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+The Project Gutenberg eBook, Darwinismus und Sozialismus, by Ludwig Büchner
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+
+Title: Darwinismus und Sozialismus
+ Der Kampf um das Dasein und die Moderne Gesellschaft
+
+
+Author: Ludwig Büchner
+
+
+
+Release Date: March 6, 2007 [eBook #20757]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DARWINISMUS UND SOZIALISMUS***
+
+
+E-text prepared by Carlo Traverso, Ralph Janke, and the Project Gutenberg
+(Europe) Online Distributed Proofreading Team (http://dp.rastko.net/)
+
+
+
+DARWINISMUS UND SOZIALISMUS
+
+oder
+
+Der Kampf um das Dasein und die Moderne Gesellschaft.
+
+von
+
+PROF, DR. LUDWIG BÜCHNER.
+
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+Leipzig
+Ernst Günthers Verlag
+1894.
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+
+
+Der Zustand der menschlichen Gesellschaft in Vergangenheit und Gegenwart
+bietet für das Auge des Menschenfreundes in vielfacher Beziehung ein wenig
+erfreuliches Bild. Es zeigt uns riesige Gegensätze von höchstem Glück und
+von tiefstem Elend, Grenzenlose Armut neben grenzenlosem Reichtum,
+grenzenlose Gewalt neben grenzenloser Ohnmacht, grenzenloser Überfluss
+neben grenzenloser Entbehrung, Übermass von Arbeit neben Nichtsthuerei und
+Faulenzertum, politische Freiheit neben wirtschaftlichem Knechttum,
+fabelhaftes Wissen neben tiefster Unwissenheit, Schönes und Herrliches
+jeder Art neben Hässlichem und Abstossendem jeder Art, höchste Erhebung
+menschlichen Seins und Könnens neben dessen tiefster Versunkenheit, blöder
+dumpfer Aberglauben neben höchster Geistesfreiheit -- das ist der
+Charakter einer Gesellschaft, welche in der Grösse und dem Widerstreit
+dieser Gegensätze die schlimmsten, hinter uns liegenden Zeiten politischer
+Unterdrückung und Sklaverei noch überbieten zu wollen scheint. Von jeher
+haben die Menschen untereinander und gegen ihr eignes Geschlecht in einer
+Weise gewütet, im Vergleich mit welcher die wildesten und grausamsten
+Bestien als fromme Lämmer erscheinen müssen. Aber wenn auch diese Zeiten
+wildester Barbarei und Zerfleischungswut in zivilisieren Ländern
+grösstenteils vorüber sind, so wiederholen sie sich doch in andrer Form in
+jenen erschütternden gesellschaftlichen Tragödien von Mord, Selbstmord,
+Hungertod, unverschuldeter Krankheit, frühzeitigem Tod, Arbeitslosigkeit
+u. s. w., welche wir beinahe tagtäglich an uns vorüber müssen ziehen
+lassen, ohne im Stande zu sein, ihre schreckliche Wiederkehr zu verhüten
+oder ohne ihnen mehr als eine kurze Regung des Mitleids schenken zu
+können. Tagtäglich sehen wir Menschen aus Mangel der notwendigsten
+Lebensbedürfnisse schnell oder langsam zu Grunde gehen, während dicht
+neben ihnen der besser situierte Teil der Gesellschaft in Überfluss und
+Wohlleben erstickt, und während der National-Wohlstand einen nie
+gesehenen, aber in der Regel nur Einzelnen zu Gute kommenden Aufschwung
+nimmt. Wenn wir sehen, dass Hunderttausende in Üppigkeit verderben,
+während Millionen dasselbe Schicksal erleiden durch Darben und Entbehren,
+so wird man beinahe versucht, jenem englischen Schriftsteller Recht zu
+geben, welcher fragt: »Ist es in Ordnung, dass Millionen beinahe Hungers
+sterben, damit einige Tausende an Dyspepsie (Magenüberladung) zu Grunde
+gehen?«
+
+Die Statistik hat die traurige Thatsache an das Liebt gebracht, dass die
+durchschnittliche Lebensdauer der Armen kaum etwas mehr, als die Hälfte
+der Lebensdauer der Reichen beträgt. Also wird der Arme durch die einfache
+Thatsache seiner Armut nicht bloss um den Genuss des Lebens, sondern auch
+um das Leben selbst gebracht. Am schwersten lastet dieser Fluch der Armut
+auf der armen, unschuldigen Kinderwelt, welche schon mit ihrem ersten
+Atemzuge den Keim eines frühen Todes oder späterer Krankheit in sich
+aufnimmt, und zwar hauptsächlich durch gesellschaftliches Verschulden. Die
+Statistik zeigt, dass im Durchschnitt schon die Hälfte aller Kinder der
+Armen vor Erreichung des fünften Lebensjahres dieses irdische Jammerthal
+wieder verlässt infolge von Mangel, schlechter Pflege u. s. w. Der riesige
+nationalökonomische Schaden dieses fortwährenden zwecklosen Kommens und
+Gehens springt in die Augen. Alle die Millionen Ausgaben an Geld und
+Arbeit, welche auf diese Kleinen verwendet worden sind, gehen mit ihrem
+Tode für die Gesamtheit unwiderbringlich verloren und können nie wieder
+durch deren spätere Thätigkeit ersetzt werden.
+
+Muss es nicht das Herz des Menschenfreundes auf das Tiefste betrüben, wenn
+er die Kinder der Armen in Pfützen und Kothaufen nach Speiseresten wühlen
+sieht, welche den Reichen für ihre Hunde und Katzen zu schlecht sind --
+oder wenn er hören muss, dass ganze Scharen von Kindern morgens ohne
+Frühstück in die Schulen getrieben werden -- oder wenn er von
+verzweifelten Vätern oder Müttern lesen muss, welche sich und ihre Kinder
+einem freiwilligen Tode opfern, um dem Tode durch Hunger oder Entbehrung
+zu entgehen -- oder wenn er sehen muss, wie eine politische oder
+geschäftliche Krisis ganze Scharen fleissiger Arbeiter ohne Nahrung für
+sich selbst und für die Ihrigen auf das Pflaster wirft -- oder wenn er
+beobachten muss, wie die Zunahme der Verbrechen gegen Leben und Eigentum
+zumeist einem heimlich geführten Kriege der Besitzlosen gegen die
+Besitzenden entspringt -- oder wenn er die Überzeugung gewinnen muss, dass
+Egoismus und Selbstsucht die Grundsäulen sind, auf denen die menschliche
+Gesellschaft aufgebaut ist, u. s. w.? Wenn wir unsre grossen Städte, unsre
+mächtigen Industriebezirke durchwandern, so haben wir fast bei jedem
+Schritte Gelegenheit, zu bemerken, wie unmittelbar neben, über und unter
+den Stätten des Reichtums, und Glanzes die Höhlen des Lasters und Elends
+sich verbergen, wie neben brechenden Tischen und übersatten Magen der
+hohläugige Hunger still seine Qualen duldet, und wie neben Wohlleben und
+Übermut jeder Art die hoffnungslose Entbehrung entweder scheu und
+ängstlich in schmutzige Winkel sich verkriecht oder in düsterer
+Verzweiflung schreckliche Thaten gegen Staat und Gesellschaft ausbrütet.
+Ein sehr berechtigtes Sprüchwort sagt: »Wer nicht arbeitet, der soll auch
+nicht essen.« Aber wie viele essen, die nicht arbeiten oder nie gearbeitet
+haben, und wie viele arbeiten, die sich nicht satt essen können! Woraus
+der unabweisbare Schluss folgt, dass diejenigen, welche arbeiten, nicht
+bloss für sich, sondern auch für die Erhaltung eines ganzen Heeres von
+Müssiggängern thätig sein müssen. Man wende nicht ein, dass diese
+Müssiggänger von den Anstrengungen oder Verdiensten ihrer Vorfahren leben,
+da gerade die notwendigsten Lebensbedürfnisse nicht zum voraus geschaffen
+werden können und, wenn verzehrt, notwendig vorher durch die Anstrengungen
+der Mitlebenden erzeugt worden sein müssen.
+
+Aber diese ungleiche Verteilung gilt nicht bloss für die =materielle=,
+sondern auch für die =geistige= Nahrung. Wie viele Talente oder Genies
+müssen den Pflug des Alltaglebens ziehen, weil ihnen nicht das Glück an
+der Wiege gelächelt hat, während oft die beschränktesten Köpfe auf den
+Sesseln der Macht oder Gelehrsamkeit sich breit machen. Gerade die
+idealste geistige Arbeit belohnt sich in der Regel am schlechtesten.
+Philosophen und Dichter sind in der Regel geborene Proletarier und ernten
+erst nach ihrem Tode die Ehren, welche ihnen im Leben hätten zukommen
+müssen, während hastige und oberflächliche Fabrikarbeit nach dem Geschmack
+des grossen Haufens sich schon während des Lebens am besten lohnt, Man
+denke beispielsweise an die erbärmliche, an den Haaren herbeigezogene
+Situationskomik in unserm deutschen Lustspiel, die nur Hohlköpfe ergötzen
+kann und trotzdem auf unsern Bühnen, welche geistige Erziehungsanstalten
+für das Volk sein sollten, alle besseren Erzeugnisse mehr oder weniger in
+den Hintergrund drängt. Ebenso wie den Theatern, die sich ganz vom
+zahlenden Publikum abhängig machen, ergeht es unsern Zeitungen und
+Wochenschriften, deren höchstes Ideal die Abonnentenzahl bildet und bilden
+muss, und welche darum in der Regel weit mehr Gewicht auf den zeitweiligen
+Geschmack des Publikums neben den Interessen ihrer Leiter und Eigentümer
+legen, als auf Verbreitung von Wahrheit und Aufklärung. Ein ähnlicher
+Vorwurf kann, wenn auch in minderem Grade, der Buch-Litteratur nicht
+erspart werden, in welcher männlicher Gradsinn und philosophische
+Überzeugungstreue sicher sind, überall gegen einen Berg von Gemeinheit,
+Unwissenheit, Verleumdung oder Teilnahmlosigkeit ankämpfen zu müssen,
+während elende, auf Neugier oder Sensation berechnete oder den Vorurteilen
+der Masse schmeichelnde Machwerke ebenso sicher sind, tausende von
+begierigen Lesern zu finden. Welchen grenzenlos nachteiligen Einfluss
+diese notgedrungene Unterwürfigkeit unter den gerade herrschenden Geist
+oder Geschmack oder unter eingewurzelte Vorurteile des lesenden Publikums
+haben muss und bereits gehabt hat, ist zu bekannt, als dass es mehr als
+einer Hinweisung darauf bedürfte. Wie oft wird man, wenn man das Facit
+unsrer Zeitungs- und Buchlitteratur zu ziehen versucht, an das bittere
+Wort =Shakespeares= erinnert: »Wahrheit ist ein Hund, der ins Loch muss
+und hinausgepeitscht wird, während Madame Schosshündin (d. h. die Lüge) am
+Feuer stehen und stinken darf.«
+
+Wenn man sich nun die Frage nach den Ursachen dieser betrübenden
+Erscheinung vorlegt, so glauben wir die Antwort in einem Zustand zu
+finden, dessen genauere Kenntnis uns durch die jetzt alle
+andern Wissenschaften an Erfolg und Bedeutung weit überragende
+=Naturwissenschaft= an die Hand gegeben wird. Es ist jener unerbittliche
+=Kampf= um das =Dasein= oder jener Existenzkampf, welcher seit =Darwin=
+eine so grosse Berühmtheit erlangt hat. Er ist zunächst hergenommen aus
+der Pflanzen- und Tierwelt, wo er zu einer wesentlichen Ursache der
+Umwandlung und des Fortschritts wird, indem in der Regel nur die
+Kräftigsten, Fähigsten, durch die eine oder andre Eigenheit Bevorzugten
+den Sieg in diesem Kampf oder Wettbewerb über ihre Genossen davontragen.
+Anlass zu Bemitleidung giebt uns dieser Kampf in der Regel nicht, weil der
+Tod schnell ist, weil er ohne volles Bewusstsein erlitten wird, und weil
+in der Regel nur die persönliche Tüchtigkeit oder Eigenart entscheidend
+ist. Es ist ein Kampf, welcher von den Einzelnen mit den im ganzen
+gleichen Mitteln des Krieges oder der Flucht oder des Wettbewerbs geführt
+wird, und wobei der Einzelne keine Bevorzugung vor andern durch den Schutz
+der Gesellschaft geniesst. Die Fülle und der Reichtum der Natur steht
+ihnen allen ziemlieh gleichmässig zu Gebot, und es giebt keine
+Privilegien, welche dem einen verbieten würden, etwas zu nehmen, was dem
+andern gestattet ist. Nur individuelle Kraft oder Fähigkeit ist
+entscheidend. Wenn das Tier seine Höhle oder sein Nest allerdings auch
+sein Eigentum nennt, so muss es doch gewärtig sein, in diesem Besitz
+jederzeit durch andre Stärkere gestört oder daraus verdrängt zu werden.
+
+Ganz anders aber gestaltet sich infolge seiner sozialen Einrichtungen
+dieser Kampf bei dem Menschen, welcher, wenn er zur Welt kommt, bereits
+alle oder alle guten Plätze an der Tafel des Lebens besetzt findet und,
+wenn ihm nicht Geburt, Reichtum, Rang u. s. w. zu Hilfe kommen, von
+vornherein dazu verurteilt ist, seine Kräfte und sein Leben im Dienste und
+zum Vorteil derjenigen, welche im Besitze sind und welchen dieser Besitz
+durch die Gesamtheit garantiert wird, aufzubrauchen. Daher siegt hier
+nicht immer der Beste, sondern der Reichste, nicht der Tüchtigste, sondern
+der Mächtigste, nicht der Fähigste oder Fleissigste, sondern der durch
+seine soziale Stellung Bevorzugte, nicht der Klügste, sondern der
+Verschmitzteste, nicht der Redlichste, sondern derjenige, welcher die
+mannigfachen Hilfsmittel politischer und gesellschaftlicher Ausbeutung in
+der Hand hat und dieselben am Schlauesten zu benutzen versteht. Daher es
+denn auch, da sich dieses Verhältnis von Generation zu Generation
+forterbt, nicht anders sein kann, als dass mit der Zeit jener Zustand
+extremer gesellschaftlicher Ungleichheit daraus erwächst, welcher den
+Charakter der gegenwärtigen Gesellschaft bildet und in immer steigendem
+Masse bilden wird, und welcher bereits geschildert worden ist. Übrigens
+bietet der Daseinskampf des Menschen zwei ganz verschiedene Seiten dar,
+welche man strenge auseinander halten muss. Die eine Seite besteht in dem
+=Kampf des Menschen gegen die Natur= und deren die freie Entfaltung seiner
+Kräfte beengende Schranken, -- ein Kampf, den er bekanntlich mit dem
+allergrössten Erfolge geführt hat und mit täglich grösserem Erfolge führt.
+An diesem Erfolge nehmen alle Menschen in grösserem oder geringerem Masse
+teil oder können daran teilnehmen.
+
+Die zweite Seite stellt sich dar als der =Kampf des Menschen gegen
+seinesgleichen=, welcher indessen ebensowohl ein direkter wie ein
+indirekter Kampf oder Wettbewerb um die Existenzbedingungen sein kann.
+Dieser Kampf ist in demselben Masse, wie der Kampf gegen die Natur
+leichter geworden ist, schwerer, grausamer und unerbittlicher geworden.
+Auch wird derselbe um so heftiger, je grösser der Fortschritt auf
+materiellem Gebiete wird, und je mehr die Zahl der Menschen und der Umfang
+ihrer Bedürfnisse zunimmt. Durch ihn sind Egoismus und Individualismus zu
+Weltherrschern geworden. Es ist ein allgemeiner Konkurrenz-Kampf oder ein
+Krieg aller gegen alle, wobei der Tod des einen das Brot des andern, das
+Unglück des einen das Glück des andern bedingt. Der mächtige Trieb der
+Selbsterhaltung und der Zwang des gesellschaftlichen Egoismus überwiegt
+alles; ein Widerstand gegen denselben ist nicht möglich, ausser bei
+schwerer Strafe der Widerstrebenden. Denn wo das Wohl oder Interesse des
+Einzelnen in Frage kommt, da kennt der gesellschaftliche Egoismus in der
+Regel ebensowenig Mitleid oder Schonung, wie der Tiger, wenn er sein Opfer
+zerreisst; und man kann oder darf dieses dem Einzelnen nicht einmal zum
+Vorwurf machen, da der Trieb oder das Interesse der Selbsterhaltung
+innerhalb eines gesellschaftlichen Organismus, wie er zur Zeit noch
+besteht, ihm sein Verhalten gebieterisch vorschreibt, wenn er nicht den
+eignen Untergang herbeiführen oder beschleunigen will. Selbst der
+aufopferndste Menschenfreund kann sich diesem Gebot des Egoismus nicht
+entziehen, ohne sich selbst den grössten Gefahren auszusetzen. Es ist
+gewissermassen eine grosse und allgemeine Flucht oder ein Wettrennen der
+Furcht vor der Not und Entbehrung des Lebens, ohne Mitleid oder Hilfe für
+die dabei zu Boden Sinkenden, ähnlich jenem berüchtigten Übergang der
+grossen Armee über die Beresina, wo jeder nur für die eigne Rettung
+besorgt war und besorgt sein musste. Wer nicht niedergetreten sein will,
+muss selbst niedertreten und dem allgemeinen Feldgeschrei folgen: »Rette
+sich wer kann! Unterliege wer muss!« Auch hat sich durch Gewohnheit das
+Gefühl des Einzelnen für die Schrecken eines solchen Zustandes nach und
+nach in ähnlicher Weise abgestumpft, wie es sich gegen die Schrecken einer
+Schlacht bei den Kämpfenden abzustumpfen pflegt.
+
+Wer kennt nicht das berühmte Buch des Amerikaners =Bellamy=, worin
+derselbe den Zustand der menschlichen Gesellschaft mit einer grossen,
+bequem eingerichteten Kutsche vergleicht, welche von einer kleineren
+Anzahl von Menschen besetzt ist, während die grössere davor gespannte
+Mehrzahl diese Kutsche mit Aufbietung aller Kräfte über Berge und Thäler,
+durch Sümpfe und Moräste schleppt, getrieben von der Peitsche des Hungers,
+der als Kutscher auf dem Bocke sitzt! Ich halte das Gleichnis, wie alle
+Gleichnisse, in vieler Beziehung für schief oder hinkend, aber im grossen
+und ganzen muss es doch das Richtige getroffen haben, wie der beispiellose
+Erfolg des Buches beweist. Derselbe wäre nicht denkbar, wenn nicht eine
+grosse Mehrzahl von Menschen tief von der Überzeugung eines unnatürlichen
+und ungerechten Zustandes der heutigen menschlichen Gesellschaft
+durchdrungen wäre und in dem Buche mehr oder weniger eine Offenbarung der
+eignen, sie bewegenden Gefühle gefunden hätte.
+
+Es wird wohl nicht viele geben, welche ernstlich zu leugnen wagen, dass
+ein solcher Zustand der Gesellschaft von den grössten ökonomischen und
+moralischen Nachteilen begleitet ist und begleitet sein muss. Einerseits
+erzeugen Armut, Besitzlosigkeit und Mangel an Erziehung und Bildung die
+meisten Verbrechen gegen Staat und Gesellschaft, während andrerseits
+übertriebener Reichtum Müssiggang und allerhand Laster im Gefolge hat;
+wodurch Staat und Gemeinde genötigt werden, eine kostspielige Justiz mit
+allen ihren hässlichen Anhängseln und eine ebenso kostspielige Armenpflege
+zu unterhalten. In moralischer Beziehung erzeugt der allgemeine
+Konkurrenzkampf hässliche Leidenschaften, wie Neid, Hass,
+Mitleidlosigkeit, Geldgier, Hartherzigkeit, gegenseitige Verfolgungssucht
+statt gegenseitiger Liebe und Unterstützung. Jeder denkt und handelt nur
+für sich und sein eignes Interesse, weil er weiss, dass im Notfall kein
+anderer für ihn eintreten oder dass er an der Gesamtheit keine Stütze
+finden würde. In einer richtig organisierten Gesellschaft müsste der
+Gewinn des Einzelnen zugleich der Gewinn der Gesamtheit sein und
+umgekehrt, und das Motto derselben müsste heissen: »Einer für alle und
+alle für einen«, während jetzt in der; Regel das Gegenteil stattfindet.
+Unsre grössten Gewinne erzielen wir durch eine der traurigsten Ursachen
+oder durch den Tod derjenigen, welche uns im Leben die liebsten waren,
+indem wir sie beerben. Der Baumeister und alle bei Bauten beschäftigten
+Arbeiter müssen sich freuen, wenn Häuser einstürzen oder abbrennen; die
+Grubenarbeiter desgleichen, wenn hunderte ihrer unglücklichen Kameraden im
+Dunste der Bergwerke ersticken; der Arzt muss sich freuen, wenn es viele
+Krankheiten giebt; der Advokat nährt sich von Prozessen, welche seinen
+Mitbürgern Ruhe und Vermögen rauben; der Richter muss Gefallen haben an
+grossen Kriminalprozessen; die Offiziere müssen sich freuen, wenn das
+grösste Übel, welches die Menschheit betreffen kann, der Krieg ausbricht,
+weil sie davon Beförderung erwarten; der Familienvater muss sich freuen,
+wenn seine Nachkommenschaft möglichst klein bleibt, obgleich der
+eigentliche Zweck der Familie dabei verloren geht; der Wirt oder der
+Verkäufer geistiger Getränke muss sich freuen, wenn die Trunksucht, und
+die verlorenen Töchter des Volkes müssen sich freuen, wenn die Unzucht
+zunimmt; alle Handwerker und Produzenten müssen sich freuen, wenn die von
+ihnen erzeugten Gegenstände übermässig rasch verbraucht werden; ein
+Gewitter oder Hagelschlag wird trotz des durch solche Naturereignisse
+angerichteten Schadens von dem Glaser oder Versicherungsagenten gern
+gesehen; wie denn überhaupt beinahe alles, was dem einen Schaden, dem
+ändern Verdienst bringt
+
+Man könnte noch lange mit Aufzählung ähnlicher Beispiele fortfahren, aber
+diese Vermehrung würde am dem Resultat nichts ändern.
+
+Dazu kommt der demoralisierende Charakter der Arbeit selbst, welche in der
+Regel nicht aus Interesse für das Gemeinwohl, sondern aus Zwang der
+Umstände geleistet wird. Der heutige Arbeiter ist ein Sklave wie ehedem,
+nur mit dem Unterschiede, dass ihn nicht die Peitsche des Herrn, sondern
+diejenige des Hungers in die Abhängigkeit von seinem Arbeitgeber treibt.
+Aber dieser Arbeitgeber selbst ist wieder ein Sklave -- ein Sklave des
+Kapitals, der Konkurrenz, der Geschäftskrisen, der Strikes, der Verluste
+und oft in weit schlimmerer Lage, als der von ihm bezahlte Arbeiter.
+
+Ist so der Widersinn des Systems schon gross genug in =moralischer=
+Beziehung, so ist er noch grösser in =ökonomischer= Hinsicht, Denn während
+die Erde so viele Nahrungsstoffe hervorbringt, dass die ganze lebende
+Menschheit reichlich damit versorgt werden könnte, und bei richtiger, von
+gemeinsamen Grundsätzen geleiteter Bewirtschaftung noch viel mehr
+hervorbringen könnte, und während der Nationalwohlstand und die Ansammlung
+kolossa. Reichtümer in einzelnen Händen eine nie gesehene Höhe erreichen,
+müssen wir fortwährend mitten im Überfluss jene Szenen von Hunger,
+Entbehrung, unverschuldetem Kranksein und frühzeitigem Sterben erleben,
+die bereits geschildert worden sind. Wie heuchlerisch ist die Fürsorge des
+Staates für seine Bürger, um dieselben vor der kleinsten Versündigung
+gegen Leben, Eigentum oder Gesundheit zu schätzen, während er ruhig
+zusieht oder duldet, dass fortwährend Tausende durch Not, Elend und
+Entbehrung schnell oder langsam in einen bald freiwilligen, bald
+unfreiwilligen Tod getrieben werden, oder dass durch mangelhafte Erziehung
+und Ernährung eine an Geist und Körper verkrüppelte Jugend emporwächst,
+die mit der Zeit die Strafgerichte beschäftigt, die Gefängnisse füllt oder
+der Armenpflege zur Last fällt. Man erlässt scharfe Gesetze gegen
+Tierquälerei, aber man hat kein Auge für jene entsetzliche
+Menschenquälerei, welche erlaubt, dass blasse, schwindsüchtige Mädchen
+oder Frauen, ja ganze Bevölkerungen, wie die schlesischen und
+erzgebirgischen Handweber, Tag und Nacht für Löhne arbeiten, welche kaum
+hinreichen, sie vor dem Hungertode zu schützen; oder dass andre tausende,
+um desselben Zweckes willen, Leben und Gesundheit in absolut schädlichen
+Fabrikationszweigen zum Opfer bringen; oder dass barfüssige, kaum mit
+Lumpen bekleidete Kinder bei Winterskälte in den Strassen unsrer Städte
+umherirren; oder dass ein Dutzend Menschen in einem Wohnraume
+zusammengedrängt ist, der kaum für einen Einzigen hinreicht, während ein
+andrer zehn oder zwölf Zimmer und mehr für sich allein zur Verfügung hat;
+oder dass die Wohnungen der Armen oft schlechter sind, als die Hundehütten
+und Pferdeställe der Reichen; oder dass vielen nichts übrig bleibt, als
+ihre Nächte im Freien zuzubringen, auf die Gefahr hin, dafür verfolgt und
+bestraft zu werden, während beispielsweise in Berlin 40000 Wohnungen leer
+stehen; oder dass es Menschen giebt, welche aus Hunger und Nahrungssorgen
+schnell oder langsam zu Grunde gehen, während der blosse Abfall von dem
+Tische der Reichen oder ein geringer Prozent ihres Überflusses solches
+verhüten könnte, u. s. w. u. s. w.
+
+Wenn man in Gebirgsgegenden sehen muss, wie sich fette Weiber von
+keuchenden und schwitzenden Menschen mit höchster Gefahr für deren Leben
+und Gesundheit auf hohe Aussichtspunkte hinaufschleppen lassen, bloss um
+eines armseligen Geldlohnes willen, so muss man mit Hass gegen eine
+Gesellschaftsordnung erfüllt werden, welche dem Gott Mammon erlaubt, seine
+elenden Geldsklaven ebenso zu den niedrigsten Sklavendiensten und zur
+blinden Unterwürfigkeit unter seine Gebote zu zwingen, wie es ehedem den
+Herrn über Sklaven oder Leibeigene zu thun erlaubt war. Ich wiederhole,
+dass es im allgemeinen nur wenige geben wird, welche diese nackten
+Thatsacheu zu leugnen oder den damit verbundenen Zustand als solchen zu
+verteidigen wagen. Man erkennt die sozialen Schäden und Widersinnigkeiten
+als solche an, wie ja schon daraus hervorgeht, dass die dadurch
+hervorgerufene Litteratur mit zahllosen Besserungsvorschlägen fast
+unabsehbar geworden ist. Aber -- so pflegt man diesen Vorschlägen
+gegenüber zu antworten -- der Zustand ist leider nicht zu ändern. Es war
+von jeher so und wird immer so sein und bleiben. Ungleichheit ist ein
+notwendiges Attribut der menschlichen Gesellschaft. Zu allen Zeiten hat es
+Adel und Stände, Reiche und Arme gegeben, und die grosse Masse ist immer
+nur zum Arbeiten und Gehorchen dagewesen. Vernunft und Gerechtigkeit in
+sozialer Beziehung sind immer Ideale geblieben; und alle
+Gesellschafts-Idealisten, Plato mit seinem Vernunftstaat an der Spitze,
+haben in der Praxis stets schmählich Schiffbruch gelitten. Wollte man auch
+heute alle Besitztümer gleichmässig verteilen, so würde sehr bald wieder
+die alte Ungleichheit da sein. Auch würde, wie eine Berechnung leicht
+ergiebt, eine solche allgemeine Verteilung des Besitzes dem Einzelnen
+verhältnismässig nur sehr geringen Gewinn einbringen.
+
+Man versäumt dabei nicht, an die grossen Wohlthaten der Konkurrenz zu
+erinnern, welche den eigentlichen Sporn der Arbeit und des Fortschritts
+bildet und welche es zu Wege gebracht hat, dass sich heutzutage durch die
+Billigkeit der Erzeugnisse die Konsumtion mehr oder weniger nach der
+Produktion richtet, während man früher allgemein der Meinung war, dass das
+umgekehrte Verhältnis das allein richtige oder mögliche sei.
+
+Aber wie soll diesen Einwänden begegnet, wie soll geholfen werden? Diese
+Frage ist um so schwieriger zu beantworten, als bis jetzt alle die
+zahllosen Versuche und Vorschläge zur Lösung der sozialen Frage erfolglos
+geblieben sind. Dies darf jedoch den Menschenfreund nicht abschrecken,
+immer wieder von neuem an Mittel der Abhilfe zu denken. Es muss geholfen
+werden und -- was die Hauptsache ist -- es =kann= geholfen werden.
+
+Es =muss= geholfen werden, wenn man nicht riskieren will, dass jede
+politische Umwälzung oder Erschütterung der Gegenwart (und an solchen
+fehlt es ja niemals) von schweren sozialen Erschütterungen begleitet sein
+wird. Ein allgemeines Gefühl sozialer Unbehaglichkeit oder
+Ungerechtigkeit, namentlich in den niederen Schichten der Bevölkerung, hat
+sich der Mehrzahl der Menschen bemächtigt, und eine künftige Revolution
+wird nicht, mehr, wie in der ersten und zweiten französischen Revolution,
+vor dem »Eigentum« stehen bleiben. An deutlichen Anzeichen dieser in den
+Tiefen der Volksseele tigerartig gärenden Leidenschaften und Gelüste fehlt
+es ja in keiner Weise; dieselben werden sich zu gelegener Zeit Luft
+machen, ohne dass man im Stande sein wird, durch Gewaltmassregeln etwas
+andres zu erreichen, als die Erziehung von Märtyrern und Fanatikern. Die
+Nihilisten in Russland, die Communards in Frankreich, die Sozialdemokraten
+in Deutschland, die Fenier, die Irredentisten, die Dynamiteriche, der sein
+Haupt immer mehr erhebende und förmlich Schule machende Anarchismus sind
+gewissermassen nur die Sturmvögel oder Warnungssignale einer kommenden
+Umwälzung; und der Staatsweise oder Staatslenker, der sie unbeachtet
+lassen wollte, würde dem Schiffer gleichen, der die sein Schiff vor dem
+Sturm umflatternden Seemöven nicht beachtet oder dieselben mehr als
+Verfolgungs-Objekte, denn als Warner behandelt. Denn »wer seine Zeit damit
+verbringt, Jagd zu machen auf die Möven, wird vom Sturm überrascht und
+beschädigt werden an Leben und Gut.« (Radenhausen.)
+
+Sollte es aber auch, was ja nicht unmöglich wäre, gelingen, durch
+Gewaltmassregeln jeden Versuch einer sozialen Umwälzung dauernd zu
+unterdrücken, so würde doch damit die geschilderte Unzufriedenheit und
+Unbehaglichkeit aus dem Schosse der Gesellschaft nicht nur nicht entfernt,
+sondern nur noch vermehrt oder gesteigert werden. Es würde mit der Zeit
+eine Art heimlichen Kriegszustandes zwischen den besitzenden und den
+nicht-besitzenden Klassen der Gesellschaft entstehen, welcher die Ruhe und
+das Glück des Gemeinwesens nicht weniger alterieren würde, als ein offener
+Krieg. Denn wenn man beispielsweise erfährt, dass im Jahre 1864 in England
+dreitausend Personen ein jährliches Einkommen von ungefähr 500 Millionen
+Mark, oder mehr als das jährliche Gesamteinkommen aller Ackerbauarbeiter
+von ganz England und Wales, unter sich teilten, so wird man einen
+dauernden sozialen Frieden auf dem Boden eines solchen Missverhältnisses
+wohl kaum für möglich halten dürfen.
+
+Glücklicherweise fehlt es nicht an der Möglichkeit, diesem Zustand zu
+begegnen oder den drohenden Sturm nicht zum Ausbruch kommen zu lassen,
+ohne dass man nötig hätte, zu gewaltsamen Mitteln zu greifen, und zwar mit
+Hilfe einer Anzahl friedlicher Reformen, welche, auf dem Boden der
+jetzigen Gesellschaftsordnung stehend, von da langsam und allmählich zu
+einem besseren Zustand der Dinge hinüberleiten -- vorausgesetzt, dass es
+gelingt, die Mehrzahl der Menschen von der Wohlthätigkeit und
+Notwendigkeit solcher Massregeln zu überzeugen. Wir sehen hierbei
+selbstverständlich ab von jener radikalen oder radikalsten Lösung der
+sozialen Frage, wie sie der =Kommunismus= verlangt. Ein solcher Zustand,
+wobei der gesamte Besitz gemeinschaftlich und die Arbeit ganz frei oder
+freiwillig sein würde, und von dem noch einmal ausführlicher die Rede sein
+wird, wäre wohl denkbar, ist aber für jetzt in grösserem Massstabe
+unausführbar, teils wegen der allgemeinen Abneigung gegen denselben, teils
+wegen der Schwäche der menschlichen Natur, welche durch lange Jahre des
+Egoismus und Individualismus für Ertragung derartiger Idealzustände
+unfähig geworden ist. Ein solcher Zustand würde erst möglich sein am Ende
+einer langjährigen Erziehung des menschlichen Geistes im Sinne des
+Altruismus und Kollektivismus oder der allgemeinen Bruder- und
+Menschenliebe.
+
+Es bleibt sonach nichts übrig, als Ausschau nach andern Mitteln oder
+Hilfen zu halten. Hier wird uns denn wieder der richtige Fingerzeig
+gegeben durch die =Naturwissenschaft=, welche heutzutage bestimmt sein
+dürfte, nicht bloss die =geistige=, sondern auch die =soziale= Befreiung
+der Menschheit zu bewirken.
+
+Ich komme dabei zurück auf den von dieser Wissenschaft in das rechte Licht
+gesetzten =Kampf um das Dasein=, welcher leider unter den gegenwärtigen
+gesellschaftlichen Verhältnissen noch ganz den Charakter des rohen
+Daseinskampfes der Natur trägt, nur mit dem Unterschied, dass er =hier=
+mit mehr oder weniger =gleichen=, dort mit sehr =ungleichen= Mitteln
+gekämpft wird.
+
+Da lautet denn das erlösende Losungswort: =Ersetzung der Naturmacht durch
+die Vernunftmacht=, d. h. möglichste Ausgleichung der Mittel und Umstände,
+unter denen und mit denen gekämpft wird. An die Stelle des Einzelkampfes
+um das Dasein muss ein gemeinsamer Kampf aller =für= das Dasein treten.
+Mit ändern Worten: die Stelle des rohen Naturkampfes muss ein
+gemeinschaftlicher, durch Vernunft und Gerechtigkeit geregelter sozialer
+Kampf um die Lebensbedingungen ersetzen.
+
+Der Kampf, wie er unter den jetzigen sozialen Verhältnissen geführt wird,
+verdient den Namen eines eigentlichen Kampfes, eines Wettbewerbs mit
+gleichen Mitteln weit weniger, als denjenigen einer gesetzlich geregelten
+=Unterdrückung=. Oder wie wäre anders der Kampf eines Menschen zu
+bezeichnen, den man, allenfalls mit einem hölzernen Säbel bewaffnet, gegen
+Flinten und Kanonen schicken wollte Oder der Wettlauf eines Menschen mit
+blossen Füssen mit einem andern, der Pferde oder Eisenbahnen zur Verfügung
+hätte! Oder wie wäre anders der Wettbewerb zwischen zwei Menschen zu
+bezeichnen, von denen der eine alle Vorteile von Rang, Reichtum,
+Erziehung, Bildung, sozialer Stellung u. s. w. für sich hätte, während der
+andre über nichts verfügte, als über die Kraft seiner nackten Arme und
+seines ungebildeten Verstandes!
+
+Der Ausgang eines solchen Kampfes oder Wettbewerbs ist zum voraus
+entschieden. In der Regel ist das Schicksal des einzelnen Menschen schon
+in seiner Geburt besiegelt und das gesellschaftliche Sklaventum
+desjenigen, dessen Wiege in der Hütte eines armen Mannes gestanden hat,
+mit seinem ersten Atemzuge entschieden. »Die Fesseln einer niederen
+Geburt«, sagt J. C. =Fischer=[1] »schleppen wir durch das ganze Leben, und
+an ihnen zerschellt oft die unerhörteste Anstrengung eines ganzen Lebens.«
+
+Zwar wird man entgegnen, dass man sehr eklatante Ausnahmen von dieser
+Regel kennt. Man wird z. B. an den vor kurzem gestorbenen Amerikaner =Jay
+Gould= erinnern, der als armer Hirtenjunge in Amerika einwanderte und als
+beispielloser Millionär starb. Diese Ausnahmen oder Glücksfälle können und
+sollen nicht geleugnet werden; aber sie sind eben nur überaus seltene
+Ausnahmen, welche die Regel nicht umstürzen. In der Regel erhalten sich
+Rang und Reichtum bei einzelnen Familien oder Ständen oder
+Gesellschaftsschichten für unbestimmt lange Zeiten.
+
+Glücklicherweise fehlt den unterdrückten Klassen der Gesellschaft das
+volle Bewusstsein oder die volle Empfindung ihrer Lage. Die Macht der
+Gewohnheit stumpft ihr Gefühl dafür ab und lässt sie dasjenige, was doch
+nur Menschenwerk ist, als eine unvermeidliche Fügung des Schicksals
+betrachten. Wenn dies nicht so wäre, würden wir schon längst jene soziale
+Revolution haben, welche fortwährend angekündigt wird, aber dennoch nicht
+kommen will. Auch hat es die Natur weise so eingerichtet, dass das Glück
+mehr im Charakter und Temperament des Einzelnen, als in den äusseren
+Lebensumständen liegt. Wer ein glücklich angelegtes Temperament hat, wird
+sich in jeder Lebenslage mehr oder weniger wohl fühlen, während ein
+Melancholiker oder ein zu Ängstlichkeit und Trübsinn geneigter Mensch
+durch keine Glücksumstände froh oder zufrieden gemacht werden kann.
+
+Trotzdem zeigen die bereits angeführten Umstände und Erscheinungen
+deutlich, dass sich die Gesellschaft im grossen und ganzen in hohem Grade
+unwohl fühlt und einer kommenden Umwälzung entgegensteuert. Die
+erschreckende Ausbreitung der Sozialdemokratie wäre unbegreiflich, wenn
+nicht das Bewusstsein ihrer gedrückten Lage in den unteren Schichten der
+bürgerlichen Gesellschaft in fortwährendem Zunehmen begriffen wäre.
+»Thatsache ist«, sagt F. A. =Lange= in seiner vortrefflichen Schrift über
+die Arbeiterfrage[2], »dass der Kampf um das Dasein gerade jetzt wieder in
+der mächtigsten und entscheidendsten Schicht der Nation in seiner ganzen
+ermattenden Schwere empfunden wird, und dass die Geister beginnen, der
+Einförmigkeit dieses Druckes überdrüssig zu werden.«
+
+Eine Änderung dieses trüben Zustandes ist, wie gesagt, nur möglich durch
+eine grössere Ausgleichung in den Mitteln, womit jeder einzelne seinen
+Kampf um das Dasein kämpft -- eine Ausgleichung, welche sich vor allen
+Dingen auf die Besitzes-Verhältnisse zu erstrecken hat. Ferner durch die
+Umwandlung des Einzelkampfes in eben gemeinschaftlichen, solidarisch
+verbundenen Kampf aller gegen die Übel des Lebens, welche da sind Hunger,
+Kälte, Elend, Entbehrung, Krankheit, Alter, Unfall, Invalidität und Tod,
+oder durch Herbeiführung eines Zustandes, in welchem das Wohl des
+Einzelnen mehr oder weniger identisch wird mit dem Wohl der Gesamtheit und
+umgekehrt -- ein Zustand, in welchem das schöne Wort zur Wahrheit wird:
+»Einer für alle und alle für einen.«
+
+Ein solcher Zustand wäre, wie ich glaube, sehr leicht herbeizuführen, ohne
+das der Arbeits- und Erwerbstrieb des Einzelnen darunter Not leidet, so
+dass jeder die Früchte seines eigenen Fleisses, seiner eigenen Thätigkeit
+und Intelligenz geniesst und zwar durch Herbeiführung einer Versöhnung
+zwischen den Einzel- und den Gesamt-Interessen.
+
+Allerdings muss zugegeben werden, dass eine =vollständige= Ausgleichung in
+dieser Richtung -- wenigstens für den Anfang -- kaum als möglich gedacht
+werden kann. Aber auch schon eine =teilweise= Ausgleichung muss und wird
+von den wohlthätigsten Folgen begleitet sein und wird voraussichtlich
+allmählich zu einem Zustande hinüberleiten, der eine gänzliche Lösung der
+sozialen Frage in Aussicht stellt. Namentlich wird der an sich so
+wohlthätige Sporn der Konkurrenz durch diese Lösung nicht abgeschwächt,
+sondern im Gegenteil geschärft werden, indem jeder nur die Früchte seines
+eigenen Fleisses geniessen und nicht auf Kosten andrer wird leben können.
+Auch ist die Lösung möglich ohne Verwischung der natürlichen
+Ungleichheiten der Gesellschaft durch Geburt, Familie, Wohnort, Anlage,
+inneres Bedürfnis, geistige und körperliche Vorzüge, Verschiedenheit der
+Beschäftigung u. s. w. Diese natürlichen Ungleichheiten oder
+Verschiedenheiten können nicht beseitigt werden, weil in der Natur des
+Menschen und der Dinge selbst gelegen. In einer Versöhnung des
+Individualismus mit dem Kollektivismus, vulgo Sozialismus, oder in einer
+richtig organisierten Übereinstimmung der Interessen und Bedürfnisse des
+Einzelnen mit den Interessen und Bedürfnissen der Gesamtheit scheint daher
+das ganze soziale Problem der Zukunft zu liegen. »Es ist schlechthin
+undenkbar«, sagt W. E. =Backhaus=[3], »dass in einem Staatsganzen, dessen
+Einrichtungen auf dem Vernunftgesetz beruhen, Sozialismus und
+Individualismus als feindliche Kräfte gegeneinander wirken sollten.« Die
+innige Verbindung des individualistischen Gedankens mit dem
+sozialistischen, des Individuums mit der Gesellschaft bedeutet in Wahrheit
+die Durchführung des grossen staatswirtschaftlichen Grundgesetzes, nach
+welchem der Vorteil des Einzelnen stets auch der Vorteil der Gesamtheit
+sein soll. Es ist hohe Zeit, dass der Konflikt zwischen Einzel- und
+Gesamtinteressen im wirtschaftlichen Leben der Völker seine Lösung finde
+-- eine Lösung, welche nicht in der Hand dunkler Schicksalsmächte, sondern
+einzig und allein in der Hand des Menschen selbst liegt. »Sozialwirtschaft
+und Individualwirtschaft gehören in einem Staatsganzen zu einander; sie
+ergänzen und fördern sich gegenseitig; sie gehören zusammen wie Leib und
+Seele u. s. w.«
+
+Was nun die Mittel dieser Versöhnung oder der sozialen Erlösung betrifft,
+so können dieselben dreierlei Art sein. Sie heissen
+
+1) Abschaffung der sog. Bodenrente oder Zurückführung des von Natur- und
+Rechtswegen allen gehörigen Eigentums an Grund und Boden in den Besitz der
+Gesamtheit (mit selbstverständlichem Einschluss der Wasserkräfte und des
+Bergbaues).
+
+2) Reform d. h. allmähliche, gradweise bis zur vielleicht gänzlichen
+Abschaffung sich steigernde Reform der Erbrechte.
+
+3) Umwandlung des Staates in eine allgemeine, solidarisch verbundene
+Versicherungsgesellschaft gegen Krankheit, Alter, Unfall, Invalidität und
+Tod.
+
+Was den ersten Punkt betrifft, so kann es wohl kaum einen weniger
+anfechtbaren Grundsatz des Naturrechts geben, als denjenigen, dass die
+Mutter Erde, die uns alle erzeugt hat, die aber von niemand erzeugt worden
+ist, und ohne welche menschliches Dasein eine Unmöglichkeit sein würde,
+nicht einzelnen, sondern allen gehört. Gleichwie der Mensch ein Produkt
+der Erde ist, so muss auch sein Dasein in dem Anrecht an den Besitz
+derselben begründet sein. Der Mensch ist nichts und vermag nichts ohne den
+Beistand der Mutter Erde und ihrer nie versiegenden Kraft; er kann nichts
+erwerben, nichts hervorbringen, nichts besitzen ohne Benutzung ihrer
+Kräfte und ihrer Gaben. Daraus folgt, dass nach den einfachsten
+Grundsätzen der Billigkeit und Gerechtigkeit die Benutzung dieser Gaben
+und Kräfte jedem zur Welt Gekommenen in gleicher Weise zur Verfügung
+stehen muss, und dass das Recht an den Grund und Boden ein ebensolches
+Naturrecht ist, wie das Recht, die freie Luft zu atmen oder das der Erde
+entquellende Wasser zu trinken oder sich von der Sonne bescheinen zu
+lassen. Leider wird diesem Grundsatz in der Wirklichkeit in greulicher
+Weise Hohn gesprochen. Eine Reihe von Umständen, wie Gewalt, Eroberung,
+Krieg, Vererbung, Kauf, Schenkung, Feudal- und Lehnsgüterwesen u. s. w.
+haben es im Laufe der Zeit dahin gebracht, dass eine Minderheit durch den
+Besitz von Grund und Boden zur Beherrscherin der ganzen Menschheit
+geworden ist, bis schliesslich alles so verteilt war, dass kein Platz oder
+Raum für den zu spät Gekommenen übrig geblieben, und dass dieser, wenn er
+nicht selbst zufällig als Besitzer geboren ist, in der Luft hängen bleiben
+müsste, wenn er nicht sofort das Recht der Niederlassung dadurch erkaufen
+würde, dass er seine von der Natur ihm verliehenen Arbeitskräfte denen,
+welche im Besitz des Bodens und der Arbeitsmittel sind, leibeigen giebt.
+Die ungeheure Macht der Gewohnheit hat es dahin gebracht, dass die grosse
+Mehrzahl der Menschen diesen rechtlosen Zustand als etwas Natürliches oder
+Selbstverständliches hinnimmt, während derjenige, der den Ursachen
+desselben nachgeht, alsbald findet, dass das private Eigentum an Grund und
+Boden nicht von der Natur, sondern von Gewalt und Usurpation herkommt Auch
+war dieses Naturrecht im frühesten Altertum fast Überall mehr oder weniger
+anerkannt, so in Palästina, Griechenland, Italien, Germanien, Gallien,
+Indien, China, Japan, Peru u. s. w. Schon in den ältesten geschichtlichen
+Urkunden unsres Geschlechts finden wir den Gedanken der Gemeinsamkeit des
+Bodens deutlich ausgesprochen, so namentlich in der Bibel, deren
+zahlreiche darauf bezügliche Aussprüche an Deutlichkeit nichts zu wünschen
+übrig lassen. Zwar war bei den alten Hebräern der Grund und Boden
+Familieneigentum; aber alle fünfzig Jahre fand eine Neuverteilung des
+Bodens statt. Ebenso erkannte der chinesische Denker =Laotse= in dem
+Besitz der Erde ein allen Menschen vom Weltall-Gott anvertrautes heiliges
+Gut. Dementsprechend war das Bodeneigentumsrecht in China nur ein
+Nutzungsrecht und nur als solches Übertragbar, während das Eigentum selbst
+der durch den Staat repräsentierten Gesamtheit verblieb und in der Theorie
+noch bis auf den heutigen Tag verbleibt. Erst infolge einer langen Reihe
+von Gewaltmassregeln und Usurpationen konnte die individuelle Aneignung
+des Grundes und Bodens in China durchgesetzt werden. Ebenso war es in
+Japan, wo erst die mongolischen Eroberer mit Gewalt das Feudalsystem
+einführten. Die Indier kannten vor der englischen Eroberung weder das
+Recht der Veräusserung des Grundeigentums, noch das Testament.
+
+Nach =Backhaus= (a. a. O.) erscheint es als höchst wahrscheinlich, wenn
+nicht als gewiss, dass Grund und Boden im Anfang der Geschichte überall
+Gemeinbesitz der Völker gewesen sind. Auch haben sich die alten
+Philosophen dafür erklärt. =Aristoteles= erklärt, dass Grund und Boden
+notwendig Gemeingut sein müsse, und =Plato= verlangt, dass jedem Bürger
+ein gleich grosses oder gleich ertragsfähiges Stück Land als unteilbar und
+unveräusserlich zur Benutzung übergeben werde. Auch hatten Rom und
+Griechenland anfangs dementsprechende Acker-Verfassungen. In Sparta hielt
+das Verbot des Bodenverkaufs und des Testaments lange Zeit die Gleichheit
+des Besitzes aufrecht; und in Athen unterwarfen =Solon= und seine
+Nachfolger das individuelle Eigentum überhaupt schweren Beschränkungen,
+wahrscheinlich als Reminiscenzen eines anfänglichen Kommunismus, Auch in
+Rom hat sich das individuelle Eigentum an Grund und Boden nur nach und
+nach aus dem gemeinsamen herausgebildet. Anfangs Gemeinde-Eigentum wurde
+es später zum Eigentum der einzelnen Familien und Geschlechter, welche
+letzteren in Bezug auf den Besitz gewissermassen nur eine einzige Person
+bildeten. Erst mit dem Gesetz der zwölf Tafeln und mit der Einführung der
+Rechte von Verkauf und Testament gewann das individuelle Eigentum das
+Übergewicht über das gemeinsame. Das grosse Grundeigentum verschlang
+allmählich das kleine, und es entstanden Zustände, wie wir sie jetzt noch
+in England zu beobachten Gelegenheit haben. Sicher ist es auch, dass nach
+altem =germanischem= Recht der grösste und unentbehrlichste Teil des
+bewirtschafteten Bodens oder die sog. Aussenmark Gemeinbesitz der
+Markgenossen war, während die sog. Binnenmark dem Einzelnen nur in der
+Eigenschaft als »Verwalter« gehörte. »Eine Ausnutzung und Ausbeutung des
+Grundbesitzes und der Bodenkraft durch Einzelne zum Zwecke des
+ausschliesslich eignen Vorteils war den alten Deutschen gänzlich
+unbekannt.« Und diesem Bodenrecht und dem dadurch bethätigten Gemeinsinn
+verdankten die alten Germanen ihre Freiheit und ihre unerschöpfliche
+Kraft. Erst dem dämonisch wirkenden Geist der römischen Gesetzgebung mit
+ihrer übermässigen Betonung der persönlichen Besitz- und Eigentumsrechte
+gelang es, auch im alten Germanien ein Privatrecht auf den Bodenbesitz zu
+schauen. Es war das Nessushemd, welches die sterbende Roma dem
+germanischen Riesen arglistig vermachte. Aber so urgesund waren die alten
+germanischen Rechtseinrichtungen, dass sich Reste des Gemeinde-Eigentums
+unter verschiedenen Bezeichnungen bis heute in einzelnen deutschen Landen
+und Ortschaften erhalten haben. Der Zeitschrift »Freiland«, dem Organ der
+Deutschen Gesellschaft für Bodenbesitzreform, ist es gelungen,
+nachzuweisen, dass in Deutschland noch mehr als hundert Ortschaften
+existieren, welche im glücklichen Besitze von Gemein-Eigentum an Grund und
+Boden geblieben sind. Noch weit mehr ist diese Einrichtung erhalten
+geblieben in einem grossen Teile von Russland, sowie in manchen Dörfern
+Serbiens und Kroatiens, auch bei vielen asiatischen Horden in der Form des
+russischen sog. »Mir«, wobei das Land gemeinschaftlich von allen
+Gemeindemitgliedern besessen und bebaut und die Ernte gleichmässig
+verteilt wird. In der Schweiz findet sich ein Überrest dieser alten
+Einrichtung in der Form des sog. »Allmend«. In ganz Afrika besteht nach
+=Letourneau=[4] die Individualisierung und Mobilisierung, des
+Grundeigentums nur ausnahmsweise. Ebenso ist es mit dem eingeborenen
+Amerikanertum, bei welchem die Jagd- und Fischgründe nicht dem Einzelnen,
+sondern dem Stamm oder der Tribus angehören. In Java besteht noch überall
+Gemeinsamkeit des Bodens und eine Verfassung, welche sich sehr derjenigen
+des bereits erwähnten russischen Dorfsystems »Mir« nähert. Bei den alten
+Peruanern bestand nach =Prescott=[5] ein systematisch durchgeführter und
+von oben geleiteter Kommunismus, welcher zur Folge hatte, dass es keine
+Armut und keinen Mangel gab, und dass für Alte, Schwache, Kranke oder vom
+Unglück Betroffene ausreichend gesorgt war u. s. w.
+
+Wendet man diese Erfahrungen auf die Vorgeschichte des Menschen an, so ist
+man wohl genötigt, anzunehmen, dass, wie Verfasser in seiner Schrift über
+das goldene Zeitalter näher ausgeführt hat, die wilden Horden der Urzeit
+das persönliche Eigentumsrecht so wenig oder in so beschränkter Weise
+kannten oder achteten, wie die Wilden der Gegenwart; -- und zwar nicht
+bloss bei Jägern und Fischern, bei denen ein festes Eigentum an Grund und
+Boden kaum möglich war, sondern auch bei Ackerbauern. Nur die Waffen und
+Werkzeuge, welche sich der Einzelne selbst angefertigt hatte, galten als
+sein persönliches Eigentum, obgleich es nach =Plutarch= sogar noch den
+alten Lacedämoniern erlaubt war, sich der Pferde, Hunde und Werkzeuge
+ihrer Nachbarn zu bedienen, wenn diese keinen Gebrauch davon machten.
+
+Die Rückkehr zu den alten Zuständen oder die Rückgabe des von Natur- und
+Rechtswegen allen gehörigen Besitzes von Grund und Boden an die Gesamtheit
+ist übrigens -- auch abgesehen von allen sozialen oder naturrechtlichen
+Gründen -- eine solche ökonomische oder staatswirtschaftliche
+Notwendigkeit, dass sie auf die Dauer trotz allen Widerstrebens gar nicht
+umgangen werden kann. Denn bei dem riesigen Anwachsen der Bevölkerung in
+den europäischen Ländern giebt es kein andres Mittel, um den Boden auf
+seine äusserste Ertragsfähigkeit auszubeuten. Es kann und darf daher dem
+einzelnen Besitzer eines Grundstücks nicht überlassen bleiben, ob und bis
+zu welchem Grade er dasselbe ertragsfähig machen will oder nicht, sondern
+es muss dem Boden im Interesse der Gesamtheit alles abgerungen werden, was
+ihm irgend abgerungen werden kann. Dieses kann aber nur geschehen durch
+den auf die Grundsätze der wissenschaftlichen Landwirtschaft gestützten
+Grossbetrieb, sowie dadurch, dass kein Fleckchen Erde nach Massgabe seiner
+Lage und Beschaffenheit unbenutzt bleibt, während der Privatbetrieb hierin
+ganz willkürlich und sehr oft unrationell verfährt oder verfahren kann.
+Nirgendwo tritt dieses deutlicher zu Tage, als in England, wo bekanntlich
+der gesamte, für Ackerbau bestimmte Grund und Boden bei einer Bevölkerung
+von ca. 35 Millionen in den Händen von nur 14-15000 Eigentümern sich
+befindet, welche daraus -- in der Regel arbeitslos und ohne jede eigene
+Bemühung -- eine jährliche Rente von nicht weniger als 4000 Millionen Mark
+ziehen, Von dem riesigen Güter-Komplex des Herzogs von Sutherland z. B.
+(11 Mill. Acker) befinden sich nur ca. 23000 Acker unter Cultur; und das
+Gesamterträgnis berechnet sich im Durchschnitt auf =eine= Mark pro Acker,
+während dasselbe in einzelnen Teilen auf das Vierzigfache gesteigert
+werden könnte. Aber die unermesslich reichen englischen Landlords ziehen
+es vor, aus kulturfähigern Boden, auf welchem sich tausende fleissiger
+Menschen ernähren könnten, Schaftriften oder Wildparks oder Rennbahnen
+oder herrschaftliche Gärten u. s. w. zu machen, und nehmen keinen Anstand,
+die Ansiedler oder Einwohner zu diesem Zweck unbarmherzig auszutreiben;
+und Ähnliches geschieht, wenn auch nicht in gleich hohem Grade, wie in
+England, überall. So besitzen in Deutschland die zehn grössten
+Grundbesitzer ein Neuntel der gesamten angebauten Bodenfläche
+Deutschlands, während Frankreich hinsichtlich der Verteilung von Grund und
+Boden weit besser daran ist. Sogar in Amerika, wo doch Überfluss an Grund
+und Boden vorhanden ist, machen sich die traurigen Folgen des privaten
+Bodenbesitzes bereits in solcher Weise geltend, dass die bekannte Schrift
+des Amerikaners H. =George= über Fortschritt und Armut, worin jener Besitz
+als Hauptquelle des sozialen Übels dargestellt wird, Millionen von Lesern
+finden konnte. Es war eine der thörichtesten und zugleich ungerechtesten
+Handlungen oder Versäumnisse der amerikanischen Staatsverwaltung, dass sie
+nicht, was ihr ein Leichtes gewesen wäre, das unermessliche Landgebiet,
+das ihr zu Gebote stand, von vornherein für National-Eigentum erklärte und
+parzellenweise an Private verpachtete, sondern dasselbe teils an
+Monopolisten und Privatgesellschaften verschenkte, teils zu
+Schleuderpreisen an Private wegwarf, teils der willkürlichen
+Besitzergreifung überliess. Eine Ausnahme hat man nur mit dem grossen
+Nationalpark im Staate Colorado gemacht, welcher beinahe so gross ist, wie
+das Königreich Sachsen -- aber nicht zu nationalökonomischen, sondern zu
+Zwecken des Privatvergnügens für Reiche und Vermögende. Hätte man es mit
+dem gesamten Grund und Boden so gemacht, so müsste jetzt ein
+unermesslicher, nicht zu erschöpfender Nationalreichtum des amerikanischen
+Volkes die Folge sein, während dieser riesige Schatz jetzt nur dem
+Privatnutzen dient. Am auffallendsten und ungerechtesten erscheint ein
+solcher Privatnutzen dort, wo durch einfache Vermehrung der Bevölkerung
+der Wert des Grundeigentums oft bis in das Ungemessene steigt, wie
+namentlich in der Mitte und Nähe wachsender Grossstädte, wo oft
+Landstrecken, welche vorher beinahe keinen Wert hatten, binnen kurzer Zeit
+zu wahren Goldfeldern für ihre Besitzer werden, -- und zwar ohne jedes
+eigne Zuthun oder Verdienst der letzteren, lediglich durch den Fleiss und
+die Thätigkeit der Gesamtheit, welche nichtsdestoweniger dieses Resultat
+ihres Fleisses ohne jeden Abzug dem einzelnen Privateigentümer in den
+Schoss wirft.
+
+Was nun die Art und Weise des Übergangs des Privatbesitzes an Grund und
+Bodens in denjenigen des Staates oder der Gesamtheit betrifft, so ist
+dieses eine sekundäre Frage, welche von den verschiedenen Verteidigern der
+Bodenbesitzreform in verschiedener Weise beantwortet wird. Es versteht
+sich dabei von selbst, dass von einer gewaltsamen Aneignung nicht die Rede
+sein kann, sondern nur von einer Ablösung der Rente oder des Bodens selbst
+gegen massige und abschätzungsweise festzustellende Entschädigung, Denn,
+wenn sich auch, wie nachgewiesen, sehr viele und vielleicht gerade die
+bedeutendsten Besitztitel an Grund und Boden nicht aus rechtlichem Erwerb,
+sondern aus den Zeiten der Gewalt herschreiben, so darf doch, da nach
+Verlauf so langer Zeit Untersuchungen über die Rechtlichkeit der
+Erwerbstitel nicht mehr angestellt und die Nachkommen nicht für die Sünden
+der Voreltern verantwortlich gemacht werden können, niemand in seinen
+jetzt bestehenden Rechtsansprüchen gekränkt oder benachteiligt werden.
+
+Die weitgehendste Art und Weise wäre ein Rückkauf nach vorheriger
+Abschätzung -- wobei kleinere Güter oder Grundstücke nach ihrem vollen
+Wert bezahlt, sehr grosse aber einer gewissen Reduktion des Preises
+unterworfen werden müssten, -- entweder gegen bar oder gegen eine in Form
+von Pfandbriefen auszugebende Staatsrente. Allerdings würden hierzu für
+den Anfang grosse Geldmittel notwendig sein; aber sie würden kein
+ernstliches Hindernis bilden, wenn durch Annahme meines zweiten Vorschlags
+auf Einschränkung der Erbrechte der ganze Bodenbesitz oder wenigstens der
+grösste Teil desselben im Laufe eines oder weniger Menschenleben an den
+Staat zurückfallen würde. Dazu käme sodann der durch Zunahme der
+Bevölkerung und rationellere Bewirtschaftung des Bodens im Grossbetrieb
+fort und fort steigende Bodenwert, welche Steigerung unter allen
+Umständen, als durch die Gesamtheit erarbeitet, auch der Gesamtheit oder
+dem Staate zu Gute kommen müsste.
+
+Die erklärten Anhänger der Bodenbesitzreform, welche sich in Deutschland
+zu einem besonderen »Bund« mit einer Anzahl von Zweigvereinen
+zusammengethan haben und im Besitze eines besonderen, in Berlin
+erscheinenden Organs unter dem Titel »Freiland« sind, scheinen in ihrer
+Mehrzahl der Ansicht zu sein, dass »die Überführung des Grundbesitzes,
+bez. der Grundrente, aus den Händen einzelner in die Hände der
+Gesamtheit«, welche laut Statut den Zweck ihrer Bestrebungen bildet,
+hinreichend sei, um, wenn auch nicht unmittelbar, so doch mittelbar eine
+vollständige Lösung der sozialen Frage herbeizuführen. Sie erwarten davon
+durch Beseitigung des Hypothekenwesens in letzter Linie die Beseitigung
+der Macht des Privatkapitals an Grund und Boden, sowie derjenigen des
+mobilen Kapitals überhaupt, indem sie den überwiegenden Privatbesitz an
+Grund und Boden für die Ursache aller sozial-wirtschaftlichen Drangsale
+und für die Grundlage aller wirtschaftlichen Unfreiheit erklären.
+Namentlich wird dadurch nach =Backhaus= (a. a. O.) dem »furchtbar wütenden
+Schrecknis« des Dämons =Zins=, welcher noch weit fürchterlicher ist, als
+der Kriegsdämon, weil er keinen Frieden kennt und sich ununterbrochen
+vermehrt, ein gewisser Halt geboten werden. Der Zins hat die ganze
+Gesellschaft in ein einziges grosses Kriegslager verwandelt, in welchem
+ihm täglich Menschenopfer ohne Zahl dargebracht werden. Denn unter der
+Herrschaft des Privatbodenmonopols und seiner Wirkungen ist die
+überwältigende Mehrheit jedes Volkes den Grossgrundherren und
+Grosskapitalisten in ähnlicher Weise zinspflichtig geworden, wie
+seinerzeit die kleinen Bürger Roms und die unterjochten Völker den
+römischen Latifundienbesitzern und Grosskapitalisten zinspflichtig waren.
+
+Wenn nun Verfasser bloss im Sinne der bisherigen Schule der
+Badenbesitzreformer zu reden hätte, so könnte er hier abbrechen, da diese
+Schule, wie gesagt, Gründe zu haben glaubt, um von der Verwirklichung
+ihrer Bestrebungen eine endgültige Beseitigung des sozialen Elends zu
+erwarten. Da er aber diese Erwartung nicht zu teilen vermag, so ist er
+genötigt, im Sinne seines tiefer gehenden Ausgleichs in den Mitteln, mit
+denen der Einzelne seinen Kampf um das Dasein zu bestehen hat, zur
+Erörterung seines zweiten Vorschlags hinsichtlich der Beschränkung, bezw.
+Beseitigung der Erbrechte oder des Erbkapitalismus überzugehen.
+
+Verfasser ist sich wohl bewusst, dass er mit diesem Vorschlag
+gewissermassen in ein Wespennest sticht und sich auf kritische
+Anfeindungen jeder Art gefasst machen muss. Denn wo das persönliche
+Interesse des Einzelnen in das Spiel kommt, da hat jede ruhige und
+gerechte Überlegung ein Ende. Das Recht, seinen Kindern und Kindeskindern
+dasjenige zu hinterlassen, was er selbst erworben hat, will sich niemand
+nehmen lassen, Auch hat der Einzelne darin vollkommen recht, solange er
+sich auf dem Boden der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse weiss.
+Aber ein ganz anderes ist es, wenn der Sozialreformer Verhältnisse
+voraussieht, welche ganz anders geartet sind und geartet sein müssen. Denn
+so wie politische Revolutionen nicht mit Rosenwasser gemacht werden, so
+können auch soziale Reformen von erfolgreicher Wirkung nicht mit halben
+oder unzureichenden Massregeln gemacht werden. Übrigens darf ich mich zur
+Unterstützung meines Vorschlags vor allen Dingen darauf berufen, dass die
+Erbschaftssteuer längst als eine der gerechtesten und am wenigsten
+drückenden anerkannt und angewendet worden ist, und dass man derselben nur
+eine grössere Ausdehnung, namentlich in der indirekten Erbfolge, zu geben
+braucht, um meinem Vorschlage mehr und mehr nahe zu kommen. Auch mehren
+sich die Anhänger einer solchen Idee der Besteuerung in der gelehrten wie
+ungelehrten Welt von Jahr zu Jahr, und es fehlt nicht an angesehenen,
+selbst konservativen Staatsrechtslehrern, welche sich im Prinzip dafür
+aussprechen, wie =Brinz=, =Röscher=, =Marlo=, =Umpfenbach=, =Schäffle=,
+=Pfizer=, =Bluntschli=, =Baron=, =Hallier= u. s. w. Dass die eigentlichen
+Sozialisten zustimmen, versteht sich beinahe von selbst. Schon der Basler
+Internationale Arbeiterkongress von 1869 hat Abschaffung des privaten
+Grundeigentums und des Erbrechts in sein Programm aufgenommen; und der
+französische kollektivistische Sozialisten-Kongress von 1880 setzte als
+letzten Punkt seines Programms »Abschaffung des Erbrechts für
+Seitenverwandte und jedes direkten Erbrechts von mehr als 20000 Franks«
+fest. Auch das Programm der englischen Radikalen acceptiert ganz und voll
+die beiden genannten Forderungen. Unter den neueren Schriftstellern
+radikaler Richtung hat sich namentlich =Max Nordau= in seinem berühmten
+Buch über die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit mit
+durchschlagenden Gründen auf den Boden dieser Anschauung gestellt Nach
+meiner Meinung ist eine solche Reform der Erbrechte oder eine
+Beschränkung, resp. Abschaffung des Erbkapitalismus =eine einfache
+Forderung der sozialen Gerechtigkeit=. Denn niemand wird es als dieser
+Forderung entsprechend ansehen können, dass unter den Menschen, welche,
+wenn auch mit verschiedenen Eigenschaften, doch mit demselben Anrecht an
+Existenz auf die Welt kommen, der eine gewissermassen mit dem Breilöffel,
+der andre mit dem Hungerlutscher im Munde geboren wird. Niemand wird es
+als Ausfluss natürlicher Gerechtigkeit betrachten können, wenn der eine
+schon in der Wiege auf Millionen sich wälzt oder einen grossen Teil des
+Grundes und Bodens, welcher allen gehören sollte, sein eigen nennt, ohne
+dass er das geringste persönliche Verdienst dabei hat, während der andre,
+wie des Menschen Sohn, nicht weiss, wo er sein Haupt hinlegen soll, um von
+den Mühen und Lasten seines armseligen Daseins auszuruhen. Man
+vergegenwärtige sich die Caprice jenes reichen Engländers, welcher sein
+ganzes grosses Vermögen einer ihm persönlich ganz fremden Dame vermachte,
+bloss weil er Gefallen an ihrer schönen Nase gefunden hatte, und ähnliche
+Beispiele einer total unsinnigen Vererbung an unbedürftige Erben. Man
+denke an die Vermächtnisse an die tote Hand oder an die Kirche, welche nur
+zum Schaden der Allgemeinheit verwendet werden, an die hässliche
+Erbschleicherei, an die zahllosen Erbstreitigkeiten, welche oft die
+tiefste Entzweiung ganzer Familien herbeiführen und den hässlichsten
+Trieben der Menschennatur Nahrung geben, an die Nachteile der
+Fideikommisse, an die durch stete Vererbung aufrechterhaltenen ungeheuren
+Privatvermögen, welche einen Staat im Staate, eine Geldmacht innerhalb der
+Staatsmacht darstellen, an die Vererbung an ganz entfernte Seitenlinien,
+deren Angehörige den Erblasser nie gesehen oder gekannt haben u. s. w. Das
+sog. =Testament= oder freie Verfügungsrecht über die Hinterlassenschaft
+ist auch durchaus kein Ausfluss des Naturrechts, sondern eine Erfindung
+späterer Zeiten, wahrscheinlich römischen Ursprungs; es war z. B. im alten
+Deutschland ganz unbekannt. Die älteste Stufe des Eigentums war vielmehr,
+wie die ausgezeichneten Untersuchungen von =Laboulaye= und =Laveleye= über
+die Entstehung der Eigentumsbegriffe nachgewiesen haben, das
+=Gemein-Eigentum=. Erst das römische Recht mit seiner übermässigen,
+bereits erwähnten Betonung des Individualismus und der persönlichen
+Besitz- und Eigentumsrechte machte dem ehemaligen Zustand der Dinge ein
+Ende und trieb die letzteren im Sinne des persönlichen Egoismus auf die
+Spitze -- ein Verhältnis, an dem wir heute noch leider schwer zu kranken
+haben. Heute hat, wie =Lavelaye= sagt, das Eigentum seinen ehemaligen
+sozialen Charakter ganz verloren. Vollständig verschieden von dem, was es
+im Anfang war, hat es nichts Gemeinsames mehr an sich. Privilegiert,
+fessellos, ohne Rückhalt oder Verpflichtung scheint es, ohne Rücksicht auf
+die Interessen der Gesamtheit, keinen andern Zweck als das Wohlsein des
+Individuums zu verfolgen u. s. w.
+
+»Das Eigentumsrecht,« sagt =Laboulaye= in seiner preisgekrönten Schrift
+über die Geschichte dieses Rechts, »ist eine Schöpfung der Gesellschaft
+... Jedesmal wenn die Gesellschaft etwas darin ändert, ist sie in ihrem
+Recht, und niemand kann sich dagegen im Namen eines ältern Rechtes
+auflehnen; denn vor ihr und nach ihr gibt es nichts. In ihr ruht die
+einzige Quelle und der Ursprung des Rechts.«
+
+Der Einzelne darf sein Erworbenes oder Ererbtes schon um deswillen nicht
+beliebig verschenken, weil sein Erwerb kein rein persönlicher, sondern nur
+möglich ist in der Gesellschaft und durch deren Mitwirkung. Eines der
+eklatantesten Beispiele dieser Art ist die bereits erwähnte enorme
+Wertsteigerung des Grundes und Bodens im Innern und in der Umgebung
+grosser, in der Entwicklung begriffener Städte, welche dem einzelnen
+Besitzer ohne jedes eigne Verdienst Millionen in den Schoss wirft und der
+Gesamtheit durch die enorme Steigerung der Wohnungsmieten keinen Nutzen,
+sondern nur Schaden bringt. Es ist ein Zustand förmlicher Lohnsklaverei
+der Nicht-Besitzenden gegenüber den Besitzenden, welchem durch die
+Gesetzgebung längst ein Damm hätte entgegengesetzt werden sollen.
+
+Selbstverständlich könnte eine so durchgreifende soziale Massregel, wie
+die Beschränkung der Erbrechte, nicht plötzlich oder auf einmal, sondern
+nur allmählich und ohne allzu grosse oder allzu plötzliche Beleidigung
+privater Interessen in das Leben gerufen werden. Aber gerade in dieser
+Möglichkeit einer allmählich sich steigernden Einführung liegt ein
+Hauptvorteil des Vorschlags, wobei Praxis und tägliche Erfahrung der
+Theorie jederzeit zur Hülfe kommen oder unter die Arme greifen können. Auf
+diesem Wege wird es auch nicht schwer werden, zu einer Entscheidung
+darüber zu kommen, ob man bis zu einer gänzlichen Aufhebung der Erbrechte
+oder nur bis zu einer gewissen Grenze der Einschränkung gehen soll.
+
+Der Hauptnutzen oder Hauptvorteil des ganzen Vorschlags besteht in dessen
+ausgleichender Gerechtigkeit oder darin, dass jeder nur die Früchte seines
+eignen Fleisses, seiner eignen Tätigkeit und nicht diejenigen der
+Thätigkeit oder des Glücks seiner Vorfahren ohne jede eigne Bemühung
+gemessen würde. Söhne reicher Eltern haben in der Regel das Privileg, roh,
+unwissend, faul oder lüderlich zu sein, so dass grosser, namentlich
+unverdienter Reichtum oft mehr zum Fluch als zum Segen wird. Von Geburt
+Reiche oder Vornehme werden von den meisten Menschen als Wesen höherer Art
+angesehen, denen man sich nur mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht nähern
+dürfe, obgleich diese Drohnen der Gesellschaft weit unter denen stehen,
+welche ihr Leben selbst gemacht haben. Dem berühmten und berüchtigten
+Ausspruch =Proudhons= »Eigentum ist Diebstahl« liegt insofern ein sehr
+berechtigter Gedanke zu Grunde, als nur der durch eigne Arbeit erworbene
+Besitz rechtmässiges Eigentum genannt werden kann, während der ohne eigne
+Bemühung ererbte Besitz sehr wohl als eine Art von Diebstahl an dem
+Vermögen oder an der Arbeitskraft der Gesamtheit betrachtet werden kann.
+Denn wenn der durch Erbschaft reich gewordene Teil der Gesellschaft bis zu
+einem gewissen Grade in einem Zustand von Wohlsein und verhältnismässigem
+Nichtsthun lebt, so ist dieses nur dadurch möglich, dass er sein Geld für
+sich arbeiten lässt, d. h., da das Geld nicht selbst arbeitet, durch die
+Leiden, die Arbeit und die Entbehrung ärmerer Mitmenschen, welche den Zins
+aufzubringen haben. Nicht dasjenige Eigentum soll angetastet werden,
+welches durch eignen Fleiss und eigne Sparsamkeit erworben worden ist,
+sondern nur dasjenige in gewissen Schranken gehalten werden, welches seine
+Entstehung dem Fleisse oder den Glücksumständen anderer verdankt. Wer
+darin eine Ungerechtigkeit erblicken wollte, müsste seine eignen Begriffe
+von Gerechtigkeit haben.
+
+Ein weiterer nicht hoch genug zu veranschlagender Nutzen oder Vorteil
+meines Vorschlags besteht darin, dass durch dessen Ausführung der
+übermässigen Anhäufung grosser Privatvermögen in einzelnen Händen, welche,
+wie bereits bemerkt, einen Staat im Staate, eine Geldmacht gegenüber der
+Staatsmacht darstellen, eine unübersteigliche Schranke gesetzt wird. Die
+enormen Nachteile einer solchen Anhäufung in politischer Beziehung sind
+namentlich dort bemerkbar, wo, wie z. B. in Amerika, die unglückliche
+Manchesterdoktrin herrschend ist, und wo mitunter grosse oder reiche
+Eisenbahngesellschaften einen ganzen Staat politisch völlig in der Gewalt
+haben. Die amerikanischen Eisenbahn-Direktoren spielen bei der enormen
+Ausdehnung und Wichtigkeit des dortigen Eisenbahnwesens in der Gegenwart
+eine ähnliche Rolle, wie sie die Feudalherren des Mittelalters gespielt
+haben, und brechen in Folge schlechter Verwaltung oder mangelhaften
+Bahnbaues jedes Jahr einigen hundert oder tausend Personen beinahe
+ungestraft die Hälse oder mindestens Arme und Beine. Ja, man verhehlt sich
+in Amerika nicht die Gefahr, dass sich mit der Zeit das Eisenbahn-Monopol
+sogar den Congress und die Bundesregierung dienstbar machen werde. Aber
+auch in Europa liegt die Gefahr oder Möglichkeit vor, dass der Einfluss
+grosser Geldmächte unter Umständen im Stande ist, über Krieg und Frieden
+zu entscheiden oder parlamentarische Körperschaften unter ihren Willen zu
+beugen. Ist ja doch das Geld heutzutage eine alles bestimmende Macht und
+Gott Mammon der einzige Gott, zu dem noch mit wahrer Inbrunst gebetet zu
+werden pflegt!
+
+Der letzte und hauptsächlichste Vorteil meines Vorschlags beruht aber
+darin, dass der Staat, ohne die verhasste Steuerschraube in Anwendung
+bringen zu müssen, auf die leichteste Weise in den Besitz hinreichender
+Geldmittel kommt, um alle im Interesse der Allgemeinheit notwendigen
+Massregeln durchführen zu können, wie Erziehung und Erhaltung der Kinder,
+wo die Einzelfamilie dazu nicht ausreicht, Unentgeltlichkeit des gesamten
+Unterrichts, Versorgung von Witwen und Waisen, Abschaffung des Pauperismus
+und unverschuldeter Arbeitslosigkeit, Beschaffung der Arbeits- oder
+Produktionsmittel, Besorgung des Verkehrswesens u. s. w. Wenn man bedenkt,
+dass nach den Veröffentlichungen des preussischen Finanzministeriums
+allein in Preussen jährlich =zwölfhundert Millionen Mark= vererbt werden
+-- eine Schätzung, welche übrigens nach ändern viel zu gering ist und auf
+mehr als das Doppelte veranschlagt werden kann -- so erhellt daraus, wie
+gross das Erträgnis einer solchen Massregel, obendrein im Verein mit dem
+staatlichen Bezug der Bodenrente, sein müsste.
+
+Natürlich hat man gegen dieselbe und ihre Ausführbarkeit eine Menge von
+Einwänden bereit, unter denen die zu befürchtende Beeinträchtigung des
+Erwerbstriebs, die Gefahr der Verschwendung und die Umgebung des Gesetzes
+durch Schenkung unter Lebenden neben befürchteter Schädigung der Familie
+die Hauptrolle spielen. Ein näheres Eingehen auf diese Einwände würde die
+Grenzen dieser kleinen Schrift überschreiten. Ich muss mich daher
+begnügen, auf mein Buch über die »Stellung des Menschen in Natur und
+Gesellschaft« zu verweisen, in dessen dritter Abteilung ich jene Einwände
+genügend entkräftet zu haben glaube, und wo auch im Anschluss daran die
+wichtige Kapitalfrage eingehend erörtert ist.
+
+Nur das mag hier nicht unerwähnt bleiben, dass der Einfluss des Erbrechts
+im Vergleich mit dem Eigentumsrecht =als Antrieb zur Arbeit= als ein
+ziemlich untergeordneter betrachtet werden darf. Allerdings können wir
+alle Tage von solchen, welche einer übertriebenen Sparsamkeit huldigen und
+unnötigerweise Schätze aufhäufen, die Versicherung hören, =dass sie nur
+für ihre Kinder sparten=. Aber derjenige müsste ein schlechter Kenner der
+menschlichen Natur sein, der dieser Versicherung einen mehr als sehr
+bedingungsweisen Glauben beimessen wollte, Man spart zumeist für sich
+selbst und aus Freude am Besitz, und betrügt nur sich oder andere mit dem
+Vorwand, dass man es der Nachkommen halber thue, -- was ja schon daraus
+erhellt, dass gerade unter denjenigen, welche keine Leibeserben haben, die
+grössten Geizhälse und Sparsimpel angetroffen werden. Im Gegenteil würde
+es ein viel natürlicherer Gesichtspunkt sein, wenn solche, die ihre
+Reichtümer oder ihren Wohlstand durch eigne Anstrengung erworben haben,
+von ihren Kindern oder Erben dieselben Anstrengungen, dieselbe Arbeit
+verlangten oder erwarteten, statt dass sie sich mit Anstrengung aller
+Kräfte bemühen, denselben ein Lotterbette zu bereiten, auf dem sie sich
+von Kindesbeinen an nur behaglich auszustrecken haben. Wir könnten in
+dieser Beziehung von den Tieren lernen, welche ja auch mit rührendster
+Sorgfalt für die Ernährung und Erziehung ihrer Kleinen sorgen, aber
+dieselben von dem Augenblick an, wo sie im stande sind, sich durch eigne
+Anstrengung zu erhalten, sich selbst überlassen. So sollte es _mutatis
+mutandis_ auch bei den Menschen sein. In der That hat sich Verfasser
+während seines Aufenthaltes in Amerika erzählen lassen, dass dort,
+namentlich in der Stadt Newyork, sehr reiche Familien die
+Gewohnheit haben, einen grossen oder grössten Teil ihres Vermögens
+wissenschaftlichen, künstlerischen oder humanitären Anstalten zuzuwenden
+oder zur Gründung sog. Philantropien herzugeben und ihre Angehörigen auf
+diese Weise zur Arbeit zu zwingen, geleitet von dar Erfahrung, dass Söhne
+sehr reicher Familien in dem Bewusstsein dieses Reichtums sehr häufig in
+Faulheit und Liederlichkeit verderben. Aber im ganzen mögen dieses wohl
+nur rühmliche Ausnahmen sein. Denn Reichtum und Geld bergen leider eine
+dämonische Gewalt der Anziehung in sich, welche diejenigen, die einmal auf
+diesem Wege sind, nicht ruhen und die Begierde nach mehr in demselben
+Grade wachsen lässt, in welchem dieselbe befriedigt wird. Der Durst nach
+Geld und Besitz hat daher das Eigentümliche, dass er durch Befriedigung
+nicht gestillt, sondern nur stärker angeregt wird. Gleichzeitig übt diese
+Befriedigung bei der Mehrzahl der Menschen einen nachteiligen Einfluss auf
+den Charakter aus, macht geizig, hartherzig und egoistisch und gibt nur
+ausnahmsweise einzelnen Anlass, mit ihrem Reichtum aus eignem innerem
+Antrieb den schönen und edlen Seiten der menschlichen Natur Genüge zu
+thun.
+
+Alledem wird ein klug angelegtes Erbschaftssteuergesetz, welches das
+Erbschaftsamt ermächtigt, die Erbschaften im Namen des Staates mit
+Beschlag zu belegen und die Erbschaft, soweit es notwendig und zweckmässig
+ist, für die Kinder, im übrigen aber für den Staat zu verwalten, auf die
+wohltätigste Weise entgegenwirken. Es wird der übertriebenen Sparsamkeit,
+dem Geiz, der Habgier, dem nutzlosen Aufspeichern und der allzu grossen
+Anhäufung des Reichtums in den Händen einzelner einen gewissen Damm
+entgegensetzen, ohne dabei den Einzelnen desjenigen Antriebs zum Erwerb zu
+berauben, welcher in der ersten Sorge für die Nachkommenschaft und in der
+Liebe zur Arbeit ruht. Denn, wie Prof. =Hallier=[6] treffend bemerkt, »es
+kann kaum etwas Ehrloseres geben, als die Arbeit als eine Last zu
+betrachten und sie nicht um ihrer selbst willen hochzuschätzen. Wer gesund
+ist und bei guten körperlichen oder geistigen Kräften, für den ist die
+Arbeit der höchste Lebensgenuss. Und der Reiche sollte so ehrlos sein,
+sich auf die Faulbank zu legen, weil er weiss, dass der Mehrerwerb nicht
+zum Verderben seiner Kinder, sondern zum Wohl des Staates, zum Wohl seiner
+Mitbürger verwendet wird? Ist jemand mit Glücksgütern gesegnet, so hat er
+doppelt und dreifach die Pflicht, sich durch Arbeit dieser Güter wert zu
+zeigen. Der Müssiggänger ist ehrlos.«
+
+Im Anschluss an diese schönen Worte darf man die gegründete Hoffnung
+aussprechen, das Bewusstsein, dass er mit seiner Arbeit nicht bloss für
+sich und die Seinigen, sondern auch bis zu einem gewissen Grade für die
+Gesamtheit wirkt, werde erhebend und veredelnd auf den Einzelnen wirken
+und damit jenen Zustand vorbereiten helfen, wo das Glück des Einzelnen mit
+dem Glück der Gesamtheit zusammenfällt, und wo somit der Einzelne das, was
+er auf der einen Seite zu verlieren glaubt, auf der andern wieder mit
+Zinsen zurückerhält.
+
+Was meinen dritten und letzten Vorschlag betrifft, so geht derselbe, wie
+bereits gesagt, auf Umwandlung des Staates in eine grosse, allgemeine,
+solidarisch verbundene =Versicherungsgesellschaft= gegen Alter, Krankheit,
+Unfall, Invalidität, unverschuldete Not und Tod. Schon mit dieser einen
+Massregel würde der grösste Teil des sozialen Elends mit einem Schlage aus
+der Welt geschafft und die kostspielige, oft mehr Schaden als Nutzen
+bringende Armenpflege entbehrlich gemacht werden, Es würde keine Elenden
+und Verlassenen ohne eigne Schuld mehr geben, und das grosse Prinzip
+gesellschaftlicher Gegenseitigkeit würde zur Richtschnur nicht bloss für
+einzelne Kreise, sondern für die ganze menschliche Gesellschaft werden.
+Die Gesellschaft selbst mit ihren verschiedenen Gliederungen würde dabei
+keine Änderung erleiden, sondern gerade so fortbestehen, wie bisher, und
+jedem Einzelnen würde gegeben oder geholfen werden je nach seinen
+Verhältnissen oder Bedürfnissen, seiner Lebenslage, seiner sozialen
+Stellung und nach den Opfern, welche er durch seine Arbeit oder sein
+Vermögen zur Erhaltung des Staates bringt oder gebracht hat. Allerdings
+wird man entgegnen, dass diese Opfer dadurch nicht vermindert, sondern
+wesentlich erhöht werden müssten. Aber eine solche Rücksicht kann nicht in
+das Gewicht fallen gegenüber den enormen Vorteilen einer derartigen
+Einrichtung, auch würde die Last dadurch, dass sie auf den Schultern aller
+Staatsbürger ohne Ausnahme ruht, für den Einzelnen nicht allzuschwer
+werden. Man vergesse nicht, welche enormen Opfer jetzt schon von privater
+Seite für alle die verschiedenen Versicherungs- und Ersparniszwecke
+gebracht, und welche kaum mehr erschwingliche Lasten den Gemeinden durch
+die fortwährend steigenden Ausgaben für Armenpflege auferlegt werden. Auch
+übersehe man nicht den enormen moralischen Vorteil, welcher darin liegt,
+dass jeder in dem Bewusstsein lebt und arbeitet, dass er nicht jeden
+Augenblick unverschuldet ein Ausgestossener oder Verlassener der
+Gesellschaft werden, oder dass seine Hinterbliebenen nicht die Beute des
+Hungers und Elends werden können; man vergesse endlich nicht, dass die
+materiellen Opfer, welche der Staat fortwährend zur Abwehr der Verbrechen
+gegen Person und Eigentum aufzuwenden genötigt ist, um ein sehr
+Bedeutendes reduziert werden müssten. Wenn der Staat, wie dieses z. B, im
+Grossherzogtum Hessen geschieht, jeden einzelnen Gebäudebesitzer zwingt,
+an einer staatlichen Versicherung seines Besitzes gegen Feuersgefahr
+teilzunehmen, und auf diese Weise eine Solidarität aller hausbesitzenden
+Staatsbürger gegen Schädigung ihres Eigentums durch Feuer herstellt, warum
+soll er nicht das Recht haben, die gleiche Solidarität der Staatsbürger
+gegen die weit bedenklichere Schädigung durch Krankheit, Alter,
+Invalidität und Tod herzustellen? Und wie leicht und einfach würde eine
+solche Maschinerie zu lenken oder zu leiten sein im Vergleich mit den
+komplizierten und persönlich belästigenden Gesetzesbestimmungen des
+=Bismarck=schen Staatssozialismus, in dem sich kaum ein Rechtsgelehrter
+zurechtzufinden vermag.
+
+Immerhin ist es mit Freuden zu begrüssen, dass die Einführung dieses
+Staatssozialismus den schlagenden Beweis dafür geliefert hat, dass die
+Notwendigkeit einer meinem Vorschlag ähnlichen Massregel in offiziellen
+wie parlamentarischen Kreisen genügend anerkannt ist. Nur wird man dabei
+leider allzusehr an das bekannte Sprichwort erinnert: »Wasch mir den Pelz
+und mach mich nicht nass.« An sich recht verdienstlich, ist dieser
+Staatssozialismus doch nur ein schwacher Versuch auf dem Wege sozialer
+Reformen und ganz unfähig das soziale Elend als solches zu heben. Ja er
+kann insofern gefährlich werden, als er, weil er nicht halten kann, was er
+verspricht, zu schädlichen Täuschungen führt und damit radikaleren
+Reformen entgegenwirkt. Dasselbe gilt von den vielen
+Privatwohlthätigkeitsanstalten gegen Bettel, Trunksucht, Armut,
+Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot u. s. w., sowie von den Bestrebungen zur
+religiösen, sittlichen oder intellektuellen Hebung der unteren
+Volksklassen oder zur Hebung der landwirtschaftlichen Kleinbetriebe oder
+zur gemeinsamen Beschaffung von Produktions- und Konsumtionsmitteln auf
+dem Weg der Selbsthilfe, oder von den Versuchen, das alte Innungswesen
+wieder neu zu beleben oder durch Feststellung eines Normallohnes und einer
+Normalarbeitszeit die Lage der arbeitenden Klassen zu verbessern, und
+dergl. Alle diese Dinge sind, wie =Backhaus= (a. a. O.) richtig bemerkt,
+Scheinmittel, Schönheitspflästerchen, welche wohl hier und dort den
+Anblick der sozialen Not verbergen oder eine vorübergehende Linderung
+herbeiführen, aber in der Tiefe das Übel weiter wuchern lassen.
+
+Ebenso unzureichend wie der Staatssozialismus ist das private
+Versicherungswesen und dabei mit so vielen und grossen Nachteilen
+behaftet, dass daraus =Bismarcks= Plan zur Verstaatlichung des
+Lebensversicherungswesens hervorwuchs, ein Plan, welcher bekanntlich an
+dem Widerspruch der Parlamentarier und Manchester-Männer gescheitert ist.
+Übrigens ist mein Vorschlag wesentlich verschieden von jenem Plan, da nach
+demselben die Versicherung nicht freiwillig, sondern obligatorisch für
+jeden Staatsbürger sein soll, je nach dessen Stand, Vermögenslage oder
+Arbeitsverdienst. Sollten die Staatseinkünfte für den beabsichtigten Zweck
+nicht ausreichen (was bei Annahme meiner beiden ersten Vorschläge kaum
+denkbar wäre), so müsste der Versicherungsbeitrag als Steuer erhoben
+werden, so lange der Versicherte arbeitsfähig ist.
+
+Die Ausführung weiterer Einzelheiten würde auch hier wieder zu weit
+führen. Ich erlaube mir daher auf einen im zweiten Band meiner Schrift
+»Aus Natur und Wissenschaft« enthaltenen Aufsatz über die Übernahme des
+Lebensversicherungswesens durch den Staat zu verweisen.
+
+Dieses sind die Grundzüge der von mir in Vorschlag gebrachten
+=Sozialreform= im Gegensatz zu derjenigen der =Sozialdemokratie=, einer
+Reform, welche selbstverständlich nur auf =friedlichem= Wege durchgeführt
+werden soll und kann, und zwar nur durch Gewinnung einer grösseren Zahl
+einflussreicher Männer auf dem Wege allmähliger Überzeugung.
+
+Zwar versichert uns die Sozialdemokratie ebenfalls, dass sie nur auf
+friedlichem Wege ihr Ziel zu erreichen wünsche; aber dieses dürfte doch
+nur eine Klugheits-Versicherung sein. Schon das Wort »Demokratie« deutet
+auf Volksherrschaft und damit auf eine Umwälzung der politischen
+Verhältnisse, Ehe ich indessen auf nähere Darlegung des wichtigen
+Unterschiedes von =Sozialreform= und =Sozialdemokratie= eingehe, bedarf es
+vorher der Bemerkung, dass meine Vorschlage gar nichts mit Kommunismus zu
+thun haben. Ich beabsichtige weder eine Aufhebung des Privateigentums,
+noch eine Beschränkung der persönlichen Freiheit, sondern ganz im
+Gegenteil eine grössere Entfaltung oder Entwicklung der letzteren durch
+Entfernung der den Einzelnen hemmenden Schranken im Kampfe um das Dasein,
+sowie dadurch, dass im Notfall die Ergreifung der hilfreichen Hand des
+Staates jedem offen steht, letzteres nicht als ein Almosen, sondern als
+ein durch geleistete Arbeit erworbenes Recht. Wer unter solchen Umständen
+und bei freier Bahn für Entfaltung seiner Kräfte nichts leistet, der
+verdient sein Schicksal. Er geht nicht an den Umständen oder an der
+Ungerechtigkeit der Gesellschaft, sondern an sich selbst zu Grunde.
+
+Zwar ist der Kommunismus an sich durchaus nicht etwas so Schreckliches und
+Monströses, wie sich die meisten Menschen vorzustellen pflegen. Man kann
+sich, wie bereits bemerkt, sehr wohl einen Staat auf kommunistischer
+Grundlage vorstellen, in welchem alles Besitztum gemeinsam und die Arbeit
+ganz freiwillig sein würde -- vorausgesetzt, dass die durch lange Jahre
+und entsprechende Gesellschaftszustände grossgezogenen egoistischen Triebe
+und Neigungen der menschlichen Natur sich in altruistische umgewandelt
+hätten, was natürlich nur sehr langsam und allmählich geschehen könnte.
+Auch sind durchaus nicht alle bis jetzt bekannten kommunistischen Versuche
+misslungen, und da, wo sie misslungen sind, ist dieses oft weniger Folge
+innerer Unmöglichkeit, als vielmehr des Drucks äusserer ungünstiger
+Umstände inmitten einer auf ganz anderen Grundlagen aufgebauten
+Gesellschaftsordnung gewesen.[7] Besteht doch schon im jetzigen Staats-
+und Gemeindeleben eine nicht geringe Menge kommunistischer Einrichtungen,
+die sämtlich, wenn die einseitige und engherzige Manchester-Doktrin
+richtig wäre, mehr oder weniger ausgemerzt werden und der fast immer
+unzureichenden Privatthätigkeit überlassen bleiben müssten. Man denke nur
+an die Steuern und deren mannigfache Verwendung zu Zwecken des
+Gemeinwohls, an die Staatsschulden, an denen jeder Einzelne partizipiert,
+an die Militärpflicht, welche jeden Einzelnen nötigt, selbst Leben und
+Gesundheit im Interesse der Gemeinschaft aufzuopfern, an die sog.
+Expropriationsgesetze, an das vom Staat auf öffentliche Kosten, geleitete
+Unterrichtswesen und an den Schulzwang, an Eisenbahnen, Strassen und
+öffentliche Bauten, an Staatsposten und Staatstelegraphen, an das
+öffentliche Gesundheitswesen, an Gemeinde-Versorgung und Armenpflege, an
+staatliche Massregeln zur Hebung der Landwirtschaft, an die staatliche
+Beaufsichtigung von Fabriken, Bergwerken, Banken, Häuserbau u. s. w., an
+öffentliche Brunnen, Museen, Bibliotheken, Promenaden, Versorgungshäuser,
+Hospitäler u. s. w. Alle diese Dinge, jede Besteuerung der Bürger von
+Staats- und Gemeindewegen zu andern Zwecken, als Polizei, Rechtspflege und
+Militär, also für den Schutz des Individuums nach innen und aussen, sind
+mehr oder weniger sozialistische oder kommunistische Einrichtungen, welche
+der Manchester-Doktrin, die in dem Staat nur eine Polizei-Anstalt zur
+Sicherung von Person, Eigentum und öffentlicher Sicherheit erblickt, also
+denselben gewissermassen die Rolle eines bezahlten Schutzmannes spielen
+lässt, direkt zuwiderlaufen.
+
+Aber alles dieses hindert nicht, dass zur Zeit eine noch so starke und
+allgemeine Abneigung der Menschen gegen jede Art kommunistischer
+Staatsgestaltung besteht, dass jedes weitere Wort darüber als überflüssig
+erscheint. Es müssten erst, wie gesagt, lange Jahre des Altruismus und
+Kollektivismus vorausgegangen sein, um dieser Abneigung einigermassen Herr
+werden zu können.
+
+Einstweilen muss es genügen, wenn man im Stande sein wird, an der Hand der
+von mir gemachten Vorschläge eine grössere Ausgleichung zwischen Staats-
+und Privatbesitz oder zwischen den Interessen des Einzelnen und denen der
+Gesamtheit herbeizuführen. Es ist dasselbe Programm, welches der berühmte
+National-Ökonom =Schäffle= in seiner »Quintessenz des Sozialismus«
+aufgestellt hat, indem er diese Quintessenz in der =Ersetzung des
+Privatkapitals durch das Kollektiv-Kapital= findet. Auch stimmt es im
+wesentlichen mit dem erweiterten Programm, welches =Bebel= in seiner
+Schrift über »die Frau« für den Sozialstaat der Zukunft voraussetzt, wenn
+er verlangt, dass die Begriffe von Staat und Gesellschaft sich künftighin
+decken, und dass der heutige Gegensatz zwischen sozialer und politischer
+Organisation verschwinden solle.
+
+Die Wohlthätigkeit einer solchen Einrichtung oder einer Versöhnung
+zwischen Einzel- und Gesamt-Interessen kann nicht besser deutlich gemacht
+werden, als durch eine Vergleichung des staatlichen Organismus mit den
+Einrichtungen des tierischen oder menschlichen Organismus. Hier findet
+eine fortwährende Strömung der Lebenssäfte von der Peripherie nach dem
+Zentrum und umgekehrt von dem Zentrum nach der Peripherie statt. Je
+lebhafter und ungehinderter diese Strömung vor sich geht, um so besser ist
+der Stand der Gesundheit und des Wohlseins, während Stockungen dieses
+Säfteaustausches an einzelnen Stellen des Körpers Krankheit und Verderben
+herbeiführen.
+
+Ebenso verhält es sich im Staat und in der menschlichen Gesellschaft,
+welche sich um so wohler befindet, je lebhafter der Austausch und
+Ausgleich zwischen Privat- und Gesamtleistung ist. Die grossen
+Privatvermögen gleichen den Eiterbeulen oder Blutstockungen, welche, indem
+sie sich an einzelnen Stellen festsetzen, den beschriebenen Austausch
+stören und verderblich auf den Gesamt-Organismus zurückwirken. Durch die
+Wirkung meiner Vorschläge wird eine solche Störung ferner nicht mehr
+möglich sein. Denn sie bewirken ein fortwährendes Zurückströmen des
+Privatbesitzes in den Besitz der Gesamtheit und von da wieder eine
+Verteilung nach der Peripherie oder unter die Einzelnen. Die grosse
+Staatskasse muss gewissermassen das Herz des staatlichen Organismus
+bilden, welches einerseits seinen befruchtenden und ernährenden Inhalt
+durch zahllose Kanäle in die Organe und Gewebe des staatlichen Körpers
+treibt und denselben andrerseits aus ebensovielen Kanälen und Adern wieder
+an sich saugt. Ohne das verhasste kommunistische »Teilen« wird
+gewissermassen in jedem einzelnen Augenblick »geteilt« und ein Zustand
+hergestellt, in welchem das schöne, bereits öfter zitierte Wort »einer für
+alle und alle für einen« zur Wahrheit wird.
+
+»Der Heimfall aller Güter an den Staat nach dem Tode ihrer Erwerber«, sagt
+M. =Nordau= (a. a. O.) »schafft ein nahezu unerschöpfliches gemeinsames
+Vermögen, =ohne den individuellen Besitz aufzuheben=. Jedes Individuum hat
+dann ein Eigen- und ein Gesamt-Vermögen, wie es einen Tauf- und einen
+Familien-Namen hat.... Indem das Individuum für sich arbeitet, arbeitet es
+zugleich für die Gesamtheit, welcher eines Tages der ganze Überschuss
+seines Erwerbs über den Verbrauch zu gute kommen wird. Das Gesamtvermögen
+bildet das ungeheure Sammelbecken, welches aus dem Überfluss der einen dem
+Mangel der andern abhilft und nach jedem Menschenalter die immer wieder
+entstehenden Ungleichheiten in der Güterverteilung ausgleicht, welche
+Ungleichheiten die Vererbung im Gegenteil fixiert und mit jeder Generation
+schroffer macht.«
+
+Ganz verschieden von diesem, auf friedlichem Wege durchzuführenden
+Programm der =Sozialreform= ist dasjenige der =Sozialdemokratie=, welche,
+wenigstens in Deutschland, zur Zeit an der Spitze der ganzen
+sozialistischen Bewegung steht und die offen ausgesprochene Hoffnung
+nährt, Staat und Gesellschaft mit der Zeit in ihrem Sinne umwandeln zu
+können, Diese Hoffnung ist eine trügerische und wird es auch wohl bleiben.
+Der Hauptvorwurf, den man der Sozialdemokratie machen kann und machen
+muss, ist der, dass sie den Begriff der Sozialreform und der sozialen
+Frage überhaupt viel zu enge fasst. Denn sie macht aus der grossen
+Gesellschaftsfrage, welche die ganze Menschheit zu umfassen hat, eine eng
+begrenzte =Arbeiterfrage=, welche obendrein, wenn man die Sache bei Licht
+betrachtet, nur eine bestimmte Klasse von Arbeitern umfasst. Die
+allgemeinen Menschheitsrechte und Menschheitsinteressen schliessen
+selbstverständlich auch die Rechte und Interessen der Arbeiter ein,
+während nicht das Umgekehrte der Fall ist und die Rechte und Interessen
+der Arbeiter (im engeren Sinne) nicht die allgemeinen Menschheitsrechte
+einschliessen. Auch die Hoffnung der Sozialdemokraten, dass sie, zunächst
+und aus praktischen Gründen von den Interessen und Rechten der
+handarbeitenden Klassen ausgehend und auf dieselben gestutzt, mit der Zeit
+dahin kommen werden, auch die allgemeinen Menschheits-Interessen in
+Angriff zu nehmen oder die grosse soziale Frage zu lösen, dürfte, wie noch
+näher gezeigt werden wird, eine sehr illusorische sein.
+
+Der eigentliche Vater der heutigen Sozialdemokratie ist =Ferdinand
+Lassalle=, welcher durch sein Auftreten im Beginn der sechziger Jahre die
+damals fast überall sich bildenden Arbeiterbildungsvereine und die nach
+=Schulze=-Delitzsch'schem Muster errichteten Konsum-, Rohstoff- und
+Vorschuss-Vereine mit einem Schlage zu Fall und durch seine Versprechungen
+künftiger Seligkeiten die Masse der Arbeiter auf seine Seite brachte. Auch
+wird er neben =Karl Marx=, welcher als der geistige Vater der ganzen
+Bewegung anzusehen ist, immer noch von der Masse der Sozialdemokraten als
+eine Art Apostel oder Heiliger verehrt, obgleich seine Theorien längst als
+falsch erkannt und selbst von der heutigen Schule der Sozialdemokratie
+mehr oder weniger verlassen sind. Insbesondere hat sich seine grosse
+Hoffnung auf das allgemeine Stimmrecht, vermittelst dessen, wenn einmal
+eingeführt, er alle seine Pläne zu erreichen hoffte, als durchaus
+illusorisch erwiesen. Wir sind in Deutschland bereits seit über zwanzig
+Jahren im Besitze des allgemeinen Stimmrechts oder des allgemeinen,
+gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für die Wahlen zur obersten
+Vertretung des deutschen Volkes oder des Reichstags. Und was ist während
+dieser langen Zeit mit Hilfe einer bis dahin unerhörten Agitation von den
+sozialdemokratischen Führern erreicht worden? Dass ein verhältnismässig
+kleines Häuflein ihrer Anhänger, welches allerdings durch Rührigkeit und
+Talent die schwache Zahl einigermassen wett macht, Sitz und Stimme im
+deutschen Reichstag erlangt hat, während sich z. B. der Einfluss der
+=katholischen= Wahlleitung mehr als dreimal so stark erwiesen hat.
+Allerdings hat sich die sozialdemokratische Partei neuerdings mit aller
+Macht auf den Versuch geworfen, ihre Agitation auf das Land zu Übertragen
+und die grosse Masse der ländlichen Bevölkerung, welche ja bei allgemeinen
+Wahlen in der Regel den Ausschlag giebt, für sich zu gewinnen. Aber man
+kann fast mit Bestimmtheit voraussagen, dass dieser Versuch bei dem
+überwiegend konservativen Sinn der Landbevölkerung und deren politischer
+Apathie scheitern wird. Sollte dieses aber nicht der Fall sein und sollte
+der von den Sozialdemokraten gehoffte Erfolg wirklich früher oder später
+eintreten oder auch nur in Aussicht stehen, so würden die besitzenden und
+im Besitze der Gewalt befindlichen Klassen der Gesellschaft langst dafür
+gesorgt haben, dass eine solche Umänderung oder Einschränkung des
+allgemeinen Wahlrechts, die ein derartiges Resultat unmöglich machen
+würde, eingetreten wäre. Es ist ein sehr naiver Glaube der
+Sozialdemokraten, dass sich die herrschenden Klassen der Gesellschaft an
+der Hand des allgemeinen Stimmrechts einfach den Hals würden zudrehen
+lassen; denn niemand lässt sich gutwillig abschlachten. Daher die
+Durchführung des sozialdemokratischen Programms schliesslich nur durch
+=Gewalt= möglich sein würde. Aber selbst in diesem Falle würde eine solche
+Herrschaft unmöglich von langer Dauer sein, da eine Beherrschung der
+Bildung durch die Unbildung ein Unding und nur zeitweise möglich ist.
+Schon der griechische Philosoph =Xenophanes= hat den beherzigenswerten
+Ausspruch gethan: »Besser als die Stärke von Männern und Rossen ist die
+Einsicht.«
+
+Dazu kommt, dass eine Organisation der gesamten Arbeit von Staatswegen,
+wie sie die Sozialdemokratie anstrebt, eine reine Utopie ist und immer
+eine solche bleiben wird. Die menschliche Arbeit in ihrer Gesamtheit ist
+ein viel zu kompliziertes und mannigfaltiges, durch das Verhältnis von
+Angebot und Nachfrage beherrschtes Räderwerk, als dass sich dasselbe auf
+büreaukratische Weise beherrschen oder regeln liesse. Wollte man eine
+solche Beherrschung dennoch durchführen, so würde und müsste daraus eine
+unerträgliche Büreaukratie und Tyrannei und eine Beschränkung der
+persönlichen Freiheit resultieren, welche zehnmal schlimmer wäre, als die
+gegenwärtige Beschränkung durch den monarchisch-büreaukratischen Staat,
+Der grosse amerikanische Bodenbesitz-Reformator =Henry George=, dem gewiss
+niemand eine tiefe Einsicht in nationalökonomische Verhältnisse abstreiten
+wird, nimmt keinen Anstand, eine solche Organisation der Arbeit von oben
+herab geradezu als »egyptische Despotie« zu bezeichnen.
+
+In gleicher Weise nennt der entschiedene Sozialist =Th. Hertzka=[8] die
+»Tyrannei einer solchen Arbeitsordnung unerträglich« und Freiheit und
+Gerechtigkeit unvereinbar mit dem »unerhörtesten Zwange, der jemals geübt
+worden ist.« Dazu wäre die in solcher Weise geübte soziale Gerechtigkeit
+der »Tod alles Fortschritts und aller Zivilisation, In einer Gesellschaft,
+in der alles arbeiten muss, um nur auskömmlich satt zu werden, könnte es
+keine Wissenschaften, keine Künste, keine Freiheit und kein Glück geben.«
+
+Wer kennt nicht =Eugen Richters= sozialdemokratische Zukunftsbilder? Es
+mag darin manches verzeichnet oder falsch aufgefasst oder übertrieben
+sein; aber im grossen und ganzen ist doch der unerträgliche Zustand, der
+die Folge einer solchen büreaukratischen Beherrschung der Arbeit sein
+müsste, richtig und wirkungsvoll gekennzeichnet. Die Sozialdemokraten
+werden zwar das alles nicht Wort haben wollen; aber solange sie sich nicht
+deutlicher als bisher über die Art und Weise erklären, wie sie sich ihren
+Zukunftsstaat vorstellen, müssen sie sich derartige Imputationen schon
+gefallen lassen.
+
+Eine ebensolche Unmöglichkeit, wie die Organisation der gesamten Arbeit,
+ist die Erzielung des vollen Arbeitsertrages für den einzelnen
+Lohn-Arbeiter, wie sie die Sozialdemokratie verlangt. Es ist dies eine
+geradezu unbegreifliche Forderung. Wo bliebe unter solchen Umständen die
+Belohnung der (geistigen oder körperlichen) Arbeit des Unternehmers, des
+Fabrikherrn, des Geschäftsgründers? Wo das Risiko? Wo die Geschäftskrisen?
+Wo die Verzinsung des Kapitals? Wo die Belohnung jenes erfinderischen oder
+organisatorischen Genies, welches unter Umständen die alleinige Seele des
+ganzen Geschäfts ist? Soll z. B. der Ausläufer oder »Druckerteufel« einer
+Zeitung oder eines litterarischen Unternehmens, welches der Thätigkeit
+eines talentierten Schriftstellers und eines unternehmenden Verlegers
+seine Entstehung und seine Prosperität verdankt, gleichen Anteil an dem
+Ertrag des Geschäftes haben, wie der Gründer und Leiter desselben? Soll
+der taglöhnende Maurer, welcher bei dem Bau eines Hauses keine andre
+Aufgabe hat, als einen Stein auf den ändern zu setzen, denselben Anteil an
+dem Ertrag des fertigen Hauses haben, wie der Baumeister und Kapitalist,
+welcher die dazu nötigen Mittel geliefert bat? Wer würde im Angesicht
+einer solchen Nötigung überhaupt noch Geschäfte machen oder Fabriken
+gründen wollen, bei denen er der Hilfe von Lohnarbeitern bedarf? Und
+welcher Kapitalist würde so einfältig sein, sein Geld für solche
+Unternehmungen herzuleihen, bei denen er nicht mehr verdient, als der
+einzelne Lohnarbeiter? Alle von Seiten der Sozialdemokratie auf die
+kapitalistische Produktionsweise und auf das sog. Lohnsystem gehäuften
+Vorwürfe passen in der Regel nur auf ganz grosse industrielle
+Unternehmungen und auf solche Geschäfte, bei denen es sich =nur= um
+arbeitende Hände und um Kapital handelt, während überall dort, wo ein
+Geschäft oder eine Fabrik durch die schöpferische Thätigkeit eines
+Einzelnen bestellt, der Mehrgewinn oder die fälschlicherweise sog.
+»Kapitalprämie« des Unternehmers oder Organisators sehr wohl verdient ist.
+
+»Der schier unbegreifliche Irrtum aller bisherigen sozialen Schulen«, sagt
+=Hertzka= (a. a. O.), »liegt darin, dass sie, um das Anrecht des
+Arbeitenden auf den vollen Ertrag zu verteidigen, den Nachweis liefern zu
+müssen glaubten, dass Arbeit allein produktiv sei, Unternehmerschaft,
+Boden und Kapital aber nicht. Dies könnte nur dadurch geändert werden,
+dass der Arbeitende sein eigener Unternehmer, Grundbesitzer und Kapitalist
+wird u. s. w.«
+
+Allerdings wollen die Sozialdemokraten für den einzelnen Unternehmer den
+Staat, welcher alle Produktionsmittel liefern soll, substituieren. Aber
+sie vergessen, dass der Staat dabei ganz denselben Nachteilen unterliegt
+oder dieselben Gefahren läuft, wie der Privat-Unternehmer. Der Staat ist
+ja kein Zauberer, welcher nur die Wünschelrute zu bewegen braucht, um
+Schätze aus den Tiefen der Erde hervorzuzaubern, oder der das christliche
+Wunder mit den Broten und Fischen wiederholen könnte, sondern er ist nur
+die Gemeinschaft aller Bürger; und was er dem einen giebt, muss er aus der
+Tasche des andern nehmen. Nur ein Staat, welcher durch Bodenrente und
+Erbschaftsbeschränkung ungewöhnlich grosse Geldmittel in die Hand bekäme,
+könnte möglicherweise so weitgehenden Anforderungen gerecht werden. Dazu
+kommt, dass der volle Arbeitsertrag, wie ihn die Sozialdemokraten
+verlangen, nicht einmal als ein besonders grosses Glück für den einzelnen
+Lohnarbeiter angesehen werden könnte. Wenn eine Fabrik, welche einige
+hundert Menschen beschäftigt, ihrem Besitzer oder Gründer einen noch so
+grossen Reingewinn abwirft, so würde dieser Reingewinn, welcher allerdings
+in der Hand des Einzelnen sehr gross erscheint, wenn er gleichmässig unter
+alle Arbeiter verteilt würde, die Glücksumstände des einzelnen Arbeiters
+nur sehr wenig zu verbessern im Stande sein.
+
+Die Sozialdemokraten wissen so vieles und manches von den nachteiligen
+Wirkungen des Klassenstaates und der Klassenherrschaft zu berichten; aber
+sie selbst streben eine Klassenherrschaft weitgehendster Art an, indem sie
+den industriellen und Fabrikarbeiter zu einer bevorzugten
+Gesellschaftsklasse erheben, der alle Kräfte des Staates mehr oder weniger
+dienstbar gemacht werden sollen -- wobei sie überdies ganz vergessen, dass
+ihre Vorschläge immer nur einem verhältnismässig kleineren Teil der
+arbeitenden Bevölkerung zugute kommen, und dass ein sehr grosser Teil
+übrig bleibt, welchem durch Beschaffung der sog. Produktionsmittel von
+Staatswegen überhaupt nicht zu helfen ist, da sie solcher
+Produktionsmittel gar nicht bedürfen. Man denke z. B. nur an die sehr
+grosse Klasse der =Dienstboten= und an so viele andre Zweige menschlicher
+Thätigkeit, welche sich in jene Schablone nicht einfügen lassen! Überdies
+passt jene Schablone, wie bereits gesagt, nur für solche
+Fabrikationszweige, welche bereits fix und fertig dastehen und nichts
+weiter als Kapital und arbeitender Hände bedürfen, während ihre Anwendung
+bei neuen oder in der Entwicklung begriffenen Fabrikationszweigen
+mindestens ihre grossen Gefahren oder Unzuträglichkeiten haben müsste.
+
+Wie mit dem Wort »Arbeiter«, so wird auch mit dem. Wort »Proletarier« von
+der Sozialdemokratie schreiender Missbrauch getrieben. »Ist es nicht
+wahrhaft tragikomisch«, fragt =Backhaus= (a. a. O.) »das Proletariat zur
+herrschenden Klasse machen zu wollen? Zu einer =Klasse=, obgleich das
+Klassenwesen die Sozialisten und Kommunisten mit grimmigem Hass erfüllt?
+Und nun gar zur =herrschenden= Klasse, obgleich sie die Herrschaft keiner
+Klasse dulden wollen? Ist es nicht ein unlösbarer Widerspruch, die
+höchste politische Macht im Proletariat konzentrieren und alle
+Produktionsinstrumente in seinen Händen vereinigen zu wollen? Als ob die
+vielen andern Elemente der bürgerlichen Gesellschaft, welche nicht zum
+Proletariat, auch nicht zum Proletariat als herrschender Klasse gehören,
+einfach nicht da wären oder, wenn als daseiend betrachtet, als willenlos,
+gefühllos, kopflos, als lebendig tot angesehen werden könnten....
+Jedenfalls könnte das Proletariat als solches diese ihm zugedachte Rolle
+nicht durchführen, ohne seiner Eigenschaft als Proletariat verlustig zu
+gehen. Denn es könnte doch nur der Ausdruck des Lächerlichen in seiner
+höchsten Potenz sein, die Beherrscher der Gesellschaft als »Proletariat«
+zu bezeichnen, d. h. als die arme, kümmerlich von der Hand in den Mund
+lebende Arbeiterbevölkerung, welche dem Staate nicht mit Geld, sondern nur
+mit ihren Kindern dienen kann u. s. w.«
+
+Nein -- der =wahre= Sozialismus will im Gegensatz zu diesem falschen
+Sozialismus keine Herrschaft einzelner Gesellschaftsklassen oder keine
+Bevorzugung einzelner Berufskreise, sondern eine Befreiung der =ganzen=
+Gesellschaft (mit Einschlug auch der =geistigen= Arbeiter, welche oft noch
+weit schlimmer daran sind, wie die körperlichen Arbeiter) durch eine
+grössere Ausgleichung des Besitzes und der Mittel, mit denen jeder
+Einzelne seinen Kampf um das Dasein kämpfen muss. Im Grunde sind wir ja
+alle Arbeiter oder sollten es wenigstens sein, mit Ausnahme der
+verhältnismässig wenigen, welche von dem aufgespeicherten, Fett ihrer
+Vorfahren leben. Wer nicht arbeitet, soll oder sollte auch nicht essen.
+Aber dabei soll der einzelne keine Arbeitsmaschine sein, wie im
+sozialdemokratischen Staat, sondern seine volle persönliche Freiheit und
+Selbständigkeit geniessen. Denn nur dadurch, dass an die Seite der
+=politischen= Freiheit auch die =wirtschaftliche= Befreiung gesetzt wird,
+kann die Lösung des sozialen Problems gefunden werden. »=Sozialdemokratie=
+dagegen bedeutet, wie schon der Name besagt, bloss eine Änderung der
+Person des auf sozialem Gebiete Herrschenden; statt der vielen kleinen
+Herren soll es einen einzigen geben, das ganze Volk. Gewiss, dieser
+alleinige Herrscher würde den kleinen Tyrannen gegenüber den gewaltigen
+Vorzug haben, dass er sich das Wohl aller zum Zwecke setzte, während diese
+nur auf ihr eigenes Wohl bedacht sind. Aber die Freiheit ist selbst dem
+wohlwollendsten Herrscher vorzuziehen u. s. w.« (Hertzka.)
+
+Wenn man alles das bedenkt, so muss man unwillkürlich auf die Vermutung
+kommen, dass die ganze sozialdemokratische Bewegung von den Führern mehr
+als Mittel zum Zweck, denn als wirkliche Zukunftspolitik betrachtet wird.
+Dieselben sind viel zu gescheit oder einsichtig, um nicht den riesigen
+Unterschied zwischen friedlicher Sozialreform und gewaltsamer
+Sozialdemokratie zu begreifen. Aber sie sind einmal auf dem von
+=Marx-Lassalle= angebahnten Wege zu weit vorwärts gegangen, um zurück zu
+können, und betrachten die von ihnen beherrschten oder geleiteten
+Arbeitermassen gewissermassen als Handhabe für eine spätere Verwirklichung
+ihrer Zukunftspläne. In Bezug auf diese im Dunkel der Verborgenheit
+schwebenden Zukunftspläne hapert es denn freilich sehr, gewaltig. Man hat
+schon sehr häufig an die Führer der deutschen Sozialdemokratie das
+Verlangen gestellt, dass sie sich des Näheren über die Art und Weise
+auslassen möchten, in welcher sie sich die Gestaltung ihres
+sozialdemokratischen Zukunftsstaates vorstellten. Gewiss ist ein solches
+Verlangen sehr berechtigt, denn niemand wird so thöricht sein, sich ohne
+den dringendsten Anlass in eine Ungewisse Zukunft zu stürzen, wenn er
+nicht weiss, dass ihm diese Zukunft Besseres bringen wird als die
+Gegenwart. Wer die heutige Gesellschaftsordnung von Grund aus umgestalten
+will, hat doch vor allem andern die Verpflichtung, sich ein genaueres Bild
+von derjenigen Ordnung zu machen, welche an die Stelle jener gesetzt
+werden soll. Mit allgemeinen Versprechungen ist da nicht geholfen, Wenn
+die Arbeitermassen dennoch diesen allgemeinen Versprechungen vertrauen und
+denen folgen, welche sie ihnen machen, so erklärt sich dieses mit
+Leichtigkeit daraus, dass sie von dem an sich sehr berechtigten Gefühl der
+Unzulänglichkeit ihrer Lebenslage durchdrungen und bereit sind, jedem zu
+folgen, der ihnen Besserung dieser Lage verspricht, ohne sich viel
+Kopfzerbrechens über die Art und Weise dieser Besserung und die
+Möglichkeit oder Unmöglichkeit ihrer Ausführung zu machen. Da sie nicht
+viel zu verlieren haben, so ist ihnen jede Änderung willkommen, bei
+welcher möglicherweise ein Gewinn in Aussicht steht. Anders ist es dort,
+wo die Aufgabe einer ernsten Prüfung solcher Zukunftspläne gebieterisch an
+den Denker und Menschenfreund herantritt. =Aber welche Antwort erhält
+derselbe auf seine ==Frage nach der sozialdemokratischen Zukunft?= Dass
+man diese Zukunft nicht voraussehen und heute noch nicht sagen könne, wie
+sich die Dinge später gestalten würden. Zunächst käme es nur darauf an,
+den alten Klassenstaat einzureissen, das übrige werde sich dann schon von
+selbst machen. Man könne die Entwicklung der gesellschaftlichen Dinge in
+der Zukunft ebensowenig voraussagen, wie man die Entwicklung der
+Geschichte voraussagen könne; noch weniger könne man ihr jetzt schon
+Gesetze vorschreiben; eines werde sich schon ganz von selbst aus dem
+andern entwickeln.
+
+Eine solche Antwort ist freilich sehr bequem, aber in keiner Weise
+genügend, und kein verständiger oder aufrichtiger Sozialist kann sich
+damit zufrieden geben. Man schüttet ein trübes Glas Wasser nicht aus,
+bevor man ein reines vor sich stehen hat, und jedenfalls ist der jetzige
+Zustand mit allen seinen Mängeln besser, als die Aussicht auf ein dunkles,
+sozialdemokratisches Chaos, von dem niemand sagen kann, ob sich daraus
+Gutes oder Schlechtes für die Menschheit entwickeln wird.
+
+Unter solchen Umständen bleibt behufs Beurteilung des sozialdemokratischen
+Programms nichts übrig, als sich an dasjenige zu halten, was darüber
+offiziell bekannt geworden ist. Eine solche Veröffentlichung liegt vor in
+dem auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Erfurt (14.-21. Oktober
+1891) beratenen und beschlossenen Programm der Partei. Wenn man nun dieses
+Programm unbefangen prüft, so findet man sehr bald Grund zu erstaunen
+teils über die verhältnismässige Bescheidenheit der darin aufgestellten
+Forderungen, teils über das Nichtssagende, Überflüssige oder sich selbst
+Widersprechende einzelner derselben. Auch ist das Programm im Grunde noch
+ganz nach Marx-Lassalleschen Grundsätzen gemodelt, obgleich man diese
+Grundsätze längst als nicht mehr haltbar oder bestimmend erklärt hat.
+
+Was dabei zunächst die in der Einleitung verlangte »Verwandlung des
+kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln (Grund und Boden,
+Gruben und Bergwerke, Rohstoffe, Werkzeuge, Maschinen, Verkehrsmittel) in
+gesellschaftliches Eigentum und die Umwandlung der Warenproduktion in
+sozialistische, für und durch die Gesellschaft betriebene Produktion«
+betrifft, so kann eine solche allgemein hingestellte Forderung ohne
+näheres Eingehen in die Einzelheiten einer so durchgreifenden Massregel
+kaum mehr als den Wert einer Phrase beanspruchen, -- abgesehen davon, dass
+die darin liegende Organisation der gesamten Arbeit von Staatswegen, wie
+bereits nachgewiesen wurde, als eine Utopie oder Unmöglichkeit betrachtet
+werden muss.
+
+Gehen wir zu den einzelnen Programmpunkten über, so sind dieselben
+eigentlich weit mehr politischer, als sozialistischer Natur und
+übereinstimmend mit den Forderungen der politischen Demokratie. An erster
+Stelle figuriert die schon von =Lassalle= so scharf betonte Forderung des
+=allgemeinen Stimm- oder Wahlrechts= -- eine Forderung, welche ja an
+solcher Stelle deswegen als überflüssig erscheint, weil sie einmal zum
+Teil bereits erreicht ist, und weil sie zweitens mit einer der
+bekanntesten und am wenigsten bestrittenen Forderungen der politischen
+Demokratie zusammenfällt. Auch muss hier nochmals an die bereits
+hervorgehobene Unzuverlässigkeit dieses Rechtes, sowie daran erinnert
+werden, dass dasselbe ein zweischneidiges Schwert ist, welches bei seiner
+unbehinderten Anwendung ebensowohl =gegen= als =für= die Sozialdemokratie
+entscheiden könnte. So lange die jetzige politische, soziale und religiöse
+Abhängigkeit der Wählermassen besteht, kann das allgemeine Stimmrecht
+nicht einmal als der wirkliche Ausdruck des Volkswillens betrachtet
+werden, ganz abgesehen davon, dass dieser allgemeine Volkswille durchaus
+nicht immer das Richtige trifft, sondern sich mitunter in den grössten
+Gegensätzen bewegt. Braucht man doch zum schlagenden Beweise dessen nur an
+das bekannte Plebiszit des dritten Napoleon zu erinnern, welcher
+nichtsdestoweniger wenige Jahre später, nachdem er den allgemeinen Hass
+der Nation auf sich geladen hatte, mit Schimpf und Schande davon gejagt
+wurde. Oder an die Proklamierung der Volkssouveränität in Frankreich im
+Jahre 1789, welche während eines ganzen Jahrhunderts nur fortwährend auf-
+und abwogende politische Kämpfe zwischen den verschiedensten Meinungen und
+Regierungsformen ohne positives Resultat zur Folge gehabt hat! Wenn der
+Arbeiter nach der Weisung seines Arbeitgebers, der Beamte nach derjenigen
+seiner Regierung, der katholische Wähler blindlings nach dem Kommando
+seiner Priester oder Kapläne stimmt, oder wenn der Bauer demjenigen
+zujubelt, der ihn durch Anwendung oratorischer oder materieller Mittel für
+sich zu gewinnen versteht, wenn endlich das Interesse des Volkes oder der
+Wähler selbst an der Wahl ein so geringes ist, dass es nur durch
+künstliche Aufstachelung erregt werden kann, so wird man zugestehen
+müssen, dass das Resultat einer solchen Wahl oft sehr wenig nach Vernunft
+und Gerechtigkeit schmecken wird. Die grosse Masse mit ihrer Unbildung
+oder Unwissenheit, ihrer Denkfaulheit, ihrer Unselbständigkeit und
+materiellen Abhängigkeit, ihrer Unterwürfigkeit unter Herkommen und
+Gewohnheit oder mit ihrer ganzen grobmaterialistischen Weise, zu
+denken und zu fühlen, ist das grosse Hemmnis an der Uhr der
+Menschheitsentwicklung, welche diese Entwicklung zurückhält und oft die
+riesigsten Anstrengungen einer aufgeklärten und für das Wohl der
+Menschheit begeisterten Minderheit mehr oder weniger vereitelt.
+
+Das unbegrenzte Vertrauen der Sozialdemokratie in das allgemeine
+Stimmrecht für Verwirklichung ihrer Zukunftspläne dürfte daher zum
+mindesten als sehr zweifelhaft bezeichnet werden. Wäre dieses aber auch
+nicht der Fall, und sollte es gelingen, die Arbeitermassen so unter den
+Ruf ihrer Führer zu zwingen, dass diese auf dem Wege des allgemeinen
+Stimmrechts die politische Macht in ihre Hände zu bekommen Aussicht
+hätten, so würde man, wie bereits bemerkt, seitens der herrschenden
+Klassen längst einer solchen Eventualität durch geeignete Massregeln
+vorgebeugt oder aber sich auf einen ernsten Konflikt vorbereitet haben.
+Also bliebe auch hier wieder nur der Weg gewaltsamer Einwirkung oder der
+Revolution, deren Ausgang mindestens sehr zweifelhaft sein und welche
+vielleicht oder wahrscheinlich das Gegenteil des von der Sozialdemokratie
+Gewollten zur Folge haben würde.
+
+Die zweite der aufgestellten Forderungen verlangt =direkte Gesetzgebung
+durch das Volk=, wobei es aber gänzlich unklar gelassen wird, wie man sich
+eine solche Einrichtung des näheren vorstellt Vielleicht hat man an die
+Schweiz gedacht, wo die Annahme oder Verwerfung wichtiger Gesetzesentwürfe
+durch direkte Volksabstimmung entschieden wird. Was aber in der kleinen
+Schweiz möglich ist, ist es nicht in grossen Staaten, wo eine solche
+Volksabstimmung die grössten Unzuträglichkeiten haben müsste. Auch darf
+man nicht vergessen, dass diese Abstimmungen infolge der Dummheit und
+Unbildung der grossen Massen oft in sehr reaktionärem Sinne ausfallen und
+die wohlthätigsten Reformen vereiteln. In streng katholischen Ländern oder
+Gegenden wären davon die schwersten Gefahren für Geistes- und
+Gewissensfreiheit, welche hohen Güter doch auf der Fahne der
+Sozialdemokratie stehen, sicher zu erwarten.
+
+Der dritte Punkt verlangt =Volkswehr an Stelle der stehenden Heere=. So
+berechtigt eine solche Forderung an und für sich ist, so thöricht ist sie
+doch unter der Konstellation der augenblicklichen politischen,
+Verhältnisse. Für das zwischen zwei grossen, zum Angriff bereiten
+Militärmächten eingekeilte Deutschland würde die Erfüllung einer solchen
+Forderung der reine politische Selbstmord sein, abgesehen davon, dass die
+Vornahme einer so tiefgreifenden Umänderung uns für kürzere oder längere
+Zeit in einen Zustand militärischer Schwäche oder Unfähigkeit versetzen
+müsste, der uns zur willkommenen Beute unsrer raubgierigen Nachbarn machen
+würde.
+
+Was die diesem Programmpunkt angehängte Forderung der Schlichtung =aller
+internationalen Streitigkeiten auf schiedsgerichtlichem Wege betrifft=, so
+ist diese Forderung diejenige aller aufrichtigen Friedensfreunde, aber für
+die Gegenwart leider wie so viele andre sozialdemokratische Wünsche
+»verlorene Liebesmüh.«
+
+Der vierte Punkt verlangt mit Recht die Beseitigung aller
+polizeilichen Einschränkungen der =freien Meinungsäusserung= und des
+=Versammlungsrechtes=. In einem freien oder Volksstaat dürfte sich das so
+sehr von selbst verstehen, dass dessen Erwähnung in dem Programm als ganz
+überflüssig erscheint.
+
+Der fünfte Punkt verlangt =politische und soziale Gleichstellung der
+Frau mit dem Manne=, -- eine Forderung, mit welcher auch
+nicht-sozialdemokratische Gelehrte und Schriftsteller vielfach
+übereinstimmen, welche also nicht als charakteristisch für das
+sozialdemokratische Programm angesehen werden kann.
+
+Dasselbe gilt von dem sechsten Punkt, welcher die so oft von allen
+vorgeschrittenen politischen Parteien verlangte und in Amerika längst
+durchgeführte =Trennung des Staates von der Kirche= verlangt.
+
+Nicht minder aber auch von dem siebenten Punkt, welcher Weltlichkeit der
+Schule und den bereits vielfach eingeführten obligatorischen,
+unentgeltlichen =Volksunterricht= fordert.
+
+Der achte Punkt verlangt abermals Dinge, die längst als Forderungen
+liberaler Gesetzgebung anerkannt sind, wie Unentgeltlichkeit der
+=Rechtspflege=, Berufungsrecht, Entschädigung unschuldig Verurteilter,
+Abschaffung der Todesstrafe, Dabei findet sich aber auch die Forderung der
+=Rechtsprechung durch vom Volk gewählte Richter=. Das Beispiel Amerikas,
+wo diese Einrichtung Korruption und Bestechlichkeit grossgezogen hat,
+hätte die Verfasser des Programms von der Einfügung dieses Punktes
+abhalten sollen.
+
+=Die Unentgeltlichkeit des ärztlichen Beistandes= (mit Einschluss der
+Totenbestattung), welche der neunte Punkt verlangt, mag ihre Vorteile
+haben, hat aber andrerseits auch ihre grossen Nachteile. Übrigens ist
+durch Einrichtung des Krankenkassenwesens dieser Forderung wenigstens bis
+zu einem gewissen Grade bereits Genüge gethan.
+
+Der zehnte Punkt bezieht sich auf die wichtige Frage der =Besteuerung=,
+über deren Einzelheiten bekanntlich die auseinandergehendsten Meinungen
+bestehen. Im allgemeinen decken sich die sozialdemokratischen Forderungen
+in diesem Punkt so ziemlich mit denjenigen aller Fortschrittsfreunde.
+
+An diese zehn Punkte schliesst sich eine Reihe von Forderungen an, welche
+speziell »=zum Schutze der Arbeiterklasse=« aufgestellt sind. Dabei muss
+denn vor allem wieder der Ausdruck »Arbeiterklasse« Wunder nehmen, da
+doch, wie bereits bemerkt, der erbittertste Kampf der Sozialdemokratie
+gegen alle Klassengegensätze und gegen den sogenannten »Klassenstaat«
+gerichtet ist. Wie lässt sich damit die Aufstellung einer besondern, von
+der übrigen Gesellschaft abgesonderten »Arbeiterklasse« vereinigen, unter
+welcher, wenn man der Sache auf den Grund geht, doch nur die besitzlosen
+Handarbeiter verstanden sein können? Warum sollen diese Handarbeiter eine
+besondre Klasse bilden? In einem richtig organisierten Staate sind =alle=
+Arbeiter oder sollen es sein, einerlei ob sie mit Hand oder Fuss oder Kopf
+oder sonst irgendwie arbeiten; daher ein Gegensatz oder Unterschied
+zwischen »Arbeitern« im sozialdemokratischen Sinne und den Übrigen
+Staatsangehörigen gar nicht mehr gemacht werden kann. Dennoch verlangt das
+sozialdemokratische Programm für seine »Arbeiter« einen besonderen »Schutz
+des Staates« und zwar in folgenden Punkten:
+
+An =erster= Stelle steht die bekannte Forderung des =Normalarbeitstages=
+von acht Stunden -- eine Forderung, welche bekanntlich nur auf
+internationalem Wege mit Erfolg durchgeführt werden könnte und daher, so
+lange eine solche Durchführung nicht in Aussicht steht, als utopistisch
+bezeichnet werden muss. Dazu kommt, dass die Mehrzahl der Arbeiter selbst
+von einer solchen Bestimmung nichts wissen will, da sie darin eine schwere
+Beschränkung der persönlichen Freiheit und eine Beeinträchtigung ihres
+Verdienstes erblicken, In klaffendem Widerspruch mit dieser Forderung
+steht übrigens die durch die Zeitungen bekannt gewordene Thatsache, dass
+in den sozialdemokratischen Partei-Druckereien in Berlin und Frankfurt a.
+M. ein neun- bis zehnstündiger Arbeitstag besteht. -- Nähere Bestimmungen
+beziehen sich auf Verbote der Kinder- und (unnötigen) Nachtarbeit, auf
+eine bestimmte Ruhepause und Verbot des Drucksystems, welchen Forderungen
+man umsomehr zustimmen kann, als es zur Durchführung derselben keines
+sozialdemokratischen Staates bedarf.
+
+Die an =zweiter= Stelle aufgeführten Forderungen beziehen sich teils auf
+staatliche Überwachung der gewerblichen Betriebe und gewerblichen
+Hygieine, teils auf Errichtung einer Art von Arbeitsministerium. Der
+ersten Forderung ist bereits durch Anstellung staatlicher
+Fabrikinspektoren in den meisten Kulturländern mehr oder weniger Genüge
+geschehen, während sogenannte Arbeitsministerien unsres Wissens bis jetzt
+nur in Frankreich eingeführt, in ändern Ländern durch Gewerbs- und
+landwirtschaftliche Behörden ersetzt sind.
+
+Der =dritte= Punkt verlangt rechtliche Gleichstellung der
+landwirtschaftlichen Arbeiter und der Dienstboten mit den gewerblichen
+Arbeitern. Da in einem Rechtsstaat alle Staatsbürger ohne Ausnahme gleiche
+Rechte geniessen, so bleibt dieser Punkt ohne nähere Erläuterung unklar.
+
+Der =fünfte= und letzte Punkt, welcher Übernahme der gesamten Arbeiter
+Versicherung durch den Staat verlangt, trifft mehr oder weniger mit der
+dritten unsrer eigenen sozialreformatorischen Forderungen zusammen und
+bleibt nur bezüglich der von uns verlangten obligatorischen Versicherung
+für alle Staatsbürger ohne Ausnahme weit hinter derselben zurück.
+
+Was dagegen die noch weiter angefügte Forderung der »massgebenden
+Mitwirkung der Arbeiter an der Verwaltung« betrifft, so hat sich der
+Verfasser des Programms wohl nicht ganz klar gemacht, was er damit sagen
+will. »Verwalten« ist etwas ganz anderes und erfordert ganz andre
+Fähigkeiten und Kenntnisse, als den Hammer schwingen oder die Nadel
+führen; und die Herren Arbeiter werden daher notgedrungen gar nicht anders
+können, als diese Thätigkeit ändern, dazu besser befähigten Kräften zu
+überlassen. Wie wenig die Arbeiter, wenn sie unter sich sind, im Stande
+sind, ihre eignen Angelegenheiten zu verwalten, hat sich ja bei
+tausendfaltigen Gelegenheiten gezeigt. Uneinigkeit, Neid, Mangel an
+gegenseitigem Vertrauen oder an Geschäftskenntnis, nicht selten
+Unehrlichkeit der Führer oder Kassierer, mangelhafte Verwaltung u. s. w.
+haben ja bekanntlich die grosse Mehrzahl der von Arbeitern gegründeten
+sogenannten Produktiv-Assoziationen alsbald wieder zu Grunde gehen lassen,
+während die wenigen, welche sich erhalten konnten, ihren idealen Zweck
+ganz aus dem Auge verloren, indem die Gründer und Geschäftsteilhaber sehr
+bald in die Klasse der Bourgeois und kleinen Kapitalisten emporstiegen und
+die von ihnen beschäftigten Arbeiter nunmehr gerade so als Lohnsklaven
+behandelten, wie es die verhassten Kapitalisten und Fabrik-Barone thun.
+Man sieht daran recht deutlich, dass den meisten Menschen das
+eigene Interesse höher steht, als alles andre, und dass jede
+Gesellschafts-Ordnung, welche nicht mit diesem Interesse rechnet und
+dasselbe in Einklang mit den Interessen der Gesamtheit zu bringen weiss,
+vorerst wenigstens ihr Ziel verfehlt. --
+
+Wirft man nun einen Rückblick auf die hier nach einander aufgeführten
+Punkte des sozialdemokratischen Partei-Programms, so wird man bei
+vorurteilsfreier Betrachtung nicht umhin können, einzusehen, dass
+dieselben mehr oder weniger ohne ernsthaften Hintergrund und in keiner
+Weise geeignet sind, das sozialdemokratische Eldorado herbeizuführen. Sie
+sind, wie bereits bemerkt, teils unausführbar, teils mehr oder weniger
+schon ausgeführt, teils decken sie sich mit längst anerkannten und
+teilweis bereits ausgeführten Forderungen des bürgerlichen Liberalismus
+oder der politischen Demokratie. Ihre Aufstellung dürfte mehr einem
+Bedürfnis der Führer, den von ihnen geführten Massen etwas Positives an
+die Hand zu geben, als einem in der Sache selbst liegenden Bedürfnis
+entsprungen sein. Das eigentliche Ziel oder die Umwandlung der gesamtem
+Waren-Produktion in eine von der Gesellschaft betriebene bleibt dabei
+ebenso unbestimmt und nebelhaft, wie vorher, und deckt sich nicht mit dem
+weit grösseren und =alle= Gesellschaftsglieder ohne Ausnahme umfassenden
+Begriff der »Arbeit« als solcher.
+
+Dagegen ist =mein= Programm der Sozialreform klar, durchsichtig und ohne
+Anwendung von Gewalt leicht durchführbar, sobald es gelungen sein wird,
+die Mehrzahl der Menschen auf friedlichem Wege von der darin liegenden
+Gerechtigkeit, sowie von seiner Nützlichkeit und Notwendigkeit zu
+überzeugen. Die Wahl zwischen beiden Wege gesellschaftlicher Befreiung
+könnte daher, wie mir scheint, nicht schwer sein.
+
+Übrigens will Verfasser von der Sozialdemokratie nicht Abschied nehmen,
+ohne, ihr das Verdienst zuzugestehen, dass sie einerseits durch ihre
+Agitation eine grosse und wichtige Menschenklasse auf das Missliche und
+Unbefriedigende ihrer Lebenslage aufmerksam gemacht, und dass sie
+andrerseits vielfache Anregung zur Besprechung und Inangriffnahme der
+sozialen Frage überhaupt gegeben hat. Dieses Verdienst wird auch ohne
+Lösung der sozialen Frage im sozialdemokratischen Sinne für Herbeiführung
+einer besseren gesellschaftlichen Zukunft seine Früchte tragen.
+
+Sollte sich indessen Verfasser in einer Beurteilung der
+sozialdemokratischen Lehren geirrt haben so erklärt er sich gerne bereit,
+Belehrung anzunehmen. Ihm gilt es nicht um Beifall, sondern nur um
+Wahrheit und Besserung. Denn er hält es mit dem Narren in =Shakespeares=
+»Was lhr wollt«, der da sagt: »Je mehr Freunde, desto schlimmer, je mehr
+Feinde, desto besser. Denn durch meine Freunde werde ich hintergangen,
+während ich durch meine Feinde an Selbsterkenntnis zunehme.« Im Hinblick
+auf diesen Gedanken glaubt derselbe die vorstehende Auseinandersetzung
+schliessen zu dürfen mit einer Zitation der schönen Worte unsres grossen
+Liederdichters =Rückert=:
+
+ »Die durch Irrtum zur Wahrheit reisen,
+ Das sind die Weisen.
+ Die beim Irrtum beharren,
+ Das sind die Narren.«
+
+
+
+
+ANMERKUNGEN
+
+
+ 1 Die Freiheit des menschlichen Willens, Leipzig 1871.
+
+ 2 Duisburg 1865.
+
+ 3 Allen die Erde, Leipzig 1893.
+
+ 4 Die Sozial Wissenschaft nach der Ethnologie, Paris 1880.
+
+ 5 Geschichte der Eroberung Perus, Leipzig.
+
+ 6 Die sozialen Probleme und das Erbrecht. München 1892.
+
+ 7 Entsprechende thatsächliche Nachweise für diese Behauptung finden
+ sich in meiner öfter zitierten Schrift über den Menschen (S.
+ CXXXXI-CXXXXV.)
+
+ 8 Sozialdemokratie und Sozialliberalismus Dresden und Leipzig 1891.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DARWINISMUS UND SOZIALISMUS***
+
+
+******* This file should be named 20757-8.txt or 20757-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+http://www.gutenberg.org/dirs/2/0/7/5/20757
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit:
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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