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Langkau, Constanze Hofmann and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: + +Mit _Unterstrichen_ gekennzeichneter Text ist im Original gesperrt +gedruckt. + +Mit =Gleichheitszeichen= markierte Phrasen sind im Original nicht in +Fraktur gedruckte Textstellen französischer oder lateinischer Sprache. + +Das Kreuz zur Angabe von Todesjahren ist im Text durch ein '+' ersetzt. + +Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise +ansonsten aber wie im Original belassen. Eine Auflistung aller +vorgenommenen Korrekturen findet sich am Ende des Textes.] + + + + + _Nummer 12 der_ + _Zellenbücherei_ + + _Copyright 1922 by_ + _Dürr & Weber m. b. H._ + _Leipzig_ + + * + +Dritte, vom Autor neu durchgesehene und überarbeitete Auflage + 20.-30. _Tausend_ + + + + + _Klabund_ + + Deutsche Literaturgeschichte + in einer Stunde + + * * * * * + + Von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart + + [Illustration] + + 1922 + _Dürr & Weber m. b. H._ * _Leipzig_ + + + + +Diese kleine Literaturgeschichte verfolgt weder philosophische noch +philologische Absichten. Sie ist nichts als der Versuch einer kurzen, +volkstümlichen, lebendigen Darstellung der deutschen Dichtung. Die +Dichtung eines Volkes beruht auf dem Eigentümlichsten, was ein Volk +haben kann: seiner Sprache. In diesem Sinne wird und soll sie immer +»völkisch« sein. Die deutsche Dichtung ist vergleichbar einem Baum, der +tief in der deutschen Erde wurzelt, dessen Stamm und Krone aber den +allgemeinen Himmel tragen hilft. Es gibt eine deutsche Erde. Der Himmel +aber ist allen Völkern gemeinsam. + +Blüten vom Baum der deutschen Dichtung mögen vom Winde da- und dorthin +getragen werden. Zu Früchten reifen werden nur die, die am Baum bleiben. +Sie werden im Herbst geerntet werden, und im Schatten des Baumes wird +ein ganzes Volk sich an ihnen erquicken. + + * * * * * + +Jener germanische Jüngling, der einsam im Eichenwald am Altare Wodans +niedersinkend, von ihm, der jeglichen Wunsch zu erfüllen vermag, in +halbartikuliertem Gebetruf, singend, schreiend, die Geliebte sich +erflehte, dessen Worte, ihm selbst erstaunlich, zu sonderbaren Rhythmen +sich banden, die seiner Seele ein Echo riefen, war der erste deutsche +Dichter. + +Wie eine Blüte brach ihm das Herz in einer Nacht auf, daß es der Sonne +entgegenglühte, eine Schwestersonne. Daß er dem Sonnengott sich als +geringerer Brudergott verwandt fühlte, daß er Worte fand in seinem +Munde wie nie zuvor. Unbewußtes ward bewußt. Liebe machte den Stummen +beredt. Er sang einen heiligen Gesang. Er neigte sich dem Gott, er +neigte sich der Geliebten, er versank vor sich selbst. Himmel, Erde, +Mensch verschmolz in seinem Gedicht. Die Sehnsucht wurde Wort, das Wort +wurde Erfüllung. Aller Dichtung Urbeginn ist die Liebe. Der Weg zur +Liebe führt durch Haß und Kampf und Schmerz. Der Urmensch sang den Haß +gegen den Feind, den Feind seines Gottes und Räuber seines Weibes. Er +singt den Schmerz seiner im Weltall verlorenen einsamen Seele, die +dahinfliegt wie ein Meervogel über den Ozean, und nur die Sonne ist ihre +Hoffnung. In ihr verehrt er Gottes Auge, das ihn beglänzt, jeden Tag +neu, nach fürchterlicher Nacht. Und er sieht auch in sich die ewige +Nacht, aus der er nur immer kurz zu Dämmerung und Helle erwacht, und +seine Sehnsucht sucht die Nacht immer mehr mit Licht zu erfüllen. Und +das Licht zeigt ihm den langen mühseligen Weg des Menschen, welcher aus +Finsternis und Sumpf emporführt zu Licht und Gebirg, bis über die +Wolken, bis an Gottes Thron selbst. + + * * * * * + +Eines der ältesten deutschen Sprachdenkmäler ist das _Wessobrunner +Gebet_, um 800 entstanden, voll großer Anschauung und starker +dichterischer Kraft. Karls des Großen Biograph _Einhart_ (+ 840) +erzählt, daß Karl der Große alle alten Sagen habe aufschreiben lassen. +Leider haben seine frömmelnden Nachfolger, von unverständigen Pfaffen +aufgereizt, dafür gesorgt, daß derlei »heidnisches« Zeug ausgerottet +wurde, wo es sich zeigte. Unersetzbares ist verloren gegangen. Als +Ersatz werden uns blasse, versifizierte Heiligenlegenden und +Christusgeschichten aufgetischt. Unter den Nachfolgern Karls des Großen +blüht, begünstigt von den Priestern, die lateinische Poesie. Da wir nur +von der deutschen Dichtung, dem deutschen Wort sprechen wollen, gehört +sie nicht in unsere Betrachtung. Die deutsche Sprache wurde höchstens +dazu verwandt, um dem Laien heilige Texte zu übersetzen. + +Das stolzeste Epos der Deutschen ist das _Nibelungenlied_ (um 1210). Die +sagenhafte deutsche Urzeit ersteht in den Rittern der Völkerwanderung +noch einmal. Jeder der Helden: Siegfried, Hagen, Gunther ist ein Held +seiner Zeit, aber mit den strahlenden Attributen der Vorzeit umgeben. +»Welch ein Gemälde der menschlichen Schicksale stellt uns das Lied der +Nibelungen auf«, schreibt A. W. von Schlegel. »Mit einer jugendlichen +Liebeswerbung hebt es an, dann verwegene Abenteuer, Zauberkünste, ein +leichtsinniger, aber gelungener Betrug. Bald verfinstert sich der +Schauplatz; gehässige Leidenschaften mischen sich ein, eine ungeheure +Freveltat wird verübt. Lange bleibt sie ungestraft; die Vergeltung droht +von ferne und rückt in mahnenden Weissagungen näher; endlich wird sie +vollbracht. Ein unentfliehbares Verhängnis verwickelt Schuldige und +Unschuldige in den allgemeinen Fall, eine Heldenwelt bricht in Trümmer.« +Haben wir nicht alle das Nibelungenlied am eigenen Leib und an eigener +Seele verspürt? Ein unentfliehbares Schicksal hat uns, Schuldige und +Unschuldige, in den allgemeinen Fall verwickelt, und eine Welt ist in +Trümmer gebrochen. + +Das _Gudrunlied_ (um 1230) klingt sanfter, bürgerlicher, versöhnender +aus. Zwar stehen auch hier Gewalttat und Schande am Anfang. Aber das +Lied endet heiter mit einer vierfachen Hochzeit und hellen Blicken in +eine rosenrote Zukunft, da kein Haß und kein Kampf mehr sein wird. + + * * * * * + +Der Minnesang war von Vaganten und fahrenden Sängern gepflegt und in +Volksliedern von Mund zu Mund gegangen, ehe sich, unter dem romanischen +Einfluß der Troubadoure, die deutschen Dichter seiner annahmen und die +Frau als Geliebte und Gattin auf einen goldenen Thron setzten, wie man +ihn auf mittelalterlichen Miniaturen der Madonna mit dem Jesuskinde +weihte. Von Österreich nahm der Minnesang seinen Anfang. Der von +Kürenberg sang um 1150 das Lied vom Falken, den er sich mehr denn ein +Jahr gezähmt und der ihm dann »in anderiu lant« entflog. Ein Spielmann, +genannt der _Spervogel_ (+ 1180), dichtete die ersten lehrhaften Sprüche +und Fabeln, z. B. vom Wolf, der in ein Kloster ging und ein geistlich +Leben führen wollte. Im Kloster vertraute man ihm das Hüten der Schafe +an. Die Nutzanwendung braucht man einem Menschen heutiger Zeit nicht +besonders nahe zu legen. Derartige Wölfe -- und derartige Schafe sind +leider heute verbreiteter denn je. + +Von 1160-1230 ritt Herr _Walter von der Vogelweide_ durch die Welt. Er +kam von Tirol, dort, wo die Berge das Eisacktal vom Himmel abschließen, +wo man den Himmel in der eigenen Brust suchen muß. Er trieb seinen +mageren, schlecht genährten Klepper durchs Burgtor von Wien, und die +Ritter neigten sich vor ihm. Im Bischofssitz von Passau erklang sein +Gelächter, das er dem Bischof wie eine Handvoll Haselnüsse an den +tonsurierten Kopf warf. Dem heiligen Vater in Rom war er aus deutschem +Herzen feindlich gesinnt: er sah, politischer Denker der er war, daß die +Päpste sehr diesseitige römische Politik und Diplomatie trieben, der die +deutschen Kaiser sich selten genug gewachsen zeigten. Er stand auf der +Wartburg und sah hinab auf das thüringische und deutsche Land. Wie +blühte der Frühling, wie sangen die Amseln! Unter einem Wacholderstrauch +lagen zwei Liebende. Unter der Linde stand ein fahrender Geiger und +geigte zum Tanz. Ein schönes Fräulein lächelte seitwärts, +selbstvergessen. Da lächelte Walter von der Vogelweide. Er bückte sich +und wand in Eile mit geschickten Fingern einen Kranz aus Butterblumen, +die zwischen den Steinritzen auf dem Burghofe blühten, nahm den Kranz, +sprang zu dem errötenden Mädchen, verneigte sich und sprach: + + Nehmt, Fraue, diesen Kranz, + So zieret ihr den Tanz + Mit schönen Blumen, die am Haupt ihr tragt. + +Und der alte Geiger, mit dem Totenkopf zum Tanz taktierend, strich den +Bogen. Tod spielte zum Leben auf. Der Ritter tanzte mit dem Fräulein. +Sie hieß Maria wie die Mutter Gottes selber und war ihm Gottesmutter, +Gottesschwester, Gottestochter all in eins. + +Mit Friedrich dem Zweiten ritt Walter von der Vogelweide 1227 auf den +Kreuzzug. Er haßte die Pfaffen und den falschen Gott in +Rom. Er wollte den wahren Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Er sang +den Kreuzfahrern das Kreuzlied. Und am heiligen Grab sank er ins Knie: +Jetzt erst bin ich beseligt, da mein sündig Auge die heilige Erde +betrachten darf. + + Dahin kam ich, wo den Pfad + Gott als Mensch betreten hat. + +Ernst und wie von einer Wolke beschattet, kehrte er aus dem heiligen +Lande heim. Es war Frühling in ihm gewesen, als er auszog. Palästina war +sein Sommer geworden. Nun sah er Herbst und Verwesung, Elend und +Bitternis überall. Die Nebelkrähen hingen in Schwärmen über dem +deutschen Land. Und in Würzburg war es, wo er, den Blick auf den +fließenden Main gerichtet, sein letztes Gebet dichtete: jene schönste +Elegie deutscher Sprache: Owê war sint verswunden alliu miniu jâr! Im +Lorenzgarten, vor der Pforte des neuen Münsters, wurde das Sterbliche +von Walter von der Vogelweide 1230 bestattet. Die letzte Zeit vor seinem +Tode hielt er sich von den Menschen fern: er stand stundenlang am Main +und fütterte die Vögel und die Fische mit Brotkrumen. Und in seinem +Testament bestimmte er, daß aus seiner Hinterlassenschaft mehrere Säcke +Körner zu kaufen seien und daß auf seinem Grabe die Vögel stets Körner +und Wasser vorfinden sollten. + +Noch im Tode wollte er seinem Namen Ehre machen: sein Grab noch sollte +den Vögeln eine Weide sein. Lest seine Liebeslieder, ihr Liebenden! +Klausner Schwermut, weise uns die Kapelle seiner Melancholie! Wo im +kahlen Winter ein frierender Vogel hungrig an eure Fensterscheiben +pickt: gebt ihm zu fressen, gedenkt des Herren von der Vogelweide! +Solange die deutsche Dichtung besteht, wird sein Name unvergessen sein. +Her Walther von der Vogelweide, swer des vergaez', der taet mir leide, +rief 1300 Hugo von Trimberg über sein Grab. + + * * * * * + +Die Blume der deutschen Mystik keimte zuerst in den Klöstern. Schwester +_Mechthild v. Magdeburg_ (1212 bis 1294) schrieb ihr Buch vom fließenden +Licht der Gottheit: voll seliger Versunkenheit in Christo. In ihren +Ekstasen sah sie Jesus als schönen Jüngling (Schöner Jüngling, mich +lüstet dein) ihre Zelle betreten, er war ihr wie ein Bräutigam zur +Braut, und ihre himmlischen Sprüche sind wie irdische Liebeslieder. Ihre +Gottesminne (Eia, liebe Gottesminne, umhalse stets die Seele mein!) war +der Gottesminne des Wolfram tief verwandt. Die reine Minne (nicht jene +höfische oder ritterliche oder bäurische Minne) galt ihr als oberstes +Prinzip. »Dies Buch ist begonnen in der Minne, es soll auch enden in der +Minne; denn es ist nichts so weise, so heilig, noch so schön, noch so +stark, noch also vollkommen als die Minne.« Mechthild von Magdeburg ist +trunken vor Askese. Ihr Geist kennt die Wollust des Fleisches. Jesus ist +ihr zärtliches Gespiel und sie seine Tänzerin. _Meister Eckhard_ +(1260-1327, gestorben in Köln), ihr mystischer Bruder, verhält sich zu +ihr wie ein Kauz oder Uhu zu einer Libelle. Ihr Leben und Dichten war +ein Schweben und Ja-sagen, das seine ein tief in sich Beruhen und ein +Ent-sagen. Er liebte das Leid um des Leides willen: jeder Schmerz war +ihm eine Station zum Paradies. Er riß die Wunden, die in ihm verheilen +oder verharschen wollten, künstlich wieder auf: daß nur sein Blut +fließe. Seine Gedanken scheinen verschleiert, ja manche haben dunkle +Kapuzen übers Haupt gezogen und sind unerkennbar. Sein Buch der +göttlichen Tröstung ist ein Trostbuch für die, die am Tode und am Leben +leiden. Ein Trostbuch rechter Art will auch der »Ackermann aus Böhmen« +sein, den _Johannes von Saaz_ 1400 in die Welt schickte. Der Dichter +kleidet seine Trostschrift in die Form eines Zwiegesprächs zwischen +einem Witwer und dem Tod. Der Witwer fordert vor Gericht (dem +Gottesgericht) sein Weib von dem Räuber und Mörder Tod zurück. +»Schrecklicher Mörder aller Menschen, Ihr Tod, Euch sei geflucht! Gott, +der Euch schuf, hasse Euch; Unheils Häufung treffe Euch; Unglück hause +bei Euch mit Macht; ganz entehret bleibt für immer!« so beginnt der +Kläger seine Klage. Und der Tod antwortet: »Du fragst, wer wir sind: wir +sind Gottes Hand, der Herr Tod, ein gerecht schaffender Mäher. Braune, +rote, grüne, blaue, graue, gelbe und jeder Art glänzende Blumen und Gras +hauen wir nacheinander nieder, ihres Glanzes, ihrer Kraft und Vorzüge +ungeachtet. Sieh, das heißt Gerechtigkeit.« In immer verzweifelteren +Ausbrüchen pocht der Mensch, aller Menschheit Abgesandter, an das Rätsel +des Todes, der ihm sinnlos wie ein Mäher im Herbst unter den Menschen zu +hausen scheint, das Glück des Liebenden und die Tat des Künstlers, die +Stellung des Königs nicht achtet, bis Gott selbst das Urteil spricht: +»Kläger, habe die Ehre, du Tod aber, habe den Sieg! Jeder Mensch ist dem +Tode sein Leben, den Leib der Erde, die Seele uns zu geben +verpflichtet.« + + * * * * * + +Mit den Minnesängern wurde die deutsche Literatur sich ihrer bewußt. +Zwar gab es noch nicht das Wort, aber der Begriff war vorhanden. Die +öffentliche Kritik trat auf: es waren die Fürsten, die als Mäzene das +erste Recht der Beurteilung für sich in Anspruch nahmen. Die Themen, die +_Hartmann von Aue_ (+ 1215) in seinen kleinen Epen anschlägt, sind von +schönster Intensität: in »Gregorius« überträgt er den Ödipusstoff auf +ein mittelalterliches Milieu. Gregorius liebt und heiratet unwissentlich +seine eigene Mutter. Als er die Schande erfährt, sucht er die Sünde zu +sühnen, indem er sich prometheisch an einen Felsen schmieden läßt. Nach +siebzehn Jahren unerhörter Qual erlösen ihn die Römer; er wird von ihnen +im Triumph ob seiner Heiligkeit auf den verwaisten Papstthron erhoben +und spricht, unfehlbar geworden durch sein titanisches Leid, die eigene +Mutter ihrer Schuld ledig. + +Im »Armen Heinrich« bemächtigt sich Hartmann eines deutschen Stoffes. +Ein Ritter wird vom Aussatz befallen. Ein Mittel nur gibt es, ihn zu +retten: das Blut einer unberührten Jungfrau. Aus Liebe zu ihm erbietet +sich ein Mädchen, für ihn zu sterben. Aber der arme Heinrich nimmt das +Opfer nicht an: trotz teuflischer Versuchung. Da erbarmt sich auf Flehen +des Mädchens Gott der Liebenden: er macht den armen Heinrich gesund und +zum reichen Heinrich durch den Besitz der Geliebten. + +Ein jüngerer Zeitgenosse von Hartmann ist _Wolfram von Eschenbach_ (etwa +1170-1250), ein Bayer aus Eschenbach bei Ansbach. Er war ein armer +Teufel wie Walter von der Vogelweide, mit dem er am Hofe des Landgrafen +von Thüringen öfter zusammentraf. Als er 1217 dem Hofleben für immer den +Rücken wandte, und auf sein kleines Gut heim zu Weib und Kind ritt, +vollzog er eine symbolische Handlung. Er kehrte wirklich heim: zu sich, +in sich. Er hatte die höfische Minne, die schon einen eigenen Komment +entwickelte, dessen Verstöße unnachsichtlich geahndet wurden, von +Herzen satt und sehnte sich nach einem einfachen, ungezierten Wort aus +unverzerrtem Frauenmund. Nach Lippen, die ohne Anfragung einer Etikette +auf den seinen lagen, nach einem Herzen, das ihm herzlich zugetan war. +Nach einem Kinde, das nicht »Fräulein« oder »junger Herr« tituliert +wurde, sondern mit dem er reiten und jagen und spielen durfte wie mit +sich selbst. Er hatte 1200-1210 in 24810 Versen im »Parzival« den +Ritterroman der Deutschen geschaffen, er hatte ihnen den Spiegel +vorgehalten. Aber es war schon eine vergangene edlere Zeit, die sich in +ihm spiegelte. Der Dichter ist oft nur der Vollstrecker des letzten +Willens einer Epoche, der er schon längst nicht mehr angehört. Der Stoff +ist französischen und provenzalischen Vorbildern entnommen. Die Idee der +Erlösung: christlich. Aber der Leidens- und Freudensweg, den Parzival +gehen muß, seine Entwicklung vom ahnungsvollen, aber ahnungslosen Kind +zum seiner Seele bewußten Mann ist ganz Wolframsche Prägung. Er ist den +Weg des Knaben Parzival selbst gegangen. + +_Gottfried von Straßburg_ (um 1210), Wolframs größter Zeitgenosse, war +auch sein größter Gegner. Er fand den Parzival dunkel und verworren, +ohne einheitliche Handlung und stellenweise schwer verständlich. Im +Tristan stellte er dem Parzival sein Ritterepos gegenüber: von einer +leidenschaftlichen Klarheit des Themas und der Formulierung und trotz +der Leidenschaft nicht ohne Zierlichkeit und Zartheit. Er hatte von +seinem Standpunkt mit der Beurteilung des Parzival recht. In Wolfram und +Gottfried spitzten sich, wie später bei Goethe und Schiller, zwei +dichterische Typen bis ins Polare zu: der Pathetiker und der Erotiker. +Wolfram-Schiller, das besagt: Kampf, Forderung, Dornenweg, Verblendung +und Erlösung, Gottesminne, Jenseits. Goethe-Gottfried, das heißt: Sein, +Genuß, selbst des Schmerzes, Blumenpfad, Sonnenblendung, Glanz und +Erfüllung: Menschenminne, Diesseits. + + * * * * * + +Während die von Walter, Gottfried usw. geschaffene Kunstdichtung +entartete, erlebte die deutsche Volksdichtung, das Volkslied und das +Märchen, im 15. und 16. Jahrhundert ihre üppigste Blüte. Die schönsten +der von Herder, Arnim und Brentano, Erk und Böhme später aufgezeichneten +Volkslieder sind damals entstanden. Die Dichter der von den Gebrüder +Grimm gesammelten Kinder- und Hausmärchen wandelten als Gumpelmänner, +Vagabunden und Gott weiß was durch die deutschen Lande. Ihnen waren Tier +und Blume, Berg und Teich wie Bruder und Schwester vertraut. Sie hatten +kein ander Bett als die Erde, keine andere Decke als die Sternendecke +des Himmels. Ein verlassener Ameisenhaufen war ihr Kopfkissen. +Eichhörnchen hüteten ihren Schlaf, und der war voll von Träumen wie ein +Kirschbaum im Juni voll von Kirschen. Da gaben sich der Froschkönig, die +Bremer Stadtmusikanten, der Teufel mit den drei goldenen Haaren, der +Räuberhauptmann, Frau Holle, Daumerling, Doktor Allwissend, das kluge +Schneiderlein, der Vogel Greif und viele andere wunderliche und seltsame +Wesen ihr heimliches Stelldichein. Und der Vogel Greif schnaufte: »Ich +rieche, rieche Menschenfleisch ...«, aber dann ließ er sich doch von +seiner Frau übertölpeln (wie listig sind die Frauen, wenn sie lügen!). +Die neidische und eitle Königin befragte den Spiegel an der Wand: + + Spieglein, Spieglein an der Wand, + Wer ist die schönste im ganzen Land? + +Und der Spiegel antwortete: + + Frau Königin, Ihr seid die schönste hier. + Aber Sneewittchen über den Bergen + Bei den sieben Zwergen + Ist noch tausendmal schöner als Ihr. + +Auf einem Lindenbaum saß ein Vogel, der sang in einem fort: + + Kywitt, kywitt, + wat vörn schöön Vagel bün ick ... + +Aber dieser Vogel war kein richtiger Vogel. Es war ein Mensch, der sich +nach seinem Tod in einen Vogel verwandelt hatte. Denn wir Menschen +sterben nicht. Das Volkslied und das Volksmärchen läßt unsere Seele +wandern. Vogel und Blume können wir werden: ja Blume auf unserem eigenen +Grabe, dann kommt wohl die Geliebte, begießt uns mit Tränen, oder sie +pflückt und drückt uns, Veilchen oder Lilie, an den Busen. Sind wir aber +böse, so werden wir verflucht und verzaubert in Werwölfe. Die Wurzeln +von Märchen und Volkslied gehen bis tief in die heidnische Vorzeit +zurück, da des Menschen Frömmigkeit vom Diesseits, seine Augen von +Sonne, Himmel und der weiten, weiten Welt ganz erfüllt waren. Ihm war +der Tod nur eine andere Art des Lebens. Verwandlung. Eine Tür fällt ins +Schloß, und eine andere geht auf. Auf Tag folgt Nacht, aber wieder Tag. +Er war nicht zerrissen in Leib und Seele. Die waren eins. Die Märchen +und Lieder sind so bunt wie die Natur selbst. Wie die Sonne über +Gerechte und Ungerechte scheint, so fühlt der Dichter mit allen seinen +Kreaturen, auch den erbärmlichsten. Irgendein armseliger Straßenräuber +(der arme Schwartenhals) steht ihm so nahe wie die zwei Königskinder, +die zueinander nicht kommen konnten, »das Wasser war viel zu tief«. +Goethe ist ohne das deutsche Volkslied, Volksmärchen, Volksepos nicht zu +denken. Er steht auf den Schultern von tausend anonymen Autoren, die +kommen mußten, damit er kommen konnte. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde +der Grundstock gelegt zu jenem Gebäude des 18. Jahrhunderts voll +vollendeter Klassizität, das den Namen Goethe tragen sollte. Aber auch +Matthias Claudius, Clemens Brentano, Eichendorff, Heine haben mit den +Bausteinen gearbeitet, die jene bescheidenen Männer schichteten. +Vielleicht sind ihre Werke der lauterste Ausdruck des deutschen +Kunstwillens und des deutschen Geistes, der dann am tiefsten ist, wenn +er aus dem Unbewußten steigt, dann am reinsten, wenn er aus den +dunkelsten Quellen schöpft. Diese Dichter ohne Namen tragen den Himmel +in ihren Händen, aber sie stehen mit beiden Beinen fest auf der Erde. + + * * * * * + +Die Entwicklung des Menschengeschlechtes geht in Wellenbewegungen vor +sich, wobei Wellenberg und Wellental einander folgen und der +Scheitelpunkt des Wellenberges sich nur langsam erhöht. Mit Walter von +der Vogelweide, Gottfried von Straßburg, Wolfram von Eschenbach und dem +Nibelungenliede hatte die junge deutsche Dichtung eine Höhe erreicht, +von der sie bald kläglich wieder abstürzen sollte. Das Rittertum zerfiel +und mit dem Rittertum die Ritterpoesie. Teils artete sie in allegorische +Spielerei, teils in aufgeblasene Geckigkeit aus. Die Dichtung floh +barfüßig und barhäuptig auf die Landstraße und fristete im Munde der +Fahrenden von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus ihr Leben. Ins 15. und 16. +Jahrhundert fällt die Blütezeit des deutschen Volksliedes. Zuweilen nahm +sie ein Kloster auf, Dann sangen die Nonnen ein Lied, wie das geistliche +Trinklied der Nonnen am Niederrhein. Zuweilen fand sie Unterschlupf bei +braven Bürgersleuten. Das Bürgertum war im Aufstieg begriffen. Es gab +wohlhabende Bürger, deren Söhne sich das Dichten leisten konnten. Sie +meinten, die Dichtung würde sich hinter dem Ofen, in der Wärme, in dem +Dunst satter Behäbigkeit recht wohl fühlen. Sie stopften ihr den Magen +mit allerlei guten Dingen, aber sie taten des Guten zuviel, daß sie +erbrach. Von der graziösen Handhabung der Sprache durch Meister wie +Gottfried oder Walter blieb nicht viel übrig. Der Rhythmus fiel +auseinander -- was Hebung, was Senkung --, man zählte einfach die Silben +zusammen. Aus dem Minnesang erwuchs der Meistergesang. Der Tiroler +_Oswald v. Wolkenstein_ (+ 1445) versuchte noch einmal den ritterlichen +Pegasus aufzuzäumen. Er brach unter ihm zusammen; seine Zeitgenossen +nahmen das Zaumzeug und schnitten die Flügel von dem verendenden Tier. +Sie klebten sie ihren plumpen Dorf- und Stadtgäulen an und bildeten sich +nun ein, sie würden fliegen. Die ritterliche Rüstung schepperte als viel +zu groß um ihre dürren Glieder. Auch wagten sie, ihrer Unzulänglichkeit +irgendwie bewußt, schon nicht mehr einzeln als Individualisten +aufzutreten. Sie dichteten kollektiv gleich in ganzen Gruppen, Gilden +und Vereinen. Sie imitierten die Form ohne den Geist. Diese Form ist +lehr- und lernbar. Man wird, wie beim Handwerk, erst Dichterlehrling, +dann Dichtergeselle, dann Dichtermeister. Wobei Dichter- und +Bäckermeister oft dasselbe sind. Aber die Brote geraten ihnen besser als +die Gedichte. In den Meistersingerschulen wurde nach der Tabulatur das +Dichter-Abc gelehrt. Um 1450 wurde die erste Meistersingerschule in +Augsburg gegründet. Wenige Jahre später finden sie sich in fast allen +größeren Städten. Sie fechten Wettkämpfe miteinander aus. Sie überbieten +sich in der Erfindung verschrobener und gekünstelter Versmaße. Der +Vollender und Überwinder des Meistersanges ist _Hans Sachs_, geboren +1494 in Nürnberg, das eine der berühmtesten Meistersingerschulen sein +eigen nannte. Hans Sachs war Schuhmacherlehrling, als ihm der Weber +Nunnenbeck die Anfangsgründe der Meistersingerkunst beibrachte. Er ging +wie ein rechter Schuster auf die Wanderschaft, kehrte, nachdem er so +viele Erfahrungen gesammelt als er Schuhe besohlt hatte, 1519 in seine +Heimat zurück, die durch Peter Vischer und Albrecht Dürer zu einem +Haupt- und Vorort deutscher Kultur geworden war. Seine eigentlichen +Meistergesänge (über 4000) sind unbedeutend, da und dort überraschen sie +durch ein originelles Bild oder eine witzige Wendung. Freier entfaltet +sich sein Talent schon in seinen Sprüchen (etwa 1800), die in ihren +kurzen Reimpaaren klingen, als wären sie mit dem Schusterhammer +zusammengeklopft. Hans Sachs war einer der ersten, die sich in Nürnberg +zu Luther bekannten. Einzigartig zeigt er sich in seinen (über 1000) +Schwänken und Fastnachtsspielen. Sein Humor ist der Humor der deutschen +Seele. Seinen Witz hat er aus seiner Handwerksburschenzeit bis in sein +82. Jahr hinübergerettet. Er hat es in seinen Schwänken auf moralische +Wirkung abgesehen, aber diese moralische Wirkung erstickt in einem +Gelächter oder tritt zurück hinter dem Wie der Darstellung. Wir nehmen +die Menschen aus seiner Hand entgegen wie aus Gottes Hand: so wie sie +sind: gut und böse. Wie langweilig wäre die Welt, wenn alle Menschen +brav wären und alle eine moralische, einheitliche graue Tugenduniform +trügen. (Gott selber würde sich zu Tode langweilen und kurz vor seinem +Tode noch den Teufel neu erschaffen.) Wenn es nur noch Hasen auf der +Welt gäbe und keinen Fuchs mehr, der den Hasen frißt, und keinen Jäger, +der sie beide schießt und sich den Hasen braten läßt! Dies nur nebenbei +zu Hans Sachs. + + * * * * * + +Die Welt krachte damals in allen Fugen. Die ersten Wehen der Reformation +kündeten eine neue Ära an. _Sebastian Brant_ aus Straßburg (1458-1521) +hatte als Sohn eines Gastwirtes früh offene Augen für die +Lächerlichkeiten und Laster seiner Mitmenschen bekommen. In +Übergangszeiten, wo die Begriffe schwanken und wie Karten eines +Kartenspieles durcheinandergemischt werden, pflegen sich alle närrischen +Eitelkeiten der Menschheit wie in einem konkaven Spiegel noch ins Breite +zu verzerren und zu vergröbern. Sebastian Brant studierte Recht -- ohne +es irgendwo zu finden. Er promovierte an der Universität Basel. 1494 +erschien sein »Narrenschiff«. Auf dieses hatte er alle Narren zu Gast +gebeten, die er nur auftreiben konnte. Aber das Schiff erwies sich als +zu klein. Die Säufer, die Gecken, die Spieler, die Kirchenschänder, die +Geizhälse, Wucherer, Studenten, Ehebrecher, Huren füllten es bis an den +Rand. Auch du, lieber Leser, und ich, wenn wir nur ein wenig in uns +gehen und nachdenken: wir befinden uns unter jenen Narren. Sebastian +Brant hat uns, fünfhundert Jahre, bevor wir geboren wurden, trefflich +abkonterfeit. Aber es ist ein Bild, das wir uns nicht hinter den Spiegel +stecken oder unserer Base zum Geburtstag schenken werden. -- Zwanzig +Jahre nach dem Narrenschiff legte Knecht Rupprecht 1519 den Deutschen +die erste Ausgabe des Volksbuches von Tyll Eulenspiegel auf den +Weihnachtstisch. Die hatten eine Freude wie wohl seit hundert Jahren +nicht über ein Buch. Noch im 16. Jahrhundert erschienen achtzehn +deutsche Ausgaben; es wurde sofort ins Vlämische, Niederländische, +Englische und Französische übersetzt. Woher dieser spontane Erfolg? +Brants Narrenschiff war eine mehr oder weniger literarische +Angelegenheit gewesen, im Eulenspiegel sah und lachte das Volk sich +wieder einmal selber ins Gesicht. In allen Fastnachtskomödien war er ja +schon als Kasperle oder Hanswurst figürlich aufgetreten, hier hatte man +seine in wohlgesetzte Worte gebrachte Biographie des komischen +Heldenlebens. Eulenspiegel, der ernsthafte Schalk, ist die Typisierung +der einen Seite des deutschen Ideals, dessen andere Seite (ob Rück- oder +Vorderseite der Medaille bleibe dahingestellt) den Doktor Faust, +titanischen Ringer um die letzten Probleme, zeigt. Eulenspiegel tritt +auf als Richter der Menschheit: er richtet sie mit einem schiefen Zucken +seines Mundes, mit der sofortigen Realisierung ihrer Ideen, deren Wert +und Möglichkeit dadurch =ad absurdum= geführt werden. Er ist zugleich +leicht- und tiefsinnig. Seine Späße exemplifizieren das Chaos. Sie +dozieren bis zur Brutalität das Bibelwort: Der Mensch ist aus Dreck +gemacht. Das Urbild des Tyll Eulenspiegel hat wirklich gelebt. Chroniken +berichten von seinem 1350 zu Mölln erfolgten Tode, wo noch heute sein +Grabstein gezeigt wird. Vorher waren schon Schwankbücher wie _Jörg +Wickrams_ »Rollwagenbüchlein« oder des Bruders _Johannes Pauli_ +»Schimpf und Ernst« (1522) Mode geworden: Bücher, die heitere oder +moralische Anekdoten erzählten, die sich nicht um einen einzelnen Narren +gruppierten: die damalige Reiselektüre, auf den Rollwagen mitzunehmen. +Wobei zu bemerken ist, daß diese Reiselektüre unendlich gehaltvoller war +als die heute verbreitete. Bruder Johannes Pauli ist ein belesener und +witziger Mann, der ausgezeichnet zu erzählen vermag und unsere Stratz +und Höcker überragt wie ein Kirchturm eine verkrüppelte Kiefer. Da liest +man folgendes: »Man zog einmal aus in einen Krieg mit großen Büchsen und +mit viel Gewehren, wie es denn Sitte ist; da stund ein Narr da und +fragte, was Lebens das wäre? Man sprach: Die ziehen in den Krieg! Der +Narr sprach: Was tut man im Krieg? Man sprach: Man verbrennt Dörfer und +gewinnt Städte und verdirbt Wein und Korn und schlägt einander tot. Der +Narr sprach: Warum geschieht das? Sie sprachen: Damit man Frieden mache! +Da sprach der Narr: Es wäre besser, man machte vorher Frieden, damit +solcher Schaden vermieden bliebe. Wenn es mir nachginge, so würde ich +vor dem Schaden Frieden machen und nicht danach; darum so bin ich +witziger als Eure Herren.« Hätten wir Deutschen vor dem Kriege Johannes +Pauli als Reiselektüre gelesen an Stelle von Walter Bloems »Eisernem +Jahr«: vielleicht wäre es nicht zum Kriege gekommen, und wir hätten uns +dieses Narren Meinung zu Herzen genommen. + + * * * * * + +_Luther_ wurde 1483 in Eisleben als Sohn eines herrischen Vaters +geboren. Er verbrachte seine Jugend mißmutig, störrisch, verprügelt, und +richtete schon früh sein Auge von der Misere außen nach innen. Sein +Vater hat ihn hart geschlagen: daß er wie ein Stein oder ein Stück Holz +schien. Aber hinter der harten Schale verbarg sich ein weicher und süßer +Kern. Sein »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, +Amen!« wird immer ein Fanfarenruf aller aufrechten Männer sein. Sein +Reformationswerk war eine historische Notwendigkeit. Aber die Historie +wandelt sich von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. +Bismarcks Werk schien auf Felsen gegründet: wenige Jahrzehnte genügten, +es zu unterhöhlen, bis es 1918 mit einem gewaltigen Krach +zusammenstürzte. Auch über Luthers Reformation ist das letzte Urteil von +der Geschichte noch nicht gefällt. Unsere heutige evangelische Kirche +spricht in ihrer aufklärerischen, kahlen, gottlosen Nüchternheit nicht +für eine lange Dauer. Die Zeit will wieder fromm werden. Luther war ein +religiöser Mensch, die Lutheraner sind theologische Dogmatiker oder +rationalistische Moralisten. Sie bezweifeln das Wunder, wollen Natur- +und Kirchengeschichte unter denselben Pfaffenhut bringen: aber wer das +Wunder bezweifelt, bezweifelt Gott selbst. Luther hat die damalige +Christenheit, unterstützt von der humanistischen Vorrevolution des +Geistes, von der römischen Knechtschaft befreit, aber er hat den +Deutschen den schlechtesten Dienst erwiesen, als er in den Bauernkriegen +Partei für die Fürsten ergriff und durch seine sophistische Auslegung +der Bibel im monarchistischen Sinne (»Gebt dem Kaiser, was des Kaisers +ist ... es ist euch eine Obrigkeit gesetzt von Gott, der sollt ihr +untertan sein ...«) die Deutschen unter die absolute Tyrannei der Fürsten +brachte und Tyrannei und Sklaverei nun gar noch ethisch zu fundieren +trachtete. Hier trieb der einst in seiner Jugend vom Vater in ihm +gezüchtete und herangeprügelte Autoritätswahn häßliche Blüten. Daß der +»Untertan« den Deutschen noch heute so tief im Blute steckt, daß selbst +die Revolution 1918 ihn nicht auszuroden vermochte, das ist nicht zum +wenigsten auf die Philosophen des Staatsrechts und des Machtwahns: +Bismarck, Hegel, Luther zurückzuführen. Luther aber war ihr +bedeutendster und also verderblichster Vertreter. Erscheint seine +historische Stellung in mindestens zweifelhaftem Lichte, so ist seine +Stellung in der deutschen Literatur eindeutig fest und steil gefügt. +Die Bedeutung der Lutherschen, 1534 vollendeten Bibelübersetzung kann +nicht überschätzt werden. Es ist, als hätte Luther die neue deutsche +Sprache überhaupt erst geschaffen. Aus so mangelhaften Vorlagen wie der +sächsischen Kanzleisprache und der obersächsischen Mundart zimmerte er +wie ein Geigenbauer jenes klingende Instrument, auf dem entzückt und +berauscht wir heute noch spielen dürfen. Er aber war der Töne Meister +wie Arion: und wenn er sprach, dann schwieg die Nachtigall, dann hob der +Esel lauschend den behaarten Kopf -- dann verstummten selbst die +Humanisten mit ihrem lateinischen Geplauder, und Ulrich von Hutten +konnte auf einmal deutsch statt lateinisch denken und dichten. »Ich +hab's gewagt.« Die deutsche Sprache war den gelehrten Herren bisher zu +grobschlächtig gewesen für ihre Spitzfindigkeiten. Sie wollten nichts +mit dem Pöbel gemein haben, und es war ihnen gerade recht, daß man sie +in der Menge nicht verstand. Nun aber hörten sie erstaunt, gleichsam zum +erstenmal, den Klang der deutschen Sprache. Das war wie Möwenschrei über +der Elbe, wie Amselsang im Frühling, wie Herbstwind in den +Sandsteinfelsen, wie Quellengeriesel im Eichenwald. Und einer nach dem +andern tat sein in Schweinsleder gebundenes lateinisches und +griechisches Lexikon in den Bücherschrank zurück und legte die +Luthersche Bibel auf den Schreibtisch und fand darin sein Morgen- und +sein Abendgebet. Auch Luthers Flugschriften, wie »Von der Freiheit eines +Christenmenschen«, flogen durch das Land, und in Kirchen und auf Straßen +sang es: »Komm, heiliger Geist, kehr bei uns ein«. Und sie, die tumben +Bauern, die im Vertrauen auf seine Lehre und ihren Lehrer sie in die Tat +umzusetzen versuchten (denn was ist die Idee ohne die Tat? Das ist wie +Seele ohne Leib, wie Duft ohne Blume): sie starben, als sie von ihm +verlassen wurden, hingeschlachtet von den Schwerthieben der Söldner, mit +dem Ruf: »Ein feste Burg ist unser Gott ...« Luthers kernige und +fröhliche Tischreden, die von seinen Freunden aufgezeichnet wurden, +beweisen, was für ein großer Redner er war. Er steckte damit wohl alle +heutigen Volkstribunen in die Tasche: nur schade, daß er selber kein +Volks-, sondern ein Fürstentribun war. + + * * * * * + +Luther starb 1546 in Eisleben. Von seiner geistlichen Lyrik nahm das +evangelische Kirchenlied seinen Anfang. Ihre schönsten geistlichen +Lieder verdankt die evangelische Kirche _Paul Gerhard_ (1607-1676, starb +in Lübben als Prediger). Ein einfaches Gemüt paart sich mit einem +streitbaren Gotteseifer und einem unbeirrbaren poetischen Formgefühl. +Wir alle, die wir Evangelische (ach! keine Evangelisten mehr ...) sind, +haben als Kinder diese Gedichte in der Konfirmationsstunde auswendig +gelernt und in der kahlen Dorfkirche gesungen. In ihnen durfte sich das +kindliche Gemüt Gott wahrhaft nah fühlen. Die Musik dieser Verse strich +uns, wenn der lahme Küster die Orgel spielte, wie mit Vaterhänden über +die Stirn, und unsere kindlichen Sorgen beschwichtigte das singende +Geständnis, das unsere Lippen hauchten: Ich weiß, daß ein Erlöser +lebt ... Abends aber, wenn nach des Tages Arbeit wir mit Vater und Mutter +und mit den Knechten und Mägden vor der Tür in der lauen Sommerluft +saßen, eine Kuh verschlafen im Stalle muhte, die Hühner auf der Stange +hockten, den Kopf im Gefieder, dann stimmte mein Großvater an, und wir +fielen alle leise ein: + + Nun ruhen alle Wälder, + Vieh, Menschen, Städt' und Felder ... + +Von der lutherischen zur katholischen Kirche trat _Angelus Silesius_ +(aus Breslau, 1624-1677), der cherubinische Wandersmann, über. Er +schrieb nach seiner Bekehrung jene mystischen Zweizeiler, in denen die +»ägyptische Plage« des Dreißigjährigen Krieges einen so prägnanten, +überaktuellen Ausdruck fand. + +Um diese Zeit begann Magister Opitz (aus Bunzlau, 1597 bis 1639) seine +lehrhafte Tätigkeit. Es ist heute leicht, sich über eine Menge seiner +Unarten und Albernheiten lustig zu machen: sein Verdienst um die Hebung +des allgemeinen Niveaus kann nicht bestritten werden. Ohne Opitz kein +Gottsched, ohne Gottsched kein Herder, ohne Herder kein Goethe. + +_Paul Fleming_ (aus dem sächsischen Erzgebirge, 1609 bis 1640) wandelte +als Planet im Gefolge der Opitzschen Sonne. Aber es sollte ihm gelingen, +eigene Bahnen zu finden und sie zu überstrahlen. Seine zärtliche Liebe +zu Elsabe schenkte der deutschen Dichtung einige ihrer schönsten +Liebesgedichte. Fabrikanten von protestantischen Gesangbüchern haben es +sich nicht nehmen lassen, ihre dogmatische Giftmischerkunst daran zu +versuchen und umgekehrt, wie einst Christus, Wein in Wasser zu +verwandeln. Sie setzten nämlich für Elsabe Jesus, und wenn im Liede +Elsabe ihr Jawort gibt, so modeln sie das in: »Jesus gibt sein Ja auch +drein«. Zu dieser Verballhornung hat Jesus sicher sein Ja nicht drein +gegeben. Er wird im Himmel sanft gelächelt haben, denn er kennt seine +Pfaffenheimer. + + * * * * * + +In der Lyrik der Schlesier _Hofmann von Hofmannswaldau_ (1617-1679) und +_Daniel Caspar von Lohenstein_ (1635-1683) spielt Venus, prunkvoll +aufgeputzt, eine triumphierende Rolle. Wenn sie, wie zuweilen bei +Hofmannswaldau, vom Venuswagen steigt, ihr überladenes Geschmeide abtut +und ein hübsches Breslauer Bürgermädchen wird, braunhaarig, braunäugig, +rotwangig: da wird sie uns lieb und vertraut, wir setzen uns gern zu ihr +ins Gras und lassen uns ein ihr zu Ehr und Preis verfertigtes +Lied des Herrn von Hofmannswaldau mit leiser Stimme ins Ohr singen. +Caspar von Lohenstein huldigte seinerseits neben der Venus den Göttern +Mars und Mors. Er schrieb schwulstige Tragödien von schauerlicher +Blutrünstigkeit. Der Entfaltung der Sitten und der Entwicklung der +Tugend war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges nicht gerade günstig. Im +großen und im kleinen wurde geplündert, gemordet und vergewaltigt. Der +Fürst vergewaltigte das Land, der Landsknecht die Bauernmagd. Zum Besten +des Vaterlandes und zu höherer Ehre Gottes wurden die abscheulichsten +Taten getan. Der Wiener Hofkapuziner _Abraham a Santa Clara_ (1644-1709) +wetterte in seinen Reden und Predigten mit Stentorstimme +und einem gewaltigen Aufwand an schnurrigem Pathos gegen die +Sittenlosigkeit, wobei er wenig genug ausrichtete. Der Elsässer +_Moscherosch_ (1601 bis 1669) malte in seinen »Gesichten Philanders von +Sittewald« die Verrottung der Zeit, die ihre höchste dichterische +Formung in _Christoph von Grimmelshausens_ (aus Hessen, 1625-1676) +»Abenteuerlichem Simplizissimus« fand. Neben dem Grübler Faust, dem +weisen Narren Eulenspiegel kann man den reinen Toren Parsival als die +dritte Verkörperung der deutschen Seele ansprechen. Parsival heißt bei +Grimmelshausen Simplizissimus. Alle die vielfältigen Anfechtungen +besiegt und überwindet die einfältige Seele, die groß und einfach in +sich selber ruht, wie eine Perle in der Muschel. Der Hintergrund des +Romans ist das zerrissene und zertretene Deutschland des Dreißigjährigen +Krieges. _Andreas Gryphius_ (aus Großglogau, 1616-1664) erlebte das +allgemeine Elend seiner Zeit am eigenen Leibe und an eigener Seele nicht +typisch wie Grimmelshausen, sondern individuell: und es gelang ihm, es +bis zur reinsten lyrischen Gestaltung zu verklären. Das Leitmotiv seiner +Gedichte ist das christliche Symbol von der Vergänglichkeit des Menschen +und der Eitelkeit alles Irdischen. Dieses ursprünglich religiöse und +fast kirchlich-dogmatische Gefühl vertieft sich in seinen Sonetten +grandios künstlerisch zur Weltanschauung einer erschütternden +Resignation und eines erhaben schmerzlichen Pessimismus. Die +grauenvolle Zeit, die in dem Krieg und in dem Frieden, in dem wir heute +gezwungen sind zu leben und zu sterben, eine Parallele findet, duldete +keines fröhlichen Weltfreundes rosenroten Optimismus. =Vanitas! +Vanitatum vanitas!= Es ist alles eitel. Daß auch der Seelen Schatz so +vielen abgezwungen -- dies ist die bitterste Erfahrung, die uns auch der +große Krieg von 1914 bis 1918 gelehrt hat. Lüge, Heuchelei, Mammonismus +und Materialismus haben die Seelen regiert, und wo ist jemand, der da +sprechen kann, daß die seine im Schwertertanz ums goldene Kalb ganz frei +davon geblieben? Stoßt das goldene Kalb vom Sockel und setzt eine weiße +Marmorstatue der Göttin der Liebe, der Welt- und Gott- und Menschenliebe +an seiner statt und nehmt euch bei den Händen und schlingt um das +Denkmal wie mit Rosenketten den Frühlingsreigen einer besseren Zeit. -- +Elegie und Ironie wohnen nahe beieinander. In Gryphius' Lustspiel +=»Horribilicribrifax«= schwingt er spöttischen Mundes die Geißel über +Halbbildung und Phrasentum, die sich als Folge der Überschätzung alles +Militärischen besonders beim Offiziersstand bemerkbar machten. Der +aufschneiderische Maulheld =Horribilicribrifax= ist eine köstliche +Figur, die man heute noch leibhaftig herumlaufen sehen kann. -- Einen +bürgerlichen Maulhelden nahm sich _Christian Reuter_, ein Leipziger +Student (geboren 1665), eine unstete Vagantennatur, die irgendwo im +Elend verdarb und starb, zum Vorbild; es ist der Signor Eustachius +Schelmuffski, dessen wahrhaftige, kuriose und sehr gefährliche +Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande auf das vollkommenste und +akkurateste er an den Tag gab. Diese lügenhafte Reisegeschichte, die +Schelmuffski über Schweden, die Bretagne, Rom bis nach Indien führt (sie +ist dem hochgeborenen großen Mogul dem Älteren, weltberühmten Könige +oder vielmehr Kaiser in Indien gewidmet ...), ist einer der besten +komischen Romane der Deutschen und nebenbei ein ergötzlicher +Zeitspiegel. Auch Gryphius und Grimmelshausen spiegelten die Zeit. +Sehen wir in ihren Zeitspiegel, steigt die Träne ins Lid. + + * * * * * + +Wie ein Sturmwind braust _Johann Christian Günther_ (aus Striegau, +1695-1723), der Götterbote einer neuen Zeit, in die deutsche Dichtung. +Er schmiedete ihr die Waffen, mit denen sie später unter Goethe den +himmlischen Sieg erfechten sollte. Was wäre der Sturm und Drang ohne +Günther? Was Goethe ohne Günther geworden? Er war sein Vorläufer, sein +Johannes, der ihm die Wege bereitete. Wie in Frankreich der Vagant +François Villon, so steht in Deutschland der ahasverische Wanderer +Johann Christian Günther, Student und Vagabund, der Unstete, der +Schweifende, am Anfang der neuen Dichtung. Nur wer den Mut zu Ab- und +Seitenwegen hat, der wird auch neue Wege finden. Darum sind alle diese +Pfadfinder von schwankender Menschlichkeit und durchweg, wenn auch nicht +immoralisch, so doch amoralisch gerichtet. Sie sind verdammt, Lasten und +Laster einer Generation vorweg zu nehmen und zu schleppen, die nach +ihnen kommt. Diese hat ihre Freiheit der Unfreiheit, ihre schwebende +Leichtigkeit der stampfenden Schwere jener zu danken. Jene sind wie +Stiere, diese wie Sonnenadler. Der junge Goethe als Student in Leipzig: +das ist eine wörtliche Neuauflage des jungen Günther. Der nie ein alter +Günther werden sollte, denn er starb im 28. Jahre an einem Blutsturz. +Diesen Blutsturz erlebte auch Goethe in Leipzig: aber er überstand ihn +und ging gekräftigt aus der Krise hervor. Günther hatte sein Blut +verströmt. Sein junges Leben und Dichten ist ein Verbrennen und +Verbluten. Er ist der erste Dichter, der sich bewußt außerhalb der +bürgerlichen Gesellschaft stellt, und der dadurch jenen latenten +Konflikt mit seinem starrköpfigen Vater heraufbeschwor, der nicht wenig +zu seiner Erbitterung und Verbitterung und zu seinem vorzeitigen +Zusammenbruch beigetragen hat. Gar so leicht wurde es dem Kinde nicht, +von selbst gehen zu lernen in einer Welt, die sich ihm feindlich +gegenüberstellte, und die Ablösung von der Nabelschnur, die ihn in den +Eltern mit dem Bürgertum verband, geschah nicht ohne Krämpfe und +Schmerzen. Er hatte Feinde »ringsum«. Seine wilde Leier wünschten +Tausende ins Feuer, »denn sie rasselt allzuscharf«. Wie ein von allen +gemiedener räudiger Hund lief er durch Deutschlands Straßen. Da +übermannte ihn die Verzweiflung, daß er zu sterben wünschte, weil +Leonore selbst ihn verlassen. Aber er reißt sich wieder empor, die +Tränen versiegen, die Faust ballt sich: + + Ich will hoffen, Hoffnung siegt. + +Und abends, auf der Dorfstraße, wenn er ein schönes Mädchen am Zaun +stehen sah, konnte er wieder lächeln. Er lächelte und lachte ihr und +sang ihr zu: + + Schönen Kindern Liebe singen + Ist das Amt der Poesie, + +und reichte ihr galant den Arm und spazierte mit ihr in den Wald oder +auf den Kirchhof, und auf den Gräbern der Toten blühten die Küsse der +Lebenden und Liebenden wie Jasmin und Tulipan. + +Gelangt er bei seiner Wanderung in eine Universitätsstadt, versammelt er +eine Genossenschaft junger trunkener Menschen um sich und singt ihnen +das schönste deutsche Studentenlied: + + Bruder, laßt uns lustig sein, + Weil der Frühling währet ... + +Sein Lorbeer grünt, wie er selber sang, auf die Nachwelt hin. Sein Name +dringt durch Sturm und Wetter der Ewigkeit ins Heiligtum. + + * * * * * + +Mit Günther gleichaltrig ist der Ostpreuße _Johann Christoph Gottsched_ +(1700-1766), der der deutschen Literatur mit professoraler Weisheit und +deutend erhobenem Zeigefinger: dies darfst du! und: dies darfst du +nicht! auf die Beine helfen wollte. Ich weiß nicht, ob er Günther +gekannt hat. Jedenfalls hätten ihn seine Wildheit und sein Feuer +bestürzt und erschreckt. Er war für das Manierliche und Moralische. +Bürgerlich-wohlanständig, klar, deutlich und nüchtern hatte die Poesie +zu sein. In seinem »Versuch einer kritischen Dichtkunst für die +Deutschen« stellte er eine enge und beschränkte Theorie auf und +verlangte mit der Geste eines Diktators, daß sich jeder Dichter -- immer +mal wieder -- strikt danach zu richten habe, ansonst der Herr Lehrer ihm +eine Fünf ins Büchel schreibe. Das Wichtige an Gottscheds +dramaturgischen Leistungen ist das Wagnis, das Experiment. Andere erst +sollten aus seinen Erfahrungen lernen. Der Liebling des Lesepublikums +wurde _Christian Fürchtegott Gellert_ (aus Sachsen, 1715-1769). Denn er +vereinigte die damaligen Richtungen harmonisch in sich: Gottscheds +Steifheit, Bodmers »moralische« Phantasie, Hallers gebirgiges Barock und +eine milde pietistische Frömmigkeit, die seit Gerhard und Gryphius aus +der deutschen Dichtung nicht verschwunden war. Zu seiner +Volkstümlichkeit trug nicht wenig ein ehrenfester, lauterer Charakter +bei. In ihm durfte das Bürgertum sein Ideal sehen: selbst Friedrich der +Große, der in seiner Schrift »Von der deutschen Literatur« vor der +deutschen Dichtung absolut keinen Respekt zeigte, verneigte sich +huldigend vor dem kleinen Leipziger Professor der Beredsamkeit und +Moral. Seine Fabeln, Erzählungen und geistlichen Lieder plätschern sacht +und sanft daher, hie und da mit einem Schuß gutmütiger Bosheit versehen, +gerade so boshaft, daß es nicht weh tut. Weh tun wollte diese +personifizierte Güte niemandem. Er war nicht nur ein Fürchtegott, +sondern auch ein Fürchtemensch und Fürchtetier. Daß das Tier in ihm wie +in jedem Menschen lebendig war, beweist eine in mancher Fabel +durchbrechende Lüsternheit, die zu unterdrücken seine ganze moralische +Kraft notwendig war. Denn er war zu krank, um einer animalischen Lust +recht und wahrhaft leben zu können wie _Friedrich von Hagedorn_ (aus +Hamburg, 1708-1754), der Anführer einer ganzen Schar galanter Herren, +die in erster Linie Kavaliere, in zweiter erst Dichter sein wollten und +die Anbetung der Muse und der geliebten Frau höchst zweckmäßig +vereinten. + + * * * * * + +Auf dem Wege über die Romanen waren Horaz und Anakreon zu den Deutschen +gekommen. Bei dieser Wanderung hatten sie manches von ihren +ursprünglichen Reizen verloren und manches an neuen Reizen +hinzubekommen. Anakreon war in Frankreich ein leichtfertiger, eleganter +Schürzenjäger, Horaz im Gefolge der päpstlichen Höfe ein überaus +witziger, wohlbeleibter, immer leicht angetrunkener Domherr geworden, +dem ein Kranz voll Weinlaub die Tonsur verdeckte, und bei dem die +schönen Damen von Rom und Ravenna gern und willig beichteten, denn er +sprach sie lächelnd von vornherein aller Sünden ledig. Anakreon und +Horaz sind die Väter des französischen und des deutschen Rokoko: die +griechischen Götter, nach französischer Mode aufgeputzt, Eros und Silen +führten den trunkenen Reihen der Poeten, die sich griechische Namen +gaben, wie Damon oder Bathyll, und ihrer liebreizenden Schäferinnen: +Phyllis oder Chloe gerufen. Das ländliche Leben wurde Mode. Aber es war +nur ein Aufputz. Die Damen frisierten sich als Bäuerinnen, ihr Herz war +von der Natur recht weit entfernt, jede Berührung mit der wahren Natur +und ihrer Derbheit erschreckte sie. Sie kleideten sich in Hirtenkleider, +die ein Pariser Modekünstler entworfen hatte, und hüteten auf +wohlgepflegten Wiesen kurz geschorene, weiß gewaschene, saubere +Lämmchen, mit rosa Bändern am Hals und einer kleinen Glocke daran. Und +die Hirtenstäbe der Herren waren mit Silber und Gold besetzt. Die +anakreontische Lyrik beginnt, ungeschickt angeschlagen, schon bei den +Pegnitzschäfern in Nürnberg um 1644 zu erklingen, einer der sogenannten +Sprachgesellschaften, die im Anschluß an die Meistersingerschulen +entstanden. Die Dichter dieser Gesellschaft, zu denen auch der gute +_Philipp Harsdörffer_ gehört, der Erfinder des »Nürnberger Trichters« +(mit dem er den bedauernswerten Zeitgenossen die Poesie künstlich +eintrichtern wollte), führten je einen Hirtennamen und als Symbol je +eine Blume im Dichterwappen. Hagedorn und seine Kameraden sind begabter +als ihre Vorläufer im 17. Jahrhundert. Die Hainbündler, die Stürmer und +Dränger, der junge Goethe: sie konnten lange nicht von den hier +angeschlagenen Tönen loskommen. Aber außer Goethe gelang es noch einem +Lyriker, seiner im Walde der Anakreontik geschnitzten Flöte eigene Töne +zu entlocken: _Johann Georg Jacobi_ (aus Düsseldorf, 1740-1814). »Ihm +war die Grazie (-- übrigens das Lieblingswort der Epoche! --), die so +mancher Anakreontiker sich mühsam anlernen mußte, angeboren« heißt es im +Vorwort zu seinen »Sämtlichen Werken«. Verse wie die »An ein sterbendes +Kind« gerichteten, sind rhythmisch so kühn und neu, daß sie von Goethe +sein könnten. + +Gottfried Keller hat in seiner Novelle »Der Landvogt von Greifensee« ein +reizendes Bild von einem ländlichen Fest gemalt, das der Zürcherische +Dichter _Salomon Geßner_ (1730-1788) auf seinem Landhaus im Sihlwald +seinen Freunden gibt. Dieser Salomon Geßner ist der Schöpfer der +deutschen Idylle. Sein Talent ist begrenzt, aber innerhalb der Grenzen +seines Talents bewegt er sich mit vollendeter Sicherheit und Anmut. Er +gehört zu den allerliebenswürdigsten Erscheinungen der deutschen +Dichtung. Geßner war einmal eine europäische Berühmtheit. Es wird nicht +besser werden in der Welt, ehe es Geßner nicht wieder ist. Wir werden +erst dann den ewigen Frieden haben, wenn arkadische Dichter wie er +wahrhaft populär geworden sind. + + * * * * * + +Ist Opitz als Privatdozent, Gottsched als außerordentlicher Professor +der deutschen Literatur anzusprechen, so darf man _Gotthold Ephraim +Lessing_ (geboren zu Kamenz, 1729) den Titel eines ordentlichen +Professors und vortragenden Rates mit dem Prädikat Exzellenz nicht +vorenthalten. Er ist nicht so langweilig wie die, die sich bei ihm +langweilen. Aber er ist auch nicht der beschwingte Genius und +Fackelträger, zu dem man ihn hat empordichten wollen. Ernst, behutsam +und bedächtig suchte er mit seiner Laterne das Dunkel der deutschen +Dichtung zu erhellen, und es gelang ihm, über viele dämmerige und +nachtschwarze Stellen Licht und Erkenntnis zu verbreiten. Das besorgte +er besonders mit seinen »Briefen, die neueste Literatur betreffend«. Da +rief er Shakespeare, den Zauberer aus dem Wunderland der Wirklichkeit, +zum Zeugen auf gegen Gottscheds Schablonenidealität. Da hob er den +Mythos von Faust ans Licht, entdeckte entzückt das deutsche Volkslied +und einen verschollenen Poeten wie Friedrich von Logau. Die Schrift +Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie hat zu seiner Zeit +alarmierender gewirkt als heute in den Primen der Gymnasien. Die klare +Unterscheidung von den Möglichkeiten, von Harmonie und Differenz +zwischen Malerei und Poesie tat dazumal bitter not. Denn die sogenannte +beschreibende und malende Poesie, von Opitz eingeführt, von Haller, +Matthisson und vielen minderen fortgeführt, drohte in ihren Auswüchsen +die gerade nur erst hügeligen Ansätze einer neuen Dichtung völlig zu +verflachen. Indem er die Plastik als räumlich, die Dichtung als zeitlich +(nicht im historischen Sinne) bedingt definierte, eröffnete er auch +Perspektiven auf Raum und Zeit, auf Traum und Ewigkeit schlechthin. Er +rief den Dichtern zu: Nicht rasten! Nicht ruhen! Ruhe, Beharrung ist das +Zeichen der bildenden Kunst. Ihr müßt, berlinisch gesprochen, Leben in +die Bude bringen. =En avant!= Vorwärts! Attacke! Professor Lessing gerät +hier in Feuer. Auch in der »Hamburgischen Dramaturgie« (1767 bis 1769) +zeigt er sich reichlich temperamentvoll, wie er mit den französischen +Klassikern herumfährt, daß ihnen nur so der Puder aus den Perücken +fährt. Er restituiert Aristoteles und versetzt die wahre tragische +Handlung in die Seele des Menschen. Den Regeln, die er in der +Hamburgischen Dramaturgie aufgestellt, versucht er in einigen Dramen +nachzuleben. In »Miß Sarah Sampson« wagt er schon 1755 das Drama von +jeder Staatsaktion zu entkleiden und steigt ins gut, ins schlecht +bürgerliche Milieu hinab. Er wollte beweisen, daß nicht bloß eine +Prinzessin, sondern auch ein einfaches Bürgermädchen seine Tragödie +erleben kann. Die französischen Klassiker reservierten prinzipiell das +Tragische den Herren und Damen vom Hofe und den Göttern. In »Minna von +Barnhelm« haben wir, trotz mancher Schwächen im einzelnen, eine +wirkliche Dichtung. Professor Lessing lege seinen ersten Titel ab und +sei Dichter Lessing genannt. Mit dem Prinzen von Homburg ist der Major +von Tellheim einer der wenigen sympathischen preußischen Charaktere in +der deutschen Literatur. In »Emilia Galotti« tritt Lessing unter der +Maske des Odoardo als Richter den Fürsten seiner Zeit entgegen. Und sei +hier nicht mehr Dichter, sondern Richter Lessing genannt. In »Nathan dem +Weisen« faßt Lessing seine drei bisherigen Berufe noch einmal zusammen: +hier ist er der Philosoph, der Dichter, der Richter. Hier predigt er die +allgemeine Toleranz, die große Liebe. Der christliche Tempelherr, der +Mohammedaner Saladin und der Jude Nathan feiern den Bruderbund der +Menschheit. Die gute Idee ist nichts ohne die gute Tat. Gut denken +heiße: gut sein. Zwei Jahre nach der Vollendung des Nathan vollendete +sich Lessing selbst. + + * * * * * + +Das Größte an _Klopstock_ (aus Quedlinburg, 1724 bis 1803) ist sein +patriarchalisches Pathos. Es scheint, als hätte er schon Schulpforta mit +neunzehn Jahren als Patriarch und Weltmeister verlassen. In seiner +Abschiedsrede klingt das hohe Bewußtsein einer erlauchten Berufung. Ich +will, so rief er, der Milton der Deutschen werden! -- Und er ist es +geworden. Alles, was er gewollt hat, hat er gekonnt. Wie ein Priester +hat er seines Amtes gewaltet. Und wenn er, seine Bardengesänge, die +=Bardiete=, singend, den deutschen Göttern opferte, war das Gotteshaus +gefüllt mit andächtigen Jünglingen und Jungfrauen, die in ihm den +Stellvertreter des deutschen Gottes auf Erden, den deutschen Papst, +sahen. Er goß den deutschen Wein in griechische Pokale: in seinen +»Oden«, die die fremde Form vergessen lassen, so deutsch sind sie. Er +ist spröder als Hölderlin und unserem Empfinden schwerer zugänglich +-- aber die Bekanntschaft mit ihm wiegt Dutzende heutiger Lyriker auf. +Seine zuchtvolle Strenge könnte der heutigen Auflösung gut tun. Die +jungen Dichter könnten von ihm lernen, vorausgesetzt, daß sie überhaupt +etwas lernen wollen. Der Meister Klopstock fühlte sich zeitlebens als +»der Lehrling der Griechen«. Sein episches Hauptwerk ist der »Messias«, +ein Gedicht von Sünde und Erlösung in zwanzig hexametrischen Gesängen. +Es schildert den Weg des Gottessohnes vom Himmel durch die Hölle zur +Erde und wieder zum Himmel: am schönsten in seinen hymnischen und +lyrischen Stellen. Hin und wieder verleitet ihn das priesterliche Ornat +zu zeremoniellen Gesten und oratorischen Phrasen. + + * * * * * + +Zwei seelische Richtungen suchten um die Mitte des 18. Jahrhunderts +einander den Rang streitig zu machen: eine schwärmerische und eine +rebellische. Die schwärmerische ging von Klopstock und seinem Gefolge: +dem Hainbund (Hölty, Voß, Matthisson, dem Schweizer Salis-Seewis, +Claudius) aus; die zweite blühte aus wilden Studentenkameradschaften +empor, und ihr Meister hieß Johann Christian Günther. Sie selber aber +nannten sich nach einem »Sturm und Drang« (1776) betitelten Drama eines +der ihren, des Maximilian Klinger: Stürmer und Dränger. Klinger war ein +Freund Goethes, und aus ihrem Kreise ist, betreut von Herders wachsamem +Auge, der Stürmer und Dränger hervorgegangen, der sie alle überstürmen +und zurückdrängen sollte: Goethe. Wie die Bruderbünde der heutigen +jungen Dichter hatten sowohl die Hainbündler wie die Stürmer und Dränger +die Brüderlichkeit, die Weltumarmung, die Menschlichkeit auf ihre Fahnen +geschrieben, und Freundschaft galt ihnen als ein heiliges Wort. Die +bedeutendsten Mitglieder des Hainbundes waren _Johann Heinrich Voß_ aus +Mecklenburg (1751 bis 1826) und _Ludwig Hölty_, der 1776 im jugendlichen +Alter von achtundzwanzig Jahren starb, der Apollo und Adonis des Bundes: +gepriesen als der Liebling der Götter. Voß, der später die Redaktion des +Bundesorganes, des Göttinger Musenalmanachs, übernahm, darf eigenen +dichterischen Wert höchstens als Idylliker (Luise, Der siebzigste +Geburtstag) beanspruchen. Zu den harmlosen, aber hübschen Hexametern war +er angeregt worden durch Übersetzungen der Homerschen Odyssee (1781) und +Ilias, die an Wert und Wirkung den Herderschen Stimmen der Völker in +Liedern nicht nachstehen und den Blick der Deutschen auf das griechische +Heldenepos lenkten. Wenn Achilles und Hektor in Deutschland so +volkstümliche Figuren geworden sind wie Siegfried und Hagen, wenn Zeus +und Hera in der Götterwelt Wodan und Freya den Rang streitig machen, so +ist's das Verdienst von Voß, dem Ganymed, der lockige Schenke, im +olympischen Saale dafür einen besonderen Humpen Nektar kredenzen möge! + + * * * * * + +Im Pantheon des Hainbundes standen die Hermen von Ossian, Klopstock und +Herder, dagegen erscholl an die Adresse _Wielands_ (1733-1813, aus +Oberholzheim) in jeder Bundessitzung ein dreifach kräftiges Pereat. +Dieser war in ihren Augen ein allzu ungezogener Liebling der Grazien. +Seine charmanten Frivolitäten, sein graziöser, klingender Stil, spielend +wie eine Wasserkunst im Schlosse irgendeines Rokokofürsten, fanden nicht +Gnade vor ihren Augen. Sie ziehen ihn der Sittenlosigkeit, der +Undeutschheit und traten seine Dichtungen mit Füßen oder verfertigten +sich aus seinen reizenden Perioden Fidibusse, mit denen sie ihre +Knasterpfeifen entzündeten, und Don Sylvio von Rosalva, der Jüngling +Agathon und die zärtliche Musarion gingen wehklagend und seufzend in +Flammen auf. Hatten die Hainbündler recht, dem armen Wieland so übel +mitzuspielen? Doch wohl nicht. Im Grunde war er ihnen verwandter als sie +ahnen oder fühlen konnten. Auch er war ein Schwärmer wie sie -- aber er +ging nicht wie sie durch eine, er ging durch tausend Schwärmereien +hindurch und war vom Pietisten bis zum Wollüstling, vom Hetärenpriester +bis zum Anbeter der mütterlichen Frau so ziemlich alles, was man sein +kann. Was seine vielen Wandlungen verklärt: er war alles mit der +gleichen Leidenschaft und Wahrhaftigkeit. Als Lyriker hatten die +Hainbündler für Wielands Kunst der Erzählung kein Verständnis. Sein +großer Roman »Agathon« (1766), die Entwicklung eines Menschen zu sich +selbst, in einem stark stilisierten Altgriechenland sich begebend, wird +immer ein Markstein in der Entwicklung der deutschen Prosadichtung sein, +die auch durch den komischen Roman »Die Abderiten« (1780), eine +Verspottung des Spießertums, Bereicherung empfing. Goethe weihte von +allen Schriften Wielands dem Heldenepos »Oberon« (1780) den Lorbeer, und +zwar im wörtlichsten Sinne: nach seinem Erscheinen sandte er ihm einen +Lorbeerkranz. Der »Oberon« ist das erste Werk, das man neben Mahler +Müllers »Genoveva« den Auftakt der Romantik noch mitten in der Klassik +nennen könnte. Abendland und Morgenland gehe so phantastisch ineinander +über wie die wirkliche und die Geisterwelt. + + * * * * * + +Unter den Hainbündlern waren einige, die zwar nominell ihm nahestanden, +innerlich aber dem Sturm und Drang zugerechnet werden müssen. Unter +ihnen ist vor allem _Gottfried August Bürger_ (1747-1794, aus +Ballenstedt) zu nennen, dessen titanischem Wollen (wie den meisten +Stürmern und Drängern) nur ein sehr menschliches Gelingen beschieden +war. Hin und her gerissen zwischen zwei Frauen schwebte er zwischen +Himmel und Erde, bis ihn die Erde gnädig in ihren Schoß zurücknahm. Er +war ihr einer ihrer liebsten, aber auch unglücklichsten Söhne. Seine +Lieder an Molly sind von einer rasenden Leidenschaftlichkeit, der die +Zügel durchgehen wie einem wildgewordenen Hengste. Vollkommen bewährte +er sich in seinen Balladen. Auch die Legende von »Münchhausens +wunderbaren Reisen« (1786) muß ihm herzlich gedankt werden, so wie wir +dankbar bei dieser Gelegenheit des alten _Musäus_ (1735-1787) gedenken +müssen, der die Volksmärchen der Deutschen, darunter die Schnurren vom +grobschlächtigen, schlesischen Waldgott Rübezahl damals grade sammelte +und nacherzählte. + + * * * * * + +Waren die Hainbündler mehr besinnlich und lyrisch, so waren die Stürmer +und Dränger mehr sinnlich und dramatisch, heute würde man sagen: mehr +politisch, mehr aktivistisch gerichtet. Sie litten unter der sozialen +und politischen Ungerechtigkeit des Zeitalters. Das Motto Schillers, das +er über »Die Räuber« setzte: =In tyrannos!= kann man über die ganze +Richtung setzen. Die Stürmer und Dränger waren die deutschen Vorläufer +und Brüder der französischen Revolutionäre von 1789. Wie Wilhelm II. dem +Erwachen der deutschen Dichtung aus dem patriotischen Winterschlaf nach +dem siegreichen Krieg von 1870/71 zur Selbstbesinnung, zur Erhebung, zur +Vergeistigung von seinem Standpunkt mit dem größten Recht mißtrauisch +gegenüberstand -- denn einer Revolution des Geistes pflegt eine solche +der Tat auf dem Fuß zu folgen: so standen die damaligen Souveräne dem +Ansturm der Stürmer ablehnend und erbittert gegenüber, denn es ging ums +Gottesgnadentum, es ging um Autokratie oder Demokratie schon damals. Es +handelte sich darum, ob die deutschen Fürsten ihre Untertanen als +Schlachtenfutter nach Amerika verkaufen könnten wie ein Stück Vieh, um +aus dem Erlös ihre fetten Huren und lasterhaften Gelage zu bestreiten, +oder ob der Mensch ein Mensch wie sie, ob es nicht unvergängliche +»Menschenrechte« gäbe, die niemand wagen dürfe anzutasten, der nicht ein +Hundsfott oder Lump sein wolle. In den »Räubern« und in »Kabale und +Liebe« zog Schiller gegen die Tyrannen vom Leder. Und es ist nicht zu +verwundern, wenn Karl Eugen von Württemberg sich dieser Richtung +gegenüber ähnlich äußerte wie später Wilhelm II.: »Die ganze Richtung +paßt mir nicht!« Schiller wurde 1782 vierzehn Tage in »Schutzhaft« +genommen; als der Fürst ihm wenig später überhaupt untersagte, weiterhin +»Komödie« zu schreiben, machte Schiller dieser Komödie ein Ende und floh +aus Württemberg ins Ausland. Sein Gesinnungsgenosse, der Schwabe +_Christian Schubart_ (1739 bis 1791), mußte die Auflehnung gegen die +Tyrannei mit einer zehnjährigen Gefangenschaft auf dem Hohenasperg +büßen. Er schleuderte den Fürsten die Verse der »Fürstengruft« wie +Pfeile entgegen. + +_Jakob Reinhold Lenz_ (aus Seßwegen, 1751-1792) schrieb sein Drama »Die +Soldaten«, in dem er die Immoralität des Soldatenlebens attackierte. +Sein Leben wie sein Dichten zerrann ihm wie Wasser zwischen den Händen. +Die Erscheinung Goethes blendete ihn, so daß er die Welt der +Erscheinungen nicht mehr zu sehen vermochte und einer utopischen Welt +verfiel, die halbe Wahrheit und ganze Dichtung nicht mehr +auseinanderzuhalten verstand. Wäre er nur der Lenz geblieben, der er +war! Vielleicht, daß er zu einem fruchtbaren Sommer gereift wäre! Aber +er wollte ein Goethe werden. + +_Maximilian Klinger_ (aus Frankfurt, 1752-1831), dessen eines Drama der +Bewegung den Namen gab, war eine bedächtigere Natur, obgleich seine +Dramen selbst aus allen Fugen zu gehen scheinen. Im reiferen Alter +resigniert er. In seinen »Betrachtungen« sind aus den Ungetümen und +Unholden, die die Fürsten im Sturm und Drang waren, schwache Menschen +geworden wie wir alle. In der Tendenz steht der Satiriker _Georg +Christoph Lichtenberg_ (aus Darmstadt, 1742-1799) den Stürmern nahe, +besonders in seinen geistvollen politischen Bemerkungen. + +Als der eigentliche Prosaiker der Richtung muß _Wilhelm Heinse_ +(1749-1803) betrachtet werden. Sein Renaissanceroman »Ardinghello und +die glückseligen Inseln« predigt die Idee der Kraft, der Schönheit, der +leiblichen und seelischen Nacktheit, der Scham- und Hüllenlosigkeit. +Geschrieben in einem bezaubernden Stil, dessen Wohlklang nur noch von +Geßner in seinen Idyllen und später von Jean Paul erreicht wird, +bezaubert er auch durch die amoralische Anmut seiner Gestalten und durch +die tropisch bunte Ausmalung des Schauplatzes. Der Starke hat Recht. +Aber er siegt nicht durch seine Stärke, durch rohe Gewalt allein: sie +muß sich mit Natürlichkeit, mit Geist, der Mut muß sich mit Anmut +paaren. Heinses Genie war eine brünstige Flamme. Aber wer feuersicher +ist (und nur der sollte sich ins Feuer wagen), der wird gestählt und +gefestigt durch sie hindurchgehen. + + * * * * * + +_Johann Gottfried Herder_ (1744-1803, ein geborener Ostpreuße) ist einer +der Lehrmeister der Deutschen. Wären die Lehr- und Schulmeister der +Deutschen alle geartet wie er: was ließe sich aus ihnen machen! Aber der +Teufel stopft ihnen Wachs in die Ohren und verklebt ihre Augen mit Pech; +also daß sie taub und blind dem ersten besten Eselstreiber folgen, der +sie in den Abgrund führt. Über der festen Grundlage einer allgemeinen, +philosophischen und philologischen Bildung wölbte sich bei Herder in den +Gewittern seiner Zeit der Regenbogen eines großen Geistes und eines +hellen Herzens. Auf einer Reise nach Paris lernte er Diderot, einen der +geistigen Urheber der Französischen Revolution, kennen. In Straßburg +geschah jene denkwürdige Begegnung mit Goethe: der schwärmerische +Jüngling empfing aus dem Munde des gereiften und gelehrten Mannes den +mächtigsten Ansporn, die liebevollste Leitung. Herder war ein Denker des +Gefühls. Manchmal schlägt der Blitz der apriorischen Logik in seinen +Gedankenwald, ihn und uns belehrend, daß die Bäume nicht in den Himmel +wachsen. Aber um den verkohlten Stamm schlingen sich liebend und +lieblich die reinsten Gefühle, die weißesten Winden. Sein »Briefwechsel +über Ossian und die Lieder alter Völker« (1773) bedeutet weniger durch +die aufgestellten Thesen (Unterschied zwischen Kunst- und +Volksdichtung), als durch die flammende Liebe, die hier und anderswo in +seinen Schriften die Wissenschaft durchlodert. Sein Aufruf, die alten +Volkslieder zu sammeln, war eines der wichtigsten Manifeste des +deutschen achtzehnten Jahrhunderts. Er ist der Schöpfer dieses Wortes: +Volkslied. 1778-79 durfte er in seinen Volksliedern (»Stimmen der Völker +in Liedern«) dem deutschen Volk ein prachtvolles Dokument der +Volkslieder aller Zeiten und Zonen vorlegen: die fremdländischen Lieder +in Übertragungen von ihm selbst. Schon vorher war er in den Fragmenten +über die neuere deutsche Literatur gegen Affekt- und Effekthascherei +gegen die französische und griechische Mode aufgetreten und hatte das +Rousseausche »Zurück zur Natur!« für die deutsche Dichtung formuliert: +»Zurück zur Natürlichkeit! Zu den Quellen deutscher Sprache und +deutschen Volkstums! Die Kunstdichtung kann nur auf dem Acker der +Volksdichtung gedeihen. Zerstört die gläsernen Treibhäuser, und laßt das +freie Wetter über die Blüten eures Geistes brausen! Welche Blüte darin +umkommt, die ist nicht wert, daß sie geblüht hat.« -- 1777 kam Herder +auf Goethes Veranlassung als Generalsuperintendent nach Weimar. Hier +schrieb er, von Goethes Gedankenarbeit kameradschaftlich unterstützt, +die »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«, den ersten +groß angelegten Versuch, die Geschichtswissenschaft aus einer Statistik +von blutrünstigen Raub- und Eroberungskriegen und den Daten der +erlauchten Herrscher zu einer Geisteswissenschaft, zu einer Wissenschaft +vom Werden und Wesen der Menschheit zu erweitern. Eine Kapitelüberschrift +wie diese: Die Erde als Stern -- wieviel besagt und beleuchtet sie schon +im Gegensatz etwa zu: König Otto der Faule (1430-1450), der üblichen +Überschrift der in Deutschland so beliebten monarchistischen +Geschichtsschreibung. -- Die letzten Lebensjahre Herders verbitterte +seine Entfremdung von Goethe und Schiller: in Schiller befehdete er den +Schüler Kants, in Goethe sah er sich selber strahlend überwunden. Als er +die Augen schloß, setzten sie ihm auf seinen Grabstein seinen +Wahlspruch, den ewigen Wahlspruch aller Jünglinge (Herder war auch als +Greis ein Jüngling geblieben): Licht! Liebe! Leben! + + * * * * * + +_Friedrich Schiller_ (1759-1805) ist der Dichter der Jugend. Denn er ist +ein revolutionärer Dichter. Und die Jugend wird gegenüber einem +konservativen oder stagnierenden Alter immer revolutionär gesinnt sein. +In den »Räubern« wird jemand aus Verzweiflung über die Schlechtigkeit +der Welt zum schlechten Kerl: um den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. +Wäre dieses Drama heute geschrieben, man würde es ein bolschewistisches +Drama nennen. (Schiller war Ehrenbürger der Französischen Revolution, +der er als Idee begeistert huldigte, und von der er sich später, als die +Realität weit hinter der Idee zurückblieb, -- wie es in Revolutionen +immer zu sein pflegt -- angewidert wegwandte.) Diese Räuber wollen die +ganze Welt zugrunde richten, um auf den Trümmern eine neue, bessere +Welt zu erbauen. Karl Moor schreitet in mancherlei Verwandlungen durch +Schillers Werke. Er ist Fiesco, der Verschwörer, der sich den Mantel des +Monarchen um die Schulter schlägt. Er ist Ferdinand, der gegen die +konventionelle Despotie und die Despotie der Konvention rebelliert. In +Carlos und Marquis Posa hat sich der geistige Revolutionär dupliziert. +Verteidigen die »Räuber« noch die Eventualität eines gewalttätigen +Umsturzes, so erscheint »Don Carlos« dagegen auch in der Sprache durch +seine Jamben gemildert, als Drama einer geistigen Revolution. Von innen +heraus sollen Staat und Menschheit, Staatsbürger und Menschen erneuert +werden. »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit« -- aus dem freien Gedanken +wird die freie Tat sprießen. Wie Spinoza auf Goethe, so hat das Studium +der Kantschen Philosophie auf Schiller den nachhaltigsten Eindruck +gemacht. Kants ethische Maximen, besonders der kategorische Imperativ, +werden in seinen späteren Gedichten und Dramen immer wieder illustriert +und paraphrasiert, die oft nur um der ethischen Forderung willen +geschrieben scheinen. Zwölf Jahre nach dem Don Carlos, im Jahre 1799, +vollendete Schiller den Wallenstein: die Schicksalstragödie des +Herrscherwillens. Der Schatten des aufsteigenden Bonaparte fiel über das +Werk. Auch Wallenstein ist ein Rebell, aber =faute de mieux=. Er kann +einen Größeren, einen Mächtigeren nicht vertragen: denn er fühlt in sich +das Prinzip der Macht rechtmäßig verkörpert. Er fällt durch den Verrat +seines Freundes Piccolomini. In den drei Teilen vom »Wallenstein« ist +Schillers Werk gegipfelt. Den vielen männlichen Rebellen in Schillers +Dramen tritt eine Revolutionärin zur Seite: Maria Stuart, der weibliche +Typ des Revolutionärs, deren Aktion sich zur Passion wandelt, die die +revolutionäre Tat durch ein revolutionäres Herz ersetzt. Nach Maria +Stuart (1800) wendet sich Schiller noch einem weiblichen Helden zu: der +Jungfrau von Orleans, der Verkörperung religiöser Vaterlandsliebe. Im +»Tell«, seinem letzten Drama, gestaltet Schiller die Idee der +»Freiheit« und nimmt noch einmal die Partei der »Unterdrückten aller +Länder«. Es berührt sich in mehr als einem Punkt mit seinem +Erstlingsdrama, den »Räubern«. Keine philologische oder moralische +Spitzfindigkeit wird übrigens darüber wegtäuschen können, daß dieses +Drama in der Tat des Tell den politischen Meuchelmord verteidigt, ja +verherrlicht, und keines dürfte sich besser für eine Festvorstellung, +vor Terroristen gegeben, eignen. Der individuelle Terror findet hier +seine glänzendste Gloriole. -- Tell scheint mir eine aus der Tiefe von +Schillers Unterbewußtsein getretene Figur seiner Jugendzeit, die gegen +Geßler (Herzog Karl Eugen), dem symbolhaft verdichteten Bild des +deutschen Duodeztyrannen, den tödlichen Pfeil richtet, um sich endgültig +von ihm zu befreien ... Als Lyriker steht Schiller hinter dem von ihm +verkannten Hölderlin, hinter Goethe, Günther, Eichendorff zurück. Seine +Gedankenlyrik gibt mehr Gedanken als Lyrik. Als Balladendichter darf er +hohen Rang beanspruchen. Seine Größe liegt in seinen Dramen. Man hüte +sich, ihn weder zu über- noch zu unterschätzen. Unschuldig schuldig ist +er an jener Kriegervereinspathetik, die sich, besonders seit 1870, in +die geschwellte Brust warf und Schillersche Formen und Schillersches +Pathos mit leeren chauvinistischen Rodomontaden füllte. Gegenüber +solcher »Idee«lichkeit kann die Goethesche »Sach«lichkeit nur heilsam +wirken, wie sie auf Schiller selbst heilsam gewirkt hat. + + * * * * * + +Um diese Zeit lebten fern allen literarischen Bestrebungen, aber mit der +Tradition der deutschen Dichtung aufs tiefste verwachsen, zwei der +liebenswürdigsten deutschen Dichter, die man, wie die siamesischen +Zwillinge, immer nur zusammen nennen kann: _Matthias Claudius_ +(1740-1815), der »Wandsbecker Bote«, und _Johann Peter Hebel_ (1760 bis +1826), der »Rheinische Hausfreund«. In der Gesamtausgabe der Schriften +des »Wandsbecker Boten« befindet sich am Eingang eine Zeichnung von +Freund Hein, dem Tod. Obgleich die Zeichnung ein Skelett darstellt, ist +der Tod gar nicht schrecklich anzusehen, streng, aber freundlich steht +er da. Mit Freund Hein verkehrte Claudius auf vertrautem Fuße. Er war +ihm der Freund Hein trotz aller Schmerzen, aller Dunkelheiten, die er +bringt. Sein »Abendlied« gehört zu den deutschesten deutschen Gedichten. +Sein »Rheinweinlied«: das trunkenste Trinklied. Schon in der Schule +haben wir uns mit Claudius befreundet wie mit einem guten alten Onkel, +als er uns die lustige Geschichte erzählte vom Riesen Goliath und dem +Zwerg David und von Urian, welcher die weite Reise machte. _Johann Peter +Hebel_, Volksfreund und Volksdichter wie er, ist sein jüngerer Bruder. +Ich kenne keinen Schriftsteller in Deutschland, der zu erzählen weiß wie +der ehemalige Theologieprofessor Johann Peter Hebel. Gewiß er predigt +Moral. Aber in welcher Sprache! Das ist ein Deutsch, wie es einfacher +und tiefer, zweckloser und klangvoller nicht erdacht und geschrieben +werden kann. Und die Moral, die er einer schönen Geschichte anhängt, wie +nebensächlich ist sie und nur als Schlußpunkt von Bedeutung! Die +Hauptsache ist ihm der Mensch oder das Ding »an sich«, das er +betrachtet, formt und schmerzlich sinnend oder lächelnd in seinen +Vortrag stellt. Wir sind alle wie Kinder vor ihm, und wenn wir in der +Dämmerung in den Himmel sehen und die Sterne hervorkommen: die Venus +oder die Juno, die funkelnden Himmelsfrauen, und wir ihn fragen: »Vater, +was ist mit den Sternen und mit dem Himmel?« -- dann wird er uns über +die Haare streicheln und leise sprechen: »Der Himmel ist ein großes Buch +über die göttliche Allmacht und Güte, und stehen viel bewährte Mittel +darin gegen den Aberglauben und gegen die Sünde, und die Sterne sind die +goldenen Buchstaben in dem Buch. Aber es ist arabisch, man kann es nicht +verstehen, wenn man keinen Dolmetscher hat ...« Ein solcher Dolmetscher +ist uns der rheinische Hausfreund, der alte Johann Peter Hebel. + + * * * * * + +Wenn _Goethe_ (geboren 1749 in Frankfurt) heute lebte, würden ihn die +kritischen Anwälte der jüngsten deutschen Dichtung wegen seiner +Vielseitigkeit der »Gesinnungslosigkeit« zeihen. Er schrieb +nebeneinander am Werther, am Faust, an einem groben Fastnachtsspiel. Er +trug die größten Gegensätze in sich, aber es war ihm gegeben, sie alle +bis zur Reife auszutragen. Er erkannte die Notwendigkeit und Größe des +deutschen Volksliedes so gut wie die erlauchte Erhabenheit einer +pindarischen Ode oder die nüchterne Trunkenheit eines Horaz. Er bewegte +sich in der Gedankenwelt eines Plato, die alle Dinge auf eine Uridee +zurückführt, so sicher wie in den Wäldern Spinozas, welcher lehrte, vor +jedem Baum, vor jeder Blume, vor jedem Käfer anbetend ins Knie zu +sinken, denn »Gott ist in ihnen und über ihnen und durch sie wie in mir +und über mir und durch mich«. Zucht und Gebundenheit der Antike, das +über-alle-Grenzen-Schweifen der deutschen Volksseele, Dionysos und +Faust, Eros und Eulenspiegel durchdrangen sich in ihm zu höherer +Einheit. An seiner Wiege haben die neun Musen wie die sieben Schwaben +Pate gestanden. Er brauchte nur »Tischlein, deck dich!« rufen wie in dem +deutschen Märchen, so war der Tisch des Lebens für ihn gedeckt. Er war +der glücklichste Mensch, der je gelebt hat: er war an jedem Tage, in +jeder Minute und Sekunde seines Lebens mit sich selbst und seinem Ziele +einig. Es gab kein Schwanken in ihm. Immer schritt er festen und +schlanken Schrittes, Ephebe und Mann, geradeaus, den Blick auf das Herz +der Welt gerichtet. Seine Fähigkeit, Leid und Schmerz von sich +abzustoßen, da sie seine klaren Teiche nur trüben konnten, in denen so +rein sich Mond und Sonne spiegelten, ging bis zur Brutalität gegen sich +und seine Mitmenschen. Er mußte sich ganz behaupten. Er handelte in +Notwehr. Im Alter nahm er eine künstlich konzipierte Steifheit zu Hilfe, +um jene Menschen von sich fernzuhalten, die ihn seiner selbst beraubten. +Es war jene hochmütige Geheimratsgeste, von der so manche Besucher +seines Hauses in ihren Briefen und Tagebüchern entsetzt und enttäuscht +erzählen. Er saß wie Archimedes im Garten auf einer Bank und zeichnete +mit einem Stock im Sande seine Kreise, die niemand stören durfte als der +Wind oder der Regen. Denn diese waren Naturkräfte wie er. + +In seinem Leben spielen die Frauen die entscheidende Rolle. Seine +Männerfreundschaften: mit Herder, mit Merck, mit Knebel, Tischbein usw. +waren trotz betonter Herzlichkeit oder Interessiertheit doch nur +Episoden. Von allen Männern, die seinen Weg kreuzten, ist für uns +Nachlebende der getreue Eckermann der gewichtigste, der, jahrelang sein +Sekretär und Famulus, in seinen »Gesprächen mit Goethe« uns die +lebendigste und persönlichste Darstellung seines Wesens und Wirkens +hinterlassen hat. Goethes Genie fand seine Befruchtung und Erlösung aber +immer erst durch die Genien der Frauen, die er liebte. Sie sind die +unbewußten Mithelferinnen an seinem Werk, das deutsche Volk hat alle +Ursache, sich vor ihnen in Dankbarkeit und Ehrfurcht zu verneigen und +sogenannten Literarhistorikern, die sich nicht schämen, Schmutz auf sie +zu werfen, gebieterisch die Tür zu weisen. Kätchen Schönkopf, seine +Leipziger Studentenliebe, zwitschernd wie ein Kanarienvogel, aber +launisch wie ein Papagei, Friederike Brion, die elegische Sesenheimer +Pfarrerstochter; die blonde Charlotte Buff, Braut seines Freundes +Kestner, der wir den zärtlichen Briefroman »Werther« verdanken; die wie +aus einer griechischen Gemme geschnittene Frau von Stein, die +glücklichste und unglücklichste Liebe seines Lebens, die treue und gute +Christiane Vulpius, der er so wacker seinerseits die Treue hielt, allen +Intrigen des Weimarer Hoflebens zum Trotz, die er, der Minister, als +Geliebte in sein Haus zu nehmen wagte, die er endlich, längst nachdem +sie ihm einen Sohn geboren, dankbar zu seiner rechtmäßigen Gattin machte +und die ihm unendlich mehr bedeutet hat als eine oberflächliche +Literarhistorik wahr haben will. Sein einsames Herz bedurfte ihrer +Herzlichkeit. Sein Sinn ihrer Sinnlichkeit. Und dann die vielen +Namenlosen, die er liebte, die Frauen in Thüringen, in der Schweiz, in +Italien. Und endlich die Suleika des »Westöstlichen Diwans«, die den +alternden Dichter zur letzten wilden Trilogie der Leidenschaft +entflammte. Welch ein Reigen von Frauen! Wir wollen keine geringer +achten, auch jene namenlosen nicht, ihnen allen sei der Kranz des +Lorbeers auf die schönen Stirnen gedrückt. + +Im deutschen Sängerkrieg auf der Wartburg hat Goethe sich den ersten +Preis ersungen: im Drama durch »Faust« und »Iphigenie«, in der Prosa +durch »Wilhelm Meister« und die »Wahlverwandtschaften«, in der Lyrik +durch »Ganymed«, »Wanderers Nachtlied«, »An den Mond«, die »Trilogie der +Leidenschaft« und vieles andere. Er beherrschte die konträrsten Stile. +Sang wie ein Kind zu Kindern: + + Ich komme bald, ihr goldnen Kinder! + +Und, aus dämonischer Tiefe, die Worte steigen wie Nickelmänner und Elfen +aus einem tieftiefen Brunnen, so tief wie der Brunnen auf der Burg von +Nürnberg, dessen Ende wir nicht sehen: + + Sieh, die Sonne sinkt! + Eh sie sinkt, eh mich Greisen + ergreift im Moore Nebelduft; + entzahnte Kiefer schnattern + und das schlotternde Gebein -- + Trunkener vom letzten Strahl, + reiß mich, ein Feuermeer + mir im schäumenden Aug', + mich Geblendeten, Taumelnden, + in der Hölle nächtliches Tor. + +Das ist in der Postchaise am 10. Oktober 1774 von ihm gedichtet, und ich +wette, wenn ich es einem Dichter der jüngsten Generation vorlese, einem +meiner nächsten Brüder, und er kennt das Gedicht nicht zufällig (er +wird es nicht kennen: denn sie kennen weder Goethe, noch Geßner, noch +Matthias Claudius, noch Gryphius, noch Günther, noch Walter von der +Vogelweide mehr), kurz, ich meine: er wird erschüttert das Gedicht für +einen Gipfel der expressionistischen Lyrik erklären (während ihm die +Verse: »Ich komme bald, ihr goldnen Kinder« nur ein mitleidiges Lächeln +entlocken), und er wird auf Werfel als Verfasser raten. Der +Expressionismus, das heißt: die Ekstase als These, der Schrei des +Herzens als oberstes Prinzip, und in der Form: das Schleudern +erratischer Blöcke, das ist nicht erst von heute. Das haben Goethe, +Hölderlin, Klopstock schon gekonnt. (Und gar die Griechen und Chinesen: +Pindar, Li-taipe --!) Auch eine beliebte Spielart des heutigen Dichters, +der politische Dichter, findet sich schon vorgebildet 1770 in einem +Gedicht des Schweizer Lyrikers Salis-Seewis »An die Unterdrückten aller +Länder«, das Hasenclever geschrieben haben könnte (ganz zu schweigen von +der politischen Dichtung der 48er Jahre, von der noch die Rede sein +wird): + + Ihr Märtyrer für Menschenwürde, + Vertraut der Wahrheit und der Zeit. + Vergänglich ist des Druckes Bürde, + Doch ewig die Gerechtigkeit! + +Diese kleine Abschweifung schien mir notwendig. Vor allem auch für den +Teil des heutigen Lesepublikums, der der jüngsten Dichtung mit +Achselzucken, Lächeln und Überhebung gegenübersteht, unter Berufung auf +den klassischen Maßstab. Dieser Maßstab ist falsch. Die heutige Dichtung +der Expressionisten ist nicht unverständlicher oder absonderlicher als +irgendein hymnisches oder ekstatisches Gedicht von Goethe, mit dessen +Grundformen sie sich berührt. Dutzend ihrer Einzelerscheinungen sind +läppisch oder unerfreulich. Dies darf nicht hindern anzuerkennen, daß +ihr Kern so echt ist wie der jeder echten Dichtung. Daß sie als Reaktion +auf den Mechanismus und Rationalismus der Zeit vor dem Kriege historisch +notwendig war und ist. Und daß sie die Unterstützung durch das Volk +braucht und verdient. Wir stehen heute kulturell in einem Wellental. Nur +dann wird auch die deutsche Dichtung, die zweifellos seit der tristen +Zeit von 70 wieder im Aufschreiten ist, zu einem neuen Gipfel kommen, +der jenseits von Im- und Expressionismus, jenseits aller Ismen liegen +wird, wenn sie getragen wird von Förderung und Zuruf der Mitlebenden, +vom Vertrauen und Verständnis des Volkes. Denn wo eins das andere +nicht mehr begreift, da geraten sie beide auf Irrwege. Lest Bücher, +Deutsche, lest die Bücher eurer Dichter, und ihr werdet glücklicher und +manchmal glücklich werden. Und vergeßt nicht die Bücher jener Dichter zu +lesen, die in eurer Zeit, die eure Zeit leben: der Jungen, die sich nach +eurer Gemeinsamkeit sehnen, der Alten, denen euer herzliches Mitgefühl +die alternde Brust wärmt. + +Wir kommen von Goethes Lyrik; wir wollen wieder zu ihr zurück. Immer +wieder wollen wir zu ihr. Denn jeder Gang zu ihr ist wie ein Heimweg ins +Vaterhaus. Mit dem vielleicht herrlichsten Goetheschen Gedicht, dem Lied +des Türmers, sind wir mitten im »Faust«, der rundesten Ballung, der +beseeltesten Verdichtung des deutschen Wesens. Durch dieses Drama +schreitet der Dichter selbst in tausend Gestalten: er ist der junge +Doktor Faust, der im sinnierenden Gespräch Sonntags vor dem Straßburger +Tor spaziert, und doch die Augen so weit offen hat, die hübschen +Sonntagsmädchen zu betrachten. Es ist Goethe, der mit seinen +Kommilitonen Frosch und Brander im Leipziger Ratskeller soff, bis er +unter den Tisch fiel. Es ist Goethe, der Friederike-Gretchen verführt, +der der Walpurgisnächte viele in Thüringen und im Harz erlebte, der als +Minister am Hof des Kaiser-Herzogs wirkte, und der endlich als Philemon +einen Greisenabend beschließen darf in der seligen Gewißheit, daß er die +Ernte bis zum letzten Halm in die Scheuer gebracht. Die Idee des Faust +ist die Idee des Menschen schlechthin. Aus dumpfem Dunkel steigt er +empor ins Licht. Mögen Wolken es oft verschatten, mag der Wanderer auf +dem steilen Wege straucheln: nur nicht müde werden, nicht nachlassen, +aufwärts, vorwärts, aufwärts. Der Weg -- das ist das Ziel. Der Wille -- +das ist der Zweck. + + Wer immer strebend sich bemüht, + den können wir erlösen, + +singen die Engel in der höheren Sphäre, Fausts Unsterbliches tragend. +Wer je auf einer Puppenbühne, wie sie in den bayrischen Messen noch +umherziehen, das alte Puppenspiel vom Doktor Faust in fast +ursprünglicher Form gesehen hat, wird wissen, wieviel Goethe ihm +stofflich und kompositorisch verdankte. Er hat den Kasperl, im +Puppenspiel Diener des Faust, aus seinem Spiel eliminiert und seine +Rolle Mephistopheles übertragen. Trotz Goethe besteht dieses Puppenspiel +künstlerisch noch heute jede Kritik. Eulenspiegel (Kasperl) und Faust: +den komischen und tragischen Charakter des deutschen Wesens +nebeneinander zu stellen: ist ein Beweis für die naive Genialität des +Puppenspieldichters, der seinerseits auf dem 1587 erschienenen Volksbuch +von Doktor Faust und den Fastnachtsspielen des Mittelalters fußt. -- In +»Götz von Berlichingen« (1773 erschienen) schrieb Goethe nach +shakespeareschem Muster das erste Szenendrama und löste den strengen +Aktbau eines Lessing in viele lebendige Einzelszenen, deren Lichter in +der Schlußszene zu einer großen Flamme zusammenlohen. Der »Egmont« (1788 +erschienen) zeigt Verwandtschaft mit dem Götz in Szenenführung und +Charakterisierung. Durch seine sittliche Kraft erhebt sich der +Unterlegene (Egmont) über den tyrannischen Sieger (Alba). Die Liebe +Egmonts zu einem kleinen Bürgermädchen anticipiert die Liebe Goethes zu +Christiane. In dem opernhaften letzten Bilde erscheint ihm auf dem Wege +zum Schaffot die Geliebte, die Insignien der beiden hehrsten Ideale: +Liebe und Freiheit, in ihren Händen haltend. -- Neben dem Faust gebührt +der »Iphigenie« unter den Goetheschen Dramen der Kranz. Das Gretchen im +Faust ist ein einfaches Kind voll unbewußter Reinheit und +Jungfräulichkeit, in Iphigenie wird die Reinheit sich bewußt +und lauterster Wille und durchdachteste und durchfühlteste Wahrheit. +Lieber Arges leiden als Böses auch nur denken, auch das Beste nicht +durch Lüge erreichen wollen: ist das thematische Motiv. Sprachlich ist +das Werk von der ersten bis zur letzten Zeile vollkommen. Die schönsten +Jamben der deutschen Sprache erklingen, und sollten deutsche Dichter je +einmal wieder Jamben schreiben wollen: sie mögen zuerst die Iphigenie +lesen, und sie werden es schamvoll bleiben lassen. Das Drama »Tasso« ist +der »Iphigenie« benachbart: stilistisch und geistig. Die Handlung soll +an einem mittelalterlichen Hof vor sich gehen: aber sie geschieht recht +eigentlich im Herzen des Dichters. Die Prinzessinnen sind nur Figuren +seiner eigenen Phantasie, und auch sein Feind Antonio kriecht aus einer +dunklen Ecke seines Gefühlslebens. »Iphigenie« und »Tasso« wurden von +der Nation ziemlich kühl aufgenommen: die Revolution in Frankreich hielt +die Welt in fieberhafter Spannung. Wir haben schon längst wieder eine +neue Revolution, die jener an Gewalt nicht nachsteht: der Befreiung des +Bürgers, die 1789 erfolgte, soll die Befreiung des Arbeiters folgen. +Aber alle Revolutionen überdauern wird das heilige Lächeln der Iphigenie +und der Schrei des Dichters im Tasso: + + Denn wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, + Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide. + +Denn hier geht es nicht um die Befreiung einer Klasse oder Rasse, +sondern um die Befreiung des Menschen. Goethe selber war kein +politischer Mensch in des Wortes strengster Bedeutung. In »Wilhelm +Meisters Lehr- und Wanderjahren«, dem groß angelegten Sittengemälde +seiner Zeit, wird das Verhältnis des Menschen zum Staat oder +Staatsbegriff nicht einmal gestreift. Das Theater steht im Mittelpunkt +des Interesses. Der Held entwickelt sich vom Theater zum Leben hin, vom +Schein zum Sein. Zarte und zärtliche Frauen, wie Philine und Mignon, +begleiten und befördern seinen Weg. Wie die Lehrjahre in ihrer +berstenden Fülle das prosaische Seitenstück zum Faust bilden, so die +»Wahlverwandtschaften« in ihrer Gedrungenheit und klaren Kürze das +Seitenstück zur Iphigenie. + +Goethe starb nach der Vollendung seines Faust im 83. Jahre am 22. März +1832. + + * * * * * + +Mit Heinse und Geßner bildet _Jean Paul_ (aus Wunsiedel, 1763-1825) das +Triumvirat der romantischen Prosadichter, von dem die heute lebenden +Deutschen so gut wie keine Ahnung mehr haben: sonst wären sie +bescheidener in ihrer Selbstkritik und im Glauben, wie herrlich weit +sie's gebracht. Jean Paul ist der größte unter den dreien, und einer der +größten deutschen Dichter überhaupt. Freilich, es ist nicht leicht, zu +ihm zu gelangen. Er hat sein Schloß mit Dornenhecken, Fallgruben und +Selbstschüssen umgeben. Sein Park ist von üppiger Wildnis. Gepflegte, +glatte Wege gibt es da nicht. Rehe grasen vor seinen Fenstern. Und die +Schwalben fliegen ihm ins Arbeitszimmer, und auf seiner Schulter sitzt, +wenn er schreibt, eine Dohle. An den Wänden hängen Spinnweben. Nachts, +wenn er im Garten wandelt, ist der Mond sein Gefährte. Seine +Gefährtinnen sind Elfen, die ihn umspielen und deren schönste ihn +menschlich liebt wie ein Mensch einen Menschen. Sie heißt Liane. Und da +der Mond nun zum Zenith steigt und die Bäume von seinem Glanze tropfen, +winkt sie leise den Genossinnen, und sie entschwinden, vergehen +strahlend im Mondstrahl. Sie zieht den Dichter ins Moos hinab, wo die +Leuchtkäfer zwischen ihren Küssen brennen. Und der Mond sinkt herab, und +die Sonne steigt herauf. Wie eine rote Rose erblüht sie zwischen den +Narzissen der Morgendämmerung. + +Jean Paul war im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts der berühmteste, +geliebteste und beliebteste deutsche Dichter. Zu seinen Füßen saßen die +schönsten Frauen, und sie seufzten und zerdrückten heimliche Tränen in +den Wimpern, wenn er ihnen aus seinem »Titan« und aus dem »Siebenkäs« +vorlas mit tönender Stimme oder zu ihnen über das Immergrün unserer +Gefühle sprach. Aber nicht nur die Damen lauschten ihm. Er hatte bei +aller Empfindlichkeit das sichere Bewußtsein der Grenzen unserer +Empfindungen, und der ewige Zwiespalt zwischen Wahrheit und +Wirklichkeit, er war auch ihm offenbar. Er überbrückte ihn mit seinem +Lächeln und seinem Gelächter. Seine komischen Erzählungen geben Kunde +davon. Jean Paul war ein glücklicher Mensch. Das Leben und die Liebe und +der Ruhm, er genoß sie in vollen Zügen. Seinem lyrischen Bruder im +Geiste: _Friedrich Hölderlin_ (aus Lauffen am Neckar 1770-1843), genannt +der Unglückliche, blieb alles dies versagt. Mit vollen Segeln wollte er +über die Wogen der Welt segeln. + + Wünscht ich der Helden einer zu sein, + Und dürfte es frei bekennen, + So wär ich ein Seeheld. + +Aber zerfetzt trieb sein Segel zurück. Er war zu schwach gewesen. Und +höhnisch sauste um seine Stirne der Sturm. Wer kannte ihn? Wer wußte, +wer er war? Schiller protegierte ihn so lange, als er schillerisch +dichtete. Als er begann, seinen eigenen Gesang zu singen, wandte er sich +von ihm. Im »Hyperion« blättert Hölderlin sein inneres Leben vor uns +auf. Er litt unendlich: unter seiner Liebe zu Diotima, unter seinem Haß +gegen die Gegenwart. Ganz schwang er sich aus ihr und lebte nur als +Vergangener oder Zukünftiger. Sein Volk begriff ihn nicht. Bittere Worte +fand er für die Deutschen, die bittersten, die ihnen wohl je von einem +Deutschen aus liebender Seele gesagt worden sind (im vorletzten Briefe +des Hyperion an Bellarmin). Als Hölderlin 1803 aus Bordeaux +zurückkehrte, wo er eine Hauslehrerstelle verwaltet hatte, erschien er +den Freunden verwirrt und auseinandergefallen. Er gab über das +Erlebnis, das ihn wie mit einem Eisenhammer auf die Stirn geschlagen +hatte, keine Auskunft. Diotima starb zehn Tage nach seiner Rückkehr. Er +mag im medizinischen Sinne wahnsinnig geworden sein. Er hat aber immer +eine tiefe Klarheit des Gefühls bewahrt und behalten. Es war ihm einfach +der Nabelstrang zerrissen, der ihn mit der Realität verband. Er schwebte +in den Wolken und wußte von dieser Erde nur noch gerade soviel, wie ein +verklärter Geist, der von ihr erlöst und nun auf eigenem Gestirn +wandelt. Die Gedichte aus seiner sogenannten Wahnsinnszeit gehören zum +Dunkelsten, aber zum Tiefsten, was aus der deutschen Lyrik entsprossen +ist: schwarze Rosen, Blumen der Passion. + + * * * * * + +Als die Klassiker ihre Tempelbauten errichteten, da kroch nach und nach +viel Winde und Efeu die dorischen Säulen empor: viel Epigonentum, das +den steilen Weg zum Himmel, den sie gestemmt, benutzen wollte. Es gab +aber auch Zimmerer und Maurer, die bauten trotzig ihre profanen Häuser +neben die Hallen der Hehren; können wir's nicht im großen, so wollen +wir's ihnen im kleinen gleich tun und wenigstens im kleinen eigen sein. +Oder sie bauten, wie die Klassiker nach oben in den Himmel, nach unten +in die Erde hinein: sie rissen die Erde auf und legten Stollen und Gänge +an: das Geheimnis des Dunkels und des Halbdunkels wurde entdeckt. Jene +waren Sonnen-, diese Goldsucher. Bei diesen Bergwerksarbeiten gelangten +sie dann nebenher zu allen möglichen Erkenntnissen, die sie nicht +gesucht hatten, die ihnen in den Schoß fielen. Sie lernten das Leben der +unterirdischen Tiere, der Engerlinge und Maulwürfe, beobachten und kamen +an den Ursprung mancher Wurzel. Dann und wann trafen sie mit ihrem +Spaten auf ein historisches oder prähistorisches Skelett. Sie brachten +es ans Licht und suchten es zu bestimmen. Und wenn sie auch keine +Entdeckung machten wie Goethe mit seinem Kieferknochen: sie entdeckten +die Lebendigkeit des Todes. Der Tod war ihnen, Novalis lernte es beim +Tod seiner Braut, der mädchenhaften Sophie von Kühn, begreifen, kein +rein tragisches Problem mehr: schicksalhaft verhängt, konnte er selbst +den Überlebenden beseligen; wie er den Toten vollendete, dem +Überlebenden auch zur Vollendung dienen. Die Menschen, die dem Leben von +der anderen Seite beizukommen suchten, das waren Romantiker. Es ist +klar, daß diese Umkehrung der Erdkugel, dies Auf-den-Kopf-Stellen der +Dinge und Begriffe, dies die Sterne auf die Erde Herunterholen in der +extremsten Fassung zum Paradoxon einerseits, zur Anbetung des Fragmentes +anderseits führen mußte. Weder Tieck noch Brentano sind der Versuchung +überspitzter Experimente entgangen. Einzig Novalis und Eichendorff, +jener der edelste und zarteste, dieser der kräftigste Schoß am Strauch +der Romantik, haben sich zur Vollendung entwickelt. Der Hang, mit sich +selber und den anderen Zwiesprache zu halten, mußte zur ernsten und +heiteren Geselligkeit führen, bei der die Frauen -- wie sollte es anders +sein? -- das große und das kleine Wort führten. Ohne _Bettina von Arnim_ +und _Rahel Varnhagen von Ense_ ist die Romantik nicht zu Ende zu denken. +Aus den Tiefen der deutschen Volkspoesie hoben _Arnim_ (aus Berlin, +1781-1831) und _Brentano_ (aus Ehrenbreitstein, 1778-1842) jene +wundervollen Volkslieder, die sie in des »Knaben Wunderhorn« sammelten. +Sie selber freuten sich wie Kinder daran -- und Kinder waren alle +Romantiker irgendwie und irgendwo, abgesehen von den würdigen Brüdern +Schlegel, den wissenschaftlichen Verfechtern der Theorie und (manchmal) +Spiegelfechterei. Bettina-Goethes »Briefwechsel mit einem Kinde« ist ein +typisches Produkt des romantischen Geistes: halb wahr, halb erfunden, +Dichtung und Wahrheit, tief echt -- und dennoch da und dort, der +Wahrheit zuliebe -- verlogen. Arnim und Brentano machte es einen +Heidenspaß, in des »Knaben Wunderhorn« eigene Gedichte einzuschmuggeln. +Wie Kinder erzählten sie sich auch mit Vorliebe Märchen oder ließen sie +sich von den Gebrüdern _Grimm_ (»Deutsche Kinder- und Hausmärchen«) +erzählen und schrieben Märchendramen. Im Märchen und im kleinen Liede +gelang ihnen ihr Schönstes, wenngleich sie auch im Romane rühmliche +Leistungen aufzuweisen haben. Sie träumten so gern und sangen sich +gegenseitig mit ihren Wiegenliedern in Schlaf. Und in ihren +Schlaf tutete der Nachtwächter Bonaventura: schön und schauerlich. Aber +sie hörten ihn längst nicht mehr. In ihren Träumen klagte die Flöte. Die +kühlen Brunnen rauschten. Golden wehten die Töne nieder. -- Hatte man +ausgeschlafen und ausgeträumt, ritt man am Morgen in die Landschaft, +speiste draußen in einem Dorf zu Mittag, tanzte mit den Dorfschönen und +traf sich abends zu gelehrtem Gespräch mit den Schlegels. Man +disputierte über die Shakespeareübersetzung _August Wilhelm von +Schlegels_ (aus Hannover, 1767-1845) oder über _Friedrich von Schlegels_ +(1772-1829) »Sprache und Weisheit der Inder«. Friedrich Schlegel sprach +mit Feuereifer über die östlichen Kulturprobleme, aber er hörte es nicht +gern, wenn man ihn an seinen erotischen Roman »Lucinde« erinnerte. Ganz +in der katholischen Welt ging _Novalis_ (Friedrich v. Hardenberg aus +Wiederstedt, 1772-1801) auf. Ihm war die Geliebte gleichbedeutend mit +der Madonna. + + Ich sehe dich in tausend Bildern, + Maria, lieblich ausgedrückt. + +In den »Hymnen an die Nacht«, der wahren Göttin der Romantik -- die +Klassiker hatten den Tag geliebt und gepriesen, die Sonne war ihr +Symbol, das Symbol der Romantiker: der Mond -- gab Novalis sein +Tiefstes. + + * * * * * + +Eichendorff und Hölderlin sind Nord- und Südpol der deutschen Lyrik. +Goethe ihre Erdmitte. Hölderlin: ein Einziger unter den Deutschen, der +hieratische Priester der heiligsten Empfängnis, der strengsten +Verkündigung: Kind und Greis. Anfang und Ende. Goethe: der Mann, +gewaltig schreitend, Flamme und Tuba. Eichendorff: das deutsche All im +Regenbogen. Herz des Jünglings im Sommerabend wie eine erste und letzte +Rose ausbrechend: durchblühend die Nacht bis zum Morgenrot. Eichendorff: +das Volkslied. Goethe: die Trilogie der Leidenschaft des geistigen +Menschen. Hölderlin: der Gottgesang. Wohl über ein halbes Hundert der +schönsten deutschen Gedichte ist der schwärmenden, unbeirrbaren Einfalt +des ewigen Jünglings _Eichendorff_ (1788 geboren auf Schloß Rubowitz in +Schlesien, gestorben 1857) gelungen. Darunter ein Dutzend der +allervollkommensten: »Zwielicht«, »Abend«, »Nachtgruß« -- so sind sie +überschrieben. Es ist die deutsche Sommernacht, welche zu tönen beginnt: + + Nacht ist wie ein stilles Meer, + Lust und Leid und Liebesklagen + Kommen so verworren her + In dem linden Wellenschlagen. + +Am Fenster lehnt ein junger Mensch und sieht hinaus in den milden Mond: +der schwebt wie eine goldene Träne an seinen Wimpern. Da klingt aus +weiter Ferne der Ton eines Posthornes -- zwei junge Gesellen wandeln +schattenhaft vorbei. -- + +Neben dem schlesischen Junker wurde auch ein preußischer Junker: +_Heinrich v. Kleist_ (aus Frankfurt a. O., 1777 bis 1811), vom +romantischen Geist ergriffen. Eine Beziehung zwischen der märkischen +Sandheide und dem romantischen Märchenland scheint sich kaum zu finden. +Kleist fand sie, indem er das Märchen realisierte. Den Traum +verwirklichte. Nüchtern raste. Einen Rausch der Sachlichkeit empfand. +Die Phantasie entzauberte. Bei ihm rauscht kein Brunnen in der +verschlafenen Sommernacht: sondern ein Krug geht zum Wasser -- bis er +bricht. (»Der zerbrochene Krug.«) Den intellektuellen Frauen der +Romantiker stellt er jene süße, kindliche, unwissende, reine Gestalt des +Käthchens von Heilbronn gegenüber: die liebt, weil sie lieben muß. Die +unerschütterlich an ihr Herz glaubt, das Gott ihr verliehen, und die +gekrönt war, längst ehe sie gekrönt ward. Welch ein Gegensatz zwischen +ihr und der rasenden Amazone Penthesilea, die den Pelion auf den Offa +türmen will, um den Himmel zu erreichen. Aber ihre Kraft erweist sich +als zu schwach. Die Berge bröckeln aus ihrer Hand, und schließlich +stürzen sie donnernd über ihr zusammen. Es ist die Tragödie der +grenzenlosen Forderung: alles oder nichts. Es ist die Tragödie des +Menschen, der über sich hinaus will, aber niemals über sich hinaus kann. +Penthesilea ringt mit den Göttern Griechenlands. Der »Prinz von Homburg« +mit dem preußischen Gotte der Disziplin. Pflichterfüllung bis zum +äußersten war dem Homburgischen Prinzen gesetzt. Er hat sie verletzt und +soll den Tod erleiden. Zuerst erscheint ihm der Tod als etwas +Unfaßbares, er bricht unter der Last der Furcht zusammen: aber es +gelingt ihm, sich emporzureißen, und das Gesetz der inneren Pflicht +erkennend, sich ihm freiwillig zu beugen. Er wird aus einem unfreien zu +einem freien Menschen. Die Todesnähe bringt ihm das wahre Leben der +sittlichen Notwendigkeit nahe. Er hat den Tod in sich überwunden, so +braucht er nicht mehr zu sterben. + + Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, + Befreit der Mensch sich, der sich überwindet. + +In die Hermannschlacht hat Kleist seinen Napoleonshaß gegossen. Wie +flüssiges Feuer durchbraust er das Drama. Er schäumt wie ein Wolf von +den Lefzen auf der Jagd nach dem napoleonischen Fuchs. Napoleon ist ihm +der Inbegriff der Tyrannei, der Ungerechtigkeit -- und nichts ertrug +Kleist weniger. In seinen lyrischen Haßgesängen (Germania und ihre +Kinder usw.) hat er alle Lissauers des Weltkrieges an Blutdurst, +Rachsucht und inbrünstigem Haß gigantisch übertroffen. Dieser +pathologische Haßausbruch ist nur aus Kleist's empörten und verwundetem +Gerechtigkeitsgefühl zu verstehen. Auch sein Michael Kohlhaas, der Held +der gewaltigsten deutschen Novelle, wird aus verletztem Rechtsgefühl zum +Mörder. + +Vom Märchen zum Traum, vom Traum zu den Geistererscheinungen ist nur ein +Schritt. Bei Geistern und Gespenstern kannte sich vortrefflich der +genialistische _E. Th. A. Hoffmann_ (aus Königsberg, 1776-1822) aus. In +der Komposition von Erzählungen hat er in Deutschland so leicht nicht +seinesgleichen. Vor dem Schlafengehen soll man sie nicht lesen. Man hat +leicht eine schlaflose Nacht und kommt am Ende dazu, sich vor sich +selbst zu fürchten. Solche Dämonen beschwört der unheimliche Zauberer +aus unserer eigenen Brust heraus. + + * * * * * + +Von Österreich, dem deutschen Sprachgebiet an der Donau, haben wir seit +der Zeit der Minnesänger wenig mehr gehört. Jetzt beginnt's auch in und +um Wien wieder lebendig zu werden. Sie präferieren die bunte Gaudi der +Romantik. Geister und Zwerge mitten zwischen den Menschen, das ist noch +was, das laß ich mir gefallen. Gehen Sie mir mit dem Wallenstein! Mit +solchen Leuten haben wir immer Pech. (Vide: Conrad Hötzendorff.) Ein +Geistertheater auf dem Prater, das ist billiger, kostet kein Blut und +unterhält und belehrt gleichzeitig. _Ferdinand Raimund_ (1790 bis 1865) +schrieb den Wienern solch scharmantes Geistertheater: »Der Alpenkönig +und der Menschenfeind.« Und des biederen und klugen _Nestroy_ +(1802-1862) Volksstücke! Das ist Österreichertum, herzlich und ironisch, +von der besten Seite. _Franz Grillparzer_ (1791-1872) nahm das +österreichische Problem (in »König Ottokars Glück und Ende«, »Ein treuer +Diener seines Herrn«, »Ein Bruderzwist in Habsburg«) tragischer. +Stofflich ein Romantiker, stilistisch eher ein Klassiker zu nennen, +teilte er seine Stoffe zwischen Österreich und Hellas (Sappho, eine +Dichtertragödie, dem Tasso nicht unebenbürtig -- Das goldene Vließ -- +Des Meeres und der Liebe Wellen, die holdeste deutsche Liebestragödie). +Der tschechischen Mythologie entnahm er sein tiefstes Werk: Libussa, den +alten Gegensatz zwischen Natur und Kultur behandelnd. Sein unerfülltes +Liebesleben mit der ewigen Braut, mit der er rang wie mit der Muse +selbst, hat viele Quellen in ihm verschüttet, die vielleicht +aufgesprudelt wären, wenn er am eigenen Leibe und eigener Seele Eros zu +tiefst verspürt hätte. + +Elegisch beschließt die österreichische Romantik _Nikolaus Lenau_ +(1802-1850), ein Deutschungar. Er starb wie Hölderlin im Wahnsinn, +nachdem er, mit dem Herzen eines Zigeuners und dem Munde eines +Deutschen, die melancholischen Lieder der Steppe und der Schilfteiche +gesungen. + + * * * * * + +Die Dichter der Befreiungskriege _Theodor Körner_ aus Dresden, +(1791-1813, »Leier und Schwert«), _Max v. Schenkendorf_ (aus Tilsit, von +1783-1817), _Ernst Moritz Arndt_ (von Rügen, 1769-1860) und viele andere +standen bei den Monarchen und ihren Lakaien, den Lesebuchfabrikanten, +lange in großem Ansehen. Ihre soldatische Lyrik diente nämlich dazu, die +wahren Motive und vor allem den Schlußeffekt der »Befreiungskriege« zu +verschleiern. In den Gedichten kämpfte der Soldat für Weib und Kind, für +Heimat und Herd, für die heiligsten Güter der Nation, in Wahrheit jedoch +für die Restitution der schwärzesten Reaktion, der Napoleon, Erbe der +Französischen Revolution und ein liberaler Geist gegen die +mittelalterlich verträumten oder verbohrten deutschen Fürsten, beinahe +ein Ende bereitet hatte. Dem Ende mit Schrecken (1806) folgte seit 1813 +der Schrecken ohne Ende. Das Versprechen der Verfassung wurde nicht +gehalten. Selbst die erprobtesten Patrioten, wie Turnvater Jahn und +E. M. Arndt gerieten in Auflehnung und Empörung. Sie forderten das +unverjährte Recht der Pressefreiheit und Verfassung und hielten der +aufsteigenden Jugend, die sich besonders betrogen glaubte, denn um sie, +um ihre Zukunft ging es, tapfer die Stange. Die freiheitliche Bewegung +der Jugend sammelte sich in der Burschenschaft und fand ihren imposanten +Ausdruck im Wartburgfest (1817). Sie wurde bald verboten und Männer wie +Arndt und Jahn verhaftet. Arndt wurde seiner Professur entsetzt. Was ist +aus der deutschen Studentenschaft, der Burschenschaft, einst Träger des +revolutionären deutschen Gedankens, geworden! Und was hat Deutschland zu +gewärtigen, wenn seine Jugend nicht erwacht? + + * * * * * + +Das Umsichgreifen der europäischen und insbesondere der deutschen +Reaktion seit dem Ende der »Freiheits«kriege rief die deutsche Jugend +auf den Plan zum Kampf um die persönliche und allgemeine Freiheit. Das +»junge Deutschland« stand auf und schleuderte von seiner Schleuder wie +weiland David Kiesel und Steine gegen den Goliath der Reaktion. Der aber +stand fest und lachte dröhnend, und der Kieselregen war ihm wie +Mückenschwärmen. Hin und wieder packte er sich einen kleinen David und +setzte ihn hinter Festungsmauern. Das »junge Deutschland« ist viel +angegriffen worden: mit Recht und Unrecht. Dichterisch sind die +Leistungen der politischen Lyriker um 48 meist recht armselig, _Herwegh_ +(aus Stuttgart, 1817-1875) einzig schwingt sich über die andern empor +»wie eine eiserne Lerche« (Heine). Aber man packte sie nicht bei der +Achillesferse ihrer dichterischen Leistung, man griff sie dort an, wo +sie unangreifbar waren: in der Gesinnung. Die politische Lyrik der +heutigen Zeit: des heutigen »jungen Deutschland«: Ehrenstein, Becher, +Hasenclever, hat viele Ähnlichkeit in den Tendenzen mit der damaligen, +wenngleich sie im Formalen gewichtiger geworden ist. Auch sie bieten im +Künstlerischen viele Angriffspunkte. Aber man hüte sich, wie eine +gewisse Kritik auch heute es übt, sie ihrer Gesinnung wegen im +Dichterischen zu beanstanden. Da sind sie wie jene unantastbar. Die +besten politischen Gedichte haben die gedichtet, die, wie Platen und +Heine, auch »nebenbei«, nämlich in der Hauptsache, reine Lyriker waren. +Sie opferten weder das Herz noch die gestaltende Kraft der politischen +These und Phrase. Die Dichtung untersteht der reinen Vernunft, jener +Göttin, die im absoluten Bezirke unbezwinglich thront. Politik und Kunst +können sich mischen, gewiß. Ihre Vereinigung zum Gesetz erhoben, heißt +Un-ding und Un-sinn zur Un-tat zwingen. Der Dichter hat die Pflicht, +Politiker zu werden: vermöge seiner geistigen und moralischen Kräfte, +angesichts seiner Stellung im Horizont der Menschheit. Er hat aber auch +die Pflicht, Dichter zu bleiben, d. h. mythischer Diener der +Wörtlichkeit und Künder des reinen Klanges. Herwegh ist gewiß eine +respektable Erscheinung, aber nur von 48er Ideologien, von dem Symbol +des politischen Dichters als des Dichters schlechthin gefangene +Schwarmgeister werden in ihm einen großen Dichter sehen. Er war ein +kleiner Dichter, aber immerhin ein Dichter. In seinen Versen rauscht die +schwarzrotgoldene Fahne und klirren die Sensen aufrührerischer Bauern. +Historisch sind die 48er Lyriker als die Träger des Revolutionsgedankens +von größter Bedeutung. Alle Revolutionen sind mehr oder weniger von +Literaten gemacht worden. Jahre und oft Jahrzehnte schon vor der +Explosion begannen sie, Bomben zu legen und zu minieren. Das menschlich +wie dichterisch fortreißendste Revolutionslied stammt von _Heinrich +Heine_ (aus Düsseldorf, 1797-1856): »Die schlesischen Weber«: + + Im düstern Auge keine Träne, + Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne: + Deutschland, wir weben dein Leichentuch, + Wir weben hinein den dreifachen Fluch: + Wir weben, wir weben! + +Um keinen deutschen Dichter ist so heftig der Kampf der Meinungen +entbrannt wie um Heine. Man hob ihn in den höchsten Himmel. Stieß ihn in +die tiefste Hölle. Man bleibe in der Mitte: lasse ihn auf Erden: hier +war sein Platz und wird es immer sein als der eines tapferen Soldaten +des Geistes und eines eigen- und einzigartigen Liedersängers. Er gehört +mit Goethe, Eichendorff, Mörike zu den Meistern des deutschen Liedes: +jener besonderen, dem Volksmunde entnommenen deutschen Dichtform, einer +Form, wie sie die Romanen nicht kennen. Schmerz und Lust, Tod und Liebe +sind die einfachsten Themen seiner einfachen Lieder. Laßt nur auf +Schmerz sich Herz, auf Tod sich Morgenrot reimen: es sind die schönsten +Reime, die man dazu finden kann. Man braucht sie gar nicht erst zu +suchen, sie sind schon da: sie sind als Reimpaare in der deutschen +Sprache und im deutschen Herzen zur Welt gekommen. Aber Heine singt +nicht immer so einfache Lieder. Zuweilen wird es ihm unerträglich, daß +jemand Fremdes aus seiner Seele lauscht. Er zerreißt die Saiten und die +Töne plötzlich. Dissonanzen schrillen. Oder er nimmt gar die Laute und +schlägt sie dem philisterhaften Greise, der ihn wie Susanne im Bade in +seiner Nacktheit belauscht, auf den hohlen Schädel und um die Ohren. +Diese ironischen Gedichte, gegen den Philister überhaupt und den +Philister in der eigenen Brust gerichtet, gehören zu den merkwürdigsten +Expressionen des menschlichen Pessimismus. Mit _Ludwig Börne_ (aus +Frankfurt, 1786-1837) und _Karl Gutzkow_ (aus Berlin, 1811-1878) +bekämpfte Heinrich Heine von Paris aus, wohin er aus dem gastlichen +Deutschland geflüchtet war, »die Tyrannen und Philister«. Diesen Kampf +vom Ausland her (man warf ihm, genau wie während des Weltkrieges den +deutschen Emigranten in der Schweiz, vor, daß er mit vergifteten Pfeilen +Deutschland in den Rücken schieße) hat man ihm besonders übel genommen, +und ganz besonders übel seine Stellung zu den Hohenzollern. Er erwies +sich aber in seinen politischen Bemerkungen und Schriften (»Französische +Zustände« usw.) als Politiker von untrüglichem Instinkt und +adlersicherem Blick. Man höre, wie er in der »Lutezia« die europäische +Zukunft beurteilt. Er prophezeit ein großes »Spektakelstück«, den +»gräßlichsten Zerstörungskrieg« zwischen Deutschland und +England--Frankreich--Rußland. »Doch das wäre nur der erste Akt des +großen Spektakelstückes, gleichsam das Vorspiel. Der zweite Akt ist die +europäische, die Weltrevolution, der große Zweikampf der Besitzlosen mit +der Aristokratie des Besitzes, und da wird weder von Nationalität, noch +von Religion die Rede sein: nur ein Vaterland wird es geben, nämlich die +Erde, und nur einen Glauben, nämlich das Glück auf Erden ...« + +Heine war nicht nur Dichter, er war vor allem Schriftsteller. Als +solcher hat er unter- und überirdisch eine Wirkung ausgeübt, die nicht +leicht überschätzt werden kann. Er ist der Prototyp des +Zeitungskorrespondenten: der erste europäische Journalist und +Feuilletonist. Daß seine Wirkung nicht nur heilsam war: wollen wir's ihm +ankreiden oder nicht vielmehr seinen törichten und anmaßenden Epigonen? +Freilich, auch er ist gestrauchelt: in so mancher seiner privaten +Polemiken (gegen Platen z. B.). Er hat dies und vieles mehr gebüßt in +seiner »Matratzengruft« in jahrelangen Leiden, die ihn ans Bett +fesselten und zum langsamen Tode verurteilten. Er nannte sich selber der +»Arme Lazarus«. Und unter den Lazarusgedichten finden sich seine +echtesten und ergreifendsten Gedichte. Alle seine Schmerzen legte er in +ihnen bloß. Er war schon lange des Lebens müde geworden. Die vielen +Frauen, die ihn geliebt hatten, waren von ihm gegangen. Geblieben war +bei ihm sein »dickes Weib Mathilde« und eine kleine letzte Freundin: die +Mouche, wie er sie nannte, die Fliege. Aber sie vermochte nur selbst zu +fliegen, ihm selber konnte sie das Fliegen nicht mehr beibringen. Er war +so sterbensmüde geworden: + + Gut ist der Schlaf, der Tod ist besser -- freilich + Das Beste wäre nie geboren sein. + +Und oft sprach er vor sich hin, wenn niemand ihn hörte: + + Der Tod, das ist die kühle Nacht, + Das Leben ist der schwüle Tag, + Es dunkelt schon, mich schläfert ... + + * * * * * + +Über den sogenannten schwäbischen Dichterkreis sind wir mit Heine einer +Meinung. Die schwäbischen Dichter, unzählbar wie der Straßenstaub in +Stuttgart, zeichnen sich durch eine betonte Philisterhaftigkeit aus. +Wenn ihrer trefflichen, wohlgerundeten Gattin sonntags die Klöße oder +die Spätzle nicht recht gerieten, dann ziehen sie die Stirne kraus, die +Adern schwellen, und auf dem Kopf die Nachtmütze zittert vor Erregung. +Sie laufen erregt durchs Zimmer und stolpern wohl über die Quasten und +Bommeln ihres Schlafrockes. Und sind erst beruhigt, wenn Mutter die +Pfeife stopft und einen extra guten Kaffee zum Nachtisch kocht. Da +schwellen die Adern ab, die Nachtmütze beruhigt sich. Die Jüngste bringt +ein blaues Schreibheft von Vaters Schreibtisch, die Älteste Tinte und +Gänsekiel. Und, bewacht und betreut von den Seinen, beginnt Vater zu +dichten. _Ludwig Uhland_ (1787-1862) ist in Tübingen geboren, und der +Geist dieser kleinen Wald- und Universitätsstadt war der seine. Ernste +Wissenschaftlichkeit in den grauen Hörsälen, das heitere Spiel der +Wolken und Winde über den bebäumten und wiesengrünen Hügeln. Und wie in +den Gasthäusern der Dörfer rings um die Studentenstadt die Rapiere der +schlagenden Verbindungen klirrten, so stand Ludwig Uhland ewig auf der +Mensur für »das gute alte Recht« des Volkes, für Deutschtum und +Demokratie gegen die kleinliche Tyrannei der kleinen Fürsten. Er wurde +1848 als Vertreter der demokratisch-großdeutschen Fraktion in das +Frankfurter Parlament gewählt, nachdem er schon 1833 seine Tübinger +Professur für deutsche Literatur wegen politischer Differenzen mit der +württembergischen Regierung niedergelegt hatte. Seine eigentliche +poetische Produktion fällt in die erste Hälfte seines Lebens. Da sang er +jene schönen Lieder, die längst in den Volksmund übergegangen sind: »Ich +hatt' einen Kameraden« und Balladen wie »Das Glück von Edenhall«. Als +Balladendichter ist neben Uhland der Schlesier _Moritz Graf Strachwitz_ +(1822-1847) hervorzuheben, der mit Günther, Büchner, Hauff zu jener +edlen Reihe jung verstorbener deutscher Dichterjünglinge gehört, die der +schwärmerischen Liebe ihres Volkes immer gewiß sein werden. Die Ballade +nach der komischen Seite hin bearbeitete in lustigen gereimten Schwänken +der weinselige _August Kopisch_ (1799-1853), dessen »Heinzelmännchen« +wir als Kinder mit brennenden Augen, dessen »Historie von Noah« wir als +Studenten mit weinfeuchten Augen lasen. Der alte Kopisch saß mit seiner +roten Nase in unserer Korona auf dem Schloßberg von Heidelberg, hob mit +der einen Hand den goldgefüllten Römer, mit der anderen den Zeigefinger +und sprach warnend: »Trinkt kein Wasser, Kinder! Ihr kennt die +Geschichte von der Sintflut? Trinkt kein Wasser, + + dieweil darin ersäufet sind + all sündhaft Vieh und Menschenkind ...« + +Daß der leichtblütige und leichtsinnige Kopisch der beste Freund des +schwermütigen und schwerblütigen Grafen _Platen_ (aus Ansbach, +1796-1835) war, mag nachdenklich stimmen. Aber vielleicht hatte Platen +Kopisch nötig wie Kopisch -- den Wein. Um sich in der Misere seines +Lebens mit Heiterkeiten hin und wieder zu betrinken. Platens Schicksal +war die Männerfreundschaft und Knabenliebe. Er suchte Adonis, ohne ihn +zu finden. Seiner inbrünstigen Sehnsucht nach einem Echo seines Herzens +verdanken wir die schönsten deutschen Sonette. In Syrakus ist er +gestorben, vielleicht, wie er einst sang, im Arme des endlich gefundenen +Götterjünglings. + + * * * * * + +Es gibt ein Wort: Nur wer wahrhaft schlecht gewesen ist, kann wahrhaft +gut werden. Buddha selber muß in einem früheren Leben einmal ein Mörder +gewesen sein. Niemand sehnt sich so brennend nach Erlösung wie der +Unreine, der Verfehmte, wie der Verbrecher, der seines Verbrechens sich +bewußt wird. _Friedrich Hebbel_, ein Bauernsohn aus Dithmarschen +(1813-1860), war vielleicht das, was man einen bösen Menschen nennt. +Von Dämonen gehetzt brach er, ein verhungerter Wolf, an dem man jede +Rippe einzeln zählen konnte, in die Lämmerweide der deutschen Dichtung +ein. Jedes Mittel war ihm recht, seinen geistigen Hunger zu stillen. Er +schlug Eide in den Wind und verriet Frauen, die ihn liebten, und ohne +die er krepiert wäre -- um der Idee zu dienen. Er war ein armer +Schächer, ans Kreuz dieses Lebens geschlagen. Er häufte Schuld auf +Schuld -- und wußte darum und litt darunter. Die erschütterndste +Tragödie, die er schrieb, ist sein Leben. Wir leben es erschüttert mit, +während wir die Dramen, die er schrieb, nur staunend respektieren. +Lieben können wir den Menschen Hebbel. Den Dichter wollen wir +ehrfurchtsvoll salutieren. Am liebenswürdigsten zeigt er sich noch in +seinen Gedichten. Es ist psychologisch beachtenswert, daß Hebbel selbst +seine Lyrik für seine bedeutendste dichterische Leistung hielt. Er +selbst konnte wohl gedanklich, aber gefühlsmäßig mit seiner wie ein +Eisengerüst konstruierten Dramatik nicht mit. Seine Logik überspitzte +sich (in Maria Magdalena, in Agnes Bernauer). Er verfolgte ein Problem +noch über seine Lösung hinaus und bewies dadurch, daß ihm das Problem an +sich wichtiger war als das Leben, welches die Probleme stellt. Seine +Dramen sind alle irgendwie erstaunlich, man muß, wie der Wärter im +zoologischen Garten auf sonderbare Tiere, mit dem Stock darauf zeigen. +Seine Nibelungentrilogie ist eine Monstrosität. Der Vollendung am +nächsten kommt vielleicht sein Jugendwerk »Judith«, in dem das Problem +des Zwiespalts zwischen Neigung und Pflicht, zwischen Sinnlichkeit und +Sinn, zwischen ethischer Forderung und menschlicher Schwäche klar +gestellt und klar beantwortet wird. Die Witwe von Bethulia nahm eine +Aufgabe auf sich, der sie als Mensch zwar, doch nicht als Weib gewachsen +war. Das ist ihre Tragik. Hebbel nahm eine Aufgabe auf sich, der er als +Denker zwar, doch nicht als Dichter gewachsen war. Das ist seine Tragik. +Sein Antipode, aus ähnlich niederem Milieu entwachsen, _Christian +Dietrich Grabbe_ (1801-1836), Sohn eines Zuchthausaufsehers in Detmold, +wollte weniger -- aber konnte mehr. Er empfing seine ersten Eindrücke, +wenn er im Zuchthause spielte und die Gefangenen wurden zum Spaziergang +an die frische Luft geführt. Zwei und zwei, zwischen grauen Mauern, den +grauen Himmel über sich, umschritten sie schweigend in ihren +Anstaltskleidern das vorgeschriebene Kreisrund, bis die Zeit erfüllet +ward. Seine Dramenhelden: der Herzog von Gothland, Napoleon, Hannibal, +haben alle etwas von Zuchthäuslern, die an den Stäben ihres Gefängnisses +rütteln: vergeblich. Der Zwiespalt zwischen Idee und Wirklichkeit +scheint unentrinnbar. Der hehrste und heiligste Wille wird in den Staub +gezogen: Achilleus schleift Hektors Leiche an seinem Wagen um die Mauern +von Troja ... Immer fällt Hektor, der Anwalt der reinen Idee, und immer +siegt Achilleus, grobschlächtig und protzig, weil er die Macht und die +realen Dinge hinter sich hat. Die tiefste Tragödie freilich spielt sich +im Herzen des Menschen ab. Grabbes Stauffendramen (Heinrich VI., +Barbarossa), vor allem aber Napoleon und Hannibal nähern sich der durch +Faust und Wallenstein bezirkten großen Tragödie. Dieser Hannibal ist ein +ungeheuerlicher Bursche. Eine riesige Termite, die in der winzigen +Ameisenwelt, ein Held, der unter den Händlern zugrunde gehen muß. In +»Don Juan und Faust« machte Grabbe den kühnen Versuch, den germanischen +und den romanischen Typus nebeneinanderzustellen. Sein Lustspiel +»Scherz, Ironie, Satire und tiefere Bedeutung«, in dem der Autor voll +romantischer Ironie höchstpersönlich nicht ohne tiefere Bedeutung +auftritt, bildet in seiner bäuerlichen und teuflischen Derbheit ein +Gegenstück zu _Georg Büchners_ zartem und schwankem Schwank »Leonce und +Lena« mit seinen zerbrechlichen Figuren und Kontroversen. Georg Büchner +(aus dem Darmstädtischen, 1813-1837) konnte aber auch anders als sanft +lächeln oder vertrottelt disputieren. Wie einen erratischen Block +schleuderte er sein französisches Revolutionsdrama »Dantons Tod« von +sich. Auch in seiner von Gutzkow überlieferten Gestalt (die Urform ging +verloren) gehört es zu den mächtigsten deutschen Dramen: hier ist +erstmalig, wie später erst wieder bei Gerhart Hauptmanns »Webern«, ein +ganzes Volk der Held. St. Just, Robespierre, Danton sind seine +Exponenten. Den Streit aller Revolutionen zwischen Individualismus und +Kommunismus entscheidet der einzige Richter, der ihn zu entscheiden +vermag: der Tod. Er lenkt die Guillotine, die heute Dantons Haupt frißt, +die morgen das Haupt Robespierres fressen wird, bis übermorgen Napoleon +sie von der Bühne des Welttheaters entfernt. Für eine Weile ... Er hat +andere Requisiten und Maschinen, die nicht weniger exakt und blutig +arbeiten: Kanonen und Mitrailleusen. -- Im Wozzek, der Fragment +geblieben ist, knüpft Büchner an Lenz an (dem er eine schöne Novelle +gewidmet hat). Die bürgerliche Tragödie, die Hebbel mit der Maria +Magdalena schreiben wollte, sie gelang, selbst im Fragment, Büchner mit +seinem Wozzek. Vom Wozzek läuft die Tradition zu Wedekind, der von +niemand mehr gelernt hat als von diesem Büchnerschen Aphorismus. Auch +als politischer Revolutionär ist Büchner von eminenter Bedeutung. Seine +Botschaft »Friede den Hütten. Krieg den Palästen!« ist das flammendste +deutsche revolutionäre Manifest überhaupt. Büchner starb zehn Jahre zu +früh. Er wäre der gegebene Führer der 48er Revolution geworden. Er wurde +nur vierundzwanzig Jahre alt. Ein Jahrhundert hat der Heldentod des +Jünglings Theodor Körner, der ein guter Soldat, aber ein schlechter +Trompeter war, das Heldenleben des Jünglings Georg Büchner völlig +verdunkelt. + + * * * * * + +_Heinrich Laube_ (aus Sprottau, 1806-1884) schlug die dramatische Pauke, +daß einem Hören und Sehen verging. Sein »Graf Essex« war das erste +Theaterstück, das ich als Knabe auf der Schmierenbühne einer märkischen +Kleinstadt sah. Niemals mehr hat ein Drama einen solchen Eindruck auf +mich gemacht. Ich sehe noch immer den schlotternden Essex im Kerker +sitzen und höre auf einem vom Bäcker geborgten blechernen Kuchenteller +zwölfmal die Stunde des Gerichtes schlagen. Alle Schauer jagen mir im +Gedächtnis daran über den Rücken, und ich drücke den vereinigten +Geistern von Laube und Essex pietätvoll und gerührt die Hand. Zu meinen +erfreulichsten Jugenderinnerungen aus dem Gebiete der Literatur gehören +auch _Willibald Alexis_ (aus Breslau, 1798-1871), in den +Schullesebüchern immer mit dem homerischen Beinamen »der Vortreffliche« +geehrt, welcher nicht undichterische historische Romane aus meiner +engeren Heimat schrieb: »Die Hosen des Herrn von Bredow«, »Der Roland +von Berlin«, und _Wilhelm Hauff_ (aus Stuttgart, 1802-1827), in den +Schullesebüchern ein wenig zärtlich, aber auch ein wenig von oben herab, +»der Jugendliche« genannt. Zu der Geste des Von-oben-herab ist bei ihm +nun keine Veranlassung. Er ist kein großer Dichter: zu den Klassikern +haben ihn nur die Fabrikanten von Klassikerliteratur gemacht: denen +genügen Schiller, Goethe, Kleist aus Geschäftsgründen nicht, die +Brautpaare verlangen beim Heiraten zur Komplettierung ihrer +Wohnungseinrichtung eine ganze Klassikerausstattung: dazu gehören denn +auch vor allen Dingen Theodor Körner und eine ganze Anzahl völlig +unmöglicher und verstaubter alter Herren, wie Gaudy, Gutzkow usw. Hauff +ist nun ganz und gar nicht verstaubt. Er ist kein großer Dichter, aber +ein Erzähler von prachtvoller novellistischer Begabung, wie seine +Märchen und Novellen beweisen. Ein Glanzstück unserer novellistischen +Poesie gelang einem Franzosen: _Adalbert v. Chamisso_ (aus der +Champagne, 1781-1838) mit seinem Peter Schlemihl, dem Mann, der seinen +Schatten verkauft hat. Peter Schlemihl ist eine sinnbildliche und +sprichwörtliche Figur geworden. Ich weiß allerdings nicht, ob er auf +meine Mitbürger noch viel Eindruck macht. Sie sind ja längst gewohnt, +nicht nur ihren Schatten, sondern auch den Schatten ihres Schattens, und +die Sonne, die den Schatten hervorruft, zu verkaufen. Ja, sie verkaufen +sogar Peter Schlemihls wundersame Geschichte, statt sie einem jeden +gratis ins Haus zu bringen, als Luxusdruck zu 300 Mark und mehr. Armer +Schlemihl! Hättest du zur Subskription auf dich selbst einladen können: +du hättest deinen Schatten nicht zu verkaufen brauchen! Aber du hast es +eben nicht verstanden, dein Geschäftsinteresse wahrzunehmen. Dies +verstand auch _Adalbert Stifter_ nicht (aus dem Böhmerwald, 1805-1868), +der zarte Pastelle und gestrichelte Federzeichnungen nach der Natur auf +kleine weiße Blätter malte und zeichnete. Die Blätter sammelte er und +gab ihnen dann (wie wenig geschäftstüchtig war er doch!) so unscheinbare +Namen wie: »Studien«. Wer in den Sommerferien in den bayerischen Wald +reist und läßt Stifters Erzählungen, vor allem den Hochwald, zu Hause, +der verdient es nicht, Sommerferien im bayerischen Wald zu erleben. +Reist er aber nach Westfalen, so muß er sich den »Oberhof« von _Karl +Immermann_ (aus Magdeburg, 1796-1840) in den Rucksack stecken, oder, +falls er über Zeitbedingtes hinwegzulesen versteht, den ganzen +»Münchhausen«. Auch darf er von Immermann die tiefsinnige Mythe +»Merlin«, die Tragödie des Widerspruchs, nicht vergessen. Wenn der dem +Dichter hoffentlich geneigte Leser auch den Widerspruch nicht lösen +sollte -- was tut's? Begreift er Goethes »Geheimnisse«? Oder Hölderlins +letzte Gedichte? Oder die Oden von Pindar? Muß denn alles so +verständlich sein wie ein Gespräch über die teuren Zeiten im +Kaufmannsladen? Nicht jeder ist ein Alexander, nicht jeder vermag den +Gordischen Knoten derart gewalttätig mit dem Schwert zu lösen, und +manchmal tut's nicht einmal gut, die Lösung mit dem Schwert, meine ich, +wie =exempla docent=. + + * * * * * + +Abseits von allen Zeitstürmen saß in Kleversulzbach in Schwaben unter +der Pfarrhauslinde, behaglich seine lange Pfeife rauchend, im bunt +geblümten Schlafrock mit den goldenen Quasten: _Eduard Mörike_ +(1804-1875). Wie Büchner von Körner, so ist sein helles Gestirn von der +Wolke eines Geibel beschattet worden, und bis ans Ende des 19. +Jahrhunderts haben wenige gewußt, was hinter dem biederen Pfarrer von +Kleversulzbach steckt. _Ferdinand Freiligrath_ (aus Detmold, 1810-1876), +und _Friedrich Rückert_ (aus Schweinfurt, 1788-1866), um noch die besten +zu nennen, blendeten die deutsche Leserwelt mit ihrer Exotik voll +ungewöhnlichen lyrischen Farbenreichtums. Der Allerweltsepigone Geibel +und die Geibelepigonen versüßlichten den Geschmack des deutschen +Publikums vollends, so daß es an einem klaren Trunk, wie ihn Mörike +kredenzte, keinen Geschmack mehr fand. Zu alledem schrien dem deutschen +Volk die politischen Dichter noch die Ohren voll, Herwegh an der Spitze, +bescheiden wie sie immer sind, traten sie trompetend vor ihre +Jahrmarktsbude und schrien: »Nur immer hereinspaziert, meine +Herrschaften! Wir haben die einzig echte, die einzig wahre, die +politische Kunst gepachtet!« Sie hatten eine Menge Zulauf. Auch +Freiligraths wohlassortierte Menagerie, in welcher der Wüstenkönig, der +Löwe, die Hauptattraktion bildete, und wo ein waschechter Mohrenkönig an +der Kasse saß, wurde überlaufen. Der Blumenstand, an dem die Muse selbst +Mörikes Feldblumen oder auch Rosen und Nelkensträuße feilhielt, wurde +nicht beachtet. Eduard Mörike hatte mit einer Paraphrase des Wilhelm +Meister: dem Roman Maler Nolten, begonnen, der nicht ohne Eindruck +blieb. Mit Gottes Wort, das Gott ihm selber in den Mund gelegt, mit +seinen Gedichten predigte der Kleversulzbacher Pfarrer lange tauben +Ohren. Seine Verse sind nicht gemeißelt wie die Hölderlinschen, nicht in +der Trunkenheit herausgebrüllt wie die Güntherschen, nicht ziseliert wie +die Heineschen, geflötet wie die Platenschen: sie fielen wie reife +Früchte vom Baum in seinen Pfarrhausgarten. Sie sind nicht erkünstelt, +nicht erzwungen: sie sind rund und vollendet und duften wie reife Äpfel. +Der Sonnenblume gleich stand sein Gemüt offen. Er brauchte in seiner +friedlichen Seele keine Schlachten zu schlagen wie Hebbel. Nur schwach +schwankte die Schale zwischen Lieben und Leiden. Seine Phantastik +schweift milde wie ein Sommervogel in seinen Erzählungen (Mozart auf der +Reise nach Prag) und Märchen. Er erschreckt nie. Seine Schauergeschichten +machen lächeln. Und wenn er dunkel ist, so ist er dunkel wie eine +Sommernacht in Kleversulzbach, warm und besternt, und wir wissen, daß +die Morgenröte nicht fern ist. Dann werden wir mit dem Kleversulzbacher +Pfarrherrn und seinem Küster auf den Kirchturm steigen. + + * * * * * + +Die Schweizer hatten sich mit dem Fabeldichter Ulrich Boner, mit Bodmer, +Breitinger und vor allem mit Geßner schon vorteilhaft in die deutsche +Literatur eingeführt, als sie mit _Jeremias Gotthelf_ (aus Murten, 1797 +bis 1854) einen Haupttreffer machten. Was sind das für Kerle, die +Schweizer Bauern und Bäuerinnen des Pfarrers Bitzius aus dem Emmental. +Auf angeerbter Scholle sitzen sie: derb, treuherzig, fromm. Kein Falsch +ist an ihnen und kein Flitter. Ihr Wort: eine Enzianblüte im Gebirge. +Die Schweizer können aber nicht nur bäuerisch derb, sie können auch +städtisch, =à la mode= oder historisch gekleidet daherstolziert kommen, +wie Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer beweisen. + +_Gottfried Keller_ (aus Zürich, 1819-1890) läßt seinen »Grünen Heinrich« +in der Tracht aufmarschieren, die Grimmelshausen, Heinse, Goethe in die +deutsche Literatur eingeführt haben: jeder mit etwas anderem Schnitt. +Das Problem der Entwicklung beherrscht den »Grünen Heinrich« auf seinen +tausend Seiten: so gut wie Simplex, wie Ardinghello, wie Wilhelm +Meister ist er auf dem Wege zu sich selbst. Der Weg, der zu einem selbst +führt, ist nun nicht so bequem wie die Chausseen bei Kopenhagen, wo alle +fünf Minuten, an jeder Wegbiegung, eine Tafel steht: nach da und nach da +und nach da: man kann nicht fehlgehen. Wie steht es hingegen mit den +Wegen zu sich? Da gerät man auf allerlei Nebenpfade, in Gestrüpp, +Wolfsgruben, auf fremden Besitz, und man muß froh sein, wenn man +schließlich am Abend die Herberge findet und auf der harten Ofenbank +schlafen darf. Man weiß manchmal wirklich nicht, ob man das Rechte +trifft, wenn man z. B. Maler- und Anstreicherlehrling wird. Und +schließlich wendet sich doch alles zum Rechten, denn man bringt von der +Malerei ein unverlierbares Gut im Felleisen heim: die Kraft der +lebendigen Anschauung aller Dinge. Es kommt für den Dichter +nicht darauf an, die Gedanken zu Ende zu denken, sondern auch den +Erscheinungen bis ins Herz zu sehen, sie zu durchschauen. Als wäre der +Mensch ein Stück Glas. Solches konnte Gottfried Keller. Und weil er eine +so klare Anschauung von den Menschen hatte, deshalb gerieten sie in +seinen Novellen so klar und durchsichtig. Diese Novellen, gesammelt in +den Büchern »Die Leute von Seldwyla«, »Sieben Legenden«, »Züricher +Novellen«, »Das Sinngedicht« -- bedeuten einen Gipfel deutscher +Erzählerkunst. Wer als Erzähler ihn wieder erreichen will, der muß hoch +und mühsam klettern -- da wird es nicht so bequem hinaufgehen wie auf +den Rigi, das ist schon mehr eine Matterhornbesteigung. Gottfried Keller +hat ein vollkommenes Gedicht, das Gedicht vom alten Pan im Walde, +geschrieben. Sein Landsmann _Heinrich Leuthold_ deren drei oder vier, +sein anderer Landsmann _C. F. Meyer_ (aus Zürich, 1825-1898) deren +viele. Hat Gottfried Keller typisch schweizerische Züge in seinem Wesen +und Dichten, so wird man bei Meyer trotz manchen schweizerischen Stoffes +(der Roman »Jürg Jenatsch«) vergebens danach suchen. Seine +Landsmannschaft ist undeutlich und unbestimmt. Er hat sich selbst als +Statue eines Dichters nach einem Idealbild konstruiert. Er führte das +Leben einer steinernen Statuette: ganz Marmor, ganz Glanz. Vierzig Jahre +war C. F. Meyer, als er sein erstes Buch, ein kleines Buch Gedichte, +veröffentlichte. Er hat mit seinen Gedichten sein Bestes gegeben, +ungeachtet mancher schönen Novelle. Die Gedichte sind von einer +leidenschaftlichen Liebe zur Form erfüllt. Genug konnte ihm nie und +nimmermehr genügen. Ihm zitterte eine Flamme im Busen, die er mit +heiliger Scheu hütete. + + Daß sie brenne rein und ungekränkt. + Denn ich weiß, es wird der ungetreue + Wächter lebend in die Gruft gesenkt. + +Von den Göttern, die er oft zu sich zu Gaste lud, waren ihm Bacchus und +Silen die liebsten. + + In der schattendunklen Laube gab Silen, der weise, Stunde, + Der ihm weich ans Knie geschmiegte Bacchus hing an seinem Munde, + Lieblich lauschend. + +Und sein schönstes, sein wildestes Symbol fand C. F. Meyer in der +Veltlinertraube. + +Es ist dem Trifolium Spitteler, Nietzsche, George zu danken, daß die +deutsche Sprache in den achtziger Jahren nicht völlig unter die Räder +der naturalistischen Bier- und Leiterwagen kam. _Carl Spitteler_ (aus +Liestal, geboren 1845) sagte mit seinem »Prometheus und Epimetheus« der +Wirklichkeit, die sich verwirkt hatte, die Fehde an. Leider wurde er +selbst in seinen nächsten Werken aus einem Prometheus, einem +Fackelbringer, ein Epimetheus, ein Mensch der Verwirrung und des +Dunkels, denn in »Conrad, der Leutnant« und »Imago« tut er es den +schlechtesten Naturalisten und Psychologisten gleich. Daß der +bedeutendste Psychologe der Gegenwart, Professor Freud in Wien, seine +Zeitschrift nach der »Imago« nannte, ist zuviel der Ehre für dieses ganz +analytische, aber der Synthese völlig ermangelnde Buch. Jeder Dichter, +Herr Professor Freud, ist instinktiv Psychoanalytiker. Aber hier +beginnt erst der Weg und der Wille zum Psychosynthetiker. Im +»Olympischen Frühling«, dem großen griechischen Epos, hat Spitteler sein +bestes Selbst wiedergefunden. Er fand das Reich Apollos, das Reich, »das +nicht von dieser Welt ist«. -- Von jüngeren Schweizern sind zu nennen: +der früh (1919) verstorbene _Karl Stamm_, ein Lyriker von vielen Graden, +der zarte Idylliker _Robert Walser_, der religiös vergrübelte _Albert +Steffen_ (geb. 1874), Romandichter theosophischer Richtung. + + * * * * * + +Eine in ihrer verbohrten Problematik Hebbel geschwisterte Natur ist +_Otto Ludwig_ (aus Eisfeld, 1813-1865). Er sah sich zeitlebens im +Schatten Shakespeares stehen und kam deshalb nur in seinem biblischen +Trauerspiel »Die Makkabäer« und in seinen Novellen über ihn hinaus, in +denen er als antizipierter Dostojewski und Zola erscheint. Es könnte +nicht schaden, wenn -- über Dostojewski -- Otto Ludwigs Prosa nicht +vergessen würde. Sie ist der feierlichen Auferstehung wert. Wird _Gustav +Freytag_ (aus Kreuzburg, 1816-1895) aus der Gruft der Vergessenheit +auferstehen? Vielleicht mit seinem bürgerlich-soliden Roman »Soll und +Haben«, worin jedem Charakter sorgsam sein Debet und Kredit zuerteilt +ist. Des Mecklenburgers _Fritz Reuters_ (1810-1874) humoriges und +herzliches Plattdeutsch ist leider nur einem engen Kreise von Deutschen +verständlich. (»Ut mine Stromtid.«) _Wilhelm Raabes_ (aus Escherhausen, +1831 bis 1910) ernster Humor, seine bedächtige Menschenfreundlichkeit, +seine bittersüße Melancholie, wird deutschen Herzen als eine deutsche +Angelegenheit immer lieb und vertraut sein. Für Wilhelm Raabe gibt es +kein besseres Epitheton als dies ohne jeden Nationalismus gesagte: +deutsch. »Der Hungerpastor«, »Der Schüdderump«, »Horracker« werden +bleiben wie des Friesen _Theodor Storm_ (1817-1888) rosenblätterige +Novellen: Immensee, Pole Popenspäler, Der Schimmelreiter und die kleine +Erzählung »Im Saal« -- eines der frühesten und schönsten Gebilde Storms, +das er im Revolutionsjahr 1848 ersann. Die Sehnsucht nach der guten +friedlichen Zeit, der wir sonst zu trauen gar nicht geneigt sind, wird, +wenn wir sie lesen, übermächtig in uns. Früher -- ja, das war freilich +eine stille, bescheidene Zeit: »Die Menschen waren damals noch höflicher +gegeneinander. Das Disputieren und Schreien galt in einer feinen +Gesellschaft für sehr unziemlich. Wer seine Nase in die Politik steckte, +den hießen wir einen Kannegießer, und war's ein Schuster, so ließ man +die Stiefel bei seinem Nachbar machen. Die Dienstmädchen hießen noch +alle Stine und Trine, und jeder trug den Rock nach seinem Stande ... Aber +was wollt ihr denn?« fuhr die alte Großmutter fort, »wollt ihr alle +mitregieren?« Ja, Großmutter, das wollen wir nun freilich, und darum +sind wir auch alle so unglücklich und ruhlos, so hin und her gerissen +zwischen Stern und Erde, so kriegerisch und friedlich zugleich. + +_Paul Heyse_ ist im Strom der Zeiten schon versunken, so tief versunken +wie _Geibel_ (aus Lübeck, 1815-1884), der einst so hochgefeierte. Geibel +wollte 1871 mit seinen »Heroldsrufen« eine große Zeit einrufen. Aber +Krieg und Sieg von 1870/71 hatten für die deutsche Dichtung und Kultur +eine katastrophale Wirkung. Die Heroldsrufe riefen einem Zeitalter, das +in niedrigstem Materialismus, größtem Größenwahn, in Goldsucherei, +Aufgeblasenheit (aufgeblasen wie ein Jahrmarktsschwein) und Chauvinismus +seinesgleichen suchte. Hohenzollernsch patentierter, mehr oder weniger +gereimter Patriotismus von Geibel und seinen Nachbetern und Nachtretern +lyrisch, von _Wildenbruch_, selbst einem abseitigen Hohenzollernsproß, +dramatisch aufgeputzt, von Julius Wolff in seinen Ritterromanen in die +große Vergangenheit projiziert, aus ihr eine große Gegenwart und große +Zukunft abstrahierend (wie sprach doch Wilhelm II. einst? »Ich führe +euch herrlichen Zeiten entgegen ...«), süßlich gesabberte Lyrik der +Baumbäche und Bodenstedter, eine unechte flache Erzählerkunst -- das +waren die ersten kulturellen Früchte der Einigung des deutschen Volkes. +Fast zwei Jahrzehnte hat das deutsche Volk diese Limonadensuppen in sich +hineingesoffen, während ihm der frische Trunk der echten Dichtung, den +ihnen Mörike, Raabe, Leuthold, C. F. Meyer, Fontane spendeten, nicht +recht munden wollte. Einzig _Theodor Fontane_ (aus Neuruppin, 1819 bis +1898) brachte es zu einiger Berühmtheit, nicht aber wegen seiner großen +Kunst der Milieu- und Menschenschilderung, sondern wegen seiner +stofflichen Vorwürfe, die er meist dem Leben des märkischen Adels +entnahm. Niemand hat das Gute und Edle, was im spezifisch-junkerlichen +Typus steckt: die starre Pflichterfüllung, das karge, wie hinter +geschlossenen Türen geführte Gefühlsleben, das moralisch-märkische +Pathos reiner glorifiziert und geschildert als Fontane im »Stechlin«. +Auch das alte Berlin der siebziger und achtziger Jahre fand in ihm +seinen berufenen Schilderer. Wer sich vom heutigen Berlin entsetzt +abwendet, versäume nicht, dem Fontaneschen einen Besuch abzustatten. Er +wird entzückt aus diesem Berlin, das unwiederbringlich dahin ist, +zurückkehren. Das Gelungenste und Geformteste in Fontanes Romanen sind +die Frauengestalten: Cecile und Effi Briest wandeln in einem Reigen mit +Mignon und Philine, Liane und Toni Häusler. + + * * * * * + +Otto Ludwig und Theodor Fontane im Erzählerischen, Hebbel und +Anzengruber im Dramatischen, Leuthold im Lyrischen, sind die Vorläufer +und Fanfarenbläser der Bewegung, die man als die naturalistische +bezeichnet hat. Es ist zu bemerken, daß Naturalismus, Impressionismus, +Expressionismus, Futurismus nur Hilfsworte sind, um Begriffen und +Bewegungen, Ideen und Wallungen beizukommen. Wo der Ismus aufhört, da +fängt der Dichter erst an, denn letzten Grundes macht die Einzelseele, +nicht die Massenpsyche oder -psychose erst den Dichter zum Dichter. +Jeder Mensch hat eine bestimmte seelische Richtung, in der er läuft, +und wer in derselben Richtung geht, den begrüßt er als seinen +Weggenossen mit besonderer Herzlichkeit. Nun gibt es aber viele Wege. +Viele Wege führen nach Rom: ins Heiligtum der Kunst, in den Tempel des +Gottes. Es ist Überheblichkeit, den Weg, den ein anderer geht, von +vornherein als einen falschen zu bezeichnen und Hohn und Gelächter ihm +nachzurufen. Als Maßstab der Kritik darf nur die Qualität gelten: der +Zusammenhang des relativen mit dem absoluten Prinzip. Ein guter +naturalistischer Roman ist mir lieber als ein schlechter +expressionistischer und umgekehrt. -- Was wollte der Naturalismus? Er +entstand als kraftvolle Gegenbewegung gegen die unwahre und unechte +Afterkunst, wie sie seit 1870 in Deutschland zur herrschenden geworden +war. Er lehnte allen Historismus, alle idealisierende Stilisierung ab: +wollte nur lebenswahr sein und forderte an Stelle einer Verhüllung der +Natur ihre Entschleierung bis zur letzten Nacktheit. Er wollte die Natur +abschreiben, die natürlichen Dinge natürlich darstellen. Wenn der +Naturalismus die Imitation der Natur vielfach zur These erhob, so beging +er natürlich =a priori= einen Denkfehler. Eine Nachahmung der Natur kann +es nicht geben: immer tritt ja der Gestaltende mit einem subjektiven +Willen an sie heran. Einzig der Buddha, der völlig Objektivierte, könnte +auch ein vollkommener Naturalist sein: aber er würde es wiederum nicht +sein, weil ihm der Wille zur Gestaltung von vornherein abgeht. Er will +nichts. Der naturalistische Dichter aber wollte doch etwas: nämlich die +Natur darstellen. Wo ein persönlicher Wille ist, ist schon ein +persönlicher Stil. So ist denn als ästhetisches Gesetz nur eine Spielart +des Naturalismus: der Impressionismus zu diskutieren. Der +Impressionismus will, daß die Seele wie eine Braut sich hinlagere, damit +die Natur liebend einströme mit Fluß und Wolke, Stern und Falter. Der +Expressionismus, die Gegenbewegung gegen den Impressionismus, fordert +programmatisch: schleudere deine Seele aus dir heraus in die weite +Welt, hinauf in den hohen Himmel: so erst wirst du ganz wahr sein. Der +Impressionismus predigt die Wahrheit des Seins, der Expressionismus die +Wahrheit der Seele. Es ist klar, daß auf einer höheren Ebene diese +Forderungen sich in einem Schnittpunkt berühren: da, wo Sein und Seele, +Erde und Himmel eins geworden sind. Im Formalen äußert sich der +Gegensatz der beiden Strömungen derart: beim Impressionismus: Analyse +des Geistes, Synthese der Form. Beim Expressionismus: Synthese des +Geistes, Analyse der Form. -- Die Naturalisten waren für Deutschland die +Entdecker des Proletariers als »Gegenstand« der dichterischen +Betrachtung: da ihrer Betrachtung ja auch das Niederste und Unterste +wert erschien. Aber der Proletarier, der arme Mensch, der ärmste Mensch, +blieb ihnen eben doch nur »Gegenstand«. Erst die politischen und +expressionistischen Dichter der jüngsten Generation haben den +entscheidenden Schritt vollzogen, indem sie sich mit dem Proletarier +identifizierten. Die proletarische Lyrik der _Henckell_ (geboren 1864), +_Mackay_ (geboren 1864) -- Mackays Roman »Der Schwimmer« ist eine der +besten Prosaleistungen des Naturalismus -- usw. wirkt denn auch ziemlich +zahm bürgerlich. In _Arno Holz_' (aus Rastenburg, geboren 1863) »Buch +der Zeit« klingt sie kräftiger. Dessen eigentliche Bedeutung liegt aber +nicht darin, sondern in seinem romantischen Buche »Phantasus«, mit dem +er zwar keine Revolution der Lyrik, wie er meinte, eingeleitet und +eingeläutet hat, aber die wesentliche Stimme seiner eigenen Lyrik fand. +Diejenigen, bei denen der Naturalismus ein totes Dogma wurde, sind, +manche noch lebendigen Leibes, gestorben. Des romantischen Naturalisten +_Max Halbe_ bestes Werk ist eine kleine Novelle: Frau Meseck. Am Leben +blieb der unverwüstliche, kräftige _Detlev von Liliencron_ (aus Kiel, +1844-1909), der lyrische Husar, der niederdeutsche Feuerreiter. In der +plattdeutschen Lyrik exzellierte _Klaus Groth_ (aus Dithmarschen, +1819-1899), der Dichter des »Quickborn«, in bodenständigen +österreichischen Bauerndramen _Ludwig Anzengruber_ (aus Wien, 1839 bis +1889). Vom Naturalismus kam, ihn überflügelte bald mit silbernen +Flügeln: _Gerhart Hauptmann_ (geboren 1862 in Salzbrunn). Wie ein Baum +zieht er seine Säfte aus der schlesischen Erde, aber seine Krone ragt in +den Himmel, und sein Gezweig überschattet hundert Naturalisten. Mit der +Weißglut seines Willens hat er die naturalistische Theorie +durchschmolzen. Keine konstruierten Maschinen, keine Homunkulusse +durchwandeln die Welt seines Dramas: Menschen voll Blut und Sehnsucht, +arme, elende Menschen, geprügelt wie Hunde von der Peitsche des +Schicksals, hungernd und frierend, hungernd nach Brot und Licht, +frierend an den kalten, steinernen Herzen der Mitmenschen, Menschen, die +in einer ewigen Dämmerung »vor Sonnenaufgang« leben, »einsame Menschen«, +zu denen selten genug der Ton der »versunkenen Glocke« herauftönt, +Menschen, die einzeln nicht leben dürfen wie die schlesischen Weber, die +ein Klumpen blutendes, zuckendes Stück Fleisch sind, Menschen, die +fried- und ruhelos das Labyrinth des Daseins durchirren, bis eine sanfte +Frau auch mit ihnen einmal das »Friedensfest« feiert. Wie sind die zu +beneiden, die, wie Hannele, so früh von dieser schmutzigen Erde zum +Himmel fahren dürfen! Daß sie Kinder bekommen, zeugen und gebären -- wie +furchtbar! Wer will den ersten Stein auf »Rose Bernd« werfen? Wer stürzt +nicht weinend in sich zusammen, wenn der brave, ehrliche »Fuhrmann +Henschel«, zwischen Schuld und Unschuld schwankend, sich erhängt? Alle +Gestalten Hauptmanns sind Narren in Christo, wie der religiöse Schwärmer +Emanuel Quint, der im neu erwachenden religiösen und sektiererischen +Leben der Zeit noch eine Rolle spielen wird. + + * * * * * + +Wie die Geibelperiode in Empfindelei und Süßlichkeit, so artete der +Naturalismus schließlich in Krafthuberei, törichte Brutalität und +Apotheose des Misthaufens aus. Süßigkeit des Wortes, Sinnlichkeit der +Seele: die Schönheit verfiel dem Fluch der Lächerlichkeit. Es ist das +Verdienst von Friedrich Nietzsche und Stefan George, das deutsche Wort +in barbarischer Epoche bewahrt und in heiligen Hainen Anbetung und +Weihrauch der tönenden Gottheit dargebracht zu haben. _Friedrich +Nietzsche_ (1844-1900) ist mit der musikalischen und rhythmischen Prosa +seines »Zarathustra« der Lehrmeister der jungen und jüngsten Dichtung +geworden. Als Lyriker gehört er zu den edelsten deutschen Lyrikern. +»Frei« war Nietzsches Kunst geheißen, »fröhlich« seine Wissenschaft. +Alle seine Lieder sind trunkene Lieder. Ob er sie singt in Venedigs +brauner Nacht an der Rialtobrücke oder sie von San Marco gleich +Taubenschwärmen ins Blau hinaufsendet und wieder zurücklockt, ihnen noch +einen Reim ins Gefieder zu hängen. Oder ob in Sils Maria ihn, der +wartend sitzt, ganz nur Spiel, ganz See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne +Ziel, der Schatten Zarathustras grüßt. Ob im Herbst, in der Ebene, die +ersten grauen Krähen ihn überfliegen und ihn mahnen, daß der Winter +naht. + + Aus unbekannten Mündern bläst's mich an, + -- Die große Kühle kommt ... + +Er wurde einsam. Immer einsamer. Und alle seine Lieder sang er +schließlich nur noch sich selber zu, »damit er seine letzte Einsamkeit +ertrüge«. + + Hoch wuchs ich über Mensch und Tier; + Und sprech ich -- niemand spricht zu mir. + +War die Natur Nietzsches eine Kreuzung aus Dionysos und Ahasver, die +trotz aller Schmerzen die Ewigkeit, zu der sie verdammt war, lieben +mußte, eine wilde, tobende Natur, die lieber brüllte als seufzte oder +zwitscherte, -- so ist _Stefan George_ (geboren 1868 in Büdesheim) der +strenge Priester der Gelassenheit und Gebundenheit, der Verkünder +asketischer Lüste, maß- und zuchtvoll. Auch der verkündet wie Nietzsche +eine Kunst, die jenseits von Gut und Böse wirkt, er steht den +moralischen Forderungen eines Teiles der jungen Generation ferner als +fern. + +»Du sprichst mir nicht von Sünde oder Sitte.« In einem seiner ersten +Gedichte versteigt er sich bis zur Apotheose der Ausschweifung: im +Heliogabal. Aber immer reiner klärt sich seine Welt: bis das Jahr der +Seele herrlich sichtbar wird, der Teppich des Lebens sich vor ihm +breitet, der Engel ihm den Weg weist und der Stern des Bundes magisch +erblinkt. Stefan George begann als Fackelträger des reinen Wortes in +einer Zeit, die das Wort verunreinigte und beschmutzte, er schritt fort +und schreitet weiter als ein Flammenträger des reinen Sinnes in einer +Zeit, die verschwelt und rauchig loht, die zu Baal und Beelzebub betet, +die kein Sonnengold, nur ein Geldgold kennt, die alles »zweckmäßig« +einrichtet und als Ziel die Zweckmäßigkeit postuliert oder die +Ziellosigkeit an sich. Die geistige und moralische Begriffe verwechselt +und ein politisches Parteiprogramm von Spinozas Ethik nicht zu +unterscheiden vermag. Sie hat auch bei George gebändigte Leidenschaft +mit Temperamentlosigkeit, die Gebärde des echten Priesters mit den +Tingeltangelallüren ihrer geistigen Charlatane, die gekonnte Kunst mit +gemachter Mache verwechselt. Sei's. Die Weltgeschichte ist auch das +Weltgedicht: einige der schönsten Strophen dieses Gedichtes hat Stefan +George gesungen. + +Aus dem Kreise Georges sind als Dichter von Rang _Hugo von Hofmannsthal_ +(geb. 1874 in Wien) und _Rainer Maria Rilke_ (geb. in Prag 1875) +hervorgegangen. Hofmannsthal ist der Dichter bezaubernder kleiner +Versdramen. Er führt ein Skelett, das mit blühenden Rosen behängt ist, +im Wappen. Rilke ist ein Mönch, der statt der grauen Kutte eine +purpurrote trägt, die Seligkeit des Himmels liebt, aber die Freuden der +Welt nicht verachtet. + +Die »ersten Hergereisten«, die der kommenden deutschen Dichtergeneration +die neuen Lieder lehrten, waren Nietzsche und George. _Alfred Mombert_ +(geboren 1872 in Karlsruhe) und _Theodor Däubler_ (geboren 1876 in +Triest) gehören zu den ersten, die sie lernten. Mombert schrieb +metaphysische Dramen und Gedichte, Däubler das diesseitige Epos +»Nordlicht«, eine Kosmogonie voll von Schwelgerei und Orgie des Wortes +und des Reimes. _Richard Dehmel_ (aus dem Spreewald, 1863-1920) hält +sein Gesicht den romantischen Gestirnen zugewandt. Die goldene Kette der +deutschen Lyrik ist ohne ihn nicht denkbar, er ist ein kostbares Glied +in ihr, deren Anfang Walter von der Vogelweide, deren vorläufiges Ende +Franz Werfel hält. Er hat die Tradition der deutschen Lyrik über eine +Zeit der Verfahrenheit und Traditionslosigkeit hinübergerettet. Als +alles tot und trübe schien. Er hat der deutschen Lyrik das Liebeslied +neu geschenkt: Das dunkle Du, das dunkle Ich, die durch die Nacht sich +suchen -- und sich finden. + +_Christian Morgenstern_ (aus München, 1871-1915) schuf in seinen +»Palmström«gedichten eine grotesk-philosophische Lyrik eigenster +Prägung, die besonders dem menschlichen und vermenschlichten Tier zu +Leib und Seele rückt. Da erscheint ein Steinochs, der sich von +menschlicher Gehirne Heu nährt. Auf schwärmt am Horizont ergrauter +Kasernenhöfe der sagenhafte E. P. V. (auch Exerzierplatzvogel genannt). +Wir sind hoch und heiter beglückt, daß es ihn und Palmströms und +v. Korfs fundamentale Melancholie -- immerhin -- noch gibt. Schade, daß +ich beim neuerlichen Quellenstudium für diese kleine Literaturgeschichte +v. Korfs glänzende Erfindung nicht benutzen konnte, welcher, weil er +schnell und viel lesen mußte, eine Brille erfand, + + deren Energien + ihm den Text zusammenziehn. + Beispielsweise dies Gedicht + läse, so bebrillt, man -- nicht! + Dreiunddreißig seinesgleichen + gäben erst -- ein -- -- Fragezeichen! + +Die Dadaisten, Apologetiker des abstrakten Humbugs, sind _Wilhelm +Buschs_, des genialen Malerdichters (1832 bis 1908) und Morgenstern's +Nachfahren. + + * * * * * + +Die deutsche Frauendichtung beginnt, nachdem sie seit Mechtild +v. Magdeburg jahrhundertelang den Dornröschenschlaf geschlafen, wieder +aufzuleben mit der Westfälin _Annette v. Droste-Hülshoff_ (1797-1848), +die freilich für den ersten Blick gar nichts Frauliches an sich hat. +Ihre Formen sind streng, herb, ihr Gang ist straff, ihre Miene leicht +verdüstert: wie ein halb heller Tag auf der westfälischen Heide, wenn +Erde und Himmel die Plätze vertauscht haben, und die roten +Heidekrautblüten wie Sterne, die Wolken wie braune Ackerschollen sind. +Auf ihr müdes Haupt gaukelte selten ein süßes Lachen. + + Liebe Stimme säuselt und träuft + Wie die Lindenblüt' auf ein Grab ... + +Herb wie ihr lyrischer Stil ist ihr Prosastil in der Novelle »Die +Judenbuche«. _Marie v. Ebner-Eschenbach_ (aus Mähren, 1830-1916) besitzt +ein Talent von großer Weite der Empfindung, das formal eng begrenzt ist. +_Ricarda Huch_ (geboren 1864 in Braunschweig) suchte ihre Themen im +Risorgimento und im Dreißigjährigen Krieg. _Enrica von Handel-Mazetti_ +(geboren 1871 in Wien) schrieb historische Romane mit katholisierendem +Einschlag. Die deutsche Frauenlyrik der jüngsten Zeit gipfelt in _Else +Lasker-Schüler_ (geboren 1876 in Elberfeld). Wer fühlte sich nicht als +ewiger Jude und sänke vor Jehova ins Knie, wenn sie ihre hebräischen +Lieder singt? Wenn sie ihre Verse in einen alten Tibetteppich verwebt? +_Emmy Hennings_ gab in kleinen Versen (»Die letzte Freude«) und in +kleiner Prosa (»Das Gefängnis«) eine Autobiographie des weiblichen +Vaganten. _Eleonore Kalkowska_ ließ im Krieg den Rauch des Frauenopfers +steigen. Sie schreitet vom Gedicht zum Drama. + + * * * * * + +Man hat _Frank Wedekind_ (1864-1918) einen Bruder und Genossen der Lenz, +Büchner, Grabbe genannt. Er hatte nicht die selbstverständliche Grazie +dieser drei (die Grabbe auch im Grausigen bewies). Er war kein Kind der +Natur. Die Natur war ihm in jeglicher Gestalt verhaßt und widerwärtig. +Vor einer schönen Landschaft erfaßte ihn ein Brechreiz. Und er wurde +erst wieder beruhigt, wenn er die Berge, etwa als ein liebendes Paar in +Umarmung, drastisch definieren konnte. Er war ganz gewiß ein Erotomane, +dessen moralische Komplexe sich bis zum exzessiven Pathos steigern +konnten. Er war ein genialer Spießer -- mit umgekehrtem Vorzeichen. Ein +erotischer Frömmler. Ein frömmelnder Erotiker. Flagellant, Sadist, +Masochist aus religiöser Überzeugung. Ihm war das Weib die große Hure +von Babylon und als solche immer anbetungswürdig. Er führte ein Tagebuch +aller Zärtlichkeiten, der sanften und der schrecklichen. Er führte +dieses Tagebuch gewissenhaft wie ein Oberlehrer. Als Oberlehrer (mit dem +schlechten Gewissen des ehemaligen Schülers ...) fühlt er sich auch +seinen Geschöpfen gegenüber: einer Lulu, einer Franziska, die zu seiner +Liebe, zu seinem Leben emporgepeitscht wurden -- um sich dann an ihrem +Lehrmeister aufs grausigste zu rächen. In der Verbohrtheit im +Problematischen ist er Hebbel, in der Technik den Stürmern und Drängern +verwandt: diese dramatische Technik der Einzelbilder, Einzelszenen, wie +sie »Frühlingserwachen« einführt, hat im deutschen Drama neuerdings +Furore gemacht. Sein Kinderdrama »Frühlingserwachen« wird bleiben, +bleiben wird der »Marquis von Keith«, der letzte Akt von »Schloß +Wetterstein« und vor allem: »Lulu«. In ihr und in der kleinen Wendla hat +er die natürliche Dämonie des Weibes groß gestaltet. Es ist vielleicht +kein Zufall, daß in den vorzüglichsten Dramen der Epoche Frauen im +Mittelpunkt der tragischen und komischen Handlung stehen: die Lulu im +»Erdgeist«, Hannele in »Hanneles Himmelfahrt«, die Wulffen im +»Biberpelz«, Madame Legros (im gleichnamigen Drama von Heinrich Mann) +--, dies beweist, daß wir in einer romantischen Periode leben: Lulu ist +die Inkarnation der geschlechtlichen, Hannele die der kindlichen, Madame +Legros die der mütterlichen Liebe der Frau. Lulu will irdische Lust, +Hannele himmlische Liebe, Madame Legros dies- und jenseitige +Gerechtigkeit. -- _Wilhelm Schmidtbonn_ (geboren 1876) behandelte im +»Grafen von Gleichen« das Problem des Mannes zwischen zwei Frauen. Der +erste Akt gehört zu den besten ersten Akten der deutschen Literatur. +Sein »Wunderbaum«, ein Prosabuch, birgt viele Wunder. _Carl Sternheim_ +zeichnet in seinen Dramen karikaturistische Bilder aus dem bürgerlichen +Heldenleben: Streber, Schieber, sentimentale Kokotten, amusische +Dichter, intellektuelle Schweinehunde, Auch- und Bauchsozialisten. In +seinen Dramen wie in seinen Novellen holt er das Letzte virtuos, aber +ohne Herz, aus der Technik des Wortes. Seine Geschichten laufen ab wie +Maschinen. Er ist ein Ingenieur der Sprache. _Herbert Eulenberg_ +(geboren 1876 in Mühlheim) bemalt seine dramatischen Helden und +Heldinnen blaßrosa und blaßblau. Sie gleiten schattenhaft durch eine +romantische Kulissenwelt. _Eduard Stucken_ (geboren 1865 in Moskau) +beschwört noch einmal Montsalvatsch und die Gralsritter in klingenden, +mit Innenreimen geschmückten Versen. Seine Romantrilogie »Die weißen +Götter« erheischt Respekt. _Georg Kaiser_ (geboren 1878 in Magdeburg) +pflanzt sich ganz breitspurig und heutig vor uns hin. Teufel, ist das +ein Leben, das sich da vor uns und um uns und in uns abspielt. +Aktiengesellschaften werden gegründet aus Menschenliebe, aus Bonhomie, +mit Ewigkeitsansprüchen. Beim »Brand des Opernhauses« entzünden sich +alle Leidenschaften. »Von morgens bis mitternachts« rollt ein ganzes +Leben ab via Bankinstitut, Freudenhaus, Park, Café, Heilsarmee, um in +»Hölle, Weg, Erde« sich als leere Leere, parodierte Form, +Konjunkturkommunistik zu entschleiern. Da ist mir _R. John Gorslebens_ +(aus Metz, geb. 1883) bedenken- und gewissenloser geistiger Abenteurer +»Der Rastaquär« schon lieber. Denn der ist ehrlich. _Hanns Johsts_ +ekstatische Szenerien haben sich zu einem adligen Drama »Der König« und +zu einem problematischen Gegenwartsroman »Kreuzweg« edel ausgereift. +Georg Kaiser, Sternheim, Eulenberg geben in ihren Dramen allerlei +indirekte Antworten auf direkte Fragen. Das sind alles Passionen, die +sich da abspielen. _Walter Hasenclever_ (geboren 1890) im »Sohn« und +_René Schickele_ (aus dem Elsaß, geboren 1883) in »Hans im Schnakenloch« +gehen zur Aktion, zur These, zur Forderung über. Nicht: so seid ihr! +Sondern: so sollt ihr sein! So soll der Sohn gegen den Vater, der Mensch +zwischen den Rassen sich entscheiden! Hasenclevers »Antigone«, _Unruhs_ +»Ein Geschlecht« sind ebenfalls programmatische Äußerungen gegen den +Krieg, während Hasenclever in seinem Drama »Menschen« zur Romantik +umkehrt -- den Weg, den noch alle Aktivisten werden schreiten müssen +(Schickele beschritt ihn im »Glockenturm«) --, sich aber nach der +anderen Seite purzelbaumartig überschlägt und beim übelsten Text zum +Filmdrama landet. Höher steht sein okkultes Spiel »Jenseits«. + +_Paul Kornfelds_ »Verführung« gehört zu den typischen, monologischen +Dramen des jungen Menschen aus der expressionistischen Epoche. (Einige +andere: Hanns Johst »Der junge Mensch«, Walter Hasenclever »Der Sohn«, +Klabund »Die Nachtwandler«.) Es ist das Erfreulichste von ihnen. Das +Problem »Vater und Sohn« gestaltet eindrucksvoll in seinem gleichnamigen +Fridericus-Drama auch _Joachim v. d. Goltz_. + + * * * * * + +Den schönsten deutschen Roman um 1900 schrieb _Friedrich Huch_ mit +seinem »Pitt und Fox«. Biedermeierliche Zartheit und groteske Gotik +blühen darin. Pitt ist der gute, der entmaterialisierte, Fox der +schlechte materialistische Deutsche, wie ihn Heinrich Mann später in +seinem Untertan Diederich Heßling so bitterböse abkonterfeit hat. +_Ouckama Knoop_ malte im »Sebald Soeker« die Untergangsstimmung des +Abendlandes, längst ehe sie gefällige Mode wurde. _Hermann Löns_ jagte +den wilden »Wehrwolf« über die Heide. Des Schwaben _Emil Strauß_ (geb. +1866) Kindertragödie »Freund Hein« ist mir unvergeßlich. Der Halkyonier +_O. E. Hartleben_ (1864-1905) etablierte sich mit glänzend geschriebenen +ironischen Impressionen. Eine Abart des Impressionismus ist der +Psychologismus, wie ihn _Thomas Mann_ (aus Lübeck, geb. 1875) in seinen +ausgezeichneten Romanen und Novellen »Die Buddenbrooks«, »Tod in +Venedig« übt. Er analysiert mit medizinischer Gewissenhaftigkeit die +Einzelseele. Dem Studium der Massenseele gilt neuerdings seines Bruders +_Heinrich Mann_ (aus Lübeck, geboren 1871) Bemühung. Er ist der Dichter +der Demokratie geworden in seinen Romanen: »Die kleine Stadt«, »Die +Armen«, »Der Untertan«. -- »Die kleine Stadt«, ein italienischer +Kleinstadtroman, der schildert, wie eine fahrende Theatertruppe eine +kleine Stadt revolutioniert, ist ein Markstein in der Geschichte des +deutschen Romans. Seine früheren Italienromane, besonders die +prachtvolle Trilogie »Die Göttinnen«, zeigen ihn noch ganz als +Apologetiker des Übermenschen, des Einzelmenschen, des Anarchisten, als +hymnischen Diener der Schönheit, der Kraft und der sinnlichsten Gewalt. +Wer, der je der Herzogin von Assy begegnete, könnte sie vergessen? Denn +sie war ihm Kind, Mutter und Geliebte. + +_Gustav Meyrink_ (geboren 1868 in Wien) schüttet ein Wunderhorn +ergötzlicher und boshafter Trivialitäten, ältestes und neuestes +Gerümpel, über den deutschen Spießer aus, der mit einem leeren Hirn +aufdrapiert wie ein Pfingstochse in seinen Geschichten umherwandelt und +»Muh« und »Bäh« sagt. Von Meyrinks großen Romanen, die allerlei +kabbalistische und mystische Weltanschauung propagieren, ist der »Golem« +nennenswert. _Peter Altenberg_ (1859-1918, aus Wien) gewinnt seine +amüsante Weltanschauung vom Café Fensterguckerl aus. _Hermann Bahr_ +(geboren 1863 in Linz) hat vom Naturalismus bis zum Expressionismus und +Katholizismus so ziemlich alle Klassen der Literaturgeschichte +absolviert und ist überall mit der Note 2-3 versetzt worden. _Artur +Schnitzler_ (geboren 1862), Dramatiker und Romanzier, schrieb zwei +vollendete Novellen »Leutnant Gustl« und »Casanovas Heimkehr«. Des +Kurländer Grafen _E. Keyserling_ (1858-1918) Erzählungen beglücken +schmerzlich wie im Frühherbst die bunten fallenden Blätter. Über +_Hermann Hesses_ (geboren 1877 in Calw) Prosadichtungen der ersten +Periode könnte als Motto der Vers eines Volksliedes stehen, mit dem er +selbst eines seiner Bücher betitelt: »Schön ist die Jugend«. Seine +rührendste Figur: der arme und doch so reiche Landstreicher Knulp. Mit +vierzig Jahren überwand und übertraf er sich selbst in den farbigen und +feurigen Zeugnissen einer zweiten Jugend: »Demian«, Weg und Wesen +deutscher Seele entschleiernd, und der herrlichen Novelle »Klein und +Wagner«. _Wilhelm Schäfer_ (geboren 1868 in Ottrau) schuf sich in seinen +»Anekdoten« eine eigene Novellenform in Anlehnung an mittelalterliche +deutsche und italienische Meister. Sie gehören zu den besten Leistungen +der deutschen Prosa der Gegenwart, die in _Jakob Wassermanns_ (geboren +1873 in Fürth) Romanen »Das Gänsemännchen« und »Kaspar Hauser« einen +ihrer Meister fand. Eine reiche Fülle lebendigster Gestalten, eine ganze +große und kleine Welt wird aus der Tiefe ans Licht gehoben. Die Prosa +der jüngsten Generation, mit _Kasimir Edschmid_ (geboren 1890) und +_Alfred Döblin_ beginnend, vermag diesen Leistungen Gleichwertiges an +die Seite zu setzen. Edschmids Novellen sind wie in einem Treibhaus +gezüchtete Blumen: bizarr, geistreich, gekünstelt, voll wilder, +aromatischer, zuweilen peinlicher Düfte. Sein Roman: ein tiefer Abstieg. +Alfred Döblin beschwört den Schatten Wallensteins und in den »Drei +Sprüngen des Wang-lun« einen edlen Rebellen der Schwäche in der +Landschaft eines erträumten China. Der schlesische Russe _Arnold Ulitz_ +türmt den »Ararat«. _Klabund_ (geboren 1891 in Crossen a. O.) versuchte +im »Moreau« den Roman eines Soldaten, im »Mohammed« den Roman eines +Propheten, im »Bracke« den gotischen Roman eines Eulenspiegel zu +gestalten. Der »Dreiklang« enthält das Wesentlichste seiner Lyrik. +_Leonhard Franks_ (geboren 1882 in Würzburg) »Ursache« ist in Dichtung +umgesetzte Freudsche Psychologie. _Andreas Latzkos_ (geb. 1876 in +Budapest) Bücher (»Menschen im Krieg«) und Leonhard Franks »Der Mensch +ist gut« haben ihr Bestes geleistet in der Revolutionierung der Seelen, +an welcher aber kritische Geister wie _Karl Kraus_ (geboren 1874 in +Gitschin) und _Franz Pfemfert_ (geboren 1877 in Lötzen) seit Jahren +schon viel tieferen Anteil hatten mit »Fackel« und »Aktion«. Jene sind +zeitgeschichtlich von großer Bedeutung. Ihr dichterischer Wert ist weit +geringer. Der Mensch ist nicht gut, sondern er will gut werden. Das +Moment der Entwicklung ist das Entscheidende. Schon Herzeloide erzog +ihren Sohn Parsival in der Waldeseinsamkeit, damit er vor dem Welt- und +Kriegsgetümmel bewahrt sei. Aber alle Abgeschlossenheit half nichts. Ein +jeder trägt ja den Feind in der eigenen Brust. Gegen ihn heißt's +kämpfen. Man muß sich selbst aufs Haupt schlagen. Gott und du: das +sollen nur Synonyme sein. =Epitheta ornantia= des einen. Du mußt den +Heimweg finden: heim zu dir. Auf diesem Heimweg durch die Dunkelheit +stehen die Dichter an den Meilensteinen wie Fackelträger. Von Fackel zu +Fackel tastest du dich vorwärts: zum Morgenrot, bis Gottes Herz einst +über den Bergen aufgeht. Menschen- und Gottesauge werden ineinander +trinken und wird nur ein Licht und eine Liebe sein. + + * * * * * + +Die Vorläufer des lyrischen Expressionismus sind _Otto zur Linde_ (geb. +1873 in Essen) und die Charontiker, die sich um ihn sammelten. Er schon +stellte die These von der ekstatischen Unmittelbarkeit auf, blieb aber +praktisch im Assoziativen stecken. _Walter Calé_ (aus Berlin, 1881-1904) +starb allzufrüh. _Max Dauthendey_ (aus Würzburg, 1867-1918) sang +inbrünstige Lust- und Liebeslieder. Sein heißes Blut trieb ihn in die +Tropen, aus denen er exotische Novellen heimbrachte. Des _Wilhelm von +Scholz_ (aus Berlin, geb. 1874) Verse spiegeln sich wie Nymphen gern in +dunklen Teichen, vom Walde überwuchert. _Alfred Kerr_ (geb. 1867 in +Breslau), als Kritiker ein Dichter, als Dichter ein Kritiker, hat einer +ganzen lyrischen Generation das Gehen, die ersten Schritte beigebracht. +Der dämonische Naturbursche _Georg Heym_ (aus Hirschberg, 1887-1912) +machte dann mit der neuen Dichtung ernst. Er krempelte sich dazu die +Hemdsärmel auf: wie ein Riese schritt er über die Dächer und zwischen +den Straßen Berlins, und allesdies: Mensch, Trambahn, Mond, Spelunkenspuk +war ihm wie Riesenspielzeug, die Stadt wurde ihm zur Landschaft, Berg +wurde Haus. Er ertrank beim Eislauf, vierundzwanzigjährig, im Müggelsee. +Das Grabgeleite gaben ihm Scharen »fortgeschrittener Lyriker«. Als Georg +Heym in den Fluten versunken war, stieg aus den im Frühling getauten +Wogen wie ein junger Meergott, prustend, dampfend in der Sonne, +schreiend vor Lust am Licht: _Franz Werfel_ (geboren in Prag 1890). Er +verkündigte das Evangelium des schönen strahlenden Menschen, der jedem +Wesen, auch dem ärmsten, brüderlich zugewandt. Gewaltig schwingt sein +religiöses Pathos. Er will einer der Propheten des neuen Bundes sein: +des Bundes aller wahrhaft Menschlichen. Er kniet nieder, unsagbar +demütig und bußwillig, mit Unkraut noch und Schlamm fühlt er sein Herz +erfüllt. Erst nachdem er sich selbst gerichtet, wächst er zum Richter +der Menschheit. Er sank hin, er kniete hin, er weinte. Er lauschte, er +horchte, er hörte, er diente. Nun schuf er, nun trägt er, nun hält er +wie Christophorus die Erdkugel. Erst sah er die Welt -- und siehe, sie +war schön --, da wurde er der Weltfreund. Dann sah er sich, und siehe, +er war häßlich. Aber er war. Da nahm er sein Sein und trug es zu den +anderen. Drei Reiche durchwanderte er. Er wird in das vierte gelangen, +das sie alle drei umfaßt: das Reich der glückseligen Gerechtigkeit, der +Reinheit und Einheit. Er wird über sich selbst »Gerichtstag« halten. +Dann wird sein kriegerisches Wesen sich beruhigend lösen. Er wird +zerrinnen und eine Welle sein, gekräuselt, entführt und gespült ins Meer +der Vollkommenheit und der Vollendung. + + Erst wenn ein Mensch zerging + In jedem Tier und Ding, + Zu lieben er anfing. + +Im Gefolge Werfels, des Propheten der Bruderliebe, wandeln unzählige +junge Lyriker, weniger von der bronzenen Glocke seiner lyrischen Form +angetönt (er ist reinste Musik, Oboe, Flöte: sie sind meist nur +Schellenträger und Trommler), als von seinem Pathos bezwungen. In der +Form wenden sich viele mehr der Imitation des großen Amerikaners Walt +Whitman zu, seinen breiten rollenden Rhythmen, die brausen wie die Wogen +des Atlantischen Ozeans. Walt Whitman sang von seinem Buch: Camerado, +dies ist kein Buch -- wer dies anrührt, rührt einen Menschen an! Dieses +Motto sähen die jungen Dichter gern über alle ihre Bücher: ihre Dramen, +Verse, romantischen Romane gesetzt. Sie wollen vor allem _Menschen_ +sein. Und Menschen _sein_. Wir sind! Wir sind! jubeln sie emphatisch mit +Werfel. Die Ekstase ist ein Kennzeichen ihres Wollens. Von ihr sind die +Formen so zerrissen, zerhackt, im Winde flatternd. Oft opfern sie das +Dichterische auf Kosten des Moralischen. Ihre Empfindung ist vielfach +keine individuelle mehr: ihr Erlebnis ist schon zum Kollektiverlebnis +geworden. Sie dichten nicht mehr -- sondern der Stil dichtet für sie. -- +Einen elegischen Nebensproß Werfels trieb Österreich in _Georg Trakl_ +aus Salzburg (1887-1914), dem Dichter der sanften Schwermut, des süßen +Verzichtes, des violetten Unterganges, dem Hölderlin unserer Zeit. Alle +Gedichte Trakls sind herbstliche Landschaften. Immer tönen leise im Rohr +die dunkeln Flöten des Herbstes. In _Gottfried Benns_ (aus Mohrin, geb. +1885) Gedichten ist dies Ereignis geworden: Hirn wurde Herz, Geist wurde +Fleisch. Benn steht für sich selbst und auf sich selbst: kein Werfel-, +kein Whitmanjünger: ein Benn. Auch in seinen Novellen. _Johannes R. +Becher_ (geb. 1890) ruft in seinen Gedichten »An Europa« zur +»Verbrüderung«. Es finden sich wundervolle einzelne Verse in seinen +Büchern, die der sozialistischen Revolution dienen wollen, aber kaum ein +vollendetes Gedicht. Der Wille zur These überschreit den Willen zur +Form. Eine krampfhaft geschaffene neue Syntax ist noch keine neue +Kunstform. _Albert Ehrenstein_ (geb. in Wien 1886) schleudert seine +Flüche gegen die »rote Zeit«. Europa wird zum Barbarossa. Ein griechisch +gerichteter Geist zersprengt sich selbst und seine Form in Haßgesängen. +Sein Reifstes bleibt die österreichische Novelle Tubutsch: voll +ironischer Melancholie. Die Arbeiterdichter _Barthel_ (geb. 1884) und +_Bröger_ machen Ansätze zu einer neuen Volkslyrik, der _Jakob Kneip_ in +seinen Legenden am nächsten kommt. Es darf nicht verkannt werden: auch +hier ist ein Weg. Das deutsche Lied, die deutsche Legende, das deutsche +Märchen werden wieder einmal auferstehen. Der Expressionismus wird +verwesen. Eine neue Romantik, eine neue Klassik dämmern empor. Ganz in +der Tradition der klassischen deutschen Lyrik wandeln der Ostpreuße +_Albrecht Schaeffer_ (geb. 1885) -- auf dessen Romanwerk Helianth auch +hingewiesen sei -- und der Schwabe _Bruno Frank_ (geb. 1887 in +Stuttgart), der das Erbe Mörikes in guter junger Hand hält. _Friedrich +Schnack_ steht mit flammendem Edelsteinsäbel als lyrischer Wächter am +Eingang zum kommenden Reich. + + * * * * * + +Der junge Mensch zwischen 1911 und 1918 war Krieger und Revolutionär, +Expressionist und Bolschewist. Er ging in den Krieg als Revolutionär und +in die Revolution als Krieger. Er fiel von einem Extrem ins andere: aus +der Ekstase in die Verzweiflung, und umgekehrt. Er liebte allzu vage die +Menschheit, ohne noch recht vom Menschen zu wissen. Er ist weitsichtig: +aber in der Nähe vermag er nichts zu sehen. Er will _alles_ -- und +erreicht _nichts_. Er ist immer geneigt, zu typisieren, zu +schematisieren -- ganz wie die verachteten Wissenschaftler. Es ist eine +dunkle, heilige Ahnung des Kommenden in ihm. Aber in der Gegenwart +stolpert er unbeholfen daher. Er sagt zehnmal nein, ehe er einmal ja +sagt. Er schlägt der herrschenden Klasse, wie der Zeichner George Groß, +in die Fratze, aber wenn er zur Herrschaft gelangt, weiß er auch keine +anderen Mittel als die der anderen: Terror und Maschinengewehre, die +Diktatur. Bitterlich, der den Bräutigam von Marie ermordet und Ruths +Bruder in den Tod treibt, (in Kornfelds Verführung) ist er nicht ein +Terrorist? Versucht er nicht, mit Gewalt die Welt zu ändern? Ich glaube +nicht an die dauernde Überzeugungskraft brutaler Gewalt, von welcher +Seite immer sie sich äußern mag. Wer hat die Welt dauernd verändert? Ein +Karl der Große? Ein Napoleon? Ein Bismarck? Der chinesische Denker +Laotse sagt einmal: »Das Zarteste überwindet das Härteste.« Wir wollen, +symbolisch gesprochen, keine Boxer werden wie die Angelsachsen und jedem +gleich die Faust ins Gesicht pflanzen. Unsere Schwäche wird eines Tages +unsere Stärke sein. Wir müssen Dschiu-Dschitsu lernen: nicht den starren +Angriff, sondern die elastische Verteidigung. + +Revolutionen, geistige und materielle, schießen über das Ziel hinaus --, +um nur etwas zu erreichen. Der Expressionismus wird einer neuen Romantik +und Klassik den Weg bereiten wie der Kommunismus einem neuen +Gemeinschaftsgefühl. + + * * * * * + +Die Sehnsucht nach Erlösung blüht in den kommenden Generationen wild +auf. Wir wollen erlöst werden -- von der _Lüge_. Denn alle Erlösung ist +nur ein plötzliches Erblicken der Wahrheit. Die Lüge hat ihr Gorgohaupt +in den letzten Jahren vor dem Kriege und im Kriege selbst widerlich +erhoben. Aber wenige vermochten sie zu erkennen. Denn sie war geschminkt +wie eine Hure und mit schönen Kleidern angetan und mit Steinen behängt. +Das Bild der Welt war, wie es die mittelalterlichen Darstellungen +zeigen: eine Frau, von vorn reizend und wohlgestalt anzusehen -- aber +hinten im offenen Rücken voll Schlangengezücht und Dreck und Eiter. +Mammonismus, Militarismus, Materialismus: unter diesen drei +Flammenzeichen focht der deutsche Gott, der Alliierte von Roßbach -- und +unterlag. + +Wir sind nicht auf der Welt, um unglücklich zu sein. Dieser gram- und +grauenvolle Krieg, in dem wir lebten und starben, könnte vorübergehend +einen Märtyrerstandpunkt schaffen: als sei es über alle Maßen edel und +tapfer und weise und natürlich und dieses Lebens letztes Ziel, zu +leiden. Gerechtigkeit! Tu von den Augen die Binde und sieh die Erde: +blühen nicht Blumen, rote und blaue und goldene, zu deinen Füßen? Glüht +nicht das ewige Licht, die Sonne, um deine Stirn wie ein Heiligenschein? +Taumeln nicht Pfauenauge und Zitronenfalter schräg durch den +schreitenden Abend? Pferde springen elegant durch die Straßen. Wilde +Katzen liegen zahm auf den bestrahlten Mauern unserer Gefängnisse. Und +an florentinischer Brücke tritt, die Augen schön gesenkt, Beatrice dem +liebenden Dichter entgegen. Sein Herzschlag stockt. Er, der erfahren +viel und viel erduldet, weiß: Glück ist das Ziel der Menschheit. Macht +die Menschen glücklich, und ihr werdet sie besser machen. Öffnet ihnen +die Augen über den Himmel, die Tiere, die Frauen. Und weist ihnen alles +dies: gestaltet und erhoben, beseligt und erlöst: in der Kunst, in der +Dichtung. Noch regiert, obschon Friede geschlossen ist, Mars die +Stunde, die Minute, die Sekunde. Noch herrscht der Krieg als Prinzip. +Besiegt ihn, ihr Dichter, kraft eures Wortes, das wirklicher ist als +manche schnell getane Tat. Besiegt ihn durch eure Waffenlosigkeit, durch +die Inbrunst eurer Herzen! + + Ihr Weiser und Verweser unseres Schönen, + Laßt euch vom Waffenrausch nicht übertönen. + O sorgt, daß unser Blut nicht rot erstarrt + Und seid uns Dom und ewige Gegenwart! + Du Günther, brauner Packan, bissig bellend, + Du Hölderlin, die sanften Pfeile schnellend, + Du Mörike, verträumte Pfarrhauslinde, + Du Eichendorff, voll grüner Birkenwinde, + Du Heine, deutscher Jude, geistig handelnd, + Du Conrad Ferdinand, auf Rhythmen wandelnd, + Du Platen, im unsterblichsten Sonette, + Du Nietzsche, deutscher Pole, Glockenkette, + Und du, o ewige Früh- und Abendröte: + Du Turm, du Sturm, du erster Mensch, du: _Goethe_! + + (Klabund.) + + +[Im Text korrigierte Fehler: + +von unverständigen Pfaffen aufgereizt +Im Original: unverständdigen + +wand in Eile mit geschickten Fingern einen Kranz +Im Original: geschicken + +ritt Walter von der Vogelweide 1227 auf den Kreuzzug +Im Original: Kreuzzeug + +Er steckte damit wohl alle heutigen Volkstribunen in die Tasche: nur +schade, daß er selber kein Volks-, sondern ein Fürstentribun war. +Im Original: Volkstribünen + +wir setzen uns gern zu ihr ins Gras +Im Original: Grab + +wetterte in seinen Reden und Predigten mit Stentorstimme +Im Original: Sentorstimme + +Sein Name dringt durch Sturm +Im Original: Seine + +Zu den harmlosen, aber hübschen Hexametern +Im Original: Hexamenten + +Denn wo eins das andere nicht mehr begreift, +Im Original: Den + +in Iphigenie wird die Reinheit sich bewußt +Im Original: Iphigene (sonst immer Iphigenie) + +und einer der größten deutschen Dichter überhaupt +Im Original: größtei + +Das ist Österreichertum +Im Original: Oesterreichertum + +Die schwäbischen Dichter, unzählbar wie der Straßenstaub in Stuttgart +Im Original: unzähbar + +die Kraft der lebendigen Anschauung aller Dinge +Im Original: Anschaung + +Das Disputieren und Schreien galt +Im Original: Disputierten + +aus diesem Berlin, das unwiederbringlich dahin ist +Im Original: unwiderbringlich + +Das Gelungenste und Geformteste in Fontanes Romanen +Im Original: geformteste + +versteigt er sich bis zur Apotheose der Ausschweifung +Im Original: Apothese + +eine Kosmogonie voll von Schwelgerei und Orgie des Wortes +Im Original: Kosmogenie + +(aus dem Spreewald, 1863-1920) +Im Original: den + +der herrschenden Klasse +Im Original: herrrschenden + +sangen sich gegenseitig mit ihren Wiegenliedern in Schlaf +Im Original: ihrem] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Literaturgeschichte in einer +Stunde, by Klabund + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LITERATURGESCHICHTE *** + +***** This file should be named 22517-8.txt or 22517-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/2/2/5/1/22517/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Constanze Hofmann and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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