diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 01:28:41 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 01:28:41 -0700 |
| commit | 4e825935d0147a508f728f3c4783f78397da48bf (patch) | |
| tree | 2ac6beb3c60318478c832bcf7dbca30020fc61af /20757-8.txt | |
Diffstat (limited to '20757-8.txt')
| -rw-r--r-- | 20757-8.txt | 2276 |
1 files changed, 2276 insertions, 0 deletions
diff --git a/20757-8.txt b/20757-8.txt new file mode 100644 index 0000000..cc43437 --- /dev/null +++ b/20757-8.txt @@ -0,0 +1,2276 @@ +The Project Gutenberg eBook, Darwinismus und Sozialismus, by Ludwig Büchner + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Darwinismus und Sozialismus + Der Kampf um das Dasein und die Moderne Gesellschaft + + +Author: Ludwig Büchner + + + +Release Date: March 6, 2007 [eBook #20757] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DARWINISMUS UND SOZIALISMUS*** + + +E-text prepared by Carlo Traverso, Ralph Janke, and the Project Gutenberg +(Europe) Online Distributed Proofreading Team (http://dp.rastko.net/) + + + +DARWINISMUS UND SOZIALISMUS + +oder + +Der Kampf um das Dasein und die Moderne Gesellschaft. + +von + +PROF, DR. LUDWIG BÜCHNER. + + + + + + + +Leipzig +Ernst Günthers Verlag +1894. + + + + + + +Der Zustand der menschlichen Gesellschaft in Vergangenheit und Gegenwart +bietet für das Auge des Menschenfreundes in vielfacher Beziehung ein wenig +erfreuliches Bild. Es zeigt uns riesige Gegensätze von höchstem Glück und +von tiefstem Elend, Grenzenlose Armut neben grenzenlosem Reichtum, +grenzenlose Gewalt neben grenzenloser Ohnmacht, grenzenloser Überfluss +neben grenzenloser Entbehrung, Übermass von Arbeit neben Nichtsthuerei und +Faulenzertum, politische Freiheit neben wirtschaftlichem Knechttum, +fabelhaftes Wissen neben tiefster Unwissenheit, Schönes und Herrliches +jeder Art neben Hässlichem und Abstossendem jeder Art, höchste Erhebung +menschlichen Seins und Könnens neben dessen tiefster Versunkenheit, blöder +dumpfer Aberglauben neben höchster Geistesfreiheit -- das ist der +Charakter einer Gesellschaft, welche in der Grösse und dem Widerstreit +dieser Gegensätze die schlimmsten, hinter uns liegenden Zeiten politischer +Unterdrückung und Sklaverei noch überbieten zu wollen scheint. Von jeher +haben die Menschen untereinander und gegen ihr eignes Geschlecht in einer +Weise gewütet, im Vergleich mit welcher die wildesten und grausamsten +Bestien als fromme Lämmer erscheinen müssen. Aber wenn auch diese Zeiten +wildester Barbarei und Zerfleischungswut in zivilisieren Ländern +grösstenteils vorüber sind, so wiederholen sie sich doch in andrer Form in +jenen erschütternden gesellschaftlichen Tragödien von Mord, Selbstmord, +Hungertod, unverschuldeter Krankheit, frühzeitigem Tod, Arbeitslosigkeit +u. s. w., welche wir beinahe tagtäglich an uns vorüber müssen ziehen +lassen, ohne im Stande zu sein, ihre schreckliche Wiederkehr zu verhüten +oder ohne ihnen mehr als eine kurze Regung des Mitleids schenken zu +können. Tagtäglich sehen wir Menschen aus Mangel der notwendigsten +Lebensbedürfnisse schnell oder langsam zu Grunde gehen, während dicht +neben ihnen der besser situierte Teil der Gesellschaft in Überfluss und +Wohlleben erstickt, und während der National-Wohlstand einen nie +gesehenen, aber in der Regel nur Einzelnen zu Gute kommenden Aufschwung +nimmt. Wenn wir sehen, dass Hunderttausende in Üppigkeit verderben, +während Millionen dasselbe Schicksal erleiden durch Darben und Entbehren, +so wird man beinahe versucht, jenem englischen Schriftsteller Recht zu +geben, welcher fragt: »Ist es in Ordnung, dass Millionen beinahe Hungers +sterben, damit einige Tausende an Dyspepsie (Magenüberladung) zu Grunde +gehen?« + +Die Statistik hat die traurige Thatsache an das Liebt gebracht, dass die +durchschnittliche Lebensdauer der Armen kaum etwas mehr, als die Hälfte +der Lebensdauer der Reichen beträgt. Also wird der Arme durch die einfache +Thatsache seiner Armut nicht bloss um den Genuss des Lebens, sondern auch +um das Leben selbst gebracht. Am schwersten lastet dieser Fluch der Armut +auf der armen, unschuldigen Kinderwelt, welche schon mit ihrem ersten +Atemzuge den Keim eines frühen Todes oder späterer Krankheit in sich +aufnimmt, und zwar hauptsächlich durch gesellschaftliches Verschulden. Die +Statistik zeigt, dass im Durchschnitt schon die Hälfte aller Kinder der +Armen vor Erreichung des fünften Lebensjahres dieses irdische Jammerthal +wieder verlässt infolge von Mangel, schlechter Pflege u. s. w. Der riesige +nationalökonomische Schaden dieses fortwährenden zwecklosen Kommens und +Gehens springt in die Augen. Alle die Millionen Ausgaben an Geld und +Arbeit, welche auf diese Kleinen verwendet worden sind, gehen mit ihrem +Tode für die Gesamtheit unwiderbringlich verloren und können nie wieder +durch deren spätere Thätigkeit ersetzt werden. + +Muss es nicht das Herz des Menschenfreundes auf das Tiefste betrüben, wenn +er die Kinder der Armen in Pfützen und Kothaufen nach Speiseresten wühlen +sieht, welche den Reichen für ihre Hunde und Katzen zu schlecht sind -- +oder wenn er hören muss, dass ganze Scharen von Kindern morgens ohne +Frühstück in die Schulen getrieben werden -- oder wenn er von +verzweifelten Vätern oder Müttern lesen muss, welche sich und ihre Kinder +einem freiwilligen Tode opfern, um dem Tode durch Hunger oder Entbehrung +zu entgehen -- oder wenn er sehen muss, wie eine politische oder +geschäftliche Krisis ganze Scharen fleissiger Arbeiter ohne Nahrung für +sich selbst und für die Ihrigen auf das Pflaster wirft -- oder wenn er +beobachten muss, wie die Zunahme der Verbrechen gegen Leben und Eigentum +zumeist einem heimlich geführten Kriege der Besitzlosen gegen die +Besitzenden entspringt -- oder wenn er die Überzeugung gewinnen muss, dass +Egoismus und Selbstsucht die Grundsäulen sind, auf denen die menschliche +Gesellschaft aufgebaut ist, u. s. w.? Wenn wir unsre grossen Städte, unsre +mächtigen Industriebezirke durchwandern, so haben wir fast bei jedem +Schritte Gelegenheit, zu bemerken, wie unmittelbar neben, über und unter +den Stätten des Reichtums, und Glanzes die Höhlen des Lasters und Elends +sich verbergen, wie neben brechenden Tischen und übersatten Magen der +hohläugige Hunger still seine Qualen duldet, und wie neben Wohlleben und +Übermut jeder Art die hoffnungslose Entbehrung entweder scheu und +ängstlich in schmutzige Winkel sich verkriecht oder in düsterer +Verzweiflung schreckliche Thaten gegen Staat und Gesellschaft ausbrütet. +Ein sehr berechtigtes Sprüchwort sagt: »Wer nicht arbeitet, der soll auch +nicht essen.« Aber wie viele essen, die nicht arbeiten oder nie gearbeitet +haben, und wie viele arbeiten, die sich nicht satt essen können! Woraus +der unabweisbare Schluss folgt, dass diejenigen, welche arbeiten, nicht +bloss für sich, sondern auch für die Erhaltung eines ganzen Heeres von +Müssiggängern thätig sein müssen. Man wende nicht ein, dass diese +Müssiggänger von den Anstrengungen oder Verdiensten ihrer Vorfahren leben, +da gerade die notwendigsten Lebensbedürfnisse nicht zum voraus geschaffen +werden können und, wenn verzehrt, notwendig vorher durch die Anstrengungen +der Mitlebenden erzeugt worden sein müssen. + +Aber diese ungleiche Verteilung gilt nicht bloss für die =materielle=, +sondern auch für die =geistige= Nahrung. Wie viele Talente oder Genies +müssen den Pflug des Alltaglebens ziehen, weil ihnen nicht das Glück an +der Wiege gelächelt hat, während oft die beschränktesten Köpfe auf den +Sesseln der Macht oder Gelehrsamkeit sich breit machen. Gerade die +idealste geistige Arbeit belohnt sich in der Regel am schlechtesten. +Philosophen und Dichter sind in der Regel geborene Proletarier und ernten +erst nach ihrem Tode die Ehren, welche ihnen im Leben hätten zukommen +müssen, während hastige und oberflächliche Fabrikarbeit nach dem Geschmack +des grossen Haufens sich schon während des Lebens am besten lohnt, Man +denke beispielsweise an die erbärmliche, an den Haaren herbeigezogene +Situationskomik in unserm deutschen Lustspiel, die nur Hohlköpfe ergötzen +kann und trotzdem auf unsern Bühnen, welche geistige Erziehungsanstalten +für das Volk sein sollten, alle besseren Erzeugnisse mehr oder weniger in +den Hintergrund drängt. Ebenso wie den Theatern, die sich ganz vom +zahlenden Publikum abhängig machen, ergeht es unsern Zeitungen und +Wochenschriften, deren höchstes Ideal die Abonnentenzahl bildet und bilden +muss, und welche darum in der Regel weit mehr Gewicht auf den zeitweiligen +Geschmack des Publikums neben den Interessen ihrer Leiter und Eigentümer +legen, als auf Verbreitung von Wahrheit und Aufklärung. Ein ähnlicher +Vorwurf kann, wenn auch in minderem Grade, der Buch-Litteratur nicht +erspart werden, in welcher männlicher Gradsinn und philosophische +Überzeugungstreue sicher sind, überall gegen einen Berg von Gemeinheit, +Unwissenheit, Verleumdung oder Teilnahmlosigkeit ankämpfen zu müssen, +während elende, auf Neugier oder Sensation berechnete oder den Vorurteilen +der Masse schmeichelnde Machwerke ebenso sicher sind, tausende von +begierigen Lesern zu finden. Welchen grenzenlos nachteiligen Einfluss +diese notgedrungene Unterwürfigkeit unter den gerade herrschenden Geist +oder Geschmack oder unter eingewurzelte Vorurteile des lesenden Publikums +haben muss und bereits gehabt hat, ist zu bekannt, als dass es mehr als +einer Hinweisung darauf bedürfte. Wie oft wird man, wenn man das Facit +unsrer Zeitungs- und Buchlitteratur zu ziehen versucht, an das bittere +Wort =Shakespeares= erinnert: »Wahrheit ist ein Hund, der ins Loch muss +und hinausgepeitscht wird, während Madame Schosshündin (d. h. die Lüge) am +Feuer stehen und stinken darf.« + +Wenn man sich nun die Frage nach den Ursachen dieser betrübenden +Erscheinung vorlegt, so glauben wir die Antwort in einem Zustand zu +finden, dessen genauere Kenntnis uns durch die jetzt alle +andern Wissenschaften an Erfolg und Bedeutung weit überragende +=Naturwissenschaft= an die Hand gegeben wird. Es ist jener unerbittliche +=Kampf= um das =Dasein= oder jener Existenzkampf, welcher seit =Darwin= +eine so grosse Berühmtheit erlangt hat. Er ist zunächst hergenommen aus +der Pflanzen- und Tierwelt, wo er zu einer wesentlichen Ursache der +Umwandlung und des Fortschritts wird, indem in der Regel nur die +Kräftigsten, Fähigsten, durch die eine oder andre Eigenheit Bevorzugten +den Sieg in diesem Kampf oder Wettbewerb über ihre Genossen davontragen. +Anlass zu Bemitleidung giebt uns dieser Kampf in der Regel nicht, weil der +Tod schnell ist, weil er ohne volles Bewusstsein erlitten wird, und weil +in der Regel nur die persönliche Tüchtigkeit oder Eigenart entscheidend +ist. Es ist ein Kampf, welcher von den Einzelnen mit den im ganzen +gleichen Mitteln des Krieges oder der Flucht oder des Wettbewerbs geführt +wird, und wobei der Einzelne keine Bevorzugung vor andern durch den Schutz +der Gesellschaft geniesst. Die Fülle und der Reichtum der Natur steht +ihnen allen ziemlieh gleichmässig zu Gebot, und es giebt keine +Privilegien, welche dem einen verbieten würden, etwas zu nehmen, was dem +andern gestattet ist. Nur individuelle Kraft oder Fähigkeit ist +entscheidend. Wenn das Tier seine Höhle oder sein Nest allerdings auch +sein Eigentum nennt, so muss es doch gewärtig sein, in diesem Besitz +jederzeit durch andre Stärkere gestört oder daraus verdrängt zu werden. + +Ganz anders aber gestaltet sich infolge seiner sozialen Einrichtungen +dieser Kampf bei dem Menschen, welcher, wenn er zur Welt kommt, bereits +alle oder alle guten Plätze an der Tafel des Lebens besetzt findet und, +wenn ihm nicht Geburt, Reichtum, Rang u. s. w. zu Hilfe kommen, von +vornherein dazu verurteilt ist, seine Kräfte und sein Leben im Dienste und +zum Vorteil derjenigen, welche im Besitze sind und welchen dieser Besitz +durch die Gesamtheit garantiert wird, aufzubrauchen. Daher siegt hier +nicht immer der Beste, sondern der Reichste, nicht der Tüchtigste, sondern +der Mächtigste, nicht der Fähigste oder Fleissigste, sondern der durch +seine soziale Stellung Bevorzugte, nicht der Klügste, sondern der +Verschmitzteste, nicht der Redlichste, sondern derjenige, welcher die +mannigfachen Hilfsmittel politischer und gesellschaftlicher Ausbeutung in +der Hand hat und dieselben am Schlauesten zu benutzen versteht. Daher es +denn auch, da sich dieses Verhältnis von Generation zu Generation +forterbt, nicht anders sein kann, als dass mit der Zeit jener Zustand +extremer gesellschaftlicher Ungleichheit daraus erwächst, welcher den +Charakter der gegenwärtigen Gesellschaft bildet und in immer steigendem +Masse bilden wird, und welcher bereits geschildert worden ist. Übrigens +bietet der Daseinskampf des Menschen zwei ganz verschiedene Seiten dar, +welche man strenge auseinander halten muss. Die eine Seite besteht in dem +=Kampf des Menschen gegen die Natur= und deren die freie Entfaltung seiner +Kräfte beengende Schranken, -- ein Kampf, den er bekanntlich mit dem +allergrössten Erfolge geführt hat und mit täglich grösserem Erfolge führt. +An diesem Erfolge nehmen alle Menschen in grösserem oder geringerem Masse +teil oder können daran teilnehmen. + +Die zweite Seite stellt sich dar als der =Kampf des Menschen gegen +seinesgleichen=, welcher indessen ebensowohl ein direkter wie ein +indirekter Kampf oder Wettbewerb um die Existenzbedingungen sein kann. +Dieser Kampf ist in demselben Masse, wie der Kampf gegen die Natur +leichter geworden ist, schwerer, grausamer und unerbittlicher geworden. +Auch wird derselbe um so heftiger, je grösser der Fortschritt auf +materiellem Gebiete wird, und je mehr die Zahl der Menschen und der Umfang +ihrer Bedürfnisse zunimmt. Durch ihn sind Egoismus und Individualismus zu +Weltherrschern geworden. Es ist ein allgemeiner Konkurrenz-Kampf oder ein +Krieg aller gegen alle, wobei der Tod des einen das Brot des andern, das +Unglück des einen das Glück des andern bedingt. Der mächtige Trieb der +Selbsterhaltung und der Zwang des gesellschaftlichen Egoismus überwiegt +alles; ein Widerstand gegen denselben ist nicht möglich, ausser bei +schwerer Strafe der Widerstrebenden. Denn wo das Wohl oder Interesse des +Einzelnen in Frage kommt, da kennt der gesellschaftliche Egoismus in der +Regel ebensowenig Mitleid oder Schonung, wie der Tiger, wenn er sein Opfer +zerreisst; und man kann oder darf dieses dem Einzelnen nicht einmal zum +Vorwurf machen, da der Trieb oder das Interesse der Selbsterhaltung +innerhalb eines gesellschaftlichen Organismus, wie er zur Zeit noch +besteht, ihm sein Verhalten gebieterisch vorschreibt, wenn er nicht den +eignen Untergang herbeiführen oder beschleunigen will. Selbst der +aufopferndste Menschenfreund kann sich diesem Gebot des Egoismus nicht +entziehen, ohne sich selbst den grössten Gefahren auszusetzen. Es ist +gewissermassen eine grosse und allgemeine Flucht oder ein Wettrennen der +Furcht vor der Not und Entbehrung des Lebens, ohne Mitleid oder Hilfe für +die dabei zu Boden Sinkenden, ähnlich jenem berüchtigten Übergang der +grossen Armee über die Beresina, wo jeder nur für die eigne Rettung +besorgt war und besorgt sein musste. Wer nicht niedergetreten sein will, +muss selbst niedertreten und dem allgemeinen Feldgeschrei folgen: »Rette +sich wer kann! Unterliege wer muss!« Auch hat sich durch Gewohnheit das +Gefühl des Einzelnen für die Schrecken eines solchen Zustandes nach und +nach in ähnlicher Weise abgestumpft, wie es sich gegen die Schrecken einer +Schlacht bei den Kämpfenden abzustumpfen pflegt. + +Wer kennt nicht das berühmte Buch des Amerikaners =Bellamy=, worin +derselbe den Zustand der menschlichen Gesellschaft mit einer grossen, +bequem eingerichteten Kutsche vergleicht, welche von einer kleineren +Anzahl von Menschen besetzt ist, während die grössere davor gespannte +Mehrzahl diese Kutsche mit Aufbietung aller Kräfte über Berge und Thäler, +durch Sümpfe und Moräste schleppt, getrieben von der Peitsche des Hungers, +der als Kutscher auf dem Bocke sitzt! Ich halte das Gleichnis, wie alle +Gleichnisse, in vieler Beziehung für schief oder hinkend, aber im grossen +und ganzen muss es doch das Richtige getroffen haben, wie der beispiellose +Erfolg des Buches beweist. Derselbe wäre nicht denkbar, wenn nicht eine +grosse Mehrzahl von Menschen tief von der Überzeugung eines unnatürlichen +und ungerechten Zustandes der heutigen menschlichen Gesellschaft +durchdrungen wäre und in dem Buche mehr oder weniger eine Offenbarung der +eignen, sie bewegenden Gefühle gefunden hätte. + +Es wird wohl nicht viele geben, welche ernstlich zu leugnen wagen, dass +ein solcher Zustand der Gesellschaft von den grössten ökonomischen und +moralischen Nachteilen begleitet ist und begleitet sein muss. Einerseits +erzeugen Armut, Besitzlosigkeit und Mangel an Erziehung und Bildung die +meisten Verbrechen gegen Staat und Gesellschaft, während andrerseits +übertriebener Reichtum Müssiggang und allerhand Laster im Gefolge hat; +wodurch Staat und Gemeinde genötigt werden, eine kostspielige Justiz mit +allen ihren hässlichen Anhängseln und eine ebenso kostspielige Armenpflege +zu unterhalten. In moralischer Beziehung erzeugt der allgemeine +Konkurrenzkampf hässliche Leidenschaften, wie Neid, Hass, +Mitleidlosigkeit, Geldgier, Hartherzigkeit, gegenseitige Verfolgungssucht +statt gegenseitiger Liebe und Unterstützung. Jeder denkt und handelt nur +für sich und sein eignes Interesse, weil er weiss, dass im Notfall kein +anderer für ihn eintreten oder dass er an der Gesamtheit keine Stütze +finden würde. In einer richtig organisierten Gesellschaft müsste der +Gewinn des Einzelnen zugleich der Gewinn der Gesamtheit sein und +umgekehrt, und das Motto derselben müsste heissen: »Einer für alle und +alle für einen«, während jetzt in der; Regel das Gegenteil stattfindet. +Unsre grössten Gewinne erzielen wir durch eine der traurigsten Ursachen +oder durch den Tod derjenigen, welche uns im Leben die liebsten waren, +indem wir sie beerben. Der Baumeister und alle bei Bauten beschäftigten +Arbeiter müssen sich freuen, wenn Häuser einstürzen oder abbrennen; die +Grubenarbeiter desgleichen, wenn hunderte ihrer unglücklichen Kameraden im +Dunste der Bergwerke ersticken; der Arzt muss sich freuen, wenn es viele +Krankheiten giebt; der Advokat nährt sich von Prozessen, welche seinen +Mitbürgern Ruhe und Vermögen rauben; der Richter muss Gefallen haben an +grossen Kriminalprozessen; die Offiziere müssen sich freuen, wenn das +grösste Übel, welches die Menschheit betreffen kann, der Krieg ausbricht, +weil sie davon Beförderung erwarten; der Familienvater muss sich freuen, +wenn seine Nachkommenschaft möglichst klein bleibt, obgleich der +eigentliche Zweck der Familie dabei verloren geht; der Wirt oder der +Verkäufer geistiger Getränke muss sich freuen, wenn die Trunksucht, und +die verlorenen Töchter des Volkes müssen sich freuen, wenn die Unzucht +zunimmt; alle Handwerker und Produzenten müssen sich freuen, wenn die von +ihnen erzeugten Gegenstände übermässig rasch verbraucht werden; ein +Gewitter oder Hagelschlag wird trotz des durch solche Naturereignisse +angerichteten Schadens von dem Glaser oder Versicherungsagenten gern +gesehen; wie denn überhaupt beinahe alles, was dem einen Schaden, dem +ändern Verdienst bringt + +Man könnte noch lange mit Aufzählung ähnlicher Beispiele fortfahren, aber +diese Vermehrung würde am dem Resultat nichts ändern. + +Dazu kommt der demoralisierende Charakter der Arbeit selbst, welche in der +Regel nicht aus Interesse für das Gemeinwohl, sondern aus Zwang der +Umstände geleistet wird. Der heutige Arbeiter ist ein Sklave wie ehedem, +nur mit dem Unterschiede, dass ihn nicht die Peitsche des Herrn, sondern +diejenige des Hungers in die Abhängigkeit von seinem Arbeitgeber treibt. +Aber dieser Arbeitgeber selbst ist wieder ein Sklave -- ein Sklave des +Kapitals, der Konkurrenz, der Geschäftskrisen, der Strikes, der Verluste +und oft in weit schlimmerer Lage, als der von ihm bezahlte Arbeiter. + +Ist so der Widersinn des Systems schon gross genug in =moralischer= +Beziehung, so ist er noch grösser in =ökonomischer= Hinsicht, Denn während +die Erde so viele Nahrungsstoffe hervorbringt, dass die ganze lebende +Menschheit reichlich damit versorgt werden könnte, und bei richtiger, von +gemeinsamen Grundsätzen geleiteter Bewirtschaftung noch viel mehr +hervorbringen könnte, und während der Nationalwohlstand und die Ansammlung +kolossa. Reichtümer in einzelnen Händen eine nie gesehene Höhe erreichen, +müssen wir fortwährend mitten im Überfluss jene Szenen von Hunger, +Entbehrung, unverschuldetem Kranksein und frühzeitigem Sterben erleben, +die bereits geschildert worden sind. Wie heuchlerisch ist die Fürsorge des +Staates für seine Bürger, um dieselben vor der kleinsten Versündigung +gegen Leben, Eigentum oder Gesundheit zu schätzen, während er ruhig +zusieht oder duldet, dass fortwährend Tausende durch Not, Elend und +Entbehrung schnell oder langsam in einen bald freiwilligen, bald +unfreiwilligen Tod getrieben werden, oder dass durch mangelhafte Erziehung +und Ernährung eine an Geist und Körper verkrüppelte Jugend emporwächst, +die mit der Zeit die Strafgerichte beschäftigt, die Gefängnisse füllt oder +der Armenpflege zur Last fällt. Man erlässt scharfe Gesetze gegen +Tierquälerei, aber man hat kein Auge für jene entsetzliche +Menschenquälerei, welche erlaubt, dass blasse, schwindsüchtige Mädchen +oder Frauen, ja ganze Bevölkerungen, wie die schlesischen und +erzgebirgischen Handweber, Tag und Nacht für Löhne arbeiten, welche kaum +hinreichen, sie vor dem Hungertode zu schützen; oder dass andre tausende, +um desselben Zweckes willen, Leben und Gesundheit in absolut schädlichen +Fabrikationszweigen zum Opfer bringen; oder dass barfüssige, kaum mit +Lumpen bekleidete Kinder bei Winterskälte in den Strassen unsrer Städte +umherirren; oder dass ein Dutzend Menschen in einem Wohnraume +zusammengedrängt ist, der kaum für einen Einzigen hinreicht, während ein +andrer zehn oder zwölf Zimmer und mehr für sich allein zur Verfügung hat; +oder dass die Wohnungen der Armen oft schlechter sind, als die Hundehütten +und Pferdeställe der Reichen; oder dass vielen nichts übrig bleibt, als +ihre Nächte im Freien zuzubringen, auf die Gefahr hin, dafür verfolgt und +bestraft zu werden, während beispielsweise in Berlin 40000 Wohnungen leer +stehen; oder dass es Menschen giebt, welche aus Hunger und Nahrungssorgen +schnell oder langsam zu Grunde gehen, während der blosse Abfall von dem +Tische der Reichen oder ein geringer Prozent ihres Überflusses solches +verhüten könnte, u. s. w. u. s. w. + +Wenn man in Gebirgsgegenden sehen muss, wie sich fette Weiber von +keuchenden und schwitzenden Menschen mit höchster Gefahr für deren Leben +und Gesundheit auf hohe Aussichtspunkte hinaufschleppen lassen, bloss um +eines armseligen Geldlohnes willen, so muss man mit Hass gegen eine +Gesellschaftsordnung erfüllt werden, welche dem Gott Mammon erlaubt, seine +elenden Geldsklaven ebenso zu den niedrigsten Sklavendiensten und zur +blinden Unterwürfigkeit unter seine Gebote zu zwingen, wie es ehedem den +Herrn über Sklaven oder Leibeigene zu thun erlaubt war. Ich wiederhole, +dass es im allgemeinen nur wenige geben wird, welche diese nackten +Thatsacheu zu leugnen oder den damit verbundenen Zustand als solchen zu +verteidigen wagen. Man erkennt die sozialen Schäden und Widersinnigkeiten +als solche an, wie ja schon daraus hervorgeht, dass die dadurch +hervorgerufene Litteratur mit zahllosen Besserungsvorschlägen fast +unabsehbar geworden ist. Aber -- so pflegt man diesen Vorschlägen +gegenüber zu antworten -- der Zustand ist leider nicht zu ändern. Es war +von jeher so und wird immer so sein und bleiben. Ungleichheit ist ein +notwendiges Attribut der menschlichen Gesellschaft. Zu allen Zeiten hat es +Adel und Stände, Reiche und Arme gegeben, und die grosse Masse ist immer +nur zum Arbeiten und Gehorchen dagewesen. Vernunft und Gerechtigkeit in +sozialer Beziehung sind immer Ideale geblieben; und alle +Gesellschafts-Idealisten, Plato mit seinem Vernunftstaat an der Spitze, +haben in der Praxis stets schmählich Schiffbruch gelitten. Wollte man auch +heute alle Besitztümer gleichmässig verteilen, so würde sehr bald wieder +die alte Ungleichheit da sein. Auch würde, wie eine Berechnung leicht +ergiebt, eine solche allgemeine Verteilung des Besitzes dem Einzelnen +verhältnismässig nur sehr geringen Gewinn einbringen. + +Man versäumt dabei nicht, an die grossen Wohlthaten der Konkurrenz zu +erinnern, welche den eigentlichen Sporn der Arbeit und des Fortschritts +bildet und welche es zu Wege gebracht hat, dass sich heutzutage durch die +Billigkeit der Erzeugnisse die Konsumtion mehr oder weniger nach der +Produktion richtet, während man früher allgemein der Meinung war, dass das +umgekehrte Verhältnis das allein richtige oder mögliche sei. + +Aber wie soll diesen Einwänden begegnet, wie soll geholfen werden? Diese +Frage ist um so schwieriger zu beantworten, als bis jetzt alle die +zahllosen Versuche und Vorschläge zur Lösung der sozialen Frage erfolglos +geblieben sind. Dies darf jedoch den Menschenfreund nicht abschrecken, +immer wieder von neuem an Mittel der Abhilfe zu denken. Es muss geholfen +werden und -- was die Hauptsache ist -- es =kann= geholfen werden. + +Es =muss= geholfen werden, wenn man nicht riskieren will, dass jede +politische Umwälzung oder Erschütterung der Gegenwart (und an solchen +fehlt es ja niemals) von schweren sozialen Erschütterungen begleitet sein +wird. Ein allgemeines Gefühl sozialer Unbehaglichkeit oder +Ungerechtigkeit, namentlich in den niederen Schichten der Bevölkerung, hat +sich der Mehrzahl der Menschen bemächtigt, und eine künftige Revolution +wird nicht, mehr, wie in der ersten und zweiten französischen Revolution, +vor dem »Eigentum« stehen bleiben. An deutlichen Anzeichen dieser in den +Tiefen der Volksseele tigerartig gärenden Leidenschaften und Gelüste fehlt +es ja in keiner Weise; dieselben werden sich zu gelegener Zeit Luft +machen, ohne dass man im Stande sein wird, durch Gewaltmassregeln etwas +andres zu erreichen, als die Erziehung von Märtyrern und Fanatikern. Die +Nihilisten in Russland, die Communards in Frankreich, die Sozialdemokraten +in Deutschland, die Fenier, die Irredentisten, die Dynamiteriche, der sein +Haupt immer mehr erhebende und förmlich Schule machende Anarchismus sind +gewissermassen nur die Sturmvögel oder Warnungssignale einer kommenden +Umwälzung; und der Staatsweise oder Staatslenker, der sie unbeachtet +lassen wollte, würde dem Schiffer gleichen, der die sein Schiff vor dem +Sturm umflatternden Seemöven nicht beachtet oder dieselben mehr als +Verfolgungs-Objekte, denn als Warner behandelt. Denn »wer seine Zeit damit +verbringt, Jagd zu machen auf die Möven, wird vom Sturm überrascht und +beschädigt werden an Leben und Gut.« (Radenhausen.) + +Sollte es aber auch, was ja nicht unmöglich wäre, gelingen, durch +Gewaltmassregeln jeden Versuch einer sozialen Umwälzung dauernd zu +unterdrücken, so würde doch damit die geschilderte Unzufriedenheit und +Unbehaglichkeit aus dem Schosse der Gesellschaft nicht nur nicht entfernt, +sondern nur noch vermehrt oder gesteigert werden. Es würde mit der Zeit +eine Art heimlichen Kriegszustandes zwischen den besitzenden und den +nicht-besitzenden Klassen der Gesellschaft entstehen, welcher die Ruhe und +das Glück des Gemeinwesens nicht weniger alterieren würde, als ein offener +Krieg. Denn wenn man beispielsweise erfährt, dass im Jahre 1864 in England +dreitausend Personen ein jährliches Einkommen von ungefähr 500 Millionen +Mark, oder mehr als das jährliche Gesamteinkommen aller Ackerbauarbeiter +von ganz England und Wales, unter sich teilten, so wird man einen +dauernden sozialen Frieden auf dem Boden eines solchen Missverhältnisses +wohl kaum für möglich halten dürfen. + +Glücklicherweise fehlt es nicht an der Möglichkeit, diesem Zustand zu +begegnen oder den drohenden Sturm nicht zum Ausbruch kommen zu lassen, +ohne dass man nötig hätte, zu gewaltsamen Mitteln zu greifen, und zwar mit +Hilfe einer Anzahl friedlicher Reformen, welche, auf dem Boden der +jetzigen Gesellschaftsordnung stehend, von da langsam und allmählich zu +einem besseren Zustand der Dinge hinüberleiten -- vorausgesetzt, dass es +gelingt, die Mehrzahl der Menschen von der Wohlthätigkeit und +Notwendigkeit solcher Massregeln zu überzeugen. Wir sehen hierbei +selbstverständlich ab von jener radikalen oder radikalsten Lösung der +sozialen Frage, wie sie der =Kommunismus= verlangt. Ein solcher Zustand, +wobei der gesamte Besitz gemeinschaftlich und die Arbeit ganz frei oder +freiwillig sein würde, und von dem noch einmal ausführlicher die Rede sein +wird, wäre wohl denkbar, ist aber für jetzt in grösserem Massstabe +unausführbar, teils wegen der allgemeinen Abneigung gegen denselben, teils +wegen der Schwäche der menschlichen Natur, welche durch lange Jahre des +Egoismus und Individualismus für Ertragung derartiger Idealzustände +unfähig geworden ist. Ein solcher Zustand würde erst möglich sein am Ende +einer langjährigen Erziehung des menschlichen Geistes im Sinne des +Altruismus und Kollektivismus oder der allgemeinen Bruder- und +Menschenliebe. + +Es bleibt sonach nichts übrig, als Ausschau nach andern Mitteln oder +Hilfen zu halten. Hier wird uns denn wieder der richtige Fingerzeig +gegeben durch die =Naturwissenschaft=, welche heutzutage bestimmt sein +dürfte, nicht bloss die =geistige=, sondern auch die =soziale= Befreiung +der Menschheit zu bewirken. + +Ich komme dabei zurück auf den von dieser Wissenschaft in das rechte Licht +gesetzten =Kampf um das Dasein=, welcher leider unter den gegenwärtigen +gesellschaftlichen Verhältnissen noch ganz den Charakter des rohen +Daseinskampfes der Natur trägt, nur mit dem Unterschied, dass er =hier= +mit mehr oder weniger =gleichen=, dort mit sehr =ungleichen= Mitteln +gekämpft wird. + +Da lautet denn das erlösende Losungswort: =Ersetzung der Naturmacht durch +die Vernunftmacht=, d. h. möglichste Ausgleichung der Mittel und Umstände, +unter denen und mit denen gekämpft wird. An die Stelle des Einzelkampfes +um das Dasein muss ein gemeinsamer Kampf aller =für= das Dasein treten. +Mit ändern Worten: die Stelle des rohen Naturkampfes muss ein +gemeinschaftlicher, durch Vernunft und Gerechtigkeit geregelter sozialer +Kampf um die Lebensbedingungen ersetzen. + +Der Kampf, wie er unter den jetzigen sozialen Verhältnissen geführt wird, +verdient den Namen eines eigentlichen Kampfes, eines Wettbewerbs mit +gleichen Mitteln weit weniger, als denjenigen einer gesetzlich geregelten +=Unterdrückung=. Oder wie wäre anders der Kampf eines Menschen zu +bezeichnen, den man, allenfalls mit einem hölzernen Säbel bewaffnet, gegen +Flinten und Kanonen schicken wollte Oder der Wettlauf eines Menschen mit +blossen Füssen mit einem andern, der Pferde oder Eisenbahnen zur Verfügung +hätte! Oder wie wäre anders der Wettbewerb zwischen zwei Menschen zu +bezeichnen, von denen der eine alle Vorteile von Rang, Reichtum, +Erziehung, Bildung, sozialer Stellung u. s. w. für sich hätte, während der +andre über nichts verfügte, als über die Kraft seiner nackten Arme und +seines ungebildeten Verstandes! + +Der Ausgang eines solchen Kampfes oder Wettbewerbs ist zum voraus +entschieden. In der Regel ist das Schicksal des einzelnen Menschen schon +in seiner Geburt besiegelt und das gesellschaftliche Sklaventum +desjenigen, dessen Wiege in der Hütte eines armen Mannes gestanden hat, +mit seinem ersten Atemzuge entschieden. »Die Fesseln einer niederen +Geburt«, sagt J. C. =Fischer=[1] »schleppen wir durch das ganze Leben, und +an ihnen zerschellt oft die unerhörteste Anstrengung eines ganzen Lebens.« + +Zwar wird man entgegnen, dass man sehr eklatante Ausnahmen von dieser +Regel kennt. Man wird z. B. an den vor kurzem gestorbenen Amerikaner =Jay +Gould= erinnern, der als armer Hirtenjunge in Amerika einwanderte und als +beispielloser Millionär starb. Diese Ausnahmen oder Glücksfälle können und +sollen nicht geleugnet werden; aber sie sind eben nur überaus seltene +Ausnahmen, welche die Regel nicht umstürzen. In der Regel erhalten sich +Rang und Reichtum bei einzelnen Familien oder Ständen oder +Gesellschaftsschichten für unbestimmt lange Zeiten. + +Glücklicherweise fehlt den unterdrückten Klassen der Gesellschaft das +volle Bewusstsein oder die volle Empfindung ihrer Lage. Die Macht der +Gewohnheit stumpft ihr Gefühl dafür ab und lässt sie dasjenige, was doch +nur Menschenwerk ist, als eine unvermeidliche Fügung des Schicksals +betrachten. Wenn dies nicht so wäre, würden wir schon längst jene soziale +Revolution haben, welche fortwährend angekündigt wird, aber dennoch nicht +kommen will. Auch hat es die Natur weise so eingerichtet, dass das Glück +mehr im Charakter und Temperament des Einzelnen, als in den äusseren +Lebensumständen liegt. Wer ein glücklich angelegtes Temperament hat, wird +sich in jeder Lebenslage mehr oder weniger wohl fühlen, während ein +Melancholiker oder ein zu Ängstlichkeit und Trübsinn geneigter Mensch +durch keine Glücksumstände froh oder zufrieden gemacht werden kann. + +Trotzdem zeigen die bereits angeführten Umstände und Erscheinungen +deutlich, dass sich die Gesellschaft im grossen und ganzen in hohem Grade +unwohl fühlt und einer kommenden Umwälzung entgegensteuert. Die +erschreckende Ausbreitung der Sozialdemokratie wäre unbegreiflich, wenn +nicht das Bewusstsein ihrer gedrückten Lage in den unteren Schichten der +bürgerlichen Gesellschaft in fortwährendem Zunehmen begriffen wäre. +»Thatsache ist«, sagt F. A. =Lange= in seiner vortrefflichen Schrift über +die Arbeiterfrage[2], »dass der Kampf um das Dasein gerade jetzt wieder in +der mächtigsten und entscheidendsten Schicht der Nation in seiner ganzen +ermattenden Schwere empfunden wird, und dass die Geister beginnen, der +Einförmigkeit dieses Druckes überdrüssig zu werden.« + +Eine Änderung dieses trüben Zustandes ist, wie gesagt, nur möglich durch +eine grössere Ausgleichung in den Mitteln, womit jeder einzelne seinen +Kampf um das Dasein kämpft -- eine Ausgleichung, welche sich vor allen +Dingen auf die Besitzes-Verhältnisse zu erstrecken hat. Ferner durch die +Umwandlung des Einzelkampfes in eben gemeinschaftlichen, solidarisch +verbundenen Kampf aller gegen die Übel des Lebens, welche da sind Hunger, +Kälte, Elend, Entbehrung, Krankheit, Alter, Unfall, Invalidität und Tod, +oder durch Herbeiführung eines Zustandes, in welchem das Wohl des +Einzelnen mehr oder weniger identisch wird mit dem Wohl der Gesamtheit und +umgekehrt -- ein Zustand, in welchem das schöne Wort zur Wahrheit wird: +»Einer für alle und alle für einen.« + +Ein solcher Zustand wäre, wie ich glaube, sehr leicht herbeizuführen, ohne +das der Arbeits- und Erwerbstrieb des Einzelnen darunter Not leidet, so +dass jeder die Früchte seines eigenen Fleisses, seiner eigenen Thätigkeit +und Intelligenz geniesst und zwar durch Herbeiführung einer Versöhnung +zwischen den Einzel- und den Gesamt-Interessen. + +Allerdings muss zugegeben werden, dass eine =vollständige= Ausgleichung in +dieser Richtung -- wenigstens für den Anfang -- kaum als möglich gedacht +werden kann. Aber auch schon eine =teilweise= Ausgleichung muss und wird +von den wohlthätigsten Folgen begleitet sein und wird voraussichtlich +allmählich zu einem Zustande hinüberleiten, der eine gänzliche Lösung der +sozialen Frage in Aussicht stellt. Namentlich wird der an sich so +wohlthätige Sporn der Konkurrenz durch diese Lösung nicht abgeschwächt, +sondern im Gegenteil geschärft werden, indem jeder nur die Früchte seines +eigenen Fleisses geniessen und nicht auf Kosten andrer wird leben können. +Auch ist die Lösung möglich ohne Verwischung der natürlichen +Ungleichheiten der Gesellschaft durch Geburt, Familie, Wohnort, Anlage, +inneres Bedürfnis, geistige und körperliche Vorzüge, Verschiedenheit der +Beschäftigung u. s. w. Diese natürlichen Ungleichheiten oder +Verschiedenheiten können nicht beseitigt werden, weil in der Natur des +Menschen und der Dinge selbst gelegen. In einer Versöhnung des +Individualismus mit dem Kollektivismus, vulgo Sozialismus, oder in einer +richtig organisierten Übereinstimmung der Interessen und Bedürfnisse des +Einzelnen mit den Interessen und Bedürfnissen der Gesamtheit scheint daher +das ganze soziale Problem der Zukunft zu liegen. »Es ist schlechthin +undenkbar«, sagt W. E. =Backhaus=[3], »dass in einem Staatsganzen, dessen +Einrichtungen auf dem Vernunftgesetz beruhen, Sozialismus und +Individualismus als feindliche Kräfte gegeneinander wirken sollten.« Die +innige Verbindung des individualistischen Gedankens mit dem +sozialistischen, des Individuums mit der Gesellschaft bedeutet in Wahrheit +die Durchführung des grossen staatswirtschaftlichen Grundgesetzes, nach +welchem der Vorteil des Einzelnen stets auch der Vorteil der Gesamtheit +sein soll. Es ist hohe Zeit, dass der Konflikt zwischen Einzel- und +Gesamtinteressen im wirtschaftlichen Leben der Völker seine Lösung finde +-- eine Lösung, welche nicht in der Hand dunkler Schicksalsmächte, sondern +einzig und allein in der Hand des Menschen selbst liegt. »Sozialwirtschaft +und Individualwirtschaft gehören in einem Staatsganzen zu einander; sie +ergänzen und fördern sich gegenseitig; sie gehören zusammen wie Leib und +Seele u. s. w.« + +Was nun die Mittel dieser Versöhnung oder der sozialen Erlösung betrifft, +so können dieselben dreierlei Art sein. Sie heissen + +1) Abschaffung der sog. Bodenrente oder Zurückführung des von Natur- und +Rechtswegen allen gehörigen Eigentums an Grund und Boden in den Besitz der +Gesamtheit (mit selbstverständlichem Einschluss der Wasserkräfte und des +Bergbaues). + +2) Reform d. h. allmähliche, gradweise bis zur vielleicht gänzlichen +Abschaffung sich steigernde Reform der Erbrechte. + +3) Umwandlung des Staates in eine allgemeine, solidarisch verbundene +Versicherungsgesellschaft gegen Krankheit, Alter, Unfall, Invalidität und +Tod. + +Was den ersten Punkt betrifft, so kann es wohl kaum einen weniger +anfechtbaren Grundsatz des Naturrechts geben, als denjenigen, dass die +Mutter Erde, die uns alle erzeugt hat, die aber von niemand erzeugt worden +ist, und ohne welche menschliches Dasein eine Unmöglichkeit sein würde, +nicht einzelnen, sondern allen gehört. Gleichwie der Mensch ein Produkt +der Erde ist, so muss auch sein Dasein in dem Anrecht an den Besitz +derselben begründet sein. Der Mensch ist nichts und vermag nichts ohne den +Beistand der Mutter Erde und ihrer nie versiegenden Kraft; er kann nichts +erwerben, nichts hervorbringen, nichts besitzen ohne Benutzung ihrer +Kräfte und ihrer Gaben. Daraus folgt, dass nach den einfachsten +Grundsätzen der Billigkeit und Gerechtigkeit die Benutzung dieser Gaben +und Kräfte jedem zur Welt Gekommenen in gleicher Weise zur Verfügung +stehen muss, und dass das Recht an den Grund und Boden ein ebensolches +Naturrecht ist, wie das Recht, die freie Luft zu atmen oder das der Erde +entquellende Wasser zu trinken oder sich von der Sonne bescheinen zu +lassen. Leider wird diesem Grundsatz in der Wirklichkeit in greulicher +Weise Hohn gesprochen. Eine Reihe von Umständen, wie Gewalt, Eroberung, +Krieg, Vererbung, Kauf, Schenkung, Feudal- und Lehnsgüterwesen u. s. w. +haben es im Laufe der Zeit dahin gebracht, dass eine Minderheit durch den +Besitz von Grund und Boden zur Beherrscherin der ganzen Menschheit +geworden ist, bis schliesslich alles so verteilt war, dass kein Platz oder +Raum für den zu spät Gekommenen übrig geblieben, und dass dieser, wenn er +nicht selbst zufällig als Besitzer geboren ist, in der Luft hängen bleiben +müsste, wenn er nicht sofort das Recht der Niederlassung dadurch erkaufen +würde, dass er seine von der Natur ihm verliehenen Arbeitskräfte denen, +welche im Besitz des Bodens und der Arbeitsmittel sind, leibeigen giebt. +Die ungeheure Macht der Gewohnheit hat es dahin gebracht, dass die grosse +Mehrzahl der Menschen diesen rechtlosen Zustand als etwas Natürliches oder +Selbstverständliches hinnimmt, während derjenige, der den Ursachen +desselben nachgeht, alsbald findet, dass das private Eigentum an Grund und +Boden nicht von der Natur, sondern von Gewalt und Usurpation herkommt Auch +war dieses Naturrecht im frühesten Altertum fast Überall mehr oder weniger +anerkannt, so in Palästina, Griechenland, Italien, Germanien, Gallien, +Indien, China, Japan, Peru u. s. w. Schon in den ältesten geschichtlichen +Urkunden unsres Geschlechts finden wir den Gedanken der Gemeinsamkeit des +Bodens deutlich ausgesprochen, so namentlich in der Bibel, deren +zahlreiche darauf bezügliche Aussprüche an Deutlichkeit nichts zu wünschen +übrig lassen. Zwar war bei den alten Hebräern der Grund und Boden +Familieneigentum; aber alle fünfzig Jahre fand eine Neuverteilung des +Bodens statt. Ebenso erkannte der chinesische Denker =Laotse= in dem +Besitz der Erde ein allen Menschen vom Weltall-Gott anvertrautes heiliges +Gut. Dementsprechend war das Bodeneigentumsrecht in China nur ein +Nutzungsrecht und nur als solches Übertragbar, während das Eigentum selbst +der durch den Staat repräsentierten Gesamtheit verblieb und in der Theorie +noch bis auf den heutigen Tag verbleibt. Erst infolge einer langen Reihe +von Gewaltmassregeln und Usurpationen konnte die individuelle Aneignung +des Grundes und Bodens in China durchgesetzt werden. Ebenso war es in +Japan, wo erst die mongolischen Eroberer mit Gewalt das Feudalsystem +einführten. Die Indier kannten vor der englischen Eroberung weder das +Recht der Veräusserung des Grundeigentums, noch das Testament. + +Nach =Backhaus= (a. a. O.) erscheint es als höchst wahrscheinlich, wenn +nicht als gewiss, dass Grund und Boden im Anfang der Geschichte überall +Gemeinbesitz der Völker gewesen sind. Auch haben sich die alten +Philosophen dafür erklärt. =Aristoteles= erklärt, dass Grund und Boden +notwendig Gemeingut sein müsse, und =Plato= verlangt, dass jedem Bürger +ein gleich grosses oder gleich ertragsfähiges Stück Land als unteilbar und +unveräusserlich zur Benutzung übergeben werde. Auch hatten Rom und +Griechenland anfangs dementsprechende Acker-Verfassungen. In Sparta hielt +das Verbot des Bodenverkaufs und des Testaments lange Zeit die Gleichheit +des Besitzes aufrecht; und in Athen unterwarfen =Solon= und seine +Nachfolger das individuelle Eigentum überhaupt schweren Beschränkungen, +wahrscheinlich als Reminiscenzen eines anfänglichen Kommunismus, Auch in +Rom hat sich das individuelle Eigentum an Grund und Boden nur nach und +nach aus dem gemeinsamen herausgebildet. Anfangs Gemeinde-Eigentum wurde +es später zum Eigentum der einzelnen Familien und Geschlechter, welche +letzteren in Bezug auf den Besitz gewissermassen nur eine einzige Person +bildeten. Erst mit dem Gesetz der zwölf Tafeln und mit der Einführung der +Rechte von Verkauf und Testament gewann das individuelle Eigentum das +Übergewicht über das gemeinsame. Das grosse Grundeigentum verschlang +allmählich das kleine, und es entstanden Zustände, wie wir sie jetzt noch +in England zu beobachten Gelegenheit haben. Sicher ist es auch, dass nach +altem =germanischem= Recht der grösste und unentbehrlichste Teil des +bewirtschafteten Bodens oder die sog. Aussenmark Gemeinbesitz der +Markgenossen war, während die sog. Binnenmark dem Einzelnen nur in der +Eigenschaft als »Verwalter« gehörte. »Eine Ausnutzung und Ausbeutung des +Grundbesitzes und der Bodenkraft durch Einzelne zum Zwecke des +ausschliesslich eignen Vorteils war den alten Deutschen gänzlich +unbekannt.« Und diesem Bodenrecht und dem dadurch bethätigten Gemeinsinn +verdankten die alten Germanen ihre Freiheit und ihre unerschöpfliche +Kraft. Erst dem dämonisch wirkenden Geist der römischen Gesetzgebung mit +ihrer übermässigen Betonung der persönlichen Besitz- und Eigentumsrechte +gelang es, auch im alten Germanien ein Privatrecht auf den Bodenbesitz zu +schauen. Es war das Nessushemd, welches die sterbende Roma dem +germanischen Riesen arglistig vermachte. Aber so urgesund waren die alten +germanischen Rechtseinrichtungen, dass sich Reste des Gemeinde-Eigentums +unter verschiedenen Bezeichnungen bis heute in einzelnen deutschen Landen +und Ortschaften erhalten haben. Der Zeitschrift »Freiland«, dem Organ der +Deutschen Gesellschaft für Bodenbesitzreform, ist es gelungen, +nachzuweisen, dass in Deutschland noch mehr als hundert Ortschaften +existieren, welche im glücklichen Besitze von Gemein-Eigentum an Grund und +Boden geblieben sind. Noch weit mehr ist diese Einrichtung erhalten +geblieben in einem grossen Teile von Russland, sowie in manchen Dörfern +Serbiens und Kroatiens, auch bei vielen asiatischen Horden in der Form des +russischen sog. »Mir«, wobei das Land gemeinschaftlich von allen +Gemeindemitgliedern besessen und bebaut und die Ernte gleichmässig +verteilt wird. In der Schweiz findet sich ein Überrest dieser alten +Einrichtung in der Form des sog. »Allmend«. In ganz Afrika besteht nach +=Letourneau=[4] die Individualisierung und Mobilisierung, des +Grundeigentums nur ausnahmsweise. Ebenso ist es mit dem eingeborenen +Amerikanertum, bei welchem die Jagd- und Fischgründe nicht dem Einzelnen, +sondern dem Stamm oder der Tribus angehören. In Java besteht noch überall +Gemeinsamkeit des Bodens und eine Verfassung, welche sich sehr derjenigen +des bereits erwähnten russischen Dorfsystems »Mir« nähert. Bei den alten +Peruanern bestand nach =Prescott=[5] ein systematisch durchgeführter und +von oben geleiteter Kommunismus, welcher zur Folge hatte, dass es keine +Armut und keinen Mangel gab, und dass für Alte, Schwache, Kranke oder vom +Unglück Betroffene ausreichend gesorgt war u. s. w. + +Wendet man diese Erfahrungen auf die Vorgeschichte des Menschen an, so ist +man wohl genötigt, anzunehmen, dass, wie Verfasser in seiner Schrift über +das goldene Zeitalter näher ausgeführt hat, die wilden Horden der Urzeit +das persönliche Eigentumsrecht so wenig oder in so beschränkter Weise +kannten oder achteten, wie die Wilden der Gegenwart; -- und zwar nicht +bloss bei Jägern und Fischern, bei denen ein festes Eigentum an Grund und +Boden kaum möglich war, sondern auch bei Ackerbauern. Nur die Waffen und +Werkzeuge, welche sich der Einzelne selbst angefertigt hatte, galten als +sein persönliches Eigentum, obgleich es nach =Plutarch= sogar noch den +alten Lacedämoniern erlaubt war, sich der Pferde, Hunde und Werkzeuge +ihrer Nachbarn zu bedienen, wenn diese keinen Gebrauch davon machten. + +Die Rückkehr zu den alten Zuständen oder die Rückgabe des von Natur- und +Rechtswegen allen gehörigen Besitzes von Grund und Boden an die Gesamtheit +ist übrigens -- auch abgesehen von allen sozialen oder naturrechtlichen +Gründen -- eine solche ökonomische oder staatswirtschaftliche +Notwendigkeit, dass sie auf die Dauer trotz allen Widerstrebens gar nicht +umgangen werden kann. Denn bei dem riesigen Anwachsen der Bevölkerung in +den europäischen Ländern giebt es kein andres Mittel, um den Boden auf +seine äusserste Ertragsfähigkeit auszubeuten. Es kann und darf daher dem +einzelnen Besitzer eines Grundstücks nicht überlassen bleiben, ob und bis +zu welchem Grade er dasselbe ertragsfähig machen will oder nicht, sondern +es muss dem Boden im Interesse der Gesamtheit alles abgerungen werden, was +ihm irgend abgerungen werden kann. Dieses kann aber nur geschehen durch +den auf die Grundsätze der wissenschaftlichen Landwirtschaft gestützten +Grossbetrieb, sowie dadurch, dass kein Fleckchen Erde nach Massgabe seiner +Lage und Beschaffenheit unbenutzt bleibt, während der Privatbetrieb hierin +ganz willkürlich und sehr oft unrationell verfährt oder verfahren kann. +Nirgendwo tritt dieses deutlicher zu Tage, als in England, wo bekanntlich +der gesamte, für Ackerbau bestimmte Grund und Boden bei einer Bevölkerung +von ca. 35 Millionen in den Händen von nur 14-15000 Eigentümern sich +befindet, welche daraus -- in der Regel arbeitslos und ohne jede eigene +Bemühung -- eine jährliche Rente von nicht weniger als 4000 Millionen Mark +ziehen, Von dem riesigen Güter-Komplex des Herzogs von Sutherland z. B. +(11 Mill. Acker) befinden sich nur ca. 23000 Acker unter Cultur; und das +Gesamterträgnis berechnet sich im Durchschnitt auf =eine= Mark pro Acker, +während dasselbe in einzelnen Teilen auf das Vierzigfache gesteigert +werden könnte. Aber die unermesslich reichen englischen Landlords ziehen +es vor, aus kulturfähigern Boden, auf welchem sich tausende fleissiger +Menschen ernähren könnten, Schaftriften oder Wildparks oder Rennbahnen +oder herrschaftliche Gärten u. s. w. zu machen, und nehmen keinen Anstand, +die Ansiedler oder Einwohner zu diesem Zweck unbarmherzig auszutreiben; +und Ähnliches geschieht, wenn auch nicht in gleich hohem Grade, wie in +England, überall. So besitzen in Deutschland die zehn grössten +Grundbesitzer ein Neuntel der gesamten angebauten Bodenfläche +Deutschlands, während Frankreich hinsichtlich der Verteilung von Grund und +Boden weit besser daran ist. Sogar in Amerika, wo doch Überfluss an Grund +und Boden vorhanden ist, machen sich die traurigen Folgen des privaten +Bodenbesitzes bereits in solcher Weise geltend, dass die bekannte Schrift +des Amerikaners H. =George= über Fortschritt und Armut, worin jener Besitz +als Hauptquelle des sozialen Übels dargestellt wird, Millionen von Lesern +finden konnte. Es war eine der thörichtesten und zugleich ungerechtesten +Handlungen oder Versäumnisse der amerikanischen Staatsverwaltung, dass sie +nicht, was ihr ein Leichtes gewesen wäre, das unermessliche Landgebiet, +das ihr zu Gebote stand, von vornherein für National-Eigentum erklärte und +parzellenweise an Private verpachtete, sondern dasselbe teils an +Monopolisten und Privatgesellschaften verschenkte, teils zu +Schleuderpreisen an Private wegwarf, teils der willkürlichen +Besitzergreifung überliess. Eine Ausnahme hat man nur mit dem grossen +Nationalpark im Staate Colorado gemacht, welcher beinahe so gross ist, wie +das Königreich Sachsen -- aber nicht zu nationalökonomischen, sondern zu +Zwecken des Privatvergnügens für Reiche und Vermögende. Hätte man es mit +dem gesamten Grund und Boden so gemacht, so müsste jetzt ein +unermesslicher, nicht zu erschöpfender Nationalreichtum des amerikanischen +Volkes die Folge sein, während dieser riesige Schatz jetzt nur dem +Privatnutzen dient. Am auffallendsten und ungerechtesten erscheint ein +solcher Privatnutzen dort, wo durch einfache Vermehrung der Bevölkerung +der Wert des Grundeigentums oft bis in das Ungemessene steigt, wie +namentlich in der Mitte und Nähe wachsender Grossstädte, wo oft +Landstrecken, welche vorher beinahe keinen Wert hatten, binnen kurzer Zeit +zu wahren Goldfeldern für ihre Besitzer werden, -- und zwar ohne jedes +eigne Zuthun oder Verdienst der letzteren, lediglich durch den Fleiss und +die Thätigkeit der Gesamtheit, welche nichtsdestoweniger dieses Resultat +ihres Fleisses ohne jeden Abzug dem einzelnen Privateigentümer in den +Schoss wirft. + +Was nun die Art und Weise des Übergangs des Privatbesitzes an Grund und +Bodens in denjenigen des Staates oder der Gesamtheit betrifft, so ist +dieses eine sekundäre Frage, welche von den verschiedenen Verteidigern der +Bodenbesitzreform in verschiedener Weise beantwortet wird. Es versteht +sich dabei von selbst, dass von einer gewaltsamen Aneignung nicht die Rede +sein kann, sondern nur von einer Ablösung der Rente oder des Bodens selbst +gegen massige und abschätzungsweise festzustellende Entschädigung, Denn, +wenn sich auch, wie nachgewiesen, sehr viele und vielleicht gerade die +bedeutendsten Besitztitel an Grund und Boden nicht aus rechtlichem Erwerb, +sondern aus den Zeiten der Gewalt herschreiben, so darf doch, da nach +Verlauf so langer Zeit Untersuchungen über die Rechtlichkeit der +Erwerbstitel nicht mehr angestellt und die Nachkommen nicht für die Sünden +der Voreltern verantwortlich gemacht werden können, niemand in seinen +jetzt bestehenden Rechtsansprüchen gekränkt oder benachteiligt werden. + +Die weitgehendste Art und Weise wäre ein Rückkauf nach vorheriger +Abschätzung -- wobei kleinere Güter oder Grundstücke nach ihrem vollen +Wert bezahlt, sehr grosse aber einer gewissen Reduktion des Preises +unterworfen werden müssten, -- entweder gegen bar oder gegen eine in Form +von Pfandbriefen auszugebende Staatsrente. Allerdings würden hierzu für +den Anfang grosse Geldmittel notwendig sein; aber sie würden kein +ernstliches Hindernis bilden, wenn durch Annahme meines zweiten Vorschlags +auf Einschränkung der Erbrechte der ganze Bodenbesitz oder wenigstens der +grösste Teil desselben im Laufe eines oder weniger Menschenleben an den +Staat zurückfallen würde. Dazu käme sodann der durch Zunahme der +Bevölkerung und rationellere Bewirtschaftung des Bodens im Grossbetrieb +fort und fort steigende Bodenwert, welche Steigerung unter allen +Umständen, als durch die Gesamtheit erarbeitet, auch der Gesamtheit oder +dem Staate zu Gute kommen müsste. + +Die erklärten Anhänger der Bodenbesitzreform, welche sich in Deutschland +zu einem besonderen »Bund« mit einer Anzahl von Zweigvereinen +zusammengethan haben und im Besitze eines besonderen, in Berlin +erscheinenden Organs unter dem Titel »Freiland« sind, scheinen in ihrer +Mehrzahl der Ansicht zu sein, dass »die Überführung des Grundbesitzes, +bez. der Grundrente, aus den Händen einzelner in die Hände der +Gesamtheit«, welche laut Statut den Zweck ihrer Bestrebungen bildet, +hinreichend sei, um, wenn auch nicht unmittelbar, so doch mittelbar eine +vollständige Lösung der sozialen Frage herbeizuführen. Sie erwarten davon +durch Beseitigung des Hypothekenwesens in letzter Linie die Beseitigung +der Macht des Privatkapitals an Grund und Boden, sowie derjenigen des +mobilen Kapitals überhaupt, indem sie den überwiegenden Privatbesitz an +Grund und Boden für die Ursache aller sozial-wirtschaftlichen Drangsale +und für die Grundlage aller wirtschaftlichen Unfreiheit erklären. +Namentlich wird dadurch nach =Backhaus= (a. a. O.) dem »furchtbar wütenden +Schrecknis« des Dämons =Zins=, welcher noch weit fürchterlicher ist, als +der Kriegsdämon, weil er keinen Frieden kennt und sich ununterbrochen +vermehrt, ein gewisser Halt geboten werden. Der Zins hat die ganze +Gesellschaft in ein einziges grosses Kriegslager verwandelt, in welchem +ihm täglich Menschenopfer ohne Zahl dargebracht werden. Denn unter der +Herrschaft des Privatbodenmonopols und seiner Wirkungen ist die +überwältigende Mehrheit jedes Volkes den Grossgrundherren und +Grosskapitalisten in ähnlicher Weise zinspflichtig geworden, wie +seinerzeit die kleinen Bürger Roms und die unterjochten Völker den +römischen Latifundienbesitzern und Grosskapitalisten zinspflichtig waren. + +Wenn nun Verfasser bloss im Sinne der bisherigen Schule der +Badenbesitzreformer zu reden hätte, so könnte er hier abbrechen, da diese +Schule, wie gesagt, Gründe zu haben glaubt, um von der Verwirklichung +ihrer Bestrebungen eine endgültige Beseitigung des sozialen Elends zu +erwarten. Da er aber diese Erwartung nicht zu teilen vermag, so ist er +genötigt, im Sinne seines tiefer gehenden Ausgleichs in den Mitteln, mit +denen der Einzelne seinen Kampf um das Dasein zu bestehen hat, zur +Erörterung seines zweiten Vorschlags hinsichtlich der Beschränkung, bezw. +Beseitigung der Erbrechte oder des Erbkapitalismus überzugehen. + +Verfasser ist sich wohl bewusst, dass er mit diesem Vorschlag +gewissermassen in ein Wespennest sticht und sich auf kritische +Anfeindungen jeder Art gefasst machen muss. Denn wo das persönliche +Interesse des Einzelnen in das Spiel kommt, da hat jede ruhige und +gerechte Überlegung ein Ende. Das Recht, seinen Kindern und Kindeskindern +dasjenige zu hinterlassen, was er selbst erworben hat, will sich niemand +nehmen lassen, Auch hat der Einzelne darin vollkommen recht, solange er +sich auf dem Boden der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse weiss. +Aber ein ganz anderes ist es, wenn der Sozialreformer Verhältnisse +voraussieht, welche ganz anders geartet sind und geartet sein müssen. Denn +so wie politische Revolutionen nicht mit Rosenwasser gemacht werden, so +können auch soziale Reformen von erfolgreicher Wirkung nicht mit halben +oder unzureichenden Massregeln gemacht werden. Übrigens darf ich mich zur +Unterstützung meines Vorschlags vor allen Dingen darauf berufen, dass die +Erbschaftssteuer längst als eine der gerechtesten und am wenigsten +drückenden anerkannt und angewendet worden ist, und dass man derselben nur +eine grössere Ausdehnung, namentlich in der indirekten Erbfolge, zu geben +braucht, um meinem Vorschlage mehr und mehr nahe zu kommen. Auch mehren +sich die Anhänger einer solchen Idee der Besteuerung in der gelehrten wie +ungelehrten Welt von Jahr zu Jahr, und es fehlt nicht an angesehenen, +selbst konservativen Staatsrechtslehrern, welche sich im Prinzip dafür +aussprechen, wie =Brinz=, =Röscher=, =Marlo=, =Umpfenbach=, =Schäffle=, +=Pfizer=, =Bluntschli=, =Baron=, =Hallier= u. s. w. Dass die eigentlichen +Sozialisten zustimmen, versteht sich beinahe von selbst. Schon der Basler +Internationale Arbeiterkongress von 1869 hat Abschaffung des privaten +Grundeigentums und des Erbrechts in sein Programm aufgenommen; und der +französische kollektivistische Sozialisten-Kongress von 1880 setzte als +letzten Punkt seines Programms »Abschaffung des Erbrechts für +Seitenverwandte und jedes direkten Erbrechts von mehr als 20000 Franks« +fest. Auch das Programm der englischen Radikalen acceptiert ganz und voll +die beiden genannten Forderungen. Unter den neueren Schriftstellern +radikaler Richtung hat sich namentlich =Max Nordau= in seinem berühmten +Buch über die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit mit +durchschlagenden Gründen auf den Boden dieser Anschauung gestellt Nach +meiner Meinung ist eine solche Reform der Erbrechte oder eine +Beschränkung, resp. Abschaffung des Erbkapitalismus =eine einfache +Forderung der sozialen Gerechtigkeit=. Denn niemand wird es als dieser +Forderung entsprechend ansehen können, dass unter den Menschen, welche, +wenn auch mit verschiedenen Eigenschaften, doch mit demselben Anrecht an +Existenz auf die Welt kommen, der eine gewissermassen mit dem Breilöffel, +der andre mit dem Hungerlutscher im Munde geboren wird. Niemand wird es +als Ausfluss natürlicher Gerechtigkeit betrachten können, wenn der eine +schon in der Wiege auf Millionen sich wälzt oder einen grossen Teil des +Grundes und Bodens, welcher allen gehören sollte, sein eigen nennt, ohne +dass er das geringste persönliche Verdienst dabei hat, während der andre, +wie des Menschen Sohn, nicht weiss, wo er sein Haupt hinlegen soll, um von +den Mühen und Lasten seines armseligen Daseins auszuruhen. Man +vergegenwärtige sich die Caprice jenes reichen Engländers, welcher sein +ganzes grosses Vermögen einer ihm persönlich ganz fremden Dame vermachte, +bloss weil er Gefallen an ihrer schönen Nase gefunden hatte, und ähnliche +Beispiele einer total unsinnigen Vererbung an unbedürftige Erben. Man +denke an die Vermächtnisse an die tote Hand oder an die Kirche, welche nur +zum Schaden der Allgemeinheit verwendet werden, an die hässliche +Erbschleicherei, an die zahllosen Erbstreitigkeiten, welche oft die +tiefste Entzweiung ganzer Familien herbeiführen und den hässlichsten +Trieben der Menschennatur Nahrung geben, an die Nachteile der +Fideikommisse, an die durch stete Vererbung aufrechterhaltenen ungeheuren +Privatvermögen, welche einen Staat im Staate, eine Geldmacht innerhalb der +Staatsmacht darstellen, an die Vererbung an ganz entfernte Seitenlinien, +deren Angehörige den Erblasser nie gesehen oder gekannt haben u. s. w. Das +sog. =Testament= oder freie Verfügungsrecht über die Hinterlassenschaft +ist auch durchaus kein Ausfluss des Naturrechts, sondern eine Erfindung +späterer Zeiten, wahrscheinlich römischen Ursprungs; es war z. B. im alten +Deutschland ganz unbekannt. Die älteste Stufe des Eigentums war vielmehr, +wie die ausgezeichneten Untersuchungen von =Laboulaye= und =Laveleye= über +die Entstehung der Eigentumsbegriffe nachgewiesen haben, das +=Gemein-Eigentum=. Erst das römische Recht mit seiner übermässigen, +bereits erwähnten Betonung des Individualismus und der persönlichen +Besitz- und Eigentumsrechte machte dem ehemaligen Zustand der Dinge ein +Ende und trieb die letzteren im Sinne des persönlichen Egoismus auf die +Spitze -- ein Verhältnis, an dem wir heute noch leider schwer zu kranken +haben. Heute hat, wie =Lavelaye= sagt, das Eigentum seinen ehemaligen +sozialen Charakter ganz verloren. Vollständig verschieden von dem, was es +im Anfang war, hat es nichts Gemeinsames mehr an sich. Privilegiert, +fessellos, ohne Rückhalt oder Verpflichtung scheint es, ohne Rücksicht auf +die Interessen der Gesamtheit, keinen andern Zweck als das Wohlsein des +Individuums zu verfolgen u. s. w. + +»Das Eigentumsrecht,« sagt =Laboulaye= in seiner preisgekrönten Schrift +über die Geschichte dieses Rechts, »ist eine Schöpfung der Gesellschaft +... Jedesmal wenn die Gesellschaft etwas darin ändert, ist sie in ihrem +Recht, und niemand kann sich dagegen im Namen eines ältern Rechtes +auflehnen; denn vor ihr und nach ihr gibt es nichts. In ihr ruht die +einzige Quelle und der Ursprung des Rechts.« + +Der Einzelne darf sein Erworbenes oder Ererbtes schon um deswillen nicht +beliebig verschenken, weil sein Erwerb kein rein persönlicher, sondern nur +möglich ist in der Gesellschaft und durch deren Mitwirkung. Eines der +eklatantesten Beispiele dieser Art ist die bereits erwähnte enorme +Wertsteigerung des Grundes und Bodens im Innern und in der Umgebung +grosser, in der Entwicklung begriffener Städte, welche dem einzelnen +Besitzer ohne jedes eigne Verdienst Millionen in den Schoss wirft und der +Gesamtheit durch die enorme Steigerung der Wohnungsmieten keinen Nutzen, +sondern nur Schaden bringt. Es ist ein Zustand förmlicher Lohnsklaverei +der Nicht-Besitzenden gegenüber den Besitzenden, welchem durch die +Gesetzgebung längst ein Damm hätte entgegengesetzt werden sollen. + +Selbstverständlich könnte eine so durchgreifende soziale Massregel, wie +die Beschränkung der Erbrechte, nicht plötzlich oder auf einmal, sondern +nur allmählich und ohne allzu grosse oder allzu plötzliche Beleidigung +privater Interessen in das Leben gerufen werden. Aber gerade in dieser +Möglichkeit einer allmählich sich steigernden Einführung liegt ein +Hauptvorteil des Vorschlags, wobei Praxis und tägliche Erfahrung der +Theorie jederzeit zur Hülfe kommen oder unter die Arme greifen können. Auf +diesem Wege wird es auch nicht schwer werden, zu einer Entscheidung +darüber zu kommen, ob man bis zu einer gänzlichen Aufhebung der Erbrechte +oder nur bis zu einer gewissen Grenze der Einschränkung gehen soll. + +Der Hauptnutzen oder Hauptvorteil des ganzen Vorschlags besteht in dessen +ausgleichender Gerechtigkeit oder darin, dass jeder nur die Früchte seines +eignen Fleisses, seiner eignen Tätigkeit und nicht diejenigen der +Thätigkeit oder des Glücks seiner Vorfahren ohne jede eigne Bemühung +gemessen würde. Söhne reicher Eltern haben in der Regel das Privileg, roh, +unwissend, faul oder lüderlich zu sein, so dass grosser, namentlich +unverdienter Reichtum oft mehr zum Fluch als zum Segen wird. Von Geburt +Reiche oder Vornehme werden von den meisten Menschen als Wesen höherer Art +angesehen, denen man sich nur mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht nähern +dürfe, obgleich diese Drohnen der Gesellschaft weit unter denen stehen, +welche ihr Leben selbst gemacht haben. Dem berühmten und berüchtigten +Ausspruch =Proudhons= »Eigentum ist Diebstahl« liegt insofern ein sehr +berechtigter Gedanke zu Grunde, als nur der durch eigne Arbeit erworbene +Besitz rechtmässiges Eigentum genannt werden kann, während der ohne eigne +Bemühung ererbte Besitz sehr wohl als eine Art von Diebstahl an dem +Vermögen oder an der Arbeitskraft der Gesamtheit betrachtet werden kann. +Denn wenn der durch Erbschaft reich gewordene Teil der Gesellschaft bis zu +einem gewissen Grade in einem Zustand von Wohlsein und verhältnismässigem +Nichtsthun lebt, so ist dieses nur dadurch möglich, dass er sein Geld für +sich arbeiten lässt, d. h., da das Geld nicht selbst arbeitet, durch die +Leiden, die Arbeit und die Entbehrung ärmerer Mitmenschen, welche den Zins +aufzubringen haben. Nicht dasjenige Eigentum soll angetastet werden, +welches durch eignen Fleiss und eigne Sparsamkeit erworben worden ist, +sondern nur dasjenige in gewissen Schranken gehalten werden, welches seine +Entstehung dem Fleisse oder den Glücksumständen anderer verdankt. Wer +darin eine Ungerechtigkeit erblicken wollte, müsste seine eignen Begriffe +von Gerechtigkeit haben. + +Ein weiterer nicht hoch genug zu veranschlagender Nutzen oder Vorteil +meines Vorschlags besteht darin, dass durch dessen Ausführung der +übermässigen Anhäufung grosser Privatvermögen in einzelnen Händen, welche, +wie bereits bemerkt, einen Staat im Staate, eine Geldmacht gegenüber der +Staatsmacht darstellen, eine unübersteigliche Schranke gesetzt wird. Die +enormen Nachteile einer solchen Anhäufung in politischer Beziehung sind +namentlich dort bemerkbar, wo, wie z. B. in Amerika, die unglückliche +Manchesterdoktrin herrschend ist, und wo mitunter grosse oder reiche +Eisenbahngesellschaften einen ganzen Staat politisch völlig in der Gewalt +haben. Die amerikanischen Eisenbahn-Direktoren spielen bei der enormen +Ausdehnung und Wichtigkeit des dortigen Eisenbahnwesens in der Gegenwart +eine ähnliche Rolle, wie sie die Feudalherren des Mittelalters gespielt +haben, und brechen in Folge schlechter Verwaltung oder mangelhaften +Bahnbaues jedes Jahr einigen hundert oder tausend Personen beinahe +ungestraft die Hälse oder mindestens Arme und Beine. Ja, man verhehlt sich +in Amerika nicht die Gefahr, dass sich mit der Zeit das Eisenbahn-Monopol +sogar den Congress und die Bundesregierung dienstbar machen werde. Aber +auch in Europa liegt die Gefahr oder Möglichkeit vor, dass der Einfluss +grosser Geldmächte unter Umständen im Stande ist, über Krieg und Frieden +zu entscheiden oder parlamentarische Körperschaften unter ihren Willen zu +beugen. Ist ja doch das Geld heutzutage eine alles bestimmende Macht und +Gott Mammon der einzige Gott, zu dem noch mit wahrer Inbrunst gebetet zu +werden pflegt! + +Der letzte und hauptsächlichste Vorteil meines Vorschlags beruht aber +darin, dass der Staat, ohne die verhasste Steuerschraube in Anwendung +bringen zu müssen, auf die leichteste Weise in den Besitz hinreichender +Geldmittel kommt, um alle im Interesse der Allgemeinheit notwendigen +Massregeln durchführen zu können, wie Erziehung und Erhaltung der Kinder, +wo die Einzelfamilie dazu nicht ausreicht, Unentgeltlichkeit des gesamten +Unterrichts, Versorgung von Witwen und Waisen, Abschaffung des Pauperismus +und unverschuldeter Arbeitslosigkeit, Beschaffung der Arbeits- oder +Produktionsmittel, Besorgung des Verkehrswesens u. s. w. Wenn man bedenkt, +dass nach den Veröffentlichungen des preussischen Finanzministeriums +allein in Preussen jährlich =zwölfhundert Millionen Mark= vererbt werden +-- eine Schätzung, welche übrigens nach ändern viel zu gering ist und auf +mehr als das Doppelte veranschlagt werden kann -- so erhellt daraus, wie +gross das Erträgnis einer solchen Massregel, obendrein im Verein mit dem +staatlichen Bezug der Bodenrente, sein müsste. + +Natürlich hat man gegen dieselbe und ihre Ausführbarkeit eine Menge von +Einwänden bereit, unter denen die zu befürchtende Beeinträchtigung des +Erwerbstriebs, die Gefahr der Verschwendung und die Umgebung des Gesetzes +durch Schenkung unter Lebenden neben befürchteter Schädigung der Familie +die Hauptrolle spielen. Ein näheres Eingehen auf diese Einwände würde die +Grenzen dieser kleinen Schrift überschreiten. Ich muss mich daher +begnügen, auf mein Buch über die »Stellung des Menschen in Natur und +Gesellschaft« zu verweisen, in dessen dritter Abteilung ich jene Einwände +genügend entkräftet zu haben glaube, und wo auch im Anschluss daran die +wichtige Kapitalfrage eingehend erörtert ist. + +Nur das mag hier nicht unerwähnt bleiben, dass der Einfluss des Erbrechts +im Vergleich mit dem Eigentumsrecht =als Antrieb zur Arbeit= als ein +ziemlich untergeordneter betrachtet werden darf. Allerdings können wir +alle Tage von solchen, welche einer übertriebenen Sparsamkeit huldigen und +unnötigerweise Schätze aufhäufen, die Versicherung hören, =dass sie nur +für ihre Kinder sparten=. Aber derjenige müsste ein schlechter Kenner der +menschlichen Natur sein, der dieser Versicherung einen mehr als sehr +bedingungsweisen Glauben beimessen wollte, Man spart zumeist für sich +selbst und aus Freude am Besitz, und betrügt nur sich oder andere mit dem +Vorwand, dass man es der Nachkommen halber thue, -- was ja schon daraus +erhellt, dass gerade unter denjenigen, welche keine Leibeserben haben, die +grössten Geizhälse und Sparsimpel angetroffen werden. Im Gegenteil würde +es ein viel natürlicherer Gesichtspunkt sein, wenn solche, die ihre +Reichtümer oder ihren Wohlstand durch eigne Anstrengung erworben haben, +von ihren Kindern oder Erben dieselben Anstrengungen, dieselbe Arbeit +verlangten oder erwarteten, statt dass sie sich mit Anstrengung aller +Kräfte bemühen, denselben ein Lotterbette zu bereiten, auf dem sie sich +von Kindesbeinen an nur behaglich auszustrecken haben. Wir könnten in +dieser Beziehung von den Tieren lernen, welche ja auch mit rührendster +Sorgfalt für die Ernährung und Erziehung ihrer Kleinen sorgen, aber +dieselben von dem Augenblick an, wo sie im stande sind, sich durch eigne +Anstrengung zu erhalten, sich selbst überlassen. So sollte es _mutatis +mutandis_ auch bei den Menschen sein. In der That hat sich Verfasser +während seines Aufenthaltes in Amerika erzählen lassen, dass dort, +namentlich in der Stadt Newyork, sehr reiche Familien die +Gewohnheit haben, einen grossen oder grössten Teil ihres Vermögens +wissenschaftlichen, künstlerischen oder humanitären Anstalten zuzuwenden +oder zur Gründung sog. Philantropien herzugeben und ihre Angehörigen auf +diese Weise zur Arbeit zu zwingen, geleitet von dar Erfahrung, dass Söhne +sehr reicher Familien in dem Bewusstsein dieses Reichtums sehr häufig in +Faulheit und Liederlichkeit verderben. Aber im ganzen mögen dieses wohl +nur rühmliche Ausnahmen sein. Denn Reichtum und Geld bergen leider eine +dämonische Gewalt der Anziehung in sich, welche diejenigen, die einmal auf +diesem Wege sind, nicht ruhen und die Begierde nach mehr in demselben +Grade wachsen lässt, in welchem dieselbe befriedigt wird. Der Durst nach +Geld und Besitz hat daher das Eigentümliche, dass er durch Befriedigung +nicht gestillt, sondern nur stärker angeregt wird. Gleichzeitig übt diese +Befriedigung bei der Mehrzahl der Menschen einen nachteiligen Einfluss auf +den Charakter aus, macht geizig, hartherzig und egoistisch und gibt nur +ausnahmsweise einzelnen Anlass, mit ihrem Reichtum aus eignem innerem +Antrieb den schönen und edlen Seiten der menschlichen Natur Genüge zu +thun. + +Alledem wird ein klug angelegtes Erbschaftssteuergesetz, welches das +Erbschaftsamt ermächtigt, die Erbschaften im Namen des Staates mit +Beschlag zu belegen und die Erbschaft, soweit es notwendig und zweckmässig +ist, für die Kinder, im übrigen aber für den Staat zu verwalten, auf die +wohltätigste Weise entgegenwirken. Es wird der übertriebenen Sparsamkeit, +dem Geiz, der Habgier, dem nutzlosen Aufspeichern und der allzu grossen +Anhäufung des Reichtums in den Händen einzelner einen gewissen Damm +entgegensetzen, ohne dabei den Einzelnen desjenigen Antriebs zum Erwerb zu +berauben, welcher in der ersten Sorge für die Nachkommenschaft und in der +Liebe zur Arbeit ruht. Denn, wie Prof. =Hallier=[6] treffend bemerkt, »es +kann kaum etwas Ehrloseres geben, als die Arbeit als eine Last zu +betrachten und sie nicht um ihrer selbst willen hochzuschätzen. Wer gesund +ist und bei guten körperlichen oder geistigen Kräften, für den ist die +Arbeit der höchste Lebensgenuss. Und der Reiche sollte so ehrlos sein, +sich auf die Faulbank zu legen, weil er weiss, dass der Mehrerwerb nicht +zum Verderben seiner Kinder, sondern zum Wohl des Staates, zum Wohl seiner +Mitbürger verwendet wird? Ist jemand mit Glücksgütern gesegnet, so hat er +doppelt und dreifach die Pflicht, sich durch Arbeit dieser Güter wert zu +zeigen. Der Müssiggänger ist ehrlos.« + +Im Anschluss an diese schönen Worte darf man die gegründete Hoffnung +aussprechen, das Bewusstsein, dass er mit seiner Arbeit nicht bloss für +sich und die Seinigen, sondern auch bis zu einem gewissen Grade für die +Gesamtheit wirkt, werde erhebend und veredelnd auf den Einzelnen wirken +und damit jenen Zustand vorbereiten helfen, wo das Glück des Einzelnen mit +dem Glück der Gesamtheit zusammenfällt, und wo somit der Einzelne das, was +er auf der einen Seite zu verlieren glaubt, auf der andern wieder mit +Zinsen zurückerhält. + +Was meinen dritten und letzten Vorschlag betrifft, so geht derselbe, wie +bereits gesagt, auf Umwandlung des Staates in eine grosse, allgemeine, +solidarisch verbundene =Versicherungsgesellschaft= gegen Alter, Krankheit, +Unfall, Invalidität, unverschuldete Not und Tod. Schon mit dieser einen +Massregel würde der grösste Teil des sozialen Elends mit einem Schlage aus +der Welt geschafft und die kostspielige, oft mehr Schaden als Nutzen +bringende Armenpflege entbehrlich gemacht werden, Es würde keine Elenden +und Verlassenen ohne eigne Schuld mehr geben, und das grosse Prinzip +gesellschaftlicher Gegenseitigkeit würde zur Richtschnur nicht bloss für +einzelne Kreise, sondern für die ganze menschliche Gesellschaft werden. +Die Gesellschaft selbst mit ihren verschiedenen Gliederungen würde dabei +keine Änderung erleiden, sondern gerade so fortbestehen, wie bisher, und +jedem Einzelnen würde gegeben oder geholfen werden je nach seinen +Verhältnissen oder Bedürfnissen, seiner Lebenslage, seiner sozialen +Stellung und nach den Opfern, welche er durch seine Arbeit oder sein +Vermögen zur Erhaltung des Staates bringt oder gebracht hat. Allerdings +wird man entgegnen, dass diese Opfer dadurch nicht vermindert, sondern +wesentlich erhöht werden müssten. Aber eine solche Rücksicht kann nicht in +das Gewicht fallen gegenüber den enormen Vorteilen einer derartigen +Einrichtung, auch würde die Last dadurch, dass sie auf den Schultern aller +Staatsbürger ohne Ausnahme ruht, für den Einzelnen nicht allzuschwer +werden. Man vergesse nicht, welche enormen Opfer jetzt schon von privater +Seite für alle die verschiedenen Versicherungs- und Ersparniszwecke +gebracht, und welche kaum mehr erschwingliche Lasten den Gemeinden durch +die fortwährend steigenden Ausgaben für Armenpflege auferlegt werden. Auch +übersehe man nicht den enormen moralischen Vorteil, welcher darin liegt, +dass jeder in dem Bewusstsein lebt und arbeitet, dass er nicht jeden +Augenblick unverschuldet ein Ausgestossener oder Verlassener der +Gesellschaft werden, oder dass seine Hinterbliebenen nicht die Beute des +Hungers und Elends werden können; man vergesse endlich nicht, dass die +materiellen Opfer, welche der Staat fortwährend zur Abwehr der Verbrechen +gegen Person und Eigentum aufzuwenden genötigt ist, um ein sehr +Bedeutendes reduziert werden müssten. Wenn der Staat, wie dieses z. B, im +Grossherzogtum Hessen geschieht, jeden einzelnen Gebäudebesitzer zwingt, +an einer staatlichen Versicherung seines Besitzes gegen Feuersgefahr +teilzunehmen, und auf diese Weise eine Solidarität aller hausbesitzenden +Staatsbürger gegen Schädigung ihres Eigentums durch Feuer herstellt, warum +soll er nicht das Recht haben, die gleiche Solidarität der Staatsbürger +gegen die weit bedenklichere Schädigung durch Krankheit, Alter, +Invalidität und Tod herzustellen? Und wie leicht und einfach würde eine +solche Maschinerie zu lenken oder zu leiten sein im Vergleich mit den +komplizierten und persönlich belästigenden Gesetzesbestimmungen des +=Bismarck=schen Staatssozialismus, in dem sich kaum ein Rechtsgelehrter +zurechtzufinden vermag. + +Immerhin ist es mit Freuden zu begrüssen, dass die Einführung dieses +Staatssozialismus den schlagenden Beweis dafür geliefert hat, dass die +Notwendigkeit einer meinem Vorschlag ähnlichen Massregel in offiziellen +wie parlamentarischen Kreisen genügend anerkannt ist. Nur wird man dabei +leider allzusehr an das bekannte Sprichwort erinnert: »Wasch mir den Pelz +und mach mich nicht nass.« An sich recht verdienstlich, ist dieser +Staatssozialismus doch nur ein schwacher Versuch auf dem Wege sozialer +Reformen und ganz unfähig das soziale Elend als solches zu heben. Ja er +kann insofern gefährlich werden, als er, weil er nicht halten kann, was er +verspricht, zu schädlichen Täuschungen führt und damit radikaleren +Reformen entgegenwirkt. Dasselbe gilt von den vielen +Privatwohlthätigkeitsanstalten gegen Bettel, Trunksucht, Armut, +Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot u. s. w., sowie von den Bestrebungen zur +religiösen, sittlichen oder intellektuellen Hebung der unteren +Volksklassen oder zur Hebung der landwirtschaftlichen Kleinbetriebe oder +zur gemeinsamen Beschaffung von Produktions- und Konsumtionsmitteln auf +dem Weg der Selbsthilfe, oder von den Versuchen, das alte Innungswesen +wieder neu zu beleben oder durch Feststellung eines Normallohnes und einer +Normalarbeitszeit die Lage der arbeitenden Klassen zu verbessern, und +dergl. Alle diese Dinge sind, wie =Backhaus= (a. a. O.) richtig bemerkt, +Scheinmittel, Schönheitspflästerchen, welche wohl hier und dort den +Anblick der sozialen Not verbergen oder eine vorübergehende Linderung +herbeiführen, aber in der Tiefe das Übel weiter wuchern lassen. + +Ebenso unzureichend wie der Staatssozialismus ist das private +Versicherungswesen und dabei mit so vielen und grossen Nachteilen +behaftet, dass daraus =Bismarcks= Plan zur Verstaatlichung des +Lebensversicherungswesens hervorwuchs, ein Plan, welcher bekanntlich an +dem Widerspruch der Parlamentarier und Manchester-Männer gescheitert ist. +Übrigens ist mein Vorschlag wesentlich verschieden von jenem Plan, da nach +demselben die Versicherung nicht freiwillig, sondern obligatorisch für +jeden Staatsbürger sein soll, je nach dessen Stand, Vermögenslage oder +Arbeitsverdienst. Sollten die Staatseinkünfte für den beabsichtigten Zweck +nicht ausreichen (was bei Annahme meiner beiden ersten Vorschläge kaum +denkbar wäre), so müsste der Versicherungsbeitrag als Steuer erhoben +werden, so lange der Versicherte arbeitsfähig ist. + +Die Ausführung weiterer Einzelheiten würde auch hier wieder zu weit +führen. Ich erlaube mir daher auf einen im zweiten Band meiner Schrift +»Aus Natur und Wissenschaft« enthaltenen Aufsatz über die Übernahme des +Lebensversicherungswesens durch den Staat zu verweisen. + +Dieses sind die Grundzüge der von mir in Vorschlag gebrachten +=Sozialreform= im Gegensatz zu derjenigen der =Sozialdemokratie=, einer +Reform, welche selbstverständlich nur auf =friedlichem= Wege durchgeführt +werden soll und kann, und zwar nur durch Gewinnung einer grösseren Zahl +einflussreicher Männer auf dem Wege allmähliger Überzeugung. + +Zwar versichert uns die Sozialdemokratie ebenfalls, dass sie nur auf +friedlichem Wege ihr Ziel zu erreichen wünsche; aber dieses dürfte doch +nur eine Klugheits-Versicherung sein. Schon das Wort »Demokratie« deutet +auf Volksherrschaft und damit auf eine Umwälzung der politischen +Verhältnisse, Ehe ich indessen auf nähere Darlegung des wichtigen +Unterschiedes von =Sozialreform= und =Sozialdemokratie= eingehe, bedarf es +vorher der Bemerkung, dass meine Vorschlage gar nichts mit Kommunismus zu +thun haben. Ich beabsichtige weder eine Aufhebung des Privateigentums, +noch eine Beschränkung der persönlichen Freiheit, sondern ganz im +Gegenteil eine grössere Entfaltung oder Entwicklung der letzteren durch +Entfernung der den Einzelnen hemmenden Schranken im Kampfe um das Dasein, +sowie dadurch, dass im Notfall die Ergreifung der hilfreichen Hand des +Staates jedem offen steht, letzteres nicht als ein Almosen, sondern als +ein durch geleistete Arbeit erworbenes Recht. Wer unter solchen Umständen +und bei freier Bahn für Entfaltung seiner Kräfte nichts leistet, der +verdient sein Schicksal. Er geht nicht an den Umständen oder an der +Ungerechtigkeit der Gesellschaft, sondern an sich selbst zu Grunde. + +Zwar ist der Kommunismus an sich durchaus nicht etwas so Schreckliches und +Monströses, wie sich die meisten Menschen vorzustellen pflegen. Man kann +sich, wie bereits bemerkt, sehr wohl einen Staat auf kommunistischer +Grundlage vorstellen, in welchem alles Besitztum gemeinsam und die Arbeit +ganz freiwillig sein würde -- vorausgesetzt, dass die durch lange Jahre +und entsprechende Gesellschaftszustände grossgezogenen egoistischen Triebe +und Neigungen der menschlichen Natur sich in altruistische umgewandelt +hätten, was natürlich nur sehr langsam und allmählich geschehen könnte. +Auch sind durchaus nicht alle bis jetzt bekannten kommunistischen Versuche +misslungen, und da, wo sie misslungen sind, ist dieses oft weniger Folge +innerer Unmöglichkeit, als vielmehr des Drucks äusserer ungünstiger +Umstände inmitten einer auf ganz anderen Grundlagen aufgebauten +Gesellschaftsordnung gewesen.[7] Besteht doch schon im jetzigen Staats- +und Gemeindeleben eine nicht geringe Menge kommunistischer Einrichtungen, +die sämtlich, wenn die einseitige und engherzige Manchester-Doktrin +richtig wäre, mehr oder weniger ausgemerzt werden und der fast immer +unzureichenden Privatthätigkeit überlassen bleiben müssten. Man denke nur +an die Steuern und deren mannigfache Verwendung zu Zwecken des +Gemeinwohls, an die Staatsschulden, an denen jeder Einzelne partizipiert, +an die Militärpflicht, welche jeden Einzelnen nötigt, selbst Leben und +Gesundheit im Interesse der Gemeinschaft aufzuopfern, an die sog. +Expropriationsgesetze, an das vom Staat auf öffentliche Kosten, geleitete +Unterrichtswesen und an den Schulzwang, an Eisenbahnen, Strassen und +öffentliche Bauten, an Staatsposten und Staatstelegraphen, an das +öffentliche Gesundheitswesen, an Gemeinde-Versorgung und Armenpflege, an +staatliche Massregeln zur Hebung der Landwirtschaft, an die staatliche +Beaufsichtigung von Fabriken, Bergwerken, Banken, Häuserbau u. s. w., an +öffentliche Brunnen, Museen, Bibliotheken, Promenaden, Versorgungshäuser, +Hospitäler u. s. w. Alle diese Dinge, jede Besteuerung der Bürger von +Staats- und Gemeindewegen zu andern Zwecken, als Polizei, Rechtspflege und +Militär, also für den Schutz des Individuums nach innen und aussen, sind +mehr oder weniger sozialistische oder kommunistische Einrichtungen, welche +der Manchester-Doktrin, die in dem Staat nur eine Polizei-Anstalt zur +Sicherung von Person, Eigentum und öffentlicher Sicherheit erblickt, also +denselben gewissermassen die Rolle eines bezahlten Schutzmannes spielen +lässt, direkt zuwiderlaufen. + +Aber alles dieses hindert nicht, dass zur Zeit eine noch so starke und +allgemeine Abneigung der Menschen gegen jede Art kommunistischer +Staatsgestaltung besteht, dass jedes weitere Wort darüber als überflüssig +erscheint. Es müssten erst, wie gesagt, lange Jahre des Altruismus und +Kollektivismus vorausgegangen sein, um dieser Abneigung einigermassen Herr +werden zu können. + +Einstweilen muss es genügen, wenn man im Stande sein wird, an der Hand der +von mir gemachten Vorschläge eine grössere Ausgleichung zwischen Staats- +und Privatbesitz oder zwischen den Interessen des Einzelnen und denen der +Gesamtheit herbeizuführen. Es ist dasselbe Programm, welches der berühmte +National-Ökonom =Schäffle= in seiner »Quintessenz des Sozialismus« +aufgestellt hat, indem er diese Quintessenz in der =Ersetzung des +Privatkapitals durch das Kollektiv-Kapital= findet. Auch stimmt es im +wesentlichen mit dem erweiterten Programm, welches =Bebel= in seiner +Schrift über »die Frau« für den Sozialstaat der Zukunft voraussetzt, wenn +er verlangt, dass die Begriffe von Staat und Gesellschaft sich künftighin +decken, und dass der heutige Gegensatz zwischen sozialer und politischer +Organisation verschwinden solle. + +Die Wohlthätigkeit einer solchen Einrichtung oder einer Versöhnung +zwischen Einzel- und Gesamt-Interessen kann nicht besser deutlich gemacht +werden, als durch eine Vergleichung des staatlichen Organismus mit den +Einrichtungen des tierischen oder menschlichen Organismus. Hier findet +eine fortwährende Strömung der Lebenssäfte von der Peripherie nach dem +Zentrum und umgekehrt von dem Zentrum nach der Peripherie statt. Je +lebhafter und ungehinderter diese Strömung vor sich geht, um so besser ist +der Stand der Gesundheit und des Wohlseins, während Stockungen dieses +Säfteaustausches an einzelnen Stellen des Körpers Krankheit und Verderben +herbeiführen. + +Ebenso verhält es sich im Staat und in der menschlichen Gesellschaft, +welche sich um so wohler befindet, je lebhafter der Austausch und +Ausgleich zwischen Privat- und Gesamtleistung ist. Die grossen +Privatvermögen gleichen den Eiterbeulen oder Blutstockungen, welche, indem +sie sich an einzelnen Stellen festsetzen, den beschriebenen Austausch +stören und verderblich auf den Gesamt-Organismus zurückwirken. Durch die +Wirkung meiner Vorschläge wird eine solche Störung ferner nicht mehr +möglich sein. Denn sie bewirken ein fortwährendes Zurückströmen des +Privatbesitzes in den Besitz der Gesamtheit und von da wieder eine +Verteilung nach der Peripherie oder unter die Einzelnen. Die grosse +Staatskasse muss gewissermassen das Herz des staatlichen Organismus +bilden, welches einerseits seinen befruchtenden und ernährenden Inhalt +durch zahllose Kanäle in die Organe und Gewebe des staatlichen Körpers +treibt und denselben andrerseits aus ebensovielen Kanälen und Adern wieder +an sich saugt. Ohne das verhasste kommunistische »Teilen« wird +gewissermassen in jedem einzelnen Augenblick »geteilt« und ein Zustand +hergestellt, in welchem das schöne, bereits öfter zitierte Wort »einer für +alle und alle für einen« zur Wahrheit wird. + +»Der Heimfall aller Güter an den Staat nach dem Tode ihrer Erwerber«, sagt +M. =Nordau= (a. a. O.) »schafft ein nahezu unerschöpfliches gemeinsames +Vermögen, =ohne den individuellen Besitz aufzuheben=. Jedes Individuum hat +dann ein Eigen- und ein Gesamt-Vermögen, wie es einen Tauf- und einen +Familien-Namen hat.... Indem das Individuum für sich arbeitet, arbeitet es +zugleich für die Gesamtheit, welcher eines Tages der ganze Überschuss +seines Erwerbs über den Verbrauch zu gute kommen wird. Das Gesamtvermögen +bildet das ungeheure Sammelbecken, welches aus dem Überfluss der einen dem +Mangel der andern abhilft und nach jedem Menschenalter die immer wieder +entstehenden Ungleichheiten in der Güterverteilung ausgleicht, welche +Ungleichheiten die Vererbung im Gegenteil fixiert und mit jeder Generation +schroffer macht.« + +Ganz verschieden von diesem, auf friedlichem Wege durchzuführenden +Programm der =Sozialreform= ist dasjenige der =Sozialdemokratie=, welche, +wenigstens in Deutschland, zur Zeit an der Spitze der ganzen +sozialistischen Bewegung steht und die offen ausgesprochene Hoffnung +nährt, Staat und Gesellschaft mit der Zeit in ihrem Sinne umwandeln zu +können, Diese Hoffnung ist eine trügerische und wird es auch wohl bleiben. +Der Hauptvorwurf, den man der Sozialdemokratie machen kann und machen +muss, ist der, dass sie den Begriff der Sozialreform und der sozialen +Frage überhaupt viel zu enge fasst. Denn sie macht aus der grossen +Gesellschaftsfrage, welche die ganze Menschheit zu umfassen hat, eine eng +begrenzte =Arbeiterfrage=, welche obendrein, wenn man die Sache bei Licht +betrachtet, nur eine bestimmte Klasse von Arbeitern umfasst. Die +allgemeinen Menschheitsrechte und Menschheitsinteressen schliessen +selbstverständlich auch die Rechte und Interessen der Arbeiter ein, +während nicht das Umgekehrte der Fall ist und die Rechte und Interessen +der Arbeiter (im engeren Sinne) nicht die allgemeinen Menschheitsrechte +einschliessen. Auch die Hoffnung der Sozialdemokraten, dass sie, zunächst +und aus praktischen Gründen von den Interessen und Rechten der +handarbeitenden Klassen ausgehend und auf dieselben gestutzt, mit der Zeit +dahin kommen werden, auch die allgemeinen Menschheits-Interessen in +Angriff zu nehmen oder die grosse soziale Frage zu lösen, dürfte, wie noch +näher gezeigt werden wird, eine sehr illusorische sein. + +Der eigentliche Vater der heutigen Sozialdemokratie ist =Ferdinand +Lassalle=, welcher durch sein Auftreten im Beginn der sechziger Jahre die +damals fast überall sich bildenden Arbeiterbildungsvereine und die nach +=Schulze=-Delitzsch'schem Muster errichteten Konsum-, Rohstoff- und +Vorschuss-Vereine mit einem Schlage zu Fall und durch seine Versprechungen +künftiger Seligkeiten die Masse der Arbeiter auf seine Seite brachte. Auch +wird er neben =Karl Marx=, welcher als der geistige Vater der ganzen +Bewegung anzusehen ist, immer noch von der Masse der Sozialdemokraten als +eine Art Apostel oder Heiliger verehrt, obgleich seine Theorien längst als +falsch erkannt und selbst von der heutigen Schule der Sozialdemokratie +mehr oder weniger verlassen sind. Insbesondere hat sich seine grosse +Hoffnung auf das allgemeine Stimmrecht, vermittelst dessen, wenn einmal +eingeführt, er alle seine Pläne zu erreichen hoffte, als durchaus +illusorisch erwiesen. Wir sind in Deutschland bereits seit über zwanzig +Jahren im Besitze des allgemeinen Stimmrechts oder des allgemeinen, +gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für die Wahlen zur obersten +Vertretung des deutschen Volkes oder des Reichstags. Und was ist während +dieser langen Zeit mit Hilfe einer bis dahin unerhörten Agitation von den +sozialdemokratischen Führern erreicht worden? Dass ein verhältnismässig +kleines Häuflein ihrer Anhänger, welches allerdings durch Rührigkeit und +Talent die schwache Zahl einigermassen wett macht, Sitz und Stimme im +deutschen Reichstag erlangt hat, während sich z. B. der Einfluss der +=katholischen= Wahlleitung mehr als dreimal so stark erwiesen hat. +Allerdings hat sich die sozialdemokratische Partei neuerdings mit aller +Macht auf den Versuch geworfen, ihre Agitation auf das Land zu Übertragen +und die grosse Masse der ländlichen Bevölkerung, welche ja bei allgemeinen +Wahlen in der Regel den Ausschlag giebt, für sich zu gewinnen. Aber man +kann fast mit Bestimmtheit voraussagen, dass dieser Versuch bei dem +überwiegend konservativen Sinn der Landbevölkerung und deren politischer +Apathie scheitern wird. Sollte dieses aber nicht der Fall sein und sollte +der von den Sozialdemokraten gehoffte Erfolg wirklich früher oder später +eintreten oder auch nur in Aussicht stehen, so würden die besitzenden und +im Besitze der Gewalt befindlichen Klassen der Gesellschaft langst dafür +gesorgt haben, dass eine solche Umänderung oder Einschränkung des +allgemeinen Wahlrechts, die ein derartiges Resultat unmöglich machen +würde, eingetreten wäre. Es ist ein sehr naiver Glaube der +Sozialdemokraten, dass sich die herrschenden Klassen der Gesellschaft an +der Hand des allgemeinen Stimmrechts einfach den Hals würden zudrehen +lassen; denn niemand lässt sich gutwillig abschlachten. Daher die +Durchführung des sozialdemokratischen Programms schliesslich nur durch +=Gewalt= möglich sein würde. Aber selbst in diesem Falle würde eine solche +Herrschaft unmöglich von langer Dauer sein, da eine Beherrschung der +Bildung durch die Unbildung ein Unding und nur zeitweise möglich ist. +Schon der griechische Philosoph =Xenophanes= hat den beherzigenswerten +Ausspruch gethan: »Besser als die Stärke von Männern und Rossen ist die +Einsicht.« + +Dazu kommt, dass eine Organisation der gesamten Arbeit von Staatswegen, +wie sie die Sozialdemokratie anstrebt, eine reine Utopie ist und immer +eine solche bleiben wird. Die menschliche Arbeit in ihrer Gesamtheit ist +ein viel zu kompliziertes und mannigfaltiges, durch das Verhältnis von +Angebot und Nachfrage beherrschtes Räderwerk, als dass sich dasselbe auf +büreaukratische Weise beherrschen oder regeln liesse. Wollte man eine +solche Beherrschung dennoch durchführen, so würde und müsste daraus eine +unerträgliche Büreaukratie und Tyrannei und eine Beschränkung der +persönlichen Freiheit resultieren, welche zehnmal schlimmer wäre, als die +gegenwärtige Beschränkung durch den monarchisch-büreaukratischen Staat, +Der grosse amerikanische Bodenbesitz-Reformator =Henry George=, dem gewiss +niemand eine tiefe Einsicht in nationalökonomische Verhältnisse abstreiten +wird, nimmt keinen Anstand, eine solche Organisation der Arbeit von oben +herab geradezu als »egyptische Despotie« zu bezeichnen. + +In gleicher Weise nennt der entschiedene Sozialist =Th. Hertzka=[8] die +»Tyrannei einer solchen Arbeitsordnung unerträglich« und Freiheit und +Gerechtigkeit unvereinbar mit dem »unerhörtesten Zwange, der jemals geübt +worden ist.« Dazu wäre die in solcher Weise geübte soziale Gerechtigkeit +der »Tod alles Fortschritts und aller Zivilisation, In einer Gesellschaft, +in der alles arbeiten muss, um nur auskömmlich satt zu werden, könnte es +keine Wissenschaften, keine Künste, keine Freiheit und kein Glück geben.« + +Wer kennt nicht =Eugen Richters= sozialdemokratische Zukunftsbilder? Es +mag darin manches verzeichnet oder falsch aufgefasst oder übertrieben +sein; aber im grossen und ganzen ist doch der unerträgliche Zustand, der +die Folge einer solchen büreaukratischen Beherrschung der Arbeit sein +müsste, richtig und wirkungsvoll gekennzeichnet. Die Sozialdemokraten +werden zwar das alles nicht Wort haben wollen; aber solange sie sich nicht +deutlicher als bisher über die Art und Weise erklären, wie sie sich ihren +Zukunftsstaat vorstellen, müssen sie sich derartige Imputationen schon +gefallen lassen. + +Eine ebensolche Unmöglichkeit, wie die Organisation der gesamten Arbeit, +ist die Erzielung des vollen Arbeitsertrages für den einzelnen +Lohn-Arbeiter, wie sie die Sozialdemokratie verlangt. Es ist dies eine +geradezu unbegreifliche Forderung. Wo bliebe unter solchen Umständen die +Belohnung der (geistigen oder körperlichen) Arbeit des Unternehmers, des +Fabrikherrn, des Geschäftsgründers? Wo das Risiko? Wo die Geschäftskrisen? +Wo die Verzinsung des Kapitals? Wo die Belohnung jenes erfinderischen oder +organisatorischen Genies, welches unter Umständen die alleinige Seele des +ganzen Geschäfts ist? Soll z. B. der Ausläufer oder »Druckerteufel« einer +Zeitung oder eines litterarischen Unternehmens, welches der Thätigkeit +eines talentierten Schriftstellers und eines unternehmenden Verlegers +seine Entstehung und seine Prosperität verdankt, gleichen Anteil an dem +Ertrag des Geschäftes haben, wie der Gründer und Leiter desselben? Soll +der taglöhnende Maurer, welcher bei dem Bau eines Hauses keine andre +Aufgabe hat, als einen Stein auf den ändern zu setzen, denselben Anteil an +dem Ertrag des fertigen Hauses haben, wie der Baumeister und Kapitalist, +welcher die dazu nötigen Mittel geliefert bat? Wer würde im Angesicht +einer solchen Nötigung überhaupt noch Geschäfte machen oder Fabriken +gründen wollen, bei denen er der Hilfe von Lohnarbeitern bedarf? Und +welcher Kapitalist würde so einfältig sein, sein Geld für solche +Unternehmungen herzuleihen, bei denen er nicht mehr verdient, als der +einzelne Lohnarbeiter? Alle von Seiten der Sozialdemokratie auf die +kapitalistische Produktionsweise und auf das sog. Lohnsystem gehäuften +Vorwürfe passen in der Regel nur auf ganz grosse industrielle +Unternehmungen und auf solche Geschäfte, bei denen es sich =nur= um +arbeitende Hände und um Kapital handelt, während überall dort, wo ein +Geschäft oder eine Fabrik durch die schöpferische Thätigkeit eines +Einzelnen bestellt, der Mehrgewinn oder die fälschlicherweise sog. +»Kapitalprämie« des Unternehmers oder Organisators sehr wohl verdient ist. + +»Der schier unbegreifliche Irrtum aller bisherigen sozialen Schulen«, sagt +=Hertzka= (a. a. O.), »liegt darin, dass sie, um das Anrecht des +Arbeitenden auf den vollen Ertrag zu verteidigen, den Nachweis liefern zu +müssen glaubten, dass Arbeit allein produktiv sei, Unternehmerschaft, +Boden und Kapital aber nicht. Dies könnte nur dadurch geändert werden, +dass der Arbeitende sein eigener Unternehmer, Grundbesitzer und Kapitalist +wird u. s. w.« + +Allerdings wollen die Sozialdemokraten für den einzelnen Unternehmer den +Staat, welcher alle Produktionsmittel liefern soll, substituieren. Aber +sie vergessen, dass der Staat dabei ganz denselben Nachteilen unterliegt +oder dieselben Gefahren läuft, wie der Privat-Unternehmer. Der Staat ist +ja kein Zauberer, welcher nur die Wünschelrute zu bewegen braucht, um +Schätze aus den Tiefen der Erde hervorzuzaubern, oder der das christliche +Wunder mit den Broten und Fischen wiederholen könnte, sondern er ist nur +die Gemeinschaft aller Bürger; und was er dem einen giebt, muss er aus der +Tasche des andern nehmen. Nur ein Staat, welcher durch Bodenrente und +Erbschaftsbeschränkung ungewöhnlich grosse Geldmittel in die Hand bekäme, +könnte möglicherweise so weitgehenden Anforderungen gerecht werden. Dazu +kommt, dass der volle Arbeitsertrag, wie ihn die Sozialdemokraten +verlangen, nicht einmal als ein besonders grosses Glück für den einzelnen +Lohnarbeiter angesehen werden könnte. Wenn eine Fabrik, welche einige +hundert Menschen beschäftigt, ihrem Besitzer oder Gründer einen noch so +grossen Reingewinn abwirft, so würde dieser Reingewinn, welcher allerdings +in der Hand des Einzelnen sehr gross erscheint, wenn er gleichmässig unter +alle Arbeiter verteilt würde, die Glücksumstände des einzelnen Arbeiters +nur sehr wenig zu verbessern im Stande sein. + +Die Sozialdemokraten wissen so vieles und manches von den nachteiligen +Wirkungen des Klassenstaates und der Klassenherrschaft zu berichten; aber +sie selbst streben eine Klassenherrschaft weitgehendster Art an, indem sie +den industriellen und Fabrikarbeiter zu einer bevorzugten +Gesellschaftsklasse erheben, der alle Kräfte des Staates mehr oder weniger +dienstbar gemacht werden sollen -- wobei sie überdies ganz vergessen, dass +ihre Vorschläge immer nur einem verhältnismässig kleineren Teil der +arbeitenden Bevölkerung zugute kommen, und dass ein sehr grosser Teil +übrig bleibt, welchem durch Beschaffung der sog. Produktionsmittel von +Staatswegen überhaupt nicht zu helfen ist, da sie solcher +Produktionsmittel gar nicht bedürfen. Man denke z. B. nur an die sehr +grosse Klasse der =Dienstboten= und an so viele andre Zweige menschlicher +Thätigkeit, welche sich in jene Schablone nicht einfügen lassen! Überdies +passt jene Schablone, wie bereits gesagt, nur für solche +Fabrikationszweige, welche bereits fix und fertig dastehen und nichts +weiter als Kapital und arbeitender Hände bedürfen, während ihre Anwendung +bei neuen oder in der Entwicklung begriffenen Fabrikationszweigen +mindestens ihre grossen Gefahren oder Unzuträglichkeiten haben müsste. + +Wie mit dem Wort »Arbeiter«, so wird auch mit dem. Wort »Proletarier« von +der Sozialdemokratie schreiender Missbrauch getrieben. »Ist es nicht +wahrhaft tragikomisch«, fragt =Backhaus= (a. a. O.) »das Proletariat zur +herrschenden Klasse machen zu wollen? Zu einer =Klasse=, obgleich das +Klassenwesen die Sozialisten und Kommunisten mit grimmigem Hass erfüllt? +Und nun gar zur =herrschenden= Klasse, obgleich sie die Herrschaft keiner +Klasse dulden wollen? Ist es nicht ein unlösbarer Widerspruch, die +höchste politische Macht im Proletariat konzentrieren und alle +Produktionsinstrumente in seinen Händen vereinigen zu wollen? Als ob die +vielen andern Elemente der bürgerlichen Gesellschaft, welche nicht zum +Proletariat, auch nicht zum Proletariat als herrschender Klasse gehören, +einfach nicht da wären oder, wenn als daseiend betrachtet, als willenlos, +gefühllos, kopflos, als lebendig tot angesehen werden könnten.... +Jedenfalls könnte das Proletariat als solches diese ihm zugedachte Rolle +nicht durchführen, ohne seiner Eigenschaft als Proletariat verlustig zu +gehen. Denn es könnte doch nur der Ausdruck des Lächerlichen in seiner +höchsten Potenz sein, die Beherrscher der Gesellschaft als »Proletariat« +zu bezeichnen, d. h. als die arme, kümmerlich von der Hand in den Mund +lebende Arbeiterbevölkerung, welche dem Staate nicht mit Geld, sondern nur +mit ihren Kindern dienen kann u. s. w.« + +Nein -- der =wahre= Sozialismus will im Gegensatz zu diesem falschen +Sozialismus keine Herrschaft einzelner Gesellschaftsklassen oder keine +Bevorzugung einzelner Berufskreise, sondern eine Befreiung der =ganzen= +Gesellschaft (mit Einschlug auch der =geistigen= Arbeiter, welche oft noch +weit schlimmer daran sind, wie die körperlichen Arbeiter) durch eine +grössere Ausgleichung des Besitzes und der Mittel, mit denen jeder +Einzelne seinen Kampf um das Dasein kämpfen muss. Im Grunde sind wir ja +alle Arbeiter oder sollten es wenigstens sein, mit Ausnahme der +verhältnismässig wenigen, welche von dem aufgespeicherten, Fett ihrer +Vorfahren leben. Wer nicht arbeitet, soll oder sollte auch nicht essen. +Aber dabei soll der einzelne keine Arbeitsmaschine sein, wie im +sozialdemokratischen Staat, sondern seine volle persönliche Freiheit und +Selbständigkeit geniessen. Denn nur dadurch, dass an die Seite der +=politischen= Freiheit auch die =wirtschaftliche= Befreiung gesetzt wird, +kann die Lösung des sozialen Problems gefunden werden. »=Sozialdemokratie= +dagegen bedeutet, wie schon der Name besagt, bloss eine Änderung der +Person des auf sozialem Gebiete Herrschenden; statt der vielen kleinen +Herren soll es einen einzigen geben, das ganze Volk. Gewiss, dieser +alleinige Herrscher würde den kleinen Tyrannen gegenüber den gewaltigen +Vorzug haben, dass er sich das Wohl aller zum Zwecke setzte, während diese +nur auf ihr eigenes Wohl bedacht sind. Aber die Freiheit ist selbst dem +wohlwollendsten Herrscher vorzuziehen u. s. w.« (Hertzka.) + +Wenn man alles das bedenkt, so muss man unwillkürlich auf die Vermutung +kommen, dass die ganze sozialdemokratische Bewegung von den Führern mehr +als Mittel zum Zweck, denn als wirkliche Zukunftspolitik betrachtet wird. +Dieselben sind viel zu gescheit oder einsichtig, um nicht den riesigen +Unterschied zwischen friedlicher Sozialreform und gewaltsamer +Sozialdemokratie zu begreifen. Aber sie sind einmal auf dem von +=Marx-Lassalle= angebahnten Wege zu weit vorwärts gegangen, um zurück zu +können, und betrachten die von ihnen beherrschten oder geleiteten +Arbeitermassen gewissermassen als Handhabe für eine spätere Verwirklichung +ihrer Zukunftspläne. In Bezug auf diese im Dunkel der Verborgenheit +schwebenden Zukunftspläne hapert es denn freilich sehr, gewaltig. Man hat +schon sehr häufig an die Führer der deutschen Sozialdemokratie das +Verlangen gestellt, dass sie sich des Näheren über die Art und Weise +auslassen möchten, in welcher sie sich die Gestaltung ihres +sozialdemokratischen Zukunftsstaates vorstellten. Gewiss ist ein solches +Verlangen sehr berechtigt, denn niemand wird so thöricht sein, sich ohne +den dringendsten Anlass in eine Ungewisse Zukunft zu stürzen, wenn er +nicht weiss, dass ihm diese Zukunft Besseres bringen wird als die +Gegenwart. Wer die heutige Gesellschaftsordnung von Grund aus umgestalten +will, hat doch vor allem andern die Verpflichtung, sich ein genaueres Bild +von derjenigen Ordnung zu machen, welche an die Stelle jener gesetzt +werden soll. Mit allgemeinen Versprechungen ist da nicht geholfen, Wenn +die Arbeitermassen dennoch diesen allgemeinen Versprechungen vertrauen und +denen folgen, welche sie ihnen machen, so erklärt sich dieses mit +Leichtigkeit daraus, dass sie von dem an sich sehr berechtigten Gefühl der +Unzulänglichkeit ihrer Lebenslage durchdrungen und bereit sind, jedem zu +folgen, der ihnen Besserung dieser Lage verspricht, ohne sich viel +Kopfzerbrechens über die Art und Weise dieser Besserung und die +Möglichkeit oder Unmöglichkeit ihrer Ausführung zu machen. Da sie nicht +viel zu verlieren haben, so ist ihnen jede Änderung willkommen, bei +welcher möglicherweise ein Gewinn in Aussicht steht. Anders ist es dort, +wo die Aufgabe einer ernsten Prüfung solcher Zukunftspläne gebieterisch an +den Denker und Menschenfreund herantritt. =Aber welche Antwort erhält +derselbe auf seine ==Frage nach der sozialdemokratischen Zukunft?= Dass +man diese Zukunft nicht voraussehen und heute noch nicht sagen könne, wie +sich die Dinge später gestalten würden. Zunächst käme es nur darauf an, +den alten Klassenstaat einzureissen, das übrige werde sich dann schon von +selbst machen. Man könne die Entwicklung der gesellschaftlichen Dinge in +der Zukunft ebensowenig voraussagen, wie man die Entwicklung der +Geschichte voraussagen könne; noch weniger könne man ihr jetzt schon +Gesetze vorschreiben; eines werde sich schon ganz von selbst aus dem +andern entwickeln. + +Eine solche Antwort ist freilich sehr bequem, aber in keiner Weise +genügend, und kein verständiger oder aufrichtiger Sozialist kann sich +damit zufrieden geben. Man schüttet ein trübes Glas Wasser nicht aus, +bevor man ein reines vor sich stehen hat, und jedenfalls ist der jetzige +Zustand mit allen seinen Mängeln besser, als die Aussicht auf ein dunkles, +sozialdemokratisches Chaos, von dem niemand sagen kann, ob sich daraus +Gutes oder Schlechtes für die Menschheit entwickeln wird. + +Unter solchen Umständen bleibt behufs Beurteilung des sozialdemokratischen +Programms nichts übrig, als sich an dasjenige zu halten, was darüber +offiziell bekannt geworden ist. Eine solche Veröffentlichung liegt vor in +dem auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Erfurt (14.-21. Oktober +1891) beratenen und beschlossenen Programm der Partei. Wenn man nun dieses +Programm unbefangen prüft, so findet man sehr bald Grund zu erstaunen +teils über die verhältnismässige Bescheidenheit der darin aufgestellten +Forderungen, teils über das Nichtssagende, Überflüssige oder sich selbst +Widersprechende einzelner derselben. Auch ist das Programm im Grunde noch +ganz nach Marx-Lassalleschen Grundsätzen gemodelt, obgleich man diese +Grundsätze längst als nicht mehr haltbar oder bestimmend erklärt hat. + +Was dabei zunächst die in der Einleitung verlangte »Verwandlung des +kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln (Grund und Boden, +Gruben und Bergwerke, Rohstoffe, Werkzeuge, Maschinen, Verkehrsmittel) in +gesellschaftliches Eigentum und die Umwandlung der Warenproduktion in +sozialistische, für und durch die Gesellschaft betriebene Produktion« +betrifft, so kann eine solche allgemein hingestellte Forderung ohne +näheres Eingehen in die Einzelheiten einer so durchgreifenden Massregel +kaum mehr als den Wert einer Phrase beanspruchen, -- abgesehen davon, dass +die darin liegende Organisation der gesamten Arbeit von Staatswegen, wie +bereits nachgewiesen wurde, als eine Utopie oder Unmöglichkeit betrachtet +werden muss. + +Gehen wir zu den einzelnen Programmpunkten über, so sind dieselben +eigentlich weit mehr politischer, als sozialistischer Natur und +übereinstimmend mit den Forderungen der politischen Demokratie. An erster +Stelle figuriert die schon von =Lassalle= so scharf betonte Forderung des +=allgemeinen Stimm- oder Wahlrechts= -- eine Forderung, welche ja an +solcher Stelle deswegen als überflüssig erscheint, weil sie einmal zum +Teil bereits erreicht ist, und weil sie zweitens mit einer der +bekanntesten und am wenigsten bestrittenen Forderungen der politischen +Demokratie zusammenfällt. Auch muss hier nochmals an die bereits +hervorgehobene Unzuverlässigkeit dieses Rechtes, sowie daran erinnert +werden, dass dasselbe ein zweischneidiges Schwert ist, welches bei seiner +unbehinderten Anwendung ebensowohl =gegen= als =für= die Sozialdemokratie +entscheiden könnte. So lange die jetzige politische, soziale und religiöse +Abhängigkeit der Wählermassen besteht, kann das allgemeine Stimmrecht +nicht einmal als der wirkliche Ausdruck des Volkswillens betrachtet +werden, ganz abgesehen davon, dass dieser allgemeine Volkswille durchaus +nicht immer das Richtige trifft, sondern sich mitunter in den grössten +Gegensätzen bewegt. Braucht man doch zum schlagenden Beweise dessen nur an +das bekannte Plebiszit des dritten Napoleon zu erinnern, welcher +nichtsdestoweniger wenige Jahre später, nachdem er den allgemeinen Hass +der Nation auf sich geladen hatte, mit Schimpf und Schande davon gejagt +wurde. Oder an die Proklamierung der Volkssouveränität in Frankreich im +Jahre 1789, welche während eines ganzen Jahrhunderts nur fortwährend auf- +und abwogende politische Kämpfe zwischen den verschiedensten Meinungen und +Regierungsformen ohne positives Resultat zur Folge gehabt hat! Wenn der +Arbeiter nach der Weisung seines Arbeitgebers, der Beamte nach derjenigen +seiner Regierung, der katholische Wähler blindlings nach dem Kommando +seiner Priester oder Kapläne stimmt, oder wenn der Bauer demjenigen +zujubelt, der ihn durch Anwendung oratorischer oder materieller Mittel für +sich zu gewinnen versteht, wenn endlich das Interesse des Volkes oder der +Wähler selbst an der Wahl ein so geringes ist, dass es nur durch +künstliche Aufstachelung erregt werden kann, so wird man zugestehen +müssen, dass das Resultat einer solchen Wahl oft sehr wenig nach Vernunft +und Gerechtigkeit schmecken wird. Die grosse Masse mit ihrer Unbildung +oder Unwissenheit, ihrer Denkfaulheit, ihrer Unselbständigkeit und +materiellen Abhängigkeit, ihrer Unterwürfigkeit unter Herkommen und +Gewohnheit oder mit ihrer ganzen grobmaterialistischen Weise, zu +denken und zu fühlen, ist das grosse Hemmnis an der Uhr der +Menschheitsentwicklung, welche diese Entwicklung zurückhält und oft die +riesigsten Anstrengungen einer aufgeklärten und für das Wohl der +Menschheit begeisterten Minderheit mehr oder weniger vereitelt. + +Das unbegrenzte Vertrauen der Sozialdemokratie in das allgemeine +Stimmrecht für Verwirklichung ihrer Zukunftspläne dürfte daher zum +mindesten als sehr zweifelhaft bezeichnet werden. Wäre dieses aber auch +nicht der Fall, und sollte es gelingen, die Arbeitermassen so unter den +Ruf ihrer Führer zu zwingen, dass diese auf dem Wege des allgemeinen +Stimmrechts die politische Macht in ihre Hände zu bekommen Aussicht +hätten, so würde man, wie bereits bemerkt, seitens der herrschenden +Klassen längst einer solchen Eventualität durch geeignete Massregeln +vorgebeugt oder aber sich auf einen ernsten Konflikt vorbereitet haben. +Also bliebe auch hier wieder nur der Weg gewaltsamer Einwirkung oder der +Revolution, deren Ausgang mindestens sehr zweifelhaft sein und welche +vielleicht oder wahrscheinlich das Gegenteil des von der Sozialdemokratie +Gewollten zur Folge haben würde. + +Die zweite der aufgestellten Forderungen verlangt =direkte Gesetzgebung +durch das Volk=, wobei es aber gänzlich unklar gelassen wird, wie man sich +eine solche Einrichtung des näheren vorstellt Vielleicht hat man an die +Schweiz gedacht, wo die Annahme oder Verwerfung wichtiger Gesetzesentwürfe +durch direkte Volksabstimmung entschieden wird. Was aber in der kleinen +Schweiz möglich ist, ist es nicht in grossen Staaten, wo eine solche +Volksabstimmung die grössten Unzuträglichkeiten haben müsste. Auch darf +man nicht vergessen, dass diese Abstimmungen infolge der Dummheit und +Unbildung der grossen Massen oft in sehr reaktionärem Sinne ausfallen und +die wohlthätigsten Reformen vereiteln. In streng katholischen Ländern oder +Gegenden wären davon die schwersten Gefahren für Geistes- und +Gewissensfreiheit, welche hohen Güter doch auf der Fahne der +Sozialdemokratie stehen, sicher zu erwarten. + +Der dritte Punkt verlangt =Volkswehr an Stelle der stehenden Heere=. So +berechtigt eine solche Forderung an und für sich ist, so thöricht ist sie +doch unter der Konstellation der augenblicklichen politischen, +Verhältnisse. Für das zwischen zwei grossen, zum Angriff bereiten +Militärmächten eingekeilte Deutschland würde die Erfüllung einer solchen +Forderung der reine politische Selbstmord sein, abgesehen davon, dass die +Vornahme einer so tiefgreifenden Umänderung uns für kürzere oder längere +Zeit in einen Zustand militärischer Schwäche oder Unfähigkeit versetzen +müsste, der uns zur willkommenen Beute unsrer raubgierigen Nachbarn machen +würde. + +Was die diesem Programmpunkt angehängte Forderung der Schlichtung =aller +internationalen Streitigkeiten auf schiedsgerichtlichem Wege betrifft=, so +ist diese Forderung diejenige aller aufrichtigen Friedensfreunde, aber für +die Gegenwart leider wie so viele andre sozialdemokratische Wünsche +»verlorene Liebesmüh.« + +Der vierte Punkt verlangt mit Recht die Beseitigung aller +polizeilichen Einschränkungen der =freien Meinungsäusserung= und des +=Versammlungsrechtes=. In einem freien oder Volksstaat dürfte sich das so +sehr von selbst verstehen, dass dessen Erwähnung in dem Programm als ganz +überflüssig erscheint. + +Der fünfte Punkt verlangt =politische und soziale Gleichstellung der +Frau mit dem Manne=, -- eine Forderung, mit welcher auch +nicht-sozialdemokratische Gelehrte und Schriftsteller vielfach +übereinstimmen, welche also nicht als charakteristisch für das +sozialdemokratische Programm angesehen werden kann. + +Dasselbe gilt von dem sechsten Punkt, welcher die so oft von allen +vorgeschrittenen politischen Parteien verlangte und in Amerika längst +durchgeführte =Trennung des Staates von der Kirche= verlangt. + +Nicht minder aber auch von dem siebenten Punkt, welcher Weltlichkeit der +Schule und den bereits vielfach eingeführten obligatorischen, +unentgeltlichen =Volksunterricht= fordert. + +Der achte Punkt verlangt abermals Dinge, die längst als Forderungen +liberaler Gesetzgebung anerkannt sind, wie Unentgeltlichkeit der +=Rechtspflege=, Berufungsrecht, Entschädigung unschuldig Verurteilter, +Abschaffung der Todesstrafe, Dabei findet sich aber auch die Forderung der +=Rechtsprechung durch vom Volk gewählte Richter=. Das Beispiel Amerikas, +wo diese Einrichtung Korruption und Bestechlichkeit grossgezogen hat, +hätte die Verfasser des Programms von der Einfügung dieses Punktes +abhalten sollen. + +=Die Unentgeltlichkeit des ärztlichen Beistandes= (mit Einschluss der +Totenbestattung), welche der neunte Punkt verlangt, mag ihre Vorteile +haben, hat aber andrerseits auch ihre grossen Nachteile. Übrigens ist +durch Einrichtung des Krankenkassenwesens dieser Forderung wenigstens bis +zu einem gewissen Grade bereits Genüge gethan. + +Der zehnte Punkt bezieht sich auf die wichtige Frage der =Besteuerung=, +über deren Einzelheiten bekanntlich die auseinandergehendsten Meinungen +bestehen. Im allgemeinen decken sich die sozialdemokratischen Forderungen +in diesem Punkt so ziemlich mit denjenigen aller Fortschrittsfreunde. + +An diese zehn Punkte schliesst sich eine Reihe von Forderungen an, welche +speziell »=zum Schutze der Arbeiterklasse=« aufgestellt sind. Dabei muss +denn vor allem wieder der Ausdruck »Arbeiterklasse« Wunder nehmen, da +doch, wie bereits bemerkt, der erbittertste Kampf der Sozialdemokratie +gegen alle Klassengegensätze und gegen den sogenannten »Klassenstaat« +gerichtet ist. Wie lässt sich damit die Aufstellung einer besondern, von +der übrigen Gesellschaft abgesonderten »Arbeiterklasse« vereinigen, unter +welcher, wenn man der Sache auf den Grund geht, doch nur die besitzlosen +Handarbeiter verstanden sein können? Warum sollen diese Handarbeiter eine +besondre Klasse bilden? In einem richtig organisierten Staate sind =alle= +Arbeiter oder sollen es sein, einerlei ob sie mit Hand oder Fuss oder Kopf +oder sonst irgendwie arbeiten; daher ein Gegensatz oder Unterschied +zwischen »Arbeitern« im sozialdemokratischen Sinne und den Übrigen +Staatsangehörigen gar nicht mehr gemacht werden kann. Dennoch verlangt das +sozialdemokratische Programm für seine »Arbeiter« einen besonderen »Schutz +des Staates« und zwar in folgenden Punkten: + +An =erster= Stelle steht die bekannte Forderung des =Normalarbeitstages= +von acht Stunden -- eine Forderung, welche bekanntlich nur auf +internationalem Wege mit Erfolg durchgeführt werden könnte und daher, so +lange eine solche Durchführung nicht in Aussicht steht, als utopistisch +bezeichnet werden muss. Dazu kommt, dass die Mehrzahl der Arbeiter selbst +von einer solchen Bestimmung nichts wissen will, da sie darin eine schwere +Beschränkung der persönlichen Freiheit und eine Beeinträchtigung ihres +Verdienstes erblicken, In klaffendem Widerspruch mit dieser Forderung +steht übrigens die durch die Zeitungen bekannt gewordene Thatsache, dass +in den sozialdemokratischen Partei-Druckereien in Berlin und Frankfurt a. +M. ein neun- bis zehnstündiger Arbeitstag besteht. -- Nähere Bestimmungen +beziehen sich auf Verbote der Kinder- und (unnötigen) Nachtarbeit, auf +eine bestimmte Ruhepause und Verbot des Drucksystems, welchen Forderungen +man umsomehr zustimmen kann, als es zur Durchführung derselben keines +sozialdemokratischen Staates bedarf. + +Die an =zweiter= Stelle aufgeführten Forderungen beziehen sich teils auf +staatliche Überwachung der gewerblichen Betriebe und gewerblichen +Hygieine, teils auf Errichtung einer Art von Arbeitsministerium. Der +ersten Forderung ist bereits durch Anstellung staatlicher +Fabrikinspektoren in den meisten Kulturländern mehr oder weniger Genüge +geschehen, während sogenannte Arbeitsministerien unsres Wissens bis jetzt +nur in Frankreich eingeführt, in ändern Ländern durch Gewerbs- und +landwirtschaftliche Behörden ersetzt sind. + +Der =dritte= Punkt verlangt rechtliche Gleichstellung der +landwirtschaftlichen Arbeiter und der Dienstboten mit den gewerblichen +Arbeitern. Da in einem Rechtsstaat alle Staatsbürger ohne Ausnahme gleiche +Rechte geniessen, so bleibt dieser Punkt ohne nähere Erläuterung unklar. + +Der =fünfte= und letzte Punkt, welcher Übernahme der gesamten Arbeiter +Versicherung durch den Staat verlangt, trifft mehr oder weniger mit der +dritten unsrer eigenen sozialreformatorischen Forderungen zusammen und +bleibt nur bezüglich der von uns verlangten obligatorischen Versicherung +für alle Staatsbürger ohne Ausnahme weit hinter derselben zurück. + +Was dagegen die noch weiter angefügte Forderung der »massgebenden +Mitwirkung der Arbeiter an der Verwaltung« betrifft, so hat sich der +Verfasser des Programms wohl nicht ganz klar gemacht, was er damit sagen +will. »Verwalten« ist etwas ganz anderes und erfordert ganz andre +Fähigkeiten und Kenntnisse, als den Hammer schwingen oder die Nadel +führen; und die Herren Arbeiter werden daher notgedrungen gar nicht anders +können, als diese Thätigkeit ändern, dazu besser befähigten Kräften zu +überlassen. Wie wenig die Arbeiter, wenn sie unter sich sind, im Stande +sind, ihre eignen Angelegenheiten zu verwalten, hat sich ja bei +tausendfaltigen Gelegenheiten gezeigt. Uneinigkeit, Neid, Mangel an +gegenseitigem Vertrauen oder an Geschäftskenntnis, nicht selten +Unehrlichkeit der Führer oder Kassierer, mangelhafte Verwaltung u. s. w. +haben ja bekanntlich die grosse Mehrzahl der von Arbeitern gegründeten +sogenannten Produktiv-Assoziationen alsbald wieder zu Grunde gehen lassen, +während die wenigen, welche sich erhalten konnten, ihren idealen Zweck +ganz aus dem Auge verloren, indem die Gründer und Geschäftsteilhaber sehr +bald in die Klasse der Bourgeois und kleinen Kapitalisten emporstiegen und +die von ihnen beschäftigten Arbeiter nunmehr gerade so als Lohnsklaven +behandelten, wie es die verhassten Kapitalisten und Fabrik-Barone thun. +Man sieht daran recht deutlich, dass den meisten Menschen das +eigene Interesse höher steht, als alles andre, und dass jede +Gesellschafts-Ordnung, welche nicht mit diesem Interesse rechnet und +dasselbe in Einklang mit den Interessen der Gesamtheit zu bringen weiss, +vorerst wenigstens ihr Ziel verfehlt. -- + +Wirft man nun einen Rückblick auf die hier nach einander aufgeführten +Punkte des sozialdemokratischen Partei-Programms, so wird man bei +vorurteilsfreier Betrachtung nicht umhin können, einzusehen, dass +dieselben mehr oder weniger ohne ernsthaften Hintergrund und in keiner +Weise geeignet sind, das sozialdemokratische Eldorado herbeizuführen. Sie +sind, wie bereits bemerkt, teils unausführbar, teils mehr oder weniger +schon ausgeführt, teils decken sie sich mit längst anerkannten und +teilweis bereits ausgeführten Forderungen des bürgerlichen Liberalismus +oder der politischen Demokratie. Ihre Aufstellung dürfte mehr einem +Bedürfnis der Führer, den von ihnen geführten Massen etwas Positives an +die Hand zu geben, als einem in der Sache selbst liegenden Bedürfnis +entsprungen sein. Das eigentliche Ziel oder die Umwandlung der gesamtem +Waren-Produktion in eine von der Gesellschaft betriebene bleibt dabei +ebenso unbestimmt und nebelhaft, wie vorher, und deckt sich nicht mit dem +weit grösseren und =alle= Gesellschaftsglieder ohne Ausnahme umfassenden +Begriff der »Arbeit« als solcher. + +Dagegen ist =mein= Programm der Sozialreform klar, durchsichtig und ohne +Anwendung von Gewalt leicht durchführbar, sobald es gelungen sein wird, +die Mehrzahl der Menschen auf friedlichem Wege von der darin liegenden +Gerechtigkeit, sowie von seiner Nützlichkeit und Notwendigkeit zu +überzeugen. Die Wahl zwischen beiden Wege gesellschaftlicher Befreiung +könnte daher, wie mir scheint, nicht schwer sein. + +Übrigens will Verfasser von der Sozialdemokratie nicht Abschied nehmen, +ohne, ihr das Verdienst zuzugestehen, dass sie einerseits durch ihre +Agitation eine grosse und wichtige Menschenklasse auf das Missliche und +Unbefriedigende ihrer Lebenslage aufmerksam gemacht, und dass sie +andrerseits vielfache Anregung zur Besprechung und Inangriffnahme der +sozialen Frage überhaupt gegeben hat. Dieses Verdienst wird auch ohne +Lösung der sozialen Frage im sozialdemokratischen Sinne für Herbeiführung +einer besseren gesellschaftlichen Zukunft seine Früchte tragen. + +Sollte sich indessen Verfasser in einer Beurteilung der +sozialdemokratischen Lehren geirrt haben so erklärt er sich gerne bereit, +Belehrung anzunehmen. Ihm gilt es nicht um Beifall, sondern nur um +Wahrheit und Besserung. Denn er hält es mit dem Narren in =Shakespeares= +»Was lhr wollt«, der da sagt: »Je mehr Freunde, desto schlimmer, je mehr +Feinde, desto besser. Denn durch meine Freunde werde ich hintergangen, +während ich durch meine Feinde an Selbsterkenntnis zunehme.« Im Hinblick +auf diesen Gedanken glaubt derselbe die vorstehende Auseinandersetzung +schliessen zu dürfen mit einer Zitation der schönen Worte unsres grossen +Liederdichters =Rückert=: + + »Die durch Irrtum zur Wahrheit reisen, + Das sind die Weisen. + Die beim Irrtum beharren, + Das sind die Narren.« + + + + +ANMERKUNGEN + + + 1 Die Freiheit des menschlichen Willens, Leipzig 1871. + + 2 Duisburg 1865. + + 3 Allen die Erde, Leipzig 1893. + + 4 Die Sozial Wissenschaft nach der Ethnologie, Paris 1880. + + 5 Geschichte der Eroberung Perus, Leipzig. + + 6 Die sozialen Probleme und das Erbrecht. München 1892. + + 7 Entsprechende thatsächliche Nachweise für diese Behauptung finden + sich in meiner öfter zitierten Schrift über den Menschen (S. + CXXXXI-CXXXXV.) + + 8 Sozialdemokratie und Sozialliberalismus Dresden und Leipzig 1891. + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DARWINISMUS UND SOZIALISMUS*** + + +******* This file should be named 20757-8.txt or 20757-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/2/0/7/5/20757 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://www.gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://www.gutenberg.org/about/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: +http://www.gutenberg.org/fundraising/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + |
