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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:06:58 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Die ungleichen Schalen, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die ungleichen Schalen
+ Fünf einaktige Dramen
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: November 27, 2006 [EBook #19940]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Die ungleichen Schalen
+
+
+ Fünf einaktige Dramen
+
+ von
+
+ Jakob Wassermann
+
+
+
+ S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+ 1912
+
+
+
+Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen und Vereinen gegenüber
+Manuskript. Das Recht der Aufführung ist allein durch
+S. Fischer, Verlag, Berlin W., Bülowstr. 90 zu erwerben.
+
+Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin.
+
+
+
+Inhalt
+
+Rasumowsky 9
+Gentz und Fanny Elßler 59
+Der Turm von Frommetsfelden 107
+Lord Hamiltons Bekehrung 171
+Hockenjos 237
+
+
+
+
+Rasumowsky
+
+
+Personen:
+
+ Graf Alexei Grigorjewitsch Rasumowsky
+ Rodion, sein Diener
+ Michael Jefimowitsch Lassunsky, Kapitänleutnant der Leibgarden
+ Fedor Alexandrowitsch Chidrowo, Rittmeister der Garde-Kavallerie
+ Graf Grigorij Orlow
+
+Spielt in Petersburg im Jahre 1763.
+
+
+Ein altertümlich ausgestatteter großer Raum im Hause des
+Grafen Rasumowsky. An der Rückwand links ein großer Kamin,
+in welchem ein Holzfeuer brennt. Über dem Kamin das Porträt
+der Kaiserin Elisabeth Petrowna. Rechts ein erkerartiger
+Vorbau mit Fenstern gegen die Straße. In der rechten
+Seitenwand Türe in die übrigen Gemächer, in der linken der
+Ausgang zum Flur.
+
+Rittmeister _Fedor Chidrowo,_ ein junger Mann von 23 Jahren,
+geht aufgeregt umher. Nach kurzer Weile tritt Kapitänleutnant
+_Michael Lassunsky_ ein, von _Rodion_ geführt, einem alten
+Kleinrussen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+(etwa im gleichen Alter wie Chidrowo)
+
+Sag meinem Oheim, daß ich ihn dringend sprechen muß.
+
+
+_Rodion_
+
+Eure Erlaucht werden gebeten zu warten. Seine gräfliche
+Gnaden ist noch bei der Morgenandacht.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Sag dem Grafen –
+
+
+_Rodion_
+
+Es ist der strenge Befehl Seiner gräflichen Gnaden, ihn
+nicht bei der Morgenandacht zu stören.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Kerl, die Wichtigkeit –
+
+
+_Rodion_
+
+Hab strengen Befehl von Seiner gräflichen Gnaden –
+
+
+_Lassunsky_
+
+Scher dich zum Henker. (Rodion wirft Scheite in den Kamin,
+dann ab.) Du hier, Fedor Alexandrowitsch?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Grüß dich, Michael Jefimowitsch. Mußt dich gedulden, warte
+ebenfalls schon lang.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Orlow ist auf dem Weg hierher.
+
+
+_Chidrowo_
+
+(bestürzt)
+
+Das kann nicht sein.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Orlow ist auf dem Weg hierher.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Ist das eine Vermutung?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Eine Gewißheit; wenigstens beinahe.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Beinahe ist keine Gewißheit. Aber du bist so erregt ...
+
+
+_Lassunsky_
+
+Hab Grund dazu. Der Großkanzler Woronzow ist an der
+Kasan-Kathedrale überfallen worden.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Bei Gottes Güte, was sagst du da!
+
+
+_Lassunsky_
+
+Erwartet Alexei Grigorjewitsch nicht den Großkanzler?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Ja, Graf Woronzow hat mich geschickt, damit ich seine
+Ankunft melde. Aber –
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ich und Anenkow ritten als Eskorte hinter dem Wagen des
+Großkanzlers. Eine Horde betrunkener Soldaten drängt sich
+zwischen uns und die Karosse, und auf einmal sind wir
+abgeschnitten. Wir sehen nur noch, daß der Kanzler gezwungen
+wird, auszusteigen, dann haben sie ihn in ein Haus
+geschleppt.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Und ihr habt nicht dreingehaut?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Zwei gegen fünfzig?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Das ist ja Aufruhr, Michael Jefimowitsch.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Anenkow ist in den Palast zurückgeeilt, ich hierher.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Und du glaubst –?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ich glaube, daß Orlow hier sein wird, eh dort die Uhrzeiger
+gestreckt stehen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Das sollte Orlow wagen?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Orlow wagt alles. (Zur Türe, ruft hinaus.) Rodion!
+
+
+_Rodion_
+
+(kommt)
+
+Erlaucht befehlen?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ihr seid nicht an Besuch gewöhnt, Alter?
+
+
+_Rodion_
+
+Nein, Erlaucht, wir leben sehr zurückgezogen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Nun wohl, ihr werdet binnen kurzem Besuch erhalten, noch
+dazu sehr unwillkommenen. Sperr die Tore zu.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Sperr die Tore zu, Alter.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ja, sperr die beiden Tore zu, das nach der Gasse und das
+nach dem Garten.
+
+
+_Rodion_
+
+Ist Gefahr für Seine gräfliche Gnaden?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Schwatz nicht, Alter, tu, was man dir befiehlt. (Rodion ab.)
+
+
+_Lassunsky_
+
+(wirft sich in einen Sessel)
+
+Ich bin hin.
+
+
+_Chidrowo_
+
+(ungestüm auf und ab gehend)
+
+Wie glaubst du, daß Alexei Grigorjewitsch die Nachricht
+aufnehmen wird?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Kann mich nicht erinnern, ihn je sonderlich erstaunt gesehen
+zu haben.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Das ist böse.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Bah! wer viel staunt, handelt wenig.
+
+
+_Chidrowo_
+
+So viel sag ich dir: wenn die Kaiserin den Orlow heiratet,
+nehm ich meinen Abschied.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Nach Sibirien.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Einem Orlow huldigen? Eher nach Sibirien.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Was können wir dagegen tun?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Die Fürstin Chilkow hat geweint, als sie davon erfuhr.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Die flennt, wenn man einem Huhn den Hals abdreht. Als
+Rakitin mit ihrem Wissen ihren Mann erschlug, hat sie keine
+Träne vergossen. (Man hört Waffenlärm von der Straße.)
+Horch –! (Beide lauschen.)
+
+
+_Chidrowo_
+
+(nähert sich dem Erker)
+
+Nein – nichts. (Stellt sich vor Lassunsky; ungestüm.)
+Michael Jefimowitsch! Wir sollten hingehen und die Kaiserin
+bitten, es nicht zu tun. Haben wir ihr nicht auf den Thron
+geholfen? Wir alle? Wir sind bereit, für sie zu sterben, nur
+das, das eine, das nicht! Sie kann sich unsern Gründen nicht
+verschließen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Sie wird aus deinen Gründen einen Strick für den Henker
+drehen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Herrgott, Michael Jefimowitsch, sie ist doch eine kluge
+Frau!
+
+
+_Lassunsky_
+
+Sie ist verliebt.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Was ist denn an einem Orlow zu lieben?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Was wir an ihm hassen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Sein Ehrgeiz macht ihn verrückt.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Er ist schön, und stark wie ein Bär.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Er hat keine Erziehung.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Umso weniger ist er gehemmt.
+
+
+_Chidrowo_
+
+(leise durch die Zähne)
+
+Ich sage dir: er wird sie ermorden, so wie er den Zaren
+ermordet hat.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Dummkopf! Er war nur die Hand. Katharina ist tausendmal
+schlauer als er. O, das ist ein Weib, mein Lieber, die
+steckt uns alle in den Sack.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wo ist da die Schlauheit? Die Mariage ist projektiert. Es
+muß ein Mittel gefunden werden, sie davon abzubringen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Du bist Soldat und mußt schweigen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Schweigen kostet Herzblut.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ich meinerseits will nicht Politik treiben, da hast du’s.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Aber die Zähne knirschen? Das ist auch eine Art von Politik
+und eine schlechte. Wie stumpf du bist!
+
+
+_Lassunsky_
+
+Stumpf?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Oder du weißt mehr als du sagen willst.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Wohl möglich. Vielleicht wirst du heute noch alles erfahren.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wie ist’s? warum wollte der Großkanzler mit Rasumowsky
+verhandeln?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ist dir nicht bekannt, daß Alexei Grigorjewitsch heimlich
+vermählt war mit der verstorbenen Kaiserin Elisabeth
+Petrowna?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Dies ist mir wohl bekannt, allein – wie hängt das zusammen?
+
+
+_Lassunsky_
+
+(sieht sich um)
+
+Schweig, schweig.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Im Hause Rasumowskys sind die Wände taub.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Nicht um die Wände handelt sich’s. (Steht auf.) Aber er! Er!
+Dieser furchtlose Mann! Der furchtloseste, der in Rußland
+lebt. Wie ich ihn verehre, Fedor Alexandrowitsch! Wüßtest du
+wie ich ... In wunderbarer Verschwiegenheit ist er der
+Geliebte einer Kaiserin gewesen. Niemals hat ihn eine Miene,
+nie ein Lächeln verraten. Nie hat er Schacher getrieben mit
+seinem Glück. Nie war er ungerecht. Und jetzt (schmerzlich)
+jetzt soll er sich ausliefern. Weil ein Orlow mit der
+Vergangenheit dieses gerechten Mannes seine Zukunft gründen
+will!
+
+
+_Chidrowo_
+
+Ausliefern? Ich verstehe dich nicht, Michael Jefimowitsch.
+Kein Wort verstehe ich von allem was du sagst.
+
+
+_Lassunsky_
+
+(kummervoll)
+
+Und er wird Grigorij Orlow empfangen. Er wird ihn einlassen,
+ich weiß es.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Du meinst, weil er sich nicht getrauen wird, den ersten
+Günstling der Krone von seiner Türe zu weisen?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Nicht deshalb, Fedor Alexandrowitsch, nicht deshalb. Sondern
+eben, weil er so gerecht ist. Und wenn Orlow vor ihm steht,
+dieser Sturmwind, dieser Leopard, kannst du ermessen, was
+dann geschieht? Mich jammert’s, Fedor Alexandrowitsch, und
+ich fühle mich machtlos. Die Dinge geschehen, und wir sind
+machtlos.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Du schwaches russisches Herz! So will ich dir sagen:
+Rasumowsky wird Grigorij Orlow nicht empfangen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+(aufmerksam)
+
+Schon vorhin hast du angedeutet, daß Orlow es nicht wagen
+würde ... Da steckt was dahinter.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Weißt du nicht, was sich am Ostertag auf der Morskaja
+zugetragen hat?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Kein Sterbenswort.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wahrlich, in unserm Leben sind die Geschehnisse wie Träume
+... (Faßt sich an die Stirn.) So kurz die Zeit, so weit
+entrückt. (Besinnt sich.) So war’s ...
+
+
+_Lassunsky_
+
+Erzähle, Fedor Alexandrowitsch ... mir ist jetzt selbst als
+hätten sie in der Wachtstube davon berichtet. Zuviel drängt
+sich in einen Tag.
+
+
+_Chidrowo_
+
+So war’s ... (Mit Gesten, als ob er auf einen Plan wiese.)
+Da ist die Morskaja. Da ist die Gasse von den Kasernen. Da
+ist eine enge Gasse zum Newski-Prospekt. Orlow hatte die
+Regimenter Astrachan und Ingermanland zum Gehorsam
+gezwungen. Mit seinen zwanzig oder dreißig Getreuesten
+stürmt er zum Winterpalast, um es der Kaiserin zu melden.
+Rast auf seinem Gaul an der Spitze der Schar mitten durch
+die Stadt. Die Funken spritzen, das Pflaster dröhnt. So
+gelangen sie auf die Morskaja. Da spielen zwei Kinder auf
+der Straße, schöne, blonde Kinderchen, ein Mädchen und ein
+Knabe, sitzen friedlich da und spielen. Denken offenbar, die
+Reiter werden ausweichen, denn die Straße ist ja breit, und
+so staunen sie dem Schauspiel entgegen und freuen sich.
+Orlow aber sprengt mittenwegs auf sie zu, als könnt er
+nicht, wollt er nicht aus der Bahn, zu spät rufen Leute aus
+den Fenstern, strecken die Arme, zu spät erkennen die
+Kleinen die Gefahr und starren, gütige Unschuld, wie wenn
+ihr Schutzpatron sie geblendet hätte. Orlow fletscht die
+Zähne, spornt noch das Roß, starrt gerade vor sich hin, als
+sähe er nichts, Weiber kreischen, Männer stürzen aus den
+Häusern ... alles umsonst, die beiden Mäuschen sind unter
+den Hufen verschwunden, eh’ man’s denkt, zerrissen,
+zertreten, und man schaut nur noch blutige Klumpen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+O Menschheit!
+
+
+_Chidrowo_
+
+Im selben Augenblick kommt Alexei Rasumowsky aus der engen
+Gasse, wohin die Reiter wollen, und vor der sie sich stauen
+wie Wasser vor einem Wehr. Rasumowsky blickt hin über die
+Luft, blickt hin auf die blutige Erde und ruft: Graf Orlow!
+Orlow reißt den Zügel und hält. Die hinter ihm sind, vom
+tollen Ritt noch, mit ihren Gäulen dicht an ihn gedrängt.
+Ganz stille wird’s auf einmal. Graf Orlow! ruft Alexei
+Grigorjewitsch und hebt den Arm, die gemordeten Seelchen
+werden sich um deine Füße klammern, wenn du vor Gottes Thron
+gehst. Mit nichten wirst du schreiten können, mit nichten.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Und Orlow? hat er geantwortet?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Nun geschah das Sonderbare. Orlow zieht den Dolch, beugt
+sich vor, schließt wie im Krampf die Augen und stößt seinem
+Pferd von oben her den Stahl mitten in die Brust. Während
+das Tier zusammenbricht, springt er ab, geht an Rasumowsky
+vorüber, grüßt ihn schweigend und setzt schweigend und
+bleich seinen Weg zu Fuß fort.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Rätselhaft.
+
+
+_Chidrowo_
+
+So hat mir’s der Hauptmann Woropanow erzählt, der an Orlows
+Seite ritt.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Was war der Zweck solcher Tat?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Sicherlich trägt er glühenden Haß gegen Alexei
+Grigorjewitsch.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Das dünkt mich unwahrscheinlich.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wie ... unwahrscheinlich –?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Es sieht wie Demut und Buße aus, was er getan.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Hohn ist’s, sag ich dir, Hohn und Bosheit. Seine Blutgier
+wollte noch ein Opfer haben.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Warum sollt es nicht Scham und Reue gewesen sein?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Willst du Orlow verteidigen? Schönfärben den wüsten Mord?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Fast könnt ich Mitleid haben mit ihm.
+
+
+_Chidrowo_
+
+So seid ihr alle, lammsherzig und matt.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Acht’ auf deine Worte.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Acht’ du auf deine Freiheit, auf deine Männlichkeit!
+
+
+_Lassunsky_
+
+Stünden wir nicht hier, Fedor Alexandrowitsch –
+
+
+_Chidrowo_
+
+(wild)
+
+Hier oder anderswo. Wer gut von Orlow redet, spricht
+schlecht von mir.
+
+(Graf Alexei Rasumowsky tritt langsam von rechts ein. Er ist
+mit einem langen, schwarzen Sammetgewand bekleidet und hat
+eine goldne Kette um den Hals. In der Hand trägt er die
+Kasansche Bibel. Er erscheint zunächst häßlich mit seinem
+eingefallenen, alten, mißtrauisch finstern Gesicht, an dem
+die Backenknochen stark hervortreten und die schneeweißen
+Brauen wie dicke Wülste hängen, indes der Kinnbart schütter
+und zottig ist. Aber sein Wesen hat eine bewundernswerte
+Würde, und wenn er, um zu schauen, die Lider hebt, was nicht
+häufig geschieht, ist sein Blick strahlend rein und von
+seltsamer, kindlicher Wehmut. Die beiden Offiziere wenden
+sich von einander und begrüßen ihn mit schweigender tiefer
+Verbeugung.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Streit in meinem Hause? (Langes Schweigen.) Was ist
+geschehen, Rittmeister Chidrowo, daß Ihre Augen so funkeln?
+
+
+_Chidrowo_
+
+(finster)
+
+Üble Neuigkeiten, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Nichts Schlimmeres in der Welt als Neuigkeiten. Weshalb sind
+Sie hier, zu so früher Stunde?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Ich sollte den Großkanzler Woronzow anmelden.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Graf Woronzow ist auf der Fahrt hierher von Soldaten
+überfallen worden.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Hat Rußland keinen Zaren mehr?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Es hat eine Zarin.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Gott schenke ihr Weisheit. (Kopfschüttelnd.) Woronzow auf
+dem Weg zu mir ... Was hat das zu bedeuten?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Die Zarin hat den Kanzler wegen der neuen Mariage zu Euer
+Erlaucht geschickt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wegen der neuen Mariage? Bin ich ein Pope?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Der Kanzler sollte eine geheime Erkundigung einziehen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(läßt sich auf dem Armsessel vor dem Kamin nieder und legt
+die Bibel auf seinen Schoß)
+
+Das gehört auch zu den Neuigkeiten der Welt, daß mit lauter
+Geheimnissen regiert wird.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Die Sache verhält sich so, Erlaucht: Da ganz Petersburg
+gegen die projektierte Heirat der Zarin mit Orlow gestimmt
+ist, so hat man endlich ein Mittel gefunden, um die Geister
+zu beschwichtigen, man hat auf die Ehe Euer Erlaucht mit der
+verstorbenen Kaiserin Elisabeth Petrowna hingewiesen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wie? So weit hätte man sich vermessen? Und wem ist dieser
+schamlose Gedanke gekommen?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Offenbar stammt er von den Brüdern Orlow. Was ihr für
+unmöglich haltet, sagten sie, ist ja schon einmal
+geschehen, ohne daß die Welt eingestürzt ist. Graf
+Rasumowsky ist ja da, gehen wir hin zu ihm.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Die Narren!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und was sagte die Kaiserin dazu?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Die Kaiserin soll gesagt haben: von dieser Ehe weiß die Welt
+nichts, aber wenn ihr mir den schriftlichen Beweis erbringt,
+daß zwischen dem Grafen Rasumowsky und der hochseligen Zarin
+eine Heirat wirklich stattgefunden hat, will ich mich fügen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Das hat die Kaiserin gesagt?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Doch als die Orlows sich anheischig machten, zu Euer
+Erlaucht zu gehen, wollte die Kaiserin plötzlich nichts
+davon wissen. Sie gebot, daß Graf Woronzow den Auftrag
+übernehmen sollte, vielleicht weil sie den Ungestüm der
+Brüder Orlow fürchtete, vielleicht, weil sie in Wirklichkeit
+gar nicht wünscht, was sie zu wünschen scheint. Heut um die
+achte Stunde befahl der Kanzler seinen Wagen, und vor der
+Kasan-Kathedrale geschah es dann –
+
+
+_Chidrowo_
+
+(am Fenster, mit ausgestreckter Hand)
+
+Da sind Orlows Leute! (Stimmen und Waffenlärm vor dem Haus.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(steht auf)
+
+Und du vermutest, daß der Überfall vom Grafen Orlow
+angestiftet worden ist? (Schaut gegen den Erker.)
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ja, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+So wäre es augenscheinlich, daß Orlow dem Befehl der
+Kaiserin zuwidergehandelt hat –? (Man hört heftiges Klopfen
+am Tor.)
+
+
+_Chidrowo_
+
+Sie begehren Einlaß.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(erstaunt)
+
+Einlaß begehren sie? Das Tor ist offen. War’s denn nicht
+auch für euch geöffnet?
+
+
+_Lassunsky_
+
+(zögernd)
+
+Ich habe die Tore schließen lassen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Die Tore _meines_ Hauses?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Ich denke, Erlaucht, man kann nicht mehr daran zweifeln, daß
+Orlow den Kanzler überfallen ließ, um ihn dingfest zu
+machen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Die Tore _meines_ Hauses? (Lassunsky senkt schweigend den
+Kopf.) Soll Orlow glauben, daß ich vor ihm zittere?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wie, Erlaucht, Sie wollen Orlow empfangen? (Erneutes Pochen
+von unten.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Geh, Michael Jefimowitsch, und sag, daß das Tor aufgesperrt
+werde.
+
+
+_Lassunsky_
+
+(flehend)
+
+Erlaucht –
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Klang es doppelzüngig, was ich gesagt?
+
+
+_Lassunsky_
+
+(geht schweigend ab –)
+
+
+_Chidrowo_
+
+(verschränkt die Arme; vor sich hin)
+
+Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Eure Großmäuligkeit, was ist sie nutze? Ist euer Nein
+Vernunft, euer Ja Überlegung? Ich will sehen. Sehen und
+hören will ich, dazu gab mir Gott Augen und Ohren. Und wenn
+ich gesehen und gehört habe, dann will ich wägen, dazu hat
+mir Gott die Erfahrung eines langen Lebens zuteil werden
+lassen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+(kommt zurück)
+
+Major Nischinski ist es, man hat ihn vorausgesandt, um Euer
+Erlaucht den Grafen Orlow zu melden.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ich bin bereit.
+
+
+_Chidrowo_
+
+(noch leiser als oben)
+
+Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ich sagte ihm, daß ich die Meldung übernehmen will.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(wie mit sich selber redend)
+
+In ein Antlitz zu schauen, das heißt, Entschlüsse vom
+Schicksal selbst empfangen. Läufst du hinauf die steile
+Bahn, Orlow, ohne daß dein Herz klopft, so will ich prüfen,
+was für ein Ruf dich ereilt, was dich zaudern macht, was
+dich feurig macht, was dich grausam macht, was dich weckt.
+(Ekstatisch bewegt.) Nicht richten will ich, nur Werkzeug
+eines Richters sein und handeln – wie ich muß. (Mit der
+früheren Stimme.) Michael Jefimowitsch!
+
+
+_Lassunsky_
+
+(der das Gesicht abgewandt und die eine Hand über die Augen
+gelegt hatte)
+
+Erlaucht –?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wie geht es meiner Nichte Sofia?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Wir erwarten täglich ihre Niederkunft, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Bete für einen Knaben. Gott schenk uns Helden. (Man hört
+Schritte, Stimmengesurr, Säbelklirren.)
+
+
+_Rodion_
+
+(reißt die Türe auf, feierlich)
+
+Der General-Adjutant Kammerherr Graf Orlow.
+
+
+_Orlow_
+
+(tritt säbel- und sporenklirrend ein. Er trägt die Uniform
+der Preobraschenskyschen Leibwachen. Seine Gestalt ist
+äußerst schlank, sein Gesicht kalt, bleich, hochmütig und
+etwas verwüstet. Die Züge verraten eine kaum zu bändigende
+Leidenschaftlichkeit. Er weiß um seine Schönheit, ist eitel
+darauf und verachtet sie zugleich. Seine Hände sind fein und
+lang. Er verbeugt sich tief vor Rasumowsky, die beiden
+Offiziere scheint er zu übersehen.)
+
+Ich komme hoffentlich nicht zu ungelegener Stunde, Graf
+Alexei?
+
+
+_Chidrowo_
+
+(kaum hörbar)
+
+Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Michael Jefimowitsch, du wirst die Güte haben, drüben im
+gelben Zimmer zu warten.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Wir wollen keinesfalls stören.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Auch Sie, Fedor Alexandrowitsch, mögen warten, wenn es Ihnen
+gefällig ist.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wenn es erlaubt ist, will ich warten. (Ab mit Lassunsky nach
+rechts.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Nehmen Sie Platz, Graf Orlow. (Er setzt sich, legt die Bibel
+aus der Hand.)
+
+
+_Orlow_
+
+(setzt sich gleichfalls)
+
+Daß ich nicht mit einer langen Vorrede lästig falle,
+Erlaucht: Wie Ihnen bekannt sein dürfte, hat sich Ihre
+Majestät, die Kaiserin, entschlossen zu heiraten.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(bedächtig)
+
+Wieder zu heiraten.
+
+
+_Orlow_
+
+Zar Peter ist tot.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Doch war er gekrönter und gesalbter Zar von Rußland.
+
+
+_Orlow_
+
+Ihm folgte von Gottes Gnaden Katharina.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ich unterwerfe mich demütig ihrem mächtigen Willen.
+
+
+_Orlow_
+
+Ihre erhabene Majestät hat ihr Herz an einen Unwürdigen
+verschenkt, den sie aus dem Staub zu sich auf den Thron
+erheben will. Dieser Unwürdige befindet sich vor Ihnen,
+Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und schaudert Ihnen nicht vor solcher Erhebung, Graf Orlow?
+Daß Sie mit Worten der Bescheidenheit davon sprechen, steht
+Ihnen wohl an. Ich hatte es nicht erwartet.
+
+
+_Orlow_
+
+Daß ich endlich einen Mann finde, dem ich mein volles und
+bedrücktes Gemüt eröffnen kann! (Emphatisch.) Warum hat uns
+das Geschick nicht früher einander näher kommen lassen!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Mein Los ist Einsamkeit seit langem, Graf Orlow. Fast kenne
+ich die Welt nicht mehr, und fremd ist mir geworden, was
+sich außerhalb dieser Schwelle begibt.
+
+
+_Orlow_
+
+So dacht ich mir’s, Erlaucht, und nur mit frommen
+Empfindungen bin ich genaht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Unheilig war stets, was mir von draußen kam, das ist wahr.
+Doch liebe ich die Jugend, wenn schon vieles mir unbegreiflich
+an ihr ist.
+
+
+_Orlow_
+
+(geschmeidig und beredt)
+
+Wie Sie leicht ermessen können, Erlaucht, begegnet die edle
+Absicht der Kaiserin dem Widerstand aller Großen des Reichs.
+Man beneidet mich, man legt mir Fallstricke, man zettelt
+Verschwörungen an, ja man schreckt nicht vor offenbaren
+Beleidigungen zurück, denen mein Gleichmut unmöglich
+gewachsen ist.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ja, ja, ja. Es ist geblieben, wie es immer war.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich habe mich beherrschen gelernt, Erlaucht. Mein Vater hat
+mich in Demut und Gehorsam erzogen. Niemals, in meinen
+verwegensten Träumen nicht, konnte ich ahnen, daß der Blick
+meiner gnädigen Herrscherin auf mich fallen würde. Wer kann
+es mir verargen, Erlaucht, daß mein ganzes Blut sich in
+Hingebung für diese Frau entflammte, daß ich bereit bin,
+meine Seligkeit für sie zu opfern, daß mir nichts mühevoll,
+nichts unerreichbar mehr erscheint, seitdem sie mich erwählt
+hat?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wohl kann ich dies verstehen, Graf Orlow.
+
+
+_Orlow_
+
+(schwärmerisch)
+
+O, ich wußte es, Erlaucht, ich wußte es. Dank, allen Dank
+meines armen Herzens.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ein Herz wie das Ihre ist nicht arm, Graf Orlow.
+
+
+_Orlow_
+
+Doch scheint mir’s so in Ihrer Nähe. Aber hören Sie weiter,
+Erlaucht. Vor wenigen Tagen wurde die Zarin, deren Geist in
+quälender Unschlüssigkeit irgend einen Weg suchte, von einem
+ruchlosen Ratgeber auf Ihre Ehe –
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(unterbricht hastig)
+
+Ich weiß, ich weiß ...
+
+
+_Orlow_
+
+Sie wissen, Erlaucht? Ich atme auf. Dies mindert die
+Schwierigkeit meiner Sendung.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ich bin erstaunt, daß Ihre Majestät ein solches Mittel nötig
+zu haben glaubt. Jede Handlung ist gerechtfertigt, die sie
+gutheißt.
+
+
+_Orlow_
+
+Ganz meine Meinung, Erlaucht. Aber Katharina ist
+gewissenhaft und dankbar, zwei Eigenschaften, die den
+Fürsten das Regieren erschweren.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und Ihre Mission ist also –
+
+
+_Orlow_
+
+Der Plan war, den Großkanzler zu schicken –
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(nickt)
+
+Auch dies ist mir bekannt.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich wollte es um jeden Preis verhindern, selbst auf die
+Gefahr, ungehorsam gegen meine Wohltäterin zu sein. Der
+Kanzler Woronzow ist ein vortrefflicher Diener, aber er ist
+nur ein Diener. Seine Rauheit, sein mürrisches Wesen, seine
+Unfähigkeit, zarte Dinge zart zu packen, hätte Sie unbedingt
+verletzt, Graf Alexei. Ich begriff das Ungeheuerliche des
+Auftrags wie die Delikatesse, mit der er behandelt werden
+mußte, vom ersten Augenblick an. Ich habe tief mit Ihnen
+gefühlt, Erlaucht, ich fürchtete die Dazwischenkunft des
+Kanzlers, und – ich habe ihn gefangen setzen lassen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Was Sie getan haben, ist höchst tadelnswert, Graf Orlow,
+doch kann ich dem Edelmut, der Sie antrieb, meine
+Bewunderung und meinen Dank nicht versagen.
+
+
+_Orlow_
+
+Und so bin ich gekommen – (zaudert.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Gekommen –?
+
+
+_Orlow_
+
+(leise, als schäme er sich)
+
+Sie um die Dokumente Ihrer Ehe mit der Zarin Elisabeth
+Petrowna zu bitten.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Mein Erstaunen wächst, Graf Orlow. Wie kann man mit einer
+Tatsache rechnen, mit der die Öffentlichkeit niemals
+behelligt worden ist, die niemals zugegeben worden ist und
+die daher niemals Gegenstand weder einer politischen, noch
+einer privaten Aktion werden kann?
+
+
+_Orlow_
+
+Ich ehre diese Entrüstung, Erlaucht, und finde sie gerecht.
+Aber es gibt Dinge, die so lange verschwiegen werden bis
+jedes Kind um sie weiß.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wahrlich, was Sie da sagen, betrübt mich aufs äußerste, Graf
+Orlow. Mir ist, als sei ich bestohlen worden. Mir ist, als
+hätte man meine Brust durchwühlt, um ihr das Teuerste zu
+rauben, und als riefe man mir zu: du bewahrst es umsonst,
+denn die Hunde beschnüffeln es schon wie ein Aas.
+
+
+_Orlow_
+
+Schwer wird es mir, Ihnen zu widersprechen, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und wenn ich nun antworten würde: eine Ehe zwischen mir und
+der hochseligen Herrin Elisabeth Petrowna hat niemals
+stattgefunden?
+
+
+_Orlow_
+
+(beißt sich auf die Lippen; dann gleißnerisch)
+
+So würde ich Ihre Beweggründe zu erforschen suchen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wenn ich Ihnen versichern würde, daß ich keine Dokumente
+besitze –? Wie, Graf Orlow?
+
+
+_Orlow_
+
+(düster)
+
+Sie würden damit mein Leben zerstören, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und wenn ich den Besitz der Dokumente zugebe, warum soll ich
+sie ausliefern? Was könnte mich veranlassen, ein Jahr um
+Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt gehaltenes Übereinkommen
+schmählich zu verletzen? Nur weil ein Jüngling, den die
+Jugend begehrlich und begehrenswert macht, in meinen Frieden
+tritt und die Hand ausstreckt nach meinem Gut?
+
+
+_Orlow_
+
+Es ist nichts in Ihren Worten, Alexei Grigorjewitsch, was
+ich mir nicht auch selbst schon ins Gewissen gerufen hätte.
+Doch erwägen Sie, Erlaucht: mein Glück ist auch das Glück
+der Kaiserin.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ich werfe mich in den Staub vor Ihrer Majestät, aber sie
+hat keine Macht über die Geheimnisse meiner Seele.
+
+
+_Orlow_
+
+So flehe ich, Erlaucht, um Ihr Vertrauen ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Mein Vertrauen zu den Menschen ist so gering, Graf Orlow,
+daß jeder Appell daran verschwendet ist. Ich habe zu viele
+Worte gehört und zu viele Taten gesehen. Ich bin meiner
+selbst kaum gewiß, um wie viel weniger eines andern. Ein
+Ozean von Geschwätz ertränkt die edelste Handlung, und die
+niedrigste versteckt sich nicht mehr, wenn ihr ein Vorteil
+winkt.
+
+
+_Orlow_
+
+Bedenken Sie, Alexei Grigorjewitsch, ein Mann, für den so
+Ungeheueres sich entscheiden soll, muß ein Verworfener
+werden, wenn es mißlingt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Also ist es nur der Erfolg, der tugendhaft macht?
+
+
+_Orlow_
+
+Ein Held jedoch, wenn er ans Ziel gelangt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ein Held? Könnt ich dies glauben, Graf Orlow, dann! ja dann!
+Aber ich kann es nicht glauben. (Feierlich.) Zwei
+unschuldig Zertretene wehren mir’s.
+
+
+_Orlow_
+
+Viel Blut liegt auf dem Weg der Helden, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Blut von Kindern?
+
+
+_Orlow_
+
+Macht löscht den Makel aus.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(betroffen)
+
+Furchtbares Wort!
+
+
+_Orlow_
+
+(erkennt seinen Fehler, einlenkend)
+
+Als ich heranritt, Erlaucht, ich war betrunken von Freude;
+ich hatte die unheilvollste Meuterei erstickt, Rebellen
+hatte ich meiner Gebieterin in Anhänger auf Tod und Leben
+verwandelt, die Wirklichkeit zerrann mir vor den Augen, ich
+sah kein Hindernis mehr ... und als es geschehen war, hab
+ich nicht Buße getan vor allem Volk?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Doch haben Sie dem Volk eine unheilbare Wunde geschlagen.
+
+
+_Orlow_
+
+(mit dem letzten Aufwand seiner gleißnerischen
+Beredtsamkeit)
+
+Als ich zwölf Jahre alt war, Erlaucht, trieb mich mein
+Vater mit der Peitsche vom Hof, weil ich für einen
+Leibeigenen, der die Todesstrafe erleiden sollte, um Gnade
+gebeten hatte. Ich liebe unser Volk. Ich weiß, wie sie
+leben, wie sie schmachten, wie sie Unrecht leiden, wie sie
+stumm sind, wie sie ihre Hoffnung unermüdlich von Jahr zu
+Jahr tragen, wie sie in ihrer Not die Herren preisen, die
+mit den Früchten ihrer Arbeit Feste feiern, und wie sie auf
+den warten, der sie erlösen wird. Ich weiß es und will ihrer
+nicht vergessen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ist mir doch, als ob ich Glocken hörte aus einem versunkenen
+Land, Graf Orlow. (Er steht versunken, von Orlow gespannt
+beobachtet; wie zu sich selbst) Ist es Rausch? oder Wahn?
+oder blinde Sucht der Jugend? Leidenschaft macht beredt den,
+der sie hegt, und stumm den, der sie begreift. (Laut) Sie
+führen eine ungewöhnliche Sprache, Graf Orlow, die mich irre
+werden läßt an meinem Vorsatz.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich danke Ihnen, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(geht zur Wand, wo er neben dem Kamin auf eine geheime Feder
+in der Täfelung drückt. Ein Türchen springt auf. Er
+entnimmt dem Schrein eine goldene Kassette, die er öffnet
+und einige in roten Atlas eingeschlagene vergilbte Papiere
+herauszieht)
+
+Sieh da, wie viel Staub darauf liegt ... (Er stellt das
+Kästchen beiseite) Staub ... Staub. Pulver der
+Vergessenheit. Überreste von Träumen. (Er legt den Atlas in
+das Kästchen zurück und liest das oberste Papier aufmerksam
+durch.)
+
+
+_Orlow_
+
+(der sich am Ziel glaubt)
+
+Väterchen Alexei Grigorjewitsch! (Er sinkt auf die Kniee.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(ergriffen und ganz in die Vergangenheit verloren)
+
+Frühling und Sommer meines Lebens! (Er küßt die Papiere und
+erhebt, sich bekreuzigend, die Blicke nach oben.)
+
+
+_Orlow_
+
+(packt in seiner Erregung mit beiden Händen die Papiere)
+
+Geben Sie, Alexei Grigorjewitsch –!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(erschrocken)
+
+Was für ein Ungestüm, Graf Orlow!
+
+
+_Orlow_
+
+(fast mit Wildheit, drohend)
+
+Ich kniee vor Ihnen, Alexei Grigorjewitsch!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(beugt sich ein wenig vor und starrt in Orlows Gesicht)
+
+Die Augen ... die Augen ...
+
+
+_Orlow_
+
+(springt empor)
+
+Wollen Sie mich auf die Folter spannen, Graf Alexei? Ich
+ertrag’s nicht länger.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(kopfschüttelnd)
+
+Ei, es ist eine ganz andere Stimme, die jetzt zu mir
+spricht.
+
+
+_Orlow_
+
+Genug gesäuselt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Also nur Verstellung? Und so schlecht verstellt? So schnell
+überdrüssig der Verstellung?
+
+
+_Orlow_
+
+Wollen Sie mir den Köder nur vorsetzen, um mich zappeln zu
+lassen?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ach, Sie zeigen zu früh Ihr wahres Gesicht, Graf Orlow.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich habe viele Gesichter, warum soll dies gerade mein wahres
+sein. Wozu das Getändel? Zu Großes liegt vor mir. (Er zeigt
+seine weißen Zähne, während sich die Worte stürmisch
+ergießen.) Von unten heraufgestiegen, wo die Sklaven wohnen,
+begrüßt mich endlich das Licht, und Welt und Kreatur
+schreit: Herr! Herr! Gnade! Gnade! Ja, Herr will ich sein
+und Gnade soll von mir träufeln für alle, die sich bücken.
+Wollust, zu befehlen, und mit einem Atemzug die Mächtigsten
+zum Schweigen bringen! Alles unter mir sehen, was jetzt noch
+verführerisch lockt, aus der Enge heraus, wo man horchen
+muß, ehe man spricht, und rechnen, bevor man zahlt. Ohne
+Bedachtsamkeit leben, planen ohne Angst und Maß! Unten
+gehört alles auch dem Nachbarn, was mir gehört, oben bin ich
+allein und fürchte keine Grenze. Keine Grenze fürchten, das
+ist’s. Mit seinem Willen allein sein, frei mit jeder Tat und
+doch der Richtpunkt aller Aufmerksamen. Ein Reich übersehen,
+den Arm von Ozean zu Ozean strecken, die Willfährigen mit
+Provinzen lohnen, die Unzufriedenen hinschmettern, – und
+eine Kaiserin umschlingen, eine Kaiserin, in den Mienen
+einer Kaiserin Unterwerfung lesen, – das ist mein Spiel,
+Alexei Grigorjewitsch! Die Würfel liegen zwischen uns.
+Werfen Sie jetzt und zählen wir die Augen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(kalt)
+
+So spricht ein Spieler. Im Würfelspiel mögen Sie gewinnen,
+Graf Orlow, im Schicksalsspiel nicht.
+
+
+_Orlow_
+
+Auch das Schicksal kann man zwingen, alter Mann.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wie den Teufel in der eigenen Brust.
+
+
+_Orlow_
+
+Wer würde anders handeln an meiner Stelle? Nur wenn ich
+zaudere, verliere ich.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und Gott soll mit bei diesem ... Spiele sein?
+
+
+_Orlow_
+
+Gott ist auf meiner Seite, weil ich will. Ich fühle die
+Bestimmung.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Über Blutbestimmung und Gottes Wahl läßt sich nicht rechten.
+
+
+_Orlow_
+
+Lügendunst! Zar Peter war ein Narr, ein Verräter, Affe des
+Preußenkönigs, ein Schwächling. Herrliche Bestimmung!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Besser ein Schwächling als ein gewissenloser Emporkömmling.
+
+
+_Orlow_
+
+(hochmütig)
+
+Die Brücke zwischen uns fängt an zu krachen, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+So mag sie bersten.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Doch die Zeit wird Sie auffressen.
+
+
+_Orlow_
+
+Jetzt, da Sie mich überzeugt haben, daß Sie die Dokumente
+besitzen und sie in Ihrer Hand halten, kann ich Sie zwingen,
+Alexei Grigorjewitsch.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Sie wollen damit sagen, daß Ihre Helfershelfer mein Haus
+umstellt halten?
+
+
+_Orlow_
+
+Leute, die mir blindlings ergeben sind, ja.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und wozu ich mich freiwillig nicht mehr entschließen würde,
+das glauben Sie mit Gewalt durchsetzen zu können. Mit
+eigener Faust oder mit dem Beistand fremder Fäuste.
+
+
+_Orlow_
+
+Wenn Sie mich zu dieser Notwendigkeit drängen, – ja. Ich
+kann nicht zurück. Ich kann nur vorwärts.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Bis zum Abgrund. – Sie vergessen nur eines, Graf Orlow.
+Sobald Ihre Leute diese Schwelle übertreten, oder sobald Sie
+selbst, von dieser Sekunde ab, eine Bewegung machen, die auf
+Gewalttat zielt, fallen die Dokumente hier in das Feuer. Sie
+sehen, es brennt loh genug, um ein paar Papiere rasch
+verzehren zu können. (Pause. Beide blicken einander
+schweigend ins Gesicht.)
+
+
+_Orlow_
+
+(mit verschränkten Armen)
+
+So also steht es.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ja.
+
+
+_Orlow_
+
+(langsam und mit Nachdruck)
+
+Eines noch, Alexei Grigorjewitsch: ich könnte Sie belohnen,
+wie nie ein Sterblicher belohnt worden ist.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Lohn? Für mich? Welchen Lohn? Reichtum? Paläste? Titel und
+Würden? Für mich?
+
+
+_Orlow_
+
+(wie oben)
+
+Wenn auch nicht für Sie, Erlaucht, so doch für einen
+Knaben ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Einen Knaben –?
+
+
+_Orlow_
+
+Für Iwan, den Sohn Rasumowskys und der Kaiserin Elisabeth.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(schwankt einen Augenblick, hält sich am Rand des Sessels,
+sinkt dann darauf nieder).
+
+
+_Orlow_
+
+Der Pope Maximow hat mich zu ihm geführt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Möge Gott ihm verzeihen. Es gibt keine Treue mehr.
+
+
+_Orlow_
+
+Fürchten Sie nichts mehr von der verräterischen
+Geschwätzigkeit dieses Priesters, Erlaucht. Ich habe dafür
+gesorgt, daß seine Zunge keinen Schaden mehr stiftet. Sie
+und ich, wir sind die beiden einzigen Menschen auf Erden,
+die um Iwan wissen ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(dumpf)
+
+Einer zu viel, Graf Orlow.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich habe den Knaben gesehn. Es war eine weite Fahrt auf das
+Gut Domnina im Epifanskischen Kreis. Ein schöner, blonder
+Knabe. Welche Einsamkeit für einen Vierzehnjährigen. Wie
+durstig er in die Ferne blickte! Er wußte nichts von Vater
+und Mutter, die Leute, bei denen er ist, halten ihn für den
+Sohn von Euer Erlaucht verstorbenem Bruder. Er ahnt nicht,
+welche Versprechungen das Leben ihm schenken könnte, und wer
+nur sein Gesicht sieht (deutet auf das Bild der Kaiserin
+Elisabeth), braucht keinen andern Beweis seiner Abkunft.
+Grausam schien es mir, die junge Blüte in der Steppenwüste
+verkommen zu lassen. Ich habe ihn über seine Geburt
+aufgeklärt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(springt auf)
+
+Das haben Sie getan?
+
+
+_Orlow_
+
+Ich habe es getan.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(sinkt wieder auf den Sessel, umklammert krampfhaft die
+Dokumente vor der Brust.)
+
+Großer Himmel! Sie hatten kein Mitleid mit dem arglos
+spielenden Geschöpf? Frevlerisch das Gift des Ehrgeizes und
+der ungenügenden Begierde in die junge Brust versenkt!
+Fruchtlose Erwartungen geweckt, die ein gläubiges Gemüt
+zerfleischen müssen! So war meine Entbehrung vergeblich,
+vergeblich, daß ich mein Herz von ihm entwöhnt habe,
+vergeblich das Opfer, vergeblich der Gram der Mutter, alles
+vergeblich!
+
+
+_Orlow_
+
+(mit leisem Spott)
+
+Ist es nicht besser, wenn der Wissende sich bescheidet, als
+wenn der Getäuschte verkommt?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(die Worte tief aus seiner Brust ringend)
+
+Zweiunddreißig Jahre, Graf Orlow, war ich mit Elisabeth
+Petrowna verbunden. Sie war eine musterhafte Christin und
+eine zärtliche Mutter Millionen Volks. Auch mich liebte sie,
+doch schien es mir so überflüssig wie sündhaft, meinen
+Ehrgeiz über das Maß dessen zu erheben, was sie mir als Weib
+gewähren konnte. Niemals in zweiunddreißig Jahren ist die
+Versuchung über mich gekommen, den geheiligten Glanz der
+Majestät für mich zu erborgen. _Sie_ war auserwählt zu
+herrschen. Von den Ahnen her war ihr die Gnade verliehen.
+Woran soll das Volk glauben, diese Zahllosen, von denen wir
+keine Namen wissen und die nur aufblicken in ihrer
+Verlassenheit, um nach dem gottbestimmten Führer zu suchen,
+woran sollen sie denn glauben, wenn nicht an das Mysterium,
+das um eine Krone webt? Das ist ja ihr Märchen, die
+Botschaft, das Gesetz! Gesalbtes Haupt weiht das Diadem,
+königliches Blut rauscht vom Vater zum Sohn, vom Gatten zur
+Gattin, von Geschlecht zu Geschlecht. Raubt ihnen diesen
+Glauben, und ihr stürzt sie in Gemeinheit und Verzweiflung,
+die Welt steht da, ohne Ordnung, ohne Herrn. (Er erhebt
+sich, bewegt.) Wenn es ein Verdienst in meinem Leben gibt,
+Graf Orlow, so ist es das eine, daß ich die Kaiserin zu
+überzeugen vermochte, unsere Ehe, für die sie den Segen der
+Kirche gewünscht hatte, müsse ein Geheimnis für das Volk
+bleiben. Und so wurde Iwan fern vom Hof und fern von den
+Menschen erzogen, denn es ziemt sich nicht für den
+Halbgebürtigen, von einem Thron auch nur zu träumen.
+
+
+_Orlow_
+
+Phantome, Erlaucht, Phantome! Die Zeit hat sich verändert.
+Es handelt sich nicht um die Gnade, es handelt sich um die
+Kraft.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ich bin kein Starrkopf, Graf Orlow, nicht einer, der
+denkfaul an Vergangenem hängt. Ich kenne die Zeit. Vieles
+tragen die Eimer des Jahres herauf aus dem dunklen Schacht,
+und wer wirklich lebt, wandelt sich mit jedem Becher, den er
+an die Lippen führt. Das Blut wird auch in alten Körpern
+neu. War ich nicht bereit, Graf Orlow? Ich war bereit, mehr
+kann ich nicht sagen. Aber ich bin gewohnt, in Menschenaugen
+zu lesen, und mehr noch auf den Stirnen, Graf, auf den
+Stirnen. Sie sind so unbehütet, die Stirnen; man kann sie
+eine Walstatt der Dämonen nennen. (Den Arm mit
+ausgestrecktem Finger gegen Orlow, stark.) Ich sehe
+Schicksale auf dieser Stirn, die ungeboren bleiben sollten.
+
+
+_Orlow_
+
+Alexei Grigorjewitsch! Nicht auf meiner Stirn, – in Ihrer
+Hand liegt jetzt ein Schicksal. Iwan ist in meiner Gewalt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(scheu)
+
+Iwan ... ist ...
+
+
+_Orlow_
+
+In meiner Gewalt und nur mir erreichbar.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(mit weiten Augen)
+
+Sie wollen damit sagen: um Iwan ist’s geschehen, wenn ich
+mich weigere ...
+
+
+_Orlow_
+
+Vielleicht ist es das, was ich sagen will.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(nähert sich Orlow mit gebeugtem Oberkörper und mit der
+Unterwürfigkeit eines Bauern, hält ihm mit beiden Händen die
+Dokumente hin)
+
+Nehmen Sie, Graf Orlow ...
+
+
+_Orlow_
+
+(etwas überrascht von dem schnellen Erfolg, greift nach den
+Papieren).
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(demütig)
+
+Nicht weil ich für Iwan fürchte, Graf Orlow ... nicht weil
+ich mir sein Leben erkaufen will, ... nicht deshalb, Graf
+Orlow, nicht deshalb ...
+
+
+_Orlow_
+
+(hält die Papiere fest, mit finsterem Trotz)
+
+Es wäre auch zu spät, Alexei Grigorjewitsch, Sie retten Iwan
+damit nicht. Er war zu gefährlich, als er seine Abstammung
+kannte. Er weilt nicht mehr unter den Lebenden.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(schmerzvoll)
+
+Gott, dein Wille geschehe! Ich habe es geahnt!
+
+
+_Orlow_
+
+Und Sie geben mir trotzdem diese Papiere –?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(mit der Hoheit des Grames)
+
+Ja, Graf Orlow! Ein Mann, der zu solchen Mitteln greift, den
+muß die eigene Tat vernichten. Und wenn es die Krone selbst
+wäre, sie hätte kein Gewicht mehr, wenn Sie sie halten.
+Nichts ... ein Schemen, ein Scheinbild. Nichts. Zeigen Sie
+die Dokumente der Kaiserin.
+
+
+_Orlow_
+
+(brütend)
+
+Darum also ... Es ist zu viel ... (als wöge er die Papiere)
+es scheint mir zu viel Erniedrigung für das gewährte
+Almosen. Bin ich denn ein Bettler? Soll es einen Menschen
+geben, der mich _so_ einschätzen darf? (Aufflammend.) Nein,
+nein, nein! Die Schmähung greift ans Herz. Wenn ich diesem
+erbettelten, erschlichenen Wisch alles verdanken müßte, was
+mir das Leben gewähren soll, es fräße mir das Mark der Tat
+aus den Knochen. Ein Orlow, der alles Heil auf den Inhalt
+einiger vergilbter Papiere gründet? Bin ich verloren ohne
+diese Fetzen, so wie ich jetzt besudelt bin, wenn ich sie
+als billige Trophäe vor die Augen Katharinas bringe? Nein,
+Alexei Grigorjewitsch, nein! Die Genugtuung, daß es von
+Ihrer Gnade abhängig war, Rußland einen Zaren zu geben, kann
+ich Ihnen nicht überlassen. Jede Gegenwart wäre mir
+vergällt, und um Ihnen den Beweis zu liefern, daß ich diese
+Gnade verschmähe, daß ich sie verachte, nur darum tu’ ich,
+was ich tue! (Er eilt zum Kamin und wirft die Dokumente ins
+Feuer.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(mit seltsam entzückter, schreiender Stimme, die zugleich
+etwas wie physischen Schmerz enthält)
+
+Ein Gottesurteil! Ein Gottesurteil!
+
+(Durch Rasumowskys Schrei alarmiert, kommen Lassunsky und
+Chidrowo mit bestürzten Mienen.)
+
+
+_Lassunsky_
+
+(bleibt unter der aufgerissenen Türe stehen, hastig)
+
+Was ist geschehen, Erlaucht?
+
+
+_Chidrowo_
+
+(tritt vor, zieht den Degen)
+
+Wir werden Sie schützen, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(ohne sie zu beachten)
+
+So hat eine höhere Macht Ihren Arm gelenkt, Graf Orlow, und
+Sie haben nur den Beweis geliefert, daß es keinen Weg gibt
+aus Ihrer Menschentiefe zum Licht der Majestät. (Er bückt
+sich, als ob er bete.)
+
+
+_Lassunsky_
+
+(drängend)
+
+Erlaucht ... die Blässe Ihres Gesichts ... Sie sind
+krank ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(immer gebückt)
+
+Ehrfurcht! Der Engel des Schicksals schwebt über uns!
+
+
+_Orlow_
+
+(reißt sich vom Anblick des Feuers los)
+
+Verbrannt ... (Unheilvoll.) Und nun sei auch verbrannt alle
+Milde, vergessen alles Zögern feiger Rücksicht und wer mich
+aufhält, meinen Schritt oder den Schritt meines Pferdes, der
+möge zittern!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Verwirkt! Verwirkt! Wir wollen zittern, aber der Spruch ist
+gefallen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+(fast jubelnd)
+
+Gerettet, Mütterchen Rußland, gerettet!
+
+
+_Orlow_
+
+(im Abgehen)
+
+Hütet euch!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(richtet sich wieder empor)
+
+_Ich bin_ in meiner Hut, denn ich fürchte die Menschen nicht
+mehr.
+
+(Vorhang)
+
+
+
+
+Gentz und Fanny Elßler
+
+
+Personen:
+
+ Friedrich von Gentz, Hofrat
+ Felix Graf Reitzenstein
+ Fanny Elßler
+ Jean )
+ Martin } Diener bei Gentz
+ Franz )
+ Lieferanten, Geldleute usw.
+
+Spielt in Wien, Herbst 1830
+
+
+Ein Zimmer der Villa Gentz in Weinhaus bei Wien. Kostbare
+Empiremöbel, Nippsachen, Kunstwerke, geblümte Tapeten. Auf
+einer Kommode stehen zwei Glasglocken mit eingemachten
+Früchten zum Naschen. Vom Kamin leuchtet eine goldene
+Stehuhr. Im Hintergrund zwei Fenster, zwischen ihnen eine
+hohe Glastüre in den Garten. Links Türe zum Vorzimmer,
+rechts in das Ankleidezimmer des Hofrats; diese Tür ist
+offen.
+
+Hinter der Türe links wird lebhaft gesprochen. Gleich darauf
+_Jean_, livrierter Diener, von links durch das Zimmer nach
+rechts ab. Die Türe links wird geöffnet, und ein dicker Jude
+will herein, _Martin_, ein zweiter livrierter Diener, der im
+Zimmer damit beschäftigt ist, frisches Wasser in
+blumengefüllte Vasen zu gießen, eilt hin und schlägt dem
+Eindringling die Tür vor der Nase zu. Protestierende Rufe
+von draußen. _Martin_ steht Wache.
+
+
+_Gentzens Stimme_
+
+(von rechts)
+
+Was erfrecht Er sich? Ich zahle nicht. Übermorgen. Die
+Schufte sollen Geduld haben.
+
+
+_Jean_
+
+(eilig wieder von rechts nach links ab).
+
+
+_Gentzens Stimme_
+
+Die geblümte Weste! Die geblümte!
+
+
+_Lebhafte Stimmen_
+
+(hinter der Türe links).
+
+
+_Jean_
+
+(kommt abermals mit verzweifelter Miene nach rechts).
+
+
+_Martin_
+
+(hält die Türklinke).
+
+
+_Stimme Jeans_
+
+Der Weinlieferant und der Parfümeur wollen partout mit dem
+Herrn Hofrat selber sprechen.
+
+
+_Gentzens Stimme_
+
+Ach was, Er Esel, Er hat ja gar keine Schneid. – Die Ringe,
+Franz. Jetzt lauf Er zum Gärtner wegen frischer Blumen.
+
+
+_Franz_
+
+(ein alter Diener, durch die Mitte ab in den Garten.)
+
+(Gleich darauf)
+
+
+_Gentz_
+
+(Mann von fünfundsechzig Jahren. Hohe schlanke Gestalt. Er
+hat einen müden, etwas gebückten Gang. Sein Gesicht ist
+höchst geistreich, die ganze Physiognomie hat einen feinen,
+lebhaften und verführerischen Ausdruck, und der Blick ist
+von intensiver Kraft. Kinn und Unterkiefer sind etwas
+schwer, um den Feinschmeckermund liegt bisweilen ein
+trauriger, bisweilen ein zynischer Zug. Er ist nach der
+letzten Mode gekleidet: brauner, langer Rock, gestickte
+Weste, Vatermörder, schwarze Binde)
+
+War schon jemand vom Fürsten Metternich da?
+
+
+_Martin_
+
+Niemand, Herr Hofrat.
+
+
+_Gentz_
+
+(nach links ab, die Türe bleibt halb offen).
+
+
+_Stimmen der Lieferanten_
+
+Küß die Hand, Herr Hofrat! – Wünsch guten Morgen, Herr
+Hofrat! – Küß die Hand, Euer Gnaden.
+
+
+_Gentzens Stimme_
+
+Also, was soll’s – Was belästigt ihr mich?
+
+
+_Stimme des Parfümeurs_
+
+Halten zu Gnaden, Herr Hofrat, hab für siebenundachtzig
+Gulden Kölnisch Wasser geliefert.
+
+
+_Stimme des Weinhändlers_
+
+Ich für dreihundertzwanzig Gulden Sekt.
+
+
+_Gentzens Stimme_
+
+Geduld, ihr Leute. Morgen schick ich zum Rothschild hin. Der
+Rothschild zahlt alles, das wißt ihr doch. Jetzt schert euch
+friedlich nach Hause. (Er tritt ins Zimmer zurück, der dicke
+Jude folgt ihm.)
+
+
+_Jude_
+
+Euer Exzellenz, der Wechsel ist schon emal prolongiert.
+
+
+_Gentz_
+
+Fort, fort, fort!
+
+
+_Der Schneider_
+
+(hat sich schüchtern nachgedrängt)
+
+Ich freu mich, daß der Herr Hofrat so gut ausschaut.
+
+
+_Gentz_
+
+Keine Konfidenzen! Ich hab’ gern, wenn Lieferanten was
+liefern. Konfidenzen sind mir verhaßt. – Hat der Gärtner
+schon was wegen der Rosen gemeldet?
+
+
+_Martin_
+
+Nein, Herr Hofrat.
+
+
+_Gentz_
+
+Ich will mal selber mit ihm reden. Wenn er frische Rosen
+hat, ist es besser, sie erst am Stock zu sehen. (Durch die
+Mitte ab.)
+
+
+_Der Schneider_
+
+Herr Hofrat! –
+
+
+_Jean_
+
+Na, was gibt’s denn noch? Er hat doch gehört, daß wir heut
+nicht bei Kassa sind.
+
+
+_Der Schneider_
+
+Morgen ist die Trauung von meiner Tochter, und wenn mir halt
+der Herr Hofrat zwanzig Gulden geben tät ...
+
+
+_Jean_
+
+Laßt eure Töchter im ledigen Stand, wenn ihr kein Geld
+habt’s.
+
+
+_Martin_
+
+(verächtlich)
+
+Heiraten! Alle gemeinen Leute heiraten beständig.
+
+
+_Jean_
+
+Und jetzt allons! marsch! (Nimmt den Besen.) Hinaus! Es wird
+gelüftet.
+
+
+_Der Jude_
+
+Was wird sein? Wer ich den Wechsel zu Protest bringen. (Ab,
+desgleichen der Schneider, die Stimmen draußen verlieren
+sich.)
+
+
+_Martin_
+
+Was macht er denn heut für an Kramuri, der Hofrat?
+
+
+_Jean_
+
+Die Fanny war doch drei Tag am Land bei ihrer Schwester.
+
+
+_Martin_
+
+Ah so. Froher Empfang nach schmerzlicher Trennung.
+
+
+_Jean_
+
+Zu Mittag kommt s’ mit der Extrapost, die Fanny.
+
+
+_Martin_
+
+Fahr’n jetzt die vom Theater auch schon mit der Extrapost?
+
+
+_Jean_
+
+Die Fanny is was man eine bessere Tänzerin heißt. Hast es
+schon tanzen seh’n am Kärntnertor? Die Leut’ soll’n sich die
+Haxen abtreten hab’n.
+
+
+_Martin_
+
+(düster)
+
+Der Hofrat g’fallt mir gar nicht mit seiner Verliebtheit.
+Das is ja schon ganz außer der Normalität. Wenn’s nur keine
+Mesallianz gibt.
+
+
+_Gentz_
+
+(vom Garten, zwei Burschen folgen ihm, die einen kupfernen,
+mit Rosen gefüllten Kessel tragen.)
+
+Dorthin, ins Eck, ... auf die Säule.
+
+
+_Franz_
+
+(von links)
+
+Herr Graf Reitzenstein. (Ab, auch Jean und Martin, die
+Gärtnerburschen durch die Mitte ab.)
+
+
+_Gentz_
+
+(zur Tür)
+
+Guten Morgen, lieber Felix. Ein schöner Herbsttag heute,
+warm wie im August.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+(fünfundzwanzig Jahre, elegante Erscheinung; er ist ein
+wenig Poet, und in seinen Zügen drückt sich die Schwärmerei
+eines vornehmen Müßiggängers aus, dessen Lieblingsautor Lord
+Byron ist)
+
+Guten Morgen, Gentz. Wissen Sie, daß Fanny schon aus der
+Brühl zurück ist.
+
+
+_Gentz_
+
+Wie, schon zurück?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich habe sie vor einer halben Stunde mit Stuhlmüller beim
+Theatereingang gesehen.
+
+
+_Gentz_
+
+Haben Sie mit ihr gesprochen?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nein, sie hat mich gar nicht bemerkt.
+
+
+_Gentz_
+
+Dann wird sie jeden Moment kommen. Stuhlmüller? Stuhlmüller?
+Wer ist das doch? Richtig, der Tänzer.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ein exzellenter Tänzer. Er geht jetzt nach Berlin.
+
+
+_Gentz_
+
+Ah, nach Berlin. – Ich erinnere mich: ein hübscher Bursche.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ja. Beine wie ein Narziß.
+
+
+_Gentz_
+
+Wie sah meine Fanny aus?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Entzückend wie immer. Wenn man sie anblickt, hat man das
+Gefühl, als sei man zu schlecht für die Welt, in der sie
+lebt.
+
+
+_Gentz_
+
+Sie waren ja am vorigen Sonntag mit ihr bei der Gräfin
+Fuchs? Ich konnte nicht hingehen, da mich der Fürst zu einem
+Conseil berufen hatte.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Und am Abend zuvor fehlten Sie ja auch im Theater, Gentz –
+
+
+_Gentz_
+
+Die leidige Politik!
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Es war ein Triumph. Die Galerien haben geheult, das Parkett
+hat sich die Handschuhe zerrissen. Sogar in der kaiserlichen
+Loge sah man leuchtende Augen, und zwei Hofdamen, die vor
+lauter Gewöhnung an Feierlichkeit alles Fett an ihrem Leibe
+verloren hatten, wackelten mit ihren Köpfen, als ob das
+Theater eine Glocke und sie die Schwengel darin wären.
+
+
+_Gentz_
+
+(lacht)
+
+Ja, diese Zauberin gleicht alle Gegensätze der sozialen
+Welt aus, und gekrönte Häupter werden – Publikum.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Als sie auftrat, ging ein glückliches Seufzen durch das
+Haus. Da stieg die ganze Venus aus dem Meer. Dieser Nacken,
+diese Schultern, dieser Hals, die Bewegung, die anmutvolle
+Hingabe, dies Sichverlieren in süßester Heiterkeit! Ich sah
+Männer zittern und Frauen bleich werden. Jede Miene will
+ihre angeborne Trägheit vergessen, doch ihr selbst nahen
+keine Wünsche, nur Vergötterung umfängt sie. Ahnungslos und
+unergriffen wandelt sie durch die gesammelte Bewunderung
+hindurch, wie wenn ihr der Traum der letzten Nacht als
+Schleier um die Seele gehüllt wäre, – und lächelt.
+
+
+_Gentz_
+
+Sie haben recht, Felix. Ihr Lächeln ist das Wunderbarste. Es
+scheint aus einer tiefen Quelle aufzusteigen, wo die Genien
+wohnen, die den Menschen wohlwollen. Keine Heiterkeit deutet
+so viel Schicksal wie ihre.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Zur Fuchs kam sie spät, erst nach der Vorstellung. Man war
+schon ein wenig müde. Aber als sie eingetreten war, begann
+der Tag von neuem. Sie setzt sich neben die Hausfrau und
+blickt sie zärtlich und vertrauensvoll an. Sie plaudert,
+und Worte sind plötzlich edel. Die Luft, die sie atmet,
+mitzuatmen, macht glücklich.
+
+
+_Gentz_
+
+Wenn man Sie hört, Felix, sollte man glauben, ein Verliebter
+spricht.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Und wenn ich’s wäre?
+
+
+_Gentz_
+
+Sie scherzen.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Keineswegs.
+
+
+_Gentz_
+
+Armer Felix, wie ist Ihnen das passiert?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Das Mitleid, Gentz, sollten Sie mir aus Großmut ersparen.
+
+
+_Gentz_
+
+Nehmen Sie denn um Gottes willen Ihren Zustand ernst?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Seh ich aus wie ein Libertin?
+
+
+_Gentz_
+
+Es gibt keinen lebendigen Mann, der Fanny gesehen hat und
+sie nicht liebt. Bei Ihnen allerdings –
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Sie sprechen, Gentz, als ob Fanny Ihr Eigentum auf Leben und
+Tod wäre ...
+
+
+_Gentz_
+
+Lieber Felix, Sie überraschen mich. Wahrlich, ich weiß nicht
+mehr, was ich von der menschlichen Natur halten soll. Waren
+Sie es nicht, der mich im Glauben an die Möglichkeit einer
+Liebe zwischen mir und Fanny befestigt hat? Ich habe
+gezweifelt, und Sie waren verschwenderisch mit Beispielen
+aus Leben und Geschichte, die mich beruhigen sollten. Sie
+waren der einzige, der verstehend in mein Herz drang, der
+meine Jahre auf die Rechnung der Zeit und nicht zu Lasten
+der Seele gesetzt hat. Ich war eifersüchtig, damals, als ich
+noch eifersüchtig sein mußte, und Sie lachten mich aus. Wenn
+ich mich quälte, ob ich würdig sei, Fanny zu gewinnen, sahen
+Sie darin die Koketterie eines Mannes, der wenig verspricht,
+um viel zu halten. Sie haben für mich Sonette an Fanny
+gedichtet, und in einem Brief, den ich nie vergessen werde,
+schrieben Sie: Wehe dem Herzen, dem die Jahre alle Blüten
+rauben, und wehe der Lehre, die ein Vertrocknen vor der Zeit
+für Würde oder Weisheit ausgibt. So dachte Anakreon nicht,
+schrieben Sie, erinnern Sie sich? »So dachte Anakreon
+nicht.«
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Waren Sie nicht glücklich mit Fanny?
+
+
+_Gentz_
+
+Nur ein junger Mann darf glücklich _gewesen_ sein.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich kannte mein Gefühl nicht.
+
+
+_Gentz_
+
+So hätte der geheimnisvolle Drang in Ihnen, Felix, einen
+Greis beseelen wollen, und was dunkel in Ihrer jungen Brust
+wohnte, übertrugen Sie mutlos und edelmütig auf mich? Ist es
+so?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nicht ganz so.
+
+
+_Gentz_
+
+Und ich hätte sechzig Jahre unter Menschen gelebt, mit
+_meinen_ Augen, und habe nicht das Spiel eines Jünglings
+durchschaut?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nein, nein, nein –
+
+
+_Gentz_
+
+Sie haben nicht bedacht, daß kein Feuer so wütend brennt,
+wie das in einem alten Haus.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich wußte und weiß es. Fanny kam aus einer Welt, die tief
+unter uns liegt, aus einer kleinen, armen Welt, in der man
+noch an Ehren und Titel glaubt, wo von Luxus und Lebensgenuß
+erzählt wird wie von Märchen. Als Fanny Sie kennen lernte,
+als sie Ihre Protektion erfuhr, da war ihr das Tor zur
+großen Welt geöffnet und in Ihrer Person verehrte sie den
+Ruhm und die Macht, nach denen sie sich sehnte und wofür sie
+auch bestimmt ist. Sie trat Ihnen mit der bebenden Andacht
+entgegen, mit der die jungen Mädchen aus dem Volk einen
+Prinzen aus seiner Karosse steigen sehen.
+
+
+_Gentz_
+
+(unterbricht)
+
+Und aus diesem Äußerlichsten wollen Sie etwas so
+Geheimnisvolles erklären, wie es mein Bund mit Fanny ist?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Sie lernte Sie näher kennen, sie wurde bezaubert von Ihrem
+Geist, von Ihrer Kunst des Umgangs – welche Frau von
+Instinkt und Kraft würde nicht diese Atmosphäre von Leben,
+von Abenteuer, von Bildung und Welt spüren, in der Sie
+atmen? Für sie, die Unerfahrene, waren Sie ein Gott an
+Erfahrungen. Sie konnten ihr die Tore aufriegeln, die sie
+fest verschlossen wähnen mußte, und Sie haben es getan. Sie
+sah in Ihnen einen Gebieter des Schicksals, einen, der
+erfüllt ist von Schicksalen und dem sie Vertrauen schenken
+durfte, weil er Liebe dafür gab. Sie fühlte Ihre
+Vergangenheit, sie begriff Ihr Leben, Gentz, dieses Leben,
+hingebracht in Schwärmerei und Leidenschaften, in den
+Verführungen der Städte wie im blutigen Dampf der
+Schlachtfelder, unter Königen und großen Damen, in Arbeit
+wie in Genuß, in der Melancholie der Einsamkeit und in der
+Unruhe unter den Menschen. Sie war behütet und geführt,
+wissend und gefeit an Ihrer Seite, und die Dankbarkeit
+unterwarf Ihnen ihr Herz.
+
+
+_Gentz_
+
+Nur die Dankbarkeit? Das wäre also der #punctum saliens?#
+Soll ich zweifeln, nur weil andre zweifeln?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nicht zweifeln; aber Sie sind allzu sicher, Gentz.
+
+
+_Gentz_
+
+Fannys allzu sicher, meinen Sie?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ja, Fannys allzu sicher.
+
+
+_Gentz_
+
+Was gibt Ihnen Grund zu solcher Warnung? Ist die Medisance
+am Werk? Hat man in den Salons und in den Kaffeehäusern die
+Mäuler zu Guillotinen meines Glücks gemacht?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Man ist darüber einig, daß Gentz ein beneidenswerter Mann
+ist.
+
+
+_Gentz_
+
+(mehr überlegen als bitter)
+
+Gentz, ein Zittergreis, ein ausgebrannter Krater, und Fanny
+Elßler, das blühende Wunder einer morbiden Welt. Der
+seufzende Diplomat und die spöttisch lachende Nymphe, das
+lächerliche Podagra und ein feuriger Czardas. Lassen Sie
+hören, Felix, das war der Text. Die Melodie dazu – pfeifen
+die Drosseln.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nein.
+
+
+_Gentz_
+
+Aber Sie wenigstens haben die Überzeugung gewonnen, daß über
+einen Abgrund von siebenundvierzig Jahren hinweg die
+Leidenschaft eines Weibes gefriert und ein Mann sich aus
+seiner Dummheit und Leichtgläubigkeit eine Gloriole webt.
+Sagen Sie’s nur.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+(wehmütig lächelnd)
+
+Sie scheinen es also für unmöglich zu halten daß Fanny – (Er
+stockt, da Gentz mit scharf markierten Schritten auf ihn
+zugeht.)
+
+
+_Gentz_
+
+Ja, Felix! Unmöglich! Unmöglich kann Sie Fanny lieben!
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich dachte nicht an mich. Offen gestanden, lieber Gentz –
+
+
+_Gentz_
+
+(ergreift die Hand des Grafen)
+
+Hören Sie mich an, Felix. Ich sage unmöglich, nicht, weil
+ich Ihren Wert nicht kenne. Die schönste, die vornehmste,
+die stolzeste Frau muß sich glücklich schätzen, Sie zu
+besitzen. Aber die schönste, die vornehmste, die stolzeste
+Frau, was tut sie am Ende, wenn sie liebt? Sie opfert Ihnen
+ihre Jugend. Ihre Schönheit ist nur dazu da, um von Ihnen,
+dem Geliebten, begehrt und genossen zu werden. Und sei sie
+lasterhaft wie Messalina oder eine Lucretia an Tugend, sie
+ist ein Weib und zwischen ihr und Ihnen ist nichts als die
+kleinen und großen Gefahren und Lockungen der Liebe. Fanny
+hingegen ist eine Tänzerin. Eine wirkliche, gottbegnadete
+Tänzerin. Verstehen Sie, was das heißt?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich denke ... warum sollt ich nicht?
+
+
+_Gentz_
+
+Als ich Fanny zum ersten Male tanzen sah, da verteilten
+sich mir die Gewichte des Irdischen, und mein Schicksal war
+mir nicht mehr so lästig nahe. Ich hatte Spielraum in mir
+selbst, die Vergangenheit stand nicht mehr wie ein Leichnam
+hinter mir, die Philosophie nicht mehr wie eine Erinnye über
+mir, ich fühlte mich einer höheren und leichteren Ordnung
+der Dinge verwandt, und alles, was von schlechtem Gewissen
+in mir war, wurde von einer heiteren Macht beschwichtigt und
+zerstreut. Dem Philister ist dieser Tanz nur ein Vergnügen,
+an dem er vorübergeht, dem Jüngling mag er die Sinne
+befeuern, den reifen Mann erheben, erfreuen, doch nur der
+Alte, der wahrhaft Erfahrene, einer, der durch das ganze
+Fegefeuer der Geister- und Körperwelt gegangen ist, die
+ganze Hölle von Niedertracht und Stumpfsinn und alles erlebt
+hat, Untreue und Verrat, selbst treulos und ein Verräter
+war, an allem versucht worden ist, durch Leiden schamlos,
+durch Abwehr kalt, durch versteckte Armut listig, durch
+Triumphe gleichgültig geworden ist, – nur der kann die
+Tänzerin lieben, wie sie geliebt werden muß, so wie man eine
+Idee liebt, wie man Gott auf dem Sterbebett liebt.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Das klingt groß, aber die Wahrheit des Lebens verteilt sich
+im Kleinen.
+
+
+_Gentz_
+
+Ein Aperçu beweist nichts, kaum für den, der es macht. Wie
+könntet ihr jungen Menschen diese Reinheit verehren, ohne
+sie herabzuziehen? Diese beschwingte Leichtigkeit, ohne sie
+zu lähmen? Wie könnt ihr besitzen, ohne mehr und immer mehr
+zu fordern? Man muß durstig sein können und nur vom
+freiwillig gereichten Becher trinken wollen. Man muß
+vergöttern können, indem man ein Wissen gibt, von dem ein
+Händedruck so voll ist wie eure erzählten Aventüren. Die
+Tänzerin ist in irgend einer Art heilig zu nennen, Felix,
+denn es ist etwas an ihr, was nie erobert werden kann und
+nie berührt werden darf, in den feurigsten Umarmungen nicht.
+Fanny opfert alle Leidenschaft ihrer Kunst. Nicht nur ihr
+Gliederspiel, auch ihr Seelenleben ist von dem Gesetz
+maßvoller Schönheit beherrscht. Man kann nicht weniger
+emotionsbedürftig sein als sie es ist, die sich von allem
+Stürmischen und Heftigen geradezu beängstigt fühlt. Der
+Adler wird in der Gefangenschaft traurig und verliert seine
+Majestät; will man sie ganz besitzen, so muß sie frei
+bleiben wie der Adler.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Und doch dachten Sie einst an eine Heirat –
+
+
+_Gentz_
+
+Es war, als ich sie noch zu wenig liebte. Was bin ich
+heute? Der entlassene Kammerdiener großer Herren. Was
+besitze ich? Nichts. Schulden über Schulden. Sollte die Frau
+Hofrätin tanzen? Kann man einen Stern vom Himmel reißen, um
+ihn zum Schmuckstück für die Wohnstube eines Literaten zu
+machen? Das heißt die Ewigkeit zum Augenblick erniedrigen,
+und wer so handelt, dem versagt der Augenblick. Und so lang
+ich dem Augenblick genug tue, bin ich jung. Alt bin ich
+einen Augenblick vor meinem Tod.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Wie sonderbar Sie mir erscheinen, lieber Gentz. Ich möchte
+bewundern und muß doch trauern –
+
+
+_Gentz_
+
+Trauern? Worüber? Sie suchen umsonst den frivolen Höfling in
+mir, dessen geprägte Malicen noch gestern halb Europa zum
+Lachen brachten. (Er nimmt ein mysteriöses Wesen an.) Ich
+bin fromm geworden. Ja, ich bete, Felix, ich bete zuweilen.
+Besonders in der Nacht.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Armer Freund, kaum will mir das Wort über die Lippen ...
+
+
+_Gentz_
+
+Was für ein Wort? Gegen Worte bin ich gewappnet. Das ist
+mein Beruf.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Fanny ist nicht nur eine Tänzerin, sie ist auch ein Weib.
+
+
+_Gentz_
+
+Ich gratuliere Ihnen zu dieser Entdeckung. Wollen Sie mir
+damit sagen, daß Sie ein Mann sind? Ich habe nie daran
+gezweifelt.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nicht um mich handelt sich’s. Es tut mir leid, daß ich mich
+zu einem Geständnis meiner Empfindungen für Fanny habe
+hinreißen lassen. Es geschah, weil ich Ihnen Offenheit
+schuldig zu sein glaubte. Es ist von meiner Seite nichts
+geschehen, was mit dem Gebot der Freundschaft unvereinbar
+wäre, und da Sie keinen Anlaß haben, diese Freundschaft zu
+beargwöhnen –
+
+
+_Gentz_
+
+Nicht den geringsten, teurer Felix.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+– so dürfen Sie meiner Mitteilung keine falschen Motive
+geben. Neigung und Freundschaft haben mein Auge geschärft,
+das ist alles.
+
+
+_Gentz_
+
+Nun, Sie machen mich neugierig.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Jener Stuhlmüller –
+
+
+_Gentz_
+
+Was ist mit ihm?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Fanny liebt ihn.
+
+
+_Gentz_
+
+Oh! Oh! Oh! Stuhlmüller! Felix, Sie sind gar zu treuherzig.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Sie befinden sich, lieber Gentz, in einem Rausch von
+Täuschung und Illusion. Ich habe die beiden beieinander
+gesehen, und nicht nur heute.
+
+
+_Gentz_
+
+Was noch?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich habe Blicke gesehn, Gebärden gesehn ... O, ich kenne
+Fanny. Wo ihr Herz spricht, ist sie ehrlich bis zur
+Selbstvergessenheit.
+
+
+_Gentz_
+
+Und wäre in dieser Ehrlichkeit betrügerisch gegen mich?
+Felix! Felix!
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich wiederhole: sie ist ein Weib.
+
+
+_Gentz_
+
+Komischer Refrain. Mann – Weib. Ist die Natur eine Maschine
+und sind die gröbsten Gegensätze der Begriffe nur erfunden,
+damit man aus einem Engel im Handumdrehen eine Dirne machen
+kann?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Sie beleidigen die Natur, Gentz.
+
+
+_Gentz_
+
+Da sieht man, wie ihr jung seid, ihr jungen Leute. Ihr
+stolziert in abgestempelten Anschauungen herum wie ein Hahn
+auf einer Grammatik. Stuhlmüller? wer ist Stuhlmüller für
+mich? Was ist er für meine Welt, für mein Gefühl, was er
+nicht auch zugleich für Fanny wäre?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ein Bursche wie aus Blut und Stahl, Gentz.
+
+
+_Gentz_
+
+Ihr wißt nichts von Fanny, keiner. Ihr kennt nur eine
+Liebenswürdigkeit, bei der das Herz abwesend ist ... (Er
+lauscht.) Horch! Sie kommt, Felix! (Entzückt.) Ich höre
+ihren Schritt ...
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Dann wird es Ihnen wohl bequemer sein, wenn ich mich jetzt
+verabschiede.
+
+
+_Gentz_
+
+(mit leichtem Spott)
+
+Sie müssen ihr wenigstens in die Augen schauen, Felix. (Er
+lauscht angestrengter, mit geneigtem Kopf.)
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Sie könnte mich glauben machen, daß ich ihr etwas bedeute,
+und um so weniger könnt ich sie vergessen.
+
+
+_Gentz_
+
+Ist sie’s? – Ja, sie ist’s.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Vielleicht feiern wir heute abend noch ein kleines Fest zu
+dreien, lieber Gentz. Am Sonntag reis’ ich nach Paris.
+
+
+_Gentz_
+
+(vorwurfsvoll, doch ein wenig zerstreut)
+
+Felix!
+
+
+_Jean_
+
+(tritt ein, reißt die Türe auf)
+
+Demoiselle Elßler.
+
+
+_Fanny Elßler_
+
+(folgt dem Diener. Sie trägt ein helles, schottisches Kleid
+und einen blumengeschmückten Spitzenhut mit Band und
+seitlich herabgebogenen Bändern. Gestalt und Bewegungen sind
+von vollendeter Schönheit. Die ursprüngliche Naivität,
+Heiterkeit und Frische kämpft bisweilen gegen eine
+erworbene, anmutige Würde)
+
+Grüß Gott, lieber Gentz! Endlich bin ich wieder bei dir.
+
+
+_Gentz_
+
+(fast erschüttert bei ihrem Anblick)
+
+Fanny! Teuerste! Wie lang waren diese drei Tage!
+
+
+_Fanny_
+
+Ei, der Graf Felix! Guten Morgen, Felix, wie geht’s Ihnen?
+Habt ihr ernste Gespräche gehabt? Es liegt so was in der
+Luft.
+
+
+_Gentz_
+
+Du siehst blühend aus, Fanny. Tu doch den Hut herunter ...
+
+
+_Fanny_
+
+(nimmt den Hut ab, streicht mit den Händen das schwarze
+gescheitelte Haar glatt, das rückwärts zu einem griechischen
+Knoten geknüpft ist)
+
+Gemütlich ist’s bei dir, Gentz, und ich freu mich, daß ich
+wieder da bin. Die schönen Rosen!
+
+
+_Gentz_
+
+Findest du nicht, daß Rosen auch Schwermut erwecken können?
+Es gibt eine gewisse Fülle des Lebens, die traurig macht.
+
+
+_Fanny_
+
+(streicht ihm über die Stirn)
+
+Laß das, Gentz. Wenn du von der Traurigkeit sprichst, krieg
+ich gleich ein schlechtes Gewissen. Warum so schweigsam,
+Felix? Ihr Männer seid komische Leute. Wenn ihr miteinander
+gesprochen habt, tut ihr furchtbar geheimnisvoll, und doch
+weiß man alles, wenn man euch nur anschaut.
+
+
+_Gentz_
+
+Wie steh ich armer Diplomat nun da!
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+(lächelnd)
+
+Die Traurigkeit unseres Freundes hat also schon gewirkt?
+
+
+_Fanny_
+
+(lacht)
+
+Auf das schlechte Gewissen, meinen Sie? So stehn die Sachen,
+Gentz?
+
+
+_Gentz_
+
+Er ist ein gar zu grüblerischer Geist, der Felix. Denke dir,
+er hat mir Vorwürfe über meine leichtsinnige Wirtschaft
+gemacht. Er ist der Meinung, daß ich zu verschwenderisch
+gegen dich bin –
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Gentz! Gentz!
+
+
+_Fanny_
+
+Sie haben ganz recht, Felix. Neulich wollte er mir partout
+eine diamantene Agraffe kaufen –
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Es hieße Sie beleidigen, Fanny, wollte man Edelsteine für
+köstlicher halten als die Freude, Sie damit schmücken zu
+können.
+
+
+_Fanny_
+
+Wie galant!
+
+
+_Gentz_
+
+Galant und wahr zugleich. Ich habe ihm gesagt, wenn man in
+meinem Alter zum Harpagon wird, gleicht man einem Soldaten,
+der nach dem Krieg desertiert.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Der Geizige hat vor dem Verschwender das eine voraus, daß er
+alle seine Wünsche erfüllen kann. (Greift nach seinem Hut.)
+
+
+_Fanny_
+
+Gehen Sie schon, Felix? Wie schade!
+
+
+_Gentz_
+
+Leben Sie wohl, lieber Freund.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich darf doch darauf rechnen, daß Sie heute abend mit Fanny
+bei mir soupieren?
+
+
+_Fanny_
+
+Das wäre reizend.
+
+
+_Gentz_
+
+Heut abend kann ich unmöglich, ’s ist ein Diner beim Fürsten
+und der französische Gesandte kommt hin. Der Fürst legt Wert
+auf meine Anwesenheit. Aber morgen, wenn dir’s recht ist,
+Fanny? Gut, wir kommen morgen.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Auf Wiedersehen denn. (Ab.)
+
+
+_Fanny_
+
+(die ihm nachgeschaut hat)
+
+Er ist ganz anders als sonst, der Felix ...
+
+
+_Gentz_
+
+Bist du nicht eifersüchtig auf dich selbst, da deine besten
+Freunde eifersüchtig auf deine besten Freunde werden?
+
+
+_Fanny_
+
+Ist es so, dann tut er mir herzlich leid.
+
+
+_Gentz_
+
+Nun, die Dinge liegen so einfach nicht. Du steigst empor, du
+richtest die Blicke der Menschen auf dich, die Männer, wie
+sie einmal sind: eifersüchtig selbst da, wo sie nicht
+lieben ...
+
+
+_Fanny_
+
+Oft denk ich mir, es wäre Zeit, dem Wiener Boden Valet zu
+sagen –
+
+
+_Gentz_
+
+Sprich’s nicht aus, Kind.
+
+
+_Fanny_
+
+(schüchtern)
+
+Jetzt grade könnt ich’s tun, Gentz. Ich hab einen Antrag
+nach Berlin; soll an der königlichen Oper tanzen.
+
+
+_Gentz_
+
+Also doch! Wie hab ich den Moment gefürchtet.
+
+
+_Fanny_
+
+Ich tu’s ja nicht, Gentz, tu’s keinesfalls.
+
+
+_Gentz_
+
+Hat man dir den Kontrakt schon vorgelegt?
+
+
+_Fanny_
+
+Ja, ich hab ihn dabei. (Zieht das Dokument aus ihrem
+Pompadour und übergibt es Gentz.)
+
+
+_Gentz_
+
+Laß sehn ... (liest) Ballette »Blaubart«, »die Fee und der
+Ritter«, »Ottavio Pinelli«, »die Stumme von Portici« ... für
+drei Monate ... die Summe von fünfzehnhundert Talern nebst
+Spielhonorar ... (laut) Das ist nicht übel. Das wäre ja
+durchaus nicht von der Hand zu weisen.
+
+
+_Fanny_
+
+(versucht gleichgültig zu erscheinen)
+
+Nicht wahr? Verlockend ist es.
+
+
+_Gentz_
+
+Du hast also Lust, zu den Berlinern zu gehen?
+
+
+_Fanny_
+
+(rasch)
+
+Nein, Gentz; eigentlich ganz und gar keine Lust.
+
+
+_Gentz_
+
+Den Antrag abzuweisen wäre nicht klug von dir.
+
+
+_Fanny_
+
+Man kann’s ja aufs nächste Jahr verschieben.
+
+
+_Gentz_
+
+Nein. Die Welt verlangt nach dir. Dein Bezirk ist Europa,
+der Erdball.
+
+
+_Fanny_
+
+Ist denn Berlin schon Europa?
+
+
+_Gentz_
+
+Für jeden beginnt Europa, beginnt die Welt da, wo er seine
+Heimat verläßt.
+
+
+_Fanny_
+
+(mit sehnsüchtigen Blicken, trotz des entschiedenen Tons)
+
+So gern ich’s möchte, Gentz, ich kann nicht von dir weg. Bei
+dir weiß ich, daß ich behütet bin. Du hast alles aus mir
+gemacht. Du warst alles für mich, mein Vater, mein Bruder,
+mein Freund, mein Lehrer. Du hast mich aufgeweckt, ich hätte
+keinen Ehrgeiz ohne dich, ich wüßte nichts von mir ...
+
+
+_Gentz_
+
+Doch kann ich dir den Ruhm nicht geben, der dich fern von
+mir erwartet.
+
+
+_Fanny_
+
+Was soll mir der Ruhm, wenn ich ihn nicht bei dir vergessen
+kann.
+
+
+_Gentz_
+
+Je länger ich überlege, je unverantwortlicher erscheint es
+mir, dich zurückzuhalten.
+
+
+_Fanny_
+
+(mit unwillkürlich hingerissener Gebärde)
+
+Hinaus ins Unbekannte –! Eines ist ja wahr: zu eng wird’s
+mir hier. Sie glauben mir nicht ganz, ich bin ihnen nicht
+fremd genug.
+
+
+_Gentz_
+
+Kehrst du zurück, so gebietest du denen, die dich jetzt nur
+dulden.
+
+
+_Fanny_
+
+Und doch ... nein, ’s ist unmöglich. Schau, Lieber, mit
+Berlin ist’s ja nicht abgetan. Da muß ich dann weiter. Da
+lockt’s mich weiter. Nach Paris, wo die Taglioni tanzt.
+
+
+_Gentz_
+
+Sie ist kalt, sie ist blutlos, ein Schatten gegen dich.
+
+
+_Fanny_
+
+Aber dort wissen sie, was tanzen heißt. Man ist stärker,
+wenn’s um den höheren Preis geht. Die Franzosen, siehst du,
+die möcht ich behexen, und wenn die Taglioni ein Engel ist,
+wie sie sagen, will ich zum Teufel werden. O, ich fühle, daß
+ich’s kann! Ich hab’s neulich gespürt im Blaubart, das
+ganze Theater war so still wie eine leere Kirche, und alle
+Augen waren so feurig in der Dunkelheit. Ach, Gentz! Paris!
+Paris!
+
+
+_Gentz_
+
+(der sich immer mehr in heroische Entsagung hineinlebt)
+
+Warum nicht? Paris ist nur eine Domäne des Glücksreichs, das
+du gründen wirst.
+
+
+_Fanny_
+
+Und von Paris nach London, und von London nach Amerika. Die
+Amerikaner sollen ja so reich sein, da könnt ich mir viel
+Geld verdienen, herrliche Kostüme kaufen, die Dichter und
+die Komponisten bezahlen, daß sie mir wunderbare Texte und
+schöne Musik machen. O, ich hätte Mut. Das Meer fürcht ich
+nicht und die Wildnis nicht.
+
+
+_Gentz_
+
+So gefällst du mir. So gärt der Most, aus dem edler Wein
+wird.
+
+
+_Fanny_
+
+(enthusiastisch)
+
+Und lernen, lernen, lernen, Gentz! Weißt du, was man von der
+Taglioni und ihrem Vater erzählt? Als sie in London war,
+wohnte unter ihr ein Mann, der ließ ihr sagen, sie möchte
+sich durch die Rücksicht auf seine Nachtruhe nicht in der
+Arbeit stören lassen. Und was hat der alte Taglioni
+geantwortet? Sagen Sie diesem Herrn, hat er dem Diener
+zugerufen, daß ich noch nie den Schritt meiner Tochter
+gehört habe, und daß ich sie verfluchen würde an dem Tag, wo
+es geschähe. Das find ich groß!
+
+
+_Gentz_
+
+Du hast Gaben, um die dich eine Taglioni beneiden wird.
+
+
+_Fanny_
+
+(stockt, seufzt)
+
+Das ist’s ja eben. Es ist einem oft zu Mut, als ob die
+Menschen voll Haß wären gegen die Kunst. Der Neid, die
+Mißgunst, wie soll ich’s ertragen, wenn du mir nicht hilfst?
+Du bist klug, bist mächtig, sie beugen sich vor dir, und
+wenn ich bei dir bin, vergeß’ ich die hämischen Gesichter.
+Nein, ich will nicht fort.
+
+
+_Gentz_
+
+Ich kann dich nur bis dahin führen, wo dir der Sinn des
+Daseins verständlicher wird, Fanny. Wir sind allein und
+müssen allein bleiben, ein jeder. Vielleicht ist es deine
+Aufgabe, dieses Gefühl der Einsamkeit, von dem die Menschen
+erfüllt sind, in Schönheit zu verwandeln. Uns beide hat das
+Geschick nur in einer Laune zusammengeworfen, mich am Ende,
+dich am Anfang eines Wegs. Es ist mehr als Liebe, was uns
+bindet. Du warst für mich geschaffen und fühlst es. Daß die
+Zeit sich in unserer Geburt verrechnet hat, kann uns nicht
+beirren. Nichts wird uns trennen, – weshalb so viel Wesens
+machen um die paar Meilen von hier bis Berlin?
+
+
+_Fanny_
+
+Und unsere Gespräche, unsere Ausflüge, unsere gemütlichen
+Abende, wo wir das »Buch der Lieder« zusammen gelesen
+haben ...
+
+
+_Gentz_
+
+(scherzhaft)
+
+Bst! Willst du wohl? Daß du mich nicht verrätst, denn dieser
+Heine ist ein Erzliberaler.
+
+
+_Fanny_
+
+Doch liebt er die Tänzerinnen, so viel ich weiß.
+
+
+_Gentz_
+
+Ja, das tun die Liberalen sonst nicht. Und nun setz dich an
+den Schreibtisch, nimm den Federkiel und schreib deinen
+Namen unter den Kontrakt.
+
+
+_Fanny_
+
+(schalkhaft)
+
+Das heißt so viel, als du schickst mich fort? (Sie setzt
+sich.)
+
+
+_Gentz_
+
+In dieser Minute schreibst du deinen Namen ins Firmament der
+Unsterblichkeit.
+
+
+_Fanny_
+
+Noch ist’s nicht geschehen, Gentz. Soll ich? Soll ich
+wirklich?
+
+
+_Gentz_
+
+(legt seine Hand auf ihre Schulter, sie blickt zu ihm empor)
+
+Ich bin stolz darauf, deinen vollen Wert, von dem deine
+Schönheit und deine Kunst nur Teile sind, erkannt zu haben,
+und die Freundschaft, mit der du meine Liebe belohnst,
+schätze ich höher als Güter der Erde. Ich lebe nur in dir,
+Fanny; sterben hat keinen andern Sinn für mich als eine Welt
+verlassen müssen, in der du atmest. Ich habe den Mut zu
+glauben, daß mich nichts aus deinem Herzen reißen kann. Wenn
+du mich durch einen einzigen Händedruck versicherst, daß ich
+mich nicht irre, so bleibt mir nichts mehr zu wünschen
+übrig.
+
+
+_Fanny_
+
+(gibt ihm die Hand)
+
+Ja, Gentz, Freundschaft, das ist das rechte Wort.
+
+
+_Gentz_
+
+Das einzige, Fanny?
+
+
+_Fanny_
+
+Gibt’s ein besseres noch?
+
+
+_Gentz_
+
+Ich wag es nicht auszusprechen. Doch nun ich deine Hand
+habe, bist du mir versprochen, Fanny. Es ist zwar nur die
+linke, aber es ist mir keine lieber als die andre. Ich
+drücke sie an die Lippen und mit der rechten schreib’.
+Schreib deinen Namen, verschreib dich dem Ruhm.
+
+
+_Fanny_
+
+Schwer ist das Schreiben ohnehin, und erst wenn du mir den
+Arm wegnimmst ... Also probier ich’s (schreibt) Fanny ...
+Elß ... ler. Wunderlich! Da steht’s nun! Und ist nichts
+geschehen eigentlich ...
+
+
+_Gentz_
+
+Siehst du, Fanny, so hab ich dich zu deinem Wunsch bekehrt.
+
+
+_Fanny_
+
+(dankbar)
+
+Gentz! Lieber!
+
+
+_Jean_
+
+(kommt)
+
+Es ist einer draußen und sagt, er will die gnä’ Fräul’n
+sprechen.
+
+
+_Fanny_
+
+Mich?
+
+
+_Gentz_
+
+Wer mag’s denn sein? Hat er den Namen nicht genannt?
+
+
+_Fanny_
+
+(rasch)
+
+Ach richtig, das ist sicherlich der Stuhlmüller.
+
+
+_Jean_
+
+(verächtlich)
+
+Ja. Stuhlmüller. So nennt er sich.
+
+
+_Fanny_
+
+(mit blitzenden Augen)
+
+Weshalb spricht der Mensch so despektierlich, frag ich?
+
+
+_Jean_
+
+Entschuldigen die gnä’ Fräul’n, aber ...
+
+
+_Gentz_
+
+(streng)
+
+Nichts. Genug. Frag ihn, was er will. (Jean ab.) Wie kann
+der Bursch es wagen ...
+
+
+_Fanny_
+
+Aber ich versteh dich gar nicht ... abholen will er mich. ’s
+ist Prob am Nachmittag, und außerdem ...
+
+
+_Gentz_
+
+Außerdem?
+
+
+_Jean_
+
+(kommt zurück)
+
+Der Monsieur Stuhlmüller läßt sagen ...
+
+
+_Gentz_
+
+’s ist gut. Weiß schon. Soll draußen warten. (Jean ab.)
+Außerdem, Fanny?
+
+
+_Fanny_
+
+Er ist’s ja, Gentz, der Stuhlmüller, der mir den Kontrakt
+verschafft hat, und jetzt brennt ihn halt die Neugier zu
+erfahren –
+
+
+_Gentz_
+
+_Er_ hat dir den Kontrakt verschafft? Wie kommt er denn
+dazu?
+
+
+_Fanny_
+
+Er ist ja in Berlin engagiert, und ich soll seine Partnerin
+sein.
+
+
+_Gentz_
+
+Er dein Partner, meinst du ...
+
+
+_Fanny_
+
+Ja, wenn du so willst ...
+
+
+_Gentz_
+
+Deshalb ist immer noch kein Grund für ihn, in mein Haus zu
+dringen.
+
+
+_Fanny_
+
+Warum denn so feindselig, Gentz?
+
+
+_Gentz_
+
+Ich mag’s nicht. Mag das Theatervolk nicht leiden. Haben
+alle so was Penetrantes.
+
+
+_Fanny_
+
+Er war mir ein guter Kamerad.
+
+
+_Gentz_
+
+(mit den Händen auf dem Rücken hin- und hergehend)
+
+Das dacht ich mir.
+
+
+_Fanny_
+
+(langsam)
+
+Er war’s ... (stockend) er ist’s nimmer.
+
+
+_Gentz_
+
+(bleibt stehen)
+
+Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Also habt ihr euch
+zerstritten?
+
+
+_Fanny_
+
+Er ist mir noch was anderes.
+
+
+_Gentz_
+
+(blickt sie starr an)
+
+Er ist dir sehr ergeben, hoff ich.
+
+
+_Fanny_
+
+Ergeben? Nein. Eher ... stolz.
+
+
+_Gentz_
+
+Der elende Komödiant! Werd ihm die Leviten lesen.
+
+
+_Fanny_
+
+Willst du denn _nicht_ begreifen, Gentz? (Lange Pause.)
+
+
+_Gentz_
+
+(die Hand an der Stirn, plötzlich schwer)
+
+Sprich nicht davon, Fanny. Sprich nicht davon. Du kennst
+dich selber nicht. Du kennst mich nicht.
+
+
+_Fanny_
+
+(innig)
+
+Schau, Gentz, anders konnt’ es doch nicht, durft’ es doch
+nicht kommen, oder die Natur ist nicht mehr Natur und Blut
+nicht mehr Blut.
+
+
+_Gentz_
+
+(leise)
+
+Also doch ... Felix! Felix! – Sprich nicht davon, Fanny!
+(Ausbrechend.) Oder sag lieber, daß alte Männer langweilig
+sind, daß sie graue Haare haben und schwarze Zähne, daß sie,
+anstatt Liebesworte zu girren, besser ihr Testament abfassen
+sollten, daß jung sein, nichts anderes bedeutet als grausam
+sein, gefräßig sein, meineidig sein und daß man nicht
+vergessen soll, zur rechten Zeit zu sterben ... Gott, wohin
+verlier’ ich mich!
+
+
+_Fanny_
+
+(erregt)
+
+Gentz, hör mich an. Den Kontrakt, noch kann ich ihn
+zerreißen –
+
+
+_Gentz_
+
+Nimmermehr, Fanny. Blieb ich darum weniger ein Greis?
+
+
+_Fanny_
+
+Dir dank ich alles, Gentz, und will dir’s danken, ohne
+Engigkeit, nicht bloß mit Reden, sondern von Herzen gern,
+und da, in meinem Herzen, bist du und bleibst du allezeit.
+Du bist mir das Höchste auf der Welt, als Mensch, und weil
+du’s bist, mußt du’s verstehen, wenn ich mein Herz nicht vor
+dir hehle. So war ja die Abrede zwischen uns, und immer
+warst du darauf gefaßt.
+
+
+_Gentz_
+
+(düster)
+
+Man ist nie auf ein Ende gefaßt, wenn es da ist. Der
+Glückliche steht immer an einem Anfang.
+
+
+_Fanny_
+
+Ein Ende, Gentz! Wer spricht vom Ende? Wahrlich, du betrübst
+mich ganz und gar. Ich bin ganz irre jetzt.
+
+
+_Gentz_
+
+Sprich nur weiter, Fanny, so hör ich wenigstens deine
+Stimme.
+
+
+_Fanny_
+
+Dir mag’s von mindrem Wert erscheinen, was mich jetzt
+erfüllt; vielleicht ist’s auch so, doch was nützt Rede und
+Widerrede, wenn dich die Sinne zwingen und dich auf den Weg
+treiben, – einem in die Arme, der wartet, wartet, und den du
+nicht hast kommen sehn, und du mußt zu ihm, als ob’s Gott
+selber so beschlossen hätte. Rühmt’ ich seine Augen oder
+seinen Gang oder daß er’s redlich meint und ein treues Gemüt
+hat, so würd ich lügen, Gentz, denn dies ist’s nicht, was
+mich hintreibt, ’s ist vielmehr wie ein Rhythmus beim Tanz,
+der die Unruhe auflöst und die Luft um einen her dünner
+macht. Auch auf Betrug war’s nicht abgesehn, denn her bin
+ich gekommen, um alles frei zu sagen, nur hat’s mir weh um
+dich getan.
+
+
+_Gentz_
+
+Wie deine Augen glänzen, Fanny ...
+
+
+_Fanny_
+
+Du mußt ihn sehen, Gentz! Wie er schreitet, sich bewegt! Wie
+schlank er ist, wie er den Kopf wendet, wie edel er sich
+hält, wie die Gelenke abgesetzt sind. Mit ihm zu tanzen, ist
+halbe Arbeit; er trägt mich, schwingt mich so dahin. Wie
+mir’s bei dir geschieht, wenn ich im Leben zaghaft werde, so
+gibt er mir Mut und Lust beim Tanz.
+
+
+_Gentz_
+
+Wann willst du reisen, Fanny?
+
+
+_Fanny_
+
+(mit gesenktem Kopf)
+
+Weiß noch nicht. In der nächsten Woche, denk ich.
+
+
+_Gentz_
+
+Wozu der lange Aufschub? Es wäre besser, du würdest morgen
+reisen.
+
+
+_Fanny_
+
+Bist du so ungeduldig, mich los zu werden, Gentz?
+
+
+_Gentz_
+
+Ich will dir einen Platz auf der Post bestellen.
+
+
+_Fanny_
+
+Soll ich heut abend nicht zu dir kommen?
+
+
+_Gentz_
+
+Heut abend laß mich lieber allein.
+
+
+_Fanny_
+
+Jetzt will ich aber den armen Stuhlmüller nicht länger
+warten lassen.
+
+
+_Gentz_
+
+Adieu, Fanny.
+
+
+_Fanny_
+
+Magst ihn nicht wenigstens sehen? Sprich ein freundlich Wort
+mit ihm.
+
+
+_Gentz_
+
+Nicht heute, nicht jetzt.
+
+
+_Fanny_
+
+So leb wohl. (Reicht ihm die Hand.)
+
+
+_Gentz_
+
+Komm noch einmal ...
+
+
+_Fanny_
+
+Morgen komm ich wieder.
+
+
+_Gentz_
+
+Und übermorgen ...
+
+
+_Fanny_
+
+Übermorgen auch.
+
+
+_Gentz_
+
+Wie ein gehorsames Kind!
+
+
+_Fanny_
+
+Wie eine Tochter, ja.
+
+
+_Gentz_
+
+(zu dem Kupfergefäß, nimmt Rosen und gibt sie ihr)
+
+Hier, die Rosen, Fanny; nimm sie mit auf den Weg.
+
+
+_Fanny_
+
+Dank dir.
+
+
+_Gentz_
+
+Und sei glücklich.
+
+
+_Fanny_
+
+Dank dir schön.
+
+
+_Gentz_
+
+Und noch etwas: geh nicht direkt die Straße entlang, – geh
+am Gartentor mit ihm vorbei, damit ich euch sehe. Es ist nur
+ein kleiner Umweg.
+
+
+_Fanny_
+
+Ist recht, Gentz. (Sie beugt sich schnell, küßt seine Hand;
+ab.)
+
+
+_Gentz_
+
+(lauscht; dann auf und ab. Er geht zur Gartentür, schaut
+angestrengt nach rechts hinüber)
+
+Da gehen sie hin, – die jungen Leute! (Er zieht sein Lorgnon
+heraus und verfolgt die sich Entfernenden mit den Blicken,
+bis sie verschwunden sind, dann wendet er sich ab und läßt
+sich in den Fauteuil sinken. In seinem Gesicht erlischt
+gleichsam ein Feuer, und der Ausdruck wird völlig
+greisenhaft.) Da gehen sie hin. Die jungen Leute. Als ob sie
+einen Sarg in die Erde gesenkt hätten. Wozu die Trauer? Wozu
+Opfer, wozu Treue, wozu Müh und Sorge? Das Leben schwindet,
+das Krüglein ist geleert. Kein Wort mehr, Gentz, den letzten
+Traum hast du dir verdient und bezahlt. Genug, genug. (Er
+erhebt sich, greift nach der Handglocke.) Wie noch alles
+hier nach ihrer Jugend riecht! Wie die Luft noch von jungem
+Lachen klingt ... Kein Wort, kein Wort mehr, Gentz. (Er
+läutet.)
+
+
+_Jean_
+
+(kommt)
+
+Herr Hofrat befehlen?
+
+
+_Gentz_
+
+Geh Er zum Fürsten Metternich und richt Er aus, daß ich zum
+Diner heut abend nicht kommen kann.
+
+
+_Jean_
+
+Sehr wohl.
+
+
+_Gentz_
+
+Bring Er mir meinen Schlafrock, den türkischen und mach Er
+Feuer im Ofen. ’s ist kalt.
+
+
+_Jean_
+
+Sehr wohl.
+
+
+_Gentz_
+
+Sag Er den andern draußen, daß ich für niemand zu Hause bin.
+Für niemand, hört Er?
+
+
+_Jean_
+
+Sehr wohl.
+
+
+_Gentz_
+
+Vor allem mach Er Feuer an.
+
+
+_Jean_
+
+Sofort. (Ab.)
+
+
+_Gentz_
+
+’s ist kalt. ’s ist kalt. (Sinkt wieder in den Sessel.) Kein
+Wort mehr, Gentz. (Bedeckt das Gesicht mit den Händen.)
+
+(Vorhang)
+
+
+
+
+Der Turm von Frommetsfelden
+
+
+Personen:
+
+ Der Ritter Karl Heinrich von Lang, ansbachischer Domänenrat
+ Anna, seine Frau
+ Frau von Hänlein, deren Mutter
+ Leutnant Amandus Schlözer
+ Rechnungsrat Birnkoch
+ Kammerdirektor Mühlbach
+ Kasteljack, Schreiber
+ Fünf Bauern, darunter: Der Ringhofbauer, der Waldhofbauer,
+ der Erlhofbauer
+ Bärbel, Dienstmagd bei Langs
+
+Spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Ansbach.
+
+
+Das geräumige Arbeitszimmer des Ritters von Lang, zugleich
+eine Art Wohngemach. Die Möbel im französischen Geschmack
+des achtzehnten Jahrhunderts. Rückwärts zwei Fenster mit
+Aussicht auf romantisch verwinkeltes Häuserwerk. Links Tür
+in die andern Zimmer, rechts in den Flur.
+
+_Frau von Hänlein_ ordnet die auf Tischen, Stühlen und Sofa
+herumliegenden Bücher und Hefte; _Bärbel_ kehrt mit einem
+riesigen Besen aus.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(eine stattliche Dame in der Mitte der vierzig; sehr
+riegelsam, frisch, gesund, nur wenig angegraut)
+
+In aller Frühe war er also schon da?
+
+
+_Bärbel_
+
+Heroben war er nit. Vorbeigangen ist er am Haus, wie ich zum
+Bäcker bin, und hat g’fragt, wie’s der jungen Frau geht.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Scheint viel Zeit zu haben, der junge Herr.
+
+
+_Bärbel_
+
+Die Herren Leutnants möchten halter gern, daß an Krieg gitt.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Wenn ich der Lang wäre, ich tät ihm das Haus verbieten. Die
+Männer sind zu schlampig in manchen Sachen. Du kannst jetzt
+in die Küche gehn, Bärbel. In einer halben Stunde muß die
+junge Frau ihre Milchsuppe bekommen. (Bärbel ab.) Sitzt da
+herum. Schwatzt. Wär die Anna nicht die Anna, er könnt sie
+am Ende um den Verstand schwatzen. Lang, Lang! So gescheit
+du bist, so dumm bist du.
+
+
+_Anna_
+
+(kommt von links. Blasse, schlanke, zarte, zierliche Frau
+von zwanzig Jahren. Sie trägt ein elegantes Morgengewand
+nach Pariser Schnitt; lächelnd)
+
+Sprichst für dich alleine, Mutter, und räumst schon wieder?
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Was zu räumen ist, räum’ ich. Guten Morgen, Kind. Bist schon
+aus dem Bett gehupft? ’s ist erst zehn Uhr und der Doktor
+hat gesagt, du sollst bis Mittag liegen.
+
+
+_Anna_
+
+(heiter)
+
+Erklärt mich der Doktor für krank, dann fühl’ ich mich
+gleich gesund.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Bist ja auch nicht krank, sollt’ ich meinen.
+
+
+_Anna_
+
+Krank nicht, gesund auch nicht. Was soll man glauben!
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Glaub an deine Natur.
+
+
+_Anna_
+
+Grad die Natur macht mich oft irre. Oft versuch ich froh zu
+sein, dann kommt unversehens die Traurigkeit.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Wie hast denn geschlafen heute?
+
+
+_Anna_
+
+Einen wunderlichen Traum hab ich gehabt, Mutter.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Laß hören. Vielleicht kann ich ihn deuten.
+
+
+_Anna_
+
+(setzt sich aufs Sofa, Frau von Hänlein bleibt vor ihr
+stehen)
+
+Mir träumte, ich war in Frommetsfelden und alles war noch
+so, wie ich ein Kind gewesen. Der schöne Garten mit den
+vielen Obstbäumen, alle voller Äpfel und Birnen und die
+lieben alten niedlichen Häuschen, und ich geh so und freu
+mich über den blauen Himmel, und wie ich so gehe, wird’s auf
+einmal stockfinstre Nacht, und auf einmal seh ich Flammen,
+und das ganze Städtchen steht lichterloh in Brand. Mir wird
+Angst, und ich weiß nicht wohin, da packt mich Karl Heinrich
+am Arm, so fest, daß mir’s durch und durch weh tut. Laß
+mich wenigstens noch in meinen Garten, bitt ich ihn, aber er
+schüttelt den Kopf, macht ein böses Gesicht und hält mich
+nur immer fester. Da seh ich den Leutnant Schlözer kommen,
+er winkt mir so freundlich, daß mir ganz warm ums Herz wird,
+und plötzlich kann ich zu ihm hingehen, und wie ich bei ihm
+bin, da sind wir im Garten, und aus einem schönen blauen
+Krug gibt er mir Wasser zu trinken. Dabei ist mir immer
+wohler und wohler geworden, und so bin ich aufgewacht.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Das war das Vernünftigste, was du hast tun können, das
+Aufwachen.
+
+
+_Anna_
+
+Sollen die Träume auch noch vernünftig sein? Schau, Mutter,
+ich fühl’ mich so verlassen oft.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(setzt sich zu ihr, tadelnd)
+
+Und du hast doch den besten Mann von der Welt.
+
+
+_Anna_
+
+(steht auf, geht zum Fenster)
+
+’s ist wahr.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Ist’s wahr mit Seufzen, so ist’s Lüge.
+
+
+_Anna_
+
+Weiß wirklich nicht, wie mir zumut ist ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Hör’ zu, Anna. Du solltest dich weniger mit dem Leutnant
+Schlözer abgeben. Ein paar Monate seid ihr erst verheiratet,
+und, – es schickt sich eben nicht. Lang muß sich auch
+kränken.
+
+
+_Anna_
+
+(bitter)
+
+Karl Heinrich? Oh nein, Mutter. Oh nein. Der kränkt sich
+nicht. Darüber nicht.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Warum nicht _da_rüber? Etwa weil er nicht darüber spricht?
+
+
+_Anna_
+
+Wüßt ich’s nur! Das ist’s ja, was mich quält. Er denkt nur
+an die Verwaltung. Nur seine Eingaben und Verbesserungen hat
+er im Kopf.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(lacht)
+
+Bist eifersüchtig auf die Verwaltung? Damit mußt du dich
+abfinden. Ein Mann gehört seinem Beruf.
+
+
+_Anna_
+
+(mit niedergeschlagenen Augen)
+
+So bin ich betrogen worden, Mutter. Man hat mir’s anders
+eingeredet.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Als dein Vater auf dem Totenbett lag, sagte er zu mir:
+Schau, Rieke, du hast ja graue Haare an den Schläfen. Da hab
+ich ihm antworten müssen: Dummer Mann, die grauen Haare hab
+ich schon seit sechs Jahren. Glaubst du, wir haben uns
+deshalb minder lieb gehabt?
+
+
+_Anna_
+
+Ach, – Liebe! Das ist viel, oder ’s ist wenig, je nachdem!
+Wie kann ich wissen, ob sie _mir_ gilt, (mit beiden Händen
+an der Brust) ob’s _meine_ Liebe ist, die erwidert wird,
+ganz genau meine?
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Warum soll es denn, um Gottes willen, ganz genau die deine
+sein? Wir Menschen sind doch aus verschiedenem Teig.
+
+
+_Anna_
+
+Ist sie ihm mehr wert als das Amt? Was Größeres als die
+Geschäfte? Was anderes als eine Stunde zum Vergessen? Ich
+will wissen, ob sie mir gilt, mir ganz allein und ganz so
+wie ich bin.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Kind, spiel du nicht mit Worten, denn das heißt so viel wie
+zum Teufel beten. (Sie steht auf.)
+
+
+_Anna_
+
+Was sind mir seine Geschenke, wenn ich das nicht weiß? Er
+ist so verschlossen; so viel fremdes Leben bringt er mit.
+Seine Augen sind fremd. Sein Gesicht ist fremd. Mir ist als
+hätt ich sein wirkliches Gesicht noch kaum gesehen; als ob
+er gar nicht leiden könnte um was. Immer möcht ich grübeln,
+wenn er mit mir redet; indes sein Wort weiter geht, bin ich
+noch beim ersten und frag mich: wo bist du, Karl Heinrich?
+Ich find ihn nicht. Muß ich ihm nicht auch fremd sein? Wie
+wird er mich nehmen, wenn mein Fremdestes zu seinem Herzen
+will?
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(bekümmert)
+
+Das kommt mir alles wie Sünde vor. Auch versteh ich’s nicht.
+Ich bin schon froh, wenn mich die Sonne bescheint.
+
+
+_Bärbel_
+
+(von rechts)
+
+A Herr is da un will unsern Herrn sprech’n.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Unser Herr ist ausgegangen.
+
+
+_Bärbel_
+
+Der Herr will auf unsern Herrn wart’n.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Was ist’s denn für ein Herr?
+
+
+_Bärbel_
+
+Birnkoch haaßt ’r.
+
+
+_Rechnungsrat Birnkoch_
+
+(unter die Türe tretend; ein dicker, kleiner, geschniegelter
+junger Mann mit Glatzkopf und einem eiertanzähnlichen Gang)
+
+#Excusez, mes dames –#
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Der Herr Rechnungsrat! Bitte nur einzutreten, Herr
+Rechnungsrat.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Ist nicht meine Absicht, die Damen zu troublieren. #Bonjour,
+mesdames#. Frau Domänenrätin, meine Reverenz. Wie befindet
+sich dero beneidenswerter Gatte?
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(hastig, um Annas zerstreutes Schweigen zu verdecken)
+
+Mein Schwiegersohn ist zur Inspektion des Waisenhauses, Herr
+Rechnungsrat. Müssen Sie ihn dringend sprechen, so schick
+ich hinüber.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Inspektion in aller Frühe? Ein rühriger Beamter, der
+Domänenrat Lang, #un caractère de fer#. Wollen Sie hinüber
+schicken? Ich bitte, nein. Allerdings habe ich ein Anliegen,
+will sagen einen Auftrag von Seiner Exzellenz, dem Minister
+Haugwitz, der die Gnade hatte, mit mir in Berlin zu
+konferieren ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Nun, wenn es von Wichtigkeit ist, Herr Rechnungsrat ...
+(Will zur Tür.)
+
+
+_Birnkoch_
+
+Bitte nein, Madame. Muß wohl von einiger #importance# sein,
+da man mich damit beauftragt hat. Aber, bitte nein. Das
+Vergnügen, Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen ... Es
+handelt sich um die fatale Affäre ... #une chose ridicule,
+au fond# ... mit dem Turm von ... von ... #quel nom
+abominable# ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Mit dem eingestürzten Stadtturm vielleicht –?
+
+
+_Birnkoch_
+
+Ganz richtig, Madame; mit dem eingestürzten Stadtturm. In
+... in ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Frommetsfelden.
+
+
+_Birnkoch_
+
+#Milles mercis, madame#. Frommetsfelden. #Mon Dieu,# was für
+seltsame ... Bezeichnungen in Deutschland die Dörfer haben!
+
+
+_Anna_
+
+(die am Fenster gesessen ist, hat erstaunt aufgehorcht)
+
+Wie, Mutter, – in Frommetsfelden ist der Turm eingestürzt?
+
+
+_Birnkoch_
+
+Ganz wie Sie sagen, Frau Domänenrätin. Von oben bis unten
+eingestürzt.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(verschüchtert durch Annas erschrockene Miene)
+
+War ja ein altes, baufälliges Gerümpel, der Turm.
+
+
+_Birnkoch_
+
+#C’est ça.# Uralt. Und baufällig, jawohl. Baufällig.
+Unbedingt baufällig. Deshalb ist er ja eben eingestürzt.
+
+
+_Anna_
+
+Wann ist denn das geschehen?
+
+
+_Birnkoch_
+
+Nun ... es mögen drei bis vier Wochen sein. Eher vier.
+Jawohl. Vier bis fünf Wochen, jawohl.
+
+
+_Anna_
+
+Davon hat mir Karl Heinrich kein Wort gesagt ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Daß dich das sonderlich interessiert, hat er nicht denken
+können.
+
+
+_Birnkoch_
+
+So wissen Sie auch nicht, daß der Herr Domänenrat sich
+weigert, mit allen Gründen seiner Amtsgewalt sich weigert,
+den Turm wieder aufbauen zu lassen?
+
+
+_Anna_
+
+Er will ihn nicht wieder aufbauen lassen?
+
+
+_Birnkoch_
+
+#Une marotte! une marotte inexplicable!# Er weigert sich.
+Die Regierung selbst unterstützt das Verlangen der Bauern.
+Und er weigert sich. #C’est son entêtement.#
+
+
+_Anna_
+
+Aus welchem Grund will er denn den Turm nicht bauen lassen?
+
+
+_Birnkoch_
+
+#Parole d’honneur,# ich weiß ihn nicht, den Grund. Und wüßt
+ich ihn, so könnt ich ihn keinesfalls approuvieren. Aber ich
+bin erfreut, Madame, daß Sie an der Sache solchen Anteil
+nehmen. Da kann man ja auf Ihre Unterstützung rechnen ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Meine Tochter nämlich, Herr Rechnungsrat, hat ihre ganze
+Jugend dort in Frommetsfelden zugebracht. Sie hat bei ihrem
+Oheim auf dem Gut gelebt, während ich mit meinem Mann in der
+Welt herumgezogen bin.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Verstehe ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Da ist ihr natürlich jeder Baum und jeder Stein ans Herz
+gewachsen.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Verstehe. Die Erinnerung. #Le souvenir.# Verstehe. (Zitiert
+mit preziösem Tonfall.)
+
+ Erinnerung taucht ihren Farbenpinsel
+ Ins wunde Herz und übermalt den Gram.
+ Sie fleucht mit dir auf eine Zauberinsel,
+ Wenn das Geschick dir Mut und Freude nahm.
+
+Verstehe.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Reizend, Herr Rechnungsrat. Haben Sie das selbst gedichtet?
+
+
+_Birnkoch_
+
+Nicht ganz. Nicht ganz. Hab’s mir aus einer #anthologie#
+kopieren lassen.
+
+(Es klopft, ein kleines Mädchen tritt verschämt ein. Sie
+trägt einen Fliederstrauß in der Hand, blickt von einem zum
+andern, eilt jäh auf Anna zu und überreicht ihr den Strauß
+mit einem Knix.)
+
+
+_Birnkoch_
+
+Sieh da, sieh da! Flieder schon, im März?
+
+
+_Anna_
+
+(erhebt sich; tief errötend)
+
+Von wem ist denn der Flieder, Kind? (Schnell, ehe das
+Mädchen antworten kann.) Ist schon gut. Ich laß mich recht
+sehr bedanken. Da hast was für den Zuckerbäcker. (Gibt ihr
+ein Geldstück; das Mädchen geht.)
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(leise mahnend)
+
+Anna!
+
+
+_Birnkoch_
+
+Befinde ich mich in einem #erreur,# wenn ich annehme, daß
+Sie den Spender kennen, Frau Domänenrätin?
+
+
+_Anna_
+
+(für sich)
+
+Herrlich! Herrlich! (Steckt das ganze Gesicht in den Strauß
+und atmet mit Inbrunst; flüsternd.) Mein Traum!...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(am Fenster)
+
+Da kommt der Domänenrat! (Sie winkt hinunter.)
+
+
+_Anna_
+
+(stellt die Blumen in eine Vase vor die Spiegelkonsole,
+betrachtet entzückt die Wirkung).
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Weshalb stellst du denn den Strauß vor’n Spiegel, Anna?
+
+
+_Anna_
+
+(ohne sich umzuwenden, lächelnd)
+
+Dann sieht es aus, als ob ich zwei Sträuße hätte.
+
+
+_Birnkoch_
+
+#C’est drôle! c’est ravissant!#
+
+
+_Ritter von Lang_
+
+(tritt ein. Er ist ein mittelgroßer, stämmiger Mann mit
+einer starken, energischen Stimme; sein Gesicht ist der Mode
+der Zeit gemäß bartlos, sein Wesen hat ein kühnes
+Selbstbewußtsein wie das eines Menschen, der seinen Wert
+genau kennt und sich außerdem mit Absicht von andern
+Beamten, ihrem Servilismus nach oben, ihrer Brutalität nach
+unten, unterscheiden will)
+
+Guten Morgen, Herr Birnkoch; hab’ gestern schon gehört, daß
+Sie wieder in Ansbach sind. – Bist schon so frühzeitig
+munter, Anna? (Küßt sie auf die Stirn.) – Woher ist denn der
+frische Flieder da?
+
+
+_Anna_
+
+Daß du’s gleich gesehen hast! (Nimmt seine Hand und sieht
+ihn hell an.) Er hat’s gleich gesehen, Mutter.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Werden vom Hofgärtner aus dem Treibhaus sein ... (Raunt
+Lang in die Ohren.) Nennen Sie ihn doch nicht Birnkoch,
+lieber Lang! Wollen Sie ihn auf Lebenszeit zum Feind haben?
+
+
+_Lang_
+
+(lacht kurz, dann sehr höflich)
+
+Warten Sie schon lang, Herr Rechnungsrat? Was gibt’s? Soll
+ich die Frauenzimmer fortschicken?
+
+
+_Birnkoch_
+
+Beileibe, Herr Domänenrat, beileibe nicht. Die Damen und
+ich, wir haben uns über den Gegenstand schon ausgesprochen
+und sind ganz #d’accord.# Denn Sie müssen nachgeben in der
+Affäre mit dem närrischen Turm.
+
+
+_Lang_
+
+Potz Knackwurst, lieber Birnkoch –
+
+
+_Birnkoch_
+
+(indigniert und weinerlich)
+
+Aber hochgeschätzter Herr Domänenrat, warum wollen Sie mir
+nicht meinen sauer verdienten Titul zubilligen?
+
+
+_Lang_
+
+Schön, Herr Rechnungsrat. Ich sage nur, wenn Sie einen
+ganzen Harem von Weibspersonen um mich aufstellen, der Lang
+gibt nicht nach. In _der_ Sache nicht.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Es ist der entschiedene Wunsch Seiner Exzellenz, des
+Ministers Haugwitz –
+
+
+_Lang_
+
+Vor allem steht es so, daß ich, in meinem Ressort, Befehle
+nur vom Fürsten Hardenberg empfange. Es ist mir ja bekannt
+geworden, daß der Fürst, der mir freundlich gesinnt ist,
+durch allerlei Kabalen aus seinem Amt gedrängt werden soll,
+aber eine offizielle Mitteilung habe ich darüber nicht
+erhalten.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Seine Exzellenz, der Minister Haugwitz hat über den Fall
+eine Note abfertigen lassen – (zieht sein Portefeuille.)
+
+
+_Lang_
+
+Ihr könnt Noten schmieren, so viel ihr wollt. Das lebendige
+Bedürfnis spricht anders.
+
+
+_Birnkoch_
+
+(bestürzt)
+
+#Mon dieu!# Sie anerkennen also keine höhere Instanz?
+
+
+_Lang_
+
+Instanz? Zu deutsch: Schleichweg. Der Minister Haugwitz ist
+von Kreaturen umgeben, die ihren Vorteil suchen.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Eine solche Verdächtigung muß ich mit aller zukömmlichen
+Entschiedenheit repoussieren.
+
+
+_Anna_
+
+(zwischen beide tretend, sehr sanft)
+
+Warum soll denn der Turm nicht wieder aufgebaut werden, Karl
+Heinrich?
+
+
+_Lang_
+
+(barsch)
+
+Misch du dich nicht in die Affären, Kind.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(nimmt sie am Arm, leise)
+
+Er hat recht. Er muß wissen, was er tut.
+
+
+_Lang_
+
+Ist dem Minister auch wahrheitsgemäß angegeben worden, was
+der Wiederaufbau des Turmes kostet?
+
+
+_Birnkoch_
+
+(in seinen Papieren blätternd)
+
+Der Baurat Österlein hat vierhundert Gulden in Voranschlag
+gebracht.
+
+
+_Lang_
+
+Dann ist der Baurat Österlein ein ganz gemeiner Schwindler,
+der einen Auftrag will und eine Versprechung leistet, die er
+nicht halten kann. Das sag ich ihm auf den Kopf zu.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Sie erschrecken mich, Herr Domänenrat –
+
+
+_Lang_
+
+Das Vierfache reicht nicht hin. Aus meinen genauen
+Berechnungen geht hervor, daß bei aller Sparsamkeit
+achtzehnhundert bis zweitausend Gulden nötig sind.
+
+
+_Birnkoch_
+
+#Eh bien,# wenn die Bauern dafür aufkommen wollen und die
+Regierung einen Beitrag gibt –?
+
+
+_Lang_
+
+Die Bauern, die sich ohnehin unterm Steuerdruck winden? Und
+die Regierung, die kann das teure Geld förderlicher
+verwenden.
+
+
+_Birnkoch_
+
+(spitz und kalt)
+
+Inwiefern förderlicher, wenn ich bitten darf?
+
+
+_Lang_
+
+Herr, in Frommetsfelden ist keine Schule!
+
+
+_Birnkoch_
+
+(heuchlerisch bekümmert)
+
+Ei, ei, ei ...
+
+
+_Lang_
+
+Bei Regen, bei Frost, im tiefsten Schnee müssen die Kinder
+zwei Stunden laufen, um in die nächste Schule zu gelangen.
+Die Folge? Weitaus die meisten Eltern behalten ihre
+Sprößlinge zu Haus und erziehen dem Staat Analphabeten. Ich
+will Ihnen eine Schule bauen für das Geld, das der Turm
+kosten würde.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Unter uns, – finden Sie denn diese sogenannte Bildung
+wirklich so notwendig für das Volk? Durch jeden Bauern, der
+lesen und schreiben kann, wird uns das Regieren schwerer
+gemacht.
+
+
+_Lang_
+
+Meine Ambition ist nicht, den Herrschaften das Regieren zu
+erleichtern. Was ihr gern seht, das ist eine möglichst große
+Armee von Nullen. Und jede Null soll zugleich ein Geldsack
+sein, ein Ding jedenfalls ohne Kopf und ohne Füße, und wenn
+ihr diese ganze Nullenkarawane gemächlich vor euch hinrollt,
+das nennt ihr dann regieren.
+
+
+_Birnkoch_
+
+(entsetzt)
+
+#Mais, monsieur! Ce sont des idées revolutionaires!#
+
+
+_Lang_
+
+Das ist meine Ansicht.
+
+
+_Birnkoch_
+
+(dem nicht mehr ganz geheuer ist)
+
+Aber ... ich meine ... wenn wo ein Turm einstürzt ... wenn
+überhaupt wo was einstürzt, muß man’s doch wieder aufbauen.
+
+
+_Lang_
+
+Ich bin dafür, daß man Ruinen wegräumt und nicht neue
+schafft.
+
+
+_Birnkoch_
+
+(rafft sich auf; würdevoll)
+
+Sohin ist meine Mission beendet. Ich werde nicht ermangeln,
+höheren Orts Bericht zu erstatten.
+
+
+_Lang_
+
+Das bleibt Ihnen unbenommen.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Ich habe in der leidigen Angelegenheit um elf Uhr noch eine
+#conférence# mit dem Herrn Präsidenten von Schuckmann –
+
+
+_Lang_
+
+Weiß schon. Der Präsident hat mich dazu gebeten. Man zwickt
+und zwackt mich von allen Seiten. In einer halben Stunde
+komm’ ich hinüber. Habe vorher noch ein Referat zu
+erledigen. (Verbirgt mühsam seinen Ärger und begibt sich,
+nach einem kurzen Kompliment, unhöflicherweise sogleich an
+seinen Schreibtisch.)
+
+
+_Birnkoch_
+
+#Mesdames#, meine ehrerbietigste Empfehlung.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(macht bedauernde Gesten, um Lang zu entschuldigen, und
+begleitet Birnkoch. Ehe noch die Tür ganz geschlossen ist,
+hört man von draußen)
+
+
+_Birnkochs Stimme_
+
+Seien Sie versichert, Madame, daran ist der Bonaparte
+schuld. Der Bonaparte sitzt ihm im Nacken. Schade,
+jammerschade ...
+
+
+_Lang_
+
+(horcht auf, lacht vor sich hin, während er schreibt)
+
+Der Bonaparte muß allen Faulenzern den Wauwau machen.
+(Schreibt.) Aber sein Französisch reden sie. (Schreibt.) Und
+miserabel noch dazu.
+
+
+_Anna_
+
+(hat sich vorsichtig genähert und schaut Lang über die
+Schulter. Sie schüttelt den Kopf, als ob sie sagen wollte:
+er spürt mich nicht. Endlich legt sie ihm die Hände auf die
+Schultern).
+
+
+_Lang_
+
+Was gibt’s denn, Anna? (Schreibt weiter.)
+
+
+_Anna_
+
+Hast du nicht ein Minütchen Zeit für mich?
+
+
+_Lang_
+
+(ein bißchen ungeduldig)
+
+Sag nur, was du willst. Ich bin ja beschäftigt, wie du
+siehst.
+
+
+_Anna_
+
+(schweigt, entfernt sich seufzend).
+
+
+_Lang_
+
+(schreibt)
+
+Na sag’s nur, aber geschwind.
+
+
+_Anna_
+
+Manche Dinge kann man nicht geschwind sagen.
+
+
+_Lang_
+
+Dann sind’s gewiß überflüssige Dinge.
+
+
+_Anna_
+
+(nähert sich von neuem, neigt sich über ihn; mit einem
+Versuch zur Koketterie)
+
+Weißt, von wem ich den Flieder hab’?
+
+
+_Lang_
+
+(stockt; kleine Pause, scheinbar gleichgültig)
+
+Von wem ... vom Leutnant Schlözer natürlich.
+
+
+_Anna_
+
+Falsch geraten. Nein, richtig geraten. Ist’s nicht nett von
+ihm? Er weiß, daß mich Blumen ganz toll machen vor Freude.
+(Naiv.) Aber das blaue Seidenkleid, das du mir vom Baron
+Imhoff aus Paris hast bringen lassen, ist wunderschön.
+
+
+_Lang_
+
+(schreibt wieder)
+
+Sollst es tragen, wenn der Fürst kommt.
+
+
+_Anna_
+
+Das dauert bis zum Herbst.
+
+
+_Lang_
+
+Bis dahin wird’s nicht altmodisch.
+
+
+_Anna_
+
+Ob ich aber dann noch lebe ...
+
+
+_Lang_
+
+(kehrt sich rasch um)
+
+Anna!
+
+
+_Anna_
+
+Flieder, der verwelkt von heut auf morgen. Der ist für den
+Augenblick. So ein Kleid, das soll täuschen über den
+Augenblick.
+
+
+_Lang_
+
+Du quälst dich mit Hirngespinsten und mich nicht minder.
+
+
+_Anna_
+
+Hirngespinste? Das Hirn spinnt, was das Herz bewegt.
+
+
+_Lang_
+
+(steht auf)
+
+Du darfst mir nicht den Boden unter den Füßen wegziehen,
+Anneli. Gegen Menschen kann ich streiten, gegen Schatten
+nicht.
+
+
+_Anna_
+
+(verzagt, sieht ihn groß an)
+
+Mir ist so bang.
+
+
+_Lang_
+
+Weshalb denn, Anna?
+
+
+_Anna_
+
+Um dich, um mich, um uns beide ist mir bang. Ich seh dich
+oft gar nicht. Du bist so fern, auch jetzt, wo du vor mir
+stehst. Und ich weiß, du siehst mich auch nicht. Mir ist,
+als ob wir zwei Blinde wären, die vergeblich mit den Händen
+nacheinander greifen. Du bist so tüchtig, so fest, so klug,
+aber es ist was in dir, was mich schreckt. Ganz, ganz nahe
+möcht ich oft zu dir und kann nicht, wie wenn einem das
+eigene Haus zugesperrt wär’.
+
+
+_Lang_
+
+(kopfschüttelnd, doch heimlich erleichtert)
+
+Schau, schau, was für eine kleine Schwärmerin du bist!
+
+
+_Anna_
+
+(verletzt)
+
+Nein, Karl Heinrich, wirf’s nicht mit einem Wort von dir.
+Bist doch sonst ein Feind von denen, die sich’s bequem
+machen. Mich sollst du dir auch nicht bequem machen.
+
+
+_Lang_
+
+(ablehnend)
+
+Ich versteh dich nicht, Kind. Mir ist das alles Spiel, was
+du vorbringst. Zum Spielen ist mir der Tag zu wert. (Will
+sich wieder zur Arbeit setzen.)
+
+
+_Anna_
+
+(schmiegt sich an ihn, mit einem jähen Entschluß, bittend)
+
+Schenk mir den Turm, Karl Heinrich!
+
+
+_Lang_
+
+(verwundert)
+
+Den Turm? Was für einen Turm?
+
+
+_Anna_
+
+Den Turm in Frommetsfelden.
+
+
+_Lang_
+
+Was soll das heißen? – Der Turm ist ja eingestürzt.
+
+
+_Anna_
+
+(leidenschaftlich schmeichelnd)
+
+So bau ihn wieder auf! Bau ihn! Für mich!
+
+
+_Lang_
+
+(ruhig)
+
+Solchen Unsinn kannst du von mir im Ernst nicht verlangen.
+
+
+_Anna_
+
+(beteuernd)
+
+Im tiefen, heiligen Ernst. Ist kein Unsinn, Karl Heinrich;
+ist ein Wunsch, nur ein Wunsch.
+
+
+_Lang_
+
+Den ich unmöglich erfüllen kann; oder ich würde mich zum
+Windbeutel machen. Denk doch nach –
+
+
+_Anna_
+
+Denk ich nach, kann ich den Wunsch nicht mehr so spüren.
+
+
+_Lang_
+
+Nun also!
+
+
+_Anna_
+
+Wünschen ist stärker als denken. Du nennst’s vielleicht eine
+Laune.
+
+
+_Lang_
+
+Eine üble noch dazu.
+
+
+_Anna_
+
+(ruhiger)
+
+Schau, der Turm war mir immer was Ehrwürdiges, das zum
+Himmel lockt. So stolz und wacker ist er gestanden, so fest
+und alt ins Firmament hineingegossen, und so unvergänglich,
+weißt du, als stünd’ er von Anbeginn der Welt bis zum Ende.
+Wenn ich als Kind nachts vom Schlaf erwacht bin, hab ich die
+Glocke gehört; dumpf und schwer und mächtig langsam und so
+wohllautend wie des Herrgotts Stimme selber. Wie Zeit und
+Ewigkeit hat’s da zusammengeklungen, zwischen Schlag und
+Schlag war ein ganzes Leben, gute Träume, böse Träume, und
+die Nacht ist so groß geworden, und der Tag so fern ...
+Aber wär’s nur darum, so wär’s am Ende wirklich Laune. Darum
+ist’s aber nicht.
+
+
+_Lang_
+
+So erklär dich deutlicher.
+
+
+_Anna_
+
+Ach, daß du’s nicht begreifst, daß du’s nicht ahndest!
+
+
+_Lang_
+
+Und daß auch _du_ mir’s noch schwer machst, Anna, auch du!
+Bin ich denn nicht wie der böse Feind dahier geachtet? Jede
+Handlung, die dem gemeinen Wesen zugute kommen soll, braucht
+zwanzig Schreibereien. Wohin du blickst, die ärgsten
+Mißbräuche, Zehrungen und Unterschleife. Was an Steuern dem
+armen Volk erpreßt wird, geht für die Zeche der Herren auf.
+Meinst du, ich könnte nicht gleichfalls so ein Diätenfresser
+sein? Und sparte mir die Galle dabei. Was für Zustände,
+Anna! Davon hast du ja keinen Begriff! Im Alumneninstitut
+des Gymnasiums lauter feuchte, ungeheizte Stuben, wo die
+schamlos vernachlässigten Schüler öffentlichen und
+heimlichen Sünden frönen. Dabei muß man alljährlich das Geld
+aufborgen, um nur den Kostwirt bezahlen zu können. Im
+Waisenhaus sind den Kindern vor lauter Krätze und englischer
+Krankheit Hände und Füße gebogen und die Köpfe
+aufgeschwollen. In der elenden Baracke, genannt Seelhaus und
+Lazarett, liegen scheußliche Gestalten halbnackt auf
+muffigem Stroh. Fragt man: wo ist das Geld? Es ist nicht da.
+Es ist aber doch dafür bestimmt worden –? Ja, es ist aber
+nicht da. Keiner hält stand, keinen kannst du beim
+Schlafittich packen; alle, die davon fett werden, daß nichts
+geschieht, spritzen dir ihr Gift ins Gesicht, bei jeder
+nützlichen Anordnung setzen sich die Magistrate selbst
+entgegen; hinter denen stecken wieder die Verwalter, die
+Advokaten, die Gutsbesitzer, die Latifundienräuber, die
+Bevollmächtigten der Regierung, und so geschieht’s, daß ich
+im ganzen Land als unbarmherziger Mann verschrien bin, und
+daß man mich durch Appelle und Eingaben und Rekurse und
+Beschwerden und Ränke und Quertreibereien ermüden und
+zurückhalten will. Und nun kommst du auch noch und nagst an
+mir.
+
+
+_Anna_
+
+Ich seh’s wohl ein; Grund und Recht sind auf deiner Seite,
+und als gute Frau dürft ich nicht zuwiderstimmen. Mein Grund
+ist unaussprechlich und liegt vielleicht nur in meinen
+Augen; nur in meinem Blick, wenn er deinem begegnet. Sieh
+mich an, Karl Heinrich! Ist’s Lüge, dann ist alles Lüge, was
+mich zu dir treibt. Denk, es ist ein Gebet. Oder denk, es
+ist eine Krankheit in dir, die du selber nicht kennst, und
+du mußt sie durch einen bittern Trunk heilen.
+
+
+_Lang_
+
+Ich kann dir nicht helfen, Anna. Der Frommetsfelder Turm
+darf mir nicht gebaut werden, so lang ich hier im Amt bin.
+
+
+_Anna_
+
+(wendet sich weg, läßt die Arme schlaff fallen und den Kopf
+tief sinken).
+
+
+_Lang_
+
+Ist mir leid um dich, Anneli, denn in deinem Begehren ist
+was, das mir wie freventlicher Übermut erscheint. Zart bist
+du beschaffen, aber es ist was Verwegenes in dir, und wollt
+ich mich dem fügen, so wär’ ich geliefert für alle Zeit. Ihr
+Weiber habt oft so eine spindeldürre Phantastik in euerm
+Kopf; wenn man sich davon einfangen läßt, geht’s einem wie
+Simson, dem Propheten.
+
+
+_Anna_
+
+(geht langsam gegen die Türe links, zögert noch vor der
+Schwelle, dann ab).
+
+
+_Lang_
+
+(wandert unruhig hin und her)
+
+Ist ein feines Geschöpflein, und kann sich nicht abfinden
+mit ihrem begehrlichen Gemüt. Nährst du’s, frißt’s dich
+auf. Mußt es ziehen lassen, als ob’s ne Wolke wär’. Die eine
+Wolke könnt ich ja vertragen, wird nicht gleich Blitz und
+Donnerwetter geben. Eheweisheit ist ein ander Ding denn
+Amtsweisheit. (Schaut auf die Uhr.) Die Zeit ist mir schon
+wieder davongelaufen. (Wie er zur Tür will, klopft es.)
+Herein!
+
+
+_Leutnant Amandus Schlözer_
+
+(tritt von rechts an. Er ist einundzwanzig Jahre alt, sehr
+schlank, mit einem gut markierten, charaktervollen Gesicht
+und Augen, in denen sich der Romantiker verrät. Sein Betragen
+schwankt zwischen Schüchternheit und soldatischer Offenheit
+und Kürze. Er trägt die preußische Infanterieuniform)
+
+Verzeihung, Herr Domänenrat, wenn ich Sie störe – (Verbeugt
+sich, grüßt militärisch.)
+
+
+_Lang_
+
+(flüchtig)
+
+Guten Morgen, Herr Leutnant. Ich weiß nicht, ob meine Frau
+Sie empfangen kann ...
+
+
+_Schlözer_
+
+Ich möchte, Herr Domänenrat, wenn ich Sie nicht von
+dringenden Geschäften zurückhalte, ein paar Worte mit Ihnen
+allein –
+
+
+_Lang_
+
+(stirnrunzelnd)
+
+Ich habe allerdings ... ich werde beim Präsidenten erwartet
+... Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Leutnant? Wollen Sie
+Platz nehmen?
+
+
+_Schlözer_
+
+Merci. (Bleibt stehen.) Ich wollte Ihnen nur sagen, Herr
+Domänenrat ... es ist etwas in mir, was mich zwingt, Ihnen
+diese Mitteilung zu machen, ... daß ich abzureisen genötigt
+bin.
+
+
+_Lang_
+
+(leichthin, jedoch etwas aufmerksamer)
+
+Wirklich, Herr Leutnant? Sind es Gründe privater Natur, die
+einen so raschen Entschluß hervorgerufen haben?
+
+
+_Schlözer_
+
+(gepreßt)
+
+Ja. Gründe von der dringendsten Beschaffenheit. Mein
+Urlaubsgesuch ist bereits bewilligt. Die Postpferde sind
+bestellt.
+
+
+_Lang_
+
+(konventionell)
+
+Es tut mir leid, Herr Leutnant. Wir hatten gehofft, Sie
+länger hier halten zu können. Freilich, – die Provinz.
+
+
+_Schlözer_
+
+(mit festem Blick)
+
+Dies ist es nicht, Herr Domänenrat. Es ist schwer zu sagen
+... doch kam ich deshalb her ... und so sei es gesagt: Herr
+Domänenrat, ich liebe Ihre Frau.
+
+
+_Lang_
+
+(sieht ihn schweigend an; dann mit starker Überwindung)
+
+Das nennt man ohne Umstände deutlich sein. (Kalt.) Ich
+beklage diese Fatalität, Herr Leutnant, doch überschätzen
+Sie vielleicht ihre Tragweite für mich, – wenn Sie
+_des_wegen Postpferde bestellt haben.
+
+
+_Schlözer_
+
+(ohne sich zu regen)
+
+Würden Sie mir eine solche Antwort auch geben, wenn Ihre
+Frau meine Abreise nicht ganz so teilnahmslos betrachten
+würde?
+
+
+_Lang_
+
+(brüsk)
+
+Herr Leutnant, meine Frau ist über jede Insinuation erhaben.
+
+
+_Schlözer_
+
+(verbeugt sich)
+
+Ich weiß es.
+
+
+_Lang_
+
+Warum gleich Postpferde bestellen, Herr Leutnant? Und wenn
+Postpferde bestellt sind, warum sie zur Parade tanzen
+lassen? Soll ich das Almosen einer Entsagung mit Dank
+quittieren? Soll ich bewundern, wo ich kaum bedauern kann?
+(Ernst und mit Bedeutung.) Der ehrt sich selbst und seine
+Freunde, der durch Schweigen unerfüllbare Wünsche
+beschwichtigt.
+
+
+_Schlözer_
+
+Ich glaubte Ihnen, in dessen Haus ich Gastfreundschaft
+genossen habe, eine Erklärung schuldig zu sein.
+
+
+_Lang_
+
+Sie verpflichtet mich zu keinem Dank. Wenn Sie für sich
+fürchten, Herr Leutnant, Sie für Ihre Person und Ihre Ehre
+sage ich, dann nehmen Sie Postpferde.
+
+
+_Schlözer_
+
+(mit zu Boden gekehrtem Blick)
+
+Ich reise, Herr Domänenrat.
+
+
+_Lang_
+
+So wünsch ich glückliche Fahrt. – Vermutlich werden Sie sich
+von meiner Frau verabschieden wollen. (Auf eine Bewegung
+Schlözers.) Bitte, Herr Leutnant, meine Frau wäre gewiß
+verletzt, wenn Sie ohne Gruß von ihr scheiden würden. Ich
+werde draußen sagen lassen, daß Sie hier warten. Ich selbst
+muß Sie leider verlassen. (Mit stummem Gruß nach rechts ab.)
+
+
+_Schlözer_
+
+(blickt düster vor sich hin. Er gewahrt den Fliederstrauß,
+eilt hin, nimmt ihn in die Hand und drückt seine Lippen in
+die Blumen. Dann läßt er das Bukett fallen, wie von einem
+hoffnungslosen Gedanken erstarrt)
+
+Er schickt sie zu mir! Kein Zweifel ist in ihm, kein
+Zweifel!
+
+
+_Anna_
+
+(von links)
+
+Guten Morgen, Amandus. War nicht Lang eben hier?
+
+
+_Schlözer_
+
+(zu ihr, küßt ihr die Hand)
+
+Teure Anna, wie blaß Sie heute aussehen ...
+
+
+_Anna_
+
+(abweisend)
+
+Dies Betragen lieb ich nicht an Ihnen, Amandus. Sie wissen
+es. Mein Mann ist fortgegangen?
+
+
+_Schlözer_
+
+Er sagte, er wolle Ihnen Nachricht geben, daß ich warte.
+
+
+_Anna_
+
+(mit verlorenem Blick)
+
+Und ist fortgegangen. (Rafft sich zusammen.) Ich habe Sie
+doch gebeten, Amandus, daß Sie am Vormittag nicht kommen
+möchten. (Sie setzt sich, Schlözer nimmt ihr gegenüber
+Platz.)
+
+
+_Schlözer_
+
+Es ist das letzte Mal, Anna. Ich kann den Gedanken, daß Sie
+in meiner Nähe weilen, nicht länger ertragen. Ich kann nicht
+länger in den Nächten liegen und mit lebendig-offenen Augen
+träumen, was mir das Herz verbrennt. Ich kann’s nicht
+länger, und ich komme nun, um Ihnen Lebewohl zu sagen.
+
+
+_Anna_
+
+(versonnen)
+
+Ich hatt’ es erwartet. Sie reisen also. Und wohin reisen
+Sie?
+
+
+_Schlözer_
+
+Die Erde dreht sich, und ich fühle mich so schwunglos;
+heruntergestürzt und in den Boden gewühlt wie in ein Grab. –
+Wohin ich reise? Es gibt bald Krieg, Anna. Wenn mein König
+keine Verwendung für mich hat, wird Bonaparte wissen, wie
+ein Mann zu brauchen ist, dem das Leben nichts mehr gilt.
+
+
+_Anna_
+
+(aufschreckend)
+
+Haben Sie mit Lang gesprochen?
+
+
+_Schlözer_
+
+War es mein Schmerz oder war es das Bedürfnis, daß es
+zwischen mir und ihm zum Ausgleich kommt; daß er es wissen
+möge, daß er Sie hüten möge, Anna, wie das kostbarste
+Kleinod der Welt, – ich weiß nicht mehr warum, nennen Sie
+es eine Verfinsterung meines Herzens, – ich habe ihm gesagt,
+wie es um mich beschaffen ist und weshalb ich gehe.
+
+
+_Anna_
+
+(grüblerisch)
+
+Das haben Sie ihm gesagt? Wie seltsam! Und er?
+
+
+_Schlözer_
+
+Er! Er war kalt und überlegen.
+
+
+_Anna_
+
+(wie oben)
+
+Und er sagte, er wolle mir Nachricht geben lassen, daß Sie
+warten. Wie seltsam ...
+
+
+_Schlözer_
+
+Als ob keine Faser in Ihnen wäre, die ohne seinen Willen
+sich regte.
+
+
+_Anna_
+
+(wie oben)
+
+Vielleicht vertraut er mir so.
+
+
+_Schlözer_
+
+Und dies Vertrauen sollte Sie nicht ein wenig kränken, teure
+Anna? Ist denn Liebe etwas so Unzweifelbares, daß sie einmal
+beschworen, jedem Feuer stand hält? Ist denn das noch Liebe,
+die so ruhig, so stumm, so satt werden darf?
+
+
+_Anna_
+
+Wie würden Sie gehandelt haben, Amandus, wenn ein Mann Ihnen
+ein solches Geständnis gemacht hätte?
+
+
+_Schlözer_
+
+Wie ich gehandelt hätte, weiß ich nicht. Vielleicht hätte
+ich den Mann erdolcht. Vielleicht hätte ich ihn in die Arme
+geschlossen. Wer aber darf so übermenschlich sich gebärden,
+daß er nichts wissen will von den Gewalten, die seiner
+Sicherheit ein Ziel setzen könnten? Ach, Anna, wenn! – wenn!
+Ich würde hinschmelzen unter jedem Blick und jedem Lächeln.
+
+
+_Anna_
+
+(kopfschüttelnd)
+
+Nein, Amandus, das Hinschmelzen, das ist das Wichtige nicht.
+Wichtig ist, daß man nie einander vergißt. Daß man immer
+geborgen ist im andern, daß er die Gedanken hält und kennt,
+daß er die Wünsche weiß und jeden recht versteht, denn es
+ist eine Qual, zu reden, wenn man wünscht. Daß man nicht ein
+Opfer wird von einer Stunde, wo aufs Ungefähr das Blut
+stürmt und man dann zur schalen Erinnerung wird in den
+Geschäften des Lebens. Da wird alles kalt in einem.
+
+
+_Schlözer_
+
+Alles ist fremd ohne Zärtlichkeit, fremd und zufällig.
+
+
+_Anna_
+
+Ja, Zärtlichkeit, das ist es. Ohne Zärtlichkeit wird Liebe
+sündhaft. Zärtlichkeit ist wie ein treuer Hund am Herd, der
+nie den Herrn verkennt.
+
+
+_Schlözer_
+
+Ich weiß es seit langem, Anna, daß Sie nicht glücklich sind.
+
+
+_Anna_
+
+Glücklich! Ich bin noch vor dem Glück vielleicht und hab
+Angst, daß es vorübergeht, ohne daß ich weiß, was es ist.
+Ich möcht’ es ausgraben wo und kenn’ den Ort nicht, wo es
+liegt. – Wenn Sie mein Mann wären, Amandus, und Lang käm’
+ins Haus, so wie Sie kommen, und Sie würden dazu schweigen
+und ich wüßte nicht, schweigen Sie aus Großmut oder aus
+Nachlässigkeit, die Unruh’ würde mir das Herz abdrücken. Und
+schwiegen Sie aus Nachlässigkeit, und ich wüßt’ es, so wär
+alles vorbei. Aber auch wenn Sie eifersüchtig wären und es
+zeigten, wär alles vorbei, denn ist ein Mann eifersüchtig,
+so achtet er sich selbst nicht oder die Frau nicht. – Wir
+müssen uns jetzt trennen, Amandus. (Sie steht auf.)
+
+
+_Schlözer_
+
+(zu ihr)
+
+So gilt’s denn. Es wird Nacht in meinem Leben.
+
+
+_Anna_
+
+(verloren und wie zu sich selbst; schmerzlich)
+
+Der Turm, Amandus, wird nicht gebaut. Mein Turm wird nicht
+gebaut.
+
+
+_Schlözer_
+
+Der Turm –?
+
+
+_Anna_
+
+Ach, wundern Sie sich nicht. Ich schwatze wohl zu viel. – Zu
+welcher Stunde wollen Sie denn fort?
+
+
+_Schlözer_
+
+Zwischen zwölf und ein Uhr denk’ ich.
+
+
+_Anna_
+
+Und wohin?
+
+
+_Schlözer_
+
+Gen Würzburg geht die Fahrt.
+
+
+_Anna_
+
+(wie aus einem Traum)
+
+Wenn ich mitginge ... wenn ich mitginge ...
+
+
+_Schlözer_
+
+(leidenschaftlich, packt ihre Hände)
+
+Anna! –
+
+
+_Anna_
+
+(lächelnd und verstört)
+
+Tu’ ich den Schleier ums Gesicht, erkennt mich niemand ...
+
+
+_Schlözer_
+
+(außer sich)
+
+Ich lass’ den Wagen beim Mauthaus auf der Chaussee warten.
+Ich laß ihn bis zum Abend warten, wenn Sie wollen!
+
+
+_Anna_
+
+(leise)
+
+Wie er’s tragen wird? Ob’s ihn wandeln wird ... (Schlözer
+mit der Linken von sich abhaltend.) Ja, warten Sie, Amandus.
+Beim Mauthaus zwischen zwölf und eins. Nur dies noch, – Sie
+sind mein Ritter. Nicht fragen werden Sie, mich nicht
+bedrängen ... (Hastig.) Nein, nein, nicht reden jetzt. Beim
+Mauthaus zwischen zwölf und eins ... Geh ich den Feldweg,
+sieht mich niemand. Gehen Sie, Amandus. Nichts reden! (Sie
+legt den Finger auf den Mund.)
+
+
+_Schlözer_
+
+(geht wie ein Schlafwandler mit zurückgekehrtem Gesicht zur
+Tür).
+
+
+_Anna_
+
+Nichts reden ...
+
+
+_Schlözer_
+
+(mit einer trunkenen Bewegung ab. Während die Tür offen ist,
+hört man vom Flur die Stimmen der Bauern).
+
+
+_Anna_
+
+(steht entgeistert mit geschlossenen Augen).
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(kommt)
+
+Da draußen sind die Frommetsfeldner Bauern. Wollen beim
+Domänenrat petitionieren wegen ihres Turmes ... Um Gott,
+Kind, – wie siehst du aus?
+
+
+_Anna_
+
+Nichts, Mutter, es ist nichts. (Ab nach links.)
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(schaut ihr nach)
+
+Da ist was nicht rund in der Welt, sollt’ mich dünken. Der
+Schlözer ist mir auch ganz rabiat vorgekommen ... Als ob
+einer vom Wein aufsteht und durch die Wand steigen will.
+Kind! Kind!...
+
+
+_Bärbel_
+
+(kommt)
+
+Könna die Bauersleit’ da herinnet wart’n?
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Ja, laß sie nur herein. Der Domänenrat muß gleich kommen.
+Die Leute sagen ja, sie hätten ihn unterwegs schon
+getroffen. Ich will mich nach der jungen Frau umschauen.
+(Links ab.)
+
+
+_Bärbel_
+
+(nach draußen)
+
+No, spaziert nur da ’rein! (Es kommen der Ringhofbauer, der
+Erlhofbauer, der Waldhofbauer, und zwei andere Bauern. Alle
+tragen die urtümliche fränkische Bauerntracht: silberne
+Knöpfe an den blauen Westen, schwarze Jacken, schwarze Hosen
+in hohen Stiefeln, schwarze Zipfelmützen. Sie drücken sich
+scheu und ehrfürchtig herein, bleiben regungslos stehen.)
+
+
+_Bärbel_
+
+Derft euch au’ niedersetzen. (Ab, läßt die Tür offen.)
+
+
+_Der Ringhofbauer_
+
+Joo ... (Sie bleiben stehen.)
+
+
+_Der Erlhofbauer_
+
+Wer soll’n reden?
+
+
+_Der Ringhofbauer_
+
+I wer’ scho reden.
+
+
+_Der Waldhofbauer_
+
+Was werst’n sog’n?
+
+
+_Der Ringhofbauer_
+
+I wer scho was sog’n. (Es kommen Lang und der Kammerdirektor
+Mühlbach, ein älterer, würdiger Herr.)
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Ich hab’s Ihnen gleich gesagt: der Präsident ist in dieser
+Sache machtlos.
+
+
+_Lang_
+
+Niemand hat den Mut, für das Notwendige sich einzusetzen,
+wenn er gleich die Vernunft hat, es zu sehen. Es ist ein
+Höllenzirkel.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Da haben Sie Ihre Bauern ...
+
+
+_Lang_
+
+Ja. Und morgen werden die Pfarrer kommen, und übermorgen die
+Küster.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Der Präsident hat nicht so unrecht, wenn er meint, daß das
+Wegschaffen des Turms gleichsam eine #capitis deminutio#
+sein würde.
+
+
+_Lang_
+
+Das #Corpus juris# wird maulfeil, wo das gesunde Gefühl
+revoltiert. Bin ich schwächer hier als Stumpfsinn und böser
+Wille, dann kenn ich meinen Weg.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Aber Lang! Lang!
+
+
+_Lang_
+
+(zu den Bauern)
+
+Hört mich an, ihr Leute! Wenn ihr einen Webstuhl habt, und
+der zerbricht, dann werdet ihr euch einen neuen Webstuhl
+anschaffen. Nicht wahr?
+
+
+_Die Bauern_
+
+Joo ... joo ...
+
+
+_Lang_
+
+Und wenn euch ein alter Hofhund krepiert, dann werdet ihr
+euch nach einem andern, einem jungen Hofhund umsehen. Ist’s
+so?
+
+
+_Die Bauern_
+
+Joo ... joo ...
+
+
+_Lang_
+
+Wenn euch aber ein Haus abbrennt, das auf einem vom Wasser
+unterhöhlten und durchweichten Grund gestanden ist, werdet
+ihr dann das Haus auf demselben Grund wieder aufbauen? Sagt
+mir eure Meinung. Frisch heraus!
+
+
+_Die Bauern_
+
+Naa ... naa ...
+
+
+_Ringhofbauer_
+
+Das wöll’n mer nit ton. Naa ... naa ... (Er nickt den andern
+verständnisinnig zu, als sollten sie seine Beredsamkeit
+bestaunen.)
+
+
+_Lang_
+
+Und wenn auf euerm Acker ein großer Baum steht, der dem
+Getreide Licht und Sonne nimmt, den ihr aber nicht umhauen
+wollt, weil er dort seit Menschengedenken wächst, und der
+Baum bricht nun eines Tages, weil er krank ist, oder der
+Blitz haut ihn zu Boden, werdet ihr da nicht froh sein, daß
+er weg ist?
+
+
+_Die Bauern_
+
+Joo ... joo ...
+
+
+_Lang_
+
+Oder werdet ihr ihn von neuem in die Erde stecken?
+
+
+_Die Bauern_
+
+Naa ... naa ...
+
+
+_Ringhofbauer_
+
+Des tenna mer nit, Herr RÃ¥t! (Wie oben.)
+
+
+_Lang_
+
+Nun also! (Der Schreiber Kasteljack, ein dürrer, langer,
+fusliger, schattenhafter Mensch, kommt schüchtern und eilig
+getrippelt, hat ein amtliches Dokument in der Hand.)
+
+
+_Lang_
+
+(unwirsch)
+
+Was gibt’s, Kasteljack?
+
+
+_Kasteljack_
+
+(asthmatisch)
+
+Herr Domänenrat ... (hüstelt) das Gesuch an die Regierung
+wegen Nichtwiederaufbaus des Frommetsfeldner Turms ...
+(Greift sich an die Brust, hüstelt.)
+
+
+_Lang_
+
+Hurtig, hurtig, Mensch! (Entreißt ihm den Bogen.)
+
+
+_Kasteljack_
+
+... ist leider diesen Morgen als unerledigbar ... unerledig
+... lich ... zurückgekommen.
+
+
+_Lang_
+
+(mit verbissenem Grimm)
+
+Und der Grund?
+
+
+_Kasteljack_
+
+Eine Formalität, Herr Domänenrat ...
+
+
+_Lang_
+
+Was für eine Formalität?
+
+
+_Kasteljack_
+
+Der Submissionsstrich fehlt.
+
+
+_Lang_
+
+Der – Submissionsstrich?
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Der Submissionsstrich?
+
+
+_Kasteljack_
+
+Ja. Es ist dies eine wichtige amtliche Formalität.
+(Hüstelt.) Die Vorschrift lautet, daß zwischen dem Text des
+Gesuches oder des Referats oder des Ausweises oder des
+Testimoniums ... daß zwischen dem Text und der Unterschrift
+des betreffenden Herrn Referenten oder Berichterstatters ein
+dicker, gerader, deutlicher Strich gezogen werde. Diesen
+Strich nennen wir den Submissionsstrich.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Ja. ’s ist wahr, eine ganz zweifellose Institution, die Sie
+doch kennen müssen, Lang.
+
+
+_Lang_
+
+Ich kenne sie. Jetzt kenn ich sie. Mit einem Wort: diese
+Unterlassung bedeutet zwei bis drei Monate Aufschub. Der
+Submissionsstrich soll das Seil werden, auf dem man mich
+tanzen lassen will. Oder der Balken, mit dem man mir um die
+Füße schlägt. (Er eilt zum Schreibtisch und zieht in größter
+Hast mit Bleistift und Lineal Striche auf einem großen Bogen
+Papier.) So werden hierzuland die Männer traktiert und die
+wahren Interessen schachmatt gemacht. (Kehrt zu Kasteljack
+zurück.) Hier, Kasteljack. Da ist ein ganzer Schreibebogen,
+reichlich versehen mit Submissionsstrichen. Schicken Sie den
+Bogen an die betreffende Kanzlei der Regierung, ich lasse
+submissest ersuchen, in einschlägigen Fällen sich aus diesem
+Vorrat von Submissionsstrichen bedienen zu wollen.
+
+
+_Kasteljack_
+
+Aber ...
+
+
+_Lang_
+
+Kein Aber. Tun Sie, was ich Ihnen befehle. Es ist Ernst.
+
+(Kasteljack unter Bücklingen rückwärtsgehend ab.)
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Sie werden sich’s mit der hohen Regierung gründlich
+verderben, lieber Lang.
+
+
+_Lang_
+
+Die und ich, wir können nicht in derselben Küche unser
+Fleisch kochen. Ihres schmeckt mir ranzig und meins ist
+ihnen zu zähe. Verderben! Ich mit ihnen verderben! Ich hab’
+ihnen gedient, wie einer, der’s redlich meint. Sie haben
+mich bezahlt wie einen, der schon betrogen hat. Wer sein
+Schäfchen ins Trockene bringt, erregt ihnen keinen Argwohn,
+wer sich mausig macht und ihre verstaubten Litaneien
+überhört, den legen sie nackt in die Sonne und salben ihn
+mit dem Öl ihrer Schikanen, daß das Ungeziefer über ihn
+kommt.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Lang! Lang! mäßigen Sie sich doch.
+
+
+_Lang_
+
+Ich bin am Ende meiner Fassung. Wenn man zusehen muß, daß
+alle Quellen hämisch verstopft werden und die Menschheit
+verdurstet. Daß die Früchte wachsen, um zu verfaulen. Große
+Männer Großes richten, um Popanze zu werden für die
+Phrasendrechsler. Verderb ich mir’s mit ihnen, steht’s desto
+besser zwischen mir und meinem Gewissen. (Zu den Bauern, die
+unterdessen heimlich gewispert haben.) Nun, ihr Leute! Der
+Baum, von dem ich euch da gesprochen habe, vergleichsweise,
+versteht mich wohl, der Baum ist euer alter, unnützer Turm.
+Was wollt ihr beginnen mit einem Turm? Könnt ihr ihn als
+Heuschober brauchen? Nein. Könnt ihr drinnen wohnen? Nein.
+Wollt ihr drinnen beten? Nein. War er besonders schön von
+Ansehen? Nein. Es war nichts in ihm oder an ihm, was euch
+hätte ergötzen oder fördern können. Und doch wollt ihr ihn
+wieder aufrichten. Warum?
+
+
+_Erlhofbauer_
+
+Mer war’s halt so g’wöhnt, Gnaden Herr Råt.
+
+
+_Waldhofbauer_
+
+’s wär a Schand, Gnaden Herr Råt.
+
+
+_Lang_
+
+Die Schande will ich euch auswetzen. Ich bau euch ein
+Schulhaus, das wird ein wahrer Staat sein. Seht, das ist
+eine Aussaat, von der ihr eine gute Ernte einheimsen könnt.
+Profitiert _ihr_ nicht mehr davon, so profitieren eure
+Kinder, die Söhne und die Töchter. ’s ist, wie wenn man
+Kälber auf eine fette Weide treibt. Da wächst euch kein
+habergasiges Vieh heran, das sich seiner Haut schämen muß,
+sondern ein edler Schlag. Der Bauer hat nicht nötig, sein
+Licht unter den Scheffel zu stellen. Mit dem Wissen ist’s
+eine eigene Sache und, glaubt mir’s oder glaubt mir’s nicht,
+wenn ihr eure Kinder was lernen laßt, werden eure Mühlen
+besseres Korn zu mahlen haben.
+
+
+_Ringhofbauer_
+
+Da hab’n mer alles nichts dageg’n, Herr Råt; aber um unsern
+Turm woll’n mer halt fleißig gebeten hab’n.
+
+
+_Lang_
+
+Holzköpfe! (Verzweifelt zum Kammerdirektor.) Das ganze Ding
+gleicht einem Gänsespiel, wo man sich schon nah am Ziel
+glaubt, und durch einen mißglückten Wurf von einem
+umgekehrten Schnabel zum andern wieder zum ersten Anfang
+zurückgewiesen wird.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Ich wußt es vorher.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(kommt mit einem Brief, von rechts).
+
+
+_Lang_
+
+Doch laß’ ich nicht nach, und wenn’s ein Jahr meines Lebens
+kostet.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Da ist ein Brief an Sie gekommen, Lang.
+
+
+_Lang_
+
+Das Siegel sollt ich kennen. ’s ist vom Fürsten Hardenberg.
+(Er bricht den Brief auf und liest; seine Miene verzerrt
+sich sichtlich, er wirft das Schreiben mit einem Laut des
+Schmerzes und der Wut zur Erde und schlägt die Fäuste vor
+die Augen.)
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(erschrocken)
+
+Lang!
+
+
+_Lang_
+
+Geht mir aus den Augen! Geht! Fort ihr alle! – Auch er! auch
+er! – Nichts richten können! nichts vollenden können!
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Aber Lang, sein Sie doch vernünftig! (Sie hebt den Brief
+auf.)
+
+
+_Lang_
+
+(entreißt ihn ihr)
+
+Sehen Sie, Mühlbach, – hören Sie! (Liest im Tiefsten erregt,
+mit zusammengebissenen Zähnen.) »Die gegnerischen Umtriebe
+sind so mächtig geworden, lieber Lang, daß ich Sie in Ihrem
+wie in meinem Interesse bitten muß, die fragliche Affäre mit
+dem unglückseligen Turm fallen zu lassen. Sie wissen,
+welchen Anteil ich an Ihren Bestrebungen nehme, ich kenne
+die edle Selbstlosigkeit, mit der Sie allem hingegeben sind,
+was Sie für recht und förderlich erkannt haben, aber das
+Tüchtige läßt sich auf vielen Wegen durchsetzen,« – so
+spricht Er! Er! So haben sie ihn zu Brei gemacht! Das
+Tüchtige auf vielen Wegen! – (Liest.) »Stehen Sie ab vom
+Unerreichbaren und wirken Sie im Möglichen« – nichts da, von
+Gnadenbrot will der Lang nichts wissen, – (Liest.) »Ich war
+gezwungen, die einschlägigen Akten einem anderen Referenten
+zu übertragen« – (Wirft wie von Ekel erfaßt das Papier von
+sich.)
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Ich finde das Schreiben Seiner Exzellenz äußerst würdig und
+schmeichelhaft, lieber Lang ...
+
+
+_Lang_
+
+(scheinbar gefaßt)
+
+Ja. Das ist es. Ohne Zweifel. Einem andern Referenten.
+Einem, der biegsam ist und Ja und Amen sagt. Gönnen Sie mir
+jetzt eine Stunde der Ruhe und Überlegung, lieber Mühlbach.
+Ich habe heute noch mancherlei zu tun, denn morgen mit dem
+Frühesten werde ich meine Bestallung per Extrapost an die
+Regierung zurücksenden.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Lang!
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+(macht beschwörende Gesten).
+
+
+_Lang_
+
+Lassen Sie nur, Mühlbach. Ich weiß, Sie haben die beste
+Meinung von mir. Aber das kann jetzt nichts nützen. Gott
+befohlen, ihr Leute. Gehn Sie nur, Mutter. Adieu, lieber
+Mühlbach. (Die Bauern, der Kammerdirektor und Frau von
+Hänlein ab. Lang prüft, ob die Türe zu ist, geht dann zum
+Schreibtisch, läßt sich nieder und stützt den Kopf in die
+Hand. Sein Gesicht hat einen tief verbitterten und tief
+erschöpften Ausdruck.)
+
+
+_Anna_
+
+(kommt von links. Sie ist zum Ausgehen gekleidet, doch hat
+sie statt des Hutes einen schwarzen Schal über dem Kopf. Sie
+tritt leise auf, schaut vorsichtig durch das Zimmer. Als sie
+Lang so augenscheinlich gebrochen sieht, erschrickt sie und
+faltet unwillkürlich die Hände).
+
+
+_Lang_
+
+(blickt empor, mit innerlicher Wildheit)
+
+Ja, Anna. Da bin ich nun. Kannst mich verpflegen, wenn du
+willst. Als Tagedieb im Haus, als Siebenschläfer im Bett.
+Bin zu nichts mehr nutze. Sie haben mir die Hände aus den
+Gelenken gedreht.
+
+
+_Anna_
+
+(macht zwei Schritte, bleibt wieder stehen).
+
+
+_Lang_
+
+(erhebt sich; mit verzweifelter Klage und Anklage)
+
+Es kränkt mich wahrlich um meinen Stolz. Es kränkt mich um
+die Ader, die mir schwillt. Möcht alle getanen Schritte
+bereuen und alle gesprochenen Worte wieder einschlucken.
+Warum bin ich nicht auch so ein Jasager und
+Sonnenblumen-Männlein, dann stünd’ ich nicht so da, Schmach
+und Spott mir selber. Der elende Mückentanz! Wohin man
+greift, nur Luft; wohin man schlägt, trifft’s den eigenen
+Leib. (Ausbrechend in heller Bitterkeit.) Schau’ mich nicht
+an, Frau, ich schäm mich vor dir. Was kannst du anders
+glauben, als daß ein Mannsbild nur dazu da ist, um zu
+flunkern und sich wichtig zu machen? Und wenn er sich ganz
+#in floribus# hat zeigen wollen und einer Sache sich
+verdungen hat, bei der von Recht und Wohlfahrt zu
+schwadronieren war, so sitzt er nun um so erbärmlicher da,
+mit Fußtritten heimgeschickt.
+
+
+_Anna_
+
+(in deren Zügen sich eine innige Besorgnis malt, leise)
+
+Karl Heinrich!
+
+
+_Lang_
+
+Und keinen Menschen! Keinen, der ’s redlich meint! So
+ohnmächtig sein! Geh von mir fort. Du hast nichts an mir.
+Geh aus meinem Hause. Ich bin kein Mann für dich. Bin deiner
+nicht wert. Geh zu einem, der ’s mit ehrlichen Feinden zu
+tun hat und ein Schwert in die Faust nehmen kann, wenn ihn
+die Horde bedrängt. (Er setzt sich mutlos und matt wieder in
+den Sessel.)
+
+
+_Anna_
+
+(wie oben)
+
+Nicht so, Karl Heinrich!...
+
+
+_Lang_
+
+Oder willst du nur darum bei mir bleiben, weil mein
+Schicksal deiner Torheit zu Hilfe gekommen ist? Trotzt ihr
+doch in eurer blinden Sucht, ihr Weiber, dem Himmel selber
+unvernünftige Taten ab. Ja, er wird gebaut, dein Turm. Er
+wird gebaut.
+
+
+_Anna_
+
+(leise)
+
+Das wußte ich gleich, Karl Heinrich, als ich dich so sah.
+
+
+_Lang_
+
+Kannst du mich darum höher estimieren, was soll ich dann von
+meinem Wert noch halten und was von deinem Stolz?
+
+
+_Anna_
+
+(mit kaum merkbarer, schmerzlicher Schalkhaftigkeit)
+
+Soll ich aber von dir fort, nur um zu beweisen, daß mir an
+dem Turm jetzt nichts mehr liegt?
+
+
+_Lang_
+
+(bitter)
+
+Wenn man den Kindern das Spielzeug gibt, nach dem sie
+verlangt haben, dann werfen sie’s beiseite.
+
+
+_Anna_
+
+Ich habe ja den Turm von dir begehrt und nicht von denen,
+die dir ein Leids damit getan. So komm’ ich mir ja vor, als
+stünd ich mit ihnen im Bund. Und wenn noch dazu dein Herz
+gegen mich gestimmt ist, so flüstert’s dir vielleicht ein,
+ich hätte dich verraten, irgendwie geheimnisvoll verraten.
+Ach, Karl Heinrich! Plötzlich bin ich schuldig und weiß kaum
+wieso. Schuldig vor dir, schuldig vor mir und weiß kaum
+wieso.
+
+
+_Lang_
+
+(schaut sie an)
+
+Was stehst du denn da mit deinem Kopftüchlein und wohin
+willst du denn gehen? Willst nach Frommetsfelden hinaus und
+zugucken, wie sie bauen?
+
+
+_Anna_
+
+Ich will’s dir sagen, Karl Heinrich. Zum Mauthaus wollt ich
+gehn auf der Chaussee.
+
+
+_Lang_
+
+Und was willst du denn dorten beim Mauthaus auf der
+Chaussee?
+
+
+_Anna_
+
+Dort kommt der Leutnant Schlözer vorbei und will auf mich
+warten.
+
+
+_Lang_
+
+(den Oberkörper nach vorn gebeugt, stützt den Kopf mit
+beiden Händen. Schweigt.)
+
+
+_Anna_
+
+Es war beschlossen, Karl Heinrich, – fast wie man den Tod
+beschließt.
+
+
+_Lang_
+
+(dumpf)
+
+Beschlossen! Dies beschlossen! So muß es Laster in mir
+geben, die ärger sind, als ich sie ahnte, und was dich zu
+mir geführt, war nur ein Gaukelspiel betrügerischer Tage.
+Alle Wege: abwärts. Jeder Tag nur eine kurze Dämmerung
+zwischen zwei Nächten. Es ist ein unheimlicher Geisterspuk,
+der einen so lang schaudern macht, bis die Gedanken still
+stehn, und was die Brust bewegt, ist Scham, Scham, Scham!
+
+
+_Anna_
+
+(tief erregt)
+
+Hör mich an, Karl Heinrich –
+
+
+_Lang_
+
+Hör ich dich, so bin ich schon getäuscht. Was gabst du mir
+freundliche Mienen und Blicke? Nur damit es jetzt offenbar
+wird, daß du einen brauchst, der süße Worte machen kann und
+immer beteuern kann und schwärmen kann und zeigen kann, was
+ihr mit euren kurzen Sinnen sehen müßt. Geh nur, Anna. Denk
+nicht, daß du einen Verzweifelten zurückläßt. Ich bin’s
+nicht ungewohnt, abzurechnen mit mir und meinem Leben. Was
+ich nie besessen habe, kann ich nicht verlieren. Freilich
+der Irrtum, der frißt am Mark und macht alt und krank und
+müde.
+
+
+_Anna_
+
+Es ist hart für mich, was du sprichst, aber ich verdien’s.
+Doch laß es genug sein, Karl Heinrich, und vergiß, was du
+gesagt, damit ich vergessen kann, was ich nur halb getan.
+
+
+_Lang_
+
+(steht auf)
+
+Du sollst nicht vergessen und ich kann nicht vergessen. Es
+sei denn, wir wollen nicht für unsere Handlungen einstehen
+und uns aufführen wie Knaben, die einander schön tun,
+nachdem sie sich geprügelt haben. Es ist von Übel, jegliches
+Wort von Übel. Mit Schwatzen und Auseinandersetzungen
+erreichen die Menschen nichts weiter, als daß sie sich so
+nahe rücken, daß sie keinen Platz mehr zum Atmen haben. Und
+um mein Glück und um meinen Frieden kann ich nicht
+feilschen. Was man einander gewährt und einander erläßt,
+kann nicht durch Abmachungen geregelt werden. Alles wahre
+Zusammenleben beruht auf Schweigen, Frau! Je tiefer der
+Bund, je tiefer das Schweigen. Bliebst du aus Mitleid bei
+mir, so wünscht’ ich lieber, ich hätte dich nie gesehen.
+
+
+_Anna_
+
+(hat die Hand an die Stirn gedrückt, läßt sie fallen, tritt
+näher, frei und entflammt)
+
+Wie kommt’s nur, daß ich dich jetzt so spüre, Karl Heinrich!
+Schon als es mich da draußen über die Schwelle zog, war mir,
+als ließ ich alle Zweifel zurück. Nicht Mitleid ist’s, nein,
+nein! – Höchstens könnte ich dein Mitleid fordern für mich,
+denn ich war so klein und ich glaubte, du würfest mich hin
+gegen die Welt und die Welt sei dir alles und ich zu wenig,
+ich zu allein gegen dich und die Welt. Jetzt aber sehe ich
+dich auch allein und das – das! Karl Heinrich –! (Sie
+ergreift seine Hand und drückt ihre Stirn darauf.)
+
+
+_Lang_
+
+(sinnend)
+
+Ach, du wunderliches Geschöpf von einem Weib.
+
+
+_Anna_
+
+(wieder aufgerichtet)
+
+Du hast recht, Karl Heinrich. Es sollen nicht so viele Worte
+zwischen den Menschen hin und her geworfen werden. Es soll
+vielleicht bestehen bleiben, dies Fremde und dies Ferne, das
+mich so oft gequält hat. Vielleicht ist es gut so, daß wir
+nicht zu allen Zeiten alles von einander wissen, und gut ist
+es auch, daß ich dich suchte. Ja, es ist gut, daß ich dich
+suche, wenn du mich hältst! – Behalte mich!
+
+
+_Lang_
+
+Ich will dich halten.
+
+
+_Anna_
+
+(ohne Emphase ganz hingegeben)
+
+Was soll’s noch um den dumpfigen, stockigten Turm, Karl
+Heinrich? Habe ihn gewünscht, wie man ein Zeichen wünscht,
+ein Zeichen für etwas, das nun da ist.
+
+
+_Lang_
+
+(zu ihr gebeugt)
+
+Und doch mußt du vieles dafür tragen, Kind. Mich vor allem,
+der eine Weile zusehn muß, untätig beiseite. Wir wollen aus
+der Stadt ziehen. Vom Amt will ich weg –
+
+
+_Anna_
+
+(bestimmt und mit freier Heiterkeit)
+
+Nein, Karl Heinrich. Dieses wirst und kannst du nicht tun.
+Du bist der Mann nicht fürs Ausgeding. Mit den Wurzeln sich
+selber ausgraben und verdorren lassen? Du überzeugst sie ja
+schon von deinem Wert, indem du da bist. Könnte das Wasser
+schäumen ohne Damm? Hätt es solche Kraft? Kommt’s darauf an,
+bezahlt zu werden, Karl Heinrich, heute oder morgen bezahlt?
+Bezahlt dich nicht dein eigenes Blut und deine innere
+Flamme?
+
+
+_Lang_
+
+(betroffen)
+
+Frau, – wie du das sagst! Woher kommen dir solche Worte?
+Also bedeutet dir mein Treiben wirklich was? Willst nimmer
+so scheu und zweifelhaft neben mir wandeln?
+
+
+_Anna_
+
+Es hat mir nichts bedeutet, so lang ich nicht fühlen konnte,
+wie du mich damit umschlingst und wie ich dazu gehöre.
+
+
+_Lang_
+
+So hätte mir der Aberwitz und blöde Widerstand der Welt zum
+Köstlichsten verholfen?
+
+
+_Anna_
+
+Spürst du’s so, dann ist es mehr, als ich gesehnt.
+
+
+_Lang_
+
+(packt ihre Hände, leidenschaftlich)
+
+Und doch hat dich das trübe Wesen zum Scheideweg geführt ...
+
+
+_Anna_
+
+Wer am Scheideweg war, weiß besser ums Ziel. (Man hört Räder
+rollen auf der Straße.) Komm, Karl Heinrich – (Sie zieht ihn
+zum Fenster.)
+
+
+_Lang_
+
+Es ist ein Wagen, der vom Posthaus abfährt ...
+
+
+_Anna_
+
+Zum Mauthaus auf der Chaussee. – Gib mir die Hand, Karl
+Heinrich! Drück sie fest, fest ... so. Hörst du, wie mein
+Herz klopft? Ich glaube, es klopft vor Glück.
+
+
+_Lang_
+
+Unsere Herzen sind wie zwei Schalen in der Hand eines
+Engels. Ist ein Auf- und Niederschwanken sondergleichen.
+Jeder Pulsschlag zieht’s hier hinunter, dort hinauf. Wir
+wägen nicht, es wird uns zugewogen. Wir müssen still halten,
+das ist alles.
+
+
+_Anna_
+
+Ich halte still, Karl Heinrich. (Das Posthorn tönt.) Gute
+Fahrt, Schwager Postillon!
+
+_Vorhang._
+
+
+
+
+Lord Hamiltons Bekehrung
+
+
+Personen:
+
+ Lord William Hamilton (von der Seitenlinie der Herzoge)
+ Sir Francis Hamilton, sein Sohn
+ Emma Lyon
+ Mr. Dashwood, Notar
+ Mr. Fletcher, Uhrmacher
+ Der Majordom
+ Mrs. Adams, Wirtschafterin
+ Doktor Middlewater
+ James, ein alter Diener
+ Drei andere Diener
+
+Spielt am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Easton Park
+in der Grafschaft Suffolk.
+
+
+Das Frühstückzimmer in Easton Park. Nach hinten führt eine
+offene Flügeltür in die Halle, durch die man wiederum in den
+Park blickt. Rechts eine geschlossene Flügeltüre, links zwei
+hohe Fenster. Ein schmaler Tisch, mehr links, ist für zwei
+Personen gedeckt. Ein anderer, schwerer Eichentisch steht
+mehr rechts. In der linken Ecke eine Wanduhr in einem
+massiven Gehäuse, das bis zur Decke reicht. An den Wänden
+hängen alte Gobelins und ein paar niederländische Stilleben.
+
+Auf einer kleinen Leiter vor der Wanduhr steht Mr.
+_Fletcher_; er hat den mächtigen Pendel abgenommen und
+horcht ins Räderwerk. Der _Majordom_ hat den gedeckten Tisch
+inspiziert und beobachtet dann ernsthaft, mit verschränkten
+Armen, die Hantierung des Uhrmachers. Währenddem tritt
+_Doktor Middlewater_ vom Park her in die Halle, stellt
+seinen Medikamentenkasten auf die Bank und kramt darin,
+wobei er der Szene den Rücken zukehrt. Gleichzeitig kommt
+_Lord Hamilton_ von draußen rechts in die Halle. Er beachtet
+den Arzt nicht, der sich rasch umwendet und, obwohl er schon
+gebückt steht, eine noch tiefere Verbeugung macht. Der
+_Lord_ hat einen Brief in der Hand und geht unruhig auf und
+ab.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(draußen)
+
+Mister Wardle!
+
+
+_Der Majordom_
+
+Mylord! (Eilt hinaus.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Für welche Stunde ist Mister Dashwood bestellt?
+
+
+_Der Majordom_
+
+Für elf Uhr, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(die Taschenuhr ziehend)
+
+Dann muß er in sechsunddreißig Minuten hier sein.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Gewiß, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Doktor Middlewater, ich bin bereit. (Mit Doktor Middlewater
+in der Halle rechts ab.)
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(hat neugierig gelauscht. Er ist trotz seiner vorgerückten
+Jahre ungemein eitel. Während der Lord geht und der Majordom
+zurückkommt, holt er einen Handspiegel aus seiner Tasche und
+betrachtet sich wohlgefällig).
+
+
+_Der Majordom_
+
+Sie hören, Mister Fletcher, – es ist sechsunddreißig Minuten
+vor elf.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+Ich habe bemerkt, daß die Pünktlichkeit in diesem Hause
+etwas willkürlich gehandhabt wird. Seine Lordschaft ist
+imstande, der Sonne zu befehlen, welche Zeit es ist. Das
+erscheint mir etwas waghalsig. Es widerspricht der
+göttlichen Weltordnung. – Wie finden Sie mich heute
+aussehend, Mister Wardle?
+
+
+_Der Majordom_
+
+Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß die Uhr gestern um
+neun Minuten zu spät gegangen ist.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(hängt den Pendel ein)
+
+Genau das Gegenteil von dem, was ich tue. Ich bin immer zu
+früh daran; immer zu früh. Aber in der Liebe ist das der
+einzige Weg zum Erfolg. Meinen Sie nicht, Mister Wardle, daß
+ich noch eine ganz repräsentable Erscheinung bin? Das schöne
+Geschlecht ist nicht unzufrieden mit mir.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(amtlich)
+
+Sind Sie bald fertig, Mister Fletcher?
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(kommt in Eile; sie ist eine muntere und beleibte Dame)
+
+Denken Sie nur, Mister Wardle, James ist betrunken!
+
+
+_Der Majordom_
+
+James? betrunken –? Wie ist das möglich?
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Sie müssen uns helfen, Mister Wardle. Wenn ihn Seine
+Lordschaft in der Verfassung sieht, geht’s dem armen alten
+Kerl schlecht. Erinnern Sie sich noch, wie er vor drei
+Jahren den unglücklichen Jimmy mit der Hundspeitsche auf die
+Landstraße jagen ließ, weil er benebelt war –?
+
+
+_Der Majordom_
+
+Aber wie konnte das geschehen, Missis Adams? wie konnte sich
+James so vergessen?
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Der Kummer, Mister Wardle. Der Kummer um den jungen Herrn.
+Sie wissen doch, wie er an Sir Francis hängt. Nun hat Seine
+Lordschaft wahrscheinlich etwas durchblicken lassen, von
+Enterbung oder so ... James ist ja der einzige, mit dem er
+hie und da ein vertrautes Wort spricht ... der Kummer,
+Mister Wardle. Ich gehe zu den Ställen hinüber, um Milch zu
+holen, da sehe ich ihn taumeln und mit den Händen fuchteln
+und höre, wie er wild vor sich hinmurmelt, – kurz, er ist im
+Zustand eines Schweines.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(hat vergebens mit Missis Adams zu liebäugeln versucht)
+
+Was für ein angenehmes Wesen! welche verlockende Stimme!
+(Seufzt, holt den Spiegel hervor.)
+
+
+_Der Majordom_
+
+(ringt die Hände, schnell durch die Halle in den Park ab)
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(zu Mrs. Adams, die sich anschickt, dem Majordom zu folgen)
+
+Haben Sie indessen meinen Antrag überschlafen, Missis Adams?
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(unruhig nach der Tür schauend, hastig und verschämt).
+
+Es kann nicht sein, Mister Fletcher. Mylord ist ein so
+verschworener Feind von allem Heiraten, daß ich mir’s
+zeitlebens mit ihm verderben würde.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(bekümmert)
+
+Sehr unrecht von Seiner Herrlichkeit.
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(vertraulich flüsternd)
+
+Sie wissen ja, er hat Malheur gehabt. Mylady ist ihm nach
+der Geburt von Sir Francis mit einem Schmugglerkapitän
+durchgebrannt und in der irischen See ertrunken.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+Wie Sie mich hier sehen, Missis Adams, bin ich ein Mann mit
+einem geregelten Einkommen von zweihundertvierzig Pfund.
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Sie brechen mir das Herz, Mister Fletcher. Ich bin so
+attachiert an Easton Park.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+Und sonst, Missis Adams, wenn ich auch den Kahlkopf nicht
+ableugnen kann, wer will meine Stattlichkeit bezweifeln?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(tritt mit allen Zeichen eines überstandenen Schreckens in
+die Halle, schaut sich ängstlich um, kommt dann auf die
+Szene. Unterm Arm trägt er die Aktentasche. Tracht der Zeit.
+Quäkerhut)
+
+Guten Morgen! (Legt den Hut ab, wischt den Schweiß von der
+Stirn.)
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Ist Ihnen etwas Schlimmes widerfahren, Mister Dashwood?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Es muß der leibhaftige Satan gewesen sein, – Gott sei mir
+gnädig.
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Was denn? wo denn?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(Atem schöpfend)
+
+Während ich durch den Hohlweg reite ... Sie kennen ja diesen
+Hohlweg, Ma’am ... er ist so schmal, daß zwei Fußgänger
+einander nicht ausweichen können ... ach, das Entsetzen ist
+mir in alle Glieder gefahren.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(kommt nervös wie ein Mann, der nicht weiß, wo er zuerst
+Hand anlegen soll)
+
+Es steht wirklich verzweifelt mit dem alten Esel. Mister
+Fletcher, die Uhr in den Dienerwohnungen muß noch reguliert
+werden. Mylord erwartet Sie um elf Uhr, Mister Dashwood.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(der an Mister Dashwoods Erregung keinen Anteil nimmt)
+
+In unserer zarten Angelegenheit werde ich zu passenderer
+Stunde wieder anfragen, Missis Adams. (Da sie ihn
+schmachtend anschaut.) Ach, dieser Blick! – (Wirft ihr eine
+Kußhand zu. Ab.)
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(zum Majordom)
+
+Mister Dashwood hat etwas Gräßliches erlebt – – –
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Ich reite also durch den Hohlweg, und hinter mir her, auf
+einem kohlschwarzen Roß, ein Bursche mit flatternden
+schwarzen Haaren. Immer mir nach ... immer auf meinen
+Fersen, im vollen Galopp! Ich treibe mein Tier zur Eile an
+... er, mit höhnischem Geschrei, tut dasselbe. Ich glaube
+nicht fehl zu gehen, wenn ich vermute, daß es ein Räuber
+war.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Am hellen, lichten Tag?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Ein blut- und mordgieriger Geselle.
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Da möchte ich nicht an Ihrem Platz gewesen sein, Mister
+Dashwood.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Ich pflege sonst nie ohne Pistole auszugehen. Weiß man doch
+nicht, was einem zustoßen wird. Mein Freund, Mister Sparre,
+– Sie kennen doch Mister Sparre, Ma’am? – ist neulich in
+Pall Mall von einem wütenden Hund gebissen worden. Es ist
+nichts Seltenes, daß jemand inmitten der Ausübung seiner
+Amtsgeschäfte von einem jähen Tod ereilt wurde. Solche
+Katastrophen treten gewöhnlich dann ein, wenn sich der
+kurzsichtige Mensch auf dem Gipfel seines Glücks befindet
+und geneigt ist, sich der wohlverdienten Ruhe hinzugeben.
+(Er erblickt Emma Lyon, die, mit der Reitpeitsche in der
+Hand, in die Halle tritt; sehr erregt.) Da ist er, Ma’am! Da
+ist er, Mister Wardle! Schützen Sie mich! Er verfolgt mich
+bis hieher! Rufen Sie die Diener zusammen!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(hat sich in der Halle verwundert umgeschaut und kommt nun
+auf die Szene. Sie ist als junger Mann im Reitkostüm
+gekleidet. Ihre brünetten Haare quellen unter dem Hut über
+das schöne, von schnellem Ritt erglühte Gesicht).
+
+
+_Der Majordom_
+
+(auf sie zutretend)
+
+Womit kann ich dienen, Sir?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(gebieterisch)
+
+Lassen Sie mein Pferd versorgen. Ich weiß nicht, ob der
+Mensch, dem ich es übergeben habe, sich damit auskennt. Was
+ist denn das für ein Betrunkener draußen, um den sie alle
+herumstehen?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Der Herr beschütze uns vor dem Übel ... Erst neulich habe
+ich in der Zeitung gelesen, daß der berüchtigte Thomas Field
+frecherweise in den Palast des Herzogs von York gedrungen
+ist.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Wen darf ich melden, Sir?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Mister Rippledale aus London. Benachrichtigen Sie zuerst Sir
+Francis.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(argwöhnisch)
+
+Mister Rippledale –?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Ein falscher Name. Ohne Zweifel ein falscher Name.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Was murmelt der Dicke dort? Ei, sind Sie es, Sir, der auf
+einem Ding, mehr Ochse als Gaul, beständig vor mir
+hergetrabt ist? Ein andermal machen Sie Platz, wenn einer
+hinter Ihnen ist, der Eile hat.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(demütig stotternd)
+
+Es ... ich ... der Weg war so schmal ... (Abgewendet.) Die
+Sprache! Er muß eine ganze Bande im Rücken haben.
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(leise zum Majordom)
+
+Ich lasse mich hängen, wenn das kein Frauenzimmer ist.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Sir Francis kommt erst von der Jagd zurück, Sir.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Dann führen Sie mich einstweilen in seine Zimmer.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Schau, schau, wie schlau! Und doch, wie wenig schlau. Wie
+tollkühn vielmehr.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(kommt eilig. Ein junger Mann von zwei- bis dreiundzwanzig
+Jahren mit hübscher Gestalt und hübschem Gesicht. Er trägt
+einen roten Jagdreitrock, manchesterne Reithosen und lange
+Stiefel mit weiten Schäften. Mit allen Zeichen der
+Bestürzung.) Um Gottes willen, du hier, E – –
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(ist schnell auf ihn zugegangen, drückt die Hand auf seinen
+Mund)
+
+Ja, ich bin’s. Bist du nicht froh, deinen alten Rippledale
+hier zu sehen?
+
+
+_Sir Francis_
+
+Ich sah dein Pferd draußen. Ich erkannte es gleich. Aber – –
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wundre dich nicht länger. Jede Frage ist überflüssig.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Mein Vater – –
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Mit ihm zu reden bin ich gekommen. Ich bin von Suffolk
+herübergeritten, wo ich übernachtet habe und wo meine
+Freunde geblieben sind.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(noch immer fassungslos)
+
+Du kannst ihm doch nicht in diesem Aufzug unter die Augen
+treten – –
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Auch dafür ist gesorgt. Ich habe Mary mit den Kleidern
+vorausgeschickt.
+
+
+_Ein Diener_
+
+(kommt)
+
+Es ist ein Frauenzimmer da mit einer Schachtel für Mister
+Rippledale.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Also rasch, mein Lieber, bring mich in ein Zimmer, wo ich
+mich herrichten kann. (Sie wendet sich gegen die Halle, in
+der jetzt der betrunkene James erscheint, von einigen
+männlichen und weiblichen Dienstboten umgeben, die ihn zu
+verhindern suchen, ins Zimmer zu dringen.)
+
+
+_Sir Francis_
+
+(Emma folgend und in sie hineinredend)
+
+Es ist sinnlos, sage ich dir. Bei ihm erreichst du nichts
+damit.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wir werden sehen, jedenfalls ist deine Angst vor ihm
+lustiger als du meinst. Ich liebe nicht, daß man hinter
+meinem Rücken über mich verfügt, und ich bin neugierig, wie
+er es macht, wenn ich dabei bin. (Sie geht ab.)
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Das Geheimnis wird immer undurchdringlicher.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(bleibt auf der Schwelle stehen, zum Majordom gewandt und
+auf die Gruppe um James deutend)
+
+Was ist das, Mister Wardle?
+
+
+_Der Majordom_
+
+Ich weiß nicht mehr, was ich anfangen soll, Sir Francis.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Schaffen Sie ihn hinaus. – Wenn mein Vater nach mir fragt,
+sagen Sie ihm, ich sei noch nicht zurück. (Ratlos vor sich
+hin.) Mein Gott! (Ab.)
+
+
+_James_
+
+(in der Halle)
+
+Die Welt ist kugelrund ... drum will ich mich vergnügen ...
+sauft nur in vollen Zügen ... dann bleibt ihr auch gesund
+... (Erblickt Sir Francis.) Sir Francis! oh, Sir Francis!
+Armer Sir Francis!
+
+
+_Sir Francis_
+
+(bleibt einen Moment draußen stehen, winkt dem Betrunkenen
+verwirrt zu, dann weiter und nach rechts ab).
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(stürzt gegen die Schwelle, da James trotz der Diener, die
+ihn zurückhalten, sich dem Zimmer nähert)
+
+Nicht hier herein!
+
+
+_Der Majordom_
+
+Nehmen Sie doch Vernunft an, James! Sie kommen ja von Dienst
+und Brot, wenn Mylord –
+
+
+_James_
+
+Und wär die Welt nicht kugelrund ... (Er kämpft mit denen,
+die ihn halten, dringt aber dabei immer weiter vor.)
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Die Überwucherung der tierischen Natur kann Übeltaten im
+Gefolge haben, deren Tragweite sich gar nicht ermessen läßt.
+Für den Zuschauer ist dabei das Gedächtnis ein quälender
+Faktor. Ich erinnere mich eines Tuchwebers, der in der
+Trunkenheit seine eigene Großmutter erdrosselte. (Er
+verbeugt sich tief, da von rechts der Lord und Doktor
+Middlewater eintreten.)
+
+_Lord Hamilton_ ist eine Erscheinung von imposanter
+Magerkeit. Sein Gesicht hat den Ausdruck dürren Ernstes.
+Ihm zu widersprechen, scheint wahnsinnig. Doktor
+Middlewater, ein Landarzt, hat seinen Vorteil darin zu
+finden gelernt, dem Lord nach dem Mund zu reden.
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+Man kann mit einem solchen Leiden neunzig Jahre alt werden,
+Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich hoffe es. Im Übrigen ist mein Körper dazu da, um mir zu
+dienen, so lange ich ihn brauche.
+
+
+_James_
+
+Und wär die Welt nicht kugelrund ... so müßt ich mich
+erhängen ... (Er stockt, da der Lord erstaunt auf die Gruppe
+zugeht.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Was bedeutet das, Mister Wardle?
+
+
+_Der Majordom_
+
+Wir haben alles mögliche versucht, den Mann zur Besinnung zu
+bringen, Mylord.
+
+
+_James_
+
+Eure Herrlichkeit mögen verzeihen ... ich bin ein
+sterblicher Mensch ... ich ... (Er zuckt unter dem Blick
+seines Herrn zusammen, schweigt, bemüht sich, fest zu
+stehen.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(überlegt eine Weile; plötzlich nimmt sein Gesicht die Miene
+der Besorgnis an)
+
+Doktor Middlewater, der Mann ist krank.
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+(kichert, nach einem Blick des Lords faßt er sich)
+
+Es scheint mir selber so, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(strafend)
+
+Fühlen Sie ihm den Puls, Doktor Middlewater.
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+(tut es; James fügt sich wie gebannt).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Der Mann hat Fieber, Doktor Middlewater. Der Mann hat hohes
+Fieber.
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+(eifrig)
+
+Ohne Zweifel, Mylord. Der Mann hat beträchtliches Fieber.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Mister Wardle, Sie werden veranlassen, daß der Mann zu Bett
+gebracht werde.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Du hörst es, James –!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Vorher übergieße man ihn mit zwei Eimern kalten Wassers.
+Gegen das Fieber.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Soll geschehen, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Hierauf werden Sie ihm zur Ader lassen, Doktor Middlewater.
+Zwei Unzen des kranken Bluts können Sie ihm gut und gern
+entziehen, nicht wahr, Doktor Middlewater?
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+Ich bewundere die Sachkenntnis Eurer Herrlichkeit.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sodann belegen Sie ihm Brust und Rücken mit Senfpflastern,
+und Sie, Missis Adams, sorgen dafür, daß ein stark
+purgierender Tee für ihn gekocht werde. (Missis Adams ab.)
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+Es fragt sich allerdings, ob bei diesen Jahren eine so
+vehemente Kur – –
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(ohne den Einwurf zu beachten; streng)
+
+Daß du dich widerspruchslos diesen Verordnungen fügst,
+James! Du bist todkrank, hörst du? Und das eine merk dir für
+die Zukunft: Kein solches – Fieber mehr! Hinaus mit ihm!
+Doktor Middlewater, tun Sie Ihre Pflicht. (Die Diener führen
+den schon halb ernüchterten und widerstandslosen James ab.
+Der Doktor folgt ihnen.) Nun zu unserem Geschäft, Mister
+Dashwood. (Zum Majordom.) Sir Francis soll kommen.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Sir Francis ist von der Jagd noch nicht zurück.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wie viel Uhr ist es?
+
+
+_Der Majordom_
+
+(mit Blick auf die Wanduhr)
+
+Elf Uhr, neun Minuten.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Unmöglich.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(ängstlich)
+
+Mister Fletcher hat soeben die Uhr reguliert, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(ruhig)
+
+Da Sir Francis für elf Uhr bestellt ist, kann es jetzt
+unmöglich elf Uhr neun sein, Mister Wardle.
+
+
+_Der Marjordom_
+
+(blöde; weiß nichts zu antworten).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(mit der Taschenuhr in der Hand)
+
+Es ist zehn Uhr fünfzig Minuten. Stellen Sie den Zeiger dort
+gefälligst zurück, Mister Wardle.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(rückt einen Stuhl vor die Uhr, steigt hinauf, vollzieht den
+Befehl, dann kopfschüttelnd ab).
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(schüchtern)
+
+Ich glaube Sir Francis schon hier gesehen zu haben, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sprechen wir nicht von Ihren privaten Wahrnehmungen, Mister
+Dashwood. Es ist für mich kein Anlaß vorhanden, über Ihre
+Sinnestäuschungen zu diskutieren. »Ich glaube« heißt so
+viel, als »ich schwätze«.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(verletzt)
+
+Ohne daß ich dieser großartigen Auffassung zu nahe treten
+will, lassen sich doch Fälle denken, wo die Bestimmtheit der
+Angaben einer notgedrungenen Philosophie zuwiderläuft. Die
+Kleinen müssen politisch sein, wo die Großen ihrem Impulse
+gehorchen. Lord Gordon durfte eine Revolution anzetteln und
+behielt seinen Kopf, aber der arme Snatch kam an den
+Galgen. Was würde Eure Lordschaft sagen, wenn ich mich
+unterstehen wollte, im Schlafrock vor Ihnen zu erscheinen?
+Ich bitte um Entschuldigung, es ist dies nur vergleichsweise
+gesprochen: ich meine im Schlafrock der Rede.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(auf und ab gehend; ungeduldig)
+
+Schwätzer waren immer meine Feinde. Ich wünsche nicht, daß
+man in Gleichnissen zu mir spricht. Das sind
+Vertraulichkeiten, die ich nicht liebe. Sie wissen, weshalb
+ich Sie rufen ließ, Mister Dashwood. Das ungeheuerliche
+Heiratsprojekt meines Sohnes zwingt mich zu einem solchen
+schweren Schritt.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Das Gesetz legt Ihnen nur geringe Hindernisse in den Weg,
+Mylord. Es ist ein erhebendes Gefühl für den Staatsbürger,
+daß die Wagschale der Justitia sich stets auf die Seite der
+Autorität neigt.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich habe inzwischen durch meinen Londoner Mittelsmann genaue
+Nachrichten über die fragwürdige Person dieser Emma Lyon
+einziehen lassen. Die Nachrichten bestätigen meine
+schlimmsten Ahnungen, und wenn Sir Francis, was sich in
+dieser Stunde noch entscheiden wird, auf seinem Vorsatz
+beharrt, werde ich keinen Sohn mehr haben.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Es wird nicht an mir liegen, wenn die Inkraftsetzung der
+vermögensrechtlichen Maßregel einen langsameren Gang nimmt,
+als der Heroismus wünschbar macht, den ich an Eurer
+Herrlichkeit ehrfürchtig erkenne.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(nimmt den Brief aus der Tasche)
+
+Es wird sich zeigen.
+
+
+_Ein Diener_
+
+(meldet)
+
+Sir Francis. (Ab.)
+
+
+_Sir Francis_
+
+(schuldbewußt)
+
+Ich bitte Sie um Verzeihung, Vater, daß ich mich verspätet
+habe.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Nicht daß ich wüßte. Wie du siehst, ist es elf Uhr. Punkt
+elf Uhr.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Wirklich? – Dann muß meine Uhr falsch gehen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Das leidet keinen Zweifel. Die Unterredung, zu der ich dich
+gebeten habe, könnte auch nicht wie ein Rendez-vous zwischen
+Kartenspielern behandelt werden.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(unruhig, mit Blick auf den Notar)
+
+Ich darf doch hoffen, daß eine solche Zwiesprache unter vier
+Augen ...
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Mister Dashwood ist Amtsperson und hat als solche weder zu
+hören noch zu sehen. Betrachte ihn als abwesend.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(resigniert)
+
+Wie Sie befehlen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Du hast mir gestern eine Art von Entschluß brieflich
+kundgegeben. Abgesehen davon, daß ich die Zulässigkeit eines
+schriftlichen Verkehrs zwischen uns niemals in Erwägung
+gezogen habe, kann ich mir auch den ... nun, sagen wir, den
+Mut deiner Ausdrucksweise nur durch den Gebrauch von Tinte
+und Feder erklären. Ein Hamilton spricht höchstens, aber er
+schreibt nicht.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(schnupft; vor sich hin)
+
+Ein Diktum von antiker Größe.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Wenn Sie Emma kennten, Vater – –
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Emma? Was ist das, – Emma –? Du unterstehst dich, mit
+sonderbarer Intimität einen Namen zu nennen, der für mich
+nicht mehr bedeutet als der Straßenschmutz.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(aufwallend)
+
+Durch eine solche Sprache empören Sie alle meine Gefühle!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(kalt)
+
+Ich statuiere deine Gefühle nicht, mein Sohn. Gefühle sind
+der Luxus der Unbotmäßigen.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Herrlich! Unvergleichlich! Wie sagt Hamlet: Schreibtafel
+her.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(wütend)
+
+Könnte jener Mann nicht schweigen, da er doch – abwesend
+ist?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wir wollen zunächst den Tatbestand ordnungsmäßig darlegen.
+(Setzt sich in richterliche Pose.) Mister Dashwood, seien
+Sie so freundlich, den Bericht über die Vergangenheit der in
+Rede stehenden Personage vorzulesen. Meine Zunge sträubt
+sich dagegen. (Reicht das Schriftstück hinüber.)
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(liest)
+
+Besagte Emma Lyon ist von der niedrigsten Herkunft. Man weiß
+weder die Zeit noch den Ort ihrer Geburt anzugeben. Zuerst
+war sie Gouvernante, dann ergab sie sich einem schändlichen
+Gewerbe. Sie durchlief die Straßen von London; auf den
+Trottoirs der unermeßlichen Hauptstadt irrte sie obdachlos
+umher und sank zur tiefsten Erniedrigung ihres Geschlechtes
+herab.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Dies ist eine Verleumdung!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es würde wenig Konsequenz, selbst in der Verranntheit,
+beweisen, wenn dich meine Ermittlungen sogleich überzeugen
+würden. Ein Umstand, der freilich ihrer Triftigkeit nichts
+anhaben kann. Fahren Sie fort, Mister Dashwood.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(in weinerlichem Ton)
+
+– Geschlechtes herab. Da traf sie einen schottischen
+Scharlatan, der sich Doktor Graham nennen ließ und der einen
+sogenannten Tempel der Gesundheit mit einem sogenannten
+himmlischen Bett eingerichtet hatte. Wer für die Nacht
+fünfzig Pfund bezahlte, durfte sich in das mit Gold und
+Seide geschmückte Bett legen und erhielt angeblich die
+verlorenen Kräfte der Liebe und der Männlichkeit zurück.
+
+
+_Sir Francis_
+
+So viel ist richtig, daß Doktor Graham Emmas Wohltäter war.
+Es ist richtig, daß sie Not litt und an dem Schotten einen
+väterlichen Beschützer fand.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich gebe zu, daß du ein guter Schütze und ein
+ausgezeichneter Schwimmer bist, aber dein Verhältnis zur
+Welt ist ein wahrhaft kindliches.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Übrigens ist sogar der Lord Schatzkanzler in dem himmlischen
+Bett gelegen.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(für sich)
+
+Bejammernswerte Verirrung des Menschengeistes!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Fahren Sie fort, Mister Dashwood. Sie würden mich verbinden,
+wenn Sie die persönlichen Äußerungen Ihrer sittlichen
+Entrüstung einstellen könnten.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+– der Liebe und der Männlichkeit zurück. Doktor Graham
+verfiel auf den Gedanken – (stockt, zieht das Taschentuch,
+wischt die Stirne.) Mylord, es fällt mir schwer ...
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Überwinden Sie sich, Mister Dashwood.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+– verfiel auf den Gedanken, Emma Lyon völlig ... völlig
+unbekleidet ...
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(scharf)
+
+Steht da »unbekleidet«, Mister Dashwood?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(trostlos)
+
+Nackt. Völlig nackt!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(erhebt sich)
+
+So ist es. Völlig nackt. Das ist der Gipfelpunkt.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+– oder kaum bedeckt mit einem Schleier ...
+
+
+_Sir Francis_
+
+(seine Position mit ungenügenden Mitteln stützend)
+
+Also doch mit einem Schleier bedeckt –
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(stark)
+
+Kaum! – kaum!
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Der Herr bewahre mich in seiner Huld und Gnade vor diesem
+Sodom!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Er verfiel also auf den Gedanken, besagte Emma Lyon völlig
+nackt, oder –
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(mit erbarmenswürdiger Stimme)
+
+– kaum bedeckt mit einem Schleier unter dem Namen der Göttin
+Hygäa in das Vorzimmer zu dem himmlischen Bett zu postieren
+und sie für Geld sehen zu lassen ... Neugierige strömten nun
+in Massen herbei, um vor dem Altar der Göttin ihren Tribut
+niederzulegen und bald sah man überall unanständige
+Kupferstiche der neuen mythologischen Person, Bilder, worauf
+sie als Venus, als Phryne, als Olympia, als Kleopatra
+abkonterfeiet war.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich danke; damit ist es genug. Wir brauchen uns keine Mühe
+mehr zu geben, den Pfuhl weiter auszumalen. Ob du von
+alledem unterrichtet warst, lasse ich dahingestellt. Ich
+frage mich nur, wie es möglich war, daß du eine Verbindung
+mit diesem Auswurf des Lasters auch nur in Betracht ziehen
+konntest ...
+
+
+_Sir Francis_
+
+(verzagt)
+
+Ich liebe sie.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Einfältiges Zeug!
+
+
+_Sir Francis_
+
+Wenn Sie auch nicht Rechte der Leidenschaft anerkennen,
+Vater –
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Lüderliche Phantasien! Ich hörte einmal einen Münzensammler
+sagen, daß er seine Münzen liebe. Das hatte wohl eher einen
+Sinn. Man habe keine Leidenschaften unter der Würde des
+eigenen Standes. Und wenn man sie hat, so verberge man sie
+wie ein unappetitliches Geschwür. Wo in aller Welt ist es
+erhört, daß man aus einer »Leidenschaft« die Folgerung zu
+heiraten ableitet?
+
+
+_Sir Francis_
+
+Erfüllen Sie mir eine einzige Bitte, mein Vater, ehe Sie
+sich endgültig entschließen ...
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Nun?
+
+
+_Sir Francis_
+
+Sprechen Sie mit Emma Lyon!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(voll Verachtung)
+
+Du bist ebenso verrückt als vermessen.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(mit stoischer Gleichgültigkeit, da er keine Hoffnung mehr
+hat)
+
+Sie ist hier im Hause und will nicht eher fort als bis sie
+mit Ihnen gesprochen hat.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(starr und steif)
+
+Wie –?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Jesus Christus steh mir bei!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(tritt, in weiblicher Kleidung, draußen in die Halle).
+
+
+_Der Majordom_
+
+(geht auf sie zu, sie spricht mit ihm, er kommt und meldet
+mit dummem Gesicht)
+
+Mister Theseus Rippledale bittet vorgelassen zu werden.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich kenne keinen Mister Theseus Rippledale. Bedaure.
+(Majordom ab.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(am Majordom vorüber, tritt frech ein. Ihr Kostüm ist im
+Stil des Direktoire gehalten; es ist äußerst geschmackvoll
+und bringt die Formen des Körpers verführerisch zur Geltung)
+
+Guten Morgen, Mylord. Mister Rippledale und Emma Lyon sind
+nämlich ein und dieselbe Person.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(mit gefalteten Händen vor sich hin)
+
+Lockbild der Hölle!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich konnte doch den armen Schelm nicht ganz ohne Beistand
+dem Sturm des väterlichen Unwillens preisgeben. Im
+Wortgefecht ist er leider nicht sehr gewandt. Auch muß man
+ihn bisweilen an der Leine halten wie einen unbesonnenen
+jungen Hund.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(schweigt angeekelt).
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(unbekümmert weiterplaudernd)
+
+Sie als Vater können freilich nicht so viel Possierliches
+an ihm finden wie ich. Er hat sich in letzter Zeit zu seinem
+Vorteil entwickelt, aber als ich ihn kennen lernte, konnte
+er durch die Art, wie er ein Kompliment machte, eine
+Methodistenversammlung zum Lachen bringen und seine
+Konversation hätte einen Holzhacker in Verlegenheit
+gebracht. Es hat Mühe gekostet, ihm eine passable Figur zu
+geben. Sie haben seine Erziehung entschieden vernachlässigt,
+Mylord.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(entsetzt flüsternd)
+
+Ein Dämon!
+
+
+_Sir Francis_
+
+(zerknirscht und vorwurfsvoll)
+
+Emma –!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(schweigt, schaut gegen die Zimmerdecke).
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(wie oben)
+
+Was Wunder, daß ich mit dem Vorurteil herkam, ein
+unwirtliches Waldhaus und in ihm einen bissigen
+Menschenfeind zu finden? Francis hat nur mit Zähneklappern
+von seinem väterlichen Heim gesprochen, und da endlich sagte
+ich mir: den Minotaurus will ich sehen. Vielleicht ist er
+gar nicht so fürchterlich. In der Tat er ist nicht
+fürchterlich. Auch mutet mich alles hier ganz behaglich an,
+und die Theseus-Rolle kommt mir fast schon komisch vor. (Zu
+Sir Francis.) Was meinst du, liebe Ariadne?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Diese Vertrautheit mit der Mythologie ist nicht groß
+erstaunlich.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(ergreift die Handglocke, läutet energisch. Ein Diener
+kommt)
+
+Mister Rippledale wünscht seinen Wagen. Lassen Sie
+vorfahren!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Mister Rippledale ist zu Pferde gekommen, Mylord. (Sie ist
+durchaus nicht aus der Fassung gebracht, spricht, als ob ein
+unsichtbarer Rippledale vor ihr stände.) Sie wollen schon
+gehen, Mister Rippledale? Schade. Aber ich sehe ein, daß Sie
+sich nicht zweimal mit dem Zaunpfahl winken lassen wollen.
+Ich wünsche Ihnen gute Reise. (Schüttelt dem Unsichtbaren
+die Hand.) Sei so freundlich, Francis, und begleite Mister
+Rippledale hinaus. (Da Sir Francis sie zögernd anschaut, mit
+einem befehlenden und vielsagenden Blick.) Hurtig, mein
+Lieber! Mister Rippledale ist nicht gewöhnt, unhöflich
+behandelt zu werden. (Zu Mr. Dashwood.) Und Sie, mein
+dicker Reitersmann, Sie würden gut daran tun, wenn Sie
+draußen die Identität meines Freundes Rippledale feststellen
+würden. Nehmen Sie ihn in ein Kreuzverhör und lassen Sie
+sich eine kleine Magenstärkung reichen. (Zum Diener, der mit
+aufgerissenen Augen wartet.) Ein Glas Sherry für den Herrn!
+Er bedarf der Kräftigung.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(erhebt sich, starrt den Lord ratlos an, weicht vor der
+Berührung Emma Lyons zurück, die ihn unterm Arm fassen will,
+und da der Lord wie versteinert ist und keine Miene macht zu
+sprechen, geht er in weitem Bogen ängstlich um sie herum
+nach der Tür, wo ihm Sir Francis durch eine mürrische Geste
+bedeutet, daß er gehen solle. Er schlägt die Hände zusammen,
+als sei der Untergang der Welt angebrochen, und verläßt das
+Zimmer. Der Diener folgt ihm, dann, nach kurzem Zaudern und
+unter allerlei Versuchen, stumm mit Emma Lyon zu
+korrespondieren, auch Sir Francis).
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(schließt die Türe zur Halle hinter ihnen)
+
+Auf Wiedersehen, lieber Rippledale! (Öffnet noch einmal die
+Tür und winkt.) Addio! (Kehrt zurück.) Darf ich jetzt von
+Ihrer Einladung, Platz zu nehmen, Gebrauch machen, Mylord?
+(Sie setzt sich, lächelt gewinnend.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(ist vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen
+konsterniert. Er greift sich wie träumend an den Kopf. Seine
+Stimme klingt heiser, während er stotternd beginnt)
+
+Wer sind Sie? Wer gibt Ihnen das Recht, vermittelst einer
+schamlosen Komödie in mein Haus zu dringen?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(blickt ihn mit unschuldiger Miene lächelnd an, winkt, als
+ob sie ihn ermuntern wolle).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(immer noch mühsam nach Worten ringend, wobei er sich
+bestrebt, das junge, schöne Geschöpf nicht zu sehen)
+
+Sie erteilen Befehle an meine Dienerschaft. Ich erkläre
+diese Befehle für ungültig.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(harmlos)
+
+Das dacht ich mir gleich.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sie haben mich überfallen, aber ich weigere mich, mit Ihnen
+zu sprechen. Ich fordere Sie auf, Sir Francis und Mister
+Dashwood wieder hereinzurufen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Daß ich eine Närrin wäre! Es hat Arbeit genug gekostet, sie
+hinauszubringen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich kenne Sie nicht, ich – –
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Tut nichts, Mylord. Es ist ja der Zweck meiner Anwesenheit,
+daß Sie mich kennen lernen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ihre Gegenwart ist mir unerwünscht, und wenn Sie nicht gehen
+wollen, so werde ich einem meiner Diener befehlen müssen,
+Sie hinauszubegleiten.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ah? wirklich? würden Sie das wirklich tun?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(nimmt die Handglocke, läutet).
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(fast fröhlich)
+
+Ich bin gespannt, ob Sie dazu den Mut finden werden.
+
+
+_Ein Diener_
+
+(kommt)
+
+Mylord befehlen?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(heftet plötzlich einen etwas verzagten Blick auf Emma Lyon;
+er zaudert).
+
+
+_Der Majordom_
+
+(kommt)
+
+Mylord befehlen?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(lächelnd)
+
+Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Gentleman sich auf
+diese Weise einer Dame entledigt.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(zum Majordom, gepreßt)
+
+Sagen Sie Mister Dashwood, er möge warten. (Winkt den
+beiden, das Zimmer zu verlassen.)
+
+
+_Der Majordom_
+
+Sehr wohl. (Ab mit dem Diener.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Jetzt bleibt Ihnen nichts übrig, als daß Sie selbst die
+Flucht ergreifen, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(bleibt unwillkürlich stehen)
+
+Ich fliehe nicht, ich ignoriere bloß.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Aber Sie haben mich doch nicht ignoriert, als Sie Spione auf
+meine Spur geschickt haben, die meine Vergangenheit
+durchschnüffeln mußten, – wie kommt das?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es geschah für die Ehre der Familie.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Und sind Sie überzeugt davon, daß man Ihnen die Wahrheit
+berichtet hat?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Man hatte keinen Grund zu Entstellungen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+So war es nicht gemeint. Ich bezweifle nur, daß man imstande
+gewesen ist, Ihnen die _ganze_ Wahrheit zu enthüllen.
+Vielleicht hätten Sie dann eine Kompagnie Soldaten
+aufgeboten, um Sir Francis’ Unschuld vor mir zu schützen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Dieser Zynismus entwaffnet mich nicht. (Finster.) Sagen Sie
+in aller Kürze, was Sie noch zu sagen haben. Ich will
+versuchen, Sie anzuhören, um mich nicht dem Vorwurf
+auszusetzen, als ob ich ungehört verdammte.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Warum sollten Sie mich denn verdammen, Mylord? Ist es etwa
+nicht erlaubt, daß einer von dem Kapital lebt, das er
+besitzt? Ziehen Sie nicht mit Hilfe Ihrer Pächter aus Ihren
+Ländereien so viel Gewinn, wie Sie daraus ziehen können? Sie
+würden lachen, obwohl Sie vermutlich ungern lachen, wenn
+ich Sie bitten würde, mir eine Wiese oder ein Stück Wald zu
+schenken. Warum also sollte ich mich verschenken? Ich habe
+nur mich selbst. Ich beleidige Ihr keusches Ohr, ich weiß
+es. Es gibt keinen Kiebitz, der nicht die Tugend preist. O
+ja, die Tugend ist eine ganz schöne Sache, wenn das
+Lebensspiel sie nicht als Einsatz fordert. Wenn mir das
+Schicksal die Versprechungen erfüllt, die ich ihm abgerungen
+habe, will ich so tugendhaft sein wie ein zahnloses altes
+Weib. Bis dahin kann mich nicht einmal Ihre Verachtung
+hindern, meine – Wälder und Ländereien zinstragend zu
+verwerten.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(begegnet endlich ihrem Blick, wendet jedoch sofort wieder
+die Augen ab. Die schlaue Emma Lyon bemerkt, daß er nicht
+mehr daran denkt, sie durch Hinausgehen zu brüskieren. Diese
+Sicherheit gibt ihr noch mehr Impertinenz. Der Lord zieht
+die Brauen zusammen und versetzt widerwillig)
+
+Das alles interessiert mich nicht. Auch sehe ich keinen
+plausiblen Grund darin, weshalb Sie Ihre Netze gerade nach
+meinem Sohn werfen mußten.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Na, einer muß es doch sein.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Die vernünftige Erwägung muß Ihnen sagen, daß diese
+Spekulation verfehlt ist.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Keineswegs. Weshalb denn? Was können Sie ihm anhaben? Sie
+werden ihn aufs Trockene setzen. Gut. Sie werden ihn des
+baren Geldes berauben, mehr ist Ihnen nach den Gesetzen
+unseres Landes nicht verstattet. Grund und Boden muß er
+erben. Sie sehen, auch ich habe mich unterrichtet.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Francis ist nicht der Mann, um einer Torheit willen zwanzig
+Jahre lang zu hungern. Denn so lange gedenke ich mindestens
+noch auf Easton Park zu wohnen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Das glaub ich. Aus lauter Trotz werden Sie am Ende hundert
+Jahre alt. Aber auf die Dauer können Sie nicht so verblendet
+sein, der friedlichen Fortpflanzung Ihres Geschlechts
+unnötige Hindernisse zu bereiten.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sie irren.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Lady Hamilton sein werde,
+– so oder so.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(kalt)
+
+Dann werde ich Ihnen beweisen müssen, daß es noch Mittel in
+England gibt gegen Abenteuerinnen Ihres Schlags.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Nein, Mylord, die gibt es nicht. Und wissen Sie, warum
+nicht? Weil in England Männer regieren.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ja, glauben Sie denn im Ernst, daß Ihnen kein Mann im
+Königreich gewachsen ist?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ach, Mylord, Sie tun mir leid! Sie ahnen nicht, wie sie alle
+schmelzen, wie die stolzesten Hähne klein werden und sich
+die Federn putzen und wie gefällig sie mit den Füßen
+scharren und wie einladend sie krähen, wenn ich bloß am
+Horizont auftauche. Neulich hatte ich in Kings bench zu tun;
+na, da war ein Richter, – ich kann Ihnen sagen, sein Gesicht
+war saurer als Essig, und er hatte eine Art dreinzublicken,
+als läge es in seiner Macht, die ganze Christenheit um einen
+Kopf kürzer zu machen. Ich war angeklagt, weil der Sohn des
+Lord Hervey idiotisch genug war, hunderttausend Pfund in
+meiner Gesellschaft zu verspielen, als ob es meines Amtes
+wäre, erst nachzufragen, wie lang ein Grünspecht vom
+Wickeltisch zum Pharaotisch sich Zeit lassen muß. Kaum hatte
+ich angefangen, mich zu verteidigen, kaum hatte ich mein
+seidenes Tuch gezogen, um meinen Tränen ein anständiges
+Quartier zu verschaffen, da zerging der Gestrenge schon wie
+Butter, er machte Zeichen mit den Händen, grinste wie ein
+Hökerweib am Feierabend und hatte Augen so lang wie ein
+Hummer, wenn man ihn ins heiße Wasser tut. Ich konnte nicht
+widerstehen, ich mußte ihn durch ein paar freundliche Worte
+aufmuntern.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(dem plötzlich unbehaglich wird)
+
+Ich bin nicht fähig, Ihrer Suada zu begegnen, Madame. Ich
+bekenne offen, daß ich ein schlechter Redner bin. Selbst das
+Zuhören ermüdet mich, und meine Gedanken schweifen haltlos
+umher. Haben Sie doch die Güte, mich jetzt allein zu lassen.
+Vielleicht erteilen Sie Mister Wardle Auftrag, daß er Ihnen
+den Lunch serviere, bevor Sie Easton Park den Rücken kehren.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wenn ich in Easton Park den Lunch nehme, Mylord, werde ich
+es entweder in Ihrer Gesellschaft oder gar nicht tun.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(setzt sich mit versorgtem Gesicht)
+
+Also wie soll das enden?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(mit versteckter Schelmerei)
+
+Ist Ihnen nicht wohl, Mylord? Sicherlich ist Ihnen nicht
+wohl. Es wäre grausam, wenn ich Sie jetzt allein ließe.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es scheint, Sie treiben ein Spiel mit mir ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Gott bewahre. Dazu ist mein Respekt viel zu groß. Ich habe
+ein bißchen Revolution auszuführen versucht, das ist alles,
+aber Ihre Unerschütterlichkeit flößt mir Bewunderung ein.
+Mit Ihnen kann man nicht paktieren. Trotzdem schlage ich
+Ihnen ein Kompromiß vor. Überzeugen Sie mich davon, daß Ihr
+Geschlecht zu keiner Zeit und unter keiner Bedingung ein
+plebejisches Reis auf seinen erlauchten Stammbaum gepfropft
+hat, und ich will mich bescheiden. Ich gebe Sir Francis den
+Laufpaß, wenn Sie mir beweisen können, daß Ihre adeligen
+Vorfahren keinen andern Ehrgeiz gehabt haben, als eine
+fehlerlose Genealogie zu fabrizieren.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(in die Enge getrieben, vornehm)
+
+Wenn ich eine Erörterung hierüber für möglich hielte, würde
+ich die Fundamente untergraben, auf denen ich stehe.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Und damit soll ich mich zufrieden geben? Die Klatschbase,
+die man Geschichte nennt, behauptet ganz frech, daß hin und
+wieder eine ziemlich zweifelhafte Lady ins Ehebett eines
+leichtsinnigen Lords geschlüpft ist. Oder ist es Schwindel,
+daß Lord James eine arme irische Schauspielerin geheiratet
+hat? Sie soll freilich so schön gewesen sein, daß während
+ihrer Vorstellung bei Hof der Scharlach der Aristokratie auf
+Tische und Stühle stieg, um sie zu sehen. Douglas Hamilton
+vergaß sich so weit, die Tochter eines Akziskommissärs mit
+seiner Hand zu beglücken. Von einigen Ladies habe ich mir
+gar sagen lassen, daß sie mit Kutschern, Schreibern,
+Schmugglerkapitänen ...
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(nervös)
+
+Nicht weiter, Madame! Genug der Indiskretionen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Die Wahrheit wird immer beschimpft, wenn sie unbequem ist.
+Sehen Sie mich doch einmal an, Mylord! Kommt es Ihnen nicht
+so vor, als ob ein Frauenzimmer meiner Kategorie geeigneter
+wäre, die verdickten Ahnensäfte wieder zum Moussieren zu
+bringen, als irgend eine hochgeborene Kuh aus einem sublimen
+Stall –?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Stall –? Kuh –? Um Himmels willen, was für Worte!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich habe jetzt nicht Lust, auf meine Worte zu achten. Sehen
+Sie mich an, sage ich.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(irritiert)
+
+Nun ja ... ja ... ich sehe.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Was finden Sie an meinem Wuchs zu tadeln?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(noch mehr irritiert)
+
+Ich habe ... offengestanden ... darüber kein Urteil.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wer verstände nicht zu tadeln, auch wenn er kein Urteil hat!
+So schauen Sie wenigstens. Was haben Sie an diesen Schultern
+auszusetzen? was an der Büste? Diese Linien (mit den
+Fingerspitzen an den Hüften entlang streifend) sind edler
+als jeder Name. Der Fuß, Mylord, (hebt ihr Kleid ein wenig)
+zeigen Sie mir einen aristokratischen Fuß, vor dem er sich
+verstecken müßte. Und der Nacken, – (wendet sich) mißfällt
+er Ihnen? Die Haare, – braucht man sich ihrer zu schämen?
+Die Hand, – läßt sie auf eine schlechte Rasse schließen?
+Ohr, Nase, Stirn, Zähne, Lippen, – vertragen sie nicht jede
+Kritik? Romney hat mich vierzehnmal porträtiert, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(bestürzt und im Anfangsstadium einer verhängnisvollen
+Narkose)
+
+Romney ... jawohl. Mister Romney ist ein Meister seines
+Handwerks. Er hat auch die Königin gemalt, wenn ich nicht
+irre ... Aber würden Sie nicht die Freundlichkeit haben, Miß
+Lyon, sich in größerer Entfernung von mir aufzuhalten? Ihr
+Parfüm ist es, glaube ich, das mich schwindlig macht.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(diebisch)
+
+Soll ich das Fenster öffnen, Mylord?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir ein Glas Wasser
+reichen wollten.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(tritt beflissen zum Tisch, schenkt aus einer Karaffe Wasser
+in ein Glas, bringt es ihm).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich danke Ihnen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(nachsichtig)
+
+Sie sind an die Nähe von Frauen nicht mehr gewöhnt, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Durchaus nicht. – Durchaus nicht.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Schade. Dabei vertrocknet das Temperament. Ist Ihnen besser?
+(Sie faßt seine Hand.) Die arme kalte Hand!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(scheu)
+
+Die Ihre freilich, Miß Lyon, die Ihre ist hinlänglich warm.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wie pedantisch! Hinlänglich warm! O Gott!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es ist außerdem eine begehrliche Hand; sie ist allzu
+begehrlich.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wer nicht zehnmal so viel begehrt als ihm gewährt wird, der
+soll nicht zu leben anfangen. Weiter, Herr Chiromant? Was
+sehen Sie noch? Daß ich neugierig bin? Stimmt. Eitel?
+Stimmt. Treulos? Stimmt. Aber treulos machen uns nur die,
+die kraftlos sind.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Was ist das für eine Narbe hier neben dem Daumen?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sie stammt von den Zähnen des Prinzen von Wales.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wieso? Ist er bissig?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Er beißt aus Enthusiasmus. Aber er steht in meiner Schuld
+dadurch. Die Narbe ist unter Brüdern eine Einladung nach St.
+James wert.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Was doch alles geschieht! Sonderbar. Ich muß gestehen, ich
+fasse nicht die Existenz, die Sie führen. Da reiht sich wohl
+Fest an Fest und Genuß an Genuß, und für Genauigkeit und
+Regelmäßigkeit bleibt nichts mehr übrig. Und dabei kann man
+leben ... es macht wohl gar Spaß? Sonderbar. Eine sonderbare
+Welt!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Die zu beklagen ist, weil Sie sich von ihr fern halten,
+Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Keine Flatterien, Miß Lyon! Ich liebe nicht die Exaltationen
+des Vergnügens.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(heuchlerisch)
+
+Eigentlich haben Sie recht, Mylord. Es gibt nichts, was so
+anstrengend ist wie das Laster.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sehen Sie! Sehen Sie!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(versonnen)
+
+Oder vielleicht doch ... Ich glaube, daß die Tugend _noch_
+anstrengender ist.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Versuchen Sie es doch einmal ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Meinen Sie?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Fangen Sie damit an, daß Sie Ihre auf Sir Francis zielenden
+Absichten fallen lassen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Aha, Sie wollen schon ein Geschäft mit meiner Tugend
+machen. Das ist ja eben das Verdächtige an der Sache.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(steht auf)
+
+Im Ernst, Miß Lyon: – Was kann Sie an dem Jüngling locken?
+Seine Geistesgaben, Sie müssen es selbst zugeben, sind
+keineswegs blendend. Er würde Sie langweilen, Sie würden ihn
+betrügen, und was wäre die Folge? Der Skandal in
+gesteigerter Häßlichkeit. Sie brauchen eine starke Hand.
+Einen reifen Mann brauchen Sie, der durch Erfahrung und
+Charakter befähigt ist, Ihrem ungebundenen Wesen Schranken
+zu setzen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(zerknirscht)
+
+Es ist wahr. Wenn Sie wüßten, Mylord, wie ich dieser jungen
+Leute satt bin, die ihre Leidenschaften mit so viel Lärm und
+Prätension zur Schau tragen! Ich sehne mich nach einem
+verschwiegenen und klugen Mann, so an der Grenze der
+Fünfzig, nach einem Mann, der nicht immer nur etwas haben
+will, sondern auch etwas gibt.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(erfreut)
+
+Nun also ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Würden Sie mir helfen?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich ... ja, gewiß ... Ich würde sehen, was sich tun läßt.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Aber Sie haben doch hoffentlich nicht vergessen, daß ich vor
+zehn Minuten geschworen habe, Lady Hamilton zu werden? Ich
+gedenke, das Gelübde unter allen Umständen zu erfüllen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Das versteh ich nicht ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Verständlicher kann nichts auf der Welt sein.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(vor Schrecken gelähmt)
+
+Sie meinen –?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ja!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich? – Ich –? Ich sollte –? Sie träumen wohl, Miß Lyon? (Er
+fällt in den Stuhl zurück.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(läßt sich in einer reizenden Magdalenen-Stellung vor ihm
+auf die Kniee nieder. Da er nicht zurückweichen kann, preßt
+er den Rücken gegen die Lehne und drückt den Kopf in den
+Nacken)
+
+Sie wären schwerlich, trotz meines ununterbrochenen
+Geschwätzes, bis zu diesem Augenblick im Zimmer geblieben,
+wenn ich Ihnen nicht gefallen hätte, Mylord. Und jetzt ist
+es leider zu spät. Fängt dieses Gift einmal zu wirken an,
+dann ist man verloren.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(klagend)
+
+Zweifellos. Ich habe es an der nötigen Festigkeit fehlen
+lassen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Und mir sprechen Sie jedes Verdienst ab?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich kann nicht leugnen, daß Ihnen eine ... wie soll ich mich
+nur ausdrücken? – eine seltsame Gewalttätigkeit eigen ist.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Gut. Ich akzeptiere das Kompliment.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Nichtsdestoweniger befinden Sie sich mit Ihrer Vermutung,
+was meinen Seelenzustand betrifft, auf dem Holzweg. Ich will
+es wenigstens hoffen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sie kennen die menschliche Natur nicht so gut wie ich,
+Mylord. Ich will Ihnen sagen, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie
+jetzt eigensinnig sind. Ich reise ab. Ihre Gedanken
+verursachen Ihnen ein unangenehmes Kribbeln, Sie sind
+unzufrieden mit sich, Sie haben keinen Appetit mehr, des
+Nachts flieht Sie der Schlaf, und plötzlich, Sie wissen
+selbst nicht wie, fassen Sie den Entschluß, mich
+aufzusuchen. Da erscheint eines Tages Lord Hamilton im Salon
+von Emma Lyon. Aber Emma Lyon wird durchaus nicht auf die
+Kniee fallen, so wie jetzt. Emma Lyon wird spöttisch
+lächeln; sie wird Seiner Herrlichkeit einen Stuhl bieten,
+sie wird mit Mister Jennings plaudern und wird die
+Albernheiten von Mister Davis entzückt anhören und wird Sir
+Roberts empfangen, und Mylord wird gehen, verdrießlich,
+aufgebracht, wütend gegen sich und mich, aber er wird
+wiederkommen, er wird Blumen bringen, er wird Geschenke
+bringen, all die Laffen und Schmeichler und Dandies werden
+ihm lästig sein, aber Emma Lyon wird sagen: Platz genug im
+Hause! Dort unter der Treppe ist für die Mißgelaunten Platz,
+und unterm Dachboden für die Hochmütigen, und im Keller für
+die Moralisten. Und mein kleiner Schoßhund wird kläffen,
+wenn Sie nahen, und diese weiße begehrliche Hand wird ihre
+Finger spreizen, – so, denn ich, Mylord, (sie erhebt sich)
+ich würde Sie zappeln lassen. Und davor möge Gott Sie
+bewahren.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(murmelnd)
+
+Niemals würde ich mich so tief erniedrigen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(kategorisch)
+
+Sie werden es tun! Ihre Augen versichern es mir. Ich erspare
+Ihnen demnach eine unabsehbare Reihe von Qualen und
+Kränkungen durch ein freimütiges Anerbieten.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(schüttelt den Kopf)
+
+Ich vermute, Miß Lyon, Sie ahnen nicht, was ich
+durchzusetzen vermag, selbst gegen meine heftigsten Wünsche
+und Triebe. Insofern bleibt also Ihr Schreckbild ohne
+Wirkung. Aber Sie verfechten Ihre Sache mit Bravour und
+nicht ohne Geist. Ich liebe das. In diesem hübschen kleinen
+Kopf rumort ein Teufel, den zu zähmen der Mühe vielleicht
+verlohnen könnte. Wie Sie richtig bemerkten, bin ich des
+Elements entwöhnt, das, in Ihnen personifiziert, meinen
+Frieden so geräuschvoll unterbrochen hat. Ich habe jedoch
+gerade dadurch erkannt, daß zwischen mir und der Welt eine
+gewisse Entfremdung besteht, und ich könnte Ihren Vorschlag
+in Betracht ziehen, wenn nicht Hindernisse vorlägen, die für
+mich beinahe unüberwindlich sind. Der Doktor Graham ... das
+himmlische Bett ... die Mystifikation als Göttin Hygäa ...
+(Schüttelt wieder den Kopf.) Das sind üble Dinge ... üble
+Dinge.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Die mich vor dem Verhungern geschützt haben, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sie hätten eine minder exponierende Abhilfe wählen sollen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich hatte keine Wahl. Ich bin auch nicht schlechter geworden
+dadurch. Es war eine Hülle, die ich angelegt habe.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Verzeihen Sie, die Hülle, – die haben Sie abgeworfen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Man kann alle Hüllen abwerfen und doch undurchdringlicher
+sein als in Panzern.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Das ist Rabulismus.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sie haben wenigstens die Sicherheit, daß ich gegen jede
+künftige Verführung und Verlockung gefeit bin. Alles was
+andere lüstern macht, davon habe ich genug und übergenug.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Das ist ein Argument.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Die Welt ist vergeßlich. Ein Name, wie der Ihre Mylord,
+deckt jugendliche Torheiten zu.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(mit einem Rest von Bedenklichkeit)
+
+Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Man hat mir erzählt, und ich habe mich darüber amüsiert, daß
+Sie es bisweilen nicht verschmähen, der Zeit Gewalt anzutun.
+Ich, sehen Sie, ich kann das auch. (Sie steigt auf einen
+Stuhl, öffnet das Uhrgehäuse und dreht den großen Zeiger
+sehr schnell und mehrere Male über das Zifferblatt zurück.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Was tun Sie da, junge Hexe! (Das Uhrwerk knackt, der Pendel
+hört auf zu schwingen.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich drehe die Jahre zurück, Mylord, und wenn ich will, –
+sehn Sie! – bleibt die Zeit stehen! (Sie springt herab.) Wir
+gehen nach Italien, Mylord! (mit ausgebreiteten Armen,
+bacchantisch.) Illuminationen! Barken auf dem Meer!
+Mondschein und Liebeslieder! Fackeltanz und Tarantella!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(vor sich hin)
+
+Es bliebe noch zu erwägen, ob hier ein freier Entschluß oder
+die Macht einer Bezauberung vorliegt. – Gönnen Sie mir, Miß
+Lyon, gönnen Sie mir Frist bis morgen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+So lang Sie wollen. Nur bedenken Sie, daß auch ich
+Dispositionen zu treffen habe –
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich könnte es versuchen ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Schön, versuchen wir es.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Begleiten Sie mich für zwei Monate nach dem Süden.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Zwei Monate? Das ist etwas wenig.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sagen wir vier Monate.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wenn ich so durchtrieben wäre wie man mich Ihnen geschildert
+hat, wäre ich mit drei Tagen zufrieden. Aber ich bin eine
+ehrliche Person und sage Ihnen ohne Umschweife: drei Tage
+Probezeit oder drei Jahre oder dreißig Jahre, das ist für
+mich im Grunde gleichgültig, denn nach dem ersten Tag werden
+Sie vom letzten nichts mehr wissen wollen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ihre Prophezeiung ist sehr kühn. Immerhin bleiben wir
+vorläufig bei den vier Monaten.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Vergessen Sie nicht, daß Sie Ihren Sohn vor eine
+unwiderrufliche Tatsache stellen müssen, sonst komme ich ihm
+gegenüber in eine schiefe Position.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Eine bedeutende Schwierigkeit. Wie soll ich ihm eröffnen –?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sie überschätzen ihn doch. Die Schwierigkeit ist mit zwei
+Worten aus der Welt geschafft. (Sie nimmt die Handglocke,
+läutet.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(verwundert)
+
+Oh! Sie ergreifen die Initiative mit großem Feuer.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(tritt ein)
+
+Mylord befehlen?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sir Francis soll kommen.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(erstaunt über den diktatorischen Ton von dieser Seite)
+
+Mylord wünschen Sir Francis?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(kalt)
+
+Sie haben gehört.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Mister Dashwood läßt gehorsamst fragen, ob er sich entfernen
+kann. Er hat dringende Geschäfte.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Er soll warten. – Ist nicht Frühstückszeit?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es dürfte Frühstückszeit sein.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(schaut auf die Wanduhr)
+
+Jawohl; es ... (Stockt verblüfft.) Die Uhr steht.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ja. Die Uhr steht.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Es soll serviert werden.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(bekümmert und fast vorwurfsvoll)
+
+Soll serviert werden, Mylord?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sie hören.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Auch fehlt noch ein Gedeck.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Noch ein Gedeck, Mylord?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Noch ein Gedeck.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Sehr wohl. (Ab.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Der Mann scheint auf dem rechten Ohr taub zu sein.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(in ziemlicher Unruhe)
+
+In welche Form soll ich also Francis gegenüber die
+Mitteilung kleiden?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sie sagen ihm, daß Sie seine Schulden bezahlen und mich
+dafür in Ihre Obhut nehmen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(zieht die Stirn in Falten)
+
+Das wäre ja ein regelrechter Handel!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich habe noch nie gehört, daß ein Engländer in Ohnmacht
+fällt, wenn von einem Handel die Rede ist.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wie viel betragen seine Schulden?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Eine Lappalie. Vierzigtausend Pfund.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wie? Und das nennen Sie eine Lappalie?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(lacht)
+
+Also fange ich schon an, Ihnen teuer zu werden?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wenigstens geben Sie mir einen starken Begriff von Ihrer –
+Weitherzigkeit.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wo geknausert wird, kann ich nicht froh sein.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich werde trachten, Sie bei guter Laune zu erhalten.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(streckt den Arm aus)
+
+So küssen Sie mir die Hand.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(beugt sich mit steifer Galanterie; während er ihr die Hand
+küßt, kommt)
+
+
+_Sir Francis_
+
+(bleibt bei diesem Schauspiel wie angewurzelt stehen. Gleich
+hinter ihm kommen: der Majordom, dem ein Diener mit dem
+fehlenden Gedeck folgt; hinter diesem ein zweiter Diener mit
+dem Tablett, auf dem sich die Speisen befinden. Gleich
+darauf erscheint auch Mister Dashwood auf der Schwelle. Die
+Tür zur Halle bleibt offen).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(geht zum Tisch, gibt dem Majordom Anweisung über die
+Sitzordnung, dann tritt er zu Mister Dashwood und spricht
+mit ihm. Dieser lauscht aufmerksam und verbeugt sich oft zum
+Zeichen seines Eifers. Indessen ist Sir Francis zu Emma Lyon
+getreten).
+
+
+_Sir Francis_
+
+(bewundernd; leise)
+
+Das war ein Meisterstück, Emma. Wie hast du ihn denn
+herumgekriegt?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Still, lieber Freund. Keine Elogen. Du wirst alles hören.
+Jetzt hab ich Hunger wie ein Matrose.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Und zahlt er die fünfundzwanzigtausend Pfund –? Du weißt,
+meine Gläubiger drängen ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Fünfundzwanzig und noch fünfzehntausend dazu.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(entzückt)
+
+Du bist umsichtig wie ein Kaufmann!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(zu Mister Dashwood)
+
+Die Informationen waren falsch. Es ist dies eine
+Gewissenlosigkeit, die ich ahnden muß, und Sie tun gut
+daran, Mister Dashwood, wenn Sie den Londoner Herrn darauf
+aufmerksam machen, daß ich ihn wegen böswilliger Verleumdung
+bestrafen lassen werde.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Gewiß, Mylord, gewiß. Die Zunge der Menschen ist ein
+giftiges Instrument und unheilvoll in ihren Wirkungen –
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(unterbricht den drohenden Redeschwall und wendet sich auch
+an Sir Francis)
+
+Miß Emma Lyon hat mich davon überzeugt, daß alles, was wir
+von ihrem früheren Leben gehört haben, nichtswürdige Lügen
+sind.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Das hab ich ja gleich gesagt –
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es gibt keinen Doktor Graham ... Es gibt kein himmlisches
+Bett, und sie hat niemals eine Göttin Hygäa dargestellt.
+Genug davon. Es sei von solchen Dingen nicht mehr die Rede.
+Sie können gehen, Mister Dashwood.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(mit tiefer Verbeugung ab).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(mit der Taschenuhr in der Hand)
+
+Darf ich zu Tisch bitten? Es ist zwölf Uhr, fünf Minuten.
+(Mister Dashwood hat sich entfernt.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ihre Präzision, Mylord, verspricht meinem Magen ein Dasein
+von angenehmer Sorglosigkeit.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Zuerst den Bordeaux, John. (Emma Lyon und Sir Francis haben
+Platz genommen, der Lord bleibt stehen.) Mein lieber Sohn,
+erlaube mir, dich von einem freudigen Ereignis zu
+unterrichten. Miß Emma Lyon ist von heute ab keine Fremde
+mehr für dich. Verehre in ihr (stockt; Pause, dann mit
+ruhiger Sicherheit) deine zukünftige Mutter, Lady Hamilton.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(springt auf, läßt sich aber unter dem hoheitsvollen und
+bannenden Blick seines Vaters wieder aus den Sessel nieder).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Den Fisch, Mister Wardle!
+
+_Vorhang._
+
+
+
+
+Hockenjos
+
+
+Personen:
+
+ Karinkel, Bürgermeister
+ Bienemann, Redakteur
+ Mettenschleicher, Bildhauer
+ Hockenjos
+ Hannewickel, Stadtrat
+ Abendrot, Amtsschreiber
+ Binder, Kommissär
+ Ein Amtsdiener, ein Kellnerbursche
+
+Spielt in einer kleinen süddeutschen Stadt.
+
+
+Kanzlei des Bürgermeisters. Rechts und links Türen. Hinten
+zwei Fenster mit Aussicht auf einen von altertümlichen
+Häusern umgebenen Platz, in dessen Mitte das noch umhüllte
+Denkmal steht.
+
+
+_Abendrot_
+
+(schlägt mit einem Aktenheft Fliegen tot)
+
+Hin muscht werde! Pardon gibt’s net ... hätt’scht es vorher
+überlegt, mei Schätzle ... hin muscht werde, sag’ ich ...
+
+
+_Karinkel_
+
+(ein untersetzter, glattrasierter, eiliger Mann, kommt; er
+ist im Frack)
+
+Was treiben Sie denn da, Abendrot?
+
+
+_Abendrot_
+
+Die Fliege schlag’ i tot, Herr Bürgermeischter.
+
+
+_Karinkel_
+
+Die Fliegen schlagen Sie tot? Sind Sie verrückt, Mensch? Wo
+wir bis an den Hals in Arbeit stecken!
+
+
+_Abendrot_
+
+Ich hab’ ja bei der Denkmalsenthüllung nix zu tun, Herr
+Bürgermeischter.
+
+
+_Karinkel_
+
+Scheren Sie sich an die Arbeit. Und wenn Sie nichts zu tun
+haben, dann tun Sie wenigstens so, als ob Sie was zu tun
+hätten. Das fordert die Würde des Amtes. Der Professor
+Mettenschleicher muß jeden Moment kommen, – was soll er sich
+denken, wenn Sie Allotria treiben.
+
+
+_Abendrot_
+
+Isch scho guet, Herr Bürgermeischter ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Keine Widerrede! Diese Biederkeit, diese ewige
+Treuherzigkeit! wie sie mir auf die Nerven geht! Ich weiß
+nicht, wo mir der Kopf steht, und der Mensch schlägt Fliegen
+tot. (Es klopft.) Herein!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(tritt ein; ein großer, würdevoll aussehender,
+schwarzbärtiger, seriöser Mann, ebenfalls im Frack)
+
+Guten Morgen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Guten Morgen, lieber Professor. Wie geht’s? wie steht’s? Gut
+geschlafen? gut geträumt? Hat unser bescheidenes Hotel Ihren
+Ansprüchen genügt? Oder haben Sie irgend welche
+Rekriminationen? Ich lege großen Wert darauf, daß es Ihnen
+bei uns gefällt.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Danke, ich bin zufrieden. In so einem Städtchen wird mir
+immer behaglich zumut.
+
+
+_Karinkel_
+
+Na, na, Professor ... Städtchen ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Nun ja, es ist doch eine sehr kleine Stadt ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Eine sehr kleine Stadt? – Eine kleine Stadt, das eher. Aber
+es ist gut, daß Sie sich wohl fühlen. Man hat nicht oft die
+Freude, einen so berühmten Meister bewirten zu dürfen. Noch
+dazu bei so feierlichem Anlaß ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(steif)
+
+Zu viel Ehre.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sagen Sie mal, verehrter Professor, um unser gestriges
+Gespräch fortzusetzen ... (Zögert, da er sich der Gegenwart
+Abendrots erinnert.) Gehen Sie hinüber in den Schwan,
+Abendrot, und bestellen Sie mir ein Gabelfrühstück. Fragen
+Sie, – aber fragen Sie Herrn Gumpelmaier selber – was man
+haben kann. Etwas Warmes natürlich. Am liebsten etwas vom
+Kalb.
+
+
+_Abendrot_
+
+Oder vielleicht Schweinsrippche?
+
+
+_Karinkel_
+
+(tiefsinnig)
+
+Schweinsrippchen ... nicht übel. Schweinsrippchen oder
+Kalbsherz. Auch saure Nieren wäre eine Idee. Beraten Sie
+sich nur mit Herrn Gumpelmaier, der kennt meinen Geschmack.
+Der Kellner soll laufen, damit die Sache unterwegs nicht
+kalt wird. Dann gehn Sie in die Redaktion des Tagesboten und
+fragen Sie Herrn Bienemann, ob er meine Rede schon fertig
+hat. Er soll sich sputen, um zwölf Uhr kommt der Prinz, da
+muß alles auf dem #qui vive# sein.
+
+
+_Abendrot_
+
+Isch guet, Herr Bürgermeischter. (Ab.)
+
+
+_Karinkel_
+
+(seufzend)
+
+Du lieber Gott, bis man so der schwerfälligen Welt Beine
+macht, Professor –! (Knipst, eilig zur Tür, ruft.) Hallo! –
+Abendrot! – Abgebratene Kartoffel soll er mitschicken! Wie?
+Sie Esel! Der Schwanenwirt natürlich. (Kehrt zurück,
+abermals seufzend.) Ein Mann, der nur für sich selber
+verantwortlich ist, ist ein glücklicher Mann.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Wir dienen alle dem öffentlichen Wohl, Verehrtester. Jeder
+auf seine Weise.
+
+
+_Karinkel_
+
+Aber nicht auf jeden sind beständig die Augen des Publikums
+gerichtet, teurer Freund. So wie auf Sie und auf mich. Wenn
+ich noch einmal auf die Welt käme, – wissen Sie, wonach es
+mich gelüsten würde? (Ausdrucksvoll.) Es würde mich darnach
+gelüsten, das Leben eines einsamen, unverheirateten
+Privatgelehrten zu führen. Was brauchte ich da Belobungen?
+Anerkennung von unten oder von oben? – Da hätte man sein
+Genügen in sich selber, da hätte man keinen Orden nötig. In
+meiner Position freilich muß ich dergleichen haben, um
+meinen Mitbürgern den Beweis zu liefern, daß ich ihres
+Vertrauens würdig bin.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Zweifellos. Sie sind ja auf dem besten Weg –
+
+
+_Karinkel_
+
+(erregt)
+
+Es besteht also Aussicht –?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Gewiß. Man muß es nur delikat behandeln ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Wissen Sie, was ich mir überlegt habe, Professor? Ich könnte
+ja, falls man mir den Michaelsorden verweigert, auch mit
+dem Friedrichsorden vorlieb nehmen.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(vornehm belustigt von solcher Unwissenheit)
+
+Der Friedrichsorden steht keineswegs niedriger im Rang als
+der Michaelsorden, mein lieber Bürgermeister. Der eine wie
+der andere wird nur dann verliehen, wenn sich der
+Betreffende in hervorragender Weise verdient gemacht hat.
+
+
+_Karinkel_
+
+(in wachsender Erregung)
+
+Seit zwanzig Jahren mache ich mich verdient, Professor. Ich
+tue ja überhaupt nichts anderes. Ich habe eine elektrische
+Beleuchtung, eine Wasserleitung, ein Findelhaus, einen
+Veteranenverein geschaffen; ich habe die Fortschritte der
+Sozialdemokratie nach Kräften aufgehalten, ich habe niemals
+und nach keiner Seite hin Anstoß erregt, weder bei der
+Geistlichkeit, noch bei der Regierung, – aber man kann sich
+doch nicht ausbieten! – Man hat doch seinen Stolz! Man wirkt
+in der Stille – und hofft, daß es bemerkt wird.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Alterieren Sie sich nicht, lieber Freund.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich würde mich nicht beklagen, wenn es mir an loyaler
+Gesinnung gefehlt hätte. Denn ich begreife, daß die höchsten
+Kulturtaten nicht ins Gewicht fallen, wenn die loyale
+Gesinnung mangelt –
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Freilich. Die loyale Gesinnung, die wird vorausgesetzt.
+Wohin kämen wir denn sonst!
+
+
+_Karinkel_
+
+Das sagt sich leicht –: vorausgesetzt. Aber bis man sie
+erwirbt, bis man sie sozusagen einkeltert, damit sie süß und
+schmackhaft bleibt in all den Jahren, das ist nicht so
+einfach. Und nun habe ich noch dieses Denkmal gebaut –
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Eben. Das war dringend nötig. Es gibt kaum mehr eine
+deutsche Stadt, die nicht ihre marmorne Attraktion hätte,
+wenn ich mich so ausdrücken darf. Man ist höhern Orts sehr
+geneigt, solche Bestrebungen, soweit sie sich auf die Kunst
+beziehen, zu unterstützen. Sie sänftigen die Sitten, sie
+lenken die Instinkte des Volkes nach ungefährlichen
+Regionen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ehrlich gesagt, es ist ein Sorgenkind, dieses Denkmal –
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Warum denn? Lassen Sie sich nur nicht irre machen ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie haben mich ja so weit gebracht, Professor ... Ihrer
+Energie haben wir es ja zu danken, daß ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Nun ja, ich fand es dringend geboten, daß auch Sie in diesem
+stillen Winkel Ihr Scherflein beitragen zur Vermehrung der
+nationalen Ideale.
+
+
+_Karinkel_
+
+Das klingt sehr hübsch –
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Erlauben Sie, das sind tiefste Lebensüberzeugungen!
+
+
+_Karinkel_
+
+Allerdings –
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Heraus mit der Farbe! Weshalb sind Sie so kleinlaut, heute,
+an Ihrem großen Tag?
+
+
+_Karinkel_
+
+Es wird von gegnerischer Seite behauptet, – haben Sie nicht
+den Ochsenfurter Anzeiger gelesen? Da steht es drin –
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ich lese solche Käsblätter nicht. Was steht drin?
+
+
+_Karinkel_
+
+Daß wir dem Hockenjos das Denkmal nur aus Wichtigtuerei
+errichtet haben ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Das ist der Neid.
+
+
+_Karinkel_
+
+Und daß es eine Blamage sei.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Die Wühler muß man wühlen lassen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Und daß der Hockenjos gar nicht in Neuguinea gewesen ist und
+daß er gar nicht bei der Expedition des Doktor Rittersteig
+war und daß er infolgedessen auch nicht von den wilden
+Papuanern erschlagen worden ist. Im Gegenteil, so behaupten
+diese Schurken, er sei in einer australischen Matrosenkneipe
+bei einem Raufhandel umgekommen.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Leeres Geschwätz.
+
+
+_Karinkel_
+
+Na ja, ein Säufer _war_ ja der Kerl. Der Wahrheit die Ehre.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Es ist vollkommen gleichgültig, was der Hockenjos _war_. Die
+Hauptsache bleibt, daß er tot ist. – Was sagt denn Bienemann
+zu diesen Sudeleien? Er hat doch damals die Nachricht von
+dem Ende des Hockenjos zuerst gebracht ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Ach, mit dem Bienemann weiß man nie, wie man dran ist. Ich
+fürchte, er glaubt gar nicht an das Genie von dem Hockenjos.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Es ist das Kennzeichen eines guten Journalisten, daß er in
+einem solchen Fall eine Sache umso überzeugender vertritt.
+
+
+_Karinkel_
+
+Und ich selbst habe auch meine Zweifel ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Glauben Sie denn, lieber Freund, daß der Ruhm anders
+fabriziert wird als auf diese Art? Neun Zehntel unserer
+Berühmtheiten verdanken ihren Glanz dem Notizenmangel einer
+Zeitung oder dem Hang nach Redensarten, der in den Leuten
+von der Feder steckt. Es ist nicht meines Amtes, das
+wirkliche Verdienst vom erlogenen zu trennen. Ich denke, es
+liegt eine viel höhere Sendung darin, die häßliche Realität
+in einen angenehmen Schein zu verwandeln. Je verworfener,
+unwürdiger und unfähiger dieser Hockenjos in Wirklichkeit
+war, desto mehr Grund für uns, der Welt ein so trauriges
+Faktum vorzuenthalten und sein Bild zu veredeln. Wenn man
+einem Menschen wie Hockenjos ein Denkmal setzt, geschieht es
+nur, um seine wirkliche Gestalt zu verschleiern. Dadurch
+eben bereichert man den Bestand an nationalen Idealen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Na ja, seine Gestalt mögen Sie am Ende verschleiern, aber
+die Bilder, die der Kerl gemalt hat, die können Sie nicht
+verschleiern. Wir haben ja eine Ausstellung veranstaltet,
+und was ich da von den hiesigen Damen zu hören bekommen
+habe, – wahrhaftig, der ganze Appetit auf die Kunst ist mir
+vergangen. Schamlose nackte Weiber hat er gemalt. Die können
+Sie doch nicht verschleiern.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Wenn ein Künstler tot ist, verlieren seine Arbeiten den
+moralischen Charakter, wenn ich mich so ausdrücken darf.
+Schamlos waren die Weiber eigentlich nicht, nur nackt waren
+sie. Aber wer wird schließlich darnach fragen, was für
+Bilder der Hockenjos gemalt hat, wenn er vor seinem Denkmal
+steht? Keine Katze wird darnach krähen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Kein Hahn, meinen Sie ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Kein Hahn, natürlich. Sie können sich in diesem Punkt
+getrost meiner Erfahrung überlassen, lieber Bürgermeister.
+Der Umstand, daß Hockenjos tot ist, verschafft ihm einen
+unbeschränkten Kredit an guter Meinung. Ich kannte eine
+ganze Reihe von Idioten, die bloß dem Zufall, daß sie
+gestorben waren, Bewunderer und Anhänger zu verdanken
+hatten. Dem Publikum sind nämlich die Künstler so ungeheuer
+gleichgültig, daß man ihm, wenn einer stirbt, weismachen
+kann, was man will.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich verstehe nicht viel von der Kunst, aber das eine muß man
+doch von ihr fordern: daß sie den Menschen bessert und
+erhebt.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Das ist richtig, hat aber mit unserer Angelegenheit momentan
+nichts zu schaffen. Sie müssen stark sein, lieber Freund.
+Sie dürfen sich in Ihrer Überzeugung nicht erschüttern
+lassen.
+
+
+_Karinkel_
+
+In welcher Überzeugung meinen Sie?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+In _Ihrer_ Überzeugung. Ein Mann hat doch nur eine.
+
+
+_Karinkel_
+
+(etwas stupid)
+
+So. – Im allgemeinen bin ich ja stark. Aber einen Menschen
+muß man doch haben, dem man sein Herz eröffnen kann. (Es
+klopft.) Herein!
+
+
+_Bienemann_
+
+(kommt; schmaler gelbgesichtiger Mann von etwa dreißig
+Jahren. Tartarenbart, Zwicker. Er hat das Phlegma
+intelligenter Leute, die viele überflüssige und langweilige
+Dinge reden müssen. Hinter diesem Phlegma verbergen sich
+Neugier, Bosheit, Resignation und Menschenverachtung).
+
+
+_Karinkel_
+
+Guten Morgen, Bienemann! Sind Sie schon fertig?
+
+
+_Bienemann_
+
+Guten Tag, meine Herren. – Ja, ich wollte noch einige Punkte
+mit Ihnen besprechen ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Darf ich die Herren miteinander bekannt machen, Redakteur
+Bienemann, Professor Mettenschleicher von der königlichen
+Akademie der bildenden Künste.
+
+
+_Bienemann_
+
+Freut mich, freut mich.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ich bin Ihnen für den schmeichelhaften Artikel im Tagesboten
+sehr zu Danke verpflichtet, Herr Doktor.
+
+
+_Bienemann_
+
+Noch nicht, Herr Professor, noch nicht.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(verdutzt)
+
+Was –? was, – noch nicht?
+
+
+_Karinkel_
+
+(ebenso)
+
+Ja ... was – noch nicht?
+
+
+_Bienemann_
+
+Noch nicht Doktor, meine ich. Die #Honoris causa# ist noch
+nicht gegeben. Bienemann, ganz schmucklos Bienemann.
+
+Karinkel und Mettenschleicher
+
+(sehen einander an).
+
+
+_Karinkel_
+
+(mit dem Daumen über die Schulter weisend)
+
+Stolz? wie? Demokrat! Ganz schmucklos Bienemann! (Lacht.)
+Ausgezeichnet!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(geniert)
+
+Na, na! (Klopft Karinkel mit fürstlicher Leutseligkeit auf
+die Schulter.)
+
+(Klapperlärm. Ein Kellner kommt mit einer Platte, auf der
+das Frühstück in zwei Tellern dampft. Ein Amtsdiener eilt
+geschäftig voraus und säubert den Tisch. Beide entfernen
+sich wieder. Karinkel setzt sich mit strahlendem Gesicht,
+bindet die Serviette um den Hals und vergißt alle Sorgen.)
+
+
+_Bienemann_
+
+Mein Artikel hat Ihnen also gefallen, Herr Professor?
+
+
+_Karinkel_
+
+(kauend; taktlos)
+
+Na, hören Sie, Bienemann, wenn mir so viele Elogen gemacht
+würden, wäre ich auch nicht unzufrieden. Es war famos. Und
+sehr aktuell.
+
+
+_Bienemann_
+
+Das schon; einige giftgeschwollene Schlangen können sich
+nämlich nicht darüber beruhigen, daß das Denkmal so rasch
+fertiggestellt worden ist. Vor sechs Wochen hatten wir die
+Todesnachricht in der Zeitung, und heute thront bereits der
+Marmor da draußen. Es ist ja wirklich die reine Hexerei.
+
+
+_Karinkel_
+
+(kauend)
+
+Was geht die Leute das an? – Diese geschmorten Stückchen da
+sind köstlich. Wollen Sie nicht zugreifen, Professor? Nein?
+Schade.
+
+
+_Bienemann_
+
+(tut verlegen)
+
+Freilich, das sag ich auch. Aber ein Mensch wie ich besteht
+aus lauter Ohren. Und so hör ich denn unter anderm das
+blödsinnige Gerücht, daß das Denkmal schon vorher fertig
+gewesen ist.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wieso? Vor dem Tod des Hockenjos? Mit solchen Dummheiten
+sollten Sie uns nicht kommen, Bienemann. Ich verstehe ja
+nichts von der Bildhauerei, aber unser verehrter Meister
+hier konnte doch nicht die Unsterblichkeit des Hockenjos
+voraussehen.
+
+
+_Bienemann_
+
+Das sag ich auch; es sei denn, man macht Denkmäler auf
+Lager. Was meinen Sie, Herr Professor?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(windet sich)
+
+Ich will nicht hinterm Berg halten ... es hat mit dieser
+Sache eine eigene Bewandtnis. Ich hatte doch, wie Ihnen
+vielleicht erinnerlich ist, den Auftrag, ein Monument für
+den verstorbenen Sanitätsrat Ulfinger zu schaffen –
+
+
+_Bienemann_
+
+(roh)
+
+Der die Schweinereien gemacht hat ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Schweinereien ist eine etwas starke Bezeichnung. Er war ein
+bedeutender Gelehrter, lebte aber leider Gottes über seine
+Verhältnisse, und ein halbes Jahr nach seinem Tod kamen die
+gefälschten Wechsel zum Vorschein. Es geschah alles, um den
+Skandal zu vermeiden, schließlich drang die Geschichte doch
+an die Öffentlichkeit, und das Denkmal konnte nicht
+aufgestellt werden. Meine ganze Arbeit war umsonst, der
+Marmor lag da –
+
+
+_Bienemann_
+
+Außerordentlich interessant!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Und da traf ich gerade unsern Freund Karinkel, der den noch
+unbestimmten Plan hegte, etwas zur Verschönerung des
+hiesigen Stadtbildes zu tun.
+
+
+_Bienemann_
+
+Aha! und weil der Hockenjos eben das Zeitliche gesegnet
+hatte –
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ja, so kamen wir überein –
+
+
+_Karinkel_
+
+(dankbar)
+
+Sie waren es, teurer Meister, der mir die Idee gab!
+
+
+_Bienemann_
+
+Wirklich, eine Fügung des Himmels, dieses Zusammentreffen
+der Umstände! Da hat also der gute Hockenjos quasi ein von
+Herrschaften abgelegtes Denkmal bekommen.
+
+
+_Karinkel_
+
+(zornig)
+
+Witzeln Sie nicht, Bienemann.
+
+
+_Bienemann_
+
+Aber Sie mußten doch Ihrem marmornen Sanitätsrat einen
+andern Kopf aufsetzen –?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+War merkwürdigerweise überflüssig. Die beiden Leute hatten
+eine gewisse Ähnlichkeit. Beide groß, ziemlich fett,
+langbärtig ... Außerdem, ein Denkmal ist doch ein Symbol.
+
+
+_Bienemann_
+
+Toll! einfach toll! Man lernt nie aus.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ich rechne selbstverständlich auf Ihre Diskretion. Außer
+Ihnen beiden weiß nur noch mein erlauchter Freund, der Prinz
+Albert, davon, ohne dessen Rat und Zustimmung ich etwas
+Derartiges überhaupt nicht unternehmen würde.
+
+
+_Bienemann_
+
+Das ist derselbe, der heute zur Enthüllung kommt?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Derselbe. Er liebt die schönen Künste. Sie können sicher
+sein, daß er auch auf Sie ein Auge haben wird.
+
+
+_Bienemann_
+
+(verbeugt sich)
+
+Oh! Danke sehr. – Müssen Sie nicht auf den Bahnhof, Herr
+Bürgermeister?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Seine königliche Hoheit trifft ja erst um zwölf Uhr ein.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ja, aber um viertelzwölf kommt der Regierungspräsident. Weiß
+der Stadtrat Hannewickel, daß er sich mit den
+Ehrenjungfrauen aufzustellen hat?
+
+
+_Bienemann_
+
+Die Ehrenjungfrauen und der Veteranenverein sind schon in
+vollem Wichs.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Noch einen Vorschlag, meine Herren. Wie wäre es, wenn man
+heute noch ein Extrablatt drucken ließe, durch dessen Inhalt
+das Volk einige Aufklärung über die künstlerischen
+Verdienste des Malers Hockenjos erhielte?
+
+
+_Karinkel_
+
+Nicht schlecht ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Es ist in dieser Beziehung vieles versäumt worden –
+
+
+_Karinkel_
+
+Und man könnte die Verleumder damit zum Schweigen bringen.
+Nicht schlecht. Was meinen Sie, Bienemann?
+
+
+_Bienemann_
+
+Ein ziemlich teurer Spaß. Es fragt sich, ob die Interessen,
+die dabei im Spiele sind, eine solche Ausgabe fordern.
+
+
+_Karinkel_
+
+Es sind _ideale_ Interessen, mein Lieber. Dafür ist nichts
+zu teuer.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ideale Interessen? Entschuldigen Sie, meine Herren, aber an
+ideale Interessen glaub ich nicht. Sie auch nicht. Das
+Publikum auch nicht. Das ist eben das Heikle mit den idealen
+Interessen, daß niemand daran glaubt, weil zu viele ihren
+Vorteil daraus ziehen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Pfui, Bienemann! Beständig gießen Sie Ihr nüchternes Öl in
+die Wogen unserer Begeisterung.
+
+
+_Bienemann_
+
+Das ist mein Beruf.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ein trauriger Beruf.
+
+
+_Bienemann_
+
+Sie dürften damit den Nagel auf meinen Kopf getroffen haben,
+Herr Bürgermeister. Wer mit Papier gefüttert wird, dem
+wachsen keine Blumen auf der Zunge.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wenn Ihnen an meinem ferneren Vertrauen gelegen ist, so
+unterstützen Sie uns jetzt mit allen Ihren Kräften,
+Bienemann.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ich soll also gewissermaßen die öffentliche Meinung
+beruhigen ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ja ... wenn Sie es so betrachten ... obwohl, – öffentliche
+Meinung gibt es nicht.
+
+
+_Karinkel_
+
+(bürstet seine Kleider)
+
+Die öffentliche Meinung sind wir.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Öffentliche Meinung ist die Konspiration der Dummköpfe.
+
+
+_Bienemann_
+
+Die Herren sind entschlossen, wie ich sehe. Allen Respekt.
+Nun, was an mir liegt, soll geschehen. Die Druckerpresse hat
+schon ganz andere Dinge gerechtfertigt als Denkmäler. Die
+Ingredienzen, aus denen man den Brei der
+Zeitungsunsterblichkeit kocht, sind billig zu haben. Die
+Hauptsache ist der Superlativ. Das ist das Universalrezept.
+Der Superlativ ist für den Leser, was neunzigprozentiger
+Fusel für einen Gewohnheitstrinker ist. Leider nützen sich
+die Superlative jetzt so stark ab, daß eine neue Steigerung,
+ein Über-Superlativ eine wahre Wohltat für die Menschheit
+wäre.
+
+
+_Karinkel_
+
+Das ist mir zu hoch, davon versteh ich nichts.
+
+
+_Bienemann_
+
+Na, schön. Ich will Ihnen einen Hockenjos hinstellen, der
+sich gewaschen hat. Ich werde Ihnen mit einer Verklärung
+aufwarten, daß der Mann in seinem Grab noch Lust zu einer
+Himmelfahrt bekommt. Ich tue einfach, als ob Tizian ein
+Zimmermaler und Feuerbach der kleine Moritz gegen ihn wäre.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ich hoffe, daß diese Übertreibungen nur Ausflüsse einer
+momentanen Laune sind.
+
+
+_Bienemann_
+
+Nein, Herr Professor. Sie kennen den Abonnenten nicht. Wenn
+man dem Abonnenten einen neuen Mann glaubhaft machen will,
+muß man erst einen alten in Stücke reißen. Der Abonnent ist
+grausam, er will Blut sehen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich denke, wir überlassen Bienemann da am besten seinem
+Genius.
+
+
+_Bienemann_
+
+Keinesfalls werde ich etwas davon wissen, daß der arme
+Hockenjos in unserer Mitte beinahe verhungert ist. Daß er
+mit Hohn abgefertigt wurde, als er sich vor vier Jahren um
+das Staatsstipendium bewarb. Apropos, waren Sie es nicht
+selbst, Herr Professor, der diese Sache damals
+hintertrieb –?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(ärgerlich)
+
+Mein Gott ja, ... ich kann nicht leugnen ... der Mann war mir
+_persönlich_ unsympathisch.
+
+
+_Karinkel_
+
+(ebenso)
+
+Wozu kramen Sie denn die alten Sachen aus?
+
+
+_Bienemann_
+
+Ich werde auch davon schweigen, daß das Publikum vor seinen
+Bildern Lachkrämpfe bekam und der Magistrat ihm das Atelier
+auf der Schanze kündigen ließ, aus Gründen, die der Anstand
+zu erwähnen verbietet.
+
+
+_Karinkel_
+
+(wie oben)
+
+Das war wegen der Modelle. Aber die Kunst, lieber Bienemann,
+wie soll ich sagen, die Kunst braucht eben keine Moral.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Na! na! Da muß ich bitten –
+
+
+_Karinkel_
+
+Das heißt, ich meine: die Moral braucht keine Kunst.
+
+
+_Bienemann_
+
+Um seine Auswanderung plausibel zu machen, werde ich sagen,
+daß ihn malerische Probleme in die Tropen zogen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sehr gut.
+
+
+_Bienemann_
+
+Und während er das Gefieder der Paradiesvögel studierte, um
+bisher unerhörte Farbenmischungen für seine Palette zu
+gewinnen, haben ihn die Eingeborenen erschlagen und
+verspeist.
+
+
+_Karinkel_
+
+(der sich die Zähne stochert, erschrocken)
+
+Verspeist –?
+
+
+_Bienemann_
+
+Höchstwahrscheinlich.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wissen Sie was? Setzen Sie sich gleich hier an meinen
+Schreibtisch und fangen Sie an. (Das Telephon klingelt, er
+eilt hin.) Hier Karinkel! Ja? Ja. Bitte. – In der Redaktion
+will man Sie sprechen, Bienemann. (Während Bienemann zum
+Apparat geht.) Für uns ist es jetzt Zeit, lieber Professor.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Also gehen wir.
+
+
+_Bienemann_
+
+(am Telephon)
+
+Hier Bienemann. (Pause.)
+
+
+_Karinkel_
+
+(setzt sich den Zylinder auf)
+
+Ich bin neugierig, ob der Präsident eine Rede halten wird.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Er kann Seiner königlichen Hoheit nicht vorgreifen.
+
+
+_Bienemann_
+
+(am Telephon)
+
+Unsinn! – Wie? Gesehen worden? Wo? In Aßmannshausen? Da lebt
+ja die Frau jetzt? So. Einen Liebhaber. So. Natürlich.
+Durchgeprügelt? Nein! Nicht möglich! Da hat man Ihnen einen
+Bären aufgebunden. Einen Bä–ren! Das wäre ja unerhört.
+
+
+_Karinkel_
+
+Was ist denn los?
+
+
+_Bienemann_
+
+(am Telephon)
+
+Ich gebe nichts auf solche Gerüchte. Schicken Sie einen
+verläßlichen Menschen hin. Schluß! (Läutet ab.) Recht
+heiter. Der Hockenjos soll in Aßmannshausen gesehen worden
+sein.
+
+
+_Karinkel_
+
+(wie erstarrt)
+
+Um Gottes willen, Mensch, was reden Sie da!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Das fehlte nur noch!
+
+
+_Bienemann_
+
+Er soll seine Gattin mit einem Viehhändler erwischt und den
+Galan windelweich geschlagen haben.
+
+
+_Karinkel_
+
+Aber lieber Bienemann, – das ist ja um den Verstand zu
+verlieren ...
+
+
+_Bienemann_
+
+Ich halte das Ganze für einen blinden Alarm.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen.
+
+
+_Bienemann_
+
+Man will uns ins Bockshorn jagen.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Eine Frivolität sondergleichen.
+
+
+_Bienemann_
+
+Kümmern wir uns nicht darum.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wenn aber doch was Wahres dran ist ...
+
+
+_Bienemann_
+
+Bah! meine Informationen waren immer verläßlich. Wenn der
+Tagesbote jemand als tot meldet, dann ist er tot.
+
+
+_Karinkel_
+
+Es ist höchste Zeit. Wir müssen zur Bahn. Machen Sie sich
+nur gleich an die Arbeit, Bienemann. Lassen Sie uns nicht im
+Stich.
+
+
+_Bienemann_
+
+Auf Wiedersehen, meine Herren.
+
+
+_Karinkel und Mettenschleicher_
+
+(ab).
+
+
+_Bienemann_
+
+(setzt sich vor den Schreibtisch, zündet eine Zigarre an;
+behaglich)
+
+Was der Sybarit für einen weichen Lehnsessel hat! Wenn ich
+nicht Bienemann wäre, möchte ich Karinkel sein. (Legt das
+Papier zurecht.) Los also! Her mit euch, ihr bebänderten
+Adjektiva und geschniegelten Substantiva! ihr großmäulichen
+Interjektionen und schmetternden Exklamationen! ihr
+Metaphern, Hyperbeln und Epitheta! Ich rühr euch zusammen
+wie Mandeln und Rosinen in einem Kuchenteig, von dem die
+ganze Welt Verdauungsbeschwerden kriegt.
+
+
+_Abendrot_
+
+(tritt mit verstörtem Gesichtsausdruck unter die Türe;
+winkt)
+
+Herr Bienemann! – Herr Bienemann!
+
+
+_Bienemann_
+
+Was gibt’s? Ich habe keine Zeit.
+
+
+_Abendrot_
+
+(flüsternd)
+
+’s isch was Schreckliches passiert, Herr Bienemann ...
+
+
+_Karinkel_
+
+(kommt im Sturmschritt zurück, den Zylinder schief auf dem
+Kopf)
+
+Bienemann, wir sind verloren!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(seine Würde mühsam bewahrend, ist Karinkel gefolgt)
+
+Eine Katastrophe!
+
+
+_Karinkel_
+
+(mehr heulend als redend)
+
+Der Abendrot hat ihn zuerst gesehen. In der Bahnhofsstraße
+hat er ihn gesehen. Mitten unter den Leuten.
+
+
+_Bienemann_
+
+Und hat ihn jemand erkannt?
+
+
+_Abendrot_
+
+Noi, noi ...
+
+
+_Bienemann_
+
+War er allein?
+
+
+_Abendrot_
+
+Ganz alleine.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Was für Maßregeln gedenken Sie zu treffen?
+
+
+_Karinkel_
+
+Er muß auf der Stelle fort.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ist bis jetzt etwas unternommen worden?
+
+
+_Karinkel_
+
+Kommissär Binder ist mit zwei Wachleuten ausgerückt.
+Hoffentlich gelingt es, den Kerl festzuhalten.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Es ist eine entsetzliche Blamage.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich lasse ihn einsperren.
+
+
+_Bienemann_
+
+Überlegen wir die Sache gut, meine Herren, sonst kann’s uns
+an den Kragen gehn.
+
+
+_Karinkel_
+
+(wild)
+
+Lassen Sie mich in Frieden mit Ihrem Kragen, Sie, Sie ...
+Unerschütterlicher!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Es gibt nicht viel zu überlegen, hier heißt es handeln.
+
+
+_Bienemann_
+
+Also handeln wir.
+
+
+_Karinkel_
+
+Tun Sie mir nur den Gefallen, lieber Professor, und
+empfangen Sie den Präsidenten. Der Zug muß ja jeden Moment
+eintreffen. Irgend ein Würdenträger muß ihn doch begrüßen.
+(Das Telephon klingelt.) Großer Gott, was ist denn das schon
+wieder? (Bienemann eilt zum Telephon.)
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Gut ich gehe. (Ab. Ein Polizist tritt unter die offene Tür.)
+
+
+_Bienemann_
+
+(am Telephon)
+
+Ja? – Ja! Eine Stunde früher? Danke. Schluß. (Läutet ab.)
+Der Hoftrain mit dem Prinzen trifft also um eine Stunde
+früher ein.
+
+
+_Karinkel_
+
+(der mit dem Polizisten gesprochen hat)
+
+Also der Kommissär Binder hat den Hockenjos verhaftet und
+ihn gleich in einen Wagen setzen lassen. Er ist jetzt in der
+Wachtstube.
+
+
+_Bienemann_
+
+Dort kann er nicht bleiben.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wie sagten Sie? Der Hofzug kommt um eine Stunde früher? Dann
+ist ja kein Augenblick mehr zu verlieren. Es ist elf Uhr.
+Mir ist ganz wirblig im Kopf. Wenn ich nur wüßte, wer an
+alledem schuld ist! (Ausbrechend.) Sie sind schuld,
+Bienemann! Sie haben seinerzeit die schwindelhafte
+Todesnachricht in die Zeitung gebracht.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ich weise Ihre Anschuldigungen zurück. Meine Pflicht ist zu
+schweigen und zu schreiben, aber nicht den Sündenbock zu
+machen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie sind ein ganz gefährliches Subjekt.
+
+
+_Bienemann_
+
+(verdrossen)
+
+Ich bin kein Subjekt, ich bin ein Prinzip.
+
+
+_Karinkel_
+
+Großer Gott, warum hast du mir das angetan! Bienemann,
+liebster Herzensbienemann, laufen Sie schleunigst auf die
+Wache. Sehen Sie zu, daß keine Dummheit begangen wird. Keine
+Menschenseele darf dem Hockenjos nahe kommen. Niemand darf
+mit ihm sprechen. Nehmen Sie noch ein paar Polizeileute zu
+Hilfe. Nötigenfalls lassen Sie ihn binden –
+
+
+_Bienemann_
+
+In Ketten legen –
+
+
+_Karinkel_
+
+Was Sie wollen ... (Man vernimmt Glockenläuten.) Um Himmels
+willen, mir scheint, der Hofzug fährt schon ein. Ich komme
+zu spät. (Ab.)
+
+
+_Bienemann_
+
+Es ist am besten, wir lassen den Delinquenten hierher
+transportieren. Hier ist er am sichersten.
+
+
+_Abendrot_
+
+Da hawe Se recht, Herr Bienemann.
+
+
+_Bienemann_
+
+Rennen Sie hin und sagen Sie es dem Binder.
+
+
+_Abendrot_
+
+(zur Tür, lauscht, kehrt um)
+
+Er bringt ihn schon von selber, der Kommissar ...
+
+
+_Bienemann_
+
+Na, der Mann denkt wenigstens. Denkende Menschen ersparen
+einem immer Laufereien. (Hockenjos und Kommissar Binder
+kommen.)
+
+
+_Binder_
+
+So, Meister Hockenjos. Jetzt habe ich Ihren Wunsch, Sie aufs
+Bürgermeisteramt zu führen, erfüllt, nun müssen Sie sich
+aber auch ganz ruhig verhalten.
+
+
+_Hockenjos_
+
+(großer, breitschultriger Mann. Haar und Bart sind stark
+ergraut. Er spricht schwer, aber nachdrücklich, in tiefem,
+meist humoristisch sordiniertem Baß; trägt vernachlässigte
+Kleider, einen breitrandigen Filzhut)
+
+Der Teufel soll Sie holen, Mann! Können Sie auf eine
+anständige Art erklären, weshalb Sie mich wie einen
+Sträfling behandeln, he?
+
+
+_Abendrot_
+
+P–scht! p–scht!
+
+
+_Binder_
+
+Sie müssen sich den behördlichen Anordnungen fügen.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Ich füge mich, weil es mir paßt. So steht die Sache. In die
+Suppe werd’ ich euch schon spucken, darauf könnt ihr euch
+verlassen. Aber anders als ihr denkt. Wo ist denn der
+Oberkoch? Ah, Herr Bienemann! Freut mich, Sie zu sehen, Herr
+Redakteur. Sind Sie jetzt avanciert, weil Sie in der
+Bürgermeisterkanzlei sitzen?
+
+
+_Bienemann_
+
+(schmunzelnd, süßlich)
+
+Sprechen wir nicht von mir, Meister Hockenjos. Die
+interessante Person sind Sie. Wie kommen Sie denn her? von
+wo? Sie erscheinen ja wie ... wie ...
+
+
+_Hockenjos_
+
+Wie das Gespenst am Hochzeitstag, jawohl. Aber ich fühle
+mich gar nicht gespensterhaft. Zunächst will ich mich mal –
+unaufgefordert, Sie verzeihen schon – hier niederlassen.
+So. Hier sitze ich, ich kann nicht anders.
+
+
+_Bienemann_
+
+Bitte sehr. Ruhen Sie sich nur aus. (Zu Abendrot, leise.)
+Suchen Sie den Bürgermeister auf und sagen Sie ihm, daß ich
+ihn hier in Gewahrsam halte. Aber Vorsicht! – (Zu Binder.)
+Sie brauchen nicht hier zu bleiben. Es genügt, wenn Sie im
+Korridor einen Polizeidiener als Wache aufstellen. Es soll
+niemand hereingelassen werden. (Während Binder und Abendrot
+abgehen.) Wie ich aus Ihrem Verhalten schließen darf, ist
+Ihnen also die ganze Komplikation schon bekannt, Meister?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Komplikation nennen Sie diese Schurkerei? Auch recht.
+
+
+_Bienemann_
+
+Nun, man meint es gut mit Ihnen. Man sorgt für Ihren
+Nachruhm.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Hanswurste seid ihr.
+
+
+_Bienemann_
+
+Unterschreib ich unbesehen.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Aber mit meinem Leichnam werdet ihr nicht so kurzen Prozeß
+haben wie mit meinem lebendigen Korpus.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ich fürchte. Ich fürchte. Sie waren also in Aßmannshausen
+bei Ihrer Frau?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Reden Sie meinetwegen von meinem Nachruhm, Herr, obwohl das
+ein Gemüse ist, das keinem mehr schmeckt, wenn man’s ihm
+auftischt, aber von meinem Weib reden Sie nicht. Die Fäuste
+tun mir noch weh, und das ist alles, was ich an Erinnerung
+behalten will. Ich sage Ihnen, ein Vieh ist der Mensch.
+Allerwegen treibt’s ihn zum Stall zurück. Und wenn draußen
+die beste Weide ist, er denkt bloß an den Stall. Das
+schönste Futter läßt er liegen, das ihm der Herrgott
+spendet, und rennt zur Krippe, wo der Bauer spart und mit
+der Peitsche knallt.
+
+
+_Bienemann_
+
+(echt)
+
+Ja, zum Henker, warum sind Sie denn nicht dort geblieben in
+den wilden Gegenden, wenn es Ihnen schon nicht gefallen hat,
+das Zeitliche zu segnen? Es wäre besser für Sie und für uns.
+Jetzt haben wir bloß die Scherereien.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Glauben Sie, ich hätte den Ehrgeiz, Ihnen Scherereien zu
+ersparen? Im Gegenteil. Sie werden Ihre blauen Wunder
+erleben.
+
+
+_Bienemann_
+
+(resigniert)
+
+Na, wohl bekomm’s.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Wie flink ihr seid, einen Toten leben zu lassen, während ihr
+dem lebendigen Menschen die Haut abzieht!
+
+
+_Bienemann_
+
+Mein Gott, die Zivilisation bringt eben manchen Übelstand
+mit sich. Sind Sie denn nun eigentlich dort unten gewesen
+bei den wilden Völkern?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Und ob, mein lieber Herr, und ob! War dabei, wie sechzig
+wackere Burschen aufgerieben worden sind von den braunen
+Satansbrüdern, und wäre nicht ein malaiisches Mädchen
+gewesen, das mich auf Gebirgswegen zur Küste führte, dann
+könnt ich heute eure Kirchweih dahier nicht stören.
+
+
+_Bienemann_
+
+Sie betrachten unsere Angelegenheit etwas zu vergnügt,
+scheint mir. Da haben Sie wohl große Strapazen erlitten?
+Aussehen tun Sie ja wie der leibhafte Odysseus.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Was wollen Strapazen schließlich bedeuten? Ist eine
+Herrlichkeit, wenn einem die Sonne immerfort bis in den
+Magen leuchtet. Dort ist der Mann ein Mann. Von Polizei
+nirgends die Spur. Und Blumen! und Vögel! und Bäume! Da weiß
+man erst, was Gott der Herr erschaffen, und warum er am
+siebenten Tag ausgeschnauft hat. Hier guckt einer dem andern
+auf die Finger, und schockweis fressen sie aus demselben
+Tiegel. Und ein Eifer, und ein Fleiß, und eine Wichtigkeit,
+aber ist’s denn irgend jemandem Ernst? Tinte schwatzen sie.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ganz meine Meinung.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Sie sind auch so ein Kalfakter.
+
+
+_Bienemann_
+
+Verurteilen Sie mich nicht. Ich diene dem Gemeinwohl.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Gemeinwohl ... ein richtiges Tintenwort.
+
+
+_Bienemann_
+
+Durchaus nicht.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Möchten Sie mir nicht erklären, was Sie unter Gemeinwohl
+verstehen?
+
+
+_Bienemann_
+
+(trocken)
+
+Gemeinwohl ist das, was viele tun müssen, um einen einzelnen
+zu fördern.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Der Tausend! Mensch, Sie sind ja ein Zyniker!
+
+
+_Bienemann_
+
+Gott sei Dank, das bin ich. Diese Eigenschaft hab ich mir im
+Umgang mit Leuten erworben, die sich dadurch von mir
+unterscheiden, daß sie den Begriff Gemeinwohl anders
+definieren. (Stimmenlärm von der Straße.)
+
+
+_Hockenjos_
+
+Jetzt geht’s los da drunten.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ja. Ich bin nur neugierig, was wir mit Ihnen da oben
+anfangen werden.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Ich auch.
+
+
+_Bienemann_
+
+Sie haben also keine bestimmte Vorstellung über Ihre
+zukünftige Rolle bei dieser immerhin ungewöhnlichen
+Verwicklung?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Ich? Nein. Ich habe nur nicht die Absicht, mir meinen Platz
+in der Welt so ohne weiters wegstibitzen zu lassen. Wenn’s
+auch nur ein ganz lumpiger Platz war, so ein
+Fünfzigpfennigplatz, auf dem Olymp ...
+
+
+_Bienemann_
+
+Das kann ich Ihnen nachfühlen. Als deklarierter Toter lebt
+sich’s nicht sehr bequem.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Und noch dazu auf solche Manier deklariert ... (Erregt
+sich.) Wenn ihr wenigstens das Denkmal von einem anständigen
+Kerl hättet machen lassen. Aber von diesem Zuckerbäcker, dem
+Mettenschleicher! diesem Pfründner, der von der Kunst
+ungefähr so viel versteht wie ich vom Koloratursingen,
+diesem Eunuchen, der mit seiner Nase immer an den
+unanständigsten Gegenden prinzlicher Personen schnuppert, –
+daß ihr mich von dem habt verewigen lassen, das wurmt mich.
+
+
+_Bienemann_
+
+Wir haben halt Pech mit Ihnen. Jetzt ist es zu spät.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Mir wird schon übel, wenn ich das Zeugs da unter den Hüllen
+sehe. Wahrscheinlich so ein Marzipan-Engel, was?
+
+
+_Bienemann_
+
+Natürlich, was glauben Sie denn! Wir werden uns doch die
+Muse nicht entgehen lassen, die den Künstler auf die Stirne
+küßt!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Und mit zwei Flügeln, was?
+
+
+_Bienemann_
+
+Zwei Flügel. Ganz richtig. Wie sich’s gehört.
+
+
+_Hockenjos_
+
+O, du Schuft!
+
+
+_Bienemann_
+
+Achtung, jetzt hör ich den Bürgermeister kommen.
+
+
+_Karinkel_
+
+(stürzt in höchster Eile herein)
+
+Das ist er also! (Starrt Hockenjos an.)
+
+
+_Hockenjos_
+
+(ironisch)
+
+So echauffiert, Herr Bürgermeister?
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie spotten wohl? Mir ist gar nicht spötterisch zumut.
+
+
+_Hockenjos_
+
+(brüsk)
+
+Was steht dem Herrn zu Diensten?
+
+
+_Karinkel_
+
+(wischt den Schweiß von der Stirn)
+
+Es wird Ihnen doch bekannt sein, daß wir eben im Begriff
+sind, die Enthüllung Ihres Denkmals zu feiern.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Jawohl. Ist mir zu Ohren gekommen. Das ist auch der Grund,
+weshalb ich da bin.
+
+
+_Karinkel_
+
+(einschmeichelnd)
+
+Sie werden doch einsehn, lieber Meister, daß Sie unmöglich
+in der Stadt bleiben können.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Sehe ich ohne weiters ein.
+
+
+_Karinkel_
+
+(hocherfreut)
+
+Das lob ich mir. Sie sind ein prächtiger Mensch.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Gewiß. Man muß bei mir nur den Herzpunkt treffen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Es wäre ja auch ein Mord, lieber Freund, ein moralischer
+Mord.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Ei wieso denn?
+
+
+_Karinkel_
+
+Sehr einfach. Jeder, der über diesen Platz an diesem Denkmal
+vorübergehen wird, eifert Ihnen nach, schaut zu Ihnen
+hinauf, bringt ebenfalls Großes hervor und nützt so wieder
+seinen Mitbürgern und der Stadt.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Das leuchtet mir beinahe ein.
+
+
+_Bienemann_
+
+Es ist so klar wie zweimalzwei.
+
+
+_Karinkel_
+
+(immer eifriger)
+
+Sie sind heute ... wie alt sind Sie?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Vierundfünfzig.
+
+
+_Karinkel_
+
+Vierundfünfzig. Wie alt wird der Mensch? Siebzig. Sagen wir
+fünfundsiebzig.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Gut. Sagen wir fünfundsiebzig.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wegen dieser erbärmlichen zwanzig Jahre wollen Sie Ihre
+Unsterblichkeit aufs Spiel setzen?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Hm ... Finden Sie nicht, daß ein Sperling in der Hand besser
+ist –
+
+
+_Karinkel_
+
+Nein, nein, nein, vom idealen Standpunkt nein.
+
+
+_Bienemann_
+
+Durchaus nicht.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Was habe ich also nach Ihrer Ansicht zu tun?
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie müssen fort.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Es haben mich aber doch einige Leute gesehen ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Das macht nichts; wir geben Sie für Ihren Doppelgänger aus.
+Wir bringen in der Zeitung eine kleine scherzhafte Notiz.
+Nicht wahr, Bienemann? Wir nennen ihn Mister Koch aus
+Pennsylvanien. Hahaha!
+
+
+_Bienemann_
+
+Das geht, das geht. »Ein heiteres Spiel des Zufalls fügte
+es« – und so weiter.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie müssen Deutschland verlassen.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Mit Vergnügen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie müssen Europa den Rücken kehren.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Mehr kann ich aber unmmöglich für Sie tun.
+
+
+_Karinkel_
+
+(glücklich)
+
+Sie sind ein Engel von einem Mann. Mit Ihnen kann man ja
+ausgezeichnet reden. Da sieht man erst, wie schlecht man im
+Leben einander kennen lernt.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Langsam, langsam, bester Herr –
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie fahren also nach Amerika. Sie benutzen den Schnellzug,
+der um drei Uhr hier hält. Die Reisekosten –
+
+
+_Hockenjos_
+
+Langsam. Jetzt komme ich.
+
+
+_Karinkel_
+
+Die Reisekosten zahlen wir selbstverständlich –
+
+
+_Hockenjos_
+
+So billig denken Sie mich loszuwerden?
+
+
+_Karinkel_
+
+Na ja, man kann noch ein Übriges tun ...
+
+
+_Bienemann_
+
+(aus dem Hinterhalt hetzend)
+
+Ein kleines Douceur ...
+
+
+_Hockenjos_
+
+Ihre Propositionen haben Sie gemacht. Jetzt will ich die
+meinen machen.
+
+
+_Karinkel_
+
+(ängstlich)
+
+So ... Sprechen Sie nur frei von der Leber weg.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Wie viel hat Sie der Marmorhaufen da draußen gekostet?
+
+
+_Karinkel_
+
+Viel Geld; schändlich viel!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Na ... dreißigtausend –?
+
+
+_Karinkel_
+
+Mehr!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Also. Ich verlange nur so viel.
+
+
+_Karinkel_
+
+(wie mit der Nadel gestochen)
+
+Was? Sie sind toll!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Kommt denn das gegen die Unsterblichkeit in Betracht,
+verehrter Bürgermeister?
+
+
+_Karinkel_
+
+Mensch, es handelt sich ja um _Ihre_ Unsterblichkeit!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Mit der _Sie_ ein Geschäft machen wollen. So viel wie Sie
+für mein Denkmal ausgegeben haben, lieber Herr, habe ich
+mein ganzes Leben lang mit meiner Hände Arbeit nicht
+verdient. Ich verkaufe Ihnen meinen Leichnam für weniger
+Geld als Sie für seine Glorifikation ausgegeben haben. Ist
+das nicht kulant? Sie haben ja eine Ausstellung meiner
+Bilder veranstaltet. Sie haben ja allen möglichen
+blumeranten Quatsch darüber schreiben lassen. Die Bilder
+gehören Ihnen. Bezahlen Sie sie mir, so daß ich endlich
+einmal leben kann, denn hierzulande hab ich bis jetzt kein
+Leben geführt.
+
+
+_Karinkel_
+
+(jammernd)
+
+Aber, Mann! was kümmern mich Ihre Bilder!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Endlich ein Wort aus dem Herzen. Also kurz und bündig, Herr:
+ist Ihnen meine Willfährigkeit so viel wert oder nicht? Den
+Hanswurst spiel ich nimmer länger.
+
+
+_Karinkel_
+
+(verzweifelt)
+
+Wo soll ich so eine Menge Geld hernehmen? Bienemann helfen
+Sie mir doch! Überreden Sie ihn doch –
+
+
+_Hockenjos_
+
+(greift nach seinem Hut)
+
+Genug geredet. Ich werde jetzt eine kleine Unterhaltung mit
+meinem – Doppelgänger führen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Halt! halt! Ich will ja ... genügt eine Sicherstellung des
+Kapitals?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Die genügt. (Sehr ernst.) Wenn ich nur was Sicheres habe.
+Was Sicheres brauch ich jetzt. Brot! Und Frieden.
+
+
+_Karinkel_
+
+(das Folgende sehr rasch)
+
+Man muß eine Anleihe aufnehmen.
+
+
+_Bienemann_
+
+Gibt es keine geheimen Fonds?
+
+
+_Karinkel_
+
+Wenn wir nur ein paar reiche Juden hätten ...
+
+(Beißt sich in die Finger.)
+
+
+_Bienemann_
+
+Zu überlegen ist keine Zeit.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich habe eine Idee. Ich beantrage im Gemeinderat den Bau
+eines Hockenjos-Museums, und das Geld verwend’ ich
+einstweilen, um den Mann zu befriedigen.
+
+
+_Bienemann_
+
+Vortrefflich. Rechnen Sie auf mich.
+
+
+_Hockenjos_
+
+(am Fenster, mit Blick gegen das Denkmal)
+
+Da faseln sie von Kunst. Von Kunst faseln sie, die Hunde.
+Ruhm! Ha. Mich verlangt nach keinem Ruhm. Selbst wenn’s
+ernst damit wäre. Alle Vorbehalte gehn dabei flöten. Ich
+will meine Vorbehalte haben. Will nicht von jedem Narren
+angesturt werden. Da ist man ja wie das Tor von einem
+Pfandhaus. Ich pfeif auf die Kunst. Sie ist viel zu groß für
+den schwachen Schädel. Kannst du den Großen groß sein? Die
+wandeln im Elysium, während du im Dreck kutschierst.
+Nützlich muß man sein. Und kaltblütig. Adieu, Städtchen!
+Dieses Amerika ist ja bloß ein paar Stunden weit von hier.
+Am Samstag, eh ich sterbe, komm ich mal übern Sonntag
+herüber.
+
+
+_Karinkel_
+
+(hat die Tür geöffnet, Abendrot hereingewinkt und mit ihm
+lebhaft geflüstert. Abendrot nickt mehrmals und geht wieder
+hinaus, Karinkel zu Hockenjos)
+
+Vom Fenster weg, um aller Heiligen willen!
+
+
+_Hockenjos_
+
+(gemächlich)
+
+Aber lieber Herr, wer denkt denn da drunten an mich!
+
+
+_Karinkel_
+
+Also, es wird alles geordnet. Nur noch eine Bedingung habe
+ich zu stellen.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Die wäre –?
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie müssen sich den Bart abrasieren lassen.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Wenn es sein muß – (Abendrot kommt mit einer Seifenschüssel,
+Pinsel und Rasiermesser.)
+
+
+_Karinkel_
+
+Es muß sein. Ich habe schon mit Abendrot gesprochen. Er
+versteht sich auf die Hantierung. Wir dürfen keinen Fremden
+mehr ins Vertrauen ziehn.
+
+
+_Kommissär Binder_
+
+(kommt)
+
+Herr Bürgermeister, es ist die höchste Zeit. Der Herr
+Professor Mettenschleicher führt soeben Seine königliche
+Hoheit zum Festplatz.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich komme.
+
+
+_Bienemann_
+
+(am Fenster)
+
+Das Volk ist schon versammelt.
+
+
+_Karinkel_
+
+Geben Sie mir das Konzept meiner Rede, Bienemann.
+
+
+_Bienemann_
+
+Jaso, die Festrede. Hier. (Reicht ihm das Manuskript.)
+
+
+_Karinkel_
+
+Wie seh ich aus?
+
+
+_Bienemann_
+
+Tadellos.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ist es wahr, Binder? Keine Flecken?
+
+
+_Binder_
+
+Da am Knie ist ein Spritzer ... (Bückt sich, reibt.)
+
+
+_Bienemann_
+
+Von der Bratensauce.
+
+
+_Karinkel_
+
+Schnell, schnell. Kommen Sie, Binder. Und Sie Bienemann,
+bleiben hier und passen gut auf. (Ab mit Binder.)
+
+
+_Abendrot_
+
+Wolle Se gefälligst Platz nehme, Herr?
+
+
+_Hockenjos_
+
+(setzt sich; zu Bienemann)
+
+Sie sind also der Verfasser der Festrede?
+
+
+_Bienemann_
+
+Jawohl. Ich bin des Bürgermeisters Tintenfaß. Er
+verschwendet geradezu meinen Geist. Eines Tages werde ich
+wegen Gehirnschwund der Armenkasse zur Last fallen.
+Vielleicht bekomm ich dann auch einen Denkstein. Die
+Inschrift wird lauten: Dem treuen Hohlkopf Bienemann sein
+väterlicher Blutegel Karinkel.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Der Mann ist sehr strebsam.
+
+
+_Bienemann_
+
+Strebsam, ja; das ist er. Für mich ist er vorbildlich.
+Geradezu ein Gattungsbegriff. Er war ein einfacher
+Schneider.
+
+
+_Hockenjos_
+
+(bereits mit abgeschnittenem Bart)
+
+Davon hat er was beibehalten.
+
+
+_Bienemann_
+
+Die ganze Stadt könnte man Karinkelei nennen. Der Schneider
+siegt auf der ganzen Linie.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Sie sind bitter.
+
+
+_Bienemann_
+
+Bitter und (mit Blick auf Abendrot) unvorsichtig.
+(Musiktusch von draußen.) Aha, der Prinz!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Na, Abendrot, was denken denn Sie bei dem Rummel?
+
+
+_Abendrot_
+
+(einseifend)
+
+Ich hab mer nie Gedanke gemacht über meine vorgesetzte
+Behörde.
+
+
+_Stadtrat Hannewickel_
+
+(tritt ein; ein schlottriger, schwerhöriger Greis)
+
+Entschuldige die Herre, ich möcht mir die Festlichkeit von
+owe ansehe. (Stutzt.) No, no, was isch denn das?
+
+
+_Bienemann_
+
+(ihm ins Ohr schreiend)
+
+Ein berühmter Zeitungsberichterstatter aus Amerika, Herr
+Stadtrat. Hat Eile, will dem Prinzen vorgestellt werden. Muß
+sich hier rasieren lassen. Mister Koch – Herr Stadtrat
+Hannewickel.
+
+
+_Hannewickel_
+
+Merkwürdig, merkwürdig ...
+
+
+_Hockenjos_
+
+#How do you do,# Sir?
+
+
+_Bienemann_
+
+(ihm ins Ohr)
+
+Er erkundigt sich nach Ihrem Befinden.
+
+
+_Hannewickel_
+
+Dank schön. Dank schön. (Geht ans Fenster, öffnet es.)
+
+
+_Stimme Karinkels_
+
+Zum ersten Mal tritt die hohe Aufgabe an uns heran, dem
+Namen eines Mitbürgers zu huldigen, eines Mannes, der in
+unserem engsten Kreis gestrebt und geschaffen hat, eines
+großen, gottbegnadeten Künstlers.
+
+
+_Abendrot_
+
+Sie müsse den Kopf e bissele rechts halte ...
+
+
+_Stimme Karinkels_
+
+Wir sehen noch im Geist seine herrliche Gestalt durch unsere
+Gassen schreiten, wir können sein feuriges Auge nicht
+vergessen, wir spüren noch mit Ehrfurcht den Hauch seiner
+Gegenwart, die uns erhoben und über den Alltag entrückt
+hat ...
+
+
+_Hockenjos_
+
+Daß dich der Satan beiße ...
+
+
+_Abendrot_
+
+Nu müsse Se ’n Kopf e bissele links halte ...
+
+
+_Hannewickel_
+
+(zu Bienemann)
+
+Wie heischt jetz der Künschtler, dem Se’s Denkmal g’setzt
+hawe?
+
+
+_Bienemann_
+
+(schreit ihm ins Ohr)
+
+Hockenjos!
+
+
+_Hannewickel_
+
+Richtig. Ich hab halt gar koi Gedächtnis mehr. Drei Sachen
+kann i mir überhaupt nimmer merke. Erschtens Zahlen.
+Zweitens Namen. Drittens ... Herrjeses, ’s dritte haw’ i
+vergessen.
+
+
+_Karinkels Stimme_
+
+Der Ruhm seines lichtstrahlenden Pinsels wird durch die
+Zeiten schimmern und unsern Söhnen ein Vorbild sein – – – –
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch
+wurde auf Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber
+dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 021: sind die Geschehnisse wie Träume .. -> ...
+S. 021: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ...
+S. 050: die um Iwan wissen .. -> ...
+S. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf)
+S. 076: Die schönste die vornehmste -> schönste, die vornehmste
+S. 098: Händen anf dem Rücken -> auf
+S. 099: konnt’ es doch nicht durft’ es doch nicht kommen -> nicht, durft’
+S. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig
+S. 174: Pünklichkeit -> Pünktlichkeit
+S. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit
+S. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
+Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans
+of a first edition copy. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p. 021: sind die Geschehnisse wie Träume .. -> ...
+p. 021: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ...
+p. 050: die um Iwan wissen .. -> ...
+p. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf)
+p. 076: Die schönste die vornehmste -> schönste, die vornehmste
+p. 098: Händen anf dem Rücken -> auf
+p. 099: konnt’ es doch nicht durft’ es doch nicht kommen -> nicht, durft’
+p. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig
+p. 174: Pünklichkeit -> Pünktlichkeit
+p. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit
+p. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text
+has been replaced by:
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+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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index 0000000..9e2a7e5
--- /dev/null
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new file mode 100644
index 0000000..8533d49
--- /dev/null
+++ b/19940-8.txt
@@ -0,0 +1,12168 @@
+The Project Gutenberg EBook of Die ungleichen Schalen, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die ungleichen Schalen
+ Fünf einaktige Dramen
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: November 27, 2006 [EBook #19940]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ Die ungleichen Schalen
+
+
+ Fünf einaktige Dramen
+
+ von
+
+ Jakob Wassermann
+
+
+
+ S. Fischer, Verlag, Berlin
+
+ 1912
+
+
+
+Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen und Vereinen gegenüber
+Manuskript. Das Recht der Aufführung ist allein durch
+S. Fischer, Verlag, Berlin W., Bülowstr. 90 zu erwerben.
+
+Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin.
+
+
+
+Inhalt
+
+Rasumowsky 9
+Gentz und Fanny Elßler 59
+Der Turm von Frommetsfelden 107
+Lord Hamiltons Bekehrung 171
+Hockenjos 237
+
+
+
+
+Rasumowsky
+
+
+Personen:
+
+ Graf Alexei Grigorjewitsch Rasumowsky
+ Rodion, sein Diener
+ Michael Jefimowitsch Lassunsky, Kapitänleutnant der Leibgarden
+ Fedor Alexandrowitsch Chidrowo, Rittmeister der Garde-Kavallerie
+ Graf Grigorij Orlow
+
+Spielt in Petersburg im Jahre 1763.
+
+
+Ein altertümlich ausgestatteter großer Raum im Hause des
+Grafen Rasumowsky. An der Rückwand links ein großer Kamin,
+in welchem ein Holzfeuer brennt. Über dem Kamin das Porträt
+der Kaiserin Elisabeth Petrowna. Rechts ein erkerartiger
+Vorbau mit Fenstern gegen die Straße. In der rechten
+Seitenwand Türe in die übrigen Gemächer, in der linken der
+Ausgang zum Flur.
+
+Rittmeister _Fedor Chidrowo,_ ein junger Mann von 23 Jahren,
+geht aufgeregt umher. Nach kurzer Weile tritt Kapitänleutnant
+_Michael Lassunsky_ ein, von _Rodion_ geführt, einem alten
+Kleinrussen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+(etwa im gleichen Alter wie Chidrowo)
+
+Sag meinem Oheim, daß ich ihn dringend sprechen muß.
+
+
+_Rodion_
+
+Eure Erlaucht werden gebeten zu warten. Seine gräfliche
+Gnaden ist noch bei der Morgenandacht.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Sag dem Grafen --
+
+
+_Rodion_
+
+Es ist der strenge Befehl Seiner gräflichen Gnaden, ihn
+nicht bei der Morgenandacht zu stören.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Kerl, die Wichtigkeit --
+
+
+_Rodion_
+
+Hab strengen Befehl von Seiner gräflichen Gnaden --
+
+
+_Lassunsky_
+
+Scher dich zum Henker. (Rodion wirft Scheite in den Kamin,
+dann ab.) Du hier, Fedor Alexandrowitsch?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Grüß dich, Michael Jefimowitsch. Mußt dich gedulden, warte
+ebenfalls schon lang.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Orlow ist auf dem Weg hierher.
+
+
+_Chidrowo_
+
+(bestürzt)
+
+Das kann nicht sein.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Orlow ist auf dem Weg hierher.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Ist das eine Vermutung?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Eine Gewißheit; wenigstens beinahe.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Beinahe ist keine Gewißheit. Aber du bist so erregt ...
+
+
+_Lassunsky_
+
+Hab Grund dazu. Der Großkanzler Woronzow ist an der
+Kasan-Kathedrale überfallen worden.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Bei Gottes Güte, was sagst du da!
+
+
+_Lassunsky_
+
+Erwartet Alexei Grigorjewitsch nicht den Großkanzler?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Ja, Graf Woronzow hat mich geschickt, damit ich seine
+Ankunft melde. Aber --
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ich und Anenkow ritten als Eskorte hinter dem Wagen des
+Großkanzlers. Eine Horde betrunkener Soldaten drängt sich
+zwischen uns und die Karosse, und auf einmal sind wir
+abgeschnitten. Wir sehen nur noch, daß der Kanzler gezwungen
+wird, auszusteigen, dann haben sie ihn in ein Haus
+geschleppt.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Und ihr habt nicht dreingehaut?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Zwei gegen fünfzig?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Das ist ja Aufruhr, Michael Jefimowitsch.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Anenkow ist in den Palast zurückgeeilt, ich hierher.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Und du glaubst --?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ich glaube, daß Orlow hier sein wird, eh dort die Uhrzeiger
+gestreckt stehen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Das sollte Orlow wagen?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Orlow wagt alles. (Zur Türe, ruft hinaus.) Rodion!
+
+
+_Rodion_
+
+(kommt)
+
+Erlaucht befehlen?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ihr seid nicht an Besuch gewöhnt, Alter?
+
+
+_Rodion_
+
+Nein, Erlaucht, wir leben sehr zurückgezogen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Nun wohl, ihr werdet binnen kurzem Besuch erhalten, noch
+dazu sehr unwillkommenen. Sperr die Tore zu.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Sperr die Tore zu, Alter.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ja, sperr die beiden Tore zu, das nach der Gasse und das
+nach dem Garten.
+
+
+_Rodion_
+
+Ist Gefahr für Seine gräfliche Gnaden?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Schwatz nicht, Alter, tu, was man dir befiehlt. (Rodion ab.)
+
+
+_Lassunsky_
+
+(wirft sich in einen Sessel)
+
+Ich bin hin.
+
+
+_Chidrowo_
+
+(ungestüm auf und ab gehend)
+
+Wie glaubst du, daß Alexei Grigorjewitsch die Nachricht
+aufnehmen wird?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Kann mich nicht erinnern, ihn je sonderlich erstaunt gesehen
+zu haben.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Das ist böse.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Bah! wer viel staunt, handelt wenig.
+
+
+_Chidrowo_
+
+So viel sag ich dir: wenn die Kaiserin den Orlow heiratet,
+nehm ich meinen Abschied.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Nach Sibirien.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Einem Orlow huldigen? Eher nach Sibirien.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Was können wir dagegen tun?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Die Fürstin Chilkow hat geweint, als sie davon erfuhr.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Die flennt, wenn man einem Huhn den Hals abdreht. Als
+Rakitin mit ihrem Wissen ihren Mann erschlug, hat sie keine
+Träne vergossen. (Man hört Waffenlärm von der Straße.)
+Horch --! (Beide lauschen.)
+
+
+_Chidrowo_
+
+(nähert sich dem Erker)
+
+Nein -- nichts. (Stellt sich vor Lassunsky; ungestüm.)
+Michael Jefimowitsch! Wir sollten hingehen und die Kaiserin
+bitten, es nicht zu tun. Haben wir ihr nicht auf den Thron
+geholfen? Wir alle? Wir sind bereit, für sie zu sterben, nur
+das, das eine, das nicht! Sie kann sich unsern Gründen nicht
+verschließen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Sie wird aus deinen Gründen einen Strick für den Henker
+drehen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Herrgott, Michael Jefimowitsch, sie ist doch eine kluge
+Frau!
+
+
+_Lassunsky_
+
+Sie ist verliebt.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Was ist denn an einem Orlow zu lieben?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Was wir an ihm hassen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Sein Ehrgeiz macht ihn verrückt.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Er ist schön, und stark wie ein Bär.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Er hat keine Erziehung.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Umso weniger ist er gehemmt.
+
+
+_Chidrowo_
+
+(leise durch die Zähne)
+
+Ich sage dir: er wird sie ermorden, so wie er den Zaren
+ermordet hat.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Dummkopf! Er war nur die Hand. Katharina ist tausendmal
+schlauer als er. O, das ist ein Weib, mein Lieber, die
+steckt uns alle in den Sack.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wo ist da die Schlauheit? Die Mariage ist projektiert. Es
+muß ein Mittel gefunden werden, sie davon abzubringen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Du bist Soldat und mußt schweigen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Schweigen kostet Herzblut.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ich meinerseits will nicht Politik treiben, da hast du's.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Aber die Zähne knirschen? Das ist auch eine Art von Politik
+und eine schlechte. Wie stumpf du bist!
+
+
+_Lassunsky_
+
+Stumpf?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Oder du weißt mehr als du sagen willst.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Wohl möglich. Vielleicht wirst du heute noch alles erfahren.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wie ist's? warum wollte der Großkanzler mit Rasumowsky
+verhandeln?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ist dir nicht bekannt, daß Alexei Grigorjewitsch heimlich
+vermählt war mit der verstorbenen Kaiserin Elisabeth
+Petrowna?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Dies ist mir wohl bekannt, allein -- wie hängt das zusammen?
+
+
+_Lassunsky_
+
+(sieht sich um)
+
+Schweig, schweig.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Im Hause Rasumowskys sind die Wände taub.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Nicht um die Wände handelt sich's. (Steht auf.) Aber er! Er!
+Dieser furchtlose Mann! Der furchtloseste, der in Rußland
+lebt. Wie ich ihn verehre, Fedor Alexandrowitsch! Wüßtest du
+wie ich ... In wunderbarer Verschwiegenheit ist er der
+Geliebte einer Kaiserin gewesen. Niemals hat ihn eine Miene,
+nie ein Lächeln verraten. Nie hat er Schacher getrieben mit
+seinem Glück. Nie war er ungerecht. Und jetzt (schmerzlich)
+jetzt soll er sich ausliefern. Weil ein Orlow mit der
+Vergangenheit dieses gerechten Mannes seine Zukunft gründen
+will!
+
+
+_Chidrowo_
+
+Ausliefern? Ich verstehe dich nicht, Michael Jefimowitsch.
+Kein Wort verstehe ich von allem was du sagst.
+
+
+_Lassunsky_
+
+(kummervoll)
+
+Und er wird Grigorij Orlow empfangen. Er wird ihn einlassen,
+ich weiß es.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Du meinst, weil er sich nicht getrauen wird, den ersten
+Günstling der Krone von seiner Türe zu weisen?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Nicht deshalb, Fedor Alexandrowitsch, nicht deshalb. Sondern
+eben, weil er so gerecht ist. Und wenn Orlow vor ihm steht,
+dieser Sturmwind, dieser Leopard, kannst du ermessen, was
+dann geschieht? Mich jammert's, Fedor Alexandrowitsch, und
+ich fühle mich machtlos. Die Dinge geschehen, und wir sind
+machtlos.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Du schwaches russisches Herz! So will ich dir sagen:
+Rasumowsky wird Grigorij Orlow nicht empfangen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+(aufmerksam)
+
+Schon vorhin hast du angedeutet, daß Orlow es nicht wagen
+würde ... Da steckt was dahinter.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Weißt du nicht, was sich am Ostertag auf der Morskaja
+zugetragen hat?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Kein Sterbenswort.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wahrlich, in unserm Leben sind die Geschehnisse wie Träume
+... (Faßt sich an die Stirn.) So kurz die Zeit, so weit
+entrückt. (Besinnt sich.) So war's ...
+
+
+_Lassunsky_
+
+Erzähle, Fedor Alexandrowitsch ... mir ist jetzt selbst als
+hätten sie in der Wachtstube davon berichtet. Zuviel drängt
+sich in einen Tag.
+
+
+_Chidrowo_
+
+So war's ... (Mit Gesten, als ob er auf einen Plan wiese.)
+Da ist die Morskaja. Da ist die Gasse von den Kasernen. Da
+ist eine enge Gasse zum Newski-Prospekt. Orlow hatte die
+Regimenter Astrachan und Ingermanland zum Gehorsam
+gezwungen. Mit seinen zwanzig oder dreißig Getreuesten
+stürmt er zum Winterpalast, um es der Kaiserin zu melden.
+Rast auf seinem Gaul an der Spitze der Schar mitten durch
+die Stadt. Die Funken spritzen, das Pflaster dröhnt. So
+gelangen sie auf die Morskaja. Da spielen zwei Kinder auf
+der Straße, schöne, blonde Kinderchen, ein Mädchen und ein
+Knabe, sitzen friedlich da und spielen. Denken offenbar, die
+Reiter werden ausweichen, denn die Straße ist ja breit, und
+so staunen sie dem Schauspiel entgegen und freuen sich.
+Orlow aber sprengt mittenwegs auf sie zu, als könnt er
+nicht, wollt er nicht aus der Bahn, zu spät rufen Leute aus
+den Fenstern, strecken die Arme, zu spät erkennen die
+Kleinen die Gefahr und starren, gütige Unschuld, wie wenn
+ihr Schutzpatron sie geblendet hätte. Orlow fletscht die
+Zähne, spornt noch das Roß, starrt gerade vor sich hin, als
+sähe er nichts, Weiber kreischen, Männer stürzen aus den
+Häusern ... alles umsonst, die beiden Mäuschen sind unter
+den Hufen verschwunden, eh' man's denkt, zerrissen,
+zertreten, und man schaut nur noch blutige Klumpen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+O Menschheit!
+
+
+_Chidrowo_
+
+Im selben Augenblick kommt Alexei Rasumowsky aus der engen
+Gasse, wohin die Reiter wollen, und vor der sie sich stauen
+wie Wasser vor einem Wehr. Rasumowsky blickt hin über die
+Luft, blickt hin auf die blutige Erde und ruft: Graf Orlow!
+Orlow reißt den Zügel und hält. Die hinter ihm sind, vom
+tollen Ritt noch, mit ihren Gäulen dicht an ihn gedrängt.
+Ganz stille wird's auf einmal. Graf Orlow! ruft Alexei
+Grigorjewitsch und hebt den Arm, die gemordeten Seelchen
+werden sich um deine Füße klammern, wenn du vor Gottes Thron
+gehst. Mit nichten wirst du schreiten können, mit nichten.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Und Orlow? hat er geantwortet?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Nun geschah das Sonderbare. Orlow zieht den Dolch, beugt
+sich vor, schließt wie im Krampf die Augen und stößt seinem
+Pferd von oben her den Stahl mitten in die Brust. Während
+das Tier zusammenbricht, springt er ab, geht an Rasumowsky
+vorüber, grüßt ihn schweigend und setzt schweigend und
+bleich seinen Weg zu Fuß fort.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Rätselhaft.
+
+
+_Chidrowo_
+
+So hat mir's der Hauptmann Woropanow erzählt, der an Orlows
+Seite ritt.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Was war der Zweck solcher Tat?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Sicherlich trägt er glühenden Haß gegen Alexei
+Grigorjewitsch.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Das dünkt mich unwahrscheinlich.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wie ... unwahrscheinlich --?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Es sieht wie Demut und Buße aus, was er getan.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Hohn ist's, sag ich dir, Hohn und Bosheit. Seine Blutgier
+wollte noch ein Opfer haben.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Warum sollt es nicht Scham und Reue gewesen sein?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Willst du Orlow verteidigen? Schönfärben den wüsten Mord?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Fast könnt ich Mitleid haben mit ihm.
+
+
+_Chidrowo_
+
+So seid ihr alle, lammsherzig und matt.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Acht' auf deine Worte.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Acht' du auf deine Freiheit, auf deine Männlichkeit!
+
+
+_Lassunsky_
+
+Stünden wir nicht hier, Fedor Alexandrowitsch --
+
+
+_Chidrowo_
+
+(wild)
+
+Hier oder anderswo. Wer gut von Orlow redet, spricht
+schlecht von mir.
+
+(Graf Alexei Rasumowsky tritt langsam von rechts ein. Er ist
+mit einem langen, schwarzen Sammetgewand bekleidet und hat
+eine goldne Kette um den Hals. In der Hand trägt er die
+Kasansche Bibel. Er erscheint zunächst häßlich mit seinem
+eingefallenen, alten, mißtrauisch finstern Gesicht, an dem
+die Backenknochen stark hervortreten und die schneeweißen
+Brauen wie dicke Wülste hängen, indes der Kinnbart schütter
+und zottig ist. Aber sein Wesen hat eine bewundernswerte
+Würde, und wenn er, um zu schauen, die Lider hebt, was nicht
+häufig geschieht, ist sein Blick strahlend rein und von
+seltsamer, kindlicher Wehmut. Die beiden Offiziere wenden
+sich von einander und begrüßen ihn mit schweigender tiefer
+Verbeugung.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Streit in meinem Hause? (Langes Schweigen.) Was ist
+geschehen, Rittmeister Chidrowo, daß Ihre Augen so funkeln?
+
+
+_Chidrowo_
+
+(finster)
+
+Üble Neuigkeiten, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Nichts Schlimmeres in der Welt als Neuigkeiten. Weshalb sind
+Sie hier, zu so früher Stunde?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Ich sollte den Großkanzler Woronzow anmelden.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Graf Woronzow ist auf der Fahrt hierher von Soldaten
+überfallen worden.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Hat Rußland keinen Zaren mehr?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Es hat eine Zarin.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Gott schenke ihr Weisheit. (Kopfschüttelnd.) Woronzow auf
+dem Weg zu mir ... Was hat das zu bedeuten?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Die Zarin hat den Kanzler wegen der neuen Mariage zu Euer
+Erlaucht geschickt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wegen der neuen Mariage? Bin ich ein Pope?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Der Kanzler sollte eine geheime Erkundigung einziehen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(läßt sich auf dem Armsessel vor dem Kamin nieder und legt
+die Bibel auf seinen Schoß)
+
+Das gehört auch zu den Neuigkeiten der Welt, daß mit lauter
+Geheimnissen regiert wird.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Die Sache verhält sich so, Erlaucht: Da ganz Petersburg
+gegen die projektierte Heirat der Zarin mit Orlow gestimmt
+ist, so hat man endlich ein Mittel gefunden, um die Geister
+zu beschwichtigen, man hat auf die Ehe Euer Erlaucht mit der
+verstorbenen Kaiserin Elisabeth Petrowna hingewiesen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wie? So weit hätte man sich vermessen? Und wem ist dieser
+schamlose Gedanke gekommen?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Offenbar stammt er von den Brüdern Orlow. Was ihr für
+unmöglich haltet, sagten sie, ist ja schon einmal
+geschehen, ohne daß die Welt eingestürzt ist. Graf
+Rasumowsky ist ja da, gehen wir hin zu ihm.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Die Narren!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und was sagte die Kaiserin dazu?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Die Kaiserin soll gesagt haben: von dieser Ehe weiß die Welt
+nichts, aber wenn ihr mir den schriftlichen Beweis erbringt,
+daß zwischen dem Grafen Rasumowsky und der hochseligen Zarin
+eine Heirat wirklich stattgefunden hat, will ich mich fügen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Das hat die Kaiserin gesagt?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Doch als die Orlows sich anheischig machten, zu Euer
+Erlaucht zu gehen, wollte die Kaiserin plötzlich nichts
+davon wissen. Sie gebot, daß Graf Woronzow den Auftrag
+übernehmen sollte, vielleicht weil sie den Ungestüm der
+Brüder Orlow fürchtete, vielleicht, weil sie in Wirklichkeit
+gar nicht wünscht, was sie zu wünschen scheint. Heut um die
+achte Stunde befahl der Kanzler seinen Wagen, und vor der
+Kasan-Kathedrale geschah es dann --
+
+
+_Chidrowo_
+
+(am Fenster, mit ausgestreckter Hand)
+
+Da sind Orlows Leute! (Stimmen und Waffenlärm vor dem Haus.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(steht auf)
+
+Und du vermutest, daß der Überfall vom Grafen Orlow
+angestiftet worden ist? (Schaut gegen den Erker.)
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ja, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+So wäre es augenscheinlich, daß Orlow dem Befehl der
+Kaiserin zuwidergehandelt hat --? (Man hört heftiges Klopfen
+am Tor.)
+
+
+_Chidrowo_
+
+Sie begehren Einlaß.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(erstaunt)
+
+Einlaß begehren sie? Das Tor ist offen. War's denn nicht
+auch für euch geöffnet?
+
+
+_Lassunsky_
+
+(zögernd)
+
+Ich habe die Tore schließen lassen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Die Tore _meines_ Hauses?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Ich denke, Erlaucht, man kann nicht mehr daran zweifeln, daß
+Orlow den Kanzler überfallen ließ, um ihn dingfest zu
+machen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Die Tore _meines_ Hauses? (Lassunsky senkt schweigend den
+Kopf.) Soll Orlow glauben, daß ich vor ihm zittere?
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wie, Erlaucht, Sie wollen Orlow empfangen? (Erneutes Pochen
+von unten.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Geh, Michael Jefimowitsch, und sag, daß das Tor aufgesperrt
+werde.
+
+
+_Lassunsky_
+
+(flehend)
+
+Erlaucht --
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Klang es doppelzüngig, was ich gesagt?
+
+
+_Lassunsky_
+
+(geht schweigend ab --)
+
+
+_Chidrowo_
+
+(verschränkt die Arme; vor sich hin)
+
+Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Eure Großmäuligkeit, was ist sie nutze? Ist euer Nein
+Vernunft, euer Ja Überlegung? Ich will sehen. Sehen und
+hören will ich, dazu gab mir Gott Augen und Ohren. Und wenn
+ich gesehen und gehört habe, dann will ich wägen, dazu hat
+mir Gott die Erfahrung eines langen Lebens zuteil werden
+lassen.
+
+
+_Lassunsky_
+
+(kommt zurück)
+
+Major Nischinski ist es, man hat ihn vorausgesandt, um Euer
+Erlaucht den Grafen Orlow zu melden.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ich bin bereit.
+
+
+_Chidrowo_
+
+(noch leiser als oben)
+
+Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...
+
+
+_Lassunsky_
+
+Ich sagte ihm, daß ich die Meldung übernehmen will.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(wie mit sich selber redend)
+
+In ein Antlitz zu schauen, das heißt, Entschlüsse vom
+Schicksal selbst empfangen. Läufst du hinauf die steile
+Bahn, Orlow, ohne daß dein Herz klopft, so will ich prüfen,
+was für ein Ruf dich ereilt, was dich zaudern macht, was
+dich feurig macht, was dich grausam macht, was dich weckt.
+(Ekstatisch bewegt.) Nicht richten will ich, nur Werkzeug
+eines Richters sein und handeln -- wie ich muß. (Mit der
+früheren Stimme.) Michael Jefimowitsch!
+
+
+_Lassunsky_
+
+(der das Gesicht abgewandt und die eine Hand über die Augen
+gelegt hatte)
+
+Erlaucht --?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wie geht es meiner Nichte Sofia?
+
+
+_Lassunsky_
+
+Wir erwarten täglich ihre Niederkunft, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Bete für einen Knaben. Gott schenk uns Helden. (Man hört
+Schritte, Stimmengesurr, Säbelklirren.)
+
+
+_Rodion_
+
+(reißt die Türe auf, feierlich)
+
+Der General-Adjutant Kammerherr Graf Orlow.
+
+
+_Orlow_
+
+(tritt säbel- und sporenklirrend ein. Er trägt die Uniform
+der Preobraschenskyschen Leibwachen. Seine Gestalt ist
+äußerst schlank, sein Gesicht kalt, bleich, hochmütig und
+etwas verwüstet. Die Züge verraten eine kaum zu bändigende
+Leidenschaftlichkeit. Er weiß um seine Schönheit, ist eitel
+darauf und verachtet sie zugleich. Seine Hände sind fein und
+lang. Er verbeugt sich tief vor Rasumowsky, die beiden
+Offiziere scheint er zu übersehen.)
+
+Ich komme hoffentlich nicht zu ungelegener Stunde, Graf
+Alexei?
+
+
+_Chidrowo_
+
+(kaum hörbar)
+
+Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Michael Jefimowitsch, du wirst die Güte haben, drüben im
+gelben Zimmer zu warten.
+
+
+_Lassunsky_
+
+Wir wollen keinesfalls stören.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Auch Sie, Fedor Alexandrowitsch, mögen warten, wenn es Ihnen
+gefällig ist.
+
+
+_Chidrowo_
+
+Wenn es erlaubt ist, will ich warten. (Ab mit Lassunsky nach
+rechts.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Nehmen Sie Platz, Graf Orlow. (Er setzt sich, legt die Bibel
+aus der Hand.)
+
+
+_Orlow_
+
+(setzt sich gleichfalls)
+
+Daß ich nicht mit einer langen Vorrede lästig falle,
+Erlaucht: Wie Ihnen bekannt sein dürfte, hat sich Ihre
+Majestät, die Kaiserin, entschlossen zu heiraten.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(bedächtig)
+
+Wieder zu heiraten.
+
+
+_Orlow_
+
+Zar Peter ist tot.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Doch war er gekrönter und gesalbter Zar von Rußland.
+
+
+_Orlow_
+
+Ihm folgte von Gottes Gnaden Katharina.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ich unterwerfe mich demütig ihrem mächtigen Willen.
+
+
+_Orlow_
+
+Ihre erhabene Majestät hat ihr Herz an einen Unwürdigen
+verschenkt, den sie aus dem Staub zu sich auf den Thron
+erheben will. Dieser Unwürdige befindet sich vor Ihnen,
+Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und schaudert Ihnen nicht vor solcher Erhebung, Graf Orlow?
+Daß Sie mit Worten der Bescheidenheit davon sprechen, steht
+Ihnen wohl an. Ich hatte es nicht erwartet.
+
+
+_Orlow_
+
+Daß ich endlich einen Mann finde, dem ich mein volles und
+bedrücktes Gemüt eröffnen kann! (Emphatisch.) Warum hat uns
+das Geschick nicht früher einander näher kommen lassen!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Mein Los ist Einsamkeit seit langem, Graf Orlow. Fast kenne
+ich die Welt nicht mehr, und fremd ist mir geworden, was
+sich außerhalb dieser Schwelle begibt.
+
+
+_Orlow_
+
+So dacht ich mir's, Erlaucht, und nur mit frommen
+Empfindungen bin ich genaht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Unheilig war stets, was mir von draußen kam, das ist wahr.
+Doch liebe ich die Jugend, wenn schon vieles mir unbegreiflich
+an ihr ist.
+
+
+_Orlow_
+
+(geschmeidig und beredt)
+
+Wie Sie leicht ermessen können, Erlaucht, begegnet die edle
+Absicht der Kaiserin dem Widerstand aller Großen des Reichs.
+Man beneidet mich, man legt mir Fallstricke, man zettelt
+Verschwörungen an, ja man schreckt nicht vor offenbaren
+Beleidigungen zurück, denen mein Gleichmut unmöglich
+gewachsen ist.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ja, ja, ja. Es ist geblieben, wie es immer war.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich habe mich beherrschen gelernt, Erlaucht. Mein Vater hat
+mich in Demut und Gehorsam erzogen. Niemals, in meinen
+verwegensten Träumen nicht, konnte ich ahnen, daß der Blick
+meiner gnädigen Herrscherin auf mich fallen würde. Wer kann
+es mir verargen, Erlaucht, daß mein ganzes Blut sich in
+Hingebung für diese Frau entflammte, daß ich bereit bin,
+meine Seligkeit für sie zu opfern, daß mir nichts mühevoll,
+nichts unerreichbar mehr erscheint, seitdem sie mich erwählt
+hat?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wohl kann ich dies verstehen, Graf Orlow.
+
+
+_Orlow_
+
+(schwärmerisch)
+
+O, ich wußte es, Erlaucht, ich wußte es. Dank, allen Dank
+meines armen Herzens.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ein Herz wie das Ihre ist nicht arm, Graf Orlow.
+
+
+_Orlow_
+
+Doch scheint mir's so in Ihrer Nähe. Aber hören Sie weiter,
+Erlaucht. Vor wenigen Tagen wurde die Zarin, deren Geist in
+quälender Unschlüssigkeit irgend einen Weg suchte, von einem
+ruchlosen Ratgeber auf Ihre Ehe --
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(unterbricht hastig)
+
+Ich weiß, ich weiß ...
+
+
+_Orlow_
+
+Sie wissen, Erlaucht? Ich atme auf. Dies mindert die
+Schwierigkeit meiner Sendung.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ich bin erstaunt, daß Ihre Majestät ein solches Mittel nötig
+zu haben glaubt. Jede Handlung ist gerechtfertigt, die sie
+gutheißt.
+
+
+_Orlow_
+
+Ganz meine Meinung, Erlaucht. Aber Katharina ist
+gewissenhaft und dankbar, zwei Eigenschaften, die den
+Fürsten das Regieren erschweren.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und Ihre Mission ist also --
+
+
+_Orlow_
+
+Der Plan war, den Großkanzler zu schicken --
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(nickt)
+
+Auch dies ist mir bekannt.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich wollte es um jeden Preis verhindern, selbst auf die
+Gefahr, ungehorsam gegen meine Wohltäterin zu sein. Der
+Kanzler Woronzow ist ein vortrefflicher Diener, aber er ist
+nur ein Diener. Seine Rauheit, sein mürrisches Wesen, seine
+Unfähigkeit, zarte Dinge zart zu packen, hätte Sie unbedingt
+verletzt, Graf Alexei. Ich begriff das Ungeheuerliche des
+Auftrags wie die Delikatesse, mit der er behandelt werden
+mußte, vom ersten Augenblick an. Ich habe tief mit Ihnen
+gefühlt, Erlaucht, ich fürchtete die Dazwischenkunft des
+Kanzlers, und -- ich habe ihn gefangen setzen lassen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Was Sie getan haben, ist höchst tadelnswert, Graf Orlow,
+doch kann ich dem Edelmut, der Sie antrieb, meine
+Bewunderung und meinen Dank nicht versagen.
+
+
+_Orlow_
+
+Und so bin ich gekommen -- (zaudert.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Gekommen --?
+
+
+_Orlow_
+
+(leise, als schäme er sich)
+
+Sie um die Dokumente Ihrer Ehe mit der Zarin Elisabeth
+Petrowna zu bitten.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Mein Erstaunen wächst, Graf Orlow. Wie kann man mit einer
+Tatsache rechnen, mit der die Öffentlichkeit niemals
+behelligt worden ist, die niemals zugegeben worden ist und
+die daher niemals Gegenstand weder einer politischen, noch
+einer privaten Aktion werden kann?
+
+
+_Orlow_
+
+Ich ehre diese Entrüstung, Erlaucht, und finde sie gerecht.
+Aber es gibt Dinge, die so lange verschwiegen werden bis
+jedes Kind um sie weiß.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wahrlich, was Sie da sagen, betrübt mich aufs äußerste, Graf
+Orlow. Mir ist, als sei ich bestohlen worden. Mir ist, als
+hätte man meine Brust durchwühlt, um ihr das Teuerste zu
+rauben, und als riefe man mir zu: du bewahrst es umsonst,
+denn die Hunde beschnüffeln es schon wie ein Aas.
+
+
+_Orlow_
+
+Schwer wird es mir, Ihnen zu widersprechen, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und wenn ich nun antworten würde: eine Ehe zwischen mir und
+der hochseligen Herrin Elisabeth Petrowna hat niemals
+stattgefunden?
+
+
+_Orlow_
+
+(beißt sich auf die Lippen; dann gleißnerisch)
+
+So würde ich Ihre Beweggründe zu erforschen suchen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wenn ich Ihnen versichern würde, daß ich keine Dokumente
+besitze --? Wie, Graf Orlow?
+
+
+_Orlow_
+
+(düster)
+
+Sie würden damit mein Leben zerstören, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und wenn ich den Besitz der Dokumente zugebe, warum soll ich
+sie ausliefern? Was könnte mich veranlassen, ein Jahr um
+Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt gehaltenes Übereinkommen
+schmählich zu verletzen? Nur weil ein Jüngling, den die
+Jugend begehrlich und begehrenswert macht, in meinen Frieden
+tritt und die Hand ausstreckt nach meinem Gut?
+
+
+_Orlow_
+
+Es ist nichts in Ihren Worten, Alexei Grigorjewitsch, was
+ich mir nicht auch selbst schon ins Gewissen gerufen hätte.
+Doch erwägen Sie, Erlaucht: mein Glück ist auch das Glück
+der Kaiserin.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ich werfe mich in den Staub vor Ihrer Majestät, aber sie
+hat keine Macht über die Geheimnisse meiner Seele.
+
+
+_Orlow_
+
+So flehe ich, Erlaucht, um Ihr Vertrauen ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Mein Vertrauen zu den Menschen ist so gering, Graf Orlow,
+daß jeder Appell daran verschwendet ist. Ich habe zu viele
+Worte gehört und zu viele Taten gesehen. Ich bin meiner
+selbst kaum gewiß, um wie viel weniger eines andern. Ein
+Ozean von Geschwätz ertränkt die edelste Handlung, und die
+niedrigste versteckt sich nicht mehr, wenn ihr ein Vorteil
+winkt.
+
+
+_Orlow_
+
+Bedenken Sie, Alexei Grigorjewitsch, ein Mann, für den so
+Ungeheueres sich entscheiden soll, muß ein Verworfener
+werden, wenn es mißlingt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Also ist es nur der Erfolg, der tugendhaft macht?
+
+
+_Orlow_
+
+Ein Held jedoch, wenn er ans Ziel gelangt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ein Held? Könnt ich dies glauben, Graf Orlow, dann! ja dann!
+Aber ich kann es nicht glauben. (Feierlich.) Zwei
+unschuldig Zertretene wehren mir's.
+
+
+_Orlow_
+
+Viel Blut liegt auf dem Weg der Helden, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Blut von Kindern?
+
+
+_Orlow_
+
+Macht löscht den Makel aus.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(betroffen)
+
+Furchtbares Wort!
+
+
+_Orlow_
+
+(erkennt seinen Fehler, einlenkend)
+
+Als ich heranritt, Erlaucht, ich war betrunken von Freude;
+ich hatte die unheilvollste Meuterei erstickt, Rebellen
+hatte ich meiner Gebieterin in Anhänger auf Tod und Leben
+verwandelt, die Wirklichkeit zerrann mir vor den Augen, ich
+sah kein Hindernis mehr ... und als es geschehen war, hab
+ich nicht Buße getan vor allem Volk?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Doch haben Sie dem Volk eine unheilbare Wunde geschlagen.
+
+
+_Orlow_
+
+(mit dem letzten Aufwand seiner gleißnerischen
+Beredtsamkeit)
+
+Als ich zwölf Jahre alt war, Erlaucht, trieb mich mein
+Vater mit der Peitsche vom Hof, weil ich für einen
+Leibeigenen, der die Todesstrafe erleiden sollte, um Gnade
+gebeten hatte. Ich liebe unser Volk. Ich weiß, wie sie
+leben, wie sie schmachten, wie sie Unrecht leiden, wie sie
+stumm sind, wie sie ihre Hoffnung unermüdlich von Jahr zu
+Jahr tragen, wie sie in ihrer Not die Herren preisen, die
+mit den Früchten ihrer Arbeit Feste feiern, und wie sie auf
+den warten, der sie erlösen wird. Ich weiß es und will ihrer
+nicht vergessen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ist mir doch, als ob ich Glocken hörte aus einem versunkenen
+Land, Graf Orlow. (Er steht versunken, von Orlow gespannt
+beobachtet; wie zu sich selbst) Ist es Rausch? oder Wahn?
+oder blinde Sucht der Jugend? Leidenschaft macht beredt den,
+der sie hegt, und stumm den, der sie begreift. (Laut) Sie
+führen eine ungewöhnliche Sprache, Graf Orlow, die mich irre
+werden läßt an meinem Vorsatz.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich danke Ihnen, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(geht zur Wand, wo er neben dem Kamin auf eine geheime Feder
+in der Täfelung drückt. Ein Türchen springt auf. Er
+entnimmt dem Schrein eine goldene Kassette, die er öffnet
+und einige in roten Atlas eingeschlagene vergilbte Papiere
+herauszieht)
+
+Sieh da, wie viel Staub darauf liegt ... (Er stellt das
+Kästchen beiseite) Staub ... Staub. Pulver der
+Vergessenheit. Überreste von Träumen. (Er legt den Atlas in
+das Kästchen zurück und liest das oberste Papier aufmerksam
+durch.)
+
+
+_Orlow_
+
+(der sich am Ziel glaubt)
+
+Väterchen Alexei Grigorjewitsch! (Er sinkt auf die Kniee.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(ergriffen und ganz in die Vergangenheit verloren)
+
+Frühling und Sommer meines Lebens! (Er küßt die Papiere und
+erhebt, sich bekreuzigend, die Blicke nach oben.)
+
+
+_Orlow_
+
+(packt in seiner Erregung mit beiden Händen die Papiere)
+
+Geben Sie, Alexei Grigorjewitsch --!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(erschrocken)
+
+Was für ein Ungestüm, Graf Orlow!
+
+
+_Orlow_
+
+(fast mit Wildheit, drohend)
+
+Ich kniee vor Ihnen, Alexei Grigorjewitsch!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(beugt sich ein wenig vor und starrt in Orlows Gesicht)
+
+Die Augen ... die Augen ...
+
+
+_Orlow_
+
+(springt empor)
+
+Wollen Sie mich auf die Folter spannen, Graf Alexei? Ich
+ertrag's nicht länger.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(kopfschüttelnd)
+
+Ei, es ist eine ganz andere Stimme, die jetzt zu mir
+spricht.
+
+
+_Orlow_
+
+Genug gesäuselt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Also nur Verstellung? Und so schlecht verstellt? So schnell
+überdrüssig der Verstellung?
+
+
+_Orlow_
+
+Wollen Sie mir den Köder nur vorsetzen, um mich zappeln zu
+lassen?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ach, Sie zeigen zu früh Ihr wahres Gesicht, Graf Orlow.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich habe viele Gesichter, warum soll dies gerade mein wahres
+sein. Wozu das Getändel? Zu Großes liegt vor mir. (Er zeigt
+seine weißen Zähne, während sich die Worte stürmisch
+ergießen.) Von unten heraufgestiegen, wo die Sklaven wohnen,
+begrüßt mich endlich das Licht, und Welt und Kreatur
+schreit: Herr! Herr! Gnade! Gnade! Ja, Herr will ich sein
+und Gnade soll von mir träufeln für alle, die sich bücken.
+Wollust, zu befehlen, und mit einem Atemzug die Mächtigsten
+zum Schweigen bringen! Alles unter mir sehen, was jetzt noch
+verführerisch lockt, aus der Enge heraus, wo man horchen
+muß, ehe man spricht, und rechnen, bevor man zahlt. Ohne
+Bedachtsamkeit leben, planen ohne Angst und Maß! Unten
+gehört alles auch dem Nachbarn, was mir gehört, oben bin ich
+allein und fürchte keine Grenze. Keine Grenze fürchten, das
+ist's. Mit seinem Willen allein sein, frei mit jeder Tat und
+doch der Richtpunkt aller Aufmerksamen. Ein Reich übersehen,
+den Arm von Ozean zu Ozean strecken, die Willfährigen mit
+Provinzen lohnen, die Unzufriedenen hinschmettern, -- und
+eine Kaiserin umschlingen, eine Kaiserin, in den Mienen
+einer Kaiserin Unterwerfung lesen, -- das ist mein Spiel,
+Alexei Grigorjewitsch! Die Würfel liegen zwischen uns.
+Werfen Sie jetzt und zählen wir die Augen.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(kalt)
+
+So spricht ein Spieler. Im Würfelspiel mögen Sie gewinnen,
+Graf Orlow, im Schicksalsspiel nicht.
+
+
+_Orlow_
+
+Auch das Schicksal kann man zwingen, alter Mann.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Wie den Teufel in der eigenen Brust.
+
+
+_Orlow_
+
+Wer würde anders handeln an meiner Stelle? Nur wenn ich
+zaudere, verliere ich.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und Gott soll mit bei diesem ... Spiele sein?
+
+
+_Orlow_
+
+Gott ist auf meiner Seite, weil ich will. Ich fühle die
+Bestimmung.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Über Blutbestimmung und Gottes Wahl läßt sich nicht rechten.
+
+
+_Orlow_
+
+Lügendunst! Zar Peter war ein Narr, ein Verräter, Affe des
+Preußenkönigs, ein Schwächling. Herrliche Bestimmung!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Besser ein Schwächling als ein gewissenloser Emporkömmling.
+
+
+_Orlow_
+
+(hochmütig)
+
+Die Brücke zwischen uns fängt an zu krachen, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+So mag sie bersten.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Doch die Zeit wird Sie auffressen.
+
+
+_Orlow_
+
+Jetzt, da Sie mich überzeugt haben, daß Sie die Dokumente
+besitzen und sie in Ihrer Hand halten, kann ich Sie zwingen,
+Alexei Grigorjewitsch.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Sie wollen damit sagen, daß Ihre Helfershelfer mein Haus
+umstellt halten?
+
+
+_Orlow_
+
+Leute, die mir blindlings ergeben sind, ja.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Und wozu ich mich freiwillig nicht mehr entschließen würde,
+das glauben Sie mit Gewalt durchsetzen zu können. Mit
+eigener Faust oder mit dem Beistand fremder Fäuste.
+
+
+_Orlow_
+
+Wenn Sie mich zu dieser Notwendigkeit drängen, -- ja. Ich
+kann nicht zurück. Ich kann nur vorwärts.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Bis zum Abgrund. -- Sie vergessen nur eines, Graf Orlow.
+Sobald Ihre Leute diese Schwelle übertreten, oder sobald Sie
+selbst, von dieser Sekunde ab, eine Bewegung machen, die auf
+Gewalttat zielt, fallen die Dokumente hier in das Feuer. Sie
+sehen, es brennt loh genug, um ein paar Papiere rasch
+verzehren zu können. (Pause. Beide blicken einander
+schweigend ins Gesicht.)
+
+
+_Orlow_
+
+(mit verschränkten Armen)
+
+So also steht es.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ja.
+
+
+_Orlow_
+
+(langsam und mit Nachdruck)
+
+Eines noch, Alexei Grigorjewitsch: ich könnte Sie belohnen,
+wie nie ein Sterblicher belohnt worden ist.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Lohn? Für mich? Welchen Lohn? Reichtum? Paläste? Titel und
+Würden? Für mich?
+
+
+_Orlow_
+
+(wie oben)
+
+Wenn auch nicht für Sie, Erlaucht, so doch für einen
+Knaben ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Einen Knaben --?
+
+
+_Orlow_
+
+Für Iwan, den Sohn Rasumowskys und der Kaiserin Elisabeth.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(schwankt einen Augenblick, hält sich am Rand des Sessels,
+sinkt dann darauf nieder).
+
+
+_Orlow_
+
+Der Pope Maximow hat mich zu ihm geführt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Möge Gott ihm verzeihen. Es gibt keine Treue mehr.
+
+
+_Orlow_
+
+Fürchten Sie nichts mehr von der verräterischen
+Geschwätzigkeit dieses Priesters, Erlaucht. Ich habe dafür
+gesorgt, daß seine Zunge keinen Schaden mehr stiftet. Sie
+und ich, wir sind die beiden einzigen Menschen auf Erden,
+die um Iwan wissen ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(dumpf)
+
+Einer zu viel, Graf Orlow.
+
+
+_Orlow_
+
+Ich habe den Knaben gesehn. Es war eine weite Fahrt auf das
+Gut Domnina im Epifanskischen Kreis. Ein schöner, blonder
+Knabe. Welche Einsamkeit für einen Vierzehnjährigen. Wie
+durstig er in die Ferne blickte! Er wußte nichts von Vater
+und Mutter, die Leute, bei denen er ist, halten ihn für den
+Sohn von Euer Erlaucht verstorbenem Bruder. Er ahnt nicht,
+welche Versprechungen das Leben ihm schenken könnte, und wer
+nur sein Gesicht sieht (deutet auf das Bild der Kaiserin
+Elisabeth), braucht keinen andern Beweis seiner Abkunft.
+Grausam schien es mir, die junge Blüte in der Steppenwüste
+verkommen zu lassen. Ich habe ihn über seine Geburt
+aufgeklärt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(springt auf)
+
+Das haben Sie getan?
+
+
+_Orlow_
+
+Ich habe es getan.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(sinkt wieder auf den Sessel, umklammert krampfhaft die
+Dokumente vor der Brust.)
+
+Großer Himmel! Sie hatten kein Mitleid mit dem arglos
+spielenden Geschöpf? Frevlerisch das Gift des Ehrgeizes und
+der ungenügenden Begierde in die junge Brust versenkt!
+Fruchtlose Erwartungen geweckt, die ein gläubiges Gemüt
+zerfleischen müssen! So war meine Entbehrung vergeblich,
+vergeblich, daß ich mein Herz von ihm entwöhnt habe,
+vergeblich das Opfer, vergeblich der Gram der Mutter, alles
+vergeblich!
+
+
+_Orlow_
+
+(mit leisem Spott)
+
+Ist es nicht besser, wenn der Wissende sich bescheidet, als
+wenn der Getäuschte verkommt?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(die Worte tief aus seiner Brust ringend)
+
+Zweiunddreißig Jahre, Graf Orlow, war ich mit Elisabeth
+Petrowna verbunden. Sie war eine musterhafte Christin und
+eine zärtliche Mutter Millionen Volks. Auch mich liebte sie,
+doch schien es mir so überflüssig wie sündhaft, meinen
+Ehrgeiz über das Maß dessen zu erheben, was sie mir als Weib
+gewähren konnte. Niemals in zweiunddreißig Jahren ist die
+Versuchung über mich gekommen, den geheiligten Glanz der
+Majestät für mich zu erborgen. _Sie_ war auserwählt zu
+herrschen. Von den Ahnen her war ihr die Gnade verliehen.
+Woran soll das Volk glauben, diese Zahllosen, von denen wir
+keine Namen wissen und die nur aufblicken in ihrer
+Verlassenheit, um nach dem gottbestimmten Führer zu suchen,
+woran sollen sie denn glauben, wenn nicht an das Mysterium,
+das um eine Krone webt? Das ist ja ihr Märchen, die
+Botschaft, das Gesetz! Gesalbtes Haupt weiht das Diadem,
+königliches Blut rauscht vom Vater zum Sohn, vom Gatten zur
+Gattin, von Geschlecht zu Geschlecht. Raubt ihnen diesen
+Glauben, und ihr stürzt sie in Gemeinheit und Verzweiflung,
+die Welt steht da, ohne Ordnung, ohne Herrn. (Er erhebt
+sich, bewegt.) Wenn es ein Verdienst in meinem Leben gibt,
+Graf Orlow, so ist es das eine, daß ich die Kaiserin zu
+überzeugen vermochte, unsere Ehe, für die sie den Segen der
+Kirche gewünscht hatte, müsse ein Geheimnis für das Volk
+bleiben. Und so wurde Iwan fern vom Hof und fern von den
+Menschen erzogen, denn es ziemt sich nicht für den
+Halbgebürtigen, von einem Thron auch nur zu träumen.
+
+
+_Orlow_
+
+Phantome, Erlaucht, Phantome! Die Zeit hat sich verändert.
+Es handelt sich nicht um die Gnade, es handelt sich um die
+Kraft.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Ich bin kein Starrkopf, Graf Orlow, nicht einer, der
+denkfaul an Vergangenem hängt. Ich kenne die Zeit. Vieles
+tragen die Eimer des Jahres herauf aus dem dunklen Schacht,
+und wer wirklich lebt, wandelt sich mit jedem Becher, den er
+an die Lippen führt. Das Blut wird auch in alten Körpern
+neu. War ich nicht bereit, Graf Orlow? Ich war bereit, mehr
+kann ich nicht sagen. Aber ich bin gewohnt, in Menschenaugen
+zu lesen, und mehr noch auf den Stirnen, Graf, auf den
+Stirnen. Sie sind so unbehütet, die Stirnen; man kann sie
+eine Walstatt der Dämonen nennen. (Den Arm mit
+ausgestrecktem Finger gegen Orlow, stark.) Ich sehe
+Schicksale auf dieser Stirn, die ungeboren bleiben sollten.
+
+
+_Orlow_
+
+Alexei Grigorjewitsch! Nicht auf meiner Stirn, -- in Ihrer
+Hand liegt jetzt ein Schicksal. Iwan ist in meiner Gewalt.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(scheu)
+
+Iwan ... ist ...
+
+
+_Orlow_
+
+In meiner Gewalt und nur mir erreichbar.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(mit weiten Augen)
+
+Sie wollen damit sagen: um Iwan ist's geschehen, wenn ich
+mich weigere ...
+
+
+_Orlow_
+
+Vielleicht ist es das, was ich sagen will.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(nähert sich Orlow mit gebeugtem Oberkörper und mit der
+Unterwürfigkeit eines Bauern, hält ihm mit beiden Händen die
+Dokumente hin)
+
+Nehmen Sie, Graf Orlow ...
+
+
+_Orlow_
+
+(etwas überrascht von dem schnellen Erfolg, greift nach den
+Papieren).
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(demütig)
+
+Nicht weil ich für Iwan fürchte, Graf Orlow ... nicht weil
+ich mir sein Leben erkaufen will, ... nicht deshalb, Graf
+Orlow, nicht deshalb ...
+
+
+_Orlow_
+
+(hält die Papiere fest, mit finsterem Trotz)
+
+Es wäre auch zu spät, Alexei Grigorjewitsch, Sie retten Iwan
+damit nicht. Er war zu gefährlich, als er seine Abstammung
+kannte. Er weilt nicht mehr unter den Lebenden.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(schmerzvoll)
+
+Gott, dein Wille geschehe! Ich habe es geahnt!
+
+
+_Orlow_
+
+Und Sie geben mir trotzdem diese Papiere --?
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(mit der Hoheit des Grames)
+
+Ja, Graf Orlow! Ein Mann, der zu solchen Mitteln greift, den
+muß die eigene Tat vernichten. Und wenn es die Krone selbst
+wäre, sie hätte kein Gewicht mehr, wenn Sie sie halten.
+Nichts ... ein Schemen, ein Scheinbild. Nichts. Zeigen Sie
+die Dokumente der Kaiserin.
+
+
+_Orlow_
+
+(brütend)
+
+Darum also ... Es ist zu viel ... (als wöge er die Papiere)
+es scheint mir zu viel Erniedrigung für das gewährte
+Almosen. Bin ich denn ein Bettler? Soll es einen Menschen
+geben, der mich _so_ einschätzen darf? (Aufflammend.) Nein,
+nein, nein! Die Schmähung greift ans Herz. Wenn ich diesem
+erbettelten, erschlichenen Wisch alles verdanken müßte, was
+mir das Leben gewähren soll, es fräße mir das Mark der Tat
+aus den Knochen. Ein Orlow, der alles Heil auf den Inhalt
+einiger vergilbter Papiere gründet? Bin ich verloren ohne
+diese Fetzen, so wie ich jetzt besudelt bin, wenn ich sie
+als billige Trophäe vor die Augen Katharinas bringe? Nein,
+Alexei Grigorjewitsch, nein! Die Genugtuung, daß es von
+Ihrer Gnade abhängig war, Rußland einen Zaren zu geben, kann
+ich Ihnen nicht überlassen. Jede Gegenwart wäre mir
+vergällt, und um Ihnen den Beweis zu liefern, daß ich diese
+Gnade verschmähe, daß ich sie verachte, nur darum tu' ich,
+was ich tue! (Er eilt zum Kamin und wirft die Dokumente ins
+Feuer.)
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(mit seltsam entzückter, schreiender Stimme, die zugleich
+etwas wie physischen Schmerz enthält)
+
+Ein Gottesurteil! Ein Gottesurteil!
+
+(Durch Rasumowskys Schrei alarmiert, kommen Lassunsky und
+Chidrowo mit bestürzten Mienen.)
+
+
+_Lassunsky_
+
+(bleibt unter der aufgerissenen Türe stehen, hastig)
+
+Was ist geschehen, Erlaucht?
+
+
+_Chidrowo_
+
+(tritt vor, zieht den Degen)
+
+Wir werden Sie schützen, Erlaucht.
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(ohne sie zu beachten)
+
+So hat eine höhere Macht Ihren Arm gelenkt, Graf Orlow, und
+Sie haben nur den Beweis geliefert, daß es keinen Weg gibt
+aus Ihrer Menschentiefe zum Licht der Majestät. (Er bückt
+sich, als ob er bete.)
+
+
+_Lassunsky_
+
+(drängend)
+
+Erlaucht ... die Blässe Ihres Gesichts ... Sie sind
+krank ...
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(immer gebückt)
+
+Ehrfurcht! Der Engel des Schicksals schwebt über uns!
+
+
+_Orlow_
+
+(reißt sich vom Anblick des Feuers los)
+
+Verbrannt ... (Unheilvoll.) Und nun sei auch verbrannt alle
+Milde, vergessen alles Zögern feiger Rücksicht und wer mich
+aufhält, meinen Schritt oder den Schritt meines Pferdes, der
+möge zittern!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+Verwirkt! Verwirkt! Wir wollen zittern, aber der Spruch ist
+gefallen.
+
+
+_Chidrowo_
+
+(fast jubelnd)
+
+Gerettet, Mütterchen Rußland, gerettet!
+
+
+_Orlow_
+
+(im Abgehen)
+
+Hütet euch!
+
+
+_Rasumowsky_
+
+(richtet sich wieder empor)
+
+_Ich bin_ in meiner Hut, denn ich fürchte die Menschen nicht
+mehr.
+
+(Vorhang)
+
+
+
+
+Gentz und Fanny Elßler
+
+
+Personen:
+
+ Friedrich von Gentz, Hofrat
+ Felix Graf Reitzenstein
+ Fanny Elßler
+ Jean )
+ Martin } Diener bei Gentz
+ Franz )
+ Lieferanten, Geldleute usw.
+
+Spielt in Wien, Herbst 1830
+
+
+Ein Zimmer der Villa Gentz in Weinhaus bei Wien. Kostbare
+Empiremöbel, Nippsachen, Kunstwerke, geblümte Tapeten. Auf
+einer Kommode stehen zwei Glasglocken mit eingemachten
+Früchten zum Naschen. Vom Kamin leuchtet eine goldene
+Stehuhr. Im Hintergrund zwei Fenster, zwischen ihnen eine
+hohe Glastüre in den Garten. Links Türe zum Vorzimmer,
+rechts in das Ankleidezimmer des Hofrats; diese Tür ist
+offen.
+
+Hinter der Türe links wird lebhaft gesprochen. Gleich darauf
+_Jean_, livrierter Diener, von links durch das Zimmer nach
+rechts ab. Die Türe links wird geöffnet, und ein dicker Jude
+will herein, _Martin_, ein zweiter livrierter Diener, der im
+Zimmer damit beschäftigt ist, frisches Wasser in
+blumengefüllte Vasen zu gießen, eilt hin und schlägt dem
+Eindringling die Tür vor der Nase zu. Protestierende Rufe
+von draußen. _Martin_ steht Wache.
+
+
+_Gentzens Stimme_
+
+(von rechts)
+
+Was erfrecht Er sich? Ich zahle nicht. Übermorgen. Die
+Schufte sollen Geduld haben.
+
+
+_Jean_
+
+(eilig wieder von rechts nach links ab).
+
+
+_Gentzens Stimme_
+
+Die geblümte Weste! Die geblümte!
+
+
+_Lebhafte Stimmen_
+
+(hinter der Türe links).
+
+
+_Jean_
+
+(kommt abermals mit verzweifelter Miene nach rechts).
+
+
+_Martin_
+
+(hält die Türklinke).
+
+
+_Stimme Jeans_
+
+Der Weinlieferant und der Parfümeur wollen partout mit dem
+Herrn Hofrat selber sprechen.
+
+
+_Gentzens Stimme_
+
+Ach was, Er Esel, Er hat ja gar keine Schneid. -- Die Ringe,
+Franz. Jetzt lauf Er zum Gärtner wegen frischer Blumen.
+
+
+_Franz_
+
+(ein alter Diener, durch die Mitte ab in den Garten.)
+
+(Gleich darauf)
+
+
+_Gentz_
+
+(Mann von fünfundsechzig Jahren. Hohe schlanke Gestalt. Er
+hat einen müden, etwas gebückten Gang. Sein Gesicht ist
+höchst geistreich, die ganze Physiognomie hat einen feinen,
+lebhaften und verführerischen Ausdruck, und der Blick ist
+von intensiver Kraft. Kinn und Unterkiefer sind etwas
+schwer, um den Feinschmeckermund liegt bisweilen ein
+trauriger, bisweilen ein zynischer Zug. Er ist nach der
+letzten Mode gekleidet: brauner, langer Rock, gestickte
+Weste, Vatermörder, schwarze Binde)
+
+War schon jemand vom Fürsten Metternich da?
+
+
+_Martin_
+
+Niemand, Herr Hofrat.
+
+
+_Gentz_
+
+(nach links ab, die Türe bleibt halb offen).
+
+
+_Stimmen der Lieferanten_
+
+Küß die Hand, Herr Hofrat! -- Wünsch guten Morgen, Herr
+Hofrat! -- Küß die Hand, Euer Gnaden.
+
+
+_Gentzens Stimme_
+
+Also, was soll's -- Was belästigt ihr mich?
+
+
+_Stimme des Parfümeurs_
+
+Halten zu Gnaden, Herr Hofrat, hab für siebenundachtzig
+Gulden Kölnisch Wasser geliefert.
+
+
+_Stimme des Weinhändlers_
+
+Ich für dreihundertzwanzig Gulden Sekt.
+
+
+_Gentzens Stimme_
+
+Geduld, ihr Leute. Morgen schick ich zum Rothschild hin. Der
+Rothschild zahlt alles, das wißt ihr doch. Jetzt schert euch
+friedlich nach Hause. (Er tritt ins Zimmer zurück, der dicke
+Jude folgt ihm.)
+
+
+_Jude_
+
+Euer Exzellenz, der Wechsel ist schon emal prolongiert.
+
+
+_Gentz_
+
+Fort, fort, fort!
+
+
+_Der Schneider_
+
+(hat sich schüchtern nachgedrängt)
+
+Ich freu mich, daß der Herr Hofrat so gut ausschaut.
+
+
+_Gentz_
+
+Keine Konfidenzen! Ich hab' gern, wenn Lieferanten was
+liefern. Konfidenzen sind mir verhaßt. -- Hat der Gärtner
+schon was wegen der Rosen gemeldet?
+
+
+_Martin_
+
+Nein, Herr Hofrat.
+
+
+_Gentz_
+
+Ich will mal selber mit ihm reden. Wenn er frische Rosen
+hat, ist es besser, sie erst am Stock zu sehen. (Durch die
+Mitte ab.)
+
+
+_Der Schneider_
+
+Herr Hofrat! --
+
+
+_Jean_
+
+Na, was gibt's denn noch? Er hat doch gehört, daß wir heut
+nicht bei Kassa sind.
+
+
+_Der Schneider_
+
+Morgen ist die Trauung von meiner Tochter, und wenn mir halt
+der Herr Hofrat zwanzig Gulden geben tät ...
+
+
+_Jean_
+
+Laßt eure Töchter im ledigen Stand, wenn ihr kein Geld
+habt's.
+
+
+_Martin_
+
+(verächtlich)
+
+Heiraten! Alle gemeinen Leute heiraten beständig.
+
+
+_Jean_
+
+Und jetzt allons! marsch! (Nimmt den Besen.) Hinaus! Es wird
+gelüftet.
+
+
+_Der Jude_
+
+Was wird sein? Wer ich den Wechsel zu Protest bringen. (Ab,
+desgleichen der Schneider, die Stimmen draußen verlieren
+sich.)
+
+
+_Martin_
+
+Was macht er denn heut für an Kramuri, der Hofrat?
+
+
+_Jean_
+
+Die Fanny war doch drei Tag am Land bei ihrer Schwester.
+
+
+_Martin_
+
+Ah so. Froher Empfang nach schmerzlicher Trennung.
+
+
+_Jean_
+
+Zu Mittag kommt s' mit der Extrapost, die Fanny.
+
+
+_Martin_
+
+Fahr'n jetzt die vom Theater auch schon mit der Extrapost?
+
+
+_Jean_
+
+Die Fanny is was man eine bessere Tänzerin heißt. Hast es
+schon tanzen seh'n am Kärntnertor? Die Leut' soll'n sich die
+Haxen abtreten hab'n.
+
+
+_Martin_
+
+(düster)
+
+Der Hofrat g'fallt mir gar nicht mit seiner Verliebtheit.
+Das is ja schon ganz außer der Normalität. Wenn's nur keine
+Mesallianz gibt.
+
+
+_Gentz_
+
+(vom Garten, zwei Burschen folgen ihm, die einen kupfernen,
+mit Rosen gefüllten Kessel tragen.)
+
+Dorthin, ins Eck, ... auf die Säule.
+
+
+_Franz_
+
+(von links)
+
+Herr Graf Reitzenstein. (Ab, auch Jean und Martin, die
+Gärtnerburschen durch die Mitte ab.)
+
+
+_Gentz_
+
+(zur Tür)
+
+Guten Morgen, lieber Felix. Ein schöner Herbsttag heute,
+warm wie im August.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+(fünfundzwanzig Jahre, elegante Erscheinung; er ist ein
+wenig Poet, und in seinen Zügen drückt sich die Schwärmerei
+eines vornehmen Müßiggängers aus, dessen Lieblingsautor Lord
+Byron ist)
+
+Guten Morgen, Gentz. Wissen Sie, daß Fanny schon aus der
+Brühl zurück ist.
+
+
+_Gentz_
+
+Wie, schon zurück?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich habe sie vor einer halben Stunde mit Stuhlmüller beim
+Theatereingang gesehen.
+
+
+_Gentz_
+
+Haben Sie mit ihr gesprochen?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nein, sie hat mich gar nicht bemerkt.
+
+
+_Gentz_
+
+Dann wird sie jeden Moment kommen. Stuhlmüller? Stuhlmüller?
+Wer ist das doch? Richtig, der Tänzer.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ein exzellenter Tänzer. Er geht jetzt nach Berlin.
+
+
+_Gentz_
+
+Ah, nach Berlin. -- Ich erinnere mich: ein hübscher Bursche.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ja. Beine wie ein Narziß.
+
+
+_Gentz_
+
+Wie sah meine Fanny aus?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Entzückend wie immer. Wenn man sie anblickt, hat man das
+Gefühl, als sei man zu schlecht für die Welt, in der sie
+lebt.
+
+
+_Gentz_
+
+Sie waren ja am vorigen Sonntag mit ihr bei der Gräfin
+Fuchs? Ich konnte nicht hingehen, da mich der Fürst zu einem
+Conseil berufen hatte.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Und am Abend zuvor fehlten Sie ja auch im Theater, Gentz --
+
+
+_Gentz_
+
+Die leidige Politik!
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Es war ein Triumph. Die Galerien haben geheult, das Parkett
+hat sich die Handschuhe zerrissen. Sogar in der kaiserlichen
+Loge sah man leuchtende Augen, und zwei Hofdamen, die vor
+lauter Gewöhnung an Feierlichkeit alles Fett an ihrem Leibe
+verloren hatten, wackelten mit ihren Köpfen, als ob das
+Theater eine Glocke und sie die Schwengel darin wären.
+
+
+_Gentz_
+
+(lacht)
+
+Ja, diese Zauberin gleicht alle Gegensätze der sozialen
+Welt aus, und gekrönte Häupter werden -- Publikum.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Als sie auftrat, ging ein glückliches Seufzen durch das
+Haus. Da stieg die ganze Venus aus dem Meer. Dieser Nacken,
+diese Schultern, dieser Hals, die Bewegung, die anmutvolle
+Hingabe, dies Sichverlieren in süßester Heiterkeit! Ich sah
+Männer zittern und Frauen bleich werden. Jede Miene will
+ihre angeborne Trägheit vergessen, doch ihr selbst nahen
+keine Wünsche, nur Vergötterung umfängt sie. Ahnungslos und
+unergriffen wandelt sie durch die gesammelte Bewunderung
+hindurch, wie wenn ihr der Traum der letzten Nacht als
+Schleier um die Seele gehüllt wäre, -- und lächelt.
+
+
+_Gentz_
+
+Sie haben recht, Felix. Ihr Lächeln ist das Wunderbarste. Es
+scheint aus einer tiefen Quelle aufzusteigen, wo die Genien
+wohnen, die den Menschen wohlwollen. Keine Heiterkeit deutet
+so viel Schicksal wie ihre.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Zur Fuchs kam sie spät, erst nach der Vorstellung. Man war
+schon ein wenig müde. Aber als sie eingetreten war, begann
+der Tag von neuem. Sie setzt sich neben die Hausfrau und
+blickt sie zärtlich und vertrauensvoll an. Sie plaudert,
+und Worte sind plötzlich edel. Die Luft, die sie atmet,
+mitzuatmen, macht glücklich.
+
+
+_Gentz_
+
+Wenn man Sie hört, Felix, sollte man glauben, ein Verliebter
+spricht.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Und wenn ich's wäre?
+
+
+_Gentz_
+
+Sie scherzen.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Keineswegs.
+
+
+_Gentz_
+
+Armer Felix, wie ist Ihnen das passiert?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Das Mitleid, Gentz, sollten Sie mir aus Großmut ersparen.
+
+
+_Gentz_
+
+Nehmen Sie denn um Gottes willen Ihren Zustand ernst?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Seh ich aus wie ein Libertin?
+
+
+_Gentz_
+
+Es gibt keinen lebendigen Mann, der Fanny gesehen hat und
+sie nicht liebt. Bei Ihnen allerdings --
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Sie sprechen, Gentz, als ob Fanny Ihr Eigentum auf Leben und
+Tod wäre ...
+
+
+_Gentz_
+
+Lieber Felix, Sie überraschen mich. Wahrlich, ich weiß nicht
+mehr, was ich von der menschlichen Natur halten soll. Waren
+Sie es nicht, der mich im Glauben an die Möglichkeit einer
+Liebe zwischen mir und Fanny befestigt hat? Ich habe
+gezweifelt, und Sie waren verschwenderisch mit Beispielen
+aus Leben und Geschichte, die mich beruhigen sollten. Sie
+waren der einzige, der verstehend in mein Herz drang, der
+meine Jahre auf die Rechnung der Zeit und nicht zu Lasten
+der Seele gesetzt hat. Ich war eifersüchtig, damals, als ich
+noch eifersüchtig sein mußte, und Sie lachten mich aus. Wenn
+ich mich quälte, ob ich würdig sei, Fanny zu gewinnen, sahen
+Sie darin die Koketterie eines Mannes, der wenig verspricht,
+um viel zu halten. Sie haben für mich Sonette an Fanny
+gedichtet, und in einem Brief, den ich nie vergessen werde,
+schrieben Sie: Wehe dem Herzen, dem die Jahre alle Blüten
+rauben, und wehe der Lehre, die ein Vertrocknen vor der Zeit
+für Würde oder Weisheit ausgibt. So dachte Anakreon nicht,
+schrieben Sie, erinnern Sie sich? »So dachte Anakreon
+nicht.«
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Waren Sie nicht glücklich mit Fanny?
+
+
+_Gentz_
+
+Nur ein junger Mann darf glücklich _gewesen_ sein.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich kannte mein Gefühl nicht.
+
+
+_Gentz_
+
+So hätte der geheimnisvolle Drang in Ihnen, Felix, einen
+Greis beseelen wollen, und was dunkel in Ihrer jungen Brust
+wohnte, übertrugen Sie mutlos und edelmütig auf mich? Ist es
+so?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nicht ganz so.
+
+
+_Gentz_
+
+Und ich hätte sechzig Jahre unter Menschen gelebt, mit
+_meinen_ Augen, und habe nicht das Spiel eines Jünglings
+durchschaut?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nein, nein, nein --
+
+
+_Gentz_
+
+Sie haben nicht bedacht, daß kein Feuer so wütend brennt,
+wie das in einem alten Haus.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich wußte und weiß es. Fanny kam aus einer Welt, die tief
+unter uns liegt, aus einer kleinen, armen Welt, in der man
+noch an Ehren und Titel glaubt, wo von Luxus und Lebensgenuß
+erzählt wird wie von Märchen. Als Fanny Sie kennen lernte,
+als sie Ihre Protektion erfuhr, da war ihr das Tor zur
+großen Welt geöffnet und in Ihrer Person verehrte sie den
+Ruhm und die Macht, nach denen sie sich sehnte und wofür sie
+auch bestimmt ist. Sie trat Ihnen mit der bebenden Andacht
+entgegen, mit der die jungen Mädchen aus dem Volk einen
+Prinzen aus seiner Karosse steigen sehen.
+
+
+_Gentz_
+
+(unterbricht)
+
+Und aus diesem Äußerlichsten wollen Sie etwas so
+Geheimnisvolles erklären, wie es mein Bund mit Fanny ist?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Sie lernte Sie näher kennen, sie wurde bezaubert von Ihrem
+Geist, von Ihrer Kunst des Umgangs -- welche Frau von
+Instinkt und Kraft würde nicht diese Atmosphäre von Leben,
+von Abenteuer, von Bildung und Welt spüren, in der Sie
+atmen? Für sie, die Unerfahrene, waren Sie ein Gott an
+Erfahrungen. Sie konnten ihr die Tore aufriegeln, die sie
+fest verschlossen wähnen mußte, und Sie haben es getan. Sie
+sah in Ihnen einen Gebieter des Schicksals, einen, der
+erfüllt ist von Schicksalen und dem sie Vertrauen schenken
+durfte, weil er Liebe dafür gab. Sie fühlte Ihre
+Vergangenheit, sie begriff Ihr Leben, Gentz, dieses Leben,
+hingebracht in Schwärmerei und Leidenschaften, in den
+Verführungen der Städte wie im blutigen Dampf der
+Schlachtfelder, unter Königen und großen Damen, in Arbeit
+wie in Genuß, in der Melancholie der Einsamkeit und in der
+Unruhe unter den Menschen. Sie war behütet und geführt,
+wissend und gefeit an Ihrer Seite, und die Dankbarkeit
+unterwarf Ihnen ihr Herz.
+
+
+_Gentz_
+
+Nur die Dankbarkeit? Das wäre also der #punctum saliens?#
+Soll ich zweifeln, nur weil andre zweifeln?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nicht zweifeln; aber Sie sind allzu sicher, Gentz.
+
+
+_Gentz_
+
+Fannys allzu sicher, meinen Sie?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ja, Fannys allzu sicher.
+
+
+_Gentz_
+
+Was gibt Ihnen Grund zu solcher Warnung? Ist die Medisance
+am Werk? Hat man in den Salons und in den Kaffeehäusern die
+Mäuler zu Guillotinen meines Glücks gemacht?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Man ist darüber einig, daß Gentz ein beneidenswerter Mann
+ist.
+
+
+_Gentz_
+
+(mehr überlegen als bitter)
+
+Gentz, ein Zittergreis, ein ausgebrannter Krater, und Fanny
+Elßler, das blühende Wunder einer morbiden Welt. Der
+seufzende Diplomat und die spöttisch lachende Nymphe, das
+lächerliche Podagra und ein feuriger Czardas. Lassen Sie
+hören, Felix, das war der Text. Die Melodie dazu -- pfeifen
+die Drosseln.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nein.
+
+
+_Gentz_
+
+Aber Sie wenigstens haben die Überzeugung gewonnen, daß über
+einen Abgrund von siebenundvierzig Jahren hinweg die
+Leidenschaft eines Weibes gefriert und ein Mann sich aus
+seiner Dummheit und Leichtgläubigkeit eine Gloriole webt.
+Sagen Sie's nur.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+(wehmütig lächelnd)
+
+Sie scheinen es also für unmöglich zu halten daß Fanny -- (Er
+stockt, da Gentz mit scharf markierten Schritten auf ihn
+zugeht.)
+
+
+_Gentz_
+
+Ja, Felix! Unmöglich! Unmöglich kann Sie Fanny lieben!
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich dachte nicht an mich. Offen gestanden, lieber Gentz --
+
+
+_Gentz_
+
+(ergreift die Hand des Grafen)
+
+Hören Sie mich an, Felix. Ich sage unmöglich, nicht, weil
+ich Ihren Wert nicht kenne. Die schönste, die vornehmste,
+die stolzeste Frau muß sich glücklich schätzen, Sie zu
+besitzen. Aber die schönste, die vornehmste, die stolzeste
+Frau, was tut sie am Ende, wenn sie liebt? Sie opfert Ihnen
+ihre Jugend. Ihre Schönheit ist nur dazu da, um von Ihnen,
+dem Geliebten, begehrt und genossen zu werden. Und sei sie
+lasterhaft wie Messalina oder eine Lucretia an Tugend, sie
+ist ein Weib und zwischen ihr und Ihnen ist nichts als die
+kleinen und großen Gefahren und Lockungen der Liebe. Fanny
+hingegen ist eine Tänzerin. Eine wirkliche, gottbegnadete
+Tänzerin. Verstehen Sie, was das heißt?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich denke ... warum sollt ich nicht?
+
+
+_Gentz_
+
+Als ich Fanny zum ersten Male tanzen sah, da verteilten
+sich mir die Gewichte des Irdischen, und mein Schicksal war
+mir nicht mehr so lästig nahe. Ich hatte Spielraum in mir
+selbst, die Vergangenheit stand nicht mehr wie ein Leichnam
+hinter mir, die Philosophie nicht mehr wie eine Erinnye über
+mir, ich fühlte mich einer höheren und leichteren Ordnung
+der Dinge verwandt, und alles, was von schlechtem Gewissen
+in mir war, wurde von einer heiteren Macht beschwichtigt und
+zerstreut. Dem Philister ist dieser Tanz nur ein Vergnügen,
+an dem er vorübergeht, dem Jüngling mag er die Sinne
+befeuern, den reifen Mann erheben, erfreuen, doch nur der
+Alte, der wahrhaft Erfahrene, einer, der durch das ganze
+Fegefeuer der Geister- und Körperwelt gegangen ist, die
+ganze Hölle von Niedertracht und Stumpfsinn und alles erlebt
+hat, Untreue und Verrat, selbst treulos und ein Verräter
+war, an allem versucht worden ist, durch Leiden schamlos,
+durch Abwehr kalt, durch versteckte Armut listig, durch
+Triumphe gleichgültig geworden ist, -- nur der kann die
+Tänzerin lieben, wie sie geliebt werden muß, so wie man eine
+Idee liebt, wie man Gott auf dem Sterbebett liebt.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Das klingt groß, aber die Wahrheit des Lebens verteilt sich
+im Kleinen.
+
+
+_Gentz_
+
+Ein Aperçu beweist nichts, kaum für den, der es macht. Wie
+könntet ihr jungen Menschen diese Reinheit verehren, ohne
+sie herabzuziehen? Diese beschwingte Leichtigkeit, ohne sie
+zu lähmen? Wie könnt ihr besitzen, ohne mehr und immer mehr
+zu fordern? Man muß durstig sein können und nur vom
+freiwillig gereichten Becher trinken wollen. Man muß
+vergöttern können, indem man ein Wissen gibt, von dem ein
+Händedruck so voll ist wie eure erzählten Aventüren. Die
+Tänzerin ist in irgend einer Art heilig zu nennen, Felix,
+denn es ist etwas an ihr, was nie erobert werden kann und
+nie berührt werden darf, in den feurigsten Umarmungen nicht.
+Fanny opfert alle Leidenschaft ihrer Kunst. Nicht nur ihr
+Gliederspiel, auch ihr Seelenleben ist von dem Gesetz
+maßvoller Schönheit beherrscht. Man kann nicht weniger
+emotionsbedürftig sein als sie es ist, die sich von allem
+Stürmischen und Heftigen geradezu beängstigt fühlt. Der
+Adler wird in der Gefangenschaft traurig und verliert seine
+Majestät; will man sie ganz besitzen, so muß sie frei
+bleiben wie der Adler.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Und doch dachten Sie einst an eine Heirat --
+
+
+_Gentz_
+
+Es war, als ich sie noch zu wenig liebte. Was bin ich
+heute? Der entlassene Kammerdiener großer Herren. Was
+besitze ich? Nichts. Schulden über Schulden. Sollte die Frau
+Hofrätin tanzen? Kann man einen Stern vom Himmel reißen, um
+ihn zum Schmuckstück für die Wohnstube eines Literaten zu
+machen? Das heißt die Ewigkeit zum Augenblick erniedrigen,
+und wer so handelt, dem versagt der Augenblick. Und so lang
+ich dem Augenblick genug tue, bin ich jung. Alt bin ich
+einen Augenblick vor meinem Tod.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Wie sonderbar Sie mir erscheinen, lieber Gentz. Ich möchte
+bewundern und muß doch trauern --
+
+
+_Gentz_
+
+Trauern? Worüber? Sie suchen umsonst den frivolen Höfling in
+mir, dessen geprägte Malicen noch gestern halb Europa zum
+Lachen brachten. (Er nimmt ein mysteriöses Wesen an.) Ich
+bin fromm geworden. Ja, ich bete, Felix, ich bete zuweilen.
+Besonders in der Nacht.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Armer Freund, kaum will mir das Wort über die Lippen ...
+
+
+_Gentz_
+
+Was für ein Wort? Gegen Worte bin ich gewappnet. Das ist
+mein Beruf.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Fanny ist nicht nur eine Tänzerin, sie ist auch ein Weib.
+
+
+_Gentz_
+
+Ich gratuliere Ihnen zu dieser Entdeckung. Wollen Sie mir
+damit sagen, daß Sie ein Mann sind? Ich habe nie daran
+gezweifelt.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Nicht um mich handelt sich's. Es tut mir leid, daß ich mich
+zu einem Geständnis meiner Empfindungen für Fanny habe
+hinreißen lassen. Es geschah, weil ich Ihnen Offenheit
+schuldig zu sein glaubte. Es ist von meiner Seite nichts
+geschehen, was mit dem Gebot der Freundschaft unvereinbar
+wäre, und da Sie keinen Anlaß haben, diese Freundschaft zu
+beargwöhnen --
+
+
+_Gentz_
+
+Nicht den geringsten, teurer Felix.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+-- so dürfen Sie meiner Mitteilung keine falschen Motive
+geben. Neigung und Freundschaft haben mein Auge geschärft,
+das ist alles.
+
+
+_Gentz_
+
+Nun, Sie machen mich neugierig.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Jener Stuhlmüller --
+
+
+_Gentz_
+
+Was ist mit ihm?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Fanny liebt ihn.
+
+
+_Gentz_
+
+Oh! Oh! Oh! Stuhlmüller! Felix, Sie sind gar zu treuherzig.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Sie befinden sich, lieber Gentz, in einem Rausch von
+Täuschung und Illusion. Ich habe die beiden beieinander
+gesehen, und nicht nur heute.
+
+
+_Gentz_
+
+Was noch?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich habe Blicke gesehn, Gebärden gesehn ... O, ich kenne
+Fanny. Wo ihr Herz spricht, ist sie ehrlich bis zur
+Selbstvergessenheit.
+
+
+_Gentz_
+
+Und wäre in dieser Ehrlichkeit betrügerisch gegen mich?
+Felix! Felix!
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich wiederhole: sie ist ein Weib.
+
+
+_Gentz_
+
+Komischer Refrain. Mann -- Weib. Ist die Natur eine Maschine
+und sind die gröbsten Gegensätze der Begriffe nur erfunden,
+damit man aus einem Engel im Handumdrehen eine Dirne machen
+kann?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Sie beleidigen die Natur, Gentz.
+
+
+_Gentz_
+
+Da sieht man, wie ihr jung seid, ihr jungen Leute. Ihr
+stolziert in abgestempelten Anschauungen herum wie ein Hahn
+auf einer Grammatik. Stuhlmüller? wer ist Stuhlmüller für
+mich? Was ist er für meine Welt, für mein Gefühl, was er
+nicht auch zugleich für Fanny wäre?
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ein Bursche wie aus Blut und Stahl, Gentz.
+
+
+_Gentz_
+
+Ihr wißt nichts von Fanny, keiner. Ihr kennt nur eine
+Liebenswürdigkeit, bei der das Herz abwesend ist ... (Er
+lauscht.) Horch! Sie kommt, Felix! (Entzückt.) Ich höre
+ihren Schritt ...
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Dann wird es Ihnen wohl bequemer sein, wenn ich mich jetzt
+verabschiede.
+
+
+_Gentz_
+
+(mit leichtem Spott)
+
+Sie müssen ihr wenigstens in die Augen schauen, Felix. (Er
+lauscht angestrengter, mit geneigtem Kopf.)
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Sie könnte mich glauben machen, daß ich ihr etwas bedeute,
+und um so weniger könnt ich sie vergessen.
+
+
+_Gentz_
+
+Ist sie's? -- Ja, sie ist's.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Vielleicht feiern wir heute abend noch ein kleines Fest zu
+dreien, lieber Gentz. Am Sonntag reis' ich nach Paris.
+
+
+_Gentz_
+
+(vorwurfsvoll, doch ein wenig zerstreut)
+
+Felix!
+
+
+_Jean_
+
+(tritt ein, reißt die Türe auf)
+
+Demoiselle Elßler.
+
+
+_Fanny Elßler_
+
+(folgt dem Diener. Sie trägt ein helles, schottisches Kleid
+und einen blumengeschmückten Spitzenhut mit Band und
+seitlich herabgebogenen Bändern. Gestalt und Bewegungen sind
+von vollendeter Schönheit. Die ursprüngliche Naivität,
+Heiterkeit und Frische kämpft bisweilen gegen eine
+erworbene, anmutige Würde)
+
+Grüß Gott, lieber Gentz! Endlich bin ich wieder bei dir.
+
+
+_Gentz_
+
+(fast erschüttert bei ihrem Anblick)
+
+Fanny! Teuerste! Wie lang waren diese drei Tage!
+
+
+_Fanny_
+
+Ei, der Graf Felix! Guten Morgen, Felix, wie geht's Ihnen?
+Habt ihr ernste Gespräche gehabt? Es liegt so was in der
+Luft.
+
+
+_Gentz_
+
+Du siehst blühend aus, Fanny. Tu doch den Hut herunter ...
+
+
+_Fanny_
+
+(nimmt den Hut ab, streicht mit den Händen das schwarze
+gescheitelte Haar glatt, das rückwärts zu einem griechischen
+Knoten geknüpft ist)
+
+Gemütlich ist's bei dir, Gentz, und ich freu mich, daß ich
+wieder da bin. Die schönen Rosen!
+
+
+_Gentz_
+
+Findest du nicht, daß Rosen auch Schwermut erwecken können?
+Es gibt eine gewisse Fülle des Lebens, die traurig macht.
+
+
+_Fanny_
+
+(streicht ihm über die Stirn)
+
+Laß das, Gentz. Wenn du von der Traurigkeit sprichst, krieg
+ich gleich ein schlechtes Gewissen. Warum so schweigsam,
+Felix? Ihr Männer seid komische Leute. Wenn ihr miteinander
+gesprochen habt, tut ihr furchtbar geheimnisvoll, und doch
+weiß man alles, wenn man euch nur anschaut.
+
+
+_Gentz_
+
+Wie steh ich armer Diplomat nun da!
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+(lächelnd)
+
+Die Traurigkeit unseres Freundes hat also schon gewirkt?
+
+
+_Fanny_
+
+(lacht)
+
+Auf das schlechte Gewissen, meinen Sie? So stehn die Sachen,
+Gentz?
+
+
+_Gentz_
+
+Er ist ein gar zu grüblerischer Geist, der Felix. Denke dir,
+er hat mir Vorwürfe über meine leichtsinnige Wirtschaft
+gemacht. Er ist der Meinung, daß ich zu verschwenderisch
+gegen dich bin --
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Gentz! Gentz!
+
+
+_Fanny_
+
+Sie haben ganz recht, Felix. Neulich wollte er mir partout
+eine diamantene Agraffe kaufen --
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Es hieße Sie beleidigen, Fanny, wollte man Edelsteine für
+köstlicher halten als die Freude, Sie damit schmücken zu
+können.
+
+
+_Fanny_
+
+Wie galant!
+
+
+_Gentz_
+
+Galant und wahr zugleich. Ich habe ihm gesagt, wenn man in
+meinem Alter zum Harpagon wird, gleicht man einem Soldaten,
+der nach dem Krieg desertiert.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Der Geizige hat vor dem Verschwender das eine voraus, daß er
+alle seine Wünsche erfüllen kann. (Greift nach seinem Hut.)
+
+
+_Fanny_
+
+Gehen Sie schon, Felix? Wie schade!
+
+
+_Gentz_
+
+Leben Sie wohl, lieber Freund.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Ich darf doch darauf rechnen, daß Sie heute abend mit Fanny
+bei mir soupieren?
+
+
+_Fanny_
+
+Das wäre reizend.
+
+
+_Gentz_
+
+Heut abend kann ich unmöglich, 's ist ein Diner beim Fürsten
+und der französische Gesandte kommt hin. Der Fürst legt Wert
+auf meine Anwesenheit. Aber morgen, wenn dir's recht ist,
+Fanny? Gut, wir kommen morgen.
+
+
+_Graf Reitzenstein_
+
+Auf Wiedersehen denn. (Ab.)
+
+
+_Fanny_
+
+(die ihm nachgeschaut hat)
+
+Er ist ganz anders als sonst, der Felix ...
+
+
+_Gentz_
+
+Bist du nicht eifersüchtig auf dich selbst, da deine besten
+Freunde eifersüchtig auf deine besten Freunde werden?
+
+
+_Fanny_
+
+Ist es so, dann tut er mir herzlich leid.
+
+
+_Gentz_
+
+Nun, die Dinge liegen so einfach nicht. Du steigst empor, du
+richtest die Blicke der Menschen auf dich, die Männer, wie
+sie einmal sind: eifersüchtig selbst da, wo sie nicht
+lieben ...
+
+
+_Fanny_
+
+Oft denk ich mir, es wäre Zeit, dem Wiener Boden Valet zu
+sagen --
+
+
+_Gentz_
+
+Sprich's nicht aus, Kind.
+
+
+_Fanny_
+
+(schüchtern)
+
+Jetzt grade könnt ich's tun, Gentz. Ich hab einen Antrag
+nach Berlin; soll an der königlichen Oper tanzen.
+
+
+_Gentz_
+
+Also doch! Wie hab ich den Moment gefürchtet.
+
+
+_Fanny_
+
+Ich tu's ja nicht, Gentz, tu's keinesfalls.
+
+
+_Gentz_
+
+Hat man dir den Kontrakt schon vorgelegt?
+
+
+_Fanny_
+
+Ja, ich hab ihn dabei. (Zieht das Dokument aus ihrem
+Pompadour und übergibt es Gentz.)
+
+
+_Gentz_
+
+Laß sehn ... (liest) Ballette »Blaubart«, »die Fee und der
+Ritter«, »Ottavio Pinelli«, »die Stumme von Portici« ... für
+drei Monate ... die Summe von fünfzehnhundert Talern nebst
+Spielhonorar ... (laut) Das ist nicht übel. Das wäre ja
+durchaus nicht von der Hand zu weisen.
+
+
+_Fanny_
+
+(versucht gleichgültig zu erscheinen)
+
+Nicht wahr? Verlockend ist es.
+
+
+_Gentz_
+
+Du hast also Lust, zu den Berlinern zu gehen?
+
+
+_Fanny_
+
+(rasch)
+
+Nein, Gentz; eigentlich ganz und gar keine Lust.
+
+
+_Gentz_
+
+Den Antrag abzuweisen wäre nicht klug von dir.
+
+
+_Fanny_
+
+Man kann's ja aufs nächste Jahr verschieben.
+
+
+_Gentz_
+
+Nein. Die Welt verlangt nach dir. Dein Bezirk ist Europa,
+der Erdball.
+
+
+_Fanny_
+
+Ist denn Berlin schon Europa?
+
+
+_Gentz_
+
+Für jeden beginnt Europa, beginnt die Welt da, wo er seine
+Heimat verläßt.
+
+
+_Fanny_
+
+(mit sehnsüchtigen Blicken, trotz des entschiedenen Tons)
+
+So gern ich's möchte, Gentz, ich kann nicht von dir weg. Bei
+dir weiß ich, daß ich behütet bin. Du hast alles aus mir
+gemacht. Du warst alles für mich, mein Vater, mein Bruder,
+mein Freund, mein Lehrer. Du hast mich aufgeweckt, ich hätte
+keinen Ehrgeiz ohne dich, ich wüßte nichts von mir ...
+
+
+_Gentz_
+
+Doch kann ich dir den Ruhm nicht geben, der dich fern von
+mir erwartet.
+
+
+_Fanny_
+
+Was soll mir der Ruhm, wenn ich ihn nicht bei dir vergessen
+kann.
+
+
+_Gentz_
+
+Je länger ich überlege, je unverantwortlicher erscheint es
+mir, dich zurückzuhalten.
+
+
+_Fanny_
+
+(mit unwillkürlich hingerissener Gebärde)
+
+Hinaus ins Unbekannte --! Eines ist ja wahr: zu eng wird's
+mir hier. Sie glauben mir nicht ganz, ich bin ihnen nicht
+fremd genug.
+
+
+_Gentz_
+
+Kehrst du zurück, so gebietest du denen, die dich jetzt nur
+dulden.
+
+
+_Fanny_
+
+Und doch ... nein, 's ist unmöglich. Schau, Lieber, mit
+Berlin ist's ja nicht abgetan. Da muß ich dann weiter. Da
+lockt's mich weiter. Nach Paris, wo die Taglioni tanzt.
+
+
+_Gentz_
+
+Sie ist kalt, sie ist blutlos, ein Schatten gegen dich.
+
+
+_Fanny_
+
+Aber dort wissen sie, was tanzen heißt. Man ist stärker,
+wenn's um den höheren Preis geht. Die Franzosen, siehst du,
+die möcht ich behexen, und wenn die Taglioni ein Engel ist,
+wie sie sagen, will ich zum Teufel werden. O, ich fühle, daß
+ich's kann! Ich hab's neulich gespürt im Blaubart, das
+ganze Theater war so still wie eine leere Kirche, und alle
+Augen waren so feurig in der Dunkelheit. Ach, Gentz! Paris!
+Paris!
+
+
+_Gentz_
+
+(der sich immer mehr in heroische Entsagung hineinlebt)
+
+Warum nicht? Paris ist nur eine Domäne des Glücksreichs, das
+du gründen wirst.
+
+
+_Fanny_
+
+Und von Paris nach London, und von London nach Amerika. Die
+Amerikaner sollen ja so reich sein, da könnt ich mir viel
+Geld verdienen, herrliche Kostüme kaufen, die Dichter und
+die Komponisten bezahlen, daß sie mir wunderbare Texte und
+schöne Musik machen. O, ich hätte Mut. Das Meer fürcht ich
+nicht und die Wildnis nicht.
+
+
+_Gentz_
+
+So gefällst du mir. So gärt der Most, aus dem edler Wein
+wird.
+
+
+_Fanny_
+
+(enthusiastisch)
+
+Und lernen, lernen, lernen, Gentz! Weißt du, was man von der
+Taglioni und ihrem Vater erzählt? Als sie in London war,
+wohnte unter ihr ein Mann, der ließ ihr sagen, sie möchte
+sich durch die Rücksicht auf seine Nachtruhe nicht in der
+Arbeit stören lassen. Und was hat der alte Taglioni
+geantwortet? Sagen Sie diesem Herrn, hat er dem Diener
+zugerufen, daß ich noch nie den Schritt meiner Tochter
+gehört habe, und daß ich sie verfluchen würde an dem Tag, wo
+es geschähe. Das find ich groß!
+
+
+_Gentz_
+
+Du hast Gaben, um die dich eine Taglioni beneiden wird.
+
+
+_Fanny_
+
+(stockt, seufzt)
+
+Das ist's ja eben. Es ist einem oft zu Mut, als ob die
+Menschen voll Haß wären gegen die Kunst. Der Neid, die
+Mißgunst, wie soll ich's ertragen, wenn du mir nicht hilfst?
+Du bist klug, bist mächtig, sie beugen sich vor dir, und
+wenn ich bei dir bin, vergeß' ich die hämischen Gesichter.
+Nein, ich will nicht fort.
+
+
+_Gentz_
+
+Ich kann dich nur bis dahin führen, wo dir der Sinn des
+Daseins verständlicher wird, Fanny. Wir sind allein und
+müssen allein bleiben, ein jeder. Vielleicht ist es deine
+Aufgabe, dieses Gefühl der Einsamkeit, von dem die Menschen
+erfüllt sind, in Schönheit zu verwandeln. Uns beide hat das
+Geschick nur in einer Laune zusammengeworfen, mich am Ende,
+dich am Anfang eines Wegs. Es ist mehr als Liebe, was uns
+bindet. Du warst für mich geschaffen und fühlst es. Daß die
+Zeit sich in unserer Geburt verrechnet hat, kann uns nicht
+beirren. Nichts wird uns trennen, -- weshalb so viel Wesens
+machen um die paar Meilen von hier bis Berlin?
+
+
+_Fanny_
+
+Und unsere Gespräche, unsere Ausflüge, unsere gemütlichen
+Abende, wo wir das »Buch der Lieder« zusammen gelesen
+haben ...
+
+
+_Gentz_
+
+(scherzhaft)
+
+Bst! Willst du wohl? Daß du mich nicht verrätst, denn dieser
+Heine ist ein Erzliberaler.
+
+
+_Fanny_
+
+Doch liebt er die Tänzerinnen, so viel ich weiß.
+
+
+_Gentz_
+
+Ja, das tun die Liberalen sonst nicht. Und nun setz dich an
+den Schreibtisch, nimm den Federkiel und schreib deinen
+Namen unter den Kontrakt.
+
+
+_Fanny_
+
+(schalkhaft)
+
+Das heißt so viel, als du schickst mich fort? (Sie setzt
+sich.)
+
+
+_Gentz_
+
+In dieser Minute schreibst du deinen Namen ins Firmament der
+Unsterblichkeit.
+
+
+_Fanny_
+
+Noch ist's nicht geschehen, Gentz. Soll ich? Soll ich
+wirklich?
+
+
+_Gentz_
+
+(legt seine Hand auf ihre Schulter, sie blickt zu ihm empor)
+
+Ich bin stolz darauf, deinen vollen Wert, von dem deine
+Schönheit und deine Kunst nur Teile sind, erkannt zu haben,
+und die Freundschaft, mit der du meine Liebe belohnst,
+schätze ich höher als Güter der Erde. Ich lebe nur in dir,
+Fanny; sterben hat keinen andern Sinn für mich als eine Welt
+verlassen müssen, in der du atmest. Ich habe den Mut zu
+glauben, daß mich nichts aus deinem Herzen reißen kann. Wenn
+du mich durch einen einzigen Händedruck versicherst, daß ich
+mich nicht irre, so bleibt mir nichts mehr zu wünschen
+übrig.
+
+
+_Fanny_
+
+(gibt ihm die Hand)
+
+Ja, Gentz, Freundschaft, das ist das rechte Wort.
+
+
+_Gentz_
+
+Das einzige, Fanny?
+
+
+_Fanny_
+
+Gibt's ein besseres noch?
+
+
+_Gentz_
+
+Ich wag es nicht auszusprechen. Doch nun ich deine Hand
+habe, bist du mir versprochen, Fanny. Es ist zwar nur die
+linke, aber es ist mir keine lieber als die andre. Ich
+drücke sie an die Lippen und mit der rechten schreib'.
+Schreib deinen Namen, verschreib dich dem Ruhm.
+
+
+_Fanny_
+
+Schwer ist das Schreiben ohnehin, und erst wenn du mir den
+Arm wegnimmst ... Also probier ich's (schreibt) Fanny ...
+Elß ... ler. Wunderlich! Da steht's nun! Und ist nichts
+geschehen eigentlich ...
+
+
+_Gentz_
+
+Siehst du, Fanny, so hab ich dich zu deinem Wunsch bekehrt.
+
+
+_Fanny_
+
+(dankbar)
+
+Gentz! Lieber!
+
+
+_Jean_
+
+(kommt)
+
+Es ist einer draußen und sagt, er will die gnä' Fräul'n
+sprechen.
+
+
+_Fanny_
+
+Mich?
+
+
+_Gentz_
+
+Wer mag's denn sein? Hat er den Namen nicht genannt?
+
+
+_Fanny_
+
+(rasch)
+
+Ach richtig, das ist sicherlich der Stuhlmüller.
+
+
+_Jean_
+
+(verächtlich)
+
+Ja. Stuhlmüller. So nennt er sich.
+
+
+_Fanny_
+
+(mit blitzenden Augen)
+
+Weshalb spricht der Mensch so despektierlich, frag ich?
+
+
+_Jean_
+
+Entschuldigen die gnä' Fräul'n, aber ...
+
+
+_Gentz_
+
+(streng)
+
+Nichts. Genug. Frag ihn, was er will. (Jean ab.) Wie kann
+der Bursch es wagen ...
+
+
+_Fanny_
+
+Aber ich versteh dich gar nicht ... abholen will er mich. 's
+ist Prob am Nachmittag, und außerdem ...
+
+
+_Gentz_
+
+Außerdem?
+
+
+_Jean_
+
+(kommt zurück)
+
+Der Monsieur Stuhlmüller läßt sagen ...
+
+
+_Gentz_
+
+'s ist gut. Weiß schon. Soll draußen warten. (Jean ab.)
+Außerdem, Fanny?
+
+
+_Fanny_
+
+Er ist's ja, Gentz, der Stuhlmüller, der mir den Kontrakt
+verschafft hat, und jetzt brennt ihn halt die Neugier zu
+erfahren --
+
+
+_Gentz_
+
+_Er_ hat dir den Kontrakt verschafft? Wie kommt er denn
+dazu?
+
+
+_Fanny_
+
+Er ist ja in Berlin engagiert, und ich soll seine Partnerin
+sein.
+
+
+_Gentz_
+
+Er dein Partner, meinst du ...
+
+
+_Fanny_
+
+Ja, wenn du so willst ...
+
+
+_Gentz_
+
+Deshalb ist immer noch kein Grund für ihn, in mein Haus zu
+dringen.
+
+
+_Fanny_
+
+Warum denn so feindselig, Gentz?
+
+
+_Gentz_
+
+Ich mag's nicht. Mag das Theatervolk nicht leiden. Haben
+alle so was Penetrantes.
+
+
+_Fanny_
+
+Er war mir ein guter Kamerad.
+
+
+_Gentz_
+
+(mit den Händen auf dem Rücken hin- und hergehend)
+
+Das dacht ich mir.
+
+
+_Fanny_
+
+(langsam)
+
+Er war's ... (stockend) er ist's nimmer.
+
+
+_Gentz_
+
+(bleibt stehen)
+
+Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Also habt ihr euch
+zerstritten?
+
+
+_Fanny_
+
+Er ist mir noch was anderes.
+
+
+_Gentz_
+
+(blickt sie starr an)
+
+Er ist dir sehr ergeben, hoff ich.
+
+
+_Fanny_
+
+Ergeben? Nein. Eher ... stolz.
+
+
+_Gentz_
+
+Der elende Komödiant! Werd ihm die Leviten lesen.
+
+
+_Fanny_
+
+Willst du denn _nicht_ begreifen, Gentz? (Lange Pause.)
+
+
+_Gentz_
+
+(die Hand an der Stirn, plötzlich schwer)
+
+Sprich nicht davon, Fanny. Sprich nicht davon. Du kennst
+dich selber nicht. Du kennst mich nicht.
+
+
+_Fanny_
+
+(innig)
+
+Schau, Gentz, anders konnt' es doch nicht, durft' es doch
+nicht kommen, oder die Natur ist nicht mehr Natur und Blut
+nicht mehr Blut.
+
+
+_Gentz_
+
+(leise)
+
+Also doch ... Felix! Felix! -- Sprich nicht davon, Fanny!
+(Ausbrechend.) Oder sag lieber, daß alte Männer langweilig
+sind, daß sie graue Haare haben und schwarze Zähne, daß sie,
+anstatt Liebesworte zu girren, besser ihr Testament abfassen
+sollten, daß jung sein, nichts anderes bedeutet als grausam
+sein, gefräßig sein, meineidig sein und daß man nicht
+vergessen soll, zur rechten Zeit zu sterben ... Gott, wohin
+verlier' ich mich!
+
+
+_Fanny_
+
+(erregt)
+
+Gentz, hör mich an. Den Kontrakt, noch kann ich ihn
+zerreißen --
+
+
+_Gentz_
+
+Nimmermehr, Fanny. Blieb ich darum weniger ein Greis?
+
+
+_Fanny_
+
+Dir dank ich alles, Gentz, und will dir's danken, ohne
+Engigkeit, nicht bloß mit Reden, sondern von Herzen gern,
+und da, in meinem Herzen, bist du und bleibst du allezeit.
+Du bist mir das Höchste auf der Welt, als Mensch, und weil
+du's bist, mußt du's verstehen, wenn ich mein Herz nicht vor
+dir hehle. So war ja die Abrede zwischen uns, und immer
+warst du darauf gefaßt.
+
+
+_Gentz_
+
+(düster)
+
+Man ist nie auf ein Ende gefaßt, wenn es da ist. Der
+Glückliche steht immer an einem Anfang.
+
+
+_Fanny_
+
+Ein Ende, Gentz! Wer spricht vom Ende? Wahrlich, du betrübst
+mich ganz und gar. Ich bin ganz irre jetzt.
+
+
+_Gentz_
+
+Sprich nur weiter, Fanny, so hör ich wenigstens deine
+Stimme.
+
+
+_Fanny_
+
+Dir mag's von mindrem Wert erscheinen, was mich jetzt
+erfüllt; vielleicht ist's auch so, doch was nützt Rede und
+Widerrede, wenn dich die Sinne zwingen und dich auf den Weg
+treiben, -- einem in die Arme, der wartet, wartet, und den du
+nicht hast kommen sehn, und du mußt zu ihm, als ob's Gott
+selber so beschlossen hätte. Rühmt' ich seine Augen oder
+seinen Gang oder daß er's redlich meint und ein treues Gemüt
+hat, so würd ich lügen, Gentz, denn dies ist's nicht, was
+mich hintreibt, 's ist vielmehr wie ein Rhythmus beim Tanz,
+der die Unruhe auflöst und die Luft um einen her dünner
+macht. Auch auf Betrug war's nicht abgesehn, denn her bin
+ich gekommen, um alles frei zu sagen, nur hat's mir weh um
+dich getan.
+
+
+_Gentz_
+
+Wie deine Augen glänzen, Fanny ...
+
+
+_Fanny_
+
+Du mußt ihn sehen, Gentz! Wie er schreitet, sich bewegt! Wie
+schlank er ist, wie er den Kopf wendet, wie edel er sich
+hält, wie die Gelenke abgesetzt sind. Mit ihm zu tanzen, ist
+halbe Arbeit; er trägt mich, schwingt mich so dahin. Wie
+mir's bei dir geschieht, wenn ich im Leben zaghaft werde, so
+gibt er mir Mut und Lust beim Tanz.
+
+
+_Gentz_
+
+Wann willst du reisen, Fanny?
+
+
+_Fanny_
+
+(mit gesenktem Kopf)
+
+Weiß noch nicht. In der nächsten Woche, denk ich.
+
+
+_Gentz_
+
+Wozu der lange Aufschub? Es wäre besser, du würdest morgen
+reisen.
+
+
+_Fanny_
+
+Bist du so ungeduldig, mich los zu werden, Gentz?
+
+
+_Gentz_
+
+Ich will dir einen Platz auf der Post bestellen.
+
+
+_Fanny_
+
+Soll ich heut abend nicht zu dir kommen?
+
+
+_Gentz_
+
+Heut abend laß mich lieber allein.
+
+
+_Fanny_
+
+Jetzt will ich aber den armen Stuhlmüller nicht länger
+warten lassen.
+
+
+_Gentz_
+
+Adieu, Fanny.
+
+
+_Fanny_
+
+Magst ihn nicht wenigstens sehen? Sprich ein freundlich Wort
+mit ihm.
+
+
+_Gentz_
+
+Nicht heute, nicht jetzt.
+
+
+_Fanny_
+
+So leb wohl. (Reicht ihm die Hand.)
+
+
+_Gentz_
+
+Komm noch einmal ...
+
+
+_Fanny_
+
+Morgen komm ich wieder.
+
+
+_Gentz_
+
+Und übermorgen ...
+
+
+_Fanny_
+
+Übermorgen auch.
+
+
+_Gentz_
+
+Wie ein gehorsames Kind!
+
+
+_Fanny_
+
+Wie eine Tochter, ja.
+
+
+_Gentz_
+
+(zu dem Kupfergefäß, nimmt Rosen und gibt sie ihr)
+
+Hier, die Rosen, Fanny; nimm sie mit auf den Weg.
+
+
+_Fanny_
+
+Dank dir.
+
+
+_Gentz_
+
+Und sei glücklich.
+
+
+_Fanny_
+
+Dank dir schön.
+
+
+_Gentz_
+
+Und noch etwas: geh nicht direkt die Straße entlang, -- geh
+am Gartentor mit ihm vorbei, damit ich euch sehe. Es ist nur
+ein kleiner Umweg.
+
+
+_Fanny_
+
+Ist recht, Gentz. (Sie beugt sich schnell, küßt seine Hand;
+ab.)
+
+
+_Gentz_
+
+(lauscht; dann auf und ab. Er geht zur Gartentür, schaut
+angestrengt nach rechts hinüber)
+
+Da gehen sie hin, -- die jungen Leute! (Er zieht sein Lorgnon
+heraus und verfolgt die sich Entfernenden mit den Blicken,
+bis sie verschwunden sind, dann wendet er sich ab und läßt
+sich in den Fauteuil sinken. In seinem Gesicht erlischt
+gleichsam ein Feuer, und der Ausdruck wird völlig
+greisenhaft.) Da gehen sie hin. Die jungen Leute. Als ob sie
+einen Sarg in die Erde gesenkt hätten. Wozu die Trauer? Wozu
+Opfer, wozu Treue, wozu Müh und Sorge? Das Leben schwindet,
+das Krüglein ist geleert. Kein Wort mehr, Gentz, den letzten
+Traum hast du dir verdient und bezahlt. Genug, genug. (Er
+erhebt sich, greift nach der Handglocke.) Wie noch alles
+hier nach ihrer Jugend riecht! Wie die Luft noch von jungem
+Lachen klingt ... Kein Wort, kein Wort mehr, Gentz. (Er
+läutet.)
+
+
+_Jean_
+
+(kommt)
+
+Herr Hofrat befehlen?
+
+
+_Gentz_
+
+Geh Er zum Fürsten Metternich und richt Er aus, daß ich zum
+Diner heut abend nicht kommen kann.
+
+
+_Jean_
+
+Sehr wohl.
+
+
+_Gentz_
+
+Bring Er mir meinen Schlafrock, den türkischen und mach Er
+Feuer im Ofen. 's ist kalt.
+
+
+_Jean_
+
+Sehr wohl.
+
+
+_Gentz_
+
+Sag Er den andern draußen, daß ich für niemand zu Hause bin.
+Für niemand, hört Er?
+
+
+_Jean_
+
+Sehr wohl.
+
+
+_Gentz_
+
+Vor allem mach Er Feuer an.
+
+
+_Jean_
+
+Sofort. (Ab.)
+
+
+_Gentz_
+
+'s ist kalt. 's ist kalt. (Sinkt wieder in den Sessel.) Kein
+Wort mehr, Gentz. (Bedeckt das Gesicht mit den Händen.)
+
+(Vorhang)
+
+
+
+
+Der Turm von Frommetsfelden
+
+
+Personen:
+
+ Der Ritter Karl Heinrich von Lang, ansbachischer Domänenrat
+ Anna, seine Frau
+ Frau von Hänlein, deren Mutter
+ Leutnant Amandus Schlözer
+ Rechnungsrat Birnkoch
+ Kammerdirektor Mühlbach
+ Kasteljack, Schreiber
+ Fünf Bauern, darunter: Der Ringhofbauer, der Waldhofbauer,
+ der Erlhofbauer
+ Bärbel, Dienstmagd bei Langs
+
+Spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Ansbach.
+
+
+Das geräumige Arbeitszimmer des Ritters von Lang, zugleich
+eine Art Wohngemach. Die Möbel im französischen Geschmack
+des achtzehnten Jahrhunderts. Rückwärts zwei Fenster mit
+Aussicht auf romantisch verwinkeltes Häuserwerk. Links Tür
+in die andern Zimmer, rechts in den Flur.
+
+_Frau von Hänlein_ ordnet die auf Tischen, Stühlen und Sofa
+herumliegenden Bücher und Hefte; _Bärbel_ kehrt mit einem
+riesigen Besen aus.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(eine stattliche Dame in der Mitte der vierzig; sehr
+riegelsam, frisch, gesund, nur wenig angegraut)
+
+In aller Frühe war er also schon da?
+
+
+_Bärbel_
+
+Heroben war er nit. Vorbeigangen ist er am Haus, wie ich zum
+Bäcker bin, und hat g'fragt, wie's der jungen Frau geht.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Scheint viel Zeit zu haben, der junge Herr.
+
+
+_Bärbel_
+
+Die Herren Leutnants möchten halter gern, daß an Krieg gitt.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Wenn ich der Lang wäre, ich tät ihm das Haus verbieten. Die
+Männer sind zu schlampig in manchen Sachen. Du kannst jetzt
+in die Küche gehn, Bärbel. In einer halben Stunde muß die
+junge Frau ihre Milchsuppe bekommen. (Bärbel ab.) Sitzt da
+herum. Schwatzt. Wär die Anna nicht die Anna, er könnt sie
+am Ende um den Verstand schwatzen. Lang, Lang! So gescheit
+du bist, so dumm bist du.
+
+
+_Anna_
+
+(kommt von links. Blasse, schlanke, zarte, zierliche Frau
+von zwanzig Jahren. Sie trägt ein elegantes Morgengewand
+nach Pariser Schnitt; lächelnd)
+
+Sprichst für dich alleine, Mutter, und räumst schon wieder?
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Was zu räumen ist, räum' ich. Guten Morgen, Kind. Bist schon
+aus dem Bett gehupft? 's ist erst zehn Uhr und der Doktor
+hat gesagt, du sollst bis Mittag liegen.
+
+
+_Anna_
+
+(heiter)
+
+Erklärt mich der Doktor für krank, dann fühl' ich mich
+gleich gesund.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Bist ja auch nicht krank, sollt' ich meinen.
+
+
+_Anna_
+
+Krank nicht, gesund auch nicht. Was soll man glauben!
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Glaub an deine Natur.
+
+
+_Anna_
+
+Grad die Natur macht mich oft irre. Oft versuch ich froh zu
+sein, dann kommt unversehens die Traurigkeit.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Wie hast denn geschlafen heute?
+
+
+_Anna_
+
+Einen wunderlichen Traum hab ich gehabt, Mutter.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Laß hören. Vielleicht kann ich ihn deuten.
+
+
+_Anna_
+
+(setzt sich aufs Sofa, Frau von Hänlein bleibt vor ihr
+stehen)
+
+Mir träumte, ich war in Frommetsfelden und alles war noch
+so, wie ich ein Kind gewesen. Der schöne Garten mit den
+vielen Obstbäumen, alle voller Äpfel und Birnen und die
+lieben alten niedlichen Häuschen, und ich geh so und freu
+mich über den blauen Himmel, und wie ich so gehe, wird's auf
+einmal stockfinstre Nacht, und auf einmal seh ich Flammen,
+und das ganze Städtchen steht lichterloh in Brand. Mir wird
+Angst, und ich weiß nicht wohin, da packt mich Karl Heinrich
+am Arm, so fest, daß mir's durch und durch weh tut. Laß
+mich wenigstens noch in meinen Garten, bitt ich ihn, aber er
+schüttelt den Kopf, macht ein böses Gesicht und hält mich
+nur immer fester. Da seh ich den Leutnant Schlözer kommen,
+er winkt mir so freundlich, daß mir ganz warm ums Herz wird,
+und plötzlich kann ich zu ihm hingehen, und wie ich bei ihm
+bin, da sind wir im Garten, und aus einem schönen blauen
+Krug gibt er mir Wasser zu trinken. Dabei ist mir immer
+wohler und wohler geworden, und so bin ich aufgewacht.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Das war das Vernünftigste, was du hast tun können, das
+Aufwachen.
+
+
+_Anna_
+
+Sollen die Träume auch noch vernünftig sein? Schau, Mutter,
+ich fühl' mich so verlassen oft.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(setzt sich zu ihr, tadelnd)
+
+Und du hast doch den besten Mann von der Welt.
+
+
+_Anna_
+
+(steht auf, geht zum Fenster)
+
+'s ist wahr.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Ist's wahr mit Seufzen, so ist's Lüge.
+
+
+_Anna_
+
+Weiß wirklich nicht, wie mir zumut ist ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Hör' zu, Anna. Du solltest dich weniger mit dem Leutnant
+Schlözer abgeben. Ein paar Monate seid ihr erst verheiratet,
+und, -- es schickt sich eben nicht. Lang muß sich auch
+kränken.
+
+
+_Anna_
+
+(bitter)
+
+Karl Heinrich? Oh nein, Mutter. Oh nein. Der kränkt sich
+nicht. Darüber nicht.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Warum nicht _da_rüber? Etwa weil er nicht darüber spricht?
+
+
+_Anna_
+
+Wüßt ich's nur! Das ist's ja, was mich quält. Er denkt nur
+an die Verwaltung. Nur seine Eingaben und Verbesserungen hat
+er im Kopf.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(lacht)
+
+Bist eifersüchtig auf die Verwaltung? Damit mußt du dich
+abfinden. Ein Mann gehört seinem Beruf.
+
+
+_Anna_
+
+(mit niedergeschlagenen Augen)
+
+So bin ich betrogen worden, Mutter. Man hat mir's anders
+eingeredet.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Als dein Vater auf dem Totenbett lag, sagte er zu mir:
+Schau, Rieke, du hast ja graue Haare an den Schläfen. Da hab
+ich ihm antworten müssen: Dummer Mann, die grauen Haare hab
+ich schon seit sechs Jahren. Glaubst du, wir haben uns
+deshalb minder lieb gehabt?
+
+
+_Anna_
+
+Ach, -- Liebe! Das ist viel, oder 's ist wenig, je nachdem!
+Wie kann ich wissen, ob sie _mir_ gilt, (mit beiden Händen
+an der Brust) ob's _meine_ Liebe ist, die erwidert wird,
+ganz genau meine?
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Warum soll es denn, um Gottes willen, ganz genau die deine
+sein? Wir Menschen sind doch aus verschiedenem Teig.
+
+
+_Anna_
+
+Ist sie ihm mehr wert als das Amt? Was Größeres als die
+Geschäfte? Was anderes als eine Stunde zum Vergessen? Ich
+will wissen, ob sie mir gilt, mir ganz allein und ganz so
+wie ich bin.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Kind, spiel du nicht mit Worten, denn das heißt so viel wie
+zum Teufel beten. (Sie steht auf.)
+
+
+_Anna_
+
+Was sind mir seine Geschenke, wenn ich das nicht weiß? Er
+ist so verschlossen; so viel fremdes Leben bringt er mit.
+Seine Augen sind fremd. Sein Gesicht ist fremd. Mir ist als
+hätt ich sein wirkliches Gesicht noch kaum gesehen; als ob
+er gar nicht leiden könnte um was. Immer möcht ich grübeln,
+wenn er mit mir redet; indes sein Wort weiter geht, bin ich
+noch beim ersten und frag mich: wo bist du, Karl Heinrich?
+Ich find ihn nicht. Muß ich ihm nicht auch fremd sein? Wie
+wird er mich nehmen, wenn mein Fremdestes zu seinem Herzen
+will?
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(bekümmert)
+
+Das kommt mir alles wie Sünde vor. Auch versteh ich's nicht.
+Ich bin schon froh, wenn mich die Sonne bescheint.
+
+
+_Bärbel_
+
+(von rechts)
+
+A Herr is da un will unsern Herrn sprech'n.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Unser Herr ist ausgegangen.
+
+
+_Bärbel_
+
+Der Herr will auf unsern Herrn wart'n.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Was ist's denn für ein Herr?
+
+
+_Bärbel_
+
+Birnkoch haaßt 'r.
+
+
+_Rechnungsrat Birnkoch_
+
+(unter die Türe tretend; ein dicker, kleiner, geschniegelter
+junger Mann mit Glatzkopf und einem eiertanzähnlichen Gang)
+
+#Excusez, mes dames --#
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Der Herr Rechnungsrat! Bitte nur einzutreten, Herr
+Rechnungsrat.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Ist nicht meine Absicht, die Damen zu troublieren. #Bonjour,
+mesdames#. Frau Domänenrätin, meine Reverenz. Wie befindet
+sich dero beneidenswerter Gatte?
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(hastig, um Annas zerstreutes Schweigen zu verdecken)
+
+Mein Schwiegersohn ist zur Inspektion des Waisenhauses, Herr
+Rechnungsrat. Müssen Sie ihn dringend sprechen, so schick
+ich hinüber.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Inspektion in aller Frühe? Ein rühriger Beamter, der
+Domänenrat Lang, #un caractère de fer#. Wollen Sie hinüber
+schicken? Ich bitte, nein. Allerdings habe ich ein Anliegen,
+will sagen einen Auftrag von Seiner Exzellenz, dem Minister
+Haugwitz, der die Gnade hatte, mit mir in Berlin zu
+konferieren ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Nun, wenn es von Wichtigkeit ist, Herr Rechnungsrat ...
+(Will zur Tür.)
+
+
+_Birnkoch_
+
+Bitte nein, Madame. Muß wohl von einiger #importance# sein,
+da man mich damit beauftragt hat. Aber, bitte nein. Das
+Vergnügen, Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen ... Es
+handelt sich um die fatale Affäre ... #une chose ridicule,
+au fond# ... mit dem Turm von ... von ... #quel nom
+abominable# ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Mit dem eingestürzten Stadtturm vielleicht --?
+
+
+_Birnkoch_
+
+Ganz richtig, Madame; mit dem eingestürzten Stadtturm. In
+... in ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Frommetsfelden.
+
+
+_Birnkoch_
+
+#Milles mercis, madame#. Frommetsfelden. #Mon Dieu,# was für
+seltsame ... Bezeichnungen in Deutschland die Dörfer haben!
+
+
+_Anna_
+
+(die am Fenster gesessen ist, hat erstaunt aufgehorcht)
+
+Wie, Mutter, -- in Frommetsfelden ist der Turm eingestürzt?
+
+
+_Birnkoch_
+
+Ganz wie Sie sagen, Frau Domänenrätin. Von oben bis unten
+eingestürzt.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(verschüchtert durch Annas erschrockene Miene)
+
+War ja ein altes, baufälliges Gerümpel, der Turm.
+
+
+_Birnkoch_
+
+#C'est ça.# Uralt. Und baufällig, jawohl. Baufällig.
+Unbedingt baufällig. Deshalb ist er ja eben eingestürzt.
+
+
+_Anna_
+
+Wann ist denn das geschehen?
+
+
+_Birnkoch_
+
+Nun ... es mögen drei bis vier Wochen sein. Eher vier.
+Jawohl. Vier bis fünf Wochen, jawohl.
+
+
+_Anna_
+
+Davon hat mir Karl Heinrich kein Wort gesagt ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Daß dich das sonderlich interessiert, hat er nicht denken
+können.
+
+
+_Birnkoch_
+
+So wissen Sie auch nicht, daß der Herr Domänenrat sich
+weigert, mit allen Gründen seiner Amtsgewalt sich weigert,
+den Turm wieder aufbauen zu lassen?
+
+
+_Anna_
+
+Er will ihn nicht wieder aufbauen lassen?
+
+
+_Birnkoch_
+
+#Une marotte! une marotte inexplicable!# Er weigert sich.
+Die Regierung selbst unterstützt das Verlangen der Bauern.
+Und er weigert sich. #C'est son entêtement.#
+
+
+_Anna_
+
+Aus welchem Grund will er denn den Turm nicht bauen lassen?
+
+
+_Birnkoch_
+
+#Parole d'honneur,# ich weiß ihn nicht, den Grund. Und wüßt
+ich ihn, so könnt ich ihn keinesfalls approuvieren. Aber ich
+bin erfreut, Madame, daß Sie an der Sache solchen Anteil
+nehmen. Da kann man ja auf Ihre Unterstützung rechnen ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Meine Tochter nämlich, Herr Rechnungsrat, hat ihre ganze
+Jugend dort in Frommetsfelden zugebracht. Sie hat bei ihrem
+Oheim auf dem Gut gelebt, während ich mit meinem Mann in der
+Welt herumgezogen bin.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Verstehe ...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Da ist ihr natürlich jeder Baum und jeder Stein ans Herz
+gewachsen.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Verstehe. Die Erinnerung. #Le souvenir.# Verstehe. (Zitiert
+mit preziösem Tonfall.)
+
+ Erinnerung taucht ihren Farbenpinsel
+ Ins wunde Herz und übermalt den Gram.
+ Sie fleucht mit dir auf eine Zauberinsel,
+ Wenn das Geschick dir Mut und Freude nahm.
+
+Verstehe.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Reizend, Herr Rechnungsrat. Haben Sie das selbst gedichtet?
+
+
+_Birnkoch_
+
+Nicht ganz. Nicht ganz. Hab's mir aus einer #anthologie#
+kopieren lassen.
+
+(Es klopft, ein kleines Mädchen tritt verschämt ein. Sie
+trägt einen Fliederstrauß in der Hand, blickt von einem zum
+andern, eilt jäh auf Anna zu und überreicht ihr den Strauß
+mit einem Knix.)
+
+
+_Birnkoch_
+
+Sieh da, sieh da! Flieder schon, im März?
+
+
+_Anna_
+
+(erhebt sich; tief errötend)
+
+Von wem ist denn der Flieder, Kind? (Schnell, ehe das
+Mädchen antworten kann.) Ist schon gut. Ich laß mich recht
+sehr bedanken. Da hast was für den Zuckerbäcker. (Gibt ihr
+ein Geldstück; das Mädchen geht.)
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(leise mahnend)
+
+Anna!
+
+
+_Birnkoch_
+
+Befinde ich mich in einem #erreur,# wenn ich annehme, daß
+Sie den Spender kennen, Frau Domänenrätin?
+
+
+_Anna_
+
+(für sich)
+
+Herrlich! Herrlich! (Steckt das ganze Gesicht in den Strauß
+und atmet mit Inbrunst; flüsternd.) Mein Traum!...
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(am Fenster)
+
+Da kommt der Domänenrat! (Sie winkt hinunter.)
+
+
+_Anna_
+
+(stellt die Blumen in eine Vase vor die Spiegelkonsole,
+betrachtet entzückt die Wirkung).
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Weshalb stellst du denn den Strauß vor'n Spiegel, Anna?
+
+
+_Anna_
+
+(ohne sich umzuwenden, lächelnd)
+
+Dann sieht es aus, als ob ich zwei Sträuße hätte.
+
+
+_Birnkoch_
+
+#C'est drôle! c'est ravissant!#
+
+
+_Ritter von Lang_
+
+(tritt ein. Er ist ein mittelgroßer, stämmiger Mann mit
+einer starken, energischen Stimme; sein Gesicht ist der Mode
+der Zeit gemäß bartlos, sein Wesen hat ein kühnes
+Selbstbewußtsein wie das eines Menschen, der seinen Wert
+genau kennt und sich außerdem mit Absicht von andern
+Beamten, ihrem Servilismus nach oben, ihrer Brutalität nach
+unten, unterscheiden will)
+
+Guten Morgen, Herr Birnkoch; hab' gestern schon gehört, daß
+Sie wieder in Ansbach sind. -- Bist schon so frühzeitig
+munter, Anna? (Küßt sie auf die Stirn.) -- Woher ist denn der
+frische Flieder da?
+
+
+_Anna_
+
+Daß du's gleich gesehen hast! (Nimmt seine Hand und sieht
+ihn hell an.) Er hat's gleich gesehen, Mutter.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Werden vom Hofgärtner aus dem Treibhaus sein ... (Raunt
+Lang in die Ohren.) Nennen Sie ihn doch nicht Birnkoch,
+lieber Lang! Wollen Sie ihn auf Lebenszeit zum Feind haben?
+
+
+_Lang_
+
+(lacht kurz, dann sehr höflich)
+
+Warten Sie schon lang, Herr Rechnungsrat? Was gibt's? Soll
+ich die Frauenzimmer fortschicken?
+
+
+_Birnkoch_
+
+Beileibe, Herr Domänenrat, beileibe nicht. Die Damen und
+ich, wir haben uns über den Gegenstand schon ausgesprochen
+und sind ganz #d'accord.# Denn Sie müssen nachgeben in der
+Affäre mit dem närrischen Turm.
+
+
+_Lang_
+
+Potz Knackwurst, lieber Birnkoch --
+
+
+_Birnkoch_
+
+(indigniert und weinerlich)
+
+Aber hochgeschätzter Herr Domänenrat, warum wollen Sie mir
+nicht meinen sauer verdienten Titul zubilligen?
+
+
+_Lang_
+
+Schön, Herr Rechnungsrat. Ich sage nur, wenn Sie einen
+ganzen Harem von Weibspersonen um mich aufstellen, der Lang
+gibt nicht nach. In _der_ Sache nicht.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Es ist der entschiedene Wunsch Seiner Exzellenz, des
+Ministers Haugwitz --
+
+
+_Lang_
+
+Vor allem steht es so, daß ich, in meinem Ressort, Befehle
+nur vom Fürsten Hardenberg empfange. Es ist mir ja bekannt
+geworden, daß der Fürst, der mir freundlich gesinnt ist,
+durch allerlei Kabalen aus seinem Amt gedrängt werden soll,
+aber eine offizielle Mitteilung habe ich darüber nicht
+erhalten.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Seine Exzellenz, der Minister Haugwitz hat über den Fall
+eine Note abfertigen lassen -- (zieht sein Portefeuille.)
+
+
+_Lang_
+
+Ihr könnt Noten schmieren, so viel ihr wollt. Das lebendige
+Bedürfnis spricht anders.
+
+
+_Birnkoch_
+
+(bestürzt)
+
+#Mon dieu!# Sie anerkennen also keine höhere Instanz?
+
+
+_Lang_
+
+Instanz? Zu deutsch: Schleichweg. Der Minister Haugwitz ist
+von Kreaturen umgeben, die ihren Vorteil suchen.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Eine solche Verdächtigung muß ich mit aller zukömmlichen
+Entschiedenheit repoussieren.
+
+
+_Anna_
+
+(zwischen beide tretend, sehr sanft)
+
+Warum soll denn der Turm nicht wieder aufgebaut werden, Karl
+Heinrich?
+
+
+_Lang_
+
+(barsch)
+
+Misch du dich nicht in die Affären, Kind.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(nimmt sie am Arm, leise)
+
+Er hat recht. Er muß wissen, was er tut.
+
+
+_Lang_
+
+Ist dem Minister auch wahrheitsgemäß angegeben worden, was
+der Wiederaufbau des Turmes kostet?
+
+
+_Birnkoch_
+
+(in seinen Papieren blätternd)
+
+Der Baurat Österlein hat vierhundert Gulden in Voranschlag
+gebracht.
+
+
+_Lang_
+
+Dann ist der Baurat Österlein ein ganz gemeiner Schwindler,
+der einen Auftrag will und eine Versprechung leistet, die er
+nicht halten kann. Das sag ich ihm auf den Kopf zu.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Sie erschrecken mich, Herr Domänenrat --
+
+
+_Lang_
+
+Das Vierfache reicht nicht hin. Aus meinen genauen
+Berechnungen geht hervor, daß bei aller Sparsamkeit
+achtzehnhundert bis zweitausend Gulden nötig sind.
+
+
+_Birnkoch_
+
+#Eh bien,# wenn die Bauern dafür aufkommen wollen und die
+Regierung einen Beitrag gibt --?
+
+
+_Lang_
+
+Die Bauern, die sich ohnehin unterm Steuerdruck winden? Und
+die Regierung, die kann das teure Geld förderlicher
+verwenden.
+
+
+_Birnkoch_
+
+(spitz und kalt)
+
+Inwiefern förderlicher, wenn ich bitten darf?
+
+
+_Lang_
+
+Herr, in Frommetsfelden ist keine Schule!
+
+
+_Birnkoch_
+
+(heuchlerisch bekümmert)
+
+Ei, ei, ei ...
+
+
+_Lang_
+
+Bei Regen, bei Frost, im tiefsten Schnee müssen die Kinder
+zwei Stunden laufen, um in die nächste Schule zu gelangen.
+Die Folge? Weitaus die meisten Eltern behalten ihre
+Sprößlinge zu Haus und erziehen dem Staat Analphabeten. Ich
+will Ihnen eine Schule bauen für das Geld, das der Turm
+kosten würde.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Unter uns, -- finden Sie denn diese sogenannte Bildung
+wirklich so notwendig für das Volk? Durch jeden Bauern, der
+lesen und schreiben kann, wird uns das Regieren schwerer
+gemacht.
+
+
+_Lang_
+
+Meine Ambition ist nicht, den Herrschaften das Regieren zu
+erleichtern. Was ihr gern seht, das ist eine möglichst große
+Armee von Nullen. Und jede Null soll zugleich ein Geldsack
+sein, ein Ding jedenfalls ohne Kopf und ohne Füße, und wenn
+ihr diese ganze Nullenkarawane gemächlich vor euch hinrollt,
+das nennt ihr dann regieren.
+
+
+_Birnkoch_
+
+(entsetzt)
+
+#Mais, monsieur! Ce sont des idées revolutionaires!#
+
+
+_Lang_
+
+Das ist meine Ansicht.
+
+
+_Birnkoch_
+
+(dem nicht mehr ganz geheuer ist)
+
+Aber ... ich meine ... wenn wo ein Turm einstürzt ... wenn
+überhaupt wo was einstürzt, muß man's doch wieder aufbauen.
+
+
+_Lang_
+
+Ich bin dafür, daß man Ruinen wegräumt und nicht neue
+schafft.
+
+
+_Birnkoch_
+
+(rafft sich auf; würdevoll)
+
+Sohin ist meine Mission beendet. Ich werde nicht ermangeln,
+höheren Orts Bericht zu erstatten.
+
+
+_Lang_
+
+Das bleibt Ihnen unbenommen.
+
+
+_Birnkoch_
+
+Ich habe in der leidigen Angelegenheit um elf Uhr noch eine
+#conférence# mit dem Herrn Präsidenten von Schuckmann --
+
+
+_Lang_
+
+Weiß schon. Der Präsident hat mich dazu gebeten. Man zwickt
+und zwackt mich von allen Seiten. In einer halben Stunde
+komm' ich hinüber. Habe vorher noch ein Referat zu
+erledigen. (Verbirgt mühsam seinen Ärger und begibt sich,
+nach einem kurzen Kompliment, unhöflicherweise sogleich an
+seinen Schreibtisch.)
+
+
+_Birnkoch_
+
+#Mesdames#, meine ehrerbietigste Empfehlung.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(macht bedauernde Gesten, um Lang zu entschuldigen, und
+begleitet Birnkoch. Ehe noch die Tür ganz geschlossen ist,
+hört man von draußen)
+
+
+_Birnkochs Stimme_
+
+Seien Sie versichert, Madame, daran ist der Bonaparte
+schuld. Der Bonaparte sitzt ihm im Nacken. Schade,
+jammerschade ...
+
+
+_Lang_
+
+(horcht auf, lacht vor sich hin, während er schreibt)
+
+Der Bonaparte muß allen Faulenzern den Wauwau machen.
+(Schreibt.) Aber sein Französisch reden sie. (Schreibt.) Und
+miserabel noch dazu.
+
+
+_Anna_
+
+(hat sich vorsichtig genähert und schaut Lang über die
+Schulter. Sie schüttelt den Kopf, als ob sie sagen wollte:
+er spürt mich nicht. Endlich legt sie ihm die Hände auf die
+Schultern).
+
+
+_Lang_
+
+Was gibt's denn, Anna? (Schreibt weiter.)
+
+
+_Anna_
+
+Hast du nicht ein Minütchen Zeit für mich?
+
+
+_Lang_
+
+(ein bißchen ungeduldig)
+
+Sag nur, was du willst. Ich bin ja beschäftigt, wie du
+siehst.
+
+
+_Anna_
+
+(schweigt, entfernt sich seufzend).
+
+
+_Lang_
+
+(schreibt)
+
+Na sag's nur, aber geschwind.
+
+
+_Anna_
+
+Manche Dinge kann man nicht geschwind sagen.
+
+
+_Lang_
+
+Dann sind's gewiß überflüssige Dinge.
+
+
+_Anna_
+
+(nähert sich von neuem, neigt sich über ihn; mit einem
+Versuch zur Koketterie)
+
+Weißt, von wem ich den Flieder hab'?
+
+
+_Lang_
+
+(stockt; kleine Pause, scheinbar gleichgültig)
+
+Von wem ... vom Leutnant Schlözer natürlich.
+
+
+_Anna_
+
+Falsch geraten. Nein, richtig geraten. Ist's nicht nett von
+ihm? Er weiß, daß mich Blumen ganz toll machen vor Freude.
+(Naiv.) Aber das blaue Seidenkleid, das du mir vom Baron
+Imhoff aus Paris hast bringen lassen, ist wunderschön.
+
+
+_Lang_
+
+(schreibt wieder)
+
+Sollst es tragen, wenn der Fürst kommt.
+
+
+_Anna_
+
+Das dauert bis zum Herbst.
+
+
+_Lang_
+
+Bis dahin wird's nicht altmodisch.
+
+
+_Anna_
+
+Ob ich aber dann noch lebe ...
+
+
+_Lang_
+
+(kehrt sich rasch um)
+
+Anna!
+
+
+_Anna_
+
+Flieder, der verwelkt von heut auf morgen. Der ist für den
+Augenblick. So ein Kleid, das soll täuschen über den
+Augenblick.
+
+
+_Lang_
+
+Du quälst dich mit Hirngespinsten und mich nicht minder.
+
+
+_Anna_
+
+Hirngespinste? Das Hirn spinnt, was das Herz bewegt.
+
+
+_Lang_
+
+(steht auf)
+
+Du darfst mir nicht den Boden unter den Füßen wegziehen,
+Anneli. Gegen Menschen kann ich streiten, gegen Schatten
+nicht.
+
+
+_Anna_
+
+(verzagt, sieht ihn groß an)
+
+Mir ist so bang.
+
+
+_Lang_
+
+Weshalb denn, Anna?
+
+
+_Anna_
+
+Um dich, um mich, um uns beide ist mir bang. Ich seh dich
+oft gar nicht. Du bist so fern, auch jetzt, wo du vor mir
+stehst. Und ich weiß, du siehst mich auch nicht. Mir ist,
+als ob wir zwei Blinde wären, die vergeblich mit den Händen
+nacheinander greifen. Du bist so tüchtig, so fest, so klug,
+aber es ist was in dir, was mich schreckt. Ganz, ganz nahe
+möcht ich oft zu dir und kann nicht, wie wenn einem das
+eigene Haus zugesperrt wär'.
+
+
+_Lang_
+
+(kopfschüttelnd, doch heimlich erleichtert)
+
+Schau, schau, was für eine kleine Schwärmerin du bist!
+
+
+_Anna_
+
+(verletzt)
+
+Nein, Karl Heinrich, wirf's nicht mit einem Wort von dir.
+Bist doch sonst ein Feind von denen, die sich's bequem
+machen. Mich sollst du dir auch nicht bequem machen.
+
+
+_Lang_
+
+(ablehnend)
+
+Ich versteh dich nicht, Kind. Mir ist das alles Spiel, was
+du vorbringst. Zum Spielen ist mir der Tag zu wert. (Will
+sich wieder zur Arbeit setzen.)
+
+
+_Anna_
+
+(schmiegt sich an ihn, mit einem jähen Entschluß, bittend)
+
+Schenk mir den Turm, Karl Heinrich!
+
+
+_Lang_
+
+(verwundert)
+
+Den Turm? Was für einen Turm?
+
+
+_Anna_
+
+Den Turm in Frommetsfelden.
+
+
+_Lang_
+
+Was soll das heißen? -- Der Turm ist ja eingestürzt.
+
+
+_Anna_
+
+(leidenschaftlich schmeichelnd)
+
+So bau ihn wieder auf! Bau ihn! Für mich!
+
+
+_Lang_
+
+(ruhig)
+
+Solchen Unsinn kannst du von mir im Ernst nicht verlangen.
+
+
+_Anna_
+
+(beteuernd)
+
+Im tiefen, heiligen Ernst. Ist kein Unsinn, Karl Heinrich;
+ist ein Wunsch, nur ein Wunsch.
+
+
+_Lang_
+
+Den ich unmöglich erfüllen kann; oder ich würde mich zum
+Windbeutel machen. Denk doch nach --
+
+
+_Anna_
+
+Denk ich nach, kann ich den Wunsch nicht mehr so spüren.
+
+
+_Lang_
+
+Nun also!
+
+
+_Anna_
+
+Wünschen ist stärker als denken. Du nennst's vielleicht eine
+Laune.
+
+
+_Lang_
+
+Eine üble noch dazu.
+
+
+_Anna_
+
+(ruhiger)
+
+Schau, der Turm war mir immer was Ehrwürdiges, das zum
+Himmel lockt. So stolz und wacker ist er gestanden, so fest
+und alt ins Firmament hineingegossen, und so unvergänglich,
+weißt du, als stünd' er von Anbeginn der Welt bis zum Ende.
+Wenn ich als Kind nachts vom Schlaf erwacht bin, hab ich die
+Glocke gehört; dumpf und schwer und mächtig langsam und so
+wohllautend wie des Herrgotts Stimme selber. Wie Zeit und
+Ewigkeit hat's da zusammengeklungen, zwischen Schlag und
+Schlag war ein ganzes Leben, gute Träume, böse Träume, und
+die Nacht ist so groß geworden, und der Tag so fern ...
+Aber wär's nur darum, so wär's am Ende wirklich Laune. Darum
+ist's aber nicht.
+
+
+_Lang_
+
+So erklär dich deutlicher.
+
+
+_Anna_
+
+Ach, daß du's nicht begreifst, daß du's nicht ahndest!
+
+
+_Lang_
+
+Und daß auch _du_ mir's noch schwer machst, Anna, auch du!
+Bin ich denn nicht wie der böse Feind dahier geachtet? Jede
+Handlung, die dem gemeinen Wesen zugute kommen soll, braucht
+zwanzig Schreibereien. Wohin du blickst, die ärgsten
+Mißbräuche, Zehrungen und Unterschleife. Was an Steuern dem
+armen Volk erpreßt wird, geht für die Zeche der Herren auf.
+Meinst du, ich könnte nicht gleichfalls so ein Diätenfresser
+sein? Und sparte mir die Galle dabei. Was für Zustände,
+Anna! Davon hast du ja keinen Begriff! Im Alumneninstitut
+des Gymnasiums lauter feuchte, ungeheizte Stuben, wo die
+schamlos vernachlässigten Schüler öffentlichen und
+heimlichen Sünden frönen. Dabei muß man alljährlich das Geld
+aufborgen, um nur den Kostwirt bezahlen zu können. Im
+Waisenhaus sind den Kindern vor lauter Krätze und englischer
+Krankheit Hände und Füße gebogen und die Köpfe
+aufgeschwollen. In der elenden Baracke, genannt Seelhaus und
+Lazarett, liegen scheußliche Gestalten halbnackt auf
+muffigem Stroh. Fragt man: wo ist das Geld? Es ist nicht da.
+Es ist aber doch dafür bestimmt worden --? Ja, es ist aber
+nicht da. Keiner hält stand, keinen kannst du beim
+Schlafittich packen; alle, die davon fett werden, daß nichts
+geschieht, spritzen dir ihr Gift ins Gesicht, bei jeder
+nützlichen Anordnung setzen sich die Magistrate selbst
+entgegen; hinter denen stecken wieder die Verwalter, die
+Advokaten, die Gutsbesitzer, die Latifundienräuber, die
+Bevollmächtigten der Regierung, und so geschieht's, daß ich
+im ganzen Land als unbarmherziger Mann verschrien bin, und
+daß man mich durch Appelle und Eingaben und Rekurse und
+Beschwerden und Ränke und Quertreibereien ermüden und
+zurückhalten will. Und nun kommst du auch noch und nagst an
+mir.
+
+
+_Anna_
+
+Ich seh's wohl ein; Grund und Recht sind auf deiner Seite,
+und als gute Frau dürft ich nicht zuwiderstimmen. Mein Grund
+ist unaussprechlich und liegt vielleicht nur in meinen
+Augen; nur in meinem Blick, wenn er deinem begegnet. Sieh
+mich an, Karl Heinrich! Ist's Lüge, dann ist alles Lüge, was
+mich zu dir treibt. Denk, es ist ein Gebet. Oder denk, es
+ist eine Krankheit in dir, die du selber nicht kennst, und
+du mußt sie durch einen bittern Trunk heilen.
+
+
+_Lang_
+
+Ich kann dir nicht helfen, Anna. Der Frommetsfelder Turm
+darf mir nicht gebaut werden, so lang ich hier im Amt bin.
+
+
+_Anna_
+
+(wendet sich weg, läßt die Arme schlaff fallen und den Kopf
+tief sinken).
+
+
+_Lang_
+
+Ist mir leid um dich, Anneli, denn in deinem Begehren ist
+was, das mir wie freventlicher Übermut erscheint. Zart bist
+du beschaffen, aber es ist was Verwegenes in dir, und wollt
+ich mich dem fügen, so wär' ich geliefert für alle Zeit. Ihr
+Weiber habt oft so eine spindeldürre Phantastik in euerm
+Kopf; wenn man sich davon einfangen läßt, geht's einem wie
+Simson, dem Propheten.
+
+
+_Anna_
+
+(geht langsam gegen die Türe links, zögert noch vor der
+Schwelle, dann ab).
+
+
+_Lang_
+
+(wandert unruhig hin und her)
+
+Ist ein feines Geschöpflein, und kann sich nicht abfinden
+mit ihrem begehrlichen Gemüt. Nährst du's, frißt's dich
+auf. Mußt es ziehen lassen, als ob's ne Wolke wär'. Die eine
+Wolke könnt ich ja vertragen, wird nicht gleich Blitz und
+Donnerwetter geben. Eheweisheit ist ein ander Ding denn
+Amtsweisheit. (Schaut auf die Uhr.) Die Zeit ist mir schon
+wieder davongelaufen. (Wie er zur Tür will, klopft es.)
+Herein!
+
+
+_Leutnant Amandus Schlözer_
+
+(tritt von rechts an. Er ist einundzwanzig Jahre alt, sehr
+schlank, mit einem gut markierten, charaktervollen Gesicht
+und Augen, in denen sich der Romantiker verrät. Sein Betragen
+schwankt zwischen Schüchternheit und soldatischer Offenheit
+und Kürze. Er trägt die preußische Infanterieuniform)
+
+Verzeihung, Herr Domänenrat, wenn ich Sie störe -- (Verbeugt
+sich, grüßt militärisch.)
+
+
+_Lang_
+
+(flüchtig)
+
+Guten Morgen, Herr Leutnant. Ich weiß nicht, ob meine Frau
+Sie empfangen kann ...
+
+
+_Schlözer_
+
+Ich möchte, Herr Domänenrat, wenn ich Sie nicht von
+dringenden Geschäften zurückhalte, ein paar Worte mit Ihnen
+allein --
+
+
+_Lang_
+
+(stirnrunzelnd)
+
+Ich habe allerdings ... ich werde beim Präsidenten erwartet
+... Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Leutnant? Wollen Sie
+Platz nehmen?
+
+
+_Schlözer_
+
+Merci. (Bleibt stehen.) Ich wollte Ihnen nur sagen, Herr
+Domänenrat ... es ist etwas in mir, was mich zwingt, Ihnen
+diese Mitteilung zu machen, ... daß ich abzureisen genötigt
+bin.
+
+
+_Lang_
+
+(leichthin, jedoch etwas aufmerksamer)
+
+Wirklich, Herr Leutnant? Sind es Gründe privater Natur, die
+einen so raschen Entschluß hervorgerufen haben?
+
+
+_Schlözer_
+
+(gepreßt)
+
+Ja. Gründe von der dringendsten Beschaffenheit. Mein
+Urlaubsgesuch ist bereits bewilligt. Die Postpferde sind
+bestellt.
+
+
+_Lang_
+
+(konventionell)
+
+Es tut mir leid, Herr Leutnant. Wir hatten gehofft, Sie
+länger hier halten zu können. Freilich, -- die Provinz.
+
+
+_Schlözer_
+
+(mit festem Blick)
+
+Dies ist es nicht, Herr Domänenrat. Es ist schwer zu sagen
+... doch kam ich deshalb her ... und so sei es gesagt: Herr
+Domänenrat, ich liebe Ihre Frau.
+
+
+_Lang_
+
+(sieht ihn schweigend an; dann mit starker Überwindung)
+
+Das nennt man ohne Umstände deutlich sein. (Kalt.) Ich
+beklage diese Fatalität, Herr Leutnant, doch überschätzen
+Sie vielleicht ihre Tragweite für mich, -- wenn Sie
+_des_wegen Postpferde bestellt haben.
+
+
+_Schlözer_
+
+(ohne sich zu regen)
+
+Würden Sie mir eine solche Antwort auch geben, wenn Ihre
+Frau meine Abreise nicht ganz so teilnahmslos betrachten
+würde?
+
+
+_Lang_
+
+(brüsk)
+
+Herr Leutnant, meine Frau ist über jede Insinuation erhaben.
+
+
+_Schlözer_
+
+(verbeugt sich)
+
+Ich weiß es.
+
+
+_Lang_
+
+Warum gleich Postpferde bestellen, Herr Leutnant? Und wenn
+Postpferde bestellt sind, warum sie zur Parade tanzen
+lassen? Soll ich das Almosen einer Entsagung mit Dank
+quittieren? Soll ich bewundern, wo ich kaum bedauern kann?
+(Ernst und mit Bedeutung.) Der ehrt sich selbst und seine
+Freunde, der durch Schweigen unerfüllbare Wünsche
+beschwichtigt.
+
+
+_Schlözer_
+
+Ich glaubte Ihnen, in dessen Haus ich Gastfreundschaft
+genossen habe, eine Erklärung schuldig zu sein.
+
+
+_Lang_
+
+Sie verpflichtet mich zu keinem Dank. Wenn Sie für sich
+fürchten, Herr Leutnant, Sie für Ihre Person und Ihre Ehre
+sage ich, dann nehmen Sie Postpferde.
+
+
+_Schlözer_
+
+(mit zu Boden gekehrtem Blick)
+
+Ich reise, Herr Domänenrat.
+
+
+_Lang_
+
+So wünsch ich glückliche Fahrt. -- Vermutlich werden Sie sich
+von meiner Frau verabschieden wollen. (Auf eine Bewegung
+Schlözers.) Bitte, Herr Leutnant, meine Frau wäre gewiß
+verletzt, wenn Sie ohne Gruß von ihr scheiden würden. Ich
+werde draußen sagen lassen, daß Sie hier warten. Ich selbst
+muß Sie leider verlassen. (Mit stummem Gruß nach rechts ab.)
+
+
+_Schlözer_
+
+(blickt düster vor sich hin. Er gewahrt den Fliederstrauß,
+eilt hin, nimmt ihn in die Hand und drückt seine Lippen in
+die Blumen. Dann läßt er das Bukett fallen, wie von einem
+hoffnungslosen Gedanken erstarrt)
+
+Er schickt sie zu mir! Kein Zweifel ist in ihm, kein
+Zweifel!
+
+
+_Anna_
+
+(von links)
+
+Guten Morgen, Amandus. War nicht Lang eben hier?
+
+
+_Schlözer_
+
+(zu ihr, küßt ihr die Hand)
+
+Teure Anna, wie blaß Sie heute aussehen ...
+
+
+_Anna_
+
+(abweisend)
+
+Dies Betragen lieb ich nicht an Ihnen, Amandus. Sie wissen
+es. Mein Mann ist fortgegangen?
+
+
+_Schlözer_
+
+Er sagte, er wolle Ihnen Nachricht geben, daß ich warte.
+
+
+_Anna_
+
+(mit verlorenem Blick)
+
+Und ist fortgegangen. (Rafft sich zusammen.) Ich habe Sie
+doch gebeten, Amandus, daß Sie am Vormittag nicht kommen
+möchten. (Sie setzt sich, Schlözer nimmt ihr gegenüber
+Platz.)
+
+
+_Schlözer_
+
+Es ist das letzte Mal, Anna. Ich kann den Gedanken, daß Sie
+in meiner Nähe weilen, nicht länger ertragen. Ich kann nicht
+länger in den Nächten liegen und mit lebendig-offenen Augen
+träumen, was mir das Herz verbrennt. Ich kann's nicht
+länger, und ich komme nun, um Ihnen Lebewohl zu sagen.
+
+
+_Anna_
+
+(versonnen)
+
+Ich hatt' es erwartet. Sie reisen also. Und wohin reisen
+Sie?
+
+
+_Schlözer_
+
+Die Erde dreht sich, und ich fühle mich so schwunglos;
+heruntergestürzt und in den Boden gewühlt wie in ein Grab. --
+Wohin ich reise? Es gibt bald Krieg, Anna. Wenn mein König
+keine Verwendung für mich hat, wird Bonaparte wissen, wie
+ein Mann zu brauchen ist, dem das Leben nichts mehr gilt.
+
+
+_Anna_
+
+(aufschreckend)
+
+Haben Sie mit Lang gesprochen?
+
+
+_Schlözer_
+
+War es mein Schmerz oder war es das Bedürfnis, daß es
+zwischen mir und ihm zum Ausgleich kommt; daß er es wissen
+möge, daß er Sie hüten möge, Anna, wie das kostbarste
+Kleinod der Welt, -- ich weiß nicht mehr warum, nennen Sie
+es eine Verfinsterung meines Herzens, -- ich habe ihm gesagt,
+wie es um mich beschaffen ist und weshalb ich gehe.
+
+
+_Anna_
+
+(grüblerisch)
+
+Das haben Sie ihm gesagt? Wie seltsam! Und er?
+
+
+_Schlözer_
+
+Er! Er war kalt und überlegen.
+
+
+_Anna_
+
+(wie oben)
+
+Und er sagte, er wolle mir Nachricht geben lassen, daß Sie
+warten. Wie seltsam ...
+
+
+_Schlözer_
+
+Als ob keine Faser in Ihnen wäre, die ohne seinen Willen
+sich regte.
+
+
+_Anna_
+
+(wie oben)
+
+Vielleicht vertraut er mir so.
+
+
+_Schlözer_
+
+Und dies Vertrauen sollte Sie nicht ein wenig kränken, teure
+Anna? Ist denn Liebe etwas so Unzweifelbares, daß sie einmal
+beschworen, jedem Feuer stand hält? Ist denn das noch Liebe,
+die so ruhig, so stumm, so satt werden darf?
+
+
+_Anna_
+
+Wie würden Sie gehandelt haben, Amandus, wenn ein Mann Ihnen
+ein solches Geständnis gemacht hätte?
+
+
+_Schlözer_
+
+Wie ich gehandelt hätte, weiß ich nicht. Vielleicht hätte
+ich den Mann erdolcht. Vielleicht hätte ich ihn in die Arme
+geschlossen. Wer aber darf so übermenschlich sich gebärden,
+daß er nichts wissen will von den Gewalten, die seiner
+Sicherheit ein Ziel setzen könnten? Ach, Anna, wenn! -- wenn!
+Ich würde hinschmelzen unter jedem Blick und jedem Lächeln.
+
+
+_Anna_
+
+(kopfschüttelnd)
+
+Nein, Amandus, das Hinschmelzen, das ist das Wichtige nicht.
+Wichtig ist, daß man nie einander vergißt. Daß man immer
+geborgen ist im andern, daß er die Gedanken hält und kennt,
+daß er die Wünsche weiß und jeden recht versteht, denn es
+ist eine Qual, zu reden, wenn man wünscht. Daß man nicht ein
+Opfer wird von einer Stunde, wo aufs Ungefähr das Blut
+stürmt und man dann zur schalen Erinnerung wird in den
+Geschäften des Lebens. Da wird alles kalt in einem.
+
+
+_Schlözer_
+
+Alles ist fremd ohne Zärtlichkeit, fremd und zufällig.
+
+
+_Anna_
+
+Ja, Zärtlichkeit, das ist es. Ohne Zärtlichkeit wird Liebe
+sündhaft. Zärtlichkeit ist wie ein treuer Hund am Herd, der
+nie den Herrn verkennt.
+
+
+_Schlözer_
+
+Ich weiß es seit langem, Anna, daß Sie nicht glücklich sind.
+
+
+_Anna_
+
+Glücklich! Ich bin noch vor dem Glück vielleicht und hab
+Angst, daß es vorübergeht, ohne daß ich weiß, was es ist.
+Ich möcht' es ausgraben wo und kenn' den Ort nicht, wo es
+liegt. -- Wenn Sie mein Mann wären, Amandus, und Lang käm'
+ins Haus, so wie Sie kommen, und Sie würden dazu schweigen
+und ich wüßte nicht, schweigen Sie aus Großmut oder aus
+Nachlässigkeit, die Unruh' würde mir das Herz abdrücken. Und
+schwiegen Sie aus Nachlässigkeit, und ich wüßt' es, so wär
+alles vorbei. Aber auch wenn Sie eifersüchtig wären und es
+zeigten, wär alles vorbei, denn ist ein Mann eifersüchtig,
+so achtet er sich selbst nicht oder die Frau nicht. -- Wir
+müssen uns jetzt trennen, Amandus. (Sie steht auf.)
+
+
+_Schlözer_
+
+(zu ihr)
+
+So gilt's denn. Es wird Nacht in meinem Leben.
+
+
+_Anna_
+
+(verloren und wie zu sich selbst; schmerzlich)
+
+Der Turm, Amandus, wird nicht gebaut. Mein Turm wird nicht
+gebaut.
+
+
+_Schlözer_
+
+Der Turm --?
+
+
+_Anna_
+
+Ach, wundern Sie sich nicht. Ich schwatze wohl zu viel. -- Zu
+welcher Stunde wollen Sie denn fort?
+
+
+_Schlözer_
+
+Zwischen zwölf und ein Uhr denk' ich.
+
+
+_Anna_
+
+Und wohin?
+
+
+_Schlözer_
+
+Gen Würzburg geht die Fahrt.
+
+
+_Anna_
+
+(wie aus einem Traum)
+
+Wenn ich mitginge ... wenn ich mitginge ...
+
+
+_Schlözer_
+
+(leidenschaftlich, packt ihre Hände)
+
+Anna! --
+
+
+_Anna_
+
+(lächelnd und verstört)
+
+Tu' ich den Schleier ums Gesicht, erkennt mich niemand ...
+
+
+_Schlözer_
+
+(außer sich)
+
+Ich lass' den Wagen beim Mauthaus auf der Chaussee warten.
+Ich laß ihn bis zum Abend warten, wenn Sie wollen!
+
+
+_Anna_
+
+(leise)
+
+Wie er's tragen wird? Ob's ihn wandeln wird ... (Schlözer
+mit der Linken von sich abhaltend.) Ja, warten Sie, Amandus.
+Beim Mauthaus zwischen zwölf und eins. Nur dies noch, -- Sie
+sind mein Ritter. Nicht fragen werden Sie, mich nicht
+bedrängen ... (Hastig.) Nein, nein, nicht reden jetzt. Beim
+Mauthaus zwischen zwölf und eins ... Geh ich den Feldweg,
+sieht mich niemand. Gehen Sie, Amandus. Nichts reden! (Sie
+legt den Finger auf den Mund.)
+
+
+_Schlözer_
+
+(geht wie ein Schlafwandler mit zurückgekehrtem Gesicht zur
+Tür).
+
+
+_Anna_
+
+Nichts reden ...
+
+
+_Schlözer_
+
+(mit einer trunkenen Bewegung ab. Während die Tür offen ist,
+hört man vom Flur die Stimmen der Bauern).
+
+
+_Anna_
+
+(steht entgeistert mit geschlossenen Augen).
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(kommt)
+
+Da draußen sind die Frommetsfeldner Bauern. Wollen beim
+Domänenrat petitionieren wegen ihres Turmes ... Um Gott,
+Kind, -- wie siehst du aus?
+
+
+_Anna_
+
+Nichts, Mutter, es ist nichts. (Ab nach links.)
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(schaut ihr nach)
+
+Da ist was nicht rund in der Welt, sollt' mich dünken. Der
+Schlözer ist mir auch ganz rabiat vorgekommen ... Als ob
+einer vom Wein aufsteht und durch die Wand steigen will.
+Kind! Kind!...
+
+
+_Bärbel_
+
+(kommt)
+
+Könna die Bauersleit' da herinnet wart'n?
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Ja, laß sie nur herein. Der Domänenrat muß gleich kommen.
+Die Leute sagen ja, sie hätten ihn unterwegs schon
+getroffen. Ich will mich nach der jungen Frau umschauen.
+(Links ab.)
+
+
+_Bärbel_
+
+(nach draußen)
+
+No, spaziert nur da 'rein! (Es kommen der Ringhofbauer, der
+Erlhofbauer, der Waldhofbauer, und zwei andere Bauern. Alle
+tragen die urtümliche fränkische Bauerntracht: silberne
+Knöpfe an den blauen Westen, schwarze Jacken, schwarze Hosen
+in hohen Stiefeln, schwarze Zipfelmützen. Sie drücken sich
+scheu und ehrfürchtig herein, bleiben regungslos stehen.)
+
+
+_Bärbel_
+
+Derft euch au' niedersetzen. (Ab, läßt die Tür offen.)
+
+
+_Der Ringhofbauer_
+
+Joo ... (Sie bleiben stehen.)
+
+
+_Der Erlhofbauer_
+
+Wer soll'n reden?
+
+
+_Der Ringhofbauer_
+
+I wer' scho reden.
+
+
+_Der Waldhofbauer_
+
+Was werst'n sog'n?
+
+
+_Der Ringhofbauer_
+
+I wer scho was sog'n. (Es kommen Lang und der Kammerdirektor
+Mühlbach, ein älterer, würdiger Herr.)
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Ich hab's Ihnen gleich gesagt: der Präsident ist in dieser
+Sache machtlos.
+
+
+_Lang_
+
+Niemand hat den Mut, für das Notwendige sich einzusetzen,
+wenn er gleich die Vernunft hat, es zu sehen. Es ist ein
+Höllenzirkel.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Da haben Sie Ihre Bauern ...
+
+
+_Lang_
+
+Ja. Und morgen werden die Pfarrer kommen, und übermorgen die
+Küster.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Der Präsident hat nicht so unrecht, wenn er meint, daß das
+Wegschaffen des Turms gleichsam eine #capitis deminutio#
+sein würde.
+
+
+_Lang_
+
+Das #Corpus juris# wird maulfeil, wo das gesunde Gefühl
+revoltiert. Bin ich schwächer hier als Stumpfsinn und böser
+Wille, dann kenn ich meinen Weg.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Aber Lang! Lang!
+
+
+_Lang_
+
+(zu den Bauern)
+
+Hört mich an, ihr Leute! Wenn ihr einen Webstuhl habt, und
+der zerbricht, dann werdet ihr euch einen neuen Webstuhl
+anschaffen. Nicht wahr?
+
+
+_Die Bauern_
+
+Joo ... joo ...
+
+
+_Lang_
+
+Und wenn euch ein alter Hofhund krepiert, dann werdet ihr
+euch nach einem andern, einem jungen Hofhund umsehen. Ist's
+so?
+
+
+_Die Bauern_
+
+Joo ... joo ...
+
+
+_Lang_
+
+Wenn euch aber ein Haus abbrennt, das auf einem vom Wasser
+unterhöhlten und durchweichten Grund gestanden ist, werdet
+ihr dann das Haus auf demselben Grund wieder aufbauen? Sagt
+mir eure Meinung. Frisch heraus!
+
+
+_Die Bauern_
+
+Naa ... naa ...
+
+
+_Ringhofbauer_
+
+Das wöll'n mer nit ton. Naa ... naa ... (Er nickt den andern
+verständnisinnig zu, als sollten sie seine Beredsamkeit
+bestaunen.)
+
+
+_Lang_
+
+Und wenn auf euerm Acker ein großer Baum steht, der dem
+Getreide Licht und Sonne nimmt, den ihr aber nicht umhauen
+wollt, weil er dort seit Menschengedenken wächst, und der
+Baum bricht nun eines Tages, weil er krank ist, oder der
+Blitz haut ihn zu Boden, werdet ihr da nicht froh sein, daß
+er weg ist?
+
+
+_Die Bauern_
+
+Joo ... joo ...
+
+
+_Lang_
+
+Oder werdet ihr ihn von neuem in die Erde stecken?
+
+
+_Die Bauern_
+
+Naa ... naa ...
+
+
+_Ringhofbauer_
+
+Des tenna mer nit, Herr Råt! (Wie oben.)
+
+
+_Lang_
+
+Nun also! (Der Schreiber Kasteljack, ein dürrer, langer,
+fusliger, schattenhafter Mensch, kommt schüchtern und eilig
+getrippelt, hat ein amtliches Dokument in der Hand.)
+
+
+_Lang_
+
+(unwirsch)
+
+Was gibt's, Kasteljack?
+
+
+_Kasteljack_
+
+(asthmatisch)
+
+Herr Domänenrat ... (hüstelt) das Gesuch an die Regierung
+wegen Nichtwiederaufbaus des Frommetsfeldner Turms ...
+(Greift sich an die Brust, hüstelt.)
+
+
+_Lang_
+
+Hurtig, hurtig, Mensch! (Entreißt ihm den Bogen.)
+
+
+_Kasteljack_
+
+... ist leider diesen Morgen als unerledigbar ... unerledig
+... lich ... zurückgekommen.
+
+
+_Lang_
+
+(mit verbissenem Grimm)
+
+Und der Grund?
+
+
+_Kasteljack_
+
+Eine Formalität, Herr Domänenrat ...
+
+
+_Lang_
+
+Was für eine Formalität?
+
+
+_Kasteljack_
+
+Der Submissionsstrich fehlt.
+
+
+_Lang_
+
+Der -- Submissionsstrich?
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Der Submissionsstrich?
+
+
+_Kasteljack_
+
+Ja. Es ist dies eine wichtige amtliche Formalität.
+(Hüstelt.) Die Vorschrift lautet, daß zwischen dem Text des
+Gesuches oder des Referats oder des Ausweises oder des
+Testimoniums ... daß zwischen dem Text und der Unterschrift
+des betreffenden Herrn Referenten oder Berichterstatters ein
+dicker, gerader, deutlicher Strich gezogen werde. Diesen
+Strich nennen wir den Submissionsstrich.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Ja. 's ist wahr, eine ganz zweifellose Institution, die Sie
+doch kennen müssen, Lang.
+
+
+_Lang_
+
+Ich kenne sie. Jetzt kenn ich sie. Mit einem Wort: diese
+Unterlassung bedeutet zwei bis drei Monate Aufschub. Der
+Submissionsstrich soll das Seil werden, auf dem man mich
+tanzen lassen will. Oder der Balken, mit dem man mir um die
+Füße schlägt. (Er eilt zum Schreibtisch und zieht in größter
+Hast mit Bleistift und Lineal Striche auf einem großen Bogen
+Papier.) So werden hierzuland die Männer traktiert und die
+wahren Interessen schachmatt gemacht. (Kehrt zu Kasteljack
+zurück.) Hier, Kasteljack. Da ist ein ganzer Schreibebogen,
+reichlich versehen mit Submissionsstrichen. Schicken Sie den
+Bogen an die betreffende Kanzlei der Regierung, ich lasse
+submissest ersuchen, in einschlägigen Fällen sich aus diesem
+Vorrat von Submissionsstrichen bedienen zu wollen.
+
+
+_Kasteljack_
+
+Aber ...
+
+
+_Lang_
+
+Kein Aber. Tun Sie, was ich Ihnen befehle. Es ist Ernst.
+
+(Kasteljack unter Bücklingen rückwärtsgehend ab.)
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Sie werden sich's mit der hohen Regierung gründlich
+verderben, lieber Lang.
+
+
+_Lang_
+
+Die und ich, wir können nicht in derselben Küche unser
+Fleisch kochen. Ihres schmeckt mir ranzig und meins ist
+ihnen zu zähe. Verderben! Ich mit ihnen verderben! Ich hab'
+ihnen gedient, wie einer, der's redlich meint. Sie haben
+mich bezahlt wie einen, der schon betrogen hat. Wer sein
+Schäfchen ins Trockene bringt, erregt ihnen keinen Argwohn,
+wer sich mausig macht und ihre verstaubten Litaneien
+überhört, den legen sie nackt in die Sonne und salben ihn
+mit dem Öl ihrer Schikanen, daß das Ungeziefer über ihn
+kommt.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Lang! Lang! mäßigen Sie sich doch.
+
+
+_Lang_
+
+Ich bin am Ende meiner Fassung. Wenn man zusehen muß, daß
+alle Quellen hämisch verstopft werden und die Menschheit
+verdurstet. Daß die Früchte wachsen, um zu verfaulen. Große
+Männer Großes richten, um Popanze zu werden für die
+Phrasendrechsler. Verderb ich mir's mit ihnen, steht's desto
+besser zwischen mir und meinem Gewissen. (Zu den Bauern, die
+unterdessen heimlich gewispert haben.) Nun, ihr Leute! Der
+Baum, von dem ich euch da gesprochen habe, vergleichsweise,
+versteht mich wohl, der Baum ist euer alter, unnützer Turm.
+Was wollt ihr beginnen mit einem Turm? Könnt ihr ihn als
+Heuschober brauchen? Nein. Könnt ihr drinnen wohnen? Nein.
+Wollt ihr drinnen beten? Nein. War er besonders schön von
+Ansehen? Nein. Es war nichts in ihm oder an ihm, was euch
+hätte ergötzen oder fördern können. Und doch wollt ihr ihn
+wieder aufrichten. Warum?
+
+
+_Erlhofbauer_
+
+Mer war's halt so g'wöhnt, Gnaden Herr Råt.
+
+
+_Waldhofbauer_
+
+'s wär a Schand, Gnaden Herr Råt.
+
+
+_Lang_
+
+Die Schande will ich euch auswetzen. Ich bau euch ein
+Schulhaus, das wird ein wahrer Staat sein. Seht, das ist
+eine Aussaat, von der ihr eine gute Ernte einheimsen könnt.
+Profitiert _ihr_ nicht mehr davon, so profitieren eure
+Kinder, die Söhne und die Töchter. 's ist, wie wenn man
+Kälber auf eine fette Weide treibt. Da wächst euch kein
+habergasiges Vieh heran, das sich seiner Haut schämen muß,
+sondern ein edler Schlag. Der Bauer hat nicht nötig, sein
+Licht unter den Scheffel zu stellen. Mit dem Wissen ist's
+eine eigene Sache und, glaubt mir's oder glaubt mir's nicht,
+wenn ihr eure Kinder was lernen laßt, werden eure Mühlen
+besseres Korn zu mahlen haben.
+
+
+_Ringhofbauer_
+
+Da hab'n mer alles nichts dageg'n, Herr Råt; aber um unsern
+Turm woll'n mer halt fleißig gebeten hab'n.
+
+
+_Lang_
+
+Holzköpfe! (Verzweifelt zum Kammerdirektor.) Das ganze Ding
+gleicht einem Gänsespiel, wo man sich schon nah am Ziel
+glaubt, und durch einen mißglückten Wurf von einem
+umgekehrten Schnabel zum andern wieder zum ersten Anfang
+zurückgewiesen wird.
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Ich wußt es vorher.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(kommt mit einem Brief, von rechts).
+
+
+_Lang_
+
+Doch laß' ich nicht nach, und wenn's ein Jahr meines Lebens
+kostet.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Da ist ein Brief an Sie gekommen, Lang.
+
+
+_Lang_
+
+Das Siegel sollt ich kennen. 's ist vom Fürsten Hardenberg.
+(Er bricht den Brief auf und liest; seine Miene verzerrt
+sich sichtlich, er wirft das Schreiben mit einem Laut des
+Schmerzes und der Wut zur Erde und schlägt die Fäuste vor
+die Augen.)
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+(erschrocken)
+
+Lang!
+
+
+_Lang_
+
+Geht mir aus den Augen! Geht! Fort ihr alle! -- Auch er! auch
+er! -- Nichts richten können! nichts vollenden können!
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Aber Lang, sein Sie doch vernünftig! (Sie hebt den Brief
+auf.)
+
+
+_Lang_
+
+(entreißt ihn ihr)
+
+Sehen Sie, Mühlbach, -- hören Sie! (Liest im Tiefsten erregt,
+mit zusammengebissenen Zähnen.) »Die gegnerischen Umtriebe
+sind so mächtig geworden, lieber Lang, daß ich Sie in Ihrem
+wie in meinem Interesse bitten muß, die fragliche Affäre mit
+dem unglückseligen Turm fallen zu lassen. Sie wissen,
+welchen Anteil ich an Ihren Bestrebungen nehme, ich kenne
+die edle Selbstlosigkeit, mit der Sie allem hingegeben sind,
+was Sie für recht und förderlich erkannt haben, aber das
+Tüchtige läßt sich auf vielen Wegen durchsetzen,« -- so
+spricht Er! Er! So haben sie ihn zu Brei gemacht! Das
+Tüchtige auf vielen Wegen! -- (Liest.) »Stehen Sie ab vom
+Unerreichbaren und wirken Sie im Möglichen« -- nichts da, von
+Gnadenbrot will der Lang nichts wissen, -- (Liest.) »Ich war
+gezwungen, die einschlägigen Akten einem anderen Referenten
+zu übertragen« -- (Wirft wie von Ekel erfaßt das Papier von
+sich.)
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+Ich finde das Schreiben Seiner Exzellenz äußerst würdig und
+schmeichelhaft, lieber Lang ...
+
+
+_Lang_
+
+(scheinbar gefaßt)
+
+Ja. Das ist es. Ohne Zweifel. Einem andern Referenten.
+Einem, der biegsam ist und Ja und Amen sagt. Gönnen Sie mir
+jetzt eine Stunde der Ruhe und Überlegung, lieber Mühlbach.
+Ich habe heute noch mancherlei zu tun, denn morgen mit dem
+Frühesten werde ich meine Bestallung per Extrapost an die
+Regierung zurücksenden.
+
+
+_Frau von Hänlein_
+
+Lang!
+
+
+_Kammerdirektor_
+
+(macht beschwörende Gesten).
+
+
+_Lang_
+
+Lassen Sie nur, Mühlbach. Ich weiß, Sie haben die beste
+Meinung von mir. Aber das kann jetzt nichts nützen. Gott
+befohlen, ihr Leute. Gehn Sie nur, Mutter. Adieu, lieber
+Mühlbach. (Die Bauern, der Kammerdirektor und Frau von
+Hänlein ab. Lang prüft, ob die Türe zu ist, geht dann zum
+Schreibtisch, läßt sich nieder und stützt den Kopf in die
+Hand. Sein Gesicht hat einen tief verbitterten und tief
+erschöpften Ausdruck.)
+
+
+_Anna_
+
+(kommt von links. Sie ist zum Ausgehen gekleidet, doch hat
+sie statt des Hutes einen schwarzen Schal über dem Kopf. Sie
+tritt leise auf, schaut vorsichtig durch das Zimmer. Als sie
+Lang so augenscheinlich gebrochen sieht, erschrickt sie und
+faltet unwillkürlich die Hände).
+
+
+_Lang_
+
+(blickt empor, mit innerlicher Wildheit)
+
+Ja, Anna. Da bin ich nun. Kannst mich verpflegen, wenn du
+willst. Als Tagedieb im Haus, als Siebenschläfer im Bett.
+Bin zu nichts mehr nutze. Sie haben mir die Hände aus den
+Gelenken gedreht.
+
+
+_Anna_
+
+(macht zwei Schritte, bleibt wieder stehen).
+
+
+_Lang_
+
+(erhebt sich; mit verzweifelter Klage und Anklage)
+
+Es kränkt mich wahrlich um meinen Stolz. Es kränkt mich um
+die Ader, die mir schwillt. Möcht alle getanen Schritte
+bereuen und alle gesprochenen Worte wieder einschlucken.
+Warum bin ich nicht auch so ein Jasager und
+Sonnenblumen-Männlein, dann stünd' ich nicht so da, Schmach
+und Spott mir selber. Der elende Mückentanz! Wohin man
+greift, nur Luft; wohin man schlägt, trifft's den eigenen
+Leib. (Ausbrechend in heller Bitterkeit.) Schau' mich nicht
+an, Frau, ich schäm mich vor dir. Was kannst du anders
+glauben, als daß ein Mannsbild nur dazu da ist, um zu
+flunkern und sich wichtig zu machen? Und wenn er sich ganz
+#in floribus# hat zeigen wollen und einer Sache sich
+verdungen hat, bei der von Recht und Wohlfahrt zu
+schwadronieren war, so sitzt er nun um so erbärmlicher da,
+mit Fußtritten heimgeschickt.
+
+
+_Anna_
+
+(in deren Zügen sich eine innige Besorgnis malt, leise)
+
+Karl Heinrich!
+
+
+_Lang_
+
+Und keinen Menschen! Keinen, der 's redlich meint! So
+ohnmächtig sein! Geh von mir fort. Du hast nichts an mir.
+Geh aus meinem Hause. Ich bin kein Mann für dich. Bin deiner
+nicht wert. Geh zu einem, der 's mit ehrlichen Feinden zu
+tun hat und ein Schwert in die Faust nehmen kann, wenn ihn
+die Horde bedrängt. (Er setzt sich mutlos und matt wieder in
+den Sessel.)
+
+
+_Anna_
+
+(wie oben)
+
+Nicht so, Karl Heinrich!...
+
+
+_Lang_
+
+Oder willst du nur darum bei mir bleiben, weil mein
+Schicksal deiner Torheit zu Hilfe gekommen ist? Trotzt ihr
+doch in eurer blinden Sucht, ihr Weiber, dem Himmel selber
+unvernünftige Taten ab. Ja, er wird gebaut, dein Turm. Er
+wird gebaut.
+
+
+_Anna_
+
+(leise)
+
+Das wußte ich gleich, Karl Heinrich, als ich dich so sah.
+
+
+_Lang_
+
+Kannst du mich darum höher estimieren, was soll ich dann von
+meinem Wert noch halten und was von deinem Stolz?
+
+
+_Anna_
+
+(mit kaum merkbarer, schmerzlicher Schalkhaftigkeit)
+
+Soll ich aber von dir fort, nur um zu beweisen, daß mir an
+dem Turm jetzt nichts mehr liegt?
+
+
+_Lang_
+
+(bitter)
+
+Wenn man den Kindern das Spielzeug gibt, nach dem sie
+verlangt haben, dann werfen sie's beiseite.
+
+
+_Anna_
+
+Ich habe ja den Turm von dir begehrt und nicht von denen,
+die dir ein Leids damit getan. So komm' ich mir ja vor, als
+stünd ich mit ihnen im Bund. Und wenn noch dazu dein Herz
+gegen mich gestimmt ist, so flüstert's dir vielleicht ein,
+ich hätte dich verraten, irgendwie geheimnisvoll verraten.
+Ach, Karl Heinrich! Plötzlich bin ich schuldig und weiß kaum
+wieso. Schuldig vor dir, schuldig vor mir und weiß kaum
+wieso.
+
+
+_Lang_
+
+(schaut sie an)
+
+Was stehst du denn da mit deinem Kopftüchlein und wohin
+willst du denn gehen? Willst nach Frommetsfelden hinaus und
+zugucken, wie sie bauen?
+
+
+_Anna_
+
+Ich will's dir sagen, Karl Heinrich. Zum Mauthaus wollt ich
+gehn auf der Chaussee.
+
+
+_Lang_
+
+Und was willst du denn dorten beim Mauthaus auf der
+Chaussee?
+
+
+_Anna_
+
+Dort kommt der Leutnant Schlözer vorbei und will auf mich
+warten.
+
+
+_Lang_
+
+(den Oberkörper nach vorn gebeugt, stützt den Kopf mit
+beiden Händen. Schweigt.)
+
+
+_Anna_
+
+Es war beschlossen, Karl Heinrich, -- fast wie man den Tod
+beschließt.
+
+
+_Lang_
+
+(dumpf)
+
+Beschlossen! Dies beschlossen! So muß es Laster in mir
+geben, die ärger sind, als ich sie ahnte, und was dich zu
+mir geführt, war nur ein Gaukelspiel betrügerischer Tage.
+Alle Wege: abwärts. Jeder Tag nur eine kurze Dämmerung
+zwischen zwei Nächten. Es ist ein unheimlicher Geisterspuk,
+der einen so lang schaudern macht, bis die Gedanken still
+stehn, und was die Brust bewegt, ist Scham, Scham, Scham!
+
+
+_Anna_
+
+(tief erregt)
+
+Hör mich an, Karl Heinrich --
+
+
+_Lang_
+
+Hör ich dich, so bin ich schon getäuscht. Was gabst du mir
+freundliche Mienen und Blicke? Nur damit es jetzt offenbar
+wird, daß du einen brauchst, der süße Worte machen kann und
+immer beteuern kann und schwärmen kann und zeigen kann, was
+ihr mit euren kurzen Sinnen sehen müßt. Geh nur, Anna. Denk
+nicht, daß du einen Verzweifelten zurückläßt. Ich bin's
+nicht ungewohnt, abzurechnen mit mir und meinem Leben. Was
+ich nie besessen habe, kann ich nicht verlieren. Freilich
+der Irrtum, der frißt am Mark und macht alt und krank und
+müde.
+
+
+_Anna_
+
+Es ist hart für mich, was du sprichst, aber ich verdien's.
+Doch laß es genug sein, Karl Heinrich, und vergiß, was du
+gesagt, damit ich vergessen kann, was ich nur halb getan.
+
+
+_Lang_
+
+(steht auf)
+
+Du sollst nicht vergessen und ich kann nicht vergessen. Es
+sei denn, wir wollen nicht für unsere Handlungen einstehen
+und uns aufführen wie Knaben, die einander schön tun,
+nachdem sie sich geprügelt haben. Es ist von Übel, jegliches
+Wort von Übel. Mit Schwatzen und Auseinandersetzungen
+erreichen die Menschen nichts weiter, als daß sie sich so
+nahe rücken, daß sie keinen Platz mehr zum Atmen haben. Und
+um mein Glück und um meinen Frieden kann ich nicht
+feilschen. Was man einander gewährt und einander erläßt,
+kann nicht durch Abmachungen geregelt werden. Alles wahre
+Zusammenleben beruht auf Schweigen, Frau! Je tiefer der
+Bund, je tiefer das Schweigen. Bliebst du aus Mitleid bei
+mir, so wünscht' ich lieber, ich hätte dich nie gesehen.
+
+
+_Anna_
+
+(hat die Hand an die Stirn gedrückt, läßt sie fallen, tritt
+näher, frei und entflammt)
+
+Wie kommt's nur, daß ich dich jetzt so spüre, Karl Heinrich!
+Schon als es mich da draußen über die Schwelle zog, war mir,
+als ließ ich alle Zweifel zurück. Nicht Mitleid ist's, nein,
+nein! -- Höchstens könnte ich dein Mitleid fordern für mich,
+denn ich war so klein und ich glaubte, du würfest mich hin
+gegen die Welt und die Welt sei dir alles und ich zu wenig,
+ich zu allein gegen dich und die Welt. Jetzt aber sehe ich
+dich auch allein und das -- das! Karl Heinrich --! (Sie
+ergreift seine Hand und drückt ihre Stirn darauf.)
+
+
+_Lang_
+
+(sinnend)
+
+Ach, du wunderliches Geschöpf von einem Weib.
+
+
+_Anna_
+
+(wieder aufgerichtet)
+
+Du hast recht, Karl Heinrich. Es sollen nicht so viele Worte
+zwischen den Menschen hin und her geworfen werden. Es soll
+vielleicht bestehen bleiben, dies Fremde und dies Ferne, das
+mich so oft gequält hat. Vielleicht ist es gut so, daß wir
+nicht zu allen Zeiten alles von einander wissen, und gut ist
+es auch, daß ich dich suchte. Ja, es ist gut, daß ich dich
+suche, wenn du mich hältst! -- Behalte mich!
+
+
+_Lang_
+
+Ich will dich halten.
+
+
+_Anna_
+
+(ohne Emphase ganz hingegeben)
+
+Was soll's noch um den dumpfigen, stockigten Turm, Karl
+Heinrich? Habe ihn gewünscht, wie man ein Zeichen wünscht,
+ein Zeichen für etwas, das nun da ist.
+
+
+_Lang_
+
+(zu ihr gebeugt)
+
+Und doch mußt du vieles dafür tragen, Kind. Mich vor allem,
+der eine Weile zusehn muß, untätig beiseite. Wir wollen aus
+der Stadt ziehen. Vom Amt will ich weg --
+
+
+_Anna_
+
+(bestimmt und mit freier Heiterkeit)
+
+Nein, Karl Heinrich. Dieses wirst und kannst du nicht tun.
+Du bist der Mann nicht fürs Ausgeding. Mit den Wurzeln sich
+selber ausgraben und verdorren lassen? Du überzeugst sie ja
+schon von deinem Wert, indem du da bist. Könnte das Wasser
+schäumen ohne Damm? Hätt es solche Kraft? Kommt's darauf an,
+bezahlt zu werden, Karl Heinrich, heute oder morgen bezahlt?
+Bezahlt dich nicht dein eigenes Blut und deine innere
+Flamme?
+
+
+_Lang_
+
+(betroffen)
+
+Frau, -- wie du das sagst! Woher kommen dir solche Worte?
+Also bedeutet dir mein Treiben wirklich was? Willst nimmer
+so scheu und zweifelhaft neben mir wandeln?
+
+
+_Anna_
+
+Es hat mir nichts bedeutet, so lang ich nicht fühlen konnte,
+wie du mich damit umschlingst und wie ich dazu gehöre.
+
+
+_Lang_
+
+So hätte mir der Aberwitz und blöde Widerstand der Welt zum
+Köstlichsten verholfen?
+
+
+_Anna_
+
+Spürst du's so, dann ist es mehr, als ich gesehnt.
+
+
+_Lang_
+
+(packt ihre Hände, leidenschaftlich)
+
+Und doch hat dich das trübe Wesen zum Scheideweg geführt ...
+
+
+_Anna_
+
+Wer am Scheideweg war, weiß besser ums Ziel. (Man hört Räder
+rollen auf der Straße.) Komm, Karl Heinrich -- (Sie zieht ihn
+zum Fenster.)
+
+
+_Lang_
+
+Es ist ein Wagen, der vom Posthaus abfährt ...
+
+
+_Anna_
+
+Zum Mauthaus auf der Chaussee. -- Gib mir die Hand, Karl
+Heinrich! Drück sie fest, fest ... so. Hörst du, wie mein
+Herz klopft? Ich glaube, es klopft vor Glück.
+
+
+_Lang_
+
+Unsere Herzen sind wie zwei Schalen in der Hand eines
+Engels. Ist ein Auf- und Niederschwanken sondergleichen.
+Jeder Pulsschlag zieht's hier hinunter, dort hinauf. Wir
+wägen nicht, es wird uns zugewogen. Wir müssen still halten,
+das ist alles.
+
+
+_Anna_
+
+Ich halte still, Karl Heinrich. (Das Posthorn tönt.) Gute
+Fahrt, Schwager Postillon!
+
+_Vorhang._
+
+
+
+
+Lord Hamiltons Bekehrung
+
+
+Personen:
+
+ Lord William Hamilton (von der Seitenlinie der Herzoge)
+ Sir Francis Hamilton, sein Sohn
+ Emma Lyon
+ Mr. Dashwood, Notar
+ Mr. Fletcher, Uhrmacher
+ Der Majordom
+ Mrs. Adams, Wirtschafterin
+ Doktor Middlewater
+ James, ein alter Diener
+ Drei andere Diener
+
+Spielt am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Easton Park
+in der Grafschaft Suffolk.
+
+
+Das Frühstückzimmer in Easton Park. Nach hinten führt eine
+offene Flügeltür in die Halle, durch die man wiederum in den
+Park blickt. Rechts eine geschlossene Flügeltüre, links zwei
+hohe Fenster. Ein schmaler Tisch, mehr links, ist für zwei
+Personen gedeckt. Ein anderer, schwerer Eichentisch steht
+mehr rechts. In der linken Ecke eine Wanduhr in einem
+massiven Gehäuse, das bis zur Decke reicht. An den Wänden
+hängen alte Gobelins und ein paar niederländische Stilleben.
+
+Auf einer kleinen Leiter vor der Wanduhr steht Mr.
+_Fletcher_; er hat den mächtigen Pendel abgenommen und
+horcht ins Räderwerk. Der _Majordom_ hat den gedeckten Tisch
+inspiziert und beobachtet dann ernsthaft, mit verschränkten
+Armen, die Hantierung des Uhrmachers. Währenddem tritt
+_Doktor Middlewater_ vom Park her in die Halle, stellt
+seinen Medikamentenkasten auf die Bank und kramt darin,
+wobei er der Szene den Rücken zukehrt. Gleichzeitig kommt
+_Lord Hamilton_ von draußen rechts in die Halle. Er beachtet
+den Arzt nicht, der sich rasch umwendet und, obwohl er schon
+gebückt steht, eine noch tiefere Verbeugung macht. Der
+_Lord_ hat einen Brief in der Hand und geht unruhig auf und
+ab.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(draußen)
+
+Mister Wardle!
+
+
+_Der Majordom_
+
+Mylord! (Eilt hinaus.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Für welche Stunde ist Mister Dashwood bestellt?
+
+
+_Der Majordom_
+
+Für elf Uhr, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(die Taschenuhr ziehend)
+
+Dann muß er in sechsunddreißig Minuten hier sein.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Gewiß, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Doktor Middlewater, ich bin bereit. (Mit Doktor Middlewater
+in der Halle rechts ab.)
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(hat neugierig gelauscht. Er ist trotz seiner vorgerückten
+Jahre ungemein eitel. Während der Lord geht und der Majordom
+zurückkommt, holt er einen Handspiegel aus seiner Tasche und
+betrachtet sich wohlgefällig).
+
+
+_Der Majordom_
+
+Sie hören, Mister Fletcher, -- es ist sechsunddreißig Minuten
+vor elf.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+Ich habe bemerkt, daß die Pünktlichkeit in diesem Hause
+etwas willkürlich gehandhabt wird. Seine Lordschaft ist
+imstande, der Sonne zu befehlen, welche Zeit es ist. Das
+erscheint mir etwas waghalsig. Es widerspricht der
+göttlichen Weltordnung. -- Wie finden Sie mich heute
+aussehend, Mister Wardle?
+
+
+_Der Majordom_
+
+Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß die Uhr gestern um
+neun Minuten zu spät gegangen ist.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(hängt den Pendel ein)
+
+Genau das Gegenteil von dem, was ich tue. Ich bin immer zu
+früh daran; immer zu früh. Aber in der Liebe ist das der
+einzige Weg zum Erfolg. Meinen Sie nicht, Mister Wardle, daß
+ich noch eine ganz repräsentable Erscheinung bin? Das schöne
+Geschlecht ist nicht unzufrieden mit mir.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(amtlich)
+
+Sind Sie bald fertig, Mister Fletcher?
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(kommt in Eile; sie ist eine muntere und beleibte Dame)
+
+Denken Sie nur, Mister Wardle, James ist betrunken!
+
+
+_Der Majordom_
+
+James? betrunken --? Wie ist das möglich?
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Sie müssen uns helfen, Mister Wardle. Wenn ihn Seine
+Lordschaft in der Verfassung sieht, geht's dem armen alten
+Kerl schlecht. Erinnern Sie sich noch, wie er vor drei
+Jahren den unglücklichen Jimmy mit der Hundspeitsche auf die
+Landstraße jagen ließ, weil er benebelt war --?
+
+
+_Der Majordom_
+
+Aber wie konnte das geschehen, Missis Adams? wie konnte sich
+James so vergessen?
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Der Kummer, Mister Wardle. Der Kummer um den jungen Herrn.
+Sie wissen doch, wie er an Sir Francis hängt. Nun hat Seine
+Lordschaft wahrscheinlich etwas durchblicken lassen, von
+Enterbung oder so ... James ist ja der einzige, mit dem er
+hie und da ein vertrautes Wort spricht ... der Kummer,
+Mister Wardle. Ich gehe zu den Ställen hinüber, um Milch zu
+holen, da sehe ich ihn taumeln und mit den Händen fuchteln
+und höre, wie er wild vor sich hinmurmelt, -- kurz, er ist im
+Zustand eines Schweines.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(hat vergebens mit Missis Adams zu liebäugeln versucht)
+
+Was für ein angenehmes Wesen! welche verlockende Stimme!
+(Seufzt, holt den Spiegel hervor.)
+
+
+_Der Majordom_
+
+(ringt die Hände, schnell durch die Halle in den Park ab)
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(zu Mrs. Adams, die sich anschickt, dem Majordom zu folgen)
+
+Haben Sie indessen meinen Antrag überschlafen, Missis Adams?
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(unruhig nach der Tür schauend, hastig und verschämt).
+
+Es kann nicht sein, Mister Fletcher. Mylord ist ein so
+verschworener Feind von allem Heiraten, daß ich mir's
+zeitlebens mit ihm verderben würde.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(bekümmert)
+
+Sehr unrecht von Seiner Herrlichkeit.
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(vertraulich flüsternd)
+
+Sie wissen ja, er hat Malheur gehabt. Mylady ist ihm nach
+der Geburt von Sir Francis mit einem Schmugglerkapitän
+durchgebrannt und in der irischen See ertrunken.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+Wie Sie mich hier sehen, Missis Adams, bin ich ein Mann mit
+einem geregelten Einkommen von zweihundertvierzig Pfund.
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Sie brechen mir das Herz, Mister Fletcher. Ich bin so
+attachiert an Easton Park.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+Und sonst, Missis Adams, wenn ich auch den Kahlkopf nicht
+ableugnen kann, wer will meine Stattlichkeit bezweifeln?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(tritt mit allen Zeichen eines überstandenen Schreckens in
+die Halle, schaut sich ängstlich um, kommt dann auf die
+Szene. Unterm Arm trägt er die Aktentasche. Tracht der Zeit.
+Quäkerhut)
+
+Guten Morgen! (Legt den Hut ab, wischt den Schweiß von der
+Stirn.)
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Ist Ihnen etwas Schlimmes widerfahren, Mister Dashwood?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Es muß der leibhaftige Satan gewesen sein, -- Gott sei mir
+gnädig.
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Was denn? wo denn?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(Atem schöpfend)
+
+Während ich durch den Hohlweg reite ... Sie kennen ja diesen
+Hohlweg, Ma'am ... er ist so schmal, daß zwei Fußgänger
+einander nicht ausweichen können ... ach, das Entsetzen ist
+mir in alle Glieder gefahren.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(kommt nervös wie ein Mann, der nicht weiß, wo er zuerst
+Hand anlegen soll)
+
+Es steht wirklich verzweifelt mit dem alten Esel. Mister
+Fletcher, die Uhr in den Dienerwohnungen muß noch reguliert
+werden. Mylord erwartet Sie um elf Uhr, Mister Dashwood.
+
+
+_Mr. Fletcher_
+
+(der an Mister Dashwoods Erregung keinen Anteil nimmt)
+
+In unserer zarten Angelegenheit werde ich zu passenderer
+Stunde wieder anfragen, Missis Adams. (Da sie ihn
+schmachtend anschaut.) Ach, dieser Blick! -- (Wirft ihr eine
+Kußhand zu. Ab.)
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(zum Majordom)
+
+Mister Dashwood hat etwas Gräßliches erlebt -- -- --
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Ich reite also durch den Hohlweg, und hinter mir her, auf
+einem kohlschwarzen Roß, ein Bursche mit flatternden
+schwarzen Haaren. Immer mir nach ... immer auf meinen
+Fersen, im vollen Galopp! Ich treibe mein Tier zur Eile an
+... er, mit höhnischem Geschrei, tut dasselbe. Ich glaube
+nicht fehl zu gehen, wenn ich vermute, daß es ein Räuber
+war.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Am hellen, lichten Tag?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Ein blut- und mordgieriger Geselle.
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+Da möchte ich nicht an Ihrem Platz gewesen sein, Mister
+Dashwood.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Ich pflege sonst nie ohne Pistole auszugehen. Weiß man doch
+nicht, was einem zustoßen wird. Mein Freund, Mister Sparre,
+-- Sie kennen doch Mister Sparre, Ma'am? -- ist neulich in
+Pall Mall von einem wütenden Hund gebissen worden. Es ist
+nichts Seltenes, daß jemand inmitten der Ausübung seiner
+Amtsgeschäfte von einem jähen Tod ereilt wurde. Solche
+Katastrophen treten gewöhnlich dann ein, wenn sich der
+kurzsichtige Mensch auf dem Gipfel seines Glücks befindet
+und geneigt ist, sich der wohlverdienten Ruhe hinzugeben.
+(Er erblickt Emma Lyon, die, mit der Reitpeitsche in der
+Hand, in die Halle tritt; sehr erregt.) Da ist er, Ma'am! Da
+ist er, Mister Wardle! Schützen Sie mich! Er verfolgt mich
+bis hieher! Rufen Sie die Diener zusammen!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(hat sich in der Halle verwundert umgeschaut und kommt nun
+auf die Szene. Sie ist als junger Mann im Reitkostüm
+gekleidet. Ihre brünetten Haare quellen unter dem Hut über
+das schöne, von schnellem Ritt erglühte Gesicht).
+
+
+_Der Majordom_
+
+(auf sie zutretend)
+
+Womit kann ich dienen, Sir?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(gebieterisch)
+
+Lassen Sie mein Pferd versorgen. Ich weiß nicht, ob der
+Mensch, dem ich es übergeben habe, sich damit auskennt. Was
+ist denn das für ein Betrunkener draußen, um den sie alle
+herumstehen?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Der Herr beschütze uns vor dem Übel ... Erst neulich habe
+ich in der Zeitung gelesen, daß der berüchtigte Thomas Field
+frecherweise in den Palast des Herzogs von York gedrungen
+ist.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Wen darf ich melden, Sir?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Mister Rippledale aus London. Benachrichtigen Sie zuerst Sir
+Francis.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(argwöhnisch)
+
+Mister Rippledale --?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Ein falscher Name. Ohne Zweifel ein falscher Name.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Was murmelt der Dicke dort? Ei, sind Sie es, Sir, der auf
+einem Ding, mehr Ochse als Gaul, beständig vor mir
+hergetrabt ist? Ein andermal machen Sie Platz, wenn einer
+hinter Ihnen ist, der Eile hat.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(demütig stotternd)
+
+Es ... ich ... der Weg war so schmal ... (Abgewendet.) Die
+Sprache! Er muß eine ganze Bande im Rücken haben.
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(leise zum Majordom)
+
+Ich lasse mich hängen, wenn das kein Frauenzimmer ist.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Sir Francis kommt erst von der Jagd zurück, Sir.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Dann führen Sie mich einstweilen in seine Zimmer.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Schau, schau, wie schlau! Und doch, wie wenig schlau. Wie
+tollkühn vielmehr.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(kommt eilig. Ein junger Mann von zwei- bis dreiundzwanzig
+Jahren mit hübscher Gestalt und hübschem Gesicht. Er trägt
+einen roten Jagdreitrock, manchesterne Reithosen und lange
+Stiefel mit weiten Schäften. Mit allen Zeichen der
+Bestürzung.) Um Gottes willen, du hier, E -- --
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(ist schnell auf ihn zugegangen, drückt die Hand auf seinen
+Mund)
+
+Ja, ich bin's. Bist du nicht froh, deinen alten Rippledale
+hier zu sehen?
+
+
+_Sir Francis_
+
+Ich sah dein Pferd draußen. Ich erkannte es gleich. Aber -- --
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wundre dich nicht länger. Jede Frage ist überflüssig.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Mein Vater -- --
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Mit ihm zu reden bin ich gekommen. Ich bin von Suffolk
+herübergeritten, wo ich übernachtet habe und wo meine
+Freunde geblieben sind.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(noch immer fassungslos)
+
+Du kannst ihm doch nicht in diesem Aufzug unter die Augen
+treten -- --
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Auch dafür ist gesorgt. Ich habe Mary mit den Kleidern
+vorausgeschickt.
+
+
+_Ein Diener_
+
+(kommt)
+
+Es ist ein Frauenzimmer da mit einer Schachtel für Mister
+Rippledale.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Also rasch, mein Lieber, bring mich in ein Zimmer, wo ich
+mich herrichten kann. (Sie wendet sich gegen die Halle, in
+der jetzt der betrunkene James erscheint, von einigen
+männlichen und weiblichen Dienstboten umgeben, die ihn zu
+verhindern suchen, ins Zimmer zu dringen.)
+
+
+_Sir Francis_
+
+(Emma folgend und in sie hineinredend)
+
+Es ist sinnlos, sage ich dir. Bei ihm erreichst du nichts
+damit.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wir werden sehen, jedenfalls ist deine Angst vor ihm
+lustiger als du meinst. Ich liebe nicht, daß man hinter
+meinem Rücken über mich verfügt, und ich bin neugierig, wie
+er es macht, wenn ich dabei bin. (Sie geht ab.)
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Das Geheimnis wird immer undurchdringlicher.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(bleibt auf der Schwelle stehen, zum Majordom gewandt und
+auf die Gruppe um James deutend)
+
+Was ist das, Mister Wardle?
+
+
+_Der Majordom_
+
+Ich weiß nicht mehr, was ich anfangen soll, Sir Francis.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Schaffen Sie ihn hinaus. -- Wenn mein Vater nach mir fragt,
+sagen Sie ihm, ich sei noch nicht zurück. (Ratlos vor sich
+hin.) Mein Gott! (Ab.)
+
+
+_James_
+
+(in der Halle)
+
+Die Welt ist kugelrund ... drum will ich mich vergnügen ...
+sauft nur in vollen Zügen ... dann bleibt ihr auch gesund
+... (Erblickt Sir Francis.) Sir Francis! oh, Sir Francis!
+Armer Sir Francis!
+
+
+_Sir Francis_
+
+(bleibt einen Moment draußen stehen, winkt dem Betrunkenen
+verwirrt zu, dann weiter und nach rechts ab).
+
+
+_Mrs. Adams_
+
+(stürzt gegen die Schwelle, da James trotz der Diener, die
+ihn zurückhalten, sich dem Zimmer nähert)
+
+Nicht hier herein!
+
+
+_Der Majordom_
+
+Nehmen Sie doch Vernunft an, James! Sie kommen ja von Dienst
+und Brot, wenn Mylord --
+
+
+_James_
+
+Und wär die Welt nicht kugelrund ... (Er kämpft mit denen,
+die ihn halten, dringt aber dabei immer weiter vor.)
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Die Überwucherung der tierischen Natur kann Übeltaten im
+Gefolge haben, deren Tragweite sich gar nicht ermessen läßt.
+Für den Zuschauer ist dabei das Gedächtnis ein quälender
+Faktor. Ich erinnere mich eines Tuchwebers, der in der
+Trunkenheit seine eigene Großmutter erdrosselte. (Er
+verbeugt sich tief, da von rechts der Lord und Doktor
+Middlewater eintreten.)
+
+_Lord Hamilton_ ist eine Erscheinung von imposanter
+Magerkeit. Sein Gesicht hat den Ausdruck dürren Ernstes.
+Ihm zu widersprechen, scheint wahnsinnig. Doktor
+Middlewater, ein Landarzt, hat seinen Vorteil darin zu
+finden gelernt, dem Lord nach dem Mund zu reden.
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+Man kann mit einem solchen Leiden neunzig Jahre alt werden,
+Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich hoffe es. Im Übrigen ist mein Körper dazu da, um mir zu
+dienen, so lange ich ihn brauche.
+
+
+_James_
+
+Und wär die Welt nicht kugelrund ... so müßt ich mich
+erhängen ... (Er stockt, da der Lord erstaunt auf die Gruppe
+zugeht.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Was bedeutet das, Mister Wardle?
+
+
+_Der Majordom_
+
+Wir haben alles mögliche versucht, den Mann zur Besinnung zu
+bringen, Mylord.
+
+
+_James_
+
+Eure Herrlichkeit mögen verzeihen ... ich bin ein
+sterblicher Mensch ... ich ... (Er zuckt unter dem Blick
+seines Herrn zusammen, schweigt, bemüht sich, fest zu
+stehen.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(überlegt eine Weile; plötzlich nimmt sein Gesicht die Miene
+der Besorgnis an)
+
+Doktor Middlewater, der Mann ist krank.
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+(kichert, nach einem Blick des Lords faßt er sich)
+
+Es scheint mir selber so, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(strafend)
+
+Fühlen Sie ihm den Puls, Doktor Middlewater.
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+(tut es; James fügt sich wie gebannt).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Der Mann hat Fieber, Doktor Middlewater. Der Mann hat hohes
+Fieber.
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+(eifrig)
+
+Ohne Zweifel, Mylord. Der Mann hat beträchtliches Fieber.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Mister Wardle, Sie werden veranlassen, daß der Mann zu Bett
+gebracht werde.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Du hörst es, James --!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Vorher übergieße man ihn mit zwei Eimern kalten Wassers.
+Gegen das Fieber.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Soll geschehen, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Hierauf werden Sie ihm zur Ader lassen, Doktor Middlewater.
+Zwei Unzen des kranken Bluts können Sie ihm gut und gern
+entziehen, nicht wahr, Doktor Middlewater?
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+Ich bewundere die Sachkenntnis Eurer Herrlichkeit.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sodann belegen Sie ihm Brust und Rücken mit Senfpflastern,
+und Sie, Missis Adams, sorgen dafür, daß ein stark
+purgierender Tee für ihn gekocht werde. (Missis Adams ab.)
+
+
+_Doktor Middlewater_
+
+Es fragt sich allerdings, ob bei diesen Jahren eine so
+vehemente Kur -- --
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(ohne den Einwurf zu beachten; streng)
+
+Daß du dich widerspruchslos diesen Verordnungen fügst,
+James! Du bist todkrank, hörst du? Und das eine merk dir für
+die Zukunft: Kein solches -- Fieber mehr! Hinaus mit ihm!
+Doktor Middlewater, tun Sie Ihre Pflicht. (Die Diener führen
+den schon halb ernüchterten und widerstandslosen James ab.
+Der Doktor folgt ihnen.) Nun zu unserem Geschäft, Mister
+Dashwood. (Zum Majordom.) Sir Francis soll kommen.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Sir Francis ist von der Jagd noch nicht zurück.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wie viel Uhr ist es?
+
+
+_Der Majordom_
+
+(mit Blick auf die Wanduhr)
+
+Elf Uhr, neun Minuten.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Unmöglich.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(ängstlich)
+
+Mister Fletcher hat soeben die Uhr reguliert, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(ruhig)
+
+Da Sir Francis für elf Uhr bestellt ist, kann es jetzt
+unmöglich elf Uhr neun sein, Mister Wardle.
+
+
+_Der Marjordom_
+
+(blöde; weiß nichts zu antworten).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(mit der Taschenuhr in der Hand)
+
+Es ist zehn Uhr fünfzig Minuten. Stellen Sie den Zeiger dort
+gefälligst zurück, Mister Wardle.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(rückt einen Stuhl vor die Uhr, steigt hinauf, vollzieht den
+Befehl, dann kopfschüttelnd ab).
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(schüchtern)
+
+Ich glaube Sir Francis schon hier gesehen zu haben, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sprechen wir nicht von Ihren privaten Wahrnehmungen, Mister
+Dashwood. Es ist für mich kein Anlaß vorhanden, über Ihre
+Sinnestäuschungen zu diskutieren. »Ich glaube« heißt so
+viel, als »ich schwätze«.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(verletzt)
+
+Ohne daß ich dieser großartigen Auffassung zu nahe treten
+will, lassen sich doch Fälle denken, wo die Bestimmtheit der
+Angaben einer notgedrungenen Philosophie zuwiderläuft. Die
+Kleinen müssen politisch sein, wo die Großen ihrem Impulse
+gehorchen. Lord Gordon durfte eine Revolution anzetteln und
+behielt seinen Kopf, aber der arme Snatch kam an den
+Galgen. Was würde Eure Lordschaft sagen, wenn ich mich
+unterstehen wollte, im Schlafrock vor Ihnen zu erscheinen?
+Ich bitte um Entschuldigung, es ist dies nur vergleichsweise
+gesprochen: ich meine im Schlafrock der Rede.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(auf und ab gehend; ungeduldig)
+
+Schwätzer waren immer meine Feinde. Ich wünsche nicht, daß
+man in Gleichnissen zu mir spricht. Das sind
+Vertraulichkeiten, die ich nicht liebe. Sie wissen, weshalb
+ich Sie rufen ließ, Mister Dashwood. Das ungeheuerliche
+Heiratsprojekt meines Sohnes zwingt mich zu einem solchen
+schweren Schritt.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Das Gesetz legt Ihnen nur geringe Hindernisse in den Weg,
+Mylord. Es ist ein erhebendes Gefühl für den Staatsbürger,
+daß die Wagschale der Justitia sich stets auf die Seite der
+Autorität neigt.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich habe inzwischen durch meinen Londoner Mittelsmann genaue
+Nachrichten über die fragwürdige Person dieser Emma Lyon
+einziehen lassen. Die Nachrichten bestätigen meine
+schlimmsten Ahnungen, und wenn Sir Francis, was sich in
+dieser Stunde noch entscheiden wird, auf seinem Vorsatz
+beharrt, werde ich keinen Sohn mehr haben.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Es wird nicht an mir liegen, wenn die Inkraftsetzung der
+vermögensrechtlichen Maßregel einen langsameren Gang nimmt,
+als der Heroismus wünschbar macht, den ich an Eurer
+Herrlichkeit ehrfürchtig erkenne.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(nimmt den Brief aus der Tasche)
+
+Es wird sich zeigen.
+
+
+_Ein Diener_
+
+(meldet)
+
+Sir Francis. (Ab.)
+
+
+_Sir Francis_
+
+(schuldbewußt)
+
+Ich bitte Sie um Verzeihung, Vater, daß ich mich verspätet
+habe.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Nicht daß ich wüßte. Wie du siehst, ist es elf Uhr. Punkt
+elf Uhr.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Wirklich? -- Dann muß meine Uhr falsch gehen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Das leidet keinen Zweifel. Die Unterredung, zu der ich dich
+gebeten habe, könnte auch nicht wie ein Rendez-vous zwischen
+Kartenspielern behandelt werden.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(unruhig, mit Blick auf den Notar)
+
+Ich darf doch hoffen, daß eine solche Zwiesprache unter vier
+Augen ...
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Mister Dashwood ist Amtsperson und hat als solche weder zu
+hören noch zu sehen. Betrachte ihn als abwesend.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(resigniert)
+
+Wie Sie befehlen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Du hast mir gestern eine Art von Entschluß brieflich
+kundgegeben. Abgesehen davon, daß ich die Zulässigkeit eines
+schriftlichen Verkehrs zwischen uns niemals in Erwägung
+gezogen habe, kann ich mir auch den ... nun, sagen wir, den
+Mut deiner Ausdrucksweise nur durch den Gebrauch von Tinte
+und Feder erklären. Ein Hamilton spricht höchstens, aber er
+schreibt nicht.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(schnupft; vor sich hin)
+
+Ein Diktum von antiker Größe.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Wenn Sie Emma kennten, Vater -- --
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Emma? Was ist das, -- Emma --? Du unterstehst dich, mit
+sonderbarer Intimität einen Namen zu nennen, der für mich
+nicht mehr bedeutet als der Straßenschmutz.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(aufwallend)
+
+Durch eine solche Sprache empören Sie alle meine Gefühle!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(kalt)
+
+Ich statuiere deine Gefühle nicht, mein Sohn. Gefühle sind
+der Luxus der Unbotmäßigen.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Herrlich! Unvergleichlich! Wie sagt Hamlet: Schreibtafel
+her.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(wütend)
+
+Könnte jener Mann nicht schweigen, da er doch -- abwesend
+ist?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wir wollen zunächst den Tatbestand ordnungsmäßig darlegen.
+(Setzt sich in richterliche Pose.) Mister Dashwood, seien
+Sie so freundlich, den Bericht über die Vergangenheit der in
+Rede stehenden Personage vorzulesen. Meine Zunge sträubt
+sich dagegen. (Reicht das Schriftstück hinüber.)
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(liest)
+
+Besagte Emma Lyon ist von der niedrigsten Herkunft. Man weiß
+weder die Zeit noch den Ort ihrer Geburt anzugeben. Zuerst
+war sie Gouvernante, dann ergab sie sich einem schändlichen
+Gewerbe. Sie durchlief die Straßen von London; auf den
+Trottoirs der unermeßlichen Hauptstadt irrte sie obdachlos
+umher und sank zur tiefsten Erniedrigung ihres Geschlechtes
+herab.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Dies ist eine Verleumdung!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es würde wenig Konsequenz, selbst in der Verranntheit,
+beweisen, wenn dich meine Ermittlungen sogleich überzeugen
+würden. Ein Umstand, der freilich ihrer Triftigkeit nichts
+anhaben kann. Fahren Sie fort, Mister Dashwood.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(in weinerlichem Ton)
+
+-- Geschlechtes herab. Da traf sie einen schottischen
+Scharlatan, der sich Doktor Graham nennen ließ und der einen
+sogenannten Tempel der Gesundheit mit einem sogenannten
+himmlischen Bett eingerichtet hatte. Wer für die Nacht
+fünfzig Pfund bezahlte, durfte sich in das mit Gold und
+Seide geschmückte Bett legen und erhielt angeblich die
+verlorenen Kräfte der Liebe und der Männlichkeit zurück.
+
+
+_Sir Francis_
+
+So viel ist richtig, daß Doktor Graham Emmas Wohltäter war.
+Es ist richtig, daß sie Not litt und an dem Schotten einen
+väterlichen Beschützer fand.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich gebe zu, daß du ein guter Schütze und ein
+ausgezeichneter Schwimmer bist, aber dein Verhältnis zur
+Welt ist ein wahrhaft kindliches.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Übrigens ist sogar der Lord Schatzkanzler in dem himmlischen
+Bett gelegen.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(für sich)
+
+Bejammernswerte Verirrung des Menschengeistes!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Fahren Sie fort, Mister Dashwood. Sie würden mich verbinden,
+wenn Sie die persönlichen Äußerungen Ihrer sittlichen
+Entrüstung einstellen könnten.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+-- der Liebe und der Männlichkeit zurück. Doktor Graham
+verfiel auf den Gedanken -- (stockt, zieht das Taschentuch,
+wischt die Stirne.) Mylord, es fällt mir schwer ...
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Überwinden Sie sich, Mister Dashwood.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+-- verfiel auf den Gedanken, Emma Lyon völlig ... völlig
+unbekleidet ...
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(scharf)
+
+Steht da »unbekleidet«, Mister Dashwood?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(trostlos)
+
+Nackt. Völlig nackt!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(erhebt sich)
+
+So ist es. Völlig nackt. Das ist der Gipfelpunkt.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+-- oder kaum bedeckt mit einem Schleier ...
+
+
+_Sir Francis_
+
+(seine Position mit ungenügenden Mitteln stützend)
+
+Also doch mit einem Schleier bedeckt --
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(stark)
+
+Kaum! -- kaum!
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Der Herr bewahre mich in seiner Huld und Gnade vor diesem
+Sodom!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Er verfiel also auf den Gedanken, besagte Emma Lyon völlig
+nackt, oder --
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(mit erbarmenswürdiger Stimme)
+
+-- kaum bedeckt mit einem Schleier unter dem Namen der Göttin
+Hygäa in das Vorzimmer zu dem himmlischen Bett zu postieren
+und sie für Geld sehen zu lassen ... Neugierige strömten nun
+in Massen herbei, um vor dem Altar der Göttin ihren Tribut
+niederzulegen und bald sah man überall unanständige
+Kupferstiche der neuen mythologischen Person, Bilder, worauf
+sie als Venus, als Phryne, als Olympia, als Kleopatra
+abkonterfeiet war.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich danke; damit ist es genug. Wir brauchen uns keine Mühe
+mehr zu geben, den Pfuhl weiter auszumalen. Ob du von
+alledem unterrichtet warst, lasse ich dahingestellt. Ich
+frage mich nur, wie es möglich war, daß du eine Verbindung
+mit diesem Auswurf des Lasters auch nur in Betracht ziehen
+konntest ...
+
+
+_Sir Francis_
+
+(verzagt)
+
+Ich liebe sie.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Einfältiges Zeug!
+
+
+_Sir Francis_
+
+Wenn Sie auch nicht Rechte der Leidenschaft anerkennen,
+Vater --
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Lüderliche Phantasien! Ich hörte einmal einen Münzensammler
+sagen, daß er seine Münzen liebe. Das hatte wohl eher einen
+Sinn. Man habe keine Leidenschaften unter der Würde des
+eigenen Standes. Und wenn man sie hat, so verberge man sie
+wie ein unappetitliches Geschwür. Wo in aller Welt ist es
+erhört, daß man aus einer »Leidenschaft« die Folgerung zu
+heiraten ableitet?
+
+
+_Sir Francis_
+
+Erfüllen Sie mir eine einzige Bitte, mein Vater, ehe Sie
+sich endgültig entschließen ...
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Nun?
+
+
+_Sir Francis_
+
+Sprechen Sie mit Emma Lyon!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(voll Verachtung)
+
+Du bist ebenso verrückt als vermessen.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(mit stoischer Gleichgültigkeit, da er keine Hoffnung mehr
+hat)
+
+Sie ist hier im Hause und will nicht eher fort als bis sie
+mit Ihnen gesprochen hat.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(starr und steif)
+
+Wie --?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Jesus Christus steh mir bei!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(tritt, in weiblicher Kleidung, draußen in die Halle).
+
+
+_Der Majordom_
+
+(geht auf sie zu, sie spricht mit ihm, er kommt und meldet
+mit dummem Gesicht)
+
+Mister Theseus Rippledale bittet vorgelassen zu werden.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich kenne keinen Mister Theseus Rippledale. Bedaure.
+(Majordom ab.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(am Majordom vorüber, tritt frech ein. Ihr Kostüm ist im
+Stil des Direktoire gehalten; es ist äußerst geschmackvoll
+und bringt die Formen des Körpers verführerisch zur Geltung)
+
+Guten Morgen, Mylord. Mister Rippledale und Emma Lyon sind
+nämlich ein und dieselbe Person.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(mit gefalteten Händen vor sich hin)
+
+Lockbild der Hölle!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich konnte doch den armen Schelm nicht ganz ohne Beistand
+dem Sturm des väterlichen Unwillens preisgeben. Im
+Wortgefecht ist er leider nicht sehr gewandt. Auch muß man
+ihn bisweilen an der Leine halten wie einen unbesonnenen
+jungen Hund.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(schweigt angeekelt).
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(unbekümmert weiterplaudernd)
+
+Sie als Vater können freilich nicht so viel Possierliches
+an ihm finden wie ich. Er hat sich in letzter Zeit zu seinem
+Vorteil entwickelt, aber als ich ihn kennen lernte, konnte
+er durch die Art, wie er ein Kompliment machte, eine
+Methodistenversammlung zum Lachen bringen und seine
+Konversation hätte einen Holzhacker in Verlegenheit
+gebracht. Es hat Mühe gekostet, ihm eine passable Figur zu
+geben. Sie haben seine Erziehung entschieden vernachlässigt,
+Mylord.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(entsetzt flüsternd)
+
+Ein Dämon!
+
+
+_Sir Francis_
+
+(zerknirscht und vorwurfsvoll)
+
+Emma --!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(schweigt, schaut gegen die Zimmerdecke).
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(wie oben)
+
+Was Wunder, daß ich mit dem Vorurteil herkam, ein
+unwirtliches Waldhaus und in ihm einen bissigen
+Menschenfeind zu finden? Francis hat nur mit Zähneklappern
+von seinem väterlichen Heim gesprochen, und da endlich sagte
+ich mir: den Minotaurus will ich sehen. Vielleicht ist er
+gar nicht so fürchterlich. In der Tat er ist nicht
+fürchterlich. Auch mutet mich alles hier ganz behaglich an,
+und die Theseus-Rolle kommt mir fast schon komisch vor. (Zu
+Sir Francis.) Was meinst du, liebe Ariadne?
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Diese Vertrautheit mit der Mythologie ist nicht groß
+erstaunlich.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(ergreift die Handglocke, läutet energisch. Ein Diener
+kommt)
+
+Mister Rippledale wünscht seinen Wagen. Lassen Sie
+vorfahren!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Mister Rippledale ist zu Pferde gekommen, Mylord. (Sie ist
+durchaus nicht aus der Fassung gebracht, spricht, als ob ein
+unsichtbarer Rippledale vor ihr stände.) Sie wollen schon
+gehen, Mister Rippledale? Schade. Aber ich sehe ein, daß Sie
+sich nicht zweimal mit dem Zaunpfahl winken lassen wollen.
+Ich wünsche Ihnen gute Reise. (Schüttelt dem Unsichtbaren
+die Hand.) Sei so freundlich, Francis, und begleite Mister
+Rippledale hinaus. (Da Sir Francis sie zögernd anschaut, mit
+einem befehlenden und vielsagenden Blick.) Hurtig, mein
+Lieber! Mister Rippledale ist nicht gewöhnt, unhöflich
+behandelt zu werden. (Zu Mr. Dashwood.) Und Sie, mein
+dicker Reitersmann, Sie würden gut daran tun, wenn Sie
+draußen die Identität meines Freundes Rippledale feststellen
+würden. Nehmen Sie ihn in ein Kreuzverhör und lassen Sie
+sich eine kleine Magenstärkung reichen. (Zum Diener, der mit
+aufgerissenen Augen wartet.) Ein Glas Sherry für den Herrn!
+Er bedarf der Kräftigung.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(erhebt sich, starrt den Lord ratlos an, weicht vor der
+Berührung Emma Lyons zurück, die ihn unterm Arm fassen will,
+und da der Lord wie versteinert ist und keine Miene macht zu
+sprechen, geht er in weitem Bogen ängstlich um sie herum
+nach der Tür, wo ihm Sir Francis durch eine mürrische Geste
+bedeutet, daß er gehen solle. Er schlägt die Hände zusammen,
+als sei der Untergang der Welt angebrochen, und verläßt das
+Zimmer. Der Diener folgt ihm, dann, nach kurzem Zaudern und
+unter allerlei Versuchen, stumm mit Emma Lyon zu
+korrespondieren, auch Sir Francis).
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(schließt die Türe zur Halle hinter ihnen)
+
+Auf Wiedersehen, lieber Rippledale! (Öffnet noch einmal die
+Tür und winkt.) Addio! (Kehrt zurück.) Darf ich jetzt von
+Ihrer Einladung, Platz zu nehmen, Gebrauch machen, Mylord?
+(Sie setzt sich, lächelt gewinnend.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(ist vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen
+konsterniert. Er greift sich wie träumend an den Kopf. Seine
+Stimme klingt heiser, während er stotternd beginnt)
+
+Wer sind Sie? Wer gibt Ihnen das Recht, vermittelst einer
+schamlosen Komödie in mein Haus zu dringen?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(blickt ihn mit unschuldiger Miene lächelnd an, winkt, als
+ob sie ihn ermuntern wolle).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(immer noch mühsam nach Worten ringend, wobei er sich
+bestrebt, das junge, schöne Geschöpf nicht zu sehen)
+
+Sie erteilen Befehle an meine Dienerschaft. Ich erkläre
+diese Befehle für ungültig.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(harmlos)
+
+Das dacht ich mir gleich.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sie haben mich überfallen, aber ich weigere mich, mit Ihnen
+zu sprechen. Ich fordere Sie auf, Sir Francis und Mister
+Dashwood wieder hereinzurufen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Daß ich eine Närrin wäre! Es hat Arbeit genug gekostet, sie
+hinauszubringen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich kenne Sie nicht, ich -- --
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Tut nichts, Mylord. Es ist ja der Zweck meiner Anwesenheit,
+daß Sie mich kennen lernen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ihre Gegenwart ist mir unerwünscht, und wenn Sie nicht gehen
+wollen, so werde ich einem meiner Diener befehlen müssen,
+Sie hinauszubegleiten.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ah? wirklich? würden Sie das wirklich tun?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(nimmt die Handglocke, läutet).
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(fast fröhlich)
+
+Ich bin gespannt, ob Sie dazu den Mut finden werden.
+
+
+_Ein Diener_
+
+(kommt)
+
+Mylord befehlen?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(heftet plötzlich einen etwas verzagten Blick auf Emma Lyon;
+er zaudert).
+
+
+_Der Majordom_
+
+(kommt)
+
+Mylord befehlen?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(lächelnd)
+
+Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Gentleman sich auf
+diese Weise einer Dame entledigt.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(zum Majordom, gepreßt)
+
+Sagen Sie Mister Dashwood, er möge warten. (Winkt den
+beiden, das Zimmer zu verlassen.)
+
+
+_Der Majordom_
+
+Sehr wohl. (Ab mit dem Diener.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Jetzt bleibt Ihnen nichts übrig, als daß Sie selbst die
+Flucht ergreifen, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(bleibt unwillkürlich stehen)
+
+Ich fliehe nicht, ich ignoriere bloß.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Aber Sie haben mich doch nicht ignoriert, als Sie Spione auf
+meine Spur geschickt haben, die meine Vergangenheit
+durchschnüffeln mußten, -- wie kommt das?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es geschah für die Ehre der Familie.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Und sind Sie überzeugt davon, daß man Ihnen die Wahrheit
+berichtet hat?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Man hatte keinen Grund zu Entstellungen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+So war es nicht gemeint. Ich bezweifle nur, daß man imstande
+gewesen ist, Ihnen die _ganze_ Wahrheit zu enthüllen.
+Vielleicht hätten Sie dann eine Kompagnie Soldaten
+aufgeboten, um Sir Francis' Unschuld vor mir zu schützen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Dieser Zynismus entwaffnet mich nicht. (Finster.) Sagen Sie
+in aller Kürze, was Sie noch zu sagen haben. Ich will
+versuchen, Sie anzuhören, um mich nicht dem Vorwurf
+auszusetzen, als ob ich ungehört verdammte.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Warum sollten Sie mich denn verdammen, Mylord? Ist es etwa
+nicht erlaubt, daß einer von dem Kapital lebt, das er
+besitzt? Ziehen Sie nicht mit Hilfe Ihrer Pächter aus Ihren
+Ländereien so viel Gewinn, wie Sie daraus ziehen können? Sie
+würden lachen, obwohl Sie vermutlich ungern lachen, wenn
+ich Sie bitten würde, mir eine Wiese oder ein Stück Wald zu
+schenken. Warum also sollte ich mich verschenken? Ich habe
+nur mich selbst. Ich beleidige Ihr keusches Ohr, ich weiß
+es. Es gibt keinen Kiebitz, der nicht die Tugend preist. O
+ja, die Tugend ist eine ganz schöne Sache, wenn das
+Lebensspiel sie nicht als Einsatz fordert. Wenn mir das
+Schicksal die Versprechungen erfüllt, die ich ihm abgerungen
+habe, will ich so tugendhaft sein wie ein zahnloses altes
+Weib. Bis dahin kann mich nicht einmal Ihre Verachtung
+hindern, meine -- Wälder und Ländereien zinstragend zu
+verwerten.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(begegnet endlich ihrem Blick, wendet jedoch sofort wieder
+die Augen ab. Die schlaue Emma Lyon bemerkt, daß er nicht
+mehr daran denkt, sie durch Hinausgehen zu brüskieren. Diese
+Sicherheit gibt ihr noch mehr Impertinenz. Der Lord zieht
+die Brauen zusammen und versetzt widerwillig)
+
+Das alles interessiert mich nicht. Auch sehe ich keinen
+plausiblen Grund darin, weshalb Sie Ihre Netze gerade nach
+meinem Sohn werfen mußten.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Na, einer muß es doch sein.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Die vernünftige Erwägung muß Ihnen sagen, daß diese
+Spekulation verfehlt ist.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Keineswegs. Weshalb denn? Was können Sie ihm anhaben? Sie
+werden ihn aufs Trockene setzen. Gut. Sie werden ihn des
+baren Geldes berauben, mehr ist Ihnen nach den Gesetzen
+unseres Landes nicht verstattet. Grund und Boden muß er
+erben. Sie sehen, auch ich habe mich unterrichtet.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Francis ist nicht der Mann, um einer Torheit willen zwanzig
+Jahre lang zu hungern. Denn so lange gedenke ich mindestens
+noch auf Easton Park zu wohnen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Das glaub ich. Aus lauter Trotz werden Sie am Ende hundert
+Jahre alt. Aber auf die Dauer können Sie nicht so verblendet
+sein, der friedlichen Fortpflanzung Ihres Geschlechts
+unnötige Hindernisse zu bereiten.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sie irren.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Lady Hamilton sein werde,
+-- so oder so.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(kalt)
+
+Dann werde ich Ihnen beweisen müssen, daß es noch Mittel in
+England gibt gegen Abenteuerinnen Ihres Schlags.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Nein, Mylord, die gibt es nicht. Und wissen Sie, warum
+nicht? Weil in England Männer regieren.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ja, glauben Sie denn im Ernst, daß Ihnen kein Mann im
+Königreich gewachsen ist?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ach, Mylord, Sie tun mir leid! Sie ahnen nicht, wie sie alle
+schmelzen, wie die stolzesten Hähne klein werden und sich
+die Federn putzen und wie gefällig sie mit den Füßen
+scharren und wie einladend sie krähen, wenn ich bloß am
+Horizont auftauche. Neulich hatte ich in Kings bench zu tun;
+na, da war ein Richter, -- ich kann Ihnen sagen, sein Gesicht
+war saurer als Essig, und er hatte eine Art dreinzublicken,
+als läge es in seiner Macht, die ganze Christenheit um einen
+Kopf kürzer zu machen. Ich war angeklagt, weil der Sohn des
+Lord Hervey idiotisch genug war, hunderttausend Pfund in
+meiner Gesellschaft zu verspielen, als ob es meines Amtes
+wäre, erst nachzufragen, wie lang ein Grünspecht vom
+Wickeltisch zum Pharaotisch sich Zeit lassen muß. Kaum hatte
+ich angefangen, mich zu verteidigen, kaum hatte ich mein
+seidenes Tuch gezogen, um meinen Tränen ein anständiges
+Quartier zu verschaffen, da zerging der Gestrenge schon wie
+Butter, er machte Zeichen mit den Händen, grinste wie ein
+Hökerweib am Feierabend und hatte Augen so lang wie ein
+Hummer, wenn man ihn ins heiße Wasser tut. Ich konnte nicht
+widerstehen, ich mußte ihn durch ein paar freundliche Worte
+aufmuntern.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(dem plötzlich unbehaglich wird)
+
+Ich bin nicht fähig, Ihrer Suada zu begegnen, Madame. Ich
+bekenne offen, daß ich ein schlechter Redner bin. Selbst das
+Zuhören ermüdet mich, und meine Gedanken schweifen haltlos
+umher. Haben Sie doch die Güte, mich jetzt allein zu lassen.
+Vielleicht erteilen Sie Mister Wardle Auftrag, daß er Ihnen
+den Lunch serviere, bevor Sie Easton Park den Rücken kehren.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wenn ich in Easton Park den Lunch nehme, Mylord, werde ich
+es entweder in Ihrer Gesellschaft oder gar nicht tun.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(setzt sich mit versorgtem Gesicht)
+
+Also wie soll das enden?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(mit versteckter Schelmerei)
+
+Ist Ihnen nicht wohl, Mylord? Sicherlich ist Ihnen nicht
+wohl. Es wäre grausam, wenn ich Sie jetzt allein ließe.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es scheint, Sie treiben ein Spiel mit mir ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Gott bewahre. Dazu ist mein Respekt viel zu groß. Ich habe
+ein bißchen Revolution auszuführen versucht, das ist alles,
+aber Ihre Unerschütterlichkeit flößt mir Bewunderung ein.
+Mit Ihnen kann man nicht paktieren. Trotzdem schlage ich
+Ihnen ein Kompromiß vor. Überzeugen Sie mich davon, daß Ihr
+Geschlecht zu keiner Zeit und unter keiner Bedingung ein
+plebejisches Reis auf seinen erlauchten Stammbaum gepfropft
+hat, und ich will mich bescheiden. Ich gebe Sir Francis den
+Laufpaß, wenn Sie mir beweisen können, daß Ihre adeligen
+Vorfahren keinen andern Ehrgeiz gehabt haben, als eine
+fehlerlose Genealogie zu fabrizieren.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(in die Enge getrieben, vornehm)
+
+Wenn ich eine Erörterung hierüber für möglich hielte, würde
+ich die Fundamente untergraben, auf denen ich stehe.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Und damit soll ich mich zufrieden geben? Die Klatschbase,
+die man Geschichte nennt, behauptet ganz frech, daß hin und
+wieder eine ziemlich zweifelhafte Lady ins Ehebett eines
+leichtsinnigen Lords geschlüpft ist. Oder ist es Schwindel,
+daß Lord James eine arme irische Schauspielerin geheiratet
+hat? Sie soll freilich so schön gewesen sein, daß während
+ihrer Vorstellung bei Hof der Scharlach der Aristokratie auf
+Tische und Stühle stieg, um sie zu sehen. Douglas Hamilton
+vergaß sich so weit, die Tochter eines Akziskommissärs mit
+seiner Hand zu beglücken. Von einigen Ladies habe ich mir
+gar sagen lassen, daß sie mit Kutschern, Schreibern,
+Schmugglerkapitänen ...
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(nervös)
+
+Nicht weiter, Madame! Genug der Indiskretionen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Die Wahrheit wird immer beschimpft, wenn sie unbequem ist.
+Sehen Sie mich doch einmal an, Mylord! Kommt es Ihnen nicht
+so vor, als ob ein Frauenzimmer meiner Kategorie geeigneter
+wäre, die verdickten Ahnensäfte wieder zum Moussieren zu
+bringen, als irgend eine hochgeborene Kuh aus einem sublimen
+Stall --?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Stall --? Kuh --? Um Himmels willen, was für Worte!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich habe jetzt nicht Lust, auf meine Worte zu achten. Sehen
+Sie mich an, sage ich.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(irritiert)
+
+Nun ja ... ja ... ich sehe.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Was finden Sie an meinem Wuchs zu tadeln?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(noch mehr irritiert)
+
+Ich habe ... offengestanden ... darüber kein Urteil.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wer verstände nicht zu tadeln, auch wenn er kein Urteil hat!
+So schauen Sie wenigstens. Was haben Sie an diesen Schultern
+auszusetzen? was an der Büste? Diese Linien (mit den
+Fingerspitzen an den Hüften entlang streifend) sind edler
+als jeder Name. Der Fuß, Mylord, (hebt ihr Kleid ein wenig)
+zeigen Sie mir einen aristokratischen Fuß, vor dem er sich
+verstecken müßte. Und der Nacken, -- (wendet sich) mißfällt
+er Ihnen? Die Haare, -- braucht man sich ihrer zu schämen?
+Die Hand, -- läßt sie auf eine schlechte Rasse schließen?
+Ohr, Nase, Stirn, Zähne, Lippen, -- vertragen sie nicht jede
+Kritik? Romney hat mich vierzehnmal porträtiert, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(bestürzt und im Anfangsstadium einer verhängnisvollen
+Narkose)
+
+Romney ... jawohl. Mister Romney ist ein Meister seines
+Handwerks. Er hat auch die Königin gemalt, wenn ich nicht
+irre ... Aber würden Sie nicht die Freundlichkeit haben, Miß
+Lyon, sich in größerer Entfernung von mir aufzuhalten? Ihr
+Parfüm ist es, glaube ich, das mich schwindlig macht.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(diebisch)
+
+Soll ich das Fenster öffnen, Mylord?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir ein Glas Wasser
+reichen wollten.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(tritt beflissen zum Tisch, schenkt aus einer Karaffe Wasser
+in ein Glas, bringt es ihm).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich danke Ihnen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(nachsichtig)
+
+Sie sind an die Nähe von Frauen nicht mehr gewöhnt, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Durchaus nicht. -- Durchaus nicht.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Schade. Dabei vertrocknet das Temperament. Ist Ihnen besser?
+(Sie faßt seine Hand.) Die arme kalte Hand!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(scheu)
+
+Die Ihre freilich, Miß Lyon, die Ihre ist hinlänglich warm.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wie pedantisch! Hinlänglich warm! O Gott!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es ist außerdem eine begehrliche Hand; sie ist allzu
+begehrlich.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wer nicht zehnmal so viel begehrt als ihm gewährt wird, der
+soll nicht zu leben anfangen. Weiter, Herr Chiromant? Was
+sehen Sie noch? Daß ich neugierig bin? Stimmt. Eitel?
+Stimmt. Treulos? Stimmt. Aber treulos machen uns nur die,
+die kraftlos sind.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Was ist das für eine Narbe hier neben dem Daumen?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sie stammt von den Zähnen des Prinzen von Wales.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wieso? Ist er bissig?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Er beißt aus Enthusiasmus. Aber er steht in meiner Schuld
+dadurch. Die Narbe ist unter Brüdern eine Einladung nach St.
+James wert.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Was doch alles geschieht! Sonderbar. Ich muß gestehen, ich
+fasse nicht die Existenz, die Sie führen. Da reiht sich wohl
+Fest an Fest und Genuß an Genuß, und für Genauigkeit und
+Regelmäßigkeit bleibt nichts mehr übrig. Und dabei kann man
+leben ... es macht wohl gar Spaß? Sonderbar. Eine sonderbare
+Welt!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Die zu beklagen ist, weil Sie sich von ihr fern halten,
+Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Keine Flatterien, Miß Lyon! Ich liebe nicht die Exaltationen
+des Vergnügens.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(heuchlerisch)
+
+Eigentlich haben Sie recht, Mylord. Es gibt nichts, was so
+anstrengend ist wie das Laster.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sehen Sie! Sehen Sie!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(versonnen)
+
+Oder vielleicht doch ... Ich glaube, daß die Tugend _noch_
+anstrengender ist.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Versuchen Sie es doch einmal ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Meinen Sie?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Fangen Sie damit an, daß Sie Ihre auf Sir Francis zielenden
+Absichten fallen lassen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Aha, Sie wollen schon ein Geschäft mit meiner Tugend
+machen. Das ist ja eben das Verdächtige an der Sache.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(steht auf)
+
+Im Ernst, Miß Lyon: -- Was kann Sie an dem Jüngling locken?
+Seine Geistesgaben, Sie müssen es selbst zugeben, sind
+keineswegs blendend. Er würde Sie langweilen, Sie würden ihn
+betrügen, und was wäre die Folge? Der Skandal in
+gesteigerter Häßlichkeit. Sie brauchen eine starke Hand.
+Einen reifen Mann brauchen Sie, der durch Erfahrung und
+Charakter befähigt ist, Ihrem ungebundenen Wesen Schranken
+zu setzen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(zerknirscht)
+
+Es ist wahr. Wenn Sie wüßten, Mylord, wie ich dieser jungen
+Leute satt bin, die ihre Leidenschaften mit so viel Lärm und
+Prätension zur Schau tragen! Ich sehne mich nach einem
+verschwiegenen und klugen Mann, so an der Grenze der
+Fünfzig, nach einem Mann, der nicht immer nur etwas haben
+will, sondern auch etwas gibt.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(erfreut)
+
+Nun also ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Würden Sie mir helfen?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich ... ja, gewiß ... Ich würde sehen, was sich tun läßt.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Aber Sie haben doch hoffentlich nicht vergessen, daß ich vor
+zehn Minuten geschworen habe, Lady Hamilton zu werden? Ich
+gedenke, das Gelübde unter allen Umständen zu erfüllen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Das versteh ich nicht ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Verständlicher kann nichts auf der Welt sein.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(vor Schrecken gelähmt)
+
+Sie meinen --?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ja!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich? -- Ich --? Ich sollte --? Sie träumen wohl, Miß Lyon? (Er
+fällt in den Stuhl zurück.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(läßt sich in einer reizenden Magdalenen-Stellung vor ihm
+auf die Kniee nieder. Da er nicht zurückweichen kann, preßt
+er den Rücken gegen die Lehne und drückt den Kopf in den
+Nacken)
+
+Sie wären schwerlich, trotz meines ununterbrochenen
+Geschwätzes, bis zu diesem Augenblick im Zimmer geblieben,
+wenn ich Ihnen nicht gefallen hätte, Mylord. Und jetzt ist
+es leider zu spät. Fängt dieses Gift einmal zu wirken an,
+dann ist man verloren.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(klagend)
+
+Zweifellos. Ich habe es an der nötigen Festigkeit fehlen
+lassen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Und mir sprechen Sie jedes Verdienst ab?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich kann nicht leugnen, daß Ihnen eine ... wie soll ich mich
+nur ausdrücken? -- eine seltsame Gewalttätigkeit eigen ist.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Gut. Ich akzeptiere das Kompliment.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Nichtsdestoweniger befinden Sie sich mit Ihrer Vermutung,
+was meinen Seelenzustand betrifft, auf dem Holzweg. Ich will
+es wenigstens hoffen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sie kennen die menschliche Natur nicht so gut wie ich,
+Mylord. Ich will Ihnen sagen, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie
+jetzt eigensinnig sind. Ich reise ab. Ihre Gedanken
+verursachen Ihnen ein unangenehmes Kribbeln, Sie sind
+unzufrieden mit sich, Sie haben keinen Appetit mehr, des
+Nachts flieht Sie der Schlaf, und plötzlich, Sie wissen
+selbst nicht wie, fassen Sie den Entschluß, mich
+aufzusuchen. Da erscheint eines Tages Lord Hamilton im Salon
+von Emma Lyon. Aber Emma Lyon wird durchaus nicht auf die
+Kniee fallen, so wie jetzt. Emma Lyon wird spöttisch
+lächeln; sie wird Seiner Herrlichkeit einen Stuhl bieten,
+sie wird mit Mister Jennings plaudern und wird die
+Albernheiten von Mister Davis entzückt anhören und wird Sir
+Roberts empfangen, und Mylord wird gehen, verdrießlich,
+aufgebracht, wütend gegen sich und mich, aber er wird
+wiederkommen, er wird Blumen bringen, er wird Geschenke
+bringen, all die Laffen und Schmeichler und Dandies werden
+ihm lästig sein, aber Emma Lyon wird sagen: Platz genug im
+Hause! Dort unter der Treppe ist für die Mißgelaunten Platz,
+und unterm Dachboden für die Hochmütigen, und im Keller für
+die Moralisten. Und mein kleiner Schoßhund wird kläffen,
+wenn Sie nahen, und diese weiße begehrliche Hand wird ihre
+Finger spreizen, -- so, denn ich, Mylord, (sie erhebt sich)
+ich würde Sie zappeln lassen. Und davor möge Gott Sie
+bewahren.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(murmelnd)
+
+Niemals würde ich mich so tief erniedrigen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(kategorisch)
+
+Sie werden es tun! Ihre Augen versichern es mir. Ich erspare
+Ihnen demnach eine unabsehbare Reihe von Qualen und
+Kränkungen durch ein freimütiges Anerbieten.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(schüttelt den Kopf)
+
+Ich vermute, Miß Lyon, Sie ahnen nicht, was ich
+durchzusetzen vermag, selbst gegen meine heftigsten Wünsche
+und Triebe. Insofern bleibt also Ihr Schreckbild ohne
+Wirkung. Aber Sie verfechten Ihre Sache mit Bravour und
+nicht ohne Geist. Ich liebe das. In diesem hübschen kleinen
+Kopf rumort ein Teufel, den zu zähmen der Mühe vielleicht
+verlohnen könnte. Wie Sie richtig bemerkten, bin ich des
+Elements entwöhnt, das, in Ihnen personifiziert, meinen
+Frieden so geräuschvoll unterbrochen hat. Ich habe jedoch
+gerade dadurch erkannt, daß zwischen mir und der Welt eine
+gewisse Entfremdung besteht, und ich könnte Ihren Vorschlag
+in Betracht ziehen, wenn nicht Hindernisse vorlägen, die für
+mich beinahe unüberwindlich sind. Der Doktor Graham ... das
+himmlische Bett ... die Mystifikation als Göttin Hygäa ...
+(Schüttelt wieder den Kopf.) Das sind üble Dinge ... üble
+Dinge.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Die mich vor dem Verhungern geschützt haben, Mylord.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sie hätten eine minder exponierende Abhilfe wählen sollen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich hatte keine Wahl. Ich bin auch nicht schlechter geworden
+dadurch. Es war eine Hülle, die ich angelegt habe.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Verzeihen Sie, die Hülle, -- die haben Sie abgeworfen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Man kann alle Hüllen abwerfen und doch undurchdringlicher
+sein als in Panzern.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Das ist Rabulismus.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sie haben wenigstens die Sicherheit, daß ich gegen jede
+künftige Verführung und Verlockung gefeit bin. Alles was
+andere lüstern macht, davon habe ich genug und übergenug.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Das ist ein Argument.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Die Welt ist vergeßlich. Ein Name, wie der Ihre Mylord,
+deckt jugendliche Torheiten zu.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(mit einem Rest von Bedenklichkeit)
+
+Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Man hat mir erzählt, und ich habe mich darüber amüsiert, daß
+Sie es bisweilen nicht verschmähen, der Zeit Gewalt anzutun.
+Ich, sehen Sie, ich kann das auch. (Sie steigt auf einen
+Stuhl, öffnet das Uhrgehäuse und dreht den großen Zeiger
+sehr schnell und mehrere Male über das Zifferblatt zurück.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Was tun Sie da, junge Hexe! (Das Uhrwerk knackt, der Pendel
+hört auf zu schwingen.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich drehe die Jahre zurück, Mylord, und wenn ich will, --
+sehn Sie! -- bleibt die Zeit stehen! (Sie springt herab.) Wir
+gehen nach Italien, Mylord! (mit ausgebreiteten Armen,
+bacchantisch.) Illuminationen! Barken auf dem Meer!
+Mondschein und Liebeslieder! Fackeltanz und Tarantella!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(vor sich hin)
+
+Es bliebe noch zu erwägen, ob hier ein freier Entschluß oder
+die Macht einer Bezauberung vorliegt. -- Gönnen Sie mir, Miß
+Lyon, gönnen Sie mir Frist bis morgen.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+So lang Sie wollen. Nur bedenken Sie, daß auch ich
+Dispositionen zu treffen habe --
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich könnte es versuchen ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Schön, versuchen wir es.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Begleiten Sie mich für zwei Monate nach dem Süden.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Zwei Monate? Das ist etwas wenig.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sagen wir vier Monate.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wenn ich so durchtrieben wäre wie man mich Ihnen geschildert
+hat, wäre ich mit drei Tagen zufrieden. Aber ich bin eine
+ehrliche Person und sage Ihnen ohne Umschweife: drei Tage
+Probezeit oder drei Jahre oder dreißig Jahre, das ist für
+mich im Grunde gleichgültig, denn nach dem ersten Tag werden
+Sie vom letzten nichts mehr wissen wollen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ihre Prophezeiung ist sehr kühn. Immerhin bleiben wir
+vorläufig bei den vier Monaten.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Vergessen Sie nicht, daß Sie Ihren Sohn vor eine
+unwiderrufliche Tatsache stellen müssen, sonst komme ich ihm
+gegenüber in eine schiefe Position.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Eine bedeutende Schwierigkeit. Wie soll ich ihm eröffnen --?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sie überschätzen ihn doch. Die Schwierigkeit ist mit zwei
+Worten aus der Welt geschafft. (Sie nimmt die Handglocke,
+läutet.)
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(verwundert)
+
+Oh! Sie ergreifen die Initiative mit großem Feuer.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(tritt ein)
+
+Mylord befehlen?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sir Francis soll kommen.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(erstaunt über den diktatorischen Ton von dieser Seite)
+
+Mylord wünschen Sir Francis?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(kalt)
+
+Sie haben gehört.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Mister Dashwood läßt gehorsamst fragen, ob er sich entfernen
+kann. Er hat dringende Geschäfte.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Er soll warten. -- Ist nicht Frühstückszeit?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es dürfte Frühstückszeit sein.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(schaut auf die Wanduhr)
+
+Jawohl; es ... (Stockt verblüfft.) Die Uhr steht.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ja. Die Uhr steht.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Es soll serviert werden.
+
+
+_Der Majordom_
+
+(bekümmert und fast vorwurfsvoll)
+
+Soll serviert werden, Mylord?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Sie hören.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Auch fehlt noch ein Gedeck.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Noch ein Gedeck, Mylord?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Noch ein Gedeck.
+
+
+_Der Majordom_
+
+Sehr wohl. (Ab.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Der Mann scheint auf dem rechten Ohr taub zu sein.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(in ziemlicher Unruhe)
+
+In welche Form soll ich also Francis gegenüber die
+Mitteilung kleiden?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Sie sagen ihm, daß Sie seine Schulden bezahlen und mich
+dafür in Ihre Obhut nehmen.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(zieht die Stirn in Falten)
+
+Das wäre ja ein regelrechter Handel!
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ich habe noch nie gehört, daß ein Engländer in Ohnmacht
+fällt, wenn von einem Handel die Rede ist.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wie viel betragen seine Schulden?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Eine Lappalie. Vierzigtausend Pfund.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wie? Und das nennen Sie eine Lappalie?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(lacht)
+
+Also fange ich schon an, Ihnen teuer zu werden?
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Wenigstens geben Sie mir einen starken Begriff von Ihrer --
+Weitherzigkeit.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Wo geknausert wird, kann ich nicht froh sein.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Ich werde trachten, Sie bei guter Laune zu erhalten.
+
+
+_Emma Lyon_
+
+(streckt den Arm aus)
+
+So küssen Sie mir die Hand.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(beugt sich mit steifer Galanterie; während er ihr die Hand
+küßt, kommt)
+
+
+_Sir Francis_
+
+(bleibt bei diesem Schauspiel wie angewurzelt stehen. Gleich
+hinter ihm kommen: der Majordom, dem ein Diener mit dem
+fehlenden Gedeck folgt; hinter diesem ein zweiter Diener mit
+dem Tablett, auf dem sich die Speisen befinden. Gleich
+darauf erscheint auch Mister Dashwood auf der Schwelle. Die
+Tür zur Halle bleibt offen).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(geht zum Tisch, gibt dem Majordom Anweisung über die
+Sitzordnung, dann tritt er zu Mister Dashwood und spricht
+mit ihm. Dieser lauscht aufmerksam und verbeugt sich oft zum
+Zeichen seines Eifers. Indessen ist Sir Francis zu Emma Lyon
+getreten).
+
+
+_Sir Francis_
+
+(bewundernd; leise)
+
+Das war ein Meisterstück, Emma. Wie hast du ihn denn
+herumgekriegt?
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Still, lieber Freund. Keine Elogen. Du wirst alles hören.
+Jetzt hab ich Hunger wie ein Matrose.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Und zahlt er die fünfundzwanzigtausend Pfund --? Du weißt,
+meine Gläubiger drängen ...
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Fünfundzwanzig und noch fünfzehntausend dazu.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(entzückt)
+
+Du bist umsichtig wie ein Kaufmann!
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(zu Mister Dashwood)
+
+Die Informationen waren falsch. Es ist dies eine
+Gewissenlosigkeit, die ich ahnden muß, und Sie tun gut
+daran, Mister Dashwood, wenn Sie den Londoner Herrn darauf
+aufmerksam machen, daß ich ihn wegen böswilliger Verleumdung
+bestrafen lassen werde.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+Gewiß, Mylord, gewiß. Die Zunge der Menschen ist ein
+giftiges Instrument und unheilvoll in ihren Wirkungen --
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(unterbricht den drohenden Redeschwall und wendet sich auch
+an Sir Francis)
+
+Miß Emma Lyon hat mich davon überzeugt, daß alles, was wir
+von ihrem früheren Leben gehört haben, nichtswürdige Lügen
+sind.
+
+
+_Sir Francis_
+
+Das hab ich ja gleich gesagt --
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Es gibt keinen Doktor Graham ... Es gibt kein himmlisches
+Bett, und sie hat niemals eine Göttin Hygäa dargestellt.
+Genug davon. Es sei von solchen Dingen nicht mehr die Rede.
+Sie können gehen, Mister Dashwood.
+
+
+_Mr. Dashwood_
+
+(mit tiefer Verbeugung ab).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+(mit der Taschenuhr in der Hand)
+
+Darf ich zu Tisch bitten? Es ist zwölf Uhr, fünf Minuten.
+(Mister Dashwood hat sich entfernt.)
+
+
+_Emma Lyon_
+
+Ihre Präzision, Mylord, verspricht meinem Magen ein Dasein
+von angenehmer Sorglosigkeit.
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Zuerst den Bordeaux, John. (Emma Lyon und Sir Francis haben
+Platz genommen, der Lord bleibt stehen.) Mein lieber Sohn,
+erlaube mir, dich von einem freudigen Ereignis zu
+unterrichten. Miß Emma Lyon ist von heute ab keine Fremde
+mehr für dich. Verehre in ihr (stockt; Pause, dann mit
+ruhiger Sicherheit) deine zukünftige Mutter, Lady Hamilton.
+
+
+_Sir Francis_
+
+(springt auf, läßt sich aber unter dem hoheitsvollen und
+bannenden Blick seines Vaters wieder aus den Sessel nieder).
+
+
+_Lord Hamilton_
+
+Den Fisch, Mister Wardle!
+
+_Vorhang._
+
+
+
+
+Hockenjos
+
+
+Personen:
+
+ Karinkel, Bürgermeister
+ Bienemann, Redakteur
+ Mettenschleicher, Bildhauer
+ Hockenjos
+ Hannewickel, Stadtrat
+ Abendrot, Amtsschreiber
+ Binder, Kommissär
+ Ein Amtsdiener, ein Kellnerbursche
+
+Spielt in einer kleinen süddeutschen Stadt.
+
+
+Kanzlei des Bürgermeisters. Rechts und links Türen. Hinten
+zwei Fenster mit Aussicht auf einen von altertümlichen
+Häusern umgebenen Platz, in dessen Mitte das noch umhüllte
+Denkmal steht.
+
+
+_Abendrot_
+
+(schlägt mit einem Aktenheft Fliegen tot)
+
+Hin muscht werde! Pardon gibt's net ... hätt'scht es vorher
+überlegt, mei Schätzle ... hin muscht werde, sag' ich ...
+
+
+_Karinkel_
+
+(ein untersetzter, glattrasierter, eiliger Mann, kommt; er
+ist im Frack)
+
+Was treiben Sie denn da, Abendrot?
+
+
+_Abendrot_
+
+Die Fliege schlag' i tot, Herr Bürgermeischter.
+
+
+_Karinkel_
+
+Die Fliegen schlagen Sie tot? Sind Sie verrückt, Mensch? Wo
+wir bis an den Hals in Arbeit stecken!
+
+
+_Abendrot_
+
+Ich hab' ja bei der Denkmalsenthüllung nix zu tun, Herr
+Bürgermeischter.
+
+
+_Karinkel_
+
+Scheren Sie sich an die Arbeit. Und wenn Sie nichts zu tun
+haben, dann tun Sie wenigstens so, als ob Sie was zu tun
+hätten. Das fordert die Würde des Amtes. Der Professor
+Mettenschleicher muß jeden Moment kommen, -- was soll er sich
+denken, wenn Sie Allotria treiben.
+
+
+_Abendrot_
+
+Isch scho guet, Herr Bürgermeischter ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Keine Widerrede! Diese Biederkeit, diese ewige
+Treuherzigkeit! wie sie mir auf die Nerven geht! Ich weiß
+nicht, wo mir der Kopf steht, und der Mensch schlägt Fliegen
+tot. (Es klopft.) Herein!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(tritt ein; ein großer, würdevoll aussehender,
+schwarzbärtiger, seriöser Mann, ebenfalls im Frack)
+
+Guten Morgen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Guten Morgen, lieber Professor. Wie geht's? wie steht's? Gut
+geschlafen? gut geträumt? Hat unser bescheidenes Hotel Ihren
+Ansprüchen genügt? Oder haben Sie irgend welche
+Rekriminationen? Ich lege großen Wert darauf, daß es Ihnen
+bei uns gefällt.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Danke, ich bin zufrieden. In so einem Städtchen wird mir
+immer behaglich zumut.
+
+
+_Karinkel_
+
+Na, na, Professor ... Städtchen ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Nun ja, es ist doch eine sehr kleine Stadt ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Eine sehr kleine Stadt? -- Eine kleine Stadt, das eher. Aber
+es ist gut, daß Sie sich wohl fühlen. Man hat nicht oft die
+Freude, einen so berühmten Meister bewirten zu dürfen. Noch
+dazu bei so feierlichem Anlaß ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(steif)
+
+Zu viel Ehre.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sagen Sie mal, verehrter Professor, um unser gestriges
+Gespräch fortzusetzen ... (Zögert, da er sich der Gegenwart
+Abendrots erinnert.) Gehen Sie hinüber in den Schwan,
+Abendrot, und bestellen Sie mir ein Gabelfrühstück. Fragen
+Sie, -- aber fragen Sie Herrn Gumpelmaier selber -- was man
+haben kann. Etwas Warmes natürlich. Am liebsten etwas vom
+Kalb.
+
+
+_Abendrot_
+
+Oder vielleicht Schweinsrippche?
+
+
+_Karinkel_
+
+(tiefsinnig)
+
+Schweinsrippchen ... nicht übel. Schweinsrippchen oder
+Kalbsherz. Auch saure Nieren wäre eine Idee. Beraten Sie
+sich nur mit Herrn Gumpelmaier, der kennt meinen Geschmack.
+Der Kellner soll laufen, damit die Sache unterwegs nicht
+kalt wird. Dann gehn Sie in die Redaktion des Tagesboten und
+fragen Sie Herrn Bienemann, ob er meine Rede schon fertig
+hat. Er soll sich sputen, um zwölf Uhr kommt der Prinz, da
+muß alles auf dem #qui vive# sein.
+
+
+_Abendrot_
+
+Isch guet, Herr Bürgermeischter. (Ab.)
+
+
+_Karinkel_
+
+(seufzend)
+
+Du lieber Gott, bis man so der schwerfälligen Welt Beine
+macht, Professor --! (Knipst, eilig zur Tür, ruft.) Hallo! --
+Abendrot! -- Abgebratene Kartoffel soll er mitschicken! Wie?
+Sie Esel! Der Schwanenwirt natürlich. (Kehrt zurück,
+abermals seufzend.) Ein Mann, der nur für sich selber
+verantwortlich ist, ist ein glücklicher Mann.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Wir dienen alle dem öffentlichen Wohl, Verehrtester. Jeder
+auf seine Weise.
+
+
+_Karinkel_
+
+Aber nicht auf jeden sind beständig die Augen des Publikums
+gerichtet, teurer Freund. So wie auf Sie und auf mich. Wenn
+ich noch einmal auf die Welt käme, -- wissen Sie, wonach es
+mich gelüsten würde? (Ausdrucksvoll.) Es würde mich darnach
+gelüsten, das Leben eines einsamen, unverheirateten
+Privatgelehrten zu führen. Was brauchte ich da Belobungen?
+Anerkennung von unten oder von oben? -- Da hätte man sein
+Genügen in sich selber, da hätte man keinen Orden nötig. In
+meiner Position freilich muß ich dergleichen haben, um
+meinen Mitbürgern den Beweis zu liefern, daß ich ihres
+Vertrauens würdig bin.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Zweifellos. Sie sind ja auf dem besten Weg --
+
+
+_Karinkel_
+
+(erregt)
+
+Es besteht also Aussicht --?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Gewiß. Man muß es nur delikat behandeln ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Wissen Sie, was ich mir überlegt habe, Professor? Ich könnte
+ja, falls man mir den Michaelsorden verweigert, auch mit
+dem Friedrichsorden vorlieb nehmen.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(vornehm belustigt von solcher Unwissenheit)
+
+Der Friedrichsorden steht keineswegs niedriger im Rang als
+der Michaelsorden, mein lieber Bürgermeister. Der eine wie
+der andere wird nur dann verliehen, wenn sich der
+Betreffende in hervorragender Weise verdient gemacht hat.
+
+
+_Karinkel_
+
+(in wachsender Erregung)
+
+Seit zwanzig Jahren mache ich mich verdient, Professor. Ich
+tue ja überhaupt nichts anderes. Ich habe eine elektrische
+Beleuchtung, eine Wasserleitung, ein Findelhaus, einen
+Veteranenverein geschaffen; ich habe die Fortschritte der
+Sozialdemokratie nach Kräften aufgehalten, ich habe niemals
+und nach keiner Seite hin Anstoß erregt, weder bei der
+Geistlichkeit, noch bei der Regierung, -- aber man kann sich
+doch nicht ausbieten! -- Man hat doch seinen Stolz! Man wirkt
+in der Stille -- und hofft, daß es bemerkt wird.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Alterieren Sie sich nicht, lieber Freund.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich würde mich nicht beklagen, wenn es mir an loyaler
+Gesinnung gefehlt hätte. Denn ich begreife, daß die höchsten
+Kulturtaten nicht ins Gewicht fallen, wenn die loyale
+Gesinnung mangelt --
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Freilich. Die loyale Gesinnung, die wird vorausgesetzt.
+Wohin kämen wir denn sonst!
+
+
+_Karinkel_
+
+Das sagt sich leicht --: vorausgesetzt. Aber bis man sie
+erwirbt, bis man sie sozusagen einkeltert, damit sie süß und
+schmackhaft bleibt in all den Jahren, das ist nicht so
+einfach. Und nun habe ich noch dieses Denkmal gebaut --
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Eben. Das war dringend nötig. Es gibt kaum mehr eine
+deutsche Stadt, die nicht ihre marmorne Attraktion hätte,
+wenn ich mich so ausdrücken darf. Man ist höhern Orts sehr
+geneigt, solche Bestrebungen, soweit sie sich auf die Kunst
+beziehen, zu unterstützen. Sie sänftigen die Sitten, sie
+lenken die Instinkte des Volkes nach ungefährlichen
+Regionen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ehrlich gesagt, es ist ein Sorgenkind, dieses Denkmal --
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Warum denn? Lassen Sie sich nur nicht irre machen ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie haben mich ja so weit gebracht, Professor ... Ihrer
+Energie haben wir es ja zu danken, daß ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Nun ja, ich fand es dringend geboten, daß auch Sie in diesem
+stillen Winkel Ihr Scherflein beitragen zur Vermehrung der
+nationalen Ideale.
+
+
+_Karinkel_
+
+Das klingt sehr hübsch --
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Erlauben Sie, das sind tiefste Lebensüberzeugungen!
+
+
+_Karinkel_
+
+Allerdings --
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Heraus mit der Farbe! Weshalb sind Sie so kleinlaut, heute,
+an Ihrem großen Tag?
+
+
+_Karinkel_
+
+Es wird von gegnerischer Seite behauptet, -- haben Sie nicht
+den Ochsenfurter Anzeiger gelesen? Da steht es drin --
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ich lese solche Käsblätter nicht. Was steht drin?
+
+
+_Karinkel_
+
+Daß wir dem Hockenjos das Denkmal nur aus Wichtigtuerei
+errichtet haben ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Das ist der Neid.
+
+
+_Karinkel_
+
+Und daß es eine Blamage sei.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Die Wühler muß man wühlen lassen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Und daß der Hockenjos gar nicht in Neuguinea gewesen ist und
+daß er gar nicht bei der Expedition des Doktor Rittersteig
+war und daß er infolgedessen auch nicht von den wilden
+Papuanern erschlagen worden ist. Im Gegenteil, so behaupten
+diese Schurken, er sei in einer australischen Matrosenkneipe
+bei einem Raufhandel umgekommen.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Leeres Geschwätz.
+
+
+_Karinkel_
+
+Na ja, ein Säufer _war_ ja der Kerl. Der Wahrheit die Ehre.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Es ist vollkommen gleichgültig, was der Hockenjos _war_. Die
+Hauptsache bleibt, daß er tot ist. -- Was sagt denn Bienemann
+zu diesen Sudeleien? Er hat doch damals die Nachricht von
+dem Ende des Hockenjos zuerst gebracht ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Ach, mit dem Bienemann weiß man nie, wie man dran ist. Ich
+fürchte, er glaubt gar nicht an das Genie von dem Hockenjos.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Es ist das Kennzeichen eines guten Journalisten, daß er in
+einem solchen Fall eine Sache umso überzeugender vertritt.
+
+
+_Karinkel_
+
+Und ich selbst habe auch meine Zweifel ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Glauben Sie denn, lieber Freund, daß der Ruhm anders
+fabriziert wird als auf diese Art? Neun Zehntel unserer
+Berühmtheiten verdanken ihren Glanz dem Notizenmangel einer
+Zeitung oder dem Hang nach Redensarten, der in den Leuten
+von der Feder steckt. Es ist nicht meines Amtes, das
+wirkliche Verdienst vom erlogenen zu trennen. Ich denke, es
+liegt eine viel höhere Sendung darin, die häßliche Realität
+in einen angenehmen Schein zu verwandeln. Je verworfener,
+unwürdiger und unfähiger dieser Hockenjos in Wirklichkeit
+war, desto mehr Grund für uns, der Welt ein so trauriges
+Faktum vorzuenthalten und sein Bild zu veredeln. Wenn man
+einem Menschen wie Hockenjos ein Denkmal setzt, geschieht es
+nur, um seine wirkliche Gestalt zu verschleiern. Dadurch
+eben bereichert man den Bestand an nationalen Idealen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Na ja, seine Gestalt mögen Sie am Ende verschleiern, aber
+die Bilder, die der Kerl gemalt hat, die können Sie nicht
+verschleiern. Wir haben ja eine Ausstellung veranstaltet,
+und was ich da von den hiesigen Damen zu hören bekommen
+habe, -- wahrhaftig, der ganze Appetit auf die Kunst ist mir
+vergangen. Schamlose nackte Weiber hat er gemalt. Die können
+Sie doch nicht verschleiern.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Wenn ein Künstler tot ist, verlieren seine Arbeiten den
+moralischen Charakter, wenn ich mich so ausdrücken darf.
+Schamlos waren die Weiber eigentlich nicht, nur nackt waren
+sie. Aber wer wird schließlich darnach fragen, was für
+Bilder der Hockenjos gemalt hat, wenn er vor seinem Denkmal
+steht? Keine Katze wird darnach krähen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Kein Hahn, meinen Sie ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Kein Hahn, natürlich. Sie können sich in diesem Punkt
+getrost meiner Erfahrung überlassen, lieber Bürgermeister.
+Der Umstand, daß Hockenjos tot ist, verschafft ihm einen
+unbeschränkten Kredit an guter Meinung. Ich kannte eine
+ganze Reihe von Idioten, die bloß dem Zufall, daß sie
+gestorben waren, Bewunderer und Anhänger zu verdanken
+hatten. Dem Publikum sind nämlich die Künstler so ungeheuer
+gleichgültig, daß man ihm, wenn einer stirbt, weismachen
+kann, was man will.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich verstehe nicht viel von der Kunst, aber das eine muß man
+doch von ihr fordern: daß sie den Menschen bessert und
+erhebt.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Das ist richtig, hat aber mit unserer Angelegenheit momentan
+nichts zu schaffen. Sie müssen stark sein, lieber Freund.
+Sie dürfen sich in Ihrer Überzeugung nicht erschüttern
+lassen.
+
+
+_Karinkel_
+
+In welcher Überzeugung meinen Sie?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+In _Ihrer_ Überzeugung. Ein Mann hat doch nur eine.
+
+
+_Karinkel_
+
+(etwas stupid)
+
+So. -- Im allgemeinen bin ich ja stark. Aber einen Menschen
+muß man doch haben, dem man sein Herz eröffnen kann. (Es
+klopft.) Herein!
+
+
+_Bienemann_
+
+(kommt; schmaler gelbgesichtiger Mann von etwa dreißig
+Jahren. Tartarenbart, Zwicker. Er hat das Phlegma
+intelligenter Leute, die viele überflüssige und langweilige
+Dinge reden müssen. Hinter diesem Phlegma verbergen sich
+Neugier, Bosheit, Resignation und Menschenverachtung).
+
+
+_Karinkel_
+
+Guten Morgen, Bienemann! Sind Sie schon fertig?
+
+
+_Bienemann_
+
+Guten Tag, meine Herren. -- Ja, ich wollte noch einige Punkte
+mit Ihnen besprechen ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Darf ich die Herren miteinander bekannt machen, Redakteur
+Bienemann, Professor Mettenschleicher von der königlichen
+Akademie der bildenden Künste.
+
+
+_Bienemann_
+
+Freut mich, freut mich.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ich bin Ihnen für den schmeichelhaften Artikel im Tagesboten
+sehr zu Danke verpflichtet, Herr Doktor.
+
+
+_Bienemann_
+
+Noch nicht, Herr Professor, noch nicht.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(verdutzt)
+
+Was --? was, -- noch nicht?
+
+
+_Karinkel_
+
+(ebenso)
+
+Ja ... was -- noch nicht?
+
+
+_Bienemann_
+
+Noch nicht Doktor, meine ich. Die #Honoris causa# ist noch
+nicht gegeben. Bienemann, ganz schmucklos Bienemann.
+
+Karinkel und Mettenschleicher
+
+(sehen einander an).
+
+
+_Karinkel_
+
+(mit dem Daumen über die Schulter weisend)
+
+Stolz? wie? Demokrat! Ganz schmucklos Bienemann! (Lacht.)
+Ausgezeichnet!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(geniert)
+
+Na, na! (Klopft Karinkel mit fürstlicher Leutseligkeit auf
+die Schulter.)
+
+(Klapperlärm. Ein Kellner kommt mit einer Platte, auf der
+das Frühstück in zwei Tellern dampft. Ein Amtsdiener eilt
+geschäftig voraus und säubert den Tisch. Beide entfernen
+sich wieder. Karinkel setzt sich mit strahlendem Gesicht,
+bindet die Serviette um den Hals und vergißt alle Sorgen.)
+
+
+_Bienemann_
+
+Mein Artikel hat Ihnen also gefallen, Herr Professor?
+
+
+_Karinkel_
+
+(kauend; taktlos)
+
+Na, hören Sie, Bienemann, wenn mir so viele Elogen gemacht
+würden, wäre ich auch nicht unzufrieden. Es war famos. Und
+sehr aktuell.
+
+
+_Bienemann_
+
+Das schon; einige giftgeschwollene Schlangen können sich
+nämlich nicht darüber beruhigen, daß das Denkmal so rasch
+fertiggestellt worden ist. Vor sechs Wochen hatten wir die
+Todesnachricht in der Zeitung, und heute thront bereits der
+Marmor da draußen. Es ist ja wirklich die reine Hexerei.
+
+
+_Karinkel_
+
+(kauend)
+
+Was geht die Leute das an? -- Diese geschmorten Stückchen da
+sind köstlich. Wollen Sie nicht zugreifen, Professor? Nein?
+Schade.
+
+
+_Bienemann_
+
+(tut verlegen)
+
+Freilich, das sag ich auch. Aber ein Mensch wie ich besteht
+aus lauter Ohren. Und so hör ich denn unter anderm das
+blödsinnige Gerücht, daß das Denkmal schon vorher fertig
+gewesen ist.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wieso? Vor dem Tod des Hockenjos? Mit solchen Dummheiten
+sollten Sie uns nicht kommen, Bienemann. Ich verstehe ja
+nichts von der Bildhauerei, aber unser verehrter Meister
+hier konnte doch nicht die Unsterblichkeit des Hockenjos
+voraussehen.
+
+
+_Bienemann_
+
+Das sag ich auch; es sei denn, man macht Denkmäler auf
+Lager. Was meinen Sie, Herr Professor?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(windet sich)
+
+Ich will nicht hinterm Berg halten ... es hat mit dieser
+Sache eine eigene Bewandtnis. Ich hatte doch, wie Ihnen
+vielleicht erinnerlich ist, den Auftrag, ein Monument für
+den verstorbenen Sanitätsrat Ulfinger zu schaffen --
+
+
+_Bienemann_
+
+(roh)
+
+Der die Schweinereien gemacht hat ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Schweinereien ist eine etwas starke Bezeichnung. Er war ein
+bedeutender Gelehrter, lebte aber leider Gottes über seine
+Verhältnisse, und ein halbes Jahr nach seinem Tod kamen die
+gefälschten Wechsel zum Vorschein. Es geschah alles, um den
+Skandal zu vermeiden, schließlich drang die Geschichte doch
+an die Öffentlichkeit, und das Denkmal konnte nicht
+aufgestellt werden. Meine ganze Arbeit war umsonst, der
+Marmor lag da --
+
+
+_Bienemann_
+
+Außerordentlich interessant!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Und da traf ich gerade unsern Freund Karinkel, der den noch
+unbestimmten Plan hegte, etwas zur Verschönerung des
+hiesigen Stadtbildes zu tun.
+
+
+_Bienemann_
+
+Aha! und weil der Hockenjos eben das Zeitliche gesegnet
+hatte --
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ja, so kamen wir überein --
+
+
+_Karinkel_
+
+(dankbar)
+
+Sie waren es, teurer Meister, der mir die Idee gab!
+
+
+_Bienemann_
+
+Wirklich, eine Fügung des Himmels, dieses Zusammentreffen
+der Umstände! Da hat also der gute Hockenjos quasi ein von
+Herrschaften abgelegtes Denkmal bekommen.
+
+
+_Karinkel_
+
+(zornig)
+
+Witzeln Sie nicht, Bienemann.
+
+
+_Bienemann_
+
+Aber Sie mußten doch Ihrem marmornen Sanitätsrat einen
+andern Kopf aufsetzen --?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+War merkwürdigerweise überflüssig. Die beiden Leute hatten
+eine gewisse Ähnlichkeit. Beide groß, ziemlich fett,
+langbärtig ... Außerdem, ein Denkmal ist doch ein Symbol.
+
+
+_Bienemann_
+
+Toll! einfach toll! Man lernt nie aus.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ich rechne selbstverständlich auf Ihre Diskretion. Außer
+Ihnen beiden weiß nur noch mein erlauchter Freund, der Prinz
+Albert, davon, ohne dessen Rat und Zustimmung ich etwas
+Derartiges überhaupt nicht unternehmen würde.
+
+
+_Bienemann_
+
+Das ist derselbe, der heute zur Enthüllung kommt?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Derselbe. Er liebt die schönen Künste. Sie können sicher
+sein, daß er auch auf Sie ein Auge haben wird.
+
+
+_Bienemann_
+
+(verbeugt sich)
+
+Oh! Danke sehr. -- Müssen Sie nicht auf den Bahnhof, Herr
+Bürgermeister?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Seine königliche Hoheit trifft ja erst um zwölf Uhr ein.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ja, aber um viertelzwölf kommt der Regierungspräsident. Weiß
+der Stadtrat Hannewickel, daß er sich mit den
+Ehrenjungfrauen aufzustellen hat?
+
+
+_Bienemann_
+
+Die Ehrenjungfrauen und der Veteranenverein sind schon in
+vollem Wichs.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Noch einen Vorschlag, meine Herren. Wie wäre es, wenn man
+heute noch ein Extrablatt drucken ließe, durch dessen Inhalt
+das Volk einige Aufklärung über die künstlerischen
+Verdienste des Malers Hockenjos erhielte?
+
+
+_Karinkel_
+
+Nicht schlecht ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Es ist in dieser Beziehung vieles versäumt worden --
+
+
+_Karinkel_
+
+Und man könnte die Verleumder damit zum Schweigen bringen.
+Nicht schlecht. Was meinen Sie, Bienemann?
+
+
+_Bienemann_
+
+Ein ziemlich teurer Spaß. Es fragt sich, ob die Interessen,
+die dabei im Spiele sind, eine solche Ausgabe fordern.
+
+
+_Karinkel_
+
+Es sind _ideale_ Interessen, mein Lieber. Dafür ist nichts
+zu teuer.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ideale Interessen? Entschuldigen Sie, meine Herren, aber an
+ideale Interessen glaub ich nicht. Sie auch nicht. Das
+Publikum auch nicht. Das ist eben das Heikle mit den idealen
+Interessen, daß niemand daran glaubt, weil zu viele ihren
+Vorteil daraus ziehen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Pfui, Bienemann! Beständig gießen Sie Ihr nüchternes Öl in
+die Wogen unserer Begeisterung.
+
+
+_Bienemann_
+
+Das ist mein Beruf.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ein trauriger Beruf.
+
+
+_Bienemann_
+
+Sie dürften damit den Nagel auf meinen Kopf getroffen haben,
+Herr Bürgermeister. Wer mit Papier gefüttert wird, dem
+wachsen keine Blumen auf der Zunge.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wenn Ihnen an meinem ferneren Vertrauen gelegen ist, so
+unterstützen Sie uns jetzt mit allen Ihren Kräften,
+Bienemann.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ich soll also gewissermaßen die öffentliche Meinung
+beruhigen ...
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ja ... wenn Sie es so betrachten ... obwohl, -- öffentliche
+Meinung gibt es nicht.
+
+
+_Karinkel_
+
+(bürstet seine Kleider)
+
+Die öffentliche Meinung sind wir.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Öffentliche Meinung ist die Konspiration der Dummköpfe.
+
+
+_Bienemann_
+
+Die Herren sind entschlossen, wie ich sehe. Allen Respekt.
+Nun, was an mir liegt, soll geschehen. Die Druckerpresse hat
+schon ganz andere Dinge gerechtfertigt als Denkmäler. Die
+Ingredienzen, aus denen man den Brei der
+Zeitungsunsterblichkeit kocht, sind billig zu haben. Die
+Hauptsache ist der Superlativ. Das ist das Universalrezept.
+Der Superlativ ist für den Leser, was neunzigprozentiger
+Fusel für einen Gewohnheitstrinker ist. Leider nützen sich
+die Superlative jetzt so stark ab, daß eine neue Steigerung,
+ein Über-Superlativ eine wahre Wohltat für die Menschheit
+wäre.
+
+
+_Karinkel_
+
+Das ist mir zu hoch, davon versteh ich nichts.
+
+
+_Bienemann_
+
+Na, schön. Ich will Ihnen einen Hockenjos hinstellen, der
+sich gewaschen hat. Ich werde Ihnen mit einer Verklärung
+aufwarten, daß der Mann in seinem Grab noch Lust zu einer
+Himmelfahrt bekommt. Ich tue einfach, als ob Tizian ein
+Zimmermaler und Feuerbach der kleine Moritz gegen ihn wäre.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Ich hoffe, daß diese Übertreibungen nur Ausflüsse einer
+momentanen Laune sind.
+
+
+_Bienemann_
+
+Nein, Herr Professor. Sie kennen den Abonnenten nicht. Wenn
+man dem Abonnenten einen neuen Mann glaubhaft machen will,
+muß man erst einen alten in Stücke reißen. Der Abonnent ist
+grausam, er will Blut sehen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich denke, wir überlassen Bienemann da am besten seinem
+Genius.
+
+
+_Bienemann_
+
+Keinesfalls werde ich etwas davon wissen, daß der arme
+Hockenjos in unserer Mitte beinahe verhungert ist. Daß er
+mit Hohn abgefertigt wurde, als er sich vor vier Jahren um
+das Staatsstipendium bewarb. Apropos, waren Sie es nicht
+selbst, Herr Professor, der diese Sache damals
+hintertrieb --?
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(ärgerlich)
+
+Mein Gott ja, ... ich kann nicht leugnen ... der Mann war mir
+_persönlich_ unsympathisch.
+
+
+_Karinkel_
+
+(ebenso)
+
+Wozu kramen Sie denn die alten Sachen aus?
+
+
+_Bienemann_
+
+Ich werde auch davon schweigen, daß das Publikum vor seinen
+Bildern Lachkrämpfe bekam und der Magistrat ihm das Atelier
+auf der Schanze kündigen ließ, aus Gründen, die der Anstand
+zu erwähnen verbietet.
+
+
+_Karinkel_
+
+(wie oben)
+
+Das war wegen der Modelle. Aber die Kunst, lieber Bienemann,
+wie soll ich sagen, die Kunst braucht eben keine Moral.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Na! na! Da muß ich bitten --
+
+
+_Karinkel_
+
+Das heißt, ich meine: die Moral braucht keine Kunst.
+
+
+_Bienemann_
+
+Um seine Auswanderung plausibel zu machen, werde ich sagen,
+daß ihn malerische Probleme in die Tropen zogen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sehr gut.
+
+
+_Bienemann_
+
+Und während er das Gefieder der Paradiesvögel studierte, um
+bisher unerhörte Farbenmischungen für seine Palette zu
+gewinnen, haben ihn die Eingeborenen erschlagen und
+verspeist.
+
+
+_Karinkel_
+
+(der sich die Zähne stochert, erschrocken)
+
+Verspeist --?
+
+
+_Bienemann_
+
+Höchstwahrscheinlich.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wissen Sie was? Setzen Sie sich gleich hier an meinen
+Schreibtisch und fangen Sie an. (Das Telephon klingelt, er
+eilt hin.) Hier Karinkel! Ja? Ja. Bitte. -- In der Redaktion
+will man Sie sprechen, Bienemann. (Während Bienemann zum
+Apparat geht.) Für uns ist es jetzt Zeit, lieber Professor.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Also gehen wir.
+
+
+_Bienemann_
+
+(am Telephon)
+
+Hier Bienemann. (Pause.)
+
+
+_Karinkel_
+
+(setzt sich den Zylinder auf)
+
+Ich bin neugierig, ob der Präsident eine Rede halten wird.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Er kann Seiner königlichen Hoheit nicht vorgreifen.
+
+
+_Bienemann_
+
+(am Telephon)
+
+Unsinn! -- Wie? Gesehen worden? Wo? In Aßmannshausen? Da lebt
+ja die Frau jetzt? So. Einen Liebhaber. So. Natürlich.
+Durchgeprügelt? Nein! Nicht möglich! Da hat man Ihnen einen
+Bären aufgebunden. Einen Bä--ren! Das wäre ja unerhört.
+
+
+_Karinkel_
+
+Was ist denn los?
+
+
+_Bienemann_
+
+(am Telephon)
+
+Ich gebe nichts auf solche Gerüchte. Schicken Sie einen
+verläßlichen Menschen hin. Schluß! (Läutet ab.) Recht
+heiter. Der Hockenjos soll in Aßmannshausen gesehen worden
+sein.
+
+
+_Karinkel_
+
+(wie erstarrt)
+
+Um Gottes willen, Mensch, was reden Sie da!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Das fehlte nur noch!
+
+
+_Bienemann_
+
+Er soll seine Gattin mit einem Viehhändler erwischt und den
+Galan windelweich geschlagen haben.
+
+
+_Karinkel_
+
+Aber lieber Bienemann, -- das ist ja um den Verstand zu
+verlieren ...
+
+
+_Bienemann_
+
+Ich halte das Ganze für einen blinden Alarm.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen.
+
+
+_Bienemann_
+
+Man will uns ins Bockshorn jagen.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Eine Frivolität sondergleichen.
+
+
+_Bienemann_
+
+Kümmern wir uns nicht darum.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wenn aber doch was Wahres dran ist ...
+
+
+_Bienemann_
+
+Bah! meine Informationen waren immer verläßlich. Wenn der
+Tagesbote jemand als tot meldet, dann ist er tot.
+
+
+_Karinkel_
+
+Es ist höchste Zeit. Wir müssen zur Bahn. Machen Sie sich
+nur gleich an die Arbeit, Bienemann. Lassen Sie uns nicht im
+Stich.
+
+
+_Bienemann_
+
+Auf Wiedersehen, meine Herren.
+
+
+_Karinkel und Mettenschleicher_
+
+(ab).
+
+
+_Bienemann_
+
+(setzt sich vor den Schreibtisch, zündet eine Zigarre an;
+behaglich)
+
+Was der Sybarit für einen weichen Lehnsessel hat! Wenn ich
+nicht Bienemann wäre, möchte ich Karinkel sein. (Legt das
+Papier zurecht.) Los also! Her mit euch, ihr bebänderten
+Adjektiva und geschniegelten Substantiva! ihr großmäulichen
+Interjektionen und schmetternden Exklamationen! ihr
+Metaphern, Hyperbeln und Epitheta! Ich rühr euch zusammen
+wie Mandeln und Rosinen in einem Kuchenteig, von dem die
+ganze Welt Verdauungsbeschwerden kriegt.
+
+
+_Abendrot_
+
+(tritt mit verstörtem Gesichtsausdruck unter die Türe;
+winkt)
+
+Herr Bienemann! -- Herr Bienemann!
+
+
+_Bienemann_
+
+Was gibt's? Ich habe keine Zeit.
+
+
+_Abendrot_
+
+(flüsternd)
+
+'s isch was Schreckliches passiert, Herr Bienemann ...
+
+
+_Karinkel_
+
+(kommt im Sturmschritt zurück, den Zylinder schief auf dem
+Kopf)
+
+Bienemann, wir sind verloren!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+(seine Würde mühsam bewahrend, ist Karinkel gefolgt)
+
+Eine Katastrophe!
+
+
+_Karinkel_
+
+(mehr heulend als redend)
+
+Der Abendrot hat ihn zuerst gesehen. In der Bahnhofsstraße
+hat er ihn gesehen. Mitten unter den Leuten.
+
+
+_Bienemann_
+
+Und hat ihn jemand erkannt?
+
+
+_Abendrot_
+
+Noi, noi ...
+
+
+_Bienemann_
+
+War er allein?
+
+
+_Abendrot_
+
+Ganz alleine.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Was für Maßregeln gedenken Sie zu treffen?
+
+
+_Karinkel_
+
+Er muß auf der Stelle fort.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ist bis jetzt etwas unternommen worden?
+
+
+_Karinkel_
+
+Kommissär Binder ist mit zwei Wachleuten ausgerückt.
+Hoffentlich gelingt es, den Kerl festzuhalten.
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Es ist eine entsetzliche Blamage.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich lasse ihn einsperren.
+
+
+_Bienemann_
+
+Überlegen wir die Sache gut, meine Herren, sonst kann's uns
+an den Kragen gehn.
+
+
+_Karinkel_
+
+(wild)
+
+Lassen Sie mich in Frieden mit Ihrem Kragen, Sie, Sie ...
+Unerschütterlicher!
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Es gibt nicht viel zu überlegen, hier heißt es handeln.
+
+
+_Bienemann_
+
+Also handeln wir.
+
+
+_Karinkel_
+
+Tun Sie mir nur den Gefallen, lieber Professor, und
+empfangen Sie den Präsidenten. Der Zug muß ja jeden Moment
+eintreffen. Irgend ein Würdenträger muß ihn doch begrüßen.
+(Das Telephon klingelt.) Großer Gott, was ist denn das schon
+wieder? (Bienemann eilt zum Telephon.)
+
+
+_Mettenschleicher_
+
+Gut ich gehe. (Ab. Ein Polizist tritt unter die offene Tür.)
+
+
+_Bienemann_
+
+(am Telephon)
+
+Ja? -- Ja! Eine Stunde früher? Danke. Schluß. (Läutet ab.)
+Der Hoftrain mit dem Prinzen trifft also um eine Stunde
+früher ein.
+
+
+_Karinkel_
+
+(der mit dem Polizisten gesprochen hat)
+
+Also der Kommissär Binder hat den Hockenjos verhaftet und
+ihn gleich in einen Wagen setzen lassen. Er ist jetzt in der
+Wachtstube.
+
+
+_Bienemann_
+
+Dort kann er nicht bleiben.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wie sagten Sie? Der Hofzug kommt um eine Stunde früher? Dann
+ist ja kein Augenblick mehr zu verlieren. Es ist elf Uhr.
+Mir ist ganz wirblig im Kopf. Wenn ich nur wüßte, wer an
+alledem schuld ist! (Ausbrechend.) Sie sind schuld,
+Bienemann! Sie haben seinerzeit die schwindelhafte
+Todesnachricht in die Zeitung gebracht.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ich weise Ihre Anschuldigungen zurück. Meine Pflicht ist zu
+schweigen und zu schreiben, aber nicht den Sündenbock zu
+machen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie sind ein ganz gefährliches Subjekt.
+
+
+_Bienemann_
+
+(verdrossen)
+
+Ich bin kein Subjekt, ich bin ein Prinzip.
+
+
+_Karinkel_
+
+Großer Gott, warum hast du mir das angetan! Bienemann,
+liebster Herzensbienemann, laufen Sie schleunigst auf die
+Wache. Sehen Sie zu, daß keine Dummheit begangen wird. Keine
+Menschenseele darf dem Hockenjos nahe kommen. Niemand darf
+mit ihm sprechen. Nehmen Sie noch ein paar Polizeileute zu
+Hilfe. Nötigenfalls lassen Sie ihn binden --
+
+
+_Bienemann_
+
+In Ketten legen --
+
+
+_Karinkel_
+
+Was Sie wollen ... (Man vernimmt Glockenläuten.) Um Himmels
+willen, mir scheint, der Hofzug fährt schon ein. Ich komme
+zu spät. (Ab.)
+
+
+_Bienemann_
+
+Es ist am besten, wir lassen den Delinquenten hierher
+transportieren. Hier ist er am sichersten.
+
+
+_Abendrot_
+
+Da hawe Se recht, Herr Bienemann.
+
+
+_Bienemann_
+
+Rennen Sie hin und sagen Sie es dem Binder.
+
+
+_Abendrot_
+
+(zur Tür, lauscht, kehrt um)
+
+Er bringt ihn schon von selber, der Kommissar ...
+
+
+_Bienemann_
+
+Na, der Mann denkt wenigstens. Denkende Menschen ersparen
+einem immer Laufereien. (Hockenjos und Kommissar Binder
+kommen.)
+
+
+_Binder_
+
+So, Meister Hockenjos. Jetzt habe ich Ihren Wunsch, Sie aufs
+Bürgermeisteramt zu führen, erfüllt, nun müssen Sie sich
+aber auch ganz ruhig verhalten.
+
+
+_Hockenjos_
+
+(großer, breitschultriger Mann. Haar und Bart sind stark
+ergraut. Er spricht schwer, aber nachdrücklich, in tiefem,
+meist humoristisch sordiniertem Baß; trägt vernachlässigte
+Kleider, einen breitrandigen Filzhut)
+
+Der Teufel soll Sie holen, Mann! Können Sie auf eine
+anständige Art erklären, weshalb Sie mich wie einen
+Sträfling behandeln, he?
+
+
+_Abendrot_
+
+P--scht! p--scht!
+
+
+_Binder_
+
+Sie müssen sich den behördlichen Anordnungen fügen.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Ich füge mich, weil es mir paßt. So steht die Sache. In die
+Suppe werd' ich euch schon spucken, darauf könnt ihr euch
+verlassen. Aber anders als ihr denkt. Wo ist denn der
+Oberkoch? Ah, Herr Bienemann! Freut mich, Sie zu sehen, Herr
+Redakteur. Sind Sie jetzt avanciert, weil Sie in der
+Bürgermeisterkanzlei sitzen?
+
+
+_Bienemann_
+
+(schmunzelnd, süßlich)
+
+Sprechen wir nicht von mir, Meister Hockenjos. Die
+interessante Person sind Sie. Wie kommen Sie denn her? von
+wo? Sie erscheinen ja wie ... wie ...
+
+
+_Hockenjos_
+
+Wie das Gespenst am Hochzeitstag, jawohl. Aber ich fühle
+mich gar nicht gespensterhaft. Zunächst will ich mich mal --
+unaufgefordert, Sie verzeihen schon -- hier niederlassen.
+So. Hier sitze ich, ich kann nicht anders.
+
+
+_Bienemann_
+
+Bitte sehr. Ruhen Sie sich nur aus. (Zu Abendrot, leise.)
+Suchen Sie den Bürgermeister auf und sagen Sie ihm, daß ich
+ihn hier in Gewahrsam halte. Aber Vorsicht! -- (Zu Binder.)
+Sie brauchen nicht hier zu bleiben. Es genügt, wenn Sie im
+Korridor einen Polizeidiener als Wache aufstellen. Es soll
+niemand hereingelassen werden. (Während Binder und Abendrot
+abgehen.) Wie ich aus Ihrem Verhalten schließen darf, ist
+Ihnen also die ganze Komplikation schon bekannt, Meister?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Komplikation nennen Sie diese Schurkerei? Auch recht.
+
+
+_Bienemann_
+
+Nun, man meint es gut mit Ihnen. Man sorgt für Ihren
+Nachruhm.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Hanswurste seid ihr.
+
+
+_Bienemann_
+
+Unterschreib ich unbesehen.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Aber mit meinem Leichnam werdet ihr nicht so kurzen Prozeß
+haben wie mit meinem lebendigen Korpus.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ich fürchte. Ich fürchte. Sie waren also in Aßmannshausen
+bei Ihrer Frau?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Reden Sie meinetwegen von meinem Nachruhm, Herr, obwohl das
+ein Gemüse ist, das keinem mehr schmeckt, wenn man's ihm
+auftischt, aber von meinem Weib reden Sie nicht. Die Fäuste
+tun mir noch weh, und das ist alles, was ich an Erinnerung
+behalten will. Ich sage Ihnen, ein Vieh ist der Mensch.
+Allerwegen treibt's ihn zum Stall zurück. Und wenn draußen
+die beste Weide ist, er denkt bloß an den Stall. Das
+schönste Futter läßt er liegen, das ihm der Herrgott
+spendet, und rennt zur Krippe, wo der Bauer spart und mit
+der Peitsche knallt.
+
+
+_Bienemann_
+
+(echt)
+
+Ja, zum Henker, warum sind Sie denn nicht dort geblieben in
+den wilden Gegenden, wenn es Ihnen schon nicht gefallen hat,
+das Zeitliche zu segnen? Es wäre besser für Sie und für uns.
+Jetzt haben wir bloß die Scherereien.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Glauben Sie, ich hätte den Ehrgeiz, Ihnen Scherereien zu
+ersparen? Im Gegenteil. Sie werden Ihre blauen Wunder
+erleben.
+
+
+_Bienemann_
+
+(resigniert)
+
+Na, wohl bekomm's.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Wie flink ihr seid, einen Toten leben zu lassen, während ihr
+dem lebendigen Menschen die Haut abzieht!
+
+
+_Bienemann_
+
+Mein Gott, die Zivilisation bringt eben manchen Übelstand
+mit sich. Sind Sie denn nun eigentlich dort unten gewesen
+bei den wilden Völkern?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Und ob, mein lieber Herr, und ob! War dabei, wie sechzig
+wackere Burschen aufgerieben worden sind von den braunen
+Satansbrüdern, und wäre nicht ein malaiisches Mädchen
+gewesen, das mich auf Gebirgswegen zur Küste führte, dann
+könnt ich heute eure Kirchweih dahier nicht stören.
+
+
+_Bienemann_
+
+Sie betrachten unsere Angelegenheit etwas zu vergnügt,
+scheint mir. Da haben Sie wohl große Strapazen erlitten?
+Aussehen tun Sie ja wie der leibhafte Odysseus.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Was wollen Strapazen schließlich bedeuten? Ist eine
+Herrlichkeit, wenn einem die Sonne immerfort bis in den
+Magen leuchtet. Dort ist der Mann ein Mann. Von Polizei
+nirgends die Spur. Und Blumen! und Vögel! und Bäume! Da weiß
+man erst, was Gott der Herr erschaffen, und warum er am
+siebenten Tag ausgeschnauft hat. Hier guckt einer dem andern
+auf die Finger, und schockweis fressen sie aus demselben
+Tiegel. Und ein Eifer, und ein Fleiß, und eine Wichtigkeit,
+aber ist's denn irgend jemandem Ernst? Tinte schwatzen sie.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ganz meine Meinung.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Sie sind auch so ein Kalfakter.
+
+
+_Bienemann_
+
+Verurteilen Sie mich nicht. Ich diene dem Gemeinwohl.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Gemeinwohl ... ein richtiges Tintenwort.
+
+
+_Bienemann_
+
+Durchaus nicht.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Möchten Sie mir nicht erklären, was Sie unter Gemeinwohl
+verstehen?
+
+
+_Bienemann_
+
+(trocken)
+
+Gemeinwohl ist das, was viele tun müssen, um einen einzelnen
+zu fördern.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Der Tausend! Mensch, Sie sind ja ein Zyniker!
+
+
+_Bienemann_
+
+Gott sei Dank, das bin ich. Diese Eigenschaft hab ich mir im
+Umgang mit Leuten erworben, die sich dadurch von mir
+unterscheiden, daß sie den Begriff Gemeinwohl anders
+definieren. (Stimmenlärm von der Straße.)
+
+
+_Hockenjos_
+
+Jetzt geht's los da drunten.
+
+
+_Bienemann_
+
+Ja. Ich bin nur neugierig, was wir mit Ihnen da oben
+anfangen werden.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Ich auch.
+
+
+_Bienemann_
+
+Sie haben also keine bestimmte Vorstellung über Ihre
+zukünftige Rolle bei dieser immerhin ungewöhnlichen
+Verwicklung?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Ich? Nein. Ich habe nur nicht die Absicht, mir meinen Platz
+in der Welt so ohne weiters wegstibitzen zu lassen. Wenn's
+auch nur ein ganz lumpiger Platz war, so ein
+Fünfzigpfennigplatz, auf dem Olymp ...
+
+
+_Bienemann_
+
+Das kann ich Ihnen nachfühlen. Als deklarierter Toter lebt
+sich's nicht sehr bequem.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Und noch dazu auf solche Manier deklariert ... (Erregt
+sich.) Wenn ihr wenigstens das Denkmal von einem anständigen
+Kerl hättet machen lassen. Aber von diesem Zuckerbäcker, dem
+Mettenschleicher! diesem Pfründner, der von der Kunst
+ungefähr so viel versteht wie ich vom Koloratursingen,
+diesem Eunuchen, der mit seiner Nase immer an den
+unanständigsten Gegenden prinzlicher Personen schnuppert, --
+daß ihr mich von dem habt verewigen lassen, das wurmt mich.
+
+
+_Bienemann_
+
+Wir haben halt Pech mit Ihnen. Jetzt ist es zu spät.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Mir wird schon übel, wenn ich das Zeugs da unter den Hüllen
+sehe. Wahrscheinlich so ein Marzipan-Engel, was?
+
+
+_Bienemann_
+
+Natürlich, was glauben Sie denn! Wir werden uns doch die
+Muse nicht entgehen lassen, die den Künstler auf die Stirne
+küßt!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Und mit zwei Flügeln, was?
+
+
+_Bienemann_
+
+Zwei Flügel. Ganz richtig. Wie sich's gehört.
+
+
+_Hockenjos_
+
+O, du Schuft!
+
+
+_Bienemann_
+
+Achtung, jetzt hör ich den Bürgermeister kommen.
+
+
+_Karinkel_
+
+(stürzt in höchster Eile herein)
+
+Das ist er also! (Starrt Hockenjos an.)
+
+
+_Hockenjos_
+
+(ironisch)
+
+So echauffiert, Herr Bürgermeister?
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie spotten wohl? Mir ist gar nicht spötterisch zumut.
+
+
+_Hockenjos_
+
+(brüsk)
+
+Was steht dem Herrn zu Diensten?
+
+
+_Karinkel_
+
+(wischt den Schweiß von der Stirn)
+
+Es wird Ihnen doch bekannt sein, daß wir eben im Begriff
+sind, die Enthüllung Ihres Denkmals zu feiern.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Jawohl. Ist mir zu Ohren gekommen. Das ist auch der Grund,
+weshalb ich da bin.
+
+
+_Karinkel_
+
+(einschmeichelnd)
+
+Sie werden doch einsehn, lieber Meister, daß Sie unmöglich
+in der Stadt bleiben können.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Sehe ich ohne weiters ein.
+
+
+_Karinkel_
+
+(hocherfreut)
+
+Das lob ich mir. Sie sind ein prächtiger Mensch.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Gewiß. Man muß bei mir nur den Herzpunkt treffen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Es wäre ja auch ein Mord, lieber Freund, ein moralischer
+Mord.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Ei wieso denn?
+
+
+_Karinkel_
+
+Sehr einfach. Jeder, der über diesen Platz an diesem Denkmal
+vorübergehen wird, eifert Ihnen nach, schaut zu Ihnen
+hinauf, bringt ebenfalls Großes hervor und nützt so wieder
+seinen Mitbürgern und der Stadt.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Das leuchtet mir beinahe ein.
+
+
+_Bienemann_
+
+Es ist so klar wie zweimalzwei.
+
+
+_Karinkel_
+
+(immer eifriger)
+
+Sie sind heute ... wie alt sind Sie?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Vierundfünfzig.
+
+
+_Karinkel_
+
+Vierundfünfzig. Wie alt wird der Mensch? Siebzig. Sagen wir
+fünfundsiebzig.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Gut. Sagen wir fünfundsiebzig.
+
+
+_Karinkel_
+
+Wegen dieser erbärmlichen zwanzig Jahre wollen Sie Ihre
+Unsterblichkeit aufs Spiel setzen?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Hm ... Finden Sie nicht, daß ein Sperling in der Hand besser
+ist --
+
+
+_Karinkel_
+
+Nein, nein, nein, vom idealen Standpunkt nein.
+
+
+_Bienemann_
+
+Durchaus nicht.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Was habe ich also nach Ihrer Ansicht zu tun?
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie müssen fort.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Es haben mich aber doch einige Leute gesehen ...
+
+
+_Karinkel_
+
+Das macht nichts; wir geben Sie für Ihren Doppelgänger aus.
+Wir bringen in der Zeitung eine kleine scherzhafte Notiz.
+Nicht wahr, Bienemann? Wir nennen ihn Mister Koch aus
+Pennsylvanien. Hahaha!
+
+
+_Bienemann_
+
+Das geht, das geht. »Ein heiteres Spiel des Zufalls fügte
+es« -- und so weiter.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie müssen Deutschland verlassen.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Mit Vergnügen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie müssen Europa den Rücken kehren.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Mehr kann ich aber unmmöglich für Sie tun.
+
+
+_Karinkel_
+
+(glücklich)
+
+Sie sind ein Engel von einem Mann. Mit Ihnen kann man ja
+ausgezeichnet reden. Da sieht man erst, wie schlecht man im
+Leben einander kennen lernt.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Langsam, langsam, bester Herr --
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie fahren also nach Amerika. Sie benutzen den Schnellzug,
+der um drei Uhr hier hält. Die Reisekosten --
+
+
+_Hockenjos_
+
+Langsam. Jetzt komme ich.
+
+
+_Karinkel_
+
+Die Reisekosten zahlen wir selbstverständlich --
+
+
+_Hockenjos_
+
+So billig denken Sie mich loszuwerden?
+
+
+_Karinkel_
+
+Na ja, man kann noch ein Übriges tun ...
+
+
+_Bienemann_
+
+(aus dem Hinterhalt hetzend)
+
+Ein kleines Douceur ...
+
+
+_Hockenjos_
+
+Ihre Propositionen haben Sie gemacht. Jetzt will ich die
+meinen machen.
+
+
+_Karinkel_
+
+(ängstlich)
+
+So ... Sprechen Sie nur frei von der Leber weg.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Wie viel hat Sie der Marmorhaufen da draußen gekostet?
+
+
+_Karinkel_
+
+Viel Geld; schändlich viel!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Na ... dreißigtausend --?
+
+
+_Karinkel_
+
+Mehr!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Also. Ich verlange nur so viel.
+
+
+_Karinkel_
+
+(wie mit der Nadel gestochen)
+
+Was? Sie sind toll!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Kommt denn das gegen die Unsterblichkeit in Betracht,
+verehrter Bürgermeister?
+
+
+_Karinkel_
+
+Mensch, es handelt sich ja um _Ihre_ Unsterblichkeit!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Mit der _Sie_ ein Geschäft machen wollen. So viel wie Sie
+für mein Denkmal ausgegeben haben, lieber Herr, habe ich
+mein ganzes Leben lang mit meiner Hände Arbeit nicht
+verdient. Ich verkaufe Ihnen meinen Leichnam für weniger
+Geld als Sie für seine Glorifikation ausgegeben haben. Ist
+das nicht kulant? Sie haben ja eine Ausstellung meiner
+Bilder veranstaltet. Sie haben ja allen möglichen
+blumeranten Quatsch darüber schreiben lassen. Die Bilder
+gehören Ihnen. Bezahlen Sie sie mir, so daß ich endlich
+einmal leben kann, denn hierzulande hab ich bis jetzt kein
+Leben geführt.
+
+
+_Karinkel_
+
+(jammernd)
+
+Aber, Mann! was kümmern mich Ihre Bilder!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Endlich ein Wort aus dem Herzen. Also kurz und bündig, Herr:
+ist Ihnen meine Willfährigkeit so viel wert oder nicht? Den
+Hanswurst spiel ich nimmer länger.
+
+
+_Karinkel_
+
+(verzweifelt)
+
+Wo soll ich so eine Menge Geld hernehmen? Bienemann helfen
+Sie mir doch! Überreden Sie ihn doch --
+
+
+_Hockenjos_
+
+(greift nach seinem Hut)
+
+Genug geredet. Ich werde jetzt eine kleine Unterhaltung mit
+meinem -- Doppelgänger führen.
+
+
+_Karinkel_
+
+Halt! halt! Ich will ja ... genügt eine Sicherstellung des
+Kapitals?
+
+
+_Hockenjos_
+
+Die genügt. (Sehr ernst.) Wenn ich nur was Sicheres habe.
+Was Sicheres brauch ich jetzt. Brot! Und Frieden.
+
+
+_Karinkel_
+
+(das Folgende sehr rasch)
+
+Man muß eine Anleihe aufnehmen.
+
+
+_Bienemann_
+
+Gibt es keine geheimen Fonds?
+
+
+_Karinkel_
+
+Wenn wir nur ein paar reiche Juden hätten ...
+
+(Beißt sich in die Finger.)
+
+
+_Bienemann_
+
+Zu überlegen ist keine Zeit.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich habe eine Idee. Ich beantrage im Gemeinderat den Bau
+eines Hockenjos-Museums, und das Geld verwend' ich
+einstweilen, um den Mann zu befriedigen.
+
+
+_Bienemann_
+
+Vortrefflich. Rechnen Sie auf mich.
+
+
+_Hockenjos_
+
+(am Fenster, mit Blick gegen das Denkmal)
+
+Da faseln sie von Kunst. Von Kunst faseln sie, die Hunde.
+Ruhm! Ha. Mich verlangt nach keinem Ruhm. Selbst wenn's
+ernst damit wäre. Alle Vorbehalte gehn dabei flöten. Ich
+will meine Vorbehalte haben. Will nicht von jedem Narren
+angesturt werden. Da ist man ja wie das Tor von einem
+Pfandhaus. Ich pfeif auf die Kunst. Sie ist viel zu groß für
+den schwachen Schädel. Kannst du den Großen groß sein? Die
+wandeln im Elysium, während du im Dreck kutschierst.
+Nützlich muß man sein. Und kaltblütig. Adieu, Städtchen!
+Dieses Amerika ist ja bloß ein paar Stunden weit von hier.
+Am Samstag, eh ich sterbe, komm ich mal übern Sonntag
+herüber.
+
+
+_Karinkel_
+
+(hat die Tür geöffnet, Abendrot hereingewinkt und mit ihm
+lebhaft geflüstert. Abendrot nickt mehrmals und geht wieder
+hinaus, Karinkel zu Hockenjos)
+
+Vom Fenster weg, um aller Heiligen willen!
+
+
+_Hockenjos_
+
+(gemächlich)
+
+Aber lieber Herr, wer denkt denn da drunten an mich!
+
+
+_Karinkel_
+
+Also, es wird alles geordnet. Nur noch eine Bedingung habe
+ich zu stellen.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Die wäre --?
+
+
+_Karinkel_
+
+Sie müssen sich den Bart abrasieren lassen.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Wenn es sein muß -- (Abendrot kommt mit einer Seifenschüssel,
+Pinsel und Rasiermesser.)
+
+
+_Karinkel_
+
+Es muß sein. Ich habe schon mit Abendrot gesprochen. Er
+versteht sich auf die Hantierung. Wir dürfen keinen Fremden
+mehr ins Vertrauen ziehn.
+
+
+_Kommissär Binder_
+
+(kommt)
+
+Herr Bürgermeister, es ist die höchste Zeit. Der Herr
+Professor Mettenschleicher führt soeben Seine königliche
+Hoheit zum Festplatz.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ich komme.
+
+
+_Bienemann_
+
+(am Fenster)
+
+Das Volk ist schon versammelt.
+
+
+_Karinkel_
+
+Geben Sie mir das Konzept meiner Rede, Bienemann.
+
+
+_Bienemann_
+
+Jaso, die Festrede. Hier. (Reicht ihm das Manuskript.)
+
+
+_Karinkel_
+
+Wie seh ich aus?
+
+
+_Bienemann_
+
+Tadellos.
+
+
+_Karinkel_
+
+Ist es wahr, Binder? Keine Flecken?
+
+
+_Binder_
+
+Da am Knie ist ein Spritzer ... (Bückt sich, reibt.)
+
+
+_Bienemann_
+
+Von der Bratensauce.
+
+
+_Karinkel_
+
+Schnell, schnell. Kommen Sie, Binder. Und Sie Bienemann,
+bleiben hier und passen gut auf. (Ab mit Binder.)
+
+
+_Abendrot_
+
+Wolle Se gefälligst Platz nehme, Herr?
+
+
+_Hockenjos_
+
+(setzt sich; zu Bienemann)
+
+Sie sind also der Verfasser der Festrede?
+
+
+_Bienemann_
+
+Jawohl. Ich bin des Bürgermeisters Tintenfaß. Er
+verschwendet geradezu meinen Geist. Eines Tages werde ich
+wegen Gehirnschwund der Armenkasse zur Last fallen.
+Vielleicht bekomm ich dann auch einen Denkstein. Die
+Inschrift wird lauten: Dem treuen Hohlkopf Bienemann sein
+väterlicher Blutegel Karinkel.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Der Mann ist sehr strebsam.
+
+
+_Bienemann_
+
+Strebsam, ja; das ist er. Für mich ist er vorbildlich.
+Geradezu ein Gattungsbegriff. Er war ein einfacher
+Schneider.
+
+
+_Hockenjos_
+
+(bereits mit abgeschnittenem Bart)
+
+Davon hat er was beibehalten.
+
+
+_Bienemann_
+
+Die ganze Stadt könnte man Karinkelei nennen. Der Schneider
+siegt auf der ganzen Linie.
+
+
+_Hockenjos_
+
+Sie sind bitter.
+
+
+_Bienemann_
+
+Bitter und (mit Blick auf Abendrot) unvorsichtig.
+(Musiktusch von draußen.) Aha, der Prinz!
+
+
+_Hockenjos_
+
+Na, Abendrot, was denken denn Sie bei dem Rummel?
+
+
+_Abendrot_
+
+(einseifend)
+
+Ich hab mer nie Gedanke gemacht über meine vorgesetzte
+Behörde.
+
+
+_Stadtrat Hannewickel_
+
+(tritt ein; ein schlottriger, schwerhöriger Greis)
+
+Entschuldige die Herre, ich möcht mir die Festlichkeit von
+owe ansehe. (Stutzt.) No, no, was isch denn das?
+
+
+_Bienemann_
+
+(ihm ins Ohr schreiend)
+
+Ein berühmter Zeitungsberichterstatter aus Amerika, Herr
+Stadtrat. Hat Eile, will dem Prinzen vorgestellt werden. Muß
+sich hier rasieren lassen. Mister Koch -- Herr Stadtrat
+Hannewickel.
+
+
+_Hannewickel_
+
+Merkwürdig, merkwürdig ...
+
+
+_Hockenjos_
+
+#How do you do,# Sir?
+
+
+_Bienemann_
+
+(ihm ins Ohr)
+
+Er erkundigt sich nach Ihrem Befinden.
+
+
+_Hannewickel_
+
+Dank schön. Dank schön. (Geht ans Fenster, öffnet es.)
+
+
+_Stimme Karinkels_
+
+Zum ersten Mal tritt die hohe Aufgabe an uns heran, dem
+Namen eines Mitbürgers zu huldigen, eines Mannes, der in
+unserem engsten Kreis gestrebt und geschaffen hat, eines
+großen, gottbegnadeten Künstlers.
+
+
+_Abendrot_
+
+Sie müsse den Kopf e bissele rechts halte ...
+
+
+_Stimme Karinkels_
+
+Wir sehen noch im Geist seine herrliche Gestalt durch unsere
+Gassen schreiten, wir können sein feuriges Auge nicht
+vergessen, wir spüren noch mit Ehrfurcht den Hauch seiner
+Gegenwart, die uns erhoben und über den Alltag entrückt
+hat ...
+
+
+_Hockenjos_
+
+Daß dich der Satan beiße ...
+
+
+_Abendrot_
+
+Nu müsse Se 'n Kopf e bissele links halte ...
+
+
+_Hannewickel_
+
+(zu Bienemann)
+
+Wie heischt jetz der Künschtler, dem Se's Denkmal g'setzt
+hawe?
+
+
+_Bienemann_
+
+(schreit ihm ins Ohr)
+
+Hockenjos!
+
+
+_Hannewickel_
+
+Richtig. Ich hab halt gar koi Gedächtnis mehr. Drei Sachen
+kann i mir überhaupt nimmer merke. Erschtens Zahlen.
+Zweitens Namen. Drittens ... Herrjeses, 's dritte haw' i
+vergessen.
+
+
+_Karinkels Stimme_
+
+Der Ruhm seines lichtstrahlenden Pinsels wird durch die
+Zeiten schimmern und unsern Söhnen ein Vorbild sein -- -- -- --
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch
+wurde auf Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die
+nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber
+dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+S. 021: sind die Geschehnisse wie Träume .. -> ...
+S. 021: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ...
+S. 050: die um Iwan wissen .. -> ...
+S. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf)
+S. 076: Die schönste die vornehmste -> schönste, die vornehmste
+S. 098: Händen anf dem Rücken -> auf
+S. 099: konnt' es doch nicht durft' es doch nicht kommen -> nicht, durft'
+S. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig
+S. 174: Pünklichkeit -> Pünktlichkeit
+S. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit
+S. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
+Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersezt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
+
+
+
+[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans
+of a first edition copy. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+p. 021: sind die Geschehnisse wie Träume .. -> ...
+p. 021: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ...
+p. 050: die um Iwan wissen .. -> ...
+p. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf)
+p. 076: Die schönste die vornehmste -> schönste, die vornehmste
+p. 098: Händen anf dem Rücken -> auf
+p. 099: konnt' es doch nicht durft' es doch nicht kommen -> nicht, durft'
+p. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig
+p. 174: Pünklichkeit -> Pünktlichkeit
+p. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit
+p. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text
+has been replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font# ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die ungleichen Schalen, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN ***
+
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+Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+ /* XML end ]]>*/
+ </style>
+ </head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Die ungleichen Schalen, by Jakob Wassermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die ungleichen Schalen
+ Fünf einaktige Dramen
+
+Author: Jakob Wassermann
+
+Release Date: November 27, 2006 [EBook #19940]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+
+<div class="titlepage">
+<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p>
+<h1>Die ungleichen Schalen</h1>
+
+<h3>F&uuml;nf einaktige Dramen<br />
+von</h3>
+
+<h2>Jakob Wassermann</h2>
+
+
+<h4>S. Fischer, Verlag, Berlin</h4>
+
+<h5>1912</h5>
+
+<p><a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a></p>
+<p class="copyright">Alle Rechte vorbehalten. Den B&uuml;hnen und Vereinen gegen&uuml;ber
+Manuskript. Das Recht der Auff&uuml;hrung ist allein durch
+S. Fischer, Verlag, Berlin W., B&uuml;lowstr. 90 zu erwerben.</p>
+
+<p class="copyright center">Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin.</p>
+</div>
+
+<p><a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a></p>
+
+<table class="toc">
+<caption>Inhalt</caption>
+
+<tr><td><a href="#Rasumowsky">Rasumowsky</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_9">9</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Gentz_und_Fanny_Elssler">Gentz und Fanny El&szlig;ler</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_59">59</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Der_Turm_von_Frommetsfelden">Der Turm von Frommetsfelden</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_107">107</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Lord_Hamiltons_Bekehrung">Lord Hamiltons Bekehrung</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_171">171</a></td></tr>
+<tr><td><a href="#Hockenjos">Hockenjos</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_237">237</a></td></tr>
+</table>
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>[Blank Page]</p> -->
+<div class="textbody">
+<p><a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="Rasumowsky" id="Rasumowsky"></a>Rasumowsky</h2>
+
+
+<p class="personen"><a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>Personen:</p>
+
+<ul class="personen">
+<li>Graf Alexei Grigorjewitsch Rasumowsky</li>
+<li>Rodion, sein Diener</li>
+<li>Michael Jefimowitsch Lassunsky, Kapit&auml;nleutnant der Leibgarden</li>
+<li>Fedor Alexandrowitsch Chidrowo, Rittmeister der Garde-Kavallerie</li>
+<li>Graf Grigorij Orlow</li>
+</ul>
+
+<p class="spielt">Spielt in Petersburg im Jahre 1763.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a></p>
+<p class="newsection dirlong">Ein altert&uuml;mlich ausgestatteter gro&szlig;er Raum im Hause
+des Grafen Rasumowsky. An der R&uuml;ckwand links ein
+gro&szlig;er Kamin, in welchem ein Holzfeuer brennt. &Uuml;ber
+dem Kamin das Portr&auml;t der Kaiserin Elisabeth Petrowna.
+Rechts ein erkerartiger Vorbau mit Fenstern gegen die
+Stra&szlig;e. In der rechten Seitenwand T&uuml;re in die &uuml;brigen
+Gem&auml;cher, in der linken der Ausgang zum Flur.</p>
+
+<p class="dirlong">Rittmeister <em class="gesperrt">Fedor Chidrowo,</em> ein junger Mann
+von 23 Jahren, geht aufgeregt umher. Nach kurzer
+Weile tritt Kapit&auml;nleutnant <em class="gesperrt">Michael Lassunsky</em> ein,
+von <em class="gesperrt">Rodion</em> gef&uuml;hrt, einem alten Kleinrussen.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p class="dircenter">(etwa im gleichen Alter wie Chidrowo)</p>
+
+<p>Sag meinem Oheim, da&szlig; ich ihn dringend
+sprechen mu&szlig;.</p>
+
+<p class="speaker">Rodion</p>
+
+<p>Eure Erlaucht werden gebeten zu warten. Seine
+gr&auml;fliche Gnaden ist noch bei der Morgenandacht.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Sag dem Grafen&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Rodion</p>
+
+<p>Es ist der strenge Befehl Seiner gr&auml;flichen
+Gnaden, ihn nicht bei der Morgenandacht zu
+st&ouml;ren.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Kerl, die Wichtigkeit&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>Rodion</p>
+
+<p>Hab strengen Befehl von Seiner gr&auml;flichen
+Gnaden&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Scher dich zum Henker. <em class="direction">(Rodion wirft Scheite
+in den Kamin, dann ab.)</em> Du hier, Fedor Alexandrowitsch?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Gr&uuml;&szlig; dich, Michael Jefimowitsch. Mu&szlig;t dich
+gedulden, warte ebenfalls schon lang.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Orlow ist auf dem Weg hierher.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p class="dircenter">(best&uuml;rzt)</p>
+
+<p>Das kann nicht sein.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Orlow ist auf dem Weg hierher.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Ist das eine Vermutung?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Eine Gewi&szlig;heit; wenigstens beinahe.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Beinahe ist keine Gewi&szlig;heit. Aber du bist so
+erregt&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Hab Grund dazu. Der Gro&szlig;kanzler Woronzow
+<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>ist an der Kasan-Kathedrale &uuml;berfallen
+worden.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Bei Gottes G&uuml;te, was sagst du da!</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Erwartet Alexei Grigorjewitsch nicht den Gro&szlig;kanzler?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Ja, Graf Woronzow hat mich geschickt, damit
+ich seine Ankunft melde. Aber&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Ich und Anenkow ritten als Eskorte hinter dem
+Wagen des Gro&szlig;kanzlers. Eine Horde betrunkener
+Soldaten dr&auml;ngt sich zwischen uns und die Karosse,
+und auf einmal sind wir abgeschnitten. Wir sehen
+nur noch, da&szlig; der Kanzler gezwungen wird, auszusteigen,
+dann haben sie ihn in ein Haus geschleppt.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Und ihr habt nicht dreingehaut?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Zwei gegen f&uuml;nfzig?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Das ist ja Aufruhr, Michael Jefimowitsch.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Anenkow ist in den Palast zur&uuml;ckgeeilt, ich
+hierher.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>Chidrowo</p>
+
+<p>Und du glaubst&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Ich glaube, da&szlig; Orlow hier sein wird, eh dort
+die Uhrzeiger gestreckt stehen.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Das sollte Orlow wagen?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Orlow wagt alles. <em class="direction">(Zur T&uuml;re, ruft hinaus.)</em>
+Rodion!</p>
+
+<p class="speaker">Rodion</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt)</p>
+
+<p>Erlaucht befehlen?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Ihr seid nicht an Besuch gew&ouml;hnt, Alter?</p>
+
+<p class="speaker">Rodion</p>
+
+<p>Nein, Erlaucht, wir leben sehr zur&uuml;ckgezogen.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Nun wohl, ihr werdet binnen kurzem Besuch
+erhalten, noch dazu sehr unwillkommenen. Sperr
+die Tore zu.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Sperr die Tore zu, Alter.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Ja, sperr die beiden Tore zu, das nach der
+Gasse und das nach dem Garten.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>Rodion</p>
+
+<p>Ist Gefahr f&uuml;r Seine gr&auml;fliche Gnaden?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Schwatz nicht, Alter, tu, was man dir befiehlt.
+<em class="direction">(Rodion ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p class="dircenter">(wirft sich in einen Sessel)</p>
+
+<p>Ich bin hin.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p class="dircenter">(ungest&uuml;m auf und ab gehend)</p>
+
+<p>Wie glaubst du, da&szlig; Alexei Grigorjewitsch die
+Nachricht aufnehmen wird?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Kann mich nicht erinnern, ihn je sonderlich erstaunt
+gesehen zu haben.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Das ist b&ouml;se.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Bah! wer viel staunt, handelt wenig.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>So viel sag ich dir: wenn die Kaiserin den
+Orlow heiratet, nehm ich meinen Abschied.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Nach Sibirien.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>Chidrowo</p>
+
+<p>Einem Orlow huldigen? Eher nach Sibirien.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Was k&ouml;nnen wir dagegen tun?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Die F&uuml;rstin Chilkow hat geweint, als sie davon
+erfuhr.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Die flennt, wenn man einem Huhn den Hals
+abdreht. Als Rakitin mit ihrem Wissen ihren
+Mann erschlug, hat sie keine Tr&auml;ne vergossen.
+<em class="direction">(Man h&ouml;rt Waffenl&auml;rm von der Stra&szlig;e.)</em> Horch&nbsp;&#8211;!
+<em class="direction">(Beide lauschen.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p class="dircenter">(n&auml;hert sich dem Erker)</p>
+
+<p>Nein &#8211; nichts. <em class="direction">(Stellt sich vor Lassunsky;
+ungest&uuml;m.)</em> Michael Jefimowitsch! Wir sollten hingehen
+und die Kaiserin bitten, es nicht zu tun.
+Haben wir ihr nicht auf den Thron geholfen?
+Wir alle? Wir sind bereit, f&uuml;r sie zu sterben, nur
+das, das eine, das nicht! Sie kann sich unsern
+Gr&uuml;nden nicht verschlie&szlig;en.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Sie wird aus deinen Gr&uuml;nden einen Strick
+f&uuml;r den Henker drehen.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>Chidrowo</p>
+
+<p>Herrgott, Michael Jefimowitsch, sie ist doch
+eine kluge Frau!</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Sie ist verliebt.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Was ist denn an einem Orlow zu lieben?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Was wir an ihm hassen.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Sein Ehrgeiz macht ihn verr&uuml;ckt.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Er ist sch&ouml;n, und stark wie ein B&auml;r.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Er hat keine Erziehung.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Umso weniger ist er gehemmt.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p class="dircenter">(leise durch die Z&auml;hne)</p>
+
+<p>Ich sage dir: er wird sie ermorden, so wie er
+den Zaren ermordet hat.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Dummkopf! Er war nur die Hand. Katharina
+<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>ist tausendmal schlauer als er. O, das ist ein Weib,
+mein Lieber, die steckt uns alle in den Sack.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Wo ist da die Schlauheit? Die Mariage ist
+projektiert. Es mu&szlig; ein Mittel gefunden werden,
+sie davon abzubringen.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Du bist Soldat und mu&szlig;t schweigen.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Schweigen kostet Herzblut.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Ich meinerseits will nicht Politik treiben, da
+hast du&#8217;s.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Aber die Z&auml;hne knirschen? Das ist auch eine
+Art von Politik und eine schlechte. Wie stumpf
+du bist!</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Stumpf?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Oder du wei&szlig;t mehr als du sagen willst.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Wohl m&ouml;glich. Vielleicht wirst du heute noch
+alles erfahren.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>Chidrowo</p>
+
+<p>Wie ist&#8217;s? warum wollte der Gro&szlig;kanzler mit
+Rasumowsky verhandeln?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Ist dir nicht bekannt, da&szlig; Alexei Grigorjewitsch
+heimlich verm&auml;hlt war mit der verstorbenen Kaiserin
+Elisabeth Petrowna?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Dies ist mir wohl bekannt, allein &#8211; wie h&auml;ngt
+das zusammen?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p class="dircenter">(sieht sich um)</p>
+
+<p>Schweig, schweig.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Im Hause Rasumowskys sind die W&auml;nde
+taub.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Nicht um die W&auml;nde handelt sich&#8217;s. <em class="direction">(Steht
+auf.)</em> Aber er! Er! Dieser furchtlose Mann! Der
+furchtloseste, der in Ru&szlig;land lebt. Wie ich ihn
+verehre, Fedor Alexandrowitsch! W&uuml;&szlig;test du wie
+ich ... In wunderbarer Verschwiegenheit ist er
+der Geliebte einer Kaiserin gewesen. Niemals hat
+ihn eine Miene, nie ein L&auml;cheln verraten. Nie hat
+er Schacher getrieben mit seinem Gl&uuml;ck. Nie war
+er ungerecht. Und jetzt <em class="direction">(schmerzlich)</em> jetzt soll er sich
+<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>ausliefern. Weil ein Orlow mit der Vergangenheit
+dieses gerechten Mannes seine Zukunft gr&uuml;nden
+will!</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Ausliefern? Ich verstehe dich nicht, Michael
+Jefimowitsch. Kein Wort verstehe ich von allem
+was du sagst.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p class="dircenter">(kummervoll)</p>
+
+<p>Und er wird Grigorij Orlow empfangen. Er
+wird ihn einlassen, ich wei&szlig; es.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Du meinst, weil er sich nicht getrauen wird, den
+ersten G&uuml;nstling der Krone von seiner T&uuml;re zu
+weisen?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Nicht deshalb, Fedor Alexandrowitsch, nicht deshalb.
+Sondern eben, weil er so gerecht ist. Und
+wenn Orlow vor ihm steht, dieser Sturmwind, dieser
+Leopard, kannst du ermessen, was dann geschieht?
+Mich jammert&#8217;s, Fedor Alexandrowitsch, und ich
+f&uuml;hle mich machtlos. Die Dinge geschehen, und
+wir sind machtlos.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Du schwaches russisches Herz! So will ich dir
+sagen: Rasumowsky wird Grigorij Orlow nicht
+empfangen.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>Lassunsky</p>
+
+<p class="dircenter">(aufmerksam)</p>
+
+<p>Schon vorhin hast du angedeutet, da&szlig; Orlow
+es nicht wagen w&uuml;rde ... Da steckt was dahinter.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Wei&szlig;t du nicht, was sich am Ostertag auf der
+Morskaja zugetragen hat?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Kein Sterbenswort.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Wahrlich, in unserm Leben sind die Geschehnisse
+wie <ins class="correction" title="Transcriber's note: original has two dots only">Tr&auml;ume ...</ins> <em class="direction">(Fa&szlig;t sich an die Stirn.)</em> So kurz
+die Zeit, so weit entr&uuml;ckt. <em class="direction">(Besinnt sich.)</em> So war&#8217;s&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Erz&auml;hle, Fedor <ins class="correction" title="Transcriber's note: original has two dots only">Alexandrowitsch ...</ins> mir ist jetzt
+selbst als h&auml;tten sie in der Wachtstube davon berichtet.
+Zuviel dr&auml;ngt sich in einen Tag.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>So war&#8217;s ... <em class="direction">(Mit Gesten, als ob er auf einen
+Plan wiese.)</em> Da ist die Morskaja. Da ist die Gasse
+von den Kasernen. Da ist eine enge Gasse zum
+Newski-Prospekt. Orlow hatte die Regimenter Astrachan
+und Ingermanland zum Gehorsam gezwungen.
+Mit seinen zwanzig oder drei&szlig;ig Getreuesten
+st&uuml;rmt er zum Winterpalast, um es der Kaiserin
+<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>zu melden. Rast auf seinem Gaul an der Spitze
+der Schar mitten durch die Stadt. Die Funken
+spritzen, das Pflaster dr&ouml;hnt. So gelangen sie
+auf die Morskaja. Da spielen zwei Kinder auf
+der Stra&szlig;e, sch&ouml;ne, blonde Kinderchen, ein M&auml;dchen
+und ein Knabe, sitzen friedlich da und spielen.
+Denken offenbar, die Reiter werden ausweichen,
+denn die Stra&szlig;e ist ja breit, und so staunen sie
+dem Schauspiel entgegen und freuen sich. Orlow
+aber sprengt mittenwegs auf sie zu, als k&ouml;nnt er
+nicht, wollt er nicht aus der Bahn, zu sp&auml;t rufen
+Leute aus den Fenstern, strecken die Arme, zu sp&auml;t
+erkennen die Kleinen die Gefahr und starren, g&uuml;tige
+Unschuld, wie wenn ihr Schutzpatron sie geblendet
+h&auml;tte. Orlow fletscht die Z&auml;hne, spornt noch das
+Ro&szlig;, starrt gerade vor sich hin, als s&auml;he er
+nichts, Weiber kreischen, M&auml;nner st&uuml;rzen aus den
+H&auml;usern ... alles umsonst, die beiden M&auml;uschen
+sind unter den Hufen verschwunden, eh&#8217; man&#8217;s
+denkt, zerrissen, zertreten, und man schaut nur noch
+blutige Klumpen.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>O Menschheit!</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Im selben Augenblick kommt Alexei Rasumowsky
+aus der engen Gasse, wohin die Reiter wollen,
+<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>und vor der sie sich stauen wie Wasser vor einem
+Wehr. Rasumowsky blickt hin &uuml;ber die Luft, blickt
+hin auf die blutige Erde und ruft: Graf Orlow!
+Orlow rei&szlig;t den Z&uuml;gel und h&auml;lt. Die hinter ihm
+sind, vom tollen Ritt noch, mit ihren G&auml;ulen
+dicht an ihn gedr&auml;ngt. Ganz stille wird&#8217;s auf
+einmal. Graf Orlow! ruft Alexei Grigorjewitsch
+und hebt den Arm, die gemordeten Seelchen werden
+sich um deine F&uuml;&szlig;e klammern, wenn du vor Gottes
+Thron gehst. Mit nichten wirst du schreiten
+k&ouml;nnen, mit nichten.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Und Orlow? hat er geantwortet?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Nun geschah das Sonderbare. Orlow zieht
+den Dolch, beugt sich vor, schlie&szlig;t wie im Krampf
+die Augen und st&ouml;&szlig;t seinem Pferd von oben her
+den Stahl mitten in die Brust. W&auml;hrend das
+Tier zusammenbricht, springt er ab, geht an Rasumowsky
+vor&uuml;ber, gr&uuml;&szlig;t ihn schweigend und setzt
+schweigend und bleich seinen Weg zu Fu&szlig; fort.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>R&auml;tselhaft.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>So hat mir&#8217;s der Hauptmann Woropanow erz&auml;hlt,
+der an Orlows Seite ritt.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>Lassunsky</p>
+
+<p>Was war der Zweck solcher Tat?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Sicherlich tr&auml;gt er gl&uuml;henden Ha&szlig; gegen Alexei
+Grigorjewitsch.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Das d&uuml;nkt mich unwahrscheinlich.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Wie ... unwahrscheinlich&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Es sieht wie Demut und Bu&szlig;e aus, was er
+getan.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Hohn ist&#8217;s, sag ich dir, Hohn und Bosheit.
+Seine Blutgier wollte noch ein Opfer haben.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Warum sollt es nicht Scham und Reue gewesen
+sein?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Willst du Orlow verteidigen? Sch&ouml;nf&auml;rben den
+w&uuml;sten Mord?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Fast k&ouml;nnt ich Mitleid haben mit ihm.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>So seid ihr alle, lammsherzig und matt.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>Lassunsky</p>
+
+<p>Acht&#8217; auf deine Worte.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Acht&#8217; du auf deine Freiheit, auf deine M&auml;nnlichkeit!</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>St&uuml;nden wir nicht hier, Fedor Alexandrowitsch&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p class="dircenter">(wild)</p>
+
+<p>Hier oder anderswo. Wer gut von Orlow redet,
+spricht schlecht von mir.</p>
+
+<p class="dirlong">(Graf Alexei Rasumowsky tritt langsam von rechts
+ein. Er ist mit einem langen, schwarzen Sammetgewand
+bekleidet und hat eine goldne Kette um den Hals. In
+der Hand tr&auml;gt er die Kasansche Bibel. Er erscheint
+zun&auml;chst h&auml;&szlig;lich mit seinem eingefallenen, alten, mi&szlig;trauisch
+finstern Gesicht, an dem die Backenknochen stark hervortreten
+und die schneewei&szlig;en Brauen wie dicke W&uuml;lste
+h&auml;ngen, indes der Kinnbart sch&uuml;tter und zottig ist. Aber
+sein Wesen hat eine bewundernswerte W&uuml;rde, und wenn
+er, um zu schauen, die Lider hebt, was nicht h&auml;ufig geschieht,
+ist sein Blick strahlend rein und von seltsamer,
+kindlicher Wehmut. Die beiden Offiziere wenden sich von
+einander und begr&uuml;&szlig;en ihn mit schweigender tiefer Verbeugung.)</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>Rasumowsky</p>
+
+<p>Streit in meinem Hause? <em class="direction">(Langes Schweigen.)</em>
+Was ist geschehen, Rittmeister Chidrowo, da&szlig; Ihre
+Augen so funkeln?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p class="dircenter">(finster)</p>
+
+<p>&Uuml;ble Neuigkeiten, Erlaucht.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Nichts Schlimmeres in der Welt als Neuigkeiten.
+Weshalb sind Sie hier, zu so fr&uuml;her Stunde?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Ich sollte den Gro&szlig;kanzler Woronzow anmelden.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Graf Woronzow ist auf der Fahrt hierher von
+Soldaten &uuml;berfallen worden.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Hat Ru&szlig;land keinen Zaren mehr?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Es hat eine Zarin.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Gott schenke ihr Weisheit. <em class="direction">(Kopfsch&uuml;ttelnd.)</em>
+Woronzow auf dem Weg zu mir ... Was hat
+das zu bedeuten?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>Lassunsky</p>
+
+<p>Die Zarin hat den Kanzler wegen der neuen
+Mariage zu Euer Erlaucht geschickt.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Wegen der neuen Mariage? Bin ich ein Pope?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Der Kanzler sollte eine geheime Erkundigung
+einziehen.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(l&auml;&szlig;t sich auf dem Armsessel vor dem Kamin nieder und
+legt die Bibel auf seinen Scho&szlig;)</p>
+
+<p>Das geh&ouml;rt auch zu den Neuigkeiten der Welt,
+da&szlig; mit lauter Geheimnissen regiert wird.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Die Sache verh&auml;lt sich so, Erlaucht: Da ganz
+Petersburg gegen die projektierte Heirat der Zarin
+mit Orlow gestimmt ist, so hat man endlich ein
+Mittel gefunden, um die Geister zu beschwichtigen,
+man hat auf die Ehe Euer Erlaucht mit der verstorbenen
+Kaiserin Elisabeth Petrowna hingewiesen.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Wie? So weit h&auml;tte man sich vermessen? Und
+wem ist dieser schamlose Gedanke gekommen?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Offenbar stammt er von den Br&uuml;dern Orlow.
+Was ihr f&uuml;r unm&ouml;glich haltet, sagten sie, ist ja
+<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>schon einmal geschehen, ohne da&szlig; die Welt eingest&uuml;rzt
+ist. Graf Rasumowsky ist ja da, gehen
+wir hin zu ihm.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Die Narren!</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Und was sagte die Kaiserin dazu?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Die Kaiserin soll gesagt haben: von dieser Ehe
+wei&szlig; die Welt nichts, aber wenn ihr mir den
+schriftlichen Beweis erbringt, da&szlig; zwischen dem
+Grafen Rasumowsky und der hochseligen Zarin
+eine Heirat wirklich stattgefunden hat, will ich mich
+f&uuml;gen.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Das hat die Kaiserin gesagt?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Doch als die Orlows sich anheischig machten,
+zu Euer Erlaucht zu gehen, wollte die Kaiserin
+pl&ouml;tzlich nichts davon wissen. Sie gebot, da&szlig; Graf
+Woronzow den Auftrag &uuml;bernehmen sollte, vielleicht
+weil sie den Ungest&uuml;m der Br&uuml;der Orlow
+f&uuml;rchtete, vielleicht, weil sie in Wirklichkeit gar
+nicht w&uuml;nscht, was sie zu w&uuml;nschen scheint. Heut
+um die achte Stunde befahl der Kanzler seinen
+Wagen, und vor der Kasan-Kathedrale geschah es
+dann&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>Chidrowo</p>
+
+<p class="dircenter">(am Fenster, mit ausgestreckter Hand)</p>
+
+<p>Da sind Orlows Leute! <em class="direction">(Stimmen und Waffenl&auml;rm
+vor dem Haus.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(steht auf)</p>
+
+<p>Und du vermutest, da&szlig; der &Uuml;berfall vom Grafen
+Orlow angestiftet worden ist? <em class="direction">(Schaut gegen den
+Erker.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Ja, Erlaucht.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>So w&auml;re es augenscheinlich, da&szlig; Orlow dem
+Befehl der Kaiserin zuwidergehandelt hat&nbsp;&#8211;?
+<em class="direction">(Man h&ouml;rt heftiges Klopfen am Tor.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Sie begehren Einla&szlig;.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(erstaunt)</p>
+
+<p>Einla&szlig; begehren sie? Das Tor ist offen.
+War&#8217;s denn nicht auch f&uuml;r euch ge&ouml;ffnet?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p class="dircenter">(z&ouml;gernd)</p>
+
+<p>Ich habe die Tore schlie&szlig;en lassen.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Die Tore <em class="gesperrt">meines</em> Hauses?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>Chidrowo</p>
+
+<p>Ich denke, Erlaucht, man kann nicht mehr
+daran zweifeln, da&szlig; Orlow den Kanzler &uuml;berfallen
+lie&szlig;, um ihn dingfest zu machen.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Die Tore <em class="gesperrt">meines</em> Hauses? <em class="direction">(Lassunsky senkt
+schweigend den Kopf.)</em> Soll Orlow glauben, da&szlig; ich
+vor ihm zittere?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Wie, Erlaucht, Sie wollen Orlow empfangen?
+<em class="direction">(Erneutes Pochen von unten.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Geh, Michael Jefimowitsch, und sag, da&szlig; das
+Tor aufgesperrt werde.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p class="dircenter">(flehend)</p>
+
+<p>Erlaucht&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Klang es doppelz&uuml;ngig, was ich gesagt?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p class="dircenter">(geht schweigend ab&nbsp;&#8211;)</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p class="dircenter">(verschr&auml;nkt die Arme; vor sich hin)</p>
+
+<p>Verloren, M&uuml;tterchen Ru&szlig;land, verloren&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>Rasumowsky</p>
+
+<p>Eure Gro&szlig;m&auml;uligkeit, was ist sie nutze? Ist
+euer Nein Vernunft, euer Ja &Uuml;berlegung? Ich will
+sehen. Sehen und h&ouml;ren will ich, dazu gab mir
+Gott Augen und Ohren. Und wenn ich gesehen
+und geh&ouml;rt habe, dann will ich w&auml;gen, dazu hat
+mir Gott die Erfahrung eines langen Lebens zuteil
+werden lassen.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt zur&uuml;ck)</p>
+
+<p>Major Nischinski ist es, man hat ihn vorausgesandt,
+um Euer Erlaucht den Grafen Orlow zu
+melden.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Ich bin bereit.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p class="dircenter">(noch leiser als oben)</p>
+
+<p>Verloren, M&uuml;tterchen Ru&szlig;land, verloren&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Ich sagte ihm, da&szlig; ich die Meldung &uuml;bernehmen
+will.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(wie mit sich selber redend)</p>
+
+<p>In ein Antlitz zu schauen, das hei&szlig;t, Entschl&uuml;sse
+vom Schicksal selbst empfangen. L&auml;ufst du hinauf
+die steile Bahn, Orlow, ohne da&szlig; dein Herz klopft,
+<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>so will ich pr&uuml;fen, was f&uuml;r ein Ruf dich ereilt,
+was dich zaudern macht, was dich feurig macht,
+was dich grausam macht, was dich weckt. <em class="direction">(Ekstatisch
+bewegt.)</em> Nicht richten will ich, nur Werkzeug
+eines Richters sein und handeln &#8211; wie ich mu&szlig;.
+<em class="direction">(Mit der fr&uuml;heren Stimme.)</em> Michael Jefimowitsch!</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p class="dircenter">(der das Gesicht abgewandt und die eine Hand &uuml;ber die
+Augen gelegt hatte)</p>
+
+<p>Erlaucht&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Wie geht es meiner Nichte Sofia?</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Wir erwarten t&auml;glich ihre Niederkunft, Erlaucht.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Bete f&uuml;r einen Knaben. Gott schenk uns Helden.
+<em class="direction">(Man h&ouml;rt Schritte, Stimmengesurr, S&auml;belklirren.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Rodion</p>
+
+<p class="dircenter">(rei&szlig;t die T&uuml;re auf, feierlich)</p>
+
+<p>Der General-Adjutant Kammerherr Graf Orlow.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dirlong">(tritt s&auml;bel- und sporenklirrend ein. Er tr&auml;gt die Uniform
+der Preobraschenskyschen Leibwachen. Seine Gestalt
+ist &auml;u&szlig;erst schlank, sein Gesicht kalt, bleich, hochm&uuml;tig
+und etwas verw&uuml;stet. Die Z&uuml;ge verraten eine kaum zu
+<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>b&auml;ndigende Leidenschaftlichkeit. Er wei&szlig; um seine Sch&ouml;nheit,
+ist eitel darauf und verachtet sie zugleich. Seine
+H&auml;nde sind fein und lang. Er verbeugt sich tief vor
+Rasumowsky, die beiden Offiziere scheint er zu &uuml;bersehen.)</p>
+
+<p>Ich komme hoffentlich nicht zu ungelegener
+Stunde, Graf Alexei?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p class="dircenter">(kaum h&ouml;rbar)</p>
+
+<p>Verloren, M&uuml;tterchen Ru&szlig;land, verloren&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Michael Jefimowitsch, du wirst die G&uuml;te haben,
+dr&uuml;ben im gelben Zimmer zu warten.</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p>Wir wollen keinesfalls st&ouml;ren.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Auch Sie, Fedor Alexandrowitsch, m&ouml;gen warten,
+wenn es Ihnen gef&auml;llig ist.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p>Wenn es erlaubt ist, will ich warten. <em class="direction">(Ab mit
+Lassunsky nach rechts.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Nehmen Sie Platz, Graf Orlow. <em class="direction">(Er setzt sich,
+legt die Bibel aus der Hand.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(setzt sich gleichfalls)</p>
+
+<p>Da&szlig; ich nicht mit einer langen Vorrede l&auml;stig
+<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>falle, Erlaucht: Wie Ihnen bekannt sein d&uuml;rfte,
+hat sich Ihre Majest&auml;t, die Kaiserin, entschlossen
+zu heiraten.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(bed&auml;chtig)</p>
+
+<p>Wieder zu heiraten.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Zar Peter ist tot.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Doch war er gekr&ouml;nter und gesalbter Zar von
+Ru&szlig;land.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Ihm folgte von Gottes Gnaden Katharina.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Ich unterwerfe mich dem&uuml;tig ihrem m&auml;chtigen
+Willen.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Ihre erhabene Majest&auml;t hat ihr Herz an einen
+Unw&uuml;rdigen verschenkt, den sie aus dem Staub
+zu sich auf den Thron erheben will. Dieser Unw&uuml;rdige
+befindet sich vor Ihnen, Erlaucht.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Und schaudert Ihnen nicht vor solcher Erhebung,
+Graf Orlow? Da&szlig; Sie mit Worten der Bescheidenheit
+davon sprechen, steht Ihnen wohl an. Ich
+hatte es nicht erwartet.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>Orlow</p>
+
+<p>Da&szlig; ich endlich einen Mann finde, dem ich
+mein volles und bedr&uuml;cktes Gem&uuml;t er&ouml;ffnen kann!
+<em class="direction">(Emphatisch.)</em> Warum hat uns das Geschick nicht
+fr&uuml;her einander n&auml;her kommen lassen!</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Mein Los ist Einsamkeit seit langem, Graf
+Orlow. Fast kenne ich die Welt nicht mehr, und
+fremd ist mir geworden, was sich au&szlig;erhalb dieser
+Schwelle begibt.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>So dacht ich mir&#8217;s, Erlaucht, und nur mit
+frommen Empfindungen bin ich genaht.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Unheilig war stets, was mir von drau&szlig;en kam,
+das ist wahr. Doch liebe ich die Jugend, wenn
+schon vieles mir unbegreiflich an ihr ist.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(geschmeidig und beredt)</p>
+
+<p>Wie Sie leicht ermessen k&ouml;nnen, Erlaucht, begegnet
+die edle Absicht der Kaiserin dem Widerstand
+aller Gro&szlig;en des Reichs. Man beneidet
+mich, man legt mir Fallstricke, man zettelt Verschw&ouml;rungen
+an, ja man schreckt nicht vor offenbaren
+Beleidigungen zur&uuml;ck, denen mein Gleichmut
+unm&ouml;glich gewachsen ist.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>Rasumowsky</p>
+
+<p>Ja, ja, ja. Es ist geblieben, wie es immer
+war.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Ich habe mich beherrschen gelernt, Erlaucht.
+Mein Vater hat mich in Demut und Gehorsam
+erzogen. Niemals, in meinen verwegensten Tr&auml;umen
+nicht, konnte ich ahnen, da&szlig; der Blick meiner
+gn&auml;digen Herrscherin auf mich fallen w&uuml;rde. Wer
+kann es mir verargen, Erlaucht, da&szlig; mein ganzes
+Blut sich in Hingebung f&uuml;r diese Frau entflammte,
+da&szlig; ich bereit bin, meine Seligkeit f&uuml;r sie zu opfern,
+da&szlig; mir nichts m&uuml;hevoll, nichts unerreichbar mehr
+erscheint, seitdem sie mich erw&auml;hlt hat?</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Wohl kann ich dies verstehen, Graf Orlow.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(schw&auml;rmerisch)</p>
+
+<p>O, ich wu&szlig;te es, Erlaucht, ich wu&szlig;te es. Dank,
+allen Dank meines armen Herzens.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Ein Herz wie das Ihre ist nicht arm, Graf
+Orlow.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Doch scheint mir&#8217;s so in Ihrer N&auml;he. Aber
+h&ouml;ren Sie weiter, Erlaucht. Vor wenigen Tagen
+<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>wurde die Zarin, deren Geist in qu&auml;lender Unschl&uuml;ssigkeit
+irgend einen Weg suchte, von einem
+ruchlosen Ratgeber auf Ihre Ehe&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(unterbricht hastig)</p>
+
+<p>Ich wei&szlig;, ich wei&szlig;&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Sie wissen, Erlaucht? Ich atme auf. Dies
+mindert die Schwierigkeit meiner Sendung.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Ich bin erstaunt, da&szlig; Ihre Majest&auml;t ein solches
+Mittel n&ouml;tig zu haben glaubt. Jede Handlung
+ist gerechtfertigt, die sie guthei&szlig;t.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Ganz meine Meinung, Erlaucht. Aber Katharina
+ist gewissenhaft und dankbar, zwei Eigenschaften,
+die den F&uuml;rsten das Regieren erschweren.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Und Ihre Mission ist also&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Der Plan war, den Gro&szlig;kanzler zu schicken&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(nickt)</p>
+
+<p>Auch dies ist mir bekannt.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>Orlow</p>
+
+<p>Ich wollte es um jeden Preis verhindern, selbst
+auf die Gefahr, ungehorsam gegen meine Wohlt&auml;terin
+zu sein. Der Kanzler Woronzow ist ein
+vortrefflicher Diener, aber er ist nur ein Diener.
+Seine Rauheit, sein m&uuml;rrisches Wesen, seine Unf&auml;higkeit,
+zarte Dinge zart zu packen, h&auml;tte Sie unbedingt
+verletzt, Graf Alexei. Ich begriff das Ungeheuerliche
+des Auftrags wie die Delikatesse, mit
+der er behandelt werden mu&szlig;te, vom ersten Augenblick
+an. Ich habe tief mit Ihnen gef&uuml;hlt, Erlaucht,
+ich f&uuml;rchtete die Dazwischenkunft des Kanzlers, und
+&#8211; ich habe ihn gefangen setzen lassen.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Was Sie getan haben, ist h&ouml;chst tadelnswert,
+Graf Orlow, doch kann ich dem Edelmut, der Sie
+antrieb, meine Bewunderung und meinen Dank
+nicht versagen.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Und so bin ich gekommen &#8211; <em class="direction">(zaudert.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Gekommen&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(leise, als sch&auml;me er sich)</p>
+
+<p>Sie um die Dokumente Ihrer Ehe mit der
+Zarin Elisabeth Petrowna zu bitten.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>Rasumowsky</p>
+
+<p>Mein Erstaunen w&auml;chst, Graf Orlow. Wie kann
+man mit einer Tatsache rechnen, mit der die &Ouml;ffentlichkeit
+niemals behelligt worden ist, die niemals
+zugegeben worden ist und die daher niemals Gegenstand
+weder einer politischen, noch einer privaten
+Aktion werden kann?</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Ich ehre diese Entr&uuml;stung, Erlaucht, und finde
+sie gerecht. Aber es gibt Dinge, die so lange verschwiegen
+werden bis jedes Kind um sie wei&szlig;.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Wahrlich, was Sie da sagen, betr&uuml;bt mich aufs
+&auml;u&szlig;erste, Graf Orlow. Mir ist, als sei ich bestohlen
+worden. Mir ist, als h&auml;tte man meine Brust durchw&uuml;hlt,
+um ihr das Teuerste zu rauben, und als
+riefe man mir zu: du bewahrst es umsonst, denn
+die Hunde beschn&uuml;ffeln es schon wie ein Aas.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Schwer wird es mir, Ihnen zu widersprechen,
+Erlaucht.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Und wenn ich nun antworten w&uuml;rde: eine Ehe
+zwischen mir und der hochseligen Herrin Elisabeth
+Petrowna hat niemals stattgefunden?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(bei&szlig;t sich auf die Lippen; dann glei&szlig;nerisch)</p>
+
+<p>So w&uuml;rde ich Ihre Beweggr&uuml;nde zu erforschen
+suchen.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Wenn ich Ihnen versichern w&uuml;rde, da&szlig; ich keine
+Dokumente besitze&nbsp;&#8211;? Wie, Graf Orlow?</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(d&uuml;ster)</p>
+
+<p>Sie w&uuml;rden damit mein Leben zerst&ouml;ren, Erlaucht.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Und wenn ich den Besitz der Dokumente zugebe,
+warum soll ich sie ausliefern? Was k&ouml;nnte
+mich veranlassen, ein Jahr um Jahr, Jahrzehnt
+um Jahrzehnt gehaltenes &Uuml;bereinkommen schm&auml;hlich
+zu verletzen? Nur weil ein J&uuml;ngling, den die
+Jugend begehrlich und begehrenswert macht, in
+meinen Frieden tritt und die Hand ausstreckt nach
+meinem Gut?</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Es ist nichts in Ihren Worten, Alexei Grigorjewitsch,
+was ich mir nicht auch selbst schon ins Gewissen
+gerufen h&auml;tte. Doch erw&auml;gen Sie, Erlaucht:
+mein Gl&uuml;ck ist auch das Gl&uuml;ck der Kaiserin.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Ich werfe mich in den Staub vor Ihrer Majest&auml;t,
+<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>aber sie hat keine Macht &uuml;ber die Geheimnisse
+meiner Seele.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>So flehe ich, Erlaucht, um Ihr Vertrauen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Mein Vertrauen zu den Menschen ist so gering,
+Graf Orlow, da&szlig; jeder Appell daran verschwendet
+ist. Ich habe zu viele Worte geh&ouml;rt
+und zu viele Taten gesehen. Ich bin meiner selbst
+kaum gewi&szlig;, um wie viel weniger eines andern.
+Ein Ozean von Geschw&auml;tz ertr&auml;nkt die edelste Handlung,
+und die niedrigste versteckt sich nicht mehr,
+wenn ihr ein Vorteil winkt.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Bedenken Sie, Alexei Grigorjewitsch, ein Mann,
+f&uuml;r den so Ungeheueres sich entscheiden soll, mu&szlig;
+ein Verworfener werden, wenn es mi&szlig;lingt.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Also ist es nur der Erfolg, der tugendhaft
+macht?</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Ein Held jedoch, wenn er ans Ziel gelangt.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Ein Held? K&ouml;nnt ich dies glauben, Graf Orlow,
+dann! ja dann! Aber ich kann es nicht glauben.
+<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a><em class="direction">(Feierlich.)</em> Zwei unschuldig Zertretene wehren
+mir&#8217;s.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Viel Blut liegt auf dem Weg der Helden, Erlaucht.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Blut von Kindern?</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Macht l&ouml;scht den Makel aus.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(betroffen)</p>
+
+<p>Furchtbares Wort!</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(erkennt seinen Fehler, einlenkend)</p>
+
+<p>Als ich heranritt, Erlaucht, ich war betrunken
+von Freude; ich hatte die unheilvollste Meuterei
+erstickt, Rebellen hatte ich meiner Gebieterin in
+Anh&auml;nger auf Tod und Leben verwandelt, die
+Wirklichkeit zerrann mir vor den Augen, ich sah
+kein Hindernis mehr ... und als es geschehen
+war, hab ich nicht Bu&szlig;e getan vor allem Volk?</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Doch haben Sie dem Volk eine unheilbare
+Wunde geschlagen.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(mit dem letzten Aufwand seiner glei&szlig;nerischen Beredtsamkeit)</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>Als ich zw&ouml;lf Jahre alt war, Erlaucht, trieb
+mich mein Vater mit der Peitsche vom Hof, weil
+ich f&uuml;r einen Leibeigenen, der die Todesstrafe erleiden
+sollte, um Gnade gebeten hatte. Ich liebe
+unser Volk. Ich wei&szlig;, wie sie leben, wie sie
+schmachten, wie sie Unrecht leiden, wie sie stumm
+sind, wie sie ihre Hoffnung unerm&uuml;dlich von Jahr
+zu Jahr tragen, wie sie in ihrer Not die Herren
+preisen, die mit den Fr&uuml;chten ihrer Arbeit Feste
+feiern, und wie sie auf den warten, der sie erl&ouml;sen
+wird. Ich wei&szlig; es und will ihrer nicht vergessen.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Ist mir doch, als ob ich Glocken h&ouml;rte aus
+einem versunkenen Land, Graf Orlow. <em class="direction">(Er steht
+versunken, von Orlow gespannt beobachtet; wie zu sich
+selbst)</em> Ist es Rausch? oder Wahn? oder blinde
+Sucht der Jugend? Leidenschaft macht beredt den,
+der sie hegt, und stumm den, der sie begreift. <em class="direction">(Laut)</em>
+Sie f&uuml;hren eine ungew&ouml;hnliche Sprache, Graf
+Orlow, die mich irre werden l&auml;&szlig;t an meinem Vorsatz.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Ich danke Ihnen, Erlaucht.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dirlong">(geht zur Wand, wo er neben dem Kamin auf eine geheime
+Feder in der T&auml;felung dr&uuml;ckt. Ein T&uuml;rchen springt
+<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>auf. Er entnimmt dem Schrein eine goldene Kassette,
+die er &ouml;ffnet und einige in roten Atlas eingeschlagene
+vergilbte Papiere herauszieht)</p>
+
+<p>Sieh da, wie viel Staub darauf liegt ... <em class="direction">(Er
+stellt das K&auml;stchen beiseite)</em> Staub ... Staub. Pulver
+der Vergessenheit. &Uuml;berreste von Tr&auml;umen.
+<em class="direction">(Er legt den Atlas in das K&auml;stchen zur&uuml;ck und liest das
+oberste Papier aufmerksam durch.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(der sich am Ziel glaubt)</p>
+
+<p>V&auml;terchen Alexei Grigorjewitsch! <em class="direction">(Er sinkt auf
+die Kniee.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(ergriffen und ganz in die Vergangenheit verloren)</p>
+
+<p>Fr&uuml;hling und Sommer meines Lebens! <em class="direction">(Er
+k&uuml;&szlig;t die Papiere und erhebt, sich bekreuzigend, die Blicke
+nach oben.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(packt in seiner Erregung mit beiden H&auml;nden die Papiere)</p>
+
+<p>Geben Sie, Alexei Grigorjewitsch&nbsp;&#8211;!</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(erschrocken)</p>
+
+<p>Was f&uuml;r ein Ungest&uuml;m, Graf Orlow!</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(fast mit Wildheit, drohend)</p>
+
+<p>Ich kniee vor Ihnen, Alexei Grigorjewitsch!</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(beugt sich ein wenig vor und starrt in Orlows Gesicht)</p>
+
+<p>Die Augen ... die Augen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(springt empor)</p>
+
+<p>Wollen Sie mich auf die Folter spannen, Graf
+Alexei? Ich ertrag&#8217;s nicht l&auml;nger.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(kopfsch&uuml;ttelnd)</p>
+
+<p>Ei, es ist eine ganz andere Stimme, die jetzt
+zu mir spricht.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Genug ges&auml;uselt.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Also nur Verstellung? Und so schlecht verstellt?
+So schnell &uuml;berdr&uuml;ssig der Verstellung?</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Wollen Sie mir den K&ouml;der nur vorsetzen, um
+mich zappeln zu lassen?</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Ach, Sie zeigen zu fr&uuml;h Ihr wahres Gesicht,
+Graf Orlow.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Ich habe viele Gesichter, warum soll dies gerade
+mein wahres sein. Wozu das Get&auml;ndel? Zu
+Gro&szlig;es liegt vor mir. <em class="direction">(Er zeigt seine wei&szlig;en Z&auml;hne,
+<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>w&auml;hrend sich die Worte st&uuml;rmisch ergie&szlig;en.)</em> Von unten
+heraufgestiegen, wo die Sklaven wohnen, begr&uuml;&szlig;t
+mich endlich das Licht, und Welt und Kreatur schreit:
+Herr! Herr! Gnade! Gnade! Ja, Herr will ich
+sein und Gnade soll von mir tr&auml;ufeln f&uuml;r alle,
+die sich b&uuml;cken. Wollust, zu befehlen, und mit
+einem Atemzug die M&auml;chtigsten zum Schweigen
+bringen! Alles unter mir sehen, was jetzt noch
+verf&uuml;hrerisch lockt, aus der Enge heraus, wo man
+horchen mu&szlig;, ehe man spricht, und rechnen, bevor
+man zahlt. Ohne Bedachtsamkeit leben, planen
+ohne Angst und Ma&szlig;! Unten geh&ouml;rt alles auch
+dem Nachbarn, was mir geh&ouml;rt, oben bin ich allein
+und f&uuml;rchte keine Grenze. Keine Grenze f&uuml;rchten,
+das ist&#8217;s. Mit seinem Willen allein sein, frei mit
+jeder Tat und doch der Richtpunkt aller Aufmerksamen.
+Ein Reich &uuml;bersehen, den Arm von Ozean
+zu Ozean strecken, die Willf&auml;hrigen mit Provinzen
+lohnen, die Unzufriedenen hinschmettern, &#8211; und
+eine Kaiserin umschlingen, eine Kaiserin, in den
+Mienen einer Kaiserin Unterwerfung lesen, &#8211; das
+ist mein Spiel, Alexei Grigorjewitsch! Die W&uuml;rfel
+liegen zwischen uns. Werfen Sie jetzt und z&auml;hlen
+wir die Augen.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(kalt)</p>
+
+<p>So spricht ein Spieler. Im W&uuml;rfelspiel m&ouml;gen
+<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>Sie gewinnen, Graf Orlow, im Schicksalsspiel
+nicht.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Auch das Schicksal kann man zwingen, alter
+Mann.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Wie den Teufel in der eigenen Brust.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Wer w&uuml;rde anders handeln an meiner Stelle?
+Nur wenn ich zaudere, verliere ich.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Und Gott soll mit bei diesem ... Spiele
+sein?</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Gott ist auf meiner Seite, weil ich will. Ich
+f&uuml;hle die Bestimmung.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>&Uuml;ber Blutbestimmung und Gottes Wahl l&auml;&szlig;t
+sich nicht rechten.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>L&uuml;gendunst! Zar Peter war ein Narr, ein
+Verr&auml;ter, Affe des Preu&szlig;enk&ouml;nigs, ein Schw&auml;chling.
+Herrliche Bestimmung!</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Besser ein Schw&auml;chling als ein gewissenloser
+Empork&ouml;mmling.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(hochm&uuml;tig)</p>
+
+<p>Die Br&uuml;cke zwischen uns f&auml;ngt an zu krachen,
+Erlaucht.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>So mag sie bersten.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Doch die Zeit wird Sie auffressen.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Jetzt, da Sie mich &uuml;berzeugt haben, da&szlig; Sie
+die Dokumente besitzen und sie in Ihrer Hand
+halten, kann ich Sie zwingen, Alexei Grigorjewitsch.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Sie wollen damit sagen, da&szlig; Ihre Helfershelfer
+mein Haus umstellt halten?</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Leute, die mir blindlings ergeben sind, ja.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Und wozu ich mich freiwillig nicht mehr entschlie&szlig;en
+w&uuml;rde, das glauben Sie mit Gewalt
+durchsetzen zu k&ouml;nnen. Mit eigener Faust oder
+mit dem Beistand fremder F&auml;uste.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Wenn Sie mich zu dieser Notwendigkeit dr&auml;ngen,
+<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>&#8211; ja. Ich kann nicht zur&uuml;ck. Ich kann
+nur vorw&auml;rts.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Bis zum Abgrund. &#8211; Sie vergessen nur eines,
+Graf Orlow. Sobald Ihre Leute diese Schwelle
+&uuml;bertreten, oder sobald Sie selbst, von dieser Sekunde
+ab, eine Bewegung machen, die auf Gewalttat
+zielt, fallen die Dokumente hier in das
+Feuer. Sie sehen, es brennt loh genug, um ein
+paar Papiere rasch verzehren zu k&ouml;nnen. <em class="direction">(Pause.
+Beide blicken einander schweigend ins Gesicht.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(mit verschr&auml;nkten Armen)</p>
+
+<p>So also steht es.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Ja.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(langsam und mit Nachdruck)</p>
+
+<p>Eines noch, Alexei Grigorjewitsch: ich k&ouml;nnte
+Sie belohnen, wie nie ein Sterblicher belohnt worden
+ist.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Lohn? F&uuml;r mich? Welchen Lohn? Reichtum?
+Pal&auml;ste? Titel und W&uuml;rden? F&uuml;r mich?</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(wie oben)</p>
+
+<p>Wenn auch nicht f&uuml;r Sie, Erlaucht, so doch
+f&uuml;r einen Knaben&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>Rasumowsky</p>
+
+<p>Einen Knaben&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>F&uuml;r Iwan, den Sohn Rasumowskys und der
+Kaiserin Elisabeth.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(schwankt einen Augenblick, h&auml;lt sich am Rand des
+Sessels, sinkt dann darauf nieder).</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Der Pope Maximow hat mich zu ihm gef&uuml;hrt.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>M&ouml;ge Gott ihm verzeihen. Es gibt keine Treue
+mehr.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>F&uuml;rchten Sie nichts mehr von der verr&auml;terischen
+Geschw&auml;tzigkeit dieses Priesters, Erlaucht. Ich habe
+daf&uuml;r gesorgt, da&szlig; seine Zunge keinen Schaden
+mehr stiftet. Sie und ich, wir sind die beiden
+einzigen Menschen auf Erden, die um Iwan <ins class="correction" title="Transcriber's note: original has two dots only">wissen&nbsp;...</ins></p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(dumpf)</p>
+
+<p>Einer zu viel, Graf Orlow.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Ich habe den Knaben gesehn. Es war eine
+weite Fahrt auf das Gut Domnina im Epifanskischen
+Kreis. Ein sch&ouml;ner, blonder Knabe. Welche
+<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>Einsamkeit f&uuml;r einen Vierzehnj&auml;hrigen. Wie durstig
+er in die Ferne blickte! Er wu&szlig;te nichts von Vater
+und Mutter, die Leute, bei denen er ist, halten ihn
+f&uuml;r den Sohn von Euer Erlaucht verstorbenem
+Bruder. Er ahnt nicht, welche Versprechungen
+das Leben ihm schenken k&ouml;nnte, und wer nur sein
+Gesicht sieht <em class="direction">(deutet auf das Bild der Kaiserin Elisabeth)</em>,
+braucht keinen andern Beweis seiner Abkunft.
+Grausam schien es mir, die junge Bl&uuml;te in der
+Steppenw&uuml;ste verkommen zu lassen. Ich habe ihn
+&uuml;ber seine Geburt aufgekl&auml;rt.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(springt auf)</p>
+
+<p>Das haben Sie getan?</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Ich habe es getan.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(sinkt wieder auf den Sessel, umklammert krampfhaft die
+Dokumente vor der Brust.)</p>
+
+<p>Gro&szlig;er Himmel! Sie hatten kein Mitleid mit
+dem arglos spielenden Gesch&ouml;pf? Frevlerisch das
+Gift des Ehrgeizes und der ungen&uuml;genden Begierde
+in die junge Brust versenkt! Fruchtlose Erwartungen
+geweckt, die ein gl&auml;ubiges Gem&uuml;t zerfleischen m&uuml;ssen!
+So war meine Entbehrung vergeblich, vergeblich,
+da&szlig; ich mein Herz von ihm entw&ouml;hnt habe, vergeblich
+<a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>das Opfer, vergeblich der Gram der Mutter,
+alles vergeblich!</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(mit leisem Spott)</p>
+
+<p>Ist es nicht besser, wenn der Wissende sich bescheidet,
+als wenn der Get&auml;uschte verkommt?</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(die Worte tief aus seiner Brust ringend)</p>
+
+<p>Zweiunddrei&szlig;ig Jahre, Graf Orlow, war ich
+mit Elisabeth Petrowna verbunden. Sie war eine
+musterhafte Christin und eine z&auml;rtliche Mutter
+Millionen Volks. Auch mich liebte sie, doch schien
+es mir so &uuml;berfl&uuml;ssig wie s&uuml;ndhaft, meinen Ehrgeiz
+&uuml;ber das Ma&szlig; dessen zu erheben, was sie mir
+als Weib gew&auml;hren konnte. Niemals in zweiunddrei&szlig;ig
+Jahren ist die Versuchung &uuml;ber mich gekommen,
+den geheiligten Glanz der Majest&auml;t f&uuml;r
+mich zu erborgen. <em class="gesperrt">Sie</em> war auserw&auml;hlt zu herrschen.
+Von den Ahnen her war ihr die Gnade
+verliehen. Woran soll das Volk glauben, diese
+Zahllosen, von denen wir keine Namen wissen und
+die nur aufblicken in ihrer Verlassenheit, um nach
+dem gottbestimmten F&uuml;hrer zu suchen, woran sollen
+sie denn glauben, wenn nicht an das Mysterium,
+das um eine Krone webt? Das ist ja ihr M&auml;rchen,
+die Botschaft, das Gesetz! Gesalbtes Haupt weiht
+das Diadem, k&ouml;nigliches Blut rauscht vom Vater
+<a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>zum Sohn, vom Gatten zur Gattin, von Geschlecht
+zu Geschlecht. Raubt ihnen diesen Glauben, und
+ihr st&uuml;rzt sie in Gemeinheit und Verzweiflung,
+die Welt steht da, ohne Ordnung, ohne Herrn.
+<em class="direction">(Er erhebt sich, bewegt.)</em> Wenn es ein Verdienst in
+meinem Leben gibt, Graf Orlow, so ist es das
+eine, da&szlig; ich die Kaiserin zu &uuml;berzeugen vermochte,
+unsere Ehe, f&uuml;r die sie den Segen der Kirche gew&uuml;nscht
+hatte, m&uuml;sse ein Geheimnis f&uuml;r das Volk
+bleiben. Und so wurde Iwan fern vom Hof und
+fern von den Menschen erzogen, denn es ziemt sich
+nicht f&uuml;r den Halbgeb&uuml;rtigen, von einem Thron
+auch nur zu tr&auml;umen.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Phantome, Erlaucht, Phantome! Die Zeit hat
+sich ver&auml;ndert. Es handelt sich nicht um die Gnade,
+es handelt sich um die Kraft.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Ich bin kein Starrkopf, Graf Orlow, nicht
+einer, der denkfaul an Vergangenem h&auml;ngt. Ich
+kenne die Zeit. Vieles tragen die Eimer des Jahres
+herauf aus dem dunklen Schacht, und wer wirklich
+lebt, wandelt sich mit jedem Becher, den er an
+die Lippen f&uuml;hrt. Das Blut wird auch in alten
+K&ouml;rpern neu. War ich nicht bereit, Graf Orlow?
+Ich war bereit, mehr kann ich nicht sagen. Aber
+ich bin gewohnt, in Menschenaugen zu lesen, und
+<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>mehr noch auf den Stirnen, Graf, auf den Stirnen.
+Sie sind so unbeh&uuml;tet, die Stirnen; man kann sie
+eine Walstatt der D&auml;monen nennen. <em class="direction">(Den Arm
+mit ausgestrecktem Finger gegen Orlow, stark.)</em> Ich sehe
+Schicksale auf dieser Stirn, die ungeboren bleiben
+sollten.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Alexei Grigorjewitsch! Nicht auf meiner Stirn,
+&#8211; in Ihrer Hand liegt jetzt ein Schicksal. Iwan
+ist in meiner Gewalt.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(scheu)</p>
+
+<p>Iwan ... ist&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>In meiner Gewalt und nur mir erreichbar.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(mit weiten Augen)</p>
+
+<p>Sie wollen damit sagen: um Iwan ist&#8217;s geschehen,
+wenn ich mich weigere&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Vielleicht ist es das, was ich sagen will.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dirlong">(n&auml;hert sich Orlow mit gebeugtem Oberk&ouml;rper und mit
+der Unterw&uuml;rfigkeit eines Bauern, h&auml;lt ihm mit beiden
+H&auml;nden die Dokumente hin)</p>
+
+<p>Nehmen Sie, Graf Orlow&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(etwas &uuml;berrascht von dem schnellen Erfolg, greift nach
+den Papieren).</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(dem&uuml;tig)</p>
+
+<p>Nicht weil ich f&uuml;r Iwan f&uuml;rchte, Graf Orlow
+... nicht weil ich mir sein Leben erkaufen will,
+... nicht deshalb, Graf Orlow, nicht deshalb&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(h&auml;lt die Papiere fest, mit finsterem Trotz)</p>
+
+<p>Es w&auml;re auch zu sp&auml;t, Alexei Grigorjewitsch,
+Sie retten Iwan damit nicht. Er war zu gef&auml;hrlich,
+als er seine Abstammung kannte. Er weilt
+nicht mehr unter den Lebenden.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(schmerzvoll)</p>
+
+<p>Gott, dein Wille geschehe! Ich habe es geahnt!</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p>Und Sie geben mir trotzdem diese Papiere&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(mit der Hoheit des Grames)</p>
+
+<p>Ja, Graf Orlow! Ein Mann, der zu solchen
+Mitteln greift, den mu&szlig; die eigene Tat vernichten.
+Und wenn es die Krone selbst w&auml;re, sie h&auml;tte kein
+Gewicht mehr, wenn Sie sie halten. Nichts ...
+<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>ein Schemen, ein Scheinbild. Nichts. Zeigen Sie
+die Dokumente der Kaiserin.</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(br&uuml;tend)</p>
+
+<p>Darum also ... Es ist zu viel ... <em class="direction">(als
+w&ouml;ge er die Papiere)</em> es scheint mir zu viel Erniedrigung
+f&uuml;r das gew&auml;hrte Almosen. Bin ich denn
+ein Bettler? Soll es einen Menschen geben, der
+mich <em class="gesperrt">so</em> einsch&auml;tzen darf? <em class="direction">(Aufflammend.)</em> Nein,
+nein, nein! Die Schm&auml;hung greift ans Herz.
+Wenn ich diesem erbettelten, erschlichenen Wisch
+alles verdanken m&uuml;&szlig;te, was mir das Leben gew&auml;hren
+soll, es fr&auml;&szlig;e mir das Mark der Tat aus
+den Knochen. Ein Orlow, der alles Heil auf
+den Inhalt einiger vergilbter Papiere gr&uuml;ndet?
+Bin ich verloren ohne diese Fetzen, so wie
+ich jetzt besudelt bin, wenn ich sie als billige
+Troph&auml;e vor die Augen Katharinas bringe? Nein,
+Alexei Grigorjewitsch, nein! Die Genugtuung, da&szlig;
+es von Ihrer Gnade abh&auml;ngig war, Ru&szlig;land einen
+Zaren zu geben, kann ich Ihnen nicht &uuml;berlassen.
+Jede Gegenwart w&auml;re mir verg&auml;llt, und um Ihnen
+den Beweis zu liefern, da&szlig; ich diese Gnade verschm&auml;he,
+da&szlig; ich sie verachte, nur darum tu&#8217; ich,
+was ich tue! <em class="direction">(Er eilt zum Kamin und wirft die
+Dokumente ins Feuer.)</em></p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(mit seltsam entz&uuml;ckter, schreiender Stimme, die zugleich
+etwas wie physischen Schmerz enth&auml;lt)</p>
+
+<p>Ein Gottesurteil! Ein Gottesurteil!</p>
+
+<p class="dirlong">(Durch Rasumowskys Schrei alarmiert, kommen Lassunsky
+und Chidrowo mit best&uuml;rzten Mienen.)</p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p class="dircenter">(bleibt unter der aufgerissenen T&uuml;re stehen, hastig)</p>
+
+<p>Was ist geschehen, Erlaucht?</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p class="dircenter">(tritt vor, zieht den Degen)</p>
+
+<p>Wir werden Sie sch&uuml;tzen, Erlaucht.</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(ohne sie zu beachten)</p>
+
+<p>So hat eine h&ouml;here Macht Ihren Arm gelenkt,
+Graf Orlow, und Sie haben nur den Beweis geliefert,
+da&szlig; es keinen Weg gibt aus Ihrer Menschentiefe
+zum Licht der Majest&auml;t. <em class="direction">(Er b&uuml;ckt sich, als ob
+er bete.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lassunsky</p>
+
+<p class="dircenter">(dr&auml;ngend)</p>
+
+<p>Erlaucht ... die Bl&auml;sse Ihres Gesichts ...
+Sie sind krank&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(immer geb&uuml;ckt)</p>
+
+<p>Ehrfurcht! Der Engel des Schicksals schwebt
+&uuml;ber uns!</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(rei&szlig;t sich vom Anblick des Feuers los)</p>
+
+<p>Verbrannt ... <em class="direction">(Unheilvoll.)</em> Und nun sei auch
+verbrannt alle Milde, vergessen alles Z&ouml;gern feiger
+R&uuml;cksicht und wer mich aufh&auml;lt, meinen Schritt
+oder den Schritt meines Pferdes, der m&ouml;ge zittern!</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p>Verwirkt! Verwirkt! Wir wollen zittern, aber
+der Spruch ist gefallen.</p>
+
+<p class="speaker">Chidrowo</p>
+
+<p class="dircenter">(fast jubelnd)</p>
+
+<p>Gerettet, M&uuml;tterchen Ru&szlig;land, gerettet!</p>
+
+<p class="speaker">Orlow</p>
+
+<p class="dircenter">(im Abgehen)</p>
+
+<p>H&uuml;tet euch!</p>
+
+<p class="speaker">Rasumowsky</p>
+
+<p class="dircenter">(richtet sich wieder empor)</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Ich bin</em> in meiner Hut, denn ich f&uuml;rchte die
+Menschen nicht mehr.</p>
+
+<p class="vorhang">(Vorhang)</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a></p>
+<h2><a name="Gentz_und_Fanny_Elssler" id="Gentz_und_Fanny_Elssler"></a>Gentz und Fanny El&szlig;ler</h2>
+
+
+<p class="personen"><a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>Personen:</p>
+
+<table class="personen">
+<tr><td colspan="3">Friedrich von Gentz, Hofrat</td></tr>
+<tr><td colspan="3">Felix Graf Reitzenstein</td></tr>
+<tr><td colspan="3">Fanny El&szlig;ler</td></tr>
+<tr><td>Jean</td><td rowspan="3"><span style="font-size: 300%">}</span></td></tr>
+<tr><td>Martin</td><td>Diener bei Gentz</td></tr>
+<tr><td>Franz</td><td /></tr>
+<tr><td colspan="3">Lieferanten, Geldleute usw.</td></tr>
+</table>
+
+<p class="spielt">Spielt in Wien, Herbst 1830</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a></p>
+<p class="newsection dirlong">Ein Zimmer der Villa Gentz in Weinhaus bei Wien.
+Kostbare Empirem&ouml;bel, Nippsachen, Kunstwerke, gebl&uuml;mte
+Tapeten. Auf einer Kommode stehen zwei Glasglocken
+mit eingemachten Fr&uuml;chten zum Naschen. Vom Kamin
+leuchtet eine goldene Stehuhr. Im Hintergrund zwei
+Fenster, zwischen ihnen eine hohe Glast&uuml;re in den Garten.
+Links T&uuml;re zum Vorzimmer, rechts in das Ankleidezimmer
+des Hofrats; diese T&uuml;r ist offen.</p>
+
+<p class="dirlong">Hinter der T&uuml;re links wird lebhaft gesprochen. Gleich
+darauf <em class="gesperrt">Jean</em>, livrierter Diener, von links durch das Zimmer
+nach rechts ab. Die T&uuml;re links wird ge&ouml;ffnet, und
+ein dicker Jude will herein, <em class="gesperrt">Martin</em>, ein zweiter livrierter
+Diener, der im Zimmer damit besch&auml;ftigt ist,
+frisches Wasser in blumengef&uuml;llte Vasen zu gie&szlig;en, eilt
+hin und schl&auml;gt dem Eindringling die T&uuml;r vor der Nase
+zu. Protestierende Rufe von drau&szlig;en. <em class="gesperrt">Martin</em> steht
+Wache.</p>
+
+<p class="speaker">Gentzens Stimme</p>
+
+<p class="dircenter">(von rechts)</p>
+
+<p>Was erfrecht Er sich? Ich zahle nicht. &Uuml;bermorgen.
+Die Schufte sollen Geduld haben.</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p class="dircenter">(eilig wieder von rechts nach links ab).</p>
+
+<p class="speaker">Gentzens Stimme</p>
+
+<p>Die gebl&uuml;mte Weste! Die gebl&uuml;mte!</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>Lebhafte Stimmen</p>
+
+<p class="dircenter">(hinter der T&uuml;re links).</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt abermals mit verzweifelter Miene nach rechts).</p>
+
+<p class="speaker">Martin</p>
+
+<p class="dircenter">(h&auml;lt die T&uuml;rklinke).</p>
+
+<p class="speaker">Stimme Jeans</p>
+
+<p>Der Weinlieferant und der Parf&uuml;meur wollen
+partout mit dem Herrn Hofrat selber sprechen.</p>
+
+<p class="speaker">Gentzens Stimme</p>
+
+<p>Ach was, Er Esel, Er hat ja gar keine Schneid.
+&#8211; Die Ringe, Franz. Jetzt lauf Er zum G&auml;rtner
+wegen frischer Blumen.</p>
+
+<p class="speaker">Franz</p>
+
+<p class="dircenter">(ein alter Diener, durch die Mitte ab in den Garten.)</p>
+
+<p class="dircenter"><ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Gleich darauf'">(Gleich darauf)</ins></p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dirlong">(Mann von f&uuml;nfundsechzig Jahren. Hohe schlanke Gestalt.
+Er hat einen m&uuml;den, etwas geb&uuml;ckten Gang.
+Sein Gesicht ist h&ouml;chst geistreich, die ganze Physiognomie
+hat einen feinen, lebhaften und verf&uuml;hrerischen Ausdruck,
+und der Blick ist von intensiver Kraft. Kinn und Unterkiefer
+sind etwas schwer, um den Feinschmeckermund
+liegt bisweilen ein trauriger, bisweilen ein zynischer Zug.
+<a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>Er ist nach der letzten Mode gekleidet: brauner, langer
+Rock, gestickte Weste, Vaterm&ouml;rder, schwarze Binde)</p>
+
+<p>War schon jemand vom F&uuml;rsten Metternich da?</p>
+
+<p class="speaker">Martin</p>
+
+<p>Niemand, Herr Hofrat.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(nach links ab, die T&uuml;re bleibt halb offen).</p>
+
+<p class="speaker">Stimmen der Lieferanten</p>
+
+<p>K&uuml;&szlig; die Hand, Herr Hofrat! &#8211; W&uuml;nsch guten
+Morgen, Herr Hofrat! &#8211; K&uuml;&szlig; die Hand, Euer
+Gnaden.</p>
+
+<p class="speaker">Gentzens Stimme</p>
+
+<p>Also, was soll&#8217;s &#8211; Was bel&auml;stigt ihr mich?</p>
+
+<p class="speaker">Stimme des Parf&uuml;meurs</p>
+
+<p>Halten zu Gnaden, Herr Hofrat, hab f&uuml;r siebenundachtzig
+Gulden K&ouml;lnisch Wasser geliefert.</p>
+
+<p class="speaker">Stimme des Weinh&auml;ndlers</p>
+
+<p>Ich f&uuml;r dreihundertzwanzig Gulden Sekt.</p>
+
+<p class="speaker">Gentzens Stimme</p>
+
+<p>Geduld, ihr Leute. Morgen schick ich zum
+Rothschild hin. Der Rothschild zahlt alles, das
+wi&szlig;t ihr doch. Jetzt schert euch friedlich nach Hause.
+<em class="direction">(Er tritt ins Zimmer zur&uuml;ck, der dicke Jude folgt ihm.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Jude</p>
+
+<p>Euer Exzellenz, der Wechsel ist schon emal prolongiert.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>Gentz</p>
+
+<p>Fort, fort, fort!</p>
+
+<p class="speaker">Der Schneider</p>
+
+<p class="dircenter">(hat sich sch&uuml;chtern nachgedr&auml;ngt)</p>
+
+<p>Ich freu mich, da&szlig; der Herr Hofrat so gut
+ausschaut.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Keine Konfidenzen! Ich hab&#8217; gern, wenn Lieferanten
+was liefern. Konfidenzen sind mir verha&szlig;t.
+&#8211; Hat der G&auml;rtner schon was wegen der
+Rosen gemeldet?</p>
+
+<p class="speaker">Martin</p>
+
+<p>Nein, Herr Hofrat.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Ich will mal selber mit ihm reden. Wenn er
+frische Rosen hat, ist es besser, sie erst am Stock
+zu sehen. <em class="direction">(Durch die Mitte ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Der Schneider</p>
+
+<p>Herr Hofrat!&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p>Na, was gibt&#8217;s denn noch? Er hat doch geh&ouml;rt,
+da&szlig; wir heut nicht bei Kassa sind.</p>
+
+<p class="speaker">Der Schneider</p>
+
+<p>Morgen ist die Trauung von meiner Tochter,
+und wenn mir halt der Herr Hofrat zwanzig
+Gulden geben t&auml;t&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>Jean</p>
+
+<p>La&szlig;t eure T&ouml;chter im ledigen Stand, wenn ihr
+kein Geld habt&#8217;s.</p>
+
+<p class="speaker">Martin</p>
+
+<p class="dircenter">(ver&auml;chtlich)</p>
+
+<p>Heiraten! Alle gemeinen Leute heiraten best&auml;ndig.</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p>Und jetzt allons! marsch! <em class="direction">(Nimmt den Besen.)</em>
+Hinaus! Es wird gel&uuml;ftet.</p>
+
+<p class="speaker">Der Jude</p>
+
+<p>Was wird sein? Wer ich den Wechsel zu Protest
+bringen. <em class="direction">(Ab, desgleichen der Schneider, die
+Stimmen drau&szlig;en verlieren sich.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Martin</p>
+
+<p>Was macht er denn heut f&uuml;r an Kramuri, der
+Hofrat?</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p>Die Fanny war doch drei Tag am Land bei
+ihrer Schwester.</p>
+
+<p class="speaker">Martin</p>
+
+<p>Ah so. Froher Empfang nach schmerzlicher
+Trennung.</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p>Zu Mittag kommt s&#8217; mit der Extrapost, die
+Fanny.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>Martin</p>
+
+<p>Fahr&#8217;n jetzt die vom Theater auch schon mit
+der Extrapost?</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p>Die Fanny is was man eine bessere T&auml;nzerin
+hei&szlig;t. Hast es schon tanzen seh&#8217;n am K&auml;rntnertor?
+Die Leut&#8217; soll&#8217;n sich die Haxen abtreten hab&#8217;n.</p>
+
+<p class="speaker">Martin</p>
+
+<p class="dircenter">(d&uuml;ster)</p>
+
+<p>Der Hofrat g&#8217;fallt mir gar nicht mit seiner
+Verliebtheit. Das is ja schon ganz au&szlig;er der
+Normalit&auml;t. Wenn&#8217;s nur keine Mesallianz gibt.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(vom Garten, zwei Burschen folgen ihm, die einen
+kupfernen, mit Rosen gef&uuml;llten Kessel tragen.)</p>
+
+<p>Dorthin, ins Eck, ... auf die S&auml;ule.</p>
+
+<p class="speaker">Franz</p>
+
+<p class="dircenter">(von links)</p>
+
+<p>Herr Graf Reitzenstein. <em class="direction">(Ab, auch Jean und
+Martin, die G&auml;rtnerburschen durch die Mitte ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(zur T&uuml;r)</p>
+
+<p>Guten Morgen, lieber Felix. Ein sch&ouml;ner Herbsttag
+heute, warm wie im August.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p><em class="direction">(f&uuml;nfundzwanzig Jahre, elegante Erscheinung; er ist ein
+<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>wenig Poet, und in seinen Z&uuml;gen dr&uuml;ckt sich die Schw&auml;rmerei
+eines vornehmen M&uuml;&szlig;igg&auml;ngers aus, dessen Lieblingsautor
+Lord Byron ist)</em></p>
+
+<p>Guten Morgen, Gentz. Wissen Sie, da&szlig; Fanny
+schon aus der Br&uuml;hl zur&uuml;ck ist.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Wie, schon zur&uuml;ck?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Ich habe sie vor einer halben Stunde mit
+Stuhlm&uuml;ller beim Theatereingang gesehen.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Haben Sie mit ihr gesprochen?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Nein, sie hat mich gar nicht bemerkt.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Dann wird sie jeden Moment kommen. Stuhlm&uuml;ller?
+Stuhlm&uuml;ller? Wer ist das doch? Richtig,
+der T&auml;nzer.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Ein exzellenter T&auml;nzer. Er geht jetzt nach Berlin.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Ah, nach Berlin. &#8211; Ich erinnere mich: ein
+h&uuml;bscher Bursche.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Ja. Beine wie ein Narzi&szlig;.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>Gentz</p>
+
+<p>Wie sah meine Fanny aus?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Entz&uuml;ckend wie immer. Wenn man sie anblickt,
+hat man das Gef&uuml;hl, als sei man zu schlecht
+f&uuml;r die Welt, in der sie lebt.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Sie waren ja am vorigen Sonntag mit ihr
+bei der Gr&auml;fin Fuchs? Ich konnte nicht hingehen,
+da mich der F&uuml;rst zu einem Conseil berufen hatte.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Und am Abend zuvor fehlten Sie ja auch im
+Theater, Gentz&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Die leidige Politik!</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Es war ein Triumph. Die Galerien haben
+geheult, das Parkett hat sich die Handschuhe zerrissen.
+Sogar in der kaiserlichen Loge sah man
+leuchtende Augen, und zwei Hofdamen, die vor
+lauter Gew&ouml;hnung an Feierlichkeit alles Fett an
+ihrem Leibe verloren hatten, wackelten mit ihren
+K&ouml;pfen, als ob das Theater eine Glocke und sie
+die Schwengel darin w&auml;ren.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(lacht)</p>
+
+<p>Ja, diese Zauberin gleicht alle Gegens&auml;tze der
+<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>sozialen Welt aus, und gekr&ouml;nte H&auml;upter werden &#8211;
+Publikum.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Als sie auftrat, ging ein gl&uuml;ckliches Seufzen
+durch das Haus. Da stieg die ganze Venus aus
+dem Meer. Dieser Nacken, diese Schultern, dieser
+Hals, die Bewegung, die anmutvolle Hingabe, dies
+Sichverlieren in s&uuml;&szlig;ester Heiterkeit! Ich sah M&auml;nner
+zittern und Frauen bleich werden. Jede Miene
+will ihre angeborne Tr&auml;gheit vergessen, doch ihr
+selbst nahen keine W&uuml;nsche, nur Verg&ouml;tterung umf&auml;ngt
+sie. Ahnungslos und unergriffen wandelt
+sie durch die gesammelte Bewunderung hindurch,
+wie wenn ihr der Traum der letzten Nacht als
+Schleier um die Seele geh&uuml;llt w&auml;re, &#8211; und l&auml;chelt.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Sie haben recht, Felix. Ihr L&auml;cheln ist das
+Wunderbarste. Es scheint aus einer tiefen Quelle
+aufzusteigen, wo die Genien wohnen, die den
+Menschen wohlwollen. Keine Heiterkeit deutet so
+viel Schicksal wie ihre.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Zur Fuchs kam sie sp&auml;t, erst nach der Vorstellung.
+Man war schon ein wenig m&uuml;de. Aber
+als sie eingetreten war, begann der Tag von neuem.
+Sie setzt sich neben die Hausfrau und blickt sie
+<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>z&auml;rtlich und vertrauensvoll an. Sie plaudert, und
+Worte sind pl&ouml;tzlich edel. Die Luft, die sie atmet,
+mitzuatmen, macht gl&uuml;cklich.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Wenn man Sie h&ouml;rt, Felix, sollte man glauben,
+ein Verliebter spricht.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Und wenn ich&#8217;s w&auml;re?</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Sie scherzen.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Keineswegs.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Armer Felix, wie ist Ihnen das passiert?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Das Mitleid, Gentz, sollten Sie mir aus Gro&szlig;mut
+ersparen.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Nehmen Sie denn um Gottes willen Ihren Zustand
+ernst?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Seh ich aus wie ein Libertin?</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Es gibt keinen lebendigen Mann, der Fanny
+gesehen hat und sie nicht liebt. Bei Ihnen allerdings&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Sie sprechen, Gentz, als ob Fanny Ihr Eigentum
+auf Leben und Tod w&auml;re&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Lieber Felix, Sie &uuml;berraschen mich. Wahrlich,
+ich wei&szlig; nicht mehr, was ich von der menschlichen
+Natur halten soll. Waren Sie es nicht, der mich
+im Glauben an die M&ouml;glichkeit einer Liebe zwischen
+mir und Fanny befestigt hat? Ich habe gezweifelt,
+und Sie waren verschwenderisch mit Beispielen
+aus Leben und Geschichte, die mich beruhigen
+sollten. Sie waren der einzige, der verstehend in
+mein Herz drang, der meine Jahre auf die Rechnung
+der Zeit und nicht zu Lasten der Seele gesetzt
+hat. Ich war eifers&uuml;chtig, damals, als ich
+noch eifers&uuml;chtig sein mu&szlig;te, und Sie lachten mich
+aus. Wenn ich mich qu&auml;lte, ob ich w&uuml;rdig sei,
+Fanny zu gewinnen, sahen Sie darin die Koketterie
+eines Mannes, der wenig verspricht, um viel
+zu halten. Sie haben f&uuml;r mich Sonette an Fanny
+gedichtet, und in einem Brief, den ich nie vergessen
+werde, schrieben Sie: Wehe dem Herzen,
+dem die Jahre alle Bl&uuml;ten rauben, und wehe der
+Lehre, die ein Vertrocknen vor der Zeit f&uuml;r W&uuml;rde
+oder Weisheit ausgibt. So dachte Anakreon nicht,
+schrieben Sie, erinnern Sie sich? &raquo;So dachte
+Anakreon nicht.&laquo;</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Waren Sie nicht gl&uuml;cklich mit Fanny?</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Nur ein junger Mann darf gl&uuml;cklich <em class="gesperrt">gewesen</em>
+sein.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Ich kannte mein Gef&uuml;hl nicht.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>So h&auml;tte der geheimnisvolle Drang in Ihnen,
+Felix, einen Greis beseelen wollen, und was dunkel
+in Ihrer jungen Brust wohnte, &uuml;bertrugen Sie
+mutlos und edelm&uuml;tig auf mich? Ist es so?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Nicht ganz so.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Und ich h&auml;tte sechzig Jahre unter Menschen gelebt,
+mit <em class="gesperrt">meinen</em> Augen, und habe nicht das
+Spiel eines J&uuml;nglings durchschaut?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Nein, nein, nein&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Sie haben nicht bedacht, da&szlig; kein Feuer so
+w&uuml;tend brennt, wie das in einem alten Haus.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Ich wu&szlig;te und wei&szlig; es. Fanny kam aus einer
+<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>Welt, die tief unter uns liegt, aus einer kleinen,
+armen Welt, in der man noch an Ehren und Titel
+glaubt, wo von Luxus und Lebensgenu&szlig; erz&auml;hlt
+wird wie von M&auml;rchen. Als Fanny Sie kennen
+lernte, als sie Ihre Protektion erfuhr, da war ihr
+das Tor zur gro&szlig;en Welt ge&ouml;ffnet und in Ihrer
+Person verehrte sie den Ruhm und die Macht, nach
+denen sie sich sehnte und wof&uuml;r sie auch bestimmt
+ist. Sie trat Ihnen mit der bebenden Andacht
+entgegen, mit der die jungen M&auml;dchen aus dem
+Volk einen Prinzen aus seiner Karosse steigen sehen.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(unterbricht)</p>
+
+<p>Und aus diesem &Auml;u&szlig;erlichsten wollen Sie etwas
+so Geheimnisvolles erkl&auml;ren, wie es mein
+Bund mit Fanny ist?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Sie lernte Sie n&auml;her kennen, sie wurde bezaubert
+von Ihrem Geist, von Ihrer Kunst des
+Umgangs &#8211; welche Frau von Instinkt und Kraft
+w&uuml;rde nicht diese Atmosph&auml;re von Leben, von
+Abenteuer, von Bildung und Welt sp&uuml;ren, in der
+Sie atmen? F&uuml;r sie, die Unerfahrene, waren Sie
+ein Gott an Erfahrungen. Sie konnten ihr die
+Tore aufriegeln, die sie fest verschlossen w&auml;hnen
+mu&szlig;te, und Sie haben es getan. Sie sah in
+<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>Ihnen einen Gebieter des Schicksals, einen, der
+erf&uuml;llt ist von Schicksalen und dem sie Vertrauen
+schenken durfte, weil er Liebe daf&uuml;r gab. Sie
+f&uuml;hlte Ihre Vergangenheit, sie begriff Ihr Leben,
+Gentz, dieses Leben, hingebracht in Schw&auml;rmerei
+und Leidenschaften, in den Verf&uuml;hrungen der St&auml;dte
+wie im blutigen Dampf der Schlachtfelder, unter
+K&ouml;nigen und gro&szlig;en Damen, in Arbeit wie in Genu&szlig;,
+in der Melancholie der Einsamkeit und in der
+Unruhe unter den Menschen. Sie war beh&uuml;tet
+und gef&uuml;hrt, wissend und gefeit an Ihrer Seite,
+und die Dankbarkeit unterwarf Ihnen ihr Herz.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Nur die Dankbarkeit? Das w&auml;re also der <em class="antiqua">punctum
+saliens?</em> Soll ich zweifeln, nur weil andre
+zweifeln?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Nicht zweifeln; aber Sie sind allzu sicher,
+Gentz.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Fannys allzu sicher, meinen Sie?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Ja, Fannys allzu sicher.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Was gibt Ihnen Grund zu solcher Warnung?
+Ist die Medisance am Werk? Hat man in den
+<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>Salons und in den Kaffeeh&auml;usern die M&auml;uler zu
+Guillotinen meines Gl&uuml;cks gemacht?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Man ist dar&uuml;ber einig, da&szlig; Gentz ein beneidenswerter
+Mann ist.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(mehr &uuml;berlegen als bitter)</p>
+
+<p>Gentz, ein Zittergreis, ein ausgebrannter Krater,
+und Fanny El&szlig;ler, das bl&uuml;hende Wunder einer
+morbiden Welt. Der seufzende Diplomat und die
+sp&ouml;ttisch lachende Nymphe, das l&auml;cherliche Podagra
+und ein feuriger Czardas. Lassen Sie h&ouml;ren, Felix,
+das war der Text. Die Melodie dazu &#8211; pfeifen
+die Drosseln.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Nein.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Aber Sie wenigstens haben die &Uuml;berzeugung
+gewonnen, da&szlig; &uuml;ber einen Abgrund von siebenundvierzig
+Jahren hinweg die Leidenschaft eines
+Weibes gefriert und ein Mann sich aus seiner
+Dummheit und Leichtgl&auml;ubigkeit eine Gloriole webt.
+Sagen Sie&#8217;s nur.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p class="dircenter">(wehm&uuml;tig l&auml;chelnd)</p>
+
+<p>Sie scheinen es also f&uuml;r unm&ouml;glich zu halten
+da&szlig; Fanny &#8211; <em class="direction">(Er stockt, da Gentz mit scharf markierten
+Schritten auf ihn zugeht.)</em></p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>Gentz</p>
+
+<p>Ja, Felix! Unm&ouml;glich! Unm&ouml;glich kann Sie
+Fanny lieben!</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Ich dachte nicht an mich. Offen gestanden,
+lieber Gentz&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(ergreift die Hand des Grafen)</p>
+
+<p>H&ouml;ren Sie mich an, Felix. Ich sage unm&ouml;glich,
+nicht, weil ich Ihren Wert nicht kenne. Die <ins class="correction" title="Transcriber's note: original misses comma">sch&ouml;nste,
+die</ins> vornehmste, die stolzeste Frau mu&szlig; sich gl&uuml;cklich
+sch&auml;tzen, Sie zu besitzen. Aber die sch&ouml;nste,
+die vornehmste, die stolzeste Frau, was tut sie am
+Ende, wenn sie liebt? Sie opfert Ihnen ihre Jugend.
+Ihre Sch&ouml;nheit ist nur dazu da, um von Ihnen,
+dem Geliebten, begehrt und genossen zu werden.
+Und sei sie lasterhaft wie Messalina oder eine
+Lucretia an Tugend, sie ist ein Weib und zwischen
+ihr und Ihnen ist nichts als die kleinen und gro&szlig;en
+Gefahren und Lockungen der Liebe. Fanny hingegen
+ist eine T&auml;nzerin. Eine wirkliche, gottbegnadete
+T&auml;nzerin. Verstehen Sie, was das hei&szlig;t?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Ich denke ... warum sollt ich nicht?</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Als ich Fanny zum ersten Male tanzen sah, da
+<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>verteilten sich mir die Gewichte des Irdischen, und
+mein Schicksal war mir nicht mehr so l&auml;stig nahe.
+Ich hatte Spielraum in mir selbst, die Vergangenheit
+stand nicht mehr wie ein Leichnam hinter mir,
+die Philosophie nicht mehr wie eine Erinnye &uuml;ber
+mir, ich f&uuml;hlte mich einer h&ouml;heren und leichteren
+Ordnung der Dinge verwandt, und alles, was von
+schlechtem Gewissen in mir war, wurde von einer
+heiteren Macht beschwichtigt und zerstreut. Dem
+Philister ist dieser Tanz nur ein Vergn&uuml;gen, an
+dem er vor&uuml;bergeht, dem J&uuml;ngling mag er die
+Sinne befeuern, den reifen Mann erheben, erfreuen,
+doch nur der Alte, der wahrhaft Erfahrene, einer,
+der durch das ganze Fegefeuer der Geister- und
+K&ouml;rperwelt gegangen ist, die ganze H&ouml;lle von
+Niedertracht und Stumpfsinn und alles erlebt hat,
+Untreue und Verrat, selbst treulos und ein Verr&auml;ter
+war, an allem versucht worden ist, durch
+Leiden schamlos, durch Abwehr kalt, durch versteckte
+Armut listig, durch Triumphe gleichg&uuml;ltig
+geworden ist, &#8211; nur der kann die T&auml;nzerin lieben,
+wie sie geliebt werden mu&szlig;, so wie man eine Idee
+liebt, wie man Gott auf dem Sterbebett liebt.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Das klingt gro&szlig;, aber die Wahrheit des Lebens
+verteilt sich im Kleinen.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>Gentz</p>
+
+<p>Ein Aper&ccedil;u beweist nichts, kaum f&uuml;r den, der
+es macht. Wie k&ouml;nntet ihr jungen Menschen diese
+Reinheit verehren, ohne sie herabzuziehen? Diese
+beschwingte Leichtigkeit, ohne sie zu l&auml;hmen? Wie
+k&ouml;nnt ihr besitzen, ohne mehr und immer mehr
+zu fordern? Man mu&szlig; durstig sein k&ouml;nnen und
+nur vom freiwillig gereichten Becher trinken wollen.
+Man mu&szlig; verg&ouml;ttern k&ouml;nnen, indem man ein
+Wissen gibt, von dem ein H&auml;ndedruck so voll ist
+wie eure erz&auml;hlten Avent&uuml;ren. Die T&auml;nzerin ist
+in irgend einer Art heilig zu nennen, Felix, denn
+es ist etwas an ihr, was nie erobert werden kann
+und nie ber&uuml;hrt werden darf, in den feurigsten
+Umarmungen nicht. Fanny opfert alle Leidenschaft
+ihrer Kunst. Nicht nur ihr Gliederspiel,
+auch ihr Seelenleben ist von dem Gesetz ma&szlig;voller
+Sch&ouml;nheit beherrscht. Man kann nicht weniger
+emotionsbed&uuml;rftig sein als sie es ist, die sich von
+allem St&uuml;rmischen und Heftigen geradezu be&auml;ngstigt
+f&uuml;hlt. Der Adler wird in der Gefangenschaft traurig
+und verliert seine Majest&auml;t; will man sie ganz
+besitzen, so mu&szlig; sie frei bleiben wie der Adler.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Und doch dachten Sie einst an eine Heirat&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Es war, als ich sie noch zu wenig liebte. Was
+<a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>bin ich heute? Der entlassene Kammerdiener gro&szlig;er
+Herren. Was besitze ich? Nichts. Schulden &uuml;ber
+Schulden. Sollte die Frau Hofr&auml;tin tanzen?
+Kann man einen Stern vom Himmel rei&szlig;en, um
+ihn zum Schmuckst&uuml;ck f&uuml;r die Wohnstube eines
+Literaten zu machen? Das hei&szlig;t die Ewigkeit zum
+Augenblick erniedrigen, und wer so handelt, dem
+versagt der Augenblick. Und so lang ich dem
+Augenblick genug tue, bin ich jung. Alt bin ich
+einen Augenblick vor meinem Tod.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Wie sonderbar Sie mir erscheinen, lieber Gentz.
+Ich m&ouml;chte bewundern und mu&szlig; doch trauern&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Trauern? Wor&uuml;ber? Sie suchen umsonst den
+frivolen H&ouml;fling in mir, dessen gepr&auml;gte Malicen
+noch gestern halb Europa zum Lachen brachten.
+<em class="direction">(Er nimmt ein mysteri&ouml;ses Wesen an.)</em> Ich bin fromm
+geworden. Ja, ich bete, Felix, ich bete zuweilen.
+Besonders in der Nacht.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Armer Freund, kaum will mir das Wort &uuml;ber
+die Lippen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Was f&uuml;r ein Wort? Gegen Worte bin ich
+gewappnet. Das ist mein Beruf.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Fanny ist nicht nur eine T&auml;nzerin, sie ist auch
+ein Weib.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Ich gratuliere Ihnen zu dieser Entdeckung.
+Wollen Sie mir damit sagen, da&szlig; Sie ein Mann
+sind? Ich habe nie daran gezweifelt.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Nicht um mich handelt sich&#8217;s. Es tut mir leid,
+da&szlig; ich mich zu einem Gest&auml;ndnis meiner Empfindungen
+f&uuml;r Fanny habe hinrei&szlig;en lassen. Es geschah,
+weil ich Ihnen Offenheit schuldig zu sein
+glaubte. Es ist von meiner Seite nichts geschehen,
+was mit dem Gebot der Freundschaft unvereinbar
+w&auml;re, und da Sie keinen Anla&szlig; haben, diese
+Freundschaft zu beargw&ouml;hnen&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Nicht den geringsten, teurer Felix.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>&#8211; so d&uuml;rfen Sie meiner Mitteilung keine falschen
+Motive geben. Neigung und Freundschaft
+haben mein Auge gesch&auml;rft, das ist alles.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Nun, Sie machen mich neugierig.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Jener Stuhlm&uuml;ller&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>Gentz</p>
+
+<p>Was ist mit ihm?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Fanny liebt ihn.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Oh! Oh! Oh! Stuhlm&uuml;ller! Felix, Sie sind
+gar zu treuherzig.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Sie befinden sich, lieber Gentz, in einem Rausch
+von T&auml;uschung und Illusion. Ich habe die beiden
+beieinander gesehen, und nicht nur heute.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Was noch?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Ich habe Blicke gesehn, Geb&auml;rden gesehn ...
+O, ich kenne Fanny. Wo ihr Herz spricht, ist sie
+ehrlich bis zur Selbstvergessenheit.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Und w&auml;re in dieser Ehrlichkeit betr&uuml;gerisch gegen
+mich? Felix! Felix!</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Ich wiederhole: sie ist ein Weib.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Komischer Refrain. Mann &#8211; Weib. Ist die
+Natur eine Maschine und sind die gr&ouml;bsten Gegens&auml;tze
+<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>der Begriffe nur erfunden, damit man aus
+einem Engel im Handumdrehen eine Dirne machen
+kann?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Sie beleidigen die Natur, Gentz.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Da sieht man, wie ihr jung seid, ihr jungen
+Leute. Ihr stolziert in abgestempelten Anschauungen
+herum wie ein Hahn auf einer Grammatik. Stuhlm&uuml;ller?
+wer ist Stuhlm&uuml;ller f&uuml;r mich? Was ist
+er f&uuml;r meine Welt, f&uuml;r mein Gef&uuml;hl, was er nicht
+auch zugleich f&uuml;r Fanny w&auml;re?</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Ein Bursche wie aus Blut und Stahl, Gentz.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Ihr wi&szlig;t nichts von Fanny, keiner. Ihr kennt
+nur eine Liebensw&uuml;rdigkeit, bei der das Herz abwesend
+ist ... <em class="direction">(Er lauscht.)</em> Horch! Sie kommt,
+Felix! <em class="direction">(Entz&uuml;ckt.)</em> Ich h&ouml;re ihren Schritt&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Dann wird es Ihnen wohl bequemer sein,
+wenn ich mich jetzt verabschiede.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(mit leichtem Spott)</p>
+
+<p>Sie m&uuml;ssen ihr wenigstens in die Augen schauen,
+Felix. <em class="direction">(Er lauscht angestrengter, mit geneigtem Kopf.)</em></p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Sie k&ouml;nnte mich glauben machen, da&szlig; ich ihr etwas
+bedeute, und um so weniger k&ouml;nnt ich sie vergessen.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Ist sie&#8217;s? &#8211; Ja, sie ist&#8217;s.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Vielleicht feiern wir heute abend noch ein
+kleines Fest zu dreien, lieber Gentz. Am Sonntag
+reis&#8217; ich nach Paris.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(vorwurfsvoll, doch ein wenig zerstreut)</p>
+
+<p>Felix!</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p class="dircenter">(tritt ein, rei&szlig;t die T&uuml;re auf)</p>
+
+<p>Demoiselle El&szlig;ler.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny El&szlig;ler</p>
+
+<p class="dirlong">(folgt dem Diener. Sie tr&auml;gt ein helles, schottisches
+Kleid und einen blumengeschm&uuml;ckten Spitzenhut mit Band
+und seitlich herabgebogenen B&auml;ndern. Gestalt und Bewegungen
+sind von vollendeter Sch&ouml;nheit. Die urspr&uuml;ngliche
+Naivit&auml;t, Heiterkeit und Frische k&auml;mpft bisweilen
+gegen eine erworbene, anmutige W&uuml;rde)</p>
+
+<p>Gr&uuml;&szlig; Gott, lieber Gentz! Endlich bin ich wieder
+bei dir.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(fast ersch&uuml;ttert bei ihrem Anblick)</p>
+
+<p>Fanny! Teuerste! Wie lang waren diese drei
+Tage!</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>Fanny</p>
+
+<p>Ei, der Graf Felix! Guten Morgen, Felix, wie
+geht&#8217;s Ihnen? Habt ihr ernste Gespr&auml;che gehabt?
+Es liegt so was in der Luft.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Du siehst bl&uuml;hend aus, Fanny. Tu doch den
+Hut herunter&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dirlong">(nimmt den Hut ab, streicht mit den H&auml;nden das schwarze
+gescheitelte Haar glatt, das r&uuml;ckw&auml;rts zu einem griechischen
+Knoten gekn&uuml;pft ist)</p>
+
+<p>Gem&uuml;tlich ist&#8217;s bei dir, Gentz, und ich freu
+mich, da&szlig; ich wieder da bin. Die sch&ouml;nen Rosen!</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Findest du nicht, da&szlig; Rosen auch Schwermut
+erwecken k&ouml;nnen? Es gibt eine gewisse F&uuml;lle des
+Lebens, die traurig macht.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(streicht ihm &uuml;ber die Stirn)</p>
+
+<p>La&szlig; das, Gentz. Wenn du von der Traurigkeit
+sprichst, krieg ich gleich ein schlechtes Gewissen.
+Warum so schweigsam, Felix? Ihr M&auml;nner seid
+komische Leute. Wenn ihr miteinander gesprochen
+habt, tut ihr furchtbar geheimnisvoll, und doch
+wei&szlig; man alles, wenn man euch nur anschaut.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Wie steh ich armer Diplomat nun da!</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>Graf Reitzenstein</p>
+
+<p class="dircenter">(l&auml;chelnd)</p>
+
+<p>Die Traurigkeit unseres Freundes hat also schon
+gewirkt?</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(lacht)</p>
+
+<p>Auf das schlechte Gewissen, meinen Sie? So
+stehn die Sachen, Gentz?</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Er ist ein gar zu gr&uuml;blerischer Geist, der Felix.
+Denke dir, er hat mir Vorw&uuml;rfe &uuml;ber meine leichtsinnige
+Wirtschaft gemacht. Er ist der Meinung,
+da&szlig; ich zu verschwenderisch gegen dich bin&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Gentz! Gentz!</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Sie haben ganz recht, Felix. Neulich wollte er
+mir partout eine diamantene Agraffe kaufen&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Es hie&szlig;e Sie beleidigen, Fanny, wollte man
+Edelsteine f&uuml;r k&ouml;stlicher halten als die Freude, Sie
+damit schm&uuml;cken zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Wie galant!</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Galant und wahr zugleich. Ich habe ihm gesagt,
+<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>wenn man in meinem Alter zum Harpagon
+wird, gleicht man einem Soldaten, der nach dem
+Krieg desertiert.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Der Geizige hat vor dem Verschwender das
+eine voraus, da&szlig; er alle seine W&uuml;nsche erf&uuml;llen
+kann. <em class="direction">(Greift nach seinem Hut.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Gehen Sie schon, Felix? Wie schade!</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Leben Sie wohl, lieber Freund.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Ich darf doch darauf rechnen, da&szlig; Sie heute
+abend mit Fanny bei mir soupieren?</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Das w&auml;re reizend.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Heut abend kann ich unm&ouml;glich, &#8217;s ist ein
+Diner beim F&uuml;rsten und der franz&ouml;sische Gesandte
+kommt hin. Der F&uuml;rst legt Wert auf meine Anwesenheit.
+Aber morgen, wenn dir&#8217;s recht ist,
+Fanny? Gut, wir kommen morgen.</p>
+
+<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p>
+
+<p>Auf Wiedersehen denn. <em class="direction">(Ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(die ihm nachgeschaut hat)</p>
+
+<p>Er ist ganz anders als sonst, der Felix&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Bist du nicht eifers&uuml;chtig auf dich selbst, da
+deine besten Freunde eifers&uuml;chtig auf deine besten
+Freunde werden?</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Ist es so, dann tut er mir herzlich leid.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Nun, die Dinge liegen so einfach nicht. Du
+steigst empor, du richtest die Blicke der Menschen
+auf dich, die M&auml;nner, wie sie einmal sind: eifers&uuml;chtig
+selbst da, wo sie nicht lieben&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Oft denk ich mir, es w&auml;re Zeit, dem Wiener
+Boden Valet zu sagen&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Sprich&#8217;s nicht aus, Kind.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(sch&uuml;chtern)</p>
+
+<p>Jetzt grade k&ouml;nnt ich&#8217;s tun, Gentz. Ich hab
+einen Antrag nach Berlin; soll an der k&ouml;niglichen
+Oper tanzen.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Also doch! Wie hab ich den Moment gef&uuml;rchtet.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>Fanny</p>
+
+<p>Ich tu&#8217;s ja nicht, Gentz, tu&#8217;s keinesfalls.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Hat man dir den Kontrakt schon vorgelegt?</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Ja, ich hab ihn dabei. <em class="direction">(Zieht das Dokument
+aus ihrem Pompadour und &uuml;bergibt es Gentz.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>La&szlig; sehn ... <em class="direction">(liest)</em> Ballette &raquo;Blaubart&laquo;,
+&raquo;die Fee und der Ritter&laquo;, &raquo;Ottavio Pinelli&laquo;, &raquo;die
+Stumme von Portici&laquo; ... f&uuml;r drei Monate ...
+die Summe von f&uuml;nfzehnhundert Talern nebst
+Spielhonorar ... <em class="direction">(laut)</em> Das ist nicht &uuml;bel.
+Das w&auml;re ja durchaus nicht von der Hand zu
+weisen.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(versucht gleichg&uuml;ltig zu erscheinen)</p>
+
+<p>Nicht wahr? Verlockend ist es.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Du hast also Lust, zu den Berlinern zu gehen?</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(rasch)</p>
+
+<p>Nein, Gentz; eigentlich ganz und gar keine
+Lust.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Den Antrag abzuweisen w&auml;re nicht klug von
+dir.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>Fanny</p>
+
+<p>Man kann&#8217;s ja aufs n&auml;chste Jahr verschieben.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Nein. Die Welt verlangt nach dir. Dein Bezirk
+ist Europa, der Erdball.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Ist denn Berlin schon Europa?</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>F&uuml;r jeden beginnt Europa, beginnt die Welt
+da, wo er seine Heimat verl&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(mit sehns&uuml;chtigen Blicken, trotz des entschiedenen Tons)</p>
+
+<p>So gern ich&#8217;s m&ouml;chte, Gentz, ich kann nicht
+von dir weg. Bei dir wei&szlig; ich, da&szlig; ich beh&uuml;tet
+bin. Du hast alles aus mir gemacht. Du warst
+alles f&uuml;r mich, mein Vater, mein Bruder, mein
+Freund, mein Lehrer. Du hast mich aufgeweckt,
+ich h&auml;tte keinen Ehrgeiz ohne dich, ich w&uuml;&szlig;te
+nichts von mir&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Doch kann ich dir den Ruhm nicht geben, der
+dich fern von mir erwartet.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Was soll mir der Ruhm, wenn ich ihn nicht
+bei dir vergessen kann.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>Gentz</p>
+
+<p>Je l&auml;nger ich &uuml;berlege, je unverantwortlicher
+erscheint es mir, dich zur&uuml;ckzuhalten.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(mit unwillk&uuml;rlich hingerissener Geb&auml;rde)</p>
+
+<p>Hinaus ins Unbekannte&nbsp;&#8211;! Eines ist ja wahr:
+zu eng wird&#8217;s mir hier. Sie glauben mir nicht
+ganz, ich bin ihnen nicht fremd genug.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Kehrst du zur&uuml;ck, so gebietest du denen, die
+dich jetzt nur dulden.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Und doch ... nein, &#8217;s ist unm&ouml;glich. Schau,
+Lieber, mit Berlin ist&#8217;s ja nicht abgetan. Da
+mu&szlig; ich dann weiter. Da lockt&#8217;s mich weiter.
+Nach Paris, wo die Taglioni tanzt.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Sie ist kalt, sie ist blutlos, ein Schatten gegen
+dich.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Aber dort wissen sie, was tanzen hei&szlig;t. Man
+ist st&auml;rker, wenn&#8217;s um den h&ouml;heren Preis geht.
+Die Franzosen, siehst du, die m&ouml;cht ich behexen,
+und wenn die Taglioni ein Engel ist, wie sie sagen,
+will ich zum Teufel werden. O, ich f&uuml;hle, da&szlig;
+ich&#8217;s kann! Ich hab&#8217;s neulich gesp&uuml;rt im Blaubart,
+<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>das ganze Theater war so still wie eine leere Kirche,
+und alle Augen waren so feurig in der Dunkelheit.
+Ach, Gentz! Paris! Paris!</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(der sich immer mehr in heroische Entsagung hineinlebt)</p>
+
+<p>Warum nicht? Paris ist nur eine Dom&auml;ne des
+Gl&uuml;cksreichs, das du gr&uuml;nden wirst.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Und von Paris nach London, und von London
+nach Amerika. Die Amerikaner sollen ja so reich
+sein, da k&ouml;nnt ich mir viel Geld verdienen, herrliche
+Kost&uuml;me kaufen, die Dichter und die Komponisten
+bezahlen, da&szlig; sie mir wunderbare Texte
+und sch&ouml;ne Musik machen. O, ich h&auml;tte Mut.
+Das Meer f&uuml;rcht ich nicht und die Wildnis nicht.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>So gef&auml;llst du mir. So g&auml;rt der Most, aus
+dem edler Wein wird.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(enthusiastisch)</p>
+
+<p>Und lernen, lernen, lernen, Gentz! Wei&szlig;t du,
+was man von der Taglioni und ihrem Vater erz&auml;hlt?
+Als sie in London war, wohnte unter ihr
+ein Mann, der lie&szlig; ihr sagen, sie m&ouml;chte sich durch
+die R&uuml;cksicht auf seine Nachtruhe nicht in der
+Arbeit st&ouml;ren lassen. Und was hat der alte Taglioni
+<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>geantwortet? Sagen Sie diesem Herrn, hat
+er dem Diener zugerufen, da&szlig; ich noch nie den
+Schritt meiner Tochter geh&ouml;rt habe, und da&szlig; ich
+sie verfluchen w&uuml;rde an dem Tag, wo es gesch&auml;he.
+Das find ich gro&szlig;!</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Du hast Gaben, um die dich eine Taglioni
+beneiden wird.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(stockt, seufzt)</p>
+
+<p>Das ist&#8217;s ja eben. Es ist einem oft zu Mut,
+als ob die Menschen voll Ha&szlig; w&auml;ren gegen die
+Kunst. Der Neid, die Mi&szlig;gunst, wie soll ich&#8217;s ertragen,
+wenn du mir nicht hilfst? Du bist klug,
+bist m&auml;chtig, sie beugen sich vor dir, und wenn
+ich bei dir bin, verge&szlig;&#8217; ich die h&auml;mischen Gesichter.
+Nein, ich will nicht fort.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Ich kann dich nur bis dahin f&uuml;hren, wo dir
+der Sinn des Daseins verst&auml;ndlicher wird, Fanny.
+Wir sind allein und m&uuml;ssen allein bleiben, ein
+jeder. Vielleicht ist es deine Aufgabe, dieses Gef&uuml;hl
+der Einsamkeit, von dem die Menschen erf&uuml;llt
+sind, in Sch&ouml;nheit zu verwandeln. Uns beide hat
+das Geschick nur in einer Laune zusammengeworfen,
+mich am Ende, dich am Anfang eines Wegs. Es
+<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>ist mehr als Liebe, was uns bindet. Du warst f&uuml;r
+mich geschaffen und f&uuml;hlst es. Da&szlig; die Zeit sich
+in unserer Geburt verrechnet hat, kann uns nicht
+beirren. Nichts wird uns trennen, &#8211; weshalb so
+viel Wesens machen um die paar Meilen von hier
+bis Berlin?</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Und unsere Gespr&auml;che, unsere Ausfl&uuml;ge, unsere
+gem&uuml;tlichen Abende, wo wir das &raquo;Buch der Lieder&laquo;
+zusammen gelesen haben&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(scherzhaft)</p>
+
+<p>Bst! Willst du wohl? Da&szlig; du mich nicht
+verr&auml;tst, denn dieser Heine ist ein Erzliberaler.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Doch liebt er die T&auml;nzerinnen, so viel ich wei&szlig;.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Ja, das tun die Liberalen sonst nicht. Und
+nun setz dich an den Schreibtisch, nimm den Federkiel
+und schreib deinen Namen unter den Kontrakt.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(schalkhaft)</p>
+
+<p>Das hei&szlig;t so viel, als du schickst mich fort?
+<em class="direction">(Sie setzt sich.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>In dieser Minute schreibst du deinen Namen
+ins Firmament der Unsterblichkeit.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>Fanny</p>
+
+<p>Noch ist&#8217;s nicht geschehen, Gentz. Soll ich?
+Soll ich wirklich?</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(legt seine Hand auf ihre Schulter, sie blickt zu ihm
+empor)</p>
+
+<p>Ich bin stolz darauf, deinen vollen Wert, von
+dem deine Sch&ouml;nheit und deine Kunst nur Teile
+sind, erkannt zu haben, und die Freundschaft, mit
+der du meine Liebe belohnst, sch&auml;tze ich h&ouml;her als
+G&uuml;ter der Erde. Ich lebe nur in dir, Fanny;
+sterben hat keinen andern Sinn f&uuml;r mich als eine
+Welt verlassen m&uuml;ssen, in der du atmest. Ich
+habe den Mut zu glauben, da&szlig; mich nichts aus
+deinem Herzen rei&szlig;en kann. Wenn du mich durch
+einen einzigen H&auml;ndedruck versicherst, da&szlig; ich mich
+nicht irre, so bleibt mir nichts mehr zu w&uuml;nschen
+&uuml;brig.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(gibt ihm die Hand)</p>
+
+<p>Ja, Gentz, Freundschaft, das ist das rechte
+Wort.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Das einzige, Fanny?</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Gibt&#8217;s ein besseres noch?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>Gentz</p>
+
+<p>Ich wag es nicht auszusprechen. Doch nun
+ich deine Hand habe, bist du mir versprochen,
+Fanny. Es ist zwar nur die linke, aber es ist mir
+keine lieber als die andre. Ich dr&uuml;cke sie an die
+Lippen und mit der rechten schreib&#8217;. Schreib deinen
+Namen, verschreib dich dem Ruhm.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Schwer ist das Schreiben ohnehin, und erst
+wenn du mir den Arm wegnimmst ... Also
+probier ich&#8217;s <em class="direction">(schreibt)</em> Fanny ... El&szlig; ... ler.
+Wunderlich! Da steht&#8217;s nun! Und ist nichts geschehen
+eigentlich&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Siehst du, Fanny, so hab ich dich zu deinem
+Wunsch bekehrt.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(dankbar)</p>
+
+<p>Gentz! Lieber!</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt)</p>
+
+<p>Es ist einer drau&szlig;en und sagt, er will die gn&auml;&#8217;
+Fr&auml;ul&#8217;n sprechen.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Mich?</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Wer mag&#8217;s denn sein? Hat er den Namen
+nicht genannt?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(rasch)</p>
+
+<p>Ach richtig, das ist sicherlich der Stuhlm&uuml;ller.</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p class="dircenter">(ver&auml;chtlich)</p>
+
+<p>Ja. Stuhlm&uuml;ller. So nennt er sich.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(mit blitzenden Augen)</p>
+
+<p>Weshalb spricht der Mensch so despektierlich,
+frag ich?</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p>Entschuldigen die gn&auml;&#8217; Fr&auml;ul&#8217;n, aber&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(streng)</p>
+
+<p>Nichts. Genug. Frag ihn, was er will. <em class="direction">(Jean
+ab.)</em> Wie kann der Bursch es wagen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Aber ich versteh dich gar nicht ... abholen
+will er mich. &#8217;s ist Prob am Nachmittag, und
+au&szlig;erdem&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Au&szlig;erdem?</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt zur&uuml;ck)</p>
+
+<p>Der Monsieur Stuhlm&uuml;ller l&auml;&szlig;t sagen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>Gentz</p>
+
+<p>&#8217;s ist gut. Wei&szlig; schon. Soll drau&szlig;en warten.
+<em class="direction">(Jean ab.)</em> Au&szlig;erdem, Fanny?</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Er ist&#8217;s ja, Gentz, der Stuhlm&uuml;ller, der mir
+den Kontrakt verschafft hat, und jetzt brennt ihn
+halt die Neugier zu erfahren&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Er</em> hat dir den Kontrakt verschafft? Wie
+kommt er denn dazu?</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Er ist ja in Berlin engagiert, und ich soll
+seine Partnerin sein.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Er dein Partner, meinst du&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Ja, wenn du so willst&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Deshalb ist immer noch kein Grund f&uuml;r ihn,
+in mein Haus zu dringen.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Warum denn so feindselig, Gentz?</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Ich mag&#8217;s nicht. Mag das Theatervolk nicht
+leiden. Haben alle so was Penetrantes.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>Fanny</p>
+
+<p>Er war mir ein guter Kamerad.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(mit den H&auml;nden <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'anf'">auf</ins> dem R&uuml;cken hin- und hergehend)</p>
+
+<p>Das dacht ich mir.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(langsam)</p>
+
+<p>Er war&#8217;s ... <em class="direction">(stockend)</em> er ist&#8217;s nimmer.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(bleibt stehen)</p>
+
+<p>Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Also habt
+ihr euch zerstritten?</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Er ist mir noch was anderes.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(blickt sie starr an)</p>
+
+<p>Er ist dir sehr ergeben, hoff ich.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Ergeben? Nein. Eher ... stolz.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Der elende Kom&ouml;diant! Werd ihm die Leviten
+lesen.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Willst du denn <em class="gesperrt">nicht</em> begreifen, Gentz? <em class="direction">(Lange
+Pause.)</em></p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(die Hand an der Stirn, pl&ouml;tzlich schwer)</p>
+
+<p>Sprich nicht davon, Fanny. Sprich nicht davon.
+Du kennst dich selber nicht. Du kennst
+mich nicht.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(innig)</p>
+
+<p>Schau, Gentz, anders konnt&#8217; es doch <ins class="correction" title="Transcriber's note: original misses comma">nicht,
+durft&#8217;</ins> es doch nicht kommen, oder die Natur ist
+nicht mehr Natur und Blut nicht mehr Blut.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(leise)</p>
+
+<p>Also doch ... Felix! Felix! &#8211; Sprich nicht
+davon, Fanny! <em class="direction">(Ausbrechend.)</em> Oder sag lieber, da&szlig;
+alte M&auml;nner langweilig sind, da&szlig; sie graue Haare
+haben und schwarze Z&auml;hne, da&szlig; sie, anstatt Liebesworte
+zu girren, besser ihr Testament abfassen sollten,
+da&szlig; jung sein, nichts anderes bedeutet als
+grausam sein, gefr&auml;&szlig;ig sein, meineidig sein und
+da&szlig; man nicht vergessen soll, zur rechten Zeit zu
+sterben ... Gott, wohin verlier&#8217; ich mich!</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(erregt)</p>
+
+<p>Gentz, h&ouml;r mich an. Den Kontrakt, noch kann
+ich ihn zerrei&szlig;en&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Nimmermehr, Fanny. Blieb ich darum weniger
+ein Greis?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>Fanny</p>
+
+<p>Dir dank ich alles, Gentz, und will dir&#8217;s danken,
+ohne Engigkeit, nicht blo&szlig; mit Reden, sondern von
+Herzen gern, und da, in meinem Herzen, bist du
+und bleibst du allezeit. Du bist mir das H&ouml;chste
+auf der Welt, als Mensch, und weil du&#8217;s bist, mu&szlig;t
+du&#8217;s verstehen, wenn ich mein Herz nicht vor dir
+hehle. So war ja die Abrede zwischen uns, und
+immer warst du darauf gefa&szlig;t.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(d&uuml;ster)</p>
+
+<p>Man ist nie auf ein Ende gefa&szlig;t, wenn es
+da ist. Der Gl&uuml;ckliche steht immer an einem Anfang.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Ein Ende, Gentz! Wer spricht vom Ende?
+Wahrlich, du betr&uuml;bst mich ganz und gar. Ich
+bin ganz irre jetzt.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Sprich nur weiter, Fanny, so h&ouml;r ich wenigstens
+deine Stimme.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Dir mag&#8217;s von mindrem Wert erscheinen, was
+mich jetzt erf&uuml;llt; vielleicht ist&#8217;s auch so, doch was
+n&uuml;tzt Rede und Widerrede, wenn dich die Sinne
+zwingen und dich auf den Weg treiben, &#8211; einem
+in die Arme, der wartet, wartet, und den du nicht
+<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>hast kommen sehn, und du mu&szlig;t zu ihm, als
+ob&#8217;s Gott selber so beschlossen h&auml;tte. R&uuml;hmt&#8217; ich
+seine Augen oder seinen Gang oder da&szlig; er&#8217;s redlich
+meint und ein treues Gem&uuml;t hat, so w&uuml;rd ich
+l&uuml;gen, Gentz, denn dies ist&#8217;s nicht, was mich hintreibt,
+&#8217;s ist vielmehr wie ein Rhythmus beim
+Tanz, der die Unruhe aufl&ouml;st und die Luft um
+einen her d&uuml;nner macht. Auch auf Betrug war&#8217;s
+nicht abgesehn, denn her bin ich gekommen, um
+alles frei zu sagen, nur hat&#8217;s mir weh um dich
+getan.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Wie deine Augen gl&auml;nzen, Fanny&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Du mu&szlig;t ihn sehen, Gentz! Wie er schreitet,
+sich bewegt! Wie schlank er ist, wie er den Kopf
+wendet, wie edel er sich h&auml;lt, wie die Gelenke abgesetzt
+sind. Mit ihm zu tanzen, ist halbe Arbeit;
+er tr&auml;gt mich, schwingt mich so dahin. Wie mir&#8217;s
+bei dir geschieht, wenn ich im Leben zaghaft werde,
+so gibt er mir Mut und Lust beim Tanz.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Wann willst du reisen, Fanny?</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p class="dircenter">(mit gesenktem Kopf)</p>
+
+<p>Wei&szlig; noch nicht. In der n&auml;chsten Woche, denk
+ich.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>Gentz</p>
+
+<p>Wozu der lange Aufschub? Es w&auml;re besser, du
+w&uuml;rdest morgen reisen.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Bist du so ungeduldig, mich los zu werden,
+Gentz?</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Ich will dir einen Platz auf der Post bestellen.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Soll ich heut abend nicht zu dir kommen?</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Heut abend la&szlig; mich lieber allein.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Jetzt will ich aber den armen Stuhlm&uuml;ller
+nicht l&auml;nger warten lassen.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Adieu, Fanny.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Magst ihn nicht wenigstens sehen? Sprich
+ein freundlich Wort mit ihm.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Nicht heute, nicht jetzt.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>So leb wohl. <em class="direction">(Reicht ihm die Hand.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Komm noch einmal&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>Fanny</p>
+
+<p>Morgen komm ich wieder.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Und &uuml;bermorgen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>&Uuml;bermorgen auch.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Wie ein gehorsames Kind!</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Wie eine Tochter, ja.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(zu dem Kupfergef&auml;&szlig;, nimmt Rosen und gibt sie ihr)</p>
+
+<p>Hier, die Rosen, Fanny; nimm sie mit auf
+den Weg.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Dank dir.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Und sei gl&uuml;cklich.</p>
+
+<p class="speaker">Fanny</p>
+
+<p>Dank dir sch&ouml;n.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Und noch etwas: geh nicht direkt die Stra&szlig;e
+entlang, &#8211; geh am Gartentor mit ihm vorbei,
+damit ich euch sehe. Es ist nur ein kleiner Umweg.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>Fanny</p>
+
+<p>Ist recht, Gentz. <em class="direction">(Sie beugt sich schnell, k&uuml;&szlig;t
+seine Hand; ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p class="dircenter">(lauscht; dann auf und ab. Er geht zur Gartent&uuml;r,
+schaut angestrengt nach rechts hin&uuml;ber)</p>
+
+<p>Da gehen sie hin, &#8211; die jungen Leute! <em class="direction">(Er
+zieht sein Lorgnon heraus und verfolgt die sich Entfernenden
+mit den Blicken, bis sie verschwunden sind, dann
+wendet er sich ab und l&auml;&szlig;t sich in den Fauteuil sinken.
+In seinem Gesicht erlischt gleichsam ein Feuer, und der
+Ausdruck wird v&ouml;llig greisenhaft.)</em> Da gehen sie hin.
+Die jungen Leute. Als ob sie einen Sarg in die
+Erde gesenkt h&auml;tten. Wozu die Trauer? Wozu
+Opfer, wozu Treue, wozu M&uuml;h und Sorge? Das
+Leben schwindet, das Kr&uuml;glein ist geleert. Kein
+Wort mehr, Gentz, den letzten Traum hast du
+dir verdient und bezahlt. Genug, genug. <em class="direction">(Er
+erhebt sich, greift nach der Handglocke.)</em> Wie noch
+alles hier nach ihrer Jugend riecht! Wie die Luft
+noch von jungem Lachen klingt ... Kein Wort,
+kein Wort mehr, Gentz. <em class="direction">(Er l&auml;utet.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt)</p>
+
+<p>Herr Hofrat befehlen?</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Geh Er zum F&uuml;rsten Metternich und richt Er
+<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>aus, da&szlig; ich zum Diner heut abend nicht kommen
+kann.</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p>Sehr wohl.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Bring Er mir meinen Schlafrock, den t&uuml;rkischen
+und mach Er Feuer im Ofen. &#8217;s ist kalt.</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p>Sehr wohl.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Sag Er den andern drau&szlig;en, da&szlig; ich f&uuml;r niemand
+zu Hause bin. F&uuml;r niemand, h&ouml;rt Er?</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p>Sehr wohl.</p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>Vor allem mach Er Feuer an.</p>
+
+<p class="speaker">Jean</p>
+
+<p>Sofort. <em class="direction">(Ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Gentz</p>
+
+<p>&#8217;s ist kalt. &#8217;s ist kalt. <em class="direction">(Sinkt wieder in den
+Sessel.)</em> Kein Wort mehr, Gentz. <em class="direction">(Bedeckt das Gesicht
+mit den H&auml;nden.)</em></p>
+
+<p class="vorhang">(Vorhang)</p>
+
+<!-- <p><a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>[Blank Page]</p> -->
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a></p>
+<h2><a name="Der_Turm_von_Frommetsfelden" id="Der_Turm_von_Frommetsfelden"></a>Der Turm von Frommetsfelden</h2>
+
+
+<p class="personen"><a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>Personen:</p>
+
+<ul class="personen">
+<li>Der Ritter Karl Heinrich von Lang, ansbachischer Dom&auml;nenrat</li>
+<li>Anna, seine Frau</li>
+<li>Frau von H&auml;nlein, deren Mutter</li>
+<li>Leutnant Amandus Schl&ouml;zer</li>
+<li>Rechnungsrat Birnkoch</li>
+<li>Kammerdirektor M&uuml;hlbach</li>
+<li>Kasteljack, Schreiber</li>
+<li>F&uuml;nf Bauern, darunter: Der Ringhofbauer, der Waldhofbauer, der Erlhofbauer</li>
+<li>B&auml;rbel, Dienstmagd bei Langs</li>
+</ul>
+<p class="spielt">Spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Ansbach.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a></p>
+<p class="newsection dirlong">Das ger&auml;umige Arbeitszimmer des Ritters von Lang,
+zugleich eine Art Wohngemach. Die M&ouml;bel im
+franz&ouml;sischen Geschmack des achtzehnten Jahrhunderts.
+R&uuml;ckw&auml;rts zwei Fenster mit Aussicht auf romantisch
+verwinkeltes H&auml;userwerk. Links T&uuml;r in die andern Zimmer,
+rechts in den Flur.</p>
+
+<p class="dirlong"><em class="gesperrt">Frau von H&auml;nlein</em> ordnet die auf Tischen, St&uuml;hlen
+und Sofa herumliegenden B&uuml;cher und Hefte; <em class="gesperrt">B&auml;rbel</em>
+kehrt mit einem riesigen Besen aus.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p class="dircenter">(eine stattliche Dame in der Mitte der vierzig; sehr
+riegelsam, frisch, gesund, nur wenig angegraut)</p>
+
+<p>In aller Fr&uuml;he war er also schon da?</p>
+
+<p class="speaker">B&auml;rbel</p>
+
+<p>Heroben war er nit. Vorbeigangen ist er
+am Haus, wie ich zum B&auml;cker bin, und hat g&#8217;fragt,
+wie&#8217;s der jungen Frau geht.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Scheint viel Zeit zu haben, der junge Herr.</p>
+
+<p class="speaker">B&auml;rbel</p>
+
+<p>Die Herren Leutnants m&ouml;chten halter gern,
+da&szlig; an Krieg gitt.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Wenn ich der Lang w&auml;re, ich t&auml;t ihm das Haus
+verbieten. Die M&auml;nner sind zu schlampig in manchen
+Sachen. Du kannst jetzt in die K&uuml;che gehn,
+<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>B&auml;rbel. In einer halben Stunde mu&szlig; die junge
+Frau ihre Milchsuppe bekommen. <em class="direction">(B&auml;rbel ab.)</em>
+Sitzt da herum. Schwatzt. W&auml;r die Anna nicht
+die Anna, er k&ouml;nnt sie am Ende um den Verstand
+schwatzen. Lang, Lang! So gescheit du bist,
+so dumm bist du.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt von links. Blasse, schlanke, zarte, zierliche Frau
+von zwanzig Jahren. Sie tr&auml;gt ein elegantes Morgengewand
+nach Pariser Schnitt; l&auml;chelnd)</p>
+
+<p>Sprichst f&uuml;r dich alleine, Mutter, und r&auml;umst
+schon wieder?</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Was zu r&auml;umen ist, r&auml;um&#8217; ich. Guten Morgen,
+Kind. Bist schon aus dem Bett gehupft? &#8217;s ist
+erst zehn Uhr und der Doktor hat gesagt, du sollst
+bis Mittag liegen.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(heiter)</p>
+
+<p>Erkl&auml;rt mich der Doktor f&uuml;r krank, dann f&uuml;hl&#8217;
+ich mich gleich gesund.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Bist ja auch nicht krank, sollt&#8217; ich meinen.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Krank nicht, gesund auch nicht. Was soll man
+glauben!</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Glaub an deine Natur.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Grad die Natur macht mich oft irre. Oft versuch
+ich froh zu sein, dann kommt unversehens
+die Traurigkeit.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Wie hast denn geschlafen heute?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Einen wunderlichen Traum hab ich gehabt,
+Mutter.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>La&szlig; h&ouml;ren. Vielleicht kann ich ihn deuten.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(setzt sich aufs Sofa, Frau von H&auml;nlein bleibt vor ihr
+stehen)</p>
+
+<p>Mir tr&auml;umte, ich war in Frommetsfelden und
+alles war noch so, wie ich ein Kind gewesen. Der
+sch&ouml;ne Garten mit den vielen Obstb&auml;umen, alle
+voller &Auml;pfel und Birnen und die lieben alten niedlichen
+H&auml;uschen, und ich geh so und freu mich
+&uuml;ber den blauen Himmel, und wie ich so gehe,
+wird&#8217;s auf einmal stockfinstre Nacht, und auf einmal
+seh ich Flammen, und das ganze St&auml;dtchen
+steht lichterloh in Brand. Mir wird Angst, und
+ich wei&szlig; nicht wohin, da packt mich Karl Heinrich
+<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>am Arm, so fest, da&szlig; mir&#8217;s durch und durch weh
+tut. La&szlig; mich wenigstens noch in meinen Garten,
+bitt ich ihn, aber er sch&uuml;ttelt den Kopf, macht ein
+b&ouml;ses Gesicht und h&auml;lt mich nur immer fester.
+Da seh ich den Leutnant Schl&ouml;zer kommen, er
+winkt mir so freundlich, da&szlig; mir ganz warm ums
+Herz wird, und pl&ouml;tzlich kann ich zu ihm hingehen,
+und wie ich bei ihm bin, da sind wir im Garten,
+und aus einem sch&ouml;nen blauen Krug gibt er mir
+Wasser zu trinken. Dabei ist mir immer wohler
+und wohler geworden, und so bin ich aufgewacht.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Das war das Vern&uuml;nftigste, was du hast tun
+k&ouml;nnen, das Aufwachen.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Sollen die Tr&auml;ume auch noch vern&uuml;nftig sein?
+Schau, Mutter, ich f&uuml;hl&#8217; mich so verlassen oft.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p class="dircenter">(setzt sich zu ihr, tadelnd)</p>
+
+<p>Und du hast doch den besten Mann von der
+Welt.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(steht auf, geht zum Fenster)</p>
+
+<p>&#8217;s ist wahr.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Ist&#8217;s wahr mit Seufzen, so ist&#8217;s L&uuml;ge.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>Anna</p>
+
+<p>Wei&szlig; wirklich nicht, wie mir zumut ist&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>H&ouml;r&#8217; zu, Anna. Du solltest dich weniger mit
+dem Leutnant Schl&ouml;zer abgeben. Ein paar Monate
+seid ihr erst verheiratet, und, &#8211; es schickt
+sich eben nicht. Lang mu&szlig; sich auch kr&auml;nken.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(bitter)</p>
+
+<p>Karl Heinrich? Oh nein, Mutter. Oh nein.
+Der kr&auml;nkt sich nicht. Dar&uuml;ber nicht.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Warum nicht <em class="gesperrt">da</em>r&uuml;ber? Etwa weil er nicht
+dar&uuml;ber spricht?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>W&uuml;&szlig;t ich&#8217;s nur! Das ist&#8217;s ja, was mich qu&auml;lt.
+Er denkt nur an die Verwaltung. Nur seine Eingaben
+und Verbesserungen hat er im Kopf.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p class="dircenter">(lacht)</p>
+
+<p>Bist eifers&uuml;chtig auf die Verwaltung? Damit
+mu&szlig;t du dich abfinden. Ein Mann geh&ouml;rt seinem
+Beruf.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(mit niedergeschlagenen Augen)</p>
+
+<p>So bin ich betrogen worden, Mutter. Man
+hat mir&#8217;s anders eingeredet.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Als dein Vater auf dem Totenbett lag, sagte
+er zu mir: Schau, Rieke, du hast ja graue Haare
+an den Schl&auml;fen. Da hab ich ihm antworten
+m&uuml;ssen: Dummer Mann, die grauen Haare hab
+ich schon seit sechs Jahren. Glaubst du, wir haben
+uns deshalb minder lieb gehabt?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Ach, &#8211; Liebe! Das ist viel, oder &#8217;s ist wenig,
+je nachdem! Wie kann ich wissen, ob sie <em class="gesperrt">mir</em>
+gilt, <em class="direction">(mit beiden H&auml;nden an der Brust)</em> ob&#8217;s <em class="gesperrt">meine</em>
+Liebe ist, die erwidert wird, ganz genau meine?</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Warum soll es denn, um Gottes willen, ganz
+genau die deine sein? Wir Menschen sind doch
+aus verschiedenem Teig.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Ist sie ihm mehr wert als das Amt? Was
+Gr&ouml;&szlig;eres als die Gesch&auml;fte? Was anderes als eine
+Stunde zum Vergessen? Ich will wissen, ob sie
+mir gilt, mir ganz allein und ganz so wie ich bin.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Kind, spiel du nicht mit Worten, denn das
+hei&szlig;t so viel wie zum Teufel beten. <em class="direction">(Sie steht auf.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Was sind mir seine Geschenke, wenn ich das
+<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>nicht wei&szlig;? Er ist so verschlossen; so viel fremdes
+Leben bringt er mit. Seine Augen sind fremd.
+Sein Gesicht ist fremd. Mir ist als h&auml;tt ich sein
+wirkliches Gesicht noch kaum gesehen; als ob er
+gar nicht leiden k&ouml;nnte um was. Immer m&ouml;cht
+ich gr&uuml;beln, wenn er mit mir redet; indes sein
+Wort weiter geht, bin ich noch beim ersten und
+frag mich: wo bist du, Karl Heinrich? Ich find
+ihn nicht. Mu&szlig; ich ihm nicht auch fremd sein?
+Wie wird er mich nehmen, wenn mein Fremdestes
+zu seinem Herzen will?</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p class="dircenter">(bek&uuml;mmert)</p>
+
+<p>Das kommt mir alles wie S&uuml;nde vor. Auch
+versteh ich&#8217;s nicht. Ich bin schon froh, wenn mich
+die Sonne bescheint.</p>
+
+<p class="speaker">B&auml;rbel</p>
+
+<p class="dircenter">(von rechts)</p>
+
+<p>A Herr is da un will unsern Herrn sprech&#8217;n.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Unser Herr ist ausgegangen.</p>
+
+<p class="speaker">B&auml;rbel</p>
+
+<p>Der Herr will auf unsern Herrn wart&#8217;n.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Was ist&#8217;s denn f&uuml;r ein Herr?</p>
+
+<p class="speaker">B&auml;rbel</p>
+
+<p>Birnkoch haa&szlig;t &#8217;r.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>Rechnungsrat Birnkoch</p>
+
+<p class="dircenter">(unter die T&uuml;re tretend; ein dicker, kleiner, geschniegelter
+junger Mann mit Glatzkopf und einem eiertanz&auml;hnlichen
+Gang)</p>
+
+<p><em class="antiqua">Excusez, mes dames&nbsp;&#8211;</em></p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Der Herr Rechnungsrat! Bitte nur einzutreten,
+Herr Rechnungsrat.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p>Ist nicht meine Absicht, die Damen zu troublieren.
+<em class="antiqua">Bonjour, mesdames</em>. Frau Dom&auml;nenr&auml;tin,
+meine Reverenz. Wie befindet sich dero beneidenswerter
+Gatte?</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p class="dircenter">(hastig, um Annas zerstreutes Schweigen zu verdecken)</p>
+
+<p>Mein Schwiegersohn ist zur Inspektion des
+Waisenhauses, Herr Rechnungsrat. M&uuml;ssen Sie
+ihn dringend sprechen, so schick ich hin&uuml;ber.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p>Inspektion in aller Fr&uuml;he? Ein r&uuml;hriger Beamter,
+der Dom&auml;nenrat Lang, <em class="antiqua">un caract&egrave;re de fer</em>.
+Wollen Sie hin&uuml;ber schicken? Ich bitte, nein.
+Allerdings habe ich ein Anliegen, will sagen einen
+Auftrag von Seiner Exzellenz, dem Minister Haugwitz,
+der die Gnade hatte, mit mir in Berlin zu
+konferieren&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Nun, wenn es von Wichtigkeit ist, Herr
+Rechnungsrat ... <em class="direction">(Will zur T&uuml;r.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p>Bitte nein, Madame. Mu&szlig; wohl von einiger
+<em class="antiqua">importance</em> sein, da man mich damit beauftragt
+hat. Aber, bitte nein. Das Vergn&uuml;gen, Ihnen
+Gesellschaft leisten zu d&uuml;rfen ... Es handelt sich
+um die fatale Aff&auml;re ... <em class="antiqua">une chose ridicule,
+au fond</em> ... mit dem Turm von ... von ...
+<em class="antiqua">quel nom abominable</em>&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Mit dem eingest&uuml;rzten Stadtturm vielleicht&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p>Ganz richtig, Madame; mit dem eingest&uuml;rzten
+Stadtturm. In ... in&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Frommetsfelden.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p><em class="antiqua">Milles mercis, madame</em>. Frommetsfelden.
+<em class="antiqua">Mon Dieu,</em> was f&uuml;r seltsame ... Bezeichnungen
+in Deutschland die D&ouml;rfer haben!</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(die am Fenster gesessen ist, hat erstaunt aufgehorcht)</p>
+
+<p>Wie, Mutter, &#8211; in Frommetsfelden ist der
+Turm eingest&uuml;rzt?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>Birnkoch</p>
+
+<p>Ganz wie Sie sagen, Frau Dom&auml;nenr&auml;tin.
+Von oben bis unten eingest&uuml;rzt.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p class="dircenter">(versch&uuml;chtert durch Annas erschrockene Miene)</p>
+
+<p>War ja ein altes, bauf&auml;lliges Ger&uuml;mpel, der
+Turm.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p><em class="antiqua">C&#8217;est &ccedil;a.</em> Uralt. Und bauf&auml;llig, jawohl. Bauf&auml;llig.
+Unbedingt bauf&auml;llig. Deshalb ist er ja
+eben eingest&uuml;rzt.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Wann ist denn das geschehen?</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p>Nun ... es m&ouml;gen drei bis vier Wochen sein.
+Eher vier. Jawohl. Vier bis f&uuml;nf Wochen, jawohl.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Davon hat mir Karl Heinrich kein Wort gesagt&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Da&szlig; dich das sonderlich interessiert, hat er nicht
+denken k&ouml;nnen.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p>So wissen Sie auch nicht, da&szlig; der Herr
+<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>Dom&auml;nenrat sich weigert, mit allen Gr&uuml;nden seiner
+Amtsgewalt sich weigert, den Turm wieder aufbauen
+zu lassen?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Er will ihn nicht wieder aufbauen lassen?</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p><em class="antiqua">Une marotte! une marotte inexplicable!</em> Er
+weigert sich. Die Regierung selbst unterst&uuml;tzt
+das Verlangen der Bauern. Und er weigert sich.
+<em class="antiqua">C&#8217;est son ent&ecirc;tement.</em></p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Aus welchem Grund will er denn den Turm
+nicht bauen lassen?</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p><em class="antiqua">Parole d&#8217;honneur,</em> ich wei&szlig; ihn nicht, den
+Grund. Und w&uuml;&szlig;t ich ihn, so k&ouml;nnt ich ihn keinesfalls
+approuvieren. Aber ich bin erfreut, Madame,
+da&szlig; Sie an der Sache solchen Anteil nehmen.
+Da kann man ja auf Ihre Unterst&uuml;tzung rechnen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Meine Tochter n&auml;mlich, Herr Rechnungsrat,
+hat ihre ganze Jugend dort in Frommetsfelden zugebracht.
+Sie hat bei ihrem Oheim auf dem Gut
+gelebt, w&auml;hrend ich mit meinem Mann in der
+Welt herumgezogen bin.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>Birnkoch</p>
+
+<p>Verstehe&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Da ist ihr nat&uuml;rlich jeder Baum und jeder
+Stein ans Herz gewachsen.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p>Verstehe. Die Erinnerung. <em class="antiqua">Le souvenir.</em> Verstehe.
+<em class="direction">(Zitiert mit prezi&ouml;sem Tonfall.)</em></p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Erinnerung taucht ihren Farbenpinsel<br /></span>
+<span class="i0">Ins wunde Herz und &uuml;bermalt den Gram.<br /></span>
+<span class="i0">Sie fleucht mit dir auf eine Zauberinsel,<br /></span>
+<span class="i0">Wenn das Geschick dir Mut und Freude nahm.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Verstehe.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Reizend, Herr Rechnungsrat. Haben Sie das
+selbst gedichtet?</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p>Nicht ganz. Nicht ganz. Hab&#8217;s mir aus einer
+<em class="antiqua">anthologie</em> kopieren lassen.</p>
+
+<p class="dirlong">(Es klopft, ein kleines M&auml;dchen tritt versch&auml;mt ein. Sie
+tr&auml;gt einen Fliederstrau&szlig; in der Hand, blickt von einem
+zum andern, eilt j&auml;h auf Anna zu und &uuml;berreicht ihr
+den Strau&szlig; mit einem Knix.)</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p>Sieh da, sieh da! Flieder schon, im M&auml;rz?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(erhebt sich; tief err&ouml;tend)</p>
+
+<p>Von wem ist denn der Flieder, Kind? <em class="direction">(Schnell,
+ehe das M&auml;dchen antworten kann.)</em> Ist schon gut.
+Ich la&szlig; mich recht sehr bedanken. Da hast was
+f&uuml;r den Zuckerb&auml;cker. <em class="direction">(Gibt ihr ein Geldst&uuml;ck; das
+M&auml;dchen geht.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p class="dircenter">(leise mahnend)</p>
+
+<p>Anna!</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p>Befinde ich mich in einem <em class="antiqua">erreur,</em> wenn ich annehme,
+da&szlig; Sie den Spender kennen, Frau Dom&auml;nenr&auml;tin?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(f&uuml;r sich)</p>
+
+<p>Herrlich! Herrlich! <em class="direction">(Steckt das ganze Gesicht
+in den Strau&szlig; und atmet mit Inbrunst; fl&uuml;sternd.)</em>
+Mein Traum!...</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p class="dircenter">(am Fenster)</p>
+
+<p>Da kommt der Dom&auml;nenrat! <em class="direction">(Sie winkt hinunter.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(stellt die Blumen in eine Vase vor die Spiegelkonsole,
+betrachtet entz&uuml;ckt die Wirkung).</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Weshalb stellst du denn den Strau&szlig; vor&#8217;n
+Spiegel, Anna?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(ohne sich umzuwenden, l&auml;chelnd)</p>
+
+<p>Dann sieht es aus, als ob ich zwei Str&auml;u&szlig;e
+h&auml;tte.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p><em class="antiqua">C&#8217;est dr&ocirc;le! c&#8217;est ravissant!</em></p>
+
+<p class="speaker">Ritter von Lang</p>
+
+<p class="dirlong">(tritt ein. Er ist ein mittelgro&szlig;er, st&auml;mmiger Mann mit
+einer starken, energischen Stimme; sein Gesicht ist der
+Mode der Zeit gem&auml;&szlig; bartlos, sein Wesen hat ein
+k&uuml;hnes Selbstbewu&szlig;tsein wie das eines Menschen, der
+seinen Wert genau kennt und sich au&szlig;erdem mit Absicht
+von andern Beamten, ihrem Servilismus nach oben,
+ihrer Brutalit&auml;t nach unten, unterscheiden will)</p>
+
+<p>Guten Morgen, Herr Birnkoch; hab&#8217; gestern
+schon geh&ouml;rt, da&szlig; Sie wieder in Ansbach sind. &#8211;
+Bist schon so fr&uuml;hzeitig munter, Anna? <em class="direction">(K&uuml;&szlig;t sie
+auf die Stirn.)</em> &#8211; Woher ist denn der frische Flieder
+da?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Da&szlig; du&#8217;s gleich gesehen hast! <em class="direction">(Nimmt seine
+Hand und sieht ihn hell an.)</em> Er hat&#8217;s gleich gesehen,
+Mutter.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Werden vom Hofg&auml;rtner aus dem Treibhaus
+<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>sein ... <em class="direction">(Raunt Lang in die Ohren.)</em> Nennen Sie
+ihn doch nicht Birnkoch, lieber Lang! Wollen Sie
+ihn auf Lebenszeit zum Feind haben?</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(lacht kurz, dann sehr h&ouml;flich)</p>
+
+<p>Warten Sie schon lang, Herr Rechnungsrat?
+Was gibt&#8217;s? Soll ich die Frauenzimmer fortschicken?</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p>Beileibe, Herr Dom&auml;nenrat, beileibe nicht. Die
+Damen und ich, wir haben uns &uuml;ber den Gegenstand
+schon ausgesprochen und sind ganz <em class="antiqua">d&#8217;accord.</em>
+Denn Sie m&uuml;ssen nachgeben in der Aff&auml;re mit
+dem n&auml;rrischen Turm.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Potz Knackwurst, lieber Birnkoch&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p class="dircenter">(indigniert und weinerlich)</p>
+
+<p>Aber hochgesch&auml;tzter Herr Dom&auml;nenrat, warum
+wollen Sie mir nicht meinen sauer verdienten Titul
+zubilligen?</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Sch&ouml;n, Herr Rechnungsrat. Ich sage nur,
+wenn Sie einen ganzen Harem von Weibspersonen
+um mich aufstellen, der Lang gibt nicht nach. In
+<em class="gesperrt">der</em> Sache nicht.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>Birnkoch</p>
+
+<p>Es ist der entschiedene Wunsch Seiner Exzellenz,
+des Ministers Haugwitz&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Vor allem steht es so, da&szlig; ich, in meinem
+Ressort, Befehle nur vom F&uuml;rsten Hardenberg
+empfange. Es ist mir ja bekannt geworden, da&szlig;
+der F&uuml;rst, der mir freundlich gesinnt ist, durch allerlei
+Kabalen aus seinem Amt gedr&auml;ngt werden soll,
+aber eine offizielle Mitteilung habe ich dar&uuml;ber
+nicht erhalten.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p>Seine Exzellenz, der Minister Haugwitz hat
+&uuml;ber den Fall eine Note abfertigen lassen &#8211; <em class="direction">(zieht
+sein Portefeuille.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Ihr k&ouml;nnt Noten schmieren, so viel ihr wollt.
+Das lebendige Bed&uuml;rfnis spricht anders.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p class="dircenter">(best&uuml;rzt)</p>
+
+<p><em class="antiqua">Mon dieu!</em> Sie anerkennen also keine h&ouml;here
+Instanz?</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Instanz? Zu deutsch: Schleichweg. Der Minister
+Haugwitz ist von Kreaturen umgeben, die ihren
+Vorteil suchen.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>Birnkoch</p>
+
+<p>Eine solche Verd&auml;chtigung mu&szlig; ich mit aller
+zuk&ouml;mmlichen Entschiedenheit repoussieren.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(zwischen beide tretend, sehr sanft)</p>
+
+<p>Warum soll denn der Turm nicht wieder aufgebaut
+werden, Karl Heinrich?</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(barsch)</p>
+
+<p>Misch du dich nicht in die Aff&auml;ren, Kind.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p class="dircenter">(nimmt sie am Arm, leise)</p>
+
+<p>Er hat recht. Er mu&szlig; wissen, was er tut.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Ist dem Minister auch wahrheitsgem&auml;&szlig; angegeben
+worden, was der Wiederaufbau des Turmes
+kostet?</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p class="dircenter">(in seinen Papieren bl&auml;tternd)</p>
+
+<p>Der Baurat &Ouml;sterlein hat vierhundert Gulden
+in Voranschlag gebracht.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Dann ist der Baurat &Ouml;sterlein ein ganz gemeiner
+Schwindler, der einen Auftrag will und eine
+Versprechung leistet, die er nicht halten kann. Das
+sag ich ihm auf den Kopf zu.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>Birnkoch</p>
+
+<p>Sie erschrecken mich, Herr Dom&auml;nenrat&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Das Vierfache reicht nicht hin. Aus meinen
+genauen Berechnungen geht hervor, da&szlig; bei aller
+Sparsamkeit achtzehnhundert bis zweitausend Gulden
+n&ouml;tig sind.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p><em class="antiqua">Eh bien,</em> wenn die Bauern daf&uuml;r aufkommen
+wollen und die Regierung einen Beitrag gibt&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Die Bauern, die sich ohnehin unterm Steuerdruck
+winden? Und die Regierung, die kann das
+teure Geld f&ouml;rderlicher verwenden.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p class="dircenter">(spitz und kalt)</p>
+
+<p>Inwiefern f&ouml;rderlicher, wenn ich bitten darf?</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Herr, in Frommetsfelden ist keine Schule!</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p class="dircenter">(heuchlerisch bek&uuml;mmert)</p>
+
+<p>Ei, ei, ei&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Bei Regen, bei Frost, im tiefsten Schnee
+m&uuml;ssen die Kinder zwei Stunden laufen, um in
+die n&auml;chste Schule zu gelangen. Die Folge?
+<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>Weitaus die meisten Eltern behalten ihre Spr&ouml;&szlig;linge
+zu Haus und erziehen dem Staat Analphabeten.
+Ich will Ihnen eine Schule bauen f&uuml;r das
+Geld, das der Turm kosten w&uuml;rde.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p>Unter uns, &#8211; finden Sie denn diese sogenannte
+Bildung wirklich so notwendig f&uuml;r das Volk?
+Durch jeden Bauern, der lesen und schreiben kann,
+wird uns das Regieren schwerer gemacht.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Meine Ambition ist nicht, den Herrschaften
+das Regieren zu erleichtern. Was ihr gern seht,
+das ist eine m&ouml;glichst gro&szlig;e Armee von Nullen.
+Und jede Null soll zugleich ein Geldsack sein, ein
+Ding jedenfalls ohne Kopf und ohne F&uuml;&szlig;e, und
+wenn ihr diese ganze Nullenkarawane gem&auml;chlich
+vor euch hinrollt, das nennt ihr dann regieren.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p class="dircenter">(entsetzt)</p>
+
+<p><em class="antiqua">Mais, monsieur! Ce sont des id&eacute;es revolutionaires!</em></p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Das ist meine Ansicht.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p class="dircenter">(dem nicht mehr ganz geheuer ist)</p>
+
+<p>Aber ... ich meine ... wenn wo ein Turm
+<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>einst&uuml;rzt ... wenn &uuml;berhaupt wo was einst&uuml;rzt,
+mu&szlig; man&#8217;s doch wieder aufbauen.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Ich bin daf&uuml;r, da&szlig; man Ruinen wegr&auml;umt und
+nicht neue schafft.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p class="dircenter">(rafft sich auf; w&uuml;rdevoll)</p>
+
+<p>Sohin ist meine Mission beendet. Ich werde
+nicht ermangeln, h&ouml;heren Orts Bericht zu erstatten.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Das bleibt Ihnen unbenommen.</p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p>Ich habe in der leidigen Angelegenheit um elf
+Uhr noch eine <em class="antiqua">conf&eacute;rence</em> mit dem Herrn Pr&auml;sidenten
+von Schuckmann&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Wei&szlig; schon. Der Pr&auml;sident hat mich dazu gebeten.
+Man zwickt und zwackt mich von allen
+Seiten. In einer halben Stunde komm&#8217; ich hin&uuml;ber.
+Habe vorher noch ein Referat zu erledigen.
+<em class="direction">(Verbirgt m&uuml;hsam seinen &Auml;rger und begibt sich, nach
+einem kurzen Kompliment, unh&ouml;flicherweise sogleich an
+seinen Schreibtisch.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Birnkoch</p>
+
+<p><em class="antiqua">Mesdames</em>, meine ehrerbietigste Empfehlung.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p class="dircenter">(macht bedauernde Gesten, um Lang zu entschuldigen, und
+begleitet Birnkoch. Ehe noch die T&uuml;r ganz geschlossen
+ist, h&ouml;rt man von drau&szlig;en)</p>
+
+<p class="speaker">Birnkochs Stimme</p>
+
+<p>Seien Sie versichert, Madame, daran ist der
+Bonaparte schuld. Der Bonaparte sitzt ihm im
+Nacken. Schade, jammerschade&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(horcht auf, lacht vor sich hin, w&auml;hrend er schreibt)</p>
+
+<p>Der Bonaparte mu&szlig; allen Faulenzern den
+Wauwau machen. <em class="direction">(Schreibt.)</em> Aber sein Franz&ouml;sisch
+reden sie. <em class="direction">(Schreibt.)</em> Und miserabel noch
+dazu.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dirlong">(hat sich vorsichtig gen&auml;hert und schaut Lang &uuml;ber die
+Schulter. Sie sch&uuml;ttelt den Kopf, als ob sie sagen
+wollte: er sp&uuml;rt mich nicht. Endlich legt sie ihm die
+H&auml;nde auf die Schultern).</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Was gibt&#8217;s denn, Anna? <em class="direction">(Schreibt weiter.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Hast du nicht ein Min&uuml;tchen Zeit f&uuml;r mich?</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(ein bi&szlig;chen ungeduldig)</p>
+
+<p>Sag nur, was du willst. Ich bin ja besch&auml;ftigt,
+wie du siehst.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(schweigt, entfernt sich seufzend).</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(schreibt)</p>
+
+<p>Na sag&#8217;s nur, aber geschwind.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Manche Dinge kann man nicht geschwind sagen.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Dann sind&#8217;s gewi&szlig; &uuml;berfl&uuml;ssige Dinge.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(n&auml;hert sich von neuem, neigt sich &uuml;ber ihn; mit einem
+Versuch zur Koketterie)</p>
+
+<p>Wei&szlig;t, von wem ich den Flieder hab&#8217;?</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(stockt; kleine Pause, scheinbar gleichg&uuml;ltig)</p>
+
+<p>Von wem ... vom Leutnant Schl&ouml;zer nat&uuml;rlich.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Falsch geraten. Nein, richtig geraten. Ist&#8217;s
+nicht nett von ihm? Er wei&szlig;, da&szlig; mich Blumen
+ganz toll machen vor Freude. <em class="direction">(Naiv.)</em> Aber das
+blaue Seidenkleid, das du mir vom Baron Imhoff
+aus Paris hast bringen lassen, ist wundersch&ouml;n.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(schreibt wieder)</p>
+
+<p>Sollst es tragen, wenn der F&uuml;rst kommt.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>Anna</p>
+
+<p>Das dauert bis zum Herbst.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Bis dahin wird&#8217;s nicht altmodisch.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Ob ich aber dann noch lebe&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(kehrt sich rasch um)</p>
+
+<p>Anna!</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Flieder, der verwelkt von heut auf morgen.
+Der ist f&uuml;r den Augenblick. So ein Kleid, das
+soll t&auml;uschen &uuml;ber den Augenblick.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Du qu&auml;lst dich mit Hirngespinsten und mich
+nicht minder.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Hirngespinste? Das Hirn spinnt, was das
+Herz bewegt.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(steht auf)</p>
+
+<p>Du darfst mir nicht den Boden unter den
+F&uuml;&szlig;en wegziehen, Anneli. Gegen Menschen kann
+ich streiten, gegen Schatten nicht.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(verzagt, sieht ihn gro&szlig; an)</p>
+
+<p>Mir ist so bang.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>Lang</p>
+
+<p>Weshalb denn, Anna?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Um dich, um mich, um uns beide ist mir bang.
+Ich seh dich oft gar nicht. Du bist so fern, auch
+jetzt, wo du vor mir stehst. Und ich wei&szlig;, du
+siehst mich auch nicht. Mir ist, als ob wir zwei
+Blinde w&auml;ren, die vergeblich mit den H&auml;nden nacheinander
+greifen. Du bist so t&uuml;chtig, so fest, so
+klug, aber es ist was in dir, was mich schreckt.
+Ganz, ganz nahe m&ouml;cht ich oft zu dir und kann
+nicht, wie wenn einem das eigene Haus zugesperrt
+w&auml;r&#8217;.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(kopfsch&uuml;ttelnd, doch heimlich erleichtert)</p>
+
+<p>Schau, schau, was f&uuml;r eine kleine Schw&auml;rmerin
+du bist!</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(verletzt)</p>
+
+<p>Nein, Karl Heinrich, wirf&#8217;s nicht mit einem
+Wort von dir. Bist doch sonst ein Feind von
+denen, die sich&#8217;s bequem machen. Mich sollst du
+dir auch nicht bequem machen.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(ablehnend)</p>
+
+<p>Ich versteh dich nicht, Kind. Mir ist das alles
+<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>Spiel, was du vorbringst. Zum Spielen ist mir
+der Tag zu wert. <em class="direction">(Will sich wieder zur Arbeit setzen.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(schmiegt sich an ihn, mit einem j&auml;hen Entschlu&szlig;, bittend)</p>
+
+<p>Schenk mir den Turm, Karl Heinrich!</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(verwundert)</p>
+
+<p>Den Turm? Was f&uuml;r einen Turm?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Den Turm in Frommetsfelden.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Was soll das hei&szlig;en? &#8211; Der Turm ist ja eingest&uuml;rzt.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(leidenschaftlich schmeichelnd)</p>
+
+<p>So bau ihn wieder auf! Bau ihn! F&uuml;r mich!</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(ruhig)</p>
+
+<p>Solchen Unsinn kannst du von mir im Ernst
+nicht verlangen.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(beteuernd)</p>
+
+<p>Im tiefen, heiligen Ernst. Ist kein Unsinn,
+Karl Heinrich; ist ein Wunsch, nur ein Wunsch.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Den ich unm&ouml;glich erf&uuml;llen kann; oder ich
+<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>w&uuml;rde mich zum Windbeutel machen. Denk doch
+nach&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Denk ich nach, kann ich den Wunsch nicht mehr
+so sp&uuml;ren.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Nun also!</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>W&uuml;nschen ist st&auml;rker als denken. Du nennst&#8217;s
+vielleicht eine Laune.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Eine &uuml;ble noch dazu.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(ruhiger)</p>
+
+<p>Schau, der Turm war mir immer was Ehrw&uuml;rdiges,
+das zum Himmel lockt. So stolz und
+wacker ist er gestanden, so fest und alt ins Firmament
+hineingegossen, und so unverg&auml;nglich, wei&szlig;t
+du, als st&uuml;nd&#8217; er von Anbeginn der Welt bis zum
+Ende. Wenn ich als Kind nachts vom Schlaf erwacht
+bin, hab ich die Glocke geh&ouml;rt; dumpf und
+schwer und m&auml;chtig langsam und so wohllautend
+wie des Herrgotts Stimme selber. Wie Zeit und
+Ewigkeit hat&#8217;s da zusammengeklungen, zwischen
+Schlag und Schlag war ein ganzes Leben, gute
+Tr&auml;ume, b&ouml;se Tr&auml;ume, und die Nacht ist so gro&szlig;
+<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>geworden, und der Tag so fern ... Aber w&auml;r&#8217;s
+nur darum, so w&auml;r&#8217;s am Ende wirklich Laune.
+Darum ist&#8217;s aber nicht.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>So erkl&auml;r dich deutlicher.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Ach, da&szlig; du&#8217;s nicht begreifst, da&szlig; du&#8217;s nicht
+ahndest!</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Und da&szlig; auch <em class="gesperrt">du</em> mir&#8217;s noch schwer machst,
+Anna, auch du! Bin ich denn nicht wie der b&ouml;se
+Feind dahier geachtet? Jede Handlung, die dem
+gemeinen Wesen zugute kommen soll, braucht
+zwanzig Schreibereien. Wohin du blickst, die &auml;rgsten
+Mi&szlig;br&auml;uche, Zehrungen und Unterschleife. Was
+an Steuern dem armen Volk erpre&szlig;t wird, geht
+f&uuml;r die Zeche der Herren auf. Meinst du, ich
+k&ouml;nnte nicht gleichfalls so ein Di&auml;tenfresser sein?
+Und sparte mir die Galle dabei. Was f&uuml;r Zust&auml;nde,
+Anna! Davon hast du ja keinen Begriff!
+Im Alumneninstitut des Gymnasiums lauter
+feuchte, ungeheizte Stuben, wo die schamlos vernachl&auml;ssigten
+Sch&uuml;ler &ouml;ffentlichen und heimlichen
+S&uuml;nden fr&ouml;nen. Dabei mu&szlig; man allj&auml;hrlich das
+Geld aufborgen, um nur den Kostwirt bezahlen zu
+k&ouml;nnen. Im Waisenhaus sind den Kindern vor
+lauter Kr&auml;tze und englischer Krankheit H&auml;nde und
+<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>F&uuml;&szlig;e gebogen und die K&ouml;pfe aufgeschwollen. In
+der elenden Baracke, genannt Seelhaus und Lazarett,
+liegen scheu&szlig;liche Gestalten halbnackt auf muffigem
+Stroh. Fragt man: wo ist das Geld? Es ist nicht
+da. Es ist aber doch daf&uuml;r bestimmt worden&nbsp;&#8211;?
+Ja, es ist aber nicht da. Keiner h&auml;lt stand, keinen
+kannst du beim Schlafittich packen; alle, die davon
+fett werden, da&szlig; nichts geschieht, spritzen dir
+ihr Gift ins Gesicht, bei jeder n&uuml;tzlichen Anordnung
+setzen sich die Magistrate selbst entgegen; hinter
+denen stecken wieder die Verwalter, die Advokaten,
+die Gutsbesitzer, die Latifundienr&auml;uber, die Bevollm&auml;chtigten
+der Regierung, und so geschieht&#8217;s, da&szlig;
+ich im ganzen Land als unbarmherziger Mann
+verschrien bin, und da&szlig; man mich durch Appelle
+und Eingaben und Rekurse und Beschwerden und
+R&auml;nke und Quertreibereien erm&uuml;den und zur&uuml;ckhalten
+will. Und nun kommst du auch noch und
+nagst an mir.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Ich seh&#8217;s wohl ein; Grund und Recht sind
+auf deiner Seite, und als gute Frau d&uuml;rft ich nicht
+zuwiderstimmen. Mein Grund ist unaussprechlich
+und liegt vielleicht nur in meinen Augen; nur in
+meinem Blick, wenn er deinem begegnet. Sieh
+mich an, Karl Heinrich! Ist&#8217;s L&uuml;ge, dann ist alles
+L&uuml;ge, was mich zu dir treibt. Denk, es ist ein
+<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>Gebet. Oder denk, es ist eine Krankheit in dir,
+die du selber nicht kennst, und du mu&szlig;t sie durch
+einen bittern Trunk heilen.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Ich kann dir nicht helfen, Anna. Der Frommetsfelder
+Turm darf mir nicht gebaut werden,
+so lang ich hier im Amt bin.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(wendet sich weg, l&auml;&szlig;t die Arme schlaff fallen und den
+Kopf tief sinken).</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Ist mir leid um dich, Anneli, denn in deinem
+Begehren ist was, das mir wie freventlicher &Uuml;bermut
+erscheint. Zart bist du beschaffen, aber es ist
+was Verwegenes in dir, und wollt ich mich dem
+f&uuml;gen, so w&auml;r&#8217; ich geliefert f&uuml;r alle Zeit. Ihr
+Weiber habt oft so eine spindeld&uuml;rre Phantastik in
+euerm Kopf; wenn man sich davon einfangen
+l&auml;&szlig;t, geht&#8217;s einem wie Simson, dem Propheten.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(geht langsam gegen die T&uuml;re links, z&ouml;gert noch vor der
+Schwelle, dann ab).</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(wandert unruhig hin und her)</p>
+
+<p>Ist ein feines Gesch&ouml;pflein, und kann sich nicht
+abfinden mit ihrem begehrlichen Gem&uuml;t. N&auml;hrst
+<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>du&#8217;s, fri&szlig;t&#8217;s dich auf. Mu&szlig;t es ziehen lassen, als
+ob&#8217;s ne Wolke w&auml;r&#8217;. Die eine Wolke k&ouml;nnt ich
+ja vertragen, wird nicht gleich Blitz und Donnerwetter
+geben. Eheweisheit ist ein ander Ding denn
+Amtsweisheit. <em class="direction">(Schaut auf die Uhr.)</em> Die Zeit ist
+mir schon wieder davongelaufen. <em class="direction">(Wie er zur T&uuml;r
+will, klopft es.)</em> Herein!</p>
+
+<p class="speaker">Leutnant Amandus Schl&ouml;zer</p>
+
+<p class="dirlong">(tritt von rechts an. Er ist einundzwanzig Jahre alt,
+sehr schlank, mit einem gut markierten, charaktervollen
+Gesicht und Augen, in denen sich der Romantiker verr&auml;t.
+Sein Betragen schwankt zwischen Sch&uuml;chternheit und
+soldatischer Offenheit und K&uuml;rze. Er tr&auml;gt die preu&szlig;ische
+Infanterieuniform)</p>
+
+<p>Verzeihung, Herr Dom&auml;nenrat, wenn ich Sie
+st&ouml;re &#8211; <em class="direction">(Verbeugt sich, gr&uuml;&szlig;t milit&auml;risch.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(fl&uuml;chtig)</p>
+
+<p>Guten Morgen, Herr Leutnant. Ich wei&szlig;
+nicht, ob meine Frau Sie empfangen kann&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>Ich m&ouml;chte, Herr Dom&auml;nenrat, wenn ich Sie
+nicht von dringenden Gesch&auml;ften zur&uuml;ckhalte, ein
+paar Worte mit Ihnen allein&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(stirnrunzelnd)</p>
+
+<p>Ich habe allerdings ... ich werde beim Pr&auml;sidenten
+<a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>erwartet ... Womit kann ich Ihnen
+dienen, Herr Leutnant? Wollen Sie Platz nehmen?</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>Merci. <em class="direction">(Bleibt stehen.)</em> Ich wollte Ihnen nur
+sagen, Herr Dom&auml;nenrat ... es ist etwas in mir,
+was mich zwingt, Ihnen diese Mitteilung zu machen,
+... da&szlig; ich abzureisen gen&ouml;tigt bin.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(leichthin, jedoch etwas aufmerksamer)</p>
+
+<p>Wirklich, Herr Leutnant? Sind es Gr&uuml;nde
+privater Natur, die einen so raschen Entschlu&szlig; hervorgerufen
+haben?</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p class="dircenter">(gepre&szlig;t)</p>
+
+<p>Ja. Gr&uuml;nde von der dringendsten Beschaffenheit.
+Mein Urlaubsgesuch ist bereits bewilligt.
+Die Postpferde sind bestellt.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(konventionell)</p>
+
+<p>Es tut mir leid, Herr Leutnant. Wir hatten
+gehofft, Sie l&auml;nger hier halten zu k&ouml;nnen. Freilich,
+&#8211; die Provinz.</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p class="dircenter">(mit festem Blick)</p>
+
+<p>Dies ist es nicht, Herr Dom&auml;nenrat. Es ist
+schwer zu sagen ... doch kam ich deshalb her ...
+<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>und so sei es gesagt: Herr Dom&auml;nenrat, ich liebe
+Ihre Frau.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(sieht ihn schweigend an; dann mit starker &Uuml;berwindung)</p>
+
+<p>Das nennt man ohne Umst&auml;nde deutlich sein.
+<em class="direction">(Kalt.)</em> Ich beklage diese Fatalit&auml;t, Herr Leutnant,
+doch &uuml;bersch&auml;tzen Sie vielleicht ihre Tragweite f&uuml;r
+mich, &#8211; wenn Sie <em class="gesperrt">des</em>wegen Postpferde bestellt
+haben.</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p class="dircenter">(ohne sich zu regen)</p>
+
+<p>W&uuml;rden Sie mir eine solche Antwort auch
+geben, wenn Ihre Frau meine Abreise nicht ganz
+so teilnahmslos betrachten w&uuml;rde?</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(br&uuml;sk)</p>
+
+<p>Herr Leutnant, meine Frau ist &uuml;ber jede Insinuation
+erhaben.</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p class="dircenter">(verbeugt sich)</p>
+
+<p>Ich wei&szlig; es.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Warum gleich Postpferde bestellen, Herr Leutnant?
+Und wenn Postpferde bestellt sind, warum
+sie zur Parade tanzen lassen? Soll ich das Almosen
+einer Entsagung mit Dank quittieren? Soll
+ich bewundern, wo ich kaum bedauern kann?
+<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a><em class="direction">(Ernst und mit Bedeutung.)</em> Der ehrt sich selbst und
+seine Freunde, der durch Schweigen unerf&uuml;llbare
+W&uuml;nsche beschwichtigt.</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>Ich glaubte Ihnen, in dessen Haus ich Gastfreundschaft
+genossen habe, eine Erkl&auml;rung schuldig
+zu sein.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Sie verpflichtet mich zu keinem Dank. Wenn
+Sie f&uuml;r sich f&uuml;rchten, Herr Leutnant, Sie f&uuml;r Ihre
+Person und Ihre Ehre sage ich, dann nehmen Sie
+Postpferde.</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p class="dircenter">(mit zu Boden gekehrtem Blick)</p>
+
+<p>Ich reise, Herr Dom&auml;nenrat.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>So w&uuml;nsch ich gl&uuml;ckliche Fahrt. &#8211; Vermutlich
+werden Sie sich von meiner Frau verabschieden
+wollen. <em class="direction">(Auf eine Bewegung Schl&ouml;zers.)</em> Bitte, Herr
+Leutnant, meine Frau w&auml;re gewi&szlig; verletzt, wenn
+Sie ohne Gru&szlig; von ihr scheiden w&uuml;rden. Ich
+werde drau&szlig;en sagen lassen, da&szlig; Sie hier warten.
+Ich selbst mu&szlig; Sie leider verlassen. <em class="direction">(Mit stummem
+Gru&szlig; nach rechts ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p class="dirlong">(blickt d&uuml;ster vor sich hin. Er gewahrt den Fliederstrau&szlig;,
+eilt hin, nimmt ihn in die Hand und dr&uuml;ckt seine Lippen
+<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>in die Blumen. Dann l&auml;&szlig;t er das Bukett fallen,
+wie von einem hoffnungslosen Gedanken erstarrt)</p>
+
+<p>Er schickt sie zu mir! Kein Zweifel ist in ihm,
+kein Zweifel!</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(von links)</p>
+
+<p>Guten Morgen, Amandus. War nicht Lang
+eben hier?</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p class="dircenter">(zu ihr, k&uuml;&szlig;t ihr die Hand)</p>
+
+<p>Teure Anna, wie bla&szlig; Sie heute aussehen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(abweisend)</p>
+
+<p>Dies Betragen lieb ich nicht an Ihnen, Amandus.
+Sie wissen es. Mein Mann ist fortgegangen?</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>Er sagte, er wolle Ihnen Nachricht geben, da&szlig;
+ich warte.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(mit verlorenem Blick)</p>
+
+<p>Und ist fortgegangen. <em class="direction">(Rafft sich zusammen.)</em> Ich
+habe Sie doch gebeten, Amandus, da&szlig; Sie am
+Vormittag nicht kommen m&ouml;chten. <em class="direction">(Sie setzt sich,
+Schl&ouml;zer nimmt ihr gegen&uuml;ber Platz.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>Es ist das letzte Mal, Anna. Ich kann den
+<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>Gedanken, da&szlig; Sie in meiner N&auml;he weilen, nicht
+l&auml;nger ertragen. Ich kann nicht l&auml;nger in den
+N&auml;chten liegen und mit lebendig-offenen Augen
+tr&auml;umen, was mir das Herz verbrennt. Ich kann&#8217;s
+nicht l&auml;nger, und ich komme nun, um Ihnen Lebewohl
+zu sagen.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(versonnen)</p>
+
+<p>Ich hatt&#8217; es erwartet. Sie reisen also. Und
+wohin reisen Sie?</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>Die Erde dreht sich, und ich f&uuml;hle mich so
+schwunglos; heruntergest&uuml;rzt und in den Boden
+gew&uuml;hlt wie in ein Grab. &#8211; Wohin ich reise?
+Es gibt bald Krieg, Anna. Wenn mein K&ouml;nig
+keine Verwendung f&uuml;r mich hat, wird Bonaparte
+wissen, wie ein Mann zu brauchen ist, dem das
+Leben nichts mehr gilt.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(aufschreckend)</p>
+
+<p>Haben Sie mit Lang gesprochen?</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>War es mein Schmerz oder war es das Bed&uuml;rfnis,
+da&szlig; es zwischen mir und ihm zum Ausgleich
+kommt; da&szlig; er es wissen m&ouml;ge, da&szlig; er Sie
+h&uuml;ten m&ouml;ge, Anna, wie das kostbarste Kleinod der
+<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>Welt, &#8211; ich wei&szlig; nicht mehr warum, nennen Sie
+es eine Verfinsterung meines Herzens, &#8211; ich habe
+ihm gesagt, wie es um mich beschaffen ist und
+weshalb ich gehe.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(gr&uuml;blerisch)</p>
+
+<p>Das haben Sie ihm gesagt? Wie seltsam!
+Und er?</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>Er! Er war kalt und &uuml;berlegen.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(wie oben)</p>
+
+<p>Und er sagte, er wolle mir Nachricht geben
+lassen, da&szlig; Sie warten. Wie seltsam&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>Als ob keine Faser in Ihnen w&auml;re, die ohne
+seinen Willen sich regte.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(wie oben)</p>
+
+<p>Vielleicht vertraut er mir so.</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>Und dies Vertrauen sollte Sie nicht ein wenig
+kr&auml;nken, teure Anna? Ist denn Liebe etwas so
+Unzweifelbares, da&szlig; sie einmal beschworen, jedem
+Feuer stand h&auml;lt? Ist denn das noch Liebe, die
+so ruhig, so stumm, so satt werden darf?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>Anna</p>
+
+<p>Wie w&uuml;rden Sie gehandelt haben, Amandus,
+wenn ein Mann Ihnen ein solches Gest&auml;ndnis
+gemacht h&auml;tte?</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>Wie ich gehandelt h&auml;tte, wei&szlig; ich nicht. Vielleicht
+h&auml;tte ich den Mann erdolcht. Vielleicht h&auml;tte
+ich ihn in die Arme geschlossen. Wer aber darf
+so &uuml;bermenschlich sich geb&auml;rden, da&szlig; er nichts
+wissen will von den Gewalten, die seiner Sicherheit
+ein Ziel setzen k&ouml;nnten? Ach, Anna, wenn! &#8211;
+wenn! Ich w&uuml;rde hinschmelzen unter jedem Blick
+und jedem L&auml;cheln.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(kopfsch&uuml;ttelnd)</p>
+
+<p>Nein, Amandus, das Hinschmelzen, das ist das
+Wichtige nicht. Wichtig ist, da&szlig; man nie einander
+vergi&szlig;t. Da&szlig; man immer geborgen ist im
+andern, da&szlig; er die Gedanken h&auml;lt und kennt, da&szlig;
+er die W&uuml;nsche wei&szlig; und jeden recht versteht,
+denn es ist eine Qual, zu reden, wenn man
+w&uuml;nscht. Da&szlig; man nicht ein Opfer wird von
+einer Stunde, wo aufs Ungef&auml;hr das Blut st&uuml;rmt
+und man dann zur schalen Erinnerung wird in
+den Gesch&auml;ften des Lebens. Da wird alles kalt
+in einem.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>Alles ist fremd ohne Z&auml;rtlichkeit, fremd und
+zuf&auml;llig.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Ja, Z&auml;rtlichkeit, das ist es. Ohne Z&auml;rtlichkeit
+wird Liebe s&uuml;ndhaft. Z&auml;rtlichkeit ist wie ein treuer
+Hund am Herd, der nie den Herrn verkennt.</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>Ich wei&szlig; es seit langem, Anna, da&szlig; Sie nicht
+gl&uuml;cklich sind.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Gl&uuml;cklich! Ich bin noch vor dem Gl&uuml;ck vielleicht
+und hab Angst, da&szlig; es vor&uuml;bergeht, ohne
+da&szlig; ich wei&szlig;, was es ist. Ich m&ouml;cht&#8217; es ausgraben
+wo und kenn&#8217; den Ort nicht, wo es liegt.
+&#8211; Wenn Sie mein Mann w&auml;ren, Amandus, und
+Lang k&auml;m&#8217; ins Haus, so wie Sie kommen, und
+Sie w&uuml;rden dazu schweigen und ich w&uuml;&szlig;te nicht,
+schweigen Sie aus Gro&szlig;mut oder aus Nachl&auml;ssigkeit,
+die Unruh&#8217; w&uuml;rde mir das Herz abdr&uuml;cken.
+Und schwiegen Sie aus Nachl&auml;ssigkeit, und ich
+w&uuml;&szlig;t&#8217; es, so w&auml;r alles vorbei. Aber auch wenn
+Sie eifers&uuml;chtig w&auml;ren und es zeigten, w&auml;r alles
+vorbei, denn ist ein Mann eifers&uuml;chtig, so achtet
+er sich selbst nicht oder die Frau nicht. &#8211; Wir
+m&uuml;ssen uns jetzt trennen, Amandus. <em class="direction">(Sie steht auf.)</em></p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>Schl&ouml;zer</p>
+
+<p class="dircenter">(zu ihr)</p>
+
+<p>So gilt&#8217;s denn. Es wird Nacht in meinem
+Leben.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(verloren und wie zu sich selbst; schmerzlich)</p>
+
+<p>Der Turm, Amandus, wird nicht gebaut. Mein
+Turm wird nicht gebaut.</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>Der Turm&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Ach, wundern Sie sich nicht. Ich schwatze
+wohl zu viel. &#8211; Zu welcher Stunde wollen Sie
+denn fort?</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>Zwischen zw&ouml;lf und ein Uhr denk&#8217; ich.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Und wohin?</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p>Gen W&uuml;rzburg geht die Fahrt.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(wie aus einem Traum)</p>
+
+<p>Wenn ich mitginge ... wenn ich mitginge&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p class="dircenter">(leidenschaftlich, packt ihre H&auml;nde)</p>
+
+<p>Anna!&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(l&auml;chelnd und verst&ouml;rt)</p>
+
+<p>Tu&#8217; ich den Schleier ums Gesicht, erkennt mich
+niemand&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p class="dircenter">(au&szlig;er sich)</p>
+
+<p>Ich lass&#8217; den Wagen beim Mauthaus auf der
+Chaussee warten. Ich la&szlig; ihn bis zum Abend
+warten, wenn Sie wollen!</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(leise)</p>
+
+<p>Wie er&#8217;s tragen wird? Ob&#8217;s ihn wandeln
+wird ... <em class="direction">(Schl&ouml;zer mit der Linken von sich abhaltend.)</em>
+Ja, warten Sie, Amandus. Beim Mauthaus
+zwischen zw&ouml;lf und eins. Nur dies noch, &#8211; Sie
+sind mein Ritter. Nicht fragen werden Sie, mich
+nicht bedr&auml;ngen ... <em class="direction">(Hastig.)</em> Nein, nein, nicht
+reden jetzt. Beim Mauthaus zwischen zw&ouml;lf und
+eins ... Geh ich den Feldweg, sieht mich
+niemand. Gehen Sie, Amandus. Nichts reden!
+<em class="direction">(Sie legt den Finger auf den Mund.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Schl&ouml;zer</p>
+
+<p class="dircenter">(geht wie ein Schlafwandler mit zur&uuml;ckgekehrtem Gesicht
+zur T&uuml;r).</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Nichts reden&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>Schl&ouml;zer</p>
+
+<p class="dirlong">(mit einer trunkenen Bewegung ab. W&auml;hrend die T&uuml;r
+offen ist, h&ouml;rt man vom Flur die Stimmen der Bauern).</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(steht entgeistert mit geschlossenen Augen).</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt)</p>
+
+<p>Da drau&szlig;en sind die Frommetsfeldner Bauern.
+Wollen beim Dom&auml;nenrat petitionieren wegen ihres
+Turmes ... Um Gott, Kind, &#8211; wie siehst du aus?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Nichts, Mutter, es ist nichts. <em class="direction">(Ab nach links.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p class="dircenter">(schaut ihr nach)</p>
+
+<p>Da ist was nicht rund in der Welt, sollt&#8217; mich
+d&uuml;nken. Der Schl&ouml;zer ist mir auch ganz rabiat vorgekommen
+... Als ob einer vom Wein aufsteht
+und durch die Wand steigen will. Kind! Kind!...</p>
+
+<p class="speaker">B&auml;rbel</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt)</p>
+
+<p>K&ouml;nna die Bauersleit&#8217; da herinnet wart&#8217;n?</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Ja, la&szlig; sie nur herein. Der Dom&auml;nenrat mu&szlig;
+gleich kommen. Die Leute sagen ja, sie h&auml;tten ihn
+unterwegs schon getroffen. Ich will mich nach der
+jungen Frau umschauen. <em class="direction">(Links ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>B&auml;rbel</p>
+
+<p class="dircenter">(nach drau&szlig;en)</p>
+
+<p>No, spaziert nur da &#8217;rein! <em class="direction">(Es kommen der Ringhofbauer,
+der Erlhofbauer, der Waldhofbauer, und zwei
+andere Bauern. Alle tragen die urt&uuml;mliche fr&auml;nkische
+Bauerntracht: silberne Kn&ouml;pfe an den blauen Westen,
+schwarze Jacken, schwarze Hosen in hohen Stiefeln,
+schwarze Zipfelm&uuml;tzen. Sie dr&uuml;cken sich scheu und ehrf&uuml;rchtig
+herein, bleiben regungslos stehen.)</em></p>
+
+<p class="speaker">B&auml;rbel</p>
+
+<p>Derft euch au&#8217; niedersetzen. <em class="direction">(Ab, l&auml;&szlig;t die T&uuml;r
+offen.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Der Ringhofbauer</p>
+
+<p>Joo ... <em class="direction">(Sie bleiben stehen.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Der Erlhofbauer</p>
+
+<p>Wer soll&#8217;n reden?</p>
+
+<p class="speaker">Der Ringhofbauer</p>
+
+<p>I wer&#8217; scho reden.</p>
+
+<p class="speaker">Der Waldhofbauer</p>
+
+<p>Was werst&#8217;n sog&#8217;n?</p>
+
+<p class="speaker">Der Ringhofbauer</p>
+
+<p>I wer scho was sog&#8217;n. <em class="direction">(Es kommen Lang und
+der Kammerdirektor M&uuml;hlbach, ein &auml;lterer, w&uuml;rdiger Herr.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Kammerdirektor</p>
+
+<p>Ich hab&#8217;s Ihnen gleich gesagt: der Pr&auml;sident
+ist in dieser Sache machtlos.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>Lang</p>
+
+<p>Niemand hat den Mut, f&uuml;r das Notwendige
+sich einzusetzen, wenn er gleich die Vernunft hat,
+es zu sehen. Es ist ein H&ouml;llenzirkel.</p>
+
+<p class="speaker">Kammerdirektor</p>
+
+<p>Da haben Sie Ihre Bauern&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Ja. Und morgen werden die Pfarrer kommen,
+und &uuml;bermorgen die K&uuml;ster.</p>
+
+<p class="speaker">Kammerdirektor</p>
+
+<p>Der Pr&auml;sident hat nicht so unrecht, wenn er
+meint, da&szlig; das Wegschaffen des Turms gleichsam
+eine <em class="antiqua">capitis deminutio</em> sein w&uuml;rde.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Das <em class="antiqua">Corpus juris</em> wird maulfeil, wo das gesunde
+Gef&uuml;hl revoltiert. Bin ich schw&auml;cher hier
+als Stumpfsinn und b&ouml;ser Wille, dann kenn ich
+meinen Weg.</p>
+
+<p class="speaker">Kammerdirektor</p>
+
+<p>Aber Lang! Lang!</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(zu den Bauern)</p>
+
+<p>H&ouml;rt mich an, ihr Leute! Wenn ihr einen
+Webstuhl habt, und der zerbricht, dann werdet ihr
+euch einen neuen Webstuhl anschaffen. Nicht
+wahr?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>Die Bauern</p>
+
+<p>Joo ... joo&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Und wenn euch ein alter Hofhund krepiert,
+dann werdet ihr euch nach einem andern, einem
+jungen Hofhund umsehen. Ist&#8217;s so?</p>
+
+<p class="speaker">Die Bauern</p>
+
+<p>Joo ... joo&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Wenn euch aber ein Haus abbrennt, das auf
+einem vom Wasser unterh&ouml;hlten und durchweichten
+Grund gestanden ist, werdet ihr dann das Haus
+auf demselben Grund wieder aufbauen? Sagt mir
+eure Meinung. Frisch heraus!</p>
+
+<p class="speaker">Die Bauern</p>
+
+<p>Naa ... naa&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Ringhofbauer</p>
+
+<p>Das w&ouml;ll&#8217;n mer nit ton. Naa ... naa ...
+<em class="direction">(Er nickt den andern verst&auml;ndnisinnig zu, als sollten sie
+seine Beredsamkeit bestaunen.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Und wenn auf euerm Acker ein gro&szlig;er Baum
+steht, der dem Getreide Licht und Sonne nimmt,
+den ihr aber nicht umhauen wollt, weil er dort
+seit Menschengedenken w&auml;chst, und der Baum bricht
+nun eines Tages, weil er krank ist, oder der Blitz
+<a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>haut ihn zu Boden, werdet ihr da nicht froh sein,
+da&szlig; er weg ist?</p>
+
+<p class="speaker">Die Bauern</p>
+
+<p>Joo ... joo&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Oder werdet ihr ihn von neuem in die Erde stecken?</p>
+
+<p class="speaker">Die Bauern</p>
+
+<p>Naa ... naa&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Ringhofbauer</p>
+
+<p>Des tenna mer nit, Herr R&aring;t! <em class="direction">(Wie oben.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Nun also! <em class="direction">(Der Schreiber Kasteljack, ein d&uuml;rrer,
+langer, fusliger, schattenhafter Mensch, kommt sch&uuml;chtern und
+eilig getrippelt, hat ein amtliches Dokument in der Hand.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(unwirsch)</p>
+
+<p>Was gibt&#8217;s, Kasteljack?</p>
+
+<p class="speaker">Kasteljack</p>
+
+<p class="dircenter">(asthmatisch)</p>
+
+<p>Herr Dom&auml;nenrat ... <em class="direction">(h&uuml;stelt)</em> das Gesuch an
+die Regierung wegen Nichtwiederaufbaus des Frommetsfeldner
+Turms ... <em class="direction">(Greift sich an die Brust, h&uuml;stelt.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Hurtig, hurtig, Mensch! <em class="direction">(Entrei&szlig;t ihm den Bogen.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Kasteljack</p>
+
+<p>... ist leider diesen Morgen als unerledigbar
+... unerledig ... lich ... zur&uuml;ckgekommen.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(mit verbissenem Grimm)</p>
+
+<p>Und der Grund?</p>
+
+<p class="speaker">Kasteljack</p>
+
+<p>Eine Formalit&auml;t, Herr Dom&auml;nenrat&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Was f&uuml;r eine Formalit&auml;t?</p>
+
+<p class="speaker">Kasteljack</p>
+
+<p>Der Submissionsstrich fehlt.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Der &#8211; Submissionsstrich?</p>
+
+<p class="speaker">Kammerdirektor</p>
+
+<p>Der Submissionsstrich?</p>
+
+<p class="speaker">Kasteljack</p>
+
+<p>Ja. Es ist dies eine wichtige amtliche Formalit&auml;t.
+<em class="direction">(H&uuml;stelt.)</em> Die Vorschrift lautet, da&szlig; zwischen
+dem Text des Gesuches oder des Referats oder des
+Ausweises oder des Testimoniums ... da&szlig; zwischen
+dem Text und der Unterschrift des betreffenden
+Herrn Referenten oder Berichterstatters ein
+dicker, gerader, deutlicher Strich gezogen werde.
+Diesen Strich nennen wir den Submissionsstrich.</p>
+
+<p class="speaker">Kammerdirektor</p>
+
+<p>Ja. &#8217;s ist wahr, eine ganz zweifellose Institution,
+die Sie doch kennen m&uuml;ssen, Lang.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>Lang</p>
+
+<p>Ich kenne sie. Jetzt kenn ich sie. Mit einem
+Wort: diese Unterlassung bedeutet zwei bis drei
+Monate Aufschub. Der Submissionsstrich soll das
+Seil werden, auf dem man mich tanzen lassen
+will. Oder der Balken, mit dem man mir um
+die F&uuml;&szlig;e schl&auml;gt. <em class="direction">(Er eilt zum Schreibtisch und zieht
+in gr&ouml;&szlig;ter Hast mit Bleistift und Lineal Striche auf
+einem gro&szlig;en Bogen Papier.)</em> So werden hierzuland
+die M&auml;nner traktiert und die wahren Interessen
+schachmatt gemacht. <em class="direction">(Kehrt zu Kasteljack zur&uuml;ck.)</em>
+Hier, Kasteljack. Da ist ein ganzer Schreibebogen,
+reichlich versehen mit Submissionsstrichen. Schicken
+Sie den Bogen an die betreffende Kanzlei der
+Regierung, ich lasse submissest ersuchen, in einschl&auml;gigen
+F&auml;llen sich aus diesem Vorrat von Submissionsstrichen
+bedienen zu wollen.</p>
+
+<p class="speaker">Kasteljack</p>
+
+<p>Aber&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Kein Aber. Tun Sie, was ich Ihnen befehle.
+Es ist Ernst.</p>
+
+<p class="dircenter">(Kasteljack unter B&uuml;cklingen r&uuml;ckw&auml;rtsgehend ab.)</p>
+
+<p class="speaker">Kammerdirektor</p>
+
+<p>Sie werden sich&#8217;s mit der hohen Regierung
+gr&uuml;ndlich verderben, lieber Lang.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>Lang</p>
+
+<p>Die und ich, wir k&ouml;nnen nicht in derselben
+K&uuml;che unser Fleisch kochen. Ihres schmeckt mir
+ranzig und meins ist ihnen zu z&auml;he. Verderben!
+Ich mit ihnen verderben! Ich hab&#8217; ihnen gedient,
+wie einer, der&#8217;s redlich meint. Sie haben mich
+bezahlt wie einen, der schon betrogen hat. Wer
+sein Sch&auml;fchen ins Trockene bringt, erregt ihnen
+keinen Argwohn, wer sich mausig macht und ihre
+verstaubten Litaneien &uuml;berh&ouml;rt, den legen sie nackt
+in die Sonne und salben ihn mit dem &Ouml;l ihrer
+Schikanen, da&szlig; das Ungeziefer &uuml;ber ihn kommt.</p>
+
+<p class="speaker">Kammerdirektor</p>
+
+<p>Lang! Lang! m&auml;&szlig;igen Sie sich doch.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Ich bin am Ende meiner Fassung. Wenn man
+zusehen mu&szlig;, da&szlig; alle Quellen h&auml;misch verstopft
+werden und die Menschheit verdurstet. Da&szlig; die
+Fr&uuml;chte wachsen, um zu verfaulen. Gro&szlig;e M&auml;nner
+Gro&szlig;es richten, um Popanze zu werden f&uuml;r die
+Phrasendrechsler. Verderb ich mir&#8217;s mit ihnen,
+steht&#8217;s desto besser zwischen mir und meinem Gewissen.
+<em class="direction">(Zu den Bauern, die unterdessen heimlich gewispert
+haben.)</em> Nun, ihr Leute! Der Baum, von
+dem ich euch da gesprochen habe, vergleichsweise,
+versteht mich wohl, der Baum ist euer alter, unn&uuml;tzer
+<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>Turm. Was wollt ihr beginnen mit einem
+Turm? K&ouml;nnt ihr ihn als Heuschober brauchen?
+Nein. K&ouml;nnt ihr drinnen wohnen? Nein. Wollt
+ihr drinnen beten? Nein. War er besonders
+sch&ouml;n von Ansehen? Nein. Es war nichts in
+ihm oder an ihm, was euch h&auml;tte erg&ouml;tzen oder
+f&ouml;rdern k&ouml;nnen. Und doch wollt ihr ihn wieder
+aufrichten. Warum?</p>
+
+<p class="speaker">Erlhofbauer</p>
+
+<p>Mer war&#8217;s halt so g&#8217;w&ouml;hnt, Gnaden Herr R&aring;t.</p>
+
+<p class="speaker">Waldhofbauer</p>
+
+<p>&#8217;s w&auml;r a Schand, Gnaden Herr R&aring;t.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Die Schande will ich euch auswetzen. Ich bau
+euch ein Schulhaus, das wird ein wahrer Staat
+sein. Seht, das ist eine Aussaat, von der ihr eine
+gute Ernte einheimsen k&ouml;nnt. Profitiert <em class="gesperrt">ihr</em> nicht
+mehr davon, so profitieren eure Kinder, die S&ouml;hne
+und die T&ouml;chter. &#8217;s ist, wie wenn man K&auml;lber
+auf eine fette Weide treibt. Da w&auml;chst euch kein
+habergasiges Vieh heran, das sich seiner Haut
+sch&auml;men mu&szlig;, sondern ein edler Schlag. Der
+Bauer hat nicht n&ouml;tig, sein Licht unter den Scheffel
+zu stellen. Mit dem Wissen ist&#8217;s eine eigene
+Sache und, glaubt mir&#8217;s oder glaubt mir&#8217;s nicht,
+wenn ihr eure Kinder was lernen la&szlig;t, werden
+eure M&uuml;hlen besseres Korn zu mahlen haben.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>Ringhofbauer</p>
+
+<p>Da hab&#8217;n mer alles nichts dageg&#8217;n, Herr R&aring;t;
+aber um unsern Turm woll&#8217;n mer halt flei&szlig;ig gebeten
+hab&#8217;n.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Holzk&ouml;pfe! <em class="direction">(Verzweifelt zum Kammerdirektor.)</em> Das
+ganze Ding gleicht einem G&auml;nsespiel, wo man sich
+schon nah am Ziel glaubt, und durch einen mi&szlig;gl&uuml;ckten
+Wurf von einem umgekehrten Schnabel
+zum andern wieder zum ersten Anfang zur&uuml;ckgewiesen
+wird.</p>
+
+<p class="speaker">Kammerdirektor</p>
+
+<p>Ich wu&szlig;t es vorher.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt mit einem Brief, von rechts).</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Doch la&szlig;&#8217; ich nicht nach, und wenn&#8217;s ein Jahr
+meines Lebens kostet.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Da ist ein Brief an Sie gekommen, Lang.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Das Siegel sollt ich kennen. &#8217;s ist vom
+F&uuml;rsten Hardenberg. <em class="direction">(Er bricht den Brief auf und
+liest; seine Miene verzerrt sich sichtlich, er wirft das
+Schreiben mit einem Laut des Schmerzes und der Wut
+zur Erde und schl&auml;gt die F&auml;uste vor die Augen.)</em></p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p class="dircenter">(erschrocken)</p>
+
+<p>Lang!</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Geht mir aus den Augen! Geht! Fort ihr
+alle! &#8211; Auch er! auch er! &#8211; Nichts richten
+k&ouml;nnen! nichts vollenden k&ouml;nnen!</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Aber Lang, sein Sie doch vern&uuml;nftig! <em class="direction">(Sie
+hebt den Brief auf.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(entrei&szlig;t ihn ihr)</p>
+
+<p>Sehen Sie, M&uuml;hlbach, &#8211; h&ouml;ren Sie! <em class="direction">(Liest
+im Tiefsten erregt, mit zusammengebissenen Z&auml;hnen.)</em>
+&raquo;Die gegnerischen Umtriebe sind so m&auml;chtig geworden,
+lieber Lang, da&szlig; ich Sie in Ihrem wie in
+meinem Interesse bitten mu&szlig;, die fragliche Aff&auml;re
+mit dem ungl&uuml;ckseligen Turm fallen zu lassen.
+Sie wissen, welchen Anteil ich an Ihren Bestrebungen
+nehme, ich kenne die edle Selbstlosigkeit,
+mit der Sie allem hingegeben sind, was Sie f&uuml;r
+recht und f&ouml;rderlich erkannt haben, aber das T&uuml;chtige
+l&auml;&szlig;t sich auf vielen Wegen durchsetzen,&laquo; &#8211;
+so spricht Er! Er! So haben sie ihn zu Brei gemacht!
+Das T&uuml;chtige auf vielen Wegen! &#8211; <em class="direction">(Liest.)</em>
+&raquo;Stehen Sie ab vom Unerreichbaren und wirken
+Sie im M&ouml;glichen&laquo; &#8211; nichts da, von Gnadenbrot
+<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>will der Lang nichts wissen, &#8211; <em class="direction">(Liest.)</em> &raquo;Ich war
+gezwungen, die einschl&auml;gigen Akten einem anderen
+Referenten zu &uuml;bertragen&laquo; &#8211; <em class="direction">(Wirft wie von Ekel
+erfa&szlig;t das Papier von sich.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Kammerdirektor</p>
+
+<p>Ich finde das Schreiben Seiner Exzellenz &auml;u&szlig;erst
+w&uuml;rdig und schmeichelhaft, lieber Lang&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(scheinbar gefa&szlig;t)</p>
+
+<p>Ja. Das ist es. Ohne Zweifel. Einem andern
+Referenten. Einem, der biegsam ist und Ja und
+Amen sagt. G&ouml;nnen Sie mir jetzt eine Stunde
+der Ruhe und &Uuml;berlegung, lieber M&uuml;hlbach. Ich
+habe heute noch mancherlei zu tun, denn morgen
+mit dem Fr&uuml;hesten werde ich meine Bestallung per
+Extrapost an die Regierung zur&uuml;cksenden.</p>
+
+<p class="speaker">Frau von H&auml;nlein</p>
+
+<p>Lang!</p>
+
+<p class="speaker">Kammerdirektor</p>
+
+<p class="dircenter">(macht beschw&ouml;rende Gesten).</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Lassen Sie nur, M&uuml;hlbach. Ich wei&szlig;, Sie
+haben die beste Meinung von mir. Aber das kann
+jetzt nichts n&uuml;tzen. Gott befohlen, ihr Leute. Gehn
+Sie nur, Mutter. Adieu, lieber M&uuml;hlbach. <em class="direction">(Die
+Bauern, der Kammerdirektor und Frau von H&auml;nlein
+<a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>ab. Lang pr&uuml;ft, ob die T&uuml;re zu ist, geht dann zum
+Schreibtisch, l&auml;&szlig;t sich nieder und st&uuml;tzt den Kopf in die
+Hand. Sein Gesicht hat einen tief verbitterten und tief
+ersch&ouml;pften Ausdruck.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dirlong">(kommt von links. Sie ist zum Ausgehen gekleidet, doch
+hat sie statt des Hutes einen schwarzen Schal &uuml;ber dem
+Kopf. Sie tritt leise auf, schaut vorsichtig durch das
+Zimmer. Als sie Lang so augenscheinlich gebrochen sieht,
+erschrickt sie und faltet unwillk&uuml;rlich die H&auml;nde).</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(blickt empor, mit innerlicher Wildheit)</p>
+
+<p>Ja, Anna. Da bin ich nun. Kannst mich
+verpflegen, wenn du willst. Als Tagedieb im Haus,
+als Siebenschl&auml;fer im Bett. Bin zu nichts mehr
+nutze. Sie haben mir die H&auml;nde aus den Gelenken
+gedreht.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(macht zwei Schritte, bleibt wieder stehen).</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(erhebt sich; mit verzweifelter Klage und Anklage)</p>
+
+<p>Es kr&auml;nkt mich wahrlich um meinen Stolz.
+Es kr&auml;nkt mich um die Ader, die mir schwillt.
+M&ouml;cht alle getanen Schritte bereuen und alle gesprochenen
+Worte wieder einschlucken. Warum bin
+ich nicht auch so ein Jasager und Sonnenblumen-M&auml;nnlein,
+<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>dann st&uuml;nd&#8217; ich nicht so da, Schmach
+und Spott mir selber. Der elende M&uuml;ckentanz!
+Wohin man greift, nur Luft; wohin man schl&auml;gt,
+trifft&#8217;s den eigenen Leib. <em class="direction">(Ausbrechend in heller
+Bitterkeit.)</em> Schau&#8217; mich nicht an, Frau, ich sch&auml;m
+mich vor dir. Was kannst du anders glauben,
+als da&szlig; ein Mannsbild nur dazu da ist, um zu
+flunkern und sich wichtig zu machen? Und wenn
+er sich ganz <em class="antiqua">in floribus</em> hat zeigen wollen und
+einer Sache sich verdungen hat, bei der von Recht
+und Wohlfahrt zu schwadronieren war, so sitzt er nun
+um so erb&auml;rmlicher da, mit Fu&szlig;tritten heimgeschickt.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(in deren Z&uuml;gen sich eine innige Besorgnis malt, leise)</p>
+
+<p>Karl Heinrich!</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Und keinen Menschen! Keinen, der &#8217;s redlich
+meint! So ohnm&auml;chtig sein! Geh von mir
+fort. Du hast nichts an mir. Geh aus meinem
+Hause. Ich bin kein Mann f&uuml;r dich. Bin
+deiner nicht wert. Geh zu einem, der &#8217;s mit ehrlichen
+Feinden zu tun hat und ein Schwert in die
+Faust nehmen kann, wenn ihn die Horde bedr&auml;ngt.
+<em class="direction">(Er setzt sich mutlos und matt wieder in den Sessel.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(wie oben)</p>
+
+<p>Nicht so, Karl Heinrich!...</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>Lang</p>
+
+<p>Oder willst du nur darum bei mir bleiben,
+weil mein Schicksal deiner Torheit zu Hilfe gekommen
+ist? Trotzt ihr doch in eurer blinden Sucht,
+ihr Weiber, dem Himmel selber unvern&uuml;nftige
+Taten ab. Ja, er wird gebaut, dein Turm. Er
+wird gebaut.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(leise)</p>
+
+<p>Das wu&szlig;te ich gleich, Karl Heinrich, als ich
+dich so sah.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Kannst du mich darum h&ouml;her estimieren, was
+soll ich dann von meinem Wert noch halten und
+was von deinem Stolz?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(mit kaum merkbarer, schmerzlicher Schalkhaftigkeit)</p>
+
+<p>Soll ich aber von dir fort, nur um zu beweisen,
+da&szlig; mir an dem Turm jetzt nichts mehr
+liegt?</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(bitter)</p>
+
+<p>Wenn man den Kindern das Spielzeug gibt,
+nach dem sie verlangt haben, dann werfen sie&#8217;s
+beiseite.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Ich habe ja den Turm von dir begehrt und
+<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>nicht von denen, die dir ein Leids damit getan.
+So komm&#8217; ich mir ja vor, als st&uuml;nd ich mit ihnen
+im Bund. Und wenn noch dazu dein Herz gegen
+mich gestimmt ist, so fl&uuml;stert&#8217;s dir vielleicht ein,
+ich h&auml;tte dich verraten, irgendwie geheimnisvoll
+verraten. Ach, Karl Heinrich! Pl&ouml;tzlich bin ich
+schuldig und wei&szlig; kaum wieso. Schuldig vor dir,
+schuldig vor mir und wei&szlig; kaum wieso.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(schaut sie an)</p>
+
+<p>Was stehst du denn da mit deinem Kopft&uuml;chlein
+und wohin willst du denn gehen? Willst nach Frommetsfelden
+hinaus und zugucken, wie sie bauen?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Ich will&#8217;s dir sagen, Karl Heinrich. Zum Mauthaus
+wollt ich gehn auf der Chaussee.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Und was willst du denn dorten beim Mauthaus
+auf der Chaussee?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Dort kommt der Leutnant Schl&ouml;zer vorbei und
+will auf mich warten.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(den Oberk&ouml;rper nach vorn gebeugt, st&uuml;tzt den Kopf mit
+beiden H&auml;nden. Schweigt.)</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>Anna</p>
+
+<p>Es war beschlossen, Karl Heinrich, &#8211; fast wie
+man den Tod beschlie&szlig;t.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(dumpf)</p>
+
+<p>Beschlossen! Dies beschlossen! So mu&szlig; es
+Laster in mir geben, die &auml;rger sind, als ich sie
+ahnte, und was dich zu mir gef&uuml;hrt, war nur ein
+Gaukelspiel betr&uuml;gerischer Tage. Alle Wege: abw&auml;rts.
+Jeder Tag nur eine kurze D&auml;mmerung
+zwischen zwei N&auml;chten. Es ist ein unheimlicher
+Geisterspuk, der einen so lang schaudern macht,
+bis die Gedanken still stehn, und was die Brust
+bewegt, ist Scham, Scham, Scham!</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(tief erregt)</p>
+
+<p>H&ouml;r mich an, Karl Heinrich&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>H&ouml;r ich dich, so bin ich schon get&auml;uscht. Was
+gabst du mir freundliche Mienen und Blicke? Nur
+damit es jetzt offenbar wird, da&szlig; du einen brauchst,
+der s&uuml;&szlig;e Worte machen kann und immer beteuern
+kann und schw&auml;rmen kann und zeigen kann, was
+ihr mit euren kurzen Sinnen sehen m&uuml;&szlig;t. Geh
+nur, Anna. Denk nicht, da&szlig; du einen Verzweifelten
+zur&uuml;ckl&auml;&szlig;t. Ich bin&#8217;s nicht ungewohnt, abzurechnen
+<a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>mit mir und meinem Leben. Was ich nie
+besessen habe, kann ich nicht verlieren. Freilich
+der Irrtum, der fri&szlig;t am Mark und macht alt
+und krank und m&uuml;de.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Es ist hart f&uuml;r mich, was du sprichst, aber ich
+verdien&#8217;s. Doch la&szlig; es genug sein, Karl Heinrich,
+und vergi&szlig;, was du gesagt, damit ich vergessen
+kann, was ich nur halb getan.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(steht auf)</p>
+
+<p>Du sollst nicht vergessen und ich kann nicht
+vergessen. Es sei denn, wir wollen nicht f&uuml;r
+unsere Handlungen einstehen und uns auff&uuml;hren
+wie Knaben, die einander sch&ouml;n tun, nachdem
+sie sich gepr&uuml;gelt haben. Es ist von &Uuml;bel, jegliches
+Wort von &Uuml;bel. Mit Schwatzen und Auseinandersetzungen
+erreichen die Menschen nichts
+weiter, als da&szlig; sie sich so nahe r&uuml;cken, da&szlig; sie
+keinen Platz mehr zum Atmen haben. Und um
+mein Gl&uuml;ck und um meinen Frieden kann ich nicht
+feilschen. Was man einander gew&auml;hrt und einander
+erl&auml;&szlig;t, kann nicht durch Abmachungen geregelt
+werden. Alles wahre Zusammenleben beruht auf
+Schweigen, Frau! Je tiefer der Bund, je tiefer
+das Schweigen. Bliebst du aus Mitleid bei mir,
+so w&uuml;nscht&#8217; ich lieber, ich h&auml;tte dich nie gesehen.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(hat die Hand an die Stirn gedr&uuml;ckt, l&auml;&szlig;t sie fallen,
+tritt n&auml;her, frei und entflammt)</p>
+
+<p>Wie kommt&#8217;s nur, da&szlig; ich dich jetzt so sp&uuml;re,
+Karl Heinrich! Schon als es mich da drau&szlig;en
+&uuml;ber die Schwelle zog, war mir, als lie&szlig; ich alle
+Zweifel zur&uuml;ck. Nicht Mitleid ist&#8217;s, nein, nein! &#8211;
+H&ouml;chstens k&ouml;nnte ich dein Mitleid fordern f&uuml;r mich,
+denn ich war so klein und ich glaubte, du w&uuml;rfest
+mich hin gegen die Welt und die Welt sei dir alles
+und ich zu wenig, ich zu allein gegen dich und die
+Welt. Jetzt aber sehe ich dich auch allein und
+das &#8211; das! Karl Heinrich&nbsp;&#8211;! <em class="direction">(Sie ergreift seine
+Hand und dr&uuml;ckt ihre Stirn darauf.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(sinnend)</p>
+
+<p>Ach, du wunderliches Gesch&ouml;pf von einem Weib.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(wieder aufgerichtet)</p>
+
+<p>Du hast recht, Karl Heinrich. Es sollen nicht so
+viele Worte zwischen den Menschen hin und her geworfen
+werden. Es soll vielleicht bestehen bleiben,
+dies Fremde und dies Ferne, das mich so oft gequ&auml;lt
+hat. Vielleicht ist es gut so, da&szlig; wir nicht zu allen
+Zeiten alles von einander wissen, und gut ist es auch,
+da&szlig; ich dich suchte. Ja, es ist gut, da&szlig; ich dich
+suche, wenn du mich h&auml;ltst! &#8211; Behalte mich!</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>Lang</p>
+
+<p>Ich will dich halten.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(ohne Emphase ganz hingegeben)</p>
+
+<p>Was soll&#8217;s noch um den dumpfigen, stockigten
+Turm, Karl Heinrich? Habe ihn gew&uuml;nscht, wie
+man ein Zeichen w&uuml;nscht, ein Zeichen f&uuml;r etwas,
+das nun da ist.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(zu ihr gebeugt)</p>
+
+<p>Und doch mu&szlig;t du vieles daf&uuml;r tragen, Kind.
+Mich vor allem, der eine Weile zusehn mu&szlig;, unt&auml;tig
+beiseite. Wir wollen aus der Stadt ziehen.
+Vom Amt will ich weg&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p class="dircenter">(bestimmt und mit freier Heiterkeit)</p>
+
+<p>Nein, Karl Heinrich. Dieses wirst und kannst
+du nicht tun. Du bist der Mann nicht f&uuml;rs Ausgeding.
+Mit den Wurzeln sich selber ausgraben
+und verdorren lassen? Du &uuml;berzeugst sie ja schon
+von deinem Wert, indem du da bist. K&ouml;nnte das
+Wasser sch&auml;umen ohne Damm? H&auml;tt es solche
+Kraft? Kommt&#8217;s darauf an, bezahlt zu werden,
+Karl Heinrich, heute oder morgen bezahlt? Bezahlt
+dich nicht dein eigenes Blut und deine innere
+Flamme?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(betroffen)</p>
+
+<p>Frau, &#8211; wie du das sagst! Woher kommen
+dir solche Worte? Also bedeutet dir mein Treiben
+wirklich was? Willst nimmer so scheu und zweifelhaft
+neben mir wandeln?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Es hat mir nichts bedeutet, so lang ich nicht
+f&uuml;hlen konnte, wie du mich damit umschlingst und
+wie ich dazu geh&ouml;re.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>So h&auml;tte mir der Aberwitz und bl&ouml;de Widerstand
+der Welt zum K&ouml;stlichsten verholfen?</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Sp&uuml;rst du&#8217;s so, dann ist es mehr, als ich gesehnt.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p class="dircenter">(packt ihre H&auml;nde, leidenschaftlich)</p>
+
+<p>Und doch hat dich das tr&uuml;be Wesen zum
+Scheideweg gef&uuml;hrt&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Wer am Scheideweg war, wei&szlig; besser ums
+Ziel. <em class="direction">(Man h&ouml;rt R&auml;der rollen auf der Stra&szlig;e.)</em> Komm,
+Karl Heinrich &#8211; <em class="direction">(Sie zieht ihn zum Fenster.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Es ist ein Wagen, der vom Posthaus abf&auml;hrt&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>Anna</p>
+
+<p>Zum Mauthaus auf der Chaussee. &#8211; Gib mir
+die Hand, Karl Heinrich! Dr&uuml;ck sie fest, fest ...
+so. H&ouml;rst du, wie mein Herz klopft? Ich glaube,
+es klopft vor Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p class="speaker">Lang</p>
+
+<p>Unsere Herzen sind wie zwei Schalen in der
+Hand eines Engels. Ist ein Auf- und Niederschwanken
+sondergleichen. Jeder Pulsschlag zieht&#8217;s
+hier hinunter, dort hinauf. Wir w&auml;gen nicht, es
+wird uns zugewogen. Wir m&uuml;ssen still halten,
+das ist alles.</p>
+
+<p class="speaker">Anna</p>
+
+<p>Ich halte still, Karl Heinrich. <em class="direction">(Das Posthorn
+t&ouml;nt.)</em> Gute Fahrt, Schwager Postillon!</p>
+
+<p class="vorhang"><em class="gesperrt">Vorhang</em>.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a></p>
+<h2><a name="Lord_Hamiltons_Bekehrung" id="Lord_Hamiltons_Bekehrung"></a>Lord Hamiltons Bekehrung</h2>
+
+
+<p class="personen"><a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>Personen:</p>
+
+<ul class="personen">
+<li>Lord William Hamilton (von der Seitenlinie der Herzoge)</li>
+<li>Sir Francis Hamilton, sein Sohn</li>
+<li>Emma Lyon</li>
+<li>Mr. Dashwood, Notar</li>
+<li>Mr. Fletcher, Uhrmacher</li>
+<li>Der Majordom</li>
+<li>Mrs. Adams, Wirtschafterin</li>
+<li>Doktor Middlewater</li>
+<li>James, ein alter Diener</li>
+<li>Drei andere Diener</li>
+</ul>
+
+<p class="spielt">Spielt am Ende des achtzehnten Jahrhunderts
+in Easton Park in der Grafschaft Suffolk.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a></p>
+<p class="newsection dirlong">Das Fr&uuml;hst&uuml;ckzimmer in Easton Park. Nach hinten
+f&uuml;hrt eine offene Fl&uuml;gelt&uuml;r in die Halle, durch
+die man wiederum in den Park blickt. Rechts eine geschlossene
+Fl&uuml;gelt&uuml;re, links zwei hohe Fenster. Ein schmaler
+Tisch, mehr links, ist f&uuml;r zwei Personen gedeckt. Ein
+anderer, schwerer Eichentisch steht mehr rechts. In der
+linken Ecke eine Wanduhr in einem massiven Geh&auml;use,
+das bis zur Decke reicht. An den W&auml;nden h&auml;ngen alte
+Gobelins und ein paar niederl&auml;ndische Stilleben.</p>
+
+<p class="dirlong">Auf einer kleinen Leiter vor der Wanduhr steht Mr.
+<em class="gesperrt">Fletcher</em>; er hat den m&auml;chtigen Pendel abgenommen
+und horcht ins R&auml;derwerk. Der <em class="gesperrt">Majordom</em> hat den
+gedeckten Tisch inspiziert und beobachtet dann ernsthaft,
+mit verschr&auml;nkten Armen, die Hantierung des Uhrmachers.
+W&auml;hrenddem tritt <em class="gesperrt">Doktor Middlewater</em> vom Park
+her in die Halle, stellt seinen Medikamentenkasten auf
+die Bank und kramt darin, wobei er der Szene den
+R&uuml;cken zukehrt. Gleichzeitig kommt <em class="gesperrt">Lord Hamilton</em>
+von drau&szlig;en rechts in die Halle. Er beachtet den
+Arzt nicht, der sich rasch umwendet und, obwohl er
+schon geb&uuml;ckt steht, eine noch tiefere Verbeugung macht.
+Der <em class="gesperrt">Lord</em> hat einen Brief in der Hand und geht
+<ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'nruhig'">unruhig</ins> auf und ab.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(drau&szlig;en)</p>
+
+<p>Mister Wardle!</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>Der Majordom</p>
+
+<p>Mylord! <em class="direction">(Eilt hinaus.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>F&uuml;r welche Stunde ist Mister Dashwood bestellt?</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>F&uuml;r elf Uhr, Mylord.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(die Taschenuhr ziehend)</p>
+
+<p>Dann mu&szlig; er in sechsunddrei&szlig;ig Minuten hier
+sein.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>Gewi&szlig;, Mylord.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Doktor Middlewater, ich bin bereit. <em class="direction">(Mit
+Doktor Middlewater in der Halle rechts ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Mr. Fletcher</p>
+
+<p class="dirlong">(hat neugierig gelauscht. Er ist trotz seiner vorger&uuml;ckten
+Jahre ungemein eitel. W&auml;hrend der Lord geht und der
+Majordom zur&uuml;ckkommt, holt er einen Handspiegel aus
+seiner Tasche und betrachtet sich wohlgef&auml;llig).</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>Sie h&ouml;ren, Mister Fletcher, &#8211; es ist sechsunddrei&szlig;ig
+Minuten vor elf.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Fletcher</p>
+
+<p>Ich habe bemerkt, da&szlig; die <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'P&uuml;nklichkeit'">P&uuml;nktlichkeit</ins> in
+<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>diesem Hause etwas willk&uuml;rlich gehandhabt wird.
+Seine Lordschaft ist imstande, der Sonne zu befehlen,
+welche Zeit es ist. Das erscheint mir etwas
+waghalsig. Es widerspricht der g&ouml;ttlichen Weltordnung.
+&#8211; Wie finden Sie mich heute aussehend,
+Mister Wardle?</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>Ich mu&szlig; Sie darauf aufmerksam machen, da&szlig;
+die Uhr gestern um neun Minuten zu sp&auml;t gegangen
+ist.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Fletcher</p>
+
+<p class="dircenter">(h&auml;ngt den Pendel ein)</p>
+
+<p>Genau das Gegenteil von dem, was ich tue.
+Ich bin immer zu fr&uuml;h daran; immer zu fr&uuml;h.
+Aber in der Liebe ist das der einzige Weg zum
+Erfolg. Meinen Sie nicht, Mister Wardle, da&szlig;
+ich noch eine ganz repr&auml;sentable Erscheinung bin?
+Das sch&ouml;ne Geschlecht ist nicht unzufrieden mit mir.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p class="dircenter">(amtlich)</p>
+
+<p>Sind Sie bald fertig, Mister Fletcher?</p>
+
+<p class="speaker">Mrs. Adams</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt in Eile; sie ist eine muntere und beleibte Dame)</p>
+
+<p>Denken Sie nur, Mister Wardle, James ist
+betrunken!</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>James? betrunken&nbsp;&#8211;? Wie ist das m&ouml;glich?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>Mrs. Adams</p>
+
+<p>Sie m&uuml;ssen uns helfen, Mister Wardle. Wenn
+ihn Seine Lordschaft in der Verfassung sieht, geht&#8217;s
+dem armen alten Kerl schlecht. Erinnern Sie sich
+noch, wie er vor drei Jahren den ungl&uuml;cklichen
+Jimmy mit der Hundspeitsche auf die Landstra&szlig;e
+jagen lie&szlig;, weil er benebelt war&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>Aber wie konnte das geschehen, Missis Adams?
+wie konnte sich James so vergessen?</p>
+
+<p class="speaker">Mrs. Adams</p>
+
+<p>Der Kummer, Mister Wardle. Der Kummer
+um den jungen Herrn. Sie wissen doch, wie er
+an Sir Francis h&auml;ngt. Nun hat Seine Lordschaft
+wahrscheinlich etwas durchblicken lassen, von Enterbung
+oder so ... James ist ja der einzige, mit
+dem er hie und da ein vertrautes Wort spricht
+... der Kummer, Mister Wardle. Ich gehe zu
+den St&auml;llen hin&uuml;ber, um Milch zu holen, da sehe
+ich ihn taumeln und mit den H&auml;nden fuchteln
+und h&ouml;re, wie er wild vor sich hinmurmelt, &#8211;
+kurz, er ist im Zustand eines Schweines.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Fletcher</p>
+
+<p class="dircenter">(hat vergebens mit Missis Adams zu lieb&auml;ugeln versucht)</p>
+
+<p>Was f&uuml;r ein angenehmes Wesen! welche verlockende
+Stimme! <em class="direction">(Seufzt, holt den Spiegel hervor.)</em></p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>Der Majordom</p>
+
+<p class="dircenter">(ringt die H&auml;nde, schnell durch die Halle in den Park ab)</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Fletcher</p>
+
+<p class="dircenter">(zu Mrs. Adams, die sich anschickt, dem Majordom zu
+folgen)</p>
+
+<p>Haben Sie indessen meinen Antrag &uuml;berschlafen,
+Missis Adams?</p>
+
+<p class="speaker">Mrs. Adams</p>
+
+<p class="dircenter">(unruhig nach der T&uuml;r schauend, hastig und versch&auml;mt).</p>
+
+<p>Es kann nicht sein, Mister Fletcher. Mylord
+ist ein so verschworener Feind von allem Heiraten,
+da&szlig; ich mir&#8217;s zeitlebens mit ihm verderben w&uuml;rde.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Fletcher</p>
+
+<p class="dircenter">(bek&uuml;mmert)</p>
+
+<p>Sehr unrecht von Seiner Herrlichkeit.</p>
+
+<p class="speaker">Mrs. Adams</p>
+
+<p class="dircenter">(vertraulich fl&uuml;sternd)</p>
+
+<p>Sie wissen ja, er hat Malheur gehabt. Mylady
+ist ihm nach der Geburt von Sir Francis mit
+einem Schmugglerkapit&auml;n durchgebrannt und in
+der irischen See ertrunken.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Fletcher</p>
+
+<p>Wie Sie mich hier sehen, Missis Adams, bin
+ich ein Mann mit einem geregelten Einkommen
+von zweihundertvierzig Pfund.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>Mrs. Adams</p>
+
+<p>Sie brechen mir das Herz, Mister Fletcher.
+Ich bin so attachiert an Easton Park.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Fletcher</p>
+
+<p>Und sonst, Missis Adams, wenn ich auch den
+Kahlkopf nicht ableugnen kann, wer will meine
+Stattlichkeit bezweifeln?</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p class="dirlong">(tritt mit allen Zeichen eines &uuml;berstandenen Schreckens
+in die Halle, schaut sich &auml;ngstlich um, kommt dann auf
+die Szene. Unterm Arm tr&auml;gt er die Aktentasche. Tracht
+der Zeit. Qu&auml;kerhut)</p>
+
+Guten Morgen! <em class="direction">(Legt den Hut ab, wischt den
+Schwei&szlig; von der Stirn.)</em>
+
+<p class="speaker">Mrs. Adams</p>
+
+<p>Ist Ihnen etwas Schlimmes widerfahren,
+Mister Dashwood?</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Es mu&szlig; der leibhaftige Satan gewesen sein,
+&#8211; Gott sei mir gn&auml;dig.</p>
+
+<p class="speaker">Mrs. Adams</p>
+
+<p>Was denn? wo denn?</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p class="dircenter">(Atem sch&ouml;pfend)</p>
+
+<p>W&auml;hrend ich durch den Hohlweg reite ...
+Sie kennen ja diesen Hohlweg, Ma&#8217;am ... er
+<a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>ist so schmal, da&szlig; zwei Fu&szlig;g&auml;nger einander nicht
+ausweichen k&ouml;nnen ... ach, das Entsetzen ist mir
+in alle Glieder gefahren.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt nerv&ouml;s wie ein Mann, der nicht wei&szlig;, wo er
+zuerst Hand anlegen soll)</p>
+
+<p>Es steht wirklich verzweifelt mit dem alten
+Esel. Mister Fletcher, die Uhr in den Dienerwohnungen
+mu&szlig; noch reguliert werden. Mylord
+erwartet Sie um elf Uhr, Mister Dashwood.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Fletcher</p>
+
+<p class="dircenter">(der an Mister Dashwoods Erregung keinen Anteil nimmt)</p>
+
+<p>In unserer zarten Angelegenheit werde ich zu
+passenderer Stunde wieder anfragen, Missis Adams.
+<em class="direction">(Da sie ihn schmachtend anschaut.)</em> Ach, dieser Blick!
+&#8211; <em class="direction">(Wirft ihr eine Ku&szlig;hand zu. Ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Mrs. Adams</p>
+
+<p class="dircenter">(zum Majordom)</p>
+
+<p>Mister Dashwood hat etwas Gr&auml;&szlig;liches erlebt
+&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Ich reite also durch den Hohlweg, und hinter
+mir her, auf einem kohlschwarzen Ro&szlig;, ein Bursche
+mit flatternden schwarzen Haaren. Immer mir
+nach ... immer auf meinen Fersen, im vollen
+Galopp! Ich treibe mein Tier zur Eile an ...
+<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>er, mit h&ouml;hnischem Geschrei, tut dasselbe. Ich
+glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich vermute, da&szlig;
+es ein R&auml;uber war.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>Am hellen, lichten Tag?</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Ein blut- und mordgieriger Geselle.</p>
+
+<p class="speaker">Mrs. Adams</p>
+
+<p>Da m&ouml;chte ich nicht an Ihrem Platz gewesen
+sein, Mister Dashwood.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Ich pflege sonst nie ohne Pistole auszugehen.
+Wei&szlig; man doch nicht, was einem zusto&szlig;en wird.
+Mein Freund, Mister Sparre, &#8211; Sie kennen doch
+Mister Sparre, Ma&#8217;am? &#8211; ist neulich in Pall
+Mall von einem w&uuml;tenden Hund gebissen worden.
+Es ist nichts Seltenes, da&szlig; jemand inmitten der
+Aus&uuml;bung seiner Amtsgesch&auml;fte von einem j&auml;hen
+Tod ereilt wurde. Solche Katastrophen treten gew&ouml;hnlich
+dann ein, wenn sich der kurzsichtige
+Mensch auf dem Gipfel seines Gl&uuml;cks befindet
+und geneigt ist, sich der wohlverdienten Ruhe hinzugeben.
+<em class="direction">(Er erblickt Emma Lyon, die, mit der Reitpeitsche
+in der Hand, in die Halle tritt; sehr erregt.)</em>
+Da ist er, Ma&#8217;am! Da ist er, Mister Wardle!
+<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>Sch&uuml;tzen Sie mich! Er verfolgt mich bis hieher!
+Rufen Sie die Diener zusammen!</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dirlong">(hat sich in der Halle verwundert umgeschaut und kommt
+nun auf die Szene. Sie ist als junger Mann im Reitkost&uuml;m
+gekleidet. Ihre br&uuml;netten Haare quellen unter
+dem Hut &uuml;ber das sch&ouml;ne, von schnellem Ritt ergl&uuml;hte
+Gesicht).</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p class="dircenter">(auf sie zutretend)</p>
+
+<p>Womit kann ich dienen, Sir?</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(gebieterisch)</p>
+
+<p>Lassen Sie mein Pferd versorgen. Ich wei&szlig;
+nicht, ob der Mensch, dem ich es &uuml;bergeben habe,
+sich damit auskennt. Was ist denn das f&uuml;r ein
+Betrunkener drau&szlig;en, um den sie alle herumstehen?</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Der Herr besch&uuml;tze uns vor dem &Uuml;bel ...
+Erst neulich habe ich in der Zeitung gelesen, da&szlig;
+der ber&uuml;chtigte Thomas Field frecherweise in den
+Palast des Herzogs von York gedrungen ist.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>Wen darf ich melden, Sir?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>Emma Lyon</p>
+
+<p>Mister Rippledale aus London. Benachrichtigen
+Sie zuerst Sir Francis.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p class="dircenter">(argw&ouml;hnisch)</p>
+
+<p>Mister Rippledale&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Ein falscher Name. Ohne Zweifel ein falscher
+Name.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Was murmelt der Dicke dort? Ei, sind Sie es,
+Sir, der auf einem Ding, mehr Ochse als Gaul,
+best&auml;ndig vor mir hergetrabt ist? Ein andermal
+machen Sie Platz, wenn einer hinter Ihnen ist,
+der Eile hat.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p class="dircenter">(dem&uuml;tig stotternd)</p>
+
+<p>Es ... ich ... der Weg war so schmal ...
+<em class="direction">(Abgewendet.)</em> Die Sprache! Er mu&szlig; eine ganze
+Bande im R&uuml;cken haben.</p>
+
+<p class="speaker">Mrs. Adams</p>
+
+<p class="dircenter">(leise zum Majordom)</p>
+
+<p>Ich lasse mich h&auml;ngen, wenn das kein Frauenzimmer
+ist.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>Sir Francis kommt erst von der Jagd zur&uuml;ck,
+Sir.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>Emma Lyon</p>
+
+<p>Dann f&uuml;hren Sie mich einstweilen in seine
+Zimmer.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Schau, schau, wie schlau! Und doch, wie wenig
+schlau. Wie tollk&uuml;hn vielmehr.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p><em class="direction">(kommt eilig. Ein junger Mann von zwei- bis dreiundzwanzig
+Jahren mit h&uuml;bscher Gestalt und h&uuml;bschem
+Gesicht. Er tr&auml;gt einen roten Jagdreitrock, manchesterne
+Reithosen und lange Stiefel mit weiten Sch&auml;ften. Mit
+allen Zeichen der Best&uuml;rzung.)</em> Um Gottes willen,
+du hier, E&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(ist schnell auf ihn zugegangen, dr&uuml;ckt die Hand auf seinen
+Mund)</p>
+
+<p>Ja, ich bin&#8217;s. Bist du nicht froh, deinen alten
+Rippledale hier zu sehen?</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p>Ich sah dein Pferd drau&szlig;en. Ich erkannte es
+gleich. Aber&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Wundre dich nicht l&auml;nger. Jede Frage ist &uuml;berfl&uuml;ssig.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p>Mein Vater&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>Emma Lyon</p>
+
+<p>Mit ihm zu reden bin ich gekommen. Ich
+bin von Suffolk her&uuml;bergeritten, wo ich &uuml;bernachtet
+habe und wo meine Freunde geblieben sind.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p class="dircenter">(noch immer fassungslos)</p>
+
+<p>Du kannst ihm doch nicht in diesem Aufzug
+unter die Augen treten&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Auch daf&uuml;r ist gesorgt. Ich habe Mary mit
+den Kleidern vorausgeschickt.</p>
+
+<p class="speaker">Ein Diener</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt)</p>
+
+<p>Es ist ein Frauenzimmer da mit einer Schachtel
+f&uuml;r Mister Rippledale.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Also rasch, mein Lieber, bring mich in ein
+Zimmer, wo ich mich herrichten kann. <em class="direction">(Sie wendet
+sich gegen die Halle, in der jetzt der betrunkene James
+erscheint, von einigen m&auml;nnlichen und weiblichen Dienstboten
+umgeben, die ihn zu verhindern suchen, ins Zimmer
+zu dringen.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p class="dircenter">(Emma folgend und in sie hineinredend)</p>
+
+<p>Es ist sinnlos, sage ich dir. Bei ihm erreichst
+du nichts damit.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>Emma Lyon</p>
+
+<p>Wir werden sehen, jedenfalls ist deine Angst
+vor ihm lustiger als du meinst. Ich liebe nicht,
+da&szlig; man hinter meinem R&uuml;cken &uuml;ber mich verf&uuml;gt,
+und ich bin neugierig, wie er es macht, wenn
+ich dabei bin. <em class="direction">(Sie geht ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Das Geheimnis wird immer undurchdringlicher.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p class="dircenter">(bleibt auf der Schwelle stehen, zum Majordom gewandt
+und auf die Gruppe um James deutend)</p>
+
+<p>Was ist das, Mister Wardle?</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>Ich wei&szlig; nicht mehr, was ich anfangen soll,
+Sir Francis.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p>Schaffen Sie ihn hinaus. &#8211; Wenn mein
+Vater nach mir fragt, sagen Sie ihm, ich sei noch
+nicht zur&uuml;ck. <em class="direction">(Ratlos vor sich hin.)</em> Mein Gott!
+<em class="direction">(Ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker">James</p>
+
+<p class="dircenter">(in der Halle)</p>
+
+<p>Die Welt ist kugelrund ... drum will ich
+mich vergn&uuml;gen ... sauft nur in vollen Z&uuml;gen
+... dann bleibt ihr auch gesund ... <em class="direction">(Erblickt
+<a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>Sir Francis.)</em> Sir Francis! oh, Sir Francis! Armer
+Sir Francis!</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p class="dircenter">(bleibt einen Moment drau&szlig;en stehen, winkt dem Betrunkenen
+verwirrt zu, dann weiter und nach rechts ab).</p>
+
+<p class="speaker">Mrs. Adams</p>
+
+<p class="dircenter">(st&uuml;rzt gegen die Schwelle, da James trotz der Diener,
+die ihn zur&uuml;ckhalten, sich dem Zimmer n&auml;hert)</p>
+
+<p>Nicht hier herein!</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>Nehmen Sie doch Vernunft an, James! Sie
+kommen ja von Dienst und Brot, wenn Mylord&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">James</p>
+
+<p>Und w&auml;r die Welt nicht kugelrund ... <em class="direction">(Er
+k&auml;mpft mit denen, die ihn halten, dringt aber dabei
+immer weiter vor.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Die &Uuml;berwucherung der tierischen Natur kann
+&Uuml;beltaten im Gefolge haben, deren Tragweite sich
+gar nicht ermessen l&auml;&szlig;t. F&uuml;r den Zuschauer ist
+dabei das Ged&auml;chtnis ein qu&auml;lender Faktor. Ich
+erinnere mich eines Tuchwebers, der in der Trunkenheit
+seine eigene Gro&szlig;mutter erdrosselte. <em class="direction">(Er verbeugt
+sich tief, da von rechts der Lord und Doktor
+Middlewater eintreten.)</em></p>
+
+<p class="dirlong"><em class="gesperrt">Lord Hamilton</em> ist eine Erscheinung von imposanter
+<a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>Magerkeit. Sein Gesicht hat den Ausdruck d&uuml;rren
+Ernstes. Ihm zu widersprechen, scheint wahnsinnig. Doktor
+Middlewater, ein Landarzt, hat seinen Vorteil darin
+zu finden gelernt, dem Lord nach dem Mund zu reden.</p>
+
+<p class="speaker">Doktor Middlewater</p>
+
+<p>Man kann mit einem solchen Leiden neunzig
+Jahre alt werden, Mylord.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ich hoffe es. Im &Uuml;brigen ist mein K&ouml;rper
+dazu da, um mir zu dienen, so lange ich ihn
+brauche.</p>
+
+<p class="speaker">James</p>
+
+<p>Und w&auml;r die Welt nicht kugelrund ... so
+m&uuml;&szlig;t ich mich erh&auml;ngen ... <em class="direction">(Er stockt, da der Lord
+erstaunt auf die Gruppe zugeht.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Was bedeutet das, Mister Wardle?</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>Wir haben alles m&ouml;gliche versucht, den Mann
+zur Besinnung zu bringen, Mylord.</p>
+
+<p class="speaker">James</p>
+
+<p>Eure Herrlichkeit m&ouml;gen verzeihen ... ich bin
+ein sterblicher Mensch ... ich ... <em class="direction">(Er zuckt unter
+dem Blick seines Herrn zusammen, schweigt, bem&uuml;ht sich,
+fest zu stehen.)</em></p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(&uuml;berlegt eine Weile; pl&ouml;tzlich nimmt sein Gesicht die
+Miene der Besorgnis an)</p>
+
+<p>Doktor Middlewater, der Mann ist krank.</p>
+
+<p class="speaker">Doktor Middlewater</p>
+
+<p class="dircenter">(kichert, nach einem Blick des Lords fa&szlig;t er sich)</p>
+
+<p>Es scheint mir selber so, Mylord.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(strafend)</p>
+
+<p>F&uuml;hlen Sie ihm den Puls, Doktor Middlewater.</p>
+
+<p class="speaker">Doktor Middlewater</p>
+
+<p class="dircenter">(tut es; James f&uuml;gt sich wie gebannt).</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Der Mann hat Fieber, Doktor Middlewater.
+Der Mann hat hohes Fieber.</p>
+
+<p class="speaker">Doktor Middlewater</p>
+
+<p class="dircenter">(eifrig)</p>
+
+<p>Ohne Zweifel, Mylord. Der Mann hat betr&auml;chtliches
+Fieber.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Mister Wardle, Sie werden veranlassen, da&szlig;
+der Mann zu Bett gebracht werde.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>Du h&ouml;rst es, James&nbsp;&#8211;!</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p>Vorher &uuml;bergie&szlig;e man ihn mit zwei Eimern
+kalten Wassers. Gegen das Fieber.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>Soll geschehen, Mylord.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Hierauf werden Sie ihm zur Ader lassen,
+Doktor Middlewater. Zwei Unzen des kranken
+Bluts k&ouml;nnen Sie ihm gut und gern entziehen,
+nicht wahr, Doktor Middlewater?</p>
+
+<p class="speaker">Doktor Middlewater</p>
+
+<p>Ich bewundere die Sachkenntnis Eurer Herrlichkeit.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Sodann belegen Sie ihm Brust und R&uuml;cken
+mit Senfpflastern, und Sie, Missis Adams, sorgen
+daf&uuml;r, da&szlig; ein stark purgierender Tee f&uuml;r ihn gekocht
+werde. <em class="direction">(Missis Adams ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Doktor Middlewater</p>
+
+<p>Es fragt sich allerdings, ob bei diesen Jahren
+eine so vehemente Kur&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(ohne den Einwurf zu beachten; streng)</p>
+
+<p>Da&szlig; du dich widerspruchslos diesen Verordnungen
+f&uuml;gst, James! Du bist todkrank, h&ouml;rst du?
+Und das eine merk dir f&uuml;r die Zukunft: Kein
+<a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>solches &#8211; Fieber mehr! Hinaus mit ihm! Doktor
+Middlewater, tun Sie Ihre Pflicht. <em class="direction">(Die Diener
+f&uuml;hren den schon halb ern&uuml;chterten und widerstandslosen
+James ab. Der Doktor folgt ihnen.)</em> Nun zu unserem
+Gesch&auml;ft, Mister Dashwood. <em class="direction">(Zum Majordom.)</em> Sir
+Francis soll kommen.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>Sir Francis ist von der Jagd noch nicht zur&uuml;ck.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Wie viel Uhr ist es?</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p class="dircenter">(mit Blick auf die Wanduhr)</p>
+
+<p>Elf Uhr, neun Minuten.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Unm&ouml;glich.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p class="dircenter">(&auml;ngstlich)</p>
+
+<p>Mister Fletcher hat soeben die Uhr reguliert,
+Mylord.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(ruhig)</p>
+
+<p>Da Sir Francis f&uuml;r elf Uhr bestellt ist, kann
+es jetzt unm&ouml;glich elf Uhr neun sein, Mister
+Wardle.</p>
+
+<p class="speaker">Der Marjordom</p>
+
+<p class="dircenter">(bl&ouml;de; wei&szlig; nichts zu antworten).</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(mit der Taschenuhr in der Hand)</p>
+
+<p>Es ist zehn Uhr f&uuml;nfzig Minuten. Stellen
+Sie den Zeiger dort gef&auml;lligst zur&uuml;ck, Mister Wardle.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p class="dircenter">(r&uuml;ckt einen Stuhl vor die Uhr, steigt hinauf, vollzieht
+den Befehl, dann kopfsch&uuml;ttelnd ab).</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p class="dircenter">(sch&uuml;chtern)</p>
+
+<p>Ich glaube Sir Francis schon hier gesehen zu
+haben, Mylord.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Sprechen wir nicht von Ihren privaten Wahrnehmungen,
+Mister Dashwood. Es ist f&uuml;r mich
+kein Anla&szlig; vorhanden, &uuml;ber Ihre Sinnest&auml;uschungen
+zu diskutieren. &raquo;Ich glaube&laquo; hei&szlig;t so viel, als
+&raquo;ich schw&auml;tze&laquo;.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p class="dircenter">(verletzt)</p>
+
+<p>Ohne da&szlig; ich dieser gro&szlig;artigen Auffassung zu
+nahe treten will, lassen sich doch F&auml;lle denken, wo
+die Bestimmtheit der Angaben einer notgedrungenen
+Philosophie zuwiderl&auml;uft. Die Kleinen m&uuml;ssen
+politisch sein, wo die Gro&szlig;en ihrem Impulse gehorchen.
+Lord Gordon durfte eine Revolution anzetteln
+und behielt seinen Kopf, aber der arme
+<a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a>Snatch kam an den Galgen. Was w&uuml;rde Eure
+Lordschaft sagen, wenn ich mich unterstehen wollte,
+im Schlafrock vor Ihnen zu erscheinen? Ich bitte
+um Entschuldigung, es ist dies nur vergleichsweise
+gesprochen: ich meine im Schlafrock der Rede.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(auf und ab gehend; ungeduldig)</p>
+
+<p>Schw&auml;tzer waren immer meine Feinde. Ich
+w&uuml;nsche nicht, da&szlig; man in Gleichnissen zu mir
+spricht. Das sind Vertraulichkeiten, die ich nicht
+liebe. Sie wissen, weshalb ich Sie rufen lie&szlig;,
+Mister Dashwood. Das ungeheuerliche Heiratsprojekt
+meines Sohnes zwingt mich zu einem solchen
+schweren Schritt.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Das Gesetz legt Ihnen nur geringe Hindernisse
+in den Weg, Mylord. Es ist ein erhebendes
+Gef&uuml;hl f&uuml;r den Staatsb&uuml;rger, da&szlig; die Wagschale
+der Justitia sich stets auf die Seite der Autorit&auml;t
+neigt.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ich habe inzwischen durch meinen Londoner
+Mittelsmann genaue Nachrichten &uuml;ber die fragw&uuml;rdige
+Person dieser Emma Lyon einziehen lassen.
+Die Nachrichten best&auml;tigen meine schlimmsten
+Ahnungen, und wenn Sir Francis, was sich in
+<a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a>dieser Stunde noch entscheiden wird, auf seinem
+Vorsatz beharrt, werde ich keinen Sohn mehr
+haben.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Es wird nicht an mir liegen, wenn die Inkraftsetzung
+der verm&ouml;gensrechtlichen Ma&szlig;regel einen
+langsameren Gang nimmt, als der Heroismus
+w&uuml;nschbar macht, den ich an Eurer <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Herrlicheit'">Herrlichkeit</ins> ehrf&uuml;rchtig
+erkenne.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(nimmt den Brief aus der Tasche)</p>
+
+<p>Es wird sich zeigen.</p>
+
+<p class="speaker">Ein Diener</p>
+
+<p class="dircenter">(meldet)</p>
+
+<p>Sir Francis. <em class="direction">(Ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p class="dircenter">(schuldbewu&szlig;t)</p>
+
+<p>Ich bitte Sie um Verzeihung, Vater, da&szlig; ich
+mich versp&auml;tet habe.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Nicht da&szlig; ich w&uuml;&szlig;te. Wie du siehst, ist es elf
+Uhr. Punkt elf Uhr.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p>Wirklich? &#8211; Dann mu&szlig; meine Uhr falsch
+gehen.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p>Das leidet keinen Zweifel. Die Unterredung, zu
+der ich dich gebeten habe, k&ouml;nnte auch nicht wie
+ein Rendez-vous zwischen Kartenspielern behandelt
+werden.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p class="dircenter">(unruhig, mit Blick auf den Notar)</p>
+
+<p>Ich darf doch hoffen, da&szlig; eine solche Zwiesprache
+unter vier Augen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Mister Dashwood ist Amtsperson und hat als
+solche weder zu h&ouml;ren noch zu sehen. Betrachte
+ihn als abwesend.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p class="dircenter">(resigniert)</p>
+
+<p>Wie Sie befehlen.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Du hast mir gestern eine Art von Entschlu&szlig;
+brieflich kundgegeben. Abgesehen davon, da&szlig; ich
+die Zul&auml;ssigkeit eines schriftlichen Verkehrs zwischen
+uns niemals in Erw&auml;gung gezogen habe, kann ich
+mir auch den ... nun, sagen wir, den Mut deiner
+Ausdrucksweise nur durch den Gebrauch von
+Tinte und Feder erkl&auml;ren. Ein Hamilton spricht
+h&ouml;chstens, aber er schreibt nicht.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a>Mr. Dashwood</p>
+
+<p class="dircenter">(schnupft; vor sich hin)</p>
+
+<p>Ein Diktum von antiker Gr&ouml;&szlig;e.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p>Wenn Sie Emma kennten, Vater&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Emma? Was ist das, &#8211; Emma&nbsp;&#8211;? Du
+unterstehst dich, mit sonderbarer Intimit&auml;t einen
+Namen zu nennen, der f&uuml;r mich nicht mehr bedeutet
+als der Stra&szlig;enschmutz.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p class="dircenter">(aufwallend)</p>
+
+<p>Durch eine solche Sprache emp&ouml;ren Sie alle
+meine Gef&uuml;hle!</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(kalt)</p>
+
+<p>Ich statuiere deine Gef&uuml;hle nicht, mein Sohn.
+Gef&uuml;hle sind der Luxus der Unbotm&auml;&szlig;igen.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Herrlich! Unvergleichlich! Wie sagt Hamlet:
+Schreibtafel her.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p class="dircenter">(w&uuml;tend)</p>
+
+<p>K&ouml;nnte jener Mann nicht schweigen, da er doch
+&#8211; abwesend ist?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p>Wir wollen zun&auml;chst den Tatbestand ordnungsm&auml;&szlig;ig
+darlegen. <em class="direction">(Setzt sich in richterliche Pose.)</em> Mister
+Dashwood, seien Sie so freundlich, den Bericht
+&uuml;ber die Vergangenheit der in Rede stehenden
+Personage vorzulesen. Meine Zunge str&auml;ubt sich
+dagegen. <em class="direction">(Reicht das Schriftst&uuml;ck hin&uuml;ber.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p class="dircenter">(liest)</p>
+
+<p>Besagte Emma Lyon ist von der niedrigsten
+Herkunft. Man wei&szlig; weder die Zeit noch den
+Ort ihrer Geburt anzugeben. Zuerst war sie Gouvernante,
+dann ergab sie sich einem sch&auml;ndlichen
+Gewerbe. Sie durchlief die Stra&szlig;en von London;
+auf den Trottoirs der unerme&szlig;lichen Hauptstadt
+irrte sie obdachlos umher und sank zur tiefsten
+Erniedrigung ihres Geschlechtes herab.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p>Dies ist eine Verleumdung!</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Es w&uuml;rde wenig Konsequenz, selbst in der Verranntheit,
+beweisen, wenn dich meine Ermittlungen
+sogleich &uuml;berzeugen w&uuml;rden. Ein Umstand, der
+freilich ihrer Triftigkeit nichts anhaben kann. Fahren
+Sie fort, Mister Dashwood.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>Mr. Dashwood</p>
+
+<p class="dircenter">(in weinerlichem Ton)</p>
+
+<p>&#8211; Geschlechtes herab. Da traf sie einen
+schottischen Scharlatan, der sich Doktor Graham
+nennen lie&szlig; und der einen sogenannten Tempel
+der Gesundheit mit einem sogenannten himmlischen
+Bett eingerichtet hatte. Wer f&uuml;r die Nacht f&uuml;nfzig
+Pfund bezahlte, durfte sich in das mit Gold und
+Seide geschm&uuml;ckte Bett legen und erhielt angeblich
+die verlorenen Kr&auml;fte der Liebe und der M&auml;nnlichkeit
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p>So viel ist richtig, da&szlig; Doktor Graham Emmas
+Wohlt&auml;ter war. Es ist richtig, da&szlig; sie Not litt
+und an dem Schotten einen v&auml;terlichen Besch&uuml;tzer
+fand.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ich gebe zu, da&szlig; du ein guter Sch&uuml;tze und
+ein ausgezeichneter Schwimmer bist, aber dein Verh&auml;ltnis
+zur Welt ist ein wahrhaft kindliches.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p>&Uuml;brigens ist sogar der Lord Schatzkanzler in
+dem himmlischen Bett gelegen.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p class="dircenter">(f&uuml;r sich)</p>
+
+<p>Bejammernswerte Verirrung des Menschengeistes!</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p>Fahren Sie fort, Mister Dashwood. Sie w&uuml;rden
+mich verbinden, wenn Sie die pers&ouml;nlichen
+&Auml;u&szlig;erungen Ihrer sittlichen Entr&uuml;stung einstellen
+k&ouml;nnten.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>&#8211; der Liebe und der M&auml;nnlichkeit zur&uuml;ck.
+Doktor Graham verfiel auf den Gedanken &#8211;
+<em class="direction">(stockt, zieht das Taschentuch, wischt die Stirne.)</em> Mylord,
+es f&auml;llt mir schwer&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>&Uuml;berwinden Sie sich, Mister Dashwood.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>&#8211; verfiel auf den Gedanken, Emma Lyon
+v&ouml;llig ... v&ouml;llig unbekleidet&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(scharf)</p>
+
+<p>Steht da &raquo;unbekleidet&laquo;, Mister Dashwood?</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p class="dircenter">(trostlos)</p>
+
+<p>Nackt. V&ouml;llig nackt!</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(erhebt sich)</p>
+
+<p>So ist es. V&ouml;llig nackt. Das ist der Gipfelpunkt.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>Mr. Dashwood</p>
+
+<p>&#8211; oder kaum bedeckt mit einem Schleier&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p class="dircenter">(seine Position mit ungen&uuml;genden Mitteln st&uuml;tzend)</p>
+
+<p>Also doch mit einem Schleier bedeckt&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(stark)</p>
+
+<p>Kaum! &#8211; kaum!</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Der Herr bewahre mich in seiner Huld und
+Gnade vor diesem Sodom!</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Er verfiel also auf den Gedanken, besagte Emma
+Lyon v&ouml;llig nackt, oder&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p class="dircenter">(mit erbarmensw&uuml;rdiger Stimme)</p>
+
+<p>&#8211; kaum bedeckt mit einem Schleier unter dem
+Namen der G&ouml;ttin Hyg&auml;a in das Vorzimmer zu
+dem himmlischen Bett zu postieren und sie f&uuml;r
+Geld sehen zu lassen ... Neugierige str&ouml;mten nun
+in Massen herbei, um vor dem Altar der G&ouml;ttin
+ihren Tribut niederzulegen und bald sah man &uuml;berall
+unanst&auml;ndige Kupferstiche der neuen mythologischen
+Person, Bilder, worauf sie als Venus, als
+Phryne, als Olympia, als Kleopatra abkonterfeiet
+war.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ich danke; damit ist es genug. Wir brauchen
+uns keine M&uuml;he mehr zu geben, den Pfuhl weiter
+auszumalen. Ob du von alledem unterrichtet warst,
+lasse ich dahingestellt. Ich frage mich nur, wie
+es m&ouml;glich war, da&szlig; du eine Verbindung mit diesem
+Auswurf des Lasters auch nur in Betracht
+ziehen konntest&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p class="dircenter">(verzagt)</p>
+
+<p>Ich liebe sie.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Einf&auml;ltiges Zeug!</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p>Wenn Sie auch nicht Rechte der Leidenschaft
+anerkennen, Vater&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>L&uuml;derliche Phantasien! Ich h&ouml;rte einmal einen
+M&uuml;nzensammler sagen, da&szlig; er seine M&uuml;nzen liebe.
+Das hatte wohl eher einen Sinn. Man habe keine
+Leidenschaften unter der W&uuml;rde des eigenen Standes.
+Und wenn man sie hat, so verberge man sie
+wie ein unappetitliches Geschw&uuml;r. Wo in aller
+Welt ist es erh&ouml;rt, da&szlig; man aus einer &raquo;Leidenschaft&laquo;
+die Folgerung zu heiraten ableitet?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a>Sir Francis</p>
+
+<p>Erf&uuml;llen Sie mir eine einzige Bitte, mein Vater,
+ehe Sie sich endg&uuml;ltig entschlie&szlig;en&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Nun?</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p>Sprechen Sie mit Emma Lyon!</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(voll Verachtung)</p>
+
+<p>Du bist ebenso verr&uuml;ckt als vermessen.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p class="dircenter">(mit stoischer Gleichg&uuml;ltigkeit, da er keine Hoffnung mehr
+hat)</p>
+
+<p>Sie ist hier im Hause und will nicht eher fort
+als bis sie mit Ihnen gesprochen hat.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(starr und steif)</p>
+
+<p>Wie&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Jesus Christus steh mir bei!</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(tritt, in weiblicher Kleidung, drau&szlig;en in die Halle).</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p class="dircenter">(geht auf sie zu, sie spricht mit ihm, er kommt und
+meldet mit dummem Gesicht)</p>
+
+<p>Mister Theseus Rippledale bittet vorgelassen
+zu werden.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ich kenne keinen Mister Theseus Rippledale.
+Bedaure. <em class="direction">(Majordom ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dirlong">(am Majordom vor&uuml;ber, tritt frech ein. Ihr Kost&uuml;m ist
+im Stil des Direktoire gehalten; es ist &auml;u&szlig;erst geschmackvoll
+und bringt die Formen des K&ouml;rpers verf&uuml;hrerisch
+zur Geltung)</p>
+
+<p>Guten Morgen, Mylord. Mister Rippledale
+und Emma Lyon sind n&auml;mlich ein und dieselbe
+Person.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p class="dircenter">(mit gefalteten H&auml;nden vor sich hin)</p>
+
+<p>Lockbild der H&ouml;lle!</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Ich konnte doch den armen Schelm nicht ganz
+ohne Beistand dem Sturm des v&auml;terlichen Unwillens
+preisgeben. Im Wortgefecht ist er leider nicht
+sehr gewandt. Auch mu&szlig; man ihn bisweilen an
+der Leine halten wie einen unbesonnenen jungen
+Hund.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(schweigt angeekelt).</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(unbek&uuml;mmert weiterplaudernd)</p>
+
+<p>Sie als Vater k&ouml;nnen freilich nicht so viel
+<a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a>Possierliches an ihm finden wie ich. Er hat sich
+in letzter Zeit zu seinem Vorteil entwickelt, aber
+als ich ihn kennen lernte, konnte er durch die Art,
+wie er ein Kompliment machte, eine Methodistenversammlung
+zum Lachen bringen und seine Konversation
+h&auml;tte einen Holzhacker in Verlegenheit
+gebracht. Es hat M&uuml;he gekostet, ihm eine passable
+Figur zu geben. Sie haben seine Erziehung
+entschieden vernachl&auml;ssigt, Mylord.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p class="dircenter">(entsetzt fl&uuml;sternd)</p>
+
+<p>Ein D&auml;mon!</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p class="dircenter">(zerknirscht und vorwurfsvoll)</p>
+
+<p>Emma&nbsp;&#8211;!</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(schweigt, schaut gegen die Zimmerdecke).</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(wie oben)</p>
+
+<p>Was Wunder, da&szlig; ich mit dem Vorurteil herkam,
+ein unwirtliches Waldhaus und in ihm einen
+bissigen Menschenfeind zu finden? Francis hat nur
+mit Z&auml;hneklappern von seinem v&auml;terlichen Heim
+gesprochen, und da endlich sagte ich mir: den Minotaurus
+will ich sehen. Vielleicht ist er gar nicht
+so f&uuml;rchterlich. In der Tat er ist nicht f&uuml;rchterlich.
+<a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>Auch mutet mich alles hier ganz behaglich
+an, und die Theseus-Rolle kommt mir fast schon
+komisch vor. <em class="direction">(Zu Sir Francis.)</em> Was meinst du,
+liebe Ariadne?</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Diese Vertrautheit mit der Mythologie ist nicht
+gro&szlig; erstaunlich.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(ergreift die Handglocke, l&auml;utet energisch. Ein Diener
+kommt)</p>
+
+<p>Mister Rippledale w&uuml;nscht seinen Wagen. Lassen
+Sie vorfahren!</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Mister Rippledale ist zu Pferde gekommen,
+Mylord. <em class="direction">(Sie ist durchaus nicht aus der Fassung gebracht,
+spricht, als ob ein unsichtbarer Rippledale vor ihr
+st&auml;nde.)</em> Sie wollen schon gehen, Mister Rippledale?
+Schade. Aber ich sehe ein, da&szlig; Sie sich
+nicht zweimal mit dem Zaunpfahl winken lassen
+wollen. Ich w&uuml;nsche Ihnen gute Reise. <em class="direction">(Sch&uuml;ttelt
+dem Unsichtbaren die Hand.)</em> Sei so freundlich, Francis,
+und begleite Mister Rippledale hinaus. <em class="direction">(Da
+Sir Francis sie z&ouml;gernd anschaut, mit einem befehlenden
+und vielsagenden Blick.)</em> Hurtig, mein Lieber! Mister
+Rippledale ist nicht gew&ouml;hnt, unh&ouml;flich behandelt
+zu werden. <em class="direction">(Zu Mr. Dashwood.)</em> Und Sie, mein
+<a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>dicker Reitersmann, Sie w&uuml;rden gut daran tun,
+wenn Sie drau&szlig;en die Identit&auml;t meines Freundes
+Rippledale feststellen w&uuml;rden. Nehmen Sie ihn
+in ein Kreuzverh&ouml;r und lassen Sie sich eine kleine
+Magenst&auml;rkung reichen. <em class="direction">(Zum Diener, der mit aufgerissenen
+Augen wartet.)</em> Ein Glas Sherry f&uuml;r den
+Herrn! Er bedarf der Kr&auml;ftigung.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p class="dirlong">(erhebt sich, starrt den Lord ratlos an, weicht vor der
+Ber&uuml;hrung Emma Lyons zur&uuml;ck, die ihn unterm Arm
+fassen will, und da der Lord wie versteinert ist und
+keine Miene macht zu sprechen, geht er in weitem Bogen
+&auml;ngstlich um sie herum nach der T&uuml;r, wo ihm Sir
+Francis durch eine m&uuml;rrische Geste bedeutet, da&szlig; er gehen
+solle. Er schl&auml;gt die H&auml;nde zusammen, als sei der Untergang
+der Welt angebrochen, und verl&auml;&szlig;t das Zimmer.
+Der Diener folgt ihm, dann, nach kurzem Zaudern und
+unter allerlei Versuchen, stumm mit Emma Lyon zu korrespondieren,
+auch Sir Francis).</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(schlie&szlig;t die T&uuml;re zur Halle hinter ihnen)</p>
+
+<p>Auf Wiedersehen, lieber Rippledale! <em class="direction">(&Ouml;ffnet noch
+einmal die T&uuml;r und winkt.)</em> Addio! <em class="direction">(Kehrt zur&uuml;ck.)</em>
+Darf ich jetzt von Ihrer Einladung, Platz zu nehmen,
+Gebrauch machen, Mylord? <em class="direction">(Sie setzt sich,
+l&auml;chelt gewinnend.)</em></p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dirlong">(ist vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen
+konsterniert. Er greift sich wie tr&auml;umend an den Kopf.
+Seine Stimme klingt heiser, w&auml;hrend er stotternd beginnt)</p>
+
+<p>Wer sind Sie? Wer gibt Ihnen das Recht,
+vermittelst einer schamlosen Kom&ouml;die in mein Haus
+zu dringen?</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(blickt ihn mit unschuldiger Miene l&auml;chelnd an, winkt,
+als ob sie ihn ermuntern wolle).</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(immer noch m&uuml;hsam nach Worten ringend, wobei er
+sich bestrebt, das junge, sch&ouml;ne Gesch&ouml;pf nicht zu sehen)</p>
+
+<p>Sie erteilen Befehle an meine Dienerschaft. Ich
+erkl&auml;re diese Befehle f&uuml;r ung&uuml;ltig.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(harmlos)</p>
+
+<p>Das dacht ich mir gleich.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Sie haben mich &uuml;berfallen, aber ich weigere
+mich, mit Ihnen zu sprechen. Ich fordere Sie
+auf, Sir Francis und Mister Dashwood wieder
+hereinzurufen.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Da&szlig; ich eine N&auml;rrin w&auml;re! Es hat Arbeit genug
+gekostet, sie hinauszubringen.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ich kenne Sie nicht, ich&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Tut nichts, Mylord. Es ist ja der Zweck meiner
+Anwesenheit, da&szlig; Sie mich kennen lernen.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ihre Gegenwart ist mir unerw&uuml;nscht, und wenn
+Sie nicht gehen wollen, so werde ich einem meiner
+Diener befehlen m&uuml;ssen, Sie hinauszubegleiten.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Ah? wirklich? w&uuml;rden Sie das wirklich tun?</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(nimmt die Handglocke, l&auml;utet).</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(fast fr&ouml;hlich)</p>
+
+<p>Ich bin gespannt, ob Sie dazu den Mut finden
+werden.</p>
+
+<p class="speaker">Ein Diener</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt)</p>
+
+<p>Mylord befehlen?</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(heftet pl&ouml;tzlich einen etwas verzagten Blick auf Emma
+Lyon; er zaudert).</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>Der Majordom</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt)</p>
+
+<p>Mylord befehlen?</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(l&auml;chelnd)</p>
+
+<p>Ich kann mir nicht vorstellen, da&szlig; ein Gentleman
+sich auf diese Weise einer Dame entledigt.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(zum Majordom, gepre&szlig;t)</p>
+
+<p>Sagen Sie Mister Dashwood, er m&ouml;ge warten.
+<em class="direction">(Winkt den beiden, das Zimmer zu verlassen.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+Sehr wohl. <em class="direction">(Ab mit dem Diener.)</em>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Jetzt bleibt Ihnen nichts &uuml;brig, als da&szlig; Sie
+selbst die Flucht ergreifen, Mylord.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(bleibt unwillk&uuml;rlich stehen)</p>
+
+<p>Ich fliehe nicht, ich ignoriere blo&szlig;.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Aber Sie haben mich doch nicht ignoriert, als
+Sie Spione auf meine Spur geschickt haben, die
+meine Vergangenheit durchschn&uuml;ffeln mu&szlig;ten, &#8211;
+wie kommt das?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p>Es geschah f&uuml;r die Ehre der Familie.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Und sind Sie &uuml;berzeugt davon, da&szlig; man Ihnen
+die Wahrheit berichtet hat?</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Man hatte keinen Grund zu Entstellungen.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>So war es nicht gemeint. Ich bezweifle nur,
+da&szlig; man imstande gewesen ist, Ihnen die <em class="gesperrt">ganze</em>
+Wahrheit zu enth&uuml;llen. Vielleicht h&auml;tten Sie dann
+eine Kompagnie Soldaten aufgeboten, um Sir
+Francis&#8217; Unschuld vor mir zu sch&uuml;tzen.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Dieser Zynismus entwaffnet mich nicht. <em class="direction">(Finster.)</em>
+Sagen Sie in aller K&uuml;rze, was Sie noch zu sagen
+haben. Ich will versuchen, Sie anzuh&ouml;ren, um
+mich nicht dem Vorwurf auszusetzen, als ob ich
+ungeh&ouml;rt verdammte.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Warum sollten Sie mich denn verdammen,
+Mylord? Ist es etwa nicht erlaubt, da&szlig; einer von
+dem Kapital lebt, das er besitzt? Ziehen Sie nicht
+mit Hilfe Ihrer P&auml;chter aus Ihren L&auml;ndereien so
+viel Gewinn, wie Sie daraus ziehen k&ouml;nnen? Sie
+<a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>w&uuml;rden lachen, obwohl Sie vermutlich ungern
+lachen, wenn ich Sie bitten w&uuml;rde, mir eine Wiese
+oder ein St&uuml;ck Wald zu schenken. Warum also
+sollte ich mich verschenken? Ich habe nur mich
+selbst. Ich beleidige Ihr keusches Ohr, ich wei&szlig;
+es. Es gibt keinen Kiebitz, der nicht die Tugend
+preist. O ja, die Tugend ist eine ganz sch&ouml;ne
+Sache, wenn das Lebensspiel sie nicht als Einsatz
+fordert. Wenn mir das Schicksal die Versprechungen
+erf&uuml;llt, die ich ihm abgerungen habe, will ich
+so tugendhaft sein wie ein zahnloses altes Weib.
+Bis dahin kann mich nicht einmal Ihre Verachtung
+hindern, meine &#8211; W&auml;lder und L&auml;ndereien
+zinstragend zu verwerten.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dirlong">(begegnet endlich ihrem Blick, wendet jedoch sofort wieder
+die Augen ab. Die schlaue Emma Lyon bemerkt, da&szlig;
+er nicht mehr daran denkt, sie durch Hinausgehen zu br&uuml;skieren.
+Diese Sicherheit gibt ihr noch mehr Impertinenz.
+Der Lord zieht die Brauen zusammen und versetzt widerwillig)</p>
+
+<p>Das alles interessiert mich nicht. Auch sehe ich
+keinen plausiblen Grund darin, weshalb Sie Ihre
+Netze gerade nach meinem Sohn werfen mu&szlig;ten.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Na, einer mu&szlig; es doch sein.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p>Die vern&uuml;nftige Erw&auml;gung mu&szlig; Ihnen sagen,
+da&szlig; diese Spekulation verfehlt ist.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Keineswegs. Weshalb denn? Was k&ouml;nnen Sie
+ihm anhaben? Sie werden ihn aufs Trockene
+setzen. Gut. Sie werden ihn des baren Geldes
+berauben, mehr ist Ihnen nach den Gesetzen unseres
+Landes nicht verstattet. Grund und Boden mu&szlig;
+er erben. Sie sehen, auch ich habe mich unterrichtet.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Francis ist nicht der Mann, um einer Torheit
+willen zwanzig Jahre lang zu hungern. Denn so
+lange gedenke ich mindestens noch auf Easton Park
+zu wohnen.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Das glaub ich. Aus lauter Trotz werden Sie
+am Ende hundert Jahre alt. Aber auf die Dauer
+k&ouml;nnen Sie nicht so verblendet sein, der friedlichen
+Fortpflanzung Ihres Geschlechts unn&ouml;tige Hindernisse
+zu bereiten.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Sie irren.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Ich gebe Ihnen mein Wort, da&szlig; ich Lady
+Hamilton sein werde, &#8211; so oder so.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(kalt)</p>
+
+<p>Dann werde ich Ihnen beweisen m&uuml;ssen, da&szlig;
+es noch Mittel in England gibt gegen Abenteuerinnen
+Ihres Schlags.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Nein, Mylord, die gibt es nicht. Und wissen
+Sie, warum nicht? Weil in England M&auml;nner
+regieren.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ja, glauben Sie denn im Ernst, da&szlig; Ihnen
+kein Mann im K&ouml;nigreich gewachsen ist?</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Ach, Mylord, Sie tun mir leid! Sie ahnen
+nicht, wie sie alle schmelzen, wie die stolzesten
+H&auml;hne klein werden und sich die Federn putzen
+und wie gef&auml;llig sie mit den F&uuml;&szlig;en scharren und
+wie einladend sie kr&auml;hen, wenn ich blo&szlig; am Horizont
+auftauche. Neulich hatte ich in Kings bench
+zu tun; na, da war ein Richter, &#8211; ich kann
+Ihnen sagen, sein Gesicht war saurer als Essig,
+und er hatte eine Art dreinzublicken, als l&auml;ge es
+in seiner Macht, die ganze Christenheit um einen
+Kopf k&uuml;rzer zu machen. Ich war angeklagt, weil
+der Sohn des Lord Hervey idiotisch genug war,
+hunderttausend Pfund in meiner Gesellschaft zu
+<a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>verspielen, als ob es meines Amtes w&auml;re, erst nachzufragen,
+wie lang ein Gr&uuml;nspecht vom Wickeltisch
+zum Pharaotisch sich Zeit lassen mu&szlig;. Kaum
+hatte ich angefangen, mich zu verteidigen, kaum hatte
+ich mein seidenes Tuch gezogen, um meinen Tr&auml;nen
+ein anst&auml;ndiges Quartier zu verschaffen, da zerging
+der Gestrenge schon wie Butter, er machte Zeichen
+mit den H&auml;nden, grinste wie ein H&ouml;kerweib am
+Feierabend und hatte Augen so lang wie ein Hummer,
+wenn man ihn ins hei&szlig;e Wasser tut. Ich
+konnte nicht widerstehen, ich mu&szlig;te ihn durch ein
+paar freundliche Worte aufmuntern.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(dem pl&ouml;tzlich unbehaglich wird)</p>
+
+<p>Ich bin nicht f&auml;hig, Ihrer Suada zu begegnen,
+Madame. Ich bekenne offen, da&szlig; ich ein schlechter
+Redner bin. Selbst das Zuh&ouml;ren erm&uuml;det mich,
+und meine Gedanken schweifen haltlos umher.
+Haben Sie doch die G&uuml;te, mich jetzt allein zu
+lassen. Vielleicht erteilen Sie Mister Wardle Auftrag,
+da&szlig; er Ihnen den Lunch serviere, bevor Sie
+Easton Park den R&uuml;cken kehren.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Wenn ich in Easton Park den Lunch nehme,
+Mylord, werde ich es entweder in Ihrer Gesellschaft
+oder gar nicht tun.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(setzt sich mit versorgtem Gesicht)</p>
+
+<p>Also wie soll das enden?</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(mit versteckter Schelmerei)</p>
+
+<p>Ist Ihnen nicht wohl, Mylord? Sicherlich ist
+Ihnen nicht wohl. Es w&auml;re grausam, wenn ich
+Sie jetzt allein lie&szlig;e.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Es scheint, Sie treiben ein Spiel mit mir&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Gott bewahre. Dazu ist mein Respekt viel zu
+gro&szlig;. Ich habe ein bi&szlig;chen Revolution auszuf&uuml;hren
+versucht, das ist alles, aber Ihre Unersch&uuml;tterlichkeit
+fl&ouml;&szlig;t mir Bewunderung ein. Mit
+Ihnen kann man nicht paktieren. Trotzdem schlage
+ich Ihnen ein Kompromi&szlig; vor. &Uuml;berzeugen Sie
+mich davon, da&szlig; Ihr Geschlecht zu keiner Zeit und
+unter keiner Bedingung ein plebejisches Reis auf
+seinen erlauchten Stammbaum gepfropft hat, und
+ich will mich bescheiden. Ich gebe Sir Francis
+den Laufpa&szlig;, wenn Sie mir beweisen k&ouml;nnen,
+da&szlig; Ihre adeligen Vorfahren keinen andern Ehrgeiz
+gehabt haben, als eine fehlerlose Genealogie zu
+fabrizieren.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(in die Enge getrieben, vornehm)</p>
+
+<p>Wenn ich eine Er&ouml;rterung hier&uuml;ber f&uuml;r m&ouml;glich
+hielte, w&uuml;rde ich die Fundamente untergraben, auf
+denen ich stehe.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Und damit soll ich mich zufrieden geben? Die
+Klatschbase, die man Geschichte nennt, behauptet
+ganz frech, da&szlig; hin und wieder eine ziemlich zweifelhafte
+Lady ins Ehebett eines leichtsinnigen Lords
+geschl&uuml;pft ist. Oder ist es Schwindel, da&szlig; Lord
+James eine arme irische Schauspielerin geheiratet
+hat? Sie soll freilich so sch&ouml;n gewesen sein, da&szlig;
+w&auml;hrend ihrer Vorstellung bei Hof der Scharlach
+der Aristokratie auf Tische und St&uuml;hle stieg,
+um sie zu sehen. Douglas Hamilton verga&szlig; sich
+so weit, die Tochter eines Akziskommiss&auml;rs mit
+seiner Hand zu begl&uuml;cken. Von einigen Ladies
+habe ich mir gar sagen lassen, da&szlig; sie mit Kutschern,
+Schreibern, Schmugglerkapit&auml;nen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(nerv&ouml;s)</p>
+
+<p>Nicht weiter, Madame! Genug der Indiskretionen.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Die Wahrheit wird immer beschimpft, wenn
+sie unbequem ist. Sehen Sie mich doch einmal
+<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>an, Mylord! Kommt es Ihnen nicht so vor, als
+ob ein Frauenzimmer meiner Kategorie geeigneter
+w&auml;re, die verdickten Ahnens&auml;fte wieder zum Moussieren
+zu bringen, als irgend eine hochgeborene Kuh
+aus einem sublimen Stall&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Stall&nbsp;&#8211;? Kuh&nbsp;&#8211;? Um Himmels willen, was
+f&uuml;r Worte!</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Ich habe jetzt nicht Lust, auf meine Worte zu
+achten. Sehen Sie mich an, sage ich.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(irritiert)</p>
+
+<p>Nun ja ... ja ... ich sehe.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Was finden Sie an meinem Wuchs zu tadeln?</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(noch mehr irritiert)</p>
+
+<p>Ich habe ... offengestanden ... dar&uuml;ber kein
+Urteil.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Wer verst&auml;nde nicht zu tadeln, auch wenn er
+kein Urteil hat! So schauen Sie wenigstens. Was
+haben Sie an diesen Schultern auszusetzen? was
+an der B&uuml;ste? Diese Linien <em class="direction">(mit den Fingerspitzen an
+den H&uuml;ften entlang streifend)</em> sind edler als jeder
+<a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>Name. Der Fu&szlig;, Mylord, <em class="direction">(hebt ihr Kleid ein wenig)</em>
+zeigen Sie mir einen aristokratischen Fu&szlig;, vor dem
+er sich verstecken m&uuml;&szlig;te. Und der Nacken, &#8211;
+<em class="direction">(wendet sich)</em> mi&szlig;f&auml;llt er Ihnen? Die Haare, &#8211;
+braucht man sich ihrer zu sch&auml;men? Die Hand,
+&#8211; l&auml;&szlig;t sie auf eine schlechte Rasse schlie&szlig;en?
+Ohr, Nase, Stirn, Z&auml;hne, Lippen, &#8211; vertragen sie
+nicht jede Kritik? Romney hat mich vierzehnmal
+portr&auml;tiert, Mylord.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(best&uuml;rzt und im Anfangsstadium einer verh&auml;ngnisvollen
+Narkose)</p>
+
+<p>Romney ... jawohl. Mister Romney ist ein
+Meister seines Handwerks. Er hat auch die K&ouml;nigin
+gemalt, wenn ich nicht irre ... Aber w&uuml;rden Sie
+nicht die Freundlichkeit haben, Mi&szlig; Lyon, sich in
+gr&ouml;&szlig;erer Entfernung von mir aufzuhalten? Ihr
+Parf&uuml;m ist es, glaube ich, das mich schwindlig
+macht.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(diebisch)</p>
+
+<p>Soll ich das Fenster &ouml;ffnen, Mylord?</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ich w&auml;re Ihnen verbunden, wenn Sie mir
+ein Glas Wasser reichen wollten.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(tritt beflissen zum Tisch, schenkt aus einer Karaffe Wasser
+in ein Glas, bringt es ihm).</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ich danke Ihnen.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(nachsichtig)</p>
+
+<p>Sie sind an die N&auml;he von Frauen nicht mehr
+gew&ouml;hnt, Mylord.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Durchaus nicht. &#8211; Durchaus nicht.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Schade. Dabei vertrocknet das Temperament.
+Ist Ihnen besser? <em class="direction">(Sie fa&szlig;t seine Hand.)</em> Die arme
+kalte Hand!</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(scheu)</p>
+
+<p>Die Ihre freilich, Mi&szlig; Lyon, die Ihre ist hinl&auml;nglich
+warm.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Wie pedantisch! Hinl&auml;nglich warm! O Gott!</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Es ist au&szlig;erdem eine begehrliche Hand; sie ist
+allzu begehrlich.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Wer nicht zehnmal so viel begehrt als ihm gew&auml;hrt
+<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>wird, der soll nicht zu leben anfangen.
+Weiter, Herr Chiromant? Was sehen Sie noch?
+Da&szlig; ich neugierig bin? Stimmt. Eitel? Stimmt.
+Treulos? Stimmt. Aber treulos machen uns nur
+die, die kraftlos sind.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Was ist das f&uuml;r eine Narbe hier neben dem
+Daumen?</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Sie stammt von den Z&auml;hnen des Prinzen von
+Wales.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Wieso? Ist er bissig?</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Er bei&szlig;t aus Enthusiasmus. Aber er steht in
+meiner Schuld dadurch. Die Narbe ist unter
+Br&uuml;dern eine Einladung nach St. James wert.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Was doch alles geschieht! Sonderbar. Ich mu&szlig;
+gestehen, ich fasse nicht die Existenz, die Sie f&uuml;hren.
+Da reiht sich wohl Fest an Fest und Genu&szlig; an
+Genu&szlig;, und f&uuml;r Genauigkeit und Regelm&auml;&szlig;igkeit
+bleibt nichts mehr &uuml;brig. Und dabei kann man
+leben ... es macht wohl gar Spa&szlig;? Sonderbar.
+Eine sonderbare Welt!</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>Emma Lyon</p>
+
+<p>Die zu beklagen ist, weil Sie sich von ihr fern
+halten, Mylord.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Keine Flatterien, Mi&szlig; Lyon! Ich liebe nicht
+die Exaltationen des Vergn&uuml;gens.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(heuchlerisch)</p>
+
+<p>Eigentlich haben Sie recht, Mylord. Es gibt
+nichts, was so anstrengend ist wie das Laster.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Sehen Sie! Sehen Sie!</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(versonnen)</p>
+
+<p>Oder vielleicht doch ... Ich glaube, da&szlig; die
+Tugend <em class="gesperrt">noch</em> anstrengender ist.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Versuchen Sie es doch einmal&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Meinen Sie?</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Fangen Sie damit an, da&szlig; Sie Ihre auf Sir
+Francis zielenden Absichten fallen lassen.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Aha, Sie wollen schon ein Gesch&auml;ft mit meiner
+<a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>Tugend machen. Das ist ja eben das Verd&auml;chtige
+an der Sache.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(steht auf)</p>
+
+<p>Im Ernst, Mi&szlig; Lyon: &#8211; Was kann Sie an
+dem J&uuml;ngling locken? Seine Geistesgaben, Sie
+m&uuml;ssen es selbst zugeben, sind keineswegs blendend.
+Er w&uuml;rde Sie langweilen, Sie w&uuml;rden ihn
+betr&uuml;gen, und was w&auml;re die Folge? Der Skandal
+in gesteigerter H&auml;&szlig;lichkeit. Sie brauchen eine starke
+Hand. Einen reifen Mann brauchen Sie, der durch
+Erfahrung und Charakter bef&auml;higt ist, Ihrem ungebundenen
+Wesen Schranken zu setzen.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(zerknirscht)</p>
+
+<p>Es ist wahr. Wenn Sie w&uuml;&szlig;ten, Mylord,
+wie ich dieser jungen Leute satt bin, die ihre Leidenschaften
+mit so viel L&auml;rm und Pr&auml;tension zur
+Schau tragen! Ich sehne mich nach einem verschwiegenen
+und klugen Mann, so an der Grenze
+der F&uuml;nfzig, nach einem Mann, der nicht immer
+nur etwas haben will, sondern auch etwas gibt.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(erfreut)</p>
+
+<p>Nun also&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>W&uuml;rden Sie mir helfen?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ich ... ja, gewi&szlig; ... Ich w&uuml;rde sehen, was
+sich tun l&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Aber Sie haben doch hoffentlich nicht vergessen,
+da&szlig; ich vor zehn Minuten geschworen habe, Lady
+Hamilton zu werden? Ich gedenke, das Gel&uuml;bde
+unter allen Umst&auml;nden zu erf&uuml;llen.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Das versteh ich nicht&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Verst&auml;ndlicher kann nichts auf der Welt sein.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(vor Schrecken gel&auml;hmt)</p>
+
+<p>Sie meinen&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Ja!</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ich? &#8211; Ich&nbsp;&#8211;? Ich sollte&nbsp;&#8211;? Sie tr&auml;umen
+wohl, Mi&szlig; Lyon? <em class="direction">(Er f&auml;llt in den Stuhl zur&uuml;ck.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dirlong">(l&auml;&szlig;t sich in einer reizenden Magdalenen-Stellung vor
+ihm auf die Kniee nieder. Da er nicht zur&uuml;ckweichen
+kann, pre&szlig;t er den R&uuml;cken gegen die Lehne und dr&uuml;ckt
+den Kopf in den Nacken)</p>
+
+<p>Sie w&auml;ren schwerlich, trotz meines ununterbrochenen
+<a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a>Geschw&auml;tzes, bis zu diesem Augenblick im
+Zimmer geblieben, wenn ich Ihnen nicht gefallen
+h&auml;tte, Mylord. Und jetzt ist es leider zu sp&auml;t. F&auml;ngt
+dieses Gift einmal zu wirken an, dann ist man verloren.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(klagend)</p>
+
+<p>Zweifellos. Ich habe es an der n&ouml;tigen Festigkeit
+fehlen lassen.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Und mir sprechen Sie jedes Verdienst ab?</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ich kann nicht leugnen, da&szlig; Ihnen eine ...
+wie soll ich mich nur ausdr&uuml;cken? &#8211; eine seltsame
+Gewaltt&auml;tigkeit eigen ist.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Gut. Ich akzeptiere das Kompliment.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Nichtsdestoweniger befinden Sie sich mit Ihrer
+Vermutung, was meinen Seelenzustand betrifft,
+auf dem Holzweg. Ich will es wenigstens hoffen.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Sie kennen die menschliche Natur nicht so gut
+wie ich, Mylord. Ich will Ihnen sagen, was
+Ihnen bevorsteht, wenn Sie jetzt eigensinnig sind.
+Ich reise ab. Ihre Gedanken verursachen Ihnen
+ein unangenehmes Kribbeln, Sie sind unzufrieden
+<a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a>mit sich, Sie haben keinen Appetit mehr, des Nachts
+flieht Sie der Schlaf, und pl&ouml;tzlich, Sie wissen
+selbst nicht wie, fassen Sie den Entschlu&szlig;, mich
+aufzusuchen. Da erscheint eines Tages Lord Hamilton
+im Salon von Emma Lyon. Aber Emma
+Lyon wird durchaus nicht auf die Kniee fallen, so
+wie jetzt. Emma Lyon wird sp&ouml;ttisch l&auml;cheln; sie
+wird Seiner Herrlichkeit einen Stuhl bieten, sie wird
+mit Mister Jennings plaudern und wird die Albernheiten
+von Mister Davis entz&uuml;ckt anh&ouml;ren und
+wird Sir Roberts empfangen, und Mylord wird
+gehen, verdrie&szlig;lich, aufgebracht, w&uuml;tend gegen sich
+und mich, aber er wird wiederkommen, er wird
+Blumen bringen, er wird Geschenke bringen, all
+die Laffen und Schmeichler und Dandies werden
+ihm l&auml;stig sein, aber Emma Lyon wird sagen:
+Platz genug im Hause! Dort unter der Treppe ist
+f&uuml;r die Mi&szlig;gelaunten Platz, und unterm Dachboden
+f&uuml;r die Hochm&uuml;tigen, und im Keller f&uuml;r die
+Moralisten. Und mein kleiner Scho&szlig;hund wird
+kl&auml;ffen, wenn Sie nahen, und diese wei&szlig;e begehrliche
+Hand wird ihre Finger spreizen, &#8211; so, denn
+ich, Mylord, <em class="direction">(sie erhebt sich)</em> ich w&uuml;rde Sie zappeln
+lassen. Und davor m&ouml;ge Gott Sie bewahren.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(murmelnd)</p>
+
+<p>Niemals w&uuml;rde ich mich so tief erniedrigen.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a>Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(kategorisch)</p>
+
+<p>Sie werden es tun! Ihre Augen versichern es
+mir. Ich erspare Ihnen demnach eine unabsehbare
+Reihe von Qualen und Kr&auml;nkungen durch ein freim&uuml;tiges
+Anerbieten.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(sch&uuml;ttelt den Kopf)</p>
+
+<p>Ich vermute, Mi&szlig; Lyon, Sie ahnen nicht, was
+ich durchzusetzen vermag, selbst gegen meine heftigsten
+W&uuml;nsche und Triebe. Insofern bleibt also
+Ihr Schreckbild ohne Wirkung. Aber Sie verfechten
+Ihre Sache mit Bravour und nicht ohne Geist.
+Ich liebe das. In diesem h&uuml;bschen kleinen Kopf
+rumort ein Teufel, den zu z&auml;hmen der M&uuml;he vielleicht
+verlohnen k&ouml;nnte. Wie Sie richtig bemerkten,
+bin ich des Elements entw&ouml;hnt, das, in Ihnen
+personifiziert, meinen Frieden so ger&auml;uschvoll unterbrochen
+hat. Ich habe jedoch gerade dadurch erkannt,
+da&szlig; zwischen mir und der Welt eine gewisse
+Entfremdung besteht, und ich k&ouml;nnte Ihren
+Vorschlag in Betracht ziehen, wenn nicht Hindernisse
+vorl&auml;gen, die f&uuml;r mich beinahe un&uuml;berwindlich
+sind. Der Doktor Graham ... das himmlische
+Bett ... die Mystifikation als G&ouml;ttin Hyg&auml;a ...
+<em class="direction">(Sch&uuml;ttelt wieder den Kopf.)</em> Das sind &uuml;ble Dinge
+... &uuml;ble Dinge.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a>Emma Lyon</p>
+
+<p>Die mich vor dem Verhungern gesch&uuml;tzt haben,
+Mylord.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Sie h&auml;tten eine minder exponierende Abhilfe
+w&auml;hlen sollen.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Ich hatte keine Wahl. Ich bin auch nicht
+schlechter geworden dadurch. Es war eine H&uuml;lle,
+die ich angelegt habe.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Verzeihen Sie, die H&uuml;lle, &#8211; die haben Sie
+abgeworfen.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Man kann alle H&uuml;llen abwerfen und doch undurchdringlicher
+sein als in Panzern.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Das ist Rabulismus.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Sie haben wenigstens die Sicherheit, da&szlig; ich
+gegen jede k&uuml;nftige Verf&uuml;hrung und Verlockung
+gefeit bin. Alles was andere l&uuml;stern macht, davon
+habe ich genug und &uuml;bergenug.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p>Das ist ein Argument.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Die Welt ist verge&szlig;lich. Ein Name, wie der
+Ihre Mylord, deckt jugendliche Torheiten zu.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(mit einem Rest von Bedenklichkeit)</p>
+
+<p>Ich bin f&uuml;nfundf&uuml;nfzig Jahre alt&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Man hat mir erz&auml;hlt, und ich habe mich dar&uuml;ber
+am&uuml;siert, da&szlig; Sie es bisweilen nicht verschm&auml;hen,
+der Zeit Gewalt anzutun. Ich, sehen
+Sie, ich kann das auch. <em class="direction">(Sie steigt auf einen Stuhl,
+&ouml;ffnet das Uhrgeh&auml;use und dreht den gro&szlig;en Zeiger sehr
+schnell und mehrere Male &uuml;ber das Zifferblatt zur&uuml;ck.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Was tun Sie da, junge Hexe! <em class="direction">(Das Uhrwerk
+knackt, der Pendel h&ouml;rt auf zu schwingen.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Ich drehe die Jahre zur&uuml;ck, Mylord, und wenn
+ich will, &#8211; sehn Sie! &#8211; bleibt die Zeit stehen!
+<em class="direction">(Sie springt herab.)</em> Wir gehen nach Italien, Mylord!
+<em class="direction">(mit ausgebreiteten Armen, bacchantisch.)</em> Illuminationen!
+Barken auf dem Meer! Mondschein und Liebeslieder!
+Fackeltanz und Tarantella!</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(vor sich hin)</p>
+
+<p>Es bliebe noch zu erw&auml;gen, ob hier ein freier
+Entschlu&szlig; oder die Macht einer Bezauberung vorliegt.
+&#8211; G&ouml;nnen Sie mir, Mi&szlig; Lyon, g&ouml;nnen
+Sie mir Frist bis morgen.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>So lang Sie wollen. Nur bedenken Sie, da&szlig;
+auch ich Dispositionen zu treffen habe&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ich k&ouml;nnte es versuchen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Sch&ouml;n, versuchen wir es.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Begleiten Sie mich f&uuml;r zwei Monate nach dem
+S&uuml;den.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Zwei Monate? Das ist etwas wenig.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Sagen wir vier Monate.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Wenn ich so durchtrieben w&auml;re wie man mich
+Ihnen geschildert hat, w&auml;re ich mit drei Tagen zufrieden.
+Aber ich bin eine ehrliche Person und
+sage Ihnen ohne Umschweife: drei Tage Probezeit
+<a class="page" name="Page_229" id="Page_229" title="229"></a>oder drei Jahre oder drei&szlig;ig Jahre, das ist f&uuml;r
+mich im Grunde gleichg&uuml;ltig, denn nach dem
+ersten Tag werden Sie vom letzten nichts mehr
+wissen wollen.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ihre Prophezeiung ist sehr k&uuml;hn. Immerhin
+bleiben wir vorl&auml;ufig bei den vier Monaten.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Vergessen Sie nicht, da&szlig; Sie Ihren Sohn vor
+eine unwiderrufliche Tatsache stellen m&uuml;ssen, sonst
+komme ich ihm gegen&uuml;ber in eine schiefe Position.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Eine bedeutende Schwierigkeit. Wie soll ich ihm
+er&ouml;ffnen&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Sie &uuml;bersch&auml;tzen ihn doch. Die Schwierigkeit
+ist mit zwei Worten aus der Welt geschafft. <em class="direction">(Sie
+nimmt die Handglocke, l&auml;utet.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(verwundert)</p>
+
+<p>Oh! Sie ergreifen die Initiative mit gro&szlig;em
+Feuer.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p class="dircenter">(tritt ein)</p>
+
+<p>Mylord befehlen?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_230" id="Page_230" title="230"></a>Emma Lyon</p>
+
+<p>Sir Francis soll kommen.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p class="dircenter">(erstaunt &uuml;ber den diktatorischen Ton von dieser Seite)</p>
+
+<p>Mylord w&uuml;nschen Sir Francis?</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(kalt)</p>
+
+<p>Sie haben geh&ouml;rt.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>Mister Dashwood l&auml;&szlig;t gehorsamst fragen, ob er
+sich entfernen kann. Er hat dringende Gesch&auml;fte.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Er soll warten. &#8211; Ist nicht Fr&uuml;hst&uuml;ckszeit?</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Es d&uuml;rfte Fr&uuml;hst&uuml;ckszeit sein.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p class="dircenter">(schaut auf die Wanduhr)</p>
+
+<p>Jawohl; es ... <em class="direction">(Stockt verbl&uuml;fft.)</em> Die Uhr steht.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ja. Die Uhr steht.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Es soll serviert werden.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p class="dircenter">(bek&uuml;mmert und fast vorwurfsvoll)</p>
+
+<p>Soll serviert werden, Mylord?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_231" id="Page_231" title="231"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p>Sie h&ouml;ren.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Auch fehlt noch ein Gedeck.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+<p>Noch ein Gedeck, Mylord?</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Noch ein Gedeck.</p>
+
+<p class="speaker">Der Majordom</p>
+
+Sehr wohl. <em class="direction">(Ab.)</em>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Der Mann scheint auf dem rechten Ohr taub
+zu sein.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(in ziemlicher Unruhe)</p>
+
+<p>In welche Form soll ich also Francis gegen&uuml;ber
+die Mitteilung kleiden?</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Sie sagen ihm, da&szlig; Sie seine Schulden bezahlen
+und mich daf&uuml;r in Ihre Obhut nehmen.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(zieht die Stirn in Falten)</p>
+
+<p>Das w&auml;re ja ein regelrechter Handel!</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Ich habe noch nie geh&ouml;rt, da&szlig; ein Engl&auml;nder
+<a class="page" name="Page_232" id="Page_232" title="232"></a>in Ohnmacht f&auml;llt, wenn von einem Handel die
+Rede ist.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Wie viel betragen seine Schulden?</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Eine Lappalie. Vierzigtausend Pfund.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Wie? Und das nennen Sie eine Lappalie?</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(lacht)</p>
+
+<p>Also fange ich schon an, Ihnen teuer zu werden?</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Wenigstens geben Sie mir einen starken Begriff
+von Ihrer &#8211; Weitherzigkeit.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Wo geknausert wird, kann ich nicht froh sein.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Ich werde trachten, Sie bei guter Laune zu erhalten.</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p class="dircenter">(streckt den Arm aus)</p>
+
+<p>So k&uuml;ssen Sie mir die Hand.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(beugt sich mit steifer Galanterie; w&auml;hrend er ihr die
+Hand k&uuml;&szlig;t, kommt)</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_233" id="Page_233" title="233"></a>Sir Francis</p>
+
+<p class="dirlong">(bleibt bei diesem Schauspiel wie angewurzelt stehen.
+Gleich hinter ihm kommen: der Majordom, dem ein
+Diener mit dem fehlenden Gedeck folgt; hinter diesem
+ein zweiter Diener mit dem Tablett, auf dem sich die
+Speisen befinden. Gleich darauf erscheint auch Mister
+Dashwood auf der Schwelle. Die T&uuml;r zur Halle bleibt
+offen).</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dirlong">(geht zum Tisch, gibt dem Majordom Anweisung &uuml;ber
+die Sitzordnung, dann tritt er zu Mister Dashwood und
+spricht mit ihm. Dieser lauscht aufmerksam und verbeugt
+sich oft zum Zeichen seines Eifers. Indessen ist
+Sir Francis zu Emma Lyon getreten).</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p class="dircenter">(bewundernd; leise)</p>
+
+<p>Das war ein Meisterst&uuml;ck, Emma. Wie hast
+du ihn denn herumgekriegt?</p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Still, lieber Freund. Keine Elogen. Du wirst
+alles h&ouml;ren. Jetzt hab ich Hunger wie ein Matrose.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p>Und zahlt er die f&uuml;nfundzwanzigtausend
+Pfund&nbsp;&#8211;? Du wei&szlig;t, meine Gl&auml;ubiger dr&auml;ngen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_234" id="Page_234" title="234"></a>Emma Lyon</p>
+
+<p>F&uuml;nfundzwanzig und noch f&uuml;nfzehntausend
+dazu.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p class="dircenter">(entz&uuml;ckt)</p>
+
+<p>Du bist umsichtig wie ein Kaufmann!</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(zu Mister Dashwood)</p>
+
+<p>Die Informationen waren falsch. Es ist dies
+eine Gewissenlosigkeit, die ich ahnden mu&szlig;, und
+Sie tun gut daran, Mister Dashwood, wenn Sie
+den Londoner Herrn darauf aufmerksam machen,
+da&szlig; ich ihn wegen b&ouml;swilliger Verleumdung bestrafen
+lassen werde.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p>Gewi&szlig;, Mylord, gewi&szlig;. Die Zunge der Menschen
+ist ein giftiges Instrument und unheilvoll in
+ihren Wirkungen&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(unterbricht den drohenden Redeschwall und wendet sich
+auch an Sir Francis)</p>
+
+<p>Mi&szlig; Emma Lyon hat mich davon &uuml;berzeugt,
+da&szlig; alles, was wir von ihrem fr&uuml;heren Leben geh&ouml;rt
+haben, nichtsw&uuml;rdige L&uuml;gen sind.</p>
+
+<p class="speaker">Sir Francis</p>
+
+<p>Das hab ich ja gleich gesagt&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_235" id="Page_235" title="235"></a>Lord Hamilton</p>
+
+<p>Es gibt keinen Doktor Graham ... Es gibt
+kein himmlisches Bett, und sie hat niemals eine
+G&ouml;ttin Hyg&auml;a dargestellt. Genug davon. Es sei
+von solchen Dingen nicht mehr die Rede. Sie
+k&ouml;nnen gehen, Mister Dashwood.</p>
+
+<p class="speaker">Mr. Dashwood</p>
+
+<p class="dircenter">(mit tiefer Verbeugung ab).</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p class="dircenter">(mit der Taschenuhr in der Hand)</p>
+
+<p>Darf ich zu Tisch bitten? Es ist zw&ouml;lf Uhr,
+f&uuml;nf Minuten. <em class="direction">(Mister Dashwood hat sich entfernt.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Emma Lyon</p>
+
+<p>Ihre Pr&auml;zision, Mylord, verspricht meinem
+Magen ein Dasein von angenehmer Sorglosigkeit.</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Zuerst den Bordeaux, John. <em class="direction">(Emma Lyon und
+Sir Francis haben Platz genommen, der Lord bleibt
+stehen.)</em> Mein lieber Sohn, erlaube mir, dich von
+einem freudigen Ereignis zu unterrichten. Mi&szlig;
+Emma Lyon ist von heute ab keine Fremde mehr
+f&uuml;r dich. Verehre in ihr <em class="direction">(stockt; Pause, dann mit
+ruhiger Sicherheit)</em> deine zuk&uuml;nftige Mutter, Lady
+Hamilton.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_236" id="Page_236" title="236"></a>Sir Francis</p>
+
+<p class="dirlong">(springt auf, l&auml;&szlig;t sich aber unter dem hoheitsvollen und
+bannenden Blick seines Vaters wieder aus den Sessel
+nieder).</p>
+
+<p class="speaker">Lord Hamilton</p>
+
+<p>Den Fisch, Mister Wardle!</p>
+
+<p class="vorhang"><em class="gesperrt">Vorhang</em>.</p>
+
+
+
+<p><a class="page" name="Page_237" id="Page_237" title="237"></a></p>
+<h2><a name="Hockenjos" id="Hockenjos"></a>Hockenjos</h2>
+
+
+<p class="personen"><a class="page" name="Page_238" id="Page_238" title="238"></a>Personen:</p>
+
+<ul class="personen">
+<li>Karinkel, B&uuml;rgermeister</li>
+<li>Bienemann, Redakteur</li>
+<li>Mettenschleicher, Bildhauer</li>
+<li>Hockenjos</li>
+<li>Hannewickel, Stadtrat</li>
+<li>Abendrot, Amtsschreiber</li>
+<li>Binder, Kommiss&auml;r</li>
+<li>Ein Amtsdiener, ein Kellnerbursche</li>
+</ul>
+
+<p class="spielt">Spielt in einer kleinen s&uuml;ddeutschen Stadt.</p>
+
+<p><a class="page" name="Page_239" id="Page_239" title="239"></a></p>
+<p class="newsection dirlong">Kanzlei des B&uuml;rgermeisters. Rechts und links T&uuml;ren.
+Hinten zwei Fenster mit Aussicht auf einen von
+altert&uuml;mlichen H&auml;usern umgebenen Platz, in dessen Mitte
+das noch umh&uuml;llte Denkmal steht.</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p class="dircenter">(schl&auml;gt mit einem Aktenheft Fliegen tot)</p>
+
+<p>Hin muscht werde! Pardon gibt&#8217;s net ...
+h&auml;tt&#8217;scht es vorher &uuml;berlegt, mei Sch&auml;tzle ... hin
+muscht werde, sag&#8217; ich&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(ein untersetzter, glattrasierter, eiliger Mann, kommt; er
+ist im Frack)</p>
+
+<p>Was treiben Sie denn da, Abendrot?</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p>Die Fliege schlag&#8217; i tot, Herr B&uuml;rgermeischter.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Die Fliegen schlagen Sie tot? Sind Sie verr&uuml;ckt,
+Mensch? Wo wir bis an den Hals in Arbeit
+stecken!</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p>Ich hab&#8217; ja bei der Denkmalsenth&uuml;llung nix zu
+tun, Herr B&uuml;rgermeischter.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Scheren Sie sich an die Arbeit. Und wenn
+Sie nichts zu tun haben, dann tun Sie wenigstens
+<a class="page" name="Page_240" id="Page_240" title="240"></a>so, als ob Sie was zu tun h&auml;tten. Das fordert
+die W&uuml;rde des Amtes. Der Professor Mettenschleicher
+mu&szlig; jeden Moment kommen, &#8211; was
+soll er sich denken, wenn Sie Allotria treiben.</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p>Isch scho guet, Herr B&uuml;rgermeischter&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Keine Widerrede! Diese Biederkeit, diese ewige
+Treuherzigkeit! wie sie mir auf die Nerven geht!
+Ich wei&szlig; nicht, wo mir der Kopf steht, und der
+Mensch schl&auml;gt Fliegen tot. <em class="direction">(Es klopft.)</em> Herein!</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p class="dircenter">(tritt ein; ein gro&szlig;er, w&uuml;rdevoll aussehender, schwarzb&auml;rtiger,
+seri&ouml;ser Mann, ebenfalls im Frack)</p>
+
+<p>Guten Morgen.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Guten Morgen, lieber Professor. Wie geht&#8217;s?
+wie steht&#8217;s? Gut geschlafen? gut getr&auml;umt? Hat
+unser bescheidenes Hotel Ihren Anspr&uuml;chen gen&uuml;gt?
+Oder haben Sie irgend welche Rekriminationen?
+Ich lege gro&szlig;en Wert darauf, da&szlig; es Ihnen bei
+uns gef&auml;llt.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Danke, ich bin zufrieden. In so einem St&auml;dtchen
+wird mir immer behaglich zumut.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_241" id="Page_241" title="241"></a>Karinkel</p>
+
+<p>Na, na, Professor ... St&auml;dtchen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Nun ja, es ist doch eine sehr kleine Stadt&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Eine sehr kleine Stadt? &#8211; Eine kleine Stadt,
+das eher. Aber es ist gut, da&szlig; Sie sich wohl
+f&uuml;hlen. Man hat nicht oft die Freude, einen so
+ber&uuml;hmten Meister bewirten zu d&uuml;rfen. Noch dazu
+bei so feierlichem Anla&szlig;&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p class="dircenter">(steif)</p>
+
+<p>Zu viel Ehre.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Sagen Sie mal, verehrter Professor, um unser
+gestriges Gespr&auml;ch fortzusetzen ... <em class="direction">(Z&ouml;gert, da er
+sich der Gegenwart Abendrots erinnert.)</em> Gehen Sie
+hin&uuml;ber in den Schwan, Abendrot, und bestellen
+Sie mir ein Gabelfr&uuml;hst&uuml;ck. Fragen Sie, &#8211; aber
+fragen Sie Herrn Gumpelmaier selber &#8211; was
+man haben kann. Etwas Warmes nat&uuml;rlich. Am
+liebsten etwas vom Kalb.</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p>Oder vielleicht Schweinsrippche?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_242" id="Page_242" title="242"></a>Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(tiefsinnig)</p>
+
+<p>Schweinsrippchen ... nicht &uuml;bel. Schweinsrippchen
+oder Kalbsherz. Auch saure Nieren w&auml;re
+eine Idee. Beraten Sie sich nur mit Herrn
+Gumpelmaier, der kennt meinen Geschmack. Der
+Kellner soll laufen, damit die Sache unterwegs
+nicht kalt wird. Dann gehn Sie in die Redaktion
+des Tagesboten und fragen Sie Herrn Bienemann,
+ob er meine Rede schon fertig hat. Er soll sich
+sputen, um zw&ouml;lf Uhr kommt der Prinz, da mu&szlig;
+alles auf dem <em class="antiqua">qui vive</em> sein.</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p>Isch guet, Herr B&uuml;rgermeischter. <em class="direction">(Ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(seufzend)</p>
+
+<p>Du lieber Gott, bis man so der schwerf&auml;lligen
+Welt Beine macht, Professor&nbsp;&#8211;! <em class="direction">(Knipst, eilig zur
+T&uuml;r, ruft.)</em> Hallo! &#8211; Abendrot! &#8211; Abgebratene
+Kartoffel soll er mitschicken! Wie? Sie Esel! Der
+Schwanenwirt nat&uuml;rlich. <em class="direction">(Kehrt zur&uuml;ck, abermals
+seufzend.)</em> Ein Mann, der nur f&uuml;r sich selber verantwortlich
+ist, ist ein gl&uuml;cklicher Mann.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Wir dienen alle dem &ouml;ffentlichen Wohl, Verehrtester.
+Jeder auf seine Weise.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_243" id="Page_243" title="243"></a>Karinkel</p>
+
+<p>Aber nicht auf jeden sind best&auml;ndig die Augen
+des Publikums gerichtet, teurer Freund. So wie
+auf Sie und auf mich. Wenn ich noch einmal
+auf die Welt k&auml;me, &#8211; wissen Sie, wonach es
+mich gel&uuml;sten w&uuml;rde? <em class="direction">(Ausdrucksvoll.)</em> Es w&uuml;rde
+mich darnach gel&uuml;sten, das Leben eines einsamen,
+unverheirateten Privatgelehrten zu f&uuml;hren. Was
+brauchte ich da Belobungen? Anerkennung von
+unten oder von oben? &#8211; Da h&auml;tte man sein Gen&uuml;gen
+in sich selber, da h&auml;tte man keinen Orden
+n&ouml;tig. In meiner Position freilich mu&szlig; ich dergleichen
+haben, um meinen Mitb&uuml;rgern den Beweis
+zu liefern, da&szlig; ich ihres Vertrauens w&uuml;rdig
+bin.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Zweifellos. Sie sind ja auf dem besten Weg&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(erregt)</p>
+
+<p>Es besteht also Aussicht&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Gewi&szlig;. Man mu&szlig; es nur delikat behandeln&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Wissen Sie, was ich mir &uuml;berlegt habe, Professor?
+Ich k&ouml;nnte ja, falls man mir den Michaelsorden
+<a class="page" name="Page_244" id="Page_244" title="244"></a>verweigert, auch mit dem Friedrichsorden
+vorlieb nehmen.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p class="dircenter">(vornehm belustigt von solcher Unwissenheit)</p>
+
+<p>Der Friedrichsorden steht keineswegs niedriger
+im Rang als der Michaelsorden, mein lieber B&uuml;rgermeister.
+Der eine wie der andere wird nur dann
+verliehen, wenn sich der Betreffende in hervorragender
+Weise verdient gemacht hat.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(in wachsender Erregung)</p>
+
+<p>Seit zwanzig Jahren mache ich mich verdient,
+Professor. Ich tue ja &uuml;berhaupt nichts anderes.
+Ich habe eine elektrische Beleuchtung, eine Wasserleitung,
+ein Findelhaus, einen Veteranenverein geschaffen;
+ich habe die Fortschritte der Sozialdemokratie
+nach Kr&auml;ften aufgehalten, ich habe niemals
+und nach keiner Seite hin Ansto&szlig; erregt, weder
+bei der Geistlichkeit, noch bei der Regierung, &#8211;
+aber man kann sich doch nicht ausbieten! &#8211; Man
+hat doch seinen Stolz! Man wirkt in der Stille
+&#8211; und hofft, da&szlig; es bemerkt wird.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Alterieren Sie sich nicht, lieber Freund.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Ich w&uuml;rde mich nicht beklagen, wenn es mir
+<a class="page" name="Page_245" id="Page_245" title="245"></a>an loyaler Gesinnung gefehlt h&auml;tte. Denn ich begreife,
+da&szlig; die h&ouml;chsten Kulturtaten nicht ins Gewicht
+fallen, wenn die loyale Gesinnung mangelt&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Freilich. Die loyale Gesinnung, die wird vorausgesetzt.
+Wohin k&auml;men wir denn sonst!</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Das sagt sich leicht&nbsp;&#8211;: vorausgesetzt. Aber
+bis man sie erwirbt, bis man sie sozusagen einkeltert,
+damit sie s&uuml;&szlig; und schmackhaft bleibt in all
+den Jahren, das ist nicht so einfach. Und nun
+habe ich noch dieses Denkmal gebaut&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Eben. Das war dringend n&ouml;tig. Es gibt kaum
+mehr eine deutsche Stadt, die nicht ihre marmorne
+Attraktion h&auml;tte, wenn ich mich so ausdr&uuml;cken darf.
+Man ist h&ouml;hern Orts sehr geneigt, solche Bestrebungen,
+soweit sie sich auf die Kunst beziehen, zu
+unterst&uuml;tzen. Sie s&auml;nftigen die Sitten, sie lenken
+die Instinkte des Volkes nach ungef&auml;hrlichen Regionen.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Ehrlich gesagt, es ist ein Sorgenkind, dieses
+Denkmal&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_246" id="Page_246" title="246"></a>Mettenschleicher</p>
+
+<p>Warum denn? Lassen Sie sich nur nicht irre
+machen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Sie haben mich ja so weit gebracht, Professor
+... Ihrer Energie haben wir es ja zu danken,
+da&szlig;&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Nun ja, ich fand es dringend geboten, da&szlig;
+auch Sie in diesem stillen Winkel Ihr Scherflein
+beitragen zur Vermehrung der nationalen Ideale.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Das klingt sehr h&uuml;bsch&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Erlauben Sie, das sind tiefste Lebens&uuml;berzeugungen!</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Allerdings&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Heraus mit der Farbe! Weshalb sind Sie so
+kleinlaut, heute, an Ihrem gro&szlig;en Tag?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Es wird von gegnerischer Seite behauptet, &#8211;
+haben Sie nicht den Ochsenfurter Anzeiger gelesen?
+Da steht es drin&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_247" id="Page_247" title="247"></a>Mettenschleicher</p>
+
+<p>Ich lese solche K&auml;sbl&auml;tter nicht. Was steht
+drin?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Da&szlig; wir dem Hockenjos das Denkmal nur
+aus Wichtigtuerei errichtet haben&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Das ist der Neid.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Und da&szlig; es eine Blamage sei.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Die W&uuml;hler mu&szlig; man w&uuml;hlen lassen.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Und da&szlig; der Hockenjos gar nicht in Neuguinea
+gewesen ist und da&szlig; er gar nicht bei der Expedition
+des Doktor Rittersteig war und da&szlig; er infolgedessen
+auch nicht von den wilden Papuanern
+erschlagen worden ist. Im Gegenteil, so behaupten
+diese Schurken, er sei in einer australischen
+Matrosenkneipe bei einem Raufhandel umgekommen.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Leeres Geschw&auml;tz.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Na ja, ein S&auml;ufer <em class="gesperrt">war</em> ja der Kerl. Der
+Wahrheit die Ehre.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_248" id="Page_248" title="248"></a>Mettenschleicher</p>
+
+<p>Es ist vollkommen gleichg&uuml;ltig, was der Hockenjos
+<em class="gesperrt">war</em>. Die Hauptsache bleibt, da&szlig; er tot ist.
+&#8211; Was sagt denn Bienemann zu diesen Sudeleien?
+Er hat doch damals die Nachricht von dem
+Ende des Hockenjos zuerst gebracht&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Ach, mit dem Bienemann wei&szlig; man nie, wie
+man dran ist. Ich f&uuml;rchte, er glaubt gar nicht
+an das Genie von dem Hockenjos.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Es ist das Kennzeichen eines guten Journalisten,
+da&szlig; er in einem solchen Fall eine Sache
+umso &uuml;berzeugender vertritt.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Und ich selbst habe auch meine Zweifel&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Glauben Sie denn, lieber Freund, da&szlig; der
+Ruhm anders fabriziert wird als auf diese Art?
+Neun Zehntel unserer Ber&uuml;hmtheiten verdanken
+ihren Glanz dem Notizenmangel einer Zeitung
+oder dem Hang nach Redensarten, der in den
+Leuten von der Feder steckt. Es ist nicht meines
+Amtes, das wirkliche Verdienst vom erlogenen zu
+trennen. Ich denke, es liegt eine viel h&ouml;here
+Sendung darin, die h&auml;&szlig;liche Realit&auml;t in einen angenehmen
+<a class="page" name="Page_249" id="Page_249" title="249"></a>Schein zu verwandeln. Je verworfener,
+unw&uuml;rdiger und unf&auml;higer dieser Hockenjos in
+Wirklichkeit war, desto mehr Grund f&uuml;r uns, der
+Welt ein so trauriges Faktum vorzuenthalten und
+sein Bild zu veredeln. Wenn man einem Menschen
+wie Hockenjos ein Denkmal setzt, geschieht
+es nur, um seine wirkliche Gestalt zu verschleiern.
+Dadurch eben bereichert man den Bestand an
+nationalen Idealen.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Na ja, seine Gestalt m&ouml;gen Sie am Ende verschleiern,
+aber die Bilder, die der Kerl gemalt hat,
+die k&ouml;nnen Sie nicht verschleiern. Wir haben ja
+eine Ausstellung veranstaltet, und was ich da von
+den hiesigen Damen zu h&ouml;ren bekommen habe,
+&#8211; wahrhaftig, der ganze Appetit auf die Kunst
+ist mir vergangen. Schamlose nackte Weiber hat
+er gemalt. Die k&ouml;nnen Sie doch nicht verschleiern.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Wenn ein K&uuml;nstler tot ist, verlieren seine Arbeiten
+den moralischen Charakter, wenn ich mich
+so ausdr&uuml;cken darf. Schamlos waren die Weiber
+eigentlich nicht, nur nackt waren sie. Aber wer
+wird schlie&szlig;lich darnach fragen, was f&uuml;r Bilder
+der Hockenjos gemalt hat, wenn er vor seinem
+Denkmal steht? Keine Katze wird darnach kr&auml;hen.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_250" id="Page_250" title="250"></a>Karinkel</p>
+
+<p>Kein Hahn, meinen Sie&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Kein Hahn, nat&uuml;rlich. Sie k&ouml;nnen sich in
+diesem Punkt getrost meiner Erfahrung &uuml;berlassen,
+lieber B&uuml;rgermeister. Der Umstand, da&szlig; Hockenjos
+tot ist, verschafft ihm einen unbeschr&auml;nkten
+Kredit an guter Meinung. Ich kannte eine ganze
+Reihe von Idioten, die blo&szlig; dem Zufall,
+da&szlig; sie gestorben waren, Bewunderer und Anh&auml;nger
+zu verdanken hatten. Dem Publikum sind
+n&auml;mlich die K&uuml;nstler so ungeheuer gleichg&uuml;ltig, da&szlig;
+man ihm, wenn einer stirbt, weismachen kann,
+was man will.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Ich verstehe nicht viel von der Kunst, aber das
+eine mu&szlig; man doch von ihr fordern: da&szlig; sie den
+Menschen bessert und erhebt.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Das ist richtig, hat aber mit unserer Angelegenheit
+momentan nichts zu schaffen. Sie m&uuml;ssen
+stark sein, lieber Freund. Sie d&uuml;rfen sich in Ihrer
+&Uuml;berzeugung nicht ersch&uuml;ttern lassen.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>In welcher &Uuml;berzeugung meinen Sie?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_251" id="Page_251" title="251"></a>Mettenschleicher</p>
+
+<p>In <em class="gesperrt">Ihrer</em> &Uuml;berzeugung. Ein Mann hat doch
+nur eine.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(etwas stupid)</p>
+
+<p>So. &#8211; Im allgemeinen bin ich ja stark. Aber
+einen Menschen mu&szlig; man doch haben, dem man
+sein Herz er&ouml;ffnen kann. <em class="direction">(Es klopft.)</em> Herein!</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p class="dirlong">(kommt; schmaler gelbgesichtiger Mann von etwa drei&szlig;ig
+Jahren. Tartarenbart, Zwicker. Er hat das Phlegma
+intelligenter Leute, die viele &uuml;berfl&uuml;ssige und langweilige
+Dinge reden m&uuml;ssen. Hinter diesem Phlegma verbergen sich
+Neugier, Bosheit, Resignation und Menschenverachtung).</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Guten Morgen, Bienemann! Sind Sie schon
+fertig?</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Guten Tag, meine Herren. &#8211; Ja, ich wollte
+noch einige Punkte mit Ihnen besprechen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Darf ich die Herren miteinander bekannt machen,
+Redakteur Bienemann, Professor Mettenschleicher
+von der k&ouml;niglichen Akademie der bildenden K&uuml;nste.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Freut mich, freut mich.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_252" id="Page_252" title="252"></a>Mettenschleicher</p>
+
+<p>Ich bin Ihnen f&uuml;r den schmeichelhaften Artikel
+im Tagesboten sehr zu Danke verpflichtet, Herr
+Doktor.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Noch nicht, Herr Professor, noch nicht.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p class="dircenter">(verdutzt)</p>
+
+<p>Was&nbsp;&#8211;? was, &#8211; noch nicht?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(ebenso)</p>
+
+<p>Ja ... was &#8211; noch nicht?</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Noch nicht Doktor, meine ich. Die <em class="antiqua">Honoris
+causa</em> ist noch nicht gegeben. Bienemann, ganz
+schmucklos Bienemann.</p>
+
+<p>Karinkel und Mettenschleicher</p>
+
+<p class="dircenter">(sehen einander an).</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(mit dem Daumen &uuml;ber die Schulter weisend)</p>
+
+<p>Stolz? wie? Demokrat! Ganz schmucklos
+Bienemann! <em class="direction">(Lacht.)</em> Ausgezeichnet!</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p class="dircenter">(geniert)</p>
+
+<p>Na, na! <em class="direction">(Klopft Karinkel mit f&uuml;rstlicher Leutseligkeit
+auf die Schulter.)</em></p>
+
+<p class="dirlong"><a class="page" name="Page_253" id="Page_253" title="253"></a>(Klapperl&auml;rm. Ein Kellner kommt mit einer Platte, auf
+der das Fr&uuml;hst&uuml;ck in zwei Tellern dampft. Ein Amtsdiener
+eilt gesch&auml;ftig voraus und s&auml;ubert den Tisch.
+Beide entfernen sich wieder. Karinkel setzt sich mit strahlendem
+Gesicht, bindet die Serviette um den Hals und
+vergi&szlig;t alle Sorgen.)</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Mein Artikel hat Ihnen also gefallen, Herr
+Professor?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(kauend; taktlos)</p>
+
+<p>Na, h&ouml;ren Sie, Bienemann, wenn mir so viele
+Elogen gemacht w&uuml;rden, w&auml;re ich auch nicht unzufrieden.
+Es war famos. Und sehr aktuell.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Das schon; einige giftgeschwollene Schlangen k&ouml;nnen
+sich n&auml;mlich nicht dar&uuml;ber beruhigen, da&szlig; das
+Denkmal so rasch fertiggestellt worden ist. Vor sechs
+Wochen hatten wir die Todesnachricht in der Zeitung,
+und heute thront bereits der Marmor da
+drau&szlig;en. Es ist ja wirklich die reine Hexerei.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(kauend)</p>
+
+<p>Was geht die Leute das an? &#8211; Diese geschmorten
+St&uuml;ckchen da sind k&ouml;stlich. Wollen Sie
+nicht zugreifen, Professor? Nein? Schade.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_254" id="Page_254" title="254"></a>Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(tut verlegen)</p>
+
+<p>Freilich, das sag ich auch. Aber ein Mensch
+wie ich besteht aus lauter Ohren. Und so h&ouml;r
+ich denn unter anderm das bl&ouml;dsinnige Ger&uuml;cht,
+da&szlig; das Denkmal schon vorher fertig gewesen ist.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Wieso? Vor dem Tod des Hockenjos? Mit
+solchen Dummheiten sollten Sie uns nicht kommen,
+Bienemann. Ich verstehe ja nichts von der
+Bildhauerei, aber unser verehrter Meister hier
+konnte doch nicht die Unsterblichkeit des Hockenjos
+voraussehen.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Das sag ich auch; es sei denn, man macht
+Denkm&auml;ler auf Lager. Was meinen Sie, Herr
+Professor?</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p class="dircenter">(windet sich)</p>
+
+<p>Ich will nicht hinterm Berg halten ... es
+hat mit dieser Sache eine eigene Bewandtnis. Ich
+hatte doch, wie Ihnen vielleicht erinnerlich ist, den
+Auftrag, ein Monument f&uuml;r den verstorbenen Sanit&auml;tsrat
+Ulfinger zu schaffen&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(roh)</p>
+
+<p>Der die Schweinereien gemacht hat&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_255" id="Page_255" title="255"></a>Mettenschleicher</p>
+
+<p>Schweinereien ist eine etwas starke Bezeichnung.
+Er war ein bedeutender Gelehrter, lebte aber leider
+Gottes &uuml;ber seine Verh&auml;ltnisse, und ein halbes
+Jahr nach seinem Tod kamen die gef&auml;lschten Wechsel
+zum Vorschein. Es geschah alles, um den
+Skandal zu vermeiden, schlie&szlig;lich drang die Geschichte
+doch an die &Ouml;ffentlichkeit, und das Denkmal
+konnte nicht aufgestellt werden. Meine ganze
+Arbeit war umsonst, der Marmor lag da&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Au&szlig;erordentlich interessant!</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Und da traf ich gerade unsern Freund Karinkel,
+der den noch unbestimmten Plan hegte, etwas zur
+Versch&ouml;nerung des hiesigen Stadtbildes zu tun.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Aha! und weil der Hockenjos eben das Zeitliche
+gesegnet hatte&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Ja, so kamen wir &uuml;berein&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(dankbar)</p>
+
+<p>Sie waren es, teurer Meister, der mir die Idee
+gab!</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_256" id="Page_256" title="256"></a>Bienemann</p>
+
+<p>Wirklich, eine F&uuml;gung des Himmels, dieses
+Zusammentreffen der Umst&auml;nde! Da hat also der
+gute Hockenjos quasi ein von Herrschaften abgelegtes
+Denkmal bekommen.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(zornig)</p>
+
+<p>Witzeln Sie nicht, Bienemann.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Aber Sie mu&szlig;ten doch Ihrem marmornen
+Sanit&auml;tsrat einen andern Kopf aufsetzen&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>War merkw&uuml;rdigerweise &uuml;berfl&uuml;ssig. Die beiden
+Leute hatten eine gewisse &Auml;hnlichkeit. Beide
+gro&szlig;, ziemlich fett, langb&auml;rtig ... Au&szlig;erdem, ein
+Denkmal ist doch ein Symbol.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Toll! einfach toll! Man lernt nie aus.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Ich rechne selbstverst&auml;ndlich auf Ihre Diskretion.
+Au&szlig;er Ihnen beiden wei&szlig; nur noch mein erlauchter
+Freund, der Prinz Albert, davon, ohne dessen Rat
+und Zustimmung ich etwas Derartiges &uuml;berhaupt
+nicht unternehmen w&uuml;rde.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_257" id="Page_257" title="257"></a>Bienemann</p>
+
+<p>Das ist derselbe, der heute zur Enth&uuml;llung
+kommt?</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Derselbe. Er liebt die sch&ouml;nen K&uuml;nste. Sie
+k&ouml;nnen sicher sein, da&szlig; er auch auf Sie ein Auge
+haben wird.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(verbeugt sich)</p>
+
+<p>Oh! Danke sehr. &#8211; M&uuml;ssen Sie nicht auf
+den Bahnhof, Herr B&uuml;rgermeister?</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Seine k&ouml;nigliche Hoheit trifft ja erst um zw&ouml;lf
+Uhr ein.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Ja, aber um viertelzw&ouml;lf kommt der Regierungspr&auml;sident.
+Wei&szlig; der Stadtrat Hannewickel,
+da&szlig; er sich mit den Ehrenjungfrauen aufzustellen
+hat?</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Die Ehrenjungfrauen und der Veteranenverein
+sind schon in vollem Wichs.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Noch einen Vorschlag, meine Herren. Wie
+w&auml;re es, wenn man heute noch ein Extrablatt
+drucken lie&szlig;e, durch dessen Inhalt das Volk einige
+<a class="page" name="Page_258" id="Page_258" title="258"></a>Aufkl&auml;rung &uuml;ber die k&uuml;nstlerischen Verdienste des
+Malers Hockenjos erhielte?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Nicht schlecht&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Es ist in dieser Beziehung vieles vers&auml;umt
+worden&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Und man k&ouml;nnte die Verleumder damit zum
+Schweigen bringen. Nicht schlecht. Was meinen
+Sie, Bienemann?</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Ein ziemlich teurer Spa&szlig;. Es fragt sich, ob
+die Interessen, die dabei im Spiele sind, eine
+solche Ausgabe fordern.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Es sind <em class="gesperrt">ideale</em> Interessen, mein Lieber. Daf&uuml;r
+ist nichts zu teuer.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Ideale Interessen? Entschuldigen Sie, meine
+Herren, aber an ideale Interessen glaub ich nicht.
+Sie auch nicht. Das Publikum auch nicht. Das
+ist eben das Heikle mit den idealen Interessen,
+da&szlig; niemand daran glaubt, weil zu viele ihren
+Vorteil daraus ziehen.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_259" id="Page_259" title="259"></a>Karinkel</p>
+
+<p>Pfui, Bienemann! Best&auml;ndig gie&szlig;en Sie Ihr
+n&uuml;chternes &Ouml;l in die Wogen unserer Begeisterung.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Das ist mein Beruf.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Ein trauriger Beruf.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Sie d&uuml;rften damit den Nagel auf meinen
+Kopf getroffen haben, Herr B&uuml;rgermeister. Wer
+mit Papier gef&uuml;ttert wird, dem wachsen keine
+Blumen auf der Zunge.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Wenn Ihnen an meinem ferneren Vertrauen
+gelegen ist, so unterst&uuml;tzen Sie uns jetzt mit allen
+Ihren Kr&auml;ften, Bienemann.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Ich soll also gewisserma&szlig;en die &ouml;ffentliche Meinung
+beruhigen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Ja ... wenn Sie es so betrachten ... obwohl,
+&#8211; &ouml;ffentliche Meinung gibt es nicht.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(b&uuml;rstet seine Kleider)</p>
+
+<p>Die &ouml;ffentliche Meinung sind wir.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_260" id="Page_260" title="260"></a>Mettenschleicher</p>
+
+<p>&Ouml;ffentliche Meinung ist die Konspiration der
+Dummk&ouml;pfe.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Die Herren sind entschlossen, wie ich sehe.
+Allen Respekt. Nun, was an mir liegt, soll geschehen.
+Die Druckerpresse hat schon ganz andere
+Dinge gerechtfertigt als Denkm&auml;ler. Die Ingredienzen,
+aus denen man den Brei der Zeitungsunsterblichkeit
+kocht, sind billig zu haben. Die
+Hauptsache ist der Superlativ. Das ist das Universalrezept.
+Der Superlativ ist f&uuml;r den Leser,
+was neunzigprozentiger Fusel f&uuml;r einen Gewohnheitstrinker
+ist. Leider n&uuml;tzen sich die Superlative
+jetzt so stark ab, da&szlig; eine neue Steigerung, ein
+&Uuml;ber-Superlativ eine wahre Wohltat f&uuml;r die Menschheit
+w&auml;re.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Das ist mir zu hoch, davon versteh ich nichts.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Na, sch&ouml;n. Ich will Ihnen einen Hockenjos
+hinstellen, der sich gewaschen hat. Ich werde Ihnen
+mit einer Verkl&auml;rung aufwarten, da&szlig; der Mann
+in seinem Grab noch Lust zu einer Himmelfahrt
+bekommt. Ich tue einfach, als ob Tizian ein
+Zimmermaler und Feuerbach der kleine Moritz
+gegen ihn w&auml;re.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_261" id="Page_261" title="261"></a>Mettenschleicher</p>
+
+<p>Ich hoffe, da&szlig; diese &Uuml;bertreibungen nur Ausfl&uuml;sse
+einer momentanen Laune sind.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Nein, Herr Professor. Sie kennen den Abonnenten
+nicht. Wenn man dem Abonnenten einen
+neuen Mann glaubhaft machen will, mu&szlig; man
+erst einen alten in St&uuml;cke rei&szlig;en. Der Abonnent
+ist grausam, er will Blut sehen.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Ich denke, wir &uuml;berlassen Bienemann da am
+besten seinem Genius.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Keinesfalls werde ich etwas davon wissen, da&szlig;
+der arme Hockenjos in unserer Mitte beinahe verhungert
+ist. Da&szlig; er mit Hohn abgefertigt wurde,
+als er sich vor vier Jahren um das Staatsstipendium
+bewarb. Apropos, waren Sie es nicht selbst,
+Herr Professor, der diese Sache damals hintertrieb&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p class="dircenter">(&auml;rgerlich)</p>
+
+<p>Mein Gott ja, ... ich kann nicht leugnen ...
+der Mann war mir <em class="gesperrt">pers&ouml;nlich</em> unsympathisch.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(ebenso)</p>
+
+<p>Wozu kramen Sie denn die alten Sachen aus?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_262" id="Page_262" title="262"></a>Bienemann</p>
+
+<p>Ich werde auch davon schweigen, da&szlig; das
+Publikum vor seinen Bildern Lachkr&auml;mpfe bekam
+und der Magistrat ihm das Atelier auf der Schanze
+k&uuml;ndigen lie&szlig;, aus Gr&uuml;nden, die der Anstand zu
+erw&auml;hnen verbietet.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(wie oben)</p>
+
+<p>Das war wegen der Modelle. Aber die Kunst,
+lieber Bienemann, wie soll ich sagen, die Kunst
+braucht eben keine Moral.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Na! na! Da mu&szlig; ich bitten&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Das hei&szlig;t, ich meine: die Moral braucht keine
+Kunst.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Um seine Auswanderung plausibel zu machen,
+werde ich sagen, da&szlig; ihn malerische Probleme in
+die Tropen zogen.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Sehr gut.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Und w&auml;hrend er das Gefieder der Paradiesv&ouml;gel
+studierte, um bisher unerh&ouml;rte Farbenmischungen
+<a class="page" name="Page_263" id="Page_263" title="263"></a>f&uuml;r seine Palette zu gewinnen, haben ihn die
+Eingeborenen erschlagen und verspeist.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(der sich die Z&auml;hne stochert, erschrocken)</p>
+
+<p>Verspeist&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>H&ouml;chstwahrscheinlich.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Wissen Sie was? Setzen Sie sich gleich hier
+an meinen Schreibtisch und fangen Sie an. <em class="direction">(Das
+Telephon klingelt, er eilt hin.)</em> Hier Karinkel! Ja?
+Ja. Bitte. &#8211; In der Redaktion will man Sie
+sprechen, Bienemann. <em class="direction">(W&auml;hrend Bienemann zum
+Apparat geht.)</em> F&uuml;r uns ist es jetzt Zeit, lieber
+Professor.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Also gehen wir.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(am Telephon)</p>
+
+<p>Hier Bienemann. <em class="direction">(Pause.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(setzt sich den Zylinder auf)</p>
+
+<p>Ich bin neugierig, ob der Pr&auml;sident eine Rede
+halten wird.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_264" id="Page_264" title="264"></a>Mettenschleicher</p>
+
+<p>Er kann Seiner k&ouml;niglichen Hoheit nicht vorgreifen.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(am Telephon)</p>
+
+<p>Unsinn! &#8211; Wie? Gesehen worden? Wo?
+In A&szlig;mannshausen? Da lebt ja die Frau jetzt?
+So. Einen Liebhaber. So. Nat&uuml;rlich. Durchgepr&uuml;gelt?
+Nein! Nicht m&ouml;glich! Da hat man
+Ihnen einen B&auml;ren aufgebunden. Einen B&auml;&#8211;ren!
+Das w&auml;re ja unerh&ouml;rt.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Was ist denn los?</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(am Telephon)</p>
+
+<p>Ich gebe nichts auf solche Ger&uuml;chte. Schicken
+Sie einen verl&auml;&szlig;lichen Menschen hin. Schlu&szlig;!
+<em class="direction">(L&auml;utet ab.)</em> Recht heiter. Der Hockenjos soll in
+A&szlig;mannshausen gesehen worden sein.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(wie erstarrt)</p>
+
+<p>Um Gottes willen, Mensch, was reden Sie da!</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Das fehlte nur noch!</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Er soll seine Gattin mit einem Viehh&auml;ndler
+<a class="page" name="Page_265" id="Page_265" title="265"></a>erwischt und den Galan windelweich geschlagen
+haben.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Aber lieber Bienemann, &#8211; das ist ja um den
+Verstand zu verlieren&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Ich halte das Ganze f&uuml;r einen blinden Alarm.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Man will uns ins Bockshorn jagen.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Eine Frivolit&auml;t sondergleichen.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>K&uuml;mmern wir uns nicht darum.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Wenn aber doch was Wahres dran ist&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Bah! meine Informationen waren immer verl&auml;&szlig;lich.
+Wenn der Tagesbote jemand als tot
+meldet, dann ist er tot.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Es ist h&ouml;chste Zeit. Wir m&uuml;ssen zur Bahn.
+Machen Sie sich nur gleich an die Arbeit, Bienemann.
+Lassen Sie uns nicht im Stich.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_266" id="Page_266" title="266"></a>Bienemann</p>
+
+<p>Auf Wiedersehen, meine Herren.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel und Mettenschleicher</p>
+
+<p class="dircenter">(ab).</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(setzt sich vor den Schreibtisch, z&uuml;ndet eine Zigarre an;
+behaglich)</p>
+
+<p>Was der Sybarit f&uuml;r einen weichen Lehnsessel
+hat! Wenn ich nicht Bienemann w&auml;re, m&ouml;chte ich
+Karinkel sein. <em class="direction">(Legt das Papier zurecht.)</em> Los also!
+Her mit euch, ihr beb&auml;nderten Adjektiva und geschniegelten
+Substantiva! ihr gro&szlig;m&auml;ulichen Interjektionen
+und schmetternden Exklamationen! ihr
+Metaphern, Hyperbeln und Epitheta! Ich r&uuml;hr
+euch zusammen wie Mandeln und Rosinen in
+einem Kuchenteig, von dem die ganze Welt Verdauungsbeschwerden
+kriegt.</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p class="dircenter">(tritt mit verst&ouml;rtem Gesichtsausdruck unter die T&uuml;re; winkt)</p>
+
+<p>Herr Bienemann! &#8211; Herr Bienemann!</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Was gibt&#8217;s? Ich habe keine Zeit.</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p class="dircenter">(fl&uuml;sternd)</p>
+
+<p>&#8217;s isch was Schreckliches passiert, Herr Bienemann&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_267" id="Page_267" title="267"></a>Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt im Sturmschritt zur&uuml;ck, den Zylinder schief auf
+dem Kopf)</p>
+
+<p>Bienemann, wir sind verloren!</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p class="dircenter">(seine W&uuml;rde m&uuml;hsam bewahrend, ist Karinkel gefolgt)</p>
+
+<p>Eine Katastrophe!</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(mehr heulend als redend)</p>
+
+<p>Der Abendrot hat ihn zuerst gesehen. In der
+Bahnhofsstra&szlig;e hat er ihn gesehen. Mitten unter
+den Leuten.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Und hat ihn jemand erkannt?</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p>Noi, noi&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>War er allein?</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p>Ganz alleine.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Was f&uuml;r Ma&szlig;regeln gedenken Sie zu treffen?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Er mu&szlig; auf der Stelle fort.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_268" id="Page_268" title="268"></a>Bienemann</p>
+
+<p>Ist bis jetzt etwas unternommen worden?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Kommiss&auml;r Binder ist mit zwei Wachleuten
+ausger&uuml;ckt. Hoffentlich gelingt es, den Kerl festzuhalten.</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Es ist eine entsetzliche Blamage.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Ich lasse ihn einsperren.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>&Uuml;berlegen wir die Sache gut, meine Herren,
+sonst kann&#8217;s uns an den Kragen gehn.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(wild)</p>
+
+<p>Lassen Sie mich in Frieden mit Ihrem Kragen,
+Sie, Sie ... Unersch&uuml;tterlicher!</p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Es gibt nicht viel zu &uuml;berlegen, hier hei&szlig;t es
+handeln.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Also handeln wir.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Tun Sie mir nur den Gefallen, lieber Professor,
+und empfangen Sie den Pr&auml;sidenten. Der
+<a class="page" name="Page_269" id="Page_269" title="269"></a>Zug mu&szlig; ja jeden Moment eintreffen. Irgend
+ein W&uuml;rdentr&auml;ger mu&szlig; ihn doch begr&uuml;&szlig;en. <em class="direction">(Das
+Telephon klingelt.)</em> Gro&szlig;er Gott, was ist denn das
+schon wieder? <em class="direction">(Bienemann eilt zum Telephon.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Mettenschleicher</p>
+
+<p>Gut ich gehe. <em class="direction">(Ab. Ein Polizist tritt unter die
+offene T&uuml;r.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(am Telephon)</p>
+
+<p>Ja? &#8211; Ja! Eine Stunde fr&uuml;her? Danke.
+Schlu&szlig;. <em class="direction">(L&auml;utet ab.)</em> Der Hoftrain mit dem Prinzen
+trifft also um eine Stunde fr&uuml;her ein.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(der mit dem Polizisten gesprochen hat)</p>
+
+<p>Also der Kommiss&auml;r Binder hat den Hockenjos
+verhaftet und ihn gleich in einen Wagen setzen
+lassen. Er ist jetzt in der Wachtstube.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Dort kann er nicht bleiben.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Wie sagten Sie? Der Hofzug kommt um
+eine Stunde fr&uuml;her? Dann ist ja kein Augenblick
+mehr zu verlieren. Es ist elf Uhr. Mir ist
+ganz wirblig im Kopf. Wenn ich nur w&uuml;&szlig;te,
+wer an alledem schuld ist! <em class="direction">(Ausbrechend.)</em> Sie sind
+schuld, Bienemann! Sie haben seinerzeit die
+<a class="page" name="Page_270" id="Page_270" title="270"></a>schwindelhafte Todesnachricht in die Zeitung gebracht.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Ich weise Ihre Anschuldigungen zur&uuml;ck. Meine
+Pflicht ist zu schweigen und zu schreiben, aber
+nicht den S&uuml;ndenbock zu machen.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Sie sind ein ganz gef&auml;hrliches Subjekt.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(verdrossen)</p>
+
+<p>Ich bin kein Subjekt, ich bin ein Prinzip.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Gro&szlig;er Gott, warum hast du mir das angetan!
+Bienemann, liebster Herzensbienemann, laufen
+Sie schleunigst auf die Wache. Sehen Sie zu,
+da&szlig; keine Dummheit begangen wird. Keine Menschenseele
+darf dem Hockenjos nahe kommen. Niemand
+darf mit ihm sprechen. Nehmen Sie noch
+ein paar Polizeileute zu Hilfe. N&ouml;tigenfalls lassen
+Sie ihn binden&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>In Ketten legen&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Was Sie wollen ... <em class="direction">(Man vernimmt Glockenl&auml;uten.)</em>
+Um Himmels willen, mir scheint, der Hofzug
+f&auml;hrt schon ein. Ich komme zu sp&auml;t. <em class="direction">(Ab.)</em></p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_271" id="Page_271" title="271"></a>Bienemann</p>
+
+<p>Es ist am besten, wir lassen den Delinquenten
+hierher transportieren. Hier ist er am sichersten.</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p>Da hawe Se recht, Herr Bienemann.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Rennen Sie hin und sagen Sie es dem Binder.</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p class="dircenter">(zur T&uuml;r, lauscht, kehrt um)</p>
+
+<p>Er bringt ihn schon von selber, der Kommissar&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Na, der Mann denkt wenigstens. Denkende
+Menschen ersparen einem immer Laufereien. <em class="direction">(Hockenjos
+und Kommissar Binder kommen.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Binder</p>
+
+<p>So, Meister Hockenjos. Jetzt habe ich Ihren
+Wunsch, Sie aufs B&uuml;rgermeisteramt zu f&uuml;hren,
+erf&uuml;llt, nun m&uuml;ssen Sie sich aber auch ganz ruhig
+verhalten.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p class="dirlong">(gro&szlig;er, breitschultriger Mann. Haar und Bart sind
+stark ergraut. Er spricht schwer, aber nachdr&uuml;cklich, in
+tiefem, meist humoristisch sordiniertem Ba&szlig;; tr&auml;gt vernachl&auml;ssigte
+Kleider, einen breitrandigen Filzhut)</p>
+
+<p>Der Teufel soll Sie holen, Mann! K&ouml;nnen
+<a class="page" name="Page_272" id="Page_272" title="272"></a>Sie auf eine anst&auml;ndige Art erkl&auml;ren, weshalb
+Sie mich wie einen Str&auml;fling behandeln, he?</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p>P&#8211;scht! p&#8211;scht!</p>
+
+<p class="speaker">Binder</p>
+
+<p>Sie m&uuml;ssen sich den beh&ouml;rdlichen Anordnungen
+f&uuml;gen.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Ich f&uuml;ge mich, weil es mir pa&szlig;t. So steht
+die Sache. In die Suppe werd&#8217; ich euch schon
+spucken, darauf k&ouml;nnt ihr euch verlassen. Aber
+anders als ihr denkt. Wo ist denn der Oberkoch?
+Ah, Herr Bienemann! Freut mich, Sie
+zu sehen, Herr Redakteur. Sind Sie jetzt avanciert,
+weil Sie in der B&uuml;rgermeisterkanzlei sitzen?</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(schmunzelnd, s&uuml;&szlig;lich)</p>
+
+<p>Sprechen wir nicht von mir, Meister Hockenjos.
+Die interessante Person sind Sie. Wie kommen
+Sie denn her? von wo? Sie erscheinen ja
+wie ... wie&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Wie das Gespenst am Hochzeitstag, jawohl.
+Aber ich f&uuml;hle mich gar nicht gespensterhaft. Zun&auml;chst
+will ich mich mal &#8211; unaufgefordert, Sie
+<a class="page" name="Page_273" id="Page_273" title="273"></a>verzeihen schon &#8211; hier niederlassen. So. Hier
+sitze ich, ich kann nicht anders.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Bitte sehr. Ruhen Sie sich nur aus. <em class="direction">(Zu
+Abendrot, leise.)</em> Suchen Sie den B&uuml;rgermeister
+auf und sagen Sie ihm, da&szlig; ich ihn hier in Gewahrsam
+halte. Aber Vorsicht! &#8211; <em class="direction">(Zu Binder.)</em>
+Sie brauchen nicht hier zu bleiben. Es gen&uuml;gt,
+wenn Sie im Korridor einen Polizeidiener als
+Wache aufstellen. Es soll niemand hereingelassen
+werden. <em class="direction">(W&auml;hrend Binder und Abendrot abgehen.)</em>
+Wie ich aus Ihrem Verhalten schlie&szlig;en darf, ist
+Ihnen also die ganze Komplikation schon bekannt,
+Meister?</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Komplikation nennen Sie diese Schurkerei?
+Auch recht.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Nun, man meint es gut mit Ihnen. Man sorgt
+f&uuml;r Ihren Nachruhm.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Hanswurste seid ihr.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Unterschreib ich unbesehen.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Aber mit meinem Leichnam werdet ihr nicht
+<a class="page" name="Page_274" id="Page_274" title="274"></a>so kurzen Proze&szlig; haben wie mit meinem lebendigen
+Korpus.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Ich f&uuml;rchte. Ich f&uuml;rchte. Sie waren also in
+A&szlig;mannshausen bei Ihrer Frau?</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Reden Sie meinetwegen von meinem Nachruhm,
+Herr, obwohl das ein Gem&uuml;se ist, das keinem
+mehr schmeckt, wenn man&#8217;s ihm auftischt,
+aber von meinem Weib reden Sie nicht. Die
+F&auml;uste tun mir noch weh, und das ist alles, was
+ich an Erinnerung behalten will. Ich sage Ihnen,
+ein Vieh ist der Mensch. Allerwegen treibt&#8217;s ihn
+zum Stall zur&uuml;ck. Und wenn drau&szlig;en die beste
+Weide ist, er denkt blo&szlig; an den Stall. Das sch&ouml;nste
+Futter l&auml;&szlig;t er liegen, das ihm der Herrgott spendet,
+und rennt zur Krippe, wo der Bauer spart und
+mit der Peitsche knallt.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(echt)</p>
+
+<p>Ja, zum Henker, warum sind Sie denn nicht
+dort geblieben in den wilden Gegenden, wenn es
+Ihnen schon nicht gefallen hat, das Zeitliche zu
+segnen? Es w&auml;re besser f&uuml;r Sie und f&uuml;r uns.
+Jetzt haben wir blo&szlig; die Scherereien.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Glauben Sie, ich h&auml;tte den Ehrgeiz, Ihnen
+<a class="page" name="Page_275" id="Page_275" title="275"></a>Scherereien zu ersparen? Im Gegenteil. Sie werden
+Ihre blauen Wunder erleben.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(resigniert)</p>
+
+<p>Na, wohl bekomm&#8217;s.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Wie flink ihr seid, einen Toten leben zu lassen,
+w&auml;hrend ihr dem lebendigen Menschen die Haut
+abzieht!</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Mein Gott, die Zivilisation bringt eben manchen
+&Uuml;belstand mit sich. Sind Sie denn nun eigentlich
+dort unten gewesen bei den wilden V&ouml;lkern?</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Und ob, mein lieber Herr, und ob! War dabei,
+wie sechzig wackere Burschen aufgerieben worden
+sind von den braunen Satansbr&uuml;dern, und
+w&auml;re nicht ein malaiisches M&auml;dchen gewesen, das
+mich auf Gebirgswegen zur K&uuml;ste f&uuml;hrte, dann
+k&ouml;nnt ich heute eure Kirchweih dahier nicht st&ouml;ren.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Sie betrachten unsere Angelegenheit etwas zu
+vergn&uuml;gt, scheint mir. Da haben Sie wohl gro&szlig;e
+Strapazen erlitten? Aussehen tun Sie ja wie der
+leibhafte Odysseus.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_276" id="Page_276" title="276"></a>Hockenjos</p>
+
+<p>Was wollen Strapazen schlie&szlig;lich bedeuten?
+Ist eine Herrlichkeit, wenn einem die Sonne immerfort
+bis in den Magen leuchtet. Dort ist der
+Mann ein Mann. Von Polizei nirgends die Spur.
+Und Blumen! und V&ouml;gel! und B&auml;ume! Da wei&szlig;
+man erst, was Gott der Herr erschaffen, und warum
+er am siebenten Tag ausgeschnauft hat. Hier
+guckt einer dem andern auf die Finger, und schockweis
+fressen sie aus demselben Tiegel. Und ein
+Eifer, und ein Flei&szlig;, und eine Wichtigkeit, aber
+ist&#8217;s denn irgend jemandem Ernst? Tinte schwatzen
+sie.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Ganz meine Meinung.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Sie sind auch so ein Kalfakter.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Verurteilen Sie mich nicht. Ich diene dem
+Gemeinwohl.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Gemeinwohl ... ein richtiges Tintenwort.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Durchaus nicht.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>M&ouml;chten Sie mir nicht erkl&auml;ren, was Sie unter
+Gemeinwohl verstehen?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_277" id="Page_277" title="277"></a>Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(trocken)</p>
+
+<p>Gemeinwohl ist das, was viele tun m&uuml;ssen,
+um einen einzelnen zu f&ouml;rdern.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Der Tausend! Mensch, Sie sind ja ein Zyniker!</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Gott sei Dank, das bin ich. Diese Eigenschaft
+hab ich mir im Umgang mit Leuten erworben, die
+sich dadurch von mir unterscheiden, da&szlig; sie den
+Begriff <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Geweinwohl'">Gemeinwohl</ins> anders definieren. <em class="direction">(Stimmenl&auml;rm
+von der Stra&szlig;e.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Jetzt geht&#8217;s los da drunten.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Ja. Ich bin nur neugierig, was wir mit
+Ihnen da oben anfangen werden.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Ich auch.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Sie haben also keine bestimmte Vorstellung
+&uuml;ber Ihre zuk&uuml;nftige Rolle bei dieser immerhin
+ungew&ouml;hnlichen Verwicklung?</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Ich? Nein. Ich habe nur nicht die Absicht,
+mir meinen Platz in der Welt so ohne weiters
+<a class="page" name="Page_278" id="Page_278" title="278"></a>wegstibitzen zu lassen. Wenn&#8217;s auch nur ein ganz
+lumpiger Platz war, so ein F&uuml;nfzigpfennigplatz, auf
+dem Olymp&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Das kann ich Ihnen nachf&uuml;hlen. Als deklarierter
+Toter lebt sich&#8217;s nicht sehr bequem.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Und noch dazu auf solche Manier deklariert ...
+<em class="direction">(Erregt sich.)</em> Wenn ihr wenigstens das Denkmal
+von einem anst&auml;ndigen Kerl h&auml;ttet machen lassen.
+Aber von diesem Zuckerb&auml;cker, dem Mettenschleicher!
+diesem Pfr&uuml;ndner, der von der Kunst ungef&auml;hr so
+viel versteht wie ich vom Koloratursingen, diesem
+Eunuchen, der mit seiner Nase immer an den unanst&auml;ndigsten
+Gegenden prinzlicher Personen schnuppert,
+&#8211; da&szlig; ihr mich von dem habt verewigen
+lassen, das wurmt mich.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Wir haben halt Pech mit Ihnen. Jetzt ist es
+zu sp&auml;t.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Mir wird schon &uuml;bel, wenn ich das Zeugs da
+unter den H&uuml;llen sehe. Wahrscheinlich so ein Marzipan-Engel,
+was?</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich, was glauben Sie denn! Wir werden
+<a class="page" name="Page_279" id="Page_279" title="279"></a>uns doch die Muse nicht entgehen lassen, die den
+K&uuml;nstler auf die Stirne k&uuml;&szlig;t!</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Und mit zwei Fl&uuml;geln, was?</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Zwei Fl&uuml;gel. Ganz richtig. Wie sich&#8217;s geh&ouml;rt.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>O, du Schuft!</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Achtung, jetzt h&ouml;r ich den B&uuml;rgermeister kommen.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(st&uuml;rzt in h&ouml;chster Eile herein)</p>
+
+<p>Das ist er also! <em class="direction">(Starrt Hockenjos an.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p class="dircenter">(ironisch)</p>
+
+<p>So echauffiert, Herr B&uuml;rgermeister?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Sie spotten wohl? Mir ist gar nicht sp&ouml;tterisch
+zumut.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p class="dircenter">(br&uuml;sk)</p>
+
+<p>Was steht dem Herrn zu Diensten?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(wischt den Schwei&szlig; von der Stirn)</p>
+
+<p>Es wird Ihnen doch bekannt sein, da&szlig; wir
+<a class="page" name="Page_280" id="Page_280" title="280"></a>eben im Begriff sind, die Enth&uuml;llung Ihres Denkmals
+zu feiern.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Jawohl. Ist mir zu Ohren gekommen. Das
+ist auch der Grund, weshalb ich da bin.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(einschmeichelnd)</p>
+
+<p>Sie werden doch einsehn, lieber Meister, da&szlig;
+Sie unm&ouml;glich in der Stadt bleiben k&ouml;nnen.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Sehe ich ohne weiters ein.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(hocherfreut)</p>
+
+<p>Das lob ich mir. Sie sind ein pr&auml;chtiger
+Mensch.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Gewi&szlig;. Man mu&szlig; bei mir nur den Herzpunkt
+treffen.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Es w&auml;re ja auch ein Mord, lieber Freund, ein
+moralischer Mord.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Ei wieso denn?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Sehr einfach. Jeder, der &uuml;ber diesen Platz
+an diesem Denkmal vor&uuml;bergehen wird, eifert Ihnen
+<a class="page" name="Page_281" id="Page_281" title="281"></a>nach, schaut zu Ihnen hinauf, bringt ebenfalls
+Gro&szlig;es hervor und n&uuml;tzt so wieder seinen Mitb&uuml;rgern
+und der Stadt.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Das leuchtet mir beinahe ein.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Es ist so klar wie zweimalzwei.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(immer eifriger)</p>
+
+<p>Sie sind heute ... wie alt sind Sie?</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Vierundf&uuml;nfzig.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Vierundf&uuml;nfzig. Wie alt wird der Mensch?
+Siebzig. Sagen wir f&uuml;nfundsiebzig.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Gut. Sagen wir f&uuml;nfundsiebzig.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Wegen dieser erb&auml;rmlichen zwanzig Jahre wollen
+Sie Ihre Unsterblichkeit aufs Spiel setzen?</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Hm ... Finden Sie nicht, da&szlig; ein Sperling
+in der Hand besser ist&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Nein, nein, nein, vom idealen Standpunkt nein.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_282" id="Page_282" title="282"></a>Bienemann</p>
+
+<p>Durchaus nicht.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Was habe ich also nach Ihrer Ansicht zu tun?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Sie m&uuml;ssen fort.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Es haben mich aber doch einige Leute gesehen&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Das macht nichts; wir geben Sie f&uuml;r Ihren
+Doppelg&auml;nger aus. Wir bringen in der Zeitung
+eine kleine scherzhafte Notiz. Nicht wahr, Bienemann?
+Wir nennen ihn Mister Koch aus Pennsylvanien.
+Hahaha!</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Das geht, das geht. &raquo;Ein heiteres Spiel des
+Zufalls f&uuml;gte es&laquo; &#8211; und so weiter.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Sie m&uuml;ssen Deutschland verlassen.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Mit Vergn&uuml;gen.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Sie m&uuml;ssen Europa den R&uuml;cken kehren.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_283" id="Page_283" title="283"></a>Hockenjos</p>
+
+<p>Mehr kann ich aber unmm&ouml;glich f&uuml;r Sie tun.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(gl&uuml;cklich)</p>
+
+<p>Sie sind ein Engel von einem Mann. Mit
+Ihnen kann man ja ausgezeichnet reden. Da
+sieht man erst, wie schlecht man im Leben einander
+kennen lernt.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Langsam, langsam, bester Herr&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Sie fahren also nach Amerika. Sie benutzen
+den Schnellzug, der um drei Uhr hier h&auml;lt. Die
+Reisekosten&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Langsam. Jetzt komme ich.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Die Reisekosten zahlen wir selbstverst&auml;ndlich&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>So billig denken Sie mich loszuwerden?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Na ja, man kann noch ein &Uuml;briges tun&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(aus dem Hinterhalt hetzend)</p>
+
+<p>Ein kleines Douceur&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_284" id="Page_284" title="284"></a>Hockenjos</p>
+
+<p>Ihre Propositionen haben Sie gemacht. Jetzt
+will ich die meinen machen.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(&auml;ngstlich)</p>
+
+<p>So ... Sprechen Sie nur frei von der Leber weg.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Wie viel hat Sie der Marmorhaufen da drau&szlig;en
+gekostet?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Viel Geld; sch&auml;ndlich viel!</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Na ... drei&szlig;igtausend&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Mehr!</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Also. Ich verlange nur so viel.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(wie mit der Nadel gestochen)</p>
+
+<p>Was? Sie sind toll!</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Kommt denn das gegen die Unsterblichkeit in
+Betracht, verehrter B&uuml;rgermeister?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Mensch, es handelt sich ja um <em class="gesperrt">Ihre</em> Unsterblichkeit!</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_285" id="Page_285" title="285"></a>Hockenjos</p>
+
+<p>Mit der <em class="gesperrt">Sie</em> ein Gesch&auml;ft machen wollen. So
+viel wie Sie f&uuml;r mein Denkmal ausgegeben haben,
+lieber Herr, habe ich mein ganzes Leben lang mit
+meiner H&auml;nde Arbeit nicht verdient. Ich verkaufe
+Ihnen meinen Leichnam f&uuml;r weniger Geld als Sie
+f&uuml;r seine Glorifikation ausgegeben haben. Ist das
+nicht kulant? Sie haben ja eine Ausstellung
+meiner Bilder veranstaltet. Sie haben ja allen
+m&ouml;glichen blumeranten Quatsch dar&uuml;ber schreiben
+lassen. Die Bilder geh&ouml;ren Ihnen. Bezahlen Sie
+sie mir, so da&szlig; ich endlich einmal leben kann,
+denn hierzulande hab ich bis jetzt kein Leben gef&uuml;hrt.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(jammernd)</p>
+
+<p>Aber, Mann! was k&uuml;mmern mich Ihre Bilder!</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Endlich ein Wort aus dem Herzen. Also kurz
+und b&uuml;ndig, Herr: ist Ihnen meine Willf&auml;hrigkeit
+so viel wert oder nicht? Den Hanswurst spiel ich
+nimmer l&auml;nger.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(verzweifelt)</p>
+
+<p>Wo soll ich so eine Menge Geld hernehmen?
+Bienemann helfen Sie mir doch! &Uuml;berreden Sie
+ihn doch&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_286" id="Page_286" title="286"></a>Hockenjos</p>
+
+<p class="dircenter">(greift nach seinem Hut)</p>
+
+<p>Genug geredet. Ich werde jetzt eine kleine
+Unterhaltung mit meinem &#8211; Doppelg&auml;nger f&uuml;hren.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Halt! halt! Ich will ja ... gen&uuml;gt eine
+Sicherstellung des Kapitals?</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Die gen&uuml;gt. <em class="direction">(Sehr ernst.)</em> Wenn ich nur was
+Sicheres habe. Was Sicheres brauch ich jetzt.
+Brot! Und Frieden.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dircenter">(das Folgende sehr rasch)</p>
+
+<p>Man mu&szlig; eine Anleihe aufnehmen.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Gibt es keine geheimen Fonds?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Wenn wir nur ein paar reiche Juden h&auml;tten ...
+<em class="direction">(Bei&szlig;t sich in die Finger.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Zu &uuml;berlegen ist keine Zeit.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Ich habe eine Idee. Ich beantrage im Gemeinderat
+den Bau eines Hockenjos-Museums, und
+<a class="page" name="Page_287" id="Page_287" title="287"></a>das Geld verwend&#8217; ich einstweilen, um den Mann
+zu befriedigen.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Vortrefflich. Rechnen Sie auf mich.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p class="dircenter">(am Fenster, mit Blick gegen das Denkmal)</p>
+
+<p>Da faseln sie von Kunst. Von Kunst faseln
+sie, die Hunde. Ruhm! Ha. Mich verlangt
+nach keinem Ruhm. Selbst wenn&#8217;s ernst damit
+w&auml;re. Alle Vorbehalte gehn dabei fl&ouml;ten. Ich
+will meine Vorbehalte haben. Will nicht von jedem
+Narren angesturt werden. Da ist man ja wie das
+Tor von einem Pfandhaus. Ich pfeif auf die
+Kunst. Sie ist viel zu gro&szlig; f&uuml;r den schwachen
+Sch&auml;del. Kannst du den Gro&szlig;en gro&szlig; sein? Die
+wandeln im Elysium, w&auml;hrend du im Dreck kutschierst.
+N&uuml;tzlich mu&szlig; man sein. Und kaltbl&uuml;tig.
+Adieu, St&auml;dtchen! Dieses Amerika ist ja blo&szlig; ein
+paar Stunden weit von hier. Am Samstag, eh
+ich sterbe, komm ich mal &uuml;bern Sonntag her&uuml;ber.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p class="dirlong">(hat die T&uuml;r ge&ouml;ffnet, Abendrot hereingewinkt und mit
+ihm lebhaft gefl&uuml;stert. Abendrot nickt mehrmals und
+geht wieder hinaus, Karinkel zu Hockenjos)</p>
+
+<p>Vom Fenster weg, um aller Heiligen willen!</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_288" id="Page_288" title="288"></a>Hockenjos</p>
+
+<p class="dircenter">(gem&auml;chlich)</p>
+
+<p>Aber lieber Herr, wer denkt denn da drunten
+an mich!</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Also, es wird alles geordnet. Nur noch eine
+Bedingung habe ich zu stellen.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Die w&auml;re&nbsp;&#8211;?</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Sie m&uuml;ssen sich den Bart abrasieren lassen.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Wenn es sein mu&szlig; &#8211; <em class="direction">(Abendrot kommt mit
+einer Seifensch&uuml;ssel, Pinsel und Rasiermesser.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Es mu&szlig; sein. Ich habe schon mit Abendrot
+gesprochen. Er versteht sich auf die Hantierung.
+Wir d&uuml;rfen keinen Fremden mehr ins Vertrauen
+ziehn.</p>
+
+<p class="speaker">Kommiss&auml;r Binder</p>
+
+<p class="dircenter">(kommt)</p>
+
+<p>Herr B&uuml;rgermeister, es ist die h&ouml;chste Zeit.
+Der Herr Professor Mettenschleicher f&uuml;hrt soeben
+Seine k&ouml;nigliche Hoheit zum Festplatz.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Ich komme.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_289" id="Page_289" title="289"></a>Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(am Fenster)</p>
+
+<p>Das Volk ist schon versammelt.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Geben Sie mir das Konzept meiner Rede,
+Bienemann.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Jaso, die Festrede. Hier. <em class="direction">(Reicht ihm das
+Manuskript.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Wie seh ich aus?</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Tadellos.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Ist es wahr, Binder? Keine Flecken?</p>
+
+<p class="speaker">Binder</p>
+
+<p>Da am Knie ist ein Spritzer ... <em class="direction">(B&uuml;ckt sich,
+reibt.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Von der Bratensauce.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkel</p>
+
+<p>Schnell, schnell. Kommen Sie, Binder. Und
+Sie Bienemann, bleiben hier und passen gut auf.
+<em class="direction">(Ab mit Binder.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p>Wolle Se gef&auml;lligst Platz nehme, Herr?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_290" id="Page_290" title="290"></a>Hockenjos</p>
+
+<p class="dircenter">(setzt sich; zu Bienemann)</p>
+
+<p>Sie sind also der Verfasser der Festrede?</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Jawohl. Ich bin des B&uuml;rgermeisters Tintenfa&szlig;.
+Er verschwendet geradezu meinen Geist. Eines
+Tages werde ich wegen Gehirnschwund der Armenkasse
+zur Last fallen. Vielleicht bekomm ich dann
+auch einen Denkstein. Die Inschrift wird lauten:
+Dem treuen Hohlkopf Bienemann sein v&auml;terlicher
+Blutegel Karinkel.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Der Mann ist sehr strebsam.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Strebsam, ja; das ist er. F&uuml;r mich ist er
+vorbildlich. Geradezu ein Gattungsbegriff. Er
+war ein einfacher Schneider.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p class="dircenter">(bereits mit abgeschnittenem Bart)</p>
+
+<p>Davon hat er was beibehalten.</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p>Die ganze Stadt k&ouml;nnte man Karinkelei nennen.
+Der Schneider siegt auf der ganzen Linie.</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Sie sind bitter.</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_291" id="Page_291" title="291"></a>Bienemann</p>
+
+<p>Bitter und <em class="direction">(mit Blick auf Abendrot)</em> unvorsichtig.
+<em class="direction">(Musiktusch von drau&szlig;en.)</em> Aha, der Prinz!</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Na, Abendrot, was denken denn Sie bei dem
+Rummel?</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p class="dircenter">(einseifend)</p>
+
+<p>Ich hab mer nie Gedanke gemacht &uuml;ber meine
+vorgesetzte Beh&ouml;rde.</p>
+
+<p class="speaker">Stadtrat Hannewickel</p>
+
+<p class="dircenter">(tritt ein; ein schlottriger, schwerh&ouml;riger Greis)</p>
+
+<p>Entschuldige die Herre, ich m&ouml;cht mir die Festlichkeit
+von owe ansehe. <em class="direction">(Stutzt.)</em> No, no, was isch
+denn das?</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(ihm ins Ohr schreiend)</p>
+
+<p>Ein ber&uuml;hmter Zeitungsberichterstatter aus
+Amerika, Herr Stadtrat. Hat Eile, will dem
+Prinzen vorgestellt werden. Mu&szlig; sich hier rasieren
+lassen. Mister Koch &#8211; Herr Stadtrat Hannewickel.</p>
+
+<p class="speaker">Hannewickel</p>
+
+<p>Merkw&uuml;rdig, merkw&uuml;rdig&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p><em class="antiqua">How do you do,</em> Sir?</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_292" id="Page_292" title="292"></a>Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(ihm ins Ohr)</p>
+
+<p>Er erkundigt sich nach Ihrem Befinden.</p>
+
+<p class="speaker">Hannewickel</p>
+
+<p>Dank sch&ouml;n. Dank sch&ouml;n. <em class="direction">(Geht ans Fenster,
+&ouml;ffnet es.)</em></p>
+
+<p class="speaker">Stimme Karinkels</p>
+
+<p>Zum ersten Mal tritt die hohe Aufgabe an
+uns heran, dem Namen eines Mitb&uuml;rgers zu huldigen,
+eines Mannes, der in unserem engsten Kreis
+gestrebt und geschaffen hat, eines gro&szlig;en, gottbegnadeten
+K&uuml;nstlers.</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p>Sie m&uuml;sse den Kopf e bissele rechts halte&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Stimme Karinkels</p>
+
+<p>Wir sehen noch im Geist seine herrliche Gestalt
+durch unsere Gassen schreiten, wir k&ouml;nnen
+sein feuriges Auge nicht vergessen, wir sp&uuml;ren noch
+mit Ehrfurcht den Hauch seiner Gegenwart, die
+uns erhoben und &uuml;ber den Alltag entr&uuml;ckt hat&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Hockenjos</p>
+
+<p>Da&szlig; dich der Satan bei&szlig;e&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker">Abendrot</p>
+
+<p>Nu m&uuml;sse Se &#8217;n Kopf e bissele links halte&nbsp;...</p>
+
+<p class="speaker"><a class="page" name="Page_293" id="Page_293" title="293"></a>Hannewickel</p>
+
+<p class="dircenter">(zu Bienemann)</p>
+
+<p>Wie heischt jetz der K&uuml;nschtler, dem Se&#8217;s Denkmal
+g&#8217;setzt hawe?</p>
+
+<p class="speaker">Bienemann</p>
+
+<p class="dircenter">(schreit ihm ins Ohr)</p>
+
+<p>Hockenjos!</p>
+
+<p class="speaker">Hannewickel</p>
+
+<p>Richtig. Ich hab halt gar koi Ged&auml;chtnis
+mehr. Drei Sachen kann i mir &uuml;berhaupt nimmer
+merke. Erschtens Zahlen. Zweitens Namen.
+Drittens ... Herrjeses, &#8217;s dritte haw&#8217; i vergessen.</p>
+
+<p class="speaker">Karinkels Stimme</p>
+
+<p>Der Ruhm seines lichtstrahlenden Pinsels wird
+durch die Zeiten schimmern und unsern S&ouml;hnen
+ein Vorbild sein&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;&nbsp;&#8211;</p>
+
+<p class="vorhang">(Der Vorhang f&auml;llt.)</p>
+</div>
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf
+Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enth&auml;lt
+eine Auflistung aller gegen&uuml;ber dem Originaltext vorgenommenen
+Korrekturen.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_21">S. 021</a>: sind die Geschehnisse wie Tr&auml;ume .. &rarr; ...</li>
+<li><a href="#Page_21">S. 021</a>: Erz&auml;hle, Fedor Alexandrowitsch .. mir &rarr; ...</li>
+<li><a href="#Page_50">S. 050</a>: die um Iwan wissen .. &rarr; ...</li>
+<li><a href="#Page_62">S. 062</a>: Gleich darauf &rarr; (Gleich darauf)</li>
+<li><a href="#Page_76">S. 076</a>: Die sch&ouml;nste die vornehmste &rarr; sch&ouml;nste, die vornehmste</li>
+<li><a href="#Page_98">S. 098</a>: H&auml;nden anf dem R&uuml;cken &rarr; auf</li>
+<li><a href="#Page_99">S. 099</a>: konnt&#8217; es doch nicht durft&#8217; es doch nicht kommen &rarr; nicht, durft&#8217;</li>
+<li><a href="#Page_173">S. 173</a>: geht nruhig auf und ab. &rarr; unruhig</li>
+<li><a href="#Page_174">S. 174</a>: P&uuml;nklichkeit &rarr; P&uuml;nktlichkeit</li>
+<li><a href="#Page_193">S. 193</a>: Herrlicheit &rarr; Herrlichkeit</li>
+<li><a href="#Page_277">S. 277</a>: Begriff Geweinwohl &rarr; Gemeinwohl</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+<div class="note">
+<p><strong>Transcriber&#8217;s Note:</strong> This ebook has been prepared from scans of a first
+edition copy. The table below lists all corrections applied to the
+original text.</p>
+
+<ul>
+<li><a href="#Page_21">p. 021</a>: sind die Geschehnisse wie Tr&auml;ume .. &rarr; ...</li>
+<li><a href="#Page_21">p. 021</a>: Erz&auml;hle, Fedor Alexandrowitsch .. mir &rarr; ...</li>
+<li><a href="#Page_50">p. 050</a>: die um Iwan wissen .. &rarr; ...</li>
+<li><a href="#Page_62">p. 062</a>: Gleich darauf &rarr; (Gleich darauf)</li>
+<li><a href="#Page_76">p. 076</a>: Die sch&ouml;nste die vornehmste &rarr; sch&ouml;nste, die vornehmste</li>
+<li><a href="#Page_98">p. 098</a>: H&auml;nden anf dem R&uuml;cken &rarr; auf</li>
+<li><a href="#Page_99">p. 099</a>: konnt&#8217; es doch nicht durft&#8217; es doch nicht kommen &rarr; nicht, durft&#8217;</li>
+<li><a href="#Page_173">p. 173</a>: geht nruhig auf und ab. &rarr; unruhig</li>
+<li><a href="#Page_174">p. 174</a>: P&uuml;nklichkeit &rarr; P&uuml;nktlichkeit</li>
+<li><a href="#Page_193">p. 193</a>: Herrlicheit &rarr; Herrlichkeit</li>
+<li><a href="#Page_277">p. 277</a>: Begriff Geweinwohl &rarr; Gemeinwohl</li>
+</ul>
+</div>
+
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+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die ungleichen Schalen, by Jakob Wassermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN ***
+
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+Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
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+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+ address specified in Section 4, "Information about donations to
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+
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+
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+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
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+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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