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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 02:00:17 -0700 |
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You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Die Gruendung des Deutschen Zollvereins + +Author: Heinrich von Treitschke + +Release Date: October, 20 2007 [Ebook #23065] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GRUeNDUNG DES DEUTSCHEN ZOLLVEREINS*** + + + + + +Die Gruendung des Deutschen Zollvereins + + +by Heinrich von Treitschke + + + + +Edition 01 , (October, 20 2007) + + + + + + Die Gruendung des + Deutschen Zollvereins + + + + Dargestellt von + + Heinrich v. Treitschke + + + + + +INHALT + + +Die Gruendung des Deutschen Zollvereins. + Vorwort + 1. Maassen und das neue Preussische Zollgesetz. + 2. Der Kampf gegen das preussische Zollgesetz und der erste preussische + Zollvertrag. + 3. Der Kampf um das preussische Zollgesetz auf den Wiener Konferenzen. + 4. Die Darmstaedter Zollkonferenzen. + 5. Motzs deutsche Handelspolitik. + 6. Der Zollkrieg und die ersten Zollvereine. + a) _Die Stuttgarter Zollkonferenzen._ + b) _Der preussisch-hessische und der bayrisch-wuerttembergische + Zollverein._ + c) _Der Mitteldeutsche Handelsverein._ + d) _Preussens Sieg. Preussisch-Bayrischer Handelsvertrag._ + 7. Der Deutsche Zollverein. + a) _Kurhessens Beitritt._ + b) _Beitritt des Sueddeutschen Zollvereins._ + c) _Anschluss von Sachsen und Thueringen._ + d) _Politische Bedeutung des Deutschen Zollvereins._ + Register. + + + + + + +DIE GRUeNDUNG DES DEUTSCHEN ZOLLVEREINS. + + + + +Vorwort + + +Ein Quellenbuch mit Urkunden, Briefen und sonstigen Aktenstuecken zur +Geschichte des Deutschen Zollvereins duerfte auf allgemeines Interesse kaum +rechnen und muesste bei der Laenge der Zeit, ueber die sich die Verhandlungen +hinschleppten, nur ein kuemmerlicher Torso sein, der niemand gefiele. +Dagegen darf die klassische Darstellung, die Heinrich v. Treitschke in +seiner Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert dieser groessten Schoepfung +der Friedensregierung Friedrich Wilhelms III. gewidmet hat, selbst den +Wert einer Quelle beanspruchen, da sie auf einem umfassenden Studium aller +in Betracht kommenden Akten und Briefwechsel beruht, von denen die +wenigsten der wissenschaftlichen Forschung bisher durch den Druck +zugaenglich gemacht sind. + +Im folgenden sind die in Betracht kommenden Kapitel der Deutschen +Geschichte mit geringen Auslassungen, die vom Leser wohl nirgends als +Luecken empfunden werden duerften, mit freundlich gewaehrter Erlaubnis der +Verlagsbuchhandlung zu einer Einheit zusammengefasst und wirken in dieser +Form fast wuchtiger als in der Verstreuung ueber drei dicke Baende, wie sie +der chronologische Aufbau des alle Seiten des deutschen Lebens +umspannenden Werkes mit sich bringt. Sie reden eine so eindringliche +Sprache von einer jammervollen Vergangenheit deutschen Kleinlebens, dass +man nur wuenschen kann, dass die Stimme des tapferen Rufers im Streit fuer +nationale Einigung auch weiterhin gehoert werde, nachdem ihn selbst schon +seit Jahren der kuehle Rasen deckt. + +_Leipzig,_ 19. Mai 1913. + +*Horst Kohl.* + + + + +1. Maassen und das neue Preussische Zollgesetz. + + +In dem Sturm und Drang der grossen Reformperiode war fuer die Umgestaltung +des alten preussischen Akzisewesens wenig geschehen; man hatte sich +begnuegt, dem flachen Lande mehrere staedtische Steuern aufzulegen und in +Altpreussen die Einfuhr fremder Fabrikwaren gegen eine Akzise von 8 1{~FRACTION SLASH~}3 +Prozent des Wertes zu gestatten. Daneben bestanden in den alten Provinzen +noch 67 verschiedene Tarife, nahezu 3000 Warenklassen umfassend; ausserdem +die kursaechsische Generalakzise im Herzogtum Sachsen, das schwedische +Zollwesen in Neuvorpommern, in den Rheinlanden endlich seit Aufhebung der +napoleonischen Douanen ein schlechterdings anarchischer Zustand. Und diese +unertraegliche Belaestigung des Verkehrs gewaehrte doch, da eine geordnete +Grenzbewachung noch fehlte, keinen Schutz gegen das Ausland. Auch in dem +chaotischen Geldwesen zeigte sich die Abhaengigkeit des verarmten Staates +von den Fremden: in Posen und Pommern mussten 48, in den Provinzen links +von der Elbe 71 fremde Geldsorten amtlich anerkannt und tarifiert werden. +Schon laengst bemerkte der Koenig mit Besorgnis, wie schwer der gesetzliche +Sinn des Volkes durch die Fortdauer des ueberlebten Prohibitivsystems +geschaedigt wurde. Seit die buergerlichen Gewerbe auf dem platten Lande sich +ansiedelten, nahm der Schmuggel einen ungeheuren Aufschwung. Im Jahre 1815 +versteuerte jeder Materialwarenladen der alten Provinzen taeglich nur zwei +Pfund Kaffee. + +Auch die unhaltbaren Verhaeltnisse an der Ostgrenze mahnten zu rascher Tat. +Sobald Preussen, Polen und Russland im Maerz 1816 zu Warschau wegen der +Ausfuehrung des Wiener Vertrages vom 3. Mai 1815 zu verhandeln begannen, +stellte sich bald heraus, dass Hardenberg in Wien von dem Fuersten +Czartoryski ueberlistet worden war. Die scheinbar so harmlosen Bestimmungen +des Vertrags ueber die freie Durchfuhr und den freien Verkehr mit den +Landeserzeugnissen aller vormals polnischen Landschaften legten dem +preussischen Staate fast nur Pflichten auf, da sein Gebiet das +Durchfuhrland bildete. Um der Abrede buchstaeblich zu genuegen, haette +Preussen seine polnischen Provinzen von dem uebrigen Staatsgebiete durch +eine Zollinie trennen muessen, waehrend Russland, dem Vertrage zuwider, seine +alte Zollgrenze, die das polnische Litauen von Warschau abschied, +unveraendert liess und auch Oesterreich sich keineswegs geneigt zeigte, +seinen polnischen Kronlanden handelspolitische Selbstaendigkeit +zuzugestehen. Die polnischen Unterhaendler sahen in dem Vertrage ein +willkommenes Mittel, um durch die Ansiedlung von Handelsagenten und +Kommissionaeren ihre nationale Propaganda in Preussens polnische Gebiete +hineinzutragen. Sie erdreisteten sich, der Krone Preussen geradezu die +unbeschraenkte Souveraenitaet ueber Danzig zu bestreiten, und stellten so +uebermuetige Forderungen, dass der Koenig mit einer entschiedenen Ablehnung +antwortete, als Zar Alexander nach seiner Gewohnheit versuchte, die +Ansprueche der Polen durch einen zaertlichen Freundesbrief zu unterstuetzen. +Der unerquickliche Verlauf dieser Verhandlungen zwang zu dem Entschlusse, +die polnischen Landschaften den uebrigen Provinzen des Ostens voellig +gleichzustellen. Auf der anderen Seite lehrten die Frankfurter +Erfahrungen, dass ein Bundeszollgesetz ganz unmoeglich war und Preussen +mithin zunaechst im eigenen Hause Ordnung schaffen musste. + +Im Jahre 1816 erfolgten die ersten vorbereitenden Schritte. Das Verbot der +Geldausfuhr ward aufgehoben, das Salzregal in allen Provinzen gleichmaessig +eingefuehrt; dann sprach die Verordnung vom 11. Juni die Aufhebung der +Wasser-, Binnen- und Provinzialzoelle als Grundsatz aus und verhiess die +Einfuehrung eines allgemeinen und einfachen Grenzzollsystems. Zu Anfang des +folgenden Jahres war der Entwurf fuer das neue Zollgesetz beendigt. Sobald +aber von den reformatorischen Absichten des Entwurfs Einiges ruchbar ward, +erscholl der Notschrei der geaengstigten Produzenten weithin durch das +Land. Leidenschaftliche Eingaben der Baumwoll- und Kattunfabrikanten aus +Schlesien und Berlin, die doch allesamt unter der bestehenden Unordnung +schwer litten, bestaetigten die alte Wahrheit, dass die Selbstsucht der +Menschen der schlimmste Feind ihres eigenen Interesses ist. Der Laerm ward +so bedrohlich, dass der Koenig fuer noetig hielt, zunaechst eine +Spezialkommission mit der Pruefung dieser Vorstellungen zu beauftragen. +Hier errang die alte friderizianische Schule noch einmal die Oberhand. Der +Vorsitzende, Oberpraesident v. Heydebreck, betrachtete als hoechste Aufgabe +der Handelspolitik "das Numeraire dem Lande zu konservieren"; die Mehrheit +beschloss, der Krone die Wiederherstellung des Verbotsystems, wie es bis +zum Jahre 1806 bestanden, anzuraten. Aber zugleich mit diesem Bericht ging +auch ein geharnischtes Minderheitsgutachten ein, verfasst von Staatsrat +Kunth, dem Erzieher der Gebrueder Humboldt, einem selbstbewussten Vertreter +des altpreussischen Beamtenstolzes, der das gute Recht der Bureaukratie +oftmals gegen die aristokratische Geringschaetzung seines Freundes Stein +verteidigte. Mit den Zustaenden des Fabrikwesens aus eigener Anschauung +gruendlich vertraut, lebte und webte er in den Gedanken der neuen +Volkswirtschaftslehre. "Eigentum und Freiheit, darin liegt alles; es gibt +nichts anderes" -- so lautete sein Kernspruch. Als das aergste Gebrechen der +preussischen Industrie erschien ihm die erstaunlich mangelhafte Bildung der +meisten Fabrikanten, eine schlimme Frucht des Uebergewichts der gelehrten +Klassen, welche nur durch den Einfluss des auswaertigen Wettbewerbs +allmaehlich beseitigt werden konnte; waren doch selbst unter den ersten +Fabrikherren Berlins viele, die kaum notduerftig ihren Namen zu schreiben +vermochten. + +Kunths Gutachten fand im Staatsrate fast ungeteilte Zustimmung; es liess +sich nicht mehr verkennen, dass die Aufhebung der Handelsverbote nur die +notwendige Ergaenzung der Reformen von 1808 bildete. Als das Plenum des +Staatsrats am 3. Juli ueber das Zollgesetz beriet, sprachen die politischen +Gegner Gneisenau und Schuckmann einmuetig fuer die Befreiung des Verkehrs. +Oberpraesident Merckel und Geh. Rat Ferber, ein aus dem saechsischen Dienste +heruebergekommener trefflicher Nationaloekonom, fuehrten aus, dass dem +Notstande des Gewerbefleisses in Schlesien und Sachsen nur durch die +Freiheit zu begegnen sei; und zuletzt stimmten von 56 Anwesenden nur drei +gegen das Gesetz: Heydebreck, Ladenberg und Geh Rat Beguelin. Am 1. August +genehmigte der Koenig von Karlsbad aus "das Prinzip der freien Einfuhr fuer +alle Zukunft". Nun folgten neue peinliche Verhandlungen, da es anfangs +unmoeglich schien, die neue Ordnung gleichzeitig in den beiden Haelften des +Staatsgebiets einzufuehren. Endlich, am 26. Mai 1818, kam das Zollgesetz +fuer die gesamte Monarchie zustande. + +Sein Verfasser war der Generaldirektor Karl Georg _Maassen_(1), ein Beamter +von umfassenden Kenntnissen, mit Leib und Seele in den Geschaeften lebend, +ein Mann, der hinter kindlich anspruchslosen Umgangsformen den kuehnen Mut +des Reformers, eine tiefe und freie Auffassung des sozialen Lebens +verbarg. Aus Cleve gebuertig, hatte er zuerst als preussischer Beamter in +seiner Heimat, dann eine Zeitlang im bergischen Staatsdienste die +Grossindustrie des Niederrheins, nachher bei der Potsdamer Regierung die +Volkswirtschaft des Nordostens kennen und also die Theorien Adam +Smiths(2), denen er von fruehauf huldigte, durch vielseitige praktische +Erfahrung zu ergaenzen gelernt. So ging er auch beim Entwerfen des +Zollgesetzes nicht von einer fertigen Doktrin aus, sondern von drei +Gesichtspunkten der praktischen Staatskunst. Die Aufgabe war: zunaechst in +der gesamten Monarchie durch Befreiung des inneren Verkehrs eine lebendige +Gemeinschaft der Interessen zu begruenden, sodann dem Staate neue +Einnahmequellen zu eroeffnen, endlich dem heimischen Gewerbefleiss einen +maechtigen Schutz gegen die englische Uebermacht zu gewaehren und ihm doch +den heilsamen Stachel des auslaendischen Wettbewerbs nicht gaenzlich zu +nehmen. Wo die Wuensche der Industrie den Anspruechen der Staatskassen +widersprachen, da musste das Interesse der Finanzen vorgehen; dies gebot +die Bedraengnis des Staatshaushalts. + +Die beiden ersten Paragraphen des Gesetzes verkuendigten die Freiheit der +Ein-, Aus- und Durchfuhr fuer den ganzen Umfang des Staates. Damit wurde +die volle Haelfte des nichtoesterreichischen Deutschlands zu einem freien +Marktgebiete vereinigt, zu einer wirtschaftlichen Gemeinschaft, welche, +wenn sie die Probe bestand, sich auch ueber die andere Haelfte der Nation +erweitern konnte. Denn die schroffsten Gegensaetze unseres vielgestaltigen +sozialen Lebens lagen innerhalb der preussischen Grenzen. War es moeglich, +Posen und das Rheinland ohne Schaedigung ihrer wirtschaftlichen Eigenart +derselben wirtschaftlichen Gesetzgebung zu unterwerfen, so war schon +erwiesen, dass diese Gesetze mit einigen Aenderungen auch fuer Baden und +Hannover genuegen mussten. Preussen hatte sich -- so sagte Maassen oftmals -- +genau die naemlichen Fragen vorzulegen wie alle die anderen deutschen +Staaten, welche ernstlich nach Zolleinheit verlangten, und konnte, wegen +der Mannigfaltigkeit seiner wirtschaftlichen Interessen, leichter als jene +die richtige Antwort finden. Aber die Ausfuehrung des Gedankens, die +Verlegung der Zoelle an die Grenzen des Staates war in Preussen schwieriger +als in irgendeinem anderen Reiche; sie erschien zuerst vielen ganz +unausfuehrbar. Man sollte eine Zollinie von 1073 Meilen bewachen, je eine +Grenzmeile auf kaum fuenf Geviertmeilen des Staatsgebiets, und zwar unter +den denkbar unguenstigsten Verhaeltnissen, da die kleinen deutschen Staaten, +die mit dem preussischen Gebiete im Gemenge lagen, zumeist noch kein +geordnetes Zollwesen besassen, ja sogar den Schmuggel grundsaetzlich +beguenstigten. Solche Bedraengnis veranlasste die preussischen Finanzmaenner +zur Aufstellung eines einfachen uebersichtlichen Tarifs, der die Waren in +wenige grosse Klassen einordnete. Eine umfaengliche, verwickelte Zollrolle, +wie sie in England oder Frankreich bestand, erforderte ein zahlreiches +Beamtenpersonal, das in Preussen den Ertrag der Zoelle verschlungen haette. +Durch denselben Grund wurde Maassen bewogen, die Erhebung der Zoelle nach +dem Gewichte der Waren vorzuschlagen, waehrend in allen anderen Staaten das +von der herrschenden Theorie allein gebilligte System der Wertzoelle galt. +Die Abstufung der Zoelle nach dem Werte wuerde die Kosten der Zollverwaltung +unverhaeltnismaessig erhoeht haben; zudem lag in der hohen Besteuerung +kostbarer Waren eine starke Versuchung zum Schmuggelhandel, welche ein +Staat von so schwer zu bewachenden Grenzen nicht ertragen konnte. + +Auch in der grossen Prinzipienfrage der Handelspolitik gab die Ruecksicht +auf die Finanzen den Ausschlag. Der Staat hatte die Wahl zwischen zwei +Wegen. Man konnte entweder nach Englands und Frankreichs Beispiel +Prohibitivzoelle einfuehren, um diese sodann als Unterhandlungsmittel gegen +die Westmaechte zu benutzen und also Zug um Zug durch Differentialzoelle zur +Erleichterung des Verkehrs zu gelangen; oder man wagte sogleich in Preussen +ein System maessiger Zoelle zu gruenden, in der Hoffnung, dass die Natur der +Dinge die grossen Nachbarreiche dereinst in dieselbe Bahn draengen werde. +Maassen fand den Mut, den letzteren Weg zu waehlen, vornehmlich, weil der +zweifelhafte Ertrag aus hohen Schutzzoellen dem Beduerfnis der Staatskassen +nicht genuegen konnte. Verboten wurde allein die Einfuhr von Salz und +Spielkarten; die Rohstoffe blieben in der Regel abgabenfrei oder einem +ganz niedrigen Zolle unterworfen. Von den Manufakturwaren sollte ein +maessiger Schutzzoll erhoben werden, nicht ueber 10 Prozent, ungefaehr der +ueblichen Schmuggelpraemie entsprechend. Die Kolonialwaren dagegen +unterlagen einem ergiebigen Finanzzolle, bis zu 20 Prozent, da Preussen an +seiner leicht zu bewachenden Seegrenze die Mittel besass, diese Produkte +wirksam zu besteuern. + +Dies freieste und reifste staatswirtschaftliche Gesetz des Zeitraums wich +von den herrschenden Vorurteilen so weit ab, dass man im Auslande anfangs +ueber die gutmuetige Schwaeche der preussischen Doktrinaere spottete. Den +Staatsmaennern der absoluten Monarchie faellt ein undankbares +entsagungsvolles Los. Wie laut preist England heute seinen William +Huskisson(3), *one of the world's great spirits*; alle gesitteten Voelker +bewundern die Freihandelsreden des grossen Britten. Der Name Maassens aber +ist bis zur Stunde in seinem eigenen Vaterlande nur einem engen +Gelehrtenkreise vertraut. _Und doch hat die grosse Freihandelsbewegung +unseres Jahrhunderts nicht in England, sondern in Preussen ihren ersten +bahnbrechenden Erfolg errungen._ Das wiederhergestellte franzoesische +Koenigtum hielt in dem Tarife von 1816 die strengen napoleonischen +Prohibitivzoelle gegen fremde Fabrikwaren hartnaeckig fest. Die Selbstsucht +der Emigranten fuegte noch schwere Zoelle auf die Erzeugnisse des Landbaues, +namentlich auf Schlachtvieh und Wolle, hinzu. Auch in England war nur ein +Teil des Handelsstandes fuer die Lehren der Verkehrsfreiheit gewonnen. Noch +stand der Grundherr treu zu den hohen Kornzoellen, der Reeder zu Cromwells +Navigationsakte(4), der Fabrikant zu dem harten Prohibitivsysteme; noch +urteilte die Mehrzahl der Gebildeten wie einst Burke(5) ueber Adam Smith: +solche abstrakte Theorien sind gut genug fuer das stille Katheder von +Glasgow(6). Erst das kuehne Vorgehen der Berliner Staatsmaenner ermutigte +die englischen Freihaendler, mit ihrer Meinung herauszuruecken. Auf das +"glaenzende Beispiel, welches Preussen der Welt gegeben", berief sich die +freihaendlerische Petition der Londoner City, welche Baring im Mai 1820 dem +Parlamente uebergab. An Preussen dachte Huskisson, als er seinen beruehmten +Satz aufstellte: "Der Handel ist nicht Zweck, er ist das Mittel, Wohlstand +und Behagen unter den Voelkern zu verbreiten" und seinem Volke zurief: +"Dies Land kann nicht still stehen, waehrend andere Laender vorschreiten in +Bildung und Gewerbefleiss". + +Den freihaendlerischen Ansichten der preussischen Staatsmaenner genuegte das +neue Gesetz nicht voellig. Man ahnte im Finanzministerium wohl, dass der +weitaus groesste Teil des Zollertrags allein von den gangbarsten +Kolonialwaren aufgebracht werden und die Staatskasse von anderen Zoellen +nur geringen Vorteil ziehen wuerde. Aber man sah auch, dass jedem +Steuersystem durch die Gesinnung der Steuerpflichtigen feste Schranken +gezogen sind; die oeffentliche Meinung jener Tage wuerde der Regierung nie +verziehen haben, wenn sie den Kaffee besteuert, den Tee frei gelassen +haette. Maassen verwarf jede einseitige Beguenstigung eines Zweiges der +Produktion, er rechnete auf das Ineinandergreifen von Ackerbau, Gewerbe +und Handel und betrachtete die Schutzzoelle nur als einen Notbehelf, um die +deutsche Industrie allmaehlich zu Kraeften kommen zu lassen. Schon bei der +ersten Revision des Tarifs im Jahre 1821 tat man einen Schritt weiter im +Sinne des Freihandels, vereinfachte den Tarif und setzte mehrere Zoelle +herab. Waehrend das Gesetz von 1818 fuer die westlichen Provinzen einen +eigenen Tarif mit etwas niedrigeren Saetzen aufgestellt hatte, fiel jetzt +der Unterschied zwischen den Provinzen hinweg; die Zollrolle von 1812 +bildete in Form und Einrichtung die Grundlage fuer alle spaeteren Tarife des +Zollvereins. + +Derweil der Staatsrat diese Reform zum Abschluss brachte, erging sich die +unreife nationaloekonomische Bildung der Zeit in widersprechenden Klagen. +Die Massen meinten die Verteuerung des Lebensunterhalts nicht ertragen zu +koennen, die Fabrikanten sahen "dem englischen Handelsdespotismus" Tuer und +Tor geoeffnet und bestuermten den Thron abermals mit so verzweifelten +Bittschriften, dass der Koenig, obwohl selbst mit Maassens Plaenen ganz +einverstanden, doch eine nochmalige Pruefung des schon unterschriebenen +Gesetzes befahl. Erst am 1. September 1818 wurde das Zollgesetz +veroeffentlicht, erst zu Neujahr 1819 traten die neuen Grenzzollaemter in +Taetigkeit. Am 8. Februar 1819 erschien das ergaenzende Gesetz ueber die +Besteuerung des Konsums inlaendischer Erzeugnisse, wonach nur Wein, Bier, +Branntwein und Tabaksblaetter einer Steuer unterlagen, die ohne +unmittelbare Belaestigung der Verzehrer von den Produzenten zu erheben war. + +Die neue Gesetzgebung hielt im ganzen sehr gluecklich die Mitte zwischen +Handelsfreiheit und Zollschutz. Nur nach einer Richtung hin wich sie +auffaellig ab von den Grundsaetzen des gemaessigten Freihandels: sie belastete +den Durchfuhrhandel unverhaeltnismaessig schwer. Der Zentner Transitgut +zahlte im Durchschnitt einen halben Taler Zoll, auf einzelnen wichtigen +Handelsstrassen noch weit mehr -- sicherlich eine sehr drueckende Last fuer +ordinaere Gueter, zumal wenn sie das preussische Gebiet mehrmals beruehrten. +Die naechste Veranlassung zu dieser Haerte lag in dem Beduerfnis der +Finanzen. Preussen beherrschte einige der wichtigsten Handelsstrassen +Mitteleuropas: die Verbindung Hollands mit dem Oberlande, die alten +Absatzwege des polnischen Getreides, den Verkehr Leipzigs mit der See, mit +Polen, mit Frankfurt. Man berechnete, dass die volle Haelfte der in Preussen +eingehenden Waren dem Durchfuhrhandel angehoerte. Die erschoepfte +Staatskasse war nicht in der Lage, diesen einzigen Vorteil, den ihr die +unglueckliche langgestreckte Gestalt des Gebiets gewaehrte, aus der Hand zu +geben. Ueberdies stimmten alle Kenner des Mautwesens ueberein in der fuer +jene Zeit wohlbegruendeten Meinung, dass nur durch Besteuerung der Durchfuhr +der finanzielle Ertrag des Grenzzollsystems gesichert werden koenne. Gab +man den Transit voellig frei, so wurde dem Unterschleif Tuer und Tor +geoeffnet, ein ungeheurer Schmuggelhandel von Hamburg, Frankfurt, Leipzig +her geradezu herausgefordert, das ganze Gelingen der Reform in Frage +gestellt. Die unbillige Hoehe der Durchfuhrzoelle aber und das zaehe +Festhalten der Regierung an diesen fuer die deutschen Nachbarlande +unleidlichen Saetzen erklaert sich nur aus politischen Gruenden. Der +Transitzoll diente dem Berliner Kabinett als ein wirksames +Unterhandlungsmittel, um die deutschen Kleinstaaten zum Anschluss an die +preussische Handelspolitik zu bewegen. + +Von jenem Traumbilde einer gesamtdeutschen Handelspolitik, das waehrend des +Wiener Kongresses den preussischen Bevollmaechtigten vorgeschwebt hatte, war +man in Berlin laengst zurueckgekommen. Die Unmoeglichkeit solcher Plaene ergab +sich nicht bloss aus der Nichtigkeit der Bundesverfassung, sondern auch aus +den inneren Verhaeltnissen der Bundesstaaten. Hardenberg(7) wusste, dass der +Wiener Hof an seinem altvaeterlichen Provinzialzollsystem nichts aendern +wollte und seine nichtdeutschen Kronlaender einem Bundeszollwesen +schlechterdings nicht unterordnen konnte. Aber auch das uebrige Deutschland +bewahrte noch viele Truemmer aus der schmaehlichen kosmopolitischen Epoche +unserer Vergangenheit. Noch war Hannover von England, Schleswig-Holstein +von Daenemark abhaengig, noch stand Luxemburg in unmittelbarer +geographischer Verbindung mit dem niederlaendischen Gesamtstaate. Wie war +ein gesamtdeutsches Zollwesen denkbar, so lange diese Fremdherrschaft +waehrte? Auch die Verfassung mehrerer Bundesstaaten bot unuebersteigliche +Hindernisse. Die preussische Zollreform ruhte auf dem Gedanken des gemeinen +Rechts. Wer durfte erwarten, dass der mecklenburgische Adel auf seine +Zollfreiheit, der saechsische auf die mit den staendischen Privilegien fest +verkettete Generalakzise verzichten wuerde, so lange die staendische +Oligarchie in diesen Landen ungestoert herrschte? Wie war es moeglich, die +preussischen Zoelle, welche die Einheit des Staatshaushalts voraussetzten, +in Hannover einzufuehren, wo noch die Koenigliche Domaenenkasse und die +staendische Steuerkasse selbstaendig nebeneinander standen? Das Zollwesen +hing ueberdies eng zusammen mit der Besteuerung des inlaendischen Konsums; +nur wenn die Kleinstaaten sich entschlossen, das System ihrer indirekten +Steuern auf preussischen Fuss zu setzen oder doch dem preussischen Muster +anzunaehern, war eine ehrliche Gegenseitigkeit, eine dauernde +Zollgemeinschaft zwischen ihnen moeglich. Und liess sich solche +Opferwilligkeit erwarten in jenem Augenblick, da der Rheinbund und das +Raenkespiel des Wiener Kongresses den selbstsuechtigen Duenkel der Dynastien +krankhaft aufgeregt und jeder Scham entwoehnt hatten? Selbst jene Staaten, +denen redlicher Wille nicht fehlte, konnten gar nicht sofort auf die +harten Zumutungen eingehen, welche Preussen ihnen stellen musste, um sich +den Ertrag seiner Zoelle zu sichern. Man musste, so gestand Eichhorn(8) +spaeterhin, sich erst orientieren in der veraenderten Lage, die +nationaloekonomischen Beduerfnisse des eigenen Landes und die zur Deckung +der Staatsausgaben notwendigen Opfer ueberschlagen; bevor man hierueber ins +Klare gekommen, konnte man sich von einer gemeinsamen Beratung keinen +Erfolg versprechen, am wenigsten von einer Beratung fuer ganz Deutschland +am Bundestag. + +Wie die Dinge lagen, musste Preussen selbstaendig vorgehen, ohne jede +schonende Ruecksicht fuer die deutschen Nachbarn. Unter den gemuetlichen +Leuten herrschte die Ansicht vor, Preussen solle die Binnengrenzen gegen +Deutschland offen halten und allein an den Grenzen gegen das Ausland Zoelle +erheben. Der kindische Vorschlag haette, ausgefuehrt, jede Grenzbewachung +unmoeglich gemacht, die finanziellen wie die volkswirtschaftlichen Zwecke +der Zollreform voellig vereitelt. Selbst eine mildere Besteuerung deutscher +Produkte war unausfuehrbar. Gerade die deutschen Kleinstaaten mit ihren +verzwickten, mangelhaft oder gar nicht bewachten Grenzen mussten der +preussischen Staatskasse als die gefaehrlichsten Gegner erscheinen. +Ursprungszeugnisse, von solchen Behoerden ausgestellt, boten den genauen +Rechnern der Berliner Bureaus keine genuegende Sicherheit. Jede +Erleichterung, die an diesen Grenzen eintrat, ermutigte den Unterschleif, +so lange nicht eine geordnete Zollverwaltung in den kleinen Nachbarstaaten +bestand. Noch mehr: gewaehrte Preussen den deutschen Staaten Beguenstigungen, +so griff das Ausland unfehlbar zu Retorsionen(9), und der Staat wurde +allmaehlich in ein Differentialzollsystem hineingetrieben, das den +Absichten seiner Staatsmaenner schnurstracks zuwiderlief. Differentialzoelle +erschienen dem Finanzministerium noch weit bedenklicher als Schutzzoelle, +da diese den Verkehr belasteten zugunsten der einheimischen, jene zum +Vorteil der auslaendischen Produzenten. + +Es war nicht anders: sollte das neue Zollsystem ueberhaupt ins Leben +treten, so mussten alle nichtpreussischen Waren zuvoerderst auf gleichem Fuss +behandelt werden. Allerdings wurden dadurch die deutschen Nachbarn sehr +hart getroffen. Sie waren gewohnt, einen schwunghaften Schmuggelhandel +nach Preussen hinueber zu fuehren; jetzt trat die strenge Grenzbewachung +dazwischen. Die Zollinien an den Grenzen der neuen Provinzen stoerten +vielfach altgewohnten Verkehr. Das Koenigreich Sachsen litt schwer, als die +preussischen Zollschranken dicht vor den Toren Leipzigs aufgerichtet +wurden. Die kleinen rheinischen Lande sahen nahe vor Augen das beginnende +Erstarken der preussischen Volkswirtschaft; was drueben ein Segen, ward +hueben zur Last. Begreiflich genug, dass gerade in der unmittelbaren +Nachbarschaft Preussens die Missstimmung ueberhand nahm. Auch die Einrichtung +der Gewichtszoelle war fuer die deutschen Nachbarstaaten unverhaeltnismaessig +laestig, da das Ausland zumeist feinere, Deutschland groebere Waren in +Preussen einzufuehren pflegte. + +Indes, wenn es nicht anging, den Kleinstaaten sofort Beguenstigungen zu +gewaehren, so war doch die Zollreform von Haus aus darauf berechnet, die +deutschen Nachbarn nach und nach in den preussischen Zollverband +hineinzuziehen. "Die Unmoeglichkeit einer Vereinigung fuer den ganzen Bund +erkennend, suchte Preussen durch Separatvertraege sich diesem Ziele zu +naehern" -- mit diesen kurzen und erschoepfenden Worten hat Eichhorn zehn +Jahre spaeter den Grundgedanken der preussischen Handelspolitik bezeichnet. +Die Zerstueckelung seines Gebietes zwang den Staat, deutsche Politik zu +treiben, machte ihm auf die Dauer unmoeglich, sich selbst genuegsam +abzuschliessen, seine Verwaltung zu ordnen ohne Verstaendigung mit den +deutschen Nachbarlanden. Ein grosser Teil der thueringischen Besitzungen +Preussens, 41 Geviertmeilen, musste vorderhand aus der Zollinie +ausgeschlossen bleiben. Es war eine unabweisbare Notwendigkeit, die +Zollschranken mindestens so weit hinauszuschieben, dass das gesamte +Staatsgebiet gleichmaessig besteuert werden konnte. In dem Zollgesetz selber +(§ 5) war die Absicht erklaert, durch Handelsvertraege den wechselseitigen +Verkehr zu befoerdern. Die harte Besteuerung der Durchfuhr gab diesem Winke +fuehlbaren Nachdruck. Noch bestimmter sprach sich Hardenberg ueber die +Absicht des Gesetzes aus, schon ehe es in Kraft trat. Als die Fabrikanten +von Rheidt und anderen rheinischen Plaetzen den Staatskanzler um +Beseitigung der deutschen Binnenzoelle baten, gab er die Antwort (3. Juni +1818): die Vorteile, welche aus der Vereinigung mehrerer deutscher Staaten +zu einem gemeinschaftlichen Fabrik- und Handelssystem hervorgehen koennen, +seien der Regierung nicht unbekannt; mit steter Ruecksicht hierauf sei der +Plan des Koenigs zur Reife gediehen. "Es liegt ganz im Geiste dieses +Planes, ebensowohl auswaertige Beschraenkungen des Handels zu erwidern, als +Willfaehrigkeit zu vergelten und nachbarliches Anschliessen an ein +gemeinsames Interesse zu befoerdern". Ebenso erklaerte er den Elberfeldern: +die preussischen Zollinien sollten dazu dienen, "eine allgemeine Ausdehnung +oder sonstige Vereinigung vorzubereiten". + +Damit wurde deutlich angekuendigt, dass der Staat, der seit langem das +Schwert des alten Kaisertums fuehrte, jetzt auch die handelspolitischen +Reformgedanken der Reichspolitik des sechzehnten Jahrhunderts wieder +aufnahm und bereit war, der Nation nach und nach die Einheit des +wirtschaftlichen Lebens zu schaffen, welche ihr im ganzen Verlaufe ihrer +Geschichte immer gefehlt hatte. Er dachte dies Ziel, das sich nicht mit +einem Sprunge erjagen liess, schrittweis, in bedachtsamer Annaeherung, durch +Vertraege von Staat zu Staat zu erreichen. Mars und Merkur sind die +Gestirne, welche in diesem Jahrhundert der Arbeit das Geschick der Staaten +vornehmlich bestimmen. _Das Heerwesen und die Handelspolitik der +Hohenzollern bildeten fortan die beiden Rechtstitel, auf denen Preussens +Fuehrerstellung in Deutschland ruhte._ Und diese Handelspolitik war +ausschliesslich das Werk der Krone und ihres Beamtentums. Sie begegnete, +auch als ihre letzten Ziele sich spaeterhin voellig enthuellten, regelmaessig +dem verblendeten Widerstande der Nation. Im Zeitalter der Reformation war +die wirtschaftliche Einigung unseres Vaterlandes an dem Widerstande der +Reichsstaedte gescheitert; im 19. Jahrhundert ward sie recht eigentlich +gegen den Willen der Mehrzahl der Deutschen von neuem begonnen und +vollendet. + +Im Kampfe gegen das preussische Zollgesetz hielten alle deutschen Parteien +zusammen, Kotzebues Wochenblatt so gut wie Ludens Nemesis. Vergeblich +widerlegte J. G. Hoffmann(10) in der Preussischen Staatszeitung mit +ueberlegener Sachkenntnis das fast durchweg wertlose nationaloekonomische +Gerede der Presse. Dieselben Schutzzoellner, die um Hilfe riefen fuer die +deutsche Industrie, schalten zugleich ueber die unerschwinglichen Saetze des +preussischen Tarifs, der doch jenen Schutz gewaehrte. Dieselben Liberalen, +die den Bundestag als einen voellig unbrauchbaren Koerper verspotteten, +forderten von dieser Behoerde eine schoepferische handelspolitische Tat. +Wenn Hoffmann nachwies, dass das neue Gesetz eine Wohltat fuer Deutschland +sei, so erwiderten Poelitz, Krug und andere saechsische Publizisten, kein +Staat habe das Recht, seinen Nachbarn Wohltaten aufzudraengen. Alberne +Jagdgeschichten wurden mit der hoechsten Bestimmtheit wiederholt und von +der Unwissenheit der Leser begierig geglaubt. Da hatte ein armer Hoeker aus +dem Reussischen, als er seinen Schubkarren voll Gemuese zum Leipziger +Wochenmarkt fuhr, einen Taler Durchfuhrzoll an die preussische Maut zahlen +muessen -- nur schade, dass Preussen von solchen Waren gar keinen Zoll erhob. +Auch die Sentimentalitaet ward gegen Preussen ins Feld gefuehrt; sie findet +sich ja bei den Deutschen immer ein, wenn ihnen die Gedanken ausgehen. Da +war gleich am ersten Tage, als das unselige Gesetz in Kraft trat, ein +Zollbeamter zu Langensalza von einem gothaischen Patrioten im Rausche +heiligen Zornes erstochen worden; der Mann hatte sich aber selbst +entleibt. Da hiess es wehmuetig, Koenig Friedrich Wilhelm hege wohl +menschenfreundliche Absichten, aber "finanzielle Ruecksichten vergiften die +besten Massregeln"; fuer die harte Notwendigkeit dieser finanziellen +Ruecksichten hatte man kein Auge. Die ersehnte Einheit des deutschen +Marktes -- darueber bestand unter den liberalen Patrioten kein Streit -- +konnte nur gelingen, wenn die bereits vollzogene Einigung der Haelfte +Deutschlands wieder zerstoert wurde. + +Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert. +II, 211 ff. -- Die Anmerkungen sind vom Herausgeber beigefuegt. + + ------------------ + + + + + 1 Geb. 23. August 1769, gest. 2. November 1834. + + 2 Adam Smith, geb. 1723, gest. 1790, ist als der Begruender der neueren + Nationaloekonomie zu betrachten; er vertrat die Lehre, dass es in + wirtschaftlichen Dingen Aufgabe des Staates sei, das freie Spiel der + wirtschaftlichen Kraefte durch Beseitigung entgegenstehender + Hemmnisse zu foerdern. + + 3 Geb. 11. Maerz 1770, gest. am 15. September 1830 an den schweren + Verletzungen, die er sich bei Eroeffnung der zwischen Liverpool und + Manchester erbauten Eisenbahn dadurch zuzog, dass er beim Einsteigen + unter die Raeder fiel. Im Ministerium Canning war er Staatssekretaer + fuer die Kolonien. + + 4 Die Navigationsakte vom 9. Oktober 1651 gestattete die Einfuhr von + Waren aus Afrika, Asien und Amerika nur unter englischer Flagge, die + Einfuhr von europaeischen Waren nur durch englische Schiffe oder + Schiffe des erzeugenden Landes. Damit wurde der hollaendische + Zwischenhandel ausgeschaltet. Erst 1849 wurde die Akte aufgehoben. + + 5 Edmund Burke, geb. 1729, gest. 9. Juli 1797, hervorragender + englischer Politiker und Staatsmann. + + 6 Adam Smith war von 1751 ab eine Reihe von Jahren als Professor der + Logik und der Moral an der Universitaet zu Glasgow taetig. + + 7 Karl August, Fuerst von Hardenberg, geb. 31. Mai 1750, gest. 26. Nov. + 1822, seit Juni 1810 bis an seinen Tod preussischer Staatskanzler. + + 8 Joh. Albrecht Friedrich Eichhorn, geb. 2. Maerz 1779, gest. 16. + Januar 1856, war als Direktor der zweiten Abteilung des Ministeriums + des Aeusseren besonders fuer die Entwicklung des Zollvereins taetig. Von + 1840-48 kaempfte er als Kultusminister fuer die Erhaltung der + kirchlichen Rechtglaeubigkeit gegen die freiheitlichen Bestrebungen + der Lichtfreunde. + + 9 Zwangsmassregeln. + + 10 Joh. Gottfr. Hoffmann, geb. 19. Juli 1765, gest. 12. November 1847, + hervorragender Nationaloekonom und Begruender der wissenschaftlichen + Statistik. + + + + +2. Der Kampf gegen das preussische Zollgesetz und der erste preussische +Zollvertrag. + + +Alles historische Werden entspringt der bestaendigen Wechselwirkung +zwischen dem bewussten Menschenwillen und den gegebenen Zustaenden. Wie die +Vernunft, die in den Dingen liegt, nur durch die Willenskraft eines +grossen, die Zeichen der Zeit verstehenden Mannes verwirklicht werden kann, +so finden auch die Suenden und Irrtuemer der Politiker ihre Schranke an dem +Charakter der Staaten, an der Macht der Ideen, die sich im Verlauf der +Geschichte angesammelt haben. Schwer hatte die Krone Preussen gefehlt, als +sie in Karlsbad(11) sich den lebendigen Kraeften des jungen Jahrhunderts +entgegenstemmte; und doch war dieser Staat modern von Grund aus, er konnte +sich der neuen Zeit nicht gaenzlich entfremden und begann eben jetzt eine +Reform seines Haushalts, welche ihn befaehigte, in seiner wirtschaftlichen +Entwicklung alle anderen deutschen Staaten zu ueberfluegeln. Nachgiebig bis +zur Selbstvergessenheit war Hardenberg in Teplitz(12) allen Wuenschen +Oesterreichs entgegengekommen, der Glaube an die unbedingte +Interessengemeinschaft der beiden Grossmaechte beherrschte ihn ganz und gar; +und doch war der Gegensatz der beiden Maechte in einer alten Geschichte +begruendet und, so lange die Machtfrage der deutschen Zukunft ungeloest +blieb, durch menschlichen Willen nicht mehr beizulegen. Fast in dem +naemlichen Augenblicke, da der Berliner Hof sich gaenzlich der Fuehrung +Oesterreichs zu ueberlassen schien, tat er wieder einen Schritt vorwaerts auf +den Bahnen der friderizianischen Politik und begann die deutschen +Nachbarlande in seine Zollgemeinschaft aufzunehmen. Es war ein winziger, +nach dem Masse der Gegenwart fast laecherlicher Erfolg, aber der +unscheinbare Beginn einer Staatskunst, welche die deutschen Staaten durch +das Band wirtschaftlicher Interessen unloesbar an Preussen ketten und die +Befreiung von Oesterreich vorbereiten sollte. + +Seit das preussische Zollgesetz in Kraft gesetzt und den kleinen Nachbarn +zunaechst nur durch seine Haerten fuehlbar wurde, erhob sich ueberall mit +erneuter Staerke der Ruf nach Aufhebung aller Binnenmauten, und es begann +eine leidenschaftliche Agitation fuer die deutsche Handelseinheit, der +Vorlaeufer und das Vorbild der spaeteren Kaempfe um die politische Einheit. +Die ganze Nation schien einig in einem grossen Gedanken; gleichwohl gingen +die Ansichten ueber die Mittel und Wege nach allen Richtungen auseinander, +und das einzige, was retten konnte, der Anschluss an die schon vorhandene +Einheit des preussischen Marktgebietes, ward in unseliger Verblendung so +lange verschmaeht, bis schliesslich nur die bittere Not das Unvermeidliche +erzwang. + +Gleich nach dem Frieden begann eine regelmaessige Einwanderung in das +verarmte Preussen einzustroemen, etwa halb so stark als der Ueberschuss der +Geburten; sie bestand ueberwiegend aus jungen Leuten der deutschen +Nachbarschaft, die in dem Lande der sozialen Freiheit ihr Glueck suchten. +Als nunmehr die Binnenzoelle in der Monarchie hinwegfielen, da liessen sich +die Vorteile, welche der preussische Geschaeftsmann aus seinem ausgedehnten +freien Markt zog, zumal an den Grenzplaetzen bald mit Haenden greifen: so +siedelte ein Teil der Bingener Weinhaendler auf das preussische Ufer der +Nahe ueber, da die Preise in Preussen oft dreimal hoeher standen als auf dem +ueberfuellten hessischen Markte. Das Beamtentum der kleinen Hoefe war noch +gewoehnt an das Zunftwesen, an die Erschwerung der Niederlassung und der +Heiraten, an die tausend Quaelereien einer kleinlichen sozialen +Gesetzgebung; von der Ueberlegenheit der preussischen Handelspolitik ahnte +man hier noch gar nichts. Manchem wohlmeinenden Beamten in Sachsen und +Thueringen erschienen die preussischen Steuergesetze als eine ueberfluessige +fiskalische Haerte, weil sein eigener Staat fuer das Heerwesen nur Geringes +leistete, also mit bescheidenen Einnahmen auskommen konnte. So entstand +unter dem Schutze der kleinen Hoefe an den preussischen Binnengrenzen ein +Krieg aller gegen alle, ein heilloser Zustand, von dem wir heute kaum noch +eine Vorstellung haben. Das Volk verwilderte durch das schlechte Handwerk +des Schwaerzens. In die zollfreien Packhoefe, welche ueberall dem preussischen +Gebiete nahe lagen, traten alltaeglich handfeste braune Gesellen, die +Jacken auf Ruecken und Schultern ganz glatt gescheuert, manch einem schaute +das Messer aus dem Guertel; dann packten sie die schweren Warenballen auf, +ein landesfuerstlicher Mautwaechter gab ihnen das Geleite bis zur Grenze und +ein Helf Gott mit auf den boesen Weg. Der kleine Mann hoerte sich nicht satt +an den wilden Abenteuern verwegener Schmuggler, die das heutige Geschlecht +nur noch aus altmodischen Romanen und Jugendschriften kennt. Also gewoehnte +sich unser treues Volk die Gesetze zu missachten. Jener wueste Radikalismus, +der allmaehlich in den Kleinstaaten ueberhand nahm, ward von den kleinen +Hoefen selber gepflegt: durch die Suenden der Demagogenjagd wie durch die +Frivolitaet dieser Handelspolitik. + +Als die Urheber solchen Unheils galten allgemein nicht die Kleinstaaten, +die den Schmuggel beguenstigten, sondern Preussen, das ihn ernsthaft +verfolgte; nicht jene Hoefe, die an ihren unsauberen fiskalischen Kniffen, +ihren veralteten unbrauchbaren Zollordnungen traege festhielten, sondern +Preussen, das sein Steuersystem neu gestaltet und gemildert hatte. Unfaehig, +die Lebensbedingungen eines grossen Staates zu verstehen, stellten die +kleinen Hoefe alles Ernstes die Forderung, Preussen muesse jene reiflich +erwogene, in alle Zweige des Gemeinwesens tief einschneidende Reform +sofort wieder rueckgaengig machen, noch bevor sie die Probe der Erfahrung +bestanden hatte -- und halb Deutschland stimmte dem toerichten Ansinnen zu. + +Ausserhalb der preussischen Beamtenkreise wagten in diesen ersten Jahren nur +zwei namhafte Schriftsteller das Werk Maassens unbedingt zu verteidigen. +Der unermuedliche Benzenberg(13) bewaehrte in seinem Buche "ueber Preussens +Geldhaushalt und neues Steuersystem" wieder einmal seinen praktischen +Takt. Im Verkehr mit Hardenberg hatte er gelernt, den Staatshaushalt von +oben, vom Standpunkt der Regierenden zu betrachten. Er wusste, dass jede +ernsthafte Kritik eines Steuersystems beginnen muss mit der Frage: welche +Ausgaben dem Staate unerlaesslich seien? -- einer Frage, die von den meisten +Publizisten jener Zeit gar nicht beruehrt wurde. So gelingt ihm +nachzuweisen, dass Preussen seiner Zolleinkuenfte nicht entbehren koenne. Er +scheut sich nicht, das Wehrgesetz und die neuen Steuergesetze als die +groessten Wohltaten der juengsten Epoche Friedrich Wilhelms III. zu loben; er +verlangt, dass man sie gegen jeden Widerstand aufrecht halte, fordert die +Nachbarstaaten auf, der Einladung des Koenigs zu folgen und mit Preussen +wegen gegenseitiger Aufhebung der Zoelle zu verhandeln. Dem Traumgebilde +der Bundeszoelle geht er hart zu Leibe. Er richtet an F. List(14) (August +1819) einen offenen Brief und fragt, wie denn der Bundestag, "der keine +Art von Legislation hat", eine solche Reform schaffen oder gar die +Zollverwaltung leiten solle? und sei denn die Aufhebung der Binnenmauten +moeglich ohne gleichmaessige Besteuerung des inneren Konsums? Die Stimme des +nuechternen Mannes verhallte in dem allgemeinen Toben; war er doch laengst +schon den Liberalen verdaechtig, weil er ein offenes Auge fuer die Eigenart +des preussischen Staates besass. + +Auch einer der tuechtigsten Kaufleute Deutschlands, E. W. Arnoldi in +Gotha(15), begruesste das preussische Zollgesetz schon im Januar 1819 als den +ersten Keim eines Vereins aller deutschen Staaten. Nur herzhaft +eingeschlagen in die dargebotene Hand: -- so sprach er sich im Allgemeinen +Anzeiger aus -- Preussen stellt ja den Grundsatz der Gegenseitigkeit an die +Spitze seines Gesetzes und erklaert sich bereit zu Vertraegen mit den +Nachbarn. Der treffliche Mann hatte einst in Hamburg noch zu den Fuessen des +alten Buesch(16) gesessen und sich dort eine freie Ansicht vom Welthandel +gebildet, welche der binnenlaendischen Kleinlebigkeit der Mehrzahl seiner +Standesgenossen noch ganz fremd war. Ihn wurmte die kindliche Unmuendigkeit +dieser Geschaeftswelt, die so gar nichts tat, um sich das Joch einer +widersinnigen Handelsgesetzgebung vom Nacken zu schuetteln. Schon seit +Jahren trug er sich mit dem Gedanken eines Bundes der deutschen +Fabrikanten zur Vertretung ihrer gemeinsamen Interessen. Dann stiftete er +in seiner Vaterstadt unter dem Namen Innungshalle eine Handelskammer und +eine rasch aufbluehende Handelsschule. Endlich fand er ein weites Gebiet +fruchtbarer Taetigkeit in dem Versicherungswesen, das noch ganz in der +Botmaessigkeit des Auslandes stand. Fast an allen groesseren deutschen Plaetzen +unterhielt der maechtige Londoner Phoenix seine Agenturen und beutete die +Deutschen durch unbillige Praemien aus, da die kleinen heimischen +Versicherungsgesellschaften, die in einzelnen Staedten des Nordens +bestanden, ihre Wirksamkeit auf die Vaterstadt beschraenkten. Da wendete +sich Arnoldi (1819) an die Nation mit der Frage, wie lange sie noch ihr +Geld in die englische Sparbuechse legen wolle, und entwarf den Plan fuer +eine deutsche, das gesamte Vaterland umfassende, auf Gegenseitigkeit +beruhende Feuerversicherungsbank. Zwei Jahre darauf trat diese Anstalt zu +Gotha ins Leben, der erste Anfang der grossartigen Entwicklung unseres +nationalen Versicherungswesens. Der allgemeine Hass gegen Englands +Handelsherrschaft kam dem kuehnen Unternehmer zustatten. Ueberall im +Binnenlande schalt man auf England und die Hansestaedte, die den +Sueddeutschen nur als englische Kontore galten; der wieder erwachende +Napoleonskultus und die franzoesischen Sympathien der Liberalen des Suedens +wurden durch solche erregte Stimmungen gefoerdert. Ueber die Waffen +freilich, welche den deutschen Gewerbefleiss vor einer erdrueckenden +auslaendischen Mitwerbung sichern konnten, hatten die wenigsten auch nur +nachgedacht. Nur soviel schien allen unzweifelhaft, dass saemtliche neu +eingefuehrte Zoelle sofort wieder aufgehoben und die im Artikel 19 der +Bundesakte verheissene Verkehrsfreiheit durch den Bundestag angeordnet +werden muesse. + +Selbst jener hochherzige, geistvolle Agitator, der mit dem ganzen Ungestuem +seiner Tatkraft gegen die Binnenmauten auftrat, auch Friedrich List, +teilte den allgemeinen Irrtum. Wie Goerres(17) einst im Rheinischen Merkur +die Idee der politischen Macht und Einheit des Vaterlandes vertrat, so +verfocht List die Idee der handelspolitischen Einheit -- eine verwandte +Natur, feurig, hochbegeistert, ein Meister der bewegten Rede, voll tiefer +und echter Leidenschaft, leicht hingerissen zu phantastischen Verirrungen. +Ein echter Reichsstaedter, war er im freiheitsstolzen Reutlingen +aufgewachsen, unter ewigen Haendeln mit den wuerttembergischen Schreibern; +er zaehlte zu jenen geborenen Kaempfern, denen das Schicksal immer neuen +Hader sendet, auch wenn sie den Streit nicht suchen. Seine Mutter, seinen +einzigen Bruder sah er ploetzlich sterben infolge der Roheit brutaler +Beamten; und als er dann selber einige Jahre in der geisttoetenden +Scheintaetigkeit der wuerttembergischen Schreibstuben verbracht hatte, da +ward sein Hass gegen die Herrschaft des rheinbuendischen Beamtentums +grenzenlos, und er setzte sich zum Ziele seines Lebens, den Buerger und +Bauersmann zur Selbsttaetigkeit zu erwecken, ihn aufzuklaeren ueber seine +naechsten Interessen, die Volkswirtschaftslehre von den Formeln des +Katheders zu befreien und sie die Sprache des Volkes reden zu lassen. +Schon durch die Geburt ein Deutscher schlechtweg, gleich dem Reichsritter +Stein, ging er mit seinen kuehnen Entwuerfen sogleich ueber die Grenzen der +schwaebischen Heimat hinaus, so dass er den verschwiegerten und +verschwaegerten Wuerttembergern bald als ein wildfremder Stoerenfried +verdaechtig wurde: eine neue Zeit handelspolitischer Groesse, dauerhafter als +einst die Herrlichkeit der Hansa, sollte dem deutschen Vaterlande tagen. +Eine seltene Kunst, die Massen zu befeuern und zu erregen, stand ihm zu +Gebote, ein agitatorisches Talent, dessengleichen unsere an grossen +Demagogen so arme Geschichte seither nur noch zweimal, in Robert Blum(18) +und Lassalle(19) gesehen hat. Im April 1819 stiftete List mit mehreren +Industriellen der Kleinstaaten, Miller aus Immenstadt, Schnell aus +Nuernberg, E. Weber aus Gera den Verein deutscher Kaufleute und +Fabrikanten, dem sich bald die Mehrzahl der grossen Firmen in Sued- und +Mitteldeutschland anschloss, und legte rasch entschlossen seine Tuebinger +Professur nieder, da die wuerttembergische Regierung das Amt eines +Konsulenten des Handelsvereins als unvertraeglich mit der Beamtenwuerde +betrachtete. + +Der neue Handelsverein richtete sogleich an den Bundestag eine Bittschrift +um Ausfuehrung des Artikels 19, Beseitigung aller Binnenmauten und Erlass +eines deutschen Zollgesetzes, das den Zoellen des Auslandes mit strengen +Retorsionen begegnen sollte, bis sich ganz Europa ueber allgemeine +Handelsfreiheit verstaendigt haette -- denn noch bekannte sich List, gleich +den meisten Sueddeutschen jener Zeit, im Grundsatz zu den Lehren des +Freihandels. In Frankfurt abgewiesen, bestuermte List sodann die Hoefe, die +Geschaeftsmaenner und wen nicht sonst mit seinen Gesuchen, geisselte in +seiner Zeitschrift dem "Organ des deutschen Handels- und Gewerbestandes", +unermuedlich und unerbittlich die Gebrechen deutscher Handelspolitik. Also +hat er in rastloser Arbeit mehr als irgendeiner der Zeitgenossen dazu +beigetragen, dass die Ueberzeugung von der Unhaltbarkeit des Bestehenden +tief in die Nation drang. Grosse verwegene Traeume, die erst das lebende +Geschlecht in Erfuellung gehen sieht, regten sich in seinem stuermischen +Kopfe: er dachte an eine gemeinsame Gewerbegesetzgebung, an ein deutsches +Postwesen, an nationale Industrieausstellungen, er hoffte die romantischen +Kaisertraeume des jungen Geschlechts durch die Arbeit der praktischen +nationalen Politik zu verdraengen und sah die Zeit voraus, da eine freie +Verfassung, ein deutsches Parlament aus der Handelseinheit hervorgehen +wuerde. Als der Schoepfer des Zollvereins, wie er selber im Uebermass seines +Selbstgefuehls sich genannt hat, kann List gleichwohl keinem Unbefangenen +gelten. + +Ein klares Programm, einen bestimmten, durchgebildeten politischen +Gedanken aufzustellen und festzuhalten, lag ueberhaupt nicht in der Weise +der Patrioten jener Zeit. Nur im Innern der sueddeutschen Mittelstaaten +begann die konstitutionelle Bewegung bereits feste, deutlich +ausgesprochene Parteimeinungen hervorzurufen. Wer ueber den deutschen +Gesamtstaat schrieb, begnuegte sich noch immer, der elenden Gegenwart ein +leuchtendes Idealbild gegenueberzuhalten und dann im raschen Wechsel +Einfaelle und Winke fuer den praktischen Staatsmann hinzuwerfen. Wie Goerres +im Rheinischen Merkur ein ganzes Geschwader deutscher Verfassungsplaene +harmlos veroeffentlichte, so eilte auch List in jaehen Spruengen von einem +Plane zum andern ueber. Bald will er die deutschen Bundesmauten an eine +Aktiengesellschaft verpachten; bald soll Deutschland sich anschliessen an +das oesterreichische Prohibitivsystem; dann ueberfaellt ihn wieder die +Ahnung, ob nicht Preussen den Weg zur Einheit zeigen werde. In seiner +Eingabe an den Bundestag gestand er: "Man wird unwillkuerlich auf den +Gedanken geleitet, die liberale preussische Regierung, die der Lage ihrer +Laender nach vollkommene Handelsfreiheit vor allen andern wuenschen muss, +hege die grosse Absicht, durch dieses Zollsystem die uebrigen Staaten +Deutschlands zu veranlassen, endlich wegen einer voelligen Handelsfreiheit +sich zu vergleichen. Diese Vermutung wird fast zur Gewissheit, wenn man die +Erklaerung der preussischen Regierung beruecksichtigt, dass sie sich geneigt +finden lasse, mit Nachbarstaaten besondere Handelsvertraege zu schliessen". +Leider vermochte der Leidenschaftliche nicht an dieser einfach richtigen +Erkenntnis festzuhalten. Er war ein Gegner der preussischen Handelspolitik, +soweit aus seinem unsteten Treiben ueberhaupt eine vorherrschende Ansicht +erkennbar wird; denn nach allen Abschweifungen lenkte er immer wieder auf +jenen Weg zurueck, welchen Preussen laengst als unmoeglich erkannt hatte, auf +die Idee der Bundeszoelle. Von den preussischen Zustaenden besass List nur +sehr mangelhafte Kenntnis; sein Verein ward durch die Hoffnung auf baldige +Wiederaufhebung des preussischen Zollgesetzes zusammengehalten und besass +Korrespondenten in allen groesseren deutschen Staaten, aber, bezeichnend +genug, keinen in Preussen. + +Nur der Zauber, der an dem Namen Deutschland haftete, erklaert das Raetsel, +dass so viele wackere und einsichtige Maenner noch immer auf eine +Handelspolitik des Deutschen Bundes hoffen konnten. Seinerseits hatte der +Bundestag alles getan, um die Schwaermer zu enttaeuschen. Die +Berichterstattung ueber Lists Bittschrift wurde dem Hannoveraner +Martens(20) uebertragen, der gleich den meisten dieser "deutschen +Grossbritannier" die englische Handelsherrschaft auf deutschem Boden +hocherfreulich fand. Mit dem ganzen Feuereifer polizeilicher Seelenangst +fragte er zunaechst, woher dieser Verein das Recht nehme, sich zum +Vertreter des deutschen Handelsstandes aufzuwerfen, und ueberliess es den +hohen Regierungen, auf ihre beteiligten Untertanen ein wachsames Auge zu +richten. Zur Sache selbst brachte er nicht viel mehr vor als eine +drastische Schilderung der ungeheueren Schwierigkeiten, welche sich, seit +die deutschen Staaten souveraen geworden, der Handelseinheit +entgegenstellten (24. Mai). Einige Bundesgesandte wuenschten mindestens die +Einsetzung einer Kommission; aber dann haetten ja die Bittsteller waehnen +koennen, dieser Schritt sei auf ihre Veranlassung geschehen! Um einer so +frevelhaften Missdeutung vorzubeugen, beschloss die Bundesversammlung nur, +dass man sich spaeterhin einmal mit dem Artikel 19 beschaeftigen wolle. +Einige Wochen nachher (22. Juli) erinnerten die Ernestinischen Hoefe den +Bundestag nochmals an den ungluecklichen Artikel; Lists Freund, E. Weber, +und die Fabrikanten des Thueringer Waldes liessen ihnen keine Ruhe. Diesmal +ergingen sich Baden, Wuerttemberg, beide Hessen und die Ernestiner in +wohlgemeinten, aber auch sehr wohlfeilen Reden zum Preise der deutschen +Verkehrsfreiheit und begeisterten die Versammlung dermassen, dass sie +nunmehr wirklich beschloss, nach den Ferien, also 1820, solle eine +Kommission eingesetzt werden. Das war die Hilfe, welche Deutschlands +Handel in Frankfurt zu erwarten hatte. Der preussische Gesandte(21) aber +fand es mit Recht unbegreiflich, dass diese Versammlung sichs zutraue, so +schwierige Arbeiten auch nur in die Hand zu nehmen. + +Trotz solcher Erfahrungen sollten noch viele Jahre vergehen, bis die +Unausfuehrbarkeit der leeren Versprechungen des Artikels 19 allgemein +erkannt wurde. Mit grosser Hartnaeckigkeit hielt namentlich die badische +Regierung an dem Traumbilde des Bundeszollwesens fest; ihr +langgestrecktes, auf die Durchfuhr angewiesenes Land litt unter dem Jammer +der Binnenmauten besonders schwer, und nicht ohne Besorgnis betrachtete +Minister Berstett(22) die wachsende Erbitterung im Volke. Der beschraenkte +Mann hoffte durch wirtschaftliches Gedeihen die Nation mit ihrer +schimpflichen Zersplitterung zu versoehnen, ihr "einen materiellen Ersatz +fuer den Verlust mancher chimaerischen, aber liebgewordenen Ideen" zu geben. +Darum empfahl er auf den Karlsbader Konferenzen in einer langen +Denkschrift (15. August) die Einfuehrung eines Bundes- Douanensystems, das +fuer 30 Millionen Menschen freien Verkehr schaffen muesse; ueber die grosse +Frage, wie es moeglich sein sollte, Hannover, Holstein, Luxemburg, Deutsch- +Oesterreich einem nationalen Zollwesen einzufuegen, ging das ueberaus +unklare, widerspruchsvolle Schriftstueck schweigend hinweg. Metternich(23) +wurde durch diesen Antrag, welchem Oesterreich sich schlechterdings nicht +fuegen konnte, unangenehm ueberrascht und versuchte sogar, die Kompetenz des +Bundes in Zweifel zu ziehen. "Der Handel -- so behauptete er --, seine +Ausdehnung wie seine Beschraenkung gehoert zu den ersten Befugnissen der +Souveraenitaet". Zur Misshandlung der Universitaeten, von denen die Bundesakte +kein Wort sagte, war der Bund nach der k. k. Doktrin unzweifelhaft befugt; +aber die Verkehrsfreiheit, welche der Bundesvertrag ausdruecklich in +Aussicht stellte, verstiess gegen die Souveraenitaet der Bundesstaaten. +Drastischer konnte das Verhaeltnis der Hofburg zu den Lebensfragen der +deutschen Nation unmoeglich bezeichnet werden. Auf das wiederholte +Andraengen Badens und Wuerttembergs erklaerte sich der oesterreichische +Staatsmann zuletzt doch bereit, die Zollfrage auf die Tagesordnung der +bevorstehenden Wiener Konferenzen zu setzen. Er wusste wohl, was von +solchen Beratungen zu erwarten sei. + +Unterdessen hatte auch der beste Kopf unter den badischen Finanzmaennern, +Nebenius(24), seine Gedanken ueber die Bedingungen der deutschen +Verkehrsfreiheit in einer geistvollen Denkschrift niedergelegt, einer +Privatarbeit, welche zwar niemals, auch nicht mittelbar, auf die +Entwicklung des Zollvereins irgendeinen Einfluss ausgeuebt hat, aber durch +Klarheit und Bestimmtheit alles uebertraf, was damals von Privatleuten ueber +deutsche Handelspolitik geschrieben wurde. Der gelehrte Verfasser der +badischen Konstitution errang sich schon in jenen Jahren durch seine +Schrift ueber die englische Staatswirtschaft ein wissenschaftliches +Ansehen, das spaeterhin, seit dem Erscheinen seines Werkes "der oeffentliche +Kredit" noch hoeher stieg; dies klassische Buch kann niemals ganz veralten, +es wird, wie Ricardos(25) Werke, dem angehenden Nationaloekonomen immer +unschaetzbar bleiben als eine Schule strengen methodischen Denkens. Auch +seine um Neujahr 1819 verfasste handelspolitische Denkschrift verraet +ueberall den sicheren Blick des gewiegten Kenners. Sie wurde im April 1819 +vertraulich den badischen Landtagsmitgliedern mitgeteilt und dann im +Winter den Wiener Konferenzen durch Berstett als ein beachtenswertes +Privatgutachten ueberreicht. Maassen freilich, Klewiz(26) und die anderen +Urheber des preussischen Zollgesetzes konnten aus den Ratschlaegen des +badischen Staatsmannes nichts lernen. Fuer sie war das Richtige in seiner +Denkschrift nicht neu, das Neue nicht richtig. + +Die Denkschrift tritt, in den behutsam schonenden Formen, welche Nebenius +liebte, entschieden gegen das preussische Zollgesetz auf. Sie hebt die +Uebelstaende dieses Systems scharf heraus, ohne die Lichtseiten zu erwaehnen. +Sie stellt den Satz hin: "kein deutscher Staat, Oesterreich ausgenommen, +vermag sein Gebiet gegen ueberwiegende fremde Konkurrenz wirksam zu +schuetzen" -- eine Behauptung, welche Preussens Staatsmaenner soeben durch die +Tat zu widerlegen begannen. Die Urheber des Gesetzes vom 26. Mai gingen +aus von den Beduerfnissen des preussischen Staatshaushalts, Nebenius hebt an +mit der Betrachtung der Leiden des deutschen Verkehrs. Darum steht jenen +die finanzielle, diesem der staatswirtschaftliche Gesichtspunkt obenan. +Darum wollen jene die allmaehliche Erweiterung des preussischen Zollwesens +unter den Bedingungen, welche das Interesse der preussischen Finanzen +vorschreibt. Nebenius hingegen fordert, ganz im Sinne der +Durchschnittsmeinung der Zeit, ein System deutscher Bundeszoelle, eine vom +Bundestage abhaengige Zollverwaltung. Er will mithin genau das Gegenteil +der Politik, welche den wirklichen Zollverein geschaffen hat; der erste +Schritt auf dem von Nebenius vorgeschlagenen Wege musste offenbar zur +Aufhebung des preussischen Zollgesetzes fuehren, also gerade die Grundlage +des spaeteren Zollvereins vernichten. Der handelspolitische Kampf jener +Jahre bewegte sich um die eine Frage: soll das preussische Zollgesetz +aufrecht bleiben oder nicht? Und in diesem Streite stand Nebenius auf der +Seite der Irrenden. Will man eine Denkschrift, welche also den leitenden +politischen Gedanken der preussischen Handelspolitik bekaempft, als den +bahnbrechenden Vorlaeufer des Zollvereins preisen, so muss man, kraft +derselben Logik, auch Grossdeutsche und Kleindeutsche fuer +Gesinnungsgenossen erklaeren. Beide Parteien erstrebten bekanntlich die +deutsche Einheit, nur leider auf entgegengesetzten Wegen. + +Der staatsmaennische Sinn des geistvollen Badeners steht keineswegs auf +gleicher Hoehe mit seiner volkswirtschaftlichen Einsicht. Er hegt wohl +Zweifel, ob Oesterreich dem Zollverein beitreten koenne, zu einem sicheren +Schluss gelangt er dennoch nicht. Noch im Jahre 1835 hat er den Eintritt +Oesterreichs fuer moeglich gehalten; dann werde der Zollverein "den schoensten +aller Maerkte bilden". Die schwerwiegenden politischen Gruende, welche einen +solchen Gedanken fuer Preussen unannehmbar machten, sind ihm niemals klar +geworden. Ebenso wenig will er begreifen, warum Preussen als eine +europaeische Macht die Selbstaendigkeit seiner Zollverwaltung unbedingt +aufrecht halten musste; er verlangte eine in der Hand des Bundes +zentralisierte Zollverwaltung, die Mautbeamten sollen allein dem Bunde +vereidigt werden. Auch bei der Eroerterung von Nebenfragen vermag er nicht +immer hinauszublicken ueber den engen Gesichtskreis seines heimischen +Kleinstaates. So will er, mit wenigen Ausnahmen, die gesamte Zollerhebung +allein an den Grenzen stattfinden lassen, weil, nach der Ansicht des +badischen Beamtentums, diese Einrichtung dem Grenzlande Baden besonderen +Vorteil bringen sollte. Maassen dagegen liess in allen groesseren preussischen +Plaetzen Packhoefe und Zollstellen errichten, da ohne solche Erleichterung +ein schwunghafter Speditionshandel offenbar nicht gedeihen konnte. + +Neben diesen Irrtuemern der Denkschrift steht freilich eine lange Reihe +tief durchdachter, praktisch brauchbarer Vorschlaege, doch ist kein +einziger darunter, welchen das preussische Kabinett nicht schon damals +gekannt und angewendet haette. Mit grosser Klarheit entwickelt Nebenius den +Satz, dass ohne Zollgemeinschaft die Freiheit des Verkehrs nicht moeglich +sei. Dieser Gedanke, der uns heute trivial und selbstverstaendlich +erscheint, war der Diplomatie der Kleinstaaten jener Zeit voellig neu. Den +Berliner Staatsmaennern war er wohlbekannt; denn nur jenen Staaten, die +sich dem preussischen Zollsystem einfuegen wollten, hatte Preussen freien +Verkehr angeboten. Ebenso tief durchdacht waren die Grundzuege des +Zolltarifs, welche Nebenius entwarf. Er will maessige Finanzzoelle namentlich +auf die Gegenstaende allgemeinen Gebrauchs, auf die Kolonialwaren legen; +die dem heimischen Gewerbefleiss notwendigen Rohstoffe gibt er frei, die +Fabrikwaren schuetzt er durch Zoelle, die ungefaehr der ueblichen +Schmuggelpraemie entsprechen; feindselige Schritte des Auslandes sollen mit +Repressalien erwidert werden. Treffliche Gedanken, ohne Frage; aber als +Nebenius schrieb, war bereits der preussische Tarif veroeffentlicht, der +durchaus auf denselben Grundsaetzen beruhte. Selbstaendiges Nachdenken hatte +den Sueddeutschen genau auf dieselben staatswirtschaftlichen Ideen gefuehrt, +welche Eichhorn oftmals als den Eckstein des preussischen Systems +bezeichnete: "Freiheit, Reziprozitaet, Ausschliessung der Prohibition." War +es nicht ein seltsames Zeichen der allgemeinen Unklarheit jener Tage, dass +ein so ungewoehnlicher Geist so dicht heranstreifte an die Ideen des +preussischen Zollsystems und doch nicht einmal die Frage aufwarf, ob nicht +der Bau der deutschen Handelseinheit auf dem festen Grunde dieses Systems +aufgerichtet werden sollte? -- Nebenius stellt ferner den Grundsatz auf, +dass die Verteilung der Zolleinnahmen nach der Kopfzahl der Bevoelkerung +erfolgen solle. Aber als seine Denkschrift in Berlin bekannt wurde, da +hatte Preussen denselben folgenschweren Gedanken schon in einem +Staatsvertrage praktisch durchgesetzt. Er eroertert sodann, die +Zollgemeinschaft sei unmoeglich, wenn nicht auch der innere Konsum nach +gleichen Grundsaetzen besteuert werde; bis dies Ziel erreicht sei, muesse +man sich mit Uebergangsabgaben behelfen. Auch diese Einsicht bestand in +Berlin schon laengst; eben weil Eichhorn und Maassen die weit abweichenden +Steuersysteme der Nachbarstaaten kannten, wollten sie nicht zu einer +vorschnellen Einigung die Hand bieten. Sie wussten desgleichen so gut wie +Nebenius, dass es genuege, einen Zollvertrag fuer einige Jahre abzuschliessen; +gleich ihm hofften sie zuversichtlich, der unermessliche Segen der +Verkehrsfreiheit werde die Wiederaufhebung eines einmal geschlossenen +Zollvereins verhindern {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} + +Nebenius galt in der Diplomatie allgemein als ein bedeutender Kopf und als +ein hoechst unbequemer Unterhaendler. Er zaehlte zu jenen stillen +Gelehrtennaturen, die unter schmuckloser Huelle ein sehr reizbares +Selbstgefuehl hegen, den Widerspruch ungern, noch schwerer die Widerlegung +ertragen. Weit entfernt von der lauten Prahlsucht Friedrich Lists, war er +doch mitnichten gesonnen, sein Licht hinter den Scheffel zu stellen. Er +gab wohl zu, kein einzelner Mann koenne als Urheber des Zollvereins gelten. +Doch er ruehmte sich, seine Denkschrift habe den Gedanken eines allgemeinen +Zollverbandes zum ersten Male entwickelt, sie habe, bis auf einen einzigen +Irrtum, die Verfassung des spaeteren Zollvereins im voraus richtig +gezeichnet. Er uebersah, dass dieser einzige Irrtum gerade die Lebensfrage +der deutschen Handelspolitik betraf; er uebersah nicht minder, dass der +beste Teil seiner Denkschrift lediglich als Wunsch aussprach, was Preussen +durch die Tat schon vollzogen hatte. Ihm gebuehrt nur das grosse Verdienst, +dass er, gleichzeitig mit den preussischen Staatsmaennern und unabhaengig von +ihnen, fuer einige wichtige Fragen deutscher Handelspolitik die rechte +Loesung erdachte; jedoch die entscheidende Frage: "Bundeszoelle oder +Anschluss an das preussische System?" wurde in Berlin richtig, von Nebenius +falsch beantwortet {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} + +Eine klare Vorstellung von dem Handelsbunde, der anderthalb Jahrzehnte +spaeter ins Leben trat, hegte im Jahre 1819 noch niemand. "Die Idee hatte +sich noch gar nicht entwickelt", pflegte Eichhorn spaeterhin zu sagen. Der +Aufzug des grossen Gewebes war bereits ausgespannt. Es bestand das +preussische Zollsystem, es bestand der ausgesprochene Wille Preussens, dies +System zu erweitern und den deutschen Nachbarn ohne Kleinsinn reichlichen +Anteil an den gemeinsamen Zolleinkuenften zu gewaehren. Noch fehlte der +Einschlag. Es fehlte der gute Wille der Nachbarstaaten; es fehlte hueben +wie drueben ein deutlicher Begriff von den losen und lockeren buendischen +Formen, welche allein einen dauernden Handelsbund zwischen eifersuechtigen +souveraenen Staaten -- dies noch niemals gewagte Unternehmen -- ermoeglichen +konnten. Jenen guten Willen hat nachher die Not gezeitigt. Diese +Verfassungsformen des Zollvereins sind nicht von Nebenius, noch von +irgendeinem Denker im voraus ersonnen worden, da die Theorie solche +Aufgaben niemals loesen kann; sie sind gefunden worden auf den Wegen +praktischer Politik, durch Verhandlungen und gegenseitige Zugestaendnisse +zwischen den deutschen Staaten. Der badische Denker schrieb als ein +unverantwortlicher Privatmann, er durfte kuehn sofort die Einheit des +ganzen Vaterlandes ins Auge fassen. Er hat an diesem Ideale unverbruechlich +festgehalten, und weil er so hohen Flug nahm, verfiel er auf den +unmoeglichen Plan der Bundeszoelle. Preussens Staatsmaenner hatten ein +koestliches Gut zu hueten: die schwer errungene und noch immer hart bedrohte +handelspolitische Einheit ihres Staates. Sie mussten sich von den +Schwaermern bald des zaghaften Kleinsinns, bald des selbstzufriedenen +Duenkels zeihen lassen, und indem sie bedachtsam auf dem Bestehenden +fortbauten, erreichten sie das hohe Ziel. -- + +Zur rechten Stunde fanden die Urheber des preussischen Zollgesetzes einen +maechtigen diplomatischen Bundesgenossen an dem neuen Referenten fuer die +deutschen Angelegenheiten, J. A. F. Eichhorn, den sein Chef Graf +Bernstorff auf dem Gebiete der Handelspolitik voellig frei schalten liess. +Unter den Helden der Arbeit, welche in mueden Tagen die grossen +Ueberlieferungen Preussens mutig aufrecht hielten, in friedlichem Schaffen +den Grund legten fuer seine neue Groesse, steht Eichhorn in vorderster Reihe. +Sein ganzer Lebensgang hatte ihn vorbereitet auf die Rolle des friedlichen +Baendigers der Kleinstaaterei. Im Loewensteinischen Wertheim war er +aufgewachsen, an der lieblichen Ecke des Maintales und des Taubergrundes, +so recht im Herzen der verkommenen Staatenwelt des alten Reichs, und sein +tagelang blieb es ihm unvergesslich, wie er dort noch den Boten des +Reichskammergerichts in seiner altfraenkischen Tracht die Befehle von +Kaiser und Reich hatte vollstrecken sehen. Begeistert von den Taten +Friedrichs, war er dann gen Norden gegangen, um dem Staate seiner Wahl zu +dienen, und auch an ihm bewaehrte sich, dass Preussen die waermste Liebe bei +jenen Deutschen findet, die sich dies Gefuehl erst erarbeitet haben. Er +musste in Cleve den Zusammenbruch der preussischen Herrschaft, dann in +Hannover 1806 die fiskalischen Kuenste einer kleinlichen Annexionspolitik +mit ansehen und ward trotz alledem nicht irr an seinem Staate. Dann nahm +er teil an Schills abenteuerlichem Zuge und trat zu Berlin mit Stein und +Gneisenau, mit (W. v.) Humboldt, Altenstein(27), Kircheisen(28) in +vertrauten Verkehr; sie alle liessen den unbekannten jungen Fremdling +sofort als einen Ebenbuertigen gelten. Ein Schueler Spittlers(29), gruendlich +und vielseitig gebildet, ward er als erster Syndikus der Berliner +Universitaet auch persoenlich mit der gelehrten Welt naeher bekannt; mit +Schleiermacher(30) verband den tief religioesen Mann eine treue +Freundschaft, der grossen Theologenfamilie der Sack gehoerte er durch seine +Heirat an. Die Zeiten des Befreiungskrieges verlebte er gehobenen Herzens +erst als Offizier in Bluechers Stabe, dann als Mitglied von Steins +Zentralverwaltung; hier fand er reiche Gelegenheit, den kleinen deutschen +Regierungen bis in das Innerste der Seele zu blicken. Unerschuettert trug +er die Begeisterung jener grossen Jahre hinueber in die stille Zeit des +Friedens. + +Als er in seinem vierzigsten Jahre die wichtige Stellung im Auswaertigen +Amte erhielt, da beseelte ihn die Hoffnung, eine solche Verbindung, wie +sie einst unter der Zentralverwaltung nur zeitweilig, unfertig, unbeliebt +bestanden hatte, auf die Dauer zu begruenden, die deutschen Staaten durch +die Bande des Rechts, des Vertrauens, des Interesses fuer immer an die +Krone Preussen anzuschliessen. Dies galt ihm als die Vollendung, als die +Laeuterung der Traeume von 1813. Er erkannte in dem Artikel 19 der +Bundesakte "die gutgemeinte Absicht der deutschen Fuersten, dass, +unbeschadet ihrer Souveraenitaet, den deutschen Untertanen die Wohltat eines +gemeinsamen Vaterlandes gewaehrt werden muesse", und er traute seinem +Preussen die Kraft zu, die dem Bunde fehlte, diese Wohltat eines +Vaterlandes den Deutschen zu spenden. Neben der schneidigen Kuehnheit, die +man oft an den grossen Epochen unserer Geschichte bewundert hat, uebersieht +man leicht jene kalte, zaehe, ausdauernde Geduld, welche der preussischen +Staatskunst in den endlos langweiligen Haendeln deutscher Kleinstaaterei +zur anderen Natur geworden war. Wohl keiner unserer Staatsmaenner hat diese +altpreussische Tugend mit solcher Meisterschaft geuebt wie Eichhorn. Da +watet der geistvolle Mann jahraus jahrein durch den zaehen Schlamm +armseliger Verhandlungen, die schon beim Durchlesen koerperlichen Ekel +erregen. Nichts schwaecht ihm die Frische des Geistes; immer bleibt ihm der +Gedanke gegenwaertig, welch grosses Ziel hinter den kleinen Haendeln winkt; +immer wieder rafft sich sein gebrechlicher Koerper nach schweren +Krankheitsanfaellen zu rastloser Taetigkeit auf. Ueberall hat er seine Augen; +wie der Arzt am Krankenbette ueberwacht er die Stimmung der kleinen Hoefe, +ihre Bosheit, ihre Selbstsucht, ihre ratlose Torheit. Zuweilen hilft er +sich mit einem scharfen Witz ueber die Langeweile hinaus. "Was wohl die +herzoglich saechsischen Haeuser beabsichtigen? -- schreibt er einmal -- Ja, +wenn sie es nur selber wuessten!" Und nach allem Jammer, den ihm die +Kleinfuersten zu kosten geben, bewahrt er ihnen doch Achtung und +Wohlwollen, kommt bereitwillig, mit bundesfreundlicher Gesinnung, jedem +billigen Wunsche entgegen. Oftmals schlugen die schmutzigen Wellen der +Demagogenverfolgung gegen seinen ehrlichen Namen an; er blieb sich selber +treu, trat tapfer ein fuer seine verfolgten Freunde und behauptete sich +doch im Vertrauen des Koenigs. Dann hat Fuerst Metternich viele Jahre +hindurch alle seine schlechten Kuenste spielen lassen gegen den verhassten +Patrioten, der in Wien als der boese Daemon Preussens galt. Zugleich schmaehte +die liberale Presse auf den Servilen. Er aber trug gelassen Stein auf +Stein zu dem unscheinbaren Bau deutscher Handelseinheit und duldete +schweigend die Unbilden der oeffentlichen Meinung, denn jeder Versuch einer +lauten Rechtfertigung waere sein sicherer Sturz gewesen. Nachher kam doch +eine Zeit, da mindestens die Hoefe sein Verdienst erkannten; saemtliche +Orden des Deutschen Bundes, nur kein oesterreichischer, wurden dem +anspruchslosen Geheimen Rate verliehen, und die Staatsschriften der +dankbaren Zollverbuendeten priesen ihn als "die Seele des preussischen +Ministeriums". Die Nation aber erfuhr niemals ganz, was sie ihm schuldete. + +Seine Hoffnung war, das preussische Zollsystem durch Vertraege mit den +deutschen Nachbarstaaten allmaehlich zu erweitern. Fuer die Formen und +Grenzen dieser Erweiterung hat er nicht im Voraus einen festen Plan +entworfen; er stellte sie, da er die Schwierigkeit des Unternehmens +richtig wuerdigte, dem unberechenbaren Gange der Ereignisse anheim. Die +Frage, ob Preussens Zollschranken dereinst am Main oder am Bodensee stehen +wuerden, war im Jahre 1819 noch nicht praktisch; sie konnte den Leiter der +preussisch-deutschen Politik vielleicht in seinen Traeumen, sie durfte ihn +nicht bei seiner Arbeit beschaeftigen. Nur das eine war ihm sicher, dass das +neue Zollsystem aufrecht bleiben, den festen Kern bilden muesse fuer die +Neugestaltung des deutschen Verkehrs. Er verlangte freie Hand fuer Preussens +Handelspolitik, wies von diesem Gebiete die Einmischung Oesterreichs +entschieden zurueck. Aber jede Feindseligkeit gegen die Hofburg lag ihm +fern; der Gedanke, den Deutschen Bund von Oesterreich abzutrennen, blieb +ihm, dem Konservativen, der in den Ideen von 1813 lebte, voellig fremd. +Noch als Greis hat er Radowitzs Unionsplaene als unausfuehrbare Traeume +bekaempft. -- + +Einen widerwaertigen Uebelstand, der sofort beseitigt werden musste, bot die +Lage der zahlreichen Enklaven. Die Zollinien wurden alsbald soweit +vorgeschoben, dass sie die anhaltischen Herzogtuemer fast ganz und auch +einen Teil der kleinen thueringischen Gebiete, die mit Preussen im Gemenge +lagen, umfassten. Alle nach diesen Laendern eingefuehrten Waren unterlagen +ohne weiteres den preussischen Einfuhrzoellen. Erst nachdem die neue +Grenzbewachung in Kraft getreten, liess Eichhorn zu Anfang 1819 diesen +Staaten die Einladung zugehen, mit dem Berliner Kabinett wegen des +Zollwesens zu verhandeln. Der Koenig sei bereit, nach billiger Uebereinkunft +den Landesherren der eingeschlossenen Gebiete das Einkommen zu ueberweisen, +das seinen Staatskassen aus den Enklaven zufliesse. Dies kurz angebundene +Verfahren, das in den Papieren des Finanzministeriums als "unser +Enklavensystem" bezeichnet ward, musste allerdings die kleinen Hoefe +befremden; doch die Notwendigkeit gebot, diesen Nachbarn zu zeigen, dass +sie in ihrer Handelspolitik von Preussen abhaengig seien. Nur gutmuetige +Schwaeche konnte das Gelingen der grossen Zollreform abhaengen lassen von der +vorausgehenden Zustimmung eines Dutzends kleiner Herren, die nach +deutscher Fuerstenweise allein fuer die Beredsamkeit vollendeter Tatsachen +empfaenglich waren. Lediglich die Eitelkeit der Nachbarfuersten ward +gekraenkt; den wirtschaftlichen Interessen der Enklaven gereichte Preussens +Vorgehen offenbar zum Segen. Eine selbstaendige Handelspolitik blieb in +diesen armseligen Gebietstruemmern ja doch undenkbar. Das Gedeihen ihrer +Volkswirtschaft wurde sofort vernichtet, wenn Preussen sie von seinem +Zollsystem ausschloss und sie mit seinen Schlagbaeumen rings umstellte; auch +der Handel innerhalb der Provinz Sachsen erlitt aergerliche Stoerung, wenn +alle durch das Anhaltische oder das Schwarzburgische gehenden Waren +verbleit und der Kontrolle der Zollaemter unterworfen werden mussten. Ebenso +wenig durfte Preussen den Verkehr der Enklaven voellig unbeaufsichtigt +lassen. Was diese Laendchen selbst an Zolleinkuenften aufbrachten, bildete +freilich nur den achtzigsten Teil der preussischen Zolleinnahmen; doch +durch den Schmuggel konnten sie den Finanzen Preussens hochgefaehrlich +werden. + +Durch die heilsame Ruecksichtslosigkeit der Berliner Finanzmaenner erhielten +die Enklaven freien Verkehr auf dem preussischen Markte, ihre Staatskassen +die Zusage eines gesicherten reichlichen Einkommens, das sie aus eigener +Kraft niemals erwerben konnten. Die preussische Regierung handelte in gutem +Glauben; sie war bereit, ihr eigenes Enklavensystem auch gegen preussisches +Gebiet anwenden zu lassen; mehrmals erklaerte sie, wenn ein sueddeutscher +Zollverein zustande komme, so muesse der enklavierte Kreis Wetzlar sich +diesem Zollsystem unterwerfen. Ganz unhaltbar war vollends die von den +gekraenkten Kleinfuersten oft wiederholte Anklage, Preussens Enklavensystem +verletze das Voelkerrecht. Alle nach den Enklaven bestimmten Waren +unterlagen von Rechts wegen den preussischen Durchfuhrzoellen; und wenn der +Berliner Hof fuer gut fand, die Transitabgaben auf gewissen Strassen bis zur +Hoehe der Einfuhrzoelle hinaufzuschrauben, so liess sich rechtlich dawider +nichts einwenden. + +Indem Eichhorn die Kleinstaaten einlud zu freundnachbarlichen Vertraegen +ueber die Behandlung der Enklaven, erklaerte er zugleich die +Bereitwilligkeit des Koenigs, auch ueber den Anschluss nichtenklavierter +Gebiete zu verhandeln. Er betonte den nationalen Charakter des +Zollgesetzes, er hob hervor, dies Gesetz sei im Sinne des Artikels 19 der +Bundesakte gedacht, sei bestimmt, zunaechst in einem Teile von Deutschland +die Binnenmauten aufzuheben, sodann auch anderen Bundesstaaten den +Anschluss zu erleichtern; der Koenig verdiene den Dank der Bundesgenossen, +da er begonnen habe, den deutschen Markt von der Herrschaft des Auslandes +zu befreien. An dieser nationalen Richtung hat Preussens Handelspolitik +seitdem unerschuetterlich festgehalten; die in spaeteren Jahren oft +auftauchenden Vorschlaege, etwa Belgien oder die Schweiz in den Zollverein +aufzunehmen, wurden in Berlin stets kurzerhand zurueckgewiesen. _Nicht +kosmopolitische Verkehrsfreiheit war Preussens Ziel, sondern die +Handelseinheit des Vaterlandes._ Der Koenig, sagt eine von Bernstorff +unterzeichnete Note an das Kollegium der Geheimen Raete zu Gotha (vom +13. Juni 1819), beabsichtige durch das Gesetz vom 26. Mai "hauptsaechlich +den Handel mit ausserdeutschen Landeserzeugnissen zu besteuern und die +Mitbewerbung ausserdeutscher Fabriken von Ihren Staaten und von denjenigen +Laendern abzuwehren, welche sich hierin an Ihre Massregeln anschliessen +wollen." Er hege "den lebhaften Wunsch, die nur zur Besteuerung +ausserdeutscher Verbrauchsartikel und zum Schutze der preussischen +Landesindustrie gegen die ausserdeutschen Fabriken ergriffenen Massregeln +bundesverwandten deutschen Staaten, soweit es ihre Lage irgend gestattet, +nicht zum Nachteil gereichen zu lassen." Hierauf raet die Note, einen +thueringischen Handelsverein zu bilden, der alsdann mit Preussen in +Zollverbindung treten solle; sie zeichnet also genau den Weg vor, welcher +14 Jahre spaeter zu der handelspolitischen Vereinigung Preussens und +Thueringens gefuehrt hat. + +Im selben Sinne versicherte die Staatszeitung amtlich, "dass Preussen schon +seiner Lage wegen, mehr aber noch, weil die Vereinigung des +Einzelinteresses der deutschen Bundesstaaten zu einem Gesamtinteresse fuer +Preussen vorzueglich wuenschenswert sei, zu dem Plane einer voelligen +Handelsfreiheit zwischen den Bundesstaaten die Hand zu bieten am ehesten +geneigt sei, und dass es am liebsten die Schwierigkeiten gehoben sehen +werde, die sich der Ausfuehrung entgegenzustellen schienen." Und als gegen +Weihnachten 1819 Abgeordnete des Listschen Vereins nach Berlin kamen, um +die Regierung fuer einen deutschen Mautverband zu gewinnen, da erhielten +sie von Hardenberg und drei Ministern die Versicherung: "dass die +preussische Regierung, weit entfernt, durch einseitige Massregeln den +Wohlstand der deutschen Nachbarstaaten untergraben zu wollen, sich freuen +wuerde, wenn alle Regierungen Deutschlands ueber die Grundsaetze eines +gemeinschaftlichen, die Wohlfahrt aller Teile foerdernden Handelssystems +sich vereinigen koennten, wozu die preussische Regierung sehr gern die Haende +bieten werde, um ihrerseits mitzuwirken, dass dem ganzen Deutschland die +Wohltat eines freien, auf Gerechtigkeit gegruendeten Handels zuteil werde. +Es ist ihnen aber auch nicht verhehlt worden, dass der Zustand und die +Verfassung der einzelnen deutschen Staaten noch keineswegs zu gemeinsamen +Anordnungen vorbereitet erscheine; wozu auch besonders gehoere, dass die +gemeinsamen Anordnungen in einem gemeinsamen Sinne von allen gehalten +wuerden. Die Sache scheine daher jetzt nur darauf zu fuehren, dass einzelne +Staaten, welche sich durch den jetzigen Zustand beschwert glaubten, mit +denjenigen Bundesmitgliedern, von denen nach ihrer Meinung die Beschwerden +veranlasst werden, sich zu vereinigen suchten und dass auf diesem Wege +uebereinstimmende Anordnungen von Grenze zu Grenze weitergeleitet wuerden, +welche den Zweck haetten, die inneren Scheidewaende mehr und mehr wegfallen +zu lassen." + +Damit war rund und nett der Grundgedanke einer nationalen Handelspolitik +ausgesprochen, welche bei der Nichtigkeit des Bundestages die einzig +moegliche war. Deutlicher als Preussen sprach, konnte eine Regierung ueber +noch unfertige Entwuerfe schlechterdings nicht reden. Aber in der +epidemischen Verblendung, die nunmehr ueber die oeffentliche Meinung +hereinbrach, in dem donnernden Laerm der Anklagen, die auf das +absolutistische Preussen herniederprasselten, wurden die offenkundigen +Worte und Taten des Berliner Kabinetts voellig vergessen. Man redete sich +hinein in den Wahn, dass Preussen sich selbstgefaellig von dem grossen +Vaterlande absondere. Alles schalt auf den Berliner Hochmut und +Partikularismus, am lautesten jene kleinen Hoefe, welche das Enklavensystem +ertragen mussten. Selbst Karl August von Weimar betrachtete es als eine +hoechst anmassende Zumutung, dass er seine rings von Preussen umschlossenen +Aemter Allstedt und Oldisleben dem preussischen Zollsystem einfuegen sollte, +und liess dem Berliner Hofe schreiben: "Eine strenge Durchfuehrung des +Gesetzes vom 26. Mai scheint mit dem Geiste und den Grundsaetzen der +Bundesakte so wenig in Einklang zu stehen, dass nicht zu bezweifeln steht, +es werde diese Angelegenheit Gegenstand der naechsten Verhandlungen des +Bundestages werden und S. K. Majestaet von Preussen als Bundesfuerst selbst +geruhen, konziliatorische Antraege deshalb an den Bund gelangen zu lassen." + +Auf so naive Vorschlaege konnte Eichhorn sich nicht einlassen. Er durfte +das Zollwesen der Provinz Sachsen nicht dem Belieben Oesterreichs und der +Bundestagsmehrheit preisgeben, sondern gab sich der Hoffnung hin, die +Erkenntnis des eigenen Vorteils wuerde die kleinen thueringischen Dynasten +bestimmen, auf das Anerbieten Preussens einzugehen und ihre enklavierten +Gebietsteile durch Vertraege dem preussischen Zollsystem anzuschliessen. In +der Tat wendeten sich die kleinen Nachbarn allesamt sogleich an den +Berliner Hof, aber nur, um zu fordern, dass Preussen sein Enklavensystem +alsbald wieder aufhebe; wie dies moeglich sein sollte, wussten sie freilich +nicht anzugeben. Besonders hart fuehlte sich der wohlmeinende Fuerst Anton +Guenther von Schwarzburg-Sondershausen getroffen. Die Hauptmasse seines +Reiches, die Unterherrschaft mit der Hauptstadt, ein Land von fast 30000 +Einwohnern, war von preussischem Gebiet umschlossen und dem preussischen +Zollwesen einverleibt; da die Krone Preussen als Rechtsnachfolgerin von +Kursachsen hier ueberdies das Postregal und einige andere Hoheitsrechte +ausuebte, so blieb dem Fuersten von seiner teueren Souveraenitaet allerdings +wenig uebrig. Mit dringenden Bitten mussten also erst der vielgeplagte +gemeinsame thueringische Gesandte General Lestocq, dann das Sondershausener +Geheime Konsilium selbst den preussischen Hof bestuermen um "Zuruecknahme +einer Anordnung, in welche man schwarzburg-sonderhausenscherseits sich nie +zu fuegen entschlossen ist." + +Minister Klewiz erwiderte verbindlich, durch einen Vertrag koenne die +Angelegenheit ohne Schwierigkeit geordnet werden; er gewaehrte auch dem +Fuersten freundnachbarlich Freipaesse fuer die Verzehrung seines Hofhalts, +aber eine Abaenderung des Gesetzes schlug er rundweg ab, da die Gefahr des +Schmuggels aus den kleinen Nachbarlanden gar zu gross sei. In Sondershausen +wollte man den Wink nicht verstehen. Mehrere Monate hindurch wurde die +preussische Regierung immer von neuem mit der Anfrage belaestigt, ob sie nun +endlich bereit sei, eine Verfuegung aufzuheben, welche so groeblich in die +Rechte der Sondershausener Souveraenitaet eingreife. Der Fuerst selber +richtete an den Koenig die "devoteste Bitte", ihn "durch einen neuen Beweis +Allerhoechstdero allgemein verehrter und gepriesener Liberalitaet und +Grossmut zum unbegrenztesten und devotesten Danke zu verpflichten." Alles +war vergeblich; die untertaenige Form konnte ueber den anmassenden Inhalt der +Bittschriften nicht taeuschen. Dann kam der Kanzler v. Weise selbst nach +Berlin, ein wackerer alter Herr, der im Verein mit seinem Sohne, dem +Geheimen Rat, das Sondershausener Laendchen patriarchalisch regierte. Auch +er richtete nichts aus. + +Mittlerweile hatte sich Vizepraesident v. Motz(31) in Erfurt des Streites +angenommen. Er kannte alle Herzensgeheimnisse der Kleinstaaterei, da sein +Regierungsbezirk mit fast einem Dutzend kleiner Landesherrschaften im +Gemenge lag; er war mit den beiden Weise als guter Nachbar vertraut +geworden und erwarb sich jetzt um Deutschlands werdende Handelseinheit, +die ihm bald noch Groesseres verdanken sollte, sein erstes Verdienst, indem +er den Freunden vorstellte, wie kindisch es sei, an einer Zollhoheit +festzuhalten, die doch niemals in Wirksamkeit treten konnte. Der +kunstsinnige Fuerst wuenschte laengst, im freundlichen Tale der Wipper ein +Sondershausener Nationaltheater zu gruenden, aber die Mittel fehlten; +schloss er sich dem preussischen Zollwesen an, so war ihm aus der Not +geholfen. Diese Erwaegung wirkte. + +Gegen Ende September erschien der alte Weise wieder in Berlin, und da er +diesmal ernstlich verhandeln wollte, so ward er mit grosser Freundlichkeit +aufgenommen. Maassen und Hoffmann fuehrten die Unterhandlung, unter +bestaendiger Ruecksprache mit Eichhorn. Noch unbekannt mit der Nebeniusschen +Denkschrift, stellte Hoffmann zuerst den Gedanken auf: das einfachste sei +doch, die gemeinsamen Zolleinnahmen ohne fiskalische Kleinlichkeit nach +der Volkszahl zu verteilen. Damit war jener Bevoelkerungsmassstab gefunden, +der allen spaeteren Zollvertraegen Preussens zur Grundlage gedient hat. Weise +ging sofort auf das guenstige Anerbieten ein, und am 25. Oktober 1819 wurde +der _erste Zollanschlussvertrag_ unterzeichnet, kraft dessen der Fuerst von +Sondershausen "unbeschadet seiner landesherrlichen Hoheitsrechte" seine +Unterherrschaft dem preussischen Zollgesetz unterwarf und dafuer nach dem +Massstabe der Bevoelkerung seinen Anteil an den Zolleinnahmen -- vorlaeufig +eine Bauschsumme von 15000 Talern -- erhielt. Eine Mitwirkung bei der +Zollgesetzgebung wurde dem kleinen Verbuendeten nicht zugestanden; er musste +die Handelsvertraege Preussens und alle anderen Aenderungen, welche das +Finanzministerium beschloss, einfach annehmen. Im uebrigen waren seine +Hoheitsrechte sorgsam, fast aengstlich gewahrt; selbst die +Steuervisitationen auf schwarzburgischem Gebiet sollten nur durch die +fuerstlichen Beamten vollzogen werden. + +Im Wippertale herrschte laute Freude. Der Fuerst dankte tief geruehrt fuer +dies neue Zeichen koeniglicher Hochherzigkeit; nun konnte er endlich sein +beruehmtes Rauchtheater eroeffnen, wo er mit den Buergern seiner Residenz um +die Wette den Musen des Dramas und der Rauchkunst huldigte. Finanziell +betrachtet, war das Abkommen unzweifelhaft ein Loewenvertrag zugunsten +Sondershausens; Preussen brachte um des politischen Zweckes willen ein +Geldopfer, denn das wenig bemittelte Thueringer Berglaendchen verzehrte von +den eintraeglichsten Zollartikeln, den Kolonialwaren, weit weniger als der +Durchschnitt der oestlichen Provinzen. + +Um so berechtigter schien die Erwartung, dass die uebrigen Kleinen dem +Beispiel Sondershausens folgen wuerden. Im Eingange des Vertrags hatte der +Koenig nochmals erklaeren lassen, dass er bereit sei, aehnliche Abkommen mit +anderen Bundesfuersten zu schliessen. Rudolstadt begann schon zu verhandeln. +Auch mit Braunschweig, Weimar, Gotha dachte Hoffmann binnen kurzem ins +Reine zu kommen, und bereits ging er mit seinen Entwuerfen ueber die +Grundsaetze des Enklavensystems hinaus. Die unglueckliche zerrissene Gestalt +seines Gebietes zwang den preussischen Staat, auch wenn er auf alle +Eroberungsplaene verzichtete, mindestens zum handelspolitischen Ehrgeiz; er +konnte sein Steuersystem kaum durchfuehren, wenn er nicht ausser den +Enklaven auch noch einige nur halb umschlossene Nachbarlandschaften seinem +Zollgesetze unterwarf. Da lag Anhalt-Bernburg, das auf eine kleine Strecke +Weges nicht an Preussen grenzte und also gewissenhaft als Ausland behandelt +wurde. Was war der Dank? Ein ungeheuerer Schmuggel, der von Monat zu Monat +anwuchs und die Zolleinnahme der Provinz Sachsen zu verschlingen drohte. +Schon im Oktober wurden 4023 Zentner zumeist Kolonialwaren, in die +anhaltischen Harzstaedtchen bei Ballenstedt eingefuehrt, um alsbald spurlos +zu verschwinden. Mindestens dies Vorland, meinte Hoffmann, muesse sogleich +in die Zollinie eintreten; werde der Vertrag mit Sondershausen nur erst +bekannt, dann koennten sich die kleinen Nachbarn nicht laenger mehr wider +ihren eigenen Vorteil straeuben. + +Die Hoffnung trog. Jener Zollvertrag, der uns heute so selbstverstaendlich +erscheint, sollte waehrend mehrerer Jahre der einzige bleiben. Kaum ward er +ruchbar, so erscholl an allen Hoefen ein Schrei des Zornes. Fuerst Anton +Guenther musste von seinen durchlauchtigen Genossen ernste Vorwuerfe hoeren, +weil er das Kleinod der Souveraenitaet so wuerdelos preisgegeben; die anderen +kleinen Nachbarn, die seinem Vorgange bereits folgen wollten, traten, +eingeschuechtert durch die allgemeine Entruestung, von den Verhandlungen +zurueck. An die Spitze der Gegner Preussens stellte sich der Herzog von +Coethen. Der erklaerte im Namen der kleinen Fuersten: "freiwillig koennen und +werden sie sich nicht unterwerfen, wenn sie nicht die heiligsten Pflichten +gegen ihre Untertanen, gegen ihre Haeuser und gegen ihre eigene Ehre +verletzen wollen"; dann forderte er getrost, Preussen solle ihm einen fuenf +Stunden breiten Streifen zollfreien Gebiets bis zur saechsischen Grenze zur +Verfuegung stellen, damit das Haus Anhalt freien Zugang zum Welthandel +erlange. Gemuetlich lauernd und im Stillen schuerend, stand hinter den +erbitterten Kleinen der treue Bundesgenosse Preussens, Oesterreich. Die Hoefe +beschlossen insgeheim, auf den Wiener Konferenzen mit vereinter Kraft die +Aufhebung des preussischen Zollgesetzes durchzusetzen; nur wenn der +vorhandene Anfang deutscher Zolleinheit vom Erdboden verschwand, konnte +der Bundestag die nationale Handelspolitik begruenden! Und an dieser +Raserei partikularistischer Leidenschaft nahm die gesamte Nation ausserhalb +Preussens teil. Alle die Lieder und Reden zum Preise der deutschen Einheit +waren vergessen, sobald Preussen sich anschickte, den Deutschen "die +Wohltat eines gemeinsamen Vaterlandes zu gewaehren". + +Preussens Staatsmaenner hatten gehofft, schon in dem ersten Jahre, da das +neue Gesetz bestand, einige der deutschen Nachbarn fuer die Politik der +praktischen deutschen Einheit zu gewinnen. Jetzt sahen sie sich in die +Verteidigung zurueckgeworfen. Der siegreiche Kampf um die Behauptung, dann +um die Erweiterung des Zollgebiets blieb auf Jahre hinaus die wichtigste +Aufgabe der preussischen Staatskunst. Durch die friedlichen Eroberungen +dieses Kampfes hat Koenig Friedrich Wilhelm gesuehnt, was in Karlsbad +gefehlt war, und die Marksteine gesetzt fuer das neue Deutschland. Er war +der rechte Mann fuer dies unscheinbare und doch so folgenschwere Werk +deutscher Geduld. Gleichmuetig und immer bei der Sache, treu und +beharrlich, von einer Rechtschaffenheit, die jedes Misstrauen entwaffnete, +stets bereit, dem bekehrten Gegner mit aufrichtigem Wohlwollen +entgegenzukommen -- so hat er nach und nach die Truemmer Deutschlands +befreit aus den Banden eigener Torheit und auslaendischer Raenke, den Weg +bereitend fuer groessere Zeiten. Die Gegenwart aber soll nicht undankbarer +sein, als Friedrich der Grosse war, der von dem glanzlosen Arbeitsleben +seines Vaters sagte: "Der Kraft der Eichel danken wir den Schatten des +Eichbaums, der uns deckt." + +Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. II, 607ff. + + ------------------ + + + + + 11 Aug./Sept. 1819 tagte zu Karlsbad unter Metternichs Vorsitz ein + Kongress der deutschen Minister zur Beratung gemeinsamer Massregeln + gegen die demagogischen Umtriebe. Das Ergebnis waren die Karlsbader + Beschluesse, die der Bundestag am 20. September einstimmig + genehmigte. + + 12 Am 29. Juli 1819 hatte der oesterreichische Staatskanzler Metternich + in Teplitz mit Friedrich Wilhelm III. eine geheime Unterredung, in + welcher er den Koenig von Preussen bestimmte, auf die Einfuehrung einer + Volksvertretung in modernem Sinne zu verzichten. Am 1. August + unterzeichneten Hardenberg und Metternich eine Publikation ueber die + "Grundsaetze, nach welchen die Hoefe von Oesterreich und Preussen in den + innern Angelegenheiten des Deutschen Bundes zu verfahren + entschlossen sind". + + 13 Joh. Friedrich Benzenberg, geb. 5. Mai 1777, gest. 8. Juni 1846; + 1805 zum Professor der Physik am Lyceum zu Duesseldorf ernannt, ging + er 1810 nach der Schweiz, kehrte aber nach Napoleons Sturz nach + Deutschland zurueck und widmete sich schriftstellerischer Taetigkeit. + + 14 Friedrich List, geb. 6. August 1789, gest. durch Selbstmord 30. + November 1846, Nationaloekonom, der in seinen Schriften den Gedanken + vertrat, dass eine jede Nation vor allem ihre eigenen Hilfsquellen + zum hoechsten Grade der Selbstaendigkeit und harmonischen Entwicklung + bringen, die eingeborene Industrie durch Schutz noetigenfalls + unterstuetzen und den nationalen Zweck einer dauernden Entwicklung + produktiver Kraefte ueberall dem pekuniaeren Vorteil einzelner + vorziehen muesse. + + 15 Ernst Wilh. Arnoldi, geb. 21. Mai 1778. gest. 27. Mai 1841. + + 16 Joh. Georg Buesch, geb. 3. Januar 1728, gest. 5. Aug. 1800, gruendete + 1767 in Hamburg eine Handelsakademie. + + 17 Joseph v. Goerres, geb. 25. Januar 1776, gest. 29. Januar 1848, ein + Publizist, der anfangs fuer die Revolution, nachmals fuer das + "Deutschtum" begeistert, schliesslich im Ultramontanismus einen Halt + suchte und mit Fanatismus gegen den Protestantismus kaempfte. + + 18 Robert Blum, geb. 10. November 1807, erschossen am 9. November 1848 + in Wien, wohin er sich im Vertrauen auf seine Unverletzlichkeit als + Mitglied des Frankfurter Parlaments begeben hatte, um den + aufstaendischen Wienern eine Beifallsadresse der Frankfurter + Parteigenossen zu ueberbringen. Als Fuehrer einer Elitekompagnie am + Kampfe beteiligt, wurde er verhaftet und durch ein Kriegsgericht zum + Tode verurteilt. + + 19 Ferd. Lassalle, geb. 11. April 1825, gest. 31. August 1864, + sozialistischer Agitator, Gruender des Allg. Deutschen + Arbeitervereins. + + 20 Georg Friedrich v. Martens, geb. 22. Februar 1756, gest. 21. Februar + 1821, seit 1816 hannoev. Bundestagsgesandter. + + 21 Graf Aug. Fried. Ferd. v. d. Goltz, geb. 20. Juli 1765, gest. 17. + Januar 1832, von 1816-1824 preussischer Bundestagsgesandter, nachher + Oberhofmarschall. + + 22 Wilh. Ludw. Leop. Reinhard Freiherr v. Berstett, geb. 1769, gest. 6. + Februar 1837, 1816 badischer Bundestagsgesandter, von 1817 bis 1831 + badischer Minister des Auswaertigen. + + 23 Klemens Fuerst v. Metternich, geb. 15. Mai 1773, gest. 11. Juni 1859, + oesterreichischer Minister seit 1809, seit Mai 1821 bis 13. Maerz 1848 + Staatkanzler, Haupttraeger der Reaktion in Oesterreich und + Deutschland. + + 24 Karl Friedrich Nebenius, geb. 29. September 1785, gest. 8. Juni + 1857, Verfasser der badischen Verfassungsurkunde vom 22. August 1818 + und zweimal Minister des Innern. + + 25 David Ricardo, geb. 19. April 1778, gest. 11. September 1823, engl. + Nationaloekonom, der als Schueler von Adam Smith die Lehre vom + Freihandel publizistisch vertrat. Seine Gedanken ueber das Verhaeltnis + zwischen Erzeugungskosten der Waren und Verkaufspreis und ueber das + Verhaeltnis zwischen Arbeitsleistung und Arbeitslohn sind von Marx + und Lassalle weiter entwickelt worden. + + 26 Wilh. Anton v. Klewiz, geb. 1. August 1760, gest. 26. Juli 1838, von + 1817-1824 preussischer Finanzminister, von 1824-1837 Oberpraesident + der Provinz Sachsen. + + 27 Karl Freiherr von Stein zum Altenstein, geb. 7. Oktober 1770, gest. + 14. Mai 1840, seit 1817 Minister fuer geistlichen Unterricht und + Medizinalangelegenheiten, Reorganisator des preussischen Volks- und + hoeheren Schulwesens. + + 28 Friedrich Leopold v. Kircheisen, geb. 24. Juni 1746, gest. 18. Maerz + 1825, von 1810 ab preussischer Justizminister. + + 29 Ludwig Freiherr v. Spittler, geb. 10. November 1752, gest. 14. Maerz + 1810, wurde 1779 als Professor der Philosophie nach Goettingen + berufen, 1806 zum Minister in Wuerttemberg ernannt und zum Kurator + der Universitaet Tuebingen. + + 30 Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher, geb. 21. November 1768, gest. + 12. Februar 1834, Prediger an der Berliner Dreifaltigkeitskirche und + Professor an der Universitaet. + + 31 Fried. Christ. Adolf v. Motz, geb. 18. November 1775, gest. 30. Juni + 1830, urspruenglich im Dienste des Koenigs von Westfalen taetig, trat + nach Napoleons Sturz in preussische Dienste ueber. 1817 zum + Praesidenten der Erfurter Regierung ernannt, ward er 1821 + provisorisch, 1824 definitiv Oberpraesident von Sachsen, 1825 Geh. + Staats- und Finanzminister. + + + + +3. Der Kampf um das preussische Zollgesetz auf den Wiener Konferenzen. + + +Als Hardenberg seine Weisungen (fuer die nach Wien berufene +Ministerkonferenz) an Bernstorff(32) erteilte, schaerfte er ihm noch einmal +ein, dass ein Bundeszollwesen bei dem gegenwaertigen Zustande der deutschen +Staaten unmoeglich sei. Sodann wiederholte er ihm woertlich, was er +gleichzeitig den Abgesandten des Listschen Handelsvereins antwortete und +durch die Staatszeitung veroeffentlichen liess: "Man kann daher die Sache +nur darauf zurueckfuehren, dass einzelne Staaten, welche durch den jetzigen +Zustand sich beschwert glauben, mit denjenigen Bundesgliedern, woher nach +ihrer Meinung die Beschwerde kommt, sich zu vereinigen suchen, und dass so +uebereinstimmende Anordnungen von Grenze zu Grenze weiter geleitet werden, +welche den Zweck haben, die inneren Scheidewaende mehr und mehr fallen zu +lassen." So war das handelspolitische Programm der preussissschen Regierung +nochmals klar und unzweideutig ausgesprochen. Indem sie an ihrem +Zollgesetze festhielt, erklaerte sie sich bereit, anderen Bundesstaaten +durch freie Vertraege den Zollanschluss oder Handelserleichterungen zu +gewaehren; aber sie sah auch ein -- und hierin lag ihre Ueberlegenheit -- dass +alle Klagen wider die Binnenmauten muessige Reden blieben, solange die +deutschen Staaten sich ueber ein gemeinsames Zollgesetz nicht einigen +konnten. + +Auf lebhaften Widerspruch war Bernstorff von vornherein gefasst; er wusste +wohl, wie unfassbar diese nuechternen handelspolitischen Gedanken, die heute +jedem gelaeufig sind, der grossen Mehrzahl der deutschen Hoefe noch +erschienen. Der leidenschaftliche Ausbruch "gehaessiger Vorurteile", den er +in Wien erleben musste, uebertraf doch seine schlimmsten Erwartungen. Die +naive volkswirtschaftliche Unwissenheit der Epoche feierte auf den +Konferenzen ihre Saturnalien; fast die gesamte deutsche Diplomatie lief +Sturm wider das preussische Zollgesetz. Sobald auf die Fragen des Handels +die Rede kam, verschob sich die Stellung der Parteien vollstaendig. Der +preussische Bevollmaechtigte, der fast in allen andern Fragen die Mehrheit +der Versammlung nach sich zog, stand in den handelspolitischen Beratungen +ebenso vereinsamt wie in den militaerischen, er erschien wie der +Stoerenfried der deutschen Einigkeit. Dieselben Hoefe, die ueberall sonst den +Wirkungskreis des Bundes aengstlich zu beschraenken suchten, hofften durch +einen rechtswidrigen Bundesbeschluss jene segensreiche Reform, welche dem +preussischen Deutschland den freien Verkehr geschenkt hatte, wieder +umzustossen. Von Mund zu Mund ging die sophistische Behauptung, das +preussische Gesetz verstosse wider den Artikel 19 der Bundesakte, der nichts +weiter enthielt als die Zusage, dass der Bundestag wegen des Handels und +Verkehrs "in Beratung treten" solle. + +Preussens boeser Genius, so liessen sich selbst Wohlmeinende vernehmen, hat +dies unglueckliche Gesetz geschaffen, das ihm ueberall Zutrauen und +Zuneigung verscherzt; Preussen wird es dereinst noch bereuen! Und seltsam, +die Angriffe der entruesteten Vorkaempfer deutscher Handelsfreiheit +richteten sich ausschliesslich gegen Preussen, obgleich auch andere +Bundesstaaten des gleichen Frevels schuldig waren. Bayern hatte soeben +(22. Juli 1819), wie Preussen, ein neues Zollgesetz verkuendigt, aber +niemand eiferte dawider. Vollends das oesterreichische Prohibitivsystem +belastete nicht nur alle Waren ungleich haerter als das preussische Gesetz, +es verbot sogar einzelne deutsche Erzeugnisse gaenzlich, namentlich die +Franken- und Rheinweine. Keiner unter den deutschen Ministern nahm daran +Anstoss. Metternich sagte kurzweg zu Berstett: "Ich betrachte Oesterreich +als gar nicht in der Handelsfrage befangen", und der badische Staatsmann +nahm diese Erklaerung ohne Widerspruch als selbstverstaendlich hin. Also +ward gerade durch den leidenschaftlichen Eifer der Kleinen bewiesen, wie +fest ihre Interessen mit Preussen verkettet waren, wie lose mit Oesterreich. +Einige der kleinen Minister vertraten den Gedanken der Bundeszoelle: so +Fritsch(33), dem sein Grossherzog befohlen hatte, die Verlegung aller +Zollinien an die Bundesgrenze zu fordern, so Berstett, der noch immer der +Meinung blieb, durch die Verkuendigung allgemeiner Verkehrsfreiheit werde +der Bund am sichersten die Unzufriedenheit der Nation beschwichtigen. +Andere wollten nur den Verkehr mit deutschen Produkten frei lassen, und +diese so wenig wie jene wussten die Mittel zur Ausfuehrung ihres Planes +anzugeben: gegen das Ausland, meinte Berstett gemuetlich, moege jeder +Bundesstaat seine Zoelle nach Belieben anordnen, genug, wenn im Innern +Deutschlands die Mauten hinwegfielen. Zu diesen ehrlichen Enthusiasten +gesellten sich einige Bundesgenossen, die ihre unlauteren Hintergedanken +kaum verbargen. Der Herzog von Coburg(34) erschien selbst in Wien, um +durch sein Veto den Abschluss der Bundeskriegsverfassung zu vereiteln, +falls ihm nicht unbeschraenkte Verkehrsfreiheit gewaehrt wuerde; doch da die +Konferenz das Bundesmilitaergesetz nicht ins reine brachte, so ward der +feine Plan zu Schanden. Noch dreister trat Marschall(35) auf. Der witterte +mit dem Instinkt des Hasses, dass die neue Zollgesetzgebung, das Werk der +"demagogischen Subalternen" in den Berliner Bureaus, dem preussischen +Staate vielleicht dereinst die Hegemonie im Norden verschaffen koenne; +durch ihre Vernichtung dachte er zugleich diesen Staat des Unheils zu +demuetigen und der Schlange der Revolution das Haupt zu zertreten. + +Aehnliche Gesinnungen hegte der Kasseler Hof, der bereits, ohne eine +Verstaendigung mit dem Nachbarstaate auch nur zu versuchen, den Zollkrieg +gegen Preussen eroeffnet hatte. Durch ein Gesetz vom 17. September 1819 +wurde die Ein- und Durchfuhr vieler preussischer Waren verboten oder mit +schweren Zoellen belegt. Der Mehrbetrag der erhoehten Abgaben sollte +verwendet werden zum Besten der hessischen Gewerbetreibenden, welche das +preussische Zollgesetz an den Bettelstab gebracht habe -- ein Versprechen, +das der geizige Kurfuerst(36) selbstverstaendlich niemals einloeste. In +Berlin dachte man anfangs an Retorsionen. Der Koenig aber hielt sich streng +an die Zusage, dass die preussischen Zoelle vornehmlich die ausserdeutschen +Waren treffen sollten, und wollte feindselige Schritte gegen deutsche +Staaten, wenn irgend moeglich, vermeiden. Auch ein Gutachten des +Finanzministeriums gelangte zu dem Schlusse, die hessischen Retorsionen +seien fuer Hessen ueberaus schaedlich, fuer Preussen ungefaehrlich, also "nur +der Form wegen zu bekaempfen". Der Gesandte in Kassel sprach sich in diesem +Sinne vertraulich gegen den Kurfuersten aus. Unterdessen liess Preussen die +Koeln-Berliner Kunststrasse ueber Hoexter und Paderborn, mit Umgehung des +hessischen Gebiets, ausbauen. Der Verkehr des Nordostens mit dem Sueden zog +sich von Hanau hinweg nach Wuerzburg, die hessischen Strassen begannen zu +veroeden. Der Kurfuerst musste seine Kampfzoelle wieder herabsetzen und harrte +nun um so ungeduldiger auf einen Bundesbeschluss, der die Zollinien des +unangreifbaren Nachbarn zerstoeren sollte. + +Unter den Widersachern Preussens verstand doch keiner eine so urwuechsig +grobe Sprache zu fuehren wie der Herzog Ferdinand von Koethen, ein eitler, +nichtiger Mensch, der im Jahre 1806 wegen erwiesener Unfaehigkeit den +preussischen Kriegsdienst hatte verlassen muessen und jetzt persoenlich an +die Donau eilte, um "die Mediatisierung des uralten Hauses Anhalt" +abzuwenden. Die wirkliche Herrin seines Laendchens war seine Gemahlin +Julia, eine geborene Graefin Brandenburg, Halbschwester des Koenigs von +Preussen, eine Dame von Geist und Bildung, unermesslich stolz auf ihre +fuerstliche Wuerde, den katholisierenden Lehren der romantischen Schule +eifrig zugetan. Da Metternich den Wert einer solchen Bundesgenossin wohl +zu wuerdigen wusste, so hatte er Adam Mueller(37) beauftragt, neben dem +Leipziger Konsulate auch das Amt des oesterreichischen Geschaeftstraegers an +den anhaltischen Hoefen zu bekleiden, und der gefeierte Publizist der +ultramontanen Partei wurde der romantischen Herzogin bald ein +unentbehrlicher Ratgeber. Mueller hasste seine preussische Heimat mit dem +ganzen Ingrimm des Konvertiten. Seinem erfinderischen Kopfe entsprang der +Plan zu einem grossen Gaunerstuecke kleinfuerstlicher Staatskunst, das die +preussische Zollgesetzgebung von innen heraus durchloechern und mindestens +fuer die Provinz Sachsen unmoeglich machen sollte. Das Koethensche Land wurde +einige Stunden weit von der Elbe durchflossen, und die Elbe zaehlte zu den +konventionellen Fluessen, denen der Wiener Kongress die "vollkommene +Freiheit der Schiffahrt" zugesagt hatte. Welch eine glaenzende Aussicht +eroeffnete sich also fuer die Machtstellung Koethens, wenn die Konferenz sich +bewegen liess, die Freiheit der Elbe sofort und unbedingt von Bundes wegen +einzufuehren! Dann konnte der Herzog, obgleich sein Land von preussischem +Gebiete umschlossen war, eine selbstaendige europaeische Handelspolitik +beginnen, er konnte die Freiheit der Elbschiffahrt missbrauchen, um im +Herzen des preussischen Staates dem Schleichhandel eine grosse Freistaette zu +eroeffnen, den gehassten Nachbarstaat mit geschmuggelten Waren zu +ueberschwemmen und ihn vielleicht zur Aenderung seines Zollsystems zu +zwingen. Begierig ging der kleine Herr auf diese freundnachbarlichen +Gedanken ein; Gewissensbedenken beruehrten ihn nicht, und den Unterschied +von Macht und Ohnmacht vermochte er nicht zu begreifen. Die wiederholten +wohlwollenden Einladungen zum freiwilligen Anschluss an das preussische +Zollsystem hatte er saemtlich schroff abgefertigt, in jenem poebelhaft +schreienden Tone, der allen Schriftstuecken dieses Hofes gemein war. +"Anhalt -- so erklaerte er stolz -- kann seine Rettung nur suchen in dem +allgemeinen europaeischen voelkerrechtlichen Staatenverein und in den +Hilfsmitteln, welche ihm seine geographische Lage an grossen Stroemen +darbietet." + +Mehr oder minder eifrig klagten auch die meisten uebrigen Bevollmaechtigten +wider die Selbstsucht des Staates, der allein dem Ideale der deutschen +Handelseinheit im Wege stehe. Nur die Hansestaedte, befriedigt mit ihrer +kosmopolitischen Handelsstellung, wiesen jeden Versuch gemeinsamer +deutscher Handelspolitik kuehl zurueck. Auch Zentner(38) zeichnete sich +wieder durch kluge Besonnenheit aus; dem gestaltlosen Traumbilde einer +allgemeinen Verkehrsfreiheit, deren Bedingungen noch niemand kannte, +wollte er das neue bayrische Zollgesetz nicht opfern. Metternich aber liess +mit schlecht verhehlter Schadenfreude die Kleinen wider Preussen laermen. +Meisterhaft verstand der Wiener Hof, die Angst vor dem preussischen +Ehrgeiz, die allen Kleinstaaten in den Gliedern lag, je nach Umstaenden fuer +seine Zwecke auszubeuten. Im Oktober hatte Graf Bombelles(39) auf +ausdruecklichen Befehl des Kaisers Franz dem Grossherzog von Weimar(40) +gedroht: wenn man die Karlsbader Beschluesse nicht ueberall streng ausfuehre, +dann muessten die beiden Grossmaechte aus dem Bunde ausscheiden, und dann +wuerde der Kaiser sich genoetigt sehen, seinem preussischen Alliierten "in +Deutschland eine erweiterte Stellung zu verschaffen". Ebenso unbedenklich +benutzte Metternich jetzt die Eifersucht der Kleinen, um Preussens +Handelspolitik zu bekaempfen. Freilich durfte er nicht wagen, die Gegner +seines unentbehrlichen Bundesgenossen offen zu unterstuetzen, zumal da er +selber an dem oesterreichischen Zollwesen nicht das Mindeste aendern wollte. +Unter der Hand jedoch ermutigte er die Ergrimmten und fluesterte ihnen zu, +das preussische Zollgesetz sei das Werk einer Partei, deren Zwecke mit +"treuem Bundessinn" nichts gemein haetten. Als handelspolitischen Ratgeber +hatte er sich den Urheber der anhaltischen Schleichhandelsplaene, Adam +Mueller, nach Wien kommen lassen. + +Die Nation war ueber das Problem der Zolleinheit noch ebenso wenig ins +Klare gekommen wie ihre Staatsmaenner. Von dem politischen Ergebnis der +Konferenzen erwartete sie, nach den Karlsbader Erfahrungen, nichts +Erfreuliches; nur die Aufhebung der Binnenmauten und namentlich der +preussischen Zollinien erschien allen Parteien als ein bescheidener Wunsch, +der bei einigem guten Willen der Regierungen leicht erfuellt werden konnte. +Eine Flugschrift "Freimuetige Worte eines Deutschen aus Anhalt" sprach mit +drastischen Worten aus, was nahezu alle Nichtpreussen ueber die Berliner +Handelspolitik dachten. Der offenbar wohlmeinende Verfasser fand es +ehrenruehrig, dass man die von preussischem Gebiete umschlossenen Staaten als +Enklaven bezeichne, und schlechthin rechtswidrig, dass Preussen von +"Fremden" Steuern erhebe; das Strafurteil der oeffentlichen Meinung muesse +der Sache "der Wahrheit und des Rechts" unfehlbar zum Siege verhelfen. + +Als Wortfuehrer der Kaufleute und Gewerbtreibenden fand sich F. List mit +seinen Getreuen J. J. Schnell und E. Weber auf den Konferenzen ein und +legte eine Denkschrift vor, deren hochgemutes patriotisches Pathos +inmitten der engherzigen partikularistischen Interessenpolitik der Wiener +Versammlung wildfremd erschien. Mit der Einheit der Nation -- so fuehrte er +in beredten Worten aus -- sei die vollkommene Unabhaengigkeit der +Einzelstaaten nicht vereinbar; der Bund muesse den 30 Millionen Deutschen +den Segen des freien Verkehrs schaffen und also in Wahrheit ein Bund der +Deutschen werden. Und was war der praktische Vorschlag, der diesen +begeisterten Worten folgte? List verlangte, dass die deutschen Staaten ihre +Zoelle an eine Aktiengesellschaft verpachten sollten, und machte sich +anheischig, die Aktien unterzubringen; diese Gesellschaft wuerde das +deutsche Bundeszollwesen begruenden und den Regierungen alle Sorge um +laestige Einzelheiten abnehmen! Seltsam doch, in welche holden +Selbsttaeuschungen der feurige Patriot sich einwiegte. Er behauptete, +Preussen sei geneigt, sein Zollgesetz aufzugeben, obgleich man ihm soeben +von Berlin aus amtlich das Gegenteil versichert hatte. Er sah sich von der +Wiener Polizei argwoehnisch beobachtet und schrieb in die Heimat: "wir sind +von allen Seiten mit Spionen umgeben, bei einem Spion einquartiert, von +einem Spion bedient"; er wusste, dass Metternich in der Konferenz erklaert +hatte, mit den Individuen, welche sich fuer die Vertreter des deutschen +Handelsstandes ausgaeben, koenne man sich auf keine Verhandlungen einlassen, +da der Bundestag bereits den Deutschen Handelsverein als ein +gesetzwidriges und unzulaessiges Unternehmen verurteilt habe. Das alles +beirrte ihn nicht in seiner ruehrenden Zuversicht. Als nun gar Adam Mueller +eine Denkschrift Lists ueber deutsche Industrieausstellungen wohlwollend +begutachtete und Kaiser Franz in einer Audienz dem unverwuestlichen +Agitator versicherte, seine Regierung werde gern das Wohl des deutschen +Vaterlandes foerdern, da waehnte er sich schon fast am Ziele: "Aller Augen +sind nunmehr auf die Kaiserlich oesterreichische Regierung gerichtet. Wie +wuerde sich nicht Oesterreichs edelmuetiger menschenfreundlicher Kaiser die +Voelker deutscher Zunge aufs neue verbinden, wenn ihnen so grosse Wohltat +von seinen Haenden kaeme!" Als auch diese Taeuschung schwand, warf er seine +Hoffnungen auf die sueddeutschen Hoefe und meinte, seine Sache habe durch +die Verzoegerung nur gewonnen. So klammerte sich der edle Patriot an jeden +Strohhalm; nur das preussische Zollgesetz, das dereinst der Eckstein +unserer wirtschaftlichen Einheit werden sollte, erschien ihm, wie der +gesamten Nation, als der Quell des Verderbens. + +In der Konferenz eroeffnete Marschall den Kampf durch eine Denkschrift vom +8. Januar, welche den preussischen Staat mit so grobem Unglimpf ueberhaeufte, +dass Bernstorff sie dem Verfasser zurueckgab. Durch die neuen +Zolleinrichtungen, hiess es da, wuerden die Eigentumsrechte von +Hunderttausenden angegriffen, das Eigentum und der Besitz vermindert. Dann +forderte der Nassauer getrost: Aufhebung aller seit dem Jahre 1814 neu +eingefuehrten Mauten und sofortige Vollziehung der Beschluesse des Wiener +Kongresses ueber die Flussschiffahrt; im uebrigen volle Freiheit fuer jeden +deutschen Staat, die Zoelle gegen das Ausland willkuerlich festzusetzen, +wenn er nur keine Binnenmauten errichte. Dass der letztere Vorschlag einen +plumpen Widerspruch enthielt, dass kein Einzelstaat sich gegen das Ausland +schuetzen konnte, wenn seine deutschen Binnengrenzen unbewacht blieben -- +diese handgreifliche Wahrheit war dem nassauischen Staatsmanne ganz +entgangen; er sprach wie der Blinde von den Farben, da sein Laendchen gar +keine Grenzzoelle besass. + +Dann wiederholte Berstett seine alten Klagen gegen die Binnenmauten und +verteilte unter den Genossen jene gedankenreiche Denkschrift von Nebenius +ueber die Bundeszoelle; bei ruhiger Pruefung mussten jedoch alle die +Unmoeglichkeit einer Bundeszollverwaltung zugestehen, und der badische +Minister selbst liess den Plan seines geistvollen Untergebenen fallen. +Darauf neue wuetende Ausfaelle Marschalls, so grob und ungeschlacht, dass +Bernstorff beim Schluss der Konferenzen dem Bundesgesandten schrieb: "es +wuerde unter der Wuerde unseres hoechsten Hofes sein, diesem in keiner +Hinsicht achtungswerten Manne irgendeine gegen seine Person gerichtete +Empfindlichkeit zu aeussern", Goltz moege sich also dem nassauischen Kollegen +gleichgueltig fern halten. Nunmehr protestierte auch Fritsch im Namen der +Thueringer wider Preussens Enklavensystem und verlangte, jedem Produzenten +muesse gestattet werden, seine Erzeugnisse ueberall in Deutschland frei +abzusetzen, jedem Konsumenten, seinen Bedarf auf dem naechsten Wege zu +beziehen. Dazwischen hinein fuhr der Koethener Herzog, dessen anmassendes +Benehmen Bernstorff nicht grell genug schildern konnte, mit wiederholten +geharnischten Verwahrungen. Er klagte, man lasse ihn alle Lasten des +preussischen Zollwesens tragen, nicht die Vorteile, waehrend es doch +lediglich an ihm lag, auf Preussens Anerbietungen einzugehen und auch der +Vorteile teilhaftig zu werden. Er drohte die auswaertigen Garanten der +Bundesakte anzurufen zum Schutze der "ueber allem Angriff erhabenen Sache" +des uralten Hauses Anhalt. Schliesslich verweigerte er geradezu der +Schlussakte seine Unterschrift, wenn ihm der Bund nicht die "freie +Kommunikation mit Europa" sicherstellte: "so lange die Herzoege von Anhalt +sich in einer drueckenden unfreiwilligen Zinsbarkeit gegen einen maechtigen +Nachbarstaat befinden, kann fuer dieses alte Fuerstenhaus keine Bundesakte +und also auch keine Schlussakte existieren." + +Inmitten dieses Gezaenks bewahrte Graf Bernstorff vornehme Ruhe und +aufrichtigen Freimut. Er beklagte laut, dass die Bundesakte durch ihre +allgemeinen Versprechungen unerfuellbare Erwartungen geweckt habe. Fest und +stolz wies der preussische Minister jede ehrenruehrige Zumutung zurueck: von +der Aufhebung des neuen Gesetzes koenne gar nicht die Rede sein. Zugleich +wiederholte er unermuedlich in immer neuen Umschreibungen die in der +Staatszeitung veroeffentlichten Gedanken. Es sei "unmoeglich, eine solche +Einigung anders als durch allmaehliche Vorbereitung und die muehsamste +Ausgleichung streitender Interessen bewirkt zu sehen". Nur Vertraege +zwischen den Einzelstaaten koennten dem wirtschaftlichen Elend steuern. +"Geschieht dieses im Sueden wie im Norden von Deutschland, und werden diese +Versuche unter der Mitwirkung und Pflege des Bundes gemacht, so laesst es +sich wohl denken, dass man auf diesem freilich langsamen, aber vielleicht +einzig moeglichen Wege dahin gelangen werde, die jetzt bestehenden +Scheidewaende aus dem Wege zu raeumen und in Beziehung auf Handel und +Verkehr diejenige Einheit der Gesetzgebung und Verwaltung hervorzubringen, +welche ein Verein nebeneinander bestehender freier und besonderer Staaten, +wie ihn der Deutsche Bund bildet, irgend zulassen kann." Auf die +Schmaehungen des Koetheners bemerkte er trocken, dass in Dresden bereits seit +mehreren Monaten eine Konferenz der Elbuferstaaten tage; dort allein sei +der Ort, die Frage der freien Elbschiffahrt zum Austrage zu bringen. + +Wahrlich, ein historischer Augenblick! Der grosse Kampf zweier +Jahrhunderte, der alte unversoehnliche Gegensatz oesterreichischer und +preussisch-deutscher Politik erneuerte sich in diesen unscheinbaren +Haendeln, noch ohne dass die Kaempfer den tiefen Sinn des Streites begriffen +{~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Die ganze Zukunft deutscher Politik hing daran, dass Preussens verstaendige +Redlichkeit triumphierte ueber dies Buendnis der Unklarheit und der Luege. +Und Preussen siegte. + +Da die Gegner nur in ihrem Hasse, nicht in irgendeinem positiven Gedanken +uebereinstimmten, so errang Bernstorff bereits am 10. Februar einen +durchschlagenden Erfolg in dem handelspolitischen Ausschusse der +Konferenz; er bewog den Ausschuss, seine Antraege auf einige "mehr +vorbereitende als entscheidende, keinen kuenftigen bundesfoerderlichen +Beschluessen vorgreifende Bestimmungen zu beschraenken". Der Ausschuss +beantragte demnach lediglich, dass der Bundestag, dem Artikel 19 gemaess, die +Befoerderung des Handels als einen der Hauptgegenstaende seiner Taetigkeit +ansehen solle. Nur ueber die Freiheit des Getreidehandels, welche Preussen +schon vor drei Jahren in Frankfurt befuerwortet hatte, schienen jetzt alle +Teile endlich einig, und der Ausschuss schlug vor, die Frage durch +schleunige Vereinbarung zu erledigen. Als diese Antraege am 4. Maerz in der +Konferenz zur Verlesung kamen, da brach, sobald der Name des Bundestags +erklang, einer der Anwesenden in lautes Lachen aus, und die ganze +Versammlung stimmte froehlich ein. Und diese Staatsmaenner, die ihr Urteil +ueber die Leistungsfaehigkeit des Bundestages so unzweideutig bekundeten, +hatten sich soeben noch vermessen, das preussische Zollgesetz durch einen +Bundesbeschluss aufzuheben! Die Antraege des Ausschusses wurden angenommen, +und um auch den widerspenstigen Koethener zu gewinnen, fuegte man noch ein +Separatprotokoll hinzu, kraft dessen die beteiligten Staaten sich +verpflichteten, die Beschluesse des Wiener Kongresses ueber die +Flussschiffahrt unverbruechlich zu halten, die Verhandlungen deshalb taetig +zu betreiben. + +Ueber die Freiheit des Getreidehandels setzte man ebenfalls ein besonderes +Protokoll auf, aber Metternich vereitelte schliesslich auch diesen einzigen +heilsamen Plan, in dem sich alle Parteien zusammenfanden. Er schob die +Entscheidung immer wieder hinaus, und als die Konferenz endlich zum +Beschlusse schreiten wollte, da war Kaiser Franz, zum lebhaften Bedauern +seines Ministers, bereits nach Prag abgereist. Arglos meldete Bernstorff +einige Tage spaeter, die Erwiderung Sr. Majestaet sei noch immer nicht +eingetroffen. Die Konferenz musste auseinandergehen, ohne das Protokoll +abzuschliessen. Erst gegen Mitte Juni lief die oesterreichische Antwort beim +Bundestage ein. Der gute Kaiser, der sich gegen F. List so vaeterlich ueber +das Wohl des deutschen Vaterlandes geaeussert hatte, meinte jetzt trocken: +das Wiener Protokoll "sei eigentlich nur bestimmt, die Veranlassung zur +weiteren Entwickelung der darin ausgesprochenen Grundsaetze zu geben"; man +brauche also nicht foermlich darueber abzustimmen, sondern solle nur +sogleich die vorbehaltene Beratung am Bundestage beginnen. Dies geschah +denn auch. In einem salbungsvollen Praesidialvortrage feierte Buol(41) die +Reize des freien Getreidehandels; seine Worte waren aber so allgemein +gehalten, dass selbst der harmlose Goltz sofort bemerkte, Oesterreich hege +Hintergedanken. Darauf beriet der Bundestag mit gewohnter Emsigkeit +weiter, und nach einem Vierteljahr (5. Oktober) beschloss er, zunaechst +Nachrichten ueber den Stand der Gesetzgebung in den Einzelstaaten +einzuholen. Der freie Getreidehandel verschwand in jenem geheimnisvollen +Schlunde, in dessen Tiefen die ewig unvollendeten Bundesbeschluesse +gebettet lagen. Das waren Oesterreichs Liebesdienste zum Besten der +deutschen Verkehrsfreiheit. -- + +Der Verlauf der Konferenzen selbst bestaetigte durchweg, was Bernstorff +vorhergesagt: dass ein Bund ohne politische Einheit keine gemeinsame +Handelspolitik treiben koenne. Angesichts dieser Erfahrungen begannen +einige der sueddeutschen Staatsmaenner sich doch endlich mit den Ratschlaegen +Bernstorffs zu befreunden. Eingepresst zwischen den Mautlinien Frankreichs, +Oesterreichs, Preussens, vermochte die Volkswirtschaft des Oberlandes kaum +mehr zu atmen, zumal da noch keiner der sueddeutschen Staaten, ausser +Bayern, ein geordnetes Zollwesen besass. Die Frage liess sich nicht mehr +abweisen, ob man nicht zunaechst versuchen solle, diese zerstueckelten +Gebiete in einem handelspolitischen Sonderbunde zu vereinigen, also genau +dasselbe zu tun, was man soeben dem preussischen Staate als +Bundesfriedensbruch vorgeworfen hatte. Den ersten Anstoss zu solchen Plaenen +gab der wackere du Thil; noch spaeterhin pflegte der Darmstaedter Hof sich +dieses Verdienstes gern zu ruehmen. Aber erst durch Berstetts ruehrige +Taetigkeit gewann der Gedanke Leben. Der Badener hegte, wie du Thil, die +ehrliche Hoffnung, dass aus diesem Sonderbunde "nach und nach ein Ganzes" +hervorgehen werde; indes dachte er auch an Retorsionen gegen die +preussischen Zoelle und gab eine kurz abweisende Antwort, als Bernstorff ihm +versicherte, mit einem sueddeutschen Zollverein werde Preussen gern +Handelsvertraege abschliessen. Auch Marschall liess sich auf den Plan nur +ein, weil er erwartete, dass Sueddeutschland nunmehr mit vereinter Kraft den +Zollkrieg gegen Preussen eroeffnen werde. Wuerttemberg endlich spielte mit +Triasplaenen und hoffte, den politischen Bund des konstitutionellen "reinen +Deutschlands" aus dem Handelsverein hervorgehen zu sehen -- ein Gedanke, +der weder in Muenchen noch in Darmstadt Anklang fand. + +Bei solcher Verschiedenheit der politischen Absichten konnte Berstett nach +langwierigen vertraulichen Beratungen nur einen bescheidenen Erfolg +erreichen. Am 19. Mai verpflichteten sich die beiden sueddeutschen +Koenigreiche, Baden, Darmstadt, Nassau und die thueringischen Staaten, noch +im Laufe des Jahres Bevollmaechtigte nach Darmstadt zu senden, welche dort +auf Grund einer unverbindlichen Punktation ueber die Bildung eines +sueddeutschen Zollvereins verhandeln sollten. Mehr wollte der vorsichtige +Zentner, der sein bayrisches Zollgesetz behueten musste, schlechterdings +nicht versprechen. Immerhin war jetzt doch ein Weg betreten, der aus dem +Elend der Binnenmauten vielleicht hinausfuehren konnte. Die liberale Presse +begruesste dankbar die patriotische Tat ihrer Lieblinge. Der allzeit +vertrauensvolle List sah das Ideal der deutschen Zolleinheit bereits +nahezu verwirklicht, und als er bald darauf nach Frankfurt kam, fand er +seinen Goenner Wangenheim(42) in einem Rausche des Entzueckens: so trug das +reine Deutschland der gesamten Nation doch endlich die Fackel voran! +Minder hoffnungsvoll, aber durchaus wohlwollend beurteilte Bernstorff den +Entschluss der sueddeutschen Hoefe. Er versicherte Berstett seiner +Zustimmung; denn gelang es den Mittelstaaten, ihr zerruettetes +Verkehrsleben aus eigener Kraft zu ordnen, so blieb fuer die Zukunft eine +Verstaendigung mit Preussen moeglich. Seinem Koenig schrieb er: trotz manchen +feindseligen politischen und staatswirtschaftlichen Hintergedanken bestehe +fuer Preussen kein Grund, das Unternehmen zu missbilligen, zumal da das +Gelingen noch sehr fraglich scheine. + +Der Versuch, das preussische Zollgesetz durch ein Machtgebot des Bundes zu +vernichten, war gescheitert. Doch unterdessen fuehrte der Koethener Herzog +seinen Schmuggelkrieg wider die preussischen Mauten wohlgemut weiter und +hemmte dadurch zugleich die Verhandlungen ueber die Elbschiffahrt. Wie oft +hatten einst die Fremden gespottet ueber die *furiosa dementia*(43) der +Deutschen, die sich ihre herrlichen Stroeme durch ihre Zoelle selber +versperrten! Erst seit Frankreich das linke Rheinufer an sich riss, ward +dies sprichwoertliche Leiden Deutschlands etwas gelindert. Im Jahre 1804 +wurde statt der alten drueckenden Rheinzoelle das Rheinoktroi eingefuehrt, +das im wesentlichen nur bestimmt war, die Kosten der Strombauten und der +Leinpfade(44) zu decken, und diese neue Ordnung bewaehrte sich so gut, dass +der Wiener Kongress sie auch fuer die anderen konventionellen Stroeme +Deutschlands als Regel vorschrieb. Seitdem war die Weserschiffahrt in der +Tat frei geworden: nach einem langen Streite mit Bremen liess sich +Oldenburg durch die Vermittlung des Bundestages bewegen, auf den +widerrechtlichen Elsflether Zoll endlich zu verzichten (August 1819). +Schwieriger lagen die Verhaeltnisse zwischen den zehn Uferstaaten der Elbe. +Die von W. Humboldt redigierten Artikel 108-116 der Wiener Kongressakte +stellten den Grundsatz auf, dass die Schiffahrt auf den konventionellen +Stroemen frei, das will sagen: niemandem verwehrt sein sollte, und +verpflichteten die Uferstaaten, binnen sechs Monaten Verhandlungen +einzuleiten, damit die Schiffahrtsabgaben gleichmaessig und unabaenderlich, +ungefaehr dem Betrage des Rheinoktrois entsprechend, festgesetzt wuerden. + +Offenbar vermochten diese wohltaetigen Verheissungen nur dann ins Leben zu +treten, wenn die Erhebung der Schiffahrtsabgaben, wie der Artikel 115 +ausdruecklich vorschrieb, von dem Zollwesen der Uferstaaten durchaus +getrennt blieb und alle Beteiligten durch eine strenge Uferpolizei +verhinderten, dass die freie Schiffahrt zum Schmuggel in die Nachbarlande +missbraucht wuerde. Nur unter dieser Bedingung konnte Preussen, das jene +Artikel der Kongressakte als sein eigenes Werk betrachtete, seine Hand zu +ihrer Ausfuehrung bieten; wie durfte man -- so fragte spaeterhin eine +preussische Staatsschrift -- einem maechtigen Staate zumuten, "in seinem +Herzen einen Wurm zu dulden, der seine innere Lebenswurzel annagt?" Nur +wenn Anhalt, das von der Provinz Sachsen rings umschlossen war, dem +preussischen Zollsysteme beitrat, konnte die verheissene Freiheit der +Elbschiffahrt und der rechtmaessige Ertrag der preussischen Einfuhrzoelle +zugleich gesichert werden. Seit der alte Dessauer einst die saemtlichen +Landgueter seiner Ritterschaft aufgekauft, hatten sich Landbau und +Forstwirtschaft in den anhaltischen Laendchen unter der sorgsamen Pflege +ihrer Fuersten gluecklich entwickelt; alle seine natuerlichen Interessen +verwiesen dies bluehende Gartenland, das der Industrie noch gaenzlich +entbehrte, auf den freien Verkehr mit den benachbarten gewerbereichen +Bezirken Preussens. Was der Vereinbarung im Wege stand, war allein der +tolle Souveraenitaetsduenkel des Herzogs von Koethen und die weiter blickende +Feindseligkeit seines Ratgebers Adam Mueller. Die +"Anschliessungsinsinuationen" des Berliner Kabinetts wies der Herzog empoert +zurueck: ob man denn nicht einsehe, so fragte er einmal, "wie schon die +blosse Unnatur eines solchen Verhaeltnisses, die Unterordnung eines +souveraenen Fuersten unter die Zolladministration eines benachbarten +Staates, dem Bestande eines freundschaftlichen Verhaeltnisses mit der +Regierung desselben durchaus unguenstig sei!" + +Da mit Vernunftgruenden bei diesem Hofe nichts auszurichten war, so +begnuegte sich Preussen vorlaeufig, sein Enklavensystem gegen Anhalt aufrecht +zu halten. Alle zu Lande nach Anhalt eingehenden Waren wurden dem +preussischen Eingangszolle unterworfen. Nur den Elbschiffern erlaubte man +Sicherheit zu stellen fuer die Zahlung der preussischen Abgaben und +erstattete ihnen den Betrag zurueck, falls der Verbleib der eingefuehrten +Waren in Anhalt nachgewiesen wurde. + +Schamloser Unterschleif war die Folge dieser Erleichterung. Der +anhaltische Schleichhandel wuchs von Monat zu Monat, und mit Ungeduld +erwarteten die preussischen Finanzmaenner die vertragsmaessige Regelung dieser +leidigen Zustaende, als endlich im Juni 1819 -- viertehalb Jahre nach dem +Zeitpunkt, welchen der Wiener Kongress vorgeschrieben -- die +Elbschiffahrtskonferenz in Dresden eroeffnet wurde. Dort sprachen Hamburg +und Oesterreich eifrig fuer die Befreiung des Flusses, die ihnen freilich +nur Vorteil bringen konnte, da die Hansestadt gar keine Schiffahrtsabgaben +erhob und die hohen boehmischen Elbzoelle auf der wenig befahrenen obersten +Stromstrecke nur geringen Ertrag brachten. Daenemark hingegen, Mecklenburg, +Anhalt zeigten sich schwierig. Am hartnaeckigsten aber verteidigte Hannover +seinen Besitzstand; denn das welfische Koenigreich ueberliess die Sorge wie +die Kosten fuer das Fahrwasser der Niederelbe grossmuetig dem Hamburger +Senate und erhob dafuer in Brunshausen, nahe bei Stade, einige Meilen +oberhalb der Muendung, seinerseits einen hohen Zoll von allen eingehenden +Seeschiffen. Sein Bevollmaechtigter verwahrte sich feierlich gegen jeden +Versuch, dies Kleinod der Welfenkrone anzutasten: das sei ein Seezoll, der +mit der Elbschiffahrt nichts zu schaffen habe, und nimmermehr koenne die +Absicht der Wiener Verheissungen dahin gehen, "die Basis alles +volkstuemlichen Gluecks, den Rechtszustand zu erschuettern". Kein Zureden +half; die Konferenz musste den Stader Zoll ganz aus dem Spiele lassen und +nur den Stromverkehr oberhalb Hamburgs zu erleichtern suchen. Nach +zweijaehrigen Verhandlungen, die den preussischen Bevollmaechtigen oft der +Verzweiflung nahe brachten, kam endlich am 23. Juli 1821 die +Elbschiffahrtsakte zustande, ein duerftiger Vergleich, der in Form und +Inhalt die Spuren muehseliger Kaempfe verriet; immerhin wurden die +bestehenden Schiffahrtsabgaben doch etwas herabgesetzt, und der Verkehr +auf dem Strome begann sich bald zu heben. + +Die preussische Regierung behauptete waehrend dieses unleidlichen Gezaenks +durchweg eine versoehnliche Haltung. Sie gab fuer den Elbverkehr ihre +Durchfuhrzoelle auf, die einen so wesentlichen Bestandteil ihrer +Handelspolitik bildeten, und war bereit, die Schiffahrtsabgaben noch +weiter herabzusetzen als die kleinen Nachbarn zugestehen wollten; aber sie +erklaerte auch von vornherein, dass sie eine Schmugglerherberge im Innern +ihres Staates nicht dulden werde und darum die Elbschiffahrtsakte nur +unterzeichnen koenne, wenn Anhalt sich ihrem Zollwesen anschliesse. Ihr +Bevollmaechtigter fuegte warnend hinzu: das eigene Interesse der kleinen +Regierungen gebiete ihnen, das Zollsystem des grossen Nachbarstaates zu +unterstuetzen, "weil dadurch die zu ihren Gunsten bestehende Zerstueckelung +Deutschlands in ihren nachteiligen Folgen gemildert werden wuerde". Wie +flammte der kleine Koethener Herr auf, als er diese unerhoerte Aeusserung +preussischen Uebermuts erfuhr und gleichzeitig Bernstorff in einem neuen +Mahnschreiben an die Koethener Regierung offen aussprach: "die +norddeutschen Staaten haben den Schutz fuer ihre Existenz, ihre Wohlfahrt +und Selbstaendigkeit und ihre gemeinnuetzigen Anstalten von Preussen zu +erwarten". Der Herzog, der gerade mit seinem koeniglichen Schwager zugleich +in Karlsbad verweilte, berichtete sofort alles an Marschall. "Ich +schmeichle mir, so schrieb er, dass alle Gutgesinnten auf meiner Seite +stehen und nicht zugeben, dass es Preussen erlaubt wird, sich alles zu +erlauben. Ob einem Kabinett, das durch einen solchen Mann repraesentiert +ist, zu trauen ist, lasse ich dahingestellt." Dann fuhr er hoehnisch fort: +"das Spasshafteste ist, dass der Koenig mit uns ebenso freundlich als sonst +ist" -- und bat den Nassauer, auch fernerhin auf Wittgenstein(45), "der +ganz im guten Geiste ist", wirken zu lassen, damit die Partei, welche das +Zollgesetz halte, zu Falle komme. Im gleichen Tone antwortete Marschall: +"Man hat zwar bisher aehnliche Phrasen in dem Munde deutscher Revolutionaere +gehoert, nicht aber in dem eines Repraesentanten eines deutschen Koenigs. +Wenn Preussen das noerdliche Deutschland und ganz Deutschland schuetzt, so +schuetzt umgekehrt das noerdliche Deutschland und ganz Deutschland Preussen. +Rechte und Verbindlichkeiten sind durchaus wechselseitig. Wer das +Gegenteil behauptet, verletzt die erste und Hauptgrundlage des Bundes und +bewegt sich ausserhalb des Bundes. Namentlich hat der maechtigste der +deutschen Bundesstaaten, sowohl im Bunde als in Europa, bei jeder +Gelegenheit den entgegengesetzten Grundsatz laut ausgesprochen und bei +jeder Veranlassung geltend gemacht." + +Dieser maechtigste der Bundesstaaten trieb unterdessen sein doppeltes Spiel +weiter. Metternich, der ebenfalls in Karlsbad anwesend war, hielt zwar, +auf Preussens Wunsch, einige Unterredungen mit dem Herzog, angeblich, um +den Streit beizulegen. Aber zur naemlichen Zeit reichte die Koethener +Regierung eine Klage beim Bundestage ein und forderte die Herausgabe eines +dem Koethener Kaufmann Friedheim gehoerigen Elbschiffes, das beim +preussischen Zollamte Muehlberg an der Kette lag, weil der Schiffer fuer den +Betrag der preussischen Zoelle keine Sicherheit stellen wollte. Nachher +ergab sich -- der oesterreichische Bevollmaechtigte Muench in Dresden musste es +selber dem preussischen Gesandten [Jordan] eingestehen -- dass Adam Mueller +den Friedheim zu seiner Weigerung aufgestiftet hatte, um den Streit vor +den Bundestag zu bringen. + +Da Preussen unerschuetterlich blieb, so bequemten sich die drei anhaltischen +Herzoege schliesslich doch zu einem Zugestaendnis und versprachen auf der +Dresdener Konferenz feierlich "zu einem Vereine mit Preussen wegen +Sicherstellung seiner Landesabgaben auf moeglichst ausfuehrbare Weise die +Hand zu bieten". Auf dies Fuerstenwort vertrauend, hielt Koenig Friedrich +Wilhelm den Hader nunmehr fuer abgetan; er ratifizierte die Akte, liess +jenes unglueckliche Koethener Schiff freigeben, also dass die Klage am +Bundestage ihren Gegenstand verlor, und Bernstorff lud die anhaltischen +Hoefe nochmals ein, in Berlin wegen der Bedingungen des Zollanschlusses zu +verhandeln. Aber Monate vergingen, und kein anhaltischer Bevollmaechtigter +erschien. Dem unaufhaltsamen Koethener war es gelungen, seine wohlmeinenden +Vettern von Dessau und Bernburg(46), die ihr Wort halten wollten, wieder +umzustimmen; sie hatten ihm versprechen muessen, nicht ohne ihn dem +preussischen Zollsystem beizutreten, und er war inzwischen mit seinem Adam +Mueller ueber einen neuen Betrug einig geworden. + +Da die Elbschiffahrtsakte im Maerz 1822 in Kraft treten sollte, so +entschloss sich Minister Klewiz im Januar, das Enklavensystem gegen Anhalt +vorlaeufig aufzuheben, was die Finanzpartei in Berlin schon laengst +gefordert, Eichhorn aber, aus Wohlwollen gegen das Nachbarland, bisher +verhindert hatte. Man umringte demnach die drei Herzogtuemer mit +preussischen Zollstellen; der Elbverkehr dagegen ward, gemaess der Akte, +freigegeben und Preussen begnuegte sich, die nach Anhalt bestimmten Schiffe +einer Durchsuchung zu unterwerfen. Eben auf diese Vertragstreue Preussens +hatte Adam Mueller seinen sauberen Plan berechnet. Die Durchsuchung der +Elbschiffe wurde natuerlich zu leerem Scheine, sobald man anhaltischerseits +unredlich verfuhr. Nun taten sich sofort mehrere grosse englische +Exportfirmen mit Koethener Kaufleuten zusammen, um den Schleichhandel unter +dem Schutze des Herzogs in grossem Stile zu pflegen. Das gesamte Laendchen +ward ein Schwaerzerwirtshaus, ein Stelldichein fuer die Gauner und +Spitzbuben des deutschen Nordens. Die grosse Mehrzahl der treuen Koethener +segnete dankbar den Landesherrn, der ihnen billige Waren und reichlichen +Verdienst beim schmutzigen Handel verschaffte. Wunderbar, wie sich die +Verzehrungskraft dieses gluecklichen Voelkchens mit einem Male hob, als waere +ein Goldregen ueber das Land gekommen. Nicht lange, und der anhaltische +Konsum von auslaendischen Waren verhielt sich zu dem preussischen wie +64 : 1000, der von baumwollenen Waren, die in Preussen hoch verzollt +wurden, wie 165 : 1000, die Bevoelkerung der beiden Lande stand wie +9 : 1000. Fuer die Drogen dagegen, welche das preussische Gesetz mit einem +niedrigen Zoll belegte, zeigten die Anhalter geringere Neigung; hier +stellte sich das Verhaeltnis nur wie 13 : 1000. Und bei dieser +uebernatuerlichen Konsumtion gingen die herzoglichen Zollbeamten dem Volke +mit gutem Beispiel voran: der Zollinspektor Klickermann in Dessau bezog, +wie Preussen aus den Listen seiner Elbzollaemter nachwies, in dem einen +Jahre 1825 fuer seinen Hausbedarf zollfrei auf dem Strome: 53 Oxhoft Wein, +4 Oxhoft Rum, 98 Saecke und 1 Fass Kaffee, 13 Saecke Pigment und Pfeffer, +insgesamt an 1000 Zentner. Mehr denn eine halbe Million Taler im Jahre +wurden durch den anhaltischen Schleichhandel den preussischen Kassen +vorenthalten; der Zollertrag in den Provinzen Brandenburg und Sachsen +stieg nachher, als Anhalt endlich sich dem preussischen System unterworfen +hatte, bald von 3,135 auf 4,128 Millionen. + +Der Besitz einer souveraenen Krone ohne Macht entsittlicht auf die Dauer +ihren Traeger. Wie gruendlich musste das Rechtsgefuehl der kleinen Hoefe, seit +sie keinen Richter mehr ueber sich anerkannten, verwuestet sein, wenn dies +rechtschaffene askanische Haus, das von jeher einer wohlverdienten +allgemeinen Achtung genoss und so viele seiner tapferen Soehne in die Reihen +des preussischen Heeres gesendet hatte, sich jetzt unbedenklich +erdreistete, die Gesetzgebung seines alten treuen Beschuetzers durch groben +Unfug zu untergraben! Ein Unglueck, dass der ehrwuerdige Senior des +anhaltischen Gesamthauses, der seinem Laendchen unvergessliche Leopold +Friedrich Franz von Dessau vor kurzem(47) gestorben war; er wuerde den +zweifachen Vertragsbruch schwerlich geduldet haben, denn Anhalt hatte sich +auf dem Wiener Kongresse zur Unterdrueckung des Schleichhandels +verpflichtet und nachher in Dresden feierlich eine Verstaendigung mit +Preussen versprochen. + +Um dieser letzteren Verpflichtung scheinbar zu genuegen, sendete Herzog +Ferdinand endlich im Januar 1822 seinen Hofmarschall Sternegg nach Berlin, +befahl ihm, allein mit Hardenberg zu verhandeln; mit Bernstorff zu +sprechen, sei unter der Wuerde des Koetheners. Der Staatskanzler aber zwang +den Abgesandten kurzweg, sich an das Auswaertige Amt zu wenden, und dort +stellte sich heraus, dass Sternegg durchaus keine Anerbietungen wegen des +Zollanschlusses zu bringen, sondern lediglich eine Entschaedigungsforderung +zu ueberreichen hatte. Der Schaden Koethens betrug, nach dem billigen +Massstabe der Kopfzahl angeschlagen, etwa 40 000 Taler fuer drei Jahre. Der +Herzog berechnete das Zehnfache und zeigte sich hoch erstaunt, da Preussen +den Koethener Schmuggel in Gegenrechnung stellte. Nach langen, gereizten +Eroerterungen rueckten die Herzoege schliesslich mit dem Vorschlage heraus: +Preussen moege dem enklavierten Anhalt durch einen Gebietsaustausch auf +ewige Zeiten freien Verkehr mit Sachsen verschaffen, dann seien die drei +Hoefe bereit, sich versuchsweise auf einige Jahre dem preussischen +Zollsystem anzuschliessen. Sofort wies Bernstorff die "unangemessene" +Zumutung scharf zurueck, der Unterhaendler musste abziehen, und Anhalt blieb +mit preussischen Zollinien umgeben. Aber der Schleichhandel bluehte froehlich +fort, die Grenzwache Preussens war machtlos gegen den boesen Willen der +herzoglichen Behoerden. Obwohl der Berliner Hof ueber Adam Muellers Raenke +genau unterrichtet war, so wollte er doch schlechterdings nicht glauben, +dass Fuerst Metternich das Treiben seines Generalkonsuls billige. Jahrelang +ertrug der preussische Adler langmuetig die Bisse der anhaltischen Maus, +immer in der Hoffnung, dass die drei Herzoege endlich noch ihr Wort einloesen +wuerden. + +Und in diesem Streite, der alle Selbstsucht, allen Duenkel, alle Torheit +der Kleinstaaterei an den Tag brachte, stand die deutsche Presse wie ein +Mann zu den anhaltischen Schmugglern. Der Schmerzensschrei des freien +Koetheners war das Wiegenlied der deutschen Handelseinheit, die erst nach +zwei Menschenaltern auf demselben Elbstrome unter den Weherufen des freien +Hamburgers ihr letztes Ziel erreichen sollte. Mit einer Verblendung +ohnegleichen taeuschte sich die Bevoelkerung der kleinen Staaten, bei jeder +Wendung dieses wirrenreichen Kampfes, regelmaessig ueber ihr eigenes und des +Vaterlandes Wohl, um jedesmal, sobald der gefuerchtete Anschluss an Preussen +endlich vollzogen war, die Notwendigkeit der Aenderung nachtraeglich dankbar +anzuerkennen. Ebenso regelmaessig verdeckte der Partikularismus seine +Selbstsucht hinter dem schoenen Worte der Freiheit; bald nahm er die +Freiheit des Handels, bald das freie Selbstbestimmungsrecht der deutschen +Stroeme, bald auch beides zugleich zum Vorwand, und jedesmal liess sich die +vom Liberalismus beherrschte oeffentliche Meinung durch solche hohle +Kraftworte verfuehren. + +Die unausrottbaren Vorurteile wider das preussische Zollgesetz wirkten +zusammen mit jener gedankenlosen Gemuetlichkeit, die es unbesehen fuer +unedel haelt, bei einem Kampfe zwischen Macht und Ohnmacht die Partei des +Staerkeren zu ergreifen. Und dazu der juristische Formalismus unserer +politischen Bildung, der gar nicht ahnte, dass im Staatenverkehre das +formelle Recht nichtig ist, wenn es nicht durch die lebendige Macht +getragen wird. War denn Koethen nicht ebenso souveraen wie Preussen? Wie +durfte man dieser souveraenen Macht einen Zollanschluss zumuten, der ihr +freilich nur Segen bringen konnte und sich aus ihrer geographischen Lage +mit unabwendbarer Notwendigkeit ergab, aber ihrem freien +Selbstbestimmungsrechte widersprach? Und wenn es ihr beliebte, die +Freiheit der Elbe zur boshaften Schaedigung des Nachbarlandes zu gebrauchen +-- in welchem Artikel der Bundesakte war dies denn verboten? Dass Anhalt +sich durch die Wiener Vertraege zur Beseitigung des Schleichhandels +verbunden hatte, ueberging man mit Stillschweigen. Bignon(48), der alte +Anwalt der deutschen Kleinstaaten, trat ebenfalls auf den Kampfplatz mit +einem offenen Briefe ueber den preussisch-anhaltischen Streit. Er beklagte +schmerzlich, dass Frankreich nicht mehr wie sonst vom Niederrhein her des +Richteramtes ueber Deutschland warten koenne; aber "Frankreich ist von der +Natur bestimmt, immer zu herrschen, und wenn es das Szepter der Macht +verloren hat, so hat es doch das Szepter der oeffentlichen Meinung +bewahrt". Vor dem Szeptertraeger der oeffentlichen Meinung fand Preussen, wie +billig, keine Gnade. Auf diesem Wege der Usurpationen, rief Bignon, ist +das Haus der Capetinger einst schrittweis dahin gelangt, die grossen +Vasallen Frankreichs zu vernichten. Treuherzig sprach der deutsche +Liberale die Warnung des Bonapartisten nach. + +Auch die Mehrheit am Bundestage kam der Klage des Koethener Hofes, die +selbst nach der Freigebung jenes Elbschiffes nicht zurueckgezogen wurde, +bereitwillig entgegen. Umsonst verwahrte sich Koenig Friedrich Wilhelm, als +er im Sommer 1821 durch Frankfurt kam, mit scharfen Worten wider den +Vorwurf, dass er Anhalt mediatisieren wolle. Die kleinen Hoefe liessen sichs +nicht ausreden: Preussen wuensche, wie Berstett sich ausdrueckte, "seine +geographische Duennleibigkeit auf Kosten einiger Kleineren zu arrondieren". +Der neu ernannte badische Bundesgesandte Blittersdorff(49) und die +Kluegeren seiner Genossen wussten wohl, wie wenig "bei dem bekannten +Charakter des Herzogs oder vielmehr der Frau Herzogin" auf ein +verstaendiges Abkommen zu rechnen sei; doch sie meinten, "dies sei die +Gelegenheit fuer den Bundestag, seine Dauer und Lebenskraft zu erproben". +Es galt, Preussen zu demuetigen vor einem ohnmaechtigen Nachbarn; es galt, +der norddeutschen Grossmacht zu beweisen, dass sie, nach Marschalls Worten, +ebenso sehr durch Koethen geschuetzt werde, wie Koethen durch Preussen. Von +den groesseren Bundesstaaten zeigte allein Bayern ein Verstaendnis fuer die +Machtverhaeltnisse; nachdem die Muenchener Regierung soeben selber die +Schwierigkeiten der Einfuehrung eines neuen Zollsystems kennen gelernt +hatte, meinte sie doch, dass ein kleiner Unterschied bestehe zwischen einem +Reiche und einer Enklave. Die anderen beurteilten die Frage nach den +Gesichtspunkten des Zivilprozesses, und da die Rechtsfrage allerdings +zweifelhaft lag, so entspann sich am Bundestage eine grimmige Fehde, die +durch viele Jahre hingeschleppt, den liberalen Zeitungen immer wieder den +willkommenen Anlass bot, Preussen als den Friedensbrecher Deutschlands zu +brandmarken. + +Das also war fuer Preussen das Ergebnis der handelspolitischen Verhandlungen +in Wien und Dresden. Das neue Zollgesetz war gegen den Widerstand fast +aller Bundesstaaten unveraendert aufrecht geblieben, auch die Freiheit der +Elbe war notduerftig sicher gestellt, und die alte Ansicht der preussischen +Regierung, dass der Bund fuer den deutschen Verkehr schlechterdings nichts +zu leisten vermoege, hatte sich abermals bestaetigt. Aber ebenso fest stand +auch die Erkenntnis, dass Verhandlungen mit den einzelnen Staaten, bei +ihrer gegenwaertigen Stimmung, vorlaeufig ganz aussichtslos waren. Welche +unbelehrbare Gehaessigkeit war dem Grafen Bernstorff entgegengetreten, +welche anmassende Sprache hatte er anhoeren muessen, erst in Wien, dann in +Dresden! Nach so niederschlagenden Erfahrungen fasste man in Berlin den +verstaendigen Entschluss, fortan keine Einladungen mehr ergehen zu lassen, +sondern gelassen zu warten, bis die Not den kleinen Nachbarn die Augen +oeffne. In diesem Sinne erging an saemtliche Gesandten in Deutschland die +gemessene Weisung, sich streng zurueckzuhalten und auf alle +handelspolitischen Anfragen lediglich zu antworten: der Koenig habe schon +im Jahre 1818 sich zu Verhandlungen bereit erklaert, er hege noch immer den +Wunsch, andere deutsche Staaten mit seinem Zollsysteme zu verbinden, jetzt +sei es an den Nachbarn, dem guten Willen entgegenzukommen. Eichhorn +begruendete diesen Entschluss mit der Erwaegung, dass die Eifersucht der +Dynastien durch Einladungen erfahrungsgemaess nur gereizt wuerde: "Solche +Antraege konnten zugleich als Aufforderungen zur Aenderung ihrer inneren +Staatsgesetzgebung und als ihre Selbstaendigkeit gefaehrdende Anmutungen +missdeutet werden." Gegen das tiefeingewurzelte Misstrauen der kleinen Hoefe +wirkte nur eine Waffe: ruhiger Gleichmut, der die Natur der Dinge fuer sich +wirken liess. Was verschlug es auch, wenn die Presse unablaessig ueber +Preussens selbstsuechtige Sonderstellung Wehe rief? Von der oeffentlichen +Meinung, die sich noch weit verblendeter zeigte als die Hoefe, hatte die +Handelseinheit des Vaterlandes nichts zu erwarten; Preussens bester +Bundesgenosse war die wachsende Finanznot der kleinen Staaten. + +Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 29ff. + + ------------------ + + + + + 32 Christian Guenther Graf v. Bernstorff, geb. 3. April 1769, gest. 28. + Maerz 1835, trat 1818 aus schwedischen Diensten in die preussischen + ueber und wurde Minister des Auswaertigen. 1832 trat er von seinem + Amte zurueck. + + 33 Karl Wilhelm Freiherr v. Fritsch, geb. 16. Juni 1769, gest. 16. + Oktober 1851, war von 1815-1843 Grossh. Saechs. Minister. + + 34 Ernst III. seit 12. November 1826, Ernst I. von Sachsen-Coburg-Gotha + (gest. 29. Januar 1844). + + 35 Vertreter Nassaus am Bundestag. + + 36 Wilhelm I., gest. 27. Februar 1821. + + 37 Adam Mueller, geb. 30. Juni 1779, gest. 17. Januar 1829, damals + oesterreichischer Generalkonsul fuer Sachsen in Leipzig. + + 38 Georg Friedrich Freiherr v. Zentner, geb. 27. August 1752, + gest. 20. Oktober 1835, bayrischer Staats- und Justizminister. + + 39 Ludw. Phil. Graf v. Bombelles, geb. 1. Juli 1780, gest. 7. Juli + 1843, oesterr. Diplomat, damals Gesandter in Dresden, nachmals an + anderen Hoefen. + + 40 Karl August, geb. 3. September 1757, gest. 14. Juni 1828. + + 41 Joh. Rudolf Freiherr v. Buol-Schauenstein, geb. 21. November 1763, + gest. 12. Februar 1834, von 1816-1823 Bundespraesidialgesandter, + nachher Staatminister und Praesident der Hofkommission. + + 42 Karl August Freiherr v. Wangenheim, geb. 14. Maerz 1773, gest. 19. + Juli 1850, von 1817-1823 wuerttembergischer Gesandter am Bundestage. + + 43 Den rasenden Wahnsinn. + + 44 Unter Leinpfaden versteht man die an schiffbaren Wasserlaeufen + angelegten Wege, von denen aus Schiffe mittels einer am Maste + befestigten Leine stromaufwaertsgezogen oder "getreidelt" werden + (daher auch Treidelwege genannt). + + 45 Wilh. Ludwig Georg Graf zu Sayn-Wittgenstein, geb. 9. Oktober 1770, + gest. 11. April 1851, von 1814-1819 Polizeiminister, seitdem + Minister des Koeniglichen Hauses. + + 46 Anhalt zerfiel damals in die 3 Teile Anhalt-Dessau, Anhalt-Koethen, + Anhalt-Bernburg. Herzog von A.-Dessau war damals Leopold IV. + Friedrich (1817-1871), von A.-Koethen Ferdinand (1818-1830), von + A.-Bernburg Alexius Friedr. Christian (1796 bis 1834). Seit 1863 war + das ganze anhaltische Gebiet in die Haende Leopolds IV. vereinigt. + + 47 9. August 1817. + + 48 Louis Pierre Baron Bignon, geb. 1771, gest. 5. Januar 1841, + franz. Diplomat und Publizist, zeitweilig als franzoesischer + Geschaeftstraeger bzw. bevollmaechtigter Minister an deutschen Hoefen + taetig, nach Belle-Alliance Minister der auswaertigen Angelegenheiten. + + 49 Friedrich Landolin Karl Freiherr v. Blittersdorf, geb. 10. Februar + 1792, gest. 16. April 1861, war von 1821-1835 badischer + Bundestagsgesandter, danach bis 1843 Minister der auswaertigen + Angelegenheiten, von 1843-1848 wieder Bundestagsgesandter. + + + + +4. Die Darmstaedter Zollkonferenzen. + + +Sehr wichtig wurde die grosse Handelskonferenz der sueddeutschen und einiger +mitteldeutschen Kleinstaaten, welche, den Wiener Verabredungen gemaess, am +13. September 1820 in Darmstadt zusammentrat. Auch hier war Wangenheim die +Unruhe in der Uhr. Unermuedlich kam er von Frankfurt heruebergeritten, immer +zur Vermittlung bereit, gleich befreundet mit dem Schutzzoellner List und +dem Freihaendler Nebenius; denn aus diesem Handelstage musste unfehlbar der +politische Bund des reinen Deutschlands hervorgehen. In der Tat blieben +die Darmstaedter Verhandlungen nicht ganz unfruchtbar, obgleich sich Plaene +und Gegenplaene noch rastlos wie die Blasen im brodelnden Wasserkessel +uebereinander draengten. Sie dienten als ein Laeuterungsprozess, der die +unbrauchbaren, traumhaften Gedanken aus der deutschen Handelspolitik +ausschied. Sie boten den Teilnehmern wie dem aufmerksam zuschauenden +Berliner Hofe die Gelegenheit, die wirtschaftlichen Interessen der +Bundesstaaten kennen zu lernen, die Bedingungen eines Handelsvereins +ernstlich zu erwaegen. Aber sie lehrten auch durch ihr wiederholtes +Scheitern, dass ein Zollverein ohne Preussen unmoeglich war. Von einem +binnenlaendischen Wirtschaftsgebiete, dem die Kueste fehlte, konnte niemals +eine lebensfaehige nationale Handelspolitik ausgehen. + +Kein Wunder freilich, dass die misshandelte Nation den ersten Versuch zur +Beseitigung der Binnenmauten mit Jubel aufnahm. Zahlreiche Dankadressen +belohnten den hochherzigen Entschluss der Hoefe. Badische Landwirte +bezeugten schon im Voraus dem Minister Berstett: durch die Darmstaedter +Konferenzen sei "der Grund gelegt zu einem glorreichen, einem wahrhaften +Nationalinstitute". Sogar jener kluge E. W. Arnoldi in Gotha, der zuerst +unter den deutschen Geschaeftsmaennern die nationale Bedeutung des +preussischen Zollgesetzes erkannt hatte, liess sich jetzt durch die +Zeitstroemung fortreissen und bat seinen Herzog um Anschliessung an die +sueddeutschen Staaten, weil Gotha den Wettbewerb der ueberlegenen +preussischen Fabriken nicht ertragen koenne. Die Wuensche und Erwartungen des +Publikums gingen freilich hergebrachtermassen nach allen Himmelsrichtungen +auseinander. Der badische Handelsstand verlangte den unbedingten +Freihandel: mehr als 15 Kreuzer Zoll koenne der Zentner Kolonialwaren +schlechterdings nicht ertragen. Andere ergingen sich in den ueblichen +Ausfaellen gegen "jene stolzen Auslaender". In der bayrischen Kammer +beantragte der Abgeordnete Koester eine deutsche Nationaltracht aus +deutschen Stoffen; schon in der Volksschule muesse den Kindern der +patriotische Abscheu vor auslaendischen Waren eingefloesst werden. Die +Mannheimer Kaufleute dagegen hofften vornehmlich auf harte Zoelle wider den +Frankfurter Handel: der Verein solle anderen Plaetzen die Vorteile +gewaehren, welche die stolze Mainstadt ihren ungebuehrlich grossen Kapitalien +verdanke; den Rheinpreussen muesse er jede Erleichterung versagen, so lange +nicht der preussische Staat dem Vereine beitrete und der Mehrheit sich +unterwerfe. + +Leider wurde die allgemeine Unklarheit nur vermehrt durch die Schriften +Lists und seiner Genossen, die sich allmaehlich ganz in die Irrtuemer des +starren Prohibitivsystems verloren. Miller von Immenstadt forderte in +einer fuer die Darmstaedter Konferenzen bestimmten Druckschrift (Juli 1821): +Verbot aller auswaertigen Waren, die wir selbst erzeugen oder durch +Surrogate ersetzen koennen; mit der Schweiz und Piemont, mit Holland, +Hannover, den Hansestaedten und Holstein muesse man sich zu verbinden +suchen; der Koenig von Daenemark werde als treuer deutscher Bundesfuerst +sicherlich geneigt sein, die Schiffe des Vereins mit seinem Danebrog zu +decken. Das alles im Namen deutscher Ehre und mit dem unvermeidlichen +patriotischen Pathos! Den Regierungen wurden die zudringlichen Mahnungen +des Listschen Vereins, der sich auch in Darmstadt wieder durch Sendboten +vertreten liess, bald sehr unbequem. Der badische Bevollmaechtigte Nebenius +verbot seinem Sekretaer, mit List zu verkehren, sagte dem Agitator ins +Gesicht, seine Anwesenheit sei ueberfluessig, errege schlimme Geruechte. List +blieb ohne jeden Einfluss auf den Verlauf der Beratungen, und Berstett +hielt fuer noetig, seinem Goenner Metternich von vornherein zu beteuern: nur +das Gebot der Selbsterhaltung, "nicht die einseitigen, truegerischen, von +einer kleinen Schar eigensuechtiger Fabrikanten ausgegangenen +Deklamationen" haetten das Darmstaedter Unternehmen hervorgerufen. + +Die Kabinette selbst waren mit nichten einiger als die oeffentliche +Meinung, denn die verbuendeten Staaten bildeten nur scheinbar eine +geographische Einheit. Sobald man den Geschaeften ernsthaft ins Auge sah, +zeigte sich, dass eine natuerliche Gemeinschaft sueddeutscher +Volkswirtschaft, dem Norden gegenueber, nicht bestand. Vielmehr trat wieder +einmal jene eigentuemliche Stellung des Rheinlandes hervor, das so oft +schon in unserer Geschichte die heilsame Rolle des Vermittlers gespielt +hat zwischen Nord und Sued. Die kleinen oberrheinischen Staaten waren dem +rheinischen Tieflande durch staerkere Interessen verbunden als den +bayrisch-schwaebischen Landen. Nun gar Kurhessen und Thueringen wurden nur +durch eine politische Schrulle, durch den Hass gegen Preussen, in diese +sueddeutsche Genossenschaft getrieben. Darum verhielt sich der Kasseler Hof +von vornherein unlustig und ablehnend. Die thueringischen Staaten begannen +schon 1822 Sonderberatungen in Arnstadt, doch nahmen sie gleichzeitig an +den Darmstaedter Konferenzen teil und belaestigten das Berliner Kabinett mit +nichtssagenden allgemeinen Anfragen -- die bare Ratlosigkeit des +Nichtwollens und Nichtkoennens. + +Und welch ein Gegensatz der staatswirtschaftlichen Gesetze und Ansichten! +In Baden verboten sich hohe Zoelle von selbst, weil das gesamte Land nur +aus Grenzbezirken bestand und die benachbarte Schweiz noch kein geordnetes +Mautwesen besass. Die Regierung verstand die guenstige Handelslage des +Staates geschickt auszubeuten, sie begnuegte sich mit sehr niedrigen +Finanzzoellen, welche einen schwunghaften Durchfuhrhandel nach Baden +lockten und den Staatskassen reichen Ertrag brachten. Die Grossindustrie +konnte unter diesem Systeme freilich nicht Fuss fassen; sie galt im +Finanzministerium fuer ueberfluessig. Auch das Volk vermisste sie nicht, da +der Freihandel wohlfeile Fabrikwaren vom Auslande brachte. Alle deutschen +Nachbarn aber klagten laut; denn ein grossartiger Schmuggelhandel trieb von +Baden her, namentlich auf dem Schwarzwalde, sein Unwesen, fand bei der +Regierung unziemliche Nachsicht; manche haessliche Skandalfaelle, so der +ungeheure Defraudationsprozess der Firma Renner, erinnerten an Koethensche +Zustaende. In Darmstadt herrschte noch ein veraltetes physiokratisches +System, das keine Grenzzoelle kannte und fast den gesamten Staatsaufwand +aus direkten Steuern und dem Ertrage der Domaenen bestritt; der Mainzer +Handelsstand, der die Douanen Napoleons noch nicht vergessen konnte, +beschwor die Regierung, sich vor dieser Pest zu hueten. In Nassau ging das +herzogliche Domanium mit seinen herrlichen Rebgaerten und Mineralwassern +jedem anderen wirtschaftlichen Interesse vor. Daher hielt Marschall die +Fabriken fuer staatsgefaehrlich, Grenzzoelle zum mindesten fuer bedenklich und +fuehrte ein Akzisesystem ein, das er den Nachbarn oft als ein +finanzpolitisches Meisterwerk empfahl. Der maechtige Beamtenstand befand +sich wohl bei der unnatuerlichen Wohlfeilheit des Konsums auf dem engen +Markte; nach den Produzenten fragte niemand. Bayern dagegen besass bereits +in Franken und Schwaben die ersten Anfaenge einer aufstrebenden +Grossindustrie; die bayerischen Zoelle standen im Durchschnitt etwas +niedriger als die preussischen, brachten aber geringen Ertrag wegen der +unverhaeltnismaessigen Kosten der Grenzbewachung. Der wuerttembergische +Gewerbefleiss blieb hinter dem bayerischen noch etwas zurueck; die +Stuttgarter Handelspolitik stand daher in der Mitte zwischen dem +Freihandel der Rheinuferstaaten und den schutzzoellnerischen Wuenschen der +bayrischen Fabrikanten. + +So abweichende Richtungen zu versoehnen war unmoeglich auf dem engen Raume +eines sueddeutschen Verbandes. Allein ein grosses freies Marktgebiet konnte +die Staaten genugsam entschaedigen fuer die unvermeidlichen Opfer und +Belaestigungen, welche jeder Zollverein anfangs den Genossen auferlegt; und +diesen einzig ausreichenden Ersatz gewann man nur durch den Anschluss an +Preussen, der von saemtlichen Teilnehmern grundsaetzlich verworfen wurde. +"Wir alle -- so gestand du Thil spaeterhin selber -- strebten ja einzig +darnach Front gegen Preussen zu machen." Selbst die politische Eintracht +der Verbuendeten stand auf schwachen Fuessen, wie laut auch die Liberalen den +natuerlichen Bund der konstitutionellen Staaten priesen. {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Es war ein +Unglueck fuer die Konferenz, dass ihr mehrere Bundesgesandte als +Bevollmaechtigte angehoerten und also auch noch die Raenke und Klatschereien +der Eschenheimer Gasse in das wueste Durcheinander der Beratungen +hineinspielten. Du Thil hingegen betrieb die Verhandlungen, wie sein +greiser Grossherzog, mit nuechternem Geschaeftsverstande und wollte von +politischen Hintergedanken nichts hoeren. Marschall und nach einigem +Schwanken auch Berstett blieben in dem politischen Fahrwasser der Hofburg. +Das Muenchener Kabinett endlich zeigte keine feste Haltung. Waehrend +Aretin(50), der erste Bevollmaechtigte, in Darmstadt wie in Frankfurt +vorsichtig den Spuren Wangenheims folgte und Lerchenfeld(51) {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} den +sueddeutschen Handelsverein ehrlich wuenschte, betrachtete Graf Rechberg(52) +die Darmstaedter Konferenz mit Misstrauen, und der zweite Bevollmaechtigte +Joerres, der ganz von Rechberg abhing, tat unter der Hand das Seinige, um +die Verhandlungen zu erschweren. Mit zaehem Eigensinn hielt jeder Hof seine +Forderungen fest, obschon im Grunde noch keiner eine durchgebildete +handelspolitische Ueberzeugung besass; jede Nachgiebigkeit erschien wie ein +Verrat an der eigenen Souveraenitaet. So fehlten alle Vorbedingungen einer +Verstaendigung. + +Ein prunkendes Aushaengeschild fuer den Verein war rasch gefunden. Die +Handelspolitik der Verbuendeten sollte auf dem +"staatswirtschaftlich-finanziellen Prinzipe" ruhen -- ein schoenes Wort, dem +leider jedes Kabinett einen anderen Sinn unterlegte. Der tuechtigste +Staatswirt der Versammlung, Nebenius, ward auf du Thils Vorschlag +beauftragt, einen Entwurf fuer die Beratungen auszuarbeiten. Voll +Zuversicht ging er ans Werk; er teilte die allgemeine Ansicht der +sueddeutschen Bureaukratie, dass die Beseitigung der Binnenmauten den +Partikularismus kraeftigen muesse, und schrieb seinem Hofe hoffnungsvoll: +durch unseren Verein "wird den Einheitspredigern das wichtigste und +schlagendste Argument siegreich entrissen." Jedoch der Plan, den er am +27. November vorlegte, entsprach allein dem badischen Interesse, war fuer +alle anderen Staaten unannehmbar. Er schlug ein System sehr niedriger +Finanzzoelle vor, fuer den Zentner Kolonialwaren 30 Kreuzer bis 2 fl., fuer +Fabrikwaren 5 bis 15 fl. -- Saetze, welche Aretin viel zu gering fand. Der +Streit blieb unloesbar, da beide Teile sich auf unwiderlegliche Gruende +stuetzten. Ein kleines Zollgebiet bedarf des Freihandels, weil es die +Kosten scharfer Grenzbewachung nicht tragen kann; doch ebenso gewiss +genuegten die badischen Zoelle nicht, um die werdende bayrische Industrie zu +schuetzen. + +Nebenius wollte ferner alle Zoelle an den Grenzen erheben, keine Packhoefe +dulden, nur die Rheinhaefen ausserhalb der Mautlinie liegen lassen. Dahinter +verbarg sich die Hoffnung der Karlsruher Bureaukratie, Kehl und Mannheim +zu Hauptstapelplaetzen des Vereins zu erheben. Mit Recht erhob Bayern +lebhaften Widerspruch: nur bei ganz niedrigen Zoellen seien Lagerhaeuser +entbehrlich; auch solle man die Hoffnung auf Frankfurts Beitritt +festhalten und nicht den natuerlichen Mittelpunkt des oberrheinischen +Speditionshandels zugunsten kleinerer Plaetze benachteiligen. In demselben +Geiste badischer Engherzigkeit war der weitere Antrag, dass den +Grenzstaaten gestattet werde, von allen Waren, welche der Verein zollfrei +einlasse, Zoelle fuer ihre eigne Rechnung zu erheben. Sofort widersprachen +alle rueckwaerts liegenden Staaten. Auch bei der Verteilung der allgemeinen +Zolleinnahmen vergass Nebenius den Vorteil Badens nicht, das allerdings +unter den Bundesgenossen die reichsten Zolleinkuenfte besass. Er verlangte +als Massstab: die Kopfzahl und die Laenge der Grenzen, welche jeder Staat zu +bewachen habe. Ebenso dreist bestand Bayern auf seinem Interesse: man +muesse einen Durchschnitt suchen aus der Kopfzahl und dem Umfange des +Gebiets -- weil Bayern duenner bevoelkert war als die Nachbarlande. + +Die gesetzgebende Gewalt wollte Nebenius einer Konferenz von +Bevollmaechtigten anvertrauen, die alljaehrlich zusammenzutreten und mit +einfacher Mehrheit zu beschliessen haette. Der Muenchener Hof aber war nicht +geneigt, sich den kleinen Mitverbuendeten also zu unterwerfen; Aretin trug +das Selbstgefuehl der Macht ruecksichtslos zur Schau und forderte fuer jede +halbe Million eine Stimme -- das wollte sagen: die Stimmenmehrheit fuer +Bayern allein -- was wieder von du Thil und den anderen Kleinen als "ein +allzu naiver Versuch" zurueckgewiesen wurde. Die Zollverwaltung endlich +sollte von einem gemeinsamen Beamtentum gefuehrt, durch eine permanente +Kommission beaufsichtigt werden. Seltsamerweise erregte diese +Zentralverwaltung zunaechst geringen Anstoss. Die schwaebische Bureaukratie +sprach sogar lebhaft dafuer. Dem allmaechtigen Stande der wuerttembergischen +Schreiber blieb der Verein unheimlich, der so viele Schreiberstellen +aufzuheben drohte. Indes wenn sich das Unheil nicht abwenden liess, so +erschien die Zentralverwaltung als das geringere Uebel; sie musste doch aus +jedem Staate eine zahlreiche Beamtenschar anstellen. Behielten dagegen die +Staaten ihre selbstaendige Zollverwaltung, so hatte Wuerttemberg nur zwei +Grenzmeilen am Bodensee zu ueberwachen, und die ganze Herrlichkeit der +koeniglichen Mautverwaltung brach zusammen! + +Die Verhandlung ueber jene Streitfragen ward bald gereizt und gehaessig. +Nebenius sprach in seinen Berichten mit sehr ungerechter Bitterkeit ueber +die Gegner, die doch vielfach wohlbegruendeten Einspruch erhoben. Zudem +vertrat noch jeder Staat seine eigentuemlichen Wuensche. Reuss und Weimar +wollten das Geleitsgeld fuer ihre imaginaeren Harnischreiter nicht ohne +Entschaedigung aufgeben. Der Kurfuerst von Hessen weigerte sich, seine +Transitzoelle dem Vereine zu ueberlassen, forderte zum mindesten ein +Praezipuum(53) fuer den starken Konsum franzoesischer Weine, worauf man mit +der kecken Luege antwortete, im Oberland werde davon mehr getrunken als in +Kurhessen. Baden wollte nicht beitreten, wenn nicht sogleich ein +Handelsvertrag mit der Schweiz abgeschlossen wuerde. Derweil also die +Meinungen ziellos durcheinander wogten, hofften mehrere der Kabinette, +einmal selbst der bayrische Hof, auf Preussens Zutritt! Wiederholt besprach +man in Darmstadt die Aufnahme der preussischen Rheinlande; dem kreisenden +Berge dieses Sonderbunds zu Lieb sollte Preussen die schwer erkaempfte +handelspolitische Einheit seines Gebiets wieder zerreissen! {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} + +Nachdem man sechs Monate auf die bayrischen Instruktionen gewartet, +erklaerte endlich (Juli 1821) der bayrische Bevollmaechtigte, sein Hof +verlange, dass das bestehende bayrische Zollgesetz dem Vereine zur +Grundlage diene. So begann der trostlose Streit von neuem. Darauf, nach +anderthalb Jahren, bot sich eine Gelegenheit, die Lebenskraft des Vereines +zu erproben. Frankreich erliess am 23.-April 1822 ein neues Douanengesetz, +das die Interessen der oberdeutschen Staaten offenbar feindlich verletzte, +die wichtigsten Gegenstaende der Einfuhr aus Sueddeutschland, Schlachtvieh +und Wolle mit unerschwinglichen Zoellen belegte. Der Schlag traf fast alle +sueddeutschen Lande gleichmaessig; sollte nicht mindestens gegen diesen +Angriff gemeinsame Abwehr moeglich sein? Man verhandelte und verhandelte. +Baden verbot (17.-Mai) die Weineinfuhr auf seiner Westgrenze; Wuerttemberg +schloss sich diesen Retorsionen an; mit Bayern war keine Verstaendigung zu +erzielen. In seiner Not wendete sich Berstett an Metternich, bat die +Hofburg um ihre guten Dienste in den Tuilerien. Nach fast zwei Monaten +(12.-August) erwiderte der Oesterreicher: "es ist kaum zu erwaehnen noetig, +wie sehr bereit wir sind", den deutschen Bundesstaaten jede Gefaelligkeit +zu erweisen; aber das franzoesische Gesetz ist das Ergebnis der nationalen +Meinung und eines "national-oekonomischen Systems, das faktisch das +Lieblingssystem unserer Zeit geworden ist." Das war die Hilfe, welche +Deutschlands Volkswirtschaft von Oesterreich zu erwarten hatte! Zuletzt +riefen die unsicheren, vereinzelten Retorsionen der sueddeutschen Hoefe nur +einen neuen gehaessigen Zank zwischen Bayern und Baden hervor; denn da die +bayrische Pfalz keine Mauten besass, so musste Baden, um die franzoesischen +Weine wirksam zu treffen, auch die Weineinfuhr vom bayrischen Ueberrhein +verbieten, was wieder bayrische Klagen veranlasste -- und so weiter ins +Unendliche. + +Gegen den Herbst 1822 schienen die Verhandlungen wieder vorwaerts zu +ruecken. Bayern, ermutigt durch einen draengenden Beschluss seines Landtags, +legte sich kraeftig ins Zeug; der rastlose Wangenheim brachte einen +Vermittlungsantrag ein, zugunsten der bayrischen Vorschlaege. Aber noch +immer ward man nicht Handels einig, man zerrte herueber und hinueber. Da +verlor die darmstaedtische Regierung die Geduld; sie hatte ihrem Landtage +baldige Regelung des Zollwesens versprochen und erklaerte jetzt (Februar +1823): wenn man nicht endlich sich vergleiche, so werde Darmstadt fuer sein +eignes Haus sorgen. + +Die preussische Regierung sah diesen wohlgemeinten aber aussichtslosen +Verhandlungen gelassen zu, da sie sich mit jedem Jahre mehr von der +Lebenskraft ihres eigenen Zollgesetzes ueberzeugte, und liess sich in ihrer +kuehlen Geringschaetzung nicht stoeren, als die landesueblichen Kraftreden +wider Preussens Zollsystem auch auf der Darmstaedter Konferenz erklangen. +Eine Denkschrift des Auswaertigen Amtes bemerkte darueber spaeterhin trocken: +"Man waehlte in Darmstadt Preussen zum Stichblatt, weil man dadurch die +oeffentliche Meinung gewann und seine eigenen Plaene leichter durchsetzen +konnte." Metternich hingegen, der den Darmstaedter Plaenen keinen +fruchtbaren Gedanken entgegenzustellen wusste, ward der Sorgen nicht ledig. +Schon vor Eroeffnung der Konferenzen ermahnte er Berstett, mindestens den +Einfluss der Subalternen und der Landstaende fern zu halten. Zugleich musste +Marschall gegen den Karlsruher Hof den Verdacht aeussern, ob vielleicht +Nebenius selber zu den verkappten Demagogen gehoere. Der badische Minister +versuchte seinen Goenner zu beschwichtigen und gab an Nebenius gemessene +Weisung, sich vor allen politischen Nebengedanken zu hueten: "Auch aus dem +Einfachsten wird Gift gesogen. Ruecksichten, die mehr gefuehlt als +bezeichnet werden koennen, verbieten, den Landtagen irgendwelche Einwirkung +zu gestatten." Gleichwohl blieb Metternich argwoehnisch, und sein Marschall +gestand ihm wehmuetig: da der Kaufmann mit seinem beweglichen Kapitale +leider nicht einem, sondern allen deutschen Staaten angehoere, so koenne die +Handelssache von den Revolutionaeren allerdings leicht fuer ihre +Einheitstraeume ausgebeutet werden. Selbst der unverkennbare Misserfolg der +Konferenzen beruhigte die Leiter der deutschen hohen Polizei nicht: dieser +Verschwoerer Wangenheim war ueberall, selbst das badische Land sollte er zu +Pferde durchstreift haben, um sich mit den liberalen Abgeordneten zu +besprechen. {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} + +Am 3. Juli 1823 erklaerte schliesslich du Thil den Austritt seines +Grossherzogs aus der Darmstaedter Konferenz, weil Hessen ausserstande sei, +die Ordnung seines Zollwesens noch laenger zu verschieben. Nassau folgte +dem Beispiele. Darauf weigerte sich Bayern, ohne Darmstadt weiter zu +verhandeln; unter lebhaften gegenseitigen Anklagen ging der Kongress +auseinander, nach drei Jahren unerquicklichen Streites. Er scheiterte an +der Unmoeglichkeit, abweichende Interessen in engem Rahmen +zusammenzuhalten. + +Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 302 ff. + + ------------------ + + + + + 50 Adam Freiherr v. Aretin, geb. 24. August 1769, gest. 16. August + 1822, war seit 1817 bayrischer Bundesgesandter. + + 51 Maximilian v. Lerchenfeld, geb. 16. November 1778, gest. 14. Oktober + 1843, war von 1817-1825 bayrischer Finanzminister. + + 52 Aloys Graf v. Rechberg und Rothenloewen, geb. 18. September 1766, + gest. 10. Maerz 1849, war bayrischer Minister des Auswaertigen. + + 53 Eine besondere Verguetung. + + + + +5. Motzs deutsche Handelspolitik. + + +In das achte Jahr hinein hatte Minister Klewiz sein schweres Amt ertragen, +mit unwandelbarer Geduld die grosse Steuerreform aufrecht gehalten wider +zahllose Angriffe von innen und von aussen. Aber das Defizit vermochte er +nicht zu beseitigen, trotz allen neu angeordneten Ersparnissen; denn er +begnuegte sich mit einer bescheidenen Stellung, die es ihm unmoeglich +machte, den Staatshaushalt vollstaendig zu uebersehen. Er trug vor der Welt +die Verantwortung fuer das gesamte Finanzwesen; und gleichwohl verfuegte +Ladenberg(54) mit seiner Generalkontrolle selbstaendig ueber alle Ausgaben +und einen Teil der Einnahmen des Staates. Und dazu noch die unabhaengige +Staatsschuldenverwaltung, bei deren Einsetzung Klewiz nicht einmal befragt +wurde. Da der Streit der Departements einen vollstaendigen Etat gar nicht +mehr zustande kommen liess, so musste der Minister schon 1824 die fuer jedes +dritte Jahr versprochene Bekanntmachung des Budgets unterlassen. Muede der +ewigen Reibungen und doch zu schuechtern, um fuer sich selber die gebuehrende +Macht zu fordern, erklaerte er im Dezember 1824 dem Koenige, unter den +bestehenden Ressortverhaeltnissen vermoege er das Gleichgewicht der Finanzen +nicht herzustellen, und erbat sich nachher die Oberpraesidentenstelle in +seiner saechsischen Heimat. + +Der Koenig liess darauf (12. Dezember) den vier Praesidenten Schoen, Vincke, +Motz und Schoenberg den Entwurf des neuen Etats zusenden mit der Anfrage: +welche Bedenken sie dawider haetten und welche besonderen Befugnisse sie +fuer den kuenftigen Finanzminister noch verlangten, damit er das +Gleichgewicht wieder herstellen koenne. Jeder der vier sollte antworten, +als ob er selber zur Uebernahme des Finanzministeriums bestimmt sei; keiner +durfte von der Befragung der anderen etwas erfahren {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Nur Motz traf in +seiner Antwort mit sicherer Hand den eigentlichen Sitz des Uebels, den +Dualismus der Finanzverwaltung. Er forderte fuer den Minister kurz und gut +Sitz und Stimme in der Generalkontrolle, so dass auch die Ausgabeetats +nicht ohne seine Genehmigung zustande kommen koennten; sodann ganz freie +Hand bei der Auswahl seiner Raete, endlich Zentralisation des Kassenwesens. +In zwei weiteren Denkschriften {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} verlangte er ferner die Aufstellung +voellig zuverlaessiger Etats und erklaerte sich entschieden gegen die +Wiedereinfuehrung der Provinzialministerien. Denn neben solchen +Unterministern sei ein maechtiger Finanzminister unmoeglich; dieser muesse +unmittelbar an der Verwaltung teilnehmen, um "unverbesserliche Missgriffe, +Einseitigkeit und Indolenz" zu verhueten: "er kann nicht darauf beschraenkt +bleiben, durch Etats und Verwaltungsnormen nur die Zukunft nach seinen +Ansichten zu regeln; auch kann es ihm nicht helfen, die Vergangenheit nach +toten Zahlen zu meistern". -- + +Die Entscheidung konnte nicht zweifelhaft sein {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Der Koenig entschied sich +fuer Motz. Er ahnte in jenem Augenblicke selber nicht, wie segensreich +dieser Entschluss auf den Gang der deutschen Geschichte einwirken sollte. + +Motz stand in seinem 50. Jahre, als er am 1. Juli 1825 sein Amt uebernahm, +der einzige Staatsmann in einem Kabinett von Geschaeftsmaennern(55). Auch +dieser Kurhesse war einst, wie Eichhorn, durch den Glanz der +friderizianischen Zeiten aus seiner kleinstaatlichen Heimat in den +preussischen Staatsdienst hinuebergefuehrt worden. Eine ungleich glaenzendere +und doch nicht minder gediegene Natur als der stille gelehrte Maassen, +tatkraeftig, wagelustig, voll kecken Selbstvertrauens, das sich oft in +beissenden Sarkasmen aeusserte, hatte der ruestige Naturalist in einer +wechselreichen praktischen Laufbahn alle Buecherweisheit verachten gelernt +und doch verstanden, die lebendigen Ideen der Zeit sich anzueignen {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Das +waren seine frohesten Tage gewesen, da er als junger Landrat auf dem +Eichsfelde bald zu Pferd bald mit der Jagdflinte auf der Schulter seinen +Kreis durchstreifte und die Bauern auf ihren Hoefen besuchte, selten mit +Befehlen eingreifend, immer bereit, dem geringen Manne zu zeigen, wie man +sich selber helfen koenne, denn "Selbsttaetigkeit entspricht dem energischen +Charakter des preussischen Volkes." Dort gewoehnte er sich den Bauernstand +als den Kern der Nation zu schaetzen: "lieber die drueckendsten +Luxusauflagen, lieber wie Pitt alle Elemente besteuern, als den Schweiss +des Landmanns belasten." Der Friede von Tilsit zwang ihn, in die Dienste +des verhassten Koenigreichs Westfalen zu treten; er leitete das Steuerwesen +im Harzdepartement, erschien zweimal als Deputierter bei dem Gaukelspiele +des Kasseler Landtages und beobachtete voll froher Ahnungen, wie +unterdessen der preussische Staat die Gedanken echter deutscher Freiheit in +sich aufnahm. Kaum kam die Kunde von der Leipziger Schlacht, so rief er +seine Eichsfelder wieder unter die alten Fahnen und war sodann in Halle +und Fulda bei der Organisation der wiedereroberten Provinzen taetig. + +Als Praesident in Erfurt half er nachher, jenen Zollvertrag mit +Sondershausen abschliessen, der so vielen anderen zum Vorbilde dienen +sollte. Hier in Thueringen trat ihm die ganze Hilflosigkeit der deutschen +Kleinstaaterei vor Augen. Grenzenlos war seine Verachtung gegen die +kleinen Hoefe. Er kannte ihre Gesinnung genugsam aus den Schicksalen seiner +eigenen Familie, die unter dem Geize des hessischen Kurfuersten schwer zu +leiden hatte, und lernte sie noch richtiger schaetzen, als der Koenig ihn +einmal nach Kassel sendete, um die ehelichen Zwistigkeiten im hessischen +Hause -- natuerlich ohne Erfolg -- zu beschwichtigen. Ein stolzer Preusse von +Grund aus, freimuetig, selbstaendig in allem, wollte er das Lob Oesterreichs, +das in den Beamtenkreisen gesungen wurde, niemals gelten lassen: pfui ueber +diese faule, unwissende, unredliche k. k. Verwaltung. Ausser Canning(56) +war Motz der einzige Staatsmann dieser Epoche, der die Hohlheit +Metternichs voellig durchschaute. Waehrend fast alle anderen preussischen +Staatsmaenner ein stilles Zagen nicht ueberwinden konnten, blieb diesem +frischen Geiste die frohe Zuversicht des Jahres 1813 ungeschwaecht. "Ein +guter Krieg wird uns wohl tun, sagte er oft. Aber es muss ein Volkskrieg +sein, und dann werden wir Kraefte entwickeln, ueber die man staunen wird." + +Motz wollte die Stein-Hardenbergischen Reformen bis in die letzten +Konsequenzen vollendet sehen: eine neue Landgemeindeordnung sollte +ergaenzend neben die Staedteordnung treten, die Abloesung der Grundlasten +vollstaendig ausgefuehrt, auch die Ausgleichung der Grundsteuer vollzogen +werden -- um der Gerechtigkeit willen, selbst wenn der Staat dabei Verluste +erlitte {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} + +Waehrend seiner angestrengten Verwaltungstaetigkeit in Erfurt und nachher +als Oberpraesident in Magdeburg entstanden die Denkschriften ueber die +Abrundung des preussischen Staatsgebietes, ueber den Anschluss der kleinen +Kontingente an das preussische Heer, ueber die Reform der Verwaltung. Diese +rasch hingeworfenen Arbeiten zeigen schon sein ganzes Wesen: weiten, +scharfen Blick, vorurteilsfreien, hochherzigen Patriotismus, aber auch +einen Zug von genialem Leichtsinn, der notwendig zu seinem Bilde gehoert. +Ohne solche Lust am kecken Wagen und Plaeneschmieden haette er schwerlich +die Kraft gefunden, in einer Epoche der Ermattung und Entsagung den Neubau +des deutschen Staates vorzubereiten. Die ihm naeher standen, empfingen den +Eindruck, dass hier eine gross angelegte Natur, ein gedankenreicher, +unruhiger, ueberaus produktiver Kopf in allzu engem Wirkungskreise sich +aufzureiben drohte. Der Mann bedurfte einer grossen Taetigkeit, wenn die +Ideen, die in seinem Geiste gaerten, sich abklaeren, wenn sein starker +Ehrgeiz und seine frohe Willenskraft sich frei entfalten sollten. + +Um das Defizit zu beseitigen, hatte der Koenig den neuen Minister berufen. +Die glueckliche Loesung dieser naechsten Aufgabe bildete zugleich die +Vorbedingung fuer das Gelingen der handelspolitischen Plaene, welche Motz +seit jenem Sondershausener Vertrage nicht mehr aus den Augen verloren +hatte; nur wenn das Gleichgewicht des Staatshaushalts gesichert war, +konnte die Krone Zollvertraege von zweifelhaftem finanziellem Erfolge +wagen. In den Kreisen des hohen Beamtentums wurde die Lage der Finanzen +allgemein sehr unguenstig beurteilt. Hatte man vor sechs Jahren +schlechterdings nicht glauben wollen, dass in Preussen ein Defizit bestehen +koenne, so hielt man jetzt den Zustand fuer ganz verzweifelt, weil man die +Ergiebigkeit der neuen Steuern nicht genau kannte. Motz teilte diese +duestere Ansicht nicht. Er war ueberzeugt, das vielbeklagte Defizit sei +laengst nicht mehr vorhanden, wenn nur erst Einheit, Uebersicht, Ordnung in +das Finanzwesen komme; "aber, sagte er spaeter zu seiner Tochter, ich +huetete mich wohl, Ueberschuesse zu versprechen, man haette mich fuer +wahnsinnig gehalten." -- + +Einen minder mutigen Mann haette die Lage des Marktes wohl erschrecken +koennen. Zur selben Zeit, da Motz ins Amt trat, brach ueber England eine +furchtbare Handelskrisis herein, eine der schwersten Erschuetterungen, +welche die Handelsgeschichte kennt. Die Eroeffnung des suedamerikanischen +Marktes hatte eine fieberische Spekulation erweckt, welcher nun der +natuerliche Rueckschlag folgte: in fuenf Vierteljahren stuerzten mehr als 70 +Banken und an 3600 Geschaeftshaeuser zusammen. Auch Deutschland blieb von +dem Unheil nicht verschont, wie bescheiden auch sein Anteil am Weltverkehr +noch war: die grosse Firma Reichenbach in Leipzig und einige der ersten +Haeuser Berlins gingen zugrunde. Doch was bedeutete diese Bedraengnis des +Geldmarkts neben der namenlosen Not des deutschen Landbaues, die wie alle +landwirtschaftlichen Krisen ungleich langsamer ueberwunden wurde? Die +Hungerjahre waren kaum ueberstanden, da fielen die Preise aller +landwirtschaftlichen Erzeugnisse schnell und anhaltend. Die Zollgesetze +des Auslandes und der elende Zustand der Strassen hemmten die Abfuhr der +ueberreichen Ernten; selbst die technischen Fortschritte, welche die +deutsche Landwirtschaft ihren Lehrern Thaer und Schwerz verdankte, wirkten +fuer jetzt nachteilig, da die Konsumtion dem gesteigerten Angebot so rasch +nicht zu folgen vermochte. Der Wert der Grundstuecke sank in manchen +Landesteilen tiefer als einst zur Zeit des Krieges. Nur die Schaefereien +behaupteten sich noch; Deutschland allein fuehrte nach England ueber zweimal +soviel Wolle aus als alle uebrigen Laender zusammen. Aber auch dieser +Vorteil drohte zu schwinden, seit die Fremden von uns zu lernen begannen, +deutsche Hirten und Schafe in Russland, Schweden, Frankreich, Australien +verwendet wurden. Am haertesten litt das unglueckliche Altpreussen; waehrend +der Kriegsjahre war mehr als die Haelfte seines Viehstandes draufgegangen, +jetzt stand in einzelnen Gegenden der Tagelohn auf 3 bis 4 Sgr., in +anderen wurde der Scheffel Roggen fuer 5 Sgr. ausgeboten. Schoens Schwager, +Oberst Bruenneck, suchte den Nachbarn zu helfen durch die Einfuehrung der +Schafzucht und anderer technischer Verbesserungen; doch nur wenige waren +imstande, sich auf neue Unternehmungen einzulassen. Auf die flehentliche +Bitte der Staende gewaehrte der Koenig "dieser alten Kernprovinz" abermals +ausserordentliche Unterstuetzungen: Chausseen wurden gebaut, grosse +Getreideankaeufe fuer die Armee angeordnet, auch Magazine angelegt, welche +den Preis des Scheffels Roggen auf der Hoehe von 1 Taler halten sollten. + +Dann erlangte Schoen(57) noch eine neue Bewilligung von 3 Millionen Taler +zur Rettung verschuldeter Grundbesitzer. Als guter Patriot wollte er +vornehmlich die alten, mit der Geschichte des Landes verwachsenen +Geschlechter im Besitze ihrer Stammgueter erhalten. Dieselbe Meinung +vertrat sein Freund Staegemann(58) im koeniglichen Kabinett; der war, obwohl +ein Anhaenger der neuen Volkswirtschaftslehre, doch von jeher der Ansicht +gewesen, dass durch den Untergang der alten Grundbesitzer der Staat selber +zugrunde gehe: "es scheint mir ganz simpel, weil ein anderer Staat daraus +wird". Aber die bewilligte Summe reichte nicht von fern aus, obwohl sie +fast den sechszehnten Teil der gesamten Staatseinnahmen ausmachte; zudem +musste die grosse Kreditanstalt der Provinz, die "Landschaft", der die +bedraengten Grundherren allesamt verschuldet waren, um jeden Preis vor dem +Bankrott bewahrt werden, wenn man nicht das ganze Land dem Verderben +preisgeben wollte. Daher befahl der Koenig auf Schoens Vorschlag (1824), die +Unterstuetzungsgelder zwar zunaechst zur Rettung der alten +Grundherrengeschlechter zu verwenden; wenn es aber ganz unmoeglich sei, +eine Familie im Besitze zu erhalten, dann solle sie mit einer notduerftigen +Pension abgefunden und ihr Stammgut durch die Landschaft unter den Hammer +gebracht werden. + +Mit dieser fast unbeschraenkten Vollmacht schritt Schoen ans Werk. Das +Schicksal des altpreussischen Adels lag in seiner Hand. Abermals, und noch +stuermischer, als vor Jahren bei der Verteilung der ersten +Kriegsentschaedigungsgelder, draengte sich alles um die Gunst des +Beherrschers der Provinz. Er tat sein Bestes, viele wackere Maenner vom +Landadel verdankten allein seiner Fuersorge die Erhaltung ihres Besitzes; +wo er aber die Lage fuer hoffnungslos hielt, da liess er die Landschaft +unerbittlich zur Subhastation schreiten. So geschah es, dass unter der +Mitwirkung dieser wohlwollenden Regierung die Grafen Schlieben, die Grafen +Goltz und viele andere angesehene Adelsgeschlechter von Haus und Hof +verjagt wurden -- die meisten schuldlos, denn der letzte Grund ihrer Not +lag doch in den patriotischen Opfern der Kriegszeit. Hunderte von +Landguetern wurden versteigert, einmal ihrer 218 fast zu gleicher Zeit; das +unmaessige Angebot drueckte die Preise so tief herab, dass die Landschaft +selber nur durch Zuschuesse des Staates sich behaupten konnte. In manchen +Teilen der Provinz wechselte die volle Haelfte der grossen Gueter ihren +Besitzer {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} + +Mit diesen traurigen Wirren hatte der Finanzminister unmittelbar nichts zu +schaffen, aber an dem Ertrage der Abgaben lernte er die Not der +Landwirtschaft nur zu gruendlich kennen, obwohl der Koenig bei allen seinen +Unterstuetzungen streng den Grundsatz einhielt, dass auch dem Beduerftigsten +niemals ein Nachlass an den Staatssteuern bewilligt werden duerfe. Um die +Schwierigkeiten zu bemeistern, wollte Motz zunaechst die Lage des +Staatshaushalts genau uebersehen und erneuerte daher seine alte Forderung, +dass der Finanzminister in der Generalkontrolle Sitz und Stimme haben +muesse. Der Koenig suchte nach seiner Gewohnheit zu vermitteln, weil er den +verdienten alten Ladenberg nicht kraenken mochte, und ordnete an, der +Finanzminister solle im Falle der Meinungsverschiedenheit durch einen +seiner Raete muendlich mit dem Praesidenten der Generalkontrolle +unterhandeln. Mit einer solchen Halbheit konnte sich Motz nicht zufrieden +geben; denn zwischen den beiden koordinierten Behoerden hatte sich laengst +ein tragikomischer Wettstreit des Amtseifers entsponnen, wie er nur in der +preussischen Bureaukratie moeglich ist. Die Generalkontrolle suchte ihre +Lebenskraft zu erweisen, indem sie den Etats zahllose laecherliche Monita +zusetzte, zum Domaenenetat allein 91, zum Forstetat 146, und die +Kalkulatoren des Finanzministeriums erwiderten natuerlich mit gleicher +Muenze. Das Gezaenk war so unertraeglich, dass Motz sich entschloss, den Koenig +um seine Entlassung zu bitten, wenn ihm seine berechtigte Forderung nicht +gewaehrt wuerde. "Ich kann mich nicht dazu verstehen -- schrieb er an Lottum +-- die Rolle zu uebernehmen, welche Herr v. Klewiz viele Jahre zum Nachteil +der Finanzen des Staates ertragen hat." Ein solches Abschiedsgesuch galt +nach den Grundsaetzen des alten Absolutismus als strafbarer Trotz, und Motz +selber hielt fuer noetig, die Versicherung hinzuzufuegen: "ich wuerde der +Gnade des Koenigs mich selbst unwuerdig erkennen, wenn ich, in Eitelkeit und +Torheit befangen, mich auf anderem Wege in meiner Dienststelle zu +konservieren bemueht sein wollte." + +Seit Stein im Fruehjahr 1807 aus aehnlichem Anlass ungnaedig entlassen worden, +hatte kein Minister mehr gewagt, in diesem Tone zu reden; selbst +Hardenberg hatte nur einmal, als er auf die Zustimmung des Koenigs sicher +rechnen konnte, leise mit einem Abgang gedroht. Friedrich Wilhelm brauchte +auch volle vier Monate, bis er dem neuen Minister sein selbstbewusstes +Auftreten ganz verzieh. Dann aber hatte er sich durch Lottums Vortraege von +der Unhaltbarkeit des bestehenden Dualismus gruendlich ueberzeugt, und da er +seine bureaukratischen Hartkoepfe kannte, so ging er nunmehr sogleich weit +ueber die Vorschlaege des Finanzministers selber hinaus. Am 8. April 1826 +ueberraschte er diesen durch die willkommene Mitteilung: er denke die +Generalkontrolle ganz aufzuheben, ihre Geschaefte dem Finanzministerium zu +uebertragen. Am 29. Mai wurde dieser Befehl vollzogen, und Ladenberg musste +sich wehmuetig mit dem Praesidium der Oberrechnungskammer begnuegen. Motz +aber war jetzt endlich Herr der Lage, und die anderen Minister empfanden +bald, dass er sich berechtigt hielt, alle Gebiete der Verwaltung scharf zu +ueberwachen. Der langsame Altenstein mochte wohl Grund haben, sich ueber die +Anmassung des Finanzministers zu beschweren, denn umstaendliche +Bedachtsamkeit reizte den stuermischen Mann leicht; doch ueber seine +Kargheit konnte niemand klagen. Den Anforderungen der Kunst und +Wissenschaft entsprach er, nach dem Masse der vorhandenen Mittel, sehr +freigebig; als Kamptz(59) ihn wegen der hohen Kosten der Revision des +Landrechts befragte, erwiderte er nachdruecklich: fuer ein solches Werk muss +in Preussen immer Rat geschafft werden. + +In jedem Zweige des Finanzwesens spuerte man die ruestigen Haende des neuen +Leiters. Durch eine gruendliche Reform der Kassenverwaltung verschaffte er +sich einen genauen Ueberblick ueber alle Bestaende. Das Steuerwesen liess er +in den Haenden Maassens, des Urhebers der neuen Zollgesetzgebung. Die beiden +galten in der Beamtenwelt als Nebenbuhler, aber sie wurden Freunde. Maassen +fuegte sich gern der raschen Entschlossenheit des juengeren Vorgesetzten, +und dieser wusste wohl, was er der Umsicht und Sachkenntnis des +Generalsteuerdirektors verdankte. "Alles mit Maassen", sagte er laechelnd, +wenn ihn der besonnene Freund von einem uebereilten Wagnis zurueckgehalten +hatte. Unter Maassen arbeitete der geistreiche Ludwig Kuehne(60), Motzs +alter Freund von Erfurt her, der Schrecken aller Traegen und Mittelmaessigen; +wie wusste er seine Leute in Atem zu halten, wenn er ihnen zurief: +"Dummheit ist eine Gottesgabe, aber sie zu missbrauchen ist schaendlich!" + +In den Provinzen war das Steuerwesen bisher von den Regierungen verwaltet +worden; der Koenig hatte indes bald eingesehen, wie wenig das langsame +Kollegialsystem sich fuer diesen Zweig der Verwaltung eignet, und daher +(1822) zunaechst in den beiden westlichen Provinzen das gesamte Steuerwesen +einem Provinzialsteuerdirektor unterstellt. Diese Einrichtung bewaehrte +sich vollstaendig und wurde durch Motz auch in den uebrigen Provinzen +eingefuehrt. Die neuen Behoerden mussten nach Landesbrauch anfangs oft mit +der Eifersucht der Regierungen kaempfen, auch das Volk empfing sie mit +Argwohn, denn der Name der Zoellner hatte einen boesen Klang, in den alten +Provinzen dachte man noch mit Schrecken an die Regiedirektoren des grossen +Koenigs. Doch bald lernte man die Puenktlichkeit und schlagfertige Raschheit +der Steuerbehoerden schaetzen; am Rhein wurde der Steuerdirektor v. Schuetz +sogar ein volksbeliebter Mann. Jede tiefgreifende Steuerreform bedarf der +Zeit, um ihren Wert zu erproben. Jetzt hatte die Geschaeftswelt sich nach +und nach an die neuen Abgaben gewoehnt, die Beamten Uebung und Sicherheit +erlangt in den ungewohnten Formen. Auch der Schmuggel begann nachzulassen. +Etwa um das Jahr l827 konnte die Reform als abgeschlossen und in den +Volksgewohnheiten festgewurzelt gelten. + +Zu ihrer Ergaenzung unternahm Motz die Neugestaltung der Domaenenverwaltung, +die unter dem Drucke der grossen landwirtschaftlichen Krisis ganz in +Verwirrung geraten war. Der Minister selbst und der neue Direktor des +Domaenenwesens, Kessler, bereisten persoenlich saemtliche Domaenen und Forsten +der Monarchie, ueberall jubelnd empfangen von der Jaegerei und den Paechtern, +die es kaum fassen konnten, dass die Herren in Berlin sich endlich einmal +ihrer Not annahmen. Dann ueberwies Motz, um mit dem alten Jammer +aufzuraeumen, alle Rueckstaende einer besonderen Verwaltung und schloss fuer +das gesamte Domanium neue, billigere Pachtvertraege, welche streng +eingehalten wurden, aber hunderte von Paechtern vor dem Untergange +bewahrten. Mit der Veraeusserung der Domaenen verfuhr er sehr vorsichtig; nur +in Westpreussen und Posen liess er zahlreiche Vorwerke an deutsche +Kolonisten veraeussern, "um einen selbstaendigen und der Regierung +anhaenglichen Bauernstand zu bilden". + +Das Beste blieb doch, dass man nun endlich wusste, woran man war. Nach kaum +drei Jahren, am 30. Mai 1828, konnte Motz dem Monarchen berichten, dass +statt des gefuerchteten Defizits ein reiner Ueberschuss von 4,4 Millionen +erzielt worden sei, der sich nach Eingang der Rueckstaende auf 7,8 Millionen +steigern muesse; 3,245 Millionen waren bereits bar an den Staatsschatz +abgefuehrt, 1,172 Millionen zu ausserordentlichen Ausgaben verwendet. +Dankbar gestand er zu, ohne die grossen unter seinem Vorgaenger vollzogenen +Reformen wuerde er nicht imstande sein, dem Koenig so erfreuliche Ergebnisse +vorzulegen; aber er durfte sich sagen, nur er habe vermocht, die Ernte +dieser Saaten einzuheimsen, und er fuehlte sich bereits so sicher, dass er +eine maessige Verminderung der Klassensteuer vorzuschlagen wagte: die +Steuerpflichtigkeit sollte fortan zwei Jahre spaeter als bisher, erst mit +dem sechzehnten Lebensjahre beginnen. Auch fernerhin, so schloss der von L. +Kuehne entworfene Bericht, werden die Grundsaetze der Finanzverwaltung +bleiben: "Sparsamkeit und Ordnung in den gewoehnlichen Ausgaben; +Bereithaltung der Kraefte, welche der Friede gewaehrt hat, fuer die Zeit des +ersten Krieges; Aufrechterhaltung des Kredits durch Puenktlichkeit; +Verwendung eines Teiles der Ueberschuesse als werbendes Kapital fuer die +Zukunft fuer den Gewerbefleiss." + +Seitdem war Motz der Achtung des Koenigs sicher. Bei Hofe betrachtete man +ihn als einen Emporkoemmling, da sein altes hessisches Adelsgeschlecht im +preussischen Dienste neu war. Die Partei Wittgensteins [des +Polizeiministers] witterte bald den Liberalismus des Ministers heraus; +Lottum aber und die anderen Anhaenger der unbedingten Sparsamkeit tadelten +seinen Leichtsinn, weil er mit den steigenden Einnahmen auch das knappe +Ausgabenbudget allmaehlich um etwa 900000 Taler erhoehte. Wagten sich solche +Vorwuerfe aus dem Dunkel heraus, dann rechtfertigte er sich stets freimuetig +vor dem Koenige selbst, denn ohne das Vertrauen des Monarchen koenne der +Finanzminister als Aufseher der gesamten inneren Verwaltung nicht bestehen +{~HORIZONTAL ELLIPSIS~} + +In den letzten Jahren hatte Preussens Handelspolitik auch den kleinen +Nachbarn gegenueber nur wenig Erfolge errungen. Die von preussischem Gebiete +umschlossenen Kleinstaaten waren durch das wueste Geschrei, das sich an den +Hoefen und in der Presse wider das Zollgesetz erhob, gruendlich +eingeschuechtert. Der Fuerst von Rudolstadt getraute sich erst nach drei +Jahren (1822) dem verstaendigen Beispiele seines Sondershausener Vetters zu +folgen und mit seiner Unterherrschaft dem preussischen Zollsystem +beizutreten. Im naechsten Jahre wurden auch zwei weimarische Aemter sowie +das obere Herzogtum Bernburg in die Zollgemeinschaft aufgenommen, und alle +Beteiligten befanden sich wohl bei dem freien Verkehr. Aber auf den so oft +verheissenen Beitritt der gesamten anhaltischen Lande wartete man in Berlin +noch immer vergeblich. Der Koethener Herzog fuehrte den Schmuggelkrieg gegen +seinen koeniglichen Schwager wohlgemut fort, ermutigt durch die +Einfluesterungen seines Adam Mueller und durch das endlose Gezaenk am +Bundestage. Als Mueller es gar zu frech trieb, musste sich Hatzfeldt(61) in +Wien beschweren. Metternich gab dem Geschaeftstraeger sofort einen scharfen +Verweis wegen eines Benehmens, das "den bekanntlich zwischen Oesterreich +und Preussen bestehenden so innigen und freundschaftlichen Verhaeltnissen" +durchaus widerspreche, und teilte dies Schreiben dem preussischen Hofe +verbindlich mit. Muellers geheime Weisungen lauteten aber wahrscheinlich +anders; er liess sich in seinem Treiben keineswegs stoeren und fand in der +jesuitischen Umgebung der Herzogin treue Bundesgenossen. Die +Wortbruechigkeit des kleinen Nachbarn musste den Berliner Hof um so tiefer +verstimmen, da mittlerweile (1824) die hohenzollernschen Fuerstentuemer mit +Wuerttemberg einen Zollvertrag schlossen, genau nach dem Vorbilde der +preussischen Enklavenvertraege. So schlugen die Kleinstaaten sich selber ins +Angesicht. Dieselben verstaendigen handelspolitischen Grundsaetze, welche +Wangenheim in Frankfurt der preussischen Regierung als eine Verletzung des +Voelkerrechts vorgeworfen hatte, wurden nun in Schwaben eingefuehrt, und +dieselbe liberale Presse, die das preussische Enklavensystem mit +Schmaehungen ueberhaeufte, fand die Anwendung dieses Systems in Wuerttemberg +hocherfreulich. + +Sobald Motz sich in seinem neuen Amte zurecht gefunden hatte, erklaerte er +dem auswaertigen Amte: Preussens Langmut gegen den unredlichen kleinen +Nachbarhof werde zur Schwaeche, man muesse endlich die ganze Strenge des +Zollgesetzes wider ihn anwenden (Januar 1826). Gleich nachher baten Dessau +und Bernburg um die Aufnahme einiger Aemter in die Zollgemeinschaft und +empfingen, auf Motzs Betrieb, die Antwort: mit solchem Stueckwerk sei +nichts getan; wollten die Herzoege mit ihren gesamten Gebieten beitreten, +so wuerde man sie willkommen heissen. Nach einiger Zoegerung erschienen +nunmehr zwei anhaltische Unterhaendler in Berlin, und mit dem +bernburgischen, v. Salmuth, einem geistreichen, witzigen Manne, der das +moenchische Unwesen des Koethener Hofes gruendlich verachtete, wurde Motz +bald handelseins. Noch im Laufe des Sommers erklaerte der Herzog von +Bernburg die Unterwerfung seines gesamten Landes unter das preussische +Zollgesetz. Acht volle Jahre hatte es also gewaehrt seit der Verkuendigung +dieses Gesetzes, bis zum erstenmal ein ganzer deutscher Kleinstaat +beitrat. Der dessauische Bevollmaechtigte aber brach die Verhandlungen ab; +denn unterdessen war Adam Mueller von Koethen nach Dessau hinuebergekommen, +angeblich, um in der Mulde zu baden, in Wahrheit, um den Anschluss an +Preussen zu hintertreiben. + +In einem herzbrechenden Klageschreiben sprach Herzog Leopold von Dessau, +der mit einer Nichte des Koenigs verheiratet war, dem Oheim sein Bedauern +aus: schon vor Jahren habe er dem Koethener Vetter versprochen, nicht ohne +ihn beizutreten. Das preussische Ministerium verlange, "dass die +enklavierten Staaten fremde Gesetze und Verwaltungsformen unweigerlich +annehmen muessen. Dies aber, Allergnaedigster Koenig, ich wage es +vertrauensvoll auszusprechen, wollen Allerhoechstdieselben nicht. Preussens +maechtiger und gerechter Monarch, der im zweiten Artikel der Bundesakte +Souveraenitaet und Unabhaengigkeit garantierte, wird nie gestatten, dass die +Minister durch strenges Festhalten am Buchstaben des Bundesvertrages den +Geist, der sichtbar in demselben waltet, ertoeten, dass aus dem ersteren ein +Rechtstitel fuer faktischen Zwang entlehnt werde. Wenn ich so das kleine, +auf mich gekommene Erbe meiner Ahnen, das, erhoert Gott meine und meiner +vielgeliebten Gemahlin Gebete, der Urenkel eines Koenigs aus meiner Hand +erhalten wird, vor E. K. Maj. Herzen und Allerhoechstihren mir und meiner +Gemahlin bewiesenen vaeterlichen Gesinnungen zu verteidigen wage, so fehlt +es mir dazu nicht an einem naeheren Anlass" -- worauf denn eine lange Klage +ueber die dem anhaltischen Lande angedrohte "Polizeilinie" folgte. Der +Koenig aber zeigte sich sehr aufgebracht ueber die Zweizuengigkeit seines +Neffen. Er erinnerte ihn daran, dass Preussen die Dresdener +Elbschiffahrtsakte erst unterzeichnet habe, nachdem die Askanier ihren +Beitritt zum preussischen Zollsystem foermlich versprochen haetten; er +forderte ihn auf, dem Beispiel Bernburgs zu folgen, und schloss: "Auch kann +ich nicht glauben, dass das in Dresden von saemtlichen Herzoegen von Anhalt +gegebene Versprechen einer Einigung durch irgendeine von ihnen spaeterhin +gegebene Zusage an Verbindlichkeit zu verlieren vermoechte." Ein zweites +Schreiben des Dessauers, das sich abermals auf die hartnaeckige Weigerung +des Koethener Vetters berief, blieb unbeantwortet. + +Der Koenig befahl nunmehr, dem Froschmaeusekrieg ein Ende zu machen und das +anhaltische Land mit der gefuerchteten "Polizeilinie" zu umgeben, aber +zugleich die beiden Herzoege nochmals zu Unterhandlungen einzuladen. Im +Maerz 1827 wurde die Elbe oberhalb und unterhalb Anhalts gesperrt, von den +eingehenden Schiffen die vorlaeufige Zahlung der preussischen Zoelle +gefordert unter Vorbehalt der Rueckverguetung, falls die Waren wirklich in +Anhalt verblieben. Sofort sendete der Koethener Herzog einen Leutnant mit +einem Ultimatum nach Berlin; sei es, dass er einen hoeheren militaerischen +Wuerdentraeger nicht in seinem Vermoegen hatte, oder dass er Preussen verhoehnen +wollte. Der tapfere Leutnant forderte drohend die Zuruecknahme der +Massregeln binnen acht Tagen, sonst werde Koethen zu ernsteren Mitteln +greifen. Natuerlich erhielt er keine Antwort; Eichhorn und Heinrich +v. Buelow(62), Humboldts geistreicher Schwiegersohn, der in diesen +laecherlichen Haendeln sein diplomatisches Talent zuerst bewaehrte, setzten +nur einige scharfe Bemerkungen an den Rand des Koethener Ultimatums. Nun +brachte Koethen *cette affaire ennuyante*, wie Bernstorff zu seufzen +pflegte, nochmals an den Bundestag. Wieder verteidigte die gesamte Presse +den unschuldigen Kleinstaat, den hochherzigen Beschuetzer der Schwaerzer und +der Schwarzen; wieder trat in der Eschenheimer Gasse(63) ein Ausschuss +zusammen unter dem Vorsitz des k. k. Gesandten. Wieder ward ein Bericht +zugunsten Koethens erstattet, und wieder musste der preussische Gesandte(64) +eine scharfe Erwiderung verlesen. Nagler sagte geradezu, seine Regierung +sei durch den Kommissionsbericht in der Ueberzeugung von ihrem Rechte +unerschuetterlich befestigt worden. Bernstorff aber erklaerte: "Dazu haben +sich grosse Staaten mit den kleinen nicht in einen Verein zusammengetan, +damit diese nur ihre, bei vernuenftigem Gebrauch unantastbare Souveraenitaet +nach Willkuer und jeder ueberspannten Einbildung ausueben duerfen." Oesterreich +zeigte bei alledem eine sehr zweideutige Haltung. Adam Mueller wurde zwar +auf laengere Zeit beurlaubt, doch im uebrigen tat die Hofburg gar nichts zur +Unterstuetzung Preussens; ihr Gesandter Graf Trauttmansdorff beschwerte sich +sogar ueber die angeordneten Zwangsmassregeln. + +Die kleinen Hoefe ergriff ein jaeher Schrecken, da sie so unsanft an die +natuerlichen Schranken ihrer Souveraenitaet erinnert wurden. In einem +verzweifelten Briefe fragte Grossherzog Georg von Strelitz seinen +koeniglichen Schwager, ob er denn wirklich den Bestand des Deutschen Bundes +gefaehrden wolle. Friedrich Wilhelm aber liess sich nicht beirren. Er +sendete dem Schwager (Juli 1827) eine Denkschrift, welche nochmals die +ganze Nichtswuerdigkeit der anhaltischen Schleichhandelspolitik darstellte, +und sagte: daraus moege er lernen, "dass das Interesse meiner Untertanen die +getroffenen Massregeln gebieterisch erheischte, dass ich dazu vollkommen +berechtigt war, und daher weder die Aussprueche der Bundesversammlung noch +das Urteil des Publikums in und ausser Deutschland, sondern nur die +Nachgiebigkeit der anhaltischen Fuersten eine Aenderung hervorbringen +koennen." Dann hob er mit seinem geraden Verstande noch einmal den Kern des +Streites heraus: "E. K. Hoheit wird ausserdem einleuchten, dass, wenn sich +die Interessen eines Staates von 30 bis 40 000 Einwohnern mit denen von 12 +Millionen in Konflikt befinden, es in der Natur der Verhaeltnisse liegt, +dass der erstere nachgebe, sobald ihm eine vollstaendige Entschaedigung +geboten wird. Sollte der Bund die aus einer uebel verstandenen Souveraenitaet +hergeleiteten Anmassungen kleiner Staaten gegen maechtigere nicht in die +gehoerigen Schranken zurueckweisen, so wuerde fuer diese das Bundesverhaeltnis +bald unertraeglich werden und der Bund, wie E. K. H. bemerken, allerdings +in Gefahr schweben." + +Mittlerweile begannen die beiden bedraengten Kleinfuersten doch zu merken, +dass sie den ungleichen Kampf nicht durchfuehren konnten. Sie beschlossen, +ihr verpfaendetes Wort endlich einzuloesen, und erklaerten sich zu +Unterhandlungen bereit. Am 17. Juli 1828, nach neunjaehrigen +Schmuggelfreuden, _traten Dessau und Koethen dem preussischen Zollsystem +bei_. Beide Landesherren bedauerten in gefuehlvollen Manifesten, ihre +geliebten Untertanen so schwer belasten zu muessen; der Koethener berief +sich auf "unabwendbare Umstaende", der aufrichtigere Dessauer -- mit jener +zynischen Gemuetlichkeit, die dem deutschen Kleinfuersten nicht verargt wird +-- auf "die Interessen seines Kammerhaushalts". Alle diese Enklavenvertraege +gewaehrten den kleinen Hoefen einen nach der Volkszahl abgemessenen Anteil +am Ertrage der preussischen Ein- und Ausfuhrzoelle, ausserdem noch allerhand +Ehrenrechte -- das Landeswappen neben dem preussischen fuer die Zollaemter und +was der Eitelkeiten mehr war -- aber durchaus keinen Anteil an der +Zollgesetzgebung. Nur Dessau und Koethen behielten sich das Recht des +Widerspruchs vor, falls die Grundsaetze und Grundlagen des Zollgesetzes +veraendert wuerden -- ein Satz, der gluecklicherweise gar nichts bedeutete. +Ebenso harmlos war die Klausel, wonach Dessau und Bernburg nur fuer sechs +Jahre beitreten sollten. Motz und Eichhorn wussten wohl, wie wenig an einen +Wiederaustritt zu denken sei; so goennte man den Kleinen das erhebende +Bewusstsein, dass sie sich nicht fuer ewige Zeiten unterworfen haetten. In der +Tat begann in den anhaltischen Laendern der ehrliche Erwerb wieder zu +gedeihen, und bald fuehlte jedermann, die natuerliche Ordnung der Dinge sei +hergestellt. + +Noch waehrend diese anhaltischen Haendel schwebten, eroeffnete sich fuer +Preussen ploetzlich die Aussicht, auch groessere deutsche Staaten in seine +Zollgemeinschaft aufzunehmen. Gewitzigt durch die niederschlagenden +Erfahrungen der Wiener Konferenzen, hatte der Berliner Hof waehrend der +letzten Jahre gelassen abgewartet, ob die Not der Finanzen einen der +Mittelstaaten bewegen wuerde, sich freiwillig dem preussischen Zollsystem +anzuschliessen. Eine solche Politik gewaehrte zugleich den Vorteil, dass +Preussen verschont blieb vor den unzaehligen Zollvereinsplaenen, welche +gleich Nebelgestalten, rasch gebildet und rasch zerfliessend, an den +kleinen Hoefen auftauchten und oftmals auch an die preussischen Gesandten +herantraten. Leichtfertiges Plaeneschmieden war von jeher das Vorrecht der +Ohnmacht. Ein Staat, der eine grosse nationale Idee vertrat, durfte auf die +Mueckenseigerei nassauischer und meiningischer Staatsdilettanten sich nicht +einlassen. Ein einziger von Preussen uebereilt abgeschlossener Zollvertrag, +der die Probe nicht bestand und sich wieder aufloeste, haette die Hoefe wie +die Nation vollends abgeschreckt und die preussische Handelspolitik auf +Jahre hinaus gelaehmt. Nur wenn ein Mittelstaat, Duenkel und Misstrauen +ueberwindend, selber in Berlin positive Anerbietungen stellte, dann allein +liess sich glauben, dass er durch gewichtige Interessen bestimmt werde und +ein dauerhafter Bund moeglich sei. + +Aus dem Raenkespiel Adam Muellers erfuhr man ueberdies, welche Kraefte an den +kleinen Hoefen ihr Wesen trieben und beschloss daher, alle Verhandlungen +ueber Zollsachen nur in Berlin zu fuehren. Nur in Berlin fanden sich die +kundigen Fachmaenner, deren, und das reiche statistische Material, dessen +man zur Loesung so vieler verwickelten Einzelfragen bedurfte. Nur hier war +man leidlich gesichert gegen die Umtriebe der Hofburg, wie gegen die +Vorurteile der kleinen Dynastien. Der Aufenthalt in einem ernsten +Gemeinwesen uebt immer einen wohltaetig ernuechternden Einfluss, und selbst in +jener stillen Zeit bewaehrte Preussen diese erziehende Kraft. In den +Gesandtschaftsberichten laesst sich deutlich verfolgen, wie die kleinen +Diplomaten stets mit misstrauischem Zagen den verrufenen Berliner Boden +betraten und schon nach wenigen Monaten ein unbefangenes, ja wohlwollendes +Urteil ueber die preussischen Dinge sich bildeten. Graf Bernstorff blieb mit +den Gesandten der Mittelstaaten immer auf gutem Fusse, selbst wenn das +Verhaeltnis zu den Kabinetten sich truebte. + +Sodann lernte man aus dem ungluecklichen Verlaufe der Darmstaedter +Zollkonferenzen, dass Zollverhandlungen mit mehreren Staaten zugleich, bei +der grossen Verschiedenheit der Interessen, keinen Erfolg versprechen. +Seitdem stand in Berlin der Entschluss fest, immer nur mit einem einzelnen +Staate ueber Zollfragen zu verhandeln, mit mehreren nur dann, wenn diese +sich bereits zu einer handelspolitischen Einheit verbunden haetten. Diese +streng eingehaltene Regel erlitt eine einzige Ausnahme. Die kleinen +thueringischen Lande konnten vereinzelt weder eine Zollgrenze bewachen, +noch als Traeger eines handelspolitischen Interesses gelten. Darum hatte +das Berliner Kabinett schon im Jahre 1819 dem Gothaer Hofe die Bildung +eines thueringischen Vereins empfohlen -- ein Vorschlag, dessen Berechtigung +selbst auf den Darmstaedter Konferenzen von dem sachkundigen badischen +Bevollmaechtigten anerkannt wurde. Allen anderen Staaten gegenueber blieb +der Grundsatz der Einzelverhandlungen aufrecht. + +Ueber die handelspolitischen Plaene der Mittelstaaten war der Berliner Hof +sehr genau unterrichtet; denn an mehreren der kleinen Hoefe bestand eine +einflussreiche preussische Partei, in Muenchen und Stuttgart mindestens ein +tiefer Groll gegen Oesterreich, der unseren Geschaeftsmaennern zustatten kam. +Dazu der landesuebliche Nationalhass des Nachbars gegen den Nachbar; wie +liess sich ein Geheimnis bewahren, wenn heute ein darmstaedtischer, morgen +ein badischer Minister sich gedrungen fuehlte, seine gerechte Entruestung +ueber Bayerns oder Wuerttembergs anmassende Vorschlaege in den schweigsamen +Busen des wohlwollenden preussischen Gesandten aus zuschuetten? Der +Karlsruher Posten diente als die beste Warte, um den Wandel der kleinen +Gestirne zu beobachten. Die Teilnahme Preussens an dem geplanten +sueddeutschen Zollverein befuerwortete in Berlin niemand, weil man ihn fuer +hoffnungslos hielt. Dagegen wurde wiederholt und ernstlich die Frage +erwogen: unter welchen Bedingungen Preussen mit groesseren Nachbarstaaten +einen Zollbund abschliessen koenne? Klewiz beantwortete sie in einem +Gutachten vom 27. Juni 1822 dahin: Nur unter drei Bedingungen koennen wir +die Nachbarstaaten in unseren Verband aufnehmen. Wir muessen fordern: +"Annahme unserer Branntweinsteuer und einer angemessenen Biersteuer", nur +dann wird der Verkehr aller Schranken ledig. Ferner "ein sehr +ueberwiegendes Vorrecht fuer Preussen bei Bestimmung der Ein-, Aus- und +Durchgangsabgaben". Endlich "die Douanenlinie in jenen Laendern muss ganz +von uns abhaengen", da die bisherige Zollverwaltung der Nachbarstaaten +keine Buergschaft gibt fuer die gewissenhafte Ausfuehrung der Gesetze. +Begreiflich genug, dass ein preussischer Minister fuer seinen Staat eine +solche handelspolitische Hegemonie wuenschte. Bald aber erkannte man in +Berlin, wie wenig die Mittelstaaten gesonnen waren, eine "fremde" +Verwaltung in ihren Laendern zu ertragen, und stimmte daher seine Ansprueche +herab. + +Im Jahre 1824 verhandelten die drei Ministerien des Auswaertigen, des +Handels und der Finanzen nochmals ueber die Frage, "wie sich Preussen bei +den Zollvereinsunternehmungen zu verhalten habe." Geh Rat Sotzmann, der +Sohn des bekannten Geographen, eines der ersten Talente der +Finanzverwaltung, und H. v. Buelow fassten das Ergebnis der Beratung in +einer grossen Denkschrift zusammen, welche schon mehrere Hauptgrundsaetze +der spaeteren Zollvereinsverfassung aufstellte. Sie erklaerten: der Anschluss +an Preussen koenne auf zwei Wegen erfolgen -- entweder durch vollstaendige +Unterwerfung, wie sie in Bernburg geschehen sei, oder durch eine freiere +Verbindung. Einem groesseren Staate duerfe nur die letztere zugemutet werden; +doch muesse er jedenfalls seine Zoelle und Konsumtionssteuern den +preussischen gleichstellen. Der Unterschied von "Zollanschluss" und +"Zollverein" war also schon damals den preussischen Staatsmaennern gelaeufig, +wenngleich sie die modernen Schulausdruecke noch nicht gebrauchen. Da der +Beitritt etwa von Kurhessen "nur soviel Zuwachs bringt als ein einziger +unserer Regierungsbezirke ausmacht", so kann der Berliner Hof die +Entwicklung seines Zollwesens von der Zustimmung eines solchen +Bundesgenossen nicht unbedingt abhaengig machen. Daher soll Preussen sich +nur auf eine Reihe von Jahren binden, um bei Ablauf der Frist ueber +Aenderungen und Zusaetze sich von neuem zu vereinbaren. Man verzichtet +mithin auf jedes Vorrecht, erkennt die volle Gleichberechtigung des +kleinen Bundesgenossen an und behaelt sich nur das Recht der Kuendigung vor, +als unentbehrliches Gegengewicht. Jeder der beiden Staaten ernennt seine +Zollbeamten selbst, doch werden sie beiden Regierungen verpflichtet. Der +Plan, die Grenzbewachung allein in Preussens Haende zu legen, war mithin +aufgegeben. Nur noch ein kleiner Schritt weiter, und man musste erkennen, +dass auch die doppelte Vereidigung der Zollbeamten dem Duenkel der kleinen +Hoefe unertraeglich sei, bloss eine gegenseitige Kontrolle der Zollverwaltung +sich erlangen lasse. Preussen hatte sein letztes Wort noch nicht +gesprochen; die Denkschrift verhehlte nicht, dass der Berliner Hof gefasst +sein muesse auf noch groessere Zugestaendnisse. "Wird nur der Zweck erreicht -- +die wirkliche Einfuehrung des preussischen Zoll- und +Konsumtionssteuersystems und die Verfolgung der Kontraventionen --, so kann +man ueber Formalitaeten, die durch oeffentliche Unterordnung der jenseitigen +Souveraenitaetsrechte anstoessig werden duerften, leichter hinweggehen." Zum +Schluss wird ein wichtiger Gedanke entwickelt, den das preussische Kabinett +fortan getreulich festhielt und weiter verfolgte: Sollte Kurhessen nur +gegenseitige Eingangsbeguenstigungen wuenschen, so waere dies fuer Preussen, +wegen unserer hoeheren Zoelle, nicht bloss kostspieliger, sondern auch +gefaehrlicher; die voellige Verschmelzung der beiden Zollsysteme bleibt in +jeder Hinsicht vorzuziehen. -- In der Tat, nicht die Hoehe der Binnenzoelle +laehmte den deutschen Handel, sondern das Dasein der Binnenmauten selber; +jede Reform, die nicht an diese Wurzel des Uebels die Axt legte, blieb ein +Missgriff. + +Leider hatten diese verstaendigen Grundsaetze fuer den Augenblick gar keine +Wirkung; denn die Verfasser der Denkschrift hielten sich noch buchstaeblich +an das Programm von 18l9. Sie wollten in gerader Linie "von Grenze zu +Grenze" vorgehen, von dem naechsten Nachbar zu dem entfernteren. Was schien +auch einfacher als der Plan, zunaechst die angrenzenden Staaten zu +gewinnen, die im unmittelbaren Bereich der preussischen Macht lagen, und +dann erst zu versuchen, ob das geeinte Norddeutschland vielleicht mit dem +Sueden sich verstaendigen koenne? Und doch war dieser gerade Weg ganz +ungangbar. Die Denkschrift selber gesteht, dass der allen Neuerungen +abgeneigte Dresdner Hof sich, schon wegen der Leipziger Messen, dem +preussischen Zollwesen fernhalten werde. Hannover, als ein Brueckenkopf +Englands, wird gar nicht erwaehnt, ebensowenig das daenische Holstein. +Thueringen "ist auf Preussen angewiesen", muss sich aber, wie in einem +besonderen Promemoria ausgefuehrt wird, zuvoerderst zu einem Verein +zusammentun, der dem preussischen Zollsystem als "Vorland und Deckwerk" +dienen soll. Darmstadt "grenzt nicht an uns", selbst sein Oberhessen kann +nur in Betracht kommen, wenn Kurhessen gleichzeitig beitritt. -- Nach +alledem blieb als naechstes erhebliches Ziel nur der Beitritt von Kurhessen +samt Waldeck, und sogar dies war unerreichbar, denn der hessische Kurfuerst +zeigte, nachdem er es eine kurze Zeit mit einem verstaendigen Zollsystem +versucht hatte, dem grossen Nachbarstaate bald wieder die alte +Gehaessigkeit. Solange in Berlin diese Ansichten vorherrschten, die +offenbar mit dem alten unseligen Gedanken der Mainlinie zusammenhingen, +liess sich eine Erweiterung des Zollsystems ueber die kleinen Enklaven +hinaus nicht absehen. + +Erst durch Motz wurde der Bannkreis dieser norddeutschen Ideen +durchbrochen. Hierin und in der Beseitigung des Defizits, die eine +Handelspolitik grossen Stils erst ermoeglichte, liegt sein bleibendes +Verdienst. Er zuerst unter den preussischen Staatsmaennern verfiel auf die +Frage: ob nicht in dem wunderlichen Durcheinander unserer Kleinstaaterei +der Umweg vielleicht rascher zum Ziele fuehre als die gerade Linie? ob man +nicht die Nachbarn, die nicht zu ueberzeugen waren, vielmehr umgehen und +umklammern muesse? Der kuehne Spieler kam mit seinen Bauern auf dem Brette +nicht vorwaerts und liess darum die Springer vorgehen. Er fasste sich das +Herz, sobald eine guenstige Stunde kam, ueber Kurhessen und die anderen +unmittelbaren Nachbarn hinweg den sueddeutschen Staaten die Hand zu +reichen. In einer Zeit, da die amtliche deutsche Welt den ewigen Bund +zwischen Oesterreich und Preussen fuer ein unverbruechliches Gesetz ansah, +ging er geradeswegs auf das Ziel los, das gesamte Deutschland mit +Ausschluss Oesterreichs durch das unzertrennliche Band wirtschaftlicher +Interessen unter der Fuehrung Preussens fuer immer zu vereinigen und also die +Befreiung von der Herrschaft des Hauses Lothringen vorzubereiten. Sobald +dieser Entschluss feststand, war das Eis gebrochen. Der steile Weg war +betreten, der die Handelspolitik Preussens rasch von Erfolg zu Erfolg +fuehren sollte. + +Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 453 ff., 477 ff. + + ------------------ + + + + + 54 Philipp v. Ladenberg, geb. 15. August 1769, gest. 11. Februar 1847, + seit 1817 Direktor der Generalkontrolle der Staatsausgaben, seit + 1823 Chefpraesident der Oberrechnungskammer. + + 55 S. o. S. 42 Anm. 1. + + 56 George Canning, geb. 11. April 1770, gest. 8. August 1827, + britischer Staatsmann, Vorkaempfer fuer liberale Handelspolitik und + Gegner der von der heiligen Allianz vertretenen + Legitimitaetsanschauungen. + + 57 Heinrich Theodor v. Schoen, geb. 20. Januar 1773, gest. 23. Juli + 1856, seit 1816 Oberpraesident von Westpreussen, von 1824 bis 1842 + Oberpraesident der gesamten Provinz Preussen, seit 1840 gleichzeitig + Staatsminister. + + 58 Friedr. Aug. v. Staegemann, geb. 7. November 1763, gest. 17. Dezember + 1840, im Ministerium Stein bis Dezember 1806 vortragender Rat, seit + 1809 Geh. Staatsrat im Finanzministerium und Mitarbeiter + Hardenbergs, 1817 in den Staatsrat berufen. + + 59 Karl Friedr. Heinrich v. Kamptz, geb. 16. September 1769, + gest. 3. November 1849, seit 1824 Direktor im Justizministerium, von + 1832-1838 Justizminister, beruechtigt und verhasst wegen seines Eifers + bei Aufspuerung demagogischer Umtriebe. + + 60 Ludwig Samuel Kuehne, geb. 15. Februar 1786, gest. 3. April 1864, + seit 1819 Hilfsarbeiter im Finanzministerium, seit 1820 + Geh. Finanz-, bzw. Oberfinanzrat. Die Uebernahme des + Finanzministeriums lehnte Kuehne wiederholt ab. + + 61 Franz Ludwig Graf v. Hatzfeldt, geb. 23. November 1756, gest. 3. + Februar 1827, war seit 1822 preussischer Gesandter in Wien. + + 62 Heinrich Freiherr v. Buelow, geb. 16. September 1792, gest. 6. + Februar 1846, war bis 1827 im Ministerium des Auswaertigen + hauptsaechlich in den Handelssachen taetig, 1827 wurde er preussischer + Gesandter in London, 1842 Minister der auswaertigen Angelegenheiten. + + 63 In der Eschenheimer Gasse zu Frankfurt a. M. befand sich das + Taxissche Palais, in dem die Bundesversammlung tagte. + + 64 Karl Ferd. Friedrich v. Nagler, geb. 1770, gest. 13. Juni 1846, der + schoepferische Organisator des preussischen Postwesens, war von + 1824-1835 preussischer Gesandter am Bundestag. + + + + +6. Der Zollkrieg und die ersten Zollvereine. + + + +a) _Die Stuttgarter Zollkonferenzen._ + + +Als die Darmstaedter Konferenzen im Sterben lagen, gaben die kleinen +thueringischen Staaten die Erklaerung ab: wenn man in Darmstadt sich nicht +vereinige, so saehen sie sich genoetigt, einen bereits verabredeten +bedingten Vertrag auszufuehren und "einen in sich geschlossenen +Handelsstaat" zu bilden -- "eine Selbsthilfe, welche das Bild der +Zwietracht, das Deutschlands Staaten darstellen, zur hoechsten Vollendung +zu bringen gemacht waere." Und wahrlich, der Sueden bot einen jammervollen +Anblick nach dem Abbruch der Darmstaedter Verhandlungen. Jedes Kabinett +ging trotzig und verstimmt seines eigenen Weges. Die darmstaedtische +Regierung versuchte noch einmal (Februar 1824), die oberrheinischen Hoefe +zur Annahme gleichfoermiger Zollgesetze zu bewegen; da dies misslang, gab +sie ihrem Lande eine selbstaendige Zollordnung, welche, dem Volke verhasst, +kaum 80000 Gulden jaehrlich einbrachte. Der kluge du Thil hatte diesen +armseligen Ertrag vorhergesehen, er wollte sich aber fuer kuenftige +Zollvertraege ein Unterhandlungsmittel sichern. Auch Wuerttemberg fuehrte im +selben Jahre ein neues Zollgesetz ein, das dem bayrischen nahe stand. Das +Schmuggelgeschaeft in Frankfurt und in Baden bluehte wie nie zuvor. Toerichte +Retorsionen belaestigten den Verkehr. Als Wuerttemberg mit der Schweiz ueber +einen Handelsvertrag verhandelte, sendete Baden sofort einen +Bevollmaechtigten nach Zuerich, um den Fortgang des Geschaeftes argwoehnisch +zu beobachten. In der Schweiz herrschte dasselbe Elend germanischer +Zersplitterung; konkordierende und nicht konkordierende Kantone fanden des +Haders kein Ende, die Verhandlungen rueckten kaum von der Stelle. + +Nur der Stuttgarter Hof gab in diesem Zeitraum allgemeiner Zerfahrenheit +die Triastraeume und Zollvereinsplaene nicht auf. Der wuerttembergische +Gesandte in Muenchen, Freiherr von Schmitz-Grollenburg, ein ruehriger +Liberaler, gleich seinem Goenner Wangenheim begeistert fuer den Bund der +Mindermaechtigen, liess nicht ab, das bayrische Kabinett um Wiederaufnahme +der Verhandlungen zu bitten. Eine geraume Zeit hindurch fand er keinen +Anklang; sein Freund Lerchenfeld konnte nicht aufkommen gegen Rechberg, +der rundweg aussprach, eine gemeinschaftliche Zollgrenze sei entwuerdigend +fuer die rueckwaertsliegenden Staaten. Auch bestand im altbayrischen Volke +wenig Neigung mehr fuer die Zollvereinsplaene; die oeffentliche Meinung +verlor das Vertrauen zu den immerdar vergeblichen Unterhandlungen. + +Immerhin hatten die Darmstaedter Beratungen die Lage etwas geklaert. +Sueddeutschland zerfiel in zwei Gruppen. Die beiden Koenigreiche auf der +einen, die Rheinuferstaaten auf der anderen Seite, waren sich der +Gemeinschaft ihrer Interessen bewusst geworden. Eben diese Sonderung zweier +Gruppen fuehrte dann zu neuen Einigungsversuchen. Baden schloss mit +Darmstadt (10. September 1824) einen Vertrag, der den eigenen Produkten +der beiden Staaten einige Erleichterung gewaehrte, und sendete sodann +seinen Nebenius zu gleichem Zwecke nach Wuerttemberg. Der badische +Bevollmaechtigte ward in Stuttgart sehr unfreundlich aufgenommen und +wochenlang hingehalten, da der wuerttembergische Unterhaendler stets zur +unpassenden Stunde unwohl wurde. Gekraenkt und verstimmt dachte er schon +heimzureisen; da erfuhr er endlich, dass Wuerttemberg inzwischen schon eine +neue geheime Verhandlung mit Bayern begonnen habe. Die Nachricht von dem +badisch-hessischen Vertrage hatte den Muenchener Hof mit schwerer Sorge +erfuellt. Man fuerchtete die Fuehrerschaft im Sueden zu verlieren und geriet +in Unruhe wegen der Rheinpfalz; diese unzufriedene Provinz forderte +dringend, fast drohend eine Verstaendigung mit den Rheinuferstaaten, die +fuer ihr Handelsinteresse weit wichtiger seien als die altbayrischen Lande. +Ueberdies hatte Blittersdorff den unsterblichen Artikel 19 und die +Handelssache soeben am Bundestage wieder zur Sprache gebracht; und obwohl +dies nur ein Zeichen der Ratlosigkeit war, so wollte doch Bayern jede +Einmischung des Bundes abschneiden. So geschah es, dass +Schmitz-Grollenburgs Antraege jetzt in Muenchen einer guenstigeren Stimmung +begegneten. Koenig Max Joseph(65) gestattete, dass der wuerttembergische +Geheimrat Herzog nach Muenchen kam. Waehrend man Nebenius in Stuttgart mit +leeren Ausfluechten vertroestete, ward an der Isar ueber einen sueddeutschen +Zollverein verhandelt. + +Schon am 4. Oktober 1824 kam dort ein vorlaeufiger Vertrag zustande; im +folgenden Monat traten die Bevollmaechtigten der beiden Koenigreiche in +Stuttgart zusammen, um die Vereinbarung endgueltig festzustellen. Gewitzigt +durch den ziellosen Meinungswirrwar der Darmstaedter Konferenzen, zogen +Bayern und Wuerttemberg diesmal vor, zunaechst unter sich ins reine zu +kommen, dann erst die kleinen Nachbarn zum Beitritt aufzufordern. Ein +richtiger Gedanke, sicherlich, doch die Heimlichkeit des Verfahrens +verletzte die oberrheinischen Hoefe. In Karlsruhe wie in Darmstadt prahlte +man gern: wir koennen Bayerns entbehren, Bayern nicht unser, da wir seine +Verbindung mit der Rheinpfalz beherrschen. Um so bitterer empfand man das +rasche Vorgehen des Muenchener Hofes. Um "den Praetensionen der koeniglichen +Hoefe" entgegenzutreten, eilte Berstett nach Frankfurt, besprach sich dort +mit Marschall. Gleich darauf (19. November 1824) hielten Berstett, +Nebenius, du Thil und Hoffmann in Heidelberg eine geheime Zusammenkunft, +welche der badische Minister selber in einem vertrauten Briefe "ein +Gegengift" gegen die bayrisch-wuerttembergischen Umtriebe nannte. + +Das hier vereinbarte Protokoll, dem nachher auch Marschall beitrat, wurde +bedeutungsvoll fuer die Geschichte der deutschen Handelspolitik; denn hier +spielte der Partikularismus seinen hoechsten Trumpf aus, er stellte seine +letzte und schwerste Bedingung auf. Die verbuendeten Staaten verpflichteten +sich, in fester Gemeinschaft vorzugehen und vornehmlich bei dem Verlangen +zu beharren, dass jeder Staat seine Zollverwaltung selbstaendig fuehre; nur +unter dieser Bedingung sei ein Zollverein moeglich. Baden, das doch in Wien +und in Darmstadt selber eine Zentralverwaltung vorgeschlagen hatte, hielt +jetzt die entgegengesetzte Forderung am hartnaeckigsten fest. Die beiden +Koenigreiche hatten ihr Misstrauen gegen die allzu nachsichtige badische +Zollverwaltung oft und in verletzender Form ausgesprochen. Der Karlsruher +Hof fuehlte sich dadurch tief gekraenkt und -- er fuerchtete die Anwesenheit +bayrischer Zollbeamten in seinem bedrohten pfaelzischen Gebiete. Wir +wollen, schrieb Berstett an du Thil, schlechterdings keinen *status in +statu*(66), kein Funktionieren fremder Beamten in unserem Gebiete; und +jener antwortete: auch keine Verpflichtung der Zollbehoerden fuer die +Gemeinschaft, denn sonst koennte der Grossherzogliche Zolldirektor dem +Minister sich widersetzen! Ebenso nachdruecklich erklaerte Nebenius: "Die +Frage ist ganz einfach diese, ob die Untertanen der einzelnen Staaten in +einem unmittelbaren Verhaeltnis zu der Gemeinschaft stehen sollen"; hege +man kein Vertrauen zu der redlichen Verwaltung der Bundesgenossen, dann +sei ein Zollverein ueberhaupt undenkbar. Es war einfach die Gesinnung des +eifersuechtigen Partikularismus, die hier nackt heraustrat. Aber dieser +Partikularismus blieb die Lebensluft des deutschen Bundesrechts. Der +badisch-darmstaedtische Vorschlag ergab sich folgerecht aus dem Wesen eines +Staatenbundes. Eine Zentralverwaltung fuer das Zollwesen liess sich nur +denken auf dem Boden eines Bundesstaates, eines Reiches. + +Indessen hatten die beiden Koenigreiche ihren Entwurf festgestellt und die +oberrheinischen Kabinette zu Verhandlungen ueber das Beschlossene +eingeladen. Im Februar 1825 begannen die Stuttgarter Konferenzen -- eine +klaeglichere Wiederholung der Darmstaedter Verhandlungen, von Haus aus +verdorben durch Groll und Misstrauen. Dass Nassau keinen redlichen Willen +mitbrachte, errieten die preussischen Diplomaten sofort; was liess sich auch +von diesem Bevollmaechtigten, dem hartkoepfigen Partikularisten Roentgen(67) +erwarten? Die Darmstaedtische Regierung begann schon seit langem zu +bezweifeln, ob ein sueddeutscher Verein ihrem Staate nuetzlich sei. Wein und +Getreide, fuer jetzt fast die einzigen wichtigen Ausfuhrartikel des +Laendchens, fanden ihren Absatz im Norden; und auch wenn der Verein +zustande kam, blieb Darmstadt nach wie vor ein Grenzland, ueberall von +Mauten umstellt. Kurhessen hielt sich den Konferenzen fern. Auch der +badische Bevollmaechtigte Nebenius kam aus unlustig hoffnungsloser Stimmung +nicht heraus, und erschwerte die Verhandlungen durch seine Reizbarkeit. +Der bayrisch-wuerttembergische Entwurf nahm das bayrische Zollgesetz zur +Grundlage, gewaehrte den beiden Koenigreichen eine ueberwiegende Stimmenzahl +und verteilte die Einnahmen nach der Kopfzahl der Bevoelkerung. Hier erhob +sich ein Streit, der wieder ein scharfes Licht warf auf die Gesinnung der +kleinen Hoefe. Sollte die Bevoelkerung berechnet werden nach einer neuen +Zaehlung oder auf Grund der provisorischen Bundesmatrikel? Die Matrikel +diente zum Massstab fuer die militaerischen Leistungen der Bundesstaaten; als +man sie zusammen stellte, ergab sich in vielen Kleinstaaten eine +betruebende Entvoelkerung, eine ueberraschend niedrige Kopfzahl. Jetzt, da +die Zolleinnahmen nach der Staerke der Bevoelkerung verteilt werden sollte, +beteuerten die kleinen Gesandten wie aus einem Munde: die Matrikel genuege +laengst nicht mehr, die Zahl der Einwohner sei inzwischen zur Freude aller +Wohlmeinenden wunderbar schnell gewachsen! + +Den wichtigsten Streitpunkt bildete doch die Frage nach den Formen der +Verwaltung. Die koeniglichen Hoefe verlangten durchaus eine +gemeinschaftliche Zentralverwaltung; sie trauten den Beamten der kleineren +Staaten nicht. Dem wuerttembergischen Finanzminister schien die getrennte +Verwaltung schon darum unzulaessig, weil dann nur sehr geringe +Zolleinnahmen unmittelbar in seine Kassen fliessen wuerden; wer buergte +dafuer, dass die Bundesgenossen ihre Ueberschuesse puenktlich herauszahlten? +Gereizt durch solches Misstrauen, hielten die Minister der Rheinuferstaaten +abermals eine Zusammenkunft in Mainz (Ende Maerz 1825) und beschlossen, +fest auf dem Heidelberger Protokoll zu bestehen. Triumphierend erzaehlte +Marschall an Berstett, wie ueberlegen sein Herzog(68) den Kronprinzen von +Bayern(69) bei einem Besuche in Bieberich abgefertigt habe. "Niemals, +hatte der stolze Nassauer in heiligem Zorne gerufen, niemals werde ich mir +von Euch in meinem Lande Gesetze vorschreiben lassen. Meine +300000 Untertanen sind mir gerade so lieb, wie Euch Eure drei Millionen. +Ich brauche Euch nicht!" -- worauf der Bayer den Austausch +freundnachbarlicher Gefuehle abschloss mit der Beteuerung: "Wir brauchen +Euch auch nicht!" Zugleich setzte der Karlsruher Hof seinen ergebenen +Landtag in Bewegung; der geistreiche allezeit partikularistische +Staatsrechtslehrer Karl Salomon Zachariae(70) kaempfte auf der Rednerbuehne +wider die Anmassung der koeniglichen Hoefe: "wer ist wohl Herr in seinem +Hause, wenn er die Herrschaft mit anderen teilt?" Da gaben Bayern und +Wuerttemberg endlich nach. + +Doch alsbald erhob sich ein neuer Zwist: um den Tarif -- ein Streit, der +bei dem grundtiefen Gegensatz der Meinungen zum Bruche fuehren musste. Baden +gab als hoechsten Zoll fuer Kolonialwaren 11/2 Gulden zu und hielt dies fuer +ein grosses Zugestaendnis, waehrend Bayern fuer Kaffee 15 Gulden forderte; +Wollenwaren dachte Bayern mit 60 Gulden zu belasten, Baden bewilligte nur +8 Gulden als hoechsten Satz fuer Fabrikate. Vergeblich beschwor Miller von +Immenstadt den Karlsruher Hof um Nachgiebigkeit; das Prohibitivsystem +herrsche in der weiten Welt, auch Huskisson koenne mit seinen +freihaendlerischen Traeumen nicht durchdringen. Berstett blieb fest: +"Bayern, schrieb er an Marschall, verlangt, dass wir ohne Ersatz alle +Vorteile unserer geographischen Lage mit ihm teilen. Der Koenig von +Wuerttemberg stimmt den bayrischen Anspruechen zu, um sich die Gewogenheit +einer gewissen Partei zu erhalten". Im August 1825 erklaerte Baden seinen +Austritt und verkuendigte zugleich ein neues Zollgesetz, dessen niedrige +Saetze allgemeine Freude im Lande erregten. Nassau trat ebenfalls zurueck. + +Auch diesmal spielten politische Bedenken mit; eine Reise des Koenigs von +Wuerttemberg nach Paris erweckte die Besorgnis, ob der Bund der +Mindermaechtigen vielleicht mit franzoesischer Hilfe ins Leben treten solle. +Nebenius versicherte spaeterhin, ihm habe in Stuttgart immer der Gedanke an +Deutschlands kuenftige Handelseinheit vorgeschwebt; hohe Schutzzoelle im +Sueden haetten die spaetere Vereinigung mit dem Norden erschweren muessen. Und +sicherlich, wenn unter dem Schutze der bayrischen Zoelle eine jugendliche +Industrie in Oberdeutschland emporwuchs, so blieb dem frueher entwickelten +preussischen Gewerbefleiss wenig Hoffnung, den sueddeutschen Markt fuer sich +zu erobern; der preussische Staat verlor mithin den einzigen Vorteil, den +ihm ein allgemeiner Zollverein, zur Entschaedigung fuer schwere finanzielle +Opfer, versprach. Gleichwohl ist unverkennbar, dass auch der geistreiche +badische Staatswirt sich nicht frei hielt von jener allgemeinen +schwarzsichtigen Verstimmung, welche die truebseligen Stuttgarter +Konferenzen beherrschte. Von hohen Schutzzoellen war ja gar nicht die Rede. +Die von Bayern vorgeschlagenen Zoelle fuer Fabrikate standen erheblich unter +den Saetzen des preussischen Tarifs; die Gefahr, welche Nebenius fuerchtete, +lag zum mindesten noch in der Ferne. Im naechsten Winter hat Bayern noch +einmal versucht, den Verein ohne Baden und Nassau in Gang zu bringen. +Freiherr v. Zu Rhein verhandelte in Stuttgart und Darmstadt. Aber die +Darmstaedter Regierung erwiderte, sie koenne ohne Kurhessen nicht beitreten. +Da der Kasseler Hof sich weigerte, so war auch dieser letzte Versuch +gescheitert. + +So hoffnungslos war die Lage, als Koenig Ludwig den Thron bestieg. Groll +und Erbitterung ueberall. Selbst der bescheidene Handelsvertrag zwischen +Baden und Darmstadt war schon nach Jahresfrist wieder erloschen, weil die +Behoerden mit den Ursprungszeugnissen freundnachbarlichen Missbrauch +trieben. Nach dem bayrischen Thronwechsel schoepfte Koenig Wilhelm von +Wuerttemberg wieder frischen Mut. Er richtete im Dezember 1826 einen Brief +an seinen erlauchten Nachbarn, schlug ihm vor, die abgebrochenen +Verhandlungen wieder aufzunehmen und zunaechst einen +bayrisch-wuerttembergischen Verein zu stiften. Koenig Ludwig ging darauf +ein. Da die beiden Staaten schon in Darmstadt und Stuttgart +zusammengehalten hatten und ihre Zollgesetze nur geringe Unterschiede +aufwiesen, so nahmen die im folgenden Monat zu Muenchen begonnenen +Verhandlungen guenstigen, wenngleich sehr langsamen Fortgang. Am 12. April +1827 wurde ein Praeliminarvertrag unterzeichnet. Man beschloss, "die +angrenzenden Staaten" zum Beitritt aufzufordern und ihnen zugleich die +politische Bedeutung dieses rein deutschen Bundes ans Herz zu legen. Der +werdende Verein war nicht geradezu gegen Preussen gerichtet; er wurde in +Berlin mit gelassener Ruhe angesehen. Freilich ging aus dem Wortlaut jener +Verabredung wie aus dem ganzen Verhalten der Bundesgenossen unzweifelhaft +hervor, dass an Preussens Beitritt nicht entfernt gedacht wurde. Man hoffte +Macht gegen Macht mit Preussen ueber Handelserleichterung zu verhandeln und +wollte im Notfall selbst Retorsionen gegen die preussischen Zoelle anwenden. +Der Verein sollte den Kern des "reinen Deutschlands" bilden, "ein immer +engeres gegenseitiges Anschliessen in allen politischen Beziehungen zur +unmittelbaren heilsamen Folge haben", wie das bayrische Kabinett nach +Stuttgart schrieb. + +Indes die angrenzenden Staaten hatten laengst verlernt, auf einen +sueddeutschen Verein zu hoffen, und sie fuerchteten Bayerns Fuehrung. Am +15. Mai 1827 besprachen sich Berstett und du Thil nochmals in Heidelberg; +gleich darauf sendeten die drei oberrheinischen Hoefe ablehnende Antworten +nach Muenchen. Berstett erwiderte schroff, Baden wolle nicht eine +kuenstliche Industrie durch Schutzzoelle grossziehen. Der Nassauer Hof liess +in Stuttgart seine Verwunderung aussprechen, wie nur Wuerttemberg ein +solches "Merkantilsystem" annehmen und einem groesseren Hofe sich +unterwerfen koenne. Hessen-Darmstadt aber, ausserstande, sein drueckendes und +doch unergiebiges Mautwesen laenger zu halten, verfeindet mit Kurhessen, +voll Misstrauens gegen die sueddeutschen Nachbarn, richtete endlich +bestimmte Antraege nach Berlin. Dergestalt haben jene Muenchener +Verhandlungen die entscheidende Wendung in der Geschichte deutscher +Handelspolitik herbeigefuehrt -- einen heilsamen Umschwung, den weder Koenig +Ludwig noch Koenig Wilhelm beabsichtigte. + + + +b) _Der preussisch-hessische und der bayrisch-wuerttembergische Zollverein._ + + +Minister du Thil, der jetzt die Finanzen und die auswaertigen +Angelegenheiten seines Grossherzogtums zugleich leitete, befand sich, wie +er selbst erzaehlt, in verzweifelter Stimmung. Die Finanznot stieg, das +Volk murrte. Die armen Leineweber auf dem Vogelsberge bei Alsfeld hatten +durch die spanische Revolution ihren Markt verloren, das Hinterland um +Biedenkopf fand, eingepresst zwischen preussische Gebiete, keinen Absatz +mehr fuer seine Teppiche und Wollwaren, der Mainzer Handelsstand konnte die +Last der nahen preussischen Zollstellen kaum mehr ertragen. Im Landtage +verlangten einzelne Stimmen, wie schon vor Jahren der Abgeordnete Perrot, +eine Verstaendigung mit Preussen, andere befuerworteten den sueddeutschen +Verein. Nur darin war man einig, dass der Staat in seiner vereinsamten +Stellung nicht bleiben koenne; die Kammer sprach die Erwartung aus, dass +irgendein Zollverein zustande komme, und gab der Regierung freie Hand. +Grossen Eindruck machte auf den Minister eine von dem Fabrikanten Bayer im +Vogelsberge eingereichte, vom Pfarrer Frank verfasste gruendliche +Denkschrift, die ueberzeugend nachwies, dass der Warenzug des Landes +ueberwiegend durch Preussen gehe. Darum lehnte du Thil die bayrische +Einladung ab, obgleich Lerchenfeld zweimal von Frankfurt herueberkam und +Koenig Ludwig persoenlich im Bade Brueckenau den hessischen Staatsrat Hofmann +zu ueberreden suchte. Immer klarer ward ihm die Erkenntnis, dass nur der +Beitritt zum preussischen Zollsystem noch retten koenne. Es war ein kuehner +Entschluss fuer den Minister eines Mittelstaates; denn im Grunde waren doch +alle bisherigen sueddeutschen Zollverhandlungen zur Abwehr gegen das +preussische Zollwesen unternommen worden, und seit dem Koethener Streite +stand an saemtlichen Hoefen die Meinung fest, dass durch eine Verstaendigung +mit Preussen die souveraene Wuerde schimpflich preisgegeben werde. Indes der +mutige Minister war gewoehnt, die Stimmungen des Tages gering zu schaetzen, +er pflegte in den Landtagsverhandlungen seine selbstaendige Gesinnung oft +sehr scharf und nicht ohne verletzende Ironie auszusprechen. + +Aber wuerde Preussen auf den unerwarteten Antrag eingehen? Schon im Sommer +1825 hatte der Darmstaedter Hof einmal in Berlin angefragt, ob Preussen +geneigt sei, einen Zollverein mit beiden Hessen abzuschliessen, und sofort +eine zustimmende Antwort erhalten. Nachher war Preussen aber wieder +zurueckgetreten, weil Kurhessen sich dem Plane versagte, und damals in +Berlin noch die Meinung herrschte, die Erweiterung des Zollsystems duerfe +nur "von Grenze zu Grenze", von dem naeheren Nachbarn zu dem entfernteren +vorschreiten. Aus dieser Meinung erklaerte es sich auch, dass ein halbes +Jahr darauf eine zweite, sehr unbestimmt gehaltene Anfrage aus Darmstadt +dahin beantwortet wurde: Verhandlungen mit Darmstadt allein verspraechen +keinen Erfolg, weil das Grossherzogtum nicht an Preussen angrenze. + +Von den freieren und kuehneren Ansichten, welche Motz sich inzwischen +gebildet hatte, ahnte du Thil nichts. Er fuehlte sich des Erfolges so wenig +sicher, dass er nicht einmal seinen greisen Grossherzog(71) zu unterrichten +wagte, sondern zunaechst bei Bernstorff, mit dem er von den Wiener +Konferenzen her befreundet war, vertraulich anfragte. Bernstorff aber +kannte die Plaene des Finanzministers ebensowenig wie der Hesse, da er seit +Jahren die Handelssachen an Eichhorn zu ueberlassen pflegte, und gab eine +zaghafte Antwort: finanziellen Gewinn verspreche der Vertrag fuer Preussen +nicht, und auf eine unbedingte Unterwerfung des Grossherzogtums werde Koenig +Friedrich Wilhelm selbst nicht eingehen wollen. Erst als du Thil +erwiderte, an eine Mediatisierung seines Grossherzogs denke er auch +keineswegs, sendete Bernstorff einen zweiten, ermutigenden Brief. + +Nunmehr weihte der hessische Minister seinen Grossherzog in das Geheimnis +ein und stellte bei dem preussischen Gesandten v. Maltzan, der trotz +wiederholter Andeutungen nicht aus seiner Zurueckhaltung herausgegangen +war, am 10. August 1827 die foermliche Anfrage, ob man in Berlin geneigt +sei, einen geheimen Bevollmaechtigten seines Hofes zu empfangen. Die Frage +lautete noch immer unbestimmt genug, du Thil sprach nur von gegenseitigen +Handelserleichterungen. Und selbst wenn der bedraengte Darmstaedter Hof, wie +zu erwarten stand, weiter ging und zu einem wirklichen Zollverein die Hand +bot, welchen Vorteil gewaehrte ein solcher Bund den Finanzen und der +Volkswirtschaft Preussens? Der kleine Staat besass kein zusammenhaengendes +Gebiet, grenzte nur auf drei Stellen, auf wenige Meilen, an preussisches +Land. Eben jetzt hoffte man in Berlin, die Vertraege mit den Enklaven +endlich zum Abschluss zu bringen; gelang dies, so war ein klarer Gewinn +erreicht, die Laenge der Zollgrenzen verminderte sich von 1073 auf +992 Meilen. Trat Darmstadt hinzu, so waren wieder 1108 Grenzmeilen zu +bewachen, waehrend das freie Marktgebiet sich nur um 152 Geviertmeilen +vergroesserte. Eine sehr betraechtliche Vermehrung des Absatzes preussischer +Fabrikware stand nicht in Aussicht, da Darmstadt nicht zu den stark +konsumierenden Laendern zaehlte. Nur die bergisch-maerkische Industrie durfte +auf Erweiterung ihres Verkehrs rechnen. Im Mosellande dagegen fuerchtete +man die Konkurrenz der rheinhessischen Weine. Den Staatskassen drohte +geradezu Verlust, wenn die Zolleinkuenfte nach der Kopfzahl verteilt +wurden. Das kleine Nachbarland verzehrte weit weniger Kolonialwaren, hatte +bisher eine zehnmal niedrigere Zolleinnahme bezogen als Preussen: Darmstadt +kaum 21/2 Sgr., Preussen 24 Sgr. auf den Kopf der Bevoelkerung. + +Motz war gerade auf einer Dienstreise abwesend, als die Nachrichten aus +Hessen einliefen. Maassen aber, der ihn vertrat, durfte als schlichter +Amtsverweser nur wiederholen, was schon zweimal vom Finanzministerium +erklaert worden war: er wies die Verhandlungen ueber Handelserleichterungen +nicht ab, hielt jedoch einen Zollverein fuer unmoeglich, da Hessen allzu +sehr zerstueckelt sei und ein so weit abweichendes Steuersystem besitze. Im +Auswaertigen Amte dachte man mutiger. Eichhorn fand es hochbedenklich, +einen deutschen Bundesgenossen zurueckzuweisen, der in ernster Verlegenheit +sich an Preussen wende; er riet aus politischen Gruenden dringend, auf du +Thils Wuensche einzugehen; nur solle nicht bloss ein Handelsvertrag, sondern +eine dauernde Verbindung geschlossen werden. Zugleich schrieb +Otterstedt(72) aus Karlsruhe: dass Koenig Ludwig bei seinem Zollverein +politische Nebenplaene verfolge, sei offenkundig; jetzt gelte es, Preussens +Ansehen zu wahren. Er verbuergte sich fuer du Thils Ehrlichkeit, mahnte +aber, das strengste Geheimnis bei den Verhandlungen zu bewahren, damit +nicht Oesterreich und Bayern vereint in Darmstadt entgegenarbeiteten. +Unterdessen war Motz heimgekehrt, und sofort trat er mit den Plaenen +heraus, die ihm waehrend der letzten Jahre aufgestiegen waren. Der kuehne +Mann erklaerte sich bereit, jetzt den unvorteilhaften Vertrag mit Darmstadt +zu schliessen, weil er hoffte, dass dies Beispiel die mitteldeutschen +Nachbarn nachziehen werde; auf die niederdeutschen Staaten war ja doch +nicht zu rechnen. Es ist sehr wichtig, schrieb er dem Minister des +Auswaertigen, beide Hessen und alle saechsischen Regierungen, auch das +Koenigreich, in unser Steuersystem aufzunehmen. "Ich bin auch nicht +besorgt, dass diese einen anderen Steuerverband waehlen werden, weil ihr +Finanzinteresse nur in einer Verbindung mit uns bedeutend gewinnen und sie +drueckender Finanzsorgen entheben wird. Ich hoffe und wuensche, dass +Hessen-Darmstadt, dessen Finanzverlegenheit bekannt ist und welches hier +die richtige Medizin findet, damit den Anfang machen, und die anderen +genannten Regierungen dann bald nachfolgen werden." + +Waehrend also die Berliner Behoerden unter sich berieten, setzten Bayern und +Wuerttemberg alle Hebel ein, um den Kurfuersten von Hessen fuer ihren +werdenden Verein zu gewinnen. Drangen sie durch, so schien die Verbindung +Darmstadts mit Preussen kaum raetlich. Daher sendete du Thil den Prinzen +August Wittgenstein nach Kassel, angeblich, wie er Maltzan sagte, um den +Kurfuersten zu warnen vielleicht auch, um fuer alle Faelle gedeckt zu +bleiben. Am Kasseler Hofe ueberwog der Widerwille gegen den +konstitutionellen Sueden und die Furcht vor jeder Schmaelerung der +Souveraenitaet; Bayerns Bemuehungen scheiterten. + +Nun erst war das Feld frei. Der Koenig erlaubte den Beginn der +Verhandlungen und am 6. Januar 1828 erschien Staatsrat Hofmann in Berlin, +derselbe, der einst bei der Begruendung der hessischen Verfassung so +wirksam mitgeholfen hatte, ein sachkundiger Geschaeftsmann, von starkem +Ehrgeiz, keineswegs unempfindlich fuer die Vorteile, welche beim Abschluss +wichtiger Vertraege dem Unterhaendler zuzufallen pflegen. Der gewandte Mann +hatte verstanden, zugleich mit den Liberalen ein gutes Einvernehmen zu +unterhalten und sich im Vertrauen seines Fuersten zu behaupten; mit +Wangenheim in Freundschaft zu leben, ohne den Grossmaechten verdaechtig zu +werden. Die handelspolitische Verstaendigung mit Preussen war ihm seit +Jahren ein gelaeufiger Gedanke. In der diplomatischen Welt stritt man sich, +ob Hofmann in Privatangelegenheiten eines hessischen Prinzen reise, oder +den Verkauf der Kreuznacher Saline in Berlin vermitteln solle. So durch +die Hintertuer, wie der Dieb in der Nacht, ist diese folgenreiche +Entscheidung in unsere Geschichte eingetreten. Das Geheimnis war nur zu +noetig. In Darmstadt wuenschten zwar Minister Grolman(73) und Prinz Emil +aufrichtig die Verstaendigung mit Preussen; doch die oesterreichische Partei +arbeitete in der Stille, ein voreiliges Wort konnte alles verderben. + +Der hessische Bevollmaechtigte beantragte nur die gegenseitige Herabsetzung +einer langen Reihe von Zoellen auf ein Zehntel der bisherigen Saetze; als +unerlaessliche Bedingung stellte er den Kernsatz jenes Heidelberger +Protokolls auf: selbstaendige Zollverwaltung fuer Darmstadt. Alsbald trat +ihm Motz entgegen mit dem Bedenken: Zollerleichterungen seien unfruchtbar, +weitlaeufig, gefaehrlich; Preussen muesse die vollstaendige Annahme seines +Zollgesetzes verlangen. Unter solchen Umstaenden mussten die Verhandlungen +entweder scheitern oder zu einem Kompromisse fuehren: zur Bildung eines +Zollvereins auf Grund des preussischen Zollgesetzes, aber mit selbstaendiger +Zollverwaltung fuer beide Teile. Ueberraschend schnell, in wenigen Tagen +wurde die Loesung gefunden, wonach die sueddeutschen Kabinette in +jahrelangen Verhandlungen getrachtet hatten. Am 11. Januar 1828 fand die +erste foermliche Konferenz im Finanzministerium statt, und hier wurde +bereits von allen Seiten anerkannt, dass nur eine vollstaendige Vereinigung +moeglich sei: Darmstadt trat in das preussische Zollsystem ein; Preussen, +laengst bereit "ueber Formalitaeten leicht hinwegzugehen", gewaehrte dem +Verbuendeten gleiches Stimmrecht bei Abaenderungen der Zollgesetze und eine +selbstaendige Zollverwaltung, die aber streng nach preussischem Muster +eingerichtet werden sollte. Mit diesem Entschlusse war alles Wesentliche +entschieden. Die naechste Konferenz vom 17. Januar behandelte nur noch +Detailfragen. Am 24. Januar berichtete Eichhorn dem Koenige: der Vertrag +verspreche allein fuer Hessen finanzielle und volkswirtschaftliche +Vorteile, fuer Preussen dagegen einen grossen politischen Gewinn, da die +kleinen Staaten auf diesem Wege dauernd an uns gefesselt werden. Am +3. Februar genehmigte der Koenig den Abschluss der Verhandlungen; in seiner +streng rechtlichen Gesinnung fuegte er ausdruecklich die Bedingung hinzu: +"die deutschen Nachbarstaaten, besonders Baden, duerfen dadurch nicht in +ihrem Interesse getraenkt werden." + +So kam denn am 14. Februar 1828 jener denkwuerdige Vertrag zustande, der in +Wahrheit die Verfassung des deutschen Zollvereins feststellte. Er verhaelt +sich zu den spaeteren Zollvereinsvertraegen genau so, wie die Verfassung des +Norddeutschen Bundes zu der heutigen Reichsverfassung sich verhaelt. Durch +den Zutritt anderer, groesserer Mittelstaaten haben sich spaeterhin die +zentrifugalen Kraefte des Zollvereins erheblich verstaerkt; einzelne +Bestimmungen des Vertrags wurden im foederalistischen Sinne abgeschwaecht; +doch die Fundamente des preussisch-hessischen Vertrags blieben +unerschuettert. Darmstadt nahm die preussischen Zoelle an und gab ueberdies +die vertrauliche Zusage, dass auch die wichtigsten preussischen +Konsumtionssteuern eingefuehrt werden sollten. Der Kreis Wetzlar tritt +unter die darmstaedtischen, das hessische Hinterland unter die +westfaelischen Zollbehoerden. Preussen ernennt einen Rat bei der +Zolldirektion in Darmstadt, Hessen desgleichen bei der Steuerdirektion zu +Koeln. Beide Staaten beaufsichtigen wechselseitig ihre Hauptzollaemter durch +Kontrolleure; eine Konferenz von Bevollmaechtigten verteilt alljaehrlich die +gemeinschaftlichen Einnahmen nach Verhaeltnis der Kopfzahl. Dergestalt war +die Rechtsgleichheit der Verbuendeten, die souveraene Wuerde des +darmstaedtischen Reiches, mit peinlicher Sorgfalt gewahrt. Die milde +Kontrolle aenderte wenig an der Selbstaendigkeit der hessischen +Zollverwaltung; der Verein beruhte im Grunde nur auf gegenseitigem +Vertrauen. Nach den bisherigen Leistungen kleinstaatlicher Zollverwaltung +konnten die preussischen Geschaeftsmaenner einen solchen Vertrag nicht ohne +ernste Bedenken unterschreiben. Die hessische Regierung aber hat das gute +Zutrauen gerechtfertigt, sie liess das neue Zollwesen unter der +einsichtigen Leitung des Finanzrats Biersack fest und redlich durchfuehren. +Diese deutsche Treue, diese ehrenhafte Erfuellung der eingegangenen +Verbindlichkeiten bildet ueberhaupt das beste Verdienst, das die +Mittelstaaten um den Zollverein sich erworben haben; der Abschluss der +Vertraege selbst war nicht eine freie patriotische Tat der kleinen Hoefe, +sondern ein Ergebnis der bitteren Not. + +Ebenso streng wurde die Gleichberechtigung der Verbuendeten in Sachen der +Zollgesetzgebung aufrecht erhalten. Der Artikel 4 lautete urspruenglich: +Abaenderungen der Zollgesetze sollen nur in "gegenseitigem Einvernehmen" +erfolgen, "und es sollen alle diese Veraenderungen im Grossherzogtum Hessen +im Namen S. K. H. des Grossherzogs verkuendigt werden." Diese Fassung +erregte in Darmstadt schmerzliches Aufsehen. Prinz Emil selbst eilte zu +Maltzan, stellte ihm vor: "der Grossherzog weiss, dass man in Berlin selbst +nicht wuenscht, dass die grossherzogliche Regierung in den Augen des uebrigen +Deutschlands erniedrigt werde." Eichhorn, der laengst verlernt hatte, sich +ueber die Weltanschauung deutscher Kleinfuersten zu verwundern, ging auf die +Bitte ein; er strich jene erniedrigenden Worte, ersetzte sie nachtraeglich +durch die Wendung: "und sollen von jeder der beiden Regierungen ihrerseits +verkuendigt werden". Damit war das europaeische Gleichgewicht zwischen +Preussen und Darmstadt wieder hergestellt. + +So bereitwillig die preussischen Staatsmaenner in diesen laecherlichen +Formfragen nachgaben, ebenso schwer fiel ihnen der Entschluss, den Inhalt +des Artikels 4 selbst anzunehmen. Wann hatte denn jemals eine Grossmacht +ihre Zollgesetzgebung dem guten Willen eines Staates vom dritten Range +unterworfen? Es war vorauszusehen, dass dieser darmstaedtische Vertrag allen +spaeteren Zollvereinsvertraegen ebenso zum Vorbilde dienen wuerde, wie der +Sondershausener Vertrag das Muster gewesen war fuer alle nachfolgenden +Enklavenvertraege. In jenem Augenblick freilich standen die kleinen +Kabinette den Ideen des Freihandels sogar noch naeher als Preussen. Doch +konnte dem Scharfblick Motzs und Maassens nicht entgehen, dass diese +Parteistellung in einer nahen Zukunft sich gaenzlich verschieben wuerde, +sobald in Oberdeutschland eine junge Grossindustrie entstand. Der +preussischen Zollgesetzgebung drohte vielleicht Stillstand und +Verkuemmerung, wenn die Mittelstaaten ein Veto erhielten. + +Alle diese staatswirtschaftlichen Bedenken mussten verstummen vor den +glaenzenden Aussichten, welche sich der nationalen Politik Preussens +eroeffneten. Darmstadt -- so berichtete Eichhorn dem Koenige -- empfaengt durch +den Vertrag erst die Moeglichkeit eines haltbaren Zollsystems. Preussen +gewinnt die wichtige Position in Mainz, verhindert den sueddeutschen +Sonderbund, in den Norden hinein vorzudringen, und darf mit Sicherheit +darauf rechnen, dass Hessens Beispiel Nachfolge finden, eine grosse +handelspolitische Vereinigung entstehen wird. Nochmals wird sodann dem +Koenig versichert, dass jede Feindseligkeit gegen deutsche Staaten vermieden +werden solle. "Die Vereinigung ist von Ew. Maj. Behoerden weder gesucht, +noch weniger durch verfuehrerische Lockungen veranlasst worden; man hat nur +Antraege und Vorschlaege, welche von der grossherzoglichen Regierung +ausgingen, entgegengenommen." + +Der neue Zollverein sollte bis zum 31. Dezember 1834 dauern und dann, +sofern keine Kuendigung erfolge, auf weitere sechs Jahre verlaengert werden. +Das Recht der Kuendigung blieb {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} die einzige Waffe, um Preussen +sicherzustellen gegen den Missbrauch des gleichen Stimmrechts. +Handelsvertraege schloss Preussen allein -- denn der Zusatz "unter Mitwirkung +und Zustimmung Darmstadts" war praktisch wertlos. In allem uebrigen bestand +vollstaendige Gleichheit der Rechte. + +Auch um diesen Vertrag hat sich ein zielloser Prioritaetsstreit erhoben. +Der partikularistische Neid will die Tatsache nicht zugeben, dass die +Verfassung des Zollvereins in Berlin ersonnen wurde. Man behauptet, der +preussisch-hessische Verein sei lediglich dem bayrisch-wuerttembergischen +Verein nachgebildet worden, welcher einige Wochen vorher, am 18. Januar +1828, zustande kam und ebenfalls das gleiche Stimmrecht, die selbstaendige +Zollverwaltung der Bundesgenossen anerkannte. Ein Blick auf die Tages- und +Jahreszahlen genuegt, um dies Maerchen zu widerlegen. Der Fundamentalsatz +der Zollvereinsverfassung, die Paritaet und Unabhaengigkeit der +Bundesgenossen, wurde in der Konferenz vom 11. Januar zwischen Preussen und +Darmstadt vereinbart, acht Tage bevor der bayrisch-wuerttembergische +Vertrag abgeschlossen wurde -- in einem Augenblick, da man zu Berlin den +Gang der Muenchener Verhandlungen noch nicht naeher kannte. Die neueste aus +Muenchen eingelaufene Nachricht sagte nur: noch bleibe zweifelhaft, ob der +sueddeutsche Verein gemeinsame oder getrennte Zollverwaltung haben solle, +das letztere sei allerdings wahrscheinlicher. Der Gedanke lag eben in der +Luft, er ergab sich mit Notwendigkeit aus den fruchtlosen +Zollverhandlungen der juengsten Jahre, er wurde von den norddeutschen und +von den sueddeutschen Zollverbuendeten gleichzeitig angenommen, ohne dass sie +voneinander wussten. Im Grunde ist der ganze Streit muessig. Der Entschluss, +von dem die Zukunft deutscher Handelspolitik abhing, konnte nur in Berlin +gefasst werden. Ob Bayern und Wuerttemberg einander die Paritaet zugestanden, +war gleichgueltig. Doch ob die norddeutsche Grossmacht die unerhoerte +Selbstverleugnung finden wuerde, mit einem Staate dritten Ranges sich +bescheiden auf eine Linie zu stellen -- an dieser Frage hing alles. Sobald +Preussen diesen Entschluss fasste, war dem Souveraenitaetsduenkel der kleinen +Hoefe der letzte Vorwand genommen und die Bahn gebrochen fuer Deutschlands +Handelseinheit. Dem gewissenhaften Notizensammler soll unvergessen +bleiben, dass Bayern und Wuerttemberg den "ersten" Zollverein in Deutschland +gruendeten, ihre Verhandlungen etwas frueher beendigten als Preussen und +Darmstadt. Fuer den Historiker hat die Tatsache geringen Wert. Denn der +sueddeutsche Verein erwies sich als ein verfehlter Versuch und ging bald +zugrunde; der preussisch-hessische Verein bewaehrte sich und wuchs. Aus +diesem, nicht aus jenem, ist der grosse deutsche Zollverein hervorgegangen. + +Eichhorn fuehlte, dass die Dinge endlich in Fluss kamen. Voll froher +Zuversicht richtete er im Maerz an die Gesandtschaften in Deutschland eine +eingehende Instruktion. Er schildert darin den Gang der preussischen +Handelspolitik, das System des bewussten, berechneten Abwartens, das so +gute Fruechte getragen habe. Er zeigte sodann, wie mit dem Darmstaedter +Vertrage die entscheidende Wendung eingetreten sei: diese Verhandlungen +waren besonders darum nuetzlich, weil sie "die Moeglichkeit eines +gemeinschaftlichen Zollsystems fuer Staaten, die geographisch unabhaengig +sind, erwiesen. An die Stelle eines dunklen Gefuehls, welches frueherhin +eine Vereinigung in einer unbestimmten Richtung suchte, ist eine klare +Erkenntnis getreten." Man sieht heute in der Aufnahme der +staatswirtschaftlichen Grundsaetze eines anderen Staates nicht mehr eine +Verleugnung der Souveranitaet. Nichtsdestoweniger soll die Diplomatie nach +wie vor eine ruhig zuwartende Haltung behaupten. Ebenso zuversichtlich +schrieb Eichhorn an Motz: Unsere Handelspolitik hat sich bewaehrt und wird +noch groessere Erfolge erringen, wenn wir die Anfragen anderer Staaten +geduldig abwarten. Der bayrisch-wuerttembergische Verein ist lose und wird +noch lockerer werden, wenn er wider Erwarten neue Bundesgenossen finden +sollte. + +In der Tat erwies sich in Hessen wie einst in den Enklaven sehr rasch der +Segen der preussischen Gesetze. Im ersten Augenblick war die Stimmung im +Lande noch geteilt. Das Starkenburger Land sah den gewohnten kleinen +Verkehr mit dem Frankfurter Markte mannigfach belaestigt, und in der Kammer +klagten nach deutschem Brauche einzelne Patrioten beweglich ueber den +"Loewenvertrag", welchen Preussens Schlauheit der hessischen Unschuld +auferlegte. Der Handelsstand in Mainz und Offenbach dagegen sprach der +Regierung seinen Dank aus, und bald regte sich ueberall im Lande ein neues +Leben. Vor kurzem noch hatte man in Berlin geplant, eine Messe in Koeln zu +errichten, die dem Mainzer und Frankfurter Verkehr das Gegengewicht halten +sollte: jetzt entstand in Offenbach ein schwunghafter Messverkehr, der +namentlich im Ledergeschaefte das reiche Frankfurt zu ueberfluegeln begann. +Die beiden Verbuendeten bauten eine grosse Strasse von Paderborn ueber +Biedenkopf nach Giessen und weiter suedwaerts, so dass ein fast zollfreier +Strassenzug den Neckar mit der Ostsee verband. Nach zwei Jahren war die +handelspolitische Opposition in den Kammern fast voellig verstummt. Graf +Lehrbach, der den Minister wegen Landesverrats verklagen wollte, stand +vereinsamt; der Abgeordnete Schenk aber dankte der Regierung und schloss +gemuetlich: Das einzige Mittel gegen den Wunsch nach politischer Einheit +ist die Zolleinigung! Mit Selbstgefuehl verwies Hofmann auf die guenstigen +Rechnungsabschluesse und sagte "mit voller Zuversicht dieser auf +gegenseitige Vorteile gegruendeten Verbuendung Bestand und Dauer voraus: so +werden Sie hoffentlich bald dasjenige verwirklicht sehen, was noch vor +wenigen Jahren zwar Gegenstand Ihrer angelegentlichsten Wuensche war, aber +nach so vielen vergeblichen Verhandlungen kaum in dem Reiche der +Moeglichkeit zu liegen schien." Auch in Preussen hielten die Klagen der +Geschaeftswelt, die sich anfangs laut genug erhoben, nicht lange vor. +Unterdessen hatte der Koenig sein gesamtes thueringisches Gebiet in die +Zollinie aufgenommen; die Lage der ernestinischen Fuerstentuemer ward fast +unertraeglich. Es schien undenkbar, dass Kurhessen und Thueringen, also von +allen Seiten umklammert, ihren toerichten Widerstand fortsetzen sollten. + +Und doch sollte das Undenkbare geschehen. Auf das erste Geruecht hin +versuchten allerdings einige Kleinstaaten, sich den Verbuendeten zu naehern +-- lediglich in der Absicht, den Inhalt des Vertrages, der noch streng +geheim gehalten wurde, zu erfahren. Praesident Krafft in Meiningen schrieb +an Hofmann, bat um Aufklaerung, deutete gewichtig an, dass Meiningen +vielleicht dem hessischen Beispiel folgen werde, wenn man nur die +Machtstellung dieses Reiches nach Gebuehr wuerdige: "Die Lage des Landes +Meiningen laesst seinen Wert den geographischen Umfang desselben +ueberschreiten, indem mehrere der frequentesten Landstrassen die +Handelsplaetze an den Kuesten der Nordsee mit einem bedeutenden Teile des +suedlichen Deutschlands, der Schweiz und Italiens verbinden, und Preussen, +Bayern und Kurhessen zu seinen wichtigeren Grenznachbarn gehoeren." Die +Meininger Welthandelsstrassen boten unleugbar auf der Landkarte einen sehr +stattlichen Anblick; gebaut waren sie freilich noch nicht, auch besass das +Laendchen durchaus nicht die Mittel, sie jemals zu bauen. Motz, dem die +Naturgeschichte des deutschen Kleinstaats einen unerschoepflichen Quell der +Ergoetzung bot, sendete das Meininger Schreiben an Hofmann zurueck und +versicherte, die geographische Bedeutung des Herzogtums sei ihm ganz neu; +dann schloss er wehmuetig: "es ist betruebt, wenn solche ueberspannte Diener +dazu beitragen, dass dem Souveraenitaetsduenkel ihrer Fuersten auch noch ein +Strassenduenkel hinzugefuegt wird." Der Vorfall blieb dem klugen Manne +unvergessen; der Meininger Strassenduenkel sollte zur rechten Stunde noch +eine Rolle spielen in der deutschen Geschichte. Noch durchsichtiger war +ein diplomatisches Kunststueck der freien Stadt Frankfurt. Der alte +Rothschild erschien bei Otterstedt, um verbindlich anzufragen, ob nicht +auch Frankfurt mit Preussen einen aehnlichen Vertrag schliessen koenne. Nun +wusste alle Welt, dass die Handelspolitik dieser Republik lediglich in einer +systematischen Pflege des Schmuggels bestand. Der Fuehler hatte also nur +den Zweck, den Senat ueber die Bedingungen des preussisch-hessischen +Vertrages zu unterrichten, damit die Frankfurter Schmuggler sich darauf +einrichten konnten. Selbstverstaendlich wurde der diplomatische Boersenfuerst +mit einigen allgemeinen Redensarten heimgeschickt. + +Unter den deutschen Hoefen war nur einer, der den preussisch-hessischen +Verein mit Freude begruesste: der badische Hof. Allein durch Preussens +Beistand konnte Grossherzog Ludwig hoffen, seine Pfalz gegen Bayern zu +behaupten; daher schrieb er an Blittersdorff: "ich freue mich, einen +Einfluss vermehrt zu sehen, dem ich, besonders im gegenwaertigen Augenblick, +soviel verdanke". Zugleich hoffte man in Karlsruhe die Absichten der +badischen Handelspolitik nunmehr in Sueddeutschland durchzusetzen, denn +seit Darmstadt zu Preussen uebergetreten, bildete Baden allein die fuer +Bayern unentbehrliche Verbindung zwischen Franken und der Pfalz. + +Alle anderen Hoefe vernahmen die erste unsichere Kunde aus Berlin mit +unbeschreiblichem Schrecken; die Nachricht fiel wie eine Bombe in die +diplomatische Welt. Selbst Blittersdorff, der doch die entgegengesetzten +Ansichten seines Souveraens kannte, enthielt sich nicht zu jammern ueber +"dies Unglueck, diesen neuen Beweis preussischer Selbstsucht": es sei ja +klar, Preussen wolle nur den hessischen Markt fuer seine Fabrikate +ausbeuten, und glaube selber nicht an die Dauer der Verbindung. Was der +Heisssporn also herauspolterte, war nur der Widerhall der erregten Reden +der oesterreichischen Partei am Bundestage. Muench(74) und Langenau(75) +versicherten entruestet: jetzt endlich sei Preussens masslose Herrschsucht +entlarvt. Vor kurzem noch hatten sie auf den preussischen Hochmut +gescholten, der jede Verstaendigung mit den Nachbarn abweise. Am lautesten +laermte Marschall ueber diesen "Unterwerfungsvertrag", den er ebensowenig +gelesen hatte wie die anderen aus der oesterreichischen Sippe. Er traf +sogleich Anstalten zur Beguenstigung des Schmuggels in Bieberich und den +anderen Rheinhaefen. Der Gedanke, dass Nassau jetzt wie Anhalt zur +preussischen Enklave werden solle, war seinem Nationalstolze schrecklich. +Dann liess er durch die getreue Oberpostamtszeitung die Luege verbreiten, +Preussen habe auch Nassau zum Beitritt eingeladen, sei aber stolz +zurueckgewiesen worden. Der untertaenige Landtag stimmte der Ansicht des +Ministers zu, als dieser erklaerte: eine Erhoehung der Staatseinnahmen sei +ueberfluessig; fuer Nassaus europaeische Politik wie fuer seine Volkswirtschaft +koenne der Anschluss an Preussen nur gefaehrlich werden. + +Dass Muench und Langenau nicht ohne geheime Weisungen handelten, liess sich +leicht erraten. Zum Ueberfluss sprach Fuerst Metternich selbst seine +Bestuerzung in sauersuessen Worten aus. Der preussische Gesandte teilte dem +oesterreichischen Staatskanzler eine Denkschrift mit, die sich ausfuehrlich +ueber Preussens bisherige Handelspolitik verbreitete. Darauf erwiderte der +Fuerst: "Der Darmstaedter Vertrag hat grosses Aufsehen erregt, wie ja alles +in Deutschland missdeutet wird. Doch ist uns lieb, dass Preussen sich so +offen ausspricht; mit der Denkschrift bin ich im wesentlichen +einverstanden. Bayern hat uns kuerzlich aufgefordert, den +preussisch-hessischen Vertrag zu hintertreiben. Wir lehnten ab, da solche +Vertraege eine Konsequenz der Souveraenitaet sind. Ich kann aber nicht +verhehlen, dass, sobald dergleichen Verbindungen aufhoeren, bloss aus dem +administrativen Gesichtspunkt betrachtet zu werden und ihnen eine +politische Tendenz zugrunde gelegt wird, die Grundgesetze des Bundes ihnen +entgegenstehen." Darauf empfahl er dem preussischen Hofe abermals, wie +einst auf dem Aachener Kongress, die Vorzuege der k. k. Provinzialmauten: +wenn man in Preussen Provinzialzoelle einfuehrte, so wuerde man der laestigen +Zollvertraege nicht beduerfen! Mit Entzuecken vernahm Motz diese +Orakelsprueche und schrieb an Eichhorn: "Von den Finanzansichten des +Fuersten v. Metternich werden wir wohl keinen Gebrauch machen koennen. +Dagegen wollen wir nicht bestreiten, dass es in vieler Beziehung fuer uns +ohne Nachteil sein wird, wenn er fuer Oesterreich bei seinen erleuchteten +Ansichten beharrt." Zudem wusste Eichhorn, wie eifrig der k. k. Gesandte in +Darmstadt der Ratifikation des Vertrages entgegengewirkt hatte; noch im +Februar war Otterstedt von Karlsruhe hinuebergeeilt, um dem +oesterreichischen Einfluss die Wage zu halten. + +Auch jenes deutsche Kabinett, das damals dem Berliner Hofe am naechsten +stand, auch Hannover, ueberraschte durch auffaellige Ungezogenheit. Der +Koenig wollte nicht, dass das befreundete Nachbarland aus dem neuen Verein +Besorgnis schoepfe. Er befahl daher eine Ausnahme zu machen von der Regel, +wonach Preussen sich aller handelspolitischen Anerbietungen enthalten +sollte, und liess in Hannover einige neue Strassenzuege und bedeutende +Zollerleichterungen vorschlagen, da nach den Grundsaetzen der hannoverschen +Politik ein wirklicher Zollverein doch nicht zu erwarten stand. Aber diese +Eroeffnungen blieben unerwidert. Das war mehr als Verstimmung; das deutete +auf feindselige Plaene, die im Dunkeln sich vorbereiteten. + +Die oeffentliche Meinung zeigte sich, wie immer in der Geschichte des +Zollvereins, noch verblendeter als die Kabinette, und die Hofburg +verstand, trotz ihres Hasses gegen den Liberalismus, den liberalen +Unverstand vortrefflich auszubeuten. In Frankfurt arbeitete unter Muenchs +Augen eine k. k. Korrespondenzenfabrik: mit merkwuerdiger Uebereinstimmung +erzaehlten der Nuernbergische Korrespondent, die Elberfelder Zeitung, das +Frankfurter Journal von unseligen Darmstaedter Industriellen, die Haus und +Hof verliessen, um den preussischen Zoellen zu entgehen. Die Augsburger +Allgemeine Zeitung liess sich aus Darmstadt schreiben: man muss heute +einundzwanzigmal preussisch reden, ehe man einmal hessisch reden darf; das +unglueckliche Land traegt zweifache Lasten, die neuen Mauten und die alten, +da ja fuer Wein und Tabak Ausgleichungsabgaben erhoben werden. Auch +unabhaengige Blaetter, wie der Altonaer Merkur und die Neue Mainzer Zeitung, +erzaehlten die Fabel vom Fuchs, der im Stalle zum Pferde sagte: tritt mich +nicht, ich will dich auch nicht treten! + +Die preussische Regierung konnte sich in den Kuensten des literarischen +Minenkriegs niemals mit Oesterreich messen; sie begnuegte sich, den +oesterreichischen Tendenzluegen lehrhafte Berichtigungen in der +Staatszeitung entgegenzustellen; das unglueckliche Blatt krankte aber an +der Erbsuende aller offizioesen Blaetter, der Trockenheit. Auf allgemeine +Zustimmung konnte in diesem Lande der Kritik kein Schritt der Regierung +rechnen. Nicht bloss unter den Industriellen zitterten viele vor der +drohenden Vermehrung der Konkurrenz. Auch eine Schule innerhalb des +Beamtentums, Schoen mit seinen ostpreussischen Freunden, schalt auf diese +Bummler in Berlin, die daheim nicht Ruhe faenden und auswaerts unnuetze +Haendel anzettelten. + +Am gefaehrlichsten unter allen Kraeften des Widerstandes erschien vorderhand +die feindselige Haltung des Muenchener Hofes. Im Oktober 1827 waren in +Muenchen die Verhandlungen zwischen den beiden sueddeutschen Koenigskronen +wieder aufgenommen worden. Schmitz-Grollenburg(76) und Armansperg(77) +betrieben beide das Geschaeft mit feurigem Eifer. So kam am 18. Januar 1828 +jener erste deutsche Zollverein zustande. Es erfuellte sich, was in Berlin +so oft vorausgesagt worden: Tarif und Verwaltungsordnung des neuen Vereins +kamen den Grundsaetzen der preussischen Zollgesetzgebung sehr nahe, weil +sich den sueddeutschen Kronen dieselben Fragen aufdraengten, welche Preussen +schon durch das Gesetz von 1818 geloest hatte. Die Zoelle auf Fabrikwaren +standen niedriger als in Preussen, die auf Kolonialwaren etwas hoeher: vom +Kaffee erhob Preussen 6 Tlr. 20 Sgr. fuer den Zentner, Bayern-Wuerttemberg +15 Gulden fuer den um etwa 9 Prozent schwereren bayrischen Zentner. Im +uebrigen fast dieselben Regeln wie im preussisch-hessischen Verein: +getrennte Zollverwaltung unter gegenseitiger Kontrolle, Verteilung der +Einkuenfte nach der Kopfzahl, Grenzzoelle und Packhoefe. + +Indes die verstaendige Verfassung konnte den Grundschaden dieses Bundes +nicht heilen: er war zu klein und darum, wie Eichhorn voraussagte, nicht +lebensfaehig. Wohl stiegen die Zolleinnahmen Wuerttembergs im ersten Jahre +um 220000 Gulden; der kleinere Bundesgenosse zog selbstverstaendlich den +groesseren Vorteil aus der Erweiterung des Marktgebiets. Doch betrugen die +Zolleinnahmen nur 91/2 Sgr. auf den Kopf der Bevoelkerung, waehrend Preussen +das Zweiundeinhalbfache, 24 Sgr., einnahm. Die Kosten der Zollverwaltung +verschlangen mindestens 44 Prozent der Einkuenfte; in Bayern war der +Rohertrag fuer das Rechnungsjahr 1828-1829: 2,842 Millionen Gulden, der +Reinertrag nur 1,582 Millionen Gulden. Die geringen Zoelle genuegten nicht, +die heimische Industrie wirksam zu schuetzen, und doch blieb jede Erhoehung +unmoeglich, wenn nicht der gesamte Reingewinn den Staatskassen verloren +gehen sollte. Am klaeglichsten befand sich die bayrische Pfalz. Die +entlegene Provinz sollte vor der Hand ausserhalb der Mautlinien bleiben und +ihre eigenen Erzeugnisse zollfrei in das Vereinsland einfuehren, was denn +sofort franzoesische, badische, rheinpreussische, hessische Fabrikanten zu +grossartigem Schmuggel veranlasste. Gewichtige Stimmen in der Pfalz +forderten laut den Anschluss an Preussen; einer der ersten Industriellen der +Provinz, Geh Rat. Camuzzi, schrieb in diesem Sinne an die Allgemeine +Zeitung, ward aber von der Firma Cotta abgewiesen. + +Koenig Ludwig wollte die Gebrechen des Vereins lange nicht bemerken. Wie +war er stolz auf seiner Haende Werk, den ersten deutschen Zollverein; wie +schwelgte er in erhabenen Traeumen von historischer Unsterblichkeit. Er +wollte fortleben im Munde spaeter Geschlechter als der Vollender der *fossa +Carolina*, jenes Kanales zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meer, den +Karl der Grosse ersonnen, doch nicht ausgefuehrt hatte, und beschaeftigte +sich auch mit grossen Eisenbahnplaenen, seit Franz Baader(78) im +Nymphenburger Park einen Dampfwagen fahren liess. "Jetzt sind die +Zollsysteme der beiden Grossmaechte nicht mehr furchtbar" -- hiess es bei +Hofe. Schon war ein Unterhaendler nach Zuerich gesendet, um die Schweiz zum +Eintritt in den sueddeutschen Verein oder doch zu einem Handelsvertrage zu +bewegen. Niemals hatte Bayerns Gestirn glaenzender geleuchtet als im Januar +1828; niemals zuvor hatte der Koenig eine so stolze Sprache gegen den +Bundestag gefuehrt. "Die antisozialen, antifoederalistischen Tendenzen der +bayrischen Politik" traten, wie Blittersdorff klagte, dem +Praesidialgesandten schroff entgegen. Sofort nach der Unterzeichnung des +sueddeutschen Zollvertrages ging Freiherr v. Zu Rhein nach Darmstadt, um +das Grossherzogtum zum Beitritt einzuladen und ihm die Paritaet, welche ihm +die beiden Koenigreiche bisher verweigert hatten, bedingungslos +zuzugestehen. War Hessen gewonnen, so musste das widerhaarige Baden auf +Gnade oder Ungnade sich ergeben. + +Mitten in diese holden Traeume fiel niederschmetternd die Kunde von dem +preussisch-hessischen Vertrag. Durch diesen Verein, das sprang in die +Augen, verlor der sueddeutsche Verein sofort Sinn und Bedeutung. Koenig +Ludwig sah seine teuersten Hoffnungen zerstoert, blieb mehrere Wochen +hindurch voellig fassungslos. "Nunmehr hab' ich alle Schritte getan, um +meine armen Untertanen zu retten!" sagte er verzweifelnd zu +Schmitz-Grollenburg. In groben Schimpfworten entlud sich sein Groll; er +schalt laut auf den Verraeter Hofmann, erzaehlte an offener Tafel, Preussen +habe den Prinzen Emil von Hessen mit 400000 Gulden bestochen. In seinem +Zorne vergass er auch wieder seinen "teutschen" Stolz. Solange diese +kleinen Hoefe noch europaeische Politik treiben durften, waren auch +patriotische Fuersten nicht vor argen Verirrungen sicher. Wie Ludwig einst +als Kronprinz, trotz seines Abscheus gegen Napoleon, mehrmals untertaenige +Briefe an den Schoepfer der bayrischen Koenigskrone gerichtet und sogar die +Hoffnung ausgesprochen hatte, sein Sohn Max werde dereinst dem Koenig von +Rom(79) seine Anhaenglichkeit widmen, so hatte er neuerdings um Sponheims +willen die Hilfe Russlands angerufen und wendete sich jetzt wieder an das +gehasste Frankreich. Den Winter ueber hatte der Herzog von Dalberg(80) in +Muenchen sein Wesen getrieben; nun fanden seine Einfluesterungen Gehoer. +Koenig Ludwig warnte den franzoesischen Hof vor dem Ehrgeiz Preussens, das +bereits in Sueddeutschland sich festzusetzen suche. Im selben Sinne +bearbeitete Lerchenfeld zu Frankfurt den alten Reinhard(81). Alsbald +befahl Minister La Ferronays dem Geschaeftstraeger in Muenchen ruehrige +Wachsamkeit gegen die von Preussen her drohende Gefahr; er stellte zugleich +einige Handelserleichterungen in Aussicht zugunsten der *troisieme +Allemagne*.(82) + +Da Koenig Ludwig schon nach wenigen Monaten von seinen leidenschaftlichen +Verirrungen zurueckkam, so wurden diese haesslichen Zettelungen mit dem +Auslande nachher ganz in Abrede gestellt. Der Hergang ist gleichwohl +verbuergt durch die uebereinstimmenden Zeugnisse von Freund und Feind. Nicht +allein der preussische Gesandte Kuester berichtete darueber ausfuehrlich +seinem Hofe; der badische Gesandte Fahnenberg meldete ganz dasselbe nach +Karlsruhe. Der oesterreichische Gesandte Graf Spiegel warf dem bayrischen +Minister des Auswaertigen die Anklage ins Gesicht, dass er Frankreich in die +deutsche Handelspolitik hineinzuziehen suche. Ueber Lerchenfelds Verhalten +berichtete Blittersdorff, der ja selber sehr geneigt war, jedes Mittel zu +gebrauchen zur Vernichtung des preussisch-hessischen Vereins. Die +Schwenkung der bayrischen Politik nach Frankreich hinueber war bald eine +der gesamten diplomatischen Welt bekannte Tatsache. + +Koenig Ludwig ueberliess sich eine Zeitlang blindlings dem stuermischen +Unwillen der verletzten Eitelkeit. Sein Kabinettsrat Grandauer uebte +schlechten Einfluss; auch Freiherr v. d. Tann traeumte bayrische +Grossmachtstraeume. Nur der alte welterfahrene Minister Zentner sah die +Dinge ruhiger an. Selbst Koenig Wilhelm von Wuerttemberg blieb nuechtern und +gleichmuetig. Sein Geschaeftsverstand war doch staerker als sein Groll gegen +Preussen; auch mochten ihm die bitteren Erfahrungen der Tage von Verona +noch unvergessen sein. In einem Gespraeche mit du Thil verbarg er zwar +seine Enttaeuschung nicht, gestand aber zu: "frueher oder spaeter werden wir +noch gezwungen sein, Euerem Beispiele zu folgen". Im selben Sinne erklaerte +sein Minister Beroldingen dem preussischen Gesandten, "dass Wuerttemberg in +die deutsch-patriotischen Gesinnungen der preussischen Regierung niemals +auch nur den geringsten Zweifel gesetzt hat und die bestehenden besonderen +Vereine zugleich als Mittel betrachtet, zu dereinstiger Erreichung des +gemeinschaftlichen Zweckes in einer allgemeinen Ausdehnung den Weg zu +bahnen." + +Wie der preussische Staat alles, was er fuer die Macht und Einheit unseres +Vaterlandes tat, erkaempfen musste gegen den Widerstand des Auslandes, so +ward auch der preussisch-hessische Bund sofort von den Raenken der fremden +Maechte umsponnen. Im Verein mit Frankreich versuchte Holland Unfrieden zu +saeen zwischen Sued und Nord. Der Minister Verstolck van Soelen machte den +wuerttembergischen Geschaeftstraeger aufmerksam auf die Gefahren, welche der +deutschen Handelsfreiheit und der Unabhaengigkeit der Kleinstaaten drohten. +Der Wuerttemberger, ein verstaendiger Mann, der seinem preussischen Kollegen, +dem Grafen Truchsess-Waldburg, alles mitteilte, antwortete treffend: die +Zoelle der fremden Maechte, und nicht zuletzt Hollands, zwingen uns +Deutsche, uns zu einigen und neue Handelswege zu suchen -- worauf Verstolck +heilig versicherte: die Herabsetzung der niederlaendischen Zoelle stehe nahe +bevor; fuer jetzt aber duerfe man nur an den Widerstand gegen den +gemeinsamen Feind, gegen Preussen denken. Eichhorn, der die hollaendischen +Kaufherren aus den endlosen Rheinschiffahrtsverhandlungen genugsam kannte, +schrieb an den Rand der Depesche: Die Niederlande verfolgen gar keinen +positiven Zweck, sie wollen nur die weitere Einigung Deutschlands in +Zollsachen verhindern. In der Tat lud der niederlaendische Geschaeftstraeger +Mollerus den Muenchener Hof ein, fuer den sueddeutschen Verein einen +Handelsvertrag mit Holland abzuschliessen, und beteuerte zugleich die gute +Absicht seines Hofes, sich mit den oberlaendischen Staaten ueber Preussen +hinweg wegen der Rheinzoelle zu verstaendigen. Bestimmte, greifbare +Vorschlaege uebergab er nicht; die Absicht war lediglich, Bayern und +Wuerttemberg von Preussen fernzuhalten. Auch England bezeigte seine +Unzufriedenheit. Der Praesident des Handelsamts, Charles Grant, beschwerte +sich bei dem preussischen Gesandten Buelow heftig ueber die hohen Zoelle des +preussisch-hessischen Vereins und erhielt die kuehle Antwort: der Verein +habe an den preussischen Zoellen gar nichts geaendert; doch wisse jedermann, +dass Preussen freieren handelspolitischen Grundsaetzen huldige als England. + +Mit diesen Raenken des Auslandes, die bald einen sehr bedrohlichen +Charakter annahmen, verkettete sich der unselige Sponheimer Handel. Koenig +Ludwig war, da er sich allerdings auf Oesterreichs unerfuellte +Versprechungen berufen konnte, von seinem Rechte auf den Heimfall der +Pfalz tief ueberzeugt und fuehlte sich schwer beleidigt, als Preussen seinen +Anspruechen entgegentrat. Der preussische Gesandte merkte dem Koenig bald an, +dass er etwas auf dem Herzen habe. Da trafen sich die beiden eines Tages +auf der Strasse. Der Koenig trat auf den Diplomaten zu, ging eine Strecke +Weges mit ihm und schuettete seinen Zorn aus: "Ich kann nicht genug sagen, +wie tief es mich geschmerzt, dass gerade Preussen in der badischen Sache +sich voran und mir gegenuebergestellt hat. Anders kann ich das Memoire +nicht bezeichnen, womit Preussen, ohne mich zu hoeren, die Initiative gegen +mich bei den uebrigen Hoefen ergriffen hat. Bernstorff denkt immer noch an +das alte Bayern; es ist aber heute ein neues Bayern, ein neuer Koenig. +Preussen hat nie einen groesseren Enthusiasten gehabt als mich. Um so mehr +hat mich's gekraenkt, dass man sich aus meiner Freundschaft gar nichts +macht. Will man mich denn nur zum Gegner haben?" Der Koenig ereiferte sich, +erhob die Stimme, die Voruebergehenden blieben stehen und horchten auf. Der +Gesandte konnte sich dem schwerhoerigen Fuersten nicht verstaendlich machen, +geriet in peinliche Verlegenheit, gab seinem Hofe den Rat, man moege den +Erzuernten beschwichtigen. Augenblicklich liess sich wenig tun, da Koenig +Friedrich Wilhelm das gute Recht Badens schlechterdings nicht preisgeben +wollte. Fuer die Zukunft war noch nichts verloren. Der heissbluetige +Wittelsbacher blieb auch als Gegner offen und ehrlich; sobald sein Zorn +verrauchte, konnte man vielleicht wieder anknuepfen, da ihm Deutschlands +Handelseinheit wirklich am Herzen lag. Vorderhand freilich wirkte der +Muenchener Hof dem preussisch-hessischen Verein offen entgegen; er +versuchte, durch unentgeltlichen Vorspann und aehnliche kleine Mittel den +Verkehr von Giessen und Vilbel auf die Linie Hersfeld-Fulda +hinueberzulocken, verlangte von dem Hause Thurn und Taxis, dass die +Frankfurt-Aschaffenburger Post ueber Hanau, nicht mehr durch das +darmstaedtische Gebiet gefuehrt werde usw. + +Der entscheidende Kampf entspann sich am Kasseler Hofe; noch einmal wurde +die kurhessische Handelspolitik verhaengnisvoll fuer das ganze Deutschland. +Der Grossherzog von Hessen hatte die Berliner Verhandlungen nur gutgeheissen +in der bestimmten Erwartung, dass der Kasseler Vetter seinem Beispiel +folgen wuerde. Deshalb blieb der preussisch-hessische Vertrag bis zum Mai +geheim; denn niemals haette der Stolz des Kasseler Despoten sich +entschlossen, einem bereits veroeffentlichen Vertrage nachtraeglich +beizutreten und also vor der Welt zuzugestehen, dass das minder maechtige +Darmstadt ihm vorangegangen sei. Hofmann ging noch im Februar, auf der +Rueckreise von Berlin, nach Kassel und meinte die Lage ziemlich guenstig zu +finden. Freiherr v. Meysenbug und andere hohe Beamte, mit denen er +vertraulich sprach, gaben ihm bereitwillig zu, dass Kurhessen nach +Darmstadts Beitritt nicht mehr zoegern duerfe: nur der Anschluss an Preussen +koenne die zerruettete Volkswirtschaft retten. Gleichwohl war Hofmann im +Irrtum; schon nach 24 Stunden musste er unverrichteter Sache abziehen. "An +diesem Hofe, schrieb du Thil, sind rationelle Berechnungen nicht +statthaft." Hinter und ueber den Beamten trieb die Reichenbach [Die +Geliebte des Kurfuersten.] ihr Wesen, die noch immer auf eine +oesterreichische Fuerstenkrone hoffte. + +Auf solchem Boden war den armseligen Kuensten der kleinen Hoefe die Staette +bereitet. Ein Heerlager von amtlichen und geheimen Unterhaendlern stroemte +im Fruehjahr 1828 zu Kassel zusammen, um den Kurfuersten von Preussen +fernzuhalten. Aus Bayern erschienen die Geheimen Raete Oberkamp und +Siebein, der erstere wohlgeschult in dem Raenkespiel der Eschenheimer +Gasse; auch seinen Freund v. d. Tann schickte Koenig Ludwig hinueber. Fuer +Wuerttemberg arbeitete der alte Agitator Miller von Immenstadt, jetzt +wuerttembergischer Steuerrat. Aus Sachsen kam Freiherr v. Luetzerode, aus +Hannover Kammerrat Lueder, auch Koburg und Meiningen sendeten Unterhaendler. +Dann erschien "zum allgemeinen Schrecken" Praesident v. Porbeck aus +Arnsberg, um dem Berliner Kabinett ueber das verworrene Treiben zu +berichten. Die Darmstaedter Regierung erneuerte im Maerz ihren Versuch und +sendete den Prinzen Wittgenstein, um dem Kurfuersten mitzuteilen: Preussen +habe eingewilligt, dass der Zutritt Kurhessens zu dem Vertrage vorbehalten +bleibe und Darmstadt den Antrag stelle; der Grossherzog erlaube sich daher +anzufragen, ob der Kurfuerst die Absendung eines Bevollmaechtigten +genehmige. Am 12. Maerz sprach der Kurfuerst dem Prinzen seinen +verbindlichen Dank aus. Doch schon nach drei Tagen schlug der Wind um. Sei +es, dass Wittgenstein allzu zuversichtlich aufgetreten war, sei es, dass +Oberkamp und die Reichenbach dem Kurfuersten die Schmach einer Unterwerfung +unter Preussens Befehle geschildert hatten -- genug, am 15. Maerz liess der +Finanzminister Schminke ein Schreiben an du Thil abgehen, in jener Tonart, +die nur in Kassel oder Koethen moeglich war: "S. K. Hoheit koennen nicht ohne +grosse Empfindlichkeit wahrnehmen, dass in einem Allerhoechstdemselben und +Allerhoechstdero Kurstaate durchaus fremden Vertrage von seiten des +grossherzoglichen Hofes Stipulationen in Beziehung auf das Kurfuerstentum +eingegangen sind und eine Initiative ergriffen worden ist, welche das +Kurhaus in Ansehung des grossherzoglichen Hauses sich nicht einmal +gestattet hat. Allerhoechstdieselben sind nicht davon ueberzeugt, dass es dem +Interesse des Kurstaats entsprechend sei, einer solchen Uebereinkunft das +bisherige System aufzuopfern." Die groebsten Wendungen hatte der Kurfuerst +eigenhaendig in das Schreiben hineingebracht. Bei einer neuen Audienz +donnerte er Wittgenstein an: "Ich bin Chef des hessischen Hauses; +Anmassungen, wie der Grossherzog sie sich erlaubt hat, werde ich nicht +dulden; ich kann die Bitte des Grossherzogs nicht gewaehren." Auch +Wittgensteins Sendung war gescheitert. + +Eichhorn ahnte, dass die sueddeutschen Kronen die Haende im Spiele gehabt, +empfahl dem Bundestagsgesandten Nagler und allen Gesandten im Oberlande +scharfe Aufmerksamkeit auf die Handelspolitik der kleinen Hoefe. Zwei +Tendenzen, schrieb er, wirken uns in Kassel entgegen. Der +bayrisch-wuerttembergische Verein sucht Kurhessen fuer sich zu gewinnen; er +krankt an verkehrten politischen Nebengedanken und ruht auf dem falschen +Grundsatze, dass die Binnenstaaten von den Kuestenlaendern sich unabhaengig +machen sollen; "mit jeder Ausdehnung verliert das System selbst an innerem +Halt und Zusammenhang". Gefaehrlicher scheint der von einigen thueringischen +Staaten gehegte Plan, unter Kurhessens Fuehrung einen +hessisch-thueringischen Zollverein zu bilden, der nach Belieben mit Preussen +oder mit dem Sueden verhandeln koennte -- eine Traeumerei, "so einladend fuer +den Stolz des Kurfuersten, dass er kaum widerstehen wird." + +Nach Wittgensteins Abreise meinten die bayrisch-wuerttembergischen +Unterhaendler ihr Spiel gewonnen. Bayern versprach dem Kurfuersten, seine +bisherigen Zolleinnahmen zu verbuergen, wenn er dem sueddeutschen Verein +beitrete. Der Kurfuerst, als ein geriebener Handelsmann, holte sofort eine +alte Schuldforderung an das fuerstliche Haus Oettingen hervor, welche einst +Napoleon fuer Bayern eingezogen hatte; auch diese Sache zu bereinigen war +Bayern erboetig. Schon bereiste Oberkamp mit einem kurhessischen +Finanzbeamten die bayrischen Grenzen, um diesem die Einrichtung der Mauten +zu zeigen. Da griff eine gewandtere Hand ein und betrog die sueddeutschen +Hoefe um den Sieg. + +Dass Oesterreich die Erweiterung des preussisch-hessischen Vereins ungern +sah, war allbekannt. Wenn der oesterreichische Geschaeftstraeger in Kassel +dem Prinzen Wittgenstein zuvorkommend seine Instruktionen zeigte und dort +zu lesen stand, er solle seinen preussischen Kollegen ueberall getreulich +unterstuetzen, so wusste man in Berlin laengst, was von solchen k. k. +Scherzen zu halten sei. Aber auch der Zollverein der konstitutionellen +Suedstaaten erschien zu Wien hoch gefaehrlich. Sobald das diplomatische +Getriebe in Kassel begann, wurde Freiherr v. Hruby, einer der eifrigsten +und gefaehrlichsten Feinde Preussens, so recht ein Vertreter des alten +ferdinandeischen Hochmuts, von Karlsruhe abberufen, in Hannover und Kassel +als Gesandter beglaubigt. Ihm gelang es, den Kurfuersten zu ueberzeugen, dass +auch der Anschluss an Bayern die kurhessische Nationalehre gefaehrde; "die +bayrischen Mautritter", wie der Kurfuerst hoehnte, empfingen im Mai +abschlaegige Antwort. Und bald erfuellte sich, was ein feiner Kenner der +hessischen Dinge dem preussischen Gesandten Haenlein vorausgesagt hatte: +"Kurhessen wird seine ergiebigen Transitzoelle zu behalten suchen und am +liebsten gar nichts an dem Bestehenden aendern. Nur wenn keine +Verstaendigung mit der Kurfuerstin zustande kommt, wird unser Staat, welcher +bekanntlich nur aus einer Person besteht, sich aus Aerger vielleicht auf +die Seite der Gegner Preussens schlagen." + +Dahin war es wirklich gekommen, dass die Zukunft der deutschen +Handelspolitik zunaechst von dem ehelichen Frieden des kurhessischen Hauses +abhing. Um den Kurfuersten mit seiner Gemahlin zu versoehnen und dann den +besaenftigten Despoten fuer den Zollverein zu gewinnen, sendete Koenig +Friedrich Wilhelm den General Natzmer(83) nach Kassel. Motz gab dem +Unterhaendler eine Weisung mit, deren friderizianischer Ton von der matten +Diplomatensprache jener Zeit gar seltsam abstach. Es war, als haette der +tapfere Hesse schon das Jahr 1866 vorausgesehen. Er bemerkt zunaechst, die +Verbindung mit Preussen liege im eigenen Interesse Kurhessens; mit 600000 +Koepfen koenne man kein eigenes Zollsystem bilden. Der Anschluss an den +finanziell unfruchtbaren bayrisch-wuerttembergischen Verein sei fuer Hessen +unnatuerlich. Dagegen bringt der Anschluss an Preussen: eine bedeutende +Einnahme von 20-24 Sgr. auf den Kopf; sodann einen grossen Markt von +13 Millionen Einwohnern -- denn nicht Verbote, sondern die Freiheit eines +grossen inneren Marktes foerdern die Industrie, wie Preussens Beispiel zeigt +-- endlich den Besitz der grossen Handelsstrassen. Schliesst Kurhessen sich +nicht an, so muss Preussen eine Strasse durch Hannover suchen und den Bremer +Verkehr nach Sueddeutschland von Minden aus zum Rhein leiten. Manche Hoefe, +und namentlich Minister Marschall in Wiesbaden, behaupten zwar, ein +Zollverein sei eine Verletzung der Souveraenitaet. Aber der Grossherzog von +Hessen ist souveraen geblieben, der Vertrag gewaehrt beiden Teilen gleiche +Rechte. "In die neueren Ideen von Souveraenitaet ist ueberhaupt viel +Schwindel gekommen. Ich frage besonders: ist Kurhessen souveraener in einem +auf gleiche Souveraenitaet basierten Vertrage mit seinem maechtigsten +unmittelbaren Nachbarn, oder ist es souveraener ohne solche Verbindung, in +einer unfreundlichen Stellung diesem maechtigsten unmittelbaren Nachbarn +gegenueber? Es gibt Verhaeltnisse, moegen sie auch noch in der Zukunft +liegen, in welchem Preussen ein feindlich gesinnter Nachbar nuetzlicher sein +kann als ein durch feste Vertraege verbundener." Die furchtbare Offenheit +dieser Sprache war nicht geeignet, den Kurfuersten zu gewinnen. Natzmer +wurde mit ungeschliffener Grobheit heimgeschickt, und auch Leopold Kuehne, +der zur Unterstuetzung des Generals nach Kassel und nebenbei nach +Braunschweig ging, richtete an beiden Orten nichts aus. In solcher Laune, +tobend gegen seine Gemahlin wie gegen alles, was den preussischen Namen +trug, war der hessische Despot bereit, den Weisungen Oesterreichs +blindlings zu folgen. + +Die Hofburg wollte nicht bloss die Erweiterung des preussischen Zollsystems +verhindern, sie dachte, das System selber zu zerstoeren, den muehsam +errungenen ersten Anfang deutscher Handelseinheit zu vernichten; und +gerade bei den norddeutschen Hoefen, welche durch alle ihre natuerlichen +Interessen auf Preussen angewiesen waren, fand diese Absicht Anklang. Der +dynastische Hass des saechsischen Hofes, der Welfenstolz Hannovers, der +Grimm des Kurfuersten gegen seinen koeniglichen Schwager, die Grossmannssucht +des Nassauer Herzogs, die gedankenlose Aengstlichkeit der kleinsten Hoefe -- +alle niedertraechtigen und alle schwaechlichen Elemente des norddeutschen +Kleinfuerstentums vereinigten sich in tiefster Stille zum Kampfe gegen +Preussen. Gestuetzt auf Oesterreich, beguenstigt durch den Handelsneid +Englands, Frankreichs und Hollands, kam der Mitteldeutsche Handelsverein +zustande -- eine der boesartigsten und unnatuerlichsten Verschwoerungen gegen +das Vaterland -- gleich dem Rheinbunde ein Zeugnis, wessen das deutsche +Kleinfuerstentum faehig war. + + + +c) _Der Mitteldeutsche Handelsverein._ + + +Nirgends erweckte der preussisch-hessische Vertrag schwerere Besorgnisse +als am Dresdner Hofe. Wie hatte man sich dort so behaglich eingelebt in +den alten Privilegienwust, wie war es so suess, am Bundestage ueber die +deutsche Handelseinheit und die Bundeszoelle salbungsvoll zu reden -- in der +frohen Erwartung, dass gar nichts zustande komme, dass man jedes ernsten +Entschlusses, jeder heilsamen Reform allezeit ueberhoben bleibe! Jetzt +erstanden ploetzlich dicht an Sachsens Grenzen zwei Zollverbaende. Wie nun, +wenn die augenblickliche Verstimmung des Koenigs von Bayern verflog, wenn +die beiden Vereine, die in ihren handelspolitischen Grundsaetzen einander +so nahe standen, sich zu einem verschmolzen: wenn sie auch Thueringen +gewannen, und also dem Leipziger Handel der Weg zur See ringsum durch +Zollstellen versperrt wurde? Lauter und lauter erklangen die Klagen der +Fabrikanten des Erzgebirges; zweimal im Jahre 1828 liefen Petitionen ein, +die den Koenig beschworen: der Anschluss an Preussen, oder auch an den +sueddeutschen Verein, irgendein Entschluss, der aus der vereinsamten +Stellung hinausfuehre, sei unvermeidlich. Der Minister Graf Einsiedel(84), +der als Eisenwerksbesitzer der Grossindustrie naeher stand, begann irre zu +werden an dem alten System. Einer der tuechtigsten juengeren Beamten, +Wietersheim(85), schilderte in einer beredten Denkschrift den Notstand der +Industrie, die Unterlassungssuenden der Regierung. Koenig Anton aber hielt, +wie sein Minister Manteuffel(86), einen Handelsbund mit Preussen fuer +unmoeglich. Eben in jenen Jahren stand ein alter Lieblingsgedanke der +albertinischen Politik in voller Bluete. Vor kurzem erst, nach dem +Aussterben des Hauses Gotha, hatte der Koenig von Sachsen den +Schiedsrichter und vaeterlichen Vermittler gespielt zwischen den +ernestinischen Vettern. Man hoffte in Dresden, eine dauernde Hegemonie +ueber die thueringischen Lande zu erlangen. Um so schmerzlicher empfand man +die Gefahr, dass Thueringen dem preussischen oder dem sueddeutschen Verein +sich anschliessen koennte. + +Aus solchen Berechnungen entsprang der Plan, einen Gegenzollverein zu +bilden, der, ohne selbst ein positives handelspolitisches Ziel zu +verfolgen, nur als ein Keil zwischen die beiden Zollvereine hineindringen, +ihre Verbindung hindern sollte. Es galt, die ersten Anfaenge der +Handelseinheit zu zerstoeren, den schmachvollen Zustand deutscher +Zerrissenheit zu verewigen. Die Traeger dieser Politik waren zwei Gebrueder +Carlowitz, aus einem der ehrenwertesten Haeuser des obersaechsischen Adels. +Der Aeltere(87), koeniglich saechsischer Minister, war bis zum vorigen Jahre +noch Bundestagsgesandter gewesen und stand in der Eschenheimer Gasse in +lebhaftem Andenken als ein wohlmeinender Geschaeftsmann der alten Schule, +ein pedantischer Vertreter der bekannten kursaechsischen Formelseligkeit. +Der Juengere(88), jetzt Minister in Gotha, persoenlich ebenfalls sehr +achtungswert, hatte alle die unausrottbaren Vorurteile des kursaechsischen +Adels mit aus der Heimat hinuebergenommen. Vergeblich stellten ihm +gothaische Beamte vor, ihr Laendchen sei auf Preussen angewiesen; der +verstaendige Kammerrat Braun rief ihm zu: "Sie handeln als koeniglich +saechsischer, nicht als herzoglich saechsischer Staatsmann." Er blieb dabei, +"ein neutraler Verein" sei notwendig, "eine achtunggebietende Masse +zwischen den beiden Zollvereinen stark genug, um beiden Bedingungen zu +diktieren". Der Herzog von Gotha ward fuer die Plaene seines saechsischen +Ratgebers leicht gewonnen. Er stand mit dem Berliner Hofe auf schlechtem +Fusse, weil er sein entlegenes Saarland Lichtenberg gegen ein Stueck des +preussischen Thueringens auszutauschen wuenschte und Koenig Friedrich Wilhelm +diese Zumutung noch immer beharrlich abwies. In ihren Mitteln war die +Koburgische Handelspolitik wenig waehlerisch. Aller drei Wochen ging von +Koburg eine Sendung neu gepraegter unterwertiger Muenzen nach Lichtenberg; +von dort ueberfluteten die unter duenner Silberhuelle roetlich schimmernden +Koburger Sechser das benachbarte sueddeutsche Guldenland, und diese +gewerbsmaessige Falschmuenzerei waehrte jahrelang fort trotz den Beschwerden +der Nachbarn. Auch am Weimarischen Hofe herrschte augenblicklich eine +gegen Preussen leidenschaftlich eingenommene Partei, an ihrer Spitze der +gescheite Minister Schweitzer(89). + +So wurde denn ein hochgefaehrliches Unternehmen gegen Deutschlands +Handelseinheit in aller Stille eingefaedelt, harmlos, gemuetlich wie eine +Carlowitzsche Familienangelegenheit. In den letzten Tagen des Maerz 1828 +trafen sich der Herzog von Gotha, die beiden Carlowitze und Schweitzer auf +dem Carlowitzschen Familiengute Oberschoena -- sie alle noch ohne eine klare +Vorstellung von den schweren Folgen ihres Beginnens. Wir Deutschen sind +Gott sei Dank durch unabweisbare Interessen, durch alle Lebensgewohnheiten +aufeinander angewiesen; jeder Versuch offener Feindseligkeit von Deutschen +gegen Deutsche erscheint als eine Suende wider die Natur und bietet darum +neben der Entruestung auch der Lachlust ein breites Ziel. In denselben +Tagen, da in Oberschoena der Zollkrieg gegen Preussen beschlossen wurde, +verhandelte in Berlin der Weimarische Bevollmaechtigte Thon wegen +freundnachbarlicher Aufhebung der Geleitsgelder. Mochte man den +preussischen Staat bis in der Hoelle tiefste Gruende verwuenschen, entbehren +konnte man ihn nicht. Die in Oberschoena abgeschlossene Punktation besagte: +Es soll ein Handelsverein geschlossen werden zwischen Sachsen, Kurhessen +und Thueringen. Die Teilnehmer "werden sich bemuehen, den Beitritt der +uebrigen zwischen der preussischen und bayrischen Zollinie gelegenen Lande +zu erlangen." Sie verpflichten sich, "einseitig keinem auswaertigen +Zollsystem beizutreten, noch, ohne Zustimmung des Vereins, mit einem +Staate, in welchem ein solches System besteht, einen Handels- oder +Zollvertrag zu schliessen." Sie wollen ihre gegenseitigen Untertanen auf +gleichem Fuss behandeln und (Artikel 7) die Transitabgaben im Verkehr +zwischen den Vereinsstaaten nicht ueber das Mass der saechsischen +Transitzoelle erhoehen. Sechs Monate nach der Konstituierung des Vereins +soll ueber gemeinsame Handelsvertraege und Retorsionen beraten werden. + +Es war ein *pactum de paciscendo*, ein Vertrag ohne positiven Inhalt, eine +Verpflichtung, vorlaeufig nichts zu tun, den bestehenden Zustand nur nach +gemeinsamer Abrede zu veraendern. Von einer Zollgemeinschaft zwischen den +Vereinsstaaten, von irgendwelchen ernsten Reformen war gar nicht die Rede. +Gleichwohl konnte der "neutrale" Verein dem preussischen Zollsystem +verderblich werden; er suchte der Handelspolitik Preussens ihre schaerfste +Angriffswaffe, die Durchfuhrzoelle, aus der Hand zu winden. Wenn es gelang, +alle zwischen den preussischen Provinzen eingeklammerten Laender, +insbesondere die Kuestenstaaten, fuer den Verein zu gewinnen, so nahm die +gesamte Einfuhr von der See nach dem innern Deutschland ihren Weg durch +die Vereinslande, da die saechsischen Transitzoelle weit niedriger standen +als die preussischen. Schritt man darauf zu den verabredeten "Retorsionen", +wurde die Durchfuhr von Bayern nach Preussen und von einer preussischen +Provinz zur anderen mit hohen Zoellen belastet, dann war Preussen einer +reichen Einnahmequelle und seines wirksamsten Unterhandlungsmittels +zugleich beraubt; nicht bloss die Erweiterung des preussischen Zollsystems +wurde verhindert, der Bestand des Systems selber ward in Frage gestellt. +Unter der Maske der Neutralitaet beschloss man den Zollkrieg. Um nur Preussen +zu schaedigen, verpflichtete sich die saechsische Regierung, ihre eigenen +Fabriken in wehrlosem Zustande zu lassen, die Industrie des Erzgebirges +der englischen Konkurrenz voellig preiszugeben. Wahrhaftig, nicht +patriotische Gesinnung war es, was die kleinen Staaten unseres Nordens +endlich in den preussisch- deutschen Zollverein fuehrte; kein Mittel, auch +das verwerflichste nicht, blieb unversucht, das preussische Zollsystem zu +sprengen; erst nachdem alle Angriffe gescheitert waren, unterwarf man sich +notgedrungen der deutschen Handelseinheit. + +Die Oberschoenaer Punktation wurde dem saechsischen Bundestagsgesandten +Bernhard von Lindenau(90) zugesendet; dort in der Eschenheimer Gasse +sollten dem "saechsischen Antizollverein", wie man in Berlin sagte, neue +Anhaenger geworben werden. Eine edle, hochsinnige Gelehrtennatur, ehrlich +liberal und begeistert fuer Deutschlands Groesse, hatte Lindenau bis vor +kurzem im gothaischen Ministerium mit Einsicht gewirkt. Er wuenschte +aufrichtig die deutsche Handelseinheit und gestand seinem Darmstaedter +Amtsgenossen in Frankfurt: waere Kurhessen dem preussischen Verein +beigetreten, so haette ich auch fuer den Beitritt Sachsens und Thueringens +gestimmt. Nun Kurhessen sich weigerte, hoffte er sein Ziel auf anderem +Wege zu erreichen: durch einen Bund der norddeutschen Lande, welcher den +preussischen Staat zur Milderung seines Zollsystems zwingen sollte. Auch er +krankte an dem Erbfehler der kleinen Diplomatie, er ueberschaetzte die Macht +seines Staates und sah nicht, dass die preussische Regierung den Versuch, +ihr Gesetze vorzuschreiben, als offene Feindseligkeit betrachten und sich +zur Wehre setzen musste. Also hat der treffliche Mann seinen lauteren +Idealismus, seine lebhafte ruhelose Taetigkeit eingesetzt fuer Plaene, die +der dynastischen Scheelsucht entsprangen, und zwei Jahre lang an einem +Verein gearbeitet, welchen Stein veraechtlich als einen Afterbund +verdammte. Selbst die Sippschaft hoechst unzweideutiger politischer +Charaktere, welche sich sofort des Oberschoenaer Planes bemaechtigte, +oeffnete dem saechsischen Staatsmanne nicht die Augen. Muench und Langenau, +Marschall und Rothschild, alle Stuetzen der oesterreichischen Partei warben +fuer den Handelsverein. Mehrmals in der Woche kam der Herzog von Nassau zu +Langenau hinueber, um neue Bundesgenossen zu gewinnen. + +Dergestalt war wieder einmal eines jener anmutigen Raenkespiele +eingeleitet, welche von Zeit zu Zeit die trostlose Langeweile der +Bundestagsgeschaefte wohltaetig unterbrachen. Dass Oesterreich alle Faeden der +Verschwoerung in seiner Hand hielt, war bald am Bundestage offenkundig. Mit +gewohnter Treuherzigkeit stellte die Hofburg jede Parteinahme in Abrede. +Der k. k. Hofrat v. Kress, der Leiter der oesterreichischen Handelssachen, +beteuerte dem preussischen Geschaeftstraeger feierlich: mit keinem Worte habe +Osterreich den Anschluss Darmstadts zu verhindern gesucht; er selber habe +die Korrespondenz gefuehrt und nach Darmstadt geschrieben, sein Hof werde +sich freuen, wenn Hessen bei dem preussischen Buendnis seinen Vorteil finde. +Nach den Enthuellungen, die man in Berlin vom Darmstaedter Hofe selbst +erhalten, konnten solche Beteuerungen nur Heiterkeit erregen. Wie +Oesterreich zu dem neuen Gegenzollverein stand, das erhellte, wenn anders +die Frankfurter Gesandtschaftsberichte noch einer Bestaetigung bedurften, +aus einem Briefe Lindenaus, der in Berlin bekannt wurde. "Ich verhandle +mit Holstein und den Niederlanden, schrieb der saechsische Diplomat an den +Bundestagsgesandten Leonhardi(91), sowie wir nicht minder der +Unterstuetzung des gemeinnuetzigen, vielversprechenden Unternehmens von +seiten der oesterreichischen Regierung, welche dessen Foerderung wuenscht, +versichert sein koennen." Auch die anderen auslaendischen Feinde der +preussischen Handelspolitik liehen dem Verein ihren Beistand. Graf Reinhard +versicherte die Vereinsmitglieder der warmen Unterstuetzung des Pariser +Kabinetts. Um die Niederlande zu gewinnen, ging Lindenau im Herbst selber +nach Bruessel und stellte dort vor -- er, der Vertreter des Elbuferstaates +Sachsen: -- es sei notwendig, den Rhein und Main wieder zu beleben, die +durch den Elb- und Weserhandel so schwere Einbusse erlitten haetten, und den +rheinischen Kolonialwarenhandel Hollands wieder zu der Hoehe zu erheben, +die er im achtzehnten Jahrhundert behauptet. Selber mit seiner deutschen +Provinz beizutreten, lag freilich nicht in Hollands Absicht; doch warben +seine Diplomaten in Frankfurt eifrig fuer den Verein. + +Entscheidend wurde die Haltung von England-Hannover. Noch war man in +London gewohnt, mit dreister Sicherheit auf Deutschlands Zwietracht zu +rechnen; jede Regung selbstaendigen Willens in der deutschen Handelspolitik +galt den Briten als ein Schlag ins eigene Angesicht. Welch' eine koestliche +Aussicht, wenn jetzt durch den Gegenzollverein nicht nur die machtlose +Anarchie des deutschen Zollwesens verewigt, sondern auch den englischen +Waren gegen maessige Transitzoelle der Weg bis ins Herz von Deutschland +eroeffnet wurde; von dort mochten sie dann durch die Schmuggler nach +Preussen und Bayern hinuebergeschafft werden. Mit Feuereifer ging der +Gesandte am Bundestage, Addington, auf Lindenaus Ideen ein. Umsonst warnte +der nuechterne Milbanke, Geschaeftstraeger bei der Stadt Frankfurt: der +Verein entbehre jedes positiven Zwecks, koenne und werde nicht dauern, der +deutsche Handel beduerfe schlechterdings einer Reform. Addingtons Meinung +drang in London durch; allzu verlockend war der Gedanke, den offenen +hannoverschen Markt, der bisher den englischen Fabriken so unschaetzbar +gewesen, bis an den Main zu erweitern. Die englische Schaluppe Hannover +folgte wie immer ihrem Schiffe. Graf Muenster(92) schalt hinterruecks den +preussischen Zollverein "eine preussische Reunionskammer", musste sich von +dem preussischen Gesandten Buelow "sein wenig gerades Benehmen" vorwerfen +lassen. Zugleich bat, wie Buelow von dem Minister Fitzgerald selbst erfuhr, +der saechsische Gesandte in London um durchgreifende Massregeln gegen das +preussische Zollsystem, das dem englischen Handel und der Unabhaengigkeit +der deutschen Staaten gleich verderblich sei. So trat denn Hannover dem +Verein bei; das Industrieland Sachsen unterwarf sich dem englischen +Handelsinteresse. Freiherr v. Grote(93), ein faehiger hannoverscher +Beamter, Preussens geschworener Feind, wurde neben Lindenau die Seele des +Bundes. + +Auch Bremen trat hinzu. Der treffliche Smidt(94) hatte sich allzu tief +eingelebt in die Traeume Wangenheims, der auch jetzt wieder aus seinem +Koburger Stilleben heraus gegen Preussen arbeitete; er konnte ein +krankhaftes Misstrauen gegen den norddeutschen Grossstaat nicht ueberwinden, +und jetzt, da die reindeutschen Sonderbundsplaene sogar von Oesterreich +insgeheim unterstuetzt wurden, gab er sich ihnen unvorsichtiger hin als +sonst seine Art war. Er wuenschte, wie er am Bundestage mehrmals aussprach, +deutsche Konsulate und eine deutsche Flagge. Doch solange Deutschland noch +nicht ein nationales Handelsgebiet bildete, war das lockere hannoversche +Zollwesen fuer den bremischen Freihandel bequemer als das strenge +preussische System. Die von dem "neutralen" Verein versprochene +Erleichterung des Transitverkehrs konnte auf den ersten Blick einen +hanseatischen Staatsmann allerdings bestechen. Aber auch nur auf den +ersten Blick. Voreingenommen gegen Preussens Zollsystem, bemerkte Smidt +nicht, dass die Teilnahme an dem neuen Handelsbunde der ueberlieferten +hanseatischen Handelspolitik schnurstracks widersprach; der Verein war in +Wahrheit nicht neutral, sondern durchaus parteiisch, antipreussisch. Smidt +dachte so hoch von dem Werte dieser totgeborenen Vereinigung, dass er ihrem +Urheber, dem Sachsen Carlowitz, das bremische Ehrenbuergerrecht verschaffte +-- eine seltene Auszeichnung, welche seit dem Freiherrn vom Stein kein +deutscher Staatsmann mehr erlangt hatte. Ruhiger urteilte der Hamburger +Senat; er lehnte jede Mitwirkung ab, weil Hamburgs Freihafen den +Interessen des gesamten deutschen Verkehrs zu dienen habe. Die Frankfurter +grossen Firmen dagegen begruessten mit Jubel die in Aussicht gestellte +Erleichterung des Durchfuhrhandels, die den landesueblichen Schmuggel +maechtig foerdern musste; auch waren die Patrizier der stolzen Republik +laengst gewoehnt, den untertaenigen Schweif des k. k. Bundesgesandten zu +bilden. Buergermeister Thomas und Senator Guaita zusamt dem +oesterreichischen Anhang setzten den Beitritt durch, gegen den heftigen +Widerspruch einer preussischen Partei. + +Territorialen Zusammenhang konnte der Verein nur durch Kurhessen erlangen; +daher wurden dort die staerksten Hebel eingesetzt. Der juengere Carlowitz +selbst erschien im April zu Kassel, bald darauf kam Lindenau. Beide, +unterstuetzt durch Hruby, stellten dem Kurfuersten vor, was er am liebsten +hoerte: der neutrale Verein verlange gar keine Aenderung in den bestehenden +Gesetzen Kurhessens; man betrachte dies Land als den Kern des Bundes, +koenne der Sachkenntnis des Kurfuersten nicht entbehren, darum sollten die +Beratungen ueber das Grundgesetz unter seinen Augen, in Kassel erfolgen. +Den Ausschlag gab jedoch die staatsmaennische Absicht, dem Schwager in +Berlin einen derben Possen zu spielen. Durch Kurhessens Beitritt wurde +Badens Ablehnung mehr als aufgewogen. Lindenau schrieb an Berstett: er +hoffe auf die Mitwirkung des Karlsruher Hofes um so sicherer, da durch den +Verein "weder die Selbstaendigkeit der eigenen Landesverwaltung, noch auch +deren finanzielle Verhaeltnisse die mindeste Stoerung erleiden, sondern nur +die unveraenderte Aufrechterhaltung des *status quo*(95) versichert und +bezweckt wird." Der Antrag ward abgelehnt. Mit Bayern verfeindet, von +sueddeutschen und preussischen Vereinslanden rings umschlossen, hatte Baden +von dem neutralen Verein nichts zu hoffen, von Preussens Zorn alles zu +fuerchten. Bei allen anderen kleinen Hoefen fanden Lindenaus Werbungen +guenstiges Gehoer. Einige aengstliche thueringische Kabinette wurden gewonnen +durch die vertrauliche Versicherung, Preussen sei mit der Gruendung des +Vereins einverstanden, eine plumpe Erfindung, die doch Eingang fand, weil +die preussische Diplomatie sich wie bisher ruhig zurueckhielt. Selbst Herzog +Karl von Braunschweig ging diesmal Hand in Hand mit dem gehassten juengeren +Welfenhause; eine Weisung Metternichs bewog ihn, beizutreten. + +Also waren im Laufe des Sommers die saemtlichen zwischen den beiden Haelften +der preussischen Monarchie eingepressten Kleinstaaten angeworben fuer den +Neutralitaetsbund, der sich den Namen "Mitteldeutscher Handelsverein" +beilegte. Nach jahrelangen vergeblichen Unterhandlungen sah Deutschland +ploetzlich in einem Jahre drei handelspolitische Vereine auftauchen. Nur +Baden und die niederdeutschen Kleinstaaten oestlich der Elbe blieben noch +isoliert. Triumphierend verkuendete ein Artikel der Frankfurter +Oberpostamtszeitung, der aus Lindenaus Feder stammte, am 25. Juni: +Sachsen, Hannover, Kurhessen, Nassau, Frankfurt sind die Schoepfer des +neuen Vereins, der den Artikel 19 der Bundesakte zur Wahrheit macht und, +statt neue Zollinien zu schaffen, vielmehr die Handelsfreiheit auf sein +Banner schreibt. "Dass Ware gegen Ware vertauscht, Freiheit mit Freiheit, +Gleiches mit Gleichem erwidert werde, das ist Forderung des natuerlichen +Rechts, bei dessen Verkennung und Verweigerung es dem Verein wohl nicht an +Mitteln fehlen duerfte, das, was recht und billig ist, mit feierlicher +Kraft geltend zu machen, da er helfen und hemmen, Vorteil und Nachteil zu +gewaehren vermag." Ein Gebiet von sechs Millionen Seelen gehoert ihm, die +ganze weite Nordseekueste, die groessten Stapel- und Handelsplaetze +Deutschlands; die Elbe, den Rhein, den Main, die Weser von allen Zoellen zu +befreien, liegt allein in seiner Hand! + +Wohl mochte man prahlen! Eine so krankhaft unnatuerliche Missbildung war dem +Partikularismus noch nie zuvor gelungen. In einem weiten Widerhaken +reichte das Vereinsgebiet von Bremen nach Fulda, dann westwaerts zum Rhein, +gen Osten bis zur schlesischen Grenze, von dem englischen Markt Hannover +bis zu dem gewerbereichen Sachsen, ueber einen bunten Laenderhaufen, +welchen, Preussen gegenueber, nur ein gemeinsames Interesse zusammenhielt: +Angst und Neid. Eben jene norddeutschen Kleinstaaten, welche bisher den +handelspolitischen Anstrengungen Preussens und Bayern-Wuerttembergs einen +traegen ablehnenden Widerstand entgegengestellt, redeten ploetzlich von +deutscher Handelsfreiheit. Indes sie den Artikel 19 der Bundesakte im +Munde fuehrten, verschworen sie sich, die bestehende Zersplitterung +aufrecht zu halten und den preussischen Durchfuhrhandel zu vernichten. Und +hinter diesem Bunde standen schirmend Oesterreich, England, Holland, +Frankreich! Wenn man in Berlin noch der Belehrung bedurft haette ueber die +feindselige Gesinnung des Mitteldeutschen Vereins, so musste die +hinterhaltige Sprache der verbuendeten Kabinette jeden Zweifel zerstoeren. +In tiefster Stille, ohne die geringste Mitteilung an die preussische +Gesandtschaft, hatte der Dresdner Hof sein Werk begonnen. Als am +preussischen Hofe einiges ruchbar wurde, schrieb Graf Einsiedel dem +Gesandten v. Watzdorf in Berlin, versicherte heilig, Baden sei nicht zum +Beitritt aufgefordert worden. Doch leider hatte der Karlsruher Hof jenes +Einladungsschreiben Lindenaus an Berstett dem Berliner Kabinett sogleich +mitgeteilt. Der Abteilungschef im Auswaertigen Amte bemerkte an den Rand +der saechsischen Depesche: "Das Gegenteil steht in unseren Akten. Graf +Bernstorff wird Herrn v. Watzdorf eines Besseren belehren." Nicht minder +verdaechtig erschien, dass der hannoversche Gesandte in Dresden, v. Reden, +ploetzlich ohne jede Veranlassung ein Schreiben an Bernstorff richtete, um +inbruenstig zu beteuern, Hannover hege durchaus keine feindseligen +Absichten gegen Preussen, missbillige entschieden jenes gehaessige Programm +der Oberpostamtszeitung. Warum solche unerbetene Entschuldigung, wenn man +sich nicht schuldig fuehlte? Spaeterhin, in einer Denkschrift vom Jahre +1832, nannte Metternich selbst den Mitteldeutschen Handelsverein +"versuchsweise zum Schutze gegen das preussische Zollsystem geschaffen". + +Und abermals zeigte die oeffentliche Meinung ihre alte unbelehrbare +Verblendung. In Arnstadt rottete sich das Volk zusammen vor dem Hause des +Erbprinzen; die Leute drohten auszuwandern, wenn der Fuerst nicht fest zu +dem Mitteldeutschen Verein stehe. Das saechsische Oppositionsblatt "die +Biene" verteidigte warm die hochherzige Absicht der saechsischen Krone, die +Unabhaengigkeit "unseres Vaterlandes" zu retten; das Erzgebirge muesse ja +unfehlbar zugrunde gehen, wenn die preussischen Zoelle die Getreideeinfuhr +aus Boehmen verhinderten -- diese preussischen Zoelle, die den Getreideverkehr +fast gar nicht belasteten! Weithin erklang der Jubelruf der Liberalen ueber +die schmachvolle Niederlage des preussischen Absolutismus: Preussens +Herrschsucht ist gedemuetigt, das Gleichgewicht der Maechte in Deutschland +wieder hergestellt! Selbst in Bayern und Wuerttemberg, deren eigenes +Zollsystem doch durch den Mitteldeutschen Verein bedroht wurde, +verteidigte die Presse den neuen Handelsbund. Der bayrische Hesperus +donnerte gegen Darmstadt, das einen industriellen Selbstmord begangen, den +Schwaben und Bayern "einen Teil des Segens edler Fuersten" geraubt habe. +Die Neckarzeitung begruesste den Verein als ein Zeugnis der Bundestreue, als +einen letzten Versuch, die Verheissungen der Bundesakte ins Leben zu +fuehren. Sogar innerhalb der bayrischen Regierung fand sich eine Partei +bereit, die saechsisch-englischen Entwuerfe zu unterstuetzen; Lerchenfeld und +Oberkamp, die gesamte Bundestagsgesandtschaft Koenig Ludwigs, blieben mit +Lindenau in vertrautem Verkehr. Nur wenige verstanden den festen +patriotischen Stolz des Freiherrn vom Stein, der voll Verachtung auf die +Vasallen der englischen Handelspolitik niederschaute und an Gagern +schrieb: "es ist den erbaermlichen, neidischen, antinationalen Absichten +unserer kleinen Kabinette angemessen, sich an das Ausland zu schliessen, +sich lieber von Fremden peitschen zu lassen, als dem allgemeinen +Nationalinteresse die Befriedigung kleinlichen Neides aufzuopfern." + +Am 21. Mai 1828 hatten die Verbuendeten zu Frankfurt einen +Praeliminarvertrag geschlossen. Am 22. August, nachdem unterdessen der +Verein vollzaehlig geworden, versammelten sich die Bevollmaechtigten in +Kassel, und schon am 24. September kam der endgueltige Vertrag zustande. +Solche Schnelligkeit der Beratung stach von den Gewohnheiten der +Staatsmaenner des Bundestags auffaellig ab; sie bewies deutlich, dass man +Gefahr im Verzuge glaubte und mehr einen diplomatischen Schachzug als ein +dauerhaftes Werk beabsichtige. Der Vertrag, in Dresden entworfen, sprach +die feindselige, aggressive Richtung gegen Preussen noch weit offener aus +als die Oberschoenaer Punktation. Der Verein ist bestimmt, den freien +Verkehr im Sinne des Artikels 19 der Bundesakte zu befoerdern und "die +Vorteile, welche in dieser Hinsicht dem einzelnen Staate durch seine +geographische Lage und sonst gewaehrt sind, auf das Ganze zu uebertragen, +auch daneben sich jene Vorteile zu erhalten und sicher zu stellen." Die +Verbuendeten verpflichten sich, bis zum 31. Dezember 1834 -- d. h. bis zu +dem Zeitpunkte, wo der preussisch-hessische Vertrag ablief -- keinem +auswaertigen Zollverein einseitig beizutreten. Die Strassen sollen in gutem +Stande erhalten, neue Strassenzuege verabredet werden. Die bestehenden +Durchfuhrzoelle auf Waren, welche fuer einen Vereinsstaat bestimmt sind, +duerfen nicht erhoeht werden; dagegen steht dem Verein wie jedem +Vereinsstaate frei, Waren, die aus dem Auslande in das Ausland gehen, mit +hoeheren Transitgebuehren zu belasten. England-Hannover war es, das diesen +unzweideutigen Artikel 7 durchgesetzt hatte. Es lag darin die Drohung, den +Handel zwischen den beiden Haelften der preussischen Monarchie zu zerstoeren, +und zugleich eine systematische Beguenstigung der englischen Einfuhr. Denn +da auf Hannovers ausdrueckliches Verlangen jedem Vereinsstaate die Befugnis +eingeraeumt wurde, Handelsvertraege mit dem Auslande zu schliessen, so +eroeffnete sich den englischen Waren ueber Bremen und Hannover ein fast +zollfreier Weg nach den Binnenstaaten, welche, wie Sachsen, Thueringen, +Nassau, Frankfurt, noch kein geordnetes Grenzzollsystem besassen. Noch +deutlicher sprach der neunte Artikel, der jedem Vereinsstaate das Recht zu +einseitigen Retorsionen vorbehielt; Kurhessen hatte diese Bestimmung +gefordert, und der Kurfuerst verstand unter Retorsionen jede gehaessige +Gewalttat wider die Nachbarn. Die einzige wesentliche Wohltat, welche der +Verein dem Handel brachte, war die Erleichterung des Transits, und sie +ward erkauft durch schwere Schaedigung der heimischen, vornehmlich der +erzgebirgischen Industrie. Im uebrigen dauerten alle bestehenden Akzisen +und Zoelle fort; nur Warenverbote zwischen den Vereinsstaaten waren +unstatthaft, auch sollten die gewoehnlichen Erzeugnisse des Landbaues nicht +verzollt werden. + +Der Kern des Vertrages blieb die Absicht, auf sechs Jahre hinaus die +Erweiterung des preussischen Zollsystems zu verhindern und inzwischen +vielleicht durch Ableitung des Durchfuhrhandels dem Zollwesen Preussens die +Wurzeln abzugraben. Eine von Marschall und Roentgen verfasste nassauische +Denkschrift ueber das Verhaeltnis des Vereins zu Preussen und Bayern gibt +ueber diese freundnachbarlichen Absichten sicheren Aufschluss. Sie schildert +beweglich, wie Darmstadt sich "an ein nicht aus seiner Autonomie +hervorgegangenes System" angeschlossen habe. Allerdings wurden dabei "die +aeusseren Formen der Selbstaendigkeit gewahrt", aber das Grossherzogtum "hat +sich waehrend der Dauer des Vertrages jeder materiellen Autonomie begeben, +kann nur noch eine grossmuetige Beruecksichtigung seiner Wuensche in billigen +Anspruch nehmen und ist deshalb seiner endlichen Mediatisierung um einen +bedeutenden Schritt naeher gerueckt." Solcher Schwaeche gegenueber sind die +Verbuendeten entschlossen, "keine willenlose Hingebung zu zeigen, keine +nicht aus dem eigenen Beduerfnis hervorgegangene Handelsgesetzgebung" +anzunehmen. "Das Wesentliche des Kasseler Vertrages liegt in der +Vereinigung selbst, in dem fuer sechs Jahre begruendeten *non plus +ultra*(96). Das Wesentliche liegt ferner in dem durch diese sechsjaehrige +engere Verbindung begruendeten Ablehnungsmotive von Ansinnungen mancher +Art, denen, wenn sie von uebermaechtiger Seite ausgehen, der Einzelne und +Schwaechere nicht viel mehr als die Bitte um Schonung entgegenzusetzen +hat." Das Wesentliche liegt endlich in der Aussicht, zu einer Verbindung +mit anderen Staaten "mit Ehren gelangen zu koennen". Bayern und Preussen +haben dasselbe, ja ein groesseres Beduerfnis nach einer Annaeherung an die +Vereinsstaaten als diese selbst; daher muss der Verein die +Verbindungsstrassen zwischen Bayern und Preussen fest in der Hand halten, +ihre freie Benutzung nur kraft gemeinsamen Beschlusses bewilligen. So wird +er eine gesetzliche Ordnung mit verhaeltnismaessig gleichen Rechten fuer ganz +Deutschland begruenden. + +Die Denkschrift schliesst mit der pathetischen Frage: "Kann man denn aus +irgendeinem Grunde auch nur vermuten, dass Preussen die fieberhaften Traeume, +in welchen eine uebermuetige Partei das ganze noerdliche Deutschland nur als +eine mit Unrecht noch laenger vorenthaltene Beute des preussischen Adlers +erscheinen lassen moechte, irgend teilen oder beguenstigen werde?" Naiver +liess sich die Seelenangst der Kleinen nicht aussprechen. Nicht irgendein +positiver Gedanke, sondern allein die Furcht vor Preussens und Bayerns +Uebermacht, der ohnmaechtige Wunsch, ein *tertium aliquid*(97) zu bilden, +wie der alte Gagern(98) sagte, hatte den Mitteldeutschen Verein +geschaffen. Aber je ratloser man sich fuehlte, um so lauter ward gelaermt; +"es war ein Gegacker, schreibt du Thil, als sei ein grosses Werk vollendet +worden". Zahllose Orden belohnten alle Teilnehmer der Kasseler Beratung, +bis zum Kanzlisten herab. + +Selbst die einzige Waffe, die man gegen Preussen schwingen konnte, erwies +sich als unwirksam; den preussischen Durchfuhrhandel zu laehmen war +unmoeglich, solange die Handelsstrassen, welche das preussische Gebiet +umgehen sollten, noch nicht gebaut waren. Mannigfache Entwuerfe wurden zu +Kassel besprochen; man traeumte von neuen Handelswegen dicht neben +Darmstadts Grenzen, von einem langen Strassenzuge aus Sachsen ueber +Altenburg und Gotha nach Kurhessen, der den Verkehr hinwegleiten sollte +von der grossen preussischen Chaussee ueber Koesen und Eckartsberge. Aber wer +sollte die Strasse bauen? Die verarmten kleinen ernestinischen Staaten +besassen nicht die Mittel, die groesseren Bundesgenossen wollten kein Geld +vorschiessen. Zudem stiess man ueberall auf preussisches Gebiet; wie sollte +die Erfurter Gegend umgangen werden, wo Preussen bereits eine gute Chaussee +gebaut hatte? Unablaessig arbeitete die Diplomatie der Bundesgenossen, um +Bayern und Wuerttemberg von Preussen fernzuhalten; der hannoversche Gesandte +Stralenheim in Stuttgart ward nicht muede, den Koenig Wilhelm vor Preussens +Fallstricken zu warnen. Beharrlich wiederholte der Dresdner Hof, der die +Fuehrung des Vereins behielt, er sei bereit, Antraege und Vorschlaege zur +Ausbildung des Bundes entgegenzunehmen. Niemand wusste einen moeglichen +Vorschlag. Schon vor der Kasseler Zusammenkunft gestand Lindenau einem +Frankfurter Amtsgenossen: "die Mehrzahl der Teilnehmer betrachtet den +Verein als ein Ruhekissen, sie ist froh, dass alles beim alten bleibt." Nun +klagten die Thueringer ueber Sachsens hegemonischen Ehrgeiz, Frankfurt ueber +die erdrueckenden kurhessischen Mauten. Der Kurfuerst, um seinen +Holzmagazinen hoehere Preise zu schaffen, verbot den altgewohnten +Holzhandel, der aus den hannoverschen Waldgebirgen nach Hessen +hinuebergefuehrt ward. Die Unmoeglichkeit, mit einem solchen Fuersten +freundnachbarlich auszukommen, lag vor Augen. Fast ein Jahr waehrten die +Verhandlungen zwischen den beiden hessischen Haeusern wegen der +Erleichterung einiger Enklaven; da erklaerte der Kurfuerst: die gegenseitige +Verpflichtung, die Durchfuhrzoelle auf gewissen Strassen nicht zu erhoehen, +solle allein fuer Darmstadt, nicht fuer Kurhessen gelten! Seine Weisungen an +die Unterhaendler fand Maltzan "ausgezeichnet durch naive Unwissenheit und +despotischen Ton, der Feder eines Rabener(99) wuerdig". + +Immer schaerfer trat der tiefe Gegensatz der handelspolitischen +Anschauungen innerhalb des Vereins hervor. Die Kaufherren von Frankfurt +und Bremen forderten unbeschraenkten Freihandel, Hannover die Beguenstigung +der englischen Waren. Andere Staaten traeumten von neuen Zolllinien; wieder +andere hofften, die Milderung des preussischen Zollsystems und dann den +Eintritt in dies System zu erzwingen. Kein einziger Kopf an allen diesen +kleinen Hoefen, der einen klaren Gedanken mit Ausdauer verfolgte; Karl +August von Weimar war im Juni 1828 gestorben. Bald sonderten sich die +Kuestenlande und die Binnenstaaten in zwei Gruppen. Thueringen und Sachsen +schlossen einen Separatvertrag, desgleichen Hannover und Oldenburg. Sie +versprachen ihre gegenseitigen Untertanen im Handelsverkehr auf gleichem +Fusse zu behandeln usw. -- geringfuegige Erleichterungen, die in Preussen gar +nicht noetig waren, da das freiere preussische Zollgesetz zwischen In- und +Auslaendern nicht unterschied. Die einfache in Berlin laengst feststehende +Erkenntnis, dass nur die Beseitigung der Binnenmauten dem deutschen Handel +aufhelfen koenne, war diesen Kabinetten noch nicht aufgegangen. Die +gedankenlose Traegheit der oesterreichischen Staatsmaenner fuehlte sich +befriedigt von dem Erfolge des Augenblicks. Dem preussischen Zollsystem war +ein Riegel vorgeschoben, der einige Jahre halten mochte; eine positive +Ausbildung des Handelsvereins wuenschte man in Wien nicht, da jeder Bund im +Bunde gefaehrlich schien. Selbstgefaellig sagte Muench-Bellinghausen zu +Blittersdorff: "wie klug hat Oesterreich gehandelt, die Kollisionen zu +vermeiden, denen Preussen nicht entgehen wird!" Der weiterblickende Badener +aber schrieb: Ich war erstaunt ueber solche Verblendung. Als ob ein +Stillstand im Voelkerleben moeglich sei! Als ob der preussisch-hessische +Verein sich jemals wieder aufloesen wuerde! Oesterreich allein hat all dies +Unheil verschuldet, hat nichts getan, um den Artikel 19 der Bundesakte +auszufuehren und uns also den Preussen in die Haende geliefert. + + + +d) _Preussens Sieg. Preussisch-Bayrischer Handelsvertrag._ + + +Nunmehr nahm Preussen den Handschuh auf. Der Berliner Hof hatte den ersten +Verhandlungen der mitteldeutschen Staaten mit der gewohnten ruhigen +Zurueckhaltung zugesehen. Ein saechsisch-thueringischer Verein war +unschaedlich; erst durch Hannovers Zutritt gewann der Verein eine +gefaehrliche Ausdehnung. Man wollte in Berlin nicht glauben, dass dies nahe +befreundete Kabinett, dem Preussen soeben jene neuen Strassenzuege und +Handelserleichterungen angeboten hatte, einem gegen Preussen gerichteten +Bunde sich anschliessen werde. Da trat Hannover zu den Verbuendeten ueber, +waehrend Bernstorff noch eine freundliche Antwort auf sein Anerbieten +erwartete. Sofort verschwand jeder Zweifel ueber den Charakter des Vereins. +Motz in seiner feurig kuehnen Weise forderte sogleich, dass man die Gegner +als Gegner behandle, und erklaerte: "Sollte dieser Verein zustande kommen, +so ist Preussen in der Lage, sein Zollsystem fuer abgeschlossen zu halten, +und keineswegs in der Lage, diesen neutralen Verein seiner Absicht gemaess +unter imponierenden Bedingungen aufzunehmen." + +Obgleich bisher nur duerftige Nachrichten ueber die Plaene des Vereins +eingelaufen waren, so erriet der Finanzminister doch auf den ersten Blick, +dass die Zerstoerung des preussischen Durchfuhrhandels in der Absicht der +Verbuendeten liege. Deshalb, fuhr er fort, muss der Transit fortan mehr als +bisher im Lande gehalten, der Strassenbau ruestig gefoerdert, namentlich die +Chaussierung der wichtigen Strasse von Magdeburg nach Zeitz rasch vollendet +werden. Die nach Hannover gerichteten Anerbietungen sind als nicht +geschehen zu betrachten. Noch entschiedener spricht er in einem Schreiben +an Bernstorff: "Es ist gewiss ein bemerkenswertes Zeichen der Zeit, dass in +der Mitte und vorzugsweise im Norden Deutschlands, im Schosse des Deutschen +Bundes und dennoch unter der Fahne Oesterreichs, fuer den ostensibeln Zweck +einer angeblichen Vervollkommnung der Verhaeltnisse dieses Bundes eine +Koalition sich bildet, welche Preussen von ihren Plaenen und Beratungen +ausschliesst und auf alle Weise zu erkennen gibt, nicht nur, dass sie eine +Ausfuehrung und Erweiterung allgemeiner Bundesmaximen auch ohne Preussens +Teilnahme fuer moeglich haelt, sondern auch, dass Preussen eben als stoerendes +Prinzip jener Ausfuehrung und Erweiterung zu betrachten, und deshalb die +Aufstellung einer foermlichen Oppositionsmasse gegen dasselbe anraetlich +sei". Darum duerfen wir den Verein nicht ignorieren; wir muessen unser +gerechtes Befremden aussprechen und den Entschluss, "jeder uns auf +irgendeine Art kompromittierenden weiteren Entwicklung dieses sonderbaren +Systems auf angemessene Weise entgegenzutreten". + +Ueber Oesterreichs Absichten war der entschlossene Mann laengst im klaren. Er +wusste, dass die k. k. Verpflegungsbeamten in Mainz, um den +Preussisch-Hessischen Verein zu schaedigen, die vertragsmaessige +Steuerfreiheit der oesterreichischen Garnison groeblich missbrauchten, fuer +Tabak, Zucker, Bier massenhaft Steuerfreischeine ausgaben, mehr, als ganz +Rheinhessen verzehren konnte. Er forderte, der Gesandte in Wien solle rund +heraus erklaeren: wir lassen uns nicht taeuschen durch das Blendwerk, das +mit dem Artikel 19 getrieben wird, wir lassen uns weder imponieren, noch +uns missbrauchen. Am 8. November schrieb er dem Minister des Auswaertigen +geradezu: "Ob und inwieweit ueberhaupt auf wahre freundschaftliche +Verhaeltnisse von Oesterreich gegen uns zu rechnen sei, vermag ich nicht zu +beurteilen. Soviel scheint mir aber sicher zu sein, dass Oesterreich dem +uebereilt organisierten Deutschen Bunde den Charakter des ehemaligen +deutschen Fuerstenbundes beizulegen und darin die Rolle Friedrichs des +Grossen zu uebernehmen denkt." Oesterreichs Haltung gegen uns in dem Koethener +Zollstreit war entschieden feindselig, ohne Oesterreichs Beistand waere der +Mitteldeutsche Verein nie zustande gekommen. + +Ein Blick auf diese Aktenstuecke genuegt, um das Raetsel zu loesen, warum das +Berliner Kabinett ueber die geheime Geschichte seiner Handelspolitik +beharrlich geschwiegen, auch die windigsten Prahlereien der zahlreichen +geistigen und leiblichen Vaeter des Zollvereins gelassen ertragen hat. Das +Buendnis der Ostmaechte war nach wie vor der leitende Gedanke der +auswaertigen Politik des Koenigs. Brach man mit Oesterreich, so wurde der +Deutsche Bund unhaltbar und auch der werdende Zollverein selber in Frage +gestellt. Fuer Preussens Diplomatie ergab sich mithin die Aufgabe, durch +ruhige feste Haltung den Wiener Hof dahin zu bringen, dass er der +preussischen Handelspolitik nicht geradezu widerstrebte. Preussen raeumte der +Hofburg die Fuehrerstelle ein in dem Schattenspiele des Bundestages und +verlangte fuer sich die Leitung der wirklichen Geschaefte deutscher +Staatskunst. Dies blieb der einzig moegliche Weg nationaler Politik, +solange man weder den Willen noch die Macht besass, die kriegerische Aktion +der friderizianischen Tage zu erneuern. Den deutschen Dualismus zu +beseitigen, kam dem Koenig nicht zu Sinn; die Absicht war nur, dem +preussischen Staate im Bereiche der deutschen Politik ein Gebiet +selbstaendigen, ungestoerten Wirkens zu erobern. Ein solches System setzte +behutsame Vorsicht und unverbruechliche Verschwiegenheit voraus; es fiel +dahin, sobald die Welt erfuhr, wie planmaessig Preussens Handelspolitik +arbeitete und wie deutlich die besten Koepfe des Kabinetts den Grundsatz +der Interessen erkannten, der die beiden grossen Bundesmaechte trennte. + +Das Auswaertige Amt ging nicht sofort auf die kampflustige Gesinnung des +Finanzministers ein. Der Koenig verlangte ruhige, sorgfaeltige Pruefung, +damit nicht durch vorschnelles Urteil deutschen Bundesstaaten Unrecht +geschehe. Sobald naehere Nachrichten einliefen, stimmte Eichhorn der +Ansicht Motzs bei und erliess eine Instruktion an saemtliche Gesandten in +Deutschland, welche ausfuehrlich darstellte, wie unberechtigt und +hoffnungslos das Unternehmen der Mitteldeutschen sei: die Verbuendeten +moegen sich die Frage vorlegen, was ein Verein von sechs Millionen +Einwohnern, der fast nur Binnenlaender umfasst, bei einem Konflikt mit uns +gewinnen duerfte, "ob der innere Verkehr nicht ertoetet statt belebt und der +Handel mit dem Auslande nicht beschraenkt statt ausgebreitet werden wuerde". +Ausserdem erhielt die Wiener Gesandtschaft die Weisung, sich zu beschweren +ueber die feindselige Haltung der oesterreichischen Diplomaten und dem +Staatskanzler die auf Metternichs Demagogenfurcht berechnete Frage ans +Herz zu legen: "Sind es nicht hauptsaechlich die Absonderungen und +Trennungen, welche im Handel und Verkehr stattfinden, wodurch eine +Stimmung des Missbehagens, der Unzufriedenheit und der Sehnsucht nach einer +Veraenderung unterhalten wird?" Der Gesandte in London ward befehligt, +entschieden auszusprechen, dass an Verhandlungen mit Hannover vorerst nicht +mehr zu denken sei: "wir muessen offen gestehen, dass unser Vertrauen auf +hannoverscher Seite schlecht erwidert worden ist". Jordan in Dresden +sollte sein Befremden ueber die misstrauische Heimlichkeit der saechsischen +Politik kundgeben; Grote in Hamburg dem Senate "die Anerkennung seines +weisen und angemessenen Betragens aussprechen und dabei erklaeren, man +hoffe, dass er bei demselben auch verharren werde". + +Zugleich erging an die Regierungen der Grenzbezirke der Befehl, die +handelspolitischen Massregeln der Verbuendeten, die sich noch immer in +raetselhaftes Dunkel huellten, scharf zu beobachten. Hier zeigte sich die +ganze Unnatur des Mitteldeutschen Vereins. Das Vereinsgebiet lag im +Bereiche der preussischen Macht, war ueberall von eingesprengten preussischen +Gebietsstuecken unterbrochen, durch tausend Bande des nachbarlichen +Verkehrs an Preussen gekettet. Eine Schar von preussischen Postbeamten, +Flossinspektoren, Schiffahrtsaufsehern lebte in Feindesland, gab sichere +Nachricht ueber alles, was auf den Fluessen und Strassen der Verbuendeten +vorging. Die Staatszeitung und Buchholzs Neue Monatsschrift begannen den +Federkrieg gegen den Handelsverein "Eine Souveraenitaet, die sich durch +blosse Opposition geltend machen will -- rief Buchholz warnend --, steht im +Widerspruch mit sich selbst und kann nur Niederlagen erfahren." Auch durch +Retorsionen wollte Motz den Gegnern zu Leibe gehen; er dachte den +saechsischen Fabrikanten den Messrabatt zu entziehen und in Magdeburg eine +Messe zu errichten. Hier aber widersprach der Koenig; er wollte sein Wort +halten, auch jetzt noch jede Feindseligkeit gegen deutsche Bundesstaaten +unterlassen, und liess den kampflustigen Finanzminister an die Ruecksichten +erinnern, die man dem Deutschen Bunde schulde. + +Die offene Sprache der preussischen Diplomatie erweckte allerdings Angst +und Reue an einigen der kleinsten Hoefe. Der Fuerst von Sondershausen, +dessen Unterherrschaft unter dem Schutze des preussischen Zollsystems +aufbluehte, war mit seiner Oberherrschaft dem Handelsverein beigetreten und +liess durch sein Geheimes Konsilium das Berliner Kabinett bitten, "diese +abgedrungene Massregel nicht uebel zu deuten". Darauf erwiderte das +Auswaertige Amt: man hoffe, "dass ein pp. Konsilium keinen Augenblick +darueber im Zweifel sein werde, was in der Wahl zwischen der Festhaltung an +dem bisher bestehenden Verhaeltnis mit Preussen und zwischen der Teilnahme +an einer neuen Verbindung zu tun oder zu lassen sei". Nun bat der Fuerst in +einem eigenhaendigen Briefe den Koenig um Verzeihung und flehte, ihn "mit +allergnaedigster Nachsicht zu beurteilen und der unschaetzbaren hohen Gnade +nicht fuer unwert zu halten". Auch der Herzog von Gotha schrieb an +Wittgenstein (16. Dezember): er erfahre "zu seiner groessten Verwunderung", +dass Preussen mit dem Handelsvereine nicht einverstanden sei; nimmermehr sei +ihm in den Sinn gekommen, den preussischen Hof, dessen Gunst so wertvoll, +zu verletzen. + +Gegen die groesseren Staaten des Vereins war mit so sanften Mitteln nichts +auszurichten. Motz behielt doch Recht, da er an Bernstorff schrieb: "Ich +bin der Meinung, dass andere Ruecksichten, welche nicht durch die +bestehenden Vertraege geboten werden, gegen die betreffenden, uns in +finanzieller Hinsicht nur feindlich gegenueberstehenden Bundesstaaten wohl +aus den Augen gesetzt werden koennen, indem der preussische Staat die Macht +und die Kraft hat, seinen hohen und hoechsten Interessen die der +Bundesstaaten unterzuordnen, und nach den seit 13 Jahren gemachten +Erfahrungen die Liebe fuer uns in den Bundesstaaten erst dann zu gewinnen +sein duerfte, wenn sie mit Furcht und Beachtung der bestehenden +Verhaeltnisse vereinigt bleibt." Der feurige Mann war entschlossen, den +Handelsverein zu sprengen: gegen offenbare Feindseligkeit reiche die +Politik des Zuwartens nicht mehr aus. "Wir werden es noch dahin bringen, +rief er zuversichtlich, dass einzelne Mitglieder des Mitteldeutschen +Vereins dringend um Aufnahme in den preussischen Verein bitten werden!" Er +hatte noch im Januar bezweifelt, ob eine Verbindung mit dem soweit +abgelegenen Bayrisch-Wuerttembergischen Verein raetlich sei; jetzt fasste er +den gluecklichen Gedanken, ueber den Handelsverein hinweg den sueddeutschen +Koenigskronen die Hand zu reichen und dergestalt durch einen Bund des +Nordens mit dem Sueden den mitteldeutschen Sonderbund zu zerstoeren. + +Zum Heil fuer Deutschland erwachten um dieselbe Zeit aehnliche Wuensche in +Muenchen und Stuttgart. Wie laut auch Koenig Ludwig im ersten Zorne wider +Preussens und Darmstadts Verraeterei gescholten hatte, auf die Dauer konnte +er sich doch nicht verbergen, dass seine eigenen kuehnen Plaene gescheitert +waren. Nachdem Kurhessen zu den Mitteldeutschen uebergetreten, war an eine +Vergroesserung des Sueddeutschen Vereins nicht mehr zu denken; der rein +deutsche Bund unter Wittelsbachs Fahnen blieb ein Traum. Ebensowenig +konnte der Verein in seiner vereinsamten Stellung verharren. Auch trat, +wie Metternich vorhergesehen, die alte Abneigung zwischen den beiden +Koenigen bald wieder hervor. Die Hoffnung auf einen Handelsverein mit der +Schweiz ward zunichte an der Zwietracht der Eidgenossen. So blieb den +oberdeutschen Koenigen nur die Wahl, entweder mit Preussen oder mit dem +saechsisch-englischen Verein eine Verbindung zu suchen. Hinter Sachsen und +Hannover aber stand Oesterreich; dies allein genuegte, um den Koenig von +Wuerttemberg gegen die mitteldeutschen Verbuendeten einzunehmen. Sein neuer +Finanzminister, Freiherr Karl Varnbueler(100), derselbe, der einst in den +Vorderreihen der Altrechtler gestanden, bewaehrte sich als ausgezeichneter +Geschaeftsmann und riet dringend zur Verstaendigung mit Preussen. Welchen +nennenswerten handelspolitischen Vorteil, ausser der Herabsetzung der +Durchfuhrzoelle, hatten die Mitteldeutschen zu bieten? Wie sollte der +patriotische Koenig von Bayern sich einlassen in jene unsauberen +Zettelungen mit Frankreich, England, Holland, welche der Mitteldeutsche +Verein mit unbeschaemter Stirn betrieb? In der ersten Aufwallung des Zornes +hatte Koenig Ludwig wohl einen Schritt nach Frankreich hinueber getan; ein +Buendnis mit dem Auslande einzugehen, den deutschen Verkehr dem englischen +Handelsinteresse zu unterwerfen, lag dem bei all seiner Wunderlichkeit +grunddeutschen Monarchen ebenso fern wie seinem vertrauten Minister +Armansperg. + +Sobald man in Muenchen kaltbluetig ueberlegte, erschien doch selbst Preussens +Verhalten in dem Sponheimer Handel erklaerlich. Die Berliner Regierung war +ja durch europaeische Vertraege verpflichtet, Badens Recht zu schuetzen; sie +verfuhr, wie Koenig Ludwig selbst zugeben musste, mit rueckhaltloser +Offenheit; ihr Gesandter suchte durch versoehnliche Sprache den erzuernten +Fuersten zu beschwichtigen. Preussen schlug jetzt vor, Bayern und Baden +sollten beiderseits auf ihr Sponheimer Erbrecht verzichten, damit der +leidige Handel fuer immer aus der Welt geschafft wuerde. Koenig Ludwig +straeubte sich lange, doch fing er an zu begreifen, dass dies der einzige +Weg sei, um sich mit Anstand aus dem verlorenen Spiele zurueckzuziehen. +Gegen den Spaetsommer 1828 begannen der Minister und sein koeniglicher +Freund bereits die Frage zu erwaegen, ob nicht eine Annaeherung an den +Preussisch-Hessischen Verein unvermeidlich sei. Dass die oeffentliche Meinung +in Bayern dieser Annaeherung entschieden widerstrebte, war fuer die Freunde +eher ein Stachel als ein Hemmnis. Voll hochfliegender Begeisterung, +empfaenglich fuer alles Ausserordentliche, liebten beide die Welt durch +unerwartete Entschluesse zu ueberraschen. Um so schwerer fiel ihnen, die +Demuetigung ihres Ehrgeizes, den Schiffbruch ihrer reindeutschen Plaene zu +verwinden. Aber sie vermochten es ueber sich, das Opfer zu bringen. +Unabweisbar draengten diese trocknen Geschaeftsverhandlungen den naeher +Beteiligten die Einsicht auf, dass die Deutschen doch zueinander gehoerten, +nur durch Misstrauen, durch Unkenntnis und durch die Selbstsucht, die immer +der schlimmste Feind des eigenen Vorteils ist, einander verfeindet wurden. + +Ganz unerwartet fand sich ein Helfer, der die beginnende Umstimmung am +Muenchener Hofe zu foerdern und fuer Deutschlands grosse Sache zu verwerten +verstand. Der Buchhaendler Freiherr v. Cotta(101) war als grosser +Geschaeftsmann mit Personen und Zustaenden des deutschen Nordens naeher +vertraut als das schwaebisch-bayrische Beamtentum, und blickte, wie er +schon in dem wuerttembergischen Verfassungskampfe bewiesen hatte, auch in +der Handelssache ueber die landlaeufigen sueddeutschen Vorurteile weit +hinaus. Unternehmend und beweglich, befreundet mit Nebenius und anderen +namhaften Volkswirten in allen Teilen Deutschlands, erkannte er laengst, +dass der sueddeutsche Verkehr ohne Preussens freundnachbarlichen Beistand +niemals gesunden koenne, und obgleich ihm viel daran lag, die Gunst +Metternichs fuer seine Allgemeine Zeitung nicht zu verlieren, so fasste er +doch den tapferen Entschluss, als Vermittler aufzutreten. Er besprach sich +insgeheim mit Armansperg, reiste dann im September 1828 nach Berlin zu dem +grossen Naturforschertage, der also auch fuer unsere Politik bedeutsam +werden sollte. Cotta wurde durch Humboldt bei Witzleben(102) und Motz +eingefuehrt, sprach dort den Gedanken aus, ob nicht eine Verstaendigung +zwischen Bayern und Preussen moeglich sei, und fand den guenstigsten Empfang. +Eine ueberraschende Verwandtschaft der Anschauungen stellte sich heraus. +Motz bekannte, dass er sich laengst mit aehnlichen Absichten getragen habe; +im Grunde seien es ja doch nur Missverstaendnisse, welche bisher zwischen +den beiden Staaten gestanden. Cotta kehrte heim und schrieb am 20. Oktober +aus Muenchen: er habe des Ministers "gnaedige Eroeffnungen" den Monarchen in +Muenchen und Stuttgart mitgeteilt; beide seien von der Notwendigkeit des +Planes ueberzeugt und haetten bereits die Einladung, dem Mitteldeutschen +Verein beizutreten, zurueckgewiesen. Nunmehr zog Motz das Auswaertige Amt in +das Geheimnis und erklaerte: "Jetzt ist es wuenschenswert, einen +Handelsverein mit Bayern, Wuerttemberg und Baden zu bilden": der Sueden muss +fuer eigene Rechnung unsere Zollgrundsaetze annehmen, namentlich unsere +hoeheren Tarifsaetze auf auslaendische Waren, also auch auf die Waren des +Mitteldeutschen Vereins. Solange dieser Verein die vollstaendige +Verschmelzung mit dem Sueden hindert, muessen Preussen-Hessen und +Bayern-Wuerttemberg mindestens ihre eigenen Produkte und Fabrikate +gegenseitig vom Zolle befreien. + +Im November eilte der Unterhaendler wieder nach Berlin, diesmal mit einer +foermlichen Beglaubigung versehen, und wurde von dem Koenige aufs +freundlichste aufgenommen. Die Berliner erzaehlten sich mit untertaenigem +Erstaunen, der einfache Buchhaendler sei zur Tafel gezogen worden. Motz gab +ihm nach laengeren Verhandlungen die Punktation des Vertrags mit auf den +Weg. Triumphierend meldete Cotta am 17. Dezember aus Muenchen: "Alles, was +ich mitbrachte, war hier hoechst erfreulich und willkommen", bei Koenig +Ludwig wie bei dem Minister Armansperg. "Beide sind von den grossartigen +Ideen ergriffen, die einer Verbindung Preussens mit Bayern und Wuerttemberg +nach den von Hochdenselben entwickelten Grundsaetzen als Leitstern vorgehen +und zur Richtschnur dienen. Ich sehe schon im Geiste Ihre herrliche Idee +in kurzer Frist realisiert". Und am 20. Dezember nochmals: Wird auch Baden +gewonnen, "so waere der Grundstein im Sueden Deutschlands zu dem Gebaeude +gelegt, das Ihr verehrter Koenig und Sie zum Wohle und Gedeihen +Deutschlands im Auge haben". + +Motz erwiderte: er hoffe "ein Werk zu begruenden, an welchem nicht nur wir +und unsere Zeitgenossen, sondern auch unsere Nachkommen Freude haben +werden". Der Mitteldeutsche Verein muesse offen bekaempft werden, "denn was +wir gemeinschaftlich suchen, ein soviel moeglich allgemeiner Markt in +Deutschland, wird fuer Bayern, Wuerttemberg und Preussen durch die Grundsaetze +dieses neutralen Vereins nicht nur befoerdert, sondern viele diesem +Verlangen entgegenstehende Hindernisse nur noch mehr stabiliert". +Gleichzeitig schrieb er an den Kronprinzen von Preussen, der sich gerade am +Muenchener Hofe aufhielt, enthuellte ihm das Geheimnis der Mission Cottas, +bat dringend um Unterstuetzung: der Vertrag sei politisch und +volkswirtschaftlich hochwichtig, wenngleich die Zolleinnahmen wohl +zunaechst einige Einbussen erleiden wuerden. Der Prinz, der dem geistreichen +Minister laengst wohl wollte, nahm sich denn auch der Verhandlungen eifrig +an. + +Am 9. Januar 1829 konnte Cotta aus Stuttgart berichten, dass auch Koenig +Wilhelm die Hauptgrundsaetze der preussischen Punktation gebilligt habe, und +gegen Ende des Monats erschien der Unermuedliche zum drittenmal in Berlin. +Der preussische Minister verlor zuweilen fast die Geduld bei allen den +aengstlichen Vorbehalten, welche der sueddeutsche Unterhaendler stellen +musste, und klagte bitterlich ueber diesen "Hoekerkram". Gegen die +vollstaendige Zollbefreiung der eigenen Produkte erhob Bayern Bedenken; man +fuerchtete in Muenchen die ueberlegene rheinische Industrie. Auch mit seinem +Vorschlage, dass die bayrische Pfalz sofort dem preussischen Zollverein +beitreten solle, drang Motz nicht durch; der Stolz der bayrischen Krone +widerstrebte, auch der Muenchener Landtag haette der unerlaesslichen +Abaenderung des pfaelzischen Steuerwesens niemals zugestimmt. Noch weniger +war auf Badens Beitritt zu hoffen. Der kleine Staat wollte die guenstige +Gelegenheit benutzen, um seinen Laenderbestand fuer alle Zukunft +sicherzustellen; er forderte, dass vor den Zollverhandlungen der Sponheimer +Streit beigelegt werde. Da Koenig Ludwig darauf nicht einging, so erkannte +das Berliner Kabinett im Laufe des Winters selbst, dass man nicht wohl tue, +die Verhandlungen noch mehr zu verwickeln, und liess Baden vorlaeufig aus +dem Spiele. + +Am 6. Maerz 1829 begannen endlich die amtlichen Verhandlungen in Berlin. +Die sueddeutschen Kronen waren durch ihre Gesandten Luxburg und Blomberg +vertreten, den Ausschlag gab Cotta, der von beiden Koenigen Vollmacht +hatte. Fuer Preussen erschienen Eichhorn und Schoenberg, dazu Motz, Maassen +und Finanzrat Windhorn. Auch Hofmann kam aus Darmstadt herueber. Die ersten +Kraefte der Regierung waren aufgeboten; es galt, die Bruecke ueber den Main +zu schlagen. Am 27. Mai 1829 wurde der Vertrag unterzeichnet. Preussen- +Hessen und Bayern-Wuerttemberg versprachen einander bis zum Jahre 1841 +Zollfreiheit fuer alle inlaendischen Erzeugnisse der Natur, des +Gewerbefleisses und der Kunst; nur fuer eine Reihe wichtiger Fabrikwaren +sollte, auf Bayerns Andringen, zunaechst bloss eine Zollerleichterung um +25 Prozent eintreten, bis allmaehlich die voellige Befreiung erfolgen koenne. +Beide Teile verpflichteten sich, ihre Zollsysteme mehr und mehr in +Uebereinstimmung zu bringen; alljaehrlich sollten Bevollmaechtigte +zusammentreten "zur Befestigung und Erweiterung dieses Vertrags". Auch ein +Zollkartell wurde fuer die Zukunft verabredet. Der Vertrag trug in allem +den Charakter eines Provisoriums; er begruendete die engste Form +handelspolitischer Vereinigung, die sich erreichen liess, so lange die +Laender der Verbuendeten nicht in festem geographischen Zusammenhange +standen. Alle Beteiligten fuehlten, dass sie erst im Beginn einer Zeit +gemeinsamer handelspolitischer Aktion standen; sie verpflichteten sich zu +Protokoll, Handelsvertraege mit solchen Laendern, die an mehrere +Vereinsstaaten zugleich angrenzten, also vornehmlich mit Baden, nur im +gemeinsamen Einverstaendnis abzuschliessen. + +Unbeirrt durch die Peinlichkeit der Einzelverhandlungen hielt Motz seinen +Blick fest auf die grossen Verhaeltnisse des Vaterlandes gerichtet; er +wusste, dass er seinem Staate die Bahn zu einer stolzen Zukunft geoeffnet +hatte. Im Juni sprach er sich gegen den Koenig ueber die politische +Bedeutung der geschlossenen Vertraege offen aus. Seine Denkschrift wirft +zuerst einen Rueckblick auf die vollendete Unfaehigkeit des Bundestags, der +niemals in foermliche Beratung ueber die Handelseinheit getreten sei; selbst +waehrend der Not von 1817 habe man in Frankfurt nur genau soviel getan, "um +den foederativen Nachbar, im buchstaeblichen Sinne des Wortes, nicht +verhungern zu lassen. Wie konnte dies auch anders sein, da dem Deutschen +Bunde ein grosser Staat an der Spitze steht, der das ihm eigentuemliche, +seit 50 Jahren schon bestehende, seinem privaten Interesse bis daher +vermeintlich zusagende, mit den Interessen der uebrigen Staaten des +Deutschen Bundes aber nicht vereinbarliche Zoll- und Prohibitivsystem +aufzugeben nicht gewillt ist; da andere Bundesmitglieder die +Handelsinteressen ihrer Hauptstaaten denen ihrer Bundeslande unterzuordnen +nicht gemeint sind, vielmehr letztere, natur- und sachgemaess, an die +ersteren festgeknuepft haben; und da wieder andere den Gegenstand mehr nur +aus fiskalischem wie aus staatswirtschaftlichem Gesichtspunkte betrachtet +wissen wollen? Der Deutsche Bund gab damit ein Beispiel, wie die +allgemeine Staatengeschichte bis dahin noch keines aufzuweisen hat"; es +entstand ein Handelskrieg aller gegen alle, "der weit schlimmer war, als +ein innerer Krieg der Waffen nur je haette sein koennen". Dann erinnert Motz +an die patriotischen Bestrebungen des deutschen Handelsstandes, an die +persoenlichen Bemuehungen der Souveraene von Bayern und Wuerttemberg. Als +gleichzeitig der Bayrisch-Wuerttembergische und der Preussisch-Hessische +Verein sich bildeten, lag die Moeglichkeit zweier grossen Zollvereine fuer +ganz Deutschland vor. Da erhob sich unter Oesterreichs Fuehrung der neutrale +Verein, der den *status quo*, d. h. das Unertraegliche aufrecht erhalten +will; er zwang uns, sogleich weiter zu gehen und das grosse Handelssystem +zu begruenden. + +Dies System, faehrt die Denkschrift fort, bietet erstens kommerzielle +Vorteile. Die Verbindung umschliesst schon jetzt 20 Millionen Einwohner, +behauptet also den dritten Platz unter den europaeischen Staaten, da +Oesterreich kein einiges Machtgebiet bildet; sie wird auf 25 Millionen +steigen, sobald der Mitteldeutsche Verein wahrnimmt, "dass er ganz und gar +einen eitlen Zweck verfolgt", und die sued- und mitteldeutschen Staaten +nebst Mecklenburg uns beitreten; sie wird auf 27 Millionen steigen, wenn +auch die anderen Staaten (soweit sie nicht Nebenlande sind), also +Hannover, Braunschweig, Oldenburg und die Hansestaedte eintreten. Der +innere Verkehr ist wichtiger als der auswaertige Handel, jener schlaegt +dreimal, dieser einmal im Jahre das Kapital um. Manche deutsche Staaten +erhalten durch das Handelssystem einen zwanzig- bis zweihundertmal +groesseren Markt fuer ihre Produkte. Dazu kommen zweitens die finanziellen +Vorteile. Der Satz: "je billiger die Abgabe, desto groesser der Ertrag", +wird sich auch diesmal bewaehren, wenngleich vielleicht die erste +Uebergangszeit einige Ausfaelle bringen mag. Wichtiger ist drittens der +politische Gewinn. "Wenn es staatswissenschaftliche Wahrheit ist, dass +Zoelle nur die Folge politischer Trennung verschiedener Staaten sind, so +muss es auch Wahrheit sein, dass Einigung dieser Staaten zu einem Zoll- und +Handelsverbande zugleich auch Einigung zu einem und demselben politischen +System mit sich fuehrt." + +Nun wird in grossen Zuegen die friderizianische Politik den Wittelsbachern +gegenueber geschildert: wie Friedrich den ersten Nichtoesterreicher, +Karl VII., auf den Kaiserthron erhoben, dann durch den bayrischen +Erbfolgekrieg und den Fuerstenbund Bayern dreimal vom Untergange gerettet +habe. Preussen hat bisher von alledem noch keine Frucht geerntet. Bayerns +feindselige Haltung zur Zeit des Rheinbundes und der Ansbach-Baireuther +Haendel erklaert sich nur aus "der totalen Verwirrung und Verirrung der +Staatenpolitik" jener revolutionaeren Tage. Heute aber kann Preussen kein +Misstrauen mehr einfloessen, sondern muss wuenschen, "mit allen den Staaten, +die nur von wahrhaft deutschem Interesse geleitet und Preussen mit offenem +Vertrauen ergeben sind, nicht aber etwa den Besitz deutscher Provinzen +bloss als Vehikel fuer Foerderung der Interessen ihrer groesseren auswaertigen, +Deutschlands Interessen fremden Staatenkoerper zu benutzen streben, in +jeder Beziehung, politisch und kommerziell, sich recht innig und recht +enge zu verbinden". Moeglich bleibt doch der fuer jetzt allerdings "nicht +leicht gedenkbare" Fall, dass entweder ein allgemeiner Krieg ausbraeche, +oder "dass der Deutsche Bund in seiner jetzigen Gestalt sich einmal +aufloeste und mit Ausschluss aller heterogenen Teile sich neu gestaltete"; +dann wuerde unser Handelssystem ungeheuer wichtig werden. Viertens bringt +uns das Handelssystem eine militaerische Verstaerkung um 92000 Mann. Bayerns +Zutritt entschied die Kriege von 1805 und 1806 zu Napoleons Gunsten, +desgleichen der Rheinbund den Krieg von 1809. Gegen Frankreich koennen wir +unser Rheinland nur decken, wenn wir der bayrischen Pfalz sicher sind; +Oesterreich aber wird durch den Handelsbund in einem weiten Bogen umfasst, +kann von Schlesien und Altbayern her zugleich bedroht werden. Die +Denkschrift schliesst: "In dieser, auf gleichem Interesse und natuerlicher +Grundlage ruhenden und sich notwendig in der Mitte von Deutschland +erweiternden Verbindung wird erst wieder ein in Wahrheit verbuendetes, von +innen und von aussen festes und freies Deutschland unter dem Schutz und +Schirm von Preussen bestehen. Moege nur das noch Fehlende weiter ergaenzt und +das schon Erworbene mit umsichtiger Sorgfalt noch weiter ausgebildet und +festgehalten werden!" + +So der preussische Finanzminister, ein Jahr vor der Julirevolution, zwei +Jahre bevor Paul Pfizer(103) den Briefwechsel zweier Deutschen erscheinen +liess! Unter allen Aeusserungen deutscher Staatsmaenner aus jener Zeit ist +keine, die so entschieden mit der Politik des friedlichen Dualismus +bricht, die so rund heraussagt: los von Oesterreich! Und welche Sicherheit +des Blicks in allem und jedem! Der Mann wusste schon 1829 bis auf einen +geringfuegigen Irrtum ganz genau, in welcher Reihenfolge bis zum Jahre 1866 +die deutschen Staaten dem Zollverein beigetreten sind. + +In einem Rundschreiben an ihre Gesandten sprach die preussische Regierung +offen aus: der Vertrag mit Bayern stelle eine noch engere Vereinigung und +die allmaehliche Verwirklichung der deutschen Handelseinheit in Aussicht. +Noch blieben am bayrischen Hofe tausend Bedenken zu ueberwinden. Koenig +Ludwig, gewoehnt an unbedingte Selbstherrschaft, zuernte heftig, weil seine +Unterhaendler in einigen Punkten ihre Instruktionen ueberschritten hatten; +er konnte das alte sueddeutsche Misstrauen gegen die preussischen Kniffe +nicht ueberwinden, maekelte an jedem Worte, fuerchtete ueberall doppelte +Auslegung. Auch der beruehmte Streit ueber das *Alternat*(104), der in jenen +Tagen die Mussestunden der Bundestagsgesandten wuerdig ausfuellte, wirkte +stoerend. Die koeniglichen Hoefe wollten den grossherzoglichen wohl die +Gleichberechtigung beim Vortritt, doch nicht bei den Unterschriften +zugestehen; nach vielem Herzeleid behalf man sich endlich, fertigte nur +zwei Haupturkunden aus, die eine fuer Preussen-Hessen, die andere fuer +Bayern-Wuerttemberg gemeinsam. Dazu die begreifliche Furcht des Muenchener +Hofes vor der Kleinmeisterei seines Landtags. Cotta bat instaendig: "nicht +zu vergessen, dass wir selbst Vorurteilen froehnen muessen, um die hoeheren +grossen Zwecke zu erreichen, besonders den Verein". In gleichem Sinne +schrieb Armansperg an Motz: "das gewiss segensreiche Werk, welches durch +den Handelsvertrag nunmehr in das Leben treten wird, verdankt Deutschland +groesstenteils der Grossartigkeit Ihrer Ideen und der taetigen Sorgfalt, womit +Ew. Exzellenz die Unterhandlungen leiteten und jede Einseitigkeit zu +entfernen strebten. Wenn dem Geiste Ew. Exzellenz manches, wonach unsere +Wuensche zielen, kleinlich erscheinen wird, so moegen Sie in Erwaegung +ziehen, dass in den Hallen der Staende manch Kleinliches hauset und nicht +immer durch die Waffe der Vernunft bekaempft und besiegt werden kann" -- +worauf dann im Interesse der oberpfaelzischen Hammerwerke gebeten ward, die +groben Eisenwaren unter die Ausnahmeartikel zu stellen. Im Laufe des +Sommers hat Cotta selbst in Brueckenau und Friedrichshafen die letzten +Bedenken der beiden sueddeutschen Koenige beschwichtigt; sie ratifizierten, +ueberhaeuften den gewandten Unterhaendler mit Gunst. Koenig Wilhelm zeigte +sich ebenso unbefangen wie sein Minister Varnbueler; von den alten +caesarischen Traeumen war keine Rede mehr. Dann schickte Preussen zwei seiner +besten Finanzmaenner, Sotzmann und Pochhammer, nach Muenchen, um die neuen +Zolleinrichtungen einfuehren zu helfen. Die bayrischen Beamten erstaunten, +soviel Geduld und Schonung bei den verrufenen Preussen zu finden; in +gemeinsamer ernsthafter Arbeit trat man einander naeher. + +Nun der schwere Entschluss gefasst war, segelte Koenig Ludwig sogleich mit +rastlosem Ungestuem in dem neuen Fahrwasser dahin. Er pries in +ueberschwenglichen Worten die Redlichkeit, die Maessigung, die Groesse der +Ansichten des Berliner Kabinetts, versicherte dem Bildhauer Rauch, wie +stolz er sei, mit dem Staate Friedrichs Hand in Hand zu gehen, wie +rechtschaffen und weise Koenig Friedrich Wilhelm sich gehalten habe. Die +oeffentliche Meinung im Sueden nahm den Vertrag voll Misstrauens auf; eine +Deputation, die dem Koenige den Dank der guten Stadt Noerdlingen aussprach, +blieb eine vereinzelte Erscheinung. In den hoeheren Kreisen des bayrischen +Beamtentums fuehlte man doch, dass endlich nach langen Irrfahrten fester +Ankergrund gefunden sei. Der Bundestagsgesandte Lerchenfeld erhielt +strenge Weisung, sich der mitteldeutschen Zettelungen zu enthalten, und +wirkte fortan zu Frankfurt und Kassel redlich mit seinen preussischen +Genossen zusammen. Die freieren Koepfe ahnten von vornherein, dass dies +gesunde naturgemaesse Buendnis zwischen den beiden groessten deutschen Staaten +weiter fuehren musste. Schon bei den Berliner Verhandlungen hatte Hofmann +die Frage aufgeworfen, ob nicht Preussens westliche Provinzen mit dem Sueden +sogleich einen wirklichen Zollverein bilden sollten. In dieser unreifen +Form war der Gedanke fuer Preussen unannehmbar. Sobald man den Vertrag +ausfuehrte, zeigte sich jedoch rasch, dass man nicht auf halbem Wege stehen +bleiben konnte. Die bayrische Rheinpfalz erhielt bayrische Mauten, da man +sich in Muenchen nicht hatte entschliessen koennen, sie dem preussischen +Zollsystem einzufuegen. Das Ergebnis war trostlos: die Provinz brachte im +Jahre 1830 nur 165000 Gulden an Zoellen auf, waehrend die Grenzbewachung +248000 Gulden verschlang. Der Landrat der Pfalz bat und klagte; der +Zustand konnte nicht dauern. Schon im Februar 1830 fragte der unermuedliche +Cotta bei Hofmann vertraulich an, wie man denn bei vollstaendiger +Zollgemeinschaft mit den preussischen Behoerden auskomme. Hofmann antwortete +mit einem warmen Lobe fuer die preussischen Beamten, die sich zwar anfangs +sehr misstrauisch zeigten, nachher aber, sobald sie die Zuverlaessigkeit der +hessischen Verwaltung kennen lernten, ganz umgaenglich wurden. + +Das Ausland und seine Gesellen, die Mitteldeutschen, sahen mit wachsendem +Schrecken, wie Preussens Handelspolitik binnen Jahresfrist einen zweiten +grossen Erfolg errang. Vergeblich hatte das saechsische Kabinett noch +waehrend der Berliner Verhandlungen den Muenchener Hof fuer den +mitteldeutschen Bund geworben; vergeblich war der Nassauer Roentgen, jener +alte vielgeschaeftige Feind Preussens, nach Stuttgart gereist, um dort +vorzustellen: Motz, der ruchlos ehrgeizige Kraftmensch, wolle Preussen +durch die Entfesselung der industriellen Kraefte zur leitenden deutschen +Macht erheben. In Berlin selbst arbeiteten einige Agenten des +mitteldeutschen Vereins, so der Frankfurter Senator Guaita. Oesterreich +sendete den Hofrat Eichhof nach Muenchen, um Bayern durch das Angebot +einiger geringfuegigen Handelserleichterungen von Preussen hinwegzulocken +und zugleich den Koenig Ludwig zu erinnern, wie feindselig Preussen in der +Sponheimer Sache gehandelt habe. Muench in Frankfurt versuchte wieder +einmal, den Darmstaedter Hof gegen Hofmann, "dies Werkzeug Preussens", +einzunehmen. Die Diplomatie Englands, Frankreichs, Hollands -- voran Lord +Erskine und Graf Rumigny in Muenchen -- ward nicht muede, vor Preussen zu +warnen. Von allen fremden Maechten zeigte sich wieder nur Russland als ein +treuer Freund Preussens; Anstett in Frankfurt sprach offen und +nachdruecklich fuer die Berliner Handelspolitik. + +Nach und nach begann doch die vollendete Tatsache ihren Zauber zu ueben. +Wie lange sollte man noch die Klagen der misshandelten Nation ertragen? Wie +lange noch sich abquaelen an allezeit vergeblichen Sonderbuenden, waehrend +Preussen jede handelspolitische Verhandlung regelmaessig erfolgreich +hinausfuehrte? Selbst Blittersdorff, der rastlose Parteigaenger Oesterreichs, +gab nunmehr die Sache Habsburgs fast verloren. Wenn Preussen, so schrieb +er, alle deutschen Staaten unter seinem Handelssystem vereinigt, dann ist +Oesterreich faktisch aus dem Deutschen Bunde hinausgedraengt! Der Verkehr +wird dadurch nicht zentralisiert, sondern, bei der grossen Anzahl unserer +kleinen Mittelpunkte, ueberall gleichmaessig belebt werden. Die Gefahren fuer +die Souveraenitaet sind geringer in einem grossen Zollverein, als wenn man +versucht, der Zeit in den Weg zu treten. -- + +Die preussisch-bayrischen Verhandlungen blieben ein Schlag ins Wasser, +solange der Verkehr zwischen den beiden Staaten den willkuerlichen +"Retorsionen" des mitteldeutschen Vereins unterlag. Die neue Strasse von +Westfalen durch das darmstaedtische Gebiet verband nur die westlichen +Provinzen Preussens mit den Laendern der sueddeutschen Bundesgenossen und +fuehrte ueberdies in der Frankfurter Gegend einige Stunden lang durch +mitteldeutsches Vereinsland. Sollte der preussisch-bayrische Bund +Lebenskraft gewinnen, so war eine zollfreie Strasse zwischen den +Hauptmassen der beiden verbuendeten Zollvereine unentbehrlich. Da erinnerte +sich Motz zur guten Stunde an den Strassenduenkel des Meininger Reiches und +an jenen untertaenigen Entschuldigungsbrief des Gothaer Herzogs. Wie nun, +wenn Preussen dem Meininger Lande die Mittel bot, jene Welthandelsstrasse +zwischen Italien und der Nordsee wirklich zu bauen? Der Wunsch, den +Verkehr im Lande zu halten, blieb ja der hoechste Gedanke, dessen die +Handelspolitik der Kleinstaaten jener Tage faehig war. Wie oft sind die +Staatsmaenner der Ernestiner nach Muenchen oder Berlin geeilt, um durch +dringende Bitten den Bau einer Umgehungsstrasse zu verhindern; wie jammerte +Frankfurt, da im Fruehjahr 1829 ein Spediteur Waren aus der Schweiz nach +Leipzig ueber Nuernberg sendete und billigere Fracht berechnete als seine +Frankfurter Konkurrenten. Diese Strassenpolitik war das beste Ruestzeug des +Mitteldeutschen Vereins, und Motz beschloss, die Verbuendeten mit ihren +eigenen Waffen zu schlagen. Er eroeffnete Verhandlungen mit Meiningen und +Gotha, noch bevor der bayrische Vertrag abgeschlossen war. Der Herzog von +Koburg kam selbst nach Berlin. Am 3. Juli 1829 wurde mit Meiningen, tags +darauf mit Gotha ein Vertrag geschlossen, "um die Hindernisse zu +beseitigen, die vorzueglich durch oertliche Verhaeltnisse dem Handel und +gewerblichen Verkehr entgegenstehen". Die drei Staaten verpflichteten sich +gemeinsam, einen grossen Strassenzug zu bauen von Langensalza ueber Gotha +nach Zelle, von da ueber Meiningen nach Wuerzburg und ueber Suhl, +Hildburghausen, Lichtenfels nach Bamberg. Preussen schoss den kleinen Herren +die Gelder vor. Der Durchfuhrhandel auf den neuen Strassen wurde voellig +freigegeben. Dazu mehrfache Zollerleichterungen und freier nachbarlicher +Verkehr zwischen Meiningen, Gotha und Preussens thueringischen Enklaven. Es +war dieselbe Strasse quer ueber den Kamm des Thueringer Waldes, die nachher +in der Eisenbahnpolitik des Deutschen Reiches noch einmal eine bedeutsame +Rolle spielen sollte. + +Diese beiden unscheinbaren Vertraege haben in Wahrheit den Mitteldeutschen +Verein vernichtet. Denn jetzt erst erhielt der preussisch-bayrische Vertrag +praktischen Wert. Motz eilte selbst nach Thueringen, um den raschen Ausbau +der Strassen zu foerdern. Sobald dieser zollfreie Strassenzug vollendet war, +standen die beiden verbuendeten Zollvereine in gesicherter geographischer +Verbindung, ihre voellige Verschmelzung blieb nur noch eine Frage der Zeit. +Zugleich hatte das Berliner Kabinett mit Mecklenburg den Bau einer neuen +Strasse von Hamburg nach Magdeburg verabredet. Der maechtige Warenzug +zwischen der Nordsee und der Schweiz ward von Hannover, Kassel und +Frankfurt hinweggelenkt auf die Strasse Magdeburg-Nuernberg. Der +Mitteldeutsche Verein, der Bayern und Preussen auseinander halten sollte, +wurde durch einen Meisterstreich der preussischen Diplomatie selber in der +Mitte zerspalten. Immer wieder draengt sich der Gedanke auf, wieviel +langsamer der Knoten sich haette entwirren lassen, wenn ein Reichstag die +diplomatische Aktion des Berliner Hofes laehmte. Wer diese unterirdische +Arbeit auf ihren verschlungenen Wegen verfolgt, der muss, wo nicht +billigen, so doch verstehen, dass ein freier Geist wie Trendelenburg(105), +damals den preussischen Absolutismus als einen Segen fuer Deutschland pries. + +Preussen vollzog mit jenen zwei Vertraegen nur eine Tat erlaubter Kriegslist +wider erklaerte Gegner, und doch keinen feindseligen Schritt, keine +gehaessige Retorsion. Die Niederlage des Mitteldeutschen Vereins war um so +vollstaendiger, da niemand das Recht hatte, sich ueber Preussen zu beklagen. +Waehrend sonst die Handelspolitik den Feind durch Handelserschwerungen zu +schlagen sucht, entwaffneten Motz und Eichhorn den Kasseler Sonderbund +durch die Erleichterung des deutschen Verkehrs; sie konnten sogar den Dank +der Mitteldeutschen beanspruchen fuer die Eroeffnung einer zollfreien +Strasse. Den beiden thueringischen Fuersten freilich gereichte der Hergang +nicht zur Ehre. Verlockt durch die Aussicht auf den Besitz einer grossen +Handelsstrasse, wurden die Herzoege zu Verraetern an ihren mitteldeutschen +Verbuendeten. Sie verletzten zwar nicht den Wortlaut, doch den Sinn des +Kasseler Vertrages, der den Bundesgenossen allerdings den Abschluss von +Handelsvertraegen gestattete, aber unzweifelhaft den Zweck verfolgte, die +Erweiterung des preussischen Zollsystems zu verhindern. Das boese Beispiel +weckte bald Nachahmung. Der Mitteldeutsche Verein, gegruendet durch +partikularistische Selbstsucht, sollte ein wuerdiges Ende finden; er sollte +nach und nach zerbroeckeln durch ein frivoles Spiel mit Treu und Glauben. + +Zugleich bereitete Motz in diesem tatenreichen Sommer den Mitteldeutschen +noch eine Ueberraschung, die ihrem Handel Segen, ihrem Sonderbunde +Verderben brachte. Er verstaendigte sich mit den Niederlanden ueber die +Rheinschiffahrt und eroeffnete also seinen sueddeutschen Verbuendeten die +Aussicht auf freien Verkehr mit der Nordsee. Sobald der britische Kaufmann +seine Waren zollfrei rheinaufwaerts bis nach Frankfurt und Mannheim senden +konnte, musste England das Interesse an dem Mitteldeutschen Verein +verlieren, und dem Sonderbunde war eine maechtige Stuetze entzogen. -- + +Nach so gruendlichen Niederlagen haetten ernsthafte Staatsmaenner den +Sonderbund als einen verunglueckten Versuch sofort aufgeben und eine +Verstaendigung mit den ueberlegenen Zollvereinen des Suedens und des Nordens +suchen muessen. Doch die unverwuestliche Zanksucht dieser kleinen Hoefe +wollte nicht Frieden halten, ihr Duenkel straeubte sich gegen ein +beschaemendes Gestaendnis. Der saechsische Gesandte in Wien, Graf +Schulenburg, wusste Wunder zu berichten von den Handelserleichterungen, die +Metternich in allgemeinen Andeutungen dem Verein versprach; aehnliche +Zusagen, ebenso unbestimmt gehalten, gab der franzoesische Gesandte Graf +Fenelon dem Nassauer Hofe. In Hannover lebte ungebrochen der alte +Welfenstolz; Graf Muenster bot alle kleinen Kuenste auf, um den Meininger +Herzog durch seine Schwester, die Herzogin von Clarence, von Preussen +abzuziehen. Im Februar 1829 war Varnhagen von Ense(106) von der +preussischen Regierung nach Kassel und Bonn gesendet worden, um nochmals +eine Beilegung des ehelichen Zwistes im kurfuerstlichen Hause zu versuchen. +Er hatte sich des undankbaren Auftrags mit erstaunlichem Ungeschick +entledigt, bei Hruby, dem grimmigen Feinde Preussens, sich belehren lassen +ueber die Lage. Das Ende war, dass die beiden Gatten unversoehnlicher denn je +einander gegenueberstanden, und der Kurfuerst in schaeumender Wut seinem +koeniglichen Schwager Rache schwur. So geschah es, dass das laengst verlorene +Spiel der Mitteldeutschen noch durch einige Jahre fortgesetzt wurde, bis +Preussen den Gegnern auch den letzten Stein aus dem Brette geschlagen +hatte. + +Seit dem Juni 1829 tagte in Kassel abermals der Kongress der +Mitteldeutschen -- ein Bild vollendeter Ratlosigkeit, ohnmaechtigen Grolles. +Alles tobte wider die Verraeter in Meiningen und Gotha, die dem Verein "ein +wichtiges Objekt" geraubt hatten; man sendete Kommissaere hinueber, um die +beiden Herzoege zu verwarnen. Alles zitterte vor der freien preussischen +Handelsstrasse Hamburg-Nuernberg. Selbst die patriotische Hoffnung, dass +Daenemark vielleicht den Bau jener Strasse hindern werde, bot keinen Trost; +denn das kleine Stueck holsteinischen Gebiets zwischen Hamburg und der +mecklenburgischen Grenze konnte leider auf der Elbe umgangen werden! Der +nassauische Bevollmaechtigte Roentgen pflegte auch dem befreundeten +badischen Hofe Bericht zu erstatten ueber den Gang der Verhandlungen. Diese +Berichte wurden von Karlsruhe getreulich der preussischen Regierung +mitgeteilt; man kannte also in Berlin aus erster Quelle die rettungslose +Verwirrung des feindlichen Lagers. Schon in einer der ersten Sitzungen +warf ein Bevollmaechtigter die wohlberechtigte naive Frage auf: "worin denn +eigentlich das materielle Wesen des Vereins bestehe?" Man fuehlte, dass man +"eine Gesamtautonomie gruenden muesse, um die eigene Autonomie zu bewahren". +Man verlangte nach einem "Gemeingut", das als Unterhandlungsmittel gegen +Preussen dienen solle. Die Laecherlichkeit eines Zollvereins ohne gemeinsame +Zoelle begann zwar einzelnen einzuleuchten; selbst Nassau meinte, die +Vorteile des freien Binnenhandels ueberwoegen unendlich jede Erleichterung +des auslaendischen Verkehrs. Aber, hiess es dawider, "wuerde der Verein ein +wirklicher Mautverband, so muessten wir schliesslich doch preussische Farbe +annehmen!" Sechs Kommissionen wurden gebildet, um im Stile des Bundestages +ueber alle erdenklichen Fragen der Verkehrspolitik hin und her zu reden. +Absonderliche patriotische Freude erregte der Vorschlag, den 21 Guldenfuss +anzunehmen und also "das preussische Geld zu verdraengen". + +Von neuem tauchte der Gedanke auf, mehrere Buende im Bunde zu bilden -- +zwei, drei oder vier, was verschlug es? Diese politischen Mollusken liessen +sich doch in jede beliebige Form pressen. Hannover wuenschte einen +Sonderbund der Kuestenstaaten. In lehrhafter Denkschrift bewies Smidt von +Bremen, dass die Vereinsstaaten teils in horizontaler, teils in vertikaler +Richtung zu den grossen deutschen Handelsstrassen laegen; sie moechten also +zwei oder drei Gruppen bilden. Die freie Stadt Bremen, versteht sich, +muesse unabhaengig bleiben, denn sie "qualifiziert sich von selbst als eine +Ausnahme von der Regel des Handelsvereins". Indes begann dem gewiegten +Handelspolitiker doch unheimlich zu werden; er riet dringend zu +Verhandlungen mit den beiden anderen Zollvereinen. + +Unverhohlen sprach sich die aengstliche Unlust der thueringischen Staaten +aus. Reuss beantragte sofort Verhandlungen mit Preussen zu eroeffnen; +Meiningen und Gotha drohten, ihres eigenen Weges zu gehen, wenn der Verein +nicht mit Preussen sich verstaendige. Geschaeftig trugen die Bevollmaechtigten +der kleinen Thueringer dem preussischen Gesandten Haenlein die Geheimnisse +des Vereins zu. Doch die groesseren Staaten Hannover, Sachsen, Hessen, +Weimar blieben hartnaeckig. Die rastlosen Treiber Carlowitz, Grote, Conta +brachten endlich am 11. Oktober 1829 einen neuen Bundesvertrag zustande. +Die Verpflichtung, einseitig keinem auswaertigen Zollverein beizutreten, +wurde verlaengert bis zum Jahre 1841, weil der preussisch-bayrische Vertrag +bis zu diesem Jahre waehrte. Die Durchfuhrzoelle auf den grossen, das Ausland +mit dem Auslande verbindenden Strassen sollten nur nach gemeinsamer +Verabredung veraendert werden. Es lag auf der Hand, dass dieser Artikel +allein bestimmt war, den Verkehr zwischen Preussen und Bayern zu +erschweren, die Wiederholung der Gothaer und Meininger Vorgaenge zu +verhindern. Preussen versuchte auch sofort den Beschluss zu hintertreiben. +Eichhorn schrieb an Buelow in London: "von der kurhessischen Regierung ist +man schon lange gewohnt, dass sie das Verkehrte tut und keine Verhaeltnisse +achtet"; unbegreiflich aber sei Hannovers Verhalten; der Gesandte solle +daher in London nachdrueckliche Beschwerden erheben. Trotzdem ging der +Beschluss durch, und nach dieser unzweideutigen Feindseligkeit bestimmte +man in Kassel noch, dass Sachsen, Hannover und Kurhessen im Namen des +Vereins Verhandlungen mit Preussen eroeffnen sollten -- jenes Kurhessen, das +sich in den groebsten Beleidigungen gegen den Berliner Hof erging! + +Im uebrigen blieb auch dieser zweite Vertrag nahezu inhaltlos; keine irgend +erhebliche Verkehrserleichterung war vereinbart. Daher erhob sich sofort +nach dem Abschlusse des Vertrages ueberall heftiger Widerstand. Die +Ratifikation konnte erst im April 1830 erfolgen. Meiningen und Gotha +versagten ihre Zustimmung. Die reussischen Laender folgten am 9. Dezember +1829 dem Beispiel ihrer Nachbarn, sie vereinbarten mit Preussen +Handelserleichterungen und Strassenbauten und versprachen, dem preussischen +oder dem bayrischen Verein beizutreten, sobald sie ihrer Pflichten gegen +die Mitteldeutschen ledig seien. Im Frankfurter gesetzgebenden Koerper +fragte man murrend: warum verstaendige Kaufleute sich verpflichten sollten, +zwoelf Jahre lang nichts zu tun? Einflussreiche Firmen forderten den +Anschluss an Preussen, selbstverstaendlich nicht zu gleichem Rechte: das +maechtige Frankfurt sollte nur "einen Freihafen des preussischen Vereins" +bilden. Die Stadt litt schwer; Spedition und Fabriken begannen nach +Offenbach ueberzusiedeln. Dennoch behauptete die oesterreichische Partei die +Oberhand. Sachsen und Weimar, erschreckt durch den schwunghaften +bayrisch-preussischen Verkehr dicht neben ihren Grenzen, knuepften ihre +Ratifikation an den Vorbehalt: vom Jahre 1835 muesse ihnen der Austritt +freistehen, falls bis dahin Preussen und Bayern zu einem Zollverein sich +verschmolzen haetten. Der rastlose Roentgen reiste von einer preussischen +Gesandtschaft zur anderen, versuchte sich zu entschuldigen: wer haette denn +vor einem Jahre ahnen koennen, dass Preussen in der orientalischen Frage und +in den Zollsachen eine so glueckliche Rolle spielen wuerde? Als Maltzan +allen Anzapfungen nur ein diplomatisches Schweigen entgegensetzte, fuhr +der beleidigte Nassauer heraus: "Es ist unrecht, auch den kleinsten Feind +zu missachten" -- worauf jener verbindlich erwiderte: "Also Ihr seid unsere +Feinde?" Endlich genehmigte Nassau den Vertrag nur mit der Erklaerung: als +unbedingt verpflichtend koenne er nicht gelten. So drohten Abfall und +Verrat von allen Seiten her. + +Bei der verblendeten Selbstueberschaetzung dieser Kabinette laesst sichs nicht +leicht entscheiden, ob die drei fuehrenden Mittelstaaten ernstlich hofften, +Zugestaendnisse von Preussen zu erlangen, oder ob sie die Verhandlungen mit +dem Berliner Hofe lediglich begannen, um ihre unzufriedenen thueringischen +Bundesgenossen zu beschwichtigen. Genug, das hannoeversche +Kabinettsministerium richtete schon am l4. August an Bernstorff die Frage, +ob Preussen mit den Verbuendeten unterhandeln wolle, und fuegte in der +ueblichen hochtrabenden Weise hinzu: "Der Verein sei wohl imstande, solche +Vorteile anzubieten, welche die Zugestaendnisse aufwiegen duerften". In +Berlin ergriff man die Gelegenheit, den Mitteldeutschen unumwunden die +Meinung zu sagen und zugleich den nationalen Sinn der preussischen +Handelspolitik ausfuehrlicher als je zuvor darzulegen. Ein +Ministerialschreiben vom 31. Oktober 1829 hielt der hannoverschen +Regierung ihr gehaessiges unaufrichtiges Verfahren vor, schilderte +drastisch den Handelsverein, der "nichts Gemeinsames habe als das Motiv, +woraus er entsprang; im uebrigen findet man nur ein Aggregat besonderer +Interessen". Wesentliche Vorteile hat der Verein uns nicht zu bieten, es +muesste denn sein, dass er den Verkehr zwischen unseren Provinzen erschweren +wollte. "Vor dergleichen feindseligen Massregeln hegt die preussische +Regierung ueberhaupt keine Besorgnis." Mit Hannover allein sind wir bereit +zu verhandeln, nicht mit einer Mehrzahl grundverschiedener Staaten. +Preussen hat jetzt, nach den neuesten vorteilhaften Vertraegen, noch weniger +als sonst ein unmittelbares Interesse an solchen Verhandlungen, sondern +nur das eine Interesse, "dass dadurch eine engere Verbindung zwischen den +deutschen Voelkern begruendet und durch diese ein neuer Segen ueber +Deutschland und dessen einzelne Staaten verbreitet werde. Wird dabei der +Grundsatz befolgt, solche gemeinschaftliche Massregeln zu verabreden, +wodurch nur in dem eigenen Gebiet bisher bestandene Hemmungen im +gegenseitigen Verhaeltnis zueinander aufgehoben und keine neuen zur Stoerung +des Verkehrs mit anderen Staaten angeordnet werden, so kann sich niemand +ueber eine Vereinigung, welche auf einer solchen Grundlage errichtet wird, +beschweren. Jede solche Vereinigung bildet vielmehr den Uebergang zu einer +neuen; und in einer solchen praktisch fortschreitenden Entwicklung, welche +keinem feindseligen Prinzip Raum gibt, laesst sich hoffen, dass allmaehlich +das Problem einer gegenseitigen Freiheit des Verkehrs zwischen den +deutschen Staaten in dem groesstmoeglichen Umfange, welchen ueberhaupt die +Natur der Verhaeltnisse gestattet, geloest werde." Hannover suchte noch +einige unwahre Entschuldigungen vorzubringen, doch allein mit dem Berliner +Hofe zu verhandeln, war dem Welfenstolze unmoeglich. + +Sachsen und Kurhessen unterliessen nunmehr jede Anfrage; indes konnte sich +der Dresdener Hof eine Rechtfertigung seiner Handelspolitik nicht +versagen. Geh. Rat v. Koenneritz(107) -- in spaeteren Jahren als Minister +eine Saeule der hochkonservativen Partei --, verfasste eine Denkschrift im +kursaechsischen Kurialstile und wiederholte darin die alten hundertmal +widerlegten Anklagen gegen das preussische Zollsystem. Dann versicherte +"Man annoch fordersamst": der Mitteldeutsche Verein sei "eine +voelkerrechtlich vollkommen statthafte und in der Staatengeschichte gar +nicht ungewoehnliche Uebereinkunft mehrerer souveraener Staaten, eine zur +Rettung der dem hiesigen Lande unentbehrlichen Nahrungszweige, des +Fabrikwesens und des Handels, notwendig bedungene Massregel" -- und sprach +sein Befremden aus, dass Preussen dieser unschuldigen Verbindung +entgegenarbeite. Motz, von Eichhorn befragt, ob eine Verhandlung mit +Sachsen raetlich sei, erwiderte: "Sachsen gewinnt durch eine +Zollvereinigung mit Preussen in allen Beziehungen vorzugsweise, und Preussen +kann dieselbe mehr nur in politischer, weniger in finanzieller Beziehung +wuenschen. Auch die politischen Vorteile sind mehr in der hierdurch +gefoerderten Einigung von Deutschland als in dem besonderen Anschluss von +Sachsen an Preussen zu suchen. Sachsen kann freundlicher, ruecksichtsvoller +Verhandlungen gewaertig sein, wenn es seine mitteldeutschen Verpflichtungen +aufgibt, deren Dauer den Anschluss an das preussische Zollsystem geradezu +verhindert. Herr v. Koenneritz gehoert zu den beschraenkten einseitigen +Koepfen, deren Belehrung, wenn man auch Zeit daran wenden wollte, ebenso +unfruchtbar bleiben wuerde als die ganze Idee des Mitteldeutschen Vereins." +Darauf verwies das Auswaertige Amt dem Gesandten in Dresden, dass er das +anmassende saechsische Schriftstueck angenommen habe, und begnuegte sich, die +Beschuldigungen der Denkschrift kurz zu widerlegen. + +Unterdessen arbeitete Hannover heimlich an einem Verein der Kuestenstaaten. +Am 27. Maerz 1830 kam zu allgemeiner Ueberraschung der Eimbecker Vertrag +zustande, ein Werk Grotes, die Grundlage des spaeteren norddeutschen +Steuervereins. Hannover, Oldenburg, Braunschweig und Kurhessen +verpflichteten sich, innerhalb des Mitteldeutschen Vereins einen +Zollverein mit gemeinschaftlichen niedrigen Zoellen zu bilden. Vorderhand +war alles freilich noch Entwurf. Dass die Kuestenstaaten sich zusammentaten, +erschien nicht ganz unnatuerlich; Motz selbst urteilte mild ueber den +Eimbecker Vertrag. Hannover war nun einmal unfrei der englischen +Handelspolitik gegenueber; auch bestand damals weit verbreitet und +festgewurzelt die Meinung, dass die Volkswirtschaft der Nordseekueste von +den preussischen Zustaenden sehr weit abweiche -- ein Vorurteil, das erst +nach zwei Jahrzehnten ueberwunden wurde. Um so mehr musste die Teilnahme des +Binnenlandes Kurhessen befremden. Die Luft ward schwuel in dem +ungluecklichen Lande. Die Reichenbach befuerchtete einen Aufstand; irgend +etwas, stellte sie dem Kurfuersten vor, muesse geschehen, um das misshandelte +Volk zu beschwichtigen. Da nun der Kurfuerst nicht mit Preussen gehen +wollte, so schloss er den Eimbecker Vertrag, der mindestens an der +hannoverschen Grenze Erleichterungen versprach. -- + +Das war die Lage der deutschen Volkswirtschaft, als die Julirevolution +hereinbrach, das alte System in den Hauptstaaten des Mitteldeutschen +Handelsvereins ueber den Haufen warf und also dem Verein den letzten Stoss +gab. + +Motz selber sollte den vollstaendigen Sieg seiner Ideen nicht erleben; er +starb, erst vierundfuenfzigjaehrig, am 30. Juni 1830. Er nahm ins Grab die +feste Zuversicht, dass Preussens Handelspolitik die eingeschlagenen Bahnen +nicht mehr verlassen koenne; "mein eigenes Departement macht mir am +wenigsten Sorge", sagte er oft in seinen letzten Tagen. Wie gaenzlich hatte +sich Preussens deutsche Machtstellung veraendert in den fuenf Jahren, seit +dieser Mann den Staatshaushalt leitete! Die auslaendische Presse selbst, +die sonst so gleichgueltig an den deutschen Dingen vorueberging, fing schon +an aufzumerken. Wenn diese Staaten, schrieb der Constitutionnel, schon die +Einheit ihrer Handelsinteressen erkennen, so werden sie auch bald +entdecken, dass sie dieselben politischen Interessen haben, und das wird +ein Sieg sein ueber Oesterreich. Die Edinburgh Review aber sagte mit jener +englischen Bescheidenheit, die sich auch im Lobe nie verleugnet: "Die +preussische Handelspolitik, die vielleicht der jedes anderen Staates in der +Welt ueberlegen ist, verdankt ihren Ursprung wahrscheinlich dem +Selbstbereicherungstriebe eines absoluten Herrschers." Vor kurzem noch +verhasst und gemieden, war Preussen jetzt mit den bekehrten Kernlanden des +Rheinbundes zu einem grossen nationalen Zwecke verbuendet. Das vor zehn +Jahren von ganz Deutschland bekaempfte preussische Zollgesetz begann bereits +siegreich vorzudringen, und schon liess sich voraussehen, dass es seine +Herrschaft bis zum Bodensee erstrecken wuerde. In Berlin, nicht mehr in +Frankfurt und Wien, wurden die grossen Geschaefte der Nation erledigt. + +Motz hatte in einem kurzen diplomatischen Kriege, der mit seinen fest und +sicher geleiteten weitverzweigten Verhandlungen an die Entstehung des +fridericizianischen Fuerstenbundes erinnert, nicht bloss den Gegenzollverein +nahezu gesprengt, sondern auch durch geistige Waffen die Gegner +geschlagen, den Unsinn des feindlichen Unternehmens dargetan und vor aller +Welt erwiesen, dass Oesterreich fuer die Noete der Nation nur leere Worte +hatte, Preussen die heilende Tat. Nicht eine zufaellige Verkettung der +Umstaende fuehrte den Sueden auf kurze Zeit mit dem Norden zusammen, wie +einst die Genossen des Fuerstenbundes. Die Gemeinschaft, die jetzt sich +bildete, war unzerstoerbar. Sie entsprang den Lebensbeduerfnissen eines +arbeitenden Jahrhunderts, und ueber ihren unscheinbaren ersten Anfaengen +waltete der freie Geist eines Mannes, der fast allein in mueder, +verdrossener Zeit schon hellen Auges die schlummernden Kraefte des +germanischen Riesen erkannte, die grosse Zukunft des "in Wahrheit +verbuendeten Deutschlands" ahnte. + +Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 623ff. + + ------------------ + + 65 Maximilian I., Joseph, Koenig von Bayern von 1805-1825, geb. 27. Mai + 1756. + + 66 Staat im Staate. + + 67 August v. Roentgen, geb. 10. Juni 1781, gest. 5. August 1865, damals + nassauischer Gesandter in Muenchen. + + 68 Wilhelm (gest. 20. August 1839). + + 69 Ludwig, seit 13. Oktober 1825 Koenig Ludwig I. + + 70 Karl Salomon Zachariae von Lingenthal, geb. 14. September 1769, gest. + 27. Maerz 1843, Professor der Rechte an der Universitaet Heidelberg, + 1825 Mitglied der zweiten badischen Kammer. + + 71 Ludwig I., geb. 14. Juni 1753, gest. 6. April 1830. + + 72 Preussischer Gesandter am badischen Hofe. + + 73 Karl Ludwig Wilhelm v. Grolman, geb. 23. Juli 1775, gest. 14. + Februar 1829, Professor der Rechte in Giessen, seit 1819 Minister des + Innern und der Justiz. + + 74 Joachim Graf v. Muench-Bellinghausen, geb. 29. September 1786, gest. + 3. August 1866, von 1823-1848 oesterreichischer Bundestagsgesandter. + + 75 Friedrich Karl Gustav Freiherr v. Langenau, oesterreichischer + Feldmarschalleutnant, war von 1817-1827 oesterreichischer + Bevollmaechtiger bei der Militaerkommission der deutschen + Bundesversammlung. + + 76 Philipp Moritz Freiherr v. Schmitz-Grollenburg, geb. 22. Dezember + 1765, gest. 27. November 1849, seit 1821 als wuerttembergischer + Gesandter in Muenchen. + + 77 Joseph Ludwig Graf v. Armansperg, geb. 28. Februar 1787, gest. 3. + April 1853, seit 1826 bayrischer Finanzminister. + + 78 So Treitschke. Doch liegt hier eine Verwechslung mit Joseph v. + Baader vor, der, geb. 30. September 1763, gest. 20. November 1835, + Ingenieur war und um das Eisenbahnwesen in Bayern sich hoch verdient + gemacht hat. Sein Bruder Franz v. Baader war in erster Linie + Philosoph, beschaeftigte sich aber auch mit technischen und + naturwissenschaftlichen Studien. + + 79 Napoleons Sohn von Marie Louise, der den Titel eines roemischen + Koenigs trug. + + 80 Emmerich Joseph Herzog v. Dalberg, geb. 30. Mai 1773, gest. 27. + April 1833, Pair von Frankreich und franzoesischer Gesandter am + Turiner Hofe. + + 81 Karl Friedrich Graf Reinhard, Pair von Frankreich, geb. 2. Oktober + 1761, gest. 25. Dezember 1837, damals franzoesischer Gesandter am + Bundestag. + + 82 Als "drittes Deutschland" bezeichnete man die Mittel- und + Kleinstaaten als Gegengewicht gegen Preussen und Oesterreich. + + 83 Oldwig v. Natzmer, geb. 18. April 1782, gest. 1. Nov. 1861. + + 84 Graf Detlev v. Einsiedel, geb. 12. Oktober 1773, gest. 20. Maerz + 1861, von 1813-1830 als Minister ein Gegner aller Reformen. + + 85 Eduard von Wietersheim, geb. 10. September 1787, gest. 16. April + 1865, damals Kreishauptmann in Plauen, von 1840-1848 saechsischer + Kultusminister. + + 86 Georg August Ernst v. Manteuffel, geb. 26. Oktober 1765, gest. 8. + Januar 1842, Praesident des Geh. Finanzkollegiums, seit 1828 + Konferenzminister, in Sachsen verhasst wegen seines starren + Widerstandes gegen jede Reform. + + 87 Hans Georg v. Carlowitz, geb. 11. Dezember 1772, gest. 18. Maerz + 1841, von 1821-1827 Koenigl. saechsischer Bundestagsgesandter. + + 88 Christoph Anton Ferdinand v. Carlowitz, geb. 6. Juni 1785, gest. 21. + Januar 1840. + + 89 Christian Wilhelm Schweitzer, geb. 1. November 1781, gest. 26. + Oktober 1856, anfangs Professor der Rechte an den Universitaeten + Wittenberg und Jena, wurde 1818 ins Ministerium berufen als Geheimer + Staatsrat mit Sitz und Stimme im Ministerium, doch ohne ein + bestimmtes Departement. + + 90 Bernh. Aug. v. Lindenau, geb. 11. Juni 1779, gest. 12. Mai 1854, von + 1827-29 saechs. Bundestagsgesandter, darauf Direktor der + Kommerziendeputation, 1830 Kabinettsminister, von 1831 bis 1843 + Staatsminister. -- Vor seinem Eintritt in den Koenigl. saechs. + Staatsdienst war er erst in Sachsen-Gotha-Altenburg taetig, dann nach + der Teilung als Landschaftsdirektor in S.-Altenburg. Literarisch ist + er durch Arbeiten auf dem Gebiete der Sternkunde hervorgetreten. + + 91 Grossherz. hess. Geheimrat und Bundesgesandter fuer die XVI. Kurie, + gest. 6. April 1839. + + 92 Ernst Friedr. Herbert Reichsgraf zu Muenster-Ledenburg, geb. 1. Maerz + 1766, gest. 20. Mai 1839, von 1805-1831 Minister fuer die + hannoeverschen Angelegenheiten am Londoner Hofe. + + 93 Aug. Otto Graf Grote, geb. 19. November 1747, gest. 26. Maerz 1830, + hannov. Gesandter in Hamburg. + + 94 Joh. Smidt, geb. 5. November 1773, gest. 7. Mai 1857, anfangs + Professor der Geschichte am Bremer *Gymnasium illustre*, dann + Syndikus und Ratsherr, war 1821-1849 u. 1852-1857 Buergermeister. + + 95 des bestehenden Zustandes. + + 96 nicht darueber hinaus. + + 97 irgendein Drittes. + + 98 Hans Christoph Ernst Freiherr v. Gagern, geb. 25. Januar 1766, gest. + 22. Oktober 1852, politischer Schriftsteller und einige Jahre als + Gesandter fuer Luxemburg beim Deutschen Bunde taetig. + + 99 Des satirischen Dichters Gottlieb Wilh. Rabener (geb. 1714, gest. + 1771). + + 100 Karl Freiherr v. Varnbueler, geb. 12. August 1776, gest. 27. April + 1832, wuerttembergischer Finanzminister. + + 101 Joh. Friedrich Cotta, Freiherr v. Cottendorf, geb. 27. April 1764, + seit 1787 Chef der Cottaschen Buchhandlung, vielfaeltig auch in + politischen Verhandlungen taetig, gest. 29. Dezember 1832. + + 102 Job von Witzleben, geb. 20. Juli 1783, gest. 9. Juli 1837, preuss. + Generalleutnant und als Chef des Militaerkabinetts vertrauter + Ratgeber des Koenigs. + + 103 Paul Pfizer, geb. 12. September 1801, gest. 30. Juli 1867, forderte + in dem "Briefwechsel zweier Deutschen" Trennung Oesterreichs von + Deutschland und eine Verzichtleistung der kleinen Fuersten auf die + Rechte der Souveraenitaet zugunsten Preussens. + + 104 d. h. des Rechtes jedes Teils, bei Abschluss von Vertraegen seinen + Namen in der fuer ihn bestimmten Ausfertigung der Vertragsurkunde an + erster Stelle aufzufuehren. + + 105 Adolf Trendelenburg, geb. 30. November 1802, gest. 24. Januar 1872, + Professor der Philosophie an der Universitaet Berlin und Mitglied der + Berliner Akademie der Wissenschaften. + + 106 Karl Aug. Varnhagen v. Ense, geb. 21. Februar 1785, gest. + 10. Oktober 1858; erst als Offizier in oesterreichischen, nachher in + russischen Diensten, wurde er 1814 in die preussische Diplomatie + berufen und nahm als Hardenbergs Begleiter am Wiener Kongress teil. + Seit 1821 lebte er als Geh. Legationsrat in Berlin, meist + literarisch taetig, wurde aber auch gelegentlich zu politischen + Sendungen verwandt. + + 107 Julius Traugott v. Koenneritz, geb. 1792, gest. 28. Oktober 1866, + damals Hof- und Justizrat bei der Landesregierung, von 1821-1846 + Justizminister. + + + + +7. Der Deutsche Zollverein. + + + +a) _Kurhessens Beitritt._ + + +Nach dem Tode Motzs {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} erhielt sein Freund Maassen, der Begruender des +Zollgesetzes, die Leitung des Finanzwesens. Die Wahl des Koenigs konnte +keinen wuerdigeren Mann treffen. Maassen ueberragte den Verstorbenen durch +umfassende Sachkenntnis; klug, gerecht, wohlwollend, verstand er bei den +Unterhandlungen, sich das Vertrauen der argwoehnischen kleinen Kronen stets +zu erhalten. Freilich fehlten ihm der kuehne Wagemut und der weite +staatsmaennische Blick des Vorgaengers; er liess die Dinge gern an sich +kommen und hegte nicht wie jener den Ehrgeiz, auf die Leitung der gesamten +preussischen Politik einzuwirken, obgleich er als der bedeutendste Kopf des +Ministeriums klar erkannte, wie gemaechlich die Mittelmaessigkeit in den +anderen Departements sich wieder einzunisten begann {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} So erklaert es sich, +dass die muehselige Arbeit der handelspolitischen Einigung zwar stetig +vorwaerts schritt, aber zunaechst nicht so schnell gefoerdert wurde, wie man +wohl erwarten konnte, nachdem Motz Schlag auf Schlag die letzten Enklaven +aufgenommen, den Zollverein mit Darmstadt, den Handelsvertrag mit +Bayern-Wuerttemberg abgeschlossen, den feindlichen Handelsverein der +Mitteldeutschen nahezu zersprengt hatte. + +Die Nachspiele der Julirevolution gereichten der preussischen +Handelspolitik zum Vorteil; sie raeumten ploetzlich alle die Hemmnisse +hinweg, welche das alte System in den norddeutschen Mittelstaaten dem +Zollverbande entgegenstellte. Durch den Untergang der staendischen Anarchie +in Sachsen, der despotischen Willkuer in Hessen war die Verwaltung beider +Laender den preussischen Institutionen angenaehert worden; frueher oder spaeter +musste die Verstaendigung erfolgen. In Kurhessen zunaechst wurde die +Morschheit des alten Mautwesens offenbar. Nicht zuletzt die +wirtschaftliche Not hatte die Volksbewegungen im Herbst 1830 +hervorgerufen. Das Laendchen mit seinen 154 Geviertmeilen besass 154 Meilen +Zollgrenze. Frecher als irgendwo auf deutschem Boden gedieh hier der +Schmuggel; in geschlossenen Scharen zogen die Schwaerzer aus, massen sich +mit den Zollwaechtern in offenem Gefechte. Waehrend die Kosten der +Zollverwaltung den Ertrag der Eingangsabgaben fast verzehrten, begann +jetzt auch der ergiebige Durchfuhrzoll zu versiegen, da der Transit sich +nach der neuen Thueringer Strasse hinueberzog. Als die Unruhen ausbrachen, +verliessen alle Mautbeamten im Hanauischen und Fuldischen ihre Amtshaeuser; +Massen fremder Waren stroemten unverzollt ins Land, und der Bundesgesandte +Meyerfeld erklaerte dem Bundestage, die Regierung duerfe nicht wagen, die +Zollaemter wieder herzustellen. Entsetzt schrieb Blittersdorff: "Die Mauten +koennen leicht fuer ganz Deutschland ein Losungswort des Aufruhrs werden." + +Doch wie konnte Kurhessen aus dem unertraeglichen Notstande heraus? Die +Regierung war zwiefach gebunden: durch den Mitteldeutschen Handelsverein +und durch den Eimbecker Vertrag. Jener lag im Sterben, dieser war +vorderhand noch ein Entwurf, aenderte nichts an den Leiden des Landes. Man +schwankte lange; noch im Herbst 1830 widmete Geh. Rat Meisterlin, einer +der Urheber des Eimbecker Vertrags, den Landstaenden eine Flugschrift, die +den Eintritt in das preussische Zollsystem verwarf, weil Hessens +Gewerbefleiss die Mitwerbung der ueberlegenen rheinischen Industrie nicht +ertragen koenne. Die alte Abneigung des Kurfuersten gegen Preussen war nicht +verflogen, auch schien ihm doch bedenklich, eine zweifache Verflichtung +ohne weiteres zu brechen. Er wuenschte -- und mit ihm wohl die Mehrzahl im +Lande -- einen Mautverband des gesamten Deutschlands, der die Sonderbuende +von selbst aufgehoben haette. In diesem Sinne musste Meyerfeld bei dem +bayrischen Bundestagsgesandten Lerchenfeld vertraulich anfragen. Das +Muenchener Kabinett aber kannte jetzt die handelspolitischen Plaene wie die +Verhandlungsweise des Berliner Hofes; daher gab Graf Armansperg an +Lerchenfeld die verstaendige Weisung: diese Sache sei vorsichtig dahin zu +lenken, dass sie in Berlin unter Preussens Leitung erledigt werde. +Gleichwohl konnte der Kurfuerst sich noch immer nicht entschliessen, mit dem +verhassten Preussen und dem so groeblich beleidigten Darmstaedter Vetter +allein zu verhandeln. Noch im folgenden Fruehjahr erhielt Meyerfeld den +Auftrag, die Vereinigung saemtlicher deutscher Mautverbaende beim Bundestage +zu beantragen; da warnte ihn Nagler: niemals werde Preussen einer solchen +Utopie zustimmen. + +Unterdessen hatte Motz, ein Verwandter des preussischen Ministers, das +hessische Finanzministerium uebernommen. Die Anarchie im Zollwesen ward +unhaltbar; die Kommissaere des Eimbecker Vereins, die in Hannover tagten, +konnten sich nicht einigen. Motz und sein wackerer Amtsgenosse Schenk zu +Schweinsberg bewogen endlich den Kurfuersten, dass er die Geheimraete Ries +und Meisterlin im Juni nach Berlin schickte, um mit Preussen-Darmstadt und +Bayern-Wuerttemberg zugleich einen Zollverein zu schliessen. Doch +unerbittlich hielt Eichhorn den beiden Bevollmaechtigten den alten +preussischen Grundsatz entgegen: Verhandlungen mit mehreren Staaten +zugleich sind aussichtslos. Vergeblich straeubte sich der Kurfuerst; man +musste sich der Forderung des Berliner Hofes fuegen, mit Preussen-Darmstadt +allein verhandeln. In Maassens Auftrag fuehrte L. Kuehne die Unterhandlung. +Der schlicht buergerliche kleine Mann erwies sich jetzt schon, wie +spaeterhin in allen Geschaeften des Zollvereins, als meisterhafter Diplomat. +Klar und bestimmt, mit ueberlegener Sachkenntnis und ehrlichem Wollen, +entwickelte er seine Vorschlaege; wenn ihm aber das toerichte Misstrauen der +Kleinen entgegentrat, dann funkelten seine kleinen scharfen Augen, und er +fertigte alle Winkelzuege mit schneidenden Sarkasmen ab. Auf die Frage des +Preussen, ob Kurhessen nicht noch durch die mitteldeutschen Handelsvertraege +gebunden sei, verweigerten die Hessen jede Antwort, weil ihnen das +Gewissen schlug. Man ging also ueber diesen wunden Punkt schweigend hinweg. +Die Kurhessen draengten zur Eile; denn sie befuerchteten einen neuen +Umschwung an ihrem heimischen Hofe, wo Oesterreich und England-Hannover +alle Minen springen liessen, und sie wollten, geaengstigt durch die nahende +Cholera, den unheimlichen Boden Berlins schleunigst wieder verlassen. +Schon am 29. August 1831 war alles beendigt. Um dem +zollvereinsfreundlichen Koenige von Bayern eine Ehre zu erweisen, wurde der +Vertrag auf den Ludwigstag (25. August) zurueckdatiert. Kurhessen trat dem +preussischen Zollsystem bei, im wesentlichen unter denselben Bedingungen +wie einst Darmstadt. Der alte Kurfuerst liess diese Demuetigung noch ueber +sich ergehen, wenige Tage bevor er die Regierung seinem Sohne abtrat. Vor +sieben Jahren war man in Berlin bereit gewesen, ein erhoehtes Einkommen an +Kurhessen zu bewilligen; jetzt hatte das Kurfuerstentum seinen +Durchfuhrhandel verloren und durch gehaeufte Suenden jeden Anspruch auf +Beguenstigung verscherzt. Hessen musste sich begnuegen mit dem Massstabe der +Kopfzahl. + +Der Vertrag war fuer Kurhessen eine politische Notwendigkeit, er rettete +das Land aus namenlosem Elend. Selbst der Kasseler Landtag wagte nicht zu +widersprechen. Die mitteldeutschen Verbuendeten freilich drohten und +laermten. Nicht ohne Grund: Kurhessen hatte in den rohesten Formen seine +Vertragspflicht gebrochen, ohne auch nur ernstlich eine Verstaendigung mit +den alten Bundesgenossen zu versuchen. Fuer Preussen dagegen war ein klarer +Gewinn errungen. Wie die Gotha-Meininger Strasse den Verkehr mit dem +Sueddeutschen Verein gesichert hatte, so wurde jetzt die lang ersehnte +Verbindung zwischen dem Osten und dem Westen hergestellt, der +Mitteldeutsche Verein noch an einer zweiten Stelle durchbrochen. Waehrend +in Thueringen die Zollfreiheit der preussischen Durchfuhrstrasse den +mitteldeutschen Verbuendeten gefaehrlich wurde, musste Kurhessen die hoeheren +Transitzoelle des preussischen Tarifs einfuehren. Auf Bayerns dringende +Vorstellungen setzte Preussen diese hessischen Zoelle bald auf die Haelfte +herab. Eine noch weitergehende Verminderung war vorderhand untunlich; die +mitteldeutschen Verbuendeten, vornehmlich die Frankfurter Kaufleute, +sollten fuehlen, dass sie von Preussen abhingen, und durch heilsamen Druck +bestaerkt werden in ihrer beginnenden Bekehrung. + +Durch den Abfall Kurhessens ward der Mitteldeutsche Handelsverein +vernichtet. Der Liberalismus freilich kam so schnell nicht los von den +liebgewonnenen Phrasen. In Bayern deklamierte Siebenpfeiffer gegen die +Maut: sie haette zur Volkssache werden sollen und ist zur Volksfeindin +geworden! Stromeyer in Baden schrieb in die gefuerchtete Zeitschrift +"Rheinbayern" einen donnernden Artikel: Die preussische Aristokratenstirne +wagt es, sich an das Nationalgefuehl zu wenden! In Preussen herrscht, haerter +als irgendwo auf der Welt, die eiserne Konsequenz des Merkantilsystems; +der Mitteldeutsche Verein vertritt die Freiheit. Darum soll Baden +festhalten an seinem trefflichen liberalen Zollwesen. Dann wird +Wuerttemberg, das ohnedies durch seine hohe politische Bildung dem +konstitutionellen Musterstaate nahe steht, und bald auch das +konstitutionelle Bayern, Sachsen, Kurhessen dem badischen System sich +anschliessen! -- Auch einer der edelsten und gelehrtesten Vertreter +deutscher Wissenschaft brach eine Lanze fuer den sterbenden Sonderbund. +Johann Friedrich Boehmer(108) verfasste das wunderliche Buechlein "das +Zollwesen in Deutschland geschichtlich beleuchtet". Der Legitimist des +heiligen Reiches stellte den kuehnen Satz auf, die Zollfreiheit der +deutschen Fluesse muesse von Recht wegen auch fuer die Landstrassen gelten. Er +pries den Mitteldeutschen Verein als "den letzten Versuch, von dem, was +einstens als gemeines deutsches Recht und Freiheit gegolten, soviel wie +moeglich, wenigstens vertragsweise zu sichern". Er schalt Preussen den +"Reichsfeind und Landfriedensbrecher", warnte die Kleinstaaten, "wie +leicht sich Einverleibungen der Nachbarlaender an Zollangelegenheiten +knuepfen", und getroestete sich des schoenen Wortes, das vor zwoelf Jahren der +k. k. Praesidialgesandte gesprochen: dass "die hohe Bundesversammlung die +Befoerderung und Erfuellung des deutschen Handels in die Hand nehmen werde!" + +Die saechsischen Hoefe waren laengst nicht mehr in der Lage, solchen +Schrullen nachzuhaengen. Die Not des Haushalts, das laute Murren des Volkes +zwang sie, demuetig bittend in Berlin anzuklopfen. Armselige +Advokatenkuenste mussten vorhalten, um den Vertragsbruch zu beschoenigen. +Meiningen behauptete, der Mitteldeutsche Verein sei durch den Eimbecker +Vertrag zerrissen worden, er bestehe nicht mehr zu Recht. Der Verrat des +einen diente dem anderen zum Vorwande; sobald die kleinen Thueringer +schwankten, berief sich das Dresdner Kabinett auf den Artikel des Kasseler +Vertrages, wonach die gaenzlich vom Auslande umschlossenen Gebietsteile den +Satzungen des Vereins nicht unterliegen sollten. Das sei jetzt Sachsens +Fall, wenn Thueringen sich mit Preussen verstaendige -- eine offenbare +Sophisterei, da jene Klausel sich nur auf entlegene Enklaven bezog. Wollte +der saechsische Hof ehrenhaft verfahren, so musste er sofort einen neuen +Kongress der mitteldeutschen Verbuendeten berufen, dort die Aufloesung des +unhaltbaren Vereins beantragen und dann erst mit Preussen unterhandeln. +Aber die alte Politik der Winkelzuege, der Halbheit, des Misstrauens gegen +Preussen wurde selbst unter dem neuen Ministerium Lindenau nicht sogleich +aufgegeben. Die saechsische Regierung glaubte, ihre Wuensche in Berlin +sicherer durchsetzen zu koennen, wenn sie an dem Gespenste des +Mitteldeutschen Vereins noch einen Rueckhalt haette; sie begann mit Preussen +zu verhandeln, noch bevor sie ihrer aelteren Verpflichtung entbunden war. + +Nachdem das Dresdner Kabinett schon im August 1830 bei den sueddeutschen +Kronen leise angefragt, musste sich der alte Koenig Anton endlich +entschliessen, an den Koenig von Preussen selber zu schreiben. Er beteuerte, +dass er laengst die Absicht gehabt, mit Preussen in kommerzielle Verbindung +zu treten "und somit im Sinne des hochwichtigen und wohltaetigen Zwecks zu +handeln, dessen Erreichung von Ew. Majestaet bereits seit laengerer Zeit +beabsichtigt wird. Dass diese Verhandlung von Preussen begonnen und +eingeleitet werde, scheint die notwendige Bedingung des Erfolges zu sein." +Lindenau, der im Januar 1831 dies Handschreiben nach Berlin brachte, +ueberreichte zugleich eine Denkschrift, worin Sachsen den Entschluss +aussprach, die Aufloesung des Mitteldeutschen Vereins durchzusetzen, "da +Veranlassung, Zweck und Grund des Vereins nicht mehr vorhanden sind. Das +Beduerfnis einer bewegten Zeit, die Zuversicht, durch den Antritt einer +solchen Verhandlung die aufgeregten Gemueter am sichersten zu beruhigen, +endlich die Hoffnung, dass ein solcher die Mehrzahl der deutschen +Bundesstaaten umfassender Verband auch auf die groesseren Weltereignisse +einen friedlich besaenftigenden Einfluss aeussern koenne", ermutigten den +saechsischen Hof, die Verhandlungen in Berlin zu beginnen. + +Noch klaeglicher war die Demuetigung Weimars. Derselbe Minister Schweitzer +[S. Fussnote S. 132], der seit Jahren das preussische Zollsystem als den +Todfeind deutscher Handelsfreiheit bekaempft hatte, versicherte im Juli +1830 dem Auswaertigen Amte: "dass zur Foerderung des von dem Koenig von +Preussen begonnenen, in seinen Zwecken und seinen Gruenden immer klarer +hervortretenden deutschen Werkes, also zur Foerderung eines freien Handels +und Verkehrs im deutschen Vaterlande von Preussen aus, der Grossherzog von +Weimar im Einverstaendnis mit dem Koenigreich Sachsen mit Vergnuegen die Hand +bieten wird." Dann sang der weimarische Minister Fritsch [S. Fussnote S. +47] die Totenklage des Sonderbundes: "Auf hinreichende Zeit zur Ausbildung +des Vereins ist nicht mehr zu rechnen, nachdem die grossen welthistorischen +Ereignisse seit dem 25. Juli 1830 und deren Folgen auf deutschem Boden +eine weit schleunigere Hilfe notwendig gemacht, man kann sagen, die Uebel, +welche als chronische behandelt werden sollten, in akute verwandelt haben. +Nur Schaden, nur Verderben koennte es bringen, wenn man sich unter solchen +Umstaenden noch gegenseitig beschraenken, sich zum Nichtstun verpflichtet +halten wollte in einer Zeit, welche in allen oeffentlichen Dingen ganz +andere Forderungen stellt. Was uns die Jahre 1829 und 1830 genommen und +gebracht haben, liess sich im Jahre 1828 nicht voraussehen, nicht +vorausahnen. Der Kasseler Verein war und bleibt ein bedeutendes +Unternehmen, nicht ohne Folgen. Es wird den Stiftern desselben ein +gerechtes Urteil in der Geschichte um so weniger entgehen, je +bereitwilliger sie jetzt das Gestaendnis ablegen und betaetigen, dass eine +ganz neue Zeit uns gekommen ist." + +Friedrich Wilhelm antwortete dem Koenig von Sachsen sehr freundlich, er sei +bereit, Sachsens Antraege zu erwaegen, und sprach sich zugleich offen aus +ueber die nationalen Ziele seiner Handelspolitik: "Wiewohl der Abschluss +dieser Vertraege stets nur mit einzelnen Staaten erfolgte, so hatte man +dennoch dabei nicht ein ausschliessliches Interesse der unmittelbar +Beteiligten im Auge, sondern man verfolgte zugleich den Gesichtspunkt, dass +die einzelnen Vertraege als Mittel dienen moechten, der Freiheit des +Verkehrs in Deutschland ueberhaupt eine groessere Ausdehnung zu geben." Dem +weimarischen Hofe drueckte der Minister des Auswaertigen seine Freude aus, +dass unser Werk auch in den Augen Weimars "immer klarer als ein deutsches +Werk hervortritt"; dann wiederholte er in schneidenden Ausdruecken die +hundertmal von Preussen ausgesprochene Ermahnung: die Thueringer sollten +sich erst unter sich verstaendigen, bevor Preussen mit ihnen verhandeln +koenne. + +Nach solchen Erfolgen stand in Berlin fester denn je die Ueberzeugung, dass +der eingeschlagene Weg der Einzelverhandlungen allein zum Ziele fuehre. Mit +voller Sicherheit schrieb Bernstorff dem Koenig: "Die Schoepfung eines +allgemeinen deutschen Zoll- und Handelssystems oder irgendeiner anderen +bleibenden Institution aehnlicher Natur ist eine Aufgabe, deren Loesung dem +Bunde solange unmoeglich bleiben wird, als derselbe nicht eine andere, von +der jetzigen ganz verschiedene Organisation besitzt". Seit dem Zerfall des +mitteldeutschen Sonderbundes schien die Bahn frei fuer die vollstaendige +Vereinigung der beiden befreundeten Zollvereine des Suedens und des +Nordens. Was sollte jetzt noch hindern, da beide Teile die Unhaltbarkeit +des bestehenden Zustandes lebhaft empfanden? da die zwischenliegenden +Staaten nicht mehr feindlich im Wege standen, sondern selbst um ihre +Aufnahme baten? da das Grundgesetz des preussisch-hessischen Vereins sich +von selber darbot als die Regel fuer den grossen Verein? Und dennoch musste +Preussen wieder und wieder durch den Flugsand waten, der im Wuestenwinde der +deutschen Kleinstaaterei emporwirbelte. Fast drei Jahre lang, von 1830 bis +1833, spielte in Berlin, vielfach unterbrochen, eine dreifache Reihe +muehseliger Verhandlungen: mit Bayern- Wuerttemberg, mit Sachsen, mit den +thueringischen Staaten; und das Geschaeft waere nie zum Abschluss gelangt, +wenn man nicht, dem alterprobten Grundsatz getreu, die Unterhandlungen mit +den einzelnen Gruppen scharf auseinandergehalten haette. Der Vergleich +draengt sich unwillkuerlich auf: der Deutsche Zollverein ging aus dem +Preussisch-Hessischen hervor unter aehnlichen Kaempfen und Bedenken, wie +spaeterhin das Deutsche Reich aus dem Norddeutschen Bunde. Der Zollverein +wie der Norddeutsche Bund stiess auf die hoechsten Schwierigkeiten erst, als +die groesseren Mittelstaaten, mit ihrem festgewurzelten und nicht ganz +unberechtigten Partikularismus, mit der Fuelle ihrer scheinbar oder +wirklich abweichenden Interessen in die Verhandlungen eintraten. In +Versailles, wie 40 Jahre zuvor in Berlin, gebaerdeten sich die sueddeutschen +Kronen anfangs, als staende man vor einem Neubau, als sei noch gar kein +Grundgesetz vorhanden; erst nach langem, peinlichem Zoegern erkannten sie +die im Norden bestehende Ordnung an, doch indem der Bau erweitert wurde, +lockerte man zugleich das feste Gefuege seiner Mauern. + +Der Handelsvertrag zwischen Preussen-Hessen und Bayern- Wuerttemberg war von +vornherein in der Absicht fortschreitender Erweiterung abgeschlossen. In +Muenchen aber begann die ultramontane Partei, sofort an dem neuen Bunde zu +zerren und zu nagen. Ihre Fuehrer, Schenk(109), Goerres, Ringseis(110), +standen durch den k. k. Legationsrat Wolff mit der Hofburg im Verkehr; der +Gesandte in Wien, Graf Bray(111), war fuer Metternich gewonnen, desgleichen +neuerdings auch der alte Feldmarschall Wrede.(112) Angesichts dieser +maechtigen Gegner und der unberechenbaren Launen Koenig Ludwigs hielt +Bernstorff fuer noetig, allen Begehren Bayerns soweit als moeglich +entgegenzukommen. Der Muenchener Hof wuenschte zunaechst den Eintritt Badens +in den bayrisch-wuerttembergischen Verein; denn das badische Gebiet ragte +als ein trennender Keil zwischen die bayrische Pfalz und die Hauptmasse +der Vereinslande hinein, und unter dem Schutze der geruehmten Karlsruher +Freihandelspolitik, die fuer die Grenzbewachung wenig tat, bluehte auf dem +Schwarzwalde wie am Rheinufer ein gefaehrlicher Schmuggelhandel. War der +kraenkelnde Sueddeutsche Zollverein durch Badens Zutritt neu gekraeftigt, +dann erst sollte -- so rechnete Koenig Ludwig -- ueber die voellige +Verschmelzung der beiden Vereine des Nordens und des Suedens verhandelt +werden {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} + +Eine handelspolitische Verstaendigung zwischen Bayern und Baden blieb aber +voellig aussichtslos, solange die beiden Hoefe einander noch als Feinde +betrachteten und Koenig Ludwig seine traumhaften Ansprueche auf badisches +Gebiet nicht aufgab. Als Grossherzog Ludwig starb und sein Nachfolger +sogleich von allen Maechten anerkannt wurde, da wagte man in Muenchen gar +nicht mehr wie frueher zu behaupten, dass mit der Thronbesteigung der +Hochbergischen Linie das Haus der Zaehringer ausgestorben sei. Der +Wittelsbacher trug seine vorgeblichen Ansprueche auf den "Heimfall" der +badischen Pfalz stillschweigend zu Grabe. Um so mehr lag ihm daran, +mindestens durch eine kleine Gebietserweiterung der Welt zu beweisen, dass +Bayern doch nicht ganz im Unrecht gewesen sei. + +Gegen Ende Mai 1830 erschien Armansperg in tiefem Geheimnis zu Berlin und +bat um Preussens gute Dienste. Koenig Friedrich Wilhelm uebernahm die +Vermittlung, im Verein mit dem Koenig von Wuerttemberg, und liess den +badischen Minister Boeckh nach Berlin einladen. Er hoffte nicht nur den +leidigen Gebietsstreit beizulegen, sondern auch Baden zum Eintritt in den +Bayrisch-Wuerttembergischen Zollverein zu bewegen. Am 10. Juli brachte +Bernstorffs versoehnliches Zureden endlich eine Uebereinkunft zustande, +kraft deren Baden dem sueddeutschen Verein beizutreten versprach; dafuer +wollten beide Teile auf ihre Sponheimer Erbansprueche verzichten. Um Bayern +gaenzlich zufrieden zu stellen, wurde noch ein geringfuegiger +Gebietsaustausch irgendwo an der badischen Ostgrenze vorbehalten. Damit +schien der jaemmerliche Handel aus der Welt geschafft. Metternich sprach +bereits allen Teilnehmern seinen Glueckwunsch aus, und Koenig Ludwig dankte +dem preussischen Minister aufs waermste {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} + +Sobald man jedoch ueber die Ausfuehrung der Uebereinkunft verhandelte, +verlangte Bayern einen Zuwachs von etwa 20000 Einwohnern und setzte erst +nach langem Feilschen seine Forderung ein wenig herab; das schoene Wertheim +vornehmlich, das Heidelberg der Mainlande, erschien dem romantischen +Wittelsbacher unwiderstehlich verlockend. Der Karlsruher Hof wies jede +groessere Gebietsabtretung entschieden zurueck und verschanzte sich hinter +der gesinnungstuechtigen Entruestung seines Volkes. Die Stadt Wertheim +selbst hatte freilich gegen die Abtretung wenig einzuwenden, weil die +Beamten den Main-Tauberkreis als das badische Sibirien behandelten; auch +der Fuerst Georg von Loewenstein, der dort Hof hielt, wollte sich als treuer +deutscher Patriot den Herrschaftswechsel wohl gefallen lassen, wenn +dadurch nur endlich das Elend der Binnenmauten aufgehoben wuerde. Anders +empfand die grosse Mehrzahl der Liberalen; sie dachte von dem Musterlande +der konstitutionellen Freiheit nicht eine Geviertmeile aufzuopfern, und +ihr Entschluss stand um so fester, da sie auch den Zollvereinsplaenen +misstraute. Der Hauptverkehr des langgestreckten Landes ging von Norden +nach Sueden und konnte durch den Anschluss an Bayern-Wuerttemberg wenig +gewinnen. Man uebersah oder wollte uebersehen, dass dieser Anschluss nur das +Mittel bilden sollte zur spaeteren Vereinigung mit Preussen; unleugbar war +der bayrische Plan zu fein, zu verwickelt, um sogleich vom Volke +verstanden zu werden. + +Ueberall in Baden sprach man begeistert von einem gesamtdeutschen +Zollverbande; denn soviel Boden hatte die Idee der deutschen +Handelseinheit durch Preussens Siege doch gewonnen, dass niemand mehr sie +schlechthin zu verwerfen wagte. Freilich benutzten viele badische Liberale +das schoene Wort vom allgemeinen deutschen Zollverein nur als ein +Schurzfell, um die Bloesse ihrer partikularistischen Selbstsucht zu +bedecken. Wie behaglich lebte sichs doch unter der badischen +Handelsfreiheit -- auf Kosten der lieben Nachbarn! Mit Stolz sah der +Badener -- so sagte eine Flugschrift des Rastatter Kaufmanns F. Meyer "ueber +die Zollverhaeltnisse Badens" -- wie die Nachbarn aus dem Elsass, aus +Schwaben, aus der Rheinpfalz in "das wohlfeile, gastfreie" Laendle kamen, +um dann ihre billigen Einkaeufe ueber die heimatliche Grenze +hinueberzuschmuggeln. Nimmermehr sollte diese gemuetliche Unordnung durch +eine gewissenhafte Grenzbewachung beseitigt werden. Der Freiburger +Handelsstand stellte dem Landtage vor: ein Zollverein "wird rechtliche, +sittlich gute Menschen in eine Rotte von Zoellnern, Schmugglern, Spionen +und Gaunern verwandeln" -- wobei nur verschwiegen ward, dass die grosse +Mehrzahl der badischen Geschaefte, zumal die Kolonialwarenhandlungen, dem +Schleichhandel laengst als Herbergen dienten. Noch kraeftiger sprach das +Strassburger Konstitutionelle Deutschland: "Maut, Maut, preussische Maut +erhalten wir. Unglueckliches Vaterland! Im Geheimen, im Dunkel der Nacht +wird sie dir gegeben! Wehe dir, Kammer von 1831!" Als Grossherzog Leopold +sein Oberland bereiste, wurde er ueberall dringend gewarnt, und +Winter(113), der in Fragen der grossen Politik immer ratlos war, wagte +nicht, einer scheinbar so starken Volksueberzeugung zu widersprechen. + +So schleppte sich der Zank durch fast anderthalb Jahre dahin. Die beiden +vermittelnden Hoefe boten alle ihre Beredsamkeit auf. Der Berliner sprach +sanft, der Stuttgarter schroff: denn Koenig Wilhelm sah sein Land +unmittelbar unter dem badischen Schmuggel leiden, er drohte dem Karlsruher +Hofe geradezu: Bayern und Wuerttemberg wuerden "dem bisherigen ganz +feindseligen Betragen Badens gemeinschaftlich ein jedes Mittel +entgegensetzen, um nicht mitten in unserem Verein das System einer +Regierung zu sehen, das mit Vorbedacht Unzufriedenheit und Unruhe in +unserer so bedenklichen Zeit stiftet". Ebenso vergeblich schrieb Koenig +Ludwig selbst in seinem wuchtigsten Partizipialstile an den Grossherzog: +"durch meine letzten Vorschlaege habe ich das Aeusserste getan, um die +Sponheimer Angelegenheit zur Ausgleichung zu bringen, von und grossem Wert +ist mir die von Ew. K. Hoheit ausgedrueckte Willfaehrigkeit, damit sie und +Beitritt zum Zollverein stattfinde, ueberzeugt, dass fester Wille beides bei +Ihren Staenden durchsetzen werde". An diesem festen Willen gebrach es dem +badischen Hofe gaenzlich. Die Minister verteidigten den Zutritt zum +Sueddeutschen Zollverein sehr lau; Welcker(114) tobte mit gewohnter +Wortfuelle gegen die absolute preussische Krone, Rotteck(115) unterstuetzte +ihn etwas ruhiger. Die phrasenreichen Verhandlungen gereichten dem +Musterlandtage wenig zur Ehre; ueber die volkswirtschaftliche Bedeutung der +Frage wussten nur einzelne grosse Geschaeftsmaenner ein treffendes Wort zu +sagen, so der liberale Fabrikant Buhl aus Ettlingen und der Tabakshaendler +v. Lotzbeck aus Lahr. Selbst der liberale E. E. Hoffmann, der aus +Darmstadt herueberkam, um den badischen Parteifanatikern Vernunft zu +predigen, richtete nichts aus. Schliesslich einigte sich der Landtag ueber +eines jener unwahren Kompromisse, wie sie der Partikularismus liebt, wenn +er nichts mehr zu sagen weiss. Beide Kammern verwarfen einstimmig den +Eintritt in den Sueddeutschen Verein und gaben der Regierung Vollmacht, +ueber einen gesamtdeutschen Zollverein zu verhandeln (November 1831). Dabei +konnte sich jeder das Seine denken, denn an die Moeglichkeit eines +Zollvereins mit Oesterreich, Hannover und Holstein glaubte eigentlich +niemand mehr. Auch die von Bayern geforderte Gebietsabtretung wurde durch +die zweite Kammer verworfen, einstimmig, unter brausenden Hochrufen auf +den Grossherzog. + +Dem gefeierten Fuersten ward bei dieser Begeisterung seiner getreuen +Opposition sehr schwuel zu Mute. In einem flehentlichen Briefe wendete er +sich abermals hilfesuchend an Bernstorff {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} , und wirklich unterzog sich +der geduldige preussische Minister noch einmal den undankbaren Muehen der +Vermittlung. Koenig Ludwig aber empfand jenen Beschluss des badischen +Landtages als eine persoenliche Beleidigung; er hielt es fuer schmachvoll, +eine Forderung, die schon soviel Staub aufgewirbelt hatte, ohne jede +Entschaedigung fallen zu lassen. An dem ergrimmten Wittelsbacher war jetzt +jeder Zuspruch verschwendet. Auch der Koenig von Wuerttemberg liess nach +einiger Zeit in schnoeden Worten erklaeren, dass er mit dem unbelehrbaren +badischen Hofe nichts mehr zu schaffen haben wolle. In Berlin urteilte man +milder, doch die erneuten Verhandlungen blieben fruchtlos. Der koenigliche +Dichter in Muenchen hinterliess die imaginaeren Sponheimer Ansprueche seinen +Nachfolgern als ein heiliges Vermaechtnis, untertaenigen Historikern als +einen koestlichen Stoff fuer bajuvarische Grosssprechereien. Also ward Baden, +frueherhin immer ein wackerer Vorkaempfer der deutschen Handelseinheit, +teils durch die Torheit seiner Kammern teils durch eine seltsame +diplomatische Verwicklung ganz in das Hintertreffen gedraengt und von den +entscheidenden Verhandlungen der Zollvereinspolitik mehrere Jahre hindurch +ausgeschlossen. + + + +b) _Beitritt des Sueddeutschen Zollvereins._ + + +Nach alledem war eine Verstaendigung zwischen Bayern und Baden vorlaeufig +undenkbar. Der deutschen Handelseinheit aber kam jener ablehnende Beschluss +der badischen Kammern seltsamerweise zu gute. Der kuenstliche Gedanke, +zunaechst den sueddeutschen Verein zu vergroessern und dann erst die +Vereinigung mit dem Norden zu suchen, war fortan beseitigt. Die +oberdeutschen Koenigshoefe, ausserstande, ihren unergiebigen Sonderbund +aufrecht zu halten, sahen sich genoetigt, statt des Notbehelfs sogleich das +durchschlagende Mittel zu waehlen; sie stellten jetzt bei dem preussischen +Kabinett den Antrag auf voellige Vereinigung. Im Dezember 1831 wurden die +Verhandlungen in Berlin eroeffnet. Doch sofort ergab sich eine Fuelle +gewichtiger Bedenken. Preussen hatte schon durch die Aufnahme der beiden +Hessen ein fuehlbares finanzielles Opfer gebracht; der Ertrag seiner Zoelle, +der um 1829 gegen 25,3 Sgr. fuer den Kopf der Bevoelkerung abwarf, begann +bereits zu sinken. Durfte man auch die oberdeutschen Lande, die von +Kolonialwaren noch weit weniger verzehrten als die beiden Hessen, zu den +gleichen Bedingungen aufnehmen? Die Finanzpartei in Berlin fuerchtete +schwere Verluste, wie denn in der Tat Preussen im Durchschnitt der Jahre +1834-1839 nur 22 Sgr. auf den Kopf erhalten hat. Sie verlangte entschieden +ein Praecipuum zugunsten Preussens; ein Ausfall in den Einnahmen schien +hochbedenklich in so unruhiger Zeit. Die bayrisch-wuerttembergischen +Finanzmaenner dagegen lebten in dem wunderlichen Wahne, dass die Konsumtion +im Sueden staerker sei als in Preussen; sie meinten schon seltene Grossmut zu +zeigen, wenn sie auch nur die Verteilung nach der Kopfzahl zugestaenden. + +Die Einfuehrung der preussischen Konsumtionssteuern war in Hessen ohne +Schwierigkeit erfolgt; Bayern aber sah sich ausserstande, seine Malzsteuer +abzuaendern. Waehrend Preussen kaum 1,3 Millionen Taler, 3 Sgr. auf den Kopf, +durch die Besteuerung des Bieres bezog, gewann Bayern allein in seinem +rechtsrheinischen Gebiete 5 Millionen Gulden, 21 Sgr. auf den Kopf, und +aus diesem Ertrage musste nach der Verfassung die Staatsschuld verzinst +werden. Unmoeglich konnte Preussen seine Biersteuer zu der gleichen Hoehe +hinaufschrauben. Der angestammte Durst liess sich ebenso wenig in den +Norden verpflanzen wie die Realgerechtigkeiten der bayrischen Brauer, die +jenen reichen Steuerertrag erst ermoeglichten, aber den Grundsaetzen der +preussischen Gewerbefreiheit widersprachen. Da die gleichmaessige Besteuerung +der inlaendischen Konsumtion mithin unausfuehrbar blieb, so bestand die +preussische Finanzpartei hartnaeckig auf der Einfuehrung von +Ausgleichungsabgaben. Die an sich richtige Meinung, dass jede +Zollgemeinschaft die annaehernde Gleichheit der indirekten Steuern +voraussetze, war seit dem Jahre 1818 eine der leitenden Ideen der +preussischen Handelspolitik. Die Berliner Finanzmaenner hatten sich so tief +in diesen Gedanken eingelebt, dass sie ihn alsbald mit fiskalischer Haerte +auf die Spitze trieben. Die Ausgleichungsabgaben sind lange, wesentlich +durch Preussens Schuld, ein wunder Fleck der Zollgesetze geblieben; sie +belaestigten den Verkehr und brachten geringen Ertrag, auch nachdem sie +spaeterhin die rein fiskalische Gestalt der "Uebergangsabgaben" annahmen. + +Irrte Preussen in dieser Frage, so erhoben auch die Suedstaaten hoechst +unbillige Ansprueche. Sie verlangten anfangs eine voellige Umgestaltung des +Tarifs und fanden namentlich die preussischen Zoelle auf Baumwollenwaren +unertraeglich hoch, da sie selbst noch fast gar keine Baumwollspinnereien +besassen. Und doch konnte Preussen nicht nachgeben. Sachsens Eintritt stand +bevor, die preussische Industrie klagte laut ueber die drohende Mitwerbung +des Erzgebirges; in solcher Stunde die Zoelle herabzusetzen, schien selbst +dem Freihaendler Maassen nicht ratsam. Auch die von Wuerttemberg geforderte +Herabsetzung der Zuckerzoelle ging nicht durch; die Interessen der maechtig +aufbluehenden Magdeburgischen Ruebenzuckerindustrie durften nicht +preisgegeben werden. Desgleichen die gefuerchteten preussischen Transitzoelle +blieben noch unentbehrlich als ein sanfter Wink fuer die Nachbarn. +Ueberhaupt war die Lage des Augenblicks der Vereinfachung des Tarifs +keineswegs guenstig; Preussens Staatsmaenner ahnten, dass die sueddeutschen +Hoefe in einer nahen Zukunft die Farbe wechseln, mit schutzzoellnerischem +Eifer auf die Erhoehung der Zoelle dringen wuerden. Lebhafter noch als dieser +staatswirtschaftliche Kampf entbrannte der "staatsrechtliche Streit", wie +man in Muenchen zu sagen pflegte. Die verstaendige Bestimmung der +preussisch-hessischen Vertraege, wonach Preussen in der Regel allein die +Handelsvertraege fuer den Zollverein schliessen sollte, galt dem bayrischen +und dem wuerttembergischen Hofe als eine schimpfliche Unterwerfung; sie +forderten unbedingte Gleichheit in allem und jedem. + +So mannigfache sachliche Bedenken ins Gleiche zu bringen, konnte nur +erprobter staatsmaennischer Kraft gelingen. Die oberdeutschen Hoefe aber +hatten, toericht genug, zwei junge Subalternbeamte fuer diese schwierige +Mission bevollmaechtigt, vermutlich nur aus Sparsamkeit. Die Ersparnis +sollte ihnen teuer zu stehen kommen. Eichhorn hatte an den Unterhaendlern +der Kleinstaaten schon des Wundersamen viel beobachtet; eine +Persoenlichkeit wie dieser wuerttembergische Bevollmaechtigte, der Assessor +Moritz Mohl(116), war ihm noch nicht vorgekommen. Die Diplomatie in Berlin +konnte nicht genug ihre Verwunderung aussprechen ueber den ungestuemen Mann +mit der roten Perruecke und den vollgepfropften Aktenmappen: welch eine +weitschweifige Kleinlichkeit, welche Lust an unfruchtbarem theoretischem +Streite, welche Fuelle unverdauter Gelehrsamkeit, welch ein hartnaeckiges +Misstrauen gegen Preussen! Der fruehreife schwaebische Staatsweise entfaltete +bereits alle jene Talente, die noch 40 Jahre spaeter den deutschen +Reichstag bezaubern sollten; L. Kuehne nannte ihn "einen eingebildeten +Narren, der den Baeren des Nordlands seine kindische konstitutionelle +Weisheit zu predigen dachte". Als Mohl dem einzigen Kuestenstaate des +Zollvereins die Abschliessung von Schiffahrtsvertraegen verbieten wollte, da +erwiderte der Preusse: "dann werden wir also einen unserer Ostseehaefen an +Wuerttemberg abtreten muessen, um die Gleichheit zwischen den Zollgenossen +herzustellen!" Mit einem solchen Kollegen behaftet, konnte auch der +bayrische Assessor Bever nichts foerdern. Die hochstehenden preussischen +Staatsmaenner fanden es bald unertraeglich, mit Subalternen zu verhandeln, +die bei jeder Kleinigkeit daheim anfragten; und zu allem Unheil begann +auch wieder der alte Streit der Berliner Departements: Kuehne und Eichhorn, +die doch beide das naemliche wollten, betrachteten einander mit +gegenseitiger Eifersucht. Also gestalteten sich die Verhandlungen mit dem +befreundeten Sueden wider Erwarten zu einem unerquicklichen Zwist. Im Mai +1832 brach man sie ab. + +Moritz Mohl schrieb nun eine ungeheure Denkschrift und bewies, dass der +Zollverein mit Preussen den sicheren Untergang Wuerttembergs herbeifuehren +muesse. Ein Menschenalter darauf hat Freiherr v. Varnbueler dies klassische +Aktenstueck der Vergessenheit entrissen, um der Welt den Weitblick des +Volksmannes zu zeigen. Koenig Wilhelm wuenschte nach wie vor den Abschluss, +selbst Wangenheim hatte einiges gelernt, mahnte aus der Ferne zur +Verstaendigung. Doch die grosse Mehrheit im Lande widerstrebte. Die +Fabrikanten, die bisher aus der Beherrschung des bayrischen Marktes grossen +Gewinn gezogen, fuerchteten die Industrie des Niederrheins, die +Bequemlichkeit des maechtigen Schreiberstandes zitterte vor der strengen +preussischen Kontrolle, der gesinnungstuechtige Liberale schlug ein Kreuz +vor dem Schreckbilde des norddeutschen Absolutismus. Mehr als ein halbes +Jahr brauchten die sueddeutschen Hoefe, um sich einen neuen Entschluss zu +bilden. Unterdessen trieb die Diplomatie Oesterreichs und der auswaertigen +Maechte ihr verdecktes Spiel an den Hoefen der Mittelstaaten. Eine Zeitlang +stand die grosse Sache fast hoffnungslos. Baden tut wohl, alle +Zollvereinsgedanken vorlaeufig aufzugeben -- sagte der bayrische Minister +Gise zu dem badischen Gesandten Fahnenberg --, Preussen stellt unerhoerte +Forderungen, verlangt von uns materielle Opfer und die Beschraenkung der +Souveraenitaet, Kurhessen bereut schon den uebereilten Anschluss! Zudem +bestand wenig Freundschaft zwischen den Beamten der beiden Koenigreiche; +ein Glueck nur, dass Schmitz-Grollenburg, der wuerttembergische Gesandte in +Muenchen, das Vertrauen Koenig Ludwigs besass und die Faeden nicht gaenzlich +abreissen liess. + +So verging das Jahr in leidiger Verstimmung. Da raffte sich endlich Koenig +Ludwig auf und liess am Silvesterabend eine derbe Note an +Schmitz-Grollenburg schreiben: Der Sueddeutsche Verein sei tatsaechlich +aufgeloest, die Wiederaufnahme der preussischen Verhandlungen schlechthin +unvermeidlich. Zugleich kam vom Berliner Hofe eine ernste Mahnung: wolle +man zu Ende gelangen, so muesse statt unbrauchbarer Subalternen ein faehiger +hochgestellter Staatsmann die Unterhandlungen in Berlin fuehren. Der Rat +wirkte. Zu Ende Januars l833 wurde der bayrische Finanzminister v. Mieg +als gemeinsamer Bevollmaechtigter der beiden Kronen nach Berlin gesendet: +ein Jugendfreund Koenig Ludwigs {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}, ein trefflicher Beamter von grosser +Sachkenntnis und seltener Arbeitskraft, die der Koenig nach seiner Weise +bis auf den letzten Tropfen auspresste -- in der Handelspolitik sehr frei +gesinnt, dabei guetig und liebenswuerdig, hochgebildet, von feinen +gewinnenden Formen. Er vermied ueber Stuttgart zu reisen, weil er der +pedantischen Schwerfaelligkeit der wuerttembergischen Schreiber misstraute, +sprach aber unterwegs in Dresden ein, verstaendigte sich mit den +saechsischen Finanzmaennern und erschien am 6. Februar in der preussischen +Hauptstadt. Eichhorn und Maassen kamen ihm herzlich entgegen; es bewaehrte +sich wieder {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} "Preussens seltenes Talent, fremde Staatsmaenner in Berlin zu +gewinnen". Noch boten sich der Bedenken viele; allein da Preussen auf +seinen erprobten Tarif, seine festbegruendete Zollverwaltung verweisen +konnte, so blieb nur uebrig, die im Norden bestehende Ordnung mit einigen +Aenderungen anzunehmen. Preussen verzichtete auf jedes Praecipuum {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Die +Einnahmen wurden nach der Kopfzahl verteilt; nur fuer die +Schiffahrtsabgaben auf der Oder und Weichsel, die ja gar nicht zur +Zollgemeinschaft gehoerten, bezog Preussen eine Bauschsumme. Auch der +teuerste Herzenswunsch des bayrischen Grossmachtsbewusstseins fand +Erfuellung: jeder Staat erhielt das Recht, Handelsvertraege zu schliessen, +lediglich die Vertraege mit dem russischen Polen blieben dem preussischen +Staate vorbehalten. Zum Entgelt fuer so grosse Zugestaendnisse wagte Mieg, in +einem Punkte seine Instruktionen zu ueberschreiten: er bewilligte, dass die +preussische Zollverwaltung des rascheren Uebergangs halber sofort im Sueden +provisorisch eingefuehrt wuerde, noch bevor die Zollgemeinschaft in Kraft +trat. + +Am 4. Maerz wurden die hessischen Bevollmaechtigten zur ersten +Plenarversammlung gerufen, am 22. kam der Vertrag zustande: die +verbuendeten Staaten, "in fortgesetzter Fuersorge fuer die Befoerderung der +Freiheit des Handels zwischen ihren Staaten und hierdurch zugleich in +Deutschland ueberhaupt", bilden einen "Gesamtverein", der am 1. Januar 1834 +fuer acht Jahre ins Leben tritt. Das Grundgesetz entsprach im wesentlichen +den hessischen Vertraegen, nur dass die Selbstaendigkeit der Bundesgenossen +erheblich verstaerkt wurde. Fuer jede Aenderung der Zollgesetze wurde +Einstimmigkeit der Verbuendeten gefordert. Das schlimmste Gebrechen des +Vereins lag weniger in seinen Satzungen als in der Verschiebung der +Machtverhaeltnisse. Durch den Zutritt mehrerer groesserer Staaten mit +gleichem Stimmrecht wurde die freie Taetigkeit der preussifchen +Handelspolitik unvermeidlich erschwert. Die neuen Rechte dagegen, die man +den Zutretenden einraeumte, schienen bedenklicher als sie waren {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Die +Befugnis, Handelsvertraege zu schliessen, dies von Bayern mit so +leidenschaftlichem Eifer erstrebte Kleinod, erwies sich als ein harmloses +Spielzeug {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Preussen allein galt im Auslande als Haupt und Vertreter des +Zollvereins; daher sind alle irgend wichtigen Handelsvertraege durch +Preussen im Namen des Vereins abgeschlossen worden. Auch die Kontrolle ward +ermaessigt, auf Bayerns Andringen. Die Verbuendeten sendeten bloss +Vereinsbevollmaechtigte zu den Zolldirektionen, Kontrolleure zu den +Hauptzollaemtern der Genossen; eine gegenseitige Visitation des +Grenzdienstes fand nicht mehr statt. Solche Formen verschlugen wenig; denn +im Grunde war der Verein auch bisher nur durch wechselseitiges Vertrauen +und die Macht der Interessen zusammengehalten worden. Die Bundesgenossen +gelobten einander "unbeschraenkte Offenheit" in der Zollverwaltung, und sie +haben ihr Wort redlich gehalten {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} + +Da Bayern und Wuerttemberg noch immer ihre toerichte Sorge vor finanziellen +Verlusten nicht aufgaben, so wurde in einem geheimen Artikel den +Verbuendeten das Recht vorbehalten, den Verein vor der Zeit zu kuendigen, +falls ihre Zolleinnahmen einen Ausfall von 10 Proz. des bisherigen +Rohertrags aufwiesen. Maassen unterschrieb getrosten Mutes; er wusste, dass +der Vertrag ein Loewenvertrag war zugunsten des Suedens, und der Erfolg +sollte seine Erwartungen noch weit uebertreffen. In den Jahren von 1834 bis +1845 hat der Norden an Bayern 22,29 Millionen Taler, an Wuerttemberg +10,3 Millionen herausgezahlt, in dem Zeitraum von 1854-1865 empfing Bayern +vom Norden 34 Millionen. Waehrend der zwei ersten Jahrzehnte des +Zollvereins haben bei der Abrechnung regelmaessig nur Preussen, Sachsen, +Frankfurt und Braunschweig herausgezahlt; alle anderen Staaten gewannen. +Allerdings geben jene grossen Zahlen kein ganz zutreffendes Bild, da ein +Teil der fuer das Binnenland bestimmten Einfuhr in den Haefen und +Speditionsplaetzen des Nordens verzollt wurde. Deutlicher erhellt der +unverhaeltnismaessige Gewinn des Suedens aus der Tatsache, dass die +Verwaltungskosten in Bayern schon waehrend des ersten Jahres von 44 auf 16, +spaeter auf nahezu 10 Proz. sanken, Bayerns Anteil an dem Kaffeezoll sofort +auf das Dreifache, bis zum Jahre 1845 auf das Fuenffache stieg. + +Um auch den leisesten Anschein preussischer Hegemonie zu vermeiden, wurde +verabredet, dass die alljaehrlichen Konferenzen der +Zollvereinsbevollmaechtigten nicht mehr, wie im preussisch-hessischen +Verein, regelmaessig zu Berlin sich versammeln sollten; sie wanderten +fortan, nach dem Belieben der Verbuendeten, von Ort zu Ort, der erste +Zusammentritt fand in Muenchen statt. Streitigkeiten wollte man der +Entscheidung eines Schiedsrichters unterwerfen, der durch einstimmigen +Beschluss fuer jeden einzelnen Fall zu ernennen war. Doch ist ein solcher +Schiedsspruch niemals angerufen worden -- nicht weil die Eintracht +ungetruebt bestanden haette, sondern weil der Duenkel der Kleinstaaten den +freiwilligen Ausgleich der schimpflichen Unterwerfung unter eine fremde +Gewalt regelmaessig vorzog. Dass Bayern seine Biersteuer behielt, war +unvermeidlich. Man begnuegte sich daher, ein Maximum fuer die +Konsumtionssteuern festzusetzen und die allmaehliche Annaeherung der +Steuersysteme in Aussicht zu stellen. In einem so lockeren Bunde blieb das +*liberum veto* [Einspruchsrecht] und das Kuendigungsrecht fuer Preussen +ebenso unentbehrlich wie fuer die Kleinstaaten, als ein letztes +verzweifeltes Mittel, um dem schwerfaelligen Koerper einen Entschluss zu +entreissen. Nur die Hoffnung auf einen hohen politischen Gewinn konnte den +preussischen Hof zu so schweren Opfern, zu einer so weitgehenden Nachsicht +fuer die Grillen und Eitelkeiten der Mittelstaaten bestimmen. Mit +ueberlegener Geduld erwartete Eichhorn, dass aus den fast laecherlichen +Formen dieses lockeren Vereins doch eine unloesbare Gemeinschaft der +Interessen emporwachsen muesse. + +Mieg kehrte heim in der festen Erwartung, dass der so ueberaus vorteilhafte +Vertrag ihm die Verzeihung fuer sein eigenmaechtiges Vorgehen verbuerge. Er +taeuschte sich schwer. Koenig Ludwig konnte selbstaendigen Willen nicht +ertragen, empfing den Freund mit bitteren Vorwuerfen; dass die preussische +Zollordnung sofort provisorisch eingefuehrt werden sollte, schien ihm eine +Entwuerdigung der bayrischen Krone. Der Minister wollte, tief verletzt, +sein gegebenes Wort nicht zuruecknehmen; er forderte und erhielt seine +Entlassung {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Nunmehr nahm der Koenig die Akten an sich, und lange blieb das +Schicksal des Vertrages zweifelhaft. Miegs Nachfolger, Lerchenfeld, +erkannte zwar, nachdem er die Papiere eingesehen, die Notwendigkeit des +Abschlusses, doch rueckte er nicht recht mit der Sprache heraus. Fuerst +Oettingen-Wallerstein(117) vollends, der vielgewandte liberalisierende +Minister, bewies in ausfuehrlicher Denkschrift: kein Zollverein ohne +Oesterreich, die preussische Hegemonie ist Bayerns Verderben. Der preussische +Gesandte hielt schon alles fuer verloren und schrieb verzweifelnd: nur +Eichhorn selber koenne noch retten. Darauf eilte Eichhorn sofort nach +Muenchen (Juli 1833), gewaehrte noch das letzte Zugestaendnis, gab zu, dass +kein Provisorium stattfinden solle, seine gewinnende Freundlichkeit +brachte in wenigen Tagen alles ins reine. Jetzt brach des Koenigs gute +Natur wieder durch; er wuenschte sich Glueck zu der Wiederkehr der +friderizianischen Tage, liess eine Denkmuenze praegen auf das Gelingen seines +eigensten Werkes und sagte zu dem Nassauer Roentgen: "Oesterreich ist ein +abgeschlossener Staat, mit dem wir wohl Handelsvertraege, doch keinen +Zollverein schliessen koennen; Preussen ist ein Blitz, der mitten durch +Deutschland hindurchfaehrt." + +Kaum war die Krone Bayern gewonnen, so begann der Kampf mit dem +wuerttembergischen Landtage. Die schwaebischen und badischen Liberalen +hatten sich zu Anfang des Jahres in Pforzheim versammelt und dort +beschlossen, dem vordringenden preussischen Absolutismus mannhaft zu +widerstehen. Die Schutzzoellner beweinten den nahen Untergang der +schwaebischen Industrie; die Partikularsten bewiesen, dass Wuerttembergs +Absatzwege nach Frankfurt und der Schweiz, nicht nach dem Norden fuehrten; +manche pessimistische Radikale goennten dem verhassten Ministerium nicht ein +Verdienst, das der Regierung allein gebuehrte, sie wuenschten noch weniger, +dass ein wichtiger Grund der allgemeinen Unzufriedenheit beseitigt werde. +Die gemuetlichen Leute wollten die geforderten Opfer nur einem +gesamtdeutschen Verein bringen. Selbst den gemaessigten Liberalen schien es +hochbedenklich, einer absoluten Krone mittelbare Einwirkung auf den +wuerttembergischen Haushalt zu gestatten. Zudem wurden die Kammern nur zu +einer Erklaerung ueber den Vertrag, nicht zu foermlicher Genehmigung +aufgefordert. Der Landtag empfand bitter seine Ohnmacht. Koenig Wilhelm +setzte seinen Stolz darein, das Werk hinauszufuehren; kein Zweifel, er +haette auch ohne die Zustimmung der getreuen Staende den Vertrag vollzogen +und also den leeren Schein der schwaebischen Verfassungsherrlichkeit vor +aller Welt erwiesen. Darum wollte selbst Paul Pfizer, der Bewunderer +Preussens, sich nicht zur Genehmigung entschliessen; wenn er zustimmte, so +verlor er jedes Ansehen unter den Parteigenossen, jede politische +Wirksamkeit in seiner Heimat. In solchen tragischen Widerspruch war der +sueddeutsche Liberalismus geraten. Endlich, im November, genehmigte der +Landtag den Vertrag nach harten Kaempfen. Nur einzelne waren ueberzeugt {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}, +die Mehrzahl gab ihr Ja nur aus gedankenlosem Gehorsam; alle Fuehrer der +Liberalen, Pfizer, Uhland(118), Roemer(119), stimmten dawider. Es war ein +vollstaendiger Triumph des geschaeftskundigen Beamtentums ueber den +schwaermenden Liberalismus. + +Neue unerquickliche Haendel folgten, da nun das preussische Zollwesen durch +eine gemeinsame Vollziehungskommission im Sueden eingefuehrt wurde. Wie oft +musste der preussische Kommissaer L. Kuehne von den gemuetlichen bayrischen +Beamten bittere Klagen hoeren ueber diese verwuenschte Berliner Strammheit; +er bestand darauf, dass in den Grenzbezirken, wo offenkundiger Schmuggel +bluehte, drei Monate lang eine strenge Binnenkontrolle gruendlich aufraeumte. +Die unfreie soziale Gesetzgebung der Mittelstaaten fand so leicht nicht +den Uebergang zur preussischen Freiheit {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Doch der wesentliche Inhalt des +Vertrags wurde redlich ausgefuehrt. Seit in Muenchen ein neuer Zolldirektor, +der verdiente Knorr, ernannt war, arbeitete die Zollverwaltung fest und +puenktlich. Jeder neue Tag der Erfahrung warb dem Zollverein neue Anhaenger +im Sueden; die besseren Koepfe des Liberalismus gestanden beschaemt ihren +Irrtum {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} + + + +c) _Anschluss von Sachsen und Thueringen._ + + + _ Die Neujahrsnacht 1834. _ + + +Gleichzeitig mit Bayern und Wuerttemberg unterhandelte Sachsen in Berlin. +Es geschah, wie Motz vorhergesehen: keine der Zollvereinsverhandlungen hat +den preussischen Staatsmaennern schwerere Ueberwindung gekostet. Gewiss trat +mit Sachsens Beitritt nur die Natur der Dinge in ihr Recht. Das Erzgebirge +erhielt wieder ungehemmten Verkehr mit seiner alten Kornkammer, den +Muldenniederungen in der Provinz Sachsen, Leipzig wieder freie Verfuegung +ueber seine wichtigsten Handelsstrassen; Macht und Bedeutung des Zollvereins +stiegen erheblich, sobald eines der ersten Fabriklaender und der groesste +Messplatz Europas hinzutrat. Gleichwohl war der unmittelbare Vorteil fast +ausschliesslich auf Sachsens Seite; in Preussen erhoben sich ernste +staatswirtschaftliche und finanzielle Bedenken. Preussen gewann in Sachsen +nur einen kleinen Markt, der ueberdies durch seinen eigenen Gewerbefleiss +schon reichlich versorgt war. Da die Lebenshaltung und demnach der +Arbeitslohn im Erzgebirge niedriger stand als in irgendeinem anderen +Industriebezirke, so fuerchteten die preussischen Fabriken, vornehmlich die +Webereien und Druckereien in Schlesien und in der Provinz Sachsen, der +saechsischen Konkurrenz zu erliegen. Von allen Seiten her wurde das +Finanzministerium mit Warnungen bestuermt; am Niederrhein rief die erste +Nachricht von dem Beginn der preussisch- saechsischen Verhandlungen weithin +im Lande eine starke Aufregung hervor. Die Frage, wie ein grosser Messplatz +einem Zollsystem sich einfuegen lasse, galt noch allgemein als ein fast +unloesbares Problem; sie war bei den Verhandlungen mit Bayern-Wuerttemberg +oft eroertert und endlich zur Seite geschoben worden, da man an der +Verstaendigung verzweifelte. + +An der saechsisch-boehmischen Grenze hatte sich ein ungeheurer Schmuggel +festgenistet; das Volk nahm den elenden Zustand hin wie eine +Notwendigkeit, ja wie einen Segen. Selbst Lindenau wagte nach dem Abschluss +des Zollvereins im Gespraech mit Blittersdorff nur die schuechtern +zweifelnde Bemerkung: dass der Schmuggel im Erzgebirge jetzt aufhoeren wird, +"ist wohl schwerlich ein Unglueck". Die hochherzige Gesinnung des neuen +Mitregenten, des Prinzen Friedrich August, wurde in Berlin ebenso +bereitwillig anerkannt, wie die Einsicht der trefflichen Maenner, die er in +sein Kabinett berufen. Doch ein volles Jahr verfloss, bis die Ordnung in +dem aufgeregten Laendchen sich wieder befestigte; Maassen fragte besorgt, ob +eine Regierung, die den schwaechlichen Auflaeufen in Leipzig und Dresden so +wenig nachhaltigen Widerstand entgegengestellt, auch den festen Mut +besitzen werde, die Schmuggelnester im Gebirge auszuheben. Und lehrte denn +nicht der Gang der Verhandlungen, dass die neue Regierung das alte +kleinliche Misstrauen gegen Preussen nicht gaenzlich ueber Bord geworfen +hatte? Man kam in Berlin nicht los von dem Argwohn, Sachsen wuerde einen +Zollverein mit Oesterreich vorziehen, wenn nur die Hofburg mehr boete als +leere Redensarten. Wenn Koenig Friedrich Wilhelm keinen deutschen Staat +locken und einladen wollte, so doch am allerwenigsten diesen saechsischen +Hof, der als Stifter des Mitteldeutschen Vereins eine so boesartige +Gehaessigkeit zur Schau getragen hatte. Der preussische Konsul Baumgaertner +empfing einen herben Verweis, als er zu Anfang 1830 eine Flugschrift ueber +die Notwendigkeit eines saechsisch-preussischen Zollbundes schrieb und in +Sachsen verbreitete. + +Bis zum Sturze des alten Systems erging sich die saechsische Regierung in +Umwegen und Kuensteleien, nach der alten Gewohnheit der Mittelstaaten. Sie +fragte in Stuttgart und Muenchen an, ob Sachsen nicht dem Sueddeutschen +Verein beitreten koenne. Ihr Berliner Geschaeftstraeger Koenneritz richtete an +Ancillon die Bitte: Preussen moege sofort seinen Tarif zu Sachsens Gunsten +herabsetzen, da die Verhandlungen ueber den unmittelbaren Anschluss +vorderhand noch ausgesetzt werden muessten. Maassen aber antwortete +(15. September 1830): "ohne vorhergegangene Vereinigung zu einem +gegenseitig erleichterten Handelsverkehr" koennen wir bei der Ordnung +unseres Tarifs auf dritte Staaten keine Ruecksicht nehmen. + +Erst das Ministerium Lindenau fand den Mut einzugestehen, was sich mit +Haenden greifen liess: dass Sachsens Gewerbefleiss ohne Preussens Freundschaft +untergehen musste; nahm doch die gesamte ueberseeische Ausfuhr des Landes +ihren Weg durch Preussen, desgleichen fast die gesamte Einfuhr der rohen +Baumwolle. Leider war nur ein Teil der Fabrikanten im Gebirge dem Anschluss +guenstig, das Landvolk und vornehmlich Leipzig wehklagten ueber das +hereinbrechende Verderben. Also hat selbst der allzeit patriotische und +einsichtige Handelsstand der wackeren Pleissestadt, ganz wie spaeterhin die +Kaufmannschaft von Frankfurt, Bremen, Hamburg, die unliebsame Wahrheit +erhaertet, dass der Interessent fast niemals sachverstaendig ist. Auch der +grosse Kaufherr wird zum Kraemer, sein Gesichtskreis verengt sich, sobald er +seinen unmittelbaren Vorteil bedroht waehnt; stolz auf seine persoenliche +Kraft und Freiheit, empfindet er es als eine Anmassung, eine Beleidigung, +wenn die Maenner des gruenen Tisches ihm zumuten, seine altgewohnten +Geschaeftsformen zu aendern, und will nicht zugestehen, dass ueber grosse +handelspolitische Fragen nicht die privatwirtschaftliche Anschauung des +Kaufmanns, sondern das staatswirtschaftliche Urteil des Staatsmannes zu +entscheiden hat. Trotz alledem entschloss sich die Regierung gegen +Jahresschluss zu jener ersten Anfrage in Berlin. Das Ministerium des +Auswaertigen antwortete (24. Januar 1831): Die Schwierigkeiten scheinen +sehr gross, die Interessen ueberaus verschieden; "dennoch ist die Aufgabe so +gemeinnuetzig und deutscher Regierungen, welche neben der Sorge fuer ihre +Untertanen zugleich die Befoerderung des Wohls von ganz Deutschland im Auge +haben, so entschieden wuerdig", dass wir den Versuch wagen wollen. Die +oberdeutschen Koenige, von allem unterrichtet, ueberliessen die Verhandlungen +vertrauensvoll dem preussischen Hofe; die Ueberlegenheit der saechsischen +Industrie, meinte Armansperg zuversichtlich, ist in einem grossen Verein +wenig zu fuerchten, auch die schwierige Grenzbewachung muss sich durchfuehren +lassen, so man ernstlich will. + +Im Maerz 1831 kam der saechsische Finanzminister v. Zeschau(120) nach Berlin +-- neben dem Bayern Mieg, dem Hessen Hofmann und dem Badener Boeckh(121) +sicherlich der faehigste unter allen den Finanzmaennern, mit denen Preussen +zu verhandeln hatte -- taetig und kenntnisreich, ein ritterlicher Charakter, +schweigsam und bedaechtig, noch von seiner preussischen Dienstzeit her mit +L. Kuehne wohl bekannt. Die in Dresden gewuenschte Aenderung des gesamten +Tarifs gab er bald auf, gleichwohl ward er mit Maassen nicht handelseinig. +Erschreckt durch die Warnungen seiner Fabrikanten, wollte Preussen +provisorische Schutzzoelle zugunsten einiger Fabrikwaren einfuehren, damit +die Industrie Zeit behielte, sich auf die Konkurrenz des Erzgebirges zu +ruesten. Zugleich verlangte man Entschaedigung fuer den drohenden starken +Verlust an Durchfuhrzoellen. Kuehne selbst fand diese Forderungen zu hart; +aus dem Magdeburgischen gebuertig, betrachtete er die Kursachsen halb als +seine Landsleute und hielt dem Minister vor: nach der Teilung Sachsens sei +Preussen schon ehrenhalber verpflichtet, dem Nachbarlande Wohlwollen zu +zeigen. Als Maassen in diesen Fragen endlich nachgegeben hatte, erhob sich +sofort ein neues Hemmnis: die Messfrage. Frankfurt an der Oder hatte bisher +fuer seine Messen einen Zollrabatt genossen, der erst vor kurzem auf +20 Proz. herabgesetzt war; nun der Eintritt Leipzigs bevorstand, wollte +Preussen seinen schwer bedrohten kleinen Messplatz nicht unguenstiger stellen +als bisher. Die Leipziger Kaufmannschaft dagegen sagte den unfehlbaren +Verfall ihrer Messen voraus, falls Frankfurt irgendein Vorrecht behalte; +und "keine Regierung, am wenigsten eine konstitutionelle -- schrieb der +saechsische Bevollmaechtigte Wietersheim --, kann einer so ausdruecklichen +Erklaerung der Repraesentanten des gefaehrdeten Nationalinteresses +entgegenhandeln". Auch das Altenburgische Geheime Ministerium sendete ein +dringendes Mahnungsschreiben nach Berlin -- "ohne alle aeussere +Aufforderung", wie man unschuldig beteuerte --, und schilderte in +herzbrechenden Worten das furchtbare Schicksal, das dem ungluecklichen +Leipzig drohe. + +Da die Verhandlungen sich so unguenstig anliessen, so wuenschte der +saechsische Hof, geaengstigt durch die fortdauernde Gaerung im Lande, +mindestens einige Handelserleichterungen sofort zu erlangen, falls die +vollstaendige Vereinigung nicht moeglich sei. Der Prinz-Mitregent selber +stellte diese Bitte in einem Handschreiben an den Koenig von Preussen +(11. April 1831). Er gab zu bedenken, dass mit dem gaenzlichen Misslingen +dieser Verhandlungen "die Ausfuehrung des grossen und fuer die Sicherheit und +Ruhe Deutschlands begruendeten, von Ew. K. Majestaet verfolgten Planes, die +Interessen des Handels und Verkehrs in verschiedenen deutschen Staaten zu +vereinigen und dadurch zugleich das politische Band zu befestigen, +gefaehrdet werden oder mindestens Aufschub erleiden wuerde. Auch mag ich mir +selbst nicht verschweigen, dass eine erfolglose Verhandlung in der +gegenwaertigen Zeit auch hier nicht ohne einen sehr unguenstigen Eindruck +bleiben wuerde". Ein solcher Mittelweg schien aber den besten Koepfen der +preussischen Regierung kleinlich und nutzlos. Eichhorn bewies in einem +ausfuehrlichen Gutachten: sofortige Handelserleichterungen wuerden, nach der +Lage der Dinge, nur dem preussischen Staate einseitige Opfer auferlegen; +wolle Sachsen dagegen zu Preussen in ein aehnliches Verhaeltnis treten, wie +bisher Bayern und Wuerttemberg, so sei dazu eine vollstaendige Neugestaltung +seines Zollsystems erforderlich; warum also nicht sogleich das hoechste +Ziel, den Zollverein, ins Auge fassen? {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Die letzten muendlichen +Verhandlungen erfolgten im Juli, bald nachher stockte auch der +schriftliche Verkehr. Die deutschen Kabinette begannen zu fuerchten, dass +Sachsen den Plan aufgegeben habe; der Dresdner Hof sah sich um die Wende +des Jahres genoetigt, in einer langen Denkschrift seine Handelspolitik vor +den oberdeutschen Koenigen zu verteidigen. + +Erst als Bayern und Wuerttemberg ihre Zollvereinsverhandlungen in Berlin +eroeffneten, fasste man sich in Dresden wieder ein Herz. Im Maerz 1832 +erschien Zeschau zum zweitenmal in Berlin. Abermals kam man einen Schritt +weit vorwaerts; Sachsen erklaerte sich bereit, das preussische System der +indirekten Steuern anzunehmen. Doch ueber die Messen konnte man sich wieder +nicht verstaendigen. Nun wirkte auch die Staatsweisheit Moritz Mohls +laehmend auf Sachsen zurueck; ohne die sueddeutschen Hoefe, die jetzt ihre +Verhandlungen abbrachen, wollte das Dresdner Kabinett, wie begreiflich, +nicht beitreten. Im Mai wurde die letzte Beratung gehalten; der Sommer +verlief in peinlicher Verlegenheit {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} + +Inzwischen beging der saechsische Hof einen schweren politischen Fehler, +der den schlimmsten Verdacht zu rechtfertigen schien. Hannover hatte am +Bundestage wieder einmal die Ausfuehrung des Artikels 19 beantragt -- in der +unverhohlenen Absicht, den Gang der preussischen Handelspolitik zu stoeren. +Ohne jede Ruecksprache mit Preussen, ohne auch nur den Bericht der +Bundestagskommission abzuwarten, stimmte Sachsen als die erste deutsche +Regierung dem toerichten Antrage zu und erklaerte: Hoechster Zweck des Bundes +in Zollsachen ist, dasjenige durch gemeinschaftliche Gesetze zu erreichen, +was durch Einzelverhandlungen nur schwer zu erreichen ist; sollen in +Deutschland ueberhaupt Durchfuhrzoelle bestehen, so doch jedenfalls ein +anderes System als das preussische! -- Die Finanzpartei in Berlin klagte +laut ueber die offenbare Zweizuengigkeit. Geh. Rat Michaelis fragte in einer +scharfen Denkschrift: soll diese Sprache des saechsischen +Bundestagsgesandten etwa die oeffentliche Meinung in Sachsen fuer den +preussischen Zollverein gewinnen? -- Wen konnten auch die nichtigen +Entschuldigungen ueberzeugen, die der saechsische Minister Minckwitz seinem +Berliner Gesandten Watzdorf schrieb (29. November 1832)? Der harmlose Mann +beteuerte, die Vorgaenge in Frankfurt sollten den Berliner Verhandlungen +"keinen Eintrag tun"! Eichhorn aber, als ein gewiegter Kenner des +Charakters der kleinen Hoefe, mahnte seine erzuernten Amtsgenossen zur +Geduld: goennen wir doch den Herren in der Eschenheimer Gasse ihre +unschuldigen Stiluebungen; der Dresdner Hof meint es ehrlich, wenngleich er +zuweilen einem Anfall von Schwaeche unterliegt; noch eine kurze Frist, und +er kommt wieder zu uns. + +Und so geschah es. Im Januar 1833 besprach sich Mieg in Dresden mit +Zeschau, und als darauf die Berliner Verhandlungen mit Bayern so gluecklich +vorangingen, kam der saechsische Finanzminister (24. Maerz) zum drittenmal +in die preussische Hauptstadt. Nach kaum acht Tagen (30. Maerz 1833) +schlossen Eichhorn, Maassen, Zeschau und Watzdorf den Zollvereinsvertrag, +der woertlich mit dem soeben beendigten bayrischen uebereinstimmte. Einige +Separatartikel ordneten den Zustand der Messen. Der Frankfurter Zollrabatt +blieb etwas ermaessigt bestehen, doch durfte Sachsen seinem Leipzig aehnliche +Verguenstigungen zuwenden. Der Messhandel erhielt eine grosse Erleichterung +durch die Einrichtung der Messkontierung; fuer Leipziger Grosshandlungen von +gutem Rufe wurde sogar ein ueber die Messzeiten hinaus fortdauerndes +Steuerkonto zum Abschreiben eroeffnet -- eine wichtige Verguenstigung, die +noch manchen Missbrauch veranlassen sollte. Auch die Herabsetzung einiger +Zollsaetze, namentlich fuer Woll- und Baumwollwaren, wurde vereinbart. +Preussen verpflichtete sich, die Ermaessigung der Elbschiffahrtsabgaben, +welche Anhalt dem preussischen Elbhandel zugestanden hatte, auch dem +saechsischen Verkehre zuzuwenden; der gute Vorsatz scheiterte freilich an +Anhalts Kleinsinn. + +Nicht ohne Zagen unterschrieb Maassen den Vertrag, der den preussischen +Markt den Fabriken des Erzgebirges eroeffnete; von allen seinen Raeten +stimmte ihm nur Kuehne unbedingt zu. "Das ist ein schwerer Vertrag -- sagte +er zu Kuehne {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} --, es haette ihn nicht jeder unterzeichnet." Die Besorgnis +des Staatswirts hatte zuruecktreten muessen vor den Hoffnungen der +Politiker. Sachsen stand gerade in den Flitterwochen seines +konstitutionellen Lebens; der Eintritt dieses Staates musste die +oeffentliche Meinung guenstig stimmen. Leider verging wieder eine geraume +Frist, bis die deutsche Welt mit der vollendeten Tatsache sich versoehnte. +Die preussischen Fabrikanten laermten, die gute Stadt Leipzig ueberliess sich +einer masslosen Verzweiflung. Eine Petition, die der k. k. Konsul Bercks +geschaeftig umhertrug, warnte die Regierung; die Stadtverordneten richteten +eine dringende Vorstellung nach Dresden. An Zeschaus Wohnung fand sich +eines Morgens ein Anschlag: "Allhier wird von einem Parvenu, einem +preussischen Landrat, so saechsischer Finanzminister geworden ist, das Land +fuer Geld und Orden an Preussen verkauft." Der Taumel ergriff jeden Stand +und jedes Alter. Die Leipziger Schulbuben kauften sich englische +Farbkaesten auf Vorrat, weil sie mit fruehreifer handelspolitischer Vorsicht +befuerchteten, das gewohnte Spielzeug werde nunmehr fuer buergerliche +Geldbeutel unerschwinglich werden. Ein Jahr darauf schon begann fuer die +Pleissestadt eine neue Epoche glaenzender Handelsbluete; das kleine Frankfurt +wurde durch den ueberlegenen Nebenbuhler ganz zurueckgedraengt, die maechtigen +Leipziger Firmen lernten bald, den Frankfurter Messrabatt fuer sich selber +zu benutzen. Auch die Klagen der preussischen Fabrikanten verstummten, und +niemand wollte die warnenden Petitionen unterschrieben haben. Zeschau +selbst, der Wohltaeter Leipzigs, hat freilich von den stolzen Kaufherren +der Messstadt niemals irgendeine Genugtuung fuer so viele Schmaehungen +erhalten. + +Waehrend diese verwickelte zweifache Verhandlung in wiederholten Ansaetzen +erledigt wurde, hatte Eichhorns unverwuestliche Geduld zugleich ein drittes +schwieriges Geschaeft zu fuehren: die Unterhandlungen mit den thueringischen +Staaten. In Thueringen wie in Sachsen und Kurhessen wurde die beginnende +Bekehrung gefoerdert durch den unruhigen Sommer von 1830, durch die Angst +vor den murrenden Massen. Hier wie in Sachsen hoffte man anfangs, sogleich +einseitige Handelserleichterungen von Preussen zu erlangen. Der weimarische +Minister Gersdorff kam im Januar 1831 zugleich mit Lindenau nach Berlin, +ueberbrachte ein Handschreiben seines Grossherzogs, das um solche +Verguenstigung bat: "dies wuerde in einer Periode mannigfacher Aufregungen +Uebelgesinnten einen Vorwand zu schlechten Einwirkungen entnehmen." Auf +wiederholte aehnliche Anfragen kleiner thueringischer Hoefe antwortete das +Berliner Kabinett (5. Juli 1831): man sei bereit, ueber einen Zollverein zu +verhandeln, doch nur mit allen thueringischen Staaten gemeinsam, und nur +wenn diese Hoefe sich nicht mehr gebunden glaubten an den mitteldeutschen +Verein. Erst als Kurhessen zu dem preussischen Vereine uebergetreten war, +erklaerten die ernestinischen Hoefe: der Mitteldeutsche Verein sei +tatsaechlich aufgeloest. + +General Lestocq, der vielgeplagte Gesandte, den die thueringischen und +einige andere kleine Dynasten in Berlin auf gemeinsame Kosten ernaehrten, +ueberreichte am 15. Januar 1832 eine Verbalnote: Preussen moege die +Initiative ergreifen, aeltere bindende Verpflichtungen bestaenden nicht +mehr. Weimar draengte am eifrigsten; das Grossherzogtum besass an Gersdorff +und O. Thon zwei treffliche Verwaltungsbeamte, die wohl einsahen, wo der +Grund der ewigen Finanznot lag. Sproeder verhielt sich Gotha, da hier der +hergebrachte Schmuggel allgemein als ein Nationalglueck betrachtet wurde. +Maassen und Eichhorn entwickelten nun ausfuehrlicher den einfachen Gedanken, +den sie so oft schon ausgesprochen hatten: die verzettelten thueringischen +Gebiete sollen zunaechst unter sich einen Verein mit gemeinsamer +Zollverwaltung bilden und dann erst als eine geschlossene Einheit in den +grossen Zollverein treten; Preussen will die Kreise Erfurt, Suhl und +Ziegenrueck diesem thueringischen Vereine zuteilen, wird auch dafuer sorgen, +dass Kurhessen sein Schmalkaldener Land hinzugefuegt. Zu foermlichen +Verhandlungen kam es auch jetzt noch nicht; denn Eichhorn hoffte, vorher +mit Bayern und Wuerttemberg abzuschliessen. Diese beiden Hoefe fuehlten sich +schon beunruhigt durch die Anfragen der Ernestiner; sie meinten: schliesse +Thueringen frueher ab, so sei der Sueden auf Gnade und Ungnade dem Belieben +Preussens ueberliefert. Darum richteten sie sogar eine Verwahrung an den +Berliner Hof (15. November 1832): ohne die vorhergehende Zustimmung +Bayerns und Wuerttembergs duerfe Preussen die Thueringer nicht aufnehmen. Der +Dresdener Hof, der sich noch immer als das geborene Oberhaupt der +Ernestiner fuehlte, verlangte zu allen Verhandlungen mit seinen +Stammesvettern zugezogen zu werden. Preussen erwiderte: wir werden Sachsens +Interessen sorgsam wahren, doch der Zutritt eines saechsischen +Bevollmaechtigten kann die Verhandlungen nur erschweren. Immerhin haben +diese Bedenken der drei kleinen Koenigskronen den Beginn der +Unterhandlungen verzoegert. + +Erst im Dezember 1832 begannen die Konferenzen mit den Thueringern. Die +preussischen Staatsmaenner schlugen vor, eine Zentralbehoerde fuer das +thueringische Zollwesen zu bilden. Grosse Bestuerzung; keiner der Kleinen +wollte eine solche Beschraenkung seiner Souveraenitaet zugeben. Da meinten +die Preussen beguetigend: es werde genuegen, einen Generalinspektor +einzusetzen; der muesse freilich in Erfurt wohnen, als dem Mittelpunkte des +Landes, doch solle er nicht von Preussen, sondern von der thueringischen +Hauptmacht Weimar ernannt werden. Hiermit schien jeder Widerspruch +entwaffnet. Wenn Preussen sein Zollwesen einem weimarischen Beamten +unterstellte, so durfte auch der Reussenstolz und der Gothaerduenkel nicht +klagen. Gleichwohl erhoben Altenburg und Meiningen neue Bedenken; sie +konnten sich nicht in den Gedanken finden, dass ihre Verwaltung fremder +Aufsicht unterliegen solle. Schon war man nahe daran, ohne Meiningen +abzuschliessen. Da drohte Kuehne: wenn man die preussischen Beamten als +Spione betrachte, dann muesse Preussen sein gefuerchtetes Enklavensystem +gegen die kleinen Nachbarn anwenden. Das schlug durch. Am 10. Mai 1833 +wurde der "Zoll- und Handelsverein der thueringischen Staaten" gebildet, am +folgenden Tage erklaerte der neue Verein, der das gesamte System der +preussischen indirekten Steuern annahm, seinen Zutritt zu dem Deutschen +Zollvereine. Ein weimarischer Generalbevollmaechtigter vertrat die +Thueringer auf den Konferenzen des Zollvereins, gab in Tarifsachen nur eine +Gesamtstimme ab; in einigen anderen Faellen sollte er die Meinung jedes +einzelnen thueringischen Staates gesondert vortragen. Dieser Bund im Bunde, +welchen Preussens Staatsmaenner seit dem Jahre 1819 erstrebt hatten, erwies +sich als so einfach und naturgemaess, dass niemals, auch nicht in den +schwersten Krisen des Zollvereins, an die Aufloesung des thueringischen +Vereins gedacht worden ist. -- + +Also war des grossen Werkes schwerster Teil gelungen. Ein unerhoerter +Ordenssegen belohnte die treue Arbeit des Beamtentums; die Jahrgaenge der +deutschen Gesetzsammlungen schwollen zu unfoermlichen Baenden an, von allen +den neuen Vertraegen und Gesetzen. Dann kam jene folgenschwere +Neujahrsnacht des Jahres 1834, die auch den Massen das Nahen einer +besseren Zeit verkuendete. Auf allen Landstrassen Mitteldeutschlands harrten +die Frachtwagen hochbeladen in langen Zuegen vor den Mauthaeusern, umringt +von froehlich laermenden Volkshaufen. Mit dem letzten Glockenschlage des +alten Jahres hoben sich die Schlagbaeume; die Rosse zogen an, unter +Jubelruf und Peitschenknall ging es vorwaerts durch das befreite Land. Ein +neues Glied, fest und unscheinbar, war eingefuegt in die lange Kette der +Zeiten, die den Markgrafenstaat der Hohenzollern hinaufgefuehrt hat zur +kaiserlichen Krone. Das Adlerauge des grossen Koenigs blickte aus den +Wolken, und aus weiter Ferne erklang schon der Schlachtendonner von +Koeniggraetz. Gluecklicher als sein leidenschaftlicher Freund hat Maassen die +Stunde der Genugtuung noch genossen. Er starb am 4. November 1834. Einen +ebenbuertigen Nachfolger fand er nicht; nur in Eichhorn und den Geheimen +Raeten des Finanzministeriums lebten die Ueberlieferungen von 1818 fort. + +Der erweiterte Handelsbund nahm jetzt den Namen des _Deutschen +Zollvereins_ an.(122) Aus dem dunstigen Nebel des Deutschen Bundes traten +schon erkennbar die Umrisse jenes Kleindeutschlands hervor, das dereinst +den Ruhm und die Macht des Heiligen Roemischen Reiches ueberbieten sollte. + + + +d) _Politische Bedeutung des Deutschen Zollvereins._ + + +Die politischen Wirkungen des Zollvereins sind dank der unvergleichlichen +Schwerfaelligkeit des deutschen Staatslebens nicht so rasch und nicht so +unmittelbar eingetreten, als manche kuehne Koepfe meinten. Schon zu Anfang +der dreissiger Jahre hoffte Hansemann(123), ein Parlament des Zollvereins +und daraus vielleicht einen Deutschen Reichstag erstehen zu sehen, und wie +viele andere wohlmeinende Patrioten haben nicht aehnliche Erwartungen an +den deutschen "Zollstaat" geknuepft. Aber der Handelsbund war kein Staat, +er bot keinen Ersatz fuer die mangelnde politische Einheit und konnte noch +durch Jahrzehnte fortdauern, ohne die Luege der Bundesverfassung zu +zerstoeren. Als Minister du Thil im Jahre 1827 seinem Grossherzog den Rat +gab, jenen entscheidenden Schritt in Berlin zu wagen, da sprach er offen +aus: Wir duerfen uns darueber nicht taeuschen; indem wir den Handelsbund +schliessen, verzichten wir auf die Selbstaendigkeit unserer auswaertigen +Politik; bricht ein Krieg aus zwischen Oesterreich und Preussen, so ist +Hessen an die preussischen Fahnen gebunden. Desgleichen Dahlmann(124), der +nach seiner grossen und tiefen Art den Zollverein sofort als das einzige +deutsche Gelingen seit den Befreiungskriegen begruesste, erklaerte +zuversichtlich, der Handelsbund stelle uns sicher vor der Wiederkehr +buergerlicher Kriege. Auch diese Weissagungen sind nicht buchstaeblich +eingetroffen. Der Zollverein hat die oberdeutschen Staaten nicht +verhindert, die Waffen zu ergreifen gegen Preussen. Und dennoch sollte +gerade das Jahr 1866 die gewaltige Lebenskraft dieses handelspolitischen +Bundes erproben. Der rasche Siegeszug der preussischen Fahnen ueberhob +Preussen der Muehe, seine wuchtigste Waffe zu schwingen, durch die Aufhebung +der Zollgemeinschaft die oberdeutschen Hoefe sofort zu bekehren. + +Das Bewusstsein, dass man zueinander gehoere, dass man sich nicht mehr trennen +koenne von dem grossen Vaterlande, war durch die kleinen Erfahrungen jedes +Tages in alle Lebensgewohnheiten der Nation eingedrungen, und in dieser +mittelbaren politischen Wirkung liegt der historische Sinn des Zollvereins +{~HORIZONTAL ELLIPSIS~} es ging doch zu Ende mit dem Philistertum der alten Zeit, das an die +Herrlichkeit der Kleinstaaten kindlich glaubte. Der Geschaeftsmann folgte +mit seinen Gedanken den Warenballen, die er frei durch die deutschen +Laender sandte, er gewoehnte sich, wie schon laengst der Gelehrte, ueber die +Grenzen des heimischen Kleinstaates hinauszublicken; sein Auge, vertraut +mit grossen Verhaeltnissen, sah mit ironischer Gleichgueltigkeit auf die +Kleinheit des engeren Vaterlandes. Der Gedanke selbst, dass die alten +trennenden Schranken jemals wiederkehren koennten, wurde dem Volke fremd; +wer einmal in dem Handelsbund stand, gehoerte ihm fuer immer. Eine +unerbittliche Notwendigkeit stellte nach jeder Krisis die alten Grenzen +des Zollvereins wieder her; kalte politische Koepfe konnten mit +mathematischer Sicherheit den Verlauf des Streites im voraus berechnen {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} +Der preussische Staat erfuellte, indem er Deutschlands Handelspolitik +leitete, einen Teil der Pflichten, welche dem Deutschen Bunde oblagen, wie +er zugleich allein durch sein Heer die Grenzen des Vaterlands sicherte. So +ist er durch redlichen Fleiss langsam emporgewachsen zur fuehrenden Macht +des Vaterlandes, und nur weil die europaeische Welt es nicht der Muehe wert +hielt, das Heerwesen und die Handelspolitik Preussens ernstlich kennen zu +lernen, bemerkte sie nicht das stille Erstarken der Mitte des Festlandes. + +Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. IV, 350ff. + + ------------------ + + 108 Joh. Friedr. Boehmer, geb. 22. April 1795, gest. 22. Oktober 1863, + hervorragender Forscher, vornehmlich auf dem Gebiete der Geschichte + des deutschen Mittelalters. + + 109 Eduard v. Schenk, geb. 10. Oktober 1788, gest. 26. April 1841. Als + Protestant geboren, trat er 1817 zur katholischen Kirche ueber und + wurde 1828 Minister der geistl. Angelegenheiten. + + 110 Joh. Nepomuk Ringseis, geb. 16. Mai 1785, gest. 22. Mai 1880, Arzt + von Beruf. + + 111 Francois Gabriel Graf v. Bray, geb. 1765, gest. 1832. + + 112 Karl Philipp Fuerst Wrede, geb. 29. April 1767, gest. 12. Dezember + 1838. + + 113 Georg Ludwig Winter, geb. 18. Jan. 1778, gest. 17. Maerz 1838, seit + 1830 Leiter des Ministeriums des Innern in Baden. + + 114 Karl Theodor Welcker, geb. 29. Maerz 1790, gest. 10. Maerz 1869, + Professor der Rechte in Kiel, Heidelberg, Bonn, Freiburg i. Br., + Mitglied der badischen Kammer und einer von den Fuehrern des + sueddeutschen Liberalismus. + + 115 Karl v. Rotteck, geb. 18. Juli 1775, gest. 26. November 1840, + Professor der Geschichte und der Staatswissenschaften an der + Universitaet Freiburg i. Br., von 1831 an Mitglied der 2. badischen + Kammer, in der er als gewandter Redner die Gedanken des Liberalismus + vertrat. + + 116 Moritz Mohl, geb. 1802, gest. 18. Februar 1888, damals als Assessor + bei der Finanzkammer in Reutlingen, seit 1841 Obersteuerrat, 1848 + Mitglied des Parlaments sowie der Nationalversammlung, seitdem + Fuehrer der grossdeutschen Partei in der wuerttembergischen Kammer. + + 117 Ludwig Kraft Ernst Fuerst zu Oettingen-Wallerstein, geb. 31. Januar + 1791, gest. 22. Juni 1870, von 1831 bis 1838 bayrischer Minister des + Innern. + + 118 Der Dichter Ludwig Uhland, geb. 26. April 1787, gest. 13. November + 1862. + + 119 Friedrich v. Roemer, geb. 4. Juni 1794, gest. 11. Maerz 1864, Mitglied + der liberalen Opposition in der wuerttembergischen Kammer, deren + Praesident er in spaeteren Jahren war. + + 120 Heinrich Anton v. Zeschau, geb. 4. Februar 1789, gest. 17. Maerz + 1870, seit 1822 in saechsischen Diensten, von 1831-1848 + Finanzminister bzw. Minister des Auswaertigen, von 1851-1869 Minister + des Koenigl. Hauses. + + 121 Christian Friedrich v. Boeckh, geb. 13. August 1777, gest. + 21. Dezember 1855, von 1828 bis 1844 badischer Finanzminister. + + 122 Von den noch ausserhalb des Zollvereins stehenden Staaten bildeten + Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Schaumburg-Lippe durch die + Vertraege vom 1. Mai 1834 und 7. Mai 1836 einen _Steuerverein_, dem + auch einige preussische und kurhessische Gebietsteile angeschlossen + wurden; Baden, Nassau und Hessen-Homburg traten am 1. Januar 1836, + Frankfurt a. M. am 2. Januar 1836 in den Zollverein ein; am + 1. Januar 1842 auch Braunschweig und Lippe, am 1. April 1842 + Luxemburg. Durch Vertrag vom 1. September 1851 kam auch mit dem + Steuerverein eine Einigung zustande, die am 1. Januar 1854 den + Eintritt desselben in den Zollverein zur Folge hatte. + + 123 David Hansemann, geb. 12. Juli 1790, gest. 4. August 1864, + preussischer Staatsmann und publizistischer Schriftsteller, 1848 + kurze Zeit Finanzminister, nachher bis 1851 Chef der Preussischen + Bank. + + 124 Friedrich Christoph Dahlmann, geb. 13. Mai 1785, gest. 5. Dezember + 1860, Geschichtsforscher und Politiker. + + + + +Register. + + +Addington, englischer Gesandter am Bundestag; 136. +Akzisewesen, preussisches; 5. +Alexander I., Zar; 6. +Alexius Friedrich Christian, Herzog von Anhalt-Bernburg; 62. +Altenstein, Karl, Freiherr v. Stein zum; 34. 85. +Alternat, Streit ueber das A.; 159. +Altpreussen, Notstand in A.; 82 f. +Ancillon, Johann Peter Friedrich; 196. +Anhalt im Kampf gegen das preussische Zollgesetz; 37. 43. 57 ff. 63. 90 ff. +Anhalt-Bernburg; 43. 62. +Anhalt-Dessau; 62. + -- Beitritt von Anhalt-Dessau und Anhalt-Koethen zum Zollverein; 92. +Anhalt-Koethen; 44. 48 ff. 59 ff. 63. +v. Anstett, russischer Gesandter am Bundestag; 161. +Anton, Koenig von Sachsen; 131. 177. 179. +Anton Guenther, Fuerst von Schwarzburg-Sondershausen; 41. 42. 43. 44. 150. +Aretin, Adam Freiherr v.; 72. 73. 74. 75. +Armansperg, Joh. Ludw., Graf v.; 120. 152. 153. 154. 159. 174. 181. 197. +Arnoldi, E. W.; 22. 23. 69. +Arnstadter Beratung der thueringischen Staaten; 70. +Auguste, Tochter des Koenigs Friedrich Wilhelm II. von Preussen, Kurfuerstin + von Hessen; 128. 129. 130. +Baader, Joseph (Franz); 121. +Baring; 11. +Baumgaertner, preussischer Konsul; 196. +Bayer, Fabrikant; 106. +Bayrisches Zollgesetz vom 22. Juli 1819; 46 f. + -- Bayrisch-Wuerttembergischer Zollverein 113 f. 151. 181. +Beguelin, Geheimrat; 8. +Bernstorff, Christ. Guenther, Graf v.; 33. 38. 45. 46. 52. 53. 54. 55. 56. + 57. 60. 64. 67. 90. 94. 107. 125. 140. 146. 147. 150. 168. + 179. 181. 184. +Benzenberg, Joh. Friedr.; 21. +Bercks, oesterreichischer Konsul in Leipzig; 201. +Beroldingen, wuerttembergischer Minister; 123. +Berstett, Wilh. Ludw. Leop. Reinh., Freiherr v., badischer Minister; 28. + 29. 47. 53. 56. 57. 69. 70. 72. 75. 76. 100. 101. 102. 103. + 105. 138. 140. +Bever, Assessor; 188. +Biersack, Finanzrat; 111. +Blomberg, Freiherr v.; 155. +Blum, Robert; 24. +Bignon, Louis Pierre, Baron; 66. +Bluecher, G. v.; 35. +Blittersdorf, Friedr. Landolin, Freiherr v.; 66. 99. 117. 121. 123. 146. + 162. 173. 195. +Boeckh, badischer Minister; 181. +Boehmer, Joh. Friedr.; 176. +Bombelles, Ludw. Phil., Graf. v.; 50. +Braun, Kammerrat; 132. +Bray, Francois Gabriel, Graf v., bayrischer Gesandter in Wien; 180. +Bruenneck, Oberst; 82. +Buchholz, Publizist; 149. +Buhl, Fabrikant; 184. +Buelow, Heinrich v.; 90. 95. 124. 137. 149. 167. +Bundesakte, Artikel; 19. 23. 25. 27. 28. 35. 38. 46. 53. 54. 99. 139. 140. + 142. 146. 147. 199. +Buol, Joh. Rud., Freiherr v.; 55. +Burke, Edmund; 11. +Buesch, Joh. G.; 22. +Camuzzi, Geheimrat; 121. +Canning, Georg, engl. Minister. + Ministerium; C. 10. + Anm. 80. +Carlowitz, Christoph Anton Ferd. v.; 132. 133. 138. +Carlowitz, Hans Georg v.; 131. 133. 137. 167. +Clarence, Herzogin von; 165. +Conta; 167. +Cotta, Joh. Friedr., Freiherr C. v. Cottendorf; 153. 154. 155. 159. 160. + 161. +Cromwell, Oliver; 11. +Czartoriski, Fuerst; 6. +Dahlmann, Friedr. Christoph; 205. +Dalberg, Emmerich Joseph, Herzog von; 122. +Darmstaedter Zollkonferenzen; 68ff. 98. 100. 101. +Deutscher Zollverein; 172 ff. 203. 204. +Du Bos du Thil, Karl Wilh. Heinr. Freiherr v. ({~DAGGER~} 1859) + hessen-darmstaedtischer Minister; 56. 72. 73. 74. 77. 98. 100. + 101. 105. 106. 107. 108. 123. 126. 127. 144. 205. +Eichhof, oesterreichischer Hofrat; 161. +Eichhorn, Joh. Albr. Friedr.; 14. 16. 31. 32. 33 ff. 37. 38. 40. 42. 62. + 67. 78. 90. 92. 107. 108. 110. 112. 114. 118. 120. 124. 127. + 148. 155. 164. 167. 170. 174. 187. 188. 189. 192. 198. 200. + 201. 202. 204. +Eimbecker Vertrag (27. Maerz 1830) 170 f. 173 f. 177. +Einsiedel, Detlev, Graf v.; 131. 140. +Elbschiffahrt, Freiheit der E.; 49. 54. 57. +Elbschiffahrtsakte (23. Juli 1821); 60. 62. 90. +Elbuferstaaten, Konferenz der E. in Dresden; 54. 58. 59. +Elsflether Zoll; 58. +Emil, Prinz von Hessen; 110. 112. 122. +Englische Handelskrisis; 81. +Enklavensystem, preussisches; 37 f. 40. 41. 43. 53. 59. 62. 88. +Ernst I., Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha; 47. 69. 132. 133. 150. 162. + 163. +Erskine, Lord; 161. +Eschenheimer Gasse (d. i. Bundestag); 72. 91. 126. 134. 200. +Fahnenberg, badischer Gesandter in Muenchen; 123. 189. +Fenelon, Graf, franzoesischer Gesandter am Nassauer Hof; 165. +Ferber, Geheimrat; 7. +Ferdinand, Herzog von Anhalt- Koethen; 44. 48. 49. 53. 54. 55. 57. 59. 60. + 61. 62. 64. 66. 88. 89. 90. 92. +Fitzgerald, englischer Minister; 137. +Frank, Pfarrer; 106. +Franz II., Kaiser von Oesterreich; 50. 52. 55. +Freihandel, Preussen als Vorkaempfer des Freihandelsgedankens; 11. +Friedheim, Kaufmann; 61. 62. +Friedrich August, Mitregent von Sachsen; 195. 198. +Friedrich der Grosse; 34. 45. 148. 157. 160. 204. +Friedrich Wilhelm I.; 45. +Friedrich Wilhelm III.; 5. 6. 7. 8. 12. 17. 18. 19. 20. 36. 37. 38. 40. + 41. 43. 44 f. 48. 49. 57. 61. 62. 66. 67. 77. 78. 80. 82. 83. + 84. 86. 87. 88. 89. 90. 91. 107. 109. 110. 112. 113. 115. 119. + 125. 129. 130. 132. 138. 148. 150. 154. 156. 160. 165. 172. + 177. 179. 181. 195. 198. +Friedrich Wilhelm, Kronprinz von Preussen; 154. +Friedrich Wilhelm, Kurfuerst von Hessen; 175. +Friedrich Guenther, Fuerst von Schwarzburg-Rudolfstadt; 88. +Fritsch, Karl W., Freiherr v., Minister; 47. 53. 178. +Gagern, Hans Christoph Ernst, Freiherr v.; 141. 144. +Geldausfuhr. Aufhebung des Verbots der G. in Preussen; 6. +Generalkontrolle. Aufhebung der G. in Preussen; 84 f. +Georg, Grossherzog von Strelitz; 91. +Gersdorff, v., saechsisch- weimarischer Minister; 201. 202. +Gesetz vom 26. Mai 1818; 8 ff. 30. 38. 40. +Gesetz vom 8. Februar 1819 ueber die Besteuerung des Konsums inlaendischer + Erzeugnisse; 12. +Gise, bayrischer Minister; 189. +Goltz, Aug. Friedr. Ferd., Graf v. d.; 27. 53. 56. +Goltz, Familie v.; 83. +Gneisenau; 7. 34. +Goerres, Joseph v.; 24. 26. 180. +Gothaer Lebensversicherungsbank; 23. +Grandauer, Kabinettsrat; 123. +Grant, Charles; 124. +Grolman, Karl Ludw. Wilhelm v.; 10. +Grote, Aug. Otto, Graf; 137. 149. 167. 170. +Guaita, Senator; 138. 161. +Guenther Friedrich Karl I., Fuerst von Schwarzburg-Sondershausen; 88. +Handelsverein, deutscher; 25. +Haenlein, preussischer Gesandter am kurhessischen Hofe; 128. 167. +Hansemann, David; 204. +Hardenberg, Fuerst; 6. 13. 14. 19. 21. 39. 45. 64. 84. 165 Anm. +Hatzfeldt, Franz Ludwig, Graf v.; 88. +Heidelberger Protokoll; 100. 101. 110. +Herzog, Geheimrat; 100. +Hessen-Darmstadt, Zollvertrag mit Preussen; 109 ff. +Hessen-Kassel, Gesetz vom 17. September 1819; 48. + -- Beitritt Hessen-Kassels zum preussischen Zollsystem; 175. +Heydebreck, v., Oberpraesident; 7. 8. +Hofmann, hessischer Staatsrat; 106. 109. 110. 115. 116. 122. 126. 155. + 160. 161. +Hoffmann, E. E.; 184. +Hoffmann, J. G.; 17. 18. 42. 43. 100. +Hohenzollern-Wuerttembergischer Zollverein; 88. +Hruby, Freiherr v.; 128. 138. 165. +Humboldt, A. u. W.; 7. + -- W. v. H.; 34. 58. 90. 153. +Huskisson, W.; 10. 11. 103. +Jordan, v., preussischer Gesandter in Dresden; 62. 149. 170. +Joerres; 72. +Julia, Graefin von Brandenburg, Gemahlin des Herzogs Ferdinand von + Anhalt-Koethen; 49. 66. 88. +Juli-Revolution (1830); 171. 173. +Kamptz, Karl Friedr. Heinr. v.; 85. +Karl VII. (Albrecht), deutscher Kaiser; 157. +Karl, Herzog von Braunschweig; 139. +Karl August, Grossherzog von Sachsen-Weimar; 40. 47. 50. 145. +Karl Friedrich, Grossherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach; 178. 201. +Karlsbader Beschluesse (1819); 19. 50. +Karlsbader Konferenzen (1819) 19. 28. 45. + -- (1821) 61. +Kasseler Vertrag 175. 177. +Kessler, Direktor der Domaenen 86. +Kircheisen, Friedr. Leop. v. 34. +Klewiz, Wilh. Anton v. 29. 41. 62. 77. 84. 94. +Klickermann, Zollinspektor 63. +Knorr, Zolldirektor 194. +Koenneritz, Jul. Traugott v. 169. 170. 196. +Kotzebue 17. +Koester, Abgeordneter 69. +Krafft, Praesident 116. +Kress, v., oesterreichischer Hofrat 135. +Krug 18. +Kuehne, Leopold 129. +Kuehne, Ludw. Samuel 85. 87. 175. 188. +Kunth, Staatsrat 7. +Kuester, preussischer Gesandter in Muenchen 123. 125. 152. 192. 194. 197. + 200. 203. +Ladenberg, Phil. v. 8. 77. 84. 85. +La Ferronays, franzoesischer Minister 123. +Landwirtschaftliche Krisis in Deutschland 81. +Langenau. Fr. Karl Gustav, Freiherr v. 117. 118. 135. +Lassalle, Ferd. 25. 29 Anm. +Lehrbach, Graf 115. +Leipzig, Schlacht bei L. 79. +Leonhardi, grossherzoglich hessischer Geheimrat 135. +Leopold III., Friedrich Franz, Herzog von Anhalt-Dessau 64. +Leopold IV., Friedrich, Herzog von Anhalt-Dessau 62. 89. 90. 92. +Leopold, Grossherzog von Baden 181. 183. 184. +Leopold von Dessau (der alte Dessauer) 59. +Lerchenfeld, Maximilian v. 72. 99. 106. 123. 141. 160. 174. 192. +Lestocq, General 41. 202. +Lindenau, Bernh. v. 134. 135. 136. 137. 138. 139. 140. 141. 144. 177. 178. + 195. 196. 201. +List, Friedr. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 32. 51. 52. 55. 57. 68. 69. 70. +Listscher Verein s. Verein deutscher Kaufleute. +Lottum, Graf 84. 87. +Lotzbeck, v. 184. +Loewenstein, Fuerst Georg v. 182. +Luden 17. +Lueder, Kammerrat 126. +Ludwig, Grossherzog von Baden 117. 181. +Ludwig I., Koenig von Bayern 102. 104. 105. 106. 108. 121. 122. 123. 125. + 126. 130. 141. 151. 152. 153. 154. 155. 159. 160. 161. 175. + 181. 182. 183. 184. 185. 189. 192. 193. +Ludwig I., Grossherzog von Hessen 72. 107. 112. 125. 126. 129. 205. +Luetzerode, Freiherr v. 126. +Luxburg, Graf 155. +Maassen, Generaldirektor 8. 9. 10. 11. 12. 21. 29. 31. 32. 42. 79. 85. 108. + 112. 155. 172. 175. 187. 189. 191. 195. 196. 197. 202. 204. +Mainzer Konferenzen 102. +Maltzan, v. 107. 112. 135. 145. 168. +Manteuffel, Georg Aug. Ernst v. 131. +Marschall, Freiherr v., Vertreter Nassaus am Bundestag 47. 52. 53. 56. 61. + 66. 71. 72. 76. 100. 102. 117. 129. 134. 143. +Martens, Georg Friedr. v. 27. +Marx 29 Anm. +Maximilian I. Joseph, Koenig von Bayern 100. 122. +Meisterlin, Geheimer Rat 174. +Merckel, Oberpraesident 7. +Metternich, Fuerst Klemens 19. 28. 36. 47. 49. 50. 52. 55. 61. 64. 70. 75. + 76. 88. 89. 118. 139. 140. 149. 151. 152. 153. 165. 180. 182. +Meyer, S., Kaufmann 183. +Meyerfeld, v., kurhessischer Bundestagsgesandter 173. 174. +Meysenbug, Freiherr v. 126. +Mieg, v., bayrischer Finanzminister 189. 190. 192. 200. +Michaelis, Geheimrat 199. +Milbanke, englischer Geschaeftstraeger bei der Stadt Frankfurt 136. +Miller (Immenstadt) 25. 69. 103. 126. +Minkwitz, Freiherr v., saechsischer Minister 199. +Mitteldeutscher Handelsverein 130 ff. 139 ff. 148. 149. 151. 153 f. 162. + 163. 165. 171. 173. 175 f. 178. 195. 202. +Mohl, Moritz 187. 188. 199. +Mollerus, niederlaendischer Geschaeftstraeger in Muenchen 124. +Motz, Friedr. Christ. Ad. v. 42. 77. 78 ff. 81. 83. 84. 85. 86. 87. 88. + 92. 97. 107. 108. 110. 112. 114. 116. 118. 129. 146. 147. 148. + 150. 151. 153. 154. 155. 156. 157. 159. 161. 162. 163. 164. + 170. 171. 172. 173. 194. +Motz, hessischer Finanzminister 174. +Mueller, Adam 49. 50. 52. 59. 62. 63. 64. 88. 89. 91. 93. +Muench-Bellinghausen, Joachim, Graf v. 62. 117. 118. 119. 135. 146. 161. +Muenster-Ledenburg, Ernst Friedr. Herbert, Reichsgraf 136. 165. +Nagler, Karl Friedr. v. 91. 127. 174. +Napoleon I. 71. 122. 128. 158. +Napoleon, roemischer Koenig 122. +Navigationsakte 11. +Natzmer, Oldwig v., preussischer General 129. +Nebenius, Karl Friedr. 29. 30. 31. 32. 33. 42. 53. 68. 70. 72. 73. 74. 76. + 99. 100. 101. 102. 103. 104. 153. +Neujahrsnacht 1834 204. +Oberkamp, Geheimrat 126. 127. 128. 141. +Oberschoenaer Punktation 133. 134. 142. +Oesterreichische Tendenzluegen 119. +Otterstedt, v., preussischer Gesandter am badischen Hofe 108. 116. 118. +Oettingen-Wallerstein, Ludwig Kraft Ernst, Fuerst zu 192. +Perrot, Abgeordneter 106. +Pfizer, Paul 158. 193. 194. +Phoenix, Versicherungsgesellschaft 23. +Pitt, William 79. +Pochhammer 160. +Poelitz 18. +Porbeck, v., Praesident 126. +Preussisch-Bayrischer Handelsvertrag 145 ff. 155 ff. 180 f. +Preussisch-Hessischer Zollverein 109 ff. +Prohibitivzoelle, franzoesische 10. 11. +Rabener, Gottlieb Wilh. 145. +Radowitz, Freiherr v. 37. +Rauch, Christian, Bildhauer 160. +Rechberg, Aloys, Graf v. R. u. Rothenloewen 72. 99. +Reden, v., hannoverscher Gesandter in Dresden 140. +Reichenbach (Emilie Ortloepp), Graefin, Geliebte des Kurfuersten Ludwig II. + von Hessen 126. 127. 171. +Reichenbach, Zusammenbruch der Firma R. in Leipzig 81. +Reinhard, Karl Friedrich, Graf 122. 136. +Renner, Defraudationsprozess der Firma R. 71. +Rheinischer Merkur 24. 26. +Rheinoktroi von 1814 58. +Ricardo, David 29. +Ries, kurhessischer Geheimrat 174. +Ringseis, Joh. Nepomuk 180. +Roemer, Friedr. v. 194. +Roentgen, Aug. v. 101. 143. 161. 166. 168. 193. +Rothschild, Anselm Meyer, Freiherr v. 116. 134. +Rotteck, Karl v. 184. +Rumigny, Graf 161. +Sachsen, Koenigreich, Beitritt Ss. zum Zollverein 194 ff. 200. +Sachsen-Koburg-Gotha, Vertrag Preussens mit S.-K.-G. 163. +Sachsen-Meiningen, Vertrag Preussens mit S.-M. 163. +Sachsen-Weimar sucht um Aufnahme in das preussische Zollsystem nach 178. +Sack 34. +Salmuth, v. 89. +Salzregal, Einfuehrung des S.s in Preussen 6. +Schenk, Abgeordneter 115. 180. +Schenk zu Schweinsberg 174. +Schill 34. +Schleiermacher, Friedr. Ernst Dan. 34. +Schlieben, Familie der Grafen v. 83. +Schlussakte 53. +Schminke, Finanzminister 127. +Schmitz-Groltenburg, Freiherr v., wuerttembergischer Gesandter in Muenchen + 99. 120. 122. 189. +Schmuggel (Schwaerzen) + an den preussischen Grenzen 20 f. 41. 43. 57 ff. 63. 71. 98. 173. -- + Auf dem Schwarzwald und am Rhein 181. 183. -- + An der saechsisch-boehmischen Grenze 195. +Schmuggelpraemie 31. +Schnell, J. J. (Nuernberg) 25. 51. +Schoen, Praesident 78. 82. 83. +Schoenberg, Praesident 78. 155. +Schuckmann, Kasp. Friedr. Freih. v. 7. +Schulenburg, Graf Friedr. Albr. v. d., saechsischer Gesandter in Wien 165. +Schuetz, v., Steuerdirektor 86. +Schwarzburg-Rudolstadt 43. +Schwarzburg-Sondershausen und Preussens Zollgesetz 41 ff. +Schwerer, Ehr. Wilh. 132. 133. 178. +Schwerz 81. +Siebein, Geheimrat 126. +Siebenpfeiffer 176. +Smidt, Joh., Buergermeister von Bremen 137. 166. +Smith, Adam 8. 11. 29 Anm. +Sotzmann, Geheimrat 95. 160. +Spiegel, Graf, oesterreichischer Gesandter in Muenchen 123. +Spittler, Ludw., Freiherr v. 34. +Sponheimer Handel 125. 152. 155. 161. 181. 183. 185. +Stader Zoll 60. +Staegemann, Friedr. Aug. v. 82. +Stem, Freiherr vom 7. 24. 34. 35. 84. 135. 138. 141. +Stein-Hardenbergsche Reformen 80. +Sternegg, v., Hofmarschall 64. +Steuerverein, Norddeutscher 170. +Stralenheim, hannoverscher Gesandter in Stuttgart 144. +Stromeyer 176. +Stuttgarter Zollkonferenzen 98 ff. 101 ff. +Sueddeutscher Zollverein 56. 57. 72 ff. 181. 184. 185. 189. -- + Beitritt des S. Z.s zum Preussisch-Hessischen Zollverein 190. +Tann, Freiherr v. d. 123. 126. +Teplitzer Besprechungen (1819) 19. +Thaer 81. +Thomas, Buergermeister von Frankfurt a. M. 138. +Thon, weimarischer Bevollmaechtigter 133. 202. +Thueringen. Beitritt Th.s zum Zollverein 194 ff. 202 ff. +Thueringischer Handelsverein 39. 94. +Tilsiter Friede 79. +Trauttmannsdorf, Graf v., oesterreichischer Gesandter 91. +Trendelenburg, Adolf 164. +Truchsess-Waldburg, Graf 124. +Uhland, Ludwig 194. +Varnbueler, Friedr. Gottlob Karl 188. +Varnbueler, Karl Freiherr v. 151. 160. +Varnhagen v. Ense, Karl Aug. 165. +Verein deutscher Kaufleute und Fabrikanten 25. 39. 45. 70. +Verstolck van Soelm, hollaendischer Minister 124. +Vincke, Georg v., Praesident 78. +Wangenheim, Karl Aug. Freiherr v. 57. 68. 72. 76. 88. 99. 109. 137. 188. +Watzdorf, Graf v., saechsischer Gesandter in Berlin 140. 199. 200. +Weber, E. (Gera) 25. 27. 51. +Weise, v. (Vater), Kanzler 41. 42. +Weise, v. (Sohn), Geheimer Rat 41. 42. +Welcker, Karl Theodor 184. +Wertheim, Verhandlungen wegen Abtretung W.s an Bayern 182. +Wiener Vertrag vom 3. Mai 1856 6. +Wiener Konferenzen 28. 29. 44. 45 ff. 93. 107. +Wiener Kongress 13. 14. 49. 52. 58. 59. 64. +Wiener Kongressakte, Art. 108 bis 116 58. +Wietersheim, Eduard v. 131. 198. +Wilhelm I., Kurfuerst von Hessen 48. +Wilhelm II., Kurfuerst von Hessen 74. 79. 97. 109. 126. 127. 128. 129. 130. + 138. 145. 165. 171. 174. +Wilhelm, Herzog von Nassau 102. 130. 135. +Wilhelm I., Koenig von Wuerttemberg 103. 104. 105. 123. 144. 151. 153. 155. + 160. 181. 183. 185. 188. 193. +Windhorn, Finanzrat 155. +Winter, Georg Ludwig, badischer Minister 183. +Wittgenstein, Prinz 126. 127. 128. +Wittgenstein, Wilh. Ludw. Georg, Graf zu Sayn-W. 61. 87. 150. +Witzleben, Job. v., preussischer Generalleutnant 153. +Wolfs, oesterreichischer Legationsrat 180. +Wrede, Karl Philipp, Fuerst 180. +Zachariae v. Lingenthal, Karl Salomon 103. +Zentner, Georg Friedr., Freiherr v. 50. 57. 123. +Zeschau, Heinrich Anton v., saechsischer Finanzminister 197. 199. 200. 201. +Zollanschlussvertrag mit Schwarzburg-Sondershausen 42. +Zollgesetz, Maassens preussisches Z. 6. 8 ff. +Zoll- und Handelsverein der thueringischen Staaten 203. +Zu Rhein, Freiherr v. 104. 122. + + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GRUeNDUNG DES DEUTSCHEN ZOLLVEREINS*** + + + +CREDITS + + +October, 17 2007 + + Project Gutenberg TEI edition 01 + Ralf Stephan, Norbert H. Langkau, and The Online Distributed + Proofreading Team at http://www.pgdp.net. Page-images + available at + <http://www.pgdp.net/projects/projectID4533e30524bbb/> + +October, 20 2007 + + Project Gutenberg TEI edition 02 + Ralf Stephan + + + +A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 23065.txt or 23065.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/2/3/0/6/23065/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. 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