b&uuml;rgerlichen Verh&auml;ltnisse
+seiner Vaterstadt Frankfurt erinnert durch einen Brief seiner Mutter, die
+ihm Aussichten er&ouml;ffnete zu einer durch den Tod seines Oheims Textor
+erledigten Rathsherrnstelle. Viel Lockendes hatte die Aussicht f&uuml;r ihn, in
+seiner Vaterstadt rasch empor zu steigen von einer Ehrenstufe zur andern,
+und auf die reichsst&auml;dtische Verfassung Frankfurts einen bedeutenden
+Einflu&szlig; zu gewinnen. Aber das unumschr&auml;nkte Vertrauen, das der Herzog von
+Weimar in ihn gesetzt, die mannigfachen Beweise der Huld seines F&uuml;rsten und
+ein nicht zu unterdr&uuml;ckendes Gef&uuml;hl der Dankbarkeit waren f&uuml;r ihn mehr als
+hinreichend, jenen Antrag abzulehnen. Auch t&auml;uschte er sich wohl nicht,
+wenn er den neuen Wirkungskreis, in den er treten sollte, weder seinen
+F&auml;higkeiten, noch seinen Neigungen angemessen hielt.</p>
+
+<p>Genu&szlig;reiche Tage verlebte Goethe damals mit seinem Jugendfreunde Jacobi in
+Pempelfort, wo ihn eine ger&auml;umige und geschmackvoll decorirte Wohnung mit
+einem daran sto&szlig;enden Garten empfing. Der Tag ward meistens in der freien
+Natur zugebracht. Die Abende waren gr&ouml;&szlig;tentheils der geselligen
+Unterhaltung &uuml;ber die neusten Erscheinungen im Gebiet der sch&ouml;nen Literatur
+gewidmet. Auch hier erlebte Goethe ein &auml;hnliches Schicksal, wie bei der
+ersten Mittheilung des Manuscripts seiner &quot;Iphigenie&quot;. Seine Freunde
+konnten sich nicht sogleich finden in den Ton und Charakter seiner neusten
+poetischen Producte, ungeachtet er in denselben doch mit seinem Lebensgange
+immer gleichen Schritt gehalten zu haben glaubte. Das Verh&auml;ltni&szlig; zu seinen
+Freunden ward dadurch nicht gest&ouml;rt. Er schied von ihnen mit den
+wohlthuenden Eindr&uuml;cken, welche die Betrachtung der Gem&auml;ldegallerie in dem
+benachbarten D&uuml;sseldorf auf ihn gemacht hatte.</p>
+
+<p>In Duisburg fand Goethe einen alten Bekannten wieder, den Sohn des
+Professors Plessing, den er vor sechzehn Jahren, wie fr&uuml;her erw&auml;hnt, auf
+seiner damaligen Harzreise in dem Gasthofe zu Wernigerode kennen gelernt
+hatte. Plessing hatte sich seitdem zu einem geachteten Schriftsteller
+erhoben. Aber sein fr&uuml;herer Tr&uuml;bsinn war nicht von ihm gewichen. Noch immer
+schien er nach einem Unerreichbaren zu streben. Das Gespr&auml;ch zwischen ihm
+und Goethe gerieth bald in Stocken, als die Erinnerung an fr&uuml;here
+Verh&auml;ltnisse, auf die er immer wieder zur&uuml;ckkam, ersch&ouml;pft war.</p>
+
+<p>Freundlich und zuvorkommend war die Aufnahme, welche Goethe im November
+1792 bei der vielseitig gebildeten F&uuml;rstin Amalie von Gallizin in M&uuml;nster
+fand. Die Betrachtung einer kostbaren Sammlung von geschnittenen Steinen
+veranla&szlig;te den Dichter zu der Bemerkung, da&szlig; die christliche Religion sich
+mit der bildenden Kunst von jeher in einer Art von Zwiespalt befunden habe,
+da jene sich von der Sinnlichkeit zu entfernen strebe, diese dagegen das
+sinnliche Element f&uuml;r ihren eigentlichen Wirkungskreis erkenne und darin
+verharre. Diese Idee legte Goethe dem sinnigen Gedicht: &quot;der neue Amor&quot; zum
+Grunde, welches man in der Sammlung seiner Werke findet.</p>
+
+<p>Das vielfach bewegte Reiseleben hatte Goethe wieder mit den ruhigen
+Verh&auml;ltnissen in Weimar vertauscht. Von den politischen Ereignissen, welche
+die Welt bedrohten, war er zum Theil ein Zeuge gewesen. Den B&uuml;rger, den
+Bauer, den Soldaten hatte er mit mannigfachen Drangsalen k&auml;mpfen sehen.
+Noch immer dauerten die ungeheuern Bewegungen fort, die die Revolution im
+Innern Frankreichs hervorgerufen hatte. Der Tod Ludwigs XVI. und seiner
+Gemahlin, die Greulthaten Robespierre's, Danton's und anderer damaliger
+Machthaber erf&uuml;llten die Welt mit Schrecken, und bei den raschen
+Kriegsschritten der aufgeregten franz&ouml;sischen Nation schien eine
+Ver&auml;nderung, wo nicht ein v&ouml;lliger Umsturz aller bestehenden Verh&auml;ltnisse
+zu f&uuml;rchten. Ueberall h&ouml;rte man von Kriegsr&uuml;stungen und von Fl&uuml;chtlingen,
+die in ihrer Heimath bedroht, anderswo ein Asyl suchten. Vergebens bot
+Goethe seiner Mutter einen ruhigen Aufenthalt in Weimar an. Sie f&uuml;hlte
+keine Besorgni&szlig; f&uuml;r ihre eigne Person, tr&ouml;stete sich durch Bibelstellen,
+und wollte sich durchaus nicht trennen von ihrer Vaterstadt Frankfurt, mit
+der sie, wie Goethe sich ausdr&uuml;ckte, &quot;ganz eigentlich zusammengewachsen
+war.&quot;</p>
+
+<p>Von dem bewegten Treiben der Au&szlig;enwelt wandte sich Goethe, seiner
+Gewohnheit nach, wieder zu mannigfachen literarischen Besch&auml;ftigungen. Das
+Gedicht &quot;Reinecke Fuchs&quot; ward um diese Zeit vollendet. Auch der Druck des
+ersten Bandes von &quot;Wilhelm Meisters Lehrjahren&quot; hatte begonnen. Seinen
+botanischen und mineralogischen Studien widmete sich Goethe ebenfalls
+wieder mit gro&szlig;em Eifer. Erfreulich war f&uuml;r ihn in dieser Hinsicht der
+unterhaltende und belehrende Umgang mit G&ouml;ttling, Batsch, Voigt und andern
+Professoren der Universit&auml;t Jena. Ein besonderer Gegenstand seiner
+Aufmerksamkeit war das Bergwesen in Ilmenau, und mancher Ausflug in jene
+Gegend ward von ihm unternommen. Goethe freute sich &uuml;ber die Fortschritte
+jenes Unternehmens, die bei beschr&auml;nkten Mitteln freilich nur m&auml;&szlig;ig seyn
+konnten.</p>
+
+<p>Unstreitig das wichtigste Ereignis in Goethe's Leben war das um diese Zeit
+(1794) sich entwickelnde n&auml;here Verh&auml;ltni&szlig; zu Schiller. Aus entschiedener
+Abneigung gegen die fr&uuml;hern Producte dieses Dichters, die ihn an die
+poetische Sturm- und Drangperiode erinnerten, der er l&auml;ngst entwachsen war,
+hatte er sich bisher von Schiller entfernt gehalten. Zwar war er ihm 1789
+beh&uuml;lflich gewesen zu einer Professur in Jena, aber an ein n&auml;heres
+Verh&auml;ltni&szlig; schienen beide nicht zu denken. Ein philosophisches Gespr&auml;ch in
+einer Sitzung der von dem Professor Batsch in Jena gegr&uuml;ndeten
+naturforschenden Gesellschaft bewirkte die erste Ann&auml;herung der beiden
+Dichter. Das von Schiller damals herausgegebene Journal: &quot;die Horen&quot; ward
+das vermittelnde Band zwischen ihm und Goethe, der ebenfalls Beitr&auml;ge zu
+jener Zeitschrift lieferte.</p>
+
+<p>Das Verh&auml;ltni&szlig; zwischen beiden Dichtern ward bald immer inniger. An
+Schillers Arbeiten nahm Goethe das lebhafteste Interesse, das durch die
+Uebereinstimmung ihrer Ideen immer wieder aufs neue angeregt ward. Ueber
+eine damals noch ungedruckte Abhandlung Schillers schrieb Goethe den 4.
+September 1794: &quot;Ich habe Ihre Entwickelung des Erhabenen mit vielem
+Vergn&uuml;gen gelesen, und mich daraus aufs neue &uuml;berzeugt, da&szlig; uns nicht
+allein dieselben Gegenst&auml;nde interessiren, sondern da&szlig; wir auch in der Art,
+sie anzusehen, meistens &uuml;bereinkommen. Ueber alle Hauptpunkte, seh' ich,
+sind wir eins, und was die Abweichungen, die Standpunkte, die Verbindungen
+des Ausdrucks betrifft, so zeugen diese von dem Reichthum des Objects und
+der ihm correspondirenden Mannigfaltigkeit der Subjecte.&quot; Dieser Brief
+enthielt zugleich eine an Schiller gerichtete Einladung, nach Weimar zu
+kommen, und in Goethe's Hause zu wohnen. &quot;Wir unterhielten uns&quot;, schrieb
+Goethe, &quot;s&auml;hen Freunde, die uns am &auml;hnlichsten gesinnt w&auml;ren, und w&uuml;rden
+nicht ohne Nutzen von einander scheiden.&quot; Schillers Individualit&auml;t
+ber&uuml;cksichtigend f&uuml;gte Goethe noch hinzu: &quot;Sie sollen ganz nach ihrer Art
+und Weise leben, und sich ganz wie zu Hause einrichten.&quot; Schiller folgte
+jener Einladung, und Goethe schrieb den 1. October 1794: &quot;Nach unserer
+vierzehnt&auml;gigen Conferenz wissen wir nun, da&szlig; wir in Prinzipien einig sind,
+und die Kreise unsers Empfindens, Denkens und Wirkens theils coincidiren,
+theils sich ber&uuml;hren.&quot;</p>
+
+<p>Zur Aufnahme in die von Schiller herausgegebenen &quot;Horen&quot; sandte Goethe,
+seine &quot;r&ouml;mischen Elegien&quot;, zwei &quot;Episteln&quot;, denen noch eine dritte folgen
+sollte, und andere poetische Beitr&auml;ge. Auch zu einigen Aufs&auml;tzen hoffte er
+noch Mu&szlig;e zu finden unter der fortw&auml;hrenden Besch&auml;ftigung mit seinem
+&quot;Wilhelm Meister.&quot; &quot;Zu kleinen Erz&auml;hlungen&quot;, schrieb er den 27. November
+1794, &quot;hab' ich gro&szlig;e Lust, nach der Last, die einem so ein Pseudo-Epos,
+wie der Roman, auferlegt. Ich denke dabei wie die Erz&auml;hlerin in der Tausend
+und Einen Nacht zu verfahren.&quot;</p>
+
+<p>Lebhaft interessirte sich Goethe f&uuml;r Schillers &quot;Briefe &uuml;ber &auml;sthetische
+Erziehung.&quot; Diese Abhandlung harmonirte im Wesentlichen mit seinen eignen
+Ansichten und Ideen. Er schrieb dar&uuml;ber den 26. October 1794: &quot;Wie uns ein
+k&ouml;stlicher, unserer Natur analoger Trank willig hinunterschleicht und auf
+der Zunge schon durch gute Stimmung des Nervensystems seine heilsame
+Wirkung zeigt, so waren mir diese Briefe angenehm und wohlth&auml;tig, und wie
+sollte es anders seyn, da ich das, was ich f&uuml;r recht seit langer Zeit
+erkannt, auf eine so zusammenh&auml;ngende und edle Weise vorgetragen fand. In
+diesem behaglichen Zustande h&auml;tte mich ein Billet Herders beinahe gest&ouml;rt,
+der uns, die wir an dieser Vorstellungsart Freude haben, gern einer
+Einseitigkeit beschuldigen m&ouml;chte. Da man aber im Reiche der Erscheinungen
+es &uuml;berhaupt nicht so genau nehmen darf, und es immer schon tr&ouml;stlich genug
+ist, mit einer Anzahl gepr&uuml;fter Menschen eher zum Nutzen als Schaden seiner
+selbst und seiner Zeitgenossen zu irren, so wollen wir getrost und
+unverr&uuml;ckt so fortleben, und wirklich und in unserm Seyn und Wollen ein
+Ganzes denken, um unser St&uuml;ckwerk nur einigerma&szlig;en vollst&auml;ndig zu machen.&quot;</p>
+
+<p>Treffend bezeichnete Goethe so seine unvollendeten literarischen Arbeiten.
+Der &quot;Faust&quot;, zu dessen Fortsetzung ihn Schiller ermuntert hatte, ruhte
+l&auml;ngst. &quot;Ich wage nicht,&quot; schrieb Goethe, &quot;das Packet aufzuschn&uuml;ren, das
+ihn gefangen h&auml;lt.&quot; Seine Th&auml;tigkeit zersplitterte sich in mannigfachen
+Pl&auml;nen und Entw&uuml;rfen, die er gro&szlig;entheils f&uuml;r die &quot;Horen&quot; auszuf&uuml;hren
+gedachte. Einer seiner gehaltvollsten Beitr&auml;ge f&uuml;r dieses Journal waren die
+bisher ungedruckt gebliebenen &quot;Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter.&quot;
+Den Werth und Gehalt seiner Producte machte Goethe fast ohne Ausnahme von
+Schillers Urtheil abh&auml;ngig. Durch ihn gewann er auch das fast verlorene
+Vertrauen zu seinem Roman wieder. Er glaubte, als er denselben begann, das
+Publikum zu Anforderungen berechtigt zu haben, die er sich nicht zu
+erf&uuml;llen getraute.</p>
+
+<p>Beruhigt &uuml;ber das im Allgemeinen g&uuml;nstig lautende Urtheil Schillers, dem er
+einen Theil des Manuscripts gesandt hatte, schrieb Goethe an ihn den 10.
+December 1794: &quot;Sie haben mir sehr wohl gethan durch das gute Zeugni&szlig;, da&szlig;
+sie dem ersten Buche meines Romans geben. Nach den sonderbaren Schicksalen,
+welche diese Production von innen und au&szlig;en gehabt hat, w&auml;re es kein
+Wunder, wenn ich ganz und gar confus dar&uuml;ber w&uuml;rde. Ich habe mich zuletzt
+blos an meine Idee gehalten, und will mich freuen, wenn sie mich aus diesem
+Labyrinth herausleitet.&quot; Schiller war ihm hierzu durch seinen Rath
+beh&uuml;lflich, und dankbar erkannte er des Freundes Bem&uuml;hungen. Er gewann
+dadurch wieder Muth zur Fortsetzung seines Werks. Ein Brief vom 11. M&auml;rz
+1795 enthielt das Gest&auml;ndni&szlig;, da&szlig; er den gr&ouml;&szlig;ten Theil des vierten Buchs
+vom &quot;Wilhelm Meister&quot; zum Druck abgesandt, und au&szlig;erdem noch eine Novelle,
+&quot;der Procurator&quot;, geschrieben habe.</p>
+
+<p>Aus dem Carlsbade zur&uuml;ckgekehrt, wohin ihn im Juni 1795 seine
+Kr&auml;nklichkeit, besonders katarrhalische Zuf&auml;lle gen&ouml;thigt hatten, unternahm
+Goethe h&auml;ufige Ausfl&uuml;ge nach Jena. Au&szlig;er Schiller fand er dort auch
+Alexander und Wilhelm von Humboldt. Er verlebte in Jena genu&szlig;reiche Tage.
+Naturwissenschaftliche Betrachtungen wechselten mit Gespr&auml;chen &uuml;ber Poesie
+und Kunst. Zur Fortsetzung des &quot;Wilhelm Meister&quot; und zu Beitr&auml;gen f&uuml;r die
+&quot;Horen&quot; ermunterte ihn Schiller, so wenig auch dessen Erwartungen die
+genannte Zeitschrift entsprach. Schiller hatte von jenem Journal eine
+allgemein verbreitete gro&szlig;artige Wirkung gehofft, und stie&szlig; dagegen von
+Seiten des Publikums &uuml;berall auf Mangel an Empf&auml;nglichkeit und auf
+kleinliche Ansichten. Goethe theilte seines Freundes Begeistrung f&uuml;r alles
+Treffliche, den lebendigen Ha&szlig; gegen falschen Geschmack und gegen jede
+Beschr&auml;nkung der Wissenschaft und Kunst. Entr&uuml;stet &uuml;ber die kalte Aufnahme
+der &quot;Horen&quot; und &uuml;ber die einseitige Beurtheilung dieser Zeitschrift in
+mehreren kritischen Bl&auml;ttern, schrieb Goethe: &quot;Ueberall spukt doch dieser
+Geist anma&szlig;licher Halbheit. Welch eine sonderbare Mischung von Selbstbetrug
+und Klarheit diese Personen zu ihrer Existenz brauchen, und was dieser
+Cirkel sich f&uuml;r eine Terminologie gemacht hat, um das zu beseitigen, was
+ihnen nicht ansteht, und das, was sie besitzen, als die Schlange Mosis
+aufzustellen, ist in der That merkw&uuml;rdig.&quot;</p>
+
+<p>In solcher Stimmung vereinigte sich Goethe mit Schiller zur Abfassung der
+unter dem Namen &quot;Xenien&quot; bekannten Epigramme. Ein damaliger Brief Schillers
+bezeichnete sie als &quot;wilde Satyre, besonders gegen Schriftsteller und
+schriftstellerische Producte gerichtet, untermischt mit einzelnen
+poetischen und philosophischen Gedankenblitzen.&quot; Lebhaft ergriff Goethe
+diese von ihm ausgegangene Idee. Er schrieb dar&uuml;ber an Schiller den 23.
+December 1795: &quot;Den Einfall, auf alle Zeitschriften Epigramme zu machen,
+wie die Xenien des Martial sind, der mir diese Tage zugekommen ist, m&uuml;ssen
+wir cultiviren, und eine solche Sammlung in Ihren Musenalmanach des
+n&auml;chsten Jahres bringen.&quot;</p>
+
+<p>Nur auf wenige subordinirte Geister hatte sich anfangs der Witz in den
+erw&auml;hnten Epigrammen beschr&auml;nkt. Der Stoff breitete sich jedoch immer mehr
+aus, und die Pfeile der Satyre verschonten auch nicht Namen, die der
+deutschen Literatur zur Ehre gereichten. Die bedeutendsten unter den
+zahlreichen Gegenschriften, welche die Xenien veranla&szlig;ten, waren von Gleim,
+Claudius, Jenisch, Dyk, Manso u.A. Mit vielem Scharfsinn und mit der
+feinsten Ironie suchte Wieland, der ebenfalls in den Xenien nicht geschont
+worden war, in einem gedruckten Briefe einen Freund zu &uuml;berzeugen, da&szlig;
+Schiller und Goethe, nach ihren bisherigen ausgezeichneten Producten,
+unm&ouml;glich die Verfasser der Xenien seyn k&ouml;nnten. Ueber die
+Gewissensscrupel, durch die das in jenen Producten mitunter verletzte
+Zartgef&uuml;hl sich an seinem Freunde Schiller r&auml;chte, setzte sich Goethe's
+heiterer Weltsinn hinweg. &quot;Da&szlig; man,&quot; schrieb er, &quot;nicht &uuml;berall mit uns
+zufrieden seyn sollte, war ja unsere Absicht, und da das literarische
+Faustrecht noch nicht abgeschafft ist, so bedienen wir uns der reinen
+Befugni&szlig;, uns selbst Recht zu verschaffen. Ich erwarte nur, da&szlig; mir Jemand
+etwas merken l&auml;&szlig;t, wo ich mich denn so lustig und artig als m&ouml;glich
+expectoriren werde.&quot;</p>
+
+<p>Neben den &quot;Xenien&quot; entstanden damals mehrere Gedichte Goethe's, die zu dem
+Trefflichsten geh&ouml;ren, was die deutsche Poesie aufzuweisen hat, so unter
+andern die Elegie &quot;Alexis und Dora&quot;, und, durch einen Wetteifer mit
+Schiller veranla&szlig;t, mehrere Balladen: &quot;die Braut von Corinth, der Gott und
+die Bajadere, das Bl&uuml;mlein Wundersch&ouml;n, der Junggesell und der M&uuml;hlbach,
+der M&uuml;llerin Verrath&quot; u.a.m. Auch mehrere humoristische Gedichte fielen in
+diese Zeit, wie unter andern das bekannte Tischlied: &quot;Mich ergreift, ich
+nicht wie u.s.w.&quot; F&uuml;r die &quot;Horen&quot; lieferte Goethe, au&szlig;er andern Beitr&auml;gen,
+einzelne Fragmente aus seiner damals noch unvollendeten Biographie des
+Florentinischen Goldschmids &quot;Benvenuto Cellini.&quot; Immer aber blieb der
+&quot;Wilhelm Meister&quot; seine Hauptbesch&auml;ftigung.</p>
+
+<p>In Bezug auf Schillers kritische Bemerkungen &uuml;ber das ihm mitgetheilte
+Manuscript seines Romans, bemerkte Goethe treffend: &quot;Der Fehler, den Sie
+mit Recht bemerken, kommt aus meiner innersten Natur, aus einem gewissen
+realistischen Tic, durch den ich meine Existenz, meine Handlungen, meine
+Schriften den Menschen aus den Augen zu r&uuml;cken behaglich finde. So werde
+ich immer gern incognito reisen, das geringere Kleid vor dem bessern
+w&auml;hlen, den unbedeutenden Gegenstand oder doch den weniger bedeutenden
+Ausdruck vorziehen, mich leichtsinniger betragen, als ich bin, und mich so,
+ich m&ouml;chte sagen, zwischen mich selbst und meine eigene Erscheinung
+stellen. Nach dieser allgemeinen Beichte will ich gern zur besondern
+&uuml;bergehen, da&szlig; ich ohne Ihren Antrieb und Ansto&szlig; wider besser Wissen und
+Gewissen, mir auch diese Eigenheit bei einem Roman h&auml;tte hingehen lassen,
+welches denn doch bei dem ungeheuren Aufwande, der darauf gemacht ist,
+unverzeihlich gewesen w&auml;re, da alles das, was gefordert werden kann, theils
+so leicht zu erkennen, theils so bequem zu machen ist. Es ist keine Frage,
+da&szlig; die scheinbaren, von mir ausgesprochenen Resultate viel beschr&auml;nkter
+sind, als der Inhalt des Werks, und ich komme mir vor, wie einer, der,
+nachdem er viele und gro&szlig;e Zahlen &uuml;ber einander gestellt, endlich
+muthwillig selbst Additionsfehler macht, um die letzte Summe, Gott wei&szlig;,
+aus was f&uuml;r einer Grille, zu verringern. Ich bin Ihnen den lebhaftesten
+Dank schuldig, da&szlig; Sie noch zur rechten Zeit, auf eine so entschiedene Art,
+diese perverse Manier zur Sprache bringen, und ich werde gewi&szlig;, in wiefern
+es mir m&ouml;glich ist, Ihren gerechten W&uuml;nschen entgegen gehen.&quot;</p>
+
+<p>Ueber die einseitigen Urtheile, welche seinen Roman, den er 1796 vollendet
+hatte, von mehreren Seiten trafen, machte sich Goethe in den unmuthigen
+Worten Luft: &quot;M&ouml;chte bei solchen Aeu&szlig;erungen nicht die Hippokrene zu Eis
+erstarren, und Pegasus sich mausern! Doch das war vor f&uuml;nf und zwanzig
+Jahren, als ich anfing, eben so, und wird so seyn, wenn ich lange geendigt
+habe. Inde&szlig; ist es nicht zu leugnen, da&szlig; es doch aussieht, als wenn gewisse
+Einsichten und Grunds&auml;tze, ohne die man sich eigentlich keinem Kunstwerke
+n&auml;hern sollte, nach und nach allgemeiner werden m&uuml;&szlig;ten.&quot;</p>
+
+<p>Den Eindruck, den die mannigfachen, gegen die &quot;Xenien&quot; gerichteten
+Brosch&uuml;ren auf ihn gemacht hatten, schilderte Goethe in einem Briefe an
+Schiller vom 7. December 1796. &quot;Wenn ich aufrichtig seyn soll,&quot; schrieb er,
+&quot;so ist das Betragen des Volks ganz nach meinem Wunsch. Es ist eine nicht
+genug gekannte und ge&uuml;bte Politik, da&szlig; Jeder, der auf einigen Nachruhm
+Anspruch macht, seine Zeitgenossen zwingen soll, alles, was sie gegen ihn
+in <span class="u">petto</span> haben, von sich zu geben. Den Eindruck davon vertilgt er durch
+die Gegenwart, Leben und Wirken jederzeit wieder. Was half es manchem
+bescheidenen, verdienstvollen und klugen Manne, den ich &uuml;berlebt habe, da&szlig;
+er durch unglaubliche Nachgiebigkeit, Unth&auml;tigkeit, Schmeichelei, R&uuml;cken
+und Zurechtlegen einen leidlichen Ruf zeitlebens erhielt? Gleich nach dem
+Tode sitzt der Advokat des Teufels neben dem Leichnam, und der Engel, der
+ihm Widerpart halten soll, macht gew&ouml;hnlich eine kl&auml;gliche Gebehrde. Ich
+hoffe, da&szlig; die Xenien auch eine ganze Weile wirken, und den b&ouml;sen Geist
+gegen uns in Th&auml;tigkeit erhalten werden. Wir wollen inde&szlig; unsere positiven
+Arbeiten fortsetzen, und ihm die Negation &uuml;berlassen. Nicht eher, als bis
+sie ganz ruhig sind und sicher zu seyn glauben, m&uuml;ssen wir, wenn der Humor
+frisch bleibt, sie noch einmal recht aus dem Fundament &auml;rgern.&quot;</p>
+
+<p>Dieser Vorsatz unterblieb. Einen w&uuml;rdigern Gebrauch machte Goethe von
+seinem poetischen Talent in dem epischen Gedicht &quot;Hermann und Dorothea,&quot;
+das er um diese Zeit entworfen hatte. Er schrieb dar&uuml;ber den 18. Januar
+1797 an Schiller, die wunderbare Epoche, in der er eingetreten, sei ihm
+h&ouml;chst merkw&uuml;rdig. &quot;Ich schleppe von der analytischen Zeit noch so vieles
+mit, das [da&szlig;] ich es nicht loswerden und kaum verarbeiten kann. Indessen
+bleibt mir nichts &uuml;brig, als auf diesem Strom mein Fahrzeug so gut zu
+lenken, als es nur gehen will. In's Ferne und Ganze l&auml;&szlig;t sich nichts
+voraussagen, da diese regulirte Naturkraft, wie alle unregulirten, durch
+nichts in der Welt geleitet werden kann, sondern sich selbst bilden mu&szlig;,
+auch aus sich selbst und auf ihre Weise wirkt.[&quot;]</p>
+
+<p>Goethe blieb seiner Natur und schnell wechselnden Geistesrichtung treu.
+Schon eilf Tage sp&auml;ter, am 29. Januar, beklagte er sich, &quot;da&szlig; f&uuml;r ihn an
+keine &auml;sthetische Stimmung zu denken sei.&quot; Seine Th&auml;tigkeit wandte sich
+wieder zu wissenschaftlichen Gegenst&auml;nden. &quot;Die Farbentafeln,&quot; schrieb er,
+&quot;schlie&szlig;en sich immer fester an einander, und in Betrachtung organischer
+Naturen bin ich auch nicht m&uuml;&szlig;ig gewesen. Es leuchten mir in diesen langen
+N&auml;chten ganz wundersame Lichter. Ich hoffe, es sollen keine Irrlichter
+seyn.&quot; In einem sp&auml;tern Briefe an Schiller vom 8. Februar 1797 gestand
+Goethe, er sei wie ein Ball, den eine Stunde der andern zuwerfe. &quot;In den
+Fr&uuml;hstunden,&quot; schrieb er, &quot;suche ich die letzte Lieferung des Benvenuto
+Cellini zu bearbeiten. Ueber die Metamorphose der Insekten gelingen mir
+allerlei gute Bemerkungen. Die Raupen, die ich im Winter in der warmen
+Stube hielt, erscheinen schon nach und nach als Schmetterlinge, und ich
+suche sie auf dem Wege zu dieser neuen Verwandlung zu ertappen.&quot;</p>
+
+<p>In diese stillen Besch&auml;ftigungen griffen die damaligen politischen
+Ereignisse st&ouml;rend ein. Die mannigfachen Truppenm&auml;rsche der europ&auml;ischen
+M&auml;chte lie&szlig;en auf den nahen Ausbruch eines allgemeinen Kriegs schlie&szlig;en.
+Erst als die Besorgnisse allm&auml;lig verschwanden, gewann Goethe wieder Muth
+zur Fortsetzung seines noch unvollendeten Gedichts &quot;Hermann und Dorothea.&quot;
+Unterbrochen ward er jedoch darin durch physische Leiden, besonders durch
+einen hartn&auml;ckigen Katarrh, der ihn w&auml;hrend seines Aufenthalts in Jena
+heimsuchte. An Schiller schrieb er den 27. Februar 1797: &quot;Ich bin wirklich
+mit Hausarrest belegt, sitze am warmen Ofen, und friere von innen heraus.
+Der Kopf ist mir eingenommen, und meine ganze Intelligenz w&auml;re nicht im
+Stande, durch einen freien Denkactus den einfachsten Wurm zu produciren;
+vielmehr mu&szlig; sie dem Salmiak und dem Liquiriziensaft, als Dingen, die an
+sich den h&auml;&szlig;lichsten Geschmack haben, wider ihren Willen die Existenz
+zugestehen. Wir wollen hoffen, da&szlig; wir aus der Erniedrigung dieser realen
+Bedr&auml;ngnisse zur Herrlichkeit poetischer Darstellungen n&auml;chstens gelangen
+werden, und glauben dies um so sicherer, als uns die Wunder der stetigen
+Naturwirkungen bekannt sind.&quot;</p>
+
+<p>Am 1. M&auml;rz 1797 meldete Goethe, da&szlig; &quot;der Katarrh zwar im Abmarsch sei,&quot; er
+aber noch das Zimmer h&uuml;ten m&uuml;&szlig;te. &quot;Die Gewohnheit&quot;, schrieb er, &quot;f&auml;ngt an,
+mir diesen Aufenthalt ertr&auml;glich zu machen.&quot; Er &auml;u&szlig;erte in diesem Briefe
+die Hoffnung, sein Gedicht &quot;Hermann und Dorothea,&quot; wovon er den vierten
+Gesang vollendet habe, gl&uuml;cklich zu Ende zu bringen. &quot;So verschm&auml;hen also,&quot;
+schrieb er, &quot;die Musen den asthenischen Zustand nicht, in welchem ich mich
+durch das Uebel versetzt f&uuml;hle. Vielleicht ist es gar ihren Einfl&uuml;ssen
+g&uuml;nstig.&quot; Bereits am 4. M&auml;rz meldete Goethe, da&szlig; die Arbeit fortr&uuml;cke, und
+schon anfange, Masse zu machen. &quot;Nur auf zwei Tage,&quot; schrieb er, &quot;kommt es
+noch an, so ist der Schatz gehoben, und ist er erst einmal &uuml;ber der Erde,
+so findet sich alsdann das Poliren von selbst.&quot; Merkw&uuml;rdig sei es, f&uuml;gte
+Goethe hinzu, wie das Gedicht gegen das Ende sich ganz zu seinem
+idyllischen Ursprung hinneige.</p>
+
+<p>Die Erfindung, die Wahl des Stoffs hielt Goethe bei jedem poetischen Werke
+f&uuml;r die Hauptsache. Form und Darstellung, meinte er, seien nur Nebendinge.
+Er schrieb dar&uuml;ber an Schiller den 5. April 1797: &quot;Sie haben ganz Recht,
+da&szlig; in den Gestalten der alten Dichtkunst, wie in der Bildhauerkunst, ein
+Abstractum erscheint, das seine H&ouml;he nur durch das, was man Styl nennt,
+erreichen kann. Es giebt auch Abstracta durch Manier, wie bei den
+Franzosen. Auf dem Gl&uuml;ck der Fabel beruht freilich alles; man ist wegen des
+Hauptaufwandes sicher, die meisten Leser und Zuschauer nehmen dann doch
+nichts weiter davon, und dem Dichter bleibt doch das ganze Verdienst einer
+lebendigen Ausf&uuml;hrung, die desto flei&szlig;iger seyn kann, je besser die Fabel
+ist.&quot;</p>
+
+<p>Abgelenkt ward Goethe wieder von der Besch&auml;ftigung mit seinem Epos durch
+eine jugendliche Lieblingsidee, die in ihm auftauchte. Die Bibel ward f&uuml;r
+ihn ein Gegenstand mannigfacher Forschungen. &quot;Indem ich den
+patriarchalischen Ueberresten nachsp&uuml;rte,&quot; schrieb er den 12. April 1797,
+&quot;bin ich in das Alte Testament gerathen, und habe mich auf's Neue nicht
+genug verwundern k&ouml;nnen &uuml;ber die Confusion und die Widerspr&uuml;che der f&uuml;nf
+B&uuml;cher Mosis, die freilich, wie bekannt, aus hunderterlei schriftlichen und
+m&uuml;ndlichen Traditionen zusammengestellt seyn m&ouml;gen. Ueber den Zug der
+Kinder Israel in der W&uuml;ste hab' ich einige artige Bemerkungen gemacht, und
+es ist der verwegene Gedanke in mir entstanden, ob nicht die gro&szlig;e Zeit,
+welche sie darin zugebracht haben, erst eine sp&auml;tere Erfindung sei.&quot;</p>
+
+<p>N&auml;her erkl&auml;rte sich Goethe hier&uuml;ber in einem Briefe vom 15. April 1797.
+&quot;Noch immer,&quot; schrieb er, &quot;hab' ich die Kinder Israel in der W&uuml;ste
+begleitet. Meine kritisch-historisch-poetische Arbeit geht davon aus, da&szlig;
+die vorhandenen B&uuml;cher sich selbst widersprechen und sich selbst verrathen;
+und der ganze Spa&szlig;, den ich mir mache, l&auml;uft dahin hinaus, das menschlich
+Wahrscheinliche von dem Absichtlichen und blos Imaginirten zu sondern, und
+doch f&uuml;r meine Meinung &uuml;berall Belege aufzufinden. Alle Hypothesen dieser
+Art bestehen blos durch das Nat&uuml;rliche des Gedankens und durch die
+Mannigfaltigkeit der Ph&auml;nomene, auf die er sich gr&uuml;ndet.&quot; Es sei ihm, f&uuml;gte
+Goethe hinzu, &quot;recht wohl zu Muthe, wieder einmal etwas auf kurze Zeit zu
+haben, bei dem er mit Interesse im eigentlichen Sinne des Worts spielen
+k&ouml;nne, denn die Poesie, wie er sie seit einiger Zeit treibe, sei doch eine
+gar zu ernste Besch&auml;ftigung.&quot;</p>
+
+<p>Neben diesen Bibelstudien, bei denen ihm Eichhorn's Einleitung in das Alte
+Testament wesentliche Dienste leistete, hatten sich die einzelnen Ges&auml;nge
+von &quot;Hermann und Dorothea&quot; nach und nach zu einem Ganzen gerundet. An
+Schiller schrieb Goethe den 28. April 1797: &quot;Mein Gedicht ist fertig. Es
+besteht aus zweitausend Hexametern, und ist in neun Ges&auml;nge getheilt, und
+ich sehe darin wenigstens einen Theil meiner W&uuml;nsche erf&uuml;llt. Die h&ouml;chste
+Instanz, vor der es gerichtet werden kann, ist die, vor welche der
+Menschenmaler seine Compositionen bringt, und es wird die Frage seyn, ob
+man unter dem modernen Cost&uuml;m meines Gedichts die wahren &auml;chten
+Menschenproportionen anerkennen werde. Der Gegenstand selbst ist &auml;u&szlig;erst
+gl&uuml;cklich, ein S&uuml;jet, wie man es in seinem Leben nicht zweimal findet; wie
+denn &uuml;berhaupt die Gegenst&auml;nde zu wahren Kunstwerken seltener gefunden
+werden, als man denkt, woher auch die Alten sich nur best&auml;ndig in einem
+gewissen Kreise bewegen. In der Lage, in der ich mich befinde, habe ich mir
+zugeschworen, an nichts mehr Theil zu nehmen, als an dem, was ich so in
+meiner Gewalt habe, wie ein Gedicht, wo man wei&szlig;, da&szlig; man zuletzt nur sich
+zu tadeln oder zu loben hat; an einem Werke, an dem man, wenn der Plan
+einmal gut ist, nicht das Schicksal des Penelopeischen Schleiers erlebt.
+Leider l&ouml;sen in allen &uuml;brigen Dingen einem die Menschen gew&ouml;hnlich wieder
+auf, was man mit gro&szlig;er Sorgfalt gewoben hat, und das Leben gleicht jener
+beschwerlichen Art zu wallfahrten, wo man drei Schritte vor, und zwei
+zur&uuml;ck thun mu&szlig;.&quot;</p>
+
+<p>So wenig auch Goethe's individuelle Natur, die Vielseitigkeit seines
+Geistes ihm erlaubte, bei dem in diesem Briefe ausgesprochenen Entschlusse
+ernstlich zu beharren, so schien er doch diesmal demselben treu bleiben zu
+wollen. &quot;Ich habe,&quot; schrieb er den 22. Juni 1797, &quot;mich entschlossen, an
+meinen Faust zu gehen, und ihn, wo nicht zu vollenden, doch wenigstens um
+ein gutes Theil weiter zu bringen, indem ich das, was gedruckt ist, wieder
+aufl&ouml;se, und es mit dem, was schon fertig oder erfunden ist, in gro&szlig;e
+Massen disponire, und so die Ausf&uuml;hrung des Plans, der eigentlich nur eine
+Idee ist, n&auml;her vorbereite. Nun hab' ich eben diese Idee und deren
+Darstellung wieder vorgenommen, und bin mit mir selbst ziemlich einig. Da
+die verschiedenen Theile dieses Gedichts in Absicht auf die Stimmung
+verschieden behandelt werden k&ouml;nnen, wenn sie sich nur dem Geist und Ton
+des Ganzen subordiniren, und da &uuml;brigens die ganze Arbeit subjectiv ist, so
+kann ich in einzelnen Momenten mich damit besch&auml;ftigen, und so bin ich auch
+jetzt etwas zu leisten im Stande. Ich werde vorerst die gro&szlig;en erfundenen
+und halb bearbeiteten Massen zu enden, und mit dem, was gedruckt ist,
+zusammen zu stellen suchen, und so lange treiben, bis sich der Kreis selbst
+ersch&ouml;pft.&quot;</p>
+
+<p>Unterbrochen ward Goethe's Besch&auml;ftigung mit dem &quot;Faust&quot;, so wie seine
+ganze literarische Th&auml;tigkeit durch eine Reise nach der Schweiz. Den 30.
+Juli 1797 verlie&szlig; er Weimar. Unterwegs besch&auml;ftigte ihn die genaue
+Betrachtung der Gegenden, besonders in Bezug auf Geognosie und die darauf
+gegr&uuml;ndete Cultur des Bodens. Genu&szlig;reiche Tage verlebte er in seiner
+Vaterstadt Frankfurt. Unter mehreren Bekanntschaften, die er dort theils
+ankn&uuml;pfte, theils erneuerte, war besonders S&ouml;mmering f&uuml;r ihn belehrend
+durch seine geistreiche Unterhaltung, durch Pr&auml;parate und Zeichnungen. Zur
+Ausf&uuml;hrung einiger poetischen Entw&uuml;rfe fehlte ihm die n&ouml;thige Stimmung, die
+er erst nach der R&uuml;ckkehr von einem ruhigen Zustande erwartete. Von
+Frankfurt a.M. ging er &uuml;ber Heidelberg, Heilbronn und Ludwigsburg nach
+Stuttgart, wo er den kunstliebenden Kaufmann Rapp und die Bildhauer
+Dannecker und Scheffauer kennen lernte. In der Schweiz, wohin er sich im
+September 1797 begab, fand sein poetisches Talent mannigfache Anregung
+durch die Betrachtung der sch&ouml;nen Natur. &quot;Herrliche Stoffe zu Idyllen und
+Elegien,&quot; schrieb er, &quot;habe ich aufgefunden, und Einiges schon wirklich
+gemacht.&quot; Am l&auml;ngsten verweilte er bei der Idee, den Befreier der Schweiz
+zum Helden eines epischen Gedichts zu w&auml;hlen. Er schrieb dar&uuml;ber den 14.
+October 1797: &quot;Ich bin fest &uuml;berzeugt, da&szlig; die Fabel vom Tell sich werde
+episch behandeln lassen, und es w&uuml;rde daher, wenn es mir, wie ich vorhabe,
+gelingt, der sonderbare Fall eintreten, da&szlig; das M&auml;hrchen durch die Poesie
+erst zu seiner vollkommnen Wahrheit gelangte, anstatt da&szlig; man sonst, um
+etwas zu leisten, die Geschichte zur Fabel machen mu&szlig;. Das beschr&auml;nkte,
+h&ouml;chst bedeutende Local, worauf die Begebenheit spielt, hab' ich mir wieder
+recht genau vergegenw&auml;rtigt, so wie die Charaktere, Sitten und Gebr&auml;uche
+der Menschen in diesen Gegenden, so gut in der kurzen Zeit m&ouml;glich,
+beobachtet, und es kommt nun auf gut Gl&uuml;ck an, ob aus diesem Unternehmen
+etwas werden kann.&quot;</p>
+
+<p>Andere Gegenst&auml;nde verdr&auml;ngten die Ausf&uuml;hrung dieser Idee. Inde&szlig; meinte
+Goethe doch, da&szlig; nur ein wenig Gewohnheit dazu geh&ouml;re, die literarische
+Th&auml;tigkeit, an die man daheim gew&ouml;hnt sei, auch ausw&auml;rts fortzusetzen.
+&quot;Wenn die Reise,&quot; schrieb er, &quot;zu gewissen Zeiten zerstreut, so f&uuml;hrt sie
+uns zu andern Zeiten desto schneller auf uns selbst zur&uuml;ck. Der Mangel an
+&auml;u&szlig;eren Verh&auml;ltnissen und Verbindungen, ja die lange Weile ist demjenigen
+g&uuml;nstig, der manches zu verarbeiten hat. Die Reise gleicht einem Spiel; man
+empf&auml;ngt mehr oder weniger, als man hofft, man kann ungest&ouml;rt eine Weile
+hinschlendern, und dann ist man wieder gen&ouml;thigt, sich einen Augenblick
+zusammenzunehmen. F&uuml;r Naturen, wie die meinige, die sich gern festsetzen
+und die Dinge festhalten, ist eine Reise unsch&auml;tzbar; sie belebt,
+berichtigt, belehrt und bildet.&quot;</p>
+
+<p>Bei seiner R&uuml;ckkehr nach Weimar widmete Goethe vorzugsweise seine
+Aufmerksamkeit dem Theater. Sein Interesse an der B&uuml;hne, durch die
+schriftliche und m&uuml;ndliche Unterhaltung mit Schiller immer auf's neue
+belebt, ward noch h&ouml;her gesteigert, als Iffland im April 1798 eine Reihe
+von gl&auml;nzenden Darstellungen gab. Vielfach th&auml;tig war Goethe bei dem neuen
+Theatergeb&auml;ude, das damals durch den Architekten Thouret aus Stuttgart in
+Weimar errichtet und mit einem Prolog Schillers er&ouml;ffnet ward, welchem eine
+Vorstellung von Wallensteins Lager folgte. Goethe f&uuml;hlte sich der
+dramatischen Gattung seit l&auml;ngerer Zeit entfremdet. Er gestand dies in
+einem Briefe an Schiller vom 9. December 1797. &quot;Ohne ein lebhaftes
+pathologisches Interesse,&quot; schrieb er, &quot;ist es mir nie gelungen, irgend
+eine tragische Situation zu bearbeiten, und ich habe sie daher eher
+vermieden, als aufgesucht. Sollte es wohl auch einer von den Vorz&uuml;gen der
+Alten gewesen seyn, da bei uns die Naturwahrheit mitwirken mu&szlig;, um ein
+solches Wesen hervorzubringen? Ich kenne mich zwar nicht selbst genug, um
+zu wissen, ob ich eine wahre Trag&ouml;die schreiben k&ouml;nnte; ich erschrecke aber
+blos vor dem Unternehmen, und bin &uuml;berzeugt, da&szlig; ich mich durch den blo&szlig;en
+Versuch zerst&ouml;ren k&ouml;nnte.&quot;</p>
+
+<p>In der Beilage zu einem an Schiller gerichteten Briefe hatte Goethe den
+Unterschied zwischen epischer und dramatischer Dichtung scharf bezeichnet.
+Doch blieb er der erstern treu, weil sie mit seinen Naturanlagen mehr
+harmonirte. Das fortgesetzte Studium des Homer f&uuml;hrte ihn zu dem Entwurf
+eines epischen Gedichts unter dem Titel &quot;Achilleis&quot;, das jedoch unvollendet
+blieb. Den 6. December 1797 schrieb Goethe: &quot;Ich habe diese Tage
+fortgefahren, die Ilias zu studiren, und zu &uuml;berlegen, ob zwischen ihr und
+der Odyssee nicht noch eine Epop&ouml;e inne liege. Ich finde aber eigentlich
+nur tragische Stoffe, es sei nun, da&szlig; es wirklich so ist, oder da&szlig; ich nur
+den epischen nicht finden kann. Das Lebensende des Achill mit seinen
+Umgebungen lie&szlig;e eine epische Behandlung zu, und forderte sie gewisserma&szlig;en
+wegen der Breite des zu bearbeitenden Stoffs. Nun w&uuml;rde die Frage
+entstehen, ob man wohl thue, einen tragischen Stoff ebenfalls episch zu
+behandeln. Es l&auml;&szlig;t sich allerlei daf&uuml;r und dagegen sagen. Was den Effect
+betrifft, so w&uuml;rde ein Neuer, der f&uuml;r Neue arbeitet, immer dabei im
+Vortheil seyn, weil man ohne pathologisches Interesse sich wohl schwerlich
+den Beifall der Zeit erwerben wird.&quot;</p>
+
+<p>Noch in mehreren seiner Briefe kam Goethe wieder auf diese Idee zur&uuml;ck, die
+er jedoch, der Ermunterungen Schillers ungeachtet, nicht realisirte.
+Dankbar erkannte er jedoch des Freundes wohlth&auml;tigen Einflu&szlig; auf seine
+poetische Th&auml;tigkeit. Er schrieb dar&uuml;ber den 6. Januar 1798 an Schiller:
+&quot;Das g&uuml;nstige Zusammentreffen unsrer beiden Naturen hat uns schon manchen
+Vortheil verschafft. Wenn ich Ihnen zum Repr&auml;sentanten mancher Objecte
+diente, so haben Sie mich von der allzustrengen Beobachtung der &auml;u&szlig;ern
+Dinge und ihrer Verh&auml;ltnisse auf mich selbst zur&uuml;ckgef&uuml;hrt. Sie haben mich
+die Vielseitigkeit des innern Menschen mit mehr Billigkeit anzuschauen
+gelehrt, Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft, und mich zum Dichter
+gemacht, welches zu seyn ich so gut als aufgeh&ouml;rt hatte.&quot;</p>
+
+<p>Seine poetische Unfruchtbarkeit erkl&auml;rte sich Goethe aus den noch immer
+fortdauernden Nachwirkungen seines zerstreuten Reiselebens. &quot;Das Material,
+das ich erbeute,&quot; schrieb er, &quot;kann ich zu nichts brauchen, und ich bin
+au&szlig;er aller Stimmung gekommen, irgend etwas zu thun. Ich erinnere mich aus
+fr&uuml;herer Zeit eben solcher Wirkungen, und es ist mir aus manchen F&auml;llen und
+Umst&auml;nden wohl bekannt, da&szlig; Eindr&uuml;cke bei mir sehr lange wirken m&uuml;ssen, bis
+sie zum poetischen Gebrauch sich willig finden lassen. Ich habe auch
+deshalb ganz pausirt, und erwarte nun, was mir mein erster Aufenthalt in
+Jena bringen wird.&quot;</p>
+
+<p>Die erwartete poetische Ausbeute bestand jedoch nur in einzelnen kleinen
+Gedichten, unter denen die &quot;Weissagungen des Bakis&quot; vielleicht die
+bedeutendsten waren. Goethe wandte sich zur bildenden Kunst. Ihn
+besch&auml;ftigten die Vorarbeiten zur Herausgabe einer Zeitschrift, &quot;die
+Propyl&auml;en&quot; betitelt. Gleichzeitig setzte er die Biographie des &quot;Benvenuto
+Cellini&quot; fort, als Anhaltspunkt der Geschichte des sechzehnten
+Jahrhunderts. Daran reihten sich mannigfache andere Besch&auml;ftigungen, die in
+der rauhen und unfreundlichen Witterung des Januar ihm die Zeit verk&uuml;rzten.
+Er nahm unter andern seine &quot;Farbenlehre&quot; wieder zur Hand.</p>
+
+<p>Seinem Freunde Schiller kam er aufmunternd entgegen durch das lebhafte
+Interesse an dem &quot;Wallenstein.&quot; Gemeinschaftlich mit Schiller entwarf er
+die Idee, mehrere &auml;ltere Schauspiele dem Geschmack der neuern Zeit zu
+n&auml;hern, und sie in einer Umbildung auf die B&uuml;hne zu bringen. Dem deutschen
+Theater sollte dadurch zu einem soliden Repertoir verholfen werden. Goethe
+machte hiezu den Anfang mit seiner Uebersetzung des Mahomet und Tancred von
+Voltaire, Schiller mit der Umarbeitung von Shakespeare's [Shakspeare's]
+Macbeth.</p>
+
+<p>Durch den Beifall, mit welchem Schillers &quot;Wallenstein,&quot; seine &quot;Maria
+Stuart&quot; u.a. seiner sp&auml;tern dramatischen Werke bei der Vorstellung auf der
+B&uuml;hne aufgenommen wurden, f&uuml;hlte sich Goethe ermuntert, in einer ihm seit
+mehrern Jahren beinahe fremd gewordenen Gattung sich wieder zu versuchen.
+Die Memoiren der Stephanie von Bourbon boten ihm den Stoff zu einer
+Trag&ouml;die, die er sp&auml;ter unter dem Titel &quot;die nat&uuml;rliche Tochter&quot; herausgab.
+Nach seinem eignen Gest&auml;ndni&szlig; wollte er darin &quot;wie in einem Gef&auml;&szlig; alles
+niederlegen, was er &uuml;ber die franz&ouml;sische Revolution und ihre Folgen theils
+gedacht, theils niedergeschrieben hatte.&quot; W&auml;hrend der Besch&auml;ftigung mit
+diesem Werke blieb er th&auml;tig f&uuml;r die &quot;Propyl&auml;en.&quot; Manche Mu&szlig;estunde widmete
+er auch, durch Schelling's Naturphilosophie angeregt, verschiedenen damit
+zusammenh&auml;ngenden Studien. Aus seiner Gartenwohnung am sogenannten Stern,
+einem Theil des Weimarischen Parks, beobachtete er durch ein
+Spiegeltelescop den Mondwechsel mit seinen wunderbaren Erscheinungen.
+Daneben besch&auml;ftigte ihn die Lect&uuml;re von Herder's &quot;Fragmenten zur
+Geschichte der Literatur&quot;, von &quot;Winkelmanns Briefen&quot; und von Milton's
+&quot;verlorenem Paradiese&quot;, um, nach seinem eignen Gest&auml;ndni&szlig;, &quot;die
+mannigfachsten Zust&auml;nde, Denk- und Dichtweisen sich zu vergegenw&auml;rtigen.&quot;</p>
+
+<p>Wie Goethe die Literatur &uuml;berhaupt, insonderheit aber die Poesie
+betrachtete, zeigte folgende Stelle in einem Briefe vom 6. M&auml;rz 1800: &quot;Was
+die gro&szlig;en Anforderungen betrifft, die man jetzt an den Dichter macht, so
+glaube ich, da&szlig; sie nicht leicht einen Dichter hervorbringen werden. Die
+Dichtkunst verlangt ein Subject, das sie aus&uuml;ben soll, eine gewisse
+gutm&uuml;thige, in's Reale verliebte Beschr&auml;nktheit, hinter welcher das
+Absolute verborgen liegt. Die Forderungen von oben herein zerst&ouml;ren jenen
+unschuldigen productiven Zustand, und setzen vor lauter Poesie an die
+Stelle der Poesie etwas, das nun ein f&uuml;r allemal nicht Poesie ist, wie wir
+in unsern Tagen leider gewahr werden, und so verh&auml;lt es sich mit den
+verwandten K&uuml;nsten, ja mit der Kunst im weitesten Sinne. Dies ist mein
+Glaubensbekenntnis welches &uuml;brigens keine weitern Anspr&uuml;che macht.&quot;</p>
+
+<p>Unter den mannigfachen Besch&auml;ftigungen, auf die sich die Vielseitigkeit
+seines Geistes lenkte, &uuml;berraschte ihn eins der tr&uuml;bsten Ereignisse, der
+Tod Schillers am 9. Mai 1805. Mit seiner eigenen Kr&auml;nklichkeit hatte Goethe
+den Freund unter seinen physischen Leiden zu tr&ouml;sten gesucht. Scherzend
+schrieb er ihm den 24. Januar 1805: &quot;Ob nach der alten Lehre die <span class="u">humores
+peccantis</span> im K&ouml;rper herumspazieren, oder ob nach der neuern die
+verh&auml;ltni&szlig;m&auml;&szlig;ig schw&auml;chern Theile in <span class="u">d&eacute;savantage</span> sind, genug, bei mir
+hinkt es bald hier, bald dort, und sind die Unbequemlichkeiten in den
+Ged&auml;rmen in's Diaphragma, von da in die Brust, ferner in den Hals und so
+weiter in's Auge gefahren, wo sie mir denn am allerwenigsten willkommen
+sind.&quot;</p>
+
+<p>Die scherzhafte Stimmung in diesem Briefe wich bald dem Gef&uuml;hl der Wehmuth
+und Trauer bei dem lange gef&uuml;rchteten Verlust seines Freundes. Als Goethe,
+mehrere Wochen an sein Zimmer gefesselt, zu Anfange Mai sich zum ersten Mal
+aus dem Hause wagte, traf er Schiller, der eben im Begriff war, in's
+Theater zu gehen. &quot;Ein Mi&szlig;behagen,&quot; erz&auml;hlt Goethe selbst, &quot;hinderte mich,
+ihn zu begleiten, und so schieden wir vor seiner Hausth&uuml;r, um uns nie
+wiederzusehen. Bei dem Zustande meines K&ouml;rpers und Geistes wagte Niemand,
+die Nachricht von seinem Scheiden in meine Einsamkeit zu bringen. Schiller
+war am neunten Mai verschieden, und ich nun von allen meinen Uebeln doppelt
+und dreifach angefallen.&quot; Seine Stimmung schilderte folgende Stelle in
+einem Briefe vom 1. Juni 1805. &quot;Ich dachte mich selbst zu verlieren, und
+verliere einen Freund, und in demselben die H&auml;lfte meines Daseyns.
+Eigentlich&quot;, f&uuml;gte er hinzu, &quot;sollte ich eine neue Lebensweise anfangen.
+Aber dazu ist in meinen Jahren auch kein Weg mehr. Ich sehe also jetzt
+jeden Tag unmittelbar vor mich hin, ohne an eine weitere Folge zu denken.&quot;</p>
+
+<p>Mehr als jemals, f&uuml;hlte Goethe das Bed&uuml;rfnis einer anhaltenden Th&auml;tigkeit.
+Manche Hindernisse stellten sich der Ausf&uuml;hrung des Plans entgegen, das von
+Schiller unvollendet zur&uuml;ckgelassene Trauerspiel &quot;Demetrius&quot; zu beenden.
+Unterst&uuml;tzt durch mehrere sch&auml;tzbare Beitr&auml;ge F.A. Wolfs gab Goethe damals
+(1805) das f&uuml;r die Kunstgeschichte wichtige Werk: &quot;Winkelmann und sein
+Jahrhundert&quot; heraus, und gleichzeitig einen aus dem Franz&ouml;sischen
+&uuml;bersetzten Dialog Diderots, unter dem Titel: &quot;Rameau's Neffe.&quot;</p>
+
+<p>Tr&uuml;be Tage brachte ihm die Schlacht bei Jena am 14. October 1806 und die
+allgemeine Pl&uuml;nderung, welche die Stadt Weimar traf. Mitten unter jenen
+Kriegsst&uuml;rmen reichte Goethe, in bereits vorger&uuml;cktem Alter einer
+vielj&auml;hrigen Freundin am Altar die Hand. Es war Christiane Vulpius, eine
+Schwester des bekannten Romanschriftstellers und nachherigen
+Oberbibliothekars in Weimar.</p>
+
+<p>Neben einer genauen Durchsicht seiner bisherigen Schriften, die in einer
+zw&ouml;lfb&auml;ndigen Gesammtausgabe 1806 erschienen, besch&auml;ftigte sich Goethe mit
+seinen wissenschaftlichen Forschungen, vor allen mit seiner &quot;Farbenlehre,&quot;
+die 1808 mit einer Zueignung an die Herzogin Louise von Sachsen-Weimar ans
+Licht trat. Jene Forschungen weckten in ihm die Idee zu einem Roman, in
+welchem er unter dem Titel &quot;die Wahlverwandtschaften&quot; nach seinem eignen
+Gest&auml;ndni&szlig;, &quot;das Leben von seiner t&auml;glichen Licht- und Schattenseite
+darstellen, und zugleich die Macht begreiflich machen wollte, die das Spiel
+geheimer Naturgesetze &uuml;ber menschliche Verh&auml;ltnisse aus&uuml;bt.&quot; Die von ihm
+begonnene Biographie des Landschaftsmalers Philipp Hackert, mit dem er in
+Rom genu&szlig;reiche Tage verlebt hatte, trat in den Hintergrund durch Goethe's
+Besch&auml;ftigung mit seiner Selbstbiographie, die er unter dem Titel:
+&quot;Dichtung und Wahrheit aus meinem Leben&quot; in mehrern B&auml;nden herausgab.
+Ungeachtet seiner Abneigung gegen alle politischen Tendenzen, verewigte
+Goethe die Befreiung seines Vaterlandes von franz&ouml;sischer Botm&auml;&szlig;igkeit
+durch das Festspiel: &quot;Des Epimenides Erwachen&quot;, das zuerst in Berlin
+vorgestellt ward. Die Stimmung, in welcher er dies St&uuml;ck, welchem eine alte
+griechische Mythe zum Grunde lag, gedichtet hatte, kehrte ihm wieder, und
+er verfa&szlig;te die Inschrift f&uuml;r das dem F&uuml;rsten Bl&uuml;cher in seiner Vaterstadt
+Rostock errichtete Denkmal.</p>
+
+<p>Das Interesse an botanischen und mineralogischen Studien ward in Goethe
+erhalten durch seine j&auml;hrlich nach Carlsbad und T&ouml;plitz unternommenen
+Badereisen, zu denen ihn sein Gesundheitszustand n&ouml;thigte. Einer seiner
+Freunde erz&auml;hlte, wie er unterwegs aus dem Wagen gestiegen sei und mit
+einem Hammer Steine zerklopft habe. Seine Vaterstadt Frankfurt, die er nach
+siebzehn Jahren (1814) zum ersten mal wieder besuchte, ehrte ihn durch eine
+Vorstellung seines &quot;Tasso&quot;, und feierte auf eine noch gl&auml;nzendere Weise
+(1818) seinen siebzigsten Geburtstag durch Ueberreichung eines goldenen
+Lorbeerkranzes, der an Werth die Summe von 1500 Fl. &uuml;berstiegen haben soll.
+Goethe dankte seinen Verehrern durch das in seinen Werken aufbewahrte
+Gedicht: &quot;Die Feier des 28. August dankbar zu erwiedern.&quot;</p>
+
+<p>Das von ihm unter dem Titel: &quot;Kunst und Alterthum&quot; 1816 herausgegebene
+Journal, welches kurze Reiseberichte, und Recensionen &uuml;ber neuere Werke der
+Dichtkunst, Malerei und Plastik enthielt, war eine Art von Fortsetzung der
+Aufs&auml;tze, die Goethe fr&uuml;her in Verbindung mit den Weimarischen
+Kunstfreunden in den &quot;Propyl&auml;en&quot; und in der Allgemeinen Literaturzeitung
+mitgetheilt hatte. F&uuml;r den Theil seiner Studien, dem er seit fr&uuml;her Jugend
+unver&auml;ndert treu geblieben war, gr&uuml;ndete er eine, in einzelnen Heften
+fortlaufende Zeitschrift: &quot;Zur Morphologie und Naturwissenschaft &uuml;berhaupt&quot;
+betitelt. Das Gebiet der Poesie, aus dem er sich l&auml;ngere Zeit entfernt
+hatte, betrat er wieder in einer Art von Fortsetzung seines Romans &quot;Wilhelm
+Meister&quot;, die er unter dem Titel &quot;Wilhelm Meisters Wanderjahre&quot; herausgab.
+In eigent&uuml;mlicher Weise suchte er in seinem &quot;West&ouml;stlichen Divan&quot; die
+orientalische Poesie auf den deutschen Boden zu verpflanzen. An der B&uuml;hne
+und ihren Vorstellungen nahm er wenig Antheil mehr. Das Auftreten eines
+Thieres in dem bekannten Drama. &quot;Der Hund des Aubry&quot; hielt er f&uuml;r eine so
+tiefe Herabw&uuml;rdigung der B&uuml;hne, da&szlig; er sich dadurch bewogen fand, 1817 die
+bisher von ihm gef&uuml;hrte Theaterdirection niederzulegen.</p>
+
+<p>Die ruhige Besonnenheit und Klarheit, die seinem Geiste stets eigen war und
+die sich im h&ouml;hern Alter noch steigerte, vermi&szlig;te Goethe in der neuern
+Literatur. Mit der Richtung, die sie genommen, konnte er sich eben so wenig
+befreunden, als mit den eigenth&uuml;mlichen Fortschritten der Cultur &uuml;berhaupt.
+Nicht ohne Bitterkeit &auml;u&szlig;erte er sich dar&uuml;ber in einem Briefe vom 9. Juni
+1825 mit den Worten: &quot;Alles ist jetzt ultra, alles transcendirt
+unaufhaltsam, im Denken, wie im Thun. Niemand kennt sich mehr. Niemand
+begreift das Element, worin er schwebt und wirkt, Niemand den Stoff, den er
+bearbeitet. Von reiner Einfalt kann die Rede nicht seyn; einf&auml;ltiges Zeug
+giebt es genug. Junge Leute werden viel zu fr&uuml;h aufgeregt, und dann im
+Zeitstrom fortgerissen. Reichthum und Schnelligkeit ist es, was die Welt
+bewundert. Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle m&ouml;glichen
+Facilit&auml;ten der Communication sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht,
+sich zu &uuml;berbilden, und dadurch in der Mittelm&auml;&szlig;igkeit zu verharren.
+Eigentlich ist es das Jahrhundert f&uuml;r die f&auml;higen K&ouml;pfe, f&uuml;r
+leichtfassende, practische Menschen, die, mit einer gewissen Gewandtheit
+ausgestattet, ihre Superiorit&auml;t &uuml;ber die Menge f&uuml;hlen, wenn sie gleich
+selbst nicht zum H&ouml;chsten begabt sind.&quot;</p>
+
+<p>Eine ruhigere Stimmung herrschte in einem Briefe Goethe's vom 3. November
+1825. &quot;Von mir,&quot; schrieb er, &quot;kann ich so viel sagen, da&szlig; ich, meinem Alter
+und Umst&auml;nden nach, wohl zufrieden seyn darf. Die Verhandlungen wegen einer
+neuen Ausgabe meiner Werke geben mir mehr als billig zu thun; sie sind nun
+ein ganzes Jahr im Gange. Alles l&auml;&szlig;t sich aber so gut an, und verspricht
+den Meinigen unerwartete Vortheile, um derentwillen es wohl der M&uuml;he werth
+ist, sich zu bem&uuml;hen. Auch fehlt es nicht mitunter an guten Gedanken und
+neuen Ansichten, zu denen man auf der H&ouml;he des Lebens gelangt.&quot;</p>
+
+<p>Erhalten ward Goethe in dieser heitern Stimmung durch seinen lebhaften
+Antheil an zwei Dichtern des Auslandes, mit denen er um diese Zeit in
+schriftliche Ber&uuml;hrung kam. Den Italiener Manzoni, f&uuml;r dessen Trag&ouml;die:
+&quot;Der Graf von Carmagnola,&quot; sich Goethe lebhaft interessirte, nannte er in
+einem seiner Briefe &quot;einen Dichter, der verdiene, da&szlig; man ihn studire.&quot;
+Durch die eigent&uuml;mliche Art und Weise, wie der Lord Byron die dem &quot;Faust&quot;
+zu Grunde liegende Idee des unbefriedigten Strebens eines reichen, aber in
+sich zerfallenen Gem&uuml;ths f&uuml;r das Drama: &quot;Manfred&quot; benutzt hatte, lenkte
+sich Goethe's Aufmerksamkeit auf diesen Dichter, dessen gro&szlig;es poetisches
+Talent er zwar anerkannte, doch zugleich sich wieder von ihm zur&uuml;ckgesto&szlig;en
+f&uuml;hlte durch Byron's an Verzweiflung grenzende Unzufriedenheit mit der Welt
+und ihren Verh&auml;ltnissen.</p>
+
+<p>Zu den erfreulichsten Erscheinungen f&uuml;r Goethe in seinem h&ouml;heren Alter
+geh&ouml;rte die durch zahlreiche Gedichte seiner Freunde und Verehrer und durch
+sonstige werthvolle Gaben gefeierte Wiederkehr seines Geburtstages. Innig
+freute er sich, da&szlig; sein Talent noch immer eine Anerkennung fand zu einer
+Zeit, wo eine einseitige und befangene Kritik ihm seinen wohlverdienten
+Dichterruhm zu schm&auml;lern suchte. Zu einer allgemeinen und w&uuml;rdigen Feier,
+nicht blos in Weimar, sondern auch in mehreren andern St&auml;dten Deutschlands
+ward Goethe's Jubelfest im Jahr 1825. Die funfzigste Wiederkehr des Tages,
+an welchem Goethe in den Weimarischen Lebenskreis eingetreten war, sollte
+zugleich als sein Dienstjubil&auml;um gefeiert werden. Dies geschah auf den
+Wunsch seines F&uuml;rsten, dem er ein halbes Jahrhundert hindurch seine treue
+Gesinnung als Staatsmann, Dichter, Rathgeber und Freund im h&ouml;chsten Sinne
+des Worts in mannigfacher Weise beth&auml;tigt hatte. Aehnliche Festlichkeiten,
+von denen eine in Weimar erschienene Schrift eine ausf&uuml;hrliche Beschreibung
+lieferte, hatten einige Monate fr&uuml;her, den 5. November 1825 bei dem durch
+Goethe mehrfach verherrlichten Regierungsjubil&auml;um seines F&uuml;rsten statt
+gefunden.</p>
+
+<p>Goethe war dadurch seiner gewohnten stillen Th&auml;tigkeit entzogen worden. Die
+Nachwirkungen jener ger&auml;uschvollen Tage schien er noch lange zu empfinden.
+Er schrieb dar&uuml;ber den 16. November 1825: &quot;Wie der Eindruck des Ungl&uuml;cks
+durch die Zeit gemildert wird, so bedarf das Gl&uuml;ck auch dieses wohlth&auml;tigen
+Einflusses. Erst nach und nach erhole ich mich vom 7. November. Solchen
+Tagen sucht man sich im Augenblick m&ouml;glichst gleich zu stellen, f&uuml;hlt aber
+erst hinterher, da&szlig; eine solche Anstrengung nothwendig einen abgespannten
+Zustand zur Folge hat. Ich bin h&ouml;chst bedr&auml;ngt, zwar nicht von Sorgen, aber
+doch von Besorgungen, und das kann sich zuletzt zu einem Grade steigern,
+da&szlig; es fast dasselbe wird.&quot;</p>
+
+<p>Den Standpunkt, aus welchem Goethe im h&ouml;heren Alter das Leben mit seinen
+mannigfach wechselnden Erscheinungen betrachtete, zeigte folgende Stelle in
+einem Briefe vom 19ten M&auml;rz 1827: &quot;Mir erscheint der zun&auml;chst mich
+ber&uuml;hrende Personenkreis wie ein Convolut sibyllinischer B&uuml;cher, deren eins
+nach dem andern, von Lebensflammen aufgezehrt, in der Luft zerstiebt, und
+dabei den &uuml;brig bleibenden von Augenblick zu Augenblick h&ouml;hern Werth
+verleiht. Wirken wir fort, bis wir, vor oder nach einander, vom Weltgeist
+berufen in den Aether zur&uuml;ckkehren. M&ouml;ge dann der ewig Lebendige uns neue
+Th&auml;tigkeiten, denen analog, in welchem wir uns schon erprobt, nicht
+versagen. F&uuml;gt er sodann Erinnerung und Nachgef&uuml;hl des Rechten und Guten,
+was wir hier schon gewollt und geleistet, v&auml;terlich hinzu, so werden wir
+gewi&szlig; um desto rascher in die K&auml;mme des Weltgetriebes eingreifen. Die
+entelechische Monade mu&szlig; sich nur in rastloser Th&auml;tigkeit erhalten; wird
+ihr diese zur andern Natur, so kann es ihr in Ewigkeit nicht an
+Besch&auml;ftigung fehlen. Man verzeihe mir diese obstrusen Ausdr&uuml;cke. Hat der
+Mensch sich doch von jeher in solche Regionen verloren, in solchen
+Spracharten sich mitzutheilen versucht, da, wo die Vernunft nicht
+hinreichte, und wo man doch die Unvernunft nicht wollte walten lassen.&quot;</p>
+
+<p>Unter Goethe's poetischen Entw&uuml;rfen besch&auml;ftigte ihn vorz&uuml;glich eine
+Fortsetzung seines &quot;Faust.&quot; Diese Trag&ouml;die, zu welcher er ein
+Zwischenspiel, &quot;Helena&quot; betitelt, gedichtet hatte, sollte einen zweiten
+Theil erhalten. Mit dieser poetischen Arbeit besch&auml;ftigte er sich
+gr&ouml;&szlig;tentheils in seiner am Park gelegenen Gartenwohnung. Heiter gestimmt
+ward er durch den Anblick der freien Natur. &quot;Die Vegetation,&quot; schrieb er,
+&quot;hat sich dieses Jahr in der ganzen Umgegend auch an alten B&auml;umen
+bemerklich gemacht, und so freue ich mich des lange Vers&auml;umten und
+Vernachl&auml;ssigten noch mehr, als eines Vermi&szlig;ten und Ersehnten. Ich f&uuml;hle
+mich gen&ouml;thigt, jeden Tag wenigstens einige Stunden in meinem Garten
+zuzubringen.&quot; Den 21. November 1827 meldete Goethe, der zweite Theil des
+Faust r&uuml;cke rasch fort. &quot;Die Aufgabe,&quot; schrieb er, &quot;ist hier, wie bei der
+Helena, das Vorhandene so zu bilden und zu richten, da&szlig; es zum Neuen passe
+und klappe, wobei manches zu verwerfen, manches umzuarbeiten ist.&quot;</p>
+
+
+<p>Sein selten wankender Gesundheitszustand g&ouml;nnte ihm eine rastlose
+Th&auml;tigkeit. Er hatte daher auch seit einigen Jahren seine gew&ouml;hnlichen
+Sommerreisen nach Carlsbad und T&ouml;plitz aufgegeben. Hinsichtlich seiner
+Arbeiten meinte er in einem Briefe vom 22. April 1828: &quot;Wenn der Mensch
+nicht von Natur zu seinem Talent verdammt w&auml;re, so m&uuml;&szlig;te man sich als
+th&ouml;richt schelten, da&szlig; man in einem langen Leben immer neue Pein und
+wiederholtes M&uuml;hsal sich aufl&auml;de.&quot;</p>
+
+<p>Den Eindruck, den der Tod seines von ihm innig verehrten F&uuml;rsten, des
+Gro&szlig;herzogs Carl August von Sachsen-Weimar, der den 14. Juni 1828 zu
+Graditz bei Torgau gestorben war, auf Goethe machte, schilderte ein aus
+Dornburg vom 10. Juli datirter Brief. &quot;Bei dem schmerzlichsten Zustande
+meines Innern,&quot; schrieb Goethe, &quot;mu&szlig;te ich wenigstens meine &auml;u&szlig;ern Sinne
+schonen. Ich begab mich daher den 7. Juli hieher, um den d&uuml;stern Functionen
+zu entgehen, wodurch man, wie billig und schicklich, der Menge symbolisch
+darstellt, was sie im Augenblicke verloren hat, und was sie diesmal gewi&szlig;
+auch in jedem Sinne empfindet.&quot;</p>
+
+<p>Linderung f&uuml;r seinen Schmerz fand Goethe in der sch&ouml;nen Natur Dornburgs und
+der Umgegend, wo er l&auml;ngere Zeit verweilte. &quot;Ein reich ausgestatteter
+Blumengarten,&quot; schrieb er, &quot;vollh&auml;ngende Weingel&auml;nde sind mir &uuml;berall zur
+Seite, und da thut sich dann die alte wohlfundirte Liebschaft wieder auf.
+Gr&uuml;ndliche Gedanken sind ein Schatz, der im Stillen w&auml;chst, und Interessen
+zu Interessen schl&auml;gt. Davon zehre ich denn auch gegenw&auml;rtig, ohne den
+kleinsten Theil aufzehren zu k&ouml;nnen. Denn das &auml;chte Lebendige w&auml;chst nach,
+wie das B&ouml;sartige der Hydra auch nicht zu tilgen ist.&quot; Diese Aeu&szlig;erung
+entlockten dem greisen Dichter die mannichfachen Versuche seiner Gegner,
+seine poetischen und wissenschaftlichen Bestrebungen in einem falschen
+Lichte zu zeigen, und ihn dadurch in der Achtung des Publikums
+herabzusetzen. Goethe &auml;u&szlig;erte sich dar&uuml;ber mit den Worten: &quot;Von allem, was
+gegen mich geschieht, keine Notiz zu nehmen, wird mir im Alter, wie in der
+Jugend erlaubt seyn. Ich habe Breite genug, mich in der Welt zu bewegen,
+und es darf mich nicht k&uuml;mmern, ob sich irgend einer da oder dort in den
+Weg stellt, den ich gegangen bin.&quot;</p>
+
+<p>Ueber die ungen&uuml;genden und fehlerhaften Geisteserzeugnisse mancher neueren</p>
+
+<p>Schriftsteller, vorz&uuml;glich auf dem wissenschaftlichen Felde, &auml;u&szlig;erte sich
+Goethe unmuthig in einem Briefe vom 2. Januar 1829. &quot;Es giebt,&quot; schrieb er,
+&quot;sehr vorz&uuml;gliche Leute, aber die Hansnarren wollen alle von vorn anfangen,
+und unabh&auml;ngig, selbstst&auml;ndig, original, eigenm&auml;chtig, uneingreifend,
+gerade vor sich hin, und wie man die Thorheiten alle nennen m&ouml;chte, wirken,
+und dem Unerreichbaren genug thun. Ich sehe diesem Gange seit 1789 zu, und
+wei&szlig;, was h&auml;tte geschehen k&ouml;nnen, wenn irgend Einer rein eingegriffen, und
+nicht jeder ein <span class="u">Peculium</span> f&uuml;r sich behalten h&auml;tte. Mir ziemt jetzt 1829
+&uuml;ber das Vorliegende klar zu werden, es vielleicht auszusprechen. Doch wenn
+mir das auch gelingt, wird's doch nichts helfen; denn das Wahre ist einfach
+und giebt wenig zu thun; das Falsche giebt Gelegenheit, Zeit und Kr&auml;fte zu
+zersplittern.&quot;</p>
+
+<p>Wissenschaftliche Forschungen behielten f&uuml;r Goethe noch immer ein sehr
+lebhaftes Interesse. &quot;Ich suche,&quot; schrieb er, &quot;meine Stellung gegen
+Geologie, Geognosie und Oryktognosie klar zu machen, weder polemisch, noch
+conciliarisch, sondern positiv und individuell. Das ist das Kl&uuml;gste, was
+man in alten Tagen thun kann. Die Wissenschaften, mit denen wir uns
+besch&auml;ftigen, r&uuml;cken unverh&auml;ltni&szlig;m&auml;&szlig;ig vor, manchmal gr&uuml;ndlich, oft
+&uuml;bereilt und modisch. Da d&uuml;rfen wir denn nicht unmittelbar nachr&uuml;cken, weil
+wir keine Zeit mehr haben, auf irgend eine Weise leichtsinnig in der Irre
+zu gehen. Um aber nicht zu stocken und allzuweit zur&uuml;ck zu bleiben, sind
+Pr&uuml;fungen unserer Zust&auml;nde n&ouml;thig. Mich bringt nichts ab von meinem alten
+erprobten Wege: die Probleme sacht wie Zwiebelh&auml;ute zu enth&uuml;llen, und
+Respect zu behalten vor allen wahrhaft stilllebenden Knospen. Je &auml;lter ich
+werde, desto mehr vertrau' ich auf das Gesetz, wonach die Rose und Lilie
+bl&uuml;ht.&quot;</p>
+
+<p>Manche erfreuliche Anerkennung ward Goethe's Talenten im In- und Auslande
+gezollt. Mehrere seiner Freunde und Verehrer in England und Schottland
+&uuml;berraschte ihn bei der Wiederkehr seines Geburtstages am 28. August durch
+das Geschenk eines kostbaren, mit gro&szlig;er Kunstfertigkeit gearbeiteten
+Petschafts. Fast gleichzeitig erhielt er seine von dem franz&ouml;sischen
+Bildhauer David gefertigte Colossalb&uuml;ste, anderer werthvollen Geschenke und
+Auszeichnungen nicht zu gedenken. Sein Leben war in mehrfacher Hinsicht ein
+gl&uuml;ckliches zu nennen. Gleichwohl blieb er nicht verschont von bittern
+Erfahrungen. Seinen einzigen Sohn, den Kammerrath August v. Goethe, entri&szlig;
+ihm der Tod zu Rom in der Bl&uuml;the seiner Jahre, am 28. October 1830.
+Goethe's Fassung bei diesem Verlust schilderte folgende Stelle in einem
+seiner damaligen Briefe. &quot;Hier kann allein der gro&szlig;e Begriff der Pflicht
+uns aufrecht erhalten. Ich habe keine Sorge, als mich im Gleichgewicht zu
+erhalten. Der K&ouml;rper mu&szlig;, der Geist will, und wer seinem Wollen die
+nothwendige Bahn vorgeschrieben sieht, der braucht sich nicht viel zu
+besinnen.&quot;</p>
+
+<p>So ward eine verdoppelte Th&auml;tigkeit, die seiner Natur ein dringendes
+Bed&uuml;rfni&szlig; war, f&uuml;r Goethe zugleich das wirksamste Mittel, schmerzhaften
+Eindr&uuml;cken kr&auml;ftig zu begegnen. Besch&auml;ftigte ihn irgend eine gro&szlig;e Idee, so
+entsagte er oft ganze Monate jeder Lect&uuml;re, um sich nicht durch andere
+Gegenst&auml;nde zu zerstreuen. &quot;Es ist doch,&quot; schrieb er, &quot;genau betrachtet,
+nur eine Philisterei, wenn wir demjenigen zu viel Antheil schenken, worin
+wir nicht wirken k&ouml;nnen. Und dann darf ich wohl sagen: ich erfahre das
+Gl&uuml;ck, da&szlig; mir in meinem hohen Alter Gedanken aufgehen, welche zu verfolgen
+und in Aus&uuml;bung zu bringen, eine Wiederholung des Lebens gar wohl werth
+w&auml;re. Daher wollen wir uns, so lange es Tag ist, nicht mit Allotrien
+besch&auml;ftigen.&quot;</p>
+
+<p>Eine gewisse Begrenzung der Th&auml;tigkeit hielt Goethe f&uuml;r nothwendig. &quot;Es ist
+ganz eins,&quot; schrieb er, &quot;in welchem Kreise ein edler Mensch wirkt, wenn er
+nur diesen Kreis genau kennen zu lernen und v&ouml;llig auszuf&uuml;llen wei&szlig;. Wof&uuml;r
+aber der Mensch nicht wirken kann, daf&uuml;r sollte er auch nicht &auml;ngstlich
+sorgen, nicht &uuml;ber Bed&uuml;rfni&szlig; und Empf&auml;nglichkeit des Kreises hinaus, in den
+ihn Gott und die Natur gestellt, anma&szlig;lich weiter wirken wollen. Alles
+Voreilige schadet; die Mittelstra&szlig;e zu &uuml;berspringen, ist nicht heilsam.
+Thue nur jeder an seiner Stelle das Rechte, ohne sich um den Wirrwarr zu
+bek&uuml;mmern, der fern oder nah die Stunden auf die unseligste Weise verdirbt,
+so werden Gleichgesinnte sich bald ihm anschlie&szlig;en, und Vertrauen und
+wachsende Einsicht von selbst immer gr&ouml;&szlig;ere Kreise bilden.&quot;</p>
+
+<p>Diesen Lebensregeln und seiner rastlosen Th&auml;tigkeit auch in h&ouml;herem Alter
+treu zu bleiben, war ihm durch die fast ununterbrochene Dauer seiner
+Gesundheit geg&ouml;nnt. Er genas bald wieder von einem Blutsturz, der ihn 1831
+befiel, als er sich mit dem Ordnen seines literarischen Nachlasses und mit
+dem zweiten Theil des &quot;Faust&quot; besch&auml;ftigte. Im August des genannten Jahres
+ging er nach Ilmenau. Nach seinem eignen Gest&auml;ndni&szlig; hatte er sich dorthin
+begeben, um den pers&ouml;nlichen Huldigungen auszuweichen, die ihn bei der
+Wiederkehr seines Geburtstages zu &uuml;berraschen pflegten.</p>
+
+<p>Sichtbar gest&auml;rkt kehrte er wieder nach Weimar zur&uuml;ck. Die Kraft und
+Munterkeit des Geistes im Gespr&auml;ch mit seinen Freunden lie&szlig; kaum ahnen, da&szlig;
+ihm sein Lebensende sehr nahe war. Ein Engl&auml;nder, der ihn besuchte,
+schilderte ihn noch so jung und kr&auml;ftig wie einen Vierziger. Dem kalten
+Luftzug, der ihn auf dem Gange aus seiner Studirstube nach den vordern
+Zimmern angeweht habe, schrieb Goethe ein heftiges Bruststechen zu, das
+nach einer unruhigen Nacht noch am Morgen fortdauerte. Er ahnte keine
+Gefahr, als &auml;rztliche Mittel jenes Uebel und den fieberhaften Zustand
+beseitigt hatten. Sein Athem war jedoch noch immer beengt, und in Gegenwart
+seines Arztes, des <span class="u">Dr.</span> Vogel, den er den 20. M&auml;rz 1832 hatte rufen
+lassen, pre&szlig;te ihm der Schmerz schneidende T&ouml;ne aus. Von einer innern Angst
+bald in das Bette, bald in den daneben stehenden Lehnstuhl getrieben,
+f&uuml;rchtete er eine Wiederkehr des Blutsturzes, der ihn das Jahr zuvor
+befallen. Seine Gesichtsz&uuml;ge waren verzerrt, das Antlitz graublau, der
+ganze K&ouml;rper kalt, und von triefendem Schwei&szlig; bedeckt. Er f&uuml;hlte sich sehr
+matt, und es traten Augenblicke v&ouml;lliger Bewu&szlig;tlosigkeit ein. Mitunter
+phantasirte er, indem er ruhig in seinem Lehnstuhl sa&szlig;. &quot;Seht,&quot; sprach er
+unter andern, &quot;seht den sch&ouml;nen weiblichen Kopf mit schwarzen Locken, in
+pr&auml;chtigem Colorit, mit dunkelm Hintergrunde!&quot; Unter solchen und &auml;hnlichen
+Phantasieen und R&uuml;ckerinnerungen an seinen ihm vorangegangenen Freund
+Schiller, rief er seinem Diener zu, doch den zweiten Fensterladen zu
+&ouml;ffnen, damit mehr Licht in's Zimmer komme. Es sollen seine letzten Worte
+gewesen seyn. Immer schwerer athmend, dr&uuml;ckte er sich in die linke Seite
+seines Lehnsessels. Es war am 22. M&auml;rz 1832, als er wie es schien,
+schmerzlos verschied.</p>
+
+<p>Jenen Tag, an welchem sieben Jahre fr&uuml;her ein ungl&uuml;cklicher Brand das
+Weimarische Theater vernichtet, hatte Goethe, dem Glauben an Ahnungen von
+jeher geneigt, immer f&uuml;r einen tragischen und ungl&uuml;cksschwangern Tag
+gehalten. Mehrmals hatte er gefragt, der wievielste Tag im M&auml;rz heute sei,
+und der Zufall wollte, da&szlig; er an demselben Tage, in derselben Stunde starb,
+wo vor dreizehn Jahren sein vielj&auml;hriger Freund und Amtscollege, der
+Minister v. Voigt, verschieden war.</p>
+
+<p>&quot;Am Morgen nach Goethe's Tode,&quot; erz&auml;hlt einer seiner j&uuml;ngern Freunde,
+&quot;ergriff mich eine tiefe Sehnsucht, seine irdische H&uuml;lle noch einmal zu
+sehen. Sein treuer Diener Friedrich schlo&szlig; mir das Zimmer auf, wo man ihn
+hingelegt hatte. Auf den R&uuml;cken ausgestreckt, ruhte er wie ein Schlafender.
+Tiefer Friede und Festigkeit waltete auf den Z&uuml;gen seines erhabenen edeln
+Gesichts. Die m&auml;chtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen. Ich hatte das
+Verlangen nach einer Locke von seinen Haaren, doch die Ehrfurcht hinderte
+mich, sie ihm abzuschneiden. Der K&ouml;rper lag nackend in ein wei&szlig;es Betttuch
+geh&uuml;llt. Gro&szlig;e Eisst&uuml;cke hatte man in einiger N&auml;he umhergestellt, um ihn
+selbst frisch zu erhalten so lange als m&ouml;glich. Friedrich schlug das Tuch
+auseinander, und ich erstaunte &uuml;ber die g&ouml;ttliche Pracht dieser Glieder.
+Die Brust &uuml;beraus m&auml;chtig, breit und gew&ouml;lbt; Arme und Schenkel voll und
+sanft muskul&ouml;s; die F&uuml;&szlig;e zierlich und von der reinsten Form, und nirgends
+am ganzen K&ouml;rper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung und Verfall. Ein
+vollkommener Mensch lag in gro&szlig;er Sch&ouml;nheit vor mir, und das Entz&uuml;cken, das
+ich dar&uuml;ber empfand, lie&szlig; mich auf Augenblicke vergessen, da&szlig; der
+unsterbliche Geist eine solche H&uuml;lle verlassen. Ich legte meine Hand auf
+sein Herz&mdash;es war eine tiefe Stille&mdash;und ich wendete mich abw&auml;rts, um
+meinen verhaltenen Thr&auml;nen freien Lauf zu lassen.&quot;</p>
+
+<p>Die allgemeine Liebe und Verehrung, die er im Leben genossen, zeigte
+Goethe's gl&auml;nzende Begr&auml;bni&szlig;feier am 26. M&auml;rz 1832. Eine &ouml;ffentliche
+Ausstellung seiner Leiche war der Beerdigung vorangegangen. Seine irdischen
+Ueberreste empfing die f&uuml;rstliche Gruft. Die Weimarische B&uuml;hne blieb an
+Goethe's Begr&auml;bni&szlig;tage geschlossen, und ward am 27. M&auml;rz mit einer
+Vorstellung seines &quot;Tasso&quot; er&ouml;ffnet. Am Schlusse des St&uuml;cks sprach der
+Schauspieler Durand einen von dem Geh. Rath und Kanzler v. M&uuml;ller
+gedichteten, alle Gem&uuml;ther tief ergreifenden Epilog. Auch mehrere Gedichte
+von Goethes Freunden und Verehrern sagten seinen Zeitgenossen, was sie an
+ihm verloren. In mehrfacher Hinsicht pa&szlig;ten auf ihn selbst die Worte, die
+er einst am Grabe der Herzogin Amalia von Sachsen-Weimar gesprochen: &quot;Das
+ist der Vorzug edler Naturen, da&szlig; ihr Hinscheiden in h&ouml;here Regionen
+segnend wirkt, wie ihr Verweilen auf der Erde, da&szlig; sie uns von dorther,
+gleich Sternen, entgegen leuchten, als Richtpunkte, wohin wir unsern Lauf
+bei einer nur zu oft durch St&uuml;rme unterbrochenen Fahrt zu lenken haben; da&szlig;
+diejenigen, zu denen wir uns oft als zu Wohlwollenden und H&uuml;lfreichen im
+Leben hinwendeten, nun die sehnsuchtsvollen Blicke nach sich ziehen, als
+Vollendete, Selige.&quot;</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK J. W. V. GOETHE'S BIOGRAPHIE***</p>
+<p>******* This file should be named 15213-h.txt or 15213-h.zip *******</p>
+<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br />
+<a href="https://www.gutenberg.org/dirs/1/5/2/1/15213">https://www.gutenberg.org/1/5/2/1/15213</a></p>
+<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.</p>
+
+<p>Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.</p>
+
+
+
+<pre>
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+<a href="https://gutenberg.org/license">https://gutenberg.org/license)</a>.
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit:
+https://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+<a href="https://www.gutenberg.org">https://www.gutenberg.org</a>
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
+
+<a href="https://www.gutenberg.org/dirs/etext06/">https://www.gutenberg.org/dirs/etext06/</a>
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+https://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+https://www.gutenberg.org/dirs/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+<a href="https://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL">https://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL</a>
+
+*** END: FULL LICENSE ***
+</pre>
+</body>
+</html>
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..9a72451
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #15213 (https://www.gutenberg.org/ebooks/15213)