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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/15213-8.txt b/15213-8.txt new file mode 100644 index 0000000..7c1263c --- /dev/null +++ b/15213-8.txt @@ -0,0 +1,4024 @@ +The Project Gutenberg eBook, J. W. v. Goethe's Biographie, by H. Doering + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: J. W. v. Goethe's Biographie + +Author: H. Doering + +Release Date: February 28, 2005 [eBook #15213] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK J. W. V. GOETHE'S BIOGRAPHIE*** + + +E-text prepared by the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading +Team + + + +Transcriber's notes: _ Kursiv / italic + [] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos + + + + + +Biographien +deutscher Classiker. + +Supplement zu der Göschen-Cottaischen Ausgabe "deutscher Classiker." + +Zweites Bändchen. + +Joh. W. v. Goethe. + +Jena, 1853. + +J. W. v. Goethe's Biographie + +von + +Dr. H. Doering + +Complet in Einem Bändchen + +Jena, 1853. + + + + + + + +Goethe's Leben. + + + + +_Johann Wolfgang Goethe,_ später in den Adelstand erhoben, war zu Frankfurt +am Main den 28. August 1749 geboren. Sein Großvater, _Friedrich Georg_, war +Gastgeber zum Weidenhof. Eine glänzendere Stellung behauptete sein +Großvater mütterlicher Seite _Johann Wolfgang Textor_ als Kaiserlicher +Schultheiß. Er war ein ernster, in sich gekehrter, ziemlich wortkarger +Mann, dabei sehr gewissenhaft und pünktlich in der Erfüllung seiner +Berufsgeschäfte. In seinem ruhigen, leidenschaftslosen Charakter zeigte +sich kaum eine Spur von Heftigkeit. Sehr behaglich fühlte er sich in seiner +einförmigen Lebensweise, die ihn früh Morgens auf's Rathhaus, hierauf an +seinen Mittagstisch und von diesem zu einem Schläfchen in seinen +alterthümlichen Sessel führte. An seine Wohnung in der Friedberger Straße +stieß ein theils mit Weinstöcken, theils mit Küchengewächsen und Blumen +bepflanzter Garten, der in Mußestunden sein Lieblingsaufenthalt war. Die +Blumenzucht und das Inoculiren der verschiedenen Rosenarten gewährte ihm +eine angenehme Beschäftigung. Er trug dann gewöhnlich einen langen weiten +Schlafrock und auf dem Kopfe eine faltige schwarze Sammetmütze. Die +allgemeine Achtung, in der er stand, ward noch gesteigert durch ein ihm +eigenthümliches Ahnungsvermögen, besonders in Dingen, die ihn selbst +betrafen. In seinen Büchern und Schreibkalendern pflegte er seine Ahnungen +und Träume kurz aufzuzeichnen. + +Mit einer fast peinlichen Strenge hing Goethes Vater, _Johann Caspar_, an +allem Gewohnten und Herkömmlichen. Ein ernster Lakonismus gehörte zu den +Grundzügen seines Charakters. Er handelte nach festen, aber durchaus +rechtlichen Principien. Lernbegierig von früher Jugend an, hatte er auf dem +Gymnasium zu Coburg rasche Fortschritte gemacht in seiner +wissenschaftlichen Bildung, dann in Leipzig die Rechte studirt, und zu +Gießen durch Vertheidigung seiner Dissertation: Electa de aditione +hereditatis die juristische Doctorwürde erlangt. Seine Welt- und +Menschenkenntniß hatte er, nach beendigten Studien, auf einer Reise durch +Deutschland und Italien vermehrt, und war dadurch zu dem Besitz einer +Gemälde- und Antikensammlung gekommen, die er sehr werth hielt und sie +Fremden, die ihn besuchten, gern zeigte. In seinem, von öffentlichen +Geschäften befreiten Leben fand er hinlängliche Muße zu Privatstudien, bei +denen ihn seine ansehnliche und ausgewählte Bibliothek unterstützte. Mit +dem Titel eines Kaiserlichen Raths führte er das Leben eines Privatmannes, +das sich mit seinen Vermögensumständen vertrug. Von seinen Kindern, deren +Unterricht ihn neben seinen mannigfachen Studien beschäftigte, waren die +meisten früh gestorben, so daß zuletzt nur der Dichter und dessen Schwester +_Cornelia_ übrig blieb. Er starb am 27sten May 1782 in seiner Vaterstadt +Frankfurt am Main. + +Goethes Mutter, _Catharina Elisabeth_, eine Tochter des früher erwähnten +Schultheißen _Johann Wolfgang Textor_, besaß keine gelehrte Bildung im +eigentlichen Sinne dieses Worts. Doch beschäftigte sie sich, wenn sie das +Hauswesen pünktlich und gewissenhaft besorgt hatte, mit dem Lesen irgend +eines guten deutschen oder italienischen Buchs. Ihr Sinn war im Allgemeinen +mehr auf das Praktische gerichtet. Eine eigenthümliche Scheu hatte sie vor +heftigen und gewaltsamen Gemüthseindrücken, die sie in allen Lagen ihres +Lebens möglichst von sich zu entfernen suchte. Nachdrücklich schärfte sie +ihren Dienstboten ein, ihr nichts Schreckhaftes, Verdrießliches oder +Beunruhigendes zu hinterbringen, was in ihrem Hause, in der Stadt oder in +der Nachbarschaft vorgefallen. Sie ging darin so weit, daß sie, als ihr +Sohn, der Dichter, längst von ihr entfernt, zu Weimar 1805 gefährlich +erkrankt war, erst nach seiner Wiedergenesung das Gespräch auf einen +Gegenstand lenkte, der ihrem treuen Mutterherzen nicht gleichgültig seyn +konnte. Eigen war ihr eine reiche Ader von Witz und Humor. Gutmüthig von +Natur deckte sie in Bezug auf ihre Kinder manches mit dem Mantel der Liebe +zu, was ihres Gatten Ernst und Strenge scharf gerügt haben würde. Eine nie +versiegende Quelle heiterer Unterhaltung bot ihr in spätern Lebensjahren +der Umgang mit Bettina Brentano, der Schwester des bekannten Dichters und +der nachherigen Gattin des Schriftstellers Ludwig Achim von Arnim. Als in +höherem Alter ein langes Krankenlager ihre Kräfte erschöpft hatte und ihre +bisherige Fassung und Heiterkeit von ihr gewichen war, machte sie sich oft +bittere Vorwürfe über ihre Ungeduld im Leiden. "Ich habe mich," schrieb +sie, in [sie, in] ihrem eigenthümlichen Frankfurter Dialect, "recht derb +ausgescholten, und zu mir gesagt: Ei, schäme dich, alte Räthin! Hast gute +Tage genug gehabt in der Welt, und den Wolfgang dazu; mußt, wenn die bösen +kommen, nun auch vorlieb nehmen, und kein so übel Gesicht machen. Was soll +das mit dir vorstellen, daß du so ungeduldig und garstig bist, wenn der +liebe Gott dir ein Kreuz auflegt? Willst du denn immer auf Rosen gehen, und +bist über's Ziel, bist über siebenzig Jahre hinaus? Schauen's, so hab' ich +zu mir selbst gesagt, und sogleich ist ein Nachlaß gekommen und ist besser +geworden, weil ich selbst nicht mehr so garstig war." Ihren Gatten +überlebte sie sechs und zwanzig Jahre. Sie starb zu Frankfurt am Main den +13. September 1808. + +Manche ihrer Eigenschaften waren auf Goethe übergegangen. Er war ein +munterer Knabe, aufgeweckt zu allerlei muthwilligen Streichen. Durch seine +Spielkameraden, die Söhne des dem elterlichen Hause gegenüber wohnenden +Schultheißen v. Ochsenstein, ließ er sich einst verleiten, mehrere +Schüsseln und Töpfe, mit denen er gespielt, von einem obern Stockwerk auf +die Straße zu werfen, und freute sich herzlich über das dadurch verursachte +Geräusch. Einen günstigen Einfluß auf seine früh erwachte Wißbegierde, die +ihn zu mancherlei Fragen über die verschiedenartigsten Gegenstände antrieb, +hatte seine Großmutter väterlicher Seite, Cornelia, eine sanfte, +wohlwollende Frau, die ihren Enkel gern belehrte. + +Früh entwickelte sich in dem Knaben der Sinn für die Schönheiten der Natur, +die er besonders in ihren erhabenen Erscheinungen, bei aufsteigenden +Gewittern gern betrachtete. Sein Lieblingsaufenthalt im elterlichen Hause +war ein hochgelegenes Zimmer, von welchem er über die Stadtmauern und Wälle +die schöne und fruchtbare Ebne nach Höchst hin überschauen konnte. Oft +ergötzte ihn dort der Anblick der untergehenden Sonne. Eine ernste +ahnungsvolle Gemüthsstimmung, die ihn, seines lebhaften Temperaments +ungeachtet, oft in seinem Knabenalter ergriff, weckte in ihm das Gefühl der +Einsamkeit. Von der Furcht, die ihn bei eintretendem Abenddunkel in dem +düstern, winkelhaften elterlichen Hause ergriff, suchte ihn sein Vater +frühzeitig zu heilen. Mit umgewandtem Schlafrock, wie eine Spukgestalt, +trat er dem Knaben und seiner Schwester Cornelia entgegen, wenn sie aus +Furcht ihr einsames Schlafzimmer verließen und sich in die Kammern des +Gesindes flüchteten. Ein wirksameres Mittel wandte Goethe's Mutter an, +indem sie ihren Kindern, wenn sie Nachts ihre Furcht überwänden, Obst und +allerlei Näschereien versprach. + +Die Betrachtung von Gemälden und Prospecten, die sein Vater aus Italien +mitgebracht hatte, und ein Puppenspiel, mit welchem seine Großmutter ihn an +einem Weihnachtsabend überraschte, beschäftigten in mehrfacher Weise +Goethe's Einbildungskraft. Der Unterricht, den er bisher im elterlichen +Hause genossen, ward geregelter, als sein Vater ihn in die Stadtschule +schickte. Aus der strengen Zucht des elterlichen Hauses sah er sich in +einen Freiheitskreis versetzt, der mit seinen Neigungen harmonirte. Seine +an Alterthümern und Merkwürdigkeiten reiche Vaterstadt und ihre Umgegend +lernte Goethe auf mancherlei Streifzügen kennen, die er mit einigen +Schulkameraden unternahm. An der Mainbrücke fesselte seine Aufmerksamkeit +das emsige Treiben der Handelswelt mit ihren den Strom auf- und abwärts +segelnden Schiffen. Dann und wann verwandte er auch einige Kreuzer zur +Ueberfahrt nach Sachsenhausen. Von besonderem Interesse war für ihn das +Rathhaus, der sogenannte Römer, mit seinen gewölbten Hallen und besonders +dem zur Wahl und Krönung des Kaisers dienenden Prunkzimmer, das mit den +Brustbildern Karls des Großen, Rudolphs von Habsburg, Karls IV., Günthers +von Schwarzburg und anderen hohen Häuptern geziert war. + +Von der Außenwelt wandte sich Goethe's Blick wieder nach dem elterlichen +Hause zurück, das durch einen bedeutenden Bau erweitert und verschönert +worden war. Seine Wißbegierde lockte ihn bisweilen in seines Vaters +Bibliothek, die außer mehreren juristischen Werken, auch Schriften über +Alterthumskunde, Reisebeschreibungen und einzelne Dichter enthielt. Es +waren jedoch, außer Virgil, Horaz u.a. römischen Classikern, größtenteils +italienische Poeten, wie Tasso, Ariost u. A., von denen der Knabe, bei +seiner Unkenntniß der italienischen Sprache keinen Gebrauch machen konnte. +Einen immer neuen Genuß gewährten ihm die Gemälde und Landschaften von +Trautmann, Schütz, Junker, Seekatz u.a. Frankfurter Künstlern. Diese +Gemälde, früher hie und da in der elterlichen Wohnung an mehreren Orten +zerstreut, waren von Goethe's Vater bei dem Umbau seines Hauses in einem +besondern Zimmer vereinigt worden. Goethe's Sinn für die Kunst ward zuerst +geweckt durch die Betrachtung jener Werke. + +Nur durch anhaltenden Fleiß und Wiederholung des Gelernten war Goethe's +Vater zum Besitz mannigfacher Kenntnisse gelangt. Um so mehr schätzte er +das angeborne Talent seines Sohnes, der durch eine schnelle Auffassungsgabe +und ein treffliches Gedächtniß bald dem von seinem Vater und seinen Lehrern +ihm ertheilten Unterricht entwachsen war. Den grammatischen Regeln, mit +ihren mannigfachen Ausnahmen, vermochte er zwar keinen sonderlichen +Geschmack abzugewinnen. Doch machte er sich mit den Sprachformen und +rhetorischen Wendungen schnell bekannt. Sein heller Kopf zeigte sich +vorzüglich in der raschen Entwicklung von Begriffen. Durch seine +schriftlichen Aufsätze, ihrer Sprachfehler ungeachtet, erwarb er sich im +Allgemeinen seines Vaters Zufriedenheit, und manches kleine Geschenk +belohnte seinen Fleiß. Der Privatunterricht, den er gemeinschaftlich mit +mehreren Knaben seines Alters erhielt, förderte ihn wenig, da die von +seinen Lehrern eingeschlagene Methode nicht geeignet war, ihm ein +besonderes Interesse an wissenschaftlichen Gegenständen einzuflößen. +Ueberdieß beschränkte sich jener Unterricht fast nur auf die Erklärung des +Cornelius Nepos und auf das Neue Testament. + +Durch das Lesen deutscher Dichter bemächtigte sich seiner, wie er in +spätern Jahren gestand, "eine unbeschreibliche Reim- und Versewuth." In dem +Kreise seiner Jugendfreunde fanden seine poetischen Versuche großen +Beifall. Um so mehr fand sich seine jugendliche Eitelkeit gekränkt, als +einer seiner Mitschüler durch höchst mittelmäßige Verse ihm seinen +Dichterruhm streitig zu machen suchte. Darüber entrüstet, stockte seine +poetische Fruchtbarkeit ziemlich lange, bis ihn sein erwachtes Selbstgefühl +und eine von seinen Lehrern mit Beifall aufgenommene Probearbeit über seine +Anlagen und Fähigkeiten beruhigte. + +Reiche Nahrung für seine Wißbegierde fand Goethe in dem Orbus pictus, in +Merians Kupferbibel, in der Acerra philologica und ähnlichen Werken, die +damals die Stelle einer noch nicht vorhandenen Kinderbibliothek vertraten. +Ovids Metamorphosen machten ihn mit der Mythologie bekannt. Seine Phantasie +ward dadurch vielfach angeregt zu allerlei poetischen Entwürfen. Eine +wohlthätige Wirkung auf sein Gemüth verdankte er den moralischen +Schilderungen in Fenelon's Telemach. Unterhaltung und Belehrung schöpfte er +ais Robinson Crusoe und aus der Insel Felsenburg. Aus dem romantischen +Gebiet ward er wieder in die Wirklichkeit zurückgeführt durch die +anziehenden Schilderungen in Anton's Reise um die Welt. Ein Zufall verhalf +ihm in dem Laden eines Antiquars zum Besitz einer Reihe mannigfacher +Schriften. Darunter befanden sich der Eulenspiegel, die vier Haimonskinder, +die schöne Magelone, der Kaiser Octavian, Fortunatus und ähnliche +Volksbücher. + +Dieser anmuthigen Lectüre mußte Goethe, als sie kaum begonnen, wieder +entsagen. Er ward von den Blattern befallen, und brachte unter einem +heftigen Fieber mehrere Tage beinahe blind zu. Die Aeußerung einer seiner +Tanten: "Ach, Wolfgang, wie häßlich bist Du geworden?" kränkte ihn um so +mehr, da die Blattern auf seinem Gesicht durchaus keine Spur zurückgelassen +hatten. Auch von den Masern blieb er nicht verschont, und hatte dadurch +Gelegenheit, sich im Stoicismus zu üben. Einigen Trost gewährte es ihm, daß +er auf seinem Krankenlager an seinem jüngern Bruder Jacob, der in der +Blüthe seiner Jahre starb, einen Leidensgefährten hatte. + +Seines Vaters Strenge nöthigte ihn, durch verdoppelte Unterrichtsstunden +das während der Krankheit Versäumte wieder nachzuholen. Die Wohnung seiner +Großeltern und ein daran stoßender Garten in der Friedberger Straße bot ihm +dann und wann einen Zufluchtsort, sich seinen Lectionen zu entziehen. +Besonders angenehm war ihm auch der Aufenthalt in dem Laden seiner Tante, +Maria Melber, der Gattin eines Gewürzhändlers, die ihn mit allerlei +Naschwerk beschenkte. Ihre Schwester war mit dem Pfarrer und +Consistorialrath Stark verheiratet, in dessen Bibliothek ein anderer +geistiger Genuß sich ihm darbot. In der Büchersammlung jenes gelehrten +Mannes fand Goethe eine prosaische Uebersetzung des Homer. Dieser Dichter +und bald nachher Virgil machten einen tiefen und bleibenden Eindruck auf +das poetisch gestimmte Gemüth des Knaben. + +Weniger befriedigte sein Herz die trockene Moral, die ihm der bisher +ertheilte Religionsunterricht gepredigt hatte. Er ward irre an den +christlichen Dogmen. Entzweit mit seinen religiösen Begriffen, kam ihm der +sonderbare Gedanke, nach dem Beispiel der Separatisten, Herrnhuter und +anderer Secten, mit dem höchsten Wesen, das er aus seinem Walten in der +Natur längst erkannt, sich in eine Art von unmittelbarer Verbindung zu +setzen, und demselben nach alttestamentlicher Weise einen Altar zu +errichten. Dazu benutzte er ein rothlakirtes, mit goldnen Blumen verziertes +Musikpult, auf welchem er mehrere Räucherkerzen anzündete. Das +Andachtsopfer stieg empor, mißlang jedoch bei der Wiederholung durch einen +unglücklichen Zufall so gänzlich, daß die damit verbundene Feuersgefahr ihn +warnte, in solcher Weise wieder dem höchsten Wesen sich zu nähern. + +Aus den friedlichen und ruhigen Zuständen, in denen Goethe seine Kindheit +verlebt hatte, ward er aufgeschreckt durch den Ausbruch des siebenjährigen +Krieges im Jahr 1756. Er war damals acht Jahre alt. Was er von Friedrich II +und seiner Persönlichkeit erzählen gehört, begeisterte ihn. Er schrieb sich +die Kriegslieder ab, durch welche Gleim unter der Maske eines preußischen +Grenadiers die Heldenthaten des großen Königs verherrlichte. Seinen +Lieblingshelden verkleinern zu hören, war ihm ein unerträgliches Gefühl. +Als sich nach einigen Jahren durch die Theilnahme Frankreichs der +Kriegsschauplatz bis in die Nähe Frankfurts zu ziehen drohte, hatte dieß +für Goethe die Folge, daß er weniger, als bisher, das elterliche Haus +verlassen durfte. + +Unter mannichfachen Beschäftigungen griff er wieder nach den Figuren des +Puppenspiels, das er von seiner Großmutter zum Geschenk erhalten hatte. Mit +Hülfe einiger Jugendgespielen ward das frühere Drama, für welches die +Puppen hinreichten, mehrmals vorgestellt. Die Garderobe und die +Decorationen nach und nach zu verändern, war eine Lieblingsbeschäftigung +des Knaben. Sein Versuch, größere Stücke ufzuführen [aufzuführen], +scheiterte jedoch an dem beschränkten Schauplatz. Unter diesen Umständen +leistete ihm ein Bedienter seines Vaters wesentliche Dienste, indem er ihm +Panzer und Rüstungen verfertigen half. Goethe und seine Gespielen ergötzten +sich eine Zeitlang an den gegenseitigen Parteiungen und Gefechten, die +mitunter in ernsthafte Händel ausarteten, bei denen es ohne derbe Schläge +nicht abging. + +Durch einen andern Zeitvertreib, durch das Talent, Mährchen zu erzählen, +die er meist selbst erfunden, empfahl sich Goethe seinen Jugendfreunden. +Eins dieser Mährchen, "der neue Paris" betitelt, hat sich in Goethe's +gesammelten Werken erhalten. Er bediente sich dabei des Kunstgriffs, in +eigner Person zu sprechen, wodurch die von ihm geschilderten +abenteuerlichen Ereignisse den Anschein bekamen, als wären sie ihm selbst +begegnet. Durch die Localitäten, die er in seine Mährchen verwebte, erhöhte +er ihre Wirkung auf seine Zuhörer, die unter lautem Beifall sich beeilten, +den in dem Mährchen "der neue Paris" erwähnten Ort mit den Nußbäumen, der +Tafel und dem Brunnen aufzusuchen, in ihren Berichten über das, was sie +gefunden, jedoch sehr variirten. Erhalten hat sich noch aus jener Zeit +(1757) in einem alten Exercitienheft Goethe's ein von ihm verfaßtes +Gespräch, "Wolfgang und Maximilian" überschrieben. In diesem Dialog, dem +ersten dramatischen Versuch des achtjährigen Knaben trat besonders die +Naivität hervor, womit Goethe, durch seinen Vornamen Wolfgang bezeichnet, +seinem Schulcameraden Maximilian gegenüber, sich als den Soliden und +Wohlerzogenen geschildert hatte. + +Einen tiefen Eindruck auf Goethe's poetisch gestimmtes Gemüth machte um +diese Zeit (1757) Klopstocks Messias. Er mußte dies berühmte Epos heimlich +lesen, denn sein Vater, durch Canitz, Hagedorn, Gellert und andere Dichter +an den Reim gewöhnt, äußerte die entschiedenste Abneigung gegen den +Hexameter, oder, wie er sich ausdrückte, gegen Verse, die eigentlich gar +keine Verse wären. Goethe und seine Schwester Cornelia benutzten jede +Freistunde, um in irgend einem Winkel verborgen, die zartesten und +ergreifendsten Stellen der Messiade sich einzuprägen, nächst Portia's Traum +besonders das verzweiflungsvolle Gespräch zwischen Satan und Adramelech im +zehnten Gesange der Klopstockschen Dichtung. Als jene geistlichen +Verwünschungen, die sie schon oft recitirt, einst ziemlich laut hinter dem +Ofen, wo sie sich verborgen hatten, hervorschollen, ließ der Barbier, der +eben Goethe's Vater rasirte, vor Schreck das Seifenbecken fallen, wodurch +der Alte, über und über beschüttet, doch nicht von seiner Abneigung gegen +die Hexameter, denen er jenes Unheil beimaß, geheilt ward. + +Goethe's Kunstsinn ward geweckt und genährt, als der französische +Königslieutenant Graf Thorane, ein enthusiastischer Freund und Kenner von +Gemälden, bald nach der Besitznahme Frankfurts durch die französischen +Truppen, in Goethe's elterlichem Hause einquartirt ward. Das Mansardzimmer, +welches Goethe bisher bewohnt hatte, war dem Grafen zu einem Atelier +eingeräumt worden, in welchem er mehrere Frankfurter Künstler für sich +arbeiten ließ. Für Goethe, der ihn dort oft besuchte, ging daraus noch der +Vortheil hervor, daß er in der französischen Sprache, die er bisher sehr +vernachlässigt, sich immer mehr vervollkommnete. Mangelhaft blieb jedoch +seine Kenntniß des Französischen, da er sie nicht auf dem Wege eines +grammatikalischen Unterrichts erlangt hatte. + +Dies ward ihm besonders fühlbar, als ein Freibillet ihm den Eintritt in das +französische Theater verschaffte, das damals in Franfurt errichtet worden +war. Da er, besonders im Lustspiel, wo sehr schnell gesprochen ward, nur +wenig von den Reden der Schauspieler verstand, richtete er seine +Aufmerksamkeit vorzugsweise auf die Bewegung der auftretenden Personen und +auf ihre Mimik. Er gelangte dadurch zu einer, wenn auch nur oberflächlichen +Kenntniß des französischen Lust- und Trauerspiels, und ward einigermaßen +vertraut mit den dramatischen Regeln der französischen Bühne. Der +abgemessene Schritt, in dem sich die Tragödie bewegte, der gleichmäßige +Tact der Alexandriner machte auf ihn einen wunderbaren Eindruck. Aus +Racine's Trauerspielen, die er in seines Vaters Bibliothek fand, recitirte +er mehrere auswendig gelernte Stellen nach Art und Weise der französischen +Schauspieler, deren Ton und Accent sich seinem Ohr scharf eingeprägt hatte. +Fast noch mehr als die Tragödie, behagten ihm die damals sehr beliebten +Lustspiele von Destouches, Marivaux, la Chaussée und andern französischen +Dichtern. Auch mehrere Opern und Schäferspiele sagten seinem damaligen +Geschmacke zu, und noch lange nachher erinnerte er sich mit Vergnügen +einzelner Scenen und der darin auftretenden Personen. + +Seinem Wunsch, auch mit der innern Einrichtung des Theaters bekannt zu +werden, kam ein französischer Knabe, Derones mit Namen, zuvor, der ihn auf +die Bühne und in die Garderobe führte. Der Uebermuth und die Prahlerei +seines jungen Freundes ward ihm jedoch bald so lästig, daß zwischen beiden +ein sehr gespanntes Verhältniß eintrat, welches sogar eine Herausforderung +und ein Duell in ächt theatralischer Weise, dann aber wieder eine +aufrichtige Versöhnung zur Folge hatte. Erleichtert ward ihm dadurch sein +häufiger Theaterbesuch, den aber sein Vater sehr lebhaft mißbilligte. Die +Bühne, meinte er, habe durchaus keinen Nutzen. Goethe bot seinen ganzen +Scharfsinn auf, ihn vom Gegentheil zu überzeugen. Lessing's Trauerspiel, +Miß Sara Sampson, der Kaufmann von London und ähnliche Stücke lieferten ihm +die Beweise, wie das Laster im Glück, die Tugend im Unglück durch die +poetische Gerechtigkeit wieder ausgeglichen werde. Dieser Behauptung, gegen +die er nichts einzuwenden vermochte, stellte Goethes Vater den Einwurf +entgegen, daß die in die theatralischen Vorstellungen oft verwebten +Schelmstreiche und Betrügereien auf das unverdorbene Gemüth der Jugend +nicht anders als nachtheilig wirken könnten. Wenn ihn irgend etwas mit der +Bühne versöhnen konnte, so war es die Bemerkung, daß sein Sohn dadurch +seine französischen Sprachkenntnisse vermehrte. + +Diese Kenntnisse benutzte Goethe zum Entwurf eines dramatischen Products, +in welchem meistens allegorische Personen, wie Jupiter, Merkur und andere +Götter mit ihren bekannten Attributen auftraten. Das Stück bestand +größtentheils in Reminiscenzen aus Ovid's Metamorphosen. Seine +Autoreitelkeit fühlte sich jedoch gekränkt, als der unlängst erwähnte +französische Knabe, welchem er sein Product mitgetheilt und ihn um sein +Urtheil gebeten, sich erlaubte, mehrere Stellen, ja ganze Scenen zu +streichen. Für Goethe hatte dies Verfahren den Nutzen, daß er mit der +französischen Dramaturgie, gegen deren Regeln er gefehlt haben sollte, sich +näher bekannt machte. Zu diesem Zweck las er Corneille's Abhandlung über +die Aristotelische dreifache Einheit, und studirte Racine's Werke, die ihm +zum Theil schon bekannt waren, da er einige Jahre früher auf einem +Kindertheater in dem Trauerspiel Brittannicus den Nero gespielt hatte. Bei +seiner immer noch sehr mangelhaften Kenntniß des Französischen förderten +ihn jedoch diese Studien äußerst wenig, und er gab sie wieder auf, als er +nicht ohne Mühe die Vorreden gelesen hatte, in denen Corneille und Racine +sich gegen die Kritiker und das Publikum vertheidigten. + +Entschieden regte sich in dem Knaben der in spätern Jahren wachsende Trieb, +mancherlei Naturgegenstände, deren innere Beschaffenheit sich dem Auge +entzog, näher kennen zu lernen. Er zerpflückte Blumen, um zu sehen, wie die +Blätter in ihren Kelch eingefügt waren. Seine jugendliche Neugier und +Forschungslust beschäftigte sich mit den verschiedenartigsten Gegenständen. +Er bewunderte die geheime Anziehungskraft des Magnet's, und ermüdete nicht, +jene ihm unerklärliche Wirkung an Feilspänen und Nähnadeln zu erproben. Mit +Hülfe eines alten Spinnrades und einiger Arzneigläser versuchte er +fruchtlos den Effect einer Electrisirmaschine hervorzubringen. Weniger aus +eigner Neigung, als aus Gefälligkeit gegen seinen Vater, unterzog er sich +dann und wann der Wartung und Pflege der im elterlichen Garten gehegten +Seidenwürmer. + +Dieser geschäftige Müssiggang behagte ihm mehr, als der Unterricht im +Englischen, zu welchem er von seinem Vater mit Strenge angehalten ward. +Indeß gelangte er durch Fleiß in kurzer Zeit zu einer ziemlichen Fertigkeit +im Englischen. Auch seine übrigen Sprachstudien vernachlässigte er nicht +ganz. Seinem Wunsche, hebräisch zu lernen, um das Alte Testament in der +Ursprache lesen zu können, gab Goethe's Vater seine Zustimmung. Durch den +Magister Albrecht in der genannten Sprache unterrichtet, machte er darin +ziemlich rasche Fortschritte. + +Wichtig und einflußreich wurden Goethe's Bibelstudien besonders dadurch, +daß sie ihn zu einem epischen Gedicht begeisterten. Den Stoff dazu fand er +in der Geschichte Josephs. Ueber die Form jedoch war er lange Zeit mit sich +nicht einig. Nach reiflicher Ueberlegung wählte er die Prosa. Von jenem +Gedicht, das einen ziemlichen Umfang gewann, hat sich nicht einmal ein +Fragment erhalten. Auch manche lyrische Poesien, unter andern mehrere +Gedichte in Anakreons Manier, gingen verloren. Einigen geistlichen Oden und +andern religiösen Dichtungen, unter andern einer "Höllenfahrt Christi", +zollte Goethe's Vater besondern Beifall. Auch durch mehrere Predigtauszüge, +die er Sonntags in einem verborgnen Kirchstuhl entwarf, empfahl Goethe sich +seinem Vater, zog sich jedoch seine lebhafte Mißbilligung zu, als er jene +Arbeit wieder saumseliger betrieb und zuletzt gänzlich unterließ. + +Seinen Sohn zu einem tüchtigen Juristen zu bilden, war ein väterlicher +Lieblingswunsch. Goethe erhielt von seinem Vater ein in catechetischer Form +abgefaßtes Büchlein. Dadurch sollte ihm das Studium des Corpus Juris +erleichtert werden. Er erlangte auch ziemliche Gewandtheit im Aufschlagen +einzelner Stellen, vermochte jedoch, als er später das Struvische +Compendium erhielt, der Rechtswissenschaft keinen sonderlichen Geschmack +abzugewinnen. Damit es ihm nicht an der nöthigen körperlichen Bewegung +fehlen möchte, ließ sein Vater ihn das Fechten, späterhin auch die +Reitkunst lernen. Es war im Herbst 1761, als er auf die Reitbahn geschickt +ward. Seines Lehrers pedantische Methode war jedoch nicht geeignet, ihn für +die Reitkunst besonders zu interessiren. + +Der Dichtkunst war Goethe nicht untreu geworden. Eine für einen +Jugendfreund geschriebene poetische Epistel, die sich leider nicht erhalten +hat, empfahl sich durch ihre innere Wahrheit und Naivität, und hob jeden +Zweifel, der über sein poetisches Talent noch obwalten konnte. Sein Product +in mehreren Händen zu sehen, schmeichelte seiner jugendlichen Eitelkeit. Er +theilte es daher mehreren jungen Leuten mit, die er zufällig kennen gelernt +hatte. Die nähere Berührung, in die er mit ihnen trat, ward um so +entscheidender für ihn, da sich daran ein Liebeshandel mit einem jungen +Mädchen knüpfte, deren Namen er späterhin in seinem "Faust" verewigte. +Seinem Stande nicht angemessen und für seine sittlichen Grundsätze von +keinem wohlthätigen Einflusse war der Kreis, in den er eingetreten war, und +der ihn von seiner geregelten Lebensweise entfernte und zu manchen +Abentheuern und jugendlichen Uebereilungen verlockte. Nach seinen eignen +Aeußerungen in spätern Jahren bestand jener Kreis aus jungen Menschen, +sämmtlich älter als er, die der mittlern und niedern Volksklasse +angehörend, mit oberflächlichen Schulkenntnissen, durch Abschreiben, durch +Besorgung kleiner Geschäfte für die Kaufleute und Mäkler sich einen +nothdürftigen Erwerb sicherten. Ihr zweideutiger Ruf war ihm unbekannt, und +ein Licht darüber ging ihm erst auf, als seine Eltern ihn über den +gewählten Umgang und seinen jugendlichen Leichtsinn die bittersten Vorwürfe +machten. Ein tiefes Gefühl von Scham ergriff ihn, als er erfuhr, daß seine +Genossen zum Verfälschen von Papieren, zur Nachahmung von Handschriften und +andern sträflichen Handlungen ihre Zuflucht genommen hatten. + +Von der trostlosen Stimmung, in die er dadurch versetzt ward, konnte ihn +nur Fleiß und Thätigkeit befreien. Er hatte aber auch noch manches +nachzuholen, um sich zur Universität vorzubereiten, die er bald beziehen +sollte. Ein weites Feld zu mannigfachen Betrachtungen eröffneten ihm seine +fortgesetzten philosophischen Studien, größtenteils nach Brucker's +Compendium. Dieser Beschäftigung ward er wieder untreu, als der eintretende +Frühling ihn in die freie Natur lockte. Mit seinen Freunden besuchte er die +in der Umgegend von Frankfurt gelegenen Vergnügungsorte. Noch mehr aber +behagte ihm, in seiner Gemüthsstimmung die Einsamkeit der Wälder. In dem +dunkeln Schatten alter Eichen und Buchen weilte er am liebsten. +Unwillkührlich regte sich in ihm wieder der schon früh im elterlichen Hause +erwachte Trieb, nach der Natur zu zeichnen. Alles, was er sah, gestaltete +sich ihm zum Bilde. Fühlbar aber ward ihm bald, daß ihm nur die Gabe +verliehen war, die ihm entgegentretenden Gegenstände im Ganzen aufzufassen. +Zum Zeichnen des Einzelnen schien ihn die Natur aber so wenig bestimmt zu +haben, als zum betreibenden Dichter. Demungeachtet setzte er seine Uebungen +mit einer gewissen Hartnäckigkeit fort. Er ermüdete nicht in der +schwierigen Zeichnung eines alten Baumstammes, an dessen gekrümmte Wurzeln +sich blühende Farrenkräuter hingen. + +Mit Goethe's Skizzen, so unvollkommen sie auch seyn mochten, war sein Vater +im Allgemeinen zufrieden, wenn er auch Einzelnes daran tadelte. Gern ließ +er seinen Sohn umherstreifen, weil er von solchen Ausflügen eine neue +Zeichnung erwartete. Zu Fußwanderungen mit einigen Freunden gönnte er ihm +völlige Freiheit. Einen besondern Reiz hatten für Göthe [Goethe] die +Gebirgsgegenden. Er besuchte Homburg, Kroneburg, bestieg den Feldberg und +Königsstein, verweilte einige Tage in Wiesbaden und Schwalbach, und kam bis +an den Rhein. Den jugendlichen Sinn, der sich mehr in der großen Natur, als +in abgeschlossenen Räumen gefiel, konnte Mainz nicht fesseln. Einen +erfreulichen Eindruck auf Goethe machte die anmuthige Lage von Biberich. +Von da kehrte er in seine Vaterstadt zurück, mit einer ziemlich reichen +Ausbeute von landschaftlichen Skizzen und Zeichnungen der verschiedensten +Art, unter denen manche seines Vaters Beifall erhielten, andere jedoch auch +scharf von ihm getadelt wurden. + +Dadurch verstimmt, schloß sich Goethe enger an seine Mutter an, die ihm +mehr Milde und Nachsicht bewies, und selbst noch jugendlich, mit seinen +Gefühlen und Lebensansichten mehr harmonirte, als der ernster gestimmte +Vater. Ein fast noch innigeres Verhältniß bestand zwischen Goethe und +seiner ungefähr ein Jahr jüngern Schwester Cornelia. Gemeinschaftliches +Spiel und Lernen in den Jahren der Kindheit hatte späterhin, als sich +beider physische und geistige Kräfte entwickelten, ein festes Vertrauen +und eine wahrhaft geschwisterliche Liebe erzeugt. Goethe ward von +seiner Schwester zum Vertrauten aller ihrer Empfindungen und +Herzensangelegenheiten gewählt. Ziemlich gut bestand er im Allgemeinen, als +sein Vater seine Kenntnisse in einzelnen Materien der Jurisprudenz prüfte. +Mehrere wissenschaftliche Fächer beschäftigten seinen strebenden Geist, +vorzüglich die Geschichte der ältern Literatur. Durch das fortgesetzte +Studium von Geßners Isagoge und Morhofs Polyhistor, gerieth er fast auf den +Irrweg, selbst ein Vielwisser zu werden. Sein Tag und Nacht fortgesetzter +Fleiß drohte ihn eher zu verwirren, als wahrhaft zu bilden. Bayle's +historisch-kritisches Wörterbuch führte ihn vollends in ein Labyrinth, aus +welchem er sich kaum wieder herauszufinden wußte. Von der großen +Wichtigkeit einer gründlichen Sprachkenntniß hatte er sich längst +überzeugt. Das Hebräische war allmälig in den Hintergrund getreten. Auch +Goethe's Kenntnisse in der griechischen Sprache reichten nicht viel weiter, +als zum Verständniß des Neuen Testaments im Urtexte. Ernstlicher hatte er +sich mit dem Lateinischen beschäftigt. Er war, obschon er keinen +grammatikalischen Unterricht genossen, ziemlich bewandert in den römischen +Classikern. + +Unter diesen Sprachstudien regte sich wieder in ihm der nie ganz +schlummernde Trieb poetischer Nachbildung. Seine Productionskraft, die +Leichtigkeit, womit er die Erzeugnisse seines Geistes niederschrieb, hatte +sich vermehrt. Jugendliche Eitelkeit ließ ihn seine poetischen Producte mit +einer gewissen Vorliebe betrachten. Der Tadel, den sie mitunter erfuhren, +raubte ihm nicht die Ueberzeugung, künftig wohl Geisteserzeugnisse zu +liefern, die sich mit denen eines Gellert, Uz, Hagedorn und andern damals +hochgefeierten Dichtern messen könnten. Aber die poetische Laufbahn, so +viel Lockendes sie auch für ihn hatte, schien ihm doch zu schwankend und +unsicher, um sie zu seinem künftigen Lebensberuf zu wählen. Ein +akademisches Lehramt lag im Bereich seiner Wünsche. Dazu wollte er sich +fähig machen, um zur Bildung Anderer, wie zu seiner eigenen, etwas +beitragen zu können. + +Viel Lockendes hatte für Goethe der Aufenthalt in Göttingen, wo Heyne, +Michaelis und andere berühmte Männer lehrten. Sein Vater bestand jedoch +darauf, daß er seine akademische Laufbahn in Leipzig beginnen sollte. +Wiederholt schärfte er ihm zugleich ein, seine Zeit auf's Zweckmäßigste zu +benutzen. Von seinem Vater ward er hierin so ausführlich belehrt, daß er, +ohnedies verstimmt durch das Aufgeben eines Göttinger Lieblingsplans, +beinahe den Entschluß faßte, in seiner Studien- und Lebensweise seinen +eignen Weg zu verfolgen. Diese Idee schien ihm nicht blos romantisch, +sondern auch ehrenvoll. Er dachte an seinen Landsmann Griesbach, der einen +ähnlichen Weg einschlagen und sich als gelehrter Theolog und Schriftsteller +einen allgemein geachteten Namen erworben hatte. + +Immer näher rückte indeß die Zeit, wo Goethe Frankfurt verlassen sollte. +Begleitet von den Glückwünschen seiner Eltern und Freunde, fuhr er im +October 1765 nach Leipzig. Seine Reisegenossen waren der in Frankfurt +ansässige Buchhändler Fleischer und dessen Gattin, eine Tochter des damals +geschätzten Dichters Triller, die ihren Vater in Wittenberg besuchen +wollte. Die Jahreszeit, in der Goethe seine Reise antrat, war höchst +unfreundlich. Durch den fast ununterbrochenen Regen waren die Wege fast +unfahrbar geworden, und in der Gegend von Auerstadt blieb der Wagen völlig +stecken. Es war die Zeit der Messe, als er in Leipzig ankam. In der +sogenannten Feuerkugel, zwischen der Universitätsstraße und dem Neumarkt, +bezog Goethe zwei nach dem Hofe hinaus gelegene Zimmer, die er während der +Messe gemeinschaftlich mit seinem Reisegefährten, dem Buchhändler +Fleischer, später jedoch allein bewohnte. + +In dem Hause des Professors Böhme, der Geschichte und Staatsrecht lehrte, +fand Goethe, nachdem er seine Empfehlungsbriefe abgegeben, eine freundliche +Aufnahme. Als er jedoch seine Abneigung gegen die Jurisprudenz sich merken +ließ, und mit dem Plan hervortrat, sich den alten Sprachen und schönen +Wissenschaften widmen zu wollen, mißbilligte Böhme, der die Dichter, selbst +den allgemein gefeierten Gellert nicht leiden konnte, dies übereilte +Vorhaben. Dringend empfahl er das Studium der römischen Alterthümer und der +Rechtsgeschichte, und schloß seine Ermahnungen mit der Bitte, den gefaßten +Entschluß reiflich zu überlegen. Seine Ueberredung wirkte. Goethe gab +seinen Plan auf, und entschied sich für die Jurisprudenz. Nach Böhme's Rath +sollte er zuerst Philosophie, Rechtsgeschichte und die Institutionen hören. +Er ließ sich jedoch, ungeachtet der Abneigung Böhme's gegen Gellert, nicht +abhalten, auch dessen Auditorium zu besuchen, besonders die Collegien über +Literaturgeschichte, die jener hochgefeierte Mann nach Stockhausens +bekanntem Compendium las. Nach der Schilderung, welche Goethe in spätern +Jahren von Gellert entwarf, war er von Gestalt nicht groß, schwächlich, +doch nicht hager. Er hatte sanfte, fast traurige Augen, eine sehr schöne +Stirn, eine nicht übertriebene Habichtsnase, einen feinen Mund und ein +gefälliges Oval des Gesichts, was, verbunden mit der Freundlichkeit in +seinem Benehmen, einen angenehmen Eindruck machte. + +Durch die Vorlesungen, die Goethe, wenigstens anfangs, sehr regelmäßig +besuchte, ward er nicht sonderlich gefördert. In den philosophischen +Collegien fand er nicht die gehofften Aufschlüsse über einzelne, ihm dunkle +Materien. Er ward bald nachlässig im Nachschreiben seiner Hefte. Sie wurden +immer unvollständiger, besonders in den philosophischen Collegien, die der +Professor Winkler las. Auch die juristischen Vorlesungen behagten ihm nicht +lange. Was durch ein wissenschaftliches System in enge, schroffe Grenzen, +in dürre Begriffe ohne Leben eingeschlossen worden war, konnte seinem +poetisch gestimmten Gemüth nicht zusagen. + +Zu diesem Zwiespalt mit dem starren Facultätswesen und dem Geiste der +akademischen Vorlesungen gesellten sich noch kleine Unannehmlichkeiten des +Lebens, die ihm, verbunden mit seinen unbefriedigten Erwartungen, den +Aufenthalt in Leipzig verleideten. Er mußte hier und da manchen Spott hören +über seine altmodische Kleidung, die er aus dem elterlichen Hause +mitgebracht hatte. Diese Kleidung mit einer andern zu vertauschen, die den +Anforderungen der Mode mehr entsprach, ward Goethe erst veranlaßt, als er +in einem damals sehr beliebten Lustspiel von Destouches den Herrn von +Masuren in einem ähnlichen Tressenkleide, wie er selbst es trug, auftreten +sah. Auch sein fremder Dialekt ward ein Gegenstand des Spotts. Unmuthig +darüber, blieb er aus geselligen Cirkeln weg, in die er eingeführt worden +war. Die Gattin des Professors Böhme, eine vielseitig gebildete Frau, in +der er eine zweite Mutter fand, machte ihm seine Verstöße gegen die feine +Lebensart bemerklich. Auch auf seinen ästhetischen Geschmack übte sie, wenn +auch nur negativ, einen wohlthätigen Einfluß aus, indem sie dazu beitrug, +ihm Gottsched's und seiner Anhänger Poesie zu verleiden. Ihr scharfes +Urtheil über talentvolle Dichter, unter andern ihren bittern Tadel des von +Weiße geschriebenen Lustspiels: "die Poeten nach der Mode," konnte Goethe, +dem dieß Stück sehr gefiel, ihr nicht verzeihen. Seine eigene +Autoreitelkeit fühlte sich verletzt durch ihre Aeußerungen über einige +seiner lyrischen Gedichte, die er ihr anonym mittheilte. + +Kaum seinen Ohren traute Goethe, als er hörte, wie Gellert in einem seiner +Collegien seine Zuhörer vor der Dichtkunst warnte, und sie zu prosaischen +Ausarbeitungen aufforderte. Demungeachtet wagte Goethe, ihm einige seiner +poetischen Versuche zu zeigen, die er, wie alle übrigen, mit rother Dinte +corrigirte und die zu große Leidenschaftlichkeit in Styl und Darstellung, +mitunter auch einige psychologische Verstöße tadelte. Eine scharfe Rüge, +die seinen Lieblingsdichter Wieland traf, machte ihn so irre an seinem +poetischen Talent, daß er in seinem Unmuth eines Tages alles, was er in +Versen und Prosa geschrieben, den Flammen übergab. Ihn in seinem poetischen +Streben zu fördern war der damalige Zustand der schönen Literatur in +Deutschland nicht sonderlich geeignet. Aus den Dichtern, die Goethe sich +hätte zum Muster nehmen können, aus Gellert, Lessing, Klopstock, Wieland u. +A. blickte eine zu entschiedene Individualität hervor. Vor sclavischer +Nachahmung bewahrte ihn sein besseres Gefühl. Was die Poesie der genannten +Dichter Vortreffliches hatte, glaubte er nicht erreichen zu können; aber er +fürchtete, in ihre Fehler zu verfallen. Er hatte zu sich und seinem Talent +das Vertrauen verloren, und fand es erst wieder in dem Umgange mit mehreren +gebildeten und kenntnisreichen jungen Männern, zu denen unter andern sein +Landsmann und nachheriger Schwager Schlosser gehörte, der damals als +geheimer Secretär des Herzogs Ludwig von Würtemberg diesen Fürsten nach +Leipzig begleitet hatte. + +Durch Schlosser, der als Schriftsteller nicht unrühmlichbekannt war, +erhielt Goethe Zutritt zu manchen gelehrten und einflußreichen Männern. +Auch mit Gottsched, dem damaligen Tonangeber des ästhetischen Geschmacks, +dessen Aussprüche, seinem Antagonisten Breitinger zum Trotz, noch immer als +Orakel galten, ward Goethe auf die erwähnte Weise bekannt. Er fand ihn im +ersten Stockwerk des goldnen Bären, welches ihm von seinem Verleger +Breitkopf, aus Erkenntlichkeit für den großen Absatz seiner Schriften, zur +lebenslänglichen Wohnung eingeräumt worden war. In einem Schlafrock von +grünem Damast, mit rothem Taft gefüttert, trat Gottsched, wie Goethe in +spätern Jahren erzählte, ihm und Schlosser entgegen. In demselben +Augenblicke aber eilte ein Diener herbei, und reichte ihm eine große +Perücke, um sein kahles Haupt zu bedecken. Der Saumselige bekam jedoch eine +tüchtige Ohrfeige, worauf Gottsched mit großer Ruhe und Gleichgültigkeit +die beiden Fremden zum Sitzen nöthigte und sich mit ihnen in ein Gespräch +einließ, das meistens literarische Gegenstände betraf. + +Die beliebtesten englischen Autoren sich zum Muster zu wählen, hielt Goethe +für das wirksamste Mittel, um sich von dem seichten Geschmack Gottsched's +und seiner Schule frei zu erhalten. Aber auch zu einem gründlichen Studium +der bessern deutschen Schriftsteller, die der Literatur eine neue Richtung +gaben, ward Goethe durch den Umgang mit mehreren vielseitig gebildeten +jungen Männern geführt, zu denen, außer einigen gebildeten Livländern, ein +Bruder des Dichters Zachariä, der nachherige Privatgelehrte Pfeil und der +durch seine geographischen und genealogischen Compendien bekannte +Schriftsteller Krebel gehörten. Fleißig las Goethe in Lessings, Gleims, +Hallers, Ramlers u. A. Schriften. Keiner dieser Dichter aber raubte ihm die +Vorliebe für Wieland. Den Eindruck, den das Lehrgedicht "Muserion" damals +auf ihn gemacht, schilderte er in spätern Jahren mit den Worten: "Hier, in +diesem Gedicht war es, wo ich das Antike lebendig und neu vor mir zu sehen +glaubte. Alles, was in Wielands Natur plastisch war, zeigte sich hier aufs +Vollkommenste, und da der zu unglückseliger Nüchternheit verdammte +Phanias-Timon sich zuletzt wieder mit seinem Mädchen und mit der Welt +versöhnte, so mochte ich die menschenfeindliche Epoche wohl mit ihm +durchleben." + +Ein flüchtiges Interesse nahm Goethe an der lange dauernden literärischen +Fehde, welche die Verschiedenheit religiöser Meinungen zwischen den beiden +Leipziger Professoren Ernesti und Crusius hervorrief. Jener ging +bekanntlich in der biblischen Hermeneutik von allgemeinen philologischen +Grundsätzen aus, während Crusius zu einer mystischen Erklärungsweise der +heiligen Schrift sich hinneigte. Lebhafter, als für diese theologische +Polemik, interessirte sich Goethe, neben seiner Beschäftigung mit der +Dichtkunst und den schönen Wissenschaften, für die eifrigen Bemühungen +Jerusalems, Zollikofers, Spaldings und anderer berühmten Theologen, in +Predigten und Abhandlungen der Religion und Moral aufrichtige Verehrer zu +verschaffen. Zurückgeschreckt durch die barocke Schreibart der Juristen, +bildete Goethe nach jenen Mustern, besonders nach Mendelssohn und Garve, +seinen Styl. + +Poetischen Stoff sammelte er auf einsamen Spaziergängen durch das +Rosenthal, nach Gohlis und andern benachbarten Orten. Zu einer Idylle, auf +die er noch in spätern Jahren einigen Werth legte, begeisterte ihn Annette, +die Tochter eines Wirths, bei welchem er mit mehreren Freunden seinen +Mittagstisch hatte. Ueber sein Liebesverhältniß entwarf Goethe in spätern +Lebensjahren eine anziehende Schilderung in den Worten: "Ich war nach +Menschenweise in meinen Namen verliebt, und schrieb ihn, wie junge Leute zu +thun pflegen, überall an. Einst hatte ich ihn auch sehr schön und genau in +die glatte Rinde eines Lindenbaums geschnitten. Den Herbst darauf, als +meine Neigung zu Annetten in ihrer besten Blüthe war, gab ich mir die Mühe, +den ihrigen oben darüber zu schneiden. Indeß hatte ich gegen Ende des +Winters, als ein launischer Liebhaber, manche Gelegenheit vom Zaun +gebrochen, sie zu quälen und ihr Verdruß zu machen. Im Frühjahr besuchte +ich zufällig die Stelle. Der Saft, der mächtig in die Bäume trat, war durch +die Einschnitte, die ihren Namen bezeichneten, und die noch nicht +verharrscht waren, hervorgequollen, und benetzte mit unschuldigen +Pflanzenthränen die schon hart gewordenen Züge des meinigen. Sie hier über +mich weinen zu sehen, der ich oft durch mein Benehmen ihre Thränen +hervorgerufen hatte, versetzte mich in Bestürzung. In Erinnerung meines +Unrechts und ihrer Liebe kamen mir selbst die Thränen in die Augen. Ich +eilte, ihr Alles doppelt und dreifach abzubitten, und verwandelte jenes +Ereigniß in eine Idylle, die ich niemals ohne Rührung lesen oder Andern +mittheilen konnte." + +Aus der poetischen Gattung, zu der jenes Gedicht gehörte, ward Goethe bald +wieder auf die dramatische Dichtkunst hingewiesen durch den tiefen und +bleibenden Eindruck, den Lessings Minna von Barnhelm auf ihn machte. Dieß +ganz eigentlich aus dem Leben gegriffene Lustspiel von ächtem +Nationalgehalt, lenkte seinen Blick zugleich auf die großen Weltereignisse +des siebenjährigen Krieges. Neben dem bedeutenden Stoff bewunderte er +besonders die concise Behandlung. Ein solches Muster zu erreichen, traute +er sich nicht zu. Schon sein beschränkter Umgang mit vielseitig gebildeten +Personen verhinderte ihn daran. In den eignen Busen mußte er greifen, wenn +es ihm darum zu thun war, seinen Gedichten durch Empfindung oder Reflexion +eine feste Basis zu geben. Fühlbar ward ihm wenigstens, daß er, um bei +seinen poetischen Producten zu einer klaren Anschauung der einzelnen +Gegenstände zu gelangen, aus dem Kreise, der ihn umgab und ihm ein +Interesse einflößte, nicht heraustreten durfte. Solchen Ansichten +verdankten mehrere lyrische Gedichte Goethe's, von denen sich jedoch nur +wenige erhalten haben, ihre Entstehung. Goethe gab diesen Gedichten +meistens die Form des Liedes, bisweilen auch ein freieres Versmaß. Es waren +weniger Produkte einer sehr lebhaften Phantasie, als des ruhigen +Verstandes, wofür schon die epigrammatische Wendung in einigen jener +Gedichte zu sprechen schien. Unverändert blieb seinem Geiste die Richtung, +Alles, was ihn erfreute, beunruhigte oder überhaupt in irgend einer Weise +lebhaft beschäftigte, in ein poetisches Gewand zu kleiden. Seine Natur, die +leicht von einem Extrem in's andre geworfen ward, gelangte dadurch zu einer +gewissen Ruhe. + +Aus seinem, durch eigene Schuld, vorzüglich durch grundlose Eifersucht +wieder aufgelösten Lebensverhältniß schöpfte Goethe die Idee zu seinem +ersten dramatischen Werke. 1769 dichtete er sein Schauspiel: "die Laune des +Verliebten", das er jedoch erst nach einer bedeutenden Reihe von Jahren dem +Druck übergab. Seinem Inhalt nach war das Stück dem später gedichteten +Schauspiel: "Erwin und Elmire" ähnlich, so wesentlich es sich von demselben +durch die Form und Behandlungsart unterschied. Erhalten hat sich unter +mehreren literarischen Entwürfen aus jener Zeit nur der Anfang einer in +Alexandrinern verfaßten Uebersetzung von Corneille's Lustspiel: Le +Menteur, unter dem Titel: "der Lügner", und außerdem das Fragment eines in +Briefen zwischen "Arianne und Wetty" geschriebenen Romans. Man findet diese +Bruchstücke in den neuerlich von A. Scholl herausgegebenen Briefen und +Aufsätzen Goethes aus den Jahren 1766-1786. Vollendet ward von Goethe nur +das Lustspiel: "Die Mitschuldigen." Er bedauerte in spätern Jahren, daß er +über der ernsten Richtung in seinen ersten dramatischen Werken manchen +heitern Stoff, den ihn das Studentenleben darbot, unbenutzt gelassen hatte. +Seine Empfindungen legte er in einzelnen Liedern und Epigrammen nieder, die +jedoch, nach seinem eignen Geständnisse in späterer Zeit, zu subjectiv +waren, um außer ihn selbst, noch irgend Jemand zu interessiren. + +Einen frühen Jugendeindruck erneuerte in Goethe Gellerts wiederholte und +dringende Ermahnung an seine Zuhörer, sich dem öffentlichen Gottesdienste +und dem Genuß des heiligen Abendmahls nicht zu entziehen. Etwas Furchtbares +hatte für Goethe von jeher die neutestamentliche Vorstellung gehabt: wer +das Sakrament unwürdig genösse, äße und tränke sich selbst den Tod. Von +mannigfachen Gewissensscrupeln beunruhigt, hatte er sich der +Abendmahlsfeier lange entzogen, und Gellerts Ermahnungen fielen ihm um so +schwerer aufs Herz. Ueber die ernsten Betrachtungen, denen er sich eine +Zeit lang überließ, siegte indeß bald wieder angeborner Humor und +jugendlicher Leichtsinn. + +Einflußreich und belehrend durch seine vielseitigen Sprach- und +Literaturkenntnisse ward für Goethe die Bekanntschaft mit dem Hofmeister +eines jungen Grafen von Lindenau. Er hieß Behrisch, und war, nach Goethes +eigner Schilderung, ungeachtet seines redlichen Charakters und seiner +vielen löblichen Eigenschaften, einer der größten Sonderlinge. Trotz der +Würde seines äußern Benehmens war er immer zu allerlei muthwilligen Possen +aufgelegt. Durch seine sarkastischen Bemerkungen weckte er in Goethe den +Hang zur Satyre. Zur besondern Zielscheibe seines Witzes wählte sich dieser +den Professor Clodius, der die stylistischen Vorlesungen übernommen, welche +Gellert, seiner Kränklichkeit wegen, hatte aufgeben müssen. Durch den Tadel +eines Gedichts, mit welchem Goethe die Hochzeit eines Oheims in Frankfurt +verherrlichen wollte, hatte Clodius seine Autoreitelkeit verletzt. +Gemeinschaftlich mit seinem Freunde Behrisch rächte sich Goethe durch +lauten Spott über die mittelmäßigen Oden, mit denen Clodius mehrmals bei +feierlichen Gelegenheiten hervorgetreten war. Die darin enthaltenen +Kraftsprüche und Sentenzen benutzte Goethe zu einer Parodie. Es war ein an +den damals sehr beliebten Conditor Händel gerichtetes Gedicht, welches zwar +nicht gedruckt, doch bald in mehreren Abschriften verbreitet ward. Die +Wirkung seiner Parodie verstärkte Goethe noch durch einen satyrischen +Prolog, den er bald nachher zu dem von Clodius geschriebenen Lustspiel: +"Medon oder die Rache des Weisen" dichtete. Nach seiner eignen Schilderung +in spätern Jahren hatte Goethe in jenem Prolog Harlekin mit zwei Säcken +auftreten lassen, mit moralisch-ästhetischem Sande gefüllt, den die +Schauspieler den Zuschauern in die Augen streuen sollten. Der eine Sack, +äußerte Harlekin, sei mit Wohlthaten gefüllt, die nichts kosteten, der +andere mit allerlei hochtrabenden Sentenzen, hinter denen nichts stecke. +Darum möchten die Zuschauer ja die Augen zudrücken u.s.w. + +Getrennt von seinem Freunde Behrisch, dem seine vielseitigen Kenntnisse die +Stelle eines Erziehers des Erbprinzen von Dessau verschafft hatten, sank +Goethe wieder aus Mangel an Selbstständigkeit in das vielfach bewegte und +leidenschaftliche Treiben zurück, dem er durch Behrisch kaum entrissen +worden war. Auf einen bessern Weg führte ihn das Studium der Kunst. Bei dem +berühmten Oeser, der als Director der Leipziger Zeichnenakademie in dem +alten Schlosse Pleißenburg wohnte, nahm Goethe Unterricht im Zeichnen. +Durch die Betrachtung vorzüglicher Werke und Oesers geistreiche Bemerkungen +darüber ward sein früh erwachter Kunstsinn wieder vielfach angeregt und +genährt. Reichen Genuß verschafften ihm besonders die werthvollen Gemälde- +und Kupferstichsammlungen mehrerer Leipziger Kunstfreunde. Er vermehrte +dadurch seine Kenntnisse in einem Fache, worin er, nach einer Aeußerung in +spätern Jahren, "einst die größte Zufriedenheit seines Lebens finden +sollte." Von der bloßen Anschauung zum Denken erhob er sich durch das +Studium der Schriften d'Argenville's, Christs, Winkelmanns u.A. Völlig klar +ward ihm jedoch der Unterschied zwischen den bildenden und den Redekünsten +erst durch Lessings Laokoon. Der Triumph des Schönen über das Häßliche +zeigte sich ihm in der Vorstellung der Griechen, die sich den Tod als den +Bruder des Schlafs und diesem bis zum Verwechseln ähnlich dachten. + +Einen reinen Kunstgenuß bot ihm ein kurzer Aufenthalt in Dresden und die +Betrachtung der dortigen Gemäldegallerie. Vielfache Belehrung verdankte er +dem Inspector Riedel. Kurz vor seiner Rückreise nach Leipzig lernte er auch +den Director der Kunstakademie, v. Hagedorn, einen Bruder des Dichters, +persönlich kennen. In Leipzig fühlte Goethe, obgleich er jenen reichen +Kunstgenuß dort entbehren mußte, nach seinem eignen Geständniß, sich ganz +behaglich durch freundschaftlichen Umgang und einen Zuwachs an Kenntnissen. +Beides fand er in dem Hause des Buchhändlers Breitkopf, der auf dem +Neumarkt im silbernen Bären wohnte. Der älteste Sohn jenes Mannes spielte +mit ziemlicher Fertigkeit die Violine, und componirte einige von Goethe's +Gedichten, die ohne Angabe des Druckorts 1768 zu Leipzig in Quart +erschienen. Oft wurden in Breitkopfs Hause, dessen zweiter Sohn ebenfalls +musikalisch war, Concerte veranstaltet. Manchen Genuß und Nutzen schöpfte +Goethe auch aus Breitkopfs auserlesener Bibliothek, welche vorzüglich an +Werken reich war, die sich auf den Ursprung und die Fortschritte der +Buchdruckerkunst bezogen. + +Wichtig ward für Goethe die Bekanntschaft des aus Nürnberg gebürtigen +Kupferstechers Stock, der ein Mansardzimmer im Breitkopfischen Hause +bewohnte. Die Technik der Kupferstecherkunst hatte für Goethe einen so +unwiderstehlichen Reiz, daß er der Begierde nicht widerstehen konnte, sich +selbst in diesem Fache zu versuchen. Zur Zufriedenheit seines Lehrers Stock +radirte er einige Landschaften nach Thiele und andern Künstlern. Erhalten +haben sich aus jener Zeit noch zwei radirte Blätter Goethe's. Beide stellen +Landschaften dar, mit kleinen Cascaden, umschlossen von Felsen und Grotten. +An dem untern Rande beider Landschaften befinden sich die Worte. Peint par +A. Thiele, gravé par Goethe. Das eine Blatt hatte Goethe mit den +nachstehenden Worten seinem Vater gewidmet: Dedié à Monsieur Goethe, +Conseiller actuel de S.M. Imperiale, par son fils très-obeissant. Das +andere Blatt führt die Unterschrift: Dedié à Mr. le Docteur Hermann, +Assesseur de la cour provinciale supréme de justice S. A. Elect. de Saxe et +Sénateur de la ville de Leipsic, par son ami Goethe. Eine genaue und +ausführliche Beschreibung der erwähnten Blätter lieferte ein Aufsatz Karl +Buchner's im Morgenblatt vom Jahr 1828. No. 3-6. + +Den der Gesundheit nachtheiligen Dünsten, die sich beim Aetzen von +Kupferstichen entwickelten, gab Goethe eine gefährliche Brustbeklemmung +schuld, die er sich aber auch wohl durch den zu reichlichen Genuß des +Merseburger Biers und starken Kaffees zugezogen haben mochte. Der +Organismus seiner Natur ward so heftig erschüttert, daß er einst Nachts von +einem heftigen Blutsturz erwachte. Die ärztliche Hülfe des Doctor Reichel +beschleunigte seine Genesung. Er ward wieder heiter gestimmt für den Umgang +mit seinen Freunden, die er durch Kränklichkeit und üble Laune von sich +gescheucht hatte. + +Die Zeit, wo Goethe nach beendigten Studien wieder in das elterliche Haus +zurückkehren sollte, war nahe. Kurz vor seiner Abreise ereignete sich ein +Tumult zwischen den Studenten und Stadtsoldaten. Goethe hatte keinen +Antheil an diesen Händeln. Mit jenem Nachklange akademischer Großthaten +verließ er Leipzig im September 1768. Er hatte dort manche +Freundschaftsverhältnisse angeknüpft. Den Einfluß, den der Aufenthalt in +Leipzig auf seine Bildung gehabt, konnte er nicht verkennen. Gestehen mußte +er sich freilich, daß er den Aussichten und Hoffnungen seiner Eltern nicht +sonderlich entsprochen. Er hatte sich ganz andern Studien gewidmet, als +sein Vater wünschen mochte, der nur mühsam den Unmuth verbarg, seinen Sohn, +der nun promoviren und die ihm vorgeschriebene Bahn durchlaufen sollte, +noch nicht hinlänglich dazu vorbereitet, und überdieß geistig und +körperlich leidend heimkehren zu sehen. + +Goethe aber bereute nicht den selbst gewählten Pfad, und seine Dankbarkeit +vergaß nie den Mann, der ihn zuerst darauf hingeleitet. Den 9. November +1768 schrieb er nach Leipzig an Oeser: "Was bin ich Ihnen nicht alles +schuldig, daß Sie mir den Weg zum Wahren und Schönen gezeigt, daß Sie mein +Herz für den Reiz fühlbar gemacht haben. Ich bin Ihnen mehr schuldig, als +ich Ihnen danken könnte. Der Geschmack, den ich am Schönen habe, meine +Kenntnisse, meine Einsichten, hab' ich die nicht alle durch Sie? Wie gewiß, +wie einleuchtend wahr ist mir der seltsame, fast unbegreifliche Satz +geworden, daß die Werkstatt eines großen Künstlers mehr den keimenden +Philosophen, den keimenden Dichter entwickle, als der Hörsaal des Weisen +und des Kritikers. Lehre thut viel, aber Aufmunterung thut Alles. +Aufmunterung nach dem Tadel ist Sonne nach dem Regen, fruchtbares Gedeihen. +Wenn Sie meiner Liebe zu den Musen nicht aufgeholfen hätten, ich wäre +verzweifelt. Sie wissen, was ich war, als ich zu Ihnen kam, und was ich +war, als ich von Ihnen ging. Der Unterschied ist Ihr Werk." + +Als Göthe [Goethe] diesen Brief schrieb, war er unlängst genesen von einer +gefährlichen Krankheit, die durch gestörte Verdauung und ein dadurch +erzeugtes Asthma die lebhaftesten Besorgnisse seiner Eltern erregte. +Unvergeßlich blieb ihm die liebreiche Pflege seiner Mutter und die +zärtliche Theilnahme seiner Schwester Cornelia. Durch seine Krankheit allen +irdischen Angelegenheiten entfremdet, wandte sich sein Geist dem +Himmlischen zu. Mit der ganzen Wärme und Innigkeit seines Gefühls suchte er +das Unsichtbare zu ergreifen. Wie ihn als Kind vorzugsweise das Alte +Testament angesprochen, so beschäftigte er sich nun, von einem ähnlichen +schwärmerischen Enthusiasmus ergriffen, mit den neutestamentlichen +Schriften. + +In dieser Geistesrichtung begegnete ihm eine seelenkranke Freundin seiner + +Mutter, ein Fräulein von Klettenberg, aus deren Unterhaltungen und Briefen +Goethe später den Stoff hernahm zu den in seinem "Wilhelm Meister" +enthaltenen "Bekenntnissen einer schönen Seele." Sein Verhältniß zu dem +Fräulein von Klettenberg blieb, ungeachtet der schwärmerischen Richtung +ihres Geistes, der dem irdischen Daseyn gänzlich entfremdet, sich nur mit +dem ewigen Heil der Seele beschäftigte, doch nicht ohne Einfluß auf +Goethe's moralische Veredlung. Jedenfalls hätte er indeß seine Zeit besser +verwenden können, als zu dem Lesen von allerlei mystischen Schriften. Durch +Theophrast, Paracelsus u. A. ward er in das Gebiet der Chemie geführt. Mit +Hülfe eines kleinen Laboratoriums machte er, nach Anleitung des +Boerhave'schen Compendiums einige chemische Experimente, die, so +unvollkommen sie auch ausfielen, seine Kenntnisse in mannigfacher Weise +bereicherten. Auch das Zeichnen, Aetzen und Radiren trat wieder in die +Reihe seiner Lieblingsbeschäftigungen. Nach den mannigfachsten Richtungen +schweifte seine Thätigkeit, die erst eine feste Basis gewonnen zu haben +schien, als er sich wieder zu philosophischen Studien wandte. + +Den Weg, den seine Bildung nahm, zeigte ein Brief an die Tochter seines +Freundes Oeser, vom 13. Februar 1769. "Meine gegenwärtige Lebensart," +schrieb Goethe, "ist der Philosophie gewidmet. Eingesperrt, allein, Cirkel, +Papier, Feder und Dinte und zwei Bücher ist mein ganzes Rüstzeug; und auf +diesem einfachen Wege komme ich der Erkenntniß der Wahrheit oft so nah und +weiter, als Andere mit ihrer Bibliothekswissenschaft. Ein großer Gelehrter +ist selten ein großer Philosoph, und wer mit Mühe viel Bücher durchblättert +hat, verachtet das leichte, einfache Buch der Natur, und es ist nichts +wahr, als was einfältig ist. Freilich eine Recommendation für die wahre +Weisheit! Wer den einfältigen Weg geht, der gehe ihn, und schweige still. +Demuth und Bedächtlichkeit sind die nothwendigsten Eigenschaften unserer +Schritte darauf, deren jeder endlich belohnt wird. Ich danke es Ihrem +lieben Vater, er hat meine Seele zuerst zu diesem Wege bereitet. Die Zeit +wird meinen Fleiß segnen, daß er ausführen kann, was angefangen ist. Wenn +man anders denkt, als große Geister, so ist es gewöhnlich ein Zeichen eines +kleinen Geistes. Ich mag nicht gern Eins und das Andere seyn. Ein großer +Geist irrt so gut wie ein kleiner; jener, weil er keine Schranken kennt, +dieser, weil er seinen Horizont für die Welt nimmt. O meine Freundin, das +Licht ist die Wahrheit, von der doch das Licht quillt. Die Nacht ist +Unwahrheit. Und was ist Schönheit? Sie ist nicht Licht und nicht Nacht, +Dämmerung, eine Geburt von Wahrheit und Unwahrheit, ein Mittelding. In +ihrem Reiche liegt ein Scheideweg, so zweideutig, so schielend, ein +Herkules unter den Philosophen könnte sich vergreifen." + +In dankbarer Rückerinnerung an seinen "lieben Oeser" schrieb Goethe den 20. +Februar 1770 an den Buchhändler Reich in Leipzig: "Nach Oeser und +Shakspeare ist Wieland der Einzige, den ich für meinen ächten Lehrer +erkenne. Andere hatten mir gezeigt, daß ich fehlte; diese zeigen mir, wie +ich's besser machen sollte." Der erwähnte Brief enthielt zugleich einige +charakteristische Bemerkungen über Wieland. "Mein Urtheil über den Diogenes +von Sinope," schrieb Goethe, "werden Sie nicht verlangen. Empfinden und +Schweigen ist Alles, was man bei dieser Gelegenheit thun kann, denn so gar +loben soll man einen großen Mann nicht, wenn man nicht so groß ist, wie er. +Aber geärgert hab' ich mich schon auf Wielands Rechnung, und ich glaube mit +Recht. Wieland hat das Unglück, oft nicht verstanden zu werden. Vielleicht +ist manchmal die Schuld sein, doch manchmal ist sie es nicht, und da muß +man sich ärgern, wenn Leute ihre Mißverständnisse dem Publikum für +Erklärungen verkaufen." Seine Verehrung Wielands sprach Goethe am Schlusse +seines Briefes in den Worten aus. "Wenn Sie diesem großen Autor schreiben +oder ihn sprechen, so haben Sie die Güte, ihm einen jungen Menschen bekannt +zu machen, der zwar nicht Mann's genug ist, seine Verdienste zu schätzen, +aber doch ein genug zärtliches Herz hat, sie zu verehren." + +Wie geringen Werth Goethe seinen in Leipzig entstandenen Gedichten beimaß, +bewies er durch den ausgeführten Entschluß, den größten Theil derselben, +bald nach seiner Ankunft in Frankfurt, den Flammen zu opfern. Auch mehrere +unvollendete dramatische Werke traf dies Schicksal. Verschont blieben nur +"die Laune des Verliebten" und "die Mitschuldigen." Das zuletzt genannte +Stück erhielt noch einige Verbesserungen. Diese poetischen Beschäftigungen +wurden unterbrochen durch seine nahe Abreise nach Straßburg. Dort sollte +Goethe nach seines Vaters Wunsch, seine Studien vollenden und sich den +juristischen Doctorhut erwerben. Noch immer gab Goethes Vater die Hoffnung +nicht auf, aus seinem Sohne einen tüchtigen Rechtsgelehrten zu bilden. + +Vom Münster betrachtete Goethe bald nach seiner Ankunft in Straßburg, die +Stadt und die Umgegend. Er pries sein Schicksal, das ihm einen so +anmuthigen Aufenthalt bestimmt hatte. An der Sommerseite des Fischmarktes, +einer langen und sehr belebten Straße, bezog er eine freundliche Wohnung. +Den Mittagstisch hatte er in einer sehr gebildeten Kaufmannsfamilie, an die +er empfohlen worden war. Ein großer Theil der Studirenden in Straßburg +widmete sich der Arzneikunde. Dadurch gewann auch Goethe ein Interesse an +der Medicin. Im zweiten Semester hörte er Chemie bei Spielmann, und +Anatomie bei Lobstein, ohne darüber sein Berufsfach, die Jurisprudenz, zu +vernachlässigen. Mit Hülfe eines Repetenten, den ihm einer seiner Freunde, +der Actuar Salzmann, empfahl, ergänzte Goethe, was ihm noch fehlte, um in +dem juristischen Examen mit Ehren zu bestehen. + +An Zerstreuung und Zerstückelung seiner Studien fehlte es ihm in Straßburg +eben so wenig, wie während seines Aufenthalts in Leipzig. Lockend war für +ihn das fröhliche Leben im Elsaß. Manchen Sommerabend brachte er mit +einigen Freunden in öffentlichen Gärten und andern Lustorten zu. Auch +unternahm er häufig Ausflüge, vorzüglich in die romantischen +Gebirgsgegenden. Seine anmuthige Gestalt, sein offenes Wesen empfahlen ihn +überall, und er gewann Zutritt zu den vornehmsten Cirkeln. Den +Anforderungen des akademischen Lebens entsprach er durch seine Gewandtheit +im Fechten. Aber auch dem Tanz und dem Kartenspiel, das er eigentlich nicht +liebte, huldigte Goethe, um nicht gegen den feinen Gesellschaftston zu +verstoßen. + +Unstreitig das wichtigste Ereigniß während seines Aufenthalts in Straßburg +war die persönliche Bekanntschaft mit Herder, der als Reisebegleiter des +gemüthskranken Prinzen von Holstein-Eutin nach Straßburg kam. Einen lange +gehegten Lieblingswunsch sah Goethe erfüllt, als ihm gegönnt war, sich dem +berühmten Manne zu nähern, der durch seine "Fragmente zur deutschen +Literatur", durch seine "kritischen Wälder" und andere Schriften das +Interesse des gebildeten Publikums entschieden auf sich gelenkt hatte. In +dem Gasthofe, wo Herder eingekehrt, machte ihm Goethe seine Aufwartung. +Herder trug ein schwarzes Kleid und einen seidnen Mantel von gleicher +Farbe. Sein gepudertes Haar war in eine runde Locke aufgesteckt, wodurch er +einem Geistlichen ähnlich sah. Nach der Schilderung, welche Goethe in +spätern Jahren von Herders Persönlichkeit entwarf, war "sein Gesicht rund, +die Stirn bedeutend, die Nase etwas stumpf, der Mund ein wenig aufgeworfen, +aber höchst individuell angenehm und liebenswürdig. Unter schwarzen +Augenbraunen blitzten ein Paar kohlschwarze Augen hervor, die ihre Wirkung +nicht verfehlten, ungeachtet das eine Auge roth und entzündet war, und von +Lobstein operirt werden sollte." + +Durch einen reichen Schatz von Lebenserfahrungen, verbunden mit einer +eigenthümlichen Anziehungskraft, übte Herder, obgleich er nur fünf Jahre +älter war als Goethe, auf diesen einen so unwiderstehlichen Reiz aus, daß +er ihm mit Offenheit eine treuherzige Schilderung seiner +Jugendbeschäftigungen und Liebhabereien entwarf. Herders scharfer Tadel und +seine sarkastischen Bemerkungen vermochten ihn nicht in der Achtung +herabzusetzen, die Goethe für ihn empfand. Er verdankte ihm einen großen +Zuwachs an neuen Ideen und den mannigfachsten Kenntnissen. In einem ganz +andern Lichte erschien ihm das Lieblingsbuch seiner Jugend, die Bibel, +durch die von Herder in seinem Werke: "Vom Geist der hebräischen Poesie" +gesammelten Blüthen morgenländischer Dichtkunst. Ueberall eröffnete ihm +Herder einen freiern Blick in das große Gebiet der Literatur. Besonders +ward Goethe durch ihn mit den vorzüglichsten Erzeugnissen der englischen +Literatur bekannt. Einen noch entschiedeneren Einfluß würde Herder auf +Goethe's Bildung gewonnen haben, wenn er seine unersättliche Wißbegierde +nicht oft zurückgeschreckt hätte durch allerlei sarkastische Bemerkungen, +die besonders Goethe's Selbstgefälligkeit und Eitelkeit trafen. Aus Furcht +vor Herders Tadel verbarg ihm Goethe daher auch sein Interesse an +poetischen Gegenständen, und namentlich die Idee, den biedern und tapfern +Ritter Götz von Berlichingen zu einem dramatischen Helden zu wählen. + +Zu dem Kreise, in welchem sich Goethe damals bewegte, gehörten außer +Herder, noch einige andere, mehr oder minder ausgezeichnete Individuen. Der +unter dem Namen Jung-Stilling bekannte Schriftsteller befand sich damals in +Straßburg. Goethe rühmte in spätern Jahren an ihm seinen Enthusiasmus für +alles Gute, Wahre und Rechte. "Unverwüstlich, äußerte Goethe, war sein +Glaube an Gott und an eine unmittelbar von ihm ausgehende Hülfe. Sein +Glaube duldete keinen Zweifel, und seine Ueberzeugung keinen Spott." Eine +eigenthümliche Treuherzigkeit und ein leichter Humor charakterisirte, nach +Goethe's eignem Geständniß, seinen Freund Franz Lerse. Seine Gewandtheit im +Fechten qualificirte ihn zum Schieds- und Kampfrichter bei allen Händeln, +die in der Studentenwelt sich nicht durch Worte und Erklärungen beseitigen +ließen. Den Namen seines Freundes verewigte Goethe später in seinem "Götz +von Berlichingen." Erst in der letzten Zeit seines Aufenthalts lernte er +den als genialen Sonderling bekannten Dichter Lenz kennen, der später +(1792) in Geisteszerrüttung zu Moskau starb. Die Excentricität Shakspeare's +und den unvergleichlichen Humor des Britten zu empfinden und nachzubilden, +war Niemand geeigneter, als Lenz, wie er durch seine Uebersetzung von +Love's labour's lost und durch die derselben beigefügten Anmerkungen über +das Theater bewies. Wie er, fühlte sich auch Goethe nicht zurückgestoßen +durch die Derbheit in Shakspeare's Werken, vielmehr reichlich entschädigt +durch die darin herrschende Wahrheit und Natur. In ihren geselligen Cirkeln +bediente Goethe mit seinen Freunden sich der von Shakspeare gebrauchten +Worte und Redensarten. Er ward ihr Vorbild im Dichten, wie im Leben. + +Das früh in Goethe erwachte Gefühl für Naturschönheiten lockte ihn in die +anmuthige Umgegend Straßburgs. Mit einigen dortigen Freunden besuchte er +Zabern, Buchsweiler, Lützelstein, Saarbrück und andere Städte und Flecken +im Elsaß. Auf diesen Excursionen lernte er mehrere Familien kennen, bei +denen er eine gastfreie Aufnahme fand. Vorzüglich war dieß der Fall bei dem +Pfarrer Brion in dem etwa sechs Stunden von Straßburg entfernten Dorfe +Sesenheim. Ein besonderes Interesse erhielt diese Bekanntschaft für Goethe +durch ein Liebesverhältnis zur dritten Tochter jenes Geistlichen. Nach +übereinstimmenden Zeugnissen war Friederike Brion ein Mädchen von schönem +Wuchs, blondem Haar und blauen Augen. Was ihr an äußern Reizen abging, +ersetzte sie durch Anmuth in ihrem Wesen und durch das Talent geselliger +Unterhaltung. Sie hatte ihren Geist durch das Lesen der besten +Schrifsteller [Schriftsteller] gebildet, und war musikalisch. Oft +durchwanderte Goethe mit ihr die anmuthige Gegend. Ein Buchenwäldchen war +sein Lieblingsplatz. Gesellige Zerstreuungen, mitunter Pfänderspiele, bei +denen Goethe durch seinen Witz und Humor glänzte, erheiterten den Kreis von +Freunden und Verwandten in des Pfarrers Brion Wohnung zu Sesenheim, wenn +Goethe, nach Straßburg zurückgekehrt, dort wieder erschien. Er verweilte +mitunter mehrere Wochen in Sesenheim. Den Taumel von Zerstreuungen, in +denen er sich befand, schilderten einzelne Stellen in seinen Briefen an den +Actuar Salzmann in Straßburg. + +"Getanzt hab' ich," schrieb er unter andern, "am Pfingstmontage von 2 Uhr +nach Tisch bis zwölf Uhr in der Nacht, in einem fort, außer einigen +Intermezzo's von Essen und Trinken. Wir hatten brave Schnurranten erwischt, +da ging's wie Wetter. Das ganze Ich war in das Tanzen versunken." Er +schadete durch das Uebermaß seiner Gesundheit. Geplagt von einem +hartnäckigen Husten, schrieb er einige Tage später: "Man lebt doch nur +halb, wenn man nicht Athem schöpfen kann. Und doch mag ich nicht in die +Stadt zurück. Die Bewegung und freie Luft hilft wenigstens, was zu helfen +ist." Nicht ohne einen Anflug von Trübsinn schloß er seinen Brief mit den +Worten: "Die Welt ist schön, so schön! Wer's genießen könnte! Ich bin +manchmal ärgerlich darüber, und manchmal halte ich mir erbauliche +Erbauungsstunden über das Heute, über diese Idee, die unserer +Glückseligkeit so unentbehrlich ist, und die mancher Professor der Ethik +nicht faßt, und keiner gut verträgt." + +Sein immer leidenschaftlicher gewordenes Verhältniß zu Friederiken fing an +ihn zu beunruhigen. Goethe fühlte, daß es sich bald, vielleicht für immer +auflösen mußte, da die Zeit seiner Abreise von Straßburg nahe war. Seine +Besuche in Sesenheim wurden Seltener, aber sein Briefwechsel mit +Friederiken dauerte fort. Goethes Zeit war freilich beschränkt. Er mußte an +die Ausarbeitung seiner Dissertation denken, die ihm die juristische +Doctorwürde verschaffen sollte. Das von ihm gewählte Thema war nach seiner +eignen Aeußerung in spätern Jahren: "der Gesetzgeber sei nicht allein +berechtigt, sondern verpflichtet, einen gewissen Cultus festzusetzen, von +welchem weder die Geistlichkeit, noch die Laien sich lossagen dürften." +Unter dem Vorsitz der Straßburger Professoren Koch und Oberlin fand die +Disputation am 6. August 1771 statt. Einige von Goethes akademischen +Freunden waren die Opponenten. + +Mit Thränen nahm Friederike von ihm Abschied, als er ihr vom Pferde herab +nochmals die Hand reichte. Sie hatte ihn wahrhaft geliebt. Sie soll später +mehrere Heirathsanträge mit der Aeußerung zurückgewiesen haben: "wer einmal +Goethe'n geliebt, könne keinen Andern lieben." Ein sonderbarer Zufall +begegnete ihm nach jenem schmerzlichen Abschiede auf seinem Ritt nach +Drusenheim. Seine eigene Gestalt glaubte er zu erblicken, die ihm zu Pferde +entgegenkam, in einem hechtgrauen, mit Gold verbrämten Kleide, wie er es +wirklich nach acht Jahren trug, als er noch einmal in Sesenheim einen +Besuch machte. Friederike sah ihn seitdem nicht wieder. Sie soll jedoch, +nach seinen brieflichen Aeußerungen, schon damals sich mit dem Gedanken +vertraut gemacht haben, auf seinen Besitz zu verzichten. + +Goethe's Empfang im elterlichen Hause übertraf seine Erwartungen. Erfreut, +seinen Sohn durch die erlangte Doctorwürde seinem künftigen Beruf um einen +Schritt näher gerückt zu sehen, ließ Goethe's Vater den Beifall, den er der +Dissertation gezollt, auch auf mehrere Gedichte, Aufsätze und Skizzen +übergehen, die Goethe während seines Aufenthalts in Straßburg entworfen +hatte. Von seinen Leipziger Bekannten fand Goethe in Frankfurt, außer +seinem Landsmann und nachherigen Schwager Schlosser, auch dessen Bruder, +einen tüchtigen Juristen, der nebenher der Poesie huldigte, und die +Hochzeit von Goethe's Schwester Cornelia durch ein zu Frankfurt 1773 in +Folio gedrucktes Gedicht verherrlichte. + +Wichtig und einflußreich ward für Goethe die Bekanntschaft mit Merk, der +damals als Kriegszahlmeister in Darmstadt lebte, und mit mannigfachen +Kenntnissen und einer vielseitigen Bildung, unerschütterliche Redlichkeit +und einen offenen, geraden Charakter verband. Lebhaft interessirte er sich +in mehrfacher Hinsicht für Goethe und dessen Talente, und väterlich warnte +er ihn, seine Thätigkeit nicht nach den verschiedenartigsten Richtungen zu +zersplittern. Er ermunterte ihn, seine Fähigkeiten und Kräfte zu +concentriren, und tadelte ihn, wenn er eine begonnene literarische Arbeit +wieder aufgab, und immer nur Skizzen und Fragmente lieferte. Unter solchen +Aufmunterungen entwarf Goethe die ersten Umrisse zum "Faust" und "Götz von +Berlichingen." + +Durch die Beschäftigung mit dem zuletzt genannten dramatischen Werk war +Goethe in das fünfzehnte und sechszehnte Jahrhundert zurückgeführt worden. +Luthers Leben und Thaten, die in jenem Zeitraum so herrlich hervorglänzten, +näherten ihn wieder der heiligen Schrift und der Betrachtung religiöser +Gefühle und Meinungen. Er übte seinen Scharfsinn an dem Alten und Neuen +Testament in exegetisch kritischen Untersuchungen. Zu einem besondern +Studium machte er das Dogma von der Erbsünde. Ausführlich erörterte er +diese Lehre in einem dem Druck übergebenen Briefe, den er unter der Maske +eines Landgeistlichen an seinen Amtsbruder richtete. Ebenfalls angeblich +von einem Landpfarrer in Schwaben verfaßt, war der von Goethe +herausgegebene "Versuch einer gründlichen Beantwortung einiger bisher +unerörterten biblischen Fragen." Ueber den Inhalt der zuletzt genannten +Schrift legte Goethe selbst in spätern Jahren das offene Bekenntniß ab: +"Ich gerieth damals auf die wunderlichsten Einfälle. Ich glaubte gefunden +zu haben, daß nicht unsere zehn Gebote auf den Tafeln Moses gestanden, daß +die Israeliten keine vierzig Jahre, sondern nur kurze Zeit durch die Wüste +gewandert wären u.s.w. Auch das Neue Testament war vor meinen +Untersuchungen nicht sicher. Ich verschonte es nicht mit meiner +Sonderungslust, und glaubte auch in dieser Region allerlei Entdeckungen zu +machen. Die Gabe der Sprachen am Pfingstfest in Glanz und Klarheit +ertheilt, deutete ich mir auf eine etwas abstruse Weise, nicht geeignet, +sich viele Theilnahme zu verschaffen." Die erwähnten kleinen Schriften, ein +Verlagsartikel des Buchhändlers Eichenberg in Frankfurt am Main, erschienen +1773 ohne Angabe des Druckorts und Verlegers, und wurden in die neuesten +Ausgaben von Goethe's Werken aufgenommen. Aus diesem Ideenkreise ward er +wieder entfernt durch das wachsende Interesse an seinem Ritterschauspiel +"Götz von Berlichingen." Manche historische Studien waren ihm dabei +unerläßlich. Dem Werke von Datt: de pace publica verdankte er manche +Aufklärung der dunkeln Zeitperiode, in der sein Stück spielte. Seine +Stimmung, während er mit seinem dramatischen Werke beschäftigt war, +schilderte er den 28. November 1771 in einem Briefe an seinen Freund, den +Actuar Salzmann in Straßburg. "Sie kennen mich so gut," schrieb er, "und +dennoch wett' ich, Sie errathen nicht, warum ich nicht schreibe. Es ist +eine Leidenschaft, eine ganz unerwartete Leidenschaft; Sie wissen, daß mich +dergleichen in ein Cirkelchen werfen kann, daß ich Sonne, Mond und die +lieben Sterne darüber vergesse. Ich kann nicht ohne das seyn, Sie wissen es +lange, und koste es was es wolle, ich stürze mich drein. Dießmal sind keine +Folgen zu befürchten. Mein ganzer Genius liegt auf einem Unternehmen, +worüber Homer und Shakspeare und Alles vergessen werden. Ich dramatisire +die Geschichte eines der edelsten Deutschen, rette das Andenken eines +braven Mannes, und die viele Arbeit, die mich's kostet, macht mir einen +wahren Zeitvertreib, den ich so nöthig habe. Es ist traurig, an einem Orte +zu leben, wo unsere ganze Wirksamkeit in sich selbst summen muß. Ich ziehe +mit mir selbst auf dem Felde und auf dem Papier herum. Es wäre aber eine +traurige Gesellschaft, wenn ich nicht alle Stärke die ich in mir fühle, auf +ein Object würfe, und das zu packen und zu tragen suchte, so viel mir +möglich, und was nicht geht, das schleppe ich. Ich hoffe Sie nicht wenig zu +vergnügen, wenn ich Ihnen einen edlen Vorfahren, die wir leider nur von +ihren Grabsteinen kennen, im Leben darstelle. Wie oft wünsche ich Sie +hierher, um Ihnen ein Stückchen Arbeit zu lesen und Urtheil und Beifall von +Ihnen zu hören. Hier ist Alles um mich herum todt. Frankfurt bieibt +[bleibt] das Nest, Nidus, wenn Sie wollen, wohl um Vögel auszubrüten, +sonst auch figürlich Spelunca. Gott helfe aus diesem Elend, Amen." In +einem spätern Briefe an Salzmann vom 3. Februar 1772 dankte Goethe dem +Freunde für den Beifall, den er den ihm mitgetheilten Proben des Götz von +Berlichingen zollte, und fügte hinzu. "Das Diarium meiner Umstände ist, wie +Sie wissen, für den geschwindesten Schreiber unmöglich. Inzwischen haben +Sie aus dem Drama gesehen, daß die Intentionen meiner Seele dauernder +werden, und ich hoffe, sie soll sich nach und nach bestimmen. Aussichten +erweitern sich täglich, und Hindernisse räumen sich weg. Ein Tag mag bei +dem andern in die Schule gehen; denn einmal für allemal, die Minorennität +läßt sich doch nicht überspringen." + +So stark auch das Interesse an seinem dramatischen Werke seyn mochte, ließ +sich doch der andere Eindruck auf Goethe's Gefühl dadurch nicht +beschwichtigen. Tief ergriffen hatte ihn ein Brief aus Sesenheim. Er fühlte +Friederikens Schmerz, ohne ihn lindern zu können. Losreißen mußte er sich +von der düstern Stimmung, die sich seiner bemächtigte und seine ganze +Thätigkeit zu lähmen drohte. Er bedurfte der Zerstreuung. Erst in der +freien Natur fühlte er sich wieder wohler. Seine Freunde nannten ihn den +Wanderer, weil er oft mehrere Tage in der Umgegend von Frankfurt +umherstrich, und bisweilen selbst den Weg nach Darmstadt und Homburg +einschlug. Auf diesen einsamen Wanderungen entstanden mehrere seiner +lyrischen Poesieen, unter denen sich nur das Gedicht: "Wanderers +Sturmlied", das er, während er einem furchtbaren Wetter entgegenging, vor +sich hin recitirte, in seinen Werken erhalten hat. Bisweilen beschränkte er +seine Streifzüge blos auf Frankfurt und die Vorstädte dieses Orts. Er kam +dadurch mit den verschiedenen Ständen und Volksklassen in Berührung. In +einem Briefe vom ersten Juni 1773 erzählte Goethe, wie er rüstig Wasser +herbeigeschleppt, um ein Nachts in der Judengasse ausgebrochenes Feuer +löschen zu helfen. "Die wundersamsten, innigsten, mannigfachsten +Empfindungen", schrieb er, "haben mir meine Mühe auf der Stelle belohnt. +Ich habe bei dieser Gelegenheit das gemeine Volk wieder kennen gelernt und +bin überzeugt worden, daß es doch die besten Menschen sind." + +Durch seine scheinbar zerstreute Lebensweise ward Goethe's Thätigkeit nicht +unterbrochen. Wenigstens entging ihm keine der neuern literarischen +Erscheinungen in dem Gebiete der Literatur. Von dem Eindruck, den Herders +"älteste Urkunde des Menschengeschlechts" auf ihn gemacht, konnte er sich +selbst kaum Rechenschaft geben. In einem Briefe an einen Freund des +elterlichen Hauses, an den damals in Algier lebenden dänischen Consul +Schönborn, vom 8. Juni 1773, nannte er Herder's Werk "ein so mystisch +weitstrahlsinniges Ganze, eine in der Fülle verschlungener Aeste lebende +Welt, daß weder eine Zeichnung nach verjüngtem Maßstabe einigen Ausdruck +der Riesengestalt nachäffen, noch eine treue Silhouette einiger Theile +melodisch und mit sympatethischem Klang in der Seele anschlagen könnte. +Herder", fügte er hinzu, "ist in die Tiefen seiner Empfindung +hinabgestiegen, hat darin alle die hohe heilige Kraft der simpeln Natur +aufgewühlt, und führt sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem, hie und da +morgenfreundlich lächelnden orphischem Gesange vom Aufgange herauf über die +neue Welt, nachdem er vorher die Lasterbrut der neuern Geister, Deisten, +Atheisten, Philologen, Textverbesserer, Orientalisten u. s. w. mit Feuer +und Schwert und Fluthsturm ausgetilgt." + +Mit dieser glühenden Begeisterung für Herder contrastirte ein in diesem +Briefe enthaltener heftiger Ausfall gegen Wieland, der durch eine nicht +sonderlich günstige Beurtheilung des Götz von Berlichingen im deutschen +Merkur Goethe's Autoreitelkeit gekränkt hatte und dadurch in seiner frühern +Achtung sehr gesunken war. Klopstock ward Goethe's Lieblingsdichter. Die +Messiade hatte ihn schon in seiner Jugend begeistert. Sorgfältig schrieb er +sich aber auch die einzelnen Oden und Elegien jenes Sängers ab, und freute +sich sehr, als die Landgräfin Caroline von Hessen-Darmstadt die erste +Sammlung von Klopstocks Gedichten veranstaltete. Auch für die von diesem +Schriftsteller damals herausgegebene "Deutsche Gelehrtenrepublik" +interessirte sich Goethe lebhaft. "Dies herrliche Werk", schrieb er, "hat +mir neues Leben in die Seele gegossen. Die einzige Poetik aller Zeiten und +Völker, die einzigen Regeln, die möglich sind! Das heißt Geschichte des +Gefühls, wie es sich nach und nach festigt und läutert, und wie mit ihm +Ausdruck und Sprache sich bilden. Und die biedersten Aldermans-Wahrheiten +von dem, was edel und menschlich ist am Dichter, alles das aus dem tiefsten +Herzen, eigenster Erfahrung, mit einer bezaubernden Simplicität +hingeschrieben. Der unter den Jünglingen, den das Unglück unter die +Recensentenschaar geführt hat, und der nun, wenn er dies Werk liest, nicht +seine Feder wegwirft, alle Kritik und Kritelei verschwört, sich nicht wie +ein Quietist zur Contemplation seiner selbst niedersetzt, aus dem wird +nichts; denn hier fließen die beiden Quellen bildender Empfindung lauter +aus dem Thron der Natur." + +Eine der eigenthümlichsten Erscheinungen in der damaligen literarischen +Welt war Lavater. Es hieß, er werde nach Frankfurt kommen. Diesen +merkwürdigen Mann kennen zu lernen, war für Goethe von hohem Interesse. In +einem Briefe an Schönborn vom 8. Juni 1773 beklagte er Lavater's "Mangel an +selbstständigem Gefühl," und entwarf von ihm eine Art von Charakteristik in +den Worten: "Die beste Seele wird von dem Menschenschicksal so innig +gepeinigt, weil ein kranker Körper und ein schweifender Geist ihm die +collective Kraft entzogen und so der besten Freude des Wohnens in sich +selbst, beraubt hat. Es ist unglaublich, wie schwach er ist, und wie man +ihm, der doch den schönsten, schlichtesten Menschenverstand hat, sogleich +Räthsel und Mysterien spricht, wenn man aus dem in sich und durch sich +lebenden und wirkenden Herzen redet." + +Sein Urtheil über Lavater änderte Goethe, als er ihn bald nachher +persönlich kennen lernte. "Er war", schrieb er den 4. Juli 1773, "vier Tage +bei uns, und ich habe wieder gelernt, daß man über Niemand reden soll, wenn +man ihn noch nicht gesehen hat. Wie ganz anders ward doch Alles! Lavater +sagt so oft, daß er schwach sei, und ich habe noch Niemand gekannt, der +schönere Stärken gehabt hätte, als er. In seinem Element ist er unermüdet +thätig, fertig, entschlossen, und eine Seele voll der herrlichste Liebe und +Unschuld. Ich habe ihn nie für einen Schwärmer gehalten, und er hat noch +weniger Einbildungskraft, als ich mir vorstellte. Aber weil seine +Empfindungen ihm die wahrsten, so sehr verkannten Verhältnisse der Natur in +seine Seele prägen, er daher jede Terminologie wegwirft, aus vollem Herzen +spricht und handelt, und seine Zuhörer in eine fremde Welt zu versetzen +scheint, indem er sie in die ihnen unbekannten Winkel ihres eignen Herzens +führt,--kann er dem Vorwurf eines Phantasten nicht entgehen.--Seine +Physiognomik giebt ein weitläufiges Werk mit vielen Kupfern. Es wird große +Beiträge zur bildenden Kunst enthalten, und dem Historien- und +Portraitmaler unentbehrlich seyn." + +Während Goethe die deutsche Literatur und ihre Vertreter mit scharfem Blick +beobachtete, ruhte nicht seine eigene literarische Thätigkeit. Einige +Auskunft über mehrere schriftstellerische Arbeiten gab er in einem Briefe +an Schönborn vom 1. Juni 1773. "Allerlei Neues," schrieb er, "hab' ich +gemacht. Eine Geschichte des Titels: Die Leiden des jungen Werthers, darin +ich einen jungen Menschen darstelle, der mit einer tiefen reinen Empfindung +und wahrer Penetration begabt, sich in schwärmende Träume verliert, sich +durch Speculation untergräbt, bis er zuletzt durch dazu tretende +Leidenschaften, besonders eine endlose Liebe zerrüttet, sich eine Kugel vor +den Kopf schießt. Dann hab' ich ein Trauerspiel gearbeitet: Clavigo, eine +moderne Anecdote dramatisirt, mit möglichster Simplicität und +Herzenswahrheit. Mein Held ist ein unbestimmter, halb groß, halb kleiner +Mensch, der Pendant zum Weislinger im Götz, vielmehr Weislinger selbst in +der ganzen Rundung einer Hauptperson. Auch finden sich hier Scenen, die ich +im Götz, um das Hauptinteresse nicht zu schwächen, nur andeuten konnte. +Noch einige Pläne zu großen Dramen hab' ich gefunden und in meinem Herzen." + +In diesem Briefe gestand Goethe, daß er "zwar nicht aus Frankfurt gekommen, +doch ein so verworrenes Leben geführt habe, daß es ihm an neuen +Empfindungen und Ideen nie gemangelt." Der Zeitpunkt war indeß nahe, wo er, +nach seines Vaters Wunsch, Frankfurt wieder verlassen, und sich nach +Wetzlar begeben sollte, um sich in dem dortigen Reichskammergericht in der +juridischen Praxis zu üben. Dieser Ortswechsel hatte wenig Lockendes für +ihn. Er fürchtete, daß in Wetzlar, außer dem Civil- und Staatsrecht, ihm +nichts Wissenschaftliches entgegen treten, und daß besonders seine Liebe +zur Poesie dort wenig Nahrung finden möchte. In letzterer Hinsicht sorgte +das Schicksal für ihn, indem es ihm in Wetzlar zur Bekanntschaft Gotter's +verhalf. Die entschiedene Vorliebe dieses Dichters für die französischen +Dramatiker konnte Goethe zwar nicht theilen. Gleichwohl fand zwischen ihm +und Gotter ein lebhafter Ideenaustausch statt. Durch seinen neuen Freund +ward Goethe zu mehreren lyrischen Gedichten angeregt, die zum Theil, wie +unter andern das treffliche Gedicht: "der Wanderer," in dem Göttinger +Musenalmanach aufgenommen wurden. Dadurch kam Goethe in nähere Berührung +mit dem Göttinger Dichterbunde, zu welchem die Grafen Stolberg, Voß, +Bürger, Hölty u.A. gehörten. Die hohe Verehrung, welche die genannten +Dichter Klopstock zollten, konnte Goethe nicht in gleichem Maße theilen. +Seine frühere Begeisterung für den Sänger des Messias hatte eine Grenze +gefunden, seit Klopstock in seinen Oden, statt der griechischen Mythologie, +die Nomenclatur der nordischen Götterlehre eingeführt hatte. + +Unter seinen mannigfachen poetischen Beschäftigungen, besonders einem +eifrigen Studium des Homer, ward Goethe durch täglich wiederkehrende +Gespräche über den Zustand des Visitationsgerichts und über so manche dabei +obwaltende Hindernisse und Mängel auf unangenehme Weise daran erinnert, daß +er sich in Wetzlar befand. Das kleinliche Detail von Nachlässigkeiten, +Versäumnissen, Ungerechtigkeiten, Bestechungen u.s.w. ermüdete ihn. +Zerstreut durch öffentliche Amtsgeschäfte, wollte ihm keine ästhetische +Arbeit gelingen. Erwünscht kam ihm die durch Merk in Darmstadt an ihn +ergangene Aufforderung zu Beiträgen für die Frankfurter gelehrten Anzeigen. +Goethe's Schwager, Schlosser, war der Herausgeber jenes Blattes. Die von +Goethe für die Frankfurter gelehrten Anzeigen gelieferten Recensionen waren +großentheils Nachklänge seiner akademischen Jahre. Ueberall zeigte sich +darin die frisch hervorbrechende Naturkraft des Dichters, die allem +trocknen Theorieenwesen abhold, sich in jeder Weise Luft zu machen suchte. +Heftig bekämpfte er alles Falsche, Schiefe und Unnatürliche in jenen +Recensionen, die kaum eine Spur enthielten von der in spätern Jahren ihm +eignen Ruhe und Besonnenheit. + +Willkommene Zerstreuung fand er auf einer Rheinreise, zu der ihn Merk in +Darmstadt aufgefordert hatte. In Coblenz lernte er Wielands Jugendfreundin +Sophie la Roche, und außer ihr besonders den durch seine anziehende +Unterhaltungsgabe bekannten Schriftsteller Leuchsenring kennen, dessen +Charakter Goethe später mit vielem Humor in seinem Fastnachtsspiel "Pater +Brey" schilderte. Manche Ausflüge unternahm Goethe in die Umgegend, unter +andern nach Ehrenbreitstein. + +Seine schriftstellerische Thätigkeit hatte eine Zeit lang geruht. Erst als +er Wetzlar verlassen und wieder nach Frankfurt zurückgekehrt war, +gestaltete sich der Stoff zum "Götz von Berlichingen", den er lange mit +sich herumgetragen, zu einem eigentlichen Ganzen. Dies Sujet hatte sich vor +seiner Einbildungskraft so weit ausgedehnt, daß es die Grenzen der +dramatischen Form völlig zu überschreiten drohte. Seine Schwester Cornelia +konnte die Vollendung des Werks kaum erwarten. Sie äußerte oft ihre Zweifel +an Goethe's Beharrlichkeit. Wie er in spätern Jahren erzählte, war er mit +seiner Arbeit in sechs Wochen fertig. Weder Merk's, noch Herder's Urtheil, +denen er sein Manuscript mittheilte, befriedigte ihn. Wie er selbst über +sein dramatisches Product dachte, schilderte Goethe in spätern Jahren. Mit +den ersten Acten seines Schauspiels war er im Allgemeinen zufrieden; in den +folgenden aber, besonders gegen das Ende, habe ihn, meinte er, eine +wunderbare Leidenschaft unbewußt hingerissen. + +"Ich hatte," gestand Goethe, "indem ich mich bemühte, Adelheid +liebenswürdig zu schildern, mich selbst in sie verliebt. Unwillkürlich war +meine Feder nur ihr gewidmet. Das Interesse an ihrem Schicksal nahm +überhand, und wie ohnehin gegen das Ende des Stücks Götz außer aller +Thätigkeit gesetzt, nur zu einer unglücklichen Theilnahme am Bauernkriege +zurückkehrte, so war nichts natürlicher, als daß eine reizende Frau ihn bei +mir ausstach. Diesen Mangel, oder vielmehr diesen tadelhaften Ueberfluß +erkannt' ich bald. Ich suchte daher meinem Werke immer mehr historischen +und nationalen Gehalt zu geben, und das, was daran fabelhaft oder blos +leidenschaftlich war, auszulöschen, wobei ich freilich manches aufopferte. +So hatte ich mir z. B. etwas Rechtes zu Gute gethan, indem ich in einer +grausen nächtlichen Zigeunerscene Adelheid auftreten, und ihre schöne +Gegenwart Wunder thun ließ. Eine nähere Prüfung verbannte diese Scene, so +wie auch der im vierten und fünften Act umständlich ausgeführte +Liebeshandel zwischen Franz und seiner gnädigen Frau sich in's Enge zog, +und nur in seinen Hauptmomenten hervorleuchtete." + +Goethe entschloß sich zu einer Umarbeitung seines Schauspiels, die er in +einigen Wochen vollendete. In seinen gesammelten Werken findet man auch den +"Götz von Berlichingen" in seiner ursprünglichen Gestalt und eine spätere +Theaterbearbeitung jenes Schauspiels vom Jahr 1804. Niemand war jedoch +unzufriedener mit dieser Umformung seines Stücks, als Merk. Er drang auf +die Herausgabe des Schauspiels, und erbot sich, als Goethe, wie schon +früher bei den "Mitschuldigen," keinen Verleger finden konnte, die +Druckkosten zu übernehmen, wenn Goethe für die Anschaffung des Papiers +sorgen wollte. So ward der "Götz von Berlichingen" 1773 zu Hamburg gedruckt +und bereits im nächsten Jahre neu aufgelegt in der Vaterstadt des Dichters, +der sich, nach seinem eignen Geständnisse aus späterer Zeit, "bei sehr +erschöpfter Casse in großer Verlegenheit befand, wie er das Papier bezahlen +sollte, auf welchem er die Welt mit seinem Talent bekannt gemacht hatte." + +Der Stoff, den Goethe gewählt, war zu einer weit verbreiteten Wirkung +geeignet. Indem er seinem eignen Freiheitsgefühl Luft machte, hatte er den +deutschen Patriotismus genährt, der durch Klopstocks "Hermannsschlacht" und +die Bardenlieder geweckt worden war. Der Antheil des Publikums an jener +"wilden dramatischen Skizze," wie Goethe sein Schauspiel in spätern Jahren +nannte, war um so größer, je edler und einnehmender die poetische Gestalt +des historischen Götz von ihm gezeichnet worden war, der in einer wilden, +gesetzlosen Zeit kein Bedenken trug, zur Selbsthülfe zu greifen. Unter dem +Lobe, das dem Dichter sowohl der Schilderung der einzelnen Charaktere, als +auch des Styls wegen gespendet ward, traf ihn auch mancher bittere Tadel, +besonders der Vorwurf, das Faustrecht mit zu glänzenden Farben geschildert, +und der gesetzlosen Willkühr dadurch das Wort geredet zu haben. Goethe +schien sich um die über sein dramatisches Product gefällten Urtheile wenig +zu kümmern. Belustigend aber war für ihn die Idee eines Buchhändlers, der +ihn aufforderte, ein Dutzend solcher Stücke zu schreiben, und sie gut zu +honoriren versprach. + +Mit Goethe's mannigfachen poetischen Entwürfen harmonirten nicht die völlig +heterogenen Geschäfte, denen er sich in Wetzlar widmen mußte. Die kalte +Wirklichkeit, die seine Ideale zerstörte, erzeugte in ihm einen tiefen +Unmuth und beinahe völligen Lebensüberdruß, der noch verstärkt ward +durch die leidenschaftliche Neigung zu einem ihm versagten Gegenstande. +Durch den vertrauten Umgang mit Charlotte Buff, der Tochter eines +Amtmanns in Wetzlar, die mit dem dort sich aufhaltenden Bremischen +Gesandschaftssecretär Kestner verlobt war, suchte Goethe die Leere +auszufüllen, die das aufgelöste Verhältniß mit der Pfarrerstochter in +Sesenheim in seinem Herzen zurückgelassen hatte. Oft allein mit dem +Gegenstande seiner Neigung, im Garten und auf einsamen Spaziergängen, +fühlte er das Verderbliche seiner wachsenden Leidenschaft. Das Leben ward +ihm gleichgültig, da seine hochfliegende Phantasie überall an die Schranken +einer bürgerlichen Existenz im gewöhnlichsten Sinne des Worts stieß, die +ihm keinen heitern Blick in die Zukunft gewährte. In seiner unmuthigen +Stimmung kam ihm sogar einige Mal der Gedanke, sich selbst das Leben zu +nehmen. Um so erschütternder wirkte auf ihn der Selbstmord eines seiner +Bekannten. Es war Karl Wilhelm Jerusalem, ein Sohn des bekannten +Braunschweiger Theologen. Gepeinigt von einer unbefriedigten Leidenschaft +zu eben dem Gegenstande, welchem Goethe nicht ohne harten Kampf entsagt, +hatte jener unglückliche junge Mann sein Leben durch eine Kugel geendet. + +Tief ergriffen von der genauen Schilderung jenes tragischen Ereignisses, +unternahm es Goethe, in seinem "Werther" den qualvollen Zustand zu +schildern, den er aus eigner Erfahrung kannte. Was er selbst empfunden, +setzte sein Gemüth in eine leidenschaftliche Bewegung, und so geschah es, +daß er seinem Roman das Feuer und die Gluth einhauchte, die keinen +Unterschied zuläßt zwischen der Dichtung und der Wirklichkeit. Nach +Goethe's eignem Geständniß in späterer Zeit schrieb er, jede äußere Störung +so viel als möglich vermeidend, den "Werther" in vier Wochen, ohne zuvor +einen eigentlichen Plan entworfen oder einzelne Theile seines Romans +ausgeführt zu haben. Er ward beinahe vergöttert wegen seines Werks, fand +aber auf der andern Seite auch zahlreiche Gegner, besonders als das +unglückliche Ende seines schwärmerischen Helden manche zu gleicher That +reizte. + +Dem vielfachen Unheil, daß man jenem Roman mit und ohne Grund beimaß, wäre +zufälliger Weise beinahe vorgebeugt worden, wenn Goethe, verstimmt durch +die Gleichgültigkeit Merk's bei der Mittheilung seines Romans, den +Entschluß ausgeführt hätte, ihn sofort zu verbrennen. Mit dem Buchhändler +Weygand in Leipzig war Goethe über den Verlag seines Romans einig geworden. +Gerade an dem Hochzeitstage seiner Schwester Cornelia kam der Brief +Weygands an, der ihn aufforderte, das Manuscript nach Leipzig zu senden. +Der "Werther" erschien 1774, und bereits im nächsten Jahre eine neue +Ausgabe mit einigen Zusätzen und mit einigen späterhin weggelassenen Versen +auf dem Titelblatte der beiden Theile des Romans. + +Goethe war, als er sein Werk vollendet, wieder heiterer geworden. Er hatte +sich, nach seinem eignen Geständniß in spätern Jahren, "aus einem +stürmischen Element gerettet auf dem er durch eigene und fremde Schuld, +durch zufällige und gewählte Lebensweise, durch Vorsatz und Uebereilung +umhergetrieben worden war." + +In Bezug auf die zahllosen Nachahmungen, Kritiken und Parodien seines Werks +äußerte er sich unmuthig in einem Briefe vom 6. März 1775 mit den Worten: +"Ich bin des Ausgrabens und Secirens meines Werther herzlich satt. Der Eine +schilt, der Andere lobt, der Dritte sagt, es gehe doch noch an, und so +hetzt mich Einer wie der Andere. Nimmt mir's doch," fügte er hinzu, "nichts +von meinem Ganzen, rührt's und rückt mich's doch nicht in meinen Arbeiten, +die immer nur die aufbewahrten Freuden und Leiden meines Lebens sind." An +einer von dem Berliner Buchhändler Friedrich Nicolai herausgegebenen +Schrift, "die Freuden des jungen Werther" betitelt, rächte sich Goethe +durch ein satyrisches Gedicht: "Nicolai an Werthers Grabe" und durch einen +in Prosa geschriebenen Dialog zwischen Lotte und Werther. Beide Producte +blieben ungedruckt. + +Den mannigfachen Fragen, die über das Leben und den Charakter des +unglücklichen Jünglings, den er in seinem Roman geschildert, an ihn +gerichtet wurden, suchte Goethevergebens auszuweichen. Die Neugier des +Publikums befriedigte einigermaßen der unbekannte Verfasser einer damals +(1775) erschienenen Schrift: "Berichtigung der Geschichte des jungen +Werthers." Ungeachtet der ihm lästigen Zudringlichkeit fühlte sich Goethe +doch als Autor geschmeichelt, daß mehrere talentvolle junge Männer seine +Bekanntschaft suchten oder den Umgang mit ihm erneuerten. Am innigsten +schloß sich, als er wieder nach Frankfurt zurückgekehrt war, der Dichter +Lenz an ihn an, den er schon, wie früher erwähnt, in Straßburg kennen +gelernt hatte. Er zeigte ihm mehrere seiner dramatischen Produkte, den +"Hofmeister," den "neuen Mendoza" u.a.m. Auch Wagner, der als Doctor der +Rechte und Advokat in Frankfurt, gleichfalls der Poesie huldigte, kam dem +Verfasser des Götz und Werther mit treuherziger Offenheit entgegen. Er +täuschte jedoch Goethe's Vertrauen, der ihm mehrere seiner dramatischen +Pläne mitgetheilt hatte. Gretchens Katastrophe im Faust benutzte Wagner +unter andern für ein von ihm geschriebenes Trauerspiel, "die +Kindesmörderin" betitelt. Reiner und inniger war das Verhältniß Goethe's zu +seinem Landsmann, dem Dichter Klinger. + +Mit Lavater hatte Goethe schon längere Zeit in Briefwechsel gestanden, und +ihm, außer mehreren literarischen Entwürfen, den "Werther" im Manuscript +mitgetheilt. Den 20. August 1774 schrieb er an Lavater: "Du wirst großen +Antheil nehmen an den Leiden des lieben Jungen, den ich darstelle. Wir +gingen neben einander, an die sechs Jahre, ohne uns zu nähern; und nun hab' +ich seiner Geschichte meine Empfindungen geliehen, und so macht's ein +wunderliches Ganze." In Bezug auf seine Thätigkeit bemerkte er in diesem +Briefe: "Ich bin nicht laß; so lange ich auf der Erde bin, erobere ich +gewiß meinen Schritt Landes täglich." Ueber seine Beschäftigungen ertheilte +er einige Auskunft in einem spätern Schreiben vom 18. October 1774. "Meine +Arbeit," äußerte er, "hat bisher in Portraits im Großen und in kleinen +Liebesliedern bestanden. Ich habe seit drei Tagen mit dem mir möglichsten +Fleiße gearbeitet, und bin noch nicht fertig. Es ist gut, daß man einmal +Alles thue, was man thun kann." Lavaters Vorwürfe über die Zersplitterung +seiner Zeit und Kräfte fertigte Goethe mit den Worten ab: "Was neckst Du +mich wegen meiner Amüsements? Ich wollte, ich hätte eine höhere Bestimmung, +so wollte ich weder meine Handlungen Amüsements nennen, noch mich, statt zu +handeln, amüsiren." + +Eine fortwährende Anregung gab dem Briefwechsel Goethe's mit Lavater, außer +den Artikeln, die jener für dessen Physiognomik lieferte, besonders +Lavaters Lieblingsthema, der Streit zwischen Wissen und Glauben. Ein Brief +Goethe's, vom 24. November 1774, an Lavater und dessen Freund, den Diakonus +Pfenninger in Zürich zugleich gerichtet, enthielt in dieser Hinsicht einige +charakteristische Bemerkungen. Mit Herzlichkeit und in dem vertraulichen +Tone schrieb Goethe: "Glaube mir, lieber Bruder, es wird die Zeit kommen, +da wir uns verstehen werden. Du redest mit mir, wie mit einem Ungläubigen, +der begreifen will, der bewiesen haben will, der nicht erfahren hat; und +von alle dem ist gerade das Gegentheil in meinem Herzen.--Bin ich nicht +resignirter im Begreifen und Beweisen, als ihr? Ich bin vielleicht +ein Thor, daß ich euch nicht den Gefallen thue, mich mit euren +Worten auszudrücken, und daß ich nicht einmal durch eine reine +Experimental-Psychologie meines Innern euch darlege, daß ich ein Mensch +bin, daher nicht anders sentiren kann, als andere Menschen, und daß Alles, +was unter uns Widerspruch scheint, nur Wortstreit ist, der daraus entsteht, +weil ich die Sachen unter andern Combinationen sentire, und darum, +ihre Relativität ausdrückend, sie anders benennen muß, welches aller +Controversen Quelle ewig war und ewig bleiben wird.--Und daß du mich ewig +mit Zeugnissen quälen willst! Wozu das? Brauch ich Zeugniß, daß ich bin? +Zeugniß, daß ich fühle? Nur so schätze, liebe, bete ich die Zeugnisse an, +die mir darlegen, wie Tausend oder Einer vor mir eben das gefühlt haben, +was mich kräftigt und stärkt. Und so ist das Wort der Menschen mir Wort +Gottes, mögen's Pfaffen oder Huren gesammelt, und es zum Kanon gerollt +oder als Fragmente hingestreut haben. Und mit inniger Seele fall' ich +dem Bruder um den Hals--Moses! Prophet! Evangelist! Apostel! Spinoza +oder Macchiavell! Darf aber auch zu Jedem sagen: Lieber Freund, geht +dir's doch wie mir. Im Einzelnen sentirst Du kräftig und herrlich; das +Ganze aber ging in deinen Kopf so wenig, als in den meinigen." + +Der briefliche Ideenaustausch Goethe's mit Lavater verwandelte sich, als +dieser 1774 wieder nach Frankfurt kam, in mündliche Ueberlieferung. Das +Phantastische in Lavaters Natur verkannte Goethe nicht, aber er fand es, +wie er in einem früher erwähnten Briefe sich ausgedrückt hatte, "mit dem +schönsten, schlichtesten Menschenverstande gepaart." Ihn fesselte damals +jede Natur, mochte sie auch von der seinigen noch so verschieden seyn. Nach +Ems, wohin sich Lavater begab, begleitete ihn Goethe. Kaum wieder nach +Frankfurt zurückgekehrt, traf er dort mit Basedow zusammen, der damals in +der Pädagogik ein helleres Licht angezündet hatte, doch in allerlei +seltsamen religiösen Ansichten befangen war, die er aufs Lebhafteste +vertheidigte. Durch das Cynische in seinem Aeußern und ganzen Wesen fühlte +sich Goethe zurückgestoßen, besonders durch den Geruch des schlechten +Tabaks, den Basedow auf der Reise nach Ems, wohin ihn Goethe begleitete, +fortwährend in die Luft blies. In mehrfacher Weise störte Basedow die +gesellige Unterhaltung in dem Hause der Frau v. Stein zu Nassau. Als Goethe +mit Lavater und Basedow wieder nach Frankfurt zurückkehrte, und, wie er in +einem noch erhaltenen Gedicht sagt: "als das Weltkind zwischen zwei +Propheten saß," benutzte er Basedows entschiedene Abneigung gegen die +Trinitatslehre zu einer lustigen Rache. Er hieß den Kutscher schnell +vorüberfahren bei einem Wirthshause, in welchem Basedow seinen brennenden +Durst stillen wollte. Indem Goethe auf das mit zwei verschränkten Triangeln +versehene Gasthofsschild hinwieß, äußerte er schalkhaft, daß Basedow, der +schon über Einen Triangel außer Fassung gerathe, bei diesem Anblick +geradezu verrückt hätte werden müssen. + +Unbefriedigt und verletzt durch die ungleichartigen Naturen Lavaters und +Basedows, schloß sich Goethe mit größerer Innigkeit den Gebrüdern Jacobi +an, die er in Cöln kennen gelernt hatte. Der Dichter I.G. Jacobi verzieh +ihm den Spott, den er sich über seine mit Gleim gewechselten Briefe und +Gedichte, die damals im Druck erschienen waren, erlaubt hatte. Das offene +Vertrauen, mit welchem ihm besonders F.H. Jacobi entgegenkam, gewann +Goethe's Herz. Aber auch sein Geist fand Befriedigung in mannigfachen +philosophischen Gesprächen, besonders über das System und die Lehre +Spinoza's. Im wechselseitigen Austausch ihrer Ideen fühlten sich die +Freunde sehr glücklich. Jacobi schrieb damals, den 27. August 1774, an +Wieland: "Was Goethe und ich einander seyn sollten, seyn mußten, war, +sobald wir vom Himmel herunter neben einander gefallen waren, sogleich +entschieden. Jeder glaubte von dem Andern mehr zu empfangen, als er ihm +geben konnte; Mangel und Reichthum auf beiden Seiten umarmten einander; so +ward die Liebe unter uns." + +In der Gemäldegallerie zu Düsseldorf, wohin Goethe mit den Gebrüdern Jacobi +gereist war, fand sein Kunstsinn volle Befriedigung. Mit einem seiner +Straßburger Bekannten, mit Jung-Stilling, traf Goethe in Elberfeld +zusammen. Heinse, der Verfasser des Ardinghello, den er dort kennen lernte, +bewunderte, nach einer brieflichen Aeußerung, an dem damals fünf und +zwanzigjährigen Goethe "das Genie, vom Wirbel bis zur Zehe, den Geist mit +Adlersflügeln." + +Nach den verschiedenartigsten Richtungen verlor sich, als er wieder nach +Frankfurt zurückgekehrt war, Goethe's literarische Thätigkeit. Er äußerte +sich darüber in einem damaligen Briefe: "Geschrieben hab' ich allerlei, +gewissermaßen wenig, im Grunde nichts. Wir schöpfen den Schaum von dem +großen Strom der Menschheit mit unsern Kielen, und bilden uns ein, +wenigstens schwimmende Inseln gefangen zu haben." So bezeichnete Goethe +seine mannigfachen literarischen Entwürfe, von denen fast keiner ausgeführt +ward. Längere Zeit beschäftigte ihn die Idee, das Leben Mahomet's +dramatisch zu behandeln. Mehrere Scenen wurden theils skizzirt, theils +vollendet. Erhalten hat sich jedoch von jenem Stück nichts weiter, als das +in Goethe's Werken aufbewahrte Gedicht: "Mahomet's Gesang." Die bekannte +Geschichte von dem ewigen Juden, die sich ihm schon früh durch die +Volksbücher eingeprägt hatte, wollte er zu einem Epos benutzen. Auch die +Fabel vom Prometheus hielt er für eine dramatische Bearbeitung geeigenet, +von der sich jedoch nichts weiter erhalten hat, als das in Goethe's Werken +aufbewahrte Gedicht "Prometheus." Vollendet ward von Goethe um diese Zeit +(1774) nur das Trauerspiel "Clavigo", wozu ihm die von Beaumarchais +geschriebenen Memoiren die nächste Veranlassung gegeben hatten. +Gleichzeitig veröffentlichte Goethe aber auch unter dem Titel einer Farçe +seine dramatische Dichtung: "Götter, Helden und Wieland." In den +Anmerkungen zu seiner Uebersetzung Shakspeare's hatte Wieland den großen +Britten scharf getadelt. Durch diesen Tadel und die zu moderne Behandlung +der griechischen Götter in dem von Wieland geschriebenen Singspiel +"Alceste" gereizt und aufgeregt, schrieb Goethe jenes satyrische Product, +das seinen bisherigen Verhältnissen unvermuthet eine ganz andere und für +sein späteres Leben einflußreiche Wendung gab. + +Durch jene Posse hatte Goethe die Aufmerksamkeit eines jungen Fürsten +erregt, der sich für den Verfasser des Götz und Werther bereits lebhaft +interessirt hatte. Es war der damalige Erbprinz und nachheriger Großherzog +Carl August von Sachsen-Weimar, der begleitet von seinem jüngern Bruder, +dem Prinzen Constantin und dessen Erzieher v. Knebel, auf einer damalichen +Reise Frankfurt berührte. Goethe ward den beiden Fürsten auf deren Wunsch, +vorgestellt und bald nachher, im November 1775, als geheimer Legationsrath +nach Weimar gerufen, wo er im damaligen geheimen Consilium Sitz und Stimme +erhielt. Sein neues Verhältniß schilderte er in einem Briefe an Lavater vom +21. December 1775 mit den Worten: "Ich bin hier in Weimar wie unter den +Meinigen. Der Herzog wird mir immer werther, und ich ihm immer +verbundener." In einem spätern Briefe vom 22. Januar 1778 meldete Goethe +seinem Freunde Merk: "Ich bin nun ganz in alle Hof- und politische Händel +verwickelt. Meine Lage ist vorteilhaft genug, und die Herzogthümer Weimar +und Eisenach sind immer ein Schauplatz, um zu versuchen, wie einem die +Weltrolle zu Gesichte steht." + +Mit vielem Humor charakterisirte Goethe seinen heterogenen Geschäftskreis +in einem Briefe an Merk vom 5. August 1778. "Im Innern", schrieb er, "geht +mir alles nach Wunsch. Das Element, in dem ich schwebe, hat alle +Aehnlichkeit mit dem Wasser; es zieht Jeden an, und doch versagt dem, der +auch nur bis an die Brust hineinspringt, im Anfange der Athem. Muß er nun +gar gleich tauchen, so verschwinden ihm Himmel und Erde. Hält man's dann +eine Weile aus, und kriegt das Gefühl, das einem das Element trägt, und daß +man doch nicht untersinkt, wenn man gleich nur mit der Nase hervor guckt, +nun so findet sich im Menschen auch Glied und Geschick zum Froschwesen, und +man lernt mit wenig Bewegung viel thun." + +Dieser Brief Goethe's enthielt auch eine Schilderung seiner durch ein +bekanntes Gedicht verewigten Harzreise. "Letzten Winter", schrieb er, "hat +mir eine Reise auf den Harz das reinste Vergnügen gegeben. Du weißt, so +sehr ich's hasse, wenn man das Natürliche abentheuerlich machen will, so +wohl ist mir's, wenn das Abenteuerliche natürlich zugeht. Ich machte mich +ganz allein auf, etwa den letzten November, zu Pferde, mit einem +Mantelsack, und ritt durch Schloßen, Frost und Koth aus Nordhausen den Harz +hinein in die Baumannshöhle, über Wernigerode, Goßlar, auf den hohen Harz, +das Detail erzähl' ich dir einmal, und überwand alle Schwierigkeiten, und +stand am 8. December, glaub' ich, Mittags um Eins auf dem Brocken, oben in +der heitersten, brennendsten Sonne, über dem anderthalb Ellen hohen Schnee, +und sah die Gegend von Deutschland unter mir, Alles von Wolken bedeckt, daß +der Förster, den ich mit Mühe persuadirt hatte, mich zu führen, selbst vor +Verwunderung außer sich kam, sich da zu sehen, da er viele Jahre am Fuße +wohnend, das immer für unmöglich gehalten hatte. Da war ich vierzehn Tage +allein, daß kein Mensch wußte, wo ich war. Von dem Gedanken der Einsamkeit +findest du auf dem beiliegenden Blatt fliegende Streifen." Dies Blatt +enthielt das bekannte Gedicht: "Harzreise im Winter." Mehrere Stellen darin +bezogen sich auf den Sohn des Superintendenten Plessing in Wernigerode, +einen talentvollen, doch zum Theil durch das Lesen des "Werther" in eine +unheilbare Schwermuth versunkenen jungen Mann, den Goethe im Gasthofe zu +Wernigerode kennen gelernt hatte. + +Was Goethe selbst in spätern Jahren sich zum Vorwurf machte, daß er durch +sein zerstreutes und vielfach bewegtes Leben die Wirksamkeit seines +poetischen Talents beschränkt und beinahe zerstört habe, rügte schon damals +sein Freund Merk mit den Worten: "Was Teufel fällt dem Wolfgang ein, am +Hofe herumzuschranzen und zu scherwenzeln? Giebt es nichts Besseres für ihn +zu thun?" Die Wahrheit dieser auch von Andern ihm gemachten Vorwürfe fühlte +Goethe. Aber er erkannte und schätzte auch das Wohlwollen und die +Freundschaft seines Fürsten, und bemühte sich dem ihm geschenkten Vertrauen +auf jede Weise zu entsprechen. Mit seinem Beruf, wenn ihm derselbe +vielleicht auch nicht völlig klar war, meinte er es jedenfalls redlich. In +einem seiner damaligen Briefe gestand er: das ihm aufgetragene Tagwerk, das +ihm täglich leichter und schwerer werde, erfordere wachend und träumend +seine Gegenwart. + +"Diese Pflicht", schrieb er, "wird mir täglich theurer, und darin wünschte +ich's den größten Menschen gleich zu thun, und in nichts Größerem. Diese +Begierde, die Pyramide meines Daseyns, deren Basis mir angegeben und +gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles +Andere, und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf nicht säumen, +ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksal +in der Mitte, und der babylonische Thurm bleibt stumpf unvollendet. +Wenigstens soll man sagen, er war kühn entworfen, und wenn ich lebe, +sollen, will's Gott, die Kräfte hinaufreichen." + +Begrenzt ward dieser weit aussehende Lebensplan Goethe's durch das in ihm +erwachte lebhafte Interesse an theatralischen Vorstellungen. Zu Ettersburg +und Tiefurt waren mehrere kleine Stücke und Operetten in den Buchenwäldern +an der Ilm aufgeführt worden. Einsiedel, Seckendorf, Musäus u.A. hatten +jenem Bedürfniß durch dramatische Producte gehuldigt, und Goethe selbst +hatte zu diesem Zweck seine "Fischerin", und die Singspiele "Erwin und +Elmire" und "Claudine von Villa Bella" gedichtet. Später übernahm er die +Leitung eines in Weimar errichteten Liebhabertheaters, bei welchem der Hof +die Kosten der Garderobe, Musik, Beleuchtung u.s.w. bestritt. Eine +Hauptzierde jener Bühne war die talentvolle Carona Schröter, damals +Hofsängerin, welcher Goethe später in seinem Gedicht: "Miedings Tod" ein +unvergängliches Denkmal setzte. Auch Goethe trat in jenem Lieblingstheater +auf, als Alcest in den "Mitschuldigen", später als Orest in seiner +"Iphigenie" auf. Sein Spiel in ernsten Rollen soll zu leidenschaftlich und +ungestüm gewesen seyn. Besser gelang ihm die Darstellung humoristischer +Charaktere, vorzüglich in den von ihm gedichteten Fastnachtsspielen, als +Hamann, als Marktschreier in dem "Jahrmarkt von Plundersweilern" u.a.m. Für +theatralische Zwecke schrieb Goethe, außer seinen größern Werken, noch das +dramatisch vorgestellte Gedicht "Epiphanias." + +Ueber einen kurzen Aufenthalt in Berlin, wohin er 1778 den Herzog von +Weimar begleitete, schrieb Goethe an Merk: "Ich war nur wenige Tage in +Berlin, und guckte nur drein, wie das Kind in den Schön-Raritäten-Kasten. +Aber du weißt, wie ich im Anschauen lebe; es sind mir tausend Lichter +aufgegangen. Und dem alten Fritz bin ich recht nahe worden; da hab' ich +sein Wesen gesehen, sein Gold, Silber, Marmor, Affen, Papageien und +zerrissene Vorhänge, und habe über den großen Menschen seine eignen +Lumpenhunde räsonniren hören. Die Generäle, die ich halbdutzendweise bei +Tisch mir gegenüber gehabt, machen mir den jetzigen König gegenwärtiger. +Mit Menschen hab' ich sonst gar nichts zu verkehren gehabt, und habe in +preußischen Staaten kein laut Wort hervorgebracht, daß sie nicht könnten +drucken lassen, dafür ich gelegentlich als stolz u.s.w. ausgeschrieen +worden bin." + +Einen weitern Ausflug unternahm Goethe 1779 nach der Schweiz. Er machte +diese Reise in Gesellschaft seines von ihm hochverehrten Fürsten, der ihn +kurz zuvor zum Geheimen Rath ernannt hatte. Die glückliche Heimkehr +wünschte Goethe durch ein Denkmal zu verewigen, das er dem Herzog im +Weimarischen Park errichten lassen wollte. Sehr ausführlich äußerte er sich +in einem im November 1779 geschriebenen Briefe an Lavater über diese Idee, +bei der er auf die Mitwirkung des rühmlich bekannten Malers Füßli in Zürich +rechnete. "Mein erster Gedanke," schrieb Goethe, "war so. Ich wollte dem +Monument eine viereckige Form geben. Von drei Seiten sollte jede eine +einzelne bedeutende Figur, und die vierte eine Inschrift haben. Zuförderst +sollte das gute heilsame Glück stehen, durch das die Schlachten gewonnen +und die Schiffe regiert werden, günstigen Wind im Nacken, die launische +Freundin und Belohnerin kecker Unternehmungen mit Steuerruder und Kranz. Im +Felde zur Rechten hatte ich mir den Genius, den Antreiber, Wegmacher, +Wegweiser, Fackelträger muthigen Schrittes gedacht. In dem Felde zur Linken +sollte Terminus, der ruhige Grenzbeschreiber, der bedächtige, mäßige +Rathgeber stillstehend mit dem Schlangenstabe einen Grenzstein bezeichnen, +jener lebend rührig vordringend, dieser ruhig, sanft in sich gekehrt, zwei +Söhne, eine Mutter--der ältere jener, der jüngere dieser. Das hintere Feld +hatte die Inschrift: Fortunae Duci Reduci Natisque Genio Et Termino Ex +Voto. Du siehst, was ich für Ideen damit zusammenbinden wollte. Sowohl auf +dieser Reise als im ganzen Lande, als im ganzen Leben, sind wir diesen +Gottheiten sehr zu Schuldnern geworden. Das erste Mal, wo wir nach einer +langen, nicht immer fröhlichen Zeit, in die freie Welt kommen, zusammen den +ersten bedeutenden Schritt wagen, gleich mit dem schönsten Hauche des +Glücks fortgetrieben zu werden, in der spätern Jahreszeit, Alles mit +günstiger Sonne und Gestirnen. Den ganzen Weg, den wir machen, begleitet +von einem guten Geiste, der überall die Fackel vorträgt, hierhin ladet, +dorthin treibt, daß, wenn ich zurück sehe, wir zu so manchem, das unsere +Reise ganz macht, nicht durch unsere Wege und Wollen geleitet worden sind, +und dann am Ende, daß wir auch durch den schönen Glückssohn bedeutet +wurden, wo wir aufhören, wo wir einen Grenzbogen beschreiben und wieder +zurückkehren sollten, was wieder einen unglaublichen Einfluß auf unsere +Zurückgelassenen hat und haben wird. Das alles zusammen giebt mir die +Empfindung, die ich nicht schöner zu ehren weiß, als womit alle Zeiten +durch die Menschen Gott verehrt haben." Das in diesem Briefe ausführlich +beschriebene Denkmal, das aus einem "lichtgrauen Stein" bestehen sollte, +"der an den Marmor grenze," kam nicht zu Stande. Die Ausführung dieser +Idee mochte ihre Schwierigkeiten haben. Ob der Maler Füßli die von ihm +gewünschte Zeichnung wirklich lieferte, ist zweifelhaft. So viel ist gewiß, +daß sie im Frühjahr 1780 noch nicht vorhanden war. + +Mit Lavater, der sich darüber in einem seiner Briefe bitter beklagte, hatte +Goethe in der Schweiz genußreiche Tage verlebt. Er freute sich sehr, ihn +wieder zu sehen, und seine Gedanken mit ihm austauschen zu können, so wenig +beide auch, besonders in ihren Ansichten über religiöse Gegenstände, mit +einander übereinstimmten. "Nicht allein vergnüglich", schrieb Goethe den +28. October 1779, "sondern gesegnet uns beiden, soll unsere Zusammenkunft +seyn. Für ein Paar Leute, die Gott auf so verschiedene Art dienen, sind wir +vielleicht die einzigen, und ich denke, wir wollen mehr zusammen überlegen +und ausmachen, als ein ganzes Concilium mit seinen Pfaffen, Huren und +Mauleseln. Eins aber werden wir doch wohl thun, daß wir einander unsere +Particular-Religionen ungehudelt lassen. Du bist gut darin, aber ich bin +manchmal hart und unhold. Da bitt' ich dich im Voraus um Geduld. So hat mir +z. B. Tobler deine Offenbarung Johannis gegeben. An der ist mir nun nichts, +als deine Handschrift, darum hab' ich sie auch zu lesen angefangen. Es +hilft nichts, ich kann das Göttliche nirgends, und das Poetische nur hie +und da finden. Das Ganze ist mir fatal; mir ist's, als röche ich überall +einen Menschen durch, der gar keinen Geruch von dem gehabt, der da ist A. +und O.--Ich bin ein sehr irdischer Mensch; mir ist das Gleichniß vom +ungerechten Haushalter, vom verlornen Sohn, vom Säemann, von der Perle u. +s. w. göttlicher--wenn je was Göttliches da seyn soll--als die sieben +Botschafter, Leuchter, Hörner, Siegel, Sterne und Wehe. Ich denke auch aus +der Wahrheit zu seyn, aber aus der Wahrheit der fünf Sinne, und Gott habe +Geduld mit mir, wie bisher.--Gegen deine Messiade hab' ich nichts; sie +liest sich gut, wenn man einmal das Buch mag, und was in der Apokalypse +enthalten ist, drückt sich durch deinen Mund rein und gut in die Seele. Das +willst du da; wozu denn aber die ewigen Trümpfe, mit denen man nicht +sticht, und kein Spiel gewinnt, weil sie kein Mensch gelten läßt? Du +siehst, ich bin noch immer der Alte, und falle dir wieder von eben der +Seite, wie vormals, zur Last. Ich war schon in Versuchung, das Blatt zu +zerreißen; doch da wir uns sehen werden, so mag es gehen." + +Die in diesem Briefe enthaltenen Aeußerungen zeigten, wie Goethe den +nüchternen gesunden Menschenverstand den schwärmerischen Ansichten Lavaters +gegenüber geltend machte. Im mündlichen Austausch ihrer Ideen, im +traulichen Gespräch hatten sie sich wenigstens so weit genähert, als ihre +individuelle Denk- und Empfindungsweise erlaubte. Selbst das mißbilligende +Urtheil über manche Schriften Lavaters nahm Goethe zurück. "Deine +Offenbarung Johannis," schrieb er den 2. November 1779, "hat mir viel +Vergnügen gemacht. Ich habe sie recht und vieles davon mehr als einmal +gelesen. Da ich hörte, du habest darüber von Amtswegen gepredigt, gab es +mir ein ganz neues Interesse, denn ich konnte nun mehr begreifen, wie du +dich mit diesem Buche so lange beschäftigt, es ganz in dich hinüber +empfunden hast, und es in einem so fremden vehiculo ohne fremden, +vielleicht eigentlich heterogenen Zusatz wieder aus dir herausquellen +lassen konntest; denn nach meiner Empfindung macht deine Ausmalung keinen +andern Eindruck, als die Originalskizze macht, wenigstens einer Seele aus +diesem Jahrhundert, wo man die Ideen, die du hineinlegst, selbst von +Kindheit an hineinzulegen pflegt. Die Arbeit selbst ist dir glücklich von +statten gegangen; einige treffliche Züge der Auslegung und Empfindung sind +darin. Ausgemalt sind viele Stellen ganz trefflich, besonders alle, die der +innern Empfindung von Zärtlichkeit und Kraft, wie z. B. die Verheißung des +ewigen Lebens, das Weiden der Schafe unter Palmen u. s. w. In einigen +Gestalten und Gleichnissen hast du dich auch gut gehalten; nur schwinden +deine Ungeheuer für mich zu schnell in allegorischen Dampf. Doch ist auch +dieß, wenn ich's recht bedenke, das klügste Theil, das du ergreifen +kannst." Der Brief schließt mit den herzlichen Worten: "Laß uns ja einander +bleiben, einander mehr werden. Neue Freunde und Lieben mag ich nicht. +Leider fühl' ich meine dreißig Jahre und Weltwesen. Schon einige Ferne von +dem werdenden, sich entfaltenden, ich erkenn' es noch mit Vergnügen, mein +Geist ist ihm nah, aber mein Herz ist fremd. Große Gedanken, die dem +Jüngling ganz fremd, füllen jetzt meine Seele." + +In einem Briefe an Merk, vom 7. April 1780, meldete Goethe seine Genesung +von einer langwierigen Krankheit, die ihn bald nach der Rückkehr aus der +Schweiz befallen. "Schon in Frankfurt," schrieb er, "und als wir in der +Kälte an den Höfen herumzogen, war mir's nicht just. Die Bewegung der Reise +ließ es nicht zum Ausbruch kommen. Doch hatte ich eine böse +Zusammengezogenheit, eine Kälte, und Untheilnehmung, die Jedermann auffiel +und gar nicht natürlich war. Jetzt geht Alles wieder ganz gut." + +Dieser Brief Goethe's enthielt zugleich flüchtige Andeutungen über manche +literärische Entwürfe, die jedoch größtentheils unausgeführt blieben. "Der +wichtigste Theil meiner Schweizerreise," schrieb er, "ist aus einzelnen, im +Moment geschriebenen Blättchen und Briefchen durch eine lebhafte Erinnerung +componirt. Wieland declarirte es für ein Poema. Ich habe aber noch weit +mehr damit vor, und wenn es mir glückt, so will ich mit diesem Garn viele +Vögel fangen. Zur Geschichte Herzog Bernhards von Weimar hab' ich viele +Documente und Collectaneen zusammengebracht, kann sie schon ziemlich +erzählen, und will, wenn ich erst den Scheiterhaufen gedruckter und +ungedruckter Nachrichten, Urkunden und Anecdoten recht zierlich +zusammengelegt, ausgeschmückt, und eine Menge schönen Räucherwerks und +Wohlgeruchs darauf herumgestreut habe, ihn einmal bei schöner trockner +Nachtzeit anzünden, und auch dieses Kunst- und Lustfeuer zum Vergnügen des +Publici brennen lassen." + +Auch in einem spätern Briefe an Lavater, vom 5. Juni 1780, nahm Goethe die +Idee einer Biographie des Herzogs Bernhard wieder auf. "Ich scharre", +schrieb er, "nach meiner Art, Vorrath zu einer Lebensbeschreibung dieses +als Helden und Herrscher wirklich sehr merkwürdigen Mannes, der in seiner +kurzen Laufbahn ein Liebling der Menschen gewesen ist, allmählich zusammen, +und erwarte die Zeit, wo mir's vielleicht glücken wird, ein Feuerwerk +daraus zu machen. Seine Jahre fallen in den dreißigjährigen Krieg. Sein und +seiner Brüder Familiengemälde interessirt mich noch am meisten, da ich +ihren Urenkeln, in denen so manche Züge leibhaftig wiederkommen, so nahe +bin. Uebrigens versuche ich allerlei Beschwörungen und Hocus pocus, um +die Gestalten gleichzeitiger Helden und Lumpen in Nachahmung der Hexe zu +Endor wenigstens bis an den Gürtel aus dem Grabe steigen zu lassen, und +allenfalls irgend einen König, der an Zeichen und Wunder glaubt, in's +Bockshorn zu jagen." + +Ueber jene Idee, die er wieder aufgab, äußerte sich Goethe in späteren +Jahren mit den Worten: "Manche Zeit und Mühe ward auf den Vorsatz, das +Leben Herzog Bernhards zu schreiben, vergebens aufgewendet. Nach vielfachem +Sammeln und mehrmaligem Schematisiren ward zuletzt nur allzu klar, daß die +Ereignisse des Helden kein Bild machten. In der jammervollen Ilias des +dreißigjährigen Krieges spielte er eine würdige Rolle, ließ sich aber von +jener Gesellschaft nicht absondern. Einen Ausweg glaubte ich jedoch +gefunden zu haben. Ich wollte das Leben schreiben wie einen ersten Band, +der den zweiten nothwendig machte. Ueberall sollten Verzahnungen stehen +bleiben, damit Jedermann bedauerte, daß ein frühzeitiger Tod den Baumeister +verhindert habe, sein Werk zu vollenden. Für mich war diese Bemühung nicht +unfruchtbar; denn wie das Studium zu Götz von Berlichingen mir tiefere +Einsicht in das funfzehnte und sechszehnte Jahrhundert gewährte, so mußte +mir diesmal die Verworfenheit des siebzehnten sich mehr entwickeln, als +sonst vielleicht geschehen wäre." + +Auch durch anderweitige Beschäftigungen mochte Goethe jener historischen +Arbeit entzogen worden seyn. Noch immer betrieb er mit lebhaftem Interesse +die seit frühester Jugend ihm liebgewordenen Kunststudien. Seine Briefe an +Merk und Lavater enthielten mannigfache Aeußerungen über den Entwurf und +die Ausführung werthvoller Landschaften, Blätter und Skizzen, die er theils +besaß, theils zu erhalten wünschte, um seine Sammlung zu vervollständigen. +Ueber Albrecht Dürer schrieb er den 6. März 1780 an Lavater: "Ich verehre +täglich mehr die mit Gold und Silber nicht zu bezahlende Arbeit des Mannes, +der, wenn man ihn recht im Innersten erkennen lernt, an Wahrheit, +Erhabenheit, und selbst Grazie nur die ersten Italiener zu seines Gleichen +hat. Dieses wollen wir laut sagen." In diesem Briefe erwähnte er den Besitz +einer Sammlung von "geistigen Handrissen, besonders in Landschaften", die +er zu vermehren wünschte. Er schrieb darüber an Lavater: "Passe doch auf, +dir geht so vieles durch die Hände. Wenn du so ein Blatt findest, worauf +die erste, schnellste, unmittelbarste Aeußerung des Künstlergeistes +gedruckt ist, so lasse es dir nicht entwischen, wenn du's um leidliches +Geld haben kannst. Mir macht's ein besonderes Vergnügen." + +Genährt ward Goethe's Kunstinteresse durch einen vierzehntägigen Aufenthalt +Oeser's in Ettersburg. Nichts konnte ihm erfreulicher seyn, als das +Wiedersehen seines alten Leipziger Freundes und Lehrers, dem er, nach +seinem eignen Geständniß in früher mitgetheilten Briefen, einen großen +Theil seiner Bildung verdankte. Oeser war vielfach beschäftigt mit der +Einrichtung und Anordnung des Liebhabertheaters in Ettersburg, auf welchem +das von Goethe nach Aristophanes bearbeitete Lustspiel: "die Vögel" +vorgestellt werden sollte. Goethe schrieb über Oeser: "Der Alte hatte den +ganzen Tag etwas zu kramen, anzugeben, zu verändern, zu zeichnen, zu +deuten, zu besprechen, zu lehren u.s.w., daß keine Minute leer war. Seitdem +er fort ist, gehts freilich ein wenig stiller und einfacher zu." + +Durch Oeser's Abreise wich Goethe's Neigung zur Kunst allmählich dem in +späteren Jahren wachsenden Interesse an mannigfachen Naturgegenständen. +Seinem Freunde Merk hatte er in einem Briefe vom 3. Juli 1780 die Nachricht +mitgetheilt, daß der Bildhauer Klauer Oeser's Kopf "allerliebst bossirt", +und daß derselbe in Gyps gegossen und in grauen Stein gehauen werden solle. +"A propops", fügte er hinzu, "von Steinen hab' ich jetzt etwas sehr +Angenehmes und Unterhaltendes angefangen. Durch einen jungen Menschen, den +wir zum Bergwesen herbeiziehen, lasse ich eine mineralogische Beschreibung +von Weimar, Eisenach und Jena machen. Er bringt alle Steinarten mit seiner +Beschreibung überein, und numerirt mit, woraus ein sehr einfaches aber für +uns interessantes Cabinet entsteht. Wir finden auch mancherlei, was gut und +nützlich, ich will aber nicht sagen, einträglich ist." Seinen Brief schloß +Goethe mit der an Merk gerichteten Bitte: "Du thust mir einen großen +Gefallen, wenn du mir gelegentlich ein Stück von den Graniten schicktest, +die nicht weit von euch im Gebirge liegen, wo große abgesägte Stücke davon +glauben machen, daß die Römer ihre Obelisken daher geholt haben. Wenn du +einmal Gelegenheit findest zu erforschen, was der Felsberg auf seiner +höchsten Höhe für Steine hat, wird es mir auch sehr angenehm seyn." + +Während Goethe das Gebiet der Wissenschaft und Kunst nach den +mannigfachsten Richtungen durchstreifte, schien seine poetische Thätigkeit +zu schlummern. Geweckt ward sie wieder durch die Erscheinung von Wielands +Oberon. Er schrieb darüber an Merk den 7. April 1780: "Du wirst den Oberon +gelesen und dich daran erfreut haben. Ich habe Wielandn' dafür einen +Lorbeerkranz geschickt, der ihn sehr erfreut hat." Nach einem spätern +Briefe an Lavater vom 3. Juli 1780 war Goethe überzeugt: "so lange Poesie +Poesie, Gold Gold und Crystall Crystall bleibe, werde auch Wieland's Oberon +als ein Meisterstück poetischer Kunst geliebt und bewundert werden." + +Von dem genannten Epos begeistert, warnte er in einem Briefe vom 24. Juni +1780 vor der seichten und anmaßenden Kritik, die auch das Trefflichste +nicht verschone. "Bei Gelegenheit von Wieland's Oberon", schrieb er an +Lavater, "brauchst du das Wort Talent, als wenn es der Gegensatz von Genie +wäre, wo nicht ganz, doch wenigstens etwas Subordinirtes. Wir sollten aber +bedenken, daß das eigentliche Talent nichts weiter seyn kann, als die +Sprache des Genies. Ich will nicht chikaniren, denn ich weiß wohl, was du +im Durchschnitt damit sagen willst, und ich zupfe dich nur beim Aermel. Wir +sind oft gar zu freigebig mit allgemeinen Worten, und schneiden, wenn wir +ein Buch gelesen haben, das uns von Seite zu Seite Freude gemacht, und +aller Ehren werth vorgekommen ist, endlich gern mit der Scheere so gerade +durch, wie durch einen weißen Bogen Papier. Wenn ich ein solches Werk auch +blos als ein Schnitzbildchen ansehe, so wird es doch der feinsten Scheere +unmöglich, alle kleinen Formenzüge und Linien, worin der Werth liegt, +herauszusondern. Es ist nachher noch eins, was man nicht so leicht an einem +solchen Werke schätzt, weil es so selten ist: daß nämlich der Autor nichts +hat machen wollen und gemacht hat, als was eben da steht. Für das Gefühl, +die Kunst und Freiheit, vieles wegzulassen, gebührt ihm freilich der größte +Dank, den ihm aber auch nur der Künstler und Mitgenosse giebt." + +Damit beruhigte sich Goethe bei dem einseitigen Urtheil, das von mehreren +Seiten seinen "Triumph der Empfindsamkeit" traf, eine harmlose Satyre auf +das damalige Weimarische Theaterpersonal, mit Anspielungen auf mancherlei +Vorfälle und Tagesereignisse. Manchen Tadel mußte er auch vernehmen über +die vorherrschende Sentimentalität in dem von ihm geschriebenen Schauspiel +"Lila", in dem Drama "die Geschwister," und in andern seiner damaligen +Producte. In eine dramatische Form kleidete Goethe auch mehrere theils +ernste, theils scherzhafte Gedichte, zu denen er durch Festlichkeiten des +Weimarischen Hofes veranlaßt ward. + +Eine höhere poetische Idee lag seiner "Iphigenie" zum Grunde. Der erste +Entwurf dieses Schauspiels und seines erst mehrere Jahre später vollendeten +Romans: "Wilhelm Meisters Lehrjahre" fällt in diese Periode von Goethe's +Leben. Das Urtheil seiner Freunde, denen er mehrere von seinen damaligen +Producten handschriftlich mittheilte, war ihm nicht gleichgültig. Den 24. +Juli 1780 schrieb er an Lavater: "Daß du Freude gehabt hast an meiner +Iphigenie, ist mir ein außerordentliches Geschenk. Da wir mit unsern +Existenzen so nahe stehen, und mit unsern Gedanken und Imaginationen so +weit auseinander gehen wie zwei Schützen, die mit dem Rücken aneinander +lehnend, nach ganz verschiedenen Zielen schießen, so erlaube ich mir +niemals den Wunsch, daß meine Sachen dir etwas werden könnten. Ich freue +mich deswegen recht herzlich, daß ich auch mit diesem Product wieder an's +Herz gekommen bin." + +In solcher Stimmung verschmerzte Goethe den Verdruß und Unmuth, den ihm ein +gewinnsüchtiger Buchhändler, Himburg in Berlin, bereitet hatte, als er ohne +Goethe's Mitwissen eine Sammlung seiner bisherigen Schriften in zwei +Octavbänden veranstaltete. Goethe erhielt von ihm einen Brief, in welchem +er dem Publikum einen großen Dienst erwiesen zu haben meinte, und sich +erbot, dem Dichter als einen Beweis seiner Erkenntlichkeit einiges Berliner +Porcellan zu schicken. Empört über die Anmaßung des unberufenen Verlegers +seiner Schriften, ließ Goethe das an ihn gerichtete Schreiben +unbeantwortet, und rächte sich im Stillen durch einige satyrische Verse. + +Wissenschaftliche Forschungen der verschiedensten Art behielten für ihn ein +lebhaftes Interesse. Immer neuen Genuß schöpfte er aus der Betrachtung der +Natur, auch der anorganischen, auf seinen öftern Reisen in die Umgegend, +besonders nach Franken, als Begleiter des Herzogs von Weimar. In Bezug auf +seine mineralogischen Studien bemerkte Goethe in einem Briefe an Merk vom +11. October 1780: "Ich habe mich diesen Wissenschaften mit völliger +Leidenschaft ergeben, und habe eine sehr große Freude daran. Dabei schränke +ich mich aber nicht, wie die neuesten Chursachsen, philisterhaft darauf +ein, ob jener Berg dem Herzog von Weimar gehört oder nicht. Wie ein Hirsch, +der ohne Rücksicht des Territoriums sich äset, so denk' ich, muß der +Mineralog auch seyn. Und so hab' ich vom Gipfel des Inselbergs, des +höchsten vom Thüringerwalde, bis in's Würzburgische, Fuldaische, Hessische, +Chursächsische, bis über die Saale hinüber, und wieder so weiter bis +Saalfeld und Coburg herum, meine schnellen Ausflüge getrieben; habe die +meisten Stein- und Gebirgsarten von allen diesen Gegenden beisammen, und +finde in meiner Art zu sehen, das bischen Metallische, das den mühseligen +Menschen in die Tiefen hineinlockt, immer das Geringste. Durch dieses alles +zusammen und durch die Kramereien meiner Vorgänger bin ich im Stande, einen +kleinen Aufsatz zu liefern, der gewiß interessant seyn soll. Ich habe jetzt +die allgemeinsten Ideen und gewiß einen reinen Begriff, wie alles auf +einander steht und liegt, ohne Prätension auszuführen, wie es auf einander +gekommen ist. Da ich einmal nichts aus Büchern lernen kann, so fang' ich +erst jetzt an, nachdem ich die meilenlangen Blätter unserer Gegenden +umgeschlagen habe, auch die Erfahrungen Anderer zu studiren und zu nutzen. +Dies Feld ist, wie ich jetzt erst sehe, kurze Zeit her mit großem Fleiße +bebaut worden, und ich bin überzeugt, daß bei so viel Versuchen und +Hülfsmitteln ein einziger großer Mensch, der mit den Füßen oder dem Geist +die Welt umlaufen könnte, diesen seltsam zusammengebauten Ball ein- für +allemal erkennen und beschreiben könnte, was vielleicht schon Büffon im +höchsten Sinne gethan hat, weßhalb auch Franzosen und Deutschfranzosen +sagen, er habe einen Roman geschrieben, welches sehr wohl gesagt ist, weil +das ehrsame Publikum alles Außerordentliche nur durch den Roman kennt." + +Durch diese Studien und andere Lieblingsneigungen ward Goethe nicht der +Amtsthätigkeit entzogen, die seine Stellung als Geheimer Rath mit Sitz und +Stimme in mehreren Collegien von ihm forderte. Die Huld seines Fürsten +hatte ihn von manchen lästigen Geschäften befreit. Auch ward ihm, nach +einem früher mitgetheilten Geständnisse, "sein Tagewerk leicht." Gleichwohl +beklagte er sich in einem im Februar 1781 an Lavater geschriebenen Briefe, +daß er fast zu viel auf sich lade. Er fügte hinzu: "Staatssachen sollte der +Mensch, der darein versetzt ist, sich ganz widmen, und ich möchte doch auch +so vieles Andere nicht fallen lassen." + +In gleichem Sinne hatte er schon in einem frühern Briefe an Lavater +geäußert: "Den guten Landes- und Hausvater würdest du näher nur bedauern. +Was da auszustehen ist, spricht keine Zunge aus. Herrschaft wird Niemand +angeboren, und der sie ererbte, muß sie so bitter gewinnen, wie der +Eroberer, wenn er sie haben will, und bitterer. Es versteht dieß kein +Mensch, der seinen Wirkungskreis aus sich geschaffen und ausgetrieben hat." +Dann tröstete er sich wieder mit dem behaglichen Gefühl der Gesundheit. In +einem Briefe an Lavater vom 18. März 1781 sprach er den Wunsch aus, daß +Gott ihn noch lange auf dieser schönen Welt erhalten und ihm Kraft +verleihen möchte, ihr zu dienen und sie zu nutzen. "Mit mir steht's gut," +schrieb er, "besonders innerlich. In weltlichen Dingen erwerb' ich täglich +mehr Gewandtheit, und vom Geiste fallen mir täglich Schuppen und Nebel, daß +ich denke, er müßte ganz nackt dastehen, und doch bleiben ihm noch Hüllen +genug." + +Was ihn besonders über den Druck und Wechsel äußerer Lebensverhältnisse +erhob, war Goethe's Sinn für die Schönheiten der Natur. Mannigfachen Genuß +bot ihm sein am Weimarischen Park gelegener Garten. "Die nächsten Wochen +des Frühlings," schrieb er den 9. April 1781 an Lavater, "sind mir +gesegnet. Jeden Morgen empfängt mich eine neue Blume oder Knospe. Die +stille, reine, immer wiederkehrende, leidenlose Vegetation tröstet mich oft +über der Menschen Noth, ihre moralischen und noch mehr physischen Uebel." +Aehnliche Aeußerungen enthielt ein späterer Brief an Lavater vom 22. Juni +1781. "Glaube mir," schrieb Goethe, "unsere moralische und politische Welt +ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken minirt, wie eine große +Stadt zu seyn pflegt, an deren Zusammenhang und ihrer Bewohner Verhältnisse +wohl Niemand denkt und sinnt. Nun wird es dem, der davon einige Kundschaft +hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt, und dort +einmal ein Rauch aufgeht aus einer Schlucht." + +Von solchen Betrachtungen wandte sich Goethe, wie er es schon in seiner +Jugend gethan, zum Uebersinnlichen. "Ich bin," schrieb er an Lavater, +"geneigter als Jemand, noch an eine Welt, außer der sichtbaren, zu glauben, +und ich habe Dichtungs- und Lebenskraft genug, sogar mein eignes +beschränktes Selbst zu einem Swedenborgischen Geister-Universum erweitert +zu fühlen. Alsdann mag ich aber gern, daß das Alberne und Ekelhafte +menschlicher Excremente durch eine feine Gährung abgesondert, und der +reinlichste Zustand, in den wir versetzt werden können, empfunden werde." + +Unter mannigfachen Arbeiten und Zerstreuungen war Goethe, nach seinen +eignen Worten, wieder zur Poesie zurückgekehrt. Neben der noch +unvollendeten "Iphigenie" beschäftigte ihn die Idee, Torquato Tasso, den +Dichter des befreiten Jerusalems, zum Helden eines Drama's zu wählen. +Den Stoff zu den Umgebungen seines Schauspiels fand er an dem Hofe der +Herzogin Amalie von Weimar. Dort lernte er den Ton kennen, der solchen +Umgebungen ziemte. Seinem Freunde Lavater berichtete Goethe den 14. +November 1781, er habe den ersten Act seines "Tasso" vollendet. "Ich +wünsche," fügte er hinzu, "daß er auch für dich geschrieben seyn +möchte." Goethe befand sich übrigens in einer Stimmung und in +Verhältnissen, die der raschen Förderung seines Werks nicht günstig +schienen. "Die Unruhe, in der ich lebe," schrieb er, ["]läßt mich nicht +über dergleichen vergnügliche Arbeiten bleiben, und so sehe ich auch +noch nicht den Raum vor mir, die übrigen Acte zu enden. Es geht mir, wie +es den Verschwendern geht, die in dem Augenblicke, wenn über Mangel an +Einnahme, überspannte Schulden und Ausgaben geklagt wird, gleichsam von +einem Geiste des Widerspruchs außer sich gesetzt, sich in neue +Verbindungen und Unkosten zu stürzen pflegen." + +Treffend hatte Goethe in diesem Briefe sich selbst und die Beweglichkeit +seines Geistes geschildert, die ihn nicht lange bei einem und demselben +Gegenstande verweilen ließ. Auch das dramatische Interesse vermochte ihn +nicht ausschließlich zu fesseln. In dem eben erwähnten Briefe meldete +Goethe: "Auf unserer Zeichnungsakademie hab' ich mir diesen Winter +vorgenommen, mit den Lehrern und Schülern den Knochenbau des menschlichen +Körpers durchzugehen, sowohl um ihnen als mir zu nützen, sie auf das +Merkwürdige dieser einzigen Gestalt zu führen, und sie dadurch auf die +erste Stufe zu stellen, das Bedeutende in der Nachahmung sichtlicher Dinge +zu erkennen und zu suchen. Zugleich behandle ich die Knochen als einen +Text, woran sich alles Leben und alles Menschliche anhängen läßt; habe +dabei den Vortheil, zweimal die Woche öffentlich zu reden, und über Dinge, +die mir werth sind, mich mit aufmerksamen Menschen zu unterhalten.["] Das +sei, meinte er, ein Vergnügen, dem er in dem gewöhnlichen Welt-, Geschäfts- +und Hofleben entsagen müßte. Seine Jahre spornten ihn zu verdoppelter +Thätigkeit. "Mit meinem Leben," schrieb er, "rückt es stark vor, und ich +fange nun bald an zu begreifen, warum wir, sobald wir uns hienieden +einzurichten angefangen haben, wieder weiter müssen." + + +Ueberhäufte Amtsgeschäfte nahmen damals Goethe's Kräfte fast übermäßig in +Anspruch. Den 16. Juli 1782 schrieb er an Merk: "Es geht mir, wie dem +Treufreund in meinen Vögeln. Mir wird ein Stück des Reichs nach dem andern +auf einem Spaziergange übertragen. Diesmal muß mir's nun freilich Ernst, +sehr Ernst seyn, denn mein Herr Vorgänger hat mir viel Arbeit gemacht. +Manchmal wird mir's sauer, denn ich stehe redlich aus. Dann denk' ich +wieder: Hic est aut nusquam, quod quaerimus." Auf ähnliche Weise äußerte +sich Goethe in einem spätern Briefe vom 29. Juli 1782: "Von mir hab' ich +nichts zu sagen, als daß ich mich meinem Beruf aufopfere, in dem ich nichts +weiter suche, als wenn es das Ziel meiner Begriffe wäre." + +Von den irdischen Angelegenheiten wandte sich Goethe wieder zu dem +Uebersinnlichen. Sein Interesse daran ward durch den Briefwechsel mit +Lavater lebendig erhalten. "Daß du", schrieb er den 4. October 1782, "mir +noch einmal den innern Zusammenhang deiner Religion vorlegen wolltest, war +mir sehr willkommen. Wir werden ja nun wohl bald einmal einander über +diesen Punkt kennen und in Ruhe lassen. Großen Dank verdient die Natur, daß +sie in die Existenz eines jeden lebenden Wesens auch so viel Handlungskraft +gelegt hat, daß es sich, wenn es an einem oder dem andern Ende zerrissen +wird, selbst wieder zusammenflicken kann; und was sind tausendfältige +Religionen anders, als tausendfache Aeußerungen dieser Heilungskraft? Mein +Pflaster schlägt bei dir nicht an, deins nicht bei mir; in unsres Vaters +Apotheke sind viel Recepte. So hab' ich auf deinen Brief nichts zu +antworten, nichts zu widerlegen; aber dagegen zu stellen hab' ich vieles. +Wir sollten einmal unsere Glaubensbekenntnisse in zwei Columnen neben +einander setzen, und darauf einen Friedens- und Toleranzbund errichten." + +Näher, als diese religiösen Betrachtungen, lagen Goethe's Liebe zur Natur +und seinem heitern Weltsinn seine geognostischen und mineralogischen +Studien. Auch die Osteologie hatte er, wie bereits erwähnt, in den Kreis +seiner Forschungen gezogen. "Ich freue mich", schrieb er den 23. April 1784 +an Merk, "daß du so frisch fort arbeitest in deinem Knochenwesen. Ich habe +die Zeit über auch Verschiedenes in anatomicis, wie es die Zeit erlauben +wollte, gepfuscht, wovon ich vielleicht ehestens etwas werde produciren +können." In einem spätern Briefe an Merk, vom 6. August 1784, schrieb +Goethe: "Schicke mir den Schädel deiner Myrmecophaga sobald als möglich; +du erzeigst mir dadurch einen außerordentlichen Gefallen. Ich brauche ihn +zu meiner Inauguraldisputation, durch welche ich mich in eurem docto +corpore zu legitimiren gesonnen bin. Das eigentliche Thema halte ich noch +geheim, um euch eine angenehme Ueberraschung zu machen. Ich komme nunmehr +wieder auf den Harz, und werde meine mineralogischen und oryktologischen +Beobachtungen, in denen ich bisher unermüdet fortgefahren, immer weiter +treiben. Ich fange an, auf Resultate zu kommen, die ich aber bis jetzt noch +für mich behalte." Diese Resultate theilte Goethe bald nachher in einer in +seinen Werken aufbewahrten Abhandlung mit, in welcher er zu beweisen +suchte, "daß den Menschen, wie den Thieren, ein Zwischenknochen der obern +Kinnlade zuzuschreiben sei." + +Goethe's Dichtertalent schien unter so heterogenen Beschäftigungen zu +schlummern. Die früher erwähnten Anfänge des "Wilhelm Meister" hatten lange +geruht. Eine ganz neue Richtung erhielten Goethes Lebensverhältnisse und +seine Thätigkeit, als die Huld seines Fürsten ihm vergönnte, das Land zu +sehen, das von frühester Jugend an ein Gegenstand seiner Sehnsucht gewesen. +Im September 1786 reiste er nach Italien. Dort fand sein reiches Gemüth die +gleiche Empfänglichkeit für das Hohe und kindlich Liebliche, sein tiefer +Sinn für Natur und Kunst die vollste Befriedigung. + +Das unvollendete Manuscript seiner "Iphigenie" hatte Goethe nach Italien +mitgenommen. Dieser erste Entwurf, völlig abweichend in der Form, die jenes +Schauspiel später erhielt, ist von A. Stahr (Oldenburg 1839) veröffentlicht +worden. Goethe schrieb darüber den 8. September 1786: "Das Stück, wie es +gegenwärtig da steht, ist mehr Entwurf, als Ausführung; es ist in +poetischer Prosa geschrieben, die sich manchmal in einen jambischen +Rhythmus verliert, auch wohl andern Sylbenmaßen ähnelt. Dies thut freilich +der Wirkung großen Eintrag, wenn man es nicht sehr gut liest und durch +gewisse Kunstgriffe diese Mängel zu verbergen weiß. Herder legte mir dies +so dringend an's Herz, und da ich meinen größern Reiseplan ihm, wie Allen, +verborgen hatte, so glaubte er, es sei nur wieder von einer Bergwandrung +die Rede, und weil er sich gegen Mineralogie und Geologie immer spöttisch +äußerte, meinte er, ich sollte, statt taubes Gestein zu klopfen, meine +Werkzeuge an diese Arbeit wenden. Jetzt sondere ich die Iphigenie aus dem +Packet, und nehme sie mit mir in das schöne warme Land als Begleiterin. Der +Tag ist so lang, das Nachdenken ungestört, und die herrlichen Bilder der +Urwelt verdrängen keineswegs den poetischen Sinn; sie rufen ihn vielmehr, +von Bewegung und freier Luft begleitet, nur desto schneller hervor." + +Am [Am] 28. September 1786 war Goethe in Venedig angekommen. "Ich bin +hier," schrieb er, "gut logirt in der Königin von England, nicht weit vom +Marcusplatze. Meine Fenster gehen auf einen schmalen Canal zwischen hohen +Häusern. Gleich unter mir befindet sich eine einbogige Brücke, und +gegenüber ein schmales, belebtes Gäßchen. So wohn' ich, und die Einsamkeit, +nach der ich oft so sehnsuchtsvoll geseufzt, kann ich nun recht genießen; +denn nirgends fühlt man sich einsamer, als im Gewimmel, wo man sich, Allen +ganz unbekannt, durchdrängt." + +Ermüdet von einer Wandrung durch die Stadt mit ihren Canälen, Brücken und +Brückchen, setzte sich Goethe am Michaelisfeste, wo eine ungeheuere +Menschenmasse über den Rialto nach der Kirche zog, in eine Gondel. Durch +den nördlichen Theil des großen Canals fuhr er in die Lagunen bis gegen den +Marcusplatz. Er überließ sich seinen einsamen Betrachtungen. "So war ich +nun," schrieb er, "auf einmal ein Mitherr des adriatischen Meeres, wie +jeder Venetianer sich fühlt, wenn er sich in seine Gondel legt. Ich +gedachte dabei meines Vaters, der nichts Besseres wußte, als von diesen +Dingen zu erzählen. Wird mir's nicht auch so gehen? Alles, was mich +umgiebt, ist würdig, ein großes Werk versammelter Menschenkraft, ein +herrliches Monument, nicht eines Gebieters sondern eines Volkes. Und wenn +auch ihre Lagunen sich nach und nach ausfüllen, böse Dünste über dem Sumpfe +schweben, ihr Handel geschwächt, ihre Macht gesunken ist, so wird die ganze +Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick dem Beobachter +unehrwürdig seyn. Sie unterliegt der Zeit, wie Alles, was ein erscheinendes +Daseyn hat." + +Einen genußreichen Abend versprach sich Goethe im Theater St. Chrysostomo. +Die Vorstellung von Crebillon's Electra befriedigte ihn nicht, ungeachtet +des im Allgemeinen braven Spiels. "Indessen," schrieb er, "hab' ich doch +wieder gelernt. Der italienische, immer einsylbige Jambe hat für die +Deklamation große Unbequemlichkeit, weil die letzte Sylbe durchaus kurz +ist, und wider den Willen des Declamators in die Höhe schlägt." + +Lebhafter, als für die italienische Bühne, interessirte sich Goethe für die +Baukunst, die, nach seinen eignen Worten, "wie ein Geist aus dem Grabe +hervorstieg." Fleißig studirte er den Vitruv, Palladio und andere +Schriftsteller, um so zu einer klaren Vorstellung von jenen werthvollen +Ueberresten vergangner Zeit zu gelangen. Als er nach einem vierzehntägigen +Aufenthalt in Venedig am 14. October 1786 die Stadt wieder verließ, und +über Ferrara, Cento, Bologna, Lugano, Perugia, Terni und Citta nach Rom +reiste, glaubte er sich das Zeugniß geben zu können: "Ich bin nur kurze +Zeit in Venedig gewesen, aber ich habe mir die dortige Existenz genugsam +zugeeignet, und weiß, daß ich, wenn auch einen unvollständigen, doch einen +ganz klaren und wahren Begriff mit wegnehme." + +Begeistert von dem Eindruck mehrerer Gemälde Raphael's, die er in Bologna +betrachtet hatte, besonders einer heiligen Agathe, schrieb Goethe den 19. +October 1786: "Ich habe mir die Gestalt wohl gemerkt, und werde ihr im +Geist meine Iphigenie vorlesen, und meine Heldin nichts sagen lassen, was +diese Heilige nicht aussprechen möchte.--Da ich einmal dieser süßen Bürde +gedenke, die ich auf meinen Wandrungen mit mir führe, so kann ich nicht +verschweigen, daß zu den großen Kunst- und Naturgegenständen, durch die ich +mich durcharbeiten muß, noch eine wundersame Folge von poetischen Gestalten +hindurchzieht, die mich beunruhigen. Von Cento herüber wollte ich meine +Arbeit an Iphigenie fortsetzen; aber was geschah? Der Geist führte mir das +Argument der Iphigenie von Tauris vor die Seele, und ich mußte es +ausbilden. So kurz als möglich sei es hier verzeichnet: Electra, in +gewisser Hoffnung, daß Orest das Bild der Taurischen Diana nach Delphi +bringen werde, erscheint in dem Tempel des Apoll, und widmet die grausame +Axt, die so viel Unheil in Pelops Hause angerichtet, als schließliches +Sühnopfer dem Gotte. Zu ihr tritt leider einer der Griechen, und erzählt, +wie er Orest und Pylades nach Tauris begleitet, die beiden Freunde zum Tode +führen sehen, und sich glücklich gerettet habe. Die leidenschaftliche +Electra kennt sich selbst nicht, und weiß nicht, ob sie gegen Götter oder +Menschen ihre Wuth richten soll. Indessen sind Iphigenie, Orest und Pylades +gleichfalls in Delphi angekommen. Iphigenie'ns heilige Ruhe contrastirt gar +merkwürdig mit Electra's irdischer Leidenschaft, als die beiden Gestalten, +wechselseitig unerkannt, zusammentreffen. Der entflohene Grieche erblickt +Iphigenie'n, erkennt die Priesterin, welche die Freunde geopfert, und er +entdeckt es Electra. Diese ist im Begriff, mit demselben Beil, welches sie +dem Altar wieder entreißt, Iphigenie'n zu ermorden, als eine glückliche +Wendung dieses letzte schreckliche Uebel von den Geschwistern abwendet." +Wenn diese Scene gelänge, meinte Goethe, dürfte nicht leicht etwas Größeres +und Rührenderes auf der Bühne gesehen worden seyn. "Aber," fügte er hinzu, +"wo soll man Hände und Zeit hernehmen, wenn auch der Geist willig wäre?" + +Groß und gewaltig war der Eindruck, den die "Hauptstadt der Welt" auf +Goethe's Gemüth machte. So nannte er Rom in einem Briefe vom 1. November +1786. In lebhafter Erinnerung an die römischen Prospecte im elterlichen +Hause, schrieb Goethe: "Alle Träume meiner Jugend seh' ich nun erfüllt, ich +sehe die ersten Kupferbilder wieder. Was ich in Gemälden, Zeichnungen und +Holzschnitten schon lange gekannt, steht nun beisammen vor mir. Wohin ich +gehe, finde ich eine Bekanntschaft in einer neuen Welt. Es ist Alles, wie +ich mir's dachte, und Alles neu. Eben dies kann ich von meinen +Betrachtungen, von meinen Ideen sagen. Ich habe keinen ganz neuen Gedanken +gehabt, nichts ganz fremd gefunden; aber die alten Ideen sind so bestimmt, +so lebendig, so zusammenhängend geworden, daß sie für neu gelten können." + +Zu Goethe's vorzüglichsten Bekanntschaften in Rom gehörte der Fürst +Lichtenstein, der italienische Dichter Monti, der besonders durch seine +mythologischen Forschungen bekannte Schriftsteller Moritz und der +Historienmaler Tischbein. Mit dem Letztern hatte Goethe schon früher in +Briefwechsel gestanden. Durch Tischbein gelangte er zu einem klaren +Verständniß und einer richtigen Würdigung der zahlreichen und unschätzbaren +Gemälde Raphael's, Michel Angelo's u.A. in der Peterskirche und besonders +in der Sixtinischen Capelle. + +Eine treuere Anhänglichkeit und eine an Schwärmerei grenzende Vorliebe für +seine literarischen Erzeugnisse, besonders für den Werther, zeigte keiner +von Goethe's Freunden in solchem Grade, als Moritz. Goethe interessirte +sich lebhaft für ihn, und nahm innigen Antheil an seinem Schicksal, als +Moritz durch einen unglücklichen Fall den Arm brach. Goethe schrieb +darüber: "Was ich bei diesem Leidenden als Wärter, Beichtvater und +Vertrauter, als Finanzminister und geheimer Secretär erfahren und gelernt, +mag mir in der Folge zu Gute kommen. Die fatalsten Leiden und die edelsten +Genüsse gingen diese Zeit über immer einander zur Seite." + +Charakteristisch in mehrfacher Hinsicht war ein Schreiben, welches Goethe +im November 1786 an den Herzog von Weimar richtete. "Wie dank' ich Ihnen," +schrieb er aus Rom, "daß Sie mir diese köstliche Muße geben und gönnen. Da +doch einmal von Jugend auf mein Geist diese Richtung genommen, so hätt' ich +nie ruhig werden können, ohne dies Ziel zu erreichen. Mein Verhältniß zu +den Geschäften ist aus meinem persönlichen zu Ihnen entstanden; lassen Sie +nun ein neues Verhältniß zu Ihnen nach so manchen Jahren aus dem bisherigen +hervorgehen. Ich darf wohl sagen, ich habe mich in dieser Einsamkeit selbst +wiedergefunden. Aber als was? Als Künstler! Was ich sonst noch bin, werden +Sie beurtheilen und nutzen. Sie haben durch Ihr fortdauerndes wirkendes +Leben jene fürstliche Kenntniß, wozu die Menschen zu benutzen sind, immer +mehr erweitert und geschärft, wie mir jeder Ihrer Briefe deutlich sehen +läßt. Dieser Beurtheilung unterwerfe ich mich gern. Fragen Sie mich über +die Symphonie, die Sie zu spielen gedenken; ich will gern und ehrlich +jederzeit meine Meinung sagen. Lassen Sie mich an Ihrer Seite das ganze Maß +meiner Existenz ausfüllen, so wird meine Kraft, wie eine neu geöffnete, +gesammelte, gereinigte Quelle, von einer Höhe nach Ihrem Willen leicht da +oder dorthin zu leiten seyn. Schon sehe ich, was mir die Reise genützt, wie +sie mich aufgeklärt und meine Existenz erheitert hat. Wie Sie mich bisher +getragen, sorgen Sie ferner für mich. Sie thun mir mehr wohl, als ich +selbst kann, als ich wünschen und verlangen darf. Ich habe so ein großes +und schönes Stück Welt gesehen, und das Resultat ist, daß ich nur mit Ihnen +und den Ihrigen leben mag. Ja, ich würde Ihnen noch mehr werden, als ich +oft bisher war, wenn Sie mich nur das thun lassen, was Niemand als ich thun +kann, und das Uebrige Andern auftragen. Ihre Gesinnungen, die Sie mir in +Ihrem Briefe zu erkennen gaben, sind so schön, für mich bis zur Beschämung +ehrenvoll, daß ich nur sagen kann: Herr, hier bin ich, mache aus deinem +Knechte, was du willst." + +In einem spätern Schreiben an den Herzog von Weimar sprach Goethe den +Wunsch aus, das Land seines Fürsten nach seiner Rückkehr "als Fremder +durchreisen zu dürfen." Mit ganz frischem Auge, meinte er, würde ihn dann +die Gewohnheit, Land und Welt zu sehen, jede Provinz betrachten lassen. +"Ich würde," fügte er hinzu, "mir nach meiner Art ein neues Bild machen, +einen vollständigen Begriff erlangen, und mich zu jeder Art von Dienst +gleichsam auf's neue qualificiren, zu dem mich Ihre Güte, Ihr Zutrauen +bestimmen will. Bei Ihnen und den Ihrigen ist mein Herz und Sinn, wenn sich +gleich die Träume einer Welt in die Wagschale legen. Der Mensch bedarf +wenig; Liebe und Sicherheit seines Verhältnisses zu dem einmal Gewählten +und Gegebenen kann er nicht entbehren." So bewahrte Goethe mit reiner +Pietät die treue Anhänglichkeit und innige Verehrung für einen Fürsten, dem +er sein Lebensglück und die Muße zu seiner literarischen Thätigkeit +verdankte. + +Fleißig beschäftigte sich Goethe in Rom mit der Fortsetzung und Vollendung +der Iphigenie. Zu Anfange des Jahres 1787 war er damit fertig geworden. In +einem Briefe vom 6. Januar machte er die Orte namhaft, wo er sich +vorzugsweise mit seiner dramatischen Dichtung beschäftigt hatte. Er schrieb +darüber: "Am Garda-See, als der gewaltige Mittagswind die Wellen an's Ufer +trieb, und wo ich wenigstens so allein war, als meine Heldin am Gestade von +Tauris, zog ich die ersten Linien der neuen Bearbeitung, die ich in Verona, +Vicenza, Padua, am fleißigsten aber in Venedig fortsetzte. Dann aber +gerieth die Arbeit in Stocken. Ich ward auf eine neue Erfindung geführt, +nämlich Iphigenie auf Delphi zu schreiben, was ich auch sogleich gethan +hätte, wenn nicht die Zerstreuung und ein Pflichtgefühl gegen das ältere +Stück mich davon abgehalten hätten." + +Was ihn dazu bewog, seine Iphigenie ursprünglich in Prosa zu schreiben, +war, nach seinen eignen Worten "die Unsicherheit, in der die deutsche +Prosodie schwebe." "Es ist auffallend," schrieb er, "daß wir in unserer +Sprache nur wenige Sylben finden, die entschieden kurz oder lang sind; mit +den übrigen verfährt man nach Geschmack und Willkühr." Ungeachtet dieser +Bemerkungen gab er späterhin seinem Schauspiel eine metrische Form. Das +vollendete Manuscript hatte er nach Weimar gesandt, um das Urtheil seiner +Freunde zu vernehmen. In den ruhigen Gang des Stücks konnten sie sich nicht +sogleich finden. Sie hatten mehr leidenschaftliche Bewegung erwartet, +"etwas Berlichingisches", wie Goethe sich darüber äußerte. Immer dachten +sie sich den Dichter noch in seiner poetischen Sturm- und Drangperiode, die +längst für ihn vorüber war. + +In einem Briefe vom 21. Februar 1787 beklagte sich Goethe, noch kein +gründliches und erschöpfendes Urtheil über die Iphigenie gehört zu haben. +Das könnte ihm, meinte er, zur Leitung dienen bei seinem "Tasso", denn das +sei doch eine ähnliche Arbeit. Von diesem Schauspiel hatte er damals die +ersten Scenen entworfen. "Der Gegenstand," schrieb er, "ist fast noch +beschränkter, als in der Iphigenie, und will daher im Einzelnen noch mehr +ausgearbeitet seyn. Doch weiß ich noch nicht, was es werden wird. Das +Vorhandene muß ich ganz zerstören. Es hat zu lange gelegen, und weder die +Personen, noch der Plan, noch der Ton haben mit meiner jetzigen Ansicht die +geringste Verwandtschaft." + +Bestärkt ward Goethe in diesem Entschluß durch den Beifall, der von +einsichtsvollen Freunden seiner Umarbeitung der Iphigenie gezollt ward. Ihn +selbst ließ sein Schauspiel auch in der veränderten Form unbefriedigt. + +Indeß tröstete er sich darüber in einem Briefe vom 16. März 1787. Eine +solche Arbeit, meinte er, werde eigentlich nie fertig; man müsse sie für +fertig erklären, wenn man nach Zeit und Umständen das Möglichste gethan +habe. "Das soll mich aber," fügte er hinzu, "nicht abschrecken, mit dem +Tasso eine ähnliche Operation vorzunehmen. Lieber würfe ich ihn in's Feuer. +Aber ich will bei meinem Entschluß beharren, und da es einmal nicht anders +ist, so wollen wir ein wunderlich Werk daraus machen." + +Beschäftigt mit seiner dramatischen Dichtung, blieb Goethe, wenn man den +Umgang mit dem Landschaftsmaler Hackert ausnimmt, dessen Leben er später so +anziehend beschrieb, auch in Neapel "dem eigensinnigen Einsiedlersinn" +treu, der ihm schon in Rom von seinen Freunden zum Vorwurf gemacht worden +war. "Freilich scheint es," schrieb er, "ein wunderliches Beginnen, daß man +in die Welt geht, um allein bleiben zu wollen." Während Goethe sich aber +dem geselligen Leben entzog, streifte er in der Umgegend umher. "Neapel ist +ein Paradies," äußerte er in dem vorhin mitgetheilten Briefe. "Jedermann +lebt in einer Art von trunkener Selbstvergessenheit. Mir geht es eben so. +Ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch." + +Längere Zeit schwankte Goethe in dem Entschluß, auch Sicilien zu besuchen. +"Eine Seereise," schrieb er, "fehlt mir ganz in meinen Begriffen. Die +kleine Ueberfahrt, vielleicht eine Küstenumschiffung, wird meiner +Einbildungskraft nachhelfen und mir die Welt erweitern. Und so geh' ich +denn Donnerstag den 29sten mit der Corvette, die ich, des Seewesens +unkundig, in meinem vorigen Briefe zum Rang einer Fregatte erhob, nach +Palermo." + +Von der Seekrankheit befallen, wagte sich Goethe längere Zeit nicht wieder +auf's Verdeck, und mußte so den herrlichen Anblick der Küsten und Inseln +entbehren. "Abgeschlossen von der äußern Welt," schrieb er, "ließ ich die +innere walten, und da eine langsame Fahrt vorauszusehen war, gab ich mir +gleich zu bedeutender Unterhaltung ein starkes Pensum auf. Die zwei ersten +Acte des Tasso, in poetischer Prosa geschrieben, habe ich von allen +Papieren allein mit über See genommen. Diese beiden Acte, schon vor +mehreren Jahren geschrieben, hatten etwas Weichliches, Nebelhaftes, welches +sich jedoch bald verlor, als ich, nach neueren Ansichten, die Form +vorwalten und den Rhythmus eintreten ließ." + +Einen begeisternden Eindruck machte auf Goethe der majestätische Anblick +des Meeres mit seinen zahllosen Inseln. In dieser lebendigen Umgebung +glaubte er, nach seinen eignen Worten, den besten Commentar zu Homers +Odyssee zu finden, deren Lectüre ihn damals beschäftigte. "Was den Homer +betrifft," schrieb er an Herder, "so ist mir eine Decke von den Augen +gefallen. Die Beschreibungen, die Gleichnisse u.s.w. kommen uns poetisch +vor, und sind doch unsäglich natürlich, aber freilich mit einer Reinheit +und Innigkeit bezeichnet, vor der man erschrickt. Selbst die sonderbarsten +erlogensten Begebenheiten haben eine Natürlichkeit, die ich nie so gefühlt +habe, als in der Nähe der betriebenen Gegenstände. Ich möchte den Gedanken +kurz so ausdrücken: _sie_ stellen die Existenz dar; _wir_ gewähren den +Effect; _sie_ schildern das Fürchterliche; _wir_ schildern fürchterlich; +_sie_ das Angenehme, _wir_ angenehm. Daher kommt alles Uebertriebene, alle +falsche Grazie, aller Schwulst. Wenn das, was ich sage, nicht neu ist, so +hab' ich es doch bei neuem Anlaß recht lebhaft gefühlt. Nun ich alle diese +Küsten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen, Felsen und +Sandstreifen, buschige Hügel, sanfte Wälder, fruchtbare Felder, geschmückte +Gärten, gepflegte Bäume, hängende Reben, Wolkenberge und immer heitere +Ebenen, Klippen und Bänke und das alles umgebende Meer mit so vielen +Abwechselungen und Mannigfaltigkeiten vor mir habe--nun ist mir erst die +Odyssee ein lebendiges Wort." + +Ergriffen von diesen Ideen, wollte Goethe in der Heldin einer Tragödie, +"Nausikaa" betitelt, von welcher sich jedoch nur die zwei ersten Scenen des +ersten Acts in Goethe's Werken erhalten haben, nach seinen eignen +Aeußerungen, "eine treffliche, von Vielen umworbene Jungfrau darstellen, +die keiner Neigung sich bewußt, alle Freier bisher ablehnend behandelt, +durch einen sittsamen Fremdling aber gerührt, aus ihrem Zustande +herausträte und durch eine voreilige Aeußerung ihrer Neigung sich +compromittirte." Von dieser Situation versprach sich Goethe eine große +tragische Wirkung. Der Reichthum der subordinirten Motive und besonders das +Meer- und Inselhafte der Ausführung sollte, nach Goethe's Ansicht, jener +einfachen Fabel ein besonderes Interesse geben. Er war so ergriffen von +seinem Gegenstande, daß er darüber, wie er äußerte, "seinen Aufenthalt zu +Palermo, ja den größten Theil seiner übrigen sicilianischen Reise +verträumte." + +Der lebendige Antheil an jenem Süjet verlor sich jedoch bald wieder. In +einem Briefe vom 17. April 1787 beklagte sich Goethe "über das wahrhafte +Unglück, von vielerlei Geistern verfolgt und versucht zu werden." In einem +öffentlichen Garten weckte die Betrachtung mehrerer dort blühender Gewächse +in ihm eine alte Lieblingsidee. Er wollte, wo möglich, unter dieser Schaar +die Urpflanze entdecken. Eine poetische Form gab Goethe dieser Idee in +seinem Gedicht. "die Metamorphose der Pflanzen." Wissenschaftlich erörterte +er jenen Gegenstand in seinem 1790 gedruckten "Versuch, die Metamorphose +der Pflanzen zu erklären." + +Wie Goethe die Natur überhaupt, besonders aber im + +Gegensatze zur Kunst betrachtete, zeigten die nachfolgenden Aeußerungen in +einem Schreiben an die Herzogin Luise von Sachsen-Weimar: "Das geringste +Product der Natur hat den Kreis seiner Vollkommenheit in sich, und ich darf +nur Augen haben, um zu sehen, so kann ich die Verhältnisse entdecken; ich +bin sicher, daß innerhalb eines kleinen Cirkels eine ganze wahre Existenz +beschlossen ist. Ein Kunstwerk hingegen hat seine Vollkommenheit außer +sich; das Beste liegt in der Idee des Künstlers, die er selten oder nie +erreicht; alles Folgende in gewissen angenommenen Gesetzen, welche zwar aus +der Natur der Kunst und des Handwerks hergeleitet, aber doch nicht so +leicht zu verstehen und zu entziffern sind, als die Gesetze der lebendigen +Natur. Bei den Kunstwerken ist viel Tradition, die Naturwerke sind immer +wie ein frisch ausgesprochenes Wort Gottes." + +Ueber die vorhin erwähnte Idee einer Metamorphose der Pflanzen erklärte +sich Goethe näher in einem Briefe an Herder vom März 1787. Er äußerte +darin, daß er dem Geheimniß der Pflanzenerzeugung und Organisation ganz +nahe gekommen sei, und meinte, daß es nichts Einfacheres gehen könnte. +Unter dem italienischen Himmel ließen sich darüber die herrlichsten +Beobachtungen anstellen. "Den Hauptpunkt, wo der Keim steckt," schrieb +Goethe, "hab' ich ganz klar und zweifellos gefunden. Alles Uebrige sah ich +schon im Ganzen, und nur noch einige Punkte müssen bestimmter werden. Die +Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, um welches die +Natur selbst mich beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu, +kann man alsdann Pflanzen in's Unendliche erfinden, die consequent seyn +müssen, d. h. die, wenn sie auch nicht existiren, doch existiren können, +und nicht etwa malerische und dichterische Schatten und Scheine sind, +sondern innerliche Wahrheit und Nothwendigkeit haben." Dasselbe Gesetz, +meinte Goethe, werde sich auf alles übrige Lebende anwenden lassen. + +In mehreren von Goethe's damaligen Briefen regte sich die Sehnsucht, wieder +in seine Heimath zurückzukehren. Besonders freute er sich auf das +Wiedersehen Herders, mit dem er stets in innigen Verhältnissen gelebt +hatte. An ihn schrieb er den 17. März 1787. "Wir sind so nahe in unserer +Vorstellungsweise, als es möglich ist, ohne eins zu seyn, und in den +Hauptquellen am nächsten. Wenn du diese Zeit her viel aus dir selbst +geschöpft hast, so hab' ich viel erworben, und ich kann einen guten Tausch +machen. Ich bin freilich mit meiner Vorstellung sehr an's Gegenwärtige +geheftet, und je mehr ich die Welt sehe, desto weniger kann ich hoffen, daß +die Menschheit je Eine weise, kluge, glückliche Masse werden könne. +Vielleicht ist unter den Millionen eine, die sich des Vorzugs rühmen kann; +bei der Constitution der unsrigen bleibt mir so wenig für sie, als für +Sicilien bei der seinigen zu hoffen." + +In dieser Stimmung versprach sich Goethe viel von dem damals noch +ungedruckten dritten Theil von Herders Ideen zu einer Geschichte der +Philosophie der Menschheit. "Ich glaube selbst," schrieb Goethe, "daß die +Humanität endlich siegen wird. Nur fürcht' ich, daß zu gleicher Zeit die +Welt ein großes Hospital, und Einer des Andern humaner Krankenwärter seyn +werde." Als ihn nun das sehnlich erwartete Buch begrüßte, schrieb er den +12. Oktober 1787 an Herder: "Den lebhaftesten Dank für die Ideen. Sie sind +mir als das liebwertheste Evangelium gekommen. Die interessantesten Studien +meines Lebens laufen da zusammen." + +Lockerer ward nach Goethe's Rückkehr aus Italien das Band zwischen ihm und +Herder. Was beide von einander trennte, war ihre verschiedenartige Stellung +zu der Kantischen Philosophie, die damals ihren sich immer weiter +ausbreitenden Einfluß geltend machte, und für die Wissenschaft, wie für +Poesie und Kunst, ganz neue Principien aufstellte. Als Kant mit seiner +"Kritik der reinen Vernunft" hervorgetreten war, erklärte sich Herder, +obgleich er ein Schüler Kant's gewesen war, für einen seiner +entschiedensten Gegner. Goethe aber, obgleich er für Philosophie im +strengsten Sinne des Worts eigentlich kein Organ hatte, hielt sich doch zur +Parthei derjenigen, die mit Kant behaupteten: wenn auch alle menschliche +Erkenntniß mit der Erfahrung beginne, so entspränge sie darum doch nicht +immer unbedingt aus der Erfahrung. + +Während seines Aufenthalts in Rom hatte Goethe mit Moritz viel über Kunst +und Kunsttheorie gesprochen. Immer hatte ihm eine feste Basis gefehlt. +Diese glaubte er in einem spätern Werke Kant's, in der "Kritik der +Urtheilskraft" zu finden. Daraus entsprang seine Vorliebe für dieß Buch und +seine Abneigung gegen Herder, der es ihm zu verleiden suchte. Goethe +glaubte diesen philosophischen Studien mannigfache Belehrung zu verdanken. +Wenn er auch im Einzelnen nicht immer mit der Vorstellungsart und Ansichten +Kant's übereinstimmen konnte, so schienen doch die Hauptideen in der +"Kritik der Urtheilskraft" seiner Denk- und Empfindungsweise im Allgemeinen +analog. Das innere Leben der Kunst, wie der Natur, ihr beiderseitiges +Wirken von innen heraus schien ihm klar ausgesprochen in jenem Werke +Kant's, das kurze Zeit jene andere Lectüre verdrängte. Seine innere +Ueberzeugung mußte ihm jedoch bald sagen, daß er für abstracte Philosophie +und ihre metaphysischen Träume nicht geschaffen sei. + +Ein höheres Interesse gewann für Goethe, bald nach seiner Ankunft in +Weimar, das frische Naturleben, besonders als seine Vorliebe für Botanik +durch Batsch, Göttling u.a. ausgezeichnete Männer in der benachbarten +Universitätsstadt Jena aufs Neue angeregt ward. Die Aufsicht über die +dortigen wissenschaftlichen Anstalten, die Einrichtung und Anordnung der +Museen, die Pflege des botanischen Gartens gaben ihm eine ebenso angenehme, +als lehrreiche Beschäftigung. Die Betrachtung der Natur, verbunden mit dem +Studium der Botanik, entschädigte ihn für den Mangel eines Kunstlebens, wie +er es in Italien genossen hatte. Immer kehrte Goethe, auch wenn er sich +eine Zeit lang daraus entfernte, wieder in dieß Gebiet zurück. Ihm blieb +ein lebendiges Interesse, der Bildung und Umbildung organischer Naturen +nachzuforschen. Die von ihm selbst in seiner "Metamorphose der Pflanzen" +aufgestellte Theorie diente ihm dabei zum Wegweiser. Aber die Natur schien +ihm zugleich synthetisch zu handeln, indem sie völlig fremdartig scheinende +Verhältnisse einander näherte und sie zusammen in Eins verknüpfte. + +Unter diesen Forschungen wandte sich Goethes Thätigkeit abwechselnd wieder +zu anderweitigen Beschäftigungen. Sein poetisches Talent übte sich, nach +der Vollendung der "Iphigenie" und des "Tasso" an dem Trauerspiel "Egmont." +Merkwürdig war ihm der Umstand, daß nach den Zeitungen die von ihm +geschilderten Scenen sich in Brüssel fast wörtlich erneuert hatten. Noch +vor dem Ausbruch der französischen Revolution hatte die berüchtigte +Halsbandgeschichte, während seines Aufenthalts in Italien einen tiefen +Eindruck auf ihn gemacht. Er hatte die über jenen Vorfall erschienenen +Proceßacten mit Aufmerksamkeit gelesen. Die in Sicilien von ihm gesammelten +"Nachrichten über Cagliostro und seine Familie" benutzte Goethe zu seinem +Lustspiel: "Der Großcophta." Nach einzelnen, von dem Capellmeister +Reichardt componirten Liedern zu schließen, hätte sich jener Stoff +vielleicht noch besser zu einer Oper geeignet. Goethe versuchte sich indeß +auch in der eben genannten Gattung der Poesie. Unvollendet blieb jedoch +sein Singspiel: "die ungleichen Hausgenossen." Nachklänge seines +Aufenthalts in Italien waren die "römischen Elegien" und die +"venetianischen Epigramme." Sie wurden jedoch erst gedichtet nach einem +abermaligen längern Aufenthalt Goethe's in Rom und Venedig (1790) im +Gefolge der Herzogin Amalie von Sachsen-Weimar. + +Kaum wieder aus Italien zurückgekehrt, begleitete Goethe den Herzog von +Weimar nach Schlesien, wo die preußischen und österreichischen Gesandten +sich auf dem Congreß zu Reichenbach versammelten. In Breslau, mitten unter +der allgemeinen Bewegung, welche die Truppenmärsche und Manöver der +verschiedenen Regimenter veranlaßten, ward Goethe wieder von der alten +Lieblingsidee ergriffen, sich völlig zu isoliren, und mit Naturstudien, +besonders aber mit der vergleichenden Anatomie sich zu beschäftigen. Zur +festen Ueberzeugung ward ihm die Idee, daß ein allgemeiner, durch +Metamorphose erzeugter Typus durch die sämmtlichen organischen Geschöpfe +hindurchgehe und in allen seinen Abstufungen sich beobachten lasse. In +mehreren, zum Theil ungedruckt gebliebenen Abhandlungen zergliederte Goethe +dieß Thema. Er fand jedoch bald, daß die Aufgabe zu groß war, um genügend +gelöst zu werden. Auf andere wissenschaftliche Gegenstände lenkte sich +daher, als er wieder nach Weimar zurückgekehrt war, Goethe's Thätigkeit. +Eine geräumige dunkle Kammer in seinem freigelegnen Wohnhause mit dem daran +stoßenden Garten begünstigte seine chromatischen Untersuchungen, die damals +ein lebhaftes Interesse für ihn gewonnen hatten. Zu einem besondern +Gegenstande seiner Aufmerksamkeit machte er die prismatischen +Erscheinungen. Die Resultate seiner Forschungen veröffentlichte Goethe in +seinen "optischen Beiträgen," von denen 1791 das erste Stück erschien. + +Seinem Dichtergenius und der Liebe zur dramatischen Poesie ward er wieder +zurückgegeben, als er um diese Zeit die Leitung des Weimarischen +Hoftheaters übernahm. Diese Bühne hatte sich aus den in Weimar +zurückgebliebenen Mitgliedern der Bellomo'schen Schauspielertruppe +gebildet, welche seit 1784 nicht ohne Beifall in der genannten Residenz +gespielt hatte. Die unermüdliche Thätigkeit des Concertmeisters Cranz +verschaffte besonders den italienischen und französischen Opern, welche +Vulpius für das Theater bearbeitete, dort längere Zeit Aufnahme und +Beifall. Beschäftigung und Unterhaltung zugleich fand Goethe, der die +Leitung des Ganzen übernommen hatte, in den mannigfachen Versuchen, das +Talent der Schauspieler zu wecken, und ihrem Spiel, wie der technischen +Einrichtung der Bühne, eine immer höhere Vollkommenheit zu geben. In diesen +Bemühungen unterstützte ihn besonders Einsiedel, der, mit gleicher Vorliebe +für die Oper, im Gefolge der Herzogin Amalie aus Italien nach Weimar +zurückgekehrt war. In diesem heitern Lebenskreise erhielt Goethe's Geist +eine ernstere Richtung durch den Blick auf die damaligen Zeitereignisse +nach dem Ausbruch der französischen Revolution. In den "Unterhaltungen +deutscher Ausgewanderten," in den Lustspielen "der Bürgergeneral" und "die +Aufgeregten", von denen das zuletzt genannte Stück unvollendet blieb, +beschäftigte sich Goethe's Phantasie, einzelne Scenen des damaligen +Kriegstheaters darzustellen, das er bald aus eigner Anschauung kennen +lernen sollte. Es war um diese Zeit, als er den Herzog von Weimar auf dem +Feldzuge in die Champagne begleitete. Ueber Frankfurt, Mainz, Trier und +Luxemburg begab sich Goethe 1792 nach Longwi, welches er den 26. August +schon eingenommen fand, von da nach Valmy und von Trier die Mosel hinab +nach Coblenz. + +Auch in diesem vielfach bewegten und zerstreuten Leben verlor Goethe seine +wissenschaftlichen Forschungen nicht völlig aus den Augen. Manche +Naturbeobachtungen und die fortgesetzte Beschäftigung mit seinen +chromatischen Arbeiten lenkten seinen Blick von den Kriegsereignissen +hinweg. Der Entwurf zu einer allgemeinen "Farbenlehre" fiel in diese Zeit. +Aber auch Goethe's Dichtertalent regte sich wieder auf mannigfache Weise, +unter andern in einer freien Umarbeitung des altdeutschen Gedichts +"Reinecke Fuchs," für welches er statt der Jamben Hexameter wählte, um sich +in diesem, ihm noch wenig geläufigen Versmaß auch einmal zu versuchen. + +In dem allgemeinen Kriegstumult, der ihn umgab, als er der Belagerung von +Mainz beiwohnte, ward Goethe an die ruhigen bürgerlichen Verhältnisse +seiner Vaterstadt Frankfurt erinnert durch einen Brief seiner Mutter, die +ihm Aussichten eröffnete zu einer durch den Tod seines Oheims Textor +erledigten Rathsherrnstelle. Viel Lockendes hatte die Aussicht für ihn, in +seiner Vaterstadt rasch empor zu steigen von einer Ehrenstufe zur andern, +und auf die reichsstädtische Verfassung Frankfurts einen bedeutenden +Einfluß zu gewinnen. Aber das unumschränkte Vertrauen, das der Herzog von +Weimar in ihn gesetzt, die mannigfachen Beweise der Huld seines Fürsten und +ein nicht zu unterdrückendes Gefühl der Dankbarkeit waren für ihn mehr als +hinreichend, jenen Antrag abzulehnen. Auch täuschte er sich wohl nicht, +wenn er den neuen Wirkungskreis, in den er treten sollte, weder seinen +Fähigkeiten, noch seinen Neigungen angemessen hielt. + +Genußreiche Tage verlebte Goethe damals mit seinem Jugendfreunde Jacobi in +Pempelfort, wo ihn eine geräumige und geschmackvoll decorirte Wohnung mit +einem daran stoßenden Garten empfing. Der Tag ward meistens in der freien +Natur zugebracht. Die Abende waren größtentheils der geselligen +Unterhaltung über die neusten Erscheinungen im Gebiet der schönen Literatur +gewidmet. Auch hier erlebte Goethe ein ähnliches Schicksal, wie bei der +ersten Mittheilung des Manuscripts seiner "Iphigenie". Seine Freunde +konnten sich nicht sogleich finden in den Ton und Charakter seiner neusten +poetischen Producte, ungeachtet er in denselben doch mit seinem Lebensgange +immer gleichen Schritt gehalten zu haben glaubte. Das Verhältniß zu seinen +Freunden ward dadurch nicht gestört. Er schied von ihnen mit den +wohlthuenden Eindrücken, welche die Betrachtung der Gemäldegallerie in dem +benachbarten Düsseldorf auf ihn gemacht hatte. + +In Duisburg fand Goethe einen alten Bekannten wieder, den Sohn des +Professors Plessing, den er vor sechzehn Jahren, wie früher erwähnt, auf +seiner damaligen Harzreise in dem Gasthofe zu Wernigerode kennen gelernt +hatte. Plessing hatte sich seitdem zu einem geachteten Schriftsteller +erhoben. Aber sein früherer Trübsinn war nicht von ihm gewichen. Noch immer +schien er nach einem Unerreichbaren zu streben. Das Gespräch zwischen ihm +und Goethe gerieth bald in Stocken, als die Erinnerung an frühere +Verhältnisse, auf die er immer wieder zurückkam, erschöpft war. + +Freundlich und zuvorkommend war die Aufnahme, welche Goethe im November +1792 bei der vielseitig gebildeten Fürstin Amalie von Gallizin in Münster +fand. Die Betrachtung einer kostbaren Sammlung von geschnittenen Steinen +veranlaßte den Dichter zu der Bemerkung, daß die christliche Religion sich +mit der bildenden Kunst von jeher in einer Art von Zwiespalt befunden habe, +da jene sich von der Sinnlichkeit zu entfernen strebe, diese dagegen das +sinnliche Element für ihren eigentlichen Wirkungskreis erkenne und darin +verharre. Diese Idee legte Goethe dem sinnigen Gedicht: "der neue Amor" zum +Grunde, welches man in der Sammlung seiner Werke findet. + +Das vielfach bewegte Reiseleben hatte Goethe wieder mit den ruhigen +Verhältnissen in Weimar vertauscht. Von den politischen Ereignissen, welche +die Welt bedrohten, war er zum Theil ein Zeuge gewesen. Den Bürger, den +Bauer, den Soldaten hatte er mit mannigfachen Drangsalen kämpfen sehen. +Noch immer dauerten die ungeheuern Bewegungen fort, die die Revolution im +Innern Frankreichs hervorgerufen hatte. Der Tod Ludwigs XVI. und seiner +Gemahlin, die Greulthaten Robespierre's, Danton's und anderer damaliger +Machthaber erfüllten die Welt mit Schrecken, und bei den raschen +Kriegsschritten der aufgeregten französischen Nation schien eine +Veränderung, wo nicht ein völliger Umsturz aller bestehenden Verhältnisse +zu fürchten. Ueberall hörte man von Kriegsrüstungen und von Flüchtlingen, +die in ihrer Heimath bedroht, anderswo ein Asyl suchten. Vergebens bot +Goethe seiner Mutter einen ruhigen Aufenthalt in Weimar an. Sie fühlte +keine Besorgniß für ihre eigne Person, tröstete sich durch Bibelstellen, +und wollte sich durchaus nicht trennen von ihrer Vaterstadt Frankfurt, mit +der sie, wie Goethe sich ausdrückte, "ganz eigentlich zusammengewachsen +war." + +Von dem bewegten Treiben der Außenwelt wandte sich Goethe, seiner +Gewohnheit nach, wieder zu mannigfachen literarischen Beschäftigungen. Das +Gedicht "Reinecke Fuchs" ward um diese Zeit vollendet. Auch der Druck des +ersten Bandes von "Wilhelm Meisters Lehrjahren" hatte begonnen. Seinen +botanischen und mineralogischen Studien widmete sich Goethe ebenfalls +wieder mit großem Eifer. Erfreulich war für ihn in dieser Hinsicht der +unterhaltende und belehrende Umgang mit Göttling, Batsch, Voigt und andern +Professoren der Universität Jena. Ein besonderer Gegenstand seiner +Aufmerksamkeit war das Bergwesen in Ilmenau, und mancher Ausflug in jene +Gegend ward von ihm unternommen. Goethe freute sich über die Fortschritte +jenes Unternehmens, die bei beschränkten Mitteln freilich nur mäßig seyn +konnten. + +Unstreitig das wichtigste Ereignis in Goethe's Leben war das um diese Zeit +(1794) sich entwickelnde nähere Verhältniß zu Schiller. Aus entschiedener +Abneigung gegen die frühern Producte dieses Dichters, die ihn an die +poetische Sturm- und Drangperiode erinnerten, der er längst entwachsen war, +hatte er sich bisher von Schiller entfernt gehalten. Zwar war er ihm 1789 +behülflich gewesen zu einer Professur in Jena, aber an ein näheres +Verhältniß schienen beide nicht zu denken. Ein philosophisches Gespräch in +einer Sitzung der von dem Professor Batsch in Jena gegründeten +naturforschenden Gesellschaft bewirkte die erste Annäherung der beiden +Dichter. Das von Schiller damals herausgegebene Journal: "die Horen" ward +das vermittelnde Band zwischen ihm und Goethe, der ebenfalls Beiträge zu +jener Zeitschrift lieferte. + +Das Verhältniß zwischen beiden Dichtern ward bald immer inniger. An +Schillers Arbeiten nahm Goethe das lebhafteste Interesse, das durch die +Uebereinstimmung ihrer Ideen immer wieder aufs neue angeregt ward. Ueber +eine damals noch ungedruckte Abhandlung Schillers schrieb Goethe den 4. +September 1794: "Ich habe Ihre Entwickelung des Erhabenen mit vielem +Vergnügen gelesen, und mich daraus aufs neue überzeugt, daß uns nicht +allein dieselben Gegenstände interessiren, sondern daß wir auch in der Art, +sie anzusehen, meistens übereinkommen. Ueber alle Hauptpunkte, seh' ich, +sind wir eins, und was die Abweichungen, die Standpunkte, die Verbindungen +des Ausdrucks betrifft, so zeugen diese von dem Reichthum des Objects und +der ihm correspondirenden Mannigfaltigkeit der Subjecte." Dieser Brief +enthielt zugleich eine an Schiller gerichtete Einladung, nach Weimar zu +kommen, und in Goethe's Hause zu wohnen. "Wir unterhielten uns", schrieb +Goethe, "sähen Freunde, die uns am ähnlichsten gesinnt wären, und würden +nicht ohne Nutzen von einander scheiden." Schillers Individualität +berücksichtigend fügte Goethe noch hinzu: "Sie sollen ganz nach ihrer Art +und Weise leben, und sich ganz wie zu Hause einrichten." Schiller folgte +jener Einladung, und Goethe schrieb den 1. October 1794: "Nach unserer +vierzehntägigen Conferenz wissen wir nun, daß wir in Prinzipien einig sind, +und die Kreise unsers Empfindens, Denkens und Wirkens theils coincidiren, +theils sich berühren." + +Zur Aufnahme in die von Schiller herausgegebenen "Horen" sandte Goethe, +seine "römischen Elegien", zwei "Episteln", denen noch eine dritte folgen +sollte, und andere poetische Beiträge. Auch zu einigen Aufsätzen hoffte er +noch Muße zu finden unter der fortwährenden Beschäftigung mit seinem +"Wilhelm Meister." "Zu kleinen Erzählungen", schrieb er den 27. November +1794, "hab' ich große Lust, nach der Last, die einem so ein Pseudo-Epos, +wie der Roman, auferlegt. Ich denke dabei wie die Erzählerin in der Tausend +und Einen Nacht zu verfahren." + +Lebhaft interessirte sich Goethe für Schillers "Briefe über ästhetische +Erziehung." Diese Abhandlung harmonirte im Wesentlichen mit seinen eignen +Ansichten und Ideen. Er schrieb darüber den 26. October 1794: "Wie uns ein +köstlicher, unserer Natur analoger Trank willig hinunterschleicht und auf +der Zunge schon durch gute Stimmung des Nervensystems seine heilsame +Wirkung zeigt, so waren mir diese Briefe angenehm und wohlthätig, und wie +sollte es anders seyn, da ich das, was ich für recht seit langer Zeit +erkannt, auf eine so zusammenhängende und edle Weise vorgetragen fand. In +diesem behaglichen Zustande hätte mich ein Billet Herders beinahe gestört, +der uns, die wir an dieser Vorstellungsart Freude haben, gern einer +Einseitigkeit beschuldigen möchte. Da man aber im Reiche der Erscheinungen +es überhaupt nicht so genau nehmen darf, und es immer schon tröstlich genug +ist, mit einer Anzahl geprüfter Menschen eher zum Nutzen als Schaden seiner +selbst und seiner Zeitgenossen zu irren, so wollen wir getrost und +unverrückt so fortleben, und wirklich und in unserm Seyn und Wollen ein +Ganzes denken, um unser Stückwerk nur einigermaßen vollständig zu machen." + +Treffend bezeichnete Goethe so seine unvollendeten literarischen Arbeiten. +Der "Faust", zu dessen Fortsetzung ihn Schiller ermuntert hatte, ruhte +längst. "Ich wage nicht," schrieb Goethe, "das Packet aufzuschnüren, das +ihn gefangen hält." Seine Thätigkeit zersplitterte sich in mannigfachen +Plänen und Entwürfen, die er großentheils für die "Horen" auszuführen +gedachte. Einer seiner gehaltvollsten Beiträge für dieses Journal waren die +bisher ungedruckt gebliebenen "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter." +Den Werth und Gehalt seiner Producte machte Goethe fast ohne Ausnahme von +Schillers Urtheil abhängig. Durch ihn gewann er auch das fast verlorene +Vertrauen zu seinem Roman wieder. Er glaubte, als er denselben begann, das +Publikum zu Anforderungen berechtigt zu haben, die er sich nicht zu +erfüllen getraute. + +Beruhigt über das im Allgemeinen günstig lautende Urtheil Schillers, dem er +einen Theil des Manuscripts gesandt hatte, schrieb Goethe an ihn den 10. +December 1794: "Sie haben mir sehr wohl gethan durch das gute Zeugniß, daß +sie dem ersten Buche meines Romans geben. Nach den sonderbaren Schicksalen, +welche diese Production von innen und außen gehabt hat, wäre es kein +Wunder, wenn ich ganz und gar confus darüber würde. Ich habe mich zuletzt +blos an meine Idee gehalten, und will mich freuen, wenn sie mich aus diesem +Labyrinth herausleitet." Schiller war ihm hierzu durch seinen Rath +behülflich, und dankbar erkannte er des Freundes Bemühungen. Er gewann +dadurch wieder Muth zur Fortsetzung seines Werks. Ein Brief vom 11. März +1795 enthielt das Geständniß, daß er den größten Theil des vierten Buchs +vom "Wilhelm Meister" zum Druck abgesandt, und außerdem noch eine Novelle, +"der Procurator", geschrieben habe. + +Aus dem Carlsbade zurückgekehrt, wohin ihn im Juni 1795 seine +Kränklichkeit, besonders katarrhalische Zufälle genöthigt hatten, unternahm +Goethe häufige Ausflüge nach Jena. Außer Schiller fand er dort auch +Alexander und Wilhelm von Humboldt. Er verlebte in Jena genußreiche Tage. +Naturwissenschaftliche Betrachtungen wechselten mit Gesprächen über Poesie +und Kunst. Zur Fortsetzung des "Wilhelm Meister" und zu Beiträgen für die +"Horen" ermunterte ihn Schiller, so wenig auch dessen Erwartungen die +genannte Zeitschrift entsprach. Schiller hatte von jenem Journal eine +allgemein verbreitete großartige Wirkung gehofft, und stieß dagegen von +Seiten des Publikums überall auf Mangel an Empfänglichkeit und auf +kleinliche Ansichten. Goethe theilte seines Freundes Begeistrung für alles +Treffliche, den lebendigen Haß gegen falschen Geschmack und gegen jede +Beschränkung der Wissenschaft und Kunst. Entrüstet über die kalte Aufnahme +der "Horen" und über die einseitige Beurtheilung dieser Zeitschrift in +mehreren kritischen Blättern, schrieb Goethe: "Ueberall spukt doch dieser +Geist anmaßlicher Halbheit. Welch eine sonderbare Mischung von Selbstbetrug +und Klarheit diese Personen zu ihrer Existenz brauchen, und was dieser +Cirkel sich für eine Terminologie gemacht hat, um das zu beseitigen, was +ihnen nicht ansteht, und das, was sie besitzen, als die Schlange Mosis +aufzustellen, ist in der That merkwürdig." + +In solcher Stimmung vereinigte sich Goethe mit Schiller zur Abfassung der +unter dem Namen "Xenien" bekannten Epigramme. Ein damaliger Brief Schillers +bezeichnete sie als "wilde Satyre, besonders gegen Schriftsteller und +schriftstellerische Producte gerichtet, untermischt mit einzelnen +poetischen und philosophischen Gedankenblitzen." Lebhaft ergriff Goethe +diese von ihm ausgegangene Idee. Er schrieb darüber an Schiller den 23. +December 1795: "Den Einfall, auf alle Zeitschriften Epigramme zu machen, +wie die Xenien des Martial sind, der mir diese Tage zugekommen ist, müssen +wir cultiviren, und eine solche Sammlung in Ihren Musenalmanach des +nächsten Jahres bringen." + +Nur auf wenige subordinirte Geister hatte sich anfangs der Witz in den +erwähnten Epigrammen beschränkt. Der Stoff breitete sich jedoch immer mehr +aus, und die Pfeile der Satyre verschonten auch nicht Namen, die der +deutschen Literatur zur Ehre gereichten. Die bedeutendsten unter den +zahlreichen Gegenschriften, welche die Xenien veranlaßten, waren von Gleim, +Claudius, Jenisch, Dyk, Manso u.A. Mit vielem Scharfsinn und mit der +feinsten Ironie suchte Wieland, der ebenfalls in den Xenien nicht geschont +worden war, in einem gedruckten Briefe einen Freund zu überzeugen, daß +Schiller und Goethe, nach ihren bisherigen ausgezeichneten Producten, +unmöglich die Verfasser der Xenien seyn könnten. Ueber die +Gewissensscrupel, durch die das in jenen Producten mitunter verletzte +Zartgefühl sich an seinem Freunde Schiller rächte, setzte sich Goethe's +heiterer Weltsinn hinweg. "Daß man," schrieb er, "nicht überall mit uns +zufrieden seyn sollte, war ja unsere Absicht, und da das literarische +Faustrecht noch nicht abgeschafft ist, so bedienen wir uns der reinen +Befugniß, uns selbst Recht zu verschaffen. Ich erwarte nur, daß mir Jemand +etwas merken läßt, wo ich mich denn so lustig und artig als möglich +expectoriren werde." + +Neben den "Xenien" entstanden damals mehrere Gedichte Goethe's, die zu dem +Trefflichsten gehören, was die deutsche Poesie aufzuweisen hat, so unter +andern die Elegie "Alexis und Dora", und, durch einen Wetteifer mit +Schiller veranlaßt, mehrere Balladen: "die Braut von Corinth, der Gott und +die Bajadere, das Blümlein Wunderschön, der Junggesell und der Mühlbach, +der Müllerin Verrath" u.a.m. Auch mehrere humoristische Gedichte fielen in +diese Zeit, wie unter andern das bekannte Tischlied: "Mich ergreift, ich +nicht wie u.s.w." Für die "Horen" lieferte Goethe, außer andern Beiträgen, +einzelne Fragmente aus seiner damals noch unvollendeten Biographie des +Florentinischen Goldschmids "Benvenuto Cellini." Immer aber blieb der +"Wilhelm Meister" seine Hauptbeschäftigung. + +In Bezug auf Schillers kritische Bemerkungen über das ihm mitgetheilte +Manuscript seines Romans, bemerkte Goethe treffend: "Der Fehler, den Sie +mit Recht bemerken, kommt aus meiner innersten Natur, aus einem gewissen +realistischen Tic, durch den ich meine Existenz, meine Handlungen, meine +Schriften den Menschen aus den Augen zu rücken behaglich finde. So werde +ich immer gern incognito reisen, das geringere Kleid vor dem bessern +wählen, den unbedeutenden Gegenstand oder doch den weniger bedeutenden +Ausdruck vorziehen, mich leichtsinniger betragen, als ich bin, und mich so, +ich möchte sagen, zwischen mich selbst und meine eigene Erscheinung +stellen. Nach dieser allgemeinen Beichte will ich gern zur besondern +übergehen, daß ich ohne Ihren Antrieb und Anstoß wider besser Wissen und +Gewissen, mir auch diese Eigenheit bei einem Roman hätte hingehen lassen, +welches denn doch bei dem ungeheuren Aufwande, der darauf gemacht ist, +unverzeihlich gewesen wäre, da alles das, was gefordert werden kann, theils +so leicht zu erkennen, theils so bequem zu machen ist. Es ist keine Frage, +daß die scheinbaren, von mir ausgesprochenen Resultate viel beschränkter +sind, als der Inhalt des Werks, und ich komme mir vor, wie einer, der, +nachdem er viele und große Zahlen über einander gestellt, endlich +muthwillig selbst Additionsfehler macht, um die letzte Summe, Gott weiß, +aus was für einer Grille, zu verringern. Ich bin Ihnen den lebhaftesten +Dank schuldig, daß Sie noch zur rechten Zeit, auf eine so entschiedene Art, +diese perverse Manier zur Sprache bringen, und ich werde gewiß, in wiefern +es mir möglich ist, Ihren gerechten Wünschen entgegen gehen." + +Ueber die einseitigen Urtheile, welche seinen Roman, den er 1796 vollendet +hatte, von mehreren Seiten trafen, machte sich Goethe in den unmuthigen +Worten Luft: "Möchte bei solchen Aeußerungen nicht die Hippokrene zu Eis +erstarren, und Pegasus sich mausern! Doch das war vor fünf und zwanzig +Jahren, als ich anfing, eben so, und wird so seyn, wenn ich lange geendigt +habe. Indeß ist es nicht zu leugnen, daß es doch aussieht, als wenn gewisse +Einsichten und Grundsätze, ohne die man sich eigentlich keinem Kunstwerke +nähern sollte, nach und nach allgemeiner werden müßten." + +Den Eindruck, den die mannigfachen, gegen die "Xenien" gerichteten +Broschüren auf ihn gemacht hatten, schilderte Goethe in einem Briefe an +Schiller vom 7. December 1796. "Wenn ich aufrichtig seyn soll," schrieb er, +"so ist das Betragen des Volks ganz nach meinem Wunsch. Es ist eine nicht +genug gekannte und geübte Politik, daß Jeder, der auf einigen Nachruhm +Anspruch macht, seine Zeitgenossen zwingen soll, alles, was sie gegen ihn +in petto haben, von sich zu geben. Den Eindruck davon vertilgt er durch +die Gegenwart, Leben und Wirken jederzeit wieder. Was half es manchem +bescheidenen, verdienstvollen und klugen Manne, den ich überlebt habe, daß +er durch unglaubliche Nachgiebigkeit, Unthätigkeit, Schmeichelei, Rücken +und Zurechtlegen einen leidlichen Ruf zeitlebens erhielt? Gleich nach dem +Tode sitzt der Advokat des Teufels neben dem Leichnam, und der Engel, der +ihm Widerpart halten soll, macht gewöhnlich eine klägliche Gebehrde. Ich +hoffe, daß die Xenien auch eine ganze Weile wirken, und den bösen Geist +gegen uns in Thätigkeit erhalten werden. Wir wollen indeß unsere positiven +Arbeiten fortsetzen, und ihm die Negation überlassen. Nicht eher, als bis +sie ganz ruhig sind und sicher zu seyn glauben, müssen wir, wenn der Humor +frisch bleibt, sie noch einmal recht aus dem Fundament ärgern." + +Dieser Vorsatz unterblieb. Einen würdigern Gebrauch machte Goethe von +seinem poetischen Talent in dem epischen Gedicht "Hermann und Dorothea," +das er um diese Zeit entworfen hatte. Er schrieb darüber den 18. Januar +1797 an Schiller, die wunderbare Epoche, in der er eingetreten, sei ihm +höchst merkwürdig. "Ich schleppe von der analytischen Zeit noch so vieles +mit, das [daß] ich es nicht loswerden und kaum verarbeiten kann. Indessen +bleibt mir nichts übrig, als auf diesem Strom mein Fahrzeug so gut zu +lenken, als es nur gehen will. In's Ferne und Ganze läßt sich nichts +voraussagen, da diese regulirte Naturkraft, wie alle unregulirten, durch +nichts in der Welt geleitet werden kann, sondern sich selbst bilden muß, +auch aus sich selbst und auf ihre Weise wirkt.["] + +Goethe blieb seiner Natur und schnell wechselnden Geistesrichtung treu. +Schon eilf Tage später, am 29. Januar, beklagte er sich, "daß für ihn an +keine ästhetische Stimmung zu denken sei." Seine Thätigkeit wandte sich +wieder zu wissenschaftlichen Gegenständen. "Die Farbentafeln," schrieb er, +"schließen sich immer fester an einander, und in Betrachtung organischer +Naturen bin ich auch nicht müßig gewesen. Es leuchten mir in diesen langen +Nächten ganz wundersame Lichter. Ich hoffe, es sollen keine Irrlichter +seyn." In einem spätern Briefe an Schiller vom 8. Februar 1797 gestand +Goethe, er sei wie ein Ball, den eine Stunde der andern zuwerfe. "In den +Frühstunden," schrieb er, "suche ich die letzte Lieferung des Benvenuto +Cellini zu bearbeiten. Ueber die Metamorphose der Insekten gelingen mir +allerlei gute Bemerkungen. Die Raupen, die ich im Winter in der warmen +Stube hielt, erscheinen schon nach und nach als Schmetterlinge, und ich +suche sie auf dem Wege zu dieser neuen Verwandlung zu ertappen." + +In diese stillen Beschäftigungen griffen die damaligen politischen +Ereignisse störend ein. Die mannigfachen Truppenmärsche der europäischen +Mächte ließen auf den nahen Ausbruch eines allgemeinen Kriegs schließen. +Erst als die Besorgnisse allmälig verschwanden, gewann Goethe wieder Muth +zur Fortsetzung seines noch unvollendeten Gedichts "Hermann und Dorothea." +Unterbrochen ward er jedoch darin durch physische Leiden, besonders durch +einen hartnäckigen Katarrh, der ihn während seines Aufenthalts in Jena +heimsuchte. An Schiller schrieb er den 27. Februar 1797: "Ich bin wirklich +mit Hausarrest belegt, sitze am warmen Ofen, und friere von innen heraus. +Der Kopf ist mir eingenommen, und meine ganze Intelligenz wäre nicht im +Stande, durch einen freien Denkactus den einfachsten Wurm zu produciren; +vielmehr muß sie dem Salmiak und dem Liquiriziensaft, als Dingen, die an +sich den häßlichsten Geschmack haben, wider ihren Willen die Existenz +zugestehen. Wir wollen hoffen, daß wir aus der Erniedrigung dieser realen +Bedrängnisse zur Herrlichkeit poetischer Darstellungen nächstens gelangen +werden, und glauben dies um so sicherer, als uns die Wunder der stetigen +Naturwirkungen bekannt sind." + +Am 1. März 1797 meldete Goethe, daß "der Katarrh zwar im Abmarsch sei," er +aber noch das Zimmer hüten müßte. "Die Gewohnheit", schrieb er, "fängt an, +mir diesen Aufenthalt erträglich zu machen." Er äußerte in diesem Briefe +die Hoffnung, sein Gedicht "Hermann und Dorothea," wovon er den vierten +Gesang vollendet habe, glücklich zu Ende zu bringen. "So verschmähen also," +schrieb er, "die Musen den asthenischen Zustand nicht, in welchem ich mich +durch das Uebel versetzt fühle. Vielleicht ist es gar ihren Einflüssen +günstig." Bereits am 4. März meldete Goethe, daß die Arbeit fortrücke, und +schon anfange, Masse zu machen. "Nur auf zwei Tage," schrieb er, "kommt es +noch an, so ist der Schatz gehoben, und ist er erst einmal über der Erde, +so findet sich alsdann das Poliren von selbst." Merkwürdig sei es, fügte +Goethe hinzu, wie das Gedicht gegen das Ende sich ganz zu seinem +idyllischen Ursprung hinneige. + +Die Erfindung, die Wahl des Stoffs hielt Goethe bei jedem poetischen Werke +für die Hauptsache. Form und Darstellung, meinte er, seien nur Nebendinge. +Er schrieb darüber an Schiller den 5. April 1797: "Sie haben ganz Recht, +daß in den Gestalten der alten Dichtkunst, wie in der Bildhauerkunst, ein +Abstractum erscheint, das seine Höhe nur durch das, was man Styl nennt, +erreichen kann. Es giebt auch Abstracta durch Manier, wie bei den +Franzosen. Auf dem Glück der Fabel beruht freilich alles; man ist wegen des +Hauptaufwandes sicher, die meisten Leser und Zuschauer nehmen dann doch +nichts weiter davon, und dem Dichter bleibt doch das ganze Verdienst einer +lebendigen Ausführung, die desto fleißiger seyn kann, je besser die Fabel +ist." + +Abgelenkt ward Goethe wieder von der Beschäftigung mit seinem Epos durch +eine jugendliche Lieblingsidee, die in ihm auftauchte. Die Bibel ward für +ihn ein Gegenstand mannigfacher Forschungen. "Indem ich den +patriarchalischen Ueberresten nachspürte," schrieb er den 12. April 1797, +"bin ich in das Alte Testament gerathen, und habe mich auf's Neue nicht +genug verwundern können über die Confusion und die Widersprüche der fünf +Bücher Mosis, die freilich, wie bekannt, aus hunderterlei schriftlichen und +mündlichen Traditionen zusammengestellt seyn mögen. Ueber den Zug der +Kinder Israel in der Wüste hab' ich einige artige Bemerkungen gemacht, und +es ist der verwegene Gedanke in mir entstanden, ob nicht die große Zeit, +welche sie darin zugebracht haben, erst eine spätere Erfindung sei." + +Näher erklärte sich Goethe hierüber in einem Briefe vom 15. April 1797. +"Noch immer," schrieb er, "hab' ich die Kinder Israel in der Wüste +begleitet. Meine kritisch-historisch-poetische Arbeit geht davon aus, daß +die vorhandenen Bücher sich selbst widersprechen und sich selbst verrathen; +und der ganze Spaß, den ich mir mache, läuft dahin hinaus, das menschlich +Wahrscheinliche von dem Absichtlichen und blos Imaginirten zu sondern, und +doch für meine Meinung überall Belege aufzufinden. Alle Hypothesen dieser +Art bestehen blos durch das Natürliche des Gedankens und durch die +Mannigfaltigkeit der Phänomene, auf die er sich gründet." Es sei ihm, fügte +Goethe hinzu, "recht wohl zu Muthe, wieder einmal etwas auf kurze Zeit zu +haben, bei dem er mit Interesse im eigentlichen Sinne des Worts spielen +könne, denn die Poesie, wie er sie seit einiger Zeit treibe, sei doch eine +gar zu ernste Beschäftigung." + +Neben diesen Bibelstudien, bei denen ihm Eichhorn's Einleitung in das Alte +Testament wesentliche Dienste leistete, hatten sich die einzelnen Gesänge +von "Hermann und Dorothea" nach und nach zu einem Ganzen gerundet. An +Schiller schrieb Goethe den 28. April 1797: "Mein Gedicht ist fertig. Es +besteht aus zweitausend Hexametern, und ist in neun Gesänge getheilt, und +ich sehe darin wenigstens einen Theil meiner Wünsche erfüllt. Die höchste +Instanz, vor der es gerichtet werden kann, ist die, vor welche der +Menschenmaler seine Compositionen bringt, und es wird die Frage seyn, ob +man unter dem modernen Costüm meines Gedichts die wahren ächten +Menschenproportionen anerkennen werde. Der Gegenstand selbst ist äußerst +glücklich, ein Süjet, wie man es in seinem Leben nicht zweimal findet; wie +denn überhaupt die Gegenstände zu wahren Kunstwerken seltener gefunden +werden, als man denkt, woher auch die Alten sich nur beständig in einem +gewissen Kreise bewegen. In der Lage, in der ich mich befinde, habe ich mir +zugeschworen, an nichts mehr Theil zu nehmen, als an dem, was ich so in +meiner Gewalt habe, wie ein Gedicht, wo man weiß, daß man zuletzt nur sich +zu tadeln oder zu loben hat; an einem Werke, an dem man, wenn der Plan +einmal gut ist, nicht das Schicksal des Penelopeischen Schleiers erlebt. +Leider lösen in allen übrigen Dingen einem die Menschen gewöhnlich wieder +auf, was man mit großer Sorgfalt gewoben hat, und das Leben gleicht jener +beschwerlichen Art zu wallfahrten, wo man drei Schritte vor, und zwei +zurück thun muß." + +So wenig auch Goethe's individuelle Natur, die Vielseitigkeit seines +Geistes ihm erlaubte, bei dem in diesem Briefe ausgesprochenen Entschlusse +ernstlich zu beharren, so schien er doch diesmal demselben treu bleiben zu +wollen. "Ich habe," schrieb er den 22. Juni 1797, "mich entschlossen, an +meinen Faust zu gehen, und ihn, wo nicht zu vollenden, doch wenigstens um +ein gutes Theil weiter zu bringen, indem ich das, was gedruckt ist, wieder +auflöse, und es mit dem, was schon fertig oder erfunden ist, in große +Massen disponire, und so die Ausführung des Plans, der eigentlich nur eine +Idee ist, näher vorbereite. Nun hab' ich eben diese Idee und deren +Darstellung wieder vorgenommen, und bin mit mir selbst ziemlich einig. Da +die verschiedenen Theile dieses Gedichts in Absicht auf die Stimmung +verschieden behandelt werden können, wenn sie sich nur dem Geist und Ton +des Ganzen subordiniren, und da übrigens die ganze Arbeit subjectiv ist, so +kann ich in einzelnen Momenten mich damit beschäftigen, und so bin ich auch +jetzt etwas zu leisten im Stande. Ich werde vorerst die großen erfundenen +und halb bearbeiteten Massen zu enden, und mit dem, was gedruckt ist, +zusammen zu stellen suchen, und so lange treiben, bis sich der Kreis selbst +erschöpft." + +Unterbrochen ward Goethe's Beschäftigung mit dem "Faust", so wie seine +ganze literarische Thätigkeit durch eine Reise nach der Schweiz. Den 30. +Juli 1797 verließ er Weimar. Unterwegs beschäftigte ihn die genaue +Betrachtung der Gegenden, besonders in Bezug auf Geognosie und die darauf +gegründete Cultur des Bodens. Genußreiche Tage verlebte er in seiner +Vaterstadt Frankfurt. Unter mehreren Bekanntschaften, die er dort theils +anknüpfte, theils erneuerte, war besonders Sömmering für ihn belehrend +durch seine geistreiche Unterhaltung, durch Präparate und Zeichnungen. Zur +Ausführung einiger poetischen Entwürfe fehlte ihm die nöthige Stimmung, die +er erst nach der Rückkehr von einem ruhigen Zustande erwartete. Von +Frankfurt a.M. ging er über Heidelberg, Heilbronn und Ludwigsburg nach +Stuttgart, wo er den kunstliebenden Kaufmann Rapp und die Bildhauer +Dannecker und Scheffauer kennen lernte. In der Schweiz, wohin er sich im +September 1797 begab, fand sein poetisches Talent mannigfache Anregung +durch die Betrachtung der schönen Natur. "Herrliche Stoffe zu Idyllen und +Elegien," schrieb er, "habe ich aufgefunden, und Einiges schon wirklich +gemacht." Am längsten verweilte er bei der Idee, den Befreier der Schweiz +zum Helden eines epischen Gedichts zu wählen. Er schrieb darüber den 14. +October 1797: "Ich bin fest überzeugt, daß die Fabel vom Tell sich werde +episch behandeln lassen, und es würde daher, wenn es mir, wie ich vorhabe, +gelingt, der sonderbare Fall eintreten, daß das Mährchen durch die Poesie +erst zu seiner vollkommnen Wahrheit gelangte, anstatt daß man sonst, um +etwas zu leisten, die Geschichte zur Fabel machen muß. Das beschränkte, +höchst bedeutende Local, worauf die Begebenheit spielt, hab' ich mir wieder +recht genau vergegenwärtigt, so wie die Charaktere, Sitten und Gebräuche +der Menschen in diesen Gegenden, so gut in der kurzen Zeit möglich, +beobachtet, und es kommt nun auf gut Glück an, ob aus diesem Unternehmen +etwas werden kann." + +Andere Gegenstände verdrängten die Ausführung dieser Idee. Indeß meinte +Goethe doch, daß nur ein wenig Gewohnheit dazu gehöre, die literarische +Thätigkeit, an die man daheim gewöhnt sei, auch auswärts fortzusetzen. +"Wenn die Reise," schrieb er, "zu gewissen Zeiten zerstreut, so führt sie +uns zu andern Zeiten desto schneller auf uns selbst zurück. Der Mangel an +äußeren Verhältnissen und Verbindungen, ja die lange Weile ist demjenigen +günstig, der manches zu verarbeiten hat. Die Reise gleicht einem Spiel; man +empfängt mehr oder weniger, als man hofft, man kann ungestört eine Weile +hinschlendern, und dann ist man wieder genöthigt, sich einen Augenblick +zusammenzunehmen. Für Naturen, wie die meinige, die sich gern festsetzen +und die Dinge festhalten, ist eine Reise unschätzbar; sie belebt, +berichtigt, belehrt und bildet." + +Bei seiner Rückkehr nach Weimar widmete Goethe vorzugsweise seine +Aufmerksamkeit dem Theater. Sein Interesse an der Bühne, durch die +schriftliche und mündliche Unterhaltung mit Schiller immer auf's neue +belebt, ward noch höher gesteigert, als Iffland im April 1798 eine Reihe +von glänzenden Darstellungen gab. Vielfach thätig war Goethe bei dem neuen +Theatergebäude, das damals durch den Architekten Thouret aus Stuttgart in +Weimar errichtet und mit einem Prolog Schillers eröffnet ward, welchem eine +Vorstellung von Wallensteins Lager folgte. Goethe fühlte sich der +dramatischen Gattung seit längerer Zeit entfremdet. Er gestand dies in +einem Briefe an Schiller vom 9. December 1797. "Ohne ein lebhaftes +pathologisches Interesse," schrieb er, "ist es mir nie gelungen, irgend +eine tragische Situation zu bearbeiten, und ich habe sie daher eher +vermieden, als aufgesucht. Sollte es wohl auch einer von den Vorzügen der +Alten gewesen seyn, da bei uns die Naturwahrheit mitwirken muß, um ein +solches Wesen hervorzubringen? Ich kenne mich zwar nicht selbst genug, um +zu wissen, ob ich eine wahre Tragödie schreiben könnte; ich erschrecke aber +blos vor dem Unternehmen, und bin überzeugt, daß ich mich durch den bloßen +Versuch zerstören könnte." + +In der Beilage zu einem an Schiller gerichteten Briefe hatte Goethe den +Unterschied zwischen epischer und dramatischer Dichtung scharf bezeichnet. +Doch blieb er der erstern treu, weil sie mit seinen Naturanlagen mehr +harmonirte. Das fortgesetzte Studium des Homer führte ihn zu dem Entwurf +eines epischen Gedichts unter dem Titel "Achilleis", das jedoch unvollendet +blieb. Den 6. December 1797 schrieb Goethe: "Ich habe diese Tage +fortgefahren, die Ilias zu studiren, und zu überlegen, ob zwischen ihr und +der Odyssee nicht noch eine Epopöe inne liege. Ich finde aber eigentlich +nur tragische Stoffe, es sei nun, daß es wirklich so ist, oder daß ich nur +den epischen nicht finden kann. Das Lebensende des Achill mit seinen +Umgebungen ließe eine epische Behandlung zu, und forderte sie gewissermaßen +wegen der Breite des zu bearbeitenden Stoffs. Nun würde die Frage +entstehen, ob man wohl thue, einen tragischen Stoff ebenfalls episch zu +behandeln. Es läßt sich allerlei dafür und dagegen sagen. Was den Effect +betrifft, so würde ein Neuer, der für Neue arbeitet, immer dabei im +Vortheil seyn, weil man ohne pathologisches Interesse sich wohl schwerlich +den Beifall der Zeit erwerben wird." + +Noch in mehreren seiner Briefe kam Goethe wieder auf diese Idee zurück, die +er jedoch, der Ermunterungen Schillers ungeachtet, nicht realisirte. +Dankbar erkannte er jedoch des Freundes wohlthätigen Einfluß auf seine +poetische Thätigkeit. Er schrieb darüber den 6. Januar 1798 an Schiller: +"Das günstige Zusammentreffen unsrer beiden Naturen hat uns schon manchen +Vortheil verschafft. Wenn ich Ihnen zum Repräsentanten mancher Objecte +diente, so haben Sie mich von der allzustrengen Beobachtung der äußern +Dinge und ihrer Verhältnisse auf mich selbst zurückgeführt. Sie haben mich +die Vielseitigkeit des innern Menschen mit mehr Billigkeit anzuschauen +gelehrt, Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft, und mich zum Dichter +gemacht, welches zu seyn ich so gut als aufgehört hatte." + +Seine poetische Unfruchtbarkeit erklärte sich Goethe aus den noch immer +fortdauernden Nachwirkungen seines zerstreuten Reiselebens. "Das Material, +das ich erbeute," schrieb er, "kann ich zu nichts brauchen, und ich bin +außer aller Stimmung gekommen, irgend etwas zu thun. Ich erinnere mich aus +früherer Zeit eben solcher Wirkungen, und es ist mir aus manchen Fällen und +Umständen wohl bekannt, daß Eindrücke bei mir sehr lange wirken müssen, bis +sie zum poetischen Gebrauch sich willig finden lassen. Ich habe auch +deshalb ganz pausirt, und erwarte nun, was mir mein erster Aufenthalt in +Jena bringen wird." + +Die erwartete poetische Ausbeute bestand jedoch nur in einzelnen kleinen +Gedichten, unter denen die "Weissagungen des Bakis" vielleicht die +bedeutendsten waren. Goethe wandte sich zur bildenden Kunst. Ihn +beschäftigten die Vorarbeiten zur Herausgabe einer Zeitschrift, "die +Propyläen" betitelt. Gleichzeitig setzte er die Biographie des "Benvenuto +Cellini" fort, als Anhaltspunkt der Geschichte des sechzehnten +Jahrhunderts. Daran reihten sich mannigfache andere Beschäftigungen, die in +der rauhen und unfreundlichen Witterung des Januar ihm die Zeit verkürzten. +Er nahm unter andern seine "Farbenlehre" wieder zur Hand. + +Seinem Freunde Schiller kam er aufmunternd entgegen durch das lebhafte +Interesse an dem "Wallenstein." Gemeinschaftlich mit Schiller entwarf er +die Idee, mehrere ältere Schauspiele dem Geschmack der neuern Zeit zu +nähern, und sie in einer Umbildung auf die Bühne zu bringen. Dem deutschen +Theater sollte dadurch zu einem soliden Repertoir verholfen werden. Goethe +machte hiezu den Anfang mit seiner Uebersetzung des Mahomet und Tancred von +Voltaire, Schiller mit der Umarbeitung von Shakespeare's [Shakspeare's] +Macbeth. + +Durch den Beifall, mit welchem Schillers "Wallenstein," seine "Maria +Stuart" u.a. seiner spätern dramatischen Werke bei der Vorstellung auf der +Bühne aufgenommen wurden, fühlte sich Goethe ermuntert, in einer ihm seit +mehrern Jahren beinahe fremd gewordenen Gattung sich wieder zu versuchen. +Die Memoiren der Stephanie von Bourbon boten ihm den Stoff zu einer +Tragödie, die er später unter dem Titel "die natürliche Tochter" herausgab. +Nach seinem eignen Geständniß wollte er darin "wie in einem Gefäß alles +niederlegen, was er über die französische Revolution und ihre Folgen theils +gedacht, theils niedergeschrieben hatte." Während der Beschäftigung mit +diesem Werke blieb er thätig für die "Propyläen." Manche Mußestunde widmete +er auch, durch Schelling's Naturphilosophie angeregt, verschiedenen damit +zusammenhängenden Studien. Aus seiner Gartenwohnung am sogenannten Stern, +einem Theil des Weimarischen Parks, beobachtete er durch ein +Spiegeltelescop den Mondwechsel mit seinen wunderbaren Erscheinungen. +Daneben beschäftigte ihn die Lectüre von Herder's "Fragmenten zur +Geschichte der Literatur", von "Winkelmanns Briefen" und von Milton's +"verlorenem Paradiese", um, nach seinem eignen Geständniß, "die +mannigfachsten Zustände, Denk- und Dichtweisen sich zu vergegenwärtigen." + +Wie Goethe die Literatur überhaupt, insonderheit aber die Poesie +betrachtete, zeigte folgende Stelle in einem Briefe vom 6. März 1800: "Was +die großen Anforderungen betrifft, die man jetzt an den Dichter macht, so +glaube ich, daß sie nicht leicht einen Dichter hervorbringen werden. Die +Dichtkunst verlangt ein Subject, das sie ausüben soll, eine gewisse +gutmüthige, in's Reale verliebte Beschränktheit, hinter welcher das +Absolute verborgen liegt. Die Forderungen von oben herein zerstören jenen +unschuldigen productiven Zustand, und setzen vor lauter Poesie an die +Stelle der Poesie etwas, das nun ein für allemal nicht Poesie ist, wie wir +in unsern Tagen leider gewahr werden, und so verhält es sich mit den +verwandten Künsten, ja mit der Kunst im weitesten Sinne. Dies ist mein +Glaubensbekenntnis welches übrigens keine weitern Ansprüche macht." + +Unter den mannigfachen Beschäftigungen, auf die sich die Vielseitigkeit +seines Geistes lenkte, überraschte ihn eins der trübsten Ereignisse, der +Tod Schillers am 9. Mai 1805. Mit seiner eigenen Kränklichkeit hatte Goethe +den Freund unter seinen physischen Leiden zu trösten gesucht. Scherzend +schrieb er ihm den 24. Januar 1805: "Ob nach der alten Lehre die humores +peccantis im Körper herumspazieren, oder ob nach der neuern die +verhältnißmäßig schwächern Theile in désavantage sind, genug, bei mir +hinkt es bald hier, bald dort, und sind die Unbequemlichkeiten in den +Gedärmen in's Diaphragma, von da in die Brust, ferner in den Hals und so +weiter in's Auge gefahren, wo sie mir denn am allerwenigsten willkommen +sind." + +Die scherzhafte Stimmung in diesem Briefe wich bald dem Gefühl der Wehmuth +und Trauer bei dem lange gefürchteten Verlust seines Freundes. Als Goethe, +mehrere Wochen an sein Zimmer gefesselt, zu Anfange Mai sich zum ersten Mal +aus dem Hause wagte, traf er Schiller, der eben im Begriff war, in's +Theater zu gehen. "Ein Mißbehagen," erzählt Goethe selbst, "hinderte mich, +ihn zu begleiten, und so schieden wir vor seiner Hausthür, um uns nie +wiederzusehen. Bei dem Zustande meines Körpers und Geistes wagte Niemand, +die Nachricht von seinem Scheiden in meine Einsamkeit zu bringen. Schiller +war am neunten Mai verschieden, und ich nun von allen meinen Uebeln doppelt +und dreifach angefallen." Seine Stimmung schilderte folgende Stelle in +einem Briefe vom 1. Juni 1805. "Ich dachte mich selbst zu verlieren, und +verliere einen Freund, und in demselben die Hälfte meines Daseyns. +Eigentlich", fügte er hinzu, "sollte ich eine neue Lebensweise anfangen. +Aber dazu ist in meinen Jahren auch kein Weg mehr. Ich sehe also jetzt +jeden Tag unmittelbar vor mich hin, ohne an eine weitere Folge zu denken." + +Mehr als jemals, fühlte Goethe das Bedürfnis einer anhaltenden Thätigkeit. +Manche Hindernisse stellten sich der Ausführung des Plans entgegen, das von +Schiller unvollendet zurückgelassene Trauerspiel "Demetrius" zu beenden. +Unterstützt durch mehrere schätzbare Beiträge F.A. Wolfs gab Goethe damals +(1805) das für die Kunstgeschichte wichtige Werk: "Winkelmann und sein +Jahrhundert" heraus, und gleichzeitig einen aus dem Französischen +übersetzten Dialog Diderots, unter dem Titel: "Rameau's Neffe." + +Trübe Tage brachte ihm die Schlacht bei Jena am 14. October 1806 und die +allgemeine Plünderung, welche die Stadt Weimar traf. Mitten unter jenen +Kriegsstürmen reichte Goethe, in bereits vorgerücktem Alter einer +vieljährigen Freundin am Altar die Hand. Es war Christiane Vulpius, eine +Schwester des bekannten Romanschriftstellers und nachherigen +Oberbibliothekars in Weimar. + +Neben einer genauen Durchsicht seiner bisherigen Schriften, die in einer +zwölfbändigen Gesammtausgabe 1806 erschienen, beschäftigte sich Goethe mit +seinen wissenschaftlichen Forschungen, vor allen mit seiner "Farbenlehre," +die 1808 mit einer Zueignung an die Herzogin Louise von Sachsen-Weimar ans +Licht trat. Jene Forschungen weckten in ihm die Idee zu einem Roman, in +welchem er unter dem Titel "die Wahlverwandtschaften" nach seinem eignen +Geständniß, "das Leben von seiner täglichen Licht- und Schattenseite +darstellen, und zugleich die Macht begreiflich machen wollte, die das Spiel +geheimer Naturgesetze über menschliche Verhältnisse ausübt." Die von ihm +begonnene Biographie des Landschaftsmalers Philipp Hackert, mit dem er in +Rom genußreiche Tage verlebt hatte, trat in den Hintergrund durch Goethe's +Beschäftigung mit seiner Selbstbiographie, die er unter dem Titel: +"Dichtung und Wahrheit aus meinem Leben" in mehrern Bänden herausgab. +Ungeachtet seiner Abneigung gegen alle politischen Tendenzen, verewigte +Goethe die Befreiung seines Vaterlandes von französischer Botmäßigkeit +durch das Festspiel: "Des Epimenides Erwachen", das zuerst in Berlin +vorgestellt ward. Die Stimmung, in welcher er dies Stück, welchem eine alte +griechische Mythe zum Grunde lag, gedichtet hatte, kehrte ihm wieder, und +er verfaßte die Inschrift für das dem Fürsten Blücher in seiner Vaterstadt +Rostock errichtete Denkmal. + +Das Interesse an botanischen und mineralogischen Studien ward in Goethe +erhalten durch seine jährlich nach Carlsbad und Töplitz unternommenen +Badereisen, zu denen ihn sein Gesundheitszustand nöthigte. Einer seiner +Freunde erzählte, wie er unterwegs aus dem Wagen gestiegen sei und mit +einem Hammer Steine zerklopft habe. Seine Vaterstadt Frankfurt, die er nach +siebzehn Jahren (1814) zum ersten mal wieder besuchte, ehrte ihn durch eine +Vorstellung seines "Tasso", und feierte auf eine noch glänzendere Weise +(1818) seinen siebzigsten Geburtstag durch Ueberreichung eines goldenen +Lorbeerkranzes, der an Werth die Summe von 1500 Fl. überstiegen haben soll. +Goethe dankte seinen Verehrern durch das in seinen Werken aufbewahrte +Gedicht: "Die Feier des 28. August dankbar zu erwiedern." + +Das von ihm unter dem Titel: "Kunst und Alterthum" 1816 herausgegebene +Journal, welches kurze Reiseberichte, und Recensionen über neuere Werke der +Dichtkunst, Malerei und Plastik enthielt, war eine Art von Fortsetzung der +Aufsätze, die Goethe früher in Verbindung mit den Weimarischen +Kunstfreunden in den "Propyläen" und in der Allgemeinen Literaturzeitung +mitgetheilt hatte. Für den Theil seiner Studien, dem er seit früher Jugend +unverändert treu geblieben war, gründete er eine, in einzelnen Heften +fortlaufende Zeitschrift: "Zur Morphologie und Naturwissenschaft überhaupt" +betitelt. Das Gebiet der Poesie, aus dem er sich längere Zeit entfernt +hatte, betrat er wieder in einer Art von Fortsetzung seines Romans "Wilhelm +Meister", die er unter dem Titel "Wilhelm Meisters Wanderjahre" herausgab. +In eigentümlicher Weise suchte er in seinem "Westöstlichen Divan" die +orientalische Poesie auf den deutschen Boden zu verpflanzen. An der Bühne +und ihren Vorstellungen nahm er wenig Antheil mehr. Das Auftreten eines +Thieres in dem bekannten Drama. "Der Hund des Aubry" hielt er für eine so +tiefe Herabwürdigung der Bühne, daß er sich dadurch bewogen fand, 1817 die +bisher von ihm geführte Theaterdirection niederzulegen. + +Die ruhige Besonnenheit und Klarheit, die seinem Geiste stets eigen war und +die sich im höhern Alter noch steigerte, vermißte Goethe in der neuern +Literatur. Mit der Richtung, die sie genommen, konnte er sich eben so wenig +befreunden, als mit den eigenthümlichen Fortschritten der Cultur überhaupt. +Nicht ohne Bitterkeit äußerte er sich darüber in einem Briefe vom 9. Juni +1825 mit den Worten: "Alles ist jetzt ultra, alles transcendirt +unaufhaltsam, im Denken, wie im Thun. Niemand kennt sich mehr. Niemand +begreift das Element, worin er schwebt und wirkt, Niemand den Stoff, den er +bearbeitet. Von reiner Einfalt kann die Rede nicht seyn; einfältiges Zeug +giebt es genug. Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt, und dann im +Zeitstrom fortgerissen. Reichthum und Schnelligkeit ist es, was die Welt +bewundert. Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen +Facilitäten der Communication sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, +sich zu überbilden, und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren. +Eigentlich ist es das Jahrhundert für die fähigen Köpfe, für +leichtfassende, practische Menschen, die, mit einer gewissen Gewandtheit +ausgestattet, ihre Superiorität über die Menge fühlen, wenn sie gleich +selbst nicht zum Höchsten begabt sind." + +Eine ruhigere Stimmung herrschte in einem Briefe Goethe's vom 3. November +1825. "Von mir," schrieb er, "kann ich so viel sagen, daß ich, meinem Alter +und Umständen nach, wohl zufrieden seyn darf. Die Verhandlungen wegen einer +neuen Ausgabe meiner Werke geben mir mehr als billig zu thun; sie sind nun +ein ganzes Jahr im Gange. Alles läßt sich aber so gut an, und verspricht +den Meinigen unerwartete Vortheile, um derentwillen es wohl der Mühe werth +ist, sich zu bemühen. Auch fehlt es nicht mitunter an guten Gedanken und +neuen Ansichten, zu denen man auf der Höhe des Lebens gelangt." + +Erhalten ward Goethe in dieser heitern Stimmung durch seinen lebhaften +Antheil an zwei Dichtern des Auslandes, mit denen er um diese Zeit in +schriftliche Berührung kam. Den Italiener Manzoni, für dessen Tragödie: +"Der Graf von Carmagnola," sich Goethe lebhaft interessirte, nannte er in +einem seiner Briefe "einen Dichter, der verdiene, daß man ihn studire." +Durch die eigentümliche Art und Weise, wie der Lord Byron die dem "Faust" +zu Grunde liegende Idee des unbefriedigten Strebens eines reichen, aber in +sich zerfallenen Gemüths für das Drama: "Manfred" benutzt hatte, lenkte +sich Goethe's Aufmerksamkeit auf diesen Dichter, dessen großes poetisches +Talent er zwar anerkannte, doch zugleich sich wieder von ihm zurückgestoßen +fühlte durch Byron's an Verzweiflung grenzende Unzufriedenheit mit der Welt +und ihren Verhältnissen. + +Zu den erfreulichsten Erscheinungen für Goethe in seinem höheren Alter +gehörte die durch zahlreiche Gedichte seiner Freunde und Verehrer und durch +sonstige werthvolle Gaben gefeierte Wiederkehr seines Geburtstages. Innig +freute er sich, daß sein Talent noch immer eine Anerkennung fand zu einer +Zeit, wo eine einseitige und befangene Kritik ihm seinen wohlverdienten +Dichterruhm zu schmälern suchte. Zu einer allgemeinen und würdigen Feier, +nicht blos in Weimar, sondern auch in mehreren andern Städten Deutschlands +ward Goethe's Jubelfest im Jahr 1825. Die funfzigste Wiederkehr des Tages, +an welchem Goethe in den Weimarischen Lebenskreis eingetreten war, sollte +zugleich als sein Dienstjubiläum gefeiert werden. Dies geschah auf den +Wunsch seines Fürsten, dem er ein halbes Jahrhundert hindurch seine treue +Gesinnung als Staatsmann, Dichter, Rathgeber und Freund im höchsten Sinne +des Worts in mannigfacher Weise bethätigt hatte. Aehnliche Festlichkeiten, +von denen eine in Weimar erschienene Schrift eine ausführliche Beschreibung +lieferte, hatten einige Monate früher, den 5. November 1825 bei dem durch +Goethe mehrfach verherrlichten Regierungsjubiläum seines Fürsten statt +gefunden. + +Goethe war dadurch seiner gewohnten stillen Thätigkeit entzogen worden. Die +Nachwirkungen jener geräuschvollen Tage schien er noch lange zu empfinden. +Er schrieb darüber den 16. November 1825: "Wie der Eindruck des Unglücks +durch die Zeit gemildert wird, so bedarf das Glück auch dieses wohlthätigen +Einflusses. Erst nach und nach erhole ich mich vom 7. November. Solchen +Tagen sucht man sich im Augenblick möglichst gleich zu stellen, fühlt aber +erst hinterher, daß eine solche Anstrengung nothwendig einen abgespannten +Zustand zur Folge hat. Ich bin höchst bedrängt, zwar nicht von Sorgen, aber +doch von Besorgungen, und das kann sich zuletzt zu einem Grade steigern, +daß es fast dasselbe wird." + +Den Standpunkt, aus welchem Goethe im höheren Alter das Leben mit seinen +mannigfach wechselnden Erscheinungen betrachtete, zeigte folgende Stelle in +einem Briefe vom 19ten März 1827: "Mir erscheint der zunächst mich +berührende Personenkreis wie ein Convolut sibyllinischer Bücher, deren eins +nach dem andern, von Lebensflammen aufgezehrt, in der Luft zerstiebt, und +dabei den übrig bleibenden von Augenblick zu Augenblick höhern Werth +verleiht. Wirken wir fort, bis wir, vor oder nach einander, vom Weltgeist +berufen in den Aether zurückkehren. Möge dann der ewig Lebendige uns neue +Thätigkeiten, denen analog, in welchem wir uns schon erprobt, nicht +versagen. Fügt er sodann Erinnerung und Nachgefühl des Rechten und Guten, +was wir hier schon gewollt und geleistet, väterlich hinzu, so werden wir +gewiß um desto rascher in die Kämme des Weltgetriebes eingreifen. Die +entelechische Monade muß sich nur in rastloser Thätigkeit erhalten; wird +ihr diese zur andern Natur, so kann es ihr in Ewigkeit nicht an +Beschäftigung fehlen. Man verzeihe mir diese obstrusen Ausdrücke. Hat der +Mensch sich doch von jeher in solche Regionen verloren, in solchen +Spracharten sich mitzutheilen versucht, da, wo die Vernunft nicht +hinreichte, und wo man doch die Unvernunft nicht wollte walten lassen." + +Unter Goethe's poetischen Entwürfen beschäftigte ihn vorzüglich eine +Fortsetzung seines "Faust." Diese Tragödie, zu welcher er ein +Zwischenspiel, "Helena" betitelt, gedichtet hatte, sollte einen zweiten +Theil erhalten. Mit dieser poetischen Arbeit beschäftigte er sich +größtentheils in seiner am Park gelegenen Gartenwohnung. Heiter gestimmt +ward er durch den Anblick der freien Natur. "Die Vegetation," schrieb er, +"hat sich dieses Jahr in der ganzen Umgegend auch an alten Bäumen +bemerklich gemacht, und so freue ich mich des lange Versäumten und +Vernachlässigten noch mehr, als eines Vermißten und Ersehnten. Ich fühle +mich genöthigt, jeden Tag wenigstens einige Stunden in meinem Garten +zuzubringen." Den 21. November 1827 meldete Goethe, der zweite Theil des +Faust rücke rasch fort. "Die Aufgabe," schrieb er, "ist hier, wie bei der +Helena, das Vorhandene so zu bilden und zu richten, daß es zum Neuen passe +und klappe, wobei manches zu verwerfen, manches umzuarbeiten ist." + + +Sein selten wankender Gesundheitszustand gönnte ihm eine rastlose +Thätigkeit. Er hatte daher auch seit einigen Jahren seine gewöhnlichen +Sommerreisen nach Carlsbad und Töplitz aufgegeben. Hinsichtlich seiner +Arbeiten meinte er in einem Briefe vom 22. April 1828: "Wenn der Mensch +nicht von Natur zu seinem Talent verdammt wäre, so müßte man sich als +thöricht schelten, daß man in einem langen Leben immer neue Pein und +wiederholtes Mühsal sich aufläde." + +Den Eindruck, den der Tod seines von ihm innig verehrten Fürsten, des +Großherzogs Carl August von Sachsen-Weimar, der den 14. Juni 1828 zu +Graditz bei Torgau gestorben war, auf Goethe machte, schilderte ein aus +Dornburg vom 10. Juli datirter Brief. "Bei dem schmerzlichsten Zustande +meines Innern," schrieb Goethe, "mußte ich wenigstens meine äußern Sinne +schonen. Ich begab mich daher den 7. Juli hieher, um den düstern Functionen +zu entgehen, wodurch man, wie billig und schicklich, der Menge symbolisch +darstellt, was sie im Augenblicke verloren hat, und was sie diesmal gewiß +auch in jedem Sinne empfindet." + +Linderung für seinen Schmerz fand Goethe in der schönen Natur Dornburgs und +der Umgegend, wo er längere Zeit verweilte. "Ein reich ausgestatteter +Blumengarten," schrieb er, "vollhängende Weingelände sind mir überall zur +Seite, und da thut sich dann die alte wohlfundirte Liebschaft wieder auf. +Gründliche Gedanken sind ein Schatz, der im Stillen wächst, und Interessen +zu Interessen schlägt. Davon zehre ich denn auch gegenwärtig, ohne den +kleinsten Theil aufzehren zu können. Denn das ächte Lebendige wächst nach, +wie das Bösartige der Hydra auch nicht zu tilgen ist." Diese Aeußerung +entlockten dem greisen Dichter die mannichfachen Versuche seiner Gegner, +seine poetischen und wissenschaftlichen Bestrebungen in einem falschen +Lichte zu zeigen, und ihn dadurch in der Achtung des Publikums +herabzusetzen. Goethe äußerte sich darüber mit den Worten: "Von allem, was +gegen mich geschieht, keine Notiz zu nehmen, wird mir im Alter, wie in der +Jugend erlaubt seyn. Ich habe Breite genug, mich in der Welt zu bewegen, +und es darf mich nicht kümmern, ob sich irgend einer da oder dort in den +Weg stellt, den ich gegangen bin." + +Ueber die ungenügenden und fehlerhaften Geisteserzeugnisse mancher neueren + +Schriftsteller, vorzüglich auf dem wissenschaftlichen Felde, äußerte sich +Goethe unmuthig in einem Briefe vom 2. Januar 1829. "Es giebt," schrieb er, +"sehr vorzügliche Leute, aber die Hansnarren wollen alle von vorn anfangen, +und unabhängig, selbstständig, original, eigenmächtig, uneingreifend, +gerade vor sich hin, und wie man die Thorheiten alle nennen möchte, wirken, +und dem Unerreichbaren genug thun. Ich sehe diesem Gange seit 1789 zu, und +weiß, was hätte geschehen können, wenn irgend Einer rein eingegriffen, und +nicht jeder ein Peculium für sich behalten hätte. Mir ziemt jetzt 1829 +über das Vorliegende klar zu werden, es vielleicht auszusprechen. Doch wenn +mir das auch gelingt, wird's doch nichts helfen; denn das Wahre ist einfach +und giebt wenig zu thun; das Falsche giebt Gelegenheit, Zeit und Kräfte zu +zersplittern." + +Wissenschaftliche Forschungen behielten für Goethe noch immer ein sehr +lebhaftes Interesse. "Ich suche," schrieb er, "meine Stellung gegen +Geologie, Geognosie und Oryktognosie klar zu machen, weder polemisch, noch +conciliarisch, sondern positiv und individuell. Das ist das Klügste, was +man in alten Tagen thun kann. Die Wissenschaften, mit denen wir uns +beschäftigen, rücken unverhältnißmäßig vor, manchmal gründlich, oft +übereilt und modisch. Da dürfen wir denn nicht unmittelbar nachrücken, weil +wir keine Zeit mehr haben, auf irgend eine Weise leichtsinnig in der Irre +zu gehen. Um aber nicht zu stocken und allzuweit zurück zu bleiben, sind +Prüfungen unserer Zustände nöthig. Mich bringt nichts ab von meinem alten +erprobten Wege: die Probleme sacht wie Zwiebelhäute zu enthüllen, und +Respect zu behalten vor allen wahrhaft stilllebenden Knospen. Je älter ich +werde, desto mehr vertrau' ich auf das Gesetz, wonach die Rose und Lilie +blüht." + +Manche erfreuliche Anerkennung ward Goethe's Talenten im In- und Auslande +gezollt. Mehrere seiner Freunde und Verehrer in England und Schottland +überraschte ihn bei der Wiederkehr seines Geburtstages am 28. August durch +das Geschenk eines kostbaren, mit großer Kunstfertigkeit gearbeiteten +Petschafts. Fast gleichzeitig erhielt er seine von dem französischen +Bildhauer David gefertigte Colossalbüste, anderer werthvollen Geschenke und +Auszeichnungen nicht zu gedenken. Sein Leben war in mehrfacher Hinsicht ein +glückliches zu nennen. Gleichwohl blieb er nicht verschont von bittern +Erfahrungen. Seinen einzigen Sohn, den Kammerrath August v. Goethe, entriß +ihm der Tod zu Rom in der Blüthe seiner Jahre, am 28. October 1830. +Goethe's Fassung bei diesem Verlust schilderte folgende Stelle in einem +seiner damaligen Briefe. "Hier kann allein der große Begriff der Pflicht +uns aufrecht erhalten. Ich habe keine Sorge, als mich im Gleichgewicht zu +erhalten. Der Körper muß, der Geist will, und wer seinem Wollen die +nothwendige Bahn vorgeschrieben sieht, der braucht sich nicht viel zu +besinnen." + +So ward eine verdoppelte Thätigkeit, die seiner Natur ein dringendes +Bedürfniß war, für Goethe zugleich das wirksamste Mittel, schmerzhaften +Eindrücken kräftig zu begegnen. Beschäftigte ihn irgend eine große Idee, so +entsagte er oft ganze Monate jeder Lectüre, um sich nicht durch andere +Gegenstände zu zerstreuen. "Es ist doch," schrieb er, "genau betrachtet, +nur eine Philisterei, wenn wir demjenigen zu viel Antheil schenken, worin +wir nicht wirken können. Und dann darf ich wohl sagen: ich erfahre das +Glück, daß mir in meinem hohen Alter Gedanken aufgehen, welche zu verfolgen +und in Ausübung zu bringen, eine Wiederholung des Lebens gar wohl werth +wäre. Daher wollen wir uns, so lange es Tag ist, nicht mit Allotrien +beschäftigen." + +Eine gewisse Begrenzung der Thätigkeit hielt Goethe für nothwendig. "Es ist +ganz eins," schrieb er, "in welchem Kreise ein edler Mensch wirkt, wenn er +nur diesen Kreis genau kennen zu lernen und völlig auszufüllen weiß. Wofür +aber der Mensch nicht wirken kann, dafür sollte er auch nicht ängstlich +sorgen, nicht über Bedürfniß und Empfänglichkeit des Kreises hinaus, in den +ihn Gott und die Natur gestellt, anmaßlich weiter wirken wollen. Alles +Voreilige schadet; die Mittelstraße zu überspringen, ist nicht heilsam. +Thue nur jeder an seiner Stelle das Rechte, ohne sich um den Wirrwarr zu +bekümmern, der fern oder nah die Stunden auf die unseligste Weise verdirbt, +so werden Gleichgesinnte sich bald ihm anschließen, und Vertrauen und +wachsende Einsicht von selbst immer größere Kreise bilden." + +Diesen Lebensregeln und seiner rastlosen Thätigkeit auch in höherem Alter +treu zu bleiben, war ihm durch die fast ununterbrochene Dauer seiner +Gesundheit gegönnt. Er genas bald wieder von einem Blutsturz, der ihn 1831 +befiel, als er sich mit dem Ordnen seines literarischen Nachlasses und mit +dem zweiten Theil des "Faust" beschäftigte. Im August des genannten Jahres +ging er nach Ilmenau. Nach seinem eignen Geständniß hatte er sich dorthin +begeben, um den persönlichen Huldigungen auszuweichen, die ihn bei der +Wiederkehr seines Geburtstages zu überraschen pflegten. + +Sichtbar gestärkt kehrte er wieder nach Weimar zurück. Die Kraft und +Munterkeit des Geistes im Gespräch mit seinen Freunden ließ kaum ahnen, daß +ihm sein Lebensende sehr nahe war. Ein Engländer, der ihn besuchte, +schilderte ihn noch so jung und kräftig wie einen Vierziger. Dem kalten +Luftzug, der ihn auf dem Gange aus seiner Studirstube nach den vordern +Zimmern angeweht habe, schrieb Goethe ein heftiges Bruststechen zu, das +nach einer unruhigen Nacht noch am Morgen fortdauerte. Er ahnte keine +Gefahr, als ärztliche Mittel jenes Uebel und den fieberhaften Zustand +beseitigt hatten. Sein Athem war jedoch noch immer beengt, und in Gegenwart +seines Arztes, des Dr. Vogel, den er den 20. März 1832 hatte rufen +lassen, preßte ihm der Schmerz schneidende Töne aus. Von einer innern Angst +bald in das Bette, bald in den daneben stehenden Lehnstuhl getrieben, +fürchtete er eine Wiederkehr des Blutsturzes, der ihn das Jahr zuvor +befallen. Seine Gesichtszüge waren verzerrt, das Antlitz graublau, der +ganze Körper kalt, und von triefendem Schweiß bedeckt. Er fühlte sich sehr +matt, und es traten Augenblicke völliger Bewußtlosigkeit ein. Mitunter +phantasirte er, indem er ruhig in seinem Lehnstuhl saß. "Seht," sprach er +unter andern, "seht den schönen weiblichen Kopf mit schwarzen Locken, in +prächtigem Colorit, mit dunkelm Hintergrunde!" Unter solchen und ähnlichen +Phantasieen und Rückerinnerungen an seinen ihm vorangegangenen Freund +Schiller, rief er seinem Diener zu, doch den zweiten Fensterladen zu +öffnen, damit mehr Licht in's Zimmer komme. Es sollen seine letzten Worte +gewesen seyn. Immer schwerer athmend, drückte er sich in die linke Seite +seines Lehnsessels. Es war am 22. März 1832, als er wie es schien, +schmerzlos verschied. + +Jenen Tag, an welchem sieben Jahre früher ein unglücklicher Brand das +Weimarische Theater vernichtet, hatte Goethe, dem Glauben an Ahnungen von +jeher geneigt, immer für einen tragischen und unglücksschwangern Tag +gehalten. Mehrmals hatte er gefragt, der wievielste Tag im März heute sei, +und der Zufall wollte, daß er an demselben Tage, in derselben Stunde starb, +wo vor dreizehn Jahren sein vieljähriger Freund und Amtscollege, der +Minister v. Voigt, verschieden war. + +"Am Morgen nach Goethe's Tode," erzählt einer seiner jüngern Freunde, +"ergriff mich eine tiefe Sehnsucht, seine irdische Hülle noch einmal zu +sehen. Sein treuer Diener Friedrich schloß mir das Zimmer auf, wo man ihn +hingelegt hatte. Auf den Rücken ausgestreckt, ruhte er wie ein Schlafender. +Tiefer Friede und Festigkeit waltete auf den Zügen seines erhabenen edeln +Gesichts. Die mächtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen. Ich hatte das +Verlangen nach einer Locke von seinen Haaren, doch die Ehrfurcht hinderte +mich, sie ihm abzuschneiden. Der Körper lag nackend in ein weißes Betttuch +gehüllt. Große Eisstücke hatte man in einiger Nähe umhergestellt, um ihn +selbst frisch zu erhalten so lange als möglich. Friedrich schlug das Tuch +auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht dieser Glieder. +Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und +sanft muskulös; die Füße zierlich und von der reinsten Form, und nirgends +am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung und Verfall. Ein +vollkommener Mensch lag in großer Schönheit vor mir, und das Entzücken, das +ich darüber empfand, ließ mich auf Augenblicke vergessen, daß der +unsterbliche Geist eine solche Hülle verlassen. Ich legte meine Hand auf +sein Herz--es war eine tiefe Stille--und ich wendete mich abwärts, um +meinen verhaltenen Thränen freien Lauf zu lassen." + +Die allgemeine Liebe und Verehrung, die er im Leben genossen, zeigte +Goethe's glänzende Begräbnißfeier am 26. März 1832. Eine öffentliche +Ausstellung seiner Leiche war der Beerdigung vorangegangen. Seine irdischen +Ueberreste empfing die fürstliche Gruft. Die Weimarische Bühne blieb an +Goethe's Begräbnißtage geschlossen, und ward am 27. März mit einer +Vorstellung seines "Tasso" eröffnet. Am Schlusse des Stücks sprach der +Schauspieler Durand einen von dem Geh. Rath und Kanzler v. Müller +gedichteten, alle Gemüther tief ergreifenden Epilog. Auch mehrere Gedichte +von Goethes Freunden und Verehrern sagten seinen Zeitgenossen, was sie an +ihm verloren. In mehrfacher Hinsicht paßten auf ihn selbst die Worte, die +er einst am Grabe der Herzogin Amalia von Sachsen-Weimar gesprochen: "Das +ist der Vorzug edler Naturen, daß ihr Hinscheiden in höhere Regionen +segnend wirkt, wie ihr Verweilen auf der Erde, daß sie uns von dorther, +gleich Sternen, entgegen leuchten, als Richtpunkte, wohin wir unsern Lauf +bei einer nur zu oft durch Stürme unterbrochenen Fahrt zu lenken haben; daß +diejenigen, zu denen wir uns oft als zu Wohlwollenden und Hülfreichen im +Leben hinwendeten, nun die sehnsuchtsvollen Blicke nach sich ziehen, als +Vollendete, Selige." + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK J. W. V. GOETHE'S BIOGRAPHIE*** + + +******* This file should be named 15213-8.txt or 15213-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/dirs/1/5/2/1/15213 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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W. v. Goethe's Biographie, by H. Doering</h1> +<pre> +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at <a href = "https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre> +<p>Title: J. W. v. Goethe's Biographie</p> +<p>Author: H. Doering</p> +<p>Release Date: February 28, 2005 [eBook #15213]</p> +<p>Language: German</p> +<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> +<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK J. W. V. GOETHE'S BIOGRAPHIE***</p> +<p> </p> +<div class="center"> +<h4>E-text prepared by the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team</h4> +</div> +<p> </p> + +<div class="center"> +<table border="0" cellpadding="10" style="background-color: #ccccff;"> + <tr> + <td valign="top"> + Transcriber's Note: + </td> + <td> + [ ] Korrektur von Satzfehlern / correction of typos + </td> + </tr> +</table> +</div> + +<p> </p> +<hr class="full" /> + +<h1>Biographien</h1> +<div class="center">deutscher Classiker.</div> + + +<div class="center">Supplement +zu der Göschen-Cottaischen Ausgabe +"deutscher Classiker."<br /><br /> +</div> + +<div class="center"><big>Zweites Bändchen.</big></div> + +<div class="center"><big>Joh. W. v. Goethe.</big><br /><br /></div> + +<div class="center">Jena, 1853.</div> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="J_W_v_Goethes" id="J_W_v_Goethes" />J. W. v. Goethe's<br /> +<i>Biographie</i></h2> + +<div class="center"><i>von</i></div> + +<div class="center">Dr. H. Doering.</div> + +<hr style="width: 65%;" /> +<div class="center"><a name="Complet_in_Einem_Bandchen" id="Complet_in_Einem_Bandchen" />Complet in Einem Bändchen +</div> +<div class="center"><i>Jena, 1853.</i></div> + +<hr style="width: 65%;" /> + +<h3><a name="Goethes_Leben" id="Goethes_Leben" /><i>Goethe's Leben.</i></h3> + +<p> </p> +<p> </p> +<p><i>Johann Wolfgang Goethe,</i> später in den Adelstand erhoben, war zu Frankfurt +am Main den 28. August 1749 geboren. Sein Großvater, <i>Friedrich Georg</i>, war +Gastgeber zum Weidenhof. Eine glänzendere Stellung behauptete sein +Großvater mütterlicher Seite <i>Johann Wolfgang Textor</i> als Kaiserlicher +Schultheiß. Er war ein ernster, in sich gekehrter, ziemlich wortkarger +Mann, dabei sehr gewissenhaft und pünktlich in der Erfüllung seiner +Berufsgeschäfte. In seinem ruhigen, leidenschaftslosen Charakter zeigte +sich kaum eine Spur von Heftigkeit. Sehr behaglich fühlte er sich in seiner +einförmigen Lebensweise, die ihn früh Morgens auf's Rathhaus, hierauf an +seinen Mittagstisch und von diesem zu einem Schläfchen in seinen +alterthümlichen Sessel führte. An seine Wohnung in der Friedberger Straße +stieß ein theils mit Weinstöcken, theils mit Küchengewächsen und Blumen +bepflanzter Garten, der in Mußestunden sein Lieblingsaufenthalt war. Die +Blumenzucht und das Inoculiren der verschiedenen Rosenarten gewährte ihm +eine angenehme Beschäftigung. Er trug dann gewöhnlich einen langen weiten +Schlafrock und auf dem Kopfe eine faltige schwarze Sammetmütze. Die +allgemeine Achtung, in der er stand, ward noch gesteigert durch ein ihm +eigenthümliches Ahnungsvermögen, besonders in Dingen, die ihn selbst +betrafen. In seinen Büchern und Schreibkalendern pflegte er seine Ahnungen +und Träume kurz aufzuzeichnen.</p> + +<p>Mit einer fast peinlichen Strenge hing Goethes Vater, <i>Johann Caspar</i>, an +allem Gewohnten und Herkömmlichen. Ein ernster Lakonismus gehörte zu den +Grundzügen seines Charakters. Er handelte nach festen, aber durchaus +rechtlichen Principien. Lernbegierig von früher Jugend an, hatte er auf dem +Gymnasium zu Coburg rasche Fortschritte gemacht in seiner +wissenschaftlichen Bildung, dann in Leipzig die Rechte studirt, und zu +Gießen durch Vertheidigung seiner Dissertation: <span class="u">Electa de aditione +hereditatis</span> die juristische Doctorwürde erlangt. Seine Welt- und +Menschenkenntniß hatte er, nach beendigten Studien, auf einer Reise durch +Deutschland und Italien vermehrt, und war dadurch zu dem Besitz einer +Gemälde- und Antikensammlung gekommen, die er sehr werth hielt und sie +Fremden, die ihn besuchten, gern zeigte. In seinem, von öffentlichen +Geschäften befreiten Leben fand er hinlängliche Muße zu Privatstudien, bei +denen ihn seine ansehnliche und ausgewählte Bibliothek unterstützte. Mit +dem Titel eines Kaiserlichen Raths führte er das Leben eines Privatmannes, +das sich mit seinen Vermögensumständen vertrug. Von seinen Kindern, deren +Unterricht ihn neben seinen mannigfachen Studien beschäftigte, waren die +meisten früh gestorben, so daß zuletzt nur der Dichter und dessen Schwester +<i>Cornelia</i> übrig blieb. Er starb am 27sten May 1782 in seiner Vaterstadt +Frankfurt am Main.</p> + +<p>Goethes Mutter, <i>Catharina Elisabeth</i>, eine Tochter des früher erwähnten +Schultheißen <i>Johann Wolfgang Textor</i>, besaß keine gelehrte Bildung im +eigentlichen Sinne dieses Worts. Doch beschäftigte sie sich, wenn sie das +Hauswesen pünktlich und gewissenhaft besorgt hatte, mit dem Lesen irgend +eines guten deutschen oder italienischen Buchs. Ihr Sinn war im Allgemeinen +mehr auf das Praktische gerichtet. Eine eigenthümliche Scheu hatte sie vor +heftigen und gewaltsamen Gemüthseindrücken, die sie in allen Lagen ihres +Lebens möglichst von sich zu entfernen suchte. Nachdrücklich schärfte sie +ihren Dienstboten ein, ihr nichts Schreckhaftes, Verdrießliches oder +Beunruhigendes zu hinterbringen, was in ihrem Hause, in der Stadt oder in +der Nachbarschaft vorgefallen. Sie ging darin so weit, daß sie, als ihr +Sohn, der Dichter, längst von ihr entfernt, zu Weimar 1805 gefährlich +erkrankt war, erst nach seiner Wiedergenesung das Gespräch auf einen +Gegenstand lenkte, der ihrem treuen Mutterherzen nicht gleichgültig seyn +konnte. Eigen war ihr eine reiche Ader von Witz und Humor. Gutmüthig von +Natur deckte sie in Bezug auf ihre Kinder manches mit dem Mantel der Liebe +zu, was ihres Gatten Ernst und Strenge scharf gerügt haben würde. Eine nie +versiegende Quelle heiterer Unterhaltung bot ihr in spätern Lebensjahren +der Umgang mit Bettina Brentano, der Schwester des bekannten Dichters und +der nachherigen Gattin des Schriftstellers Ludwig Achim von Arnim. Als in +höherem Alter ein langes Krankenlager ihre Kräfte erschöpft hatte und ihre +bisherige Fassung und Heiterkeit von ihr gewichen war, machte sie sich oft +bittere Vorwürfe über ihre Ungeduld im Leiden. "Ich habe mich," schrieb +sie, in [sie, in] ihrem eigenthümlichen Frankfurter Dialect, "recht derb +ausgescholten, und zu mir gesagt: Ei, schäme dich, alte Räthin! Hast gute +Tage genug gehabt in der Welt, und den Wolfgang dazu; mußt, wenn die bösen +kommen, nun auch vorlieb nehmen, und kein so übel Gesicht machen. Was soll +das mit dir vorstellen, daß du so ungeduldig und garstig bist, wenn der +liebe Gott dir ein Kreuz auflegt? Willst du denn immer auf Rosen gehen, und +bist über's Ziel, bist über siebenzig Jahre hinaus? Schauen's, so hab' ich +zu mir selbst gesagt, und sogleich ist ein Nachlaß gekommen und ist besser +geworden, weil ich selbst nicht mehr so garstig war." Ihren Gatten +überlebte sie sechs und zwanzig Jahre. Sie starb zu Frankfurt am Main den +13. September 1808.</p> + +<p>Manche ihrer Eigenschaften waren auf Goethe übergegangen. Er war ein +munterer Knabe, aufgeweckt zu allerlei muthwilligen Streichen. Durch seine +Spielkameraden, die Söhne des dem elterlichen Hause gegenüber wohnenden +Schultheißen v. Ochsenstein, ließ er sich einst verleiten, mehrere +Schüsseln und Töpfe, mit denen er gespielt, von einem obern Stockwerk auf +die Straße zu werfen, und freute sich herzlich über das dadurch verursachte +Geräusch. Einen günstigen Einfluß auf seine früh erwachte Wißbegierde, die +ihn zu mancherlei Fragen über die verschiedenartigsten Gegenstände antrieb, +hatte seine Großmutter väterlicher Seite, Cornelia, eine sanfte, +wohlwollende Frau, die ihren Enkel gern belehrte.</p> + +<p>Früh entwickelte sich in dem Knaben der Sinn für die Schönheiten der Natur, +die er besonders in ihren erhabenen Erscheinungen, bei aufsteigenden +Gewittern gern betrachtete. Sein Lieblingsaufenthalt im elterlichen Hause +war ein hochgelegenes Zimmer, von welchem er über die Stadtmauern und Wälle +die schöne und fruchtbare Ebne nach Höchst hin überschauen konnte. Oft +ergötzte ihn dort der Anblick der untergehenden Sonne. Eine ernste +ahnungsvolle Gemüthsstimmung, die ihn, seines lebhaften Temperaments +ungeachtet, oft in seinem Knabenalter ergriff, weckte in ihm das Gefühl der +Einsamkeit. Von der Furcht, die ihn bei eintretendem Abenddunkel in dem +düstern, winkelhaften elterlichen Hause ergriff, suchte ihn sein Vater +frühzeitig zu heilen. Mit umgewandtem Schlafrock, wie eine Spukgestalt, +trat er dem Knaben und seiner Schwester Cornelia entgegen, wenn sie aus +Furcht ihr einsames Schlafzimmer verließen und sich in die Kammern des +Gesindes flüchteten. Ein wirksameres Mittel wandte Goethe's Mutter an, +indem sie ihren Kindern, wenn sie Nachts ihre Furcht überwänden, Obst und +allerlei Näschereien versprach.</p> + +<p>Die Betrachtung von Gemälden und Prospecten, die sein Vater aus Italien +mitgebracht hatte, und ein Puppenspiel, mit welchem seine Großmutter ihn an +einem Weihnachtsabend überraschte, beschäftigten in mehrfacher Weise +Goethe's Einbildungskraft. Der Unterricht, den er bisher im elterlichen +Hause genossen, ward geregelter, als sein Vater ihn in die Stadtschule +schickte. Aus der strengen Zucht des elterlichen Hauses sah er sich in +einen Freiheitskreis versetzt, der mit seinen Neigungen harmonirte. Seine +an Alterthümern und Merkwürdigkeiten reiche Vaterstadt und ihre Umgegend +lernte Goethe auf mancherlei Streifzügen kennen, die er mit einigen +Schulkameraden unternahm. An der Mainbrücke fesselte seine Aufmerksamkeit +das emsige Treiben der Handelswelt mit ihren den Strom auf- und abwärts +segelnden Schiffen. Dann und wann verwandte er auch einige Kreuzer zur +Ueberfahrt nach Sachsenhausen. Von besonderem Interesse war für ihn das +Rathhaus, der sogenannte Römer, mit seinen gewölbten Hallen und besonders +dem zur Wahl und Krönung des Kaisers dienenden Prunkzimmer, das mit den +Brustbildern Karls des Großen, Rudolphs von Habsburg, Karls IV., Günthers +von Schwarzburg und anderen hohen Häuptern geziert war.</p> + +<p>Von der Außenwelt wandte sich Goethe's Blick wieder nach dem elterlichen +Hause zurück, das durch einen bedeutenden Bau erweitert und verschönert +worden war. Seine Wißbegierde lockte ihn bisweilen in seines Vaters +Bibliothek, die außer mehreren juristischen Werken, auch Schriften über +Alterthumskunde, Reisebeschreibungen und einzelne Dichter enthielt. Es +waren jedoch, außer Virgil, Horaz u.a. römischen Classikern, größtenteils +italienische Poeten, wie Tasso, Ariost u. A., von denen der Knabe, bei +seiner Unkenntniß der italienischen Sprache keinen Gebrauch machen konnte. +Einen immer neuen Genuß gewährten ihm die Gemälde und Landschaften von +Trautmann, Schütz, Junker, Seekatz u.a. Frankfurter Künstlern. Diese +Gemälde, früher hie und da in der elterlichen Wohnung an mehreren Orten +zerstreut, waren von Goethe's Vater bei dem Umbau seines Hauses in einem +besondern Zimmer vereinigt worden. Goethe's Sinn für die Kunst ward zuerst +geweckt durch die Betrachtung jener Werke.</p> + +<p>Nur durch anhaltenden Fleiß und Wiederholung des Gelernten war Goethe's +Vater zum Besitz mannigfacher Kenntnisse gelangt. Um so mehr schätzte er +das angeborne Talent seines Sohnes, der durch eine schnelle Auffassungsgabe +und ein treffliches Gedächtniß bald dem von seinem Vater und seinen Lehrern +ihm ertheilten Unterricht entwachsen war. Den grammatischen Regeln, mit +ihren mannigfachen Ausnahmen, vermochte er zwar keinen sonderlichen +Geschmack abzugewinnen. Doch machte er sich mit den Sprachformen und +rhetorischen Wendungen schnell bekannt. Sein heller Kopf zeigte sich +vorzüglich in der raschen Entwicklung von Begriffen. Durch seine +schriftlichen Aufsätze, ihrer Sprachfehler ungeachtet, erwarb er sich im +Allgemeinen seines Vaters Zufriedenheit, und manches kleine Geschenk +belohnte seinen Fleiß. Der Privatunterricht, den er gemeinschaftlich mit +mehreren Knaben seines Alters erhielt, förderte ihn wenig, da die von +seinen Lehrern eingeschlagene Methode nicht geeignet war, ihm ein +besonderes Interesse an wissenschaftlichen Gegenständen einzuflößen. +Ueberdieß beschränkte sich jener Unterricht fast nur auf die Erklärung des +Cornelius Nepos und auf das Neue Testament.</p> + +<p>Durch das Lesen deutscher Dichter bemächtigte sich seiner, wie er in +spätern Jahren gestand, "eine unbeschreibliche Reim- und Versewuth." In dem +Kreise seiner Jugendfreunde fanden seine poetischen Versuche großen +Beifall. Um so mehr fand sich seine jugendliche Eitelkeit gekränkt, als +einer seiner Mitschüler durch höchst mittelmäßige Verse ihm seinen +Dichterruhm streitig zu machen suchte. Darüber entrüstet, stockte seine +poetische Fruchtbarkeit ziemlich lange, bis ihn sein erwachtes Selbstgefühl +und eine von seinen Lehrern mit Beifall aufgenommene Probearbeit über seine +Anlagen und Fähigkeiten beruhigte.</p> + +<p>Reiche Nahrung für seine Wißbegierde fand Goethe in dem <span class="u">Orbus pictus</span>, in +Merians Kupferbibel, in der <span class="u">Acerra philologica</span> und ähnlichen Werken, die +damals die Stelle einer noch nicht vorhandenen Kinderbibliothek vertraten. +Ovids Metamorphosen machten ihn mit der Mythologie bekannt. Seine Phantasie +ward dadurch vielfach angeregt zu allerlei poetischen Entwürfen. Eine +wohlthätige Wirkung auf sein Gemüth verdankte er den moralischen +Schilderungen in Fenelon's Telemach. Unterhaltung und Belehrung schöpfte er +ais Robinson Crusoe und aus der Insel Felsenburg. Aus dem romantischen +Gebiet ward er wieder in die Wirklichkeit zurückgeführt durch die +anziehenden Schilderungen in Anton's Reise um die Welt. Ein Zufall verhalf +ihm in dem Laden eines Antiquars zum Besitz einer Reihe mannigfacher +Schriften. Darunter befanden sich der Eulenspiegel, die vier Haimonskinder, +die schöne Magelone, der Kaiser Octavian, Fortunatus und ähnliche +Volksbücher.</p> + +<p>Dieser anmuthigen Lectüre mußte Goethe, als sie kaum begonnen, wieder +entsagen. Er ward von den Blattern befallen, und brachte unter einem +heftigen Fieber mehrere Tage beinahe blind zu. Die Aeußerung einer seiner +Tanten: "Ach, Wolfgang, wie häßlich bist Du geworden?" kränkte ihn um so +mehr, da die Blattern auf seinem Gesicht durchaus keine Spur zurückgelassen +hatten. Auch von den Masern blieb er nicht verschont, und hatte dadurch +Gelegenheit, sich im Stoicismus zu üben. Einigen Trost gewährte es ihm, daß +er auf seinem Krankenlager an seinem jüngern Bruder Jacob, der in der +Blüthe seiner Jahre starb, einen Leidensgefährten hatte.</p> + +<p>Seines Vaters Strenge nöthigte ihn, durch verdoppelte Unterrichtsstunden +das während der Krankheit Versäumte wieder nachzuholen. Die Wohnung seiner +Großeltern und ein daran stoßender Garten in der Friedberger Straße bot ihm +dann und wann einen Zufluchtsort, sich seinen Lectionen zu entziehen. +Besonders angenehm war ihm auch der Aufenthalt in dem Laden seiner Tante, +Maria Melber, der Gattin eines Gewürzhändlers, die ihn mit allerlei +Naschwerk beschenkte. Ihre Schwester war mit dem Pfarrer und +Consistorialrath Stark verheiratet, in dessen Bibliothek ein anderer +geistiger Genuß sich ihm darbot. In der Büchersammlung jenes gelehrten +Mannes fand Goethe eine prosaische Uebersetzung des Homer. Dieser Dichter +und bald nachher Virgil machten einen tiefen und bleibenden Eindruck auf +das poetisch gestimmte Gemüth des Knaben.</p> + +<p>Weniger befriedigte sein Herz die trockene Moral, die ihm der bisher +ertheilte Religionsunterricht gepredigt hatte. Er ward irre an den +christlichen Dogmen. Entzweit mit seinen religiösen Begriffen, kam ihm der +sonderbare Gedanke, nach dem Beispiel der Separatisten, Herrnhuter und +anderer Secten, mit dem höchsten Wesen, das er aus seinem Walten in der +Natur längst erkannt, sich in eine Art von unmittelbarer Verbindung zu +setzen, und demselben nach alttestamentlicher Weise einen Altar zu +errichten. Dazu benutzte er ein rothlakirtes, mit goldnen Blumen verziertes +Musikpult, auf welchem er mehrere Räucherkerzen anzündete. Das +Andachtsopfer stieg empor, mißlang jedoch bei der Wiederholung durch einen +unglücklichen Zufall so gänzlich, daß die damit verbundene Feuersgefahr ihn +warnte, in solcher Weise wieder dem höchsten Wesen sich zu nähern.</p> + +<p>Aus den friedlichen und ruhigen Zuständen, in denen Goethe seine Kindheit +verlebt hatte, ward er aufgeschreckt durch den Ausbruch des siebenjährigen +Krieges im Jahr 1756. Er war damals acht Jahre alt. Was er von Friedrich II +und seiner Persönlichkeit erzählen gehört, begeisterte ihn. Er schrieb sich +die Kriegslieder ab, durch welche Gleim unter der Maske eines preußischen +Grenadiers die Heldenthaten des großen Königs verherrlichte. Seinen +Lieblingshelden verkleinern zu hören, war ihm ein unerträgliches Gefühl. +Als sich nach einigen Jahren durch die Theilnahme Frankreichs der +Kriegsschauplatz bis in die Nähe Frankfurts zu ziehen drohte, hatte dieß +für Goethe die Folge, daß er weniger, als bisher, das elterliche Haus +verlassen durfte.</p> + +<p>Unter mannichfachen Beschäftigungen griff er wieder nach den Figuren des +Puppenspiels, das er von seiner Großmutter zum Geschenk erhalten hatte. Mit +Hülfe einiger Jugendgespielen ward das frühere Drama, für welches die +Puppen hinreichten, mehrmals vorgestellt. Die Garderobe und die +Decorationen nach und nach zu verändern, war eine Lieblingsbeschäftigung +des Knaben. Sein Versuch, größere Stücke ufzuführen [aufzuführen], +scheiterte jedoch an dem beschränkten Schauplatz. Unter diesen Umständen +leistete ihm ein Bedienter seines Vaters wesentliche Dienste, indem er ihm +Panzer und Rüstungen verfertigen half. Goethe und seine Gespielen ergötzten +sich eine Zeitlang an den gegenseitigen Parteiungen und Gefechten, die +mitunter in ernsthafte Händel ausarteten, bei denen es ohne derbe Schläge +nicht abging.</p> + +<p>Durch einen andern Zeitvertreib, durch das Talent, Mährchen zu erzählen, +die er meist selbst erfunden, empfahl sich Goethe seinen Jugendfreunden. +Eins dieser Mährchen, "der neue Paris" betitelt, hat sich in Goethe's +gesammelten Werken erhalten. Er bediente sich dabei des Kunstgriffs, in +eigner Person zu sprechen, wodurch die von ihm geschilderten +abenteuerlichen Ereignisse den Anschein bekamen, als wären sie ihm selbst +begegnet. Durch die Localitäten, die er in seine Mährchen verwebte, erhöhte +er ihre Wirkung auf seine Zuhörer, die unter lautem Beifall sich beeilten, +den in dem Mährchen "der neue Paris" erwähnten Ort mit den Nußbäumen, der +Tafel und dem Brunnen aufzusuchen, in ihren Berichten über das, was sie +gefunden, jedoch sehr variirten. Erhalten hat sich noch aus jener Zeit +(1757) in einem alten Exercitienheft Goethe's ein von ihm verfaßtes +Gespräch, "Wolfgang und Maximilian" überschrieben. In diesem Dialog, dem +ersten dramatischen Versuch des achtjährigen Knaben trat besonders die +Naivität hervor, womit Goethe, durch seinen Vornamen Wolfgang bezeichnet, +seinem Schulcameraden Maximilian gegenüber, sich als den Soliden und +Wohlerzogenen geschildert hatte.</p> + +<p>Einen tiefen Eindruck auf Goethe's poetisch gestimmtes Gemüth machte um +diese Zeit (1757) Klopstocks Messias. Er mußte dies berühmte Epos heimlich +lesen, denn sein Vater, durch Canitz, Hagedorn, Gellert und andere Dichter +an den Reim gewöhnt, äußerte die entschiedenste Abneigung gegen den +Hexameter, oder, wie er sich ausdrückte, gegen Verse, die eigentlich gar +keine Verse wären. Goethe und seine Schwester Cornelia benutzten jede +Freistunde, um in irgend einem Winkel verborgen, die zartesten und +ergreifendsten Stellen der Messiade sich einzuprägen, nächst Portia's Traum +besonders das verzweiflungsvolle Gespräch zwischen Satan und Adramelech im +zehnten Gesange der Klopstockschen Dichtung. Als jene geistlichen +Verwünschungen, die sie schon oft recitirt, einst ziemlich laut hinter dem +Ofen, wo sie sich verborgen hatten, hervorschollen, ließ der Barbier, der +eben Goethe's Vater rasirte, vor Schreck das Seifenbecken fallen, wodurch +der Alte, über und über beschüttet, doch nicht von seiner Abneigung gegen +die Hexameter, denen er jenes Unheil beimaß, geheilt ward.</p> + +<p>Goethe's Kunstsinn ward geweckt und genährt, als der französische +Königslieutenant Graf Thorane, ein enthusiastischer Freund und Kenner von +Gemälden, bald nach der Besitznahme Frankfurts durch die französischen +Truppen, in Goethe's elterlichem Hause einquartirt ward. Das Mansardzimmer, +welches Goethe bisher bewohnt hatte, war dem Grafen zu einem Atelier +eingeräumt worden, in welchem er mehrere Frankfurter Künstler für sich +arbeiten ließ. Für Goethe, der ihn dort oft besuchte, ging daraus noch der +Vortheil hervor, daß er in der französischen Sprache, die er bisher sehr +vernachlässigt, sich immer mehr vervollkommnete. Mangelhaft blieb jedoch +seine Kenntniß des Französischen, da er sie nicht auf dem Wege eines +grammatikalischen Unterrichts erlangt hatte.</p> + +<p>Dies ward ihm besonders fühlbar, als ein Freibillet ihm den Eintritt in das +französische Theater verschaffte, das damals in Franfurt errichtet worden +war. Da er, besonders im Lustspiel, wo sehr schnell gesprochen ward, nur +wenig von den Reden der Schauspieler verstand, richtete er seine +Aufmerksamkeit vorzugsweise auf die Bewegung der auftretenden Personen und +auf ihre Mimik. Er gelangte dadurch zu einer, wenn auch nur oberflächlichen +Kenntniß des französischen Lust- und Trauerspiels, und ward einigermaßen +vertraut mit den dramatischen Regeln der französischen Bühne. Der +abgemessene Schritt, in dem sich die Tragödie bewegte, der gleichmäßige +Tact der Alexandriner machte auf ihn einen wunderbaren Eindruck. Aus +Racine's Trauerspielen, die er in seines Vaters Bibliothek fand, recitirte +er mehrere auswendig gelernte Stellen nach Art und Weise der französischen +Schauspieler, deren Ton und Accent sich seinem Ohr scharf eingeprägt hatte. +Fast noch mehr als die Tragödie, behagten ihm die damals sehr beliebten +Lustspiele von Destouches, Marivaux, la Chaussée und andern französischen +Dichtern. Auch mehrere Opern und Schäferspiele sagten seinem damaligen +Geschmacke zu, und noch lange nachher erinnerte er sich mit Vergnügen +einzelner Scenen und der darin auftretenden Personen.</p> + +<p>Seinem Wunsch, auch mit der innern Einrichtung des Theaters bekannt zu +werden, kam ein französischer Knabe, Derones mit Namen, zuvor, der ihn auf +die Bühne und in die Garderobe führte. Der Uebermuth und die Prahlerei +seines jungen Freundes ward ihm jedoch bald so lästig, daß zwischen beiden +ein sehr gespanntes Verhältniß eintrat, welches sogar eine Herausforderung +und ein Duell in ächt theatralischer Weise, dann aber wieder eine +aufrichtige Versöhnung zur Folge hatte. Erleichtert ward ihm dadurch sein +häufiger Theaterbesuch, den aber sein Vater sehr lebhaft mißbilligte. Die +Bühne, meinte er, habe durchaus keinen Nutzen. Goethe bot seinen ganzen +Scharfsinn auf, ihn vom Gegentheil zu überzeugen. Lessing's Trauerspiel, +Miß Sara Sampson, der Kaufmann von London und ähnliche Stücke lieferten ihm +die Beweise, wie das Laster im Glück, die Tugend im Unglück durch die +poetische Gerechtigkeit wieder ausgeglichen werde. Dieser Behauptung, gegen +die er nichts einzuwenden vermochte, stellte Goethes Vater den Einwurf +entgegen, daß die in die theatralischen Vorstellungen oft verwebten +Schelmstreiche und Betrügereien auf das unverdorbene Gemüth der Jugend +nicht anders als nachtheilig wirken könnten. Wenn ihn irgend etwas mit der +Bühne versöhnen konnte, so war es die Bemerkung, daß sein Sohn dadurch +seine französischen Sprachkenntnisse vermehrte.</p> + +<p>Diese Kenntnisse benutzte Goethe zum Entwurf eines dramatischen Products, +in welchem meistens allegorische Personen, wie Jupiter, Merkur und andere +Götter mit ihren bekannten Attributen auftraten. Das Stück bestand +größtentheils in Reminiscenzen aus Ovid's Metamorphosen. Seine +Autoreitelkeit fühlte sich jedoch gekränkt, als der unlängst erwähnte +französische Knabe, welchem er sein Product mitgetheilt und ihn um sein +Urtheil gebeten, sich erlaubte, mehrere Stellen, ja ganze Scenen zu +streichen. Für Goethe hatte dies Verfahren den Nutzen, daß er mit der +französischen Dramaturgie, gegen deren Regeln er gefehlt haben sollte, sich +näher bekannt machte. Zu diesem Zweck las er Corneille's Abhandlung über +die Aristotelische dreifache Einheit, und studirte Racine's Werke, die ihm +zum Theil schon bekannt waren, da er einige Jahre früher auf einem +Kindertheater in dem Trauerspiel Brittannicus den Nero gespielt hatte. Bei +seiner immer noch sehr mangelhaften Kenntniß des Französischen förderten +ihn jedoch diese Studien äußerst wenig, und er gab sie wieder auf, als er +nicht ohne Mühe die Vorreden gelesen hatte, in denen Corneille und Racine +sich gegen die Kritiker und das Publikum vertheidigten.</p> + +<p>Entschieden regte sich in dem Knaben der in spätern Jahren wachsende Trieb, +mancherlei Naturgegenstände, deren innere Beschaffenheit sich dem Auge +entzog, näher kennen zu lernen. Er zerpflückte Blumen, um zu sehen, wie die +Blätter in ihren Kelch eingefügt waren. Seine jugendliche Neugier und +Forschungslust beschäftigte sich mit den verschiedenartigsten Gegenständen. +Er bewunderte die geheime Anziehungskraft des Magnet's, und ermüdete nicht, +jene ihm unerklärliche Wirkung an Feilspänen und Nähnadeln zu erproben. Mit +Hülfe eines alten Spinnrades und einiger Arzneigläser versuchte er +fruchtlos den Effect einer Electrisirmaschine hervorzubringen. Weniger aus +eigner Neigung, als aus Gefälligkeit gegen seinen Vater, unterzog er sich +dann und wann der Wartung und Pflege der im elterlichen Garten gehegten +Seidenwürmer.</p> + +<p>Dieser geschäftige Müssiggang behagte ihm mehr, als der Unterricht im +Englischen, zu welchem er von seinem Vater mit Strenge angehalten ward. +Indeß gelangte er durch Fleiß in kurzer Zeit zu einer ziemlichen Fertigkeit +im Englischen. Auch seine übrigen Sprachstudien vernachlässigte er nicht +ganz. Seinem Wunsche, hebräisch zu lernen, um das Alte Testament in der +Ursprache lesen zu können, gab Goethe's Vater seine Zustimmung. Durch den +Magister Albrecht in der genannten Sprache unterrichtet, machte er darin +ziemlich rasche Fortschritte.</p> + +<p>Wichtig und einflußreich wurden Goethe's Bibelstudien besonders dadurch, +daß sie ihn zu einem epischen Gedicht begeisterten. Den Stoff dazu fand er +in der Geschichte Josephs. Ueber die Form jedoch war er lange Zeit mit sich +nicht einig. Nach reiflicher Ueberlegung wählte er die Prosa. Von jenem +Gedicht, das einen ziemlichen Umfang gewann, hat sich nicht einmal ein +Fragment erhalten. Auch manche lyrische Poesien, unter andern mehrere +Gedichte in Anakreons Manier, gingen verloren. Einigen geistlichen Oden und +andern religiösen Dichtungen, unter andern einer "Höllenfahrt Christi", +zollte Goethe's Vater besondern Beifall. Auch durch mehrere Predigtauszüge, +die er Sonntags in einem verborgnen Kirchstuhl entwarf, empfahl Goethe sich +seinem Vater, zog sich jedoch seine lebhafte Mißbilligung zu, als er jene +Arbeit wieder saumseliger betrieb und zuletzt gänzlich unterließ.</p> + +<p>Seinen Sohn zu einem tüchtigen Juristen zu bilden, war ein väterlicher +Lieblingswunsch. Goethe erhielt von seinem Vater ein in catechetischer Form +abgefaßtes Büchlein. Dadurch sollte ihm das Studium des <span class="u">Corpus Juris</span> +erleichtert werden. Er erlangte auch ziemliche Gewandtheit im Aufschlagen +einzelner Stellen, vermochte jedoch, als er später das Struvische +Compendium erhielt, der Rechtswissenschaft keinen sonderlichen Geschmack +abzugewinnen. Damit es ihm nicht an der nöthigen körperlichen Bewegung +fehlen möchte, ließ sein Vater ihn das Fechten, späterhin auch die +Reitkunst lernen. Es war im Herbst 1761, als er auf die Reitbahn geschickt +ward. Seines Lehrers pedantische Methode war jedoch nicht geeignet, ihn für +die Reitkunst besonders zu interessiren.</p> + +<p>Der Dichtkunst war Goethe nicht untreu geworden. Eine für einen +Jugendfreund geschriebene poetische Epistel, die sich leider nicht erhalten +hat, empfahl sich durch ihre innere Wahrheit und Naivität, und hob jeden +Zweifel, der über sein poetisches Talent noch obwalten konnte. Sein Product +in mehreren Händen zu sehen, schmeichelte seiner jugendlichen Eitelkeit. Er +theilte es daher mehreren jungen Leuten mit, die er zufällig kennen gelernt +hatte. Die nähere Berührung, in die er mit ihnen trat, ward um so +entscheidender für ihn, da sich daran ein Liebeshandel mit einem jungen +Mädchen knüpfte, deren Namen er späterhin in seinem "Faust" verewigte. +Seinem Stande nicht angemessen und für seine sittlichen Grundsätze von +keinem wohlthätigen Einflusse war der Kreis, in den er eingetreten war, und +der ihn von seiner geregelten Lebensweise entfernte und zu manchen +Abentheuern und jugendlichen Uebereilungen verlockte. Nach seinen eignen +Aeußerungen in spätern Jahren bestand jener Kreis aus jungen Menschen, +sämmtlich älter als er, die der mittlern und niedern Volksklasse +angehörend, mit oberflächlichen Schulkenntnissen, durch Abschreiben, durch +Besorgung kleiner Geschäfte für die Kaufleute und Mäkler sich einen +nothdürftigen Erwerb sicherten. Ihr zweideutiger Ruf war ihm unbekannt, und +ein Licht darüber ging ihm erst auf, als seine Eltern ihn über den +gewählten Umgang und seinen jugendlichen Leichtsinn die bittersten Vorwürfe +machten. Ein tiefes Gefühl von Scham ergriff ihn, als er erfuhr, daß seine +Genossen zum Verfälschen von Papieren, zur Nachahmung von Handschriften und +andern sträflichen Handlungen ihre Zuflucht genommen hatten.</p> + +<p>Von der trostlosen Stimmung, in die er dadurch versetzt ward, konnte ihn +nur Fleiß und Thätigkeit befreien. Er hatte aber auch noch manches +nachzuholen, um sich zur Universität vorzubereiten, die er bald beziehen +sollte. Ein weites Feld zu mannigfachen Betrachtungen eröffneten ihm seine +fortgesetzten philosophischen Studien, größtenteils nach Brucker's +Compendium. Dieser Beschäftigung ward er wieder untreu, als der eintretende +Frühling ihn in die freie Natur lockte. Mit seinen Freunden besuchte er die +in der Umgegend von Frankfurt gelegenen Vergnügungsorte. Noch mehr aber +behagte ihm, in seiner Gemüthsstimmung die Einsamkeit der Wälder. In dem +dunkeln Schatten alter Eichen und Buchen weilte er am liebsten. +Unwillkührlich regte sich in ihm wieder der schon früh im elterlichen Hause +erwachte Trieb, nach der Natur zu zeichnen. Alles, was er sah, gestaltete +sich ihm zum Bilde. Fühlbar aber ward ihm bald, daß ihm nur die Gabe +verliehen war, die ihm entgegentretenden Gegenstände im Ganzen aufzufassen. +Zum Zeichnen des Einzelnen schien ihn die Natur aber so wenig bestimmt zu +haben, als zum betreibenden Dichter. Demungeachtet setzte er seine Uebungen +mit einer gewissen Hartnäckigkeit fort. Er ermüdete nicht in der +schwierigen Zeichnung eines alten Baumstammes, an dessen gekrümmte Wurzeln +sich blühende Farrenkräuter hingen.</p> + +<p>Mit Goethe's Skizzen, so unvollkommen sie auch seyn mochten, war sein Vater +im Allgemeinen zufrieden, wenn er auch Einzelnes daran tadelte. Gern ließ +er seinen Sohn umherstreifen, weil er von solchen Ausflügen eine neue +Zeichnung erwartete. Zu Fußwanderungen mit einigen Freunden gönnte er ihm +völlige Freiheit. Einen besondern Reiz hatten für Göthe [Goethe] die +Gebirgsgegenden. Er besuchte Homburg, Kroneburg, bestieg den Feldberg und +Königsstein, verweilte einige Tage in Wiesbaden und Schwalbach, und kam bis +an den Rhein. Den jugendlichen Sinn, der sich mehr in der großen Natur, als +in abgeschlossenen Räumen gefiel, konnte Mainz nicht fesseln. Einen +erfreulichen Eindruck auf Goethe machte die anmuthige Lage von Biberich. +Von da kehrte er in seine Vaterstadt zurück, mit einer ziemlich reichen +Ausbeute von landschaftlichen Skizzen und Zeichnungen der verschiedensten +Art, unter denen manche seines Vaters Beifall erhielten, andere jedoch auch +scharf von ihm getadelt wurden.</p> + +<p>Dadurch verstimmt, schloß sich Goethe enger an seine Mutter an, die ihm +mehr Milde und Nachsicht bewies, und selbst noch jugendlich, mit seinen +Gefühlen und Lebensansichten mehr harmonirte, als der ernster gestimmte +Vater. Ein fast noch innigeres Verhältniß bestand zwischen Goethe und +seiner ungefähr ein Jahr jüngern Schwester Cornelia. Gemeinschaftliches +Spiel und Lernen in den Jahren der Kindheit hatte späterhin, als sich +beider physische und geistige Kräfte entwickelten, ein festes Vertrauen und +eine wahrhaft geschwisterliche Liebe erzeugt. Goethe ward von seiner +Schwester zum Vertrauten aller ihrer Empfindungen und +Herzensangelegenheiten gewählt. Ziemlich gut bestand er im Allgemeinen, als +sein Vater seine Kenntnisse in einzelnen Materien der Jurisprudenz prüfte. +Mehrere wissenschaftliche Fächer beschäftigten seinen strebenden Geist, +vorzüglich die Geschichte der ältern Literatur. Durch das fortgesetzte +Studium von Geßners Isagoge und Morhofs Polyhistor, gerieth er fast auf den +Irrweg, selbst ein Vielwisser zu werden. Sein Tag und Nacht fortgesetzter +Fleiß drohte ihn eher zu verwirren, als wahrhaft zu bilden. Bayle's +historisch-kritisches Wörterbuch führte ihn vollends in ein Labyrinth, aus +welchem er sich kaum wieder herauszufinden wußte. Von der großen +Wichtigkeit einer gründlichen Sprachkenntniß hatte er sich längst +überzeugt. Das Hebräische war allmälig in den Hintergrund getreten. Auch +Goethe's Kenntnisse in der griechischen Sprache reichten nicht viel weiter, +als zum Verständniß des Neuen Testaments im Urtexte. Ernstlicher hatte er +sich mit dem Lateinischen beschäftigt. Er war, obschon er keinen +grammatikalischen Unterricht genossen, ziemlich bewandert in den römischen +Classikern.</p> + +<p>Unter diesen Sprachstudien regte sich wieder in ihm der nie ganz +schlummernde Trieb poetischer Nachbildung. Seine Productionskraft, die +Leichtigkeit, womit er die Erzeugnisse seines Geistes niederschrieb, hatte +sich vermehrt. Jugendliche Eitelkeit ließ ihn seine poetischen Producte mit +einer gewissen Vorliebe betrachten. Der Tadel, den sie mitunter erfuhren, +raubte ihm nicht die Ueberzeugung, künftig wohl Geisteserzeugnisse zu +liefern, die sich mit denen eines Gellert, Uz, Hagedorn und andern damals +hochgefeierten Dichtern messen könnten. Aber die poetische Laufbahn, so +viel Lockendes sie auch für ihn hatte, schien ihm doch zu schwankend und +unsicher, um sie zu seinem künftigen Lebensberuf zu wählen. Ein +akademisches Lehramt lag im Bereich seiner Wünsche. Dazu wollte er sich +fähig machen, um zur Bildung Anderer, wie zu seiner eigenen, etwas +beitragen zu können.</p> + +<p>Viel Lockendes hatte für Goethe der Aufenthalt in Göttingen, wo Heyne, +Michaelis und andere berühmte Männer lehrten. Sein Vater bestand jedoch +darauf, daß er seine akademische Laufbahn in Leipzig beginnen sollte. +Wiederholt schärfte er ihm zugleich ein, seine Zeit auf's Zweckmäßigste zu +benutzen. Von seinem Vater ward er hierin so ausführlich belehrt, daß er, +ohnedies verstimmt durch das Aufgeben eines Göttinger Lieblingsplans, +beinahe den Entschluß faßte, in seiner Studien- und Lebensweise seinen +eignen Weg zu verfolgen. Diese Idee schien ihm nicht blos romantisch, +sondern auch ehrenvoll. Er dachte an seinen Landsmann Griesbach, der einen +ähnlichen Weg einschlagen und sich als gelehrter Theolog und Schriftsteller +einen allgemein geachteten Namen erworben hatte.</p> + +<p>Immer näher rückte indeß die Zeit, wo Goethe Frankfurt verlassen sollte. +Begleitet von den Glückwünschen seiner Eltern und Freunde, fuhr er im +October 1765 nach Leipzig. Seine Reisegenossen waren der in Frankfurt +ansässige Buchhändler Fleischer und dessen Gattin, eine Tochter des damals +geschätzten Dichters Triller, die ihren Vater in Wittenberg besuchen +wollte. Die Jahreszeit, in der Goethe seine Reise antrat, war höchst +unfreundlich. Durch den fast ununterbrochenen Regen waren die Wege fast +unfahrbar geworden, und in der Gegend von Auerstadt blieb der Wagen völlig +stecken. Es war die Zeit der Messe, als er in Leipzig ankam. In der +sogenannten Feuerkugel, zwischen der Universitätsstraße und dem Neumarkt, +bezog Goethe zwei nach dem Hofe hinaus gelegene Zimmer, die er während der +Messe gemeinschaftlich mit seinem Reisegefährten, dem Buchhändler +Fleischer, später jedoch allein bewohnte.</p> + +<p>In dem Hause des Professors Böhme, der Geschichte und Staatsrecht lehrte, +fand Goethe, nachdem er seine Empfehlungsbriefe abgegeben, eine freundliche +Aufnahme. Als er jedoch seine Abneigung gegen die Jurisprudenz sich merken +ließ, und mit dem Plan hervortrat, sich den alten Sprachen und schönen +Wissenschaften widmen zu wollen, mißbilligte Böhme, der die Dichter, selbst +den allgemein gefeierten Gellert nicht leiden konnte, dies übereilte +Vorhaben. Dringend empfahl er das Studium der römischen Alterthümer und der +Rechtsgeschichte, und schloß seine Ermahnungen mit der Bitte, den gefaßten +Entschluß reiflich zu überlegen. Seine Ueberredung wirkte. Goethe gab +seinen Plan auf, und entschied sich für die Jurisprudenz. Nach Böhme's Rath +sollte er zuerst Philosophie, Rechtsgeschichte und die Institutionen hören. +Er ließ sich jedoch, ungeachtet der Abneigung Böhme's gegen Gellert, nicht +abhalten, auch dessen Auditorium zu besuchen, besonders die Collegien über +Literaturgeschichte, die jener hochgefeierte Mann nach Stockhausens +bekanntem Compendium las. Nach der Schilderung, welche Goethe in spätern +Jahren von Gellert entwarf, war er von Gestalt nicht groß, schwächlich, +doch nicht hager. Er hatte sanfte, fast traurige Augen, eine sehr schöne +Stirn, eine nicht übertriebene Habichtsnase, einen feinen Mund und ein +gefälliges Oval des Gesichts, was, verbunden mit der Freundlichkeit in +seinem Benehmen, einen angenehmen Eindruck machte.</p> + +<p>Durch die Vorlesungen, die Goethe, wenigstens anfangs, sehr regelmäßig +besuchte, ward er nicht sonderlich gefördert. In den philosophischen +Collegien fand er nicht die gehofften Aufschlüsse über einzelne, ihm dunkle +Materien. Er ward bald nachlässig im Nachschreiben seiner Hefte. Sie wurden +immer unvollständiger, besonders in den philosophischen Collegien, die der +Professor Winkler las. Auch die juristischen Vorlesungen behagten ihm nicht +lange. Was durch ein wissenschaftliches System in enge, schroffe Grenzen, +in dürre Begriffe ohne Leben eingeschlossen worden war, konnte seinem +poetisch gestimmten Gemüth nicht zusagen.</p> + +<p>Zu diesem Zwiespalt mit dem starren Facultätswesen und dem Geiste der +akademischen Vorlesungen gesellten sich noch kleine Unannehmlichkeiten des +Lebens, die ihm, verbunden mit seinen unbefriedigten Erwartungen, den +Aufenthalt in Leipzig verleideten. Er mußte hier und da manchen Spott hören +über seine altmodische Kleidung, die er aus dem elterlichen Hause +mitgebracht hatte. Diese Kleidung mit einer andern zu vertauschen, die den +Anforderungen der Mode mehr entsprach, ward Goethe erst veranlaßt, als er +in einem damals sehr beliebten Lustspiel von Destouches den Herrn von +Masuren in einem ähnlichen Tressenkleide, wie er selbst es trug, auftreten +sah. Auch sein fremder Dialekt ward ein Gegenstand des Spotts. Unmuthig +darüber, blieb er aus geselligen Cirkeln weg, in die er eingeführt worden +war. Die Gattin des Professors Böhme, eine vielseitig gebildete Frau, in +der er eine zweite Mutter fand, machte ihm seine Verstöße gegen die feine +Lebensart bemerklich. Auch auf seinen ästhetischen Geschmack übte sie, wenn +auch nur negativ, einen wohlthätigen Einfluß aus, indem sie dazu beitrug, +ihm Gottsched's und seiner Anhänger Poesie zu verleiden. Ihr scharfes +Urtheil über talentvolle Dichter, unter andern ihren bittern Tadel des von +Weiße geschriebenen Lustspiels: "die Poeten nach der Mode," konnte Goethe, +dem dieß Stück sehr gefiel, ihr nicht verzeihen. Seine eigene +Autoreitelkeit fühlte sich verletzt durch ihre Aeußerungen über einige +seiner lyrischen Gedichte, die er ihr anonym mittheilte.</p> + +<p>Kaum seinen Ohren traute Goethe, als er hörte, wie Gellert in einem seiner +Collegien seine Zuhörer vor der Dichtkunst warnte, und sie zu prosaischen +Ausarbeitungen aufforderte. Demungeachtet wagte Goethe, ihm einige seiner +poetischen Versuche zu zeigen, die er, wie alle übrigen, mit rother Dinte +corrigirte und die zu große Leidenschaftlichkeit in Styl und Darstellung, +mitunter auch einige psychologische Verstöße tadelte. Eine scharfe Rüge, +die seinen Lieblingsdichter Wieland traf, machte ihn so irre an seinem +poetischen Talent, daß er in seinem Unmuth eines Tages alles, was er in +Versen und Prosa geschrieben, den Flammen übergab. Ihn in seinem poetischen +Streben zu fördern war der damalige Zustand der schönen Literatur in +Deutschland nicht sonderlich geeignet. Aus den Dichtern, die Goethe sich +hätte zum Muster nehmen können, aus Gellert, Lessing, Klopstock, Wieland u. +A. blickte eine zu entschiedene Individualität hervor. Vor sclavischer +Nachahmung bewahrte ihn sein besseres Gefühl. Was die Poesie der genannten +Dichter Vortreffliches hatte, glaubte er nicht erreichen zu können; aber er +fürchtete, in ihre Fehler zu verfallen. Er hatte zu sich und seinem Talent +das Vertrauen verloren, und fand es erst wieder in dem Umgange mit mehreren +gebildeten und kenntnisreichen jungen Männern, zu denen unter andern sein +Landsmann und nachheriger Schwager Schlosser gehörte, der damals als +geheimer Secretär des Herzogs Ludwig von Würtemberg diesen Fürsten nach +Leipzig begleitet hatte.</p> + +<p>Durch Schlosser, der als Schriftsteller nicht unrühmlichbekannt war, +erhielt Goethe Zutritt zu manchen gelehrten und einflußreichen Männern. +Auch mit Gottsched, dem damaligen Tonangeber des ästhetischen Geschmacks, +dessen Aussprüche, seinem Antagonisten Breitinger zum Trotz, noch immer als +Orakel galten, ward Goethe auf die erwähnte Weise bekannt. Er fand ihn im +ersten Stockwerk des goldnen Bären, welches ihm von seinem Verleger +Breitkopf, aus Erkenntlichkeit für den großen Absatz seiner Schriften, zur +lebenslänglichen Wohnung eingeräumt worden war. In einem Schlafrock von +grünem Damast, mit rothem Taft gefüttert, trat Gottsched, wie Goethe in +spätern Jahren erzählte, ihm und Schlosser entgegen. In demselben +Augenblicke aber eilte ein Diener herbei, und reichte ihm eine große +Perücke, um sein kahles Haupt zu bedecken. Der Saumselige bekam jedoch eine +tüchtige Ohrfeige, worauf Gottsched mit großer Ruhe und Gleichgültigkeit +die beiden Fremden zum Sitzen nöthigte und sich mit ihnen in ein Gespräch +einließ, das meistens literarische Gegenstände betraf.</p> + +<p>Die beliebtesten englischen Autoren sich zum Muster zu wählen, hielt Goethe +für das wirksamste Mittel, um sich von dem seichten Geschmack Gottsched's +und seiner Schule frei zu erhalten. Aber auch zu einem gründlichen Studium +der bessern deutschen Schriftsteller, die der Literatur eine neue Richtung +gaben, ward Goethe durch den Umgang mit mehreren vielseitig gebildeten +jungen Männern geführt, zu denen, außer einigen gebildeten Livländern, ein +Bruder des Dichters Zachariä, der nachherige Privatgelehrte Pfeil und der +durch seine geographischen und genealogischen Compendien bekannte +Schriftsteller Krebel gehörten. Fleißig las Goethe in Lessings, Gleims, +Hallers, Ramlers u. A. Schriften. Keiner dieser Dichter aber raubte ihm die +Vorliebe für Wieland. Den Eindruck, den das Lehrgedicht "Muserion" damals +auf ihn gemacht, schilderte er in spätern Jahren mit den Worten: "Hier, in +diesem Gedicht war es, wo ich das Antike lebendig und neu vor mir zu sehen +glaubte. Alles, was in Wielands Natur plastisch war, zeigte sich hier aufs +Vollkommenste, und da der zu unglückseliger Nüchternheit verdammte +Phanias-Timon sich zuletzt wieder mit seinem Mädchen und mit der Welt +versöhnte, so mochte ich die menschenfeindliche Epoche wohl mit ihm +durchleben."</p> + +<p>Ein flüchtiges Interesse nahm Goethe an der lange dauernden literärischen +Fehde, welche die Verschiedenheit religiöser Meinungen zwischen den beiden +Leipziger Professoren Ernesti und Crusius hervorrief. Jener ging +bekanntlich in der biblischen Hermeneutik von allgemeinen philologischen +Grundsätzen aus, während Crusius zu einer mystischen Erklärungsweise der +heiligen Schrift sich hinneigte. Lebhafter, als für diese theologische +Polemik, interessirte sich Goethe, neben seiner Beschäftigung mit der +Dichtkunst und den schönen Wissenschaften, für die eifrigen Bemühungen +Jerusalems, Zollikofers, Spaldings und anderer berühmten Theologen, in +Predigten und Abhandlungen der Religion und Moral aufrichtige Verehrer zu +verschaffen. Zurückgeschreckt durch die barocke Schreibart der Juristen, +bildete Goethe nach jenen Mustern, besonders nach Mendelssohn und Garve, +seinen Styl.</p> + +<p>Poetischen Stoff sammelte er auf einsamen Spaziergängen durch das +Rosenthal, nach Gohlis und andern benachbarten Orten. Zu einer Idylle, auf +die er noch in spätern Jahren einigen Werth legte, begeisterte ihn Annette, +die Tochter eines Wirths, bei welchem er mit mehreren Freunden seinen +Mittagstisch hatte. Ueber sein Liebesverhältniß entwarf Goethe in spätern +Lebensjahren eine anziehende Schilderung in den Worten: "Ich war nach +Menschenweise in meinen Namen verliebt, und schrieb ihn, wie junge Leute zu +thun pflegen, überall an. Einst hatte ich ihn auch sehr schön und genau in +die glatte Rinde eines Lindenbaums geschnitten. Den Herbst darauf, als +meine Neigung zu Annetten in ihrer besten Blüthe war, gab ich mir die Mühe, +den ihrigen oben darüber zu schneiden. Indeß hatte ich gegen Ende des +Winters, als ein launischer Liebhaber, manche Gelegenheit vom Zaun +gebrochen, sie zu quälen und ihr Verdruß zu machen. Im Frühjahr besuchte +ich zufällig die Stelle. Der Saft, der mächtig in die Bäume trat, war durch +die Einschnitte, die ihren Namen bezeichneten, und die noch nicht +verharrscht waren, hervorgequollen, und benetzte mit unschuldigen +Pflanzenthränen die schon hart gewordenen Züge des meinigen. Sie hier über +mich weinen zu sehen, der ich oft durch mein Benehmen ihre Thränen +hervorgerufen hatte, versetzte mich in Bestürzung. In Erinnerung meines +Unrechts und ihrer Liebe kamen mir selbst die Thränen in die Augen. Ich +eilte, ihr Alles doppelt und dreifach abzubitten, und verwandelte jenes +Ereigniß in eine Idylle, die ich niemals ohne Rührung lesen oder Andern +mittheilen konnte."</p> + +<p>Aus der poetischen Gattung, zu der jenes Gedicht gehörte, ward Goethe bald +wieder auf die dramatische Dichtkunst hingewiesen durch den tiefen und +bleibenden Eindruck, den Lessings Minna von Barnhelm auf ihn machte. Dieß +ganz eigentlich aus dem Leben gegriffene Lustspiel von ächtem +Nationalgehalt, lenkte seinen Blick zugleich auf die großen Weltereignisse +des siebenjährigen Krieges. Neben dem bedeutenden Stoff bewunderte er +besonders die concise Behandlung. Ein solches Muster zu erreichen, traute +er sich nicht zu. Schon sein beschränkter Umgang mit vielseitig gebildeten +Personen verhinderte ihn daran. In den eignen Busen mußte er greifen, wenn +es ihm darum zu thun war, seinen Gedichten durch Empfindung oder Reflexion +eine feste Basis zu geben. Fühlbar ward ihm wenigstens, daß er, um bei +seinen poetischen Producten zu einer klaren Anschauung der einzelnen +Gegenstände zu gelangen, aus dem Kreise, der ihn umgab und ihm ein +Interesse einflößte, nicht heraustreten durfte. Solchen Ansichten +verdankten mehrere lyrische Gedichte Goethe's, von denen sich jedoch nur +wenige erhalten haben, ihre Entstehung. Goethe gab diesen Gedichten +meistens die Form des Liedes, bisweilen auch ein freieres Versmaß. Es waren +weniger Produkte einer sehr lebhaften Phantasie, als des ruhigen +Verstandes, wofür schon die epigrammatische Wendung in einigen jener +Gedichte zu sprechen schien. Unverändert blieb seinem Geiste die Richtung, +Alles, was ihn erfreute, beunruhigte oder überhaupt in irgend einer Weise +lebhaft beschäftigte, in ein poetisches Gewand zu kleiden. Seine Natur, die +leicht von einem Extrem in's andre geworfen ward, gelangte dadurch zu einer +gewissen Ruhe.</p> + +<p>Aus seinem, durch eigene Schuld, vorzüglich durch grundlose Eifersucht +wieder aufgelösten Lebensverhältniß schöpfte Goethe die Idee zu seinem +ersten dramatischen Werke. 1769 dichtete er sein Schauspiel: "die Laune des +Verliebten", das er jedoch erst nach einer bedeutenden Reihe von Jahren dem +Druck übergab. Seinem Inhalt nach war das Stück dem später gedichteten +Schauspiel: "Erwin und Elmire" ähnlich, so wesentlich es sich von demselben +durch die Form und Behandlungsart unterschied. Erhalten hat sich unter +mehreren literarischen Entwürfen aus jener Zeit nur der Anfang einer in +Alexandrinern verfaßten Uebersetzung von Corneille's Lustspiel: <span class="u">Le +Menteur</span>, unter dem Titel: "der Lügner", und außerdem das Fragment eines in +Briefen zwischen "Arianne und Wetty" geschriebenen Romans. Man findet diese +Bruchstücke in den neuerlich von A. Scholl herausgegebenen Briefen und +Aufsätzen Goethes aus den Jahren 1766-1786. Vollendet ward von Goethe nur +das Lustspiel: "Die Mitschuldigen." Er bedauerte in spätern Jahren, daß er +über der ernsten Richtung in seinen ersten dramatischen Werken manchen +heitern Stoff, den ihn das Studentenleben darbot, unbenutzt gelassen hatte. +Seine Empfindungen legte er in einzelnen Liedern und Epigrammen nieder, die +jedoch, nach seinem eignen Geständnisse in späterer Zeit, zu subjectiv +waren, um außer ihn selbst, noch irgend Jemand zu interessiren.</p> + +<p>Einen frühen Jugendeindruck erneuerte in Goethe Gellerts wiederholte und +dringende Ermahnung an seine Zuhörer, sich dem öffentlichen Gottesdienste +und dem Genuß des heiligen Abendmahls nicht zu entziehen. Etwas Furchtbares +hatte für Goethe von jeher die neutestamentliche Vorstellung gehabt: wer +das Sakrament unwürdig genösse, äße und tränke sich selbst den Tod. Von +mannigfachen Gewissensscrupeln beunruhigt, hatte er sich der +Abendmahlsfeier lange entzogen, und Gellerts Ermahnungen fielen ihm um so +schwerer aufs Herz. Ueber die ernsten Betrachtungen, denen er sich eine +Zeit lang überließ, siegte indeß bald wieder angeborner Humor und +jugendlicher Leichtsinn.</p> + +<p>Einflußreich und belehrend durch seine vielseitigen Sprach- und +Literaturkenntnisse ward für Goethe die Bekanntschaft mit dem Hofmeister +eines jungen Grafen von Lindenau. Er hieß Behrisch, und war, nach Goethes +eigner Schilderung, ungeachtet seines redlichen Charakters und seiner +vielen löblichen Eigenschaften, einer der größten Sonderlinge. Trotz der +Würde seines äußern Benehmens war er immer zu allerlei muthwilligen Possen +aufgelegt. Durch seine sarkastischen Bemerkungen weckte er in Goethe den +Hang zur Satyre. Zur besondern Zielscheibe seines Witzes wählte sich dieser +den Professor Clodius, der die stylistischen Vorlesungen übernommen, welche +Gellert, seiner Kränklichkeit wegen, hatte aufgeben müssen. Durch den Tadel +eines Gedichts, mit welchem Goethe die Hochzeit eines Oheims in Frankfurt +verherrlichen wollte, hatte Clodius seine Autoreitelkeit verletzt. +Gemeinschaftlich mit seinem Freunde Behrisch rächte sich Goethe durch +lauten Spott über die mittelmäßigen Oden, mit denen Clodius mehrmals bei +feierlichen Gelegenheiten hervorgetreten war. Die darin enthaltenen +Kraftsprüche und Sentenzen benutzte Goethe zu einer Parodie. Es war ein an +den damals sehr beliebten Conditor Händel gerichtetes Gedicht, welches zwar +nicht gedruckt, doch bald in mehreren Abschriften verbreitet ward. Die +Wirkung seiner Parodie verstärkte Goethe noch durch einen satyrischen +Prolog, den er bald nachher zu dem von Clodius geschriebenen Lustspiel: +"Medon oder die Rache des Weisen" dichtete. Nach seiner eignen Schilderung +in spätern Jahren hatte Goethe in jenem Prolog Harlekin mit zwei Säcken +auftreten lassen, mit moralisch-ästhetischem Sande gefüllt, den die +Schauspieler den Zuschauern in die Augen streuen sollten. Der eine Sack, +äußerte Harlekin, sei mit Wohlthaten gefüllt, die nichts kosteten, der +andere mit allerlei hochtrabenden Sentenzen, hinter denen nichts stecke. +Darum möchten die Zuschauer ja die Augen zudrücken u.s.w.</p> + +<p>Getrennt von seinem Freunde Behrisch, dem seine vielseitigen Kenntnisse die +Stelle eines Erziehers des Erbprinzen von Dessau verschafft hatten, sank +Goethe wieder aus Mangel an Selbstständigkeit in das vielfach bewegte und +leidenschaftliche Treiben zurück, dem er durch Behrisch kaum entrissen +worden war. Auf einen bessern Weg führte ihn das Studium der Kunst. Bei dem +berühmten Oeser, der als Director der Leipziger Zeichnenakademie in dem +alten Schlosse Pleißenburg wohnte, nahm Goethe Unterricht im Zeichnen. +Durch die Betrachtung vorzüglicher Werke und Oesers geistreiche Bemerkungen +darüber ward sein früh erwachter Kunstsinn wieder vielfach angeregt und +genährt. Reichen Genuß verschafften ihm besonders die werthvollen Gemälde- +und Kupferstichsammlungen mehrerer Leipziger Kunstfreunde. Er vermehrte +dadurch seine Kenntnisse in einem Fache, worin er, nach einer Aeußerung in +spätern Jahren, "einst die größte Zufriedenheit seines Lebens finden +sollte." Von der bloßen Anschauung zum Denken erhob er sich durch das +Studium der Schriften d'Argenville's, Christs, Winkelmanns u.A. Völlig klar +ward ihm jedoch der Unterschied zwischen den bildenden und den Redekünsten +erst durch Lessings Laokoon. Der Triumph des Schönen über das Häßliche +zeigte sich ihm in der Vorstellung der Griechen, die sich den Tod als den +Bruder des Schlafs und diesem bis zum Verwechseln ähnlich dachten.</p> + +<p>Einen reinen Kunstgenuß bot ihm ein kurzer Aufenthalt in Dresden und die +Betrachtung der dortigen Gemäldegallerie. Vielfache Belehrung verdankte er +dem Inspector Riedel. Kurz vor seiner Rückreise nach Leipzig lernte er auch +den Director der Kunstakademie, v. Hagedorn, einen Bruder des Dichters, +persönlich kennen. In Leipzig fühlte Goethe, obgleich er jenen reichen +Kunstgenuß dort entbehren mußte, nach seinem eignen Geständniß, sich ganz +behaglich durch freundschaftlichen Umgang und einen Zuwachs an Kenntnissen. +Beides fand er in dem Hause des Buchhändlers Breitkopf, der auf dem +Neumarkt im silbernen Bären wohnte. Der älteste Sohn jenes Mannes spielte +mit ziemlicher Fertigkeit die Violine, und componirte einige von Goethe's +Gedichten, die ohne Angabe des Druckorts 1768 zu Leipzig in Quart +erschienen. Oft wurden in Breitkopfs Hause, dessen zweiter Sohn ebenfalls +musikalisch war, Concerte veranstaltet. Manchen Genuß und Nutzen schöpfte +Goethe auch aus Breitkopfs auserlesener Bibliothek, welche vorzüglich an +Werken reich war, die sich auf den Ursprung und die Fortschritte der +Buchdruckerkunst bezogen.</p> + +<p>Wichtig ward für Goethe die Bekanntschaft des aus Nürnberg gebürtigen +Kupferstechers Stock, der ein Mansardzimmer im Breitkopfischen Hause +bewohnte. Die Technik der Kupferstecherkunst hatte für Goethe einen so +unwiderstehlichen Reiz, daß er der Begierde nicht widerstehen konnte, sich +selbst in diesem Fache zu versuchen. Zur Zufriedenheit seines Lehrers Stock +radirte er einige Landschaften nach Thiele und andern Künstlern. Erhalten +haben sich aus jener Zeit noch zwei radirte Blätter Goethe's. Beide stellen +Landschaften dar, mit kleinen Cascaden, umschlossen von Felsen und Grotten. +An dem untern Rande beider Landschaften befinden sich die Worte. <span class="u">Peint par +A. Thiele, gravé par Goethe</span>. Das eine Blatt hatte Goethe mit den +nachstehenden Worten seinem Vater gewidmet: <span class="u">Dedié à Monsieur Goethe, +Conseiller actuel de S.M. Imperiale, par son fils très-obeissant</span>. Das +andere Blatt führt die Unterschrift: <span class="u">Dedié à Mr. le Docteur Hermann, +Assesseur de la cour provinciale supréme de justice S. A. Elect. de Saxe et +Sénateur de la ville de Leipsic, par son ami Goethe</span>. Eine genaue und +ausführliche Beschreibung der erwähnten Blätter lieferte ein Aufsatz Karl +Buchner's im Morgenblatt vom Jahr 1828. No. 3-6.</p> + +<p>Den der Gesundheit nachtheiligen Dünsten, die sich beim Aetzen von +Kupferstichen entwickelten, gab Goethe eine gefährliche Brustbeklemmung +schuld, die er sich aber auch wohl durch den zu reichlichen Genuß des +Merseburger Biers und starken Kaffees zugezogen haben mochte. Der +Organismus seiner Natur ward so heftig erschüttert, daß er einst Nachts von +einem heftigen Blutsturz erwachte. Die ärztliche Hülfe des Doctor Reichel +beschleunigte seine Genesung. Er ward wieder heiter gestimmt für den Umgang +mit seinen Freunden, die er durch Kränklichkeit und üble Laune von sich +gescheucht hatte.</p> + +<p>Die Zeit, wo Goethe nach beendigten Studien wieder in das elterliche Haus +zurückkehren sollte, war nahe. Kurz vor seiner Abreise ereignete sich ein +Tumult zwischen den Studenten und Stadtsoldaten. Goethe hatte keinen +Antheil an diesen Händeln. Mit jenem Nachklange akademischer Großthaten +verließ er Leipzig im September 1768. Er hatte dort manche +Freundschaftsverhältnisse angeknüpft. Den Einfluß, den der Aufenthalt in +Leipzig auf seine Bildung gehabt, konnte er nicht verkennen. Gestehen mußte +er sich freilich, daß er den Aussichten und Hoffnungen seiner Eltern nicht +sonderlich entsprochen. Er hatte sich ganz andern Studien gewidmet, als +sein Vater wünschen mochte, der nur mühsam den Unmuth verbarg, seinen Sohn, +der nun promoviren und die ihm vorgeschriebene Bahn durchlaufen sollte, +noch nicht hinlänglich dazu vorbereitet, und überdieß geistig und +körperlich leidend heimkehren zu sehen.</p> + +<p>Goethe aber bereute nicht den selbst gewählten Pfad, und seine Dankbarkeit +vergaß nie den Mann, der ihn zuerst darauf hingeleitet. Den 9. November +1768 schrieb er nach Leipzig an Oeser: "Was bin ich Ihnen nicht alles +schuldig, daß Sie mir den Weg zum Wahren und Schönen gezeigt, daß Sie mein +Herz für den Reiz fühlbar gemacht haben. Ich bin Ihnen mehr schuldig, als +ich Ihnen danken könnte. Der Geschmack, den ich am Schönen habe, meine +Kenntnisse, meine Einsichten, hab' ich die nicht alle durch Sie? Wie gewiß, +wie einleuchtend wahr ist mir der seltsame, fast unbegreifliche Satz +geworden, daß die Werkstatt eines großen Künstlers mehr den keimenden +Philosophen, den keimenden Dichter entwickle, als der Hörsaal des Weisen +und des Kritikers. Lehre thut viel, aber Aufmunterung thut Alles. +Aufmunterung nach dem Tadel ist Sonne nach dem Regen, fruchtbares Gedeihen. +Wenn Sie meiner Liebe zu den Musen nicht aufgeholfen hätten, ich wäre +verzweifelt. Sie wissen, was ich war, als ich zu Ihnen kam, und was ich +war, als ich von Ihnen ging. Der Unterschied ist Ihr Werk."</p> + +<p>Als Göthe [Goethe] diesen Brief schrieb, war er unlängst genesen von einer +gefährlichen Krankheit, die durch gestörte Verdauung und ein dadurch +erzeugtes Asthma die lebhaftesten Besorgnisse seiner Eltern erregte. +Unvergeßlich blieb ihm die liebreiche Pflege seiner Mutter und die +zärtliche Theilnahme seiner Schwester Cornelia. Durch seine Krankheit allen +irdischen Angelegenheiten entfremdet, wandte sich sein Geist dem +Himmlischen zu. Mit der ganzen Wärme und Innigkeit seines Gefühls suchte er +das Unsichtbare zu ergreifen. Wie ihn als Kind vorzugsweise das Alte +Testament angesprochen, so beschäftigte er sich nun, von einem ähnlichen +schwärmerischen Enthusiasmus ergriffen, mit den neutestamentlichen +Schriften.</p> + +<p>In dieser Geistesrichtung begegnete ihm eine seelenkranke Freundin seiner</p> + +<p>Mutter, ein Fräulein von Klettenberg, aus deren Unterhaltungen und Briefen +Goethe später den Stoff hernahm zu den in seinem "Wilhelm Meister" +enthaltenen "Bekenntnissen einer schönen Seele." Sein Verhältniß zu dem +Fräulein von Klettenberg blieb, ungeachtet der schwärmerischen Richtung +ihres Geistes, der dem irdischen Daseyn gänzlich entfremdet, sich nur mit +dem ewigen Heil der Seele beschäftigte, doch nicht ohne Einfluß auf +Goethe's moralische Veredlung. Jedenfalls hätte er indeß seine Zeit besser +verwenden können, als zu dem Lesen von allerlei mystischen Schriften. Durch +Theophrast, Paracelsus u. A. ward er in das Gebiet der Chemie geführt. Mit +Hülfe eines kleinen Laboratoriums machte er, nach Anleitung des +Boerhave'schen Compendiums einige chemische Experimente, die, so +unvollkommen sie auch ausfielen, seine Kenntnisse in mannigfacher Weise +bereicherten. Auch das Zeichnen, Aetzen und Radiren trat wieder in die +Reihe seiner Lieblingsbeschäftigungen. Nach den mannigfachsten Richtungen +schweifte seine Thätigkeit, die erst eine feste Basis gewonnen zu haben +schien, als er sich wieder zu philosophischen Studien wandte.</p> + +<p>Den Weg, den seine Bildung nahm, zeigte ein Brief an die Tochter seines +Freundes Oeser, vom 13. Februar 1769. "Meine gegenwärtige Lebensart," +schrieb Goethe, "ist der Philosophie gewidmet. Eingesperrt, allein, Cirkel, +Papier, Feder und Dinte und zwei Bücher ist mein ganzes Rüstzeug; und auf +diesem einfachen Wege komme ich der Erkenntniß der Wahrheit oft so nah und +weiter, als Andere mit ihrer Bibliothekswissenschaft. Ein großer Gelehrter +ist selten ein großer Philosoph, und wer mit Mühe viel Bücher durchblättert +hat, verachtet das leichte, einfache Buch der Natur, und es ist nichts +wahr, als was einfältig ist. Freilich eine Recommendation für die wahre +Weisheit! Wer den einfältigen Weg geht, der gehe ihn, und schweige still. +Demuth und Bedächtlichkeit sind die nothwendigsten Eigenschaften unserer +Schritte darauf, deren jeder endlich belohnt wird. Ich danke es Ihrem +lieben Vater, er hat meine Seele zuerst zu diesem Wege bereitet. Die Zeit +wird meinen Fleiß segnen, daß er ausführen kann, was angefangen ist. Wenn +man anders denkt, als große Geister, so ist es gewöhnlich ein Zeichen eines +kleinen Geistes. Ich mag nicht gern Eins und das Andere seyn. Ein großer +Geist irrt so gut wie ein kleiner; jener, weil er keine Schranken kennt, +dieser, weil er seinen Horizont für die Welt nimmt. O meine Freundin, das +Licht ist die Wahrheit, von der doch das Licht quillt. Die Nacht ist +Unwahrheit. Und was ist Schönheit? Sie ist nicht Licht und nicht Nacht, +Dämmerung, eine Geburt von Wahrheit und Unwahrheit, ein Mittelding. In +ihrem Reiche liegt ein Scheideweg, so zweideutig, so schielend, ein +Herkules unter den Philosophen könnte sich vergreifen."</p> + +<p>In dankbarer Rückerinnerung an seinen "lieben Oeser" schrieb Goethe den 20. +Februar 1770 an den Buchhändler Reich in Leipzig: "Nach Oeser und +Shakspeare ist Wieland der Einzige, den ich für meinen ächten Lehrer +erkenne. Andere hatten mir gezeigt, daß ich fehlte; diese zeigen mir, wie +ich's besser machen sollte." Der erwähnte Brief enthielt zugleich einige +charakteristische Bemerkungen über Wieland. "Mein Urtheil über den Diogenes +von Sinope," schrieb Goethe, "werden Sie nicht verlangen. Empfinden und +Schweigen ist Alles, was man bei dieser Gelegenheit thun kann, denn so gar +loben soll man einen großen Mann nicht, wenn man nicht so groß ist, wie er. +Aber geärgert hab' ich mich schon auf Wielands Rechnung, und ich glaube mit +Recht. Wieland hat das Unglück, oft nicht verstanden zu werden. Vielleicht +ist manchmal die Schuld sein, doch manchmal ist sie es nicht, und da muß +man sich ärgern, wenn Leute ihre Mißverständnisse dem Publikum für +Erklärungen verkaufen." Seine Verehrung Wielands sprach Goethe am Schlusse +seines Briefes in den Worten aus. "Wenn Sie diesem großen Autor schreiben +oder ihn sprechen, so haben Sie die Güte, ihm einen jungen Menschen bekannt +zu machen, der zwar nicht Mann's genug ist, seine Verdienste zu schätzen, +aber doch ein genug zärtliches Herz hat, sie zu verehren."</p> + +<p>Wie geringen Werth Goethe seinen in Leipzig entstandenen Gedichten beimaß, +bewies er durch den ausgeführten Entschluß, den größten Theil derselben, +bald nach seiner Ankunft in Frankfurt, den Flammen zu opfern. Auch mehrere +unvollendete dramatische Werke traf dies Schicksal. Verschont blieben nur +"die Laune des Verliebten" und "die Mitschuldigen." Das zuletzt genannte +Stück erhielt noch einige Verbesserungen. Diese poetischen Beschäftigungen +wurden unterbrochen durch seine nahe Abreise nach Straßburg. Dort sollte +Goethe nach seines Vaters Wunsch, seine Studien vollenden und sich den +juristischen Doctorhut erwerben. Noch immer gab Goethes Vater die Hoffnung +nicht auf, aus seinem Sohne einen tüchtigen Rechtsgelehrten zu bilden.</p> + +<p>Vom Münster betrachtete Goethe bald nach seiner Ankunft in Straßburg, die +Stadt und die Umgegend. Er pries sein Schicksal, das ihm einen so +anmuthigen Aufenthalt bestimmt hatte. An der Sommerseite des Fischmarktes, +einer langen und sehr belebten Straße, bezog er eine freundliche Wohnung. +Den Mittagstisch hatte er in einer sehr gebildeten Kaufmannsfamilie, an die +er empfohlen worden war. Ein großer Theil der Studirenden in Straßburg +widmete sich der Arzneikunde. Dadurch gewann auch Goethe ein Interesse an +der Medicin. Im zweiten Semester hörte er Chemie bei Spielmann, und +Anatomie bei Lobstein, ohne darüber sein Berufsfach, die Jurisprudenz, zu +vernachlässigen. Mit Hülfe eines Repetenten, den ihm einer seiner Freunde, +der Actuar Salzmann, empfahl, ergänzte Goethe, was ihm noch fehlte, um in +dem juristischen Examen mit Ehren zu bestehen.</p> + +<p>An Zerstreuung und Zerstückelung seiner Studien fehlte es ihm in Straßburg +eben so wenig, wie während seines Aufenthalts in Leipzig. Lockend war für +ihn das fröhliche Leben im Elsaß. Manchen Sommerabend brachte er mit +einigen Freunden in öffentlichen Gärten und andern Lustorten zu. Auch +unternahm er häufig Ausflüge, vorzüglich in die romantischen +Gebirgsgegenden. Seine anmuthige Gestalt, sein offenes Wesen empfahlen ihn +überall, und er gewann Zutritt zu den vornehmsten Cirkeln. Den +Anforderungen des akademischen Lebens entsprach er durch seine Gewandtheit +im Fechten. Aber auch dem Tanz und dem Kartenspiel, das er eigentlich nicht +liebte, huldigte Goethe, um nicht gegen den feinen Gesellschaftston zu +verstoßen.</p> + +<p>Unstreitig das wichtigste Ereigniß während seines Aufenthalts in Straßburg +war die persönliche Bekanntschaft mit Herder, der als Reisebegleiter des +gemüthskranken Prinzen von Holstein-Eutin nach Straßburg kam. Einen lange +gehegten Lieblingswunsch sah Goethe erfüllt, als ihm gegönnt war, sich dem +berühmten Manne zu nähern, der durch seine "Fragmente zur deutschen +Literatur", durch seine "kritischen Wälder" und andere Schriften das +Interesse des gebildeten Publikums entschieden auf sich gelenkt hatte. In +dem Gasthofe, wo Herder eingekehrt, machte ihm Goethe seine Aufwartung. +Herder trug ein schwarzes Kleid und einen seidnen Mantel von gleicher +Farbe. Sein gepudertes Haar war in eine runde Locke aufgesteckt, wodurch er +einem Geistlichen ähnlich sah. Nach der Schilderung, welche Goethe in +spätern Jahren von Herders Persönlichkeit entwarf, war "sein Gesicht rund, +die Stirn bedeutend, die Nase etwas stumpf, der Mund ein wenig aufgeworfen, +aber höchst individuell angenehm und liebenswürdig. Unter schwarzen +Augenbraunen blitzten ein Paar kohlschwarze Augen hervor, die ihre Wirkung +nicht verfehlten, ungeachtet das eine Auge roth und entzündet war, und von +Lobstein operirt werden sollte."</p> + +<p>Durch einen reichen Schatz von Lebenserfahrungen, verbunden mit einer +eigenthümlichen Anziehungskraft, übte Herder, obgleich er nur fünf Jahre +älter war als Goethe, auf diesen einen so unwiderstehlichen Reiz aus, daß +er ihm mit Offenheit eine treuherzige Schilderung seiner +Jugendbeschäftigungen und Liebhabereien entwarf. Herders scharfer Tadel und +seine sarkastischen Bemerkungen vermochten ihn nicht in der Achtung +herabzusetzen, die Goethe für ihn empfand. Er verdankte ihm einen großen +Zuwachs an neuen Ideen und den mannigfachsten Kenntnissen. In einem ganz +andern Lichte erschien ihm das Lieblingsbuch seiner Jugend, die Bibel, +durch die von Herder in seinem Werke: "Vom Geist der hebräischen Poesie" +gesammelten Blüthen morgenländischer Dichtkunst. Ueberall eröffnete ihm +Herder einen freiern Blick in das große Gebiet der Literatur. Besonders +ward Goethe durch ihn mit den vorzüglichsten Erzeugnissen der englischen +Literatur bekannt. Einen noch entschiedeneren Einfluß würde Herder auf +Goethe's Bildung gewonnen haben, wenn er seine unersättliche Wißbegierde +nicht oft zurückgeschreckt hätte durch allerlei sarkastische Bemerkungen, +die besonders Goethe's Selbstgefälligkeit und Eitelkeit trafen. Aus Furcht +vor Herders Tadel verbarg ihm Goethe daher auch sein Interesse an +poetischen Gegenständen, und namentlich die Idee, den biedern und tapfern +Ritter Götz von Berlichingen zu einem dramatischen Helden zu wählen.</p> + +<p>Zu dem Kreise, in welchem sich Goethe damals bewegte, gehörten außer +Herder, noch einige andere, mehr oder minder ausgezeichnete Individuen. Der +unter dem Namen Jung-Stilling bekannte Schriftsteller befand sich damals in +Straßburg. Goethe rühmte in spätern Jahren an ihm seinen Enthusiasmus für +alles Gute, Wahre und Rechte. "Unverwüstlich, äußerte Goethe, war sein +Glaube an Gott und an eine unmittelbar von ihm ausgehende Hülfe. Sein +Glaube duldete keinen Zweifel, und seine Ueberzeugung keinen Spott." Eine +eigenthümliche Treuherzigkeit und ein leichter Humor charakterisirte, nach +Goethe's eignem Geständniß, seinen Freund Franz Lerse. Seine Gewandtheit im +Fechten qualificirte ihn zum Schieds- und Kampfrichter bei allen Händeln, +die in der Studentenwelt sich nicht durch Worte und Erklärungen beseitigen +ließen. Den Namen seines Freundes verewigte Goethe später in seinem "Götz +von Berlichingen." Erst in der letzten Zeit seines Aufenthalts lernte er +den als genialen Sonderling bekannten Dichter Lenz kennen, der später +(1792) in Geisteszerrüttung zu Moskau starb. Die Excentricität Shakspeare's +und den unvergleichlichen Humor des Britten zu empfinden und nachzubilden, +war Niemand geeigneter, als Lenz, wie er durch seine Uebersetzung von +<span class="u">Love's labour's lost</span> und durch die derselben beigefügten Anmerkungen über +das Theater bewies. Wie er, fühlte sich auch Goethe nicht zurückgestoßen +durch die Derbheit in Shakspeare's Werken, vielmehr reichlich entschädigt +durch die darin herrschende Wahrheit und Natur. In ihren geselligen Cirkeln +bediente Goethe mit seinen Freunden sich der von Shakspeare gebrauchten +Worte und Redensarten. Er ward ihr Vorbild im Dichten, wie im Leben.</p> + +<p>Das früh in Goethe erwachte Gefühl für Naturschönheiten lockte ihn in die +anmuthige Umgegend Straßburgs. Mit einigen dortigen Freunden besuchte er +Zabern, Buchsweiler, Lützelstein, Saarbrück und andere Städte und Flecken +im Elsaß. Auf diesen Excursionen lernte er mehrere Familien kennen, bei +denen er eine gastfreie Aufnahme fand. Vorzüglich war dieß der Fall bei dem +Pfarrer Brion in dem etwa sechs Stunden von Straßburg entfernten Dorfe +Sesenheim. Ein besonderes Interesse erhielt diese Bekanntschaft für Goethe +durch ein Liebesverhältnis zur dritten Tochter jenes Geistlichen. Nach +übereinstimmenden Zeugnissen war Friederike Brion ein Mädchen von schönem +Wuchs, blondem Haar und blauen Augen. Was ihr an äußern Reizen abging, +ersetzte sie durch Anmuth in ihrem Wesen und durch das Talent geselliger +Unterhaltung. Sie hatte ihren Geist durch das Lesen der besten +Schrifsteller [Schriftsteller] gebildet, und war musikalisch. Oft +durchwanderte Goethe mit ihr die anmuthige Gegend. Ein Buchenwäldchen war +sein Lieblingsplatz. Gesellige Zerstreuungen, mitunter Pfänderspiele, bei +denen Goethe durch seinen Witz und Humor glänzte, erheiterten den Kreis von +Freunden und Verwandten in des Pfarrers Brion Wohnung zu Sesenheim, wenn +Goethe, nach Straßburg zurückgekehrt, dort wieder erschien. Er verweilte +mitunter mehrere Wochen in Sesenheim. Den Taumel von Zerstreuungen, in +denen er sich befand, schilderten einzelne Stellen in seinen Briefen an den +Actuar Salzmann in Straßburg.</p> + +<p>"Getanzt hab' ich," schrieb er unter andern, "am Pfingstmontage von 2 Uhr +nach Tisch bis zwölf Uhr in der Nacht, in einem fort, außer einigen +Intermezzo's von Essen und Trinken. Wir hatten brave Schnurranten erwischt, +da ging's wie Wetter. Das ganze Ich war in das Tanzen versunken." Er +schadete durch das Uebermaß seiner Gesundheit. Geplagt von einem +hartnäckigen Husten, schrieb er einige Tage später: "Man lebt doch nur +halb, wenn man nicht Athem schöpfen kann. Und doch mag ich nicht in die +Stadt zurück. Die Bewegung und freie Luft hilft wenigstens, was zu helfen +ist." Nicht ohne einen Anflug von Trübsinn schloß er seinen Brief mit den +Worten: "Die Welt ist schön, so schön! Wer's genießen könnte! Ich bin +manchmal ärgerlich darüber, und manchmal halte ich mir erbauliche +Erbauungsstunden über das Heute, über diese Idee, die unserer +Glückseligkeit so unentbehrlich ist, und die mancher Professor der Ethik +nicht faßt, und keiner gut verträgt."</p> + +<p>Sein immer leidenschaftlicher gewordenes Verhältniß zu Friederiken fing an +ihn zu beunruhigen. Goethe fühlte, daß es sich bald, vielleicht für immer +auflösen mußte, da die Zeit seiner Abreise von Straßburg nahe war. Seine +Besuche in Sesenheim wurden Seltener, aber sein Briefwechsel mit +Friederiken dauerte fort. Goethes Zeit war freilich beschränkt. Er mußte an +die Ausarbeitung seiner Dissertation denken, die ihm die juristische +Doctorwürde verschaffen sollte. Das von ihm gewählte Thema war nach seiner +eignen Aeußerung in spätern Jahren: "der Gesetzgeber sei nicht allein +berechtigt, sondern verpflichtet, einen gewissen Cultus festzusetzen, von +welchem weder die Geistlichkeit, noch die Laien sich lossagen dürften." +Unter dem Vorsitz der Straßburger Professoren Koch und Oberlin fand die +Disputation am 6. August 1771 statt. Einige von Goethes akademischen +Freunden waren die Opponenten.</p> + +<p>Mit Thränen nahm Friederike von ihm Abschied, als er ihr vom Pferde herab +nochmals die Hand reichte. Sie hatte ihn wahrhaft geliebt. Sie soll später +mehrere Heirathsanträge mit der Aeußerung zurückgewiesen haben: "wer einmal +Goethe'n geliebt, könne keinen Andern lieben." Ein sonderbarer Zufall +begegnete ihm nach jenem schmerzlichen Abschiede auf seinem Ritt nach +Drusenheim. Seine eigene Gestalt glaubte er zu erblicken, die ihm zu Pferde +entgegenkam, in einem hechtgrauen, mit Gold verbrämten Kleide, wie er es +wirklich nach acht Jahren trug, als er noch einmal in Sesenheim einen +Besuch machte. Friederike sah ihn seitdem nicht wieder. Sie soll jedoch, +nach seinen brieflichen Aeußerungen, schon damals sich mit dem Gedanken +vertraut gemacht haben, auf seinen Besitz zu verzichten.</p> + +<p>Goethe's Empfang im elterlichen Hause übertraf seine Erwartungen. Erfreut, +seinen Sohn durch die erlangte Doctorwürde seinem künftigen Beruf um einen +Schritt näher gerückt zu sehen, ließ Goethe's Vater den Beifall, den er der +Dissertation gezollt, auch auf mehrere Gedichte, Aufsätze und Skizzen +übergehen, die Goethe während seines Aufenthalts in Straßburg entworfen +hatte. Von seinen Leipziger Bekannten fand Goethe in Frankfurt, außer +seinem Landsmann und nachherigen Schwager Schlosser, auch dessen Bruder, +einen tüchtigen Juristen, der nebenher der Poesie huldigte, und die +Hochzeit von Goethe's Schwester Cornelia durch ein zu Frankfurt 1773 in +Folio gedrucktes Gedicht verherrlichte.</p> + +<p>Wichtig und einflußreich ward für Goethe die Bekanntschaft mit Merk, der +damals als Kriegszahlmeister in Darmstadt lebte, und mit mannigfachen +Kenntnissen und einer vielseitigen Bildung, unerschütterliche Redlichkeit +und einen offenen, geraden Charakter verband. Lebhaft interessirte er sich +in mehrfacher Hinsicht für Goethe und dessen Talente, und väterlich warnte +er ihn, seine Thätigkeit nicht nach den verschiedenartigsten Richtungen zu +zersplittern. Er ermunterte ihn, seine Fähigkeiten und Kräfte zu +concentriren, und tadelte ihn, wenn er eine begonnene literarische Arbeit +wieder aufgab, und immer nur Skizzen und Fragmente lieferte. Unter solchen +Aufmunterungen entwarf Goethe die ersten Umrisse zum "Faust" und "Götz von +Berlichingen."</p> + +<p>Durch die Beschäftigung mit dem zuletzt genannten dramatischen Werk war +Goethe in das fünfzehnte und sechszehnte Jahrhundert zurückgeführt worden. +Luthers Leben und Thaten, die in jenem Zeitraum so herrlich hervorglänzten, +näherten ihn wieder der heiligen Schrift und der Betrachtung religiöser +Gefühle und Meinungen. Er übte seinen Scharfsinn an dem Alten und Neuen +Testament in exegetisch kritischen Untersuchungen. Zu einem besondern +Studium machte er das Dogma von der Erbsünde. Ausführlich erörterte er +diese Lehre in einem dem Druck übergebenen Briefe, den er unter der Maske +eines Landgeistlichen an seinen Amtsbruder richtete. Ebenfalls angeblich +von einem Landpfarrer in Schwaben verfaßt, war der von Goethe +herausgegebene "Versuch einer gründlichen Beantwortung einiger bisher +unerörterten biblischen Fragen." Ueber den Inhalt der zuletzt genannten +Schrift legte Goethe selbst in spätern Jahren das offene Bekenntniß ab: +"Ich gerieth damals auf die wunderlichsten Einfälle. Ich glaubte gefunden +zu haben, daß nicht unsere zehn Gebote auf den Tafeln Moses gestanden, daß +die Israeliten keine vierzig Jahre, sondern nur kurze Zeit durch die Wüste +gewandert wären u.s.w. Auch das Neue Testament war vor meinen +Untersuchungen nicht sicher. Ich verschonte es nicht mit meiner +Sonderungslust, und glaubte auch in dieser Region allerlei Entdeckungen zu +machen. Die Gabe der Sprachen am Pfingstfest in Glanz und Klarheit +ertheilt, deutete ich mir auf eine etwas abstruse Weise, nicht geeignet, +sich viele Theilnahme zu verschaffen." Die erwähnten kleinen Schriften, ein +Verlagsartikel des Buchhändlers Eichenberg in Frankfurt am Main, erschienen +1773 ohne Angabe des Druckorts und Verlegers, und wurden in die neuesten +Ausgaben von Goethe's Werken aufgenommen. Aus diesem Ideenkreise ward er +wieder entfernt durch das wachsende Interesse an seinem Ritterschauspiel +"Götz von Berlichingen." Manche historische Studien waren ihm dabei +unerläßlich. Dem Werke von Datt: <span class="u">de pace publica</span> verdankte er manche +Aufklärung der dunkeln Zeitperiode, in der sein Stück spielte. Seine +Stimmung, während er mit seinem dramatischen Werke beschäftigt war, +schilderte er den 28. November 1771 in einem Briefe an seinen Freund, den +Actuar Salzmann in Straßburg. "Sie kennen mich so gut," schrieb er, "und +dennoch wett' ich, Sie errathen nicht, warum ich nicht schreibe. Es ist +eine Leidenschaft, eine ganz unerwartete Leidenschaft; Sie wissen, daß mich +dergleichen in ein Cirkelchen werfen kann, daß ich Sonne, Mond und die +lieben Sterne darüber vergesse. Ich kann nicht ohne das seyn, Sie wissen es +lange, und koste es was es wolle, ich stürze mich drein. Dießmal sind keine +Folgen zu befürchten. Mein ganzer Genius liegt auf einem Unternehmen, +worüber Homer und Shakspeare und Alles vergessen werden. Ich dramatisire +die Geschichte eines der edelsten Deutschen, rette das Andenken eines +braven Mannes, und die viele Arbeit, die mich's kostet, macht mir einen +wahren Zeitvertreib, den ich so nöthig habe. Es ist traurig, an einem Orte +zu leben, wo unsere ganze Wirksamkeit in sich selbst summen muß. Ich ziehe +mit mir selbst auf dem Felde und auf dem Papier herum. Es wäre aber eine +traurige Gesellschaft, wenn ich nicht alle Stärke die ich in mir fühle, auf +ein Object würfe, und das zu packen und zu tragen suchte, so viel mir +möglich, und was nicht geht, das schleppe ich. Ich hoffe Sie nicht wenig zu +vergnügen, wenn ich Ihnen einen edlen Vorfahren, die wir leider nur von +ihren Grabsteinen kennen, im Leben darstelle. Wie oft wünsche ich Sie +hierher, um Ihnen ein Stückchen Arbeit zu lesen und Urtheil und Beifall von +Ihnen zu hören. Hier ist Alles um mich herum todt. Frankfurt bieibt +[bleibt] das Nest, <span class="u">Nidus</span>, wenn Sie wollen, wohl um Vögel auszubrüten, +sonst auch figürlich <span class="u">Spelunca</span>. Gott helfe aus diesem Elend, Amen." In +einem spätern Briefe an Salzmann vom 3. Februar 1772 dankte Goethe dem +Freunde für den Beifall, den er den ihm mitgetheilten Proben des Götz von +Berlichingen zollte, und fügte hinzu. "Das Diarium meiner Umstände ist, wie +Sie wissen, für den geschwindesten Schreiber unmöglich. Inzwischen haben +Sie aus dem Drama gesehen, daß die Intentionen meiner Seele dauernder +werden, und ich hoffe, sie soll sich nach und nach bestimmen. Aussichten +erweitern sich täglich, und Hindernisse räumen sich weg. Ein Tag mag bei +dem andern in die Schule gehen; denn einmal für allemal, die Minorennität +läßt sich doch nicht überspringen."</p> + +<p>So stark auch das Interesse an seinem dramatischen Werke seyn mochte, ließ +sich doch der andere Eindruck auf Goethe's Gefühl dadurch nicht +beschwichtigen. Tief ergriffen hatte ihn ein Brief aus Sesenheim. Er fühlte +Friederikens Schmerz, ohne ihn lindern zu können. Losreißen mußte er sich +von der düstern Stimmung, die sich seiner bemächtigte und seine ganze +Thätigkeit zu lähmen drohte. Er bedurfte der Zerstreuung. Erst in der +freien Natur fühlte er sich wieder wohler. Seine Freunde nannten ihn den +Wanderer, weil er oft mehrere Tage in der Umgegend von Frankfurt +umherstrich, und bisweilen selbst den Weg nach Darmstadt und Homburg +einschlug. Auf diesen einsamen Wanderungen entstanden mehrere seiner +lyrischen Poesieen, unter denen sich nur das Gedicht: "Wanderers +Sturmlied", das er, während er einem furchtbaren Wetter entgegenging, vor +sich hin recitirte, in seinen Werken erhalten hat. Bisweilen beschränkte er +seine Streifzüge blos auf Frankfurt und die Vorstädte dieses Orts. Er kam +dadurch mit den verschiedenen Ständen und Volksklassen in Berührung. In +einem Briefe vom ersten Juni 1773 erzählte Goethe, wie er rüstig Wasser +herbeigeschleppt, um ein Nachts in der Judengasse ausgebrochenes Feuer +löschen zu helfen. "Die wundersamsten, innigsten, mannigfachsten +Empfindungen", schrieb er, "haben mir meine Mühe auf der Stelle belohnt. +Ich habe bei dieser Gelegenheit das gemeine Volk wieder kennen gelernt und +bin überzeugt worden, daß es doch die besten Menschen sind."</p> + +<p>Durch seine scheinbar zerstreute Lebensweise ward Goethe's Thätigkeit nicht +unterbrochen. Wenigstens entging ihm keine der neuern literarischen +Erscheinungen in dem Gebiete der Literatur. Von dem Eindruck, den Herders +"älteste Urkunde des Menschengeschlechts" auf ihn gemacht, konnte er sich +selbst kaum Rechenschaft geben. In einem Briefe an einen Freund des +elterlichen Hauses, an den damals in Algier lebenden dänischen Consul +Schönborn, vom 8. Juni 1773, nannte er Herder's Werk "ein so mystisch +weitstrahlsinniges Ganze, eine in der Fülle verschlungener Aeste lebende +Welt, daß weder eine Zeichnung nach verjüngtem Maßstabe einigen Ausdruck +der Riesengestalt nachäffen, noch eine treue Silhouette einiger Theile +melodisch und mit sympatethischem Klang in der Seele anschlagen könnte. +Herder", fügte er hinzu, "ist in die Tiefen seiner Empfindung +hinabgestiegen, hat darin alle die hohe heilige Kraft der simpeln Natur +aufgewühlt, und führt sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem, hie und da +morgenfreundlich lächelnden orphischem Gesange vom Aufgange herauf über die +neue Welt, nachdem er vorher die Lasterbrut der neuern Geister, Deisten, +Atheisten, Philologen, Textverbesserer, Orientalisten u. s. w. mit Feuer +und Schwert und Fluthsturm ausgetilgt."</p> + +<p>Mit dieser glühenden Begeisterung für Herder contrastirte ein in diesem +Briefe enthaltener heftiger Ausfall gegen Wieland, der durch eine nicht +sonderlich günstige Beurtheilung des Götz von Berlichingen im deutschen +Merkur Goethe's Autoreitelkeit gekränkt hatte und dadurch in seiner frühern +Achtung sehr gesunken war. Klopstock ward Goethe's Lieblingsdichter. Die +Messiade hatte ihn schon in seiner Jugend begeistert. Sorgfältig schrieb er +sich aber auch die einzelnen Oden und Elegien jenes Sängers ab, und freute +sich sehr, als die Landgräfin Caroline von Hessen-Darmstadt die erste +Sammlung von Klopstocks Gedichten veranstaltete. Auch für die von diesem +Schriftsteller damals herausgegebene "Deutsche Gelehrtenrepublik" +interessirte sich Goethe lebhaft. "Dies herrliche Werk", schrieb er, "hat +mir neues Leben in die Seele gegossen. Die einzige Poetik aller Zeiten und +Völker, die einzigen Regeln, die möglich sind! Das heißt Geschichte des +Gefühls, wie es sich nach und nach festigt und läutert, und wie mit ihm +Ausdruck und Sprache sich bilden. Und die biedersten Aldermans-Wahrheiten +von dem, was edel und menschlich ist am Dichter, alles das aus dem tiefsten +Herzen, eigenster Erfahrung, mit einer bezaubernden Simplicität +hingeschrieben. Der unter den Jünglingen, den das Unglück unter die +Recensentenschaar geführt hat, und der nun, wenn er dies Werk liest, nicht +seine Feder wegwirft, alle Kritik und Kritelei verschwört, sich nicht wie +ein Quietist zur Contemplation seiner selbst niedersetzt, aus dem wird +nichts; denn hier fließen die beiden Quellen bildender Empfindung lauter +aus dem Thron der Natur."</p> + +<p>Eine der eigenthümlichsten Erscheinungen in der damaligen literarischen +Welt war Lavater. Es hieß, er werde nach Frankfurt kommen. Diesen +merkwürdigen Mann kennen zu lernen, war für Goethe von hohem Interesse. In +einem Briefe an Schönborn vom 8. Juni 1773 beklagte er Lavater's "Mangel an +selbstständigem Gefühl," und entwarf von ihm eine Art von Charakteristik in +den Worten: "Die beste Seele wird von dem Menschenschicksal so innig +gepeinigt, weil ein kranker Körper und ein schweifender Geist ihm die +collective Kraft entzogen und so der besten Freude des Wohnens in sich +selbst, beraubt hat. Es ist unglaublich, wie schwach er ist, und wie man +ihm, der doch den schönsten, schlichtesten Menschenverstand hat, sogleich +Räthsel und Mysterien spricht, wenn man aus dem in sich und durch sich +lebenden und wirkenden Herzen redet."</p> + +<p>Sein Urtheil über Lavater änderte Goethe, als er ihn bald nachher +persönlich kennen lernte. "Er war", schrieb er den 4. Juli 1773, "vier Tage +bei uns, und ich habe wieder gelernt, daß man über Niemand reden soll, wenn +man ihn noch nicht gesehen hat. Wie ganz anders ward doch Alles! Lavater +sagt so oft, daß er schwach sei, und ich habe noch Niemand gekannt, der +schönere Stärken gehabt hätte, als er. In seinem Element ist er unermüdet +thätig, fertig, entschlossen, und eine Seele voll der herrlichste Liebe und +Unschuld. Ich habe ihn nie für einen Schwärmer gehalten, und er hat noch +weniger Einbildungskraft, als ich mir vorstellte. Aber weil seine +Empfindungen ihm die wahrsten, so sehr verkannten Verhältnisse der Natur in +seine Seele prägen, er daher jede Terminologie wegwirft, aus vollem Herzen +spricht und handelt, und seine Zuhörer in eine fremde Welt zu versetzen +scheint, indem er sie in die ihnen unbekannten Winkel ihres eignen Herzens +führt,—kann er dem Vorwurf eines Phantasten nicht entgehen.—Seine +Physiognomik giebt ein weitläufiges Werk mit vielen Kupfern. Es wird große +Beiträge zur bildenden Kunst enthalten, und dem Historien- und +Portraitmaler unentbehrlich seyn."</p> + +<p>Während Goethe die deutsche Literatur und ihre Vertreter mit scharfem Blick +beobachtete, ruhte nicht seine eigene literarische Thätigkeit. Einige +Auskunft über mehrere schriftstellerische Arbeiten gab er in einem Briefe +an Schönborn vom 1. Juni 1773. "Allerlei Neues," schrieb er, "hab' ich +gemacht. Eine Geschichte des Titels: Die Leiden des jungen Werthers, darin +ich einen jungen Menschen darstelle, der mit einer tiefen reinen Empfindung +und wahrer Penetration begabt, sich in schwärmende Träume verliert, sich +durch Speculation untergräbt, bis er zuletzt durch dazu tretende +Leidenschaften, besonders eine endlose Liebe zerrüttet, sich eine Kugel vor +den Kopf schießt. Dann hab' ich ein Trauerspiel gearbeitet: Clavigo, eine +moderne Anecdote dramatisirt, mit möglichster Simplicität und +Herzenswahrheit. Mein Held ist ein unbestimmter, halb groß, halb kleiner +Mensch, der Pendant zum Weislinger im Götz, vielmehr Weislinger selbst in +der ganzen Rundung einer Hauptperson. Auch finden sich hier Scenen, die ich +im Götz, um das Hauptinteresse nicht zu schwächen, nur andeuten konnte. +Noch einige Pläne zu großen Dramen hab' ich gefunden und in meinem Herzen."</p> + +<p>In diesem Briefe gestand Goethe, daß er "zwar nicht aus Frankfurt gekommen, +doch ein so verworrenes Leben geführt habe, daß es ihm an neuen +Empfindungen und Ideen nie gemangelt." Der Zeitpunkt war indeß nahe, wo er, +nach seines Vaters Wunsch, Frankfurt wieder verlassen, und sich nach +Wetzlar begeben sollte, um sich in dem dortigen Reichskammergericht in der +juridischen Praxis zu üben. Dieser Ortswechsel hatte wenig Lockendes für +ihn. Er fürchtete, daß in Wetzlar, außer dem Civil- und Staatsrecht, ihm +nichts Wissenschaftliches entgegen treten, und daß besonders seine Liebe +zur Poesie dort wenig Nahrung finden möchte. In letzterer Hinsicht sorgte +das Schicksal für ihn, indem es ihm in Wetzlar zur Bekanntschaft Gotter's +verhalf. Die entschiedene Vorliebe dieses Dichters für die französischen +Dramatiker konnte Goethe zwar nicht theilen. Gleichwohl fand zwischen ihm +und Gotter ein lebhafter Ideenaustausch statt. Durch seinen neuen Freund +ward Goethe zu mehreren lyrischen Gedichten angeregt, die zum Theil, wie +unter andern das treffliche Gedicht: "der Wanderer," in dem Göttinger +Musenalmanach aufgenommen wurden. Dadurch kam Goethe in nähere Berührung +mit dem Göttinger Dichterbunde, zu welchem die Grafen Stolberg, Voß, +Bürger, Hölty u.A. gehörten. Die hohe Verehrung, welche die genannten +Dichter Klopstock zollten, konnte Goethe nicht in gleichem Maße theilen. +Seine frühere Begeisterung für den Sänger des Messias hatte eine Grenze +gefunden, seit Klopstock in seinen Oden, statt der griechischen Mythologie, +die Nomenclatur der nordischen Götterlehre eingeführt hatte.</p> + +<p>Unter seinen mannigfachen poetischen Beschäftigungen, besonders einem +eifrigen Studium des Homer, ward Goethe durch täglich wiederkehrende +Gespräche über den Zustand des Visitationsgerichts und über so manche dabei +obwaltende Hindernisse und Mängel auf unangenehme Weise daran erinnert, daß +er sich in Wetzlar befand. Das kleinliche Detail von Nachlässigkeiten, +Versäumnissen, Ungerechtigkeiten, Bestechungen u.s.w. ermüdete ihn. +Zerstreut durch öffentliche Amtsgeschäfte, wollte ihm keine ästhetische +Arbeit gelingen. Erwünscht kam ihm die durch Merk in Darmstadt an ihn +ergangene Aufforderung zu Beiträgen für die Frankfurter gelehrten Anzeigen. +Goethe's Schwager, Schlosser, war der Herausgeber jenes Blattes. Die von +Goethe für die Frankfurter gelehrten Anzeigen gelieferten Recensionen waren +großentheils Nachklänge seiner akademischen Jahre. Ueberall zeigte sich +darin die frisch hervorbrechende Naturkraft des Dichters, die allem +trocknen Theorieenwesen abhold, sich in jeder Weise Luft zu machen suchte. +Heftig bekämpfte er alles Falsche, Schiefe und Unnatürliche in jenen +Recensionen, die kaum eine Spur enthielten von der in spätern Jahren ihm +eignen Ruhe und Besonnenheit.</p> + +<p>Willkommene Zerstreuung fand er auf einer Rheinreise, zu der ihn Merk in +Darmstadt aufgefordert hatte. In Coblenz lernte er Wielands Jugendfreundin +Sophie la Roche, und außer ihr besonders den durch seine anziehende +Unterhaltungsgabe bekannten Schriftsteller Leuchsenring kennen, dessen +Charakter Goethe später mit vielem Humor in seinem Fastnachtsspiel "Pater +Brey" schilderte. Manche Ausflüge unternahm Goethe in die Umgegend, unter +andern nach Ehrenbreitstein.</p> + +<p>Seine schriftstellerische Thätigkeit hatte eine Zeit lang geruht. Erst als +er Wetzlar verlassen und wieder nach Frankfurt zurückgekehrt war, +gestaltete sich der Stoff zum "Götz von Berlichingen", den er lange mit +sich herumgetragen, zu einem eigentlichen Ganzen. Dies Sujet hatte sich vor +seiner Einbildungskraft so weit ausgedehnt, daß es die Grenzen der +dramatischen Form völlig zu überschreiten drohte. Seine Schwester Cornelia +konnte die Vollendung des Werks kaum erwarten. Sie äußerte oft ihre Zweifel +an Goethe's Beharrlichkeit. Wie er in spätern Jahren erzählte, war er mit +seiner Arbeit in sechs Wochen fertig. Weder Merk's, noch Herder's Urtheil, +denen er sein Manuscript mittheilte, befriedigte ihn. Wie er selbst über +sein dramatisches Product dachte, schilderte Goethe in spätern Jahren. Mit +den ersten Acten seines Schauspiels war er im Allgemeinen zufrieden; in den +folgenden aber, besonders gegen das Ende, habe ihn, meinte er, eine +wunderbare Leidenschaft unbewußt hingerissen.</p> + +<p>"Ich hatte," gestand Goethe, "indem ich mich bemühte, Adelheid +liebenswürdig zu schildern, mich selbst in sie verliebt. Unwillkürlich war +meine Feder nur ihr gewidmet. Das Interesse an ihrem Schicksal nahm +überhand, und wie ohnehin gegen das Ende des Stücks Götz außer aller +Thätigkeit gesetzt, nur zu einer unglücklichen Theilnahme am Bauernkriege +zurückkehrte, so war nichts natürlicher, als daß eine reizende Frau ihn bei +mir ausstach. Diesen Mangel, oder vielmehr diesen tadelhaften Ueberfluß +erkannt' ich bald. Ich suchte daher meinem Werke immer mehr historischen +und nationalen Gehalt zu geben, und das, was daran fabelhaft oder blos +leidenschaftlich war, auszulöschen, wobei ich freilich manches aufopferte. +So hatte ich mir z. B. etwas Rechtes zu Gute gethan, indem ich in einer +grausen nächtlichen Zigeunerscene Adelheid auftreten, und ihre schöne +Gegenwart Wunder thun ließ. Eine nähere Prüfung verbannte diese Scene, so +wie auch der im vierten und fünften Act umständlich ausgeführte +Liebeshandel zwischen Franz und seiner gnädigen Frau sich in's Enge zog, +und nur in seinen Hauptmomenten hervorleuchtete."</p> + +<p>Goethe entschloß sich zu einer Umarbeitung seines Schauspiels, die er in +einigen Wochen vollendete. In seinen gesammelten Werken findet man auch den +"Götz von Berlichingen" in seiner ursprünglichen Gestalt und eine spätere +Theaterbearbeitung jenes Schauspiels vom Jahr 1804. Niemand war jedoch +unzufriedener mit dieser Umformung seines Stücks, als Merk. Er drang auf +die Herausgabe des Schauspiels, und erbot sich, als Goethe, wie schon +früher bei den "Mitschuldigen," keinen Verleger finden konnte, die +Druckkosten zu übernehmen, wenn Goethe für die Anschaffung des Papiers +sorgen wollte. So ward der "Götz von Berlichingen" 1773 zu Hamburg gedruckt +und bereits im nächsten Jahre neu aufgelegt in der Vaterstadt des Dichters, +der sich, nach seinem eignen Geständnisse aus späterer Zeit, "bei sehr +erschöpfter Casse in großer Verlegenheit befand, wie er das Papier bezahlen +sollte, auf welchem er die Welt mit seinem Talent bekannt gemacht hatte."</p> + +<p>Der Stoff, den Goethe gewählt, war zu einer weit verbreiteten Wirkung +geeignet. Indem er seinem eignen Freiheitsgefühl Luft machte, hatte er den +deutschen Patriotismus genährt, der durch Klopstocks "Hermannsschlacht" und +die Bardenlieder geweckt worden war. Der Antheil des Publikums an jener +"wilden dramatischen Skizze," wie Goethe sein Schauspiel in spätern Jahren +nannte, war um so größer, je edler und einnehmender die poetische Gestalt +des historischen Götz von ihm gezeichnet worden war, der in einer wilden, +gesetzlosen Zeit kein Bedenken trug, zur Selbsthülfe zu greifen. Unter dem +Lobe, das dem Dichter sowohl der Schilderung der einzelnen Charaktere, als +auch des Styls wegen gespendet ward, traf ihn auch mancher bittere Tadel, +besonders der Vorwurf, das Faustrecht mit zu glänzenden Farben geschildert, +und der gesetzlosen Willkühr dadurch das Wort geredet zu haben. Goethe +schien sich um die über sein dramatisches Product gefällten Urtheile wenig +zu kümmern. Belustigend aber war für ihn die Idee eines Buchhändlers, der +ihn aufforderte, ein Dutzend solcher Stücke zu schreiben, und sie gut zu +honoriren versprach.</p> + +<p>Mit Goethe's mannigfachen poetischen Entwürfen harmonirten nicht die völlig +heterogenen Geschäfte, denen er sich in Wetzlar widmen mußte. Die kalte +Wirklichkeit, die seine Ideale zerstörte, erzeugte in ihm einen tiefen +Unmuth und beinahe völligen Lebensüberdruß, der noch verstärkt ward durch +die leidenschaftliche Neigung zu einem ihm versagten Gegenstande. Durch den +vertrauten Umgang mit Charlotte Buff, der Tochter eines Amtmanns in +Wetzlar, die mit dem dort sich aufhaltenden Bremischen +Gesandschaftssecretär Kestner verlobt war, suchte Goethe die Leere +auszufüllen, die das aufgelöste Verhältniß mit der Pfarrerstochter in +Sesenheim in seinem Herzen zurückgelassen hatte. Oft allein mit dem +Gegenstande seiner Neigung, im Garten und auf einsamen Spaziergängen, +fühlte er das Verderbliche seiner wachsenden Leidenschaft. Das Leben ward +ihm gleichgültig, da seine hochfliegende Phantasie überall an die Schranken +einer bürgerlichen Existenz im gewöhnlichsten Sinne des Worts stieß, die +ihm keinen heitern Blick in die Zukunft gewährte. In seiner unmuthigen +Stimmung kam ihm sogar einige Mal der Gedanke, sich selbst das Leben zu +nehmen. Um so erschütternder wirkte auf ihn der Selbstmord eines seiner +Bekannten. Es war Karl Wilhelm Jerusalem, ein Sohn des bekannten +Braunschweiger Theologen. Gepeinigt von einer unbefriedigten Leidenschaft +zu eben dem Gegenstande, welchem Goethe nicht ohne harten Kampf entsagt, +hatte jener unglückliche junge Mann sein Leben durch eine Kugel geendet.</p> + +<p>Tief ergriffen von der genauen Schilderung jenes tragischen Ereignisses, +unternahm es Goethe, in seinem "Werther" den qualvollen Zustand zu +schildern, den er aus eigner Erfahrung kannte. Was er selbst empfunden, +setzte sein Gemüth in eine leidenschaftliche Bewegung, und so geschah es, +daß er seinem Roman das Feuer und die Gluth einhauchte, die keinen +Unterschied zuläßt zwischen der Dichtung und der Wirklichkeit. Nach +Goethe's eignem Geständniß in späterer Zeit schrieb er, jede äußere Störung +so viel als möglich vermeidend, den "Werther" in vier Wochen, ohne zuvor +einen eigentlichen Plan entworfen oder einzelne Theile seines Romans +ausgeführt zu haben. Er ward beinahe vergöttert wegen seines Werks, fand +aber auf der andern Seite auch zahlreiche Gegner, besonders als das +unglückliche Ende seines schwärmerischen Helden manche zu gleicher That +reizte.</p> + +<p>Dem vielfachen Unheil, daß man jenem Roman mit und ohne Grund beimaß, wäre +zufälliger Weise beinahe vorgebeugt worden, wenn Goethe, verstimmt durch +die Gleichgültigkeit Merk's bei der Mittheilung seines Romans, den +Entschluß ausgeführt hätte, ihn sofort zu verbrennen. Mit dem Buchhändler +Weygand in Leipzig war Goethe über den Verlag seines Romans einig geworden. +Gerade an dem Hochzeitstage seiner Schwester Cornelia kam der Brief +Weygands an, der ihn aufforderte, das Manuscript nach Leipzig zu senden. +Der "Werther" erschien 1774, und bereits im nächsten Jahre eine neue +Ausgabe mit einigen Zusätzen und mit einigen späterhin weggelassenen Versen +auf dem Titelblatte der beiden Theile des Romans.</p> + +<p>Goethe war, als er sein Werk vollendet, wieder heiterer geworden. Er hatte +sich, nach seinem eignen Geständniß in spätern Jahren, "aus einem +stürmischen Element gerettet auf dem er durch eigene und fremde Schuld, +durch zufällige und gewählte Lebensweise, durch Vorsatz und Uebereilung +umhergetrieben worden war."</p> + +<p>In Bezug auf die zahllosen Nachahmungen, Kritiken und Parodien seines Werks +äußerte er sich unmuthig in einem Briefe vom 6. März 1775 mit den Worten: +"Ich bin des Ausgrabens und Secirens meines Werther herzlich satt. Der Eine +schilt, der Andere lobt, der Dritte sagt, es gehe doch noch an, und so +hetzt mich Einer wie der Andere. Nimmt mir's doch," fügte er hinzu, "nichts +von meinem Ganzen, rührt's und rückt mich's doch nicht in meinen Arbeiten, +die immer nur die aufbewahrten Freuden und Leiden meines Lebens sind." An +einer von dem Berliner Buchhändler Friedrich Nicolai herausgegebenen +Schrift, "die Freuden des jungen Werther" betitelt, rächte sich Goethe +durch ein satyrisches Gedicht: "Nicolai an Werthers Grabe" und durch einen +in Prosa geschriebenen Dialog zwischen Lotte und Werther. Beide Producte +blieben ungedruckt.</p> + +<p>Den mannigfachen Fragen, die über das Leben und den Charakter des +unglücklichen Jünglings, den er in seinem Roman geschildert, an ihn +gerichtet wurden, suchte Goethevergebens auszuweichen. Die Neugier des +Publikums befriedigte einigermaßen der unbekannte Verfasser einer damals +(1775) erschienenen Schrift: "Berichtigung der Geschichte des jungen +Werthers." Ungeachtet der ihm lästigen Zudringlichkeit fühlte sich Goethe +doch als Autor geschmeichelt, daß mehrere talentvolle junge Männer seine +Bekanntschaft suchten oder den Umgang mit ihm erneuerten. Am innigsten +schloß sich, als er wieder nach Frankfurt zurückgekehrt war, der Dichter +Lenz an ihn an, den er schon, wie früher erwähnt, in Straßburg kennen +gelernt hatte. Er zeigte ihm mehrere seiner dramatischen Produkte, den +"Hofmeister," den "neuen Mendoza" u.a.m. Auch Wagner, der als Doctor der +Rechte und Advokat in Frankfurt, gleichfalls der Poesie huldigte, kam dem +Verfasser des Götz und Werther mit treuherziger Offenheit entgegen. Er +täuschte jedoch Goethe's Vertrauen, der ihm mehrere seiner dramatischen +Pläne mitgetheilt hatte. Gretchens Katastrophe im Faust benutzte Wagner +unter andern für ein von ihm geschriebenes Trauerspiel, "die +Kindesmörderin" betitelt. Reiner und inniger war das Verhältniß Goethe's zu +seinem Landsmann, dem Dichter Klinger.</p> + +<p>Mit Lavater hatte Goethe schon längere Zeit in Briefwechsel gestanden, und +ihm, außer mehreren literarischen Entwürfen, den "Werther" im Manuscript +mitgetheilt. Den 20. August 1774 schrieb er an Lavater: "Du wirst großen +Antheil nehmen an den Leiden des lieben Jungen, den ich darstelle. Wir +gingen neben einander, an die sechs Jahre, ohne uns zu nähern; und nun hab' +ich seiner Geschichte meine Empfindungen geliehen, und so macht's ein +wunderliches Ganze." In Bezug auf seine Thätigkeit bemerkte er in diesem +Briefe: "Ich bin nicht laß; so lange ich auf der Erde bin, erobere ich +gewiß meinen Schritt Landes täglich." Ueber seine Beschäftigungen ertheilte +er einige Auskunft in einem spätern Schreiben vom 18. October 1774. "Meine +Arbeit," äußerte er, "hat bisher in Portraits im Großen und in kleinen +Liebesliedern bestanden. Ich habe seit drei Tagen mit dem mir möglichsten +Fleiße gearbeitet, und bin noch nicht fertig. Es ist gut, daß man einmal +Alles thue, was man thun kann." Lavaters Vorwürfe über die Zersplitterung +seiner Zeit und Kräfte fertigte Goethe mit den Worten ab: "Was neckst Du +mich wegen meiner Amüsements? Ich wollte, ich hätte eine höhere Bestimmung, +so wollte ich weder meine Handlungen Amüsements nennen, noch mich, statt zu +handeln, amüsiren."</p> + +<p>Eine fortwährende Anregung gab dem Briefwechsel Goethe's mit Lavater, außer +den Artikeln, die jener für dessen Physiognomik lieferte, besonders +Lavaters Lieblingsthema, der Streit zwischen Wissen und Glauben. Ein Brief +Goethe's, vom 24. November 1774, an Lavater und dessen Freund, den Diakonus +Pfenninger in Zürich zugleich gerichtet, enthielt in dieser Hinsicht einige +charakteristische Bemerkungen. Mit Herzlichkeit und in dem vertraulichen +Tone schrieb Goethe: "Glaube mir, lieber Bruder, es wird die Zeit kommen, +da wir uns verstehen werden. Du redest mit mir, wie mit einem Ungläubigen, +der begreifen will, der bewiesen haben will, der nicht erfahren hat; und +von alle dem ist gerade das Gegentheil in meinem Herzen.—Bin ich nicht +resignirter im Begreifen und Beweisen, als ihr? Ich bin vielleicht ein +Thor, daß ich euch nicht den Gefallen thue, mich mit euren Worten +auszudrücken, und daß ich nicht einmal durch eine reine +Experimental-Psychologie meines Innern euch +darlege, daß ich ein Mensch bin, daher nicht +anders sentiren kann, als andere Menschen, und daß Alles, was unter uns +Widerspruch scheint, nur Wortstreit ist, der daraus entsteht, weil ich die +Sachen unter andern Combinationen sentire, und darum, ihre Relativität +ausdrückend, sie anders benennen muß, welches aller Controversen Quelle +ewig war und ewig bleiben wird.—Und daß du mich ewig mit Zeugnissen quälen +willst! Wozu das? Brauch ich Zeugniß, daß ich bin? Zeugniß, daß ich fühle? +Nur so schätze, liebe, bete ich die Zeugnisse an, die mir darlegen, wie +Tausend oder Einer vor mir eben das gefühlt haben, was mich kräftigt und +stärkt. Und so ist das Wort der Menschen mir Wort Gottes, mögen's Pfaffen +oder Huren gesammelt, und es zum Kanon gerollt oder als Fragmente +hingestreut haben. Und mit inniger Seele fall' ich dem Bruder um den Hals— +Moses! Prophet! Evangelist! Apostel! Spinoza oder Macchiavell! Darf aber +auch zu Jedem sagen: Lieber Freund, geht dir's doch wie mir. Im Einzelnen +sentirst Du kräftig und herrlich; das Ganze aber ging in deinen Kopf so +wenig, als in den meinigen."</p> + +<p>Der briefliche Ideenaustausch Goethe's mit Lavater verwandelte sich, als +dieser 1774 wieder nach Frankfurt kam, in mündliche Ueberlieferung. Das +Phantastische in Lavaters Natur verkannte Goethe nicht, aber er fand es, +wie er in einem früher erwähnten Briefe sich ausgedrückt hatte, "mit dem +schönsten, schlichtesten Menschenverstande gepaart." Ihn fesselte damals +jede Natur, mochte sie auch von der seinigen noch so verschieden seyn. Nach +Ems, wohin sich Lavater begab, begleitete ihn Goethe. Kaum wieder nach +Frankfurt zurückgekehrt, traf er dort mit Basedow zusammen, der damals in +der Pädagogik ein helleres Licht angezündet hatte, doch in allerlei +seltsamen religiösen Ansichten befangen war, die er aufs Lebhafteste +vertheidigte. Durch das Cynische in seinem Aeußern und ganzen Wesen fühlte +sich Goethe zurückgestoßen, besonders durch den Geruch des schlechten +Tabaks, den Basedow auf der Reise nach Ems, wohin ihn Goethe begleitete, +fortwährend in die Luft blies. In mehrfacher Weise störte Basedow die +gesellige Unterhaltung in dem Hause der Frau v. Stein zu Nassau. Als Goethe +mit Lavater und Basedow wieder nach Frankfurt zurückkehrte, und, wie er in +einem noch erhaltenen Gedicht sagt: "als das Weltkind zwischen zwei +Propheten saß," benutzte er Basedows entschiedene Abneigung gegen die +Trinitatslehre zu einer lustigen Rache. Er hieß den Kutscher schnell +vorüberfahren bei einem Wirthshause, in welchem Basedow seinen brennenden +Durst stillen wollte. Indem Goethe auf das mit zwei verschränkten Triangeln +versehene Gasthofsschild hinwieß, äußerte er schalkhaft, daß Basedow, der +schon über Einen Triangel außer Fassung gerathe, bei diesem Anblick +geradezu verrückt hätte werden müssen.</p> + +<p>Unbefriedigt und verletzt durch die ungleichartigen Naturen Lavaters und +Basedows, schloß sich Goethe mit größerer Innigkeit den Gebrüdern Jacobi +an, die er in Cöln kennen gelernt hatte. Der Dichter I.G. Jacobi verzieh +ihm den Spott, den er sich über seine mit Gleim gewechselten Briefe und +Gedichte, die damals im Druck erschienen waren, erlaubt hatte. Das offene +Vertrauen, mit welchem ihm besonders F.H. Jacobi entgegenkam, gewann +Goethe's Herz. Aber auch sein Geist fand Befriedigung in mannigfachen +philosophischen Gesprächen, besonders über das System und die Lehre +Spinoza's. Im wechselseitigen Austausch ihrer Ideen fühlten sich die +Freunde sehr glücklich. Jacobi schrieb damals, den 27. August 1774, an +Wieland: "Was Goethe und ich einander seyn sollten, seyn mußten, war, +sobald wir vom Himmel herunter neben einander gefallen waren, sogleich +entschieden. Jeder glaubte von dem Andern mehr zu empfangen, als er ihm +geben konnte; Mangel und Reichthum auf beiden Seiten umarmten einander; so +ward die Liebe unter uns."</p> + +<p>In der Gemäldegallerie zu Düsseldorf, wohin Goethe mit den Gebrüdern Jacobi +gereist war, fand sein Kunstsinn volle Befriedigung. Mit einem seiner +Straßburger Bekannten, mit Jung-Stilling, traf Goethe in Elberfeld +zusammen. Heinse, der Verfasser des Ardinghello, den er dort kennen lernte, +bewunderte, nach einer brieflichen Aeußerung, an dem damals fünf und +zwanzigjährigen Goethe "das Genie, vom Wirbel bis zur Zehe, den Geist mit +Adlersflügeln."</p> + +<p>Nach den verschiedenartigsten Richtungen verlor sich, als er wieder nach +Frankfurt zurückgekehrt war, Goethe's literarische Thätigkeit. Er äußerte +sich darüber in einem damaligen Briefe: "Geschrieben hab' ich allerlei, +gewissermaßen wenig, im Grunde nichts. Wir schöpfen den Schaum von dem +großen Strom der Menschheit mit unsern Kielen, und bilden uns ein, +wenigstens schwimmende Inseln gefangen zu haben." So bezeichnete Goethe +seine mannigfachen literarischen Entwürfe, von denen fast keiner ausgeführt +ward. Längere Zeit beschäftigte ihn die Idee, das Leben Mahomet's +dramatisch zu behandeln. Mehrere Scenen wurden theils skizzirt, theils +vollendet. Erhalten hat sich jedoch von jenem Stück nichts weiter, als das +in Goethe's Werken aufbewahrte Gedicht: "Mahomet's Gesang." Die bekannte +Geschichte von dem ewigen Juden, die sich ihm schon früh durch die +Volksbücher eingeprägt hatte, wollte er zu einem Epos benutzen. Auch die +Fabel vom Prometheus hielt er für eine dramatische Bearbeitung geeigenet, +von der sich jedoch nichts weiter erhalten hat, als das in Goethe's Werken +aufbewahrte Gedicht "Prometheus." Vollendet ward von Goethe um diese Zeit +(1774) nur das Trauerspiel "Clavigo", wozu ihm die von Beaumarchais +geschriebenen Memoiren die nächste Veranlassung gegeben hatten. +Gleichzeitig veröffentlichte Goethe aber auch unter dem Titel einer Farçe +seine dramatische Dichtung: "Götter, Helden und Wieland." In den +Anmerkungen zu seiner Uebersetzung Shakspeare's hatte Wieland den großen +Britten scharf getadelt. Durch diesen Tadel und die zu moderne Behandlung +der griechischen Götter in dem von Wieland geschriebenen Singspiel +"Alceste" gereizt und aufgeregt, schrieb Goethe jenes satyrische Product, +das seinen bisherigen Verhältnissen unvermuthet eine ganz andere und für +sein späteres Leben einflußreiche Wendung gab.</p> + +<p>Durch jene Posse hatte Goethe die Aufmerksamkeit eines jungen Fürsten +erregt, der sich für den Verfasser des Götz und Werther bereits lebhaft +interessirt hatte. Es war der damalige Erbprinz und nachheriger Großherzog +Carl August von Sachsen-Weimar, der begleitet von seinem jüngern Bruder, +dem Prinzen Constantin und dessen Erzieher v. Knebel, auf einer damalichen +Reise Frankfurt berührte. Goethe ward den beiden Fürsten auf deren Wunsch, +vorgestellt und bald nachher, im November 1775, als geheimer Legationsrath +nach Weimar gerufen, wo er im damaligen geheimen Consilium Sitz und Stimme +erhielt. Sein neues Verhältniß schilderte er in einem Briefe an Lavater vom +21. December 1775 mit den Worten: "Ich bin hier in Weimar wie unter den +Meinigen. Der Herzog wird mir immer werther, und ich ihm immer +verbundener." In einem spätern Briefe vom 22. Januar 1778 meldete Goethe +seinem Freunde Merk: "Ich bin nun ganz in alle Hof- und politische Händel +verwickelt. Meine Lage ist vorteilhaft genug, und die Herzogthümer Weimar +und Eisenach sind immer ein Schauplatz, um zu versuchen, wie einem die +Weltrolle zu Gesichte steht."</p> + +<p>Mit vielem Humor charakterisirte Goethe seinen heterogenen Geschäftskreis +in einem Briefe an Merk vom 5. August 1778. "Im Innern", schrieb er, "geht +mir alles nach Wunsch. Das Element, in dem ich schwebe, hat alle +Aehnlichkeit mit dem Wasser; es zieht Jeden an, und doch versagt dem, der +auch nur bis an die Brust hineinspringt, im Anfange der Athem. Muß er nun +gar gleich tauchen, so verschwinden ihm Himmel und Erde. Hält man's dann +eine Weile aus, und kriegt das Gefühl, das einem das Element trägt, und daß +man doch nicht untersinkt, wenn man gleich nur mit der Nase hervor guckt, +nun so findet sich im Menschen auch Glied und Geschick zum Froschwesen, und +man lernt mit wenig Bewegung viel thun."</p> + +<p>Dieser Brief Goethe's enthielt auch eine Schilderung seiner durch ein +bekanntes Gedicht verewigten Harzreise. "Letzten Winter", schrieb er, "hat +mir eine Reise auf den Harz das reinste Vergnügen gegeben. Du weißt, so +sehr ich's hasse, wenn man das Natürliche abentheuerlich machen will, so +wohl ist mir's, wenn das Abenteuerliche natürlich zugeht. Ich machte mich +ganz allein auf, etwa den letzten November, zu Pferde, mit einem +Mantelsack, und ritt durch Schloßen, Frost und Koth aus Nordhausen den Harz +hinein in die Baumannshöhle, über Wernigerode, Goßlar, auf den hohen Harz, +das Detail erzähl' ich dir einmal, und überwand alle Schwierigkeiten, und +stand am 8. December, glaub' ich, Mittags um Eins auf dem Brocken, oben in +der heitersten, brennendsten Sonne, über dem anderthalb Ellen hohen Schnee, +und sah die Gegend von Deutschland unter mir, Alles von Wolken bedeckt, daß +der Förster, den ich mit Mühe persuadirt hatte, mich zu führen, selbst vor +Verwunderung außer sich kam, sich da zu sehen, da er viele Jahre am Fuße +wohnend, das immer für unmöglich gehalten hatte. Da war ich vierzehn Tage +allein, daß kein Mensch wußte, wo ich war. Von dem Gedanken der Einsamkeit +findest du auf dem beiliegenden Blatt fliegende Streifen." Dies Blatt +enthielt das bekannte Gedicht: "Harzreise im Winter." Mehrere Stellen darin +bezogen sich auf den Sohn des Superintendenten Plessing in Wernigerode, +einen talentvollen, doch zum Theil durch das Lesen des "Werther" in eine +unheilbare Schwermuth versunkenen jungen Mann, den Goethe im Gasthofe zu +Wernigerode kennen gelernt hatte.</p> + +<p>Was Goethe selbst in spätern Jahren sich zum Vorwurf machte, daß er durch +sein zerstreutes und vielfach bewegtes Leben die Wirksamkeit seines +poetischen Talents beschränkt und beinahe zerstört habe, rügte schon damals +sein Freund Merk mit den Worten: "Was Teufel fällt dem Wolfgang ein, am +Hofe herumzuschranzen und zu scherwenzeln? Giebt es nichts Besseres für ihn +zu thun?" Die Wahrheit dieser auch von Andern ihm gemachten Vorwürfe fühlte +Goethe. Aber er erkannte und schätzte auch das Wohlwollen und die +Freundschaft seines Fürsten, und bemühte sich dem ihm geschenkten Vertrauen +auf jede Weise zu entsprechen. Mit seinem Beruf, wenn ihm derselbe +vielleicht auch nicht völlig klar war, meinte er es jedenfalls redlich. In +einem seiner damaligen Briefe gestand er: das ihm aufgetragene Tagwerk, das +ihm täglich leichter und schwerer werde, erfordere wachend und träumend +seine Gegenwart.</p> + +<p>"Diese Pflicht", schrieb er, "wird mir täglich theurer, und darin wünschte +ich's den größten Menschen gleich zu thun, und in nichts Größerem. Diese +Begierde, die Pyramide meines Daseyns, deren Basis mir angegeben und +gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles +Andere, und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf nicht säumen, +ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksal +in der Mitte, und der babylonische Thurm bleibt stumpf unvollendet. +Wenigstens soll man sagen, er war kühn entworfen, und wenn ich lebe, +sollen, will's Gott, die Kräfte hinaufreichen."</p> + +<p>Begrenzt ward dieser weit aussehende Lebensplan Goethe's durch das in ihm +erwachte lebhafte Interesse an theatralischen Vorstellungen. Zu Ettersburg +und Tiefurt waren mehrere kleine Stücke und Operetten in den Buchenwäldern +an der Ilm aufgeführt worden. Einsiedel, Seckendorf, Musäus u.A. hatten +jenem Bedürfniß durch dramatische Producte gehuldigt, und Goethe selbst +hatte zu diesem Zweck seine "Fischerin", und die Singspiele "Erwin und +Elmire" und "Claudine von Villa Bella" gedichtet. Später übernahm er die +Leitung eines in Weimar errichteten Liebhabertheaters, bei welchem der Hof +die Kosten der Garderobe, Musik, Beleuchtung u.s.w. bestritt. Eine +Hauptzierde jener Bühne war die talentvolle Carona Schröter, damals +Hofsängerin, welcher Goethe später in seinem Gedicht: "Miedings Tod" ein +unvergängliches Denkmal setzte. Auch Goethe trat in jenem Lieblingstheater +auf, als Alcest in den "Mitschuldigen", später als Orest in seiner +"Iphigenie" auf. Sein Spiel in ernsten Rollen soll zu leidenschaftlich und +ungestüm gewesen seyn. Besser gelang ihm die Darstellung humoristischer +Charaktere, vorzüglich in den von ihm gedichteten Fastnachtsspielen, als +Hamann, als Marktschreier in dem "Jahrmarkt von Plundersweilern" u.a.m. Für +theatralische Zwecke schrieb Goethe, außer seinen größern Werken, noch das +dramatisch vorgestellte Gedicht "Epiphanias."</p> + +<p>Ueber einen kurzen Aufenthalt in Berlin, wohin er 1778 den Herzog von +Weimar begleitete, schrieb Goethe an Merk: "Ich war nur wenige Tage in +Berlin, und guckte nur drein, wie das Kind in den Schön-Raritäten-Kasten. +Aber du weißt, wie ich im Anschauen lebe; es sind mir tausend Lichter +aufgegangen. Und dem alten Fritz bin ich recht nahe worden; da hab' ich +sein Wesen gesehen, sein Gold, Silber, Marmor, Affen, Papageien und +zerrissene Vorhänge, und habe über den großen Menschen seine eignen +Lumpenhunde räsonniren hören. Die Generäle, die ich halbdutzendweise bei +Tisch mir gegenüber gehabt, machen mir den jetzigen König gegenwärtiger. +Mit Menschen hab' ich sonst gar nichts zu verkehren gehabt, und habe in +preußischen Staaten kein laut Wort hervorgebracht, daß sie nicht könnten +drucken lassen, dafür ich gelegentlich als stolz u.s.w. ausgeschrieen +worden bin."</p> + +<p>Einen weitern Ausflug unternahm Goethe 1779 nach der Schweiz. Er machte +diese Reise in Gesellschaft seines von ihm hochverehrten Fürsten, der ihn +kurz zuvor zum Geheimen Rath ernannt hatte. Die glückliche Heimkehr +wünschte Goethe durch ein Denkmal zu verewigen, das er dem Herzog im +Weimarischen Park errichten lassen wollte. Sehr ausführlich äußerte er sich +in einem im November 1779 geschriebenen Briefe an Lavater über diese Idee, +bei der er auf die Mitwirkung des rühmlich bekannten Malers Füßli in Zürich +rechnete. "Mein erster Gedanke," schrieb Goethe, "war so. Ich wollte dem +Monument eine viereckige Form geben. Von drei Seiten sollte jede eine +einzelne bedeutende Figur, und die vierte eine Inschrift haben. Zuförderst +sollte das gute heilsame Glück stehen, durch das die Schlachten gewonnen +und die Schiffe regiert werden, günstigen Wind im Nacken, die launische +Freundin und Belohnerin kecker Unternehmungen mit Steuerruder und Kranz. Im +Felde zur Rechten hatte ich mir den Genius, den Antreiber, Wegmacher, +Wegweiser, Fackelträger muthigen Schrittes gedacht. In dem Felde zur Linken +sollte Terminus, der ruhige Grenzbeschreiber, der bedächtige, mäßige +Rathgeber stillstehend mit dem Schlangenstabe einen Grenzstein bezeichnen, +jener lebend rührig vordringend, dieser ruhig, sanft in sich gekehrt, zwei +Söhne, eine Mutter—der ältere jener, der jüngere dieser. Das hintere Feld +hatte die Inschrift: <span class="u">Fortunae Duci Reduci Natisque Genio Et Termino Ex +Voto.</span> Du siehst, was ich für Ideen damit zusammenbinden wollte. Sowohl auf +dieser Reise als im ganzen Lande, als im ganzen Leben, sind wir diesen +Gottheiten sehr zu Schuldnern geworden. Das erste Mal, wo wir nach einer +langen, nicht immer fröhlichen Zeit, in die freie Welt kommen, zusammen den +ersten bedeutenden Schritt wagen, gleich mit dem schönsten Hauche des +Glücks fortgetrieben zu werden, in der spätern Jahreszeit, Alles mit +günstiger Sonne und Gestirnen. Den ganzen Weg, den wir machen, begleitet +von einem guten Geiste, der überall die Fackel vorträgt, hierhin ladet, +dorthin treibt, daß, wenn ich zurück sehe, wir zu so manchem, das unsere +Reise ganz macht, nicht durch unsere Wege und Wollen geleitet worden sind, +und dann am Ende, daß wir auch durch den schönen Glückssohn bedeutet +wurden, wo wir aufhören, wo wir einen Grenzbogen beschreiben und wieder +zurückkehren sollten, was wieder einen unglaublichen Einfluß auf unsere +Zurückgelassenen hat und haben wird. Das alles zusammen giebt mir die +Empfindung, die ich nicht schöner zu ehren weiß, als womit alle Zeiten +durch die Menschen Gott verehrt haben." Das in diesem Briefe ausführlich +beschriebene Denkmal, das aus einem "lichtgrauen Stein" bestehen sollte, +"der an den Marmor grenze," kam nicht zu Stande. Die Ausführung dieser +Idee mochte ihre Schwierigkeiten haben. Ob der Maler Füßli die von ihm +gewünschte Zeichnung wirklich lieferte, ist zweifelhaft. So viel ist gewiß, +daß sie im Frühjahr 1780 noch nicht vorhanden war.</p> + +<p>Mit Lavater, der sich darüber in einem seiner Briefe bitter beklagte, hatte +Goethe in der Schweiz genußreiche Tage verlebt. Er freute sich sehr, ihn +wieder zu sehen, und seine Gedanken mit ihm austauschen zu können, so wenig +beide auch, besonders in ihren Ansichten über religiöse Gegenstände, mit +einander übereinstimmten. "Nicht allein vergnüglich", schrieb Goethe den +28. October 1779, "sondern gesegnet uns beiden, soll unsere Zusammenkunft +seyn. Für ein Paar Leute, die Gott auf so verschiedene Art dienen, sind wir +vielleicht die einzigen, und ich denke, wir wollen mehr zusammen überlegen +und ausmachen, als ein ganzes Concilium mit seinen Pfaffen, Huren und +Mauleseln. Eins aber werden wir doch wohl thun, daß wir einander unsere +Particular-Religionen ungehudelt lassen. Du bist gut darin, aber ich bin +manchmal hart und unhold. Da bitt' ich dich im Voraus um Geduld. So hat mir +z. B. Tobler deine Offenbarung Johannis gegeben. An der ist mir nun nichts, +als deine Handschrift, darum hab' ich sie auch zu lesen angefangen. Es +hilft nichts, ich kann das Göttliche nirgends, und das Poetische nur hie +und da finden. Das Ganze ist mir fatal; mir ist's, als röche ich überall +einen Menschen durch, der gar keinen Geruch von dem gehabt, der da ist A. +und O.—Ich bin ein sehr irdischer Mensch; mir ist das Gleichniß vom +ungerechten Haushalter, vom verlornen Sohn, vom Säemann, von der Perle u. +s. w. göttlicher—wenn je was Göttliches da seyn soll—als die sieben +Botschafter, Leuchter, Hörner, Siegel, Sterne und Wehe. Ich denke auch aus +der Wahrheit zu seyn, aber aus der Wahrheit der fünf Sinne, und Gott habe +Geduld mit mir, wie bisher.—Gegen deine Messiade hab' ich nichts; sie +liest sich gut, wenn man einmal das Buch mag, und was in der Apokalypse +enthalten ist, drückt sich durch deinen Mund rein und gut in die Seele. Das +willst du da; wozu denn aber die ewigen Trümpfe, mit denen man nicht +sticht, und kein Spiel gewinnt, weil sie kein Mensch gelten läßt? Du +siehst, ich bin noch immer der Alte, und falle dir wieder von eben der +Seite, wie vormals, zur Last. Ich war schon in Versuchung, das Blatt zu +zerreißen; doch da wir uns sehen werden, so mag es gehen."</p> + +<p>Die in diesem Briefe enthaltenen Aeußerungen zeigten, wie Goethe den +nüchternen gesunden Menschenverstand den schwärmerischen Ansichten Lavaters +gegenüber geltend machte. Im mündlichen Austausch ihrer Ideen, im +traulichen Gespräch hatten sie sich wenigstens so weit genähert, als ihre +individuelle Denk- und Empfindungsweise erlaubte. Selbst das mißbilligende +Urtheil über manche Schriften Lavaters nahm Goethe zurück. "Deine +Offenbarung Johannis," schrieb er den 2. November 1779, "hat mir viel +Vergnügen gemacht. Ich habe sie recht und vieles davon mehr als einmal +gelesen. Da ich hörte, du habest darüber von Amtswegen gepredigt, gab es +mir ein ganz neues Interesse, denn ich konnte nun mehr begreifen, wie du +dich mit diesem Buche so lange beschäftigt, es ganz in dich hinüber +empfunden hast, und es in einem so fremden <span class="u">vehiculo</span> ohne fremden, +vielleicht eigentlich heterogenen Zusatz wieder aus dir herausquellen +lassen konntest; denn nach meiner Empfindung macht deine Ausmalung keinen +andern Eindruck, als die Originalskizze macht, wenigstens einer Seele aus +diesem Jahrhundert, wo man die Ideen, die du hineinlegst, selbst von +Kindheit an hineinzulegen pflegt. Die Arbeit selbst ist dir glücklich von +statten gegangen; einige treffliche Züge der Auslegung und Empfindung sind +darin. Ausgemalt sind viele Stellen ganz trefflich, besonders alle, die der +innern Empfindung von Zärtlichkeit und Kraft, wie z. B. die Verheißung des +ewigen Lebens, das Weiden der Schafe unter Palmen u. s. w. In einigen +Gestalten und Gleichnissen hast du dich auch gut gehalten; nur schwinden +deine Ungeheuer für mich zu schnell in allegorischen Dampf. Doch ist auch +dieß, wenn ich's recht bedenke, das klügste Theil, das du ergreifen +kannst." Der Brief schließt mit den herzlichen Worten: "Laß uns ja einander +bleiben, einander mehr werden. Neue Freunde und Lieben mag ich nicht. +Leider fühl' ich meine dreißig Jahre und Weltwesen. Schon einige Ferne von +dem werdenden, sich entfaltenden, ich erkenn' es noch mit Vergnügen, mein +Geist ist ihm nah, aber mein Herz ist fremd. Große Gedanken, die dem +Jüngling ganz fremd, füllen jetzt meine Seele."</p> + +<p>In einem Briefe an Merk, vom 7. April 1780, meldete Goethe seine Genesung +von einer langwierigen Krankheit, die ihn bald nach der Rückkehr aus der +Schweiz befallen. "Schon in Frankfurt," schrieb er, "und als wir in der +Kälte an den Höfen herumzogen, war mir's nicht just. Die Bewegung der Reise +ließ es nicht zum Ausbruch kommen. Doch hatte ich eine böse +Zusammengezogenheit, eine Kälte, und Untheilnehmung, die Jedermann auffiel +und gar nicht natürlich war. Jetzt geht Alles wieder ganz gut."</p> + +<p>Dieser Brief Goethe's enthielt zugleich flüchtige Andeutungen über manche +literärische Entwürfe, die jedoch größtentheils unausgeführt blieben. "Der +wichtigste Theil meiner Schweizerreise," schrieb er, "ist aus einzelnen, im +Moment geschriebenen Blättchen und Briefchen durch eine lebhafte Erinnerung +componirt. Wieland declarirte es für ein Poema. Ich habe aber noch weit +mehr damit vor, und wenn es mir glückt, so will ich mit diesem Garn viele +Vögel fangen. Zur Geschichte Herzog Bernhards von Weimar hab' ich viele +Documente und Collectaneen zusammengebracht, kann sie schon ziemlich +erzählen, und will, wenn ich erst den Scheiterhaufen gedruckter und +ungedruckter Nachrichten, Urkunden und Anecdoten recht zierlich +zusammengelegt, ausgeschmückt, und eine Menge schönen Räucherwerks und +Wohlgeruchs darauf herumgestreut habe, ihn einmal bei schöner trockner +Nachtzeit anzünden, und auch dieses Kunst- und Lustfeuer zum Vergnügen des +Publici brennen lassen."</p> + +<p>Auch in einem spätern Briefe an Lavater, vom 5. Juni 1780, nahm Goethe die +Idee einer Biographie des Herzogs Bernhard wieder auf. "Ich scharre", +schrieb er, "nach meiner Art, Vorrath zu einer Lebensbeschreibung dieses +als Helden und Herrscher wirklich sehr merkwürdigen Mannes, der in seiner +kurzen Laufbahn ein Liebling der Menschen gewesen ist, allmählich zusammen, +und erwarte die Zeit, wo mir's vielleicht glücken wird, ein Feuerwerk +daraus zu machen. Seine Jahre fallen in den dreißigjährigen Krieg. Sein und +seiner Brüder Familiengemälde interessirt mich noch am meisten, da ich +ihren Urenkeln, in denen so manche Züge leibhaftig wiederkommen, so nahe +bin. Uebrigens versuche ich allerlei Beschwörungen und <span class="u">Hocus pocus</span>, um +die Gestalten gleichzeitiger Helden und Lumpen in Nachahmung der Hexe zu +Endor wenigstens bis an den Gürtel aus dem Grabe steigen zu lassen, und +allenfalls irgend einen König, der an Zeichen und Wunder glaubt, in's +Bockshorn zu jagen."</p> + +<p>Ueber jene Idee, die er wieder aufgab, äußerte sich Goethe in späteren +Jahren mit den Worten: "Manche Zeit und Mühe ward auf den Vorsatz, das +Leben Herzog Bernhards zu schreiben, vergebens aufgewendet. Nach vielfachem +Sammeln und mehrmaligem Schematisiren ward zuletzt nur allzu klar, daß die +Ereignisse des Helden kein Bild machten. In der jammervollen Ilias des +dreißigjährigen Krieges spielte er eine würdige Rolle, ließ sich aber von +jener Gesellschaft nicht absondern. Einen Ausweg glaubte ich jedoch +gefunden zu haben. Ich wollte das Leben schreiben wie einen ersten Band, +der den zweiten nothwendig machte. Ueberall sollten Verzahnungen stehen +bleiben, damit Jedermann bedauerte, daß ein frühzeitiger Tod den Baumeister +verhindert habe, sein Werk zu vollenden. Für mich war diese Bemühung nicht +unfruchtbar; denn wie das Studium zu Götz von Berlichingen mir tiefere +Einsicht in das funfzehnte und sechszehnte Jahrhundert gewährte, so mußte +mir diesmal die Verworfenheit des siebzehnten sich mehr entwickeln, als +sonst vielleicht geschehen wäre."</p> + +<p>Auch durch anderweitige Beschäftigungen mochte Goethe jener historischen +Arbeit entzogen worden seyn. Noch immer betrieb er mit lebhaftem Interesse +die seit frühester Jugend ihm liebgewordenen Kunststudien. Seine Briefe an +Merk und Lavater enthielten mannigfache Aeußerungen über den Entwurf und +die Ausführung werthvoller Landschaften, Blätter und Skizzen, die er theils +besaß, theils zu erhalten wünschte, um seine Sammlung zu vervollständigen. +Ueber Albrecht Dürer schrieb er den 6. März 1780 an Lavater: "Ich verehre +täglich mehr die mit Gold und Silber nicht zu bezahlende Arbeit des Mannes, +der, wenn man ihn recht im Innersten erkennen lernt, an Wahrheit, +Erhabenheit, und selbst Grazie nur die ersten Italiener zu seines Gleichen +hat. Dieses wollen wir laut sagen." In diesem Briefe erwähnte er den Besitz +einer Sammlung von "geistigen Handrissen, besonders in Landschaften", die +er zu vermehren wünschte. Er schrieb darüber an Lavater: "Passe doch auf, +dir geht so vieles durch die Hände. Wenn du so ein Blatt findest, worauf +die erste, schnellste, unmittelbarste Aeußerung des Künstlergeistes +gedruckt ist, so lasse es dir nicht entwischen, wenn du's um leidliches +Geld haben kannst. Mir macht's ein besonderes Vergnügen."</p> + +<p>Genährt ward Goethe's Kunstinteresse durch einen vierzehntägigen Aufenthalt +Oeser's in Ettersburg. Nichts konnte ihm erfreulicher seyn, als das +Wiedersehen seines alten Leipziger Freundes und Lehrers, dem er, nach +seinem eignen Geständniß in früher mitgetheilten Briefen, einen großen +Theil seiner Bildung verdankte. Oeser war vielfach beschäftigt mit der +Einrichtung und Anordnung des Liebhabertheaters in Ettersburg, auf welchem +das von Goethe nach Aristophanes bearbeitete Lustspiel: "die Vögel" +vorgestellt werden sollte. Goethe schrieb über Oeser: "Der Alte hatte den +ganzen Tag etwas zu kramen, anzugeben, zu verändern, zu zeichnen, zu +deuten, zu besprechen, zu lehren u.s.w., daß keine Minute leer war. Seitdem +er fort ist, gehts freilich ein wenig stiller und einfacher zu."</p> + +<p>Durch Oeser's Abreise wich Goethe's Neigung zur Kunst allmählich dem in +späteren Jahren wachsenden Interesse an mannigfachen Naturgegenständen. +Seinem Freunde Merk hatte er in einem Briefe vom 3. Juli 1780 die Nachricht +mitgetheilt, daß der Bildhauer Klauer Oeser's Kopf "allerliebst bossirt", +und daß derselbe in Gyps gegossen und in grauen Stein gehauen werden solle. +"<span class="u">A propops</span>", fügte er hinzu, "von Steinen hab' ich jetzt etwas sehr +Angenehmes und Unterhaltendes angefangen. Durch einen jungen Menschen, den +wir zum Bergwesen herbeiziehen, lasse ich eine mineralogische Beschreibung +von Weimar, Eisenach und Jena machen. Er bringt alle Steinarten mit seiner +Beschreibung überein, und numerirt mit, woraus ein sehr einfaches aber für +uns interessantes Cabinet entsteht. Wir finden auch mancherlei, was gut und +nützlich, ich will aber nicht sagen, einträglich ist." Seinen Brief schloß +Goethe mit der an Merk gerichteten Bitte: "Du thust mir einen großen +Gefallen, wenn du mir gelegentlich ein Stück von den Graniten schicktest, +die nicht weit von euch im Gebirge liegen, wo große abgesägte Stücke davon +glauben machen, daß die Römer ihre Obelisken daher geholt haben. Wenn du +einmal Gelegenheit findest zu erforschen, was der Felsberg auf seiner +höchsten Höhe für Steine hat, wird es mir auch sehr angenehm seyn."</p> + +<p>Während Goethe das Gebiet der Wissenschaft und Kunst nach den +mannigfachsten Richtungen durchstreifte, schien seine poetische Thätigkeit +zu schlummern. Geweckt ward sie wieder durch die Erscheinung von Wielands +Oberon. Er schrieb darüber an Merk den 7. April 1780: "Du wirst den Oberon +gelesen und dich daran erfreut haben. Ich habe Wielandn' dafür einen +Lorbeerkranz geschickt, der ihn sehr erfreut hat." Nach einem spätern +Briefe an Lavater vom 3. Juli 1780 war Goethe überzeugt: "so lange Poesie +Poesie, Gold Gold und Crystall Crystall bleibe, werde auch Wieland's Oberon +als ein Meisterstück poetischer Kunst geliebt und bewundert werden."</p> + +<p>Von dem genannten Epos begeistert, warnte er in einem Briefe vom 24. Juni +1780 vor der seichten und anmaßenden Kritik, die auch das Trefflichste +nicht verschone. "Bei Gelegenheit von Wieland's Oberon", schrieb er an +Lavater, "brauchst du das Wort Talent, als wenn es der Gegensatz von Genie +wäre, wo nicht ganz, doch wenigstens etwas Subordinirtes. Wir sollten aber +bedenken, daß das eigentliche Talent nichts weiter seyn kann, als die +Sprache des Genies. Ich will nicht chikaniren, denn ich weiß wohl, was du +im Durchschnitt damit sagen willst, und ich zupfe dich nur beim Aermel. Wir +sind oft gar zu freigebig mit allgemeinen Worten, und schneiden, wenn wir +ein Buch gelesen haben, das uns von Seite zu Seite Freude gemacht, und +aller Ehren werth vorgekommen ist, endlich gern mit der Scheere so gerade +durch, wie durch einen weißen Bogen Papier. Wenn ich ein solches Werk auch +blos als ein Schnitzbildchen ansehe, so wird es doch der feinsten Scheere +unmöglich, alle kleinen Formenzüge und Linien, worin der Werth liegt, +herauszusondern. Es ist nachher noch eins, was man nicht so leicht an einem +solchen Werke schätzt, weil es so selten ist: daß nämlich der Autor nichts +hat machen wollen und gemacht hat, als was eben da steht. Für das Gefühl, +die Kunst und Freiheit, vieles wegzulassen, gebührt ihm freilich der größte +Dank, den ihm aber auch nur der Künstler und Mitgenosse giebt."</p> + +<p>Damit beruhigte sich Goethe bei dem einseitigen Urtheil, das von mehreren +Seiten seinen "Triumph der Empfindsamkeit" traf, eine harmlose Satyre auf +das damalige Weimarische Theaterpersonal, mit Anspielungen auf mancherlei +Vorfälle und Tagesereignisse. Manchen Tadel mußte er auch vernehmen über +die vorherrschende Sentimentalität in dem von ihm geschriebenen Schauspiel +"Lila", in dem Drama "die Geschwister," und in andern seiner damaligen +Producte. In eine dramatische Form kleidete Goethe auch mehrere theils +ernste, theils scherzhafte Gedichte, zu denen er durch Festlichkeiten des +Weimarischen Hofes veranlaßt ward.</p> + +<p>Eine höhere poetische Idee lag seiner "Iphigenie" zum Grunde. Der erste +Entwurf dieses Schauspiels und seines erst mehrere Jahre später vollendeten +Romans: "Wilhelm Meisters Lehrjahre" fällt in diese Periode von Goethe's +Leben. Das Urtheil seiner Freunde, denen er mehrere von seinen damaligen +Producten handschriftlich mittheilte, war ihm nicht gleichgültig. Den 24. +Juli 1780 schrieb er an Lavater: "Daß du Freude gehabt hast an meiner +Iphigenie, ist mir ein außerordentliches Geschenk. Da wir mit unsern +Existenzen so nahe stehen, und mit unsern Gedanken und Imaginationen so +weit auseinander gehen wie zwei Schützen, die mit dem Rücken aneinander +lehnend, nach ganz verschiedenen Zielen schießen, so erlaube ich mir +niemals den Wunsch, daß meine Sachen dir etwas werden könnten. Ich freue +mich deswegen recht herzlich, daß ich auch mit diesem Product wieder an's +Herz gekommen bin."</p> + +<p>In solcher Stimmung verschmerzte Goethe den Verdruß und Unmuth, den ihm ein +gewinnsüchtiger Buchhändler, Himburg in Berlin, bereitet hatte, als er ohne +Goethe's Mitwissen eine Sammlung seiner bisherigen Schriften in zwei +Octavbänden veranstaltete. Goethe erhielt von ihm einen Brief, in welchem +er dem Publikum einen großen Dienst erwiesen zu haben meinte, und sich +erbot, dem Dichter als einen Beweis seiner Erkenntlichkeit einiges Berliner +Porcellan zu schicken. Empört über die Anmaßung des unberufenen Verlegers +seiner Schriften, ließ Goethe das an ihn gerichtete Schreiben +unbeantwortet, und rächte sich im Stillen durch einige satyrische Verse.</p> + +<p>Wissenschaftliche Forschungen der verschiedensten Art behielten für ihn ein +lebhaftes Interesse. Immer neuen Genuß schöpfte er aus der Betrachtung der +Natur, auch der anorganischen, auf seinen öftern Reisen in die Umgegend, +besonders nach Franken, als Begleiter des Herzogs von Weimar. In Bezug auf +seine mineralogischen Studien bemerkte Goethe in einem Briefe an Merk vom +11. October 1780: "Ich habe mich diesen Wissenschaften mit völliger +Leidenschaft ergeben, und habe eine sehr große Freude daran. Dabei schränke +ich mich aber nicht, wie die neuesten Chursachsen, philisterhaft darauf +ein, ob jener Berg dem Herzog von Weimar gehört oder nicht. Wie ein Hirsch, +der ohne Rücksicht des Territoriums sich äset, so denk' ich, muß der +Mineralog auch seyn. Und so hab' ich vom Gipfel des Inselbergs, des +höchsten vom Thüringerwalde, bis in's Würzburgische, Fuldaische, Hessische, +Chursächsische, bis über die Saale hinüber, und wieder so weiter bis +Saalfeld und Coburg herum, meine schnellen Ausflüge getrieben; habe die +meisten Stein- und Gebirgsarten von allen diesen Gegenden beisammen, und +finde in meiner Art zu sehen, das bischen Metallische, das den mühseligen +Menschen in die Tiefen hineinlockt, immer das Geringste. Durch dieses alles +zusammen und durch die Kramereien meiner Vorgänger bin ich im Stande, einen +kleinen Aufsatz zu liefern, der gewiß interessant seyn soll. Ich habe jetzt +die allgemeinsten Ideen und gewiß einen reinen Begriff, wie alles auf +einander steht und liegt, ohne Prätension auszuführen, wie es auf einander +gekommen ist. Da ich einmal nichts aus Büchern lernen kann, so fang' ich +erst jetzt an, nachdem ich die meilenlangen Blätter unserer Gegenden +umgeschlagen habe, auch die Erfahrungen Anderer zu studiren und zu nutzen. +Dies Feld ist, wie ich jetzt erst sehe, kurze Zeit her mit großem Fleiße +bebaut worden, und ich bin überzeugt, daß bei so viel Versuchen und +Hülfsmitteln ein einziger großer Mensch, der mit den Füßen oder dem Geist +die Welt umlaufen könnte, diesen seltsam zusammengebauten Ball ein- für +allemal erkennen und beschreiben könnte, was vielleicht schon Büffon im +höchsten Sinne gethan hat, weßhalb auch Franzosen und Deutschfranzosen +sagen, er habe einen Roman geschrieben, welches sehr wohl gesagt ist, weil +das ehrsame Publikum alles Außerordentliche nur durch den Roman kennt."</p> + +<p>Durch diese Studien und andere Lieblingsneigungen ward Goethe nicht der +Amtsthätigkeit entzogen, die seine Stellung als Geheimer Rath mit Sitz und +Stimme in mehreren Collegien von ihm forderte. Die Huld seines Fürsten +hatte ihn von manchen lästigen Geschäften befreit. Auch ward ihm, nach +einem früher mitgetheilten Geständnisse, "sein Tagewerk leicht." Gleichwohl +beklagte er sich in einem im Februar 1781 an Lavater geschriebenen Briefe, +daß er fast zu viel auf sich lade. Er fügte hinzu: "Staatssachen sollte der +Mensch, der darein versetzt ist, sich ganz widmen, und ich möchte doch auch +so vieles Andere nicht fallen lassen."</p> + +<p>In gleichem Sinne hatte er schon in einem frühern Briefe an Lavater +geäußert: "Den guten Landes- und Hausvater würdest du näher nur bedauern. +Was da auszustehen ist, spricht keine Zunge aus. Herrschaft wird Niemand +angeboren, und der sie ererbte, muß sie so bitter gewinnen, wie der +Eroberer, wenn er sie haben will, und bitterer. Es versteht dieß kein +Mensch, der seinen Wirkungskreis aus sich geschaffen und ausgetrieben hat." +Dann tröstete er sich wieder mit dem behaglichen Gefühl der Gesundheit. In +einem Briefe an Lavater vom 18. März 1781 sprach er den Wunsch aus, daß +Gott ihn noch lange auf dieser schönen Welt erhalten und ihm Kraft +verleihen möchte, ihr zu dienen und sie zu nutzen. "Mit mir steht's gut," +schrieb er, "besonders innerlich. In weltlichen Dingen erwerb' ich täglich +mehr Gewandtheit, und vom Geiste fallen mir täglich Schuppen und Nebel, daß +ich denke, er müßte ganz nackt dastehen, und doch bleiben ihm noch Hüllen +genug."</p> + +<p>Was ihn besonders über den Druck und Wechsel äußerer Lebensverhältnisse +erhob, war Goethe's Sinn für die Schönheiten der Natur. Mannigfachen Genuß +bot ihm sein am Weimarischen Park gelegener Garten. "Die nächsten Wochen +des Frühlings," schrieb er den 9. April 1781 an Lavater, "sind mir +gesegnet. Jeden Morgen empfängt mich eine neue Blume oder Knospe. Die +stille, reine, immer wiederkehrende, leidenlose Vegetation tröstet mich oft +über der Menschen Noth, ihre moralischen und noch mehr physischen Uebel." +Aehnliche Aeußerungen enthielt ein späterer Brief an Lavater vom 22. Juni +1781. "Glaube mir," schrieb Goethe, "unsere moralische und politische Welt +ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken minirt, wie eine große +Stadt zu seyn pflegt, an deren Zusammenhang und ihrer Bewohner Verhältnisse +wohl Niemand denkt und sinnt. Nun wird es dem, der davon einige Kundschaft +hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt, und dort +einmal ein Rauch aufgeht aus einer Schlucht."</p> + +<p>Von solchen Betrachtungen wandte sich Goethe, wie er es schon in seiner +Jugend gethan, zum Uebersinnlichen. "Ich bin," schrieb er an Lavater, +"geneigter als Jemand, noch an eine Welt, außer der sichtbaren, zu glauben, +und ich habe Dichtungs- und Lebenskraft genug, sogar mein eignes +beschränktes Selbst zu einem Swedenborgischen Geister-Universum erweitert +zu fühlen. Alsdann mag ich aber gern, daß das Alberne und Ekelhafte +menschlicher Excremente durch eine feine Gährung abgesondert, und der +reinlichste Zustand, in den wir versetzt werden können, empfunden werde."</p> + +<p>Unter mannigfachen Arbeiten und Zerstreuungen war Goethe, nach seinen +eignen Worten, wieder zur Poesie zurückgekehrt. Neben der noch +unvollendeten "Iphigenie" beschäftigte ihn die Idee, Torquato Tasso, den +Dichter des befreiten Jerusalems, zum Helden eines Drama's zu wählen. +Den Stoff zu den Umgebungen seines Schauspiels fand er an dem Hofe der +Herzogin Amalie von Weimar. Dort lernte er den Ton kennen, der solchen +Umgebungen ziemte. Seinem Freunde Lavater berichtete Goethe den 14. +November 1781, er habe den ersten Act seines "Tasso" vollendet. "Ich +wünsche," fügte er hinzu, "daß er auch für dich geschrieben seyn +möchte." Goethe befand sich übrigens in einer Stimmung und in +Verhältnissen, die der raschen Förderung seines Werks nicht günstig +schienen. "Die Unruhe, in der ich lebe," schrieb er, ["]läßt mich nicht +über dergleichen vergnügliche Arbeiten bleiben, und so sehe ich auch +noch nicht den Raum vor mir, die übrigen Acte zu enden. Es geht mir, wie +es den Verschwendern geht, die in dem Augenblicke, wenn über Mangel an +Einnahme, überspannte Schulden und Ausgaben geklagt wird, gleichsam von +einem Geiste des Widerspruchs außer sich gesetzt, sich in neue +Verbindungen und Unkosten zu stürzen pflegen."</p> + +<p>Treffend hatte Goethe in diesem Briefe sich selbst und die Beweglichkeit +seines Geistes geschildert, die ihn nicht lange bei einem und demselben +Gegenstande verweilen ließ. Auch das dramatische Interesse vermochte ihn +nicht ausschließlich zu fesseln. In dem eben erwähnten Briefe meldete +Goethe: "Auf unserer Zeichnungsakademie hab' ich mir diesen Winter +vorgenommen, mit den Lehrern und Schülern den Knochenbau des menschlichen +Körpers durchzugehen, sowohl um ihnen als mir zu nützen, sie auf das +Merkwürdige dieser einzigen Gestalt zu führen, und sie dadurch auf die +erste Stufe zu stellen, das Bedeutende in der Nachahmung sichtlicher Dinge +zu erkennen und zu suchen. Zugleich behandle ich die Knochen als einen +Text, woran sich alles Leben und alles Menschliche anhängen läßt; habe +dabei den Vortheil, zweimal die Woche öffentlich zu reden, und über Dinge, +die mir werth sind, mich mit aufmerksamen Menschen zu unterhalten.["] Das +sei, meinte er, ein Vergnügen, dem er in dem gewöhnlichen Welt-, Geschäfts- +und Hofleben entsagen müßte. Seine Jahre spornten ihn zu verdoppelter +Thätigkeit. "Mit meinem Leben," schrieb er, "rückt es stark vor, und ich +fange nun bald an zu begreifen, warum wir, sobald wir uns hienieden +einzurichten angefangen haben, wieder weiter müssen."</p> + + +<p>Ueberhäufte Amtsgeschäfte nahmen damals Goethe's Kräfte fast übermäßig in +Anspruch. Den 16. Juli 1782 schrieb er an Merk: "Es geht mir, wie dem +Treufreund in meinen Vögeln. Mir wird ein Stück des Reichs nach dem andern +auf einem Spaziergange übertragen. Diesmal muß mir's nun freilich Ernst, +sehr Ernst seyn, denn mein Herr Vorgänger hat mir viel Arbeit gemacht. +Manchmal wird mir's sauer, denn ich stehe redlich aus. Dann denk' ich +wieder: <span class="u">Hic est aut nusquam, quod quaerimus.</span>" Auf ähnliche Weise äußerte +sich Goethe in einem spätern Briefe vom 29. Juli 1782: "Von mir hab' ich +nichts zu sagen, als daß ich mich meinem Beruf aufopfere, in dem ich nichts +weiter suche, als wenn es das Ziel meiner Begriffe wäre."</p> + +<p>Von den irdischen Angelegenheiten wandte sich Goethe wieder zu dem +Uebersinnlichen. Sein Interesse daran ward durch den Briefwechsel mit +Lavater lebendig erhalten. "Daß du", schrieb er den 4. October 1782, "mir +noch einmal den innern Zusammenhang deiner Religion vorlegen wolltest, war +mir sehr willkommen. Wir werden ja nun wohl bald einmal einander über +diesen Punkt kennen und in Ruhe lassen. Großen Dank verdient die Natur, daß +sie in die Existenz eines jeden lebenden Wesens auch so viel Handlungskraft +gelegt hat, daß es sich, wenn es an einem oder dem andern Ende zerrissen +wird, selbst wieder zusammenflicken kann; und was sind tausendfältige +Religionen anders, als tausendfache Aeußerungen dieser Heilungskraft? Mein +Pflaster schlägt bei dir nicht an, deins nicht bei mir; in unsres Vaters +Apotheke sind viel Recepte. So hab' ich auf deinen Brief nichts zu +antworten, nichts zu widerlegen; aber dagegen zu stellen hab' ich vieles. +Wir sollten einmal unsere Glaubensbekenntnisse in zwei Columnen neben +einander setzen, und darauf einen Friedens- und Toleranzbund errichten."</p> + +<p>Näher, als diese religiösen Betrachtungen, lagen Goethe's Liebe zur Natur +und seinem heitern Weltsinn seine geognostischen und mineralogischen +Studien. Auch die Osteologie hatte er, wie bereits erwähnt, in den Kreis +seiner Forschungen gezogen. "Ich freue mich", schrieb er den 23. April 1784 +an Merk, "daß du so frisch fort arbeitest in deinem Knochenwesen. Ich habe +die Zeit über auch Verschiedenes <span class="u">in anatomicis</span>, wie es die Zeit erlauben +wollte, gepfuscht, wovon ich vielleicht ehestens etwas werde produciren +können." In einem spätern Briefe an Merk, vom 6. August 1784, schrieb +Goethe: "Schicke mir den Schädel deiner <span class="u">Myrmecophaga</span> sobald als möglich; +du erzeigst mir dadurch einen außerordentlichen Gefallen. Ich brauche ihn +zu meiner Inauguraldisputation, durch welche ich mich in eurem <span class="u">docto +corpore</span> zu legitimiren gesonnen bin. Das eigentliche Thema halte ich noch +geheim, um euch eine angenehme Ueberraschung zu machen. Ich komme nunmehr +wieder auf den Harz, und werde meine mineralogischen und oryktologischen +Beobachtungen, in denen ich bisher unermüdet fortgefahren, immer weiter +treiben. Ich fange an, auf Resultate zu kommen, die ich aber bis jetzt noch +für mich behalte." Diese Resultate theilte Goethe bald nachher in einer in +seinen Werken aufbewahrten Abhandlung mit, in welcher er zu beweisen +suchte, "daß den Menschen, wie den Thieren, ein Zwischenknochen der obern +Kinnlade zuzuschreiben sei."</p> + +<p>Goethe's Dichtertalent schien unter so heterogenen Beschäftigungen zu +schlummern. Die früher erwähnten Anfänge des "Wilhelm Meister" hatten lange +geruht. Eine ganz neue Richtung erhielten Goethes Lebensverhältnisse und +seine Thätigkeit, als die Huld seines Fürsten ihm vergönnte, das Land zu +sehen, das von frühester Jugend an ein Gegenstand seiner Sehnsucht gewesen. +Im September 1786 reiste er nach Italien. Dort fand sein reiches Gemüth die +gleiche Empfänglichkeit für das Hohe und kindlich Liebliche, sein tiefer +Sinn für Natur und Kunst die vollste Befriedigung.</p> + +<p>Das unvollendete Manuscript seiner "Iphigenie" hatte Goethe nach Italien +mitgenommen. Dieser erste Entwurf, völlig abweichend in der Form, die jenes +Schauspiel später erhielt, ist von A. Stahr (Oldenburg 1839) veröffentlicht +worden. Goethe schrieb darüber den 8. September 1786: "Das Stück, wie es +gegenwärtig da steht, ist mehr Entwurf, als Ausführung; es ist in +poetischer Prosa geschrieben, die sich manchmal in einen jambischen +Rhythmus verliert, auch wohl andern Sylbenmaßen ähnelt. Dies thut freilich +der Wirkung großen Eintrag, wenn man es nicht sehr gut liest und durch +gewisse Kunstgriffe diese Mängel zu verbergen weiß. Herder legte mir dies +so dringend an's Herz, und da ich meinen größern Reiseplan ihm, wie Allen, +verborgen hatte, so glaubte er, es sei nur wieder von einer Bergwandrung +die Rede, und weil er sich gegen Mineralogie und Geologie immer spöttisch +äußerte, meinte er, ich sollte, statt taubes Gestein zu klopfen, meine +Werkzeuge an diese Arbeit wenden. Jetzt sondere ich die Iphigenie aus dem +Packet, und nehme sie mit mir in das schöne warme Land als Begleiterin. Der +Tag ist so lang, das Nachdenken ungestört, und die herrlichen Bilder der +Urwelt verdrängen keineswegs den poetischen Sinn; sie rufen ihn vielmehr, +von Bewegung und freier Luft begleitet, nur desto schneller hervor."</p> + +<p>Am [Am] 28. September 1786 war Goethe in Venedig angekommen. "Ich bin +hier," schrieb er, "gut logirt in der Königin von England, nicht weit vom +Marcusplatze. Meine Fenster gehen auf einen schmalen Canal zwischen hohen +Häusern. Gleich unter mir befindet sich eine einbogige Brücke, und +gegenüber ein schmales, belebtes Gäßchen. So wohn' ich, und die Einsamkeit, +nach der ich oft so sehnsuchtsvoll geseufzt, kann ich nun recht genießen; +denn nirgends fühlt man sich einsamer, als im Gewimmel, wo man sich, Allen +ganz unbekannt, durchdrängt."</p> + +<p>Ermüdet von einer Wandrung durch die Stadt mit ihren Canälen, Brücken und +Brückchen, setzte sich Goethe am Michaelisfeste, wo eine ungeheuere +Menschenmasse über den Rialto nach der Kirche zog, in eine Gondel. Durch +den nördlichen Theil des großen Canals fuhr er in die Lagunen bis gegen den +Marcusplatz. Er überließ sich seinen einsamen Betrachtungen. "So war ich +nun," schrieb er, "auf einmal ein Mitherr des adriatischen Meeres, wie +jeder Venetianer sich fühlt, wenn er sich in seine Gondel legt. Ich +gedachte dabei meines Vaters, der nichts Besseres wußte, als von diesen +Dingen zu erzählen. Wird mir's nicht auch so gehen? Alles, was mich +umgiebt, ist würdig, ein großes Werk versammelter Menschenkraft, ein +herrliches Monument, nicht eines Gebieters sondern eines Volkes. Und wenn +auch ihre Lagunen sich nach und nach ausfüllen, böse Dünste über dem Sumpfe +schweben, ihr Handel geschwächt, ihre Macht gesunken ist, so wird die ganze +Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick dem Beobachter +unehrwürdig seyn. Sie unterliegt der Zeit, wie Alles, was ein erscheinendes +Daseyn hat."</p> + +<p>Einen genußreichen Abend versprach sich Goethe im Theater St. Chrysostomo. +Die Vorstellung von Crebillon's Electra befriedigte ihn nicht, ungeachtet +des im Allgemeinen braven Spiels. "Indessen," schrieb er, "hab' ich doch +wieder gelernt. Der italienische, immer einsylbige Jambe hat für die +Deklamation große Unbequemlichkeit, weil die letzte Sylbe durchaus kurz +ist, und wider den Willen des Declamators in die Höhe schlägt."</p> + +<p>Lebhafter, als für die italienische Bühne, interessirte sich Goethe für die +Baukunst, die, nach seinen eignen Worten, "wie ein Geist aus dem Grabe +hervorstieg." Fleißig studirte er den Vitruv, Palladio und andere +Schriftsteller, um so zu einer klaren Vorstellung von jenen werthvollen +Ueberresten vergangner Zeit zu gelangen. Als er nach einem vierzehntägigen +Aufenthalt in Venedig am 14. October 1786 die Stadt wieder verließ, und +über Ferrara, Cento, Bologna, Lugano, Perugia, Terni und Citta nach Rom +reiste, glaubte er sich das Zeugniß geben zu können: "Ich bin nur kurze +Zeit in Venedig gewesen, aber ich habe mir die dortige Existenz genugsam +zugeeignet, und weiß, daß ich, wenn auch einen unvollständigen, doch einen +ganz klaren und wahren Begriff mit wegnehme."</p> + +<p>Begeistert von dem Eindruck mehrerer Gemälde Raphael's, die er in Bologna +betrachtet hatte, besonders einer heiligen Agathe, schrieb Goethe den 19. +October 1786: "Ich habe mir die Gestalt wohl gemerkt, und werde ihr im +Geist meine Iphigenie vorlesen, und meine Heldin nichts sagen lassen, was +diese Heilige nicht aussprechen möchte.—Da ich einmal dieser süßen Bürde +gedenke, die ich auf meinen Wandrungen mit mir führe, so kann ich nicht +verschweigen, daß zu den großen Kunst- und Naturgegenständen, durch die ich +mich durcharbeiten muß, noch eine wundersame Folge von poetischen Gestalten +hindurchzieht, die mich beunruhigen. Von Cento herüber wollte ich meine +Arbeit an Iphigenie fortsetzen; aber was geschah? Der Geist führte mir das +Argument der Iphigenie von Tauris vor die Seele, und ich mußte es +ausbilden. So kurz als möglich sei es hier verzeichnet: Electra, in +gewisser Hoffnung, daß Orest das Bild der Taurischen Diana nach Delphi +bringen werde, erscheint in dem Tempel des Apoll, und widmet die grausame +Axt, die so viel Unheil in Pelops Hause angerichtet, als schließliches +Sühnopfer dem Gotte. Zu ihr tritt leider einer der Griechen, und erzählt, +wie er Orest und Pylades nach Tauris begleitet, die beiden Freunde zum Tode +führen sehen, und sich glücklich gerettet habe. Die leidenschaftliche +Electra kennt sich selbst nicht, und weiß nicht, ob sie gegen Götter oder +Menschen ihre Wuth richten soll. Indessen sind Iphigenie, Orest und Pylades +gleichfalls in Delphi angekommen. Iphigenie'ns heilige Ruhe contrastirt gar +merkwürdig mit Electra's irdischer Leidenschaft, als die beiden Gestalten, +wechselseitig unerkannt, zusammentreffen. Der entflohene Grieche erblickt +Iphigenie'n, erkennt die Priesterin, welche die Freunde geopfert, und er +entdeckt es Electra. Diese ist im Begriff, mit demselben Beil, welches sie +dem Altar wieder entreißt, Iphigenie'n zu ermorden, als eine glückliche +Wendung dieses letzte schreckliche Uebel von den Geschwistern abwendet." +Wenn diese Scene gelänge, meinte Goethe, dürfte nicht leicht etwas Größeres +und Rührenderes auf der Bühne gesehen worden seyn. "Aber," fügte er hinzu, +"wo soll man Hände und Zeit hernehmen, wenn auch der Geist willig wäre?"</p> + +<p>Groß und gewaltig war der Eindruck, den die "Hauptstadt der Welt" auf +Goethe's Gemüth machte. So nannte er Rom in einem Briefe vom 1. November +1786. In lebhafter Erinnerung an die römischen Prospecte im elterlichen +Hause, schrieb Goethe: "Alle Träume meiner Jugend seh' ich nun erfüllt, ich +sehe die ersten Kupferbilder wieder. Was ich in Gemälden, Zeichnungen und +Holzschnitten schon lange gekannt, steht nun beisammen vor mir. Wohin ich +gehe, finde ich eine Bekanntschaft in einer neuen Welt. Es ist Alles, wie +ich mir's dachte, und Alles neu. Eben dies kann ich von meinen +Betrachtungen, von meinen Ideen sagen. Ich habe keinen ganz neuen Gedanken +gehabt, nichts ganz fremd gefunden; aber die alten Ideen sind so bestimmt, +so lebendig, so zusammenhängend geworden, daß sie für neu gelten können."</p> + +<p>Zu Goethe's vorzüglichsten Bekanntschaften in Rom gehörte der Fürst +Lichtenstein, der italienische Dichter Monti, der besonders durch seine +mythologischen Forschungen bekannte Schriftsteller Moritz und der +Historienmaler Tischbein. Mit dem Letztern hatte Goethe schon früher in +Briefwechsel gestanden. Durch Tischbein gelangte er zu einem klaren +Verständniß und einer richtigen Würdigung der zahlreichen und unschätzbaren +Gemälde Raphael's, Michel Angelo's u.A. in der Peterskirche und besonders +in der Sixtinischen Capelle.</p> + +<p>Eine treuere Anhänglichkeit und eine an Schwärmerei grenzende Vorliebe für +seine literarischen Erzeugnisse, besonders für den Werther, zeigte keiner +von Goethe's Freunden in solchem Grade, als Moritz. Goethe interessirte +sich lebhaft für ihn, und nahm innigen Antheil an seinem Schicksal, als +Moritz durch einen unglücklichen Fall den Arm brach. Goethe schrieb +darüber: "Was ich bei diesem Leidenden als Wärter, Beichtvater und +Vertrauter, als Finanzminister und geheimer Secretär erfahren und gelernt, +mag mir in der Folge zu Gute kommen. Die fatalsten Leiden und die edelsten +Genüsse gingen diese Zeit über immer einander zur Seite."</p> + +<p>Charakteristisch in mehrfacher Hinsicht war ein Schreiben, welches Goethe +im November 1786 an den Herzog von Weimar richtete. "Wie dank' ich Ihnen," +schrieb er aus Rom, "daß Sie mir diese köstliche Muße geben und gönnen. Da +doch einmal von Jugend auf mein Geist diese Richtung genommen, so hätt' ich +nie ruhig werden können, ohne dies Ziel zu erreichen. Mein Verhältniß zu +den Geschäften ist aus meinem persönlichen zu Ihnen entstanden; lassen Sie +nun ein neues Verhältniß zu Ihnen nach so manchen Jahren aus dem bisherigen +hervorgehen. Ich darf wohl sagen, ich habe mich in dieser Einsamkeit selbst +wiedergefunden. Aber als was? Als Künstler! Was ich sonst noch bin, werden +Sie beurtheilen und nutzen. Sie haben durch Ihr fortdauerndes wirkendes +Leben jene fürstliche Kenntniß, wozu die Menschen zu benutzen sind, immer +mehr erweitert und geschärft, wie mir jeder Ihrer Briefe deutlich sehen +läßt. Dieser Beurtheilung unterwerfe ich mich gern. Fragen Sie mich über +die Symphonie, die Sie zu spielen gedenken; ich will gern und ehrlich +jederzeit meine Meinung sagen. Lassen Sie mich an Ihrer Seite das ganze Maß +meiner Existenz ausfüllen, so wird meine Kraft, wie eine neu geöffnete, +gesammelte, gereinigte Quelle, von einer Höhe nach Ihrem Willen leicht da +oder dorthin zu leiten seyn. Schon sehe ich, was mir die Reise genützt, wie +sie mich aufgeklärt und meine Existenz erheitert hat. Wie Sie mich bisher +getragen, sorgen Sie ferner für mich. Sie thun mir mehr wohl, als ich +selbst kann, als ich wünschen und verlangen darf. Ich habe so ein großes +und schönes Stück Welt gesehen, und das Resultat ist, daß ich nur mit Ihnen +und den Ihrigen leben mag. Ja, ich würde Ihnen noch mehr werden, als ich +oft bisher war, wenn Sie mich nur das thun lassen, was Niemand als ich thun +kann, und das Uebrige Andern auftragen. Ihre Gesinnungen, die Sie mir in +Ihrem Briefe zu erkennen gaben, sind so schön, für mich bis zur Beschämung +ehrenvoll, daß ich nur sagen kann: Herr, hier bin ich, mache aus deinem +Knechte, was du willst."</p> + +<p>In einem spätern Schreiben an den Herzog von Weimar sprach Goethe den +Wunsch aus, das Land seines Fürsten nach seiner Rückkehr "als Fremder +durchreisen zu dürfen." Mit ganz frischem Auge, meinte er, würde ihn dann +die Gewohnheit, Land und Welt zu sehen, jede Provinz betrachten lassen. +"Ich würde," fügte er hinzu, "mir nach meiner Art ein neues Bild machen, +einen vollständigen Begriff erlangen, und mich zu jeder Art von Dienst +gleichsam auf's neue qualificiren, zu dem mich Ihre Güte, Ihr Zutrauen +bestimmen will. Bei Ihnen und den Ihrigen ist mein Herz und Sinn, wenn sich +gleich die Träume einer Welt in die Wagschale legen. Der Mensch bedarf +wenig; Liebe und Sicherheit seines Verhältnisses zu dem einmal Gewählten +und Gegebenen kann er nicht entbehren." So bewahrte Goethe mit reiner +Pietät die treue Anhänglichkeit und innige Verehrung für einen Fürsten, dem +er sein Lebensglück und die Muße zu seiner literarischen Thätigkeit +verdankte.</p> + +<p>Fleißig beschäftigte sich Goethe in Rom mit der Fortsetzung und Vollendung +der Iphigenie. Zu Anfange des Jahres 1787 war er damit fertig geworden. In +einem Briefe vom 6. Januar machte er die Orte namhaft, wo er sich +vorzugsweise mit seiner dramatischen Dichtung beschäftigt hatte. Er schrieb +darüber: "Am Garda-See, als der gewaltige Mittagswind die Wellen an's Ufer +trieb, und wo ich wenigstens so allein war, als meine Heldin am Gestade von +Tauris, zog ich die ersten Linien der neuen Bearbeitung, die ich in Verona, +Vicenza, Padua, am fleißigsten aber in Venedig fortsetzte. Dann aber +gerieth die Arbeit in Stocken. Ich ward auf eine neue Erfindung geführt, +nämlich Iphigenie auf Delphi zu schreiben, was ich auch sogleich gethan +hätte, wenn nicht die Zerstreuung und ein Pflichtgefühl gegen das ältere +Stück mich davon abgehalten hätten."</p> + +<p>Was ihn dazu bewog, seine Iphigenie ursprünglich in Prosa zu schreiben, +war, nach seinen eignen Worten "die Unsicherheit, in der die deutsche +Prosodie schwebe." "Es ist auffallend," schrieb er, "daß wir in unserer +Sprache nur wenige Sylben finden, die entschieden kurz oder lang sind; mit +den übrigen verfährt man nach Geschmack und Willkühr." Ungeachtet dieser +Bemerkungen gab er späterhin seinem Schauspiel eine metrische Form. Das +vollendete Manuscript hatte er nach Weimar gesandt, um das Urtheil seiner +Freunde zu vernehmen. In den ruhigen Gang des Stücks konnten sie sich nicht +sogleich finden. Sie hatten mehr leidenschaftliche Bewegung erwartet, +"etwas Berlichingisches", wie Goethe sich darüber äußerte. Immer dachten +sie sich den Dichter noch in seiner poetischen Sturm- und Drangperiode, die +längst für ihn vorüber war.</p> + +<p>In einem Briefe vom 21. Februar 1787 beklagte sich Goethe, noch kein +gründliches und erschöpfendes Urtheil über die Iphigenie gehört zu haben. +Das könnte ihm, meinte er, zur Leitung dienen bei seinem "Tasso", denn das +sei doch eine ähnliche Arbeit. Von diesem Schauspiel hatte er damals die +ersten Scenen entworfen. "Der Gegenstand," schrieb er, "ist fast noch +beschränkter, als in der Iphigenie, und will daher im Einzelnen noch mehr +ausgearbeitet seyn. Doch weiß ich noch nicht, was es werden wird. Das +Vorhandene muß ich ganz zerstören. Es hat zu lange gelegen, und weder die +Personen, noch der Plan, noch der Ton haben mit meiner jetzigen Ansicht die +geringste Verwandtschaft."</p> + +<p>Bestärkt ward Goethe in diesem Entschluß durch den Beifall, der von +einsichtsvollen Freunden seiner Umarbeitung der Iphigenie gezollt ward. Ihn +selbst ließ sein Schauspiel auch in der veränderten Form unbefriedigt.</p> + +<p>Indeß tröstete er sich darüber in einem Briefe vom 16. März 1787. Eine +solche Arbeit, meinte er, werde eigentlich nie fertig; man müsse sie für +fertig erklären, wenn man nach Zeit und Umständen das Möglichste gethan +habe. "Das soll mich aber," fügte er hinzu, "nicht abschrecken, mit dem +Tasso eine ähnliche Operation vorzunehmen. Lieber würfe ich ihn in's Feuer. +Aber ich will bei meinem Entschluß beharren, und da es einmal nicht anders +ist, so wollen wir ein wunderlich Werk daraus machen."</p> + +<p>Beschäftigt mit seiner dramatischen Dichtung, blieb Goethe, wenn man den +Umgang mit dem Landschaftsmaler Hackert ausnimmt, dessen Leben er später so +anziehend beschrieb, auch in Neapel "dem eigensinnigen Einsiedlersinn" +treu, der ihm schon in Rom von seinen Freunden zum Vorwurf gemacht worden +war. "Freilich scheint es," schrieb er, "ein wunderliches Beginnen, daß man +in die Welt geht, um allein bleiben zu wollen." Während Goethe sich aber +dem geselligen Leben entzog, streifte er in der Umgegend umher. "Neapel ist +ein Paradies," äußerte er in dem vorhin mitgetheilten Briefe. "Jedermann +lebt in einer Art von trunkener Selbstvergessenheit. Mir geht es eben so. +Ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch."</p> + +<p>Längere Zeit schwankte Goethe in dem Entschluß, auch Sicilien zu besuchen. +"Eine Seereise," schrieb er, "fehlt mir ganz in meinen Begriffen. Die +kleine Ueberfahrt, vielleicht eine Küstenumschiffung, wird meiner +Einbildungskraft nachhelfen und mir die Welt erweitern. Und so geh' ich +denn Donnerstag den 29sten mit der Corvette, die ich, des Seewesens +unkundig, in meinem vorigen Briefe zum Rang einer Fregatte erhob, nach +Palermo."</p> + +<p>Von der Seekrankheit befallen, wagte sich Goethe längere Zeit nicht wieder +auf's Verdeck, und mußte so den herrlichen Anblick der Küsten und Inseln +entbehren. "Abgeschlossen von der äußern Welt," schrieb er, "ließ ich die +innere walten, und da eine langsame Fahrt vorauszusehen war, gab ich mir +gleich zu bedeutender Unterhaltung ein starkes Pensum auf. Die zwei ersten +Acte des Tasso, in poetischer Prosa geschrieben, habe ich von allen +Papieren allein mit über See genommen. Diese beiden Acte, schon vor +mehreren Jahren geschrieben, hatten etwas Weichliches, Nebelhaftes, welches +sich jedoch bald verlor, als ich, nach neueren Ansichten, die Form +vorwalten und den Rhythmus eintreten ließ."</p> + +<p>Einen begeisternden Eindruck machte auf Goethe der majestätische Anblick +des Meeres mit seinen zahllosen Inseln. In dieser lebendigen Umgebung +glaubte er, nach seinen eignen Worten, den besten Commentar zu Homers +Odyssee zu finden, deren Lectüre ihn damals beschäftigte. "Was den Homer +betrifft," schrieb er an Herder, "so ist mir eine Decke von den Augen +gefallen. Die Beschreibungen, die Gleichnisse u.s.w. kommen uns poetisch +vor, und sind doch unsäglich natürlich, aber freilich mit einer Reinheit +und Innigkeit bezeichnet, vor der man erschrickt. Selbst die sonderbarsten +erlogensten Begebenheiten haben eine Natürlichkeit, die ich nie so gefühlt +habe, als in der Nähe der betriebenen Gegenstände. Ich möchte den Gedanken +kurz so ausdrücken: <i>sie</i> stellen die Existenz dar; <i>wir</i> gewähren den +Effect; <i>sie</i> schildern das Fürchterliche; <i>wir</i> schildern fürchterlich; +<i>sie</i> das Angenehme, <i>wir</i> angenehm. Daher kommt alles Uebertriebene, alle +falsche Grazie, aller Schwulst. Wenn das, was ich sage, nicht neu ist, so +hab' ich es doch bei neuem Anlaß recht lebhaft gefühlt. Nun ich alle diese +Küsten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen, Felsen und +Sandstreifen, buschige Hügel, sanfte Wälder, fruchtbare Felder, geschmückte +Gärten, gepflegte Bäume, hängende Reben, Wolkenberge und immer heitere +Ebenen, Klippen und Bänke und das alles umgebende Meer mit so vielen +Abwechselungen und Mannigfaltigkeiten vor mir habe—nun ist mir erst die +Odyssee ein lebendiges Wort."</p> + +<p>Ergriffen von diesen Ideen, wollte Goethe in der Heldin einer Tragödie, +"Nausikaa" betitelt, von welcher sich jedoch nur die zwei ersten Scenen des +ersten Acts in Goethe's Werken erhalten haben, nach seinen eignen +Aeußerungen, "eine treffliche, von Vielen umworbene Jungfrau darstellen, +die keiner Neigung sich bewußt, alle Freier bisher ablehnend behandelt, +durch einen sittsamen Fremdling aber gerührt, aus ihrem Zustande +herausträte und durch eine voreilige Aeußerung ihrer Neigung sich +compromittirte." Von dieser Situation versprach sich Goethe eine große +tragische Wirkung. Der Reichthum der subordinirten Motive und besonders das +Meer- und Inselhafte der Ausführung sollte, nach Goethe's Ansicht, jener +einfachen Fabel ein besonderes Interesse geben. Er war so ergriffen von +seinem Gegenstande, daß er darüber, wie er äußerte, "seinen Aufenthalt zu +Palermo, ja den größten Theil seiner übrigen sicilianischen Reise +verträumte."</p> + +<p>Der lebendige Antheil an jenem Süjet verlor sich jedoch bald wieder. In +einem Briefe vom 17. April 1787 beklagte sich Goethe "über das wahrhafte +Unglück, von vielerlei Geistern verfolgt und versucht zu werden." In einem +öffentlichen Garten weckte die Betrachtung mehrerer dort blühender Gewächse +in ihm eine alte Lieblingsidee. Er wollte, wo möglich, unter dieser Schaar +die Urpflanze entdecken. Eine poetische Form gab Goethe dieser Idee in +seinem Gedicht. "die Metamorphose der Pflanzen." Wissenschaftlich erörterte +er jenen Gegenstand in seinem 1790 gedruckten "Versuch, die Metamorphose +der Pflanzen zu erklären."</p> + +<p>Wie Goethe die Natur überhaupt, besonders aber im</p> + +<p>Gegensatze zur Kunst betrachtete, zeigten die nachfolgenden Aeußerungen in +einem Schreiben an die Herzogin Luise von Sachsen-Weimar: "Das geringste +Product der Natur hat den Kreis seiner Vollkommenheit in sich, und ich darf +nur Augen haben, um zu sehen, so kann ich die Verhältnisse entdecken; ich +bin sicher, daß innerhalb eines kleinen Cirkels eine ganze wahre Existenz +beschlossen ist. Ein Kunstwerk hingegen hat seine Vollkommenheit außer +sich; das Beste liegt in der Idee des Künstlers, die er selten oder nie +erreicht; alles Folgende in gewissen angenommenen Gesetzen, welche zwar aus +der Natur der Kunst und des Handwerks hergeleitet, aber doch nicht so +leicht zu verstehen und zu entziffern sind, als die Gesetze der lebendigen +Natur. Bei den Kunstwerken ist viel Tradition, die Naturwerke sind immer +wie ein frisch ausgesprochenes Wort Gottes."</p> + +<p>Ueber die vorhin erwähnte Idee einer Metamorphose der Pflanzen erklärte +sich Goethe näher in einem Briefe an Herder vom März 1787. Er äußerte +darin, daß er dem Geheimniß der Pflanzenerzeugung und Organisation ganz +nahe gekommen sei, und meinte, daß es nichts Einfacheres gehen könnte. +Unter dem italienischen Himmel ließen sich darüber die herrlichsten +Beobachtungen anstellen. "Den Hauptpunkt, wo der Keim steckt," schrieb +Goethe, "hab' ich ganz klar und zweifellos gefunden. Alles Uebrige sah ich +schon im Ganzen, und nur noch einige Punkte müssen bestimmter werden. Die +Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, um welches die +Natur selbst mich beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu, +kann man alsdann Pflanzen in's Unendliche erfinden, die consequent seyn +müssen, d. h. die, wenn sie auch nicht existiren, doch existiren können, +und nicht etwa malerische und dichterische Schatten und Scheine sind, +sondern innerliche Wahrheit und Nothwendigkeit haben." Dasselbe Gesetz, +meinte Goethe, werde sich auf alles übrige Lebende anwenden lassen.</p> + +<p>In mehreren von Goethe's damaligen Briefen regte sich die Sehnsucht, wieder +in seine Heimath zurückzukehren. Besonders freute er sich auf das +Wiedersehen Herders, mit dem er stets in innigen Verhältnissen gelebt +hatte. An ihn schrieb er den 17. März 1787. "Wir sind so nahe in unserer +Vorstellungsweise, als es möglich ist, ohne eins zu seyn, und in den +Hauptquellen am nächsten. Wenn du diese Zeit her viel aus dir selbst +geschöpft hast, so hab' ich viel erworben, und ich kann einen guten Tausch +machen. Ich bin freilich mit meiner Vorstellung sehr an's Gegenwärtige +geheftet, und je mehr ich die Welt sehe, desto weniger kann ich hoffen, daß +die Menschheit je Eine weise, kluge, glückliche Masse werden könne. +Vielleicht ist unter den Millionen eine, die sich des Vorzugs rühmen kann; +bei der Constitution der unsrigen bleibt mir so wenig für sie, als für +Sicilien bei der seinigen zu hoffen."</p> + +<p>In dieser Stimmung versprach sich Goethe viel von dem damals noch +ungedruckten dritten Theil von Herders Ideen zu einer Geschichte der +Philosophie der Menschheit. "Ich glaube selbst," schrieb Goethe, "daß die +Humanität endlich siegen wird. Nur fürcht' ich, daß zu gleicher Zeit die +Welt ein großes Hospital, und Einer des Andern humaner Krankenwärter seyn +werde." Als ihn nun das sehnlich erwartete Buch begrüßte, schrieb er den +12. Oktober 1787 an Herder: "Den lebhaftesten Dank für die Ideen. Sie sind +mir als das liebwertheste Evangelium gekommen. Die interessantesten Studien +meines Lebens laufen da zusammen."</p> + +<p>Lockerer ward nach Goethe's Rückkehr aus Italien das Band zwischen ihm und +Herder. Was beide von einander trennte, war ihre verschiedenartige Stellung +zu der Kantischen Philosophie, die damals ihren sich immer weiter +ausbreitenden Einfluß geltend machte, und für die Wissenschaft, wie für +Poesie und Kunst, ganz neue Principien aufstellte. Als Kant mit seiner +"Kritik der reinen Vernunft" hervorgetreten war, erklärte sich Herder, +obgleich er ein Schüler Kant's gewesen war, für einen seiner +entschiedensten Gegner. Goethe aber, obgleich er für Philosophie im +strengsten Sinne des Worts eigentlich kein Organ hatte, hielt sich doch zur +Parthei derjenigen, die mit Kant behaupteten: wenn auch alle menschliche +Erkenntniß mit der Erfahrung beginne, so entspränge sie darum doch nicht +immer unbedingt aus der Erfahrung.</p> + +<p>Während seines Aufenthalts in Rom hatte Goethe mit Moritz viel über Kunst +und Kunsttheorie gesprochen. Immer hatte ihm eine feste Basis gefehlt. +Diese glaubte er in einem spätern Werke Kant's, in der "Kritik der +Urtheilskraft" zu finden. Daraus entsprang seine Vorliebe für dieß Buch und +seine Abneigung gegen Herder, der es ihm zu verleiden suchte. Goethe +glaubte diesen philosophischen Studien mannigfache Belehrung zu verdanken. +Wenn er auch im Einzelnen nicht immer mit der Vorstellungsart und Ansichten +Kant's übereinstimmen konnte, so schienen doch die Hauptideen in der +"Kritik der Urtheilskraft" seiner Denk- und Empfindungsweise im Allgemeinen +analog. Das innere Leben der Kunst, wie der Natur, ihr beiderseitiges +Wirken von innen heraus schien ihm klar ausgesprochen in jenem Werke +Kant's, das kurze Zeit jene andere Lectüre verdrängte. Seine innere +Ueberzeugung mußte ihm jedoch bald sagen, daß er für abstracte Philosophie +und ihre metaphysischen Träume nicht geschaffen sei.</p> + +<p>Ein höheres Interesse gewann für Goethe, bald nach seiner Ankunft in +Weimar, das frische Naturleben, besonders als seine Vorliebe für Botanik +durch Batsch, Göttling u.a. ausgezeichnete Männer in der benachbarten +Universitätsstadt Jena aufs Neue angeregt ward. Die Aufsicht über die +dortigen wissenschaftlichen Anstalten, die Einrichtung und Anordnung der +Museen, die Pflege des botanischen Gartens gaben ihm eine ebenso angenehme, +als lehrreiche Beschäftigung. Die Betrachtung der Natur, verbunden mit dem +Studium der Botanik, entschädigte ihn für den Mangel eines Kunstlebens, wie +er es in Italien genossen hatte. Immer kehrte Goethe, auch wenn er sich +eine Zeit lang daraus entfernte, wieder in dieß Gebiet zurück. Ihm blieb +ein lebendiges Interesse, der Bildung und Umbildung organischer Naturen +nachzuforschen. Die von ihm selbst in seiner "Metamorphose der Pflanzen" +aufgestellte Theorie diente ihm dabei zum Wegweiser. Aber die Natur schien +ihm zugleich synthetisch zu handeln, indem sie völlig fremdartig scheinende +Verhältnisse einander näherte und sie zusammen in Eins verknüpfte.</p> + +<p>Unter diesen Forschungen wandte sich Goethes Thätigkeit abwechselnd wieder +zu anderweitigen Beschäftigungen. Sein poetisches Talent übte sich, nach +der Vollendung der "Iphigenie" und des "Tasso" an dem Trauerspiel "Egmont." +Merkwürdig war ihm der Umstand, daß nach den Zeitungen die von ihm +geschilderten Scenen sich in Brüssel fast wörtlich erneuert hatten. Noch +vor dem Ausbruch der französischen Revolution hatte die berüchtigte +Halsbandgeschichte, während seines Aufenthalts in Italien einen tiefen +Eindruck auf ihn gemacht. Er hatte die über jenen Vorfall erschienenen +Proceßacten mit Aufmerksamkeit gelesen. Die in Sicilien von ihm gesammelten +"Nachrichten über Cagliostro und seine Familie" benutzte Goethe zu seinem +Lustspiel: "Der Großcophta." Nach einzelnen, von dem Capellmeister +Reichardt componirten Liedern zu schließen, hätte sich jener Stoff +vielleicht noch besser zu einer Oper geeignet. Goethe versuchte sich indeß +auch in der eben genannten Gattung der Poesie. Unvollendet blieb jedoch +sein Singspiel: "die ungleichen Hausgenossen." Nachklänge seines +Aufenthalts in Italien waren die "römischen Elegien" und die +"venetianischen Epigramme." Sie wurden jedoch erst gedichtet nach einem +abermaligen längern Aufenthalt Goethe's in Rom und Venedig (1790) im +Gefolge der Herzogin Amalie von Sachsen-Weimar.</p> + +<p>Kaum wieder aus Italien zurückgekehrt, begleitete Goethe den Herzog von +Weimar nach Schlesien, wo die preußischen und österreichischen Gesandten +sich auf dem Congreß zu Reichenbach versammelten. In Breslau, mitten unter +der allgemeinen Bewegung, welche die Truppenmärsche und Manöver der +verschiedenen Regimenter veranlaßten, ward Goethe wieder von der alten +Lieblingsidee ergriffen, sich völlig zu isoliren, und mit Naturstudien, +besonders aber mit der vergleichenden Anatomie sich zu beschäftigen. Zur +festen Ueberzeugung ward ihm die Idee, daß ein allgemeiner, durch +Metamorphose erzeugter Typus durch die sämmtlichen organischen Geschöpfe +hindurchgehe und in allen seinen Abstufungen sich beobachten lasse. In +mehreren, zum Theil ungedruckt gebliebenen Abhandlungen zergliederte Goethe +dieß Thema. Er fand jedoch bald, daß die Aufgabe zu groß war, um genügend +gelöst zu werden. Auf andere wissenschaftliche Gegenstände lenkte sich +daher, als er wieder nach Weimar zurückgekehrt war, Goethe's Thätigkeit. +Eine geräumige dunkle Kammer in seinem freigelegnen Wohnhause mit dem daran +stoßenden Garten begünstigte seine chromatischen Untersuchungen, die damals +ein lebhaftes Interesse für ihn gewonnen hatten. Zu einem besondern +Gegenstande seiner Aufmerksamkeit machte er die prismatischen +Erscheinungen. Die Resultate seiner Forschungen veröffentlichte Goethe in +seinen "optischen Beiträgen," von denen 1791 das erste Stück erschien.</p> + +<p>Seinem Dichtergenius und der Liebe zur dramatischen Poesie ward er wieder +zurückgegeben, als er um diese Zeit die Leitung des Weimarischen +Hoftheaters übernahm. Diese Bühne hatte sich aus den in Weimar +zurückgebliebenen Mitgliedern der Bellomo'schen Schauspielertruppe +gebildet, welche seit 1784 nicht ohne Beifall in der genannten Residenz +gespielt hatte. Die unermüdliche Thätigkeit des Concertmeisters Cranz +verschaffte besonders den italienischen und französischen Opern, welche +Vulpius für das Theater bearbeitete, dort längere Zeit Aufnahme und +Beifall. Beschäftigung und Unterhaltung zugleich fand Goethe, der die +Leitung des Ganzen übernommen hatte, in den mannigfachen Versuchen, das +Talent der Schauspieler zu wecken, und ihrem Spiel, wie der technischen +Einrichtung der Bühne, eine immer höhere Vollkommenheit zu geben. In diesen +Bemühungen unterstützte ihn besonders Einsiedel, der, mit gleicher Vorliebe +für die Oper, im Gefolge der Herzogin Amalie aus Italien nach Weimar +zurückgekehrt war. In diesem heitern Lebenskreise erhielt Goethe's Geist +eine ernstere Richtung durch den Blick auf die damaligen Zeitereignisse +nach dem Ausbruch der französischen Revolution. In den "Unterhaltungen +deutscher Ausgewanderten," in den Lustspielen "der Bürgergeneral" und "die +Aufgeregten", von denen das zuletzt genannte Stück unvollendet blieb, +beschäftigte sich Goethe's Phantasie, einzelne Scenen des damaligen +Kriegstheaters darzustellen, das er bald aus eigner Anschauung kennen +lernen sollte. Es war um diese Zeit, als er den Herzog von Weimar auf dem +Feldzuge in die Champagne begleitete. Ueber Frankfurt, Mainz, Trier und +Luxemburg begab sich Goethe 1792 nach Longwi, welches er den 26. August +schon eingenommen fand, von da nach Valmy und von Trier die Mosel hinab +nach Coblenz.</p> + +<p>Auch in diesem vielfach bewegten und zerstreuten Leben verlor Goethe seine +wissenschaftlichen Forschungen nicht völlig aus den Augen. Manche +Naturbeobachtungen und die fortgesetzte Beschäftigung mit seinen +chromatischen Arbeiten lenkten seinen Blick von den Kriegsereignissen +hinweg. Der Entwurf zu einer allgemeinen "Farbenlehre" fiel in diese Zeit. +Aber auch Goethe's Dichtertalent regte sich wieder auf mannigfache Weise, +unter andern in einer freien Umarbeitung des altdeutschen Gedichts +"Reinecke Fuchs," für welches er statt der Jamben Hexameter wählte, um sich +in diesem, ihm noch wenig geläufigen Versmaß auch einmal zu versuchen.</p> + +<p>In dem allgemeinen Kriegstumult, der ihn umgab, als er der Belagerung von +Mainz beiwohnte, ward Goethe an die ruhigen bürgerlichen Verhältnisse +seiner Vaterstadt Frankfurt erinnert durch einen Brief seiner Mutter, die +ihm Aussichten eröffnete zu einer durch den Tod seines Oheims Textor +erledigten Rathsherrnstelle. Viel Lockendes hatte die Aussicht für ihn, in +seiner Vaterstadt rasch empor zu steigen von einer Ehrenstufe zur andern, +und auf die reichsstädtische Verfassung Frankfurts einen bedeutenden +Einfluß zu gewinnen. Aber das unumschränkte Vertrauen, das der Herzog von +Weimar in ihn gesetzt, die mannigfachen Beweise der Huld seines Fürsten und +ein nicht zu unterdrückendes Gefühl der Dankbarkeit waren für ihn mehr als +hinreichend, jenen Antrag abzulehnen. Auch täuschte er sich wohl nicht, +wenn er den neuen Wirkungskreis, in den er treten sollte, weder seinen +Fähigkeiten, noch seinen Neigungen angemessen hielt.</p> + +<p>Genußreiche Tage verlebte Goethe damals mit seinem Jugendfreunde Jacobi in +Pempelfort, wo ihn eine geräumige und geschmackvoll decorirte Wohnung mit +einem daran stoßenden Garten empfing. Der Tag ward meistens in der freien +Natur zugebracht. Die Abende waren größtentheils der geselligen +Unterhaltung über die neusten Erscheinungen im Gebiet der schönen Literatur +gewidmet. Auch hier erlebte Goethe ein ähnliches Schicksal, wie bei der +ersten Mittheilung des Manuscripts seiner "Iphigenie". Seine Freunde +konnten sich nicht sogleich finden in den Ton und Charakter seiner neusten +poetischen Producte, ungeachtet er in denselben doch mit seinem Lebensgange +immer gleichen Schritt gehalten zu haben glaubte. Das Verhältniß zu seinen +Freunden ward dadurch nicht gestört. Er schied von ihnen mit den +wohlthuenden Eindrücken, welche die Betrachtung der Gemäldegallerie in dem +benachbarten Düsseldorf auf ihn gemacht hatte.</p> + +<p>In Duisburg fand Goethe einen alten Bekannten wieder, den Sohn des +Professors Plessing, den er vor sechzehn Jahren, wie früher erwähnt, auf +seiner damaligen Harzreise in dem Gasthofe zu Wernigerode kennen gelernt +hatte. Plessing hatte sich seitdem zu einem geachteten Schriftsteller +erhoben. Aber sein früherer Trübsinn war nicht von ihm gewichen. Noch immer +schien er nach einem Unerreichbaren zu streben. Das Gespräch zwischen ihm +und Goethe gerieth bald in Stocken, als die Erinnerung an frühere +Verhältnisse, auf die er immer wieder zurückkam, erschöpft war.</p> + +<p>Freundlich und zuvorkommend war die Aufnahme, welche Goethe im November +1792 bei der vielseitig gebildeten Fürstin Amalie von Gallizin in Münster +fand. Die Betrachtung einer kostbaren Sammlung von geschnittenen Steinen +veranlaßte den Dichter zu der Bemerkung, daß die christliche Religion sich +mit der bildenden Kunst von jeher in einer Art von Zwiespalt befunden habe, +da jene sich von der Sinnlichkeit zu entfernen strebe, diese dagegen das +sinnliche Element für ihren eigentlichen Wirkungskreis erkenne und darin +verharre. Diese Idee legte Goethe dem sinnigen Gedicht: "der neue Amor" zum +Grunde, welches man in der Sammlung seiner Werke findet.</p> + +<p>Das vielfach bewegte Reiseleben hatte Goethe wieder mit den ruhigen +Verhältnissen in Weimar vertauscht. Von den politischen Ereignissen, welche +die Welt bedrohten, war er zum Theil ein Zeuge gewesen. Den Bürger, den +Bauer, den Soldaten hatte er mit mannigfachen Drangsalen kämpfen sehen. +Noch immer dauerten die ungeheuern Bewegungen fort, die die Revolution im +Innern Frankreichs hervorgerufen hatte. Der Tod Ludwigs XVI. und seiner +Gemahlin, die Greulthaten Robespierre's, Danton's und anderer damaliger +Machthaber erfüllten die Welt mit Schrecken, und bei den raschen +Kriegsschritten der aufgeregten französischen Nation schien eine +Veränderung, wo nicht ein völliger Umsturz aller bestehenden Verhältnisse +zu fürchten. Ueberall hörte man von Kriegsrüstungen und von Flüchtlingen, +die in ihrer Heimath bedroht, anderswo ein Asyl suchten. Vergebens bot +Goethe seiner Mutter einen ruhigen Aufenthalt in Weimar an. Sie fühlte +keine Besorgniß für ihre eigne Person, tröstete sich durch Bibelstellen, +und wollte sich durchaus nicht trennen von ihrer Vaterstadt Frankfurt, mit +der sie, wie Goethe sich ausdrückte, "ganz eigentlich zusammengewachsen +war."</p> + +<p>Von dem bewegten Treiben der Außenwelt wandte sich Goethe, seiner +Gewohnheit nach, wieder zu mannigfachen literarischen Beschäftigungen. Das +Gedicht "Reinecke Fuchs" ward um diese Zeit vollendet. Auch der Druck des +ersten Bandes von "Wilhelm Meisters Lehrjahren" hatte begonnen. Seinen +botanischen und mineralogischen Studien widmete sich Goethe ebenfalls +wieder mit großem Eifer. Erfreulich war für ihn in dieser Hinsicht der +unterhaltende und belehrende Umgang mit Göttling, Batsch, Voigt und andern +Professoren der Universität Jena. Ein besonderer Gegenstand seiner +Aufmerksamkeit war das Bergwesen in Ilmenau, und mancher Ausflug in jene +Gegend ward von ihm unternommen. Goethe freute sich über die Fortschritte +jenes Unternehmens, die bei beschränkten Mitteln freilich nur mäßig seyn +konnten.</p> + +<p>Unstreitig das wichtigste Ereignis in Goethe's Leben war das um diese Zeit +(1794) sich entwickelnde nähere Verhältniß zu Schiller. Aus entschiedener +Abneigung gegen die frühern Producte dieses Dichters, die ihn an die +poetische Sturm- und Drangperiode erinnerten, der er längst entwachsen war, +hatte er sich bisher von Schiller entfernt gehalten. Zwar war er ihm 1789 +behülflich gewesen zu einer Professur in Jena, aber an ein näheres +Verhältniß schienen beide nicht zu denken. Ein philosophisches Gespräch in +einer Sitzung der von dem Professor Batsch in Jena gegründeten +naturforschenden Gesellschaft bewirkte die erste Annäherung der beiden +Dichter. Das von Schiller damals herausgegebene Journal: "die Horen" ward +das vermittelnde Band zwischen ihm und Goethe, der ebenfalls Beiträge zu +jener Zeitschrift lieferte.</p> + +<p>Das Verhältniß zwischen beiden Dichtern ward bald immer inniger. An +Schillers Arbeiten nahm Goethe das lebhafteste Interesse, das durch die +Uebereinstimmung ihrer Ideen immer wieder aufs neue angeregt ward. Ueber +eine damals noch ungedruckte Abhandlung Schillers schrieb Goethe den 4. +September 1794: "Ich habe Ihre Entwickelung des Erhabenen mit vielem +Vergnügen gelesen, und mich daraus aufs neue überzeugt, daß uns nicht +allein dieselben Gegenstände interessiren, sondern daß wir auch in der Art, +sie anzusehen, meistens übereinkommen. Ueber alle Hauptpunkte, seh' ich, +sind wir eins, und was die Abweichungen, die Standpunkte, die Verbindungen +des Ausdrucks betrifft, so zeugen diese von dem Reichthum des Objects und +der ihm correspondirenden Mannigfaltigkeit der Subjecte." Dieser Brief +enthielt zugleich eine an Schiller gerichtete Einladung, nach Weimar zu +kommen, und in Goethe's Hause zu wohnen. "Wir unterhielten uns", schrieb +Goethe, "sähen Freunde, die uns am ähnlichsten gesinnt wären, und würden +nicht ohne Nutzen von einander scheiden." Schillers Individualität +berücksichtigend fügte Goethe noch hinzu: "Sie sollen ganz nach ihrer Art +und Weise leben, und sich ganz wie zu Hause einrichten." Schiller folgte +jener Einladung, und Goethe schrieb den 1. October 1794: "Nach unserer +vierzehntägigen Conferenz wissen wir nun, daß wir in Prinzipien einig sind, +und die Kreise unsers Empfindens, Denkens und Wirkens theils coincidiren, +theils sich berühren."</p> + +<p>Zur Aufnahme in die von Schiller herausgegebenen "Horen" sandte Goethe, +seine "römischen Elegien", zwei "Episteln", denen noch eine dritte folgen +sollte, und andere poetische Beiträge. Auch zu einigen Aufsätzen hoffte er +noch Muße zu finden unter der fortwährenden Beschäftigung mit seinem +"Wilhelm Meister." "Zu kleinen Erzählungen", schrieb er den 27. November +1794, "hab' ich große Lust, nach der Last, die einem so ein Pseudo-Epos, +wie der Roman, auferlegt. Ich denke dabei wie die Erzählerin in der Tausend +und Einen Nacht zu verfahren."</p> + +<p>Lebhaft interessirte sich Goethe für Schillers "Briefe über ästhetische +Erziehung." Diese Abhandlung harmonirte im Wesentlichen mit seinen eignen +Ansichten und Ideen. Er schrieb darüber den 26. October 1794: "Wie uns ein +köstlicher, unserer Natur analoger Trank willig hinunterschleicht und auf +der Zunge schon durch gute Stimmung des Nervensystems seine heilsame +Wirkung zeigt, so waren mir diese Briefe angenehm und wohlthätig, und wie +sollte es anders seyn, da ich das, was ich für recht seit langer Zeit +erkannt, auf eine so zusammenhängende und edle Weise vorgetragen fand. In +diesem behaglichen Zustande hätte mich ein Billet Herders beinahe gestört, +der uns, die wir an dieser Vorstellungsart Freude haben, gern einer +Einseitigkeit beschuldigen möchte. Da man aber im Reiche der Erscheinungen +es überhaupt nicht so genau nehmen darf, und es immer schon tröstlich genug +ist, mit einer Anzahl geprüfter Menschen eher zum Nutzen als Schaden seiner +selbst und seiner Zeitgenossen zu irren, so wollen wir getrost und +unverrückt so fortleben, und wirklich und in unserm Seyn und Wollen ein +Ganzes denken, um unser Stückwerk nur einigermaßen vollständig zu machen."</p> + +<p>Treffend bezeichnete Goethe so seine unvollendeten literarischen Arbeiten. +Der "Faust", zu dessen Fortsetzung ihn Schiller ermuntert hatte, ruhte +längst. "Ich wage nicht," schrieb Goethe, "das Packet aufzuschnüren, das +ihn gefangen hält." Seine Thätigkeit zersplitterte sich in mannigfachen +Plänen und Entwürfen, die er großentheils für die "Horen" auszuführen +gedachte. Einer seiner gehaltvollsten Beiträge für dieses Journal waren die +bisher ungedruckt gebliebenen "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter." +Den Werth und Gehalt seiner Producte machte Goethe fast ohne Ausnahme von +Schillers Urtheil abhängig. Durch ihn gewann er auch das fast verlorene +Vertrauen zu seinem Roman wieder. Er glaubte, als er denselben begann, das +Publikum zu Anforderungen berechtigt zu haben, die er sich nicht zu +erfüllen getraute.</p> + +<p>Beruhigt über das im Allgemeinen günstig lautende Urtheil Schillers, dem er +einen Theil des Manuscripts gesandt hatte, schrieb Goethe an ihn den 10. +December 1794: "Sie haben mir sehr wohl gethan durch das gute Zeugniß, daß +sie dem ersten Buche meines Romans geben. Nach den sonderbaren Schicksalen, +welche diese Production von innen und außen gehabt hat, wäre es kein +Wunder, wenn ich ganz und gar confus darüber würde. Ich habe mich zuletzt +blos an meine Idee gehalten, und will mich freuen, wenn sie mich aus diesem +Labyrinth herausleitet." Schiller war ihm hierzu durch seinen Rath +behülflich, und dankbar erkannte er des Freundes Bemühungen. Er gewann +dadurch wieder Muth zur Fortsetzung seines Werks. Ein Brief vom 11. März +1795 enthielt das Geständniß, daß er den größten Theil des vierten Buchs +vom "Wilhelm Meister" zum Druck abgesandt, und außerdem noch eine Novelle, +"der Procurator", geschrieben habe.</p> + +<p>Aus dem Carlsbade zurückgekehrt, wohin ihn im Juni 1795 seine +Kränklichkeit, besonders katarrhalische Zufälle genöthigt hatten, unternahm +Goethe häufige Ausflüge nach Jena. Außer Schiller fand er dort auch +Alexander und Wilhelm von Humboldt. Er verlebte in Jena genußreiche Tage. +Naturwissenschaftliche Betrachtungen wechselten mit Gesprächen über Poesie +und Kunst. Zur Fortsetzung des "Wilhelm Meister" und zu Beiträgen für die +"Horen" ermunterte ihn Schiller, so wenig auch dessen Erwartungen die +genannte Zeitschrift entsprach. Schiller hatte von jenem Journal eine +allgemein verbreitete großartige Wirkung gehofft, und stieß dagegen von +Seiten des Publikums überall auf Mangel an Empfänglichkeit und auf +kleinliche Ansichten. Goethe theilte seines Freundes Begeistrung für alles +Treffliche, den lebendigen Haß gegen falschen Geschmack und gegen jede +Beschränkung der Wissenschaft und Kunst. Entrüstet über die kalte Aufnahme +der "Horen" und über die einseitige Beurtheilung dieser Zeitschrift in +mehreren kritischen Blättern, schrieb Goethe: "Ueberall spukt doch dieser +Geist anmaßlicher Halbheit. Welch eine sonderbare Mischung von Selbstbetrug +und Klarheit diese Personen zu ihrer Existenz brauchen, und was dieser +Cirkel sich für eine Terminologie gemacht hat, um das zu beseitigen, was +ihnen nicht ansteht, und das, was sie besitzen, als die Schlange Mosis +aufzustellen, ist in der That merkwürdig."</p> + +<p>In solcher Stimmung vereinigte sich Goethe mit Schiller zur Abfassung der +unter dem Namen "Xenien" bekannten Epigramme. Ein damaliger Brief Schillers +bezeichnete sie als "wilde Satyre, besonders gegen Schriftsteller und +schriftstellerische Producte gerichtet, untermischt mit einzelnen +poetischen und philosophischen Gedankenblitzen." Lebhaft ergriff Goethe +diese von ihm ausgegangene Idee. Er schrieb darüber an Schiller den 23. +December 1795: "Den Einfall, auf alle Zeitschriften Epigramme zu machen, +wie die Xenien des Martial sind, der mir diese Tage zugekommen ist, müssen +wir cultiviren, und eine solche Sammlung in Ihren Musenalmanach des +nächsten Jahres bringen."</p> + +<p>Nur auf wenige subordinirte Geister hatte sich anfangs der Witz in den +erwähnten Epigrammen beschränkt. Der Stoff breitete sich jedoch immer mehr +aus, und die Pfeile der Satyre verschonten auch nicht Namen, die der +deutschen Literatur zur Ehre gereichten. Die bedeutendsten unter den +zahlreichen Gegenschriften, welche die Xenien veranlaßten, waren von Gleim, +Claudius, Jenisch, Dyk, Manso u.A. Mit vielem Scharfsinn und mit der +feinsten Ironie suchte Wieland, der ebenfalls in den Xenien nicht geschont +worden war, in einem gedruckten Briefe einen Freund zu überzeugen, daß +Schiller und Goethe, nach ihren bisherigen ausgezeichneten Producten, +unmöglich die Verfasser der Xenien seyn könnten. Ueber die +Gewissensscrupel, durch die das in jenen Producten mitunter verletzte +Zartgefühl sich an seinem Freunde Schiller rächte, setzte sich Goethe's +heiterer Weltsinn hinweg. "Daß man," schrieb er, "nicht überall mit uns +zufrieden seyn sollte, war ja unsere Absicht, und da das literarische +Faustrecht noch nicht abgeschafft ist, so bedienen wir uns der reinen +Befugniß, uns selbst Recht zu verschaffen. Ich erwarte nur, daß mir Jemand +etwas merken läßt, wo ich mich denn so lustig und artig als möglich +expectoriren werde."</p> + +<p>Neben den "Xenien" entstanden damals mehrere Gedichte Goethe's, die zu dem +Trefflichsten gehören, was die deutsche Poesie aufzuweisen hat, so unter +andern die Elegie "Alexis und Dora", und, durch einen Wetteifer mit +Schiller veranlaßt, mehrere Balladen: "die Braut von Corinth, der Gott und +die Bajadere, das Blümlein Wunderschön, der Junggesell und der Mühlbach, +der Müllerin Verrath" u.a.m. Auch mehrere humoristische Gedichte fielen in +diese Zeit, wie unter andern das bekannte Tischlied: "Mich ergreift, ich +nicht wie u.s.w." Für die "Horen" lieferte Goethe, außer andern Beiträgen, +einzelne Fragmente aus seiner damals noch unvollendeten Biographie des +Florentinischen Goldschmids "Benvenuto Cellini." Immer aber blieb der +"Wilhelm Meister" seine Hauptbeschäftigung.</p> + +<p>In Bezug auf Schillers kritische Bemerkungen über das ihm mitgetheilte +Manuscript seines Romans, bemerkte Goethe treffend: "Der Fehler, den Sie +mit Recht bemerken, kommt aus meiner innersten Natur, aus einem gewissen +realistischen Tic, durch den ich meine Existenz, meine Handlungen, meine +Schriften den Menschen aus den Augen zu rücken behaglich finde. So werde +ich immer gern incognito reisen, das geringere Kleid vor dem bessern +wählen, den unbedeutenden Gegenstand oder doch den weniger bedeutenden +Ausdruck vorziehen, mich leichtsinniger betragen, als ich bin, und mich so, +ich möchte sagen, zwischen mich selbst und meine eigene Erscheinung +stellen. Nach dieser allgemeinen Beichte will ich gern zur besondern +übergehen, daß ich ohne Ihren Antrieb und Anstoß wider besser Wissen und +Gewissen, mir auch diese Eigenheit bei einem Roman hätte hingehen lassen, +welches denn doch bei dem ungeheuren Aufwande, der darauf gemacht ist, +unverzeihlich gewesen wäre, da alles das, was gefordert werden kann, theils +so leicht zu erkennen, theils so bequem zu machen ist. Es ist keine Frage, +daß die scheinbaren, von mir ausgesprochenen Resultate viel beschränkter +sind, als der Inhalt des Werks, und ich komme mir vor, wie einer, der, +nachdem er viele und große Zahlen über einander gestellt, endlich +muthwillig selbst Additionsfehler macht, um die letzte Summe, Gott weiß, +aus was für einer Grille, zu verringern. Ich bin Ihnen den lebhaftesten +Dank schuldig, daß Sie noch zur rechten Zeit, auf eine so entschiedene Art, +diese perverse Manier zur Sprache bringen, und ich werde gewiß, in wiefern +es mir möglich ist, Ihren gerechten Wünschen entgegen gehen."</p> + +<p>Ueber die einseitigen Urtheile, welche seinen Roman, den er 1796 vollendet +hatte, von mehreren Seiten trafen, machte sich Goethe in den unmuthigen +Worten Luft: "Möchte bei solchen Aeußerungen nicht die Hippokrene zu Eis +erstarren, und Pegasus sich mausern! Doch das war vor fünf und zwanzig +Jahren, als ich anfing, eben so, und wird so seyn, wenn ich lange geendigt +habe. Indeß ist es nicht zu leugnen, daß es doch aussieht, als wenn gewisse +Einsichten und Grundsätze, ohne die man sich eigentlich keinem Kunstwerke +nähern sollte, nach und nach allgemeiner werden müßten."</p> + +<p>Den Eindruck, den die mannigfachen, gegen die "Xenien" gerichteten +Broschüren auf ihn gemacht hatten, schilderte Goethe in einem Briefe an +Schiller vom 7. December 1796. "Wenn ich aufrichtig seyn soll," schrieb er, +"so ist das Betragen des Volks ganz nach meinem Wunsch. Es ist eine nicht +genug gekannte und geübte Politik, daß Jeder, der auf einigen Nachruhm +Anspruch macht, seine Zeitgenossen zwingen soll, alles, was sie gegen ihn +in <span class="u">petto</span> haben, von sich zu geben. Den Eindruck davon vertilgt er durch +die Gegenwart, Leben und Wirken jederzeit wieder. Was half es manchem +bescheidenen, verdienstvollen und klugen Manne, den ich überlebt habe, daß +er durch unglaubliche Nachgiebigkeit, Unthätigkeit, Schmeichelei, Rücken +und Zurechtlegen einen leidlichen Ruf zeitlebens erhielt? Gleich nach dem +Tode sitzt der Advokat des Teufels neben dem Leichnam, und der Engel, der +ihm Widerpart halten soll, macht gewöhnlich eine klägliche Gebehrde. Ich +hoffe, daß die Xenien auch eine ganze Weile wirken, und den bösen Geist +gegen uns in Thätigkeit erhalten werden. Wir wollen indeß unsere positiven +Arbeiten fortsetzen, und ihm die Negation überlassen. Nicht eher, als bis +sie ganz ruhig sind und sicher zu seyn glauben, müssen wir, wenn der Humor +frisch bleibt, sie noch einmal recht aus dem Fundament ärgern."</p> + +<p>Dieser Vorsatz unterblieb. Einen würdigern Gebrauch machte Goethe von +seinem poetischen Talent in dem epischen Gedicht "Hermann und Dorothea," +das er um diese Zeit entworfen hatte. Er schrieb darüber den 18. Januar +1797 an Schiller, die wunderbare Epoche, in der er eingetreten, sei ihm +höchst merkwürdig. "Ich schleppe von der analytischen Zeit noch so vieles +mit, das [daß] ich es nicht loswerden und kaum verarbeiten kann. Indessen +bleibt mir nichts übrig, als auf diesem Strom mein Fahrzeug so gut zu +lenken, als es nur gehen will. In's Ferne und Ganze läßt sich nichts +voraussagen, da diese regulirte Naturkraft, wie alle unregulirten, durch +nichts in der Welt geleitet werden kann, sondern sich selbst bilden muß, +auch aus sich selbst und auf ihre Weise wirkt.["]</p> + +<p>Goethe blieb seiner Natur und schnell wechselnden Geistesrichtung treu. +Schon eilf Tage später, am 29. Januar, beklagte er sich, "daß für ihn an +keine ästhetische Stimmung zu denken sei." Seine Thätigkeit wandte sich +wieder zu wissenschaftlichen Gegenständen. "Die Farbentafeln," schrieb er, +"schließen sich immer fester an einander, und in Betrachtung organischer +Naturen bin ich auch nicht müßig gewesen. Es leuchten mir in diesen langen +Nächten ganz wundersame Lichter. Ich hoffe, es sollen keine Irrlichter +seyn." In einem spätern Briefe an Schiller vom 8. Februar 1797 gestand +Goethe, er sei wie ein Ball, den eine Stunde der andern zuwerfe. "In den +Frühstunden," schrieb er, "suche ich die letzte Lieferung des Benvenuto +Cellini zu bearbeiten. Ueber die Metamorphose der Insekten gelingen mir +allerlei gute Bemerkungen. Die Raupen, die ich im Winter in der warmen +Stube hielt, erscheinen schon nach und nach als Schmetterlinge, und ich +suche sie auf dem Wege zu dieser neuen Verwandlung zu ertappen."</p> + +<p>In diese stillen Beschäftigungen griffen die damaligen politischen +Ereignisse störend ein. Die mannigfachen Truppenmärsche der europäischen +Mächte ließen auf den nahen Ausbruch eines allgemeinen Kriegs schließen. +Erst als die Besorgnisse allmälig verschwanden, gewann Goethe wieder Muth +zur Fortsetzung seines noch unvollendeten Gedichts "Hermann und Dorothea." +Unterbrochen ward er jedoch darin durch physische Leiden, besonders durch +einen hartnäckigen Katarrh, der ihn während seines Aufenthalts in Jena +heimsuchte. An Schiller schrieb er den 27. Februar 1797: "Ich bin wirklich +mit Hausarrest belegt, sitze am warmen Ofen, und friere von innen heraus. +Der Kopf ist mir eingenommen, und meine ganze Intelligenz wäre nicht im +Stande, durch einen freien Denkactus den einfachsten Wurm zu produciren; +vielmehr muß sie dem Salmiak und dem Liquiriziensaft, als Dingen, die an +sich den häßlichsten Geschmack haben, wider ihren Willen die Existenz +zugestehen. Wir wollen hoffen, daß wir aus der Erniedrigung dieser realen +Bedrängnisse zur Herrlichkeit poetischer Darstellungen nächstens gelangen +werden, und glauben dies um so sicherer, als uns die Wunder der stetigen +Naturwirkungen bekannt sind."</p> + +<p>Am 1. März 1797 meldete Goethe, daß "der Katarrh zwar im Abmarsch sei," er +aber noch das Zimmer hüten müßte. "Die Gewohnheit", schrieb er, "fängt an, +mir diesen Aufenthalt erträglich zu machen." Er äußerte in diesem Briefe +die Hoffnung, sein Gedicht "Hermann und Dorothea," wovon er den vierten +Gesang vollendet habe, glücklich zu Ende zu bringen. "So verschmähen also," +schrieb er, "die Musen den asthenischen Zustand nicht, in welchem ich mich +durch das Uebel versetzt fühle. Vielleicht ist es gar ihren Einflüssen +günstig." Bereits am 4. März meldete Goethe, daß die Arbeit fortrücke, und +schon anfange, Masse zu machen. "Nur auf zwei Tage," schrieb er, "kommt es +noch an, so ist der Schatz gehoben, und ist er erst einmal über der Erde, +so findet sich alsdann das Poliren von selbst." Merkwürdig sei es, fügte +Goethe hinzu, wie das Gedicht gegen das Ende sich ganz zu seinem +idyllischen Ursprung hinneige.</p> + +<p>Die Erfindung, die Wahl des Stoffs hielt Goethe bei jedem poetischen Werke +für die Hauptsache. Form und Darstellung, meinte er, seien nur Nebendinge. +Er schrieb darüber an Schiller den 5. April 1797: "Sie haben ganz Recht, +daß in den Gestalten der alten Dichtkunst, wie in der Bildhauerkunst, ein +Abstractum erscheint, das seine Höhe nur durch das, was man Styl nennt, +erreichen kann. Es giebt auch Abstracta durch Manier, wie bei den +Franzosen. Auf dem Glück der Fabel beruht freilich alles; man ist wegen des +Hauptaufwandes sicher, die meisten Leser und Zuschauer nehmen dann doch +nichts weiter davon, und dem Dichter bleibt doch das ganze Verdienst einer +lebendigen Ausführung, die desto fleißiger seyn kann, je besser die Fabel +ist."</p> + +<p>Abgelenkt ward Goethe wieder von der Beschäftigung mit seinem Epos durch +eine jugendliche Lieblingsidee, die in ihm auftauchte. Die Bibel ward für +ihn ein Gegenstand mannigfacher Forschungen. "Indem ich den +patriarchalischen Ueberresten nachspürte," schrieb er den 12. April 1797, +"bin ich in das Alte Testament gerathen, und habe mich auf's Neue nicht +genug verwundern können über die Confusion und die Widersprüche der fünf +Bücher Mosis, die freilich, wie bekannt, aus hunderterlei schriftlichen und +mündlichen Traditionen zusammengestellt seyn mögen. Ueber den Zug der +Kinder Israel in der Wüste hab' ich einige artige Bemerkungen gemacht, und +es ist der verwegene Gedanke in mir entstanden, ob nicht die große Zeit, +welche sie darin zugebracht haben, erst eine spätere Erfindung sei."</p> + +<p>Näher erklärte sich Goethe hierüber in einem Briefe vom 15. April 1797. +"Noch immer," schrieb er, "hab' ich die Kinder Israel in der Wüste +begleitet. Meine kritisch-historisch-poetische Arbeit geht davon aus, daß +die vorhandenen Bücher sich selbst widersprechen und sich selbst verrathen; +und der ganze Spaß, den ich mir mache, läuft dahin hinaus, das menschlich +Wahrscheinliche von dem Absichtlichen und blos Imaginirten zu sondern, und +doch für meine Meinung überall Belege aufzufinden. Alle Hypothesen dieser +Art bestehen blos durch das Natürliche des Gedankens und durch die +Mannigfaltigkeit der Phänomene, auf die er sich gründet." Es sei ihm, fügte +Goethe hinzu, "recht wohl zu Muthe, wieder einmal etwas auf kurze Zeit zu +haben, bei dem er mit Interesse im eigentlichen Sinne des Worts spielen +könne, denn die Poesie, wie er sie seit einiger Zeit treibe, sei doch eine +gar zu ernste Beschäftigung."</p> + +<p>Neben diesen Bibelstudien, bei denen ihm Eichhorn's Einleitung in das Alte +Testament wesentliche Dienste leistete, hatten sich die einzelnen Gesänge +von "Hermann und Dorothea" nach und nach zu einem Ganzen gerundet. An +Schiller schrieb Goethe den 28. April 1797: "Mein Gedicht ist fertig. Es +besteht aus zweitausend Hexametern, und ist in neun Gesänge getheilt, und +ich sehe darin wenigstens einen Theil meiner Wünsche erfüllt. Die höchste +Instanz, vor der es gerichtet werden kann, ist die, vor welche der +Menschenmaler seine Compositionen bringt, und es wird die Frage seyn, ob +man unter dem modernen Costüm meines Gedichts die wahren ächten +Menschenproportionen anerkennen werde. Der Gegenstand selbst ist äußerst +glücklich, ein Süjet, wie man es in seinem Leben nicht zweimal findet; wie +denn überhaupt die Gegenstände zu wahren Kunstwerken seltener gefunden +werden, als man denkt, woher auch die Alten sich nur beständig in einem +gewissen Kreise bewegen. In der Lage, in der ich mich befinde, habe ich mir +zugeschworen, an nichts mehr Theil zu nehmen, als an dem, was ich so in +meiner Gewalt habe, wie ein Gedicht, wo man weiß, daß man zuletzt nur sich +zu tadeln oder zu loben hat; an einem Werke, an dem man, wenn der Plan +einmal gut ist, nicht das Schicksal des Penelopeischen Schleiers erlebt. +Leider lösen in allen übrigen Dingen einem die Menschen gewöhnlich wieder +auf, was man mit großer Sorgfalt gewoben hat, und das Leben gleicht jener +beschwerlichen Art zu wallfahrten, wo man drei Schritte vor, und zwei +zurück thun muß."</p> + +<p>So wenig auch Goethe's individuelle Natur, die Vielseitigkeit seines +Geistes ihm erlaubte, bei dem in diesem Briefe ausgesprochenen Entschlusse +ernstlich zu beharren, so schien er doch diesmal demselben treu bleiben zu +wollen. "Ich habe," schrieb er den 22. Juni 1797, "mich entschlossen, an +meinen Faust zu gehen, und ihn, wo nicht zu vollenden, doch wenigstens um +ein gutes Theil weiter zu bringen, indem ich das, was gedruckt ist, wieder +auflöse, und es mit dem, was schon fertig oder erfunden ist, in große +Massen disponire, und so die Ausführung des Plans, der eigentlich nur eine +Idee ist, näher vorbereite. Nun hab' ich eben diese Idee und deren +Darstellung wieder vorgenommen, und bin mit mir selbst ziemlich einig. Da +die verschiedenen Theile dieses Gedichts in Absicht auf die Stimmung +verschieden behandelt werden können, wenn sie sich nur dem Geist und Ton +des Ganzen subordiniren, und da übrigens die ganze Arbeit subjectiv ist, so +kann ich in einzelnen Momenten mich damit beschäftigen, und so bin ich auch +jetzt etwas zu leisten im Stande. Ich werde vorerst die großen erfundenen +und halb bearbeiteten Massen zu enden, und mit dem, was gedruckt ist, +zusammen zu stellen suchen, und so lange treiben, bis sich der Kreis selbst +erschöpft."</p> + +<p>Unterbrochen ward Goethe's Beschäftigung mit dem "Faust", so wie seine +ganze literarische Thätigkeit durch eine Reise nach der Schweiz. Den 30. +Juli 1797 verließ er Weimar. Unterwegs beschäftigte ihn die genaue +Betrachtung der Gegenden, besonders in Bezug auf Geognosie und die darauf +gegründete Cultur des Bodens. Genußreiche Tage verlebte er in seiner +Vaterstadt Frankfurt. Unter mehreren Bekanntschaften, die er dort theils +anknüpfte, theils erneuerte, war besonders Sömmering für ihn belehrend +durch seine geistreiche Unterhaltung, durch Präparate und Zeichnungen. Zur +Ausführung einiger poetischen Entwürfe fehlte ihm die nöthige Stimmung, die +er erst nach der Rückkehr von einem ruhigen Zustande erwartete. Von +Frankfurt a.M. ging er über Heidelberg, Heilbronn und Ludwigsburg nach +Stuttgart, wo er den kunstliebenden Kaufmann Rapp und die Bildhauer +Dannecker und Scheffauer kennen lernte. In der Schweiz, wohin er sich im +September 1797 begab, fand sein poetisches Talent mannigfache Anregung +durch die Betrachtung der schönen Natur. "Herrliche Stoffe zu Idyllen und +Elegien," schrieb er, "habe ich aufgefunden, und Einiges schon wirklich +gemacht." Am längsten verweilte er bei der Idee, den Befreier der Schweiz +zum Helden eines epischen Gedichts zu wählen. Er schrieb darüber den 14. +October 1797: "Ich bin fest überzeugt, daß die Fabel vom Tell sich werde +episch behandeln lassen, und es würde daher, wenn es mir, wie ich vorhabe, +gelingt, der sonderbare Fall eintreten, daß das Mährchen durch die Poesie +erst zu seiner vollkommnen Wahrheit gelangte, anstatt daß man sonst, um +etwas zu leisten, die Geschichte zur Fabel machen muß. Das beschränkte, +höchst bedeutende Local, worauf die Begebenheit spielt, hab' ich mir wieder +recht genau vergegenwärtigt, so wie die Charaktere, Sitten und Gebräuche +der Menschen in diesen Gegenden, so gut in der kurzen Zeit möglich, +beobachtet, und es kommt nun auf gut Glück an, ob aus diesem Unternehmen +etwas werden kann."</p> + +<p>Andere Gegenstände verdrängten die Ausführung dieser Idee. Indeß meinte +Goethe doch, daß nur ein wenig Gewohnheit dazu gehöre, die literarische +Thätigkeit, an die man daheim gewöhnt sei, auch auswärts fortzusetzen. +"Wenn die Reise," schrieb er, "zu gewissen Zeiten zerstreut, so führt sie +uns zu andern Zeiten desto schneller auf uns selbst zurück. Der Mangel an +äußeren Verhältnissen und Verbindungen, ja die lange Weile ist demjenigen +günstig, der manches zu verarbeiten hat. Die Reise gleicht einem Spiel; man +empfängt mehr oder weniger, als man hofft, man kann ungestört eine Weile +hinschlendern, und dann ist man wieder genöthigt, sich einen Augenblick +zusammenzunehmen. Für Naturen, wie die meinige, die sich gern festsetzen +und die Dinge festhalten, ist eine Reise unschätzbar; sie belebt, +berichtigt, belehrt und bildet."</p> + +<p>Bei seiner Rückkehr nach Weimar widmete Goethe vorzugsweise seine +Aufmerksamkeit dem Theater. Sein Interesse an der Bühne, durch die +schriftliche und mündliche Unterhaltung mit Schiller immer auf's neue +belebt, ward noch höher gesteigert, als Iffland im April 1798 eine Reihe +von glänzenden Darstellungen gab. Vielfach thätig war Goethe bei dem neuen +Theatergebäude, das damals durch den Architekten Thouret aus Stuttgart in +Weimar errichtet und mit einem Prolog Schillers eröffnet ward, welchem eine +Vorstellung von Wallensteins Lager folgte. Goethe fühlte sich der +dramatischen Gattung seit längerer Zeit entfremdet. Er gestand dies in +einem Briefe an Schiller vom 9. December 1797. "Ohne ein lebhaftes +pathologisches Interesse," schrieb er, "ist es mir nie gelungen, irgend +eine tragische Situation zu bearbeiten, und ich habe sie daher eher +vermieden, als aufgesucht. Sollte es wohl auch einer von den Vorzügen der +Alten gewesen seyn, da bei uns die Naturwahrheit mitwirken muß, um ein +solches Wesen hervorzubringen? Ich kenne mich zwar nicht selbst genug, um +zu wissen, ob ich eine wahre Tragödie schreiben könnte; ich erschrecke aber +blos vor dem Unternehmen, und bin überzeugt, daß ich mich durch den bloßen +Versuch zerstören könnte."</p> + +<p>In der Beilage zu einem an Schiller gerichteten Briefe hatte Goethe den +Unterschied zwischen epischer und dramatischer Dichtung scharf bezeichnet. +Doch blieb er der erstern treu, weil sie mit seinen Naturanlagen mehr +harmonirte. Das fortgesetzte Studium des Homer führte ihn zu dem Entwurf +eines epischen Gedichts unter dem Titel "Achilleis", das jedoch unvollendet +blieb. Den 6. December 1797 schrieb Goethe: "Ich habe diese Tage +fortgefahren, die Ilias zu studiren, und zu überlegen, ob zwischen ihr und +der Odyssee nicht noch eine Epopöe inne liege. Ich finde aber eigentlich +nur tragische Stoffe, es sei nun, daß es wirklich so ist, oder daß ich nur +den epischen nicht finden kann. Das Lebensende des Achill mit seinen +Umgebungen ließe eine epische Behandlung zu, und forderte sie gewissermaßen +wegen der Breite des zu bearbeitenden Stoffs. Nun würde die Frage +entstehen, ob man wohl thue, einen tragischen Stoff ebenfalls episch zu +behandeln. Es läßt sich allerlei dafür und dagegen sagen. Was den Effect +betrifft, so würde ein Neuer, der für Neue arbeitet, immer dabei im +Vortheil seyn, weil man ohne pathologisches Interesse sich wohl schwerlich +den Beifall der Zeit erwerben wird."</p> + +<p>Noch in mehreren seiner Briefe kam Goethe wieder auf diese Idee zurück, die +er jedoch, der Ermunterungen Schillers ungeachtet, nicht realisirte. +Dankbar erkannte er jedoch des Freundes wohlthätigen Einfluß auf seine +poetische Thätigkeit. Er schrieb darüber den 6. Januar 1798 an Schiller: +"Das günstige Zusammentreffen unsrer beiden Naturen hat uns schon manchen +Vortheil verschafft. Wenn ich Ihnen zum Repräsentanten mancher Objecte +diente, so haben Sie mich von der allzustrengen Beobachtung der äußern +Dinge und ihrer Verhältnisse auf mich selbst zurückgeführt. Sie haben mich +die Vielseitigkeit des innern Menschen mit mehr Billigkeit anzuschauen +gelehrt, Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft, und mich zum Dichter +gemacht, welches zu seyn ich so gut als aufgehört hatte."</p> + +<p>Seine poetische Unfruchtbarkeit erklärte sich Goethe aus den noch immer +fortdauernden Nachwirkungen seines zerstreuten Reiselebens. "Das Material, +das ich erbeute," schrieb er, "kann ich zu nichts brauchen, und ich bin +außer aller Stimmung gekommen, irgend etwas zu thun. Ich erinnere mich aus +früherer Zeit eben solcher Wirkungen, und es ist mir aus manchen Fällen und +Umständen wohl bekannt, daß Eindrücke bei mir sehr lange wirken müssen, bis +sie zum poetischen Gebrauch sich willig finden lassen. Ich habe auch +deshalb ganz pausirt, und erwarte nun, was mir mein erster Aufenthalt in +Jena bringen wird."</p> + +<p>Die erwartete poetische Ausbeute bestand jedoch nur in einzelnen kleinen +Gedichten, unter denen die "Weissagungen des Bakis" vielleicht die +bedeutendsten waren. Goethe wandte sich zur bildenden Kunst. Ihn +beschäftigten die Vorarbeiten zur Herausgabe einer Zeitschrift, "die +Propyläen" betitelt. Gleichzeitig setzte er die Biographie des "Benvenuto +Cellini" fort, als Anhaltspunkt der Geschichte des sechzehnten +Jahrhunderts. Daran reihten sich mannigfache andere Beschäftigungen, die in +der rauhen und unfreundlichen Witterung des Januar ihm die Zeit verkürzten. +Er nahm unter andern seine "Farbenlehre" wieder zur Hand.</p> + +<p>Seinem Freunde Schiller kam er aufmunternd entgegen durch das lebhafte +Interesse an dem "Wallenstein." Gemeinschaftlich mit Schiller entwarf er +die Idee, mehrere ältere Schauspiele dem Geschmack der neuern Zeit zu +nähern, und sie in einer Umbildung auf die Bühne zu bringen. Dem deutschen +Theater sollte dadurch zu einem soliden Repertoir verholfen werden. Goethe +machte hiezu den Anfang mit seiner Uebersetzung des Mahomet und Tancred von +Voltaire, Schiller mit der Umarbeitung von Shakespeare's [Shakspeare's] +Macbeth.</p> + +<p>Durch den Beifall, mit welchem Schillers "Wallenstein," seine "Maria +Stuart" u.a. seiner spätern dramatischen Werke bei der Vorstellung auf der +Bühne aufgenommen wurden, fühlte sich Goethe ermuntert, in einer ihm seit +mehrern Jahren beinahe fremd gewordenen Gattung sich wieder zu versuchen. +Die Memoiren der Stephanie von Bourbon boten ihm den Stoff zu einer +Tragödie, die er später unter dem Titel "die natürliche Tochter" herausgab. +Nach seinem eignen Geständniß wollte er darin "wie in einem Gefäß alles +niederlegen, was er über die französische Revolution und ihre Folgen theils +gedacht, theils niedergeschrieben hatte." Während der Beschäftigung mit +diesem Werke blieb er thätig für die "Propyläen." Manche Mußestunde widmete +er auch, durch Schelling's Naturphilosophie angeregt, verschiedenen damit +zusammenhängenden Studien. Aus seiner Gartenwohnung am sogenannten Stern, +einem Theil des Weimarischen Parks, beobachtete er durch ein +Spiegeltelescop den Mondwechsel mit seinen wunderbaren Erscheinungen. +Daneben beschäftigte ihn die Lectüre von Herder's "Fragmenten zur +Geschichte der Literatur", von "Winkelmanns Briefen" und von Milton's +"verlorenem Paradiese", um, nach seinem eignen Geständniß, "die +mannigfachsten Zustände, Denk- und Dichtweisen sich zu vergegenwärtigen."</p> + +<p>Wie Goethe die Literatur überhaupt, insonderheit aber die Poesie +betrachtete, zeigte folgende Stelle in einem Briefe vom 6. März 1800: "Was +die großen Anforderungen betrifft, die man jetzt an den Dichter macht, so +glaube ich, daß sie nicht leicht einen Dichter hervorbringen werden. Die +Dichtkunst verlangt ein Subject, das sie ausüben soll, eine gewisse +gutmüthige, in's Reale verliebte Beschränktheit, hinter welcher das +Absolute verborgen liegt. Die Forderungen von oben herein zerstören jenen +unschuldigen productiven Zustand, und setzen vor lauter Poesie an die +Stelle der Poesie etwas, das nun ein für allemal nicht Poesie ist, wie wir +in unsern Tagen leider gewahr werden, und so verhält es sich mit den +verwandten Künsten, ja mit der Kunst im weitesten Sinne. Dies ist mein +Glaubensbekenntnis welches übrigens keine weitern Ansprüche macht."</p> + +<p>Unter den mannigfachen Beschäftigungen, auf die sich die Vielseitigkeit +seines Geistes lenkte, überraschte ihn eins der trübsten Ereignisse, der +Tod Schillers am 9. Mai 1805. Mit seiner eigenen Kränklichkeit hatte Goethe +den Freund unter seinen physischen Leiden zu trösten gesucht. Scherzend +schrieb er ihm den 24. Januar 1805: "Ob nach der alten Lehre die <span class="u">humores +peccantis</span> im Körper herumspazieren, oder ob nach der neuern die +verhältnißmäßig schwächern Theile in <span class="u">désavantage</span> sind, genug, bei mir +hinkt es bald hier, bald dort, und sind die Unbequemlichkeiten in den +Gedärmen in's Diaphragma, von da in die Brust, ferner in den Hals und so +weiter in's Auge gefahren, wo sie mir denn am allerwenigsten willkommen +sind."</p> + +<p>Die scherzhafte Stimmung in diesem Briefe wich bald dem Gefühl der Wehmuth +und Trauer bei dem lange gefürchteten Verlust seines Freundes. Als Goethe, +mehrere Wochen an sein Zimmer gefesselt, zu Anfange Mai sich zum ersten Mal +aus dem Hause wagte, traf er Schiller, der eben im Begriff war, in's +Theater zu gehen. "Ein Mißbehagen," erzählt Goethe selbst, "hinderte mich, +ihn zu begleiten, und so schieden wir vor seiner Hausthür, um uns nie +wiederzusehen. Bei dem Zustande meines Körpers und Geistes wagte Niemand, +die Nachricht von seinem Scheiden in meine Einsamkeit zu bringen. Schiller +war am neunten Mai verschieden, und ich nun von allen meinen Uebeln doppelt +und dreifach angefallen." Seine Stimmung schilderte folgende Stelle in +einem Briefe vom 1. Juni 1805. "Ich dachte mich selbst zu verlieren, und +verliere einen Freund, und in demselben die Hälfte meines Daseyns. +Eigentlich", fügte er hinzu, "sollte ich eine neue Lebensweise anfangen. +Aber dazu ist in meinen Jahren auch kein Weg mehr. Ich sehe also jetzt +jeden Tag unmittelbar vor mich hin, ohne an eine weitere Folge zu denken."</p> + +<p>Mehr als jemals, fühlte Goethe das Bedürfnis einer anhaltenden Thätigkeit. +Manche Hindernisse stellten sich der Ausführung des Plans entgegen, das von +Schiller unvollendet zurückgelassene Trauerspiel "Demetrius" zu beenden. +Unterstützt durch mehrere schätzbare Beiträge F.A. Wolfs gab Goethe damals +(1805) das für die Kunstgeschichte wichtige Werk: "Winkelmann und sein +Jahrhundert" heraus, und gleichzeitig einen aus dem Französischen +übersetzten Dialog Diderots, unter dem Titel: "Rameau's Neffe."</p> + +<p>Trübe Tage brachte ihm die Schlacht bei Jena am 14. October 1806 und die +allgemeine Plünderung, welche die Stadt Weimar traf. Mitten unter jenen +Kriegsstürmen reichte Goethe, in bereits vorgerücktem Alter einer +vieljährigen Freundin am Altar die Hand. Es war Christiane Vulpius, eine +Schwester des bekannten Romanschriftstellers und nachherigen +Oberbibliothekars in Weimar.</p> + +<p>Neben einer genauen Durchsicht seiner bisherigen Schriften, die in einer +zwölfbändigen Gesammtausgabe 1806 erschienen, beschäftigte sich Goethe mit +seinen wissenschaftlichen Forschungen, vor allen mit seiner "Farbenlehre," +die 1808 mit einer Zueignung an die Herzogin Louise von Sachsen-Weimar ans +Licht trat. Jene Forschungen weckten in ihm die Idee zu einem Roman, in +welchem er unter dem Titel "die Wahlverwandtschaften" nach seinem eignen +Geständniß, "das Leben von seiner täglichen Licht- und Schattenseite +darstellen, und zugleich die Macht begreiflich machen wollte, die das Spiel +geheimer Naturgesetze über menschliche Verhältnisse ausübt." Die von ihm +begonnene Biographie des Landschaftsmalers Philipp Hackert, mit dem er in +Rom genußreiche Tage verlebt hatte, trat in den Hintergrund durch Goethe's +Beschäftigung mit seiner Selbstbiographie, die er unter dem Titel: +"Dichtung und Wahrheit aus meinem Leben" in mehrern Bänden herausgab. +Ungeachtet seiner Abneigung gegen alle politischen Tendenzen, verewigte +Goethe die Befreiung seines Vaterlandes von französischer Botmäßigkeit +durch das Festspiel: "Des Epimenides Erwachen", das zuerst in Berlin +vorgestellt ward. Die Stimmung, in welcher er dies Stück, welchem eine alte +griechische Mythe zum Grunde lag, gedichtet hatte, kehrte ihm wieder, und +er verfaßte die Inschrift für das dem Fürsten Blücher in seiner Vaterstadt +Rostock errichtete Denkmal.</p> + +<p>Das Interesse an botanischen und mineralogischen Studien ward in Goethe +erhalten durch seine jährlich nach Carlsbad und Töplitz unternommenen +Badereisen, zu denen ihn sein Gesundheitszustand nöthigte. Einer seiner +Freunde erzählte, wie er unterwegs aus dem Wagen gestiegen sei und mit +einem Hammer Steine zerklopft habe. Seine Vaterstadt Frankfurt, die er nach +siebzehn Jahren (1814) zum ersten mal wieder besuchte, ehrte ihn durch eine +Vorstellung seines "Tasso", und feierte auf eine noch glänzendere Weise +(1818) seinen siebzigsten Geburtstag durch Ueberreichung eines goldenen +Lorbeerkranzes, der an Werth die Summe von 1500 Fl. überstiegen haben soll. +Goethe dankte seinen Verehrern durch das in seinen Werken aufbewahrte +Gedicht: "Die Feier des 28. August dankbar zu erwiedern."</p> + +<p>Das von ihm unter dem Titel: "Kunst und Alterthum" 1816 herausgegebene +Journal, welches kurze Reiseberichte, und Recensionen über neuere Werke der +Dichtkunst, Malerei und Plastik enthielt, war eine Art von Fortsetzung der +Aufsätze, die Goethe früher in Verbindung mit den Weimarischen +Kunstfreunden in den "Propyläen" und in der Allgemeinen Literaturzeitung +mitgetheilt hatte. Für den Theil seiner Studien, dem er seit früher Jugend +unverändert treu geblieben war, gründete er eine, in einzelnen Heften +fortlaufende Zeitschrift: "Zur Morphologie und Naturwissenschaft überhaupt" +betitelt. Das Gebiet der Poesie, aus dem er sich längere Zeit entfernt +hatte, betrat er wieder in einer Art von Fortsetzung seines Romans "Wilhelm +Meister", die er unter dem Titel "Wilhelm Meisters Wanderjahre" herausgab. +In eigentümlicher Weise suchte er in seinem "Westöstlichen Divan" die +orientalische Poesie auf den deutschen Boden zu verpflanzen. An der Bühne +und ihren Vorstellungen nahm er wenig Antheil mehr. Das Auftreten eines +Thieres in dem bekannten Drama. "Der Hund des Aubry" hielt er für eine so +tiefe Herabwürdigung der Bühne, daß er sich dadurch bewogen fand, 1817 die +bisher von ihm geführte Theaterdirection niederzulegen.</p> + +<p>Die ruhige Besonnenheit und Klarheit, die seinem Geiste stets eigen war und +die sich im höhern Alter noch steigerte, vermißte Goethe in der neuern +Literatur. Mit der Richtung, die sie genommen, konnte er sich eben so wenig +befreunden, als mit den eigenthümlichen Fortschritten der Cultur überhaupt. +Nicht ohne Bitterkeit äußerte er sich darüber in einem Briefe vom 9. Juni +1825 mit den Worten: "Alles ist jetzt ultra, alles transcendirt +unaufhaltsam, im Denken, wie im Thun. Niemand kennt sich mehr. Niemand +begreift das Element, worin er schwebt und wirkt, Niemand den Stoff, den er +bearbeitet. Von reiner Einfalt kann die Rede nicht seyn; einfältiges Zeug +giebt es genug. Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt, und dann im +Zeitstrom fortgerissen. Reichthum und Schnelligkeit ist es, was die Welt +bewundert. Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen +Facilitäten der Communication sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, +sich zu überbilden, und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren. +Eigentlich ist es das Jahrhundert für die fähigen Köpfe, für +leichtfassende, practische Menschen, die, mit einer gewissen Gewandtheit +ausgestattet, ihre Superiorität über die Menge fühlen, wenn sie gleich +selbst nicht zum Höchsten begabt sind."</p> + +<p>Eine ruhigere Stimmung herrschte in einem Briefe Goethe's vom 3. November +1825. "Von mir," schrieb er, "kann ich so viel sagen, daß ich, meinem Alter +und Umständen nach, wohl zufrieden seyn darf. Die Verhandlungen wegen einer +neuen Ausgabe meiner Werke geben mir mehr als billig zu thun; sie sind nun +ein ganzes Jahr im Gange. Alles läßt sich aber so gut an, und verspricht +den Meinigen unerwartete Vortheile, um derentwillen es wohl der Mühe werth +ist, sich zu bemühen. Auch fehlt es nicht mitunter an guten Gedanken und +neuen Ansichten, zu denen man auf der Höhe des Lebens gelangt."</p> + +<p>Erhalten ward Goethe in dieser heitern Stimmung durch seinen lebhaften +Antheil an zwei Dichtern des Auslandes, mit denen er um diese Zeit in +schriftliche Berührung kam. Den Italiener Manzoni, für dessen Tragödie: +"Der Graf von Carmagnola," sich Goethe lebhaft interessirte, nannte er in +einem seiner Briefe "einen Dichter, der verdiene, daß man ihn studire." +Durch die eigentümliche Art und Weise, wie der Lord Byron die dem "Faust" +zu Grunde liegende Idee des unbefriedigten Strebens eines reichen, aber in +sich zerfallenen Gemüths für das Drama: "Manfred" benutzt hatte, lenkte +sich Goethe's Aufmerksamkeit auf diesen Dichter, dessen großes poetisches +Talent er zwar anerkannte, doch zugleich sich wieder von ihm zurückgestoßen +fühlte durch Byron's an Verzweiflung grenzende Unzufriedenheit mit der Welt +und ihren Verhältnissen.</p> + +<p>Zu den erfreulichsten Erscheinungen für Goethe in seinem höheren Alter +gehörte die durch zahlreiche Gedichte seiner Freunde und Verehrer und durch +sonstige werthvolle Gaben gefeierte Wiederkehr seines Geburtstages. Innig +freute er sich, daß sein Talent noch immer eine Anerkennung fand zu einer +Zeit, wo eine einseitige und befangene Kritik ihm seinen wohlverdienten +Dichterruhm zu schmälern suchte. Zu einer allgemeinen und würdigen Feier, +nicht blos in Weimar, sondern auch in mehreren andern Städten Deutschlands +ward Goethe's Jubelfest im Jahr 1825. Die funfzigste Wiederkehr des Tages, +an welchem Goethe in den Weimarischen Lebenskreis eingetreten war, sollte +zugleich als sein Dienstjubiläum gefeiert werden. Dies geschah auf den +Wunsch seines Fürsten, dem er ein halbes Jahrhundert hindurch seine treue +Gesinnung als Staatsmann, Dichter, Rathgeber und Freund im höchsten Sinne +des Worts in mannigfacher Weise bethätigt hatte. Aehnliche Festlichkeiten, +von denen eine in Weimar erschienene Schrift eine ausführliche Beschreibung +lieferte, hatten einige Monate früher, den 5. November 1825 bei dem durch +Goethe mehrfach verherrlichten Regierungsjubiläum seines Fürsten statt +gefunden.</p> + +<p>Goethe war dadurch seiner gewohnten stillen Thätigkeit entzogen worden. Die +Nachwirkungen jener geräuschvollen Tage schien er noch lange zu empfinden. +Er schrieb darüber den 16. November 1825: "Wie der Eindruck des Unglücks +durch die Zeit gemildert wird, so bedarf das Glück auch dieses wohlthätigen +Einflusses. Erst nach und nach erhole ich mich vom 7. November. Solchen +Tagen sucht man sich im Augenblick möglichst gleich zu stellen, fühlt aber +erst hinterher, daß eine solche Anstrengung nothwendig einen abgespannten +Zustand zur Folge hat. Ich bin höchst bedrängt, zwar nicht von Sorgen, aber +doch von Besorgungen, und das kann sich zuletzt zu einem Grade steigern, +daß es fast dasselbe wird."</p> + +<p>Den Standpunkt, aus welchem Goethe im höheren Alter das Leben mit seinen +mannigfach wechselnden Erscheinungen betrachtete, zeigte folgende Stelle in +einem Briefe vom 19ten März 1827: "Mir erscheint der zunächst mich +berührende Personenkreis wie ein Convolut sibyllinischer Bücher, deren eins +nach dem andern, von Lebensflammen aufgezehrt, in der Luft zerstiebt, und +dabei den übrig bleibenden von Augenblick zu Augenblick höhern Werth +verleiht. Wirken wir fort, bis wir, vor oder nach einander, vom Weltgeist +berufen in den Aether zurückkehren. Möge dann der ewig Lebendige uns neue +Thätigkeiten, denen analog, in welchem wir uns schon erprobt, nicht +versagen. Fügt er sodann Erinnerung und Nachgefühl des Rechten und Guten, +was wir hier schon gewollt und geleistet, väterlich hinzu, so werden wir +gewiß um desto rascher in die Kämme des Weltgetriebes eingreifen. Die +entelechische Monade muß sich nur in rastloser Thätigkeit erhalten; wird +ihr diese zur andern Natur, so kann es ihr in Ewigkeit nicht an +Beschäftigung fehlen. Man verzeihe mir diese obstrusen Ausdrücke. Hat der +Mensch sich doch von jeher in solche Regionen verloren, in solchen +Spracharten sich mitzutheilen versucht, da, wo die Vernunft nicht +hinreichte, und wo man doch die Unvernunft nicht wollte walten lassen."</p> + +<p>Unter Goethe's poetischen Entwürfen beschäftigte ihn vorzüglich eine +Fortsetzung seines "Faust." Diese Tragödie, zu welcher er ein +Zwischenspiel, "Helena" betitelt, gedichtet hatte, sollte einen zweiten +Theil erhalten. Mit dieser poetischen Arbeit beschäftigte er sich +größtentheils in seiner am Park gelegenen Gartenwohnung. Heiter gestimmt +ward er durch den Anblick der freien Natur. "Die Vegetation," schrieb er, +"hat sich dieses Jahr in der ganzen Umgegend auch an alten Bäumen +bemerklich gemacht, und so freue ich mich des lange Versäumten und +Vernachlässigten noch mehr, als eines Vermißten und Ersehnten. Ich fühle +mich genöthigt, jeden Tag wenigstens einige Stunden in meinem Garten +zuzubringen." Den 21. November 1827 meldete Goethe, der zweite Theil des +Faust rücke rasch fort. "Die Aufgabe," schrieb er, "ist hier, wie bei der +Helena, das Vorhandene so zu bilden und zu richten, daß es zum Neuen passe +und klappe, wobei manches zu verwerfen, manches umzuarbeiten ist."</p> + + +<p>Sein selten wankender Gesundheitszustand gönnte ihm eine rastlose +Thätigkeit. Er hatte daher auch seit einigen Jahren seine gewöhnlichen +Sommerreisen nach Carlsbad und Töplitz aufgegeben. Hinsichtlich seiner +Arbeiten meinte er in einem Briefe vom 22. April 1828: "Wenn der Mensch +nicht von Natur zu seinem Talent verdammt wäre, so müßte man sich als +thöricht schelten, daß man in einem langen Leben immer neue Pein und +wiederholtes Mühsal sich aufläde."</p> + +<p>Den Eindruck, den der Tod seines von ihm innig verehrten Fürsten, des +Großherzogs Carl August von Sachsen-Weimar, der den 14. Juni 1828 zu +Graditz bei Torgau gestorben war, auf Goethe machte, schilderte ein aus +Dornburg vom 10. Juli datirter Brief. "Bei dem schmerzlichsten Zustande +meines Innern," schrieb Goethe, "mußte ich wenigstens meine äußern Sinne +schonen. Ich begab mich daher den 7. Juli hieher, um den düstern Functionen +zu entgehen, wodurch man, wie billig und schicklich, der Menge symbolisch +darstellt, was sie im Augenblicke verloren hat, und was sie diesmal gewiß +auch in jedem Sinne empfindet."</p> + +<p>Linderung für seinen Schmerz fand Goethe in der schönen Natur Dornburgs und +der Umgegend, wo er längere Zeit verweilte. "Ein reich ausgestatteter +Blumengarten," schrieb er, "vollhängende Weingelände sind mir überall zur +Seite, und da thut sich dann die alte wohlfundirte Liebschaft wieder auf. +Gründliche Gedanken sind ein Schatz, der im Stillen wächst, und Interessen +zu Interessen schlägt. Davon zehre ich denn auch gegenwärtig, ohne den +kleinsten Theil aufzehren zu können. Denn das ächte Lebendige wächst nach, +wie das Bösartige der Hydra auch nicht zu tilgen ist." Diese Aeußerung +entlockten dem greisen Dichter die mannichfachen Versuche seiner Gegner, +seine poetischen und wissenschaftlichen Bestrebungen in einem falschen +Lichte zu zeigen, und ihn dadurch in der Achtung des Publikums +herabzusetzen. Goethe äußerte sich darüber mit den Worten: "Von allem, was +gegen mich geschieht, keine Notiz zu nehmen, wird mir im Alter, wie in der +Jugend erlaubt seyn. Ich habe Breite genug, mich in der Welt zu bewegen, +und es darf mich nicht kümmern, ob sich irgend einer da oder dort in den +Weg stellt, den ich gegangen bin."</p> + +<p>Ueber die ungenügenden und fehlerhaften Geisteserzeugnisse mancher neueren</p> + +<p>Schriftsteller, vorzüglich auf dem wissenschaftlichen Felde, äußerte sich +Goethe unmuthig in einem Briefe vom 2. Januar 1829. "Es giebt," schrieb er, +"sehr vorzügliche Leute, aber die Hansnarren wollen alle von vorn anfangen, +und unabhängig, selbstständig, original, eigenmächtig, uneingreifend, +gerade vor sich hin, und wie man die Thorheiten alle nennen möchte, wirken, +und dem Unerreichbaren genug thun. Ich sehe diesem Gange seit 1789 zu, und +weiß, was hätte geschehen können, wenn irgend Einer rein eingegriffen, und +nicht jeder ein <span class="u">Peculium</span> für sich behalten hätte. Mir ziemt jetzt 1829 +über das Vorliegende klar zu werden, es vielleicht auszusprechen. Doch wenn +mir das auch gelingt, wird's doch nichts helfen; denn das Wahre ist einfach +und giebt wenig zu thun; das Falsche giebt Gelegenheit, Zeit und Kräfte zu +zersplittern."</p> + +<p>Wissenschaftliche Forschungen behielten für Goethe noch immer ein sehr +lebhaftes Interesse. "Ich suche," schrieb er, "meine Stellung gegen +Geologie, Geognosie und Oryktognosie klar zu machen, weder polemisch, noch +conciliarisch, sondern positiv und individuell. Das ist das Klügste, was +man in alten Tagen thun kann. Die Wissenschaften, mit denen wir uns +beschäftigen, rücken unverhältnißmäßig vor, manchmal gründlich, oft +übereilt und modisch. Da dürfen wir denn nicht unmittelbar nachrücken, weil +wir keine Zeit mehr haben, auf irgend eine Weise leichtsinnig in der Irre +zu gehen. Um aber nicht zu stocken und allzuweit zurück zu bleiben, sind +Prüfungen unserer Zustände nöthig. Mich bringt nichts ab von meinem alten +erprobten Wege: die Probleme sacht wie Zwiebelhäute zu enthüllen, und +Respect zu behalten vor allen wahrhaft stilllebenden Knospen. Je älter ich +werde, desto mehr vertrau' ich auf das Gesetz, wonach die Rose und Lilie +blüht."</p> + +<p>Manche erfreuliche Anerkennung ward Goethe's Talenten im In- und Auslande +gezollt. Mehrere seiner Freunde und Verehrer in England und Schottland +überraschte ihn bei der Wiederkehr seines Geburtstages am 28. August durch +das Geschenk eines kostbaren, mit großer Kunstfertigkeit gearbeiteten +Petschafts. Fast gleichzeitig erhielt er seine von dem französischen +Bildhauer David gefertigte Colossalbüste, anderer werthvollen Geschenke und +Auszeichnungen nicht zu gedenken. Sein Leben war in mehrfacher Hinsicht ein +glückliches zu nennen. Gleichwohl blieb er nicht verschont von bittern +Erfahrungen. Seinen einzigen Sohn, den Kammerrath August v. Goethe, entriß +ihm der Tod zu Rom in der Blüthe seiner Jahre, am 28. October 1830. +Goethe's Fassung bei diesem Verlust schilderte folgende Stelle in einem +seiner damaligen Briefe. "Hier kann allein der große Begriff der Pflicht +uns aufrecht erhalten. Ich habe keine Sorge, als mich im Gleichgewicht zu +erhalten. Der Körper muß, der Geist will, und wer seinem Wollen die +nothwendige Bahn vorgeschrieben sieht, der braucht sich nicht viel zu +besinnen."</p> + +<p>So ward eine verdoppelte Thätigkeit, die seiner Natur ein dringendes +Bedürfniß war, für Goethe zugleich das wirksamste Mittel, schmerzhaften +Eindrücken kräftig zu begegnen. Beschäftigte ihn irgend eine große Idee, so +entsagte er oft ganze Monate jeder Lectüre, um sich nicht durch andere +Gegenstände zu zerstreuen. "Es ist doch," schrieb er, "genau betrachtet, +nur eine Philisterei, wenn wir demjenigen zu viel Antheil schenken, worin +wir nicht wirken können. Und dann darf ich wohl sagen: ich erfahre das +Glück, daß mir in meinem hohen Alter Gedanken aufgehen, welche zu verfolgen +und in Ausübung zu bringen, eine Wiederholung des Lebens gar wohl werth +wäre. Daher wollen wir uns, so lange es Tag ist, nicht mit Allotrien +beschäftigen."</p> + +<p>Eine gewisse Begrenzung der Thätigkeit hielt Goethe für nothwendig. "Es ist +ganz eins," schrieb er, "in welchem Kreise ein edler Mensch wirkt, wenn er +nur diesen Kreis genau kennen zu lernen und völlig auszufüllen weiß. Wofür +aber der Mensch nicht wirken kann, dafür sollte er auch nicht ängstlich +sorgen, nicht über Bedürfniß und Empfänglichkeit des Kreises hinaus, in den +ihn Gott und die Natur gestellt, anmaßlich weiter wirken wollen. Alles +Voreilige schadet; die Mittelstraße zu überspringen, ist nicht heilsam. +Thue nur jeder an seiner Stelle das Rechte, ohne sich um den Wirrwarr zu +bekümmern, der fern oder nah die Stunden auf die unseligste Weise verdirbt, +so werden Gleichgesinnte sich bald ihm anschließen, und Vertrauen und +wachsende Einsicht von selbst immer größere Kreise bilden."</p> + +<p>Diesen Lebensregeln und seiner rastlosen Thätigkeit auch in höherem Alter +treu zu bleiben, war ihm durch die fast ununterbrochene Dauer seiner +Gesundheit gegönnt. Er genas bald wieder von einem Blutsturz, der ihn 1831 +befiel, als er sich mit dem Ordnen seines literarischen Nachlasses und mit +dem zweiten Theil des "Faust" beschäftigte. Im August des genannten Jahres +ging er nach Ilmenau. Nach seinem eignen Geständniß hatte er sich dorthin +begeben, um den persönlichen Huldigungen auszuweichen, die ihn bei der +Wiederkehr seines Geburtstages zu überraschen pflegten.</p> + +<p>Sichtbar gestärkt kehrte er wieder nach Weimar zurück. Die Kraft und +Munterkeit des Geistes im Gespräch mit seinen Freunden ließ kaum ahnen, daß +ihm sein Lebensende sehr nahe war. Ein Engländer, der ihn besuchte, +schilderte ihn noch so jung und kräftig wie einen Vierziger. Dem kalten +Luftzug, der ihn auf dem Gange aus seiner Studirstube nach den vordern +Zimmern angeweht habe, schrieb Goethe ein heftiges Bruststechen zu, das +nach einer unruhigen Nacht noch am Morgen fortdauerte. Er ahnte keine +Gefahr, als ärztliche Mittel jenes Uebel und den fieberhaften Zustand +beseitigt hatten. Sein Athem war jedoch noch immer beengt, und in Gegenwart +seines Arztes, des <span class="u">Dr.</span> Vogel, den er den 20. März 1832 hatte rufen +lassen, preßte ihm der Schmerz schneidende Töne aus. Von einer innern Angst +bald in das Bette, bald in den daneben stehenden Lehnstuhl getrieben, +fürchtete er eine Wiederkehr des Blutsturzes, der ihn das Jahr zuvor +befallen. Seine Gesichtszüge waren verzerrt, das Antlitz graublau, der +ganze Körper kalt, und von triefendem Schweiß bedeckt. Er fühlte sich sehr +matt, und es traten Augenblicke völliger Bewußtlosigkeit ein. Mitunter +phantasirte er, indem er ruhig in seinem Lehnstuhl saß. "Seht," sprach er +unter andern, "seht den schönen weiblichen Kopf mit schwarzen Locken, in +prächtigem Colorit, mit dunkelm Hintergrunde!" Unter solchen und ähnlichen +Phantasieen und Rückerinnerungen an seinen ihm vorangegangenen Freund +Schiller, rief er seinem Diener zu, doch den zweiten Fensterladen zu +öffnen, damit mehr Licht in's Zimmer komme. Es sollen seine letzten Worte +gewesen seyn. Immer schwerer athmend, drückte er sich in die linke Seite +seines Lehnsessels. Es war am 22. März 1832, als er wie es schien, +schmerzlos verschied.</p> + +<p>Jenen Tag, an welchem sieben Jahre früher ein unglücklicher Brand das +Weimarische Theater vernichtet, hatte Goethe, dem Glauben an Ahnungen von +jeher geneigt, immer für einen tragischen und unglücksschwangern Tag +gehalten. Mehrmals hatte er gefragt, der wievielste Tag im März heute sei, +und der Zufall wollte, daß er an demselben Tage, in derselben Stunde starb, +wo vor dreizehn Jahren sein vieljähriger Freund und Amtscollege, der +Minister v. Voigt, verschieden war.</p> + +<p>"Am Morgen nach Goethe's Tode," erzählt einer seiner jüngern Freunde, +"ergriff mich eine tiefe Sehnsucht, seine irdische Hülle noch einmal zu +sehen. Sein treuer Diener Friedrich schloß mir das Zimmer auf, wo man ihn +hingelegt hatte. Auf den Rücken ausgestreckt, ruhte er wie ein Schlafender. +Tiefer Friede und Festigkeit waltete auf den Zügen seines erhabenen edeln +Gesichts. Die mächtige Stirn schien noch Gedanken zu hegen. Ich hatte das +Verlangen nach einer Locke von seinen Haaren, doch die Ehrfurcht hinderte +mich, sie ihm abzuschneiden. Der Körper lag nackend in ein weißes Betttuch +gehüllt. Große Eisstücke hatte man in einiger Nähe umhergestellt, um ihn +selbst frisch zu erhalten so lange als möglich. Friedrich schlug das Tuch +auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht dieser Glieder. +Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme und Schenkel voll und +sanft muskulös; die Füße zierlich und von der reinsten Form, und nirgends +am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit oder Abmagerung und Verfall. Ein +vollkommener Mensch lag in großer Schönheit vor mir, und das Entzücken, das +ich darüber empfand, ließ mich auf Augenblicke vergessen, daß der +unsterbliche Geist eine solche Hülle verlassen. Ich legte meine Hand auf +sein Herz—es war eine tiefe Stille—und ich wendete mich abwärts, um +meinen verhaltenen Thränen freien Lauf zu lassen."</p> + +<p>Die allgemeine Liebe und Verehrung, die er im Leben genossen, zeigte +Goethe's glänzende Begräbnißfeier am 26. März 1832. Eine öffentliche +Ausstellung seiner Leiche war der Beerdigung vorangegangen. Seine irdischen +Ueberreste empfing die fürstliche Gruft. Die Weimarische Bühne blieb an +Goethe's Begräbnißtage geschlossen, und ward am 27. März mit einer +Vorstellung seines "Tasso" eröffnet. Am Schlusse des Stücks sprach der +Schauspieler Durand einen von dem Geh. Rath und Kanzler v. Müller +gedichteten, alle Gemüther tief ergreifenden Epilog. Auch mehrere Gedichte +von Goethes Freunden und Verehrern sagten seinen Zeitgenossen, was sie an +ihm verloren. In mehrfacher Hinsicht paßten auf ihn selbst die Worte, die +er einst am Grabe der Herzogin Amalia von Sachsen-Weimar gesprochen: "Das +ist der Vorzug edler Naturen, daß ihr Hinscheiden in höhere Regionen +segnend wirkt, wie ihr Verweilen auf der Erde, daß sie uns von dorther, +gleich Sternen, entgegen leuchten, als Richtpunkte, wohin wir unsern Lauf +bei einer nur zu oft durch Stürme unterbrochenen Fahrt zu lenken haben; daß +diejenigen, zu denen wir uns oft als zu Wohlwollenden und Hülfreichen im +Leben hinwendeten, nun die sehnsuchtsvollen Blicke nach sich ziehen, als +Vollendete, Selige."</p> + +<p> </p> +<hr class="full" /> +<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK J. W. V. GOETHE'S BIOGRAPHIE***</p> +<p>******* This file should be named 15213-h.txt or 15213-h.zip *******</p> +<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> +<a href="https://www.gutenberg.org/dirs/1/5/2/1/15213">https://www.gutenberg.org/1/5/2/1/15213</a></p> +<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed.</p> + +<p>Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://www.gutenberg.org/about/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. 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