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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:06:58 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die ungleichen Schalen + Fünf einaktige Dramen + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: November 27, 2006 [EBook #19940] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN *** + + + + +Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Die ungleichen Schalen + + + Fünf einaktige Dramen + + von + + Jakob Wassermann + + + + S. Fischer, Verlag, Berlin + + 1912 + + + +Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen und Vereinen gegenüber +Manuskript. Das Recht der Aufführung ist allein durch +S. Fischer, Verlag, Berlin W., Bülowstr. 90 zu erwerben. + +Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin. + + + +Inhalt + +Rasumowsky 9 +Gentz und Fanny Elßler 59 +Der Turm von Frommetsfelden 107 +Lord Hamiltons Bekehrung 171 +Hockenjos 237 + + + + +Rasumowsky + + +Personen: + + Graf Alexei Grigorjewitsch Rasumowsky + Rodion, sein Diener + Michael Jefimowitsch Lassunsky, Kapitänleutnant der Leibgarden + Fedor Alexandrowitsch Chidrowo, Rittmeister der Garde-Kavallerie + Graf Grigorij Orlow + +Spielt in Petersburg im Jahre 1763. + + +Ein altertümlich ausgestatteter großer Raum im Hause des +Grafen Rasumowsky. An der Rückwand links ein großer Kamin, +in welchem ein Holzfeuer brennt. Über dem Kamin das Porträt +der Kaiserin Elisabeth Petrowna. Rechts ein erkerartiger +Vorbau mit Fenstern gegen die Straße. In der rechten +Seitenwand Türe in die übrigen Gemächer, in der linken der +Ausgang zum Flur. + +Rittmeister _Fedor Chidrowo,_ ein junger Mann von 23 Jahren, +geht aufgeregt umher. Nach kurzer Weile tritt Kapitänleutnant +_Michael Lassunsky_ ein, von _Rodion_ geführt, einem alten +Kleinrussen. + + +_Lassunsky_ + +(etwa im gleichen Alter wie Chidrowo) + +Sag meinem Oheim, daß ich ihn dringend sprechen muß. + + +_Rodion_ + +Eure Erlaucht werden gebeten zu warten. Seine gräfliche +Gnaden ist noch bei der Morgenandacht. + + +_Lassunsky_ + +Sag dem Grafen – + + +_Rodion_ + +Es ist der strenge Befehl Seiner gräflichen Gnaden, ihn +nicht bei der Morgenandacht zu stören. + + +_Lassunsky_ + +Kerl, die Wichtigkeit – + + +_Rodion_ + +Hab strengen Befehl von Seiner gräflichen Gnaden – + + +_Lassunsky_ + +Scher dich zum Henker. (Rodion wirft Scheite in den Kamin, +dann ab.) Du hier, Fedor Alexandrowitsch? + + +_Chidrowo_ + +Grüß dich, Michael Jefimowitsch. Mußt dich gedulden, warte +ebenfalls schon lang. + + +_Lassunsky_ + +Orlow ist auf dem Weg hierher. + + +_Chidrowo_ + +(bestürzt) + +Das kann nicht sein. + + +_Lassunsky_ + +Orlow ist auf dem Weg hierher. + + +_Chidrowo_ + +Ist das eine Vermutung? + + +_Lassunsky_ + +Eine Gewißheit; wenigstens beinahe. + + +_Chidrowo_ + +Beinahe ist keine Gewißheit. Aber du bist so erregt ... + + +_Lassunsky_ + +Hab Grund dazu. Der Großkanzler Woronzow ist an der +Kasan-Kathedrale überfallen worden. + + +_Chidrowo_ + +Bei Gottes Güte, was sagst du da! + + +_Lassunsky_ + +Erwartet Alexei Grigorjewitsch nicht den Großkanzler? + + +_Chidrowo_ + +Ja, Graf Woronzow hat mich geschickt, damit ich seine +Ankunft melde. Aber – + + +_Lassunsky_ + +Ich und Anenkow ritten als Eskorte hinter dem Wagen des +Großkanzlers. Eine Horde betrunkener Soldaten drängt sich +zwischen uns und die Karosse, und auf einmal sind wir +abgeschnitten. Wir sehen nur noch, daß der Kanzler gezwungen +wird, auszusteigen, dann haben sie ihn in ein Haus +geschleppt. + + +_Chidrowo_ + +Und ihr habt nicht dreingehaut? + + +_Lassunsky_ + +Zwei gegen fünfzig? + + +_Chidrowo_ + +Das ist ja Aufruhr, Michael Jefimowitsch. + + +_Lassunsky_ + +Anenkow ist in den Palast zurückgeeilt, ich hierher. + + +_Chidrowo_ + +Und du glaubst –? + + +_Lassunsky_ + +Ich glaube, daß Orlow hier sein wird, eh dort die Uhrzeiger +gestreckt stehen. + + +_Chidrowo_ + +Das sollte Orlow wagen? + + +_Lassunsky_ + +Orlow wagt alles. (Zur Türe, ruft hinaus.) Rodion! + + +_Rodion_ + +(kommt) + +Erlaucht befehlen? + + +_Lassunsky_ + +Ihr seid nicht an Besuch gewöhnt, Alter? + + +_Rodion_ + +Nein, Erlaucht, wir leben sehr zurückgezogen. + + +_Lassunsky_ + +Nun wohl, ihr werdet binnen kurzem Besuch erhalten, noch +dazu sehr unwillkommenen. Sperr die Tore zu. + + +_Chidrowo_ + +Sperr die Tore zu, Alter. + + +_Lassunsky_ + +Ja, sperr die beiden Tore zu, das nach der Gasse und das +nach dem Garten. + + +_Rodion_ + +Ist Gefahr für Seine gräfliche Gnaden? + + +_Chidrowo_ + +Schwatz nicht, Alter, tu, was man dir befiehlt. (Rodion ab.) + + +_Lassunsky_ + +(wirft sich in einen Sessel) + +Ich bin hin. + + +_Chidrowo_ + +(ungestüm auf und ab gehend) + +Wie glaubst du, daß Alexei Grigorjewitsch die Nachricht +aufnehmen wird? + + +_Lassunsky_ + +Kann mich nicht erinnern, ihn je sonderlich erstaunt gesehen +zu haben. + + +_Chidrowo_ + +Das ist böse. + + +_Lassunsky_ + +Bah! wer viel staunt, handelt wenig. + + +_Chidrowo_ + +So viel sag ich dir: wenn die Kaiserin den Orlow heiratet, +nehm ich meinen Abschied. + + +_Lassunsky_ + +Nach Sibirien. + + +_Chidrowo_ + +Einem Orlow huldigen? Eher nach Sibirien. + + +_Lassunsky_ + +Was können wir dagegen tun? + + +_Chidrowo_ + +Die Fürstin Chilkow hat geweint, als sie davon erfuhr. + + +_Lassunsky_ + +Die flennt, wenn man einem Huhn den Hals abdreht. Als +Rakitin mit ihrem Wissen ihren Mann erschlug, hat sie keine +Träne vergossen. (Man hört Waffenlärm von der Straße.) +Horch –! (Beide lauschen.) + + +_Chidrowo_ + +(nähert sich dem Erker) + +Nein – nichts. (Stellt sich vor Lassunsky; ungestüm.) +Michael Jefimowitsch! Wir sollten hingehen und die Kaiserin +bitten, es nicht zu tun. Haben wir ihr nicht auf den Thron +geholfen? Wir alle? Wir sind bereit, für sie zu sterben, nur +das, das eine, das nicht! Sie kann sich unsern Gründen nicht +verschließen. + + +_Lassunsky_ + +Sie wird aus deinen Gründen einen Strick für den Henker +drehen. + + +_Chidrowo_ + +Herrgott, Michael Jefimowitsch, sie ist doch eine kluge +Frau! + + +_Lassunsky_ + +Sie ist verliebt. + + +_Chidrowo_ + +Was ist denn an einem Orlow zu lieben? + + +_Lassunsky_ + +Was wir an ihm hassen. + + +_Chidrowo_ + +Sein Ehrgeiz macht ihn verrückt. + + +_Lassunsky_ + +Er ist schön, und stark wie ein Bär. + + +_Chidrowo_ + +Er hat keine Erziehung. + + +_Lassunsky_ + +Umso weniger ist er gehemmt. + + +_Chidrowo_ + +(leise durch die Zähne) + +Ich sage dir: er wird sie ermorden, so wie er den Zaren +ermordet hat. + + +_Lassunsky_ + +Dummkopf! Er war nur die Hand. Katharina ist tausendmal +schlauer als er. O, das ist ein Weib, mein Lieber, die +steckt uns alle in den Sack. + + +_Chidrowo_ + +Wo ist da die Schlauheit? Die Mariage ist projektiert. Es +muß ein Mittel gefunden werden, sie davon abzubringen. + + +_Lassunsky_ + +Du bist Soldat und mußt schweigen. + + +_Chidrowo_ + +Schweigen kostet Herzblut. + + +_Lassunsky_ + +Ich meinerseits will nicht Politik treiben, da hast du’s. + + +_Chidrowo_ + +Aber die Zähne knirschen? Das ist auch eine Art von Politik +und eine schlechte. Wie stumpf du bist! + + +_Lassunsky_ + +Stumpf? + + +_Chidrowo_ + +Oder du weißt mehr als du sagen willst. + + +_Lassunsky_ + +Wohl möglich. Vielleicht wirst du heute noch alles erfahren. + + +_Chidrowo_ + +Wie ist’s? warum wollte der Großkanzler mit Rasumowsky +verhandeln? + + +_Lassunsky_ + +Ist dir nicht bekannt, daß Alexei Grigorjewitsch heimlich +vermählt war mit der verstorbenen Kaiserin Elisabeth +Petrowna? + + +_Chidrowo_ + +Dies ist mir wohl bekannt, allein – wie hängt das zusammen? + + +_Lassunsky_ + +(sieht sich um) + +Schweig, schweig. + + +_Chidrowo_ + +Im Hause Rasumowskys sind die Wände taub. + + +_Lassunsky_ + +Nicht um die Wände handelt sich’s. (Steht auf.) Aber er! Er! +Dieser furchtlose Mann! Der furchtloseste, der in Rußland +lebt. Wie ich ihn verehre, Fedor Alexandrowitsch! Wüßtest du +wie ich ... In wunderbarer Verschwiegenheit ist er der +Geliebte einer Kaiserin gewesen. Niemals hat ihn eine Miene, +nie ein Lächeln verraten. Nie hat er Schacher getrieben mit +seinem Glück. Nie war er ungerecht. Und jetzt (schmerzlich) +jetzt soll er sich ausliefern. Weil ein Orlow mit der +Vergangenheit dieses gerechten Mannes seine Zukunft gründen +will! + + +_Chidrowo_ + +Ausliefern? Ich verstehe dich nicht, Michael Jefimowitsch. +Kein Wort verstehe ich von allem was du sagst. + + +_Lassunsky_ + +(kummervoll) + +Und er wird Grigorij Orlow empfangen. Er wird ihn einlassen, +ich weiß es. + + +_Chidrowo_ + +Du meinst, weil er sich nicht getrauen wird, den ersten +Günstling der Krone von seiner Türe zu weisen? + + +_Lassunsky_ + +Nicht deshalb, Fedor Alexandrowitsch, nicht deshalb. Sondern +eben, weil er so gerecht ist. Und wenn Orlow vor ihm steht, +dieser Sturmwind, dieser Leopard, kannst du ermessen, was +dann geschieht? Mich jammert’s, Fedor Alexandrowitsch, und +ich fühle mich machtlos. Die Dinge geschehen, und wir sind +machtlos. + + +_Chidrowo_ + +Du schwaches russisches Herz! So will ich dir sagen: +Rasumowsky wird Grigorij Orlow nicht empfangen. + + +_Lassunsky_ + +(aufmerksam) + +Schon vorhin hast du angedeutet, daß Orlow es nicht wagen +würde ... Da steckt was dahinter. + + +_Chidrowo_ + +Weißt du nicht, was sich am Ostertag auf der Morskaja +zugetragen hat? + + +_Lassunsky_ + +Kein Sterbenswort. + + +_Chidrowo_ + +Wahrlich, in unserm Leben sind die Geschehnisse wie Träume +... (Faßt sich an die Stirn.) So kurz die Zeit, so weit +entrückt. (Besinnt sich.) So war’s ... + + +_Lassunsky_ + +Erzähle, Fedor Alexandrowitsch ... mir ist jetzt selbst als +hätten sie in der Wachtstube davon berichtet. Zuviel drängt +sich in einen Tag. + + +_Chidrowo_ + +So war’s ... (Mit Gesten, als ob er auf einen Plan wiese.) +Da ist die Morskaja. Da ist die Gasse von den Kasernen. Da +ist eine enge Gasse zum Newski-Prospekt. Orlow hatte die +Regimenter Astrachan und Ingermanland zum Gehorsam +gezwungen. Mit seinen zwanzig oder dreißig Getreuesten +stürmt er zum Winterpalast, um es der Kaiserin zu melden. +Rast auf seinem Gaul an der Spitze der Schar mitten durch +die Stadt. Die Funken spritzen, das Pflaster dröhnt. So +gelangen sie auf die Morskaja. Da spielen zwei Kinder auf +der Straße, schöne, blonde Kinderchen, ein Mädchen und ein +Knabe, sitzen friedlich da und spielen. Denken offenbar, die +Reiter werden ausweichen, denn die Straße ist ja breit, und +so staunen sie dem Schauspiel entgegen und freuen sich. +Orlow aber sprengt mittenwegs auf sie zu, als könnt er +nicht, wollt er nicht aus der Bahn, zu spät rufen Leute aus +den Fenstern, strecken die Arme, zu spät erkennen die +Kleinen die Gefahr und starren, gütige Unschuld, wie wenn +ihr Schutzpatron sie geblendet hätte. Orlow fletscht die +Zähne, spornt noch das Roß, starrt gerade vor sich hin, als +sähe er nichts, Weiber kreischen, Männer stürzen aus den +Häusern ... alles umsonst, die beiden Mäuschen sind unter +den Hufen verschwunden, eh’ man’s denkt, zerrissen, +zertreten, und man schaut nur noch blutige Klumpen. + + +_Lassunsky_ + +O Menschheit! + + +_Chidrowo_ + +Im selben Augenblick kommt Alexei Rasumowsky aus der engen +Gasse, wohin die Reiter wollen, und vor der sie sich stauen +wie Wasser vor einem Wehr. Rasumowsky blickt hin über die +Luft, blickt hin auf die blutige Erde und ruft: Graf Orlow! +Orlow reißt den Zügel und hält. Die hinter ihm sind, vom +tollen Ritt noch, mit ihren Gäulen dicht an ihn gedrängt. +Ganz stille wird’s auf einmal. Graf Orlow! ruft Alexei +Grigorjewitsch und hebt den Arm, die gemordeten Seelchen +werden sich um deine Füße klammern, wenn du vor Gottes Thron +gehst. Mit nichten wirst du schreiten können, mit nichten. + + +_Lassunsky_ + +Und Orlow? hat er geantwortet? + + +_Chidrowo_ + +Nun geschah das Sonderbare. Orlow zieht den Dolch, beugt +sich vor, schließt wie im Krampf die Augen und stößt seinem +Pferd von oben her den Stahl mitten in die Brust. Während +das Tier zusammenbricht, springt er ab, geht an Rasumowsky +vorüber, grüßt ihn schweigend und setzt schweigend und +bleich seinen Weg zu Fuß fort. + + +_Lassunsky_ + +Rätselhaft. + + +_Chidrowo_ + +So hat mir’s der Hauptmann Woropanow erzählt, der an Orlows +Seite ritt. + + +_Lassunsky_ + +Was war der Zweck solcher Tat? + + +_Chidrowo_ + +Sicherlich trägt er glühenden Haß gegen Alexei +Grigorjewitsch. + + +_Lassunsky_ + +Das dünkt mich unwahrscheinlich. + + +_Chidrowo_ + +Wie ... unwahrscheinlich –? + + +_Lassunsky_ + +Es sieht wie Demut und Buße aus, was er getan. + + +_Chidrowo_ + +Hohn ist’s, sag ich dir, Hohn und Bosheit. Seine Blutgier +wollte noch ein Opfer haben. + + +_Lassunsky_ + +Warum sollt es nicht Scham und Reue gewesen sein? + + +_Chidrowo_ + +Willst du Orlow verteidigen? Schönfärben den wüsten Mord? + + +_Lassunsky_ + +Fast könnt ich Mitleid haben mit ihm. + + +_Chidrowo_ + +So seid ihr alle, lammsherzig und matt. + + +_Lassunsky_ + +Acht’ auf deine Worte. + + +_Chidrowo_ + +Acht’ du auf deine Freiheit, auf deine Männlichkeit! + + +_Lassunsky_ + +Stünden wir nicht hier, Fedor Alexandrowitsch – + + +_Chidrowo_ + +(wild) + +Hier oder anderswo. Wer gut von Orlow redet, spricht +schlecht von mir. + +(Graf Alexei Rasumowsky tritt langsam von rechts ein. Er ist +mit einem langen, schwarzen Sammetgewand bekleidet und hat +eine goldne Kette um den Hals. In der Hand trägt er die +Kasansche Bibel. Er erscheint zunächst häßlich mit seinem +eingefallenen, alten, mißtrauisch finstern Gesicht, an dem +die Backenknochen stark hervortreten und die schneeweißen +Brauen wie dicke Wülste hängen, indes der Kinnbart schütter +und zottig ist. Aber sein Wesen hat eine bewundernswerte +Würde, und wenn er, um zu schauen, die Lider hebt, was nicht +häufig geschieht, ist sein Blick strahlend rein und von +seltsamer, kindlicher Wehmut. Die beiden Offiziere wenden +sich von einander und begrüßen ihn mit schweigender tiefer +Verbeugung.) + + +_Rasumowsky_ + +Streit in meinem Hause? (Langes Schweigen.) Was ist +geschehen, Rittmeister Chidrowo, daß Ihre Augen so funkeln? + + +_Chidrowo_ + +(finster) + +Üble Neuigkeiten, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Nichts Schlimmeres in der Welt als Neuigkeiten. Weshalb sind +Sie hier, zu so früher Stunde? + + +_Chidrowo_ + +Ich sollte den Großkanzler Woronzow anmelden. + + +_Lassunsky_ + +Graf Woronzow ist auf der Fahrt hierher von Soldaten +überfallen worden. + + +_Rasumowsky_ + +Hat Rußland keinen Zaren mehr? + + +_Chidrowo_ + +Es hat eine Zarin. + + +_Rasumowsky_ + +Gott schenke ihr Weisheit. (Kopfschüttelnd.) Woronzow auf +dem Weg zu mir ... Was hat das zu bedeuten? + + +_Lassunsky_ + +Die Zarin hat den Kanzler wegen der neuen Mariage zu Euer +Erlaucht geschickt. + + +_Rasumowsky_ + +Wegen der neuen Mariage? Bin ich ein Pope? + + +_Lassunsky_ + +Der Kanzler sollte eine geheime Erkundigung einziehen. + + +_Rasumowsky_ + +(läßt sich auf dem Armsessel vor dem Kamin nieder und legt +die Bibel auf seinen Schoß) + +Das gehört auch zu den Neuigkeiten der Welt, daß mit lauter +Geheimnissen regiert wird. + + +_Lassunsky_ + +Die Sache verhält sich so, Erlaucht: Da ganz Petersburg +gegen die projektierte Heirat der Zarin mit Orlow gestimmt +ist, so hat man endlich ein Mittel gefunden, um die Geister +zu beschwichtigen, man hat auf die Ehe Euer Erlaucht mit der +verstorbenen Kaiserin Elisabeth Petrowna hingewiesen. + + +_Rasumowsky_ + +Wie? So weit hätte man sich vermessen? Und wem ist dieser +schamlose Gedanke gekommen? + + +_Lassunsky_ + +Offenbar stammt er von den Brüdern Orlow. Was ihr für +unmöglich haltet, sagten sie, ist ja schon einmal +geschehen, ohne daß die Welt eingestürzt ist. Graf +Rasumowsky ist ja da, gehen wir hin zu ihm. + + +_Chidrowo_ + +Die Narren! + + +_Rasumowsky_ + +Und was sagte die Kaiserin dazu? + + +_Lassunsky_ + +Die Kaiserin soll gesagt haben: von dieser Ehe weiß die Welt +nichts, aber wenn ihr mir den schriftlichen Beweis erbringt, +daß zwischen dem Grafen Rasumowsky und der hochseligen Zarin +eine Heirat wirklich stattgefunden hat, will ich mich fügen. + + +_Chidrowo_ + +Das hat die Kaiserin gesagt? + + +_Lassunsky_ + +Doch als die Orlows sich anheischig machten, zu Euer +Erlaucht zu gehen, wollte die Kaiserin plötzlich nichts +davon wissen. Sie gebot, daß Graf Woronzow den Auftrag +übernehmen sollte, vielleicht weil sie den Ungestüm der +Brüder Orlow fürchtete, vielleicht, weil sie in Wirklichkeit +gar nicht wünscht, was sie zu wünschen scheint. Heut um die +achte Stunde befahl der Kanzler seinen Wagen, und vor der +Kasan-Kathedrale geschah es dann – + + +_Chidrowo_ + +(am Fenster, mit ausgestreckter Hand) + +Da sind Orlows Leute! (Stimmen und Waffenlärm vor dem Haus.) + + +_Rasumowsky_ + +(steht auf) + +Und du vermutest, daß der Überfall vom Grafen Orlow +angestiftet worden ist? (Schaut gegen den Erker.) + + +_Lassunsky_ + +Ja, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +So wäre es augenscheinlich, daß Orlow dem Befehl der +Kaiserin zuwidergehandelt hat –? (Man hört heftiges Klopfen +am Tor.) + + +_Chidrowo_ + +Sie begehren Einlaß. + + +_Rasumowsky_ + +(erstaunt) + +Einlaß begehren sie? Das Tor ist offen. War’s denn nicht +auch für euch geöffnet? + + +_Lassunsky_ + +(zögernd) + +Ich habe die Tore schließen lassen. + + +_Rasumowsky_ + +Die Tore _meines_ Hauses? + + +_Chidrowo_ + +Ich denke, Erlaucht, man kann nicht mehr daran zweifeln, daß +Orlow den Kanzler überfallen ließ, um ihn dingfest zu +machen. + + +_Rasumowsky_ + +Die Tore _meines_ Hauses? (Lassunsky senkt schweigend den +Kopf.) Soll Orlow glauben, daß ich vor ihm zittere? + + +_Chidrowo_ + +Wie, Erlaucht, Sie wollen Orlow empfangen? (Erneutes Pochen +von unten.) + + +_Rasumowsky_ + +Geh, Michael Jefimowitsch, und sag, daß das Tor aufgesperrt +werde. + + +_Lassunsky_ + +(flehend) + +Erlaucht – + + +_Rasumowsky_ + +Klang es doppelzüngig, was ich gesagt? + + +_Lassunsky_ + +(geht schweigend ab –) + + +_Chidrowo_ + +(verschränkt die Arme; vor sich hin) + +Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ... + + +_Rasumowsky_ + +Eure Großmäuligkeit, was ist sie nutze? Ist euer Nein +Vernunft, euer Ja Überlegung? Ich will sehen. Sehen und +hören will ich, dazu gab mir Gott Augen und Ohren. Und wenn +ich gesehen und gehört habe, dann will ich wägen, dazu hat +mir Gott die Erfahrung eines langen Lebens zuteil werden +lassen. + + +_Lassunsky_ + +(kommt zurück) + +Major Nischinski ist es, man hat ihn vorausgesandt, um Euer +Erlaucht den Grafen Orlow zu melden. + + +_Rasumowsky_ + +Ich bin bereit. + + +_Chidrowo_ + +(noch leiser als oben) + +Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ... + + +_Lassunsky_ + +Ich sagte ihm, daß ich die Meldung übernehmen will. + + +_Rasumowsky_ + +(wie mit sich selber redend) + +In ein Antlitz zu schauen, das heißt, Entschlüsse vom +Schicksal selbst empfangen. Läufst du hinauf die steile +Bahn, Orlow, ohne daß dein Herz klopft, so will ich prüfen, +was für ein Ruf dich ereilt, was dich zaudern macht, was +dich feurig macht, was dich grausam macht, was dich weckt. +(Ekstatisch bewegt.) Nicht richten will ich, nur Werkzeug +eines Richters sein und handeln – wie ich muß. (Mit der +früheren Stimme.) Michael Jefimowitsch! + + +_Lassunsky_ + +(der das Gesicht abgewandt und die eine Hand über die Augen +gelegt hatte) + +Erlaucht –? + + +_Rasumowsky_ + +Wie geht es meiner Nichte Sofia? + + +_Lassunsky_ + +Wir erwarten täglich ihre Niederkunft, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Bete für einen Knaben. Gott schenk uns Helden. (Man hört +Schritte, Stimmengesurr, Säbelklirren.) + + +_Rodion_ + +(reißt die Türe auf, feierlich) + +Der General-Adjutant Kammerherr Graf Orlow. + + +_Orlow_ + +(tritt säbel- und sporenklirrend ein. Er trägt die Uniform +der Preobraschenskyschen Leibwachen. Seine Gestalt ist +äußerst schlank, sein Gesicht kalt, bleich, hochmütig und +etwas verwüstet. Die Züge verraten eine kaum zu bändigende +Leidenschaftlichkeit. Er weiß um seine Schönheit, ist eitel +darauf und verachtet sie zugleich. Seine Hände sind fein und +lang. Er verbeugt sich tief vor Rasumowsky, die beiden +Offiziere scheint er zu übersehen.) + +Ich komme hoffentlich nicht zu ungelegener Stunde, Graf +Alexei? + + +_Chidrowo_ + +(kaum hörbar) + +Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ... + + +_Rasumowsky_ + +Michael Jefimowitsch, du wirst die Güte haben, drüben im +gelben Zimmer zu warten. + + +_Lassunsky_ + +Wir wollen keinesfalls stören. + + +_Rasumowsky_ + +Auch Sie, Fedor Alexandrowitsch, mögen warten, wenn es Ihnen +gefällig ist. + + +_Chidrowo_ + +Wenn es erlaubt ist, will ich warten. (Ab mit Lassunsky nach +rechts.) + + +_Rasumowsky_ + +Nehmen Sie Platz, Graf Orlow. (Er setzt sich, legt die Bibel +aus der Hand.) + + +_Orlow_ + +(setzt sich gleichfalls) + +Daß ich nicht mit einer langen Vorrede lästig falle, +Erlaucht: Wie Ihnen bekannt sein dürfte, hat sich Ihre +Majestät, die Kaiserin, entschlossen zu heiraten. + + +_Rasumowsky_ + +(bedächtig) + +Wieder zu heiraten. + + +_Orlow_ + +Zar Peter ist tot. + + +_Rasumowsky_ + +Doch war er gekrönter und gesalbter Zar von Rußland. + + +_Orlow_ + +Ihm folgte von Gottes Gnaden Katharina. + + +_Rasumowsky_ + +Ich unterwerfe mich demütig ihrem mächtigen Willen. + + +_Orlow_ + +Ihre erhabene Majestät hat ihr Herz an einen Unwürdigen +verschenkt, den sie aus dem Staub zu sich auf den Thron +erheben will. Dieser Unwürdige befindet sich vor Ihnen, +Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Und schaudert Ihnen nicht vor solcher Erhebung, Graf Orlow? +Daß Sie mit Worten der Bescheidenheit davon sprechen, steht +Ihnen wohl an. Ich hatte es nicht erwartet. + + +_Orlow_ + +Daß ich endlich einen Mann finde, dem ich mein volles und +bedrücktes Gemüt eröffnen kann! (Emphatisch.) Warum hat uns +das Geschick nicht früher einander näher kommen lassen! + + +_Rasumowsky_ + +Mein Los ist Einsamkeit seit langem, Graf Orlow. Fast kenne +ich die Welt nicht mehr, und fremd ist mir geworden, was +sich außerhalb dieser Schwelle begibt. + + +_Orlow_ + +So dacht ich mir’s, Erlaucht, und nur mit frommen +Empfindungen bin ich genaht. + + +_Rasumowsky_ + +Unheilig war stets, was mir von draußen kam, das ist wahr. +Doch liebe ich die Jugend, wenn schon vieles mir unbegreiflich +an ihr ist. + + +_Orlow_ + +(geschmeidig und beredt) + +Wie Sie leicht ermessen können, Erlaucht, begegnet die edle +Absicht der Kaiserin dem Widerstand aller Großen des Reichs. +Man beneidet mich, man legt mir Fallstricke, man zettelt +Verschwörungen an, ja man schreckt nicht vor offenbaren +Beleidigungen zurück, denen mein Gleichmut unmöglich +gewachsen ist. + + +_Rasumowsky_ + +Ja, ja, ja. Es ist geblieben, wie es immer war. + + +_Orlow_ + +Ich habe mich beherrschen gelernt, Erlaucht. Mein Vater hat +mich in Demut und Gehorsam erzogen. Niemals, in meinen +verwegensten Träumen nicht, konnte ich ahnen, daß der Blick +meiner gnädigen Herrscherin auf mich fallen würde. Wer kann +es mir verargen, Erlaucht, daß mein ganzes Blut sich in +Hingebung für diese Frau entflammte, daß ich bereit bin, +meine Seligkeit für sie zu opfern, daß mir nichts mühevoll, +nichts unerreichbar mehr erscheint, seitdem sie mich erwählt +hat? + + +_Rasumowsky_ + +Wohl kann ich dies verstehen, Graf Orlow. + + +_Orlow_ + +(schwärmerisch) + +O, ich wußte es, Erlaucht, ich wußte es. Dank, allen Dank +meines armen Herzens. + + +_Rasumowsky_ + +Ein Herz wie das Ihre ist nicht arm, Graf Orlow. + + +_Orlow_ + +Doch scheint mir’s so in Ihrer Nähe. Aber hören Sie weiter, +Erlaucht. Vor wenigen Tagen wurde die Zarin, deren Geist in +quälender Unschlüssigkeit irgend einen Weg suchte, von einem +ruchlosen Ratgeber auf Ihre Ehe – + + +_Rasumowsky_ + +(unterbricht hastig) + +Ich weiß, ich weiß ... + + +_Orlow_ + +Sie wissen, Erlaucht? Ich atme auf. Dies mindert die +Schwierigkeit meiner Sendung. + + +_Rasumowsky_ + +Ich bin erstaunt, daß Ihre Majestät ein solches Mittel nötig +zu haben glaubt. Jede Handlung ist gerechtfertigt, die sie +gutheißt. + + +_Orlow_ + +Ganz meine Meinung, Erlaucht. Aber Katharina ist +gewissenhaft und dankbar, zwei Eigenschaften, die den +Fürsten das Regieren erschweren. + + +_Rasumowsky_ + +Und Ihre Mission ist also – + + +_Orlow_ + +Der Plan war, den Großkanzler zu schicken – + + +_Rasumowsky_ + +(nickt) + +Auch dies ist mir bekannt. + + +_Orlow_ + +Ich wollte es um jeden Preis verhindern, selbst auf die +Gefahr, ungehorsam gegen meine Wohltäterin zu sein. Der +Kanzler Woronzow ist ein vortrefflicher Diener, aber er ist +nur ein Diener. Seine Rauheit, sein mürrisches Wesen, seine +Unfähigkeit, zarte Dinge zart zu packen, hätte Sie unbedingt +verletzt, Graf Alexei. Ich begriff das Ungeheuerliche des +Auftrags wie die Delikatesse, mit der er behandelt werden +mußte, vom ersten Augenblick an. Ich habe tief mit Ihnen +gefühlt, Erlaucht, ich fürchtete die Dazwischenkunft des +Kanzlers, und – ich habe ihn gefangen setzen lassen. + + +_Rasumowsky_ + +Was Sie getan haben, ist höchst tadelnswert, Graf Orlow, +doch kann ich dem Edelmut, der Sie antrieb, meine +Bewunderung und meinen Dank nicht versagen. + + +_Orlow_ + +Und so bin ich gekommen – (zaudert.) + + +_Rasumowsky_ + +Gekommen –? + + +_Orlow_ + +(leise, als schäme er sich) + +Sie um die Dokumente Ihrer Ehe mit der Zarin Elisabeth +Petrowna zu bitten. + + +_Rasumowsky_ + +Mein Erstaunen wächst, Graf Orlow. Wie kann man mit einer +Tatsache rechnen, mit der die Öffentlichkeit niemals +behelligt worden ist, die niemals zugegeben worden ist und +die daher niemals Gegenstand weder einer politischen, noch +einer privaten Aktion werden kann? + + +_Orlow_ + +Ich ehre diese Entrüstung, Erlaucht, und finde sie gerecht. +Aber es gibt Dinge, die so lange verschwiegen werden bis +jedes Kind um sie weiß. + + +_Rasumowsky_ + +Wahrlich, was Sie da sagen, betrübt mich aufs äußerste, Graf +Orlow. Mir ist, als sei ich bestohlen worden. Mir ist, als +hätte man meine Brust durchwühlt, um ihr das Teuerste zu +rauben, und als riefe man mir zu: du bewahrst es umsonst, +denn die Hunde beschnüffeln es schon wie ein Aas. + + +_Orlow_ + +Schwer wird es mir, Ihnen zu widersprechen, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Und wenn ich nun antworten würde: eine Ehe zwischen mir und +der hochseligen Herrin Elisabeth Petrowna hat niemals +stattgefunden? + + +_Orlow_ + +(beißt sich auf die Lippen; dann gleißnerisch) + +So würde ich Ihre Beweggründe zu erforschen suchen. + + +_Rasumowsky_ + +Wenn ich Ihnen versichern würde, daß ich keine Dokumente +besitze –? Wie, Graf Orlow? + + +_Orlow_ + +(düster) + +Sie würden damit mein Leben zerstören, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Und wenn ich den Besitz der Dokumente zugebe, warum soll ich +sie ausliefern? Was könnte mich veranlassen, ein Jahr um +Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt gehaltenes Übereinkommen +schmählich zu verletzen? Nur weil ein Jüngling, den die +Jugend begehrlich und begehrenswert macht, in meinen Frieden +tritt und die Hand ausstreckt nach meinem Gut? + + +_Orlow_ + +Es ist nichts in Ihren Worten, Alexei Grigorjewitsch, was +ich mir nicht auch selbst schon ins Gewissen gerufen hätte. +Doch erwägen Sie, Erlaucht: mein Glück ist auch das Glück +der Kaiserin. + + +_Rasumowsky_ + +Ich werfe mich in den Staub vor Ihrer Majestät, aber sie +hat keine Macht über die Geheimnisse meiner Seele. + + +_Orlow_ + +So flehe ich, Erlaucht, um Ihr Vertrauen ... + + +_Rasumowsky_ + +Mein Vertrauen zu den Menschen ist so gering, Graf Orlow, +daß jeder Appell daran verschwendet ist. Ich habe zu viele +Worte gehört und zu viele Taten gesehen. Ich bin meiner +selbst kaum gewiß, um wie viel weniger eines andern. Ein +Ozean von Geschwätz ertränkt die edelste Handlung, und die +niedrigste versteckt sich nicht mehr, wenn ihr ein Vorteil +winkt. + + +_Orlow_ + +Bedenken Sie, Alexei Grigorjewitsch, ein Mann, für den so +Ungeheueres sich entscheiden soll, muß ein Verworfener +werden, wenn es mißlingt. + + +_Rasumowsky_ + +Also ist es nur der Erfolg, der tugendhaft macht? + + +_Orlow_ + +Ein Held jedoch, wenn er ans Ziel gelangt. + + +_Rasumowsky_ + +Ein Held? Könnt ich dies glauben, Graf Orlow, dann! ja dann! +Aber ich kann es nicht glauben. (Feierlich.) Zwei +unschuldig Zertretene wehren mir’s. + + +_Orlow_ + +Viel Blut liegt auf dem Weg der Helden, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Blut von Kindern? + + +_Orlow_ + +Macht löscht den Makel aus. + + +_Rasumowsky_ + +(betroffen) + +Furchtbares Wort! + + +_Orlow_ + +(erkennt seinen Fehler, einlenkend) + +Als ich heranritt, Erlaucht, ich war betrunken von Freude; +ich hatte die unheilvollste Meuterei erstickt, Rebellen +hatte ich meiner Gebieterin in Anhänger auf Tod und Leben +verwandelt, die Wirklichkeit zerrann mir vor den Augen, ich +sah kein Hindernis mehr ... und als es geschehen war, hab +ich nicht Buße getan vor allem Volk? + + +_Rasumowsky_ + +Doch haben Sie dem Volk eine unheilbare Wunde geschlagen. + + +_Orlow_ + +(mit dem letzten Aufwand seiner gleißnerischen +Beredtsamkeit) + +Als ich zwölf Jahre alt war, Erlaucht, trieb mich mein +Vater mit der Peitsche vom Hof, weil ich für einen +Leibeigenen, der die Todesstrafe erleiden sollte, um Gnade +gebeten hatte. Ich liebe unser Volk. Ich weiß, wie sie +leben, wie sie schmachten, wie sie Unrecht leiden, wie sie +stumm sind, wie sie ihre Hoffnung unermüdlich von Jahr zu +Jahr tragen, wie sie in ihrer Not die Herren preisen, die +mit den Früchten ihrer Arbeit Feste feiern, und wie sie auf +den warten, der sie erlösen wird. Ich weiß es und will ihrer +nicht vergessen. + + +_Rasumowsky_ + +Ist mir doch, als ob ich Glocken hörte aus einem versunkenen +Land, Graf Orlow. (Er steht versunken, von Orlow gespannt +beobachtet; wie zu sich selbst) Ist es Rausch? oder Wahn? +oder blinde Sucht der Jugend? Leidenschaft macht beredt den, +der sie hegt, und stumm den, der sie begreift. (Laut) Sie +führen eine ungewöhnliche Sprache, Graf Orlow, die mich irre +werden läßt an meinem Vorsatz. + + +_Orlow_ + +Ich danke Ihnen, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +(geht zur Wand, wo er neben dem Kamin auf eine geheime Feder +in der Täfelung drückt. Ein Türchen springt auf. Er +entnimmt dem Schrein eine goldene Kassette, die er öffnet +und einige in roten Atlas eingeschlagene vergilbte Papiere +herauszieht) + +Sieh da, wie viel Staub darauf liegt ... (Er stellt das +Kästchen beiseite) Staub ... Staub. Pulver der +Vergessenheit. Überreste von Träumen. (Er legt den Atlas in +das Kästchen zurück und liest das oberste Papier aufmerksam +durch.) + + +_Orlow_ + +(der sich am Ziel glaubt) + +Väterchen Alexei Grigorjewitsch! (Er sinkt auf die Kniee.) + + +_Rasumowsky_ + +(ergriffen und ganz in die Vergangenheit verloren) + +Frühling und Sommer meines Lebens! (Er küßt die Papiere und +erhebt, sich bekreuzigend, die Blicke nach oben.) + + +_Orlow_ + +(packt in seiner Erregung mit beiden Händen die Papiere) + +Geben Sie, Alexei Grigorjewitsch –! + + +_Rasumowsky_ + +(erschrocken) + +Was für ein Ungestüm, Graf Orlow! + + +_Orlow_ + +(fast mit Wildheit, drohend) + +Ich kniee vor Ihnen, Alexei Grigorjewitsch! + + +_Rasumowsky_ + +(beugt sich ein wenig vor und starrt in Orlows Gesicht) + +Die Augen ... die Augen ... + + +_Orlow_ + +(springt empor) + +Wollen Sie mich auf die Folter spannen, Graf Alexei? Ich +ertrag’s nicht länger. + + +_Rasumowsky_ + +(kopfschüttelnd) + +Ei, es ist eine ganz andere Stimme, die jetzt zu mir +spricht. + + +_Orlow_ + +Genug gesäuselt. + + +_Rasumowsky_ + +Also nur Verstellung? Und so schlecht verstellt? So schnell +überdrüssig der Verstellung? + + +_Orlow_ + +Wollen Sie mir den Köder nur vorsetzen, um mich zappeln zu +lassen? + + +_Rasumowsky_ + +Ach, Sie zeigen zu früh Ihr wahres Gesicht, Graf Orlow. + + +_Orlow_ + +Ich habe viele Gesichter, warum soll dies gerade mein wahres +sein. Wozu das Getändel? Zu Großes liegt vor mir. (Er zeigt +seine weißen Zähne, während sich die Worte stürmisch +ergießen.) Von unten heraufgestiegen, wo die Sklaven wohnen, +begrüßt mich endlich das Licht, und Welt und Kreatur +schreit: Herr! Herr! Gnade! Gnade! Ja, Herr will ich sein +und Gnade soll von mir träufeln für alle, die sich bücken. +Wollust, zu befehlen, und mit einem Atemzug die Mächtigsten +zum Schweigen bringen! Alles unter mir sehen, was jetzt noch +verführerisch lockt, aus der Enge heraus, wo man horchen +muß, ehe man spricht, und rechnen, bevor man zahlt. Ohne +Bedachtsamkeit leben, planen ohne Angst und Maß! Unten +gehört alles auch dem Nachbarn, was mir gehört, oben bin ich +allein und fürchte keine Grenze. Keine Grenze fürchten, das +ist’s. Mit seinem Willen allein sein, frei mit jeder Tat und +doch der Richtpunkt aller Aufmerksamen. Ein Reich übersehen, +den Arm von Ozean zu Ozean strecken, die Willfährigen mit +Provinzen lohnen, die Unzufriedenen hinschmettern, – und +eine Kaiserin umschlingen, eine Kaiserin, in den Mienen +einer Kaiserin Unterwerfung lesen, – das ist mein Spiel, +Alexei Grigorjewitsch! Die Würfel liegen zwischen uns. +Werfen Sie jetzt und zählen wir die Augen. + + +_Rasumowsky_ + +(kalt) + +So spricht ein Spieler. Im Würfelspiel mögen Sie gewinnen, +Graf Orlow, im Schicksalsspiel nicht. + + +_Orlow_ + +Auch das Schicksal kann man zwingen, alter Mann. + + +_Rasumowsky_ + +Wie den Teufel in der eigenen Brust. + + +_Orlow_ + +Wer würde anders handeln an meiner Stelle? Nur wenn ich +zaudere, verliere ich. + + +_Rasumowsky_ + +Und Gott soll mit bei diesem ... Spiele sein? + + +_Orlow_ + +Gott ist auf meiner Seite, weil ich will. Ich fühle die +Bestimmung. + + +_Rasumowsky_ + +Über Blutbestimmung und Gottes Wahl läßt sich nicht rechten. + + +_Orlow_ + +Lügendunst! Zar Peter war ein Narr, ein Verräter, Affe des +Preußenkönigs, ein Schwächling. Herrliche Bestimmung! + + +_Rasumowsky_ + +Besser ein Schwächling als ein gewissenloser Emporkömmling. + + +_Orlow_ + +(hochmütig) + +Die Brücke zwischen uns fängt an zu krachen, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +So mag sie bersten. + + +_Orlow_ + +Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren. + + +_Rasumowsky_ + +Doch die Zeit wird Sie auffressen. + + +_Orlow_ + +Jetzt, da Sie mich überzeugt haben, daß Sie die Dokumente +besitzen und sie in Ihrer Hand halten, kann ich Sie zwingen, +Alexei Grigorjewitsch. + + +_Rasumowsky_ + +Sie wollen damit sagen, daß Ihre Helfershelfer mein Haus +umstellt halten? + + +_Orlow_ + +Leute, die mir blindlings ergeben sind, ja. + + +_Rasumowsky_ + +Und wozu ich mich freiwillig nicht mehr entschließen würde, +das glauben Sie mit Gewalt durchsetzen zu können. Mit +eigener Faust oder mit dem Beistand fremder Fäuste. + + +_Orlow_ + +Wenn Sie mich zu dieser Notwendigkeit drängen, – ja. Ich +kann nicht zurück. Ich kann nur vorwärts. + + +_Rasumowsky_ + +Bis zum Abgrund. – Sie vergessen nur eines, Graf Orlow. +Sobald Ihre Leute diese Schwelle übertreten, oder sobald Sie +selbst, von dieser Sekunde ab, eine Bewegung machen, die auf +Gewalttat zielt, fallen die Dokumente hier in das Feuer. Sie +sehen, es brennt loh genug, um ein paar Papiere rasch +verzehren zu können. (Pause. Beide blicken einander +schweigend ins Gesicht.) + + +_Orlow_ + +(mit verschränkten Armen) + +So also steht es. + + +_Rasumowsky_ + +Ja. + + +_Orlow_ + +(langsam und mit Nachdruck) + +Eines noch, Alexei Grigorjewitsch: ich könnte Sie belohnen, +wie nie ein Sterblicher belohnt worden ist. + + +_Rasumowsky_ + +Lohn? Für mich? Welchen Lohn? Reichtum? Paläste? Titel und +Würden? Für mich? + + +_Orlow_ + +(wie oben) + +Wenn auch nicht für Sie, Erlaucht, so doch für einen +Knaben ... + + +_Rasumowsky_ + +Einen Knaben –? + + +_Orlow_ + +Für Iwan, den Sohn Rasumowskys und der Kaiserin Elisabeth. + + +_Rasumowsky_ + +(schwankt einen Augenblick, hält sich am Rand des Sessels, +sinkt dann darauf nieder). + + +_Orlow_ + +Der Pope Maximow hat mich zu ihm geführt. + + +_Rasumowsky_ + +Möge Gott ihm verzeihen. Es gibt keine Treue mehr. + + +_Orlow_ + +Fürchten Sie nichts mehr von der verräterischen +Geschwätzigkeit dieses Priesters, Erlaucht. Ich habe dafür +gesorgt, daß seine Zunge keinen Schaden mehr stiftet. Sie +und ich, wir sind die beiden einzigen Menschen auf Erden, +die um Iwan wissen ... + + +_Rasumowsky_ + +(dumpf) + +Einer zu viel, Graf Orlow. + + +_Orlow_ + +Ich habe den Knaben gesehn. Es war eine weite Fahrt auf das +Gut Domnina im Epifanskischen Kreis. Ein schöner, blonder +Knabe. Welche Einsamkeit für einen Vierzehnjährigen. Wie +durstig er in die Ferne blickte! Er wußte nichts von Vater +und Mutter, die Leute, bei denen er ist, halten ihn für den +Sohn von Euer Erlaucht verstorbenem Bruder. Er ahnt nicht, +welche Versprechungen das Leben ihm schenken könnte, und wer +nur sein Gesicht sieht (deutet auf das Bild der Kaiserin +Elisabeth), braucht keinen andern Beweis seiner Abkunft. +Grausam schien es mir, die junge Blüte in der Steppenwüste +verkommen zu lassen. Ich habe ihn über seine Geburt +aufgeklärt. + + +_Rasumowsky_ + +(springt auf) + +Das haben Sie getan? + + +_Orlow_ + +Ich habe es getan. + + +_Rasumowsky_ + +(sinkt wieder auf den Sessel, umklammert krampfhaft die +Dokumente vor der Brust.) + +Großer Himmel! Sie hatten kein Mitleid mit dem arglos +spielenden Geschöpf? Frevlerisch das Gift des Ehrgeizes und +der ungenügenden Begierde in die junge Brust versenkt! +Fruchtlose Erwartungen geweckt, die ein gläubiges Gemüt +zerfleischen müssen! So war meine Entbehrung vergeblich, +vergeblich, daß ich mein Herz von ihm entwöhnt habe, +vergeblich das Opfer, vergeblich der Gram der Mutter, alles +vergeblich! + + +_Orlow_ + +(mit leisem Spott) + +Ist es nicht besser, wenn der Wissende sich bescheidet, als +wenn der Getäuschte verkommt? + + +_Rasumowsky_ + +(die Worte tief aus seiner Brust ringend) + +Zweiunddreißig Jahre, Graf Orlow, war ich mit Elisabeth +Petrowna verbunden. Sie war eine musterhafte Christin und +eine zärtliche Mutter Millionen Volks. Auch mich liebte sie, +doch schien es mir so überflüssig wie sündhaft, meinen +Ehrgeiz über das Maß dessen zu erheben, was sie mir als Weib +gewähren konnte. Niemals in zweiunddreißig Jahren ist die +Versuchung über mich gekommen, den geheiligten Glanz der +Majestät für mich zu erborgen. _Sie_ war auserwählt zu +herrschen. Von den Ahnen her war ihr die Gnade verliehen. +Woran soll das Volk glauben, diese Zahllosen, von denen wir +keine Namen wissen und die nur aufblicken in ihrer +Verlassenheit, um nach dem gottbestimmten Führer zu suchen, +woran sollen sie denn glauben, wenn nicht an das Mysterium, +das um eine Krone webt? Das ist ja ihr Märchen, die +Botschaft, das Gesetz! Gesalbtes Haupt weiht das Diadem, +königliches Blut rauscht vom Vater zum Sohn, vom Gatten zur +Gattin, von Geschlecht zu Geschlecht. Raubt ihnen diesen +Glauben, und ihr stürzt sie in Gemeinheit und Verzweiflung, +die Welt steht da, ohne Ordnung, ohne Herrn. (Er erhebt +sich, bewegt.) Wenn es ein Verdienst in meinem Leben gibt, +Graf Orlow, so ist es das eine, daß ich die Kaiserin zu +überzeugen vermochte, unsere Ehe, für die sie den Segen der +Kirche gewünscht hatte, müsse ein Geheimnis für das Volk +bleiben. Und so wurde Iwan fern vom Hof und fern von den +Menschen erzogen, denn es ziemt sich nicht für den +Halbgebürtigen, von einem Thron auch nur zu träumen. + + +_Orlow_ + +Phantome, Erlaucht, Phantome! Die Zeit hat sich verändert. +Es handelt sich nicht um die Gnade, es handelt sich um die +Kraft. + + +_Rasumowsky_ + +Ich bin kein Starrkopf, Graf Orlow, nicht einer, der +denkfaul an Vergangenem hängt. Ich kenne die Zeit. Vieles +tragen die Eimer des Jahres herauf aus dem dunklen Schacht, +und wer wirklich lebt, wandelt sich mit jedem Becher, den er +an die Lippen führt. Das Blut wird auch in alten Körpern +neu. War ich nicht bereit, Graf Orlow? Ich war bereit, mehr +kann ich nicht sagen. Aber ich bin gewohnt, in Menschenaugen +zu lesen, und mehr noch auf den Stirnen, Graf, auf den +Stirnen. Sie sind so unbehütet, die Stirnen; man kann sie +eine Walstatt der Dämonen nennen. (Den Arm mit +ausgestrecktem Finger gegen Orlow, stark.) Ich sehe +Schicksale auf dieser Stirn, die ungeboren bleiben sollten. + + +_Orlow_ + +Alexei Grigorjewitsch! Nicht auf meiner Stirn, – in Ihrer +Hand liegt jetzt ein Schicksal. Iwan ist in meiner Gewalt. + + +_Rasumowsky_ + +(scheu) + +Iwan ... ist ... + + +_Orlow_ + +In meiner Gewalt und nur mir erreichbar. + + +_Rasumowsky_ + +(mit weiten Augen) + +Sie wollen damit sagen: um Iwan ist’s geschehen, wenn ich +mich weigere ... + + +_Orlow_ + +Vielleicht ist es das, was ich sagen will. + + +_Rasumowsky_ + +(nähert sich Orlow mit gebeugtem Oberkörper und mit der +Unterwürfigkeit eines Bauern, hält ihm mit beiden Händen die +Dokumente hin) + +Nehmen Sie, Graf Orlow ... + + +_Orlow_ + +(etwas überrascht von dem schnellen Erfolg, greift nach den +Papieren). + + +_Rasumowsky_ + +(demütig) + +Nicht weil ich für Iwan fürchte, Graf Orlow ... nicht weil +ich mir sein Leben erkaufen will, ... nicht deshalb, Graf +Orlow, nicht deshalb ... + + +_Orlow_ + +(hält die Papiere fest, mit finsterem Trotz) + +Es wäre auch zu spät, Alexei Grigorjewitsch, Sie retten Iwan +damit nicht. Er war zu gefährlich, als er seine Abstammung +kannte. Er weilt nicht mehr unter den Lebenden. + + +_Rasumowsky_ + +(schmerzvoll) + +Gott, dein Wille geschehe! Ich habe es geahnt! + + +_Orlow_ + +Und Sie geben mir trotzdem diese Papiere –? + + +_Rasumowsky_ + +(mit der Hoheit des Grames) + +Ja, Graf Orlow! Ein Mann, der zu solchen Mitteln greift, den +muß die eigene Tat vernichten. Und wenn es die Krone selbst +wäre, sie hätte kein Gewicht mehr, wenn Sie sie halten. +Nichts ... ein Schemen, ein Scheinbild. Nichts. Zeigen Sie +die Dokumente der Kaiserin. + + +_Orlow_ + +(brütend) + +Darum also ... Es ist zu viel ... (als wöge er die Papiere) +es scheint mir zu viel Erniedrigung für das gewährte +Almosen. Bin ich denn ein Bettler? Soll es einen Menschen +geben, der mich _so_ einschätzen darf? (Aufflammend.) Nein, +nein, nein! Die Schmähung greift ans Herz. Wenn ich diesem +erbettelten, erschlichenen Wisch alles verdanken müßte, was +mir das Leben gewähren soll, es fräße mir das Mark der Tat +aus den Knochen. Ein Orlow, der alles Heil auf den Inhalt +einiger vergilbter Papiere gründet? Bin ich verloren ohne +diese Fetzen, so wie ich jetzt besudelt bin, wenn ich sie +als billige Trophäe vor die Augen Katharinas bringe? Nein, +Alexei Grigorjewitsch, nein! Die Genugtuung, daß es von +Ihrer Gnade abhängig war, Rußland einen Zaren zu geben, kann +ich Ihnen nicht überlassen. Jede Gegenwart wäre mir +vergällt, und um Ihnen den Beweis zu liefern, daß ich diese +Gnade verschmähe, daß ich sie verachte, nur darum tu’ ich, +was ich tue! (Er eilt zum Kamin und wirft die Dokumente ins +Feuer.) + + +_Rasumowsky_ + +(mit seltsam entzückter, schreiender Stimme, die zugleich +etwas wie physischen Schmerz enthält) + +Ein Gottesurteil! Ein Gottesurteil! + +(Durch Rasumowskys Schrei alarmiert, kommen Lassunsky und +Chidrowo mit bestürzten Mienen.) + + +_Lassunsky_ + +(bleibt unter der aufgerissenen Türe stehen, hastig) + +Was ist geschehen, Erlaucht? + + +_Chidrowo_ + +(tritt vor, zieht den Degen) + +Wir werden Sie schützen, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +(ohne sie zu beachten) + +So hat eine höhere Macht Ihren Arm gelenkt, Graf Orlow, und +Sie haben nur den Beweis geliefert, daß es keinen Weg gibt +aus Ihrer Menschentiefe zum Licht der Majestät. (Er bückt +sich, als ob er bete.) + + +_Lassunsky_ + +(drängend) + +Erlaucht ... die Blässe Ihres Gesichts ... Sie sind +krank ... + + +_Rasumowsky_ + +(immer gebückt) + +Ehrfurcht! Der Engel des Schicksals schwebt über uns! + + +_Orlow_ + +(reißt sich vom Anblick des Feuers los) + +Verbrannt ... (Unheilvoll.) Und nun sei auch verbrannt alle +Milde, vergessen alles Zögern feiger Rücksicht und wer mich +aufhält, meinen Schritt oder den Schritt meines Pferdes, der +möge zittern! + + +_Rasumowsky_ + +Verwirkt! Verwirkt! Wir wollen zittern, aber der Spruch ist +gefallen. + + +_Chidrowo_ + +(fast jubelnd) + +Gerettet, Mütterchen Rußland, gerettet! + + +_Orlow_ + +(im Abgehen) + +Hütet euch! + + +_Rasumowsky_ + +(richtet sich wieder empor) + +_Ich bin_ in meiner Hut, denn ich fürchte die Menschen nicht +mehr. + +(Vorhang) + + + + +Gentz und Fanny Elßler + + +Personen: + + Friedrich von Gentz, Hofrat + Felix Graf Reitzenstein + Fanny Elßler + Jean ) + Martin } Diener bei Gentz + Franz ) + Lieferanten, Geldleute usw. + +Spielt in Wien, Herbst 1830 + + +Ein Zimmer der Villa Gentz in Weinhaus bei Wien. Kostbare +Empiremöbel, Nippsachen, Kunstwerke, geblümte Tapeten. Auf +einer Kommode stehen zwei Glasglocken mit eingemachten +Früchten zum Naschen. Vom Kamin leuchtet eine goldene +Stehuhr. Im Hintergrund zwei Fenster, zwischen ihnen eine +hohe Glastüre in den Garten. Links Türe zum Vorzimmer, +rechts in das Ankleidezimmer des Hofrats; diese Tür ist +offen. + +Hinter der Türe links wird lebhaft gesprochen. Gleich darauf +_Jean_, livrierter Diener, von links durch das Zimmer nach +rechts ab. Die Türe links wird geöffnet, und ein dicker Jude +will herein, _Martin_, ein zweiter livrierter Diener, der im +Zimmer damit beschäftigt ist, frisches Wasser in +blumengefüllte Vasen zu gießen, eilt hin und schlägt dem +Eindringling die Tür vor der Nase zu. Protestierende Rufe +von draußen. _Martin_ steht Wache. + + +_Gentzens Stimme_ + +(von rechts) + +Was erfrecht Er sich? Ich zahle nicht. Übermorgen. Die +Schufte sollen Geduld haben. + + +_Jean_ + +(eilig wieder von rechts nach links ab). + + +_Gentzens Stimme_ + +Die geblümte Weste! Die geblümte! + + +_Lebhafte Stimmen_ + +(hinter der Türe links). + + +_Jean_ + +(kommt abermals mit verzweifelter Miene nach rechts). + + +_Martin_ + +(hält die Türklinke). + + +_Stimme Jeans_ + +Der Weinlieferant und der Parfümeur wollen partout mit dem +Herrn Hofrat selber sprechen. + + +_Gentzens Stimme_ + +Ach was, Er Esel, Er hat ja gar keine Schneid. – Die Ringe, +Franz. Jetzt lauf Er zum Gärtner wegen frischer Blumen. + + +_Franz_ + +(ein alter Diener, durch die Mitte ab in den Garten.) + +(Gleich darauf) + + +_Gentz_ + +(Mann von fünfundsechzig Jahren. Hohe schlanke Gestalt. Er +hat einen müden, etwas gebückten Gang. Sein Gesicht ist +höchst geistreich, die ganze Physiognomie hat einen feinen, +lebhaften und verführerischen Ausdruck, und der Blick ist +von intensiver Kraft. Kinn und Unterkiefer sind etwas +schwer, um den Feinschmeckermund liegt bisweilen ein +trauriger, bisweilen ein zynischer Zug. Er ist nach der +letzten Mode gekleidet: brauner, langer Rock, gestickte +Weste, Vatermörder, schwarze Binde) + +War schon jemand vom Fürsten Metternich da? + + +_Martin_ + +Niemand, Herr Hofrat. + + +_Gentz_ + +(nach links ab, die Türe bleibt halb offen). + + +_Stimmen der Lieferanten_ + +Küß die Hand, Herr Hofrat! – Wünsch guten Morgen, Herr +Hofrat! – Küß die Hand, Euer Gnaden. + + +_Gentzens Stimme_ + +Also, was soll’s – Was belästigt ihr mich? + + +_Stimme des Parfümeurs_ + +Halten zu Gnaden, Herr Hofrat, hab für siebenundachtzig +Gulden Kölnisch Wasser geliefert. + + +_Stimme des Weinhändlers_ + +Ich für dreihundertzwanzig Gulden Sekt. + + +_Gentzens Stimme_ + +Geduld, ihr Leute. Morgen schick ich zum Rothschild hin. Der +Rothschild zahlt alles, das wißt ihr doch. Jetzt schert euch +friedlich nach Hause. (Er tritt ins Zimmer zurück, der dicke +Jude folgt ihm.) + + +_Jude_ + +Euer Exzellenz, der Wechsel ist schon emal prolongiert. + + +_Gentz_ + +Fort, fort, fort! + + +_Der Schneider_ + +(hat sich schüchtern nachgedrängt) + +Ich freu mich, daß der Herr Hofrat so gut ausschaut. + + +_Gentz_ + +Keine Konfidenzen! Ich hab’ gern, wenn Lieferanten was +liefern. Konfidenzen sind mir verhaßt. – Hat der Gärtner +schon was wegen der Rosen gemeldet? + + +_Martin_ + +Nein, Herr Hofrat. + + +_Gentz_ + +Ich will mal selber mit ihm reden. Wenn er frische Rosen +hat, ist es besser, sie erst am Stock zu sehen. (Durch die +Mitte ab.) + + +_Der Schneider_ + +Herr Hofrat! – + + +_Jean_ + +Na, was gibt’s denn noch? Er hat doch gehört, daß wir heut +nicht bei Kassa sind. + + +_Der Schneider_ + +Morgen ist die Trauung von meiner Tochter, und wenn mir halt +der Herr Hofrat zwanzig Gulden geben tät ... + + +_Jean_ + +Laßt eure Töchter im ledigen Stand, wenn ihr kein Geld +habt’s. + + +_Martin_ + +(verächtlich) + +Heiraten! Alle gemeinen Leute heiraten beständig. + + +_Jean_ + +Und jetzt allons! marsch! (Nimmt den Besen.) Hinaus! Es wird +gelüftet. + + +_Der Jude_ + +Was wird sein? Wer ich den Wechsel zu Protest bringen. (Ab, +desgleichen der Schneider, die Stimmen draußen verlieren +sich.) + + +_Martin_ + +Was macht er denn heut für an Kramuri, der Hofrat? + + +_Jean_ + +Die Fanny war doch drei Tag am Land bei ihrer Schwester. + + +_Martin_ + +Ah so. Froher Empfang nach schmerzlicher Trennung. + + +_Jean_ + +Zu Mittag kommt s’ mit der Extrapost, die Fanny. + + +_Martin_ + +Fahr’n jetzt die vom Theater auch schon mit der Extrapost? + + +_Jean_ + +Die Fanny is was man eine bessere Tänzerin heißt. Hast es +schon tanzen seh’n am Kärntnertor? Die Leut’ soll’n sich die +Haxen abtreten hab’n. + + +_Martin_ + +(düster) + +Der Hofrat g’fallt mir gar nicht mit seiner Verliebtheit. +Das is ja schon ganz außer der Normalität. Wenn’s nur keine +Mesallianz gibt. + + +_Gentz_ + +(vom Garten, zwei Burschen folgen ihm, die einen kupfernen, +mit Rosen gefüllten Kessel tragen.) + +Dorthin, ins Eck, ... auf die Säule. + + +_Franz_ + +(von links) + +Herr Graf Reitzenstein. (Ab, auch Jean und Martin, die +Gärtnerburschen durch die Mitte ab.) + + +_Gentz_ + +(zur Tür) + +Guten Morgen, lieber Felix. Ein schöner Herbsttag heute, +warm wie im August. + + +_Graf Reitzenstein_ + +(fünfundzwanzig Jahre, elegante Erscheinung; er ist ein +wenig Poet, und in seinen Zügen drückt sich die Schwärmerei +eines vornehmen Müßiggängers aus, dessen Lieblingsautor Lord +Byron ist) + +Guten Morgen, Gentz. Wissen Sie, daß Fanny schon aus der +Brühl zurück ist. + + +_Gentz_ + +Wie, schon zurück? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich habe sie vor einer halben Stunde mit Stuhlmüller beim +Theatereingang gesehen. + + +_Gentz_ + +Haben Sie mit ihr gesprochen? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nein, sie hat mich gar nicht bemerkt. + + +_Gentz_ + +Dann wird sie jeden Moment kommen. Stuhlmüller? Stuhlmüller? +Wer ist das doch? Richtig, der Tänzer. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ein exzellenter Tänzer. Er geht jetzt nach Berlin. + + +_Gentz_ + +Ah, nach Berlin. – Ich erinnere mich: ein hübscher Bursche. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ja. Beine wie ein Narziß. + + +_Gentz_ + +Wie sah meine Fanny aus? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Entzückend wie immer. Wenn man sie anblickt, hat man das +Gefühl, als sei man zu schlecht für die Welt, in der sie +lebt. + + +_Gentz_ + +Sie waren ja am vorigen Sonntag mit ihr bei der Gräfin +Fuchs? Ich konnte nicht hingehen, da mich der Fürst zu einem +Conseil berufen hatte. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Und am Abend zuvor fehlten Sie ja auch im Theater, Gentz – + + +_Gentz_ + +Die leidige Politik! + + +_Graf Reitzenstein_ + +Es war ein Triumph. Die Galerien haben geheult, das Parkett +hat sich die Handschuhe zerrissen. Sogar in der kaiserlichen +Loge sah man leuchtende Augen, und zwei Hofdamen, die vor +lauter Gewöhnung an Feierlichkeit alles Fett an ihrem Leibe +verloren hatten, wackelten mit ihren Köpfen, als ob das +Theater eine Glocke und sie die Schwengel darin wären. + + +_Gentz_ + +(lacht) + +Ja, diese Zauberin gleicht alle Gegensätze der sozialen +Welt aus, und gekrönte Häupter werden – Publikum. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Als sie auftrat, ging ein glückliches Seufzen durch das +Haus. Da stieg die ganze Venus aus dem Meer. Dieser Nacken, +diese Schultern, dieser Hals, die Bewegung, die anmutvolle +Hingabe, dies Sichverlieren in süßester Heiterkeit! Ich sah +Männer zittern und Frauen bleich werden. Jede Miene will +ihre angeborne Trägheit vergessen, doch ihr selbst nahen +keine Wünsche, nur Vergötterung umfängt sie. Ahnungslos und +unergriffen wandelt sie durch die gesammelte Bewunderung +hindurch, wie wenn ihr der Traum der letzten Nacht als +Schleier um die Seele gehüllt wäre, – und lächelt. + + +_Gentz_ + +Sie haben recht, Felix. Ihr Lächeln ist das Wunderbarste. Es +scheint aus einer tiefen Quelle aufzusteigen, wo die Genien +wohnen, die den Menschen wohlwollen. Keine Heiterkeit deutet +so viel Schicksal wie ihre. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Zur Fuchs kam sie spät, erst nach der Vorstellung. Man war +schon ein wenig müde. Aber als sie eingetreten war, begann +der Tag von neuem. Sie setzt sich neben die Hausfrau und +blickt sie zärtlich und vertrauensvoll an. Sie plaudert, +und Worte sind plötzlich edel. Die Luft, die sie atmet, +mitzuatmen, macht glücklich. + + +_Gentz_ + +Wenn man Sie hört, Felix, sollte man glauben, ein Verliebter +spricht. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Und wenn ich’s wäre? + + +_Gentz_ + +Sie scherzen. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Keineswegs. + + +_Gentz_ + +Armer Felix, wie ist Ihnen das passiert? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Das Mitleid, Gentz, sollten Sie mir aus Großmut ersparen. + + +_Gentz_ + +Nehmen Sie denn um Gottes willen Ihren Zustand ernst? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Seh ich aus wie ein Libertin? + + +_Gentz_ + +Es gibt keinen lebendigen Mann, der Fanny gesehen hat und +sie nicht liebt. Bei Ihnen allerdings – + + +_Graf Reitzenstein_ + +Sie sprechen, Gentz, als ob Fanny Ihr Eigentum auf Leben und +Tod wäre ... + + +_Gentz_ + +Lieber Felix, Sie überraschen mich. Wahrlich, ich weiß nicht +mehr, was ich von der menschlichen Natur halten soll. Waren +Sie es nicht, der mich im Glauben an die Möglichkeit einer +Liebe zwischen mir und Fanny befestigt hat? Ich habe +gezweifelt, und Sie waren verschwenderisch mit Beispielen +aus Leben und Geschichte, die mich beruhigen sollten. Sie +waren der einzige, der verstehend in mein Herz drang, der +meine Jahre auf die Rechnung der Zeit und nicht zu Lasten +der Seele gesetzt hat. Ich war eifersüchtig, damals, als ich +noch eifersüchtig sein mußte, und Sie lachten mich aus. Wenn +ich mich quälte, ob ich würdig sei, Fanny zu gewinnen, sahen +Sie darin die Koketterie eines Mannes, der wenig verspricht, +um viel zu halten. Sie haben für mich Sonette an Fanny +gedichtet, und in einem Brief, den ich nie vergessen werde, +schrieben Sie: Wehe dem Herzen, dem die Jahre alle Blüten +rauben, und wehe der Lehre, die ein Vertrocknen vor der Zeit +für Würde oder Weisheit ausgibt. So dachte Anakreon nicht, +schrieben Sie, erinnern Sie sich? »So dachte Anakreon +nicht.« + + +_Graf Reitzenstein_ + +Waren Sie nicht glücklich mit Fanny? + + +_Gentz_ + +Nur ein junger Mann darf glücklich _gewesen_ sein. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich kannte mein Gefühl nicht. + + +_Gentz_ + +So hätte der geheimnisvolle Drang in Ihnen, Felix, einen +Greis beseelen wollen, und was dunkel in Ihrer jungen Brust +wohnte, übertrugen Sie mutlos und edelmütig auf mich? Ist es +so? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nicht ganz so. + + +_Gentz_ + +Und ich hätte sechzig Jahre unter Menschen gelebt, mit +_meinen_ Augen, und habe nicht das Spiel eines Jünglings +durchschaut? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nein, nein, nein – + + +_Gentz_ + +Sie haben nicht bedacht, daß kein Feuer so wütend brennt, +wie das in einem alten Haus. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich wußte und weiß es. Fanny kam aus einer Welt, die tief +unter uns liegt, aus einer kleinen, armen Welt, in der man +noch an Ehren und Titel glaubt, wo von Luxus und Lebensgenuß +erzählt wird wie von Märchen. Als Fanny Sie kennen lernte, +als sie Ihre Protektion erfuhr, da war ihr das Tor zur +großen Welt geöffnet und in Ihrer Person verehrte sie den +Ruhm und die Macht, nach denen sie sich sehnte und wofür sie +auch bestimmt ist. Sie trat Ihnen mit der bebenden Andacht +entgegen, mit der die jungen Mädchen aus dem Volk einen +Prinzen aus seiner Karosse steigen sehen. + + +_Gentz_ + +(unterbricht) + +Und aus diesem Äußerlichsten wollen Sie etwas so +Geheimnisvolles erklären, wie es mein Bund mit Fanny ist? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Sie lernte Sie näher kennen, sie wurde bezaubert von Ihrem +Geist, von Ihrer Kunst des Umgangs – welche Frau von +Instinkt und Kraft würde nicht diese Atmosphäre von Leben, +von Abenteuer, von Bildung und Welt spüren, in der Sie +atmen? Für sie, die Unerfahrene, waren Sie ein Gott an +Erfahrungen. Sie konnten ihr die Tore aufriegeln, die sie +fest verschlossen wähnen mußte, und Sie haben es getan. Sie +sah in Ihnen einen Gebieter des Schicksals, einen, der +erfüllt ist von Schicksalen und dem sie Vertrauen schenken +durfte, weil er Liebe dafür gab. Sie fühlte Ihre +Vergangenheit, sie begriff Ihr Leben, Gentz, dieses Leben, +hingebracht in Schwärmerei und Leidenschaften, in den +Verführungen der Städte wie im blutigen Dampf der +Schlachtfelder, unter Königen und großen Damen, in Arbeit +wie in Genuß, in der Melancholie der Einsamkeit und in der +Unruhe unter den Menschen. Sie war behütet und geführt, +wissend und gefeit an Ihrer Seite, und die Dankbarkeit +unterwarf Ihnen ihr Herz. + + +_Gentz_ + +Nur die Dankbarkeit? Das wäre also der #punctum saliens?# +Soll ich zweifeln, nur weil andre zweifeln? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nicht zweifeln; aber Sie sind allzu sicher, Gentz. + + +_Gentz_ + +Fannys allzu sicher, meinen Sie? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ja, Fannys allzu sicher. + + +_Gentz_ + +Was gibt Ihnen Grund zu solcher Warnung? Ist die Medisance +am Werk? Hat man in den Salons und in den Kaffeehäusern die +Mäuler zu Guillotinen meines Glücks gemacht? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Man ist darüber einig, daß Gentz ein beneidenswerter Mann +ist. + + +_Gentz_ + +(mehr überlegen als bitter) + +Gentz, ein Zittergreis, ein ausgebrannter Krater, und Fanny +Elßler, das blühende Wunder einer morbiden Welt. Der +seufzende Diplomat und die spöttisch lachende Nymphe, das +lächerliche Podagra und ein feuriger Czardas. Lassen Sie +hören, Felix, das war der Text. Die Melodie dazu – pfeifen +die Drosseln. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nein. + + +_Gentz_ + +Aber Sie wenigstens haben die Überzeugung gewonnen, daß über +einen Abgrund von siebenundvierzig Jahren hinweg die +Leidenschaft eines Weibes gefriert und ein Mann sich aus +seiner Dummheit und Leichtgläubigkeit eine Gloriole webt. +Sagen Sie’s nur. + + +_Graf Reitzenstein_ + +(wehmütig lächelnd) + +Sie scheinen es also für unmöglich zu halten daß Fanny – (Er +stockt, da Gentz mit scharf markierten Schritten auf ihn +zugeht.) + + +_Gentz_ + +Ja, Felix! Unmöglich! Unmöglich kann Sie Fanny lieben! + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich dachte nicht an mich. Offen gestanden, lieber Gentz – + + +_Gentz_ + +(ergreift die Hand des Grafen) + +Hören Sie mich an, Felix. Ich sage unmöglich, nicht, weil +ich Ihren Wert nicht kenne. Die schönste, die vornehmste, +die stolzeste Frau muß sich glücklich schätzen, Sie zu +besitzen. Aber die schönste, die vornehmste, die stolzeste +Frau, was tut sie am Ende, wenn sie liebt? Sie opfert Ihnen +ihre Jugend. Ihre Schönheit ist nur dazu da, um von Ihnen, +dem Geliebten, begehrt und genossen zu werden. Und sei sie +lasterhaft wie Messalina oder eine Lucretia an Tugend, sie +ist ein Weib und zwischen ihr und Ihnen ist nichts als die +kleinen und großen Gefahren und Lockungen der Liebe. Fanny +hingegen ist eine Tänzerin. Eine wirkliche, gottbegnadete +Tänzerin. Verstehen Sie, was das heißt? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich denke ... warum sollt ich nicht? + + +_Gentz_ + +Als ich Fanny zum ersten Male tanzen sah, da verteilten +sich mir die Gewichte des Irdischen, und mein Schicksal war +mir nicht mehr so lästig nahe. Ich hatte Spielraum in mir +selbst, die Vergangenheit stand nicht mehr wie ein Leichnam +hinter mir, die Philosophie nicht mehr wie eine Erinnye über +mir, ich fühlte mich einer höheren und leichteren Ordnung +der Dinge verwandt, und alles, was von schlechtem Gewissen +in mir war, wurde von einer heiteren Macht beschwichtigt und +zerstreut. Dem Philister ist dieser Tanz nur ein Vergnügen, +an dem er vorübergeht, dem Jüngling mag er die Sinne +befeuern, den reifen Mann erheben, erfreuen, doch nur der +Alte, der wahrhaft Erfahrene, einer, der durch das ganze +Fegefeuer der Geister- und Körperwelt gegangen ist, die +ganze Hölle von Niedertracht und Stumpfsinn und alles erlebt +hat, Untreue und Verrat, selbst treulos und ein Verräter +war, an allem versucht worden ist, durch Leiden schamlos, +durch Abwehr kalt, durch versteckte Armut listig, durch +Triumphe gleichgültig geworden ist, – nur der kann die +Tänzerin lieben, wie sie geliebt werden muß, so wie man eine +Idee liebt, wie man Gott auf dem Sterbebett liebt. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Das klingt groß, aber die Wahrheit des Lebens verteilt sich +im Kleinen. + + +_Gentz_ + +Ein Aperçu beweist nichts, kaum für den, der es macht. Wie +könntet ihr jungen Menschen diese Reinheit verehren, ohne +sie herabzuziehen? Diese beschwingte Leichtigkeit, ohne sie +zu lähmen? Wie könnt ihr besitzen, ohne mehr und immer mehr +zu fordern? Man muß durstig sein können und nur vom +freiwillig gereichten Becher trinken wollen. Man muß +vergöttern können, indem man ein Wissen gibt, von dem ein +Händedruck so voll ist wie eure erzählten Aventüren. Die +Tänzerin ist in irgend einer Art heilig zu nennen, Felix, +denn es ist etwas an ihr, was nie erobert werden kann und +nie berührt werden darf, in den feurigsten Umarmungen nicht. +Fanny opfert alle Leidenschaft ihrer Kunst. Nicht nur ihr +Gliederspiel, auch ihr Seelenleben ist von dem Gesetz +maßvoller Schönheit beherrscht. Man kann nicht weniger +emotionsbedürftig sein als sie es ist, die sich von allem +Stürmischen und Heftigen geradezu beängstigt fühlt. Der +Adler wird in der Gefangenschaft traurig und verliert seine +Majestät; will man sie ganz besitzen, so muß sie frei +bleiben wie der Adler. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Und doch dachten Sie einst an eine Heirat – + + +_Gentz_ + +Es war, als ich sie noch zu wenig liebte. Was bin ich +heute? Der entlassene Kammerdiener großer Herren. Was +besitze ich? Nichts. Schulden über Schulden. Sollte die Frau +Hofrätin tanzen? Kann man einen Stern vom Himmel reißen, um +ihn zum Schmuckstück für die Wohnstube eines Literaten zu +machen? Das heißt die Ewigkeit zum Augenblick erniedrigen, +und wer so handelt, dem versagt der Augenblick. Und so lang +ich dem Augenblick genug tue, bin ich jung. Alt bin ich +einen Augenblick vor meinem Tod. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Wie sonderbar Sie mir erscheinen, lieber Gentz. Ich möchte +bewundern und muß doch trauern – + + +_Gentz_ + +Trauern? Worüber? Sie suchen umsonst den frivolen Höfling in +mir, dessen geprägte Malicen noch gestern halb Europa zum +Lachen brachten. (Er nimmt ein mysteriöses Wesen an.) Ich +bin fromm geworden. Ja, ich bete, Felix, ich bete zuweilen. +Besonders in der Nacht. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Armer Freund, kaum will mir das Wort über die Lippen ... + + +_Gentz_ + +Was für ein Wort? Gegen Worte bin ich gewappnet. Das ist +mein Beruf. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Fanny ist nicht nur eine Tänzerin, sie ist auch ein Weib. + + +_Gentz_ + +Ich gratuliere Ihnen zu dieser Entdeckung. Wollen Sie mir +damit sagen, daß Sie ein Mann sind? Ich habe nie daran +gezweifelt. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nicht um mich handelt sich’s. Es tut mir leid, daß ich mich +zu einem Geständnis meiner Empfindungen für Fanny habe +hinreißen lassen. Es geschah, weil ich Ihnen Offenheit +schuldig zu sein glaubte. Es ist von meiner Seite nichts +geschehen, was mit dem Gebot der Freundschaft unvereinbar +wäre, und da Sie keinen Anlaß haben, diese Freundschaft zu +beargwöhnen – + + +_Gentz_ + +Nicht den geringsten, teurer Felix. + + +_Graf Reitzenstein_ + +– so dürfen Sie meiner Mitteilung keine falschen Motive +geben. Neigung und Freundschaft haben mein Auge geschärft, +das ist alles. + + +_Gentz_ + +Nun, Sie machen mich neugierig. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Jener Stuhlmüller – + + +_Gentz_ + +Was ist mit ihm? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Fanny liebt ihn. + + +_Gentz_ + +Oh! Oh! Oh! Stuhlmüller! Felix, Sie sind gar zu treuherzig. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Sie befinden sich, lieber Gentz, in einem Rausch von +Täuschung und Illusion. Ich habe die beiden beieinander +gesehen, und nicht nur heute. + + +_Gentz_ + +Was noch? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich habe Blicke gesehn, Gebärden gesehn ... O, ich kenne +Fanny. Wo ihr Herz spricht, ist sie ehrlich bis zur +Selbstvergessenheit. + + +_Gentz_ + +Und wäre in dieser Ehrlichkeit betrügerisch gegen mich? +Felix! Felix! + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich wiederhole: sie ist ein Weib. + + +_Gentz_ + +Komischer Refrain. Mann – Weib. Ist die Natur eine Maschine +und sind die gröbsten Gegensätze der Begriffe nur erfunden, +damit man aus einem Engel im Handumdrehen eine Dirne machen +kann? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Sie beleidigen die Natur, Gentz. + + +_Gentz_ + +Da sieht man, wie ihr jung seid, ihr jungen Leute. Ihr +stolziert in abgestempelten Anschauungen herum wie ein Hahn +auf einer Grammatik. Stuhlmüller? wer ist Stuhlmüller für +mich? Was ist er für meine Welt, für mein Gefühl, was er +nicht auch zugleich für Fanny wäre? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ein Bursche wie aus Blut und Stahl, Gentz. + + +_Gentz_ + +Ihr wißt nichts von Fanny, keiner. Ihr kennt nur eine +Liebenswürdigkeit, bei der das Herz abwesend ist ... (Er +lauscht.) Horch! Sie kommt, Felix! (Entzückt.) Ich höre +ihren Schritt ... + + +_Graf Reitzenstein_ + +Dann wird es Ihnen wohl bequemer sein, wenn ich mich jetzt +verabschiede. + + +_Gentz_ + +(mit leichtem Spott) + +Sie müssen ihr wenigstens in die Augen schauen, Felix. (Er +lauscht angestrengter, mit geneigtem Kopf.) + + +_Graf Reitzenstein_ + +Sie könnte mich glauben machen, daß ich ihr etwas bedeute, +und um so weniger könnt ich sie vergessen. + + +_Gentz_ + +Ist sie’s? – Ja, sie ist’s. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Vielleicht feiern wir heute abend noch ein kleines Fest zu +dreien, lieber Gentz. Am Sonntag reis’ ich nach Paris. + + +_Gentz_ + +(vorwurfsvoll, doch ein wenig zerstreut) + +Felix! + + +_Jean_ + +(tritt ein, reißt die Türe auf) + +Demoiselle Elßler. + + +_Fanny Elßler_ + +(folgt dem Diener. Sie trägt ein helles, schottisches Kleid +und einen blumengeschmückten Spitzenhut mit Band und +seitlich herabgebogenen Bändern. Gestalt und Bewegungen sind +von vollendeter Schönheit. Die ursprüngliche Naivität, +Heiterkeit und Frische kämpft bisweilen gegen eine +erworbene, anmutige Würde) + +Grüß Gott, lieber Gentz! Endlich bin ich wieder bei dir. + + +_Gentz_ + +(fast erschüttert bei ihrem Anblick) + +Fanny! Teuerste! Wie lang waren diese drei Tage! + + +_Fanny_ + +Ei, der Graf Felix! Guten Morgen, Felix, wie geht’s Ihnen? +Habt ihr ernste Gespräche gehabt? Es liegt so was in der +Luft. + + +_Gentz_ + +Du siehst blühend aus, Fanny. Tu doch den Hut herunter ... + + +_Fanny_ + +(nimmt den Hut ab, streicht mit den Händen das schwarze +gescheitelte Haar glatt, das rückwärts zu einem griechischen +Knoten geknüpft ist) + +Gemütlich ist’s bei dir, Gentz, und ich freu mich, daß ich +wieder da bin. Die schönen Rosen! + + +_Gentz_ + +Findest du nicht, daß Rosen auch Schwermut erwecken können? +Es gibt eine gewisse Fülle des Lebens, die traurig macht. + + +_Fanny_ + +(streicht ihm über die Stirn) + +Laß das, Gentz. Wenn du von der Traurigkeit sprichst, krieg +ich gleich ein schlechtes Gewissen. Warum so schweigsam, +Felix? Ihr Männer seid komische Leute. Wenn ihr miteinander +gesprochen habt, tut ihr furchtbar geheimnisvoll, und doch +weiß man alles, wenn man euch nur anschaut. + + +_Gentz_ + +Wie steh ich armer Diplomat nun da! + + +_Graf Reitzenstein_ + +(lächelnd) + +Die Traurigkeit unseres Freundes hat also schon gewirkt? + + +_Fanny_ + +(lacht) + +Auf das schlechte Gewissen, meinen Sie? So stehn die Sachen, +Gentz? + + +_Gentz_ + +Er ist ein gar zu grüblerischer Geist, der Felix. Denke dir, +er hat mir Vorwürfe über meine leichtsinnige Wirtschaft +gemacht. Er ist der Meinung, daß ich zu verschwenderisch +gegen dich bin – + + +_Graf Reitzenstein_ + +Gentz! Gentz! + + +_Fanny_ + +Sie haben ganz recht, Felix. Neulich wollte er mir partout +eine diamantene Agraffe kaufen – + + +_Graf Reitzenstein_ + +Es hieße Sie beleidigen, Fanny, wollte man Edelsteine für +köstlicher halten als die Freude, Sie damit schmücken zu +können. + + +_Fanny_ + +Wie galant! + + +_Gentz_ + +Galant und wahr zugleich. Ich habe ihm gesagt, wenn man in +meinem Alter zum Harpagon wird, gleicht man einem Soldaten, +der nach dem Krieg desertiert. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Der Geizige hat vor dem Verschwender das eine voraus, daß er +alle seine Wünsche erfüllen kann. (Greift nach seinem Hut.) + + +_Fanny_ + +Gehen Sie schon, Felix? Wie schade! + + +_Gentz_ + +Leben Sie wohl, lieber Freund. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich darf doch darauf rechnen, daß Sie heute abend mit Fanny +bei mir soupieren? + + +_Fanny_ + +Das wäre reizend. + + +_Gentz_ + +Heut abend kann ich unmöglich, ’s ist ein Diner beim Fürsten +und der französische Gesandte kommt hin. Der Fürst legt Wert +auf meine Anwesenheit. Aber morgen, wenn dir’s recht ist, +Fanny? Gut, wir kommen morgen. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Auf Wiedersehen denn. (Ab.) + + +_Fanny_ + +(die ihm nachgeschaut hat) + +Er ist ganz anders als sonst, der Felix ... + + +_Gentz_ + +Bist du nicht eifersüchtig auf dich selbst, da deine besten +Freunde eifersüchtig auf deine besten Freunde werden? + + +_Fanny_ + +Ist es so, dann tut er mir herzlich leid. + + +_Gentz_ + +Nun, die Dinge liegen so einfach nicht. Du steigst empor, du +richtest die Blicke der Menschen auf dich, die Männer, wie +sie einmal sind: eifersüchtig selbst da, wo sie nicht +lieben ... + + +_Fanny_ + +Oft denk ich mir, es wäre Zeit, dem Wiener Boden Valet zu +sagen – + + +_Gentz_ + +Sprich’s nicht aus, Kind. + + +_Fanny_ + +(schüchtern) + +Jetzt grade könnt ich’s tun, Gentz. Ich hab einen Antrag +nach Berlin; soll an der königlichen Oper tanzen. + + +_Gentz_ + +Also doch! Wie hab ich den Moment gefürchtet. + + +_Fanny_ + +Ich tu’s ja nicht, Gentz, tu’s keinesfalls. + + +_Gentz_ + +Hat man dir den Kontrakt schon vorgelegt? + + +_Fanny_ + +Ja, ich hab ihn dabei. (Zieht das Dokument aus ihrem +Pompadour und übergibt es Gentz.) + + +_Gentz_ + +Laß sehn ... (liest) Ballette »Blaubart«, »die Fee und der +Ritter«, »Ottavio Pinelli«, »die Stumme von Portici« ... für +drei Monate ... die Summe von fünfzehnhundert Talern nebst +Spielhonorar ... (laut) Das ist nicht übel. Das wäre ja +durchaus nicht von der Hand zu weisen. + + +_Fanny_ + +(versucht gleichgültig zu erscheinen) + +Nicht wahr? Verlockend ist es. + + +_Gentz_ + +Du hast also Lust, zu den Berlinern zu gehen? + + +_Fanny_ + +(rasch) + +Nein, Gentz; eigentlich ganz und gar keine Lust. + + +_Gentz_ + +Den Antrag abzuweisen wäre nicht klug von dir. + + +_Fanny_ + +Man kann’s ja aufs nächste Jahr verschieben. + + +_Gentz_ + +Nein. Die Welt verlangt nach dir. Dein Bezirk ist Europa, +der Erdball. + + +_Fanny_ + +Ist denn Berlin schon Europa? + + +_Gentz_ + +Für jeden beginnt Europa, beginnt die Welt da, wo er seine +Heimat verläßt. + + +_Fanny_ + +(mit sehnsüchtigen Blicken, trotz des entschiedenen Tons) + +So gern ich’s möchte, Gentz, ich kann nicht von dir weg. Bei +dir weiß ich, daß ich behütet bin. Du hast alles aus mir +gemacht. Du warst alles für mich, mein Vater, mein Bruder, +mein Freund, mein Lehrer. Du hast mich aufgeweckt, ich hätte +keinen Ehrgeiz ohne dich, ich wüßte nichts von mir ... + + +_Gentz_ + +Doch kann ich dir den Ruhm nicht geben, der dich fern von +mir erwartet. + + +_Fanny_ + +Was soll mir der Ruhm, wenn ich ihn nicht bei dir vergessen +kann. + + +_Gentz_ + +Je länger ich überlege, je unverantwortlicher erscheint es +mir, dich zurückzuhalten. + + +_Fanny_ + +(mit unwillkürlich hingerissener Gebärde) + +Hinaus ins Unbekannte –! Eines ist ja wahr: zu eng wird’s +mir hier. Sie glauben mir nicht ganz, ich bin ihnen nicht +fremd genug. + + +_Gentz_ + +Kehrst du zurück, so gebietest du denen, die dich jetzt nur +dulden. + + +_Fanny_ + +Und doch ... nein, ’s ist unmöglich. Schau, Lieber, mit +Berlin ist’s ja nicht abgetan. Da muß ich dann weiter. Da +lockt’s mich weiter. Nach Paris, wo die Taglioni tanzt. + + +_Gentz_ + +Sie ist kalt, sie ist blutlos, ein Schatten gegen dich. + + +_Fanny_ + +Aber dort wissen sie, was tanzen heißt. Man ist stärker, +wenn’s um den höheren Preis geht. Die Franzosen, siehst du, +die möcht ich behexen, und wenn die Taglioni ein Engel ist, +wie sie sagen, will ich zum Teufel werden. O, ich fühle, daß +ich’s kann! Ich hab’s neulich gespürt im Blaubart, das +ganze Theater war so still wie eine leere Kirche, und alle +Augen waren so feurig in der Dunkelheit. Ach, Gentz! Paris! +Paris! + + +_Gentz_ + +(der sich immer mehr in heroische Entsagung hineinlebt) + +Warum nicht? Paris ist nur eine Domäne des Glücksreichs, das +du gründen wirst. + + +_Fanny_ + +Und von Paris nach London, und von London nach Amerika. Die +Amerikaner sollen ja so reich sein, da könnt ich mir viel +Geld verdienen, herrliche Kostüme kaufen, die Dichter und +die Komponisten bezahlen, daß sie mir wunderbare Texte und +schöne Musik machen. O, ich hätte Mut. Das Meer fürcht ich +nicht und die Wildnis nicht. + + +_Gentz_ + +So gefällst du mir. So gärt der Most, aus dem edler Wein +wird. + + +_Fanny_ + +(enthusiastisch) + +Und lernen, lernen, lernen, Gentz! Weißt du, was man von der +Taglioni und ihrem Vater erzählt? Als sie in London war, +wohnte unter ihr ein Mann, der ließ ihr sagen, sie möchte +sich durch die Rücksicht auf seine Nachtruhe nicht in der +Arbeit stören lassen. Und was hat der alte Taglioni +geantwortet? Sagen Sie diesem Herrn, hat er dem Diener +zugerufen, daß ich noch nie den Schritt meiner Tochter +gehört habe, und daß ich sie verfluchen würde an dem Tag, wo +es geschähe. Das find ich groß! + + +_Gentz_ + +Du hast Gaben, um die dich eine Taglioni beneiden wird. + + +_Fanny_ + +(stockt, seufzt) + +Das ist’s ja eben. Es ist einem oft zu Mut, als ob die +Menschen voll Haß wären gegen die Kunst. Der Neid, die +Mißgunst, wie soll ich’s ertragen, wenn du mir nicht hilfst? +Du bist klug, bist mächtig, sie beugen sich vor dir, und +wenn ich bei dir bin, vergeß’ ich die hämischen Gesichter. +Nein, ich will nicht fort. + + +_Gentz_ + +Ich kann dich nur bis dahin führen, wo dir der Sinn des +Daseins verständlicher wird, Fanny. Wir sind allein und +müssen allein bleiben, ein jeder. Vielleicht ist es deine +Aufgabe, dieses Gefühl der Einsamkeit, von dem die Menschen +erfüllt sind, in Schönheit zu verwandeln. Uns beide hat das +Geschick nur in einer Laune zusammengeworfen, mich am Ende, +dich am Anfang eines Wegs. Es ist mehr als Liebe, was uns +bindet. Du warst für mich geschaffen und fühlst es. Daß die +Zeit sich in unserer Geburt verrechnet hat, kann uns nicht +beirren. Nichts wird uns trennen, – weshalb so viel Wesens +machen um die paar Meilen von hier bis Berlin? + + +_Fanny_ + +Und unsere Gespräche, unsere Ausflüge, unsere gemütlichen +Abende, wo wir das »Buch der Lieder« zusammen gelesen +haben ... + + +_Gentz_ + +(scherzhaft) + +Bst! Willst du wohl? Daß du mich nicht verrätst, denn dieser +Heine ist ein Erzliberaler. + + +_Fanny_ + +Doch liebt er die Tänzerinnen, so viel ich weiß. + + +_Gentz_ + +Ja, das tun die Liberalen sonst nicht. Und nun setz dich an +den Schreibtisch, nimm den Federkiel und schreib deinen +Namen unter den Kontrakt. + + +_Fanny_ + +(schalkhaft) + +Das heißt so viel, als du schickst mich fort? (Sie setzt +sich.) + + +_Gentz_ + +In dieser Minute schreibst du deinen Namen ins Firmament der +Unsterblichkeit. + + +_Fanny_ + +Noch ist’s nicht geschehen, Gentz. Soll ich? Soll ich +wirklich? + + +_Gentz_ + +(legt seine Hand auf ihre Schulter, sie blickt zu ihm empor) + +Ich bin stolz darauf, deinen vollen Wert, von dem deine +Schönheit und deine Kunst nur Teile sind, erkannt zu haben, +und die Freundschaft, mit der du meine Liebe belohnst, +schätze ich höher als Güter der Erde. Ich lebe nur in dir, +Fanny; sterben hat keinen andern Sinn für mich als eine Welt +verlassen müssen, in der du atmest. Ich habe den Mut zu +glauben, daß mich nichts aus deinem Herzen reißen kann. Wenn +du mich durch einen einzigen Händedruck versicherst, daß ich +mich nicht irre, so bleibt mir nichts mehr zu wünschen +übrig. + + +_Fanny_ + +(gibt ihm die Hand) + +Ja, Gentz, Freundschaft, das ist das rechte Wort. + + +_Gentz_ + +Das einzige, Fanny? + + +_Fanny_ + +Gibt’s ein besseres noch? + + +_Gentz_ + +Ich wag es nicht auszusprechen. Doch nun ich deine Hand +habe, bist du mir versprochen, Fanny. Es ist zwar nur die +linke, aber es ist mir keine lieber als die andre. Ich +drücke sie an die Lippen und mit der rechten schreib’. +Schreib deinen Namen, verschreib dich dem Ruhm. + + +_Fanny_ + +Schwer ist das Schreiben ohnehin, und erst wenn du mir den +Arm wegnimmst ... Also probier ich’s (schreibt) Fanny ... +Elß ... ler. Wunderlich! Da steht’s nun! Und ist nichts +geschehen eigentlich ... + + +_Gentz_ + +Siehst du, Fanny, so hab ich dich zu deinem Wunsch bekehrt. + + +_Fanny_ + +(dankbar) + +Gentz! Lieber! + + +_Jean_ + +(kommt) + +Es ist einer draußen und sagt, er will die gnä’ Fräul’n +sprechen. + + +_Fanny_ + +Mich? + + +_Gentz_ + +Wer mag’s denn sein? Hat er den Namen nicht genannt? + + +_Fanny_ + +(rasch) + +Ach richtig, das ist sicherlich der Stuhlmüller. + + +_Jean_ + +(verächtlich) + +Ja. Stuhlmüller. So nennt er sich. + + +_Fanny_ + +(mit blitzenden Augen) + +Weshalb spricht der Mensch so despektierlich, frag ich? + + +_Jean_ + +Entschuldigen die gnä’ Fräul’n, aber ... + + +_Gentz_ + +(streng) + +Nichts. Genug. Frag ihn, was er will. (Jean ab.) Wie kann +der Bursch es wagen ... + + +_Fanny_ + +Aber ich versteh dich gar nicht ... abholen will er mich. ’s +ist Prob am Nachmittag, und außerdem ... + + +_Gentz_ + +Außerdem? + + +_Jean_ + +(kommt zurück) + +Der Monsieur Stuhlmüller läßt sagen ... + + +_Gentz_ + +’s ist gut. Weiß schon. Soll draußen warten. (Jean ab.) +Außerdem, Fanny? + + +_Fanny_ + +Er ist’s ja, Gentz, der Stuhlmüller, der mir den Kontrakt +verschafft hat, und jetzt brennt ihn halt die Neugier zu +erfahren – + + +_Gentz_ + +_Er_ hat dir den Kontrakt verschafft? Wie kommt er denn +dazu? + + +_Fanny_ + +Er ist ja in Berlin engagiert, und ich soll seine Partnerin +sein. + + +_Gentz_ + +Er dein Partner, meinst du ... + + +_Fanny_ + +Ja, wenn du so willst ... + + +_Gentz_ + +Deshalb ist immer noch kein Grund für ihn, in mein Haus zu +dringen. + + +_Fanny_ + +Warum denn so feindselig, Gentz? + + +_Gentz_ + +Ich mag’s nicht. Mag das Theatervolk nicht leiden. Haben +alle so was Penetrantes. + + +_Fanny_ + +Er war mir ein guter Kamerad. + + +_Gentz_ + +(mit den Händen auf dem Rücken hin- und hergehend) + +Das dacht ich mir. + + +_Fanny_ + +(langsam) + +Er war’s ... (stockend) er ist’s nimmer. + + +_Gentz_ + +(bleibt stehen) + +Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Also habt ihr euch +zerstritten? + + +_Fanny_ + +Er ist mir noch was anderes. + + +_Gentz_ + +(blickt sie starr an) + +Er ist dir sehr ergeben, hoff ich. + + +_Fanny_ + +Ergeben? Nein. Eher ... stolz. + + +_Gentz_ + +Der elende Komödiant! Werd ihm die Leviten lesen. + + +_Fanny_ + +Willst du denn _nicht_ begreifen, Gentz? (Lange Pause.) + + +_Gentz_ + +(die Hand an der Stirn, plötzlich schwer) + +Sprich nicht davon, Fanny. Sprich nicht davon. Du kennst +dich selber nicht. Du kennst mich nicht. + + +_Fanny_ + +(innig) + +Schau, Gentz, anders konnt’ es doch nicht, durft’ es doch +nicht kommen, oder die Natur ist nicht mehr Natur und Blut +nicht mehr Blut. + + +_Gentz_ + +(leise) + +Also doch ... Felix! Felix! – Sprich nicht davon, Fanny! +(Ausbrechend.) Oder sag lieber, daß alte Männer langweilig +sind, daß sie graue Haare haben und schwarze Zähne, daß sie, +anstatt Liebesworte zu girren, besser ihr Testament abfassen +sollten, daß jung sein, nichts anderes bedeutet als grausam +sein, gefräßig sein, meineidig sein und daß man nicht +vergessen soll, zur rechten Zeit zu sterben ... Gott, wohin +verlier’ ich mich! + + +_Fanny_ + +(erregt) + +Gentz, hör mich an. Den Kontrakt, noch kann ich ihn +zerreißen – + + +_Gentz_ + +Nimmermehr, Fanny. Blieb ich darum weniger ein Greis? + + +_Fanny_ + +Dir dank ich alles, Gentz, und will dir’s danken, ohne +Engigkeit, nicht bloß mit Reden, sondern von Herzen gern, +und da, in meinem Herzen, bist du und bleibst du allezeit. +Du bist mir das Höchste auf der Welt, als Mensch, und weil +du’s bist, mußt du’s verstehen, wenn ich mein Herz nicht vor +dir hehle. So war ja die Abrede zwischen uns, und immer +warst du darauf gefaßt. + + +_Gentz_ + +(düster) + +Man ist nie auf ein Ende gefaßt, wenn es da ist. Der +Glückliche steht immer an einem Anfang. + + +_Fanny_ + +Ein Ende, Gentz! Wer spricht vom Ende? Wahrlich, du betrübst +mich ganz und gar. Ich bin ganz irre jetzt. + + +_Gentz_ + +Sprich nur weiter, Fanny, so hör ich wenigstens deine +Stimme. + + +_Fanny_ + +Dir mag’s von mindrem Wert erscheinen, was mich jetzt +erfüllt; vielleicht ist’s auch so, doch was nützt Rede und +Widerrede, wenn dich die Sinne zwingen und dich auf den Weg +treiben, – einem in die Arme, der wartet, wartet, und den du +nicht hast kommen sehn, und du mußt zu ihm, als ob’s Gott +selber so beschlossen hätte. Rühmt’ ich seine Augen oder +seinen Gang oder daß er’s redlich meint und ein treues Gemüt +hat, so würd ich lügen, Gentz, denn dies ist’s nicht, was +mich hintreibt, ’s ist vielmehr wie ein Rhythmus beim Tanz, +der die Unruhe auflöst und die Luft um einen her dünner +macht. Auch auf Betrug war’s nicht abgesehn, denn her bin +ich gekommen, um alles frei zu sagen, nur hat’s mir weh um +dich getan. + + +_Gentz_ + +Wie deine Augen glänzen, Fanny ... + + +_Fanny_ + +Du mußt ihn sehen, Gentz! Wie er schreitet, sich bewegt! Wie +schlank er ist, wie er den Kopf wendet, wie edel er sich +hält, wie die Gelenke abgesetzt sind. Mit ihm zu tanzen, ist +halbe Arbeit; er trägt mich, schwingt mich so dahin. Wie +mir’s bei dir geschieht, wenn ich im Leben zaghaft werde, so +gibt er mir Mut und Lust beim Tanz. + + +_Gentz_ + +Wann willst du reisen, Fanny? + + +_Fanny_ + +(mit gesenktem Kopf) + +Weiß noch nicht. In der nächsten Woche, denk ich. + + +_Gentz_ + +Wozu der lange Aufschub? Es wäre besser, du würdest morgen +reisen. + + +_Fanny_ + +Bist du so ungeduldig, mich los zu werden, Gentz? + + +_Gentz_ + +Ich will dir einen Platz auf der Post bestellen. + + +_Fanny_ + +Soll ich heut abend nicht zu dir kommen? + + +_Gentz_ + +Heut abend laß mich lieber allein. + + +_Fanny_ + +Jetzt will ich aber den armen Stuhlmüller nicht länger +warten lassen. + + +_Gentz_ + +Adieu, Fanny. + + +_Fanny_ + +Magst ihn nicht wenigstens sehen? Sprich ein freundlich Wort +mit ihm. + + +_Gentz_ + +Nicht heute, nicht jetzt. + + +_Fanny_ + +So leb wohl. (Reicht ihm die Hand.) + + +_Gentz_ + +Komm noch einmal ... + + +_Fanny_ + +Morgen komm ich wieder. + + +_Gentz_ + +Und übermorgen ... + + +_Fanny_ + +Übermorgen auch. + + +_Gentz_ + +Wie ein gehorsames Kind! + + +_Fanny_ + +Wie eine Tochter, ja. + + +_Gentz_ + +(zu dem Kupfergefäß, nimmt Rosen und gibt sie ihr) + +Hier, die Rosen, Fanny; nimm sie mit auf den Weg. + + +_Fanny_ + +Dank dir. + + +_Gentz_ + +Und sei glücklich. + + +_Fanny_ + +Dank dir schön. + + +_Gentz_ + +Und noch etwas: geh nicht direkt die Straße entlang, – geh +am Gartentor mit ihm vorbei, damit ich euch sehe. Es ist nur +ein kleiner Umweg. + + +_Fanny_ + +Ist recht, Gentz. (Sie beugt sich schnell, küßt seine Hand; +ab.) + + +_Gentz_ + +(lauscht; dann auf und ab. Er geht zur Gartentür, schaut +angestrengt nach rechts hinüber) + +Da gehen sie hin, – die jungen Leute! (Er zieht sein Lorgnon +heraus und verfolgt die sich Entfernenden mit den Blicken, +bis sie verschwunden sind, dann wendet er sich ab und läßt +sich in den Fauteuil sinken. In seinem Gesicht erlischt +gleichsam ein Feuer, und der Ausdruck wird völlig +greisenhaft.) Da gehen sie hin. Die jungen Leute. Als ob sie +einen Sarg in die Erde gesenkt hätten. Wozu die Trauer? Wozu +Opfer, wozu Treue, wozu Müh und Sorge? Das Leben schwindet, +das Krüglein ist geleert. Kein Wort mehr, Gentz, den letzten +Traum hast du dir verdient und bezahlt. Genug, genug. (Er +erhebt sich, greift nach der Handglocke.) Wie noch alles +hier nach ihrer Jugend riecht! Wie die Luft noch von jungem +Lachen klingt ... Kein Wort, kein Wort mehr, Gentz. (Er +läutet.) + + +_Jean_ + +(kommt) + +Herr Hofrat befehlen? + + +_Gentz_ + +Geh Er zum Fürsten Metternich und richt Er aus, daß ich zum +Diner heut abend nicht kommen kann. + + +_Jean_ + +Sehr wohl. + + +_Gentz_ + +Bring Er mir meinen Schlafrock, den türkischen und mach Er +Feuer im Ofen. ’s ist kalt. + + +_Jean_ + +Sehr wohl. + + +_Gentz_ + +Sag Er den andern draußen, daß ich für niemand zu Hause bin. +Für niemand, hört Er? + + +_Jean_ + +Sehr wohl. + + +_Gentz_ + +Vor allem mach Er Feuer an. + + +_Jean_ + +Sofort. (Ab.) + + +_Gentz_ + +’s ist kalt. ’s ist kalt. (Sinkt wieder in den Sessel.) Kein +Wort mehr, Gentz. (Bedeckt das Gesicht mit den Händen.) + +(Vorhang) + + + + +Der Turm von Frommetsfelden + + +Personen: + + Der Ritter Karl Heinrich von Lang, ansbachischer Domänenrat + Anna, seine Frau + Frau von Hänlein, deren Mutter + Leutnant Amandus Schlözer + Rechnungsrat Birnkoch + Kammerdirektor Mühlbach + Kasteljack, Schreiber + Fünf Bauern, darunter: Der Ringhofbauer, der Waldhofbauer, + der Erlhofbauer + Bärbel, Dienstmagd bei Langs + +Spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Ansbach. + + +Das geräumige Arbeitszimmer des Ritters von Lang, zugleich +eine Art Wohngemach. Die Möbel im französischen Geschmack +des achtzehnten Jahrhunderts. Rückwärts zwei Fenster mit +Aussicht auf romantisch verwinkeltes Häuserwerk. Links Tür +in die andern Zimmer, rechts in den Flur. + +_Frau von Hänlein_ ordnet die auf Tischen, Stühlen und Sofa +herumliegenden Bücher und Hefte; _Bärbel_ kehrt mit einem +riesigen Besen aus. + + +_Frau von Hänlein_ + +(eine stattliche Dame in der Mitte der vierzig; sehr +riegelsam, frisch, gesund, nur wenig angegraut) + +In aller Frühe war er also schon da? + + +_Bärbel_ + +Heroben war er nit. Vorbeigangen ist er am Haus, wie ich zum +Bäcker bin, und hat g’fragt, wie’s der jungen Frau geht. + + +_Frau von Hänlein_ + +Scheint viel Zeit zu haben, der junge Herr. + + +_Bärbel_ + +Die Herren Leutnants möchten halter gern, daß an Krieg gitt. + + +_Frau von Hänlein_ + +Wenn ich der Lang wäre, ich tät ihm das Haus verbieten. Die +Männer sind zu schlampig in manchen Sachen. Du kannst jetzt +in die Küche gehn, Bärbel. In einer halben Stunde muß die +junge Frau ihre Milchsuppe bekommen. (Bärbel ab.) Sitzt da +herum. Schwatzt. Wär die Anna nicht die Anna, er könnt sie +am Ende um den Verstand schwatzen. Lang, Lang! So gescheit +du bist, so dumm bist du. + + +_Anna_ + +(kommt von links. Blasse, schlanke, zarte, zierliche Frau +von zwanzig Jahren. Sie trägt ein elegantes Morgengewand +nach Pariser Schnitt; lächelnd) + +Sprichst für dich alleine, Mutter, und räumst schon wieder? + + +_Frau von Hänlein_ + +Was zu räumen ist, räum’ ich. Guten Morgen, Kind. Bist schon +aus dem Bett gehupft? ’s ist erst zehn Uhr und der Doktor +hat gesagt, du sollst bis Mittag liegen. + + +_Anna_ + +(heiter) + +Erklärt mich der Doktor für krank, dann fühl’ ich mich +gleich gesund. + + +_Frau von Hänlein_ + +Bist ja auch nicht krank, sollt’ ich meinen. + + +_Anna_ + +Krank nicht, gesund auch nicht. Was soll man glauben! + + +_Frau von Hänlein_ + +Glaub an deine Natur. + + +_Anna_ + +Grad die Natur macht mich oft irre. Oft versuch ich froh zu +sein, dann kommt unversehens die Traurigkeit. + + +_Frau von Hänlein_ + +Wie hast denn geschlafen heute? + + +_Anna_ + +Einen wunderlichen Traum hab ich gehabt, Mutter. + + +_Frau von Hänlein_ + +Laß hören. Vielleicht kann ich ihn deuten. + + +_Anna_ + +(setzt sich aufs Sofa, Frau von Hänlein bleibt vor ihr +stehen) + +Mir träumte, ich war in Frommetsfelden und alles war noch +so, wie ich ein Kind gewesen. Der schöne Garten mit den +vielen Obstbäumen, alle voller Äpfel und Birnen und die +lieben alten niedlichen Häuschen, und ich geh so und freu +mich über den blauen Himmel, und wie ich so gehe, wird’s auf +einmal stockfinstre Nacht, und auf einmal seh ich Flammen, +und das ganze Städtchen steht lichterloh in Brand. Mir wird +Angst, und ich weiß nicht wohin, da packt mich Karl Heinrich +am Arm, so fest, daß mir’s durch und durch weh tut. Laß +mich wenigstens noch in meinen Garten, bitt ich ihn, aber er +schüttelt den Kopf, macht ein böses Gesicht und hält mich +nur immer fester. Da seh ich den Leutnant Schlözer kommen, +er winkt mir so freundlich, daß mir ganz warm ums Herz wird, +und plötzlich kann ich zu ihm hingehen, und wie ich bei ihm +bin, da sind wir im Garten, und aus einem schönen blauen +Krug gibt er mir Wasser zu trinken. Dabei ist mir immer +wohler und wohler geworden, und so bin ich aufgewacht. + + +_Frau von Hänlein_ + +Das war das Vernünftigste, was du hast tun können, das +Aufwachen. + + +_Anna_ + +Sollen die Träume auch noch vernünftig sein? Schau, Mutter, +ich fühl’ mich so verlassen oft. + + +_Frau von Hänlein_ + +(setzt sich zu ihr, tadelnd) + +Und du hast doch den besten Mann von der Welt. + + +_Anna_ + +(steht auf, geht zum Fenster) + +’s ist wahr. + + +_Frau von Hänlein_ + +Ist’s wahr mit Seufzen, so ist’s Lüge. + + +_Anna_ + +Weiß wirklich nicht, wie mir zumut ist ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Hör’ zu, Anna. Du solltest dich weniger mit dem Leutnant +Schlözer abgeben. Ein paar Monate seid ihr erst verheiratet, +und, – es schickt sich eben nicht. Lang muß sich auch +kränken. + + +_Anna_ + +(bitter) + +Karl Heinrich? Oh nein, Mutter. Oh nein. Der kränkt sich +nicht. Darüber nicht. + + +_Frau von Hänlein_ + +Warum nicht _da_rüber? Etwa weil er nicht darüber spricht? + + +_Anna_ + +Wüßt ich’s nur! Das ist’s ja, was mich quält. Er denkt nur +an die Verwaltung. Nur seine Eingaben und Verbesserungen hat +er im Kopf. + + +_Frau von Hänlein_ + +(lacht) + +Bist eifersüchtig auf die Verwaltung? Damit mußt du dich +abfinden. Ein Mann gehört seinem Beruf. + + +_Anna_ + +(mit niedergeschlagenen Augen) + +So bin ich betrogen worden, Mutter. Man hat mir’s anders +eingeredet. + + +_Frau von Hänlein_ + +Als dein Vater auf dem Totenbett lag, sagte er zu mir: +Schau, Rieke, du hast ja graue Haare an den Schläfen. Da hab +ich ihm antworten müssen: Dummer Mann, die grauen Haare hab +ich schon seit sechs Jahren. Glaubst du, wir haben uns +deshalb minder lieb gehabt? + + +_Anna_ + +Ach, – Liebe! Das ist viel, oder ’s ist wenig, je nachdem! +Wie kann ich wissen, ob sie _mir_ gilt, (mit beiden Händen +an der Brust) ob’s _meine_ Liebe ist, die erwidert wird, +ganz genau meine? + + +_Frau von Hänlein_ + +Warum soll es denn, um Gottes willen, ganz genau die deine +sein? Wir Menschen sind doch aus verschiedenem Teig. + + +_Anna_ + +Ist sie ihm mehr wert als das Amt? Was Größeres als die +Geschäfte? Was anderes als eine Stunde zum Vergessen? Ich +will wissen, ob sie mir gilt, mir ganz allein und ganz so +wie ich bin. + + +_Frau von Hänlein_ + +Kind, spiel du nicht mit Worten, denn das heißt so viel wie +zum Teufel beten. (Sie steht auf.) + + +_Anna_ + +Was sind mir seine Geschenke, wenn ich das nicht weiß? Er +ist so verschlossen; so viel fremdes Leben bringt er mit. +Seine Augen sind fremd. Sein Gesicht ist fremd. Mir ist als +hätt ich sein wirkliches Gesicht noch kaum gesehen; als ob +er gar nicht leiden könnte um was. Immer möcht ich grübeln, +wenn er mit mir redet; indes sein Wort weiter geht, bin ich +noch beim ersten und frag mich: wo bist du, Karl Heinrich? +Ich find ihn nicht. Muß ich ihm nicht auch fremd sein? Wie +wird er mich nehmen, wenn mein Fremdestes zu seinem Herzen +will? + + +_Frau von Hänlein_ + +(bekümmert) + +Das kommt mir alles wie Sünde vor. Auch versteh ich’s nicht. +Ich bin schon froh, wenn mich die Sonne bescheint. + + +_Bärbel_ + +(von rechts) + +A Herr is da un will unsern Herrn sprech’n. + + +_Frau von Hänlein_ + +Unser Herr ist ausgegangen. + + +_Bärbel_ + +Der Herr will auf unsern Herrn wart’n. + + +_Frau von Hänlein_ + +Was ist’s denn für ein Herr? + + +_Bärbel_ + +Birnkoch haaßt ’r. + + +_Rechnungsrat Birnkoch_ + +(unter die Türe tretend; ein dicker, kleiner, geschniegelter +junger Mann mit Glatzkopf und einem eiertanzähnlichen Gang) + +#Excusez, mes dames –# + + +_Frau von Hänlein_ + +Der Herr Rechnungsrat! Bitte nur einzutreten, Herr +Rechnungsrat. + + +_Birnkoch_ + +Ist nicht meine Absicht, die Damen zu troublieren. #Bonjour, +mesdames#. Frau Domänenrätin, meine Reverenz. Wie befindet +sich dero beneidenswerter Gatte? + + +_Frau von Hänlein_ + +(hastig, um Annas zerstreutes Schweigen zu verdecken) + +Mein Schwiegersohn ist zur Inspektion des Waisenhauses, Herr +Rechnungsrat. Müssen Sie ihn dringend sprechen, so schick +ich hinüber. + + +_Birnkoch_ + +Inspektion in aller Frühe? Ein rühriger Beamter, der +Domänenrat Lang, #un caractère de fer#. Wollen Sie hinüber +schicken? Ich bitte, nein. Allerdings habe ich ein Anliegen, +will sagen einen Auftrag von Seiner Exzellenz, dem Minister +Haugwitz, der die Gnade hatte, mit mir in Berlin zu +konferieren ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Nun, wenn es von Wichtigkeit ist, Herr Rechnungsrat ... +(Will zur Tür.) + + +_Birnkoch_ + +Bitte nein, Madame. Muß wohl von einiger #importance# sein, +da man mich damit beauftragt hat. Aber, bitte nein. Das +Vergnügen, Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen ... Es +handelt sich um die fatale Affäre ... #une chose ridicule, +au fond# ... mit dem Turm von ... von ... #quel nom +abominable# ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Mit dem eingestürzten Stadtturm vielleicht –? + + +_Birnkoch_ + +Ganz richtig, Madame; mit dem eingestürzten Stadtturm. In +... in ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Frommetsfelden. + + +_Birnkoch_ + +#Milles mercis, madame#. Frommetsfelden. #Mon Dieu,# was für +seltsame ... Bezeichnungen in Deutschland die Dörfer haben! + + +_Anna_ + +(die am Fenster gesessen ist, hat erstaunt aufgehorcht) + +Wie, Mutter, – in Frommetsfelden ist der Turm eingestürzt? + + +_Birnkoch_ + +Ganz wie Sie sagen, Frau Domänenrätin. Von oben bis unten +eingestürzt. + + +_Frau von Hänlein_ + +(verschüchtert durch Annas erschrockene Miene) + +War ja ein altes, baufälliges Gerümpel, der Turm. + + +_Birnkoch_ + +#C’est ça.# Uralt. Und baufällig, jawohl. Baufällig. +Unbedingt baufällig. Deshalb ist er ja eben eingestürzt. + + +_Anna_ + +Wann ist denn das geschehen? + + +_Birnkoch_ + +Nun ... es mögen drei bis vier Wochen sein. Eher vier. +Jawohl. Vier bis fünf Wochen, jawohl. + + +_Anna_ + +Davon hat mir Karl Heinrich kein Wort gesagt ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Daß dich das sonderlich interessiert, hat er nicht denken +können. + + +_Birnkoch_ + +So wissen Sie auch nicht, daß der Herr Domänenrat sich +weigert, mit allen Gründen seiner Amtsgewalt sich weigert, +den Turm wieder aufbauen zu lassen? + + +_Anna_ + +Er will ihn nicht wieder aufbauen lassen? + + +_Birnkoch_ + +#Une marotte! une marotte inexplicable!# Er weigert sich. +Die Regierung selbst unterstützt das Verlangen der Bauern. +Und er weigert sich. #C’est son entêtement.# + + +_Anna_ + +Aus welchem Grund will er denn den Turm nicht bauen lassen? + + +_Birnkoch_ + +#Parole d’honneur,# ich weiß ihn nicht, den Grund. Und wüßt +ich ihn, so könnt ich ihn keinesfalls approuvieren. Aber ich +bin erfreut, Madame, daß Sie an der Sache solchen Anteil +nehmen. Da kann man ja auf Ihre Unterstützung rechnen ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Meine Tochter nämlich, Herr Rechnungsrat, hat ihre ganze +Jugend dort in Frommetsfelden zugebracht. Sie hat bei ihrem +Oheim auf dem Gut gelebt, während ich mit meinem Mann in der +Welt herumgezogen bin. + + +_Birnkoch_ + +Verstehe ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Da ist ihr natürlich jeder Baum und jeder Stein ans Herz +gewachsen. + + +_Birnkoch_ + +Verstehe. Die Erinnerung. #Le souvenir.# Verstehe. (Zitiert +mit preziösem Tonfall.) + + Erinnerung taucht ihren Farbenpinsel + Ins wunde Herz und übermalt den Gram. + Sie fleucht mit dir auf eine Zauberinsel, + Wenn das Geschick dir Mut und Freude nahm. + +Verstehe. + + +_Frau von Hänlein_ + +Reizend, Herr Rechnungsrat. Haben Sie das selbst gedichtet? + + +_Birnkoch_ + +Nicht ganz. Nicht ganz. Hab’s mir aus einer #anthologie# +kopieren lassen. + +(Es klopft, ein kleines Mädchen tritt verschämt ein. Sie +trägt einen Fliederstrauß in der Hand, blickt von einem zum +andern, eilt jäh auf Anna zu und überreicht ihr den Strauß +mit einem Knix.) + + +_Birnkoch_ + +Sieh da, sieh da! Flieder schon, im März? + + +_Anna_ + +(erhebt sich; tief errötend) + +Von wem ist denn der Flieder, Kind? (Schnell, ehe das +Mädchen antworten kann.) Ist schon gut. Ich laß mich recht +sehr bedanken. Da hast was für den Zuckerbäcker. (Gibt ihr +ein Geldstück; das Mädchen geht.) + + +_Frau von Hänlein_ + +(leise mahnend) + +Anna! + + +_Birnkoch_ + +Befinde ich mich in einem #erreur,# wenn ich annehme, daß +Sie den Spender kennen, Frau Domänenrätin? + + +_Anna_ + +(für sich) + +Herrlich! Herrlich! (Steckt das ganze Gesicht in den Strauß +und atmet mit Inbrunst; flüsternd.) Mein Traum!... + + +_Frau von Hänlein_ + +(am Fenster) + +Da kommt der Domänenrat! (Sie winkt hinunter.) + + +_Anna_ + +(stellt die Blumen in eine Vase vor die Spiegelkonsole, +betrachtet entzückt die Wirkung). + + +_Frau von Hänlein_ + +Weshalb stellst du denn den Strauß vor’n Spiegel, Anna? + + +_Anna_ + +(ohne sich umzuwenden, lächelnd) + +Dann sieht es aus, als ob ich zwei Sträuße hätte. + + +_Birnkoch_ + +#C’est drôle! c’est ravissant!# + + +_Ritter von Lang_ + +(tritt ein. Er ist ein mittelgroßer, stämmiger Mann mit +einer starken, energischen Stimme; sein Gesicht ist der Mode +der Zeit gemäß bartlos, sein Wesen hat ein kühnes +Selbstbewußtsein wie das eines Menschen, der seinen Wert +genau kennt und sich außerdem mit Absicht von andern +Beamten, ihrem Servilismus nach oben, ihrer Brutalität nach +unten, unterscheiden will) + +Guten Morgen, Herr Birnkoch; hab’ gestern schon gehört, daß +Sie wieder in Ansbach sind. – Bist schon so frühzeitig +munter, Anna? (Küßt sie auf die Stirn.) – Woher ist denn der +frische Flieder da? + + +_Anna_ + +Daß du’s gleich gesehen hast! (Nimmt seine Hand und sieht +ihn hell an.) Er hat’s gleich gesehen, Mutter. + + +_Frau von Hänlein_ + +Werden vom Hofgärtner aus dem Treibhaus sein ... (Raunt +Lang in die Ohren.) Nennen Sie ihn doch nicht Birnkoch, +lieber Lang! Wollen Sie ihn auf Lebenszeit zum Feind haben? + + +_Lang_ + +(lacht kurz, dann sehr höflich) + +Warten Sie schon lang, Herr Rechnungsrat? Was gibt’s? Soll +ich die Frauenzimmer fortschicken? + + +_Birnkoch_ + +Beileibe, Herr Domänenrat, beileibe nicht. Die Damen und +ich, wir haben uns über den Gegenstand schon ausgesprochen +und sind ganz #d’accord.# Denn Sie müssen nachgeben in der +Affäre mit dem närrischen Turm. + + +_Lang_ + +Potz Knackwurst, lieber Birnkoch – + + +_Birnkoch_ + +(indigniert und weinerlich) + +Aber hochgeschätzter Herr Domänenrat, warum wollen Sie mir +nicht meinen sauer verdienten Titul zubilligen? + + +_Lang_ + +Schön, Herr Rechnungsrat. Ich sage nur, wenn Sie einen +ganzen Harem von Weibspersonen um mich aufstellen, der Lang +gibt nicht nach. In _der_ Sache nicht. + + +_Birnkoch_ + +Es ist der entschiedene Wunsch Seiner Exzellenz, des +Ministers Haugwitz – + + +_Lang_ + +Vor allem steht es so, daß ich, in meinem Ressort, Befehle +nur vom Fürsten Hardenberg empfange. Es ist mir ja bekannt +geworden, daß der Fürst, der mir freundlich gesinnt ist, +durch allerlei Kabalen aus seinem Amt gedrängt werden soll, +aber eine offizielle Mitteilung habe ich darüber nicht +erhalten. + + +_Birnkoch_ + +Seine Exzellenz, der Minister Haugwitz hat über den Fall +eine Note abfertigen lassen – (zieht sein Portefeuille.) + + +_Lang_ + +Ihr könnt Noten schmieren, so viel ihr wollt. Das lebendige +Bedürfnis spricht anders. + + +_Birnkoch_ + +(bestürzt) + +#Mon dieu!# Sie anerkennen also keine höhere Instanz? + + +_Lang_ + +Instanz? Zu deutsch: Schleichweg. Der Minister Haugwitz ist +von Kreaturen umgeben, die ihren Vorteil suchen. + + +_Birnkoch_ + +Eine solche Verdächtigung muß ich mit aller zukömmlichen +Entschiedenheit repoussieren. + + +_Anna_ + +(zwischen beide tretend, sehr sanft) + +Warum soll denn der Turm nicht wieder aufgebaut werden, Karl +Heinrich? + + +_Lang_ + +(barsch) + +Misch du dich nicht in die Affären, Kind. + + +_Frau von Hänlein_ + +(nimmt sie am Arm, leise) + +Er hat recht. Er muß wissen, was er tut. + + +_Lang_ + +Ist dem Minister auch wahrheitsgemäß angegeben worden, was +der Wiederaufbau des Turmes kostet? + + +_Birnkoch_ + +(in seinen Papieren blätternd) + +Der Baurat Österlein hat vierhundert Gulden in Voranschlag +gebracht. + + +_Lang_ + +Dann ist der Baurat Österlein ein ganz gemeiner Schwindler, +der einen Auftrag will und eine Versprechung leistet, die er +nicht halten kann. Das sag ich ihm auf den Kopf zu. + + +_Birnkoch_ + +Sie erschrecken mich, Herr Domänenrat – + + +_Lang_ + +Das Vierfache reicht nicht hin. Aus meinen genauen +Berechnungen geht hervor, daß bei aller Sparsamkeit +achtzehnhundert bis zweitausend Gulden nötig sind. + + +_Birnkoch_ + +#Eh bien,# wenn die Bauern dafür aufkommen wollen und die +Regierung einen Beitrag gibt –? + + +_Lang_ + +Die Bauern, die sich ohnehin unterm Steuerdruck winden? Und +die Regierung, die kann das teure Geld förderlicher +verwenden. + + +_Birnkoch_ + +(spitz und kalt) + +Inwiefern förderlicher, wenn ich bitten darf? + + +_Lang_ + +Herr, in Frommetsfelden ist keine Schule! + + +_Birnkoch_ + +(heuchlerisch bekümmert) + +Ei, ei, ei ... + + +_Lang_ + +Bei Regen, bei Frost, im tiefsten Schnee müssen die Kinder +zwei Stunden laufen, um in die nächste Schule zu gelangen. +Die Folge? Weitaus die meisten Eltern behalten ihre +Sprößlinge zu Haus und erziehen dem Staat Analphabeten. Ich +will Ihnen eine Schule bauen für das Geld, das der Turm +kosten würde. + + +_Birnkoch_ + +Unter uns, – finden Sie denn diese sogenannte Bildung +wirklich so notwendig für das Volk? Durch jeden Bauern, der +lesen und schreiben kann, wird uns das Regieren schwerer +gemacht. + + +_Lang_ + +Meine Ambition ist nicht, den Herrschaften das Regieren zu +erleichtern. Was ihr gern seht, das ist eine möglichst große +Armee von Nullen. Und jede Null soll zugleich ein Geldsack +sein, ein Ding jedenfalls ohne Kopf und ohne Füße, und wenn +ihr diese ganze Nullenkarawane gemächlich vor euch hinrollt, +das nennt ihr dann regieren. + + +_Birnkoch_ + +(entsetzt) + +#Mais, monsieur! Ce sont des idées revolutionaires!# + + +_Lang_ + +Das ist meine Ansicht. + + +_Birnkoch_ + +(dem nicht mehr ganz geheuer ist) + +Aber ... ich meine ... wenn wo ein Turm einstürzt ... wenn +überhaupt wo was einstürzt, muß man’s doch wieder aufbauen. + + +_Lang_ + +Ich bin dafür, daß man Ruinen wegräumt und nicht neue +schafft. + + +_Birnkoch_ + +(rafft sich auf; würdevoll) + +Sohin ist meine Mission beendet. Ich werde nicht ermangeln, +höheren Orts Bericht zu erstatten. + + +_Lang_ + +Das bleibt Ihnen unbenommen. + + +_Birnkoch_ + +Ich habe in der leidigen Angelegenheit um elf Uhr noch eine +#conférence# mit dem Herrn Präsidenten von Schuckmann – + + +_Lang_ + +Weiß schon. Der Präsident hat mich dazu gebeten. Man zwickt +und zwackt mich von allen Seiten. In einer halben Stunde +komm’ ich hinüber. Habe vorher noch ein Referat zu +erledigen. (Verbirgt mühsam seinen Ärger und begibt sich, +nach einem kurzen Kompliment, unhöflicherweise sogleich an +seinen Schreibtisch.) + + +_Birnkoch_ + +#Mesdames#, meine ehrerbietigste Empfehlung. + + +_Frau von Hänlein_ + +(macht bedauernde Gesten, um Lang zu entschuldigen, und +begleitet Birnkoch. Ehe noch die Tür ganz geschlossen ist, +hört man von draußen) + + +_Birnkochs Stimme_ + +Seien Sie versichert, Madame, daran ist der Bonaparte +schuld. Der Bonaparte sitzt ihm im Nacken. Schade, +jammerschade ... + + +_Lang_ + +(horcht auf, lacht vor sich hin, während er schreibt) + +Der Bonaparte muß allen Faulenzern den Wauwau machen. +(Schreibt.) Aber sein Französisch reden sie. (Schreibt.) Und +miserabel noch dazu. + + +_Anna_ + +(hat sich vorsichtig genähert und schaut Lang über die +Schulter. Sie schüttelt den Kopf, als ob sie sagen wollte: +er spürt mich nicht. Endlich legt sie ihm die Hände auf die +Schultern). + + +_Lang_ + +Was gibt’s denn, Anna? (Schreibt weiter.) + + +_Anna_ + +Hast du nicht ein Minütchen Zeit für mich? + + +_Lang_ + +(ein bißchen ungeduldig) + +Sag nur, was du willst. Ich bin ja beschäftigt, wie du +siehst. + + +_Anna_ + +(schweigt, entfernt sich seufzend). + + +_Lang_ + +(schreibt) + +Na sag’s nur, aber geschwind. + + +_Anna_ + +Manche Dinge kann man nicht geschwind sagen. + + +_Lang_ + +Dann sind’s gewiß überflüssige Dinge. + + +_Anna_ + +(nähert sich von neuem, neigt sich über ihn; mit einem +Versuch zur Koketterie) + +Weißt, von wem ich den Flieder hab’? + + +_Lang_ + +(stockt; kleine Pause, scheinbar gleichgültig) + +Von wem ... vom Leutnant Schlözer natürlich. + + +_Anna_ + +Falsch geraten. Nein, richtig geraten. Ist’s nicht nett von +ihm? Er weiß, daß mich Blumen ganz toll machen vor Freude. +(Naiv.) Aber das blaue Seidenkleid, das du mir vom Baron +Imhoff aus Paris hast bringen lassen, ist wunderschön. + + +_Lang_ + +(schreibt wieder) + +Sollst es tragen, wenn der Fürst kommt. + + +_Anna_ + +Das dauert bis zum Herbst. + + +_Lang_ + +Bis dahin wird’s nicht altmodisch. + + +_Anna_ + +Ob ich aber dann noch lebe ... + + +_Lang_ + +(kehrt sich rasch um) + +Anna! + + +_Anna_ + +Flieder, der verwelkt von heut auf morgen. Der ist für den +Augenblick. So ein Kleid, das soll täuschen über den +Augenblick. + + +_Lang_ + +Du quälst dich mit Hirngespinsten und mich nicht minder. + + +_Anna_ + +Hirngespinste? Das Hirn spinnt, was das Herz bewegt. + + +_Lang_ + +(steht auf) + +Du darfst mir nicht den Boden unter den Füßen wegziehen, +Anneli. Gegen Menschen kann ich streiten, gegen Schatten +nicht. + + +_Anna_ + +(verzagt, sieht ihn groß an) + +Mir ist so bang. + + +_Lang_ + +Weshalb denn, Anna? + + +_Anna_ + +Um dich, um mich, um uns beide ist mir bang. Ich seh dich +oft gar nicht. Du bist so fern, auch jetzt, wo du vor mir +stehst. Und ich weiß, du siehst mich auch nicht. Mir ist, +als ob wir zwei Blinde wären, die vergeblich mit den Händen +nacheinander greifen. Du bist so tüchtig, so fest, so klug, +aber es ist was in dir, was mich schreckt. Ganz, ganz nahe +möcht ich oft zu dir und kann nicht, wie wenn einem das +eigene Haus zugesperrt wär’. + + +_Lang_ + +(kopfschüttelnd, doch heimlich erleichtert) + +Schau, schau, was für eine kleine Schwärmerin du bist! + + +_Anna_ + +(verletzt) + +Nein, Karl Heinrich, wirf’s nicht mit einem Wort von dir. +Bist doch sonst ein Feind von denen, die sich’s bequem +machen. Mich sollst du dir auch nicht bequem machen. + + +_Lang_ + +(ablehnend) + +Ich versteh dich nicht, Kind. Mir ist das alles Spiel, was +du vorbringst. Zum Spielen ist mir der Tag zu wert. (Will +sich wieder zur Arbeit setzen.) + + +_Anna_ + +(schmiegt sich an ihn, mit einem jähen Entschluß, bittend) + +Schenk mir den Turm, Karl Heinrich! + + +_Lang_ + +(verwundert) + +Den Turm? Was für einen Turm? + + +_Anna_ + +Den Turm in Frommetsfelden. + + +_Lang_ + +Was soll das heißen? – Der Turm ist ja eingestürzt. + + +_Anna_ + +(leidenschaftlich schmeichelnd) + +So bau ihn wieder auf! Bau ihn! Für mich! + + +_Lang_ + +(ruhig) + +Solchen Unsinn kannst du von mir im Ernst nicht verlangen. + + +_Anna_ + +(beteuernd) + +Im tiefen, heiligen Ernst. Ist kein Unsinn, Karl Heinrich; +ist ein Wunsch, nur ein Wunsch. + + +_Lang_ + +Den ich unmöglich erfüllen kann; oder ich würde mich zum +Windbeutel machen. Denk doch nach – + + +_Anna_ + +Denk ich nach, kann ich den Wunsch nicht mehr so spüren. + + +_Lang_ + +Nun also! + + +_Anna_ + +Wünschen ist stärker als denken. Du nennst’s vielleicht eine +Laune. + + +_Lang_ + +Eine üble noch dazu. + + +_Anna_ + +(ruhiger) + +Schau, der Turm war mir immer was Ehrwürdiges, das zum +Himmel lockt. So stolz und wacker ist er gestanden, so fest +und alt ins Firmament hineingegossen, und so unvergänglich, +weißt du, als stünd’ er von Anbeginn der Welt bis zum Ende. +Wenn ich als Kind nachts vom Schlaf erwacht bin, hab ich die +Glocke gehört; dumpf und schwer und mächtig langsam und so +wohllautend wie des Herrgotts Stimme selber. Wie Zeit und +Ewigkeit hat’s da zusammengeklungen, zwischen Schlag und +Schlag war ein ganzes Leben, gute Träume, böse Träume, und +die Nacht ist so groß geworden, und der Tag so fern ... +Aber wär’s nur darum, so wär’s am Ende wirklich Laune. Darum +ist’s aber nicht. + + +_Lang_ + +So erklär dich deutlicher. + + +_Anna_ + +Ach, daß du’s nicht begreifst, daß du’s nicht ahndest! + + +_Lang_ + +Und daß auch _du_ mir’s noch schwer machst, Anna, auch du! +Bin ich denn nicht wie der böse Feind dahier geachtet? Jede +Handlung, die dem gemeinen Wesen zugute kommen soll, braucht +zwanzig Schreibereien. Wohin du blickst, die ärgsten +Mißbräuche, Zehrungen und Unterschleife. Was an Steuern dem +armen Volk erpreßt wird, geht für die Zeche der Herren auf. +Meinst du, ich könnte nicht gleichfalls so ein Diätenfresser +sein? Und sparte mir die Galle dabei. Was für Zustände, +Anna! Davon hast du ja keinen Begriff! Im Alumneninstitut +des Gymnasiums lauter feuchte, ungeheizte Stuben, wo die +schamlos vernachlässigten Schüler öffentlichen und +heimlichen Sünden frönen. Dabei muß man alljährlich das Geld +aufborgen, um nur den Kostwirt bezahlen zu können. Im +Waisenhaus sind den Kindern vor lauter Krätze und englischer +Krankheit Hände und Füße gebogen und die Köpfe +aufgeschwollen. In der elenden Baracke, genannt Seelhaus und +Lazarett, liegen scheußliche Gestalten halbnackt auf +muffigem Stroh. Fragt man: wo ist das Geld? Es ist nicht da. +Es ist aber doch dafür bestimmt worden –? Ja, es ist aber +nicht da. Keiner hält stand, keinen kannst du beim +Schlafittich packen; alle, die davon fett werden, daß nichts +geschieht, spritzen dir ihr Gift ins Gesicht, bei jeder +nützlichen Anordnung setzen sich die Magistrate selbst +entgegen; hinter denen stecken wieder die Verwalter, die +Advokaten, die Gutsbesitzer, die Latifundienräuber, die +Bevollmächtigten der Regierung, und so geschieht’s, daß ich +im ganzen Land als unbarmherziger Mann verschrien bin, und +daß man mich durch Appelle und Eingaben und Rekurse und +Beschwerden und Ränke und Quertreibereien ermüden und +zurückhalten will. Und nun kommst du auch noch und nagst an +mir. + + +_Anna_ + +Ich seh’s wohl ein; Grund und Recht sind auf deiner Seite, +und als gute Frau dürft ich nicht zuwiderstimmen. Mein Grund +ist unaussprechlich und liegt vielleicht nur in meinen +Augen; nur in meinem Blick, wenn er deinem begegnet. Sieh +mich an, Karl Heinrich! Ist’s Lüge, dann ist alles Lüge, was +mich zu dir treibt. Denk, es ist ein Gebet. Oder denk, es +ist eine Krankheit in dir, die du selber nicht kennst, und +du mußt sie durch einen bittern Trunk heilen. + + +_Lang_ + +Ich kann dir nicht helfen, Anna. Der Frommetsfelder Turm +darf mir nicht gebaut werden, so lang ich hier im Amt bin. + + +_Anna_ + +(wendet sich weg, läßt die Arme schlaff fallen und den Kopf +tief sinken). + + +_Lang_ + +Ist mir leid um dich, Anneli, denn in deinem Begehren ist +was, das mir wie freventlicher Übermut erscheint. Zart bist +du beschaffen, aber es ist was Verwegenes in dir, und wollt +ich mich dem fügen, so wär’ ich geliefert für alle Zeit. Ihr +Weiber habt oft so eine spindeldürre Phantastik in euerm +Kopf; wenn man sich davon einfangen läßt, geht’s einem wie +Simson, dem Propheten. + + +_Anna_ + +(geht langsam gegen die Türe links, zögert noch vor der +Schwelle, dann ab). + + +_Lang_ + +(wandert unruhig hin und her) + +Ist ein feines Geschöpflein, und kann sich nicht abfinden +mit ihrem begehrlichen Gemüt. Nährst du’s, frißt’s dich +auf. Mußt es ziehen lassen, als ob’s ne Wolke wär’. Die eine +Wolke könnt ich ja vertragen, wird nicht gleich Blitz und +Donnerwetter geben. Eheweisheit ist ein ander Ding denn +Amtsweisheit. (Schaut auf die Uhr.) Die Zeit ist mir schon +wieder davongelaufen. (Wie er zur Tür will, klopft es.) +Herein! + + +_Leutnant Amandus Schlözer_ + +(tritt von rechts an. Er ist einundzwanzig Jahre alt, sehr +schlank, mit einem gut markierten, charaktervollen Gesicht +und Augen, in denen sich der Romantiker verrät. Sein Betragen +schwankt zwischen Schüchternheit und soldatischer Offenheit +und Kürze. Er trägt die preußische Infanterieuniform) + +Verzeihung, Herr Domänenrat, wenn ich Sie störe – (Verbeugt +sich, grüßt militärisch.) + + +_Lang_ + +(flüchtig) + +Guten Morgen, Herr Leutnant. Ich weiß nicht, ob meine Frau +Sie empfangen kann ... + + +_Schlözer_ + +Ich möchte, Herr Domänenrat, wenn ich Sie nicht von +dringenden Geschäften zurückhalte, ein paar Worte mit Ihnen +allein – + + +_Lang_ + +(stirnrunzelnd) + +Ich habe allerdings ... ich werde beim Präsidenten erwartet +... Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Leutnant? Wollen Sie +Platz nehmen? + + +_Schlözer_ + +Merci. (Bleibt stehen.) Ich wollte Ihnen nur sagen, Herr +Domänenrat ... es ist etwas in mir, was mich zwingt, Ihnen +diese Mitteilung zu machen, ... daß ich abzureisen genötigt +bin. + + +_Lang_ + +(leichthin, jedoch etwas aufmerksamer) + +Wirklich, Herr Leutnant? Sind es Gründe privater Natur, die +einen so raschen Entschluß hervorgerufen haben? + + +_Schlözer_ + +(gepreßt) + +Ja. Gründe von der dringendsten Beschaffenheit. Mein +Urlaubsgesuch ist bereits bewilligt. Die Postpferde sind +bestellt. + + +_Lang_ + +(konventionell) + +Es tut mir leid, Herr Leutnant. Wir hatten gehofft, Sie +länger hier halten zu können. Freilich, – die Provinz. + + +_Schlözer_ + +(mit festem Blick) + +Dies ist es nicht, Herr Domänenrat. Es ist schwer zu sagen +... doch kam ich deshalb her ... und so sei es gesagt: Herr +Domänenrat, ich liebe Ihre Frau. + + +_Lang_ + +(sieht ihn schweigend an; dann mit starker Überwindung) + +Das nennt man ohne Umstände deutlich sein. (Kalt.) Ich +beklage diese Fatalität, Herr Leutnant, doch überschätzen +Sie vielleicht ihre Tragweite für mich, – wenn Sie +_des_wegen Postpferde bestellt haben. + + +_Schlözer_ + +(ohne sich zu regen) + +Würden Sie mir eine solche Antwort auch geben, wenn Ihre +Frau meine Abreise nicht ganz so teilnahmslos betrachten +würde? + + +_Lang_ + +(brüsk) + +Herr Leutnant, meine Frau ist über jede Insinuation erhaben. + + +_Schlözer_ + +(verbeugt sich) + +Ich weiß es. + + +_Lang_ + +Warum gleich Postpferde bestellen, Herr Leutnant? Und wenn +Postpferde bestellt sind, warum sie zur Parade tanzen +lassen? Soll ich das Almosen einer Entsagung mit Dank +quittieren? Soll ich bewundern, wo ich kaum bedauern kann? +(Ernst und mit Bedeutung.) Der ehrt sich selbst und seine +Freunde, der durch Schweigen unerfüllbare Wünsche +beschwichtigt. + + +_Schlözer_ + +Ich glaubte Ihnen, in dessen Haus ich Gastfreundschaft +genossen habe, eine Erklärung schuldig zu sein. + + +_Lang_ + +Sie verpflichtet mich zu keinem Dank. Wenn Sie für sich +fürchten, Herr Leutnant, Sie für Ihre Person und Ihre Ehre +sage ich, dann nehmen Sie Postpferde. + + +_Schlözer_ + +(mit zu Boden gekehrtem Blick) + +Ich reise, Herr Domänenrat. + + +_Lang_ + +So wünsch ich glückliche Fahrt. – Vermutlich werden Sie sich +von meiner Frau verabschieden wollen. (Auf eine Bewegung +Schlözers.) Bitte, Herr Leutnant, meine Frau wäre gewiß +verletzt, wenn Sie ohne Gruß von ihr scheiden würden. Ich +werde draußen sagen lassen, daß Sie hier warten. Ich selbst +muß Sie leider verlassen. (Mit stummem Gruß nach rechts ab.) + + +_Schlözer_ + +(blickt düster vor sich hin. Er gewahrt den Fliederstrauß, +eilt hin, nimmt ihn in die Hand und drückt seine Lippen in +die Blumen. Dann läßt er das Bukett fallen, wie von einem +hoffnungslosen Gedanken erstarrt) + +Er schickt sie zu mir! Kein Zweifel ist in ihm, kein +Zweifel! + + +_Anna_ + +(von links) + +Guten Morgen, Amandus. War nicht Lang eben hier? + + +_Schlözer_ + +(zu ihr, küßt ihr die Hand) + +Teure Anna, wie blaß Sie heute aussehen ... + + +_Anna_ + +(abweisend) + +Dies Betragen lieb ich nicht an Ihnen, Amandus. Sie wissen +es. Mein Mann ist fortgegangen? + + +_Schlözer_ + +Er sagte, er wolle Ihnen Nachricht geben, daß ich warte. + + +_Anna_ + +(mit verlorenem Blick) + +Und ist fortgegangen. (Rafft sich zusammen.) Ich habe Sie +doch gebeten, Amandus, daß Sie am Vormittag nicht kommen +möchten. (Sie setzt sich, Schlözer nimmt ihr gegenüber +Platz.) + + +_Schlözer_ + +Es ist das letzte Mal, Anna. Ich kann den Gedanken, daß Sie +in meiner Nähe weilen, nicht länger ertragen. Ich kann nicht +länger in den Nächten liegen und mit lebendig-offenen Augen +träumen, was mir das Herz verbrennt. Ich kann’s nicht +länger, und ich komme nun, um Ihnen Lebewohl zu sagen. + + +_Anna_ + +(versonnen) + +Ich hatt’ es erwartet. Sie reisen also. Und wohin reisen +Sie? + + +_Schlözer_ + +Die Erde dreht sich, und ich fühle mich so schwunglos; +heruntergestürzt und in den Boden gewühlt wie in ein Grab. – +Wohin ich reise? Es gibt bald Krieg, Anna. Wenn mein König +keine Verwendung für mich hat, wird Bonaparte wissen, wie +ein Mann zu brauchen ist, dem das Leben nichts mehr gilt. + + +_Anna_ + +(aufschreckend) + +Haben Sie mit Lang gesprochen? + + +_Schlözer_ + +War es mein Schmerz oder war es das Bedürfnis, daß es +zwischen mir und ihm zum Ausgleich kommt; daß er es wissen +möge, daß er Sie hüten möge, Anna, wie das kostbarste +Kleinod der Welt, – ich weiß nicht mehr warum, nennen Sie +es eine Verfinsterung meines Herzens, – ich habe ihm gesagt, +wie es um mich beschaffen ist und weshalb ich gehe. + + +_Anna_ + +(grüblerisch) + +Das haben Sie ihm gesagt? Wie seltsam! Und er? + + +_Schlözer_ + +Er! Er war kalt und überlegen. + + +_Anna_ + +(wie oben) + +Und er sagte, er wolle mir Nachricht geben lassen, daß Sie +warten. Wie seltsam ... + + +_Schlözer_ + +Als ob keine Faser in Ihnen wäre, die ohne seinen Willen +sich regte. + + +_Anna_ + +(wie oben) + +Vielleicht vertraut er mir so. + + +_Schlözer_ + +Und dies Vertrauen sollte Sie nicht ein wenig kränken, teure +Anna? Ist denn Liebe etwas so Unzweifelbares, daß sie einmal +beschworen, jedem Feuer stand hält? Ist denn das noch Liebe, +die so ruhig, so stumm, so satt werden darf? + + +_Anna_ + +Wie würden Sie gehandelt haben, Amandus, wenn ein Mann Ihnen +ein solches Geständnis gemacht hätte? + + +_Schlözer_ + +Wie ich gehandelt hätte, weiß ich nicht. Vielleicht hätte +ich den Mann erdolcht. Vielleicht hätte ich ihn in die Arme +geschlossen. Wer aber darf so übermenschlich sich gebärden, +daß er nichts wissen will von den Gewalten, die seiner +Sicherheit ein Ziel setzen könnten? Ach, Anna, wenn! – wenn! +Ich würde hinschmelzen unter jedem Blick und jedem Lächeln. + + +_Anna_ + +(kopfschüttelnd) + +Nein, Amandus, das Hinschmelzen, das ist das Wichtige nicht. +Wichtig ist, daß man nie einander vergißt. Daß man immer +geborgen ist im andern, daß er die Gedanken hält und kennt, +daß er die Wünsche weiß und jeden recht versteht, denn es +ist eine Qual, zu reden, wenn man wünscht. Daß man nicht ein +Opfer wird von einer Stunde, wo aufs Ungefähr das Blut +stürmt und man dann zur schalen Erinnerung wird in den +Geschäften des Lebens. Da wird alles kalt in einem. + + +_Schlözer_ + +Alles ist fremd ohne Zärtlichkeit, fremd und zufällig. + + +_Anna_ + +Ja, Zärtlichkeit, das ist es. Ohne Zärtlichkeit wird Liebe +sündhaft. Zärtlichkeit ist wie ein treuer Hund am Herd, der +nie den Herrn verkennt. + + +_Schlözer_ + +Ich weiß es seit langem, Anna, daß Sie nicht glücklich sind. + + +_Anna_ + +Glücklich! Ich bin noch vor dem Glück vielleicht und hab +Angst, daß es vorübergeht, ohne daß ich weiß, was es ist. +Ich möcht’ es ausgraben wo und kenn’ den Ort nicht, wo es +liegt. – Wenn Sie mein Mann wären, Amandus, und Lang käm’ +ins Haus, so wie Sie kommen, und Sie würden dazu schweigen +und ich wüßte nicht, schweigen Sie aus Großmut oder aus +Nachlässigkeit, die Unruh’ würde mir das Herz abdrücken. Und +schwiegen Sie aus Nachlässigkeit, und ich wüßt’ es, so wär +alles vorbei. Aber auch wenn Sie eifersüchtig wären und es +zeigten, wär alles vorbei, denn ist ein Mann eifersüchtig, +so achtet er sich selbst nicht oder die Frau nicht. – Wir +müssen uns jetzt trennen, Amandus. (Sie steht auf.) + + +_Schlözer_ + +(zu ihr) + +So gilt’s denn. Es wird Nacht in meinem Leben. + + +_Anna_ + +(verloren und wie zu sich selbst; schmerzlich) + +Der Turm, Amandus, wird nicht gebaut. Mein Turm wird nicht +gebaut. + + +_Schlözer_ + +Der Turm –? + + +_Anna_ + +Ach, wundern Sie sich nicht. Ich schwatze wohl zu viel. – Zu +welcher Stunde wollen Sie denn fort? + + +_Schlözer_ + +Zwischen zwölf und ein Uhr denk’ ich. + + +_Anna_ + +Und wohin? + + +_Schlözer_ + +Gen Würzburg geht die Fahrt. + + +_Anna_ + +(wie aus einem Traum) + +Wenn ich mitginge ... wenn ich mitginge ... + + +_Schlözer_ + +(leidenschaftlich, packt ihre Hände) + +Anna! – + + +_Anna_ + +(lächelnd und verstört) + +Tu’ ich den Schleier ums Gesicht, erkennt mich niemand ... + + +_Schlözer_ + +(außer sich) + +Ich lass’ den Wagen beim Mauthaus auf der Chaussee warten. +Ich laß ihn bis zum Abend warten, wenn Sie wollen! + + +_Anna_ + +(leise) + +Wie er’s tragen wird? Ob’s ihn wandeln wird ... (Schlözer +mit der Linken von sich abhaltend.) Ja, warten Sie, Amandus. +Beim Mauthaus zwischen zwölf und eins. Nur dies noch, – Sie +sind mein Ritter. Nicht fragen werden Sie, mich nicht +bedrängen ... (Hastig.) Nein, nein, nicht reden jetzt. Beim +Mauthaus zwischen zwölf und eins ... Geh ich den Feldweg, +sieht mich niemand. Gehen Sie, Amandus. Nichts reden! (Sie +legt den Finger auf den Mund.) + + +_Schlözer_ + +(geht wie ein Schlafwandler mit zurückgekehrtem Gesicht zur +Tür). + + +_Anna_ + +Nichts reden ... + + +_Schlözer_ + +(mit einer trunkenen Bewegung ab. Während die Tür offen ist, +hört man vom Flur die Stimmen der Bauern). + + +_Anna_ + +(steht entgeistert mit geschlossenen Augen). + + +_Frau von Hänlein_ + +(kommt) + +Da draußen sind die Frommetsfeldner Bauern. Wollen beim +Domänenrat petitionieren wegen ihres Turmes ... Um Gott, +Kind, – wie siehst du aus? + + +_Anna_ + +Nichts, Mutter, es ist nichts. (Ab nach links.) + + +_Frau von Hänlein_ + +(schaut ihr nach) + +Da ist was nicht rund in der Welt, sollt’ mich dünken. Der +Schlözer ist mir auch ganz rabiat vorgekommen ... Als ob +einer vom Wein aufsteht und durch die Wand steigen will. +Kind! Kind!... + + +_Bärbel_ + +(kommt) + +Könna die Bauersleit’ da herinnet wart’n? + + +_Frau von Hänlein_ + +Ja, laß sie nur herein. Der Domänenrat muß gleich kommen. +Die Leute sagen ja, sie hätten ihn unterwegs schon +getroffen. Ich will mich nach der jungen Frau umschauen. +(Links ab.) + + +_Bärbel_ + +(nach draußen) + +No, spaziert nur da ’rein! (Es kommen der Ringhofbauer, der +Erlhofbauer, der Waldhofbauer, und zwei andere Bauern. Alle +tragen die urtümliche fränkische Bauerntracht: silberne +Knöpfe an den blauen Westen, schwarze Jacken, schwarze Hosen +in hohen Stiefeln, schwarze Zipfelmützen. Sie drücken sich +scheu und ehrfürchtig herein, bleiben regungslos stehen.) + + +_Bärbel_ + +Derft euch au’ niedersetzen. (Ab, läßt die Tür offen.) + + +_Der Ringhofbauer_ + +Joo ... (Sie bleiben stehen.) + + +_Der Erlhofbauer_ + +Wer soll’n reden? + + +_Der Ringhofbauer_ + +I wer’ scho reden. + + +_Der Waldhofbauer_ + +Was werst’n sog’n? + + +_Der Ringhofbauer_ + +I wer scho was sog’n. (Es kommen Lang und der Kammerdirektor +Mühlbach, ein älterer, würdiger Herr.) + + +_Kammerdirektor_ + +Ich hab’s Ihnen gleich gesagt: der Präsident ist in dieser +Sache machtlos. + + +_Lang_ + +Niemand hat den Mut, für das Notwendige sich einzusetzen, +wenn er gleich die Vernunft hat, es zu sehen. Es ist ein +Höllenzirkel. + + +_Kammerdirektor_ + +Da haben Sie Ihre Bauern ... + + +_Lang_ + +Ja. Und morgen werden die Pfarrer kommen, und übermorgen die +Küster. + + +_Kammerdirektor_ + +Der Präsident hat nicht so unrecht, wenn er meint, daß das +Wegschaffen des Turms gleichsam eine #capitis deminutio# +sein würde. + + +_Lang_ + +Das #Corpus juris# wird maulfeil, wo das gesunde Gefühl +revoltiert. Bin ich schwächer hier als Stumpfsinn und böser +Wille, dann kenn ich meinen Weg. + + +_Kammerdirektor_ + +Aber Lang! Lang! + + +_Lang_ + +(zu den Bauern) + +Hört mich an, ihr Leute! Wenn ihr einen Webstuhl habt, und +der zerbricht, dann werdet ihr euch einen neuen Webstuhl +anschaffen. Nicht wahr? + + +_Die Bauern_ + +Joo ... joo ... + + +_Lang_ + +Und wenn euch ein alter Hofhund krepiert, dann werdet ihr +euch nach einem andern, einem jungen Hofhund umsehen. Ist’s +so? + + +_Die Bauern_ + +Joo ... joo ... + + +_Lang_ + +Wenn euch aber ein Haus abbrennt, das auf einem vom Wasser +unterhöhlten und durchweichten Grund gestanden ist, werdet +ihr dann das Haus auf demselben Grund wieder aufbauen? Sagt +mir eure Meinung. Frisch heraus! + + +_Die Bauern_ + +Naa ... naa ... + + +_Ringhofbauer_ + +Das wöll’n mer nit ton. Naa ... naa ... (Er nickt den andern +verständnisinnig zu, als sollten sie seine Beredsamkeit +bestaunen.) + + +_Lang_ + +Und wenn auf euerm Acker ein großer Baum steht, der dem +Getreide Licht und Sonne nimmt, den ihr aber nicht umhauen +wollt, weil er dort seit Menschengedenken wächst, und der +Baum bricht nun eines Tages, weil er krank ist, oder der +Blitz haut ihn zu Boden, werdet ihr da nicht froh sein, daß +er weg ist? + + +_Die Bauern_ + +Joo ... joo ... + + +_Lang_ + +Oder werdet ihr ihn von neuem in die Erde stecken? + + +_Die Bauern_ + +Naa ... naa ... + + +_Ringhofbauer_ + +Des tenna mer nit, Herr RÃ¥t! (Wie oben.) + + +_Lang_ + +Nun also! (Der Schreiber Kasteljack, ein dürrer, langer, +fusliger, schattenhafter Mensch, kommt schüchtern und eilig +getrippelt, hat ein amtliches Dokument in der Hand.) + + +_Lang_ + +(unwirsch) + +Was gibt’s, Kasteljack? + + +_Kasteljack_ + +(asthmatisch) + +Herr Domänenrat ... (hüstelt) das Gesuch an die Regierung +wegen Nichtwiederaufbaus des Frommetsfeldner Turms ... +(Greift sich an die Brust, hüstelt.) + + +_Lang_ + +Hurtig, hurtig, Mensch! (Entreißt ihm den Bogen.) + + +_Kasteljack_ + +... ist leider diesen Morgen als unerledigbar ... unerledig +... lich ... zurückgekommen. + + +_Lang_ + +(mit verbissenem Grimm) + +Und der Grund? + + +_Kasteljack_ + +Eine Formalität, Herr Domänenrat ... + + +_Lang_ + +Was für eine Formalität? + + +_Kasteljack_ + +Der Submissionsstrich fehlt. + + +_Lang_ + +Der – Submissionsstrich? + + +_Kammerdirektor_ + +Der Submissionsstrich? + + +_Kasteljack_ + +Ja. Es ist dies eine wichtige amtliche Formalität. +(Hüstelt.) Die Vorschrift lautet, daß zwischen dem Text des +Gesuches oder des Referats oder des Ausweises oder des +Testimoniums ... daß zwischen dem Text und der Unterschrift +des betreffenden Herrn Referenten oder Berichterstatters ein +dicker, gerader, deutlicher Strich gezogen werde. Diesen +Strich nennen wir den Submissionsstrich. + + +_Kammerdirektor_ + +Ja. ’s ist wahr, eine ganz zweifellose Institution, die Sie +doch kennen müssen, Lang. + + +_Lang_ + +Ich kenne sie. Jetzt kenn ich sie. Mit einem Wort: diese +Unterlassung bedeutet zwei bis drei Monate Aufschub. Der +Submissionsstrich soll das Seil werden, auf dem man mich +tanzen lassen will. Oder der Balken, mit dem man mir um die +Füße schlägt. (Er eilt zum Schreibtisch und zieht in größter +Hast mit Bleistift und Lineal Striche auf einem großen Bogen +Papier.) So werden hierzuland die Männer traktiert und die +wahren Interessen schachmatt gemacht. (Kehrt zu Kasteljack +zurück.) Hier, Kasteljack. Da ist ein ganzer Schreibebogen, +reichlich versehen mit Submissionsstrichen. Schicken Sie den +Bogen an die betreffende Kanzlei der Regierung, ich lasse +submissest ersuchen, in einschlägigen Fällen sich aus diesem +Vorrat von Submissionsstrichen bedienen zu wollen. + + +_Kasteljack_ + +Aber ... + + +_Lang_ + +Kein Aber. Tun Sie, was ich Ihnen befehle. Es ist Ernst. + +(Kasteljack unter Bücklingen rückwärtsgehend ab.) + + +_Kammerdirektor_ + +Sie werden sich’s mit der hohen Regierung gründlich +verderben, lieber Lang. + + +_Lang_ + +Die und ich, wir können nicht in derselben Küche unser +Fleisch kochen. Ihres schmeckt mir ranzig und meins ist +ihnen zu zähe. Verderben! Ich mit ihnen verderben! Ich hab’ +ihnen gedient, wie einer, der’s redlich meint. Sie haben +mich bezahlt wie einen, der schon betrogen hat. Wer sein +Schäfchen ins Trockene bringt, erregt ihnen keinen Argwohn, +wer sich mausig macht und ihre verstaubten Litaneien +überhört, den legen sie nackt in die Sonne und salben ihn +mit dem Öl ihrer Schikanen, daß das Ungeziefer über ihn +kommt. + + +_Kammerdirektor_ + +Lang! Lang! mäßigen Sie sich doch. + + +_Lang_ + +Ich bin am Ende meiner Fassung. Wenn man zusehen muß, daß +alle Quellen hämisch verstopft werden und die Menschheit +verdurstet. Daß die Früchte wachsen, um zu verfaulen. Große +Männer Großes richten, um Popanze zu werden für die +Phrasendrechsler. Verderb ich mir’s mit ihnen, steht’s desto +besser zwischen mir und meinem Gewissen. (Zu den Bauern, die +unterdessen heimlich gewispert haben.) Nun, ihr Leute! Der +Baum, von dem ich euch da gesprochen habe, vergleichsweise, +versteht mich wohl, der Baum ist euer alter, unnützer Turm. +Was wollt ihr beginnen mit einem Turm? Könnt ihr ihn als +Heuschober brauchen? Nein. Könnt ihr drinnen wohnen? Nein. +Wollt ihr drinnen beten? Nein. War er besonders schön von +Ansehen? Nein. Es war nichts in ihm oder an ihm, was euch +hätte ergötzen oder fördern können. Und doch wollt ihr ihn +wieder aufrichten. Warum? + + +_Erlhofbauer_ + +Mer war’s halt so g’wöhnt, Gnaden Herr RÃ¥t. + + +_Waldhofbauer_ + +’s wär a Schand, Gnaden Herr RÃ¥t. + + +_Lang_ + +Die Schande will ich euch auswetzen. Ich bau euch ein +Schulhaus, das wird ein wahrer Staat sein. Seht, das ist +eine Aussaat, von der ihr eine gute Ernte einheimsen könnt. +Profitiert _ihr_ nicht mehr davon, so profitieren eure +Kinder, die Söhne und die Töchter. ’s ist, wie wenn man +Kälber auf eine fette Weide treibt. Da wächst euch kein +habergasiges Vieh heran, das sich seiner Haut schämen muß, +sondern ein edler Schlag. Der Bauer hat nicht nötig, sein +Licht unter den Scheffel zu stellen. Mit dem Wissen ist’s +eine eigene Sache und, glaubt mir’s oder glaubt mir’s nicht, +wenn ihr eure Kinder was lernen laßt, werden eure Mühlen +besseres Korn zu mahlen haben. + + +_Ringhofbauer_ + +Da hab’n mer alles nichts dageg’n, Herr RÃ¥t; aber um unsern +Turm woll’n mer halt fleißig gebeten hab’n. + + +_Lang_ + +Holzköpfe! (Verzweifelt zum Kammerdirektor.) Das ganze Ding +gleicht einem Gänsespiel, wo man sich schon nah am Ziel +glaubt, und durch einen mißglückten Wurf von einem +umgekehrten Schnabel zum andern wieder zum ersten Anfang +zurückgewiesen wird. + + +_Kammerdirektor_ + +Ich wußt es vorher. + + +_Frau von Hänlein_ + +(kommt mit einem Brief, von rechts). + + +_Lang_ + +Doch laß’ ich nicht nach, und wenn’s ein Jahr meines Lebens +kostet. + + +_Frau von Hänlein_ + +Da ist ein Brief an Sie gekommen, Lang. + + +_Lang_ + +Das Siegel sollt ich kennen. ’s ist vom Fürsten Hardenberg. +(Er bricht den Brief auf und liest; seine Miene verzerrt +sich sichtlich, er wirft das Schreiben mit einem Laut des +Schmerzes und der Wut zur Erde und schlägt die Fäuste vor +die Augen.) + + +_Frau von Hänlein_ + +(erschrocken) + +Lang! + + +_Lang_ + +Geht mir aus den Augen! Geht! Fort ihr alle! – Auch er! auch +er! – Nichts richten können! nichts vollenden können! + + +_Frau von Hänlein_ + +Aber Lang, sein Sie doch vernünftig! (Sie hebt den Brief +auf.) + + +_Lang_ + +(entreißt ihn ihr) + +Sehen Sie, Mühlbach, – hören Sie! (Liest im Tiefsten erregt, +mit zusammengebissenen Zähnen.) »Die gegnerischen Umtriebe +sind so mächtig geworden, lieber Lang, daß ich Sie in Ihrem +wie in meinem Interesse bitten muß, die fragliche Affäre mit +dem unglückseligen Turm fallen zu lassen. Sie wissen, +welchen Anteil ich an Ihren Bestrebungen nehme, ich kenne +die edle Selbstlosigkeit, mit der Sie allem hingegeben sind, +was Sie für recht und förderlich erkannt haben, aber das +Tüchtige läßt sich auf vielen Wegen durchsetzen,« – so +spricht Er! Er! So haben sie ihn zu Brei gemacht! Das +Tüchtige auf vielen Wegen! – (Liest.) »Stehen Sie ab vom +Unerreichbaren und wirken Sie im Möglichen« – nichts da, von +Gnadenbrot will der Lang nichts wissen, – (Liest.) »Ich war +gezwungen, die einschlägigen Akten einem anderen Referenten +zu übertragen« – (Wirft wie von Ekel erfaßt das Papier von +sich.) + + +_Kammerdirektor_ + +Ich finde das Schreiben Seiner Exzellenz äußerst würdig und +schmeichelhaft, lieber Lang ... + + +_Lang_ + +(scheinbar gefaßt) + +Ja. Das ist es. Ohne Zweifel. Einem andern Referenten. +Einem, der biegsam ist und Ja und Amen sagt. Gönnen Sie mir +jetzt eine Stunde der Ruhe und Überlegung, lieber Mühlbach. +Ich habe heute noch mancherlei zu tun, denn morgen mit dem +Frühesten werde ich meine Bestallung per Extrapost an die +Regierung zurücksenden. + + +_Frau von Hänlein_ + +Lang! + + +_Kammerdirektor_ + +(macht beschwörende Gesten). + + +_Lang_ + +Lassen Sie nur, Mühlbach. Ich weiß, Sie haben die beste +Meinung von mir. Aber das kann jetzt nichts nützen. Gott +befohlen, ihr Leute. Gehn Sie nur, Mutter. Adieu, lieber +Mühlbach. (Die Bauern, der Kammerdirektor und Frau von +Hänlein ab. Lang prüft, ob die Türe zu ist, geht dann zum +Schreibtisch, läßt sich nieder und stützt den Kopf in die +Hand. Sein Gesicht hat einen tief verbitterten und tief +erschöpften Ausdruck.) + + +_Anna_ + +(kommt von links. Sie ist zum Ausgehen gekleidet, doch hat +sie statt des Hutes einen schwarzen Schal über dem Kopf. Sie +tritt leise auf, schaut vorsichtig durch das Zimmer. Als sie +Lang so augenscheinlich gebrochen sieht, erschrickt sie und +faltet unwillkürlich die Hände). + + +_Lang_ + +(blickt empor, mit innerlicher Wildheit) + +Ja, Anna. Da bin ich nun. Kannst mich verpflegen, wenn du +willst. Als Tagedieb im Haus, als Siebenschläfer im Bett. +Bin zu nichts mehr nutze. Sie haben mir die Hände aus den +Gelenken gedreht. + + +_Anna_ + +(macht zwei Schritte, bleibt wieder stehen). + + +_Lang_ + +(erhebt sich; mit verzweifelter Klage und Anklage) + +Es kränkt mich wahrlich um meinen Stolz. Es kränkt mich um +die Ader, die mir schwillt. Möcht alle getanen Schritte +bereuen und alle gesprochenen Worte wieder einschlucken. +Warum bin ich nicht auch so ein Jasager und +Sonnenblumen-Männlein, dann stünd’ ich nicht so da, Schmach +und Spott mir selber. Der elende Mückentanz! Wohin man +greift, nur Luft; wohin man schlägt, trifft’s den eigenen +Leib. (Ausbrechend in heller Bitterkeit.) Schau’ mich nicht +an, Frau, ich schäm mich vor dir. Was kannst du anders +glauben, als daß ein Mannsbild nur dazu da ist, um zu +flunkern und sich wichtig zu machen? Und wenn er sich ganz +#in floribus# hat zeigen wollen und einer Sache sich +verdungen hat, bei der von Recht und Wohlfahrt zu +schwadronieren war, so sitzt er nun um so erbärmlicher da, +mit Fußtritten heimgeschickt. + + +_Anna_ + +(in deren Zügen sich eine innige Besorgnis malt, leise) + +Karl Heinrich! + + +_Lang_ + +Und keinen Menschen! Keinen, der ’s redlich meint! So +ohnmächtig sein! Geh von mir fort. Du hast nichts an mir. +Geh aus meinem Hause. Ich bin kein Mann für dich. Bin deiner +nicht wert. Geh zu einem, der ’s mit ehrlichen Feinden zu +tun hat und ein Schwert in die Faust nehmen kann, wenn ihn +die Horde bedrängt. (Er setzt sich mutlos und matt wieder in +den Sessel.) + + +_Anna_ + +(wie oben) + +Nicht so, Karl Heinrich!... + + +_Lang_ + +Oder willst du nur darum bei mir bleiben, weil mein +Schicksal deiner Torheit zu Hilfe gekommen ist? Trotzt ihr +doch in eurer blinden Sucht, ihr Weiber, dem Himmel selber +unvernünftige Taten ab. Ja, er wird gebaut, dein Turm. Er +wird gebaut. + + +_Anna_ + +(leise) + +Das wußte ich gleich, Karl Heinrich, als ich dich so sah. + + +_Lang_ + +Kannst du mich darum höher estimieren, was soll ich dann von +meinem Wert noch halten und was von deinem Stolz? + + +_Anna_ + +(mit kaum merkbarer, schmerzlicher Schalkhaftigkeit) + +Soll ich aber von dir fort, nur um zu beweisen, daß mir an +dem Turm jetzt nichts mehr liegt? + + +_Lang_ + +(bitter) + +Wenn man den Kindern das Spielzeug gibt, nach dem sie +verlangt haben, dann werfen sie’s beiseite. + + +_Anna_ + +Ich habe ja den Turm von dir begehrt und nicht von denen, +die dir ein Leids damit getan. So komm’ ich mir ja vor, als +stünd ich mit ihnen im Bund. Und wenn noch dazu dein Herz +gegen mich gestimmt ist, so flüstert’s dir vielleicht ein, +ich hätte dich verraten, irgendwie geheimnisvoll verraten. +Ach, Karl Heinrich! Plötzlich bin ich schuldig und weiß kaum +wieso. Schuldig vor dir, schuldig vor mir und weiß kaum +wieso. + + +_Lang_ + +(schaut sie an) + +Was stehst du denn da mit deinem Kopftüchlein und wohin +willst du denn gehen? Willst nach Frommetsfelden hinaus und +zugucken, wie sie bauen? + + +_Anna_ + +Ich will’s dir sagen, Karl Heinrich. Zum Mauthaus wollt ich +gehn auf der Chaussee. + + +_Lang_ + +Und was willst du denn dorten beim Mauthaus auf der +Chaussee? + + +_Anna_ + +Dort kommt der Leutnant Schlözer vorbei und will auf mich +warten. + + +_Lang_ + +(den Oberkörper nach vorn gebeugt, stützt den Kopf mit +beiden Händen. Schweigt.) + + +_Anna_ + +Es war beschlossen, Karl Heinrich, – fast wie man den Tod +beschließt. + + +_Lang_ + +(dumpf) + +Beschlossen! Dies beschlossen! So muß es Laster in mir +geben, die ärger sind, als ich sie ahnte, und was dich zu +mir geführt, war nur ein Gaukelspiel betrügerischer Tage. +Alle Wege: abwärts. Jeder Tag nur eine kurze Dämmerung +zwischen zwei Nächten. Es ist ein unheimlicher Geisterspuk, +der einen so lang schaudern macht, bis die Gedanken still +stehn, und was die Brust bewegt, ist Scham, Scham, Scham! + + +_Anna_ + +(tief erregt) + +Hör mich an, Karl Heinrich – + + +_Lang_ + +Hör ich dich, so bin ich schon getäuscht. Was gabst du mir +freundliche Mienen und Blicke? Nur damit es jetzt offenbar +wird, daß du einen brauchst, der süße Worte machen kann und +immer beteuern kann und schwärmen kann und zeigen kann, was +ihr mit euren kurzen Sinnen sehen müßt. Geh nur, Anna. Denk +nicht, daß du einen Verzweifelten zurückläßt. Ich bin’s +nicht ungewohnt, abzurechnen mit mir und meinem Leben. Was +ich nie besessen habe, kann ich nicht verlieren. Freilich +der Irrtum, der frißt am Mark und macht alt und krank und +müde. + + +_Anna_ + +Es ist hart für mich, was du sprichst, aber ich verdien’s. +Doch laß es genug sein, Karl Heinrich, und vergiß, was du +gesagt, damit ich vergessen kann, was ich nur halb getan. + + +_Lang_ + +(steht auf) + +Du sollst nicht vergessen und ich kann nicht vergessen. Es +sei denn, wir wollen nicht für unsere Handlungen einstehen +und uns aufführen wie Knaben, die einander schön tun, +nachdem sie sich geprügelt haben. Es ist von Übel, jegliches +Wort von Übel. Mit Schwatzen und Auseinandersetzungen +erreichen die Menschen nichts weiter, als daß sie sich so +nahe rücken, daß sie keinen Platz mehr zum Atmen haben. Und +um mein Glück und um meinen Frieden kann ich nicht +feilschen. Was man einander gewährt und einander erläßt, +kann nicht durch Abmachungen geregelt werden. Alles wahre +Zusammenleben beruht auf Schweigen, Frau! Je tiefer der +Bund, je tiefer das Schweigen. Bliebst du aus Mitleid bei +mir, so wünscht’ ich lieber, ich hätte dich nie gesehen. + + +_Anna_ + +(hat die Hand an die Stirn gedrückt, läßt sie fallen, tritt +näher, frei und entflammt) + +Wie kommt’s nur, daß ich dich jetzt so spüre, Karl Heinrich! +Schon als es mich da draußen über die Schwelle zog, war mir, +als ließ ich alle Zweifel zurück. Nicht Mitleid ist’s, nein, +nein! – Höchstens könnte ich dein Mitleid fordern für mich, +denn ich war so klein und ich glaubte, du würfest mich hin +gegen die Welt und die Welt sei dir alles und ich zu wenig, +ich zu allein gegen dich und die Welt. Jetzt aber sehe ich +dich auch allein und das – das! Karl Heinrich –! (Sie +ergreift seine Hand und drückt ihre Stirn darauf.) + + +_Lang_ + +(sinnend) + +Ach, du wunderliches Geschöpf von einem Weib. + + +_Anna_ + +(wieder aufgerichtet) + +Du hast recht, Karl Heinrich. Es sollen nicht so viele Worte +zwischen den Menschen hin und her geworfen werden. Es soll +vielleicht bestehen bleiben, dies Fremde und dies Ferne, das +mich so oft gequält hat. Vielleicht ist es gut so, daß wir +nicht zu allen Zeiten alles von einander wissen, und gut ist +es auch, daß ich dich suchte. Ja, es ist gut, daß ich dich +suche, wenn du mich hältst! – Behalte mich! + + +_Lang_ + +Ich will dich halten. + + +_Anna_ + +(ohne Emphase ganz hingegeben) + +Was soll’s noch um den dumpfigen, stockigten Turm, Karl +Heinrich? Habe ihn gewünscht, wie man ein Zeichen wünscht, +ein Zeichen für etwas, das nun da ist. + + +_Lang_ + +(zu ihr gebeugt) + +Und doch mußt du vieles dafür tragen, Kind. Mich vor allem, +der eine Weile zusehn muß, untätig beiseite. Wir wollen aus +der Stadt ziehen. Vom Amt will ich weg – + + +_Anna_ + +(bestimmt und mit freier Heiterkeit) + +Nein, Karl Heinrich. Dieses wirst und kannst du nicht tun. +Du bist der Mann nicht fürs Ausgeding. Mit den Wurzeln sich +selber ausgraben und verdorren lassen? Du überzeugst sie ja +schon von deinem Wert, indem du da bist. Könnte das Wasser +schäumen ohne Damm? Hätt es solche Kraft? Kommt’s darauf an, +bezahlt zu werden, Karl Heinrich, heute oder morgen bezahlt? +Bezahlt dich nicht dein eigenes Blut und deine innere +Flamme? + + +_Lang_ + +(betroffen) + +Frau, – wie du das sagst! Woher kommen dir solche Worte? +Also bedeutet dir mein Treiben wirklich was? Willst nimmer +so scheu und zweifelhaft neben mir wandeln? + + +_Anna_ + +Es hat mir nichts bedeutet, so lang ich nicht fühlen konnte, +wie du mich damit umschlingst und wie ich dazu gehöre. + + +_Lang_ + +So hätte mir der Aberwitz und blöde Widerstand der Welt zum +Köstlichsten verholfen? + + +_Anna_ + +Spürst du’s so, dann ist es mehr, als ich gesehnt. + + +_Lang_ + +(packt ihre Hände, leidenschaftlich) + +Und doch hat dich das trübe Wesen zum Scheideweg geführt ... + + +_Anna_ + +Wer am Scheideweg war, weiß besser ums Ziel. (Man hört Räder +rollen auf der Straße.) Komm, Karl Heinrich – (Sie zieht ihn +zum Fenster.) + + +_Lang_ + +Es ist ein Wagen, der vom Posthaus abfährt ... + + +_Anna_ + +Zum Mauthaus auf der Chaussee. – Gib mir die Hand, Karl +Heinrich! Drück sie fest, fest ... so. Hörst du, wie mein +Herz klopft? Ich glaube, es klopft vor Glück. + + +_Lang_ + +Unsere Herzen sind wie zwei Schalen in der Hand eines +Engels. Ist ein Auf- und Niederschwanken sondergleichen. +Jeder Pulsschlag zieht’s hier hinunter, dort hinauf. Wir +wägen nicht, es wird uns zugewogen. Wir müssen still halten, +das ist alles. + + +_Anna_ + +Ich halte still, Karl Heinrich. (Das Posthorn tönt.) Gute +Fahrt, Schwager Postillon! + +_Vorhang._ + + + + +Lord Hamiltons Bekehrung + + +Personen: + + Lord William Hamilton (von der Seitenlinie der Herzoge) + Sir Francis Hamilton, sein Sohn + Emma Lyon + Mr. Dashwood, Notar + Mr. Fletcher, Uhrmacher + Der Majordom + Mrs. Adams, Wirtschafterin + Doktor Middlewater + James, ein alter Diener + Drei andere Diener + +Spielt am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Easton Park +in der Grafschaft Suffolk. + + +Das Frühstückzimmer in Easton Park. Nach hinten führt eine +offene Flügeltür in die Halle, durch die man wiederum in den +Park blickt. Rechts eine geschlossene Flügeltüre, links zwei +hohe Fenster. Ein schmaler Tisch, mehr links, ist für zwei +Personen gedeckt. Ein anderer, schwerer Eichentisch steht +mehr rechts. In der linken Ecke eine Wanduhr in einem +massiven Gehäuse, das bis zur Decke reicht. An den Wänden +hängen alte Gobelins und ein paar niederländische Stilleben. + +Auf einer kleinen Leiter vor der Wanduhr steht Mr. +_Fletcher_; er hat den mächtigen Pendel abgenommen und +horcht ins Räderwerk. Der _Majordom_ hat den gedeckten Tisch +inspiziert und beobachtet dann ernsthaft, mit verschränkten +Armen, die Hantierung des Uhrmachers. Währenddem tritt +_Doktor Middlewater_ vom Park her in die Halle, stellt +seinen Medikamentenkasten auf die Bank und kramt darin, +wobei er der Szene den Rücken zukehrt. Gleichzeitig kommt +_Lord Hamilton_ von draußen rechts in die Halle. Er beachtet +den Arzt nicht, der sich rasch umwendet und, obwohl er schon +gebückt steht, eine noch tiefere Verbeugung macht. Der +_Lord_ hat einen Brief in der Hand und geht unruhig auf und +ab. + + +_Lord Hamilton_ + +(draußen) + +Mister Wardle! + + +_Der Majordom_ + +Mylord! (Eilt hinaus.) + + +_Lord Hamilton_ + +Für welche Stunde ist Mister Dashwood bestellt? + + +_Der Majordom_ + +Für elf Uhr, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +(die Taschenuhr ziehend) + +Dann muß er in sechsunddreißig Minuten hier sein. + + +_Der Majordom_ + +Gewiß, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Doktor Middlewater, ich bin bereit. (Mit Doktor Middlewater +in der Halle rechts ab.) + + +_Mr. Fletcher_ + +(hat neugierig gelauscht. Er ist trotz seiner vorgerückten +Jahre ungemein eitel. Während der Lord geht und der Majordom +zurückkommt, holt er einen Handspiegel aus seiner Tasche und +betrachtet sich wohlgefällig). + + +_Der Majordom_ + +Sie hören, Mister Fletcher, – es ist sechsunddreißig Minuten +vor elf. + + +_Mr. Fletcher_ + +Ich habe bemerkt, daß die Pünktlichkeit in diesem Hause +etwas willkürlich gehandhabt wird. Seine Lordschaft ist +imstande, der Sonne zu befehlen, welche Zeit es ist. Das +erscheint mir etwas waghalsig. Es widerspricht der +göttlichen Weltordnung. – Wie finden Sie mich heute +aussehend, Mister Wardle? + + +_Der Majordom_ + +Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß die Uhr gestern um +neun Minuten zu spät gegangen ist. + + +_Mr. Fletcher_ + +(hängt den Pendel ein) + +Genau das Gegenteil von dem, was ich tue. Ich bin immer zu +früh daran; immer zu früh. Aber in der Liebe ist das der +einzige Weg zum Erfolg. Meinen Sie nicht, Mister Wardle, daß +ich noch eine ganz repräsentable Erscheinung bin? Das schöne +Geschlecht ist nicht unzufrieden mit mir. + + +_Der Majordom_ + +(amtlich) + +Sind Sie bald fertig, Mister Fletcher? + + +_Mrs. Adams_ + +(kommt in Eile; sie ist eine muntere und beleibte Dame) + +Denken Sie nur, Mister Wardle, James ist betrunken! + + +_Der Majordom_ + +James? betrunken –? Wie ist das möglich? + + +_Mrs. Adams_ + +Sie müssen uns helfen, Mister Wardle. Wenn ihn Seine +Lordschaft in der Verfassung sieht, geht’s dem armen alten +Kerl schlecht. Erinnern Sie sich noch, wie er vor drei +Jahren den unglücklichen Jimmy mit der Hundspeitsche auf die +Landstraße jagen ließ, weil er benebelt war –? + + +_Der Majordom_ + +Aber wie konnte das geschehen, Missis Adams? wie konnte sich +James so vergessen? + + +_Mrs. Adams_ + +Der Kummer, Mister Wardle. Der Kummer um den jungen Herrn. +Sie wissen doch, wie er an Sir Francis hängt. Nun hat Seine +Lordschaft wahrscheinlich etwas durchblicken lassen, von +Enterbung oder so ... James ist ja der einzige, mit dem er +hie und da ein vertrautes Wort spricht ... der Kummer, +Mister Wardle. Ich gehe zu den Ställen hinüber, um Milch zu +holen, da sehe ich ihn taumeln und mit den Händen fuchteln +und höre, wie er wild vor sich hinmurmelt, – kurz, er ist im +Zustand eines Schweines. + + +_Mr. Fletcher_ + +(hat vergebens mit Missis Adams zu liebäugeln versucht) + +Was für ein angenehmes Wesen! welche verlockende Stimme! +(Seufzt, holt den Spiegel hervor.) + + +_Der Majordom_ + +(ringt die Hände, schnell durch die Halle in den Park ab) + + +_Mr. Fletcher_ + +(zu Mrs. Adams, die sich anschickt, dem Majordom zu folgen) + +Haben Sie indessen meinen Antrag überschlafen, Missis Adams? + + +_Mrs. Adams_ + +(unruhig nach der Tür schauend, hastig und verschämt). + +Es kann nicht sein, Mister Fletcher. Mylord ist ein so +verschworener Feind von allem Heiraten, daß ich mir’s +zeitlebens mit ihm verderben würde. + + +_Mr. Fletcher_ + +(bekümmert) + +Sehr unrecht von Seiner Herrlichkeit. + + +_Mrs. Adams_ + +(vertraulich flüsternd) + +Sie wissen ja, er hat Malheur gehabt. Mylady ist ihm nach +der Geburt von Sir Francis mit einem Schmugglerkapitän +durchgebrannt und in der irischen See ertrunken. + + +_Mr. Fletcher_ + +Wie Sie mich hier sehen, Missis Adams, bin ich ein Mann mit +einem geregelten Einkommen von zweihundertvierzig Pfund. + + +_Mrs. Adams_ + +Sie brechen mir das Herz, Mister Fletcher. Ich bin so +attachiert an Easton Park. + + +_Mr. Fletcher_ + +Und sonst, Missis Adams, wenn ich auch den Kahlkopf nicht +ableugnen kann, wer will meine Stattlichkeit bezweifeln? + + +_Mr. Dashwood_ + +(tritt mit allen Zeichen eines überstandenen Schreckens in +die Halle, schaut sich ängstlich um, kommt dann auf die +Szene. Unterm Arm trägt er die Aktentasche. Tracht der Zeit. +Quäkerhut) + +Guten Morgen! (Legt den Hut ab, wischt den Schweiß von der +Stirn.) + + +_Mrs. Adams_ + +Ist Ihnen etwas Schlimmes widerfahren, Mister Dashwood? + + +_Mr. Dashwood_ + +Es muß der leibhaftige Satan gewesen sein, – Gott sei mir +gnädig. + + +_Mrs. Adams_ + +Was denn? wo denn? + + +_Mr. Dashwood_ + +(Atem schöpfend) + +Während ich durch den Hohlweg reite ... Sie kennen ja diesen +Hohlweg, Ma’am ... er ist so schmal, daß zwei Fußgänger +einander nicht ausweichen können ... ach, das Entsetzen ist +mir in alle Glieder gefahren. + + +_Der Majordom_ + +(kommt nervös wie ein Mann, der nicht weiß, wo er zuerst +Hand anlegen soll) + +Es steht wirklich verzweifelt mit dem alten Esel. Mister +Fletcher, die Uhr in den Dienerwohnungen muß noch reguliert +werden. Mylord erwartet Sie um elf Uhr, Mister Dashwood. + + +_Mr. Fletcher_ + +(der an Mister Dashwoods Erregung keinen Anteil nimmt) + +In unserer zarten Angelegenheit werde ich zu passenderer +Stunde wieder anfragen, Missis Adams. (Da sie ihn +schmachtend anschaut.) Ach, dieser Blick! – (Wirft ihr eine +Kußhand zu. Ab.) + + +_Mrs. Adams_ + +(zum Majordom) + +Mister Dashwood hat etwas Gräßliches erlebt – – – + + +_Mr. Dashwood_ + +Ich reite also durch den Hohlweg, und hinter mir her, auf +einem kohlschwarzen Roß, ein Bursche mit flatternden +schwarzen Haaren. Immer mir nach ... immer auf meinen +Fersen, im vollen Galopp! Ich treibe mein Tier zur Eile an +... er, mit höhnischem Geschrei, tut dasselbe. Ich glaube +nicht fehl zu gehen, wenn ich vermute, daß es ein Räuber +war. + + +_Der Majordom_ + +Am hellen, lichten Tag? + + +_Mr. Dashwood_ + +Ein blut- und mordgieriger Geselle. + + +_Mrs. Adams_ + +Da möchte ich nicht an Ihrem Platz gewesen sein, Mister +Dashwood. + + +_Mr. Dashwood_ + +Ich pflege sonst nie ohne Pistole auszugehen. Weiß man doch +nicht, was einem zustoßen wird. Mein Freund, Mister Sparre, +– Sie kennen doch Mister Sparre, Ma’am? – ist neulich in +Pall Mall von einem wütenden Hund gebissen worden. Es ist +nichts Seltenes, daß jemand inmitten der Ausübung seiner +Amtsgeschäfte von einem jähen Tod ereilt wurde. Solche +Katastrophen treten gewöhnlich dann ein, wenn sich der +kurzsichtige Mensch auf dem Gipfel seines Glücks befindet +und geneigt ist, sich der wohlverdienten Ruhe hinzugeben. +(Er erblickt Emma Lyon, die, mit der Reitpeitsche in der +Hand, in die Halle tritt; sehr erregt.) Da ist er, Ma’am! Da +ist er, Mister Wardle! Schützen Sie mich! Er verfolgt mich +bis hieher! Rufen Sie die Diener zusammen! + + +_Emma Lyon_ + +(hat sich in der Halle verwundert umgeschaut und kommt nun +auf die Szene. Sie ist als junger Mann im Reitkostüm +gekleidet. Ihre brünetten Haare quellen unter dem Hut über +das schöne, von schnellem Ritt erglühte Gesicht). + + +_Der Majordom_ + +(auf sie zutretend) + +Womit kann ich dienen, Sir? + + +_Emma Lyon_ + +(gebieterisch) + +Lassen Sie mein Pferd versorgen. Ich weiß nicht, ob der +Mensch, dem ich es übergeben habe, sich damit auskennt. Was +ist denn das für ein Betrunkener draußen, um den sie alle +herumstehen? + + +_Mr. Dashwood_ + +Der Herr beschütze uns vor dem Übel ... Erst neulich habe +ich in der Zeitung gelesen, daß der berüchtigte Thomas Field +frecherweise in den Palast des Herzogs von York gedrungen +ist. + + +_Der Majordom_ + +Wen darf ich melden, Sir? + + +_Emma Lyon_ + +Mister Rippledale aus London. Benachrichtigen Sie zuerst Sir +Francis. + + +_Der Majordom_ + +(argwöhnisch) + +Mister Rippledale –? + + +_Mr. Dashwood_ + +Ein falscher Name. Ohne Zweifel ein falscher Name. + + +_Emma Lyon_ + +Was murmelt der Dicke dort? Ei, sind Sie es, Sir, der auf +einem Ding, mehr Ochse als Gaul, beständig vor mir +hergetrabt ist? Ein andermal machen Sie Platz, wenn einer +hinter Ihnen ist, der Eile hat. + + +_Mr. Dashwood_ + +(demütig stotternd) + +Es ... ich ... der Weg war so schmal ... (Abgewendet.) Die +Sprache! Er muß eine ganze Bande im Rücken haben. + + +_Mrs. Adams_ + +(leise zum Majordom) + +Ich lasse mich hängen, wenn das kein Frauenzimmer ist. + + +_Der Majordom_ + +Sir Francis kommt erst von der Jagd zurück, Sir. + + +_Emma Lyon_ + +Dann führen Sie mich einstweilen in seine Zimmer. + + +_Mr. Dashwood_ + +Schau, schau, wie schlau! Und doch, wie wenig schlau. Wie +tollkühn vielmehr. + + +_Sir Francis_ + +(kommt eilig. Ein junger Mann von zwei- bis dreiundzwanzig +Jahren mit hübscher Gestalt und hübschem Gesicht. Er trägt +einen roten Jagdreitrock, manchesterne Reithosen und lange +Stiefel mit weiten Schäften. Mit allen Zeichen der +Bestürzung.) Um Gottes willen, du hier, E – – + + +_Emma Lyon_ + +(ist schnell auf ihn zugegangen, drückt die Hand auf seinen +Mund) + +Ja, ich bin’s. Bist du nicht froh, deinen alten Rippledale +hier zu sehen? + + +_Sir Francis_ + +Ich sah dein Pferd draußen. Ich erkannte es gleich. Aber – – + + +_Emma Lyon_ + +Wundre dich nicht länger. Jede Frage ist überflüssig. + + +_Sir Francis_ + +Mein Vater – – + + +_Emma Lyon_ + +Mit ihm zu reden bin ich gekommen. Ich bin von Suffolk +herübergeritten, wo ich übernachtet habe und wo meine +Freunde geblieben sind. + + +_Sir Francis_ + +(noch immer fassungslos) + +Du kannst ihm doch nicht in diesem Aufzug unter die Augen +treten – – + + +_Emma Lyon_ + +Auch dafür ist gesorgt. Ich habe Mary mit den Kleidern +vorausgeschickt. + + +_Ein Diener_ + +(kommt) + +Es ist ein Frauenzimmer da mit einer Schachtel für Mister +Rippledale. + + +_Emma Lyon_ + +Also rasch, mein Lieber, bring mich in ein Zimmer, wo ich +mich herrichten kann. (Sie wendet sich gegen die Halle, in +der jetzt der betrunkene James erscheint, von einigen +männlichen und weiblichen Dienstboten umgeben, die ihn zu +verhindern suchen, ins Zimmer zu dringen.) + + +_Sir Francis_ + +(Emma folgend und in sie hineinredend) + +Es ist sinnlos, sage ich dir. Bei ihm erreichst du nichts +damit. + + +_Emma Lyon_ + +Wir werden sehen, jedenfalls ist deine Angst vor ihm +lustiger als du meinst. Ich liebe nicht, daß man hinter +meinem Rücken über mich verfügt, und ich bin neugierig, wie +er es macht, wenn ich dabei bin. (Sie geht ab.) + + +_Mr. Dashwood_ + +Das Geheimnis wird immer undurchdringlicher. + + +_Sir Francis_ + +(bleibt auf der Schwelle stehen, zum Majordom gewandt und +auf die Gruppe um James deutend) + +Was ist das, Mister Wardle? + + +_Der Majordom_ + +Ich weiß nicht mehr, was ich anfangen soll, Sir Francis. + + +_Sir Francis_ + +Schaffen Sie ihn hinaus. – Wenn mein Vater nach mir fragt, +sagen Sie ihm, ich sei noch nicht zurück. (Ratlos vor sich +hin.) Mein Gott! (Ab.) + + +_James_ + +(in der Halle) + +Die Welt ist kugelrund ... drum will ich mich vergnügen ... +sauft nur in vollen Zügen ... dann bleibt ihr auch gesund +... (Erblickt Sir Francis.) Sir Francis! oh, Sir Francis! +Armer Sir Francis! + + +_Sir Francis_ + +(bleibt einen Moment draußen stehen, winkt dem Betrunkenen +verwirrt zu, dann weiter und nach rechts ab). + + +_Mrs. Adams_ + +(stürzt gegen die Schwelle, da James trotz der Diener, die +ihn zurückhalten, sich dem Zimmer nähert) + +Nicht hier herein! + + +_Der Majordom_ + +Nehmen Sie doch Vernunft an, James! Sie kommen ja von Dienst +und Brot, wenn Mylord – + + +_James_ + +Und wär die Welt nicht kugelrund ... (Er kämpft mit denen, +die ihn halten, dringt aber dabei immer weiter vor.) + + +_Mr. Dashwood_ + +Die Überwucherung der tierischen Natur kann Übeltaten im +Gefolge haben, deren Tragweite sich gar nicht ermessen läßt. +Für den Zuschauer ist dabei das Gedächtnis ein quälender +Faktor. Ich erinnere mich eines Tuchwebers, der in der +Trunkenheit seine eigene Großmutter erdrosselte. (Er +verbeugt sich tief, da von rechts der Lord und Doktor +Middlewater eintreten.) + +_Lord Hamilton_ ist eine Erscheinung von imposanter +Magerkeit. Sein Gesicht hat den Ausdruck dürren Ernstes. +Ihm zu widersprechen, scheint wahnsinnig. Doktor +Middlewater, ein Landarzt, hat seinen Vorteil darin zu +finden gelernt, dem Lord nach dem Mund zu reden. + + +_Doktor Middlewater_ + +Man kann mit einem solchen Leiden neunzig Jahre alt werden, +Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich hoffe es. Im Übrigen ist mein Körper dazu da, um mir zu +dienen, so lange ich ihn brauche. + + +_James_ + +Und wär die Welt nicht kugelrund ... so müßt ich mich +erhängen ... (Er stockt, da der Lord erstaunt auf die Gruppe +zugeht.) + + +_Lord Hamilton_ + +Was bedeutet das, Mister Wardle? + + +_Der Majordom_ + +Wir haben alles mögliche versucht, den Mann zur Besinnung zu +bringen, Mylord. + + +_James_ + +Eure Herrlichkeit mögen verzeihen ... ich bin ein +sterblicher Mensch ... ich ... (Er zuckt unter dem Blick +seines Herrn zusammen, schweigt, bemüht sich, fest zu +stehen.) + + +_Lord Hamilton_ + +(überlegt eine Weile; plötzlich nimmt sein Gesicht die Miene +der Besorgnis an) + +Doktor Middlewater, der Mann ist krank. + + +_Doktor Middlewater_ + +(kichert, nach einem Blick des Lords faßt er sich) + +Es scheint mir selber so, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +(strafend) + +Fühlen Sie ihm den Puls, Doktor Middlewater. + + +_Doktor Middlewater_ + +(tut es; James fügt sich wie gebannt). + + +_Lord Hamilton_ + +Der Mann hat Fieber, Doktor Middlewater. Der Mann hat hohes +Fieber. + + +_Doktor Middlewater_ + +(eifrig) + +Ohne Zweifel, Mylord. Der Mann hat beträchtliches Fieber. + + +_Lord Hamilton_ + +Mister Wardle, Sie werden veranlassen, daß der Mann zu Bett +gebracht werde. + + +_Der Majordom_ + +Du hörst es, James –! + + +_Lord Hamilton_ + +Vorher übergieße man ihn mit zwei Eimern kalten Wassers. +Gegen das Fieber. + + +_Der Majordom_ + +Soll geschehen, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Hierauf werden Sie ihm zur Ader lassen, Doktor Middlewater. +Zwei Unzen des kranken Bluts können Sie ihm gut und gern +entziehen, nicht wahr, Doktor Middlewater? + + +_Doktor Middlewater_ + +Ich bewundere die Sachkenntnis Eurer Herrlichkeit. + + +_Lord Hamilton_ + +Sodann belegen Sie ihm Brust und Rücken mit Senfpflastern, +und Sie, Missis Adams, sorgen dafür, daß ein stark +purgierender Tee für ihn gekocht werde. (Missis Adams ab.) + + +_Doktor Middlewater_ + +Es fragt sich allerdings, ob bei diesen Jahren eine so +vehemente Kur – – + + +_Lord Hamilton_ + +(ohne den Einwurf zu beachten; streng) + +Daß du dich widerspruchslos diesen Verordnungen fügst, +James! Du bist todkrank, hörst du? Und das eine merk dir für +die Zukunft: Kein solches – Fieber mehr! Hinaus mit ihm! +Doktor Middlewater, tun Sie Ihre Pflicht. (Die Diener führen +den schon halb ernüchterten und widerstandslosen James ab. +Der Doktor folgt ihnen.) Nun zu unserem Geschäft, Mister +Dashwood. (Zum Majordom.) Sir Francis soll kommen. + + +_Der Majordom_ + +Sir Francis ist von der Jagd noch nicht zurück. + + +_Lord Hamilton_ + +Wie viel Uhr ist es? + + +_Der Majordom_ + +(mit Blick auf die Wanduhr) + +Elf Uhr, neun Minuten. + + +_Lord Hamilton_ + +Unmöglich. + + +_Der Majordom_ + +(ängstlich) + +Mister Fletcher hat soeben die Uhr reguliert, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +(ruhig) + +Da Sir Francis für elf Uhr bestellt ist, kann es jetzt +unmöglich elf Uhr neun sein, Mister Wardle. + + +_Der Marjordom_ + +(blöde; weiß nichts zu antworten). + + +_Lord Hamilton_ + +(mit der Taschenuhr in der Hand) + +Es ist zehn Uhr fünfzig Minuten. Stellen Sie den Zeiger dort +gefälligst zurück, Mister Wardle. + + +_Der Majordom_ + +(rückt einen Stuhl vor die Uhr, steigt hinauf, vollzieht den +Befehl, dann kopfschüttelnd ab). + + +_Mr. Dashwood_ + +(schüchtern) + +Ich glaube Sir Francis schon hier gesehen zu haben, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Sprechen wir nicht von Ihren privaten Wahrnehmungen, Mister +Dashwood. Es ist für mich kein Anlaß vorhanden, über Ihre +Sinnestäuschungen zu diskutieren. »Ich glaube« heißt so +viel, als »ich schwätze«. + + +_Mr. Dashwood_ + +(verletzt) + +Ohne daß ich dieser großartigen Auffassung zu nahe treten +will, lassen sich doch Fälle denken, wo die Bestimmtheit der +Angaben einer notgedrungenen Philosophie zuwiderläuft. Die +Kleinen müssen politisch sein, wo die Großen ihrem Impulse +gehorchen. Lord Gordon durfte eine Revolution anzetteln und +behielt seinen Kopf, aber der arme Snatch kam an den +Galgen. Was würde Eure Lordschaft sagen, wenn ich mich +unterstehen wollte, im Schlafrock vor Ihnen zu erscheinen? +Ich bitte um Entschuldigung, es ist dies nur vergleichsweise +gesprochen: ich meine im Schlafrock der Rede. + + +_Lord Hamilton_ + +(auf und ab gehend; ungeduldig) + +Schwätzer waren immer meine Feinde. Ich wünsche nicht, daß +man in Gleichnissen zu mir spricht. Das sind +Vertraulichkeiten, die ich nicht liebe. Sie wissen, weshalb +ich Sie rufen ließ, Mister Dashwood. Das ungeheuerliche +Heiratsprojekt meines Sohnes zwingt mich zu einem solchen +schweren Schritt. + + +_Mr. Dashwood_ + +Das Gesetz legt Ihnen nur geringe Hindernisse in den Weg, +Mylord. Es ist ein erhebendes Gefühl für den Staatsbürger, +daß die Wagschale der Justitia sich stets auf die Seite der +Autorität neigt. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich habe inzwischen durch meinen Londoner Mittelsmann genaue +Nachrichten über die fragwürdige Person dieser Emma Lyon +einziehen lassen. Die Nachrichten bestätigen meine +schlimmsten Ahnungen, und wenn Sir Francis, was sich in +dieser Stunde noch entscheiden wird, auf seinem Vorsatz +beharrt, werde ich keinen Sohn mehr haben. + + +_Mr. Dashwood_ + +Es wird nicht an mir liegen, wenn die Inkraftsetzung der +vermögensrechtlichen Maßregel einen langsameren Gang nimmt, +als der Heroismus wünschbar macht, den ich an Eurer +Herrlichkeit ehrfürchtig erkenne. + + +_Lord Hamilton_ + +(nimmt den Brief aus der Tasche) + +Es wird sich zeigen. + + +_Ein Diener_ + +(meldet) + +Sir Francis. (Ab.) + + +_Sir Francis_ + +(schuldbewußt) + +Ich bitte Sie um Verzeihung, Vater, daß ich mich verspätet +habe. + + +_Lord Hamilton_ + +Nicht daß ich wüßte. Wie du siehst, ist es elf Uhr. Punkt +elf Uhr. + + +_Sir Francis_ + +Wirklich? – Dann muß meine Uhr falsch gehen. + + +_Lord Hamilton_ + +Das leidet keinen Zweifel. Die Unterredung, zu der ich dich +gebeten habe, könnte auch nicht wie ein Rendez-vous zwischen +Kartenspielern behandelt werden. + + +_Sir Francis_ + +(unruhig, mit Blick auf den Notar) + +Ich darf doch hoffen, daß eine solche Zwiesprache unter vier +Augen ... + + +_Lord Hamilton_ + +Mister Dashwood ist Amtsperson und hat als solche weder zu +hören noch zu sehen. Betrachte ihn als abwesend. + + +_Sir Francis_ + +(resigniert) + +Wie Sie befehlen. + + +_Lord Hamilton_ + +Du hast mir gestern eine Art von Entschluß brieflich +kundgegeben. Abgesehen davon, daß ich die Zulässigkeit eines +schriftlichen Verkehrs zwischen uns niemals in Erwägung +gezogen habe, kann ich mir auch den ... nun, sagen wir, den +Mut deiner Ausdrucksweise nur durch den Gebrauch von Tinte +und Feder erklären. Ein Hamilton spricht höchstens, aber er +schreibt nicht. + + +_Mr. Dashwood_ + +(schnupft; vor sich hin) + +Ein Diktum von antiker Größe. + + +_Sir Francis_ + +Wenn Sie Emma kennten, Vater – – + + +_Lord Hamilton_ + +Emma? Was ist das, – Emma –? Du unterstehst dich, mit +sonderbarer Intimität einen Namen zu nennen, der für mich +nicht mehr bedeutet als der Straßenschmutz. + + +_Sir Francis_ + +(aufwallend) + +Durch eine solche Sprache empören Sie alle meine Gefühle! + + +_Lord Hamilton_ + +(kalt) + +Ich statuiere deine Gefühle nicht, mein Sohn. Gefühle sind +der Luxus der Unbotmäßigen. + + +_Mr. Dashwood_ + +Herrlich! Unvergleichlich! Wie sagt Hamlet: Schreibtafel +her. + + +_Sir Francis_ + +(wütend) + +Könnte jener Mann nicht schweigen, da er doch – abwesend +ist? + + +_Lord Hamilton_ + +Wir wollen zunächst den Tatbestand ordnungsmäßig darlegen. +(Setzt sich in richterliche Pose.) Mister Dashwood, seien +Sie so freundlich, den Bericht über die Vergangenheit der in +Rede stehenden Personage vorzulesen. Meine Zunge sträubt +sich dagegen. (Reicht das Schriftstück hinüber.) + + +_Mr. Dashwood_ + +(liest) + +Besagte Emma Lyon ist von der niedrigsten Herkunft. Man weiß +weder die Zeit noch den Ort ihrer Geburt anzugeben. Zuerst +war sie Gouvernante, dann ergab sie sich einem schändlichen +Gewerbe. Sie durchlief die Straßen von London; auf den +Trottoirs der unermeßlichen Hauptstadt irrte sie obdachlos +umher und sank zur tiefsten Erniedrigung ihres Geschlechtes +herab. + + +_Sir Francis_ + +Dies ist eine Verleumdung! + + +_Lord Hamilton_ + +Es würde wenig Konsequenz, selbst in der Verranntheit, +beweisen, wenn dich meine Ermittlungen sogleich überzeugen +würden. Ein Umstand, der freilich ihrer Triftigkeit nichts +anhaben kann. Fahren Sie fort, Mister Dashwood. + + +_Mr. Dashwood_ + +(in weinerlichem Ton) + +– Geschlechtes herab. Da traf sie einen schottischen +Scharlatan, der sich Doktor Graham nennen ließ und der einen +sogenannten Tempel der Gesundheit mit einem sogenannten +himmlischen Bett eingerichtet hatte. Wer für die Nacht +fünfzig Pfund bezahlte, durfte sich in das mit Gold und +Seide geschmückte Bett legen und erhielt angeblich die +verlorenen Kräfte der Liebe und der Männlichkeit zurück. + + +_Sir Francis_ + +So viel ist richtig, daß Doktor Graham Emmas Wohltäter war. +Es ist richtig, daß sie Not litt und an dem Schotten einen +väterlichen Beschützer fand. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich gebe zu, daß du ein guter Schütze und ein +ausgezeichneter Schwimmer bist, aber dein Verhältnis zur +Welt ist ein wahrhaft kindliches. + + +_Sir Francis_ + +Übrigens ist sogar der Lord Schatzkanzler in dem himmlischen +Bett gelegen. + + +_Mr. Dashwood_ + +(für sich) + +Bejammernswerte Verirrung des Menschengeistes! + + +_Lord Hamilton_ + +Fahren Sie fort, Mister Dashwood. Sie würden mich verbinden, +wenn Sie die persönlichen Äußerungen Ihrer sittlichen +Entrüstung einstellen könnten. + + +_Mr. Dashwood_ + +– der Liebe und der Männlichkeit zurück. Doktor Graham +verfiel auf den Gedanken – (stockt, zieht das Taschentuch, +wischt die Stirne.) Mylord, es fällt mir schwer ... + + +_Lord Hamilton_ + +Überwinden Sie sich, Mister Dashwood. + + +_Mr. Dashwood_ + +– verfiel auf den Gedanken, Emma Lyon völlig ... völlig +unbekleidet ... + + +_Lord Hamilton_ + +(scharf) + +Steht da »unbekleidet«, Mister Dashwood? + + +_Mr. Dashwood_ + +(trostlos) + +Nackt. Völlig nackt! + + +_Lord Hamilton_ + +(erhebt sich) + +So ist es. Völlig nackt. Das ist der Gipfelpunkt. + + +_Mr. Dashwood_ + +– oder kaum bedeckt mit einem Schleier ... + + +_Sir Francis_ + +(seine Position mit ungenügenden Mitteln stützend) + +Also doch mit einem Schleier bedeckt – + + +_Lord Hamilton_ + +(stark) + +Kaum! – kaum! + + +_Mr. Dashwood_ + +Der Herr bewahre mich in seiner Huld und Gnade vor diesem +Sodom! + + +_Lord Hamilton_ + +Er verfiel also auf den Gedanken, besagte Emma Lyon völlig +nackt, oder – + + +_Mr. Dashwood_ + +(mit erbarmenswürdiger Stimme) + +– kaum bedeckt mit einem Schleier unter dem Namen der Göttin +Hygäa in das Vorzimmer zu dem himmlischen Bett zu postieren +und sie für Geld sehen zu lassen ... Neugierige strömten nun +in Massen herbei, um vor dem Altar der Göttin ihren Tribut +niederzulegen und bald sah man überall unanständige +Kupferstiche der neuen mythologischen Person, Bilder, worauf +sie als Venus, als Phryne, als Olympia, als Kleopatra +abkonterfeiet war. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich danke; damit ist es genug. Wir brauchen uns keine Mühe +mehr zu geben, den Pfuhl weiter auszumalen. Ob du von +alledem unterrichtet warst, lasse ich dahingestellt. Ich +frage mich nur, wie es möglich war, daß du eine Verbindung +mit diesem Auswurf des Lasters auch nur in Betracht ziehen +konntest ... + + +_Sir Francis_ + +(verzagt) + +Ich liebe sie. + + +_Lord Hamilton_ + +Einfältiges Zeug! + + +_Sir Francis_ + +Wenn Sie auch nicht Rechte der Leidenschaft anerkennen, +Vater – + + +_Lord Hamilton_ + +Lüderliche Phantasien! Ich hörte einmal einen Münzensammler +sagen, daß er seine Münzen liebe. Das hatte wohl eher einen +Sinn. Man habe keine Leidenschaften unter der Würde des +eigenen Standes. Und wenn man sie hat, so verberge man sie +wie ein unappetitliches Geschwür. Wo in aller Welt ist es +erhört, daß man aus einer »Leidenschaft« die Folgerung zu +heiraten ableitet? + + +_Sir Francis_ + +Erfüllen Sie mir eine einzige Bitte, mein Vater, ehe Sie +sich endgültig entschließen ... + + +_Lord Hamilton_ + +Nun? + + +_Sir Francis_ + +Sprechen Sie mit Emma Lyon! + + +_Lord Hamilton_ + +(voll Verachtung) + +Du bist ebenso verrückt als vermessen. + + +_Sir Francis_ + +(mit stoischer Gleichgültigkeit, da er keine Hoffnung mehr +hat) + +Sie ist hier im Hause und will nicht eher fort als bis sie +mit Ihnen gesprochen hat. + + +_Lord Hamilton_ + +(starr und steif) + +Wie –? + + +_Mr. Dashwood_ + +Jesus Christus steh mir bei! + + +_Emma Lyon_ + +(tritt, in weiblicher Kleidung, draußen in die Halle). + + +_Der Majordom_ + +(geht auf sie zu, sie spricht mit ihm, er kommt und meldet +mit dummem Gesicht) + +Mister Theseus Rippledale bittet vorgelassen zu werden. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich kenne keinen Mister Theseus Rippledale. Bedaure. +(Majordom ab.) + + +_Emma Lyon_ + +(am Majordom vorüber, tritt frech ein. Ihr Kostüm ist im +Stil des Direktoire gehalten; es ist äußerst geschmackvoll +und bringt die Formen des Körpers verführerisch zur Geltung) + +Guten Morgen, Mylord. Mister Rippledale und Emma Lyon sind +nämlich ein und dieselbe Person. + + +_Mr. Dashwood_ + +(mit gefalteten Händen vor sich hin) + +Lockbild der Hölle! + + +_Emma Lyon_ + +Ich konnte doch den armen Schelm nicht ganz ohne Beistand +dem Sturm des väterlichen Unwillens preisgeben. Im +Wortgefecht ist er leider nicht sehr gewandt. Auch muß man +ihn bisweilen an der Leine halten wie einen unbesonnenen +jungen Hund. + + +_Lord Hamilton_ + +(schweigt angeekelt). + + +_Emma Lyon_ + +(unbekümmert weiterplaudernd) + +Sie als Vater können freilich nicht so viel Possierliches +an ihm finden wie ich. Er hat sich in letzter Zeit zu seinem +Vorteil entwickelt, aber als ich ihn kennen lernte, konnte +er durch die Art, wie er ein Kompliment machte, eine +Methodistenversammlung zum Lachen bringen und seine +Konversation hätte einen Holzhacker in Verlegenheit +gebracht. Es hat Mühe gekostet, ihm eine passable Figur zu +geben. Sie haben seine Erziehung entschieden vernachlässigt, +Mylord. + + +_Mr. Dashwood_ + +(entsetzt flüsternd) + +Ein Dämon! + + +_Sir Francis_ + +(zerknirscht und vorwurfsvoll) + +Emma –! + + +_Lord Hamilton_ + +(schweigt, schaut gegen die Zimmerdecke). + + +_Emma Lyon_ + +(wie oben) + +Was Wunder, daß ich mit dem Vorurteil herkam, ein +unwirtliches Waldhaus und in ihm einen bissigen +Menschenfeind zu finden? Francis hat nur mit Zähneklappern +von seinem väterlichen Heim gesprochen, und da endlich sagte +ich mir: den Minotaurus will ich sehen. Vielleicht ist er +gar nicht so fürchterlich. In der Tat er ist nicht +fürchterlich. Auch mutet mich alles hier ganz behaglich an, +und die Theseus-Rolle kommt mir fast schon komisch vor. (Zu +Sir Francis.) Was meinst du, liebe Ariadne? + + +_Mr. Dashwood_ + +Diese Vertrautheit mit der Mythologie ist nicht groß +erstaunlich. + + +_Lord Hamilton_ + +(ergreift die Handglocke, läutet energisch. Ein Diener +kommt) + +Mister Rippledale wünscht seinen Wagen. Lassen Sie +vorfahren! + + +_Emma Lyon_ + +Mister Rippledale ist zu Pferde gekommen, Mylord. (Sie ist +durchaus nicht aus der Fassung gebracht, spricht, als ob ein +unsichtbarer Rippledale vor ihr stände.) Sie wollen schon +gehen, Mister Rippledale? Schade. Aber ich sehe ein, daß Sie +sich nicht zweimal mit dem Zaunpfahl winken lassen wollen. +Ich wünsche Ihnen gute Reise. (Schüttelt dem Unsichtbaren +die Hand.) Sei so freundlich, Francis, und begleite Mister +Rippledale hinaus. (Da Sir Francis sie zögernd anschaut, mit +einem befehlenden und vielsagenden Blick.) Hurtig, mein +Lieber! Mister Rippledale ist nicht gewöhnt, unhöflich +behandelt zu werden. (Zu Mr. Dashwood.) Und Sie, mein +dicker Reitersmann, Sie würden gut daran tun, wenn Sie +draußen die Identität meines Freundes Rippledale feststellen +würden. Nehmen Sie ihn in ein Kreuzverhör und lassen Sie +sich eine kleine Magenstärkung reichen. (Zum Diener, der mit +aufgerissenen Augen wartet.) Ein Glas Sherry für den Herrn! +Er bedarf der Kräftigung. + + +_Mr. Dashwood_ + +(erhebt sich, starrt den Lord ratlos an, weicht vor der +Berührung Emma Lyons zurück, die ihn unterm Arm fassen will, +und da der Lord wie versteinert ist und keine Miene macht zu +sprechen, geht er in weitem Bogen ängstlich um sie herum +nach der Tür, wo ihm Sir Francis durch eine mürrische Geste +bedeutet, daß er gehen solle. Er schlägt die Hände zusammen, +als sei der Untergang der Welt angebrochen, und verläßt das +Zimmer. Der Diener folgt ihm, dann, nach kurzem Zaudern und +unter allerlei Versuchen, stumm mit Emma Lyon zu +korrespondieren, auch Sir Francis). + + +_Emma Lyon_ + +(schließt die Türe zur Halle hinter ihnen) + +Auf Wiedersehen, lieber Rippledale! (Öffnet noch einmal die +Tür und winkt.) Addio! (Kehrt zurück.) Darf ich jetzt von +Ihrer Einladung, Platz zu nehmen, Gebrauch machen, Mylord? +(Sie setzt sich, lächelt gewinnend.) + + +_Lord Hamilton_ + +(ist vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen +konsterniert. Er greift sich wie träumend an den Kopf. Seine +Stimme klingt heiser, während er stotternd beginnt) + +Wer sind Sie? Wer gibt Ihnen das Recht, vermittelst einer +schamlosen Komödie in mein Haus zu dringen? + + +_Emma Lyon_ + +(blickt ihn mit unschuldiger Miene lächelnd an, winkt, als +ob sie ihn ermuntern wolle). + + +_Lord Hamilton_ + +(immer noch mühsam nach Worten ringend, wobei er sich +bestrebt, das junge, schöne Geschöpf nicht zu sehen) + +Sie erteilen Befehle an meine Dienerschaft. Ich erkläre +diese Befehle für ungültig. + + +_Emma Lyon_ + +(harmlos) + +Das dacht ich mir gleich. + + +_Lord Hamilton_ + +Sie haben mich überfallen, aber ich weigere mich, mit Ihnen +zu sprechen. Ich fordere Sie auf, Sir Francis und Mister +Dashwood wieder hereinzurufen. + + +_Emma Lyon_ + +Daß ich eine Närrin wäre! Es hat Arbeit genug gekostet, sie +hinauszubringen. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich kenne Sie nicht, ich – – + + +_Emma Lyon_ + +Tut nichts, Mylord. Es ist ja der Zweck meiner Anwesenheit, +daß Sie mich kennen lernen. + + +_Lord Hamilton_ + +Ihre Gegenwart ist mir unerwünscht, und wenn Sie nicht gehen +wollen, so werde ich einem meiner Diener befehlen müssen, +Sie hinauszubegleiten. + + +_Emma Lyon_ + +Ah? wirklich? würden Sie das wirklich tun? + + +_Lord Hamilton_ + +(nimmt die Handglocke, läutet). + + +_Emma Lyon_ + +(fast fröhlich) + +Ich bin gespannt, ob Sie dazu den Mut finden werden. + + +_Ein Diener_ + +(kommt) + +Mylord befehlen? + + +_Lord Hamilton_ + +(heftet plötzlich einen etwas verzagten Blick auf Emma Lyon; +er zaudert). + + +_Der Majordom_ + +(kommt) + +Mylord befehlen? + + +_Emma Lyon_ + +(lächelnd) + +Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Gentleman sich auf +diese Weise einer Dame entledigt. + + +_Lord Hamilton_ + +(zum Majordom, gepreßt) + +Sagen Sie Mister Dashwood, er möge warten. (Winkt den +beiden, das Zimmer zu verlassen.) + + +_Der Majordom_ + +Sehr wohl. (Ab mit dem Diener.) + + +_Emma Lyon_ + +Jetzt bleibt Ihnen nichts übrig, als daß Sie selbst die +Flucht ergreifen, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +(bleibt unwillkürlich stehen) + +Ich fliehe nicht, ich ignoriere bloß. + + +_Emma Lyon_ + +Aber Sie haben mich doch nicht ignoriert, als Sie Spione auf +meine Spur geschickt haben, die meine Vergangenheit +durchschnüffeln mußten, – wie kommt das? + + +_Lord Hamilton_ + +Es geschah für die Ehre der Familie. + + +_Emma Lyon_ + +Und sind Sie überzeugt davon, daß man Ihnen die Wahrheit +berichtet hat? + + +_Lord Hamilton_ + +Man hatte keinen Grund zu Entstellungen. + + +_Emma Lyon_ + +So war es nicht gemeint. Ich bezweifle nur, daß man imstande +gewesen ist, Ihnen die _ganze_ Wahrheit zu enthüllen. +Vielleicht hätten Sie dann eine Kompagnie Soldaten +aufgeboten, um Sir Francis’ Unschuld vor mir zu schützen. + + +_Lord Hamilton_ + +Dieser Zynismus entwaffnet mich nicht. (Finster.) Sagen Sie +in aller Kürze, was Sie noch zu sagen haben. Ich will +versuchen, Sie anzuhören, um mich nicht dem Vorwurf +auszusetzen, als ob ich ungehört verdammte. + + +_Emma Lyon_ + +Warum sollten Sie mich denn verdammen, Mylord? Ist es etwa +nicht erlaubt, daß einer von dem Kapital lebt, das er +besitzt? Ziehen Sie nicht mit Hilfe Ihrer Pächter aus Ihren +Ländereien so viel Gewinn, wie Sie daraus ziehen können? Sie +würden lachen, obwohl Sie vermutlich ungern lachen, wenn +ich Sie bitten würde, mir eine Wiese oder ein Stück Wald zu +schenken. Warum also sollte ich mich verschenken? Ich habe +nur mich selbst. Ich beleidige Ihr keusches Ohr, ich weiß +es. Es gibt keinen Kiebitz, der nicht die Tugend preist. O +ja, die Tugend ist eine ganz schöne Sache, wenn das +Lebensspiel sie nicht als Einsatz fordert. Wenn mir das +Schicksal die Versprechungen erfüllt, die ich ihm abgerungen +habe, will ich so tugendhaft sein wie ein zahnloses altes +Weib. Bis dahin kann mich nicht einmal Ihre Verachtung +hindern, meine – Wälder und Ländereien zinstragend zu +verwerten. + + +_Lord Hamilton_ + +(begegnet endlich ihrem Blick, wendet jedoch sofort wieder +die Augen ab. Die schlaue Emma Lyon bemerkt, daß er nicht +mehr daran denkt, sie durch Hinausgehen zu brüskieren. Diese +Sicherheit gibt ihr noch mehr Impertinenz. Der Lord zieht +die Brauen zusammen und versetzt widerwillig) + +Das alles interessiert mich nicht. Auch sehe ich keinen +plausiblen Grund darin, weshalb Sie Ihre Netze gerade nach +meinem Sohn werfen mußten. + + +_Emma Lyon_ + +Na, einer muß es doch sein. + + +_Lord Hamilton_ + +Die vernünftige Erwägung muß Ihnen sagen, daß diese +Spekulation verfehlt ist. + + +_Emma Lyon_ + +Keineswegs. Weshalb denn? Was können Sie ihm anhaben? Sie +werden ihn aufs Trockene setzen. Gut. Sie werden ihn des +baren Geldes berauben, mehr ist Ihnen nach den Gesetzen +unseres Landes nicht verstattet. Grund und Boden muß er +erben. Sie sehen, auch ich habe mich unterrichtet. + + +_Lord Hamilton_ + +Francis ist nicht der Mann, um einer Torheit willen zwanzig +Jahre lang zu hungern. Denn so lange gedenke ich mindestens +noch auf Easton Park zu wohnen. + + +_Emma Lyon_ + +Das glaub ich. Aus lauter Trotz werden Sie am Ende hundert +Jahre alt. Aber auf die Dauer können Sie nicht so verblendet +sein, der friedlichen Fortpflanzung Ihres Geschlechts +unnötige Hindernisse zu bereiten. + + +_Lord Hamilton_ + +Sie irren. + + +_Emma Lyon_ + +Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Lady Hamilton sein werde, +– so oder so. + + +_Lord Hamilton_ + +(kalt) + +Dann werde ich Ihnen beweisen müssen, daß es noch Mittel in +England gibt gegen Abenteuerinnen Ihres Schlags. + + +_Emma Lyon_ + +Nein, Mylord, die gibt es nicht. Und wissen Sie, warum +nicht? Weil in England Männer regieren. + + +_Lord Hamilton_ + +Ja, glauben Sie denn im Ernst, daß Ihnen kein Mann im +Königreich gewachsen ist? + + +_Emma Lyon_ + +Ach, Mylord, Sie tun mir leid! Sie ahnen nicht, wie sie alle +schmelzen, wie die stolzesten Hähne klein werden und sich +die Federn putzen und wie gefällig sie mit den Füßen +scharren und wie einladend sie krähen, wenn ich bloß am +Horizont auftauche. Neulich hatte ich in Kings bench zu tun; +na, da war ein Richter, – ich kann Ihnen sagen, sein Gesicht +war saurer als Essig, und er hatte eine Art dreinzublicken, +als läge es in seiner Macht, die ganze Christenheit um einen +Kopf kürzer zu machen. Ich war angeklagt, weil der Sohn des +Lord Hervey idiotisch genug war, hunderttausend Pfund in +meiner Gesellschaft zu verspielen, als ob es meines Amtes +wäre, erst nachzufragen, wie lang ein Grünspecht vom +Wickeltisch zum Pharaotisch sich Zeit lassen muß. Kaum hatte +ich angefangen, mich zu verteidigen, kaum hatte ich mein +seidenes Tuch gezogen, um meinen Tränen ein anständiges +Quartier zu verschaffen, da zerging der Gestrenge schon wie +Butter, er machte Zeichen mit den Händen, grinste wie ein +Hökerweib am Feierabend und hatte Augen so lang wie ein +Hummer, wenn man ihn ins heiße Wasser tut. Ich konnte nicht +widerstehen, ich mußte ihn durch ein paar freundliche Worte +aufmuntern. + + +_Lord Hamilton_ + +(dem plötzlich unbehaglich wird) + +Ich bin nicht fähig, Ihrer Suada zu begegnen, Madame. Ich +bekenne offen, daß ich ein schlechter Redner bin. Selbst das +Zuhören ermüdet mich, und meine Gedanken schweifen haltlos +umher. Haben Sie doch die Güte, mich jetzt allein zu lassen. +Vielleicht erteilen Sie Mister Wardle Auftrag, daß er Ihnen +den Lunch serviere, bevor Sie Easton Park den Rücken kehren. + + +_Emma Lyon_ + +Wenn ich in Easton Park den Lunch nehme, Mylord, werde ich +es entweder in Ihrer Gesellschaft oder gar nicht tun. + + +_Lord Hamilton_ + +(setzt sich mit versorgtem Gesicht) + +Also wie soll das enden? + + +_Emma Lyon_ + +(mit versteckter Schelmerei) + +Ist Ihnen nicht wohl, Mylord? Sicherlich ist Ihnen nicht +wohl. Es wäre grausam, wenn ich Sie jetzt allein ließe. + + +_Lord Hamilton_ + +Es scheint, Sie treiben ein Spiel mit mir ... + + +_Emma Lyon_ + +Gott bewahre. Dazu ist mein Respekt viel zu groß. Ich habe +ein bißchen Revolution auszuführen versucht, das ist alles, +aber Ihre Unerschütterlichkeit flößt mir Bewunderung ein. +Mit Ihnen kann man nicht paktieren. Trotzdem schlage ich +Ihnen ein Kompromiß vor. Überzeugen Sie mich davon, daß Ihr +Geschlecht zu keiner Zeit und unter keiner Bedingung ein +plebejisches Reis auf seinen erlauchten Stammbaum gepfropft +hat, und ich will mich bescheiden. Ich gebe Sir Francis den +Laufpaß, wenn Sie mir beweisen können, daß Ihre adeligen +Vorfahren keinen andern Ehrgeiz gehabt haben, als eine +fehlerlose Genealogie zu fabrizieren. + + +_Lord Hamilton_ + +(in die Enge getrieben, vornehm) + +Wenn ich eine Erörterung hierüber für möglich hielte, würde +ich die Fundamente untergraben, auf denen ich stehe. + + +_Emma Lyon_ + +Und damit soll ich mich zufrieden geben? Die Klatschbase, +die man Geschichte nennt, behauptet ganz frech, daß hin und +wieder eine ziemlich zweifelhafte Lady ins Ehebett eines +leichtsinnigen Lords geschlüpft ist. Oder ist es Schwindel, +daß Lord James eine arme irische Schauspielerin geheiratet +hat? Sie soll freilich so schön gewesen sein, daß während +ihrer Vorstellung bei Hof der Scharlach der Aristokratie auf +Tische und Stühle stieg, um sie zu sehen. Douglas Hamilton +vergaß sich so weit, die Tochter eines Akziskommissärs mit +seiner Hand zu beglücken. Von einigen Ladies habe ich mir +gar sagen lassen, daß sie mit Kutschern, Schreibern, +Schmugglerkapitänen ... + + +_Lord Hamilton_ + +(nervös) + +Nicht weiter, Madame! Genug der Indiskretionen. + + +_Emma Lyon_ + +Die Wahrheit wird immer beschimpft, wenn sie unbequem ist. +Sehen Sie mich doch einmal an, Mylord! Kommt es Ihnen nicht +so vor, als ob ein Frauenzimmer meiner Kategorie geeigneter +wäre, die verdickten Ahnensäfte wieder zum Moussieren zu +bringen, als irgend eine hochgeborene Kuh aus einem sublimen +Stall –? + + +_Lord Hamilton_ + +Stall –? Kuh –? Um Himmels willen, was für Worte! + + +_Emma Lyon_ + +Ich habe jetzt nicht Lust, auf meine Worte zu achten. Sehen +Sie mich an, sage ich. + + +_Lord Hamilton_ + +(irritiert) + +Nun ja ... ja ... ich sehe. + + +_Emma Lyon_ + +Was finden Sie an meinem Wuchs zu tadeln? + + +_Lord Hamilton_ + +(noch mehr irritiert) + +Ich habe ... offengestanden ... darüber kein Urteil. + + +_Emma Lyon_ + +Wer verstände nicht zu tadeln, auch wenn er kein Urteil hat! +So schauen Sie wenigstens. Was haben Sie an diesen Schultern +auszusetzen? was an der Büste? Diese Linien (mit den +Fingerspitzen an den Hüften entlang streifend) sind edler +als jeder Name. Der Fuß, Mylord, (hebt ihr Kleid ein wenig) +zeigen Sie mir einen aristokratischen Fuß, vor dem er sich +verstecken müßte. Und der Nacken, – (wendet sich) mißfällt +er Ihnen? Die Haare, – braucht man sich ihrer zu schämen? +Die Hand, – läßt sie auf eine schlechte Rasse schließen? +Ohr, Nase, Stirn, Zähne, Lippen, – vertragen sie nicht jede +Kritik? Romney hat mich vierzehnmal porträtiert, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +(bestürzt und im Anfangsstadium einer verhängnisvollen +Narkose) + +Romney ... jawohl. Mister Romney ist ein Meister seines +Handwerks. Er hat auch die Königin gemalt, wenn ich nicht +irre ... Aber würden Sie nicht die Freundlichkeit haben, Miß +Lyon, sich in größerer Entfernung von mir aufzuhalten? Ihr +Parfüm ist es, glaube ich, das mich schwindlig macht. + + +_Emma Lyon_ + +(diebisch) + +Soll ich das Fenster öffnen, Mylord? + + +_Lord Hamilton_ + +Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir ein Glas Wasser +reichen wollten. + + +_Emma Lyon_ + +(tritt beflissen zum Tisch, schenkt aus einer Karaffe Wasser +in ein Glas, bringt es ihm). + + +_Lord Hamilton_ + +Ich danke Ihnen. + + +_Emma Lyon_ + +(nachsichtig) + +Sie sind an die Nähe von Frauen nicht mehr gewöhnt, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Durchaus nicht. – Durchaus nicht. + + +_Emma Lyon_ + +Schade. Dabei vertrocknet das Temperament. Ist Ihnen besser? +(Sie faßt seine Hand.) Die arme kalte Hand! + + +_Lord Hamilton_ + +(scheu) + +Die Ihre freilich, Miß Lyon, die Ihre ist hinlänglich warm. + + +_Emma Lyon_ + +Wie pedantisch! Hinlänglich warm! O Gott! + + +_Lord Hamilton_ + +Es ist außerdem eine begehrliche Hand; sie ist allzu +begehrlich. + + +_Emma Lyon_ + +Wer nicht zehnmal so viel begehrt als ihm gewährt wird, der +soll nicht zu leben anfangen. Weiter, Herr Chiromant? Was +sehen Sie noch? Daß ich neugierig bin? Stimmt. Eitel? +Stimmt. Treulos? Stimmt. Aber treulos machen uns nur die, +die kraftlos sind. + + +_Lord Hamilton_ + +Was ist das für eine Narbe hier neben dem Daumen? + + +_Emma Lyon_ + +Sie stammt von den Zähnen des Prinzen von Wales. + + +_Lord Hamilton_ + +Wieso? Ist er bissig? + + +_Emma Lyon_ + +Er beißt aus Enthusiasmus. Aber er steht in meiner Schuld +dadurch. Die Narbe ist unter Brüdern eine Einladung nach St. +James wert. + + +_Lord Hamilton_ + +Was doch alles geschieht! Sonderbar. Ich muß gestehen, ich +fasse nicht die Existenz, die Sie führen. Da reiht sich wohl +Fest an Fest und Genuß an Genuß, und für Genauigkeit und +Regelmäßigkeit bleibt nichts mehr übrig. Und dabei kann man +leben ... es macht wohl gar Spaß? Sonderbar. Eine sonderbare +Welt! + + +_Emma Lyon_ + +Die zu beklagen ist, weil Sie sich von ihr fern halten, +Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Keine Flatterien, Miß Lyon! Ich liebe nicht die Exaltationen +des Vergnügens. + + +_Emma Lyon_ + +(heuchlerisch) + +Eigentlich haben Sie recht, Mylord. Es gibt nichts, was so +anstrengend ist wie das Laster. + + +_Lord Hamilton_ + +Sehen Sie! Sehen Sie! + + +_Emma Lyon_ + +(versonnen) + +Oder vielleicht doch ... Ich glaube, daß die Tugend _noch_ +anstrengender ist. + + +_Lord Hamilton_ + +Versuchen Sie es doch einmal ... + + +_Emma Lyon_ + +Meinen Sie? + + +_Lord Hamilton_ + +Fangen Sie damit an, daß Sie Ihre auf Sir Francis zielenden +Absichten fallen lassen. + + +_Emma Lyon_ + +Aha, Sie wollen schon ein Geschäft mit meiner Tugend +machen. Das ist ja eben das Verdächtige an der Sache. + + +_Lord Hamilton_ + +(steht auf) + +Im Ernst, Miß Lyon: – Was kann Sie an dem Jüngling locken? +Seine Geistesgaben, Sie müssen es selbst zugeben, sind +keineswegs blendend. Er würde Sie langweilen, Sie würden ihn +betrügen, und was wäre die Folge? Der Skandal in +gesteigerter Häßlichkeit. Sie brauchen eine starke Hand. +Einen reifen Mann brauchen Sie, der durch Erfahrung und +Charakter befähigt ist, Ihrem ungebundenen Wesen Schranken +zu setzen. + + +_Emma Lyon_ + +(zerknirscht) + +Es ist wahr. Wenn Sie wüßten, Mylord, wie ich dieser jungen +Leute satt bin, die ihre Leidenschaften mit so viel Lärm und +Prätension zur Schau tragen! Ich sehne mich nach einem +verschwiegenen und klugen Mann, so an der Grenze der +Fünfzig, nach einem Mann, der nicht immer nur etwas haben +will, sondern auch etwas gibt. + + +_Lord Hamilton_ + +(erfreut) + +Nun also ... + + +_Emma Lyon_ + +Würden Sie mir helfen? + + +_Lord Hamilton_ + +Ich ... ja, gewiß ... Ich würde sehen, was sich tun läßt. + + +_Emma Lyon_ + +Aber Sie haben doch hoffentlich nicht vergessen, daß ich vor +zehn Minuten geschworen habe, Lady Hamilton zu werden? Ich +gedenke, das Gelübde unter allen Umständen zu erfüllen. + + +_Lord Hamilton_ + +Das versteh ich nicht ... + + +_Emma Lyon_ + +Verständlicher kann nichts auf der Welt sein. + + +_Lord Hamilton_ + +(vor Schrecken gelähmt) + +Sie meinen –? + + +_Emma Lyon_ + +Ja! + + +_Lord Hamilton_ + +Ich? – Ich –? Ich sollte –? Sie träumen wohl, Miß Lyon? (Er +fällt in den Stuhl zurück.) + + +_Emma Lyon_ + +(läßt sich in einer reizenden Magdalenen-Stellung vor ihm +auf die Kniee nieder. Da er nicht zurückweichen kann, preßt +er den Rücken gegen die Lehne und drückt den Kopf in den +Nacken) + +Sie wären schwerlich, trotz meines ununterbrochenen +Geschwätzes, bis zu diesem Augenblick im Zimmer geblieben, +wenn ich Ihnen nicht gefallen hätte, Mylord. Und jetzt ist +es leider zu spät. Fängt dieses Gift einmal zu wirken an, +dann ist man verloren. + + +_Lord Hamilton_ + +(klagend) + +Zweifellos. Ich habe es an der nötigen Festigkeit fehlen +lassen. + + +_Emma Lyon_ + +Und mir sprechen Sie jedes Verdienst ab? + + +_Lord Hamilton_ + +Ich kann nicht leugnen, daß Ihnen eine ... wie soll ich mich +nur ausdrücken? – eine seltsame Gewalttätigkeit eigen ist. + + +_Emma Lyon_ + +Gut. Ich akzeptiere das Kompliment. + + +_Lord Hamilton_ + +Nichtsdestoweniger befinden Sie sich mit Ihrer Vermutung, +was meinen Seelenzustand betrifft, auf dem Holzweg. Ich will +es wenigstens hoffen. + + +_Emma Lyon_ + +Sie kennen die menschliche Natur nicht so gut wie ich, +Mylord. Ich will Ihnen sagen, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie +jetzt eigensinnig sind. Ich reise ab. Ihre Gedanken +verursachen Ihnen ein unangenehmes Kribbeln, Sie sind +unzufrieden mit sich, Sie haben keinen Appetit mehr, des +Nachts flieht Sie der Schlaf, und plötzlich, Sie wissen +selbst nicht wie, fassen Sie den Entschluß, mich +aufzusuchen. Da erscheint eines Tages Lord Hamilton im Salon +von Emma Lyon. Aber Emma Lyon wird durchaus nicht auf die +Kniee fallen, so wie jetzt. Emma Lyon wird spöttisch +lächeln; sie wird Seiner Herrlichkeit einen Stuhl bieten, +sie wird mit Mister Jennings plaudern und wird die +Albernheiten von Mister Davis entzückt anhören und wird Sir +Roberts empfangen, und Mylord wird gehen, verdrießlich, +aufgebracht, wütend gegen sich und mich, aber er wird +wiederkommen, er wird Blumen bringen, er wird Geschenke +bringen, all die Laffen und Schmeichler und Dandies werden +ihm lästig sein, aber Emma Lyon wird sagen: Platz genug im +Hause! Dort unter der Treppe ist für die Mißgelaunten Platz, +und unterm Dachboden für die Hochmütigen, und im Keller für +die Moralisten. Und mein kleiner Schoßhund wird kläffen, +wenn Sie nahen, und diese weiße begehrliche Hand wird ihre +Finger spreizen, – so, denn ich, Mylord, (sie erhebt sich) +ich würde Sie zappeln lassen. Und davor möge Gott Sie +bewahren. + + +_Lord Hamilton_ + +(murmelnd) + +Niemals würde ich mich so tief erniedrigen. + + +_Emma Lyon_ + +(kategorisch) + +Sie werden es tun! Ihre Augen versichern es mir. Ich erspare +Ihnen demnach eine unabsehbare Reihe von Qualen und +Kränkungen durch ein freimütiges Anerbieten. + + +_Lord Hamilton_ + +(schüttelt den Kopf) + +Ich vermute, Miß Lyon, Sie ahnen nicht, was ich +durchzusetzen vermag, selbst gegen meine heftigsten Wünsche +und Triebe. Insofern bleibt also Ihr Schreckbild ohne +Wirkung. Aber Sie verfechten Ihre Sache mit Bravour und +nicht ohne Geist. Ich liebe das. In diesem hübschen kleinen +Kopf rumort ein Teufel, den zu zähmen der Mühe vielleicht +verlohnen könnte. Wie Sie richtig bemerkten, bin ich des +Elements entwöhnt, das, in Ihnen personifiziert, meinen +Frieden so geräuschvoll unterbrochen hat. Ich habe jedoch +gerade dadurch erkannt, daß zwischen mir und der Welt eine +gewisse Entfremdung besteht, und ich könnte Ihren Vorschlag +in Betracht ziehen, wenn nicht Hindernisse vorlägen, die für +mich beinahe unüberwindlich sind. Der Doktor Graham ... das +himmlische Bett ... die Mystifikation als Göttin Hygäa ... +(Schüttelt wieder den Kopf.) Das sind üble Dinge ... üble +Dinge. + + +_Emma Lyon_ + +Die mich vor dem Verhungern geschützt haben, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Sie hätten eine minder exponierende Abhilfe wählen sollen. + + +_Emma Lyon_ + +Ich hatte keine Wahl. Ich bin auch nicht schlechter geworden +dadurch. Es war eine Hülle, die ich angelegt habe. + + +_Lord Hamilton_ + +Verzeihen Sie, die Hülle, – die haben Sie abgeworfen. + + +_Emma Lyon_ + +Man kann alle Hüllen abwerfen und doch undurchdringlicher +sein als in Panzern. + + +_Lord Hamilton_ + +Das ist Rabulismus. + + +_Emma Lyon_ + +Sie haben wenigstens die Sicherheit, daß ich gegen jede +künftige Verführung und Verlockung gefeit bin. Alles was +andere lüstern macht, davon habe ich genug und übergenug. + + +_Lord Hamilton_ + +Das ist ein Argument. + + +_Emma Lyon_ + +Die Welt ist vergeßlich. Ein Name, wie der Ihre Mylord, +deckt jugendliche Torheiten zu. + + +_Lord Hamilton_ + +(mit einem Rest von Bedenklichkeit) + +Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt ... + + +_Emma Lyon_ + +Man hat mir erzählt, und ich habe mich darüber amüsiert, daß +Sie es bisweilen nicht verschmähen, der Zeit Gewalt anzutun. +Ich, sehen Sie, ich kann das auch. (Sie steigt auf einen +Stuhl, öffnet das Uhrgehäuse und dreht den großen Zeiger +sehr schnell und mehrere Male über das Zifferblatt zurück.) + + +_Lord Hamilton_ + +Was tun Sie da, junge Hexe! (Das Uhrwerk knackt, der Pendel +hört auf zu schwingen.) + + +_Emma Lyon_ + +Ich drehe die Jahre zurück, Mylord, und wenn ich will, – +sehn Sie! – bleibt die Zeit stehen! (Sie springt herab.) Wir +gehen nach Italien, Mylord! (mit ausgebreiteten Armen, +bacchantisch.) Illuminationen! Barken auf dem Meer! +Mondschein und Liebeslieder! Fackeltanz und Tarantella! + + +_Lord Hamilton_ + +(vor sich hin) + +Es bliebe noch zu erwägen, ob hier ein freier Entschluß oder +die Macht einer Bezauberung vorliegt. – Gönnen Sie mir, Miß +Lyon, gönnen Sie mir Frist bis morgen. + + +_Emma Lyon_ + +So lang Sie wollen. Nur bedenken Sie, daß auch ich +Dispositionen zu treffen habe – + + +_Lord Hamilton_ + +Ich könnte es versuchen ... + + +_Emma Lyon_ + +Schön, versuchen wir es. + + +_Lord Hamilton_ + +Begleiten Sie mich für zwei Monate nach dem Süden. + + +_Emma Lyon_ + +Zwei Monate? Das ist etwas wenig. + + +_Lord Hamilton_ + +Sagen wir vier Monate. + + +_Emma Lyon_ + +Wenn ich so durchtrieben wäre wie man mich Ihnen geschildert +hat, wäre ich mit drei Tagen zufrieden. Aber ich bin eine +ehrliche Person und sage Ihnen ohne Umschweife: drei Tage +Probezeit oder drei Jahre oder dreißig Jahre, das ist für +mich im Grunde gleichgültig, denn nach dem ersten Tag werden +Sie vom letzten nichts mehr wissen wollen. + + +_Lord Hamilton_ + +Ihre Prophezeiung ist sehr kühn. Immerhin bleiben wir +vorläufig bei den vier Monaten. + + +_Emma Lyon_ + +Vergessen Sie nicht, daß Sie Ihren Sohn vor eine +unwiderrufliche Tatsache stellen müssen, sonst komme ich ihm +gegenüber in eine schiefe Position. + + +_Lord Hamilton_ + +Eine bedeutende Schwierigkeit. Wie soll ich ihm eröffnen –? + + +_Emma Lyon_ + +Sie überschätzen ihn doch. Die Schwierigkeit ist mit zwei +Worten aus der Welt geschafft. (Sie nimmt die Handglocke, +läutet.) + + +_Lord Hamilton_ + +(verwundert) + +Oh! Sie ergreifen die Initiative mit großem Feuer. + + +_Der Majordom_ + +(tritt ein) + +Mylord befehlen? + + +_Emma Lyon_ + +Sir Francis soll kommen. + + +_Der Majordom_ + +(erstaunt über den diktatorischen Ton von dieser Seite) + +Mylord wünschen Sir Francis? + + +_Lord Hamilton_ + +(kalt) + +Sie haben gehört. + + +_Der Majordom_ + +Mister Dashwood läßt gehorsamst fragen, ob er sich entfernen +kann. Er hat dringende Geschäfte. + + +_Emma Lyon_ + +Er soll warten. – Ist nicht Frühstückszeit? + + +_Lord Hamilton_ + +Es dürfte Frühstückszeit sein. + + +_Der Majordom_ + +(schaut auf die Wanduhr) + +Jawohl; es ... (Stockt verblüfft.) Die Uhr steht. + + +_Lord Hamilton_ + +Ja. Die Uhr steht. + + +_Emma Lyon_ + +Es soll serviert werden. + + +_Der Majordom_ + +(bekümmert und fast vorwurfsvoll) + +Soll serviert werden, Mylord? + + +_Lord Hamilton_ + +Sie hören. + + +_Emma Lyon_ + +Auch fehlt noch ein Gedeck. + + +_Der Majordom_ + +Noch ein Gedeck, Mylord? + + +_Lord Hamilton_ + +Noch ein Gedeck. + + +_Der Majordom_ + +Sehr wohl. (Ab.) + + +_Emma Lyon_ + +Der Mann scheint auf dem rechten Ohr taub zu sein. + + +_Lord Hamilton_ + +(in ziemlicher Unruhe) + +In welche Form soll ich also Francis gegenüber die +Mitteilung kleiden? + + +_Emma Lyon_ + +Sie sagen ihm, daß Sie seine Schulden bezahlen und mich +dafür in Ihre Obhut nehmen. + + +_Lord Hamilton_ + +(zieht die Stirn in Falten) + +Das wäre ja ein regelrechter Handel! + + +_Emma Lyon_ + +Ich habe noch nie gehört, daß ein Engländer in Ohnmacht +fällt, wenn von einem Handel die Rede ist. + + +_Lord Hamilton_ + +Wie viel betragen seine Schulden? + + +_Emma Lyon_ + +Eine Lappalie. Vierzigtausend Pfund. + + +_Lord Hamilton_ + +Wie? Und das nennen Sie eine Lappalie? + + +_Emma Lyon_ + +(lacht) + +Also fange ich schon an, Ihnen teuer zu werden? + + +_Lord Hamilton_ + +Wenigstens geben Sie mir einen starken Begriff von Ihrer – +Weitherzigkeit. + + +_Emma Lyon_ + +Wo geknausert wird, kann ich nicht froh sein. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich werde trachten, Sie bei guter Laune zu erhalten. + + +_Emma Lyon_ + +(streckt den Arm aus) + +So küssen Sie mir die Hand. + + +_Lord Hamilton_ + +(beugt sich mit steifer Galanterie; während er ihr die Hand +küßt, kommt) + + +_Sir Francis_ + +(bleibt bei diesem Schauspiel wie angewurzelt stehen. Gleich +hinter ihm kommen: der Majordom, dem ein Diener mit dem +fehlenden Gedeck folgt; hinter diesem ein zweiter Diener mit +dem Tablett, auf dem sich die Speisen befinden. Gleich +darauf erscheint auch Mister Dashwood auf der Schwelle. Die +Tür zur Halle bleibt offen). + + +_Lord Hamilton_ + +(geht zum Tisch, gibt dem Majordom Anweisung über die +Sitzordnung, dann tritt er zu Mister Dashwood und spricht +mit ihm. Dieser lauscht aufmerksam und verbeugt sich oft zum +Zeichen seines Eifers. Indessen ist Sir Francis zu Emma Lyon +getreten). + + +_Sir Francis_ + +(bewundernd; leise) + +Das war ein Meisterstück, Emma. Wie hast du ihn denn +herumgekriegt? + + +_Emma Lyon_ + +Still, lieber Freund. Keine Elogen. Du wirst alles hören. +Jetzt hab ich Hunger wie ein Matrose. + + +_Sir Francis_ + +Und zahlt er die fünfundzwanzigtausend Pfund –? Du weißt, +meine Gläubiger drängen ... + + +_Emma Lyon_ + +Fünfundzwanzig und noch fünfzehntausend dazu. + + +_Sir Francis_ + +(entzückt) + +Du bist umsichtig wie ein Kaufmann! + + +_Lord Hamilton_ + +(zu Mister Dashwood) + +Die Informationen waren falsch. Es ist dies eine +Gewissenlosigkeit, die ich ahnden muß, und Sie tun gut +daran, Mister Dashwood, wenn Sie den Londoner Herrn darauf +aufmerksam machen, daß ich ihn wegen böswilliger Verleumdung +bestrafen lassen werde. + + +_Mr. Dashwood_ + +Gewiß, Mylord, gewiß. Die Zunge der Menschen ist ein +giftiges Instrument und unheilvoll in ihren Wirkungen – + + +_Lord Hamilton_ + +(unterbricht den drohenden Redeschwall und wendet sich auch +an Sir Francis) + +Miß Emma Lyon hat mich davon überzeugt, daß alles, was wir +von ihrem früheren Leben gehört haben, nichtswürdige Lügen +sind. + + +_Sir Francis_ + +Das hab ich ja gleich gesagt – + + +_Lord Hamilton_ + +Es gibt keinen Doktor Graham ... Es gibt kein himmlisches +Bett, und sie hat niemals eine Göttin Hygäa dargestellt. +Genug davon. Es sei von solchen Dingen nicht mehr die Rede. +Sie können gehen, Mister Dashwood. + + +_Mr. Dashwood_ + +(mit tiefer Verbeugung ab). + + +_Lord Hamilton_ + +(mit der Taschenuhr in der Hand) + +Darf ich zu Tisch bitten? Es ist zwölf Uhr, fünf Minuten. +(Mister Dashwood hat sich entfernt.) + + +_Emma Lyon_ + +Ihre Präzision, Mylord, verspricht meinem Magen ein Dasein +von angenehmer Sorglosigkeit. + + +_Lord Hamilton_ + +Zuerst den Bordeaux, John. (Emma Lyon und Sir Francis haben +Platz genommen, der Lord bleibt stehen.) Mein lieber Sohn, +erlaube mir, dich von einem freudigen Ereignis zu +unterrichten. Miß Emma Lyon ist von heute ab keine Fremde +mehr für dich. Verehre in ihr (stockt; Pause, dann mit +ruhiger Sicherheit) deine zukünftige Mutter, Lady Hamilton. + + +_Sir Francis_ + +(springt auf, läßt sich aber unter dem hoheitsvollen und +bannenden Blick seines Vaters wieder aus den Sessel nieder). + + +_Lord Hamilton_ + +Den Fisch, Mister Wardle! + +_Vorhang._ + + + + +Hockenjos + + +Personen: + + Karinkel, Bürgermeister + Bienemann, Redakteur + Mettenschleicher, Bildhauer + Hockenjos + Hannewickel, Stadtrat + Abendrot, Amtsschreiber + Binder, Kommissär + Ein Amtsdiener, ein Kellnerbursche + +Spielt in einer kleinen süddeutschen Stadt. + + +Kanzlei des Bürgermeisters. Rechts und links Türen. Hinten +zwei Fenster mit Aussicht auf einen von altertümlichen +Häusern umgebenen Platz, in dessen Mitte das noch umhüllte +Denkmal steht. + + +_Abendrot_ + +(schlägt mit einem Aktenheft Fliegen tot) + +Hin muscht werde! Pardon gibt’s net ... hätt’scht es vorher +überlegt, mei Schätzle ... hin muscht werde, sag’ ich ... + + +_Karinkel_ + +(ein untersetzter, glattrasierter, eiliger Mann, kommt; er +ist im Frack) + +Was treiben Sie denn da, Abendrot? + + +_Abendrot_ + +Die Fliege schlag’ i tot, Herr Bürgermeischter. + + +_Karinkel_ + +Die Fliegen schlagen Sie tot? Sind Sie verrückt, Mensch? Wo +wir bis an den Hals in Arbeit stecken! + + +_Abendrot_ + +Ich hab’ ja bei der Denkmalsenthüllung nix zu tun, Herr +Bürgermeischter. + + +_Karinkel_ + +Scheren Sie sich an die Arbeit. Und wenn Sie nichts zu tun +haben, dann tun Sie wenigstens so, als ob Sie was zu tun +hätten. Das fordert die Würde des Amtes. Der Professor +Mettenschleicher muß jeden Moment kommen, – was soll er sich +denken, wenn Sie Allotria treiben. + + +_Abendrot_ + +Isch scho guet, Herr Bürgermeischter ... + + +_Karinkel_ + +Keine Widerrede! Diese Biederkeit, diese ewige +Treuherzigkeit! wie sie mir auf die Nerven geht! Ich weiß +nicht, wo mir der Kopf steht, und der Mensch schlägt Fliegen +tot. (Es klopft.) Herein! + + +_Mettenschleicher_ + +(tritt ein; ein großer, würdevoll aussehender, +schwarzbärtiger, seriöser Mann, ebenfalls im Frack) + +Guten Morgen. + + +_Karinkel_ + +Guten Morgen, lieber Professor. Wie geht’s? wie steht’s? Gut +geschlafen? gut geträumt? Hat unser bescheidenes Hotel Ihren +Ansprüchen genügt? Oder haben Sie irgend welche +Rekriminationen? Ich lege großen Wert darauf, daß es Ihnen +bei uns gefällt. + + +_Mettenschleicher_ + +Danke, ich bin zufrieden. In so einem Städtchen wird mir +immer behaglich zumut. + + +_Karinkel_ + +Na, na, Professor ... Städtchen ... + + +_Mettenschleicher_ + +Nun ja, es ist doch eine sehr kleine Stadt ... + + +_Karinkel_ + +Eine sehr kleine Stadt? – Eine kleine Stadt, das eher. Aber +es ist gut, daß Sie sich wohl fühlen. Man hat nicht oft die +Freude, einen so berühmten Meister bewirten zu dürfen. Noch +dazu bei so feierlichem Anlaß ... + + +_Mettenschleicher_ + +(steif) + +Zu viel Ehre. + + +_Karinkel_ + +Sagen Sie mal, verehrter Professor, um unser gestriges +Gespräch fortzusetzen ... (Zögert, da er sich der Gegenwart +Abendrots erinnert.) Gehen Sie hinüber in den Schwan, +Abendrot, und bestellen Sie mir ein Gabelfrühstück. Fragen +Sie, – aber fragen Sie Herrn Gumpelmaier selber – was man +haben kann. Etwas Warmes natürlich. Am liebsten etwas vom +Kalb. + + +_Abendrot_ + +Oder vielleicht Schweinsrippche? + + +_Karinkel_ + +(tiefsinnig) + +Schweinsrippchen ... nicht übel. Schweinsrippchen oder +Kalbsherz. Auch saure Nieren wäre eine Idee. Beraten Sie +sich nur mit Herrn Gumpelmaier, der kennt meinen Geschmack. +Der Kellner soll laufen, damit die Sache unterwegs nicht +kalt wird. Dann gehn Sie in die Redaktion des Tagesboten und +fragen Sie Herrn Bienemann, ob er meine Rede schon fertig +hat. Er soll sich sputen, um zwölf Uhr kommt der Prinz, da +muß alles auf dem #qui vive# sein. + + +_Abendrot_ + +Isch guet, Herr Bürgermeischter. (Ab.) + + +_Karinkel_ + +(seufzend) + +Du lieber Gott, bis man so der schwerfälligen Welt Beine +macht, Professor –! (Knipst, eilig zur Tür, ruft.) Hallo! – +Abendrot! – Abgebratene Kartoffel soll er mitschicken! Wie? +Sie Esel! Der Schwanenwirt natürlich. (Kehrt zurück, +abermals seufzend.) Ein Mann, der nur für sich selber +verantwortlich ist, ist ein glücklicher Mann. + + +_Mettenschleicher_ + +Wir dienen alle dem öffentlichen Wohl, Verehrtester. Jeder +auf seine Weise. + + +_Karinkel_ + +Aber nicht auf jeden sind beständig die Augen des Publikums +gerichtet, teurer Freund. So wie auf Sie und auf mich. Wenn +ich noch einmal auf die Welt käme, – wissen Sie, wonach es +mich gelüsten würde? (Ausdrucksvoll.) Es würde mich darnach +gelüsten, das Leben eines einsamen, unverheirateten +Privatgelehrten zu führen. Was brauchte ich da Belobungen? +Anerkennung von unten oder von oben? – Da hätte man sein +Genügen in sich selber, da hätte man keinen Orden nötig. In +meiner Position freilich muß ich dergleichen haben, um +meinen Mitbürgern den Beweis zu liefern, daß ich ihres +Vertrauens würdig bin. + + +_Mettenschleicher_ + +Zweifellos. Sie sind ja auf dem besten Weg – + + +_Karinkel_ + +(erregt) + +Es besteht also Aussicht –? + + +_Mettenschleicher_ + +Gewiß. Man muß es nur delikat behandeln ... + + +_Karinkel_ + +Wissen Sie, was ich mir überlegt habe, Professor? Ich könnte +ja, falls man mir den Michaelsorden verweigert, auch mit +dem Friedrichsorden vorlieb nehmen. + + +_Mettenschleicher_ + +(vornehm belustigt von solcher Unwissenheit) + +Der Friedrichsorden steht keineswegs niedriger im Rang als +der Michaelsorden, mein lieber Bürgermeister. Der eine wie +der andere wird nur dann verliehen, wenn sich der +Betreffende in hervorragender Weise verdient gemacht hat. + + +_Karinkel_ + +(in wachsender Erregung) + +Seit zwanzig Jahren mache ich mich verdient, Professor. Ich +tue ja überhaupt nichts anderes. Ich habe eine elektrische +Beleuchtung, eine Wasserleitung, ein Findelhaus, einen +Veteranenverein geschaffen; ich habe die Fortschritte der +Sozialdemokratie nach Kräften aufgehalten, ich habe niemals +und nach keiner Seite hin Anstoß erregt, weder bei der +Geistlichkeit, noch bei der Regierung, – aber man kann sich +doch nicht ausbieten! – Man hat doch seinen Stolz! Man wirkt +in der Stille – und hofft, daß es bemerkt wird. + + +_Mettenschleicher_ + +Alterieren Sie sich nicht, lieber Freund. + + +_Karinkel_ + +Ich würde mich nicht beklagen, wenn es mir an loyaler +Gesinnung gefehlt hätte. Denn ich begreife, daß die höchsten +Kulturtaten nicht ins Gewicht fallen, wenn die loyale +Gesinnung mangelt – + + +_Mettenschleicher_ + +Freilich. Die loyale Gesinnung, die wird vorausgesetzt. +Wohin kämen wir denn sonst! + + +_Karinkel_ + +Das sagt sich leicht –: vorausgesetzt. Aber bis man sie +erwirbt, bis man sie sozusagen einkeltert, damit sie süß und +schmackhaft bleibt in all den Jahren, das ist nicht so +einfach. Und nun habe ich noch dieses Denkmal gebaut – + + +_Mettenschleicher_ + +Eben. Das war dringend nötig. Es gibt kaum mehr eine +deutsche Stadt, die nicht ihre marmorne Attraktion hätte, +wenn ich mich so ausdrücken darf. Man ist höhern Orts sehr +geneigt, solche Bestrebungen, soweit sie sich auf die Kunst +beziehen, zu unterstützen. Sie sänftigen die Sitten, sie +lenken die Instinkte des Volkes nach ungefährlichen +Regionen. + + +_Karinkel_ + +Ehrlich gesagt, es ist ein Sorgenkind, dieses Denkmal – + + +_Mettenschleicher_ + +Warum denn? Lassen Sie sich nur nicht irre machen ... + + +_Karinkel_ + +Sie haben mich ja so weit gebracht, Professor ... Ihrer +Energie haben wir es ja zu danken, daß ... + + +_Mettenschleicher_ + +Nun ja, ich fand es dringend geboten, daß auch Sie in diesem +stillen Winkel Ihr Scherflein beitragen zur Vermehrung der +nationalen Ideale. + + +_Karinkel_ + +Das klingt sehr hübsch – + + +_Mettenschleicher_ + +Erlauben Sie, das sind tiefste Lebensüberzeugungen! + + +_Karinkel_ + +Allerdings – + + +_Mettenschleicher_ + +Heraus mit der Farbe! Weshalb sind Sie so kleinlaut, heute, +an Ihrem großen Tag? + + +_Karinkel_ + +Es wird von gegnerischer Seite behauptet, – haben Sie nicht +den Ochsenfurter Anzeiger gelesen? Da steht es drin – + + +_Mettenschleicher_ + +Ich lese solche Käsblätter nicht. Was steht drin? + + +_Karinkel_ + +Daß wir dem Hockenjos das Denkmal nur aus Wichtigtuerei +errichtet haben ... + + +_Mettenschleicher_ + +Das ist der Neid. + + +_Karinkel_ + +Und daß es eine Blamage sei. + + +_Mettenschleicher_ + +Die Wühler muß man wühlen lassen. + + +_Karinkel_ + +Und daß der Hockenjos gar nicht in Neuguinea gewesen ist und +daß er gar nicht bei der Expedition des Doktor Rittersteig +war und daß er infolgedessen auch nicht von den wilden +Papuanern erschlagen worden ist. Im Gegenteil, so behaupten +diese Schurken, er sei in einer australischen Matrosenkneipe +bei einem Raufhandel umgekommen. + + +_Mettenschleicher_ + +Leeres Geschwätz. + + +_Karinkel_ + +Na ja, ein Säufer _war_ ja der Kerl. Der Wahrheit die Ehre. + + +_Mettenschleicher_ + +Es ist vollkommen gleichgültig, was der Hockenjos _war_. Die +Hauptsache bleibt, daß er tot ist. – Was sagt denn Bienemann +zu diesen Sudeleien? Er hat doch damals die Nachricht von +dem Ende des Hockenjos zuerst gebracht ... + + +_Karinkel_ + +Ach, mit dem Bienemann weiß man nie, wie man dran ist. Ich +fürchte, er glaubt gar nicht an das Genie von dem Hockenjos. + + +_Mettenschleicher_ + +Es ist das Kennzeichen eines guten Journalisten, daß er in +einem solchen Fall eine Sache umso überzeugender vertritt. + + +_Karinkel_ + +Und ich selbst habe auch meine Zweifel ... + + +_Mettenschleicher_ + +Glauben Sie denn, lieber Freund, daß der Ruhm anders +fabriziert wird als auf diese Art? Neun Zehntel unserer +Berühmtheiten verdanken ihren Glanz dem Notizenmangel einer +Zeitung oder dem Hang nach Redensarten, der in den Leuten +von der Feder steckt. Es ist nicht meines Amtes, das +wirkliche Verdienst vom erlogenen zu trennen. Ich denke, es +liegt eine viel höhere Sendung darin, die häßliche Realität +in einen angenehmen Schein zu verwandeln. Je verworfener, +unwürdiger und unfähiger dieser Hockenjos in Wirklichkeit +war, desto mehr Grund für uns, der Welt ein so trauriges +Faktum vorzuenthalten und sein Bild zu veredeln. Wenn man +einem Menschen wie Hockenjos ein Denkmal setzt, geschieht es +nur, um seine wirkliche Gestalt zu verschleiern. Dadurch +eben bereichert man den Bestand an nationalen Idealen. + + +_Karinkel_ + +Na ja, seine Gestalt mögen Sie am Ende verschleiern, aber +die Bilder, die der Kerl gemalt hat, die können Sie nicht +verschleiern. Wir haben ja eine Ausstellung veranstaltet, +und was ich da von den hiesigen Damen zu hören bekommen +habe, – wahrhaftig, der ganze Appetit auf die Kunst ist mir +vergangen. Schamlose nackte Weiber hat er gemalt. Die können +Sie doch nicht verschleiern. + + +_Mettenschleicher_ + +Wenn ein Künstler tot ist, verlieren seine Arbeiten den +moralischen Charakter, wenn ich mich so ausdrücken darf. +Schamlos waren die Weiber eigentlich nicht, nur nackt waren +sie. Aber wer wird schließlich darnach fragen, was für +Bilder der Hockenjos gemalt hat, wenn er vor seinem Denkmal +steht? Keine Katze wird darnach krähen. + + +_Karinkel_ + +Kein Hahn, meinen Sie ... + + +_Mettenschleicher_ + +Kein Hahn, natürlich. Sie können sich in diesem Punkt +getrost meiner Erfahrung überlassen, lieber Bürgermeister. +Der Umstand, daß Hockenjos tot ist, verschafft ihm einen +unbeschränkten Kredit an guter Meinung. Ich kannte eine +ganze Reihe von Idioten, die bloß dem Zufall, daß sie +gestorben waren, Bewunderer und Anhänger zu verdanken +hatten. Dem Publikum sind nämlich die Künstler so ungeheuer +gleichgültig, daß man ihm, wenn einer stirbt, weismachen +kann, was man will. + + +_Karinkel_ + +Ich verstehe nicht viel von der Kunst, aber das eine muß man +doch von ihr fordern: daß sie den Menschen bessert und +erhebt. + + +_Mettenschleicher_ + +Das ist richtig, hat aber mit unserer Angelegenheit momentan +nichts zu schaffen. Sie müssen stark sein, lieber Freund. +Sie dürfen sich in Ihrer Überzeugung nicht erschüttern +lassen. + + +_Karinkel_ + +In welcher Überzeugung meinen Sie? + + +_Mettenschleicher_ + +In _Ihrer_ Überzeugung. Ein Mann hat doch nur eine. + + +_Karinkel_ + +(etwas stupid) + +So. – Im allgemeinen bin ich ja stark. Aber einen Menschen +muß man doch haben, dem man sein Herz eröffnen kann. (Es +klopft.) Herein! + + +_Bienemann_ + +(kommt; schmaler gelbgesichtiger Mann von etwa dreißig +Jahren. Tartarenbart, Zwicker. Er hat das Phlegma +intelligenter Leute, die viele überflüssige und langweilige +Dinge reden müssen. Hinter diesem Phlegma verbergen sich +Neugier, Bosheit, Resignation und Menschenverachtung). + + +_Karinkel_ + +Guten Morgen, Bienemann! Sind Sie schon fertig? + + +_Bienemann_ + +Guten Tag, meine Herren. – Ja, ich wollte noch einige Punkte +mit Ihnen besprechen ... + + +_Karinkel_ + +Darf ich die Herren miteinander bekannt machen, Redakteur +Bienemann, Professor Mettenschleicher von der königlichen +Akademie der bildenden Künste. + + +_Bienemann_ + +Freut mich, freut mich. + + +_Mettenschleicher_ + +Ich bin Ihnen für den schmeichelhaften Artikel im Tagesboten +sehr zu Danke verpflichtet, Herr Doktor. + + +_Bienemann_ + +Noch nicht, Herr Professor, noch nicht. + + +_Mettenschleicher_ + +(verdutzt) + +Was –? was, – noch nicht? + + +_Karinkel_ + +(ebenso) + +Ja ... was – noch nicht? + + +_Bienemann_ + +Noch nicht Doktor, meine ich. Die #Honoris causa# ist noch +nicht gegeben. Bienemann, ganz schmucklos Bienemann. + +Karinkel und Mettenschleicher + +(sehen einander an). + + +_Karinkel_ + +(mit dem Daumen über die Schulter weisend) + +Stolz? wie? Demokrat! Ganz schmucklos Bienemann! (Lacht.) +Ausgezeichnet! + + +_Mettenschleicher_ + +(geniert) + +Na, na! (Klopft Karinkel mit fürstlicher Leutseligkeit auf +die Schulter.) + +(Klapperlärm. Ein Kellner kommt mit einer Platte, auf der +das Frühstück in zwei Tellern dampft. Ein Amtsdiener eilt +geschäftig voraus und säubert den Tisch. Beide entfernen +sich wieder. Karinkel setzt sich mit strahlendem Gesicht, +bindet die Serviette um den Hals und vergißt alle Sorgen.) + + +_Bienemann_ + +Mein Artikel hat Ihnen also gefallen, Herr Professor? + + +_Karinkel_ + +(kauend; taktlos) + +Na, hören Sie, Bienemann, wenn mir so viele Elogen gemacht +würden, wäre ich auch nicht unzufrieden. Es war famos. Und +sehr aktuell. + + +_Bienemann_ + +Das schon; einige giftgeschwollene Schlangen können sich +nämlich nicht darüber beruhigen, daß das Denkmal so rasch +fertiggestellt worden ist. Vor sechs Wochen hatten wir die +Todesnachricht in der Zeitung, und heute thront bereits der +Marmor da draußen. Es ist ja wirklich die reine Hexerei. + + +_Karinkel_ + +(kauend) + +Was geht die Leute das an? – Diese geschmorten Stückchen da +sind köstlich. Wollen Sie nicht zugreifen, Professor? Nein? +Schade. + + +_Bienemann_ + +(tut verlegen) + +Freilich, das sag ich auch. Aber ein Mensch wie ich besteht +aus lauter Ohren. Und so hör ich denn unter anderm das +blödsinnige Gerücht, daß das Denkmal schon vorher fertig +gewesen ist. + + +_Karinkel_ + +Wieso? Vor dem Tod des Hockenjos? Mit solchen Dummheiten +sollten Sie uns nicht kommen, Bienemann. Ich verstehe ja +nichts von der Bildhauerei, aber unser verehrter Meister +hier konnte doch nicht die Unsterblichkeit des Hockenjos +voraussehen. + + +_Bienemann_ + +Das sag ich auch; es sei denn, man macht Denkmäler auf +Lager. Was meinen Sie, Herr Professor? + + +_Mettenschleicher_ + +(windet sich) + +Ich will nicht hinterm Berg halten ... es hat mit dieser +Sache eine eigene Bewandtnis. Ich hatte doch, wie Ihnen +vielleicht erinnerlich ist, den Auftrag, ein Monument für +den verstorbenen Sanitätsrat Ulfinger zu schaffen – + + +_Bienemann_ + +(roh) + +Der die Schweinereien gemacht hat ... + + +_Mettenschleicher_ + +Schweinereien ist eine etwas starke Bezeichnung. Er war ein +bedeutender Gelehrter, lebte aber leider Gottes über seine +Verhältnisse, und ein halbes Jahr nach seinem Tod kamen die +gefälschten Wechsel zum Vorschein. Es geschah alles, um den +Skandal zu vermeiden, schließlich drang die Geschichte doch +an die Öffentlichkeit, und das Denkmal konnte nicht +aufgestellt werden. Meine ganze Arbeit war umsonst, der +Marmor lag da – + + +_Bienemann_ + +Außerordentlich interessant! + + +_Mettenschleicher_ + +Und da traf ich gerade unsern Freund Karinkel, der den noch +unbestimmten Plan hegte, etwas zur Verschönerung des +hiesigen Stadtbildes zu tun. + + +_Bienemann_ + +Aha! und weil der Hockenjos eben das Zeitliche gesegnet +hatte – + + +_Mettenschleicher_ + +Ja, so kamen wir überein – + + +_Karinkel_ + +(dankbar) + +Sie waren es, teurer Meister, der mir die Idee gab! + + +_Bienemann_ + +Wirklich, eine Fügung des Himmels, dieses Zusammentreffen +der Umstände! Da hat also der gute Hockenjos quasi ein von +Herrschaften abgelegtes Denkmal bekommen. + + +_Karinkel_ + +(zornig) + +Witzeln Sie nicht, Bienemann. + + +_Bienemann_ + +Aber Sie mußten doch Ihrem marmornen Sanitätsrat einen +andern Kopf aufsetzen –? + + +_Mettenschleicher_ + +War merkwürdigerweise überflüssig. Die beiden Leute hatten +eine gewisse Ähnlichkeit. Beide groß, ziemlich fett, +langbärtig ... Außerdem, ein Denkmal ist doch ein Symbol. + + +_Bienemann_ + +Toll! einfach toll! Man lernt nie aus. + + +_Mettenschleicher_ + +Ich rechne selbstverständlich auf Ihre Diskretion. Außer +Ihnen beiden weiß nur noch mein erlauchter Freund, der Prinz +Albert, davon, ohne dessen Rat und Zustimmung ich etwas +Derartiges überhaupt nicht unternehmen würde. + + +_Bienemann_ + +Das ist derselbe, der heute zur Enthüllung kommt? + + +_Mettenschleicher_ + +Derselbe. Er liebt die schönen Künste. Sie können sicher +sein, daß er auch auf Sie ein Auge haben wird. + + +_Bienemann_ + +(verbeugt sich) + +Oh! Danke sehr. – Müssen Sie nicht auf den Bahnhof, Herr +Bürgermeister? + + +_Mettenschleicher_ + +Seine königliche Hoheit trifft ja erst um zwölf Uhr ein. + + +_Karinkel_ + +Ja, aber um viertelzwölf kommt der Regierungspräsident. Weiß +der Stadtrat Hannewickel, daß er sich mit den +Ehrenjungfrauen aufzustellen hat? + + +_Bienemann_ + +Die Ehrenjungfrauen und der Veteranenverein sind schon in +vollem Wichs. + + +_Mettenschleicher_ + +Noch einen Vorschlag, meine Herren. Wie wäre es, wenn man +heute noch ein Extrablatt drucken ließe, durch dessen Inhalt +das Volk einige Aufklärung über die künstlerischen +Verdienste des Malers Hockenjos erhielte? + + +_Karinkel_ + +Nicht schlecht ... + + +_Mettenschleicher_ + +Es ist in dieser Beziehung vieles versäumt worden – + + +_Karinkel_ + +Und man könnte die Verleumder damit zum Schweigen bringen. +Nicht schlecht. Was meinen Sie, Bienemann? + + +_Bienemann_ + +Ein ziemlich teurer Spaß. Es fragt sich, ob die Interessen, +die dabei im Spiele sind, eine solche Ausgabe fordern. + + +_Karinkel_ + +Es sind _ideale_ Interessen, mein Lieber. Dafür ist nichts +zu teuer. + + +_Bienemann_ + +Ideale Interessen? Entschuldigen Sie, meine Herren, aber an +ideale Interessen glaub ich nicht. Sie auch nicht. Das +Publikum auch nicht. Das ist eben das Heikle mit den idealen +Interessen, daß niemand daran glaubt, weil zu viele ihren +Vorteil daraus ziehen. + + +_Karinkel_ + +Pfui, Bienemann! Beständig gießen Sie Ihr nüchternes Öl in +die Wogen unserer Begeisterung. + + +_Bienemann_ + +Das ist mein Beruf. + + +_Mettenschleicher_ + +Ein trauriger Beruf. + + +_Bienemann_ + +Sie dürften damit den Nagel auf meinen Kopf getroffen haben, +Herr Bürgermeister. Wer mit Papier gefüttert wird, dem +wachsen keine Blumen auf der Zunge. + + +_Karinkel_ + +Wenn Ihnen an meinem ferneren Vertrauen gelegen ist, so +unterstützen Sie uns jetzt mit allen Ihren Kräften, +Bienemann. + + +_Bienemann_ + +Ich soll also gewissermaßen die öffentliche Meinung +beruhigen ... + + +_Mettenschleicher_ + +Ja ... wenn Sie es so betrachten ... obwohl, – öffentliche +Meinung gibt es nicht. + + +_Karinkel_ + +(bürstet seine Kleider) + +Die öffentliche Meinung sind wir. + + +_Mettenschleicher_ + +Öffentliche Meinung ist die Konspiration der Dummköpfe. + + +_Bienemann_ + +Die Herren sind entschlossen, wie ich sehe. Allen Respekt. +Nun, was an mir liegt, soll geschehen. Die Druckerpresse hat +schon ganz andere Dinge gerechtfertigt als Denkmäler. Die +Ingredienzen, aus denen man den Brei der +Zeitungsunsterblichkeit kocht, sind billig zu haben. Die +Hauptsache ist der Superlativ. Das ist das Universalrezept. +Der Superlativ ist für den Leser, was neunzigprozentiger +Fusel für einen Gewohnheitstrinker ist. Leider nützen sich +die Superlative jetzt so stark ab, daß eine neue Steigerung, +ein Über-Superlativ eine wahre Wohltat für die Menschheit +wäre. + + +_Karinkel_ + +Das ist mir zu hoch, davon versteh ich nichts. + + +_Bienemann_ + +Na, schön. Ich will Ihnen einen Hockenjos hinstellen, der +sich gewaschen hat. Ich werde Ihnen mit einer Verklärung +aufwarten, daß der Mann in seinem Grab noch Lust zu einer +Himmelfahrt bekommt. Ich tue einfach, als ob Tizian ein +Zimmermaler und Feuerbach der kleine Moritz gegen ihn wäre. + + +_Mettenschleicher_ + +Ich hoffe, daß diese Übertreibungen nur Ausflüsse einer +momentanen Laune sind. + + +_Bienemann_ + +Nein, Herr Professor. Sie kennen den Abonnenten nicht. Wenn +man dem Abonnenten einen neuen Mann glaubhaft machen will, +muß man erst einen alten in Stücke reißen. Der Abonnent ist +grausam, er will Blut sehen. + + +_Karinkel_ + +Ich denke, wir überlassen Bienemann da am besten seinem +Genius. + + +_Bienemann_ + +Keinesfalls werde ich etwas davon wissen, daß der arme +Hockenjos in unserer Mitte beinahe verhungert ist. Daß er +mit Hohn abgefertigt wurde, als er sich vor vier Jahren um +das Staatsstipendium bewarb. Apropos, waren Sie es nicht +selbst, Herr Professor, der diese Sache damals +hintertrieb –? + + +_Mettenschleicher_ + +(ärgerlich) + +Mein Gott ja, ... ich kann nicht leugnen ... der Mann war mir +_persönlich_ unsympathisch. + + +_Karinkel_ + +(ebenso) + +Wozu kramen Sie denn die alten Sachen aus? + + +_Bienemann_ + +Ich werde auch davon schweigen, daß das Publikum vor seinen +Bildern Lachkrämpfe bekam und der Magistrat ihm das Atelier +auf der Schanze kündigen ließ, aus Gründen, die der Anstand +zu erwähnen verbietet. + + +_Karinkel_ + +(wie oben) + +Das war wegen der Modelle. Aber die Kunst, lieber Bienemann, +wie soll ich sagen, die Kunst braucht eben keine Moral. + + +_Mettenschleicher_ + +Na! na! Da muß ich bitten – + + +_Karinkel_ + +Das heißt, ich meine: die Moral braucht keine Kunst. + + +_Bienemann_ + +Um seine Auswanderung plausibel zu machen, werde ich sagen, +daß ihn malerische Probleme in die Tropen zogen. + + +_Karinkel_ + +Sehr gut. + + +_Bienemann_ + +Und während er das Gefieder der Paradiesvögel studierte, um +bisher unerhörte Farbenmischungen für seine Palette zu +gewinnen, haben ihn die Eingeborenen erschlagen und +verspeist. + + +_Karinkel_ + +(der sich die Zähne stochert, erschrocken) + +Verspeist –? + + +_Bienemann_ + +Höchstwahrscheinlich. + + +_Karinkel_ + +Wissen Sie was? Setzen Sie sich gleich hier an meinen +Schreibtisch und fangen Sie an. (Das Telephon klingelt, er +eilt hin.) Hier Karinkel! Ja? Ja. Bitte. – In der Redaktion +will man Sie sprechen, Bienemann. (Während Bienemann zum +Apparat geht.) Für uns ist es jetzt Zeit, lieber Professor. + + +_Mettenschleicher_ + +Also gehen wir. + + +_Bienemann_ + +(am Telephon) + +Hier Bienemann. (Pause.) + + +_Karinkel_ + +(setzt sich den Zylinder auf) + +Ich bin neugierig, ob der Präsident eine Rede halten wird. + + +_Mettenschleicher_ + +Er kann Seiner königlichen Hoheit nicht vorgreifen. + + +_Bienemann_ + +(am Telephon) + +Unsinn! – Wie? Gesehen worden? Wo? In Aßmannshausen? Da lebt +ja die Frau jetzt? So. Einen Liebhaber. So. Natürlich. +Durchgeprügelt? Nein! Nicht möglich! Da hat man Ihnen einen +Bären aufgebunden. Einen Bä–ren! Das wäre ja unerhört. + + +_Karinkel_ + +Was ist denn los? + + +_Bienemann_ + +(am Telephon) + +Ich gebe nichts auf solche Gerüchte. Schicken Sie einen +verläßlichen Menschen hin. Schluß! (Läutet ab.) Recht +heiter. Der Hockenjos soll in Aßmannshausen gesehen worden +sein. + + +_Karinkel_ + +(wie erstarrt) + +Um Gottes willen, Mensch, was reden Sie da! + + +_Mettenschleicher_ + +Das fehlte nur noch! + + +_Bienemann_ + +Er soll seine Gattin mit einem Viehhändler erwischt und den +Galan windelweich geschlagen haben. + + +_Karinkel_ + +Aber lieber Bienemann, – das ist ja um den Verstand zu +verlieren ... + + +_Bienemann_ + +Ich halte das Ganze für einen blinden Alarm. + + +_Karinkel_ + +Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen. + + +_Bienemann_ + +Man will uns ins Bockshorn jagen. + + +_Mettenschleicher_ + +Eine Frivolität sondergleichen. + + +_Bienemann_ + +Kümmern wir uns nicht darum. + + +_Karinkel_ + +Wenn aber doch was Wahres dran ist ... + + +_Bienemann_ + +Bah! meine Informationen waren immer verläßlich. Wenn der +Tagesbote jemand als tot meldet, dann ist er tot. + + +_Karinkel_ + +Es ist höchste Zeit. Wir müssen zur Bahn. Machen Sie sich +nur gleich an die Arbeit, Bienemann. Lassen Sie uns nicht im +Stich. + + +_Bienemann_ + +Auf Wiedersehen, meine Herren. + + +_Karinkel und Mettenschleicher_ + +(ab). + + +_Bienemann_ + +(setzt sich vor den Schreibtisch, zündet eine Zigarre an; +behaglich) + +Was der Sybarit für einen weichen Lehnsessel hat! Wenn ich +nicht Bienemann wäre, möchte ich Karinkel sein. (Legt das +Papier zurecht.) Los also! Her mit euch, ihr bebänderten +Adjektiva und geschniegelten Substantiva! ihr großmäulichen +Interjektionen und schmetternden Exklamationen! ihr +Metaphern, Hyperbeln und Epitheta! Ich rühr euch zusammen +wie Mandeln und Rosinen in einem Kuchenteig, von dem die +ganze Welt Verdauungsbeschwerden kriegt. + + +_Abendrot_ + +(tritt mit verstörtem Gesichtsausdruck unter die Türe; +winkt) + +Herr Bienemann! – Herr Bienemann! + + +_Bienemann_ + +Was gibt’s? Ich habe keine Zeit. + + +_Abendrot_ + +(flüsternd) + +’s isch was Schreckliches passiert, Herr Bienemann ... + + +_Karinkel_ + +(kommt im Sturmschritt zurück, den Zylinder schief auf dem +Kopf) + +Bienemann, wir sind verloren! + + +_Mettenschleicher_ + +(seine Würde mühsam bewahrend, ist Karinkel gefolgt) + +Eine Katastrophe! + + +_Karinkel_ + +(mehr heulend als redend) + +Der Abendrot hat ihn zuerst gesehen. In der Bahnhofsstraße +hat er ihn gesehen. Mitten unter den Leuten. + + +_Bienemann_ + +Und hat ihn jemand erkannt? + + +_Abendrot_ + +Noi, noi ... + + +_Bienemann_ + +War er allein? + + +_Abendrot_ + +Ganz alleine. + + +_Mettenschleicher_ + +Was für Maßregeln gedenken Sie zu treffen? + + +_Karinkel_ + +Er muß auf der Stelle fort. + + +_Bienemann_ + +Ist bis jetzt etwas unternommen worden? + + +_Karinkel_ + +Kommissär Binder ist mit zwei Wachleuten ausgerückt. +Hoffentlich gelingt es, den Kerl festzuhalten. + + +_Mettenschleicher_ + +Es ist eine entsetzliche Blamage. + + +_Karinkel_ + +Ich lasse ihn einsperren. + + +_Bienemann_ + +Überlegen wir die Sache gut, meine Herren, sonst kann’s uns +an den Kragen gehn. + + +_Karinkel_ + +(wild) + +Lassen Sie mich in Frieden mit Ihrem Kragen, Sie, Sie ... +Unerschütterlicher! + + +_Mettenschleicher_ + +Es gibt nicht viel zu überlegen, hier heißt es handeln. + + +_Bienemann_ + +Also handeln wir. + + +_Karinkel_ + +Tun Sie mir nur den Gefallen, lieber Professor, und +empfangen Sie den Präsidenten. Der Zug muß ja jeden Moment +eintreffen. Irgend ein Würdenträger muß ihn doch begrüßen. +(Das Telephon klingelt.) Großer Gott, was ist denn das schon +wieder? (Bienemann eilt zum Telephon.) + + +_Mettenschleicher_ + +Gut ich gehe. (Ab. Ein Polizist tritt unter die offene Tür.) + + +_Bienemann_ + +(am Telephon) + +Ja? – Ja! Eine Stunde früher? Danke. Schluß. (Läutet ab.) +Der Hoftrain mit dem Prinzen trifft also um eine Stunde +früher ein. + + +_Karinkel_ + +(der mit dem Polizisten gesprochen hat) + +Also der Kommissär Binder hat den Hockenjos verhaftet und +ihn gleich in einen Wagen setzen lassen. Er ist jetzt in der +Wachtstube. + + +_Bienemann_ + +Dort kann er nicht bleiben. + + +_Karinkel_ + +Wie sagten Sie? Der Hofzug kommt um eine Stunde früher? Dann +ist ja kein Augenblick mehr zu verlieren. Es ist elf Uhr. +Mir ist ganz wirblig im Kopf. Wenn ich nur wüßte, wer an +alledem schuld ist! (Ausbrechend.) Sie sind schuld, +Bienemann! Sie haben seinerzeit die schwindelhafte +Todesnachricht in die Zeitung gebracht. + + +_Bienemann_ + +Ich weise Ihre Anschuldigungen zurück. Meine Pflicht ist zu +schweigen und zu schreiben, aber nicht den Sündenbock zu +machen. + + +_Karinkel_ + +Sie sind ein ganz gefährliches Subjekt. + + +_Bienemann_ + +(verdrossen) + +Ich bin kein Subjekt, ich bin ein Prinzip. + + +_Karinkel_ + +Großer Gott, warum hast du mir das angetan! Bienemann, +liebster Herzensbienemann, laufen Sie schleunigst auf die +Wache. Sehen Sie zu, daß keine Dummheit begangen wird. Keine +Menschenseele darf dem Hockenjos nahe kommen. Niemand darf +mit ihm sprechen. Nehmen Sie noch ein paar Polizeileute zu +Hilfe. Nötigenfalls lassen Sie ihn binden – + + +_Bienemann_ + +In Ketten legen – + + +_Karinkel_ + +Was Sie wollen ... (Man vernimmt Glockenläuten.) Um Himmels +willen, mir scheint, der Hofzug fährt schon ein. Ich komme +zu spät. (Ab.) + + +_Bienemann_ + +Es ist am besten, wir lassen den Delinquenten hierher +transportieren. Hier ist er am sichersten. + + +_Abendrot_ + +Da hawe Se recht, Herr Bienemann. + + +_Bienemann_ + +Rennen Sie hin und sagen Sie es dem Binder. + + +_Abendrot_ + +(zur Tür, lauscht, kehrt um) + +Er bringt ihn schon von selber, der Kommissar ... + + +_Bienemann_ + +Na, der Mann denkt wenigstens. Denkende Menschen ersparen +einem immer Laufereien. (Hockenjos und Kommissar Binder +kommen.) + + +_Binder_ + +So, Meister Hockenjos. Jetzt habe ich Ihren Wunsch, Sie aufs +Bürgermeisteramt zu führen, erfüllt, nun müssen Sie sich +aber auch ganz ruhig verhalten. + + +_Hockenjos_ + +(großer, breitschultriger Mann. Haar und Bart sind stark +ergraut. Er spricht schwer, aber nachdrücklich, in tiefem, +meist humoristisch sordiniertem Baß; trägt vernachlässigte +Kleider, einen breitrandigen Filzhut) + +Der Teufel soll Sie holen, Mann! Können Sie auf eine +anständige Art erklären, weshalb Sie mich wie einen +Sträfling behandeln, he? + + +_Abendrot_ + +P–scht! p–scht! + + +_Binder_ + +Sie müssen sich den behördlichen Anordnungen fügen. + + +_Hockenjos_ + +Ich füge mich, weil es mir paßt. So steht die Sache. In die +Suppe werd’ ich euch schon spucken, darauf könnt ihr euch +verlassen. Aber anders als ihr denkt. Wo ist denn der +Oberkoch? Ah, Herr Bienemann! Freut mich, Sie zu sehen, Herr +Redakteur. Sind Sie jetzt avanciert, weil Sie in der +Bürgermeisterkanzlei sitzen? + + +_Bienemann_ + +(schmunzelnd, süßlich) + +Sprechen wir nicht von mir, Meister Hockenjos. Die +interessante Person sind Sie. Wie kommen Sie denn her? von +wo? Sie erscheinen ja wie ... wie ... + + +_Hockenjos_ + +Wie das Gespenst am Hochzeitstag, jawohl. Aber ich fühle +mich gar nicht gespensterhaft. Zunächst will ich mich mal – +unaufgefordert, Sie verzeihen schon – hier niederlassen. +So. Hier sitze ich, ich kann nicht anders. + + +_Bienemann_ + +Bitte sehr. Ruhen Sie sich nur aus. (Zu Abendrot, leise.) +Suchen Sie den Bürgermeister auf und sagen Sie ihm, daß ich +ihn hier in Gewahrsam halte. Aber Vorsicht! – (Zu Binder.) +Sie brauchen nicht hier zu bleiben. Es genügt, wenn Sie im +Korridor einen Polizeidiener als Wache aufstellen. Es soll +niemand hereingelassen werden. (Während Binder und Abendrot +abgehen.) Wie ich aus Ihrem Verhalten schließen darf, ist +Ihnen also die ganze Komplikation schon bekannt, Meister? + + +_Hockenjos_ + +Komplikation nennen Sie diese Schurkerei? Auch recht. + + +_Bienemann_ + +Nun, man meint es gut mit Ihnen. Man sorgt für Ihren +Nachruhm. + + +_Hockenjos_ + +Hanswurste seid ihr. + + +_Bienemann_ + +Unterschreib ich unbesehen. + + +_Hockenjos_ + +Aber mit meinem Leichnam werdet ihr nicht so kurzen Prozeß +haben wie mit meinem lebendigen Korpus. + + +_Bienemann_ + +Ich fürchte. Ich fürchte. Sie waren also in Aßmannshausen +bei Ihrer Frau? + + +_Hockenjos_ + +Reden Sie meinetwegen von meinem Nachruhm, Herr, obwohl das +ein Gemüse ist, das keinem mehr schmeckt, wenn man’s ihm +auftischt, aber von meinem Weib reden Sie nicht. Die Fäuste +tun mir noch weh, und das ist alles, was ich an Erinnerung +behalten will. Ich sage Ihnen, ein Vieh ist der Mensch. +Allerwegen treibt’s ihn zum Stall zurück. Und wenn draußen +die beste Weide ist, er denkt bloß an den Stall. Das +schönste Futter läßt er liegen, das ihm der Herrgott +spendet, und rennt zur Krippe, wo der Bauer spart und mit +der Peitsche knallt. + + +_Bienemann_ + +(echt) + +Ja, zum Henker, warum sind Sie denn nicht dort geblieben in +den wilden Gegenden, wenn es Ihnen schon nicht gefallen hat, +das Zeitliche zu segnen? Es wäre besser für Sie und für uns. +Jetzt haben wir bloß die Scherereien. + + +_Hockenjos_ + +Glauben Sie, ich hätte den Ehrgeiz, Ihnen Scherereien zu +ersparen? Im Gegenteil. Sie werden Ihre blauen Wunder +erleben. + + +_Bienemann_ + +(resigniert) + +Na, wohl bekomm’s. + + +_Hockenjos_ + +Wie flink ihr seid, einen Toten leben zu lassen, während ihr +dem lebendigen Menschen die Haut abzieht! + + +_Bienemann_ + +Mein Gott, die Zivilisation bringt eben manchen Übelstand +mit sich. Sind Sie denn nun eigentlich dort unten gewesen +bei den wilden Völkern? + + +_Hockenjos_ + +Und ob, mein lieber Herr, und ob! War dabei, wie sechzig +wackere Burschen aufgerieben worden sind von den braunen +Satansbrüdern, und wäre nicht ein malaiisches Mädchen +gewesen, das mich auf Gebirgswegen zur Küste führte, dann +könnt ich heute eure Kirchweih dahier nicht stören. + + +_Bienemann_ + +Sie betrachten unsere Angelegenheit etwas zu vergnügt, +scheint mir. Da haben Sie wohl große Strapazen erlitten? +Aussehen tun Sie ja wie der leibhafte Odysseus. + + +_Hockenjos_ + +Was wollen Strapazen schließlich bedeuten? Ist eine +Herrlichkeit, wenn einem die Sonne immerfort bis in den +Magen leuchtet. Dort ist der Mann ein Mann. Von Polizei +nirgends die Spur. Und Blumen! und Vögel! und Bäume! Da weiß +man erst, was Gott der Herr erschaffen, und warum er am +siebenten Tag ausgeschnauft hat. Hier guckt einer dem andern +auf die Finger, und schockweis fressen sie aus demselben +Tiegel. Und ein Eifer, und ein Fleiß, und eine Wichtigkeit, +aber ist’s denn irgend jemandem Ernst? Tinte schwatzen sie. + + +_Bienemann_ + +Ganz meine Meinung. + + +_Hockenjos_ + +Sie sind auch so ein Kalfakter. + + +_Bienemann_ + +Verurteilen Sie mich nicht. Ich diene dem Gemeinwohl. + + +_Hockenjos_ + +Gemeinwohl ... ein richtiges Tintenwort. + + +_Bienemann_ + +Durchaus nicht. + + +_Hockenjos_ + +Möchten Sie mir nicht erklären, was Sie unter Gemeinwohl +verstehen? + + +_Bienemann_ + +(trocken) + +Gemeinwohl ist das, was viele tun müssen, um einen einzelnen +zu fördern. + + +_Hockenjos_ + +Der Tausend! Mensch, Sie sind ja ein Zyniker! + + +_Bienemann_ + +Gott sei Dank, das bin ich. Diese Eigenschaft hab ich mir im +Umgang mit Leuten erworben, die sich dadurch von mir +unterscheiden, daß sie den Begriff Gemeinwohl anders +definieren. (Stimmenlärm von der Straße.) + + +_Hockenjos_ + +Jetzt geht’s los da drunten. + + +_Bienemann_ + +Ja. Ich bin nur neugierig, was wir mit Ihnen da oben +anfangen werden. + + +_Hockenjos_ + +Ich auch. + + +_Bienemann_ + +Sie haben also keine bestimmte Vorstellung über Ihre +zukünftige Rolle bei dieser immerhin ungewöhnlichen +Verwicklung? + + +_Hockenjos_ + +Ich? Nein. Ich habe nur nicht die Absicht, mir meinen Platz +in der Welt so ohne weiters wegstibitzen zu lassen. Wenn’s +auch nur ein ganz lumpiger Platz war, so ein +Fünfzigpfennigplatz, auf dem Olymp ... + + +_Bienemann_ + +Das kann ich Ihnen nachfühlen. Als deklarierter Toter lebt +sich’s nicht sehr bequem. + + +_Hockenjos_ + +Und noch dazu auf solche Manier deklariert ... (Erregt +sich.) Wenn ihr wenigstens das Denkmal von einem anständigen +Kerl hättet machen lassen. Aber von diesem Zuckerbäcker, dem +Mettenschleicher! diesem Pfründner, der von der Kunst +ungefähr so viel versteht wie ich vom Koloratursingen, +diesem Eunuchen, der mit seiner Nase immer an den +unanständigsten Gegenden prinzlicher Personen schnuppert, – +daß ihr mich von dem habt verewigen lassen, das wurmt mich. + + +_Bienemann_ + +Wir haben halt Pech mit Ihnen. Jetzt ist es zu spät. + + +_Hockenjos_ + +Mir wird schon übel, wenn ich das Zeugs da unter den Hüllen +sehe. Wahrscheinlich so ein Marzipan-Engel, was? + + +_Bienemann_ + +Natürlich, was glauben Sie denn! Wir werden uns doch die +Muse nicht entgehen lassen, die den Künstler auf die Stirne +küßt! + + +_Hockenjos_ + +Und mit zwei Flügeln, was? + + +_Bienemann_ + +Zwei Flügel. Ganz richtig. Wie sich’s gehört. + + +_Hockenjos_ + +O, du Schuft! + + +_Bienemann_ + +Achtung, jetzt hör ich den Bürgermeister kommen. + + +_Karinkel_ + +(stürzt in höchster Eile herein) + +Das ist er also! (Starrt Hockenjos an.) + + +_Hockenjos_ + +(ironisch) + +So echauffiert, Herr Bürgermeister? + + +_Karinkel_ + +Sie spotten wohl? Mir ist gar nicht spötterisch zumut. + + +_Hockenjos_ + +(brüsk) + +Was steht dem Herrn zu Diensten? + + +_Karinkel_ + +(wischt den Schweiß von der Stirn) + +Es wird Ihnen doch bekannt sein, daß wir eben im Begriff +sind, die Enthüllung Ihres Denkmals zu feiern. + + +_Hockenjos_ + +Jawohl. Ist mir zu Ohren gekommen. Das ist auch der Grund, +weshalb ich da bin. + + +_Karinkel_ + +(einschmeichelnd) + +Sie werden doch einsehn, lieber Meister, daß Sie unmöglich +in der Stadt bleiben können. + + +_Hockenjos_ + +Sehe ich ohne weiters ein. + + +_Karinkel_ + +(hocherfreut) + +Das lob ich mir. Sie sind ein prächtiger Mensch. + + +_Hockenjos_ + +Gewiß. Man muß bei mir nur den Herzpunkt treffen. + + +_Karinkel_ + +Es wäre ja auch ein Mord, lieber Freund, ein moralischer +Mord. + + +_Hockenjos_ + +Ei wieso denn? + + +_Karinkel_ + +Sehr einfach. Jeder, der über diesen Platz an diesem Denkmal +vorübergehen wird, eifert Ihnen nach, schaut zu Ihnen +hinauf, bringt ebenfalls Großes hervor und nützt so wieder +seinen Mitbürgern und der Stadt. + + +_Hockenjos_ + +Das leuchtet mir beinahe ein. + + +_Bienemann_ + +Es ist so klar wie zweimalzwei. + + +_Karinkel_ + +(immer eifriger) + +Sie sind heute ... wie alt sind Sie? + + +_Hockenjos_ + +Vierundfünfzig. + + +_Karinkel_ + +Vierundfünfzig. Wie alt wird der Mensch? Siebzig. Sagen wir +fünfundsiebzig. + + +_Hockenjos_ + +Gut. Sagen wir fünfundsiebzig. + + +_Karinkel_ + +Wegen dieser erbärmlichen zwanzig Jahre wollen Sie Ihre +Unsterblichkeit aufs Spiel setzen? + + +_Hockenjos_ + +Hm ... Finden Sie nicht, daß ein Sperling in der Hand besser +ist – + + +_Karinkel_ + +Nein, nein, nein, vom idealen Standpunkt nein. + + +_Bienemann_ + +Durchaus nicht. + + +_Hockenjos_ + +Was habe ich also nach Ihrer Ansicht zu tun? + + +_Karinkel_ + +Sie müssen fort. + + +_Hockenjos_ + +Es haben mich aber doch einige Leute gesehen ... + + +_Karinkel_ + +Das macht nichts; wir geben Sie für Ihren Doppelgänger aus. +Wir bringen in der Zeitung eine kleine scherzhafte Notiz. +Nicht wahr, Bienemann? Wir nennen ihn Mister Koch aus +Pennsylvanien. Hahaha! + + +_Bienemann_ + +Das geht, das geht. »Ein heiteres Spiel des Zufalls fügte +es« – und so weiter. + + +_Karinkel_ + +Sie müssen Deutschland verlassen. + + +_Hockenjos_ + +Mit Vergnügen. + + +_Karinkel_ + +Sie müssen Europa den Rücken kehren. + + +_Hockenjos_ + +Mehr kann ich aber unmmöglich für Sie tun. + + +_Karinkel_ + +(glücklich) + +Sie sind ein Engel von einem Mann. Mit Ihnen kann man ja +ausgezeichnet reden. Da sieht man erst, wie schlecht man im +Leben einander kennen lernt. + + +_Hockenjos_ + +Langsam, langsam, bester Herr – + + +_Karinkel_ + +Sie fahren also nach Amerika. Sie benutzen den Schnellzug, +der um drei Uhr hier hält. Die Reisekosten – + + +_Hockenjos_ + +Langsam. Jetzt komme ich. + + +_Karinkel_ + +Die Reisekosten zahlen wir selbstverständlich – + + +_Hockenjos_ + +So billig denken Sie mich loszuwerden? + + +_Karinkel_ + +Na ja, man kann noch ein Übriges tun ... + + +_Bienemann_ + +(aus dem Hinterhalt hetzend) + +Ein kleines Douceur ... + + +_Hockenjos_ + +Ihre Propositionen haben Sie gemacht. Jetzt will ich die +meinen machen. + + +_Karinkel_ + +(ängstlich) + +So ... Sprechen Sie nur frei von der Leber weg. + + +_Hockenjos_ + +Wie viel hat Sie der Marmorhaufen da draußen gekostet? + + +_Karinkel_ + +Viel Geld; schändlich viel! + + +_Hockenjos_ + +Na ... dreißigtausend –? + + +_Karinkel_ + +Mehr! + + +_Hockenjos_ + +Also. Ich verlange nur so viel. + + +_Karinkel_ + +(wie mit der Nadel gestochen) + +Was? Sie sind toll! + + +_Hockenjos_ + +Kommt denn das gegen die Unsterblichkeit in Betracht, +verehrter Bürgermeister? + + +_Karinkel_ + +Mensch, es handelt sich ja um _Ihre_ Unsterblichkeit! + + +_Hockenjos_ + +Mit der _Sie_ ein Geschäft machen wollen. So viel wie Sie +für mein Denkmal ausgegeben haben, lieber Herr, habe ich +mein ganzes Leben lang mit meiner Hände Arbeit nicht +verdient. Ich verkaufe Ihnen meinen Leichnam für weniger +Geld als Sie für seine Glorifikation ausgegeben haben. Ist +das nicht kulant? Sie haben ja eine Ausstellung meiner +Bilder veranstaltet. Sie haben ja allen möglichen +blumeranten Quatsch darüber schreiben lassen. Die Bilder +gehören Ihnen. Bezahlen Sie sie mir, so daß ich endlich +einmal leben kann, denn hierzulande hab ich bis jetzt kein +Leben geführt. + + +_Karinkel_ + +(jammernd) + +Aber, Mann! was kümmern mich Ihre Bilder! + + +_Hockenjos_ + +Endlich ein Wort aus dem Herzen. Also kurz und bündig, Herr: +ist Ihnen meine Willfährigkeit so viel wert oder nicht? Den +Hanswurst spiel ich nimmer länger. + + +_Karinkel_ + +(verzweifelt) + +Wo soll ich so eine Menge Geld hernehmen? Bienemann helfen +Sie mir doch! Überreden Sie ihn doch – + + +_Hockenjos_ + +(greift nach seinem Hut) + +Genug geredet. Ich werde jetzt eine kleine Unterhaltung mit +meinem – Doppelgänger führen. + + +_Karinkel_ + +Halt! halt! Ich will ja ... genügt eine Sicherstellung des +Kapitals? + + +_Hockenjos_ + +Die genügt. (Sehr ernst.) Wenn ich nur was Sicheres habe. +Was Sicheres brauch ich jetzt. Brot! Und Frieden. + + +_Karinkel_ + +(das Folgende sehr rasch) + +Man muß eine Anleihe aufnehmen. + + +_Bienemann_ + +Gibt es keine geheimen Fonds? + + +_Karinkel_ + +Wenn wir nur ein paar reiche Juden hätten ... + +(Beißt sich in die Finger.) + + +_Bienemann_ + +Zu überlegen ist keine Zeit. + + +_Karinkel_ + +Ich habe eine Idee. Ich beantrage im Gemeinderat den Bau +eines Hockenjos-Museums, und das Geld verwend’ ich +einstweilen, um den Mann zu befriedigen. + + +_Bienemann_ + +Vortrefflich. Rechnen Sie auf mich. + + +_Hockenjos_ + +(am Fenster, mit Blick gegen das Denkmal) + +Da faseln sie von Kunst. Von Kunst faseln sie, die Hunde. +Ruhm! Ha. Mich verlangt nach keinem Ruhm. Selbst wenn’s +ernst damit wäre. Alle Vorbehalte gehn dabei flöten. Ich +will meine Vorbehalte haben. Will nicht von jedem Narren +angesturt werden. Da ist man ja wie das Tor von einem +Pfandhaus. Ich pfeif auf die Kunst. Sie ist viel zu groß für +den schwachen Schädel. Kannst du den Großen groß sein? Die +wandeln im Elysium, während du im Dreck kutschierst. +Nützlich muß man sein. Und kaltblütig. Adieu, Städtchen! +Dieses Amerika ist ja bloß ein paar Stunden weit von hier. +Am Samstag, eh ich sterbe, komm ich mal übern Sonntag +herüber. + + +_Karinkel_ + +(hat die Tür geöffnet, Abendrot hereingewinkt und mit ihm +lebhaft geflüstert. Abendrot nickt mehrmals und geht wieder +hinaus, Karinkel zu Hockenjos) + +Vom Fenster weg, um aller Heiligen willen! + + +_Hockenjos_ + +(gemächlich) + +Aber lieber Herr, wer denkt denn da drunten an mich! + + +_Karinkel_ + +Also, es wird alles geordnet. Nur noch eine Bedingung habe +ich zu stellen. + + +_Hockenjos_ + +Die wäre –? + + +_Karinkel_ + +Sie müssen sich den Bart abrasieren lassen. + + +_Hockenjos_ + +Wenn es sein muß – (Abendrot kommt mit einer Seifenschüssel, +Pinsel und Rasiermesser.) + + +_Karinkel_ + +Es muß sein. Ich habe schon mit Abendrot gesprochen. Er +versteht sich auf die Hantierung. Wir dürfen keinen Fremden +mehr ins Vertrauen ziehn. + + +_Kommissär Binder_ + +(kommt) + +Herr Bürgermeister, es ist die höchste Zeit. Der Herr +Professor Mettenschleicher führt soeben Seine königliche +Hoheit zum Festplatz. + + +_Karinkel_ + +Ich komme. + + +_Bienemann_ + +(am Fenster) + +Das Volk ist schon versammelt. + + +_Karinkel_ + +Geben Sie mir das Konzept meiner Rede, Bienemann. + + +_Bienemann_ + +Jaso, die Festrede. Hier. (Reicht ihm das Manuskript.) + + +_Karinkel_ + +Wie seh ich aus? + + +_Bienemann_ + +Tadellos. + + +_Karinkel_ + +Ist es wahr, Binder? Keine Flecken? + + +_Binder_ + +Da am Knie ist ein Spritzer ... (Bückt sich, reibt.) + + +_Bienemann_ + +Von der Bratensauce. + + +_Karinkel_ + +Schnell, schnell. Kommen Sie, Binder. Und Sie Bienemann, +bleiben hier und passen gut auf. (Ab mit Binder.) + + +_Abendrot_ + +Wolle Se gefälligst Platz nehme, Herr? + + +_Hockenjos_ + +(setzt sich; zu Bienemann) + +Sie sind also der Verfasser der Festrede? + + +_Bienemann_ + +Jawohl. Ich bin des Bürgermeisters Tintenfaß. Er +verschwendet geradezu meinen Geist. Eines Tages werde ich +wegen Gehirnschwund der Armenkasse zur Last fallen. +Vielleicht bekomm ich dann auch einen Denkstein. Die +Inschrift wird lauten: Dem treuen Hohlkopf Bienemann sein +väterlicher Blutegel Karinkel. + + +_Hockenjos_ + +Der Mann ist sehr strebsam. + + +_Bienemann_ + +Strebsam, ja; das ist er. Für mich ist er vorbildlich. +Geradezu ein Gattungsbegriff. Er war ein einfacher +Schneider. + + +_Hockenjos_ + +(bereits mit abgeschnittenem Bart) + +Davon hat er was beibehalten. + + +_Bienemann_ + +Die ganze Stadt könnte man Karinkelei nennen. Der Schneider +siegt auf der ganzen Linie. + + +_Hockenjos_ + +Sie sind bitter. + + +_Bienemann_ + +Bitter und (mit Blick auf Abendrot) unvorsichtig. +(Musiktusch von draußen.) Aha, der Prinz! + + +_Hockenjos_ + +Na, Abendrot, was denken denn Sie bei dem Rummel? + + +_Abendrot_ + +(einseifend) + +Ich hab mer nie Gedanke gemacht über meine vorgesetzte +Behörde. + + +_Stadtrat Hannewickel_ + +(tritt ein; ein schlottriger, schwerhöriger Greis) + +Entschuldige die Herre, ich möcht mir die Festlichkeit von +owe ansehe. (Stutzt.) No, no, was isch denn das? + + +_Bienemann_ + +(ihm ins Ohr schreiend) + +Ein berühmter Zeitungsberichterstatter aus Amerika, Herr +Stadtrat. Hat Eile, will dem Prinzen vorgestellt werden. Muß +sich hier rasieren lassen. Mister Koch – Herr Stadtrat +Hannewickel. + + +_Hannewickel_ + +Merkwürdig, merkwürdig ... + + +_Hockenjos_ + +#How do you do,# Sir? + + +_Bienemann_ + +(ihm ins Ohr) + +Er erkundigt sich nach Ihrem Befinden. + + +_Hannewickel_ + +Dank schön. Dank schön. (Geht ans Fenster, öffnet es.) + + +_Stimme Karinkels_ + +Zum ersten Mal tritt die hohe Aufgabe an uns heran, dem +Namen eines Mitbürgers zu huldigen, eines Mannes, der in +unserem engsten Kreis gestrebt und geschaffen hat, eines +großen, gottbegnadeten Künstlers. + + +_Abendrot_ + +Sie müsse den Kopf e bissele rechts halte ... + + +_Stimme Karinkels_ + +Wir sehen noch im Geist seine herrliche Gestalt durch unsere +Gassen schreiten, wir können sein feuriges Auge nicht +vergessen, wir spüren noch mit Ehrfurcht den Hauch seiner +Gegenwart, die uns erhoben und über den Alltag entrückt +hat ... + + +_Hockenjos_ + +Daß dich der Satan beiße ... + + +_Abendrot_ + +Nu müsse Se ’n Kopf e bissele links halte ... + + +_Hannewickel_ + +(zu Bienemann) + +Wie heischt jetz der Künschtler, dem Se’s Denkmal g’setzt +hawe? + + +_Bienemann_ + +(schreit ihm ins Ohr) + +Hockenjos! + + +_Hannewickel_ + +Richtig. Ich hab halt gar koi Gedächtnis mehr. Drei Sachen +kann i mir überhaupt nimmer merke. Erschtens Zahlen. +Zweitens Namen. Drittens ... Herrjeses, ’s dritte haw’ i +vergessen. + + +_Karinkels Stimme_ + +Der Ruhm seines lichtstrahlenden Pinsels wird durch die +Zeiten schimmern und unsern Söhnen ein Vorbild sein – – – – + +(Der Vorhang fällt.) + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch +wurde auf Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die +nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber +dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 021: sind die Geschehnisse wie Träume .. -> ... +S. 021: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ... +S. 050: die um Iwan wissen .. -> ... +S. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf) +S. 076: Die schönste die vornehmste -> schönste, die vornehmste +S. 098: Händen anf dem Rücken -> auf +S. 099: konnt’ es doch nicht durft’ es doch nicht kommen -> nicht, durft’ +S. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig +S. 174: Pünklichkeit -> Pünktlichkeit +S. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit +S. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. +Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber’s Note: This ebook has been prepared from scans +of a first edition copy. The table below lists all +corrections applied to the original text. + +p. 021: sind die Geschehnisse wie Träume .. -> ... +p. 021: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ... +p. 050: die um Iwan wissen .. -> ... +p. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf) +p. 076: Die schönste die vornehmste -> schönste, die vornehmste +p. 098: Händen anf dem Rücken -> auf +p. 099: konnt’ es doch nicht durft’ es doch nicht kommen -> nicht, durft’ +p. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig +p. 174: Pünklichkeit -> Pünktlichkeit +p. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit +p. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text +has been replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Die ungleichen Schalen, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN *** + +***** This file should be named 19940-0.txt or 19940-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/9/4/19940/ + +Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die ungleichen Schalen + Fünf einaktige Dramen + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: November 27, 2006 [EBook #19940] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN *** + + + + +Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Die ungleichen Schalen + + + Fünf einaktige Dramen + + von + + Jakob Wassermann + + + + S. Fischer, Verlag, Berlin + + 1912 + + + +Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen und Vereinen gegenüber +Manuskript. Das Recht der Aufführung ist allein durch +S. Fischer, Verlag, Berlin W., Bülowstr. 90 zu erwerben. + +Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin. + + + +Inhalt + +Rasumowsky 9 +Gentz und Fanny Elßler 59 +Der Turm von Frommetsfelden 107 +Lord Hamiltons Bekehrung 171 +Hockenjos 237 + + + + +Rasumowsky + + +Personen: + + Graf Alexei Grigorjewitsch Rasumowsky + Rodion, sein Diener + Michael Jefimowitsch Lassunsky, Kapitänleutnant der Leibgarden + Fedor Alexandrowitsch Chidrowo, Rittmeister der Garde-Kavallerie + Graf Grigorij Orlow + +Spielt in Petersburg im Jahre 1763. + + +Ein altertümlich ausgestatteter großer Raum im Hause des +Grafen Rasumowsky. An der Rückwand links ein großer Kamin, +in welchem ein Holzfeuer brennt. Über dem Kamin das Porträt +der Kaiserin Elisabeth Petrowna. Rechts ein erkerartiger +Vorbau mit Fenstern gegen die Straße. In der rechten +Seitenwand Türe in die übrigen Gemächer, in der linken der +Ausgang zum Flur. + +Rittmeister _Fedor Chidrowo,_ ein junger Mann von 23 Jahren, +geht aufgeregt umher. Nach kurzer Weile tritt Kapitänleutnant +_Michael Lassunsky_ ein, von _Rodion_ geführt, einem alten +Kleinrussen. + + +_Lassunsky_ + +(etwa im gleichen Alter wie Chidrowo) + +Sag meinem Oheim, daß ich ihn dringend sprechen muß. + + +_Rodion_ + +Eure Erlaucht werden gebeten zu warten. Seine gräfliche +Gnaden ist noch bei der Morgenandacht. + + +_Lassunsky_ + +Sag dem Grafen -- + + +_Rodion_ + +Es ist der strenge Befehl Seiner gräflichen Gnaden, ihn +nicht bei der Morgenandacht zu stören. + + +_Lassunsky_ + +Kerl, die Wichtigkeit -- + + +_Rodion_ + +Hab strengen Befehl von Seiner gräflichen Gnaden -- + + +_Lassunsky_ + +Scher dich zum Henker. (Rodion wirft Scheite in den Kamin, +dann ab.) Du hier, Fedor Alexandrowitsch? + + +_Chidrowo_ + +Grüß dich, Michael Jefimowitsch. Mußt dich gedulden, warte +ebenfalls schon lang. + + +_Lassunsky_ + +Orlow ist auf dem Weg hierher. + + +_Chidrowo_ + +(bestürzt) + +Das kann nicht sein. + + +_Lassunsky_ + +Orlow ist auf dem Weg hierher. + + +_Chidrowo_ + +Ist das eine Vermutung? + + +_Lassunsky_ + +Eine Gewißheit; wenigstens beinahe. + + +_Chidrowo_ + +Beinahe ist keine Gewißheit. Aber du bist so erregt ... + + +_Lassunsky_ + +Hab Grund dazu. Der Großkanzler Woronzow ist an der +Kasan-Kathedrale überfallen worden. + + +_Chidrowo_ + +Bei Gottes Güte, was sagst du da! + + +_Lassunsky_ + +Erwartet Alexei Grigorjewitsch nicht den Großkanzler? + + +_Chidrowo_ + +Ja, Graf Woronzow hat mich geschickt, damit ich seine +Ankunft melde. Aber -- + + +_Lassunsky_ + +Ich und Anenkow ritten als Eskorte hinter dem Wagen des +Großkanzlers. Eine Horde betrunkener Soldaten drängt sich +zwischen uns und die Karosse, und auf einmal sind wir +abgeschnitten. Wir sehen nur noch, daß der Kanzler gezwungen +wird, auszusteigen, dann haben sie ihn in ein Haus +geschleppt. + + +_Chidrowo_ + +Und ihr habt nicht dreingehaut? + + +_Lassunsky_ + +Zwei gegen fünfzig? + + +_Chidrowo_ + +Das ist ja Aufruhr, Michael Jefimowitsch. + + +_Lassunsky_ + +Anenkow ist in den Palast zurückgeeilt, ich hierher. + + +_Chidrowo_ + +Und du glaubst --? + + +_Lassunsky_ + +Ich glaube, daß Orlow hier sein wird, eh dort die Uhrzeiger +gestreckt stehen. + + +_Chidrowo_ + +Das sollte Orlow wagen? + + +_Lassunsky_ + +Orlow wagt alles. (Zur Türe, ruft hinaus.) Rodion! + + +_Rodion_ + +(kommt) + +Erlaucht befehlen? + + +_Lassunsky_ + +Ihr seid nicht an Besuch gewöhnt, Alter? + + +_Rodion_ + +Nein, Erlaucht, wir leben sehr zurückgezogen. + + +_Lassunsky_ + +Nun wohl, ihr werdet binnen kurzem Besuch erhalten, noch +dazu sehr unwillkommenen. Sperr die Tore zu. + + +_Chidrowo_ + +Sperr die Tore zu, Alter. + + +_Lassunsky_ + +Ja, sperr die beiden Tore zu, das nach der Gasse und das +nach dem Garten. + + +_Rodion_ + +Ist Gefahr für Seine gräfliche Gnaden? + + +_Chidrowo_ + +Schwatz nicht, Alter, tu, was man dir befiehlt. (Rodion ab.) + + +_Lassunsky_ + +(wirft sich in einen Sessel) + +Ich bin hin. + + +_Chidrowo_ + +(ungestüm auf und ab gehend) + +Wie glaubst du, daß Alexei Grigorjewitsch die Nachricht +aufnehmen wird? + + +_Lassunsky_ + +Kann mich nicht erinnern, ihn je sonderlich erstaunt gesehen +zu haben. + + +_Chidrowo_ + +Das ist böse. + + +_Lassunsky_ + +Bah! wer viel staunt, handelt wenig. + + +_Chidrowo_ + +So viel sag ich dir: wenn die Kaiserin den Orlow heiratet, +nehm ich meinen Abschied. + + +_Lassunsky_ + +Nach Sibirien. + + +_Chidrowo_ + +Einem Orlow huldigen? Eher nach Sibirien. + + +_Lassunsky_ + +Was können wir dagegen tun? + + +_Chidrowo_ + +Die Fürstin Chilkow hat geweint, als sie davon erfuhr. + + +_Lassunsky_ + +Die flennt, wenn man einem Huhn den Hals abdreht. Als +Rakitin mit ihrem Wissen ihren Mann erschlug, hat sie keine +Träne vergossen. (Man hört Waffenlärm von der Straße.) +Horch --! (Beide lauschen.) + + +_Chidrowo_ + +(nähert sich dem Erker) + +Nein -- nichts. (Stellt sich vor Lassunsky; ungestüm.) +Michael Jefimowitsch! Wir sollten hingehen und die Kaiserin +bitten, es nicht zu tun. Haben wir ihr nicht auf den Thron +geholfen? Wir alle? Wir sind bereit, für sie zu sterben, nur +das, das eine, das nicht! Sie kann sich unsern Gründen nicht +verschließen. + + +_Lassunsky_ + +Sie wird aus deinen Gründen einen Strick für den Henker +drehen. + + +_Chidrowo_ + +Herrgott, Michael Jefimowitsch, sie ist doch eine kluge +Frau! + + +_Lassunsky_ + +Sie ist verliebt. + + +_Chidrowo_ + +Was ist denn an einem Orlow zu lieben? + + +_Lassunsky_ + +Was wir an ihm hassen. + + +_Chidrowo_ + +Sein Ehrgeiz macht ihn verrückt. + + +_Lassunsky_ + +Er ist schön, und stark wie ein Bär. + + +_Chidrowo_ + +Er hat keine Erziehung. + + +_Lassunsky_ + +Umso weniger ist er gehemmt. + + +_Chidrowo_ + +(leise durch die Zähne) + +Ich sage dir: er wird sie ermorden, so wie er den Zaren +ermordet hat. + + +_Lassunsky_ + +Dummkopf! Er war nur die Hand. Katharina ist tausendmal +schlauer als er. O, das ist ein Weib, mein Lieber, die +steckt uns alle in den Sack. + + +_Chidrowo_ + +Wo ist da die Schlauheit? Die Mariage ist projektiert. Es +muß ein Mittel gefunden werden, sie davon abzubringen. + + +_Lassunsky_ + +Du bist Soldat und mußt schweigen. + + +_Chidrowo_ + +Schweigen kostet Herzblut. + + +_Lassunsky_ + +Ich meinerseits will nicht Politik treiben, da hast du's. + + +_Chidrowo_ + +Aber die Zähne knirschen? Das ist auch eine Art von Politik +und eine schlechte. Wie stumpf du bist! + + +_Lassunsky_ + +Stumpf? + + +_Chidrowo_ + +Oder du weißt mehr als du sagen willst. + + +_Lassunsky_ + +Wohl möglich. Vielleicht wirst du heute noch alles erfahren. + + +_Chidrowo_ + +Wie ist's? warum wollte der Großkanzler mit Rasumowsky +verhandeln? + + +_Lassunsky_ + +Ist dir nicht bekannt, daß Alexei Grigorjewitsch heimlich +vermählt war mit der verstorbenen Kaiserin Elisabeth +Petrowna? + + +_Chidrowo_ + +Dies ist mir wohl bekannt, allein -- wie hängt das zusammen? + + +_Lassunsky_ + +(sieht sich um) + +Schweig, schweig. + + +_Chidrowo_ + +Im Hause Rasumowskys sind die Wände taub. + + +_Lassunsky_ + +Nicht um die Wände handelt sich's. (Steht auf.) Aber er! Er! +Dieser furchtlose Mann! Der furchtloseste, der in Rußland +lebt. Wie ich ihn verehre, Fedor Alexandrowitsch! Wüßtest du +wie ich ... In wunderbarer Verschwiegenheit ist er der +Geliebte einer Kaiserin gewesen. Niemals hat ihn eine Miene, +nie ein Lächeln verraten. Nie hat er Schacher getrieben mit +seinem Glück. Nie war er ungerecht. Und jetzt (schmerzlich) +jetzt soll er sich ausliefern. Weil ein Orlow mit der +Vergangenheit dieses gerechten Mannes seine Zukunft gründen +will! + + +_Chidrowo_ + +Ausliefern? Ich verstehe dich nicht, Michael Jefimowitsch. +Kein Wort verstehe ich von allem was du sagst. + + +_Lassunsky_ + +(kummervoll) + +Und er wird Grigorij Orlow empfangen. Er wird ihn einlassen, +ich weiß es. + + +_Chidrowo_ + +Du meinst, weil er sich nicht getrauen wird, den ersten +Günstling der Krone von seiner Türe zu weisen? + + +_Lassunsky_ + +Nicht deshalb, Fedor Alexandrowitsch, nicht deshalb. Sondern +eben, weil er so gerecht ist. Und wenn Orlow vor ihm steht, +dieser Sturmwind, dieser Leopard, kannst du ermessen, was +dann geschieht? Mich jammert's, Fedor Alexandrowitsch, und +ich fühle mich machtlos. Die Dinge geschehen, und wir sind +machtlos. + + +_Chidrowo_ + +Du schwaches russisches Herz! So will ich dir sagen: +Rasumowsky wird Grigorij Orlow nicht empfangen. + + +_Lassunsky_ + +(aufmerksam) + +Schon vorhin hast du angedeutet, daß Orlow es nicht wagen +würde ... Da steckt was dahinter. + + +_Chidrowo_ + +Weißt du nicht, was sich am Ostertag auf der Morskaja +zugetragen hat? + + +_Lassunsky_ + +Kein Sterbenswort. + + +_Chidrowo_ + +Wahrlich, in unserm Leben sind die Geschehnisse wie Träume +... (Faßt sich an die Stirn.) So kurz die Zeit, so weit +entrückt. (Besinnt sich.) So war's ... + + +_Lassunsky_ + +Erzähle, Fedor Alexandrowitsch ... mir ist jetzt selbst als +hätten sie in der Wachtstube davon berichtet. Zuviel drängt +sich in einen Tag. + + +_Chidrowo_ + +So war's ... (Mit Gesten, als ob er auf einen Plan wiese.) +Da ist die Morskaja. Da ist die Gasse von den Kasernen. Da +ist eine enge Gasse zum Newski-Prospekt. Orlow hatte die +Regimenter Astrachan und Ingermanland zum Gehorsam +gezwungen. Mit seinen zwanzig oder dreißig Getreuesten +stürmt er zum Winterpalast, um es der Kaiserin zu melden. +Rast auf seinem Gaul an der Spitze der Schar mitten durch +die Stadt. Die Funken spritzen, das Pflaster dröhnt. So +gelangen sie auf die Morskaja. Da spielen zwei Kinder auf +der Straße, schöne, blonde Kinderchen, ein Mädchen und ein +Knabe, sitzen friedlich da und spielen. Denken offenbar, die +Reiter werden ausweichen, denn die Straße ist ja breit, und +so staunen sie dem Schauspiel entgegen und freuen sich. +Orlow aber sprengt mittenwegs auf sie zu, als könnt er +nicht, wollt er nicht aus der Bahn, zu spät rufen Leute aus +den Fenstern, strecken die Arme, zu spät erkennen die +Kleinen die Gefahr und starren, gütige Unschuld, wie wenn +ihr Schutzpatron sie geblendet hätte. Orlow fletscht die +Zähne, spornt noch das Roß, starrt gerade vor sich hin, als +sähe er nichts, Weiber kreischen, Männer stürzen aus den +Häusern ... alles umsonst, die beiden Mäuschen sind unter +den Hufen verschwunden, eh' man's denkt, zerrissen, +zertreten, und man schaut nur noch blutige Klumpen. + + +_Lassunsky_ + +O Menschheit! + + +_Chidrowo_ + +Im selben Augenblick kommt Alexei Rasumowsky aus der engen +Gasse, wohin die Reiter wollen, und vor der sie sich stauen +wie Wasser vor einem Wehr. Rasumowsky blickt hin über die +Luft, blickt hin auf die blutige Erde und ruft: Graf Orlow! +Orlow reißt den Zügel und hält. Die hinter ihm sind, vom +tollen Ritt noch, mit ihren Gäulen dicht an ihn gedrängt. +Ganz stille wird's auf einmal. Graf Orlow! ruft Alexei +Grigorjewitsch und hebt den Arm, die gemordeten Seelchen +werden sich um deine Füße klammern, wenn du vor Gottes Thron +gehst. Mit nichten wirst du schreiten können, mit nichten. + + +_Lassunsky_ + +Und Orlow? hat er geantwortet? + + +_Chidrowo_ + +Nun geschah das Sonderbare. Orlow zieht den Dolch, beugt +sich vor, schließt wie im Krampf die Augen und stößt seinem +Pferd von oben her den Stahl mitten in die Brust. Während +das Tier zusammenbricht, springt er ab, geht an Rasumowsky +vorüber, grüßt ihn schweigend und setzt schweigend und +bleich seinen Weg zu Fuß fort. + + +_Lassunsky_ + +Rätselhaft. + + +_Chidrowo_ + +So hat mir's der Hauptmann Woropanow erzählt, der an Orlows +Seite ritt. + + +_Lassunsky_ + +Was war der Zweck solcher Tat? + + +_Chidrowo_ + +Sicherlich trägt er glühenden Haß gegen Alexei +Grigorjewitsch. + + +_Lassunsky_ + +Das dünkt mich unwahrscheinlich. + + +_Chidrowo_ + +Wie ... unwahrscheinlich --? + + +_Lassunsky_ + +Es sieht wie Demut und Buße aus, was er getan. + + +_Chidrowo_ + +Hohn ist's, sag ich dir, Hohn und Bosheit. Seine Blutgier +wollte noch ein Opfer haben. + + +_Lassunsky_ + +Warum sollt es nicht Scham und Reue gewesen sein? + + +_Chidrowo_ + +Willst du Orlow verteidigen? Schönfärben den wüsten Mord? + + +_Lassunsky_ + +Fast könnt ich Mitleid haben mit ihm. + + +_Chidrowo_ + +So seid ihr alle, lammsherzig und matt. + + +_Lassunsky_ + +Acht' auf deine Worte. + + +_Chidrowo_ + +Acht' du auf deine Freiheit, auf deine Männlichkeit! + + +_Lassunsky_ + +Stünden wir nicht hier, Fedor Alexandrowitsch -- + + +_Chidrowo_ + +(wild) + +Hier oder anderswo. Wer gut von Orlow redet, spricht +schlecht von mir. + +(Graf Alexei Rasumowsky tritt langsam von rechts ein. Er ist +mit einem langen, schwarzen Sammetgewand bekleidet und hat +eine goldne Kette um den Hals. In der Hand trägt er die +Kasansche Bibel. Er erscheint zunächst häßlich mit seinem +eingefallenen, alten, mißtrauisch finstern Gesicht, an dem +die Backenknochen stark hervortreten und die schneeweißen +Brauen wie dicke Wülste hängen, indes der Kinnbart schütter +und zottig ist. Aber sein Wesen hat eine bewundernswerte +Würde, und wenn er, um zu schauen, die Lider hebt, was nicht +häufig geschieht, ist sein Blick strahlend rein und von +seltsamer, kindlicher Wehmut. Die beiden Offiziere wenden +sich von einander und begrüßen ihn mit schweigender tiefer +Verbeugung.) + + +_Rasumowsky_ + +Streit in meinem Hause? (Langes Schweigen.) Was ist +geschehen, Rittmeister Chidrowo, daß Ihre Augen so funkeln? + + +_Chidrowo_ + +(finster) + +Üble Neuigkeiten, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Nichts Schlimmeres in der Welt als Neuigkeiten. Weshalb sind +Sie hier, zu so früher Stunde? + + +_Chidrowo_ + +Ich sollte den Großkanzler Woronzow anmelden. + + +_Lassunsky_ + +Graf Woronzow ist auf der Fahrt hierher von Soldaten +überfallen worden. + + +_Rasumowsky_ + +Hat Rußland keinen Zaren mehr? + + +_Chidrowo_ + +Es hat eine Zarin. + + +_Rasumowsky_ + +Gott schenke ihr Weisheit. (Kopfschüttelnd.) Woronzow auf +dem Weg zu mir ... Was hat das zu bedeuten? + + +_Lassunsky_ + +Die Zarin hat den Kanzler wegen der neuen Mariage zu Euer +Erlaucht geschickt. + + +_Rasumowsky_ + +Wegen der neuen Mariage? Bin ich ein Pope? + + +_Lassunsky_ + +Der Kanzler sollte eine geheime Erkundigung einziehen. + + +_Rasumowsky_ + +(läßt sich auf dem Armsessel vor dem Kamin nieder und legt +die Bibel auf seinen Schoß) + +Das gehört auch zu den Neuigkeiten der Welt, daß mit lauter +Geheimnissen regiert wird. + + +_Lassunsky_ + +Die Sache verhält sich so, Erlaucht: Da ganz Petersburg +gegen die projektierte Heirat der Zarin mit Orlow gestimmt +ist, so hat man endlich ein Mittel gefunden, um die Geister +zu beschwichtigen, man hat auf die Ehe Euer Erlaucht mit der +verstorbenen Kaiserin Elisabeth Petrowna hingewiesen. + + +_Rasumowsky_ + +Wie? So weit hätte man sich vermessen? Und wem ist dieser +schamlose Gedanke gekommen? + + +_Lassunsky_ + +Offenbar stammt er von den Brüdern Orlow. Was ihr für +unmöglich haltet, sagten sie, ist ja schon einmal +geschehen, ohne daß die Welt eingestürzt ist. Graf +Rasumowsky ist ja da, gehen wir hin zu ihm. + + +_Chidrowo_ + +Die Narren! + + +_Rasumowsky_ + +Und was sagte die Kaiserin dazu? + + +_Lassunsky_ + +Die Kaiserin soll gesagt haben: von dieser Ehe weiß die Welt +nichts, aber wenn ihr mir den schriftlichen Beweis erbringt, +daß zwischen dem Grafen Rasumowsky und der hochseligen Zarin +eine Heirat wirklich stattgefunden hat, will ich mich fügen. + + +_Chidrowo_ + +Das hat die Kaiserin gesagt? + + +_Lassunsky_ + +Doch als die Orlows sich anheischig machten, zu Euer +Erlaucht zu gehen, wollte die Kaiserin plötzlich nichts +davon wissen. Sie gebot, daß Graf Woronzow den Auftrag +übernehmen sollte, vielleicht weil sie den Ungestüm der +Brüder Orlow fürchtete, vielleicht, weil sie in Wirklichkeit +gar nicht wünscht, was sie zu wünschen scheint. Heut um die +achte Stunde befahl der Kanzler seinen Wagen, und vor der +Kasan-Kathedrale geschah es dann -- + + +_Chidrowo_ + +(am Fenster, mit ausgestreckter Hand) + +Da sind Orlows Leute! (Stimmen und Waffenlärm vor dem Haus.) + + +_Rasumowsky_ + +(steht auf) + +Und du vermutest, daß der Überfall vom Grafen Orlow +angestiftet worden ist? (Schaut gegen den Erker.) + + +_Lassunsky_ + +Ja, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +So wäre es augenscheinlich, daß Orlow dem Befehl der +Kaiserin zuwidergehandelt hat --? (Man hört heftiges Klopfen +am Tor.) + + +_Chidrowo_ + +Sie begehren Einlaß. + + +_Rasumowsky_ + +(erstaunt) + +Einlaß begehren sie? Das Tor ist offen. War's denn nicht +auch für euch geöffnet? + + +_Lassunsky_ + +(zögernd) + +Ich habe die Tore schließen lassen. + + +_Rasumowsky_ + +Die Tore _meines_ Hauses? + + +_Chidrowo_ + +Ich denke, Erlaucht, man kann nicht mehr daran zweifeln, daß +Orlow den Kanzler überfallen ließ, um ihn dingfest zu +machen. + + +_Rasumowsky_ + +Die Tore _meines_ Hauses? (Lassunsky senkt schweigend den +Kopf.) Soll Orlow glauben, daß ich vor ihm zittere? + + +_Chidrowo_ + +Wie, Erlaucht, Sie wollen Orlow empfangen? (Erneutes Pochen +von unten.) + + +_Rasumowsky_ + +Geh, Michael Jefimowitsch, und sag, daß das Tor aufgesperrt +werde. + + +_Lassunsky_ + +(flehend) + +Erlaucht -- + + +_Rasumowsky_ + +Klang es doppelzüngig, was ich gesagt? + + +_Lassunsky_ + +(geht schweigend ab --) + + +_Chidrowo_ + +(verschränkt die Arme; vor sich hin) + +Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ... + + +_Rasumowsky_ + +Eure Großmäuligkeit, was ist sie nutze? Ist euer Nein +Vernunft, euer Ja Überlegung? Ich will sehen. Sehen und +hören will ich, dazu gab mir Gott Augen und Ohren. Und wenn +ich gesehen und gehört habe, dann will ich wägen, dazu hat +mir Gott die Erfahrung eines langen Lebens zuteil werden +lassen. + + +_Lassunsky_ + +(kommt zurück) + +Major Nischinski ist es, man hat ihn vorausgesandt, um Euer +Erlaucht den Grafen Orlow zu melden. + + +_Rasumowsky_ + +Ich bin bereit. + + +_Chidrowo_ + +(noch leiser als oben) + +Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ... + + +_Lassunsky_ + +Ich sagte ihm, daß ich die Meldung übernehmen will. + + +_Rasumowsky_ + +(wie mit sich selber redend) + +In ein Antlitz zu schauen, das heißt, Entschlüsse vom +Schicksal selbst empfangen. Läufst du hinauf die steile +Bahn, Orlow, ohne daß dein Herz klopft, so will ich prüfen, +was für ein Ruf dich ereilt, was dich zaudern macht, was +dich feurig macht, was dich grausam macht, was dich weckt. +(Ekstatisch bewegt.) Nicht richten will ich, nur Werkzeug +eines Richters sein und handeln -- wie ich muß. (Mit der +früheren Stimme.) Michael Jefimowitsch! + + +_Lassunsky_ + +(der das Gesicht abgewandt und die eine Hand über die Augen +gelegt hatte) + +Erlaucht --? + + +_Rasumowsky_ + +Wie geht es meiner Nichte Sofia? + + +_Lassunsky_ + +Wir erwarten täglich ihre Niederkunft, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Bete für einen Knaben. Gott schenk uns Helden. (Man hört +Schritte, Stimmengesurr, Säbelklirren.) + + +_Rodion_ + +(reißt die Türe auf, feierlich) + +Der General-Adjutant Kammerherr Graf Orlow. + + +_Orlow_ + +(tritt säbel- und sporenklirrend ein. Er trägt die Uniform +der Preobraschenskyschen Leibwachen. Seine Gestalt ist +äußerst schlank, sein Gesicht kalt, bleich, hochmütig und +etwas verwüstet. Die Züge verraten eine kaum zu bändigende +Leidenschaftlichkeit. Er weiß um seine Schönheit, ist eitel +darauf und verachtet sie zugleich. Seine Hände sind fein und +lang. Er verbeugt sich tief vor Rasumowsky, die beiden +Offiziere scheint er zu übersehen.) + +Ich komme hoffentlich nicht zu ungelegener Stunde, Graf +Alexei? + + +_Chidrowo_ + +(kaum hörbar) + +Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ... + + +_Rasumowsky_ + +Michael Jefimowitsch, du wirst die Güte haben, drüben im +gelben Zimmer zu warten. + + +_Lassunsky_ + +Wir wollen keinesfalls stören. + + +_Rasumowsky_ + +Auch Sie, Fedor Alexandrowitsch, mögen warten, wenn es Ihnen +gefällig ist. + + +_Chidrowo_ + +Wenn es erlaubt ist, will ich warten. (Ab mit Lassunsky nach +rechts.) + + +_Rasumowsky_ + +Nehmen Sie Platz, Graf Orlow. (Er setzt sich, legt die Bibel +aus der Hand.) + + +_Orlow_ + +(setzt sich gleichfalls) + +Daß ich nicht mit einer langen Vorrede lästig falle, +Erlaucht: Wie Ihnen bekannt sein dürfte, hat sich Ihre +Majestät, die Kaiserin, entschlossen zu heiraten. + + +_Rasumowsky_ + +(bedächtig) + +Wieder zu heiraten. + + +_Orlow_ + +Zar Peter ist tot. + + +_Rasumowsky_ + +Doch war er gekrönter und gesalbter Zar von Rußland. + + +_Orlow_ + +Ihm folgte von Gottes Gnaden Katharina. + + +_Rasumowsky_ + +Ich unterwerfe mich demütig ihrem mächtigen Willen. + + +_Orlow_ + +Ihre erhabene Majestät hat ihr Herz an einen Unwürdigen +verschenkt, den sie aus dem Staub zu sich auf den Thron +erheben will. Dieser Unwürdige befindet sich vor Ihnen, +Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Und schaudert Ihnen nicht vor solcher Erhebung, Graf Orlow? +Daß Sie mit Worten der Bescheidenheit davon sprechen, steht +Ihnen wohl an. Ich hatte es nicht erwartet. + + +_Orlow_ + +Daß ich endlich einen Mann finde, dem ich mein volles und +bedrücktes Gemüt eröffnen kann! (Emphatisch.) Warum hat uns +das Geschick nicht früher einander näher kommen lassen! + + +_Rasumowsky_ + +Mein Los ist Einsamkeit seit langem, Graf Orlow. Fast kenne +ich die Welt nicht mehr, und fremd ist mir geworden, was +sich außerhalb dieser Schwelle begibt. + + +_Orlow_ + +So dacht ich mir's, Erlaucht, und nur mit frommen +Empfindungen bin ich genaht. + + +_Rasumowsky_ + +Unheilig war stets, was mir von draußen kam, das ist wahr. +Doch liebe ich die Jugend, wenn schon vieles mir unbegreiflich +an ihr ist. + + +_Orlow_ + +(geschmeidig und beredt) + +Wie Sie leicht ermessen können, Erlaucht, begegnet die edle +Absicht der Kaiserin dem Widerstand aller Großen des Reichs. +Man beneidet mich, man legt mir Fallstricke, man zettelt +Verschwörungen an, ja man schreckt nicht vor offenbaren +Beleidigungen zurück, denen mein Gleichmut unmöglich +gewachsen ist. + + +_Rasumowsky_ + +Ja, ja, ja. Es ist geblieben, wie es immer war. + + +_Orlow_ + +Ich habe mich beherrschen gelernt, Erlaucht. Mein Vater hat +mich in Demut und Gehorsam erzogen. Niemals, in meinen +verwegensten Träumen nicht, konnte ich ahnen, daß der Blick +meiner gnädigen Herrscherin auf mich fallen würde. Wer kann +es mir verargen, Erlaucht, daß mein ganzes Blut sich in +Hingebung für diese Frau entflammte, daß ich bereit bin, +meine Seligkeit für sie zu opfern, daß mir nichts mühevoll, +nichts unerreichbar mehr erscheint, seitdem sie mich erwählt +hat? + + +_Rasumowsky_ + +Wohl kann ich dies verstehen, Graf Orlow. + + +_Orlow_ + +(schwärmerisch) + +O, ich wußte es, Erlaucht, ich wußte es. Dank, allen Dank +meines armen Herzens. + + +_Rasumowsky_ + +Ein Herz wie das Ihre ist nicht arm, Graf Orlow. + + +_Orlow_ + +Doch scheint mir's so in Ihrer Nähe. Aber hören Sie weiter, +Erlaucht. Vor wenigen Tagen wurde die Zarin, deren Geist in +quälender Unschlüssigkeit irgend einen Weg suchte, von einem +ruchlosen Ratgeber auf Ihre Ehe -- + + +_Rasumowsky_ + +(unterbricht hastig) + +Ich weiß, ich weiß ... + + +_Orlow_ + +Sie wissen, Erlaucht? Ich atme auf. Dies mindert die +Schwierigkeit meiner Sendung. + + +_Rasumowsky_ + +Ich bin erstaunt, daß Ihre Majestät ein solches Mittel nötig +zu haben glaubt. Jede Handlung ist gerechtfertigt, die sie +gutheißt. + + +_Orlow_ + +Ganz meine Meinung, Erlaucht. Aber Katharina ist +gewissenhaft und dankbar, zwei Eigenschaften, die den +Fürsten das Regieren erschweren. + + +_Rasumowsky_ + +Und Ihre Mission ist also -- + + +_Orlow_ + +Der Plan war, den Großkanzler zu schicken -- + + +_Rasumowsky_ + +(nickt) + +Auch dies ist mir bekannt. + + +_Orlow_ + +Ich wollte es um jeden Preis verhindern, selbst auf die +Gefahr, ungehorsam gegen meine Wohltäterin zu sein. Der +Kanzler Woronzow ist ein vortrefflicher Diener, aber er ist +nur ein Diener. Seine Rauheit, sein mürrisches Wesen, seine +Unfähigkeit, zarte Dinge zart zu packen, hätte Sie unbedingt +verletzt, Graf Alexei. Ich begriff das Ungeheuerliche des +Auftrags wie die Delikatesse, mit der er behandelt werden +mußte, vom ersten Augenblick an. Ich habe tief mit Ihnen +gefühlt, Erlaucht, ich fürchtete die Dazwischenkunft des +Kanzlers, und -- ich habe ihn gefangen setzen lassen. + + +_Rasumowsky_ + +Was Sie getan haben, ist höchst tadelnswert, Graf Orlow, +doch kann ich dem Edelmut, der Sie antrieb, meine +Bewunderung und meinen Dank nicht versagen. + + +_Orlow_ + +Und so bin ich gekommen -- (zaudert.) + + +_Rasumowsky_ + +Gekommen --? + + +_Orlow_ + +(leise, als schäme er sich) + +Sie um die Dokumente Ihrer Ehe mit der Zarin Elisabeth +Petrowna zu bitten. + + +_Rasumowsky_ + +Mein Erstaunen wächst, Graf Orlow. Wie kann man mit einer +Tatsache rechnen, mit der die Öffentlichkeit niemals +behelligt worden ist, die niemals zugegeben worden ist und +die daher niemals Gegenstand weder einer politischen, noch +einer privaten Aktion werden kann? + + +_Orlow_ + +Ich ehre diese Entrüstung, Erlaucht, und finde sie gerecht. +Aber es gibt Dinge, die so lange verschwiegen werden bis +jedes Kind um sie weiß. + + +_Rasumowsky_ + +Wahrlich, was Sie da sagen, betrübt mich aufs äußerste, Graf +Orlow. Mir ist, als sei ich bestohlen worden. Mir ist, als +hätte man meine Brust durchwühlt, um ihr das Teuerste zu +rauben, und als riefe man mir zu: du bewahrst es umsonst, +denn die Hunde beschnüffeln es schon wie ein Aas. + + +_Orlow_ + +Schwer wird es mir, Ihnen zu widersprechen, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Und wenn ich nun antworten würde: eine Ehe zwischen mir und +der hochseligen Herrin Elisabeth Petrowna hat niemals +stattgefunden? + + +_Orlow_ + +(beißt sich auf die Lippen; dann gleißnerisch) + +So würde ich Ihre Beweggründe zu erforschen suchen. + + +_Rasumowsky_ + +Wenn ich Ihnen versichern würde, daß ich keine Dokumente +besitze --? Wie, Graf Orlow? + + +_Orlow_ + +(düster) + +Sie würden damit mein Leben zerstören, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Und wenn ich den Besitz der Dokumente zugebe, warum soll ich +sie ausliefern? Was könnte mich veranlassen, ein Jahr um +Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt gehaltenes Übereinkommen +schmählich zu verletzen? Nur weil ein Jüngling, den die +Jugend begehrlich und begehrenswert macht, in meinen Frieden +tritt und die Hand ausstreckt nach meinem Gut? + + +_Orlow_ + +Es ist nichts in Ihren Worten, Alexei Grigorjewitsch, was +ich mir nicht auch selbst schon ins Gewissen gerufen hätte. +Doch erwägen Sie, Erlaucht: mein Glück ist auch das Glück +der Kaiserin. + + +_Rasumowsky_ + +Ich werfe mich in den Staub vor Ihrer Majestät, aber sie +hat keine Macht über die Geheimnisse meiner Seele. + + +_Orlow_ + +So flehe ich, Erlaucht, um Ihr Vertrauen ... + + +_Rasumowsky_ + +Mein Vertrauen zu den Menschen ist so gering, Graf Orlow, +daß jeder Appell daran verschwendet ist. Ich habe zu viele +Worte gehört und zu viele Taten gesehen. Ich bin meiner +selbst kaum gewiß, um wie viel weniger eines andern. Ein +Ozean von Geschwätz ertränkt die edelste Handlung, und die +niedrigste versteckt sich nicht mehr, wenn ihr ein Vorteil +winkt. + + +_Orlow_ + +Bedenken Sie, Alexei Grigorjewitsch, ein Mann, für den so +Ungeheueres sich entscheiden soll, muß ein Verworfener +werden, wenn es mißlingt. + + +_Rasumowsky_ + +Also ist es nur der Erfolg, der tugendhaft macht? + + +_Orlow_ + +Ein Held jedoch, wenn er ans Ziel gelangt. + + +_Rasumowsky_ + +Ein Held? Könnt ich dies glauben, Graf Orlow, dann! ja dann! +Aber ich kann es nicht glauben. (Feierlich.) Zwei +unschuldig Zertretene wehren mir's. + + +_Orlow_ + +Viel Blut liegt auf dem Weg der Helden, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +Blut von Kindern? + + +_Orlow_ + +Macht löscht den Makel aus. + + +_Rasumowsky_ + +(betroffen) + +Furchtbares Wort! + + +_Orlow_ + +(erkennt seinen Fehler, einlenkend) + +Als ich heranritt, Erlaucht, ich war betrunken von Freude; +ich hatte die unheilvollste Meuterei erstickt, Rebellen +hatte ich meiner Gebieterin in Anhänger auf Tod und Leben +verwandelt, die Wirklichkeit zerrann mir vor den Augen, ich +sah kein Hindernis mehr ... und als es geschehen war, hab +ich nicht Buße getan vor allem Volk? + + +_Rasumowsky_ + +Doch haben Sie dem Volk eine unheilbare Wunde geschlagen. + + +_Orlow_ + +(mit dem letzten Aufwand seiner gleißnerischen +Beredtsamkeit) + +Als ich zwölf Jahre alt war, Erlaucht, trieb mich mein +Vater mit der Peitsche vom Hof, weil ich für einen +Leibeigenen, der die Todesstrafe erleiden sollte, um Gnade +gebeten hatte. Ich liebe unser Volk. Ich weiß, wie sie +leben, wie sie schmachten, wie sie Unrecht leiden, wie sie +stumm sind, wie sie ihre Hoffnung unermüdlich von Jahr zu +Jahr tragen, wie sie in ihrer Not die Herren preisen, die +mit den Früchten ihrer Arbeit Feste feiern, und wie sie auf +den warten, der sie erlösen wird. Ich weiß es und will ihrer +nicht vergessen. + + +_Rasumowsky_ + +Ist mir doch, als ob ich Glocken hörte aus einem versunkenen +Land, Graf Orlow. (Er steht versunken, von Orlow gespannt +beobachtet; wie zu sich selbst) Ist es Rausch? oder Wahn? +oder blinde Sucht der Jugend? Leidenschaft macht beredt den, +der sie hegt, und stumm den, der sie begreift. (Laut) Sie +führen eine ungewöhnliche Sprache, Graf Orlow, die mich irre +werden läßt an meinem Vorsatz. + + +_Orlow_ + +Ich danke Ihnen, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +(geht zur Wand, wo er neben dem Kamin auf eine geheime Feder +in der Täfelung drückt. Ein Türchen springt auf. Er +entnimmt dem Schrein eine goldene Kassette, die er öffnet +und einige in roten Atlas eingeschlagene vergilbte Papiere +herauszieht) + +Sieh da, wie viel Staub darauf liegt ... (Er stellt das +Kästchen beiseite) Staub ... Staub. Pulver der +Vergessenheit. Überreste von Träumen. (Er legt den Atlas in +das Kästchen zurück und liest das oberste Papier aufmerksam +durch.) + + +_Orlow_ + +(der sich am Ziel glaubt) + +Väterchen Alexei Grigorjewitsch! (Er sinkt auf die Kniee.) + + +_Rasumowsky_ + +(ergriffen und ganz in die Vergangenheit verloren) + +Frühling und Sommer meines Lebens! (Er küßt die Papiere und +erhebt, sich bekreuzigend, die Blicke nach oben.) + + +_Orlow_ + +(packt in seiner Erregung mit beiden Händen die Papiere) + +Geben Sie, Alexei Grigorjewitsch --! + + +_Rasumowsky_ + +(erschrocken) + +Was für ein Ungestüm, Graf Orlow! + + +_Orlow_ + +(fast mit Wildheit, drohend) + +Ich kniee vor Ihnen, Alexei Grigorjewitsch! + + +_Rasumowsky_ + +(beugt sich ein wenig vor und starrt in Orlows Gesicht) + +Die Augen ... die Augen ... + + +_Orlow_ + +(springt empor) + +Wollen Sie mich auf die Folter spannen, Graf Alexei? Ich +ertrag's nicht länger. + + +_Rasumowsky_ + +(kopfschüttelnd) + +Ei, es ist eine ganz andere Stimme, die jetzt zu mir +spricht. + + +_Orlow_ + +Genug gesäuselt. + + +_Rasumowsky_ + +Also nur Verstellung? Und so schlecht verstellt? So schnell +überdrüssig der Verstellung? + + +_Orlow_ + +Wollen Sie mir den Köder nur vorsetzen, um mich zappeln zu +lassen? + + +_Rasumowsky_ + +Ach, Sie zeigen zu früh Ihr wahres Gesicht, Graf Orlow. + + +_Orlow_ + +Ich habe viele Gesichter, warum soll dies gerade mein wahres +sein. Wozu das Getändel? Zu Großes liegt vor mir. (Er zeigt +seine weißen Zähne, während sich die Worte stürmisch +ergießen.) Von unten heraufgestiegen, wo die Sklaven wohnen, +begrüßt mich endlich das Licht, und Welt und Kreatur +schreit: Herr! Herr! Gnade! Gnade! Ja, Herr will ich sein +und Gnade soll von mir träufeln für alle, die sich bücken. +Wollust, zu befehlen, und mit einem Atemzug die Mächtigsten +zum Schweigen bringen! Alles unter mir sehen, was jetzt noch +verführerisch lockt, aus der Enge heraus, wo man horchen +muß, ehe man spricht, und rechnen, bevor man zahlt. Ohne +Bedachtsamkeit leben, planen ohne Angst und Maß! Unten +gehört alles auch dem Nachbarn, was mir gehört, oben bin ich +allein und fürchte keine Grenze. Keine Grenze fürchten, das +ist's. Mit seinem Willen allein sein, frei mit jeder Tat und +doch der Richtpunkt aller Aufmerksamen. Ein Reich übersehen, +den Arm von Ozean zu Ozean strecken, die Willfährigen mit +Provinzen lohnen, die Unzufriedenen hinschmettern, -- und +eine Kaiserin umschlingen, eine Kaiserin, in den Mienen +einer Kaiserin Unterwerfung lesen, -- das ist mein Spiel, +Alexei Grigorjewitsch! Die Würfel liegen zwischen uns. +Werfen Sie jetzt und zählen wir die Augen. + + +_Rasumowsky_ + +(kalt) + +So spricht ein Spieler. Im Würfelspiel mögen Sie gewinnen, +Graf Orlow, im Schicksalsspiel nicht. + + +_Orlow_ + +Auch das Schicksal kann man zwingen, alter Mann. + + +_Rasumowsky_ + +Wie den Teufel in der eigenen Brust. + + +_Orlow_ + +Wer würde anders handeln an meiner Stelle? Nur wenn ich +zaudere, verliere ich. + + +_Rasumowsky_ + +Und Gott soll mit bei diesem ... Spiele sein? + + +_Orlow_ + +Gott ist auf meiner Seite, weil ich will. Ich fühle die +Bestimmung. + + +_Rasumowsky_ + +Über Blutbestimmung und Gottes Wahl läßt sich nicht rechten. + + +_Orlow_ + +Lügendunst! Zar Peter war ein Narr, ein Verräter, Affe des +Preußenkönigs, ein Schwächling. Herrliche Bestimmung! + + +_Rasumowsky_ + +Besser ein Schwächling als ein gewissenloser Emporkömmling. + + +_Orlow_ + +(hochmütig) + +Die Brücke zwischen uns fängt an zu krachen, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +So mag sie bersten. + + +_Orlow_ + +Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren. + + +_Rasumowsky_ + +Doch die Zeit wird Sie auffressen. + + +_Orlow_ + +Jetzt, da Sie mich überzeugt haben, daß Sie die Dokumente +besitzen und sie in Ihrer Hand halten, kann ich Sie zwingen, +Alexei Grigorjewitsch. + + +_Rasumowsky_ + +Sie wollen damit sagen, daß Ihre Helfershelfer mein Haus +umstellt halten? + + +_Orlow_ + +Leute, die mir blindlings ergeben sind, ja. + + +_Rasumowsky_ + +Und wozu ich mich freiwillig nicht mehr entschließen würde, +das glauben Sie mit Gewalt durchsetzen zu können. Mit +eigener Faust oder mit dem Beistand fremder Fäuste. + + +_Orlow_ + +Wenn Sie mich zu dieser Notwendigkeit drängen, -- ja. Ich +kann nicht zurück. Ich kann nur vorwärts. + + +_Rasumowsky_ + +Bis zum Abgrund. -- Sie vergessen nur eines, Graf Orlow. +Sobald Ihre Leute diese Schwelle übertreten, oder sobald Sie +selbst, von dieser Sekunde ab, eine Bewegung machen, die auf +Gewalttat zielt, fallen die Dokumente hier in das Feuer. Sie +sehen, es brennt loh genug, um ein paar Papiere rasch +verzehren zu können. (Pause. Beide blicken einander +schweigend ins Gesicht.) + + +_Orlow_ + +(mit verschränkten Armen) + +So also steht es. + + +_Rasumowsky_ + +Ja. + + +_Orlow_ + +(langsam und mit Nachdruck) + +Eines noch, Alexei Grigorjewitsch: ich könnte Sie belohnen, +wie nie ein Sterblicher belohnt worden ist. + + +_Rasumowsky_ + +Lohn? Für mich? Welchen Lohn? Reichtum? Paläste? Titel und +Würden? Für mich? + + +_Orlow_ + +(wie oben) + +Wenn auch nicht für Sie, Erlaucht, so doch für einen +Knaben ... + + +_Rasumowsky_ + +Einen Knaben --? + + +_Orlow_ + +Für Iwan, den Sohn Rasumowskys und der Kaiserin Elisabeth. + + +_Rasumowsky_ + +(schwankt einen Augenblick, hält sich am Rand des Sessels, +sinkt dann darauf nieder). + + +_Orlow_ + +Der Pope Maximow hat mich zu ihm geführt. + + +_Rasumowsky_ + +Möge Gott ihm verzeihen. Es gibt keine Treue mehr. + + +_Orlow_ + +Fürchten Sie nichts mehr von der verräterischen +Geschwätzigkeit dieses Priesters, Erlaucht. Ich habe dafür +gesorgt, daß seine Zunge keinen Schaden mehr stiftet. Sie +und ich, wir sind die beiden einzigen Menschen auf Erden, +die um Iwan wissen ... + + +_Rasumowsky_ + +(dumpf) + +Einer zu viel, Graf Orlow. + + +_Orlow_ + +Ich habe den Knaben gesehn. Es war eine weite Fahrt auf das +Gut Domnina im Epifanskischen Kreis. Ein schöner, blonder +Knabe. Welche Einsamkeit für einen Vierzehnjährigen. Wie +durstig er in die Ferne blickte! Er wußte nichts von Vater +und Mutter, die Leute, bei denen er ist, halten ihn für den +Sohn von Euer Erlaucht verstorbenem Bruder. Er ahnt nicht, +welche Versprechungen das Leben ihm schenken könnte, und wer +nur sein Gesicht sieht (deutet auf das Bild der Kaiserin +Elisabeth), braucht keinen andern Beweis seiner Abkunft. +Grausam schien es mir, die junge Blüte in der Steppenwüste +verkommen zu lassen. Ich habe ihn über seine Geburt +aufgeklärt. + + +_Rasumowsky_ + +(springt auf) + +Das haben Sie getan? + + +_Orlow_ + +Ich habe es getan. + + +_Rasumowsky_ + +(sinkt wieder auf den Sessel, umklammert krampfhaft die +Dokumente vor der Brust.) + +Großer Himmel! Sie hatten kein Mitleid mit dem arglos +spielenden Geschöpf? Frevlerisch das Gift des Ehrgeizes und +der ungenügenden Begierde in die junge Brust versenkt! +Fruchtlose Erwartungen geweckt, die ein gläubiges Gemüt +zerfleischen müssen! So war meine Entbehrung vergeblich, +vergeblich, daß ich mein Herz von ihm entwöhnt habe, +vergeblich das Opfer, vergeblich der Gram der Mutter, alles +vergeblich! + + +_Orlow_ + +(mit leisem Spott) + +Ist es nicht besser, wenn der Wissende sich bescheidet, als +wenn der Getäuschte verkommt? + + +_Rasumowsky_ + +(die Worte tief aus seiner Brust ringend) + +Zweiunddreißig Jahre, Graf Orlow, war ich mit Elisabeth +Petrowna verbunden. Sie war eine musterhafte Christin und +eine zärtliche Mutter Millionen Volks. Auch mich liebte sie, +doch schien es mir so überflüssig wie sündhaft, meinen +Ehrgeiz über das Maß dessen zu erheben, was sie mir als Weib +gewähren konnte. Niemals in zweiunddreißig Jahren ist die +Versuchung über mich gekommen, den geheiligten Glanz der +Majestät für mich zu erborgen. _Sie_ war auserwählt zu +herrschen. Von den Ahnen her war ihr die Gnade verliehen. +Woran soll das Volk glauben, diese Zahllosen, von denen wir +keine Namen wissen und die nur aufblicken in ihrer +Verlassenheit, um nach dem gottbestimmten Führer zu suchen, +woran sollen sie denn glauben, wenn nicht an das Mysterium, +das um eine Krone webt? Das ist ja ihr Märchen, die +Botschaft, das Gesetz! Gesalbtes Haupt weiht das Diadem, +königliches Blut rauscht vom Vater zum Sohn, vom Gatten zur +Gattin, von Geschlecht zu Geschlecht. Raubt ihnen diesen +Glauben, und ihr stürzt sie in Gemeinheit und Verzweiflung, +die Welt steht da, ohne Ordnung, ohne Herrn. (Er erhebt +sich, bewegt.) Wenn es ein Verdienst in meinem Leben gibt, +Graf Orlow, so ist es das eine, daß ich die Kaiserin zu +überzeugen vermochte, unsere Ehe, für die sie den Segen der +Kirche gewünscht hatte, müsse ein Geheimnis für das Volk +bleiben. Und so wurde Iwan fern vom Hof und fern von den +Menschen erzogen, denn es ziemt sich nicht für den +Halbgebürtigen, von einem Thron auch nur zu träumen. + + +_Orlow_ + +Phantome, Erlaucht, Phantome! Die Zeit hat sich verändert. +Es handelt sich nicht um die Gnade, es handelt sich um die +Kraft. + + +_Rasumowsky_ + +Ich bin kein Starrkopf, Graf Orlow, nicht einer, der +denkfaul an Vergangenem hängt. Ich kenne die Zeit. Vieles +tragen die Eimer des Jahres herauf aus dem dunklen Schacht, +und wer wirklich lebt, wandelt sich mit jedem Becher, den er +an die Lippen führt. Das Blut wird auch in alten Körpern +neu. War ich nicht bereit, Graf Orlow? Ich war bereit, mehr +kann ich nicht sagen. Aber ich bin gewohnt, in Menschenaugen +zu lesen, und mehr noch auf den Stirnen, Graf, auf den +Stirnen. Sie sind so unbehütet, die Stirnen; man kann sie +eine Walstatt der Dämonen nennen. (Den Arm mit +ausgestrecktem Finger gegen Orlow, stark.) Ich sehe +Schicksale auf dieser Stirn, die ungeboren bleiben sollten. + + +_Orlow_ + +Alexei Grigorjewitsch! Nicht auf meiner Stirn, -- in Ihrer +Hand liegt jetzt ein Schicksal. Iwan ist in meiner Gewalt. + + +_Rasumowsky_ + +(scheu) + +Iwan ... ist ... + + +_Orlow_ + +In meiner Gewalt und nur mir erreichbar. + + +_Rasumowsky_ + +(mit weiten Augen) + +Sie wollen damit sagen: um Iwan ist's geschehen, wenn ich +mich weigere ... + + +_Orlow_ + +Vielleicht ist es das, was ich sagen will. + + +_Rasumowsky_ + +(nähert sich Orlow mit gebeugtem Oberkörper und mit der +Unterwürfigkeit eines Bauern, hält ihm mit beiden Händen die +Dokumente hin) + +Nehmen Sie, Graf Orlow ... + + +_Orlow_ + +(etwas überrascht von dem schnellen Erfolg, greift nach den +Papieren). + + +_Rasumowsky_ + +(demütig) + +Nicht weil ich für Iwan fürchte, Graf Orlow ... nicht weil +ich mir sein Leben erkaufen will, ... nicht deshalb, Graf +Orlow, nicht deshalb ... + + +_Orlow_ + +(hält die Papiere fest, mit finsterem Trotz) + +Es wäre auch zu spät, Alexei Grigorjewitsch, Sie retten Iwan +damit nicht. Er war zu gefährlich, als er seine Abstammung +kannte. Er weilt nicht mehr unter den Lebenden. + + +_Rasumowsky_ + +(schmerzvoll) + +Gott, dein Wille geschehe! Ich habe es geahnt! + + +_Orlow_ + +Und Sie geben mir trotzdem diese Papiere --? + + +_Rasumowsky_ + +(mit der Hoheit des Grames) + +Ja, Graf Orlow! Ein Mann, der zu solchen Mitteln greift, den +muß die eigene Tat vernichten. Und wenn es die Krone selbst +wäre, sie hätte kein Gewicht mehr, wenn Sie sie halten. +Nichts ... ein Schemen, ein Scheinbild. Nichts. Zeigen Sie +die Dokumente der Kaiserin. + + +_Orlow_ + +(brütend) + +Darum also ... Es ist zu viel ... (als wöge er die Papiere) +es scheint mir zu viel Erniedrigung für das gewährte +Almosen. Bin ich denn ein Bettler? Soll es einen Menschen +geben, der mich _so_ einschätzen darf? (Aufflammend.) Nein, +nein, nein! Die Schmähung greift ans Herz. Wenn ich diesem +erbettelten, erschlichenen Wisch alles verdanken müßte, was +mir das Leben gewähren soll, es fräße mir das Mark der Tat +aus den Knochen. Ein Orlow, der alles Heil auf den Inhalt +einiger vergilbter Papiere gründet? Bin ich verloren ohne +diese Fetzen, so wie ich jetzt besudelt bin, wenn ich sie +als billige Trophäe vor die Augen Katharinas bringe? Nein, +Alexei Grigorjewitsch, nein! Die Genugtuung, daß es von +Ihrer Gnade abhängig war, Rußland einen Zaren zu geben, kann +ich Ihnen nicht überlassen. Jede Gegenwart wäre mir +vergällt, und um Ihnen den Beweis zu liefern, daß ich diese +Gnade verschmähe, daß ich sie verachte, nur darum tu' ich, +was ich tue! (Er eilt zum Kamin und wirft die Dokumente ins +Feuer.) + + +_Rasumowsky_ + +(mit seltsam entzückter, schreiender Stimme, die zugleich +etwas wie physischen Schmerz enthält) + +Ein Gottesurteil! Ein Gottesurteil! + +(Durch Rasumowskys Schrei alarmiert, kommen Lassunsky und +Chidrowo mit bestürzten Mienen.) + + +_Lassunsky_ + +(bleibt unter der aufgerissenen Türe stehen, hastig) + +Was ist geschehen, Erlaucht? + + +_Chidrowo_ + +(tritt vor, zieht den Degen) + +Wir werden Sie schützen, Erlaucht. + + +_Rasumowsky_ + +(ohne sie zu beachten) + +So hat eine höhere Macht Ihren Arm gelenkt, Graf Orlow, und +Sie haben nur den Beweis geliefert, daß es keinen Weg gibt +aus Ihrer Menschentiefe zum Licht der Majestät. (Er bückt +sich, als ob er bete.) + + +_Lassunsky_ + +(drängend) + +Erlaucht ... die Blässe Ihres Gesichts ... Sie sind +krank ... + + +_Rasumowsky_ + +(immer gebückt) + +Ehrfurcht! Der Engel des Schicksals schwebt über uns! + + +_Orlow_ + +(reißt sich vom Anblick des Feuers los) + +Verbrannt ... (Unheilvoll.) Und nun sei auch verbrannt alle +Milde, vergessen alles Zögern feiger Rücksicht und wer mich +aufhält, meinen Schritt oder den Schritt meines Pferdes, der +möge zittern! + + +_Rasumowsky_ + +Verwirkt! Verwirkt! Wir wollen zittern, aber der Spruch ist +gefallen. + + +_Chidrowo_ + +(fast jubelnd) + +Gerettet, Mütterchen Rußland, gerettet! + + +_Orlow_ + +(im Abgehen) + +Hütet euch! + + +_Rasumowsky_ + +(richtet sich wieder empor) + +_Ich bin_ in meiner Hut, denn ich fürchte die Menschen nicht +mehr. + +(Vorhang) + + + + +Gentz und Fanny Elßler + + +Personen: + + Friedrich von Gentz, Hofrat + Felix Graf Reitzenstein + Fanny Elßler + Jean ) + Martin } Diener bei Gentz + Franz ) + Lieferanten, Geldleute usw. + +Spielt in Wien, Herbst 1830 + + +Ein Zimmer der Villa Gentz in Weinhaus bei Wien. Kostbare +Empiremöbel, Nippsachen, Kunstwerke, geblümte Tapeten. Auf +einer Kommode stehen zwei Glasglocken mit eingemachten +Früchten zum Naschen. Vom Kamin leuchtet eine goldene +Stehuhr. Im Hintergrund zwei Fenster, zwischen ihnen eine +hohe Glastüre in den Garten. Links Türe zum Vorzimmer, +rechts in das Ankleidezimmer des Hofrats; diese Tür ist +offen. + +Hinter der Türe links wird lebhaft gesprochen. Gleich darauf +_Jean_, livrierter Diener, von links durch das Zimmer nach +rechts ab. Die Türe links wird geöffnet, und ein dicker Jude +will herein, _Martin_, ein zweiter livrierter Diener, der im +Zimmer damit beschäftigt ist, frisches Wasser in +blumengefüllte Vasen zu gießen, eilt hin und schlägt dem +Eindringling die Tür vor der Nase zu. Protestierende Rufe +von draußen. _Martin_ steht Wache. + + +_Gentzens Stimme_ + +(von rechts) + +Was erfrecht Er sich? Ich zahle nicht. Übermorgen. Die +Schufte sollen Geduld haben. + + +_Jean_ + +(eilig wieder von rechts nach links ab). + + +_Gentzens Stimme_ + +Die geblümte Weste! Die geblümte! + + +_Lebhafte Stimmen_ + +(hinter der Türe links). + + +_Jean_ + +(kommt abermals mit verzweifelter Miene nach rechts). + + +_Martin_ + +(hält die Türklinke). + + +_Stimme Jeans_ + +Der Weinlieferant und der Parfümeur wollen partout mit dem +Herrn Hofrat selber sprechen. + + +_Gentzens Stimme_ + +Ach was, Er Esel, Er hat ja gar keine Schneid. -- Die Ringe, +Franz. Jetzt lauf Er zum Gärtner wegen frischer Blumen. + + +_Franz_ + +(ein alter Diener, durch die Mitte ab in den Garten.) + +(Gleich darauf) + + +_Gentz_ + +(Mann von fünfundsechzig Jahren. Hohe schlanke Gestalt. Er +hat einen müden, etwas gebückten Gang. Sein Gesicht ist +höchst geistreich, die ganze Physiognomie hat einen feinen, +lebhaften und verführerischen Ausdruck, und der Blick ist +von intensiver Kraft. Kinn und Unterkiefer sind etwas +schwer, um den Feinschmeckermund liegt bisweilen ein +trauriger, bisweilen ein zynischer Zug. Er ist nach der +letzten Mode gekleidet: brauner, langer Rock, gestickte +Weste, Vatermörder, schwarze Binde) + +War schon jemand vom Fürsten Metternich da? + + +_Martin_ + +Niemand, Herr Hofrat. + + +_Gentz_ + +(nach links ab, die Türe bleibt halb offen). + + +_Stimmen der Lieferanten_ + +Küß die Hand, Herr Hofrat! -- Wünsch guten Morgen, Herr +Hofrat! -- Küß die Hand, Euer Gnaden. + + +_Gentzens Stimme_ + +Also, was soll's -- Was belästigt ihr mich? + + +_Stimme des Parfümeurs_ + +Halten zu Gnaden, Herr Hofrat, hab für siebenundachtzig +Gulden Kölnisch Wasser geliefert. + + +_Stimme des Weinhändlers_ + +Ich für dreihundertzwanzig Gulden Sekt. + + +_Gentzens Stimme_ + +Geduld, ihr Leute. Morgen schick ich zum Rothschild hin. Der +Rothschild zahlt alles, das wißt ihr doch. Jetzt schert euch +friedlich nach Hause. (Er tritt ins Zimmer zurück, der dicke +Jude folgt ihm.) + + +_Jude_ + +Euer Exzellenz, der Wechsel ist schon emal prolongiert. + + +_Gentz_ + +Fort, fort, fort! + + +_Der Schneider_ + +(hat sich schüchtern nachgedrängt) + +Ich freu mich, daß der Herr Hofrat so gut ausschaut. + + +_Gentz_ + +Keine Konfidenzen! Ich hab' gern, wenn Lieferanten was +liefern. Konfidenzen sind mir verhaßt. -- Hat der Gärtner +schon was wegen der Rosen gemeldet? + + +_Martin_ + +Nein, Herr Hofrat. + + +_Gentz_ + +Ich will mal selber mit ihm reden. Wenn er frische Rosen +hat, ist es besser, sie erst am Stock zu sehen. (Durch die +Mitte ab.) + + +_Der Schneider_ + +Herr Hofrat! -- + + +_Jean_ + +Na, was gibt's denn noch? Er hat doch gehört, daß wir heut +nicht bei Kassa sind. + + +_Der Schneider_ + +Morgen ist die Trauung von meiner Tochter, und wenn mir halt +der Herr Hofrat zwanzig Gulden geben tät ... + + +_Jean_ + +Laßt eure Töchter im ledigen Stand, wenn ihr kein Geld +habt's. + + +_Martin_ + +(verächtlich) + +Heiraten! Alle gemeinen Leute heiraten beständig. + + +_Jean_ + +Und jetzt allons! marsch! (Nimmt den Besen.) Hinaus! Es wird +gelüftet. + + +_Der Jude_ + +Was wird sein? Wer ich den Wechsel zu Protest bringen. (Ab, +desgleichen der Schneider, die Stimmen draußen verlieren +sich.) + + +_Martin_ + +Was macht er denn heut für an Kramuri, der Hofrat? + + +_Jean_ + +Die Fanny war doch drei Tag am Land bei ihrer Schwester. + + +_Martin_ + +Ah so. Froher Empfang nach schmerzlicher Trennung. + + +_Jean_ + +Zu Mittag kommt s' mit der Extrapost, die Fanny. + + +_Martin_ + +Fahr'n jetzt die vom Theater auch schon mit der Extrapost? + + +_Jean_ + +Die Fanny is was man eine bessere Tänzerin heißt. Hast es +schon tanzen seh'n am Kärntnertor? Die Leut' soll'n sich die +Haxen abtreten hab'n. + + +_Martin_ + +(düster) + +Der Hofrat g'fallt mir gar nicht mit seiner Verliebtheit. +Das is ja schon ganz außer der Normalität. Wenn's nur keine +Mesallianz gibt. + + +_Gentz_ + +(vom Garten, zwei Burschen folgen ihm, die einen kupfernen, +mit Rosen gefüllten Kessel tragen.) + +Dorthin, ins Eck, ... auf die Säule. + + +_Franz_ + +(von links) + +Herr Graf Reitzenstein. (Ab, auch Jean und Martin, die +Gärtnerburschen durch die Mitte ab.) + + +_Gentz_ + +(zur Tür) + +Guten Morgen, lieber Felix. Ein schöner Herbsttag heute, +warm wie im August. + + +_Graf Reitzenstein_ + +(fünfundzwanzig Jahre, elegante Erscheinung; er ist ein +wenig Poet, und in seinen Zügen drückt sich die Schwärmerei +eines vornehmen Müßiggängers aus, dessen Lieblingsautor Lord +Byron ist) + +Guten Morgen, Gentz. Wissen Sie, daß Fanny schon aus der +Brühl zurück ist. + + +_Gentz_ + +Wie, schon zurück? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich habe sie vor einer halben Stunde mit Stuhlmüller beim +Theatereingang gesehen. + + +_Gentz_ + +Haben Sie mit ihr gesprochen? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nein, sie hat mich gar nicht bemerkt. + + +_Gentz_ + +Dann wird sie jeden Moment kommen. Stuhlmüller? Stuhlmüller? +Wer ist das doch? Richtig, der Tänzer. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ein exzellenter Tänzer. Er geht jetzt nach Berlin. + + +_Gentz_ + +Ah, nach Berlin. -- Ich erinnere mich: ein hübscher Bursche. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ja. Beine wie ein Narziß. + + +_Gentz_ + +Wie sah meine Fanny aus? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Entzückend wie immer. Wenn man sie anblickt, hat man das +Gefühl, als sei man zu schlecht für die Welt, in der sie +lebt. + + +_Gentz_ + +Sie waren ja am vorigen Sonntag mit ihr bei der Gräfin +Fuchs? Ich konnte nicht hingehen, da mich der Fürst zu einem +Conseil berufen hatte. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Und am Abend zuvor fehlten Sie ja auch im Theater, Gentz -- + + +_Gentz_ + +Die leidige Politik! + + +_Graf Reitzenstein_ + +Es war ein Triumph. Die Galerien haben geheult, das Parkett +hat sich die Handschuhe zerrissen. Sogar in der kaiserlichen +Loge sah man leuchtende Augen, und zwei Hofdamen, die vor +lauter Gewöhnung an Feierlichkeit alles Fett an ihrem Leibe +verloren hatten, wackelten mit ihren Köpfen, als ob das +Theater eine Glocke und sie die Schwengel darin wären. + + +_Gentz_ + +(lacht) + +Ja, diese Zauberin gleicht alle Gegensätze der sozialen +Welt aus, und gekrönte Häupter werden -- Publikum. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Als sie auftrat, ging ein glückliches Seufzen durch das +Haus. Da stieg die ganze Venus aus dem Meer. Dieser Nacken, +diese Schultern, dieser Hals, die Bewegung, die anmutvolle +Hingabe, dies Sichverlieren in süßester Heiterkeit! Ich sah +Männer zittern und Frauen bleich werden. Jede Miene will +ihre angeborne Trägheit vergessen, doch ihr selbst nahen +keine Wünsche, nur Vergötterung umfängt sie. Ahnungslos und +unergriffen wandelt sie durch die gesammelte Bewunderung +hindurch, wie wenn ihr der Traum der letzten Nacht als +Schleier um die Seele gehüllt wäre, -- und lächelt. + + +_Gentz_ + +Sie haben recht, Felix. Ihr Lächeln ist das Wunderbarste. Es +scheint aus einer tiefen Quelle aufzusteigen, wo die Genien +wohnen, die den Menschen wohlwollen. Keine Heiterkeit deutet +so viel Schicksal wie ihre. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Zur Fuchs kam sie spät, erst nach der Vorstellung. Man war +schon ein wenig müde. Aber als sie eingetreten war, begann +der Tag von neuem. Sie setzt sich neben die Hausfrau und +blickt sie zärtlich und vertrauensvoll an. Sie plaudert, +und Worte sind plötzlich edel. Die Luft, die sie atmet, +mitzuatmen, macht glücklich. + + +_Gentz_ + +Wenn man Sie hört, Felix, sollte man glauben, ein Verliebter +spricht. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Und wenn ich's wäre? + + +_Gentz_ + +Sie scherzen. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Keineswegs. + + +_Gentz_ + +Armer Felix, wie ist Ihnen das passiert? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Das Mitleid, Gentz, sollten Sie mir aus Großmut ersparen. + + +_Gentz_ + +Nehmen Sie denn um Gottes willen Ihren Zustand ernst? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Seh ich aus wie ein Libertin? + + +_Gentz_ + +Es gibt keinen lebendigen Mann, der Fanny gesehen hat und +sie nicht liebt. Bei Ihnen allerdings -- + + +_Graf Reitzenstein_ + +Sie sprechen, Gentz, als ob Fanny Ihr Eigentum auf Leben und +Tod wäre ... + + +_Gentz_ + +Lieber Felix, Sie überraschen mich. Wahrlich, ich weiß nicht +mehr, was ich von der menschlichen Natur halten soll. Waren +Sie es nicht, der mich im Glauben an die Möglichkeit einer +Liebe zwischen mir und Fanny befestigt hat? Ich habe +gezweifelt, und Sie waren verschwenderisch mit Beispielen +aus Leben und Geschichte, die mich beruhigen sollten. Sie +waren der einzige, der verstehend in mein Herz drang, der +meine Jahre auf die Rechnung der Zeit und nicht zu Lasten +der Seele gesetzt hat. Ich war eifersüchtig, damals, als ich +noch eifersüchtig sein mußte, und Sie lachten mich aus. Wenn +ich mich quälte, ob ich würdig sei, Fanny zu gewinnen, sahen +Sie darin die Koketterie eines Mannes, der wenig verspricht, +um viel zu halten. Sie haben für mich Sonette an Fanny +gedichtet, und in einem Brief, den ich nie vergessen werde, +schrieben Sie: Wehe dem Herzen, dem die Jahre alle Blüten +rauben, und wehe der Lehre, die ein Vertrocknen vor der Zeit +für Würde oder Weisheit ausgibt. So dachte Anakreon nicht, +schrieben Sie, erinnern Sie sich? »So dachte Anakreon +nicht.« + + +_Graf Reitzenstein_ + +Waren Sie nicht glücklich mit Fanny? + + +_Gentz_ + +Nur ein junger Mann darf glücklich _gewesen_ sein. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich kannte mein Gefühl nicht. + + +_Gentz_ + +So hätte der geheimnisvolle Drang in Ihnen, Felix, einen +Greis beseelen wollen, und was dunkel in Ihrer jungen Brust +wohnte, übertrugen Sie mutlos und edelmütig auf mich? Ist es +so? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nicht ganz so. + + +_Gentz_ + +Und ich hätte sechzig Jahre unter Menschen gelebt, mit +_meinen_ Augen, und habe nicht das Spiel eines Jünglings +durchschaut? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nein, nein, nein -- + + +_Gentz_ + +Sie haben nicht bedacht, daß kein Feuer so wütend brennt, +wie das in einem alten Haus. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich wußte und weiß es. Fanny kam aus einer Welt, die tief +unter uns liegt, aus einer kleinen, armen Welt, in der man +noch an Ehren und Titel glaubt, wo von Luxus und Lebensgenuß +erzählt wird wie von Märchen. Als Fanny Sie kennen lernte, +als sie Ihre Protektion erfuhr, da war ihr das Tor zur +großen Welt geöffnet und in Ihrer Person verehrte sie den +Ruhm und die Macht, nach denen sie sich sehnte und wofür sie +auch bestimmt ist. Sie trat Ihnen mit der bebenden Andacht +entgegen, mit der die jungen Mädchen aus dem Volk einen +Prinzen aus seiner Karosse steigen sehen. + + +_Gentz_ + +(unterbricht) + +Und aus diesem Äußerlichsten wollen Sie etwas so +Geheimnisvolles erklären, wie es mein Bund mit Fanny ist? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Sie lernte Sie näher kennen, sie wurde bezaubert von Ihrem +Geist, von Ihrer Kunst des Umgangs -- welche Frau von +Instinkt und Kraft würde nicht diese Atmosphäre von Leben, +von Abenteuer, von Bildung und Welt spüren, in der Sie +atmen? Für sie, die Unerfahrene, waren Sie ein Gott an +Erfahrungen. Sie konnten ihr die Tore aufriegeln, die sie +fest verschlossen wähnen mußte, und Sie haben es getan. Sie +sah in Ihnen einen Gebieter des Schicksals, einen, der +erfüllt ist von Schicksalen und dem sie Vertrauen schenken +durfte, weil er Liebe dafür gab. Sie fühlte Ihre +Vergangenheit, sie begriff Ihr Leben, Gentz, dieses Leben, +hingebracht in Schwärmerei und Leidenschaften, in den +Verführungen der Städte wie im blutigen Dampf der +Schlachtfelder, unter Königen und großen Damen, in Arbeit +wie in Genuß, in der Melancholie der Einsamkeit und in der +Unruhe unter den Menschen. Sie war behütet und geführt, +wissend und gefeit an Ihrer Seite, und die Dankbarkeit +unterwarf Ihnen ihr Herz. + + +_Gentz_ + +Nur die Dankbarkeit? Das wäre also der #punctum saliens?# +Soll ich zweifeln, nur weil andre zweifeln? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nicht zweifeln; aber Sie sind allzu sicher, Gentz. + + +_Gentz_ + +Fannys allzu sicher, meinen Sie? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ja, Fannys allzu sicher. + + +_Gentz_ + +Was gibt Ihnen Grund zu solcher Warnung? Ist die Medisance +am Werk? Hat man in den Salons und in den Kaffeehäusern die +Mäuler zu Guillotinen meines Glücks gemacht? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Man ist darüber einig, daß Gentz ein beneidenswerter Mann +ist. + + +_Gentz_ + +(mehr überlegen als bitter) + +Gentz, ein Zittergreis, ein ausgebrannter Krater, und Fanny +Elßler, das blühende Wunder einer morbiden Welt. Der +seufzende Diplomat und die spöttisch lachende Nymphe, das +lächerliche Podagra und ein feuriger Czardas. Lassen Sie +hören, Felix, das war der Text. Die Melodie dazu -- pfeifen +die Drosseln. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nein. + + +_Gentz_ + +Aber Sie wenigstens haben die Überzeugung gewonnen, daß über +einen Abgrund von siebenundvierzig Jahren hinweg die +Leidenschaft eines Weibes gefriert und ein Mann sich aus +seiner Dummheit und Leichtgläubigkeit eine Gloriole webt. +Sagen Sie's nur. + + +_Graf Reitzenstein_ + +(wehmütig lächelnd) + +Sie scheinen es also für unmöglich zu halten daß Fanny -- (Er +stockt, da Gentz mit scharf markierten Schritten auf ihn +zugeht.) + + +_Gentz_ + +Ja, Felix! Unmöglich! Unmöglich kann Sie Fanny lieben! + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich dachte nicht an mich. Offen gestanden, lieber Gentz -- + + +_Gentz_ + +(ergreift die Hand des Grafen) + +Hören Sie mich an, Felix. Ich sage unmöglich, nicht, weil +ich Ihren Wert nicht kenne. Die schönste, die vornehmste, +die stolzeste Frau muß sich glücklich schätzen, Sie zu +besitzen. Aber die schönste, die vornehmste, die stolzeste +Frau, was tut sie am Ende, wenn sie liebt? Sie opfert Ihnen +ihre Jugend. Ihre Schönheit ist nur dazu da, um von Ihnen, +dem Geliebten, begehrt und genossen zu werden. Und sei sie +lasterhaft wie Messalina oder eine Lucretia an Tugend, sie +ist ein Weib und zwischen ihr und Ihnen ist nichts als die +kleinen und großen Gefahren und Lockungen der Liebe. Fanny +hingegen ist eine Tänzerin. Eine wirkliche, gottbegnadete +Tänzerin. Verstehen Sie, was das heißt? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich denke ... warum sollt ich nicht? + + +_Gentz_ + +Als ich Fanny zum ersten Male tanzen sah, da verteilten +sich mir die Gewichte des Irdischen, und mein Schicksal war +mir nicht mehr so lästig nahe. Ich hatte Spielraum in mir +selbst, die Vergangenheit stand nicht mehr wie ein Leichnam +hinter mir, die Philosophie nicht mehr wie eine Erinnye über +mir, ich fühlte mich einer höheren und leichteren Ordnung +der Dinge verwandt, und alles, was von schlechtem Gewissen +in mir war, wurde von einer heiteren Macht beschwichtigt und +zerstreut. Dem Philister ist dieser Tanz nur ein Vergnügen, +an dem er vorübergeht, dem Jüngling mag er die Sinne +befeuern, den reifen Mann erheben, erfreuen, doch nur der +Alte, der wahrhaft Erfahrene, einer, der durch das ganze +Fegefeuer der Geister- und Körperwelt gegangen ist, die +ganze Hölle von Niedertracht und Stumpfsinn und alles erlebt +hat, Untreue und Verrat, selbst treulos und ein Verräter +war, an allem versucht worden ist, durch Leiden schamlos, +durch Abwehr kalt, durch versteckte Armut listig, durch +Triumphe gleichgültig geworden ist, -- nur der kann die +Tänzerin lieben, wie sie geliebt werden muß, so wie man eine +Idee liebt, wie man Gott auf dem Sterbebett liebt. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Das klingt groß, aber die Wahrheit des Lebens verteilt sich +im Kleinen. + + +_Gentz_ + +Ein Aperçu beweist nichts, kaum für den, der es macht. Wie +könntet ihr jungen Menschen diese Reinheit verehren, ohne +sie herabzuziehen? Diese beschwingte Leichtigkeit, ohne sie +zu lähmen? Wie könnt ihr besitzen, ohne mehr und immer mehr +zu fordern? Man muß durstig sein können und nur vom +freiwillig gereichten Becher trinken wollen. Man muß +vergöttern können, indem man ein Wissen gibt, von dem ein +Händedruck so voll ist wie eure erzählten Aventüren. Die +Tänzerin ist in irgend einer Art heilig zu nennen, Felix, +denn es ist etwas an ihr, was nie erobert werden kann und +nie berührt werden darf, in den feurigsten Umarmungen nicht. +Fanny opfert alle Leidenschaft ihrer Kunst. Nicht nur ihr +Gliederspiel, auch ihr Seelenleben ist von dem Gesetz +maßvoller Schönheit beherrscht. Man kann nicht weniger +emotionsbedürftig sein als sie es ist, die sich von allem +Stürmischen und Heftigen geradezu beängstigt fühlt. Der +Adler wird in der Gefangenschaft traurig und verliert seine +Majestät; will man sie ganz besitzen, so muß sie frei +bleiben wie der Adler. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Und doch dachten Sie einst an eine Heirat -- + + +_Gentz_ + +Es war, als ich sie noch zu wenig liebte. Was bin ich +heute? Der entlassene Kammerdiener großer Herren. Was +besitze ich? Nichts. Schulden über Schulden. Sollte die Frau +Hofrätin tanzen? Kann man einen Stern vom Himmel reißen, um +ihn zum Schmuckstück für die Wohnstube eines Literaten zu +machen? Das heißt die Ewigkeit zum Augenblick erniedrigen, +und wer so handelt, dem versagt der Augenblick. Und so lang +ich dem Augenblick genug tue, bin ich jung. Alt bin ich +einen Augenblick vor meinem Tod. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Wie sonderbar Sie mir erscheinen, lieber Gentz. Ich möchte +bewundern und muß doch trauern -- + + +_Gentz_ + +Trauern? Worüber? Sie suchen umsonst den frivolen Höfling in +mir, dessen geprägte Malicen noch gestern halb Europa zum +Lachen brachten. (Er nimmt ein mysteriöses Wesen an.) Ich +bin fromm geworden. Ja, ich bete, Felix, ich bete zuweilen. +Besonders in der Nacht. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Armer Freund, kaum will mir das Wort über die Lippen ... + + +_Gentz_ + +Was für ein Wort? Gegen Worte bin ich gewappnet. Das ist +mein Beruf. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Fanny ist nicht nur eine Tänzerin, sie ist auch ein Weib. + + +_Gentz_ + +Ich gratuliere Ihnen zu dieser Entdeckung. Wollen Sie mir +damit sagen, daß Sie ein Mann sind? Ich habe nie daran +gezweifelt. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Nicht um mich handelt sich's. Es tut mir leid, daß ich mich +zu einem Geständnis meiner Empfindungen für Fanny habe +hinreißen lassen. Es geschah, weil ich Ihnen Offenheit +schuldig zu sein glaubte. Es ist von meiner Seite nichts +geschehen, was mit dem Gebot der Freundschaft unvereinbar +wäre, und da Sie keinen Anlaß haben, diese Freundschaft zu +beargwöhnen -- + + +_Gentz_ + +Nicht den geringsten, teurer Felix. + + +_Graf Reitzenstein_ + +-- so dürfen Sie meiner Mitteilung keine falschen Motive +geben. Neigung und Freundschaft haben mein Auge geschärft, +das ist alles. + + +_Gentz_ + +Nun, Sie machen mich neugierig. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Jener Stuhlmüller -- + + +_Gentz_ + +Was ist mit ihm? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Fanny liebt ihn. + + +_Gentz_ + +Oh! Oh! Oh! Stuhlmüller! Felix, Sie sind gar zu treuherzig. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Sie befinden sich, lieber Gentz, in einem Rausch von +Täuschung und Illusion. Ich habe die beiden beieinander +gesehen, und nicht nur heute. + + +_Gentz_ + +Was noch? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich habe Blicke gesehn, Gebärden gesehn ... O, ich kenne +Fanny. Wo ihr Herz spricht, ist sie ehrlich bis zur +Selbstvergessenheit. + + +_Gentz_ + +Und wäre in dieser Ehrlichkeit betrügerisch gegen mich? +Felix! Felix! + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich wiederhole: sie ist ein Weib. + + +_Gentz_ + +Komischer Refrain. Mann -- Weib. Ist die Natur eine Maschine +und sind die gröbsten Gegensätze der Begriffe nur erfunden, +damit man aus einem Engel im Handumdrehen eine Dirne machen +kann? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Sie beleidigen die Natur, Gentz. + + +_Gentz_ + +Da sieht man, wie ihr jung seid, ihr jungen Leute. Ihr +stolziert in abgestempelten Anschauungen herum wie ein Hahn +auf einer Grammatik. Stuhlmüller? wer ist Stuhlmüller für +mich? Was ist er für meine Welt, für mein Gefühl, was er +nicht auch zugleich für Fanny wäre? + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ein Bursche wie aus Blut und Stahl, Gentz. + + +_Gentz_ + +Ihr wißt nichts von Fanny, keiner. Ihr kennt nur eine +Liebenswürdigkeit, bei der das Herz abwesend ist ... (Er +lauscht.) Horch! Sie kommt, Felix! (Entzückt.) Ich höre +ihren Schritt ... + + +_Graf Reitzenstein_ + +Dann wird es Ihnen wohl bequemer sein, wenn ich mich jetzt +verabschiede. + + +_Gentz_ + +(mit leichtem Spott) + +Sie müssen ihr wenigstens in die Augen schauen, Felix. (Er +lauscht angestrengter, mit geneigtem Kopf.) + + +_Graf Reitzenstein_ + +Sie könnte mich glauben machen, daß ich ihr etwas bedeute, +und um so weniger könnt ich sie vergessen. + + +_Gentz_ + +Ist sie's? -- Ja, sie ist's. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Vielleicht feiern wir heute abend noch ein kleines Fest zu +dreien, lieber Gentz. Am Sonntag reis' ich nach Paris. + + +_Gentz_ + +(vorwurfsvoll, doch ein wenig zerstreut) + +Felix! + + +_Jean_ + +(tritt ein, reißt die Türe auf) + +Demoiselle Elßler. + + +_Fanny Elßler_ + +(folgt dem Diener. Sie trägt ein helles, schottisches Kleid +und einen blumengeschmückten Spitzenhut mit Band und +seitlich herabgebogenen Bändern. Gestalt und Bewegungen sind +von vollendeter Schönheit. Die ursprüngliche Naivität, +Heiterkeit und Frische kämpft bisweilen gegen eine +erworbene, anmutige Würde) + +Grüß Gott, lieber Gentz! Endlich bin ich wieder bei dir. + + +_Gentz_ + +(fast erschüttert bei ihrem Anblick) + +Fanny! Teuerste! Wie lang waren diese drei Tage! + + +_Fanny_ + +Ei, der Graf Felix! Guten Morgen, Felix, wie geht's Ihnen? +Habt ihr ernste Gespräche gehabt? Es liegt so was in der +Luft. + + +_Gentz_ + +Du siehst blühend aus, Fanny. Tu doch den Hut herunter ... + + +_Fanny_ + +(nimmt den Hut ab, streicht mit den Händen das schwarze +gescheitelte Haar glatt, das rückwärts zu einem griechischen +Knoten geknüpft ist) + +Gemütlich ist's bei dir, Gentz, und ich freu mich, daß ich +wieder da bin. Die schönen Rosen! + + +_Gentz_ + +Findest du nicht, daß Rosen auch Schwermut erwecken können? +Es gibt eine gewisse Fülle des Lebens, die traurig macht. + + +_Fanny_ + +(streicht ihm über die Stirn) + +Laß das, Gentz. Wenn du von der Traurigkeit sprichst, krieg +ich gleich ein schlechtes Gewissen. Warum so schweigsam, +Felix? Ihr Männer seid komische Leute. Wenn ihr miteinander +gesprochen habt, tut ihr furchtbar geheimnisvoll, und doch +weiß man alles, wenn man euch nur anschaut. + + +_Gentz_ + +Wie steh ich armer Diplomat nun da! + + +_Graf Reitzenstein_ + +(lächelnd) + +Die Traurigkeit unseres Freundes hat also schon gewirkt? + + +_Fanny_ + +(lacht) + +Auf das schlechte Gewissen, meinen Sie? So stehn die Sachen, +Gentz? + + +_Gentz_ + +Er ist ein gar zu grüblerischer Geist, der Felix. Denke dir, +er hat mir Vorwürfe über meine leichtsinnige Wirtschaft +gemacht. Er ist der Meinung, daß ich zu verschwenderisch +gegen dich bin -- + + +_Graf Reitzenstein_ + +Gentz! Gentz! + + +_Fanny_ + +Sie haben ganz recht, Felix. Neulich wollte er mir partout +eine diamantene Agraffe kaufen -- + + +_Graf Reitzenstein_ + +Es hieße Sie beleidigen, Fanny, wollte man Edelsteine für +köstlicher halten als die Freude, Sie damit schmücken zu +können. + + +_Fanny_ + +Wie galant! + + +_Gentz_ + +Galant und wahr zugleich. Ich habe ihm gesagt, wenn man in +meinem Alter zum Harpagon wird, gleicht man einem Soldaten, +der nach dem Krieg desertiert. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Der Geizige hat vor dem Verschwender das eine voraus, daß er +alle seine Wünsche erfüllen kann. (Greift nach seinem Hut.) + + +_Fanny_ + +Gehen Sie schon, Felix? Wie schade! + + +_Gentz_ + +Leben Sie wohl, lieber Freund. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Ich darf doch darauf rechnen, daß Sie heute abend mit Fanny +bei mir soupieren? + + +_Fanny_ + +Das wäre reizend. + + +_Gentz_ + +Heut abend kann ich unmöglich, 's ist ein Diner beim Fürsten +und der französische Gesandte kommt hin. Der Fürst legt Wert +auf meine Anwesenheit. Aber morgen, wenn dir's recht ist, +Fanny? Gut, wir kommen morgen. + + +_Graf Reitzenstein_ + +Auf Wiedersehen denn. (Ab.) + + +_Fanny_ + +(die ihm nachgeschaut hat) + +Er ist ganz anders als sonst, der Felix ... + + +_Gentz_ + +Bist du nicht eifersüchtig auf dich selbst, da deine besten +Freunde eifersüchtig auf deine besten Freunde werden? + + +_Fanny_ + +Ist es so, dann tut er mir herzlich leid. + + +_Gentz_ + +Nun, die Dinge liegen so einfach nicht. Du steigst empor, du +richtest die Blicke der Menschen auf dich, die Männer, wie +sie einmal sind: eifersüchtig selbst da, wo sie nicht +lieben ... + + +_Fanny_ + +Oft denk ich mir, es wäre Zeit, dem Wiener Boden Valet zu +sagen -- + + +_Gentz_ + +Sprich's nicht aus, Kind. + + +_Fanny_ + +(schüchtern) + +Jetzt grade könnt ich's tun, Gentz. Ich hab einen Antrag +nach Berlin; soll an der königlichen Oper tanzen. + + +_Gentz_ + +Also doch! Wie hab ich den Moment gefürchtet. + + +_Fanny_ + +Ich tu's ja nicht, Gentz, tu's keinesfalls. + + +_Gentz_ + +Hat man dir den Kontrakt schon vorgelegt? + + +_Fanny_ + +Ja, ich hab ihn dabei. (Zieht das Dokument aus ihrem +Pompadour und übergibt es Gentz.) + + +_Gentz_ + +Laß sehn ... (liest) Ballette »Blaubart«, »die Fee und der +Ritter«, »Ottavio Pinelli«, »die Stumme von Portici« ... für +drei Monate ... die Summe von fünfzehnhundert Talern nebst +Spielhonorar ... (laut) Das ist nicht übel. Das wäre ja +durchaus nicht von der Hand zu weisen. + + +_Fanny_ + +(versucht gleichgültig zu erscheinen) + +Nicht wahr? Verlockend ist es. + + +_Gentz_ + +Du hast also Lust, zu den Berlinern zu gehen? + + +_Fanny_ + +(rasch) + +Nein, Gentz; eigentlich ganz und gar keine Lust. + + +_Gentz_ + +Den Antrag abzuweisen wäre nicht klug von dir. + + +_Fanny_ + +Man kann's ja aufs nächste Jahr verschieben. + + +_Gentz_ + +Nein. Die Welt verlangt nach dir. Dein Bezirk ist Europa, +der Erdball. + + +_Fanny_ + +Ist denn Berlin schon Europa? + + +_Gentz_ + +Für jeden beginnt Europa, beginnt die Welt da, wo er seine +Heimat verläßt. + + +_Fanny_ + +(mit sehnsüchtigen Blicken, trotz des entschiedenen Tons) + +So gern ich's möchte, Gentz, ich kann nicht von dir weg. Bei +dir weiß ich, daß ich behütet bin. Du hast alles aus mir +gemacht. Du warst alles für mich, mein Vater, mein Bruder, +mein Freund, mein Lehrer. Du hast mich aufgeweckt, ich hätte +keinen Ehrgeiz ohne dich, ich wüßte nichts von mir ... + + +_Gentz_ + +Doch kann ich dir den Ruhm nicht geben, der dich fern von +mir erwartet. + + +_Fanny_ + +Was soll mir der Ruhm, wenn ich ihn nicht bei dir vergessen +kann. + + +_Gentz_ + +Je länger ich überlege, je unverantwortlicher erscheint es +mir, dich zurückzuhalten. + + +_Fanny_ + +(mit unwillkürlich hingerissener Gebärde) + +Hinaus ins Unbekannte --! Eines ist ja wahr: zu eng wird's +mir hier. Sie glauben mir nicht ganz, ich bin ihnen nicht +fremd genug. + + +_Gentz_ + +Kehrst du zurück, so gebietest du denen, die dich jetzt nur +dulden. + + +_Fanny_ + +Und doch ... nein, 's ist unmöglich. Schau, Lieber, mit +Berlin ist's ja nicht abgetan. Da muß ich dann weiter. Da +lockt's mich weiter. Nach Paris, wo die Taglioni tanzt. + + +_Gentz_ + +Sie ist kalt, sie ist blutlos, ein Schatten gegen dich. + + +_Fanny_ + +Aber dort wissen sie, was tanzen heißt. Man ist stärker, +wenn's um den höheren Preis geht. Die Franzosen, siehst du, +die möcht ich behexen, und wenn die Taglioni ein Engel ist, +wie sie sagen, will ich zum Teufel werden. O, ich fühle, daß +ich's kann! Ich hab's neulich gespürt im Blaubart, das +ganze Theater war so still wie eine leere Kirche, und alle +Augen waren so feurig in der Dunkelheit. Ach, Gentz! Paris! +Paris! + + +_Gentz_ + +(der sich immer mehr in heroische Entsagung hineinlebt) + +Warum nicht? Paris ist nur eine Domäne des Glücksreichs, das +du gründen wirst. + + +_Fanny_ + +Und von Paris nach London, und von London nach Amerika. Die +Amerikaner sollen ja so reich sein, da könnt ich mir viel +Geld verdienen, herrliche Kostüme kaufen, die Dichter und +die Komponisten bezahlen, daß sie mir wunderbare Texte und +schöne Musik machen. O, ich hätte Mut. Das Meer fürcht ich +nicht und die Wildnis nicht. + + +_Gentz_ + +So gefällst du mir. So gärt der Most, aus dem edler Wein +wird. + + +_Fanny_ + +(enthusiastisch) + +Und lernen, lernen, lernen, Gentz! Weißt du, was man von der +Taglioni und ihrem Vater erzählt? Als sie in London war, +wohnte unter ihr ein Mann, der ließ ihr sagen, sie möchte +sich durch die Rücksicht auf seine Nachtruhe nicht in der +Arbeit stören lassen. Und was hat der alte Taglioni +geantwortet? Sagen Sie diesem Herrn, hat er dem Diener +zugerufen, daß ich noch nie den Schritt meiner Tochter +gehört habe, und daß ich sie verfluchen würde an dem Tag, wo +es geschähe. Das find ich groß! + + +_Gentz_ + +Du hast Gaben, um die dich eine Taglioni beneiden wird. + + +_Fanny_ + +(stockt, seufzt) + +Das ist's ja eben. Es ist einem oft zu Mut, als ob die +Menschen voll Haß wären gegen die Kunst. Der Neid, die +Mißgunst, wie soll ich's ertragen, wenn du mir nicht hilfst? +Du bist klug, bist mächtig, sie beugen sich vor dir, und +wenn ich bei dir bin, vergeß' ich die hämischen Gesichter. +Nein, ich will nicht fort. + + +_Gentz_ + +Ich kann dich nur bis dahin führen, wo dir der Sinn des +Daseins verständlicher wird, Fanny. Wir sind allein und +müssen allein bleiben, ein jeder. Vielleicht ist es deine +Aufgabe, dieses Gefühl der Einsamkeit, von dem die Menschen +erfüllt sind, in Schönheit zu verwandeln. Uns beide hat das +Geschick nur in einer Laune zusammengeworfen, mich am Ende, +dich am Anfang eines Wegs. Es ist mehr als Liebe, was uns +bindet. Du warst für mich geschaffen und fühlst es. Daß die +Zeit sich in unserer Geburt verrechnet hat, kann uns nicht +beirren. Nichts wird uns trennen, -- weshalb so viel Wesens +machen um die paar Meilen von hier bis Berlin? + + +_Fanny_ + +Und unsere Gespräche, unsere Ausflüge, unsere gemütlichen +Abende, wo wir das »Buch der Lieder« zusammen gelesen +haben ... + + +_Gentz_ + +(scherzhaft) + +Bst! Willst du wohl? Daß du mich nicht verrätst, denn dieser +Heine ist ein Erzliberaler. + + +_Fanny_ + +Doch liebt er die Tänzerinnen, so viel ich weiß. + + +_Gentz_ + +Ja, das tun die Liberalen sonst nicht. Und nun setz dich an +den Schreibtisch, nimm den Federkiel und schreib deinen +Namen unter den Kontrakt. + + +_Fanny_ + +(schalkhaft) + +Das heißt so viel, als du schickst mich fort? (Sie setzt +sich.) + + +_Gentz_ + +In dieser Minute schreibst du deinen Namen ins Firmament der +Unsterblichkeit. + + +_Fanny_ + +Noch ist's nicht geschehen, Gentz. Soll ich? Soll ich +wirklich? + + +_Gentz_ + +(legt seine Hand auf ihre Schulter, sie blickt zu ihm empor) + +Ich bin stolz darauf, deinen vollen Wert, von dem deine +Schönheit und deine Kunst nur Teile sind, erkannt zu haben, +und die Freundschaft, mit der du meine Liebe belohnst, +schätze ich höher als Güter der Erde. Ich lebe nur in dir, +Fanny; sterben hat keinen andern Sinn für mich als eine Welt +verlassen müssen, in der du atmest. Ich habe den Mut zu +glauben, daß mich nichts aus deinem Herzen reißen kann. Wenn +du mich durch einen einzigen Händedruck versicherst, daß ich +mich nicht irre, so bleibt mir nichts mehr zu wünschen +übrig. + + +_Fanny_ + +(gibt ihm die Hand) + +Ja, Gentz, Freundschaft, das ist das rechte Wort. + + +_Gentz_ + +Das einzige, Fanny? + + +_Fanny_ + +Gibt's ein besseres noch? + + +_Gentz_ + +Ich wag es nicht auszusprechen. Doch nun ich deine Hand +habe, bist du mir versprochen, Fanny. Es ist zwar nur die +linke, aber es ist mir keine lieber als die andre. Ich +drücke sie an die Lippen und mit der rechten schreib'. +Schreib deinen Namen, verschreib dich dem Ruhm. + + +_Fanny_ + +Schwer ist das Schreiben ohnehin, und erst wenn du mir den +Arm wegnimmst ... Also probier ich's (schreibt) Fanny ... +Elß ... ler. Wunderlich! Da steht's nun! Und ist nichts +geschehen eigentlich ... + + +_Gentz_ + +Siehst du, Fanny, so hab ich dich zu deinem Wunsch bekehrt. + + +_Fanny_ + +(dankbar) + +Gentz! Lieber! + + +_Jean_ + +(kommt) + +Es ist einer draußen und sagt, er will die gnä' Fräul'n +sprechen. + + +_Fanny_ + +Mich? + + +_Gentz_ + +Wer mag's denn sein? Hat er den Namen nicht genannt? + + +_Fanny_ + +(rasch) + +Ach richtig, das ist sicherlich der Stuhlmüller. + + +_Jean_ + +(verächtlich) + +Ja. Stuhlmüller. So nennt er sich. + + +_Fanny_ + +(mit blitzenden Augen) + +Weshalb spricht der Mensch so despektierlich, frag ich? + + +_Jean_ + +Entschuldigen die gnä' Fräul'n, aber ... + + +_Gentz_ + +(streng) + +Nichts. Genug. Frag ihn, was er will. (Jean ab.) Wie kann +der Bursch es wagen ... + + +_Fanny_ + +Aber ich versteh dich gar nicht ... abholen will er mich. 's +ist Prob am Nachmittag, und außerdem ... + + +_Gentz_ + +Außerdem? + + +_Jean_ + +(kommt zurück) + +Der Monsieur Stuhlmüller läßt sagen ... + + +_Gentz_ + +'s ist gut. Weiß schon. Soll draußen warten. (Jean ab.) +Außerdem, Fanny? + + +_Fanny_ + +Er ist's ja, Gentz, der Stuhlmüller, der mir den Kontrakt +verschafft hat, und jetzt brennt ihn halt die Neugier zu +erfahren -- + + +_Gentz_ + +_Er_ hat dir den Kontrakt verschafft? Wie kommt er denn +dazu? + + +_Fanny_ + +Er ist ja in Berlin engagiert, und ich soll seine Partnerin +sein. + + +_Gentz_ + +Er dein Partner, meinst du ... + + +_Fanny_ + +Ja, wenn du so willst ... + + +_Gentz_ + +Deshalb ist immer noch kein Grund für ihn, in mein Haus zu +dringen. + + +_Fanny_ + +Warum denn so feindselig, Gentz? + + +_Gentz_ + +Ich mag's nicht. Mag das Theatervolk nicht leiden. Haben +alle so was Penetrantes. + + +_Fanny_ + +Er war mir ein guter Kamerad. + + +_Gentz_ + +(mit den Händen auf dem Rücken hin- und hergehend) + +Das dacht ich mir. + + +_Fanny_ + +(langsam) + +Er war's ... (stockend) er ist's nimmer. + + +_Gentz_ + +(bleibt stehen) + +Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Also habt ihr euch +zerstritten? + + +_Fanny_ + +Er ist mir noch was anderes. + + +_Gentz_ + +(blickt sie starr an) + +Er ist dir sehr ergeben, hoff ich. + + +_Fanny_ + +Ergeben? Nein. Eher ... stolz. + + +_Gentz_ + +Der elende Komödiant! Werd ihm die Leviten lesen. + + +_Fanny_ + +Willst du denn _nicht_ begreifen, Gentz? (Lange Pause.) + + +_Gentz_ + +(die Hand an der Stirn, plötzlich schwer) + +Sprich nicht davon, Fanny. Sprich nicht davon. Du kennst +dich selber nicht. Du kennst mich nicht. + + +_Fanny_ + +(innig) + +Schau, Gentz, anders konnt' es doch nicht, durft' es doch +nicht kommen, oder die Natur ist nicht mehr Natur und Blut +nicht mehr Blut. + + +_Gentz_ + +(leise) + +Also doch ... Felix! Felix! -- Sprich nicht davon, Fanny! +(Ausbrechend.) Oder sag lieber, daß alte Männer langweilig +sind, daß sie graue Haare haben und schwarze Zähne, daß sie, +anstatt Liebesworte zu girren, besser ihr Testament abfassen +sollten, daß jung sein, nichts anderes bedeutet als grausam +sein, gefräßig sein, meineidig sein und daß man nicht +vergessen soll, zur rechten Zeit zu sterben ... Gott, wohin +verlier' ich mich! + + +_Fanny_ + +(erregt) + +Gentz, hör mich an. Den Kontrakt, noch kann ich ihn +zerreißen -- + + +_Gentz_ + +Nimmermehr, Fanny. Blieb ich darum weniger ein Greis? + + +_Fanny_ + +Dir dank ich alles, Gentz, und will dir's danken, ohne +Engigkeit, nicht bloß mit Reden, sondern von Herzen gern, +und da, in meinem Herzen, bist du und bleibst du allezeit. +Du bist mir das Höchste auf der Welt, als Mensch, und weil +du's bist, mußt du's verstehen, wenn ich mein Herz nicht vor +dir hehle. So war ja die Abrede zwischen uns, und immer +warst du darauf gefaßt. + + +_Gentz_ + +(düster) + +Man ist nie auf ein Ende gefaßt, wenn es da ist. Der +Glückliche steht immer an einem Anfang. + + +_Fanny_ + +Ein Ende, Gentz! Wer spricht vom Ende? Wahrlich, du betrübst +mich ganz und gar. Ich bin ganz irre jetzt. + + +_Gentz_ + +Sprich nur weiter, Fanny, so hör ich wenigstens deine +Stimme. + + +_Fanny_ + +Dir mag's von mindrem Wert erscheinen, was mich jetzt +erfüllt; vielleicht ist's auch so, doch was nützt Rede und +Widerrede, wenn dich die Sinne zwingen und dich auf den Weg +treiben, -- einem in die Arme, der wartet, wartet, und den du +nicht hast kommen sehn, und du mußt zu ihm, als ob's Gott +selber so beschlossen hätte. Rühmt' ich seine Augen oder +seinen Gang oder daß er's redlich meint und ein treues Gemüt +hat, so würd ich lügen, Gentz, denn dies ist's nicht, was +mich hintreibt, 's ist vielmehr wie ein Rhythmus beim Tanz, +der die Unruhe auflöst und die Luft um einen her dünner +macht. Auch auf Betrug war's nicht abgesehn, denn her bin +ich gekommen, um alles frei zu sagen, nur hat's mir weh um +dich getan. + + +_Gentz_ + +Wie deine Augen glänzen, Fanny ... + + +_Fanny_ + +Du mußt ihn sehen, Gentz! Wie er schreitet, sich bewegt! Wie +schlank er ist, wie er den Kopf wendet, wie edel er sich +hält, wie die Gelenke abgesetzt sind. Mit ihm zu tanzen, ist +halbe Arbeit; er trägt mich, schwingt mich so dahin. Wie +mir's bei dir geschieht, wenn ich im Leben zaghaft werde, so +gibt er mir Mut und Lust beim Tanz. + + +_Gentz_ + +Wann willst du reisen, Fanny? + + +_Fanny_ + +(mit gesenktem Kopf) + +Weiß noch nicht. In der nächsten Woche, denk ich. + + +_Gentz_ + +Wozu der lange Aufschub? Es wäre besser, du würdest morgen +reisen. + + +_Fanny_ + +Bist du so ungeduldig, mich los zu werden, Gentz? + + +_Gentz_ + +Ich will dir einen Platz auf der Post bestellen. + + +_Fanny_ + +Soll ich heut abend nicht zu dir kommen? + + +_Gentz_ + +Heut abend laß mich lieber allein. + + +_Fanny_ + +Jetzt will ich aber den armen Stuhlmüller nicht länger +warten lassen. + + +_Gentz_ + +Adieu, Fanny. + + +_Fanny_ + +Magst ihn nicht wenigstens sehen? Sprich ein freundlich Wort +mit ihm. + + +_Gentz_ + +Nicht heute, nicht jetzt. + + +_Fanny_ + +So leb wohl. (Reicht ihm die Hand.) + + +_Gentz_ + +Komm noch einmal ... + + +_Fanny_ + +Morgen komm ich wieder. + + +_Gentz_ + +Und übermorgen ... + + +_Fanny_ + +Übermorgen auch. + + +_Gentz_ + +Wie ein gehorsames Kind! + + +_Fanny_ + +Wie eine Tochter, ja. + + +_Gentz_ + +(zu dem Kupfergefäß, nimmt Rosen und gibt sie ihr) + +Hier, die Rosen, Fanny; nimm sie mit auf den Weg. + + +_Fanny_ + +Dank dir. + + +_Gentz_ + +Und sei glücklich. + + +_Fanny_ + +Dank dir schön. + + +_Gentz_ + +Und noch etwas: geh nicht direkt die Straße entlang, -- geh +am Gartentor mit ihm vorbei, damit ich euch sehe. Es ist nur +ein kleiner Umweg. + + +_Fanny_ + +Ist recht, Gentz. (Sie beugt sich schnell, küßt seine Hand; +ab.) + + +_Gentz_ + +(lauscht; dann auf und ab. Er geht zur Gartentür, schaut +angestrengt nach rechts hinüber) + +Da gehen sie hin, -- die jungen Leute! (Er zieht sein Lorgnon +heraus und verfolgt die sich Entfernenden mit den Blicken, +bis sie verschwunden sind, dann wendet er sich ab und läßt +sich in den Fauteuil sinken. In seinem Gesicht erlischt +gleichsam ein Feuer, und der Ausdruck wird völlig +greisenhaft.) Da gehen sie hin. Die jungen Leute. Als ob sie +einen Sarg in die Erde gesenkt hätten. Wozu die Trauer? Wozu +Opfer, wozu Treue, wozu Müh und Sorge? Das Leben schwindet, +das Krüglein ist geleert. Kein Wort mehr, Gentz, den letzten +Traum hast du dir verdient und bezahlt. Genug, genug. (Er +erhebt sich, greift nach der Handglocke.) Wie noch alles +hier nach ihrer Jugend riecht! Wie die Luft noch von jungem +Lachen klingt ... Kein Wort, kein Wort mehr, Gentz. (Er +läutet.) + + +_Jean_ + +(kommt) + +Herr Hofrat befehlen? + + +_Gentz_ + +Geh Er zum Fürsten Metternich und richt Er aus, daß ich zum +Diner heut abend nicht kommen kann. + + +_Jean_ + +Sehr wohl. + + +_Gentz_ + +Bring Er mir meinen Schlafrock, den türkischen und mach Er +Feuer im Ofen. 's ist kalt. + + +_Jean_ + +Sehr wohl. + + +_Gentz_ + +Sag Er den andern draußen, daß ich für niemand zu Hause bin. +Für niemand, hört Er? + + +_Jean_ + +Sehr wohl. + + +_Gentz_ + +Vor allem mach Er Feuer an. + + +_Jean_ + +Sofort. (Ab.) + + +_Gentz_ + +'s ist kalt. 's ist kalt. (Sinkt wieder in den Sessel.) Kein +Wort mehr, Gentz. (Bedeckt das Gesicht mit den Händen.) + +(Vorhang) + + + + +Der Turm von Frommetsfelden + + +Personen: + + Der Ritter Karl Heinrich von Lang, ansbachischer Domänenrat + Anna, seine Frau + Frau von Hänlein, deren Mutter + Leutnant Amandus Schlözer + Rechnungsrat Birnkoch + Kammerdirektor Mühlbach + Kasteljack, Schreiber + Fünf Bauern, darunter: Der Ringhofbauer, der Waldhofbauer, + der Erlhofbauer + Bärbel, Dienstmagd bei Langs + +Spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Ansbach. + + +Das geräumige Arbeitszimmer des Ritters von Lang, zugleich +eine Art Wohngemach. Die Möbel im französischen Geschmack +des achtzehnten Jahrhunderts. Rückwärts zwei Fenster mit +Aussicht auf romantisch verwinkeltes Häuserwerk. Links Tür +in die andern Zimmer, rechts in den Flur. + +_Frau von Hänlein_ ordnet die auf Tischen, Stühlen und Sofa +herumliegenden Bücher und Hefte; _Bärbel_ kehrt mit einem +riesigen Besen aus. + + +_Frau von Hänlein_ + +(eine stattliche Dame in der Mitte der vierzig; sehr +riegelsam, frisch, gesund, nur wenig angegraut) + +In aller Frühe war er also schon da? + + +_Bärbel_ + +Heroben war er nit. Vorbeigangen ist er am Haus, wie ich zum +Bäcker bin, und hat g'fragt, wie's der jungen Frau geht. + + +_Frau von Hänlein_ + +Scheint viel Zeit zu haben, der junge Herr. + + +_Bärbel_ + +Die Herren Leutnants möchten halter gern, daß an Krieg gitt. + + +_Frau von Hänlein_ + +Wenn ich der Lang wäre, ich tät ihm das Haus verbieten. Die +Männer sind zu schlampig in manchen Sachen. Du kannst jetzt +in die Küche gehn, Bärbel. In einer halben Stunde muß die +junge Frau ihre Milchsuppe bekommen. (Bärbel ab.) Sitzt da +herum. Schwatzt. Wär die Anna nicht die Anna, er könnt sie +am Ende um den Verstand schwatzen. Lang, Lang! So gescheit +du bist, so dumm bist du. + + +_Anna_ + +(kommt von links. Blasse, schlanke, zarte, zierliche Frau +von zwanzig Jahren. Sie trägt ein elegantes Morgengewand +nach Pariser Schnitt; lächelnd) + +Sprichst für dich alleine, Mutter, und räumst schon wieder? + + +_Frau von Hänlein_ + +Was zu räumen ist, räum' ich. Guten Morgen, Kind. Bist schon +aus dem Bett gehupft? 's ist erst zehn Uhr und der Doktor +hat gesagt, du sollst bis Mittag liegen. + + +_Anna_ + +(heiter) + +Erklärt mich der Doktor für krank, dann fühl' ich mich +gleich gesund. + + +_Frau von Hänlein_ + +Bist ja auch nicht krank, sollt' ich meinen. + + +_Anna_ + +Krank nicht, gesund auch nicht. Was soll man glauben! + + +_Frau von Hänlein_ + +Glaub an deine Natur. + + +_Anna_ + +Grad die Natur macht mich oft irre. Oft versuch ich froh zu +sein, dann kommt unversehens die Traurigkeit. + + +_Frau von Hänlein_ + +Wie hast denn geschlafen heute? + + +_Anna_ + +Einen wunderlichen Traum hab ich gehabt, Mutter. + + +_Frau von Hänlein_ + +Laß hören. Vielleicht kann ich ihn deuten. + + +_Anna_ + +(setzt sich aufs Sofa, Frau von Hänlein bleibt vor ihr +stehen) + +Mir träumte, ich war in Frommetsfelden und alles war noch +so, wie ich ein Kind gewesen. Der schöne Garten mit den +vielen Obstbäumen, alle voller Äpfel und Birnen und die +lieben alten niedlichen Häuschen, und ich geh so und freu +mich über den blauen Himmel, und wie ich so gehe, wird's auf +einmal stockfinstre Nacht, und auf einmal seh ich Flammen, +und das ganze Städtchen steht lichterloh in Brand. Mir wird +Angst, und ich weiß nicht wohin, da packt mich Karl Heinrich +am Arm, so fest, daß mir's durch und durch weh tut. Laß +mich wenigstens noch in meinen Garten, bitt ich ihn, aber er +schüttelt den Kopf, macht ein böses Gesicht und hält mich +nur immer fester. Da seh ich den Leutnant Schlözer kommen, +er winkt mir so freundlich, daß mir ganz warm ums Herz wird, +und plötzlich kann ich zu ihm hingehen, und wie ich bei ihm +bin, da sind wir im Garten, und aus einem schönen blauen +Krug gibt er mir Wasser zu trinken. Dabei ist mir immer +wohler und wohler geworden, und so bin ich aufgewacht. + + +_Frau von Hänlein_ + +Das war das Vernünftigste, was du hast tun können, das +Aufwachen. + + +_Anna_ + +Sollen die Träume auch noch vernünftig sein? Schau, Mutter, +ich fühl' mich so verlassen oft. + + +_Frau von Hänlein_ + +(setzt sich zu ihr, tadelnd) + +Und du hast doch den besten Mann von der Welt. + + +_Anna_ + +(steht auf, geht zum Fenster) + +'s ist wahr. + + +_Frau von Hänlein_ + +Ist's wahr mit Seufzen, so ist's Lüge. + + +_Anna_ + +Weiß wirklich nicht, wie mir zumut ist ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Hör' zu, Anna. Du solltest dich weniger mit dem Leutnant +Schlözer abgeben. Ein paar Monate seid ihr erst verheiratet, +und, -- es schickt sich eben nicht. Lang muß sich auch +kränken. + + +_Anna_ + +(bitter) + +Karl Heinrich? Oh nein, Mutter. Oh nein. Der kränkt sich +nicht. Darüber nicht. + + +_Frau von Hänlein_ + +Warum nicht _da_rüber? Etwa weil er nicht darüber spricht? + + +_Anna_ + +Wüßt ich's nur! Das ist's ja, was mich quält. Er denkt nur +an die Verwaltung. Nur seine Eingaben und Verbesserungen hat +er im Kopf. + + +_Frau von Hänlein_ + +(lacht) + +Bist eifersüchtig auf die Verwaltung? Damit mußt du dich +abfinden. Ein Mann gehört seinem Beruf. + + +_Anna_ + +(mit niedergeschlagenen Augen) + +So bin ich betrogen worden, Mutter. Man hat mir's anders +eingeredet. + + +_Frau von Hänlein_ + +Als dein Vater auf dem Totenbett lag, sagte er zu mir: +Schau, Rieke, du hast ja graue Haare an den Schläfen. Da hab +ich ihm antworten müssen: Dummer Mann, die grauen Haare hab +ich schon seit sechs Jahren. Glaubst du, wir haben uns +deshalb minder lieb gehabt? + + +_Anna_ + +Ach, -- Liebe! Das ist viel, oder 's ist wenig, je nachdem! +Wie kann ich wissen, ob sie _mir_ gilt, (mit beiden Händen +an der Brust) ob's _meine_ Liebe ist, die erwidert wird, +ganz genau meine? + + +_Frau von Hänlein_ + +Warum soll es denn, um Gottes willen, ganz genau die deine +sein? Wir Menschen sind doch aus verschiedenem Teig. + + +_Anna_ + +Ist sie ihm mehr wert als das Amt? Was Größeres als die +Geschäfte? Was anderes als eine Stunde zum Vergessen? Ich +will wissen, ob sie mir gilt, mir ganz allein und ganz so +wie ich bin. + + +_Frau von Hänlein_ + +Kind, spiel du nicht mit Worten, denn das heißt so viel wie +zum Teufel beten. (Sie steht auf.) + + +_Anna_ + +Was sind mir seine Geschenke, wenn ich das nicht weiß? Er +ist so verschlossen; so viel fremdes Leben bringt er mit. +Seine Augen sind fremd. Sein Gesicht ist fremd. Mir ist als +hätt ich sein wirkliches Gesicht noch kaum gesehen; als ob +er gar nicht leiden könnte um was. Immer möcht ich grübeln, +wenn er mit mir redet; indes sein Wort weiter geht, bin ich +noch beim ersten und frag mich: wo bist du, Karl Heinrich? +Ich find ihn nicht. Muß ich ihm nicht auch fremd sein? Wie +wird er mich nehmen, wenn mein Fremdestes zu seinem Herzen +will? + + +_Frau von Hänlein_ + +(bekümmert) + +Das kommt mir alles wie Sünde vor. Auch versteh ich's nicht. +Ich bin schon froh, wenn mich die Sonne bescheint. + + +_Bärbel_ + +(von rechts) + +A Herr is da un will unsern Herrn sprech'n. + + +_Frau von Hänlein_ + +Unser Herr ist ausgegangen. + + +_Bärbel_ + +Der Herr will auf unsern Herrn wart'n. + + +_Frau von Hänlein_ + +Was ist's denn für ein Herr? + + +_Bärbel_ + +Birnkoch haaßt 'r. + + +_Rechnungsrat Birnkoch_ + +(unter die Türe tretend; ein dicker, kleiner, geschniegelter +junger Mann mit Glatzkopf und einem eiertanzähnlichen Gang) + +#Excusez, mes dames --# + + +_Frau von Hänlein_ + +Der Herr Rechnungsrat! Bitte nur einzutreten, Herr +Rechnungsrat. + + +_Birnkoch_ + +Ist nicht meine Absicht, die Damen zu troublieren. #Bonjour, +mesdames#. Frau Domänenrätin, meine Reverenz. Wie befindet +sich dero beneidenswerter Gatte? + + +_Frau von Hänlein_ + +(hastig, um Annas zerstreutes Schweigen zu verdecken) + +Mein Schwiegersohn ist zur Inspektion des Waisenhauses, Herr +Rechnungsrat. Müssen Sie ihn dringend sprechen, so schick +ich hinüber. + + +_Birnkoch_ + +Inspektion in aller Frühe? Ein rühriger Beamter, der +Domänenrat Lang, #un caractère de fer#. Wollen Sie hinüber +schicken? Ich bitte, nein. Allerdings habe ich ein Anliegen, +will sagen einen Auftrag von Seiner Exzellenz, dem Minister +Haugwitz, der die Gnade hatte, mit mir in Berlin zu +konferieren ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Nun, wenn es von Wichtigkeit ist, Herr Rechnungsrat ... +(Will zur Tür.) + + +_Birnkoch_ + +Bitte nein, Madame. Muß wohl von einiger #importance# sein, +da man mich damit beauftragt hat. Aber, bitte nein. Das +Vergnügen, Ihnen Gesellschaft leisten zu dürfen ... Es +handelt sich um die fatale Affäre ... #une chose ridicule, +au fond# ... mit dem Turm von ... von ... #quel nom +abominable# ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Mit dem eingestürzten Stadtturm vielleicht --? + + +_Birnkoch_ + +Ganz richtig, Madame; mit dem eingestürzten Stadtturm. In +... in ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Frommetsfelden. + + +_Birnkoch_ + +#Milles mercis, madame#. Frommetsfelden. #Mon Dieu,# was für +seltsame ... Bezeichnungen in Deutschland die Dörfer haben! + + +_Anna_ + +(die am Fenster gesessen ist, hat erstaunt aufgehorcht) + +Wie, Mutter, -- in Frommetsfelden ist der Turm eingestürzt? + + +_Birnkoch_ + +Ganz wie Sie sagen, Frau Domänenrätin. Von oben bis unten +eingestürzt. + + +_Frau von Hänlein_ + +(verschüchtert durch Annas erschrockene Miene) + +War ja ein altes, baufälliges Gerümpel, der Turm. + + +_Birnkoch_ + +#C'est ça.# Uralt. Und baufällig, jawohl. Baufällig. +Unbedingt baufällig. Deshalb ist er ja eben eingestürzt. + + +_Anna_ + +Wann ist denn das geschehen? + + +_Birnkoch_ + +Nun ... es mögen drei bis vier Wochen sein. Eher vier. +Jawohl. Vier bis fünf Wochen, jawohl. + + +_Anna_ + +Davon hat mir Karl Heinrich kein Wort gesagt ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Daß dich das sonderlich interessiert, hat er nicht denken +können. + + +_Birnkoch_ + +So wissen Sie auch nicht, daß der Herr Domänenrat sich +weigert, mit allen Gründen seiner Amtsgewalt sich weigert, +den Turm wieder aufbauen zu lassen? + + +_Anna_ + +Er will ihn nicht wieder aufbauen lassen? + + +_Birnkoch_ + +#Une marotte! une marotte inexplicable!# Er weigert sich. +Die Regierung selbst unterstützt das Verlangen der Bauern. +Und er weigert sich. #C'est son entêtement.# + + +_Anna_ + +Aus welchem Grund will er denn den Turm nicht bauen lassen? + + +_Birnkoch_ + +#Parole d'honneur,# ich weiß ihn nicht, den Grund. Und wüßt +ich ihn, so könnt ich ihn keinesfalls approuvieren. Aber ich +bin erfreut, Madame, daß Sie an der Sache solchen Anteil +nehmen. Da kann man ja auf Ihre Unterstützung rechnen ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Meine Tochter nämlich, Herr Rechnungsrat, hat ihre ganze +Jugend dort in Frommetsfelden zugebracht. Sie hat bei ihrem +Oheim auf dem Gut gelebt, während ich mit meinem Mann in der +Welt herumgezogen bin. + + +_Birnkoch_ + +Verstehe ... + + +_Frau von Hänlein_ + +Da ist ihr natürlich jeder Baum und jeder Stein ans Herz +gewachsen. + + +_Birnkoch_ + +Verstehe. Die Erinnerung. #Le souvenir.# Verstehe. (Zitiert +mit preziösem Tonfall.) + + Erinnerung taucht ihren Farbenpinsel + Ins wunde Herz und übermalt den Gram. + Sie fleucht mit dir auf eine Zauberinsel, + Wenn das Geschick dir Mut und Freude nahm. + +Verstehe. + + +_Frau von Hänlein_ + +Reizend, Herr Rechnungsrat. Haben Sie das selbst gedichtet? + + +_Birnkoch_ + +Nicht ganz. Nicht ganz. Hab's mir aus einer #anthologie# +kopieren lassen. + +(Es klopft, ein kleines Mädchen tritt verschämt ein. Sie +trägt einen Fliederstrauß in der Hand, blickt von einem zum +andern, eilt jäh auf Anna zu und überreicht ihr den Strauß +mit einem Knix.) + + +_Birnkoch_ + +Sieh da, sieh da! Flieder schon, im März? + + +_Anna_ + +(erhebt sich; tief errötend) + +Von wem ist denn der Flieder, Kind? (Schnell, ehe das +Mädchen antworten kann.) Ist schon gut. Ich laß mich recht +sehr bedanken. Da hast was für den Zuckerbäcker. (Gibt ihr +ein Geldstück; das Mädchen geht.) + + +_Frau von Hänlein_ + +(leise mahnend) + +Anna! + + +_Birnkoch_ + +Befinde ich mich in einem #erreur,# wenn ich annehme, daß +Sie den Spender kennen, Frau Domänenrätin? + + +_Anna_ + +(für sich) + +Herrlich! Herrlich! (Steckt das ganze Gesicht in den Strauß +und atmet mit Inbrunst; flüsternd.) Mein Traum!... + + +_Frau von Hänlein_ + +(am Fenster) + +Da kommt der Domänenrat! (Sie winkt hinunter.) + + +_Anna_ + +(stellt die Blumen in eine Vase vor die Spiegelkonsole, +betrachtet entzückt die Wirkung). + + +_Frau von Hänlein_ + +Weshalb stellst du denn den Strauß vor'n Spiegel, Anna? + + +_Anna_ + +(ohne sich umzuwenden, lächelnd) + +Dann sieht es aus, als ob ich zwei Sträuße hätte. + + +_Birnkoch_ + +#C'est drôle! c'est ravissant!# + + +_Ritter von Lang_ + +(tritt ein. Er ist ein mittelgroßer, stämmiger Mann mit +einer starken, energischen Stimme; sein Gesicht ist der Mode +der Zeit gemäß bartlos, sein Wesen hat ein kühnes +Selbstbewußtsein wie das eines Menschen, der seinen Wert +genau kennt und sich außerdem mit Absicht von andern +Beamten, ihrem Servilismus nach oben, ihrer Brutalität nach +unten, unterscheiden will) + +Guten Morgen, Herr Birnkoch; hab' gestern schon gehört, daß +Sie wieder in Ansbach sind. -- Bist schon so frühzeitig +munter, Anna? (Küßt sie auf die Stirn.) -- Woher ist denn der +frische Flieder da? + + +_Anna_ + +Daß du's gleich gesehen hast! (Nimmt seine Hand und sieht +ihn hell an.) Er hat's gleich gesehen, Mutter. + + +_Frau von Hänlein_ + +Werden vom Hofgärtner aus dem Treibhaus sein ... (Raunt +Lang in die Ohren.) Nennen Sie ihn doch nicht Birnkoch, +lieber Lang! Wollen Sie ihn auf Lebenszeit zum Feind haben? + + +_Lang_ + +(lacht kurz, dann sehr höflich) + +Warten Sie schon lang, Herr Rechnungsrat? Was gibt's? Soll +ich die Frauenzimmer fortschicken? + + +_Birnkoch_ + +Beileibe, Herr Domänenrat, beileibe nicht. Die Damen und +ich, wir haben uns über den Gegenstand schon ausgesprochen +und sind ganz #d'accord.# Denn Sie müssen nachgeben in der +Affäre mit dem närrischen Turm. + + +_Lang_ + +Potz Knackwurst, lieber Birnkoch -- + + +_Birnkoch_ + +(indigniert und weinerlich) + +Aber hochgeschätzter Herr Domänenrat, warum wollen Sie mir +nicht meinen sauer verdienten Titul zubilligen? + + +_Lang_ + +Schön, Herr Rechnungsrat. Ich sage nur, wenn Sie einen +ganzen Harem von Weibspersonen um mich aufstellen, der Lang +gibt nicht nach. In _der_ Sache nicht. + + +_Birnkoch_ + +Es ist der entschiedene Wunsch Seiner Exzellenz, des +Ministers Haugwitz -- + + +_Lang_ + +Vor allem steht es so, daß ich, in meinem Ressort, Befehle +nur vom Fürsten Hardenberg empfange. Es ist mir ja bekannt +geworden, daß der Fürst, der mir freundlich gesinnt ist, +durch allerlei Kabalen aus seinem Amt gedrängt werden soll, +aber eine offizielle Mitteilung habe ich darüber nicht +erhalten. + + +_Birnkoch_ + +Seine Exzellenz, der Minister Haugwitz hat über den Fall +eine Note abfertigen lassen -- (zieht sein Portefeuille.) + + +_Lang_ + +Ihr könnt Noten schmieren, so viel ihr wollt. Das lebendige +Bedürfnis spricht anders. + + +_Birnkoch_ + +(bestürzt) + +#Mon dieu!# Sie anerkennen also keine höhere Instanz? + + +_Lang_ + +Instanz? Zu deutsch: Schleichweg. Der Minister Haugwitz ist +von Kreaturen umgeben, die ihren Vorteil suchen. + + +_Birnkoch_ + +Eine solche Verdächtigung muß ich mit aller zukömmlichen +Entschiedenheit repoussieren. + + +_Anna_ + +(zwischen beide tretend, sehr sanft) + +Warum soll denn der Turm nicht wieder aufgebaut werden, Karl +Heinrich? + + +_Lang_ + +(barsch) + +Misch du dich nicht in die Affären, Kind. + + +_Frau von Hänlein_ + +(nimmt sie am Arm, leise) + +Er hat recht. Er muß wissen, was er tut. + + +_Lang_ + +Ist dem Minister auch wahrheitsgemäß angegeben worden, was +der Wiederaufbau des Turmes kostet? + + +_Birnkoch_ + +(in seinen Papieren blätternd) + +Der Baurat Österlein hat vierhundert Gulden in Voranschlag +gebracht. + + +_Lang_ + +Dann ist der Baurat Österlein ein ganz gemeiner Schwindler, +der einen Auftrag will und eine Versprechung leistet, die er +nicht halten kann. Das sag ich ihm auf den Kopf zu. + + +_Birnkoch_ + +Sie erschrecken mich, Herr Domänenrat -- + + +_Lang_ + +Das Vierfache reicht nicht hin. Aus meinen genauen +Berechnungen geht hervor, daß bei aller Sparsamkeit +achtzehnhundert bis zweitausend Gulden nötig sind. + + +_Birnkoch_ + +#Eh bien,# wenn die Bauern dafür aufkommen wollen und die +Regierung einen Beitrag gibt --? + + +_Lang_ + +Die Bauern, die sich ohnehin unterm Steuerdruck winden? Und +die Regierung, die kann das teure Geld förderlicher +verwenden. + + +_Birnkoch_ + +(spitz und kalt) + +Inwiefern förderlicher, wenn ich bitten darf? + + +_Lang_ + +Herr, in Frommetsfelden ist keine Schule! + + +_Birnkoch_ + +(heuchlerisch bekümmert) + +Ei, ei, ei ... + + +_Lang_ + +Bei Regen, bei Frost, im tiefsten Schnee müssen die Kinder +zwei Stunden laufen, um in die nächste Schule zu gelangen. +Die Folge? Weitaus die meisten Eltern behalten ihre +Sprößlinge zu Haus und erziehen dem Staat Analphabeten. Ich +will Ihnen eine Schule bauen für das Geld, das der Turm +kosten würde. + + +_Birnkoch_ + +Unter uns, -- finden Sie denn diese sogenannte Bildung +wirklich so notwendig für das Volk? Durch jeden Bauern, der +lesen und schreiben kann, wird uns das Regieren schwerer +gemacht. + + +_Lang_ + +Meine Ambition ist nicht, den Herrschaften das Regieren zu +erleichtern. Was ihr gern seht, das ist eine möglichst große +Armee von Nullen. Und jede Null soll zugleich ein Geldsack +sein, ein Ding jedenfalls ohne Kopf und ohne Füße, und wenn +ihr diese ganze Nullenkarawane gemächlich vor euch hinrollt, +das nennt ihr dann regieren. + + +_Birnkoch_ + +(entsetzt) + +#Mais, monsieur! Ce sont des idées revolutionaires!# + + +_Lang_ + +Das ist meine Ansicht. + + +_Birnkoch_ + +(dem nicht mehr ganz geheuer ist) + +Aber ... ich meine ... wenn wo ein Turm einstürzt ... wenn +überhaupt wo was einstürzt, muß man's doch wieder aufbauen. + + +_Lang_ + +Ich bin dafür, daß man Ruinen wegräumt und nicht neue +schafft. + + +_Birnkoch_ + +(rafft sich auf; würdevoll) + +Sohin ist meine Mission beendet. Ich werde nicht ermangeln, +höheren Orts Bericht zu erstatten. + + +_Lang_ + +Das bleibt Ihnen unbenommen. + + +_Birnkoch_ + +Ich habe in der leidigen Angelegenheit um elf Uhr noch eine +#conférence# mit dem Herrn Präsidenten von Schuckmann -- + + +_Lang_ + +Weiß schon. Der Präsident hat mich dazu gebeten. Man zwickt +und zwackt mich von allen Seiten. In einer halben Stunde +komm' ich hinüber. Habe vorher noch ein Referat zu +erledigen. (Verbirgt mühsam seinen Ärger und begibt sich, +nach einem kurzen Kompliment, unhöflicherweise sogleich an +seinen Schreibtisch.) + + +_Birnkoch_ + +#Mesdames#, meine ehrerbietigste Empfehlung. + + +_Frau von Hänlein_ + +(macht bedauernde Gesten, um Lang zu entschuldigen, und +begleitet Birnkoch. Ehe noch die Tür ganz geschlossen ist, +hört man von draußen) + + +_Birnkochs Stimme_ + +Seien Sie versichert, Madame, daran ist der Bonaparte +schuld. Der Bonaparte sitzt ihm im Nacken. Schade, +jammerschade ... + + +_Lang_ + +(horcht auf, lacht vor sich hin, während er schreibt) + +Der Bonaparte muß allen Faulenzern den Wauwau machen. +(Schreibt.) Aber sein Französisch reden sie. (Schreibt.) Und +miserabel noch dazu. + + +_Anna_ + +(hat sich vorsichtig genähert und schaut Lang über die +Schulter. Sie schüttelt den Kopf, als ob sie sagen wollte: +er spürt mich nicht. Endlich legt sie ihm die Hände auf die +Schultern). + + +_Lang_ + +Was gibt's denn, Anna? (Schreibt weiter.) + + +_Anna_ + +Hast du nicht ein Minütchen Zeit für mich? + + +_Lang_ + +(ein bißchen ungeduldig) + +Sag nur, was du willst. Ich bin ja beschäftigt, wie du +siehst. + + +_Anna_ + +(schweigt, entfernt sich seufzend). + + +_Lang_ + +(schreibt) + +Na sag's nur, aber geschwind. + + +_Anna_ + +Manche Dinge kann man nicht geschwind sagen. + + +_Lang_ + +Dann sind's gewiß überflüssige Dinge. + + +_Anna_ + +(nähert sich von neuem, neigt sich über ihn; mit einem +Versuch zur Koketterie) + +Weißt, von wem ich den Flieder hab'? + + +_Lang_ + +(stockt; kleine Pause, scheinbar gleichgültig) + +Von wem ... vom Leutnant Schlözer natürlich. + + +_Anna_ + +Falsch geraten. Nein, richtig geraten. Ist's nicht nett von +ihm? Er weiß, daß mich Blumen ganz toll machen vor Freude. +(Naiv.) Aber das blaue Seidenkleid, das du mir vom Baron +Imhoff aus Paris hast bringen lassen, ist wunderschön. + + +_Lang_ + +(schreibt wieder) + +Sollst es tragen, wenn der Fürst kommt. + + +_Anna_ + +Das dauert bis zum Herbst. + + +_Lang_ + +Bis dahin wird's nicht altmodisch. + + +_Anna_ + +Ob ich aber dann noch lebe ... + + +_Lang_ + +(kehrt sich rasch um) + +Anna! + + +_Anna_ + +Flieder, der verwelkt von heut auf morgen. Der ist für den +Augenblick. So ein Kleid, das soll täuschen über den +Augenblick. + + +_Lang_ + +Du quälst dich mit Hirngespinsten und mich nicht minder. + + +_Anna_ + +Hirngespinste? Das Hirn spinnt, was das Herz bewegt. + + +_Lang_ + +(steht auf) + +Du darfst mir nicht den Boden unter den Füßen wegziehen, +Anneli. Gegen Menschen kann ich streiten, gegen Schatten +nicht. + + +_Anna_ + +(verzagt, sieht ihn groß an) + +Mir ist so bang. + + +_Lang_ + +Weshalb denn, Anna? + + +_Anna_ + +Um dich, um mich, um uns beide ist mir bang. Ich seh dich +oft gar nicht. Du bist so fern, auch jetzt, wo du vor mir +stehst. Und ich weiß, du siehst mich auch nicht. Mir ist, +als ob wir zwei Blinde wären, die vergeblich mit den Händen +nacheinander greifen. Du bist so tüchtig, so fest, so klug, +aber es ist was in dir, was mich schreckt. Ganz, ganz nahe +möcht ich oft zu dir und kann nicht, wie wenn einem das +eigene Haus zugesperrt wär'. + + +_Lang_ + +(kopfschüttelnd, doch heimlich erleichtert) + +Schau, schau, was für eine kleine Schwärmerin du bist! + + +_Anna_ + +(verletzt) + +Nein, Karl Heinrich, wirf's nicht mit einem Wort von dir. +Bist doch sonst ein Feind von denen, die sich's bequem +machen. Mich sollst du dir auch nicht bequem machen. + + +_Lang_ + +(ablehnend) + +Ich versteh dich nicht, Kind. Mir ist das alles Spiel, was +du vorbringst. Zum Spielen ist mir der Tag zu wert. (Will +sich wieder zur Arbeit setzen.) + + +_Anna_ + +(schmiegt sich an ihn, mit einem jähen Entschluß, bittend) + +Schenk mir den Turm, Karl Heinrich! + + +_Lang_ + +(verwundert) + +Den Turm? Was für einen Turm? + + +_Anna_ + +Den Turm in Frommetsfelden. + + +_Lang_ + +Was soll das heißen? -- Der Turm ist ja eingestürzt. + + +_Anna_ + +(leidenschaftlich schmeichelnd) + +So bau ihn wieder auf! Bau ihn! Für mich! + + +_Lang_ + +(ruhig) + +Solchen Unsinn kannst du von mir im Ernst nicht verlangen. + + +_Anna_ + +(beteuernd) + +Im tiefen, heiligen Ernst. Ist kein Unsinn, Karl Heinrich; +ist ein Wunsch, nur ein Wunsch. + + +_Lang_ + +Den ich unmöglich erfüllen kann; oder ich würde mich zum +Windbeutel machen. Denk doch nach -- + + +_Anna_ + +Denk ich nach, kann ich den Wunsch nicht mehr so spüren. + + +_Lang_ + +Nun also! + + +_Anna_ + +Wünschen ist stärker als denken. Du nennst's vielleicht eine +Laune. + + +_Lang_ + +Eine üble noch dazu. + + +_Anna_ + +(ruhiger) + +Schau, der Turm war mir immer was Ehrwürdiges, das zum +Himmel lockt. So stolz und wacker ist er gestanden, so fest +und alt ins Firmament hineingegossen, und so unvergänglich, +weißt du, als stünd' er von Anbeginn der Welt bis zum Ende. +Wenn ich als Kind nachts vom Schlaf erwacht bin, hab ich die +Glocke gehört; dumpf und schwer und mächtig langsam und so +wohllautend wie des Herrgotts Stimme selber. Wie Zeit und +Ewigkeit hat's da zusammengeklungen, zwischen Schlag und +Schlag war ein ganzes Leben, gute Träume, böse Träume, und +die Nacht ist so groß geworden, und der Tag so fern ... +Aber wär's nur darum, so wär's am Ende wirklich Laune. Darum +ist's aber nicht. + + +_Lang_ + +So erklär dich deutlicher. + + +_Anna_ + +Ach, daß du's nicht begreifst, daß du's nicht ahndest! + + +_Lang_ + +Und daß auch _du_ mir's noch schwer machst, Anna, auch du! +Bin ich denn nicht wie der böse Feind dahier geachtet? Jede +Handlung, die dem gemeinen Wesen zugute kommen soll, braucht +zwanzig Schreibereien. Wohin du blickst, die ärgsten +Mißbräuche, Zehrungen und Unterschleife. Was an Steuern dem +armen Volk erpreßt wird, geht für die Zeche der Herren auf. +Meinst du, ich könnte nicht gleichfalls so ein Diätenfresser +sein? Und sparte mir die Galle dabei. Was für Zustände, +Anna! Davon hast du ja keinen Begriff! Im Alumneninstitut +des Gymnasiums lauter feuchte, ungeheizte Stuben, wo die +schamlos vernachlässigten Schüler öffentlichen und +heimlichen Sünden frönen. Dabei muß man alljährlich das Geld +aufborgen, um nur den Kostwirt bezahlen zu können. Im +Waisenhaus sind den Kindern vor lauter Krätze und englischer +Krankheit Hände und Füße gebogen und die Köpfe +aufgeschwollen. In der elenden Baracke, genannt Seelhaus und +Lazarett, liegen scheußliche Gestalten halbnackt auf +muffigem Stroh. Fragt man: wo ist das Geld? Es ist nicht da. +Es ist aber doch dafür bestimmt worden --? Ja, es ist aber +nicht da. Keiner hält stand, keinen kannst du beim +Schlafittich packen; alle, die davon fett werden, daß nichts +geschieht, spritzen dir ihr Gift ins Gesicht, bei jeder +nützlichen Anordnung setzen sich die Magistrate selbst +entgegen; hinter denen stecken wieder die Verwalter, die +Advokaten, die Gutsbesitzer, die Latifundienräuber, die +Bevollmächtigten der Regierung, und so geschieht's, daß ich +im ganzen Land als unbarmherziger Mann verschrien bin, und +daß man mich durch Appelle und Eingaben und Rekurse und +Beschwerden und Ränke und Quertreibereien ermüden und +zurückhalten will. Und nun kommst du auch noch und nagst an +mir. + + +_Anna_ + +Ich seh's wohl ein; Grund und Recht sind auf deiner Seite, +und als gute Frau dürft ich nicht zuwiderstimmen. Mein Grund +ist unaussprechlich und liegt vielleicht nur in meinen +Augen; nur in meinem Blick, wenn er deinem begegnet. Sieh +mich an, Karl Heinrich! Ist's Lüge, dann ist alles Lüge, was +mich zu dir treibt. Denk, es ist ein Gebet. Oder denk, es +ist eine Krankheit in dir, die du selber nicht kennst, und +du mußt sie durch einen bittern Trunk heilen. + + +_Lang_ + +Ich kann dir nicht helfen, Anna. Der Frommetsfelder Turm +darf mir nicht gebaut werden, so lang ich hier im Amt bin. + + +_Anna_ + +(wendet sich weg, läßt die Arme schlaff fallen und den Kopf +tief sinken). + + +_Lang_ + +Ist mir leid um dich, Anneli, denn in deinem Begehren ist +was, das mir wie freventlicher Übermut erscheint. Zart bist +du beschaffen, aber es ist was Verwegenes in dir, und wollt +ich mich dem fügen, so wär' ich geliefert für alle Zeit. Ihr +Weiber habt oft so eine spindeldürre Phantastik in euerm +Kopf; wenn man sich davon einfangen läßt, geht's einem wie +Simson, dem Propheten. + + +_Anna_ + +(geht langsam gegen die Türe links, zögert noch vor der +Schwelle, dann ab). + + +_Lang_ + +(wandert unruhig hin und her) + +Ist ein feines Geschöpflein, und kann sich nicht abfinden +mit ihrem begehrlichen Gemüt. Nährst du's, frißt's dich +auf. Mußt es ziehen lassen, als ob's ne Wolke wär'. Die eine +Wolke könnt ich ja vertragen, wird nicht gleich Blitz und +Donnerwetter geben. Eheweisheit ist ein ander Ding denn +Amtsweisheit. (Schaut auf die Uhr.) Die Zeit ist mir schon +wieder davongelaufen. (Wie er zur Tür will, klopft es.) +Herein! + + +_Leutnant Amandus Schlözer_ + +(tritt von rechts an. Er ist einundzwanzig Jahre alt, sehr +schlank, mit einem gut markierten, charaktervollen Gesicht +und Augen, in denen sich der Romantiker verrät. Sein Betragen +schwankt zwischen Schüchternheit und soldatischer Offenheit +und Kürze. Er trägt die preußische Infanterieuniform) + +Verzeihung, Herr Domänenrat, wenn ich Sie störe -- (Verbeugt +sich, grüßt militärisch.) + + +_Lang_ + +(flüchtig) + +Guten Morgen, Herr Leutnant. Ich weiß nicht, ob meine Frau +Sie empfangen kann ... + + +_Schlözer_ + +Ich möchte, Herr Domänenrat, wenn ich Sie nicht von +dringenden Geschäften zurückhalte, ein paar Worte mit Ihnen +allein -- + + +_Lang_ + +(stirnrunzelnd) + +Ich habe allerdings ... ich werde beim Präsidenten erwartet +... Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Leutnant? Wollen Sie +Platz nehmen? + + +_Schlözer_ + +Merci. (Bleibt stehen.) Ich wollte Ihnen nur sagen, Herr +Domänenrat ... es ist etwas in mir, was mich zwingt, Ihnen +diese Mitteilung zu machen, ... daß ich abzureisen genötigt +bin. + + +_Lang_ + +(leichthin, jedoch etwas aufmerksamer) + +Wirklich, Herr Leutnant? Sind es Gründe privater Natur, die +einen so raschen Entschluß hervorgerufen haben? + + +_Schlözer_ + +(gepreßt) + +Ja. Gründe von der dringendsten Beschaffenheit. Mein +Urlaubsgesuch ist bereits bewilligt. Die Postpferde sind +bestellt. + + +_Lang_ + +(konventionell) + +Es tut mir leid, Herr Leutnant. Wir hatten gehofft, Sie +länger hier halten zu können. Freilich, -- die Provinz. + + +_Schlözer_ + +(mit festem Blick) + +Dies ist es nicht, Herr Domänenrat. Es ist schwer zu sagen +... doch kam ich deshalb her ... und so sei es gesagt: Herr +Domänenrat, ich liebe Ihre Frau. + + +_Lang_ + +(sieht ihn schweigend an; dann mit starker Überwindung) + +Das nennt man ohne Umstände deutlich sein. (Kalt.) Ich +beklage diese Fatalität, Herr Leutnant, doch überschätzen +Sie vielleicht ihre Tragweite für mich, -- wenn Sie +_des_wegen Postpferde bestellt haben. + + +_Schlözer_ + +(ohne sich zu regen) + +Würden Sie mir eine solche Antwort auch geben, wenn Ihre +Frau meine Abreise nicht ganz so teilnahmslos betrachten +würde? + + +_Lang_ + +(brüsk) + +Herr Leutnant, meine Frau ist über jede Insinuation erhaben. + + +_Schlözer_ + +(verbeugt sich) + +Ich weiß es. + + +_Lang_ + +Warum gleich Postpferde bestellen, Herr Leutnant? Und wenn +Postpferde bestellt sind, warum sie zur Parade tanzen +lassen? Soll ich das Almosen einer Entsagung mit Dank +quittieren? Soll ich bewundern, wo ich kaum bedauern kann? +(Ernst und mit Bedeutung.) Der ehrt sich selbst und seine +Freunde, der durch Schweigen unerfüllbare Wünsche +beschwichtigt. + + +_Schlözer_ + +Ich glaubte Ihnen, in dessen Haus ich Gastfreundschaft +genossen habe, eine Erklärung schuldig zu sein. + + +_Lang_ + +Sie verpflichtet mich zu keinem Dank. Wenn Sie für sich +fürchten, Herr Leutnant, Sie für Ihre Person und Ihre Ehre +sage ich, dann nehmen Sie Postpferde. + + +_Schlözer_ + +(mit zu Boden gekehrtem Blick) + +Ich reise, Herr Domänenrat. + + +_Lang_ + +So wünsch ich glückliche Fahrt. -- Vermutlich werden Sie sich +von meiner Frau verabschieden wollen. (Auf eine Bewegung +Schlözers.) Bitte, Herr Leutnant, meine Frau wäre gewiß +verletzt, wenn Sie ohne Gruß von ihr scheiden würden. Ich +werde draußen sagen lassen, daß Sie hier warten. Ich selbst +muß Sie leider verlassen. (Mit stummem Gruß nach rechts ab.) + + +_Schlözer_ + +(blickt düster vor sich hin. Er gewahrt den Fliederstrauß, +eilt hin, nimmt ihn in die Hand und drückt seine Lippen in +die Blumen. Dann läßt er das Bukett fallen, wie von einem +hoffnungslosen Gedanken erstarrt) + +Er schickt sie zu mir! Kein Zweifel ist in ihm, kein +Zweifel! + + +_Anna_ + +(von links) + +Guten Morgen, Amandus. War nicht Lang eben hier? + + +_Schlözer_ + +(zu ihr, küßt ihr die Hand) + +Teure Anna, wie blaß Sie heute aussehen ... + + +_Anna_ + +(abweisend) + +Dies Betragen lieb ich nicht an Ihnen, Amandus. Sie wissen +es. Mein Mann ist fortgegangen? + + +_Schlözer_ + +Er sagte, er wolle Ihnen Nachricht geben, daß ich warte. + + +_Anna_ + +(mit verlorenem Blick) + +Und ist fortgegangen. (Rafft sich zusammen.) Ich habe Sie +doch gebeten, Amandus, daß Sie am Vormittag nicht kommen +möchten. (Sie setzt sich, Schlözer nimmt ihr gegenüber +Platz.) + + +_Schlözer_ + +Es ist das letzte Mal, Anna. Ich kann den Gedanken, daß Sie +in meiner Nähe weilen, nicht länger ertragen. Ich kann nicht +länger in den Nächten liegen und mit lebendig-offenen Augen +träumen, was mir das Herz verbrennt. Ich kann's nicht +länger, und ich komme nun, um Ihnen Lebewohl zu sagen. + + +_Anna_ + +(versonnen) + +Ich hatt' es erwartet. Sie reisen also. Und wohin reisen +Sie? + + +_Schlözer_ + +Die Erde dreht sich, und ich fühle mich so schwunglos; +heruntergestürzt und in den Boden gewühlt wie in ein Grab. -- +Wohin ich reise? Es gibt bald Krieg, Anna. Wenn mein König +keine Verwendung für mich hat, wird Bonaparte wissen, wie +ein Mann zu brauchen ist, dem das Leben nichts mehr gilt. + + +_Anna_ + +(aufschreckend) + +Haben Sie mit Lang gesprochen? + + +_Schlözer_ + +War es mein Schmerz oder war es das Bedürfnis, daß es +zwischen mir und ihm zum Ausgleich kommt; daß er es wissen +möge, daß er Sie hüten möge, Anna, wie das kostbarste +Kleinod der Welt, -- ich weiß nicht mehr warum, nennen Sie +es eine Verfinsterung meines Herzens, -- ich habe ihm gesagt, +wie es um mich beschaffen ist und weshalb ich gehe. + + +_Anna_ + +(grüblerisch) + +Das haben Sie ihm gesagt? Wie seltsam! Und er? + + +_Schlözer_ + +Er! Er war kalt und überlegen. + + +_Anna_ + +(wie oben) + +Und er sagte, er wolle mir Nachricht geben lassen, daß Sie +warten. Wie seltsam ... + + +_Schlözer_ + +Als ob keine Faser in Ihnen wäre, die ohne seinen Willen +sich regte. + + +_Anna_ + +(wie oben) + +Vielleicht vertraut er mir so. + + +_Schlözer_ + +Und dies Vertrauen sollte Sie nicht ein wenig kränken, teure +Anna? Ist denn Liebe etwas so Unzweifelbares, daß sie einmal +beschworen, jedem Feuer stand hält? Ist denn das noch Liebe, +die so ruhig, so stumm, so satt werden darf? + + +_Anna_ + +Wie würden Sie gehandelt haben, Amandus, wenn ein Mann Ihnen +ein solches Geständnis gemacht hätte? + + +_Schlözer_ + +Wie ich gehandelt hätte, weiß ich nicht. Vielleicht hätte +ich den Mann erdolcht. Vielleicht hätte ich ihn in die Arme +geschlossen. Wer aber darf so übermenschlich sich gebärden, +daß er nichts wissen will von den Gewalten, die seiner +Sicherheit ein Ziel setzen könnten? Ach, Anna, wenn! -- wenn! +Ich würde hinschmelzen unter jedem Blick und jedem Lächeln. + + +_Anna_ + +(kopfschüttelnd) + +Nein, Amandus, das Hinschmelzen, das ist das Wichtige nicht. +Wichtig ist, daß man nie einander vergißt. Daß man immer +geborgen ist im andern, daß er die Gedanken hält und kennt, +daß er die Wünsche weiß und jeden recht versteht, denn es +ist eine Qual, zu reden, wenn man wünscht. Daß man nicht ein +Opfer wird von einer Stunde, wo aufs Ungefähr das Blut +stürmt und man dann zur schalen Erinnerung wird in den +Geschäften des Lebens. Da wird alles kalt in einem. + + +_Schlözer_ + +Alles ist fremd ohne Zärtlichkeit, fremd und zufällig. + + +_Anna_ + +Ja, Zärtlichkeit, das ist es. Ohne Zärtlichkeit wird Liebe +sündhaft. Zärtlichkeit ist wie ein treuer Hund am Herd, der +nie den Herrn verkennt. + + +_Schlözer_ + +Ich weiß es seit langem, Anna, daß Sie nicht glücklich sind. + + +_Anna_ + +Glücklich! Ich bin noch vor dem Glück vielleicht und hab +Angst, daß es vorübergeht, ohne daß ich weiß, was es ist. +Ich möcht' es ausgraben wo und kenn' den Ort nicht, wo es +liegt. -- Wenn Sie mein Mann wären, Amandus, und Lang käm' +ins Haus, so wie Sie kommen, und Sie würden dazu schweigen +und ich wüßte nicht, schweigen Sie aus Großmut oder aus +Nachlässigkeit, die Unruh' würde mir das Herz abdrücken. Und +schwiegen Sie aus Nachlässigkeit, und ich wüßt' es, so wär +alles vorbei. Aber auch wenn Sie eifersüchtig wären und es +zeigten, wär alles vorbei, denn ist ein Mann eifersüchtig, +so achtet er sich selbst nicht oder die Frau nicht. -- Wir +müssen uns jetzt trennen, Amandus. (Sie steht auf.) + + +_Schlözer_ + +(zu ihr) + +So gilt's denn. Es wird Nacht in meinem Leben. + + +_Anna_ + +(verloren und wie zu sich selbst; schmerzlich) + +Der Turm, Amandus, wird nicht gebaut. Mein Turm wird nicht +gebaut. + + +_Schlözer_ + +Der Turm --? + + +_Anna_ + +Ach, wundern Sie sich nicht. Ich schwatze wohl zu viel. -- Zu +welcher Stunde wollen Sie denn fort? + + +_Schlözer_ + +Zwischen zwölf und ein Uhr denk' ich. + + +_Anna_ + +Und wohin? + + +_Schlözer_ + +Gen Würzburg geht die Fahrt. + + +_Anna_ + +(wie aus einem Traum) + +Wenn ich mitginge ... wenn ich mitginge ... + + +_Schlözer_ + +(leidenschaftlich, packt ihre Hände) + +Anna! -- + + +_Anna_ + +(lächelnd und verstört) + +Tu' ich den Schleier ums Gesicht, erkennt mich niemand ... + + +_Schlözer_ + +(außer sich) + +Ich lass' den Wagen beim Mauthaus auf der Chaussee warten. +Ich laß ihn bis zum Abend warten, wenn Sie wollen! + + +_Anna_ + +(leise) + +Wie er's tragen wird? Ob's ihn wandeln wird ... (Schlözer +mit der Linken von sich abhaltend.) Ja, warten Sie, Amandus. +Beim Mauthaus zwischen zwölf und eins. Nur dies noch, -- Sie +sind mein Ritter. Nicht fragen werden Sie, mich nicht +bedrängen ... (Hastig.) Nein, nein, nicht reden jetzt. Beim +Mauthaus zwischen zwölf und eins ... Geh ich den Feldweg, +sieht mich niemand. Gehen Sie, Amandus. Nichts reden! (Sie +legt den Finger auf den Mund.) + + +_Schlözer_ + +(geht wie ein Schlafwandler mit zurückgekehrtem Gesicht zur +Tür). + + +_Anna_ + +Nichts reden ... + + +_Schlözer_ + +(mit einer trunkenen Bewegung ab. Während die Tür offen ist, +hört man vom Flur die Stimmen der Bauern). + + +_Anna_ + +(steht entgeistert mit geschlossenen Augen). + + +_Frau von Hänlein_ + +(kommt) + +Da draußen sind die Frommetsfeldner Bauern. Wollen beim +Domänenrat petitionieren wegen ihres Turmes ... Um Gott, +Kind, -- wie siehst du aus? + + +_Anna_ + +Nichts, Mutter, es ist nichts. (Ab nach links.) + + +_Frau von Hänlein_ + +(schaut ihr nach) + +Da ist was nicht rund in der Welt, sollt' mich dünken. Der +Schlözer ist mir auch ganz rabiat vorgekommen ... Als ob +einer vom Wein aufsteht und durch die Wand steigen will. +Kind! Kind!... + + +_Bärbel_ + +(kommt) + +Könna die Bauersleit' da herinnet wart'n? + + +_Frau von Hänlein_ + +Ja, laß sie nur herein. Der Domänenrat muß gleich kommen. +Die Leute sagen ja, sie hätten ihn unterwegs schon +getroffen. Ich will mich nach der jungen Frau umschauen. +(Links ab.) + + +_Bärbel_ + +(nach draußen) + +No, spaziert nur da 'rein! (Es kommen der Ringhofbauer, der +Erlhofbauer, der Waldhofbauer, und zwei andere Bauern. Alle +tragen die urtümliche fränkische Bauerntracht: silberne +Knöpfe an den blauen Westen, schwarze Jacken, schwarze Hosen +in hohen Stiefeln, schwarze Zipfelmützen. Sie drücken sich +scheu und ehrfürchtig herein, bleiben regungslos stehen.) + + +_Bärbel_ + +Derft euch au' niedersetzen. (Ab, läßt die Tür offen.) + + +_Der Ringhofbauer_ + +Joo ... (Sie bleiben stehen.) + + +_Der Erlhofbauer_ + +Wer soll'n reden? + + +_Der Ringhofbauer_ + +I wer' scho reden. + + +_Der Waldhofbauer_ + +Was werst'n sog'n? + + +_Der Ringhofbauer_ + +I wer scho was sog'n. (Es kommen Lang und der Kammerdirektor +Mühlbach, ein älterer, würdiger Herr.) + + +_Kammerdirektor_ + +Ich hab's Ihnen gleich gesagt: der Präsident ist in dieser +Sache machtlos. + + +_Lang_ + +Niemand hat den Mut, für das Notwendige sich einzusetzen, +wenn er gleich die Vernunft hat, es zu sehen. Es ist ein +Höllenzirkel. + + +_Kammerdirektor_ + +Da haben Sie Ihre Bauern ... + + +_Lang_ + +Ja. Und morgen werden die Pfarrer kommen, und übermorgen die +Küster. + + +_Kammerdirektor_ + +Der Präsident hat nicht so unrecht, wenn er meint, daß das +Wegschaffen des Turms gleichsam eine #capitis deminutio# +sein würde. + + +_Lang_ + +Das #Corpus juris# wird maulfeil, wo das gesunde Gefühl +revoltiert. Bin ich schwächer hier als Stumpfsinn und böser +Wille, dann kenn ich meinen Weg. + + +_Kammerdirektor_ + +Aber Lang! Lang! + + +_Lang_ + +(zu den Bauern) + +Hört mich an, ihr Leute! Wenn ihr einen Webstuhl habt, und +der zerbricht, dann werdet ihr euch einen neuen Webstuhl +anschaffen. Nicht wahr? + + +_Die Bauern_ + +Joo ... joo ... + + +_Lang_ + +Und wenn euch ein alter Hofhund krepiert, dann werdet ihr +euch nach einem andern, einem jungen Hofhund umsehen. Ist's +so? + + +_Die Bauern_ + +Joo ... joo ... + + +_Lang_ + +Wenn euch aber ein Haus abbrennt, das auf einem vom Wasser +unterhöhlten und durchweichten Grund gestanden ist, werdet +ihr dann das Haus auf demselben Grund wieder aufbauen? Sagt +mir eure Meinung. Frisch heraus! + + +_Die Bauern_ + +Naa ... naa ... + + +_Ringhofbauer_ + +Das wöll'n mer nit ton. Naa ... naa ... (Er nickt den andern +verständnisinnig zu, als sollten sie seine Beredsamkeit +bestaunen.) + + +_Lang_ + +Und wenn auf euerm Acker ein großer Baum steht, der dem +Getreide Licht und Sonne nimmt, den ihr aber nicht umhauen +wollt, weil er dort seit Menschengedenken wächst, und der +Baum bricht nun eines Tages, weil er krank ist, oder der +Blitz haut ihn zu Boden, werdet ihr da nicht froh sein, daß +er weg ist? + + +_Die Bauern_ + +Joo ... joo ... + + +_Lang_ + +Oder werdet ihr ihn von neuem in die Erde stecken? + + +_Die Bauern_ + +Naa ... naa ... + + +_Ringhofbauer_ + +Des tenna mer nit, Herr Råt! (Wie oben.) + + +_Lang_ + +Nun also! (Der Schreiber Kasteljack, ein dürrer, langer, +fusliger, schattenhafter Mensch, kommt schüchtern und eilig +getrippelt, hat ein amtliches Dokument in der Hand.) + + +_Lang_ + +(unwirsch) + +Was gibt's, Kasteljack? + + +_Kasteljack_ + +(asthmatisch) + +Herr Domänenrat ... (hüstelt) das Gesuch an die Regierung +wegen Nichtwiederaufbaus des Frommetsfeldner Turms ... +(Greift sich an die Brust, hüstelt.) + + +_Lang_ + +Hurtig, hurtig, Mensch! (Entreißt ihm den Bogen.) + + +_Kasteljack_ + +... ist leider diesen Morgen als unerledigbar ... unerledig +... lich ... zurückgekommen. + + +_Lang_ + +(mit verbissenem Grimm) + +Und der Grund? + + +_Kasteljack_ + +Eine Formalität, Herr Domänenrat ... + + +_Lang_ + +Was für eine Formalität? + + +_Kasteljack_ + +Der Submissionsstrich fehlt. + + +_Lang_ + +Der -- Submissionsstrich? + + +_Kammerdirektor_ + +Der Submissionsstrich? + + +_Kasteljack_ + +Ja. Es ist dies eine wichtige amtliche Formalität. +(Hüstelt.) Die Vorschrift lautet, daß zwischen dem Text des +Gesuches oder des Referats oder des Ausweises oder des +Testimoniums ... daß zwischen dem Text und der Unterschrift +des betreffenden Herrn Referenten oder Berichterstatters ein +dicker, gerader, deutlicher Strich gezogen werde. Diesen +Strich nennen wir den Submissionsstrich. + + +_Kammerdirektor_ + +Ja. 's ist wahr, eine ganz zweifellose Institution, die Sie +doch kennen müssen, Lang. + + +_Lang_ + +Ich kenne sie. Jetzt kenn ich sie. Mit einem Wort: diese +Unterlassung bedeutet zwei bis drei Monate Aufschub. Der +Submissionsstrich soll das Seil werden, auf dem man mich +tanzen lassen will. Oder der Balken, mit dem man mir um die +Füße schlägt. (Er eilt zum Schreibtisch und zieht in größter +Hast mit Bleistift und Lineal Striche auf einem großen Bogen +Papier.) So werden hierzuland die Männer traktiert und die +wahren Interessen schachmatt gemacht. (Kehrt zu Kasteljack +zurück.) Hier, Kasteljack. Da ist ein ganzer Schreibebogen, +reichlich versehen mit Submissionsstrichen. Schicken Sie den +Bogen an die betreffende Kanzlei der Regierung, ich lasse +submissest ersuchen, in einschlägigen Fällen sich aus diesem +Vorrat von Submissionsstrichen bedienen zu wollen. + + +_Kasteljack_ + +Aber ... + + +_Lang_ + +Kein Aber. Tun Sie, was ich Ihnen befehle. Es ist Ernst. + +(Kasteljack unter Bücklingen rückwärtsgehend ab.) + + +_Kammerdirektor_ + +Sie werden sich's mit der hohen Regierung gründlich +verderben, lieber Lang. + + +_Lang_ + +Die und ich, wir können nicht in derselben Küche unser +Fleisch kochen. Ihres schmeckt mir ranzig und meins ist +ihnen zu zähe. Verderben! Ich mit ihnen verderben! Ich hab' +ihnen gedient, wie einer, der's redlich meint. Sie haben +mich bezahlt wie einen, der schon betrogen hat. Wer sein +Schäfchen ins Trockene bringt, erregt ihnen keinen Argwohn, +wer sich mausig macht und ihre verstaubten Litaneien +überhört, den legen sie nackt in die Sonne und salben ihn +mit dem Öl ihrer Schikanen, daß das Ungeziefer über ihn +kommt. + + +_Kammerdirektor_ + +Lang! Lang! mäßigen Sie sich doch. + + +_Lang_ + +Ich bin am Ende meiner Fassung. Wenn man zusehen muß, daß +alle Quellen hämisch verstopft werden und die Menschheit +verdurstet. Daß die Früchte wachsen, um zu verfaulen. Große +Männer Großes richten, um Popanze zu werden für die +Phrasendrechsler. Verderb ich mir's mit ihnen, steht's desto +besser zwischen mir und meinem Gewissen. (Zu den Bauern, die +unterdessen heimlich gewispert haben.) Nun, ihr Leute! Der +Baum, von dem ich euch da gesprochen habe, vergleichsweise, +versteht mich wohl, der Baum ist euer alter, unnützer Turm. +Was wollt ihr beginnen mit einem Turm? Könnt ihr ihn als +Heuschober brauchen? Nein. Könnt ihr drinnen wohnen? Nein. +Wollt ihr drinnen beten? Nein. War er besonders schön von +Ansehen? Nein. Es war nichts in ihm oder an ihm, was euch +hätte ergötzen oder fördern können. Und doch wollt ihr ihn +wieder aufrichten. Warum? + + +_Erlhofbauer_ + +Mer war's halt so g'wöhnt, Gnaden Herr Råt. + + +_Waldhofbauer_ + +'s wär a Schand, Gnaden Herr Råt. + + +_Lang_ + +Die Schande will ich euch auswetzen. Ich bau euch ein +Schulhaus, das wird ein wahrer Staat sein. Seht, das ist +eine Aussaat, von der ihr eine gute Ernte einheimsen könnt. +Profitiert _ihr_ nicht mehr davon, so profitieren eure +Kinder, die Söhne und die Töchter. 's ist, wie wenn man +Kälber auf eine fette Weide treibt. Da wächst euch kein +habergasiges Vieh heran, das sich seiner Haut schämen muß, +sondern ein edler Schlag. Der Bauer hat nicht nötig, sein +Licht unter den Scheffel zu stellen. Mit dem Wissen ist's +eine eigene Sache und, glaubt mir's oder glaubt mir's nicht, +wenn ihr eure Kinder was lernen laßt, werden eure Mühlen +besseres Korn zu mahlen haben. + + +_Ringhofbauer_ + +Da hab'n mer alles nichts dageg'n, Herr Råt; aber um unsern +Turm woll'n mer halt fleißig gebeten hab'n. + + +_Lang_ + +Holzköpfe! (Verzweifelt zum Kammerdirektor.) Das ganze Ding +gleicht einem Gänsespiel, wo man sich schon nah am Ziel +glaubt, und durch einen mißglückten Wurf von einem +umgekehrten Schnabel zum andern wieder zum ersten Anfang +zurückgewiesen wird. + + +_Kammerdirektor_ + +Ich wußt es vorher. + + +_Frau von Hänlein_ + +(kommt mit einem Brief, von rechts). + + +_Lang_ + +Doch laß' ich nicht nach, und wenn's ein Jahr meines Lebens +kostet. + + +_Frau von Hänlein_ + +Da ist ein Brief an Sie gekommen, Lang. + + +_Lang_ + +Das Siegel sollt ich kennen. 's ist vom Fürsten Hardenberg. +(Er bricht den Brief auf und liest; seine Miene verzerrt +sich sichtlich, er wirft das Schreiben mit einem Laut des +Schmerzes und der Wut zur Erde und schlägt die Fäuste vor +die Augen.) + + +_Frau von Hänlein_ + +(erschrocken) + +Lang! + + +_Lang_ + +Geht mir aus den Augen! Geht! Fort ihr alle! -- Auch er! auch +er! -- Nichts richten können! nichts vollenden können! + + +_Frau von Hänlein_ + +Aber Lang, sein Sie doch vernünftig! (Sie hebt den Brief +auf.) + + +_Lang_ + +(entreißt ihn ihr) + +Sehen Sie, Mühlbach, -- hören Sie! (Liest im Tiefsten erregt, +mit zusammengebissenen Zähnen.) »Die gegnerischen Umtriebe +sind so mächtig geworden, lieber Lang, daß ich Sie in Ihrem +wie in meinem Interesse bitten muß, die fragliche Affäre mit +dem unglückseligen Turm fallen zu lassen. Sie wissen, +welchen Anteil ich an Ihren Bestrebungen nehme, ich kenne +die edle Selbstlosigkeit, mit der Sie allem hingegeben sind, +was Sie für recht und förderlich erkannt haben, aber das +Tüchtige läßt sich auf vielen Wegen durchsetzen,« -- so +spricht Er! Er! So haben sie ihn zu Brei gemacht! Das +Tüchtige auf vielen Wegen! -- (Liest.) »Stehen Sie ab vom +Unerreichbaren und wirken Sie im Möglichen« -- nichts da, von +Gnadenbrot will der Lang nichts wissen, -- (Liest.) »Ich war +gezwungen, die einschlägigen Akten einem anderen Referenten +zu übertragen« -- (Wirft wie von Ekel erfaßt das Papier von +sich.) + + +_Kammerdirektor_ + +Ich finde das Schreiben Seiner Exzellenz äußerst würdig und +schmeichelhaft, lieber Lang ... + + +_Lang_ + +(scheinbar gefaßt) + +Ja. Das ist es. Ohne Zweifel. Einem andern Referenten. +Einem, der biegsam ist und Ja und Amen sagt. Gönnen Sie mir +jetzt eine Stunde der Ruhe und Überlegung, lieber Mühlbach. +Ich habe heute noch mancherlei zu tun, denn morgen mit dem +Frühesten werde ich meine Bestallung per Extrapost an die +Regierung zurücksenden. + + +_Frau von Hänlein_ + +Lang! + + +_Kammerdirektor_ + +(macht beschwörende Gesten). + + +_Lang_ + +Lassen Sie nur, Mühlbach. Ich weiß, Sie haben die beste +Meinung von mir. Aber das kann jetzt nichts nützen. Gott +befohlen, ihr Leute. Gehn Sie nur, Mutter. Adieu, lieber +Mühlbach. (Die Bauern, der Kammerdirektor und Frau von +Hänlein ab. Lang prüft, ob die Türe zu ist, geht dann zum +Schreibtisch, läßt sich nieder und stützt den Kopf in die +Hand. Sein Gesicht hat einen tief verbitterten und tief +erschöpften Ausdruck.) + + +_Anna_ + +(kommt von links. Sie ist zum Ausgehen gekleidet, doch hat +sie statt des Hutes einen schwarzen Schal über dem Kopf. Sie +tritt leise auf, schaut vorsichtig durch das Zimmer. Als sie +Lang so augenscheinlich gebrochen sieht, erschrickt sie und +faltet unwillkürlich die Hände). + + +_Lang_ + +(blickt empor, mit innerlicher Wildheit) + +Ja, Anna. Da bin ich nun. Kannst mich verpflegen, wenn du +willst. Als Tagedieb im Haus, als Siebenschläfer im Bett. +Bin zu nichts mehr nutze. Sie haben mir die Hände aus den +Gelenken gedreht. + + +_Anna_ + +(macht zwei Schritte, bleibt wieder stehen). + + +_Lang_ + +(erhebt sich; mit verzweifelter Klage und Anklage) + +Es kränkt mich wahrlich um meinen Stolz. Es kränkt mich um +die Ader, die mir schwillt. Möcht alle getanen Schritte +bereuen und alle gesprochenen Worte wieder einschlucken. +Warum bin ich nicht auch so ein Jasager und +Sonnenblumen-Männlein, dann stünd' ich nicht so da, Schmach +und Spott mir selber. Der elende Mückentanz! Wohin man +greift, nur Luft; wohin man schlägt, trifft's den eigenen +Leib. (Ausbrechend in heller Bitterkeit.) Schau' mich nicht +an, Frau, ich schäm mich vor dir. Was kannst du anders +glauben, als daß ein Mannsbild nur dazu da ist, um zu +flunkern und sich wichtig zu machen? Und wenn er sich ganz +#in floribus# hat zeigen wollen und einer Sache sich +verdungen hat, bei der von Recht und Wohlfahrt zu +schwadronieren war, so sitzt er nun um so erbärmlicher da, +mit Fußtritten heimgeschickt. + + +_Anna_ + +(in deren Zügen sich eine innige Besorgnis malt, leise) + +Karl Heinrich! + + +_Lang_ + +Und keinen Menschen! Keinen, der 's redlich meint! So +ohnmächtig sein! Geh von mir fort. Du hast nichts an mir. +Geh aus meinem Hause. Ich bin kein Mann für dich. Bin deiner +nicht wert. Geh zu einem, der 's mit ehrlichen Feinden zu +tun hat und ein Schwert in die Faust nehmen kann, wenn ihn +die Horde bedrängt. (Er setzt sich mutlos und matt wieder in +den Sessel.) + + +_Anna_ + +(wie oben) + +Nicht so, Karl Heinrich!... + + +_Lang_ + +Oder willst du nur darum bei mir bleiben, weil mein +Schicksal deiner Torheit zu Hilfe gekommen ist? Trotzt ihr +doch in eurer blinden Sucht, ihr Weiber, dem Himmel selber +unvernünftige Taten ab. Ja, er wird gebaut, dein Turm. Er +wird gebaut. + + +_Anna_ + +(leise) + +Das wußte ich gleich, Karl Heinrich, als ich dich so sah. + + +_Lang_ + +Kannst du mich darum höher estimieren, was soll ich dann von +meinem Wert noch halten und was von deinem Stolz? + + +_Anna_ + +(mit kaum merkbarer, schmerzlicher Schalkhaftigkeit) + +Soll ich aber von dir fort, nur um zu beweisen, daß mir an +dem Turm jetzt nichts mehr liegt? + + +_Lang_ + +(bitter) + +Wenn man den Kindern das Spielzeug gibt, nach dem sie +verlangt haben, dann werfen sie's beiseite. + + +_Anna_ + +Ich habe ja den Turm von dir begehrt und nicht von denen, +die dir ein Leids damit getan. So komm' ich mir ja vor, als +stünd ich mit ihnen im Bund. Und wenn noch dazu dein Herz +gegen mich gestimmt ist, so flüstert's dir vielleicht ein, +ich hätte dich verraten, irgendwie geheimnisvoll verraten. +Ach, Karl Heinrich! Plötzlich bin ich schuldig und weiß kaum +wieso. Schuldig vor dir, schuldig vor mir und weiß kaum +wieso. + + +_Lang_ + +(schaut sie an) + +Was stehst du denn da mit deinem Kopftüchlein und wohin +willst du denn gehen? Willst nach Frommetsfelden hinaus und +zugucken, wie sie bauen? + + +_Anna_ + +Ich will's dir sagen, Karl Heinrich. Zum Mauthaus wollt ich +gehn auf der Chaussee. + + +_Lang_ + +Und was willst du denn dorten beim Mauthaus auf der +Chaussee? + + +_Anna_ + +Dort kommt der Leutnant Schlözer vorbei und will auf mich +warten. + + +_Lang_ + +(den Oberkörper nach vorn gebeugt, stützt den Kopf mit +beiden Händen. Schweigt.) + + +_Anna_ + +Es war beschlossen, Karl Heinrich, -- fast wie man den Tod +beschließt. + + +_Lang_ + +(dumpf) + +Beschlossen! Dies beschlossen! So muß es Laster in mir +geben, die ärger sind, als ich sie ahnte, und was dich zu +mir geführt, war nur ein Gaukelspiel betrügerischer Tage. +Alle Wege: abwärts. Jeder Tag nur eine kurze Dämmerung +zwischen zwei Nächten. Es ist ein unheimlicher Geisterspuk, +der einen so lang schaudern macht, bis die Gedanken still +stehn, und was die Brust bewegt, ist Scham, Scham, Scham! + + +_Anna_ + +(tief erregt) + +Hör mich an, Karl Heinrich -- + + +_Lang_ + +Hör ich dich, so bin ich schon getäuscht. Was gabst du mir +freundliche Mienen und Blicke? Nur damit es jetzt offenbar +wird, daß du einen brauchst, der süße Worte machen kann und +immer beteuern kann und schwärmen kann und zeigen kann, was +ihr mit euren kurzen Sinnen sehen müßt. Geh nur, Anna. Denk +nicht, daß du einen Verzweifelten zurückläßt. Ich bin's +nicht ungewohnt, abzurechnen mit mir und meinem Leben. Was +ich nie besessen habe, kann ich nicht verlieren. Freilich +der Irrtum, der frißt am Mark und macht alt und krank und +müde. + + +_Anna_ + +Es ist hart für mich, was du sprichst, aber ich verdien's. +Doch laß es genug sein, Karl Heinrich, und vergiß, was du +gesagt, damit ich vergessen kann, was ich nur halb getan. + + +_Lang_ + +(steht auf) + +Du sollst nicht vergessen und ich kann nicht vergessen. Es +sei denn, wir wollen nicht für unsere Handlungen einstehen +und uns aufführen wie Knaben, die einander schön tun, +nachdem sie sich geprügelt haben. Es ist von Übel, jegliches +Wort von Übel. Mit Schwatzen und Auseinandersetzungen +erreichen die Menschen nichts weiter, als daß sie sich so +nahe rücken, daß sie keinen Platz mehr zum Atmen haben. Und +um mein Glück und um meinen Frieden kann ich nicht +feilschen. Was man einander gewährt und einander erläßt, +kann nicht durch Abmachungen geregelt werden. Alles wahre +Zusammenleben beruht auf Schweigen, Frau! Je tiefer der +Bund, je tiefer das Schweigen. Bliebst du aus Mitleid bei +mir, so wünscht' ich lieber, ich hätte dich nie gesehen. + + +_Anna_ + +(hat die Hand an die Stirn gedrückt, läßt sie fallen, tritt +näher, frei und entflammt) + +Wie kommt's nur, daß ich dich jetzt so spüre, Karl Heinrich! +Schon als es mich da draußen über die Schwelle zog, war mir, +als ließ ich alle Zweifel zurück. Nicht Mitleid ist's, nein, +nein! -- Höchstens könnte ich dein Mitleid fordern für mich, +denn ich war so klein und ich glaubte, du würfest mich hin +gegen die Welt und die Welt sei dir alles und ich zu wenig, +ich zu allein gegen dich und die Welt. Jetzt aber sehe ich +dich auch allein und das -- das! Karl Heinrich --! (Sie +ergreift seine Hand und drückt ihre Stirn darauf.) + + +_Lang_ + +(sinnend) + +Ach, du wunderliches Geschöpf von einem Weib. + + +_Anna_ + +(wieder aufgerichtet) + +Du hast recht, Karl Heinrich. Es sollen nicht so viele Worte +zwischen den Menschen hin und her geworfen werden. Es soll +vielleicht bestehen bleiben, dies Fremde und dies Ferne, das +mich so oft gequält hat. Vielleicht ist es gut so, daß wir +nicht zu allen Zeiten alles von einander wissen, und gut ist +es auch, daß ich dich suchte. Ja, es ist gut, daß ich dich +suche, wenn du mich hältst! -- Behalte mich! + + +_Lang_ + +Ich will dich halten. + + +_Anna_ + +(ohne Emphase ganz hingegeben) + +Was soll's noch um den dumpfigen, stockigten Turm, Karl +Heinrich? Habe ihn gewünscht, wie man ein Zeichen wünscht, +ein Zeichen für etwas, das nun da ist. + + +_Lang_ + +(zu ihr gebeugt) + +Und doch mußt du vieles dafür tragen, Kind. Mich vor allem, +der eine Weile zusehn muß, untätig beiseite. Wir wollen aus +der Stadt ziehen. Vom Amt will ich weg -- + + +_Anna_ + +(bestimmt und mit freier Heiterkeit) + +Nein, Karl Heinrich. Dieses wirst und kannst du nicht tun. +Du bist der Mann nicht fürs Ausgeding. Mit den Wurzeln sich +selber ausgraben und verdorren lassen? Du überzeugst sie ja +schon von deinem Wert, indem du da bist. Könnte das Wasser +schäumen ohne Damm? Hätt es solche Kraft? Kommt's darauf an, +bezahlt zu werden, Karl Heinrich, heute oder morgen bezahlt? +Bezahlt dich nicht dein eigenes Blut und deine innere +Flamme? + + +_Lang_ + +(betroffen) + +Frau, -- wie du das sagst! Woher kommen dir solche Worte? +Also bedeutet dir mein Treiben wirklich was? Willst nimmer +so scheu und zweifelhaft neben mir wandeln? + + +_Anna_ + +Es hat mir nichts bedeutet, so lang ich nicht fühlen konnte, +wie du mich damit umschlingst und wie ich dazu gehöre. + + +_Lang_ + +So hätte mir der Aberwitz und blöde Widerstand der Welt zum +Köstlichsten verholfen? + + +_Anna_ + +Spürst du's so, dann ist es mehr, als ich gesehnt. + + +_Lang_ + +(packt ihre Hände, leidenschaftlich) + +Und doch hat dich das trübe Wesen zum Scheideweg geführt ... + + +_Anna_ + +Wer am Scheideweg war, weiß besser ums Ziel. (Man hört Räder +rollen auf der Straße.) Komm, Karl Heinrich -- (Sie zieht ihn +zum Fenster.) + + +_Lang_ + +Es ist ein Wagen, der vom Posthaus abfährt ... + + +_Anna_ + +Zum Mauthaus auf der Chaussee. -- Gib mir die Hand, Karl +Heinrich! Drück sie fest, fest ... so. Hörst du, wie mein +Herz klopft? Ich glaube, es klopft vor Glück. + + +_Lang_ + +Unsere Herzen sind wie zwei Schalen in der Hand eines +Engels. Ist ein Auf- und Niederschwanken sondergleichen. +Jeder Pulsschlag zieht's hier hinunter, dort hinauf. Wir +wägen nicht, es wird uns zugewogen. Wir müssen still halten, +das ist alles. + + +_Anna_ + +Ich halte still, Karl Heinrich. (Das Posthorn tönt.) Gute +Fahrt, Schwager Postillon! + +_Vorhang._ + + + + +Lord Hamiltons Bekehrung + + +Personen: + + Lord William Hamilton (von der Seitenlinie der Herzoge) + Sir Francis Hamilton, sein Sohn + Emma Lyon + Mr. Dashwood, Notar + Mr. Fletcher, Uhrmacher + Der Majordom + Mrs. Adams, Wirtschafterin + Doktor Middlewater + James, ein alter Diener + Drei andere Diener + +Spielt am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Easton Park +in der Grafschaft Suffolk. + + +Das Frühstückzimmer in Easton Park. Nach hinten führt eine +offene Flügeltür in die Halle, durch die man wiederum in den +Park blickt. Rechts eine geschlossene Flügeltüre, links zwei +hohe Fenster. Ein schmaler Tisch, mehr links, ist für zwei +Personen gedeckt. Ein anderer, schwerer Eichentisch steht +mehr rechts. In der linken Ecke eine Wanduhr in einem +massiven Gehäuse, das bis zur Decke reicht. An den Wänden +hängen alte Gobelins und ein paar niederländische Stilleben. + +Auf einer kleinen Leiter vor der Wanduhr steht Mr. +_Fletcher_; er hat den mächtigen Pendel abgenommen und +horcht ins Räderwerk. Der _Majordom_ hat den gedeckten Tisch +inspiziert und beobachtet dann ernsthaft, mit verschränkten +Armen, die Hantierung des Uhrmachers. Währenddem tritt +_Doktor Middlewater_ vom Park her in die Halle, stellt +seinen Medikamentenkasten auf die Bank und kramt darin, +wobei er der Szene den Rücken zukehrt. Gleichzeitig kommt +_Lord Hamilton_ von draußen rechts in die Halle. Er beachtet +den Arzt nicht, der sich rasch umwendet und, obwohl er schon +gebückt steht, eine noch tiefere Verbeugung macht. Der +_Lord_ hat einen Brief in der Hand und geht unruhig auf und +ab. + + +_Lord Hamilton_ + +(draußen) + +Mister Wardle! + + +_Der Majordom_ + +Mylord! (Eilt hinaus.) + + +_Lord Hamilton_ + +Für welche Stunde ist Mister Dashwood bestellt? + + +_Der Majordom_ + +Für elf Uhr, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +(die Taschenuhr ziehend) + +Dann muß er in sechsunddreißig Minuten hier sein. + + +_Der Majordom_ + +Gewiß, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Doktor Middlewater, ich bin bereit. (Mit Doktor Middlewater +in der Halle rechts ab.) + + +_Mr. Fletcher_ + +(hat neugierig gelauscht. Er ist trotz seiner vorgerückten +Jahre ungemein eitel. Während der Lord geht und der Majordom +zurückkommt, holt er einen Handspiegel aus seiner Tasche und +betrachtet sich wohlgefällig). + + +_Der Majordom_ + +Sie hören, Mister Fletcher, -- es ist sechsunddreißig Minuten +vor elf. + + +_Mr. Fletcher_ + +Ich habe bemerkt, daß die Pünktlichkeit in diesem Hause +etwas willkürlich gehandhabt wird. Seine Lordschaft ist +imstande, der Sonne zu befehlen, welche Zeit es ist. Das +erscheint mir etwas waghalsig. Es widerspricht der +göttlichen Weltordnung. -- Wie finden Sie mich heute +aussehend, Mister Wardle? + + +_Der Majordom_ + +Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß die Uhr gestern um +neun Minuten zu spät gegangen ist. + + +_Mr. Fletcher_ + +(hängt den Pendel ein) + +Genau das Gegenteil von dem, was ich tue. Ich bin immer zu +früh daran; immer zu früh. Aber in der Liebe ist das der +einzige Weg zum Erfolg. Meinen Sie nicht, Mister Wardle, daß +ich noch eine ganz repräsentable Erscheinung bin? Das schöne +Geschlecht ist nicht unzufrieden mit mir. + + +_Der Majordom_ + +(amtlich) + +Sind Sie bald fertig, Mister Fletcher? + + +_Mrs. Adams_ + +(kommt in Eile; sie ist eine muntere und beleibte Dame) + +Denken Sie nur, Mister Wardle, James ist betrunken! + + +_Der Majordom_ + +James? betrunken --? Wie ist das möglich? + + +_Mrs. Adams_ + +Sie müssen uns helfen, Mister Wardle. Wenn ihn Seine +Lordschaft in der Verfassung sieht, geht's dem armen alten +Kerl schlecht. Erinnern Sie sich noch, wie er vor drei +Jahren den unglücklichen Jimmy mit der Hundspeitsche auf die +Landstraße jagen ließ, weil er benebelt war --? + + +_Der Majordom_ + +Aber wie konnte das geschehen, Missis Adams? wie konnte sich +James so vergessen? + + +_Mrs. Adams_ + +Der Kummer, Mister Wardle. Der Kummer um den jungen Herrn. +Sie wissen doch, wie er an Sir Francis hängt. Nun hat Seine +Lordschaft wahrscheinlich etwas durchblicken lassen, von +Enterbung oder so ... James ist ja der einzige, mit dem er +hie und da ein vertrautes Wort spricht ... der Kummer, +Mister Wardle. Ich gehe zu den Ställen hinüber, um Milch zu +holen, da sehe ich ihn taumeln und mit den Händen fuchteln +und höre, wie er wild vor sich hinmurmelt, -- kurz, er ist im +Zustand eines Schweines. + + +_Mr. Fletcher_ + +(hat vergebens mit Missis Adams zu liebäugeln versucht) + +Was für ein angenehmes Wesen! welche verlockende Stimme! +(Seufzt, holt den Spiegel hervor.) + + +_Der Majordom_ + +(ringt die Hände, schnell durch die Halle in den Park ab) + + +_Mr. Fletcher_ + +(zu Mrs. Adams, die sich anschickt, dem Majordom zu folgen) + +Haben Sie indessen meinen Antrag überschlafen, Missis Adams? + + +_Mrs. Adams_ + +(unruhig nach der Tür schauend, hastig und verschämt). + +Es kann nicht sein, Mister Fletcher. Mylord ist ein so +verschworener Feind von allem Heiraten, daß ich mir's +zeitlebens mit ihm verderben würde. + + +_Mr. Fletcher_ + +(bekümmert) + +Sehr unrecht von Seiner Herrlichkeit. + + +_Mrs. Adams_ + +(vertraulich flüsternd) + +Sie wissen ja, er hat Malheur gehabt. Mylady ist ihm nach +der Geburt von Sir Francis mit einem Schmugglerkapitän +durchgebrannt und in der irischen See ertrunken. + + +_Mr. Fletcher_ + +Wie Sie mich hier sehen, Missis Adams, bin ich ein Mann mit +einem geregelten Einkommen von zweihundertvierzig Pfund. + + +_Mrs. Adams_ + +Sie brechen mir das Herz, Mister Fletcher. Ich bin so +attachiert an Easton Park. + + +_Mr. Fletcher_ + +Und sonst, Missis Adams, wenn ich auch den Kahlkopf nicht +ableugnen kann, wer will meine Stattlichkeit bezweifeln? + + +_Mr. Dashwood_ + +(tritt mit allen Zeichen eines überstandenen Schreckens in +die Halle, schaut sich ängstlich um, kommt dann auf die +Szene. Unterm Arm trägt er die Aktentasche. Tracht der Zeit. +Quäkerhut) + +Guten Morgen! (Legt den Hut ab, wischt den Schweiß von der +Stirn.) + + +_Mrs. Adams_ + +Ist Ihnen etwas Schlimmes widerfahren, Mister Dashwood? + + +_Mr. Dashwood_ + +Es muß der leibhaftige Satan gewesen sein, -- Gott sei mir +gnädig. + + +_Mrs. Adams_ + +Was denn? wo denn? + + +_Mr. Dashwood_ + +(Atem schöpfend) + +Während ich durch den Hohlweg reite ... Sie kennen ja diesen +Hohlweg, Ma'am ... er ist so schmal, daß zwei Fußgänger +einander nicht ausweichen können ... ach, das Entsetzen ist +mir in alle Glieder gefahren. + + +_Der Majordom_ + +(kommt nervös wie ein Mann, der nicht weiß, wo er zuerst +Hand anlegen soll) + +Es steht wirklich verzweifelt mit dem alten Esel. Mister +Fletcher, die Uhr in den Dienerwohnungen muß noch reguliert +werden. Mylord erwartet Sie um elf Uhr, Mister Dashwood. + + +_Mr. Fletcher_ + +(der an Mister Dashwoods Erregung keinen Anteil nimmt) + +In unserer zarten Angelegenheit werde ich zu passenderer +Stunde wieder anfragen, Missis Adams. (Da sie ihn +schmachtend anschaut.) Ach, dieser Blick! -- (Wirft ihr eine +Kußhand zu. Ab.) + + +_Mrs. Adams_ + +(zum Majordom) + +Mister Dashwood hat etwas Gräßliches erlebt -- -- -- + + +_Mr. Dashwood_ + +Ich reite also durch den Hohlweg, und hinter mir her, auf +einem kohlschwarzen Roß, ein Bursche mit flatternden +schwarzen Haaren. Immer mir nach ... immer auf meinen +Fersen, im vollen Galopp! Ich treibe mein Tier zur Eile an +... er, mit höhnischem Geschrei, tut dasselbe. Ich glaube +nicht fehl zu gehen, wenn ich vermute, daß es ein Räuber +war. + + +_Der Majordom_ + +Am hellen, lichten Tag? + + +_Mr. Dashwood_ + +Ein blut- und mordgieriger Geselle. + + +_Mrs. Adams_ + +Da möchte ich nicht an Ihrem Platz gewesen sein, Mister +Dashwood. + + +_Mr. Dashwood_ + +Ich pflege sonst nie ohne Pistole auszugehen. Weiß man doch +nicht, was einem zustoßen wird. Mein Freund, Mister Sparre, +-- Sie kennen doch Mister Sparre, Ma'am? -- ist neulich in +Pall Mall von einem wütenden Hund gebissen worden. Es ist +nichts Seltenes, daß jemand inmitten der Ausübung seiner +Amtsgeschäfte von einem jähen Tod ereilt wurde. Solche +Katastrophen treten gewöhnlich dann ein, wenn sich der +kurzsichtige Mensch auf dem Gipfel seines Glücks befindet +und geneigt ist, sich der wohlverdienten Ruhe hinzugeben. +(Er erblickt Emma Lyon, die, mit der Reitpeitsche in der +Hand, in die Halle tritt; sehr erregt.) Da ist er, Ma'am! Da +ist er, Mister Wardle! Schützen Sie mich! Er verfolgt mich +bis hieher! Rufen Sie die Diener zusammen! + + +_Emma Lyon_ + +(hat sich in der Halle verwundert umgeschaut und kommt nun +auf die Szene. Sie ist als junger Mann im Reitkostüm +gekleidet. Ihre brünetten Haare quellen unter dem Hut über +das schöne, von schnellem Ritt erglühte Gesicht). + + +_Der Majordom_ + +(auf sie zutretend) + +Womit kann ich dienen, Sir? + + +_Emma Lyon_ + +(gebieterisch) + +Lassen Sie mein Pferd versorgen. Ich weiß nicht, ob der +Mensch, dem ich es übergeben habe, sich damit auskennt. Was +ist denn das für ein Betrunkener draußen, um den sie alle +herumstehen? + + +_Mr. Dashwood_ + +Der Herr beschütze uns vor dem Übel ... Erst neulich habe +ich in der Zeitung gelesen, daß der berüchtigte Thomas Field +frecherweise in den Palast des Herzogs von York gedrungen +ist. + + +_Der Majordom_ + +Wen darf ich melden, Sir? + + +_Emma Lyon_ + +Mister Rippledale aus London. Benachrichtigen Sie zuerst Sir +Francis. + + +_Der Majordom_ + +(argwöhnisch) + +Mister Rippledale --? + + +_Mr. Dashwood_ + +Ein falscher Name. Ohne Zweifel ein falscher Name. + + +_Emma Lyon_ + +Was murmelt der Dicke dort? Ei, sind Sie es, Sir, der auf +einem Ding, mehr Ochse als Gaul, beständig vor mir +hergetrabt ist? Ein andermal machen Sie Platz, wenn einer +hinter Ihnen ist, der Eile hat. + + +_Mr. Dashwood_ + +(demütig stotternd) + +Es ... ich ... der Weg war so schmal ... (Abgewendet.) Die +Sprache! Er muß eine ganze Bande im Rücken haben. + + +_Mrs. Adams_ + +(leise zum Majordom) + +Ich lasse mich hängen, wenn das kein Frauenzimmer ist. + + +_Der Majordom_ + +Sir Francis kommt erst von der Jagd zurück, Sir. + + +_Emma Lyon_ + +Dann führen Sie mich einstweilen in seine Zimmer. + + +_Mr. Dashwood_ + +Schau, schau, wie schlau! Und doch, wie wenig schlau. Wie +tollkühn vielmehr. + + +_Sir Francis_ + +(kommt eilig. Ein junger Mann von zwei- bis dreiundzwanzig +Jahren mit hübscher Gestalt und hübschem Gesicht. Er trägt +einen roten Jagdreitrock, manchesterne Reithosen und lange +Stiefel mit weiten Schäften. Mit allen Zeichen der +Bestürzung.) Um Gottes willen, du hier, E -- -- + + +_Emma Lyon_ + +(ist schnell auf ihn zugegangen, drückt die Hand auf seinen +Mund) + +Ja, ich bin's. Bist du nicht froh, deinen alten Rippledale +hier zu sehen? + + +_Sir Francis_ + +Ich sah dein Pferd draußen. Ich erkannte es gleich. Aber -- -- + + +_Emma Lyon_ + +Wundre dich nicht länger. Jede Frage ist überflüssig. + + +_Sir Francis_ + +Mein Vater -- -- + + +_Emma Lyon_ + +Mit ihm zu reden bin ich gekommen. Ich bin von Suffolk +herübergeritten, wo ich übernachtet habe und wo meine +Freunde geblieben sind. + + +_Sir Francis_ + +(noch immer fassungslos) + +Du kannst ihm doch nicht in diesem Aufzug unter die Augen +treten -- -- + + +_Emma Lyon_ + +Auch dafür ist gesorgt. Ich habe Mary mit den Kleidern +vorausgeschickt. + + +_Ein Diener_ + +(kommt) + +Es ist ein Frauenzimmer da mit einer Schachtel für Mister +Rippledale. + + +_Emma Lyon_ + +Also rasch, mein Lieber, bring mich in ein Zimmer, wo ich +mich herrichten kann. (Sie wendet sich gegen die Halle, in +der jetzt der betrunkene James erscheint, von einigen +männlichen und weiblichen Dienstboten umgeben, die ihn zu +verhindern suchen, ins Zimmer zu dringen.) + + +_Sir Francis_ + +(Emma folgend und in sie hineinredend) + +Es ist sinnlos, sage ich dir. Bei ihm erreichst du nichts +damit. + + +_Emma Lyon_ + +Wir werden sehen, jedenfalls ist deine Angst vor ihm +lustiger als du meinst. Ich liebe nicht, daß man hinter +meinem Rücken über mich verfügt, und ich bin neugierig, wie +er es macht, wenn ich dabei bin. (Sie geht ab.) + + +_Mr. Dashwood_ + +Das Geheimnis wird immer undurchdringlicher. + + +_Sir Francis_ + +(bleibt auf der Schwelle stehen, zum Majordom gewandt und +auf die Gruppe um James deutend) + +Was ist das, Mister Wardle? + + +_Der Majordom_ + +Ich weiß nicht mehr, was ich anfangen soll, Sir Francis. + + +_Sir Francis_ + +Schaffen Sie ihn hinaus. -- Wenn mein Vater nach mir fragt, +sagen Sie ihm, ich sei noch nicht zurück. (Ratlos vor sich +hin.) Mein Gott! (Ab.) + + +_James_ + +(in der Halle) + +Die Welt ist kugelrund ... drum will ich mich vergnügen ... +sauft nur in vollen Zügen ... dann bleibt ihr auch gesund +... (Erblickt Sir Francis.) Sir Francis! oh, Sir Francis! +Armer Sir Francis! + + +_Sir Francis_ + +(bleibt einen Moment draußen stehen, winkt dem Betrunkenen +verwirrt zu, dann weiter und nach rechts ab). + + +_Mrs. Adams_ + +(stürzt gegen die Schwelle, da James trotz der Diener, die +ihn zurückhalten, sich dem Zimmer nähert) + +Nicht hier herein! + + +_Der Majordom_ + +Nehmen Sie doch Vernunft an, James! Sie kommen ja von Dienst +und Brot, wenn Mylord -- + + +_James_ + +Und wär die Welt nicht kugelrund ... (Er kämpft mit denen, +die ihn halten, dringt aber dabei immer weiter vor.) + + +_Mr. Dashwood_ + +Die Überwucherung der tierischen Natur kann Übeltaten im +Gefolge haben, deren Tragweite sich gar nicht ermessen läßt. +Für den Zuschauer ist dabei das Gedächtnis ein quälender +Faktor. Ich erinnere mich eines Tuchwebers, der in der +Trunkenheit seine eigene Großmutter erdrosselte. (Er +verbeugt sich tief, da von rechts der Lord und Doktor +Middlewater eintreten.) + +_Lord Hamilton_ ist eine Erscheinung von imposanter +Magerkeit. Sein Gesicht hat den Ausdruck dürren Ernstes. +Ihm zu widersprechen, scheint wahnsinnig. Doktor +Middlewater, ein Landarzt, hat seinen Vorteil darin zu +finden gelernt, dem Lord nach dem Mund zu reden. + + +_Doktor Middlewater_ + +Man kann mit einem solchen Leiden neunzig Jahre alt werden, +Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich hoffe es. Im Übrigen ist mein Körper dazu da, um mir zu +dienen, so lange ich ihn brauche. + + +_James_ + +Und wär die Welt nicht kugelrund ... so müßt ich mich +erhängen ... (Er stockt, da der Lord erstaunt auf die Gruppe +zugeht.) + + +_Lord Hamilton_ + +Was bedeutet das, Mister Wardle? + + +_Der Majordom_ + +Wir haben alles mögliche versucht, den Mann zur Besinnung zu +bringen, Mylord. + + +_James_ + +Eure Herrlichkeit mögen verzeihen ... ich bin ein +sterblicher Mensch ... ich ... (Er zuckt unter dem Blick +seines Herrn zusammen, schweigt, bemüht sich, fest zu +stehen.) + + +_Lord Hamilton_ + +(überlegt eine Weile; plötzlich nimmt sein Gesicht die Miene +der Besorgnis an) + +Doktor Middlewater, der Mann ist krank. + + +_Doktor Middlewater_ + +(kichert, nach einem Blick des Lords faßt er sich) + +Es scheint mir selber so, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +(strafend) + +Fühlen Sie ihm den Puls, Doktor Middlewater. + + +_Doktor Middlewater_ + +(tut es; James fügt sich wie gebannt). + + +_Lord Hamilton_ + +Der Mann hat Fieber, Doktor Middlewater. Der Mann hat hohes +Fieber. + + +_Doktor Middlewater_ + +(eifrig) + +Ohne Zweifel, Mylord. Der Mann hat beträchtliches Fieber. + + +_Lord Hamilton_ + +Mister Wardle, Sie werden veranlassen, daß der Mann zu Bett +gebracht werde. + + +_Der Majordom_ + +Du hörst es, James --! + + +_Lord Hamilton_ + +Vorher übergieße man ihn mit zwei Eimern kalten Wassers. +Gegen das Fieber. + + +_Der Majordom_ + +Soll geschehen, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Hierauf werden Sie ihm zur Ader lassen, Doktor Middlewater. +Zwei Unzen des kranken Bluts können Sie ihm gut und gern +entziehen, nicht wahr, Doktor Middlewater? + + +_Doktor Middlewater_ + +Ich bewundere die Sachkenntnis Eurer Herrlichkeit. + + +_Lord Hamilton_ + +Sodann belegen Sie ihm Brust und Rücken mit Senfpflastern, +und Sie, Missis Adams, sorgen dafür, daß ein stark +purgierender Tee für ihn gekocht werde. (Missis Adams ab.) + + +_Doktor Middlewater_ + +Es fragt sich allerdings, ob bei diesen Jahren eine so +vehemente Kur -- -- + + +_Lord Hamilton_ + +(ohne den Einwurf zu beachten; streng) + +Daß du dich widerspruchslos diesen Verordnungen fügst, +James! Du bist todkrank, hörst du? Und das eine merk dir für +die Zukunft: Kein solches -- Fieber mehr! Hinaus mit ihm! +Doktor Middlewater, tun Sie Ihre Pflicht. (Die Diener führen +den schon halb ernüchterten und widerstandslosen James ab. +Der Doktor folgt ihnen.) Nun zu unserem Geschäft, Mister +Dashwood. (Zum Majordom.) Sir Francis soll kommen. + + +_Der Majordom_ + +Sir Francis ist von der Jagd noch nicht zurück. + + +_Lord Hamilton_ + +Wie viel Uhr ist es? + + +_Der Majordom_ + +(mit Blick auf die Wanduhr) + +Elf Uhr, neun Minuten. + + +_Lord Hamilton_ + +Unmöglich. + + +_Der Majordom_ + +(ängstlich) + +Mister Fletcher hat soeben die Uhr reguliert, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +(ruhig) + +Da Sir Francis für elf Uhr bestellt ist, kann es jetzt +unmöglich elf Uhr neun sein, Mister Wardle. + + +_Der Marjordom_ + +(blöde; weiß nichts zu antworten). + + +_Lord Hamilton_ + +(mit der Taschenuhr in der Hand) + +Es ist zehn Uhr fünfzig Minuten. Stellen Sie den Zeiger dort +gefälligst zurück, Mister Wardle. + + +_Der Majordom_ + +(rückt einen Stuhl vor die Uhr, steigt hinauf, vollzieht den +Befehl, dann kopfschüttelnd ab). + + +_Mr. Dashwood_ + +(schüchtern) + +Ich glaube Sir Francis schon hier gesehen zu haben, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Sprechen wir nicht von Ihren privaten Wahrnehmungen, Mister +Dashwood. Es ist für mich kein Anlaß vorhanden, über Ihre +Sinnestäuschungen zu diskutieren. »Ich glaube« heißt so +viel, als »ich schwätze«. + + +_Mr. Dashwood_ + +(verletzt) + +Ohne daß ich dieser großartigen Auffassung zu nahe treten +will, lassen sich doch Fälle denken, wo die Bestimmtheit der +Angaben einer notgedrungenen Philosophie zuwiderläuft. Die +Kleinen müssen politisch sein, wo die Großen ihrem Impulse +gehorchen. Lord Gordon durfte eine Revolution anzetteln und +behielt seinen Kopf, aber der arme Snatch kam an den +Galgen. Was würde Eure Lordschaft sagen, wenn ich mich +unterstehen wollte, im Schlafrock vor Ihnen zu erscheinen? +Ich bitte um Entschuldigung, es ist dies nur vergleichsweise +gesprochen: ich meine im Schlafrock der Rede. + + +_Lord Hamilton_ + +(auf und ab gehend; ungeduldig) + +Schwätzer waren immer meine Feinde. Ich wünsche nicht, daß +man in Gleichnissen zu mir spricht. Das sind +Vertraulichkeiten, die ich nicht liebe. Sie wissen, weshalb +ich Sie rufen ließ, Mister Dashwood. Das ungeheuerliche +Heiratsprojekt meines Sohnes zwingt mich zu einem solchen +schweren Schritt. + + +_Mr. Dashwood_ + +Das Gesetz legt Ihnen nur geringe Hindernisse in den Weg, +Mylord. Es ist ein erhebendes Gefühl für den Staatsbürger, +daß die Wagschale der Justitia sich stets auf die Seite der +Autorität neigt. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich habe inzwischen durch meinen Londoner Mittelsmann genaue +Nachrichten über die fragwürdige Person dieser Emma Lyon +einziehen lassen. Die Nachrichten bestätigen meine +schlimmsten Ahnungen, und wenn Sir Francis, was sich in +dieser Stunde noch entscheiden wird, auf seinem Vorsatz +beharrt, werde ich keinen Sohn mehr haben. + + +_Mr. Dashwood_ + +Es wird nicht an mir liegen, wenn die Inkraftsetzung der +vermögensrechtlichen Maßregel einen langsameren Gang nimmt, +als der Heroismus wünschbar macht, den ich an Eurer +Herrlichkeit ehrfürchtig erkenne. + + +_Lord Hamilton_ + +(nimmt den Brief aus der Tasche) + +Es wird sich zeigen. + + +_Ein Diener_ + +(meldet) + +Sir Francis. (Ab.) + + +_Sir Francis_ + +(schuldbewußt) + +Ich bitte Sie um Verzeihung, Vater, daß ich mich verspätet +habe. + + +_Lord Hamilton_ + +Nicht daß ich wüßte. Wie du siehst, ist es elf Uhr. Punkt +elf Uhr. + + +_Sir Francis_ + +Wirklich? -- Dann muß meine Uhr falsch gehen. + + +_Lord Hamilton_ + +Das leidet keinen Zweifel. Die Unterredung, zu der ich dich +gebeten habe, könnte auch nicht wie ein Rendez-vous zwischen +Kartenspielern behandelt werden. + + +_Sir Francis_ + +(unruhig, mit Blick auf den Notar) + +Ich darf doch hoffen, daß eine solche Zwiesprache unter vier +Augen ... + + +_Lord Hamilton_ + +Mister Dashwood ist Amtsperson und hat als solche weder zu +hören noch zu sehen. Betrachte ihn als abwesend. + + +_Sir Francis_ + +(resigniert) + +Wie Sie befehlen. + + +_Lord Hamilton_ + +Du hast mir gestern eine Art von Entschluß brieflich +kundgegeben. Abgesehen davon, daß ich die Zulässigkeit eines +schriftlichen Verkehrs zwischen uns niemals in Erwägung +gezogen habe, kann ich mir auch den ... nun, sagen wir, den +Mut deiner Ausdrucksweise nur durch den Gebrauch von Tinte +und Feder erklären. Ein Hamilton spricht höchstens, aber er +schreibt nicht. + + +_Mr. Dashwood_ + +(schnupft; vor sich hin) + +Ein Diktum von antiker Größe. + + +_Sir Francis_ + +Wenn Sie Emma kennten, Vater -- -- + + +_Lord Hamilton_ + +Emma? Was ist das, -- Emma --? Du unterstehst dich, mit +sonderbarer Intimität einen Namen zu nennen, der für mich +nicht mehr bedeutet als der Straßenschmutz. + + +_Sir Francis_ + +(aufwallend) + +Durch eine solche Sprache empören Sie alle meine Gefühle! + + +_Lord Hamilton_ + +(kalt) + +Ich statuiere deine Gefühle nicht, mein Sohn. Gefühle sind +der Luxus der Unbotmäßigen. + + +_Mr. Dashwood_ + +Herrlich! Unvergleichlich! Wie sagt Hamlet: Schreibtafel +her. + + +_Sir Francis_ + +(wütend) + +Könnte jener Mann nicht schweigen, da er doch -- abwesend +ist? + + +_Lord Hamilton_ + +Wir wollen zunächst den Tatbestand ordnungsmäßig darlegen. +(Setzt sich in richterliche Pose.) Mister Dashwood, seien +Sie so freundlich, den Bericht über die Vergangenheit der in +Rede stehenden Personage vorzulesen. Meine Zunge sträubt +sich dagegen. (Reicht das Schriftstück hinüber.) + + +_Mr. Dashwood_ + +(liest) + +Besagte Emma Lyon ist von der niedrigsten Herkunft. Man weiß +weder die Zeit noch den Ort ihrer Geburt anzugeben. Zuerst +war sie Gouvernante, dann ergab sie sich einem schändlichen +Gewerbe. Sie durchlief die Straßen von London; auf den +Trottoirs der unermeßlichen Hauptstadt irrte sie obdachlos +umher und sank zur tiefsten Erniedrigung ihres Geschlechtes +herab. + + +_Sir Francis_ + +Dies ist eine Verleumdung! + + +_Lord Hamilton_ + +Es würde wenig Konsequenz, selbst in der Verranntheit, +beweisen, wenn dich meine Ermittlungen sogleich überzeugen +würden. Ein Umstand, der freilich ihrer Triftigkeit nichts +anhaben kann. Fahren Sie fort, Mister Dashwood. + + +_Mr. Dashwood_ + +(in weinerlichem Ton) + +-- Geschlechtes herab. Da traf sie einen schottischen +Scharlatan, der sich Doktor Graham nennen ließ und der einen +sogenannten Tempel der Gesundheit mit einem sogenannten +himmlischen Bett eingerichtet hatte. Wer für die Nacht +fünfzig Pfund bezahlte, durfte sich in das mit Gold und +Seide geschmückte Bett legen und erhielt angeblich die +verlorenen Kräfte der Liebe und der Männlichkeit zurück. + + +_Sir Francis_ + +So viel ist richtig, daß Doktor Graham Emmas Wohltäter war. +Es ist richtig, daß sie Not litt und an dem Schotten einen +väterlichen Beschützer fand. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich gebe zu, daß du ein guter Schütze und ein +ausgezeichneter Schwimmer bist, aber dein Verhältnis zur +Welt ist ein wahrhaft kindliches. + + +_Sir Francis_ + +Übrigens ist sogar der Lord Schatzkanzler in dem himmlischen +Bett gelegen. + + +_Mr. Dashwood_ + +(für sich) + +Bejammernswerte Verirrung des Menschengeistes! + + +_Lord Hamilton_ + +Fahren Sie fort, Mister Dashwood. Sie würden mich verbinden, +wenn Sie die persönlichen Äußerungen Ihrer sittlichen +Entrüstung einstellen könnten. + + +_Mr. Dashwood_ + +-- der Liebe und der Männlichkeit zurück. Doktor Graham +verfiel auf den Gedanken -- (stockt, zieht das Taschentuch, +wischt die Stirne.) Mylord, es fällt mir schwer ... + + +_Lord Hamilton_ + +Überwinden Sie sich, Mister Dashwood. + + +_Mr. Dashwood_ + +-- verfiel auf den Gedanken, Emma Lyon völlig ... völlig +unbekleidet ... + + +_Lord Hamilton_ + +(scharf) + +Steht da »unbekleidet«, Mister Dashwood? + + +_Mr. Dashwood_ + +(trostlos) + +Nackt. Völlig nackt! + + +_Lord Hamilton_ + +(erhebt sich) + +So ist es. Völlig nackt. Das ist der Gipfelpunkt. + + +_Mr. Dashwood_ + +-- oder kaum bedeckt mit einem Schleier ... + + +_Sir Francis_ + +(seine Position mit ungenügenden Mitteln stützend) + +Also doch mit einem Schleier bedeckt -- + + +_Lord Hamilton_ + +(stark) + +Kaum! -- kaum! + + +_Mr. Dashwood_ + +Der Herr bewahre mich in seiner Huld und Gnade vor diesem +Sodom! + + +_Lord Hamilton_ + +Er verfiel also auf den Gedanken, besagte Emma Lyon völlig +nackt, oder -- + + +_Mr. Dashwood_ + +(mit erbarmenswürdiger Stimme) + +-- kaum bedeckt mit einem Schleier unter dem Namen der Göttin +Hygäa in das Vorzimmer zu dem himmlischen Bett zu postieren +und sie für Geld sehen zu lassen ... Neugierige strömten nun +in Massen herbei, um vor dem Altar der Göttin ihren Tribut +niederzulegen und bald sah man überall unanständige +Kupferstiche der neuen mythologischen Person, Bilder, worauf +sie als Venus, als Phryne, als Olympia, als Kleopatra +abkonterfeiet war. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich danke; damit ist es genug. Wir brauchen uns keine Mühe +mehr zu geben, den Pfuhl weiter auszumalen. Ob du von +alledem unterrichtet warst, lasse ich dahingestellt. Ich +frage mich nur, wie es möglich war, daß du eine Verbindung +mit diesem Auswurf des Lasters auch nur in Betracht ziehen +konntest ... + + +_Sir Francis_ + +(verzagt) + +Ich liebe sie. + + +_Lord Hamilton_ + +Einfältiges Zeug! + + +_Sir Francis_ + +Wenn Sie auch nicht Rechte der Leidenschaft anerkennen, +Vater -- + + +_Lord Hamilton_ + +Lüderliche Phantasien! Ich hörte einmal einen Münzensammler +sagen, daß er seine Münzen liebe. Das hatte wohl eher einen +Sinn. Man habe keine Leidenschaften unter der Würde des +eigenen Standes. Und wenn man sie hat, so verberge man sie +wie ein unappetitliches Geschwür. Wo in aller Welt ist es +erhört, daß man aus einer »Leidenschaft« die Folgerung zu +heiraten ableitet? + + +_Sir Francis_ + +Erfüllen Sie mir eine einzige Bitte, mein Vater, ehe Sie +sich endgültig entschließen ... + + +_Lord Hamilton_ + +Nun? + + +_Sir Francis_ + +Sprechen Sie mit Emma Lyon! + + +_Lord Hamilton_ + +(voll Verachtung) + +Du bist ebenso verrückt als vermessen. + + +_Sir Francis_ + +(mit stoischer Gleichgültigkeit, da er keine Hoffnung mehr +hat) + +Sie ist hier im Hause und will nicht eher fort als bis sie +mit Ihnen gesprochen hat. + + +_Lord Hamilton_ + +(starr und steif) + +Wie --? + + +_Mr. Dashwood_ + +Jesus Christus steh mir bei! + + +_Emma Lyon_ + +(tritt, in weiblicher Kleidung, draußen in die Halle). + + +_Der Majordom_ + +(geht auf sie zu, sie spricht mit ihm, er kommt und meldet +mit dummem Gesicht) + +Mister Theseus Rippledale bittet vorgelassen zu werden. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich kenne keinen Mister Theseus Rippledale. Bedaure. +(Majordom ab.) + + +_Emma Lyon_ + +(am Majordom vorüber, tritt frech ein. Ihr Kostüm ist im +Stil des Direktoire gehalten; es ist äußerst geschmackvoll +und bringt die Formen des Körpers verführerisch zur Geltung) + +Guten Morgen, Mylord. Mister Rippledale und Emma Lyon sind +nämlich ein und dieselbe Person. + + +_Mr. Dashwood_ + +(mit gefalteten Händen vor sich hin) + +Lockbild der Hölle! + + +_Emma Lyon_ + +Ich konnte doch den armen Schelm nicht ganz ohne Beistand +dem Sturm des väterlichen Unwillens preisgeben. Im +Wortgefecht ist er leider nicht sehr gewandt. Auch muß man +ihn bisweilen an der Leine halten wie einen unbesonnenen +jungen Hund. + + +_Lord Hamilton_ + +(schweigt angeekelt). + + +_Emma Lyon_ + +(unbekümmert weiterplaudernd) + +Sie als Vater können freilich nicht so viel Possierliches +an ihm finden wie ich. Er hat sich in letzter Zeit zu seinem +Vorteil entwickelt, aber als ich ihn kennen lernte, konnte +er durch die Art, wie er ein Kompliment machte, eine +Methodistenversammlung zum Lachen bringen und seine +Konversation hätte einen Holzhacker in Verlegenheit +gebracht. Es hat Mühe gekostet, ihm eine passable Figur zu +geben. Sie haben seine Erziehung entschieden vernachlässigt, +Mylord. + + +_Mr. Dashwood_ + +(entsetzt flüsternd) + +Ein Dämon! + + +_Sir Francis_ + +(zerknirscht und vorwurfsvoll) + +Emma --! + + +_Lord Hamilton_ + +(schweigt, schaut gegen die Zimmerdecke). + + +_Emma Lyon_ + +(wie oben) + +Was Wunder, daß ich mit dem Vorurteil herkam, ein +unwirtliches Waldhaus und in ihm einen bissigen +Menschenfeind zu finden? Francis hat nur mit Zähneklappern +von seinem väterlichen Heim gesprochen, und da endlich sagte +ich mir: den Minotaurus will ich sehen. Vielleicht ist er +gar nicht so fürchterlich. In der Tat er ist nicht +fürchterlich. Auch mutet mich alles hier ganz behaglich an, +und die Theseus-Rolle kommt mir fast schon komisch vor. (Zu +Sir Francis.) Was meinst du, liebe Ariadne? + + +_Mr. Dashwood_ + +Diese Vertrautheit mit der Mythologie ist nicht groß +erstaunlich. + + +_Lord Hamilton_ + +(ergreift die Handglocke, läutet energisch. Ein Diener +kommt) + +Mister Rippledale wünscht seinen Wagen. Lassen Sie +vorfahren! + + +_Emma Lyon_ + +Mister Rippledale ist zu Pferde gekommen, Mylord. (Sie ist +durchaus nicht aus der Fassung gebracht, spricht, als ob ein +unsichtbarer Rippledale vor ihr stände.) Sie wollen schon +gehen, Mister Rippledale? Schade. Aber ich sehe ein, daß Sie +sich nicht zweimal mit dem Zaunpfahl winken lassen wollen. +Ich wünsche Ihnen gute Reise. (Schüttelt dem Unsichtbaren +die Hand.) Sei so freundlich, Francis, und begleite Mister +Rippledale hinaus. (Da Sir Francis sie zögernd anschaut, mit +einem befehlenden und vielsagenden Blick.) Hurtig, mein +Lieber! Mister Rippledale ist nicht gewöhnt, unhöflich +behandelt zu werden. (Zu Mr. Dashwood.) Und Sie, mein +dicker Reitersmann, Sie würden gut daran tun, wenn Sie +draußen die Identität meines Freundes Rippledale feststellen +würden. Nehmen Sie ihn in ein Kreuzverhör und lassen Sie +sich eine kleine Magenstärkung reichen. (Zum Diener, der mit +aufgerissenen Augen wartet.) Ein Glas Sherry für den Herrn! +Er bedarf der Kräftigung. + + +_Mr. Dashwood_ + +(erhebt sich, starrt den Lord ratlos an, weicht vor der +Berührung Emma Lyons zurück, die ihn unterm Arm fassen will, +und da der Lord wie versteinert ist und keine Miene macht zu +sprechen, geht er in weitem Bogen ängstlich um sie herum +nach der Tür, wo ihm Sir Francis durch eine mürrische Geste +bedeutet, daß er gehen solle. Er schlägt die Hände zusammen, +als sei der Untergang der Welt angebrochen, und verläßt das +Zimmer. Der Diener folgt ihm, dann, nach kurzem Zaudern und +unter allerlei Versuchen, stumm mit Emma Lyon zu +korrespondieren, auch Sir Francis). + + +_Emma Lyon_ + +(schließt die Türe zur Halle hinter ihnen) + +Auf Wiedersehen, lieber Rippledale! (Öffnet noch einmal die +Tür und winkt.) Addio! (Kehrt zurück.) Darf ich jetzt von +Ihrer Einladung, Platz zu nehmen, Gebrauch machen, Mylord? +(Sie setzt sich, lächelt gewinnend.) + + +_Lord Hamilton_ + +(ist vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen +konsterniert. Er greift sich wie träumend an den Kopf. Seine +Stimme klingt heiser, während er stotternd beginnt) + +Wer sind Sie? Wer gibt Ihnen das Recht, vermittelst einer +schamlosen Komödie in mein Haus zu dringen? + + +_Emma Lyon_ + +(blickt ihn mit unschuldiger Miene lächelnd an, winkt, als +ob sie ihn ermuntern wolle). + + +_Lord Hamilton_ + +(immer noch mühsam nach Worten ringend, wobei er sich +bestrebt, das junge, schöne Geschöpf nicht zu sehen) + +Sie erteilen Befehle an meine Dienerschaft. Ich erkläre +diese Befehle für ungültig. + + +_Emma Lyon_ + +(harmlos) + +Das dacht ich mir gleich. + + +_Lord Hamilton_ + +Sie haben mich überfallen, aber ich weigere mich, mit Ihnen +zu sprechen. Ich fordere Sie auf, Sir Francis und Mister +Dashwood wieder hereinzurufen. + + +_Emma Lyon_ + +Daß ich eine Närrin wäre! Es hat Arbeit genug gekostet, sie +hinauszubringen. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich kenne Sie nicht, ich -- -- + + +_Emma Lyon_ + +Tut nichts, Mylord. Es ist ja der Zweck meiner Anwesenheit, +daß Sie mich kennen lernen. + + +_Lord Hamilton_ + +Ihre Gegenwart ist mir unerwünscht, und wenn Sie nicht gehen +wollen, so werde ich einem meiner Diener befehlen müssen, +Sie hinauszubegleiten. + + +_Emma Lyon_ + +Ah? wirklich? würden Sie das wirklich tun? + + +_Lord Hamilton_ + +(nimmt die Handglocke, läutet). + + +_Emma Lyon_ + +(fast fröhlich) + +Ich bin gespannt, ob Sie dazu den Mut finden werden. + + +_Ein Diener_ + +(kommt) + +Mylord befehlen? + + +_Lord Hamilton_ + +(heftet plötzlich einen etwas verzagten Blick auf Emma Lyon; +er zaudert). + + +_Der Majordom_ + +(kommt) + +Mylord befehlen? + + +_Emma Lyon_ + +(lächelnd) + +Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Gentleman sich auf +diese Weise einer Dame entledigt. + + +_Lord Hamilton_ + +(zum Majordom, gepreßt) + +Sagen Sie Mister Dashwood, er möge warten. (Winkt den +beiden, das Zimmer zu verlassen.) + + +_Der Majordom_ + +Sehr wohl. (Ab mit dem Diener.) + + +_Emma Lyon_ + +Jetzt bleibt Ihnen nichts übrig, als daß Sie selbst die +Flucht ergreifen, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +(bleibt unwillkürlich stehen) + +Ich fliehe nicht, ich ignoriere bloß. + + +_Emma Lyon_ + +Aber Sie haben mich doch nicht ignoriert, als Sie Spione auf +meine Spur geschickt haben, die meine Vergangenheit +durchschnüffeln mußten, -- wie kommt das? + + +_Lord Hamilton_ + +Es geschah für die Ehre der Familie. + + +_Emma Lyon_ + +Und sind Sie überzeugt davon, daß man Ihnen die Wahrheit +berichtet hat? + + +_Lord Hamilton_ + +Man hatte keinen Grund zu Entstellungen. + + +_Emma Lyon_ + +So war es nicht gemeint. Ich bezweifle nur, daß man imstande +gewesen ist, Ihnen die _ganze_ Wahrheit zu enthüllen. +Vielleicht hätten Sie dann eine Kompagnie Soldaten +aufgeboten, um Sir Francis' Unschuld vor mir zu schützen. + + +_Lord Hamilton_ + +Dieser Zynismus entwaffnet mich nicht. (Finster.) Sagen Sie +in aller Kürze, was Sie noch zu sagen haben. Ich will +versuchen, Sie anzuhören, um mich nicht dem Vorwurf +auszusetzen, als ob ich ungehört verdammte. + + +_Emma Lyon_ + +Warum sollten Sie mich denn verdammen, Mylord? Ist es etwa +nicht erlaubt, daß einer von dem Kapital lebt, das er +besitzt? Ziehen Sie nicht mit Hilfe Ihrer Pächter aus Ihren +Ländereien so viel Gewinn, wie Sie daraus ziehen können? Sie +würden lachen, obwohl Sie vermutlich ungern lachen, wenn +ich Sie bitten würde, mir eine Wiese oder ein Stück Wald zu +schenken. Warum also sollte ich mich verschenken? Ich habe +nur mich selbst. Ich beleidige Ihr keusches Ohr, ich weiß +es. Es gibt keinen Kiebitz, der nicht die Tugend preist. O +ja, die Tugend ist eine ganz schöne Sache, wenn das +Lebensspiel sie nicht als Einsatz fordert. Wenn mir das +Schicksal die Versprechungen erfüllt, die ich ihm abgerungen +habe, will ich so tugendhaft sein wie ein zahnloses altes +Weib. Bis dahin kann mich nicht einmal Ihre Verachtung +hindern, meine -- Wälder und Ländereien zinstragend zu +verwerten. + + +_Lord Hamilton_ + +(begegnet endlich ihrem Blick, wendet jedoch sofort wieder +die Augen ab. Die schlaue Emma Lyon bemerkt, daß er nicht +mehr daran denkt, sie durch Hinausgehen zu brüskieren. Diese +Sicherheit gibt ihr noch mehr Impertinenz. Der Lord zieht +die Brauen zusammen und versetzt widerwillig) + +Das alles interessiert mich nicht. Auch sehe ich keinen +plausiblen Grund darin, weshalb Sie Ihre Netze gerade nach +meinem Sohn werfen mußten. + + +_Emma Lyon_ + +Na, einer muß es doch sein. + + +_Lord Hamilton_ + +Die vernünftige Erwägung muß Ihnen sagen, daß diese +Spekulation verfehlt ist. + + +_Emma Lyon_ + +Keineswegs. Weshalb denn? Was können Sie ihm anhaben? Sie +werden ihn aufs Trockene setzen. Gut. Sie werden ihn des +baren Geldes berauben, mehr ist Ihnen nach den Gesetzen +unseres Landes nicht verstattet. Grund und Boden muß er +erben. Sie sehen, auch ich habe mich unterrichtet. + + +_Lord Hamilton_ + +Francis ist nicht der Mann, um einer Torheit willen zwanzig +Jahre lang zu hungern. Denn so lange gedenke ich mindestens +noch auf Easton Park zu wohnen. + + +_Emma Lyon_ + +Das glaub ich. Aus lauter Trotz werden Sie am Ende hundert +Jahre alt. Aber auf die Dauer können Sie nicht so verblendet +sein, der friedlichen Fortpflanzung Ihres Geschlechts +unnötige Hindernisse zu bereiten. + + +_Lord Hamilton_ + +Sie irren. + + +_Emma Lyon_ + +Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Lady Hamilton sein werde, +-- so oder so. + + +_Lord Hamilton_ + +(kalt) + +Dann werde ich Ihnen beweisen müssen, daß es noch Mittel in +England gibt gegen Abenteuerinnen Ihres Schlags. + + +_Emma Lyon_ + +Nein, Mylord, die gibt es nicht. Und wissen Sie, warum +nicht? Weil in England Männer regieren. + + +_Lord Hamilton_ + +Ja, glauben Sie denn im Ernst, daß Ihnen kein Mann im +Königreich gewachsen ist? + + +_Emma Lyon_ + +Ach, Mylord, Sie tun mir leid! Sie ahnen nicht, wie sie alle +schmelzen, wie die stolzesten Hähne klein werden und sich +die Federn putzen und wie gefällig sie mit den Füßen +scharren und wie einladend sie krähen, wenn ich bloß am +Horizont auftauche. Neulich hatte ich in Kings bench zu tun; +na, da war ein Richter, -- ich kann Ihnen sagen, sein Gesicht +war saurer als Essig, und er hatte eine Art dreinzublicken, +als läge es in seiner Macht, die ganze Christenheit um einen +Kopf kürzer zu machen. Ich war angeklagt, weil der Sohn des +Lord Hervey idiotisch genug war, hunderttausend Pfund in +meiner Gesellschaft zu verspielen, als ob es meines Amtes +wäre, erst nachzufragen, wie lang ein Grünspecht vom +Wickeltisch zum Pharaotisch sich Zeit lassen muß. Kaum hatte +ich angefangen, mich zu verteidigen, kaum hatte ich mein +seidenes Tuch gezogen, um meinen Tränen ein anständiges +Quartier zu verschaffen, da zerging der Gestrenge schon wie +Butter, er machte Zeichen mit den Händen, grinste wie ein +Hökerweib am Feierabend und hatte Augen so lang wie ein +Hummer, wenn man ihn ins heiße Wasser tut. Ich konnte nicht +widerstehen, ich mußte ihn durch ein paar freundliche Worte +aufmuntern. + + +_Lord Hamilton_ + +(dem plötzlich unbehaglich wird) + +Ich bin nicht fähig, Ihrer Suada zu begegnen, Madame. Ich +bekenne offen, daß ich ein schlechter Redner bin. Selbst das +Zuhören ermüdet mich, und meine Gedanken schweifen haltlos +umher. Haben Sie doch die Güte, mich jetzt allein zu lassen. +Vielleicht erteilen Sie Mister Wardle Auftrag, daß er Ihnen +den Lunch serviere, bevor Sie Easton Park den Rücken kehren. + + +_Emma Lyon_ + +Wenn ich in Easton Park den Lunch nehme, Mylord, werde ich +es entweder in Ihrer Gesellschaft oder gar nicht tun. + + +_Lord Hamilton_ + +(setzt sich mit versorgtem Gesicht) + +Also wie soll das enden? + + +_Emma Lyon_ + +(mit versteckter Schelmerei) + +Ist Ihnen nicht wohl, Mylord? Sicherlich ist Ihnen nicht +wohl. Es wäre grausam, wenn ich Sie jetzt allein ließe. + + +_Lord Hamilton_ + +Es scheint, Sie treiben ein Spiel mit mir ... + + +_Emma Lyon_ + +Gott bewahre. Dazu ist mein Respekt viel zu groß. Ich habe +ein bißchen Revolution auszuführen versucht, das ist alles, +aber Ihre Unerschütterlichkeit flößt mir Bewunderung ein. +Mit Ihnen kann man nicht paktieren. Trotzdem schlage ich +Ihnen ein Kompromiß vor. Überzeugen Sie mich davon, daß Ihr +Geschlecht zu keiner Zeit und unter keiner Bedingung ein +plebejisches Reis auf seinen erlauchten Stammbaum gepfropft +hat, und ich will mich bescheiden. Ich gebe Sir Francis den +Laufpaß, wenn Sie mir beweisen können, daß Ihre adeligen +Vorfahren keinen andern Ehrgeiz gehabt haben, als eine +fehlerlose Genealogie zu fabrizieren. + + +_Lord Hamilton_ + +(in die Enge getrieben, vornehm) + +Wenn ich eine Erörterung hierüber für möglich hielte, würde +ich die Fundamente untergraben, auf denen ich stehe. + + +_Emma Lyon_ + +Und damit soll ich mich zufrieden geben? Die Klatschbase, +die man Geschichte nennt, behauptet ganz frech, daß hin und +wieder eine ziemlich zweifelhafte Lady ins Ehebett eines +leichtsinnigen Lords geschlüpft ist. Oder ist es Schwindel, +daß Lord James eine arme irische Schauspielerin geheiratet +hat? Sie soll freilich so schön gewesen sein, daß während +ihrer Vorstellung bei Hof der Scharlach der Aristokratie auf +Tische und Stühle stieg, um sie zu sehen. Douglas Hamilton +vergaß sich so weit, die Tochter eines Akziskommissärs mit +seiner Hand zu beglücken. Von einigen Ladies habe ich mir +gar sagen lassen, daß sie mit Kutschern, Schreibern, +Schmugglerkapitänen ... + + +_Lord Hamilton_ + +(nervös) + +Nicht weiter, Madame! Genug der Indiskretionen. + + +_Emma Lyon_ + +Die Wahrheit wird immer beschimpft, wenn sie unbequem ist. +Sehen Sie mich doch einmal an, Mylord! Kommt es Ihnen nicht +so vor, als ob ein Frauenzimmer meiner Kategorie geeigneter +wäre, die verdickten Ahnensäfte wieder zum Moussieren zu +bringen, als irgend eine hochgeborene Kuh aus einem sublimen +Stall --? + + +_Lord Hamilton_ + +Stall --? Kuh --? Um Himmels willen, was für Worte! + + +_Emma Lyon_ + +Ich habe jetzt nicht Lust, auf meine Worte zu achten. Sehen +Sie mich an, sage ich. + + +_Lord Hamilton_ + +(irritiert) + +Nun ja ... ja ... ich sehe. + + +_Emma Lyon_ + +Was finden Sie an meinem Wuchs zu tadeln? + + +_Lord Hamilton_ + +(noch mehr irritiert) + +Ich habe ... offengestanden ... darüber kein Urteil. + + +_Emma Lyon_ + +Wer verstände nicht zu tadeln, auch wenn er kein Urteil hat! +So schauen Sie wenigstens. Was haben Sie an diesen Schultern +auszusetzen? was an der Büste? Diese Linien (mit den +Fingerspitzen an den Hüften entlang streifend) sind edler +als jeder Name. Der Fuß, Mylord, (hebt ihr Kleid ein wenig) +zeigen Sie mir einen aristokratischen Fuß, vor dem er sich +verstecken müßte. Und der Nacken, -- (wendet sich) mißfällt +er Ihnen? Die Haare, -- braucht man sich ihrer zu schämen? +Die Hand, -- läßt sie auf eine schlechte Rasse schließen? +Ohr, Nase, Stirn, Zähne, Lippen, -- vertragen sie nicht jede +Kritik? Romney hat mich vierzehnmal porträtiert, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +(bestürzt und im Anfangsstadium einer verhängnisvollen +Narkose) + +Romney ... jawohl. Mister Romney ist ein Meister seines +Handwerks. Er hat auch die Königin gemalt, wenn ich nicht +irre ... Aber würden Sie nicht die Freundlichkeit haben, Miß +Lyon, sich in größerer Entfernung von mir aufzuhalten? Ihr +Parfüm ist es, glaube ich, das mich schwindlig macht. + + +_Emma Lyon_ + +(diebisch) + +Soll ich das Fenster öffnen, Mylord? + + +_Lord Hamilton_ + +Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir ein Glas Wasser +reichen wollten. + + +_Emma Lyon_ + +(tritt beflissen zum Tisch, schenkt aus einer Karaffe Wasser +in ein Glas, bringt es ihm). + + +_Lord Hamilton_ + +Ich danke Ihnen. + + +_Emma Lyon_ + +(nachsichtig) + +Sie sind an die Nähe von Frauen nicht mehr gewöhnt, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Durchaus nicht. -- Durchaus nicht. + + +_Emma Lyon_ + +Schade. Dabei vertrocknet das Temperament. Ist Ihnen besser? +(Sie faßt seine Hand.) Die arme kalte Hand! + + +_Lord Hamilton_ + +(scheu) + +Die Ihre freilich, Miß Lyon, die Ihre ist hinlänglich warm. + + +_Emma Lyon_ + +Wie pedantisch! Hinlänglich warm! O Gott! + + +_Lord Hamilton_ + +Es ist außerdem eine begehrliche Hand; sie ist allzu +begehrlich. + + +_Emma Lyon_ + +Wer nicht zehnmal so viel begehrt als ihm gewährt wird, der +soll nicht zu leben anfangen. Weiter, Herr Chiromant? Was +sehen Sie noch? Daß ich neugierig bin? Stimmt. Eitel? +Stimmt. Treulos? Stimmt. Aber treulos machen uns nur die, +die kraftlos sind. + + +_Lord Hamilton_ + +Was ist das für eine Narbe hier neben dem Daumen? + + +_Emma Lyon_ + +Sie stammt von den Zähnen des Prinzen von Wales. + + +_Lord Hamilton_ + +Wieso? Ist er bissig? + + +_Emma Lyon_ + +Er beißt aus Enthusiasmus. Aber er steht in meiner Schuld +dadurch. Die Narbe ist unter Brüdern eine Einladung nach St. +James wert. + + +_Lord Hamilton_ + +Was doch alles geschieht! Sonderbar. Ich muß gestehen, ich +fasse nicht die Existenz, die Sie führen. Da reiht sich wohl +Fest an Fest und Genuß an Genuß, und für Genauigkeit und +Regelmäßigkeit bleibt nichts mehr übrig. Und dabei kann man +leben ... es macht wohl gar Spaß? Sonderbar. Eine sonderbare +Welt! + + +_Emma Lyon_ + +Die zu beklagen ist, weil Sie sich von ihr fern halten, +Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Keine Flatterien, Miß Lyon! Ich liebe nicht die Exaltationen +des Vergnügens. + + +_Emma Lyon_ + +(heuchlerisch) + +Eigentlich haben Sie recht, Mylord. Es gibt nichts, was so +anstrengend ist wie das Laster. + + +_Lord Hamilton_ + +Sehen Sie! Sehen Sie! + + +_Emma Lyon_ + +(versonnen) + +Oder vielleicht doch ... Ich glaube, daß die Tugend _noch_ +anstrengender ist. + + +_Lord Hamilton_ + +Versuchen Sie es doch einmal ... + + +_Emma Lyon_ + +Meinen Sie? + + +_Lord Hamilton_ + +Fangen Sie damit an, daß Sie Ihre auf Sir Francis zielenden +Absichten fallen lassen. + + +_Emma Lyon_ + +Aha, Sie wollen schon ein Geschäft mit meiner Tugend +machen. Das ist ja eben das Verdächtige an der Sache. + + +_Lord Hamilton_ + +(steht auf) + +Im Ernst, Miß Lyon: -- Was kann Sie an dem Jüngling locken? +Seine Geistesgaben, Sie müssen es selbst zugeben, sind +keineswegs blendend. Er würde Sie langweilen, Sie würden ihn +betrügen, und was wäre die Folge? Der Skandal in +gesteigerter Häßlichkeit. Sie brauchen eine starke Hand. +Einen reifen Mann brauchen Sie, der durch Erfahrung und +Charakter befähigt ist, Ihrem ungebundenen Wesen Schranken +zu setzen. + + +_Emma Lyon_ + +(zerknirscht) + +Es ist wahr. Wenn Sie wüßten, Mylord, wie ich dieser jungen +Leute satt bin, die ihre Leidenschaften mit so viel Lärm und +Prätension zur Schau tragen! Ich sehne mich nach einem +verschwiegenen und klugen Mann, so an der Grenze der +Fünfzig, nach einem Mann, der nicht immer nur etwas haben +will, sondern auch etwas gibt. + + +_Lord Hamilton_ + +(erfreut) + +Nun also ... + + +_Emma Lyon_ + +Würden Sie mir helfen? + + +_Lord Hamilton_ + +Ich ... ja, gewiß ... Ich würde sehen, was sich tun läßt. + + +_Emma Lyon_ + +Aber Sie haben doch hoffentlich nicht vergessen, daß ich vor +zehn Minuten geschworen habe, Lady Hamilton zu werden? Ich +gedenke, das Gelübde unter allen Umständen zu erfüllen. + + +_Lord Hamilton_ + +Das versteh ich nicht ... + + +_Emma Lyon_ + +Verständlicher kann nichts auf der Welt sein. + + +_Lord Hamilton_ + +(vor Schrecken gelähmt) + +Sie meinen --? + + +_Emma Lyon_ + +Ja! + + +_Lord Hamilton_ + +Ich? -- Ich --? Ich sollte --? Sie träumen wohl, Miß Lyon? (Er +fällt in den Stuhl zurück.) + + +_Emma Lyon_ + +(läßt sich in einer reizenden Magdalenen-Stellung vor ihm +auf die Kniee nieder. Da er nicht zurückweichen kann, preßt +er den Rücken gegen die Lehne und drückt den Kopf in den +Nacken) + +Sie wären schwerlich, trotz meines ununterbrochenen +Geschwätzes, bis zu diesem Augenblick im Zimmer geblieben, +wenn ich Ihnen nicht gefallen hätte, Mylord. Und jetzt ist +es leider zu spät. Fängt dieses Gift einmal zu wirken an, +dann ist man verloren. + + +_Lord Hamilton_ + +(klagend) + +Zweifellos. Ich habe es an der nötigen Festigkeit fehlen +lassen. + + +_Emma Lyon_ + +Und mir sprechen Sie jedes Verdienst ab? + + +_Lord Hamilton_ + +Ich kann nicht leugnen, daß Ihnen eine ... wie soll ich mich +nur ausdrücken? -- eine seltsame Gewalttätigkeit eigen ist. + + +_Emma Lyon_ + +Gut. Ich akzeptiere das Kompliment. + + +_Lord Hamilton_ + +Nichtsdestoweniger befinden Sie sich mit Ihrer Vermutung, +was meinen Seelenzustand betrifft, auf dem Holzweg. Ich will +es wenigstens hoffen. + + +_Emma Lyon_ + +Sie kennen die menschliche Natur nicht so gut wie ich, +Mylord. Ich will Ihnen sagen, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie +jetzt eigensinnig sind. Ich reise ab. Ihre Gedanken +verursachen Ihnen ein unangenehmes Kribbeln, Sie sind +unzufrieden mit sich, Sie haben keinen Appetit mehr, des +Nachts flieht Sie der Schlaf, und plötzlich, Sie wissen +selbst nicht wie, fassen Sie den Entschluß, mich +aufzusuchen. Da erscheint eines Tages Lord Hamilton im Salon +von Emma Lyon. Aber Emma Lyon wird durchaus nicht auf die +Kniee fallen, so wie jetzt. Emma Lyon wird spöttisch +lächeln; sie wird Seiner Herrlichkeit einen Stuhl bieten, +sie wird mit Mister Jennings plaudern und wird die +Albernheiten von Mister Davis entzückt anhören und wird Sir +Roberts empfangen, und Mylord wird gehen, verdrießlich, +aufgebracht, wütend gegen sich und mich, aber er wird +wiederkommen, er wird Blumen bringen, er wird Geschenke +bringen, all die Laffen und Schmeichler und Dandies werden +ihm lästig sein, aber Emma Lyon wird sagen: Platz genug im +Hause! Dort unter der Treppe ist für die Mißgelaunten Platz, +und unterm Dachboden für die Hochmütigen, und im Keller für +die Moralisten. Und mein kleiner Schoßhund wird kläffen, +wenn Sie nahen, und diese weiße begehrliche Hand wird ihre +Finger spreizen, -- so, denn ich, Mylord, (sie erhebt sich) +ich würde Sie zappeln lassen. Und davor möge Gott Sie +bewahren. + + +_Lord Hamilton_ + +(murmelnd) + +Niemals würde ich mich so tief erniedrigen. + + +_Emma Lyon_ + +(kategorisch) + +Sie werden es tun! Ihre Augen versichern es mir. Ich erspare +Ihnen demnach eine unabsehbare Reihe von Qualen und +Kränkungen durch ein freimütiges Anerbieten. + + +_Lord Hamilton_ + +(schüttelt den Kopf) + +Ich vermute, Miß Lyon, Sie ahnen nicht, was ich +durchzusetzen vermag, selbst gegen meine heftigsten Wünsche +und Triebe. Insofern bleibt also Ihr Schreckbild ohne +Wirkung. Aber Sie verfechten Ihre Sache mit Bravour und +nicht ohne Geist. Ich liebe das. In diesem hübschen kleinen +Kopf rumort ein Teufel, den zu zähmen der Mühe vielleicht +verlohnen könnte. Wie Sie richtig bemerkten, bin ich des +Elements entwöhnt, das, in Ihnen personifiziert, meinen +Frieden so geräuschvoll unterbrochen hat. Ich habe jedoch +gerade dadurch erkannt, daß zwischen mir und der Welt eine +gewisse Entfremdung besteht, und ich könnte Ihren Vorschlag +in Betracht ziehen, wenn nicht Hindernisse vorlägen, die für +mich beinahe unüberwindlich sind. Der Doktor Graham ... das +himmlische Bett ... die Mystifikation als Göttin Hygäa ... +(Schüttelt wieder den Kopf.) Das sind üble Dinge ... üble +Dinge. + + +_Emma Lyon_ + +Die mich vor dem Verhungern geschützt haben, Mylord. + + +_Lord Hamilton_ + +Sie hätten eine minder exponierende Abhilfe wählen sollen. + + +_Emma Lyon_ + +Ich hatte keine Wahl. Ich bin auch nicht schlechter geworden +dadurch. Es war eine Hülle, die ich angelegt habe. + + +_Lord Hamilton_ + +Verzeihen Sie, die Hülle, -- die haben Sie abgeworfen. + + +_Emma Lyon_ + +Man kann alle Hüllen abwerfen und doch undurchdringlicher +sein als in Panzern. + + +_Lord Hamilton_ + +Das ist Rabulismus. + + +_Emma Lyon_ + +Sie haben wenigstens die Sicherheit, daß ich gegen jede +künftige Verführung und Verlockung gefeit bin. Alles was +andere lüstern macht, davon habe ich genug und übergenug. + + +_Lord Hamilton_ + +Das ist ein Argument. + + +_Emma Lyon_ + +Die Welt ist vergeßlich. Ein Name, wie der Ihre Mylord, +deckt jugendliche Torheiten zu. + + +_Lord Hamilton_ + +(mit einem Rest von Bedenklichkeit) + +Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt ... + + +_Emma Lyon_ + +Man hat mir erzählt, und ich habe mich darüber amüsiert, daß +Sie es bisweilen nicht verschmähen, der Zeit Gewalt anzutun. +Ich, sehen Sie, ich kann das auch. (Sie steigt auf einen +Stuhl, öffnet das Uhrgehäuse und dreht den großen Zeiger +sehr schnell und mehrere Male über das Zifferblatt zurück.) + + +_Lord Hamilton_ + +Was tun Sie da, junge Hexe! (Das Uhrwerk knackt, der Pendel +hört auf zu schwingen.) + + +_Emma Lyon_ + +Ich drehe die Jahre zurück, Mylord, und wenn ich will, -- +sehn Sie! -- bleibt die Zeit stehen! (Sie springt herab.) Wir +gehen nach Italien, Mylord! (mit ausgebreiteten Armen, +bacchantisch.) Illuminationen! Barken auf dem Meer! +Mondschein und Liebeslieder! Fackeltanz und Tarantella! + + +_Lord Hamilton_ + +(vor sich hin) + +Es bliebe noch zu erwägen, ob hier ein freier Entschluß oder +die Macht einer Bezauberung vorliegt. -- Gönnen Sie mir, Miß +Lyon, gönnen Sie mir Frist bis morgen. + + +_Emma Lyon_ + +So lang Sie wollen. Nur bedenken Sie, daß auch ich +Dispositionen zu treffen habe -- + + +_Lord Hamilton_ + +Ich könnte es versuchen ... + + +_Emma Lyon_ + +Schön, versuchen wir es. + + +_Lord Hamilton_ + +Begleiten Sie mich für zwei Monate nach dem Süden. + + +_Emma Lyon_ + +Zwei Monate? Das ist etwas wenig. + + +_Lord Hamilton_ + +Sagen wir vier Monate. + + +_Emma Lyon_ + +Wenn ich so durchtrieben wäre wie man mich Ihnen geschildert +hat, wäre ich mit drei Tagen zufrieden. Aber ich bin eine +ehrliche Person und sage Ihnen ohne Umschweife: drei Tage +Probezeit oder drei Jahre oder dreißig Jahre, das ist für +mich im Grunde gleichgültig, denn nach dem ersten Tag werden +Sie vom letzten nichts mehr wissen wollen. + + +_Lord Hamilton_ + +Ihre Prophezeiung ist sehr kühn. Immerhin bleiben wir +vorläufig bei den vier Monaten. + + +_Emma Lyon_ + +Vergessen Sie nicht, daß Sie Ihren Sohn vor eine +unwiderrufliche Tatsache stellen müssen, sonst komme ich ihm +gegenüber in eine schiefe Position. + + +_Lord Hamilton_ + +Eine bedeutende Schwierigkeit. Wie soll ich ihm eröffnen --? + + +_Emma Lyon_ + +Sie überschätzen ihn doch. Die Schwierigkeit ist mit zwei +Worten aus der Welt geschafft. (Sie nimmt die Handglocke, +läutet.) + + +_Lord Hamilton_ + +(verwundert) + +Oh! Sie ergreifen die Initiative mit großem Feuer. + + +_Der Majordom_ + +(tritt ein) + +Mylord befehlen? + + +_Emma Lyon_ + +Sir Francis soll kommen. + + +_Der Majordom_ + +(erstaunt über den diktatorischen Ton von dieser Seite) + +Mylord wünschen Sir Francis? + + +_Lord Hamilton_ + +(kalt) + +Sie haben gehört. + + +_Der Majordom_ + +Mister Dashwood läßt gehorsamst fragen, ob er sich entfernen +kann. Er hat dringende Geschäfte. + + +_Emma Lyon_ + +Er soll warten. -- Ist nicht Frühstückszeit? + + +_Lord Hamilton_ + +Es dürfte Frühstückszeit sein. + + +_Der Majordom_ + +(schaut auf die Wanduhr) + +Jawohl; es ... (Stockt verblüfft.) Die Uhr steht. + + +_Lord Hamilton_ + +Ja. Die Uhr steht. + + +_Emma Lyon_ + +Es soll serviert werden. + + +_Der Majordom_ + +(bekümmert und fast vorwurfsvoll) + +Soll serviert werden, Mylord? + + +_Lord Hamilton_ + +Sie hören. + + +_Emma Lyon_ + +Auch fehlt noch ein Gedeck. + + +_Der Majordom_ + +Noch ein Gedeck, Mylord? + + +_Lord Hamilton_ + +Noch ein Gedeck. + + +_Der Majordom_ + +Sehr wohl. (Ab.) + + +_Emma Lyon_ + +Der Mann scheint auf dem rechten Ohr taub zu sein. + + +_Lord Hamilton_ + +(in ziemlicher Unruhe) + +In welche Form soll ich also Francis gegenüber die +Mitteilung kleiden? + + +_Emma Lyon_ + +Sie sagen ihm, daß Sie seine Schulden bezahlen und mich +dafür in Ihre Obhut nehmen. + + +_Lord Hamilton_ + +(zieht die Stirn in Falten) + +Das wäre ja ein regelrechter Handel! + + +_Emma Lyon_ + +Ich habe noch nie gehört, daß ein Engländer in Ohnmacht +fällt, wenn von einem Handel die Rede ist. + + +_Lord Hamilton_ + +Wie viel betragen seine Schulden? + + +_Emma Lyon_ + +Eine Lappalie. Vierzigtausend Pfund. + + +_Lord Hamilton_ + +Wie? Und das nennen Sie eine Lappalie? + + +_Emma Lyon_ + +(lacht) + +Also fange ich schon an, Ihnen teuer zu werden? + + +_Lord Hamilton_ + +Wenigstens geben Sie mir einen starken Begriff von Ihrer -- +Weitherzigkeit. + + +_Emma Lyon_ + +Wo geknausert wird, kann ich nicht froh sein. + + +_Lord Hamilton_ + +Ich werde trachten, Sie bei guter Laune zu erhalten. + + +_Emma Lyon_ + +(streckt den Arm aus) + +So küssen Sie mir die Hand. + + +_Lord Hamilton_ + +(beugt sich mit steifer Galanterie; während er ihr die Hand +küßt, kommt) + + +_Sir Francis_ + +(bleibt bei diesem Schauspiel wie angewurzelt stehen. Gleich +hinter ihm kommen: der Majordom, dem ein Diener mit dem +fehlenden Gedeck folgt; hinter diesem ein zweiter Diener mit +dem Tablett, auf dem sich die Speisen befinden. Gleich +darauf erscheint auch Mister Dashwood auf der Schwelle. Die +Tür zur Halle bleibt offen). + + +_Lord Hamilton_ + +(geht zum Tisch, gibt dem Majordom Anweisung über die +Sitzordnung, dann tritt er zu Mister Dashwood und spricht +mit ihm. Dieser lauscht aufmerksam und verbeugt sich oft zum +Zeichen seines Eifers. Indessen ist Sir Francis zu Emma Lyon +getreten). + + +_Sir Francis_ + +(bewundernd; leise) + +Das war ein Meisterstück, Emma. Wie hast du ihn denn +herumgekriegt? + + +_Emma Lyon_ + +Still, lieber Freund. Keine Elogen. Du wirst alles hören. +Jetzt hab ich Hunger wie ein Matrose. + + +_Sir Francis_ + +Und zahlt er die fünfundzwanzigtausend Pfund --? Du weißt, +meine Gläubiger drängen ... + + +_Emma Lyon_ + +Fünfundzwanzig und noch fünfzehntausend dazu. + + +_Sir Francis_ + +(entzückt) + +Du bist umsichtig wie ein Kaufmann! + + +_Lord Hamilton_ + +(zu Mister Dashwood) + +Die Informationen waren falsch. Es ist dies eine +Gewissenlosigkeit, die ich ahnden muß, und Sie tun gut +daran, Mister Dashwood, wenn Sie den Londoner Herrn darauf +aufmerksam machen, daß ich ihn wegen böswilliger Verleumdung +bestrafen lassen werde. + + +_Mr. Dashwood_ + +Gewiß, Mylord, gewiß. Die Zunge der Menschen ist ein +giftiges Instrument und unheilvoll in ihren Wirkungen -- + + +_Lord Hamilton_ + +(unterbricht den drohenden Redeschwall und wendet sich auch +an Sir Francis) + +Miß Emma Lyon hat mich davon überzeugt, daß alles, was wir +von ihrem früheren Leben gehört haben, nichtswürdige Lügen +sind. + + +_Sir Francis_ + +Das hab ich ja gleich gesagt -- + + +_Lord Hamilton_ + +Es gibt keinen Doktor Graham ... Es gibt kein himmlisches +Bett, und sie hat niemals eine Göttin Hygäa dargestellt. +Genug davon. Es sei von solchen Dingen nicht mehr die Rede. +Sie können gehen, Mister Dashwood. + + +_Mr. Dashwood_ + +(mit tiefer Verbeugung ab). + + +_Lord Hamilton_ + +(mit der Taschenuhr in der Hand) + +Darf ich zu Tisch bitten? Es ist zwölf Uhr, fünf Minuten. +(Mister Dashwood hat sich entfernt.) + + +_Emma Lyon_ + +Ihre Präzision, Mylord, verspricht meinem Magen ein Dasein +von angenehmer Sorglosigkeit. + + +_Lord Hamilton_ + +Zuerst den Bordeaux, John. (Emma Lyon und Sir Francis haben +Platz genommen, der Lord bleibt stehen.) Mein lieber Sohn, +erlaube mir, dich von einem freudigen Ereignis zu +unterrichten. Miß Emma Lyon ist von heute ab keine Fremde +mehr für dich. Verehre in ihr (stockt; Pause, dann mit +ruhiger Sicherheit) deine zukünftige Mutter, Lady Hamilton. + + +_Sir Francis_ + +(springt auf, läßt sich aber unter dem hoheitsvollen und +bannenden Blick seines Vaters wieder aus den Sessel nieder). + + +_Lord Hamilton_ + +Den Fisch, Mister Wardle! + +_Vorhang._ + + + + +Hockenjos + + +Personen: + + Karinkel, Bürgermeister + Bienemann, Redakteur + Mettenschleicher, Bildhauer + Hockenjos + Hannewickel, Stadtrat + Abendrot, Amtsschreiber + Binder, Kommissär + Ein Amtsdiener, ein Kellnerbursche + +Spielt in einer kleinen süddeutschen Stadt. + + +Kanzlei des Bürgermeisters. Rechts und links Türen. Hinten +zwei Fenster mit Aussicht auf einen von altertümlichen +Häusern umgebenen Platz, in dessen Mitte das noch umhüllte +Denkmal steht. + + +_Abendrot_ + +(schlägt mit einem Aktenheft Fliegen tot) + +Hin muscht werde! Pardon gibt's net ... hätt'scht es vorher +überlegt, mei Schätzle ... hin muscht werde, sag' ich ... + + +_Karinkel_ + +(ein untersetzter, glattrasierter, eiliger Mann, kommt; er +ist im Frack) + +Was treiben Sie denn da, Abendrot? + + +_Abendrot_ + +Die Fliege schlag' i tot, Herr Bürgermeischter. + + +_Karinkel_ + +Die Fliegen schlagen Sie tot? Sind Sie verrückt, Mensch? Wo +wir bis an den Hals in Arbeit stecken! + + +_Abendrot_ + +Ich hab' ja bei der Denkmalsenthüllung nix zu tun, Herr +Bürgermeischter. + + +_Karinkel_ + +Scheren Sie sich an die Arbeit. Und wenn Sie nichts zu tun +haben, dann tun Sie wenigstens so, als ob Sie was zu tun +hätten. Das fordert die Würde des Amtes. Der Professor +Mettenschleicher muß jeden Moment kommen, -- was soll er sich +denken, wenn Sie Allotria treiben. + + +_Abendrot_ + +Isch scho guet, Herr Bürgermeischter ... + + +_Karinkel_ + +Keine Widerrede! Diese Biederkeit, diese ewige +Treuherzigkeit! wie sie mir auf die Nerven geht! Ich weiß +nicht, wo mir der Kopf steht, und der Mensch schlägt Fliegen +tot. (Es klopft.) Herein! + + +_Mettenschleicher_ + +(tritt ein; ein großer, würdevoll aussehender, +schwarzbärtiger, seriöser Mann, ebenfalls im Frack) + +Guten Morgen. + + +_Karinkel_ + +Guten Morgen, lieber Professor. Wie geht's? wie steht's? Gut +geschlafen? gut geträumt? Hat unser bescheidenes Hotel Ihren +Ansprüchen genügt? Oder haben Sie irgend welche +Rekriminationen? Ich lege großen Wert darauf, daß es Ihnen +bei uns gefällt. + + +_Mettenschleicher_ + +Danke, ich bin zufrieden. In so einem Städtchen wird mir +immer behaglich zumut. + + +_Karinkel_ + +Na, na, Professor ... Städtchen ... + + +_Mettenschleicher_ + +Nun ja, es ist doch eine sehr kleine Stadt ... + + +_Karinkel_ + +Eine sehr kleine Stadt? -- Eine kleine Stadt, das eher. Aber +es ist gut, daß Sie sich wohl fühlen. Man hat nicht oft die +Freude, einen so berühmten Meister bewirten zu dürfen. Noch +dazu bei so feierlichem Anlaß ... + + +_Mettenschleicher_ + +(steif) + +Zu viel Ehre. + + +_Karinkel_ + +Sagen Sie mal, verehrter Professor, um unser gestriges +Gespräch fortzusetzen ... (Zögert, da er sich der Gegenwart +Abendrots erinnert.) Gehen Sie hinüber in den Schwan, +Abendrot, und bestellen Sie mir ein Gabelfrühstück. Fragen +Sie, -- aber fragen Sie Herrn Gumpelmaier selber -- was man +haben kann. Etwas Warmes natürlich. Am liebsten etwas vom +Kalb. + + +_Abendrot_ + +Oder vielleicht Schweinsrippche? + + +_Karinkel_ + +(tiefsinnig) + +Schweinsrippchen ... nicht übel. Schweinsrippchen oder +Kalbsherz. Auch saure Nieren wäre eine Idee. Beraten Sie +sich nur mit Herrn Gumpelmaier, der kennt meinen Geschmack. +Der Kellner soll laufen, damit die Sache unterwegs nicht +kalt wird. Dann gehn Sie in die Redaktion des Tagesboten und +fragen Sie Herrn Bienemann, ob er meine Rede schon fertig +hat. Er soll sich sputen, um zwölf Uhr kommt der Prinz, da +muß alles auf dem #qui vive# sein. + + +_Abendrot_ + +Isch guet, Herr Bürgermeischter. (Ab.) + + +_Karinkel_ + +(seufzend) + +Du lieber Gott, bis man so der schwerfälligen Welt Beine +macht, Professor --! (Knipst, eilig zur Tür, ruft.) Hallo! -- +Abendrot! -- Abgebratene Kartoffel soll er mitschicken! Wie? +Sie Esel! Der Schwanenwirt natürlich. (Kehrt zurück, +abermals seufzend.) Ein Mann, der nur für sich selber +verantwortlich ist, ist ein glücklicher Mann. + + +_Mettenschleicher_ + +Wir dienen alle dem öffentlichen Wohl, Verehrtester. Jeder +auf seine Weise. + + +_Karinkel_ + +Aber nicht auf jeden sind beständig die Augen des Publikums +gerichtet, teurer Freund. So wie auf Sie und auf mich. Wenn +ich noch einmal auf die Welt käme, -- wissen Sie, wonach es +mich gelüsten würde? (Ausdrucksvoll.) Es würde mich darnach +gelüsten, das Leben eines einsamen, unverheirateten +Privatgelehrten zu führen. Was brauchte ich da Belobungen? +Anerkennung von unten oder von oben? -- Da hätte man sein +Genügen in sich selber, da hätte man keinen Orden nötig. In +meiner Position freilich muß ich dergleichen haben, um +meinen Mitbürgern den Beweis zu liefern, daß ich ihres +Vertrauens würdig bin. + + +_Mettenschleicher_ + +Zweifellos. Sie sind ja auf dem besten Weg -- + + +_Karinkel_ + +(erregt) + +Es besteht also Aussicht --? + + +_Mettenschleicher_ + +Gewiß. Man muß es nur delikat behandeln ... + + +_Karinkel_ + +Wissen Sie, was ich mir überlegt habe, Professor? Ich könnte +ja, falls man mir den Michaelsorden verweigert, auch mit +dem Friedrichsorden vorlieb nehmen. + + +_Mettenschleicher_ + +(vornehm belustigt von solcher Unwissenheit) + +Der Friedrichsorden steht keineswegs niedriger im Rang als +der Michaelsorden, mein lieber Bürgermeister. Der eine wie +der andere wird nur dann verliehen, wenn sich der +Betreffende in hervorragender Weise verdient gemacht hat. + + +_Karinkel_ + +(in wachsender Erregung) + +Seit zwanzig Jahren mache ich mich verdient, Professor. Ich +tue ja überhaupt nichts anderes. Ich habe eine elektrische +Beleuchtung, eine Wasserleitung, ein Findelhaus, einen +Veteranenverein geschaffen; ich habe die Fortschritte der +Sozialdemokratie nach Kräften aufgehalten, ich habe niemals +und nach keiner Seite hin Anstoß erregt, weder bei der +Geistlichkeit, noch bei der Regierung, -- aber man kann sich +doch nicht ausbieten! -- Man hat doch seinen Stolz! Man wirkt +in der Stille -- und hofft, daß es bemerkt wird. + + +_Mettenschleicher_ + +Alterieren Sie sich nicht, lieber Freund. + + +_Karinkel_ + +Ich würde mich nicht beklagen, wenn es mir an loyaler +Gesinnung gefehlt hätte. Denn ich begreife, daß die höchsten +Kulturtaten nicht ins Gewicht fallen, wenn die loyale +Gesinnung mangelt -- + + +_Mettenschleicher_ + +Freilich. Die loyale Gesinnung, die wird vorausgesetzt. +Wohin kämen wir denn sonst! + + +_Karinkel_ + +Das sagt sich leicht --: vorausgesetzt. Aber bis man sie +erwirbt, bis man sie sozusagen einkeltert, damit sie süß und +schmackhaft bleibt in all den Jahren, das ist nicht so +einfach. Und nun habe ich noch dieses Denkmal gebaut -- + + +_Mettenschleicher_ + +Eben. Das war dringend nötig. Es gibt kaum mehr eine +deutsche Stadt, die nicht ihre marmorne Attraktion hätte, +wenn ich mich so ausdrücken darf. Man ist höhern Orts sehr +geneigt, solche Bestrebungen, soweit sie sich auf die Kunst +beziehen, zu unterstützen. Sie sänftigen die Sitten, sie +lenken die Instinkte des Volkes nach ungefährlichen +Regionen. + + +_Karinkel_ + +Ehrlich gesagt, es ist ein Sorgenkind, dieses Denkmal -- + + +_Mettenschleicher_ + +Warum denn? Lassen Sie sich nur nicht irre machen ... + + +_Karinkel_ + +Sie haben mich ja so weit gebracht, Professor ... Ihrer +Energie haben wir es ja zu danken, daß ... + + +_Mettenschleicher_ + +Nun ja, ich fand es dringend geboten, daß auch Sie in diesem +stillen Winkel Ihr Scherflein beitragen zur Vermehrung der +nationalen Ideale. + + +_Karinkel_ + +Das klingt sehr hübsch -- + + +_Mettenschleicher_ + +Erlauben Sie, das sind tiefste Lebensüberzeugungen! + + +_Karinkel_ + +Allerdings -- + + +_Mettenschleicher_ + +Heraus mit der Farbe! Weshalb sind Sie so kleinlaut, heute, +an Ihrem großen Tag? + + +_Karinkel_ + +Es wird von gegnerischer Seite behauptet, -- haben Sie nicht +den Ochsenfurter Anzeiger gelesen? Da steht es drin -- + + +_Mettenschleicher_ + +Ich lese solche Käsblätter nicht. Was steht drin? + + +_Karinkel_ + +Daß wir dem Hockenjos das Denkmal nur aus Wichtigtuerei +errichtet haben ... + + +_Mettenschleicher_ + +Das ist der Neid. + + +_Karinkel_ + +Und daß es eine Blamage sei. + + +_Mettenschleicher_ + +Die Wühler muß man wühlen lassen. + + +_Karinkel_ + +Und daß der Hockenjos gar nicht in Neuguinea gewesen ist und +daß er gar nicht bei der Expedition des Doktor Rittersteig +war und daß er infolgedessen auch nicht von den wilden +Papuanern erschlagen worden ist. Im Gegenteil, so behaupten +diese Schurken, er sei in einer australischen Matrosenkneipe +bei einem Raufhandel umgekommen. + + +_Mettenschleicher_ + +Leeres Geschwätz. + + +_Karinkel_ + +Na ja, ein Säufer _war_ ja der Kerl. Der Wahrheit die Ehre. + + +_Mettenschleicher_ + +Es ist vollkommen gleichgültig, was der Hockenjos _war_. Die +Hauptsache bleibt, daß er tot ist. -- Was sagt denn Bienemann +zu diesen Sudeleien? Er hat doch damals die Nachricht von +dem Ende des Hockenjos zuerst gebracht ... + + +_Karinkel_ + +Ach, mit dem Bienemann weiß man nie, wie man dran ist. Ich +fürchte, er glaubt gar nicht an das Genie von dem Hockenjos. + + +_Mettenschleicher_ + +Es ist das Kennzeichen eines guten Journalisten, daß er in +einem solchen Fall eine Sache umso überzeugender vertritt. + + +_Karinkel_ + +Und ich selbst habe auch meine Zweifel ... + + +_Mettenschleicher_ + +Glauben Sie denn, lieber Freund, daß der Ruhm anders +fabriziert wird als auf diese Art? Neun Zehntel unserer +Berühmtheiten verdanken ihren Glanz dem Notizenmangel einer +Zeitung oder dem Hang nach Redensarten, der in den Leuten +von der Feder steckt. Es ist nicht meines Amtes, das +wirkliche Verdienst vom erlogenen zu trennen. Ich denke, es +liegt eine viel höhere Sendung darin, die häßliche Realität +in einen angenehmen Schein zu verwandeln. Je verworfener, +unwürdiger und unfähiger dieser Hockenjos in Wirklichkeit +war, desto mehr Grund für uns, der Welt ein so trauriges +Faktum vorzuenthalten und sein Bild zu veredeln. Wenn man +einem Menschen wie Hockenjos ein Denkmal setzt, geschieht es +nur, um seine wirkliche Gestalt zu verschleiern. Dadurch +eben bereichert man den Bestand an nationalen Idealen. + + +_Karinkel_ + +Na ja, seine Gestalt mögen Sie am Ende verschleiern, aber +die Bilder, die der Kerl gemalt hat, die können Sie nicht +verschleiern. Wir haben ja eine Ausstellung veranstaltet, +und was ich da von den hiesigen Damen zu hören bekommen +habe, -- wahrhaftig, der ganze Appetit auf die Kunst ist mir +vergangen. Schamlose nackte Weiber hat er gemalt. Die können +Sie doch nicht verschleiern. + + +_Mettenschleicher_ + +Wenn ein Künstler tot ist, verlieren seine Arbeiten den +moralischen Charakter, wenn ich mich so ausdrücken darf. +Schamlos waren die Weiber eigentlich nicht, nur nackt waren +sie. Aber wer wird schließlich darnach fragen, was für +Bilder der Hockenjos gemalt hat, wenn er vor seinem Denkmal +steht? Keine Katze wird darnach krähen. + + +_Karinkel_ + +Kein Hahn, meinen Sie ... + + +_Mettenschleicher_ + +Kein Hahn, natürlich. Sie können sich in diesem Punkt +getrost meiner Erfahrung überlassen, lieber Bürgermeister. +Der Umstand, daß Hockenjos tot ist, verschafft ihm einen +unbeschränkten Kredit an guter Meinung. Ich kannte eine +ganze Reihe von Idioten, die bloß dem Zufall, daß sie +gestorben waren, Bewunderer und Anhänger zu verdanken +hatten. Dem Publikum sind nämlich die Künstler so ungeheuer +gleichgültig, daß man ihm, wenn einer stirbt, weismachen +kann, was man will. + + +_Karinkel_ + +Ich verstehe nicht viel von der Kunst, aber das eine muß man +doch von ihr fordern: daß sie den Menschen bessert und +erhebt. + + +_Mettenschleicher_ + +Das ist richtig, hat aber mit unserer Angelegenheit momentan +nichts zu schaffen. Sie müssen stark sein, lieber Freund. +Sie dürfen sich in Ihrer Überzeugung nicht erschüttern +lassen. + + +_Karinkel_ + +In welcher Überzeugung meinen Sie? + + +_Mettenschleicher_ + +In _Ihrer_ Überzeugung. Ein Mann hat doch nur eine. + + +_Karinkel_ + +(etwas stupid) + +So. -- Im allgemeinen bin ich ja stark. Aber einen Menschen +muß man doch haben, dem man sein Herz eröffnen kann. (Es +klopft.) Herein! + + +_Bienemann_ + +(kommt; schmaler gelbgesichtiger Mann von etwa dreißig +Jahren. Tartarenbart, Zwicker. Er hat das Phlegma +intelligenter Leute, die viele überflüssige und langweilige +Dinge reden müssen. Hinter diesem Phlegma verbergen sich +Neugier, Bosheit, Resignation und Menschenverachtung). + + +_Karinkel_ + +Guten Morgen, Bienemann! Sind Sie schon fertig? + + +_Bienemann_ + +Guten Tag, meine Herren. -- Ja, ich wollte noch einige Punkte +mit Ihnen besprechen ... + + +_Karinkel_ + +Darf ich die Herren miteinander bekannt machen, Redakteur +Bienemann, Professor Mettenschleicher von der königlichen +Akademie der bildenden Künste. + + +_Bienemann_ + +Freut mich, freut mich. + + +_Mettenschleicher_ + +Ich bin Ihnen für den schmeichelhaften Artikel im Tagesboten +sehr zu Danke verpflichtet, Herr Doktor. + + +_Bienemann_ + +Noch nicht, Herr Professor, noch nicht. + + +_Mettenschleicher_ + +(verdutzt) + +Was --? was, -- noch nicht? + + +_Karinkel_ + +(ebenso) + +Ja ... was -- noch nicht? + + +_Bienemann_ + +Noch nicht Doktor, meine ich. Die #Honoris causa# ist noch +nicht gegeben. Bienemann, ganz schmucklos Bienemann. + +Karinkel und Mettenschleicher + +(sehen einander an). + + +_Karinkel_ + +(mit dem Daumen über die Schulter weisend) + +Stolz? wie? Demokrat! Ganz schmucklos Bienemann! (Lacht.) +Ausgezeichnet! + + +_Mettenschleicher_ + +(geniert) + +Na, na! (Klopft Karinkel mit fürstlicher Leutseligkeit auf +die Schulter.) + +(Klapperlärm. Ein Kellner kommt mit einer Platte, auf der +das Frühstück in zwei Tellern dampft. Ein Amtsdiener eilt +geschäftig voraus und säubert den Tisch. Beide entfernen +sich wieder. Karinkel setzt sich mit strahlendem Gesicht, +bindet die Serviette um den Hals und vergißt alle Sorgen.) + + +_Bienemann_ + +Mein Artikel hat Ihnen also gefallen, Herr Professor? + + +_Karinkel_ + +(kauend; taktlos) + +Na, hören Sie, Bienemann, wenn mir so viele Elogen gemacht +würden, wäre ich auch nicht unzufrieden. Es war famos. Und +sehr aktuell. + + +_Bienemann_ + +Das schon; einige giftgeschwollene Schlangen können sich +nämlich nicht darüber beruhigen, daß das Denkmal so rasch +fertiggestellt worden ist. Vor sechs Wochen hatten wir die +Todesnachricht in der Zeitung, und heute thront bereits der +Marmor da draußen. Es ist ja wirklich die reine Hexerei. + + +_Karinkel_ + +(kauend) + +Was geht die Leute das an? -- Diese geschmorten Stückchen da +sind köstlich. Wollen Sie nicht zugreifen, Professor? Nein? +Schade. + + +_Bienemann_ + +(tut verlegen) + +Freilich, das sag ich auch. Aber ein Mensch wie ich besteht +aus lauter Ohren. Und so hör ich denn unter anderm das +blödsinnige Gerücht, daß das Denkmal schon vorher fertig +gewesen ist. + + +_Karinkel_ + +Wieso? Vor dem Tod des Hockenjos? Mit solchen Dummheiten +sollten Sie uns nicht kommen, Bienemann. Ich verstehe ja +nichts von der Bildhauerei, aber unser verehrter Meister +hier konnte doch nicht die Unsterblichkeit des Hockenjos +voraussehen. + + +_Bienemann_ + +Das sag ich auch; es sei denn, man macht Denkmäler auf +Lager. Was meinen Sie, Herr Professor? + + +_Mettenschleicher_ + +(windet sich) + +Ich will nicht hinterm Berg halten ... es hat mit dieser +Sache eine eigene Bewandtnis. Ich hatte doch, wie Ihnen +vielleicht erinnerlich ist, den Auftrag, ein Monument für +den verstorbenen Sanitätsrat Ulfinger zu schaffen -- + + +_Bienemann_ + +(roh) + +Der die Schweinereien gemacht hat ... + + +_Mettenschleicher_ + +Schweinereien ist eine etwas starke Bezeichnung. Er war ein +bedeutender Gelehrter, lebte aber leider Gottes über seine +Verhältnisse, und ein halbes Jahr nach seinem Tod kamen die +gefälschten Wechsel zum Vorschein. Es geschah alles, um den +Skandal zu vermeiden, schließlich drang die Geschichte doch +an die Öffentlichkeit, und das Denkmal konnte nicht +aufgestellt werden. Meine ganze Arbeit war umsonst, der +Marmor lag da -- + + +_Bienemann_ + +Außerordentlich interessant! + + +_Mettenschleicher_ + +Und da traf ich gerade unsern Freund Karinkel, der den noch +unbestimmten Plan hegte, etwas zur Verschönerung des +hiesigen Stadtbildes zu tun. + + +_Bienemann_ + +Aha! und weil der Hockenjos eben das Zeitliche gesegnet +hatte -- + + +_Mettenschleicher_ + +Ja, so kamen wir überein -- + + +_Karinkel_ + +(dankbar) + +Sie waren es, teurer Meister, der mir die Idee gab! + + +_Bienemann_ + +Wirklich, eine Fügung des Himmels, dieses Zusammentreffen +der Umstände! Da hat also der gute Hockenjos quasi ein von +Herrschaften abgelegtes Denkmal bekommen. + + +_Karinkel_ + +(zornig) + +Witzeln Sie nicht, Bienemann. + + +_Bienemann_ + +Aber Sie mußten doch Ihrem marmornen Sanitätsrat einen +andern Kopf aufsetzen --? + + +_Mettenschleicher_ + +War merkwürdigerweise überflüssig. Die beiden Leute hatten +eine gewisse Ähnlichkeit. Beide groß, ziemlich fett, +langbärtig ... Außerdem, ein Denkmal ist doch ein Symbol. + + +_Bienemann_ + +Toll! einfach toll! Man lernt nie aus. + + +_Mettenschleicher_ + +Ich rechne selbstverständlich auf Ihre Diskretion. Außer +Ihnen beiden weiß nur noch mein erlauchter Freund, der Prinz +Albert, davon, ohne dessen Rat und Zustimmung ich etwas +Derartiges überhaupt nicht unternehmen würde. + + +_Bienemann_ + +Das ist derselbe, der heute zur Enthüllung kommt? + + +_Mettenschleicher_ + +Derselbe. Er liebt die schönen Künste. Sie können sicher +sein, daß er auch auf Sie ein Auge haben wird. + + +_Bienemann_ + +(verbeugt sich) + +Oh! Danke sehr. -- Müssen Sie nicht auf den Bahnhof, Herr +Bürgermeister? + + +_Mettenschleicher_ + +Seine königliche Hoheit trifft ja erst um zwölf Uhr ein. + + +_Karinkel_ + +Ja, aber um viertelzwölf kommt der Regierungspräsident. Weiß +der Stadtrat Hannewickel, daß er sich mit den +Ehrenjungfrauen aufzustellen hat? + + +_Bienemann_ + +Die Ehrenjungfrauen und der Veteranenverein sind schon in +vollem Wichs. + + +_Mettenschleicher_ + +Noch einen Vorschlag, meine Herren. Wie wäre es, wenn man +heute noch ein Extrablatt drucken ließe, durch dessen Inhalt +das Volk einige Aufklärung über die künstlerischen +Verdienste des Malers Hockenjos erhielte? + + +_Karinkel_ + +Nicht schlecht ... + + +_Mettenschleicher_ + +Es ist in dieser Beziehung vieles versäumt worden -- + + +_Karinkel_ + +Und man könnte die Verleumder damit zum Schweigen bringen. +Nicht schlecht. Was meinen Sie, Bienemann? + + +_Bienemann_ + +Ein ziemlich teurer Spaß. Es fragt sich, ob die Interessen, +die dabei im Spiele sind, eine solche Ausgabe fordern. + + +_Karinkel_ + +Es sind _ideale_ Interessen, mein Lieber. Dafür ist nichts +zu teuer. + + +_Bienemann_ + +Ideale Interessen? Entschuldigen Sie, meine Herren, aber an +ideale Interessen glaub ich nicht. Sie auch nicht. Das +Publikum auch nicht. Das ist eben das Heikle mit den idealen +Interessen, daß niemand daran glaubt, weil zu viele ihren +Vorteil daraus ziehen. + + +_Karinkel_ + +Pfui, Bienemann! Beständig gießen Sie Ihr nüchternes Öl in +die Wogen unserer Begeisterung. + + +_Bienemann_ + +Das ist mein Beruf. + + +_Mettenschleicher_ + +Ein trauriger Beruf. + + +_Bienemann_ + +Sie dürften damit den Nagel auf meinen Kopf getroffen haben, +Herr Bürgermeister. Wer mit Papier gefüttert wird, dem +wachsen keine Blumen auf der Zunge. + + +_Karinkel_ + +Wenn Ihnen an meinem ferneren Vertrauen gelegen ist, so +unterstützen Sie uns jetzt mit allen Ihren Kräften, +Bienemann. + + +_Bienemann_ + +Ich soll also gewissermaßen die öffentliche Meinung +beruhigen ... + + +_Mettenschleicher_ + +Ja ... wenn Sie es so betrachten ... obwohl, -- öffentliche +Meinung gibt es nicht. + + +_Karinkel_ + +(bürstet seine Kleider) + +Die öffentliche Meinung sind wir. + + +_Mettenschleicher_ + +Öffentliche Meinung ist die Konspiration der Dummköpfe. + + +_Bienemann_ + +Die Herren sind entschlossen, wie ich sehe. Allen Respekt. +Nun, was an mir liegt, soll geschehen. Die Druckerpresse hat +schon ganz andere Dinge gerechtfertigt als Denkmäler. Die +Ingredienzen, aus denen man den Brei der +Zeitungsunsterblichkeit kocht, sind billig zu haben. Die +Hauptsache ist der Superlativ. Das ist das Universalrezept. +Der Superlativ ist für den Leser, was neunzigprozentiger +Fusel für einen Gewohnheitstrinker ist. Leider nützen sich +die Superlative jetzt so stark ab, daß eine neue Steigerung, +ein Über-Superlativ eine wahre Wohltat für die Menschheit +wäre. + + +_Karinkel_ + +Das ist mir zu hoch, davon versteh ich nichts. + + +_Bienemann_ + +Na, schön. Ich will Ihnen einen Hockenjos hinstellen, der +sich gewaschen hat. Ich werde Ihnen mit einer Verklärung +aufwarten, daß der Mann in seinem Grab noch Lust zu einer +Himmelfahrt bekommt. Ich tue einfach, als ob Tizian ein +Zimmermaler und Feuerbach der kleine Moritz gegen ihn wäre. + + +_Mettenschleicher_ + +Ich hoffe, daß diese Übertreibungen nur Ausflüsse einer +momentanen Laune sind. + + +_Bienemann_ + +Nein, Herr Professor. Sie kennen den Abonnenten nicht. Wenn +man dem Abonnenten einen neuen Mann glaubhaft machen will, +muß man erst einen alten in Stücke reißen. Der Abonnent ist +grausam, er will Blut sehen. + + +_Karinkel_ + +Ich denke, wir überlassen Bienemann da am besten seinem +Genius. + + +_Bienemann_ + +Keinesfalls werde ich etwas davon wissen, daß der arme +Hockenjos in unserer Mitte beinahe verhungert ist. Daß er +mit Hohn abgefertigt wurde, als er sich vor vier Jahren um +das Staatsstipendium bewarb. Apropos, waren Sie es nicht +selbst, Herr Professor, der diese Sache damals +hintertrieb --? + + +_Mettenschleicher_ + +(ärgerlich) + +Mein Gott ja, ... ich kann nicht leugnen ... der Mann war mir +_persönlich_ unsympathisch. + + +_Karinkel_ + +(ebenso) + +Wozu kramen Sie denn die alten Sachen aus? + + +_Bienemann_ + +Ich werde auch davon schweigen, daß das Publikum vor seinen +Bildern Lachkrämpfe bekam und der Magistrat ihm das Atelier +auf der Schanze kündigen ließ, aus Gründen, die der Anstand +zu erwähnen verbietet. + + +_Karinkel_ + +(wie oben) + +Das war wegen der Modelle. Aber die Kunst, lieber Bienemann, +wie soll ich sagen, die Kunst braucht eben keine Moral. + + +_Mettenschleicher_ + +Na! na! Da muß ich bitten -- + + +_Karinkel_ + +Das heißt, ich meine: die Moral braucht keine Kunst. + + +_Bienemann_ + +Um seine Auswanderung plausibel zu machen, werde ich sagen, +daß ihn malerische Probleme in die Tropen zogen. + + +_Karinkel_ + +Sehr gut. + + +_Bienemann_ + +Und während er das Gefieder der Paradiesvögel studierte, um +bisher unerhörte Farbenmischungen für seine Palette zu +gewinnen, haben ihn die Eingeborenen erschlagen und +verspeist. + + +_Karinkel_ + +(der sich die Zähne stochert, erschrocken) + +Verspeist --? + + +_Bienemann_ + +Höchstwahrscheinlich. + + +_Karinkel_ + +Wissen Sie was? Setzen Sie sich gleich hier an meinen +Schreibtisch und fangen Sie an. (Das Telephon klingelt, er +eilt hin.) Hier Karinkel! Ja? Ja. Bitte. -- In der Redaktion +will man Sie sprechen, Bienemann. (Während Bienemann zum +Apparat geht.) Für uns ist es jetzt Zeit, lieber Professor. + + +_Mettenschleicher_ + +Also gehen wir. + + +_Bienemann_ + +(am Telephon) + +Hier Bienemann. (Pause.) + + +_Karinkel_ + +(setzt sich den Zylinder auf) + +Ich bin neugierig, ob der Präsident eine Rede halten wird. + + +_Mettenschleicher_ + +Er kann Seiner königlichen Hoheit nicht vorgreifen. + + +_Bienemann_ + +(am Telephon) + +Unsinn! -- Wie? Gesehen worden? Wo? In Aßmannshausen? Da lebt +ja die Frau jetzt? So. Einen Liebhaber. So. Natürlich. +Durchgeprügelt? Nein! Nicht möglich! Da hat man Ihnen einen +Bären aufgebunden. Einen Bä--ren! Das wäre ja unerhört. + + +_Karinkel_ + +Was ist denn los? + + +_Bienemann_ + +(am Telephon) + +Ich gebe nichts auf solche Gerüchte. Schicken Sie einen +verläßlichen Menschen hin. Schluß! (Läutet ab.) Recht +heiter. Der Hockenjos soll in Aßmannshausen gesehen worden +sein. + + +_Karinkel_ + +(wie erstarrt) + +Um Gottes willen, Mensch, was reden Sie da! + + +_Mettenschleicher_ + +Das fehlte nur noch! + + +_Bienemann_ + +Er soll seine Gattin mit einem Viehhändler erwischt und den +Galan windelweich geschlagen haben. + + +_Karinkel_ + +Aber lieber Bienemann, -- das ist ja um den Verstand zu +verlieren ... + + +_Bienemann_ + +Ich halte das Ganze für einen blinden Alarm. + + +_Karinkel_ + +Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen. + + +_Bienemann_ + +Man will uns ins Bockshorn jagen. + + +_Mettenschleicher_ + +Eine Frivolität sondergleichen. + + +_Bienemann_ + +Kümmern wir uns nicht darum. + + +_Karinkel_ + +Wenn aber doch was Wahres dran ist ... + + +_Bienemann_ + +Bah! meine Informationen waren immer verläßlich. Wenn der +Tagesbote jemand als tot meldet, dann ist er tot. + + +_Karinkel_ + +Es ist höchste Zeit. Wir müssen zur Bahn. Machen Sie sich +nur gleich an die Arbeit, Bienemann. Lassen Sie uns nicht im +Stich. + + +_Bienemann_ + +Auf Wiedersehen, meine Herren. + + +_Karinkel und Mettenschleicher_ + +(ab). + + +_Bienemann_ + +(setzt sich vor den Schreibtisch, zündet eine Zigarre an; +behaglich) + +Was der Sybarit für einen weichen Lehnsessel hat! Wenn ich +nicht Bienemann wäre, möchte ich Karinkel sein. (Legt das +Papier zurecht.) Los also! Her mit euch, ihr bebänderten +Adjektiva und geschniegelten Substantiva! ihr großmäulichen +Interjektionen und schmetternden Exklamationen! ihr +Metaphern, Hyperbeln und Epitheta! Ich rühr euch zusammen +wie Mandeln und Rosinen in einem Kuchenteig, von dem die +ganze Welt Verdauungsbeschwerden kriegt. + + +_Abendrot_ + +(tritt mit verstörtem Gesichtsausdruck unter die Türe; +winkt) + +Herr Bienemann! -- Herr Bienemann! + + +_Bienemann_ + +Was gibt's? Ich habe keine Zeit. + + +_Abendrot_ + +(flüsternd) + +'s isch was Schreckliches passiert, Herr Bienemann ... + + +_Karinkel_ + +(kommt im Sturmschritt zurück, den Zylinder schief auf dem +Kopf) + +Bienemann, wir sind verloren! + + +_Mettenschleicher_ + +(seine Würde mühsam bewahrend, ist Karinkel gefolgt) + +Eine Katastrophe! + + +_Karinkel_ + +(mehr heulend als redend) + +Der Abendrot hat ihn zuerst gesehen. In der Bahnhofsstraße +hat er ihn gesehen. Mitten unter den Leuten. + + +_Bienemann_ + +Und hat ihn jemand erkannt? + + +_Abendrot_ + +Noi, noi ... + + +_Bienemann_ + +War er allein? + + +_Abendrot_ + +Ganz alleine. + + +_Mettenschleicher_ + +Was für Maßregeln gedenken Sie zu treffen? + + +_Karinkel_ + +Er muß auf der Stelle fort. + + +_Bienemann_ + +Ist bis jetzt etwas unternommen worden? + + +_Karinkel_ + +Kommissär Binder ist mit zwei Wachleuten ausgerückt. +Hoffentlich gelingt es, den Kerl festzuhalten. + + +_Mettenschleicher_ + +Es ist eine entsetzliche Blamage. + + +_Karinkel_ + +Ich lasse ihn einsperren. + + +_Bienemann_ + +Überlegen wir die Sache gut, meine Herren, sonst kann's uns +an den Kragen gehn. + + +_Karinkel_ + +(wild) + +Lassen Sie mich in Frieden mit Ihrem Kragen, Sie, Sie ... +Unerschütterlicher! + + +_Mettenschleicher_ + +Es gibt nicht viel zu überlegen, hier heißt es handeln. + + +_Bienemann_ + +Also handeln wir. + + +_Karinkel_ + +Tun Sie mir nur den Gefallen, lieber Professor, und +empfangen Sie den Präsidenten. Der Zug muß ja jeden Moment +eintreffen. Irgend ein Würdenträger muß ihn doch begrüßen. +(Das Telephon klingelt.) Großer Gott, was ist denn das schon +wieder? (Bienemann eilt zum Telephon.) + + +_Mettenschleicher_ + +Gut ich gehe. (Ab. Ein Polizist tritt unter die offene Tür.) + + +_Bienemann_ + +(am Telephon) + +Ja? -- Ja! Eine Stunde früher? Danke. Schluß. (Läutet ab.) +Der Hoftrain mit dem Prinzen trifft also um eine Stunde +früher ein. + + +_Karinkel_ + +(der mit dem Polizisten gesprochen hat) + +Also der Kommissär Binder hat den Hockenjos verhaftet und +ihn gleich in einen Wagen setzen lassen. Er ist jetzt in der +Wachtstube. + + +_Bienemann_ + +Dort kann er nicht bleiben. + + +_Karinkel_ + +Wie sagten Sie? Der Hofzug kommt um eine Stunde früher? Dann +ist ja kein Augenblick mehr zu verlieren. Es ist elf Uhr. +Mir ist ganz wirblig im Kopf. Wenn ich nur wüßte, wer an +alledem schuld ist! (Ausbrechend.) Sie sind schuld, +Bienemann! Sie haben seinerzeit die schwindelhafte +Todesnachricht in die Zeitung gebracht. + + +_Bienemann_ + +Ich weise Ihre Anschuldigungen zurück. Meine Pflicht ist zu +schweigen und zu schreiben, aber nicht den Sündenbock zu +machen. + + +_Karinkel_ + +Sie sind ein ganz gefährliches Subjekt. + + +_Bienemann_ + +(verdrossen) + +Ich bin kein Subjekt, ich bin ein Prinzip. + + +_Karinkel_ + +Großer Gott, warum hast du mir das angetan! Bienemann, +liebster Herzensbienemann, laufen Sie schleunigst auf die +Wache. Sehen Sie zu, daß keine Dummheit begangen wird. Keine +Menschenseele darf dem Hockenjos nahe kommen. Niemand darf +mit ihm sprechen. Nehmen Sie noch ein paar Polizeileute zu +Hilfe. Nötigenfalls lassen Sie ihn binden -- + + +_Bienemann_ + +In Ketten legen -- + + +_Karinkel_ + +Was Sie wollen ... (Man vernimmt Glockenläuten.) Um Himmels +willen, mir scheint, der Hofzug fährt schon ein. Ich komme +zu spät. (Ab.) + + +_Bienemann_ + +Es ist am besten, wir lassen den Delinquenten hierher +transportieren. Hier ist er am sichersten. + + +_Abendrot_ + +Da hawe Se recht, Herr Bienemann. + + +_Bienemann_ + +Rennen Sie hin und sagen Sie es dem Binder. + + +_Abendrot_ + +(zur Tür, lauscht, kehrt um) + +Er bringt ihn schon von selber, der Kommissar ... + + +_Bienemann_ + +Na, der Mann denkt wenigstens. Denkende Menschen ersparen +einem immer Laufereien. (Hockenjos und Kommissar Binder +kommen.) + + +_Binder_ + +So, Meister Hockenjos. Jetzt habe ich Ihren Wunsch, Sie aufs +Bürgermeisteramt zu führen, erfüllt, nun müssen Sie sich +aber auch ganz ruhig verhalten. + + +_Hockenjos_ + +(großer, breitschultriger Mann. Haar und Bart sind stark +ergraut. Er spricht schwer, aber nachdrücklich, in tiefem, +meist humoristisch sordiniertem Baß; trägt vernachlässigte +Kleider, einen breitrandigen Filzhut) + +Der Teufel soll Sie holen, Mann! Können Sie auf eine +anständige Art erklären, weshalb Sie mich wie einen +Sträfling behandeln, he? + + +_Abendrot_ + +P--scht! p--scht! + + +_Binder_ + +Sie müssen sich den behördlichen Anordnungen fügen. + + +_Hockenjos_ + +Ich füge mich, weil es mir paßt. So steht die Sache. In die +Suppe werd' ich euch schon spucken, darauf könnt ihr euch +verlassen. Aber anders als ihr denkt. Wo ist denn der +Oberkoch? Ah, Herr Bienemann! Freut mich, Sie zu sehen, Herr +Redakteur. Sind Sie jetzt avanciert, weil Sie in der +Bürgermeisterkanzlei sitzen? + + +_Bienemann_ + +(schmunzelnd, süßlich) + +Sprechen wir nicht von mir, Meister Hockenjos. Die +interessante Person sind Sie. Wie kommen Sie denn her? von +wo? Sie erscheinen ja wie ... wie ... + + +_Hockenjos_ + +Wie das Gespenst am Hochzeitstag, jawohl. Aber ich fühle +mich gar nicht gespensterhaft. Zunächst will ich mich mal -- +unaufgefordert, Sie verzeihen schon -- hier niederlassen. +So. Hier sitze ich, ich kann nicht anders. + + +_Bienemann_ + +Bitte sehr. Ruhen Sie sich nur aus. (Zu Abendrot, leise.) +Suchen Sie den Bürgermeister auf und sagen Sie ihm, daß ich +ihn hier in Gewahrsam halte. Aber Vorsicht! -- (Zu Binder.) +Sie brauchen nicht hier zu bleiben. Es genügt, wenn Sie im +Korridor einen Polizeidiener als Wache aufstellen. Es soll +niemand hereingelassen werden. (Während Binder und Abendrot +abgehen.) Wie ich aus Ihrem Verhalten schließen darf, ist +Ihnen also die ganze Komplikation schon bekannt, Meister? + + +_Hockenjos_ + +Komplikation nennen Sie diese Schurkerei? Auch recht. + + +_Bienemann_ + +Nun, man meint es gut mit Ihnen. Man sorgt für Ihren +Nachruhm. + + +_Hockenjos_ + +Hanswurste seid ihr. + + +_Bienemann_ + +Unterschreib ich unbesehen. + + +_Hockenjos_ + +Aber mit meinem Leichnam werdet ihr nicht so kurzen Prozeß +haben wie mit meinem lebendigen Korpus. + + +_Bienemann_ + +Ich fürchte. Ich fürchte. Sie waren also in Aßmannshausen +bei Ihrer Frau? + + +_Hockenjos_ + +Reden Sie meinetwegen von meinem Nachruhm, Herr, obwohl das +ein Gemüse ist, das keinem mehr schmeckt, wenn man's ihm +auftischt, aber von meinem Weib reden Sie nicht. Die Fäuste +tun mir noch weh, und das ist alles, was ich an Erinnerung +behalten will. Ich sage Ihnen, ein Vieh ist der Mensch. +Allerwegen treibt's ihn zum Stall zurück. Und wenn draußen +die beste Weide ist, er denkt bloß an den Stall. Das +schönste Futter läßt er liegen, das ihm der Herrgott +spendet, und rennt zur Krippe, wo der Bauer spart und mit +der Peitsche knallt. + + +_Bienemann_ + +(echt) + +Ja, zum Henker, warum sind Sie denn nicht dort geblieben in +den wilden Gegenden, wenn es Ihnen schon nicht gefallen hat, +das Zeitliche zu segnen? Es wäre besser für Sie und für uns. +Jetzt haben wir bloß die Scherereien. + + +_Hockenjos_ + +Glauben Sie, ich hätte den Ehrgeiz, Ihnen Scherereien zu +ersparen? Im Gegenteil. Sie werden Ihre blauen Wunder +erleben. + + +_Bienemann_ + +(resigniert) + +Na, wohl bekomm's. + + +_Hockenjos_ + +Wie flink ihr seid, einen Toten leben zu lassen, während ihr +dem lebendigen Menschen die Haut abzieht! + + +_Bienemann_ + +Mein Gott, die Zivilisation bringt eben manchen Übelstand +mit sich. Sind Sie denn nun eigentlich dort unten gewesen +bei den wilden Völkern? + + +_Hockenjos_ + +Und ob, mein lieber Herr, und ob! War dabei, wie sechzig +wackere Burschen aufgerieben worden sind von den braunen +Satansbrüdern, und wäre nicht ein malaiisches Mädchen +gewesen, das mich auf Gebirgswegen zur Küste führte, dann +könnt ich heute eure Kirchweih dahier nicht stören. + + +_Bienemann_ + +Sie betrachten unsere Angelegenheit etwas zu vergnügt, +scheint mir. Da haben Sie wohl große Strapazen erlitten? +Aussehen tun Sie ja wie der leibhafte Odysseus. + + +_Hockenjos_ + +Was wollen Strapazen schließlich bedeuten? Ist eine +Herrlichkeit, wenn einem die Sonne immerfort bis in den +Magen leuchtet. Dort ist der Mann ein Mann. Von Polizei +nirgends die Spur. Und Blumen! und Vögel! und Bäume! Da weiß +man erst, was Gott der Herr erschaffen, und warum er am +siebenten Tag ausgeschnauft hat. Hier guckt einer dem andern +auf die Finger, und schockweis fressen sie aus demselben +Tiegel. Und ein Eifer, und ein Fleiß, und eine Wichtigkeit, +aber ist's denn irgend jemandem Ernst? Tinte schwatzen sie. + + +_Bienemann_ + +Ganz meine Meinung. + + +_Hockenjos_ + +Sie sind auch so ein Kalfakter. + + +_Bienemann_ + +Verurteilen Sie mich nicht. Ich diene dem Gemeinwohl. + + +_Hockenjos_ + +Gemeinwohl ... ein richtiges Tintenwort. + + +_Bienemann_ + +Durchaus nicht. + + +_Hockenjos_ + +Möchten Sie mir nicht erklären, was Sie unter Gemeinwohl +verstehen? + + +_Bienemann_ + +(trocken) + +Gemeinwohl ist das, was viele tun müssen, um einen einzelnen +zu fördern. + + +_Hockenjos_ + +Der Tausend! Mensch, Sie sind ja ein Zyniker! + + +_Bienemann_ + +Gott sei Dank, das bin ich. Diese Eigenschaft hab ich mir im +Umgang mit Leuten erworben, die sich dadurch von mir +unterscheiden, daß sie den Begriff Gemeinwohl anders +definieren. (Stimmenlärm von der Straße.) + + +_Hockenjos_ + +Jetzt geht's los da drunten. + + +_Bienemann_ + +Ja. Ich bin nur neugierig, was wir mit Ihnen da oben +anfangen werden. + + +_Hockenjos_ + +Ich auch. + + +_Bienemann_ + +Sie haben also keine bestimmte Vorstellung über Ihre +zukünftige Rolle bei dieser immerhin ungewöhnlichen +Verwicklung? + + +_Hockenjos_ + +Ich? Nein. Ich habe nur nicht die Absicht, mir meinen Platz +in der Welt so ohne weiters wegstibitzen zu lassen. Wenn's +auch nur ein ganz lumpiger Platz war, so ein +Fünfzigpfennigplatz, auf dem Olymp ... + + +_Bienemann_ + +Das kann ich Ihnen nachfühlen. Als deklarierter Toter lebt +sich's nicht sehr bequem. + + +_Hockenjos_ + +Und noch dazu auf solche Manier deklariert ... (Erregt +sich.) Wenn ihr wenigstens das Denkmal von einem anständigen +Kerl hättet machen lassen. Aber von diesem Zuckerbäcker, dem +Mettenschleicher! diesem Pfründner, der von der Kunst +ungefähr so viel versteht wie ich vom Koloratursingen, +diesem Eunuchen, der mit seiner Nase immer an den +unanständigsten Gegenden prinzlicher Personen schnuppert, -- +daß ihr mich von dem habt verewigen lassen, das wurmt mich. + + +_Bienemann_ + +Wir haben halt Pech mit Ihnen. Jetzt ist es zu spät. + + +_Hockenjos_ + +Mir wird schon übel, wenn ich das Zeugs da unter den Hüllen +sehe. Wahrscheinlich so ein Marzipan-Engel, was? + + +_Bienemann_ + +Natürlich, was glauben Sie denn! Wir werden uns doch die +Muse nicht entgehen lassen, die den Künstler auf die Stirne +küßt! + + +_Hockenjos_ + +Und mit zwei Flügeln, was? + + +_Bienemann_ + +Zwei Flügel. Ganz richtig. Wie sich's gehört. + + +_Hockenjos_ + +O, du Schuft! + + +_Bienemann_ + +Achtung, jetzt hör ich den Bürgermeister kommen. + + +_Karinkel_ + +(stürzt in höchster Eile herein) + +Das ist er also! (Starrt Hockenjos an.) + + +_Hockenjos_ + +(ironisch) + +So echauffiert, Herr Bürgermeister? + + +_Karinkel_ + +Sie spotten wohl? Mir ist gar nicht spötterisch zumut. + + +_Hockenjos_ + +(brüsk) + +Was steht dem Herrn zu Diensten? + + +_Karinkel_ + +(wischt den Schweiß von der Stirn) + +Es wird Ihnen doch bekannt sein, daß wir eben im Begriff +sind, die Enthüllung Ihres Denkmals zu feiern. + + +_Hockenjos_ + +Jawohl. Ist mir zu Ohren gekommen. Das ist auch der Grund, +weshalb ich da bin. + + +_Karinkel_ + +(einschmeichelnd) + +Sie werden doch einsehn, lieber Meister, daß Sie unmöglich +in der Stadt bleiben können. + + +_Hockenjos_ + +Sehe ich ohne weiters ein. + + +_Karinkel_ + +(hocherfreut) + +Das lob ich mir. Sie sind ein prächtiger Mensch. + + +_Hockenjos_ + +Gewiß. Man muß bei mir nur den Herzpunkt treffen. + + +_Karinkel_ + +Es wäre ja auch ein Mord, lieber Freund, ein moralischer +Mord. + + +_Hockenjos_ + +Ei wieso denn? + + +_Karinkel_ + +Sehr einfach. Jeder, der über diesen Platz an diesem Denkmal +vorübergehen wird, eifert Ihnen nach, schaut zu Ihnen +hinauf, bringt ebenfalls Großes hervor und nützt so wieder +seinen Mitbürgern und der Stadt. + + +_Hockenjos_ + +Das leuchtet mir beinahe ein. + + +_Bienemann_ + +Es ist so klar wie zweimalzwei. + + +_Karinkel_ + +(immer eifriger) + +Sie sind heute ... wie alt sind Sie? + + +_Hockenjos_ + +Vierundfünfzig. + + +_Karinkel_ + +Vierundfünfzig. Wie alt wird der Mensch? Siebzig. Sagen wir +fünfundsiebzig. + + +_Hockenjos_ + +Gut. Sagen wir fünfundsiebzig. + + +_Karinkel_ + +Wegen dieser erbärmlichen zwanzig Jahre wollen Sie Ihre +Unsterblichkeit aufs Spiel setzen? + + +_Hockenjos_ + +Hm ... Finden Sie nicht, daß ein Sperling in der Hand besser +ist -- + + +_Karinkel_ + +Nein, nein, nein, vom idealen Standpunkt nein. + + +_Bienemann_ + +Durchaus nicht. + + +_Hockenjos_ + +Was habe ich also nach Ihrer Ansicht zu tun? + + +_Karinkel_ + +Sie müssen fort. + + +_Hockenjos_ + +Es haben mich aber doch einige Leute gesehen ... + + +_Karinkel_ + +Das macht nichts; wir geben Sie für Ihren Doppelgänger aus. +Wir bringen in der Zeitung eine kleine scherzhafte Notiz. +Nicht wahr, Bienemann? Wir nennen ihn Mister Koch aus +Pennsylvanien. Hahaha! + + +_Bienemann_ + +Das geht, das geht. »Ein heiteres Spiel des Zufalls fügte +es« -- und so weiter. + + +_Karinkel_ + +Sie müssen Deutschland verlassen. + + +_Hockenjos_ + +Mit Vergnügen. + + +_Karinkel_ + +Sie müssen Europa den Rücken kehren. + + +_Hockenjos_ + +Mehr kann ich aber unmmöglich für Sie tun. + + +_Karinkel_ + +(glücklich) + +Sie sind ein Engel von einem Mann. Mit Ihnen kann man ja +ausgezeichnet reden. Da sieht man erst, wie schlecht man im +Leben einander kennen lernt. + + +_Hockenjos_ + +Langsam, langsam, bester Herr -- + + +_Karinkel_ + +Sie fahren also nach Amerika. Sie benutzen den Schnellzug, +der um drei Uhr hier hält. Die Reisekosten -- + + +_Hockenjos_ + +Langsam. Jetzt komme ich. + + +_Karinkel_ + +Die Reisekosten zahlen wir selbstverständlich -- + + +_Hockenjos_ + +So billig denken Sie mich loszuwerden? + + +_Karinkel_ + +Na ja, man kann noch ein Übriges tun ... + + +_Bienemann_ + +(aus dem Hinterhalt hetzend) + +Ein kleines Douceur ... + + +_Hockenjos_ + +Ihre Propositionen haben Sie gemacht. Jetzt will ich die +meinen machen. + + +_Karinkel_ + +(ängstlich) + +So ... Sprechen Sie nur frei von der Leber weg. + + +_Hockenjos_ + +Wie viel hat Sie der Marmorhaufen da draußen gekostet? + + +_Karinkel_ + +Viel Geld; schändlich viel! + + +_Hockenjos_ + +Na ... dreißigtausend --? + + +_Karinkel_ + +Mehr! + + +_Hockenjos_ + +Also. Ich verlange nur so viel. + + +_Karinkel_ + +(wie mit der Nadel gestochen) + +Was? Sie sind toll! + + +_Hockenjos_ + +Kommt denn das gegen die Unsterblichkeit in Betracht, +verehrter Bürgermeister? + + +_Karinkel_ + +Mensch, es handelt sich ja um _Ihre_ Unsterblichkeit! + + +_Hockenjos_ + +Mit der _Sie_ ein Geschäft machen wollen. So viel wie Sie +für mein Denkmal ausgegeben haben, lieber Herr, habe ich +mein ganzes Leben lang mit meiner Hände Arbeit nicht +verdient. Ich verkaufe Ihnen meinen Leichnam für weniger +Geld als Sie für seine Glorifikation ausgegeben haben. Ist +das nicht kulant? Sie haben ja eine Ausstellung meiner +Bilder veranstaltet. Sie haben ja allen möglichen +blumeranten Quatsch darüber schreiben lassen. Die Bilder +gehören Ihnen. Bezahlen Sie sie mir, so daß ich endlich +einmal leben kann, denn hierzulande hab ich bis jetzt kein +Leben geführt. + + +_Karinkel_ + +(jammernd) + +Aber, Mann! was kümmern mich Ihre Bilder! + + +_Hockenjos_ + +Endlich ein Wort aus dem Herzen. Also kurz und bündig, Herr: +ist Ihnen meine Willfährigkeit so viel wert oder nicht? Den +Hanswurst spiel ich nimmer länger. + + +_Karinkel_ + +(verzweifelt) + +Wo soll ich so eine Menge Geld hernehmen? Bienemann helfen +Sie mir doch! Überreden Sie ihn doch -- + + +_Hockenjos_ + +(greift nach seinem Hut) + +Genug geredet. Ich werde jetzt eine kleine Unterhaltung mit +meinem -- Doppelgänger führen. + + +_Karinkel_ + +Halt! halt! Ich will ja ... genügt eine Sicherstellung des +Kapitals? + + +_Hockenjos_ + +Die genügt. (Sehr ernst.) Wenn ich nur was Sicheres habe. +Was Sicheres brauch ich jetzt. Brot! Und Frieden. + + +_Karinkel_ + +(das Folgende sehr rasch) + +Man muß eine Anleihe aufnehmen. + + +_Bienemann_ + +Gibt es keine geheimen Fonds? + + +_Karinkel_ + +Wenn wir nur ein paar reiche Juden hätten ... + +(Beißt sich in die Finger.) + + +_Bienemann_ + +Zu überlegen ist keine Zeit. + + +_Karinkel_ + +Ich habe eine Idee. Ich beantrage im Gemeinderat den Bau +eines Hockenjos-Museums, und das Geld verwend' ich +einstweilen, um den Mann zu befriedigen. + + +_Bienemann_ + +Vortrefflich. Rechnen Sie auf mich. + + +_Hockenjos_ + +(am Fenster, mit Blick gegen das Denkmal) + +Da faseln sie von Kunst. Von Kunst faseln sie, die Hunde. +Ruhm! Ha. Mich verlangt nach keinem Ruhm. Selbst wenn's +ernst damit wäre. Alle Vorbehalte gehn dabei flöten. Ich +will meine Vorbehalte haben. Will nicht von jedem Narren +angesturt werden. Da ist man ja wie das Tor von einem +Pfandhaus. Ich pfeif auf die Kunst. Sie ist viel zu groß für +den schwachen Schädel. Kannst du den Großen groß sein? Die +wandeln im Elysium, während du im Dreck kutschierst. +Nützlich muß man sein. Und kaltblütig. Adieu, Städtchen! +Dieses Amerika ist ja bloß ein paar Stunden weit von hier. +Am Samstag, eh ich sterbe, komm ich mal übern Sonntag +herüber. + + +_Karinkel_ + +(hat die Tür geöffnet, Abendrot hereingewinkt und mit ihm +lebhaft geflüstert. Abendrot nickt mehrmals und geht wieder +hinaus, Karinkel zu Hockenjos) + +Vom Fenster weg, um aller Heiligen willen! + + +_Hockenjos_ + +(gemächlich) + +Aber lieber Herr, wer denkt denn da drunten an mich! + + +_Karinkel_ + +Also, es wird alles geordnet. Nur noch eine Bedingung habe +ich zu stellen. + + +_Hockenjos_ + +Die wäre --? + + +_Karinkel_ + +Sie müssen sich den Bart abrasieren lassen. + + +_Hockenjos_ + +Wenn es sein muß -- (Abendrot kommt mit einer Seifenschüssel, +Pinsel und Rasiermesser.) + + +_Karinkel_ + +Es muß sein. Ich habe schon mit Abendrot gesprochen. Er +versteht sich auf die Hantierung. Wir dürfen keinen Fremden +mehr ins Vertrauen ziehn. + + +_Kommissär Binder_ + +(kommt) + +Herr Bürgermeister, es ist die höchste Zeit. Der Herr +Professor Mettenschleicher führt soeben Seine königliche +Hoheit zum Festplatz. + + +_Karinkel_ + +Ich komme. + + +_Bienemann_ + +(am Fenster) + +Das Volk ist schon versammelt. + + +_Karinkel_ + +Geben Sie mir das Konzept meiner Rede, Bienemann. + + +_Bienemann_ + +Jaso, die Festrede. Hier. (Reicht ihm das Manuskript.) + + +_Karinkel_ + +Wie seh ich aus? + + +_Bienemann_ + +Tadellos. + + +_Karinkel_ + +Ist es wahr, Binder? Keine Flecken? + + +_Binder_ + +Da am Knie ist ein Spritzer ... (Bückt sich, reibt.) + + +_Bienemann_ + +Von der Bratensauce. + + +_Karinkel_ + +Schnell, schnell. Kommen Sie, Binder. Und Sie Bienemann, +bleiben hier und passen gut auf. (Ab mit Binder.) + + +_Abendrot_ + +Wolle Se gefälligst Platz nehme, Herr? + + +_Hockenjos_ + +(setzt sich; zu Bienemann) + +Sie sind also der Verfasser der Festrede? + + +_Bienemann_ + +Jawohl. Ich bin des Bürgermeisters Tintenfaß. Er +verschwendet geradezu meinen Geist. Eines Tages werde ich +wegen Gehirnschwund der Armenkasse zur Last fallen. +Vielleicht bekomm ich dann auch einen Denkstein. Die +Inschrift wird lauten: Dem treuen Hohlkopf Bienemann sein +väterlicher Blutegel Karinkel. + + +_Hockenjos_ + +Der Mann ist sehr strebsam. + + +_Bienemann_ + +Strebsam, ja; das ist er. Für mich ist er vorbildlich. +Geradezu ein Gattungsbegriff. Er war ein einfacher +Schneider. + + +_Hockenjos_ + +(bereits mit abgeschnittenem Bart) + +Davon hat er was beibehalten. + + +_Bienemann_ + +Die ganze Stadt könnte man Karinkelei nennen. Der Schneider +siegt auf der ganzen Linie. + + +_Hockenjos_ + +Sie sind bitter. + + +_Bienemann_ + +Bitter und (mit Blick auf Abendrot) unvorsichtig. +(Musiktusch von draußen.) Aha, der Prinz! + + +_Hockenjos_ + +Na, Abendrot, was denken denn Sie bei dem Rummel? + + +_Abendrot_ + +(einseifend) + +Ich hab mer nie Gedanke gemacht über meine vorgesetzte +Behörde. + + +_Stadtrat Hannewickel_ + +(tritt ein; ein schlottriger, schwerhöriger Greis) + +Entschuldige die Herre, ich möcht mir die Festlichkeit von +owe ansehe. (Stutzt.) No, no, was isch denn das? + + +_Bienemann_ + +(ihm ins Ohr schreiend) + +Ein berühmter Zeitungsberichterstatter aus Amerika, Herr +Stadtrat. Hat Eile, will dem Prinzen vorgestellt werden. Muß +sich hier rasieren lassen. Mister Koch -- Herr Stadtrat +Hannewickel. + + +_Hannewickel_ + +Merkwürdig, merkwürdig ... + + +_Hockenjos_ + +#How do you do,# Sir? + + +_Bienemann_ + +(ihm ins Ohr) + +Er erkundigt sich nach Ihrem Befinden. + + +_Hannewickel_ + +Dank schön. Dank schön. (Geht ans Fenster, öffnet es.) + + +_Stimme Karinkels_ + +Zum ersten Mal tritt die hohe Aufgabe an uns heran, dem +Namen eines Mitbürgers zu huldigen, eines Mannes, der in +unserem engsten Kreis gestrebt und geschaffen hat, eines +großen, gottbegnadeten Künstlers. + + +_Abendrot_ + +Sie müsse den Kopf e bissele rechts halte ... + + +_Stimme Karinkels_ + +Wir sehen noch im Geist seine herrliche Gestalt durch unsere +Gassen schreiten, wir können sein feuriges Auge nicht +vergessen, wir spüren noch mit Ehrfurcht den Hauch seiner +Gegenwart, die uns erhoben und über den Alltag entrückt +hat ... + + +_Hockenjos_ + +Daß dich der Satan beiße ... + + +_Abendrot_ + +Nu müsse Se 'n Kopf e bissele links halte ... + + +_Hannewickel_ + +(zu Bienemann) + +Wie heischt jetz der Künschtler, dem Se's Denkmal g'setzt +hawe? + + +_Bienemann_ + +(schreit ihm ins Ohr) + +Hockenjos! + + +_Hannewickel_ + +Richtig. Ich hab halt gar koi Gedächtnis mehr. Drei Sachen +kann i mir überhaupt nimmer merke. Erschtens Zahlen. +Zweitens Namen. Drittens ... Herrjeses, 's dritte haw' i +vergessen. + + +_Karinkels Stimme_ + +Der Ruhm seines lichtstrahlenden Pinsels wird durch die +Zeiten schimmern und unsern Söhnen ein Vorbild sein -- -- -- -- + +(Der Vorhang fällt.) + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch +wurde auf Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die +nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber +dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +S. 021: sind die Geschehnisse wie Träume .. -> ... +S. 021: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ... +S. 050: die um Iwan wissen .. -> ... +S. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf) +S. 076: Die schönste die vornehmste -> schönste, die vornehmste +S. 098: Händen anf dem Rücken -> auf +S. 099: konnt' es doch nicht durft' es doch nicht kommen -> nicht, durft' +S. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig +S. 174: Pünklichkeit -> Pünktlichkeit +S. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit +S. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. +Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersezt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# ] + + + +[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from scans +of a first edition copy. The table below lists all +corrections applied to the original text. + +p. 021: sind die Geschehnisse wie Träume .. -> ... +p. 021: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir -> ... +p. 050: die um Iwan wissen .. -> ... +p. 062: Gleich darauf -> (Gleich darauf) +p. 076: Die schönste die vornehmste -> schönste, die vornehmste +p. 098: Händen anf dem Rücken -> auf +p. 099: konnt' es doch nicht durft' es doch nicht kommen -> nicht, durft' +p. 173: geht nruhig auf und ab. -> unruhig +p. 174: Pünklichkeit -> Pünktlichkeit +p. 193: Herrlicheit -> Herrlichkeit +p. 277: Begriff Geweinwohl -> Gemeinwohl + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text +has been replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Die ungleichen Schalen, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN *** + +***** This file should be named 19940-8.txt or 19940-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/9/4/19940/ + +Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/19940-8.zip b/19940-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5bfab3f --- /dev/null +++ b/19940-8.zip diff --git a/19940-h.zip b/19940-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..bb55a92 --- /dev/null +++ b/19940-h.zip diff --git a/19940-h/19940-h.htm b/19940-h/19940-h.htm new file mode 100644 index 0000000..6792913 --- /dev/null +++ b/19940-h/19940-h.htm @@ -0,0 +1,11567 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Die ungleichen Schalen, by Jakob Wassermann + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + a[title].page { + position: absolute; 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die ungleichen Schalen + Fünf einaktige Dramen + +Author: Jakob Wassermann + +Release Date: November 27, 2006 [EBook #19940] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN *** + + + + +Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + + +<div class="titlepage"> +<p><a class="page" name="Page_5" id="Page_5" title="5"></a></p> +<h1>Die ungleichen Schalen</h1> + +<h3>Fünf einaktige Dramen<br /> +von</h3> + +<h2>Jakob Wassermann</h2> + + +<h4>S. Fischer, Verlag, Berlin</h4> + +<h5>1912</h5> + +<p><a class="page" name="Page_6" id="Page_6" title="6"></a></p> +<p class="copyright">Alle Rechte vorbehalten. Den Bühnen und Vereinen gegenüber +Manuskript. Das Recht der Aufführung ist allein durch +S. Fischer, Verlag, Berlin W., Bülowstr. 90 zu erwerben.</p> + +<p class="copyright center">Copyright 1912 S. Fischer, Verlag, Berlin.</p> +</div> + +<p><a class="page" name="Page_7" id="Page_7" title="7"></a></p> + +<table class="toc"> +<caption>Inhalt</caption> + +<tr><td><a href="#Rasumowsky">Rasumowsky</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_9">9</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Gentz_und_Fanny_Elssler">Gentz und Fanny Elßler</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_59">59</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Der_Turm_von_Frommetsfelden">Der Turm von Frommetsfelden</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_107">107</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Lord_Hamiltons_Bekehrung">Lord Hamiltons Bekehrung</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_171">171</a></td></tr> +<tr><td><a href="#Hockenjos">Hockenjos</a></td><td class="onpage"><a href="#Page_237">237</a></td></tr> +</table> + +<!-- <p><a class="page" name="Page_8" id="Page_8" title="8"></a>[Blank Page]</p> --> +<div class="textbody"> +<p><a class="page" name="Page_9" id="Page_9" title="9"></a></p> + + + + +<h2><a name="Rasumowsky" id="Rasumowsky"></a>Rasumowsky</h2> + + +<p class="personen"><a class="page" name="Page_10" id="Page_10" title="10"></a>Personen:</p> + +<ul class="personen"> +<li>Graf Alexei Grigorjewitsch Rasumowsky</li> +<li>Rodion, sein Diener</li> +<li>Michael Jefimowitsch Lassunsky, Kapitänleutnant der Leibgarden</li> +<li>Fedor Alexandrowitsch Chidrowo, Rittmeister der Garde-Kavallerie</li> +<li>Graf Grigorij Orlow</li> +</ul> + +<p class="spielt">Spielt in Petersburg im Jahre 1763.</p> + +<p><a class="page" name="Page_11" id="Page_11" title="11"></a></p> +<p class="newsection dirlong">Ein altertümlich ausgestatteter großer Raum im Hause +des Grafen Rasumowsky. An der Rückwand links ein +großer Kamin, in welchem ein Holzfeuer brennt. Über +dem Kamin das Porträt der Kaiserin Elisabeth Petrowna. +Rechts ein erkerartiger Vorbau mit Fenstern gegen die +Straße. In der rechten Seitenwand Türe in die übrigen +Gemächer, in der linken der Ausgang zum Flur.</p> + +<p class="dirlong">Rittmeister <em class="gesperrt">Fedor Chidrowo,</em> ein junger Mann +von 23 Jahren, geht aufgeregt umher. Nach kurzer +Weile tritt Kapitänleutnant <em class="gesperrt">Michael Lassunsky</em> ein, +von <em class="gesperrt">Rodion</em> geführt, einem alten Kleinrussen.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p class="dircenter">(etwa im gleichen Alter wie Chidrowo)</p> + +<p>Sag meinem Oheim, daß ich ihn dringend +sprechen muß.</p> + +<p class="speaker">Rodion</p> + +<p>Eure Erlaucht werden gebeten zu warten. Seine +gräfliche Gnaden ist noch bei der Morgenandacht.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Sag dem Grafen –</p> + +<p class="speaker">Rodion</p> + +<p>Es ist der strenge Befehl Seiner gräflichen +Gnaden, ihn nicht bei der Morgenandacht zu +stören.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Kerl, die Wichtigkeit –</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_12" id="Page_12" title="12"></a>Rodion</p> + +<p>Hab strengen Befehl von Seiner gräflichen +Gnaden –</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Scher dich zum Henker. <em class="direction">(Rodion wirft Scheite +in den Kamin, dann ab.)</em> Du hier, Fedor Alexandrowitsch?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Grüß dich, Michael Jefimowitsch. Mußt dich +gedulden, warte ebenfalls schon lang.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Orlow ist auf dem Weg hierher.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p class="dircenter">(bestürzt)</p> + +<p>Das kann nicht sein.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Orlow ist auf dem Weg hierher.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Ist das eine Vermutung?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Eine Gewißheit; wenigstens beinahe.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Beinahe ist keine Gewißheit. Aber du bist so +erregt ...</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Hab Grund dazu. Der Großkanzler Woronzow +<a class="page" name="Page_13" id="Page_13" title="13"></a>ist an der Kasan-Kathedrale überfallen +worden.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Bei Gottes Güte, was sagst du da!</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Erwartet Alexei Grigorjewitsch nicht den Großkanzler?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Ja, Graf Woronzow hat mich geschickt, damit +ich seine Ankunft melde. Aber –</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Ich und Anenkow ritten als Eskorte hinter dem +Wagen des Großkanzlers. Eine Horde betrunkener +Soldaten drängt sich zwischen uns und die Karosse, +und auf einmal sind wir abgeschnitten. Wir sehen +nur noch, daß der Kanzler gezwungen wird, auszusteigen, +dann haben sie ihn in ein Haus geschleppt.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Und ihr habt nicht dreingehaut?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Zwei gegen fünfzig?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Das ist ja Aufruhr, Michael Jefimowitsch.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Anenkow ist in den Palast zurückgeeilt, ich +hierher.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_14" id="Page_14" title="14"></a>Chidrowo</p> + +<p>Und du glaubst –?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Ich glaube, daß Orlow hier sein wird, eh dort +die Uhrzeiger gestreckt stehen.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Das sollte Orlow wagen?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Orlow wagt alles. <em class="direction">(Zur Türe, ruft hinaus.)</em> +Rodion!</p> + +<p class="speaker">Rodion</p> + +<p class="dircenter">(kommt)</p> + +<p>Erlaucht befehlen?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Ihr seid nicht an Besuch gewöhnt, Alter?</p> + +<p class="speaker">Rodion</p> + +<p>Nein, Erlaucht, wir leben sehr zurückgezogen.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Nun wohl, ihr werdet binnen kurzem Besuch +erhalten, noch dazu sehr unwillkommenen. Sperr +die Tore zu.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Sperr die Tore zu, Alter.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Ja, sperr die beiden Tore zu, das nach der +Gasse und das nach dem Garten.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_15" id="Page_15" title="15"></a>Rodion</p> + +<p>Ist Gefahr für Seine gräfliche Gnaden?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Schwatz nicht, Alter, tu, was man dir befiehlt. +<em class="direction">(Rodion ab.)</em></p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p class="dircenter">(wirft sich in einen Sessel)</p> + +<p>Ich bin hin.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p class="dircenter">(ungestüm auf und ab gehend)</p> + +<p>Wie glaubst du, daß Alexei Grigorjewitsch die +Nachricht aufnehmen wird?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Kann mich nicht erinnern, ihn je sonderlich erstaunt +gesehen zu haben.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Das ist böse.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Bah! wer viel staunt, handelt wenig.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>So viel sag ich dir: wenn die Kaiserin den +Orlow heiratet, nehm ich meinen Abschied.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Nach Sibirien.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_16" id="Page_16" title="16"></a>Chidrowo</p> + +<p>Einem Orlow huldigen? Eher nach Sibirien.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Was können wir dagegen tun?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Die Fürstin Chilkow hat geweint, als sie davon +erfuhr.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Die flennt, wenn man einem Huhn den Hals +abdreht. Als Rakitin mit ihrem Wissen ihren +Mann erschlug, hat sie keine Träne vergossen. +<em class="direction">(Man hört Waffenlärm von der Straße.)</em> Horch –! +<em class="direction">(Beide lauschen.)</em></p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p class="dircenter">(nähert sich dem Erker)</p> + +<p>Nein – nichts. <em class="direction">(Stellt sich vor Lassunsky; +ungestüm.)</em> Michael Jefimowitsch! Wir sollten hingehen +und die Kaiserin bitten, es nicht zu tun. +Haben wir ihr nicht auf den Thron geholfen? +Wir alle? Wir sind bereit, für sie zu sterben, nur +das, das eine, das nicht! Sie kann sich unsern +Gründen nicht verschließen.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Sie wird aus deinen Gründen einen Strick +für den Henker drehen.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_17" id="Page_17" title="17"></a>Chidrowo</p> + +<p>Herrgott, Michael Jefimowitsch, sie ist doch +eine kluge Frau!</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Sie ist verliebt.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Was ist denn an einem Orlow zu lieben?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Was wir an ihm hassen.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Sein Ehrgeiz macht ihn verrückt.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Er ist schön, und stark wie ein Bär.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Er hat keine Erziehung.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Umso weniger ist er gehemmt.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p class="dircenter">(leise durch die Zähne)</p> + +<p>Ich sage dir: er wird sie ermorden, so wie er +den Zaren ermordet hat.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Dummkopf! Er war nur die Hand. Katharina +<a class="page" name="Page_18" id="Page_18" title="18"></a>ist tausendmal schlauer als er. O, das ist ein Weib, +mein Lieber, die steckt uns alle in den Sack.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Wo ist da die Schlauheit? Die Mariage ist +projektiert. Es muß ein Mittel gefunden werden, +sie davon abzubringen.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Du bist Soldat und mußt schweigen.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Schweigen kostet Herzblut.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Ich meinerseits will nicht Politik treiben, da +hast du’s.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Aber die Zähne knirschen? Das ist auch eine +Art von Politik und eine schlechte. Wie stumpf +du bist!</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Stumpf?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Oder du weißt mehr als du sagen willst.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Wohl möglich. Vielleicht wirst du heute noch +alles erfahren.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_19" id="Page_19" title="19"></a>Chidrowo</p> + +<p>Wie ist’s? warum wollte der Großkanzler mit +Rasumowsky verhandeln?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Ist dir nicht bekannt, daß Alexei Grigorjewitsch +heimlich vermählt war mit der verstorbenen Kaiserin +Elisabeth Petrowna?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Dies ist mir wohl bekannt, allein – wie hängt +das zusammen?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p class="dircenter">(sieht sich um)</p> + +<p>Schweig, schweig.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Im Hause Rasumowskys sind die Wände +taub.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Nicht um die Wände handelt sich’s. <em class="direction">(Steht +auf.)</em> Aber er! Er! Dieser furchtlose Mann! Der +furchtloseste, der in Rußland lebt. Wie ich ihn +verehre, Fedor Alexandrowitsch! Wüßtest du wie +ich ... In wunderbarer Verschwiegenheit ist er +der Geliebte einer Kaiserin gewesen. Niemals hat +ihn eine Miene, nie ein Lächeln verraten. Nie hat +er Schacher getrieben mit seinem Glück. Nie war +er ungerecht. Und jetzt <em class="direction">(schmerzlich)</em> jetzt soll er sich +<a class="page" name="Page_20" id="Page_20" title="20"></a>ausliefern. Weil ein Orlow mit der Vergangenheit +dieses gerechten Mannes seine Zukunft gründen +will!</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Ausliefern? Ich verstehe dich nicht, Michael +Jefimowitsch. Kein Wort verstehe ich von allem +was du sagst.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p class="dircenter">(kummervoll)</p> + +<p>Und er wird Grigorij Orlow empfangen. Er +wird ihn einlassen, ich weiß es.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Du meinst, weil er sich nicht getrauen wird, den +ersten Günstling der Krone von seiner Türe zu +weisen?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Nicht deshalb, Fedor Alexandrowitsch, nicht deshalb. +Sondern eben, weil er so gerecht ist. Und +wenn Orlow vor ihm steht, dieser Sturmwind, dieser +Leopard, kannst du ermessen, was dann geschieht? +Mich jammert’s, Fedor Alexandrowitsch, und ich +fühle mich machtlos. Die Dinge geschehen, und +wir sind machtlos.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Du schwaches russisches Herz! So will ich dir +sagen: Rasumowsky wird Grigorij Orlow nicht +empfangen.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_21" id="Page_21" title="21"></a>Lassunsky</p> + +<p class="dircenter">(aufmerksam)</p> + +<p>Schon vorhin hast du angedeutet, daß Orlow +es nicht wagen würde ... Da steckt was dahinter.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Weißt du nicht, was sich am Ostertag auf der +Morskaja zugetragen hat?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Kein Sterbenswort.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Wahrlich, in unserm Leben sind die Geschehnisse +wie <ins class="correction" title="Transcriber's note: original has two dots only">Träume ...</ins> <em class="direction">(Faßt sich an die Stirn.)</em> So kurz +die Zeit, so weit entrückt. <em class="direction">(Besinnt sich.)</em> So war’s ...</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Erzähle, Fedor <ins class="correction" title="Transcriber's note: original has two dots only">Alexandrowitsch ...</ins> mir ist jetzt +selbst als hätten sie in der Wachtstube davon berichtet. +Zuviel drängt sich in einen Tag.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>So war’s ... <em class="direction">(Mit Gesten, als ob er auf einen +Plan wiese.)</em> Da ist die Morskaja. Da ist die Gasse +von den Kasernen. Da ist eine enge Gasse zum +Newski-Prospekt. Orlow hatte die Regimenter Astrachan +und Ingermanland zum Gehorsam gezwungen. +Mit seinen zwanzig oder dreißig Getreuesten +stürmt er zum Winterpalast, um es der Kaiserin +<a class="page" name="Page_22" id="Page_22" title="22"></a>zu melden. Rast auf seinem Gaul an der Spitze +der Schar mitten durch die Stadt. Die Funken +spritzen, das Pflaster dröhnt. So gelangen sie +auf die Morskaja. Da spielen zwei Kinder auf +der Straße, schöne, blonde Kinderchen, ein Mädchen +und ein Knabe, sitzen friedlich da und spielen. +Denken offenbar, die Reiter werden ausweichen, +denn die Straße ist ja breit, und so staunen sie +dem Schauspiel entgegen und freuen sich. Orlow +aber sprengt mittenwegs auf sie zu, als könnt er +nicht, wollt er nicht aus der Bahn, zu spät rufen +Leute aus den Fenstern, strecken die Arme, zu spät +erkennen die Kleinen die Gefahr und starren, gütige +Unschuld, wie wenn ihr Schutzpatron sie geblendet +hätte. Orlow fletscht die Zähne, spornt noch das +Roß, starrt gerade vor sich hin, als sähe er +nichts, Weiber kreischen, Männer stürzen aus den +Häusern ... alles umsonst, die beiden Mäuschen +sind unter den Hufen verschwunden, eh’ man’s +denkt, zerrissen, zertreten, und man schaut nur noch +blutige Klumpen.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>O Menschheit!</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Im selben Augenblick kommt Alexei Rasumowsky +aus der engen Gasse, wohin die Reiter wollen, +<a class="page" name="Page_23" id="Page_23" title="23"></a>und vor der sie sich stauen wie Wasser vor einem +Wehr. Rasumowsky blickt hin über die Luft, blickt +hin auf die blutige Erde und ruft: Graf Orlow! +Orlow reißt den Zügel und hält. Die hinter ihm +sind, vom tollen Ritt noch, mit ihren Gäulen +dicht an ihn gedrängt. Ganz stille wird’s auf +einmal. Graf Orlow! ruft Alexei Grigorjewitsch +und hebt den Arm, die gemordeten Seelchen werden +sich um deine Füße klammern, wenn du vor Gottes +Thron gehst. Mit nichten wirst du schreiten +können, mit nichten.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Und Orlow? hat er geantwortet?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Nun geschah das Sonderbare. Orlow zieht +den Dolch, beugt sich vor, schließt wie im Krampf +die Augen und stößt seinem Pferd von oben her +den Stahl mitten in die Brust. Während das +Tier zusammenbricht, springt er ab, geht an Rasumowsky +vorüber, grüßt ihn schweigend und setzt +schweigend und bleich seinen Weg zu Fuß fort.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Rätselhaft.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>So hat mir’s der Hauptmann Woropanow erzählt, +der an Orlows Seite ritt.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_24" id="Page_24" title="24"></a>Lassunsky</p> + +<p>Was war der Zweck solcher Tat?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Sicherlich trägt er glühenden Haß gegen Alexei +Grigorjewitsch.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Das dünkt mich unwahrscheinlich.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Wie ... unwahrscheinlich –?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Es sieht wie Demut und Buße aus, was er +getan.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Hohn ist’s, sag ich dir, Hohn und Bosheit. +Seine Blutgier wollte noch ein Opfer haben.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Warum sollt es nicht Scham und Reue gewesen +sein?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Willst du Orlow verteidigen? Schönfärben den +wüsten Mord?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Fast könnt ich Mitleid haben mit ihm.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>So seid ihr alle, lammsherzig und matt.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_25" id="Page_25" title="25"></a>Lassunsky</p> + +<p>Acht’ auf deine Worte.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Acht’ du auf deine Freiheit, auf deine Männlichkeit!</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Stünden wir nicht hier, Fedor Alexandrowitsch –</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p class="dircenter">(wild)</p> + +<p>Hier oder anderswo. Wer gut von Orlow redet, +spricht schlecht von mir.</p> + +<p class="dirlong">(Graf Alexei Rasumowsky tritt langsam von rechts +ein. Er ist mit einem langen, schwarzen Sammetgewand +bekleidet und hat eine goldne Kette um den Hals. In +der Hand trägt er die Kasansche Bibel. Er erscheint +zunächst häßlich mit seinem eingefallenen, alten, mißtrauisch +finstern Gesicht, an dem die Backenknochen stark hervortreten +und die schneeweißen Brauen wie dicke Wülste +hängen, indes der Kinnbart schütter und zottig ist. Aber +sein Wesen hat eine bewundernswerte Würde, und wenn +er, um zu schauen, die Lider hebt, was nicht häufig geschieht, +ist sein Blick strahlend rein und von seltsamer, +kindlicher Wehmut. Die beiden Offiziere wenden sich von +einander und begrüßen ihn mit schweigender tiefer Verbeugung.)</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_26" id="Page_26" title="26"></a>Rasumowsky</p> + +<p>Streit in meinem Hause? <em class="direction">(Langes Schweigen.)</em> +Was ist geschehen, Rittmeister Chidrowo, daß Ihre +Augen so funkeln?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p class="dircenter">(finster)</p> + +<p>Üble Neuigkeiten, Erlaucht.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Nichts Schlimmeres in der Welt als Neuigkeiten. +Weshalb sind Sie hier, zu so früher Stunde?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Ich sollte den Großkanzler Woronzow anmelden.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Graf Woronzow ist auf der Fahrt hierher von +Soldaten überfallen worden.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Hat Rußland keinen Zaren mehr?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Es hat eine Zarin.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Gott schenke ihr Weisheit. <em class="direction">(Kopfschüttelnd.)</em> +Woronzow auf dem Weg zu mir ... Was hat +das zu bedeuten?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_27" id="Page_27" title="27"></a>Lassunsky</p> + +<p>Die Zarin hat den Kanzler wegen der neuen +Mariage zu Euer Erlaucht geschickt.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Wegen der neuen Mariage? Bin ich ein Pope?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Der Kanzler sollte eine geheime Erkundigung +einziehen.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(läßt sich auf dem Armsessel vor dem Kamin nieder und +legt die Bibel auf seinen Schoß)</p> + +<p>Das gehört auch zu den Neuigkeiten der Welt, +daß mit lauter Geheimnissen regiert wird.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Die Sache verhält sich so, Erlaucht: Da ganz +Petersburg gegen die projektierte Heirat der Zarin +mit Orlow gestimmt ist, so hat man endlich ein +Mittel gefunden, um die Geister zu beschwichtigen, +man hat auf die Ehe Euer Erlaucht mit der verstorbenen +Kaiserin Elisabeth Petrowna hingewiesen.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Wie? So weit hätte man sich vermessen? Und +wem ist dieser schamlose Gedanke gekommen?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Offenbar stammt er von den Brüdern Orlow. +Was ihr für unmöglich haltet, sagten sie, ist ja +<a class="page" name="Page_28" id="Page_28" title="28"></a>schon einmal geschehen, ohne daß die Welt eingestürzt +ist. Graf Rasumowsky ist ja da, gehen +wir hin zu ihm.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Die Narren!</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Und was sagte die Kaiserin dazu?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Die Kaiserin soll gesagt haben: von dieser Ehe +weiß die Welt nichts, aber wenn ihr mir den +schriftlichen Beweis erbringt, daß zwischen dem +Grafen Rasumowsky und der hochseligen Zarin +eine Heirat wirklich stattgefunden hat, will ich mich +fügen.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Das hat die Kaiserin gesagt?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Doch als die Orlows sich anheischig machten, +zu Euer Erlaucht zu gehen, wollte die Kaiserin +plötzlich nichts davon wissen. Sie gebot, daß Graf +Woronzow den Auftrag übernehmen sollte, vielleicht +weil sie den Ungestüm der Brüder Orlow +fürchtete, vielleicht, weil sie in Wirklichkeit gar +nicht wünscht, was sie zu wünschen scheint. Heut +um die achte Stunde befahl der Kanzler seinen +Wagen, und vor der Kasan-Kathedrale geschah es +dann –</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_29" id="Page_29" title="29"></a>Chidrowo</p> + +<p class="dircenter">(am Fenster, mit ausgestreckter Hand)</p> + +<p>Da sind Orlows Leute! <em class="direction">(Stimmen und Waffenlärm +vor dem Haus.)</em></p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(steht auf)</p> + +<p>Und du vermutest, daß der Überfall vom Grafen +Orlow angestiftet worden ist? <em class="direction">(Schaut gegen den +Erker.)</em></p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Ja, Erlaucht.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>So wäre es augenscheinlich, daß Orlow dem +Befehl der Kaiserin zuwidergehandelt hat –? +<em class="direction">(Man hört heftiges Klopfen am Tor.)</em></p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Sie begehren Einlaß.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(erstaunt)</p> + +<p>Einlaß begehren sie? Das Tor ist offen. +War’s denn nicht auch für euch geöffnet?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p class="dircenter">(zögernd)</p> + +<p>Ich habe die Tore schließen lassen.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Die Tore <em class="gesperrt">meines</em> Hauses?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_30" id="Page_30" title="30"></a>Chidrowo</p> + +<p>Ich denke, Erlaucht, man kann nicht mehr +daran zweifeln, daß Orlow den Kanzler überfallen +ließ, um ihn dingfest zu machen.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Die Tore <em class="gesperrt">meines</em> Hauses? <em class="direction">(Lassunsky senkt +schweigend den Kopf.)</em> Soll Orlow glauben, daß ich +vor ihm zittere?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Wie, Erlaucht, Sie wollen Orlow empfangen? +<em class="direction">(Erneutes Pochen von unten.)</em></p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Geh, Michael Jefimowitsch, und sag, daß das +Tor aufgesperrt werde.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p class="dircenter">(flehend)</p> + +<p>Erlaucht –</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Klang es doppelzüngig, was ich gesagt?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p class="dircenter">(geht schweigend ab –)</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p class="dircenter">(verschränkt die Arme; vor sich hin)</p> + +<p>Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_31" id="Page_31" title="31"></a>Rasumowsky</p> + +<p>Eure Großmäuligkeit, was ist sie nutze? Ist +euer Nein Vernunft, euer Ja Überlegung? Ich will +sehen. Sehen und hören will ich, dazu gab mir +Gott Augen und Ohren. Und wenn ich gesehen +und gehört habe, dann will ich wägen, dazu hat +mir Gott die Erfahrung eines langen Lebens zuteil +werden lassen.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p class="dircenter">(kommt zurück)</p> + +<p>Major Nischinski ist es, man hat ihn vorausgesandt, +um Euer Erlaucht den Grafen Orlow zu +melden.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Ich bin bereit.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p class="dircenter">(noch leiser als oben)</p> + +<p>Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Ich sagte ihm, daß ich die Meldung übernehmen +will.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(wie mit sich selber redend)</p> + +<p>In ein Antlitz zu schauen, das heißt, Entschlüsse +vom Schicksal selbst empfangen. Läufst du hinauf +die steile Bahn, Orlow, ohne daß dein Herz klopft, +<a class="page" name="Page_32" id="Page_32" title="32"></a>so will ich prüfen, was für ein Ruf dich ereilt, +was dich zaudern macht, was dich feurig macht, +was dich grausam macht, was dich weckt. <em class="direction">(Ekstatisch +bewegt.)</em> Nicht richten will ich, nur Werkzeug +eines Richters sein und handeln – wie ich muß. +<em class="direction">(Mit der früheren Stimme.)</em> Michael Jefimowitsch!</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p class="dircenter">(der das Gesicht abgewandt und die eine Hand über die +Augen gelegt hatte)</p> + +<p>Erlaucht –?</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Wie geht es meiner Nichte Sofia?</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Wir erwarten täglich ihre Niederkunft, Erlaucht.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Bete für einen Knaben. Gott schenk uns Helden. +<em class="direction">(Man hört Schritte, Stimmengesurr, Säbelklirren.)</em></p> + +<p class="speaker">Rodion</p> + +<p class="dircenter">(reißt die Türe auf, feierlich)</p> + +<p>Der General-Adjutant Kammerherr Graf Orlow.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dirlong">(tritt säbel- und sporenklirrend ein. Er trägt die Uniform +der Preobraschenskyschen Leibwachen. Seine Gestalt +ist äußerst schlank, sein Gesicht kalt, bleich, hochmütig +und etwas verwüstet. Die Züge verraten eine kaum zu +<a class="page" name="Page_33" id="Page_33" title="33"></a>bändigende Leidenschaftlichkeit. Er weiß um seine Schönheit, +ist eitel darauf und verachtet sie zugleich. Seine +Hände sind fein und lang. Er verbeugt sich tief vor +Rasumowsky, die beiden Offiziere scheint er zu übersehen.)</p> + +<p>Ich komme hoffentlich nicht zu ungelegener +Stunde, Graf Alexei?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p class="dircenter">(kaum hörbar)</p> + +<p>Verloren, Mütterchen Rußland, verloren ...</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Michael Jefimowitsch, du wirst die Güte haben, +drüben im gelben Zimmer zu warten.</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p>Wir wollen keinesfalls stören.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Auch Sie, Fedor Alexandrowitsch, mögen warten, +wenn es Ihnen gefällig ist.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p>Wenn es erlaubt ist, will ich warten. <em class="direction">(Ab mit +Lassunsky nach rechts.)</em></p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Nehmen Sie Platz, Graf Orlow. <em class="direction">(Er setzt sich, +legt die Bibel aus der Hand.)</em></p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(setzt sich gleichfalls)</p> + +<p>Daß ich nicht mit einer langen Vorrede lästig +<a class="page" name="Page_34" id="Page_34" title="34"></a>falle, Erlaucht: Wie Ihnen bekannt sein dürfte, +hat sich Ihre Majestät, die Kaiserin, entschlossen +zu heiraten.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(bedächtig)</p> + +<p>Wieder zu heiraten.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Zar Peter ist tot.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Doch war er gekrönter und gesalbter Zar von +Rußland.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Ihm folgte von Gottes Gnaden Katharina.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Ich unterwerfe mich demütig ihrem mächtigen +Willen.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Ihre erhabene Majestät hat ihr Herz an einen +Unwürdigen verschenkt, den sie aus dem Staub +zu sich auf den Thron erheben will. Dieser Unwürdige +befindet sich vor Ihnen, Erlaucht.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Und schaudert Ihnen nicht vor solcher Erhebung, +Graf Orlow? Daß Sie mit Worten der Bescheidenheit +davon sprechen, steht Ihnen wohl an. Ich +hatte es nicht erwartet.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_35" id="Page_35" title="35"></a>Orlow</p> + +<p>Daß ich endlich einen Mann finde, dem ich +mein volles und bedrücktes Gemüt eröffnen kann! +<em class="direction">(Emphatisch.)</em> Warum hat uns das Geschick nicht +früher einander näher kommen lassen!</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Mein Los ist Einsamkeit seit langem, Graf +Orlow. Fast kenne ich die Welt nicht mehr, und +fremd ist mir geworden, was sich außerhalb dieser +Schwelle begibt.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>So dacht ich mir’s, Erlaucht, und nur mit +frommen Empfindungen bin ich genaht.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Unheilig war stets, was mir von draußen kam, +das ist wahr. Doch liebe ich die Jugend, wenn +schon vieles mir unbegreiflich an ihr ist.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(geschmeidig und beredt)</p> + +<p>Wie Sie leicht ermessen können, Erlaucht, begegnet +die edle Absicht der Kaiserin dem Widerstand +aller Großen des Reichs. Man beneidet +mich, man legt mir Fallstricke, man zettelt Verschwörungen +an, ja man schreckt nicht vor offenbaren +Beleidigungen zurück, denen mein Gleichmut +unmöglich gewachsen ist.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_36" id="Page_36" title="36"></a>Rasumowsky</p> + +<p>Ja, ja, ja. Es ist geblieben, wie es immer +war.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Ich habe mich beherrschen gelernt, Erlaucht. +Mein Vater hat mich in Demut und Gehorsam +erzogen. Niemals, in meinen verwegensten Träumen +nicht, konnte ich ahnen, daß der Blick meiner +gnädigen Herrscherin auf mich fallen würde. Wer +kann es mir verargen, Erlaucht, daß mein ganzes +Blut sich in Hingebung für diese Frau entflammte, +daß ich bereit bin, meine Seligkeit für sie zu opfern, +daß mir nichts mühevoll, nichts unerreichbar mehr +erscheint, seitdem sie mich erwählt hat?</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Wohl kann ich dies verstehen, Graf Orlow.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(schwärmerisch)</p> + +<p>O, ich wußte es, Erlaucht, ich wußte es. Dank, +allen Dank meines armen Herzens.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Ein Herz wie das Ihre ist nicht arm, Graf +Orlow.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Doch scheint mir’s so in Ihrer Nähe. Aber +hören Sie weiter, Erlaucht. Vor wenigen Tagen +<a class="page" name="Page_37" id="Page_37" title="37"></a>wurde die Zarin, deren Geist in quälender Unschlüssigkeit +irgend einen Weg suchte, von einem +ruchlosen Ratgeber auf Ihre Ehe –</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(unterbricht hastig)</p> + +<p>Ich weiß, ich weiß ...</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Sie wissen, Erlaucht? Ich atme auf. Dies +mindert die Schwierigkeit meiner Sendung.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Ich bin erstaunt, daß Ihre Majestät ein solches +Mittel nötig zu haben glaubt. Jede Handlung +ist gerechtfertigt, die sie gutheißt.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Ganz meine Meinung, Erlaucht. Aber Katharina +ist gewissenhaft und dankbar, zwei Eigenschaften, +die den Fürsten das Regieren erschweren.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Und Ihre Mission ist also –</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Der Plan war, den Großkanzler zu schicken –</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(nickt)</p> + +<p>Auch dies ist mir bekannt.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_38" id="Page_38" title="38"></a>Orlow</p> + +<p>Ich wollte es um jeden Preis verhindern, selbst +auf die Gefahr, ungehorsam gegen meine Wohltäterin +zu sein. Der Kanzler Woronzow ist ein +vortrefflicher Diener, aber er ist nur ein Diener. +Seine Rauheit, sein mürrisches Wesen, seine Unfähigkeit, +zarte Dinge zart zu packen, hätte Sie unbedingt +verletzt, Graf Alexei. Ich begriff das Ungeheuerliche +des Auftrags wie die Delikatesse, mit +der er behandelt werden mußte, vom ersten Augenblick +an. Ich habe tief mit Ihnen gefühlt, Erlaucht, +ich fürchtete die Dazwischenkunft des Kanzlers, und +– ich habe ihn gefangen setzen lassen.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Was Sie getan haben, ist höchst tadelnswert, +Graf Orlow, doch kann ich dem Edelmut, der Sie +antrieb, meine Bewunderung und meinen Dank +nicht versagen.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Und so bin ich gekommen – <em class="direction">(zaudert.)</em></p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Gekommen –?</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(leise, als schäme er sich)</p> + +<p>Sie um die Dokumente Ihrer Ehe mit der +Zarin Elisabeth Petrowna zu bitten.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_39" id="Page_39" title="39"></a>Rasumowsky</p> + +<p>Mein Erstaunen wächst, Graf Orlow. Wie kann +man mit einer Tatsache rechnen, mit der die Öffentlichkeit +niemals behelligt worden ist, die niemals +zugegeben worden ist und die daher niemals Gegenstand +weder einer politischen, noch einer privaten +Aktion werden kann?</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Ich ehre diese Entrüstung, Erlaucht, und finde +sie gerecht. Aber es gibt Dinge, die so lange verschwiegen +werden bis jedes Kind um sie weiß.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Wahrlich, was Sie da sagen, betrübt mich aufs +äußerste, Graf Orlow. Mir ist, als sei ich bestohlen +worden. Mir ist, als hätte man meine Brust durchwühlt, +um ihr das Teuerste zu rauben, und als +riefe man mir zu: du bewahrst es umsonst, denn +die Hunde beschnüffeln es schon wie ein Aas.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Schwer wird es mir, Ihnen zu widersprechen, +Erlaucht.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Und wenn ich nun antworten würde: eine Ehe +zwischen mir und der hochseligen Herrin Elisabeth +Petrowna hat niemals stattgefunden?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_40" id="Page_40" title="40"></a>Orlow</p> + +<p class="dircenter">(beißt sich auf die Lippen; dann gleißnerisch)</p> + +<p>So würde ich Ihre Beweggründe zu erforschen +suchen.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Wenn ich Ihnen versichern würde, daß ich keine +Dokumente besitze –? Wie, Graf Orlow?</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(düster)</p> + +<p>Sie würden damit mein Leben zerstören, Erlaucht.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Und wenn ich den Besitz der Dokumente zugebe, +warum soll ich sie ausliefern? Was könnte +mich veranlassen, ein Jahr um Jahr, Jahrzehnt +um Jahrzehnt gehaltenes Übereinkommen schmählich +zu verletzen? Nur weil ein Jüngling, den die +Jugend begehrlich und begehrenswert macht, in +meinen Frieden tritt und die Hand ausstreckt nach +meinem Gut?</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Es ist nichts in Ihren Worten, Alexei Grigorjewitsch, +was ich mir nicht auch selbst schon ins Gewissen +gerufen hätte. Doch erwägen Sie, Erlaucht: +mein Glück ist auch das Glück der Kaiserin.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Ich werfe mich in den Staub vor Ihrer Majestät, +<a class="page" name="Page_41" id="Page_41" title="41"></a>aber sie hat keine Macht über die Geheimnisse +meiner Seele.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>So flehe ich, Erlaucht, um Ihr Vertrauen ...</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Mein Vertrauen zu den Menschen ist so gering, +Graf Orlow, daß jeder Appell daran verschwendet +ist. Ich habe zu viele Worte gehört +und zu viele Taten gesehen. Ich bin meiner selbst +kaum gewiß, um wie viel weniger eines andern. +Ein Ozean von Geschwätz ertränkt die edelste Handlung, +und die niedrigste versteckt sich nicht mehr, +wenn ihr ein Vorteil winkt.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Bedenken Sie, Alexei Grigorjewitsch, ein Mann, +für den so Ungeheueres sich entscheiden soll, muß +ein Verworfener werden, wenn es mißlingt.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Also ist es nur der Erfolg, der tugendhaft +macht?</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Ein Held jedoch, wenn er ans Ziel gelangt.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Ein Held? Könnt ich dies glauben, Graf Orlow, +dann! ja dann! Aber ich kann es nicht glauben. +<a class="page" name="Page_42" id="Page_42" title="42"></a><em class="direction">(Feierlich.)</em> Zwei unschuldig Zertretene wehren +mir’s.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Viel Blut liegt auf dem Weg der Helden, Erlaucht.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Blut von Kindern?</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Macht löscht den Makel aus.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(betroffen)</p> + +<p>Furchtbares Wort!</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(erkennt seinen Fehler, einlenkend)</p> + +<p>Als ich heranritt, Erlaucht, ich war betrunken +von Freude; ich hatte die unheilvollste Meuterei +erstickt, Rebellen hatte ich meiner Gebieterin in +Anhänger auf Tod und Leben verwandelt, die +Wirklichkeit zerrann mir vor den Augen, ich sah +kein Hindernis mehr ... und als es geschehen +war, hab ich nicht Buße getan vor allem Volk?</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Doch haben Sie dem Volk eine unheilbare +Wunde geschlagen.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(mit dem letzten Aufwand seiner gleißnerischen Beredtsamkeit)</p> + +<p><a class="page" name="Page_43" id="Page_43" title="43"></a>Als ich zwölf Jahre alt war, Erlaucht, trieb +mich mein Vater mit der Peitsche vom Hof, weil +ich für einen Leibeigenen, der die Todesstrafe erleiden +sollte, um Gnade gebeten hatte. Ich liebe +unser Volk. Ich weiß, wie sie leben, wie sie +schmachten, wie sie Unrecht leiden, wie sie stumm +sind, wie sie ihre Hoffnung unermüdlich von Jahr +zu Jahr tragen, wie sie in ihrer Not die Herren +preisen, die mit den Früchten ihrer Arbeit Feste +feiern, und wie sie auf den warten, der sie erlösen +wird. Ich weiß es und will ihrer nicht vergessen.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Ist mir doch, als ob ich Glocken hörte aus +einem versunkenen Land, Graf Orlow. <em class="direction">(Er steht +versunken, von Orlow gespannt beobachtet; wie zu sich +selbst)</em> Ist es Rausch? oder Wahn? oder blinde +Sucht der Jugend? Leidenschaft macht beredt den, +der sie hegt, und stumm den, der sie begreift. <em class="direction">(Laut)</em> +Sie führen eine ungewöhnliche Sprache, Graf +Orlow, die mich irre werden läßt an meinem Vorsatz.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Ich danke Ihnen, Erlaucht.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dirlong">(geht zur Wand, wo er neben dem Kamin auf eine geheime +Feder in der Täfelung drückt. Ein Türchen springt +<a class="page" name="Page_44" id="Page_44" title="44"></a>auf. Er entnimmt dem Schrein eine goldene Kassette, +die er öffnet und einige in roten Atlas eingeschlagene +vergilbte Papiere herauszieht)</p> + +<p>Sieh da, wie viel Staub darauf liegt ... <em class="direction">(Er +stellt das Kästchen beiseite)</em> Staub ... Staub. Pulver +der Vergessenheit. Überreste von Träumen. +<em class="direction">(Er legt den Atlas in das Kästchen zurück und liest das +oberste Papier aufmerksam durch.)</em></p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(der sich am Ziel glaubt)</p> + +<p>Väterchen Alexei Grigorjewitsch! <em class="direction">(Er sinkt auf +die Kniee.)</em></p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(ergriffen und ganz in die Vergangenheit verloren)</p> + +<p>Frühling und Sommer meines Lebens! <em class="direction">(Er +küßt die Papiere und erhebt, sich bekreuzigend, die Blicke +nach oben.)</em></p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(packt in seiner Erregung mit beiden Händen die Papiere)</p> + +<p>Geben Sie, Alexei Grigorjewitsch –!</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(erschrocken)</p> + +<p>Was für ein Ungestüm, Graf Orlow!</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(fast mit Wildheit, drohend)</p> + +<p>Ich kniee vor Ihnen, Alexei Grigorjewitsch!</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_45" id="Page_45" title="45"></a>Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(beugt sich ein wenig vor und starrt in Orlows Gesicht)</p> + +<p>Die Augen ... die Augen ...</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(springt empor)</p> + +<p>Wollen Sie mich auf die Folter spannen, Graf +Alexei? Ich ertrag’s nicht länger.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(kopfschüttelnd)</p> + +<p>Ei, es ist eine ganz andere Stimme, die jetzt +zu mir spricht.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Genug gesäuselt.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Also nur Verstellung? Und so schlecht verstellt? +So schnell überdrüssig der Verstellung?</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Wollen Sie mir den Köder nur vorsetzen, um +mich zappeln zu lassen?</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Ach, Sie zeigen zu früh Ihr wahres Gesicht, +Graf Orlow.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Ich habe viele Gesichter, warum soll dies gerade +mein wahres sein. Wozu das Getändel? Zu +Großes liegt vor mir. <em class="direction">(Er zeigt seine weißen Zähne, +<a class="page" name="Page_46" id="Page_46" title="46"></a>während sich die Worte stürmisch ergießen.)</em> Von unten +heraufgestiegen, wo die Sklaven wohnen, begrüßt +mich endlich das Licht, und Welt und Kreatur schreit: +Herr! Herr! Gnade! Gnade! Ja, Herr will ich +sein und Gnade soll von mir träufeln für alle, +die sich bücken. Wollust, zu befehlen, und mit +einem Atemzug die Mächtigsten zum Schweigen +bringen! Alles unter mir sehen, was jetzt noch +verführerisch lockt, aus der Enge heraus, wo man +horchen muß, ehe man spricht, und rechnen, bevor +man zahlt. Ohne Bedachtsamkeit leben, planen +ohne Angst und Maß! Unten gehört alles auch +dem Nachbarn, was mir gehört, oben bin ich allein +und fürchte keine Grenze. Keine Grenze fürchten, +das ist’s. Mit seinem Willen allein sein, frei mit +jeder Tat und doch der Richtpunkt aller Aufmerksamen. +Ein Reich übersehen, den Arm von Ozean +zu Ozean strecken, die Willfährigen mit Provinzen +lohnen, die Unzufriedenen hinschmettern, – und +eine Kaiserin umschlingen, eine Kaiserin, in den +Mienen einer Kaiserin Unterwerfung lesen, – das +ist mein Spiel, Alexei Grigorjewitsch! Die Würfel +liegen zwischen uns. Werfen Sie jetzt und zählen +wir die Augen.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(kalt)</p> + +<p>So spricht ein Spieler. Im Würfelspiel mögen +<a class="page" name="Page_47" id="Page_47" title="47"></a>Sie gewinnen, Graf Orlow, im Schicksalsspiel +nicht.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Auch das Schicksal kann man zwingen, alter +Mann.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Wie den Teufel in der eigenen Brust.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Wer würde anders handeln an meiner Stelle? +Nur wenn ich zaudere, verliere ich.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Und Gott soll mit bei diesem ... Spiele +sein?</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Gott ist auf meiner Seite, weil ich will. Ich +fühle die Bestimmung.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Über Blutbestimmung und Gottes Wahl läßt +sich nicht rechten.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Lügendunst! Zar Peter war ein Narr, ein +Verräter, Affe des Preußenkönigs, ein Schwächling. +Herrliche Bestimmung!</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Besser ein Schwächling als ein gewissenloser +Emporkömmling.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_48" id="Page_48" title="48"></a>Orlow</p> + +<p class="dircenter">(hochmütig)</p> + +<p>Die Brücke zwischen uns fängt an zu krachen, +Erlaucht.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>So mag sie bersten.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Doch die Zeit wird Sie auffressen.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Jetzt, da Sie mich überzeugt haben, daß Sie +die Dokumente besitzen und sie in Ihrer Hand +halten, kann ich Sie zwingen, Alexei Grigorjewitsch.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Sie wollen damit sagen, daß Ihre Helfershelfer +mein Haus umstellt halten?</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Leute, die mir blindlings ergeben sind, ja.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Und wozu ich mich freiwillig nicht mehr entschließen +würde, das glauben Sie mit Gewalt +durchsetzen zu können. Mit eigener Faust oder +mit dem Beistand fremder Fäuste.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Wenn Sie mich zu dieser Notwendigkeit drängen, +<a class="page" name="Page_49" id="Page_49" title="49"></a>– ja. Ich kann nicht zurück. Ich kann +nur vorwärts.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Bis zum Abgrund. – Sie vergessen nur eines, +Graf Orlow. Sobald Ihre Leute diese Schwelle +übertreten, oder sobald Sie selbst, von dieser Sekunde +ab, eine Bewegung machen, die auf Gewalttat +zielt, fallen die Dokumente hier in das +Feuer. Sie sehen, es brennt loh genug, um ein +paar Papiere rasch verzehren zu können. <em class="direction">(Pause. +Beide blicken einander schweigend ins Gesicht.)</em></p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(mit verschränkten Armen)</p> + +<p>So also steht es.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Ja.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(langsam und mit Nachdruck)</p> + +<p>Eines noch, Alexei Grigorjewitsch: ich könnte +Sie belohnen, wie nie ein Sterblicher belohnt worden +ist.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Lohn? Für mich? Welchen Lohn? Reichtum? +Paläste? Titel und Würden? Für mich?</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(wie oben)</p> + +<p>Wenn auch nicht für Sie, Erlaucht, so doch +für einen Knaben ...</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_50" id="Page_50" title="50"></a>Rasumowsky</p> + +<p>Einen Knaben –?</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Für Iwan, den Sohn Rasumowskys und der +Kaiserin Elisabeth.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(schwankt einen Augenblick, hält sich am Rand des +Sessels, sinkt dann darauf nieder).</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Der Pope Maximow hat mich zu ihm geführt.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Möge Gott ihm verzeihen. Es gibt keine Treue +mehr.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Fürchten Sie nichts mehr von der verräterischen +Geschwätzigkeit dieses Priesters, Erlaucht. Ich habe +dafür gesorgt, daß seine Zunge keinen Schaden +mehr stiftet. Sie und ich, wir sind die beiden +einzigen Menschen auf Erden, die um Iwan <ins class="correction" title="Transcriber's note: original has two dots only">wissen ...</ins></p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(dumpf)</p> + +<p>Einer zu viel, Graf Orlow.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Ich habe den Knaben gesehn. Es war eine +weite Fahrt auf das Gut Domnina im Epifanskischen +Kreis. Ein schöner, blonder Knabe. Welche +<a class="page" name="Page_51" id="Page_51" title="51"></a>Einsamkeit für einen Vierzehnjährigen. Wie durstig +er in die Ferne blickte! Er wußte nichts von Vater +und Mutter, die Leute, bei denen er ist, halten ihn +für den Sohn von Euer Erlaucht verstorbenem +Bruder. Er ahnt nicht, welche Versprechungen +das Leben ihm schenken könnte, und wer nur sein +Gesicht sieht <em class="direction">(deutet auf das Bild der Kaiserin Elisabeth)</em>, +braucht keinen andern Beweis seiner Abkunft. +Grausam schien es mir, die junge Blüte in der +Steppenwüste verkommen zu lassen. Ich habe ihn +über seine Geburt aufgeklärt.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(springt auf)</p> + +<p>Das haben Sie getan?</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Ich habe es getan.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(sinkt wieder auf den Sessel, umklammert krampfhaft die +Dokumente vor der Brust.)</p> + +<p>Großer Himmel! Sie hatten kein Mitleid mit +dem arglos spielenden Geschöpf? Frevlerisch das +Gift des Ehrgeizes und der ungenügenden Begierde +in die junge Brust versenkt! Fruchtlose Erwartungen +geweckt, die ein gläubiges Gemüt zerfleischen müssen! +So war meine Entbehrung vergeblich, vergeblich, +daß ich mein Herz von ihm entwöhnt habe, vergeblich +<a class="page" name="Page_52" id="Page_52" title="52"></a>das Opfer, vergeblich der Gram der Mutter, +alles vergeblich!</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(mit leisem Spott)</p> + +<p>Ist es nicht besser, wenn der Wissende sich bescheidet, +als wenn der Getäuschte verkommt?</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(die Worte tief aus seiner Brust ringend)</p> + +<p>Zweiunddreißig Jahre, Graf Orlow, war ich +mit Elisabeth Petrowna verbunden. Sie war eine +musterhafte Christin und eine zärtliche Mutter +Millionen Volks. Auch mich liebte sie, doch schien +es mir so überflüssig wie sündhaft, meinen Ehrgeiz +über das Maß dessen zu erheben, was sie mir +als Weib gewähren konnte. Niemals in zweiunddreißig +Jahren ist die Versuchung über mich gekommen, +den geheiligten Glanz der Majestät für +mich zu erborgen. <em class="gesperrt">Sie</em> war auserwählt zu herrschen. +Von den Ahnen her war ihr die Gnade +verliehen. Woran soll das Volk glauben, diese +Zahllosen, von denen wir keine Namen wissen und +die nur aufblicken in ihrer Verlassenheit, um nach +dem gottbestimmten Führer zu suchen, woran sollen +sie denn glauben, wenn nicht an das Mysterium, +das um eine Krone webt? Das ist ja ihr Märchen, +die Botschaft, das Gesetz! Gesalbtes Haupt weiht +das Diadem, königliches Blut rauscht vom Vater +<a class="page" name="Page_53" id="Page_53" title="53"></a>zum Sohn, vom Gatten zur Gattin, von Geschlecht +zu Geschlecht. Raubt ihnen diesen Glauben, und +ihr stürzt sie in Gemeinheit und Verzweiflung, +die Welt steht da, ohne Ordnung, ohne Herrn. +<em class="direction">(Er erhebt sich, bewegt.)</em> Wenn es ein Verdienst in +meinem Leben gibt, Graf Orlow, so ist es das +eine, daß ich die Kaiserin zu überzeugen vermochte, +unsere Ehe, für die sie den Segen der Kirche gewünscht +hatte, müsse ein Geheimnis für das Volk +bleiben. Und so wurde Iwan fern vom Hof und +fern von den Menschen erzogen, denn es ziemt sich +nicht für den Halbgebürtigen, von einem Thron +auch nur zu träumen.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Phantome, Erlaucht, Phantome! Die Zeit hat +sich verändert. Es handelt sich nicht um die Gnade, +es handelt sich um die Kraft.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Ich bin kein Starrkopf, Graf Orlow, nicht +einer, der denkfaul an Vergangenem hängt. Ich +kenne die Zeit. Vieles tragen die Eimer des Jahres +herauf aus dem dunklen Schacht, und wer wirklich +lebt, wandelt sich mit jedem Becher, den er an +die Lippen führt. Das Blut wird auch in alten +Körpern neu. War ich nicht bereit, Graf Orlow? +Ich war bereit, mehr kann ich nicht sagen. Aber +ich bin gewohnt, in Menschenaugen zu lesen, und +<a class="page" name="Page_54" id="Page_54" title="54"></a>mehr noch auf den Stirnen, Graf, auf den Stirnen. +Sie sind so unbehütet, die Stirnen; man kann sie +eine Walstatt der Dämonen nennen. <em class="direction">(Den Arm +mit ausgestrecktem Finger gegen Orlow, stark.)</em> Ich sehe +Schicksale auf dieser Stirn, die ungeboren bleiben +sollten.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Alexei Grigorjewitsch! Nicht auf meiner Stirn, +– in Ihrer Hand liegt jetzt ein Schicksal. Iwan +ist in meiner Gewalt.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(scheu)</p> + +<p>Iwan ... ist ...</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>In meiner Gewalt und nur mir erreichbar.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(mit weiten Augen)</p> + +<p>Sie wollen damit sagen: um Iwan ist’s geschehen, +wenn ich mich weigere ...</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Vielleicht ist es das, was ich sagen will.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dirlong">(nähert sich Orlow mit gebeugtem Oberkörper und mit +der Unterwürfigkeit eines Bauern, hält ihm mit beiden +Händen die Dokumente hin)</p> + +<p>Nehmen Sie, Graf Orlow ...</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_55" id="Page_55" title="55"></a>Orlow</p> + +<p class="dircenter">(etwas überrascht von dem schnellen Erfolg, greift nach +den Papieren).</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(demütig)</p> + +<p>Nicht weil ich für Iwan fürchte, Graf Orlow +... nicht weil ich mir sein Leben erkaufen will, +... nicht deshalb, Graf Orlow, nicht deshalb ...</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(hält die Papiere fest, mit finsterem Trotz)</p> + +<p>Es wäre auch zu spät, Alexei Grigorjewitsch, +Sie retten Iwan damit nicht. Er war zu gefährlich, +als er seine Abstammung kannte. Er weilt +nicht mehr unter den Lebenden.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(schmerzvoll)</p> + +<p>Gott, dein Wille geschehe! Ich habe es geahnt!</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p>Und Sie geben mir trotzdem diese Papiere –?</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(mit der Hoheit des Grames)</p> + +<p>Ja, Graf Orlow! Ein Mann, der zu solchen +Mitteln greift, den muß die eigene Tat vernichten. +Und wenn es die Krone selbst wäre, sie hätte kein +Gewicht mehr, wenn Sie sie halten. Nichts ... +<a class="page" name="Page_56" id="Page_56" title="56"></a>ein Schemen, ein Scheinbild. Nichts. Zeigen Sie +die Dokumente der Kaiserin.</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(brütend)</p> + +<p>Darum also ... Es ist zu viel ... <em class="direction">(als +wöge er die Papiere)</em> es scheint mir zu viel Erniedrigung +für das gewährte Almosen. Bin ich denn +ein Bettler? Soll es einen Menschen geben, der +mich <em class="gesperrt">so</em> einschätzen darf? <em class="direction">(Aufflammend.)</em> Nein, +nein, nein! Die Schmähung greift ans Herz. +Wenn ich diesem erbettelten, erschlichenen Wisch +alles verdanken müßte, was mir das Leben gewähren +soll, es fräße mir das Mark der Tat aus +den Knochen. Ein Orlow, der alles Heil auf +den Inhalt einiger vergilbter Papiere gründet? +Bin ich verloren ohne diese Fetzen, so wie +ich jetzt besudelt bin, wenn ich sie als billige +Trophäe vor die Augen Katharinas bringe? Nein, +Alexei Grigorjewitsch, nein! Die Genugtuung, daß +es von Ihrer Gnade abhängig war, Rußland einen +Zaren zu geben, kann ich Ihnen nicht überlassen. +Jede Gegenwart wäre mir vergällt, und um Ihnen +den Beweis zu liefern, daß ich diese Gnade verschmähe, +daß ich sie verachte, nur darum tu’ ich, +was ich tue! <em class="direction">(Er eilt zum Kamin und wirft die +Dokumente ins Feuer.)</em></p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_57" id="Page_57" title="57"></a>Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(mit seltsam entzückter, schreiender Stimme, die zugleich +etwas wie physischen Schmerz enthält)</p> + +<p>Ein Gottesurteil! Ein Gottesurteil!</p> + +<p class="dirlong">(Durch Rasumowskys Schrei alarmiert, kommen Lassunsky +und Chidrowo mit bestürzten Mienen.)</p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p class="dircenter">(bleibt unter der aufgerissenen Türe stehen, hastig)</p> + +<p>Was ist geschehen, Erlaucht?</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p class="dircenter">(tritt vor, zieht den Degen)</p> + +<p>Wir werden Sie schützen, Erlaucht.</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(ohne sie zu beachten)</p> + +<p>So hat eine höhere Macht Ihren Arm gelenkt, +Graf Orlow, und Sie haben nur den Beweis geliefert, +daß es keinen Weg gibt aus Ihrer Menschentiefe +zum Licht der Majestät. <em class="direction">(Er bückt sich, als ob +er bete.)</em></p> + +<p class="speaker">Lassunsky</p> + +<p class="dircenter">(drängend)</p> + +<p>Erlaucht ... die Blässe Ihres Gesichts ... +Sie sind krank ...</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(immer gebückt)</p> + +<p>Ehrfurcht! Der Engel des Schicksals schwebt +über uns!</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_58" id="Page_58" title="58"></a>Orlow</p> + +<p class="dircenter">(reißt sich vom Anblick des Feuers los)</p> + +<p>Verbrannt ... <em class="direction">(Unheilvoll.)</em> Und nun sei auch +verbrannt alle Milde, vergessen alles Zögern feiger +Rücksicht und wer mich aufhält, meinen Schritt +oder den Schritt meines Pferdes, der möge zittern!</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p>Verwirkt! Verwirkt! Wir wollen zittern, aber +der Spruch ist gefallen.</p> + +<p class="speaker">Chidrowo</p> + +<p class="dircenter">(fast jubelnd)</p> + +<p>Gerettet, Mütterchen Rußland, gerettet!</p> + +<p class="speaker">Orlow</p> + +<p class="dircenter">(im Abgehen)</p> + +<p>Hütet euch!</p> + +<p class="speaker">Rasumowsky</p> + +<p class="dircenter">(richtet sich wieder empor)</p> + +<p><em class="gesperrt">Ich bin</em> in meiner Hut, denn ich fürchte die +Menschen nicht mehr.</p> + +<p class="vorhang">(Vorhang)</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_59" id="Page_59" title="59"></a></p> +<h2><a name="Gentz_und_Fanny_Elssler" id="Gentz_und_Fanny_Elssler"></a>Gentz und Fanny Elßler</h2> + + +<p class="personen"><a class="page" name="Page_60" id="Page_60" title="60"></a>Personen:</p> + +<table class="personen"> +<tr><td colspan="3">Friedrich von Gentz, Hofrat</td></tr> +<tr><td colspan="3">Felix Graf Reitzenstein</td></tr> +<tr><td colspan="3">Fanny Elßler</td></tr> +<tr><td>Jean</td><td rowspan="3"><span style="font-size: 300%">}</span></td></tr> +<tr><td>Martin</td><td>Diener bei Gentz</td></tr> +<tr><td>Franz</td><td /></tr> +<tr><td colspan="3">Lieferanten, Geldleute usw.</td></tr> +</table> + +<p class="spielt">Spielt in Wien, Herbst 1830</p> + +<p><a class="page" name="Page_61" id="Page_61" title="61"></a></p> +<p class="newsection dirlong">Ein Zimmer der Villa Gentz in Weinhaus bei Wien. +Kostbare Empiremöbel, Nippsachen, Kunstwerke, geblümte +Tapeten. Auf einer Kommode stehen zwei Glasglocken +mit eingemachten Früchten zum Naschen. Vom Kamin +leuchtet eine goldene Stehuhr. Im Hintergrund zwei +Fenster, zwischen ihnen eine hohe Glastüre in den Garten. +Links Türe zum Vorzimmer, rechts in das Ankleidezimmer +des Hofrats; diese Tür ist offen.</p> + +<p class="dirlong">Hinter der Türe links wird lebhaft gesprochen. Gleich +darauf <em class="gesperrt">Jean</em>, livrierter Diener, von links durch das Zimmer +nach rechts ab. Die Türe links wird geöffnet, und +ein dicker Jude will herein, <em class="gesperrt">Martin</em>, ein zweiter livrierter +Diener, der im Zimmer damit beschäftigt ist, +frisches Wasser in blumengefüllte Vasen zu gießen, eilt +hin und schlägt dem Eindringling die Tür vor der Nase +zu. Protestierende Rufe von draußen. <em class="gesperrt">Martin</em> steht +Wache.</p> + +<p class="speaker">Gentzens Stimme</p> + +<p class="dircenter">(von rechts)</p> + +<p>Was erfrecht Er sich? Ich zahle nicht. Übermorgen. +Die Schufte sollen Geduld haben.</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p class="dircenter">(eilig wieder von rechts nach links ab).</p> + +<p class="speaker">Gentzens Stimme</p> + +<p>Die geblümte Weste! Die geblümte!</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_62" id="Page_62" title="62"></a>Lebhafte Stimmen</p> + +<p class="dircenter">(hinter der Türe links).</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p class="dircenter">(kommt abermals mit verzweifelter Miene nach rechts).</p> + +<p class="speaker">Martin</p> + +<p class="dircenter">(hält die Türklinke).</p> + +<p class="speaker">Stimme Jeans</p> + +<p>Der Weinlieferant und der Parfümeur wollen +partout mit dem Herrn Hofrat selber sprechen.</p> + +<p class="speaker">Gentzens Stimme</p> + +<p>Ach was, Er Esel, Er hat ja gar keine Schneid. +– Die Ringe, Franz. Jetzt lauf Er zum Gärtner +wegen frischer Blumen.</p> + +<p class="speaker">Franz</p> + +<p class="dircenter">(ein alter Diener, durch die Mitte ab in den Garten.)</p> + +<p class="dircenter"><ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Gleich darauf'">(Gleich darauf)</ins></p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dirlong">(Mann von fünfundsechzig Jahren. Hohe schlanke Gestalt. +Er hat einen müden, etwas gebückten Gang. +Sein Gesicht ist höchst geistreich, die ganze Physiognomie +hat einen feinen, lebhaften und verführerischen Ausdruck, +und der Blick ist von intensiver Kraft. Kinn und Unterkiefer +sind etwas schwer, um den Feinschmeckermund +liegt bisweilen ein trauriger, bisweilen ein zynischer Zug. +<a class="page" name="Page_63" id="Page_63" title="63"></a>Er ist nach der letzten Mode gekleidet: brauner, langer +Rock, gestickte Weste, Vatermörder, schwarze Binde)</p> + +<p>War schon jemand vom Fürsten Metternich da?</p> + +<p class="speaker">Martin</p> + +<p>Niemand, Herr Hofrat.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(nach links ab, die Türe bleibt halb offen).</p> + +<p class="speaker">Stimmen der Lieferanten</p> + +<p>Küß die Hand, Herr Hofrat! – Wünsch guten +Morgen, Herr Hofrat! – Küß die Hand, Euer +Gnaden.</p> + +<p class="speaker">Gentzens Stimme</p> + +<p>Also, was soll’s – Was belästigt ihr mich?</p> + +<p class="speaker">Stimme des Parfümeurs</p> + +<p>Halten zu Gnaden, Herr Hofrat, hab für siebenundachtzig +Gulden Kölnisch Wasser geliefert.</p> + +<p class="speaker">Stimme des Weinhändlers</p> + +<p>Ich für dreihundertzwanzig Gulden Sekt.</p> + +<p class="speaker">Gentzens Stimme</p> + +<p>Geduld, ihr Leute. Morgen schick ich zum +Rothschild hin. Der Rothschild zahlt alles, das +wißt ihr doch. Jetzt schert euch friedlich nach Hause. +<em class="direction">(Er tritt ins Zimmer zurück, der dicke Jude folgt ihm.)</em></p> + +<p class="speaker">Jude</p> + +<p>Euer Exzellenz, der Wechsel ist schon emal prolongiert.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_64" id="Page_64" title="64"></a>Gentz</p> + +<p>Fort, fort, fort!</p> + +<p class="speaker">Der Schneider</p> + +<p class="dircenter">(hat sich schüchtern nachgedrängt)</p> + +<p>Ich freu mich, daß der Herr Hofrat so gut +ausschaut.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Keine Konfidenzen! Ich hab’ gern, wenn Lieferanten +was liefern. Konfidenzen sind mir verhaßt. +– Hat der Gärtner schon was wegen der +Rosen gemeldet?</p> + +<p class="speaker">Martin</p> + +<p>Nein, Herr Hofrat.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Ich will mal selber mit ihm reden. Wenn er +frische Rosen hat, ist es besser, sie erst am Stock +zu sehen. <em class="direction">(Durch die Mitte ab.)</em></p> + +<p class="speaker">Der Schneider</p> + +<p>Herr Hofrat! –</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p>Na, was gibt’s denn noch? Er hat doch gehört, +daß wir heut nicht bei Kassa sind.</p> + +<p class="speaker">Der Schneider</p> + +<p>Morgen ist die Trauung von meiner Tochter, +und wenn mir halt der Herr Hofrat zwanzig +Gulden geben tät ...</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_65" id="Page_65" title="65"></a>Jean</p> + +<p>Laßt eure Töchter im ledigen Stand, wenn ihr +kein Geld habt’s.</p> + +<p class="speaker">Martin</p> + +<p class="dircenter">(verächtlich)</p> + +<p>Heiraten! Alle gemeinen Leute heiraten beständig.</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p>Und jetzt allons! marsch! <em class="direction">(Nimmt den Besen.)</em> +Hinaus! Es wird gelüftet.</p> + +<p class="speaker">Der Jude</p> + +<p>Was wird sein? Wer ich den Wechsel zu Protest +bringen. <em class="direction">(Ab, desgleichen der Schneider, die +Stimmen draußen verlieren sich.)</em></p> + +<p class="speaker">Martin</p> + +<p>Was macht er denn heut für an Kramuri, der +Hofrat?</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p>Die Fanny war doch drei Tag am Land bei +ihrer Schwester.</p> + +<p class="speaker">Martin</p> + +<p>Ah so. Froher Empfang nach schmerzlicher +Trennung.</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p>Zu Mittag kommt s’ mit der Extrapost, die +Fanny.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_66" id="Page_66" title="66"></a>Martin</p> + +<p>Fahr’n jetzt die vom Theater auch schon mit +der Extrapost?</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p>Die Fanny is was man eine bessere Tänzerin +heißt. Hast es schon tanzen seh’n am Kärntnertor? +Die Leut’ soll’n sich die Haxen abtreten hab’n.</p> + +<p class="speaker">Martin</p> + +<p class="dircenter">(düster)</p> + +<p>Der Hofrat g’fallt mir gar nicht mit seiner +Verliebtheit. Das is ja schon ganz außer der +Normalität. Wenn’s nur keine Mesallianz gibt.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(vom Garten, zwei Burschen folgen ihm, die einen +kupfernen, mit Rosen gefüllten Kessel tragen.)</p> + +<p>Dorthin, ins Eck, ... auf die Säule.</p> + +<p class="speaker">Franz</p> + +<p class="dircenter">(von links)</p> + +<p>Herr Graf Reitzenstein. <em class="direction">(Ab, auch Jean und +Martin, die Gärtnerburschen durch die Mitte ab.)</em></p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(zur Tür)</p> + +<p>Guten Morgen, lieber Felix. Ein schöner Herbsttag +heute, warm wie im August.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p><em class="direction">(fünfundzwanzig Jahre, elegante Erscheinung; er ist ein +<a class="page" name="Page_67" id="Page_67" title="67"></a>wenig Poet, und in seinen Zügen drückt sich die Schwärmerei +eines vornehmen Müßiggängers aus, dessen Lieblingsautor +Lord Byron ist)</em></p> + +<p>Guten Morgen, Gentz. Wissen Sie, daß Fanny +schon aus der Brühl zurück ist.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Wie, schon zurück?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Ich habe sie vor einer halben Stunde mit +Stuhlmüller beim Theatereingang gesehen.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Haben Sie mit ihr gesprochen?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Nein, sie hat mich gar nicht bemerkt.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Dann wird sie jeden Moment kommen. Stuhlmüller? +Stuhlmüller? Wer ist das doch? Richtig, +der Tänzer.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Ein exzellenter Tänzer. Er geht jetzt nach Berlin.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Ah, nach Berlin. – Ich erinnere mich: ein +hübscher Bursche.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Ja. Beine wie ein Narziß.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_68" id="Page_68" title="68"></a>Gentz</p> + +<p>Wie sah meine Fanny aus?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Entzückend wie immer. Wenn man sie anblickt, +hat man das Gefühl, als sei man zu schlecht +für die Welt, in der sie lebt.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Sie waren ja am vorigen Sonntag mit ihr +bei der Gräfin Fuchs? Ich konnte nicht hingehen, +da mich der Fürst zu einem Conseil berufen hatte.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Und am Abend zuvor fehlten Sie ja auch im +Theater, Gentz –</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Die leidige Politik!</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Es war ein Triumph. Die Galerien haben +geheult, das Parkett hat sich die Handschuhe zerrissen. +Sogar in der kaiserlichen Loge sah man +leuchtende Augen, und zwei Hofdamen, die vor +lauter Gewöhnung an Feierlichkeit alles Fett an +ihrem Leibe verloren hatten, wackelten mit ihren +Köpfen, als ob das Theater eine Glocke und sie +die Schwengel darin wären.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(lacht)</p> + +<p>Ja, diese Zauberin gleicht alle Gegensätze der +<a class="page" name="Page_69" id="Page_69" title="69"></a>sozialen Welt aus, und gekrönte Häupter werden – +Publikum.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Als sie auftrat, ging ein glückliches Seufzen +durch das Haus. Da stieg die ganze Venus aus +dem Meer. Dieser Nacken, diese Schultern, dieser +Hals, die Bewegung, die anmutvolle Hingabe, dies +Sichverlieren in süßester Heiterkeit! Ich sah Männer +zittern und Frauen bleich werden. Jede Miene +will ihre angeborne Trägheit vergessen, doch ihr +selbst nahen keine Wünsche, nur Vergötterung umfängt +sie. Ahnungslos und unergriffen wandelt +sie durch die gesammelte Bewunderung hindurch, +wie wenn ihr der Traum der letzten Nacht als +Schleier um die Seele gehüllt wäre, – und lächelt.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Sie haben recht, Felix. Ihr Lächeln ist das +Wunderbarste. Es scheint aus einer tiefen Quelle +aufzusteigen, wo die Genien wohnen, die den +Menschen wohlwollen. Keine Heiterkeit deutet so +viel Schicksal wie ihre.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Zur Fuchs kam sie spät, erst nach der Vorstellung. +Man war schon ein wenig müde. Aber +als sie eingetreten war, begann der Tag von neuem. +Sie setzt sich neben die Hausfrau und blickt sie +<a class="page" name="Page_70" id="Page_70" title="70"></a>zärtlich und vertrauensvoll an. Sie plaudert, und +Worte sind plötzlich edel. Die Luft, die sie atmet, +mitzuatmen, macht glücklich.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Wenn man Sie hört, Felix, sollte man glauben, +ein Verliebter spricht.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Und wenn ich’s wäre?</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Sie scherzen.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Keineswegs.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Armer Felix, wie ist Ihnen das passiert?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Das Mitleid, Gentz, sollten Sie mir aus Großmut +ersparen.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Nehmen Sie denn um Gottes willen Ihren Zustand +ernst?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Seh ich aus wie ein Libertin?</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Es gibt keinen lebendigen Mann, der Fanny +gesehen hat und sie nicht liebt. Bei Ihnen allerdings –</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_71" id="Page_71" title="71"></a>Graf Reitzenstein</p> + +<p>Sie sprechen, Gentz, als ob Fanny Ihr Eigentum +auf Leben und Tod wäre ...</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Lieber Felix, Sie überraschen mich. Wahrlich, +ich weiß nicht mehr, was ich von der menschlichen +Natur halten soll. Waren Sie es nicht, der mich +im Glauben an die Möglichkeit einer Liebe zwischen +mir und Fanny befestigt hat? Ich habe gezweifelt, +und Sie waren verschwenderisch mit Beispielen +aus Leben und Geschichte, die mich beruhigen +sollten. Sie waren der einzige, der verstehend in +mein Herz drang, der meine Jahre auf die Rechnung +der Zeit und nicht zu Lasten der Seele gesetzt +hat. Ich war eifersüchtig, damals, als ich +noch eifersüchtig sein mußte, und Sie lachten mich +aus. Wenn ich mich quälte, ob ich würdig sei, +Fanny zu gewinnen, sahen Sie darin die Koketterie +eines Mannes, der wenig verspricht, um viel +zu halten. Sie haben für mich Sonette an Fanny +gedichtet, und in einem Brief, den ich nie vergessen +werde, schrieben Sie: Wehe dem Herzen, +dem die Jahre alle Blüten rauben, und wehe der +Lehre, die ein Vertrocknen vor der Zeit für Würde +oder Weisheit ausgibt. So dachte Anakreon nicht, +schrieben Sie, erinnern Sie sich? »So dachte +Anakreon nicht.«</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_72" id="Page_72" title="72"></a>Graf Reitzenstein</p> + +<p>Waren Sie nicht glücklich mit Fanny?</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Nur ein junger Mann darf glücklich <em class="gesperrt">gewesen</em> +sein.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Ich kannte mein Gefühl nicht.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>So hätte der geheimnisvolle Drang in Ihnen, +Felix, einen Greis beseelen wollen, und was dunkel +in Ihrer jungen Brust wohnte, übertrugen Sie +mutlos und edelmütig auf mich? Ist es so?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Nicht ganz so.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Und ich hätte sechzig Jahre unter Menschen gelebt, +mit <em class="gesperrt">meinen</em> Augen, und habe nicht das +Spiel eines Jünglings durchschaut?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Nein, nein, nein –</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Sie haben nicht bedacht, daß kein Feuer so +wütend brennt, wie das in einem alten Haus.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Ich wußte und weiß es. Fanny kam aus einer +<a class="page" name="Page_73" id="Page_73" title="73"></a>Welt, die tief unter uns liegt, aus einer kleinen, +armen Welt, in der man noch an Ehren und Titel +glaubt, wo von Luxus und Lebensgenuß erzählt +wird wie von Märchen. Als Fanny Sie kennen +lernte, als sie Ihre Protektion erfuhr, da war ihr +das Tor zur großen Welt geöffnet und in Ihrer +Person verehrte sie den Ruhm und die Macht, nach +denen sie sich sehnte und wofür sie auch bestimmt +ist. Sie trat Ihnen mit der bebenden Andacht +entgegen, mit der die jungen Mädchen aus dem +Volk einen Prinzen aus seiner Karosse steigen sehen.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(unterbricht)</p> + +<p>Und aus diesem Äußerlichsten wollen Sie etwas +so Geheimnisvolles erklären, wie es mein +Bund mit Fanny ist?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Sie lernte Sie näher kennen, sie wurde bezaubert +von Ihrem Geist, von Ihrer Kunst des +Umgangs – welche Frau von Instinkt und Kraft +würde nicht diese Atmosphäre von Leben, von +Abenteuer, von Bildung und Welt spüren, in der +Sie atmen? Für sie, die Unerfahrene, waren Sie +ein Gott an Erfahrungen. Sie konnten ihr die +Tore aufriegeln, die sie fest verschlossen wähnen +mußte, und Sie haben es getan. Sie sah in +<a class="page" name="Page_74" id="Page_74" title="74"></a>Ihnen einen Gebieter des Schicksals, einen, der +erfüllt ist von Schicksalen und dem sie Vertrauen +schenken durfte, weil er Liebe dafür gab. Sie +fühlte Ihre Vergangenheit, sie begriff Ihr Leben, +Gentz, dieses Leben, hingebracht in Schwärmerei +und Leidenschaften, in den Verführungen der Städte +wie im blutigen Dampf der Schlachtfelder, unter +Königen und großen Damen, in Arbeit wie in Genuß, +in der Melancholie der Einsamkeit und in der +Unruhe unter den Menschen. Sie war behütet +und geführt, wissend und gefeit an Ihrer Seite, +und die Dankbarkeit unterwarf Ihnen ihr Herz.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Nur die Dankbarkeit? Das wäre also der <em class="antiqua">punctum +saliens?</em> Soll ich zweifeln, nur weil andre +zweifeln?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Nicht zweifeln; aber Sie sind allzu sicher, +Gentz.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Fannys allzu sicher, meinen Sie?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Ja, Fannys allzu sicher.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Was gibt Ihnen Grund zu solcher Warnung? +Ist die Medisance am Werk? Hat man in den +<a class="page" name="Page_75" id="Page_75" title="75"></a>Salons und in den Kaffeehäusern die Mäuler zu +Guillotinen meines Glücks gemacht?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Man ist darüber einig, daß Gentz ein beneidenswerter +Mann ist.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(mehr überlegen als bitter)</p> + +<p>Gentz, ein Zittergreis, ein ausgebrannter Krater, +und Fanny Elßler, das blühende Wunder einer +morbiden Welt. Der seufzende Diplomat und die +spöttisch lachende Nymphe, das lächerliche Podagra +und ein feuriger Czardas. Lassen Sie hören, Felix, +das war der Text. Die Melodie dazu – pfeifen +die Drosseln.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Nein.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Aber Sie wenigstens haben die Überzeugung +gewonnen, daß über einen Abgrund von siebenundvierzig +Jahren hinweg die Leidenschaft eines +Weibes gefriert und ein Mann sich aus seiner +Dummheit und Leichtgläubigkeit eine Gloriole webt. +Sagen Sie’s nur.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p class="dircenter">(wehmütig lächelnd)</p> + +<p>Sie scheinen es also für unmöglich zu halten +daß Fanny – <em class="direction">(Er stockt, da Gentz mit scharf markierten +Schritten auf ihn zugeht.)</em></p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_76" id="Page_76" title="76"></a>Gentz</p> + +<p>Ja, Felix! Unmöglich! Unmöglich kann Sie +Fanny lieben!</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Ich dachte nicht an mich. Offen gestanden, +lieber Gentz –</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(ergreift die Hand des Grafen)</p> + +<p>Hören Sie mich an, Felix. Ich sage unmöglich, +nicht, weil ich Ihren Wert nicht kenne. Die <ins class="correction" title="Transcriber's note: original misses comma">schönste, +die</ins> vornehmste, die stolzeste Frau muß sich glücklich +schätzen, Sie zu besitzen. Aber die schönste, +die vornehmste, die stolzeste Frau, was tut sie am +Ende, wenn sie liebt? Sie opfert Ihnen ihre Jugend. +Ihre Schönheit ist nur dazu da, um von Ihnen, +dem Geliebten, begehrt und genossen zu werden. +Und sei sie lasterhaft wie Messalina oder eine +Lucretia an Tugend, sie ist ein Weib und zwischen +ihr und Ihnen ist nichts als die kleinen und großen +Gefahren und Lockungen der Liebe. Fanny hingegen +ist eine Tänzerin. Eine wirkliche, gottbegnadete +Tänzerin. Verstehen Sie, was das heißt?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Ich denke ... warum sollt ich nicht?</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Als ich Fanny zum ersten Male tanzen sah, da +<a class="page" name="Page_77" id="Page_77" title="77"></a>verteilten sich mir die Gewichte des Irdischen, und +mein Schicksal war mir nicht mehr so lästig nahe. +Ich hatte Spielraum in mir selbst, die Vergangenheit +stand nicht mehr wie ein Leichnam hinter mir, +die Philosophie nicht mehr wie eine Erinnye über +mir, ich fühlte mich einer höheren und leichteren +Ordnung der Dinge verwandt, und alles, was von +schlechtem Gewissen in mir war, wurde von einer +heiteren Macht beschwichtigt und zerstreut. Dem +Philister ist dieser Tanz nur ein Vergnügen, an +dem er vorübergeht, dem Jüngling mag er die +Sinne befeuern, den reifen Mann erheben, erfreuen, +doch nur der Alte, der wahrhaft Erfahrene, einer, +der durch das ganze Fegefeuer der Geister- und +Körperwelt gegangen ist, die ganze Hölle von +Niedertracht und Stumpfsinn und alles erlebt hat, +Untreue und Verrat, selbst treulos und ein Verräter +war, an allem versucht worden ist, durch +Leiden schamlos, durch Abwehr kalt, durch versteckte +Armut listig, durch Triumphe gleichgültig +geworden ist, – nur der kann die Tänzerin lieben, +wie sie geliebt werden muß, so wie man eine Idee +liebt, wie man Gott auf dem Sterbebett liebt.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Das klingt groß, aber die Wahrheit des Lebens +verteilt sich im Kleinen.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_78" id="Page_78" title="78"></a>Gentz</p> + +<p>Ein Aperçu beweist nichts, kaum für den, der +es macht. Wie könntet ihr jungen Menschen diese +Reinheit verehren, ohne sie herabzuziehen? Diese +beschwingte Leichtigkeit, ohne sie zu lähmen? Wie +könnt ihr besitzen, ohne mehr und immer mehr +zu fordern? Man muß durstig sein können und +nur vom freiwillig gereichten Becher trinken wollen. +Man muß vergöttern können, indem man ein +Wissen gibt, von dem ein Händedruck so voll ist +wie eure erzählten Aventüren. Die Tänzerin ist +in irgend einer Art heilig zu nennen, Felix, denn +es ist etwas an ihr, was nie erobert werden kann +und nie berührt werden darf, in den feurigsten +Umarmungen nicht. Fanny opfert alle Leidenschaft +ihrer Kunst. Nicht nur ihr Gliederspiel, +auch ihr Seelenleben ist von dem Gesetz maßvoller +Schönheit beherrscht. Man kann nicht weniger +emotionsbedürftig sein als sie es ist, die sich von +allem Stürmischen und Heftigen geradezu beängstigt +fühlt. Der Adler wird in der Gefangenschaft traurig +und verliert seine Majestät; will man sie ganz +besitzen, so muß sie frei bleiben wie der Adler.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Und doch dachten Sie einst an eine Heirat –</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Es war, als ich sie noch zu wenig liebte. Was +<a class="page" name="Page_79" id="Page_79" title="79"></a>bin ich heute? Der entlassene Kammerdiener großer +Herren. Was besitze ich? Nichts. Schulden über +Schulden. Sollte die Frau Hofrätin tanzen? +Kann man einen Stern vom Himmel reißen, um +ihn zum Schmuckstück für die Wohnstube eines +Literaten zu machen? Das heißt die Ewigkeit zum +Augenblick erniedrigen, und wer so handelt, dem +versagt der Augenblick. Und so lang ich dem +Augenblick genug tue, bin ich jung. Alt bin ich +einen Augenblick vor meinem Tod.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Wie sonderbar Sie mir erscheinen, lieber Gentz. +Ich möchte bewundern und muß doch trauern –</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Trauern? Worüber? Sie suchen umsonst den +frivolen Höfling in mir, dessen geprägte Malicen +noch gestern halb Europa zum Lachen brachten. +<em class="direction">(Er nimmt ein mysteriöses Wesen an.)</em> Ich bin fromm +geworden. Ja, ich bete, Felix, ich bete zuweilen. +Besonders in der Nacht.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Armer Freund, kaum will mir das Wort über +die Lippen ...</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Was für ein Wort? Gegen Worte bin ich +gewappnet. Das ist mein Beruf.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_80" id="Page_80" title="80"></a>Graf Reitzenstein</p> + +<p>Fanny ist nicht nur eine Tänzerin, sie ist auch +ein Weib.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Ich gratuliere Ihnen zu dieser Entdeckung. +Wollen Sie mir damit sagen, daß Sie ein Mann +sind? Ich habe nie daran gezweifelt.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Nicht um mich handelt sich’s. Es tut mir leid, +daß ich mich zu einem Geständnis meiner Empfindungen +für Fanny habe hinreißen lassen. Es geschah, +weil ich Ihnen Offenheit schuldig zu sein +glaubte. Es ist von meiner Seite nichts geschehen, +was mit dem Gebot der Freundschaft unvereinbar +wäre, und da Sie keinen Anlaß haben, diese +Freundschaft zu beargwöhnen –</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Nicht den geringsten, teurer Felix.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>– so dürfen Sie meiner Mitteilung keine falschen +Motive geben. Neigung und Freundschaft +haben mein Auge geschärft, das ist alles.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Nun, Sie machen mich neugierig.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Jener Stuhlmüller –</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_81" id="Page_81" title="81"></a>Gentz</p> + +<p>Was ist mit ihm?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Fanny liebt ihn.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Oh! Oh! Oh! Stuhlmüller! Felix, Sie sind +gar zu treuherzig.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Sie befinden sich, lieber Gentz, in einem Rausch +von Täuschung und Illusion. Ich habe die beiden +beieinander gesehen, und nicht nur heute.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Was noch?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Ich habe Blicke gesehn, Gebärden gesehn ... +O, ich kenne Fanny. Wo ihr Herz spricht, ist sie +ehrlich bis zur Selbstvergessenheit.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Und wäre in dieser Ehrlichkeit betrügerisch gegen +mich? Felix! Felix!</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Ich wiederhole: sie ist ein Weib.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Komischer Refrain. Mann – Weib. Ist die +Natur eine Maschine und sind die gröbsten Gegensätze +<a class="page" name="Page_82" id="Page_82" title="82"></a>der Begriffe nur erfunden, damit man aus +einem Engel im Handumdrehen eine Dirne machen +kann?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Sie beleidigen die Natur, Gentz.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Da sieht man, wie ihr jung seid, ihr jungen +Leute. Ihr stolziert in abgestempelten Anschauungen +herum wie ein Hahn auf einer Grammatik. Stuhlmüller? +wer ist Stuhlmüller für mich? Was ist +er für meine Welt, für mein Gefühl, was er nicht +auch zugleich für Fanny wäre?</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Ein Bursche wie aus Blut und Stahl, Gentz.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Ihr wißt nichts von Fanny, keiner. Ihr kennt +nur eine Liebenswürdigkeit, bei der das Herz abwesend +ist ... <em class="direction">(Er lauscht.)</em> Horch! Sie kommt, +Felix! <em class="direction">(Entzückt.)</em> Ich höre ihren Schritt ...</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Dann wird es Ihnen wohl bequemer sein, +wenn ich mich jetzt verabschiede.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(mit leichtem Spott)</p> + +<p>Sie müssen ihr wenigstens in die Augen schauen, +Felix. <em class="direction">(Er lauscht angestrengter, mit geneigtem Kopf.)</em></p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_83" id="Page_83" title="83"></a>Graf Reitzenstein</p> + +<p>Sie könnte mich glauben machen, daß ich ihr etwas +bedeute, und um so weniger könnt ich sie vergessen.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Ist sie’s? – Ja, sie ist’s.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Vielleicht feiern wir heute abend noch ein +kleines Fest zu dreien, lieber Gentz. Am Sonntag +reis’ ich nach Paris.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(vorwurfsvoll, doch ein wenig zerstreut)</p> + +<p>Felix!</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p class="dircenter">(tritt ein, reißt die Türe auf)</p> + +<p>Demoiselle Elßler.</p> + +<p class="speaker">Fanny Elßler</p> + +<p class="dirlong">(folgt dem Diener. Sie trägt ein helles, schottisches +Kleid und einen blumengeschmückten Spitzenhut mit Band +und seitlich herabgebogenen Bändern. Gestalt und Bewegungen +sind von vollendeter Schönheit. Die ursprüngliche +Naivität, Heiterkeit und Frische kämpft bisweilen +gegen eine erworbene, anmutige Würde)</p> + +<p>Grüß Gott, lieber Gentz! Endlich bin ich wieder +bei dir.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(fast erschüttert bei ihrem Anblick)</p> + +<p>Fanny! Teuerste! Wie lang waren diese drei +Tage!</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_84" id="Page_84" title="84"></a>Fanny</p> + +<p>Ei, der Graf Felix! Guten Morgen, Felix, wie +geht’s Ihnen? Habt ihr ernste Gespräche gehabt? +Es liegt so was in der Luft.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Du siehst blühend aus, Fanny. Tu doch den +Hut herunter ...</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dirlong">(nimmt den Hut ab, streicht mit den Händen das schwarze +gescheitelte Haar glatt, das rückwärts zu einem griechischen +Knoten geknüpft ist)</p> + +<p>Gemütlich ist’s bei dir, Gentz, und ich freu +mich, daß ich wieder da bin. Die schönen Rosen!</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Findest du nicht, daß Rosen auch Schwermut +erwecken können? Es gibt eine gewisse Fülle des +Lebens, die traurig macht.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(streicht ihm über die Stirn)</p> + +<p>Laß das, Gentz. Wenn du von der Traurigkeit +sprichst, krieg ich gleich ein schlechtes Gewissen. +Warum so schweigsam, Felix? Ihr Männer seid +komische Leute. Wenn ihr miteinander gesprochen +habt, tut ihr furchtbar geheimnisvoll, und doch +weiß man alles, wenn man euch nur anschaut.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Wie steh ich armer Diplomat nun da!</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_85" id="Page_85" title="85"></a>Graf Reitzenstein</p> + +<p class="dircenter">(lächelnd)</p> + +<p>Die Traurigkeit unseres Freundes hat also schon +gewirkt?</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(lacht)</p> + +<p>Auf das schlechte Gewissen, meinen Sie? So +stehn die Sachen, Gentz?</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Er ist ein gar zu grüblerischer Geist, der Felix. +Denke dir, er hat mir Vorwürfe über meine leichtsinnige +Wirtschaft gemacht. Er ist der Meinung, +daß ich zu verschwenderisch gegen dich bin –</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Gentz! Gentz!</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Sie haben ganz recht, Felix. Neulich wollte er +mir partout eine diamantene Agraffe kaufen –</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Es hieße Sie beleidigen, Fanny, wollte man +Edelsteine für köstlicher halten als die Freude, Sie +damit schmücken zu können.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Wie galant!</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Galant und wahr zugleich. Ich habe ihm gesagt, +<a class="page" name="Page_86" id="Page_86" title="86"></a>wenn man in meinem Alter zum Harpagon +wird, gleicht man einem Soldaten, der nach dem +Krieg desertiert.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Der Geizige hat vor dem Verschwender das +eine voraus, daß er alle seine Wünsche erfüllen +kann. <em class="direction">(Greift nach seinem Hut.)</em></p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Gehen Sie schon, Felix? Wie schade!</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Leben Sie wohl, lieber Freund.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Ich darf doch darauf rechnen, daß Sie heute +abend mit Fanny bei mir soupieren?</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Das wäre reizend.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Heut abend kann ich unmöglich, ’s ist ein +Diner beim Fürsten und der französische Gesandte +kommt hin. Der Fürst legt Wert auf meine Anwesenheit. +Aber morgen, wenn dir’s recht ist, +Fanny? Gut, wir kommen morgen.</p> + +<p class="speaker">Graf Reitzenstein</p> + +<p>Auf Wiedersehen denn. <em class="direction">(Ab.)</em></p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_87" id="Page_87" title="87"></a>Fanny</p> + +<p class="dircenter">(die ihm nachgeschaut hat)</p> + +<p>Er ist ganz anders als sonst, der Felix ...</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Bist du nicht eifersüchtig auf dich selbst, da +deine besten Freunde eifersüchtig auf deine besten +Freunde werden?</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Ist es so, dann tut er mir herzlich leid.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Nun, die Dinge liegen so einfach nicht. Du +steigst empor, du richtest die Blicke der Menschen +auf dich, die Männer, wie sie einmal sind: eifersüchtig +selbst da, wo sie nicht lieben ...</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Oft denk ich mir, es wäre Zeit, dem Wiener +Boden Valet zu sagen –</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Sprich’s nicht aus, Kind.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(schüchtern)</p> + +<p>Jetzt grade könnt ich’s tun, Gentz. Ich hab +einen Antrag nach Berlin; soll an der königlichen +Oper tanzen.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Also doch! Wie hab ich den Moment gefürchtet.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_88" id="Page_88" title="88"></a>Fanny</p> + +<p>Ich tu’s ja nicht, Gentz, tu’s keinesfalls.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Hat man dir den Kontrakt schon vorgelegt?</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Ja, ich hab ihn dabei. <em class="direction">(Zieht das Dokument +aus ihrem Pompadour und übergibt es Gentz.)</em></p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Laß sehn ... <em class="direction">(liest)</em> Ballette »Blaubart«, +»die Fee und der Ritter«, »Ottavio Pinelli«, »die +Stumme von Portici« ... für drei Monate ... +die Summe von fünfzehnhundert Talern nebst +Spielhonorar ... <em class="direction">(laut)</em> Das ist nicht übel. +Das wäre ja durchaus nicht von der Hand zu +weisen.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(versucht gleichgültig zu erscheinen)</p> + +<p>Nicht wahr? Verlockend ist es.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Du hast also Lust, zu den Berlinern zu gehen?</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(rasch)</p> + +<p>Nein, Gentz; eigentlich ganz und gar keine +Lust.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Den Antrag abzuweisen wäre nicht klug von +dir.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_89" id="Page_89" title="89"></a>Fanny</p> + +<p>Man kann’s ja aufs nächste Jahr verschieben.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Nein. Die Welt verlangt nach dir. Dein Bezirk +ist Europa, der Erdball.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Ist denn Berlin schon Europa?</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Für jeden beginnt Europa, beginnt die Welt +da, wo er seine Heimat verläßt.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(mit sehnsüchtigen Blicken, trotz des entschiedenen Tons)</p> + +<p>So gern ich’s möchte, Gentz, ich kann nicht +von dir weg. Bei dir weiß ich, daß ich behütet +bin. Du hast alles aus mir gemacht. Du warst +alles für mich, mein Vater, mein Bruder, mein +Freund, mein Lehrer. Du hast mich aufgeweckt, +ich hätte keinen Ehrgeiz ohne dich, ich wüßte +nichts von mir ...</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Doch kann ich dir den Ruhm nicht geben, der +dich fern von mir erwartet.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Was soll mir der Ruhm, wenn ich ihn nicht +bei dir vergessen kann.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_90" id="Page_90" title="90"></a>Gentz</p> + +<p>Je länger ich überlege, je unverantwortlicher +erscheint es mir, dich zurückzuhalten.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(mit unwillkürlich hingerissener Gebärde)</p> + +<p>Hinaus ins Unbekannte –! Eines ist ja wahr: +zu eng wird’s mir hier. Sie glauben mir nicht +ganz, ich bin ihnen nicht fremd genug.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Kehrst du zurück, so gebietest du denen, die +dich jetzt nur dulden.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Und doch ... nein, ’s ist unmöglich. Schau, +Lieber, mit Berlin ist’s ja nicht abgetan. Da +muß ich dann weiter. Da lockt’s mich weiter. +Nach Paris, wo die Taglioni tanzt.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Sie ist kalt, sie ist blutlos, ein Schatten gegen +dich.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Aber dort wissen sie, was tanzen heißt. Man +ist stärker, wenn’s um den höheren Preis geht. +Die Franzosen, siehst du, die möcht ich behexen, +und wenn die Taglioni ein Engel ist, wie sie sagen, +will ich zum Teufel werden. O, ich fühle, daß +ich’s kann! Ich hab’s neulich gespürt im Blaubart, +<a class="page" name="Page_91" id="Page_91" title="91"></a>das ganze Theater war so still wie eine leere Kirche, +und alle Augen waren so feurig in der Dunkelheit. +Ach, Gentz! Paris! Paris!</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(der sich immer mehr in heroische Entsagung hineinlebt)</p> + +<p>Warum nicht? Paris ist nur eine Domäne des +Glücksreichs, das du gründen wirst.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Und von Paris nach London, und von London +nach Amerika. Die Amerikaner sollen ja so reich +sein, da könnt ich mir viel Geld verdienen, herrliche +Kostüme kaufen, die Dichter und die Komponisten +bezahlen, daß sie mir wunderbare Texte +und schöne Musik machen. O, ich hätte Mut. +Das Meer fürcht ich nicht und die Wildnis nicht.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>So gefällst du mir. So gärt der Most, aus +dem edler Wein wird.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(enthusiastisch)</p> + +<p>Und lernen, lernen, lernen, Gentz! Weißt du, +was man von der Taglioni und ihrem Vater erzählt? +Als sie in London war, wohnte unter ihr +ein Mann, der ließ ihr sagen, sie möchte sich durch +die Rücksicht auf seine Nachtruhe nicht in der +Arbeit stören lassen. Und was hat der alte Taglioni +<a class="page" name="Page_92" id="Page_92" title="92"></a>geantwortet? Sagen Sie diesem Herrn, hat +er dem Diener zugerufen, daß ich noch nie den +Schritt meiner Tochter gehört habe, und daß ich +sie verfluchen würde an dem Tag, wo es geschähe. +Das find ich groß!</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Du hast Gaben, um die dich eine Taglioni +beneiden wird.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(stockt, seufzt)</p> + +<p>Das ist’s ja eben. Es ist einem oft zu Mut, +als ob die Menschen voll Haß wären gegen die +Kunst. Der Neid, die Mißgunst, wie soll ich’s ertragen, +wenn du mir nicht hilfst? Du bist klug, +bist mächtig, sie beugen sich vor dir, und wenn +ich bei dir bin, vergeß’ ich die hämischen Gesichter. +Nein, ich will nicht fort.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Ich kann dich nur bis dahin führen, wo dir +der Sinn des Daseins verständlicher wird, Fanny. +Wir sind allein und müssen allein bleiben, ein +jeder. Vielleicht ist es deine Aufgabe, dieses Gefühl +der Einsamkeit, von dem die Menschen erfüllt +sind, in Schönheit zu verwandeln. Uns beide hat +das Geschick nur in einer Laune zusammengeworfen, +mich am Ende, dich am Anfang eines Wegs. Es +<a class="page" name="Page_93" id="Page_93" title="93"></a>ist mehr als Liebe, was uns bindet. Du warst für +mich geschaffen und fühlst es. Daß die Zeit sich +in unserer Geburt verrechnet hat, kann uns nicht +beirren. Nichts wird uns trennen, – weshalb so +viel Wesens machen um die paar Meilen von hier +bis Berlin?</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Und unsere Gespräche, unsere Ausflüge, unsere +gemütlichen Abende, wo wir das »Buch der Lieder« +zusammen gelesen haben ...</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(scherzhaft)</p> + +<p>Bst! Willst du wohl? Daß du mich nicht +verrätst, denn dieser Heine ist ein Erzliberaler.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Doch liebt er die Tänzerinnen, so viel ich weiß.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Ja, das tun die Liberalen sonst nicht. Und +nun setz dich an den Schreibtisch, nimm den Federkiel +und schreib deinen Namen unter den Kontrakt.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(schalkhaft)</p> + +<p>Das heißt so viel, als du schickst mich fort? +<em class="direction">(Sie setzt sich.)</em></p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>In dieser Minute schreibst du deinen Namen +ins Firmament der Unsterblichkeit.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_94" id="Page_94" title="94"></a>Fanny</p> + +<p>Noch ist’s nicht geschehen, Gentz. Soll ich? +Soll ich wirklich?</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(legt seine Hand auf ihre Schulter, sie blickt zu ihm +empor)</p> + +<p>Ich bin stolz darauf, deinen vollen Wert, von +dem deine Schönheit und deine Kunst nur Teile +sind, erkannt zu haben, und die Freundschaft, mit +der du meine Liebe belohnst, schätze ich höher als +Güter der Erde. Ich lebe nur in dir, Fanny; +sterben hat keinen andern Sinn für mich als eine +Welt verlassen müssen, in der du atmest. Ich +habe den Mut zu glauben, daß mich nichts aus +deinem Herzen reißen kann. Wenn du mich durch +einen einzigen Händedruck versicherst, daß ich mich +nicht irre, so bleibt mir nichts mehr zu wünschen +übrig.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(gibt ihm die Hand)</p> + +<p>Ja, Gentz, Freundschaft, das ist das rechte +Wort.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Das einzige, Fanny?</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Gibt’s ein besseres noch?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_95" id="Page_95" title="95"></a>Gentz</p> + +<p>Ich wag es nicht auszusprechen. Doch nun +ich deine Hand habe, bist du mir versprochen, +Fanny. Es ist zwar nur die linke, aber es ist mir +keine lieber als die andre. Ich drücke sie an die +Lippen und mit der rechten schreib’. Schreib deinen +Namen, verschreib dich dem Ruhm.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Schwer ist das Schreiben ohnehin, und erst +wenn du mir den Arm wegnimmst ... Also +probier ich’s <em class="direction">(schreibt)</em> Fanny ... Elß ... ler. +Wunderlich! Da steht’s nun! Und ist nichts geschehen +eigentlich ...</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Siehst du, Fanny, so hab ich dich zu deinem +Wunsch bekehrt.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(dankbar)</p> + +<p>Gentz! Lieber!</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p class="dircenter">(kommt)</p> + +<p>Es ist einer draußen und sagt, er will die gnä’ +Fräul’n sprechen.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Mich?</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Wer mag’s denn sein? Hat er den Namen +nicht genannt?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_96" id="Page_96" title="96"></a>Fanny</p> + +<p class="dircenter">(rasch)</p> + +<p>Ach richtig, das ist sicherlich der Stuhlmüller.</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p class="dircenter">(verächtlich)</p> + +<p>Ja. Stuhlmüller. So nennt er sich.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(mit blitzenden Augen)</p> + +<p>Weshalb spricht der Mensch so despektierlich, +frag ich?</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p>Entschuldigen die gnä’ Fräul’n, aber ...</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(streng)</p> + +<p>Nichts. Genug. Frag ihn, was er will. <em class="direction">(Jean +ab.)</em> Wie kann der Bursch es wagen ...</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Aber ich versteh dich gar nicht ... abholen +will er mich. ’s ist Prob am Nachmittag, und +außerdem ...</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Außerdem?</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p class="dircenter">(kommt zurück)</p> + +<p>Der Monsieur Stuhlmüller läßt sagen ...</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_97" id="Page_97" title="97"></a>Gentz</p> + +<p>’s ist gut. Weiß schon. Soll draußen warten. +<em class="direction">(Jean ab.)</em> Außerdem, Fanny?</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Er ist’s ja, Gentz, der Stuhlmüller, der mir +den Kontrakt verschafft hat, und jetzt brennt ihn +halt die Neugier zu erfahren –</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p><em class="gesperrt">Er</em> hat dir den Kontrakt verschafft? Wie +kommt er denn dazu?</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Er ist ja in Berlin engagiert, und ich soll +seine Partnerin sein.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Er dein Partner, meinst du ...</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Ja, wenn du so willst ...</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Deshalb ist immer noch kein Grund für ihn, +in mein Haus zu dringen.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Warum denn so feindselig, Gentz?</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Ich mag’s nicht. Mag das Theatervolk nicht +leiden. Haben alle so was Penetrantes.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_98" id="Page_98" title="98"></a>Fanny</p> + +<p>Er war mir ein guter Kamerad.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(mit den Händen <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'anf'">auf</ins> dem Rücken hin- und hergehend)</p> + +<p>Das dacht ich mir.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(langsam)</p> + +<p>Er war’s ... <em class="direction">(stockend)</em> er ist’s nimmer.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(bleibt stehen)</p> + +<p>Jetzt versteh ich gar nichts mehr. Also habt +ihr euch zerstritten?</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Er ist mir noch was anderes.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(blickt sie starr an)</p> + +<p>Er ist dir sehr ergeben, hoff ich.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Ergeben? Nein. Eher ... stolz.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Der elende Komödiant! Werd ihm die Leviten +lesen.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Willst du denn <em class="gesperrt">nicht</em> begreifen, Gentz? <em class="direction">(Lange +Pause.)</em></p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_99" id="Page_99" title="99"></a>Gentz</p> + +<p class="dircenter">(die Hand an der Stirn, plötzlich schwer)</p> + +<p>Sprich nicht davon, Fanny. Sprich nicht davon. +Du kennst dich selber nicht. Du kennst +mich nicht.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(innig)</p> + +<p>Schau, Gentz, anders konnt’ es doch <ins class="correction" title="Transcriber's note: original misses comma">nicht, +durft’</ins> es doch nicht kommen, oder die Natur ist +nicht mehr Natur und Blut nicht mehr Blut.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(leise)</p> + +<p>Also doch ... Felix! Felix! – Sprich nicht +davon, Fanny! <em class="direction">(Ausbrechend.)</em> Oder sag lieber, daß +alte Männer langweilig sind, daß sie graue Haare +haben und schwarze Zähne, daß sie, anstatt Liebesworte +zu girren, besser ihr Testament abfassen sollten, +daß jung sein, nichts anderes bedeutet als +grausam sein, gefräßig sein, meineidig sein und +daß man nicht vergessen soll, zur rechten Zeit zu +sterben ... Gott, wohin verlier’ ich mich!</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(erregt)</p> + +<p>Gentz, hör mich an. Den Kontrakt, noch kann +ich ihn zerreißen –</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Nimmermehr, Fanny. Blieb ich darum weniger +ein Greis?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_100" id="Page_100" title="100"></a>Fanny</p> + +<p>Dir dank ich alles, Gentz, und will dir’s danken, +ohne Engigkeit, nicht bloß mit Reden, sondern von +Herzen gern, und da, in meinem Herzen, bist du +und bleibst du allezeit. Du bist mir das Höchste +auf der Welt, als Mensch, und weil du’s bist, mußt +du’s verstehen, wenn ich mein Herz nicht vor dir +hehle. So war ja die Abrede zwischen uns, und +immer warst du darauf gefaßt.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(düster)</p> + +<p>Man ist nie auf ein Ende gefaßt, wenn es +da ist. Der Glückliche steht immer an einem Anfang.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Ein Ende, Gentz! Wer spricht vom Ende? +Wahrlich, du betrübst mich ganz und gar. Ich +bin ganz irre jetzt.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Sprich nur weiter, Fanny, so hör ich wenigstens +deine Stimme.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Dir mag’s von mindrem Wert erscheinen, was +mich jetzt erfüllt; vielleicht ist’s auch so, doch was +nützt Rede und Widerrede, wenn dich die Sinne +zwingen und dich auf den Weg treiben, – einem +in die Arme, der wartet, wartet, und den du nicht +<a class="page" name="Page_101" id="Page_101" title="101"></a>hast kommen sehn, und du mußt zu ihm, als +ob’s Gott selber so beschlossen hätte. Rühmt’ ich +seine Augen oder seinen Gang oder daß er’s redlich +meint und ein treues Gemüt hat, so würd ich +lügen, Gentz, denn dies ist’s nicht, was mich hintreibt, +’s ist vielmehr wie ein Rhythmus beim +Tanz, der die Unruhe auflöst und die Luft um +einen her dünner macht. Auch auf Betrug war’s +nicht abgesehn, denn her bin ich gekommen, um +alles frei zu sagen, nur hat’s mir weh um dich +getan.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Wie deine Augen glänzen, Fanny ...</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Du mußt ihn sehen, Gentz! Wie er schreitet, +sich bewegt! Wie schlank er ist, wie er den Kopf +wendet, wie edel er sich hält, wie die Gelenke abgesetzt +sind. Mit ihm zu tanzen, ist halbe Arbeit; +er trägt mich, schwingt mich so dahin. Wie mir’s +bei dir geschieht, wenn ich im Leben zaghaft werde, +so gibt er mir Mut und Lust beim Tanz.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Wann willst du reisen, Fanny?</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p class="dircenter">(mit gesenktem Kopf)</p> + +<p>Weiß noch nicht. In der nächsten Woche, denk +ich.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_102" id="Page_102" title="102"></a>Gentz</p> + +<p>Wozu der lange Aufschub? Es wäre besser, du +würdest morgen reisen.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Bist du so ungeduldig, mich los zu werden, +Gentz?</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Ich will dir einen Platz auf der Post bestellen.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Soll ich heut abend nicht zu dir kommen?</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Heut abend laß mich lieber allein.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Jetzt will ich aber den armen Stuhlmüller +nicht länger warten lassen.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Adieu, Fanny.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Magst ihn nicht wenigstens sehen? Sprich +ein freundlich Wort mit ihm.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Nicht heute, nicht jetzt.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>So leb wohl. <em class="direction">(Reicht ihm die Hand.)</em></p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Komm noch einmal ...</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_103" id="Page_103" title="103"></a>Fanny</p> + +<p>Morgen komm ich wieder.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Und übermorgen ...</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Übermorgen auch.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Wie ein gehorsames Kind!</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Wie eine Tochter, ja.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(zu dem Kupfergefäß, nimmt Rosen und gibt sie ihr)</p> + +<p>Hier, die Rosen, Fanny; nimm sie mit auf +den Weg.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Dank dir.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Und sei glücklich.</p> + +<p class="speaker">Fanny</p> + +<p>Dank dir schön.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Und noch etwas: geh nicht direkt die Straße +entlang, – geh am Gartentor mit ihm vorbei, +damit ich euch sehe. Es ist nur ein kleiner Umweg.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_104" id="Page_104" title="104"></a>Fanny</p> + +<p>Ist recht, Gentz. <em class="direction">(Sie beugt sich schnell, küßt +seine Hand; ab.)</em></p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p class="dircenter">(lauscht; dann auf und ab. Er geht zur Gartentür, +schaut angestrengt nach rechts hinüber)</p> + +<p>Da gehen sie hin, – die jungen Leute! <em class="direction">(Er +zieht sein Lorgnon heraus und verfolgt die sich Entfernenden +mit den Blicken, bis sie verschwunden sind, dann +wendet er sich ab und läßt sich in den Fauteuil sinken. +In seinem Gesicht erlischt gleichsam ein Feuer, und der +Ausdruck wird völlig greisenhaft.)</em> Da gehen sie hin. +Die jungen Leute. Als ob sie einen Sarg in die +Erde gesenkt hätten. Wozu die Trauer? Wozu +Opfer, wozu Treue, wozu Müh und Sorge? Das +Leben schwindet, das Krüglein ist geleert. Kein +Wort mehr, Gentz, den letzten Traum hast du +dir verdient und bezahlt. Genug, genug. <em class="direction">(Er +erhebt sich, greift nach der Handglocke.)</em> Wie noch +alles hier nach ihrer Jugend riecht! Wie die Luft +noch von jungem Lachen klingt ... Kein Wort, +kein Wort mehr, Gentz. <em class="direction">(Er läutet.)</em></p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p class="dircenter">(kommt)</p> + +<p>Herr Hofrat befehlen?</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Geh Er zum Fürsten Metternich und richt Er +<a class="page" name="Page_105" id="Page_105" title="105"></a>aus, daß ich zum Diner heut abend nicht kommen +kann.</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p>Sehr wohl.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Bring Er mir meinen Schlafrock, den türkischen +und mach Er Feuer im Ofen. ’s ist kalt.</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p>Sehr wohl.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Sag Er den andern draußen, daß ich für niemand +zu Hause bin. Für niemand, hört Er?</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p>Sehr wohl.</p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>Vor allem mach Er Feuer an.</p> + +<p class="speaker">Jean</p> + +<p>Sofort. <em class="direction">(Ab.)</em></p> + +<p class="speaker">Gentz</p> + +<p>’s ist kalt. ’s ist kalt. <em class="direction">(Sinkt wieder in den +Sessel.)</em> Kein Wort mehr, Gentz. <em class="direction">(Bedeckt das Gesicht +mit den Händen.)</em></p> + +<p class="vorhang">(Vorhang)</p> + +<!-- <p><a class="page" name="Page_106" id="Page_106" title="106"></a>[Blank Page]</p> --> + + + +<p><a class="page" name="Page_107" id="Page_107" title="107"></a></p> +<h2><a name="Der_Turm_von_Frommetsfelden" id="Der_Turm_von_Frommetsfelden"></a>Der Turm von Frommetsfelden</h2> + + +<p class="personen"><a class="page" name="Page_108" id="Page_108" title="108"></a>Personen:</p> + +<ul class="personen"> +<li>Der Ritter Karl Heinrich von Lang, ansbachischer Domänenrat</li> +<li>Anna, seine Frau</li> +<li>Frau von Hänlein, deren Mutter</li> +<li>Leutnant Amandus Schlözer</li> +<li>Rechnungsrat Birnkoch</li> +<li>Kammerdirektor Mühlbach</li> +<li>Kasteljack, Schreiber</li> +<li>Fünf Bauern, darunter: Der Ringhofbauer, der Waldhofbauer, der Erlhofbauer</li> +<li>Bärbel, Dienstmagd bei Langs</li> +</ul> +<p class="spielt">Spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Ansbach.</p> + +<p><a class="page" name="Page_109" id="Page_109" title="109"></a></p> +<p class="newsection dirlong">Das geräumige Arbeitszimmer des Ritters von Lang, +zugleich eine Art Wohngemach. Die Möbel im +französischen Geschmack des achtzehnten Jahrhunderts. +Rückwärts zwei Fenster mit Aussicht auf romantisch +verwinkeltes Häuserwerk. Links Tür in die andern Zimmer, +rechts in den Flur.</p> + +<p class="dirlong"><em class="gesperrt">Frau von Hänlein</em> ordnet die auf Tischen, Stühlen +und Sofa herumliegenden Bücher und Hefte; <em class="gesperrt">Bärbel</em> +kehrt mit einem riesigen Besen aus.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p class="dircenter">(eine stattliche Dame in der Mitte der vierzig; sehr +riegelsam, frisch, gesund, nur wenig angegraut)</p> + +<p>In aller Frühe war er also schon da?</p> + +<p class="speaker">Bärbel</p> + +<p>Heroben war er nit. Vorbeigangen ist er +am Haus, wie ich zum Bäcker bin, und hat g’fragt, +wie’s der jungen Frau geht.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Scheint viel Zeit zu haben, der junge Herr.</p> + +<p class="speaker">Bärbel</p> + +<p>Die Herren Leutnants möchten halter gern, +daß an Krieg gitt.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Wenn ich der Lang wäre, ich tät ihm das Haus +verbieten. Die Männer sind zu schlampig in manchen +Sachen. Du kannst jetzt in die Küche gehn, +<a class="page" name="Page_110" id="Page_110" title="110"></a>Bärbel. In einer halben Stunde muß die junge +Frau ihre Milchsuppe bekommen. <em class="direction">(Bärbel ab.)</em> +Sitzt da herum. Schwatzt. Wär die Anna nicht +die Anna, er könnt sie am Ende um den Verstand +schwatzen. Lang, Lang! So gescheit du bist, +so dumm bist du.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(kommt von links. Blasse, schlanke, zarte, zierliche Frau +von zwanzig Jahren. Sie trägt ein elegantes Morgengewand +nach Pariser Schnitt; lächelnd)</p> + +<p>Sprichst für dich alleine, Mutter, und räumst +schon wieder?</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Was zu räumen ist, räum’ ich. Guten Morgen, +Kind. Bist schon aus dem Bett gehupft? ’s ist +erst zehn Uhr und der Doktor hat gesagt, du sollst +bis Mittag liegen.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(heiter)</p> + +<p>Erklärt mich der Doktor für krank, dann fühl’ +ich mich gleich gesund.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Bist ja auch nicht krank, sollt’ ich meinen.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Krank nicht, gesund auch nicht. Was soll man +glauben!</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_111" id="Page_111" title="111"></a>Frau von Hänlein</p> + +<p>Glaub an deine Natur.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Grad die Natur macht mich oft irre. Oft versuch +ich froh zu sein, dann kommt unversehens +die Traurigkeit.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Wie hast denn geschlafen heute?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Einen wunderlichen Traum hab ich gehabt, +Mutter.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Laß hören. Vielleicht kann ich ihn deuten.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(setzt sich aufs Sofa, Frau von Hänlein bleibt vor ihr +stehen)</p> + +<p>Mir träumte, ich war in Frommetsfelden und +alles war noch so, wie ich ein Kind gewesen. Der +schöne Garten mit den vielen Obstbäumen, alle +voller Äpfel und Birnen und die lieben alten niedlichen +Häuschen, und ich geh so und freu mich +über den blauen Himmel, und wie ich so gehe, +wird’s auf einmal stockfinstre Nacht, und auf einmal +seh ich Flammen, und das ganze Städtchen +steht lichterloh in Brand. Mir wird Angst, und +ich weiß nicht wohin, da packt mich Karl Heinrich +<a class="page" name="Page_112" id="Page_112" title="112"></a>am Arm, so fest, daß mir’s durch und durch weh +tut. Laß mich wenigstens noch in meinen Garten, +bitt ich ihn, aber er schüttelt den Kopf, macht ein +böses Gesicht und hält mich nur immer fester. +Da seh ich den Leutnant Schlözer kommen, er +winkt mir so freundlich, daß mir ganz warm ums +Herz wird, und plötzlich kann ich zu ihm hingehen, +und wie ich bei ihm bin, da sind wir im Garten, +und aus einem schönen blauen Krug gibt er mir +Wasser zu trinken. Dabei ist mir immer wohler +und wohler geworden, und so bin ich aufgewacht.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Das war das Vernünftigste, was du hast tun +können, das Aufwachen.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Sollen die Träume auch noch vernünftig sein? +Schau, Mutter, ich fühl’ mich so verlassen oft.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p class="dircenter">(setzt sich zu ihr, tadelnd)</p> + +<p>Und du hast doch den besten Mann von der +Welt.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(steht auf, geht zum Fenster)</p> + +<p>’s ist wahr.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Ist’s wahr mit Seufzen, so ist’s Lüge.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_113" id="Page_113" title="113"></a>Anna</p> + +<p>Weiß wirklich nicht, wie mir zumut ist ...</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Hör’ zu, Anna. Du solltest dich weniger mit +dem Leutnant Schlözer abgeben. Ein paar Monate +seid ihr erst verheiratet, und, – es schickt +sich eben nicht. Lang muß sich auch kränken.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(bitter)</p> + +<p>Karl Heinrich? Oh nein, Mutter. Oh nein. +Der kränkt sich nicht. Darüber nicht.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Warum nicht <em class="gesperrt">da</em>rüber? Etwa weil er nicht +darüber spricht?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Wüßt ich’s nur! Das ist’s ja, was mich quält. +Er denkt nur an die Verwaltung. Nur seine Eingaben +und Verbesserungen hat er im Kopf.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p class="dircenter">(lacht)</p> + +<p>Bist eifersüchtig auf die Verwaltung? Damit +mußt du dich abfinden. Ein Mann gehört seinem +Beruf.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(mit niedergeschlagenen Augen)</p> + +<p>So bin ich betrogen worden, Mutter. Man +hat mir’s anders eingeredet.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_114" id="Page_114" title="114"></a>Frau von Hänlein</p> + +<p>Als dein Vater auf dem Totenbett lag, sagte +er zu mir: Schau, Rieke, du hast ja graue Haare +an den Schläfen. Da hab ich ihm antworten +müssen: Dummer Mann, die grauen Haare hab +ich schon seit sechs Jahren. Glaubst du, wir haben +uns deshalb minder lieb gehabt?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Ach, – Liebe! Das ist viel, oder ’s ist wenig, +je nachdem! Wie kann ich wissen, ob sie <em class="gesperrt">mir</em> +gilt, <em class="direction">(mit beiden Händen an der Brust)</em> ob’s <em class="gesperrt">meine</em> +Liebe ist, die erwidert wird, ganz genau meine?</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Warum soll es denn, um Gottes willen, ganz +genau die deine sein? Wir Menschen sind doch +aus verschiedenem Teig.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Ist sie ihm mehr wert als das Amt? Was +Größeres als die Geschäfte? Was anderes als eine +Stunde zum Vergessen? Ich will wissen, ob sie +mir gilt, mir ganz allein und ganz so wie ich bin.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Kind, spiel du nicht mit Worten, denn das +heißt so viel wie zum Teufel beten. <em class="direction">(Sie steht auf.)</em></p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Was sind mir seine Geschenke, wenn ich das +<a class="page" name="Page_115" id="Page_115" title="115"></a>nicht weiß? Er ist so verschlossen; so viel fremdes +Leben bringt er mit. Seine Augen sind fremd. +Sein Gesicht ist fremd. Mir ist als hätt ich sein +wirkliches Gesicht noch kaum gesehen; als ob er +gar nicht leiden könnte um was. Immer möcht +ich grübeln, wenn er mit mir redet; indes sein +Wort weiter geht, bin ich noch beim ersten und +frag mich: wo bist du, Karl Heinrich? Ich find +ihn nicht. Muß ich ihm nicht auch fremd sein? +Wie wird er mich nehmen, wenn mein Fremdestes +zu seinem Herzen will?</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p class="dircenter">(bekümmert)</p> + +<p>Das kommt mir alles wie Sünde vor. Auch +versteh ich’s nicht. Ich bin schon froh, wenn mich +die Sonne bescheint.</p> + +<p class="speaker">Bärbel</p> + +<p class="dircenter">(von rechts)</p> + +<p>A Herr is da un will unsern Herrn sprech’n.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Unser Herr ist ausgegangen.</p> + +<p class="speaker">Bärbel</p> + +<p>Der Herr will auf unsern Herrn wart’n.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Was ist’s denn für ein Herr?</p> + +<p class="speaker">Bärbel</p> + +<p>Birnkoch haaßt ’r.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_116" id="Page_116" title="116"></a>Rechnungsrat Birnkoch</p> + +<p class="dircenter">(unter die Türe tretend; ein dicker, kleiner, geschniegelter +junger Mann mit Glatzkopf und einem eiertanzähnlichen +Gang)</p> + +<p><em class="antiqua">Excusez, mes dames –</em></p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Der Herr Rechnungsrat! Bitte nur einzutreten, +Herr Rechnungsrat.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p>Ist nicht meine Absicht, die Damen zu troublieren. +<em class="antiqua">Bonjour, mesdames</em>. Frau Domänenrätin, +meine Reverenz. Wie befindet sich dero beneidenswerter +Gatte?</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p class="dircenter">(hastig, um Annas zerstreutes Schweigen zu verdecken)</p> + +<p>Mein Schwiegersohn ist zur Inspektion des +Waisenhauses, Herr Rechnungsrat. Müssen Sie +ihn dringend sprechen, so schick ich hinüber.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p>Inspektion in aller Frühe? Ein rühriger Beamter, +der Domänenrat Lang, <em class="antiqua">un caractère de fer</em>. +Wollen Sie hinüber schicken? Ich bitte, nein. +Allerdings habe ich ein Anliegen, will sagen einen +Auftrag von Seiner Exzellenz, dem Minister Haugwitz, +der die Gnade hatte, mit mir in Berlin zu +konferieren ...</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_117" id="Page_117" title="117"></a>Frau von Hänlein</p> + +<p>Nun, wenn es von Wichtigkeit ist, Herr +Rechnungsrat ... <em class="direction">(Will zur Tür.)</em></p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p>Bitte nein, Madame. Muß wohl von einiger +<em class="antiqua">importance</em> sein, da man mich damit beauftragt +hat. Aber, bitte nein. Das Vergnügen, Ihnen +Gesellschaft leisten zu dürfen ... Es handelt sich +um die fatale Affäre ... <em class="antiqua">une chose ridicule, +au fond</em> ... mit dem Turm von ... von ... +<em class="antiqua">quel nom abominable</em> ...</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Mit dem eingestürzten Stadtturm vielleicht –?</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p>Ganz richtig, Madame; mit dem eingestürzten +Stadtturm. In ... in ...</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Frommetsfelden.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p><em class="antiqua">Milles mercis, madame</em>. Frommetsfelden. +<em class="antiqua">Mon Dieu,</em> was für seltsame ... Bezeichnungen +in Deutschland die Dörfer haben!</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(die am Fenster gesessen ist, hat erstaunt aufgehorcht)</p> + +<p>Wie, Mutter, – in Frommetsfelden ist der +Turm eingestürzt?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_118" id="Page_118" title="118"></a>Birnkoch</p> + +<p>Ganz wie Sie sagen, Frau Domänenrätin. +Von oben bis unten eingestürzt.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p class="dircenter">(verschüchtert durch Annas erschrockene Miene)</p> + +<p>War ja ein altes, baufälliges Gerümpel, der +Turm.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p><em class="antiqua">C’est ça.</em> Uralt. Und baufällig, jawohl. Baufällig. +Unbedingt baufällig. Deshalb ist er ja +eben eingestürzt.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Wann ist denn das geschehen?</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p>Nun ... es mögen drei bis vier Wochen sein. +Eher vier. Jawohl. Vier bis fünf Wochen, jawohl.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Davon hat mir Karl Heinrich kein Wort gesagt ...</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Daß dich das sonderlich interessiert, hat er nicht +denken können.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p>So wissen Sie auch nicht, daß der Herr +<a class="page" name="Page_119" id="Page_119" title="119"></a>Domänenrat sich weigert, mit allen Gründen seiner +Amtsgewalt sich weigert, den Turm wieder aufbauen +zu lassen?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Er will ihn nicht wieder aufbauen lassen?</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p><em class="antiqua">Une marotte! une marotte inexplicable!</em> Er +weigert sich. Die Regierung selbst unterstützt +das Verlangen der Bauern. Und er weigert sich. +<em class="antiqua">C’est son entêtement.</em></p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Aus welchem Grund will er denn den Turm +nicht bauen lassen?</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p><em class="antiqua">Parole d’honneur,</em> ich weiß ihn nicht, den +Grund. Und wüßt ich ihn, so könnt ich ihn keinesfalls +approuvieren. Aber ich bin erfreut, Madame, +daß Sie an der Sache solchen Anteil nehmen. +Da kann man ja auf Ihre Unterstützung rechnen ...</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Meine Tochter nämlich, Herr Rechnungsrat, +hat ihre ganze Jugend dort in Frommetsfelden zugebracht. +Sie hat bei ihrem Oheim auf dem Gut +gelebt, während ich mit meinem Mann in der +Welt herumgezogen bin.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_120" id="Page_120" title="120"></a>Birnkoch</p> + +<p>Verstehe ...</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Da ist ihr natürlich jeder Baum und jeder +Stein ans Herz gewachsen.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p>Verstehe. Die Erinnerung. <em class="antiqua">Le souvenir.</em> Verstehe. +<em class="direction">(Zitiert mit preziösem Tonfall.)</em></p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Erinnerung taucht ihren Farbenpinsel<br /></span> +<span class="i0">Ins wunde Herz und übermalt den Gram.<br /></span> +<span class="i0">Sie fleucht mit dir auf eine Zauberinsel,<br /></span> +<span class="i0">Wenn das Geschick dir Mut und Freude nahm.<br /></span> +</div></div> + +<p>Verstehe.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Reizend, Herr Rechnungsrat. Haben Sie das +selbst gedichtet?</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p>Nicht ganz. Nicht ganz. Hab’s mir aus einer +<em class="antiqua">anthologie</em> kopieren lassen.</p> + +<p class="dirlong">(Es klopft, ein kleines Mädchen tritt verschämt ein. Sie +trägt einen Fliederstrauß in der Hand, blickt von einem +zum andern, eilt jäh auf Anna zu und überreicht ihr +den Strauß mit einem Knix.)</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p>Sieh da, sieh da! Flieder schon, im März?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_121" id="Page_121" title="121"></a>Anna</p> + +<p class="dircenter">(erhebt sich; tief errötend)</p> + +<p>Von wem ist denn der Flieder, Kind? <em class="direction">(Schnell, +ehe das Mädchen antworten kann.)</em> Ist schon gut. +Ich laß mich recht sehr bedanken. Da hast was +für den Zuckerbäcker. <em class="direction">(Gibt ihr ein Geldstück; das +Mädchen geht.)</em></p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p class="dircenter">(leise mahnend)</p> + +<p>Anna!</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p>Befinde ich mich in einem <em class="antiqua">erreur,</em> wenn ich annehme, +daß Sie den Spender kennen, Frau Domänenrätin?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(für sich)</p> + +<p>Herrlich! Herrlich! <em class="direction">(Steckt das ganze Gesicht +in den Strauß und atmet mit Inbrunst; flüsternd.)</em> +Mein Traum!...</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p class="dircenter">(am Fenster)</p> + +<p>Da kommt der Domänenrat! <em class="direction">(Sie winkt hinunter.)</em></p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(stellt die Blumen in eine Vase vor die Spiegelkonsole, +betrachtet entzückt die Wirkung).</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_122" id="Page_122" title="122"></a>Frau von Hänlein</p> + +<p>Weshalb stellst du denn den Strauß vor’n +Spiegel, Anna?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(ohne sich umzuwenden, lächelnd)</p> + +<p>Dann sieht es aus, als ob ich zwei Sträuße +hätte.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p><em class="antiqua">C’est drôle! c’est ravissant!</em></p> + +<p class="speaker">Ritter von Lang</p> + +<p class="dirlong">(tritt ein. Er ist ein mittelgroßer, stämmiger Mann mit +einer starken, energischen Stimme; sein Gesicht ist der +Mode der Zeit gemäß bartlos, sein Wesen hat ein +kühnes Selbstbewußtsein wie das eines Menschen, der +seinen Wert genau kennt und sich außerdem mit Absicht +von andern Beamten, ihrem Servilismus nach oben, +ihrer Brutalität nach unten, unterscheiden will)</p> + +<p>Guten Morgen, Herr Birnkoch; hab’ gestern +schon gehört, daß Sie wieder in Ansbach sind. – +Bist schon so frühzeitig munter, Anna? <em class="direction">(Küßt sie +auf die Stirn.)</em> – Woher ist denn der frische Flieder +da?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Daß du’s gleich gesehen hast! <em class="direction">(Nimmt seine +Hand und sieht ihn hell an.)</em> Er hat’s gleich gesehen, +Mutter.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Werden vom Hofgärtner aus dem Treibhaus +<a class="page" name="Page_123" id="Page_123" title="123"></a>sein ... <em class="direction">(Raunt Lang in die Ohren.)</em> Nennen Sie +ihn doch nicht Birnkoch, lieber Lang! Wollen Sie +ihn auf Lebenszeit zum Feind haben?</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(lacht kurz, dann sehr höflich)</p> + +<p>Warten Sie schon lang, Herr Rechnungsrat? +Was gibt’s? Soll ich die Frauenzimmer fortschicken?</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p>Beileibe, Herr Domänenrat, beileibe nicht. Die +Damen und ich, wir haben uns über den Gegenstand +schon ausgesprochen und sind ganz <em class="antiqua">d’accord.</em> +Denn Sie müssen nachgeben in der Affäre mit +dem närrischen Turm.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Potz Knackwurst, lieber Birnkoch –</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p class="dircenter">(indigniert und weinerlich)</p> + +<p>Aber hochgeschätzter Herr Domänenrat, warum +wollen Sie mir nicht meinen sauer verdienten Titul +zubilligen?</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Schön, Herr Rechnungsrat. Ich sage nur, +wenn Sie einen ganzen Harem von Weibspersonen +um mich aufstellen, der Lang gibt nicht nach. In +<em class="gesperrt">der</em> Sache nicht.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_124" id="Page_124" title="124"></a>Birnkoch</p> + +<p>Es ist der entschiedene Wunsch Seiner Exzellenz, +des Ministers Haugwitz –</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Vor allem steht es so, daß ich, in meinem +Ressort, Befehle nur vom Fürsten Hardenberg +empfange. Es ist mir ja bekannt geworden, daß +der Fürst, der mir freundlich gesinnt ist, durch allerlei +Kabalen aus seinem Amt gedrängt werden soll, +aber eine offizielle Mitteilung habe ich darüber +nicht erhalten.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p>Seine Exzellenz, der Minister Haugwitz hat +über den Fall eine Note abfertigen lassen – <em class="direction">(zieht +sein Portefeuille.)</em></p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Ihr könnt Noten schmieren, so viel ihr wollt. +Das lebendige Bedürfnis spricht anders.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p class="dircenter">(bestürzt)</p> + +<p><em class="antiqua">Mon dieu!</em> Sie anerkennen also keine höhere +Instanz?</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Instanz? Zu deutsch: Schleichweg. Der Minister +Haugwitz ist von Kreaturen umgeben, die ihren +Vorteil suchen.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_125" id="Page_125" title="125"></a>Birnkoch</p> + +<p>Eine solche Verdächtigung muß ich mit aller +zukömmlichen Entschiedenheit repoussieren.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(zwischen beide tretend, sehr sanft)</p> + +<p>Warum soll denn der Turm nicht wieder aufgebaut +werden, Karl Heinrich?</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(barsch)</p> + +<p>Misch du dich nicht in die Affären, Kind.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p class="dircenter">(nimmt sie am Arm, leise)</p> + +<p>Er hat recht. Er muß wissen, was er tut.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Ist dem Minister auch wahrheitsgemäß angegeben +worden, was der Wiederaufbau des Turmes +kostet?</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p class="dircenter">(in seinen Papieren blätternd)</p> + +<p>Der Baurat Österlein hat vierhundert Gulden +in Voranschlag gebracht.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Dann ist der Baurat Österlein ein ganz gemeiner +Schwindler, der einen Auftrag will und eine +Versprechung leistet, die er nicht halten kann. Das +sag ich ihm auf den Kopf zu.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_126" id="Page_126" title="126"></a>Birnkoch</p> + +<p>Sie erschrecken mich, Herr Domänenrat –</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Das Vierfache reicht nicht hin. Aus meinen +genauen Berechnungen geht hervor, daß bei aller +Sparsamkeit achtzehnhundert bis zweitausend Gulden +nötig sind.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p><em class="antiqua">Eh bien,</em> wenn die Bauern dafür aufkommen +wollen und die Regierung einen Beitrag gibt –?</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Die Bauern, die sich ohnehin unterm Steuerdruck +winden? Und die Regierung, die kann das +teure Geld förderlicher verwenden.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p class="dircenter">(spitz und kalt)</p> + +<p>Inwiefern förderlicher, wenn ich bitten darf?</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Herr, in Frommetsfelden ist keine Schule!</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p class="dircenter">(heuchlerisch bekümmert)</p> + +<p>Ei, ei, ei ...</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Bei Regen, bei Frost, im tiefsten Schnee +müssen die Kinder zwei Stunden laufen, um in +die nächste Schule zu gelangen. Die Folge? +<a class="page" name="Page_127" id="Page_127" title="127"></a>Weitaus die meisten Eltern behalten ihre Sprößlinge +zu Haus und erziehen dem Staat Analphabeten. +Ich will Ihnen eine Schule bauen für das +Geld, das der Turm kosten würde.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p>Unter uns, – finden Sie denn diese sogenannte +Bildung wirklich so notwendig für das Volk? +Durch jeden Bauern, der lesen und schreiben kann, +wird uns das Regieren schwerer gemacht.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Meine Ambition ist nicht, den Herrschaften +das Regieren zu erleichtern. Was ihr gern seht, +das ist eine möglichst große Armee von Nullen. +Und jede Null soll zugleich ein Geldsack sein, ein +Ding jedenfalls ohne Kopf und ohne Füße, und +wenn ihr diese ganze Nullenkarawane gemächlich +vor euch hinrollt, das nennt ihr dann regieren.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p class="dircenter">(entsetzt)</p> + +<p><em class="antiqua">Mais, monsieur! Ce sont des idées revolutionaires!</em></p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Das ist meine Ansicht.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p class="dircenter">(dem nicht mehr ganz geheuer ist)</p> + +<p>Aber ... ich meine ... wenn wo ein Turm +<a class="page" name="Page_128" id="Page_128" title="128"></a>einstürzt ... wenn überhaupt wo was einstürzt, +muß man’s doch wieder aufbauen.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Ich bin dafür, daß man Ruinen wegräumt und +nicht neue schafft.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p class="dircenter">(rafft sich auf; würdevoll)</p> + +<p>Sohin ist meine Mission beendet. Ich werde +nicht ermangeln, höheren Orts Bericht zu erstatten.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Das bleibt Ihnen unbenommen.</p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p>Ich habe in der leidigen Angelegenheit um elf +Uhr noch eine <em class="antiqua">conférence</em> mit dem Herrn Präsidenten +von Schuckmann –</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Weiß schon. Der Präsident hat mich dazu gebeten. +Man zwickt und zwackt mich von allen +Seiten. In einer halben Stunde komm’ ich hinüber. +Habe vorher noch ein Referat zu erledigen. +<em class="direction">(Verbirgt mühsam seinen Ärger und begibt sich, nach +einem kurzen Kompliment, unhöflicherweise sogleich an +seinen Schreibtisch.)</em></p> + +<p class="speaker">Birnkoch</p> + +<p><em class="antiqua">Mesdames</em>, meine ehrerbietigste Empfehlung.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_129" id="Page_129" title="129"></a>Frau von Hänlein</p> + +<p class="dircenter">(macht bedauernde Gesten, um Lang zu entschuldigen, und +begleitet Birnkoch. Ehe noch die Tür ganz geschlossen +ist, hört man von draußen)</p> + +<p class="speaker">Birnkochs Stimme</p> + +<p>Seien Sie versichert, Madame, daran ist der +Bonaparte schuld. Der Bonaparte sitzt ihm im +Nacken. Schade, jammerschade ...</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(horcht auf, lacht vor sich hin, während er schreibt)</p> + +<p>Der Bonaparte muß allen Faulenzern den +Wauwau machen. <em class="direction">(Schreibt.)</em> Aber sein Französisch +reden sie. <em class="direction">(Schreibt.)</em> Und miserabel noch +dazu.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dirlong">(hat sich vorsichtig genähert und schaut Lang über die +Schulter. Sie schüttelt den Kopf, als ob sie sagen +wollte: er spürt mich nicht. Endlich legt sie ihm die +Hände auf die Schultern).</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Was gibt’s denn, Anna? <em class="direction">(Schreibt weiter.)</em></p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Hast du nicht ein Minütchen Zeit für mich?</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(ein bißchen ungeduldig)</p> + +<p>Sag nur, was du willst. Ich bin ja beschäftigt, +wie du siehst.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_130" id="Page_130" title="130"></a>Anna</p> + +<p class="dircenter">(schweigt, entfernt sich seufzend).</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(schreibt)</p> + +<p>Na sag’s nur, aber geschwind.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Manche Dinge kann man nicht geschwind sagen.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Dann sind’s gewiß überflüssige Dinge.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(nähert sich von neuem, neigt sich über ihn; mit einem +Versuch zur Koketterie)</p> + +<p>Weißt, von wem ich den Flieder hab’?</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(stockt; kleine Pause, scheinbar gleichgültig)</p> + +<p>Von wem ... vom Leutnant Schlözer natürlich.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Falsch geraten. Nein, richtig geraten. Ist’s +nicht nett von ihm? Er weiß, daß mich Blumen +ganz toll machen vor Freude. <em class="direction">(Naiv.)</em> Aber das +blaue Seidenkleid, das du mir vom Baron Imhoff +aus Paris hast bringen lassen, ist wunderschön.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(schreibt wieder)</p> + +<p>Sollst es tragen, wenn der Fürst kommt.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_131" id="Page_131" title="131"></a>Anna</p> + +<p>Das dauert bis zum Herbst.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Bis dahin wird’s nicht altmodisch.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Ob ich aber dann noch lebe ...</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(kehrt sich rasch um)</p> + +<p>Anna!</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Flieder, der verwelkt von heut auf morgen. +Der ist für den Augenblick. So ein Kleid, das +soll täuschen über den Augenblick.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Du quälst dich mit Hirngespinsten und mich +nicht minder.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Hirngespinste? Das Hirn spinnt, was das +Herz bewegt.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(steht auf)</p> + +<p>Du darfst mir nicht den Boden unter den +Füßen wegziehen, Anneli. Gegen Menschen kann +ich streiten, gegen Schatten nicht.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(verzagt, sieht ihn groß an)</p> + +<p>Mir ist so bang.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_132" id="Page_132" title="132"></a>Lang</p> + +<p>Weshalb denn, Anna?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Um dich, um mich, um uns beide ist mir bang. +Ich seh dich oft gar nicht. Du bist so fern, auch +jetzt, wo du vor mir stehst. Und ich weiß, du +siehst mich auch nicht. Mir ist, als ob wir zwei +Blinde wären, die vergeblich mit den Händen nacheinander +greifen. Du bist so tüchtig, so fest, so +klug, aber es ist was in dir, was mich schreckt. +Ganz, ganz nahe möcht ich oft zu dir und kann +nicht, wie wenn einem das eigene Haus zugesperrt +wär’.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(kopfschüttelnd, doch heimlich erleichtert)</p> + +<p>Schau, schau, was für eine kleine Schwärmerin +du bist!</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(verletzt)</p> + +<p>Nein, Karl Heinrich, wirf’s nicht mit einem +Wort von dir. Bist doch sonst ein Feind von +denen, die sich’s bequem machen. Mich sollst du +dir auch nicht bequem machen.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(ablehnend)</p> + +<p>Ich versteh dich nicht, Kind. Mir ist das alles +<a class="page" name="Page_133" id="Page_133" title="133"></a>Spiel, was du vorbringst. Zum Spielen ist mir +der Tag zu wert. <em class="direction">(Will sich wieder zur Arbeit setzen.)</em></p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(schmiegt sich an ihn, mit einem jähen Entschluß, bittend)</p> + +<p>Schenk mir den Turm, Karl Heinrich!</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(verwundert)</p> + +<p>Den Turm? Was für einen Turm?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Den Turm in Frommetsfelden.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Was soll das heißen? – Der Turm ist ja eingestürzt.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(leidenschaftlich schmeichelnd)</p> + +<p>So bau ihn wieder auf! Bau ihn! Für mich!</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(ruhig)</p> + +<p>Solchen Unsinn kannst du von mir im Ernst +nicht verlangen.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(beteuernd)</p> + +<p>Im tiefen, heiligen Ernst. Ist kein Unsinn, +Karl Heinrich; ist ein Wunsch, nur ein Wunsch.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Den ich unmöglich erfüllen kann; oder ich +<a class="page" name="Page_134" id="Page_134" title="134"></a>würde mich zum Windbeutel machen. Denk doch +nach –</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Denk ich nach, kann ich den Wunsch nicht mehr +so spüren.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Nun also!</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Wünschen ist stärker als denken. Du nennst’s +vielleicht eine Laune.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Eine üble noch dazu.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(ruhiger)</p> + +<p>Schau, der Turm war mir immer was Ehrwürdiges, +das zum Himmel lockt. So stolz und +wacker ist er gestanden, so fest und alt ins Firmament +hineingegossen, und so unvergänglich, weißt +du, als stünd’ er von Anbeginn der Welt bis zum +Ende. Wenn ich als Kind nachts vom Schlaf erwacht +bin, hab ich die Glocke gehört; dumpf und +schwer und mächtig langsam und so wohllautend +wie des Herrgotts Stimme selber. Wie Zeit und +Ewigkeit hat’s da zusammengeklungen, zwischen +Schlag und Schlag war ein ganzes Leben, gute +Träume, böse Träume, und die Nacht ist so groß +<a class="page" name="Page_135" id="Page_135" title="135"></a>geworden, und der Tag so fern ... Aber wär’s +nur darum, so wär’s am Ende wirklich Laune. +Darum ist’s aber nicht.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>So erklär dich deutlicher.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Ach, daß du’s nicht begreifst, daß du’s nicht +ahndest!</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Und daß auch <em class="gesperrt">du</em> mir’s noch schwer machst, +Anna, auch du! Bin ich denn nicht wie der böse +Feind dahier geachtet? Jede Handlung, die dem +gemeinen Wesen zugute kommen soll, braucht +zwanzig Schreibereien. Wohin du blickst, die ärgsten +Mißbräuche, Zehrungen und Unterschleife. Was +an Steuern dem armen Volk erpreßt wird, geht +für die Zeche der Herren auf. Meinst du, ich +könnte nicht gleichfalls so ein Diätenfresser sein? +Und sparte mir die Galle dabei. Was für Zustände, +Anna! Davon hast du ja keinen Begriff! +Im Alumneninstitut des Gymnasiums lauter +feuchte, ungeheizte Stuben, wo die schamlos vernachlässigten +Schüler öffentlichen und heimlichen +Sünden frönen. Dabei muß man alljährlich das +Geld aufborgen, um nur den Kostwirt bezahlen zu +können. Im Waisenhaus sind den Kindern vor +lauter Krätze und englischer Krankheit Hände und +<a class="page" name="Page_136" id="Page_136" title="136"></a>Füße gebogen und die Köpfe aufgeschwollen. In +der elenden Baracke, genannt Seelhaus und Lazarett, +liegen scheußliche Gestalten halbnackt auf muffigem +Stroh. Fragt man: wo ist das Geld? Es ist nicht +da. Es ist aber doch dafür bestimmt worden –? +Ja, es ist aber nicht da. Keiner hält stand, keinen +kannst du beim Schlafittich packen; alle, die davon +fett werden, daß nichts geschieht, spritzen dir +ihr Gift ins Gesicht, bei jeder nützlichen Anordnung +setzen sich die Magistrate selbst entgegen; hinter +denen stecken wieder die Verwalter, die Advokaten, +die Gutsbesitzer, die Latifundienräuber, die Bevollmächtigten +der Regierung, und so geschieht’s, daß +ich im ganzen Land als unbarmherziger Mann +verschrien bin, und daß man mich durch Appelle +und Eingaben und Rekurse und Beschwerden und +Ränke und Quertreibereien ermüden und zurückhalten +will. Und nun kommst du auch noch und +nagst an mir.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Ich seh’s wohl ein; Grund und Recht sind +auf deiner Seite, und als gute Frau dürft ich nicht +zuwiderstimmen. Mein Grund ist unaussprechlich +und liegt vielleicht nur in meinen Augen; nur in +meinem Blick, wenn er deinem begegnet. Sieh +mich an, Karl Heinrich! Ist’s Lüge, dann ist alles +Lüge, was mich zu dir treibt. Denk, es ist ein +<a class="page" name="Page_137" id="Page_137" title="137"></a>Gebet. Oder denk, es ist eine Krankheit in dir, +die du selber nicht kennst, und du mußt sie durch +einen bittern Trunk heilen.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Ich kann dir nicht helfen, Anna. Der Frommetsfelder +Turm darf mir nicht gebaut werden, +so lang ich hier im Amt bin.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(wendet sich weg, läßt die Arme schlaff fallen und den +Kopf tief sinken).</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Ist mir leid um dich, Anneli, denn in deinem +Begehren ist was, das mir wie freventlicher Übermut +erscheint. Zart bist du beschaffen, aber es ist +was Verwegenes in dir, und wollt ich mich dem +fügen, so wär’ ich geliefert für alle Zeit. Ihr +Weiber habt oft so eine spindeldürre Phantastik in +euerm Kopf; wenn man sich davon einfangen +läßt, geht’s einem wie Simson, dem Propheten.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(geht langsam gegen die Türe links, zögert noch vor der +Schwelle, dann ab).</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(wandert unruhig hin und her)</p> + +<p>Ist ein feines Geschöpflein, und kann sich nicht +abfinden mit ihrem begehrlichen Gemüt. Nährst +<a class="page" name="Page_138" id="Page_138" title="138"></a>du’s, frißt’s dich auf. Mußt es ziehen lassen, als +ob’s ne Wolke wär’. Die eine Wolke könnt ich +ja vertragen, wird nicht gleich Blitz und Donnerwetter +geben. Eheweisheit ist ein ander Ding denn +Amtsweisheit. <em class="direction">(Schaut auf die Uhr.)</em> Die Zeit ist +mir schon wieder davongelaufen. <em class="direction">(Wie er zur Tür +will, klopft es.)</em> Herein!</p> + +<p class="speaker">Leutnant Amandus Schlözer</p> + +<p class="dirlong">(tritt von rechts an. Er ist einundzwanzig Jahre alt, +sehr schlank, mit einem gut markierten, charaktervollen +Gesicht und Augen, in denen sich der Romantiker verrät. +Sein Betragen schwankt zwischen Schüchternheit und +soldatischer Offenheit und Kürze. Er trägt die preußische +Infanterieuniform)</p> + +<p>Verzeihung, Herr Domänenrat, wenn ich Sie +störe – <em class="direction">(Verbeugt sich, grüßt militärisch.)</em></p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(flüchtig)</p> + +<p>Guten Morgen, Herr Leutnant. Ich weiß +nicht, ob meine Frau Sie empfangen kann ...</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p>Ich möchte, Herr Domänenrat, wenn ich Sie +nicht von dringenden Geschäften zurückhalte, ein +paar Worte mit Ihnen allein –</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(stirnrunzelnd)</p> + +<p>Ich habe allerdings ... ich werde beim Präsidenten +<a class="page" name="Page_139" id="Page_139" title="139"></a>erwartet ... Womit kann ich Ihnen +dienen, Herr Leutnant? Wollen Sie Platz nehmen?</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p>Merci. <em class="direction">(Bleibt stehen.)</em> Ich wollte Ihnen nur +sagen, Herr Domänenrat ... es ist etwas in mir, +was mich zwingt, Ihnen diese Mitteilung zu machen, +... daß ich abzureisen genötigt bin.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(leichthin, jedoch etwas aufmerksamer)</p> + +<p>Wirklich, Herr Leutnant? Sind es Gründe +privater Natur, die einen so raschen Entschluß hervorgerufen +haben?</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p class="dircenter">(gepreßt)</p> + +<p>Ja. Gründe von der dringendsten Beschaffenheit. +Mein Urlaubsgesuch ist bereits bewilligt. +Die Postpferde sind bestellt.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(konventionell)</p> + +<p>Es tut mir leid, Herr Leutnant. Wir hatten +gehofft, Sie länger hier halten zu können. Freilich, +– die Provinz.</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p class="dircenter">(mit festem Blick)</p> + +<p>Dies ist es nicht, Herr Domänenrat. Es ist +schwer zu sagen ... doch kam ich deshalb her ... +<a class="page" name="Page_140" id="Page_140" title="140"></a>und so sei es gesagt: Herr Domänenrat, ich liebe +Ihre Frau.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(sieht ihn schweigend an; dann mit starker Überwindung)</p> + +<p>Das nennt man ohne Umstände deutlich sein. +<em class="direction">(Kalt.)</em> Ich beklage diese Fatalität, Herr Leutnant, +doch überschätzen Sie vielleicht ihre Tragweite für +mich, – wenn Sie <em class="gesperrt">des</em>wegen Postpferde bestellt +haben.</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p class="dircenter">(ohne sich zu regen)</p> + +<p>Würden Sie mir eine solche Antwort auch +geben, wenn Ihre Frau meine Abreise nicht ganz +so teilnahmslos betrachten würde?</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(brüsk)</p> + +<p>Herr Leutnant, meine Frau ist über jede Insinuation +erhaben.</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p class="dircenter">(verbeugt sich)</p> + +<p>Ich weiß es.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Warum gleich Postpferde bestellen, Herr Leutnant? +Und wenn Postpferde bestellt sind, warum +sie zur Parade tanzen lassen? Soll ich das Almosen +einer Entsagung mit Dank quittieren? Soll +ich bewundern, wo ich kaum bedauern kann? +<a class="page" name="Page_141" id="Page_141" title="141"></a><em class="direction">(Ernst und mit Bedeutung.)</em> Der ehrt sich selbst und +seine Freunde, der durch Schweigen unerfüllbare +Wünsche beschwichtigt.</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p>Ich glaubte Ihnen, in dessen Haus ich Gastfreundschaft +genossen habe, eine Erklärung schuldig +zu sein.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Sie verpflichtet mich zu keinem Dank. Wenn +Sie für sich fürchten, Herr Leutnant, Sie für Ihre +Person und Ihre Ehre sage ich, dann nehmen Sie +Postpferde.</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p class="dircenter">(mit zu Boden gekehrtem Blick)</p> + +<p>Ich reise, Herr Domänenrat.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>So wünsch ich glückliche Fahrt. – Vermutlich +werden Sie sich von meiner Frau verabschieden +wollen. <em class="direction">(Auf eine Bewegung Schlözers.)</em> Bitte, Herr +Leutnant, meine Frau wäre gewiß verletzt, wenn +Sie ohne Gruß von ihr scheiden würden. Ich +werde draußen sagen lassen, daß Sie hier warten. +Ich selbst muß Sie leider verlassen. <em class="direction">(Mit stummem +Gruß nach rechts ab.)</em></p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p class="dirlong">(blickt düster vor sich hin. Er gewahrt den Fliederstrauß, +eilt hin, nimmt ihn in die Hand und drückt seine Lippen +<a class="page" name="Page_142" id="Page_142" title="142"></a>in die Blumen. Dann läßt er das Bukett fallen, +wie von einem hoffnungslosen Gedanken erstarrt)</p> + +<p>Er schickt sie zu mir! Kein Zweifel ist in ihm, +kein Zweifel!</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(von links)</p> + +<p>Guten Morgen, Amandus. War nicht Lang +eben hier?</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p class="dircenter">(zu ihr, küßt ihr die Hand)</p> + +<p>Teure Anna, wie blaß Sie heute aussehen ...</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(abweisend)</p> + +<p>Dies Betragen lieb ich nicht an Ihnen, Amandus. +Sie wissen es. Mein Mann ist fortgegangen?</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p>Er sagte, er wolle Ihnen Nachricht geben, daß +ich warte.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(mit verlorenem Blick)</p> + +<p>Und ist fortgegangen. <em class="direction">(Rafft sich zusammen.)</em> Ich +habe Sie doch gebeten, Amandus, daß Sie am +Vormittag nicht kommen möchten. <em class="direction">(Sie setzt sich, +Schlözer nimmt ihr gegenüber Platz.)</em></p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p>Es ist das letzte Mal, Anna. Ich kann den +<a class="page" name="Page_143" id="Page_143" title="143"></a>Gedanken, daß Sie in meiner Nähe weilen, nicht +länger ertragen. Ich kann nicht länger in den +Nächten liegen und mit lebendig-offenen Augen +träumen, was mir das Herz verbrennt. Ich kann’s +nicht länger, und ich komme nun, um Ihnen Lebewohl +zu sagen.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(versonnen)</p> + +<p>Ich hatt’ es erwartet. Sie reisen also. Und +wohin reisen Sie?</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p>Die Erde dreht sich, und ich fühle mich so +schwunglos; heruntergestürzt und in den Boden +gewühlt wie in ein Grab. – Wohin ich reise? +Es gibt bald Krieg, Anna. Wenn mein König +keine Verwendung für mich hat, wird Bonaparte +wissen, wie ein Mann zu brauchen ist, dem das +Leben nichts mehr gilt.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(aufschreckend)</p> + +<p>Haben Sie mit Lang gesprochen?</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p>War es mein Schmerz oder war es das Bedürfnis, +daß es zwischen mir und ihm zum Ausgleich +kommt; daß er es wissen möge, daß er Sie +hüten möge, Anna, wie das kostbarste Kleinod der +<a class="page" name="Page_144" id="Page_144" title="144"></a>Welt, – ich weiß nicht mehr warum, nennen Sie +es eine Verfinsterung meines Herzens, – ich habe +ihm gesagt, wie es um mich beschaffen ist und +weshalb ich gehe.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(grüblerisch)</p> + +<p>Das haben Sie ihm gesagt? Wie seltsam! +Und er?</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p>Er! Er war kalt und überlegen.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(wie oben)</p> + +<p>Und er sagte, er wolle mir Nachricht geben +lassen, daß Sie warten. Wie seltsam ...</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p>Als ob keine Faser in Ihnen wäre, die ohne +seinen Willen sich regte.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(wie oben)</p> + +<p>Vielleicht vertraut er mir so.</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p>Und dies Vertrauen sollte Sie nicht ein wenig +kränken, teure Anna? Ist denn Liebe etwas so +Unzweifelbares, daß sie einmal beschworen, jedem +Feuer stand hält? Ist denn das noch Liebe, die +so ruhig, so stumm, so satt werden darf?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_145" id="Page_145" title="145"></a>Anna</p> + +<p>Wie würden Sie gehandelt haben, Amandus, +wenn ein Mann Ihnen ein solches Geständnis +gemacht hätte?</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p>Wie ich gehandelt hätte, weiß ich nicht. Vielleicht +hätte ich den Mann erdolcht. Vielleicht hätte +ich ihn in die Arme geschlossen. Wer aber darf +so übermenschlich sich gebärden, daß er nichts +wissen will von den Gewalten, die seiner Sicherheit +ein Ziel setzen könnten? Ach, Anna, wenn! – +wenn! Ich würde hinschmelzen unter jedem Blick +und jedem Lächeln.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(kopfschüttelnd)</p> + +<p>Nein, Amandus, das Hinschmelzen, das ist das +Wichtige nicht. Wichtig ist, daß man nie einander +vergißt. Daß man immer geborgen ist im +andern, daß er die Gedanken hält und kennt, daß +er die Wünsche weiß und jeden recht versteht, +denn es ist eine Qual, zu reden, wenn man +wünscht. Daß man nicht ein Opfer wird von +einer Stunde, wo aufs Ungefähr das Blut stürmt +und man dann zur schalen Erinnerung wird in +den Geschäften des Lebens. Da wird alles kalt +in einem.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_146" id="Page_146" title="146"></a>Schlözer</p> + +<p>Alles ist fremd ohne Zärtlichkeit, fremd und +zufällig.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Ja, Zärtlichkeit, das ist es. Ohne Zärtlichkeit +wird Liebe sündhaft. Zärtlichkeit ist wie ein treuer +Hund am Herd, der nie den Herrn verkennt.</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p>Ich weiß es seit langem, Anna, daß Sie nicht +glücklich sind.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Glücklich! Ich bin noch vor dem Glück vielleicht +und hab Angst, daß es vorübergeht, ohne +daß ich weiß, was es ist. Ich möcht’ es ausgraben +wo und kenn’ den Ort nicht, wo es liegt. +– Wenn Sie mein Mann wären, Amandus, und +Lang käm’ ins Haus, so wie Sie kommen, und +Sie würden dazu schweigen und ich wüßte nicht, +schweigen Sie aus Großmut oder aus Nachlässigkeit, +die Unruh’ würde mir das Herz abdrücken. +Und schwiegen Sie aus Nachlässigkeit, und ich +wüßt’ es, so wär alles vorbei. Aber auch wenn +Sie eifersüchtig wären und es zeigten, wär alles +vorbei, denn ist ein Mann eifersüchtig, so achtet +er sich selbst nicht oder die Frau nicht. – Wir +müssen uns jetzt trennen, Amandus. <em class="direction">(Sie steht auf.)</em></p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_147" id="Page_147" title="147"></a>Schlözer</p> + +<p class="dircenter">(zu ihr)</p> + +<p>So gilt’s denn. Es wird Nacht in meinem +Leben.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(verloren und wie zu sich selbst; schmerzlich)</p> + +<p>Der Turm, Amandus, wird nicht gebaut. Mein +Turm wird nicht gebaut.</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p>Der Turm –?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Ach, wundern Sie sich nicht. Ich schwatze +wohl zu viel. – Zu welcher Stunde wollen Sie +denn fort?</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p>Zwischen zwölf und ein Uhr denk’ ich.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Und wohin?</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p>Gen Würzburg geht die Fahrt.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(wie aus einem Traum)</p> + +<p>Wenn ich mitginge ... wenn ich mitginge ...</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p class="dircenter">(leidenschaftlich, packt ihre Hände)</p> + +<p>Anna! –</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_148" id="Page_148" title="148"></a>Anna</p> + +<p class="dircenter">(lächelnd und verstört)</p> + +<p>Tu’ ich den Schleier ums Gesicht, erkennt mich +niemand ...</p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p class="dircenter">(außer sich)</p> + +<p>Ich lass’ den Wagen beim Mauthaus auf der +Chaussee warten. Ich laß ihn bis zum Abend +warten, wenn Sie wollen!</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(leise)</p> + +<p>Wie er’s tragen wird? Ob’s ihn wandeln +wird ... <em class="direction">(Schlözer mit der Linken von sich abhaltend.)</em> +Ja, warten Sie, Amandus. Beim Mauthaus +zwischen zwölf und eins. Nur dies noch, – Sie +sind mein Ritter. Nicht fragen werden Sie, mich +nicht bedrängen ... <em class="direction">(Hastig.)</em> Nein, nein, nicht +reden jetzt. Beim Mauthaus zwischen zwölf und +eins ... Geh ich den Feldweg, sieht mich +niemand. Gehen Sie, Amandus. Nichts reden! +<em class="direction">(Sie legt den Finger auf den Mund.)</em></p> + +<p class="speaker">Schlözer</p> + +<p class="dircenter">(geht wie ein Schlafwandler mit zurückgekehrtem Gesicht +zur Tür).</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Nichts reden ...</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_149" id="Page_149" title="149"></a>Schlözer</p> + +<p class="dirlong">(mit einer trunkenen Bewegung ab. Während die Tür +offen ist, hört man vom Flur die Stimmen der Bauern).</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(steht entgeistert mit geschlossenen Augen).</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p class="dircenter">(kommt)</p> + +<p>Da draußen sind die Frommetsfeldner Bauern. +Wollen beim Domänenrat petitionieren wegen ihres +Turmes ... Um Gott, Kind, – wie siehst du aus?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Nichts, Mutter, es ist nichts. <em class="direction">(Ab nach links.)</em></p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p class="dircenter">(schaut ihr nach)</p> + +<p>Da ist was nicht rund in der Welt, sollt’ mich +dünken. Der Schlözer ist mir auch ganz rabiat vorgekommen +... Als ob einer vom Wein aufsteht +und durch die Wand steigen will. Kind! Kind!...</p> + +<p class="speaker">Bärbel</p> + +<p class="dircenter">(kommt)</p> + +<p>Könna die Bauersleit’ da herinnet wart’n?</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Ja, laß sie nur herein. Der Domänenrat muß +gleich kommen. Die Leute sagen ja, sie hätten ihn +unterwegs schon getroffen. Ich will mich nach der +jungen Frau umschauen. <em class="direction">(Links ab.)</em></p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_150" id="Page_150" title="150"></a>Bärbel</p> + +<p class="dircenter">(nach draußen)</p> + +<p>No, spaziert nur da ’rein! <em class="direction">(Es kommen der Ringhofbauer, +der Erlhofbauer, der Waldhofbauer, und zwei +andere Bauern. Alle tragen die urtümliche fränkische +Bauerntracht: silberne Knöpfe an den blauen Westen, +schwarze Jacken, schwarze Hosen in hohen Stiefeln, +schwarze Zipfelmützen. Sie drücken sich scheu und ehrfürchtig +herein, bleiben regungslos stehen.)</em></p> + +<p class="speaker">Bärbel</p> + +<p>Derft euch au’ niedersetzen. <em class="direction">(Ab, läßt die Tür +offen.)</em></p> + +<p class="speaker">Der Ringhofbauer</p> + +<p>Joo ... <em class="direction">(Sie bleiben stehen.)</em></p> + +<p class="speaker">Der Erlhofbauer</p> + +<p>Wer soll’n reden?</p> + +<p class="speaker">Der Ringhofbauer</p> + +<p>I wer’ scho reden.</p> + +<p class="speaker">Der Waldhofbauer</p> + +<p>Was werst’n sog’n?</p> + +<p class="speaker">Der Ringhofbauer</p> + +<p>I wer scho was sog’n. <em class="direction">(Es kommen Lang und +der Kammerdirektor Mühlbach, ein älterer, würdiger Herr.)</em></p> + +<p class="speaker">Kammerdirektor</p> + +<p>Ich hab’s Ihnen gleich gesagt: der Präsident +ist in dieser Sache machtlos.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_151" id="Page_151" title="151"></a>Lang</p> + +<p>Niemand hat den Mut, für das Notwendige +sich einzusetzen, wenn er gleich die Vernunft hat, +es zu sehen. Es ist ein Höllenzirkel.</p> + +<p class="speaker">Kammerdirektor</p> + +<p>Da haben Sie Ihre Bauern ...</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Ja. Und morgen werden die Pfarrer kommen, +und übermorgen die Küster.</p> + +<p class="speaker">Kammerdirektor</p> + +<p>Der Präsident hat nicht so unrecht, wenn er +meint, daß das Wegschaffen des Turms gleichsam +eine <em class="antiqua">capitis deminutio</em> sein würde.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Das <em class="antiqua">Corpus juris</em> wird maulfeil, wo das gesunde +Gefühl revoltiert. Bin ich schwächer hier +als Stumpfsinn und böser Wille, dann kenn ich +meinen Weg.</p> + +<p class="speaker">Kammerdirektor</p> + +<p>Aber Lang! Lang!</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(zu den Bauern)</p> + +<p>Hört mich an, ihr Leute! Wenn ihr einen +Webstuhl habt, und der zerbricht, dann werdet ihr +euch einen neuen Webstuhl anschaffen. Nicht +wahr?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_152" id="Page_152" title="152"></a>Die Bauern</p> + +<p>Joo ... joo ...</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Und wenn euch ein alter Hofhund krepiert, +dann werdet ihr euch nach einem andern, einem +jungen Hofhund umsehen. Ist’s so?</p> + +<p class="speaker">Die Bauern</p> + +<p>Joo ... joo ...</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Wenn euch aber ein Haus abbrennt, das auf +einem vom Wasser unterhöhlten und durchweichten +Grund gestanden ist, werdet ihr dann das Haus +auf demselben Grund wieder aufbauen? Sagt mir +eure Meinung. Frisch heraus!</p> + +<p class="speaker">Die Bauern</p> + +<p>Naa ... naa ...</p> + +<p class="speaker">Ringhofbauer</p> + +<p>Das wöll’n mer nit ton. Naa ... naa ... +<em class="direction">(Er nickt den andern verständnisinnig zu, als sollten sie +seine Beredsamkeit bestaunen.)</em></p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Und wenn auf euerm Acker ein großer Baum +steht, der dem Getreide Licht und Sonne nimmt, +den ihr aber nicht umhauen wollt, weil er dort +seit Menschengedenken wächst, und der Baum bricht +nun eines Tages, weil er krank ist, oder der Blitz +<a class="page" name="Page_153" id="Page_153" title="153"></a>haut ihn zu Boden, werdet ihr da nicht froh sein, +daß er weg ist?</p> + +<p class="speaker">Die Bauern</p> + +<p>Joo ... joo ...</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Oder werdet ihr ihn von neuem in die Erde stecken?</p> + +<p class="speaker">Die Bauern</p> + +<p>Naa ... naa ...</p> + +<p class="speaker">Ringhofbauer</p> + +<p>Des tenna mer nit, Herr Råt! <em class="direction">(Wie oben.)</em></p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Nun also! <em class="direction">(Der Schreiber Kasteljack, ein dürrer, +langer, fusliger, schattenhafter Mensch, kommt schüchtern und +eilig getrippelt, hat ein amtliches Dokument in der Hand.)</em></p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(unwirsch)</p> + +<p>Was gibt’s, Kasteljack?</p> + +<p class="speaker">Kasteljack</p> + +<p class="dircenter">(asthmatisch)</p> + +<p>Herr Domänenrat ... <em class="direction">(hüstelt)</em> das Gesuch an +die Regierung wegen Nichtwiederaufbaus des Frommetsfeldner +Turms ... <em class="direction">(Greift sich an die Brust, hüstelt.)</em></p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Hurtig, hurtig, Mensch! <em class="direction">(Entreißt ihm den Bogen.)</em></p> + +<p class="speaker">Kasteljack</p> + +<p>... ist leider diesen Morgen als unerledigbar +... unerledig ... lich ... zurückgekommen.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_154" id="Page_154" title="154"></a>Lang</p> + +<p class="dircenter">(mit verbissenem Grimm)</p> + +<p>Und der Grund?</p> + +<p class="speaker">Kasteljack</p> + +<p>Eine Formalität, Herr Domänenrat ...</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Was für eine Formalität?</p> + +<p class="speaker">Kasteljack</p> + +<p>Der Submissionsstrich fehlt.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Der – Submissionsstrich?</p> + +<p class="speaker">Kammerdirektor</p> + +<p>Der Submissionsstrich?</p> + +<p class="speaker">Kasteljack</p> + +<p>Ja. Es ist dies eine wichtige amtliche Formalität. +<em class="direction">(Hüstelt.)</em> Die Vorschrift lautet, daß zwischen +dem Text des Gesuches oder des Referats oder des +Ausweises oder des Testimoniums ... daß zwischen +dem Text und der Unterschrift des betreffenden +Herrn Referenten oder Berichterstatters ein +dicker, gerader, deutlicher Strich gezogen werde. +Diesen Strich nennen wir den Submissionsstrich.</p> + +<p class="speaker">Kammerdirektor</p> + +<p>Ja. ’s ist wahr, eine ganz zweifellose Institution, +die Sie doch kennen müssen, Lang.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_155" id="Page_155" title="155"></a>Lang</p> + +<p>Ich kenne sie. Jetzt kenn ich sie. Mit einem +Wort: diese Unterlassung bedeutet zwei bis drei +Monate Aufschub. Der Submissionsstrich soll das +Seil werden, auf dem man mich tanzen lassen +will. Oder der Balken, mit dem man mir um +die Füße schlägt. <em class="direction">(Er eilt zum Schreibtisch und zieht +in größter Hast mit Bleistift und Lineal Striche auf +einem großen Bogen Papier.)</em> So werden hierzuland +die Männer traktiert und die wahren Interessen +schachmatt gemacht. <em class="direction">(Kehrt zu Kasteljack zurück.)</em> +Hier, Kasteljack. Da ist ein ganzer Schreibebogen, +reichlich versehen mit Submissionsstrichen. Schicken +Sie den Bogen an die betreffende Kanzlei der +Regierung, ich lasse submissest ersuchen, in einschlägigen +Fällen sich aus diesem Vorrat von Submissionsstrichen +bedienen zu wollen.</p> + +<p class="speaker">Kasteljack</p> + +<p>Aber ...</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Kein Aber. Tun Sie, was ich Ihnen befehle. +Es ist Ernst.</p> + +<p class="dircenter">(Kasteljack unter Bücklingen rückwärtsgehend ab.)</p> + +<p class="speaker">Kammerdirektor</p> + +<p>Sie werden sich’s mit der hohen Regierung +gründlich verderben, lieber Lang.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_156" id="Page_156" title="156"></a>Lang</p> + +<p>Die und ich, wir können nicht in derselben +Küche unser Fleisch kochen. Ihres schmeckt mir +ranzig und meins ist ihnen zu zähe. Verderben! +Ich mit ihnen verderben! Ich hab’ ihnen gedient, +wie einer, der’s redlich meint. Sie haben mich +bezahlt wie einen, der schon betrogen hat. Wer +sein Schäfchen ins Trockene bringt, erregt ihnen +keinen Argwohn, wer sich mausig macht und ihre +verstaubten Litaneien überhört, den legen sie nackt +in die Sonne und salben ihn mit dem Öl ihrer +Schikanen, daß das Ungeziefer über ihn kommt.</p> + +<p class="speaker">Kammerdirektor</p> + +<p>Lang! Lang! mäßigen Sie sich doch.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Ich bin am Ende meiner Fassung. Wenn man +zusehen muß, daß alle Quellen hämisch verstopft +werden und die Menschheit verdurstet. Daß die +Früchte wachsen, um zu verfaulen. Große Männer +Großes richten, um Popanze zu werden für die +Phrasendrechsler. Verderb ich mir’s mit ihnen, +steht’s desto besser zwischen mir und meinem Gewissen. +<em class="direction">(Zu den Bauern, die unterdessen heimlich gewispert +haben.)</em> Nun, ihr Leute! Der Baum, von +dem ich euch da gesprochen habe, vergleichsweise, +versteht mich wohl, der Baum ist euer alter, unnützer +<a class="page" name="Page_157" id="Page_157" title="157"></a>Turm. Was wollt ihr beginnen mit einem +Turm? Könnt ihr ihn als Heuschober brauchen? +Nein. Könnt ihr drinnen wohnen? Nein. Wollt +ihr drinnen beten? Nein. War er besonders +schön von Ansehen? Nein. Es war nichts in +ihm oder an ihm, was euch hätte ergötzen oder +fördern können. Und doch wollt ihr ihn wieder +aufrichten. Warum?</p> + +<p class="speaker">Erlhofbauer</p> + +<p>Mer war’s halt so g’wöhnt, Gnaden Herr Råt.</p> + +<p class="speaker">Waldhofbauer</p> + +<p>’s wär a Schand, Gnaden Herr Råt.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Die Schande will ich euch auswetzen. Ich bau +euch ein Schulhaus, das wird ein wahrer Staat +sein. Seht, das ist eine Aussaat, von der ihr eine +gute Ernte einheimsen könnt. Profitiert <em class="gesperrt">ihr</em> nicht +mehr davon, so profitieren eure Kinder, die Söhne +und die Töchter. ’s ist, wie wenn man Kälber +auf eine fette Weide treibt. Da wächst euch kein +habergasiges Vieh heran, das sich seiner Haut +schämen muß, sondern ein edler Schlag. Der +Bauer hat nicht nötig, sein Licht unter den Scheffel +zu stellen. Mit dem Wissen ist’s eine eigene +Sache und, glaubt mir’s oder glaubt mir’s nicht, +wenn ihr eure Kinder was lernen laßt, werden +eure Mühlen besseres Korn zu mahlen haben.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_158" id="Page_158" title="158"></a>Ringhofbauer</p> + +<p>Da hab’n mer alles nichts dageg’n, Herr Råt; +aber um unsern Turm woll’n mer halt fleißig gebeten +hab’n.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Holzköpfe! <em class="direction">(Verzweifelt zum Kammerdirektor.)</em> Das +ganze Ding gleicht einem Gänsespiel, wo man sich +schon nah am Ziel glaubt, und durch einen mißglückten +Wurf von einem umgekehrten Schnabel +zum andern wieder zum ersten Anfang zurückgewiesen +wird.</p> + +<p class="speaker">Kammerdirektor</p> + +<p>Ich wußt es vorher.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p class="dircenter">(kommt mit einem Brief, von rechts).</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Doch laß’ ich nicht nach, und wenn’s ein Jahr +meines Lebens kostet.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Da ist ein Brief an Sie gekommen, Lang.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Das Siegel sollt ich kennen. ’s ist vom +Fürsten Hardenberg. <em class="direction">(Er bricht den Brief auf und +liest; seine Miene verzerrt sich sichtlich, er wirft das +Schreiben mit einem Laut des Schmerzes und der Wut +zur Erde und schlägt die Fäuste vor die Augen.)</em></p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_159" id="Page_159" title="159"></a>Frau von Hänlein</p> + +<p class="dircenter">(erschrocken)</p> + +<p>Lang!</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Geht mir aus den Augen! Geht! Fort ihr +alle! – Auch er! auch er! – Nichts richten +können! nichts vollenden können!</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Aber Lang, sein Sie doch vernünftig! <em class="direction">(Sie +hebt den Brief auf.)</em></p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(entreißt ihn ihr)</p> + +<p>Sehen Sie, Mühlbach, – hören Sie! <em class="direction">(Liest +im Tiefsten erregt, mit zusammengebissenen Zähnen.)</em> +»Die gegnerischen Umtriebe sind so mächtig geworden, +lieber Lang, daß ich Sie in Ihrem wie in +meinem Interesse bitten muß, die fragliche Affäre +mit dem unglückseligen Turm fallen zu lassen. +Sie wissen, welchen Anteil ich an Ihren Bestrebungen +nehme, ich kenne die edle Selbstlosigkeit, +mit der Sie allem hingegeben sind, was Sie für +recht und förderlich erkannt haben, aber das Tüchtige +läßt sich auf vielen Wegen durchsetzen,« – +so spricht Er! Er! So haben sie ihn zu Brei gemacht! +Das Tüchtige auf vielen Wegen! – <em class="direction">(Liest.)</em> +»Stehen Sie ab vom Unerreichbaren und wirken +Sie im Möglichen« – nichts da, von Gnadenbrot +<a class="page" name="Page_160" id="Page_160" title="160"></a>will der Lang nichts wissen, – <em class="direction">(Liest.)</em> »Ich war +gezwungen, die einschlägigen Akten einem anderen +Referenten zu übertragen« – <em class="direction">(Wirft wie von Ekel +erfaßt das Papier von sich.)</em></p> + +<p class="speaker">Kammerdirektor</p> + +<p>Ich finde das Schreiben Seiner Exzellenz äußerst +würdig und schmeichelhaft, lieber Lang ...</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(scheinbar gefaßt)</p> + +<p>Ja. Das ist es. Ohne Zweifel. Einem andern +Referenten. Einem, der biegsam ist und Ja und +Amen sagt. Gönnen Sie mir jetzt eine Stunde +der Ruhe und Überlegung, lieber Mühlbach. Ich +habe heute noch mancherlei zu tun, denn morgen +mit dem Frühesten werde ich meine Bestallung per +Extrapost an die Regierung zurücksenden.</p> + +<p class="speaker">Frau von Hänlein</p> + +<p>Lang!</p> + +<p class="speaker">Kammerdirektor</p> + +<p class="dircenter">(macht beschwörende Gesten).</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Lassen Sie nur, Mühlbach. Ich weiß, Sie +haben die beste Meinung von mir. Aber das kann +jetzt nichts nützen. Gott befohlen, ihr Leute. Gehn +Sie nur, Mutter. Adieu, lieber Mühlbach. <em class="direction">(Die +Bauern, der Kammerdirektor und Frau von Hänlein +<a class="page" name="Page_161" id="Page_161" title="161"></a>ab. Lang prüft, ob die Türe zu ist, geht dann zum +Schreibtisch, läßt sich nieder und stützt den Kopf in die +Hand. Sein Gesicht hat einen tief verbitterten und tief +erschöpften Ausdruck.)</em></p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dirlong">(kommt von links. Sie ist zum Ausgehen gekleidet, doch +hat sie statt des Hutes einen schwarzen Schal über dem +Kopf. Sie tritt leise auf, schaut vorsichtig durch das +Zimmer. Als sie Lang so augenscheinlich gebrochen sieht, +erschrickt sie und faltet unwillkürlich die Hände).</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(blickt empor, mit innerlicher Wildheit)</p> + +<p>Ja, Anna. Da bin ich nun. Kannst mich +verpflegen, wenn du willst. Als Tagedieb im Haus, +als Siebenschläfer im Bett. Bin zu nichts mehr +nutze. Sie haben mir die Hände aus den Gelenken +gedreht.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(macht zwei Schritte, bleibt wieder stehen).</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(erhebt sich; mit verzweifelter Klage und Anklage)</p> + +<p>Es kränkt mich wahrlich um meinen Stolz. +Es kränkt mich um die Ader, die mir schwillt. +Möcht alle getanen Schritte bereuen und alle gesprochenen +Worte wieder einschlucken. Warum bin +ich nicht auch so ein Jasager und Sonnenblumen-Männlein, +<a class="page" name="Page_162" id="Page_162" title="162"></a>dann stünd’ ich nicht so da, Schmach +und Spott mir selber. Der elende Mückentanz! +Wohin man greift, nur Luft; wohin man schlägt, +trifft’s den eigenen Leib. <em class="direction">(Ausbrechend in heller +Bitterkeit.)</em> Schau’ mich nicht an, Frau, ich schäm +mich vor dir. Was kannst du anders glauben, +als daß ein Mannsbild nur dazu da ist, um zu +flunkern und sich wichtig zu machen? Und wenn +er sich ganz <em class="antiqua">in floribus</em> hat zeigen wollen und +einer Sache sich verdungen hat, bei der von Recht +und Wohlfahrt zu schwadronieren war, so sitzt er nun +um so erbärmlicher da, mit Fußtritten heimgeschickt.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(in deren Zügen sich eine innige Besorgnis malt, leise)</p> + +<p>Karl Heinrich!</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Und keinen Menschen! Keinen, der ’s redlich +meint! So ohnmächtig sein! Geh von mir +fort. Du hast nichts an mir. Geh aus meinem +Hause. Ich bin kein Mann für dich. Bin +deiner nicht wert. Geh zu einem, der ’s mit ehrlichen +Feinden zu tun hat und ein Schwert in die +Faust nehmen kann, wenn ihn die Horde bedrängt. +<em class="direction">(Er setzt sich mutlos und matt wieder in den Sessel.)</em></p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(wie oben)</p> + +<p>Nicht so, Karl Heinrich!...</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_163" id="Page_163" title="163"></a>Lang</p> + +<p>Oder willst du nur darum bei mir bleiben, +weil mein Schicksal deiner Torheit zu Hilfe gekommen +ist? Trotzt ihr doch in eurer blinden Sucht, +ihr Weiber, dem Himmel selber unvernünftige +Taten ab. Ja, er wird gebaut, dein Turm. Er +wird gebaut.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(leise)</p> + +<p>Das wußte ich gleich, Karl Heinrich, als ich +dich so sah.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Kannst du mich darum höher estimieren, was +soll ich dann von meinem Wert noch halten und +was von deinem Stolz?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(mit kaum merkbarer, schmerzlicher Schalkhaftigkeit)</p> + +<p>Soll ich aber von dir fort, nur um zu beweisen, +daß mir an dem Turm jetzt nichts mehr +liegt?</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(bitter)</p> + +<p>Wenn man den Kindern das Spielzeug gibt, +nach dem sie verlangt haben, dann werfen sie’s +beiseite.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Ich habe ja den Turm von dir begehrt und +<a class="page" name="Page_164" id="Page_164" title="164"></a>nicht von denen, die dir ein Leids damit getan. +So komm’ ich mir ja vor, als stünd ich mit ihnen +im Bund. Und wenn noch dazu dein Herz gegen +mich gestimmt ist, so flüstert’s dir vielleicht ein, +ich hätte dich verraten, irgendwie geheimnisvoll +verraten. Ach, Karl Heinrich! Plötzlich bin ich +schuldig und weiß kaum wieso. Schuldig vor dir, +schuldig vor mir und weiß kaum wieso.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(schaut sie an)</p> + +<p>Was stehst du denn da mit deinem Kopftüchlein +und wohin willst du denn gehen? Willst nach Frommetsfelden +hinaus und zugucken, wie sie bauen?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Ich will’s dir sagen, Karl Heinrich. Zum Mauthaus +wollt ich gehn auf der Chaussee.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Und was willst du denn dorten beim Mauthaus +auf der Chaussee?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Dort kommt der Leutnant Schlözer vorbei und +will auf mich warten.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(den Oberkörper nach vorn gebeugt, stützt den Kopf mit +beiden Händen. Schweigt.)</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_165" id="Page_165" title="165"></a>Anna</p> + +<p>Es war beschlossen, Karl Heinrich, – fast wie +man den Tod beschließt.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(dumpf)</p> + +<p>Beschlossen! Dies beschlossen! So muß es +Laster in mir geben, die ärger sind, als ich sie +ahnte, und was dich zu mir geführt, war nur ein +Gaukelspiel betrügerischer Tage. Alle Wege: abwärts. +Jeder Tag nur eine kurze Dämmerung +zwischen zwei Nächten. Es ist ein unheimlicher +Geisterspuk, der einen so lang schaudern macht, +bis die Gedanken still stehn, und was die Brust +bewegt, ist Scham, Scham, Scham!</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(tief erregt)</p> + +<p>Hör mich an, Karl Heinrich –</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Hör ich dich, so bin ich schon getäuscht. Was +gabst du mir freundliche Mienen und Blicke? Nur +damit es jetzt offenbar wird, daß du einen brauchst, +der süße Worte machen kann und immer beteuern +kann und schwärmen kann und zeigen kann, was +ihr mit euren kurzen Sinnen sehen müßt. Geh +nur, Anna. Denk nicht, daß du einen Verzweifelten +zurückläßt. Ich bin’s nicht ungewohnt, abzurechnen +<a class="page" name="Page_166" id="Page_166" title="166"></a>mit mir und meinem Leben. Was ich nie +besessen habe, kann ich nicht verlieren. Freilich +der Irrtum, der frißt am Mark und macht alt +und krank und müde.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Es ist hart für mich, was du sprichst, aber ich +verdien’s. Doch laß es genug sein, Karl Heinrich, +und vergiß, was du gesagt, damit ich vergessen +kann, was ich nur halb getan.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(steht auf)</p> + +<p>Du sollst nicht vergessen und ich kann nicht +vergessen. Es sei denn, wir wollen nicht für +unsere Handlungen einstehen und uns aufführen +wie Knaben, die einander schön tun, nachdem +sie sich geprügelt haben. Es ist von Übel, jegliches +Wort von Übel. Mit Schwatzen und Auseinandersetzungen +erreichen die Menschen nichts +weiter, als daß sie sich so nahe rücken, daß sie +keinen Platz mehr zum Atmen haben. Und um +mein Glück und um meinen Frieden kann ich nicht +feilschen. Was man einander gewährt und einander +erläßt, kann nicht durch Abmachungen geregelt +werden. Alles wahre Zusammenleben beruht auf +Schweigen, Frau! Je tiefer der Bund, je tiefer +das Schweigen. Bliebst du aus Mitleid bei mir, +so wünscht’ ich lieber, ich hätte dich nie gesehen.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_167" id="Page_167" title="167"></a>Anna</p> + +<p class="dircenter">(hat die Hand an die Stirn gedrückt, läßt sie fallen, +tritt näher, frei und entflammt)</p> + +<p>Wie kommt’s nur, daß ich dich jetzt so spüre, +Karl Heinrich! Schon als es mich da draußen +über die Schwelle zog, war mir, als ließ ich alle +Zweifel zurück. Nicht Mitleid ist’s, nein, nein! – +Höchstens könnte ich dein Mitleid fordern für mich, +denn ich war so klein und ich glaubte, du würfest +mich hin gegen die Welt und die Welt sei dir alles +und ich zu wenig, ich zu allein gegen dich und die +Welt. Jetzt aber sehe ich dich auch allein und +das – das! Karl Heinrich –! <em class="direction">(Sie ergreift seine +Hand und drückt ihre Stirn darauf.)</em></p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(sinnend)</p> + +<p>Ach, du wunderliches Geschöpf von einem Weib.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(wieder aufgerichtet)</p> + +<p>Du hast recht, Karl Heinrich. Es sollen nicht so +viele Worte zwischen den Menschen hin und her geworfen +werden. Es soll vielleicht bestehen bleiben, +dies Fremde und dies Ferne, das mich so oft gequält +hat. Vielleicht ist es gut so, daß wir nicht zu allen +Zeiten alles von einander wissen, und gut ist es auch, +daß ich dich suchte. Ja, es ist gut, daß ich dich +suche, wenn du mich hältst! – Behalte mich!</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_168" id="Page_168" title="168"></a>Lang</p> + +<p>Ich will dich halten.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(ohne Emphase ganz hingegeben)</p> + +<p>Was soll’s noch um den dumpfigen, stockigten +Turm, Karl Heinrich? Habe ihn gewünscht, wie +man ein Zeichen wünscht, ein Zeichen für etwas, +das nun da ist.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(zu ihr gebeugt)</p> + +<p>Und doch mußt du vieles dafür tragen, Kind. +Mich vor allem, der eine Weile zusehn muß, untätig +beiseite. Wir wollen aus der Stadt ziehen. +Vom Amt will ich weg –</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p class="dircenter">(bestimmt und mit freier Heiterkeit)</p> + +<p>Nein, Karl Heinrich. Dieses wirst und kannst +du nicht tun. Du bist der Mann nicht fürs Ausgeding. +Mit den Wurzeln sich selber ausgraben +und verdorren lassen? Du überzeugst sie ja schon +von deinem Wert, indem du da bist. Könnte das +Wasser schäumen ohne Damm? Hätt es solche +Kraft? Kommt’s darauf an, bezahlt zu werden, +Karl Heinrich, heute oder morgen bezahlt? Bezahlt +dich nicht dein eigenes Blut und deine innere +Flamme?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_169" id="Page_169" title="169"></a>Lang</p> + +<p class="dircenter">(betroffen)</p> + +<p>Frau, – wie du das sagst! Woher kommen +dir solche Worte? Also bedeutet dir mein Treiben +wirklich was? Willst nimmer so scheu und zweifelhaft +neben mir wandeln?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Es hat mir nichts bedeutet, so lang ich nicht +fühlen konnte, wie du mich damit umschlingst und +wie ich dazu gehöre.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>So hätte mir der Aberwitz und blöde Widerstand +der Welt zum Köstlichsten verholfen?</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Spürst du’s so, dann ist es mehr, als ich gesehnt.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p class="dircenter">(packt ihre Hände, leidenschaftlich)</p> + +<p>Und doch hat dich das trübe Wesen zum +Scheideweg geführt ...</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Wer am Scheideweg war, weiß besser ums +Ziel. <em class="direction">(Man hört Räder rollen auf der Straße.)</em> Komm, +Karl Heinrich – <em class="direction">(Sie zieht ihn zum Fenster.)</em></p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Es ist ein Wagen, der vom Posthaus abfährt ...</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_170" id="Page_170" title="170"></a>Anna</p> + +<p>Zum Mauthaus auf der Chaussee. – Gib mir +die Hand, Karl Heinrich! Drück sie fest, fest ... +so. Hörst du, wie mein Herz klopft? Ich glaube, +es klopft vor Glück.</p> + +<p class="speaker">Lang</p> + +<p>Unsere Herzen sind wie zwei Schalen in der +Hand eines Engels. Ist ein Auf- und Niederschwanken +sondergleichen. Jeder Pulsschlag zieht’s +hier hinunter, dort hinauf. Wir wägen nicht, es +wird uns zugewogen. Wir müssen still halten, +das ist alles.</p> + +<p class="speaker">Anna</p> + +<p>Ich halte still, Karl Heinrich. <em class="direction">(Das Posthorn +tönt.)</em> Gute Fahrt, Schwager Postillon!</p> + +<p class="vorhang"><em class="gesperrt">Vorhang</em>.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_171" id="Page_171" title="171"></a></p> +<h2><a name="Lord_Hamiltons_Bekehrung" id="Lord_Hamiltons_Bekehrung"></a>Lord Hamiltons Bekehrung</h2> + + +<p class="personen"><a class="page" name="Page_172" id="Page_172" title="172"></a>Personen:</p> + +<ul class="personen"> +<li>Lord William Hamilton (von der Seitenlinie der Herzoge)</li> +<li>Sir Francis Hamilton, sein Sohn</li> +<li>Emma Lyon</li> +<li>Mr. Dashwood, Notar</li> +<li>Mr. Fletcher, Uhrmacher</li> +<li>Der Majordom</li> +<li>Mrs. Adams, Wirtschafterin</li> +<li>Doktor Middlewater</li> +<li>James, ein alter Diener</li> +<li>Drei andere Diener</li> +</ul> + +<p class="spielt">Spielt am Ende des achtzehnten Jahrhunderts +in Easton Park in der Grafschaft Suffolk.</p> + +<p><a class="page" name="Page_173" id="Page_173" title="173"></a></p> +<p class="newsection dirlong">Das Frühstückzimmer in Easton Park. Nach hinten +führt eine offene Flügeltür in die Halle, durch +die man wiederum in den Park blickt. Rechts eine geschlossene +Flügeltüre, links zwei hohe Fenster. Ein schmaler +Tisch, mehr links, ist für zwei Personen gedeckt. Ein +anderer, schwerer Eichentisch steht mehr rechts. In der +linken Ecke eine Wanduhr in einem massiven Gehäuse, +das bis zur Decke reicht. An den Wänden hängen alte +Gobelins und ein paar niederländische Stilleben.</p> + +<p class="dirlong">Auf einer kleinen Leiter vor der Wanduhr steht Mr. +<em class="gesperrt">Fletcher</em>; er hat den mächtigen Pendel abgenommen +und horcht ins Räderwerk. Der <em class="gesperrt">Majordom</em> hat den +gedeckten Tisch inspiziert und beobachtet dann ernsthaft, +mit verschränkten Armen, die Hantierung des Uhrmachers. +Währenddem tritt <em class="gesperrt">Doktor Middlewater</em> vom Park +her in die Halle, stellt seinen Medikamentenkasten auf +die Bank und kramt darin, wobei er der Szene den +Rücken zukehrt. Gleichzeitig kommt <em class="gesperrt">Lord Hamilton</em> +von draußen rechts in die Halle. Er beachtet den +Arzt nicht, der sich rasch umwendet und, obwohl er +schon gebückt steht, eine noch tiefere Verbeugung macht. +Der <em class="gesperrt">Lord</em> hat einen Brief in der Hand und geht +<ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'nruhig'">unruhig</ins> auf und ab.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(draußen)</p> + +<p>Mister Wardle!</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_174" id="Page_174" title="174"></a>Der Majordom</p> + +<p>Mylord! <em class="direction">(Eilt hinaus.)</em></p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Für welche Stunde ist Mister Dashwood bestellt?</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Für elf Uhr, Mylord.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(die Taschenuhr ziehend)</p> + +<p>Dann muß er in sechsunddreißig Minuten hier +sein.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Gewiß, Mylord.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Doktor Middlewater, ich bin bereit. <em class="direction">(Mit +Doktor Middlewater in der Halle rechts ab.)</em></p> + +<p class="speaker">Mr. Fletcher</p> + +<p class="dirlong">(hat neugierig gelauscht. Er ist trotz seiner vorgerückten +Jahre ungemein eitel. Während der Lord geht und der +Majordom zurückkommt, holt er einen Handspiegel aus +seiner Tasche und betrachtet sich wohlgefällig).</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Sie hören, Mister Fletcher, – es ist sechsunddreißig +Minuten vor elf.</p> + +<p class="speaker">Mr. Fletcher</p> + +<p>Ich habe bemerkt, daß die <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Pünklichkeit'">Pünktlichkeit</ins> in +<a class="page" name="Page_175" id="Page_175" title="175"></a>diesem Hause etwas willkürlich gehandhabt wird. +Seine Lordschaft ist imstande, der Sonne zu befehlen, +welche Zeit es ist. Das erscheint mir etwas +waghalsig. Es widerspricht der göttlichen Weltordnung. +– Wie finden Sie mich heute aussehend, +Mister Wardle?</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß +die Uhr gestern um neun Minuten zu spät gegangen +ist.</p> + +<p class="speaker">Mr. Fletcher</p> + +<p class="dircenter">(hängt den Pendel ein)</p> + +<p>Genau das Gegenteil von dem, was ich tue. +Ich bin immer zu früh daran; immer zu früh. +Aber in der Liebe ist das der einzige Weg zum +Erfolg. Meinen Sie nicht, Mister Wardle, daß +ich noch eine ganz repräsentable Erscheinung bin? +Das schöne Geschlecht ist nicht unzufrieden mit mir.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p class="dircenter">(amtlich)</p> + +<p>Sind Sie bald fertig, Mister Fletcher?</p> + +<p class="speaker">Mrs. Adams</p> + +<p class="dircenter">(kommt in Eile; sie ist eine muntere und beleibte Dame)</p> + +<p>Denken Sie nur, Mister Wardle, James ist +betrunken!</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>James? betrunken –? Wie ist das möglich?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_176" id="Page_176" title="176"></a>Mrs. Adams</p> + +<p>Sie müssen uns helfen, Mister Wardle. Wenn +ihn Seine Lordschaft in der Verfassung sieht, geht’s +dem armen alten Kerl schlecht. Erinnern Sie sich +noch, wie er vor drei Jahren den unglücklichen +Jimmy mit der Hundspeitsche auf die Landstraße +jagen ließ, weil er benebelt war –?</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Aber wie konnte das geschehen, Missis Adams? +wie konnte sich James so vergessen?</p> + +<p class="speaker">Mrs. Adams</p> + +<p>Der Kummer, Mister Wardle. Der Kummer +um den jungen Herrn. Sie wissen doch, wie er +an Sir Francis hängt. Nun hat Seine Lordschaft +wahrscheinlich etwas durchblicken lassen, von Enterbung +oder so ... James ist ja der einzige, mit +dem er hie und da ein vertrautes Wort spricht +... der Kummer, Mister Wardle. Ich gehe zu +den Ställen hinüber, um Milch zu holen, da sehe +ich ihn taumeln und mit den Händen fuchteln +und höre, wie er wild vor sich hinmurmelt, – +kurz, er ist im Zustand eines Schweines.</p> + +<p class="speaker">Mr. Fletcher</p> + +<p class="dircenter">(hat vergebens mit Missis Adams zu liebäugeln versucht)</p> + +<p>Was für ein angenehmes Wesen! welche verlockende +Stimme! <em class="direction">(Seufzt, holt den Spiegel hervor.)</em></p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_177" id="Page_177" title="177"></a>Der Majordom</p> + +<p class="dircenter">(ringt die Hände, schnell durch die Halle in den Park ab)</p> + +<p class="speaker">Mr. Fletcher</p> + +<p class="dircenter">(zu Mrs. Adams, die sich anschickt, dem Majordom zu +folgen)</p> + +<p>Haben Sie indessen meinen Antrag überschlafen, +Missis Adams?</p> + +<p class="speaker">Mrs. Adams</p> + +<p class="dircenter">(unruhig nach der Tür schauend, hastig und verschämt).</p> + +<p>Es kann nicht sein, Mister Fletcher. Mylord +ist ein so verschworener Feind von allem Heiraten, +daß ich mir’s zeitlebens mit ihm verderben würde.</p> + +<p class="speaker">Mr. Fletcher</p> + +<p class="dircenter">(bekümmert)</p> + +<p>Sehr unrecht von Seiner Herrlichkeit.</p> + +<p class="speaker">Mrs. Adams</p> + +<p class="dircenter">(vertraulich flüsternd)</p> + +<p>Sie wissen ja, er hat Malheur gehabt. Mylady +ist ihm nach der Geburt von Sir Francis mit +einem Schmugglerkapitän durchgebrannt und in +der irischen See ertrunken.</p> + +<p class="speaker">Mr. Fletcher</p> + +<p>Wie Sie mich hier sehen, Missis Adams, bin +ich ein Mann mit einem geregelten Einkommen +von zweihundertvierzig Pfund.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_178" id="Page_178" title="178"></a>Mrs. Adams</p> + +<p>Sie brechen mir das Herz, Mister Fletcher. +Ich bin so attachiert an Easton Park.</p> + +<p class="speaker">Mr. Fletcher</p> + +<p>Und sonst, Missis Adams, wenn ich auch den +Kahlkopf nicht ableugnen kann, wer will meine +Stattlichkeit bezweifeln?</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p class="dirlong">(tritt mit allen Zeichen eines überstandenen Schreckens +in die Halle, schaut sich ängstlich um, kommt dann auf +die Szene. Unterm Arm trägt er die Aktentasche. Tracht +der Zeit. Quäkerhut)</p> + +Guten Morgen! <em class="direction">(Legt den Hut ab, wischt den +Schweiß von der Stirn.)</em> + +<p class="speaker">Mrs. Adams</p> + +<p>Ist Ihnen etwas Schlimmes widerfahren, +Mister Dashwood?</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Es muß der leibhaftige Satan gewesen sein, +– Gott sei mir gnädig.</p> + +<p class="speaker">Mrs. Adams</p> + +<p>Was denn? wo denn?</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p class="dircenter">(Atem schöpfend)</p> + +<p>Während ich durch den Hohlweg reite ... +Sie kennen ja diesen Hohlweg, Ma’am ... er +<a class="page" name="Page_179" id="Page_179" title="179"></a>ist so schmal, daß zwei Fußgänger einander nicht +ausweichen können ... ach, das Entsetzen ist mir +in alle Glieder gefahren.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p class="dircenter">(kommt nervös wie ein Mann, der nicht weiß, wo er +zuerst Hand anlegen soll)</p> + +<p>Es steht wirklich verzweifelt mit dem alten +Esel. Mister Fletcher, die Uhr in den Dienerwohnungen +muß noch reguliert werden. Mylord +erwartet Sie um elf Uhr, Mister Dashwood.</p> + +<p class="speaker">Mr. Fletcher</p> + +<p class="dircenter">(der an Mister Dashwoods Erregung keinen Anteil nimmt)</p> + +<p>In unserer zarten Angelegenheit werde ich zu +passenderer Stunde wieder anfragen, Missis Adams. +<em class="direction">(Da sie ihn schmachtend anschaut.)</em> Ach, dieser Blick! +– <em class="direction">(Wirft ihr eine Kußhand zu. Ab.)</em></p> + +<p class="speaker">Mrs. Adams</p> + +<p class="dircenter">(zum Majordom)</p> + +<p>Mister Dashwood hat etwas Gräßliches erlebt +– – –</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Ich reite also durch den Hohlweg, und hinter +mir her, auf einem kohlschwarzen Roß, ein Bursche +mit flatternden schwarzen Haaren. Immer mir +nach ... immer auf meinen Fersen, im vollen +Galopp! Ich treibe mein Tier zur Eile an ... +<a class="page" name="Page_180" id="Page_180" title="180"></a>er, mit höhnischem Geschrei, tut dasselbe. Ich +glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich vermute, daß +es ein Räuber war.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Am hellen, lichten Tag?</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Ein blut- und mordgieriger Geselle.</p> + +<p class="speaker">Mrs. Adams</p> + +<p>Da möchte ich nicht an Ihrem Platz gewesen +sein, Mister Dashwood.</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Ich pflege sonst nie ohne Pistole auszugehen. +Weiß man doch nicht, was einem zustoßen wird. +Mein Freund, Mister Sparre, – Sie kennen doch +Mister Sparre, Ma’am? – ist neulich in Pall +Mall von einem wütenden Hund gebissen worden. +Es ist nichts Seltenes, daß jemand inmitten der +Ausübung seiner Amtsgeschäfte von einem jähen +Tod ereilt wurde. Solche Katastrophen treten gewöhnlich +dann ein, wenn sich der kurzsichtige +Mensch auf dem Gipfel seines Glücks befindet +und geneigt ist, sich der wohlverdienten Ruhe hinzugeben. +<em class="direction">(Er erblickt Emma Lyon, die, mit der Reitpeitsche +in der Hand, in die Halle tritt; sehr erregt.)</em> +Da ist er, Ma’am! Da ist er, Mister Wardle! +<a class="page" name="Page_181" id="Page_181" title="181"></a>Schützen Sie mich! Er verfolgt mich bis hieher! +Rufen Sie die Diener zusammen!</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dirlong">(hat sich in der Halle verwundert umgeschaut und kommt +nun auf die Szene. Sie ist als junger Mann im Reitkostüm +gekleidet. Ihre brünetten Haare quellen unter +dem Hut über das schöne, von schnellem Ritt erglühte +Gesicht).</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p class="dircenter">(auf sie zutretend)</p> + +<p>Womit kann ich dienen, Sir?</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(gebieterisch)</p> + +<p>Lassen Sie mein Pferd versorgen. Ich weiß +nicht, ob der Mensch, dem ich es übergeben habe, +sich damit auskennt. Was ist denn das für ein +Betrunkener draußen, um den sie alle herumstehen?</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Der Herr beschütze uns vor dem Übel ... +Erst neulich habe ich in der Zeitung gelesen, daß +der berüchtigte Thomas Field frecherweise in den +Palast des Herzogs von York gedrungen ist.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Wen darf ich melden, Sir?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_182" id="Page_182" title="182"></a>Emma Lyon</p> + +<p>Mister Rippledale aus London. Benachrichtigen +Sie zuerst Sir Francis.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p class="dircenter">(argwöhnisch)</p> + +<p>Mister Rippledale –?</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Ein falscher Name. Ohne Zweifel ein falscher +Name.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Was murmelt der Dicke dort? Ei, sind Sie es, +Sir, der auf einem Ding, mehr Ochse als Gaul, +beständig vor mir hergetrabt ist? Ein andermal +machen Sie Platz, wenn einer hinter Ihnen ist, +der Eile hat.</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p class="dircenter">(demütig stotternd)</p> + +<p>Es ... ich ... der Weg war so schmal ... +<em class="direction">(Abgewendet.)</em> Die Sprache! Er muß eine ganze +Bande im Rücken haben.</p> + +<p class="speaker">Mrs. Adams</p> + +<p class="dircenter">(leise zum Majordom)</p> + +<p>Ich lasse mich hängen, wenn das kein Frauenzimmer +ist.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Sir Francis kommt erst von der Jagd zurück, +Sir.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_183" id="Page_183" title="183"></a>Emma Lyon</p> + +<p>Dann führen Sie mich einstweilen in seine +Zimmer.</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Schau, schau, wie schlau! Und doch, wie wenig +schlau. Wie tollkühn vielmehr.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p><em class="direction">(kommt eilig. Ein junger Mann von zwei- bis dreiundzwanzig +Jahren mit hübscher Gestalt und hübschem +Gesicht. Er trägt einen roten Jagdreitrock, manchesterne +Reithosen und lange Stiefel mit weiten Schäften. Mit +allen Zeichen der Bestürzung.)</em> Um Gottes willen, +du hier, E – –</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(ist schnell auf ihn zugegangen, drückt die Hand auf seinen +Mund)</p> + +<p>Ja, ich bin’s. Bist du nicht froh, deinen alten +Rippledale hier zu sehen?</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p>Ich sah dein Pferd draußen. Ich erkannte es +gleich. Aber – –</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Wundre dich nicht länger. Jede Frage ist überflüssig.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p>Mein Vater – –</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_184" id="Page_184" title="184"></a>Emma Lyon</p> + +<p>Mit ihm zu reden bin ich gekommen. Ich +bin von Suffolk herübergeritten, wo ich übernachtet +habe und wo meine Freunde geblieben sind.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p class="dircenter">(noch immer fassungslos)</p> + +<p>Du kannst ihm doch nicht in diesem Aufzug +unter die Augen treten – –</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Auch dafür ist gesorgt. Ich habe Mary mit +den Kleidern vorausgeschickt.</p> + +<p class="speaker">Ein Diener</p> + +<p class="dircenter">(kommt)</p> + +<p>Es ist ein Frauenzimmer da mit einer Schachtel +für Mister Rippledale.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Also rasch, mein Lieber, bring mich in ein +Zimmer, wo ich mich herrichten kann. <em class="direction">(Sie wendet +sich gegen die Halle, in der jetzt der betrunkene James +erscheint, von einigen männlichen und weiblichen Dienstboten +umgeben, die ihn zu verhindern suchen, ins Zimmer +zu dringen.)</em></p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p class="dircenter">(Emma folgend und in sie hineinredend)</p> + +<p>Es ist sinnlos, sage ich dir. Bei ihm erreichst +du nichts damit.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_185" id="Page_185" title="185"></a>Emma Lyon</p> + +<p>Wir werden sehen, jedenfalls ist deine Angst +vor ihm lustiger als du meinst. Ich liebe nicht, +daß man hinter meinem Rücken über mich verfügt, +und ich bin neugierig, wie er es macht, wenn +ich dabei bin. <em class="direction">(Sie geht ab.)</em></p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Das Geheimnis wird immer undurchdringlicher.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p class="dircenter">(bleibt auf der Schwelle stehen, zum Majordom gewandt +und auf die Gruppe um James deutend)</p> + +<p>Was ist das, Mister Wardle?</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Ich weiß nicht mehr, was ich anfangen soll, +Sir Francis.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p>Schaffen Sie ihn hinaus. – Wenn mein +Vater nach mir fragt, sagen Sie ihm, ich sei noch +nicht zurück. <em class="direction">(Ratlos vor sich hin.)</em> Mein Gott! +<em class="direction">(Ab.)</em></p> + +<p class="speaker">James</p> + +<p class="dircenter">(in der Halle)</p> + +<p>Die Welt ist kugelrund ... drum will ich +mich vergnügen ... sauft nur in vollen Zügen +... dann bleibt ihr auch gesund ... <em class="direction">(Erblickt +<a class="page" name="Page_186" id="Page_186" title="186"></a>Sir Francis.)</em> Sir Francis! oh, Sir Francis! Armer +Sir Francis!</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p class="dircenter">(bleibt einen Moment draußen stehen, winkt dem Betrunkenen +verwirrt zu, dann weiter und nach rechts ab).</p> + +<p class="speaker">Mrs. Adams</p> + +<p class="dircenter">(stürzt gegen die Schwelle, da James trotz der Diener, +die ihn zurückhalten, sich dem Zimmer nähert)</p> + +<p>Nicht hier herein!</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Nehmen Sie doch Vernunft an, James! Sie +kommen ja von Dienst und Brot, wenn Mylord –</p> + +<p class="speaker">James</p> + +<p>Und wär die Welt nicht kugelrund ... <em class="direction">(Er +kämpft mit denen, die ihn halten, dringt aber dabei +immer weiter vor.)</em></p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Die Überwucherung der tierischen Natur kann +Übeltaten im Gefolge haben, deren Tragweite sich +gar nicht ermessen läßt. Für den Zuschauer ist +dabei das Gedächtnis ein quälender Faktor. Ich +erinnere mich eines Tuchwebers, der in der Trunkenheit +seine eigene Großmutter erdrosselte. <em class="direction">(Er verbeugt +sich tief, da von rechts der Lord und Doktor +Middlewater eintreten.)</em></p> + +<p class="dirlong"><em class="gesperrt">Lord Hamilton</em> ist eine Erscheinung von imposanter +<a class="page" name="Page_187" id="Page_187" title="187"></a>Magerkeit. Sein Gesicht hat den Ausdruck dürren +Ernstes. Ihm zu widersprechen, scheint wahnsinnig. Doktor +Middlewater, ein Landarzt, hat seinen Vorteil darin +zu finden gelernt, dem Lord nach dem Mund zu reden.</p> + +<p class="speaker">Doktor Middlewater</p> + +<p>Man kann mit einem solchen Leiden neunzig +Jahre alt werden, Mylord.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Ich hoffe es. Im Übrigen ist mein Körper +dazu da, um mir zu dienen, so lange ich ihn +brauche.</p> + +<p class="speaker">James</p> + +<p>Und wär die Welt nicht kugelrund ... so +müßt ich mich erhängen ... <em class="direction">(Er stockt, da der Lord +erstaunt auf die Gruppe zugeht.)</em></p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Was bedeutet das, Mister Wardle?</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Wir haben alles mögliche versucht, den Mann +zur Besinnung zu bringen, Mylord.</p> + +<p class="speaker">James</p> + +<p>Eure Herrlichkeit mögen verzeihen ... ich bin +ein sterblicher Mensch ... ich ... <em class="direction">(Er zuckt unter +dem Blick seines Herrn zusammen, schweigt, bemüht sich, +fest zu stehen.)</em></p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_188" id="Page_188" title="188"></a>Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(überlegt eine Weile; plötzlich nimmt sein Gesicht die +Miene der Besorgnis an)</p> + +<p>Doktor Middlewater, der Mann ist krank.</p> + +<p class="speaker">Doktor Middlewater</p> + +<p class="dircenter">(kichert, nach einem Blick des Lords faßt er sich)</p> + +<p>Es scheint mir selber so, Mylord.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(strafend)</p> + +<p>Fühlen Sie ihm den Puls, Doktor Middlewater.</p> + +<p class="speaker">Doktor Middlewater</p> + +<p class="dircenter">(tut es; James fügt sich wie gebannt).</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Der Mann hat Fieber, Doktor Middlewater. +Der Mann hat hohes Fieber.</p> + +<p class="speaker">Doktor Middlewater</p> + +<p class="dircenter">(eifrig)</p> + +<p>Ohne Zweifel, Mylord. Der Mann hat beträchtliches +Fieber.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Mister Wardle, Sie werden veranlassen, daß +der Mann zu Bett gebracht werde.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Du hörst es, James –!</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_189" id="Page_189" title="189"></a>Lord Hamilton</p> + +<p>Vorher übergieße man ihn mit zwei Eimern +kalten Wassers. Gegen das Fieber.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Soll geschehen, Mylord.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Hierauf werden Sie ihm zur Ader lassen, +Doktor Middlewater. Zwei Unzen des kranken +Bluts können Sie ihm gut und gern entziehen, +nicht wahr, Doktor Middlewater?</p> + +<p class="speaker">Doktor Middlewater</p> + +<p>Ich bewundere die Sachkenntnis Eurer Herrlichkeit.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Sodann belegen Sie ihm Brust und Rücken +mit Senfpflastern, und Sie, Missis Adams, sorgen +dafür, daß ein stark purgierender Tee für ihn gekocht +werde. <em class="direction">(Missis Adams ab.)</em></p> + +<p class="speaker">Doktor Middlewater</p> + +<p>Es fragt sich allerdings, ob bei diesen Jahren +eine so vehemente Kur – –</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(ohne den Einwurf zu beachten; streng)</p> + +<p>Daß du dich widerspruchslos diesen Verordnungen +fügst, James! Du bist todkrank, hörst du? +Und das eine merk dir für die Zukunft: Kein +<a class="page" name="Page_190" id="Page_190" title="190"></a>solches – Fieber mehr! Hinaus mit ihm! Doktor +Middlewater, tun Sie Ihre Pflicht. <em class="direction">(Die Diener +führen den schon halb ernüchterten und widerstandslosen +James ab. Der Doktor folgt ihnen.)</em> Nun zu unserem +Geschäft, Mister Dashwood. <em class="direction">(Zum Majordom.)</em> Sir +Francis soll kommen.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Sir Francis ist von der Jagd noch nicht zurück.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Wie viel Uhr ist es?</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p class="dircenter">(mit Blick auf die Wanduhr)</p> + +<p>Elf Uhr, neun Minuten.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Unmöglich.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p class="dircenter">(ängstlich)</p> + +<p>Mister Fletcher hat soeben die Uhr reguliert, +Mylord.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(ruhig)</p> + +<p>Da Sir Francis für elf Uhr bestellt ist, kann +es jetzt unmöglich elf Uhr neun sein, Mister +Wardle.</p> + +<p class="speaker">Der Marjordom</p> + +<p class="dircenter">(blöde; weiß nichts zu antworten).</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_191" id="Page_191" title="191"></a>Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(mit der Taschenuhr in der Hand)</p> + +<p>Es ist zehn Uhr fünfzig Minuten. Stellen +Sie den Zeiger dort gefälligst zurück, Mister Wardle.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p class="dircenter">(rückt einen Stuhl vor die Uhr, steigt hinauf, vollzieht +den Befehl, dann kopfschüttelnd ab).</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p class="dircenter">(schüchtern)</p> + +<p>Ich glaube Sir Francis schon hier gesehen zu +haben, Mylord.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Sprechen wir nicht von Ihren privaten Wahrnehmungen, +Mister Dashwood. Es ist für mich +kein Anlaß vorhanden, über Ihre Sinnestäuschungen +zu diskutieren. »Ich glaube« heißt so viel, als +»ich schwätze«.</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p class="dircenter">(verletzt)</p> + +<p>Ohne daß ich dieser großartigen Auffassung zu +nahe treten will, lassen sich doch Fälle denken, wo +die Bestimmtheit der Angaben einer notgedrungenen +Philosophie zuwiderläuft. Die Kleinen müssen +politisch sein, wo die Großen ihrem Impulse gehorchen. +Lord Gordon durfte eine Revolution anzetteln +und behielt seinen Kopf, aber der arme +<a class="page" name="Page_192" id="Page_192" title="192"></a>Snatch kam an den Galgen. Was würde Eure +Lordschaft sagen, wenn ich mich unterstehen wollte, +im Schlafrock vor Ihnen zu erscheinen? Ich bitte +um Entschuldigung, es ist dies nur vergleichsweise +gesprochen: ich meine im Schlafrock der Rede.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(auf und ab gehend; ungeduldig)</p> + +<p>Schwätzer waren immer meine Feinde. Ich +wünsche nicht, daß man in Gleichnissen zu mir +spricht. Das sind Vertraulichkeiten, die ich nicht +liebe. Sie wissen, weshalb ich Sie rufen ließ, +Mister Dashwood. Das ungeheuerliche Heiratsprojekt +meines Sohnes zwingt mich zu einem solchen +schweren Schritt.</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Das Gesetz legt Ihnen nur geringe Hindernisse +in den Weg, Mylord. Es ist ein erhebendes +Gefühl für den Staatsbürger, daß die Wagschale +der Justitia sich stets auf die Seite der Autorität +neigt.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Ich habe inzwischen durch meinen Londoner +Mittelsmann genaue Nachrichten über die fragwürdige +Person dieser Emma Lyon einziehen lassen. +Die Nachrichten bestätigen meine schlimmsten +Ahnungen, und wenn Sir Francis, was sich in +<a class="page" name="Page_193" id="Page_193" title="193"></a>dieser Stunde noch entscheiden wird, auf seinem +Vorsatz beharrt, werde ich keinen Sohn mehr +haben.</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Es wird nicht an mir liegen, wenn die Inkraftsetzung +der vermögensrechtlichen Maßregel einen +langsameren Gang nimmt, als der Heroismus +wünschbar macht, den ich an Eurer <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Herrlicheit'">Herrlichkeit</ins> ehrfürchtig +erkenne.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(nimmt den Brief aus der Tasche)</p> + +<p>Es wird sich zeigen.</p> + +<p class="speaker">Ein Diener</p> + +<p class="dircenter">(meldet)</p> + +<p>Sir Francis. <em class="direction">(Ab.)</em></p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p class="dircenter">(schuldbewußt)</p> + +<p>Ich bitte Sie um Verzeihung, Vater, daß ich +mich verspätet habe.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Nicht daß ich wüßte. Wie du siehst, ist es elf +Uhr. Punkt elf Uhr.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p>Wirklich? – Dann muß meine Uhr falsch +gehen.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_194" id="Page_194" title="194"></a>Lord Hamilton</p> + +<p>Das leidet keinen Zweifel. Die Unterredung, zu +der ich dich gebeten habe, könnte auch nicht wie +ein Rendez-vous zwischen Kartenspielern behandelt +werden.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p class="dircenter">(unruhig, mit Blick auf den Notar)</p> + +<p>Ich darf doch hoffen, daß eine solche Zwiesprache +unter vier Augen ...</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Mister Dashwood ist Amtsperson und hat als +solche weder zu hören noch zu sehen. Betrachte +ihn als abwesend.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p class="dircenter">(resigniert)</p> + +<p>Wie Sie befehlen.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Du hast mir gestern eine Art von Entschluß +brieflich kundgegeben. Abgesehen davon, daß ich +die Zulässigkeit eines schriftlichen Verkehrs zwischen +uns niemals in Erwägung gezogen habe, kann ich +mir auch den ... nun, sagen wir, den Mut deiner +Ausdrucksweise nur durch den Gebrauch von +Tinte und Feder erklären. Ein Hamilton spricht +höchstens, aber er schreibt nicht.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_195" id="Page_195" title="195"></a>Mr. Dashwood</p> + +<p class="dircenter">(schnupft; vor sich hin)</p> + +<p>Ein Diktum von antiker Größe.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p>Wenn Sie Emma kennten, Vater – –</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Emma? Was ist das, – Emma –? Du +unterstehst dich, mit sonderbarer Intimität einen +Namen zu nennen, der für mich nicht mehr bedeutet +als der Straßenschmutz.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p class="dircenter">(aufwallend)</p> + +<p>Durch eine solche Sprache empören Sie alle +meine Gefühle!</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(kalt)</p> + +<p>Ich statuiere deine Gefühle nicht, mein Sohn. +Gefühle sind der Luxus der Unbotmäßigen.</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Herrlich! Unvergleichlich! Wie sagt Hamlet: +Schreibtafel her.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p class="dircenter">(wütend)</p> + +<p>Könnte jener Mann nicht schweigen, da er doch +– abwesend ist?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_196" id="Page_196" title="196"></a>Lord Hamilton</p> + +<p>Wir wollen zunächst den Tatbestand ordnungsmäßig +darlegen. <em class="direction">(Setzt sich in richterliche Pose.)</em> Mister +Dashwood, seien Sie so freundlich, den Bericht +über die Vergangenheit der in Rede stehenden +Personage vorzulesen. Meine Zunge sträubt sich +dagegen. <em class="direction">(Reicht das Schriftstück hinüber.)</em></p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p class="dircenter">(liest)</p> + +<p>Besagte Emma Lyon ist von der niedrigsten +Herkunft. Man weiß weder die Zeit noch den +Ort ihrer Geburt anzugeben. Zuerst war sie Gouvernante, +dann ergab sie sich einem schändlichen +Gewerbe. Sie durchlief die Straßen von London; +auf den Trottoirs der unermeßlichen Hauptstadt +irrte sie obdachlos umher und sank zur tiefsten +Erniedrigung ihres Geschlechtes herab.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p>Dies ist eine Verleumdung!</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Es würde wenig Konsequenz, selbst in der Verranntheit, +beweisen, wenn dich meine Ermittlungen +sogleich überzeugen würden. Ein Umstand, der +freilich ihrer Triftigkeit nichts anhaben kann. Fahren +Sie fort, Mister Dashwood.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_197" id="Page_197" title="197"></a>Mr. Dashwood</p> + +<p class="dircenter">(in weinerlichem Ton)</p> + +<p>– Geschlechtes herab. Da traf sie einen +schottischen Scharlatan, der sich Doktor Graham +nennen ließ und der einen sogenannten Tempel +der Gesundheit mit einem sogenannten himmlischen +Bett eingerichtet hatte. Wer für die Nacht fünfzig +Pfund bezahlte, durfte sich in das mit Gold und +Seide geschmückte Bett legen und erhielt angeblich +die verlorenen Kräfte der Liebe und der Männlichkeit +zurück.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p>So viel ist richtig, daß Doktor Graham Emmas +Wohltäter war. Es ist richtig, daß sie Not litt +und an dem Schotten einen väterlichen Beschützer +fand.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Ich gebe zu, daß du ein guter Schütze und +ein ausgezeichneter Schwimmer bist, aber dein Verhältnis +zur Welt ist ein wahrhaft kindliches.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p>Übrigens ist sogar der Lord Schatzkanzler in +dem himmlischen Bett gelegen.</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p class="dircenter">(für sich)</p> + +<p>Bejammernswerte Verirrung des Menschengeistes!</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_198" id="Page_198" title="198"></a>Lord Hamilton</p> + +<p>Fahren Sie fort, Mister Dashwood. Sie würden +mich verbinden, wenn Sie die persönlichen +Äußerungen Ihrer sittlichen Entrüstung einstellen +könnten.</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>– der Liebe und der Männlichkeit zurück. +Doktor Graham verfiel auf den Gedanken – +<em class="direction">(stockt, zieht das Taschentuch, wischt die Stirne.)</em> Mylord, +es fällt mir schwer ...</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Überwinden Sie sich, Mister Dashwood.</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>– verfiel auf den Gedanken, Emma Lyon +völlig ... völlig unbekleidet ...</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(scharf)</p> + +<p>Steht da »unbekleidet«, Mister Dashwood?</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p class="dircenter">(trostlos)</p> + +<p>Nackt. Völlig nackt!</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(erhebt sich)</p> + +<p>So ist es. Völlig nackt. Das ist der Gipfelpunkt.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_199" id="Page_199" title="199"></a>Mr. Dashwood</p> + +<p>– oder kaum bedeckt mit einem Schleier ...</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p class="dircenter">(seine Position mit ungenügenden Mitteln stützend)</p> + +<p>Also doch mit einem Schleier bedeckt –</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(stark)</p> + +<p>Kaum! – kaum!</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Der Herr bewahre mich in seiner Huld und +Gnade vor diesem Sodom!</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Er verfiel also auf den Gedanken, besagte Emma +Lyon völlig nackt, oder –</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p class="dircenter">(mit erbarmenswürdiger Stimme)</p> + +<p>– kaum bedeckt mit einem Schleier unter dem +Namen der Göttin Hygäa in das Vorzimmer zu +dem himmlischen Bett zu postieren und sie für +Geld sehen zu lassen ... Neugierige strömten nun +in Massen herbei, um vor dem Altar der Göttin +ihren Tribut niederzulegen und bald sah man überall +unanständige Kupferstiche der neuen mythologischen +Person, Bilder, worauf sie als Venus, als +Phryne, als Olympia, als Kleopatra abkonterfeiet +war.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_200" id="Page_200" title="200"></a>Lord Hamilton</p> + +<p>Ich danke; damit ist es genug. Wir brauchen +uns keine Mühe mehr zu geben, den Pfuhl weiter +auszumalen. Ob du von alledem unterrichtet warst, +lasse ich dahingestellt. Ich frage mich nur, wie +es möglich war, daß du eine Verbindung mit diesem +Auswurf des Lasters auch nur in Betracht +ziehen konntest ...</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p class="dircenter">(verzagt)</p> + +<p>Ich liebe sie.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Einfältiges Zeug!</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p>Wenn Sie auch nicht Rechte der Leidenschaft +anerkennen, Vater –</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Lüderliche Phantasien! Ich hörte einmal einen +Münzensammler sagen, daß er seine Münzen liebe. +Das hatte wohl eher einen Sinn. Man habe keine +Leidenschaften unter der Würde des eigenen Standes. +Und wenn man sie hat, so verberge man sie +wie ein unappetitliches Geschwür. Wo in aller +Welt ist es erhört, daß man aus einer »Leidenschaft« +die Folgerung zu heiraten ableitet?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_201" id="Page_201" title="201"></a>Sir Francis</p> + +<p>Erfüllen Sie mir eine einzige Bitte, mein Vater, +ehe Sie sich endgültig entschließen ...</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Nun?</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p>Sprechen Sie mit Emma Lyon!</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(voll Verachtung)</p> + +<p>Du bist ebenso verrückt als vermessen.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p class="dircenter">(mit stoischer Gleichgültigkeit, da er keine Hoffnung mehr +hat)</p> + +<p>Sie ist hier im Hause und will nicht eher fort +als bis sie mit Ihnen gesprochen hat.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(starr und steif)</p> + +<p>Wie –?</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Jesus Christus steh mir bei!</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(tritt, in weiblicher Kleidung, draußen in die Halle).</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p class="dircenter">(geht auf sie zu, sie spricht mit ihm, er kommt und +meldet mit dummem Gesicht)</p> + +<p>Mister Theseus Rippledale bittet vorgelassen +zu werden.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_202" id="Page_202" title="202"></a>Lord Hamilton</p> + +<p>Ich kenne keinen Mister Theseus Rippledale. +Bedaure. <em class="direction">(Majordom ab.)</em></p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dirlong">(am Majordom vorüber, tritt frech ein. Ihr Kostüm ist +im Stil des Direktoire gehalten; es ist äußerst geschmackvoll +und bringt die Formen des Körpers verführerisch +zur Geltung)</p> + +<p>Guten Morgen, Mylord. Mister Rippledale +und Emma Lyon sind nämlich ein und dieselbe +Person.</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p class="dircenter">(mit gefalteten Händen vor sich hin)</p> + +<p>Lockbild der Hölle!</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Ich konnte doch den armen Schelm nicht ganz +ohne Beistand dem Sturm des väterlichen Unwillens +preisgeben. Im Wortgefecht ist er leider nicht +sehr gewandt. Auch muß man ihn bisweilen an +der Leine halten wie einen unbesonnenen jungen +Hund.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(schweigt angeekelt).</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(unbekümmert weiterplaudernd)</p> + +<p>Sie als Vater können freilich nicht so viel +<a class="page" name="Page_203" id="Page_203" title="203"></a>Possierliches an ihm finden wie ich. Er hat sich +in letzter Zeit zu seinem Vorteil entwickelt, aber +als ich ihn kennen lernte, konnte er durch die Art, +wie er ein Kompliment machte, eine Methodistenversammlung +zum Lachen bringen und seine Konversation +hätte einen Holzhacker in Verlegenheit +gebracht. Es hat Mühe gekostet, ihm eine passable +Figur zu geben. Sie haben seine Erziehung +entschieden vernachlässigt, Mylord.</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p class="dircenter">(entsetzt flüsternd)</p> + +<p>Ein Dämon!</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p class="dircenter">(zerknirscht und vorwurfsvoll)</p> + +<p>Emma –!</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(schweigt, schaut gegen die Zimmerdecke).</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(wie oben)</p> + +<p>Was Wunder, daß ich mit dem Vorurteil herkam, +ein unwirtliches Waldhaus und in ihm einen +bissigen Menschenfeind zu finden? Francis hat nur +mit Zähneklappern von seinem väterlichen Heim +gesprochen, und da endlich sagte ich mir: den Minotaurus +will ich sehen. Vielleicht ist er gar nicht +so fürchterlich. In der Tat er ist nicht fürchterlich. +<a class="page" name="Page_204" id="Page_204" title="204"></a>Auch mutet mich alles hier ganz behaglich +an, und die Theseus-Rolle kommt mir fast schon +komisch vor. <em class="direction">(Zu Sir Francis.)</em> Was meinst du, +liebe Ariadne?</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Diese Vertrautheit mit der Mythologie ist nicht +groß erstaunlich.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(ergreift die Handglocke, läutet energisch. Ein Diener +kommt)</p> + +<p>Mister Rippledale wünscht seinen Wagen. Lassen +Sie vorfahren!</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Mister Rippledale ist zu Pferde gekommen, +Mylord. <em class="direction">(Sie ist durchaus nicht aus der Fassung gebracht, +spricht, als ob ein unsichtbarer Rippledale vor ihr +stände.)</em> Sie wollen schon gehen, Mister Rippledale? +Schade. Aber ich sehe ein, daß Sie sich +nicht zweimal mit dem Zaunpfahl winken lassen +wollen. Ich wünsche Ihnen gute Reise. <em class="direction">(Schüttelt +dem Unsichtbaren die Hand.)</em> Sei so freundlich, Francis, +und begleite Mister Rippledale hinaus. <em class="direction">(Da +Sir Francis sie zögernd anschaut, mit einem befehlenden +und vielsagenden Blick.)</em> Hurtig, mein Lieber! Mister +Rippledale ist nicht gewöhnt, unhöflich behandelt +zu werden. <em class="direction">(Zu Mr. Dashwood.)</em> Und Sie, mein +<a class="page" name="Page_205" id="Page_205" title="205"></a>dicker Reitersmann, Sie würden gut daran tun, +wenn Sie draußen die Identität meines Freundes +Rippledale feststellen würden. Nehmen Sie ihn +in ein Kreuzverhör und lassen Sie sich eine kleine +Magenstärkung reichen. <em class="direction">(Zum Diener, der mit aufgerissenen +Augen wartet.)</em> Ein Glas Sherry für den +Herrn! Er bedarf der Kräftigung.</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p class="dirlong">(erhebt sich, starrt den Lord ratlos an, weicht vor der +Berührung Emma Lyons zurück, die ihn unterm Arm +fassen will, und da der Lord wie versteinert ist und +keine Miene macht zu sprechen, geht er in weitem Bogen +ängstlich um sie herum nach der Tür, wo ihm Sir +Francis durch eine mürrische Geste bedeutet, daß er gehen +solle. Er schlägt die Hände zusammen, als sei der Untergang +der Welt angebrochen, und verläßt das Zimmer. +Der Diener folgt ihm, dann, nach kurzem Zaudern und +unter allerlei Versuchen, stumm mit Emma Lyon zu korrespondieren, +auch Sir Francis).</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(schließt die Türe zur Halle hinter ihnen)</p> + +<p>Auf Wiedersehen, lieber Rippledale! <em class="direction">(Öffnet noch +einmal die Tür und winkt.)</em> Addio! <em class="direction">(Kehrt zurück.)</em> +Darf ich jetzt von Ihrer Einladung, Platz zu nehmen, +Gebrauch machen, Mylord? <em class="direction">(Sie setzt sich, +lächelt gewinnend.)</em></p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_206" id="Page_206" title="206"></a>Lord Hamilton</p> + +<p class="dirlong">(ist vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen +konsterniert. Er greift sich wie träumend an den Kopf. +Seine Stimme klingt heiser, während er stotternd beginnt)</p> + +<p>Wer sind Sie? Wer gibt Ihnen das Recht, +vermittelst einer schamlosen Komödie in mein Haus +zu dringen?</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(blickt ihn mit unschuldiger Miene lächelnd an, winkt, +als ob sie ihn ermuntern wolle).</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(immer noch mühsam nach Worten ringend, wobei er +sich bestrebt, das junge, schöne Geschöpf nicht zu sehen)</p> + +<p>Sie erteilen Befehle an meine Dienerschaft. Ich +erkläre diese Befehle für ungültig.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(harmlos)</p> + +<p>Das dacht ich mir gleich.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Sie haben mich überfallen, aber ich weigere +mich, mit Ihnen zu sprechen. Ich fordere Sie +auf, Sir Francis und Mister Dashwood wieder +hereinzurufen.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Daß ich eine Närrin wäre! Es hat Arbeit genug +gekostet, sie hinauszubringen.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_207" id="Page_207" title="207"></a>Lord Hamilton</p> + +<p>Ich kenne Sie nicht, ich – –</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Tut nichts, Mylord. Es ist ja der Zweck meiner +Anwesenheit, daß Sie mich kennen lernen.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Ihre Gegenwart ist mir unerwünscht, und wenn +Sie nicht gehen wollen, so werde ich einem meiner +Diener befehlen müssen, Sie hinauszubegleiten.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Ah? wirklich? würden Sie das wirklich tun?</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(nimmt die Handglocke, läutet).</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(fast fröhlich)</p> + +<p>Ich bin gespannt, ob Sie dazu den Mut finden +werden.</p> + +<p class="speaker">Ein Diener</p> + +<p class="dircenter">(kommt)</p> + +<p>Mylord befehlen?</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(heftet plötzlich einen etwas verzagten Blick auf Emma +Lyon; er zaudert).</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_208" id="Page_208" title="208"></a>Der Majordom</p> + +<p class="dircenter">(kommt)</p> + +<p>Mylord befehlen?</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(lächelnd)</p> + +<p>Ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Gentleman +sich auf diese Weise einer Dame entledigt.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(zum Majordom, gepreßt)</p> + +<p>Sagen Sie Mister Dashwood, er möge warten. +<em class="direction">(Winkt den beiden, das Zimmer zu verlassen.)</em></p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +Sehr wohl. <em class="direction">(Ab mit dem Diener.)</em> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Jetzt bleibt Ihnen nichts übrig, als daß Sie +selbst die Flucht ergreifen, Mylord.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(bleibt unwillkürlich stehen)</p> + +<p>Ich fliehe nicht, ich ignoriere bloß.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Aber Sie haben mich doch nicht ignoriert, als +Sie Spione auf meine Spur geschickt haben, die +meine Vergangenheit durchschnüffeln mußten, – +wie kommt das?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_209" id="Page_209" title="209"></a>Lord Hamilton</p> + +<p>Es geschah für die Ehre der Familie.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Und sind Sie überzeugt davon, daß man Ihnen +die Wahrheit berichtet hat?</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Man hatte keinen Grund zu Entstellungen.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>So war es nicht gemeint. Ich bezweifle nur, +daß man imstande gewesen ist, Ihnen die <em class="gesperrt">ganze</em> +Wahrheit zu enthüllen. Vielleicht hätten Sie dann +eine Kompagnie Soldaten aufgeboten, um Sir +Francis’ Unschuld vor mir zu schützen.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Dieser Zynismus entwaffnet mich nicht. <em class="direction">(Finster.)</em> +Sagen Sie in aller Kürze, was Sie noch zu sagen +haben. Ich will versuchen, Sie anzuhören, um +mich nicht dem Vorwurf auszusetzen, als ob ich +ungehört verdammte.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Warum sollten Sie mich denn verdammen, +Mylord? Ist es etwa nicht erlaubt, daß einer von +dem Kapital lebt, das er besitzt? Ziehen Sie nicht +mit Hilfe Ihrer Pächter aus Ihren Ländereien so +viel Gewinn, wie Sie daraus ziehen können? Sie +<a class="page" name="Page_210" id="Page_210" title="210"></a>würden lachen, obwohl Sie vermutlich ungern +lachen, wenn ich Sie bitten würde, mir eine Wiese +oder ein Stück Wald zu schenken. Warum also +sollte ich mich verschenken? Ich habe nur mich +selbst. Ich beleidige Ihr keusches Ohr, ich weiß +es. Es gibt keinen Kiebitz, der nicht die Tugend +preist. O ja, die Tugend ist eine ganz schöne +Sache, wenn das Lebensspiel sie nicht als Einsatz +fordert. Wenn mir das Schicksal die Versprechungen +erfüllt, die ich ihm abgerungen habe, will ich +so tugendhaft sein wie ein zahnloses altes Weib. +Bis dahin kann mich nicht einmal Ihre Verachtung +hindern, meine – Wälder und Ländereien +zinstragend zu verwerten.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dirlong">(begegnet endlich ihrem Blick, wendet jedoch sofort wieder +die Augen ab. Die schlaue Emma Lyon bemerkt, daß +er nicht mehr daran denkt, sie durch Hinausgehen zu brüskieren. +Diese Sicherheit gibt ihr noch mehr Impertinenz. +Der Lord zieht die Brauen zusammen und versetzt widerwillig)</p> + +<p>Das alles interessiert mich nicht. Auch sehe ich +keinen plausiblen Grund darin, weshalb Sie Ihre +Netze gerade nach meinem Sohn werfen mußten.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Na, einer muß es doch sein.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_211" id="Page_211" title="211"></a>Lord Hamilton</p> + +<p>Die vernünftige Erwägung muß Ihnen sagen, +daß diese Spekulation verfehlt ist.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Keineswegs. Weshalb denn? Was können Sie +ihm anhaben? Sie werden ihn aufs Trockene +setzen. Gut. Sie werden ihn des baren Geldes +berauben, mehr ist Ihnen nach den Gesetzen unseres +Landes nicht verstattet. Grund und Boden muß +er erben. Sie sehen, auch ich habe mich unterrichtet.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Francis ist nicht der Mann, um einer Torheit +willen zwanzig Jahre lang zu hungern. Denn so +lange gedenke ich mindestens noch auf Easton Park +zu wohnen.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Das glaub ich. Aus lauter Trotz werden Sie +am Ende hundert Jahre alt. Aber auf die Dauer +können Sie nicht so verblendet sein, der friedlichen +Fortpflanzung Ihres Geschlechts unnötige Hindernisse +zu bereiten.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Sie irren.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Lady +Hamilton sein werde, – so oder so.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_212" id="Page_212" title="212"></a>Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(kalt)</p> + +<p>Dann werde ich Ihnen beweisen müssen, daß +es noch Mittel in England gibt gegen Abenteuerinnen +Ihres Schlags.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Nein, Mylord, die gibt es nicht. Und wissen +Sie, warum nicht? Weil in England Männer +regieren.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Ja, glauben Sie denn im Ernst, daß Ihnen +kein Mann im Königreich gewachsen ist?</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Ach, Mylord, Sie tun mir leid! Sie ahnen +nicht, wie sie alle schmelzen, wie die stolzesten +Hähne klein werden und sich die Federn putzen +und wie gefällig sie mit den Füßen scharren und +wie einladend sie krähen, wenn ich bloß am Horizont +auftauche. Neulich hatte ich in Kings bench +zu tun; na, da war ein Richter, – ich kann +Ihnen sagen, sein Gesicht war saurer als Essig, +und er hatte eine Art dreinzublicken, als läge es +in seiner Macht, die ganze Christenheit um einen +Kopf kürzer zu machen. Ich war angeklagt, weil +der Sohn des Lord Hervey idiotisch genug war, +hunderttausend Pfund in meiner Gesellschaft zu +<a class="page" name="Page_213" id="Page_213" title="213"></a>verspielen, als ob es meines Amtes wäre, erst nachzufragen, +wie lang ein Grünspecht vom Wickeltisch +zum Pharaotisch sich Zeit lassen muß. Kaum +hatte ich angefangen, mich zu verteidigen, kaum hatte +ich mein seidenes Tuch gezogen, um meinen Tränen +ein anständiges Quartier zu verschaffen, da zerging +der Gestrenge schon wie Butter, er machte Zeichen +mit den Händen, grinste wie ein Hökerweib am +Feierabend und hatte Augen so lang wie ein Hummer, +wenn man ihn ins heiße Wasser tut. Ich +konnte nicht widerstehen, ich mußte ihn durch ein +paar freundliche Worte aufmuntern.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(dem plötzlich unbehaglich wird)</p> + +<p>Ich bin nicht fähig, Ihrer Suada zu begegnen, +Madame. Ich bekenne offen, daß ich ein schlechter +Redner bin. Selbst das Zuhören ermüdet mich, +und meine Gedanken schweifen haltlos umher. +Haben Sie doch die Güte, mich jetzt allein zu +lassen. Vielleicht erteilen Sie Mister Wardle Auftrag, +daß er Ihnen den Lunch serviere, bevor Sie +Easton Park den Rücken kehren.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Wenn ich in Easton Park den Lunch nehme, +Mylord, werde ich es entweder in Ihrer Gesellschaft +oder gar nicht tun.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_214" id="Page_214" title="214"></a>Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(setzt sich mit versorgtem Gesicht)</p> + +<p>Also wie soll das enden?</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(mit versteckter Schelmerei)</p> + +<p>Ist Ihnen nicht wohl, Mylord? Sicherlich ist +Ihnen nicht wohl. Es wäre grausam, wenn ich +Sie jetzt allein ließe.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Es scheint, Sie treiben ein Spiel mit mir ...</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Gott bewahre. Dazu ist mein Respekt viel zu +groß. Ich habe ein bißchen Revolution auszuführen +versucht, das ist alles, aber Ihre Unerschütterlichkeit +flößt mir Bewunderung ein. Mit +Ihnen kann man nicht paktieren. Trotzdem schlage +ich Ihnen ein Kompromiß vor. Überzeugen Sie +mich davon, daß Ihr Geschlecht zu keiner Zeit und +unter keiner Bedingung ein plebejisches Reis auf +seinen erlauchten Stammbaum gepfropft hat, und +ich will mich bescheiden. Ich gebe Sir Francis +den Laufpaß, wenn Sie mir beweisen können, +daß Ihre adeligen Vorfahren keinen andern Ehrgeiz +gehabt haben, als eine fehlerlose Genealogie zu +fabrizieren.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_215" id="Page_215" title="215"></a>Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(in die Enge getrieben, vornehm)</p> + +<p>Wenn ich eine Erörterung hierüber für möglich +hielte, würde ich die Fundamente untergraben, auf +denen ich stehe.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Und damit soll ich mich zufrieden geben? Die +Klatschbase, die man Geschichte nennt, behauptet +ganz frech, daß hin und wieder eine ziemlich zweifelhafte +Lady ins Ehebett eines leichtsinnigen Lords +geschlüpft ist. Oder ist es Schwindel, daß Lord +James eine arme irische Schauspielerin geheiratet +hat? Sie soll freilich so schön gewesen sein, daß +während ihrer Vorstellung bei Hof der Scharlach +der Aristokratie auf Tische und Stühle stieg, +um sie zu sehen. Douglas Hamilton vergaß sich +so weit, die Tochter eines Akziskommissärs mit +seiner Hand zu beglücken. Von einigen Ladies +habe ich mir gar sagen lassen, daß sie mit Kutschern, +Schreibern, Schmugglerkapitänen ...</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(nervös)</p> + +<p>Nicht weiter, Madame! Genug der Indiskretionen.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Die Wahrheit wird immer beschimpft, wenn +sie unbequem ist. Sehen Sie mich doch einmal +<a class="page" name="Page_216" id="Page_216" title="216"></a>an, Mylord! Kommt es Ihnen nicht so vor, als +ob ein Frauenzimmer meiner Kategorie geeigneter +wäre, die verdickten Ahnensäfte wieder zum Moussieren +zu bringen, als irgend eine hochgeborene Kuh +aus einem sublimen Stall –?</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Stall –? Kuh –? Um Himmels willen, was +für Worte!</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Ich habe jetzt nicht Lust, auf meine Worte zu +achten. Sehen Sie mich an, sage ich.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(irritiert)</p> + +<p>Nun ja ... ja ... ich sehe.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Was finden Sie an meinem Wuchs zu tadeln?</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(noch mehr irritiert)</p> + +<p>Ich habe ... offengestanden ... darüber kein +Urteil.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Wer verstände nicht zu tadeln, auch wenn er +kein Urteil hat! So schauen Sie wenigstens. Was +haben Sie an diesen Schultern auszusetzen? was +an der Büste? Diese Linien <em class="direction">(mit den Fingerspitzen an +den Hüften entlang streifend)</em> sind edler als jeder +<a class="page" name="Page_217" id="Page_217" title="217"></a>Name. Der Fuß, Mylord, <em class="direction">(hebt ihr Kleid ein wenig)</em> +zeigen Sie mir einen aristokratischen Fuß, vor dem +er sich verstecken müßte. Und der Nacken, – +<em class="direction">(wendet sich)</em> mißfällt er Ihnen? Die Haare, – +braucht man sich ihrer zu schämen? Die Hand, +– läßt sie auf eine schlechte Rasse schließen? +Ohr, Nase, Stirn, Zähne, Lippen, – vertragen sie +nicht jede Kritik? Romney hat mich vierzehnmal +porträtiert, Mylord.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(bestürzt und im Anfangsstadium einer verhängnisvollen +Narkose)</p> + +<p>Romney ... jawohl. Mister Romney ist ein +Meister seines Handwerks. Er hat auch die Königin +gemalt, wenn ich nicht irre ... Aber würden Sie +nicht die Freundlichkeit haben, Miß Lyon, sich in +größerer Entfernung von mir aufzuhalten? Ihr +Parfüm ist es, glaube ich, das mich schwindlig +macht.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(diebisch)</p> + +<p>Soll ich das Fenster öffnen, Mylord?</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir +ein Glas Wasser reichen wollten.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_218" id="Page_218" title="218"></a>Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(tritt beflissen zum Tisch, schenkt aus einer Karaffe Wasser +in ein Glas, bringt es ihm).</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Ich danke Ihnen.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(nachsichtig)</p> + +<p>Sie sind an die Nähe von Frauen nicht mehr +gewöhnt, Mylord.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Durchaus nicht. – Durchaus nicht.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Schade. Dabei vertrocknet das Temperament. +Ist Ihnen besser? <em class="direction">(Sie faßt seine Hand.)</em> Die arme +kalte Hand!</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(scheu)</p> + +<p>Die Ihre freilich, Miß Lyon, die Ihre ist hinlänglich +warm.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Wie pedantisch! Hinlänglich warm! O Gott!</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Es ist außerdem eine begehrliche Hand; sie ist +allzu begehrlich.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Wer nicht zehnmal so viel begehrt als ihm gewährt +<a class="page" name="Page_219" id="Page_219" title="219"></a>wird, der soll nicht zu leben anfangen. +Weiter, Herr Chiromant? Was sehen Sie noch? +Daß ich neugierig bin? Stimmt. Eitel? Stimmt. +Treulos? Stimmt. Aber treulos machen uns nur +die, die kraftlos sind.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Was ist das für eine Narbe hier neben dem +Daumen?</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Sie stammt von den Zähnen des Prinzen von +Wales.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Wieso? Ist er bissig?</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Er beißt aus Enthusiasmus. Aber er steht in +meiner Schuld dadurch. Die Narbe ist unter +Brüdern eine Einladung nach St. James wert.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Was doch alles geschieht! Sonderbar. Ich muß +gestehen, ich fasse nicht die Existenz, die Sie führen. +Da reiht sich wohl Fest an Fest und Genuß an +Genuß, und für Genauigkeit und Regelmäßigkeit +bleibt nichts mehr übrig. Und dabei kann man +leben ... es macht wohl gar Spaß? Sonderbar. +Eine sonderbare Welt!</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_220" id="Page_220" title="220"></a>Emma Lyon</p> + +<p>Die zu beklagen ist, weil Sie sich von ihr fern +halten, Mylord.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Keine Flatterien, Miß Lyon! Ich liebe nicht +die Exaltationen des Vergnügens.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(heuchlerisch)</p> + +<p>Eigentlich haben Sie recht, Mylord. Es gibt +nichts, was so anstrengend ist wie das Laster.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Sehen Sie! Sehen Sie!</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(versonnen)</p> + +<p>Oder vielleicht doch ... Ich glaube, daß die +Tugend <em class="gesperrt">noch</em> anstrengender ist.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Versuchen Sie es doch einmal ...</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Meinen Sie?</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Fangen Sie damit an, daß Sie Ihre auf Sir +Francis zielenden Absichten fallen lassen.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Aha, Sie wollen schon ein Geschäft mit meiner +<a class="page" name="Page_221" id="Page_221" title="221"></a>Tugend machen. Das ist ja eben das Verdächtige +an der Sache.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(steht auf)</p> + +<p>Im Ernst, Miß Lyon: – Was kann Sie an +dem Jüngling locken? Seine Geistesgaben, Sie +müssen es selbst zugeben, sind keineswegs blendend. +Er würde Sie langweilen, Sie würden ihn +betrügen, und was wäre die Folge? Der Skandal +in gesteigerter Häßlichkeit. Sie brauchen eine starke +Hand. Einen reifen Mann brauchen Sie, der durch +Erfahrung und Charakter befähigt ist, Ihrem ungebundenen +Wesen Schranken zu setzen.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(zerknirscht)</p> + +<p>Es ist wahr. Wenn Sie wüßten, Mylord, +wie ich dieser jungen Leute satt bin, die ihre Leidenschaften +mit so viel Lärm und Prätension zur +Schau tragen! Ich sehne mich nach einem verschwiegenen +und klugen Mann, so an der Grenze +der Fünfzig, nach einem Mann, der nicht immer +nur etwas haben will, sondern auch etwas gibt.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(erfreut)</p> + +<p>Nun also ...</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Würden Sie mir helfen?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_222" id="Page_222" title="222"></a>Lord Hamilton</p> + +<p>Ich ... ja, gewiß ... Ich würde sehen, was +sich tun läßt.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Aber Sie haben doch hoffentlich nicht vergessen, +daß ich vor zehn Minuten geschworen habe, Lady +Hamilton zu werden? Ich gedenke, das Gelübde +unter allen Umständen zu erfüllen.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Das versteh ich nicht ...</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Verständlicher kann nichts auf der Welt sein.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(vor Schrecken gelähmt)</p> + +<p>Sie meinen –?</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Ja!</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Ich? – Ich –? Ich sollte –? Sie träumen +wohl, Miß Lyon? <em class="direction">(Er fällt in den Stuhl zurück.)</em></p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dirlong">(läßt sich in einer reizenden Magdalenen-Stellung vor +ihm auf die Kniee nieder. Da er nicht zurückweichen +kann, preßt er den Rücken gegen die Lehne und drückt +den Kopf in den Nacken)</p> + +<p>Sie wären schwerlich, trotz meines ununterbrochenen +<a class="page" name="Page_223" id="Page_223" title="223"></a>Geschwätzes, bis zu diesem Augenblick im +Zimmer geblieben, wenn ich Ihnen nicht gefallen +hätte, Mylord. Und jetzt ist es leider zu spät. Fängt +dieses Gift einmal zu wirken an, dann ist man verloren.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(klagend)</p> + +<p>Zweifellos. Ich habe es an der nötigen Festigkeit +fehlen lassen.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Und mir sprechen Sie jedes Verdienst ab?</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Ich kann nicht leugnen, daß Ihnen eine ... +wie soll ich mich nur ausdrücken? – eine seltsame +Gewalttätigkeit eigen ist.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Gut. Ich akzeptiere das Kompliment.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Nichtsdestoweniger befinden Sie sich mit Ihrer +Vermutung, was meinen Seelenzustand betrifft, +auf dem Holzweg. Ich will es wenigstens hoffen.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Sie kennen die menschliche Natur nicht so gut +wie ich, Mylord. Ich will Ihnen sagen, was +Ihnen bevorsteht, wenn Sie jetzt eigensinnig sind. +Ich reise ab. Ihre Gedanken verursachen Ihnen +ein unangenehmes Kribbeln, Sie sind unzufrieden +<a class="page" name="Page_224" id="Page_224" title="224"></a>mit sich, Sie haben keinen Appetit mehr, des Nachts +flieht Sie der Schlaf, und plötzlich, Sie wissen +selbst nicht wie, fassen Sie den Entschluß, mich +aufzusuchen. Da erscheint eines Tages Lord Hamilton +im Salon von Emma Lyon. Aber Emma +Lyon wird durchaus nicht auf die Kniee fallen, so +wie jetzt. Emma Lyon wird spöttisch lächeln; sie +wird Seiner Herrlichkeit einen Stuhl bieten, sie wird +mit Mister Jennings plaudern und wird die Albernheiten +von Mister Davis entzückt anhören und +wird Sir Roberts empfangen, und Mylord wird +gehen, verdrießlich, aufgebracht, wütend gegen sich +und mich, aber er wird wiederkommen, er wird +Blumen bringen, er wird Geschenke bringen, all +die Laffen und Schmeichler und Dandies werden +ihm lästig sein, aber Emma Lyon wird sagen: +Platz genug im Hause! Dort unter der Treppe ist +für die Mißgelaunten Platz, und unterm Dachboden +für die Hochmütigen, und im Keller für die +Moralisten. Und mein kleiner Schoßhund wird +kläffen, wenn Sie nahen, und diese weiße begehrliche +Hand wird ihre Finger spreizen, – so, denn +ich, Mylord, <em class="direction">(sie erhebt sich)</em> ich würde Sie zappeln +lassen. Und davor möge Gott Sie bewahren.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(murmelnd)</p> + +<p>Niemals würde ich mich so tief erniedrigen.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_225" id="Page_225" title="225"></a>Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(kategorisch)</p> + +<p>Sie werden es tun! Ihre Augen versichern es +mir. Ich erspare Ihnen demnach eine unabsehbare +Reihe von Qualen und Kränkungen durch ein freimütiges +Anerbieten.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(schüttelt den Kopf)</p> + +<p>Ich vermute, Miß Lyon, Sie ahnen nicht, was +ich durchzusetzen vermag, selbst gegen meine heftigsten +Wünsche und Triebe. Insofern bleibt also +Ihr Schreckbild ohne Wirkung. Aber Sie verfechten +Ihre Sache mit Bravour und nicht ohne Geist. +Ich liebe das. In diesem hübschen kleinen Kopf +rumort ein Teufel, den zu zähmen der Mühe vielleicht +verlohnen könnte. Wie Sie richtig bemerkten, +bin ich des Elements entwöhnt, das, in Ihnen +personifiziert, meinen Frieden so geräuschvoll unterbrochen +hat. Ich habe jedoch gerade dadurch erkannt, +daß zwischen mir und der Welt eine gewisse +Entfremdung besteht, und ich könnte Ihren +Vorschlag in Betracht ziehen, wenn nicht Hindernisse +vorlägen, die für mich beinahe unüberwindlich +sind. Der Doktor Graham ... das himmlische +Bett ... die Mystifikation als Göttin Hygäa ... +<em class="direction">(Schüttelt wieder den Kopf.)</em> Das sind üble Dinge +... üble Dinge.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_226" id="Page_226" title="226"></a>Emma Lyon</p> + +<p>Die mich vor dem Verhungern geschützt haben, +Mylord.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Sie hätten eine minder exponierende Abhilfe +wählen sollen.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Ich hatte keine Wahl. Ich bin auch nicht +schlechter geworden dadurch. Es war eine Hülle, +die ich angelegt habe.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Verzeihen Sie, die Hülle, – die haben Sie +abgeworfen.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Man kann alle Hüllen abwerfen und doch undurchdringlicher +sein als in Panzern.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Das ist Rabulismus.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Sie haben wenigstens die Sicherheit, daß ich +gegen jede künftige Verführung und Verlockung +gefeit bin. Alles was andere lüstern macht, davon +habe ich genug und übergenug.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_227" id="Page_227" title="227"></a>Lord Hamilton</p> + +<p>Das ist ein Argument.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Die Welt ist vergeßlich. Ein Name, wie der +Ihre Mylord, deckt jugendliche Torheiten zu.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(mit einem Rest von Bedenklichkeit)</p> + +<p>Ich bin fünfundfünfzig Jahre alt ...</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Man hat mir erzählt, und ich habe mich darüber +amüsiert, daß Sie es bisweilen nicht verschmähen, +der Zeit Gewalt anzutun. Ich, sehen +Sie, ich kann das auch. <em class="direction">(Sie steigt auf einen Stuhl, +öffnet das Uhrgehäuse und dreht den großen Zeiger sehr +schnell und mehrere Male über das Zifferblatt zurück.)</em></p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Was tun Sie da, junge Hexe! <em class="direction">(Das Uhrwerk +knackt, der Pendel hört auf zu schwingen.)</em></p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Ich drehe die Jahre zurück, Mylord, und wenn +ich will, – sehn Sie! – bleibt die Zeit stehen! +<em class="direction">(Sie springt herab.)</em> Wir gehen nach Italien, Mylord! +<em class="direction">(mit ausgebreiteten Armen, bacchantisch.)</em> Illuminationen! +Barken auf dem Meer! Mondschein und Liebeslieder! +Fackeltanz und Tarantella!</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_228" id="Page_228" title="228"></a>Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(vor sich hin)</p> + +<p>Es bliebe noch zu erwägen, ob hier ein freier +Entschluß oder die Macht einer Bezauberung vorliegt. +– Gönnen Sie mir, Miß Lyon, gönnen +Sie mir Frist bis morgen.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>So lang Sie wollen. Nur bedenken Sie, daß +auch ich Dispositionen zu treffen habe –</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Ich könnte es versuchen ...</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Schön, versuchen wir es.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Begleiten Sie mich für zwei Monate nach dem +Süden.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Zwei Monate? Das ist etwas wenig.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Sagen wir vier Monate.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Wenn ich so durchtrieben wäre wie man mich +Ihnen geschildert hat, wäre ich mit drei Tagen zufrieden. +Aber ich bin eine ehrliche Person und +sage Ihnen ohne Umschweife: drei Tage Probezeit +<a class="page" name="Page_229" id="Page_229" title="229"></a>oder drei Jahre oder dreißig Jahre, das ist für +mich im Grunde gleichgültig, denn nach dem +ersten Tag werden Sie vom letzten nichts mehr +wissen wollen.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Ihre Prophezeiung ist sehr kühn. Immerhin +bleiben wir vorläufig bei den vier Monaten.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Vergessen Sie nicht, daß Sie Ihren Sohn vor +eine unwiderrufliche Tatsache stellen müssen, sonst +komme ich ihm gegenüber in eine schiefe Position.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Eine bedeutende Schwierigkeit. Wie soll ich ihm +eröffnen –?</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Sie überschätzen ihn doch. Die Schwierigkeit +ist mit zwei Worten aus der Welt geschafft. <em class="direction">(Sie +nimmt die Handglocke, läutet.)</em></p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(verwundert)</p> + +<p>Oh! Sie ergreifen die Initiative mit großem +Feuer.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p class="dircenter">(tritt ein)</p> + +<p>Mylord befehlen?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_230" id="Page_230" title="230"></a>Emma Lyon</p> + +<p>Sir Francis soll kommen.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p class="dircenter">(erstaunt über den diktatorischen Ton von dieser Seite)</p> + +<p>Mylord wünschen Sir Francis?</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(kalt)</p> + +<p>Sie haben gehört.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Mister Dashwood läßt gehorsamst fragen, ob er +sich entfernen kann. Er hat dringende Geschäfte.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Er soll warten. – Ist nicht Frühstückszeit?</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Es dürfte Frühstückszeit sein.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p class="dircenter">(schaut auf die Wanduhr)</p> + +<p>Jawohl; es ... <em class="direction">(Stockt verblüfft.)</em> Die Uhr steht.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Ja. Die Uhr steht.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Es soll serviert werden.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p class="dircenter">(bekümmert und fast vorwurfsvoll)</p> + +<p>Soll serviert werden, Mylord?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_231" id="Page_231" title="231"></a>Lord Hamilton</p> + +<p>Sie hören.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Auch fehlt noch ein Gedeck.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +<p>Noch ein Gedeck, Mylord?</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Noch ein Gedeck.</p> + +<p class="speaker">Der Majordom</p> + +Sehr wohl. <em class="direction">(Ab.)</em> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Der Mann scheint auf dem rechten Ohr taub +zu sein.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(in ziemlicher Unruhe)</p> + +<p>In welche Form soll ich also Francis gegenüber +die Mitteilung kleiden?</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Sie sagen ihm, daß Sie seine Schulden bezahlen +und mich dafür in Ihre Obhut nehmen.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(zieht die Stirn in Falten)</p> + +<p>Das wäre ja ein regelrechter Handel!</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Ich habe noch nie gehört, daß ein Engländer +<a class="page" name="Page_232" id="Page_232" title="232"></a>in Ohnmacht fällt, wenn von einem Handel die +Rede ist.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Wie viel betragen seine Schulden?</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Eine Lappalie. Vierzigtausend Pfund.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Wie? Und das nennen Sie eine Lappalie?</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(lacht)</p> + +<p>Also fange ich schon an, Ihnen teuer zu werden?</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Wenigstens geben Sie mir einen starken Begriff +von Ihrer – Weitherzigkeit.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Wo geknausert wird, kann ich nicht froh sein.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Ich werde trachten, Sie bei guter Laune zu erhalten.</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p class="dircenter">(streckt den Arm aus)</p> + +<p>So küssen Sie mir die Hand.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(beugt sich mit steifer Galanterie; während er ihr die +Hand küßt, kommt)</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_233" id="Page_233" title="233"></a>Sir Francis</p> + +<p class="dirlong">(bleibt bei diesem Schauspiel wie angewurzelt stehen. +Gleich hinter ihm kommen: der Majordom, dem ein +Diener mit dem fehlenden Gedeck folgt; hinter diesem +ein zweiter Diener mit dem Tablett, auf dem sich die +Speisen befinden. Gleich darauf erscheint auch Mister +Dashwood auf der Schwelle. Die Tür zur Halle bleibt +offen).</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dirlong">(geht zum Tisch, gibt dem Majordom Anweisung über +die Sitzordnung, dann tritt er zu Mister Dashwood und +spricht mit ihm. Dieser lauscht aufmerksam und verbeugt +sich oft zum Zeichen seines Eifers. Indessen ist +Sir Francis zu Emma Lyon getreten).</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p class="dircenter">(bewundernd; leise)</p> + +<p>Das war ein Meisterstück, Emma. Wie hast +du ihn denn herumgekriegt?</p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Still, lieber Freund. Keine Elogen. Du wirst +alles hören. Jetzt hab ich Hunger wie ein Matrose.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p>Und zahlt er die fünfundzwanzigtausend +Pfund –? Du weißt, meine Gläubiger drängen ...</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_234" id="Page_234" title="234"></a>Emma Lyon</p> + +<p>Fünfundzwanzig und noch fünfzehntausend +dazu.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p class="dircenter">(entzückt)</p> + +<p>Du bist umsichtig wie ein Kaufmann!</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(zu Mister Dashwood)</p> + +<p>Die Informationen waren falsch. Es ist dies +eine Gewissenlosigkeit, die ich ahnden muß, und +Sie tun gut daran, Mister Dashwood, wenn Sie +den Londoner Herrn darauf aufmerksam machen, +daß ich ihn wegen böswilliger Verleumdung bestrafen +lassen werde.</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p>Gewiß, Mylord, gewiß. Die Zunge der Menschen +ist ein giftiges Instrument und unheilvoll in +ihren Wirkungen –</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(unterbricht den drohenden Redeschwall und wendet sich +auch an Sir Francis)</p> + +<p>Miß Emma Lyon hat mich davon überzeugt, +daß alles, was wir von ihrem früheren Leben gehört +haben, nichtswürdige Lügen sind.</p> + +<p class="speaker">Sir Francis</p> + +<p>Das hab ich ja gleich gesagt –</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_235" id="Page_235" title="235"></a>Lord Hamilton</p> + +<p>Es gibt keinen Doktor Graham ... Es gibt +kein himmlisches Bett, und sie hat niemals eine +Göttin Hygäa dargestellt. Genug davon. Es sei +von solchen Dingen nicht mehr die Rede. Sie +können gehen, Mister Dashwood.</p> + +<p class="speaker">Mr. Dashwood</p> + +<p class="dircenter">(mit tiefer Verbeugung ab).</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p class="dircenter">(mit der Taschenuhr in der Hand)</p> + +<p>Darf ich zu Tisch bitten? Es ist zwölf Uhr, +fünf Minuten. <em class="direction">(Mister Dashwood hat sich entfernt.)</em></p> + +<p class="speaker">Emma Lyon</p> + +<p>Ihre Präzision, Mylord, verspricht meinem +Magen ein Dasein von angenehmer Sorglosigkeit.</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Zuerst den Bordeaux, John. <em class="direction">(Emma Lyon und +Sir Francis haben Platz genommen, der Lord bleibt +stehen.)</em> Mein lieber Sohn, erlaube mir, dich von +einem freudigen Ereignis zu unterrichten. Miß +Emma Lyon ist von heute ab keine Fremde mehr +für dich. Verehre in ihr <em class="direction">(stockt; Pause, dann mit +ruhiger Sicherheit)</em> deine zukünftige Mutter, Lady +Hamilton.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_236" id="Page_236" title="236"></a>Sir Francis</p> + +<p class="dirlong">(springt auf, läßt sich aber unter dem hoheitsvollen und +bannenden Blick seines Vaters wieder aus den Sessel +nieder).</p> + +<p class="speaker">Lord Hamilton</p> + +<p>Den Fisch, Mister Wardle!</p> + +<p class="vorhang"><em class="gesperrt">Vorhang</em>.</p> + + + +<p><a class="page" name="Page_237" id="Page_237" title="237"></a></p> +<h2><a name="Hockenjos" id="Hockenjos"></a>Hockenjos</h2> + + +<p class="personen"><a class="page" name="Page_238" id="Page_238" title="238"></a>Personen:</p> + +<ul class="personen"> +<li>Karinkel, Bürgermeister</li> +<li>Bienemann, Redakteur</li> +<li>Mettenschleicher, Bildhauer</li> +<li>Hockenjos</li> +<li>Hannewickel, Stadtrat</li> +<li>Abendrot, Amtsschreiber</li> +<li>Binder, Kommissär</li> +<li>Ein Amtsdiener, ein Kellnerbursche</li> +</ul> + +<p class="spielt">Spielt in einer kleinen süddeutschen Stadt.</p> + +<p><a class="page" name="Page_239" id="Page_239" title="239"></a></p> +<p class="newsection dirlong">Kanzlei des Bürgermeisters. Rechts und links Türen. +Hinten zwei Fenster mit Aussicht auf einen von +altertümlichen Häusern umgebenen Platz, in dessen Mitte +das noch umhüllte Denkmal steht.</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p class="dircenter">(schlägt mit einem Aktenheft Fliegen tot)</p> + +<p>Hin muscht werde! Pardon gibt’s net ... +hätt’scht es vorher überlegt, mei Schätzle ... hin +muscht werde, sag’ ich ...</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(ein untersetzter, glattrasierter, eiliger Mann, kommt; er +ist im Frack)</p> + +<p>Was treiben Sie denn da, Abendrot?</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p>Die Fliege schlag’ i tot, Herr Bürgermeischter.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Die Fliegen schlagen Sie tot? Sind Sie verrückt, +Mensch? Wo wir bis an den Hals in Arbeit +stecken!</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p>Ich hab’ ja bei der Denkmalsenthüllung nix zu +tun, Herr Bürgermeischter.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Scheren Sie sich an die Arbeit. Und wenn +Sie nichts zu tun haben, dann tun Sie wenigstens +<a class="page" name="Page_240" id="Page_240" title="240"></a>so, als ob Sie was zu tun hätten. Das fordert +die Würde des Amtes. Der Professor Mettenschleicher +muß jeden Moment kommen, – was +soll er sich denken, wenn Sie Allotria treiben.</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p>Isch scho guet, Herr Bürgermeischter ...</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Keine Widerrede! Diese Biederkeit, diese ewige +Treuherzigkeit! wie sie mir auf die Nerven geht! +Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, und der +Mensch schlägt Fliegen tot. <em class="direction">(Es klopft.)</em> Herein!</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p class="dircenter">(tritt ein; ein großer, würdevoll aussehender, schwarzbärtiger, +seriöser Mann, ebenfalls im Frack)</p> + +<p>Guten Morgen.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Guten Morgen, lieber Professor. Wie geht’s? +wie steht’s? Gut geschlafen? gut geträumt? Hat +unser bescheidenes Hotel Ihren Ansprüchen genügt? +Oder haben Sie irgend welche Rekriminationen? +Ich lege großen Wert darauf, daß es Ihnen bei +uns gefällt.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Danke, ich bin zufrieden. In so einem Städtchen +wird mir immer behaglich zumut.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_241" id="Page_241" title="241"></a>Karinkel</p> + +<p>Na, na, Professor ... Städtchen ...</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Nun ja, es ist doch eine sehr kleine Stadt ...</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Eine sehr kleine Stadt? – Eine kleine Stadt, +das eher. Aber es ist gut, daß Sie sich wohl +fühlen. Man hat nicht oft die Freude, einen so +berühmten Meister bewirten zu dürfen. Noch dazu +bei so feierlichem Anlaß ...</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p class="dircenter">(steif)</p> + +<p>Zu viel Ehre.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Sagen Sie mal, verehrter Professor, um unser +gestriges Gespräch fortzusetzen ... <em class="direction">(Zögert, da er +sich der Gegenwart Abendrots erinnert.)</em> Gehen Sie +hinüber in den Schwan, Abendrot, und bestellen +Sie mir ein Gabelfrühstück. Fragen Sie, – aber +fragen Sie Herrn Gumpelmaier selber – was +man haben kann. Etwas Warmes natürlich. Am +liebsten etwas vom Kalb.</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p>Oder vielleicht Schweinsrippche?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_242" id="Page_242" title="242"></a>Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(tiefsinnig)</p> + +<p>Schweinsrippchen ... nicht übel. Schweinsrippchen +oder Kalbsherz. Auch saure Nieren wäre +eine Idee. Beraten Sie sich nur mit Herrn +Gumpelmaier, der kennt meinen Geschmack. Der +Kellner soll laufen, damit die Sache unterwegs +nicht kalt wird. Dann gehn Sie in die Redaktion +des Tagesboten und fragen Sie Herrn Bienemann, +ob er meine Rede schon fertig hat. Er soll sich +sputen, um zwölf Uhr kommt der Prinz, da muß +alles auf dem <em class="antiqua">qui vive</em> sein.</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p>Isch guet, Herr Bürgermeischter. <em class="direction">(Ab.)</em></p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(seufzend)</p> + +<p>Du lieber Gott, bis man so der schwerfälligen +Welt Beine macht, Professor –! <em class="direction">(Knipst, eilig zur +Tür, ruft.)</em> Hallo! – Abendrot! – Abgebratene +Kartoffel soll er mitschicken! Wie? Sie Esel! Der +Schwanenwirt natürlich. <em class="direction">(Kehrt zurück, abermals +seufzend.)</em> Ein Mann, der nur für sich selber verantwortlich +ist, ist ein glücklicher Mann.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Wir dienen alle dem öffentlichen Wohl, Verehrtester. +Jeder auf seine Weise.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_243" id="Page_243" title="243"></a>Karinkel</p> + +<p>Aber nicht auf jeden sind beständig die Augen +des Publikums gerichtet, teurer Freund. So wie +auf Sie und auf mich. Wenn ich noch einmal +auf die Welt käme, – wissen Sie, wonach es +mich gelüsten würde? <em class="direction">(Ausdrucksvoll.)</em> Es würde +mich darnach gelüsten, das Leben eines einsamen, +unverheirateten Privatgelehrten zu führen. Was +brauchte ich da Belobungen? Anerkennung von +unten oder von oben? – Da hätte man sein Genügen +in sich selber, da hätte man keinen Orden +nötig. In meiner Position freilich muß ich dergleichen +haben, um meinen Mitbürgern den Beweis +zu liefern, daß ich ihres Vertrauens würdig +bin.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Zweifellos. Sie sind ja auf dem besten Weg –</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(erregt)</p> + +<p>Es besteht also Aussicht –?</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Gewiß. Man muß es nur delikat behandeln ...</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Wissen Sie, was ich mir überlegt habe, Professor? +Ich könnte ja, falls man mir den Michaelsorden +<a class="page" name="Page_244" id="Page_244" title="244"></a>verweigert, auch mit dem Friedrichsorden +vorlieb nehmen.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p class="dircenter">(vornehm belustigt von solcher Unwissenheit)</p> + +<p>Der Friedrichsorden steht keineswegs niedriger +im Rang als der Michaelsorden, mein lieber Bürgermeister. +Der eine wie der andere wird nur dann +verliehen, wenn sich der Betreffende in hervorragender +Weise verdient gemacht hat.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(in wachsender Erregung)</p> + +<p>Seit zwanzig Jahren mache ich mich verdient, +Professor. Ich tue ja überhaupt nichts anderes. +Ich habe eine elektrische Beleuchtung, eine Wasserleitung, +ein Findelhaus, einen Veteranenverein geschaffen; +ich habe die Fortschritte der Sozialdemokratie +nach Kräften aufgehalten, ich habe niemals +und nach keiner Seite hin Anstoß erregt, weder +bei der Geistlichkeit, noch bei der Regierung, – +aber man kann sich doch nicht ausbieten! – Man +hat doch seinen Stolz! Man wirkt in der Stille +– und hofft, daß es bemerkt wird.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Alterieren Sie sich nicht, lieber Freund.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Ich würde mich nicht beklagen, wenn es mir +<a class="page" name="Page_245" id="Page_245" title="245"></a>an loyaler Gesinnung gefehlt hätte. Denn ich begreife, +daß die höchsten Kulturtaten nicht ins Gewicht +fallen, wenn die loyale Gesinnung mangelt –</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Freilich. Die loyale Gesinnung, die wird vorausgesetzt. +Wohin kämen wir denn sonst!</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Das sagt sich leicht –: vorausgesetzt. Aber +bis man sie erwirbt, bis man sie sozusagen einkeltert, +damit sie süß und schmackhaft bleibt in all +den Jahren, das ist nicht so einfach. Und nun +habe ich noch dieses Denkmal gebaut –</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Eben. Das war dringend nötig. Es gibt kaum +mehr eine deutsche Stadt, die nicht ihre marmorne +Attraktion hätte, wenn ich mich so ausdrücken darf. +Man ist höhern Orts sehr geneigt, solche Bestrebungen, +soweit sie sich auf die Kunst beziehen, zu +unterstützen. Sie sänftigen die Sitten, sie lenken +die Instinkte des Volkes nach ungefährlichen Regionen.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Ehrlich gesagt, es ist ein Sorgenkind, dieses +Denkmal –</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_246" id="Page_246" title="246"></a>Mettenschleicher</p> + +<p>Warum denn? Lassen Sie sich nur nicht irre +machen ...</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Sie haben mich ja so weit gebracht, Professor +... Ihrer Energie haben wir es ja zu danken, +daß ...</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Nun ja, ich fand es dringend geboten, daß +auch Sie in diesem stillen Winkel Ihr Scherflein +beitragen zur Vermehrung der nationalen Ideale.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Das klingt sehr hübsch –</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Erlauben Sie, das sind tiefste Lebensüberzeugungen!</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Allerdings –</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Heraus mit der Farbe! Weshalb sind Sie so +kleinlaut, heute, an Ihrem großen Tag?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Es wird von gegnerischer Seite behauptet, – +haben Sie nicht den Ochsenfurter Anzeiger gelesen? +Da steht es drin –</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_247" id="Page_247" title="247"></a>Mettenschleicher</p> + +<p>Ich lese solche Käsblätter nicht. Was steht +drin?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Daß wir dem Hockenjos das Denkmal nur +aus Wichtigtuerei errichtet haben ...</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Das ist der Neid.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Und daß es eine Blamage sei.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Die Wühler muß man wühlen lassen.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Und daß der Hockenjos gar nicht in Neuguinea +gewesen ist und daß er gar nicht bei der Expedition +des Doktor Rittersteig war und daß er infolgedessen +auch nicht von den wilden Papuanern +erschlagen worden ist. Im Gegenteil, so behaupten +diese Schurken, er sei in einer australischen +Matrosenkneipe bei einem Raufhandel umgekommen.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Leeres Geschwätz.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Na ja, ein Säufer <em class="gesperrt">war</em> ja der Kerl. Der +Wahrheit die Ehre.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_248" id="Page_248" title="248"></a>Mettenschleicher</p> + +<p>Es ist vollkommen gleichgültig, was der Hockenjos +<em class="gesperrt">war</em>. Die Hauptsache bleibt, daß er tot ist. +– Was sagt denn Bienemann zu diesen Sudeleien? +Er hat doch damals die Nachricht von dem +Ende des Hockenjos zuerst gebracht ...</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Ach, mit dem Bienemann weiß man nie, wie +man dran ist. Ich fürchte, er glaubt gar nicht +an das Genie von dem Hockenjos.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Es ist das Kennzeichen eines guten Journalisten, +daß er in einem solchen Fall eine Sache +umso überzeugender vertritt.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Und ich selbst habe auch meine Zweifel ...</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Glauben Sie denn, lieber Freund, daß der +Ruhm anders fabriziert wird als auf diese Art? +Neun Zehntel unserer Berühmtheiten verdanken +ihren Glanz dem Notizenmangel einer Zeitung +oder dem Hang nach Redensarten, der in den +Leuten von der Feder steckt. Es ist nicht meines +Amtes, das wirkliche Verdienst vom erlogenen zu +trennen. Ich denke, es liegt eine viel höhere +Sendung darin, die häßliche Realität in einen angenehmen +<a class="page" name="Page_249" id="Page_249" title="249"></a>Schein zu verwandeln. Je verworfener, +unwürdiger und unfähiger dieser Hockenjos in +Wirklichkeit war, desto mehr Grund für uns, der +Welt ein so trauriges Faktum vorzuenthalten und +sein Bild zu veredeln. Wenn man einem Menschen +wie Hockenjos ein Denkmal setzt, geschieht +es nur, um seine wirkliche Gestalt zu verschleiern. +Dadurch eben bereichert man den Bestand an +nationalen Idealen.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Na ja, seine Gestalt mögen Sie am Ende verschleiern, +aber die Bilder, die der Kerl gemalt hat, +die können Sie nicht verschleiern. Wir haben ja +eine Ausstellung veranstaltet, und was ich da von +den hiesigen Damen zu hören bekommen habe, +– wahrhaftig, der ganze Appetit auf die Kunst +ist mir vergangen. Schamlose nackte Weiber hat +er gemalt. Die können Sie doch nicht verschleiern.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Wenn ein Künstler tot ist, verlieren seine Arbeiten +den moralischen Charakter, wenn ich mich +so ausdrücken darf. Schamlos waren die Weiber +eigentlich nicht, nur nackt waren sie. Aber wer +wird schließlich darnach fragen, was für Bilder +der Hockenjos gemalt hat, wenn er vor seinem +Denkmal steht? Keine Katze wird darnach krähen.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_250" id="Page_250" title="250"></a>Karinkel</p> + +<p>Kein Hahn, meinen Sie ...</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Kein Hahn, natürlich. Sie können sich in +diesem Punkt getrost meiner Erfahrung überlassen, +lieber Bürgermeister. Der Umstand, daß Hockenjos +tot ist, verschafft ihm einen unbeschränkten +Kredit an guter Meinung. Ich kannte eine ganze +Reihe von Idioten, die bloß dem Zufall, +daß sie gestorben waren, Bewunderer und Anhänger +zu verdanken hatten. Dem Publikum sind +nämlich die Künstler so ungeheuer gleichgültig, daß +man ihm, wenn einer stirbt, weismachen kann, +was man will.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Ich verstehe nicht viel von der Kunst, aber das +eine muß man doch von ihr fordern: daß sie den +Menschen bessert und erhebt.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Das ist richtig, hat aber mit unserer Angelegenheit +momentan nichts zu schaffen. Sie müssen +stark sein, lieber Freund. Sie dürfen sich in Ihrer +Überzeugung nicht erschüttern lassen.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>In welcher Überzeugung meinen Sie?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_251" id="Page_251" title="251"></a>Mettenschleicher</p> + +<p>In <em class="gesperrt">Ihrer</em> Überzeugung. Ein Mann hat doch +nur eine.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(etwas stupid)</p> + +<p>So. – Im allgemeinen bin ich ja stark. Aber +einen Menschen muß man doch haben, dem man +sein Herz eröffnen kann. <em class="direction">(Es klopft.)</em> Herein!</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p class="dirlong">(kommt; schmaler gelbgesichtiger Mann von etwa dreißig +Jahren. Tartarenbart, Zwicker. Er hat das Phlegma +intelligenter Leute, die viele überflüssige und langweilige +Dinge reden müssen. Hinter diesem Phlegma verbergen sich +Neugier, Bosheit, Resignation und Menschenverachtung).</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Guten Morgen, Bienemann! Sind Sie schon +fertig?</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Guten Tag, meine Herren. – Ja, ich wollte +noch einige Punkte mit Ihnen besprechen ...</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Darf ich die Herren miteinander bekannt machen, +Redakteur Bienemann, Professor Mettenschleicher +von der königlichen Akademie der bildenden Künste.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Freut mich, freut mich.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_252" id="Page_252" title="252"></a>Mettenschleicher</p> + +<p>Ich bin Ihnen für den schmeichelhaften Artikel +im Tagesboten sehr zu Danke verpflichtet, Herr +Doktor.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Noch nicht, Herr Professor, noch nicht.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p class="dircenter">(verdutzt)</p> + +<p>Was –? was, – noch nicht?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(ebenso)</p> + +<p>Ja ... was – noch nicht?</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Noch nicht Doktor, meine ich. Die <em class="antiqua">Honoris +causa</em> ist noch nicht gegeben. Bienemann, ganz +schmucklos Bienemann.</p> + +<p>Karinkel und Mettenschleicher</p> + +<p class="dircenter">(sehen einander an).</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(mit dem Daumen über die Schulter weisend)</p> + +<p>Stolz? wie? Demokrat! Ganz schmucklos +Bienemann! <em class="direction">(Lacht.)</em> Ausgezeichnet!</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p class="dircenter">(geniert)</p> + +<p>Na, na! <em class="direction">(Klopft Karinkel mit fürstlicher Leutseligkeit +auf die Schulter.)</em></p> + +<p class="dirlong"><a class="page" name="Page_253" id="Page_253" title="253"></a>(Klapperlärm. Ein Kellner kommt mit einer Platte, auf +der das Frühstück in zwei Tellern dampft. Ein Amtsdiener +eilt geschäftig voraus und säubert den Tisch. +Beide entfernen sich wieder. Karinkel setzt sich mit strahlendem +Gesicht, bindet die Serviette um den Hals und +vergißt alle Sorgen.)</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Mein Artikel hat Ihnen also gefallen, Herr +Professor?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(kauend; taktlos)</p> + +<p>Na, hören Sie, Bienemann, wenn mir so viele +Elogen gemacht würden, wäre ich auch nicht unzufrieden. +Es war famos. Und sehr aktuell.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Das schon; einige giftgeschwollene Schlangen können +sich nämlich nicht darüber beruhigen, daß das +Denkmal so rasch fertiggestellt worden ist. Vor sechs +Wochen hatten wir die Todesnachricht in der Zeitung, +und heute thront bereits der Marmor da +draußen. Es ist ja wirklich die reine Hexerei.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(kauend)</p> + +<p>Was geht die Leute das an? – Diese geschmorten +Stückchen da sind köstlich. Wollen Sie +nicht zugreifen, Professor? Nein? Schade.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_254" id="Page_254" title="254"></a>Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(tut verlegen)</p> + +<p>Freilich, das sag ich auch. Aber ein Mensch +wie ich besteht aus lauter Ohren. Und so hör +ich denn unter anderm das blödsinnige Gerücht, +daß das Denkmal schon vorher fertig gewesen ist.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Wieso? Vor dem Tod des Hockenjos? Mit +solchen Dummheiten sollten Sie uns nicht kommen, +Bienemann. Ich verstehe ja nichts von der +Bildhauerei, aber unser verehrter Meister hier +konnte doch nicht die Unsterblichkeit des Hockenjos +voraussehen.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Das sag ich auch; es sei denn, man macht +Denkmäler auf Lager. Was meinen Sie, Herr +Professor?</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p class="dircenter">(windet sich)</p> + +<p>Ich will nicht hinterm Berg halten ... es +hat mit dieser Sache eine eigene Bewandtnis. Ich +hatte doch, wie Ihnen vielleicht erinnerlich ist, den +Auftrag, ein Monument für den verstorbenen Sanitätsrat +Ulfinger zu schaffen –</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(roh)</p> + +<p>Der die Schweinereien gemacht hat ...</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_255" id="Page_255" title="255"></a>Mettenschleicher</p> + +<p>Schweinereien ist eine etwas starke Bezeichnung. +Er war ein bedeutender Gelehrter, lebte aber leider +Gottes über seine Verhältnisse, und ein halbes +Jahr nach seinem Tod kamen die gefälschten Wechsel +zum Vorschein. Es geschah alles, um den +Skandal zu vermeiden, schließlich drang die Geschichte +doch an die Öffentlichkeit, und das Denkmal +konnte nicht aufgestellt werden. Meine ganze +Arbeit war umsonst, der Marmor lag da –</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Außerordentlich interessant!</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Und da traf ich gerade unsern Freund Karinkel, +der den noch unbestimmten Plan hegte, etwas zur +Verschönerung des hiesigen Stadtbildes zu tun.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Aha! und weil der Hockenjos eben das Zeitliche +gesegnet hatte –</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Ja, so kamen wir überein –</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(dankbar)</p> + +<p>Sie waren es, teurer Meister, der mir die Idee +gab!</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_256" id="Page_256" title="256"></a>Bienemann</p> + +<p>Wirklich, eine Fügung des Himmels, dieses +Zusammentreffen der Umstände! Da hat also der +gute Hockenjos quasi ein von Herrschaften abgelegtes +Denkmal bekommen.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(zornig)</p> + +<p>Witzeln Sie nicht, Bienemann.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Aber Sie mußten doch Ihrem marmornen +Sanitätsrat einen andern Kopf aufsetzen –?</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>War merkwürdigerweise überflüssig. Die beiden +Leute hatten eine gewisse Ähnlichkeit. Beide +groß, ziemlich fett, langbärtig ... Außerdem, ein +Denkmal ist doch ein Symbol.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Toll! einfach toll! Man lernt nie aus.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Ich rechne selbstverständlich auf Ihre Diskretion. +Außer Ihnen beiden weiß nur noch mein erlauchter +Freund, der Prinz Albert, davon, ohne dessen Rat +und Zustimmung ich etwas Derartiges überhaupt +nicht unternehmen würde.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_257" id="Page_257" title="257"></a>Bienemann</p> + +<p>Das ist derselbe, der heute zur Enthüllung +kommt?</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Derselbe. Er liebt die schönen Künste. Sie +können sicher sein, daß er auch auf Sie ein Auge +haben wird.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(verbeugt sich)</p> + +<p>Oh! Danke sehr. – Müssen Sie nicht auf +den Bahnhof, Herr Bürgermeister?</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Seine königliche Hoheit trifft ja erst um zwölf +Uhr ein.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Ja, aber um viertelzwölf kommt der Regierungspräsident. +Weiß der Stadtrat Hannewickel, +daß er sich mit den Ehrenjungfrauen aufzustellen +hat?</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Die Ehrenjungfrauen und der Veteranenverein +sind schon in vollem Wichs.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Noch einen Vorschlag, meine Herren. Wie +wäre es, wenn man heute noch ein Extrablatt +drucken ließe, durch dessen Inhalt das Volk einige +<a class="page" name="Page_258" id="Page_258" title="258"></a>Aufklärung über die künstlerischen Verdienste des +Malers Hockenjos erhielte?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Nicht schlecht ...</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Es ist in dieser Beziehung vieles versäumt +worden –</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Und man könnte die Verleumder damit zum +Schweigen bringen. Nicht schlecht. Was meinen +Sie, Bienemann?</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Ein ziemlich teurer Spaß. Es fragt sich, ob +die Interessen, die dabei im Spiele sind, eine +solche Ausgabe fordern.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Es sind <em class="gesperrt">ideale</em> Interessen, mein Lieber. Dafür +ist nichts zu teuer.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Ideale Interessen? Entschuldigen Sie, meine +Herren, aber an ideale Interessen glaub ich nicht. +Sie auch nicht. Das Publikum auch nicht. Das +ist eben das Heikle mit den idealen Interessen, +daß niemand daran glaubt, weil zu viele ihren +Vorteil daraus ziehen.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_259" id="Page_259" title="259"></a>Karinkel</p> + +<p>Pfui, Bienemann! Beständig gießen Sie Ihr +nüchternes Öl in die Wogen unserer Begeisterung.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Das ist mein Beruf.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Ein trauriger Beruf.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Sie dürften damit den Nagel auf meinen +Kopf getroffen haben, Herr Bürgermeister. Wer +mit Papier gefüttert wird, dem wachsen keine +Blumen auf der Zunge.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Wenn Ihnen an meinem ferneren Vertrauen +gelegen ist, so unterstützen Sie uns jetzt mit allen +Ihren Kräften, Bienemann.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Ich soll also gewissermaßen die öffentliche Meinung +beruhigen ...</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Ja ... wenn Sie es so betrachten ... obwohl, +– öffentliche Meinung gibt es nicht.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(bürstet seine Kleider)</p> + +<p>Die öffentliche Meinung sind wir.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_260" id="Page_260" title="260"></a>Mettenschleicher</p> + +<p>Öffentliche Meinung ist die Konspiration der +Dummköpfe.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Die Herren sind entschlossen, wie ich sehe. +Allen Respekt. Nun, was an mir liegt, soll geschehen. +Die Druckerpresse hat schon ganz andere +Dinge gerechtfertigt als Denkmäler. Die Ingredienzen, +aus denen man den Brei der Zeitungsunsterblichkeit +kocht, sind billig zu haben. Die +Hauptsache ist der Superlativ. Das ist das Universalrezept. +Der Superlativ ist für den Leser, +was neunzigprozentiger Fusel für einen Gewohnheitstrinker +ist. Leider nützen sich die Superlative +jetzt so stark ab, daß eine neue Steigerung, ein +Über-Superlativ eine wahre Wohltat für die Menschheit +wäre.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Das ist mir zu hoch, davon versteh ich nichts.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Na, schön. Ich will Ihnen einen Hockenjos +hinstellen, der sich gewaschen hat. Ich werde Ihnen +mit einer Verklärung aufwarten, daß der Mann +in seinem Grab noch Lust zu einer Himmelfahrt +bekommt. Ich tue einfach, als ob Tizian ein +Zimmermaler und Feuerbach der kleine Moritz +gegen ihn wäre.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_261" id="Page_261" title="261"></a>Mettenschleicher</p> + +<p>Ich hoffe, daß diese Übertreibungen nur Ausflüsse +einer momentanen Laune sind.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Nein, Herr Professor. Sie kennen den Abonnenten +nicht. Wenn man dem Abonnenten einen +neuen Mann glaubhaft machen will, muß man +erst einen alten in Stücke reißen. Der Abonnent +ist grausam, er will Blut sehen.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Ich denke, wir überlassen Bienemann da am +besten seinem Genius.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Keinesfalls werde ich etwas davon wissen, daß +der arme Hockenjos in unserer Mitte beinahe verhungert +ist. Daß er mit Hohn abgefertigt wurde, +als er sich vor vier Jahren um das Staatsstipendium +bewarb. Apropos, waren Sie es nicht selbst, +Herr Professor, der diese Sache damals hintertrieb –?</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p class="dircenter">(ärgerlich)</p> + +<p>Mein Gott ja, ... ich kann nicht leugnen ... +der Mann war mir <em class="gesperrt">persönlich</em> unsympathisch.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(ebenso)</p> + +<p>Wozu kramen Sie denn die alten Sachen aus?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_262" id="Page_262" title="262"></a>Bienemann</p> + +<p>Ich werde auch davon schweigen, daß das +Publikum vor seinen Bildern Lachkrämpfe bekam +und der Magistrat ihm das Atelier auf der Schanze +kündigen ließ, aus Gründen, die der Anstand zu +erwähnen verbietet.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(wie oben)</p> + +<p>Das war wegen der Modelle. Aber die Kunst, +lieber Bienemann, wie soll ich sagen, die Kunst +braucht eben keine Moral.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Na! na! Da muß ich bitten –</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Das heißt, ich meine: die Moral braucht keine +Kunst.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Um seine Auswanderung plausibel zu machen, +werde ich sagen, daß ihn malerische Probleme in +die Tropen zogen.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Sehr gut.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Und während er das Gefieder der Paradiesvögel +studierte, um bisher unerhörte Farbenmischungen +<a class="page" name="Page_263" id="Page_263" title="263"></a>für seine Palette zu gewinnen, haben ihn die +Eingeborenen erschlagen und verspeist.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(der sich die Zähne stochert, erschrocken)</p> + +<p>Verspeist –?</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Höchstwahrscheinlich.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Wissen Sie was? Setzen Sie sich gleich hier +an meinen Schreibtisch und fangen Sie an. <em class="direction">(Das +Telephon klingelt, er eilt hin.)</em> Hier Karinkel! Ja? +Ja. Bitte. – In der Redaktion will man Sie +sprechen, Bienemann. <em class="direction">(Während Bienemann zum +Apparat geht.)</em> Für uns ist es jetzt Zeit, lieber +Professor.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Also gehen wir.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(am Telephon)</p> + +<p>Hier Bienemann. <em class="direction">(Pause.)</em></p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(setzt sich den Zylinder auf)</p> + +<p>Ich bin neugierig, ob der Präsident eine Rede +halten wird.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_264" id="Page_264" title="264"></a>Mettenschleicher</p> + +<p>Er kann Seiner königlichen Hoheit nicht vorgreifen.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(am Telephon)</p> + +<p>Unsinn! – Wie? Gesehen worden? Wo? +In Aßmannshausen? Da lebt ja die Frau jetzt? +So. Einen Liebhaber. So. Natürlich. Durchgeprügelt? +Nein! Nicht möglich! Da hat man +Ihnen einen Bären aufgebunden. Einen Bä–ren! +Das wäre ja unerhört.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Was ist denn los?</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(am Telephon)</p> + +<p>Ich gebe nichts auf solche Gerüchte. Schicken +Sie einen verläßlichen Menschen hin. Schluß! +<em class="direction">(Läutet ab.)</em> Recht heiter. Der Hockenjos soll in +Aßmannshausen gesehen worden sein.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(wie erstarrt)</p> + +<p>Um Gottes willen, Mensch, was reden Sie da!</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Das fehlte nur noch!</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Er soll seine Gattin mit einem Viehhändler +<a class="page" name="Page_265" id="Page_265" title="265"></a>erwischt und den Galan windelweich geschlagen +haben.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Aber lieber Bienemann, – das ist ja um den +Verstand zu verlieren ...</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Ich halte das Ganze für einen blinden Alarm.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Sie nehmen mir einen Stein vom Herzen.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Man will uns ins Bockshorn jagen.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Eine Frivolität sondergleichen.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Kümmern wir uns nicht darum.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Wenn aber doch was Wahres dran ist ...</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Bah! meine Informationen waren immer verläßlich. +Wenn der Tagesbote jemand als tot +meldet, dann ist er tot.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Es ist höchste Zeit. Wir müssen zur Bahn. +Machen Sie sich nur gleich an die Arbeit, Bienemann. +Lassen Sie uns nicht im Stich.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_266" id="Page_266" title="266"></a>Bienemann</p> + +<p>Auf Wiedersehen, meine Herren.</p> + +<p class="speaker">Karinkel und Mettenschleicher</p> + +<p class="dircenter">(ab).</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(setzt sich vor den Schreibtisch, zündet eine Zigarre an; +behaglich)</p> + +<p>Was der Sybarit für einen weichen Lehnsessel +hat! Wenn ich nicht Bienemann wäre, möchte ich +Karinkel sein. <em class="direction">(Legt das Papier zurecht.)</em> Los also! +Her mit euch, ihr bebänderten Adjektiva und geschniegelten +Substantiva! ihr großmäulichen Interjektionen +und schmetternden Exklamationen! ihr +Metaphern, Hyperbeln und Epitheta! Ich rühr +euch zusammen wie Mandeln und Rosinen in +einem Kuchenteig, von dem die ganze Welt Verdauungsbeschwerden +kriegt.</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p class="dircenter">(tritt mit verstörtem Gesichtsausdruck unter die Türe; winkt)</p> + +<p>Herr Bienemann! – Herr Bienemann!</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Was gibt’s? Ich habe keine Zeit.</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p class="dircenter">(flüsternd)</p> + +<p>’s isch was Schreckliches passiert, Herr Bienemann ...</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_267" id="Page_267" title="267"></a>Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(kommt im Sturmschritt zurück, den Zylinder schief auf +dem Kopf)</p> + +<p>Bienemann, wir sind verloren!</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p class="dircenter">(seine Würde mühsam bewahrend, ist Karinkel gefolgt)</p> + +<p>Eine Katastrophe!</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(mehr heulend als redend)</p> + +<p>Der Abendrot hat ihn zuerst gesehen. In der +Bahnhofsstraße hat er ihn gesehen. Mitten unter +den Leuten.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Und hat ihn jemand erkannt?</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p>Noi, noi ...</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>War er allein?</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p>Ganz alleine.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Was für Maßregeln gedenken Sie zu treffen?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Er muß auf der Stelle fort.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_268" id="Page_268" title="268"></a>Bienemann</p> + +<p>Ist bis jetzt etwas unternommen worden?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Kommissär Binder ist mit zwei Wachleuten +ausgerückt. Hoffentlich gelingt es, den Kerl festzuhalten.</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Es ist eine entsetzliche Blamage.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Ich lasse ihn einsperren.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Überlegen wir die Sache gut, meine Herren, +sonst kann’s uns an den Kragen gehn.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(wild)</p> + +<p>Lassen Sie mich in Frieden mit Ihrem Kragen, +Sie, Sie ... Unerschütterlicher!</p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Es gibt nicht viel zu überlegen, hier heißt es +handeln.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Also handeln wir.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Tun Sie mir nur den Gefallen, lieber Professor, +und empfangen Sie den Präsidenten. Der +<a class="page" name="Page_269" id="Page_269" title="269"></a>Zug muß ja jeden Moment eintreffen. Irgend +ein Würdenträger muß ihn doch begrüßen. <em class="direction">(Das +Telephon klingelt.)</em> Großer Gott, was ist denn das +schon wieder? <em class="direction">(Bienemann eilt zum Telephon.)</em></p> + +<p class="speaker">Mettenschleicher</p> + +<p>Gut ich gehe. <em class="direction">(Ab. Ein Polizist tritt unter die +offene Tür.)</em></p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(am Telephon)</p> + +<p>Ja? – Ja! Eine Stunde früher? Danke. +Schluß. <em class="direction">(Läutet ab.)</em> Der Hoftrain mit dem Prinzen +trifft also um eine Stunde früher ein.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(der mit dem Polizisten gesprochen hat)</p> + +<p>Also der Kommissär Binder hat den Hockenjos +verhaftet und ihn gleich in einen Wagen setzen +lassen. Er ist jetzt in der Wachtstube.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Dort kann er nicht bleiben.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Wie sagten Sie? Der Hofzug kommt um +eine Stunde früher? Dann ist ja kein Augenblick +mehr zu verlieren. Es ist elf Uhr. Mir ist +ganz wirblig im Kopf. Wenn ich nur wüßte, +wer an alledem schuld ist! <em class="direction">(Ausbrechend.)</em> Sie sind +schuld, Bienemann! Sie haben seinerzeit die +<a class="page" name="Page_270" id="Page_270" title="270"></a>schwindelhafte Todesnachricht in die Zeitung gebracht.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Ich weise Ihre Anschuldigungen zurück. Meine +Pflicht ist zu schweigen und zu schreiben, aber +nicht den Sündenbock zu machen.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Sie sind ein ganz gefährliches Subjekt.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(verdrossen)</p> + +<p>Ich bin kein Subjekt, ich bin ein Prinzip.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Großer Gott, warum hast du mir das angetan! +Bienemann, liebster Herzensbienemann, laufen +Sie schleunigst auf die Wache. Sehen Sie zu, +daß keine Dummheit begangen wird. Keine Menschenseele +darf dem Hockenjos nahe kommen. Niemand +darf mit ihm sprechen. Nehmen Sie noch +ein paar Polizeileute zu Hilfe. Nötigenfalls lassen +Sie ihn binden –</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>In Ketten legen –</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Was Sie wollen ... <em class="direction">(Man vernimmt Glockenläuten.)</em> +Um Himmels willen, mir scheint, der Hofzug +fährt schon ein. Ich komme zu spät. <em class="direction">(Ab.)</em></p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_271" id="Page_271" title="271"></a>Bienemann</p> + +<p>Es ist am besten, wir lassen den Delinquenten +hierher transportieren. Hier ist er am sichersten.</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p>Da hawe Se recht, Herr Bienemann.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Rennen Sie hin und sagen Sie es dem Binder.</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p class="dircenter">(zur Tür, lauscht, kehrt um)</p> + +<p>Er bringt ihn schon von selber, der Kommissar ...</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Na, der Mann denkt wenigstens. Denkende +Menschen ersparen einem immer Laufereien. <em class="direction">(Hockenjos +und Kommissar Binder kommen.)</em></p> + +<p class="speaker">Binder</p> + +<p>So, Meister Hockenjos. Jetzt habe ich Ihren +Wunsch, Sie aufs Bürgermeisteramt zu führen, +erfüllt, nun müssen Sie sich aber auch ganz ruhig +verhalten.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p class="dirlong">(großer, breitschultriger Mann. Haar und Bart sind +stark ergraut. Er spricht schwer, aber nachdrücklich, in +tiefem, meist humoristisch sordiniertem Baß; trägt vernachlässigte +Kleider, einen breitrandigen Filzhut)</p> + +<p>Der Teufel soll Sie holen, Mann! Können +<a class="page" name="Page_272" id="Page_272" title="272"></a>Sie auf eine anständige Art erklären, weshalb +Sie mich wie einen Sträfling behandeln, he?</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p>P–scht! p–scht!</p> + +<p class="speaker">Binder</p> + +<p>Sie müssen sich den behördlichen Anordnungen +fügen.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Ich füge mich, weil es mir paßt. So steht +die Sache. In die Suppe werd’ ich euch schon +spucken, darauf könnt ihr euch verlassen. Aber +anders als ihr denkt. Wo ist denn der Oberkoch? +Ah, Herr Bienemann! Freut mich, Sie +zu sehen, Herr Redakteur. Sind Sie jetzt avanciert, +weil Sie in der Bürgermeisterkanzlei sitzen?</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(schmunzelnd, süßlich)</p> + +<p>Sprechen wir nicht von mir, Meister Hockenjos. +Die interessante Person sind Sie. Wie kommen +Sie denn her? von wo? Sie erscheinen ja +wie ... wie ...</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Wie das Gespenst am Hochzeitstag, jawohl. +Aber ich fühle mich gar nicht gespensterhaft. Zunächst +will ich mich mal – unaufgefordert, Sie +<a class="page" name="Page_273" id="Page_273" title="273"></a>verzeihen schon – hier niederlassen. So. Hier +sitze ich, ich kann nicht anders.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Bitte sehr. Ruhen Sie sich nur aus. <em class="direction">(Zu +Abendrot, leise.)</em> Suchen Sie den Bürgermeister +auf und sagen Sie ihm, daß ich ihn hier in Gewahrsam +halte. Aber Vorsicht! – <em class="direction">(Zu Binder.)</em> +Sie brauchen nicht hier zu bleiben. Es genügt, +wenn Sie im Korridor einen Polizeidiener als +Wache aufstellen. Es soll niemand hereingelassen +werden. <em class="direction">(Während Binder und Abendrot abgehen.)</em> +Wie ich aus Ihrem Verhalten schließen darf, ist +Ihnen also die ganze Komplikation schon bekannt, +Meister?</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Komplikation nennen Sie diese Schurkerei? +Auch recht.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Nun, man meint es gut mit Ihnen. Man sorgt +für Ihren Nachruhm.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Hanswurste seid ihr.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Unterschreib ich unbesehen.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Aber mit meinem Leichnam werdet ihr nicht +<a class="page" name="Page_274" id="Page_274" title="274"></a>so kurzen Prozeß haben wie mit meinem lebendigen +Korpus.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Ich fürchte. Ich fürchte. Sie waren also in +Aßmannshausen bei Ihrer Frau?</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Reden Sie meinetwegen von meinem Nachruhm, +Herr, obwohl das ein Gemüse ist, das keinem +mehr schmeckt, wenn man’s ihm auftischt, +aber von meinem Weib reden Sie nicht. Die +Fäuste tun mir noch weh, und das ist alles, was +ich an Erinnerung behalten will. Ich sage Ihnen, +ein Vieh ist der Mensch. Allerwegen treibt’s ihn +zum Stall zurück. Und wenn draußen die beste +Weide ist, er denkt bloß an den Stall. Das schönste +Futter läßt er liegen, das ihm der Herrgott spendet, +und rennt zur Krippe, wo der Bauer spart und +mit der Peitsche knallt.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(echt)</p> + +<p>Ja, zum Henker, warum sind Sie denn nicht +dort geblieben in den wilden Gegenden, wenn es +Ihnen schon nicht gefallen hat, das Zeitliche zu +segnen? Es wäre besser für Sie und für uns. +Jetzt haben wir bloß die Scherereien.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Glauben Sie, ich hätte den Ehrgeiz, Ihnen +<a class="page" name="Page_275" id="Page_275" title="275"></a>Scherereien zu ersparen? Im Gegenteil. Sie werden +Ihre blauen Wunder erleben.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(resigniert)</p> + +<p>Na, wohl bekomm’s.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Wie flink ihr seid, einen Toten leben zu lassen, +während ihr dem lebendigen Menschen die Haut +abzieht!</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Mein Gott, die Zivilisation bringt eben manchen +Übelstand mit sich. Sind Sie denn nun eigentlich +dort unten gewesen bei den wilden Völkern?</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Und ob, mein lieber Herr, und ob! War dabei, +wie sechzig wackere Burschen aufgerieben worden +sind von den braunen Satansbrüdern, und +wäre nicht ein malaiisches Mädchen gewesen, das +mich auf Gebirgswegen zur Küste führte, dann +könnt ich heute eure Kirchweih dahier nicht stören.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Sie betrachten unsere Angelegenheit etwas zu +vergnügt, scheint mir. Da haben Sie wohl große +Strapazen erlitten? Aussehen tun Sie ja wie der +leibhafte Odysseus.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_276" id="Page_276" title="276"></a>Hockenjos</p> + +<p>Was wollen Strapazen schließlich bedeuten? +Ist eine Herrlichkeit, wenn einem die Sonne immerfort +bis in den Magen leuchtet. Dort ist der +Mann ein Mann. Von Polizei nirgends die Spur. +Und Blumen! und Vögel! und Bäume! Da weiß +man erst, was Gott der Herr erschaffen, und warum +er am siebenten Tag ausgeschnauft hat. Hier +guckt einer dem andern auf die Finger, und schockweis +fressen sie aus demselben Tiegel. Und ein +Eifer, und ein Fleiß, und eine Wichtigkeit, aber +ist’s denn irgend jemandem Ernst? Tinte schwatzen +sie.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Ganz meine Meinung.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Sie sind auch so ein Kalfakter.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Verurteilen Sie mich nicht. Ich diene dem +Gemeinwohl.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Gemeinwohl ... ein richtiges Tintenwort.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Durchaus nicht.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Möchten Sie mir nicht erklären, was Sie unter +Gemeinwohl verstehen?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_277" id="Page_277" title="277"></a>Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(trocken)</p> + +<p>Gemeinwohl ist das, was viele tun müssen, +um einen einzelnen zu fördern.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Der Tausend! Mensch, Sie sind ja ein Zyniker!</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Gott sei Dank, das bin ich. Diese Eigenschaft +hab ich mir im Umgang mit Leuten erworben, die +sich dadurch von mir unterscheiden, daß sie den +Begriff <ins class="correction" title="Transcriber's note: original reads 'Geweinwohl'">Gemeinwohl</ins> anders definieren. <em class="direction">(Stimmenlärm +von der Straße.)</em></p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Jetzt geht’s los da drunten.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Ja. Ich bin nur neugierig, was wir mit +Ihnen da oben anfangen werden.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Ich auch.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Sie haben also keine bestimmte Vorstellung +über Ihre zukünftige Rolle bei dieser immerhin +ungewöhnlichen Verwicklung?</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Ich? Nein. Ich habe nur nicht die Absicht, +mir meinen Platz in der Welt so ohne weiters +<a class="page" name="Page_278" id="Page_278" title="278"></a>wegstibitzen zu lassen. Wenn’s auch nur ein ganz +lumpiger Platz war, so ein Fünfzigpfennigplatz, auf +dem Olymp ...</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Das kann ich Ihnen nachfühlen. Als deklarierter +Toter lebt sich’s nicht sehr bequem.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Und noch dazu auf solche Manier deklariert ... +<em class="direction">(Erregt sich.)</em> Wenn ihr wenigstens das Denkmal +von einem anständigen Kerl hättet machen lassen. +Aber von diesem Zuckerbäcker, dem Mettenschleicher! +diesem Pfründner, der von der Kunst ungefähr so +viel versteht wie ich vom Koloratursingen, diesem +Eunuchen, der mit seiner Nase immer an den unanständigsten +Gegenden prinzlicher Personen schnuppert, +– daß ihr mich von dem habt verewigen +lassen, das wurmt mich.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Wir haben halt Pech mit Ihnen. Jetzt ist es +zu spät.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Mir wird schon übel, wenn ich das Zeugs da +unter den Hüllen sehe. Wahrscheinlich so ein Marzipan-Engel, +was?</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Natürlich, was glauben Sie denn! Wir werden +<a class="page" name="Page_279" id="Page_279" title="279"></a>uns doch die Muse nicht entgehen lassen, die den +Künstler auf die Stirne küßt!</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Und mit zwei Flügeln, was?</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Zwei Flügel. Ganz richtig. Wie sich’s gehört.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>O, du Schuft!</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Achtung, jetzt hör ich den Bürgermeister kommen.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(stürzt in höchster Eile herein)</p> + +<p>Das ist er also! <em class="direction">(Starrt Hockenjos an.)</em></p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p class="dircenter">(ironisch)</p> + +<p>So echauffiert, Herr Bürgermeister?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Sie spotten wohl? Mir ist gar nicht spötterisch +zumut.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p class="dircenter">(brüsk)</p> + +<p>Was steht dem Herrn zu Diensten?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(wischt den Schweiß von der Stirn)</p> + +<p>Es wird Ihnen doch bekannt sein, daß wir +<a class="page" name="Page_280" id="Page_280" title="280"></a>eben im Begriff sind, die Enthüllung Ihres Denkmals +zu feiern.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Jawohl. Ist mir zu Ohren gekommen. Das +ist auch der Grund, weshalb ich da bin.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(einschmeichelnd)</p> + +<p>Sie werden doch einsehn, lieber Meister, daß +Sie unmöglich in der Stadt bleiben können.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Sehe ich ohne weiters ein.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(hocherfreut)</p> + +<p>Das lob ich mir. Sie sind ein prächtiger +Mensch.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Gewiß. Man muß bei mir nur den Herzpunkt +treffen.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Es wäre ja auch ein Mord, lieber Freund, ein +moralischer Mord.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Ei wieso denn?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Sehr einfach. Jeder, der über diesen Platz +an diesem Denkmal vorübergehen wird, eifert Ihnen +<a class="page" name="Page_281" id="Page_281" title="281"></a>nach, schaut zu Ihnen hinauf, bringt ebenfalls +Großes hervor und nützt so wieder seinen Mitbürgern +und der Stadt.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Das leuchtet mir beinahe ein.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Es ist so klar wie zweimalzwei.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(immer eifriger)</p> + +<p>Sie sind heute ... wie alt sind Sie?</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Vierundfünfzig.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Vierundfünfzig. Wie alt wird der Mensch? +Siebzig. Sagen wir fünfundsiebzig.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Gut. Sagen wir fünfundsiebzig.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Wegen dieser erbärmlichen zwanzig Jahre wollen +Sie Ihre Unsterblichkeit aufs Spiel setzen?</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Hm ... Finden Sie nicht, daß ein Sperling +in der Hand besser ist –</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Nein, nein, nein, vom idealen Standpunkt nein.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_282" id="Page_282" title="282"></a>Bienemann</p> + +<p>Durchaus nicht.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Was habe ich also nach Ihrer Ansicht zu tun?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Sie müssen fort.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Es haben mich aber doch einige Leute gesehen ...</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Das macht nichts; wir geben Sie für Ihren +Doppelgänger aus. Wir bringen in der Zeitung +eine kleine scherzhafte Notiz. Nicht wahr, Bienemann? +Wir nennen ihn Mister Koch aus Pennsylvanien. +Hahaha!</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Das geht, das geht. »Ein heiteres Spiel des +Zufalls fügte es« – und so weiter.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Sie müssen Deutschland verlassen.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Mit Vergnügen.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Sie müssen Europa den Rücken kehren.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_283" id="Page_283" title="283"></a>Hockenjos</p> + +<p>Mehr kann ich aber unmmöglich für Sie tun.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(glücklich)</p> + +<p>Sie sind ein Engel von einem Mann. Mit +Ihnen kann man ja ausgezeichnet reden. Da +sieht man erst, wie schlecht man im Leben einander +kennen lernt.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Langsam, langsam, bester Herr –</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Sie fahren also nach Amerika. Sie benutzen +den Schnellzug, der um drei Uhr hier hält. Die +Reisekosten –</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Langsam. Jetzt komme ich.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Die Reisekosten zahlen wir selbstverständlich –</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>So billig denken Sie mich loszuwerden?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Na ja, man kann noch ein Übriges tun ...</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(aus dem Hinterhalt hetzend)</p> + +<p>Ein kleines Douceur ...</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_284" id="Page_284" title="284"></a>Hockenjos</p> + +<p>Ihre Propositionen haben Sie gemacht. Jetzt +will ich die meinen machen.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(ängstlich)</p> + +<p>So ... Sprechen Sie nur frei von der Leber weg.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Wie viel hat Sie der Marmorhaufen da draußen +gekostet?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Viel Geld; schändlich viel!</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Na ... dreißigtausend –?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Mehr!</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Also. Ich verlange nur so viel.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(wie mit der Nadel gestochen)</p> + +<p>Was? Sie sind toll!</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Kommt denn das gegen die Unsterblichkeit in +Betracht, verehrter Bürgermeister?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Mensch, es handelt sich ja um <em class="gesperrt">Ihre</em> Unsterblichkeit!</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_285" id="Page_285" title="285"></a>Hockenjos</p> + +<p>Mit der <em class="gesperrt">Sie</em> ein Geschäft machen wollen. So +viel wie Sie für mein Denkmal ausgegeben haben, +lieber Herr, habe ich mein ganzes Leben lang mit +meiner Hände Arbeit nicht verdient. Ich verkaufe +Ihnen meinen Leichnam für weniger Geld als Sie +für seine Glorifikation ausgegeben haben. Ist das +nicht kulant? Sie haben ja eine Ausstellung +meiner Bilder veranstaltet. Sie haben ja allen +möglichen blumeranten Quatsch darüber schreiben +lassen. Die Bilder gehören Ihnen. Bezahlen Sie +sie mir, so daß ich endlich einmal leben kann, +denn hierzulande hab ich bis jetzt kein Leben geführt.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(jammernd)</p> + +<p>Aber, Mann! was kümmern mich Ihre Bilder!</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Endlich ein Wort aus dem Herzen. Also kurz +und bündig, Herr: ist Ihnen meine Willfährigkeit +so viel wert oder nicht? Den Hanswurst spiel ich +nimmer länger.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(verzweifelt)</p> + +<p>Wo soll ich so eine Menge Geld hernehmen? +Bienemann helfen Sie mir doch! Überreden Sie +ihn doch –</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_286" id="Page_286" title="286"></a>Hockenjos</p> + +<p class="dircenter">(greift nach seinem Hut)</p> + +<p>Genug geredet. Ich werde jetzt eine kleine +Unterhaltung mit meinem – Doppelgänger führen.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Halt! halt! Ich will ja ... genügt eine +Sicherstellung des Kapitals?</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Die genügt. <em class="direction">(Sehr ernst.)</em> Wenn ich nur was +Sicheres habe. Was Sicheres brauch ich jetzt. +Brot! Und Frieden.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dircenter">(das Folgende sehr rasch)</p> + +<p>Man muß eine Anleihe aufnehmen.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Gibt es keine geheimen Fonds?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Wenn wir nur ein paar reiche Juden hätten ... +<em class="direction">(Beißt sich in die Finger.)</em></p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Zu überlegen ist keine Zeit.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Ich habe eine Idee. Ich beantrage im Gemeinderat +den Bau eines Hockenjos-Museums, und +<a class="page" name="Page_287" id="Page_287" title="287"></a>das Geld verwend’ ich einstweilen, um den Mann +zu befriedigen.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Vortrefflich. Rechnen Sie auf mich.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p class="dircenter">(am Fenster, mit Blick gegen das Denkmal)</p> + +<p>Da faseln sie von Kunst. Von Kunst faseln +sie, die Hunde. Ruhm! Ha. Mich verlangt +nach keinem Ruhm. Selbst wenn’s ernst damit +wäre. Alle Vorbehalte gehn dabei flöten. Ich +will meine Vorbehalte haben. Will nicht von jedem +Narren angesturt werden. Da ist man ja wie das +Tor von einem Pfandhaus. Ich pfeif auf die +Kunst. Sie ist viel zu groß für den schwachen +Schädel. Kannst du den Großen groß sein? Die +wandeln im Elysium, während du im Dreck kutschierst. +Nützlich muß man sein. Und kaltblütig. +Adieu, Städtchen! Dieses Amerika ist ja bloß ein +paar Stunden weit von hier. Am Samstag, eh +ich sterbe, komm ich mal übern Sonntag herüber.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p class="dirlong">(hat die Tür geöffnet, Abendrot hereingewinkt und mit +ihm lebhaft geflüstert. Abendrot nickt mehrmals und +geht wieder hinaus, Karinkel zu Hockenjos)</p> + +<p>Vom Fenster weg, um aller Heiligen willen!</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_288" id="Page_288" title="288"></a>Hockenjos</p> + +<p class="dircenter">(gemächlich)</p> + +<p>Aber lieber Herr, wer denkt denn da drunten +an mich!</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Also, es wird alles geordnet. Nur noch eine +Bedingung habe ich zu stellen.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Die wäre –?</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Sie müssen sich den Bart abrasieren lassen.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Wenn es sein muß – <em class="direction">(Abendrot kommt mit +einer Seifenschüssel, Pinsel und Rasiermesser.)</em></p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Es muß sein. Ich habe schon mit Abendrot +gesprochen. Er versteht sich auf die Hantierung. +Wir dürfen keinen Fremden mehr ins Vertrauen +ziehn.</p> + +<p class="speaker">Kommissär Binder</p> + +<p class="dircenter">(kommt)</p> + +<p>Herr Bürgermeister, es ist die höchste Zeit. +Der Herr Professor Mettenschleicher führt soeben +Seine königliche Hoheit zum Festplatz.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Ich komme.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_289" id="Page_289" title="289"></a>Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(am Fenster)</p> + +<p>Das Volk ist schon versammelt.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Geben Sie mir das Konzept meiner Rede, +Bienemann.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Jaso, die Festrede. Hier. <em class="direction">(Reicht ihm das +Manuskript.)</em></p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Wie seh ich aus?</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Tadellos.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Ist es wahr, Binder? Keine Flecken?</p> + +<p class="speaker">Binder</p> + +<p>Da am Knie ist ein Spritzer ... <em class="direction">(Bückt sich, +reibt.)</em></p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Von der Bratensauce.</p> + +<p class="speaker">Karinkel</p> + +<p>Schnell, schnell. Kommen Sie, Binder. Und +Sie Bienemann, bleiben hier und passen gut auf. +<em class="direction">(Ab mit Binder.)</em></p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p>Wolle Se gefälligst Platz nehme, Herr?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_290" id="Page_290" title="290"></a>Hockenjos</p> + +<p class="dircenter">(setzt sich; zu Bienemann)</p> + +<p>Sie sind also der Verfasser der Festrede?</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Jawohl. Ich bin des Bürgermeisters Tintenfaß. +Er verschwendet geradezu meinen Geist. Eines +Tages werde ich wegen Gehirnschwund der Armenkasse +zur Last fallen. Vielleicht bekomm ich dann +auch einen Denkstein. Die Inschrift wird lauten: +Dem treuen Hohlkopf Bienemann sein väterlicher +Blutegel Karinkel.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Der Mann ist sehr strebsam.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Strebsam, ja; das ist er. Für mich ist er +vorbildlich. Geradezu ein Gattungsbegriff. Er +war ein einfacher Schneider.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p class="dircenter">(bereits mit abgeschnittenem Bart)</p> + +<p>Davon hat er was beibehalten.</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p>Die ganze Stadt könnte man Karinkelei nennen. +Der Schneider siegt auf der ganzen Linie.</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Sie sind bitter.</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_291" id="Page_291" title="291"></a>Bienemann</p> + +<p>Bitter und <em class="direction">(mit Blick auf Abendrot)</em> unvorsichtig. +<em class="direction">(Musiktusch von draußen.)</em> Aha, der Prinz!</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Na, Abendrot, was denken denn Sie bei dem +Rummel?</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p class="dircenter">(einseifend)</p> + +<p>Ich hab mer nie Gedanke gemacht über meine +vorgesetzte Behörde.</p> + +<p class="speaker">Stadtrat Hannewickel</p> + +<p class="dircenter">(tritt ein; ein schlottriger, schwerhöriger Greis)</p> + +<p>Entschuldige die Herre, ich möcht mir die Festlichkeit +von owe ansehe. <em class="direction">(Stutzt.)</em> No, no, was isch +denn das?</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(ihm ins Ohr schreiend)</p> + +<p>Ein berühmter Zeitungsberichterstatter aus +Amerika, Herr Stadtrat. Hat Eile, will dem +Prinzen vorgestellt werden. Muß sich hier rasieren +lassen. Mister Koch – Herr Stadtrat Hannewickel.</p> + +<p class="speaker">Hannewickel</p> + +<p>Merkwürdig, merkwürdig ...</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p><em class="antiqua">How do you do,</em> Sir?</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_292" id="Page_292" title="292"></a>Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(ihm ins Ohr)</p> + +<p>Er erkundigt sich nach Ihrem Befinden.</p> + +<p class="speaker">Hannewickel</p> + +<p>Dank schön. Dank schön. <em class="direction">(Geht ans Fenster, +öffnet es.)</em></p> + +<p class="speaker">Stimme Karinkels</p> + +<p>Zum ersten Mal tritt die hohe Aufgabe an +uns heran, dem Namen eines Mitbürgers zu huldigen, +eines Mannes, der in unserem engsten Kreis +gestrebt und geschaffen hat, eines großen, gottbegnadeten +Künstlers.</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p>Sie müsse den Kopf e bissele rechts halte ...</p> + +<p class="speaker">Stimme Karinkels</p> + +<p>Wir sehen noch im Geist seine herrliche Gestalt +durch unsere Gassen schreiten, wir können +sein feuriges Auge nicht vergessen, wir spüren noch +mit Ehrfurcht den Hauch seiner Gegenwart, die +uns erhoben und über den Alltag entrückt hat ...</p> + +<p class="speaker">Hockenjos</p> + +<p>Daß dich der Satan beiße ...</p> + +<p class="speaker">Abendrot</p> + +<p>Nu müsse Se ’n Kopf e bissele links halte ...</p> + +<p class="speaker"><a class="page" name="Page_293" id="Page_293" title="293"></a>Hannewickel</p> + +<p class="dircenter">(zu Bienemann)</p> + +<p>Wie heischt jetz der Künschtler, dem Se’s Denkmal +g’setzt hawe?</p> + +<p class="speaker">Bienemann</p> + +<p class="dircenter">(schreit ihm ins Ohr)</p> + +<p>Hockenjos!</p> + +<p class="speaker">Hannewickel</p> + +<p>Richtig. Ich hab halt gar koi Gedächtnis +mehr. Drei Sachen kann i mir überhaupt nimmer +merke. Erschtens Zahlen. Zweitens Namen. +Drittens ... Herrjeses, ’s dritte haw’ i vergessen.</p> + +<p class="speaker">Karinkels Stimme</p> + +<p>Der Ruhm seines lichtstrahlenden Pinsels wird +durch die Zeiten schimmern und unsern Söhnen +ein Vorbild sein – – – –</p> + +<p class="vorhang">(Der Vorhang fällt.)</p> +</div> + + +<div class="note"> +<p><strong>Anmerkungen zur Transkription:</strong> Dieses elektronische Buch wurde auf +Grundlage der Erstausgabe erstellt. Die nachfolgende Tabelle enthält +eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen +Korrekturen.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_21">S. 021</a>: sind die Geschehnisse wie Träume .. → ...</li> +<li><a href="#Page_21">S. 021</a>: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir → ...</li> +<li><a href="#Page_50">S. 050</a>: die um Iwan wissen .. → ...</li> +<li><a href="#Page_62">S. 062</a>: Gleich darauf → (Gleich darauf)</li> +<li><a href="#Page_76">S. 076</a>: Die schönste die vornehmste → schönste, die vornehmste</li> +<li><a href="#Page_98">S. 098</a>: Händen anf dem Rücken → auf</li> +<li><a href="#Page_99">S. 099</a>: konnt’ es doch nicht durft’ es doch nicht kommen → nicht, durft’</li> +<li><a href="#Page_173">S. 173</a>: geht nruhig auf und ab. → unruhig</li> +<li><a href="#Page_174">S. 174</a>: Pünklichkeit → Pünktlichkeit</li> +<li><a href="#Page_193">S. 193</a>: Herrlicheit → Herrlichkeit</li> +<li><a href="#Page_277">S. 277</a>: Begriff Geweinwohl → Gemeinwohl</li> +</ul> +</div> + + +<div class="note"> +<p><strong>Transcriber’s Note:</strong> This ebook has been prepared from scans of a first +edition copy. The table below lists all corrections applied to the +original text.</p> + +<ul> +<li><a href="#Page_21">p. 021</a>: sind die Geschehnisse wie Träume .. → ...</li> +<li><a href="#Page_21">p. 021</a>: Erzähle, Fedor Alexandrowitsch .. mir → ...</li> +<li><a href="#Page_50">p. 050</a>: die um Iwan wissen .. → ...</li> +<li><a href="#Page_62">p. 062</a>: Gleich darauf → (Gleich darauf)</li> +<li><a href="#Page_76">p. 076</a>: Die schönste die vornehmste → schönste, die vornehmste</li> +<li><a href="#Page_98">p. 098</a>: Händen anf dem Rücken → auf</li> +<li><a href="#Page_99">p. 099</a>: konnt’ es doch nicht durft’ es doch nicht kommen → nicht, durft’</li> +<li><a href="#Page_173">p. 173</a>: geht nruhig auf und ab. → unruhig</li> +<li><a href="#Page_174">p. 174</a>: Pünklichkeit → Pünktlichkeit</li> +<li><a href="#Page_193">p. 193</a>: Herrlicheit → Herrlichkeit</li> +<li><a href="#Page_277">p. 277</a>: Begriff Geweinwohl → Gemeinwohl</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Die ungleichen Schalen, by Jakob Wassermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE UNGLEICHEN SCHALEN *** + +***** This file should be named 19940-h.htm or 19940-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/1/9/9/4/19940/ + +Produced by Markus Brenner, Marina Lukas and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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