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+Project Gutenberg's Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde, by Klabund
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde
+ Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart
+
+Author: Klabund
+
+Release Date: September 5, 2007 [EBook #22517]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Constanze Hofmann and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+
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+
+[Anmerkungen zur Transkription:
+
+Mit _Unterstrichen_ gekennzeichneter Text ist im Original gesperrt
+gedruckt.
+
+Mit =Gleichheitszeichen= markierte Phrasen sind im Original nicht in
+Fraktur gedruckte Textstellen französischer oder lateinischer Sprache.
+
+Das Kreuz zur Angabe von Todesjahren ist im Text durch ein '+' ersetzt.
+
+Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise
+ansonsten aber wie im Original belassen. Eine Auflistung aller
+vorgenommenen Korrekturen findet sich am Ende des Textes.]
+
+
+
+
+ _Nummer 12 der_
+ _Zellenbücherei_
+
+ _Copyright 1922 by_
+ _Dürr & Weber m. b. H._
+ _Leipzig_
+
+ *
+
+Dritte, vom Autor neu durchgesehene und überarbeitete Auflage
+ 20.-30. _Tausend_
+
+
+
+
+ _Klabund_
+
+ Deutsche Literaturgeschichte
+ in einer Stunde
+
+ * * * * *
+
+ Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart
+
+ [Illustration]
+
+ 1922
+ _Dürr & Weber m. b. H._ * _Leipzig_
+
+
+
+
+Diese kleine Literaturgeschichte verfolgt weder philosophische noch
+philologische Absichten. Sie ist nichts als der Versuch einer kurzen,
+volkstümlichen, lebendigen Darstellung der deutschen Dichtung. Die
+Dichtung eines Volkes beruht auf dem Eigentümlichsten, was ein Volk
+haben kann: seiner Sprache. In diesem Sinne wird und soll sie immer
+»völkisch« sein. Die deutsche Dichtung ist vergleichbar einem Baum, der
+tief in der deutschen Erde wurzelt, dessen Stamm und Krone aber den
+allgemeinen Himmel tragen hilft. Es gibt eine deutsche Erde. Der Himmel
+aber ist allen Völkern gemeinsam.
+
+Blüten vom Baum der deutschen Dichtung mögen vom Winde da- und dorthin
+getragen werden. Zu Früchten reifen werden nur die, die am Baum bleiben.
+Sie werden im Herbst geerntet werden, und im Schatten des Baumes wird
+ein ganzes Volk sich an ihnen erquicken.
+
+ * * * * *
+
+Jener germanische Jüngling, der einsam im Eichenwald am Altare Wodans
+niedersinkend, von ihm, der jeglichen Wunsch zu erfüllen vermag, in
+halbartikuliertem Gebetruf, singend, schreiend, die Geliebte sich
+erflehte, dessen Worte, ihm selbst erstaunlich, zu sonderbaren Rhythmen
+sich banden, die seiner Seele ein Echo riefen, war der erste deutsche
+Dichter.
+
+Wie eine Blüte brach ihm das Herz in einer Nacht auf, daß es der Sonne
+entgegenglühte, eine Schwestersonne. Daß er dem Sonnengott sich als
+geringerer Brudergott verwandt fühlte, daß er Worte fand in seinem
+Munde wie nie zuvor. Unbewußtes ward bewußt. Liebe machte den Stummen
+beredt. Er sang einen heiligen Gesang. Er neigte sich dem Gott, er
+neigte sich der Geliebten, er versank vor sich selbst. Himmel, Erde,
+Mensch verschmolz in seinem Gedicht. Die Sehnsucht wurde Wort, das Wort
+wurde Erfüllung. Aller Dichtung Urbeginn ist die Liebe. Der Weg zur
+Liebe führt durch Haß und Kampf und Schmerz. Der Urmensch sang den Haß
+gegen den Feind, den Feind seines Gottes und Räuber seines Weibes. Er
+singt den Schmerz seiner im Weltall verlorenen einsamen Seele, die
+dahinfliegt wie ein Meervogel über den Ozean, und nur die Sonne ist ihre
+Hoffnung. In ihr verehrt er Gottes Auge, das ihn beglänzt, jeden Tag
+neu, nach fürchterlicher Nacht. Und er sieht auch in sich die ewige
+Nacht, aus der er nur immer kurz zu Dämmerung und Helle erwacht, und
+seine Sehnsucht sucht die Nacht immer mehr mit Licht zu erfüllen. Und
+das Licht zeigt ihm den langen mühseligen Weg des Menschen, welcher aus
+Finsternis und Sumpf emporführt zu Licht und Gebirg, bis über die
+Wolken, bis an Gottes Thron selbst.
+
+ * * * * *
+
+Eines der ältesten deutschen Sprachdenkmäler ist das _Wessobrunner
+Gebet_, um 800 entstanden, voll großer Anschauung und starker
+dichterischer Kraft. Karls des Großen Biograph _Einhart_ (+ 840)
+erzählt, daß Karl der Große alle alten Sagen habe aufschreiben lassen.
+Leider haben seine frömmelnden Nachfolger, von unverständigen Pfaffen
+aufgereizt, dafür gesorgt, daß derlei »heidnisches« Zeug ausgerottet
+wurde, wo es sich zeigte. Unersetzbares ist verloren gegangen. Als
+Ersatz werden uns blasse, versifizierte Heiligenlegenden und
+Christusgeschichten aufgetischt. Unter den Nachfolgern Karls des Großen
+blüht, begünstigt von den Priestern, die lateinische Poesie. Da wir nur
+von der deutschen Dichtung, dem deutschen Wort sprechen wollen, gehört
+sie nicht in unsere Betrachtung. Die deutsche Sprache wurde höchstens
+dazu verwandt, um dem Laien heilige Texte zu übersetzen.
+
+Das stolzeste Epos der Deutschen ist das _Nibelungenlied_ (um 1210). Die
+sagenhafte deutsche Urzeit ersteht in den Rittern der Völkerwanderung
+noch einmal. Jeder der Helden: Siegfried, Hagen, Gunther ist ein Held
+seiner Zeit, aber mit den strahlenden Attributen der Vorzeit umgeben.
+»Welch ein Gemälde der menschlichen Schicksale stellt uns das Lied der
+Nibelungen auf«, schreibt A. W. von Schlegel. »Mit einer jugendlichen
+Liebeswerbung hebt es an, dann verwegene Abenteuer, Zauberkünste, ein
+leichtsinniger, aber gelungener Betrug. Bald verfinstert sich der
+Schauplatz; gehässige Leidenschaften mischen sich ein, eine ungeheure
+Freveltat wird verübt. Lange bleibt sie ungestraft; die Vergeltung droht
+von ferne und rückt in mahnenden Weissagungen näher; endlich wird sie
+vollbracht. Ein unentfliehbares Verhängnis verwickelt Schuldige und
+Unschuldige in den allgemeinen Fall, eine Heldenwelt bricht in Trümmer.«
+Haben wir nicht alle das Nibelungenlied am eigenen Leib und an eigener
+Seele verspürt? Ein unentfliehbares Schicksal hat uns, Schuldige und
+Unschuldige, in den allgemeinen Fall verwickelt, und eine Welt ist in
+Trümmer gebrochen.
+
+Das _Gudrunlied_ (um 1230) klingt sanfter, bürgerlicher, versöhnender
+aus. Zwar stehen auch hier Gewalttat und Schande am Anfang. Aber das
+Lied endet heiter mit einer vierfachen Hochzeit und hellen Blicken in
+eine rosenrote Zukunft, da kein Haß und kein Kampf mehr sein wird.
+
+ * * * * *
+
+Der Minnesang war von Vaganten und fahrenden Sängern gepflegt und in
+Volksliedern von Mund zu Mund gegangen, ehe sich, unter dem romanischen
+Einfluß der Troubadoure, die deutschen Dichter seiner annahmen und die
+Frau als Geliebte und Gattin auf einen goldenen Thron setzten, wie man
+ihn auf mittelalterlichen Miniaturen der Madonna mit dem Jesuskinde
+weihte. Von Österreich nahm der Minnesang seinen Anfang. Der von
+Kürenberg sang um 1150 das Lied vom Falken, den er sich mehr denn ein
+Jahr gezähmt und der ihm dann »in anderiu lant« entflog. Ein Spielmann,
+genannt der _Spervogel_ (+ 1180), dichtete die ersten lehrhaften Sprüche
+und Fabeln, z. B. vom Wolf, der in ein Kloster ging und ein geistlich
+Leben führen wollte. Im Kloster vertraute man ihm das Hüten der Schafe
+an. Die Nutzanwendung braucht man einem Menschen heutiger Zeit nicht
+besonders nahe zu legen. Derartige Wölfe -- und derartige Schafe sind
+leider heute verbreiteter denn je.
+
+Von 1160-1230 ritt Herr _Walter von der Vogelweide_ durch die Welt. Er
+kam von Tirol, dort, wo die Berge das Eisacktal vom Himmel abschließen,
+wo man den Himmel in der eigenen Brust suchen muß. Er trieb seinen
+mageren, schlecht genährten Klepper durchs Burgtor von Wien, und die
+Ritter neigten sich vor ihm. Im Bischofssitz von Passau erklang sein
+Gelächter, das er dem Bischof wie eine Handvoll Haselnüsse an den
+tonsurierten Kopf warf. Dem heiligen Vater in Rom war er aus deutschem
+Herzen feindlich gesinnt: er sah, politischer Denker der er war, daß die
+Päpste sehr diesseitige römische Politik und Diplomatie trieben, der die
+deutschen Kaiser sich selten genug gewachsen zeigten. Er stand auf der
+Wartburg und sah hinab auf das thüringische und deutsche Land. Wie
+blühte der Frühling, wie sangen die Amseln! Unter einem Wacholderstrauch
+lagen zwei Liebende. Unter der Linde stand ein fahrender Geiger und
+geigte zum Tanz. Ein schönes Fräulein lächelte seitwärts,
+selbstvergessen. Da lächelte Walter von der Vogelweide. Er bückte sich
+und wand in Eile mit geschickten Fingern einen Kranz aus Butterblumen,
+die zwischen den Steinritzen auf dem Burghofe blühten, nahm den Kranz,
+sprang zu dem errötenden Mädchen, verneigte sich und sprach:
+
+ Nehmt, Fraue, diesen Kranz,
+ So zieret ihr den Tanz
+ Mit schönen Blumen, die am Haupt ihr tragt.
+
+Und der alte Geiger, mit dem Totenkopf zum Tanz taktierend, strich den
+Bogen. Tod spielte zum Leben auf. Der Ritter tanzte mit dem Fräulein.
+Sie hieß Maria wie die Mutter Gottes selber und war ihm Gottesmutter,
+Gottesschwester, Gottestochter all in eins.
+
+Mit Friedrich dem Zweiten ritt Walter von der Vogelweide 1227 auf den
+Kreuzzug. Er haßte die Pfaffen und den falschen Gott in
+Rom. Er wollte den wahren Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Er sang
+den Kreuzfahrern das Kreuzlied. Und am heiligen Grab sank er ins Knie:
+Jetzt erst bin ich beseligt, da mein sündig Auge die heilige Erde
+betrachten darf.
+
+ Dahin kam ich, wo den Pfad
+ Gott als Mensch betreten hat.
+
+Ernst und wie von einer Wolke beschattet, kehrte er aus dem heiligen
+Lande heim. Es war Frühling in ihm gewesen, als er auszog. Palästina war
+sein Sommer geworden. Nun sah er Herbst und Verwesung, Elend und
+Bitternis überall. Die Nebelkrähen hingen in Schwärmen über dem
+deutschen Land. Und in Würzburg war es, wo er, den Blick auf den
+fließenden Main gerichtet, sein letztes Gebet dichtete: jene schönste
+Elegie deutscher Sprache: Owê war sint verswunden alliu miniu jâr! Im
+Lorenzgarten, vor der Pforte des neuen Münsters, wurde das Sterbliche
+von Walter von der Vogelweide 1230 bestattet. Die letzte Zeit vor seinem
+Tode hielt er sich von den Menschen fern: er stand stundenlang am Main
+und fütterte die Vögel und die Fische mit Brotkrumen. Und in seinem
+Testament bestimmte er, daß aus seiner Hinterlassenschaft mehrere Säcke
+Körner zu kaufen seien und daß auf seinem Grabe die Vögel stets Körner
+und Wasser vorfinden sollten.
+
+Noch im Tode wollte er seinem Namen Ehre machen: sein Grab noch sollte
+den Vögeln eine Weide sein. Lest seine Liebeslieder, ihr Liebenden!
+Klausner Schwermut, weise uns die Kapelle seiner Melancholie! Wo im
+kahlen Winter ein frierender Vogel hungrig an eure Fensterscheiben
+pickt: gebt ihm zu fressen, gedenkt des Herren von der Vogelweide!
+Solange die deutsche Dichtung besteht, wird sein Name unvergessen sein.
+Her Walther von der Vogelweide, swer des vergaez', der taet mir leide,
+rief 1300 Hugo von Trimberg über sein Grab.
+
+ * * * * *
+
+Die Blume der deutschen Mystik keimte zuerst in den Klöstern. Schwester
+_Mechthild v. Magdeburg_ (1212 bis 1294) schrieb ihr Buch vom fließenden
+Licht der Gottheit: voll seliger Versunkenheit in Christo. In ihren
+Ekstasen sah sie Jesus als schönen Jüngling (Schöner Jüngling, mich
+lüstet dein) ihre Zelle betreten, er war ihr wie ein Bräutigam zur
+Braut, und ihre himmlischen Sprüche sind wie irdische Liebeslieder. Ihre
+Gottesminne (Eia, liebe Gottesminne, umhalse stets die Seele mein!) war
+der Gottesminne des Wolfram tief verwandt. Die reine Minne (nicht jene
+höfische oder ritterliche oder bäurische Minne) galt ihr als oberstes
+Prinzip. »Dies Buch ist begonnen in der Minne, es soll auch enden in der
+Minne; denn es ist nichts so weise, so heilig, noch so schön, noch so
+stark, noch also vollkommen als die Minne.« Mechthild von Magdeburg ist
+trunken vor Askese. Ihr Geist kennt die Wollust des Fleisches. Jesus ist
+ihr zärtliches Gespiel und sie seine Tänzerin. _Meister Eckhard_
+(1260-1327, gestorben in Köln), ihr mystischer Bruder, verhält sich zu
+ihr wie ein Kauz oder Uhu zu einer Libelle. Ihr Leben und Dichten war
+ein Schweben und Ja-sagen, das seine ein tief in sich Beruhen und ein
+Ent-sagen. Er liebte das Leid um des Leides willen: jeder Schmerz war
+ihm eine Station zum Paradies. Er riß die Wunden, die in ihm verheilen
+oder verharschen wollten, künstlich wieder auf: daß nur sein Blut
+fließe. Seine Gedanken scheinen verschleiert, ja manche haben dunkle
+Kapuzen übers Haupt gezogen und sind unerkennbar. Sein Buch der
+göttlichen Tröstung ist ein Trostbuch für die, die am Tode und am Leben
+leiden. Ein Trostbuch rechter Art will auch der »Ackermann aus Böhmen«
+sein, den _Johannes von Saaz_ 1400 in die Welt schickte. Der Dichter
+kleidet seine Trostschrift in die Form eines Zwiegesprächs zwischen
+einem Witwer und dem Tod. Der Witwer fordert vor Gericht (dem
+Gottesgericht) sein Weib von dem Räuber und Mörder Tod zurück.
+»Schrecklicher Mörder aller Menschen, Ihr Tod, Euch sei geflucht! Gott,
+der Euch schuf, hasse Euch; Unheils Häufung treffe Euch; Unglück hause
+bei Euch mit Macht; ganz entehret bleibt für immer!« so beginnt der
+Kläger seine Klage. Und der Tod antwortet: »Du fragst, wer wir sind: wir
+sind Gottes Hand, der Herr Tod, ein gerecht schaffender Mäher. Braune,
+rote, grüne, blaue, graue, gelbe und jeder Art glänzende Blumen und Gras
+hauen wir nacheinander nieder, ihres Glanzes, ihrer Kraft und Vorzüge
+ungeachtet. Sieh, das heißt Gerechtigkeit.« In immer verzweifelteren
+Ausbrüchen pocht der Mensch, aller Menschheit Abgesandter, an das Rätsel
+des Todes, der ihm sinnlos wie ein Mäher im Herbst unter den Menschen zu
+hausen scheint, das Glück des Liebenden und die Tat des Künstlers, die
+Stellung des Königs nicht achtet, bis Gott selbst das Urteil spricht:
+»Kläger, habe die Ehre, du Tod aber, habe den Sieg! Jeder Mensch ist dem
+Tode sein Leben, den Leib der Erde, die Seele uns zu geben
+verpflichtet.«
+
+ * * * * *
+
+Mit den Minnesängern wurde die deutsche Literatur sich ihrer bewußt.
+Zwar gab es noch nicht das Wort, aber der Begriff war vorhanden. Die
+öffentliche Kritik trat auf: es waren die Fürsten, die als Mäzene das
+erste Recht der Beurteilung für sich in Anspruch nahmen. Die Themen, die
+_Hartmann von Aue_ (+ 1215) in seinen kleinen Epen anschlägt, sind von
+schönster Intensität: in »Gregorius« überträgt er den Ödipusstoff auf
+ein mittelalterliches Milieu. Gregorius liebt und heiratet unwissentlich
+seine eigene Mutter. Als er die Schande erfährt, sucht er die Sünde zu
+sühnen, indem er sich prometheisch an einen Felsen schmieden läßt. Nach
+siebzehn Jahren unerhörter Qual erlösen ihn die Römer; er wird von ihnen
+im Triumph ob seiner Heiligkeit auf den verwaisten Papstthron erhoben
+und spricht, unfehlbar geworden durch sein titanisches Leid, die eigene
+Mutter ihrer Schuld ledig.
+
+Im »Armen Heinrich« bemächtigt sich Hartmann eines deutschen Stoffes.
+Ein Ritter wird vom Aussatz befallen. Ein Mittel nur gibt es, ihn zu
+retten: das Blut einer unberührten Jungfrau. Aus Liebe zu ihm erbietet
+sich ein Mädchen, für ihn zu sterben. Aber der arme Heinrich nimmt das
+Opfer nicht an: trotz teuflischer Versuchung. Da erbarmt sich auf Flehen
+des Mädchens Gott der Liebenden: er macht den armen Heinrich gesund und
+zum reichen Heinrich durch den Besitz der Geliebten.
+
+Ein jüngerer Zeitgenosse von Hartmann ist _Wolfram von Eschenbach_ (etwa
+1170-1250), ein Bayer aus Eschenbach bei Ansbach. Er war ein armer
+Teufel wie Walter von der Vogelweide, mit dem er am Hofe des Landgrafen
+von Thüringen öfter zusammentraf. Als er 1217 dem Hofleben für immer den
+Rücken wandte, und auf sein kleines Gut heim zu Weib und Kind ritt,
+vollzog er eine symbolische Handlung. Er kehrte wirklich heim: zu sich,
+in sich. Er hatte die höfische Minne, die schon einen eigenen Komment
+entwickelte, dessen Verstöße unnachsichtlich geahndet wurden, von
+Herzen satt und sehnte sich nach einem einfachen, ungezierten Wort aus
+unverzerrtem Frauenmund. Nach Lippen, die ohne Anfragung einer Etikette
+auf den seinen lagen, nach einem Herzen, das ihm herzlich zugetan war.
+Nach einem Kinde, das nicht »Fräulein« oder »junger Herr« tituliert
+wurde, sondern mit dem er reiten und jagen und spielen durfte wie mit
+sich selbst. Er hatte 1200-1210 in 24810 Versen im »Parzival« den
+Ritterroman der Deutschen geschaffen, er hatte ihnen den Spiegel
+vorgehalten. Aber es war schon eine vergangene edlere Zeit, die sich in
+ihm spiegelte. Der Dichter ist oft nur der Vollstrecker des letzten
+Willens einer Epoche, der er schon längst nicht mehr angehört. Der Stoff
+ist französischen und provenzalischen Vorbildern entnommen. Die Idee der
+Erlösung: christlich. Aber der Leidens- und Freudensweg, den Parzival
+gehen muß, seine Entwicklung vom ahnungsvollen, aber ahnungslosen Kind
+zum seiner Seele bewußten Mann ist ganz Wolframsche Prägung. Er ist den
+Weg des Knaben Parzival selbst gegangen.
+
+_Gottfried von Straßburg_ (um 1210), Wolframs größter Zeitgenosse, war
+auch sein größter Gegner. Er fand den Parzival dunkel und verworren,
+ohne einheitliche Handlung und stellenweise schwer verständlich. Im
+Tristan stellte er dem Parzival sein Ritterepos gegenüber: von einer
+leidenschaftlichen Klarheit des Themas und der Formulierung und trotz
+der Leidenschaft nicht ohne Zierlichkeit und Zartheit. Er hatte von
+seinem Standpunkt mit der Beurteilung des Parzival recht. In Wolfram und
+Gottfried spitzten sich, wie später bei Goethe und Schiller, zwei
+dichterische Typen bis ins Polare zu: der Pathetiker und der Erotiker.
+Wolfram-Schiller, das besagt: Kampf, Forderung, Dornenweg, Verblendung
+und Erlösung, Gottesminne, Jenseits. Goethe-Gottfried, das heißt: Sein,
+Genuß, selbst des Schmerzes, Blumenpfad, Sonnenblendung, Glanz und
+Erfüllung: Menschenminne, Diesseits.
+
+ * * * * *
+
+Während die von Walter, Gottfried usw. geschaffene Kunstdichtung
+entartete, erlebte die deutsche Volksdichtung, das Volkslied und das
+Märchen, im 15. und 16. Jahrhundert ihre üppigste Blüte. Die schönsten
+der von Herder, Arnim und Brentano, Erk und Böhme später aufgezeichneten
+Volkslieder sind damals entstanden. Die Dichter der von den Gebrüder
+Grimm gesammelten Kinder- und Hausmärchen wandelten als Gumpelmänner,
+Vagabunden und Gott weiß was durch die deutschen Lande. Ihnen waren Tier
+und Blume, Berg und Teich wie Bruder und Schwester vertraut. Sie hatten
+kein ander Bett als die Erde, keine andere Decke als die Sternendecke
+des Himmels. Ein verlassener Ameisenhaufen war ihr Kopfkissen.
+Eichhörnchen hüteten ihren Schlaf, und der war voll von Träumen wie ein
+Kirschbaum im Juni voll von Kirschen. Da gaben sich der Froschkönig, die
+Bremer Stadtmusikanten, der Teufel mit den drei goldenen Haaren, der
+Räuberhauptmann, Frau Holle, Daumerling, Doktor Allwissend, das kluge
+Schneiderlein, der Vogel Greif und viele andere wunderliche und seltsame
+Wesen ihr heimliches Stelldichein. Und der Vogel Greif schnaufte: »Ich
+rieche, rieche Menschenfleisch ...«, aber dann ließ er sich doch von
+seiner Frau übertölpeln (wie listig sind die Frauen, wenn sie lügen!).
+Die neidische und eitle Königin befragte den Spiegel an der Wand:
+
+ Spieglein, Spieglein an der Wand,
+ Wer ist die schönste im ganzen Land?
+
+Und der Spiegel antwortete:
+
+ Frau Königin, Ihr seid die schönste hier.
+ Aber Sneewittchen über den Bergen
+ Bei den sieben Zwergen
+ Ist noch tausendmal schöner als Ihr.
+
+Auf einem Lindenbaum saß ein Vogel, der sang in einem fort:
+
+ Kywitt, kywitt,
+ wat vörn schöön Vagel bün ick ...
+
+Aber dieser Vogel war kein richtiger Vogel. Es war ein Mensch, der sich
+nach seinem Tod in einen Vogel verwandelt hatte. Denn wir Menschen
+sterben nicht. Das Volkslied und das Volksmärchen läßt unsere Seele
+wandern. Vogel und Blume können wir werden: ja Blume auf unserem eigenen
+Grabe, dann kommt wohl die Geliebte, begießt uns mit Tränen, oder sie
+pflückt und drückt uns, Veilchen oder Lilie, an den Busen. Sind wir aber
+böse, so werden wir verflucht und verzaubert in Werwölfe. Die Wurzeln
+von Märchen und Volkslied gehen bis tief in die heidnische Vorzeit
+zurück, da des Menschen Frömmigkeit vom Diesseits, seine Augen von
+Sonne, Himmel und der weiten, weiten Welt ganz erfüllt waren. Ihm war
+der Tod nur eine andere Art des Lebens. Verwandlung. Eine Tür fällt ins
+Schloß, und eine andere geht auf. Auf Tag folgt Nacht, aber wieder Tag.
+Er war nicht zerrissen in Leib und Seele. Die waren eins. Die Märchen
+und Lieder sind so bunt wie die Natur selbst. Wie die Sonne über
+Gerechte und Ungerechte scheint, so fühlt der Dichter mit allen seinen
+Kreaturen, auch den erbärmlichsten. Irgendein armseliger Straßenräuber
+(der arme Schwartenhals) steht ihm so nahe wie die zwei Königskinder,
+die zueinander nicht kommen konnten, »das Wasser war viel zu tief«.
+Goethe ist ohne das deutsche Volkslied, Volksmärchen, Volksepos nicht zu
+denken. Er steht auf den Schultern von tausend anonymen Autoren, die
+kommen mußten, damit er kommen konnte. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde
+der Grundstock gelegt zu jenem Gebäude des 18. Jahrhunderts voll
+vollendeter Klassizität, das den Namen Goethe tragen sollte. Aber auch
+Matthias Claudius, Clemens Brentano, Eichendorff, Heine haben mit den
+Bausteinen gearbeitet, die jene bescheidenen Männer schichteten.
+Vielleicht sind ihre Werke der lauterste Ausdruck des deutschen
+Kunstwillens und des deutschen Geistes, der dann am tiefsten ist, wenn
+er aus dem Unbewußten steigt, dann am reinsten, wenn er aus den
+dunkelsten Quellen schöpft. Diese Dichter ohne Namen tragen den Himmel
+in ihren Händen, aber sie stehen mit beiden Beinen fest auf der Erde.
+
+ * * * * *
+
+Die Entwicklung des Menschengeschlechtes geht in Wellenbewegungen vor
+sich, wobei Wellenberg und Wellental einander folgen und der
+Scheitelpunkt des Wellenberges sich nur langsam erhöht. Mit Walter von
+der Vogelweide, Gottfried von Straßburg, Wolfram von Eschenbach und dem
+Nibelungenliede hatte die junge deutsche Dichtung eine Höhe erreicht,
+von der sie bald kläglich wieder abstürzen sollte. Das Rittertum zerfiel
+und mit dem Rittertum die Ritterpoesie. Teils artete sie in allegorische
+Spielerei, teils in aufgeblasene Geckigkeit aus. Die Dichtung floh
+barfüßig und barhäuptig auf die Landstraße und fristete im Munde der
+Fahrenden von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus ihr Leben. Ins 15. und 16.
+Jahrhundert fällt die Blütezeit des deutschen Volksliedes. Zuweilen nahm
+sie ein Kloster auf, Dann sangen die Nonnen ein Lied, wie das geistliche
+Trinklied der Nonnen am Niederrhein. Zuweilen fand sie Unterschlupf bei
+braven Bürgersleuten. Das Bürgertum war im Aufstieg begriffen. Es gab
+wohlhabende Bürger, deren Söhne sich das Dichten leisten konnten. Sie
+meinten, die Dichtung würde sich hinter dem Ofen, in der Wärme, in dem
+Dunst satter Behäbigkeit recht wohl fühlen. Sie stopften ihr den Magen
+mit allerlei guten Dingen, aber sie taten des Guten zuviel, daß sie
+erbrach. Von der graziösen Handhabung der Sprache durch Meister wie
+Gottfried oder Walter blieb nicht viel übrig. Der Rhythmus fiel
+auseinander -- was Hebung, was Senkung --, man zählte einfach die Silben
+zusammen. Aus dem Minnesang erwuchs der Meistergesang. Der Tiroler
+_Oswald v. Wolkenstein_ (+ 1445) versuchte noch einmal den ritterlichen
+Pegasus aufzuzäumen. Er brach unter ihm zusammen; seine Zeitgenossen
+nahmen das Zaumzeug und schnitten die Flügel von dem verendenden Tier.
+Sie klebten sie ihren plumpen Dorf- und Stadtgäulen an und bildeten sich
+nun ein, sie würden fliegen. Die ritterliche Rüstung schepperte als viel
+zu groß um ihre dürren Glieder. Auch wagten sie, ihrer Unzulänglichkeit
+irgendwie bewußt, schon nicht mehr einzeln als Individualisten
+aufzutreten. Sie dichteten kollektiv gleich in ganzen Gruppen, Gilden
+und Vereinen. Sie imitierten die Form ohne den Geist. Diese Form ist
+lehr- und lernbar. Man wird, wie beim Handwerk, erst Dichterlehrling,
+dann Dichtergeselle, dann Dichtermeister. Wobei Dichter- und
+Bäckermeister oft dasselbe sind. Aber die Brote geraten ihnen besser als
+die Gedichte. In den Meistersingerschulen wurde nach der Tabulatur das
+Dichter-Abc gelehrt. Um 1450 wurde die erste Meistersingerschule in
+Augsburg gegründet. Wenige Jahre später finden sie sich in fast allen
+größeren Städten. Sie fechten Wettkämpfe miteinander aus. Sie überbieten
+sich in der Erfindung verschrobener und gekünstelter Versmaße. Der
+Vollender und Überwinder des Meistersanges ist _Hans Sachs_, geboren
+1494 in Nürnberg, das eine der berühmtesten Meistersingerschulen sein
+eigen nannte. Hans Sachs war Schuhmacherlehrling, als ihm der Weber
+Nunnenbeck die Anfangsgründe der Meistersingerkunst beibrachte. Er ging
+wie ein rechter Schuster auf die Wanderschaft, kehrte, nachdem er so
+viele Erfahrungen gesammelt als er Schuhe besohlt hatte, 1519 in seine
+Heimat zurück, die durch Peter Vischer und Albrecht Dürer zu einem
+Haupt- und Vorort deutscher Kultur geworden war. Seine eigentlichen
+Meistergesänge (über 4000) sind unbedeutend, da und dort überraschen sie
+durch ein originelles Bild oder eine witzige Wendung. Freier entfaltet
+sich sein Talent schon in seinen Sprüchen (etwa 1800), die in ihren
+kurzen Reimpaaren klingen, als wären sie mit dem Schusterhammer
+zusammengeklopft. Hans Sachs war einer der ersten, die sich in Nürnberg
+zu Luther bekannten. Einzigartig zeigt er sich in seinen (über 1000)
+Schwänken und Fastnachtsspielen. Sein Humor ist der Humor der deutschen
+Seele. Seinen Witz hat er aus seiner Handwerksburschenzeit bis in sein
+82. Jahr hinübergerettet. Er hat es in seinen Schwänken auf moralische
+Wirkung abgesehen, aber diese moralische Wirkung erstickt in einem
+Gelächter oder tritt zurück hinter dem Wie der Darstellung. Wir nehmen
+die Menschen aus seiner Hand entgegen wie aus Gottes Hand: so wie sie
+sind: gut und böse. Wie langweilig wäre die Welt, wenn alle Menschen
+brav wären und alle eine moralische, einheitliche graue Tugenduniform
+trügen. (Gott selber würde sich zu Tode langweilen und kurz vor seinem
+Tode noch den Teufel neu erschaffen.) Wenn es nur noch Hasen auf der
+Welt gäbe und keinen Fuchs mehr, der den Hasen frißt, und keinen Jäger,
+der sie beide schießt und sich den Hasen braten läßt! Dies nur nebenbei
+zu Hans Sachs.
+
+ * * * * *
+
+Die Welt krachte damals in allen Fugen. Die ersten Wehen der Reformation
+kündeten eine neue Ära an. _Sebastian Brant_ aus Straßburg (1458-1521)
+hatte als Sohn eines Gastwirtes früh offene Augen für die
+Lächerlichkeiten und Laster seiner Mitmenschen bekommen. In
+Übergangszeiten, wo die Begriffe schwanken und wie Karten eines
+Kartenspieles durcheinandergemischt werden, pflegen sich alle närrischen
+Eitelkeiten der Menschheit wie in einem konkaven Spiegel noch ins Breite
+zu verzerren und zu vergröbern. Sebastian Brant studierte Recht -- ohne
+es irgendwo zu finden. Er promovierte an der Universität Basel. 1494
+erschien sein »Narrenschiff«. Auf dieses hatte er alle Narren zu Gast
+gebeten, die er nur auftreiben konnte. Aber das Schiff erwies sich als
+zu klein. Die Säufer, die Gecken, die Spieler, die Kirchenschänder, die
+Geizhälse, Wucherer, Studenten, Ehebrecher, Huren füllten es bis an den
+Rand. Auch du, lieber Leser, und ich, wenn wir nur ein wenig in uns
+gehen und nachdenken: wir befinden uns unter jenen Narren. Sebastian
+Brant hat uns, fünfhundert Jahre, bevor wir geboren wurden, trefflich
+abkonterfeit. Aber es ist ein Bild, das wir uns nicht hinter den Spiegel
+stecken oder unserer Base zum Geburtstag schenken werden. -- Zwanzig
+Jahre nach dem Narrenschiff legte Knecht Rupprecht 1519 den Deutschen
+die erste Ausgabe des Volksbuches von Tyll Eulenspiegel auf den
+Weihnachtstisch. Die hatten eine Freude wie wohl seit hundert Jahren
+nicht über ein Buch. Noch im 16. Jahrhundert erschienen achtzehn
+deutsche Ausgaben; es wurde sofort ins Vlämische, Niederländische,
+Englische und Französische übersetzt. Woher dieser spontane Erfolg?
+Brants Narrenschiff war eine mehr oder weniger literarische
+Angelegenheit gewesen, im Eulenspiegel sah und lachte das Volk sich
+wieder einmal selber ins Gesicht. In allen Fastnachtskomödien war er ja
+schon als Kasperle oder Hanswurst figürlich aufgetreten, hier hatte man
+seine in wohlgesetzte Worte gebrachte Biographie des komischen
+Heldenlebens. Eulenspiegel, der ernsthafte Schalk, ist die Typisierung
+der einen Seite des deutschen Ideals, dessen andere Seite (ob Rück- oder
+Vorderseite der Medaille bleibe dahingestellt) den Doktor Faust,
+titanischen Ringer um die letzten Probleme, zeigt. Eulenspiegel tritt
+auf als Richter der Menschheit: er richtet sie mit einem schiefen Zucken
+seines Mundes, mit der sofortigen Realisierung ihrer Ideen, deren Wert
+und Möglichkeit dadurch =ad absurdum= geführt werden. Er ist zugleich
+leicht- und tiefsinnig. Seine Späße exemplifizieren das Chaos. Sie
+dozieren bis zur Brutalität das Bibelwort: Der Mensch ist aus Dreck
+gemacht. Das Urbild des Tyll Eulenspiegel hat wirklich gelebt. Chroniken
+berichten von seinem 1350 zu Mölln erfolgten Tode, wo noch heute sein
+Grabstein gezeigt wird. Vorher waren schon Schwankbücher wie _Jörg
+Wickrams_ »Rollwagenbüchlein« oder des Bruders _Johannes Pauli_
+»Schimpf und Ernst« (1522) Mode geworden: Bücher, die heitere oder
+moralische Anekdoten erzählten, die sich nicht um einen einzelnen Narren
+gruppierten: die damalige Reiselektüre, auf den Rollwagen mitzunehmen.
+Wobei zu bemerken ist, daß diese Reiselektüre unendlich gehaltvoller war
+als die heute verbreitete. Bruder Johannes Pauli ist ein belesener und
+witziger Mann, der ausgezeichnet zu erzählen vermag und unsere Stratz
+und Höcker überragt wie ein Kirchturm eine verkrüppelte Kiefer. Da liest
+man folgendes: »Man zog einmal aus in einen Krieg mit großen Büchsen und
+mit viel Gewehren, wie es denn Sitte ist; da stund ein Narr da und
+fragte, was Lebens das wäre? Man sprach: Die ziehen in den Krieg! Der
+Narr sprach: Was tut man im Krieg? Man sprach: Man verbrennt Dörfer und
+gewinnt Städte und verdirbt Wein und Korn und schlägt einander tot. Der
+Narr sprach: Warum geschieht das? Sie sprachen: Damit man Frieden mache!
+Da sprach der Narr: Es wäre besser, man machte vorher Frieden, damit
+solcher Schaden vermieden bliebe. Wenn es mir nachginge, so würde ich
+vor dem Schaden Frieden machen und nicht danach; darum so bin ich
+witziger als Eure Herren.« Hätten wir Deutschen vor dem Kriege Johannes
+Pauli als Reiselektüre gelesen an Stelle von Walter Bloems »Eisernem
+Jahr«: vielleicht wäre es nicht zum Kriege gekommen, und wir hätten uns
+dieses Narren Meinung zu Herzen genommen.
+
+ * * * * *
+
+_Luther_ wurde 1483 in Eisleben als Sohn eines herrischen Vaters
+geboren. Er verbrachte seine Jugend mißmutig, störrisch, verprügelt, und
+richtete schon früh sein Auge von der Misere außen nach innen. Sein
+Vater hat ihn hart geschlagen: daß er wie ein Stein oder ein Stück Holz
+schien. Aber hinter der harten Schale verbarg sich ein weicher und süßer
+Kern. Sein »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir,
+Amen!« wird immer ein Fanfarenruf aller aufrechten Männer sein. Sein
+Reformationswerk war eine historische Notwendigkeit. Aber die Historie
+wandelt sich von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt.
+Bismarcks Werk schien auf Felsen gegründet: wenige Jahrzehnte genügten,
+es zu unterhöhlen, bis es 1918 mit einem gewaltigen Krach
+zusammenstürzte. Auch über Luthers Reformation ist das letzte Urteil von
+der Geschichte noch nicht gefällt. Unsere heutige evangelische Kirche
+spricht in ihrer aufklärerischen, kahlen, gottlosen Nüchternheit nicht
+für eine lange Dauer. Die Zeit will wieder fromm werden. Luther war ein
+religiöser Mensch, die Lutheraner sind theologische Dogmatiker oder
+rationalistische Moralisten. Sie bezweifeln das Wunder, wollen Natur-
+und Kirchengeschichte unter denselben Pfaffenhut bringen: aber wer das
+Wunder bezweifelt, bezweifelt Gott selbst. Luther hat die damalige
+Christenheit, unterstützt von der humanistischen Vorrevolution des
+Geistes, von der römischen Knechtschaft befreit, aber er hat den
+Deutschen den schlechtesten Dienst erwiesen, als er in den Bauernkriegen
+Partei für die Fürsten ergriff und durch seine sophistische Auslegung
+der Bibel im monarchistischen Sinne (»Gebt dem Kaiser, was des Kaisers
+ist ... es ist euch eine Obrigkeit gesetzt von Gott, der sollt ihr
+untertan sein ...«) die Deutschen unter die absolute Tyrannei der Fürsten
+brachte und Tyrannei und Sklaverei nun gar noch ethisch zu fundieren
+trachtete. Hier trieb der einst in seiner Jugend vom Vater in ihm
+gezüchtete und herangeprügelte Autoritätswahn häßliche Blüten. Daß der
+»Untertan« den Deutschen noch heute so tief im Blute steckt, daß selbst
+die Revolution 1918 ihn nicht auszuroden vermochte, das ist nicht zum
+wenigsten auf die Philosophen des Staatsrechts und des Machtwahns:
+Bismarck, Hegel, Luther zurückzuführen. Luther aber war ihr
+bedeutendster und also verderblichster Vertreter. Erscheint seine
+historische Stellung in mindestens zweifelhaftem Lichte, so ist seine
+Stellung in der deutschen Literatur eindeutig fest und steil gefügt.
+Die Bedeutung der Lutherschen, 1534 vollendeten Bibelübersetzung kann
+nicht überschätzt werden. Es ist, als hätte Luther die neue deutsche
+Sprache überhaupt erst geschaffen. Aus so mangelhaften Vorlagen wie der
+sächsischen Kanzleisprache und der obersächsischen Mundart zimmerte er
+wie ein Geigenbauer jenes klingende Instrument, auf dem entzückt und
+berauscht wir heute noch spielen dürfen. Er aber war der Töne Meister
+wie Arion: und wenn er sprach, dann schwieg die Nachtigall, dann hob der
+Esel lauschend den behaarten Kopf -- dann verstummten selbst die
+Humanisten mit ihrem lateinischen Geplauder, und Ulrich von Hutten
+konnte auf einmal deutsch statt lateinisch denken und dichten. »Ich
+hab's gewagt.« Die deutsche Sprache war den gelehrten Herren bisher zu
+grobschlächtig gewesen für ihre Spitzfindigkeiten. Sie wollten nichts
+mit dem Pöbel gemein haben, und es war ihnen gerade recht, daß man sie
+in der Menge nicht verstand. Nun aber hörten sie erstaunt, gleichsam zum
+erstenmal, den Klang der deutschen Sprache. Das war wie Möwenschrei über
+der Elbe, wie Amselsang im Frühling, wie Herbstwind in den
+Sandsteinfelsen, wie Quellengeriesel im Eichenwald. Und einer nach dem
+andern tat sein in Schweinsleder gebundenes lateinisches und
+griechisches Lexikon in den Bücherschrank zurück und legte die
+Luthersche Bibel auf den Schreibtisch und fand darin sein Morgen- und
+sein Abendgebet. Auch Luthers Flugschriften, wie »Von der Freiheit eines
+Christenmenschen«, flogen durch das Land, und in Kirchen und auf Straßen
+sang es: »Komm, heiliger Geist, kehr bei uns ein«. Und sie, die tumben
+Bauern, die im Vertrauen auf seine Lehre und ihren Lehrer sie in die Tat
+umzusetzen versuchten (denn was ist die Idee ohne die Tat? Das ist wie
+Seele ohne Leib, wie Duft ohne Blume): sie starben, als sie von ihm
+verlassen wurden, hingeschlachtet von den Schwerthieben der Söldner, mit
+dem Ruf: »Ein feste Burg ist unser Gott ...« Luthers kernige und
+fröhliche Tischreden, die von seinen Freunden aufgezeichnet wurden,
+beweisen, was für ein großer Redner er war. Er steckte damit wohl alle
+heutigen Volkstribunen in die Tasche: nur schade, daß er selber kein
+Volks-, sondern ein Fürstentribun war.
+
+ * * * * *
+
+Luther starb 1546 in Eisleben. Von seiner geistlichen Lyrik nahm das
+evangelische Kirchenlied seinen Anfang. Ihre schönsten geistlichen
+Lieder verdankt die evangelische Kirche _Paul Gerhard_ (1607-1676, starb
+in Lübben als Prediger). Ein einfaches Gemüt paart sich mit einem
+streitbaren Gotteseifer und einem unbeirrbaren poetischen Formgefühl.
+Wir alle, die wir Evangelische (ach! keine Evangelisten mehr ...) sind,
+haben als Kinder diese Gedichte in der Konfirmationsstunde auswendig
+gelernt und in der kahlen Dorfkirche gesungen. In ihnen durfte sich das
+kindliche Gemüt Gott wahrhaft nah fühlen. Die Musik dieser Verse strich
+uns, wenn der lahme Küster die Orgel spielte, wie mit Vaterhänden über
+die Stirn, und unsere kindlichen Sorgen beschwichtigte das singende
+Geständnis, das unsere Lippen hauchten: Ich weiß, daß ein Erlöser
+lebt ... Abends aber, wenn nach des Tages Arbeit wir mit Vater und Mutter
+und mit den Knechten und Mägden vor der Tür in der lauen Sommerluft
+saßen, eine Kuh verschlafen im Stalle muhte, die Hühner auf der Stange
+hockten, den Kopf im Gefieder, dann stimmte mein Großvater an, und wir
+fielen alle leise ein:
+
+ Nun ruhen alle Wälder,
+ Vieh, Menschen, Städt' und Felder ...
+
+Von der lutherischen zur katholischen Kirche trat _Angelus Silesius_
+(aus Breslau, 1624-1677), der cherubinische Wandersmann, über. Er
+schrieb nach seiner Bekehrung jene mystischen Zweizeiler, in denen die
+»ägyptische Plage« des Dreißigjährigen Krieges einen so prägnanten,
+überaktuellen Ausdruck fand.
+
+Um diese Zeit begann Magister Opitz (aus Bunzlau, 1597 bis 1639) seine
+lehrhafte Tätigkeit. Es ist heute leicht, sich über eine Menge seiner
+Unarten und Albernheiten lustig zu machen: sein Verdienst um die Hebung
+des allgemeinen Niveaus kann nicht bestritten werden. Ohne Opitz kein
+Gottsched, ohne Gottsched kein Herder, ohne Herder kein Goethe.
+
+_Paul Fleming_ (aus dem sächsischen Erzgebirge, 1609 bis 1640) wandelte
+als Planet im Gefolge der Opitzschen Sonne. Aber es sollte ihm gelingen,
+eigene Bahnen zu finden und sie zu überstrahlen. Seine zärtliche Liebe
+zu Elsabe schenkte der deutschen Dichtung einige ihrer schönsten
+Liebesgedichte. Fabrikanten von protestantischen Gesangbüchern haben es
+sich nicht nehmen lassen, ihre dogmatische Giftmischerkunst daran zu
+versuchen und umgekehrt, wie einst Christus, Wein in Wasser zu
+verwandeln. Sie setzten nämlich für Elsabe Jesus, und wenn im Liede
+Elsabe ihr Jawort gibt, so modeln sie das in: »Jesus gibt sein Ja auch
+drein«. Zu dieser Verballhornung hat Jesus sicher sein Ja nicht drein
+gegeben. Er wird im Himmel sanft gelächelt haben, denn er kennt seine
+Pfaffenheimer.
+
+ * * * * *
+
+In der Lyrik der Schlesier _Hofmann von Hofmannswaldau_ (1617-1679) und
+_Daniel Caspar von Lohenstein_ (1635-1683) spielt Venus, prunkvoll
+aufgeputzt, eine triumphierende Rolle. Wenn sie, wie zuweilen bei
+Hofmannswaldau, vom Venuswagen steigt, ihr überladenes Geschmeide abtut
+und ein hübsches Breslauer Bürgermädchen wird, braunhaarig, braunäugig,
+rotwangig: da wird sie uns lieb und vertraut, wir setzen uns gern zu ihr
+ins Gras und lassen uns ein ihr zu Ehr und Preis verfertigtes
+Lied des Herrn von Hofmannswaldau mit leiser Stimme ins Ohr singen.
+Caspar von Lohenstein huldigte seinerseits neben der Venus den Göttern
+Mars und Mors. Er schrieb schwulstige Tragödien von schauerlicher
+Blutrünstigkeit. Der Entfaltung der Sitten und der Entwicklung der
+Tugend war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges nicht gerade günstig. Im
+großen und im kleinen wurde geplündert, gemordet und vergewaltigt. Der
+Fürst vergewaltigte das Land, der Landsknecht die Bauernmagd. Zum Besten
+des Vaterlandes und zu höherer Ehre Gottes wurden die abscheulichsten
+Taten getan. Der Wiener Hofkapuziner _Abraham a Santa Clara_ (1644-1709)
+wetterte in seinen Reden und Predigten mit Stentorstimme
+und einem gewaltigen Aufwand an schnurrigem Pathos gegen die
+Sittenlosigkeit, wobei er wenig genug ausrichtete. Der Elsässer
+_Moscherosch_ (1601 bis 1669) malte in seinen »Gesichten Philanders von
+Sittewald« die Verrottung der Zeit, die ihre höchste dichterische
+Formung in _Christoph von Grimmelshausens_ (aus Hessen, 1625-1676)
+»Abenteuerlichem Simplizissimus« fand. Neben dem Grübler Faust, dem
+weisen Narren Eulenspiegel kann man den reinen Toren Parsival als die
+dritte Verkörperung der deutschen Seele ansprechen. Parsival heißt bei
+Grimmelshausen Simplizissimus. Alle die vielfältigen Anfechtungen
+besiegt und überwindet die einfältige Seele, die groß und einfach in
+sich selber ruht, wie eine Perle in der Muschel. Der Hintergrund des
+Romans ist das zerrissene und zertretene Deutschland des Dreißigjährigen
+Krieges. _Andreas Gryphius_ (aus Großglogau, 1616-1664) erlebte das
+allgemeine Elend seiner Zeit am eigenen Leibe und an eigener Seele nicht
+typisch wie Grimmelshausen, sondern individuell: und es gelang ihm, es
+bis zur reinsten lyrischen Gestaltung zu verklären. Das Leitmotiv seiner
+Gedichte ist das christliche Symbol von der Vergänglichkeit des Menschen
+und der Eitelkeit alles Irdischen. Dieses ursprünglich religiöse und
+fast kirchlich-dogmatische Gefühl vertieft sich in seinen Sonetten
+grandios künstlerisch zur Weltanschauung einer erschütternden
+Resignation und eines erhaben schmerzlichen Pessimismus. Die
+grauenvolle Zeit, die in dem Krieg und in dem Frieden, in dem wir heute
+gezwungen sind zu leben und zu sterben, eine Parallele findet, duldete
+keines fröhlichen Weltfreundes rosenroten Optimismus. =Vanitas!
+Vanitatum vanitas!= Es ist alles eitel. Daß auch der Seelen Schatz so
+vielen abgezwungen -- dies ist die bitterste Erfahrung, die uns auch der
+große Krieg von 1914 bis 1918 gelehrt hat. Lüge, Heuchelei, Mammonismus
+und Materialismus haben die Seelen regiert, und wo ist jemand, der da
+sprechen kann, daß die seine im Schwertertanz ums goldene Kalb ganz frei
+davon geblieben? Stoßt das goldene Kalb vom Sockel und setzt eine weiße
+Marmorstatue der Göttin der Liebe, der Welt- und Gott- und Menschenliebe
+an seiner statt und nehmt euch bei den Händen und schlingt um das
+Denkmal wie mit Rosenketten den Frühlingsreigen einer besseren Zeit. --
+Elegie und Ironie wohnen nahe beieinander. In Gryphius' Lustspiel
+=»Horribilicribrifax«= schwingt er spöttischen Mundes die Geißel über
+Halbbildung und Phrasentum, die sich als Folge der Überschätzung alles
+Militärischen besonders beim Offiziersstand bemerkbar machten. Der
+aufschneiderische Maulheld =Horribilicribrifax= ist eine köstliche
+Figur, die man heute noch leibhaftig herumlaufen sehen kann. -- Einen
+bürgerlichen Maulhelden nahm sich _Christian Reuter_, ein Leipziger
+Student (geboren 1665), eine unstete Vagantennatur, die irgendwo im
+Elend verdarb und starb, zum Vorbild; es ist der Signor Eustachius
+Schelmuffski, dessen wahrhaftige, kuriose und sehr gefährliche
+Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande auf das vollkommenste und
+akkurateste er an den Tag gab. Diese lügenhafte Reisegeschichte, die
+Schelmuffski über Schweden, die Bretagne, Rom bis nach Indien führt (sie
+ist dem hochgeborenen großen Mogul dem Älteren, weltberühmten Könige
+oder vielmehr Kaiser in Indien gewidmet ...), ist einer der besten
+komischen Romane der Deutschen und nebenbei ein ergötzlicher
+Zeitspiegel. Auch Gryphius und Grimmelshausen spiegelten die Zeit.
+Sehen wir in ihren Zeitspiegel, steigt die Träne ins Lid.
+
+ * * * * *
+
+Wie ein Sturmwind braust _Johann Christian Günther_ (aus Striegau,
+1695-1723), der Götterbote einer neuen Zeit, in die deutsche Dichtung.
+Er schmiedete ihr die Waffen, mit denen sie später unter Goethe den
+himmlischen Sieg erfechten sollte. Was wäre der Sturm und Drang ohne
+Günther? Was Goethe ohne Günther geworden? Er war sein Vorläufer, sein
+Johannes, der ihm die Wege bereitete. Wie in Frankreich der Vagant
+François Villon, so steht in Deutschland der ahasverische Wanderer
+Johann Christian Günther, Student und Vagabund, der Unstete, der
+Schweifende, am Anfang der neuen Dichtung. Nur wer den Mut zu Ab- und
+Seitenwegen hat, der wird auch neue Wege finden. Darum sind alle diese
+Pfadfinder von schwankender Menschlichkeit und durchweg, wenn auch nicht
+immoralisch, so doch amoralisch gerichtet. Sie sind verdammt, Lasten und
+Laster einer Generation vorweg zu nehmen und zu schleppen, die nach
+ihnen kommt. Diese hat ihre Freiheit der Unfreiheit, ihre schwebende
+Leichtigkeit der stampfenden Schwere jener zu danken. Jene sind wie
+Stiere, diese wie Sonnenadler. Der junge Goethe als Student in Leipzig:
+das ist eine wörtliche Neuauflage des jungen Günther. Der nie ein alter
+Günther werden sollte, denn er starb im 28. Jahre an einem Blutsturz.
+Diesen Blutsturz erlebte auch Goethe in Leipzig: aber er überstand ihn
+und ging gekräftigt aus der Krise hervor. Günther hatte sein Blut
+verströmt. Sein junges Leben und Dichten ist ein Verbrennen und
+Verbluten. Er ist der erste Dichter, der sich bewußt außerhalb der
+bürgerlichen Gesellschaft stellt, und der dadurch jenen latenten
+Konflikt mit seinem starrköpfigen Vater heraufbeschwor, der nicht wenig
+zu seiner Erbitterung und Verbitterung und zu seinem vorzeitigen
+Zusammenbruch beigetragen hat. Gar so leicht wurde es dem Kinde nicht,
+von selbst gehen zu lernen in einer Welt, die sich ihm feindlich
+gegenüberstellte, und die Ablösung von der Nabelschnur, die ihn in den
+Eltern mit dem Bürgertum verband, geschah nicht ohne Krämpfe und
+Schmerzen. Er hatte Feinde »ringsum«. Seine wilde Leier wünschten
+Tausende ins Feuer, »denn sie rasselt allzuscharf«. Wie ein von allen
+gemiedener räudiger Hund lief er durch Deutschlands Straßen. Da
+übermannte ihn die Verzweiflung, daß er zu sterben wünschte, weil
+Leonore selbst ihn verlassen. Aber er reißt sich wieder empor, die
+Tränen versiegen, die Faust ballt sich:
+
+ Ich will hoffen, Hoffnung siegt.
+
+Und abends, auf der Dorfstraße, wenn er ein schönes Mädchen am Zaun
+stehen sah, konnte er wieder lächeln. Er lächelte und lachte ihr und
+sang ihr zu:
+
+ Schönen Kindern Liebe singen
+ Ist das Amt der Poesie,
+
+und reichte ihr galant den Arm und spazierte mit ihr in den Wald oder
+auf den Kirchhof, und auf den Gräbern der Toten blühten die Küsse der
+Lebenden und Liebenden wie Jasmin und Tulipan.
+
+Gelangt er bei seiner Wanderung in eine Universitätsstadt, versammelt er
+eine Genossenschaft junger trunkener Menschen um sich und singt ihnen
+das schönste deutsche Studentenlied:
+
+ Bruder, laßt uns lustig sein,
+ Weil der Frühling währet ...
+
+Sein Lorbeer grünt, wie er selber sang, auf die Nachwelt hin. Sein Name
+dringt durch Sturm und Wetter der Ewigkeit ins Heiligtum.
+
+ * * * * *
+
+Mit Günther gleichaltrig ist der Ostpreuße _Johann Christoph Gottsched_
+(1700-1766), der der deutschen Literatur mit professoraler Weisheit und
+deutend erhobenem Zeigefinger: dies darfst du! und: dies darfst du
+nicht! auf die Beine helfen wollte. Ich weiß nicht, ob er Günther
+gekannt hat. Jedenfalls hätten ihn seine Wildheit und sein Feuer
+bestürzt und erschreckt. Er war für das Manierliche und Moralische.
+Bürgerlich-wohlanständig, klar, deutlich und nüchtern hatte die Poesie
+zu sein. In seinem »Versuch einer kritischen Dichtkunst für die
+Deutschen« stellte er eine enge und beschränkte Theorie auf und
+verlangte mit der Geste eines Diktators, daß sich jeder Dichter -- immer
+mal wieder -- strikt danach zu richten habe, ansonst der Herr Lehrer ihm
+eine Fünf ins Büchel schreibe. Das Wichtige an Gottscheds
+dramaturgischen Leistungen ist das Wagnis, das Experiment. Andere erst
+sollten aus seinen Erfahrungen lernen. Der Liebling des Lesepublikums
+wurde _Christian Fürchtegott Gellert_ (aus Sachsen, 1715-1769). Denn er
+vereinigte die damaligen Richtungen harmonisch in sich: Gottscheds
+Steifheit, Bodmers »moralische« Phantasie, Hallers gebirgiges Barock und
+eine milde pietistische Frömmigkeit, die seit Gerhard und Gryphius aus
+der deutschen Dichtung nicht verschwunden war. Zu seiner
+Volkstümlichkeit trug nicht wenig ein ehrenfester, lauterer Charakter
+bei. In ihm durfte das Bürgertum sein Ideal sehen: selbst Friedrich der
+Große, der in seiner Schrift »Von der deutschen Literatur« vor der
+deutschen Dichtung absolut keinen Respekt zeigte, verneigte sich
+huldigend vor dem kleinen Leipziger Professor der Beredsamkeit und
+Moral. Seine Fabeln, Erzählungen und geistlichen Lieder plätschern sacht
+und sanft daher, hie und da mit einem Schuß gutmütiger Bosheit versehen,
+gerade so boshaft, daß es nicht weh tut. Weh tun wollte diese
+personifizierte Güte niemandem. Er war nicht nur ein Fürchtegott,
+sondern auch ein Fürchtemensch und Fürchtetier. Daß das Tier in ihm wie
+in jedem Menschen lebendig war, beweist eine in mancher Fabel
+durchbrechende Lüsternheit, die zu unterdrücken seine ganze moralische
+Kraft notwendig war. Denn er war zu krank, um einer animalischen Lust
+recht und wahrhaft leben zu können wie _Friedrich von Hagedorn_ (aus
+Hamburg, 1708-1754), der Anführer einer ganzen Schar galanter Herren,
+die in erster Linie Kavaliere, in zweiter erst Dichter sein wollten und
+die Anbetung der Muse und der geliebten Frau höchst zweckmäßig
+vereinten.
+
+ * * * * *
+
+Auf dem Wege über die Romanen waren Horaz und Anakreon zu den Deutschen
+gekommen. Bei dieser Wanderung hatten sie manches von ihren
+ursprünglichen Reizen verloren und manches an neuen Reizen
+hinzubekommen. Anakreon war in Frankreich ein leichtfertiger, eleganter
+Schürzenjäger, Horaz im Gefolge der päpstlichen Höfe ein überaus
+witziger, wohlbeleibter, immer leicht angetrunkener Domherr geworden,
+dem ein Kranz voll Weinlaub die Tonsur verdeckte, und bei dem die
+schönen Damen von Rom und Ravenna gern und willig beichteten, denn er
+sprach sie lächelnd von vornherein aller Sünden ledig. Anakreon und
+Horaz sind die Väter des französischen und des deutschen Rokoko: die
+griechischen Götter, nach französischer Mode aufgeputzt, Eros und Silen
+führten den trunkenen Reihen der Poeten, die sich griechische Namen
+gaben, wie Damon oder Bathyll, und ihrer liebreizenden Schäferinnen:
+Phyllis oder Chloe gerufen. Das ländliche Leben wurde Mode. Aber es war
+nur ein Aufputz. Die Damen frisierten sich als Bäuerinnen, ihr Herz war
+von der Natur recht weit entfernt, jede Berührung mit der wahren Natur
+und ihrer Derbheit erschreckte sie. Sie kleideten sich in Hirtenkleider,
+die ein Pariser Modekünstler entworfen hatte, und hüteten auf
+wohlgepflegten Wiesen kurz geschorene, weiß gewaschene, saubere
+Lämmchen, mit rosa Bändern am Hals und einer kleinen Glocke daran. Und
+die Hirtenstäbe der Herren waren mit Silber und Gold besetzt. Die
+anakreontische Lyrik beginnt, ungeschickt angeschlagen, schon bei den
+Pegnitzschäfern in Nürnberg um 1644 zu erklingen, einer der sogenannten
+Sprachgesellschaften, die im Anschluß an die Meistersingerschulen
+entstanden. Die Dichter dieser Gesellschaft, zu denen auch der gute
+_Philipp Harsdörffer_ gehört, der Erfinder des »Nürnberger Trichters«
+(mit dem er den bedauernswerten Zeitgenossen die Poesie künstlich
+eintrichtern wollte), führten je einen Hirtennamen und als Symbol je
+eine Blume im Dichterwappen. Hagedorn und seine Kameraden sind begabter
+als ihre Vorläufer im 17. Jahrhundert. Die Hainbündler, die Stürmer und
+Dränger, der junge Goethe: sie konnten lange nicht von den hier
+angeschlagenen Tönen loskommen. Aber außer Goethe gelang es noch einem
+Lyriker, seiner im Walde der Anakreontik geschnitzten Flöte eigene Töne
+zu entlocken: _Johann Georg Jacobi_ (aus Düsseldorf, 1740-1814). »Ihm
+war die Grazie (-- übrigens das Lieblingswort der Epoche! --), die so
+mancher Anakreontiker sich mühsam anlernen mußte, angeboren« heißt es im
+Vorwort zu seinen »Sämtlichen Werken«. Verse wie die »An ein sterbendes
+Kind« gerichteten, sind rhythmisch so kühn und neu, daß sie von Goethe
+sein könnten.
+
+Gottfried Keller hat in seiner Novelle »Der Landvogt von Greifensee« ein
+reizendes Bild von einem ländlichen Fest gemalt, das der Zürcherische
+Dichter _Salomon Geßner_ (1730-1788) auf seinem Landhaus im Sihlwald
+seinen Freunden gibt. Dieser Salomon Geßner ist der Schöpfer der
+deutschen Idylle. Sein Talent ist begrenzt, aber innerhalb der Grenzen
+seines Talents bewegt er sich mit vollendeter Sicherheit und Anmut. Er
+gehört zu den allerliebenswürdigsten Erscheinungen der deutschen
+Dichtung. Geßner war einmal eine europäische Berühmtheit. Es wird nicht
+besser werden in der Welt, ehe es Geßner nicht wieder ist. Wir werden
+erst dann den ewigen Frieden haben, wenn arkadische Dichter wie er
+wahrhaft populär geworden sind.
+
+ * * * * *
+
+Ist Opitz als Privatdozent, Gottsched als außerordentlicher Professor
+der deutschen Literatur anzusprechen, so darf man _Gotthold Ephraim
+Lessing_ (geboren zu Kamenz, 1729) den Titel eines ordentlichen
+Professors und vortragenden Rates mit dem Prädikat Exzellenz nicht
+vorenthalten. Er ist nicht so langweilig wie die, die sich bei ihm
+langweilen. Aber er ist auch nicht der beschwingte Genius und
+Fackelträger, zu dem man ihn hat empordichten wollen. Ernst, behutsam
+und bedächtig suchte er mit seiner Laterne das Dunkel der deutschen
+Dichtung zu erhellen, und es gelang ihm, über viele dämmerige und
+nachtschwarze Stellen Licht und Erkenntnis zu verbreiten. Das besorgte
+er besonders mit seinen »Briefen, die neueste Literatur betreffend«. Da
+rief er Shakespeare, den Zauberer aus dem Wunderland der Wirklichkeit,
+zum Zeugen auf gegen Gottscheds Schablonenidealität. Da hob er den
+Mythos von Faust ans Licht, entdeckte entzückt das deutsche Volkslied
+und einen verschollenen Poeten wie Friedrich von Logau. Die Schrift
+Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie hat zu seiner Zeit
+alarmierender gewirkt als heute in den Primen der Gymnasien. Die klare
+Unterscheidung von den Möglichkeiten, von Harmonie und Differenz
+zwischen Malerei und Poesie tat dazumal bitter not. Denn die sogenannte
+beschreibende und malende Poesie, von Opitz eingeführt, von Haller,
+Matthisson und vielen minderen fortgeführt, drohte in ihren Auswüchsen
+die gerade nur erst hügeligen Ansätze einer neuen Dichtung völlig zu
+verflachen. Indem er die Plastik als räumlich, die Dichtung als zeitlich
+(nicht im historischen Sinne) bedingt definierte, eröffnete er auch
+Perspektiven auf Raum und Zeit, auf Traum und Ewigkeit schlechthin. Er
+rief den Dichtern zu: Nicht rasten! Nicht ruhen! Ruhe, Beharrung ist das
+Zeichen der bildenden Kunst. Ihr müßt, berlinisch gesprochen, Leben in
+die Bude bringen. =En avant!= Vorwärts! Attacke! Professor Lessing gerät
+hier in Feuer. Auch in der »Hamburgischen Dramaturgie« (1767 bis 1769)
+zeigt er sich reichlich temperamentvoll, wie er mit den französischen
+Klassikern herumfährt, daß ihnen nur so der Puder aus den Perücken
+fährt. Er restituiert Aristoteles und versetzt die wahre tragische
+Handlung in die Seele des Menschen. Den Regeln, die er in der
+Hamburgischen Dramaturgie aufgestellt, versucht er in einigen Dramen
+nachzuleben. In »Miß Sarah Sampson« wagt er schon 1755 das Drama von
+jeder Staatsaktion zu entkleiden und steigt ins gut, ins schlecht
+bürgerliche Milieu hinab. Er wollte beweisen, daß nicht bloß eine
+Prinzessin, sondern auch ein einfaches Bürgermädchen seine Tragödie
+erleben kann. Die französischen Klassiker reservierten prinzipiell das
+Tragische den Herren und Damen vom Hofe und den Göttern. In »Minna von
+Barnhelm« haben wir, trotz mancher Schwächen im einzelnen, eine
+wirkliche Dichtung. Professor Lessing lege seinen ersten Titel ab und
+sei Dichter Lessing genannt. Mit dem Prinzen von Homburg ist der Major
+von Tellheim einer der wenigen sympathischen preußischen Charaktere in
+der deutschen Literatur. In »Emilia Galotti« tritt Lessing unter der
+Maske des Odoardo als Richter den Fürsten seiner Zeit entgegen. Und sei
+hier nicht mehr Dichter, sondern Richter Lessing genannt. In »Nathan dem
+Weisen« faßt Lessing seine drei bisherigen Berufe noch einmal zusammen:
+hier ist er der Philosoph, der Dichter, der Richter. Hier predigt er die
+allgemeine Toleranz, die große Liebe. Der christliche Tempelherr, der
+Mohammedaner Saladin und der Jude Nathan feiern den Bruderbund der
+Menschheit. Die gute Idee ist nichts ohne die gute Tat. Gut denken
+heiße: gut sein. Zwei Jahre nach der Vollendung des Nathan vollendete
+sich Lessing selbst.
+
+ * * * * *
+
+Das Größte an _Klopstock_ (aus Quedlinburg, 1724 bis 1803) ist sein
+patriarchalisches Pathos. Es scheint, als hätte er schon Schulpforta mit
+neunzehn Jahren als Patriarch und Weltmeister verlassen. In seiner
+Abschiedsrede klingt das hohe Bewußtsein einer erlauchten Berufung. Ich
+will, so rief er, der Milton der Deutschen werden! -- Und er ist es
+geworden. Alles, was er gewollt hat, hat er gekonnt. Wie ein Priester
+hat er seines Amtes gewaltet. Und wenn er, seine Bardengesänge, die
+=Bardiete=, singend, den deutschen Göttern opferte, war das Gotteshaus
+gefüllt mit andächtigen Jünglingen und Jungfrauen, die in ihm den
+Stellvertreter des deutschen Gottes auf Erden, den deutschen Papst,
+sahen. Er goß den deutschen Wein in griechische Pokale: in seinen
+»Oden«, die die fremde Form vergessen lassen, so deutsch sind sie. Er
+ist spröder als Hölderlin und unserem Empfinden schwerer zugänglich
+-- aber die Bekanntschaft mit ihm wiegt Dutzende heutiger Lyriker auf.
+Seine zuchtvolle Strenge könnte der heutigen Auflösung gut tun. Die
+jungen Dichter könnten von ihm lernen, vorausgesetzt, daß sie überhaupt
+etwas lernen wollen. Der Meister Klopstock fühlte sich zeitlebens als
+»der Lehrling der Griechen«. Sein episches Hauptwerk ist der »Messias«,
+ein Gedicht von Sünde und Erlösung in zwanzig hexametrischen Gesängen.
+Es schildert den Weg des Gottessohnes vom Himmel durch die Hölle zur
+Erde und wieder zum Himmel: am schönsten in seinen hymnischen und
+lyrischen Stellen. Hin und wieder verleitet ihn das priesterliche Ornat
+zu zeremoniellen Gesten und oratorischen Phrasen.
+
+ * * * * *
+
+Zwei seelische Richtungen suchten um die Mitte des 18. Jahrhunderts
+einander den Rang streitig zu machen: eine schwärmerische und eine
+rebellische. Die schwärmerische ging von Klopstock und seinem Gefolge:
+dem Hainbund (Hölty, Voß, Matthisson, dem Schweizer Salis-Seewis,
+Claudius) aus; die zweite blühte aus wilden Studentenkameradschaften
+empor, und ihr Meister hieß Johann Christian Günther. Sie selber aber
+nannten sich nach einem »Sturm und Drang« (1776) betitelten Drama eines
+der ihren, des Maximilian Klinger: Stürmer und Dränger. Klinger war ein
+Freund Goethes, und aus ihrem Kreise ist, betreut von Herders wachsamem
+Auge, der Stürmer und Dränger hervorgegangen, der sie alle überstürmen
+und zurückdrängen sollte: Goethe. Wie die Bruderbünde der heutigen
+jungen Dichter hatten sowohl die Hainbündler wie die Stürmer und Dränger
+die Brüderlichkeit, die Weltumarmung, die Menschlichkeit auf ihre Fahnen
+geschrieben, und Freundschaft galt ihnen als ein heiliges Wort. Die
+bedeutendsten Mitglieder des Hainbundes waren _Johann Heinrich Voß_ aus
+Mecklenburg (1751 bis 1826) und _Ludwig Hölty_, der 1776 im jugendlichen
+Alter von achtundzwanzig Jahren starb, der Apollo und Adonis des Bundes:
+gepriesen als der Liebling der Götter. Voß, der später die Redaktion des
+Bundesorganes, des Göttinger Musenalmanachs, übernahm, darf eigenen
+dichterischen Wert höchstens als Idylliker (Luise, Der siebzigste
+Geburtstag) beanspruchen. Zu den harmlosen, aber hübschen Hexametern war
+er angeregt worden durch Übersetzungen der Homerschen Odyssee (1781) und
+Ilias, die an Wert und Wirkung den Herderschen Stimmen der Völker in
+Liedern nicht nachstehen und den Blick der Deutschen auf das griechische
+Heldenepos lenkten. Wenn Achilles und Hektor in Deutschland so
+volkstümliche Figuren geworden sind wie Siegfried und Hagen, wenn Zeus
+und Hera in der Götterwelt Wodan und Freya den Rang streitig machen, so
+ist's das Verdienst von Voß, dem Ganymed, der lockige Schenke, im
+olympischen Saale dafür einen besonderen Humpen Nektar kredenzen möge!
+
+ * * * * *
+
+Im Pantheon des Hainbundes standen die Hermen von Ossian, Klopstock und
+Herder, dagegen erscholl an die Adresse _Wielands_ (1733-1813, aus
+Oberholzheim) in jeder Bundessitzung ein dreifach kräftiges Pereat.
+Dieser war in ihren Augen ein allzu ungezogener Liebling der Grazien.
+Seine charmanten Frivolitäten, sein graziöser, klingender Stil, spielend
+wie eine Wasserkunst im Schlosse irgendeines Rokokofürsten, fanden nicht
+Gnade vor ihren Augen. Sie ziehen ihn der Sittenlosigkeit, der
+Undeutschheit und traten seine Dichtungen mit Füßen oder verfertigten
+sich aus seinen reizenden Perioden Fidibusse, mit denen sie ihre
+Knasterpfeifen entzündeten, und Don Sylvio von Rosalva, der Jüngling
+Agathon und die zärtliche Musarion gingen wehklagend und seufzend in
+Flammen auf. Hatten die Hainbündler recht, dem armen Wieland so übel
+mitzuspielen? Doch wohl nicht. Im Grunde war er ihnen verwandter als sie
+ahnen oder fühlen konnten. Auch er war ein Schwärmer wie sie -- aber er
+ging nicht wie sie durch eine, er ging durch tausend Schwärmereien
+hindurch und war vom Pietisten bis zum Wollüstling, vom Hetärenpriester
+bis zum Anbeter der mütterlichen Frau so ziemlich alles, was man sein
+kann. Was seine vielen Wandlungen verklärt: er war alles mit der
+gleichen Leidenschaft und Wahrhaftigkeit. Als Lyriker hatten die
+Hainbündler für Wielands Kunst der Erzählung kein Verständnis. Sein
+großer Roman »Agathon« (1766), die Entwicklung eines Menschen zu sich
+selbst, in einem stark stilisierten Altgriechenland sich begebend, wird
+immer ein Markstein in der Entwicklung der deutschen Prosadichtung sein,
+die auch durch den komischen Roman »Die Abderiten« (1780), eine
+Verspottung des Spießertums, Bereicherung empfing. Goethe weihte von
+allen Schriften Wielands dem Heldenepos »Oberon« (1780) den Lorbeer, und
+zwar im wörtlichsten Sinne: nach seinem Erscheinen sandte er ihm einen
+Lorbeerkranz. Der »Oberon« ist das erste Werk, das man neben Mahler
+Müllers »Genoveva« den Auftakt der Romantik noch mitten in der Klassik
+nennen könnte. Abendland und Morgenland gehe so phantastisch ineinander
+über wie die wirkliche und die Geisterwelt.
+
+ * * * * *
+
+Unter den Hainbündlern waren einige, die zwar nominell ihm nahestanden,
+innerlich aber dem Sturm und Drang zugerechnet werden müssen. Unter
+ihnen ist vor allem _Gottfried August Bürger_ (1747-1794, aus
+Ballenstedt) zu nennen, dessen titanischem Wollen (wie den meisten
+Stürmern und Drängern) nur ein sehr menschliches Gelingen beschieden
+war. Hin und her gerissen zwischen zwei Frauen schwebte er zwischen
+Himmel und Erde, bis ihn die Erde gnädig in ihren Schoß zurücknahm. Er
+war ihr einer ihrer liebsten, aber auch unglücklichsten Söhne. Seine
+Lieder an Molly sind von einer rasenden Leidenschaftlichkeit, der die
+Zügel durchgehen wie einem wildgewordenen Hengste. Vollkommen bewährte
+er sich in seinen Balladen. Auch die Legende von »Münchhausens
+wunderbaren Reisen« (1786) muß ihm herzlich gedankt werden, so wie wir
+dankbar bei dieser Gelegenheit des alten _Musäus_ (1735-1787) gedenken
+müssen, der die Volksmärchen der Deutschen, darunter die Schnurren vom
+grobschlächtigen, schlesischen Waldgott Rübezahl damals grade sammelte
+und nacherzählte.
+
+ * * * * *
+
+Waren die Hainbündler mehr besinnlich und lyrisch, so waren die Stürmer
+und Dränger mehr sinnlich und dramatisch, heute würde man sagen: mehr
+politisch, mehr aktivistisch gerichtet. Sie litten unter der sozialen
+und politischen Ungerechtigkeit des Zeitalters. Das Motto Schillers, das
+er über »Die Räuber« setzte: =In tyrannos!= kann man über die ganze
+Richtung setzen. Die Stürmer und Dränger waren die deutschen Vorläufer
+und Brüder der französischen Revolutionäre von 1789. Wie Wilhelm II. dem
+Erwachen der deutschen Dichtung aus dem patriotischen Winterschlaf nach
+dem siegreichen Krieg von 1870/71 zur Selbstbesinnung, zur Erhebung, zur
+Vergeistigung von seinem Standpunkt mit dem größten Recht mißtrauisch
+gegenüberstand -- denn einer Revolution des Geistes pflegt eine solche
+der Tat auf dem Fuß zu folgen: so standen die damaligen Souveräne dem
+Ansturm der Stürmer ablehnend und erbittert gegenüber, denn es ging ums
+Gottesgnadentum, es ging um Autokratie oder Demokratie schon damals. Es
+handelte sich darum, ob die deutschen Fürsten ihre Untertanen als
+Schlachtenfutter nach Amerika verkaufen könnten wie ein Stück Vieh, um
+aus dem Erlös ihre fetten Huren und lasterhaften Gelage zu bestreiten,
+oder ob der Mensch ein Mensch wie sie, ob es nicht unvergängliche
+»Menschenrechte« gäbe, die niemand wagen dürfe anzutasten, der nicht ein
+Hundsfott oder Lump sein wolle. In den »Räubern« und in »Kabale und
+Liebe« zog Schiller gegen die Tyrannen vom Leder. Und es ist nicht zu
+verwundern, wenn Karl Eugen von Württemberg sich dieser Richtung
+gegenüber ähnlich äußerte wie später Wilhelm II.: »Die ganze Richtung
+paßt mir nicht!« Schiller wurde 1782 vierzehn Tage in »Schutzhaft«
+genommen; als der Fürst ihm wenig später überhaupt untersagte, weiterhin
+»Komödie« zu schreiben, machte Schiller dieser Komödie ein Ende und floh
+aus Württemberg ins Ausland. Sein Gesinnungsgenosse, der Schwabe
+_Christian Schubart_ (1739 bis 1791), mußte die Auflehnung gegen die
+Tyrannei mit einer zehnjährigen Gefangenschaft auf dem Hohenasperg
+büßen. Er schleuderte den Fürsten die Verse der »Fürstengruft« wie
+Pfeile entgegen.
+
+_Jakob Reinhold Lenz_ (aus Seßwegen, 1751-1792) schrieb sein Drama »Die
+Soldaten«, in dem er die Immoralität des Soldatenlebens attackierte.
+Sein Leben wie sein Dichten zerrann ihm wie Wasser zwischen den Händen.
+Die Erscheinung Goethes blendete ihn, so daß er die Welt der
+Erscheinungen nicht mehr zu sehen vermochte und einer utopischen Welt
+verfiel, die halbe Wahrheit und ganze Dichtung nicht mehr
+auseinanderzuhalten verstand. Wäre er nur der Lenz geblieben, der er
+war! Vielleicht, daß er zu einem fruchtbaren Sommer gereift wäre! Aber
+er wollte ein Goethe werden.
+
+_Maximilian Klinger_ (aus Frankfurt, 1752-1831), dessen eines Drama der
+Bewegung den Namen gab, war eine bedächtigere Natur, obgleich seine
+Dramen selbst aus allen Fugen zu gehen scheinen. Im reiferen Alter
+resigniert er. In seinen »Betrachtungen« sind aus den Ungetümen und
+Unholden, die die Fürsten im Sturm und Drang waren, schwache Menschen
+geworden wie wir alle. In der Tendenz steht der Satiriker _Georg
+Christoph Lichtenberg_ (aus Darmstadt, 1742-1799) den Stürmern nahe,
+besonders in seinen geistvollen politischen Bemerkungen.
+
+Als der eigentliche Prosaiker der Richtung muß _Wilhelm Heinse_
+(1749-1803) betrachtet werden. Sein Renaissanceroman »Ardinghello und
+die glückseligen Inseln« predigt die Idee der Kraft, der Schönheit, der
+leiblichen und seelischen Nacktheit, der Scham- und Hüllenlosigkeit.
+Geschrieben in einem bezaubernden Stil, dessen Wohlklang nur noch von
+Geßner in seinen Idyllen und später von Jean Paul erreicht wird,
+bezaubert er auch durch die amoralische Anmut seiner Gestalten und durch
+die tropisch bunte Ausmalung des Schauplatzes. Der Starke hat Recht.
+Aber er siegt nicht durch seine Stärke, durch rohe Gewalt allein: sie
+muß sich mit Natürlichkeit, mit Geist, der Mut muß sich mit Anmut
+paaren. Heinses Genie war eine brünstige Flamme. Aber wer feuersicher
+ist (und nur der sollte sich ins Feuer wagen), der wird gestählt und
+gefestigt durch sie hindurchgehen.
+
+ * * * * *
+
+_Johann Gottfried Herder_ (1744-1803, ein geborener Ostpreuße) ist einer
+der Lehrmeister der Deutschen. Wären die Lehr- und Schulmeister der
+Deutschen alle geartet wie er: was ließe sich aus ihnen machen! Aber der
+Teufel stopft ihnen Wachs in die Ohren und verklebt ihre Augen mit Pech;
+also daß sie taub und blind dem ersten besten Eselstreiber folgen, der
+sie in den Abgrund führt. Über der festen Grundlage einer allgemeinen,
+philosophischen und philologischen Bildung wölbte sich bei Herder in den
+Gewittern seiner Zeit der Regenbogen eines großen Geistes und eines
+hellen Herzens. Auf einer Reise nach Paris lernte er Diderot, einen der
+geistigen Urheber der Französischen Revolution, kennen. In Straßburg
+geschah jene denkwürdige Begegnung mit Goethe: der schwärmerische
+Jüngling empfing aus dem Munde des gereiften und gelehrten Mannes den
+mächtigsten Ansporn, die liebevollste Leitung. Herder war ein Denker des
+Gefühls. Manchmal schlägt der Blitz der apriorischen Logik in seinen
+Gedankenwald, ihn und uns belehrend, daß die Bäume nicht in den Himmel
+wachsen. Aber um den verkohlten Stamm schlingen sich liebend und
+lieblich die reinsten Gefühle, die weißesten Winden. Sein »Briefwechsel
+über Ossian und die Lieder alter Völker« (1773) bedeutet weniger durch
+die aufgestellten Thesen (Unterschied zwischen Kunst- und
+Volksdichtung), als durch die flammende Liebe, die hier und anderswo in
+seinen Schriften die Wissenschaft durchlodert. Sein Aufruf, die alten
+Volkslieder zu sammeln, war eines der wichtigsten Manifeste des
+deutschen achtzehnten Jahrhunderts. Er ist der Schöpfer dieses Wortes:
+Volkslied. 1778-79 durfte er in seinen Volksliedern (»Stimmen der Völker
+in Liedern«) dem deutschen Volk ein prachtvolles Dokument der
+Volkslieder aller Zeiten und Zonen vorlegen: die fremdländischen Lieder
+in Übertragungen von ihm selbst. Schon vorher war er in den Fragmenten
+über die neuere deutsche Literatur gegen Affekt- und Effekthascherei
+gegen die französische und griechische Mode aufgetreten und hatte das
+Rousseausche »Zurück zur Natur!« für die deutsche Dichtung formuliert:
+»Zurück zur Natürlichkeit! Zu den Quellen deutscher Sprache und
+deutschen Volkstums! Die Kunstdichtung kann nur auf dem Acker der
+Volksdichtung gedeihen. Zerstört die gläsernen Treibhäuser, und laßt das
+freie Wetter über die Blüten eures Geistes brausen! Welche Blüte darin
+umkommt, die ist nicht wert, daß sie geblüht hat.« -- 1777 kam Herder
+auf Goethes Veranlassung als Generalsuperintendent nach Weimar. Hier
+schrieb er, von Goethes Gedankenarbeit kameradschaftlich unterstützt,
+die »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«, den ersten
+groß angelegten Versuch, die Geschichtswissenschaft aus einer Statistik
+von blutrünstigen Raub- und Eroberungskriegen und den Daten der
+erlauchten Herrscher zu einer Geisteswissenschaft, zu einer Wissenschaft
+vom Werden und Wesen der Menschheit zu erweitern. Eine Kapitelüberschrift
+wie diese: Die Erde als Stern -- wieviel besagt und beleuchtet sie schon
+im Gegensatz etwa zu: König Otto der Faule (1430-1450), der üblichen
+Überschrift der in Deutschland so beliebten monarchistischen
+Geschichtsschreibung. -- Die letzten Lebensjahre Herders verbitterte
+seine Entfremdung von Goethe und Schiller: in Schiller befehdete er den
+Schüler Kants, in Goethe sah er sich selber strahlend überwunden. Als er
+die Augen schloß, setzten sie ihm auf seinen Grabstein seinen
+Wahlspruch, den ewigen Wahlspruch aller Jünglinge (Herder war auch als
+Greis ein Jüngling geblieben): Licht! Liebe! Leben!
+
+ * * * * *
+
+_Friedrich Schiller_ (1759-1805) ist der Dichter der Jugend. Denn er ist
+ein revolutionärer Dichter. Und die Jugend wird gegenüber einem
+konservativen oder stagnierenden Alter immer revolutionär gesinnt sein.
+In den »Räubern« wird jemand aus Verzweiflung über die Schlechtigkeit
+der Welt zum schlechten Kerl: um den Teufel mit Beelzebub auszutreiben.
+Wäre dieses Drama heute geschrieben, man würde es ein bolschewistisches
+Drama nennen. (Schiller war Ehrenbürger der Französischen Revolution,
+der er als Idee begeistert huldigte, und von der er sich später, als die
+Realität weit hinter der Idee zurückblieb, -- wie es in Revolutionen
+immer zu sein pflegt -- angewidert wegwandte.) Diese Räuber wollen die
+ganze Welt zugrunde richten, um auf den Trümmern eine neue, bessere
+Welt zu erbauen. Karl Moor schreitet in mancherlei Verwandlungen durch
+Schillers Werke. Er ist Fiesco, der Verschwörer, der sich den Mantel des
+Monarchen um die Schulter schlägt. Er ist Ferdinand, der gegen die
+konventionelle Despotie und die Despotie der Konvention rebelliert. In
+Carlos und Marquis Posa hat sich der geistige Revolutionär dupliziert.
+Verteidigen die »Räuber« noch die Eventualität eines gewalttätigen
+Umsturzes, so erscheint »Don Carlos« dagegen auch in der Sprache durch
+seine Jamben gemildert, als Drama einer geistigen Revolution. Von innen
+heraus sollen Staat und Menschheit, Staatsbürger und Menschen erneuert
+werden. »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit« -- aus dem freien Gedanken
+wird die freie Tat sprießen. Wie Spinoza auf Goethe, so hat das Studium
+der Kantschen Philosophie auf Schiller den nachhaltigsten Eindruck
+gemacht. Kants ethische Maximen, besonders der kategorische Imperativ,
+werden in seinen späteren Gedichten und Dramen immer wieder illustriert
+und paraphrasiert, die oft nur um der ethischen Forderung willen
+geschrieben scheinen. Zwölf Jahre nach dem Don Carlos, im Jahre 1799,
+vollendete Schiller den Wallenstein: die Schicksalstragödie des
+Herrscherwillens. Der Schatten des aufsteigenden Bonaparte fiel über das
+Werk. Auch Wallenstein ist ein Rebell, aber =faute de mieux=. Er kann
+einen Größeren, einen Mächtigeren nicht vertragen: denn er fühlt in sich
+das Prinzip der Macht rechtmäßig verkörpert. Er fällt durch den Verrat
+seines Freundes Piccolomini. In den drei Teilen vom »Wallenstein« ist
+Schillers Werk gegipfelt. Den vielen männlichen Rebellen in Schillers
+Dramen tritt eine Revolutionärin zur Seite: Maria Stuart, der weibliche
+Typ des Revolutionärs, deren Aktion sich zur Passion wandelt, die die
+revolutionäre Tat durch ein revolutionäres Herz ersetzt. Nach Maria
+Stuart (1800) wendet sich Schiller noch einem weiblichen Helden zu: der
+Jungfrau von Orleans, der Verkörperung religiöser Vaterlandsliebe. Im
+»Tell«, seinem letzten Drama, gestaltet Schiller die Idee der
+»Freiheit« und nimmt noch einmal die Partei der »Unterdrückten aller
+Länder«. Es berührt sich in mehr als einem Punkt mit seinem
+Erstlingsdrama, den »Räubern«. Keine philologische oder moralische
+Spitzfindigkeit wird übrigens darüber wegtäuschen können, daß dieses
+Drama in der Tat des Tell den politischen Meuchelmord verteidigt, ja
+verherrlicht, und keines dürfte sich besser für eine Festvorstellung,
+vor Terroristen gegeben, eignen. Der individuelle Terror findet hier
+seine glänzendste Gloriole. -- Tell scheint mir eine aus der Tiefe von
+Schillers Unterbewußtsein getretene Figur seiner Jugendzeit, die gegen
+Geßler (Herzog Karl Eugen), dem symbolhaft verdichteten Bild des
+deutschen Duodeztyrannen, den tödlichen Pfeil richtet, um sich endgültig
+von ihm zu befreien ... Als Lyriker steht Schiller hinter dem von ihm
+verkannten Hölderlin, hinter Goethe, Günther, Eichendorff zurück. Seine
+Gedankenlyrik gibt mehr Gedanken als Lyrik. Als Balladendichter darf er
+hohen Rang beanspruchen. Seine Größe liegt in seinen Dramen. Man hüte
+sich, ihn weder zu über- noch zu unterschätzen. Unschuldig schuldig ist
+er an jener Kriegervereinspathetik, die sich, besonders seit 1870, in
+die geschwellte Brust warf und Schillersche Formen und Schillersches
+Pathos mit leeren chauvinistischen Rodomontaden füllte. Gegenüber
+solcher »Idee«lichkeit kann die Goethesche »Sach«lichkeit nur heilsam
+wirken, wie sie auf Schiller selbst heilsam gewirkt hat.
+
+ * * * * *
+
+Um diese Zeit lebten fern allen literarischen Bestrebungen, aber mit der
+Tradition der deutschen Dichtung aufs tiefste verwachsen, zwei der
+liebenswürdigsten deutschen Dichter, die man, wie die siamesischen
+Zwillinge, immer nur zusammen nennen kann: _Matthias Claudius_
+(1740-1815), der »Wandsbecker Bote«, und _Johann Peter Hebel_ (1760 bis
+1826), der »Rheinische Hausfreund«. In der Gesamtausgabe der Schriften
+des »Wandsbecker Boten« befindet sich am Eingang eine Zeichnung von
+Freund Hein, dem Tod. Obgleich die Zeichnung ein Skelett darstellt, ist
+der Tod gar nicht schrecklich anzusehen, streng, aber freundlich steht
+er da. Mit Freund Hein verkehrte Claudius auf vertrautem Fuße. Er war
+ihm der Freund Hein trotz aller Schmerzen, aller Dunkelheiten, die er
+bringt. Sein »Abendlied« gehört zu den deutschesten deutschen Gedichten.
+Sein »Rheinweinlied«: das trunkenste Trinklied. Schon in der Schule
+haben wir uns mit Claudius befreundet wie mit einem guten alten Onkel,
+als er uns die lustige Geschichte erzählte vom Riesen Goliath und dem
+Zwerg David und von Urian, welcher die weite Reise machte. _Johann Peter
+Hebel_, Volksfreund und Volksdichter wie er, ist sein jüngerer Bruder.
+Ich kenne keinen Schriftsteller in Deutschland, der zu erzählen weiß wie
+der ehemalige Theologieprofessor Johann Peter Hebel. Gewiß er predigt
+Moral. Aber in welcher Sprache! Das ist ein Deutsch, wie es einfacher
+und tiefer, zweckloser und klangvoller nicht erdacht und geschrieben
+werden kann. Und die Moral, die er einer schönen Geschichte anhängt, wie
+nebensächlich ist sie und nur als Schlußpunkt von Bedeutung! Die
+Hauptsache ist ihm der Mensch oder das Ding »an sich«, das er
+betrachtet, formt und schmerzlich sinnend oder lächelnd in seinen
+Vortrag stellt. Wir sind alle wie Kinder vor ihm, und wenn wir in der
+Dämmerung in den Himmel sehen und die Sterne hervorkommen: die Venus
+oder die Juno, die funkelnden Himmelsfrauen, und wir ihn fragen: »Vater,
+was ist mit den Sternen und mit dem Himmel?« -- dann wird er uns über
+die Haare streicheln und leise sprechen: »Der Himmel ist ein großes Buch
+über die göttliche Allmacht und Güte, und stehen viel bewährte Mittel
+darin gegen den Aberglauben und gegen die Sünde, und die Sterne sind die
+goldenen Buchstaben in dem Buch. Aber es ist arabisch, man kann es nicht
+verstehen, wenn man keinen Dolmetscher hat ...« Ein solcher Dolmetscher
+ist uns der rheinische Hausfreund, der alte Johann Peter Hebel.
+
+ * * * * *
+
+Wenn _Goethe_ (geboren 1749 in Frankfurt) heute lebte, würden ihn die
+kritischen Anwälte der jüngsten deutschen Dichtung wegen seiner
+Vielseitigkeit der »Gesinnungslosigkeit« zeihen. Er schrieb
+nebeneinander am Werther, am Faust, an einem groben Fastnachtsspiel. Er
+trug die größten Gegensätze in sich, aber es war ihm gegeben, sie alle
+bis zur Reife auszutragen. Er erkannte die Notwendigkeit und Größe des
+deutschen Volksliedes so gut wie die erlauchte Erhabenheit einer
+pindarischen Ode oder die nüchterne Trunkenheit eines Horaz. Er bewegte
+sich in der Gedankenwelt eines Plato, die alle Dinge auf eine Uridee
+zurückführt, so sicher wie in den Wäldern Spinozas, welcher lehrte, vor
+jedem Baum, vor jeder Blume, vor jedem Käfer anbetend ins Knie zu
+sinken, denn »Gott ist in ihnen und über ihnen und durch sie wie in mir
+und über mir und durch mich«. Zucht und Gebundenheit der Antike, das
+über-alle-Grenzen-Schweifen der deutschen Volksseele, Dionysos und
+Faust, Eros und Eulenspiegel durchdrangen sich in ihm zu höherer
+Einheit. An seiner Wiege haben die neun Musen wie die sieben Schwaben
+Pate gestanden. Er brauchte nur »Tischlein, deck dich!« rufen wie in dem
+deutschen Märchen, so war der Tisch des Lebens für ihn gedeckt. Er war
+der glücklichste Mensch, der je gelebt hat: er war an jedem Tage, in
+jeder Minute und Sekunde seines Lebens mit sich selbst und seinem Ziele
+einig. Es gab kein Schwanken in ihm. Immer schritt er festen und
+schlanken Schrittes, Ephebe und Mann, geradeaus, den Blick auf das Herz
+der Welt gerichtet. Seine Fähigkeit, Leid und Schmerz von sich
+abzustoßen, da sie seine klaren Teiche nur trüben konnten, in denen so
+rein sich Mond und Sonne spiegelten, ging bis zur Brutalität gegen sich
+und seine Mitmenschen. Er mußte sich ganz behaupten. Er handelte in
+Notwehr. Im Alter nahm er eine künstlich konzipierte Steifheit zu Hilfe,
+um jene Menschen von sich fernzuhalten, die ihn seiner selbst beraubten.
+Es war jene hochmütige Geheimratsgeste, von der so manche Besucher
+seines Hauses in ihren Briefen und Tagebüchern entsetzt und enttäuscht
+erzählen. Er saß wie Archimedes im Garten auf einer Bank und zeichnete
+mit einem Stock im Sande seine Kreise, die niemand stören durfte als der
+Wind oder der Regen. Denn diese waren Naturkräfte wie er.
+
+In seinem Leben spielen die Frauen die entscheidende Rolle. Seine
+Männerfreundschaften: mit Herder, mit Merck, mit Knebel, Tischbein usw.
+waren trotz betonter Herzlichkeit oder Interessiertheit doch nur
+Episoden. Von allen Männern, die seinen Weg kreuzten, ist für uns
+Nachlebende der getreue Eckermann der gewichtigste, der, jahrelang sein
+Sekretär und Famulus, in seinen »Gesprächen mit Goethe« uns die
+lebendigste und persönlichste Darstellung seines Wesens und Wirkens
+hinterlassen hat. Goethes Genie fand seine Befruchtung und Erlösung aber
+immer erst durch die Genien der Frauen, die er liebte. Sie sind die
+unbewußten Mithelferinnen an seinem Werk, das deutsche Volk hat alle
+Ursache, sich vor ihnen in Dankbarkeit und Ehrfurcht zu verneigen und
+sogenannten Literarhistorikern, die sich nicht schämen, Schmutz auf sie
+zu werfen, gebieterisch die Tür zu weisen. Kätchen Schönkopf, seine
+Leipziger Studentenliebe, zwitschernd wie ein Kanarienvogel, aber
+launisch wie ein Papagei, Friederike Brion, die elegische Sesenheimer
+Pfarrerstochter; die blonde Charlotte Buff, Braut seines Freundes
+Kestner, der wir den zärtlichen Briefroman »Werther« verdanken; die wie
+aus einer griechischen Gemme geschnittene Frau von Stein, die
+glücklichste und unglücklichste Liebe seines Lebens, die treue und gute
+Christiane Vulpius, der er so wacker seinerseits die Treue hielt, allen
+Intrigen des Weimarer Hoflebens zum Trotz, die er, der Minister, als
+Geliebte in sein Haus zu nehmen wagte, die er endlich, längst nachdem
+sie ihm einen Sohn geboren, dankbar zu seiner rechtmäßigen Gattin machte
+und die ihm unendlich mehr bedeutet hat als eine oberflächliche
+Literarhistorik wahr haben will. Sein einsames Herz bedurfte ihrer
+Herzlichkeit. Sein Sinn ihrer Sinnlichkeit. Und dann die vielen
+Namenlosen, die er liebte, die Frauen in Thüringen, in der Schweiz, in
+Italien. Und endlich die Suleika des »Westöstlichen Diwans«, die den
+alternden Dichter zur letzten wilden Trilogie der Leidenschaft
+entflammte. Welch ein Reigen von Frauen! Wir wollen keine geringer
+achten, auch jene namenlosen nicht, ihnen allen sei der Kranz des
+Lorbeers auf die schönen Stirnen gedrückt.
+
+Im deutschen Sängerkrieg auf der Wartburg hat Goethe sich den ersten
+Preis ersungen: im Drama durch »Faust« und »Iphigenie«, in der Prosa
+durch »Wilhelm Meister« und die »Wahlverwandtschaften«, in der Lyrik
+durch »Ganymed«, »Wanderers Nachtlied«, »An den Mond«, die »Trilogie der
+Leidenschaft« und vieles andere. Er beherrschte die konträrsten Stile.
+Sang wie ein Kind zu Kindern:
+
+ Ich komme bald, ihr goldnen Kinder!
+
+Und, aus dämonischer Tiefe, die Worte steigen wie Nickelmänner und Elfen
+aus einem tieftiefen Brunnen, so tief wie der Brunnen auf der Burg von
+Nürnberg, dessen Ende wir nicht sehen:
+
+ Sieh, die Sonne sinkt!
+ Eh sie sinkt, eh mich Greisen
+ ergreift im Moore Nebelduft;
+ entzahnte Kiefer schnattern
+ und das schlotternde Gebein --
+ Trunkener vom letzten Strahl,
+ reiß mich, ein Feuermeer
+ mir im schäumenden Aug',
+ mich Geblendeten, Taumelnden,
+ in der Hölle nächtliches Tor.
+
+Das ist in der Postchaise am 10. Oktober 1774 von ihm gedichtet, und ich
+wette, wenn ich es einem Dichter der jüngsten Generation vorlese, einem
+meiner nächsten Brüder, und er kennt das Gedicht nicht zufällig (er
+wird es nicht kennen: denn sie kennen weder Goethe, noch Geßner, noch
+Matthias Claudius, noch Gryphius, noch Günther, noch Walter von der
+Vogelweide mehr), kurz, ich meine: er wird erschüttert das Gedicht für
+einen Gipfel der expressionistischen Lyrik erklären (während ihm die
+Verse: »Ich komme bald, ihr goldnen Kinder« nur ein mitleidiges Lächeln
+entlocken), und er wird auf Werfel als Verfasser raten. Der
+Expressionismus, das heißt: die Ekstase als These, der Schrei des
+Herzens als oberstes Prinzip, und in der Form: das Schleudern
+erratischer Blöcke, das ist nicht erst von heute. Das haben Goethe,
+Hölderlin, Klopstock schon gekonnt. (Und gar die Griechen und Chinesen:
+Pindar, Li-taipe --!) Auch eine beliebte Spielart des heutigen Dichters,
+der politische Dichter, findet sich schon vorgebildet 1770 in einem
+Gedicht des Schweizer Lyrikers Salis-Seewis »An die Unterdrückten aller
+Länder«, das Hasenclever geschrieben haben könnte (ganz zu schweigen von
+der politischen Dichtung der 48er Jahre, von der noch die Rede sein
+wird):
+
+ Ihr Märtyrer für Menschenwürde,
+ Vertraut der Wahrheit und der Zeit.
+ Vergänglich ist des Druckes Bürde,
+ Doch ewig die Gerechtigkeit!
+
+Diese kleine Abschweifung schien mir notwendig. Vor allem auch für den
+Teil des heutigen Lesepublikums, der der jüngsten Dichtung mit
+Achselzucken, Lächeln und Überhebung gegenübersteht, unter Berufung auf
+den klassischen Maßstab. Dieser Maßstab ist falsch. Die heutige Dichtung
+der Expressionisten ist nicht unverständlicher oder absonderlicher als
+irgendein hymnisches oder ekstatisches Gedicht von Goethe, mit dessen
+Grundformen sie sich berührt. Dutzend ihrer Einzelerscheinungen sind
+läppisch oder unerfreulich. Dies darf nicht hindern anzuerkennen, daß
+ihr Kern so echt ist wie der jeder echten Dichtung. Daß sie als Reaktion
+auf den Mechanismus und Rationalismus der Zeit vor dem Kriege historisch
+notwendig war und ist. Und daß sie die Unterstützung durch das Volk
+braucht und verdient. Wir stehen heute kulturell in einem Wellental. Nur
+dann wird auch die deutsche Dichtung, die zweifellos seit der tristen
+Zeit von 70 wieder im Aufschreiten ist, zu einem neuen Gipfel kommen,
+der jenseits von Im- und Expressionismus, jenseits aller Ismen liegen
+wird, wenn sie getragen wird von Förderung und Zuruf der Mitlebenden,
+vom Vertrauen und Verständnis des Volkes. Denn wo eins das andere
+nicht mehr begreift, da geraten sie beide auf Irrwege. Lest Bücher,
+Deutsche, lest die Bücher eurer Dichter, und ihr werdet glücklicher und
+manchmal glücklich werden. Und vergeßt nicht die Bücher jener Dichter zu
+lesen, die in eurer Zeit, die eure Zeit leben: der Jungen, die sich nach
+eurer Gemeinsamkeit sehnen, der Alten, denen euer herzliches Mitgefühl
+die alternde Brust wärmt.
+
+Wir kommen von Goethes Lyrik; wir wollen wieder zu ihr zurück. Immer
+wieder wollen wir zu ihr. Denn jeder Gang zu ihr ist wie ein Heimweg ins
+Vaterhaus. Mit dem vielleicht herrlichsten Goetheschen Gedicht, dem Lied
+des Türmers, sind wir mitten im »Faust«, der rundesten Ballung, der
+beseeltesten Verdichtung des deutschen Wesens. Durch dieses Drama
+schreitet der Dichter selbst in tausend Gestalten: er ist der junge
+Doktor Faust, der im sinnierenden Gespräch Sonntags vor dem Straßburger
+Tor spaziert, und doch die Augen so weit offen hat, die hübschen
+Sonntagsmädchen zu betrachten. Es ist Goethe, der mit seinen
+Kommilitonen Frosch und Brander im Leipziger Ratskeller soff, bis er
+unter den Tisch fiel. Es ist Goethe, der Friederike-Gretchen verführt,
+der der Walpurgisnächte viele in Thüringen und im Harz erlebte, der als
+Minister am Hof des Kaiser-Herzogs wirkte, und der endlich als Philemon
+einen Greisenabend beschließen darf in der seligen Gewißheit, daß er die
+Ernte bis zum letzten Halm in die Scheuer gebracht. Die Idee des Faust
+ist die Idee des Menschen schlechthin. Aus dumpfem Dunkel steigt er
+empor ins Licht. Mögen Wolken es oft verschatten, mag der Wanderer auf
+dem steilen Wege straucheln: nur nicht müde werden, nicht nachlassen,
+aufwärts, vorwärts, aufwärts. Der Weg -- das ist das Ziel. Der Wille --
+das ist der Zweck.
+
+ Wer immer strebend sich bemüht,
+ den können wir erlösen,
+
+singen die Engel in der höheren Sphäre, Fausts Unsterbliches tragend.
+Wer je auf einer Puppenbühne, wie sie in den bayrischen Messen noch
+umherziehen, das alte Puppenspiel vom Doktor Faust in fast
+ursprünglicher Form gesehen hat, wird wissen, wieviel Goethe ihm
+stofflich und kompositorisch verdankte. Er hat den Kasperl, im
+Puppenspiel Diener des Faust, aus seinem Spiel eliminiert und seine
+Rolle Mephistopheles übertragen. Trotz Goethe besteht dieses Puppenspiel
+künstlerisch noch heute jede Kritik. Eulenspiegel (Kasperl) und Faust:
+den komischen und tragischen Charakter des deutschen Wesens
+nebeneinander zu stellen: ist ein Beweis für die naive Genialität des
+Puppenspieldichters, der seinerseits auf dem 1587 erschienenen Volksbuch
+von Doktor Faust und den Fastnachtsspielen des Mittelalters fußt. -- In
+»Götz von Berlichingen« (1773 erschienen) schrieb Goethe nach
+shakespeareschem Muster das erste Szenendrama und löste den strengen
+Aktbau eines Lessing in viele lebendige Einzelszenen, deren Lichter in
+der Schlußszene zu einer großen Flamme zusammenlohen. Der »Egmont« (1788
+erschienen) zeigt Verwandtschaft mit dem Götz in Szenenführung und
+Charakterisierung. Durch seine sittliche Kraft erhebt sich der
+Unterlegene (Egmont) über den tyrannischen Sieger (Alba). Die Liebe
+Egmonts zu einem kleinen Bürgermädchen anticipiert die Liebe Goethes zu
+Christiane. In dem opernhaften letzten Bilde erscheint ihm auf dem Wege
+zum Schaffot die Geliebte, die Insignien der beiden hehrsten Ideale:
+Liebe und Freiheit, in ihren Händen haltend. -- Neben dem Faust gebührt
+der »Iphigenie« unter den Goetheschen Dramen der Kranz. Das Gretchen im
+Faust ist ein einfaches Kind voll unbewußter Reinheit und
+Jungfräulichkeit, in Iphigenie wird die Reinheit sich bewußt
+und lauterster Wille und durchdachteste und durchfühlteste Wahrheit.
+Lieber Arges leiden als Böses auch nur denken, auch das Beste nicht
+durch Lüge erreichen wollen: ist das thematische Motiv. Sprachlich ist
+das Werk von der ersten bis zur letzten Zeile vollkommen. Die schönsten
+Jamben der deutschen Sprache erklingen, und sollten deutsche Dichter je
+einmal wieder Jamben schreiben wollen: sie mögen zuerst die Iphigenie
+lesen, und sie werden es schamvoll bleiben lassen. Das Drama »Tasso« ist
+der »Iphigenie« benachbart: stilistisch und geistig. Die Handlung soll
+an einem mittelalterlichen Hof vor sich gehen: aber sie geschieht recht
+eigentlich im Herzen des Dichters. Die Prinzessinnen sind nur Figuren
+seiner eigenen Phantasie, und auch sein Feind Antonio kriecht aus einer
+dunklen Ecke seines Gefühlslebens. »Iphigenie« und »Tasso« wurden von
+der Nation ziemlich kühl aufgenommen: die Revolution in Frankreich hielt
+die Welt in fieberhafter Spannung. Wir haben schon längst wieder eine
+neue Revolution, die jener an Gewalt nicht nachsteht: der Befreiung des
+Bürgers, die 1789 erfolgte, soll die Befreiung des Arbeiters folgen.
+Aber alle Revolutionen überdauern wird das heilige Lächeln der Iphigenie
+und der Schrei des Dichters im Tasso:
+
+ Denn wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
+ Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.
+
+Denn hier geht es nicht um die Befreiung einer Klasse oder Rasse,
+sondern um die Befreiung des Menschen. Goethe selber war kein
+politischer Mensch in des Wortes strengster Bedeutung. In »Wilhelm
+Meisters Lehr- und Wanderjahren«, dem groß angelegten Sittengemälde
+seiner Zeit, wird das Verhältnis des Menschen zum Staat oder
+Staatsbegriff nicht einmal gestreift. Das Theater steht im Mittelpunkt
+des Interesses. Der Held entwickelt sich vom Theater zum Leben hin, vom
+Schein zum Sein. Zarte und zärtliche Frauen, wie Philine und Mignon,
+begleiten und befördern seinen Weg. Wie die Lehrjahre in ihrer
+berstenden Fülle das prosaische Seitenstück zum Faust bilden, so die
+»Wahlverwandtschaften« in ihrer Gedrungenheit und klaren Kürze das
+Seitenstück zur Iphigenie.
+
+Goethe starb nach der Vollendung seines Faust im 83. Jahre am 22. März
+1832.
+
+ * * * * *
+
+Mit Heinse und Geßner bildet _Jean Paul_ (aus Wunsiedel, 1763-1825) das
+Triumvirat der romantischen Prosadichter, von dem die heute lebenden
+Deutschen so gut wie keine Ahnung mehr haben: sonst wären sie
+bescheidener in ihrer Selbstkritik und im Glauben, wie herrlich weit
+sie's gebracht. Jean Paul ist der größte unter den dreien, und einer der
+größten deutschen Dichter überhaupt. Freilich, es ist nicht leicht, zu
+ihm zu gelangen. Er hat sein Schloß mit Dornenhecken, Fallgruben und
+Selbstschüssen umgeben. Sein Park ist von üppiger Wildnis. Gepflegte,
+glatte Wege gibt es da nicht. Rehe grasen vor seinen Fenstern. Und die
+Schwalben fliegen ihm ins Arbeitszimmer, und auf seiner Schulter sitzt,
+wenn er schreibt, eine Dohle. An den Wänden hängen Spinnweben. Nachts,
+wenn er im Garten wandelt, ist der Mond sein Gefährte. Seine
+Gefährtinnen sind Elfen, die ihn umspielen und deren schönste ihn
+menschlich liebt wie ein Mensch einen Menschen. Sie heißt Liane. Und da
+der Mond nun zum Zenith steigt und die Bäume von seinem Glanze tropfen,
+winkt sie leise den Genossinnen, und sie entschwinden, vergehen
+strahlend im Mondstrahl. Sie zieht den Dichter ins Moos hinab, wo die
+Leuchtkäfer zwischen ihren Küssen brennen. Und der Mond sinkt herab, und
+die Sonne steigt herauf. Wie eine rote Rose erblüht sie zwischen den
+Narzissen der Morgendämmerung.
+
+Jean Paul war im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts der berühmteste,
+geliebteste und beliebteste deutsche Dichter. Zu seinen Füßen saßen die
+schönsten Frauen, und sie seufzten und zerdrückten heimliche Tränen in
+den Wimpern, wenn er ihnen aus seinem »Titan« und aus dem »Siebenkäs«
+vorlas mit tönender Stimme oder zu ihnen über das Immergrün unserer
+Gefühle sprach. Aber nicht nur die Damen lauschten ihm. Er hatte bei
+aller Empfindlichkeit das sichere Bewußtsein der Grenzen unserer
+Empfindungen, und der ewige Zwiespalt zwischen Wahrheit und
+Wirklichkeit, er war auch ihm offenbar. Er überbrückte ihn mit seinem
+Lächeln und seinem Gelächter. Seine komischen Erzählungen geben Kunde
+davon. Jean Paul war ein glücklicher Mensch. Das Leben und die Liebe und
+der Ruhm, er genoß sie in vollen Zügen. Seinem lyrischen Bruder im
+Geiste: _Friedrich Hölderlin_ (aus Lauffen am Neckar 1770-1843), genannt
+der Unglückliche, blieb alles dies versagt. Mit vollen Segeln wollte er
+über die Wogen der Welt segeln.
+
+ Wünscht ich der Helden einer zu sein,
+ Und dürfte es frei bekennen,
+ So wär ich ein Seeheld.
+
+Aber zerfetzt trieb sein Segel zurück. Er war zu schwach gewesen. Und
+höhnisch sauste um seine Stirne der Sturm. Wer kannte ihn? Wer wußte,
+wer er war? Schiller protegierte ihn so lange, als er schillerisch
+dichtete. Als er begann, seinen eigenen Gesang zu singen, wandte er sich
+von ihm. Im »Hyperion« blättert Hölderlin sein inneres Leben vor uns
+auf. Er litt unendlich: unter seiner Liebe zu Diotima, unter seinem Haß
+gegen die Gegenwart. Ganz schwang er sich aus ihr und lebte nur als
+Vergangener oder Zukünftiger. Sein Volk begriff ihn nicht. Bittere Worte
+fand er für die Deutschen, die bittersten, die ihnen wohl je von einem
+Deutschen aus liebender Seele gesagt worden sind (im vorletzten Briefe
+des Hyperion an Bellarmin). Als Hölderlin 1803 aus Bordeaux
+zurückkehrte, wo er eine Hauslehrerstelle verwaltet hatte, erschien er
+den Freunden verwirrt und auseinandergefallen. Er gab über das
+Erlebnis, das ihn wie mit einem Eisenhammer auf die Stirn geschlagen
+hatte, keine Auskunft. Diotima starb zehn Tage nach seiner Rückkehr. Er
+mag im medizinischen Sinne wahnsinnig geworden sein. Er hat aber immer
+eine tiefe Klarheit des Gefühls bewahrt und behalten. Es war ihm einfach
+der Nabelstrang zerrissen, der ihn mit der Realität verband. Er schwebte
+in den Wolken und wußte von dieser Erde nur noch gerade soviel, wie ein
+verklärter Geist, der von ihr erlöst und nun auf eigenem Gestirn
+wandelt. Die Gedichte aus seiner sogenannten Wahnsinnszeit gehören zum
+Dunkelsten, aber zum Tiefsten, was aus der deutschen Lyrik entsprossen
+ist: schwarze Rosen, Blumen der Passion.
+
+ * * * * *
+
+Als die Klassiker ihre Tempelbauten errichteten, da kroch nach und nach
+viel Winde und Efeu die dorischen Säulen empor: viel Epigonentum, das
+den steilen Weg zum Himmel, den sie gestemmt, benutzen wollte. Es gab
+aber auch Zimmerer und Maurer, die bauten trotzig ihre profanen Häuser
+neben die Hallen der Hehren; können wir's nicht im großen, so wollen
+wir's ihnen im kleinen gleich tun und wenigstens im kleinen eigen sein.
+Oder sie bauten, wie die Klassiker nach oben in den Himmel, nach unten
+in die Erde hinein: sie rissen die Erde auf und legten Stollen und Gänge
+an: das Geheimnis des Dunkels und des Halbdunkels wurde entdeckt. Jene
+waren Sonnen-, diese Goldsucher. Bei diesen Bergwerksarbeiten gelangten
+sie dann nebenher zu allen möglichen Erkenntnissen, die sie nicht
+gesucht hatten, die ihnen in den Schoß fielen. Sie lernten das Leben der
+unterirdischen Tiere, der Engerlinge und Maulwürfe, beobachten und kamen
+an den Ursprung mancher Wurzel. Dann und wann trafen sie mit ihrem
+Spaten auf ein historisches oder prähistorisches Skelett. Sie brachten
+es ans Licht und suchten es zu bestimmen. Und wenn sie auch keine
+Entdeckung machten wie Goethe mit seinem Kieferknochen: sie entdeckten
+die Lebendigkeit des Todes. Der Tod war ihnen, Novalis lernte es beim
+Tod seiner Braut, der mädchenhaften Sophie von Kühn, begreifen, kein
+rein tragisches Problem mehr: schicksalhaft verhängt, konnte er selbst
+den Überlebenden beseligen; wie er den Toten vollendete, dem
+Überlebenden auch zur Vollendung dienen. Die Menschen, die dem Leben von
+der anderen Seite beizukommen suchten, das waren Romantiker. Es ist
+klar, daß diese Umkehrung der Erdkugel, dies Auf-den-Kopf-Stellen der
+Dinge und Begriffe, dies die Sterne auf die Erde Herunterholen in der
+extremsten Fassung zum Paradoxon einerseits, zur Anbetung des Fragmentes
+anderseits führen mußte. Weder Tieck noch Brentano sind der Versuchung
+überspitzter Experimente entgangen. Einzig Novalis und Eichendorff,
+jener der edelste und zarteste, dieser der kräftigste Schoß am Strauch
+der Romantik, haben sich zur Vollendung entwickelt. Der Hang, mit sich
+selber und den anderen Zwiesprache zu halten, mußte zur ernsten und
+heiteren Geselligkeit führen, bei der die Frauen -- wie sollte es anders
+sein? -- das große und das kleine Wort führten. Ohne _Bettina von Arnim_
+und _Rahel Varnhagen von Ense_ ist die Romantik nicht zu Ende zu denken.
+Aus den Tiefen der deutschen Volkspoesie hoben _Arnim_ (aus Berlin,
+1781-1831) und _Brentano_ (aus Ehrenbreitstein, 1778-1842) jene
+wundervollen Volkslieder, die sie in des »Knaben Wunderhorn« sammelten.
+Sie selber freuten sich wie Kinder daran -- und Kinder waren alle
+Romantiker irgendwie und irgendwo, abgesehen von den würdigen Brüdern
+Schlegel, den wissenschaftlichen Verfechtern der Theorie und (manchmal)
+Spiegelfechterei. Bettina-Goethes »Briefwechsel mit einem Kinde« ist ein
+typisches Produkt des romantischen Geistes: halb wahr, halb erfunden,
+Dichtung und Wahrheit, tief echt -- und dennoch da und dort, der
+Wahrheit zuliebe -- verlogen. Arnim und Brentano machte es einen
+Heidenspaß, in des »Knaben Wunderhorn« eigene Gedichte einzuschmuggeln.
+Wie Kinder erzählten sie sich auch mit Vorliebe Märchen oder ließen sie
+sich von den Gebrüdern _Grimm_ (»Deutsche Kinder- und Hausmärchen«)
+erzählen und schrieben Märchendramen. Im Märchen und im kleinen Liede
+gelang ihnen ihr Schönstes, wenngleich sie auch im Romane rühmliche
+Leistungen aufzuweisen haben. Sie träumten so gern und sangen sich
+gegenseitig mit ihren Wiegenliedern in Schlaf. Und in ihren
+Schlaf tutete der Nachtwächter Bonaventura: schön und schauerlich. Aber
+sie hörten ihn längst nicht mehr. In ihren Träumen klagte die Flöte. Die
+kühlen Brunnen rauschten. Golden wehten die Töne nieder. -- Hatte man
+ausgeschlafen und ausgeträumt, ritt man am Morgen in die Landschaft,
+speiste draußen in einem Dorf zu Mittag, tanzte mit den Dorfschönen und
+traf sich abends zu gelehrtem Gespräch mit den Schlegels. Man
+disputierte über die Shakespeareübersetzung _August Wilhelm von
+Schlegels_ (aus Hannover, 1767-1845) oder über _Friedrich von Schlegels_
+(1772-1829) »Sprache und Weisheit der Inder«. Friedrich Schlegel sprach
+mit Feuereifer über die östlichen Kulturprobleme, aber er hörte es nicht
+gern, wenn man ihn an seinen erotischen Roman »Lucinde« erinnerte. Ganz
+in der katholischen Welt ging _Novalis_ (Friedrich v. Hardenberg aus
+Wiederstedt, 1772-1801) auf. Ihm war die Geliebte gleichbedeutend mit
+der Madonna.
+
+ Ich sehe dich in tausend Bildern,
+ Maria, lieblich ausgedrückt.
+
+In den »Hymnen an die Nacht«, der wahren Göttin der Romantik -- die
+Klassiker hatten den Tag geliebt und gepriesen, die Sonne war ihr
+Symbol, das Symbol der Romantiker: der Mond -- gab Novalis sein
+Tiefstes.
+
+ * * * * *
+
+Eichendorff und Hölderlin sind Nord- und Südpol der deutschen Lyrik.
+Goethe ihre Erdmitte. Hölderlin: ein Einziger unter den Deutschen, der
+hieratische Priester der heiligsten Empfängnis, der strengsten
+Verkündigung: Kind und Greis. Anfang und Ende. Goethe: der Mann,
+gewaltig schreitend, Flamme und Tuba. Eichendorff: das deutsche All im
+Regenbogen. Herz des Jünglings im Sommerabend wie eine erste und letzte
+Rose ausbrechend: durchblühend die Nacht bis zum Morgenrot. Eichendorff:
+das Volkslied. Goethe: die Trilogie der Leidenschaft des geistigen
+Menschen. Hölderlin: der Gottgesang. Wohl über ein halbes Hundert der
+schönsten deutschen Gedichte ist der schwärmenden, unbeirrbaren Einfalt
+des ewigen Jünglings _Eichendorff_ (1788 geboren auf Schloß Rubowitz in
+Schlesien, gestorben 1857) gelungen. Darunter ein Dutzend der
+allervollkommensten: »Zwielicht«, »Abend«, »Nachtgruß« -- so sind sie
+überschrieben. Es ist die deutsche Sommernacht, welche zu tönen beginnt:
+
+ Nacht ist wie ein stilles Meer,
+ Lust und Leid und Liebesklagen
+ Kommen so verworren her
+ In dem linden Wellenschlagen.
+
+Am Fenster lehnt ein junger Mensch und sieht hinaus in den milden Mond:
+der schwebt wie eine goldene Träne an seinen Wimpern. Da klingt aus
+weiter Ferne der Ton eines Posthornes -- zwei junge Gesellen wandeln
+schattenhaft vorbei. --
+
+Neben dem schlesischen Junker wurde auch ein preußischer Junker:
+_Heinrich v. Kleist_ (aus Frankfurt a. O., 1777 bis 1811), vom
+romantischen Geist ergriffen. Eine Beziehung zwischen der märkischen
+Sandheide und dem romantischen Märchenland scheint sich kaum zu finden.
+Kleist fand sie, indem er das Märchen realisierte. Den Traum
+verwirklichte. Nüchtern raste. Einen Rausch der Sachlichkeit empfand.
+Die Phantasie entzauberte. Bei ihm rauscht kein Brunnen in der
+verschlafenen Sommernacht: sondern ein Krug geht zum Wasser -- bis er
+bricht. (»Der zerbrochene Krug.«) Den intellektuellen Frauen der
+Romantiker stellt er jene süße, kindliche, unwissende, reine Gestalt des
+Käthchens von Heilbronn gegenüber: die liebt, weil sie lieben muß. Die
+unerschütterlich an ihr Herz glaubt, das Gott ihr verliehen, und die
+gekrönt war, längst ehe sie gekrönt ward. Welch ein Gegensatz zwischen
+ihr und der rasenden Amazone Penthesilea, die den Pelion auf den Offa
+türmen will, um den Himmel zu erreichen. Aber ihre Kraft erweist sich
+als zu schwach. Die Berge bröckeln aus ihrer Hand, und schließlich
+stürzen sie donnernd über ihr zusammen. Es ist die Tragödie der
+grenzenlosen Forderung: alles oder nichts. Es ist die Tragödie des
+Menschen, der über sich hinaus will, aber niemals über sich hinaus kann.
+Penthesilea ringt mit den Göttern Griechenlands. Der »Prinz von Homburg«
+mit dem preußischen Gotte der Disziplin. Pflichterfüllung bis zum
+äußersten war dem Homburgischen Prinzen gesetzt. Er hat sie verletzt und
+soll den Tod erleiden. Zuerst erscheint ihm der Tod als etwas
+Unfaßbares, er bricht unter der Last der Furcht zusammen: aber es
+gelingt ihm, sich emporzureißen, und das Gesetz der inneren Pflicht
+erkennend, sich ihm freiwillig zu beugen. Er wird aus einem unfreien zu
+einem freien Menschen. Die Todesnähe bringt ihm das wahre Leben der
+sittlichen Notwendigkeit nahe. Er hat den Tod in sich überwunden, so
+braucht er nicht mehr zu sterben.
+
+ Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
+ Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.
+
+In die Hermannschlacht hat Kleist seinen Napoleonshaß gegossen. Wie
+flüssiges Feuer durchbraust er das Drama. Er schäumt wie ein Wolf von
+den Lefzen auf der Jagd nach dem napoleonischen Fuchs. Napoleon ist ihm
+der Inbegriff der Tyrannei, der Ungerechtigkeit -- und nichts ertrug
+Kleist weniger. In seinen lyrischen Haßgesängen (Germania und ihre
+Kinder usw.) hat er alle Lissauers des Weltkrieges an Blutdurst,
+Rachsucht und inbrünstigem Haß gigantisch übertroffen. Dieser
+pathologische Haßausbruch ist nur aus Kleist's empörten und verwundetem
+Gerechtigkeitsgefühl zu verstehen. Auch sein Michael Kohlhaas, der Held
+der gewaltigsten deutschen Novelle, wird aus verletztem Rechtsgefühl zum
+Mörder.
+
+Vom Märchen zum Traum, vom Traum zu den Geistererscheinungen ist nur ein
+Schritt. Bei Geistern und Gespenstern kannte sich vortrefflich der
+genialistische _E. Th. A. Hoffmann_ (aus Königsberg, 1776-1822) aus. In
+der Komposition von Erzählungen hat er in Deutschland so leicht nicht
+seinesgleichen. Vor dem Schlafengehen soll man sie nicht lesen. Man hat
+leicht eine schlaflose Nacht und kommt am Ende dazu, sich vor sich
+selbst zu fürchten. Solche Dämonen beschwört der unheimliche Zauberer
+aus unserer eigenen Brust heraus.
+
+ * * * * *
+
+Von Österreich, dem deutschen Sprachgebiet an der Donau, haben wir seit
+der Zeit der Minnesänger wenig mehr gehört. Jetzt beginnt's auch in und
+um Wien wieder lebendig zu werden. Sie präferieren die bunte Gaudi der
+Romantik. Geister und Zwerge mitten zwischen den Menschen, das ist noch
+was, das laß ich mir gefallen. Gehen Sie mir mit dem Wallenstein! Mit
+solchen Leuten haben wir immer Pech. (Vide: Conrad Hötzendorff.) Ein
+Geistertheater auf dem Prater, das ist billiger, kostet kein Blut und
+unterhält und belehrt gleichzeitig. _Ferdinand Raimund_ (1790 bis 1865)
+schrieb den Wienern solch scharmantes Geistertheater: »Der Alpenkönig
+und der Menschenfeind.« Und des biederen und klugen _Nestroy_
+(1802-1862) Volksstücke! Das ist Österreichertum, herzlich und ironisch,
+von der besten Seite. _Franz Grillparzer_ (1791-1872) nahm das
+österreichische Problem (in »König Ottokars Glück und Ende«, »Ein treuer
+Diener seines Herrn«, »Ein Bruderzwist in Habsburg«) tragischer.
+Stofflich ein Romantiker, stilistisch eher ein Klassiker zu nennen,
+teilte er seine Stoffe zwischen Österreich und Hellas (Sappho, eine
+Dichtertragödie, dem Tasso nicht unebenbürtig -- Das goldene Vließ --
+Des Meeres und der Liebe Wellen, die holdeste deutsche Liebestragödie).
+Der tschechischen Mythologie entnahm er sein tiefstes Werk: Libussa, den
+alten Gegensatz zwischen Natur und Kultur behandelnd. Sein unerfülltes
+Liebesleben mit der ewigen Braut, mit der er rang wie mit der Muse
+selbst, hat viele Quellen in ihm verschüttet, die vielleicht
+aufgesprudelt wären, wenn er am eigenen Leibe und eigener Seele Eros zu
+tiefst verspürt hätte.
+
+Elegisch beschließt die österreichische Romantik _Nikolaus Lenau_
+(1802-1850), ein Deutschungar. Er starb wie Hölderlin im Wahnsinn,
+nachdem er, mit dem Herzen eines Zigeuners und dem Munde eines
+Deutschen, die melancholischen Lieder der Steppe und der Schilfteiche
+gesungen.
+
+ * * * * *
+
+Die Dichter der Befreiungskriege _Theodor Körner_ aus Dresden,
+(1791-1813, »Leier und Schwert«), _Max v. Schenkendorf_ (aus Tilsit, von
+1783-1817), _Ernst Moritz Arndt_ (von Rügen, 1769-1860) und viele andere
+standen bei den Monarchen und ihren Lakaien, den Lesebuchfabrikanten,
+lange in großem Ansehen. Ihre soldatische Lyrik diente nämlich dazu, die
+wahren Motive und vor allem den Schlußeffekt der »Befreiungskriege« zu
+verschleiern. In den Gedichten kämpfte der Soldat für Weib und Kind, für
+Heimat und Herd, für die heiligsten Güter der Nation, in Wahrheit jedoch
+für die Restitution der schwärzesten Reaktion, der Napoleon, Erbe der
+Französischen Revolution und ein liberaler Geist gegen die
+mittelalterlich verträumten oder verbohrten deutschen Fürsten, beinahe
+ein Ende bereitet hatte. Dem Ende mit Schrecken (1806) folgte seit 1813
+der Schrecken ohne Ende. Das Versprechen der Verfassung wurde nicht
+gehalten. Selbst die erprobtesten Patrioten, wie Turnvater Jahn und
+E. M. Arndt gerieten in Auflehnung und Empörung. Sie forderten das
+unverjährte Recht der Pressefreiheit und Verfassung und hielten der
+aufsteigenden Jugend, die sich besonders betrogen glaubte, denn um sie,
+um ihre Zukunft ging es, tapfer die Stange. Die freiheitliche Bewegung
+der Jugend sammelte sich in der Burschenschaft und fand ihren imposanten
+Ausdruck im Wartburgfest (1817). Sie wurde bald verboten und Männer wie
+Arndt und Jahn verhaftet. Arndt wurde seiner Professur entsetzt. Was ist
+aus der deutschen Studentenschaft, der Burschenschaft, einst Träger des
+revolutionären deutschen Gedankens, geworden! Und was hat Deutschland zu
+gewärtigen, wenn seine Jugend nicht erwacht?
+
+ * * * * *
+
+Das Umsichgreifen der europäischen und insbesondere der deutschen
+Reaktion seit dem Ende der »Freiheits«kriege rief die deutsche Jugend
+auf den Plan zum Kampf um die persönliche und allgemeine Freiheit. Das
+»junge Deutschland« stand auf und schleuderte von seiner Schleuder wie
+weiland David Kiesel und Steine gegen den Goliath der Reaktion. Der aber
+stand fest und lachte dröhnend, und der Kieselregen war ihm wie
+Mückenschwärmen. Hin und wieder packte er sich einen kleinen David und
+setzte ihn hinter Festungsmauern. Das »junge Deutschland« ist viel
+angegriffen worden: mit Recht und Unrecht. Dichterisch sind die
+Leistungen der politischen Lyriker um 48 meist recht armselig, _Herwegh_
+(aus Stuttgart, 1817-1875) einzig schwingt sich über die andern empor
+»wie eine eiserne Lerche« (Heine). Aber man packte sie nicht bei der
+Achillesferse ihrer dichterischen Leistung, man griff sie dort an, wo
+sie unangreifbar waren: in der Gesinnung. Die politische Lyrik der
+heutigen Zeit: des heutigen »jungen Deutschland«: Ehrenstein, Becher,
+Hasenclever, hat viele Ähnlichkeit in den Tendenzen mit der damaligen,
+wenngleich sie im Formalen gewichtiger geworden ist. Auch sie bieten im
+Künstlerischen viele Angriffspunkte. Aber man hüte sich, wie eine
+gewisse Kritik auch heute es übt, sie ihrer Gesinnung wegen im
+Dichterischen zu beanstanden. Da sind sie wie jene unantastbar. Die
+besten politischen Gedichte haben die gedichtet, die, wie Platen und
+Heine, auch »nebenbei«, nämlich in der Hauptsache, reine Lyriker waren.
+Sie opferten weder das Herz noch die gestaltende Kraft der politischen
+These und Phrase. Die Dichtung untersteht der reinen Vernunft, jener
+Göttin, die im absoluten Bezirke unbezwinglich thront. Politik und Kunst
+können sich mischen, gewiß. Ihre Vereinigung zum Gesetz erhoben, heißt
+Un-ding und Un-sinn zur Un-tat zwingen. Der Dichter hat die Pflicht,
+Politiker zu werden: vermöge seiner geistigen und moralischen Kräfte,
+angesichts seiner Stellung im Horizont der Menschheit. Er hat aber auch
+die Pflicht, Dichter zu bleiben, d. h. mythischer Diener der
+Wörtlichkeit und Künder des reinen Klanges. Herwegh ist gewiß eine
+respektable Erscheinung, aber nur von 48er Ideologien, von dem Symbol
+des politischen Dichters als des Dichters schlechthin gefangene
+Schwarmgeister werden in ihm einen großen Dichter sehen. Er war ein
+kleiner Dichter, aber immerhin ein Dichter. In seinen Versen rauscht die
+schwarzrotgoldene Fahne und klirren die Sensen aufrührerischer Bauern.
+Historisch sind die 48er Lyriker als die Träger des Revolutionsgedankens
+von größter Bedeutung. Alle Revolutionen sind mehr oder weniger von
+Literaten gemacht worden. Jahre und oft Jahrzehnte schon vor der
+Explosion begannen sie, Bomben zu legen und zu minieren. Das menschlich
+wie dichterisch fortreißendste Revolutionslied stammt von _Heinrich
+Heine_ (aus Düsseldorf, 1797-1856): »Die schlesischen Weber«:
+
+ Im düstern Auge keine Träne,
+ Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
+ Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
+ Wir weben hinein den dreifachen Fluch:
+ Wir weben, wir weben!
+
+Um keinen deutschen Dichter ist so heftig der Kampf der Meinungen
+entbrannt wie um Heine. Man hob ihn in den höchsten Himmel. Stieß ihn in
+die tiefste Hölle. Man bleibe in der Mitte: lasse ihn auf Erden: hier
+war sein Platz und wird es immer sein als der eines tapferen Soldaten
+des Geistes und eines eigen- und einzigartigen Liedersängers. Er gehört
+mit Goethe, Eichendorff, Mörike zu den Meistern des deutschen Liedes:
+jener besonderen, dem Volksmunde entnommenen deutschen Dichtform, einer
+Form, wie sie die Romanen nicht kennen. Schmerz und Lust, Tod und Liebe
+sind die einfachsten Themen seiner einfachen Lieder. Laßt nur auf
+Schmerz sich Herz, auf Tod sich Morgenrot reimen: es sind die schönsten
+Reime, die man dazu finden kann. Man braucht sie gar nicht erst zu
+suchen, sie sind schon da: sie sind als Reimpaare in der deutschen
+Sprache und im deutschen Herzen zur Welt gekommen. Aber Heine singt
+nicht immer so einfache Lieder. Zuweilen wird es ihm unerträglich, daß
+jemand Fremdes aus seiner Seele lauscht. Er zerreißt die Saiten und die
+Töne plötzlich. Dissonanzen schrillen. Oder er nimmt gar die Laute und
+schlägt sie dem philisterhaften Greise, der ihn wie Susanne im Bade in
+seiner Nacktheit belauscht, auf den hohlen Schädel und um die Ohren.
+Diese ironischen Gedichte, gegen den Philister überhaupt und den
+Philister in der eigenen Brust gerichtet, gehören zu den merkwürdigsten
+Expressionen des menschlichen Pessimismus. Mit _Ludwig Börne_ (aus
+Frankfurt, 1786-1837) und _Karl Gutzkow_ (aus Berlin, 1811-1878)
+bekämpfte Heinrich Heine von Paris aus, wohin er aus dem gastlichen
+Deutschland geflüchtet war, »die Tyrannen und Philister«. Diesen Kampf
+vom Ausland her (man warf ihm, genau wie während des Weltkrieges den
+deutschen Emigranten in der Schweiz, vor, daß er mit vergifteten Pfeilen
+Deutschland in den Rücken schieße) hat man ihm besonders übel genommen,
+und ganz besonders übel seine Stellung zu den Hohenzollern. Er erwies
+sich aber in seinen politischen Bemerkungen und Schriften (»Französische
+Zustände« usw.) als Politiker von untrüglichem Instinkt und
+adlersicherem Blick. Man höre, wie er in der »Lutezia« die europäische
+Zukunft beurteilt. Er prophezeit ein großes »Spektakelstück«, den
+»gräßlichsten Zerstörungskrieg« zwischen Deutschland und
+England--Frankreich--Rußland. »Doch das wäre nur der erste Akt des
+großen Spektakelstückes, gleichsam das Vorspiel. Der zweite Akt ist die
+europäische, die Weltrevolution, der große Zweikampf der Besitzlosen mit
+der Aristokratie des Besitzes, und da wird weder von Nationalität, noch
+von Religion die Rede sein: nur ein Vaterland wird es geben, nämlich die
+Erde, und nur einen Glauben, nämlich das Glück auf Erden ...«
+
+Heine war nicht nur Dichter, er war vor allem Schriftsteller. Als
+solcher hat er unter- und überirdisch eine Wirkung ausgeübt, die nicht
+leicht überschätzt werden kann. Er ist der Prototyp des
+Zeitungskorrespondenten: der erste europäische Journalist und
+Feuilletonist. Daß seine Wirkung nicht nur heilsam war: wollen wir's ihm
+ankreiden oder nicht vielmehr seinen törichten und anmaßenden Epigonen?
+Freilich, auch er ist gestrauchelt: in so mancher seiner privaten
+Polemiken (gegen Platen z. B.). Er hat dies und vieles mehr gebüßt in
+seiner »Matratzengruft« in jahrelangen Leiden, die ihn ans Bett
+fesselten und zum langsamen Tode verurteilten. Er nannte sich selber der
+»Arme Lazarus«. Und unter den Lazarusgedichten finden sich seine
+echtesten und ergreifendsten Gedichte. Alle seine Schmerzen legte er in
+ihnen bloß. Er war schon lange des Lebens müde geworden. Die vielen
+Frauen, die ihn geliebt hatten, waren von ihm gegangen. Geblieben war
+bei ihm sein »dickes Weib Mathilde« und eine kleine letzte Freundin: die
+Mouche, wie er sie nannte, die Fliege. Aber sie vermochte nur selbst zu
+fliegen, ihm selber konnte sie das Fliegen nicht mehr beibringen. Er war
+so sterbensmüde geworden:
+
+ Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser -- freilich
+ Das Beste wäre nie geboren sein.
+
+Und oft sprach er vor sich hin, wenn niemand ihn hörte:
+
+ Der Tod, das ist die kühle Nacht,
+ Das Leben ist der schwüle Tag,
+ Es dunkelt schon, mich schläfert ...
+
+ * * * * *
+
+Über den sogenannten schwäbischen Dichterkreis sind wir mit Heine einer
+Meinung. Die schwäbischen Dichter, unzählbar wie der Straßenstaub in
+Stuttgart, zeichnen sich durch eine betonte Philisterhaftigkeit aus.
+Wenn ihrer trefflichen, wohlgerundeten Gattin sonntags die Klöße oder
+die Spätzle nicht recht gerieten, dann ziehen sie die Stirne kraus, die
+Adern schwellen, und auf dem Kopf die Nachtmütze zittert vor Erregung.
+Sie laufen erregt durchs Zimmer und stolpern wohl über die Quasten und
+Bommeln ihres Schlafrockes. Und sind erst beruhigt, wenn Mutter die
+Pfeife stopft und einen extra guten Kaffee zum Nachtisch kocht. Da
+schwellen die Adern ab, die Nachtmütze beruhigt sich. Die Jüngste bringt
+ein blaues Schreibheft von Vaters Schreibtisch, die Älteste Tinte und
+Gänsekiel. Und, bewacht und betreut von den Seinen, beginnt Vater zu
+dichten. _Ludwig Uhland_ (1787-1862) ist in Tübingen geboren, und der
+Geist dieser kleinen Wald- und Universitätsstadt war der seine. Ernste
+Wissenschaftlichkeit in den grauen Hörsälen, das heitere Spiel der
+Wolken und Winde über den bebäumten und wiesengrünen Hügeln. Und wie in
+den Gasthäusern der Dörfer rings um die Studentenstadt die Rapiere der
+schlagenden Verbindungen klirrten, so stand Ludwig Uhland ewig auf der
+Mensur für »das gute alte Recht« des Volkes, für Deutschtum und
+Demokratie gegen die kleinliche Tyrannei der kleinen Fürsten. Er wurde
+1848 als Vertreter der demokratisch-großdeutschen Fraktion in das
+Frankfurter Parlament gewählt, nachdem er schon 1833 seine Tübinger
+Professur für deutsche Literatur wegen politischer Differenzen mit der
+württembergischen Regierung niedergelegt hatte. Seine eigentliche
+poetische Produktion fällt in die erste Hälfte seines Lebens. Da sang er
+jene schönen Lieder, die längst in den Volksmund übergegangen sind: »Ich
+hatt' einen Kameraden« und Balladen wie »Das Glück von Edenhall«. Als
+Balladendichter ist neben Uhland der Schlesier _Moritz Graf Strachwitz_
+(1822-1847) hervorzuheben, der mit Günther, Büchner, Hauff zu jener
+edlen Reihe jung verstorbener deutscher Dichterjünglinge gehört, die der
+schwärmerischen Liebe ihres Volkes immer gewiß sein werden. Die Ballade
+nach der komischen Seite hin bearbeitete in lustigen gereimten Schwänken
+der weinselige _August Kopisch_ (1799-1853), dessen »Heinzelmännchen«
+wir als Kinder mit brennenden Augen, dessen »Historie von Noah« wir als
+Studenten mit weinfeuchten Augen lasen. Der alte Kopisch saß mit seiner
+roten Nase in unserer Korona auf dem Schloßberg von Heidelberg, hob mit
+der einen Hand den goldgefüllten Römer, mit der anderen den Zeigefinger
+und sprach warnend: »Trinkt kein Wasser, Kinder! Ihr kennt die
+Geschichte von der Sintflut? Trinkt kein Wasser,
+
+ dieweil darin ersäufet sind
+ all sündhaft Vieh und Menschenkind ...«
+
+Daß der leichtblütige und leichtsinnige Kopisch der beste Freund des
+schwermütigen und schwerblütigen Grafen _Platen_ (aus Ansbach,
+1796-1835) war, mag nachdenklich stimmen. Aber vielleicht hatte Platen
+Kopisch nötig wie Kopisch -- den Wein. Um sich in der Misere seines
+Lebens mit Heiterkeiten hin und wieder zu betrinken. Platens Schicksal
+war die Männerfreundschaft und Knabenliebe. Er suchte Adonis, ohne ihn
+zu finden. Seiner inbrünstigen Sehnsucht nach einem Echo seines Herzens
+verdanken wir die schönsten deutschen Sonette. In Syrakus ist er
+gestorben, vielleicht, wie er einst sang, im Arme des endlich gefundenen
+Götterjünglings.
+
+ * * * * *
+
+Es gibt ein Wort: Nur wer wahrhaft schlecht gewesen ist, kann wahrhaft
+gut werden. Buddha selber muß in einem früheren Leben einmal ein Mörder
+gewesen sein. Niemand sehnt sich so brennend nach Erlösung wie der
+Unreine, der Verfehmte, wie der Verbrecher, der seines Verbrechens sich
+bewußt wird. _Friedrich Hebbel_, ein Bauernsohn aus Dithmarschen
+(1813-1860), war vielleicht das, was man einen bösen Menschen nennt.
+Von Dämonen gehetzt brach er, ein verhungerter Wolf, an dem man jede
+Rippe einzeln zählen konnte, in die Lämmerweide der deutschen Dichtung
+ein. Jedes Mittel war ihm recht, seinen geistigen Hunger zu stillen. Er
+schlug Eide in den Wind und verriet Frauen, die ihn liebten, und ohne
+die er krepiert wäre -- um der Idee zu dienen. Er war ein armer
+Schächer, ans Kreuz dieses Lebens geschlagen. Er häufte Schuld auf
+Schuld -- und wußte darum und litt darunter. Die erschütterndste
+Tragödie, die er schrieb, ist sein Leben. Wir leben es erschüttert mit,
+während wir die Dramen, die er schrieb, nur staunend respektieren.
+Lieben können wir den Menschen Hebbel. Den Dichter wollen wir
+ehrfurchtsvoll salutieren. Am liebenswürdigsten zeigt er sich noch in
+seinen Gedichten. Es ist psychologisch beachtenswert, daß Hebbel selbst
+seine Lyrik für seine bedeutendste dichterische Leistung hielt. Er
+selbst konnte wohl gedanklich, aber gefühlsmäßig mit seiner wie ein
+Eisengerüst konstruierten Dramatik nicht mit. Seine Logik überspitzte
+sich (in Maria Magdalena, in Agnes Bernauer). Er verfolgte ein Problem
+noch über seine Lösung hinaus und bewies dadurch, daß ihm das Problem an
+sich wichtiger war als das Leben, welches die Probleme stellt. Seine
+Dramen sind alle irgendwie erstaunlich, man muß, wie der Wärter im
+zoologischen Garten auf sonderbare Tiere, mit dem Stock darauf zeigen.
+Seine Nibelungentrilogie ist eine Monstrosität. Der Vollendung am
+nächsten kommt vielleicht sein Jugendwerk »Judith«, in dem das Problem
+des Zwiespalts zwischen Neigung und Pflicht, zwischen Sinnlichkeit und
+Sinn, zwischen ethischer Forderung und menschlicher Schwäche klar
+gestellt und klar beantwortet wird. Die Witwe von Bethulia nahm eine
+Aufgabe auf sich, der sie als Mensch zwar, doch nicht als Weib gewachsen
+war. Das ist ihre Tragik. Hebbel nahm eine Aufgabe auf sich, der er als
+Denker zwar, doch nicht als Dichter gewachsen war. Das ist seine Tragik.
+Sein Antipode, aus ähnlich niederem Milieu entwachsen, _Christian
+Dietrich Grabbe_ (1801-1836), Sohn eines Zuchthausaufsehers in Detmold,
+wollte weniger -- aber konnte mehr. Er empfing seine ersten Eindrücke,
+wenn er im Zuchthause spielte und die Gefangenen wurden zum Spaziergang
+an die frische Luft geführt. Zwei und zwei, zwischen grauen Mauern, den
+grauen Himmel über sich, umschritten sie schweigend in ihren
+Anstaltskleidern das vorgeschriebene Kreisrund, bis die Zeit erfüllet
+ward. Seine Dramenhelden: der Herzog von Gothland, Napoleon, Hannibal,
+haben alle etwas von Zuchthäuslern, die an den Stäben ihres Gefängnisses
+rütteln: vergeblich. Der Zwiespalt zwischen Idee und Wirklichkeit
+scheint unentrinnbar. Der hehrste und heiligste Wille wird in den Staub
+gezogen: Achilleus schleift Hektors Leiche an seinem Wagen um die Mauern
+von Troja ... Immer fällt Hektor, der Anwalt der reinen Idee, und immer
+siegt Achilleus, grobschlächtig und protzig, weil er die Macht und die
+realen Dinge hinter sich hat. Die tiefste Tragödie freilich spielt sich
+im Herzen des Menschen ab. Grabbes Stauffendramen (Heinrich VI.,
+Barbarossa), vor allem aber Napoleon und Hannibal nähern sich der durch
+Faust und Wallenstein bezirkten großen Tragödie. Dieser Hannibal ist ein
+ungeheuerlicher Bursche. Eine riesige Termite, die in der winzigen
+Ameisenwelt, ein Held, der unter den Händlern zugrunde gehen muß. In
+»Don Juan und Faust« machte Grabbe den kühnen Versuch, den germanischen
+und den romanischen Typus nebeneinanderzustellen. Sein Lustspiel
+»Scherz, Ironie, Satire und tiefere Bedeutung«, in dem der Autor voll
+romantischer Ironie höchstpersönlich nicht ohne tiefere Bedeutung
+auftritt, bildet in seiner bäuerlichen und teuflischen Derbheit ein
+Gegenstück zu _Georg Büchners_ zartem und schwankem Schwank »Leonce und
+Lena« mit seinen zerbrechlichen Figuren und Kontroversen. Georg Büchner
+(aus dem Darmstädtischen, 1813-1837) konnte aber auch anders als sanft
+lächeln oder vertrottelt disputieren. Wie einen erratischen Block
+schleuderte er sein französisches Revolutionsdrama »Dantons Tod« von
+sich. Auch in seiner von Gutzkow überlieferten Gestalt (die Urform ging
+verloren) gehört es zu den mächtigsten deutschen Dramen: hier ist
+erstmalig, wie später erst wieder bei Gerhart Hauptmanns »Webern«, ein
+ganzes Volk der Held. St. Just, Robespierre, Danton sind seine
+Exponenten. Den Streit aller Revolutionen zwischen Individualismus und
+Kommunismus entscheidet der einzige Richter, der ihn zu entscheiden
+vermag: der Tod. Er lenkt die Guillotine, die heute Dantons Haupt frißt,
+die morgen das Haupt Robespierres fressen wird, bis übermorgen Napoleon
+sie von der Bühne des Welttheaters entfernt. Für eine Weile ... Er hat
+andere Requisiten und Maschinen, die nicht weniger exakt und blutig
+arbeiten: Kanonen und Mitrailleusen. -- Im Wozzek, der Fragment
+geblieben ist, knüpft Büchner an Lenz an (dem er eine schöne Novelle
+gewidmet hat). Die bürgerliche Tragödie, die Hebbel mit der Maria
+Magdalena schreiben wollte, sie gelang, selbst im Fragment, Büchner mit
+seinem Wozzek. Vom Wozzek läuft die Tradition zu Wedekind, der von
+niemand mehr gelernt hat als von diesem Büchnerschen Aphorismus. Auch
+als politischer Revolutionär ist Büchner von eminenter Bedeutung. Seine
+Botschaft »Friede den Hütten. Krieg den Palästen!« ist das flammendste
+deutsche revolutionäre Manifest überhaupt. Büchner starb zehn Jahre zu
+früh. Er wäre der gegebene Führer der 48er Revolution geworden. Er wurde
+nur vierundzwanzig Jahre alt. Ein Jahrhundert hat der Heldentod des
+Jünglings Theodor Körner, der ein guter Soldat, aber ein schlechter
+Trompeter war, das Heldenleben des Jünglings Georg Büchner völlig
+verdunkelt.
+
+ * * * * *
+
+_Heinrich Laube_ (aus Sprottau, 1806-1884) schlug die dramatische Pauke,
+daß einem Hören und Sehen verging. Sein »Graf Essex« war das erste
+Theaterstück, das ich als Knabe auf der Schmierenbühne einer märkischen
+Kleinstadt sah. Niemals mehr hat ein Drama einen solchen Eindruck auf
+mich gemacht. Ich sehe noch immer den schlotternden Essex im Kerker
+sitzen und höre auf einem vom Bäcker geborgten blechernen Kuchenteller
+zwölfmal die Stunde des Gerichtes schlagen. Alle Schauer jagen mir im
+Gedächtnis daran über den Rücken, und ich drücke den vereinigten
+Geistern von Laube und Essex pietätvoll und gerührt die Hand. Zu meinen
+erfreulichsten Jugenderinnerungen aus dem Gebiete der Literatur gehören
+auch _Willibald Alexis_ (aus Breslau, 1798-1871), in den
+Schullesebüchern immer mit dem homerischen Beinamen »der Vortreffliche«
+geehrt, welcher nicht undichterische historische Romane aus meiner
+engeren Heimat schrieb: »Die Hosen des Herrn von Bredow«, »Der Roland
+von Berlin«, und _Wilhelm Hauff_ (aus Stuttgart, 1802-1827), in den
+Schullesebüchern ein wenig zärtlich, aber auch ein wenig von oben herab,
+»der Jugendliche« genannt. Zu der Geste des Von-oben-herab ist bei ihm
+nun keine Veranlassung. Er ist kein großer Dichter: zu den Klassikern
+haben ihn nur die Fabrikanten von Klassikerliteratur gemacht: denen
+genügen Schiller, Goethe, Kleist aus Geschäftsgründen nicht, die
+Brautpaare verlangen beim Heiraten zur Komplettierung ihrer
+Wohnungseinrichtung eine ganze Klassikerausstattung: dazu gehören denn
+auch vor allen Dingen Theodor Körner und eine ganze Anzahl völlig
+unmöglicher und verstaubter alter Herren, wie Gaudy, Gutzkow usw. Hauff
+ist nun ganz und gar nicht verstaubt. Er ist kein großer Dichter, aber
+ein Erzähler von prachtvoller novellistischer Begabung, wie seine
+Märchen und Novellen beweisen. Ein Glanzstück unserer novellistischen
+Poesie gelang einem Franzosen: _Adalbert v. Chamisso_ (aus der
+Champagne, 1781-1838) mit seinem Peter Schlemihl, dem Mann, der seinen
+Schatten verkauft hat. Peter Schlemihl ist eine sinnbildliche und
+sprichwörtliche Figur geworden. Ich weiß allerdings nicht, ob er auf
+meine Mitbürger noch viel Eindruck macht. Sie sind ja längst gewohnt,
+nicht nur ihren Schatten, sondern auch den Schatten ihres Schattens, und
+die Sonne, die den Schatten hervorruft, zu verkaufen. Ja, sie verkaufen
+sogar Peter Schlemihls wundersame Geschichte, statt sie einem jeden
+gratis ins Haus zu bringen, als Luxusdruck zu 300 Mark und mehr. Armer
+Schlemihl! Hättest du zur Subskription auf dich selbst einladen können:
+du hättest deinen Schatten nicht zu verkaufen brauchen! Aber du hast es
+eben nicht verstanden, dein Geschäftsinteresse wahrzunehmen. Dies
+verstand auch _Adalbert Stifter_ nicht (aus dem Böhmerwald, 1805-1868),
+der zarte Pastelle und gestrichelte Federzeichnungen nach der Natur auf
+kleine weiße Blätter malte und zeichnete. Die Blätter sammelte er und
+gab ihnen dann (wie wenig geschäftstüchtig war er doch!) so unscheinbare
+Namen wie: »Studien«. Wer in den Sommerferien in den bayerischen Wald
+reist und läßt Stifters Erzählungen, vor allem den Hochwald, zu Hause,
+der verdient es nicht, Sommerferien im bayerischen Wald zu erleben.
+Reist er aber nach Westfalen, so muß er sich den »Oberhof« von _Karl
+Immermann_ (aus Magdeburg, 1796-1840) in den Rucksack stecken, oder,
+falls er über Zeitbedingtes hinwegzulesen versteht, den ganzen
+»Münchhausen«. Auch darf er von Immermann die tiefsinnige Mythe
+»Merlin«, die Tragödie des Widerspruchs, nicht vergessen. Wenn der dem
+Dichter hoffentlich geneigte Leser auch den Widerspruch nicht lösen
+sollte -- was tut's? Begreift er Goethes »Geheimnisse«? Oder Hölderlins
+letzte Gedichte? Oder die Oden von Pindar? Muß denn alles so
+verständlich sein wie ein Gespräch über die teuren Zeiten im
+Kaufmannsladen? Nicht jeder ist ein Alexander, nicht jeder vermag den
+Gordischen Knoten derart gewalttätig mit dem Schwert zu lösen, und
+manchmal tut's nicht einmal gut, die Lösung mit dem Schwert, meine ich,
+wie =exempla docent=.
+
+ * * * * *
+
+Abseits von allen Zeitstürmen saß in Kleversulzbach in Schwaben unter
+der Pfarrhauslinde, behaglich seine lange Pfeife rauchend, im bunt
+geblümten Schlafrock mit den goldenen Quasten: _Eduard Mörike_
+(1804-1875). Wie Büchner von Körner, so ist sein helles Gestirn von der
+Wolke eines Geibel beschattet worden, und bis ans Ende des 19.
+Jahrhunderts haben wenige gewußt, was hinter dem biederen Pfarrer von
+Kleversulzbach steckt. _Ferdinand Freiligrath_ (aus Detmold, 1810-1876),
+und _Friedrich Rückert_ (aus Schweinfurt, 1788-1866), um noch die besten
+zu nennen, blendeten die deutsche Leserwelt mit ihrer Exotik voll
+ungewöhnlichen lyrischen Farbenreichtums. Der Allerweltsepigone Geibel
+und die Geibelepigonen versüßlichten den Geschmack des deutschen
+Publikums vollends, so daß es an einem klaren Trunk, wie ihn Mörike
+kredenzte, keinen Geschmack mehr fand. Zu alledem schrien dem deutschen
+Volk die politischen Dichter noch die Ohren voll, Herwegh an der Spitze,
+bescheiden wie sie immer sind, traten sie trompetend vor ihre
+Jahrmarktsbude und schrien: »Nur immer hereinspaziert, meine
+Herrschaften! Wir haben die einzig echte, die einzig wahre, die
+politische Kunst gepachtet!« Sie hatten eine Menge Zulauf. Auch
+Freiligraths wohlassortierte Menagerie, in welcher der Wüstenkönig, der
+Löwe, die Hauptattraktion bildete, und wo ein waschechter Mohrenkönig an
+der Kasse saß, wurde überlaufen. Der Blumenstand, an dem die Muse selbst
+Mörikes Feldblumen oder auch Rosen und Nelkensträuße feilhielt, wurde
+nicht beachtet. Eduard Mörike hatte mit einer Paraphrase des Wilhelm
+Meister: dem Roman Maler Nolten, begonnen, der nicht ohne Eindruck
+blieb. Mit Gottes Wort, das Gott ihm selber in den Mund gelegt, mit
+seinen Gedichten predigte der Kleversulzbacher Pfarrer lange tauben
+Ohren. Seine Verse sind nicht gemeißelt wie die Hölderlinschen, nicht in
+der Trunkenheit herausgebrüllt wie die Güntherschen, nicht ziseliert wie
+die Heineschen, geflötet wie die Platenschen: sie fielen wie reife
+Früchte vom Baum in seinen Pfarrhausgarten. Sie sind nicht erkünstelt,
+nicht erzwungen: sie sind rund und vollendet und duften wie reife Äpfel.
+Der Sonnenblume gleich stand sein Gemüt offen. Er brauchte in seiner
+friedlichen Seele keine Schlachten zu schlagen wie Hebbel. Nur schwach
+schwankte die Schale zwischen Lieben und Leiden. Seine Phantastik
+schweift milde wie ein Sommervogel in seinen Erzählungen (Mozart auf der
+Reise nach Prag) und Märchen. Er erschreckt nie. Seine Schauergeschichten
+machen lächeln. Und wenn er dunkel ist, so ist er dunkel wie eine
+Sommernacht in Kleversulzbach, warm und besternt, und wir wissen, daß
+die Morgenröte nicht fern ist. Dann werden wir mit dem Kleversulzbacher
+Pfarrherrn und seinem Küster auf den Kirchturm steigen.
+
+ * * * * *
+
+Die Schweizer hatten sich mit dem Fabeldichter Ulrich Boner, mit Bodmer,
+Breitinger und vor allem mit Geßner schon vorteilhaft in die deutsche
+Literatur eingeführt, als sie mit _Jeremias Gotthelf_ (aus Murten, 1797
+bis 1854) einen Haupttreffer machten. Was sind das für Kerle, die
+Schweizer Bauern und Bäuerinnen des Pfarrers Bitzius aus dem Emmental.
+Auf angeerbter Scholle sitzen sie: derb, treuherzig, fromm. Kein Falsch
+ist an ihnen und kein Flitter. Ihr Wort: eine Enzianblüte im Gebirge.
+Die Schweizer können aber nicht nur bäuerisch derb, sie können auch
+städtisch, =à la mode= oder historisch gekleidet daherstolziert kommen,
+wie Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer beweisen.
+
+_Gottfried Keller_ (aus Zürich, 1819-1890) läßt seinen »Grünen Heinrich«
+in der Tracht aufmarschieren, die Grimmelshausen, Heinse, Goethe in die
+deutsche Literatur eingeführt haben: jeder mit etwas anderem Schnitt.
+Das Problem der Entwicklung beherrscht den »Grünen Heinrich« auf seinen
+tausend Seiten: so gut wie Simplex, wie Ardinghello, wie Wilhelm
+Meister ist er auf dem Wege zu sich selbst. Der Weg, der zu einem selbst
+führt, ist nun nicht so bequem wie die Chausseen bei Kopenhagen, wo alle
+fünf Minuten, an jeder Wegbiegung, eine Tafel steht: nach da und nach da
+und nach da: man kann nicht fehlgehen. Wie steht es hingegen mit den
+Wegen zu sich? Da gerät man auf allerlei Nebenpfade, in Gestrüpp,
+Wolfsgruben, auf fremden Besitz, und man muß froh sein, wenn man
+schließlich am Abend die Herberge findet und auf der harten Ofenbank
+schlafen darf. Man weiß manchmal wirklich nicht, ob man das Rechte
+trifft, wenn man z. B. Maler- und Anstreicherlehrling wird. Und
+schließlich wendet sich doch alles zum Rechten, denn man bringt von der
+Malerei ein unverlierbares Gut im Felleisen heim: die Kraft der
+lebendigen Anschauung aller Dinge. Es kommt für den Dichter
+nicht darauf an, die Gedanken zu Ende zu denken, sondern auch den
+Erscheinungen bis ins Herz zu sehen, sie zu durchschauen. Als wäre der
+Mensch ein Stück Glas. Solches konnte Gottfried Keller. Und weil er eine
+so klare Anschauung von den Menschen hatte, deshalb gerieten sie in
+seinen Novellen so klar und durchsichtig. Diese Novellen, gesammelt in
+den Büchern »Die Leute von Seldwyla«, »Sieben Legenden«, »Züricher
+Novellen«, »Das Sinngedicht« -- bedeuten einen Gipfel deutscher
+Erzählerkunst. Wer als Erzähler ihn wieder erreichen will, der muß hoch
+und mühsam klettern -- da wird es nicht so bequem hinaufgehen wie auf
+den Rigi, das ist schon mehr eine Matterhornbesteigung. Gottfried Keller
+hat ein vollkommenes Gedicht, das Gedicht vom alten Pan im Walde,
+geschrieben. Sein Landsmann _Heinrich Leuthold_ deren drei oder vier,
+sein anderer Landsmann _C. F. Meyer_ (aus Zürich, 1825-1898) deren
+viele. Hat Gottfried Keller typisch schweizerische Züge in seinem Wesen
+und Dichten, so wird man bei Meyer trotz manchen schweizerischen Stoffes
+(der Roman »Jürg Jenatsch«) vergebens danach suchen. Seine
+Landsmannschaft ist undeutlich und unbestimmt. Er hat sich selbst als
+Statue eines Dichters nach einem Idealbild konstruiert. Er führte das
+Leben einer steinernen Statuette: ganz Marmor, ganz Glanz. Vierzig Jahre
+war C. F. Meyer, als er sein erstes Buch, ein kleines Buch Gedichte,
+veröffentlichte. Er hat mit seinen Gedichten sein Bestes gegeben,
+ungeachtet mancher schönen Novelle. Die Gedichte sind von einer
+leidenschaftlichen Liebe zur Form erfüllt. Genug konnte ihm nie und
+nimmermehr genügen. Ihm zitterte eine Flamme im Busen, die er mit
+heiliger Scheu hütete.
+
+ Daß sie brenne rein und ungekränkt.
+ Denn ich weiß, es wird der ungetreue
+ Wächter lebend in die Gruft gesenkt.
+
+Von den Göttern, die er oft zu sich zu Gaste lud, waren ihm Bacchus und
+Silen die liebsten.
+
+ In der schattendunklen Laube gab Silen, der weise, Stunde,
+ Der ihm weich ans Knie geschmiegte Bacchus hing an seinem Munde,
+ Lieblich lauschend.
+
+Und sein schönstes, sein wildestes Symbol fand C. F. Meyer in der
+Veltlinertraube.
+
+Es ist dem Trifolium Spitteler, Nietzsche, George zu danken, daß die
+deutsche Sprache in den achtziger Jahren nicht völlig unter die Räder
+der naturalistischen Bier- und Leiterwagen kam. _Carl Spitteler_ (aus
+Liestal, geboren 1845) sagte mit seinem »Prometheus und Epimetheus« der
+Wirklichkeit, die sich verwirkt hatte, die Fehde an. Leider wurde er
+selbst in seinen nächsten Werken aus einem Prometheus, einem
+Fackelbringer, ein Epimetheus, ein Mensch der Verwirrung und des
+Dunkels, denn in »Conrad, der Leutnant« und »Imago« tut er es den
+schlechtesten Naturalisten und Psychologisten gleich. Daß der
+bedeutendste Psychologe der Gegenwart, Professor Freud in Wien, seine
+Zeitschrift nach der »Imago« nannte, ist zuviel der Ehre für dieses ganz
+analytische, aber der Synthese völlig ermangelnde Buch. Jeder Dichter,
+Herr Professor Freud, ist instinktiv Psychoanalytiker. Aber hier
+beginnt erst der Weg und der Wille zum Psychosynthetiker. Im
+»Olympischen Frühling«, dem großen griechischen Epos, hat Spitteler sein
+bestes Selbst wiedergefunden. Er fand das Reich Apollos, das Reich, »das
+nicht von dieser Welt ist«. -- Von jüngeren Schweizern sind zu nennen:
+der früh (1919) verstorbene _Karl Stamm_, ein Lyriker von vielen Graden,
+der zarte Idylliker _Robert Walser_, der religiös vergrübelte _Albert
+Steffen_ (geb. 1874), Romandichter theosophischer Richtung.
+
+ * * * * *
+
+Eine in ihrer verbohrten Problematik Hebbel geschwisterte Natur ist
+_Otto Ludwig_ (aus Eisfeld, 1813-1865). Er sah sich zeitlebens im
+Schatten Shakespeares stehen und kam deshalb nur in seinem biblischen
+Trauerspiel »Die Makkabäer« und in seinen Novellen über ihn hinaus, in
+denen er als antizipierter Dostojewski und Zola erscheint. Es könnte
+nicht schaden, wenn -- über Dostojewski -- Otto Ludwigs Prosa nicht
+vergessen würde. Sie ist der feierlichen Auferstehung wert. Wird _Gustav
+Freytag_ (aus Kreuzburg, 1816-1895) aus der Gruft der Vergessenheit
+auferstehen? Vielleicht mit seinem bürgerlich-soliden Roman »Soll und
+Haben«, worin jedem Charakter sorgsam sein Debet und Kredit zuerteilt
+ist. Des Mecklenburgers _Fritz Reuters_ (1810-1874) humoriges und
+herzliches Plattdeutsch ist leider nur einem engen Kreise von Deutschen
+verständlich. (»Ut mine Stromtid.«) _Wilhelm Raabes_ (aus Escherhausen,
+1831 bis 1910) ernster Humor, seine bedächtige Menschenfreundlichkeit,
+seine bittersüße Melancholie, wird deutschen Herzen als eine deutsche
+Angelegenheit immer lieb und vertraut sein. Für Wilhelm Raabe gibt es
+kein besseres Epitheton als dies ohne jeden Nationalismus gesagte:
+deutsch. »Der Hungerpastor«, »Der Schüdderump«, »Horracker« werden
+bleiben wie des Friesen _Theodor Storm_ (1817-1888) rosenblätterige
+Novellen: Immensee, Pole Popenspäler, Der Schimmelreiter und die kleine
+Erzählung »Im Saal« -- eines der frühesten und schönsten Gebilde Storms,
+das er im Revolutionsjahr 1848 ersann. Die Sehnsucht nach der guten
+friedlichen Zeit, der wir sonst zu trauen gar nicht geneigt sind, wird,
+wenn wir sie lesen, übermächtig in uns. Früher -- ja, das war freilich
+eine stille, bescheidene Zeit: »Die Menschen waren damals noch höflicher
+gegeneinander. Das Disputieren und Schreien galt in einer feinen
+Gesellschaft für sehr unziemlich. Wer seine Nase in die Politik steckte,
+den hießen wir einen Kannegießer, und war's ein Schuster, so ließ man
+die Stiefel bei seinem Nachbar machen. Die Dienstmädchen hießen noch
+alle Stine und Trine, und jeder trug den Rock nach seinem Stande ... Aber
+was wollt ihr denn?« fuhr die alte Großmutter fort, »wollt ihr alle
+mitregieren?« Ja, Großmutter, das wollen wir nun freilich, und darum
+sind wir auch alle so unglücklich und ruhlos, so hin und her gerissen
+zwischen Stern und Erde, so kriegerisch und friedlich zugleich.
+
+_Paul Heyse_ ist im Strom der Zeiten schon versunken, so tief versunken
+wie _Geibel_ (aus Lübeck, 1815-1884), der einst so hochgefeierte. Geibel
+wollte 1871 mit seinen »Heroldsrufen« eine große Zeit einrufen. Aber
+Krieg und Sieg von 1870/71 hatten für die deutsche Dichtung und Kultur
+eine katastrophale Wirkung. Die Heroldsrufe riefen einem Zeitalter, das
+in niedrigstem Materialismus, größtem Größenwahn, in Goldsucherei,
+Aufgeblasenheit (aufgeblasen wie ein Jahrmarktsschwein) und Chauvinismus
+seinesgleichen suchte. Hohenzollernsch patentierter, mehr oder weniger
+gereimter Patriotismus von Geibel und seinen Nachbetern und Nachtretern
+lyrisch, von _Wildenbruch_, selbst einem abseitigen Hohenzollernsproß,
+dramatisch aufgeputzt, von Julius Wolff in seinen Ritterromanen in die
+große Vergangenheit projiziert, aus ihr eine große Gegenwart und große
+Zukunft abstrahierend (wie sprach doch Wilhelm II. einst? »Ich führe
+euch herrlichen Zeiten entgegen ...«), süßlich gesabberte Lyrik der
+Baumbäche und Bodenstedter, eine unechte flache Erzählerkunst -- das
+waren die ersten kulturellen Früchte der Einigung des deutschen Volkes.
+Fast zwei Jahrzehnte hat das deutsche Volk diese Limonadensuppen in sich
+hineingesoffen, während ihm der frische Trunk der echten Dichtung, den
+ihnen Mörike, Raabe, Leuthold, C. F. Meyer, Fontane spendeten, nicht
+recht munden wollte. Einzig _Theodor Fontane_ (aus Neuruppin, 1819 bis
+1898) brachte es zu einiger Berühmtheit, nicht aber wegen seiner großen
+Kunst der Milieu- und Menschenschilderung, sondern wegen seiner
+stofflichen Vorwürfe, die er meist dem Leben des märkischen Adels
+entnahm. Niemand hat das Gute und Edle, was im spezifisch-junkerlichen
+Typus steckt: die starre Pflichterfüllung, das karge, wie hinter
+geschlossenen Türen geführte Gefühlsleben, das moralisch-märkische
+Pathos reiner glorifiziert und geschildert als Fontane im »Stechlin«.
+Auch das alte Berlin der siebziger und achtziger Jahre fand in ihm
+seinen berufenen Schilderer. Wer sich vom heutigen Berlin entsetzt
+abwendet, versäume nicht, dem Fontaneschen einen Besuch abzustatten. Er
+wird entzückt aus diesem Berlin, das unwiederbringlich dahin ist,
+zurückkehren. Das Gelungenste und Geformteste in Fontanes Romanen sind
+die Frauengestalten: Cecile und Effi Briest wandeln in einem Reigen mit
+Mignon und Philine, Liane und Toni Häusler.
+
+ * * * * *
+
+Otto Ludwig und Theodor Fontane im Erzählerischen, Hebbel und
+Anzengruber im Dramatischen, Leuthold im Lyrischen, sind die Vorläufer
+und Fanfarenbläser der Bewegung, die man als die naturalistische
+bezeichnet hat. Es ist zu bemerken, daß Naturalismus, Impressionismus,
+Expressionismus, Futurismus nur Hilfsworte sind, um Begriffen und
+Bewegungen, Ideen und Wallungen beizukommen. Wo der Ismus aufhört, da
+fängt der Dichter erst an, denn letzten Grundes macht die Einzelseele,
+nicht die Massenpsyche oder -psychose erst den Dichter zum Dichter.
+Jeder Mensch hat eine bestimmte seelische Richtung, in der er läuft,
+und wer in derselben Richtung geht, den begrüßt er als seinen
+Weggenossen mit besonderer Herzlichkeit. Nun gibt es aber viele Wege.
+Viele Wege führen nach Rom: ins Heiligtum der Kunst, in den Tempel des
+Gottes. Es ist Überheblichkeit, den Weg, den ein anderer geht, von
+vornherein als einen falschen zu bezeichnen und Hohn und Gelächter ihm
+nachzurufen. Als Maßstab der Kritik darf nur die Qualität gelten: der
+Zusammenhang des relativen mit dem absoluten Prinzip. Ein guter
+naturalistischer Roman ist mir lieber als ein schlechter
+expressionistischer und umgekehrt. -- Was wollte der Naturalismus? Er
+entstand als kraftvolle Gegenbewegung gegen die unwahre und unechte
+Afterkunst, wie sie seit 1870 in Deutschland zur herrschenden geworden
+war. Er lehnte allen Historismus, alle idealisierende Stilisierung ab:
+wollte nur lebenswahr sein und forderte an Stelle einer Verhüllung der
+Natur ihre Entschleierung bis zur letzten Nacktheit. Er wollte die Natur
+abschreiben, die natürlichen Dinge natürlich darstellen. Wenn der
+Naturalismus die Imitation der Natur vielfach zur These erhob, so beging
+er natürlich =a priori= einen Denkfehler. Eine Nachahmung der Natur kann
+es nicht geben: immer tritt ja der Gestaltende mit einem subjektiven
+Willen an sie heran. Einzig der Buddha, der völlig Objektivierte, könnte
+auch ein vollkommener Naturalist sein: aber er würde es wiederum nicht
+sein, weil ihm der Wille zur Gestaltung von vornherein abgeht. Er will
+nichts. Der naturalistische Dichter aber wollte doch etwas: nämlich die
+Natur darstellen. Wo ein persönlicher Wille ist, ist schon ein
+persönlicher Stil. So ist denn als ästhetisches Gesetz nur eine Spielart
+des Naturalismus: der Impressionismus zu diskutieren. Der
+Impressionismus will, daß die Seele wie eine Braut sich hinlagere, damit
+die Natur liebend einströme mit Fluß und Wolke, Stern und Falter. Der
+Expressionismus, die Gegenbewegung gegen den Impressionismus, fordert
+programmatisch: schleudere deine Seele aus dir heraus in die weite
+Welt, hinauf in den hohen Himmel: so erst wirst du ganz wahr sein. Der
+Impressionismus predigt die Wahrheit des Seins, der Expressionismus die
+Wahrheit der Seele. Es ist klar, daß auf einer höheren Ebene diese
+Forderungen sich in einem Schnittpunkt berühren: da, wo Sein und Seele,
+Erde und Himmel eins geworden sind. Im Formalen äußert sich der
+Gegensatz der beiden Strömungen derart: beim Impressionismus: Analyse
+des Geistes, Synthese der Form. Beim Expressionismus: Synthese des
+Geistes, Analyse der Form. -- Die Naturalisten waren für Deutschland die
+Entdecker des Proletariers als »Gegenstand« der dichterischen
+Betrachtung: da ihrer Betrachtung ja auch das Niederste und Unterste
+wert erschien. Aber der Proletarier, der arme Mensch, der ärmste Mensch,
+blieb ihnen eben doch nur »Gegenstand«. Erst die politischen und
+expressionistischen Dichter der jüngsten Generation haben den
+entscheidenden Schritt vollzogen, indem sie sich mit dem Proletarier
+identifizierten. Die proletarische Lyrik der _Henckell_ (geboren 1864),
+_Mackay_ (geboren 1864) -- Mackays Roman »Der Schwimmer« ist eine der
+besten Prosaleistungen des Naturalismus -- usw. wirkt denn auch ziemlich
+zahm bürgerlich. In _Arno Holz_' (aus Rastenburg, geboren 1863) »Buch
+der Zeit« klingt sie kräftiger. Dessen eigentliche Bedeutung liegt aber
+nicht darin, sondern in seinem romantischen Buche »Phantasus«, mit dem
+er zwar keine Revolution der Lyrik, wie er meinte, eingeleitet und
+eingeläutet hat, aber die wesentliche Stimme seiner eigenen Lyrik fand.
+Diejenigen, bei denen der Naturalismus ein totes Dogma wurde, sind,
+manche noch lebendigen Leibes, gestorben. Des romantischen Naturalisten
+_Max Halbe_ bestes Werk ist eine kleine Novelle: Frau Meseck. Am Leben
+blieb der unverwüstliche, kräftige _Detlev von Liliencron_ (aus Kiel,
+1844-1909), der lyrische Husar, der niederdeutsche Feuerreiter. In der
+plattdeutschen Lyrik exzellierte _Klaus Groth_ (aus Dithmarschen,
+1819-1899), der Dichter des »Quickborn«, in bodenständigen
+österreichischen Bauerndramen _Ludwig Anzengruber_ (aus Wien, 1839 bis
+1889). Vom Naturalismus kam, ihn überflügelte bald mit silbernen
+Flügeln: _Gerhart Hauptmann_ (geboren 1862 in Salzbrunn). Wie ein Baum
+zieht er seine Säfte aus der schlesischen Erde, aber seine Krone ragt in
+den Himmel, und sein Gezweig überschattet hundert Naturalisten. Mit der
+Weißglut seines Willens hat er die naturalistische Theorie
+durchschmolzen. Keine konstruierten Maschinen, keine Homunkulusse
+durchwandeln die Welt seines Dramas: Menschen voll Blut und Sehnsucht,
+arme, elende Menschen, geprügelt wie Hunde von der Peitsche des
+Schicksals, hungernd und frierend, hungernd nach Brot und Licht,
+frierend an den kalten, steinernen Herzen der Mitmenschen, Menschen, die
+in einer ewigen Dämmerung »vor Sonnenaufgang« leben, »einsame Menschen«,
+zu denen selten genug der Ton der »versunkenen Glocke« herauftönt,
+Menschen, die einzeln nicht leben dürfen wie die schlesischen Weber, die
+ein Klumpen blutendes, zuckendes Stück Fleisch sind, Menschen, die
+fried- und ruhelos das Labyrinth des Daseins durchirren, bis eine sanfte
+Frau auch mit ihnen einmal das »Friedensfest« feiert. Wie sind die zu
+beneiden, die, wie Hannele, so früh von dieser schmutzigen Erde zum
+Himmel fahren dürfen! Daß sie Kinder bekommen, zeugen und gebären -- wie
+furchtbar! Wer will den ersten Stein auf »Rose Bernd« werfen? Wer stürzt
+nicht weinend in sich zusammen, wenn der brave, ehrliche »Fuhrmann
+Henschel«, zwischen Schuld und Unschuld schwankend, sich erhängt? Alle
+Gestalten Hauptmanns sind Narren in Christo, wie der religiöse Schwärmer
+Emanuel Quint, der im neu erwachenden religiösen und sektiererischen
+Leben der Zeit noch eine Rolle spielen wird.
+
+ * * * * *
+
+Wie die Geibelperiode in Empfindelei und Süßlichkeit, so artete der
+Naturalismus schließlich in Krafthuberei, törichte Brutalität und
+Apotheose des Misthaufens aus. Süßigkeit des Wortes, Sinnlichkeit der
+Seele: die Schönheit verfiel dem Fluch der Lächerlichkeit. Es ist das
+Verdienst von Friedrich Nietzsche und Stefan George, das deutsche Wort
+in barbarischer Epoche bewahrt und in heiligen Hainen Anbetung und
+Weihrauch der tönenden Gottheit dargebracht zu haben. _Friedrich
+Nietzsche_ (1844-1900) ist mit der musikalischen und rhythmischen Prosa
+seines »Zarathustra« der Lehrmeister der jungen und jüngsten Dichtung
+geworden. Als Lyriker gehört er zu den edelsten deutschen Lyrikern.
+»Frei« war Nietzsches Kunst geheißen, »fröhlich« seine Wissenschaft.
+Alle seine Lieder sind trunkene Lieder. Ob er sie singt in Venedigs
+brauner Nacht an der Rialtobrücke oder sie von San Marco gleich
+Taubenschwärmen ins Blau hinaufsendet und wieder zurücklockt, ihnen noch
+einen Reim ins Gefieder zu hängen. Oder ob in Sils Maria ihn, der
+wartend sitzt, ganz nur Spiel, ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne
+Ziel, der Schatten Zarathustras grüßt. Ob im Herbst, in der Ebene, die
+ersten grauen Krähen ihn überfliegen und ihn mahnen, daß der Winter
+naht.
+
+ Aus unbekannten Mündern bläst's mich an,
+ -- Die große Kühle kommt ...
+
+Er wurde einsam. Immer einsamer. Und alle seine Lieder sang er
+schließlich nur noch sich selber zu, »damit er seine letzte Einsamkeit
+ertrüge«.
+
+ Hoch wuchs ich über Mensch und Tier;
+ Und sprech ich -- niemand spricht zu mir.
+
+War die Natur Nietzsches eine Kreuzung aus Dionysos und Ahasver, die
+trotz aller Schmerzen die Ewigkeit, zu der sie verdammt war, lieben
+mußte, eine wilde, tobende Natur, die lieber brüllte als seufzte oder
+zwitscherte, -- so ist _Stefan George_ (geboren 1868 in Büdesheim) der
+strenge Priester der Gelassenheit und Gebundenheit, der Verkünder
+asketischer Lüste, maß- und zuchtvoll. Auch der verkündet wie Nietzsche
+eine Kunst, die jenseits von Gut und Böse wirkt, er steht den
+moralischen Forderungen eines Teiles der jungen Generation ferner als
+fern.
+
+»Du sprichst mir nicht von Sünde oder Sitte.« In einem seiner ersten
+Gedichte versteigt er sich bis zur Apotheose der Ausschweifung: im
+Heliogabal. Aber immer reiner klärt sich seine Welt: bis das Jahr der
+Seele herrlich sichtbar wird, der Teppich des Lebens sich vor ihm
+breitet, der Engel ihm den Weg weist und der Stern des Bundes magisch
+erblinkt. Stefan George begann als Fackelträger des reinen Wortes in
+einer Zeit, die das Wort verunreinigte und beschmutzte, er schritt fort
+und schreitet weiter als ein Flammenträger des reinen Sinnes in einer
+Zeit, die verschwelt und rauchig loht, die zu Baal und Beelzebub betet,
+die kein Sonnengold, nur ein Geldgold kennt, die alles »zweckmäßig«
+einrichtet und als Ziel die Zweckmäßigkeit postuliert oder die
+Ziellosigkeit an sich. Die geistige und moralische Begriffe verwechselt
+und ein politisches Parteiprogramm von Spinozas Ethik nicht zu
+unterscheiden vermag. Sie hat auch bei George gebändigte Leidenschaft
+mit Temperamentlosigkeit, die Gebärde des echten Priesters mit den
+Tingeltangelallüren ihrer geistigen Charlatane, die gekonnte Kunst mit
+gemachter Mache verwechselt. Sei's. Die Weltgeschichte ist auch das
+Weltgedicht: einige der schönsten Strophen dieses Gedichtes hat Stefan
+George gesungen.
+
+Aus dem Kreise Georges sind als Dichter von Rang _Hugo von Hofmannsthal_
+(geb. 1874 in Wien) und _Rainer Maria Rilke_ (geb. in Prag 1875)
+hervorgegangen. Hofmannsthal ist der Dichter bezaubernder kleiner
+Versdramen. Er führt ein Skelett, das mit blühenden Rosen behängt ist,
+im Wappen. Rilke ist ein Mönch, der statt der grauen Kutte eine
+purpurrote trägt, die Seligkeit des Himmels liebt, aber die Freuden der
+Welt nicht verachtet.
+
+Die »ersten Hergereisten«, die der kommenden deutschen Dichtergeneration
+die neuen Lieder lehrten, waren Nietzsche und George. _Alfred Mombert_
+(geboren 1872 in Karlsruhe) und _Theodor Däubler_ (geboren 1876 in
+Triest) gehören zu den ersten, die sie lernten. Mombert schrieb
+metaphysische Dramen und Gedichte, Däubler das diesseitige Epos
+»Nordlicht«, eine Kosmogonie voll von Schwelgerei und Orgie des Wortes
+und des Reimes. _Richard Dehmel_ (aus dem Spreewald, 1863-1920) hält
+sein Gesicht den romantischen Gestirnen zugewandt. Die goldene Kette der
+deutschen Lyrik ist ohne ihn nicht denkbar, er ist ein kostbares Glied
+in ihr, deren Anfang Walter von der Vogelweide, deren vorläufiges Ende
+Franz Werfel hält. Er hat die Tradition der deutschen Lyrik über eine
+Zeit der Verfahrenheit und Traditionslosigkeit hinübergerettet. Als
+alles tot und trübe schien. Er hat der deutschen Lyrik das Liebeslied
+neu geschenkt: Das dunkle Du, das dunkle Ich, die durch die Nacht sich
+suchen -- und sich finden.
+
+_Christian Morgenstern_ (aus München, 1871-1915) schuf in seinen
+»Palmström«gedichten eine grotesk-philosophische Lyrik eigenster
+Prägung, die besonders dem menschlichen und vermenschlichten Tier zu
+Leib und Seele rückt. Da erscheint ein Steinochs, der sich von
+menschlicher Gehirne Heu nährt. Auf schwärmt am Horizont ergrauter
+Kasernenhöfe der sagenhafte E. P. V. (auch Exerzierplatzvogel genannt).
+Wir sind hoch und heiter beglückt, daß es ihn und Palmströms und
+v. Korfs fundamentale Melancholie -- immerhin -- noch gibt. Schade, daß
+ich beim neuerlichen Quellenstudium für diese kleine Literaturgeschichte
+v. Korfs glänzende Erfindung nicht benutzen konnte, welcher, weil er
+schnell und viel lesen mußte, eine Brille erfand,
+
+ deren Energien
+ ihm den Text zusammenziehn.
+ Beispielsweise dies Gedicht
+ läse, so bebrillt, man -- nicht!
+ Dreiunddreißig seinesgleichen
+ gäben erst -- ein -- -- Fragezeichen!
+
+Die Dadaisten, Apologetiker des abstrakten Humbugs, sind _Wilhelm
+Buschs_, des genialen Malerdichters (1832 bis 1908) und Morgenstern's
+Nachfahren.
+
+ * * * * *
+
+Die deutsche Frauendichtung beginnt, nachdem sie seit Mechtild
+v. Magdeburg jahrhundertelang den Dornröschenschlaf geschlafen, wieder
+aufzuleben mit der Westfälin _Annette v. Droste-Hülshoff_ (1797-1848),
+die freilich für den ersten Blick gar nichts Frauliches an sich hat.
+Ihre Formen sind streng, herb, ihr Gang ist straff, ihre Miene leicht
+verdüstert: wie ein halb heller Tag auf der westfälischen Heide, wenn
+Erde und Himmel die Plätze vertauscht haben, und die roten
+Heidekrautblüten wie Sterne, die Wolken wie braune Ackerschollen sind.
+Auf ihr müdes Haupt gaukelte selten ein süßes Lachen.
+
+ Liebe Stimme säuselt und träuft
+ Wie die Lindenblüt' auf ein Grab ...
+
+Herb wie ihr lyrischer Stil ist ihr Prosastil in der Novelle »Die
+Judenbuche«. _Marie v. Ebner-Eschenbach_ (aus Mähren, 1830-1916) besitzt
+ein Talent von großer Weite der Empfindung, das formal eng begrenzt ist.
+_Ricarda Huch_ (geboren 1864 in Braunschweig) suchte ihre Themen im
+Risorgimento und im Dreißigjährigen Krieg. _Enrica von Handel-Mazetti_
+(geboren 1871 in Wien) schrieb historische Romane mit katholisierendem
+Einschlag. Die deutsche Frauenlyrik der jüngsten Zeit gipfelt in _Else
+Lasker-Schüler_ (geboren 1876 in Elberfeld). Wer fühlte sich nicht als
+ewiger Jude und sänke vor Jehova ins Knie, wenn sie ihre hebräischen
+Lieder singt? Wenn sie ihre Verse in einen alten Tibetteppich verwebt?
+_Emmy Hennings_ gab in kleinen Versen (»Die letzte Freude«) und in
+kleiner Prosa (»Das Gefängnis«) eine Autobiographie des weiblichen
+Vaganten. _Eleonore Kalkowska_ ließ im Krieg den Rauch des Frauenopfers
+steigen. Sie schreitet vom Gedicht zum Drama.
+
+ * * * * *
+
+Man hat _Frank Wedekind_ (1864-1918) einen Bruder und Genossen der Lenz,
+Büchner, Grabbe genannt. Er hatte nicht die selbstverständliche Grazie
+dieser drei (die Grabbe auch im Grausigen bewies). Er war kein Kind der
+Natur. Die Natur war ihm in jeglicher Gestalt verhaßt und widerwärtig.
+Vor einer schönen Landschaft erfaßte ihn ein Brechreiz. Und er wurde
+erst wieder beruhigt, wenn er die Berge, etwa als ein liebendes Paar in
+Umarmung, drastisch definieren konnte. Er war ganz gewiß ein Erotomane,
+dessen moralische Komplexe sich bis zum exzessiven Pathos steigern
+konnten. Er war ein genialer Spießer -- mit umgekehrtem Vorzeichen. Ein
+erotischer Frömmler. Ein frömmelnder Erotiker. Flagellant, Sadist,
+Masochist aus religiöser Überzeugung. Ihm war das Weib die große Hure
+von Babylon und als solche immer anbetungswürdig. Er führte ein Tagebuch
+aller Zärtlichkeiten, der sanften und der schrecklichen. Er führte
+dieses Tagebuch gewissenhaft wie ein Oberlehrer. Als Oberlehrer (mit dem
+schlechten Gewissen des ehemaligen Schülers ...) fühlt er sich auch
+seinen Geschöpfen gegenüber: einer Lulu, einer Franziska, die zu seiner
+Liebe, zu seinem Leben emporgepeitscht wurden -- um sich dann an ihrem
+Lehrmeister aufs grausigste zu rächen. In der Verbohrtheit im
+Problematischen ist er Hebbel, in der Technik den Stürmern und Drängern
+verwandt: diese dramatische Technik der Einzelbilder, Einzelszenen, wie
+sie »Frühlingserwachen« einführt, hat im deutschen Drama neuerdings
+Furore gemacht. Sein Kinderdrama »Frühlingserwachen« wird bleiben,
+bleiben wird der »Marquis von Keith«, der letzte Akt von »Schloß
+Wetterstein« und vor allem: »Lulu«. In ihr und in der kleinen Wendla hat
+er die natürliche Dämonie des Weibes groß gestaltet. Es ist vielleicht
+kein Zufall, daß in den vorzüglichsten Dramen der Epoche Frauen im
+Mittelpunkt der tragischen und komischen Handlung stehen: die Lulu im
+»Erdgeist«, Hannele in »Hanneles Himmelfahrt«, die Wulffen im
+»Biberpelz«, Madame Legros (im gleichnamigen Drama von Heinrich Mann)
+--, dies beweist, daß wir in einer romantischen Periode leben: Lulu ist
+die Inkarnation der geschlechtlichen, Hannele die der kindlichen, Madame
+Legros die der mütterlichen Liebe der Frau. Lulu will irdische Lust,
+Hannele himmlische Liebe, Madame Legros dies- und jenseitige
+Gerechtigkeit. -- _Wilhelm Schmidtbonn_ (geboren 1876) behandelte im
+»Grafen von Gleichen« das Problem des Mannes zwischen zwei Frauen. Der
+erste Akt gehört zu den besten ersten Akten der deutschen Literatur.
+Sein »Wunderbaum«, ein Prosabuch, birgt viele Wunder. _Carl Sternheim_
+zeichnet in seinen Dramen karikaturistische Bilder aus dem bürgerlichen
+Heldenleben: Streber, Schieber, sentimentale Kokotten, amusische
+Dichter, intellektuelle Schweinehunde, Auch- und Bauchsozialisten. In
+seinen Dramen wie in seinen Novellen holt er das Letzte virtuos, aber
+ohne Herz, aus der Technik des Wortes. Seine Geschichten laufen ab wie
+Maschinen. Er ist ein Ingenieur der Sprache. _Herbert Eulenberg_
+(geboren 1876 in Mühlheim) bemalt seine dramatischen Helden und
+Heldinnen blaßrosa und blaßblau. Sie gleiten schattenhaft durch eine
+romantische Kulissenwelt. _Eduard Stucken_ (geboren 1865 in Moskau)
+beschwört noch einmal Montsalvatsch und die Gralsritter in klingenden,
+mit Innenreimen geschmückten Versen. Seine Romantrilogie »Die weißen
+Götter« erheischt Respekt. _Georg Kaiser_ (geboren 1878 in Magdeburg)
+pflanzt sich ganz breitspurig und heutig vor uns hin. Teufel, ist das
+ein Leben, das sich da vor uns und um uns und in uns abspielt.
+Aktiengesellschaften werden gegründet aus Menschenliebe, aus Bonhomie,
+mit Ewigkeitsansprüchen. Beim »Brand des Opernhauses« entzünden sich
+alle Leidenschaften. »Von morgens bis mitternachts« rollt ein ganzes
+Leben ab via Bankinstitut, Freudenhaus, Park, Café, Heilsarmee, um in
+»Hölle, Weg, Erde« sich als leere Leere, parodierte Form,
+Konjunkturkommunistik zu entschleiern. Da ist mir _R. John Gorslebens_
+(aus Metz, geb. 1883) bedenken- und gewissenloser geistiger Abenteurer
+»Der Rastaquär« schon lieber. Denn der ist ehrlich. _Hanns Johsts_
+ekstatische Szenerien haben sich zu einem adligen Drama »Der König« und
+zu einem problematischen Gegenwartsroman »Kreuzweg« edel ausgereift.
+Georg Kaiser, Sternheim, Eulenberg geben in ihren Dramen allerlei
+indirekte Antworten auf direkte Fragen. Das sind alles Passionen, die
+sich da abspielen. _Walter Hasenclever_ (geboren 1890) im »Sohn« und
+_René Schickele_ (aus dem Elsaß, geboren 1883) in »Hans im Schnakenloch«
+gehen zur Aktion, zur These, zur Forderung über. Nicht: so seid ihr!
+Sondern: so sollt ihr sein! So soll der Sohn gegen den Vater, der Mensch
+zwischen den Rassen sich entscheiden! Hasenclevers »Antigone«, _Unruhs_
+»Ein Geschlecht« sind ebenfalls programmatische Äußerungen gegen den
+Krieg, während Hasenclever in seinem Drama »Menschen« zur Romantik
+umkehrt -- den Weg, den noch alle Aktivisten werden schreiten müssen
+(Schickele beschritt ihn im »Glockenturm«) --, sich aber nach der
+anderen Seite purzelbaumartig überschlägt und beim übelsten Text zum
+Filmdrama landet. Höher steht sein okkultes Spiel »Jenseits«.
+
+_Paul Kornfelds_ »Verführung« gehört zu den typischen, monologischen
+Dramen des jungen Menschen aus der expressionistischen Epoche. (Einige
+andere: Hanns Johst »Der junge Mensch«, Walter Hasenclever »Der Sohn«,
+Klabund »Die Nachtwandler«.) Es ist das Erfreulichste von ihnen. Das
+Problem »Vater und Sohn« gestaltet eindrucksvoll in seinem gleichnamigen
+Fridericus-Drama auch _Joachim v. d. Goltz_.
+
+ * * * * *
+
+Den schönsten deutschen Roman um 1900 schrieb _Friedrich Huch_ mit
+seinem »Pitt und Fox«. Biedermeierliche Zartheit und groteske Gotik
+blühen darin. Pitt ist der gute, der entmaterialisierte, Fox der
+schlechte materialistische Deutsche, wie ihn Heinrich Mann später in
+seinem Untertan Diederich Heßling so bitterböse abkonterfeit hat.
+_Ouckama Knoop_ malte im »Sebald Soeker« die Untergangsstimmung des
+Abendlandes, längst ehe sie gefällige Mode wurde. _Hermann Löns_ jagte
+den wilden »Wehrwolf« über die Heide. Des Schwaben _Emil Strauß_ (geb.
+1866) Kindertragödie »Freund Hein« ist mir unvergeßlich. Der Halkyonier
+_O. E. Hartleben_ (1864-1905) etablierte sich mit glänzend geschriebenen
+ironischen Impressionen. Eine Abart des Impressionismus ist der
+Psychologismus, wie ihn _Thomas Mann_ (aus Lübeck, geb. 1875) in seinen
+ausgezeichneten Romanen und Novellen »Die Buddenbrooks«, »Tod in
+Venedig« übt. Er analysiert mit medizinischer Gewissenhaftigkeit die
+Einzelseele. Dem Studium der Massenseele gilt neuerdings seines Bruders
+_Heinrich Mann_ (aus Lübeck, geboren 1871) Bemühung. Er ist der Dichter
+der Demokratie geworden in seinen Romanen: »Die kleine Stadt«, »Die
+Armen«, »Der Untertan«. -- »Die kleine Stadt«, ein italienischer
+Kleinstadtroman, der schildert, wie eine fahrende Theatertruppe eine
+kleine Stadt revolutioniert, ist ein Markstein in der Geschichte des
+deutschen Romans. Seine früheren Italienromane, besonders die
+prachtvolle Trilogie »Die Göttinnen«, zeigen ihn noch ganz als
+Apologetiker des Übermenschen, des Einzelmenschen, des Anarchisten, als
+hymnischen Diener der Schönheit, der Kraft und der sinnlichsten Gewalt.
+Wer, der je der Herzogin von Assy begegnete, könnte sie vergessen? Denn
+sie war ihm Kind, Mutter und Geliebte.
+
+_Gustav Meyrink_ (geboren 1868 in Wien) schüttet ein Wunderhorn
+ergötzlicher und boshafter Trivialitäten, ältestes und neuestes
+Gerümpel, über den deutschen Spießer aus, der mit einem leeren Hirn
+aufdrapiert wie ein Pfingstochse in seinen Geschichten umherwandelt und
+»Muh« und »Bäh« sagt. Von Meyrinks großen Romanen, die allerlei
+kabbalistische und mystische Weltanschauung propagieren, ist der »Golem«
+nennenswert. _Peter Altenberg_ (1859-1918, aus Wien) gewinnt seine
+amüsante Weltanschauung vom Café Fensterguckerl aus. _Hermann Bahr_
+(geboren 1863 in Linz) hat vom Naturalismus bis zum Expressionismus und
+Katholizismus so ziemlich alle Klassen der Literaturgeschichte
+absolviert und ist überall mit der Note 2-3 versetzt worden. _Artur
+Schnitzler_ (geboren 1862), Dramatiker und Romanzier, schrieb zwei
+vollendete Novellen »Leutnant Gustl« und »Casanovas Heimkehr«. Des
+Kurländer Grafen _E. Keyserling_ (1858-1918) Erzählungen beglücken
+schmerzlich wie im Frühherbst die bunten fallenden Blätter. Über
+_Hermann Hesses_ (geboren 1877 in Calw) Prosadichtungen der ersten
+Periode könnte als Motto der Vers eines Volksliedes stehen, mit dem er
+selbst eines seiner Bücher betitelt: »Schön ist die Jugend«. Seine
+rührendste Figur: der arme und doch so reiche Landstreicher Knulp. Mit
+vierzig Jahren überwand und übertraf er sich selbst in den farbigen und
+feurigen Zeugnissen einer zweiten Jugend: »Demian«, Weg und Wesen
+deutscher Seele entschleiernd, und der herrlichen Novelle »Klein und
+Wagner«. _Wilhelm Schäfer_ (geboren 1868 in Ottrau) schuf sich in seinen
+»Anekdoten« eine eigene Novellenform in Anlehnung an mittelalterliche
+deutsche und italienische Meister. Sie gehören zu den besten Leistungen
+der deutschen Prosa der Gegenwart, die in _Jakob Wassermanns_ (geboren
+1873 in Fürth) Romanen »Das Gänsemännchen« und »Kaspar Hauser« einen
+ihrer Meister fand. Eine reiche Fülle lebendigster Gestalten, eine ganze
+große und kleine Welt wird aus der Tiefe ans Licht gehoben. Die Prosa
+der jüngsten Generation, mit _Kasimir Edschmid_ (geboren 1890) und
+_Alfred Döblin_ beginnend, vermag diesen Leistungen Gleichwertiges an
+die Seite zu setzen. Edschmids Novellen sind wie in einem Treibhaus
+gezüchtete Blumen: bizarr, geistreich, gekünstelt, voll wilder,
+aromatischer, zuweilen peinlicher Düfte. Sein Roman: ein tiefer Abstieg.
+Alfred Döblin beschwört den Schatten Wallensteins und in den »Drei
+Sprüngen des Wang-lun« einen edlen Rebellen der Schwäche in der
+Landschaft eines erträumten China. Der schlesische Russe _Arnold Ulitz_
+türmt den »Ararat«. _Klabund_ (geboren 1891 in Crossen a. O.) versuchte
+im »Moreau« den Roman eines Soldaten, im »Mohammed« den Roman eines
+Propheten, im »Bracke« den gotischen Roman eines Eulenspiegel zu
+gestalten. Der »Dreiklang« enthält das Wesentlichste seiner Lyrik.
+_Leonhard Franks_ (geboren 1882 in Würzburg) »Ursache« ist in Dichtung
+umgesetzte Freudsche Psychologie. _Andreas Latzkos_ (geb. 1876 in
+Budapest) Bücher (»Menschen im Krieg«) und Leonhard Franks »Der Mensch
+ist gut« haben ihr Bestes geleistet in der Revolutionierung der Seelen,
+an welcher aber kritische Geister wie _Karl Kraus_ (geboren 1874 in
+Gitschin) und _Franz Pfemfert_ (geboren 1877 in Lötzen) seit Jahren
+schon viel tieferen Anteil hatten mit »Fackel« und »Aktion«. Jene sind
+zeitgeschichtlich von großer Bedeutung. Ihr dichterischer Wert ist weit
+geringer. Der Mensch ist nicht gut, sondern er will gut werden. Das
+Moment der Entwicklung ist das Entscheidende. Schon Herzeloide erzog
+ihren Sohn Parsival in der Waldeseinsamkeit, damit er vor dem Welt- und
+Kriegsgetümmel bewahrt sei. Aber alle Abgeschlossenheit half nichts. Ein
+jeder trägt ja den Feind in der eigenen Brust. Gegen ihn heißt's
+kämpfen. Man muß sich selbst aufs Haupt schlagen. Gott und du: das
+sollen nur Synonyme sein. =Epitheta ornantia= des einen. Du mußt den
+Heimweg finden: heim zu dir. Auf diesem Heimweg durch die Dunkelheit
+stehen die Dichter an den Meilensteinen wie Fackelträger. Von Fackel zu
+Fackel tastest du dich vorwärts: zum Morgenrot, bis Gottes Herz einst
+über den Bergen aufgeht. Menschen- und Gottesauge werden ineinander
+trinken und wird nur ein Licht und eine Liebe sein.
+
+ * * * * *
+
+Die Vorläufer des lyrischen Expressionismus sind _Otto zur Linde_ (geb.
+1873 in Essen) und die Charontiker, die sich um ihn sammelten. Er schon
+stellte die These von der ekstatischen Unmittelbarkeit auf, blieb aber
+praktisch im Assoziativen stecken. _Walter Calé_ (aus Berlin, 1881-1904)
+starb allzufrüh. _Max Dauthendey_ (aus Würzburg, 1867-1918) sang
+inbrünstige Lust- und Liebeslieder. Sein heißes Blut trieb ihn in die
+Tropen, aus denen er exotische Novellen heimbrachte. Des _Wilhelm von
+Scholz_ (aus Berlin, geb. 1874) Verse spiegeln sich wie Nymphen gern in
+dunklen Teichen, vom Walde überwuchert. _Alfred Kerr_ (geb. 1867 in
+Breslau), als Kritiker ein Dichter, als Dichter ein Kritiker, hat einer
+ganzen lyrischen Generation das Gehen, die ersten Schritte beigebracht.
+Der dämonische Naturbursche _Georg Heym_ (aus Hirschberg, 1887-1912)
+machte dann mit der neuen Dichtung ernst. Er krempelte sich dazu die
+Hemdsärmel auf: wie ein Riese schritt er über die Dächer und zwischen
+den Straßen Berlins, und allesdies: Mensch, Trambahn, Mond, Spelunkenspuk
+war ihm wie Riesenspielzeug, die Stadt wurde ihm zur Landschaft, Berg
+wurde Haus. Er ertrank beim Eislauf, vierundzwanzigjährig, im Müggelsee.
+Das Grabgeleite gaben ihm Scharen »fortgeschrittener Lyriker«. Als Georg
+Heym in den Fluten versunken war, stieg aus den im Frühling getauten
+Wogen wie ein junger Meergott, prustend, dampfend in der Sonne,
+schreiend vor Lust am Licht: _Franz Werfel_ (geboren in Prag 1890). Er
+verkündigte das Evangelium des schönen strahlenden Menschen, der jedem
+Wesen, auch dem ärmsten, brüderlich zugewandt. Gewaltig schwingt sein
+religiöses Pathos. Er will einer der Propheten des neuen Bundes sein:
+des Bundes aller wahrhaft Menschlichen. Er kniet nieder, unsagbar
+demütig und bußwillig, mit Unkraut noch und Schlamm fühlt er sein Herz
+erfüllt. Erst nachdem er sich selbst gerichtet, wächst er zum Richter
+der Menschheit. Er sank hin, er kniete hin, er weinte. Er lauschte, er
+horchte, er hörte, er diente. Nun schuf er, nun trägt er, nun hält er
+wie Christophorus die Erdkugel. Erst sah er die Welt -- und siehe, sie
+war schön --, da wurde er der Weltfreund. Dann sah er sich, und siehe,
+er war häßlich. Aber er war. Da nahm er sein Sein und trug es zu den
+anderen. Drei Reiche durchwanderte er. Er wird in das vierte gelangen,
+das sie alle drei umfaßt: das Reich der glückseligen Gerechtigkeit, der
+Reinheit und Einheit. Er wird über sich selbst »Gerichtstag« halten.
+Dann wird sein kriegerisches Wesen sich beruhigend lösen. Er wird
+zerrinnen und eine Welle sein, gekräuselt, entführt und gespült ins Meer
+der Vollkommenheit und der Vollendung.
+
+ Erst wenn ein Mensch zerging
+ In jedem Tier und Ding,
+ Zu lieben er anfing.
+
+Im Gefolge Werfels, des Propheten der Bruderliebe, wandeln unzählige
+junge Lyriker, weniger von der bronzenen Glocke seiner lyrischen Form
+angetönt (er ist reinste Musik, Oboe, Flöte: sie sind meist nur
+Schellenträger und Trommler), als von seinem Pathos bezwungen. In der
+Form wenden sich viele mehr der Imitation des großen Amerikaners Walt
+Whitman zu, seinen breiten rollenden Rhythmen, die brausen wie die Wogen
+des Atlantischen Ozeans. Walt Whitman sang von seinem Buch: Camerado,
+dies ist kein Buch -- wer dies anrührt, rührt einen Menschen an! Dieses
+Motto sähen die jungen Dichter gern über alle ihre Bücher: ihre Dramen,
+Verse, romantischen Romane gesetzt. Sie wollen vor allem _Menschen_
+sein. Und Menschen _sein_. Wir sind! Wir sind! jubeln sie emphatisch mit
+Werfel. Die Ekstase ist ein Kennzeichen ihres Wollens. Von ihr sind die
+Formen so zerrissen, zerhackt, im Winde flatternd. Oft opfern sie das
+Dichterische auf Kosten des Moralischen. Ihre Empfindung ist vielfach
+keine individuelle mehr: ihr Erlebnis ist schon zum Kollektiverlebnis
+geworden. Sie dichten nicht mehr -- sondern der Stil dichtet für sie. --
+Einen elegischen Nebensproß Werfels trieb Österreich in _Georg Trakl_
+aus Salzburg (1887-1914), dem Dichter der sanften Schwermut, des süßen
+Verzichtes, des violetten Unterganges, dem Hölderlin unserer Zeit. Alle
+Gedichte Trakls sind herbstliche Landschaften. Immer tönen leise im Rohr
+die dunkeln Flöten des Herbstes. In _Gottfried Benns_ (aus Mohrin, geb.
+1885) Gedichten ist dies Ereignis geworden: Hirn wurde Herz, Geist wurde
+Fleisch. Benn steht für sich selbst und auf sich selbst: kein Werfel-,
+kein Whitmanjünger: ein Benn. Auch in seinen Novellen. _Johannes R.
+Becher_ (geb. 1890) ruft in seinen Gedichten »An Europa« zur
+»Verbrüderung«. Es finden sich wundervolle einzelne Verse in seinen
+Büchern, die der sozialistischen Revolution dienen wollen, aber kaum ein
+vollendetes Gedicht. Der Wille zur These überschreit den Willen zur
+Form. Eine krampfhaft geschaffene neue Syntax ist noch keine neue
+Kunstform. _Albert Ehrenstein_ (geb. in Wien 1886) schleudert seine
+Flüche gegen die »rote Zeit«. Europa wird zum Barbarossa. Ein griechisch
+gerichteter Geist zersprengt sich selbst und seine Form in Haßgesängen.
+Sein Reifstes bleibt die österreichische Novelle Tubutsch: voll
+ironischer Melancholie. Die Arbeiterdichter _Barthel_ (geb. 1884) und
+_Bröger_ machen Ansätze zu einer neuen Volkslyrik, der _Jakob Kneip_ in
+seinen Legenden am nächsten kommt. Es darf nicht verkannt werden: auch
+hier ist ein Weg. Das deutsche Lied, die deutsche Legende, das deutsche
+Märchen werden wieder einmal auferstehen. Der Expressionismus wird
+verwesen. Eine neue Romantik, eine neue Klassik dämmern empor. Ganz in
+der Tradition der klassischen deutschen Lyrik wandeln der Ostpreuße
+_Albrecht Schaeffer_ (geb. 1885) -- auf dessen Romanwerk Helianth auch
+hingewiesen sei -- und der Schwabe _Bruno Frank_ (geb. 1887 in
+Stuttgart), der das Erbe Mörikes in guter junger Hand hält. _Friedrich
+Schnack_ steht mit flammendem Edelsteinsäbel als lyrischer Wächter am
+Eingang zum kommenden Reich.
+
+ * * * * *
+
+Der junge Mensch zwischen 1911 und 1918 war Krieger und Revolutionär,
+Expressionist und Bolschewist. Er ging in den Krieg als Revolutionär und
+in die Revolution als Krieger. Er fiel von einem Extrem ins andere: aus
+der Ekstase in die Verzweiflung, und umgekehrt. Er liebte allzu vage die
+Menschheit, ohne noch recht vom Menschen zu wissen. Er ist weitsichtig:
+aber in der Nähe vermag er nichts zu sehen. Er will _alles_ -- und
+erreicht _nichts_. Er ist immer geneigt, zu typisieren, zu
+schematisieren -- ganz wie die verachteten Wissenschaftler. Es ist eine
+dunkle, heilige Ahnung des Kommenden in ihm. Aber in der Gegenwart
+stolpert er unbeholfen daher. Er sagt zehnmal nein, ehe er einmal ja
+sagt. Er schlägt der herrschenden Klasse, wie der Zeichner George Groß,
+in die Fratze, aber wenn er zur Herrschaft gelangt, weiß er auch keine
+anderen Mittel als die der anderen: Terror und Maschinengewehre, die
+Diktatur. Bitterlich, der den Bräutigam von Marie ermordet und Ruths
+Bruder in den Tod treibt, (in Kornfelds Verführung) ist er nicht ein
+Terrorist? Versucht er nicht, mit Gewalt die Welt zu ändern? Ich glaube
+nicht an die dauernde Überzeugungskraft brutaler Gewalt, von welcher
+Seite immer sie sich äußern mag. Wer hat die Welt dauernd verändert? Ein
+Karl der Große? Ein Napoleon? Ein Bismarck? Der chinesische Denker
+Laotse sagt einmal: »Das Zarteste überwindet das Härteste.« Wir wollen,
+symbolisch gesprochen, keine Boxer werden wie die Angelsachsen und jedem
+gleich die Faust ins Gesicht pflanzen. Unsere Schwäche wird eines Tages
+unsere Stärke sein. Wir müssen Dschiu-Dschitsu lernen: nicht den starren
+Angriff, sondern die elastische Verteidigung.
+
+Revolutionen, geistige und materielle, schießen über das Ziel hinaus --,
+um nur etwas zu erreichen. Der Expressionismus wird einer neuen Romantik
+und Klassik den Weg bereiten wie der Kommunismus einem neuen
+Gemeinschaftsgefühl.
+
+ * * * * *
+
+Die Sehnsucht nach Erlösung blüht in den kommenden Generationen wild
+auf. Wir wollen erlöst werden -- von der _Lüge_. Denn alle Erlösung ist
+nur ein plötzliches Erblicken der Wahrheit. Die Lüge hat ihr Gorgohaupt
+in den letzten Jahren vor dem Kriege und im Kriege selbst widerlich
+erhoben. Aber wenige vermochten sie zu erkennen. Denn sie war geschminkt
+wie eine Hure und mit schönen Kleidern angetan und mit Steinen behängt.
+Das Bild der Welt war, wie es die mittelalterlichen Darstellungen
+zeigen: eine Frau, von vorn reizend und wohlgestalt anzusehen -- aber
+hinten im offenen Rücken voll Schlangengezücht und Dreck und Eiter.
+Mammonismus, Militarismus, Materialismus: unter diesen drei
+Flammenzeichen focht der deutsche Gott, der Alliierte von Roßbach -- und
+unterlag.
+
+Wir sind nicht auf der Welt, um unglücklich zu sein. Dieser gram- und
+grauenvolle Krieg, in dem wir lebten und starben, könnte vorübergehend
+einen Märtyrerstandpunkt schaffen: als sei es über alle Maßen edel und
+tapfer und weise und natürlich und dieses Lebens letztes Ziel, zu
+leiden. Gerechtigkeit! Tu von den Augen die Binde und sieh die Erde:
+blühen nicht Blumen, rote und blaue und goldene, zu deinen Füßen? Glüht
+nicht das ewige Licht, die Sonne, um deine Stirn wie ein Heiligenschein?
+Taumeln nicht Pfauenauge und Zitronenfalter schräg durch den
+schreitenden Abend? Pferde springen elegant durch die Straßen. Wilde
+Katzen liegen zahm auf den bestrahlten Mauern unserer Gefängnisse. Und
+an florentinischer Brücke tritt, die Augen schön gesenkt, Beatrice dem
+liebenden Dichter entgegen. Sein Herzschlag stockt. Er, der erfahren
+viel und viel erduldet, weiß: Glück ist das Ziel der Menschheit. Macht
+die Menschen glücklich, und ihr werdet sie besser machen. Öffnet ihnen
+die Augen über den Himmel, die Tiere, die Frauen. Und weist ihnen alles
+dies: gestaltet und erhoben, beseligt und erlöst: in der Kunst, in der
+Dichtung. Noch regiert, obschon Friede geschlossen ist, Mars die
+Stunde, die Minute, die Sekunde. Noch herrscht der Krieg als Prinzip.
+Besiegt ihn, ihr Dichter, kraft eures Wortes, das wirklicher ist als
+manche schnell getane Tat. Besiegt ihn durch eure Waffenlosigkeit, durch
+die Inbrunst eurer Herzen!
+
+ Ihr Weiser und Verweser unseres Schönen,
+ Laßt euch vom Waffenrausch nicht übertönen.
+ O sorgt, daß unser Blut nicht rot erstarrt
+ Und seid uns Dom und ewige Gegenwart!
+ Du Günther, brauner Packan, bissig bellend,
+ Du Hölderlin, die sanften Pfeile schnellend,
+ Du Mörike, verträumte Pfarrhauslinde,
+ Du Eichendorff, voll grüner Birkenwinde,
+ Du Heine, deutscher Jude, geistig handelnd,
+ Du Conrad Ferdinand, auf Rhythmen wandelnd,
+ Du Platen, im unsterblichsten Sonette,
+ Du Nietzsche, deutscher Pole, Glockenkette,
+ Und du, o ewige Früh- und Abendröte:
+ Du Turm, du Sturm, du erster Mensch, du: _Goethe_!
+
+ (Klabund.)
+
+
+[Im Text korrigierte Fehler:
+
+von unverständigen Pfaffen aufgereizt
+Im Original: unverständdigen
+
+wand in Eile mit geschickten Fingern einen Kranz
+Im Original: geschicken
+
+ritt Walter von der Vogelweide 1227 auf den Kreuzzug
+Im Original: Kreuzzeug
+
+Er steckte damit wohl alle heutigen Volkstribunen in die Tasche: nur
+schade, daß er selber kein Volks-, sondern ein Fürstentribun war.
+Im Original: Volkstribünen
+
+wir setzen uns gern zu ihr ins Gras
+Im Original: Grab
+
+wetterte in seinen Reden und Predigten mit Stentorstimme
+Im Original: Sentorstimme
+
+Sein Name dringt durch Sturm
+Im Original: Seine
+
+Zu den harmlosen, aber hübschen Hexametern
+Im Original: Hexamenten
+
+Denn wo eins das andere nicht mehr begreift,
+Im Original: Den
+
+in Iphigenie wird die Reinheit sich bewußt
+Im Original: Iphigene (sonst immer Iphigenie)
+
+und einer der größten deutschen Dichter überhaupt
+Im Original: größtei
+
+Das ist Österreichertum
+Im Original: Oesterreichertum
+
+Die schwäbischen Dichter, unzählbar wie der Straßenstaub in Stuttgart
+Im Original: unzähbar
+
+die Kraft der lebendigen Anschauung aller Dinge
+Im Original: Anschaung
+
+Das Disputieren und Schreien galt
+Im Original: Disputierten
+
+aus diesem Berlin, das unwiederbringlich dahin ist
+Im Original: unwiderbringlich
+
+Das Gelungenste und Geformteste in Fontanes Romanen
+Im Original: geformteste
+
+versteigt er sich bis zur Apotheose der Ausschweifung
+Im Original: Apothese
+
+eine Kosmogonie voll von Schwelgerei und Orgie des Wortes
+Im Original: Kosmogenie
+
+(aus dem Spreewald, 1863-1920)
+Im Original: den
+
+der herrschenden Klasse
+Im Original: herrrschenden
+
+sangen sich gegenseitig mit ihren Wiegenliedern in Schlaf
+Im Original: ihrem]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Literaturgeschichte in einer
+Stunde, by Klabund
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE ***
+
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+works. See paragraph 1.E below.
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+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
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+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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