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+The Project Gutenberg EBook of Die Gruendung des Deutschen Zollvereins by
+Heinrich von Treitschke
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
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+
+Title: Die Gruendung des Deutschen Zollvereins
+
+Author: Heinrich von Treitschke
+
+Release Date: October, 20 2007 [Ebook #23065]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GRUeNDUNG DES DEUTSCHEN ZOLLVEREINS***
+
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+
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+Die Gruendung des Deutschen Zollvereins
+
+
+by Heinrich von Treitschke
+
+
+
+
+Edition 01 , (October, 20 2007)
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+
+ Die Gruendung des
+ Deutschen Zollvereins
+
+
+
+ Dargestellt von
+
+ Heinrich v. Treitschke
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+INHALT
+
+
+Die Gruendung des Deutschen Zollvereins.
+ Vorwort
+ 1. Maassen und das neue Preussische Zollgesetz.
+ 2. Der Kampf gegen das preussische Zollgesetz und der erste preussische
+ Zollvertrag.
+ 3. Der Kampf um das preussische Zollgesetz auf den Wiener Konferenzen.
+ 4. Die Darmstaedter Zollkonferenzen.
+ 5. Motzs deutsche Handelspolitik.
+ 6. Der Zollkrieg und die ersten Zollvereine.
+ a) _Die Stuttgarter Zollkonferenzen._
+ b) _Der preussisch-hessische und der bayrisch-wuerttembergische
+ Zollverein._
+ c) _Der Mitteldeutsche Handelsverein._
+ d) _Preussens Sieg. Preussisch-Bayrischer Handelsvertrag._
+ 7. Der Deutsche Zollverein.
+ a) _Kurhessens Beitritt._
+ b) _Beitritt des Sueddeutschen Zollvereins._
+ c) _Anschluss von Sachsen und Thueringen._
+ d) _Politische Bedeutung des Deutschen Zollvereins._
+ Register.
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+DIE GRUeNDUNG DES DEUTSCHEN ZOLLVEREINS.
+
+
+
+
+Vorwort
+
+
+Ein Quellenbuch mit Urkunden, Briefen und sonstigen Aktenstuecken zur
+Geschichte des Deutschen Zollvereins duerfte auf allgemeines Interesse kaum
+rechnen und muesste bei der Laenge der Zeit, ueber die sich die Verhandlungen
+hinschleppten, nur ein kuemmerlicher Torso sein, der niemand gefiele.
+Dagegen darf die klassische Darstellung, die Heinrich v. Treitschke in
+seiner Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert dieser groessten Schoepfung
+der Friedensregierung Friedrich Wilhelms III. gewidmet hat, selbst den
+Wert einer Quelle beanspruchen, da sie auf einem umfassenden Studium aller
+in Betracht kommenden Akten und Briefwechsel beruht, von denen die
+wenigsten der wissenschaftlichen Forschung bisher durch den Druck
+zugaenglich gemacht sind.
+
+Im folgenden sind die in Betracht kommenden Kapitel der Deutschen
+Geschichte mit geringen Auslassungen, die vom Leser wohl nirgends als
+Luecken empfunden werden duerften, mit freundlich gewaehrter Erlaubnis der
+Verlagsbuchhandlung zu einer Einheit zusammengefasst und wirken in dieser
+Form fast wuchtiger als in der Verstreuung ueber drei dicke Baende, wie sie
+der chronologische Aufbau des alle Seiten des deutschen Lebens
+umspannenden Werkes mit sich bringt. Sie reden eine so eindringliche
+Sprache von einer jammervollen Vergangenheit deutschen Kleinlebens, dass
+man nur wuenschen kann, dass die Stimme des tapferen Rufers im Streit fuer
+nationale Einigung auch weiterhin gehoert werde, nachdem ihn selbst schon
+seit Jahren der kuehle Rasen deckt.
+
+_Leipzig,_ 19. Mai 1913.
+
+*Horst Kohl.*
+
+
+
+
+1. Maassen und das neue Preussische Zollgesetz.
+
+
+In dem Sturm und Drang der grossen Reformperiode war fuer die Umgestaltung
+des alten preussischen Akzisewesens wenig geschehen; man hatte sich
+begnuegt, dem flachen Lande mehrere staedtische Steuern aufzulegen und in
+Altpreussen die Einfuhr fremder Fabrikwaren gegen eine Akzise von 8 1{~FRACTION SLASH~}3
+Prozent des Wertes zu gestatten. Daneben bestanden in den alten Provinzen
+noch 67 verschiedene Tarife, nahezu 3000 Warenklassen umfassend; ausserdem
+die kursaechsische Generalakzise im Herzogtum Sachsen, das schwedische
+Zollwesen in Neuvorpommern, in den Rheinlanden endlich seit Aufhebung der
+napoleonischen Douanen ein schlechterdings anarchischer Zustand. Und diese
+unertraegliche Belaestigung des Verkehrs gewaehrte doch, da eine geordnete
+Grenzbewachung noch fehlte, keinen Schutz gegen das Ausland. Auch in dem
+chaotischen Geldwesen zeigte sich die Abhaengigkeit des verarmten Staates
+von den Fremden: in Posen und Pommern mussten 48, in den Provinzen links
+von der Elbe 71 fremde Geldsorten amtlich anerkannt und tarifiert werden.
+Schon laengst bemerkte der Koenig mit Besorgnis, wie schwer der gesetzliche
+Sinn des Volkes durch die Fortdauer des ueberlebten Prohibitivsystems
+geschaedigt wurde. Seit die buergerlichen Gewerbe auf dem platten Lande sich
+ansiedelten, nahm der Schmuggel einen ungeheuren Aufschwung. Im Jahre 1815
+versteuerte jeder Materialwarenladen der alten Provinzen taeglich nur zwei
+Pfund Kaffee.
+
+Auch die unhaltbaren Verhaeltnisse an der Ostgrenze mahnten zu rascher Tat.
+Sobald Preussen, Polen und Russland im Maerz 1816 zu Warschau wegen der
+Ausfuehrung des Wiener Vertrages vom 3. Mai 1815 zu verhandeln begannen,
+stellte sich bald heraus, dass Hardenberg in Wien von dem Fuersten
+Czartoryski ueberlistet worden war. Die scheinbar so harmlosen Bestimmungen
+des Vertrags ueber die freie Durchfuhr und den freien Verkehr mit den
+Landeserzeugnissen aller vormals polnischen Landschaften legten dem
+preussischen Staate fast nur Pflichten auf, da sein Gebiet das
+Durchfuhrland bildete. Um der Abrede buchstaeblich zu genuegen, haette
+Preussen seine polnischen Provinzen von dem uebrigen Staatsgebiete durch
+eine Zollinie trennen muessen, waehrend Russland, dem Vertrage zuwider, seine
+alte Zollgrenze, die das polnische Litauen von Warschau abschied,
+unveraendert liess und auch Oesterreich sich keineswegs geneigt zeigte,
+seinen polnischen Kronlanden handelspolitische Selbstaendigkeit
+zuzugestehen. Die polnischen Unterhaendler sahen in dem Vertrage ein
+willkommenes Mittel, um durch die Ansiedlung von Handelsagenten und
+Kommissionaeren ihre nationale Propaganda in Preussens polnische Gebiete
+hineinzutragen. Sie erdreisteten sich, der Krone Preussen geradezu die
+unbeschraenkte Souveraenitaet ueber Danzig zu bestreiten, und stellten so
+uebermuetige Forderungen, dass der Koenig mit einer entschiedenen Ablehnung
+antwortete, als Zar Alexander nach seiner Gewohnheit versuchte, die
+Ansprueche der Polen durch einen zaertlichen Freundesbrief zu unterstuetzen.
+Der unerquickliche Verlauf dieser Verhandlungen zwang zu dem Entschlusse,
+die polnischen Landschaften den uebrigen Provinzen des Ostens voellig
+gleichzustellen. Auf der anderen Seite lehrten die Frankfurter
+Erfahrungen, dass ein Bundeszollgesetz ganz unmoeglich war und Preussen
+mithin zunaechst im eigenen Hause Ordnung schaffen musste.
+
+Im Jahre 1816 erfolgten die ersten vorbereitenden Schritte. Das Verbot der
+Geldausfuhr ward aufgehoben, das Salzregal in allen Provinzen gleichmaessig
+eingefuehrt; dann sprach die Verordnung vom 11. Juni die Aufhebung der
+Wasser-, Binnen- und Provinzialzoelle als Grundsatz aus und verhiess die
+Einfuehrung eines allgemeinen und einfachen Grenzzollsystems. Zu Anfang des
+folgenden Jahres war der Entwurf fuer das neue Zollgesetz beendigt. Sobald
+aber von den reformatorischen Absichten des Entwurfs Einiges ruchbar ward,
+erscholl der Notschrei der geaengstigten Produzenten weithin durch das
+Land. Leidenschaftliche Eingaben der Baumwoll- und Kattunfabrikanten aus
+Schlesien und Berlin, die doch allesamt unter der bestehenden Unordnung
+schwer litten, bestaetigten die alte Wahrheit, dass die Selbstsucht der
+Menschen der schlimmste Feind ihres eigenen Interesses ist. Der Laerm ward
+so bedrohlich, dass der Koenig fuer noetig hielt, zunaechst eine
+Spezialkommission mit der Pruefung dieser Vorstellungen zu beauftragen.
+Hier errang die alte friderizianische Schule noch einmal die Oberhand. Der
+Vorsitzende, Oberpraesident v. Heydebreck, betrachtete als hoechste Aufgabe
+der Handelspolitik "das Numeraire dem Lande zu konservieren"; die Mehrheit
+beschloss, der Krone die Wiederherstellung des Verbotsystems, wie es bis
+zum Jahre 1806 bestanden, anzuraten. Aber zugleich mit diesem Bericht ging
+auch ein geharnischtes Minderheitsgutachten ein, verfasst von Staatsrat
+Kunth, dem Erzieher der Gebrueder Humboldt, einem selbstbewussten Vertreter
+des altpreussischen Beamtenstolzes, der das gute Recht der Bureaukratie
+oftmals gegen die aristokratische Geringschaetzung seines Freundes Stein
+verteidigte. Mit den Zustaenden des Fabrikwesens aus eigener Anschauung
+gruendlich vertraut, lebte und webte er in den Gedanken der neuen
+Volkswirtschaftslehre. "Eigentum und Freiheit, darin liegt alles; es gibt
+nichts anderes" -- so lautete sein Kernspruch. Als das aergste Gebrechen der
+preussischen Industrie erschien ihm die erstaunlich mangelhafte Bildung der
+meisten Fabrikanten, eine schlimme Frucht des Uebergewichts der gelehrten
+Klassen, welche nur durch den Einfluss des auswaertigen Wettbewerbs
+allmaehlich beseitigt werden konnte; waren doch selbst unter den ersten
+Fabrikherren Berlins viele, die kaum notduerftig ihren Namen zu schreiben
+vermochten.
+
+Kunths Gutachten fand im Staatsrate fast ungeteilte Zustimmung; es liess
+sich nicht mehr verkennen, dass die Aufhebung der Handelsverbote nur die
+notwendige Ergaenzung der Reformen von 1808 bildete. Als das Plenum des
+Staatsrats am 3. Juli ueber das Zollgesetz beriet, sprachen die politischen
+Gegner Gneisenau und Schuckmann einmuetig fuer die Befreiung des Verkehrs.
+Oberpraesident Merckel und Geh. Rat Ferber, ein aus dem saechsischen Dienste
+heruebergekommener trefflicher Nationaloekonom, fuehrten aus, dass dem
+Notstande des Gewerbefleisses in Schlesien und Sachsen nur durch die
+Freiheit zu begegnen sei; und zuletzt stimmten von 56 Anwesenden nur drei
+gegen das Gesetz: Heydebreck, Ladenberg und Geh Rat Beguelin. Am 1. August
+genehmigte der Koenig von Karlsbad aus "das Prinzip der freien Einfuhr fuer
+alle Zukunft". Nun folgten neue peinliche Verhandlungen, da es anfangs
+unmoeglich schien, die neue Ordnung gleichzeitig in den beiden Haelften des
+Staatsgebiets einzufuehren. Endlich, am 26. Mai 1818, kam das Zollgesetz
+fuer die gesamte Monarchie zustande.
+
+Sein Verfasser war der Generaldirektor Karl Georg _Maassen_(1), ein Beamter
+von umfassenden Kenntnissen, mit Leib und Seele in den Geschaeften lebend,
+ein Mann, der hinter kindlich anspruchslosen Umgangsformen den kuehnen Mut
+des Reformers, eine tiefe und freie Auffassung des sozialen Lebens
+verbarg. Aus Cleve gebuertig, hatte er zuerst als preussischer Beamter in
+seiner Heimat, dann eine Zeitlang im bergischen Staatsdienste die
+Grossindustrie des Niederrheins, nachher bei der Potsdamer Regierung die
+Volkswirtschaft des Nordostens kennen und also die Theorien Adam
+Smiths(2), denen er von fruehauf huldigte, durch vielseitige praktische
+Erfahrung zu ergaenzen gelernt. So ging er auch beim Entwerfen des
+Zollgesetzes nicht von einer fertigen Doktrin aus, sondern von drei
+Gesichtspunkten der praktischen Staatskunst. Die Aufgabe war: zunaechst in
+der gesamten Monarchie durch Befreiung des inneren Verkehrs eine lebendige
+Gemeinschaft der Interessen zu begruenden, sodann dem Staate neue
+Einnahmequellen zu eroeffnen, endlich dem heimischen Gewerbefleiss einen
+maechtigen Schutz gegen die englische Uebermacht zu gewaehren und ihm doch
+den heilsamen Stachel des auslaendischen Wettbewerbs nicht gaenzlich zu
+nehmen. Wo die Wuensche der Industrie den Anspruechen der Staatskassen
+widersprachen, da musste das Interesse der Finanzen vorgehen; dies gebot
+die Bedraengnis des Staatshaushalts.
+
+Die beiden ersten Paragraphen des Gesetzes verkuendigten die Freiheit der
+Ein-, Aus- und Durchfuhr fuer den ganzen Umfang des Staates. Damit wurde
+die volle Haelfte des nichtoesterreichischen Deutschlands zu einem freien
+Marktgebiete vereinigt, zu einer wirtschaftlichen Gemeinschaft, welche,
+wenn sie die Probe bestand, sich auch ueber die andere Haelfte der Nation
+erweitern konnte. Denn die schroffsten Gegensaetze unseres vielgestaltigen
+sozialen Lebens lagen innerhalb der preussischen Grenzen. War es moeglich,
+Posen und das Rheinland ohne Schaedigung ihrer wirtschaftlichen Eigenart
+derselben wirtschaftlichen Gesetzgebung zu unterwerfen, so war schon
+erwiesen, dass diese Gesetze mit einigen Aenderungen auch fuer Baden und
+Hannover genuegen mussten. Preussen hatte sich -- so sagte Maassen oftmals --
+genau die naemlichen Fragen vorzulegen wie alle die anderen deutschen
+Staaten, welche ernstlich nach Zolleinheit verlangten, und konnte, wegen
+der Mannigfaltigkeit seiner wirtschaftlichen Interessen, leichter als jene
+die richtige Antwort finden. Aber die Ausfuehrung des Gedankens, die
+Verlegung der Zoelle an die Grenzen des Staates war in Preussen schwieriger
+als in irgendeinem anderen Reiche; sie erschien zuerst vielen ganz
+unausfuehrbar. Man sollte eine Zollinie von 1073 Meilen bewachen, je eine
+Grenzmeile auf kaum fuenf Geviertmeilen des Staatsgebiets, und zwar unter
+den denkbar unguenstigsten Verhaeltnissen, da die kleinen deutschen Staaten,
+die mit dem preussischen Gebiete im Gemenge lagen, zumeist noch kein
+geordnetes Zollwesen besassen, ja sogar den Schmuggel grundsaetzlich
+beguenstigten. Solche Bedraengnis veranlasste die preussischen Finanzmaenner
+zur Aufstellung eines einfachen uebersichtlichen Tarifs, der die Waren in
+wenige grosse Klassen einordnete. Eine umfaengliche, verwickelte Zollrolle,
+wie sie in England oder Frankreich bestand, erforderte ein zahlreiches
+Beamtenpersonal, das in Preussen den Ertrag der Zoelle verschlungen haette.
+Durch denselben Grund wurde Maassen bewogen, die Erhebung der Zoelle nach
+dem Gewichte der Waren vorzuschlagen, waehrend in allen anderen Staaten das
+von der herrschenden Theorie allein gebilligte System der Wertzoelle galt.
+Die Abstufung der Zoelle nach dem Werte wuerde die Kosten der Zollverwaltung
+unverhaeltnismaessig erhoeht haben; zudem lag in der hohen Besteuerung
+kostbarer Waren eine starke Versuchung zum Schmuggelhandel, welche ein
+Staat von so schwer zu bewachenden Grenzen nicht ertragen konnte.
+
+Auch in der grossen Prinzipienfrage der Handelspolitik gab die Ruecksicht
+auf die Finanzen den Ausschlag. Der Staat hatte die Wahl zwischen zwei
+Wegen. Man konnte entweder nach Englands und Frankreichs Beispiel
+Prohibitivzoelle einfuehren, um diese sodann als Unterhandlungsmittel gegen
+die Westmaechte zu benutzen und also Zug um Zug durch Differentialzoelle zur
+Erleichterung des Verkehrs zu gelangen; oder man wagte sogleich in Preussen
+ein System maessiger Zoelle zu gruenden, in der Hoffnung, dass die Natur der
+Dinge die grossen Nachbarreiche dereinst in dieselbe Bahn draengen werde.
+Maassen fand den Mut, den letzteren Weg zu waehlen, vornehmlich, weil der
+zweifelhafte Ertrag aus hohen Schutzzoellen dem Beduerfnis der Staatskassen
+nicht genuegen konnte. Verboten wurde allein die Einfuhr von Salz und
+Spielkarten; die Rohstoffe blieben in der Regel abgabenfrei oder einem
+ganz niedrigen Zolle unterworfen. Von den Manufakturwaren sollte ein
+maessiger Schutzzoll erhoben werden, nicht ueber 10 Prozent, ungefaehr der
+ueblichen Schmuggelpraemie entsprechend. Die Kolonialwaren dagegen
+unterlagen einem ergiebigen Finanzzolle, bis zu 20 Prozent, da Preussen an
+seiner leicht zu bewachenden Seegrenze die Mittel besass, diese Produkte
+wirksam zu besteuern.
+
+Dies freieste und reifste staatswirtschaftliche Gesetz des Zeitraums wich
+von den herrschenden Vorurteilen so weit ab, dass man im Auslande anfangs
+ueber die gutmuetige Schwaeche der preussischen Doktrinaere spottete. Den
+Staatsmaennern der absoluten Monarchie faellt ein undankbares
+entsagungsvolles Los. Wie laut preist England heute seinen William
+Huskisson(3), *one of the world's great spirits*; alle gesitteten Voelker
+bewundern die Freihandelsreden des grossen Britten. Der Name Maassens aber
+ist bis zur Stunde in seinem eigenen Vaterlande nur einem engen
+Gelehrtenkreise vertraut. _Und doch hat die grosse Freihandelsbewegung
+unseres Jahrhunderts nicht in England, sondern in Preussen ihren ersten
+bahnbrechenden Erfolg errungen._ Das wiederhergestellte franzoesische
+Koenigtum hielt in dem Tarife von 1816 die strengen napoleonischen
+Prohibitivzoelle gegen fremde Fabrikwaren hartnaeckig fest. Die Selbstsucht
+der Emigranten fuegte noch schwere Zoelle auf die Erzeugnisse des Landbaues,
+namentlich auf Schlachtvieh und Wolle, hinzu. Auch in England war nur ein
+Teil des Handelsstandes fuer die Lehren der Verkehrsfreiheit gewonnen. Noch
+stand der Grundherr treu zu den hohen Kornzoellen, der Reeder zu Cromwells
+Navigationsakte(4), der Fabrikant zu dem harten Prohibitivsysteme; noch
+urteilte die Mehrzahl der Gebildeten wie einst Burke(5) ueber Adam Smith:
+solche abstrakte Theorien sind gut genug fuer das stille Katheder von
+Glasgow(6). Erst das kuehne Vorgehen der Berliner Staatsmaenner ermutigte
+die englischen Freihaendler, mit ihrer Meinung herauszuruecken. Auf das
+"glaenzende Beispiel, welches Preussen der Welt gegeben", berief sich die
+freihaendlerische Petition der Londoner City, welche Baring im Mai 1820 dem
+Parlamente uebergab. An Preussen dachte Huskisson, als er seinen beruehmten
+Satz aufstellte: "Der Handel ist nicht Zweck, er ist das Mittel, Wohlstand
+und Behagen unter den Voelkern zu verbreiten" und seinem Volke zurief:
+"Dies Land kann nicht still stehen, waehrend andere Laender vorschreiten in
+Bildung und Gewerbefleiss".
+
+Den freihaendlerischen Ansichten der preussischen Staatsmaenner genuegte das
+neue Gesetz nicht voellig. Man ahnte im Finanzministerium wohl, dass der
+weitaus groesste Teil des Zollertrags allein von den gangbarsten
+Kolonialwaren aufgebracht werden und die Staatskasse von anderen Zoellen
+nur geringen Vorteil ziehen wuerde. Aber man sah auch, dass jedem
+Steuersystem durch die Gesinnung der Steuerpflichtigen feste Schranken
+gezogen sind; die oeffentliche Meinung jener Tage wuerde der Regierung nie
+verziehen haben, wenn sie den Kaffee besteuert, den Tee frei gelassen
+haette. Maassen verwarf jede einseitige Beguenstigung eines Zweiges der
+Produktion, er rechnete auf das Ineinandergreifen von Ackerbau, Gewerbe
+und Handel und betrachtete die Schutzzoelle nur als einen Notbehelf, um die
+deutsche Industrie allmaehlich zu Kraeften kommen zu lassen. Schon bei der
+ersten Revision des Tarifs im Jahre 1821 tat man einen Schritt weiter im
+Sinne des Freihandels, vereinfachte den Tarif und setzte mehrere Zoelle
+herab. Waehrend das Gesetz von 1818 fuer die westlichen Provinzen einen
+eigenen Tarif mit etwas niedrigeren Saetzen aufgestellt hatte, fiel jetzt
+der Unterschied zwischen den Provinzen hinweg; die Zollrolle von 1812
+bildete in Form und Einrichtung die Grundlage fuer alle spaeteren Tarife des
+Zollvereins.
+
+Derweil der Staatsrat diese Reform zum Abschluss brachte, erging sich die
+unreife nationaloekonomische Bildung der Zeit in widersprechenden Klagen.
+Die Massen meinten die Verteuerung des Lebensunterhalts nicht ertragen zu
+koennen, die Fabrikanten sahen "dem englischen Handelsdespotismus" Tuer und
+Tor geoeffnet und bestuermten den Thron abermals mit so verzweifelten
+Bittschriften, dass der Koenig, obwohl selbst mit Maassens Plaenen ganz
+einverstanden, doch eine nochmalige Pruefung des schon unterschriebenen
+Gesetzes befahl. Erst am 1. September 1818 wurde das Zollgesetz
+veroeffentlicht, erst zu Neujahr 1819 traten die neuen Grenzzollaemter in
+Taetigkeit. Am 8. Februar 1819 erschien das ergaenzende Gesetz ueber die
+Besteuerung des Konsums inlaendischer Erzeugnisse, wonach nur Wein, Bier,
+Branntwein und Tabaksblaetter einer Steuer unterlagen, die ohne
+unmittelbare Belaestigung der Verzehrer von den Produzenten zu erheben war.
+
+Die neue Gesetzgebung hielt im ganzen sehr gluecklich die Mitte zwischen
+Handelsfreiheit und Zollschutz. Nur nach einer Richtung hin wich sie
+auffaellig ab von den Grundsaetzen des gemaessigten Freihandels: sie belastete
+den Durchfuhrhandel unverhaeltnismaessig schwer. Der Zentner Transitgut
+zahlte im Durchschnitt einen halben Taler Zoll, auf einzelnen wichtigen
+Handelsstrassen noch weit mehr -- sicherlich eine sehr drueckende Last fuer
+ordinaere Gueter, zumal wenn sie das preussische Gebiet mehrmals beruehrten.
+Die naechste Veranlassung zu dieser Haerte lag in dem Beduerfnis der
+Finanzen. Preussen beherrschte einige der wichtigsten Handelsstrassen
+Mitteleuropas: die Verbindung Hollands mit dem Oberlande, die alten
+Absatzwege des polnischen Getreides, den Verkehr Leipzigs mit der See, mit
+Polen, mit Frankfurt. Man berechnete, dass die volle Haelfte der in Preussen
+eingehenden Waren dem Durchfuhrhandel angehoerte. Die erschoepfte
+Staatskasse war nicht in der Lage, diesen einzigen Vorteil, den ihr die
+unglueckliche langgestreckte Gestalt des Gebiets gewaehrte, aus der Hand zu
+geben. Ueberdies stimmten alle Kenner des Mautwesens ueberein in der fuer
+jene Zeit wohlbegruendeten Meinung, dass nur durch Besteuerung der Durchfuhr
+der finanzielle Ertrag des Grenzzollsystems gesichert werden koenne. Gab
+man den Transit voellig frei, so wurde dem Unterschleif Tuer und Tor
+geoeffnet, ein ungeheurer Schmuggelhandel von Hamburg, Frankfurt, Leipzig
+her geradezu herausgefordert, das ganze Gelingen der Reform in Frage
+gestellt. Die unbillige Hoehe der Durchfuhrzoelle aber und das zaehe
+Festhalten der Regierung an diesen fuer die deutschen Nachbarlande
+unleidlichen Saetzen erklaert sich nur aus politischen Gruenden. Der
+Transitzoll diente dem Berliner Kabinett als ein wirksames
+Unterhandlungsmittel, um die deutschen Kleinstaaten zum Anschluss an die
+preussische Handelspolitik zu bewegen.
+
+Von jenem Traumbilde einer gesamtdeutschen Handelspolitik, das waehrend des
+Wiener Kongresses den preussischen Bevollmaechtigten vorgeschwebt hatte, war
+man in Berlin laengst zurueckgekommen. Die Unmoeglichkeit solcher Plaene ergab
+sich nicht bloss aus der Nichtigkeit der Bundesverfassung, sondern auch aus
+den inneren Verhaeltnissen der Bundesstaaten. Hardenberg(7) wusste, dass der
+Wiener Hof an seinem altvaeterlichen Provinzialzollsystem nichts aendern
+wollte und seine nichtdeutschen Kronlaender einem Bundeszollwesen
+schlechterdings nicht unterordnen konnte. Aber auch das uebrige Deutschland
+bewahrte noch viele Truemmer aus der schmaehlichen kosmopolitischen Epoche
+unserer Vergangenheit. Noch war Hannover von England, Schleswig-Holstein
+von Daenemark abhaengig, noch stand Luxemburg in unmittelbarer
+geographischer Verbindung mit dem niederlaendischen Gesamtstaate. Wie war
+ein gesamtdeutsches Zollwesen denkbar, so lange diese Fremdherrschaft
+waehrte? Auch die Verfassung mehrerer Bundesstaaten bot unuebersteigliche
+Hindernisse. Die preussische Zollreform ruhte auf dem Gedanken des gemeinen
+Rechts. Wer durfte erwarten, dass der mecklenburgische Adel auf seine
+Zollfreiheit, der saechsische auf die mit den staendischen Privilegien fest
+verkettete Generalakzise verzichten wuerde, so lange die staendische
+Oligarchie in diesen Landen ungestoert herrschte? Wie war es moeglich, die
+preussischen Zoelle, welche die Einheit des Staatshaushalts voraussetzten,
+in Hannover einzufuehren, wo noch die Koenigliche Domaenenkasse und die
+staendische Steuerkasse selbstaendig nebeneinander standen? Das Zollwesen
+hing ueberdies eng zusammen mit der Besteuerung des inlaendischen Konsums;
+nur wenn die Kleinstaaten sich entschlossen, das System ihrer indirekten
+Steuern auf preussischen Fuss zu setzen oder doch dem preussischen Muster
+anzunaehern, war eine ehrliche Gegenseitigkeit, eine dauernde
+Zollgemeinschaft zwischen ihnen moeglich. Und liess sich solche
+Opferwilligkeit erwarten in jenem Augenblick, da der Rheinbund und das
+Raenkespiel des Wiener Kongresses den selbstsuechtigen Duenkel der Dynastien
+krankhaft aufgeregt und jeder Scham entwoehnt hatten? Selbst jene Staaten,
+denen redlicher Wille nicht fehlte, konnten gar nicht sofort auf die
+harten Zumutungen eingehen, welche Preussen ihnen stellen musste, um sich
+den Ertrag seiner Zoelle zu sichern. Man musste, so gestand Eichhorn(8)
+spaeterhin, sich erst orientieren in der veraenderten Lage, die
+nationaloekonomischen Beduerfnisse des eigenen Landes und die zur Deckung
+der Staatsausgaben notwendigen Opfer ueberschlagen; bevor man hierueber ins
+Klare gekommen, konnte man sich von einer gemeinsamen Beratung keinen
+Erfolg versprechen, am wenigsten von einer Beratung fuer ganz Deutschland
+am Bundestag.
+
+Wie die Dinge lagen, musste Preussen selbstaendig vorgehen, ohne jede
+schonende Ruecksicht fuer die deutschen Nachbarn. Unter den gemuetlichen
+Leuten herrschte die Ansicht vor, Preussen solle die Binnengrenzen gegen
+Deutschland offen halten und allein an den Grenzen gegen das Ausland Zoelle
+erheben. Der kindische Vorschlag haette, ausgefuehrt, jede Grenzbewachung
+unmoeglich gemacht, die finanziellen wie die volkswirtschaftlichen Zwecke
+der Zollreform voellig vereitelt. Selbst eine mildere Besteuerung deutscher
+Produkte war unausfuehrbar. Gerade die deutschen Kleinstaaten mit ihren
+verzwickten, mangelhaft oder gar nicht bewachten Grenzen mussten der
+preussischen Staatskasse als die gefaehrlichsten Gegner erscheinen.
+Ursprungszeugnisse, von solchen Behoerden ausgestellt, boten den genauen
+Rechnern der Berliner Bureaus keine genuegende Sicherheit. Jede
+Erleichterung, die an diesen Grenzen eintrat, ermutigte den Unterschleif,
+so lange nicht eine geordnete Zollverwaltung in den kleinen Nachbarstaaten
+bestand. Noch mehr: gewaehrte Preussen den deutschen Staaten Beguenstigungen,
+so griff das Ausland unfehlbar zu Retorsionen(9), und der Staat wurde
+allmaehlich in ein Differentialzollsystem hineingetrieben, das den
+Absichten seiner Staatsmaenner schnurstracks zuwiderlief. Differentialzoelle
+erschienen dem Finanzministerium noch weit bedenklicher als Schutzzoelle,
+da diese den Verkehr belasteten zugunsten der einheimischen, jene zum
+Vorteil der auslaendischen Produzenten.
+
+Es war nicht anders: sollte das neue Zollsystem ueberhaupt ins Leben
+treten, so mussten alle nichtpreussischen Waren zuvoerderst auf gleichem Fuss
+behandelt werden. Allerdings wurden dadurch die deutschen Nachbarn sehr
+hart getroffen. Sie waren gewohnt, einen schwunghaften Schmuggelhandel
+nach Preussen hinueber zu fuehren; jetzt trat die strenge Grenzbewachung
+dazwischen. Die Zollinien an den Grenzen der neuen Provinzen stoerten
+vielfach altgewohnten Verkehr. Das Koenigreich Sachsen litt schwer, als die
+preussischen Zollschranken dicht vor den Toren Leipzigs aufgerichtet
+wurden. Die kleinen rheinischen Lande sahen nahe vor Augen das beginnende
+Erstarken der preussischen Volkswirtschaft; was drueben ein Segen, ward
+hueben zur Last. Begreiflich genug, dass gerade in der unmittelbaren
+Nachbarschaft Preussens die Missstimmung ueberhand nahm. Auch die Einrichtung
+der Gewichtszoelle war fuer die deutschen Nachbarstaaten unverhaeltnismaessig
+laestig, da das Ausland zumeist feinere, Deutschland groebere Waren in
+Preussen einzufuehren pflegte.
+
+Indes, wenn es nicht anging, den Kleinstaaten sofort Beguenstigungen zu
+gewaehren, so war doch die Zollreform von Haus aus darauf berechnet, die
+deutschen Nachbarn nach und nach in den preussischen Zollverband
+hineinzuziehen. "Die Unmoeglichkeit einer Vereinigung fuer den ganzen Bund
+erkennend, suchte Preussen durch Separatvertraege sich diesem Ziele zu
+naehern" -- mit diesen kurzen und erschoepfenden Worten hat Eichhorn zehn
+Jahre spaeter den Grundgedanken der preussischen Handelspolitik bezeichnet.
+Die Zerstueckelung seines Gebietes zwang den Staat, deutsche Politik zu
+treiben, machte ihm auf die Dauer unmoeglich, sich selbst genuegsam
+abzuschliessen, seine Verwaltung zu ordnen ohne Verstaendigung mit den
+deutschen Nachbarlanden. Ein grosser Teil der thueringischen Besitzungen
+Preussens, 41 Geviertmeilen, musste vorderhand aus der Zollinie
+ausgeschlossen bleiben. Es war eine unabweisbare Notwendigkeit, die
+Zollschranken mindestens so weit hinauszuschieben, dass das gesamte
+Staatsgebiet gleichmaessig besteuert werden konnte. In dem Zollgesetz selber
+(§ 5) war die Absicht erklaert, durch Handelsvertraege den wechselseitigen
+Verkehr zu befoerdern. Die harte Besteuerung der Durchfuhr gab diesem Winke
+fuehlbaren Nachdruck. Noch bestimmter sprach sich Hardenberg ueber die
+Absicht des Gesetzes aus, schon ehe es in Kraft trat. Als die Fabrikanten
+von Rheidt und anderen rheinischen Plaetzen den Staatskanzler um
+Beseitigung der deutschen Binnenzoelle baten, gab er die Antwort (3. Juni
+1818): die Vorteile, welche aus der Vereinigung mehrerer deutscher Staaten
+zu einem gemeinschaftlichen Fabrik- und Handelssystem hervorgehen koennen,
+seien der Regierung nicht unbekannt; mit steter Ruecksicht hierauf sei der
+Plan des Koenigs zur Reife gediehen. "Es liegt ganz im Geiste dieses
+Planes, ebensowohl auswaertige Beschraenkungen des Handels zu erwidern, als
+Willfaehrigkeit zu vergelten und nachbarliches Anschliessen an ein
+gemeinsames Interesse zu befoerdern". Ebenso erklaerte er den Elberfeldern:
+die preussischen Zollinien sollten dazu dienen, "eine allgemeine Ausdehnung
+oder sonstige Vereinigung vorzubereiten".
+
+Damit wurde deutlich angekuendigt, dass der Staat, der seit langem das
+Schwert des alten Kaisertums fuehrte, jetzt auch die handelspolitischen
+Reformgedanken der Reichspolitik des sechzehnten Jahrhunderts wieder
+aufnahm und bereit war, der Nation nach und nach die Einheit des
+wirtschaftlichen Lebens zu schaffen, welche ihr im ganzen Verlaufe ihrer
+Geschichte immer gefehlt hatte. Er dachte dies Ziel, das sich nicht mit
+einem Sprunge erjagen liess, schrittweis, in bedachtsamer Annaeherung, durch
+Vertraege von Staat zu Staat zu erreichen. Mars und Merkur sind die
+Gestirne, welche in diesem Jahrhundert der Arbeit das Geschick der Staaten
+vornehmlich bestimmen. _Das Heerwesen und die Handelspolitik der
+Hohenzollern bildeten fortan die beiden Rechtstitel, auf denen Preussens
+Fuehrerstellung in Deutschland ruhte._ Und diese Handelspolitik war
+ausschliesslich das Werk der Krone und ihres Beamtentums. Sie begegnete,
+auch als ihre letzten Ziele sich spaeterhin voellig enthuellten, regelmaessig
+dem verblendeten Widerstande der Nation. Im Zeitalter der Reformation war
+die wirtschaftliche Einigung unseres Vaterlandes an dem Widerstande der
+Reichsstaedte gescheitert; im 19. Jahrhundert ward sie recht eigentlich
+gegen den Willen der Mehrzahl der Deutschen von neuem begonnen und
+vollendet.
+
+Im Kampfe gegen das preussische Zollgesetz hielten alle deutschen Parteien
+zusammen, Kotzebues Wochenblatt so gut wie Ludens Nemesis. Vergeblich
+widerlegte J. G. Hoffmann(10) in der Preussischen Staatszeitung mit
+ueberlegener Sachkenntnis das fast durchweg wertlose nationaloekonomische
+Gerede der Presse. Dieselben Schutzzoellner, die um Hilfe riefen fuer die
+deutsche Industrie, schalten zugleich ueber die unerschwinglichen Saetze des
+preussischen Tarifs, der doch jenen Schutz gewaehrte. Dieselben Liberalen,
+die den Bundestag als einen voellig unbrauchbaren Koerper verspotteten,
+forderten von dieser Behoerde eine schoepferische handelspolitische Tat.
+Wenn Hoffmann nachwies, dass das neue Gesetz eine Wohltat fuer Deutschland
+sei, so erwiderten Poelitz, Krug und andere saechsische Publizisten, kein
+Staat habe das Recht, seinen Nachbarn Wohltaten aufzudraengen. Alberne
+Jagdgeschichten wurden mit der hoechsten Bestimmtheit wiederholt und von
+der Unwissenheit der Leser begierig geglaubt. Da hatte ein armer Hoeker aus
+dem Reussischen, als er seinen Schubkarren voll Gemuese zum Leipziger
+Wochenmarkt fuhr, einen Taler Durchfuhrzoll an die preussische Maut zahlen
+muessen -- nur schade, dass Preussen von solchen Waren gar keinen Zoll erhob.
+Auch die Sentimentalitaet ward gegen Preussen ins Feld gefuehrt; sie findet
+sich ja bei den Deutschen immer ein, wenn ihnen die Gedanken ausgehen. Da
+war gleich am ersten Tage, als das unselige Gesetz in Kraft trat, ein
+Zollbeamter zu Langensalza von einem gothaischen Patrioten im Rausche
+heiligen Zornes erstochen worden; der Mann hatte sich aber selbst
+entleibt. Da hiess es wehmuetig, Koenig Friedrich Wilhelm hege wohl
+menschenfreundliche Absichten, aber "finanzielle Ruecksichten vergiften die
+besten Massregeln"; fuer die harte Notwendigkeit dieser finanziellen
+Ruecksichten hatte man kein Auge. Die ersehnte Einheit des deutschen
+Marktes -- darueber bestand unter den liberalen Patrioten kein Streit --
+konnte nur gelingen, wenn die bereits vollzogene Einigung der Haelfte
+Deutschlands wieder zerstoert wurde.
+
+Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert.
+II, 211 ff. -- Die Anmerkungen sind vom Herausgeber beigefuegt.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+ 1 Geb. 23. August 1769, gest. 2. November 1834.
+
+ 2 Adam Smith, geb. 1723, gest. 1790, ist als der Begruender der neueren
+ Nationaloekonomie zu betrachten; er vertrat die Lehre, dass es in
+ wirtschaftlichen Dingen Aufgabe des Staates sei, das freie Spiel der
+ wirtschaftlichen Kraefte durch Beseitigung entgegenstehender
+ Hemmnisse zu foerdern.
+
+ 3 Geb. 11. Maerz 1770, gest. am 15. September 1830 an den schweren
+ Verletzungen, die er sich bei Eroeffnung der zwischen Liverpool und
+ Manchester erbauten Eisenbahn dadurch zuzog, dass er beim Einsteigen
+ unter die Raeder fiel. Im Ministerium Canning war er Staatssekretaer
+ fuer die Kolonien.
+
+ 4 Die Navigationsakte vom 9. Oktober 1651 gestattete die Einfuhr von
+ Waren aus Afrika, Asien und Amerika nur unter englischer Flagge, die
+ Einfuhr von europaeischen Waren nur durch englische Schiffe oder
+ Schiffe des erzeugenden Landes. Damit wurde der hollaendische
+ Zwischenhandel ausgeschaltet. Erst 1849 wurde die Akte aufgehoben.
+
+ 5 Edmund Burke, geb. 1729, gest. 9. Juli 1797, hervorragender
+ englischer Politiker und Staatsmann.
+
+ 6 Adam Smith war von 1751 ab eine Reihe von Jahren als Professor der
+ Logik und der Moral an der Universitaet zu Glasgow taetig.
+
+ 7 Karl August, Fuerst von Hardenberg, geb. 31. Mai 1750, gest. 26. Nov.
+ 1822, seit Juni 1810 bis an seinen Tod preussischer Staatskanzler.
+
+ 8 Joh. Albrecht Friedrich Eichhorn, geb. 2. Maerz 1779, gest. 16.
+ Januar 1856, war als Direktor der zweiten Abteilung des Ministeriums
+ des Aeusseren besonders fuer die Entwicklung des Zollvereins taetig. Von
+ 1840-48 kaempfte er als Kultusminister fuer die Erhaltung der
+ kirchlichen Rechtglaeubigkeit gegen die freiheitlichen Bestrebungen
+ der Lichtfreunde.
+
+ 9 Zwangsmassregeln.
+
+ 10 Joh. Gottfr. Hoffmann, geb. 19. Juli 1765, gest. 12. November 1847,
+ hervorragender Nationaloekonom und Begruender der wissenschaftlichen
+ Statistik.
+
+
+
+
+2. Der Kampf gegen das preussische Zollgesetz und der erste preussische
+Zollvertrag.
+
+
+Alles historische Werden entspringt der bestaendigen Wechselwirkung
+zwischen dem bewussten Menschenwillen und den gegebenen Zustaenden. Wie die
+Vernunft, die in den Dingen liegt, nur durch die Willenskraft eines
+grossen, die Zeichen der Zeit verstehenden Mannes verwirklicht werden kann,
+so finden auch die Suenden und Irrtuemer der Politiker ihre Schranke an dem
+Charakter der Staaten, an der Macht der Ideen, die sich im Verlauf der
+Geschichte angesammelt haben. Schwer hatte die Krone Preussen gefehlt, als
+sie in Karlsbad(11) sich den lebendigen Kraeften des jungen Jahrhunderts
+entgegenstemmte; und doch war dieser Staat modern von Grund aus, er konnte
+sich der neuen Zeit nicht gaenzlich entfremden und begann eben jetzt eine
+Reform seines Haushalts, welche ihn befaehigte, in seiner wirtschaftlichen
+Entwicklung alle anderen deutschen Staaten zu ueberfluegeln. Nachgiebig bis
+zur Selbstvergessenheit war Hardenberg in Teplitz(12) allen Wuenschen
+Oesterreichs entgegengekommen, der Glaube an die unbedingte
+Interessengemeinschaft der beiden Grossmaechte beherrschte ihn ganz und gar;
+und doch war der Gegensatz der beiden Maechte in einer alten Geschichte
+begruendet und, so lange die Machtfrage der deutschen Zukunft ungeloest
+blieb, durch menschlichen Willen nicht mehr beizulegen. Fast in dem
+naemlichen Augenblicke, da der Berliner Hof sich gaenzlich der Fuehrung
+Oesterreichs zu ueberlassen schien, tat er wieder einen Schritt vorwaerts auf
+den Bahnen der friderizianischen Politik und begann die deutschen
+Nachbarlande in seine Zollgemeinschaft aufzunehmen. Es war ein winziger,
+nach dem Masse der Gegenwart fast laecherlicher Erfolg, aber der
+unscheinbare Beginn einer Staatskunst, welche die deutschen Staaten durch
+das Band wirtschaftlicher Interessen unloesbar an Preussen ketten und die
+Befreiung von Oesterreich vorbereiten sollte.
+
+Seit das preussische Zollgesetz in Kraft gesetzt und den kleinen Nachbarn
+zunaechst nur durch seine Haerten fuehlbar wurde, erhob sich ueberall mit
+erneuter Staerke der Ruf nach Aufhebung aller Binnenmauten, und es begann
+eine leidenschaftliche Agitation fuer die deutsche Handelseinheit, der
+Vorlaeufer und das Vorbild der spaeteren Kaempfe um die politische Einheit.
+Die ganze Nation schien einig in einem grossen Gedanken; gleichwohl gingen
+die Ansichten ueber die Mittel und Wege nach allen Richtungen auseinander,
+und das einzige, was retten konnte, der Anschluss an die schon vorhandene
+Einheit des preussischen Marktgebietes, ward in unseliger Verblendung so
+lange verschmaeht, bis schliesslich nur die bittere Not das Unvermeidliche
+erzwang.
+
+Gleich nach dem Frieden begann eine regelmaessige Einwanderung in das
+verarmte Preussen einzustroemen, etwa halb so stark als der Ueberschuss der
+Geburten; sie bestand ueberwiegend aus jungen Leuten der deutschen
+Nachbarschaft, die in dem Lande der sozialen Freiheit ihr Glueck suchten.
+Als nunmehr die Binnenzoelle in der Monarchie hinwegfielen, da liessen sich
+die Vorteile, welche der preussische Geschaeftsmann aus seinem ausgedehnten
+freien Markt zog, zumal an den Grenzplaetzen bald mit Haenden greifen: so
+siedelte ein Teil der Bingener Weinhaendler auf das preussische Ufer der
+Nahe ueber, da die Preise in Preussen oft dreimal hoeher standen als auf dem
+ueberfuellten hessischen Markte. Das Beamtentum der kleinen Hoefe war noch
+gewoehnt an das Zunftwesen, an die Erschwerung der Niederlassung und der
+Heiraten, an die tausend Quaelereien einer kleinlichen sozialen
+Gesetzgebung; von der Ueberlegenheit der preussischen Handelspolitik ahnte
+man hier noch gar nichts. Manchem wohlmeinenden Beamten in Sachsen und
+Thueringen erschienen die preussischen Steuergesetze als eine ueberfluessige
+fiskalische Haerte, weil sein eigener Staat fuer das Heerwesen nur Geringes
+leistete, also mit bescheidenen Einnahmen auskommen konnte. So entstand
+unter dem Schutze der kleinen Hoefe an den preussischen Binnengrenzen ein
+Krieg aller gegen alle, ein heilloser Zustand, von dem wir heute kaum noch
+eine Vorstellung haben. Das Volk verwilderte durch das schlechte Handwerk
+des Schwaerzens. In die zollfreien Packhoefe, welche ueberall dem preussischen
+Gebiete nahe lagen, traten alltaeglich handfeste braune Gesellen, die
+Jacken auf Ruecken und Schultern ganz glatt gescheuert, manch einem schaute
+das Messer aus dem Guertel; dann packten sie die schweren Warenballen auf,
+ein landesfuerstlicher Mautwaechter gab ihnen das Geleite bis zur Grenze und
+ein Helf Gott mit auf den boesen Weg. Der kleine Mann hoerte sich nicht satt
+an den wilden Abenteuern verwegener Schmuggler, die das heutige Geschlecht
+nur noch aus altmodischen Romanen und Jugendschriften kennt. Also gewoehnte
+sich unser treues Volk die Gesetze zu missachten. Jener wueste Radikalismus,
+der allmaehlich in den Kleinstaaten ueberhand nahm, ward von den kleinen
+Hoefen selber gepflegt: durch die Suenden der Demagogenjagd wie durch die
+Frivolitaet dieser Handelspolitik.
+
+Als die Urheber solchen Unheils galten allgemein nicht die Kleinstaaten,
+die den Schmuggel beguenstigten, sondern Preussen, das ihn ernsthaft
+verfolgte; nicht jene Hoefe, die an ihren unsauberen fiskalischen Kniffen,
+ihren veralteten unbrauchbaren Zollordnungen traege festhielten, sondern
+Preussen, das sein Steuersystem neu gestaltet und gemildert hatte. Unfaehig,
+die Lebensbedingungen eines grossen Staates zu verstehen, stellten die
+kleinen Hoefe alles Ernstes die Forderung, Preussen muesse jene reiflich
+erwogene, in alle Zweige des Gemeinwesens tief einschneidende Reform
+sofort wieder rueckgaengig machen, noch bevor sie die Probe der Erfahrung
+bestanden hatte -- und halb Deutschland stimmte dem toerichten Ansinnen zu.
+
+Ausserhalb der preussischen Beamtenkreise wagten in diesen ersten Jahren nur
+zwei namhafte Schriftsteller das Werk Maassens unbedingt zu verteidigen.
+Der unermuedliche Benzenberg(13) bewaehrte in seinem Buche "ueber Preussens
+Geldhaushalt und neues Steuersystem" wieder einmal seinen praktischen
+Takt. Im Verkehr mit Hardenberg hatte er gelernt, den Staatshaushalt von
+oben, vom Standpunkt der Regierenden zu betrachten. Er wusste, dass jede
+ernsthafte Kritik eines Steuersystems beginnen muss mit der Frage: welche
+Ausgaben dem Staate unerlaesslich seien? -- einer Frage, die von den meisten
+Publizisten jener Zeit gar nicht beruehrt wurde. So gelingt ihm
+nachzuweisen, dass Preussen seiner Zolleinkuenfte nicht entbehren koenne. Er
+scheut sich nicht, das Wehrgesetz und die neuen Steuergesetze als die
+groessten Wohltaten der juengsten Epoche Friedrich Wilhelms III. zu loben; er
+verlangt, dass man sie gegen jeden Widerstand aufrecht halte, fordert die
+Nachbarstaaten auf, der Einladung des Koenigs zu folgen und mit Preussen
+wegen gegenseitiger Aufhebung der Zoelle zu verhandeln. Dem Traumgebilde
+der Bundeszoelle geht er hart zu Leibe. Er richtet an F. List(14) (August
+1819) einen offenen Brief und fragt, wie denn der Bundestag, "der keine
+Art von Legislation hat", eine solche Reform schaffen oder gar die
+Zollverwaltung leiten solle? und sei denn die Aufhebung der Binnenmauten
+moeglich ohne gleichmaessige Besteuerung des inneren Konsums? Die Stimme des
+nuechternen Mannes verhallte in dem allgemeinen Toben; war er doch laengst
+schon den Liberalen verdaechtig, weil er ein offenes Auge fuer die Eigenart
+des preussischen Staates besass.
+
+Auch einer der tuechtigsten Kaufleute Deutschlands, E. W. Arnoldi in
+Gotha(15), begruesste das preussische Zollgesetz schon im Januar 1819 als den
+ersten Keim eines Vereins aller deutschen Staaten. Nur herzhaft
+eingeschlagen in die dargebotene Hand: -- so sprach er sich im Allgemeinen
+Anzeiger aus -- Preussen stellt ja den Grundsatz der Gegenseitigkeit an die
+Spitze seines Gesetzes und erklaert sich bereit zu Vertraegen mit den
+Nachbarn. Der treffliche Mann hatte einst in Hamburg noch zu den Fuessen des
+alten Buesch(16) gesessen und sich dort eine freie Ansicht vom Welthandel
+gebildet, welche der binnenlaendischen Kleinlebigkeit der Mehrzahl seiner
+Standesgenossen noch ganz fremd war. Ihn wurmte die kindliche Unmuendigkeit
+dieser Geschaeftswelt, die so gar nichts tat, um sich das Joch einer
+widersinnigen Handelsgesetzgebung vom Nacken zu schuetteln. Schon seit
+Jahren trug er sich mit dem Gedanken eines Bundes der deutschen
+Fabrikanten zur Vertretung ihrer gemeinsamen Interessen. Dann stiftete er
+in seiner Vaterstadt unter dem Namen Innungshalle eine Handelskammer und
+eine rasch aufbluehende Handelsschule. Endlich fand er ein weites Gebiet
+fruchtbarer Taetigkeit in dem Versicherungswesen, das noch ganz in der
+Botmaessigkeit des Auslandes stand. Fast an allen groesseren deutschen Plaetzen
+unterhielt der maechtige Londoner Phoenix seine Agenturen und beutete die
+Deutschen durch unbillige Praemien aus, da die kleinen heimischen
+Versicherungsgesellschaften, die in einzelnen Staedten des Nordens
+bestanden, ihre Wirksamkeit auf die Vaterstadt beschraenkten. Da wendete
+sich Arnoldi (1819) an die Nation mit der Frage, wie lange sie noch ihr
+Geld in die englische Sparbuechse legen wolle, und entwarf den Plan fuer
+eine deutsche, das gesamte Vaterland umfassende, auf Gegenseitigkeit
+beruhende Feuerversicherungsbank. Zwei Jahre darauf trat diese Anstalt zu
+Gotha ins Leben, der erste Anfang der grossartigen Entwicklung unseres
+nationalen Versicherungswesens. Der allgemeine Hass gegen Englands
+Handelsherrschaft kam dem kuehnen Unternehmer zustatten. Ueberall im
+Binnenlande schalt man auf England und die Hansestaedte, die den
+Sueddeutschen nur als englische Kontore galten; der wieder erwachende
+Napoleonskultus und die franzoesischen Sympathien der Liberalen des Suedens
+wurden durch solche erregte Stimmungen gefoerdert. Ueber die Waffen
+freilich, welche den deutschen Gewerbefleiss vor einer erdrueckenden
+auslaendischen Mitwerbung sichern konnten, hatten die wenigsten auch nur
+nachgedacht. Nur soviel schien allen unzweifelhaft, dass saemtliche neu
+eingefuehrte Zoelle sofort wieder aufgehoben und die im Artikel 19 der
+Bundesakte verheissene Verkehrsfreiheit durch den Bundestag angeordnet
+werden muesse.
+
+Selbst jener hochherzige, geistvolle Agitator, der mit dem ganzen Ungestuem
+seiner Tatkraft gegen die Binnenmauten auftrat, auch Friedrich List,
+teilte den allgemeinen Irrtum. Wie Goerres(17) einst im Rheinischen Merkur
+die Idee der politischen Macht und Einheit des Vaterlandes vertrat, so
+verfocht List die Idee der handelspolitischen Einheit -- eine verwandte
+Natur, feurig, hochbegeistert, ein Meister der bewegten Rede, voll tiefer
+und echter Leidenschaft, leicht hingerissen zu phantastischen Verirrungen.
+Ein echter Reichsstaedter, war er im freiheitsstolzen Reutlingen
+aufgewachsen, unter ewigen Haendeln mit den wuerttembergischen Schreibern;
+er zaehlte zu jenen geborenen Kaempfern, denen das Schicksal immer neuen
+Hader sendet, auch wenn sie den Streit nicht suchen. Seine Mutter, seinen
+einzigen Bruder sah er ploetzlich sterben infolge der Roheit brutaler
+Beamten; und als er dann selber einige Jahre in der geisttoetenden
+Scheintaetigkeit der wuerttembergischen Schreibstuben verbracht hatte, da
+ward sein Hass gegen die Herrschaft des rheinbuendischen Beamtentums
+grenzenlos, und er setzte sich zum Ziele seines Lebens, den Buerger und
+Bauersmann zur Selbsttaetigkeit zu erwecken, ihn aufzuklaeren ueber seine
+naechsten Interessen, die Volkswirtschaftslehre von den Formeln des
+Katheders zu befreien und sie die Sprache des Volkes reden zu lassen.
+Schon durch die Geburt ein Deutscher schlechtweg, gleich dem Reichsritter
+Stein, ging er mit seinen kuehnen Entwuerfen sogleich ueber die Grenzen der
+schwaebischen Heimat hinaus, so dass er den verschwiegerten und
+verschwaegerten Wuerttembergern bald als ein wildfremder Stoerenfried
+verdaechtig wurde: eine neue Zeit handelspolitischer Groesse, dauerhafter als
+einst die Herrlichkeit der Hansa, sollte dem deutschen Vaterlande tagen.
+Eine seltene Kunst, die Massen zu befeuern und zu erregen, stand ihm zu
+Gebote, ein agitatorisches Talent, dessengleichen unsere an grossen
+Demagogen so arme Geschichte seither nur noch zweimal, in Robert Blum(18)
+und Lassalle(19) gesehen hat. Im April 1819 stiftete List mit mehreren
+Industriellen der Kleinstaaten, Miller aus Immenstadt, Schnell aus
+Nuernberg, E. Weber aus Gera den Verein deutscher Kaufleute und
+Fabrikanten, dem sich bald die Mehrzahl der grossen Firmen in Sued- und
+Mitteldeutschland anschloss, und legte rasch entschlossen seine Tuebinger
+Professur nieder, da die wuerttembergische Regierung das Amt eines
+Konsulenten des Handelsvereins als unvertraeglich mit der Beamtenwuerde
+betrachtete.
+
+Der neue Handelsverein richtete sogleich an den Bundestag eine Bittschrift
+um Ausfuehrung des Artikels 19, Beseitigung aller Binnenmauten und Erlass
+eines deutschen Zollgesetzes, das den Zoellen des Auslandes mit strengen
+Retorsionen begegnen sollte, bis sich ganz Europa ueber allgemeine
+Handelsfreiheit verstaendigt haette -- denn noch bekannte sich List, gleich
+den meisten Sueddeutschen jener Zeit, im Grundsatz zu den Lehren des
+Freihandels. In Frankfurt abgewiesen, bestuermte List sodann die Hoefe, die
+Geschaeftsmaenner und wen nicht sonst mit seinen Gesuchen, geisselte in
+seiner Zeitschrift dem "Organ des deutschen Handels- und Gewerbestandes",
+unermuedlich und unerbittlich die Gebrechen deutscher Handelspolitik. Also
+hat er in rastloser Arbeit mehr als irgendeiner der Zeitgenossen dazu
+beigetragen, dass die Ueberzeugung von der Unhaltbarkeit des Bestehenden
+tief in die Nation drang. Grosse verwegene Traeume, die erst das lebende
+Geschlecht in Erfuellung gehen sieht, regten sich in seinem stuermischen
+Kopfe: er dachte an eine gemeinsame Gewerbegesetzgebung, an ein deutsches
+Postwesen, an nationale Industrieausstellungen, er hoffte die romantischen
+Kaisertraeume des jungen Geschlechts durch die Arbeit der praktischen
+nationalen Politik zu verdraengen und sah die Zeit voraus, da eine freie
+Verfassung, ein deutsches Parlament aus der Handelseinheit hervorgehen
+wuerde. Als der Schoepfer des Zollvereins, wie er selber im Uebermass seines
+Selbstgefuehls sich genannt hat, kann List gleichwohl keinem Unbefangenen
+gelten.
+
+Ein klares Programm, einen bestimmten, durchgebildeten politischen
+Gedanken aufzustellen und festzuhalten, lag ueberhaupt nicht in der Weise
+der Patrioten jener Zeit. Nur im Innern der sueddeutschen Mittelstaaten
+begann die konstitutionelle Bewegung bereits feste, deutlich
+ausgesprochene Parteimeinungen hervorzurufen. Wer ueber den deutschen
+Gesamtstaat schrieb, begnuegte sich noch immer, der elenden Gegenwart ein
+leuchtendes Idealbild gegenueberzuhalten und dann im raschen Wechsel
+Einfaelle und Winke fuer den praktischen Staatsmann hinzuwerfen. Wie Goerres
+im Rheinischen Merkur ein ganzes Geschwader deutscher Verfassungsplaene
+harmlos veroeffentlichte, so eilte auch List in jaehen Spruengen von einem
+Plane zum andern ueber. Bald will er die deutschen Bundesmauten an eine
+Aktiengesellschaft verpachten; bald soll Deutschland sich anschliessen an
+das oesterreichische Prohibitivsystem; dann ueberfaellt ihn wieder die
+Ahnung, ob nicht Preussen den Weg zur Einheit zeigen werde. In seiner
+Eingabe an den Bundestag gestand er: "Man wird unwillkuerlich auf den
+Gedanken geleitet, die liberale preussische Regierung, die der Lage ihrer
+Laender nach vollkommene Handelsfreiheit vor allen andern wuenschen muss,
+hege die grosse Absicht, durch dieses Zollsystem die uebrigen Staaten
+Deutschlands zu veranlassen, endlich wegen einer voelligen Handelsfreiheit
+sich zu vergleichen. Diese Vermutung wird fast zur Gewissheit, wenn man die
+Erklaerung der preussischen Regierung beruecksichtigt, dass sie sich geneigt
+finden lasse, mit Nachbarstaaten besondere Handelsvertraege zu schliessen".
+Leider vermochte der Leidenschaftliche nicht an dieser einfach richtigen
+Erkenntnis festzuhalten. Er war ein Gegner der preussischen Handelspolitik,
+soweit aus seinem unsteten Treiben ueberhaupt eine vorherrschende Ansicht
+erkennbar wird; denn nach allen Abschweifungen lenkte er immer wieder auf
+jenen Weg zurueck, welchen Preussen laengst als unmoeglich erkannt hatte, auf
+die Idee der Bundeszoelle. Von den preussischen Zustaenden besass List nur
+sehr mangelhafte Kenntnis; sein Verein ward durch die Hoffnung auf baldige
+Wiederaufhebung des preussischen Zollgesetzes zusammengehalten und besass
+Korrespondenten in allen groesseren deutschen Staaten, aber, bezeichnend
+genug, keinen in Preussen.
+
+Nur der Zauber, der an dem Namen Deutschland haftete, erklaert das Raetsel,
+dass so viele wackere und einsichtige Maenner noch immer auf eine
+Handelspolitik des Deutschen Bundes hoffen konnten. Seinerseits hatte der
+Bundestag alles getan, um die Schwaermer zu enttaeuschen. Die
+Berichterstattung ueber Lists Bittschrift wurde dem Hannoveraner
+Martens(20) uebertragen, der gleich den meisten dieser "deutschen
+Grossbritannier" die englische Handelsherrschaft auf deutschem Boden
+hocherfreulich fand. Mit dem ganzen Feuereifer polizeilicher Seelenangst
+fragte er zunaechst, woher dieser Verein das Recht nehme, sich zum
+Vertreter des deutschen Handelsstandes aufzuwerfen, und ueberliess es den
+hohen Regierungen, auf ihre beteiligten Untertanen ein wachsames Auge zu
+richten. Zur Sache selbst brachte er nicht viel mehr vor als eine
+drastische Schilderung der ungeheueren Schwierigkeiten, welche sich, seit
+die deutschen Staaten souveraen geworden, der Handelseinheit
+entgegenstellten (24. Mai). Einige Bundesgesandte wuenschten mindestens die
+Einsetzung einer Kommission; aber dann haetten ja die Bittsteller waehnen
+koennen, dieser Schritt sei auf ihre Veranlassung geschehen! Um einer so
+frevelhaften Missdeutung vorzubeugen, beschloss die Bundesversammlung nur,
+dass man sich spaeterhin einmal mit dem Artikel 19 beschaeftigen wolle.
+Einige Wochen nachher (22. Juli) erinnerten die Ernestinischen Hoefe den
+Bundestag nochmals an den ungluecklichen Artikel; Lists Freund, E. Weber,
+und die Fabrikanten des Thueringer Waldes liessen ihnen keine Ruhe. Diesmal
+ergingen sich Baden, Wuerttemberg, beide Hessen und die Ernestiner in
+wohlgemeinten, aber auch sehr wohlfeilen Reden zum Preise der deutschen
+Verkehrsfreiheit und begeisterten die Versammlung dermassen, dass sie
+nunmehr wirklich beschloss, nach den Ferien, also 1820, solle eine
+Kommission eingesetzt werden. Das war die Hilfe, welche Deutschlands
+Handel in Frankfurt zu erwarten hatte. Der preussische Gesandte(21) aber
+fand es mit Recht unbegreiflich, dass diese Versammlung sichs zutraue, so
+schwierige Arbeiten auch nur in die Hand zu nehmen.
+
+Trotz solcher Erfahrungen sollten noch viele Jahre vergehen, bis die
+Unausfuehrbarkeit der leeren Versprechungen des Artikels 19 allgemein
+erkannt wurde. Mit grosser Hartnaeckigkeit hielt namentlich die badische
+Regierung an dem Traumbilde des Bundeszollwesens fest; ihr
+langgestrecktes, auf die Durchfuhr angewiesenes Land litt unter dem Jammer
+der Binnenmauten besonders schwer, und nicht ohne Besorgnis betrachtete
+Minister Berstett(22) die wachsende Erbitterung im Volke. Der beschraenkte
+Mann hoffte durch wirtschaftliches Gedeihen die Nation mit ihrer
+schimpflichen Zersplitterung zu versoehnen, ihr "einen materiellen Ersatz
+fuer den Verlust mancher chimaerischen, aber liebgewordenen Ideen" zu geben.
+Darum empfahl er auf den Karlsbader Konferenzen in einer langen
+Denkschrift (15. August) die Einfuehrung eines Bundes- Douanensystems, das
+fuer 30 Millionen Menschen freien Verkehr schaffen muesse; ueber die grosse
+Frage, wie es moeglich sein sollte, Hannover, Holstein, Luxemburg, Deutsch-
+Oesterreich einem nationalen Zollwesen einzufuegen, ging das ueberaus
+unklare, widerspruchsvolle Schriftstueck schweigend hinweg. Metternich(23)
+wurde durch diesen Antrag, welchem Oesterreich sich schlechterdings nicht
+fuegen konnte, unangenehm ueberrascht und versuchte sogar, die Kompetenz des
+Bundes in Zweifel zu ziehen. "Der Handel -- so behauptete er --, seine
+Ausdehnung wie seine Beschraenkung gehoert zu den ersten Befugnissen der
+Souveraenitaet". Zur Misshandlung der Universitaeten, von denen die Bundesakte
+kein Wort sagte, war der Bund nach der k. k. Doktrin unzweifelhaft befugt;
+aber die Verkehrsfreiheit, welche der Bundesvertrag ausdruecklich in
+Aussicht stellte, verstiess gegen die Souveraenitaet der Bundesstaaten.
+Drastischer konnte das Verhaeltnis der Hofburg zu den Lebensfragen der
+deutschen Nation unmoeglich bezeichnet werden. Auf das wiederholte
+Andraengen Badens und Wuerttembergs erklaerte sich der oesterreichische
+Staatsmann zuletzt doch bereit, die Zollfrage auf die Tagesordnung der
+bevorstehenden Wiener Konferenzen zu setzen. Er wusste wohl, was von
+solchen Beratungen zu erwarten sei.
+
+Unterdessen hatte auch der beste Kopf unter den badischen Finanzmaennern,
+Nebenius(24), seine Gedanken ueber die Bedingungen der deutschen
+Verkehrsfreiheit in einer geistvollen Denkschrift niedergelegt, einer
+Privatarbeit, welche zwar niemals, auch nicht mittelbar, auf die
+Entwicklung des Zollvereins irgendeinen Einfluss ausgeuebt hat, aber durch
+Klarheit und Bestimmtheit alles uebertraf, was damals von Privatleuten ueber
+deutsche Handelspolitik geschrieben wurde. Der gelehrte Verfasser der
+badischen Konstitution errang sich schon in jenen Jahren durch seine
+Schrift ueber die englische Staatswirtschaft ein wissenschaftliches
+Ansehen, das spaeterhin, seit dem Erscheinen seines Werkes "der oeffentliche
+Kredit" noch hoeher stieg; dies klassische Buch kann niemals ganz veralten,
+es wird, wie Ricardos(25) Werke, dem angehenden Nationaloekonomen immer
+unschaetzbar bleiben als eine Schule strengen methodischen Denkens. Auch
+seine um Neujahr 1819 verfasste handelspolitische Denkschrift verraet
+ueberall den sicheren Blick des gewiegten Kenners. Sie wurde im April 1819
+vertraulich den badischen Landtagsmitgliedern mitgeteilt und dann im
+Winter den Wiener Konferenzen durch Berstett als ein beachtenswertes
+Privatgutachten ueberreicht. Maassen freilich, Klewiz(26) und die anderen
+Urheber des preussischen Zollgesetzes konnten aus den Ratschlaegen des
+badischen Staatsmannes nichts lernen. Fuer sie war das Richtige in seiner
+Denkschrift nicht neu, das Neue nicht richtig.
+
+Die Denkschrift tritt, in den behutsam schonenden Formen, welche Nebenius
+liebte, entschieden gegen das preussische Zollgesetz auf. Sie hebt die
+Uebelstaende dieses Systems scharf heraus, ohne die Lichtseiten zu erwaehnen.
+Sie stellt den Satz hin: "kein deutscher Staat, Oesterreich ausgenommen,
+vermag sein Gebiet gegen ueberwiegende fremde Konkurrenz wirksam zu
+schuetzen" -- eine Behauptung, welche Preussens Staatsmaenner soeben durch die
+Tat zu widerlegen begannen. Die Urheber des Gesetzes vom 26. Mai gingen
+aus von den Beduerfnissen des preussischen Staatshaushalts, Nebenius hebt an
+mit der Betrachtung der Leiden des deutschen Verkehrs. Darum steht jenen
+die finanzielle, diesem der staatswirtschaftliche Gesichtspunkt obenan.
+Darum wollen jene die allmaehliche Erweiterung des preussischen Zollwesens
+unter den Bedingungen, welche das Interesse der preussischen Finanzen
+vorschreibt. Nebenius hingegen fordert, ganz im Sinne der
+Durchschnittsmeinung der Zeit, ein System deutscher Bundeszoelle, eine vom
+Bundestage abhaengige Zollverwaltung. Er will mithin genau das Gegenteil
+der Politik, welche den wirklichen Zollverein geschaffen hat; der erste
+Schritt auf dem von Nebenius vorgeschlagenen Wege musste offenbar zur
+Aufhebung des preussischen Zollgesetzes fuehren, also gerade die Grundlage
+des spaeteren Zollvereins vernichten. Der handelspolitische Kampf jener
+Jahre bewegte sich um die eine Frage: soll das preussische Zollgesetz
+aufrecht bleiben oder nicht? Und in diesem Streite stand Nebenius auf der
+Seite der Irrenden. Will man eine Denkschrift, welche also den leitenden
+politischen Gedanken der preussischen Handelspolitik bekaempft, als den
+bahnbrechenden Vorlaeufer des Zollvereins preisen, so muss man, kraft
+derselben Logik, auch Grossdeutsche und Kleindeutsche fuer
+Gesinnungsgenossen erklaeren. Beide Parteien erstrebten bekanntlich die
+deutsche Einheit, nur leider auf entgegengesetzten Wegen.
+
+Der staatsmaennische Sinn des geistvollen Badeners steht keineswegs auf
+gleicher Hoehe mit seiner volkswirtschaftlichen Einsicht. Er hegt wohl
+Zweifel, ob Oesterreich dem Zollverein beitreten koenne, zu einem sicheren
+Schluss gelangt er dennoch nicht. Noch im Jahre 1835 hat er den Eintritt
+Oesterreichs fuer moeglich gehalten; dann werde der Zollverein "den schoensten
+aller Maerkte bilden". Die schwerwiegenden politischen Gruende, welche einen
+solchen Gedanken fuer Preussen unannehmbar machten, sind ihm niemals klar
+geworden. Ebenso wenig will er begreifen, warum Preussen als eine
+europaeische Macht die Selbstaendigkeit seiner Zollverwaltung unbedingt
+aufrecht halten musste; er verlangte eine in der Hand des Bundes
+zentralisierte Zollverwaltung, die Mautbeamten sollen allein dem Bunde
+vereidigt werden. Auch bei der Eroerterung von Nebenfragen vermag er nicht
+immer hinauszublicken ueber den engen Gesichtskreis seines heimischen
+Kleinstaates. So will er, mit wenigen Ausnahmen, die gesamte Zollerhebung
+allein an den Grenzen stattfinden lassen, weil, nach der Ansicht des
+badischen Beamtentums, diese Einrichtung dem Grenzlande Baden besonderen
+Vorteil bringen sollte. Maassen dagegen liess in allen groesseren preussischen
+Plaetzen Packhoefe und Zollstellen errichten, da ohne solche Erleichterung
+ein schwunghafter Speditionshandel offenbar nicht gedeihen konnte.
+
+Neben diesen Irrtuemern der Denkschrift steht freilich eine lange Reihe
+tief durchdachter, praktisch brauchbarer Vorschlaege, doch ist kein
+einziger darunter, welchen das preussische Kabinett nicht schon damals
+gekannt und angewendet haette. Mit grosser Klarheit entwickelt Nebenius den
+Satz, dass ohne Zollgemeinschaft die Freiheit des Verkehrs nicht moeglich
+sei. Dieser Gedanke, der uns heute trivial und selbstverstaendlich
+erscheint, war der Diplomatie der Kleinstaaten jener Zeit voellig neu. Den
+Berliner Staatsmaennern war er wohlbekannt; denn nur jenen Staaten, die
+sich dem preussischen Zollsystem einfuegen wollten, hatte Preussen freien
+Verkehr angeboten. Ebenso tief durchdacht waren die Grundzuege des
+Zolltarifs, welche Nebenius entwarf. Er will maessige Finanzzoelle namentlich
+auf die Gegenstaende allgemeinen Gebrauchs, auf die Kolonialwaren legen;
+die dem heimischen Gewerbefleiss notwendigen Rohstoffe gibt er frei, die
+Fabrikwaren schuetzt er durch Zoelle, die ungefaehr der ueblichen
+Schmuggelpraemie entsprechen; feindselige Schritte des Auslandes sollen mit
+Repressalien erwidert werden. Treffliche Gedanken, ohne Frage; aber als
+Nebenius schrieb, war bereits der preussische Tarif veroeffentlicht, der
+durchaus auf denselben Grundsaetzen beruhte. Selbstaendiges Nachdenken hatte
+den Sueddeutschen genau auf dieselben staatswirtschaftlichen Ideen gefuehrt,
+welche Eichhorn oftmals als den Eckstein des preussischen Systems
+bezeichnete: "Freiheit, Reziprozitaet, Ausschliessung der Prohibition." War
+es nicht ein seltsames Zeichen der allgemeinen Unklarheit jener Tage, dass
+ein so ungewoehnlicher Geist so dicht heranstreifte an die Ideen des
+preussischen Zollsystems und doch nicht einmal die Frage aufwarf, ob nicht
+der Bau der deutschen Handelseinheit auf dem festen Grunde dieses Systems
+aufgerichtet werden sollte? -- Nebenius stellt ferner den Grundsatz auf,
+dass die Verteilung der Zolleinnahmen nach der Kopfzahl der Bevoelkerung
+erfolgen solle. Aber als seine Denkschrift in Berlin bekannt wurde, da
+hatte Preussen denselben folgenschweren Gedanken schon in einem
+Staatsvertrage praktisch durchgesetzt. Er eroertert sodann, die
+Zollgemeinschaft sei unmoeglich, wenn nicht auch der innere Konsum nach
+gleichen Grundsaetzen besteuert werde; bis dies Ziel erreicht sei, muesse
+man sich mit Uebergangsabgaben behelfen. Auch diese Einsicht bestand in
+Berlin schon laengst; eben weil Eichhorn und Maassen die weit abweichenden
+Steuersysteme der Nachbarstaaten kannten, wollten sie nicht zu einer
+vorschnellen Einigung die Hand bieten. Sie wussten desgleichen so gut wie
+Nebenius, dass es genuege, einen Zollvertrag fuer einige Jahre abzuschliessen;
+gleich ihm hofften sie zuversichtlich, der unermessliche Segen der
+Verkehrsfreiheit werde die Wiederaufhebung eines einmal geschlossenen
+Zollvereins verhindern {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}
+
+Nebenius galt in der Diplomatie allgemein als ein bedeutender Kopf und als
+ein hoechst unbequemer Unterhaendler. Er zaehlte zu jenen stillen
+Gelehrtennaturen, die unter schmuckloser Huelle ein sehr reizbares
+Selbstgefuehl hegen, den Widerspruch ungern, noch schwerer die Widerlegung
+ertragen. Weit entfernt von der lauten Prahlsucht Friedrich Lists, war er
+doch mitnichten gesonnen, sein Licht hinter den Scheffel zu stellen. Er
+gab wohl zu, kein einzelner Mann koenne als Urheber des Zollvereins gelten.
+Doch er ruehmte sich, seine Denkschrift habe den Gedanken eines allgemeinen
+Zollverbandes zum ersten Male entwickelt, sie habe, bis auf einen einzigen
+Irrtum, die Verfassung des spaeteren Zollvereins im voraus richtig
+gezeichnet. Er uebersah, dass dieser einzige Irrtum gerade die Lebensfrage
+der deutschen Handelspolitik betraf; er uebersah nicht minder, dass der
+beste Teil seiner Denkschrift lediglich als Wunsch aussprach, was Preussen
+durch die Tat schon vollzogen hatte. Ihm gebuehrt nur das grosse Verdienst,
+dass er, gleichzeitig mit den preussischen Staatsmaennern und unabhaengig von
+ihnen, fuer einige wichtige Fragen deutscher Handelspolitik die rechte
+Loesung erdachte; jedoch die entscheidende Frage: "Bundeszoelle oder
+Anschluss an das preussische System?" wurde in Berlin richtig, von Nebenius
+falsch beantwortet {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}
+
+Eine klare Vorstellung von dem Handelsbunde, der anderthalb Jahrzehnte
+spaeter ins Leben trat, hegte im Jahre 1819 noch niemand. "Die Idee hatte
+sich noch gar nicht entwickelt", pflegte Eichhorn spaeterhin zu sagen. Der
+Aufzug des grossen Gewebes war bereits ausgespannt. Es bestand das
+preussische Zollsystem, es bestand der ausgesprochene Wille Preussens, dies
+System zu erweitern und den deutschen Nachbarn ohne Kleinsinn reichlichen
+Anteil an den gemeinsamen Zolleinkuenften zu gewaehren. Noch fehlte der
+Einschlag. Es fehlte der gute Wille der Nachbarstaaten; es fehlte hueben
+wie drueben ein deutlicher Begriff von den losen und lockeren buendischen
+Formen, welche allein einen dauernden Handelsbund zwischen eifersuechtigen
+souveraenen Staaten -- dies noch niemals gewagte Unternehmen -- ermoeglichen
+konnten. Jenen guten Willen hat nachher die Not gezeitigt. Diese
+Verfassungsformen des Zollvereins sind nicht von Nebenius, noch von
+irgendeinem Denker im voraus ersonnen worden, da die Theorie solche
+Aufgaben niemals loesen kann; sie sind gefunden worden auf den Wegen
+praktischer Politik, durch Verhandlungen und gegenseitige Zugestaendnisse
+zwischen den deutschen Staaten. Der badische Denker schrieb als ein
+unverantwortlicher Privatmann, er durfte kuehn sofort die Einheit des
+ganzen Vaterlandes ins Auge fassen. Er hat an diesem Ideale unverbruechlich
+festgehalten, und weil er so hohen Flug nahm, verfiel er auf den
+unmoeglichen Plan der Bundeszoelle. Preussens Staatsmaenner hatten ein
+koestliches Gut zu hueten: die schwer errungene und noch immer hart bedrohte
+handelspolitische Einheit ihres Staates. Sie mussten sich von den
+Schwaermern bald des zaghaften Kleinsinns, bald des selbstzufriedenen
+Duenkels zeihen lassen, und indem sie bedachtsam auf dem Bestehenden
+fortbauten, erreichten sie das hohe Ziel. --
+
+Zur rechten Stunde fanden die Urheber des preussischen Zollgesetzes einen
+maechtigen diplomatischen Bundesgenossen an dem neuen Referenten fuer die
+deutschen Angelegenheiten, J. A. F. Eichhorn, den sein Chef Graf
+Bernstorff auf dem Gebiete der Handelspolitik voellig frei schalten liess.
+Unter den Helden der Arbeit, welche in mueden Tagen die grossen
+Ueberlieferungen Preussens mutig aufrecht hielten, in friedlichem Schaffen
+den Grund legten fuer seine neue Groesse, steht Eichhorn in vorderster Reihe.
+Sein ganzer Lebensgang hatte ihn vorbereitet auf die Rolle des friedlichen
+Baendigers der Kleinstaaterei. Im Loewensteinischen Wertheim war er
+aufgewachsen, an der lieblichen Ecke des Maintales und des Taubergrundes,
+so recht im Herzen der verkommenen Staatenwelt des alten Reichs, und sein
+tagelang blieb es ihm unvergesslich, wie er dort noch den Boten des
+Reichskammergerichts in seiner altfraenkischen Tracht die Befehle von
+Kaiser und Reich hatte vollstrecken sehen. Begeistert von den Taten
+Friedrichs, war er dann gen Norden gegangen, um dem Staate seiner Wahl zu
+dienen, und auch an ihm bewaehrte sich, dass Preussen die waermste Liebe bei
+jenen Deutschen findet, die sich dies Gefuehl erst erarbeitet haben. Er
+musste in Cleve den Zusammenbruch der preussischen Herrschaft, dann in
+Hannover 1806 die fiskalischen Kuenste einer kleinlichen Annexionspolitik
+mit ansehen und ward trotz alledem nicht irr an seinem Staate. Dann nahm
+er teil an Schills abenteuerlichem Zuge und trat zu Berlin mit Stein und
+Gneisenau, mit (W. v.) Humboldt, Altenstein(27), Kircheisen(28) in
+vertrauten Verkehr; sie alle liessen den unbekannten jungen Fremdling
+sofort als einen Ebenbuertigen gelten. Ein Schueler Spittlers(29), gruendlich
+und vielseitig gebildet, ward er als erster Syndikus der Berliner
+Universitaet auch persoenlich mit der gelehrten Welt naeher bekannt; mit
+Schleiermacher(30) verband den tief religioesen Mann eine treue
+Freundschaft, der grossen Theologenfamilie der Sack gehoerte er durch seine
+Heirat an. Die Zeiten des Befreiungskrieges verlebte er gehobenen Herzens
+erst als Offizier in Bluechers Stabe, dann als Mitglied von Steins
+Zentralverwaltung; hier fand er reiche Gelegenheit, den kleinen deutschen
+Regierungen bis in das Innerste der Seele zu blicken. Unerschuettert trug
+er die Begeisterung jener grossen Jahre hinueber in die stille Zeit des
+Friedens.
+
+Als er in seinem vierzigsten Jahre die wichtige Stellung im Auswaertigen
+Amte erhielt, da beseelte ihn die Hoffnung, eine solche Verbindung, wie
+sie einst unter der Zentralverwaltung nur zeitweilig, unfertig, unbeliebt
+bestanden hatte, auf die Dauer zu begruenden, die deutschen Staaten durch
+die Bande des Rechts, des Vertrauens, des Interesses fuer immer an die
+Krone Preussen anzuschliessen. Dies galt ihm als die Vollendung, als die
+Laeuterung der Traeume von 1813. Er erkannte in dem Artikel 19 der
+Bundesakte "die gutgemeinte Absicht der deutschen Fuersten, dass,
+unbeschadet ihrer Souveraenitaet, den deutschen Untertanen die Wohltat eines
+gemeinsamen Vaterlandes gewaehrt werden muesse", und er traute seinem
+Preussen die Kraft zu, die dem Bunde fehlte, diese Wohltat eines
+Vaterlandes den Deutschen zu spenden. Neben der schneidigen Kuehnheit, die
+man oft an den grossen Epochen unserer Geschichte bewundert hat, uebersieht
+man leicht jene kalte, zaehe, ausdauernde Geduld, welche der preussischen
+Staatskunst in den endlos langweiligen Haendeln deutscher Kleinstaaterei
+zur anderen Natur geworden war. Wohl keiner unserer Staatsmaenner hat diese
+altpreussische Tugend mit solcher Meisterschaft geuebt wie Eichhorn. Da
+watet der geistvolle Mann jahraus jahrein durch den zaehen Schlamm
+armseliger Verhandlungen, die schon beim Durchlesen koerperlichen Ekel
+erregen. Nichts schwaecht ihm die Frische des Geistes; immer bleibt ihm der
+Gedanke gegenwaertig, welch grosses Ziel hinter den kleinen Haendeln winkt;
+immer wieder rafft sich sein gebrechlicher Koerper nach schweren
+Krankheitsanfaellen zu rastloser Taetigkeit auf. Ueberall hat er seine Augen;
+wie der Arzt am Krankenbette ueberwacht er die Stimmung der kleinen Hoefe,
+ihre Bosheit, ihre Selbstsucht, ihre ratlose Torheit. Zuweilen hilft er
+sich mit einem scharfen Witz ueber die Langeweile hinaus. "Was wohl die
+herzoglich saechsischen Haeuser beabsichtigen? -- schreibt er einmal -- Ja,
+wenn sie es nur selber wuessten!" Und nach allem Jammer, den ihm die
+Kleinfuersten zu kosten geben, bewahrt er ihnen doch Achtung und
+Wohlwollen, kommt bereitwillig, mit bundesfreundlicher Gesinnung, jedem
+billigen Wunsche entgegen. Oftmals schlugen die schmutzigen Wellen der
+Demagogenverfolgung gegen seinen ehrlichen Namen an; er blieb sich selber
+treu, trat tapfer ein fuer seine verfolgten Freunde und behauptete sich
+doch im Vertrauen des Koenigs. Dann hat Fuerst Metternich viele Jahre
+hindurch alle seine schlechten Kuenste spielen lassen gegen den verhassten
+Patrioten, der in Wien als der boese Daemon Preussens galt. Zugleich schmaehte
+die liberale Presse auf den Servilen. Er aber trug gelassen Stein auf
+Stein zu dem unscheinbaren Bau deutscher Handelseinheit und duldete
+schweigend die Unbilden der oeffentlichen Meinung, denn jeder Versuch einer
+lauten Rechtfertigung waere sein sicherer Sturz gewesen. Nachher kam doch
+eine Zeit, da mindestens die Hoefe sein Verdienst erkannten; saemtliche
+Orden des Deutschen Bundes, nur kein oesterreichischer, wurden dem
+anspruchslosen Geheimen Rate verliehen, und die Staatsschriften der
+dankbaren Zollverbuendeten priesen ihn als "die Seele des preussischen
+Ministeriums". Die Nation aber erfuhr niemals ganz, was sie ihm schuldete.
+
+Seine Hoffnung war, das preussische Zollsystem durch Vertraege mit den
+deutschen Nachbarstaaten allmaehlich zu erweitern. Fuer die Formen und
+Grenzen dieser Erweiterung hat er nicht im Voraus einen festen Plan
+entworfen; er stellte sie, da er die Schwierigkeit des Unternehmens
+richtig wuerdigte, dem unberechenbaren Gange der Ereignisse anheim. Die
+Frage, ob Preussens Zollschranken dereinst am Main oder am Bodensee stehen
+wuerden, war im Jahre 1819 noch nicht praktisch; sie konnte den Leiter der
+preussisch-deutschen Politik vielleicht in seinen Traeumen, sie durfte ihn
+nicht bei seiner Arbeit beschaeftigen. Nur das eine war ihm sicher, dass das
+neue Zollsystem aufrecht bleiben, den festen Kern bilden muesse fuer die
+Neugestaltung des deutschen Verkehrs. Er verlangte freie Hand fuer Preussens
+Handelspolitik, wies von diesem Gebiete die Einmischung Oesterreichs
+entschieden zurueck. Aber jede Feindseligkeit gegen die Hofburg lag ihm
+fern; der Gedanke, den Deutschen Bund von Oesterreich abzutrennen, blieb
+ihm, dem Konservativen, der in den Ideen von 1813 lebte, voellig fremd.
+Noch als Greis hat er Radowitzs Unionsplaene als unausfuehrbare Traeume
+bekaempft. --
+
+Einen widerwaertigen Uebelstand, der sofort beseitigt werden musste, bot die
+Lage der zahlreichen Enklaven. Die Zollinien wurden alsbald soweit
+vorgeschoben, dass sie die anhaltischen Herzogtuemer fast ganz und auch
+einen Teil der kleinen thueringischen Gebiete, die mit Preussen im Gemenge
+lagen, umfassten. Alle nach diesen Laendern eingefuehrten Waren unterlagen
+ohne weiteres den preussischen Einfuhrzoellen. Erst nachdem die neue
+Grenzbewachung in Kraft getreten, liess Eichhorn zu Anfang 1819 diesen
+Staaten die Einladung zugehen, mit dem Berliner Kabinett wegen des
+Zollwesens zu verhandeln. Der Koenig sei bereit, nach billiger Uebereinkunft
+den Landesherren der eingeschlossenen Gebiete das Einkommen zu ueberweisen,
+das seinen Staatskassen aus den Enklaven zufliesse. Dies kurz angebundene
+Verfahren, das in den Papieren des Finanzministeriums als "unser
+Enklavensystem" bezeichnet ward, musste allerdings die kleinen Hoefe
+befremden; doch die Notwendigkeit gebot, diesen Nachbarn zu zeigen, dass
+sie in ihrer Handelspolitik von Preussen abhaengig seien. Nur gutmuetige
+Schwaeche konnte das Gelingen der grossen Zollreform abhaengen lassen von der
+vorausgehenden Zustimmung eines Dutzends kleiner Herren, die nach
+deutscher Fuerstenweise allein fuer die Beredsamkeit vollendeter Tatsachen
+empfaenglich waren. Lediglich die Eitelkeit der Nachbarfuersten ward
+gekraenkt; den wirtschaftlichen Interessen der Enklaven gereichte Preussens
+Vorgehen offenbar zum Segen. Eine selbstaendige Handelspolitik blieb in
+diesen armseligen Gebietstruemmern ja doch undenkbar. Das Gedeihen ihrer
+Volkswirtschaft wurde sofort vernichtet, wenn Preussen sie von seinem
+Zollsystem ausschloss und sie mit seinen Schlagbaeumen rings umstellte; auch
+der Handel innerhalb der Provinz Sachsen erlitt aergerliche Stoerung, wenn
+alle durch das Anhaltische oder das Schwarzburgische gehenden Waren
+verbleit und der Kontrolle der Zollaemter unterworfen werden mussten. Ebenso
+wenig durfte Preussen den Verkehr der Enklaven voellig unbeaufsichtigt
+lassen. Was diese Laendchen selbst an Zolleinkuenften aufbrachten, bildete
+freilich nur den achtzigsten Teil der preussischen Zolleinnahmen; doch
+durch den Schmuggel konnten sie den Finanzen Preussens hochgefaehrlich
+werden.
+
+Durch die heilsame Ruecksichtslosigkeit der Berliner Finanzmaenner erhielten
+die Enklaven freien Verkehr auf dem preussischen Markte, ihre Staatskassen
+die Zusage eines gesicherten reichlichen Einkommens, das sie aus eigener
+Kraft niemals erwerben konnten. Die preussische Regierung handelte in gutem
+Glauben; sie war bereit, ihr eigenes Enklavensystem auch gegen preussisches
+Gebiet anwenden zu lassen; mehrmals erklaerte sie, wenn ein sueddeutscher
+Zollverein zustande komme, so muesse der enklavierte Kreis Wetzlar sich
+diesem Zollsystem unterwerfen. Ganz unhaltbar war vollends die von den
+gekraenkten Kleinfuersten oft wiederholte Anklage, Preussens Enklavensystem
+verletze das Voelkerrecht. Alle nach den Enklaven bestimmten Waren
+unterlagen von Rechts wegen den preussischen Durchfuhrzoellen; und wenn der
+Berliner Hof fuer gut fand, die Transitabgaben auf gewissen Strassen bis zur
+Hoehe der Einfuhrzoelle hinaufzuschrauben, so liess sich rechtlich dawider
+nichts einwenden.
+
+Indem Eichhorn die Kleinstaaten einlud zu freundnachbarlichen Vertraegen
+ueber die Behandlung der Enklaven, erklaerte er zugleich die
+Bereitwilligkeit des Koenigs, auch ueber den Anschluss nichtenklavierter
+Gebiete zu verhandeln. Er betonte den nationalen Charakter des
+Zollgesetzes, er hob hervor, dies Gesetz sei im Sinne des Artikels 19 der
+Bundesakte gedacht, sei bestimmt, zunaechst in einem Teile von Deutschland
+die Binnenmauten aufzuheben, sodann auch anderen Bundesstaaten den
+Anschluss zu erleichtern; der Koenig verdiene den Dank der Bundesgenossen,
+da er begonnen habe, den deutschen Markt von der Herrschaft des Auslandes
+zu befreien. An dieser nationalen Richtung hat Preussens Handelspolitik
+seitdem unerschuetterlich festgehalten; die in spaeteren Jahren oft
+auftauchenden Vorschlaege, etwa Belgien oder die Schweiz in den Zollverein
+aufzunehmen, wurden in Berlin stets kurzerhand zurueckgewiesen. _Nicht
+kosmopolitische Verkehrsfreiheit war Preussens Ziel, sondern die
+Handelseinheit des Vaterlandes._ Der Koenig, sagt eine von Bernstorff
+unterzeichnete Note an das Kollegium der Geheimen Raete zu Gotha (vom
+13. Juni 1819), beabsichtige durch das Gesetz vom 26. Mai "hauptsaechlich
+den Handel mit ausserdeutschen Landeserzeugnissen zu besteuern und die
+Mitbewerbung ausserdeutscher Fabriken von Ihren Staaten und von denjenigen
+Laendern abzuwehren, welche sich hierin an Ihre Massregeln anschliessen
+wollen." Er hege "den lebhaften Wunsch, die nur zur Besteuerung
+ausserdeutscher Verbrauchsartikel und zum Schutze der preussischen
+Landesindustrie gegen die ausserdeutschen Fabriken ergriffenen Massregeln
+bundesverwandten deutschen Staaten, soweit es ihre Lage irgend gestattet,
+nicht zum Nachteil gereichen zu lassen." Hierauf raet die Note, einen
+thueringischen Handelsverein zu bilden, der alsdann mit Preussen in
+Zollverbindung treten solle; sie zeichnet also genau den Weg vor, welcher
+14 Jahre spaeter zu der handelspolitischen Vereinigung Preussens und
+Thueringens gefuehrt hat.
+
+Im selben Sinne versicherte die Staatszeitung amtlich, "dass Preussen schon
+seiner Lage wegen, mehr aber noch, weil die Vereinigung des
+Einzelinteresses der deutschen Bundesstaaten zu einem Gesamtinteresse fuer
+Preussen vorzueglich wuenschenswert sei, zu dem Plane einer voelligen
+Handelsfreiheit zwischen den Bundesstaaten die Hand zu bieten am ehesten
+geneigt sei, und dass es am liebsten die Schwierigkeiten gehoben sehen
+werde, die sich der Ausfuehrung entgegenzustellen schienen." Und als gegen
+Weihnachten 1819 Abgeordnete des Listschen Vereins nach Berlin kamen, um
+die Regierung fuer einen deutschen Mautverband zu gewinnen, da erhielten
+sie von Hardenberg und drei Ministern die Versicherung: "dass die
+preussische Regierung, weit entfernt, durch einseitige Massregeln den
+Wohlstand der deutschen Nachbarstaaten untergraben zu wollen, sich freuen
+wuerde, wenn alle Regierungen Deutschlands ueber die Grundsaetze eines
+gemeinschaftlichen, die Wohlfahrt aller Teile foerdernden Handelssystems
+sich vereinigen koennten, wozu die preussische Regierung sehr gern die Haende
+bieten werde, um ihrerseits mitzuwirken, dass dem ganzen Deutschland die
+Wohltat eines freien, auf Gerechtigkeit gegruendeten Handels zuteil werde.
+Es ist ihnen aber auch nicht verhehlt worden, dass der Zustand und die
+Verfassung der einzelnen deutschen Staaten noch keineswegs zu gemeinsamen
+Anordnungen vorbereitet erscheine; wozu auch besonders gehoere, dass die
+gemeinsamen Anordnungen in einem gemeinsamen Sinne von allen gehalten
+wuerden. Die Sache scheine daher jetzt nur darauf zu fuehren, dass einzelne
+Staaten, welche sich durch den jetzigen Zustand beschwert glaubten, mit
+denjenigen Bundesmitgliedern, von denen nach ihrer Meinung die Beschwerden
+veranlasst werden, sich zu vereinigen suchten und dass auf diesem Wege
+uebereinstimmende Anordnungen von Grenze zu Grenze weitergeleitet wuerden,
+welche den Zweck haetten, die inneren Scheidewaende mehr und mehr wegfallen
+zu lassen."
+
+Damit war rund und nett der Grundgedanke einer nationalen Handelspolitik
+ausgesprochen, welche bei der Nichtigkeit des Bundestages die einzig
+moegliche war. Deutlicher als Preussen sprach, konnte eine Regierung ueber
+noch unfertige Entwuerfe schlechterdings nicht reden. Aber in der
+epidemischen Verblendung, die nunmehr ueber die oeffentliche Meinung
+hereinbrach, in dem donnernden Laerm der Anklagen, die auf das
+absolutistische Preussen herniederprasselten, wurden die offenkundigen
+Worte und Taten des Berliner Kabinetts voellig vergessen. Man redete sich
+hinein in den Wahn, dass Preussen sich selbstgefaellig von dem grossen
+Vaterlande absondere. Alles schalt auf den Berliner Hochmut und
+Partikularismus, am lautesten jene kleinen Hoefe, welche das Enklavensystem
+ertragen mussten. Selbst Karl August von Weimar betrachtete es als eine
+hoechst anmassende Zumutung, dass er seine rings von Preussen umschlossenen
+Aemter Allstedt und Oldisleben dem preussischen Zollsystem einfuegen sollte,
+und liess dem Berliner Hofe schreiben: "Eine strenge Durchfuehrung des
+Gesetzes vom 26. Mai scheint mit dem Geiste und den Grundsaetzen der
+Bundesakte so wenig in Einklang zu stehen, dass nicht zu bezweifeln steht,
+es werde diese Angelegenheit Gegenstand der naechsten Verhandlungen des
+Bundestages werden und S. K. Majestaet von Preussen als Bundesfuerst selbst
+geruhen, konziliatorische Antraege deshalb an den Bund gelangen zu lassen."
+
+Auf so naive Vorschlaege konnte Eichhorn sich nicht einlassen. Er durfte
+das Zollwesen der Provinz Sachsen nicht dem Belieben Oesterreichs und der
+Bundestagsmehrheit preisgeben, sondern gab sich der Hoffnung hin, die
+Erkenntnis des eigenen Vorteils wuerde die kleinen thueringischen Dynasten
+bestimmen, auf das Anerbieten Preussens einzugehen und ihre enklavierten
+Gebietsteile durch Vertraege dem preussischen Zollsystem anzuschliessen. In
+der Tat wendeten sich die kleinen Nachbarn allesamt sogleich an den
+Berliner Hof, aber nur, um zu fordern, dass Preussen sein Enklavensystem
+alsbald wieder aufhebe; wie dies moeglich sein sollte, wussten sie freilich
+nicht anzugeben. Besonders hart fuehlte sich der wohlmeinende Fuerst Anton
+Guenther von Schwarzburg-Sondershausen getroffen. Die Hauptmasse seines
+Reiches, die Unterherrschaft mit der Hauptstadt, ein Land von fast 30000
+Einwohnern, war von preussischem Gebiet umschlossen und dem preussischen
+Zollwesen einverleibt; da die Krone Preussen als Rechtsnachfolgerin von
+Kursachsen hier ueberdies das Postregal und einige andere Hoheitsrechte
+ausuebte, so blieb dem Fuersten von seiner teueren Souveraenitaet allerdings
+wenig uebrig. Mit dringenden Bitten mussten also erst der vielgeplagte
+gemeinsame thueringische Gesandte General Lestocq, dann das Sondershausener
+Geheime Konsilium selbst den preussischen Hof bestuermen um "Zuruecknahme
+einer Anordnung, in welche man schwarzburg-sonderhausenscherseits sich nie
+zu fuegen entschlossen ist."
+
+Minister Klewiz erwiderte verbindlich, durch einen Vertrag koenne die
+Angelegenheit ohne Schwierigkeit geordnet werden; er gewaehrte auch dem
+Fuersten freundnachbarlich Freipaesse fuer die Verzehrung seines Hofhalts,
+aber eine Abaenderung des Gesetzes schlug er rundweg ab, da die Gefahr des
+Schmuggels aus den kleinen Nachbarlanden gar zu gross sei. In Sondershausen
+wollte man den Wink nicht verstehen. Mehrere Monate hindurch wurde die
+preussische Regierung immer von neuem mit der Anfrage belaestigt, ob sie nun
+endlich bereit sei, eine Verfuegung aufzuheben, welche so groeblich in die
+Rechte der Sondershausener Souveraenitaet eingreife. Der Fuerst selber
+richtete an den Koenig die "devoteste Bitte", ihn "durch einen neuen Beweis
+Allerhoechstdero allgemein verehrter und gepriesener Liberalitaet und
+Grossmut zum unbegrenztesten und devotesten Danke zu verpflichten." Alles
+war vergeblich; die untertaenige Form konnte ueber den anmassenden Inhalt der
+Bittschriften nicht taeuschen. Dann kam der Kanzler v. Weise selbst nach
+Berlin, ein wackerer alter Herr, der im Verein mit seinem Sohne, dem
+Geheimen Rat, das Sondershausener Laendchen patriarchalisch regierte. Auch
+er richtete nichts aus.
+
+Mittlerweile hatte sich Vizepraesident v. Motz(31) in Erfurt des Streites
+angenommen. Er kannte alle Herzensgeheimnisse der Kleinstaaterei, da sein
+Regierungsbezirk mit fast einem Dutzend kleiner Landesherrschaften im
+Gemenge lag; er war mit den beiden Weise als guter Nachbar vertraut
+geworden und erwarb sich jetzt um Deutschlands werdende Handelseinheit,
+die ihm bald noch Groesseres verdanken sollte, sein erstes Verdienst, indem
+er den Freunden vorstellte, wie kindisch es sei, an einer Zollhoheit
+festzuhalten, die doch niemals in Wirksamkeit treten konnte. Der
+kunstsinnige Fuerst wuenschte laengst, im freundlichen Tale der Wipper ein
+Sondershausener Nationaltheater zu gruenden, aber die Mittel fehlten;
+schloss er sich dem preussischen Zollwesen an, so war ihm aus der Not
+geholfen. Diese Erwaegung wirkte.
+
+Gegen Ende September erschien der alte Weise wieder in Berlin, und da er
+diesmal ernstlich verhandeln wollte, so ward er mit grosser Freundlichkeit
+aufgenommen. Maassen und Hoffmann fuehrten die Unterhandlung, unter
+bestaendiger Ruecksprache mit Eichhorn. Noch unbekannt mit der Nebeniusschen
+Denkschrift, stellte Hoffmann zuerst den Gedanken auf: das einfachste sei
+doch, die gemeinsamen Zolleinnahmen ohne fiskalische Kleinlichkeit nach
+der Volkszahl zu verteilen. Damit war jener Bevoelkerungsmassstab gefunden,
+der allen spaeteren Zollvertraegen Preussens zur Grundlage gedient hat. Weise
+ging sofort auf das guenstige Anerbieten ein, und am 25. Oktober 1819 wurde
+der _erste Zollanschlussvertrag_ unterzeichnet, kraft dessen der Fuerst von
+Sondershausen "unbeschadet seiner landesherrlichen Hoheitsrechte" seine
+Unterherrschaft dem preussischen Zollgesetz unterwarf und dafuer nach dem
+Massstabe der Bevoelkerung seinen Anteil an den Zolleinnahmen -- vorlaeufig
+eine Bauschsumme von 15000 Talern -- erhielt. Eine Mitwirkung bei der
+Zollgesetzgebung wurde dem kleinen Verbuendeten nicht zugestanden; er musste
+die Handelsvertraege Preussens und alle anderen Aenderungen, welche das
+Finanzministerium beschloss, einfach annehmen. Im uebrigen waren seine
+Hoheitsrechte sorgsam, fast aengstlich gewahrt; selbst die
+Steuervisitationen auf schwarzburgischem Gebiet sollten nur durch die
+fuerstlichen Beamten vollzogen werden.
+
+Im Wippertale herrschte laute Freude. Der Fuerst dankte tief geruehrt fuer
+dies neue Zeichen koeniglicher Hochherzigkeit; nun konnte er endlich sein
+beruehmtes Rauchtheater eroeffnen, wo er mit den Buergern seiner Residenz um
+die Wette den Musen des Dramas und der Rauchkunst huldigte. Finanziell
+betrachtet, war das Abkommen unzweifelhaft ein Loewenvertrag zugunsten
+Sondershausens; Preussen brachte um des politischen Zweckes willen ein
+Geldopfer, denn das wenig bemittelte Thueringer Berglaendchen verzehrte von
+den eintraeglichsten Zollartikeln, den Kolonialwaren, weit weniger als der
+Durchschnitt der oestlichen Provinzen.
+
+Um so berechtigter schien die Erwartung, dass die uebrigen Kleinen dem
+Beispiel Sondershausens folgen wuerden. Im Eingange des Vertrags hatte der
+Koenig nochmals erklaeren lassen, dass er bereit sei, aehnliche Abkommen mit
+anderen Bundesfuersten zu schliessen. Rudolstadt begann schon zu verhandeln.
+Auch mit Braunschweig, Weimar, Gotha dachte Hoffmann binnen kurzem ins
+Reine zu kommen, und bereits ging er mit seinen Entwuerfen ueber die
+Grundsaetze des Enklavensystems hinaus. Die unglueckliche zerrissene Gestalt
+seines Gebietes zwang den preussischen Staat, auch wenn er auf alle
+Eroberungsplaene verzichtete, mindestens zum handelspolitischen Ehrgeiz; er
+konnte sein Steuersystem kaum durchfuehren, wenn er nicht ausser den
+Enklaven auch noch einige nur halb umschlossene Nachbarlandschaften seinem
+Zollgesetze unterwarf. Da lag Anhalt-Bernburg, das auf eine kleine Strecke
+Weges nicht an Preussen grenzte und also gewissenhaft als Ausland behandelt
+wurde. Was war der Dank? Ein ungeheuerer Schmuggel, der von Monat zu Monat
+anwuchs und die Zolleinnahme der Provinz Sachsen zu verschlingen drohte.
+Schon im Oktober wurden 4023 Zentner zumeist Kolonialwaren, in die
+anhaltischen Harzstaedtchen bei Ballenstedt eingefuehrt, um alsbald spurlos
+zu verschwinden. Mindestens dies Vorland, meinte Hoffmann, muesse sogleich
+in die Zollinie eintreten; werde der Vertrag mit Sondershausen nur erst
+bekannt, dann koennten sich die kleinen Nachbarn nicht laenger mehr wider
+ihren eigenen Vorteil straeuben.
+
+Die Hoffnung trog. Jener Zollvertrag, der uns heute so selbstverstaendlich
+erscheint, sollte waehrend mehrerer Jahre der einzige bleiben. Kaum ward er
+ruchbar, so erscholl an allen Hoefen ein Schrei des Zornes. Fuerst Anton
+Guenther musste von seinen durchlauchtigen Genossen ernste Vorwuerfe hoeren,
+weil er das Kleinod der Souveraenitaet so wuerdelos preisgegeben; die anderen
+kleinen Nachbarn, die seinem Vorgange bereits folgen wollten, traten,
+eingeschuechtert durch die allgemeine Entruestung, von den Verhandlungen
+zurueck. An die Spitze der Gegner Preussens stellte sich der Herzog von
+Coethen. Der erklaerte im Namen der kleinen Fuersten: "freiwillig koennen und
+werden sie sich nicht unterwerfen, wenn sie nicht die heiligsten Pflichten
+gegen ihre Untertanen, gegen ihre Haeuser und gegen ihre eigene Ehre
+verletzen wollen"; dann forderte er getrost, Preussen solle ihm einen fuenf
+Stunden breiten Streifen zollfreien Gebiets bis zur saechsischen Grenze zur
+Verfuegung stellen, damit das Haus Anhalt freien Zugang zum Welthandel
+erlange. Gemuetlich lauernd und im Stillen schuerend, stand hinter den
+erbitterten Kleinen der treue Bundesgenosse Preussens, Oesterreich. Die Hoefe
+beschlossen insgeheim, auf den Wiener Konferenzen mit vereinter Kraft die
+Aufhebung des preussischen Zollgesetzes durchzusetzen; nur wenn der
+vorhandene Anfang deutscher Zolleinheit vom Erdboden verschwand, konnte
+der Bundestag die nationale Handelspolitik begruenden! Und an dieser
+Raserei partikularistischer Leidenschaft nahm die gesamte Nation ausserhalb
+Preussens teil. Alle die Lieder und Reden zum Preise der deutschen Einheit
+waren vergessen, sobald Preussen sich anschickte, den Deutschen "die
+Wohltat eines gemeinsamen Vaterlandes zu gewaehren".
+
+Preussens Staatsmaenner hatten gehofft, schon in dem ersten Jahre, da das
+neue Gesetz bestand, einige der deutschen Nachbarn fuer die Politik der
+praktischen deutschen Einheit zu gewinnen. Jetzt sahen sie sich in die
+Verteidigung zurueckgeworfen. Der siegreiche Kampf um die Behauptung, dann
+um die Erweiterung des Zollgebiets blieb auf Jahre hinaus die wichtigste
+Aufgabe der preussischen Staatskunst. Durch die friedlichen Eroberungen
+dieses Kampfes hat Koenig Friedrich Wilhelm gesuehnt, was in Karlsbad
+gefehlt war, und die Marksteine gesetzt fuer das neue Deutschland. Er war
+der rechte Mann fuer dies unscheinbare und doch so folgenschwere Werk
+deutscher Geduld. Gleichmuetig und immer bei der Sache, treu und
+beharrlich, von einer Rechtschaffenheit, die jedes Misstrauen entwaffnete,
+stets bereit, dem bekehrten Gegner mit aufrichtigem Wohlwollen
+entgegenzukommen -- so hat er nach und nach die Truemmer Deutschlands
+befreit aus den Banden eigener Torheit und auslaendischer Raenke, den Weg
+bereitend fuer groessere Zeiten. Die Gegenwart aber soll nicht undankbarer
+sein, als Friedrich der Grosse war, der von dem glanzlosen Arbeitsleben
+seines Vaters sagte: "Der Kraft der Eichel danken wir den Schatten des
+Eichbaums, der uns deckt."
+
+Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. II, 607ff.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+ 11 Aug./Sept. 1819 tagte zu Karlsbad unter Metternichs Vorsitz ein
+ Kongress der deutschen Minister zur Beratung gemeinsamer Massregeln
+ gegen die demagogischen Umtriebe. Das Ergebnis waren die Karlsbader
+ Beschluesse, die der Bundestag am 20. September einstimmig
+ genehmigte.
+
+ 12 Am 29. Juli 1819 hatte der oesterreichische Staatskanzler Metternich
+ in Teplitz mit Friedrich Wilhelm III. eine geheime Unterredung, in
+ welcher er den Koenig von Preussen bestimmte, auf die Einfuehrung einer
+ Volksvertretung in modernem Sinne zu verzichten. Am 1. August
+ unterzeichneten Hardenberg und Metternich eine Publikation ueber die
+ "Grundsaetze, nach welchen die Hoefe von Oesterreich und Preussen in den
+ innern Angelegenheiten des Deutschen Bundes zu verfahren
+ entschlossen sind".
+
+ 13 Joh. Friedrich Benzenberg, geb. 5. Mai 1777, gest. 8. Juni 1846;
+ 1805 zum Professor der Physik am Lyceum zu Duesseldorf ernannt, ging
+ er 1810 nach der Schweiz, kehrte aber nach Napoleons Sturz nach
+ Deutschland zurueck und widmete sich schriftstellerischer Taetigkeit.
+
+ 14 Friedrich List, geb. 6. August 1789, gest. durch Selbstmord 30.
+ November 1846, Nationaloekonom, der in seinen Schriften den Gedanken
+ vertrat, dass eine jede Nation vor allem ihre eigenen Hilfsquellen
+ zum hoechsten Grade der Selbstaendigkeit und harmonischen Entwicklung
+ bringen, die eingeborene Industrie durch Schutz noetigenfalls
+ unterstuetzen und den nationalen Zweck einer dauernden Entwicklung
+ produktiver Kraefte ueberall dem pekuniaeren Vorteil einzelner
+ vorziehen muesse.
+
+ 15 Ernst Wilh. Arnoldi, geb. 21. Mai 1778. gest. 27. Mai 1841.
+
+ 16 Joh. Georg Buesch, geb. 3. Januar 1728, gest. 5. Aug. 1800, gruendete
+ 1767 in Hamburg eine Handelsakademie.
+
+ 17 Joseph v. Goerres, geb. 25. Januar 1776, gest. 29. Januar 1848, ein
+ Publizist, der anfangs fuer die Revolution, nachmals fuer das
+ "Deutschtum" begeistert, schliesslich im Ultramontanismus einen Halt
+ suchte und mit Fanatismus gegen den Protestantismus kaempfte.
+
+ 18 Robert Blum, geb. 10. November 1807, erschossen am 9. November 1848
+ in Wien, wohin er sich im Vertrauen auf seine Unverletzlichkeit als
+ Mitglied des Frankfurter Parlaments begeben hatte, um den
+ aufstaendischen Wienern eine Beifallsadresse der Frankfurter
+ Parteigenossen zu ueberbringen. Als Fuehrer einer Elitekompagnie am
+ Kampfe beteiligt, wurde er verhaftet und durch ein Kriegsgericht zum
+ Tode verurteilt.
+
+ 19 Ferd. Lassalle, geb. 11. April 1825, gest. 31. August 1864,
+ sozialistischer Agitator, Gruender des Allg. Deutschen
+ Arbeitervereins.
+
+ 20 Georg Friedrich v. Martens, geb. 22. Februar 1756, gest. 21. Februar
+ 1821, seit 1816 hannoev. Bundestagsgesandter.
+
+ 21 Graf Aug. Fried. Ferd. v. d. Goltz, geb. 20. Juli 1765, gest. 17.
+ Januar 1832, von 1816-1824 preussischer Bundestagsgesandter, nachher
+ Oberhofmarschall.
+
+ 22 Wilh. Ludw. Leop. Reinhard Freiherr v. Berstett, geb. 1769, gest. 6.
+ Februar 1837, 1816 badischer Bundestagsgesandter, von 1817 bis 1831
+ badischer Minister des Auswaertigen.
+
+ 23 Klemens Fuerst v. Metternich, geb. 15. Mai 1773, gest. 11. Juni 1859,
+ oesterreichischer Minister seit 1809, seit Mai 1821 bis 13. Maerz 1848
+ Staatkanzler, Haupttraeger der Reaktion in Oesterreich und
+ Deutschland.
+
+ 24 Karl Friedrich Nebenius, geb. 29. September 1785, gest. 8. Juni
+ 1857, Verfasser der badischen Verfassungsurkunde vom 22. August 1818
+ und zweimal Minister des Innern.
+
+ 25 David Ricardo, geb. 19. April 1778, gest. 11. September 1823, engl.
+ Nationaloekonom, der als Schueler von Adam Smith die Lehre vom
+ Freihandel publizistisch vertrat. Seine Gedanken ueber das Verhaeltnis
+ zwischen Erzeugungskosten der Waren und Verkaufspreis und ueber das
+ Verhaeltnis zwischen Arbeitsleistung und Arbeitslohn sind von Marx
+ und Lassalle weiter entwickelt worden.
+
+ 26 Wilh. Anton v. Klewiz, geb. 1. August 1760, gest. 26. Juli 1838, von
+ 1817-1824 preussischer Finanzminister, von 1824-1837 Oberpraesident
+ der Provinz Sachsen.
+
+ 27 Karl Freiherr von Stein zum Altenstein, geb. 7. Oktober 1770, gest.
+ 14. Mai 1840, seit 1817 Minister fuer geistlichen Unterricht und
+ Medizinalangelegenheiten, Reorganisator des preussischen Volks- und
+ hoeheren Schulwesens.
+
+ 28 Friedrich Leopold v. Kircheisen, geb. 24. Juni 1746, gest. 18. Maerz
+ 1825, von 1810 ab preussischer Justizminister.
+
+ 29 Ludwig Freiherr v. Spittler, geb. 10. November 1752, gest. 14. Maerz
+ 1810, wurde 1779 als Professor der Philosophie nach Goettingen
+ berufen, 1806 zum Minister in Wuerttemberg ernannt und zum Kurator
+ der Universitaet Tuebingen.
+
+ 30 Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher, geb. 21. November 1768, gest.
+ 12. Februar 1834, Prediger an der Berliner Dreifaltigkeitskirche und
+ Professor an der Universitaet.
+
+ 31 Fried. Christ. Adolf v. Motz, geb. 18. November 1775, gest. 30. Juni
+ 1830, urspruenglich im Dienste des Koenigs von Westfalen taetig, trat
+ nach Napoleons Sturz in preussische Dienste ueber. 1817 zum
+ Praesidenten der Erfurter Regierung ernannt, ward er 1821
+ provisorisch, 1824 definitiv Oberpraesident von Sachsen, 1825 Geh.
+ Staats- und Finanzminister.
+
+
+
+
+3. Der Kampf um das preussische Zollgesetz auf den Wiener Konferenzen.
+
+
+Als Hardenberg seine Weisungen (fuer die nach Wien berufene
+Ministerkonferenz) an Bernstorff(32) erteilte, schaerfte er ihm noch einmal
+ein, dass ein Bundeszollwesen bei dem gegenwaertigen Zustande der deutschen
+Staaten unmoeglich sei. Sodann wiederholte er ihm woertlich, was er
+gleichzeitig den Abgesandten des Listschen Handelsvereins antwortete und
+durch die Staatszeitung veroeffentlichen liess: "Man kann daher die Sache
+nur darauf zurueckfuehren, dass einzelne Staaten, welche durch den jetzigen
+Zustand sich beschwert glauben, mit denjenigen Bundesgliedern, woher nach
+ihrer Meinung die Beschwerde kommt, sich zu vereinigen suchen, und dass so
+uebereinstimmende Anordnungen von Grenze zu Grenze weiter geleitet werden,
+welche den Zweck haben, die inneren Scheidewaende mehr und mehr fallen zu
+lassen." So war das handelspolitische Programm der preussissschen Regierung
+nochmals klar und unzweideutig ausgesprochen. Indem sie an ihrem
+Zollgesetze festhielt, erklaerte sie sich bereit, anderen Bundesstaaten
+durch freie Vertraege den Zollanschluss oder Handelserleichterungen zu
+gewaehren; aber sie sah auch ein -- und hierin lag ihre Ueberlegenheit -- dass
+alle Klagen wider die Binnenmauten muessige Reden blieben, solange die
+deutschen Staaten sich ueber ein gemeinsames Zollgesetz nicht einigen
+konnten.
+
+Auf lebhaften Widerspruch war Bernstorff von vornherein gefasst; er wusste
+wohl, wie unfassbar diese nuechternen handelspolitischen Gedanken, die heute
+jedem gelaeufig sind, der grossen Mehrzahl der deutschen Hoefe noch
+erschienen. Der leidenschaftliche Ausbruch "gehaessiger Vorurteile", den er
+in Wien erleben musste, uebertraf doch seine schlimmsten Erwartungen. Die
+naive volkswirtschaftliche Unwissenheit der Epoche feierte auf den
+Konferenzen ihre Saturnalien; fast die gesamte deutsche Diplomatie lief
+Sturm wider das preussische Zollgesetz. Sobald auf die Fragen des Handels
+die Rede kam, verschob sich die Stellung der Parteien vollstaendig. Der
+preussische Bevollmaechtigte, der fast in allen andern Fragen die Mehrheit
+der Versammlung nach sich zog, stand in den handelspolitischen Beratungen
+ebenso vereinsamt wie in den militaerischen, er erschien wie der
+Stoerenfried der deutschen Einigkeit. Dieselben Hoefe, die ueberall sonst den
+Wirkungskreis des Bundes aengstlich zu beschraenken suchten, hofften durch
+einen rechtswidrigen Bundesbeschluss jene segensreiche Reform, welche dem
+preussischen Deutschland den freien Verkehr geschenkt hatte, wieder
+umzustossen. Von Mund zu Mund ging die sophistische Behauptung, das
+preussische Gesetz verstosse wider den Artikel 19 der Bundesakte, der nichts
+weiter enthielt als die Zusage, dass der Bundestag wegen des Handels und
+Verkehrs "in Beratung treten" solle.
+
+Preussens boeser Genius, so liessen sich selbst Wohlmeinende vernehmen, hat
+dies unglueckliche Gesetz geschaffen, das ihm ueberall Zutrauen und
+Zuneigung verscherzt; Preussen wird es dereinst noch bereuen! Und seltsam,
+die Angriffe der entruesteten Vorkaempfer deutscher Handelsfreiheit
+richteten sich ausschliesslich gegen Preussen, obgleich auch andere
+Bundesstaaten des gleichen Frevels schuldig waren. Bayern hatte soeben
+(22. Juli 1819), wie Preussen, ein neues Zollgesetz verkuendigt, aber
+niemand eiferte dawider. Vollends das oesterreichische Prohibitivsystem
+belastete nicht nur alle Waren ungleich haerter als das preussische Gesetz,
+es verbot sogar einzelne deutsche Erzeugnisse gaenzlich, namentlich die
+Franken- und Rheinweine. Keiner unter den deutschen Ministern nahm daran
+Anstoss. Metternich sagte kurzweg zu Berstett: "Ich betrachte Oesterreich
+als gar nicht in der Handelsfrage befangen", und der badische Staatsmann
+nahm diese Erklaerung ohne Widerspruch als selbstverstaendlich hin. Also
+ward gerade durch den leidenschaftlichen Eifer der Kleinen bewiesen, wie
+fest ihre Interessen mit Preussen verkettet waren, wie lose mit Oesterreich.
+Einige der kleinen Minister vertraten den Gedanken der Bundeszoelle: so
+Fritsch(33), dem sein Grossherzog befohlen hatte, die Verlegung aller
+Zollinien an die Bundesgrenze zu fordern, so Berstett, der noch immer der
+Meinung blieb, durch die Verkuendigung allgemeiner Verkehrsfreiheit werde
+der Bund am sichersten die Unzufriedenheit der Nation beschwichtigen.
+Andere wollten nur den Verkehr mit deutschen Produkten frei lassen, und
+diese so wenig wie jene wussten die Mittel zur Ausfuehrung ihres Planes
+anzugeben: gegen das Ausland, meinte Berstett gemuetlich, moege jeder
+Bundesstaat seine Zoelle nach Belieben anordnen, genug, wenn im Innern
+Deutschlands die Mauten hinwegfielen. Zu diesen ehrlichen Enthusiasten
+gesellten sich einige Bundesgenossen, die ihre unlauteren Hintergedanken
+kaum verbargen. Der Herzog von Coburg(34) erschien selbst in Wien, um
+durch sein Veto den Abschluss der Bundeskriegsverfassung zu vereiteln,
+falls ihm nicht unbeschraenkte Verkehrsfreiheit gewaehrt wuerde; doch da die
+Konferenz das Bundesmilitaergesetz nicht ins reine brachte, so ward der
+feine Plan zu Schanden. Noch dreister trat Marschall(35) auf. Der witterte
+mit dem Instinkt des Hasses, dass die neue Zollgesetzgebung, das Werk der
+"demagogischen Subalternen" in den Berliner Bureaus, dem preussischen
+Staate vielleicht dereinst die Hegemonie im Norden verschaffen koenne;
+durch ihre Vernichtung dachte er zugleich diesen Staat des Unheils zu
+demuetigen und der Schlange der Revolution das Haupt zu zertreten.
+
+Aehnliche Gesinnungen hegte der Kasseler Hof, der bereits, ohne eine
+Verstaendigung mit dem Nachbarstaate auch nur zu versuchen, den Zollkrieg
+gegen Preussen eroeffnet hatte. Durch ein Gesetz vom 17. September 1819
+wurde die Ein- und Durchfuhr vieler preussischer Waren verboten oder mit
+schweren Zoellen belegt. Der Mehrbetrag der erhoehten Abgaben sollte
+verwendet werden zum Besten der hessischen Gewerbetreibenden, welche das
+preussische Zollgesetz an den Bettelstab gebracht habe -- ein Versprechen,
+das der geizige Kurfuerst(36) selbstverstaendlich niemals einloeste. In
+Berlin dachte man anfangs an Retorsionen. Der Koenig aber hielt sich streng
+an die Zusage, dass die preussischen Zoelle vornehmlich die ausserdeutschen
+Waren treffen sollten, und wollte feindselige Schritte gegen deutsche
+Staaten, wenn irgend moeglich, vermeiden. Auch ein Gutachten des
+Finanzministeriums gelangte zu dem Schlusse, die hessischen Retorsionen
+seien fuer Hessen ueberaus schaedlich, fuer Preussen ungefaehrlich, also "nur
+der Form wegen zu bekaempfen". Der Gesandte in Kassel sprach sich in diesem
+Sinne vertraulich gegen den Kurfuersten aus. Unterdessen liess Preussen die
+Koeln-Berliner Kunststrasse ueber Hoexter und Paderborn, mit Umgehung des
+hessischen Gebiets, ausbauen. Der Verkehr des Nordostens mit dem Sueden zog
+sich von Hanau hinweg nach Wuerzburg, die hessischen Strassen begannen zu
+veroeden. Der Kurfuerst musste seine Kampfzoelle wieder herabsetzen und harrte
+nun um so ungeduldiger auf einen Bundesbeschluss, der die Zollinien des
+unangreifbaren Nachbarn zerstoeren sollte.
+
+Unter den Widersachern Preussens verstand doch keiner eine so urwuechsig
+grobe Sprache zu fuehren wie der Herzog Ferdinand von Koethen, ein eitler,
+nichtiger Mensch, der im Jahre 1806 wegen erwiesener Unfaehigkeit den
+preussischen Kriegsdienst hatte verlassen muessen und jetzt persoenlich an
+die Donau eilte, um "die Mediatisierung des uralten Hauses Anhalt"
+abzuwenden. Die wirkliche Herrin seines Laendchens war seine Gemahlin
+Julia, eine geborene Graefin Brandenburg, Halbschwester des Koenigs von
+Preussen, eine Dame von Geist und Bildung, unermesslich stolz auf ihre
+fuerstliche Wuerde, den katholisierenden Lehren der romantischen Schule
+eifrig zugetan. Da Metternich den Wert einer solchen Bundesgenossin wohl
+zu wuerdigen wusste, so hatte er Adam Mueller(37) beauftragt, neben dem
+Leipziger Konsulate auch das Amt des oesterreichischen Geschaeftstraegers an
+den anhaltischen Hoefen zu bekleiden, und der gefeierte Publizist der
+ultramontanen Partei wurde der romantischen Herzogin bald ein
+unentbehrlicher Ratgeber. Mueller hasste seine preussische Heimat mit dem
+ganzen Ingrimm des Konvertiten. Seinem erfinderischen Kopfe entsprang der
+Plan zu einem grossen Gaunerstuecke kleinfuerstlicher Staatskunst, das die
+preussische Zollgesetzgebung von innen heraus durchloechern und mindestens
+fuer die Provinz Sachsen unmoeglich machen sollte. Das Koethensche Land wurde
+einige Stunden weit von der Elbe durchflossen, und die Elbe zaehlte zu den
+konventionellen Fluessen, denen der Wiener Kongress die "vollkommene
+Freiheit der Schiffahrt" zugesagt hatte. Welch eine glaenzende Aussicht
+eroeffnete sich also fuer die Machtstellung Koethens, wenn die Konferenz sich
+bewegen liess, die Freiheit der Elbe sofort und unbedingt von Bundes wegen
+einzufuehren! Dann konnte der Herzog, obgleich sein Land von preussischem
+Gebiete umschlossen war, eine selbstaendige europaeische Handelspolitik
+beginnen, er konnte die Freiheit der Elbschiffahrt missbrauchen, um im
+Herzen des preussischen Staates dem Schleichhandel eine grosse Freistaette zu
+eroeffnen, den gehassten Nachbarstaat mit geschmuggelten Waren zu
+ueberschwemmen und ihn vielleicht zur Aenderung seines Zollsystems zu
+zwingen. Begierig ging der kleine Herr auf diese freundnachbarlichen
+Gedanken ein; Gewissensbedenken beruehrten ihn nicht, und den Unterschied
+von Macht und Ohnmacht vermochte er nicht zu begreifen. Die wiederholten
+wohlwollenden Einladungen zum freiwilligen Anschluss an das preussische
+Zollsystem hatte er saemtlich schroff abgefertigt, in jenem poebelhaft
+schreienden Tone, der allen Schriftstuecken dieses Hofes gemein war.
+"Anhalt -- so erklaerte er stolz -- kann seine Rettung nur suchen in dem
+allgemeinen europaeischen voelkerrechtlichen Staatenverein und in den
+Hilfsmitteln, welche ihm seine geographische Lage an grossen Stroemen
+darbietet."
+
+Mehr oder minder eifrig klagten auch die meisten uebrigen Bevollmaechtigten
+wider die Selbstsucht des Staates, der allein dem Ideale der deutschen
+Handelseinheit im Wege stehe. Nur die Hansestaedte, befriedigt mit ihrer
+kosmopolitischen Handelsstellung, wiesen jeden Versuch gemeinsamer
+deutscher Handelspolitik kuehl zurueck. Auch Zentner(38) zeichnete sich
+wieder durch kluge Besonnenheit aus; dem gestaltlosen Traumbilde einer
+allgemeinen Verkehrsfreiheit, deren Bedingungen noch niemand kannte,
+wollte er das neue bayrische Zollgesetz nicht opfern. Metternich aber liess
+mit schlecht verhehlter Schadenfreude die Kleinen wider Preussen laermen.
+Meisterhaft verstand der Wiener Hof, die Angst vor dem preussischen
+Ehrgeiz, die allen Kleinstaaten in den Gliedern lag, je nach Umstaenden fuer
+seine Zwecke auszubeuten. Im Oktober hatte Graf Bombelles(39) auf
+ausdruecklichen Befehl des Kaisers Franz dem Grossherzog von Weimar(40)
+gedroht: wenn man die Karlsbader Beschluesse nicht ueberall streng ausfuehre,
+dann muessten die beiden Grossmaechte aus dem Bunde ausscheiden, und dann
+wuerde der Kaiser sich genoetigt sehen, seinem preussischen Alliierten "in
+Deutschland eine erweiterte Stellung zu verschaffen". Ebenso unbedenklich
+benutzte Metternich jetzt die Eifersucht der Kleinen, um Preussens
+Handelspolitik zu bekaempfen. Freilich durfte er nicht wagen, die Gegner
+seines unentbehrlichen Bundesgenossen offen zu unterstuetzen, zumal da er
+selber an dem oesterreichischen Zollwesen nicht das Mindeste aendern wollte.
+Unter der Hand jedoch ermutigte er die Ergrimmten und fluesterte ihnen zu,
+das preussische Zollgesetz sei das Werk einer Partei, deren Zwecke mit
+"treuem Bundessinn" nichts gemein haetten. Als handelspolitischen Ratgeber
+hatte er sich den Urheber der anhaltischen Schleichhandelsplaene, Adam
+Mueller, nach Wien kommen lassen.
+
+Die Nation war ueber das Problem der Zolleinheit noch ebenso wenig ins
+Klare gekommen wie ihre Staatsmaenner. Von dem politischen Ergebnis der
+Konferenzen erwartete sie, nach den Karlsbader Erfahrungen, nichts
+Erfreuliches; nur die Aufhebung der Binnenmauten und namentlich der
+preussischen Zollinien erschien allen Parteien als ein bescheidener Wunsch,
+der bei einigem guten Willen der Regierungen leicht erfuellt werden konnte.
+Eine Flugschrift "Freimuetige Worte eines Deutschen aus Anhalt" sprach mit
+drastischen Worten aus, was nahezu alle Nichtpreussen ueber die Berliner
+Handelspolitik dachten. Der offenbar wohlmeinende Verfasser fand es
+ehrenruehrig, dass man die von preussischem Gebiete umschlossenen Staaten als
+Enklaven bezeichne, und schlechthin rechtswidrig, dass Preussen von
+"Fremden" Steuern erhebe; das Strafurteil der oeffentlichen Meinung muesse
+der Sache "der Wahrheit und des Rechts" unfehlbar zum Siege verhelfen.
+
+Als Wortfuehrer der Kaufleute und Gewerbtreibenden fand sich F. List mit
+seinen Getreuen J. J. Schnell und E. Weber auf den Konferenzen ein und
+legte eine Denkschrift vor, deren hochgemutes patriotisches Pathos
+inmitten der engherzigen partikularistischen Interessenpolitik der Wiener
+Versammlung wildfremd erschien. Mit der Einheit der Nation -- so fuehrte er
+in beredten Worten aus -- sei die vollkommene Unabhaengigkeit der
+Einzelstaaten nicht vereinbar; der Bund muesse den 30 Millionen Deutschen
+den Segen des freien Verkehrs schaffen und also in Wahrheit ein Bund der
+Deutschen werden. Und was war der praktische Vorschlag, der diesen
+begeisterten Worten folgte? List verlangte, dass die deutschen Staaten ihre
+Zoelle an eine Aktiengesellschaft verpachten sollten, und machte sich
+anheischig, die Aktien unterzubringen; diese Gesellschaft wuerde das
+deutsche Bundeszollwesen begruenden und den Regierungen alle Sorge um
+laestige Einzelheiten abnehmen! Seltsam doch, in welche holden
+Selbsttaeuschungen der feurige Patriot sich einwiegte. Er behauptete,
+Preussen sei geneigt, sein Zollgesetz aufzugeben, obgleich man ihm soeben
+von Berlin aus amtlich das Gegenteil versichert hatte. Er sah sich von der
+Wiener Polizei argwoehnisch beobachtet und schrieb in die Heimat: "wir sind
+von allen Seiten mit Spionen umgeben, bei einem Spion einquartiert, von
+einem Spion bedient"; er wusste, dass Metternich in der Konferenz erklaert
+hatte, mit den Individuen, welche sich fuer die Vertreter des deutschen
+Handelsstandes ausgaeben, koenne man sich auf keine Verhandlungen einlassen,
+da der Bundestag bereits den Deutschen Handelsverein als ein
+gesetzwidriges und unzulaessiges Unternehmen verurteilt habe. Das alles
+beirrte ihn nicht in seiner ruehrenden Zuversicht. Als nun gar Adam Mueller
+eine Denkschrift Lists ueber deutsche Industrieausstellungen wohlwollend
+begutachtete und Kaiser Franz in einer Audienz dem unverwuestlichen
+Agitator versicherte, seine Regierung werde gern das Wohl des deutschen
+Vaterlandes foerdern, da waehnte er sich schon fast am Ziele: "Aller Augen
+sind nunmehr auf die Kaiserlich oesterreichische Regierung gerichtet. Wie
+wuerde sich nicht Oesterreichs edelmuetiger menschenfreundlicher Kaiser die
+Voelker deutscher Zunge aufs neue verbinden, wenn ihnen so grosse Wohltat
+von seinen Haenden kaeme!" Als auch diese Taeuschung schwand, warf er seine
+Hoffnungen auf die sueddeutschen Hoefe und meinte, seine Sache habe durch
+die Verzoegerung nur gewonnen. So klammerte sich der edle Patriot an jeden
+Strohhalm; nur das preussische Zollgesetz, das dereinst der Eckstein
+unserer wirtschaftlichen Einheit werden sollte, erschien ihm, wie der
+gesamten Nation, als der Quell des Verderbens.
+
+In der Konferenz eroeffnete Marschall den Kampf durch eine Denkschrift vom
+8. Januar, welche den preussischen Staat mit so grobem Unglimpf ueberhaeufte,
+dass Bernstorff sie dem Verfasser zurueckgab. Durch die neuen
+Zolleinrichtungen, hiess es da, wuerden die Eigentumsrechte von
+Hunderttausenden angegriffen, das Eigentum und der Besitz vermindert. Dann
+forderte der Nassauer getrost: Aufhebung aller seit dem Jahre 1814 neu
+eingefuehrten Mauten und sofortige Vollziehung der Beschluesse des Wiener
+Kongresses ueber die Flussschiffahrt; im uebrigen volle Freiheit fuer jeden
+deutschen Staat, die Zoelle gegen das Ausland willkuerlich festzusetzen,
+wenn er nur keine Binnenmauten errichte. Dass der letztere Vorschlag einen
+plumpen Widerspruch enthielt, dass kein Einzelstaat sich gegen das Ausland
+schuetzen konnte, wenn seine deutschen Binnengrenzen unbewacht blieben --
+diese handgreifliche Wahrheit war dem nassauischen Staatsmanne ganz
+entgangen; er sprach wie der Blinde von den Farben, da sein Laendchen gar
+keine Grenzzoelle besass.
+
+Dann wiederholte Berstett seine alten Klagen gegen die Binnenmauten und
+verteilte unter den Genossen jene gedankenreiche Denkschrift von Nebenius
+ueber die Bundeszoelle; bei ruhiger Pruefung mussten jedoch alle die
+Unmoeglichkeit einer Bundeszollverwaltung zugestehen, und der badische
+Minister selbst liess den Plan seines geistvollen Untergebenen fallen.
+Darauf neue wuetende Ausfaelle Marschalls, so grob und ungeschlacht, dass
+Bernstorff beim Schluss der Konferenzen dem Bundesgesandten schrieb: "es
+wuerde unter der Wuerde unseres hoechsten Hofes sein, diesem in keiner
+Hinsicht achtungswerten Manne irgendeine gegen seine Person gerichtete
+Empfindlichkeit zu aeussern", Goltz moege sich also dem nassauischen Kollegen
+gleichgueltig fern halten. Nunmehr protestierte auch Fritsch im Namen der
+Thueringer wider Preussens Enklavensystem und verlangte, jedem Produzenten
+muesse gestattet werden, seine Erzeugnisse ueberall in Deutschland frei
+abzusetzen, jedem Konsumenten, seinen Bedarf auf dem naechsten Wege zu
+beziehen. Dazwischen hinein fuhr der Koethener Herzog, dessen anmassendes
+Benehmen Bernstorff nicht grell genug schildern konnte, mit wiederholten
+geharnischten Verwahrungen. Er klagte, man lasse ihn alle Lasten des
+preussischen Zollwesens tragen, nicht die Vorteile, waehrend es doch
+lediglich an ihm lag, auf Preussens Anerbietungen einzugehen und auch der
+Vorteile teilhaftig zu werden. Er drohte die auswaertigen Garanten der
+Bundesakte anzurufen zum Schutze der "ueber allem Angriff erhabenen Sache"
+des uralten Hauses Anhalt. Schliesslich verweigerte er geradezu der
+Schlussakte seine Unterschrift, wenn ihm der Bund nicht die "freie
+Kommunikation mit Europa" sicherstellte: "so lange die Herzoege von Anhalt
+sich in einer drueckenden unfreiwilligen Zinsbarkeit gegen einen maechtigen
+Nachbarstaat befinden, kann fuer dieses alte Fuerstenhaus keine Bundesakte
+und also auch keine Schlussakte existieren."
+
+Inmitten dieses Gezaenks bewahrte Graf Bernstorff vornehme Ruhe und
+aufrichtigen Freimut. Er beklagte laut, dass die Bundesakte durch ihre
+allgemeinen Versprechungen unerfuellbare Erwartungen geweckt habe. Fest und
+stolz wies der preussische Minister jede ehrenruehrige Zumutung zurueck: von
+der Aufhebung des neuen Gesetzes koenne gar nicht die Rede sein. Zugleich
+wiederholte er unermuedlich in immer neuen Umschreibungen die in der
+Staatszeitung veroeffentlichten Gedanken. Es sei "unmoeglich, eine solche
+Einigung anders als durch allmaehliche Vorbereitung und die muehsamste
+Ausgleichung streitender Interessen bewirkt zu sehen". Nur Vertraege
+zwischen den Einzelstaaten koennten dem wirtschaftlichen Elend steuern.
+"Geschieht dieses im Sueden wie im Norden von Deutschland, und werden diese
+Versuche unter der Mitwirkung und Pflege des Bundes gemacht, so laesst es
+sich wohl denken, dass man auf diesem freilich langsamen, aber vielleicht
+einzig moeglichen Wege dahin gelangen werde, die jetzt bestehenden
+Scheidewaende aus dem Wege zu raeumen und in Beziehung auf Handel und
+Verkehr diejenige Einheit der Gesetzgebung und Verwaltung hervorzubringen,
+welche ein Verein nebeneinander bestehender freier und besonderer Staaten,
+wie ihn der Deutsche Bund bildet, irgend zulassen kann." Auf die
+Schmaehungen des Koetheners bemerkte er trocken, dass in Dresden bereits seit
+mehreren Monaten eine Konferenz der Elbuferstaaten tage; dort allein sei
+der Ort, die Frage der freien Elbschiffahrt zum Austrage zu bringen.
+
+Wahrlich, ein historischer Augenblick! Der grosse Kampf zweier
+Jahrhunderte, der alte unversoehnliche Gegensatz oesterreichischer und
+preussisch-deutscher Politik erneuerte sich in diesen unscheinbaren
+Haendeln, noch ohne dass die Kaempfer den tiefen Sinn des Streites begriffen
+{~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Die ganze Zukunft deutscher Politik hing daran, dass Preussens verstaendige
+Redlichkeit triumphierte ueber dies Buendnis der Unklarheit und der Luege.
+Und Preussen siegte.
+
+Da die Gegner nur in ihrem Hasse, nicht in irgendeinem positiven Gedanken
+uebereinstimmten, so errang Bernstorff bereits am 10. Februar einen
+durchschlagenden Erfolg in dem handelspolitischen Ausschusse der
+Konferenz; er bewog den Ausschuss, seine Antraege auf einige "mehr
+vorbereitende als entscheidende, keinen kuenftigen bundesfoerderlichen
+Beschluessen vorgreifende Bestimmungen zu beschraenken". Der Ausschuss
+beantragte demnach lediglich, dass der Bundestag, dem Artikel 19 gemaess, die
+Befoerderung des Handels als einen der Hauptgegenstaende seiner Taetigkeit
+ansehen solle. Nur ueber die Freiheit des Getreidehandels, welche Preussen
+schon vor drei Jahren in Frankfurt befuerwortet hatte, schienen jetzt alle
+Teile endlich einig, und der Ausschuss schlug vor, die Frage durch
+schleunige Vereinbarung zu erledigen. Als diese Antraege am 4. Maerz in der
+Konferenz zur Verlesung kamen, da brach, sobald der Name des Bundestags
+erklang, einer der Anwesenden in lautes Lachen aus, und die ganze
+Versammlung stimmte froehlich ein. Und diese Staatsmaenner, die ihr Urteil
+ueber die Leistungsfaehigkeit des Bundestages so unzweideutig bekundeten,
+hatten sich soeben noch vermessen, das preussische Zollgesetz durch einen
+Bundesbeschluss aufzuheben! Die Antraege des Ausschusses wurden angenommen,
+und um auch den widerspenstigen Koethener zu gewinnen, fuegte man noch ein
+Separatprotokoll hinzu, kraft dessen die beteiligten Staaten sich
+verpflichteten, die Beschluesse des Wiener Kongresses ueber die
+Flussschiffahrt unverbruechlich zu halten, die Verhandlungen deshalb taetig
+zu betreiben.
+
+Ueber die Freiheit des Getreidehandels setzte man ebenfalls ein besonderes
+Protokoll auf, aber Metternich vereitelte schliesslich auch diesen einzigen
+heilsamen Plan, in dem sich alle Parteien zusammenfanden. Er schob die
+Entscheidung immer wieder hinaus, und als die Konferenz endlich zum
+Beschlusse schreiten wollte, da war Kaiser Franz, zum lebhaften Bedauern
+seines Ministers, bereits nach Prag abgereist. Arglos meldete Bernstorff
+einige Tage spaeter, die Erwiderung Sr. Majestaet sei noch immer nicht
+eingetroffen. Die Konferenz musste auseinandergehen, ohne das Protokoll
+abzuschliessen. Erst gegen Mitte Juni lief die oesterreichische Antwort beim
+Bundestage ein. Der gute Kaiser, der sich gegen F. List so vaeterlich ueber
+das Wohl des deutschen Vaterlandes geaeussert hatte, meinte jetzt trocken:
+das Wiener Protokoll "sei eigentlich nur bestimmt, die Veranlassung zur
+weiteren Entwickelung der darin ausgesprochenen Grundsaetze zu geben"; man
+brauche also nicht foermlich darueber abzustimmen, sondern solle nur
+sogleich die vorbehaltene Beratung am Bundestage beginnen. Dies geschah
+denn auch. In einem salbungsvollen Praesidialvortrage feierte Buol(41) die
+Reize des freien Getreidehandels; seine Worte waren aber so allgemein
+gehalten, dass selbst der harmlose Goltz sofort bemerkte, Oesterreich hege
+Hintergedanken. Darauf beriet der Bundestag mit gewohnter Emsigkeit
+weiter, und nach einem Vierteljahr (5. Oktober) beschloss er, zunaechst
+Nachrichten ueber den Stand der Gesetzgebung in den Einzelstaaten
+einzuholen. Der freie Getreidehandel verschwand in jenem geheimnisvollen
+Schlunde, in dessen Tiefen die ewig unvollendeten Bundesbeschluesse
+gebettet lagen. Das waren Oesterreichs Liebesdienste zum Besten der
+deutschen Verkehrsfreiheit. --
+
+Der Verlauf der Konferenzen selbst bestaetigte durchweg, was Bernstorff
+vorhergesagt: dass ein Bund ohne politische Einheit keine gemeinsame
+Handelspolitik treiben koenne. Angesichts dieser Erfahrungen begannen
+einige der sueddeutschen Staatsmaenner sich doch endlich mit den Ratschlaegen
+Bernstorffs zu befreunden. Eingepresst zwischen den Mautlinien Frankreichs,
+Oesterreichs, Preussens, vermochte die Volkswirtschaft des Oberlandes kaum
+mehr zu atmen, zumal da noch keiner der sueddeutschen Staaten, ausser
+Bayern, ein geordnetes Zollwesen besass. Die Frage liess sich nicht mehr
+abweisen, ob man nicht zunaechst versuchen solle, diese zerstueckelten
+Gebiete in einem handelspolitischen Sonderbunde zu vereinigen, also genau
+dasselbe zu tun, was man soeben dem preussischen Staate als
+Bundesfriedensbruch vorgeworfen hatte. Den ersten Anstoss zu solchen Plaenen
+gab der wackere du Thil; noch spaeterhin pflegte der Darmstaedter Hof sich
+dieses Verdienstes gern zu ruehmen. Aber erst durch Berstetts ruehrige
+Taetigkeit gewann der Gedanke Leben. Der Badener hegte, wie du Thil, die
+ehrliche Hoffnung, dass aus diesem Sonderbunde "nach und nach ein Ganzes"
+hervorgehen werde; indes dachte er auch an Retorsionen gegen die
+preussischen Zoelle und gab eine kurz abweisende Antwort, als Bernstorff ihm
+versicherte, mit einem sueddeutschen Zollverein werde Preussen gern
+Handelsvertraege abschliessen. Auch Marschall liess sich auf den Plan nur
+ein, weil er erwartete, dass Sueddeutschland nunmehr mit vereinter Kraft den
+Zollkrieg gegen Preussen eroeffnen werde. Wuerttemberg endlich spielte mit
+Triasplaenen und hoffte, den politischen Bund des konstitutionellen "reinen
+Deutschlands" aus dem Handelsverein hervorgehen zu sehen -- ein Gedanke,
+der weder in Muenchen noch in Darmstadt Anklang fand.
+
+Bei solcher Verschiedenheit der politischen Absichten konnte Berstett nach
+langwierigen vertraulichen Beratungen nur einen bescheidenen Erfolg
+erreichen. Am 19. Mai verpflichteten sich die beiden sueddeutschen
+Koenigreiche, Baden, Darmstadt, Nassau und die thueringischen Staaten, noch
+im Laufe des Jahres Bevollmaechtigte nach Darmstadt zu senden, welche dort
+auf Grund einer unverbindlichen Punktation ueber die Bildung eines
+sueddeutschen Zollvereins verhandeln sollten. Mehr wollte der vorsichtige
+Zentner, der sein bayrisches Zollgesetz behueten musste, schlechterdings
+nicht versprechen. Immerhin war jetzt doch ein Weg betreten, der aus dem
+Elend der Binnenmauten vielleicht hinausfuehren konnte. Die liberale Presse
+begruesste dankbar die patriotische Tat ihrer Lieblinge. Der allzeit
+vertrauensvolle List sah das Ideal der deutschen Zolleinheit bereits
+nahezu verwirklicht, und als er bald darauf nach Frankfurt kam, fand er
+seinen Goenner Wangenheim(42) in einem Rausche des Entzueckens: so trug das
+reine Deutschland der gesamten Nation doch endlich die Fackel voran!
+Minder hoffnungsvoll, aber durchaus wohlwollend beurteilte Bernstorff den
+Entschluss der sueddeutschen Hoefe. Er versicherte Berstett seiner
+Zustimmung; denn gelang es den Mittelstaaten, ihr zerruettetes
+Verkehrsleben aus eigener Kraft zu ordnen, so blieb fuer die Zukunft eine
+Verstaendigung mit Preussen moeglich. Seinem Koenig schrieb er: trotz manchen
+feindseligen politischen und staatswirtschaftlichen Hintergedanken bestehe
+fuer Preussen kein Grund, das Unternehmen zu missbilligen, zumal da das
+Gelingen noch sehr fraglich scheine.
+
+Der Versuch, das preussische Zollgesetz durch ein Machtgebot des Bundes zu
+vernichten, war gescheitert. Doch unterdessen fuehrte der Koethener Herzog
+seinen Schmuggelkrieg wider die preussischen Mauten wohlgemut weiter und
+hemmte dadurch zugleich die Verhandlungen ueber die Elbschiffahrt. Wie oft
+hatten einst die Fremden gespottet ueber die *furiosa dementia*(43) der
+Deutschen, die sich ihre herrlichen Stroeme durch ihre Zoelle selber
+versperrten! Erst seit Frankreich das linke Rheinufer an sich riss, ward
+dies sprichwoertliche Leiden Deutschlands etwas gelindert. Im Jahre 1804
+wurde statt der alten drueckenden Rheinzoelle das Rheinoktroi eingefuehrt,
+das im wesentlichen nur bestimmt war, die Kosten der Strombauten und der
+Leinpfade(44) zu decken, und diese neue Ordnung bewaehrte sich so gut, dass
+der Wiener Kongress sie auch fuer die anderen konventionellen Stroeme
+Deutschlands als Regel vorschrieb. Seitdem war die Weserschiffahrt in der
+Tat frei geworden: nach einem langen Streite mit Bremen liess sich
+Oldenburg durch die Vermittlung des Bundestages bewegen, auf den
+widerrechtlichen Elsflether Zoll endlich zu verzichten (August 1819).
+Schwieriger lagen die Verhaeltnisse zwischen den zehn Uferstaaten der Elbe.
+Die von W. Humboldt redigierten Artikel 108-116 der Wiener Kongressakte
+stellten den Grundsatz auf, dass die Schiffahrt auf den konventionellen
+Stroemen frei, das will sagen: niemandem verwehrt sein sollte, und
+verpflichteten die Uferstaaten, binnen sechs Monaten Verhandlungen
+einzuleiten, damit die Schiffahrtsabgaben gleichmaessig und unabaenderlich,
+ungefaehr dem Betrage des Rheinoktrois entsprechend, festgesetzt wuerden.
+
+Offenbar vermochten diese wohltaetigen Verheissungen nur dann ins Leben zu
+treten, wenn die Erhebung der Schiffahrtsabgaben, wie der Artikel 115
+ausdruecklich vorschrieb, von dem Zollwesen der Uferstaaten durchaus
+getrennt blieb und alle Beteiligten durch eine strenge Uferpolizei
+verhinderten, dass die freie Schiffahrt zum Schmuggel in die Nachbarlande
+missbraucht wuerde. Nur unter dieser Bedingung konnte Preussen, das jene
+Artikel der Kongressakte als sein eigenes Werk betrachtete, seine Hand zu
+ihrer Ausfuehrung bieten; wie durfte man -- so fragte spaeterhin eine
+preussische Staatsschrift -- einem maechtigen Staate zumuten, "in seinem
+Herzen einen Wurm zu dulden, der seine innere Lebenswurzel annagt?" Nur
+wenn Anhalt, das von der Provinz Sachsen rings umschlossen war, dem
+preussischen Zollsysteme beitrat, konnte die verheissene Freiheit der
+Elbschiffahrt und der rechtmaessige Ertrag der preussischen Einfuhrzoelle
+zugleich gesichert werden. Seit der alte Dessauer einst die saemtlichen
+Landgueter seiner Ritterschaft aufgekauft, hatten sich Landbau und
+Forstwirtschaft in den anhaltischen Laendchen unter der sorgsamen Pflege
+ihrer Fuersten gluecklich entwickelt; alle seine natuerlichen Interessen
+verwiesen dies bluehende Gartenland, das der Industrie noch gaenzlich
+entbehrte, auf den freien Verkehr mit den benachbarten gewerbereichen
+Bezirken Preussens. Was der Vereinbarung im Wege stand, war allein der
+tolle Souveraenitaetsduenkel des Herzogs von Koethen und die weiter blickende
+Feindseligkeit seines Ratgebers Adam Mueller. Die
+"Anschliessungsinsinuationen" des Berliner Kabinetts wies der Herzog empoert
+zurueck: ob man denn nicht einsehe, so fragte er einmal, "wie schon die
+blosse Unnatur eines solchen Verhaeltnisses, die Unterordnung eines
+souveraenen Fuersten unter die Zolladministration eines benachbarten
+Staates, dem Bestande eines freundschaftlichen Verhaeltnisses mit der
+Regierung desselben durchaus unguenstig sei!"
+
+Da mit Vernunftgruenden bei diesem Hofe nichts auszurichten war, so
+begnuegte sich Preussen vorlaeufig, sein Enklavensystem gegen Anhalt aufrecht
+zu halten. Alle zu Lande nach Anhalt eingehenden Waren wurden dem
+preussischen Eingangszolle unterworfen. Nur den Elbschiffern erlaubte man
+Sicherheit zu stellen fuer die Zahlung der preussischen Abgaben und
+erstattete ihnen den Betrag zurueck, falls der Verbleib der eingefuehrten
+Waren in Anhalt nachgewiesen wurde.
+
+Schamloser Unterschleif war die Folge dieser Erleichterung. Der
+anhaltische Schleichhandel wuchs von Monat zu Monat, und mit Ungeduld
+erwarteten die preussischen Finanzmaenner die vertragsmaessige Regelung dieser
+leidigen Zustaende, als endlich im Juni 1819 -- viertehalb Jahre nach dem
+Zeitpunkt, welchen der Wiener Kongress vorgeschrieben -- die
+Elbschiffahrtskonferenz in Dresden eroeffnet wurde. Dort sprachen Hamburg
+und Oesterreich eifrig fuer die Befreiung des Flusses, die ihnen freilich
+nur Vorteil bringen konnte, da die Hansestadt gar keine Schiffahrtsabgaben
+erhob und die hohen boehmischen Elbzoelle auf der wenig befahrenen obersten
+Stromstrecke nur geringen Ertrag brachten. Daenemark hingegen, Mecklenburg,
+Anhalt zeigten sich schwierig. Am hartnaeckigsten aber verteidigte Hannover
+seinen Besitzstand; denn das welfische Koenigreich ueberliess die Sorge wie
+die Kosten fuer das Fahrwasser der Niederelbe grossmuetig dem Hamburger
+Senate und erhob dafuer in Brunshausen, nahe bei Stade, einige Meilen
+oberhalb der Muendung, seinerseits einen hohen Zoll von allen eingehenden
+Seeschiffen. Sein Bevollmaechtigter verwahrte sich feierlich gegen jeden
+Versuch, dies Kleinod der Welfenkrone anzutasten: das sei ein Seezoll, der
+mit der Elbschiffahrt nichts zu schaffen habe, und nimmermehr koenne die
+Absicht der Wiener Verheissungen dahin gehen, "die Basis alles
+volkstuemlichen Gluecks, den Rechtszustand zu erschuettern". Kein Zureden
+half; die Konferenz musste den Stader Zoll ganz aus dem Spiele lassen und
+nur den Stromverkehr oberhalb Hamburgs zu erleichtern suchen. Nach
+zweijaehrigen Verhandlungen, die den preussischen Bevollmaechtigen oft der
+Verzweiflung nahe brachten, kam endlich am 23. Juli 1821 die
+Elbschiffahrtsakte zustande, ein duerftiger Vergleich, der in Form und
+Inhalt die Spuren muehseliger Kaempfe verriet; immerhin wurden die
+bestehenden Schiffahrtsabgaben doch etwas herabgesetzt, und der Verkehr
+auf dem Strome begann sich bald zu heben.
+
+Die preussische Regierung behauptete waehrend dieses unleidlichen Gezaenks
+durchweg eine versoehnliche Haltung. Sie gab fuer den Elbverkehr ihre
+Durchfuhrzoelle auf, die einen so wesentlichen Bestandteil ihrer
+Handelspolitik bildeten, und war bereit, die Schiffahrtsabgaben noch
+weiter herabzusetzen als die kleinen Nachbarn zugestehen wollten; aber sie
+erklaerte auch von vornherein, dass sie eine Schmugglerherberge im Innern
+ihres Staates nicht dulden werde und darum die Elbschiffahrtsakte nur
+unterzeichnen koenne, wenn Anhalt sich ihrem Zollwesen anschliesse. Ihr
+Bevollmaechtigter fuegte warnend hinzu: das eigene Interesse der kleinen
+Regierungen gebiete ihnen, das Zollsystem des grossen Nachbarstaates zu
+unterstuetzen, "weil dadurch die zu ihren Gunsten bestehende Zerstueckelung
+Deutschlands in ihren nachteiligen Folgen gemildert werden wuerde". Wie
+flammte der kleine Koethener Herr auf, als er diese unerhoerte Aeusserung
+preussischen Uebermuts erfuhr und gleichzeitig Bernstorff in einem neuen
+Mahnschreiben an die Koethener Regierung offen aussprach: "die
+norddeutschen Staaten haben den Schutz fuer ihre Existenz, ihre Wohlfahrt
+und Selbstaendigkeit und ihre gemeinnuetzigen Anstalten von Preussen zu
+erwarten". Der Herzog, der gerade mit seinem koeniglichen Schwager zugleich
+in Karlsbad verweilte, berichtete sofort alles an Marschall. "Ich
+schmeichle mir, so schrieb er, dass alle Gutgesinnten auf meiner Seite
+stehen und nicht zugeben, dass es Preussen erlaubt wird, sich alles zu
+erlauben. Ob einem Kabinett, das durch einen solchen Mann repraesentiert
+ist, zu trauen ist, lasse ich dahingestellt." Dann fuhr er hoehnisch fort:
+"das Spasshafteste ist, dass der Koenig mit uns ebenso freundlich als sonst
+ist" -- und bat den Nassauer, auch fernerhin auf Wittgenstein(45), "der
+ganz im guten Geiste ist", wirken zu lassen, damit die Partei, welche das
+Zollgesetz halte, zu Falle komme. Im gleichen Tone antwortete Marschall:
+"Man hat zwar bisher aehnliche Phrasen in dem Munde deutscher Revolutionaere
+gehoert, nicht aber in dem eines Repraesentanten eines deutschen Koenigs.
+Wenn Preussen das noerdliche Deutschland und ganz Deutschland schuetzt, so
+schuetzt umgekehrt das noerdliche Deutschland und ganz Deutschland Preussen.
+Rechte und Verbindlichkeiten sind durchaus wechselseitig. Wer das
+Gegenteil behauptet, verletzt die erste und Hauptgrundlage des Bundes und
+bewegt sich ausserhalb des Bundes. Namentlich hat der maechtigste der
+deutschen Bundesstaaten, sowohl im Bunde als in Europa, bei jeder
+Gelegenheit den entgegengesetzten Grundsatz laut ausgesprochen und bei
+jeder Veranlassung geltend gemacht."
+
+Dieser maechtigste der Bundesstaaten trieb unterdessen sein doppeltes Spiel
+weiter. Metternich, der ebenfalls in Karlsbad anwesend war, hielt zwar,
+auf Preussens Wunsch, einige Unterredungen mit dem Herzog, angeblich, um
+den Streit beizulegen. Aber zur naemlichen Zeit reichte die Koethener
+Regierung eine Klage beim Bundestage ein und forderte die Herausgabe eines
+dem Koethener Kaufmann Friedheim gehoerigen Elbschiffes, das beim
+preussischen Zollamte Muehlberg an der Kette lag, weil der Schiffer fuer den
+Betrag der preussischen Zoelle keine Sicherheit stellen wollte. Nachher
+ergab sich -- der oesterreichische Bevollmaechtigte Muench in Dresden musste es
+selber dem preussischen Gesandten [Jordan] eingestehen -- dass Adam Mueller
+den Friedheim zu seiner Weigerung aufgestiftet hatte, um den Streit vor
+den Bundestag zu bringen.
+
+Da Preussen unerschuetterlich blieb, so bequemten sich die drei anhaltischen
+Herzoege schliesslich doch zu einem Zugestaendnis und versprachen auf der
+Dresdener Konferenz feierlich "zu einem Vereine mit Preussen wegen
+Sicherstellung seiner Landesabgaben auf moeglichst ausfuehrbare Weise die
+Hand zu bieten". Auf dies Fuerstenwort vertrauend, hielt Koenig Friedrich
+Wilhelm den Hader nunmehr fuer abgetan; er ratifizierte die Akte, liess
+jenes unglueckliche Koethener Schiff freigeben, also dass die Klage am
+Bundestage ihren Gegenstand verlor, und Bernstorff lud die anhaltischen
+Hoefe nochmals ein, in Berlin wegen der Bedingungen des Zollanschlusses zu
+verhandeln. Aber Monate vergingen, und kein anhaltischer Bevollmaechtigter
+erschien. Dem unaufhaltsamen Koethener war es gelungen, seine wohlmeinenden
+Vettern von Dessau und Bernburg(46), die ihr Wort halten wollten, wieder
+umzustimmen; sie hatten ihm versprechen muessen, nicht ohne ihn dem
+preussischen Zollsystem beizutreten, und er war inzwischen mit seinem Adam
+Mueller ueber einen neuen Betrug einig geworden.
+
+Da die Elbschiffahrtsakte im Maerz 1822 in Kraft treten sollte, so
+entschloss sich Minister Klewiz im Januar, das Enklavensystem gegen Anhalt
+vorlaeufig aufzuheben, was die Finanzpartei in Berlin schon laengst
+gefordert, Eichhorn aber, aus Wohlwollen gegen das Nachbarland, bisher
+verhindert hatte. Man umringte demnach die drei Herzogtuemer mit
+preussischen Zollstellen; der Elbverkehr dagegen ward, gemaess der Akte,
+freigegeben und Preussen begnuegte sich, die nach Anhalt bestimmten Schiffe
+einer Durchsuchung zu unterwerfen. Eben auf diese Vertragstreue Preussens
+hatte Adam Mueller seinen sauberen Plan berechnet. Die Durchsuchung der
+Elbschiffe wurde natuerlich zu leerem Scheine, sobald man anhaltischerseits
+unredlich verfuhr. Nun taten sich sofort mehrere grosse englische
+Exportfirmen mit Koethener Kaufleuten zusammen, um den Schleichhandel unter
+dem Schutze des Herzogs in grossem Stile zu pflegen. Das gesamte Laendchen
+ward ein Schwaerzerwirtshaus, ein Stelldichein fuer die Gauner und
+Spitzbuben des deutschen Nordens. Die grosse Mehrzahl der treuen Koethener
+segnete dankbar den Landesherrn, der ihnen billige Waren und reichlichen
+Verdienst beim schmutzigen Handel verschaffte. Wunderbar, wie sich die
+Verzehrungskraft dieses gluecklichen Voelkchens mit einem Male hob, als waere
+ein Goldregen ueber das Land gekommen. Nicht lange, und der anhaltische
+Konsum von auslaendischen Waren verhielt sich zu dem preussischen wie
+64 : 1000, der von baumwollenen Waren, die in Preussen hoch verzollt
+wurden, wie 165 : 1000, die Bevoelkerung der beiden Lande stand wie
+9 : 1000. Fuer die Drogen dagegen, welche das preussische Gesetz mit einem
+niedrigen Zoll belegte, zeigten die Anhalter geringere Neigung; hier
+stellte sich das Verhaeltnis nur wie 13 : 1000. Und bei dieser
+uebernatuerlichen Konsumtion gingen die herzoglichen Zollbeamten dem Volke
+mit gutem Beispiel voran: der Zollinspektor Klickermann in Dessau bezog,
+wie Preussen aus den Listen seiner Elbzollaemter nachwies, in dem einen
+Jahre 1825 fuer seinen Hausbedarf zollfrei auf dem Strome: 53 Oxhoft Wein,
+4 Oxhoft Rum, 98 Saecke und 1 Fass Kaffee, 13 Saecke Pigment und Pfeffer,
+insgesamt an 1000 Zentner. Mehr denn eine halbe Million Taler im Jahre
+wurden durch den anhaltischen Schleichhandel den preussischen Kassen
+vorenthalten; der Zollertrag in den Provinzen Brandenburg und Sachsen
+stieg nachher, als Anhalt endlich sich dem preussischen System unterworfen
+hatte, bald von 3,135 auf 4,128 Millionen.
+
+Der Besitz einer souveraenen Krone ohne Macht entsittlicht auf die Dauer
+ihren Traeger. Wie gruendlich musste das Rechtsgefuehl der kleinen Hoefe, seit
+sie keinen Richter mehr ueber sich anerkannten, verwuestet sein, wenn dies
+rechtschaffene askanische Haus, das von jeher einer wohlverdienten
+allgemeinen Achtung genoss und so viele seiner tapferen Soehne in die Reihen
+des preussischen Heeres gesendet hatte, sich jetzt unbedenklich
+erdreistete, die Gesetzgebung seines alten treuen Beschuetzers durch groben
+Unfug zu untergraben! Ein Unglueck, dass der ehrwuerdige Senior des
+anhaltischen Gesamthauses, der seinem Laendchen unvergessliche Leopold
+Friedrich Franz von Dessau vor kurzem(47) gestorben war; er wuerde den
+zweifachen Vertragsbruch schwerlich geduldet haben, denn Anhalt hatte sich
+auf dem Wiener Kongresse zur Unterdrueckung des Schleichhandels
+verpflichtet und nachher in Dresden feierlich eine Verstaendigung mit
+Preussen versprochen.
+
+Um dieser letzteren Verpflichtung scheinbar zu genuegen, sendete Herzog
+Ferdinand endlich im Januar 1822 seinen Hofmarschall Sternegg nach Berlin,
+befahl ihm, allein mit Hardenberg zu verhandeln; mit Bernstorff zu
+sprechen, sei unter der Wuerde des Koetheners. Der Staatskanzler aber zwang
+den Abgesandten kurzweg, sich an das Auswaertige Amt zu wenden, und dort
+stellte sich heraus, dass Sternegg durchaus keine Anerbietungen wegen des
+Zollanschlusses zu bringen, sondern lediglich eine Entschaedigungsforderung
+zu ueberreichen hatte. Der Schaden Koethens betrug, nach dem billigen
+Massstabe der Kopfzahl angeschlagen, etwa 40 000 Taler fuer drei Jahre. Der
+Herzog berechnete das Zehnfache und zeigte sich hoch erstaunt, da Preussen
+den Koethener Schmuggel in Gegenrechnung stellte. Nach langen, gereizten
+Eroerterungen rueckten die Herzoege schliesslich mit dem Vorschlage heraus:
+Preussen moege dem enklavierten Anhalt durch einen Gebietsaustausch auf
+ewige Zeiten freien Verkehr mit Sachsen verschaffen, dann seien die drei
+Hoefe bereit, sich versuchsweise auf einige Jahre dem preussischen
+Zollsystem anzuschliessen. Sofort wies Bernstorff die "unangemessene"
+Zumutung scharf zurueck, der Unterhaendler musste abziehen, und Anhalt blieb
+mit preussischen Zollinien umgeben. Aber der Schleichhandel bluehte froehlich
+fort, die Grenzwache Preussens war machtlos gegen den boesen Willen der
+herzoglichen Behoerden. Obwohl der Berliner Hof ueber Adam Muellers Raenke
+genau unterrichtet war, so wollte er doch schlechterdings nicht glauben,
+dass Fuerst Metternich das Treiben seines Generalkonsuls billige. Jahrelang
+ertrug der preussische Adler langmuetig die Bisse der anhaltischen Maus,
+immer in der Hoffnung, dass die drei Herzoege endlich noch ihr Wort einloesen
+wuerden.
+
+Und in diesem Streite, der alle Selbstsucht, allen Duenkel, alle Torheit
+der Kleinstaaterei an den Tag brachte, stand die deutsche Presse wie ein
+Mann zu den anhaltischen Schmugglern. Der Schmerzensschrei des freien
+Koetheners war das Wiegenlied der deutschen Handelseinheit, die erst nach
+zwei Menschenaltern auf demselben Elbstrome unter den Weherufen des freien
+Hamburgers ihr letztes Ziel erreichen sollte. Mit einer Verblendung
+ohnegleichen taeuschte sich die Bevoelkerung der kleinen Staaten, bei jeder
+Wendung dieses wirrenreichen Kampfes, regelmaessig ueber ihr eigenes und des
+Vaterlandes Wohl, um jedesmal, sobald der gefuerchtete Anschluss an Preussen
+endlich vollzogen war, die Notwendigkeit der Aenderung nachtraeglich dankbar
+anzuerkennen. Ebenso regelmaessig verdeckte der Partikularismus seine
+Selbstsucht hinter dem schoenen Worte der Freiheit; bald nahm er die
+Freiheit des Handels, bald das freie Selbstbestimmungsrecht der deutschen
+Stroeme, bald auch beides zugleich zum Vorwand, und jedesmal liess sich die
+vom Liberalismus beherrschte oeffentliche Meinung durch solche hohle
+Kraftworte verfuehren.
+
+Die unausrottbaren Vorurteile wider das preussische Zollgesetz wirkten
+zusammen mit jener gedankenlosen Gemuetlichkeit, die es unbesehen fuer
+unedel haelt, bei einem Kampfe zwischen Macht und Ohnmacht die Partei des
+Staerkeren zu ergreifen. Und dazu der juristische Formalismus unserer
+politischen Bildung, der gar nicht ahnte, dass im Staatenverkehre das
+formelle Recht nichtig ist, wenn es nicht durch die lebendige Macht
+getragen wird. War denn Koethen nicht ebenso souveraen wie Preussen? Wie
+durfte man dieser souveraenen Macht einen Zollanschluss zumuten, der ihr
+freilich nur Segen bringen konnte und sich aus ihrer geographischen Lage
+mit unabwendbarer Notwendigkeit ergab, aber ihrem freien
+Selbstbestimmungsrechte widersprach? Und wenn es ihr beliebte, die
+Freiheit der Elbe zur boshaften Schaedigung des Nachbarlandes zu gebrauchen
+-- in welchem Artikel der Bundesakte war dies denn verboten? Dass Anhalt
+sich durch die Wiener Vertraege zur Beseitigung des Schleichhandels
+verbunden hatte, ueberging man mit Stillschweigen. Bignon(48), der alte
+Anwalt der deutschen Kleinstaaten, trat ebenfalls auf den Kampfplatz mit
+einem offenen Briefe ueber den preussisch-anhaltischen Streit. Er beklagte
+schmerzlich, dass Frankreich nicht mehr wie sonst vom Niederrhein her des
+Richteramtes ueber Deutschland warten koenne; aber "Frankreich ist von der
+Natur bestimmt, immer zu herrschen, und wenn es das Szepter der Macht
+verloren hat, so hat es doch das Szepter der oeffentlichen Meinung
+bewahrt". Vor dem Szeptertraeger der oeffentlichen Meinung fand Preussen, wie
+billig, keine Gnade. Auf diesem Wege der Usurpationen, rief Bignon, ist
+das Haus der Capetinger einst schrittweis dahin gelangt, die grossen
+Vasallen Frankreichs zu vernichten. Treuherzig sprach der deutsche
+Liberale die Warnung des Bonapartisten nach.
+
+Auch die Mehrheit am Bundestage kam der Klage des Koethener Hofes, die
+selbst nach der Freigebung jenes Elbschiffes nicht zurueckgezogen wurde,
+bereitwillig entgegen. Umsonst verwahrte sich Koenig Friedrich Wilhelm, als
+er im Sommer 1821 durch Frankfurt kam, mit scharfen Worten wider den
+Vorwurf, dass er Anhalt mediatisieren wolle. Die kleinen Hoefe liessen sichs
+nicht ausreden: Preussen wuensche, wie Berstett sich ausdrueckte, "seine
+geographische Duennleibigkeit auf Kosten einiger Kleineren zu arrondieren".
+Der neu ernannte badische Bundesgesandte Blittersdorff(49) und die
+Kluegeren seiner Genossen wussten wohl, wie wenig "bei dem bekannten
+Charakter des Herzogs oder vielmehr der Frau Herzogin" auf ein
+verstaendiges Abkommen zu rechnen sei; doch sie meinten, "dies sei die
+Gelegenheit fuer den Bundestag, seine Dauer und Lebenskraft zu erproben".
+Es galt, Preussen zu demuetigen vor einem ohnmaechtigen Nachbarn; es galt,
+der norddeutschen Grossmacht zu beweisen, dass sie, nach Marschalls Worten,
+ebenso sehr durch Koethen geschuetzt werde, wie Koethen durch Preussen. Von
+den groesseren Bundesstaaten zeigte allein Bayern ein Verstaendnis fuer die
+Machtverhaeltnisse; nachdem die Muenchener Regierung soeben selber die
+Schwierigkeiten der Einfuehrung eines neuen Zollsystems kennen gelernt
+hatte, meinte sie doch, dass ein kleiner Unterschied bestehe zwischen einem
+Reiche und einer Enklave. Die anderen beurteilten die Frage nach den
+Gesichtspunkten des Zivilprozesses, und da die Rechtsfrage allerdings
+zweifelhaft lag, so entspann sich am Bundestage eine grimmige Fehde, die
+durch viele Jahre hingeschleppt, den liberalen Zeitungen immer wieder den
+willkommenen Anlass bot, Preussen als den Friedensbrecher Deutschlands zu
+brandmarken.
+
+Das also war fuer Preussen das Ergebnis der handelspolitischen Verhandlungen
+in Wien und Dresden. Das neue Zollgesetz war gegen den Widerstand fast
+aller Bundesstaaten unveraendert aufrecht geblieben, auch die Freiheit der
+Elbe war notduerftig sicher gestellt, und die alte Ansicht der preussischen
+Regierung, dass der Bund fuer den deutschen Verkehr schlechterdings nichts
+zu leisten vermoege, hatte sich abermals bestaetigt. Aber ebenso fest stand
+auch die Erkenntnis, dass Verhandlungen mit den einzelnen Staaten, bei
+ihrer gegenwaertigen Stimmung, vorlaeufig ganz aussichtslos waren. Welche
+unbelehrbare Gehaessigkeit war dem Grafen Bernstorff entgegengetreten,
+welche anmassende Sprache hatte er anhoeren muessen, erst in Wien, dann in
+Dresden! Nach so niederschlagenden Erfahrungen fasste man in Berlin den
+verstaendigen Entschluss, fortan keine Einladungen mehr ergehen zu lassen,
+sondern gelassen zu warten, bis die Not den kleinen Nachbarn die Augen
+oeffne. In diesem Sinne erging an saemtliche Gesandten in Deutschland die
+gemessene Weisung, sich streng zurueckzuhalten und auf alle
+handelspolitischen Anfragen lediglich zu antworten: der Koenig habe schon
+im Jahre 1818 sich zu Verhandlungen bereit erklaert, er hege noch immer den
+Wunsch, andere deutsche Staaten mit seinem Zollsysteme zu verbinden, jetzt
+sei es an den Nachbarn, dem guten Willen entgegenzukommen. Eichhorn
+begruendete diesen Entschluss mit der Erwaegung, dass die Eifersucht der
+Dynastien durch Einladungen erfahrungsgemaess nur gereizt wuerde: "Solche
+Antraege konnten zugleich als Aufforderungen zur Aenderung ihrer inneren
+Staatsgesetzgebung und als ihre Selbstaendigkeit gefaehrdende Anmutungen
+missdeutet werden." Gegen das tiefeingewurzelte Misstrauen der kleinen Hoefe
+wirkte nur eine Waffe: ruhiger Gleichmut, der die Natur der Dinge fuer sich
+wirken liess. Was verschlug es auch, wenn die Presse unablaessig ueber
+Preussens selbstsuechtige Sonderstellung Wehe rief? Von der oeffentlichen
+Meinung, die sich noch weit verblendeter zeigte als die Hoefe, hatte die
+Handelseinheit des Vaterlandes nichts zu erwarten; Preussens bester
+Bundesgenosse war die wachsende Finanznot der kleinen Staaten.
+
+Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 29ff.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+ 32 Christian Guenther Graf v. Bernstorff, geb. 3. April 1769, gest. 28.
+ Maerz 1835, trat 1818 aus schwedischen Diensten in die preussischen
+ ueber und wurde Minister des Auswaertigen. 1832 trat er von seinem
+ Amte zurueck.
+
+ 33 Karl Wilhelm Freiherr v. Fritsch, geb. 16. Juni 1769, gest. 16.
+ Oktober 1851, war von 1815-1843 Grossh. Saechs. Minister.
+
+ 34 Ernst III. seit 12. November 1826, Ernst I. von Sachsen-Coburg-Gotha
+ (gest. 29. Januar 1844).
+
+ 35 Vertreter Nassaus am Bundestag.
+
+ 36 Wilhelm I., gest. 27. Februar 1821.
+
+ 37 Adam Mueller, geb. 30. Juni 1779, gest. 17. Januar 1829, damals
+ oesterreichischer Generalkonsul fuer Sachsen in Leipzig.
+
+ 38 Georg Friedrich Freiherr v. Zentner, geb. 27. August 1752,
+ gest. 20. Oktober 1835, bayrischer Staats- und Justizminister.
+
+ 39 Ludw. Phil. Graf v. Bombelles, geb. 1. Juli 1780, gest. 7. Juli
+ 1843, oesterr. Diplomat, damals Gesandter in Dresden, nachmals an
+ anderen Hoefen.
+
+ 40 Karl August, geb. 3. September 1757, gest. 14. Juni 1828.
+
+ 41 Joh. Rudolf Freiherr v. Buol-Schauenstein, geb. 21. November 1763,
+ gest. 12. Februar 1834, von 1816-1823 Bundespraesidialgesandter,
+ nachher Staatminister und Praesident der Hofkommission.
+
+ 42 Karl August Freiherr v. Wangenheim, geb. 14. Maerz 1773, gest. 19.
+ Juli 1850, von 1817-1823 wuerttembergischer Gesandter am Bundestage.
+
+ 43 Den rasenden Wahnsinn.
+
+ 44 Unter Leinpfaden versteht man die an schiffbaren Wasserlaeufen
+ angelegten Wege, von denen aus Schiffe mittels einer am Maste
+ befestigten Leine stromaufwaertsgezogen oder "getreidelt" werden
+ (daher auch Treidelwege genannt).
+
+ 45 Wilh. Ludwig Georg Graf zu Sayn-Wittgenstein, geb. 9. Oktober 1770,
+ gest. 11. April 1851, von 1814-1819 Polizeiminister, seitdem
+ Minister des Koeniglichen Hauses.
+
+ 46 Anhalt zerfiel damals in die 3 Teile Anhalt-Dessau, Anhalt-Koethen,
+ Anhalt-Bernburg. Herzog von A.-Dessau war damals Leopold IV.
+ Friedrich (1817-1871), von A.-Koethen Ferdinand (1818-1830), von
+ A.-Bernburg Alexius Friedr. Christian (1796 bis 1834). Seit 1863 war
+ das ganze anhaltische Gebiet in die Haende Leopolds IV. vereinigt.
+
+ 47 9. August 1817.
+
+ 48 Louis Pierre Baron Bignon, geb. 1771, gest. 5. Januar 1841,
+ franz. Diplomat und Publizist, zeitweilig als franzoesischer
+ Geschaeftstraeger bzw. bevollmaechtigter Minister an deutschen Hoefen
+ taetig, nach Belle-Alliance Minister der auswaertigen Angelegenheiten.
+
+ 49 Friedrich Landolin Karl Freiherr v. Blittersdorf, geb. 10. Februar
+ 1792, gest. 16. April 1861, war von 1821-1835 badischer
+ Bundestagsgesandter, danach bis 1843 Minister der auswaertigen
+ Angelegenheiten, von 1843-1848 wieder Bundestagsgesandter.
+
+
+
+
+4. Die Darmstaedter Zollkonferenzen.
+
+
+Sehr wichtig wurde die grosse Handelskonferenz der sueddeutschen und einiger
+mitteldeutschen Kleinstaaten, welche, den Wiener Verabredungen gemaess, am
+13. September 1820 in Darmstadt zusammentrat. Auch hier war Wangenheim die
+Unruhe in der Uhr. Unermuedlich kam er von Frankfurt heruebergeritten, immer
+zur Vermittlung bereit, gleich befreundet mit dem Schutzzoellner List und
+dem Freihaendler Nebenius; denn aus diesem Handelstage musste unfehlbar der
+politische Bund des reinen Deutschlands hervorgehen. In der Tat blieben
+die Darmstaedter Verhandlungen nicht ganz unfruchtbar, obgleich sich Plaene
+und Gegenplaene noch rastlos wie die Blasen im brodelnden Wasserkessel
+uebereinander draengten. Sie dienten als ein Laeuterungsprozess, der die
+unbrauchbaren, traumhaften Gedanken aus der deutschen Handelspolitik
+ausschied. Sie boten den Teilnehmern wie dem aufmerksam zuschauenden
+Berliner Hofe die Gelegenheit, die wirtschaftlichen Interessen der
+Bundesstaaten kennen zu lernen, die Bedingungen eines Handelsvereins
+ernstlich zu erwaegen. Aber sie lehrten auch durch ihr wiederholtes
+Scheitern, dass ein Zollverein ohne Preussen unmoeglich war. Von einem
+binnenlaendischen Wirtschaftsgebiete, dem die Kueste fehlte, konnte niemals
+eine lebensfaehige nationale Handelspolitik ausgehen.
+
+Kein Wunder freilich, dass die misshandelte Nation den ersten Versuch zur
+Beseitigung der Binnenmauten mit Jubel aufnahm. Zahlreiche Dankadressen
+belohnten den hochherzigen Entschluss der Hoefe. Badische Landwirte
+bezeugten schon im Voraus dem Minister Berstett: durch die Darmstaedter
+Konferenzen sei "der Grund gelegt zu einem glorreichen, einem wahrhaften
+Nationalinstitute". Sogar jener kluge E. W. Arnoldi in Gotha, der zuerst
+unter den deutschen Geschaeftsmaennern die nationale Bedeutung des
+preussischen Zollgesetzes erkannt hatte, liess sich jetzt durch die
+Zeitstroemung fortreissen und bat seinen Herzog um Anschliessung an die
+sueddeutschen Staaten, weil Gotha den Wettbewerb der ueberlegenen
+preussischen Fabriken nicht ertragen koenne. Die Wuensche und Erwartungen des
+Publikums gingen freilich hergebrachtermassen nach allen Himmelsrichtungen
+auseinander. Der badische Handelsstand verlangte den unbedingten
+Freihandel: mehr als 15 Kreuzer Zoll koenne der Zentner Kolonialwaren
+schlechterdings nicht ertragen. Andere ergingen sich in den ueblichen
+Ausfaellen gegen "jene stolzen Auslaender". In der bayrischen Kammer
+beantragte der Abgeordnete Koester eine deutsche Nationaltracht aus
+deutschen Stoffen; schon in der Volksschule muesse den Kindern der
+patriotische Abscheu vor auslaendischen Waren eingefloesst werden. Die
+Mannheimer Kaufleute dagegen hofften vornehmlich auf harte Zoelle wider den
+Frankfurter Handel: der Verein solle anderen Plaetzen die Vorteile
+gewaehren, welche die stolze Mainstadt ihren ungebuehrlich grossen Kapitalien
+verdanke; den Rheinpreussen muesse er jede Erleichterung versagen, so lange
+nicht der preussische Staat dem Vereine beitrete und der Mehrheit sich
+unterwerfe.
+
+Leider wurde die allgemeine Unklarheit nur vermehrt durch die Schriften
+Lists und seiner Genossen, die sich allmaehlich ganz in die Irrtuemer des
+starren Prohibitivsystems verloren. Miller von Immenstadt forderte in
+einer fuer die Darmstaedter Konferenzen bestimmten Druckschrift (Juli 1821):
+Verbot aller auswaertigen Waren, die wir selbst erzeugen oder durch
+Surrogate ersetzen koennen; mit der Schweiz und Piemont, mit Holland,
+Hannover, den Hansestaedten und Holstein muesse man sich zu verbinden
+suchen; der Koenig von Daenemark werde als treuer deutscher Bundesfuerst
+sicherlich geneigt sein, die Schiffe des Vereins mit seinem Danebrog zu
+decken. Das alles im Namen deutscher Ehre und mit dem unvermeidlichen
+patriotischen Pathos! Den Regierungen wurden die zudringlichen Mahnungen
+des Listschen Vereins, der sich auch in Darmstadt wieder durch Sendboten
+vertreten liess, bald sehr unbequem. Der badische Bevollmaechtigte Nebenius
+verbot seinem Sekretaer, mit List zu verkehren, sagte dem Agitator ins
+Gesicht, seine Anwesenheit sei ueberfluessig, errege schlimme Geruechte. List
+blieb ohne jeden Einfluss auf den Verlauf der Beratungen, und Berstett
+hielt fuer noetig, seinem Goenner Metternich von vornherein zu beteuern: nur
+das Gebot der Selbsterhaltung, "nicht die einseitigen, truegerischen, von
+einer kleinen Schar eigensuechtiger Fabrikanten ausgegangenen
+Deklamationen" haetten das Darmstaedter Unternehmen hervorgerufen.
+
+Die Kabinette selbst waren mit nichten einiger als die oeffentliche
+Meinung, denn die verbuendeten Staaten bildeten nur scheinbar eine
+geographische Einheit. Sobald man den Geschaeften ernsthaft ins Auge sah,
+zeigte sich, dass eine natuerliche Gemeinschaft sueddeutscher
+Volkswirtschaft, dem Norden gegenueber, nicht bestand. Vielmehr trat wieder
+einmal jene eigentuemliche Stellung des Rheinlandes hervor, das so oft
+schon in unserer Geschichte die heilsame Rolle des Vermittlers gespielt
+hat zwischen Nord und Sued. Die kleinen oberrheinischen Staaten waren dem
+rheinischen Tieflande durch staerkere Interessen verbunden als den
+bayrisch-schwaebischen Landen. Nun gar Kurhessen und Thueringen wurden nur
+durch eine politische Schrulle, durch den Hass gegen Preussen, in diese
+sueddeutsche Genossenschaft getrieben. Darum verhielt sich der Kasseler Hof
+von vornherein unlustig und ablehnend. Die thueringischen Staaten begannen
+schon 1822 Sonderberatungen in Arnstadt, doch nahmen sie gleichzeitig an
+den Darmstaedter Konferenzen teil und belaestigten das Berliner Kabinett mit
+nichtssagenden allgemeinen Anfragen -- die bare Ratlosigkeit des
+Nichtwollens und Nichtkoennens.
+
+Und welch ein Gegensatz der staatswirtschaftlichen Gesetze und Ansichten!
+In Baden verboten sich hohe Zoelle von selbst, weil das gesamte Land nur
+aus Grenzbezirken bestand und die benachbarte Schweiz noch kein geordnetes
+Mautwesen besass. Die Regierung verstand die guenstige Handelslage des
+Staates geschickt auszubeuten, sie begnuegte sich mit sehr niedrigen
+Finanzzoellen, welche einen schwunghaften Durchfuhrhandel nach Baden
+lockten und den Staatskassen reichen Ertrag brachten. Die Grossindustrie
+konnte unter diesem Systeme freilich nicht Fuss fassen; sie galt im
+Finanzministerium fuer ueberfluessig. Auch das Volk vermisste sie nicht, da
+der Freihandel wohlfeile Fabrikwaren vom Auslande brachte. Alle deutschen
+Nachbarn aber klagten laut; denn ein grossartiger Schmuggelhandel trieb von
+Baden her, namentlich auf dem Schwarzwalde, sein Unwesen, fand bei der
+Regierung unziemliche Nachsicht; manche haessliche Skandalfaelle, so der
+ungeheure Defraudationsprozess der Firma Renner, erinnerten an Koethensche
+Zustaende. In Darmstadt herrschte noch ein veraltetes physiokratisches
+System, das keine Grenzzoelle kannte und fast den gesamten Staatsaufwand
+aus direkten Steuern und dem Ertrage der Domaenen bestritt; der Mainzer
+Handelsstand, der die Douanen Napoleons noch nicht vergessen konnte,
+beschwor die Regierung, sich vor dieser Pest zu hueten. In Nassau ging das
+herzogliche Domanium mit seinen herrlichen Rebgaerten und Mineralwassern
+jedem anderen wirtschaftlichen Interesse vor. Daher hielt Marschall die
+Fabriken fuer staatsgefaehrlich, Grenzzoelle zum mindesten fuer bedenklich und
+fuehrte ein Akzisesystem ein, das er den Nachbarn oft als ein
+finanzpolitisches Meisterwerk empfahl. Der maechtige Beamtenstand befand
+sich wohl bei der unnatuerlichen Wohlfeilheit des Konsums auf dem engen
+Markte; nach den Produzenten fragte niemand. Bayern dagegen besass bereits
+in Franken und Schwaben die ersten Anfaenge einer aufstrebenden
+Grossindustrie; die bayerischen Zoelle standen im Durchschnitt etwas
+niedriger als die preussischen, brachten aber geringen Ertrag wegen der
+unverhaeltnismaessigen Kosten der Grenzbewachung. Der wuerttembergische
+Gewerbefleiss blieb hinter dem bayerischen noch etwas zurueck; die
+Stuttgarter Handelspolitik stand daher in der Mitte zwischen dem
+Freihandel der Rheinuferstaaten und den schutzzoellnerischen Wuenschen der
+bayrischen Fabrikanten.
+
+So abweichende Richtungen zu versoehnen war unmoeglich auf dem engen Raume
+eines sueddeutschen Verbandes. Allein ein grosses freies Marktgebiet konnte
+die Staaten genugsam entschaedigen fuer die unvermeidlichen Opfer und
+Belaestigungen, welche jeder Zollverein anfangs den Genossen auferlegt; und
+diesen einzig ausreichenden Ersatz gewann man nur durch den Anschluss an
+Preussen, der von saemtlichen Teilnehmern grundsaetzlich verworfen wurde.
+"Wir alle -- so gestand du Thil spaeterhin selber -- strebten ja einzig
+darnach Front gegen Preussen zu machen." Selbst die politische Eintracht
+der Verbuendeten stand auf schwachen Fuessen, wie laut auch die Liberalen den
+natuerlichen Bund der konstitutionellen Staaten priesen. {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Es war ein
+Unglueck fuer die Konferenz, dass ihr mehrere Bundesgesandte als
+Bevollmaechtigte angehoerten und also auch noch die Raenke und Klatschereien
+der Eschenheimer Gasse in das wueste Durcheinander der Beratungen
+hineinspielten. Du Thil hingegen betrieb die Verhandlungen, wie sein
+greiser Grossherzog, mit nuechternem Geschaeftsverstande und wollte von
+politischen Hintergedanken nichts hoeren. Marschall und nach einigem
+Schwanken auch Berstett blieben in dem politischen Fahrwasser der Hofburg.
+Das Muenchener Kabinett endlich zeigte keine feste Haltung. Waehrend
+Aretin(50), der erste Bevollmaechtigte, in Darmstadt wie in Frankfurt
+vorsichtig den Spuren Wangenheims folgte und Lerchenfeld(51) {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} den
+sueddeutschen Handelsverein ehrlich wuenschte, betrachtete Graf Rechberg(52)
+die Darmstaedter Konferenz mit Misstrauen, und der zweite Bevollmaechtigte
+Joerres, der ganz von Rechberg abhing, tat unter der Hand das Seinige, um
+die Verhandlungen zu erschweren. Mit zaehem Eigensinn hielt jeder Hof seine
+Forderungen fest, obschon im Grunde noch keiner eine durchgebildete
+handelspolitische Ueberzeugung besass; jede Nachgiebigkeit erschien wie ein
+Verrat an der eigenen Souveraenitaet. So fehlten alle Vorbedingungen einer
+Verstaendigung.
+
+Ein prunkendes Aushaengeschild fuer den Verein war rasch gefunden. Die
+Handelspolitik der Verbuendeten sollte auf dem
+"staatswirtschaftlich-finanziellen Prinzipe" ruhen -- ein schoenes Wort, dem
+leider jedes Kabinett einen anderen Sinn unterlegte. Der tuechtigste
+Staatswirt der Versammlung, Nebenius, ward auf du Thils Vorschlag
+beauftragt, einen Entwurf fuer die Beratungen auszuarbeiten. Voll
+Zuversicht ging er ans Werk; er teilte die allgemeine Ansicht der
+sueddeutschen Bureaukratie, dass die Beseitigung der Binnenmauten den
+Partikularismus kraeftigen muesse, und schrieb seinem Hofe hoffnungsvoll:
+durch unseren Verein "wird den Einheitspredigern das wichtigste und
+schlagendste Argument siegreich entrissen." Jedoch der Plan, den er am
+27. November vorlegte, entsprach allein dem badischen Interesse, war fuer
+alle anderen Staaten unannehmbar. Er schlug ein System sehr niedriger
+Finanzzoelle vor, fuer den Zentner Kolonialwaren 30 Kreuzer bis 2 fl., fuer
+Fabrikwaren 5 bis 15 fl. -- Saetze, welche Aretin viel zu gering fand. Der
+Streit blieb unloesbar, da beide Teile sich auf unwiderlegliche Gruende
+stuetzten. Ein kleines Zollgebiet bedarf des Freihandels, weil es die
+Kosten scharfer Grenzbewachung nicht tragen kann; doch ebenso gewiss
+genuegten die badischen Zoelle nicht, um die werdende bayrische Industrie zu
+schuetzen.
+
+Nebenius wollte ferner alle Zoelle an den Grenzen erheben, keine Packhoefe
+dulden, nur die Rheinhaefen ausserhalb der Mautlinie liegen lassen. Dahinter
+verbarg sich die Hoffnung der Karlsruher Bureaukratie, Kehl und Mannheim
+zu Hauptstapelplaetzen des Vereins zu erheben. Mit Recht erhob Bayern
+lebhaften Widerspruch: nur bei ganz niedrigen Zoellen seien Lagerhaeuser
+entbehrlich; auch solle man die Hoffnung auf Frankfurts Beitritt
+festhalten und nicht den natuerlichen Mittelpunkt des oberrheinischen
+Speditionshandels zugunsten kleinerer Plaetze benachteiligen. In demselben
+Geiste badischer Engherzigkeit war der weitere Antrag, dass den
+Grenzstaaten gestattet werde, von allen Waren, welche der Verein zollfrei
+einlasse, Zoelle fuer ihre eigne Rechnung zu erheben. Sofort widersprachen
+alle rueckwaerts liegenden Staaten. Auch bei der Verteilung der allgemeinen
+Zolleinnahmen vergass Nebenius den Vorteil Badens nicht, das allerdings
+unter den Bundesgenossen die reichsten Zolleinkuenfte besass. Er verlangte
+als Massstab: die Kopfzahl und die Laenge der Grenzen, welche jeder Staat zu
+bewachen habe. Ebenso dreist bestand Bayern auf seinem Interesse: man
+muesse einen Durchschnitt suchen aus der Kopfzahl und dem Umfange des
+Gebiets -- weil Bayern duenner bevoelkert war als die Nachbarlande.
+
+Die gesetzgebende Gewalt wollte Nebenius einer Konferenz von
+Bevollmaechtigten anvertrauen, die alljaehrlich zusammenzutreten und mit
+einfacher Mehrheit zu beschliessen haette. Der Muenchener Hof aber war nicht
+geneigt, sich den kleinen Mitverbuendeten also zu unterwerfen; Aretin trug
+das Selbstgefuehl der Macht ruecksichtslos zur Schau und forderte fuer jede
+halbe Million eine Stimme -- das wollte sagen: die Stimmenmehrheit fuer
+Bayern allein -- was wieder von du Thil und den anderen Kleinen als "ein
+allzu naiver Versuch" zurueckgewiesen wurde. Die Zollverwaltung endlich
+sollte von einem gemeinsamen Beamtentum gefuehrt, durch eine permanente
+Kommission beaufsichtigt werden. Seltsamerweise erregte diese
+Zentralverwaltung zunaechst geringen Anstoss. Die schwaebische Bureaukratie
+sprach sogar lebhaft dafuer. Dem allmaechtigen Stande der wuerttembergischen
+Schreiber blieb der Verein unheimlich, der so viele Schreiberstellen
+aufzuheben drohte. Indes wenn sich das Unheil nicht abwenden liess, so
+erschien die Zentralverwaltung als das geringere Uebel; sie musste doch aus
+jedem Staate eine zahlreiche Beamtenschar anstellen. Behielten dagegen die
+Staaten ihre selbstaendige Zollverwaltung, so hatte Wuerttemberg nur zwei
+Grenzmeilen am Bodensee zu ueberwachen, und die ganze Herrlichkeit der
+koeniglichen Mautverwaltung brach zusammen!
+
+Die Verhandlung ueber jene Streitfragen ward bald gereizt und gehaessig.
+Nebenius sprach in seinen Berichten mit sehr ungerechter Bitterkeit ueber
+die Gegner, die doch vielfach wohlbegruendeten Einspruch erhoben. Zudem
+vertrat noch jeder Staat seine eigentuemlichen Wuensche. Reuss und Weimar
+wollten das Geleitsgeld fuer ihre imaginaeren Harnischreiter nicht ohne
+Entschaedigung aufgeben. Der Kurfuerst von Hessen weigerte sich, seine
+Transitzoelle dem Vereine zu ueberlassen, forderte zum mindesten ein
+Praezipuum(53) fuer den starken Konsum franzoesischer Weine, worauf man mit
+der kecken Luege antwortete, im Oberland werde davon mehr getrunken als in
+Kurhessen. Baden wollte nicht beitreten, wenn nicht sogleich ein
+Handelsvertrag mit der Schweiz abgeschlossen wuerde. Derweil also die
+Meinungen ziellos durcheinander wogten, hofften mehrere der Kabinette,
+einmal selbst der bayrische Hof, auf Preussens Zutritt! Wiederholt besprach
+man in Darmstadt die Aufnahme der preussischen Rheinlande; dem kreisenden
+Berge dieses Sonderbunds zu Lieb sollte Preussen die schwer erkaempfte
+handelspolitische Einheit seines Gebiets wieder zerreissen! {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}
+
+Nachdem man sechs Monate auf die bayrischen Instruktionen gewartet,
+erklaerte endlich (Juli 1821) der bayrische Bevollmaechtigte, sein Hof
+verlange, dass das bestehende bayrische Zollgesetz dem Vereine zur
+Grundlage diene. So begann der trostlose Streit von neuem. Darauf, nach
+anderthalb Jahren, bot sich eine Gelegenheit, die Lebenskraft des Vereines
+zu erproben. Frankreich erliess am 23.-April 1822 ein neues Douanengesetz,
+das die Interessen der oberdeutschen Staaten offenbar feindlich verletzte,
+die wichtigsten Gegenstaende der Einfuhr aus Sueddeutschland, Schlachtvieh
+und Wolle mit unerschwinglichen Zoellen belegte. Der Schlag traf fast alle
+sueddeutschen Lande gleichmaessig; sollte nicht mindestens gegen diesen
+Angriff gemeinsame Abwehr moeglich sein? Man verhandelte und verhandelte.
+Baden verbot (17.-Mai) die Weineinfuhr auf seiner Westgrenze; Wuerttemberg
+schloss sich diesen Retorsionen an; mit Bayern war keine Verstaendigung zu
+erzielen. In seiner Not wendete sich Berstett an Metternich, bat die
+Hofburg um ihre guten Dienste in den Tuilerien. Nach fast zwei Monaten
+(12.-August) erwiderte der Oesterreicher: "es ist kaum zu erwaehnen noetig,
+wie sehr bereit wir sind", den deutschen Bundesstaaten jede Gefaelligkeit
+zu erweisen; aber das franzoesische Gesetz ist das Ergebnis der nationalen
+Meinung und eines "national-oekonomischen Systems, das faktisch das
+Lieblingssystem unserer Zeit geworden ist." Das war die Hilfe, welche
+Deutschlands Volkswirtschaft von Oesterreich zu erwarten hatte! Zuletzt
+riefen die unsicheren, vereinzelten Retorsionen der sueddeutschen Hoefe nur
+einen neuen gehaessigen Zank zwischen Bayern und Baden hervor; denn da die
+bayrische Pfalz keine Mauten besass, so musste Baden, um die franzoesischen
+Weine wirksam zu treffen, auch die Weineinfuhr vom bayrischen Ueberrhein
+verbieten, was wieder bayrische Klagen veranlasste -- und so weiter ins
+Unendliche.
+
+Gegen den Herbst 1822 schienen die Verhandlungen wieder vorwaerts zu
+ruecken. Bayern, ermutigt durch einen draengenden Beschluss seines Landtags,
+legte sich kraeftig ins Zeug; der rastlose Wangenheim brachte einen
+Vermittlungsantrag ein, zugunsten der bayrischen Vorschlaege. Aber noch
+immer ward man nicht Handels einig, man zerrte herueber und hinueber. Da
+verlor die darmstaedtische Regierung die Geduld; sie hatte ihrem Landtage
+baldige Regelung des Zollwesens versprochen und erklaerte jetzt (Februar
+1823): wenn man nicht endlich sich vergleiche, so werde Darmstadt fuer sein
+eignes Haus sorgen.
+
+Die preussische Regierung sah diesen wohlgemeinten aber aussichtslosen
+Verhandlungen gelassen zu, da sie sich mit jedem Jahre mehr von der
+Lebenskraft ihres eigenen Zollgesetzes ueberzeugte, und liess sich in ihrer
+kuehlen Geringschaetzung nicht stoeren, als die landesueblichen Kraftreden
+wider Preussens Zollsystem auch auf der Darmstaedter Konferenz erklangen.
+Eine Denkschrift des Auswaertigen Amtes bemerkte darueber spaeterhin trocken:
+"Man waehlte in Darmstadt Preussen zum Stichblatt, weil man dadurch die
+oeffentliche Meinung gewann und seine eigenen Plaene leichter durchsetzen
+konnte." Metternich hingegen, der den Darmstaedter Plaenen keinen
+fruchtbaren Gedanken entgegenzustellen wusste, ward der Sorgen nicht ledig.
+Schon vor Eroeffnung der Konferenzen ermahnte er Berstett, mindestens den
+Einfluss der Subalternen und der Landstaende fern zu halten. Zugleich musste
+Marschall gegen den Karlsruher Hof den Verdacht aeussern, ob vielleicht
+Nebenius selber zu den verkappten Demagogen gehoere. Der badische Minister
+versuchte seinen Goenner zu beschwichtigen und gab an Nebenius gemessene
+Weisung, sich vor allen politischen Nebengedanken zu hueten: "Auch aus dem
+Einfachsten wird Gift gesogen. Ruecksichten, die mehr gefuehlt als
+bezeichnet werden koennen, verbieten, den Landtagen irgendwelche Einwirkung
+zu gestatten." Gleichwohl blieb Metternich argwoehnisch, und sein Marschall
+gestand ihm wehmuetig: da der Kaufmann mit seinem beweglichen Kapitale
+leider nicht einem, sondern allen deutschen Staaten angehoere, so koenne die
+Handelssache von den Revolutionaeren allerdings leicht fuer ihre
+Einheitstraeume ausgebeutet werden. Selbst der unverkennbare Misserfolg der
+Konferenzen beruhigte die Leiter der deutschen hohen Polizei nicht: dieser
+Verschwoerer Wangenheim war ueberall, selbst das badische Land sollte er zu
+Pferde durchstreift haben, um sich mit den liberalen Abgeordneten zu
+besprechen. {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}
+
+Am 3. Juli 1823 erklaerte schliesslich du Thil den Austritt seines
+Grossherzogs aus der Darmstaedter Konferenz, weil Hessen ausserstande sei,
+die Ordnung seines Zollwesens noch laenger zu verschieben. Nassau folgte
+dem Beispiele. Darauf weigerte sich Bayern, ohne Darmstadt weiter zu
+verhandeln; unter lebhaften gegenseitigen Anklagen ging der Kongress
+auseinander, nach drei Jahren unerquicklichen Streites. Er scheiterte an
+der Unmoeglichkeit, abweichende Interessen in engem Rahmen
+zusammenzuhalten.
+
+Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 302 ff.
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+ 50 Adam Freiherr v. Aretin, geb. 24. August 1769, gest. 16. August
+ 1822, war seit 1817 bayrischer Bundesgesandter.
+
+ 51 Maximilian v. Lerchenfeld, geb. 16. November 1778, gest. 14. Oktober
+ 1843, war von 1817-1825 bayrischer Finanzminister.
+
+ 52 Aloys Graf v. Rechberg und Rothenloewen, geb. 18. September 1766,
+ gest. 10. Maerz 1849, war bayrischer Minister des Auswaertigen.
+
+ 53 Eine besondere Verguetung.
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+
+
+5. Motzs deutsche Handelspolitik.
+
+
+In das achte Jahr hinein hatte Minister Klewiz sein schweres Amt ertragen,
+mit unwandelbarer Geduld die grosse Steuerreform aufrecht gehalten wider
+zahllose Angriffe von innen und von aussen. Aber das Defizit vermochte er
+nicht zu beseitigen, trotz allen neu angeordneten Ersparnissen; denn er
+begnuegte sich mit einer bescheidenen Stellung, die es ihm unmoeglich
+machte, den Staatshaushalt vollstaendig zu uebersehen. Er trug vor der Welt
+die Verantwortung fuer das gesamte Finanzwesen; und gleichwohl verfuegte
+Ladenberg(54) mit seiner Generalkontrolle selbstaendig ueber alle Ausgaben
+und einen Teil der Einnahmen des Staates. Und dazu noch die unabhaengige
+Staatsschuldenverwaltung, bei deren Einsetzung Klewiz nicht einmal befragt
+wurde. Da der Streit der Departements einen vollstaendigen Etat gar nicht
+mehr zustande kommen liess, so musste der Minister schon 1824 die fuer jedes
+dritte Jahr versprochene Bekanntmachung des Budgets unterlassen. Muede der
+ewigen Reibungen und doch zu schuechtern, um fuer sich selber die gebuehrende
+Macht zu fordern, erklaerte er im Dezember 1824 dem Koenige, unter den
+bestehenden Ressortverhaeltnissen vermoege er das Gleichgewicht der Finanzen
+nicht herzustellen, und erbat sich nachher die Oberpraesidentenstelle in
+seiner saechsischen Heimat.
+
+Der Koenig liess darauf (12. Dezember) den vier Praesidenten Schoen, Vincke,
+Motz und Schoenberg den Entwurf des neuen Etats zusenden mit der Anfrage:
+welche Bedenken sie dawider haetten und welche besonderen Befugnisse sie
+fuer den kuenftigen Finanzminister noch verlangten, damit er das
+Gleichgewicht wieder herstellen koenne. Jeder der vier sollte antworten,
+als ob er selber zur Uebernahme des Finanzministeriums bestimmt sei; keiner
+durfte von der Befragung der anderen etwas erfahren {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Nur Motz traf in
+seiner Antwort mit sicherer Hand den eigentlichen Sitz des Uebels, den
+Dualismus der Finanzverwaltung. Er forderte fuer den Minister kurz und gut
+Sitz und Stimme in der Generalkontrolle, so dass auch die Ausgabeetats
+nicht ohne seine Genehmigung zustande kommen koennten; sodann ganz freie
+Hand bei der Auswahl seiner Raete, endlich Zentralisation des Kassenwesens.
+In zwei weiteren Denkschriften {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} verlangte er ferner die Aufstellung
+voellig zuverlaessiger Etats und erklaerte sich entschieden gegen die
+Wiedereinfuehrung der Provinzialministerien. Denn neben solchen
+Unterministern sei ein maechtiger Finanzminister unmoeglich; dieser muesse
+unmittelbar an der Verwaltung teilnehmen, um "unverbesserliche Missgriffe,
+Einseitigkeit und Indolenz" zu verhueten: "er kann nicht darauf beschraenkt
+bleiben, durch Etats und Verwaltungsnormen nur die Zukunft nach seinen
+Ansichten zu regeln; auch kann es ihm nicht helfen, die Vergangenheit nach
+toten Zahlen zu meistern". --
+
+Die Entscheidung konnte nicht zweifelhaft sein {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Der Koenig entschied sich
+fuer Motz. Er ahnte in jenem Augenblicke selber nicht, wie segensreich
+dieser Entschluss auf den Gang der deutschen Geschichte einwirken sollte.
+
+Motz stand in seinem 50. Jahre, als er am 1. Juli 1825 sein Amt uebernahm,
+der einzige Staatsmann in einem Kabinett von Geschaeftsmaennern(55). Auch
+dieser Kurhesse war einst, wie Eichhorn, durch den Glanz der
+friderizianischen Zeiten aus seiner kleinstaatlichen Heimat in den
+preussischen Staatsdienst hinuebergefuehrt worden. Eine ungleich glaenzendere
+und doch nicht minder gediegene Natur als der stille gelehrte Maassen,
+tatkraeftig, wagelustig, voll kecken Selbstvertrauens, das sich oft in
+beissenden Sarkasmen aeusserte, hatte der ruestige Naturalist in einer
+wechselreichen praktischen Laufbahn alle Buecherweisheit verachten gelernt
+und doch verstanden, die lebendigen Ideen der Zeit sich anzueignen {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Das
+waren seine frohesten Tage gewesen, da er als junger Landrat auf dem
+Eichsfelde bald zu Pferd bald mit der Jagdflinte auf der Schulter seinen
+Kreis durchstreifte und die Bauern auf ihren Hoefen besuchte, selten mit
+Befehlen eingreifend, immer bereit, dem geringen Manne zu zeigen, wie man
+sich selber helfen koenne, denn "Selbsttaetigkeit entspricht dem energischen
+Charakter des preussischen Volkes." Dort gewoehnte er sich den Bauernstand
+als den Kern der Nation zu schaetzen: "lieber die drueckendsten
+Luxusauflagen, lieber wie Pitt alle Elemente besteuern, als den Schweiss
+des Landmanns belasten." Der Friede von Tilsit zwang ihn, in die Dienste
+des verhassten Koenigreichs Westfalen zu treten; er leitete das Steuerwesen
+im Harzdepartement, erschien zweimal als Deputierter bei dem Gaukelspiele
+des Kasseler Landtages und beobachtete voll froher Ahnungen, wie
+unterdessen der preussische Staat die Gedanken echter deutscher Freiheit in
+sich aufnahm. Kaum kam die Kunde von der Leipziger Schlacht, so rief er
+seine Eichsfelder wieder unter die alten Fahnen und war sodann in Halle
+und Fulda bei der Organisation der wiedereroberten Provinzen taetig.
+
+Als Praesident in Erfurt half er nachher, jenen Zollvertrag mit
+Sondershausen abschliessen, der so vielen anderen zum Vorbilde dienen
+sollte. Hier in Thueringen trat ihm die ganze Hilflosigkeit der deutschen
+Kleinstaaterei vor Augen. Grenzenlos war seine Verachtung gegen die
+kleinen Hoefe. Er kannte ihre Gesinnung genugsam aus den Schicksalen seiner
+eigenen Familie, die unter dem Geize des hessischen Kurfuersten schwer zu
+leiden hatte, und lernte sie noch richtiger schaetzen, als der Koenig ihn
+einmal nach Kassel sendete, um die ehelichen Zwistigkeiten im hessischen
+Hause -- natuerlich ohne Erfolg -- zu beschwichtigen. Ein stolzer Preusse von
+Grund aus, freimuetig, selbstaendig in allem, wollte er das Lob Oesterreichs,
+das in den Beamtenkreisen gesungen wurde, niemals gelten lassen: pfui ueber
+diese faule, unwissende, unredliche k. k. Verwaltung. Ausser Canning(56)
+war Motz der einzige Staatsmann dieser Epoche, der die Hohlheit
+Metternichs voellig durchschaute. Waehrend fast alle anderen preussischen
+Staatsmaenner ein stilles Zagen nicht ueberwinden konnten, blieb diesem
+frischen Geiste die frohe Zuversicht des Jahres 1813 ungeschwaecht. "Ein
+guter Krieg wird uns wohl tun, sagte er oft. Aber es muss ein Volkskrieg
+sein, und dann werden wir Kraefte entwickeln, ueber die man staunen wird."
+
+Motz wollte die Stein-Hardenbergischen Reformen bis in die letzten
+Konsequenzen vollendet sehen: eine neue Landgemeindeordnung sollte
+ergaenzend neben die Staedteordnung treten, die Abloesung der Grundlasten
+vollstaendig ausgefuehrt, auch die Ausgleichung der Grundsteuer vollzogen
+werden -- um der Gerechtigkeit willen, selbst wenn der Staat dabei Verluste
+erlitte {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}
+
+Waehrend seiner angestrengten Verwaltungstaetigkeit in Erfurt und nachher
+als Oberpraesident in Magdeburg entstanden die Denkschriften ueber die
+Abrundung des preussischen Staatsgebietes, ueber den Anschluss der kleinen
+Kontingente an das preussische Heer, ueber die Reform der Verwaltung. Diese
+rasch hingeworfenen Arbeiten zeigen schon sein ganzes Wesen: weiten,
+scharfen Blick, vorurteilsfreien, hochherzigen Patriotismus, aber auch
+einen Zug von genialem Leichtsinn, der notwendig zu seinem Bilde gehoert.
+Ohne solche Lust am kecken Wagen und Plaeneschmieden haette er schwerlich
+die Kraft gefunden, in einer Epoche der Ermattung und Entsagung den Neubau
+des deutschen Staates vorzubereiten. Die ihm naeher standen, empfingen den
+Eindruck, dass hier eine gross angelegte Natur, ein gedankenreicher,
+unruhiger, ueberaus produktiver Kopf in allzu engem Wirkungskreise sich
+aufzureiben drohte. Der Mann bedurfte einer grossen Taetigkeit, wenn die
+Ideen, die in seinem Geiste gaerten, sich abklaeren, wenn sein starker
+Ehrgeiz und seine frohe Willenskraft sich frei entfalten sollten.
+
+Um das Defizit zu beseitigen, hatte der Koenig den neuen Minister berufen.
+Die glueckliche Loesung dieser naechsten Aufgabe bildete zugleich die
+Vorbedingung fuer das Gelingen der handelspolitischen Plaene, welche Motz
+seit jenem Sondershausener Vertrage nicht mehr aus den Augen verloren
+hatte; nur wenn das Gleichgewicht des Staatshaushalts gesichert war,
+konnte die Krone Zollvertraege von zweifelhaftem finanziellem Erfolge
+wagen. In den Kreisen des hohen Beamtentums wurde die Lage der Finanzen
+allgemein sehr unguenstig beurteilt. Hatte man vor sechs Jahren
+schlechterdings nicht glauben wollen, dass in Preussen ein Defizit bestehen
+koenne, so hielt man jetzt den Zustand fuer ganz verzweifelt, weil man die
+Ergiebigkeit der neuen Steuern nicht genau kannte. Motz teilte diese
+duestere Ansicht nicht. Er war ueberzeugt, das vielbeklagte Defizit sei
+laengst nicht mehr vorhanden, wenn nur erst Einheit, Uebersicht, Ordnung in
+das Finanzwesen komme; "aber, sagte er spaeter zu seiner Tochter, ich
+huetete mich wohl, Ueberschuesse zu versprechen, man haette mich fuer
+wahnsinnig gehalten." --
+
+Einen minder mutigen Mann haette die Lage des Marktes wohl erschrecken
+koennen. Zur selben Zeit, da Motz ins Amt trat, brach ueber England eine
+furchtbare Handelskrisis herein, eine der schwersten Erschuetterungen,
+welche die Handelsgeschichte kennt. Die Eroeffnung des suedamerikanischen
+Marktes hatte eine fieberische Spekulation erweckt, welcher nun der
+natuerliche Rueckschlag folgte: in fuenf Vierteljahren stuerzten mehr als 70
+Banken und an 3600 Geschaeftshaeuser zusammen. Auch Deutschland blieb von
+dem Unheil nicht verschont, wie bescheiden auch sein Anteil am Weltverkehr
+noch war: die grosse Firma Reichenbach in Leipzig und einige der ersten
+Haeuser Berlins gingen zugrunde. Doch was bedeutete diese Bedraengnis des
+Geldmarkts neben der namenlosen Not des deutschen Landbaues, die wie alle
+landwirtschaftlichen Krisen ungleich langsamer ueberwunden wurde? Die
+Hungerjahre waren kaum ueberstanden, da fielen die Preise aller
+landwirtschaftlichen Erzeugnisse schnell und anhaltend. Die Zollgesetze
+des Auslandes und der elende Zustand der Strassen hemmten die Abfuhr der
+ueberreichen Ernten; selbst die technischen Fortschritte, welche die
+deutsche Landwirtschaft ihren Lehrern Thaer und Schwerz verdankte, wirkten
+fuer jetzt nachteilig, da die Konsumtion dem gesteigerten Angebot so rasch
+nicht zu folgen vermochte. Der Wert der Grundstuecke sank in manchen
+Landesteilen tiefer als einst zur Zeit des Krieges. Nur die Schaefereien
+behaupteten sich noch; Deutschland allein fuehrte nach England ueber zweimal
+soviel Wolle aus als alle uebrigen Laender zusammen. Aber auch dieser
+Vorteil drohte zu schwinden, seit die Fremden von uns zu lernen begannen,
+deutsche Hirten und Schafe in Russland, Schweden, Frankreich, Australien
+verwendet wurden. Am haertesten litt das unglueckliche Altpreussen; waehrend
+der Kriegsjahre war mehr als die Haelfte seines Viehstandes draufgegangen,
+jetzt stand in einzelnen Gegenden der Tagelohn auf 3 bis 4 Sgr., in
+anderen wurde der Scheffel Roggen fuer 5 Sgr. ausgeboten. Schoens Schwager,
+Oberst Bruenneck, suchte den Nachbarn zu helfen durch die Einfuehrung der
+Schafzucht und anderer technischer Verbesserungen; doch nur wenige waren
+imstande, sich auf neue Unternehmungen einzulassen. Auf die flehentliche
+Bitte der Staende gewaehrte der Koenig "dieser alten Kernprovinz" abermals
+ausserordentliche Unterstuetzungen: Chausseen wurden gebaut, grosse
+Getreideankaeufe fuer die Armee angeordnet, auch Magazine angelegt, welche
+den Preis des Scheffels Roggen auf der Hoehe von 1 Taler halten sollten.
+
+Dann erlangte Schoen(57) noch eine neue Bewilligung von 3 Millionen Taler
+zur Rettung verschuldeter Grundbesitzer. Als guter Patriot wollte er
+vornehmlich die alten, mit der Geschichte des Landes verwachsenen
+Geschlechter im Besitze ihrer Stammgueter erhalten. Dieselbe Meinung
+vertrat sein Freund Staegemann(58) im koeniglichen Kabinett; der war, obwohl
+ein Anhaenger der neuen Volkswirtschaftslehre, doch von jeher der Ansicht
+gewesen, dass durch den Untergang der alten Grundbesitzer der Staat selber
+zugrunde gehe: "es scheint mir ganz simpel, weil ein anderer Staat daraus
+wird". Aber die bewilligte Summe reichte nicht von fern aus, obwohl sie
+fast den sechszehnten Teil der gesamten Staatseinnahmen ausmachte; zudem
+musste die grosse Kreditanstalt der Provinz, die "Landschaft", der die
+bedraengten Grundherren allesamt verschuldet waren, um jeden Preis vor dem
+Bankrott bewahrt werden, wenn man nicht das ganze Land dem Verderben
+preisgeben wollte. Daher befahl der Koenig auf Schoens Vorschlag (1824), die
+Unterstuetzungsgelder zwar zunaechst zur Rettung der alten
+Grundherrengeschlechter zu verwenden; wenn es aber ganz unmoeglich sei,
+eine Familie im Besitze zu erhalten, dann solle sie mit einer notduerftigen
+Pension abgefunden und ihr Stammgut durch die Landschaft unter den Hammer
+gebracht werden.
+
+Mit dieser fast unbeschraenkten Vollmacht schritt Schoen ans Werk. Das
+Schicksal des altpreussischen Adels lag in seiner Hand. Abermals, und noch
+stuermischer, als vor Jahren bei der Verteilung der ersten
+Kriegsentschaedigungsgelder, draengte sich alles um die Gunst des
+Beherrschers der Provinz. Er tat sein Bestes, viele wackere Maenner vom
+Landadel verdankten allein seiner Fuersorge die Erhaltung ihres Besitzes;
+wo er aber die Lage fuer hoffnungslos hielt, da liess er die Landschaft
+unerbittlich zur Subhastation schreiten. So geschah es, dass unter der
+Mitwirkung dieser wohlwollenden Regierung die Grafen Schlieben, die Grafen
+Goltz und viele andere angesehene Adelsgeschlechter von Haus und Hof
+verjagt wurden -- die meisten schuldlos, denn der letzte Grund ihrer Not
+lag doch in den patriotischen Opfern der Kriegszeit. Hunderte von
+Landguetern wurden versteigert, einmal ihrer 218 fast zu gleicher Zeit; das
+unmaessige Angebot drueckte die Preise so tief herab, dass die Landschaft
+selber nur durch Zuschuesse des Staates sich behaupten konnte. In manchen
+Teilen der Provinz wechselte die volle Haelfte der grossen Gueter ihren
+Besitzer {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}
+
+Mit diesen traurigen Wirren hatte der Finanzminister unmittelbar nichts zu
+schaffen, aber an dem Ertrage der Abgaben lernte er die Not der
+Landwirtschaft nur zu gruendlich kennen, obwohl der Koenig bei allen seinen
+Unterstuetzungen streng den Grundsatz einhielt, dass auch dem Beduerftigsten
+niemals ein Nachlass an den Staatssteuern bewilligt werden duerfe. Um die
+Schwierigkeiten zu bemeistern, wollte Motz zunaechst die Lage des
+Staatshaushalts genau uebersehen und erneuerte daher seine alte Forderung,
+dass der Finanzminister in der Generalkontrolle Sitz und Stimme haben
+muesse. Der Koenig suchte nach seiner Gewohnheit zu vermitteln, weil er den
+verdienten alten Ladenberg nicht kraenken mochte, und ordnete an, der
+Finanzminister solle im Falle der Meinungsverschiedenheit durch einen
+seiner Raete muendlich mit dem Praesidenten der Generalkontrolle
+unterhandeln. Mit einer solchen Halbheit konnte sich Motz nicht zufrieden
+geben; denn zwischen den beiden koordinierten Behoerden hatte sich laengst
+ein tragikomischer Wettstreit des Amtseifers entsponnen, wie er nur in der
+preussischen Bureaukratie moeglich ist. Die Generalkontrolle suchte ihre
+Lebenskraft zu erweisen, indem sie den Etats zahllose laecherliche Monita
+zusetzte, zum Domaenenetat allein 91, zum Forstetat 146, und die
+Kalkulatoren des Finanzministeriums erwiderten natuerlich mit gleicher
+Muenze. Das Gezaenk war so unertraeglich, dass Motz sich entschloss, den Koenig
+um seine Entlassung zu bitten, wenn ihm seine berechtigte Forderung nicht
+gewaehrt wuerde. "Ich kann mich nicht dazu verstehen -- schrieb er an Lottum
+-- die Rolle zu uebernehmen, welche Herr v. Klewiz viele Jahre zum Nachteil
+der Finanzen des Staates ertragen hat." Ein solches Abschiedsgesuch galt
+nach den Grundsaetzen des alten Absolutismus als strafbarer Trotz, und Motz
+selber hielt fuer noetig, die Versicherung hinzuzufuegen: "ich wuerde der
+Gnade des Koenigs mich selbst unwuerdig erkennen, wenn ich, in Eitelkeit und
+Torheit befangen, mich auf anderem Wege in meiner Dienststelle zu
+konservieren bemueht sein wollte."
+
+Seit Stein im Fruehjahr 1807 aus aehnlichem Anlass ungnaedig entlassen worden,
+hatte kein Minister mehr gewagt, in diesem Tone zu reden; selbst
+Hardenberg hatte nur einmal, als er auf die Zustimmung des Koenigs sicher
+rechnen konnte, leise mit einem Abgang gedroht. Friedrich Wilhelm brauchte
+auch volle vier Monate, bis er dem neuen Minister sein selbstbewusstes
+Auftreten ganz verzieh. Dann aber hatte er sich durch Lottums Vortraege von
+der Unhaltbarkeit des bestehenden Dualismus gruendlich ueberzeugt, und da er
+seine bureaukratischen Hartkoepfe kannte, so ging er nunmehr sogleich weit
+ueber die Vorschlaege des Finanzministers selber hinaus. Am 8. April 1826
+ueberraschte er diesen durch die willkommene Mitteilung: er denke die
+Generalkontrolle ganz aufzuheben, ihre Geschaefte dem Finanzministerium zu
+uebertragen. Am 29. Mai wurde dieser Befehl vollzogen, und Ladenberg musste
+sich wehmuetig mit dem Praesidium der Oberrechnungskammer begnuegen. Motz
+aber war jetzt endlich Herr der Lage, und die anderen Minister empfanden
+bald, dass er sich berechtigt hielt, alle Gebiete der Verwaltung scharf zu
+ueberwachen. Der langsame Altenstein mochte wohl Grund haben, sich ueber die
+Anmassung des Finanzministers zu beschweren, denn umstaendliche
+Bedachtsamkeit reizte den stuermischen Mann leicht; doch ueber seine
+Kargheit konnte niemand klagen. Den Anforderungen der Kunst und
+Wissenschaft entsprach er, nach dem Masse der vorhandenen Mittel, sehr
+freigebig; als Kamptz(59) ihn wegen der hohen Kosten der Revision des
+Landrechts befragte, erwiderte er nachdruecklich: fuer ein solches Werk muss
+in Preussen immer Rat geschafft werden.
+
+In jedem Zweige des Finanzwesens spuerte man die ruestigen Haende des neuen
+Leiters. Durch eine gruendliche Reform der Kassenverwaltung verschaffte er
+sich einen genauen Ueberblick ueber alle Bestaende. Das Steuerwesen liess er
+in den Haenden Maassens, des Urhebers der neuen Zollgesetzgebung. Die beiden
+galten in der Beamtenwelt als Nebenbuhler, aber sie wurden Freunde. Maassen
+fuegte sich gern der raschen Entschlossenheit des juengeren Vorgesetzten,
+und dieser wusste wohl, was er der Umsicht und Sachkenntnis des
+Generalsteuerdirektors verdankte. "Alles mit Maassen", sagte er laechelnd,
+wenn ihn der besonnene Freund von einem uebereilten Wagnis zurueckgehalten
+hatte. Unter Maassen arbeitete der geistreiche Ludwig Kuehne(60), Motzs
+alter Freund von Erfurt her, der Schrecken aller Traegen und Mittelmaessigen;
+wie wusste er seine Leute in Atem zu halten, wenn er ihnen zurief:
+"Dummheit ist eine Gottesgabe, aber sie zu missbrauchen ist schaendlich!"
+
+In den Provinzen war das Steuerwesen bisher von den Regierungen verwaltet
+worden; der Koenig hatte indes bald eingesehen, wie wenig das langsame
+Kollegialsystem sich fuer diesen Zweig der Verwaltung eignet, und daher
+(1822) zunaechst in den beiden westlichen Provinzen das gesamte Steuerwesen
+einem Provinzialsteuerdirektor unterstellt. Diese Einrichtung bewaehrte
+sich vollstaendig und wurde durch Motz auch in den uebrigen Provinzen
+eingefuehrt. Die neuen Behoerden mussten nach Landesbrauch anfangs oft mit
+der Eifersucht der Regierungen kaempfen, auch das Volk empfing sie mit
+Argwohn, denn der Name der Zoellner hatte einen boesen Klang, in den alten
+Provinzen dachte man noch mit Schrecken an die Regiedirektoren des grossen
+Koenigs. Doch bald lernte man die Puenktlichkeit und schlagfertige Raschheit
+der Steuerbehoerden schaetzen; am Rhein wurde der Steuerdirektor v. Schuetz
+sogar ein volksbeliebter Mann. Jede tiefgreifende Steuerreform bedarf der
+Zeit, um ihren Wert zu erproben. Jetzt hatte die Geschaeftswelt sich nach
+und nach an die neuen Abgaben gewoehnt, die Beamten Uebung und Sicherheit
+erlangt in den ungewohnten Formen. Auch der Schmuggel begann nachzulassen.
+Etwa um das Jahr l827 konnte die Reform als abgeschlossen und in den
+Volksgewohnheiten festgewurzelt gelten.
+
+Zu ihrer Ergaenzung unternahm Motz die Neugestaltung der Domaenenverwaltung,
+die unter dem Drucke der grossen landwirtschaftlichen Krisis ganz in
+Verwirrung geraten war. Der Minister selbst und der neue Direktor des
+Domaenenwesens, Kessler, bereisten persoenlich saemtliche Domaenen und Forsten
+der Monarchie, ueberall jubelnd empfangen von der Jaegerei und den Paechtern,
+die es kaum fassen konnten, dass die Herren in Berlin sich endlich einmal
+ihrer Not annahmen. Dann ueberwies Motz, um mit dem alten Jammer
+aufzuraeumen, alle Rueckstaende einer besonderen Verwaltung und schloss fuer
+das gesamte Domanium neue, billigere Pachtvertraege, welche streng
+eingehalten wurden, aber hunderte von Paechtern vor dem Untergange
+bewahrten. Mit der Veraeusserung der Domaenen verfuhr er sehr vorsichtig; nur
+in Westpreussen und Posen liess er zahlreiche Vorwerke an deutsche
+Kolonisten veraeussern, "um einen selbstaendigen und der Regierung
+anhaenglichen Bauernstand zu bilden".
+
+Das Beste blieb doch, dass man nun endlich wusste, woran man war. Nach kaum
+drei Jahren, am 30. Mai 1828, konnte Motz dem Monarchen berichten, dass
+statt des gefuerchteten Defizits ein reiner Ueberschuss von 4,4 Millionen
+erzielt worden sei, der sich nach Eingang der Rueckstaende auf 7,8 Millionen
+steigern muesse; 3,245 Millionen waren bereits bar an den Staatsschatz
+abgefuehrt, 1,172 Millionen zu ausserordentlichen Ausgaben verwendet.
+Dankbar gestand er zu, ohne die grossen unter seinem Vorgaenger vollzogenen
+Reformen wuerde er nicht imstande sein, dem Koenig so erfreuliche Ergebnisse
+vorzulegen; aber er durfte sich sagen, nur er habe vermocht, die Ernte
+dieser Saaten einzuheimsen, und er fuehlte sich bereits so sicher, dass er
+eine maessige Verminderung der Klassensteuer vorzuschlagen wagte: die
+Steuerpflichtigkeit sollte fortan zwei Jahre spaeter als bisher, erst mit
+dem sechzehnten Lebensjahre beginnen. Auch fernerhin, so schloss der von L.
+Kuehne entworfene Bericht, werden die Grundsaetze der Finanzverwaltung
+bleiben: "Sparsamkeit und Ordnung in den gewoehnlichen Ausgaben;
+Bereithaltung der Kraefte, welche der Friede gewaehrt hat, fuer die Zeit des
+ersten Krieges; Aufrechterhaltung des Kredits durch Puenktlichkeit;
+Verwendung eines Teiles der Ueberschuesse als werbendes Kapital fuer die
+Zukunft fuer den Gewerbefleiss."
+
+Seitdem war Motz der Achtung des Koenigs sicher. Bei Hofe betrachtete man
+ihn als einen Emporkoemmling, da sein altes hessisches Adelsgeschlecht im
+preussischen Dienste neu war. Die Partei Wittgensteins [des
+Polizeiministers] witterte bald den Liberalismus des Ministers heraus;
+Lottum aber und die anderen Anhaenger der unbedingten Sparsamkeit tadelten
+seinen Leichtsinn, weil er mit den steigenden Einnahmen auch das knappe
+Ausgabenbudget allmaehlich um etwa 900000 Taler erhoehte. Wagten sich solche
+Vorwuerfe aus dem Dunkel heraus, dann rechtfertigte er sich stets freimuetig
+vor dem Koenige selbst, denn ohne das Vertrauen des Monarchen koenne der
+Finanzminister als Aufseher der gesamten inneren Verwaltung nicht bestehen
+{~HORIZONTAL ELLIPSIS~}
+
+In den letzten Jahren hatte Preussens Handelspolitik auch den kleinen
+Nachbarn gegenueber nur wenig Erfolge errungen. Die von preussischem Gebiete
+umschlossenen Kleinstaaten waren durch das wueste Geschrei, das sich an den
+Hoefen und in der Presse wider das Zollgesetz erhob, gruendlich
+eingeschuechtert. Der Fuerst von Rudolstadt getraute sich erst nach drei
+Jahren (1822) dem verstaendigen Beispiele seines Sondershausener Vetters zu
+folgen und mit seiner Unterherrschaft dem preussischen Zollsystem
+beizutreten. Im naechsten Jahre wurden auch zwei weimarische Aemter sowie
+das obere Herzogtum Bernburg in die Zollgemeinschaft aufgenommen, und alle
+Beteiligten befanden sich wohl bei dem freien Verkehr. Aber auf den so oft
+verheissenen Beitritt der gesamten anhaltischen Lande wartete man in Berlin
+noch immer vergeblich. Der Koethener Herzog fuehrte den Schmuggelkrieg gegen
+seinen koeniglichen Schwager wohlgemut fort, ermutigt durch die
+Einfluesterungen seines Adam Mueller und durch das endlose Gezaenk am
+Bundestage. Als Mueller es gar zu frech trieb, musste sich Hatzfeldt(61) in
+Wien beschweren. Metternich gab dem Geschaeftstraeger sofort einen scharfen
+Verweis wegen eines Benehmens, das "den bekanntlich zwischen Oesterreich
+und Preussen bestehenden so innigen und freundschaftlichen Verhaeltnissen"
+durchaus widerspreche, und teilte dies Schreiben dem preussischen Hofe
+verbindlich mit. Muellers geheime Weisungen lauteten aber wahrscheinlich
+anders; er liess sich in seinem Treiben keineswegs stoeren und fand in der
+jesuitischen Umgebung der Herzogin treue Bundesgenossen. Die
+Wortbruechigkeit des kleinen Nachbarn musste den Berliner Hof um so tiefer
+verstimmen, da mittlerweile (1824) die hohenzollernschen Fuerstentuemer mit
+Wuerttemberg einen Zollvertrag schlossen, genau nach dem Vorbilde der
+preussischen Enklavenvertraege. So schlugen die Kleinstaaten sich selber ins
+Angesicht. Dieselben verstaendigen handelspolitischen Grundsaetze, welche
+Wangenheim in Frankfurt der preussischen Regierung als eine Verletzung des
+Voelkerrechts vorgeworfen hatte, wurden nun in Schwaben eingefuehrt, und
+dieselbe liberale Presse, die das preussische Enklavensystem mit
+Schmaehungen ueberhaeufte, fand die Anwendung dieses Systems in Wuerttemberg
+hocherfreulich.
+
+Sobald Motz sich in seinem neuen Amte zurecht gefunden hatte, erklaerte er
+dem auswaertigen Amte: Preussens Langmut gegen den unredlichen kleinen
+Nachbarhof werde zur Schwaeche, man muesse endlich die ganze Strenge des
+Zollgesetzes wider ihn anwenden (Januar 1826). Gleich nachher baten Dessau
+und Bernburg um die Aufnahme einiger Aemter in die Zollgemeinschaft und
+empfingen, auf Motzs Betrieb, die Antwort: mit solchem Stueckwerk sei
+nichts getan; wollten die Herzoege mit ihren gesamten Gebieten beitreten,
+so wuerde man sie willkommen heissen. Nach einiger Zoegerung erschienen
+nunmehr zwei anhaltische Unterhaendler in Berlin, und mit dem
+bernburgischen, v. Salmuth, einem geistreichen, witzigen Manne, der das
+moenchische Unwesen des Koethener Hofes gruendlich verachtete, wurde Motz
+bald handelseins. Noch im Laufe des Sommers erklaerte der Herzog von
+Bernburg die Unterwerfung seines gesamten Landes unter das preussische
+Zollgesetz. Acht volle Jahre hatte es also gewaehrt seit der Verkuendigung
+dieses Gesetzes, bis zum erstenmal ein ganzer deutscher Kleinstaat
+beitrat. Der dessauische Bevollmaechtigte aber brach die Verhandlungen ab;
+denn unterdessen war Adam Mueller von Koethen nach Dessau hinuebergekommen,
+angeblich, um in der Mulde zu baden, in Wahrheit, um den Anschluss an
+Preussen zu hintertreiben.
+
+In einem herzbrechenden Klageschreiben sprach Herzog Leopold von Dessau,
+der mit einer Nichte des Koenigs verheiratet war, dem Oheim sein Bedauern
+aus: schon vor Jahren habe er dem Koethener Vetter versprochen, nicht ohne
+ihn beizutreten. Das preussische Ministerium verlange, "dass die
+enklavierten Staaten fremde Gesetze und Verwaltungsformen unweigerlich
+annehmen muessen. Dies aber, Allergnaedigster Koenig, ich wage es
+vertrauensvoll auszusprechen, wollen Allerhoechstdieselben nicht. Preussens
+maechtiger und gerechter Monarch, der im zweiten Artikel der Bundesakte
+Souveraenitaet und Unabhaengigkeit garantierte, wird nie gestatten, dass die
+Minister durch strenges Festhalten am Buchstaben des Bundesvertrages den
+Geist, der sichtbar in demselben waltet, ertoeten, dass aus dem ersteren ein
+Rechtstitel fuer faktischen Zwang entlehnt werde. Wenn ich so das kleine,
+auf mich gekommene Erbe meiner Ahnen, das, erhoert Gott meine und meiner
+vielgeliebten Gemahlin Gebete, der Urenkel eines Koenigs aus meiner Hand
+erhalten wird, vor E. K. Maj. Herzen und Allerhoechstihren mir und meiner
+Gemahlin bewiesenen vaeterlichen Gesinnungen zu verteidigen wage, so fehlt
+es mir dazu nicht an einem naeheren Anlass" -- worauf denn eine lange Klage
+ueber die dem anhaltischen Lande angedrohte "Polizeilinie" folgte. Der
+Koenig aber zeigte sich sehr aufgebracht ueber die Zweizuengigkeit seines
+Neffen. Er erinnerte ihn daran, dass Preussen die Dresdener
+Elbschiffahrtsakte erst unterzeichnet habe, nachdem die Askanier ihren
+Beitritt zum preussischen Zollsystem foermlich versprochen haetten; er
+forderte ihn auf, dem Beispiel Bernburgs zu folgen, und schloss: "Auch kann
+ich nicht glauben, dass das in Dresden von saemtlichen Herzoegen von Anhalt
+gegebene Versprechen einer Einigung durch irgendeine von ihnen spaeterhin
+gegebene Zusage an Verbindlichkeit zu verlieren vermoechte." Ein zweites
+Schreiben des Dessauers, das sich abermals auf die hartnaeckige Weigerung
+des Koethener Vetters berief, blieb unbeantwortet.
+
+Der Koenig befahl nunmehr, dem Froschmaeusekrieg ein Ende zu machen und das
+anhaltische Land mit der gefuerchteten "Polizeilinie" zu umgeben, aber
+zugleich die beiden Herzoege nochmals zu Unterhandlungen einzuladen. Im
+Maerz 1827 wurde die Elbe oberhalb und unterhalb Anhalts gesperrt, von den
+eingehenden Schiffen die vorlaeufige Zahlung der preussischen Zoelle
+gefordert unter Vorbehalt der Rueckverguetung, falls die Waren wirklich in
+Anhalt verblieben. Sofort sendete der Koethener Herzog einen Leutnant mit
+einem Ultimatum nach Berlin; sei es, dass er einen hoeheren militaerischen
+Wuerdentraeger nicht in seinem Vermoegen hatte, oder dass er Preussen verhoehnen
+wollte. Der tapfere Leutnant forderte drohend die Zuruecknahme der
+Massregeln binnen acht Tagen, sonst werde Koethen zu ernsteren Mitteln
+greifen. Natuerlich erhielt er keine Antwort; Eichhorn und Heinrich
+v. Buelow(62), Humboldts geistreicher Schwiegersohn, der in diesen
+laecherlichen Haendeln sein diplomatisches Talent zuerst bewaehrte, setzten
+nur einige scharfe Bemerkungen an den Rand des Koethener Ultimatums. Nun
+brachte Koethen *cette affaire ennuyante*, wie Bernstorff zu seufzen
+pflegte, nochmals an den Bundestag. Wieder verteidigte die gesamte Presse
+den unschuldigen Kleinstaat, den hochherzigen Beschuetzer der Schwaerzer und
+der Schwarzen; wieder trat in der Eschenheimer Gasse(63) ein Ausschuss
+zusammen unter dem Vorsitz des k. k. Gesandten. Wieder ward ein Bericht
+zugunsten Koethens erstattet, und wieder musste der preussische Gesandte(64)
+eine scharfe Erwiderung verlesen. Nagler sagte geradezu, seine Regierung
+sei durch den Kommissionsbericht in der Ueberzeugung von ihrem Rechte
+unerschuetterlich befestigt worden. Bernstorff aber erklaerte: "Dazu haben
+sich grosse Staaten mit den kleinen nicht in einen Verein zusammengetan,
+damit diese nur ihre, bei vernuenftigem Gebrauch unantastbare Souveraenitaet
+nach Willkuer und jeder ueberspannten Einbildung ausueben duerfen." Oesterreich
+zeigte bei alledem eine sehr zweideutige Haltung. Adam Mueller wurde zwar
+auf laengere Zeit beurlaubt, doch im uebrigen tat die Hofburg gar nichts zur
+Unterstuetzung Preussens; ihr Gesandter Graf Trauttmansdorff beschwerte sich
+sogar ueber die angeordneten Zwangsmassregeln.
+
+Die kleinen Hoefe ergriff ein jaeher Schrecken, da sie so unsanft an die
+natuerlichen Schranken ihrer Souveraenitaet erinnert wurden. In einem
+verzweifelten Briefe fragte Grossherzog Georg von Strelitz seinen
+koeniglichen Schwager, ob er denn wirklich den Bestand des Deutschen Bundes
+gefaehrden wolle. Friedrich Wilhelm aber liess sich nicht beirren. Er
+sendete dem Schwager (Juli 1827) eine Denkschrift, welche nochmals die
+ganze Nichtswuerdigkeit der anhaltischen Schleichhandelspolitik darstellte,
+und sagte: daraus moege er lernen, "dass das Interesse meiner Untertanen die
+getroffenen Massregeln gebieterisch erheischte, dass ich dazu vollkommen
+berechtigt war, und daher weder die Aussprueche der Bundesversammlung noch
+das Urteil des Publikums in und ausser Deutschland, sondern nur die
+Nachgiebigkeit der anhaltischen Fuersten eine Aenderung hervorbringen
+koennen." Dann hob er mit seinem geraden Verstande noch einmal den Kern des
+Streites heraus: "E. K. Hoheit wird ausserdem einleuchten, dass, wenn sich
+die Interessen eines Staates von 30 bis 40 000 Einwohnern mit denen von 12
+Millionen in Konflikt befinden, es in der Natur der Verhaeltnisse liegt,
+dass der erstere nachgebe, sobald ihm eine vollstaendige Entschaedigung
+geboten wird. Sollte der Bund die aus einer uebel verstandenen Souveraenitaet
+hergeleiteten Anmassungen kleiner Staaten gegen maechtigere nicht in die
+gehoerigen Schranken zurueckweisen, so wuerde fuer diese das Bundesverhaeltnis
+bald unertraeglich werden und der Bund, wie E. K. H. bemerken, allerdings
+in Gefahr schweben."
+
+Mittlerweile begannen die beiden bedraengten Kleinfuersten doch zu merken,
+dass sie den ungleichen Kampf nicht durchfuehren konnten. Sie beschlossen,
+ihr verpfaendetes Wort endlich einzuloesen, und erklaerten sich zu
+Unterhandlungen bereit. Am 17. Juli 1828, nach neunjaehrigen
+Schmuggelfreuden, _traten Dessau und Koethen dem preussischen Zollsystem
+bei_. Beide Landesherren bedauerten in gefuehlvollen Manifesten, ihre
+geliebten Untertanen so schwer belasten zu muessen; der Koethener berief
+sich auf "unabwendbare Umstaende", der aufrichtigere Dessauer -- mit jener
+zynischen Gemuetlichkeit, die dem deutschen Kleinfuersten nicht verargt wird
+-- auf "die Interessen seines Kammerhaushalts". Alle diese Enklavenvertraege
+gewaehrten den kleinen Hoefen einen nach der Volkszahl abgemessenen Anteil
+am Ertrage der preussischen Ein- und Ausfuhrzoelle, ausserdem noch allerhand
+Ehrenrechte -- das Landeswappen neben dem preussischen fuer die Zollaemter und
+was der Eitelkeiten mehr war -- aber durchaus keinen Anteil an der
+Zollgesetzgebung. Nur Dessau und Koethen behielten sich das Recht des
+Widerspruchs vor, falls die Grundsaetze und Grundlagen des Zollgesetzes
+veraendert wuerden -- ein Satz, der gluecklicherweise gar nichts bedeutete.
+Ebenso harmlos war die Klausel, wonach Dessau und Bernburg nur fuer sechs
+Jahre beitreten sollten. Motz und Eichhorn wussten wohl, wie wenig an einen
+Wiederaustritt zu denken sei; so goennte man den Kleinen das erhebende
+Bewusstsein, dass sie sich nicht fuer ewige Zeiten unterworfen haetten. In der
+Tat begann in den anhaltischen Laendern der ehrliche Erwerb wieder zu
+gedeihen, und bald fuehlte jedermann, die natuerliche Ordnung der Dinge sei
+hergestellt.
+
+Noch waehrend diese anhaltischen Haendel schwebten, eroeffnete sich fuer
+Preussen ploetzlich die Aussicht, auch groessere deutsche Staaten in seine
+Zollgemeinschaft aufzunehmen. Gewitzigt durch die niederschlagenden
+Erfahrungen der Wiener Konferenzen, hatte der Berliner Hof waehrend der
+letzten Jahre gelassen abgewartet, ob die Not der Finanzen einen der
+Mittelstaaten bewegen wuerde, sich freiwillig dem preussischen Zollsystem
+anzuschliessen. Eine solche Politik gewaehrte zugleich den Vorteil, dass
+Preussen verschont blieb vor den unzaehligen Zollvereinsplaenen, welche
+gleich Nebelgestalten, rasch gebildet und rasch zerfliessend, an den
+kleinen Hoefen auftauchten und oftmals auch an die preussischen Gesandten
+herantraten. Leichtfertiges Plaeneschmieden war von jeher das Vorrecht der
+Ohnmacht. Ein Staat, der eine grosse nationale Idee vertrat, durfte auf die
+Mueckenseigerei nassauischer und meiningischer Staatsdilettanten sich nicht
+einlassen. Ein einziger von Preussen uebereilt abgeschlossener Zollvertrag,
+der die Probe nicht bestand und sich wieder aufloeste, haette die Hoefe wie
+die Nation vollends abgeschreckt und die preussische Handelspolitik auf
+Jahre hinaus gelaehmt. Nur wenn ein Mittelstaat, Duenkel und Misstrauen
+ueberwindend, selber in Berlin positive Anerbietungen stellte, dann allein
+liess sich glauben, dass er durch gewichtige Interessen bestimmt werde und
+ein dauerhafter Bund moeglich sei.
+
+Aus dem Raenkespiel Adam Muellers erfuhr man ueberdies, welche Kraefte an den
+kleinen Hoefen ihr Wesen trieben und beschloss daher, alle Verhandlungen
+ueber Zollsachen nur in Berlin zu fuehren. Nur in Berlin fanden sich die
+kundigen Fachmaenner, deren, und das reiche statistische Material, dessen
+man zur Loesung so vieler verwickelten Einzelfragen bedurfte. Nur hier war
+man leidlich gesichert gegen die Umtriebe der Hofburg, wie gegen die
+Vorurteile der kleinen Dynastien. Der Aufenthalt in einem ernsten
+Gemeinwesen uebt immer einen wohltaetig ernuechternden Einfluss, und selbst in
+jener stillen Zeit bewaehrte Preussen diese erziehende Kraft. In den
+Gesandtschaftsberichten laesst sich deutlich verfolgen, wie die kleinen
+Diplomaten stets mit misstrauischem Zagen den verrufenen Berliner Boden
+betraten und schon nach wenigen Monaten ein unbefangenes, ja wohlwollendes
+Urteil ueber die preussischen Dinge sich bildeten. Graf Bernstorff blieb mit
+den Gesandten der Mittelstaaten immer auf gutem Fusse, selbst wenn das
+Verhaeltnis zu den Kabinetten sich truebte.
+
+Sodann lernte man aus dem ungluecklichen Verlaufe der Darmstaedter
+Zollkonferenzen, dass Zollverhandlungen mit mehreren Staaten zugleich, bei
+der grossen Verschiedenheit der Interessen, keinen Erfolg versprechen.
+Seitdem stand in Berlin der Entschluss fest, immer nur mit einem einzelnen
+Staate ueber Zollfragen zu verhandeln, mit mehreren nur dann, wenn diese
+sich bereits zu einer handelspolitischen Einheit verbunden haetten. Diese
+streng eingehaltene Regel erlitt eine einzige Ausnahme. Die kleinen
+thueringischen Lande konnten vereinzelt weder eine Zollgrenze bewachen,
+noch als Traeger eines handelspolitischen Interesses gelten. Darum hatte
+das Berliner Kabinett schon im Jahre 1819 dem Gothaer Hofe die Bildung
+eines thueringischen Vereins empfohlen -- ein Vorschlag, dessen Berechtigung
+selbst auf den Darmstaedter Konferenzen von dem sachkundigen badischen
+Bevollmaechtigten anerkannt wurde. Allen anderen Staaten gegenueber blieb
+der Grundsatz der Einzelverhandlungen aufrecht.
+
+Ueber die handelspolitischen Plaene der Mittelstaaten war der Berliner Hof
+sehr genau unterrichtet; denn an mehreren der kleinen Hoefe bestand eine
+einflussreiche preussische Partei, in Muenchen und Stuttgart mindestens ein
+tiefer Groll gegen Oesterreich, der unseren Geschaeftsmaennern zustatten kam.
+Dazu der landesuebliche Nationalhass des Nachbars gegen den Nachbar; wie
+liess sich ein Geheimnis bewahren, wenn heute ein darmstaedtischer, morgen
+ein badischer Minister sich gedrungen fuehlte, seine gerechte Entruestung
+ueber Bayerns oder Wuerttembergs anmassende Vorschlaege in den schweigsamen
+Busen des wohlwollenden preussischen Gesandten aus zuschuetten? Der
+Karlsruher Posten diente als die beste Warte, um den Wandel der kleinen
+Gestirne zu beobachten. Die Teilnahme Preussens an dem geplanten
+sueddeutschen Zollverein befuerwortete in Berlin niemand, weil man ihn fuer
+hoffnungslos hielt. Dagegen wurde wiederholt und ernstlich die Frage
+erwogen: unter welchen Bedingungen Preussen mit groesseren Nachbarstaaten
+einen Zollbund abschliessen koenne? Klewiz beantwortete sie in einem
+Gutachten vom 27. Juni 1822 dahin: Nur unter drei Bedingungen koennen wir
+die Nachbarstaaten in unseren Verband aufnehmen. Wir muessen fordern:
+"Annahme unserer Branntweinsteuer und einer angemessenen Biersteuer", nur
+dann wird der Verkehr aller Schranken ledig. Ferner "ein sehr
+ueberwiegendes Vorrecht fuer Preussen bei Bestimmung der Ein-, Aus- und
+Durchgangsabgaben". Endlich "die Douanenlinie in jenen Laendern muss ganz
+von uns abhaengen", da die bisherige Zollverwaltung der Nachbarstaaten
+keine Buergschaft gibt fuer die gewissenhafte Ausfuehrung der Gesetze.
+Begreiflich genug, dass ein preussischer Minister fuer seinen Staat eine
+solche handelspolitische Hegemonie wuenschte. Bald aber erkannte man in
+Berlin, wie wenig die Mittelstaaten gesonnen waren, eine "fremde"
+Verwaltung in ihren Laendern zu ertragen, und stimmte daher seine Ansprueche
+herab.
+
+Im Jahre 1824 verhandelten die drei Ministerien des Auswaertigen, des
+Handels und der Finanzen nochmals ueber die Frage, "wie sich Preussen bei
+den Zollvereinsunternehmungen zu verhalten habe." Geh Rat Sotzmann, der
+Sohn des bekannten Geographen, eines der ersten Talente der
+Finanzverwaltung, und H. v. Buelow fassten das Ergebnis der Beratung in
+einer grossen Denkschrift zusammen, welche schon mehrere Hauptgrundsaetze
+der spaeteren Zollvereinsverfassung aufstellte. Sie erklaerten: der Anschluss
+an Preussen koenne auf zwei Wegen erfolgen -- entweder durch vollstaendige
+Unterwerfung, wie sie in Bernburg geschehen sei, oder durch eine freiere
+Verbindung. Einem groesseren Staate duerfe nur die letztere zugemutet werden;
+doch muesse er jedenfalls seine Zoelle und Konsumtionssteuern den
+preussischen gleichstellen. Der Unterschied von "Zollanschluss" und
+"Zollverein" war also schon damals den preussischen Staatsmaennern gelaeufig,
+wenngleich sie die modernen Schulausdruecke noch nicht gebrauchen. Da der
+Beitritt etwa von Kurhessen "nur soviel Zuwachs bringt als ein einziger
+unserer Regierungsbezirke ausmacht", so kann der Berliner Hof die
+Entwicklung seines Zollwesens von der Zustimmung eines solchen
+Bundesgenossen nicht unbedingt abhaengig machen. Daher soll Preussen sich
+nur auf eine Reihe von Jahren binden, um bei Ablauf der Frist ueber
+Aenderungen und Zusaetze sich von neuem zu vereinbaren. Man verzichtet
+mithin auf jedes Vorrecht, erkennt die volle Gleichberechtigung des
+kleinen Bundesgenossen an und behaelt sich nur das Recht der Kuendigung vor,
+als unentbehrliches Gegengewicht. Jeder der beiden Staaten ernennt seine
+Zollbeamten selbst, doch werden sie beiden Regierungen verpflichtet. Der
+Plan, die Grenzbewachung allein in Preussens Haende zu legen, war mithin
+aufgegeben. Nur noch ein kleiner Schritt weiter, und man musste erkennen,
+dass auch die doppelte Vereidigung der Zollbeamten dem Duenkel der kleinen
+Hoefe unertraeglich sei, bloss eine gegenseitige Kontrolle der Zollverwaltung
+sich erlangen lasse. Preussen hatte sein letztes Wort noch nicht
+gesprochen; die Denkschrift verhehlte nicht, dass der Berliner Hof gefasst
+sein muesse auf noch groessere Zugestaendnisse. "Wird nur der Zweck erreicht --
+die wirkliche Einfuehrung des preussischen Zoll- und
+Konsumtionssteuersystems und die Verfolgung der Kontraventionen --, so kann
+man ueber Formalitaeten, die durch oeffentliche Unterordnung der jenseitigen
+Souveraenitaetsrechte anstoessig werden duerften, leichter hinweggehen." Zum
+Schluss wird ein wichtiger Gedanke entwickelt, den das preussische Kabinett
+fortan getreulich festhielt und weiter verfolgte: Sollte Kurhessen nur
+gegenseitige Eingangsbeguenstigungen wuenschen, so waere dies fuer Preussen,
+wegen unserer hoeheren Zoelle, nicht bloss kostspieliger, sondern auch
+gefaehrlicher; die voellige Verschmelzung der beiden Zollsysteme bleibt in
+jeder Hinsicht vorzuziehen. -- In der Tat, nicht die Hoehe der Binnenzoelle
+laehmte den deutschen Handel, sondern das Dasein der Binnenmauten selber;
+jede Reform, die nicht an diese Wurzel des Uebels die Axt legte, blieb ein
+Missgriff.
+
+Leider hatten diese verstaendigen Grundsaetze fuer den Augenblick gar keine
+Wirkung; denn die Verfasser der Denkschrift hielten sich noch buchstaeblich
+an das Programm von 18l9. Sie wollten in gerader Linie "von Grenze zu
+Grenze" vorgehen, von dem naechsten Nachbar zu dem entfernteren. Was schien
+auch einfacher als der Plan, zunaechst die angrenzenden Staaten zu
+gewinnen, die im unmittelbaren Bereich der preussischen Macht lagen, und
+dann erst zu versuchen, ob das geeinte Norddeutschland vielleicht mit dem
+Sueden sich verstaendigen koenne? Und doch war dieser gerade Weg ganz
+ungangbar. Die Denkschrift selber gesteht, dass der allen Neuerungen
+abgeneigte Dresdner Hof sich, schon wegen der Leipziger Messen, dem
+preussischen Zollwesen fernhalten werde. Hannover, als ein Brueckenkopf
+Englands, wird gar nicht erwaehnt, ebensowenig das daenische Holstein.
+Thueringen "ist auf Preussen angewiesen", muss sich aber, wie in einem
+besonderen Promemoria ausgefuehrt wird, zuvoerderst zu einem Verein
+zusammentun, der dem preussischen Zollsystem als "Vorland und Deckwerk"
+dienen soll. Darmstadt "grenzt nicht an uns", selbst sein Oberhessen kann
+nur in Betracht kommen, wenn Kurhessen gleichzeitig beitritt. -- Nach
+alledem blieb als naechstes erhebliches Ziel nur der Beitritt von Kurhessen
+samt Waldeck, und sogar dies war unerreichbar, denn der hessische Kurfuerst
+zeigte, nachdem er es eine kurze Zeit mit einem verstaendigen Zollsystem
+versucht hatte, dem grossen Nachbarstaate bald wieder die alte
+Gehaessigkeit. Solange in Berlin diese Ansichten vorherrschten, die
+offenbar mit dem alten unseligen Gedanken der Mainlinie zusammenhingen,
+liess sich eine Erweiterung des Zollsystems ueber die kleinen Enklaven
+hinaus nicht absehen.
+
+Erst durch Motz wurde der Bannkreis dieser norddeutschen Ideen
+durchbrochen. Hierin und in der Beseitigung des Defizits, die eine
+Handelspolitik grossen Stils erst ermoeglichte, liegt sein bleibendes
+Verdienst. Er zuerst unter den preussischen Staatsmaennern verfiel auf die
+Frage: ob nicht in dem wunderlichen Durcheinander unserer Kleinstaaterei
+der Umweg vielleicht rascher zum Ziele fuehre als die gerade Linie? ob man
+nicht die Nachbarn, die nicht zu ueberzeugen waren, vielmehr umgehen und
+umklammern muesse? Der kuehne Spieler kam mit seinen Bauern auf dem Brette
+nicht vorwaerts und liess darum die Springer vorgehen. Er fasste sich das
+Herz, sobald eine guenstige Stunde kam, ueber Kurhessen und die anderen
+unmittelbaren Nachbarn hinweg den sueddeutschen Staaten die Hand zu
+reichen. In einer Zeit, da die amtliche deutsche Welt den ewigen Bund
+zwischen Oesterreich und Preussen fuer ein unverbruechliches Gesetz ansah,
+ging er geradeswegs auf das Ziel los, das gesamte Deutschland mit
+Ausschluss Oesterreichs durch das unzertrennliche Band wirtschaftlicher
+Interessen unter der Fuehrung Preussens fuer immer zu vereinigen und also die
+Befreiung von der Herrschaft des Hauses Lothringen vorzubereiten. Sobald
+dieser Entschluss feststand, war das Eis gebrochen. Der steile Weg war
+betreten, der die Handelspolitik Preussens rasch von Erfolg zu Erfolg
+fuehren sollte.
+
+Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 453 ff., 477 ff.
+
+ ------------------
+
+
+
+
+ 54 Philipp v. Ladenberg, geb. 15. August 1769, gest. 11. Februar 1847,
+ seit 1817 Direktor der Generalkontrolle der Staatsausgaben, seit
+ 1823 Chefpraesident der Oberrechnungskammer.
+
+ 55 S. o. S. 42 Anm. 1.
+
+ 56 George Canning, geb. 11. April 1770, gest. 8. August 1827,
+ britischer Staatsmann, Vorkaempfer fuer liberale Handelspolitik und
+ Gegner der von der heiligen Allianz vertretenen
+ Legitimitaetsanschauungen.
+
+ 57 Heinrich Theodor v. Schoen, geb. 20. Januar 1773, gest. 23. Juli
+ 1856, seit 1816 Oberpraesident von Westpreussen, von 1824 bis 1842
+ Oberpraesident der gesamten Provinz Preussen, seit 1840 gleichzeitig
+ Staatsminister.
+
+ 58 Friedr. Aug. v. Staegemann, geb. 7. November 1763, gest. 17. Dezember
+ 1840, im Ministerium Stein bis Dezember 1806 vortragender Rat, seit
+ 1809 Geh. Staatsrat im Finanzministerium und Mitarbeiter
+ Hardenbergs, 1817 in den Staatsrat berufen.
+
+ 59 Karl Friedr. Heinrich v. Kamptz, geb. 16. September 1769,
+ gest. 3. November 1849, seit 1824 Direktor im Justizministerium, von
+ 1832-1838 Justizminister, beruechtigt und verhasst wegen seines Eifers
+ bei Aufspuerung demagogischer Umtriebe.
+
+ 60 Ludwig Samuel Kuehne, geb. 15. Februar 1786, gest. 3. April 1864,
+ seit 1819 Hilfsarbeiter im Finanzministerium, seit 1820
+ Geh. Finanz-, bzw. Oberfinanzrat. Die Uebernahme des
+ Finanzministeriums lehnte Kuehne wiederholt ab.
+
+ 61 Franz Ludwig Graf v. Hatzfeldt, geb. 23. November 1756, gest. 3.
+ Februar 1827, war seit 1822 preussischer Gesandter in Wien.
+
+ 62 Heinrich Freiherr v. Buelow, geb. 16. September 1792, gest. 6.
+ Februar 1846, war bis 1827 im Ministerium des Auswaertigen
+ hauptsaechlich in den Handelssachen taetig, 1827 wurde er preussischer
+ Gesandter in London, 1842 Minister der auswaertigen Angelegenheiten.
+
+ 63 In der Eschenheimer Gasse zu Frankfurt a. M. befand sich das
+ Taxissche Palais, in dem die Bundesversammlung tagte.
+
+ 64 Karl Ferd. Friedrich v. Nagler, geb. 1770, gest. 13. Juni 1846, der
+ schoepferische Organisator des preussischen Postwesens, war von
+ 1824-1835 preussischer Gesandter am Bundestag.
+
+
+
+
+6. Der Zollkrieg und die ersten Zollvereine.
+
+
+
+a) _Die Stuttgarter Zollkonferenzen._
+
+
+Als die Darmstaedter Konferenzen im Sterben lagen, gaben die kleinen
+thueringischen Staaten die Erklaerung ab: wenn man in Darmstadt sich nicht
+vereinige, so saehen sie sich genoetigt, einen bereits verabredeten
+bedingten Vertrag auszufuehren und "einen in sich geschlossenen
+Handelsstaat" zu bilden -- "eine Selbsthilfe, welche das Bild der
+Zwietracht, das Deutschlands Staaten darstellen, zur hoechsten Vollendung
+zu bringen gemacht waere." Und wahrlich, der Sueden bot einen jammervollen
+Anblick nach dem Abbruch der Darmstaedter Verhandlungen. Jedes Kabinett
+ging trotzig und verstimmt seines eigenen Weges. Die darmstaedtische
+Regierung versuchte noch einmal (Februar 1824), die oberrheinischen Hoefe
+zur Annahme gleichfoermiger Zollgesetze zu bewegen; da dies misslang, gab
+sie ihrem Lande eine selbstaendige Zollordnung, welche, dem Volke verhasst,
+kaum 80000 Gulden jaehrlich einbrachte. Der kluge du Thil hatte diesen
+armseligen Ertrag vorhergesehen, er wollte sich aber fuer kuenftige
+Zollvertraege ein Unterhandlungsmittel sichern. Auch Wuerttemberg fuehrte im
+selben Jahre ein neues Zollgesetz ein, das dem bayrischen nahe stand. Das
+Schmuggelgeschaeft in Frankfurt und in Baden bluehte wie nie zuvor. Toerichte
+Retorsionen belaestigten den Verkehr. Als Wuerttemberg mit der Schweiz ueber
+einen Handelsvertrag verhandelte, sendete Baden sofort einen
+Bevollmaechtigten nach Zuerich, um den Fortgang des Geschaeftes argwoehnisch
+zu beobachten. In der Schweiz herrschte dasselbe Elend germanischer
+Zersplitterung; konkordierende und nicht konkordierende Kantone fanden des
+Haders kein Ende, die Verhandlungen rueckten kaum von der Stelle.
+
+Nur der Stuttgarter Hof gab in diesem Zeitraum allgemeiner Zerfahrenheit
+die Triastraeume und Zollvereinsplaene nicht auf. Der wuerttembergische
+Gesandte in Muenchen, Freiherr von Schmitz-Grollenburg, ein ruehriger
+Liberaler, gleich seinem Goenner Wangenheim begeistert fuer den Bund der
+Mindermaechtigen, liess nicht ab, das bayrische Kabinett um Wiederaufnahme
+der Verhandlungen zu bitten. Eine geraume Zeit hindurch fand er keinen
+Anklang; sein Freund Lerchenfeld konnte nicht aufkommen gegen Rechberg,
+der rundweg aussprach, eine gemeinschaftliche Zollgrenze sei entwuerdigend
+fuer die rueckwaertsliegenden Staaten. Auch bestand im altbayrischen Volke
+wenig Neigung mehr fuer die Zollvereinsplaene; die oeffentliche Meinung
+verlor das Vertrauen zu den immerdar vergeblichen Unterhandlungen.
+
+Immerhin hatten die Darmstaedter Beratungen die Lage etwas geklaert.
+Sueddeutschland zerfiel in zwei Gruppen. Die beiden Koenigreiche auf der
+einen, die Rheinuferstaaten auf der anderen Seite, waren sich der
+Gemeinschaft ihrer Interessen bewusst geworden. Eben diese Sonderung zweier
+Gruppen fuehrte dann zu neuen Einigungsversuchen. Baden schloss mit
+Darmstadt (10. September 1824) einen Vertrag, der den eigenen Produkten
+der beiden Staaten einige Erleichterung gewaehrte, und sendete sodann
+seinen Nebenius zu gleichem Zwecke nach Wuerttemberg. Der badische
+Bevollmaechtigte ward in Stuttgart sehr unfreundlich aufgenommen und
+wochenlang hingehalten, da der wuerttembergische Unterhaendler stets zur
+unpassenden Stunde unwohl wurde. Gekraenkt und verstimmt dachte er schon
+heimzureisen; da erfuhr er endlich, dass Wuerttemberg inzwischen schon eine
+neue geheime Verhandlung mit Bayern begonnen habe. Die Nachricht von dem
+badisch-hessischen Vertrage hatte den Muenchener Hof mit schwerer Sorge
+erfuellt. Man fuerchtete die Fuehrerschaft im Sueden zu verlieren und geriet
+in Unruhe wegen der Rheinpfalz; diese unzufriedene Provinz forderte
+dringend, fast drohend eine Verstaendigung mit den Rheinuferstaaten, die
+fuer ihr Handelsinteresse weit wichtiger seien als die altbayrischen Lande.
+Ueberdies hatte Blittersdorff den unsterblichen Artikel 19 und die
+Handelssache soeben am Bundestage wieder zur Sprache gebracht; und obwohl
+dies nur ein Zeichen der Ratlosigkeit war, so wollte doch Bayern jede
+Einmischung des Bundes abschneiden. So geschah es, dass
+Schmitz-Grollenburgs Antraege jetzt in Muenchen einer guenstigeren Stimmung
+begegneten. Koenig Max Joseph(65) gestattete, dass der wuerttembergische
+Geheimrat Herzog nach Muenchen kam. Waehrend man Nebenius in Stuttgart mit
+leeren Ausfluechten vertroestete, ward an der Isar ueber einen sueddeutschen
+Zollverein verhandelt.
+
+Schon am 4. Oktober 1824 kam dort ein vorlaeufiger Vertrag zustande; im
+folgenden Monat traten die Bevollmaechtigten der beiden Koenigreiche in
+Stuttgart zusammen, um die Vereinbarung endgueltig festzustellen. Gewitzigt
+durch den ziellosen Meinungswirrwar der Darmstaedter Konferenzen, zogen
+Bayern und Wuerttemberg diesmal vor, zunaechst unter sich ins reine zu
+kommen, dann erst die kleinen Nachbarn zum Beitritt aufzufordern. Ein
+richtiger Gedanke, sicherlich, doch die Heimlichkeit des Verfahrens
+verletzte die oberrheinischen Hoefe. In Karlsruhe wie in Darmstadt prahlte
+man gern: wir koennen Bayerns entbehren, Bayern nicht unser, da wir seine
+Verbindung mit der Rheinpfalz beherrschen. Um so bitterer empfand man das
+rasche Vorgehen des Muenchener Hofes. Um "den Praetensionen der koeniglichen
+Hoefe" entgegenzutreten, eilte Berstett nach Frankfurt, besprach sich dort
+mit Marschall. Gleich darauf (19. November 1824) hielten Berstett,
+Nebenius, du Thil und Hoffmann in Heidelberg eine geheime Zusammenkunft,
+welche der badische Minister selber in einem vertrauten Briefe "ein
+Gegengift" gegen die bayrisch-wuerttembergischen Umtriebe nannte.
+
+Das hier vereinbarte Protokoll, dem nachher auch Marschall beitrat, wurde
+bedeutungsvoll fuer die Geschichte der deutschen Handelspolitik; denn hier
+spielte der Partikularismus seinen hoechsten Trumpf aus, er stellte seine
+letzte und schwerste Bedingung auf. Die verbuendeten Staaten verpflichteten
+sich, in fester Gemeinschaft vorzugehen und vornehmlich bei dem Verlangen
+zu beharren, dass jeder Staat seine Zollverwaltung selbstaendig fuehre; nur
+unter dieser Bedingung sei ein Zollverein moeglich. Baden, das doch in Wien
+und in Darmstadt selber eine Zentralverwaltung vorgeschlagen hatte, hielt
+jetzt die entgegengesetzte Forderung am hartnaeckigsten fest. Die beiden
+Koenigreiche hatten ihr Misstrauen gegen die allzu nachsichtige badische
+Zollverwaltung oft und in verletzender Form ausgesprochen. Der Karlsruher
+Hof fuehlte sich dadurch tief gekraenkt und -- er fuerchtete die Anwesenheit
+bayrischer Zollbeamten in seinem bedrohten pfaelzischen Gebiete. Wir
+wollen, schrieb Berstett an du Thil, schlechterdings keinen *status in
+statu*(66), kein Funktionieren fremder Beamten in unserem Gebiete; und
+jener antwortete: auch keine Verpflichtung der Zollbehoerden fuer die
+Gemeinschaft, denn sonst koennte der Grossherzogliche Zolldirektor dem
+Minister sich widersetzen! Ebenso nachdruecklich erklaerte Nebenius: "Die
+Frage ist ganz einfach diese, ob die Untertanen der einzelnen Staaten in
+einem unmittelbaren Verhaeltnis zu der Gemeinschaft stehen sollen"; hege
+man kein Vertrauen zu der redlichen Verwaltung der Bundesgenossen, dann
+sei ein Zollverein ueberhaupt undenkbar. Es war einfach die Gesinnung des
+eifersuechtigen Partikularismus, die hier nackt heraustrat. Aber dieser
+Partikularismus blieb die Lebensluft des deutschen Bundesrechts. Der
+badisch-darmstaedtische Vorschlag ergab sich folgerecht aus dem Wesen eines
+Staatenbundes. Eine Zentralverwaltung fuer das Zollwesen liess sich nur
+denken auf dem Boden eines Bundesstaates, eines Reiches.
+
+Indessen hatten die beiden Koenigreiche ihren Entwurf festgestellt und die
+oberrheinischen Kabinette zu Verhandlungen ueber das Beschlossene
+eingeladen. Im Februar 1825 begannen die Stuttgarter Konferenzen -- eine
+klaeglichere Wiederholung der Darmstaedter Verhandlungen, von Haus aus
+verdorben durch Groll und Misstrauen. Dass Nassau keinen redlichen Willen
+mitbrachte, errieten die preussischen Diplomaten sofort; was liess sich auch
+von diesem Bevollmaechtigten, dem hartkoepfigen Partikularisten Roentgen(67)
+erwarten? Die Darmstaedtische Regierung begann schon seit langem zu
+bezweifeln, ob ein sueddeutscher Verein ihrem Staate nuetzlich sei. Wein und
+Getreide, fuer jetzt fast die einzigen wichtigen Ausfuhrartikel des
+Laendchens, fanden ihren Absatz im Norden; und auch wenn der Verein
+zustande kam, blieb Darmstadt nach wie vor ein Grenzland, ueberall von
+Mauten umstellt. Kurhessen hielt sich den Konferenzen fern. Auch der
+badische Bevollmaechtigte Nebenius kam aus unlustig hoffnungsloser Stimmung
+nicht heraus, und erschwerte die Verhandlungen durch seine Reizbarkeit.
+Der bayrisch-wuerttembergische Entwurf nahm das bayrische Zollgesetz zur
+Grundlage, gewaehrte den beiden Koenigreichen eine ueberwiegende Stimmenzahl
+und verteilte die Einnahmen nach der Kopfzahl der Bevoelkerung. Hier erhob
+sich ein Streit, der wieder ein scharfes Licht warf auf die Gesinnung der
+kleinen Hoefe. Sollte die Bevoelkerung berechnet werden nach einer neuen
+Zaehlung oder auf Grund der provisorischen Bundesmatrikel? Die Matrikel
+diente zum Massstab fuer die militaerischen Leistungen der Bundesstaaten; als
+man sie zusammen stellte, ergab sich in vielen Kleinstaaten eine
+betruebende Entvoelkerung, eine ueberraschend niedrige Kopfzahl. Jetzt, da
+die Zolleinnahmen nach der Staerke der Bevoelkerung verteilt werden sollte,
+beteuerten die kleinen Gesandten wie aus einem Munde: die Matrikel genuege
+laengst nicht mehr, die Zahl der Einwohner sei inzwischen zur Freude aller
+Wohlmeinenden wunderbar schnell gewachsen!
+
+Den wichtigsten Streitpunkt bildete doch die Frage nach den Formen der
+Verwaltung. Die koeniglichen Hoefe verlangten durchaus eine
+gemeinschaftliche Zentralverwaltung; sie trauten den Beamten der kleineren
+Staaten nicht. Dem wuerttembergischen Finanzminister schien die getrennte
+Verwaltung schon darum unzulaessig, weil dann nur sehr geringe
+Zolleinnahmen unmittelbar in seine Kassen fliessen wuerden; wer buergte
+dafuer, dass die Bundesgenossen ihre Ueberschuesse puenktlich herauszahlten?
+Gereizt durch solches Misstrauen, hielten die Minister der Rheinuferstaaten
+abermals eine Zusammenkunft in Mainz (Ende Maerz 1825) und beschlossen,
+fest auf dem Heidelberger Protokoll zu bestehen. Triumphierend erzaehlte
+Marschall an Berstett, wie ueberlegen sein Herzog(68) den Kronprinzen von
+Bayern(69) bei einem Besuche in Bieberich abgefertigt habe. "Niemals,
+hatte der stolze Nassauer in heiligem Zorne gerufen, niemals werde ich mir
+von Euch in meinem Lande Gesetze vorschreiben lassen. Meine
+300000 Untertanen sind mir gerade so lieb, wie Euch Eure drei Millionen.
+Ich brauche Euch nicht!" -- worauf der Bayer den Austausch
+freundnachbarlicher Gefuehle abschloss mit der Beteuerung: "Wir brauchen
+Euch auch nicht!" Zugleich setzte der Karlsruher Hof seinen ergebenen
+Landtag in Bewegung; der geistreiche allezeit partikularistische
+Staatsrechtslehrer Karl Salomon Zachariae(70) kaempfte auf der Rednerbuehne
+wider die Anmassung der koeniglichen Hoefe: "wer ist wohl Herr in seinem
+Hause, wenn er die Herrschaft mit anderen teilt?" Da gaben Bayern und
+Wuerttemberg endlich nach.
+
+Doch alsbald erhob sich ein neuer Zwist: um den Tarif -- ein Streit, der
+bei dem grundtiefen Gegensatz der Meinungen zum Bruche fuehren musste. Baden
+gab als hoechsten Zoll fuer Kolonialwaren 11/2 Gulden zu und hielt dies fuer
+ein grosses Zugestaendnis, waehrend Bayern fuer Kaffee 15 Gulden forderte;
+Wollenwaren dachte Bayern mit 60 Gulden zu belasten, Baden bewilligte nur
+8 Gulden als hoechsten Satz fuer Fabrikate. Vergeblich beschwor Miller von
+Immenstadt den Karlsruher Hof um Nachgiebigkeit; das Prohibitivsystem
+herrsche in der weiten Welt, auch Huskisson koenne mit seinen
+freihaendlerischen Traeumen nicht durchdringen. Berstett blieb fest:
+"Bayern, schrieb er an Marschall, verlangt, dass wir ohne Ersatz alle
+Vorteile unserer geographischen Lage mit ihm teilen. Der Koenig von
+Wuerttemberg stimmt den bayrischen Anspruechen zu, um sich die Gewogenheit
+einer gewissen Partei zu erhalten". Im August 1825 erklaerte Baden seinen
+Austritt und verkuendigte zugleich ein neues Zollgesetz, dessen niedrige
+Saetze allgemeine Freude im Lande erregten. Nassau trat ebenfalls zurueck.
+
+Auch diesmal spielten politische Bedenken mit; eine Reise des Koenigs von
+Wuerttemberg nach Paris erweckte die Besorgnis, ob der Bund der
+Mindermaechtigen vielleicht mit franzoesischer Hilfe ins Leben treten solle.
+Nebenius versicherte spaeterhin, ihm habe in Stuttgart immer der Gedanke an
+Deutschlands kuenftige Handelseinheit vorgeschwebt; hohe Schutzzoelle im
+Sueden haetten die spaetere Vereinigung mit dem Norden erschweren muessen. Und
+sicherlich, wenn unter dem Schutze der bayrischen Zoelle eine jugendliche
+Industrie in Oberdeutschland emporwuchs, so blieb dem frueher entwickelten
+preussischen Gewerbefleiss wenig Hoffnung, den sueddeutschen Markt fuer sich
+zu erobern; der preussische Staat verlor mithin den einzigen Vorteil, den
+ihm ein allgemeiner Zollverein, zur Entschaedigung fuer schwere finanzielle
+Opfer, versprach. Gleichwohl ist unverkennbar, dass auch der geistreiche
+badische Staatswirt sich nicht frei hielt von jener allgemeinen
+schwarzsichtigen Verstimmung, welche die truebseligen Stuttgarter
+Konferenzen beherrschte. Von hohen Schutzzoellen war ja gar nicht die Rede.
+Die von Bayern vorgeschlagenen Zoelle fuer Fabrikate standen erheblich unter
+den Saetzen des preussischen Tarifs; die Gefahr, welche Nebenius fuerchtete,
+lag zum mindesten noch in der Ferne. Im naechsten Winter hat Bayern noch
+einmal versucht, den Verein ohne Baden und Nassau in Gang zu bringen.
+Freiherr v. Zu Rhein verhandelte in Stuttgart und Darmstadt. Aber die
+Darmstaedter Regierung erwiderte, sie koenne ohne Kurhessen nicht beitreten.
+Da der Kasseler Hof sich weigerte, so war auch dieser letzte Versuch
+gescheitert.
+
+So hoffnungslos war die Lage, als Koenig Ludwig den Thron bestieg. Groll
+und Erbitterung ueberall. Selbst der bescheidene Handelsvertrag zwischen
+Baden und Darmstadt war schon nach Jahresfrist wieder erloschen, weil die
+Behoerden mit den Ursprungszeugnissen freundnachbarlichen Missbrauch
+trieben. Nach dem bayrischen Thronwechsel schoepfte Koenig Wilhelm von
+Wuerttemberg wieder frischen Mut. Er richtete im Dezember 1826 einen Brief
+an seinen erlauchten Nachbarn, schlug ihm vor, die abgebrochenen
+Verhandlungen wieder aufzunehmen und zunaechst einen
+bayrisch-wuerttembergischen Verein zu stiften. Koenig Ludwig ging darauf
+ein. Da die beiden Staaten schon in Darmstadt und Stuttgart
+zusammengehalten hatten und ihre Zollgesetze nur geringe Unterschiede
+aufwiesen, so nahmen die im folgenden Monat zu Muenchen begonnenen
+Verhandlungen guenstigen, wenngleich sehr langsamen Fortgang. Am 12. April
+1827 wurde ein Praeliminarvertrag unterzeichnet. Man beschloss, "die
+angrenzenden Staaten" zum Beitritt aufzufordern und ihnen zugleich die
+politische Bedeutung dieses rein deutschen Bundes ans Herz zu legen. Der
+werdende Verein war nicht geradezu gegen Preussen gerichtet; er wurde in
+Berlin mit gelassener Ruhe angesehen. Freilich ging aus dem Wortlaut jener
+Verabredung wie aus dem ganzen Verhalten der Bundesgenossen unzweifelhaft
+hervor, dass an Preussens Beitritt nicht entfernt gedacht wurde. Man hoffte
+Macht gegen Macht mit Preussen ueber Handelserleichterung zu verhandeln und
+wollte im Notfall selbst Retorsionen gegen die preussischen Zoelle anwenden.
+Der Verein sollte den Kern des "reinen Deutschlands" bilden, "ein immer
+engeres gegenseitiges Anschliessen in allen politischen Beziehungen zur
+unmittelbaren heilsamen Folge haben", wie das bayrische Kabinett nach
+Stuttgart schrieb.
+
+Indes die angrenzenden Staaten hatten laengst verlernt, auf einen
+sueddeutschen Verein zu hoffen, und sie fuerchteten Bayerns Fuehrung. Am
+15. Mai 1827 besprachen sich Berstett und du Thil nochmals in Heidelberg;
+gleich darauf sendeten die drei oberrheinischen Hoefe ablehnende Antworten
+nach Muenchen. Berstett erwiderte schroff, Baden wolle nicht eine
+kuenstliche Industrie durch Schutzzoelle grossziehen. Der Nassauer Hof liess
+in Stuttgart seine Verwunderung aussprechen, wie nur Wuerttemberg ein
+solches "Merkantilsystem" annehmen und einem groesseren Hofe sich
+unterwerfen koenne. Hessen-Darmstadt aber, ausserstande, sein drueckendes und
+doch unergiebiges Mautwesen laenger zu halten, verfeindet mit Kurhessen,
+voll Misstrauens gegen die sueddeutschen Nachbarn, richtete endlich
+bestimmte Antraege nach Berlin. Dergestalt haben jene Muenchener
+Verhandlungen die entscheidende Wendung in der Geschichte deutscher
+Handelspolitik herbeigefuehrt -- einen heilsamen Umschwung, den weder Koenig
+Ludwig noch Koenig Wilhelm beabsichtigte.
+
+
+
+b) _Der preussisch-hessische und der bayrisch-wuerttembergische Zollverein._
+
+
+Minister du Thil, der jetzt die Finanzen und die auswaertigen
+Angelegenheiten seines Grossherzogtums zugleich leitete, befand sich, wie
+er selbst erzaehlt, in verzweifelter Stimmung. Die Finanznot stieg, das
+Volk murrte. Die armen Leineweber auf dem Vogelsberge bei Alsfeld hatten
+durch die spanische Revolution ihren Markt verloren, das Hinterland um
+Biedenkopf fand, eingepresst zwischen preussische Gebiete, keinen Absatz
+mehr fuer seine Teppiche und Wollwaren, der Mainzer Handelsstand konnte die
+Last der nahen preussischen Zollstellen kaum mehr ertragen. Im Landtage
+verlangten einzelne Stimmen, wie schon vor Jahren der Abgeordnete Perrot,
+eine Verstaendigung mit Preussen, andere befuerworteten den sueddeutschen
+Verein. Nur darin war man einig, dass der Staat in seiner vereinsamten
+Stellung nicht bleiben koenne; die Kammer sprach die Erwartung aus, dass
+irgendein Zollverein zustande komme, und gab der Regierung freie Hand.
+Grossen Eindruck machte auf den Minister eine von dem Fabrikanten Bayer im
+Vogelsberge eingereichte, vom Pfarrer Frank verfasste gruendliche
+Denkschrift, die ueberzeugend nachwies, dass der Warenzug des Landes
+ueberwiegend durch Preussen gehe. Darum lehnte du Thil die bayrische
+Einladung ab, obgleich Lerchenfeld zweimal von Frankfurt herueberkam und
+Koenig Ludwig persoenlich im Bade Brueckenau den hessischen Staatsrat Hofmann
+zu ueberreden suchte. Immer klarer ward ihm die Erkenntnis, dass nur der
+Beitritt zum preussischen Zollsystem noch retten koenne. Es war ein kuehner
+Entschluss fuer den Minister eines Mittelstaates; denn im Grunde waren doch
+alle bisherigen sueddeutschen Zollverhandlungen zur Abwehr gegen das
+preussische Zollwesen unternommen worden, und seit dem Koethener Streite
+stand an saemtlichen Hoefen die Meinung fest, dass durch eine Verstaendigung
+mit Preussen die souveraene Wuerde schimpflich preisgegeben werde. Indes der
+mutige Minister war gewoehnt, die Stimmungen des Tages gering zu schaetzen,
+er pflegte in den Landtagsverhandlungen seine selbstaendige Gesinnung oft
+sehr scharf und nicht ohne verletzende Ironie auszusprechen.
+
+Aber wuerde Preussen auf den unerwarteten Antrag eingehen? Schon im Sommer
+1825 hatte der Darmstaedter Hof einmal in Berlin angefragt, ob Preussen
+geneigt sei, einen Zollverein mit beiden Hessen abzuschliessen, und sofort
+eine zustimmende Antwort erhalten. Nachher war Preussen aber wieder
+zurueckgetreten, weil Kurhessen sich dem Plane versagte, und damals in
+Berlin noch die Meinung herrschte, die Erweiterung des Zollsystems duerfe
+nur "von Grenze zu Grenze", von dem naeheren Nachbarn zu dem entfernteren
+vorschreiten. Aus dieser Meinung erklaerte es sich auch, dass ein halbes
+Jahr darauf eine zweite, sehr unbestimmt gehaltene Anfrage aus Darmstadt
+dahin beantwortet wurde: Verhandlungen mit Darmstadt allein verspraechen
+keinen Erfolg, weil das Grossherzogtum nicht an Preussen angrenze.
+
+Von den freieren und kuehneren Ansichten, welche Motz sich inzwischen
+gebildet hatte, ahnte du Thil nichts. Er fuehlte sich des Erfolges so wenig
+sicher, dass er nicht einmal seinen greisen Grossherzog(71) zu unterrichten
+wagte, sondern zunaechst bei Bernstorff, mit dem er von den Wiener
+Konferenzen her befreundet war, vertraulich anfragte. Bernstorff aber
+kannte die Plaene des Finanzministers ebensowenig wie der Hesse, da er seit
+Jahren die Handelssachen an Eichhorn zu ueberlassen pflegte, und gab eine
+zaghafte Antwort: finanziellen Gewinn verspreche der Vertrag fuer Preussen
+nicht, und auf eine unbedingte Unterwerfung des Grossherzogtums werde Koenig
+Friedrich Wilhelm selbst nicht eingehen wollen. Erst als du Thil
+erwiderte, an eine Mediatisierung seines Grossherzogs denke er auch
+keineswegs, sendete Bernstorff einen zweiten, ermutigenden Brief.
+
+Nunmehr weihte der hessische Minister seinen Grossherzog in das Geheimnis
+ein und stellte bei dem preussischen Gesandten v. Maltzan, der trotz
+wiederholter Andeutungen nicht aus seiner Zurueckhaltung herausgegangen
+war, am 10. August 1827 die foermliche Anfrage, ob man in Berlin geneigt
+sei, einen geheimen Bevollmaechtigten seines Hofes zu empfangen. Die Frage
+lautete noch immer unbestimmt genug, du Thil sprach nur von gegenseitigen
+Handelserleichterungen. Und selbst wenn der bedraengte Darmstaedter Hof, wie
+zu erwarten stand, weiter ging und zu einem wirklichen Zollverein die Hand
+bot, welchen Vorteil gewaehrte ein solcher Bund den Finanzen und der
+Volkswirtschaft Preussens? Der kleine Staat besass kein zusammenhaengendes
+Gebiet, grenzte nur auf drei Stellen, auf wenige Meilen, an preussisches
+Land. Eben jetzt hoffte man in Berlin, die Vertraege mit den Enklaven
+endlich zum Abschluss zu bringen; gelang dies, so war ein klarer Gewinn
+erreicht, die Laenge der Zollgrenzen verminderte sich von 1073 auf
+992 Meilen. Trat Darmstadt hinzu, so waren wieder 1108 Grenzmeilen zu
+bewachen, waehrend das freie Marktgebiet sich nur um 152 Geviertmeilen
+vergroesserte. Eine sehr betraechtliche Vermehrung des Absatzes preussischer
+Fabrikware stand nicht in Aussicht, da Darmstadt nicht zu den stark
+konsumierenden Laendern zaehlte. Nur die bergisch-maerkische Industrie durfte
+auf Erweiterung ihres Verkehrs rechnen. Im Mosellande dagegen fuerchtete
+man die Konkurrenz der rheinhessischen Weine. Den Staatskassen drohte
+geradezu Verlust, wenn die Zolleinkuenfte nach der Kopfzahl verteilt
+wurden. Das kleine Nachbarland verzehrte weit weniger Kolonialwaren, hatte
+bisher eine zehnmal niedrigere Zolleinnahme bezogen als Preussen: Darmstadt
+kaum 21/2 Sgr., Preussen 24 Sgr. auf den Kopf der Bevoelkerung.
+
+Motz war gerade auf einer Dienstreise abwesend, als die Nachrichten aus
+Hessen einliefen. Maassen aber, der ihn vertrat, durfte als schlichter
+Amtsverweser nur wiederholen, was schon zweimal vom Finanzministerium
+erklaert worden war: er wies die Verhandlungen ueber Handelserleichterungen
+nicht ab, hielt jedoch einen Zollverein fuer unmoeglich, da Hessen allzu
+sehr zerstueckelt sei und ein so weit abweichendes Steuersystem besitze. Im
+Auswaertigen Amte dachte man mutiger. Eichhorn fand es hochbedenklich,
+einen deutschen Bundesgenossen zurueckzuweisen, der in ernster Verlegenheit
+sich an Preussen wende; er riet aus politischen Gruenden dringend, auf du
+Thils Wuensche einzugehen; nur solle nicht bloss ein Handelsvertrag, sondern
+eine dauernde Verbindung geschlossen werden. Zugleich schrieb
+Otterstedt(72) aus Karlsruhe: dass Koenig Ludwig bei seinem Zollverein
+politische Nebenplaene verfolge, sei offenkundig; jetzt gelte es, Preussens
+Ansehen zu wahren. Er verbuergte sich fuer du Thils Ehrlichkeit, mahnte
+aber, das strengste Geheimnis bei den Verhandlungen zu bewahren, damit
+nicht Oesterreich und Bayern vereint in Darmstadt entgegenarbeiteten.
+Unterdessen war Motz heimgekehrt, und sofort trat er mit den Plaenen
+heraus, die ihm waehrend der letzten Jahre aufgestiegen waren. Der kuehne
+Mann erklaerte sich bereit, jetzt den unvorteilhaften Vertrag mit Darmstadt
+zu schliessen, weil er hoffte, dass dies Beispiel die mitteldeutschen
+Nachbarn nachziehen werde; auf die niederdeutschen Staaten war ja doch
+nicht zu rechnen. Es ist sehr wichtig, schrieb er dem Minister des
+Auswaertigen, beide Hessen und alle saechsischen Regierungen, auch das
+Koenigreich, in unser Steuersystem aufzunehmen. "Ich bin auch nicht
+besorgt, dass diese einen anderen Steuerverband waehlen werden, weil ihr
+Finanzinteresse nur in einer Verbindung mit uns bedeutend gewinnen und sie
+drueckender Finanzsorgen entheben wird. Ich hoffe und wuensche, dass
+Hessen-Darmstadt, dessen Finanzverlegenheit bekannt ist und welches hier
+die richtige Medizin findet, damit den Anfang machen, und die anderen
+genannten Regierungen dann bald nachfolgen werden."
+
+Waehrend also die Berliner Behoerden unter sich berieten, setzten Bayern und
+Wuerttemberg alle Hebel ein, um den Kurfuersten von Hessen fuer ihren
+werdenden Verein zu gewinnen. Drangen sie durch, so schien die Verbindung
+Darmstadts mit Preussen kaum raetlich. Daher sendete du Thil den Prinzen
+August Wittgenstein nach Kassel, angeblich, wie er Maltzan sagte, um den
+Kurfuersten zu warnen vielleicht auch, um fuer alle Faelle gedeckt zu
+bleiben. Am Kasseler Hofe ueberwog der Widerwille gegen den
+konstitutionellen Sueden und die Furcht vor jeder Schmaelerung der
+Souveraenitaet; Bayerns Bemuehungen scheiterten.
+
+Nun erst war das Feld frei. Der Koenig erlaubte den Beginn der
+Verhandlungen und am 6. Januar 1828 erschien Staatsrat Hofmann in Berlin,
+derselbe, der einst bei der Begruendung der hessischen Verfassung so
+wirksam mitgeholfen hatte, ein sachkundiger Geschaeftsmann, von starkem
+Ehrgeiz, keineswegs unempfindlich fuer die Vorteile, welche beim Abschluss
+wichtiger Vertraege dem Unterhaendler zuzufallen pflegen. Der gewandte Mann
+hatte verstanden, zugleich mit den Liberalen ein gutes Einvernehmen zu
+unterhalten und sich im Vertrauen seines Fuersten zu behaupten; mit
+Wangenheim in Freundschaft zu leben, ohne den Grossmaechten verdaechtig zu
+werden. Die handelspolitische Verstaendigung mit Preussen war ihm seit
+Jahren ein gelaeufiger Gedanke. In der diplomatischen Welt stritt man sich,
+ob Hofmann in Privatangelegenheiten eines hessischen Prinzen reise, oder
+den Verkauf der Kreuznacher Saline in Berlin vermitteln solle. So durch
+die Hintertuer, wie der Dieb in der Nacht, ist diese folgenreiche
+Entscheidung in unsere Geschichte eingetreten. Das Geheimnis war nur zu
+noetig. In Darmstadt wuenschten zwar Minister Grolman(73) und Prinz Emil
+aufrichtig die Verstaendigung mit Preussen; doch die oesterreichische Partei
+arbeitete in der Stille, ein voreiliges Wort konnte alles verderben.
+
+Der hessische Bevollmaechtigte beantragte nur die gegenseitige Herabsetzung
+einer langen Reihe von Zoellen auf ein Zehntel der bisherigen Saetze; als
+unerlaessliche Bedingung stellte er den Kernsatz jenes Heidelberger
+Protokolls auf: selbstaendige Zollverwaltung fuer Darmstadt. Alsbald trat
+ihm Motz entgegen mit dem Bedenken: Zollerleichterungen seien unfruchtbar,
+weitlaeufig, gefaehrlich; Preussen muesse die vollstaendige Annahme seines
+Zollgesetzes verlangen. Unter solchen Umstaenden mussten die Verhandlungen
+entweder scheitern oder zu einem Kompromisse fuehren: zur Bildung eines
+Zollvereins auf Grund des preussischen Zollgesetzes, aber mit selbstaendiger
+Zollverwaltung fuer beide Teile. Ueberraschend schnell, in wenigen Tagen
+wurde die Loesung gefunden, wonach die sueddeutschen Kabinette in
+jahrelangen Verhandlungen getrachtet hatten. Am 11. Januar 1828 fand die
+erste foermliche Konferenz im Finanzministerium statt, und hier wurde
+bereits von allen Seiten anerkannt, dass nur eine vollstaendige Vereinigung
+moeglich sei: Darmstadt trat in das preussische Zollsystem ein; Preussen,
+laengst bereit "ueber Formalitaeten leicht hinwegzugehen", gewaehrte dem
+Verbuendeten gleiches Stimmrecht bei Abaenderungen der Zollgesetze und eine
+selbstaendige Zollverwaltung, die aber streng nach preussischem Muster
+eingerichtet werden sollte. Mit diesem Entschlusse war alles Wesentliche
+entschieden. Die naechste Konferenz vom 17. Januar behandelte nur noch
+Detailfragen. Am 24. Januar berichtete Eichhorn dem Koenige: der Vertrag
+verspreche allein fuer Hessen finanzielle und volkswirtschaftliche
+Vorteile, fuer Preussen dagegen einen grossen politischen Gewinn, da die
+kleinen Staaten auf diesem Wege dauernd an uns gefesselt werden. Am
+3. Februar genehmigte der Koenig den Abschluss der Verhandlungen; in seiner
+streng rechtlichen Gesinnung fuegte er ausdruecklich die Bedingung hinzu:
+"die deutschen Nachbarstaaten, besonders Baden, duerfen dadurch nicht in
+ihrem Interesse getraenkt werden."
+
+So kam denn am 14. Februar 1828 jener denkwuerdige Vertrag zustande, der in
+Wahrheit die Verfassung des deutschen Zollvereins feststellte. Er verhaelt
+sich zu den spaeteren Zollvereinsvertraegen genau so, wie die Verfassung des
+Norddeutschen Bundes zu der heutigen Reichsverfassung sich verhaelt. Durch
+den Zutritt anderer, groesserer Mittelstaaten haben sich spaeterhin die
+zentrifugalen Kraefte des Zollvereins erheblich verstaerkt; einzelne
+Bestimmungen des Vertrags wurden im foederalistischen Sinne abgeschwaecht;
+doch die Fundamente des preussisch-hessischen Vertrags blieben
+unerschuettert. Darmstadt nahm die preussischen Zoelle an und gab ueberdies
+die vertrauliche Zusage, dass auch die wichtigsten preussischen
+Konsumtionssteuern eingefuehrt werden sollten. Der Kreis Wetzlar tritt
+unter die darmstaedtischen, das hessische Hinterland unter die
+westfaelischen Zollbehoerden. Preussen ernennt einen Rat bei der
+Zolldirektion in Darmstadt, Hessen desgleichen bei der Steuerdirektion zu
+Koeln. Beide Staaten beaufsichtigen wechselseitig ihre Hauptzollaemter durch
+Kontrolleure; eine Konferenz von Bevollmaechtigten verteilt alljaehrlich die
+gemeinschaftlichen Einnahmen nach Verhaeltnis der Kopfzahl. Dergestalt war
+die Rechtsgleichheit der Verbuendeten, die souveraene Wuerde des
+darmstaedtischen Reiches, mit peinlicher Sorgfalt gewahrt. Die milde
+Kontrolle aenderte wenig an der Selbstaendigkeit der hessischen
+Zollverwaltung; der Verein beruhte im Grunde nur auf gegenseitigem
+Vertrauen. Nach den bisherigen Leistungen kleinstaatlicher Zollverwaltung
+konnten die preussischen Geschaeftsmaenner einen solchen Vertrag nicht ohne
+ernste Bedenken unterschreiben. Die hessische Regierung aber hat das gute
+Zutrauen gerechtfertigt, sie liess das neue Zollwesen unter der
+einsichtigen Leitung des Finanzrats Biersack fest und redlich durchfuehren.
+Diese deutsche Treue, diese ehrenhafte Erfuellung der eingegangenen
+Verbindlichkeiten bildet ueberhaupt das beste Verdienst, das die
+Mittelstaaten um den Zollverein sich erworben haben; der Abschluss der
+Vertraege selbst war nicht eine freie patriotische Tat der kleinen Hoefe,
+sondern ein Ergebnis der bitteren Not.
+
+Ebenso streng wurde die Gleichberechtigung der Verbuendeten in Sachen der
+Zollgesetzgebung aufrecht erhalten. Der Artikel 4 lautete urspruenglich:
+Abaenderungen der Zollgesetze sollen nur in "gegenseitigem Einvernehmen"
+erfolgen, "und es sollen alle diese Veraenderungen im Grossherzogtum Hessen
+im Namen S. K. H. des Grossherzogs verkuendigt werden." Diese Fassung
+erregte in Darmstadt schmerzliches Aufsehen. Prinz Emil selbst eilte zu
+Maltzan, stellte ihm vor: "der Grossherzog weiss, dass man in Berlin selbst
+nicht wuenscht, dass die grossherzogliche Regierung in den Augen des uebrigen
+Deutschlands erniedrigt werde." Eichhorn, der laengst verlernt hatte, sich
+ueber die Weltanschauung deutscher Kleinfuersten zu verwundern, ging auf die
+Bitte ein; er strich jene erniedrigenden Worte, ersetzte sie nachtraeglich
+durch die Wendung: "und sollen von jeder der beiden Regierungen ihrerseits
+verkuendigt werden". Damit war das europaeische Gleichgewicht zwischen
+Preussen und Darmstadt wieder hergestellt.
+
+So bereitwillig die preussischen Staatsmaenner in diesen laecherlichen
+Formfragen nachgaben, ebenso schwer fiel ihnen der Entschluss, den Inhalt
+des Artikels 4 selbst anzunehmen. Wann hatte denn jemals eine Grossmacht
+ihre Zollgesetzgebung dem guten Willen eines Staates vom dritten Range
+unterworfen? Es war vorauszusehen, dass dieser darmstaedtische Vertrag allen
+spaeteren Zollvereinsvertraegen ebenso zum Vorbilde dienen wuerde, wie der
+Sondershausener Vertrag das Muster gewesen war fuer alle nachfolgenden
+Enklavenvertraege. In jenem Augenblick freilich standen die kleinen
+Kabinette den Ideen des Freihandels sogar noch naeher als Preussen. Doch
+konnte dem Scharfblick Motzs und Maassens nicht entgehen, dass diese
+Parteistellung in einer nahen Zukunft sich gaenzlich verschieben wuerde,
+sobald in Oberdeutschland eine junge Grossindustrie entstand. Der
+preussischen Zollgesetzgebung drohte vielleicht Stillstand und
+Verkuemmerung, wenn die Mittelstaaten ein Veto erhielten.
+
+Alle diese staatswirtschaftlichen Bedenken mussten verstummen vor den
+glaenzenden Aussichten, welche sich der nationalen Politik Preussens
+eroeffneten. Darmstadt -- so berichtete Eichhorn dem Koenige -- empfaengt durch
+den Vertrag erst die Moeglichkeit eines haltbaren Zollsystems. Preussen
+gewinnt die wichtige Position in Mainz, verhindert den sueddeutschen
+Sonderbund, in den Norden hinein vorzudringen, und darf mit Sicherheit
+darauf rechnen, dass Hessens Beispiel Nachfolge finden, eine grosse
+handelspolitische Vereinigung entstehen wird. Nochmals wird sodann dem
+Koenig versichert, dass jede Feindseligkeit gegen deutsche Staaten vermieden
+werden solle. "Die Vereinigung ist von Ew. Maj. Behoerden weder gesucht,
+noch weniger durch verfuehrerische Lockungen veranlasst worden; man hat nur
+Antraege und Vorschlaege, welche von der grossherzoglichen Regierung
+ausgingen, entgegengenommen."
+
+Der neue Zollverein sollte bis zum 31. Dezember 1834 dauern und dann,
+sofern keine Kuendigung erfolge, auf weitere sechs Jahre verlaengert werden.
+Das Recht der Kuendigung blieb {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} die einzige Waffe, um Preussen
+sicherzustellen gegen den Missbrauch des gleichen Stimmrechts.
+Handelsvertraege schloss Preussen allein -- denn der Zusatz "unter Mitwirkung
+und Zustimmung Darmstadts" war praktisch wertlos. In allem uebrigen bestand
+vollstaendige Gleichheit der Rechte.
+
+Auch um diesen Vertrag hat sich ein zielloser Prioritaetsstreit erhoben.
+Der partikularistische Neid will die Tatsache nicht zugeben, dass die
+Verfassung des Zollvereins in Berlin ersonnen wurde. Man behauptet, der
+preussisch-hessische Verein sei lediglich dem bayrisch-wuerttembergischen
+Verein nachgebildet worden, welcher einige Wochen vorher, am 18. Januar
+1828, zustande kam und ebenfalls das gleiche Stimmrecht, die selbstaendige
+Zollverwaltung der Bundesgenossen anerkannte. Ein Blick auf die Tages- und
+Jahreszahlen genuegt, um dies Maerchen zu widerlegen. Der Fundamentalsatz
+der Zollvereinsverfassung, die Paritaet und Unabhaengigkeit der
+Bundesgenossen, wurde in der Konferenz vom 11. Januar zwischen Preussen und
+Darmstadt vereinbart, acht Tage bevor der bayrisch-wuerttembergische
+Vertrag abgeschlossen wurde -- in einem Augenblick, da man zu Berlin den
+Gang der Muenchener Verhandlungen noch nicht naeher kannte. Die neueste aus
+Muenchen eingelaufene Nachricht sagte nur: noch bleibe zweifelhaft, ob der
+sueddeutsche Verein gemeinsame oder getrennte Zollverwaltung haben solle,
+das letztere sei allerdings wahrscheinlicher. Der Gedanke lag eben in der
+Luft, er ergab sich mit Notwendigkeit aus den fruchtlosen
+Zollverhandlungen der juengsten Jahre, er wurde von den norddeutschen und
+von den sueddeutschen Zollverbuendeten gleichzeitig angenommen, ohne dass sie
+voneinander wussten. Im Grunde ist der ganze Streit muessig. Der Entschluss,
+von dem die Zukunft deutscher Handelspolitik abhing, konnte nur in Berlin
+gefasst werden. Ob Bayern und Wuerttemberg einander die Paritaet zugestanden,
+war gleichgueltig. Doch ob die norddeutsche Grossmacht die unerhoerte
+Selbstverleugnung finden wuerde, mit einem Staate dritten Ranges sich
+bescheiden auf eine Linie zu stellen -- an dieser Frage hing alles. Sobald
+Preussen diesen Entschluss fasste, war dem Souveraenitaetsduenkel der kleinen
+Hoefe der letzte Vorwand genommen und die Bahn gebrochen fuer Deutschlands
+Handelseinheit. Dem gewissenhaften Notizensammler soll unvergessen
+bleiben, dass Bayern und Wuerttemberg den "ersten" Zollverein in Deutschland
+gruendeten, ihre Verhandlungen etwas frueher beendigten als Preussen und
+Darmstadt. Fuer den Historiker hat die Tatsache geringen Wert. Denn der
+sueddeutsche Verein erwies sich als ein verfehlter Versuch und ging bald
+zugrunde; der preussisch-hessische Verein bewaehrte sich und wuchs. Aus
+diesem, nicht aus jenem, ist der grosse deutsche Zollverein hervorgegangen.
+
+Eichhorn fuehlte, dass die Dinge endlich in Fluss kamen. Voll froher
+Zuversicht richtete er im Maerz an die Gesandtschaften in Deutschland eine
+eingehende Instruktion. Er schildert darin den Gang der preussischen
+Handelspolitik, das System des bewussten, berechneten Abwartens, das so
+gute Fruechte getragen habe. Er zeigte sodann, wie mit dem Darmstaedter
+Vertrage die entscheidende Wendung eingetreten sei: diese Verhandlungen
+waren besonders darum nuetzlich, weil sie "die Moeglichkeit eines
+gemeinschaftlichen Zollsystems fuer Staaten, die geographisch unabhaengig
+sind, erwiesen. An die Stelle eines dunklen Gefuehls, welches frueherhin
+eine Vereinigung in einer unbestimmten Richtung suchte, ist eine klare
+Erkenntnis getreten." Man sieht heute in der Aufnahme der
+staatswirtschaftlichen Grundsaetze eines anderen Staates nicht mehr eine
+Verleugnung der Souveranitaet. Nichtsdestoweniger soll die Diplomatie nach
+wie vor eine ruhig zuwartende Haltung behaupten. Ebenso zuversichtlich
+schrieb Eichhorn an Motz: Unsere Handelspolitik hat sich bewaehrt und wird
+noch groessere Erfolge erringen, wenn wir die Anfragen anderer Staaten
+geduldig abwarten. Der bayrisch-wuerttembergische Verein ist lose und wird
+noch lockerer werden, wenn er wider Erwarten neue Bundesgenossen finden
+sollte.
+
+In der Tat erwies sich in Hessen wie einst in den Enklaven sehr rasch der
+Segen der preussischen Gesetze. Im ersten Augenblick war die Stimmung im
+Lande noch geteilt. Das Starkenburger Land sah den gewohnten kleinen
+Verkehr mit dem Frankfurter Markte mannigfach belaestigt, und in der Kammer
+klagten nach deutschem Brauche einzelne Patrioten beweglich ueber den
+"Loewenvertrag", welchen Preussens Schlauheit der hessischen Unschuld
+auferlegte. Der Handelsstand in Mainz und Offenbach dagegen sprach der
+Regierung seinen Dank aus, und bald regte sich ueberall im Lande ein neues
+Leben. Vor kurzem noch hatte man in Berlin geplant, eine Messe in Koeln zu
+errichten, die dem Mainzer und Frankfurter Verkehr das Gegengewicht halten
+sollte: jetzt entstand in Offenbach ein schwunghafter Messverkehr, der
+namentlich im Ledergeschaefte das reiche Frankfurt zu ueberfluegeln begann.
+Die beiden Verbuendeten bauten eine grosse Strasse von Paderborn ueber
+Biedenkopf nach Giessen und weiter suedwaerts, so dass ein fast zollfreier
+Strassenzug den Neckar mit der Ostsee verband. Nach zwei Jahren war die
+handelspolitische Opposition in den Kammern fast voellig verstummt. Graf
+Lehrbach, der den Minister wegen Landesverrats verklagen wollte, stand
+vereinsamt; der Abgeordnete Schenk aber dankte der Regierung und schloss
+gemuetlich: Das einzige Mittel gegen den Wunsch nach politischer Einheit
+ist die Zolleinigung! Mit Selbstgefuehl verwies Hofmann auf die guenstigen
+Rechnungsabschluesse und sagte "mit voller Zuversicht dieser auf
+gegenseitige Vorteile gegruendeten Verbuendung Bestand und Dauer voraus: so
+werden Sie hoffentlich bald dasjenige verwirklicht sehen, was noch vor
+wenigen Jahren zwar Gegenstand Ihrer angelegentlichsten Wuensche war, aber
+nach so vielen vergeblichen Verhandlungen kaum in dem Reiche der
+Moeglichkeit zu liegen schien." Auch in Preussen hielten die Klagen der
+Geschaeftswelt, die sich anfangs laut genug erhoben, nicht lange vor.
+Unterdessen hatte der Koenig sein gesamtes thueringisches Gebiet in die
+Zollinie aufgenommen; die Lage der ernestinischen Fuerstentuemer ward fast
+unertraeglich. Es schien undenkbar, dass Kurhessen und Thueringen, also von
+allen Seiten umklammert, ihren toerichten Widerstand fortsetzen sollten.
+
+Und doch sollte das Undenkbare geschehen. Auf das erste Geruecht hin
+versuchten allerdings einige Kleinstaaten, sich den Verbuendeten zu naehern
+-- lediglich in der Absicht, den Inhalt des Vertrages, der noch streng
+geheim gehalten wurde, zu erfahren. Praesident Krafft in Meiningen schrieb
+an Hofmann, bat um Aufklaerung, deutete gewichtig an, dass Meiningen
+vielleicht dem hessischen Beispiel folgen werde, wenn man nur die
+Machtstellung dieses Reiches nach Gebuehr wuerdige: "Die Lage des Landes
+Meiningen laesst seinen Wert den geographischen Umfang desselben
+ueberschreiten, indem mehrere der frequentesten Landstrassen die
+Handelsplaetze an den Kuesten der Nordsee mit einem bedeutenden Teile des
+suedlichen Deutschlands, der Schweiz und Italiens verbinden, und Preussen,
+Bayern und Kurhessen zu seinen wichtigeren Grenznachbarn gehoeren." Die
+Meininger Welthandelsstrassen boten unleugbar auf der Landkarte einen sehr
+stattlichen Anblick; gebaut waren sie freilich noch nicht, auch besass das
+Laendchen durchaus nicht die Mittel, sie jemals zu bauen. Motz, dem die
+Naturgeschichte des deutschen Kleinstaats einen unerschoepflichen Quell der
+Ergoetzung bot, sendete das Meininger Schreiben an Hofmann zurueck und
+versicherte, die geographische Bedeutung des Herzogtums sei ihm ganz neu;
+dann schloss er wehmuetig: "es ist betruebt, wenn solche ueberspannte Diener
+dazu beitragen, dass dem Souveraenitaetsduenkel ihrer Fuersten auch noch ein
+Strassenduenkel hinzugefuegt wird." Der Vorfall blieb dem klugen Manne
+unvergessen; der Meininger Strassenduenkel sollte zur rechten Stunde noch
+eine Rolle spielen in der deutschen Geschichte. Noch durchsichtiger war
+ein diplomatisches Kunststueck der freien Stadt Frankfurt. Der alte
+Rothschild erschien bei Otterstedt, um verbindlich anzufragen, ob nicht
+auch Frankfurt mit Preussen einen aehnlichen Vertrag schliessen koenne. Nun
+wusste alle Welt, dass die Handelspolitik dieser Republik lediglich in einer
+systematischen Pflege des Schmuggels bestand. Der Fuehler hatte also nur
+den Zweck, den Senat ueber die Bedingungen des preussisch-hessischen
+Vertrages zu unterrichten, damit die Frankfurter Schmuggler sich darauf
+einrichten konnten. Selbstverstaendlich wurde der diplomatische Boersenfuerst
+mit einigen allgemeinen Redensarten heimgeschickt.
+
+Unter den deutschen Hoefen war nur einer, der den preussisch-hessischen
+Verein mit Freude begruesste: der badische Hof. Allein durch Preussens
+Beistand konnte Grossherzog Ludwig hoffen, seine Pfalz gegen Bayern zu
+behaupten; daher schrieb er an Blittersdorff: "ich freue mich, einen
+Einfluss vermehrt zu sehen, dem ich, besonders im gegenwaertigen Augenblick,
+soviel verdanke". Zugleich hoffte man in Karlsruhe die Absichten der
+badischen Handelspolitik nunmehr in Sueddeutschland durchzusetzen, denn
+seit Darmstadt zu Preussen uebergetreten, bildete Baden allein die fuer
+Bayern unentbehrliche Verbindung zwischen Franken und der Pfalz.
+
+Alle anderen Hoefe vernahmen die erste unsichere Kunde aus Berlin mit
+unbeschreiblichem Schrecken; die Nachricht fiel wie eine Bombe in die
+diplomatische Welt. Selbst Blittersdorff, der doch die entgegengesetzten
+Ansichten seines Souveraens kannte, enthielt sich nicht zu jammern ueber
+"dies Unglueck, diesen neuen Beweis preussischer Selbstsucht": es sei ja
+klar, Preussen wolle nur den hessischen Markt fuer seine Fabrikate
+ausbeuten, und glaube selber nicht an die Dauer der Verbindung. Was der
+Heisssporn also herauspolterte, war nur der Widerhall der erregten Reden
+der oesterreichischen Partei am Bundestage. Muench(74) und Langenau(75)
+versicherten entruestet: jetzt endlich sei Preussens masslose Herrschsucht
+entlarvt. Vor kurzem noch hatten sie auf den preussischen Hochmut
+gescholten, der jede Verstaendigung mit den Nachbarn abweise. Am lautesten
+laermte Marschall ueber diesen "Unterwerfungsvertrag", den er ebensowenig
+gelesen hatte wie die anderen aus der oesterreichischen Sippe. Er traf
+sogleich Anstalten zur Beguenstigung des Schmuggels in Bieberich und den
+anderen Rheinhaefen. Der Gedanke, dass Nassau jetzt wie Anhalt zur
+preussischen Enklave werden solle, war seinem Nationalstolze schrecklich.
+Dann liess er durch die getreue Oberpostamtszeitung die Luege verbreiten,
+Preussen habe auch Nassau zum Beitritt eingeladen, sei aber stolz
+zurueckgewiesen worden. Der untertaenige Landtag stimmte der Ansicht des
+Ministers zu, als dieser erklaerte: eine Erhoehung der Staatseinnahmen sei
+ueberfluessig; fuer Nassaus europaeische Politik wie fuer seine Volkswirtschaft
+koenne der Anschluss an Preussen nur gefaehrlich werden.
+
+Dass Muench und Langenau nicht ohne geheime Weisungen handelten, liess sich
+leicht erraten. Zum Ueberfluss sprach Fuerst Metternich selbst seine
+Bestuerzung in sauersuessen Worten aus. Der preussische Gesandte teilte dem
+oesterreichischen Staatskanzler eine Denkschrift mit, die sich ausfuehrlich
+ueber Preussens bisherige Handelspolitik verbreitete. Darauf erwiderte der
+Fuerst: "Der Darmstaedter Vertrag hat grosses Aufsehen erregt, wie ja alles
+in Deutschland missdeutet wird. Doch ist uns lieb, dass Preussen sich so
+offen ausspricht; mit der Denkschrift bin ich im wesentlichen
+einverstanden. Bayern hat uns kuerzlich aufgefordert, den
+preussisch-hessischen Vertrag zu hintertreiben. Wir lehnten ab, da solche
+Vertraege eine Konsequenz der Souveraenitaet sind. Ich kann aber nicht
+verhehlen, dass, sobald dergleichen Verbindungen aufhoeren, bloss aus dem
+administrativen Gesichtspunkt betrachtet zu werden und ihnen eine
+politische Tendenz zugrunde gelegt wird, die Grundgesetze des Bundes ihnen
+entgegenstehen." Darauf empfahl er dem preussischen Hofe abermals, wie
+einst auf dem Aachener Kongress, die Vorzuege der k. k. Provinzialmauten:
+wenn man in Preussen Provinzialzoelle einfuehrte, so wuerde man der laestigen
+Zollvertraege nicht beduerfen! Mit Entzuecken vernahm Motz diese
+Orakelsprueche und schrieb an Eichhorn: "Von den Finanzansichten des
+Fuersten v. Metternich werden wir wohl keinen Gebrauch machen koennen.
+Dagegen wollen wir nicht bestreiten, dass es in vieler Beziehung fuer uns
+ohne Nachteil sein wird, wenn er fuer Oesterreich bei seinen erleuchteten
+Ansichten beharrt." Zudem wusste Eichhorn, wie eifrig der k. k. Gesandte in
+Darmstadt der Ratifikation des Vertrages entgegengewirkt hatte; noch im
+Februar war Otterstedt von Karlsruhe hinuebergeeilt, um dem
+oesterreichischen Einfluss die Wage zu halten.
+
+Auch jenes deutsche Kabinett, das damals dem Berliner Hofe am naechsten
+stand, auch Hannover, ueberraschte durch auffaellige Ungezogenheit. Der
+Koenig wollte nicht, dass das befreundete Nachbarland aus dem neuen Verein
+Besorgnis schoepfe. Er befahl daher eine Ausnahme zu machen von der Regel,
+wonach Preussen sich aller handelspolitischen Anerbietungen enthalten
+sollte, und liess in Hannover einige neue Strassenzuege und bedeutende
+Zollerleichterungen vorschlagen, da nach den Grundsaetzen der hannoverschen
+Politik ein wirklicher Zollverein doch nicht zu erwarten stand. Aber diese
+Eroeffnungen blieben unerwidert. Das war mehr als Verstimmung; das deutete
+auf feindselige Plaene, die im Dunkeln sich vorbereiteten.
+
+Die oeffentliche Meinung zeigte sich, wie immer in der Geschichte des
+Zollvereins, noch verblendeter als die Kabinette, und die Hofburg
+verstand, trotz ihres Hasses gegen den Liberalismus, den liberalen
+Unverstand vortrefflich auszubeuten. In Frankfurt arbeitete unter Muenchs
+Augen eine k. k. Korrespondenzenfabrik: mit merkwuerdiger Uebereinstimmung
+erzaehlten der Nuernbergische Korrespondent, die Elberfelder Zeitung, das
+Frankfurter Journal von unseligen Darmstaedter Industriellen, die Haus und
+Hof verliessen, um den preussischen Zoellen zu entgehen. Die Augsburger
+Allgemeine Zeitung liess sich aus Darmstadt schreiben: man muss heute
+einundzwanzigmal preussisch reden, ehe man einmal hessisch reden darf; das
+unglueckliche Land traegt zweifache Lasten, die neuen Mauten und die alten,
+da ja fuer Wein und Tabak Ausgleichungsabgaben erhoben werden. Auch
+unabhaengige Blaetter, wie der Altonaer Merkur und die Neue Mainzer Zeitung,
+erzaehlten die Fabel vom Fuchs, der im Stalle zum Pferde sagte: tritt mich
+nicht, ich will dich auch nicht treten!
+
+Die preussische Regierung konnte sich in den Kuensten des literarischen
+Minenkriegs niemals mit Oesterreich messen; sie begnuegte sich, den
+oesterreichischen Tendenzluegen lehrhafte Berichtigungen in der
+Staatszeitung entgegenzustellen; das unglueckliche Blatt krankte aber an
+der Erbsuende aller offizioesen Blaetter, der Trockenheit. Auf allgemeine
+Zustimmung konnte in diesem Lande der Kritik kein Schritt der Regierung
+rechnen. Nicht bloss unter den Industriellen zitterten viele vor der
+drohenden Vermehrung der Konkurrenz. Auch eine Schule innerhalb des
+Beamtentums, Schoen mit seinen ostpreussischen Freunden, schalt auf diese
+Bummler in Berlin, die daheim nicht Ruhe faenden und auswaerts unnuetze
+Haendel anzettelten.
+
+Am gefaehrlichsten unter allen Kraeften des Widerstandes erschien vorderhand
+die feindselige Haltung des Muenchener Hofes. Im Oktober 1827 waren in
+Muenchen die Verhandlungen zwischen den beiden sueddeutschen Koenigskronen
+wieder aufgenommen worden. Schmitz-Grollenburg(76) und Armansperg(77)
+betrieben beide das Geschaeft mit feurigem Eifer. So kam am 18. Januar 1828
+jener erste deutsche Zollverein zustande. Es erfuellte sich, was in Berlin
+so oft vorausgesagt worden: Tarif und Verwaltungsordnung des neuen Vereins
+kamen den Grundsaetzen der preussischen Zollgesetzgebung sehr nahe, weil
+sich den sueddeutschen Kronen dieselben Fragen aufdraengten, welche Preussen
+schon durch das Gesetz von 1818 geloest hatte. Die Zoelle auf Fabrikwaren
+standen niedriger als in Preussen, die auf Kolonialwaren etwas hoeher: vom
+Kaffee erhob Preussen 6 Tlr. 20 Sgr. fuer den Zentner, Bayern-Wuerttemberg
+15 Gulden fuer den um etwa 9 Prozent schwereren bayrischen Zentner. Im
+uebrigen fast dieselben Regeln wie im preussisch-hessischen Verein:
+getrennte Zollverwaltung unter gegenseitiger Kontrolle, Verteilung der
+Einkuenfte nach der Kopfzahl, Grenzzoelle und Packhoefe.
+
+Indes die verstaendige Verfassung konnte den Grundschaden dieses Bundes
+nicht heilen: er war zu klein und darum, wie Eichhorn voraussagte, nicht
+lebensfaehig. Wohl stiegen die Zolleinnahmen Wuerttembergs im ersten Jahre
+um 220000 Gulden; der kleinere Bundesgenosse zog selbstverstaendlich den
+groesseren Vorteil aus der Erweiterung des Marktgebiets. Doch betrugen die
+Zolleinnahmen nur 91/2 Sgr. auf den Kopf der Bevoelkerung, waehrend Preussen
+das Zweiundeinhalbfache, 24 Sgr., einnahm. Die Kosten der Zollverwaltung
+verschlangen mindestens 44 Prozent der Einkuenfte; in Bayern war der
+Rohertrag fuer das Rechnungsjahr 1828-1829: 2,842 Millionen Gulden, der
+Reinertrag nur 1,582 Millionen Gulden. Die geringen Zoelle genuegten nicht,
+die heimische Industrie wirksam zu schuetzen, und doch blieb jede Erhoehung
+unmoeglich, wenn nicht der gesamte Reingewinn den Staatskassen verloren
+gehen sollte. Am klaeglichsten befand sich die bayrische Pfalz. Die
+entlegene Provinz sollte vor der Hand ausserhalb der Mautlinien bleiben und
+ihre eigenen Erzeugnisse zollfrei in das Vereinsland einfuehren, was denn
+sofort franzoesische, badische, rheinpreussische, hessische Fabrikanten zu
+grossartigem Schmuggel veranlasste. Gewichtige Stimmen in der Pfalz
+forderten laut den Anschluss an Preussen; einer der ersten Industriellen der
+Provinz, Geh Rat. Camuzzi, schrieb in diesem Sinne an die Allgemeine
+Zeitung, ward aber von der Firma Cotta abgewiesen.
+
+Koenig Ludwig wollte die Gebrechen des Vereins lange nicht bemerken. Wie
+war er stolz auf seiner Haende Werk, den ersten deutschen Zollverein; wie
+schwelgte er in erhabenen Traeumen von historischer Unsterblichkeit. Er
+wollte fortleben im Munde spaeter Geschlechter als der Vollender der *fossa
+Carolina*, jenes Kanales zwischen der Nordsee und dem Schwarzen Meer, den
+Karl der Grosse ersonnen, doch nicht ausgefuehrt hatte, und beschaeftigte
+sich auch mit grossen Eisenbahnplaenen, seit Franz Baader(78) im
+Nymphenburger Park einen Dampfwagen fahren liess. "Jetzt sind die
+Zollsysteme der beiden Grossmaechte nicht mehr furchtbar" -- hiess es bei
+Hofe. Schon war ein Unterhaendler nach Zuerich gesendet, um die Schweiz zum
+Eintritt in den sueddeutschen Verein oder doch zu einem Handelsvertrage zu
+bewegen. Niemals hatte Bayerns Gestirn glaenzender geleuchtet als im Januar
+1828; niemals zuvor hatte der Koenig eine so stolze Sprache gegen den
+Bundestag gefuehrt. "Die antisozialen, antifoederalistischen Tendenzen der
+bayrischen Politik" traten, wie Blittersdorff klagte, dem
+Praesidialgesandten schroff entgegen. Sofort nach der Unterzeichnung des
+sueddeutschen Zollvertrages ging Freiherr v. Zu Rhein nach Darmstadt, um
+das Grossherzogtum zum Beitritt einzuladen und ihm die Paritaet, welche ihm
+die beiden Koenigreiche bisher verweigert hatten, bedingungslos
+zuzugestehen. War Hessen gewonnen, so musste das widerhaarige Baden auf
+Gnade oder Ungnade sich ergeben.
+
+Mitten in diese holden Traeume fiel niederschmetternd die Kunde von dem
+preussisch-hessischen Vertrag. Durch diesen Verein, das sprang in die
+Augen, verlor der sueddeutsche Verein sofort Sinn und Bedeutung. Koenig
+Ludwig sah seine teuersten Hoffnungen zerstoert, blieb mehrere Wochen
+hindurch voellig fassungslos. "Nunmehr hab' ich alle Schritte getan, um
+meine armen Untertanen zu retten!" sagte er verzweifelnd zu
+Schmitz-Grollenburg. In groben Schimpfworten entlud sich sein Groll; er
+schalt laut auf den Verraeter Hofmann, erzaehlte an offener Tafel, Preussen
+habe den Prinzen Emil von Hessen mit 400000 Gulden bestochen. In seinem
+Zorne vergass er auch wieder seinen "teutschen" Stolz. Solange diese
+kleinen Hoefe noch europaeische Politik treiben durften, waren auch
+patriotische Fuersten nicht vor argen Verirrungen sicher. Wie Ludwig einst
+als Kronprinz, trotz seines Abscheus gegen Napoleon, mehrmals untertaenige
+Briefe an den Schoepfer der bayrischen Koenigskrone gerichtet und sogar die
+Hoffnung ausgesprochen hatte, sein Sohn Max werde dereinst dem Koenig von
+Rom(79) seine Anhaenglichkeit widmen, so hatte er neuerdings um Sponheims
+willen die Hilfe Russlands angerufen und wendete sich jetzt wieder an das
+gehasste Frankreich. Den Winter ueber hatte der Herzog von Dalberg(80) in
+Muenchen sein Wesen getrieben; nun fanden seine Einfluesterungen Gehoer.
+Koenig Ludwig warnte den franzoesischen Hof vor dem Ehrgeiz Preussens, das
+bereits in Sueddeutschland sich festzusetzen suche. Im selben Sinne
+bearbeitete Lerchenfeld zu Frankfurt den alten Reinhard(81). Alsbald
+befahl Minister La Ferronays dem Geschaeftstraeger in Muenchen ruehrige
+Wachsamkeit gegen die von Preussen her drohende Gefahr; er stellte zugleich
+einige Handelserleichterungen in Aussicht zugunsten der *troisieme
+Allemagne*.(82)
+
+Da Koenig Ludwig schon nach wenigen Monaten von seinen leidenschaftlichen
+Verirrungen zurueckkam, so wurden diese haesslichen Zettelungen mit dem
+Auslande nachher ganz in Abrede gestellt. Der Hergang ist gleichwohl
+verbuergt durch die uebereinstimmenden Zeugnisse von Freund und Feind. Nicht
+allein der preussische Gesandte Kuester berichtete darueber ausfuehrlich
+seinem Hofe; der badische Gesandte Fahnenberg meldete ganz dasselbe nach
+Karlsruhe. Der oesterreichische Gesandte Graf Spiegel warf dem bayrischen
+Minister des Auswaertigen die Anklage ins Gesicht, dass er Frankreich in die
+deutsche Handelspolitik hineinzuziehen suche. Ueber Lerchenfelds Verhalten
+berichtete Blittersdorff, der ja selber sehr geneigt war, jedes Mittel zu
+gebrauchen zur Vernichtung des preussisch-hessischen Vereins. Die
+Schwenkung der bayrischen Politik nach Frankreich hinueber war bald eine
+der gesamten diplomatischen Welt bekannte Tatsache.
+
+Koenig Ludwig ueberliess sich eine Zeitlang blindlings dem stuermischen
+Unwillen der verletzten Eitelkeit. Sein Kabinettsrat Grandauer uebte
+schlechten Einfluss; auch Freiherr v. d. Tann traeumte bayrische
+Grossmachtstraeume. Nur der alte welterfahrene Minister Zentner sah die
+Dinge ruhiger an. Selbst Koenig Wilhelm von Wuerttemberg blieb nuechtern und
+gleichmuetig. Sein Geschaeftsverstand war doch staerker als sein Groll gegen
+Preussen; auch mochten ihm die bitteren Erfahrungen der Tage von Verona
+noch unvergessen sein. In einem Gespraeche mit du Thil verbarg er zwar
+seine Enttaeuschung nicht, gestand aber zu: "frueher oder spaeter werden wir
+noch gezwungen sein, Euerem Beispiele zu folgen". Im selben Sinne erklaerte
+sein Minister Beroldingen dem preussischen Gesandten, "dass Wuerttemberg in
+die deutsch-patriotischen Gesinnungen der preussischen Regierung niemals
+auch nur den geringsten Zweifel gesetzt hat und die bestehenden besonderen
+Vereine zugleich als Mittel betrachtet, zu dereinstiger Erreichung des
+gemeinschaftlichen Zweckes in einer allgemeinen Ausdehnung den Weg zu
+bahnen."
+
+Wie der preussische Staat alles, was er fuer die Macht und Einheit unseres
+Vaterlandes tat, erkaempfen musste gegen den Widerstand des Auslandes, so
+ward auch der preussisch-hessische Bund sofort von den Raenken der fremden
+Maechte umsponnen. Im Verein mit Frankreich versuchte Holland Unfrieden zu
+saeen zwischen Sued und Nord. Der Minister Verstolck van Soelen machte den
+wuerttembergischen Geschaeftstraeger aufmerksam auf die Gefahren, welche der
+deutschen Handelsfreiheit und der Unabhaengigkeit der Kleinstaaten drohten.
+Der Wuerttemberger, ein verstaendiger Mann, der seinem preussischen Kollegen,
+dem Grafen Truchsess-Waldburg, alles mitteilte, antwortete treffend: die
+Zoelle der fremden Maechte, und nicht zuletzt Hollands, zwingen uns
+Deutsche, uns zu einigen und neue Handelswege zu suchen -- worauf Verstolck
+heilig versicherte: die Herabsetzung der niederlaendischen Zoelle stehe nahe
+bevor; fuer jetzt aber duerfe man nur an den Widerstand gegen den
+gemeinsamen Feind, gegen Preussen denken. Eichhorn, der die hollaendischen
+Kaufherren aus den endlosen Rheinschiffahrtsverhandlungen genugsam kannte,
+schrieb an den Rand der Depesche: Die Niederlande verfolgen gar keinen
+positiven Zweck, sie wollen nur die weitere Einigung Deutschlands in
+Zollsachen verhindern. In der Tat lud der niederlaendische Geschaeftstraeger
+Mollerus den Muenchener Hof ein, fuer den sueddeutschen Verein einen
+Handelsvertrag mit Holland abzuschliessen, und beteuerte zugleich die gute
+Absicht seines Hofes, sich mit den oberlaendischen Staaten ueber Preussen
+hinweg wegen der Rheinzoelle zu verstaendigen. Bestimmte, greifbare
+Vorschlaege uebergab er nicht; die Absicht war lediglich, Bayern und
+Wuerttemberg von Preussen fernzuhalten. Auch England bezeigte seine
+Unzufriedenheit. Der Praesident des Handelsamts, Charles Grant, beschwerte
+sich bei dem preussischen Gesandten Buelow heftig ueber die hohen Zoelle des
+preussisch-hessischen Vereins und erhielt die kuehle Antwort: der Verein
+habe an den preussischen Zoellen gar nichts geaendert; doch wisse jedermann,
+dass Preussen freieren handelspolitischen Grundsaetzen huldige als England.
+
+Mit diesen Raenken des Auslandes, die bald einen sehr bedrohlichen
+Charakter annahmen, verkettete sich der unselige Sponheimer Handel. Koenig
+Ludwig war, da er sich allerdings auf Oesterreichs unerfuellte
+Versprechungen berufen konnte, von seinem Rechte auf den Heimfall der
+Pfalz tief ueberzeugt und fuehlte sich schwer beleidigt, als Preussen seinen
+Anspruechen entgegentrat. Der preussische Gesandte merkte dem Koenig bald an,
+dass er etwas auf dem Herzen habe. Da trafen sich die beiden eines Tages
+auf der Strasse. Der Koenig trat auf den Diplomaten zu, ging eine Strecke
+Weges mit ihm und schuettete seinen Zorn aus: "Ich kann nicht genug sagen,
+wie tief es mich geschmerzt, dass gerade Preussen in der badischen Sache
+sich voran und mir gegenuebergestellt hat. Anders kann ich das Memoire
+nicht bezeichnen, womit Preussen, ohne mich zu hoeren, die Initiative gegen
+mich bei den uebrigen Hoefen ergriffen hat. Bernstorff denkt immer noch an
+das alte Bayern; es ist aber heute ein neues Bayern, ein neuer Koenig.
+Preussen hat nie einen groesseren Enthusiasten gehabt als mich. Um so mehr
+hat mich's gekraenkt, dass man sich aus meiner Freundschaft gar nichts
+macht. Will man mich denn nur zum Gegner haben?" Der Koenig ereiferte sich,
+erhob die Stimme, die Voruebergehenden blieben stehen und horchten auf. Der
+Gesandte konnte sich dem schwerhoerigen Fuersten nicht verstaendlich machen,
+geriet in peinliche Verlegenheit, gab seinem Hofe den Rat, man moege den
+Erzuernten beschwichtigen. Augenblicklich liess sich wenig tun, da Koenig
+Friedrich Wilhelm das gute Recht Badens schlechterdings nicht preisgeben
+wollte. Fuer die Zukunft war noch nichts verloren. Der heissbluetige
+Wittelsbacher blieb auch als Gegner offen und ehrlich; sobald sein Zorn
+verrauchte, konnte man vielleicht wieder anknuepfen, da ihm Deutschlands
+Handelseinheit wirklich am Herzen lag. Vorderhand freilich wirkte der
+Muenchener Hof dem preussisch-hessischen Verein offen entgegen; er
+versuchte, durch unentgeltlichen Vorspann und aehnliche kleine Mittel den
+Verkehr von Giessen und Vilbel auf die Linie Hersfeld-Fulda
+hinueberzulocken, verlangte von dem Hause Thurn und Taxis, dass die
+Frankfurt-Aschaffenburger Post ueber Hanau, nicht mehr durch das
+darmstaedtische Gebiet gefuehrt werde usw.
+
+Der entscheidende Kampf entspann sich am Kasseler Hofe; noch einmal wurde
+die kurhessische Handelspolitik verhaengnisvoll fuer das ganze Deutschland.
+Der Grossherzog von Hessen hatte die Berliner Verhandlungen nur gutgeheissen
+in der bestimmten Erwartung, dass der Kasseler Vetter seinem Beispiel
+folgen wuerde. Deshalb blieb der preussisch-hessische Vertrag bis zum Mai
+geheim; denn niemals haette der Stolz des Kasseler Despoten sich
+entschlossen, einem bereits veroeffentlichen Vertrage nachtraeglich
+beizutreten und also vor der Welt zuzugestehen, dass das minder maechtige
+Darmstadt ihm vorangegangen sei. Hofmann ging noch im Februar, auf der
+Rueckreise von Berlin, nach Kassel und meinte die Lage ziemlich guenstig zu
+finden. Freiherr v. Meysenbug und andere hohe Beamte, mit denen er
+vertraulich sprach, gaben ihm bereitwillig zu, dass Kurhessen nach
+Darmstadts Beitritt nicht mehr zoegern duerfe: nur der Anschluss an Preussen
+koenne die zerruettete Volkswirtschaft retten. Gleichwohl war Hofmann im
+Irrtum; schon nach 24 Stunden musste er unverrichteter Sache abziehen. "An
+diesem Hofe, schrieb du Thil, sind rationelle Berechnungen nicht
+statthaft." Hinter und ueber den Beamten trieb die Reichenbach [Die
+Geliebte des Kurfuersten.] ihr Wesen, die noch immer auf eine
+oesterreichische Fuerstenkrone hoffte.
+
+Auf solchem Boden war den armseligen Kuensten der kleinen Hoefe die Staette
+bereitet. Ein Heerlager von amtlichen und geheimen Unterhaendlern stroemte
+im Fruehjahr 1828 zu Kassel zusammen, um den Kurfuersten von Preussen
+fernzuhalten. Aus Bayern erschienen die Geheimen Raete Oberkamp und
+Siebein, der erstere wohlgeschult in dem Raenkespiel der Eschenheimer
+Gasse; auch seinen Freund v. d. Tann schickte Koenig Ludwig hinueber. Fuer
+Wuerttemberg arbeitete der alte Agitator Miller von Immenstadt, jetzt
+wuerttembergischer Steuerrat. Aus Sachsen kam Freiherr v. Luetzerode, aus
+Hannover Kammerrat Lueder, auch Koburg und Meiningen sendeten Unterhaendler.
+Dann erschien "zum allgemeinen Schrecken" Praesident v. Porbeck aus
+Arnsberg, um dem Berliner Kabinett ueber das verworrene Treiben zu
+berichten. Die Darmstaedter Regierung erneuerte im Maerz ihren Versuch und
+sendete den Prinzen Wittgenstein, um dem Kurfuersten mitzuteilen: Preussen
+habe eingewilligt, dass der Zutritt Kurhessens zu dem Vertrage vorbehalten
+bleibe und Darmstadt den Antrag stelle; der Grossherzog erlaube sich daher
+anzufragen, ob der Kurfuerst die Absendung eines Bevollmaechtigten
+genehmige. Am 12. Maerz sprach der Kurfuerst dem Prinzen seinen
+verbindlichen Dank aus. Doch schon nach drei Tagen schlug der Wind um. Sei
+es, dass Wittgenstein allzu zuversichtlich aufgetreten war, sei es, dass
+Oberkamp und die Reichenbach dem Kurfuersten die Schmach einer Unterwerfung
+unter Preussens Befehle geschildert hatten -- genug, am 15. Maerz liess der
+Finanzminister Schminke ein Schreiben an du Thil abgehen, in jener Tonart,
+die nur in Kassel oder Koethen moeglich war: "S. K. Hoheit koennen nicht ohne
+grosse Empfindlichkeit wahrnehmen, dass in einem Allerhoechstdemselben und
+Allerhoechstdero Kurstaate durchaus fremden Vertrage von seiten des
+grossherzoglichen Hofes Stipulationen in Beziehung auf das Kurfuerstentum
+eingegangen sind und eine Initiative ergriffen worden ist, welche das
+Kurhaus in Ansehung des grossherzoglichen Hauses sich nicht einmal
+gestattet hat. Allerhoechstdieselben sind nicht davon ueberzeugt, dass es dem
+Interesse des Kurstaats entsprechend sei, einer solchen Uebereinkunft das
+bisherige System aufzuopfern." Die groebsten Wendungen hatte der Kurfuerst
+eigenhaendig in das Schreiben hineingebracht. Bei einer neuen Audienz
+donnerte er Wittgenstein an: "Ich bin Chef des hessischen Hauses;
+Anmassungen, wie der Grossherzog sie sich erlaubt hat, werde ich nicht
+dulden; ich kann die Bitte des Grossherzogs nicht gewaehren." Auch
+Wittgensteins Sendung war gescheitert.
+
+Eichhorn ahnte, dass die sueddeutschen Kronen die Haende im Spiele gehabt,
+empfahl dem Bundestagsgesandten Nagler und allen Gesandten im Oberlande
+scharfe Aufmerksamkeit auf die Handelspolitik der kleinen Hoefe. Zwei
+Tendenzen, schrieb er, wirken uns in Kassel entgegen. Der
+bayrisch-wuerttembergische Verein sucht Kurhessen fuer sich zu gewinnen; er
+krankt an verkehrten politischen Nebengedanken und ruht auf dem falschen
+Grundsatze, dass die Binnenstaaten von den Kuestenlaendern sich unabhaengig
+machen sollen; "mit jeder Ausdehnung verliert das System selbst an innerem
+Halt und Zusammenhang". Gefaehrlicher scheint der von einigen thueringischen
+Staaten gehegte Plan, unter Kurhessens Fuehrung einen
+hessisch-thueringischen Zollverein zu bilden, der nach Belieben mit Preussen
+oder mit dem Sueden verhandeln koennte -- eine Traeumerei, "so einladend fuer
+den Stolz des Kurfuersten, dass er kaum widerstehen wird."
+
+Nach Wittgensteins Abreise meinten die bayrisch-wuerttembergischen
+Unterhaendler ihr Spiel gewonnen. Bayern versprach dem Kurfuersten, seine
+bisherigen Zolleinnahmen zu verbuergen, wenn er dem sueddeutschen Verein
+beitrete. Der Kurfuerst, als ein geriebener Handelsmann, holte sofort eine
+alte Schuldforderung an das fuerstliche Haus Oettingen hervor, welche einst
+Napoleon fuer Bayern eingezogen hatte; auch diese Sache zu bereinigen war
+Bayern erboetig. Schon bereiste Oberkamp mit einem kurhessischen
+Finanzbeamten die bayrischen Grenzen, um diesem die Einrichtung der Mauten
+zu zeigen. Da griff eine gewandtere Hand ein und betrog die sueddeutschen
+Hoefe um den Sieg.
+
+Dass Oesterreich die Erweiterung des preussisch-hessischen Vereins ungern
+sah, war allbekannt. Wenn der oesterreichische Geschaeftstraeger in Kassel
+dem Prinzen Wittgenstein zuvorkommend seine Instruktionen zeigte und dort
+zu lesen stand, er solle seinen preussischen Kollegen ueberall getreulich
+unterstuetzen, so wusste man in Berlin laengst, was von solchen k. k.
+Scherzen zu halten sei. Aber auch der Zollverein der konstitutionellen
+Suedstaaten erschien zu Wien hoch gefaehrlich. Sobald das diplomatische
+Getriebe in Kassel begann, wurde Freiherr v. Hruby, einer der eifrigsten
+und gefaehrlichsten Feinde Preussens, so recht ein Vertreter des alten
+ferdinandeischen Hochmuts, von Karlsruhe abberufen, in Hannover und Kassel
+als Gesandter beglaubigt. Ihm gelang es, den Kurfuersten zu ueberzeugen, dass
+auch der Anschluss an Bayern die kurhessische Nationalehre gefaehrde; "die
+bayrischen Mautritter", wie der Kurfuerst hoehnte, empfingen im Mai
+abschlaegige Antwort. Und bald erfuellte sich, was ein feiner Kenner der
+hessischen Dinge dem preussischen Gesandten Haenlein vorausgesagt hatte:
+"Kurhessen wird seine ergiebigen Transitzoelle zu behalten suchen und am
+liebsten gar nichts an dem Bestehenden aendern. Nur wenn keine
+Verstaendigung mit der Kurfuerstin zustande kommt, wird unser Staat, welcher
+bekanntlich nur aus einer Person besteht, sich aus Aerger vielleicht auf
+die Seite der Gegner Preussens schlagen."
+
+Dahin war es wirklich gekommen, dass die Zukunft der deutschen
+Handelspolitik zunaechst von dem ehelichen Frieden des kurhessischen Hauses
+abhing. Um den Kurfuersten mit seiner Gemahlin zu versoehnen und dann den
+besaenftigten Despoten fuer den Zollverein zu gewinnen, sendete Koenig
+Friedrich Wilhelm den General Natzmer(83) nach Kassel. Motz gab dem
+Unterhaendler eine Weisung mit, deren friderizianischer Ton von der matten
+Diplomatensprache jener Zeit gar seltsam abstach. Es war, als haette der
+tapfere Hesse schon das Jahr 1866 vorausgesehen. Er bemerkt zunaechst, die
+Verbindung mit Preussen liege im eigenen Interesse Kurhessens; mit 600000
+Koepfen koenne man kein eigenes Zollsystem bilden. Der Anschluss an den
+finanziell unfruchtbaren bayrisch-wuerttembergischen Verein sei fuer Hessen
+unnatuerlich. Dagegen bringt der Anschluss an Preussen: eine bedeutende
+Einnahme von 20-24 Sgr. auf den Kopf; sodann einen grossen Markt von
+13 Millionen Einwohnern -- denn nicht Verbote, sondern die Freiheit eines
+grossen inneren Marktes foerdern die Industrie, wie Preussens Beispiel zeigt
+-- endlich den Besitz der grossen Handelsstrassen. Schliesst Kurhessen sich
+nicht an, so muss Preussen eine Strasse durch Hannover suchen und den Bremer
+Verkehr nach Sueddeutschland von Minden aus zum Rhein leiten. Manche Hoefe,
+und namentlich Minister Marschall in Wiesbaden, behaupten zwar, ein
+Zollverein sei eine Verletzung der Souveraenitaet. Aber der Grossherzog von
+Hessen ist souveraen geblieben, der Vertrag gewaehrt beiden Teilen gleiche
+Rechte. "In die neueren Ideen von Souveraenitaet ist ueberhaupt viel
+Schwindel gekommen. Ich frage besonders: ist Kurhessen souveraener in einem
+auf gleiche Souveraenitaet basierten Vertrage mit seinem maechtigsten
+unmittelbaren Nachbarn, oder ist es souveraener ohne solche Verbindung, in
+einer unfreundlichen Stellung diesem maechtigsten unmittelbaren Nachbarn
+gegenueber? Es gibt Verhaeltnisse, moegen sie auch noch in der Zukunft
+liegen, in welchem Preussen ein feindlich gesinnter Nachbar nuetzlicher sein
+kann als ein durch feste Vertraege verbundener." Die furchtbare Offenheit
+dieser Sprache war nicht geeignet, den Kurfuersten zu gewinnen. Natzmer
+wurde mit ungeschliffener Grobheit heimgeschickt, und auch Leopold Kuehne,
+der zur Unterstuetzung des Generals nach Kassel und nebenbei nach
+Braunschweig ging, richtete an beiden Orten nichts aus. In solcher Laune,
+tobend gegen seine Gemahlin wie gegen alles, was den preussischen Namen
+trug, war der hessische Despot bereit, den Weisungen Oesterreichs
+blindlings zu folgen.
+
+Die Hofburg wollte nicht bloss die Erweiterung des preussischen Zollsystems
+verhindern, sie dachte, das System selber zu zerstoeren, den muehsam
+errungenen ersten Anfang deutscher Handelseinheit zu vernichten; und
+gerade bei den norddeutschen Hoefen, welche durch alle ihre natuerlichen
+Interessen auf Preussen angewiesen waren, fand diese Absicht Anklang. Der
+dynastische Hass des saechsischen Hofes, der Welfenstolz Hannovers, der
+Grimm des Kurfuersten gegen seinen koeniglichen Schwager, die Grossmannssucht
+des Nassauer Herzogs, die gedankenlose Aengstlichkeit der kleinsten Hoefe --
+alle niedertraechtigen und alle schwaechlichen Elemente des norddeutschen
+Kleinfuerstentums vereinigten sich in tiefster Stille zum Kampfe gegen
+Preussen. Gestuetzt auf Oesterreich, beguenstigt durch den Handelsneid
+Englands, Frankreichs und Hollands, kam der Mitteldeutsche Handelsverein
+zustande -- eine der boesartigsten und unnatuerlichsten Verschwoerungen gegen
+das Vaterland -- gleich dem Rheinbunde ein Zeugnis, wessen das deutsche
+Kleinfuerstentum faehig war.
+
+
+
+c) _Der Mitteldeutsche Handelsverein._
+
+
+Nirgends erweckte der preussisch-hessische Vertrag schwerere Besorgnisse
+als am Dresdner Hofe. Wie hatte man sich dort so behaglich eingelebt in
+den alten Privilegienwust, wie war es so suess, am Bundestage ueber die
+deutsche Handelseinheit und die Bundeszoelle salbungsvoll zu reden -- in der
+frohen Erwartung, dass gar nichts zustande komme, dass man jedes ernsten
+Entschlusses, jeder heilsamen Reform allezeit ueberhoben bleibe! Jetzt
+erstanden ploetzlich dicht an Sachsens Grenzen zwei Zollverbaende. Wie nun,
+wenn die augenblickliche Verstimmung des Koenigs von Bayern verflog, wenn
+die beiden Vereine, die in ihren handelspolitischen Grundsaetzen einander
+so nahe standen, sich zu einem verschmolzen: wenn sie auch Thueringen
+gewannen, und also dem Leipziger Handel der Weg zur See ringsum durch
+Zollstellen versperrt wurde? Lauter und lauter erklangen die Klagen der
+Fabrikanten des Erzgebirges; zweimal im Jahre 1828 liefen Petitionen ein,
+die den Koenig beschworen: der Anschluss an Preussen, oder auch an den
+sueddeutschen Verein, irgendein Entschluss, der aus der vereinsamten
+Stellung hinausfuehre, sei unvermeidlich. Der Minister Graf Einsiedel(84),
+der als Eisenwerksbesitzer der Grossindustrie naeher stand, begann irre zu
+werden an dem alten System. Einer der tuechtigsten juengeren Beamten,
+Wietersheim(85), schilderte in einer beredten Denkschrift den Notstand der
+Industrie, die Unterlassungssuenden der Regierung. Koenig Anton aber hielt,
+wie sein Minister Manteuffel(86), einen Handelsbund mit Preussen fuer
+unmoeglich. Eben in jenen Jahren stand ein alter Lieblingsgedanke der
+albertinischen Politik in voller Bluete. Vor kurzem erst, nach dem
+Aussterben des Hauses Gotha, hatte der Koenig von Sachsen den
+Schiedsrichter und vaeterlichen Vermittler gespielt zwischen den
+ernestinischen Vettern. Man hoffte in Dresden, eine dauernde Hegemonie
+ueber die thueringischen Lande zu erlangen. Um so schmerzlicher empfand man
+die Gefahr, dass Thueringen dem preussischen oder dem sueddeutschen Verein
+sich anschliessen koennte.
+
+Aus solchen Berechnungen entsprang der Plan, einen Gegenzollverein zu
+bilden, der, ohne selbst ein positives handelspolitisches Ziel zu
+verfolgen, nur als ein Keil zwischen die beiden Zollvereine hineindringen,
+ihre Verbindung hindern sollte. Es galt, die ersten Anfaenge der
+Handelseinheit zu zerstoeren, den schmachvollen Zustand deutscher
+Zerrissenheit zu verewigen. Die Traeger dieser Politik waren zwei Gebrueder
+Carlowitz, aus einem der ehrenwertesten Haeuser des obersaechsischen Adels.
+Der Aeltere(87), koeniglich saechsischer Minister, war bis zum vorigen Jahre
+noch Bundestagsgesandter gewesen und stand in der Eschenheimer Gasse in
+lebhaftem Andenken als ein wohlmeinender Geschaeftsmann der alten Schule,
+ein pedantischer Vertreter der bekannten kursaechsischen Formelseligkeit.
+Der Juengere(88), jetzt Minister in Gotha, persoenlich ebenfalls sehr
+achtungswert, hatte alle die unausrottbaren Vorurteile des kursaechsischen
+Adels mit aus der Heimat hinuebergenommen. Vergeblich stellten ihm
+gothaische Beamte vor, ihr Laendchen sei auf Preussen angewiesen; der
+verstaendige Kammerrat Braun rief ihm zu: "Sie handeln als koeniglich
+saechsischer, nicht als herzoglich saechsischer Staatsmann." Er blieb dabei,
+"ein neutraler Verein" sei notwendig, "eine achtunggebietende Masse
+zwischen den beiden Zollvereinen stark genug, um beiden Bedingungen zu
+diktieren". Der Herzog von Gotha ward fuer die Plaene seines saechsischen
+Ratgebers leicht gewonnen. Er stand mit dem Berliner Hofe auf schlechtem
+Fusse, weil er sein entlegenes Saarland Lichtenberg gegen ein Stueck des
+preussischen Thueringens auszutauschen wuenschte und Koenig Friedrich Wilhelm
+diese Zumutung noch immer beharrlich abwies. In ihren Mitteln war die
+Koburgische Handelspolitik wenig waehlerisch. Aller drei Wochen ging von
+Koburg eine Sendung neu gepraegter unterwertiger Muenzen nach Lichtenberg;
+von dort ueberfluteten die unter duenner Silberhuelle roetlich schimmernden
+Koburger Sechser das benachbarte sueddeutsche Guldenland, und diese
+gewerbsmaessige Falschmuenzerei waehrte jahrelang fort trotz den Beschwerden
+der Nachbarn. Auch am Weimarischen Hofe herrschte augenblicklich eine
+gegen Preussen leidenschaftlich eingenommene Partei, an ihrer Spitze der
+gescheite Minister Schweitzer(89).
+
+So wurde denn ein hochgefaehrliches Unternehmen gegen Deutschlands
+Handelseinheit in aller Stille eingefaedelt, harmlos, gemuetlich wie eine
+Carlowitzsche Familienangelegenheit. In den letzten Tagen des Maerz 1828
+trafen sich der Herzog von Gotha, die beiden Carlowitze und Schweitzer auf
+dem Carlowitzschen Familiengute Oberschoena -- sie alle noch ohne eine klare
+Vorstellung von den schweren Folgen ihres Beginnens. Wir Deutschen sind
+Gott sei Dank durch unabweisbare Interessen, durch alle Lebensgewohnheiten
+aufeinander angewiesen; jeder Versuch offener Feindseligkeit von Deutschen
+gegen Deutsche erscheint als eine Suende wider die Natur und bietet darum
+neben der Entruestung auch der Lachlust ein breites Ziel. In denselben
+Tagen, da in Oberschoena der Zollkrieg gegen Preussen beschlossen wurde,
+verhandelte in Berlin der Weimarische Bevollmaechtigte Thon wegen
+freundnachbarlicher Aufhebung der Geleitsgelder. Mochte man den
+preussischen Staat bis in der Hoelle tiefste Gruende verwuenschen, entbehren
+konnte man ihn nicht. Die in Oberschoena abgeschlossene Punktation besagte:
+Es soll ein Handelsverein geschlossen werden zwischen Sachsen, Kurhessen
+und Thueringen. Die Teilnehmer "werden sich bemuehen, den Beitritt der
+uebrigen zwischen der preussischen und bayrischen Zollinie gelegenen Lande
+zu erlangen." Sie verpflichten sich, "einseitig keinem auswaertigen
+Zollsystem beizutreten, noch, ohne Zustimmung des Vereins, mit einem
+Staate, in welchem ein solches System besteht, einen Handels- oder
+Zollvertrag zu schliessen." Sie wollen ihre gegenseitigen Untertanen auf
+gleichem Fuss behandeln und (Artikel 7) die Transitabgaben im Verkehr
+zwischen den Vereinsstaaten nicht ueber das Mass der saechsischen
+Transitzoelle erhoehen. Sechs Monate nach der Konstituierung des Vereins
+soll ueber gemeinsame Handelsvertraege und Retorsionen beraten werden.
+
+Es war ein *pactum de paciscendo*, ein Vertrag ohne positiven Inhalt, eine
+Verpflichtung, vorlaeufig nichts zu tun, den bestehenden Zustand nur nach
+gemeinsamer Abrede zu veraendern. Von einer Zollgemeinschaft zwischen den
+Vereinsstaaten, von irgendwelchen ernsten Reformen war gar nicht die Rede.
+Gleichwohl konnte der "neutrale" Verein dem preussischen Zollsystem
+verderblich werden; er suchte der Handelspolitik Preussens ihre schaerfste
+Angriffswaffe, die Durchfuhrzoelle, aus der Hand zu winden. Wenn es gelang,
+alle zwischen den preussischen Provinzen eingeklammerten Laender,
+insbesondere die Kuestenstaaten, fuer den Verein zu gewinnen, so nahm die
+gesamte Einfuhr von der See nach dem innern Deutschland ihren Weg durch
+die Vereinslande, da die saechsischen Transitzoelle weit niedriger standen
+als die preussischen. Schritt man darauf zu den verabredeten "Retorsionen",
+wurde die Durchfuhr von Bayern nach Preussen und von einer preussischen
+Provinz zur anderen mit hohen Zoellen belastet, dann war Preussen einer
+reichen Einnahmequelle und seines wirksamsten Unterhandlungsmittels
+zugleich beraubt; nicht bloss die Erweiterung des preussischen Zollsystems
+wurde verhindert, der Bestand des Systems selber ward in Frage gestellt.
+Unter der Maske der Neutralitaet beschloss man den Zollkrieg. Um nur Preussen
+zu schaedigen, verpflichtete sich die saechsische Regierung, ihre eigenen
+Fabriken in wehrlosem Zustande zu lassen, die Industrie des Erzgebirges
+der englischen Konkurrenz voellig preiszugeben. Wahrhaftig, nicht
+patriotische Gesinnung war es, was die kleinen Staaten unseres Nordens
+endlich in den preussisch- deutschen Zollverein fuehrte; kein Mittel, auch
+das verwerflichste nicht, blieb unversucht, das preussische Zollsystem zu
+sprengen; erst nachdem alle Angriffe gescheitert waren, unterwarf man sich
+notgedrungen der deutschen Handelseinheit.
+
+Die Oberschoenaer Punktation wurde dem saechsischen Bundestagsgesandten
+Bernhard von Lindenau(90) zugesendet; dort in der Eschenheimer Gasse
+sollten dem "saechsischen Antizollverein", wie man in Berlin sagte, neue
+Anhaenger geworben werden. Eine edle, hochsinnige Gelehrtennatur, ehrlich
+liberal und begeistert fuer Deutschlands Groesse, hatte Lindenau bis vor
+kurzem im gothaischen Ministerium mit Einsicht gewirkt. Er wuenschte
+aufrichtig die deutsche Handelseinheit und gestand seinem Darmstaedter
+Amtsgenossen in Frankfurt: waere Kurhessen dem preussischen Verein
+beigetreten, so haette ich auch fuer den Beitritt Sachsens und Thueringens
+gestimmt. Nun Kurhessen sich weigerte, hoffte er sein Ziel auf anderem
+Wege zu erreichen: durch einen Bund der norddeutschen Lande, welcher den
+preussischen Staat zur Milderung seines Zollsystems zwingen sollte. Auch er
+krankte an dem Erbfehler der kleinen Diplomatie, er ueberschaetzte die Macht
+seines Staates und sah nicht, dass die preussische Regierung den Versuch,
+ihr Gesetze vorzuschreiben, als offene Feindseligkeit betrachten und sich
+zur Wehre setzen musste. Also hat der treffliche Mann seinen lauteren
+Idealismus, seine lebhafte ruhelose Taetigkeit eingesetzt fuer Plaene, die
+der dynastischen Scheelsucht entsprangen, und zwei Jahre lang an einem
+Verein gearbeitet, welchen Stein veraechtlich als einen Afterbund
+verdammte. Selbst die Sippschaft hoechst unzweideutiger politischer
+Charaktere, welche sich sofort des Oberschoenaer Planes bemaechtigte,
+oeffnete dem saechsischen Staatsmanne nicht die Augen. Muench und Langenau,
+Marschall und Rothschild, alle Stuetzen der oesterreichischen Partei warben
+fuer den Handelsverein. Mehrmals in der Woche kam der Herzog von Nassau zu
+Langenau hinueber, um neue Bundesgenossen zu gewinnen.
+
+Dergestalt war wieder einmal eines jener anmutigen Raenkespiele
+eingeleitet, welche von Zeit zu Zeit die trostlose Langeweile der
+Bundestagsgeschaefte wohltaetig unterbrachen. Dass Oesterreich alle Faeden der
+Verschwoerung in seiner Hand hielt, war bald am Bundestage offenkundig. Mit
+gewohnter Treuherzigkeit stellte die Hofburg jede Parteinahme in Abrede.
+Der k. k. Hofrat v. Kress, der Leiter der oesterreichischen Handelssachen,
+beteuerte dem preussischen Geschaeftstraeger feierlich: mit keinem Worte habe
+Osterreich den Anschluss Darmstadts zu verhindern gesucht; er selber habe
+die Korrespondenz gefuehrt und nach Darmstadt geschrieben, sein Hof werde
+sich freuen, wenn Hessen bei dem preussischen Buendnis seinen Vorteil finde.
+Nach den Enthuellungen, die man in Berlin vom Darmstaedter Hofe selbst
+erhalten, konnten solche Beteuerungen nur Heiterkeit erregen. Wie
+Oesterreich zu dem neuen Gegenzollverein stand, das erhellte, wenn anders
+die Frankfurter Gesandtschaftsberichte noch einer Bestaetigung bedurften,
+aus einem Briefe Lindenaus, der in Berlin bekannt wurde. "Ich verhandle
+mit Holstein und den Niederlanden, schrieb der saechsische Diplomat an den
+Bundestagsgesandten Leonhardi(91), sowie wir nicht minder der
+Unterstuetzung des gemeinnuetzigen, vielversprechenden Unternehmens von
+seiten der oesterreichischen Regierung, welche dessen Foerderung wuenscht,
+versichert sein koennen." Auch die anderen auslaendischen Feinde der
+preussischen Handelspolitik liehen dem Verein ihren Beistand. Graf Reinhard
+versicherte die Vereinsmitglieder der warmen Unterstuetzung des Pariser
+Kabinetts. Um die Niederlande zu gewinnen, ging Lindenau im Herbst selber
+nach Bruessel und stellte dort vor -- er, der Vertreter des Elbuferstaates
+Sachsen: -- es sei notwendig, den Rhein und Main wieder zu beleben, die
+durch den Elb- und Weserhandel so schwere Einbusse erlitten haetten, und den
+rheinischen Kolonialwarenhandel Hollands wieder zu der Hoehe zu erheben,
+die er im achtzehnten Jahrhundert behauptet. Selber mit seiner deutschen
+Provinz beizutreten, lag freilich nicht in Hollands Absicht; doch warben
+seine Diplomaten in Frankfurt eifrig fuer den Verein.
+
+Entscheidend wurde die Haltung von England-Hannover. Noch war man in
+London gewohnt, mit dreister Sicherheit auf Deutschlands Zwietracht zu
+rechnen; jede Regung selbstaendigen Willens in der deutschen Handelspolitik
+galt den Briten als ein Schlag ins eigene Angesicht. Welch' eine koestliche
+Aussicht, wenn jetzt durch den Gegenzollverein nicht nur die machtlose
+Anarchie des deutschen Zollwesens verewigt, sondern auch den englischen
+Waren gegen maessige Transitzoelle der Weg bis ins Herz von Deutschland
+eroeffnet wurde; von dort mochten sie dann durch die Schmuggler nach
+Preussen und Bayern hinuebergeschafft werden. Mit Feuereifer ging der
+Gesandte am Bundestage, Addington, auf Lindenaus Ideen ein. Umsonst warnte
+der nuechterne Milbanke, Geschaeftstraeger bei der Stadt Frankfurt: der
+Verein entbehre jedes positiven Zwecks, koenne und werde nicht dauern, der
+deutsche Handel beduerfe schlechterdings einer Reform. Addingtons Meinung
+drang in London durch; allzu verlockend war der Gedanke, den offenen
+hannoverschen Markt, der bisher den englischen Fabriken so unschaetzbar
+gewesen, bis an den Main zu erweitern. Die englische Schaluppe Hannover
+folgte wie immer ihrem Schiffe. Graf Muenster(92) schalt hinterruecks den
+preussischen Zollverein "eine preussische Reunionskammer", musste sich von
+dem preussischen Gesandten Buelow "sein wenig gerades Benehmen" vorwerfen
+lassen. Zugleich bat, wie Buelow von dem Minister Fitzgerald selbst erfuhr,
+der saechsische Gesandte in London um durchgreifende Massregeln gegen das
+preussische Zollsystem, das dem englischen Handel und der Unabhaengigkeit
+der deutschen Staaten gleich verderblich sei. So trat denn Hannover dem
+Verein bei; das Industrieland Sachsen unterwarf sich dem englischen
+Handelsinteresse. Freiherr v. Grote(93), ein faehiger hannoverscher
+Beamter, Preussens geschworener Feind, wurde neben Lindenau die Seele des
+Bundes.
+
+Auch Bremen trat hinzu. Der treffliche Smidt(94) hatte sich allzu tief
+eingelebt in die Traeume Wangenheims, der auch jetzt wieder aus seinem
+Koburger Stilleben heraus gegen Preussen arbeitete; er konnte ein
+krankhaftes Misstrauen gegen den norddeutschen Grossstaat nicht ueberwinden,
+und jetzt, da die reindeutschen Sonderbundsplaene sogar von Oesterreich
+insgeheim unterstuetzt wurden, gab er sich ihnen unvorsichtiger hin als
+sonst seine Art war. Er wuenschte, wie er am Bundestage mehrmals aussprach,
+deutsche Konsulate und eine deutsche Flagge. Doch solange Deutschland noch
+nicht ein nationales Handelsgebiet bildete, war das lockere hannoversche
+Zollwesen fuer den bremischen Freihandel bequemer als das strenge
+preussische System. Die von dem "neutralen" Verein versprochene
+Erleichterung des Transitverkehrs konnte auf den ersten Blick einen
+hanseatischen Staatsmann allerdings bestechen. Aber auch nur auf den
+ersten Blick. Voreingenommen gegen Preussens Zollsystem, bemerkte Smidt
+nicht, dass die Teilnahme an dem neuen Handelsbunde der ueberlieferten
+hanseatischen Handelspolitik schnurstracks widersprach; der Verein war in
+Wahrheit nicht neutral, sondern durchaus parteiisch, antipreussisch. Smidt
+dachte so hoch von dem Werte dieser totgeborenen Vereinigung, dass er ihrem
+Urheber, dem Sachsen Carlowitz, das bremische Ehrenbuergerrecht verschaffte
+-- eine seltene Auszeichnung, welche seit dem Freiherrn vom Stein kein
+deutscher Staatsmann mehr erlangt hatte. Ruhiger urteilte der Hamburger
+Senat; er lehnte jede Mitwirkung ab, weil Hamburgs Freihafen den
+Interessen des gesamten deutschen Verkehrs zu dienen habe. Die Frankfurter
+grossen Firmen dagegen begruessten mit Jubel die in Aussicht gestellte
+Erleichterung des Durchfuhrhandels, die den landesueblichen Schmuggel
+maechtig foerdern musste; auch waren die Patrizier der stolzen Republik
+laengst gewoehnt, den untertaenigen Schweif des k. k. Bundesgesandten zu
+bilden. Buergermeister Thomas und Senator Guaita zusamt dem
+oesterreichischen Anhang setzten den Beitritt durch, gegen den heftigen
+Widerspruch einer preussischen Partei.
+
+Territorialen Zusammenhang konnte der Verein nur durch Kurhessen erlangen;
+daher wurden dort die staerksten Hebel eingesetzt. Der juengere Carlowitz
+selbst erschien im April zu Kassel, bald darauf kam Lindenau. Beide,
+unterstuetzt durch Hruby, stellten dem Kurfuersten vor, was er am liebsten
+hoerte: der neutrale Verein verlange gar keine Aenderung in den bestehenden
+Gesetzen Kurhessens; man betrachte dies Land als den Kern des Bundes,
+koenne der Sachkenntnis des Kurfuersten nicht entbehren, darum sollten die
+Beratungen ueber das Grundgesetz unter seinen Augen, in Kassel erfolgen.
+Den Ausschlag gab jedoch die staatsmaennische Absicht, dem Schwager in
+Berlin einen derben Possen zu spielen. Durch Kurhessens Beitritt wurde
+Badens Ablehnung mehr als aufgewogen. Lindenau schrieb an Berstett: er
+hoffe auf die Mitwirkung des Karlsruher Hofes um so sicherer, da durch den
+Verein "weder die Selbstaendigkeit der eigenen Landesverwaltung, noch auch
+deren finanzielle Verhaeltnisse die mindeste Stoerung erleiden, sondern nur
+die unveraenderte Aufrechterhaltung des *status quo*(95) versichert und
+bezweckt wird." Der Antrag ward abgelehnt. Mit Bayern verfeindet, von
+sueddeutschen und preussischen Vereinslanden rings umschlossen, hatte Baden
+von dem neutralen Verein nichts zu hoffen, von Preussens Zorn alles zu
+fuerchten. Bei allen anderen kleinen Hoefen fanden Lindenaus Werbungen
+guenstiges Gehoer. Einige aengstliche thueringische Kabinette wurden gewonnen
+durch die vertrauliche Versicherung, Preussen sei mit der Gruendung des
+Vereins einverstanden, eine plumpe Erfindung, die doch Eingang fand, weil
+die preussische Diplomatie sich wie bisher ruhig zurueckhielt. Selbst Herzog
+Karl von Braunschweig ging diesmal Hand in Hand mit dem gehassten juengeren
+Welfenhause; eine Weisung Metternichs bewog ihn, beizutreten.
+
+Also waren im Laufe des Sommers die saemtlichen zwischen den beiden Haelften
+der preussischen Monarchie eingepressten Kleinstaaten angeworben fuer den
+Neutralitaetsbund, der sich den Namen "Mitteldeutscher Handelsverein"
+beilegte. Nach jahrelangen vergeblichen Unterhandlungen sah Deutschland
+ploetzlich in einem Jahre drei handelspolitische Vereine auftauchen. Nur
+Baden und die niederdeutschen Kleinstaaten oestlich der Elbe blieben noch
+isoliert. Triumphierend verkuendete ein Artikel der Frankfurter
+Oberpostamtszeitung, der aus Lindenaus Feder stammte, am 25. Juni:
+Sachsen, Hannover, Kurhessen, Nassau, Frankfurt sind die Schoepfer des
+neuen Vereins, der den Artikel 19 der Bundesakte zur Wahrheit macht und,
+statt neue Zollinien zu schaffen, vielmehr die Handelsfreiheit auf sein
+Banner schreibt. "Dass Ware gegen Ware vertauscht, Freiheit mit Freiheit,
+Gleiches mit Gleichem erwidert werde, das ist Forderung des natuerlichen
+Rechts, bei dessen Verkennung und Verweigerung es dem Verein wohl nicht an
+Mitteln fehlen duerfte, das, was recht und billig ist, mit feierlicher
+Kraft geltend zu machen, da er helfen und hemmen, Vorteil und Nachteil zu
+gewaehren vermag." Ein Gebiet von sechs Millionen Seelen gehoert ihm, die
+ganze weite Nordseekueste, die groessten Stapel- und Handelsplaetze
+Deutschlands; die Elbe, den Rhein, den Main, die Weser von allen Zoellen zu
+befreien, liegt allein in seiner Hand!
+
+Wohl mochte man prahlen! Eine so krankhaft unnatuerliche Missbildung war dem
+Partikularismus noch nie zuvor gelungen. In einem weiten Widerhaken
+reichte das Vereinsgebiet von Bremen nach Fulda, dann westwaerts zum Rhein,
+gen Osten bis zur schlesischen Grenze, von dem englischen Markt Hannover
+bis zu dem gewerbereichen Sachsen, ueber einen bunten Laenderhaufen,
+welchen, Preussen gegenueber, nur ein gemeinsames Interesse zusammenhielt:
+Angst und Neid. Eben jene norddeutschen Kleinstaaten, welche bisher den
+handelspolitischen Anstrengungen Preussens und Bayern-Wuerttembergs einen
+traegen ablehnenden Widerstand entgegengestellt, redeten ploetzlich von
+deutscher Handelsfreiheit. Indes sie den Artikel 19 der Bundesakte im
+Munde fuehrten, verschworen sie sich, die bestehende Zersplitterung
+aufrecht zu halten und den preussischen Durchfuhrhandel zu vernichten. Und
+hinter diesem Bunde standen schirmend Oesterreich, England, Holland,
+Frankreich! Wenn man in Berlin noch der Belehrung bedurft haette ueber die
+feindselige Gesinnung des Mitteldeutschen Vereins, so musste die
+hinterhaltige Sprache der verbuendeten Kabinette jeden Zweifel zerstoeren.
+In tiefster Stille, ohne die geringste Mitteilung an die preussische
+Gesandtschaft, hatte der Dresdner Hof sein Werk begonnen. Als am
+preussischen Hofe einiges ruchbar wurde, schrieb Graf Einsiedel dem
+Gesandten v. Watzdorf in Berlin, versicherte heilig, Baden sei nicht zum
+Beitritt aufgefordert worden. Doch leider hatte der Karlsruher Hof jenes
+Einladungsschreiben Lindenaus an Berstett dem Berliner Kabinett sogleich
+mitgeteilt. Der Abteilungschef im Auswaertigen Amte bemerkte an den Rand
+der saechsischen Depesche: "Das Gegenteil steht in unseren Akten. Graf
+Bernstorff wird Herrn v. Watzdorf eines Besseren belehren." Nicht minder
+verdaechtig erschien, dass der hannoversche Gesandte in Dresden, v. Reden,
+ploetzlich ohne jede Veranlassung ein Schreiben an Bernstorff richtete, um
+inbruenstig zu beteuern, Hannover hege durchaus keine feindseligen
+Absichten gegen Preussen, missbillige entschieden jenes gehaessige Programm
+der Oberpostamtszeitung. Warum solche unerbetene Entschuldigung, wenn man
+sich nicht schuldig fuehlte? Spaeterhin, in einer Denkschrift vom Jahre
+1832, nannte Metternich selbst den Mitteldeutschen Handelsverein
+"versuchsweise zum Schutze gegen das preussische Zollsystem geschaffen".
+
+Und abermals zeigte die oeffentliche Meinung ihre alte unbelehrbare
+Verblendung. In Arnstadt rottete sich das Volk zusammen vor dem Hause des
+Erbprinzen; die Leute drohten auszuwandern, wenn der Fuerst nicht fest zu
+dem Mitteldeutschen Verein stehe. Das saechsische Oppositionsblatt "die
+Biene" verteidigte warm die hochherzige Absicht der saechsischen Krone, die
+Unabhaengigkeit "unseres Vaterlandes" zu retten; das Erzgebirge muesse ja
+unfehlbar zugrunde gehen, wenn die preussischen Zoelle die Getreideeinfuhr
+aus Boehmen verhinderten -- diese preussischen Zoelle, die den Getreideverkehr
+fast gar nicht belasteten! Weithin erklang der Jubelruf der Liberalen ueber
+die schmachvolle Niederlage des preussischen Absolutismus: Preussens
+Herrschsucht ist gedemuetigt, das Gleichgewicht der Maechte in Deutschland
+wieder hergestellt! Selbst in Bayern und Wuerttemberg, deren eigenes
+Zollsystem doch durch den Mitteldeutschen Verein bedroht wurde,
+verteidigte die Presse den neuen Handelsbund. Der bayrische Hesperus
+donnerte gegen Darmstadt, das einen industriellen Selbstmord begangen, den
+Schwaben und Bayern "einen Teil des Segens edler Fuersten" geraubt habe.
+Die Neckarzeitung begruesste den Verein als ein Zeugnis der Bundestreue, als
+einen letzten Versuch, die Verheissungen der Bundesakte ins Leben zu
+fuehren. Sogar innerhalb der bayrischen Regierung fand sich eine Partei
+bereit, die saechsisch-englischen Entwuerfe zu unterstuetzen; Lerchenfeld und
+Oberkamp, die gesamte Bundestagsgesandtschaft Koenig Ludwigs, blieben mit
+Lindenau in vertrautem Verkehr. Nur wenige verstanden den festen
+patriotischen Stolz des Freiherrn vom Stein, der voll Verachtung auf die
+Vasallen der englischen Handelspolitik niederschaute und an Gagern
+schrieb: "es ist den erbaermlichen, neidischen, antinationalen Absichten
+unserer kleinen Kabinette angemessen, sich an das Ausland zu schliessen,
+sich lieber von Fremden peitschen zu lassen, als dem allgemeinen
+Nationalinteresse die Befriedigung kleinlichen Neides aufzuopfern."
+
+Am 21. Mai 1828 hatten die Verbuendeten zu Frankfurt einen
+Praeliminarvertrag geschlossen. Am 22. August, nachdem unterdessen der
+Verein vollzaehlig geworden, versammelten sich die Bevollmaechtigten in
+Kassel, und schon am 24. September kam der endgueltige Vertrag zustande.
+Solche Schnelligkeit der Beratung stach von den Gewohnheiten der
+Staatsmaenner des Bundestags auffaellig ab; sie bewies deutlich, dass man
+Gefahr im Verzuge glaubte und mehr einen diplomatischen Schachzug als ein
+dauerhaftes Werk beabsichtige. Der Vertrag, in Dresden entworfen, sprach
+die feindselige, aggressive Richtung gegen Preussen noch weit offener aus
+als die Oberschoenaer Punktation. Der Verein ist bestimmt, den freien
+Verkehr im Sinne des Artikels 19 der Bundesakte zu befoerdern und "die
+Vorteile, welche in dieser Hinsicht dem einzelnen Staate durch seine
+geographische Lage und sonst gewaehrt sind, auf das Ganze zu uebertragen,
+auch daneben sich jene Vorteile zu erhalten und sicher zu stellen." Die
+Verbuendeten verpflichten sich, bis zum 31. Dezember 1834 -- d. h. bis zu
+dem Zeitpunkte, wo der preussisch-hessische Vertrag ablief -- keinem
+auswaertigen Zollverein einseitig beizutreten. Die Strassen sollen in gutem
+Stande erhalten, neue Strassenzuege verabredet werden. Die bestehenden
+Durchfuhrzoelle auf Waren, welche fuer einen Vereinsstaat bestimmt sind,
+duerfen nicht erhoeht werden; dagegen steht dem Verein wie jedem
+Vereinsstaate frei, Waren, die aus dem Auslande in das Ausland gehen, mit
+hoeheren Transitgebuehren zu belasten. England-Hannover war es, das diesen
+unzweideutigen Artikel 7 durchgesetzt hatte. Es lag darin die Drohung, den
+Handel zwischen den beiden Haelften der preussischen Monarchie zu zerstoeren,
+und zugleich eine systematische Beguenstigung der englischen Einfuhr. Denn
+da auf Hannovers ausdrueckliches Verlangen jedem Vereinsstaate die Befugnis
+eingeraeumt wurde, Handelsvertraege mit dem Auslande zu schliessen, so
+eroeffnete sich den englischen Waren ueber Bremen und Hannover ein fast
+zollfreier Weg nach den Binnenstaaten, welche, wie Sachsen, Thueringen,
+Nassau, Frankfurt, noch kein geordnetes Grenzzollsystem besassen. Noch
+deutlicher sprach der neunte Artikel, der jedem Vereinsstaate das Recht zu
+einseitigen Retorsionen vorbehielt; Kurhessen hatte diese Bestimmung
+gefordert, und der Kurfuerst verstand unter Retorsionen jede gehaessige
+Gewalttat wider die Nachbarn. Die einzige wesentliche Wohltat, welche der
+Verein dem Handel brachte, war die Erleichterung des Transits, und sie
+ward erkauft durch schwere Schaedigung der heimischen, vornehmlich der
+erzgebirgischen Industrie. Im uebrigen dauerten alle bestehenden Akzisen
+und Zoelle fort; nur Warenverbote zwischen den Vereinsstaaten waren
+unstatthaft, auch sollten die gewoehnlichen Erzeugnisse des Landbaues nicht
+verzollt werden.
+
+Der Kern des Vertrages blieb die Absicht, auf sechs Jahre hinaus die
+Erweiterung des preussischen Zollsystems zu verhindern und inzwischen
+vielleicht durch Ableitung des Durchfuhrhandels dem Zollwesen Preussens die
+Wurzeln abzugraben. Eine von Marschall und Roentgen verfasste nassauische
+Denkschrift ueber das Verhaeltnis des Vereins zu Preussen und Bayern gibt
+ueber diese freundnachbarlichen Absichten sicheren Aufschluss. Sie schildert
+beweglich, wie Darmstadt sich "an ein nicht aus seiner Autonomie
+hervorgegangenes System" angeschlossen habe. Allerdings wurden dabei "die
+aeusseren Formen der Selbstaendigkeit gewahrt", aber das Grossherzogtum "hat
+sich waehrend der Dauer des Vertrages jeder materiellen Autonomie begeben,
+kann nur noch eine grossmuetige Beruecksichtigung seiner Wuensche in billigen
+Anspruch nehmen und ist deshalb seiner endlichen Mediatisierung um einen
+bedeutenden Schritt naeher gerueckt." Solcher Schwaeche gegenueber sind die
+Verbuendeten entschlossen, "keine willenlose Hingebung zu zeigen, keine
+nicht aus dem eigenen Beduerfnis hervorgegangene Handelsgesetzgebung"
+anzunehmen. "Das Wesentliche des Kasseler Vertrages liegt in der
+Vereinigung selbst, in dem fuer sechs Jahre begruendeten *non plus
+ultra*(96). Das Wesentliche liegt ferner in dem durch diese sechsjaehrige
+engere Verbindung begruendeten Ablehnungsmotive von Ansinnungen mancher
+Art, denen, wenn sie von uebermaechtiger Seite ausgehen, der Einzelne und
+Schwaechere nicht viel mehr als die Bitte um Schonung entgegenzusetzen
+hat." Das Wesentliche liegt endlich in der Aussicht, zu einer Verbindung
+mit anderen Staaten "mit Ehren gelangen zu koennen". Bayern und Preussen
+haben dasselbe, ja ein groesseres Beduerfnis nach einer Annaeherung an die
+Vereinsstaaten als diese selbst; daher muss der Verein die
+Verbindungsstrassen zwischen Bayern und Preussen fest in der Hand halten,
+ihre freie Benutzung nur kraft gemeinsamen Beschlusses bewilligen. So wird
+er eine gesetzliche Ordnung mit verhaeltnismaessig gleichen Rechten fuer ganz
+Deutschland begruenden.
+
+Die Denkschrift schliesst mit der pathetischen Frage: "Kann man denn aus
+irgendeinem Grunde auch nur vermuten, dass Preussen die fieberhaften Traeume,
+in welchen eine uebermuetige Partei das ganze noerdliche Deutschland nur als
+eine mit Unrecht noch laenger vorenthaltene Beute des preussischen Adlers
+erscheinen lassen moechte, irgend teilen oder beguenstigen werde?" Naiver
+liess sich die Seelenangst der Kleinen nicht aussprechen. Nicht irgendein
+positiver Gedanke, sondern allein die Furcht vor Preussens und Bayerns
+Uebermacht, der ohnmaechtige Wunsch, ein *tertium aliquid*(97) zu bilden,
+wie der alte Gagern(98) sagte, hatte den Mitteldeutschen Verein
+geschaffen. Aber je ratloser man sich fuehlte, um so lauter ward gelaermt;
+"es war ein Gegacker, schreibt du Thil, als sei ein grosses Werk vollendet
+worden". Zahllose Orden belohnten alle Teilnehmer der Kasseler Beratung,
+bis zum Kanzlisten herab.
+
+Selbst die einzige Waffe, die man gegen Preussen schwingen konnte, erwies
+sich als unwirksam; den preussischen Durchfuhrhandel zu laehmen war
+unmoeglich, solange die Handelsstrassen, welche das preussische Gebiet
+umgehen sollten, noch nicht gebaut waren. Mannigfache Entwuerfe wurden zu
+Kassel besprochen; man traeumte von neuen Handelswegen dicht neben
+Darmstadts Grenzen, von einem langen Strassenzuge aus Sachsen ueber
+Altenburg und Gotha nach Kurhessen, der den Verkehr hinwegleiten sollte
+von der grossen preussischen Chaussee ueber Koesen und Eckartsberge. Aber wer
+sollte die Strasse bauen? Die verarmten kleinen ernestinischen Staaten
+besassen nicht die Mittel, die groesseren Bundesgenossen wollten kein Geld
+vorschiessen. Zudem stiess man ueberall auf preussisches Gebiet; wie sollte
+die Erfurter Gegend umgangen werden, wo Preussen bereits eine gute Chaussee
+gebaut hatte? Unablaessig arbeitete die Diplomatie der Bundesgenossen, um
+Bayern und Wuerttemberg von Preussen fernzuhalten; der hannoversche Gesandte
+Stralenheim in Stuttgart ward nicht muede, den Koenig Wilhelm vor Preussens
+Fallstricken zu warnen. Beharrlich wiederholte der Dresdner Hof, der die
+Fuehrung des Vereins behielt, er sei bereit, Antraege und Vorschlaege zur
+Ausbildung des Bundes entgegenzunehmen. Niemand wusste einen moeglichen
+Vorschlag. Schon vor der Kasseler Zusammenkunft gestand Lindenau einem
+Frankfurter Amtsgenossen: "die Mehrzahl der Teilnehmer betrachtet den
+Verein als ein Ruhekissen, sie ist froh, dass alles beim alten bleibt." Nun
+klagten die Thueringer ueber Sachsens hegemonischen Ehrgeiz, Frankfurt ueber
+die erdrueckenden kurhessischen Mauten. Der Kurfuerst, um seinen
+Holzmagazinen hoehere Preise zu schaffen, verbot den altgewohnten
+Holzhandel, der aus den hannoverschen Waldgebirgen nach Hessen
+hinuebergefuehrt ward. Die Unmoeglichkeit, mit einem solchen Fuersten
+freundnachbarlich auszukommen, lag vor Augen. Fast ein Jahr waehrten die
+Verhandlungen zwischen den beiden hessischen Haeusern wegen der
+Erleichterung einiger Enklaven; da erklaerte der Kurfuerst: die gegenseitige
+Verpflichtung, die Durchfuhrzoelle auf gewissen Strassen nicht zu erhoehen,
+solle allein fuer Darmstadt, nicht fuer Kurhessen gelten! Seine Weisungen an
+die Unterhaendler fand Maltzan "ausgezeichnet durch naive Unwissenheit und
+despotischen Ton, der Feder eines Rabener(99) wuerdig".
+
+Immer schaerfer trat der tiefe Gegensatz der handelspolitischen
+Anschauungen innerhalb des Vereins hervor. Die Kaufherren von Frankfurt
+und Bremen forderten unbeschraenkten Freihandel, Hannover die Beguenstigung
+der englischen Waren. Andere Staaten traeumten von neuen Zolllinien; wieder
+andere hofften, die Milderung des preussischen Zollsystems und dann den
+Eintritt in dies System zu erzwingen. Kein einziger Kopf an allen diesen
+kleinen Hoefen, der einen klaren Gedanken mit Ausdauer verfolgte; Karl
+August von Weimar war im Juni 1828 gestorben. Bald sonderten sich die
+Kuestenlande und die Binnenstaaten in zwei Gruppen. Thueringen und Sachsen
+schlossen einen Separatvertrag, desgleichen Hannover und Oldenburg. Sie
+versprachen ihre gegenseitigen Untertanen im Handelsverkehr auf gleichem
+Fusse zu behandeln usw. -- geringfuegige Erleichterungen, die in Preussen gar
+nicht noetig waren, da das freiere preussische Zollgesetz zwischen In- und
+Auslaendern nicht unterschied. Die einfache in Berlin laengst feststehende
+Erkenntnis, dass nur die Beseitigung der Binnenmauten dem deutschen Handel
+aufhelfen koenne, war diesen Kabinetten noch nicht aufgegangen. Die
+gedankenlose Traegheit der oesterreichischen Staatsmaenner fuehlte sich
+befriedigt von dem Erfolge des Augenblicks. Dem preussischen Zollsystem war
+ein Riegel vorgeschoben, der einige Jahre halten mochte; eine positive
+Ausbildung des Handelsvereins wuenschte man in Wien nicht, da jeder Bund im
+Bunde gefaehrlich schien. Selbstgefaellig sagte Muench-Bellinghausen zu
+Blittersdorff: "wie klug hat Oesterreich gehandelt, die Kollisionen zu
+vermeiden, denen Preussen nicht entgehen wird!" Der weiterblickende Badener
+aber schrieb: Ich war erstaunt ueber solche Verblendung. Als ob ein
+Stillstand im Voelkerleben moeglich sei! Als ob der preussisch-hessische
+Verein sich jemals wieder aufloesen wuerde! Oesterreich allein hat all dies
+Unheil verschuldet, hat nichts getan, um den Artikel 19 der Bundesakte
+auszufuehren und uns also den Preussen in die Haende geliefert.
+
+
+
+d) _Preussens Sieg. Preussisch-Bayrischer Handelsvertrag._
+
+
+Nunmehr nahm Preussen den Handschuh auf. Der Berliner Hof hatte den ersten
+Verhandlungen der mitteldeutschen Staaten mit der gewohnten ruhigen
+Zurueckhaltung zugesehen. Ein saechsisch-thueringischer Verein war
+unschaedlich; erst durch Hannovers Zutritt gewann der Verein eine
+gefaehrliche Ausdehnung. Man wollte in Berlin nicht glauben, dass dies nahe
+befreundete Kabinett, dem Preussen soeben jene neuen Strassenzuege und
+Handelserleichterungen angeboten hatte, einem gegen Preussen gerichteten
+Bunde sich anschliessen werde. Da trat Hannover zu den Verbuendeten ueber,
+waehrend Bernstorff noch eine freundliche Antwort auf sein Anerbieten
+erwartete. Sofort verschwand jeder Zweifel ueber den Charakter des Vereins.
+Motz in seiner feurig kuehnen Weise forderte sogleich, dass man die Gegner
+als Gegner behandle, und erklaerte: "Sollte dieser Verein zustande kommen,
+so ist Preussen in der Lage, sein Zollsystem fuer abgeschlossen zu halten,
+und keineswegs in der Lage, diesen neutralen Verein seiner Absicht gemaess
+unter imponierenden Bedingungen aufzunehmen."
+
+Obgleich bisher nur duerftige Nachrichten ueber die Plaene des Vereins
+eingelaufen waren, so erriet der Finanzminister doch auf den ersten Blick,
+dass die Zerstoerung des preussischen Durchfuhrhandels in der Absicht der
+Verbuendeten liege. Deshalb, fuhr er fort, muss der Transit fortan mehr als
+bisher im Lande gehalten, der Strassenbau ruestig gefoerdert, namentlich die
+Chaussierung der wichtigen Strasse von Magdeburg nach Zeitz rasch vollendet
+werden. Die nach Hannover gerichteten Anerbietungen sind als nicht
+geschehen zu betrachten. Noch entschiedener spricht er in einem Schreiben
+an Bernstorff: "Es ist gewiss ein bemerkenswertes Zeichen der Zeit, dass in
+der Mitte und vorzugsweise im Norden Deutschlands, im Schosse des Deutschen
+Bundes und dennoch unter der Fahne Oesterreichs, fuer den ostensibeln Zweck
+einer angeblichen Vervollkommnung der Verhaeltnisse dieses Bundes eine
+Koalition sich bildet, welche Preussen von ihren Plaenen und Beratungen
+ausschliesst und auf alle Weise zu erkennen gibt, nicht nur, dass sie eine
+Ausfuehrung und Erweiterung allgemeiner Bundesmaximen auch ohne Preussens
+Teilnahme fuer moeglich haelt, sondern auch, dass Preussen eben als stoerendes
+Prinzip jener Ausfuehrung und Erweiterung zu betrachten, und deshalb die
+Aufstellung einer foermlichen Oppositionsmasse gegen dasselbe anraetlich
+sei". Darum duerfen wir den Verein nicht ignorieren; wir muessen unser
+gerechtes Befremden aussprechen und den Entschluss, "jeder uns auf
+irgendeine Art kompromittierenden weiteren Entwicklung dieses sonderbaren
+Systems auf angemessene Weise entgegenzutreten".
+
+Ueber Oesterreichs Absichten war der entschlossene Mann laengst im klaren. Er
+wusste, dass die k. k. Verpflegungsbeamten in Mainz, um den
+Preussisch-Hessischen Verein zu schaedigen, die vertragsmaessige
+Steuerfreiheit der oesterreichischen Garnison groeblich missbrauchten, fuer
+Tabak, Zucker, Bier massenhaft Steuerfreischeine ausgaben, mehr, als ganz
+Rheinhessen verzehren konnte. Er forderte, der Gesandte in Wien solle rund
+heraus erklaeren: wir lassen uns nicht taeuschen durch das Blendwerk, das
+mit dem Artikel 19 getrieben wird, wir lassen uns weder imponieren, noch
+uns missbrauchen. Am 8. November schrieb er dem Minister des Auswaertigen
+geradezu: "Ob und inwieweit ueberhaupt auf wahre freundschaftliche
+Verhaeltnisse von Oesterreich gegen uns zu rechnen sei, vermag ich nicht zu
+beurteilen. Soviel scheint mir aber sicher zu sein, dass Oesterreich dem
+uebereilt organisierten Deutschen Bunde den Charakter des ehemaligen
+deutschen Fuerstenbundes beizulegen und darin die Rolle Friedrichs des
+Grossen zu uebernehmen denkt." Oesterreichs Haltung gegen uns in dem Koethener
+Zollstreit war entschieden feindselig, ohne Oesterreichs Beistand waere der
+Mitteldeutsche Verein nie zustande gekommen.
+
+Ein Blick auf diese Aktenstuecke genuegt, um das Raetsel zu loesen, warum das
+Berliner Kabinett ueber die geheime Geschichte seiner Handelspolitik
+beharrlich geschwiegen, auch die windigsten Prahlereien der zahlreichen
+geistigen und leiblichen Vaeter des Zollvereins gelassen ertragen hat. Das
+Buendnis der Ostmaechte war nach wie vor der leitende Gedanke der
+auswaertigen Politik des Koenigs. Brach man mit Oesterreich, so wurde der
+Deutsche Bund unhaltbar und auch der werdende Zollverein selber in Frage
+gestellt. Fuer Preussens Diplomatie ergab sich mithin die Aufgabe, durch
+ruhige feste Haltung den Wiener Hof dahin zu bringen, dass er der
+preussischen Handelspolitik nicht geradezu widerstrebte. Preussen raeumte der
+Hofburg die Fuehrerstelle ein in dem Schattenspiele des Bundestages und
+verlangte fuer sich die Leitung der wirklichen Geschaefte deutscher
+Staatskunst. Dies blieb der einzig moegliche Weg nationaler Politik,
+solange man weder den Willen noch die Macht besass, die kriegerische Aktion
+der friderizianischen Tage zu erneuern. Den deutschen Dualismus zu
+beseitigen, kam dem Koenig nicht zu Sinn; die Absicht war nur, dem
+preussischen Staate im Bereiche der deutschen Politik ein Gebiet
+selbstaendigen, ungestoerten Wirkens zu erobern. Ein solches System setzte
+behutsame Vorsicht und unverbruechliche Verschwiegenheit voraus; es fiel
+dahin, sobald die Welt erfuhr, wie planmaessig Preussens Handelspolitik
+arbeitete und wie deutlich die besten Koepfe des Kabinetts den Grundsatz
+der Interessen erkannten, der die beiden grossen Bundesmaechte trennte.
+
+Das Auswaertige Amt ging nicht sofort auf die kampflustige Gesinnung des
+Finanzministers ein. Der Koenig verlangte ruhige, sorgfaeltige Pruefung,
+damit nicht durch vorschnelles Urteil deutschen Bundesstaaten Unrecht
+geschehe. Sobald naehere Nachrichten einliefen, stimmte Eichhorn der
+Ansicht Motzs bei und erliess eine Instruktion an saemtliche Gesandten in
+Deutschland, welche ausfuehrlich darstellte, wie unberechtigt und
+hoffnungslos das Unternehmen der Mitteldeutschen sei: die Verbuendeten
+moegen sich die Frage vorlegen, was ein Verein von sechs Millionen
+Einwohnern, der fast nur Binnenlaender umfasst, bei einem Konflikt mit uns
+gewinnen duerfte, "ob der innere Verkehr nicht ertoetet statt belebt und der
+Handel mit dem Auslande nicht beschraenkt statt ausgebreitet werden wuerde".
+Ausserdem erhielt die Wiener Gesandtschaft die Weisung, sich zu beschweren
+ueber die feindselige Haltung der oesterreichischen Diplomaten und dem
+Staatskanzler die auf Metternichs Demagogenfurcht berechnete Frage ans
+Herz zu legen: "Sind es nicht hauptsaechlich die Absonderungen und
+Trennungen, welche im Handel und Verkehr stattfinden, wodurch eine
+Stimmung des Missbehagens, der Unzufriedenheit und der Sehnsucht nach einer
+Veraenderung unterhalten wird?" Der Gesandte in London ward befehligt,
+entschieden auszusprechen, dass an Verhandlungen mit Hannover vorerst nicht
+mehr zu denken sei: "wir muessen offen gestehen, dass unser Vertrauen auf
+hannoverscher Seite schlecht erwidert worden ist". Jordan in Dresden
+sollte sein Befremden ueber die misstrauische Heimlichkeit der saechsischen
+Politik kundgeben; Grote in Hamburg dem Senate "die Anerkennung seines
+weisen und angemessenen Betragens aussprechen und dabei erklaeren, man
+hoffe, dass er bei demselben auch verharren werde".
+
+Zugleich erging an die Regierungen der Grenzbezirke der Befehl, die
+handelspolitischen Massregeln der Verbuendeten, die sich noch immer in
+raetselhaftes Dunkel huellten, scharf zu beobachten. Hier zeigte sich die
+ganze Unnatur des Mitteldeutschen Vereins. Das Vereinsgebiet lag im
+Bereiche der preussischen Macht, war ueberall von eingesprengten preussischen
+Gebietsstuecken unterbrochen, durch tausend Bande des nachbarlichen
+Verkehrs an Preussen gekettet. Eine Schar von preussischen Postbeamten,
+Flossinspektoren, Schiffahrtsaufsehern lebte in Feindesland, gab sichere
+Nachricht ueber alles, was auf den Fluessen und Strassen der Verbuendeten
+vorging. Die Staatszeitung und Buchholzs Neue Monatsschrift begannen den
+Federkrieg gegen den Handelsverein "Eine Souveraenitaet, die sich durch
+blosse Opposition geltend machen will -- rief Buchholz warnend --, steht im
+Widerspruch mit sich selbst und kann nur Niederlagen erfahren." Auch durch
+Retorsionen wollte Motz den Gegnern zu Leibe gehen; er dachte den
+saechsischen Fabrikanten den Messrabatt zu entziehen und in Magdeburg eine
+Messe zu errichten. Hier aber widersprach der Koenig; er wollte sein Wort
+halten, auch jetzt noch jede Feindseligkeit gegen deutsche Bundesstaaten
+unterlassen, und liess den kampflustigen Finanzminister an die Ruecksichten
+erinnern, die man dem Deutschen Bunde schulde.
+
+Die offene Sprache der preussischen Diplomatie erweckte allerdings Angst
+und Reue an einigen der kleinsten Hoefe. Der Fuerst von Sondershausen,
+dessen Unterherrschaft unter dem Schutze des preussischen Zollsystems
+aufbluehte, war mit seiner Oberherrschaft dem Handelsverein beigetreten und
+liess durch sein Geheimes Konsilium das Berliner Kabinett bitten, "diese
+abgedrungene Massregel nicht uebel zu deuten". Darauf erwiderte das
+Auswaertige Amt: man hoffe, "dass ein pp. Konsilium keinen Augenblick
+darueber im Zweifel sein werde, was in der Wahl zwischen der Festhaltung an
+dem bisher bestehenden Verhaeltnis mit Preussen und zwischen der Teilnahme
+an einer neuen Verbindung zu tun oder zu lassen sei". Nun bat der Fuerst in
+einem eigenhaendigen Briefe den Koenig um Verzeihung und flehte, ihn "mit
+allergnaedigster Nachsicht zu beurteilen und der unschaetzbaren hohen Gnade
+nicht fuer unwert zu halten". Auch der Herzog von Gotha schrieb an
+Wittgenstein (16. Dezember): er erfahre "zu seiner groessten Verwunderung",
+dass Preussen mit dem Handelsvereine nicht einverstanden sei; nimmermehr sei
+ihm in den Sinn gekommen, den preussischen Hof, dessen Gunst so wertvoll,
+zu verletzen.
+
+Gegen die groesseren Staaten des Vereins war mit so sanften Mitteln nichts
+auszurichten. Motz behielt doch Recht, da er an Bernstorff schrieb: "Ich
+bin der Meinung, dass andere Ruecksichten, welche nicht durch die
+bestehenden Vertraege geboten werden, gegen die betreffenden, uns in
+finanzieller Hinsicht nur feindlich gegenueberstehenden Bundesstaaten wohl
+aus den Augen gesetzt werden koennen, indem der preussische Staat die Macht
+und die Kraft hat, seinen hohen und hoechsten Interessen die der
+Bundesstaaten unterzuordnen, und nach den seit 13 Jahren gemachten
+Erfahrungen die Liebe fuer uns in den Bundesstaaten erst dann zu gewinnen
+sein duerfte, wenn sie mit Furcht und Beachtung der bestehenden
+Verhaeltnisse vereinigt bleibt." Der feurige Mann war entschlossen, den
+Handelsverein zu sprengen: gegen offenbare Feindseligkeit reiche die
+Politik des Zuwartens nicht mehr aus. "Wir werden es noch dahin bringen,
+rief er zuversichtlich, dass einzelne Mitglieder des Mitteldeutschen
+Vereins dringend um Aufnahme in den preussischen Verein bitten werden!" Er
+hatte noch im Januar bezweifelt, ob eine Verbindung mit dem soweit
+abgelegenen Bayrisch-Wuerttembergischen Verein raetlich sei; jetzt fasste er
+den gluecklichen Gedanken, ueber den Handelsverein hinweg den sueddeutschen
+Koenigskronen die Hand zu reichen und dergestalt durch einen Bund des
+Nordens mit dem Sueden den mitteldeutschen Sonderbund zu zerstoeren.
+
+Zum Heil fuer Deutschland erwachten um dieselbe Zeit aehnliche Wuensche in
+Muenchen und Stuttgart. Wie laut auch Koenig Ludwig im ersten Zorne wider
+Preussens und Darmstadts Verraeterei gescholten hatte, auf die Dauer konnte
+er sich doch nicht verbergen, dass seine eigenen kuehnen Plaene gescheitert
+waren. Nachdem Kurhessen zu den Mitteldeutschen uebergetreten, war an eine
+Vergroesserung des Sueddeutschen Vereins nicht mehr zu denken; der rein
+deutsche Bund unter Wittelsbachs Fahnen blieb ein Traum. Ebensowenig
+konnte der Verein in seiner vereinsamten Stellung verharren. Auch trat,
+wie Metternich vorhergesehen, die alte Abneigung zwischen den beiden
+Koenigen bald wieder hervor. Die Hoffnung auf einen Handelsverein mit der
+Schweiz ward zunichte an der Zwietracht der Eidgenossen. So blieb den
+oberdeutschen Koenigen nur die Wahl, entweder mit Preussen oder mit dem
+saechsisch-englischen Verein eine Verbindung zu suchen. Hinter Sachsen und
+Hannover aber stand Oesterreich; dies allein genuegte, um den Koenig von
+Wuerttemberg gegen die mitteldeutschen Verbuendeten einzunehmen. Sein neuer
+Finanzminister, Freiherr Karl Varnbueler(100), derselbe, der einst in den
+Vorderreihen der Altrechtler gestanden, bewaehrte sich als ausgezeichneter
+Geschaeftsmann und riet dringend zur Verstaendigung mit Preussen. Welchen
+nennenswerten handelspolitischen Vorteil, ausser der Herabsetzung der
+Durchfuhrzoelle, hatten die Mitteldeutschen zu bieten? Wie sollte der
+patriotische Koenig von Bayern sich einlassen in jene unsauberen
+Zettelungen mit Frankreich, England, Holland, welche der Mitteldeutsche
+Verein mit unbeschaemter Stirn betrieb? In der ersten Aufwallung des Zornes
+hatte Koenig Ludwig wohl einen Schritt nach Frankreich hinueber getan; ein
+Buendnis mit dem Auslande einzugehen, den deutschen Verkehr dem englischen
+Handelsinteresse zu unterwerfen, lag dem bei all seiner Wunderlichkeit
+grunddeutschen Monarchen ebenso fern wie seinem vertrauten Minister
+Armansperg.
+
+Sobald man in Muenchen kaltbluetig ueberlegte, erschien doch selbst Preussens
+Verhalten in dem Sponheimer Handel erklaerlich. Die Berliner Regierung war
+ja durch europaeische Vertraege verpflichtet, Badens Recht zu schuetzen; sie
+verfuhr, wie Koenig Ludwig selbst zugeben musste, mit rueckhaltloser
+Offenheit; ihr Gesandter suchte durch versoehnliche Sprache den erzuernten
+Fuersten zu beschwichtigen. Preussen schlug jetzt vor, Bayern und Baden
+sollten beiderseits auf ihr Sponheimer Erbrecht verzichten, damit der
+leidige Handel fuer immer aus der Welt geschafft wuerde. Koenig Ludwig
+straeubte sich lange, doch fing er an zu begreifen, dass dies der einzige
+Weg sei, um sich mit Anstand aus dem verlorenen Spiele zurueckzuziehen.
+Gegen den Spaetsommer 1828 begannen der Minister und sein koeniglicher
+Freund bereits die Frage zu erwaegen, ob nicht eine Annaeherung an den
+Preussisch-Hessischen Verein unvermeidlich sei. Dass die oeffentliche Meinung
+in Bayern dieser Annaeherung entschieden widerstrebte, war fuer die Freunde
+eher ein Stachel als ein Hemmnis. Voll hochfliegender Begeisterung,
+empfaenglich fuer alles Ausserordentliche, liebten beide die Welt durch
+unerwartete Entschluesse zu ueberraschen. Um so schwerer fiel ihnen, die
+Demuetigung ihres Ehrgeizes, den Schiffbruch ihrer reindeutschen Plaene zu
+verwinden. Aber sie vermochten es ueber sich, das Opfer zu bringen.
+Unabweisbar draengten diese trocknen Geschaeftsverhandlungen den naeher
+Beteiligten die Einsicht auf, dass die Deutschen doch zueinander gehoerten,
+nur durch Misstrauen, durch Unkenntnis und durch die Selbstsucht, die immer
+der schlimmste Feind des eigenen Vorteils ist, einander verfeindet wurden.
+
+Ganz unerwartet fand sich ein Helfer, der die beginnende Umstimmung am
+Muenchener Hofe zu foerdern und fuer Deutschlands grosse Sache zu verwerten
+verstand. Der Buchhaendler Freiherr v. Cotta(101) war als grosser
+Geschaeftsmann mit Personen und Zustaenden des deutschen Nordens naeher
+vertraut als das schwaebisch-bayrische Beamtentum, und blickte, wie er
+schon in dem wuerttembergischen Verfassungskampfe bewiesen hatte, auch in
+der Handelssache ueber die landlaeufigen sueddeutschen Vorurteile weit
+hinaus. Unternehmend und beweglich, befreundet mit Nebenius und anderen
+namhaften Volkswirten in allen Teilen Deutschlands, erkannte er laengst,
+dass der sueddeutsche Verkehr ohne Preussens freundnachbarlichen Beistand
+niemals gesunden koenne, und obgleich ihm viel daran lag, die Gunst
+Metternichs fuer seine Allgemeine Zeitung nicht zu verlieren, so fasste er
+doch den tapferen Entschluss, als Vermittler aufzutreten. Er besprach sich
+insgeheim mit Armansperg, reiste dann im September 1828 nach Berlin zu dem
+grossen Naturforschertage, der also auch fuer unsere Politik bedeutsam
+werden sollte. Cotta wurde durch Humboldt bei Witzleben(102) und Motz
+eingefuehrt, sprach dort den Gedanken aus, ob nicht eine Verstaendigung
+zwischen Bayern und Preussen moeglich sei, und fand den guenstigsten Empfang.
+Eine ueberraschende Verwandtschaft der Anschauungen stellte sich heraus.
+Motz bekannte, dass er sich laengst mit aehnlichen Absichten getragen habe;
+im Grunde seien es ja doch nur Missverstaendnisse, welche bisher zwischen
+den beiden Staaten gestanden. Cotta kehrte heim und schrieb am 20. Oktober
+aus Muenchen: er habe des Ministers "gnaedige Eroeffnungen" den Monarchen in
+Muenchen und Stuttgart mitgeteilt; beide seien von der Notwendigkeit des
+Planes ueberzeugt und haetten bereits die Einladung, dem Mitteldeutschen
+Verein beizutreten, zurueckgewiesen. Nunmehr zog Motz das Auswaertige Amt in
+das Geheimnis und erklaerte: "Jetzt ist es wuenschenswert, einen
+Handelsverein mit Bayern, Wuerttemberg und Baden zu bilden": der Sueden muss
+fuer eigene Rechnung unsere Zollgrundsaetze annehmen, namentlich unsere
+hoeheren Tarifsaetze auf auslaendische Waren, also auch auf die Waren des
+Mitteldeutschen Vereins. Solange dieser Verein die vollstaendige
+Verschmelzung mit dem Sueden hindert, muessen Preussen-Hessen und
+Bayern-Wuerttemberg mindestens ihre eigenen Produkte und Fabrikate
+gegenseitig vom Zolle befreien.
+
+Im November eilte der Unterhaendler wieder nach Berlin, diesmal mit einer
+foermlichen Beglaubigung versehen, und wurde von dem Koenige aufs
+freundlichste aufgenommen. Die Berliner erzaehlten sich mit untertaenigem
+Erstaunen, der einfache Buchhaendler sei zur Tafel gezogen worden. Motz gab
+ihm nach laengeren Verhandlungen die Punktation des Vertrags mit auf den
+Weg. Triumphierend meldete Cotta am 17. Dezember aus Muenchen: "Alles, was
+ich mitbrachte, war hier hoechst erfreulich und willkommen", bei Koenig
+Ludwig wie bei dem Minister Armansperg. "Beide sind von den grossartigen
+Ideen ergriffen, die einer Verbindung Preussens mit Bayern und Wuerttemberg
+nach den von Hochdenselben entwickelten Grundsaetzen als Leitstern vorgehen
+und zur Richtschnur dienen. Ich sehe schon im Geiste Ihre herrliche Idee
+in kurzer Frist realisiert". Und am 20. Dezember nochmals: Wird auch Baden
+gewonnen, "so waere der Grundstein im Sueden Deutschlands zu dem Gebaeude
+gelegt, das Ihr verehrter Koenig und Sie zum Wohle und Gedeihen
+Deutschlands im Auge haben".
+
+Motz erwiderte: er hoffe "ein Werk zu begruenden, an welchem nicht nur wir
+und unsere Zeitgenossen, sondern auch unsere Nachkommen Freude haben
+werden". Der Mitteldeutsche Verein muesse offen bekaempft werden, "denn was
+wir gemeinschaftlich suchen, ein soviel moeglich allgemeiner Markt in
+Deutschland, wird fuer Bayern, Wuerttemberg und Preussen durch die Grundsaetze
+dieses neutralen Vereins nicht nur befoerdert, sondern viele diesem
+Verlangen entgegenstehende Hindernisse nur noch mehr stabiliert".
+Gleichzeitig schrieb er an den Kronprinzen von Preussen, der sich gerade am
+Muenchener Hofe aufhielt, enthuellte ihm das Geheimnis der Mission Cottas,
+bat dringend um Unterstuetzung: der Vertrag sei politisch und
+volkswirtschaftlich hochwichtig, wenngleich die Zolleinnahmen wohl
+zunaechst einige Einbussen erleiden wuerden. Der Prinz, der dem geistreichen
+Minister laengst wohl wollte, nahm sich denn auch der Verhandlungen eifrig
+an.
+
+Am 9. Januar 1829 konnte Cotta aus Stuttgart berichten, dass auch Koenig
+Wilhelm die Hauptgrundsaetze der preussischen Punktation gebilligt habe, und
+gegen Ende des Monats erschien der Unermuedliche zum drittenmal in Berlin.
+Der preussische Minister verlor zuweilen fast die Geduld bei allen den
+aengstlichen Vorbehalten, welche der sueddeutsche Unterhaendler stellen
+musste, und klagte bitterlich ueber diesen "Hoekerkram". Gegen die
+vollstaendige Zollbefreiung der eigenen Produkte erhob Bayern Bedenken; man
+fuerchtete in Muenchen die ueberlegene rheinische Industrie. Auch mit seinem
+Vorschlage, dass die bayrische Pfalz sofort dem preussischen Zollverein
+beitreten solle, drang Motz nicht durch; der Stolz der bayrischen Krone
+widerstrebte, auch der Muenchener Landtag haette der unerlaesslichen
+Abaenderung des pfaelzischen Steuerwesens niemals zugestimmt. Noch weniger
+war auf Badens Beitritt zu hoffen. Der kleine Staat wollte die guenstige
+Gelegenheit benutzen, um seinen Laenderbestand fuer alle Zukunft
+sicherzustellen; er forderte, dass vor den Zollverhandlungen der Sponheimer
+Streit beigelegt werde. Da Koenig Ludwig darauf nicht einging, so erkannte
+das Berliner Kabinett im Laufe des Winters selbst, dass man nicht wohl tue,
+die Verhandlungen noch mehr zu verwickeln, und liess Baden vorlaeufig aus
+dem Spiele.
+
+Am 6. Maerz 1829 begannen endlich die amtlichen Verhandlungen in Berlin.
+Die sueddeutschen Kronen waren durch ihre Gesandten Luxburg und Blomberg
+vertreten, den Ausschlag gab Cotta, der von beiden Koenigen Vollmacht
+hatte. Fuer Preussen erschienen Eichhorn und Schoenberg, dazu Motz, Maassen
+und Finanzrat Windhorn. Auch Hofmann kam aus Darmstadt herueber. Die ersten
+Kraefte der Regierung waren aufgeboten; es galt, die Bruecke ueber den Main
+zu schlagen. Am 27. Mai 1829 wurde der Vertrag unterzeichnet. Preussen-
+Hessen und Bayern-Wuerttemberg versprachen einander bis zum Jahre 1841
+Zollfreiheit fuer alle inlaendischen Erzeugnisse der Natur, des
+Gewerbefleisses und der Kunst; nur fuer eine Reihe wichtiger Fabrikwaren
+sollte, auf Bayerns Andringen, zunaechst bloss eine Zollerleichterung um
+25 Prozent eintreten, bis allmaehlich die voellige Befreiung erfolgen koenne.
+Beide Teile verpflichteten sich, ihre Zollsysteme mehr und mehr in
+Uebereinstimmung zu bringen; alljaehrlich sollten Bevollmaechtigte
+zusammentreten "zur Befestigung und Erweiterung dieses Vertrags". Auch ein
+Zollkartell wurde fuer die Zukunft verabredet. Der Vertrag trug in allem
+den Charakter eines Provisoriums; er begruendete die engste Form
+handelspolitischer Vereinigung, die sich erreichen liess, so lange die
+Laender der Verbuendeten nicht in festem geographischen Zusammenhange
+standen. Alle Beteiligten fuehlten, dass sie erst im Beginn einer Zeit
+gemeinsamer handelspolitischer Aktion standen; sie verpflichteten sich zu
+Protokoll, Handelsvertraege mit solchen Laendern, die an mehrere
+Vereinsstaaten zugleich angrenzten, also vornehmlich mit Baden, nur im
+gemeinsamen Einverstaendnis abzuschliessen.
+
+Unbeirrt durch die Peinlichkeit der Einzelverhandlungen hielt Motz seinen
+Blick fest auf die grossen Verhaeltnisse des Vaterlandes gerichtet; er
+wusste, dass er seinem Staate die Bahn zu einer stolzen Zukunft geoeffnet
+hatte. Im Juni sprach er sich gegen den Koenig ueber die politische
+Bedeutung der geschlossenen Vertraege offen aus. Seine Denkschrift wirft
+zuerst einen Rueckblick auf die vollendete Unfaehigkeit des Bundestags, der
+niemals in foermliche Beratung ueber die Handelseinheit getreten sei; selbst
+waehrend der Not von 1817 habe man in Frankfurt nur genau soviel getan, "um
+den foederativen Nachbar, im buchstaeblichen Sinne des Wortes, nicht
+verhungern zu lassen. Wie konnte dies auch anders sein, da dem Deutschen
+Bunde ein grosser Staat an der Spitze steht, der das ihm eigentuemliche,
+seit 50 Jahren schon bestehende, seinem privaten Interesse bis daher
+vermeintlich zusagende, mit den Interessen der uebrigen Staaten des
+Deutschen Bundes aber nicht vereinbarliche Zoll- und Prohibitivsystem
+aufzugeben nicht gewillt ist; da andere Bundesmitglieder die
+Handelsinteressen ihrer Hauptstaaten denen ihrer Bundeslande unterzuordnen
+nicht gemeint sind, vielmehr letztere, natur- und sachgemaess, an die
+ersteren festgeknuepft haben; und da wieder andere den Gegenstand mehr nur
+aus fiskalischem wie aus staatswirtschaftlichem Gesichtspunkte betrachtet
+wissen wollen? Der Deutsche Bund gab damit ein Beispiel, wie die
+allgemeine Staatengeschichte bis dahin noch keines aufzuweisen hat"; es
+entstand ein Handelskrieg aller gegen alle, "der weit schlimmer war, als
+ein innerer Krieg der Waffen nur je haette sein koennen". Dann erinnert Motz
+an die patriotischen Bestrebungen des deutschen Handelsstandes, an die
+persoenlichen Bemuehungen der Souveraene von Bayern und Wuerttemberg. Als
+gleichzeitig der Bayrisch-Wuerttembergische und der Preussisch-Hessische
+Verein sich bildeten, lag die Moeglichkeit zweier grossen Zollvereine fuer
+ganz Deutschland vor. Da erhob sich unter Oesterreichs Fuehrung der neutrale
+Verein, der den *status quo*, d. h. das Unertraegliche aufrecht erhalten
+will; er zwang uns, sogleich weiter zu gehen und das grosse Handelssystem
+zu begruenden.
+
+Dies System, faehrt die Denkschrift fort, bietet erstens kommerzielle
+Vorteile. Die Verbindung umschliesst schon jetzt 20 Millionen Einwohner,
+behauptet also den dritten Platz unter den europaeischen Staaten, da
+Oesterreich kein einiges Machtgebiet bildet; sie wird auf 25 Millionen
+steigen, sobald der Mitteldeutsche Verein wahrnimmt, "dass er ganz und gar
+einen eitlen Zweck verfolgt", und die sued- und mitteldeutschen Staaten
+nebst Mecklenburg uns beitreten; sie wird auf 27 Millionen steigen, wenn
+auch die anderen Staaten (soweit sie nicht Nebenlande sind), also
+Hannover, Braunschweig, Oldenburg und die Hansestaedte eintreten. Der
+innere Verkehr ist wichtiger als der auswaertige Handel, jener schlaegt
+dreimal, dieser einmal im Jahre das Kapital um. Manche deutsche Staaten
+erhalten durch das Handelssystem einen zwanzig- bis zweihundertmal
+groesseren Markt fuer ihre Produkte. Dazu kommen zweitens die finanziellen
+Vorteile. Der Satz: "je billiger die Abgabe, desto groesser der Ertrag",
+wird sich auch diesmal bewaehren, wenngleich vielleicht die erste
+Uebergangszeit einige Ausfaelle bringen mag. Wichtiger ist drittens der
+politische Gewinn. "Wenn es staatswissenschaftliche Wahrheit ist, dass
+Zoelle nur die Folge politischer Trennung verschiedener Staaten sind, so
+muss es auch Wahrheit sein, dass Einigung dieser Staaten zu einem Zoll- und
+Handelsverbande zugleich auch Einigung zu einem und demselben politischen
+System mit sich fuehrt."
+
+Nun wird in grossen Zuegen die friderizianische Politik den Wittelsbachern
+gegenueber geschildert: wie Friedrich den ersten Nichtoesterreicher,
+Karl VII., auf den Kaiserthron erhoben, dann durch den bayrischen
+Erbfolgekrieg und den Fuerstenbund Bayern dreimal vom Untergange gerettet
+habe. Preussen hat bisher von alledem noch keine Frucht geerntet. Bayerns
+feindselige Haltung zur Zeit des Rheinbundes und der Ansbach-Baireuther
+Haendel erklaert sich nur aus "der totalen Verwirrung und Verirrung der
+Staatenpolitik" jener revolutionaeren Tage. Heute aber kann Preussen kein
+Misstrauen mehr einfloessen, sondern muss wuenschen, "mit allen den Staaten,
+die nur von wahrhaft deutschem Interesse geleitet und Preussen mit offenem
+Vertrauen ergeben sind, nicht aber etwa den Besitz deutscher Provinzen
+bloss als Vehikel fuer Foerderung der Interessen ihrer groesseren auswaertigen,
+Deutschlands Interessen fremden Staatenkoerper zu benutzen streben, in
+jeder Beziehung, politisch und kommerziell, sich recht innig und recht
+enge zu verbinden". Moeglich bleibt doch der fuer jetzt allerdings "nicht
+leicht gedenkbare" Fall, dass entweder ein allgemeiner Krieg ausbraeche,
+oder "dass der Deutsche Bund in seiner jetzigen Gestalt sich einmal
+aufloeste und mit Ausschluss aller heterogenen Teile sich neu gestaltete";
+dann wuerde unser Handelssystem ungeheuer wichtig werden. Viertens bringt
+uns das Handelssystem eine militaerische Verstaerkung um 92000 Mann. Bayerns
+Zutritt entschied die Kriege von 1805 und 1806 zu Napoleons Gunsten,
+desgleichen der Rheinbund den Krieg von 1809. Gegen Frankreich koennen wir
+unser Rheinland nur decken, wenn wir der bayrischen Pfalz sicher sind;
+Oesterreich aber wird durch den Handelsbund in einem weiten Bogen umfasst,
+kann von Schlesien und Altbayern her zugleich bedroht werden. Die
+Denkschrift schliesst: "In dieser, auf gleichem Interesse und natuerlicher
+Grundlage ruhenden und sich notwendig in der Mitte von Deutschland
+erweiternden Verbindung wird erst wieder ein in Wahrheit verbuendetes, von
+innen und von aussen festes und freies Deutschland unter dem Schutz und
+Schirm von Preussen bestehen. Moege nur das noch Fehlende weiter ergaenzt und
+das schon Erworbene mit umsichtiger Sorgfalt noch weiter ausgebildet und
+festgehalten werden!"
+
+So der preussische Finanzminister, ein Jahr vor der Julirevolution, zwei
+Jahre bevor Paul Pfizer(103) den Briefwechsel zweier Deutschen erscheinen
+liess! Unter allen Aeusserungen deutscher Staatsmaenner aus jener Zeit ist
+keine, die so entschieden mit der Politik des friedlichen Dualismus
+bricht, die so rund heraussagt: los von Oesterreich! Und welche Sicherheit
+des Blicks in allem und jedem! Der Mann wusste schon 1829 bis auf einen
+geringfuegigen Irrtum ganz genau, in welcher Reihenfolge bis zum Jahre 1866
+die deutschen Staaten dem Zollverein beigetreten sind.
+
+In einem Rundschreiben an ihre Gesandten sprach die preussische Regierung
+offen aus: der Vertrag mit Bayern stelle eine noch engere Vereinigung und
+die allmaehliche Verwirklichung der deutschen Handelseinheit in Aussicht.
+Noch blieben am bayrischen Hofe tausend Bedenken zu ueberwinden. Koenig
+Ludwig, gewoehnt an unbedingte Selbstherrschaft, zuernte heftig, weil seine
+Unterhaendler in einigen Punkten ihre Instruktionen ueberschritten hatten;
+er konnte das alte sueddeutsche Misstrauen gegen die preussischen Kniffe
+nicht ueberwinden, maekelte an jedem Worte, fuerchtete ueberall doppelte
+Auslegung. Auch der beruehmte Streit ueber das *Alternat*(104), der in jenen
+Tagen die Mussestunden der Bundestagsgesandten wuerdig ausfuellte, wirkte
+stoerend. Die koeniglichen Hoefe wollten den grossherzoglichen wohl die
+Gleichberechtigung beim Vortritt, doch nicht bei den Unterschriften
+zugestehen; nach vielem Herzeleid behalf man sich endlich, fertigte nur
+zwei Haupturkunden aus, die eine fuer Preussen-Hessen, die andere fuer
+Bayern-Wuerttemberg gemeinsam. Dazu die begreifliche Furcht des Muenchener
+Hofes vor der Kleinmeisterei seines Landtags. Cotta bat instaendig: "nicht
+zu vergessen, dass wir selbst Vorurteilen froehnen muessen, um die hoeheren
+grossen Zwecke zu erreichen, besonders den Verein". In gleichem Sinne
+schrieb Armansperg an Motz: "das gewiss segensreiche Werk, welches durch
+den Handelsvertrag nunmehr in das Leben treten wird, verdankt Deutschland
+groesstenteils der Grossartigkeit Ihrer Ideen und der taetigen Sorgfalt, womit
+Ew. Exzellenz die Unterhandlungen leiteten und jede Einseitigkeit zu
+entfernen strebten. Wenn dem Geiste Ew. Exzellenz manches, wonach unsere
+Wuensche zielen, kleinlich erscheinen wird, so moegen Sie in Erwaegung
+ziehen, dass in den Hallen der Staende manch Kleinliches hauset und nicht
+immer durch die Waffe der Vernunft bekaempft und besiegt werden kann" --
+worauf dann im Interesse der oberpfaelzischen Hammerwerke gebeten ward, die
+groben Eisenwaren unter die Ausnahmeartikel zu stellen. Im Laufe des
+Sommers hat Cotta selbst in Brueckenau und Friedrichshafen die letzten
+Bedenken der beiden sueddeutschen Koenige beschwichtigt; sie ratifizierten,
+ueberhaeuften den gewandten Unterhaendler mit Gunst. Koenig Wilhelm zeigte
+sich ebenso unbefangen wie sein Minister Varnbueler; von den alten
+caesarischen Traeumen war keine Rede mehr. Dann schickte Preussen zwei seiner
+besten Finanzmaenner, Sotzmann und Pochhammer, nach Muenchen, um die neuen
+Zolleinrichtungen einfuehren zu helfen. Die bayrischen Beamten erstaunten,
+soviel Geduld und Schonung bei den verrufenen Preussen zu finden; in
+gemeinsamer ernsthafter Arbeit trat man einander naeher.
+
+Nun der schwere Entschluss gefasst war, segelte Koenig Ludwig sogleich mit
+rastlosem Ungestuem in dem neuen Fahrwasser dahin. Er pries in
+ueberschwenglichen Worten die Redlichkeit, die Maessigung, die Groesse der
+Ansichten des Berliner Kabinetts, versicherte dem Bildhauer Rauch, wie
+stolz er sei, mit dem Staate Friedrichs Hand in Hand zu gehen, wie
+rechtschaffen und weise Koenig Friedrich Wilhelm sich gehalten habe. Die
+oeffentliche Meinung im Sueden nahm den Vertrag voll Misstrauens auf; eine
+Deputation, die dem Koenige den Dank der guten Stadt Noerdlingen aussprach,
+blieb eine vereinzelte Erscheinung. In den hoeheren Kreisen des bayrischen
+Beamtentums fuehlte man doch, dass endlich nach langen Irrfahrten fester
+Ankergrund gefunden sei. Der Bundestagsgesandte Lerchenfeld erhielt
+strenge Weisung, sich der mitteldeutschen Zettelungen zu enthalten, und
+wirkte fortan zu Frankfurt und Kassel redlich mit seinen preussischen
+Genossen zusammen. Die freieren Koepfe ahnten von vornherein, dass dies
+gesunde naturgemaesse Buendnis zwischen den beiden groessten deutschen Staaten
+weiter fuehren musste. Schon bei den Berliner Verhandlungen hatte Hofmann
+die Frage aufgeworfen, ob nicht Preussens westliche Provinzen mit dem Sueden
+sogleich einen wirklichen Zollverein bilden sollten. In dieser unreifen
+Form war der Gedanke fuer Preussen unannehmbar. Sobald man den Vertrag
+ausfuehrte, zeigte sich jedoch rasch, dass man nicht auf halbem Wege stehen
+bleiben konnte. Die bayrische Rheinpfalz erhielt bayrische Mauten, da man
+sich in Muenchen nicht hatte entschliessen koennen, sie dem preussischen
+Zollsystem einzufuegen. Das Ergebnis war trostlos: die Provinz brachte im
+Jahre 1830 nur 165000 Gulden an Zoellen auf, waehrend die Grenzbewachung
+248000 Gulden verschlang. Der Landrat der Pfalz bat und klagte; der
+Zustand konnte nicht dauern. Schon im Februar 1830 fragte der unermuedliche
+Cotta bei Hofmann vertraulich an, wie man denn bei vollstaendiger
+Zollgemeinschaft mit den preussischen Behoerden auskomme. Hofmann antwortete
+mit einem warmen Lobe fuer die preussischen Beamten, die sich zwar anfangs
+sehr misstrauisch zeigten, nachher aber, sobald sie die Zuverlaessigkeit der
+hessischen Verwaltung kennen lernten, ganz umgaenglich wurden.
+
+Das Ausland und seine Gesellen, die Mitteldeutschen, sahen mit wachsendem
+Schrecken, wie Preussens Handelspolitik binnen Jahresfrist einen zweiten
+grossen Erfolg errang. Vergeblich hatte das saechsische Kabinett noch
+waehrend der Berliner Verhandlungen den Muenchener Hof fuer den
+mitteldeutschen Bund geworben; vergeblich war der Nassauer Roentgen, jener
+alte vielgeschaeftige Feind Preussens, nach Stuttgart gereist, um dort
+vorzustellen: Motz, der ruchlos ehrgeizige Kraftmensch, wolle Preussen
+durch die Entfesselung der industriellen Kraefte zur leitenden deutschen
+Macht erheben. In Berlin selbst arbeiteten einige Agenten des
+mitteldeutschen Vereins, so der Frankfurter Senator Guaita. Oesterreich
+sendete den Hofrat Eichhof nach Muenchen, um Bayern durch das Angebot
+einiger geringfuegigen Handelserleichterungen von Preussen hinwegzulocken
+und zugleich den Koenig Ludwig zu erinnern, wie feindselig Preussen in der
+Sponheimer Sache gehandelt habe. Muench in Frankfurt versuchte wieder
+einmal, den Darmstaedter Hof gegen Hofmann, "dies Werkzeug Preussens",
+einzunehmen. Die Diplomatie Englands, Frankreichs, Hollands -- voran Lord
+Erskine und Graf Rumigny in Muenchen -- ward nicht muede, vor Preussen zu
+warnen. Von allen fremden Maechten zeigte sich wieder nur Russland als ein
+treuer Freund Preussens; Anstett in Frankfurt sprach offen und
+nachdruecklich fuer die Berliner Handelspolitik.
+
+Nach und nach begann doch die vollendete Tatsache ihren Zauber zu ueben.
+Wie lange sollte man noch die Klagen der misshandelten Nation ertragen? Wie
+lange noch sich abquaelen an allezeit vergeblichen Sonderbuenden, waehrend
+Preussen jede handelspolitische Verhandlung regelmaessig erfolgreich
+hinausfuehrte? Selbst Blittersdorff, der rastlose Parteigaenger Oesterreichs,
+gab nunmehr die Sache Habsburgs fast verloren. Wenn Preussen, so schrieb
+er, alle deutschen Staaten unter seinem Handelssystem vereinigt, dann ist
+Oesterreich faktisch aus dem Deutschen Bunde hinausgedraengt! Der Verkehr
+wird dadurch nicht zentralisiert, sondern, bei der grossen Anzahl unserer
+kleinen Mittelpunkte, ueberall gleichmaessig belebt werden. Die Gefahren fuer
+die Souveraenitaet sind geringer in einem grossen Zollverein, als wenn man
+versucht, der Zeit in den Weg zu treten. --
+
+Die preussisch-bayrischen Verhandlungen blieben ein Schlag ins Wasser,
+solange der Verkehr zwischen den beiden Staaten den willkuerlichen
+"Retorsionen" des mitteldeutschen Vereins unterlag. Die neue Strasse von
+Westfalen durch das darmstaedtische Gebiet verband nur die westlichen
+Provinzen Preussens mit den Laendern der sueddeutschen Bundesgenossen und
+fuehrte ueberdies in der Frankfurter Gegend einige Stunden lang durch
+mitteldeutsches Vereinsland. Sollte der preussisch-bayrische Bund
+Lebenskraft gewinnen, so war eine zollfreie Strasse zwischen den
+Hauptmassen der beiden verbuendeten Zollvereine unentbehrlich. Da erinnerte
+sich Motz zur guten Stunde an den Strassenduenkel des Meininger Reiches und
+an jenen untertaenigen Entschuldigungsbrief des Gothaer Herzogs. Wie nun,
+wenn Preussen dem Meininger Lande die Mittel bot, jene Welthandelsstrasse
+zwischen Italien und der Nordsee wirklich zu bauen? Der Wunsch, den
+Verkehr im Lande zu halten, blieb ja der hoechste Gedanke, dessen die
+Handelspolitik der Kleinstaaten jener Tage faehig war. Wie oft sind die
+Staatsmaenner der Ernestiner nach Muenchen oder Berlin geeilt, um durch
+dringende Bitten den Bau einer Umgehungsstrasse zu verhindern; wie jammerte
+Frankfurt, da im Fruehjahr 1829 ein Spediteur Waren aus der Schweiz nach
+Leipzig ueber Nuernberg sendete und billigere Fracht berechnete als seine
+Frankfurter Konkurrenten. Diese Strassenpolitik war das beste Ruestzeug des
+Mitteldeutschen Vereins, und Motz beschloss, die Verbuendeten mit ihren
+eigenen Waffen zu schlagen. Er eroeffnete Verhandlungen mit Meiningen und
+Gotha, noch bevor der bayrische Vertrag abgeschlossen war. Der Herzog von
+Koburg kam selbst nach Berlin. Am 3. Juli 1829 wurde mit Meiningen, tags
+darauf mit Gotha ein Vertrag geschlossen, "um die Hindernisse zu
+beseitigen, die vorzueglich durch oertliche Verhaeltnisse dem Handel und
+gewerblichen Verkehr entgegenstehen". Die drei Staaten verpflichteten sich
+gemeinsam, einen grossen Strassenzug zu bauen von Langensalza ueber Gotha
+nach Zelle, von da ueber Meiningen nach Wuerzburg und ueber Suhl,
+Hildburghausen, Lichtenfels nach Bamberg. Preussen schoss den kleinen Herren
+die Gelder vor. Der Durchfuhrhandel auf den neuen Strassen wurde voellig
+freigegeben. Dazu mehrfache Zollerleichterungen und freier nachbarlicher
+Verkehr zwischen Meiningen, Gotha und Preussens thueringischen Enklaven. Es
+war dieselbe Strasse quer ueber den Kamm des Thueringer Waldes, die nachher
+in der Eisenbahnpolitik des Deutschen Reiches noch einmal eine bedeutsame
+Rolle spielen sollte.
+
+Diese beiden unscheinbaren Vertraege haben in Wahrheit den Mitteldeutschen
+Verein vernichtet. Denn jetzt erst erhielt der preussisch-bayrische Vertrag
+praktischen Wert. Motz eilte selbst nach Thueringen, um den raschen Ausbau
+der Strassen zu foerdern. Sobald dieser zollfreie Strassenzug vollendet war,
+standen die beiden verbuendeten Zollvereine in gesicherter geographischer
+Verbindung, ihre voellige Verschmelzung blieb nur noch eine Frage der Zeit.
+Zugleich hatte das Berliner Kabinett mit Mecklenburg den Bau einer neuen
+Strasse von Hamburg nach Magdeburg verabredet. Der maechtige Warenzug
+zwischen der Nordsee und der Schweiz ward von Hannover, Kassel und
+Frankfurt hinweggelenkt auf die Strasse Magdeburg-Nuernberg. Der
+Mitteldeutsche Verein, der Bayern und Preussen auseinander halten sollte,
+wurde durch einen Meisterstreich der preussischen Diplomatie selber in der
+Mitte zerspalten. Immer wieder draengt sich der Gedanke auf, wieviel
+langsamer der Knoten sich haette entwirren lassen, wenn ein Reichstag die
+diplomatische Aktion des Berliner Hofes laehmte. Wer diese unterirdische
+Arbeit auf ihren verschlungenen Wegen verfolgt, der muss, wo nicht
+billigen, so doch verstehen, dass ein freier Geist wie Trendelenburg(105),
+damals den preussischen Absolutismus als einen Segen fuer Deutschland pries.
+
+Preussen vollzog mit jenen zwei Vertraegen nur eine Tat erlaubter Kriegslist
+wider erklaerte Gegner, und doch keinen feindseligen Schritt, keine
+gehaessige Retorsion. Die Niederlage des Mitteldeutschen Vereins war um so
+vollstaendiger, da niemand das Recht hatte, sich ueber Preussen zu beklagen.
+Waehrend sonst die Handelspolitik den Feind durch Handelserschwerungen zu
+schlagen sucht, entwaffneten Motz und Eichhorn den Kasseler Sonderbund
+durch die Erleichterung des deutschen Verkehrs; sie konnten sogar den Dank
+der Mitteldeutschen beanspruchen fuer die Eroeffnung einer zollfreien
+Strasse. Den beiden thueringischen Fuersten freilich gereichte der Hergang
+nicht zur Ehre. Verlockt durch die Aussicht auf den Besitz einer grossen
+Handelsstrasse, wurden die Herzoege zu Verraetern an ihren mitteldeutschen
+Verbuendeten. Sie verletzten zwar nicht den Wortlaut, doch den Sinn des
+Kasseler Vertrages, der den Bundesgenossen allerdings den Abschluss von
+Handelsvertraegen gestattete, aber unzweifelhaft den Zweck verfolgte, die
+Erweiterung des preussischen Zollsystems zu verhindern. Das boese Beispiel
+weckte bald Nachahmung. Der Mitteldeutsche Verein, gegruendet durch
+partikularistische Selbstsucht, sollte ein wuerdiges Ende finden; er sollte
+nach und nach zerbroeckeln durch ein frivoles Spiel mit Treu und Glauben.
+
+Zugleich bereitete Motz in diesem tatenreichen Sommer den Mitteldeutschen
+noch eine Ueberraschung, die ihrem Handel Segen, ihrem Sonderbunde
+Verderben brachte. Er verstaendigte sich mit den Niederlanden ueber die
+Rheinschiffahrt und eroeffnete also seinen sueddeutschen Verbuendeten die
+Aussicht auf freien Verkehr mit der Nordsee. Sobald der britische Kaufmann
+seine Waren zollfrei rheinaufwaerts bis nach Frankfurt und Mannheim senden
+konnte, musste England das Interesse an dem Mitteldeutschen Verein
+verlieren, und dem Sonderbunde war eine maechtige Stuetze entzogen. --
+
+Nach so gruendlichen Niederlagen haetten ernsthafte Staatsmaenner den
+Sonderbund als einen verunglueckten Versuch sofort aufgeben und eine
+Verstaendigung mit den ueberlegenen Zollvereinen des Suedens und des Nordens
+suchen muessen. Doch die unverwuestliche Zanksucht dieser kleinen Hoefe
+wollte nicht Frieden halten, ihr Duenkel straeubte sich gegen ein
+beschaemendes Gestaendnis. Der saechsische Gesandte in Wien, Graf
+Schulenburg, wusste Wunder zu berichten von den Handelserleichterungen, die
+Metternich in allgemeinen Andeutungen dem Verein versprach; aehnliche
+Zusagen, ebenso unbestimmt gehalten, gab der franzoesische Gesandte Graf
+Fenelon dem Nassauer Hofe. In Hannover lebte ungebrochen der alte
+Welfenstolz; Graf Muenster bot alle kleinen Kuenste auf, um den Meininger
+Herzog durch seine Schwester, die Herzogin von Clarence, von Preussen
+abzuziehen. Im Februar 1829 war Varnhagen von Ense(106) von der
+preussischen Regierung nach Kassel und Bonn gesendet worden, um nochmals
+eine Beilegung des ehelichen Zwistes im kurfuerstlichen Hause zu versuchen.
+Er hatte sich des undankbaren Auftrags mit erstaunlichem Ungeschick
+entledigt, bei Hruby, dem grimmigen Feinde Preussens, sich belehren lassen
+ueber die Lage. Das Ende war, dass die beiden Gatten unversoehnlicher denn je
+einander gegenueberstanden, und der Kurfuerst in schaeumender Wut seinem
+koeniglichen Schwager Rache schwur. So geschah es, dass das laengst verlorene
+Spiel der Mitteldeutschen noch durch einige Jahre fortgesetzt wurde, bis
+Preussen den Gegnern auch den letzten Stein aus dem Brette geschlagen
+hatte.
+
+Seit dem Juni 1829 tagte in Kassel abermals der Kongress der
+Mitteldeutschen -- ein Bild vollendeter Ratlosigkeit, ohnmaechtigen Grolles.
+Alles tobte wider die Verraeter in Meiningen und Gotha, die dem Verein "ein
+wichtiges Objekt" geraubt hatten; man sendete Kommissaere hinueber, um die
+beiden Herzoege zu verwarnen. Alles zitterte vor der freien preussischen
+Handelsstrasse Hamburg-Nuernberg. Selbst die patriotische Hoffnung, dass
+Daenemark vielleicht den Bau jener Strasse hindern werde, bot keinen Trost;
+denn das kleine Stueck holsteinischen Gebiets zwischen Hamburg und der
+mecklenburgischen Grenze konnte leider auf der Elbe umgangen werden! Der
+nassauische Bevollmaechtigte Roentgen pflegte auch dem befreundeten
+badischen Hofe Bericht zu erstatten ueber den Gang der Verhandlungen. Diese
+Berichte wurden von Karlsruhe getreulich der preussischen Regierung
+mitgeteilt; man kannte also in Berlin aus erster Quelle die rettungslose
+Verwirrung des feindlichen Lagers. Schon in einer der ersten Sitzungen
+warf ein Bevollmaechtigter die wohlberechtigte naive Frage auf: "worin denn
+eigentlich das materielle Wesen des Vereins bestehe?" Man fuehlte, dass man
+"eine Gesamtautonomie gruenden muesse, um die eigene Autonomie zu bewahren".
+Man verlangte nach einem "Gemeingut", das als Unterhandlungsmittel gegen
+Preussen dienen solle. Die Laecherlichkeit eines Zollvereins ohne gemeinsame
+Zoelle begann zwar einzelnen einzuleuchten; selbst Nassau meinte, die
+Vorteile des freien Binnenhandels ueberwoegen unendlich jede Erleichterung
+des auslaendischen Verkehrs. Aber, hiess es dawider, "wuerde der Verein ein
+wirklicher Mautverband, so muessten wir schliesslich doch preussische Farbe
+annehmen!" Sechs Kommissionen wurden gebildet, um im Stile des Bundestages
+ueber alle erdenklichen Fragen der Verkehrspolitik hin und her zu reden.
+Absonderliche patriotische Freude erregte der Vorschlag, den 21 Guldenfuss
+anzunehmen und also "das preussische Geld zu verdraengen".
+
+Von neuem tauchte der Gedanke auf, mehrere Buende im Bunde zu bilden --
+zwei, drei oder vier, was verschlug es? Diese politischen Mollusken liessen
+sich doch in jede beliebige Form pressen. Hannover wuenschte einen
+Sonderbund der Kuestenstaaten. In lehrhafter Denkschrift bewies Smidt von
+Bremen, dass die Vereinsstaaten teils in horizontaler, teils in vertikaler
+Richtung zu den grossen deutschen Handelsstrassen laegen; sie moechten also
+zwei oder drei Gruppen bilden. Die freie Stadt Bremen, versteht sich,
+muesse unabhaengig bleiben, denn sie "qualifiziert sich von selbst als eine
+Ausnahme von der Regel des Handelsvereins". Indes begann dem gewiegten
+Handelspolitiker doch unheimlich zu werden; er riet dringend zu
+Verhandlungen mit den beiden anderen Zollvereinen.
+
+Unverhohlen sprach sich die aengstliche Unlust der thueringischen Staaten
+aus. Reuss beantragte sofort Verhandlungen mit Preussen zu eroeffnen;
+Meiningen und Gotha drohten, ihres eigenen Weges zu gehen, wenn der Verein
+nicht mit Preussen sich verstaendige. Geschaeftig trugen die Bevollmaechtigten
+der kleinen Thueringer dem preussischen Gesandten Haenlein die Geheimnisse
+des Vereins zu. Doch die groesseren Staaten Hannover, Sachsen, Hessen,
+Weimar blieben hartnaeckig. Die rastlosen Treiber Carlowitz, Grote, Conta
+brachten endlich am 11. Oktober 1829 einen neuen Bundesvertrag zustande.
+Die Verpflichtung, einseitig keinem auswaertigen Zollverein beizutreten,
+wurde verlaengert bis zum Jahre 1841, weil der preussisch-bayrische Vertrag
+bis zu diesem Jahre waehrte. Die Durchfuhrzoelle auf den grossen, das Ausland
+mit dem Auslande verbindenden Strassen sollten nur nach gemeinsamer
+Verabredung veraendert werden. Es lag auf der Hand, dass dieser Artikel
+allein bestimmt war, den Verkehr zwischen Preussen und Bayern zu
+erschweren, die Wiederholung der Gothaer und Meininger Vorgaenge zu
+verhindern. Preussen versuchte auch sofort den Beschluss zu hintertreiben.
+Eichhorn schrieb an Buelow in London: "von der kurhessischen Regierung ist
+man schon lange gewohnt, dass sie das Verkehrte tut und keine Verhaeltnisse
+achtet"; unbegreiflich aber sei Hannovers Verhalten; der Gesandte solle
+daher in London nachdrueckliche Beschwerden erheben. Trotzdem ging der
+Beschluss durch, und nach dieser unzweideutigen Feindseligkeit bestimmte
+man in Kassel noch, dass Sachsen, Hannover und Kurhessen im Namen des
+Vereins Verhandlungen mit Preussen eroeffnen sollten -- jenes Kurhessen, das
+sich in den groebsten Beleidigungen gegen den Berliner Hof erging!
+
+Im uebrigen blieb auch dieser zweite Vertrag nahezu inhaltlos; keine irgend
+erhebliche Verkehrserleichterung war vereinbart. Daher erhob sich sofort
+nach dem Abschlusse des Vertrages ueberall heftiger Widerstand. Die
+Ratifikation konnte erst im April 1830 erfolgen. Meiningen und Gotha
+versagten ihre Zustimmung. Die reussischen Laender folgten am 9. Dezember
+1829 dem Beispiel ihrer Nachbarn, sie vereinbarten mit Preussen
+Handelserleichterungen und Strassenbauten und versprachen, dem preussischen
+oder dem bayrischen Verein beizutreten, sobald sie ihrer Pflichten gegen
+die Mitteldeutschen ledig seien. Im Frankfurter gesetzgebenden Koerper
+fragte man murrend: warum verstaendige Kaufleute sich verpflichten sollten,
+zwoelf Jahre lang nichts zu tun? Einflussreiche Firmen forderten den
+Anschluss an Preussen, selbstverstaendlich nicht zu gleichem Rechte: das
+maechtige Frankfurt sollte nur "einen Freihafen des preussischen Vereins"
+bilden. Die Stadt litt schwer; Spedition und Fabriken begannen nach
+Offenbach ueberzusiedeln. Dennoch behauptete die oesterreichische Partei die
+Oberhand. Sachsen und Weimar, erschreckt durch den schwunghaften
+bayrisch-preussischen Verkehr dicht neben ihren Grenzen, knuepften ihre
+Ratifikation an den Vorbehalt: vom Jahre 1835 muesse ihnen der Austritt
+freistehen, falls bis dahin Preussen und Bayern zu einem Zollverein sich
+verschmolzen haetten. Der rastlose Roentgen reiste von einer preussischen
+Gesandtschaft zur anderen, versuchte sich zu entschuldigen: wer haette denn
+vor einem Jahre ahnen koennen, dass Preussen in der orientalischen Frage und
+in den Zollsachen eine so glueckliche Rolle spielen wuerde? Als Maltzan
+allen Anzapfungen nur ein diplomatisches Schweigen entgegensetzte, fuhr
+der beleidigte Nassauer heraus: "Es ist unrecht, auch den kleinsten Feind
+zu missachten" -- worauf jener verbindlich erwiderte: "Also Ihr seid unsere
+Feinde?" Endlich genehmigte Nassau den Vertrag nur mit der Erklaerung: als
+unbedingt verpflichtend koenne er nicht gelten. So drohten Abfall und
+Verrat von allen Seiten her.
+
+Bei der verblendeten Selbstueberschaetzung dieser Kabinette laesst sichs nicht
+leicht entscheiden, ob die drei fuehrenden Mittelstaaten ernstlich hofften,
+Zugestaendnisse von Preussen zu erlangen, oder ob sie die Verhandlungen mit
+dem Berliner Hofe lediglich begannen, um ihre unzufriedenen thueringischen
+Bundesgenossen zu beschwichtigen. Genug, das hannoeversche
+Kabinettsministerium richtete schon am l4. August an Bernstorff die Frage,
+ob Preussen mit den Verbuendeten unterhandeln wolle, und fuegte in der
+ueblichen hochtrabenden Weise hinzu: "Der Verein sei wohl imstande, solche
+Vorteile anzubieten, welche die Zugestaendnisse aufwiegen duerften". In
+Berlin ergriff man die Gelegenheit, den Mitteldeutschen unumwunden die
+Meinung zu sagen und zugleich den nationalen Sinn der preussischen
+Handelspolitik ausfuehrlicher als je zuvor darzulegen. Ein
+Ministerialschreiben vom 31. Oktober 1829 hielt der hannoverschen
+Regierung ihr gehaessiges unaufrichtiges Verfahren vor, schilderte
+drastisch den Handelsverein, der "nichts Gemeinsames habe als das Motiv,
+woraus er entsprang; im uebrigen findet man nur ein Aggregat besonderer
+Interessen". Wesentliche Vorteile hat der Verein uns nicht zu bieten, es
+muesste denn sein, dass er den Verkehr zwischen unseren Provinzen erschweren
+wollte. "Vor dergleichen feindseligen Massregeln hegt die preussische
+Regierung ueberhaupt keine Besorgnis." Mit Hannover allein sind wir bereit
+zu verhandeln, nicht mit einer Mehrzahl grundverschiedener Staaten.
+Preussen hat jetzt, nach den neuesten vorteilhaften Vertraegen, noch weniger
+als sonst ein unmittelbares Interesse an solchen Verhandlungen, sondern
+nur das eine Interesse, "dass dadurch eine engere Verbindung zwischen den
+deutschen Voelkern begruendet und durch diese ein neuer Segen ueber
+Deutschland und dessen einzelne Staaten verbreitet werde. Wird dabei der
+Grundsatz befolgt, solche gemeinschaftliche Massregeln zu verabreden,
+wodurch nur in dem eigenen Gebiet bisher bestandene Hemmungen im
+gegenseitigen Verhaeltnis zueinander aufgehoben und keine neuen zur Stoerung
+des Verkehrs mit anderen Staaten angeordnet werden, so kann sich niemand
+ueber eine Vereinigung, welche auf einer solchen Grundlage errichtet wird,
+beschweren. Jede solche Vereinigung bildet vielmehr den Uebergang zu einer
+neuen; und in einer solchen praktisch fortschreitenden Entwicklung, welche
+keinem feindseligen Prinzip Raum gibt, laesst sich hoffen, dass allmaehlich
+das Problem einer gegenseitigen Freiheit des Verkehrs zwischen den
+deutschen Staaten in dem groesstmoeglichen Umfange, welchen ueberhaupt die
+Natur der Verhaeltnisse gestattet, geloest werde." Hannover suchte noch
+einige unwahre Entschuldigungen vorzubringen, doch allein mit dem Berliner
+Hofe zu verhandeln, war dem Welfenstolze unmoeglich.
+
+Sachsen und Kurhessen unterliessen nunmehr jede Anfrage; indes konnte sich
+der Dresdener Hof eine Rechtfertigung seiner Handelspolitik nicht
+versagen. Geh. Rat v. Koenneritz(107) -- in spaeteren Jahren als Minister
+eine Saeule der hochkonservativen Partei --, verfasste eine Denkschrift im
+kursaechsischen Kurialstile und wiederholte darin die alten hundertmal
+widerlegten Anklagen gegen das preussische Zollsystem. Dann versicherte
+"Man annoch fordersamst": der Mitteldeutsche Verein sei "eine
+voelkerrechtlich vollkommen statthafte und in der Staatengeschichte gar
+nicht ungewoehnliche Uebereinkunft mehrerer souveraener Staaten, eine zur
+Rettung der dem hiesigen Lande unentbehrlichen Nahrungszweige, des
+Fabrikwesens und des Handels, notwendig bedungene Massregel" -- und sprach
+sein Befremden aus, dass Preussen dieser unschuldigen Verbindung
+entgegenarbeite. Motz, von Eichhorn befragt, ob eine Verhandlung mit
+Sachsen raetlich sei, erwiderte: "Sachsen gewinnt durch eine
+Zollvereinigung mit Preussen in allen Beziehungen vorzugsweise, und Preussen
+kann dieselbe mehr nur in politischer, weniger in finanzieller Beziehung
+wuenschen. Auch die politischen Vorteile sind mehr in der hierdurch
+gefoerderten Einigung von Deutschland als in dem besonderen Anschluss von
+Sachsen an Preussen zu suchen. Sachsen kann freundlicher, ruecksichtsvoller
+Verhandlungen gewaertig sein, wenn es seine mitteldeutschen Verpflichtungen
+aufgibt, deren Dauer den Anschluss an das preussische Zollsystem geradezu
+verhindert. Herr v. Koenneritz gehoert zu den beschraenkten einseitigen
+Koepfen, deren Belehrung, wenn man auch Zeit daran wenden wollte, ebenso
+unfruchtbar bleiben wuerde als die ganze Idee des Mitteldeutschen Vereins."
+Darauf verwies das Auswaertige Amt dem Gesandten in Dresden, dass er das
+anmassende saechsische Schriftstueck angenommen habe, und begnuegte sich, die
+Beschuldigungen der Denkschrift kurz zu widerlegen.
+
+Unterdessen arbeitete Hannover heimlich an einem Verein der Kuestenstaaten.
+Am 27. Maerz 1830 kam zu allgemeiner Ueberraschung der Eimbecker Vertrag
+zustande, ein Werk Grotes, die Grundlage des spaeteren norddeutschen
+Steuervereins. Hannover, Oldenburg, Braunschweig und Kurhessen
+verpflichteten sich, innerhalb des Mitteldeutschen Vereins einen
+Zollverein mit gemeinschaftlichen niedrigen Zoellen zu bilden. Vorderhand
+war alles freilich noch Entwurf. Dass die Kuestenstaaten sich zusammentaten,
+erschien nicht ganz unnatuerlich; Motz selbst urteilte mild ueber den
+Eimbecker Vertrag. Hannover war nun einmal unfrei der englischen
+Handelspolitik gegenueber; auch bestand damals weit verbreitet und
+festgewurzelt die Meinung, dass die Volkswirtschaft der Nordseekueste von
+den preussischen Zustaenden sehr weit abweiche -- ein Vorurteil, das erst
+nach zwei Jahrzehnten ueberwunden wurde. Um so mehr musste die Teilnahme des
+Binnenlandes Kurhessen befremden. Die Luft ward schwuel in dem
+ungluecklichen Lande. Die Reichenbach befuerchtete einen Aufstand; irgend
+etwas, stellte sie dem Kurfuersten vor, muesse geschehen, um das misshandelte
+Volk zu beschwichtigen. Da nun der Kurfuerst nicht mit Preussen gehen
+wollte, so schloss er den Eimbecker Vertrag, der mindestens an der
+hannoverschen Grenze Erleichterungen versprach. --
+
+Das war die Lage der deutschen Volkswirtschaft, als die Julirevolution
+hereinbrach, das alte System in den Hauptstaaten des Mitteldeutschen
+Handelsvereins ueber den Haufen warf und also dem Verein den letzten Stoss
+gab.
+
+Motz selber sollte den vollstaendigen Sieg seiner Ideen nicht erleben; er
+starb, erst vierundfuenfzigjaehrig, am 30. Juni 1830. Er nahm ins Grab die
+feste Zuversicht, dass Preussens Handelspolitik die eingeschlagenen Bahnen
+nicht mehr verlassen koenne; "mein eigenes Departement macht mir am
+wenigsten Sorge", sagte er oft in seinen letzten Tagen. Wie gaenzlich hatte
+sich Preussens deutsche Machtstellung veraendert in den fuenf Jahren, seit
+dieser Mann den Staatshaushalt leitete! Die auslaendische Presse selbst,
+die sonst so gleichgueltig an den deutschen Dingen vorueberging, fing schon
+an aufzumerken. Wenn diese Staaten, schrieb der Constitutionnel, schon die
+Einheit ihrer Handelsinteressen erkennen, so werden sie auch bald
+entdecken, dass sie dieselben politischen Interessen haben, und das wird
+ein Sieg sein ueber Oesterreich. Die Edinburgh Review aber sagte mit jener
+englischen Bescheidenheit, die sich auch im Lobe nie verleugnet: "Die
+preussische Handelspolitik, die vielleicht der jedes anderen Staates in der
+Welt ueberlegen ist, verdankt ihren Ursprung wahrscheinlich dem
+Selbstbereicherungstriebe eines absoluten Herrschers." Vor kurzem noch
+verhasst und gemieden, war Preussen jetzt mit den bekehrten Kernlanden des
+Rheinbundes zu einem grossen nationalen Zwecke verbuendet. Das vor zehn
+Jahren von ganz Deutschland bekaempfte preussische Zollgesetz begann bereits
+siegreich vorzudringen, und schon liess sich voraussehen, dass es seine
+Herrschaft bis zum Bodensee erstrecken wuerde. In Berlin, nicht mehr in
+Frankfurt und Wien, wurden die grossen Geschaefte der Nation erledigt.
+
+Motz hatte in einem kurzen diplomatischen Kriege, der mit seinen fest und
+sicher geleiteten weitverzweigten Verhandlungen an die Entstehung des
+fridericizianischen Fuerstenbundes erinnert, nicht bloss den Gegenzollverein
+nahezu gesprengt, sondern auch durch geistige Waffen die Gegner
+geschlagen, den Unsinn des feindlichen Unternehmens dargetan und vor aller
+Welt erwiesen, dass Oesterreich fuer die Noete der Nation nur leere Worte
+hatte, Preussen die heilende Tat. Nicht eine zufaellige Verkettung der
+Umstaende fuehrte den Sueden auf kurze Zeit mit dem Norden zusammen, wie
+einst die Genossen des Fuerstenbundes. Die Gemeinschaft, die jetzt sich
+bildete, war unzerstoerbar. Sie entsprang den Lebensbeduerfnissen eines
+arbeitenden Jahrhunderts, und ueber ihren unscheinbaren ersten Anfaengen
+waltete der freie Geist eines Mannes, der fast allein in mueder,
+verdrossener Zeit schon hellen Auges die schlummernden Kraefte des
+germanischen Riesen erkannte, die grosse Zukunft des "in Wahrheit
+verbuendeten Deutschlands" ahnte.
+
+Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 623ff.
+
+ ------------------
+
+ 65 Maximilian I., Joseph, Koenig von Bayern von 1805-1825, geb. 27. Mai
+ 1756.
+
+ 66 Staat im Staate.
+
+ 67 August v. Roentgen, geb. 10. Juni 1781, gest. 5. August 1865, damals
+ nassauischer Gesandter in Muenchen.
+
+ 68 Wilhelm (gest. 20. August 1839).
+
+ 69 Ludwig, seit 13. Oktober 1825 Koenig Ludwig I.
+
+ 70 Karl Salomon Zachariae von Lingenthal, geb. 14. September 1769, gest.
+ 27. Maerz 1843, Professor der Rechte an der Universitaet Heidelberg,
+ 1825 Mitglied der zweiten badischen Kammer.
+
+ 71 Ludwig I., geb. 14. Juni 1753, gest. 6. April 1830.
+
+ 72 Preussischer Gesandter am badischen Hofe.
+
+ 73 Karl Ludwig Wilhelm v. Grolman, geb. 23. Juli 1775, gest. 14.
+ Februar 1829, Professor der Rechte in Giessen, seit 1819 Minister des
+ Innern und der Justiz.
+
+ 74 Joachim Graf v. Muench-Bellinghausen, geb. 29. September 1786, gest.
+ 3. August 1866, von 1823-1848 oesterreichischer Bundestagsgesandter.
+
+ 75 Friedrich Karl Gustav Freiherr v. Langenau, oesterreichischer
+ Feldmarschalleutnant, war von 1817-1827 oesterreichischer
+ Bevollmaechtiger bei der Militaerkommission der deutschen
+ Bundesversammlung.
+
+ 76 Philipp Moritz Freiherr v. Schmitz-Grollenburg, geb. 22. Dezember
+ 1765, gest. 27. November 1849, seit 1821 als wuerttembergischer
+ Gesandter in Muenchen.
+
+ 77 Joseph Ludwig Graf v. Armansperg, geb. 28. Februar 1787, gest. 3.
+ April 1853, seit 1826 bayrischer Finanzminister.
+
+ 78 So Treitschke. Doch liegt hier eine Verwechslung mit Joseph v.
+ Baader vor, der, geb. 30. September 1763, gest. 20. November 1835,
+ Ingenieur war und um das Eisenbahnwesen in Bayern sich hoch verdient
+ gemacht hat. Sein Bruder Franz v. Baader war in erster Linie
+ Philosoph, beschaeftigte sich aber auch mit technischen und
+ naturwissenschaftlichen Studien.
+
+ 79 Napoleons Sohn von Marie Louise, der den Titel eines roemischen
+ Koenigs trug.
+
+ 80 Emmerich Joseph Herzog v. Dalberg, geb. 30. Mai 1773, gest. 27.
+ April 1833, Pair von Frankreich und franzoesischer Gesandter am
+ Turiner Hofe.
+
+ 81 Karl Friedrich Graf Reinhard, Pair von Frankreich, geb. 2. Oktober
+ 1761, gest. 25. Dezember 1837, damals franzoesischer Gesandter am
+ Bundestag.
+
+ 82 Als "drittes Deutschland" bezeichnete man die Mittel- und
+ Kleinstaaten als Gegengewicht gegen Preussen und Oesterreich.
+
+ 83 Oldwig v. Natzmer, geb. 18. April 1782, gest. 1. Nov. 1861.
+
+ 84 Graf Detlev v. Einsiedel, geb. 12. Oktober 1773, gest. 20. Maerz
+ 1861, von 1813-1830 als Minister ein Gegner aller Reformen.
+
+ 85 Eduard von Wietersheim, geb. 10. September 1787, gest. 16. April
+ 1865, damals Kreishauptmann in Plauen, von 1840-1848 saechsischer
+ Kultusminister.
+
+ 86 Georg August Ernst v. Manteuffel, geb. 26. Oktober 1765, gest. 8.
+ Januar 1842, Praesident des Geh. Finanzkollegiums, seit 1828
+ Konferenzminister, in Sachsen verhasst wegen seines starren
+ Widerstandes gegen jede Reform.
+
+ 87 Hans Georg v. Carlowitz, geb. 11. Dezember 1772, gest. 18. Maerz
+ 1841, von 1821-1827 Koenigl. saechsischer Bundestagsgesandter.
+
+ 88 Christoph Anton Ferdinand v. Carlowitz, geb. 6. Juni 1785, gest. 21.
+ Januar 1840.
+
+ 89 Christian Wilhelm Schweitzer, geb. 1. November 1781, gest. 26.
+ Oktober 1856, anfangs Professor der Rechte an den Universitaeten
+ Wittenberg und Jena, wurde 1818 ins Ministerium berufen als Geheimer
+ Staatsrat mit Sitz und Stimme im Ministerium, doch ohne ein
+ bestimmtes Departement.
+
+ 90 Bernh. Aug. v. Lindenau, geb. 11. Juni 1779, gest. 12. Mai 1854, von
+ 1827-29 saechs. Bundestagsgesandter, darauf Direktor der
+ Kommerziendeputation, 1830 Kabinettsminister, von 1831 bis 1843
+ Staatsminister. -- Vor seinem Eintritt in den Koenigl. saechs.
+ Staatsdienst war er erst in Sachsen-Gotha-Altenburg taetig, dann nach
+ der Teilung als Landschaftsdirektor in S.-Altenburg. Literarisch ist
+ er durch Arbeiten auf dem Gebiete der Sternkunde hervorgetreten.
+
+ 91 Grossherz. hess. Geheimrat und Bundesgesandter fuer die XVI. Kurie,
+ gest. 6. April 1839.
+
+ 92 Ernst Friedr. Herbert Reichsgraf zu Muenster-Ledenburg, geb. 1. Maerz
+ 1766, gest. 20. Mai 1839, von 1805-1831 Minister fuer die
+ hannoeverschen Angelegenheiten am Londoner Hofe.
+
+ 93 Aug. Otto Graf Grote, geb. 19. November 1747, gest. 26. Maerz 1830,
+ hannov. Gesandter in Hamburg.
+
+ 94 Joh. Smidt, geb. 5. November 1773, gest. 7. Mai 1857, anfangs
+ Professor der Geschichte am Bremer *Gymnasium illustre*, dann
+ Syndikus und Ratsherr, war 1821-1849 u. 1852-1857 Buergermeister.
+
+ 95 des bestehenden Zustandes.
+
+ 96 nicht darueber hinaus.
+
+ 97 irgendein Drittes.
+
+ 98 Hans Christoph Ernst Freiherr v. Gagern, geb. 25. Januar 1766, gest.
+ 22. Oktober 1852, politischer Schriftsteller und einige Jahre als
+ Gesandter fuer Luxemburg beim Deutschen Bunde taetig.
+
+ 99 Des satirischen Dichters Gottlieb Wilh. Rabener (geb. 1714, gest.
+ 1771).
+
+ 100 Karl Freiherr v. Varnbueler, geb. 12. August 1776, gest. 27. April
+ 1832, wuerttembergischer Finanzminister.
+
+ 101 Joh. Friedrich Cotta, Freiherr v. Cottendorf, geb. 27. April 1764,
+ seit 1787 Chef der Cottaschen Buchhandlung, vielfaeltig auch in
+ politischen Verhandlungen taetig, gest. 29. Dezember 1832.
+
+ 102 Job von Witzleben, geb. 20. Juli 1783, gest. 9. Juli 1837, preuss.
+ Generalleutnant und als Chef des Militaerkabinetts vertrauter
+ Ratgeber des Koenigs.
+
+ 103 Paul Pfizer, geb. 12. September 1801, gest. 30. Juli 1867, forderte
+ in dem "Briefwechsel zweier Deutschen" Trennung Oesterreichs von
+ Deutschland und eine Verzichtleistung der kleinen Fuersten auf die
+ Rechte der Souveraenitaet zugunsten Preussens.
+
+ 104 d. h. des Rechtes jedes Teils, bei Abschluss von Vertraegen seinen
+ Namen in der fuer ihn bestimmten Ausfertigung der Vertragsurkunde an
+ erster Stelle aufzufuehren.
+
+ 105 Adolf Trendelenburg, geb. 30. November 1802, gest. 24. Januar 1872,
+ Professor der Philosophie an der Universitaet Berlin und Mitglied der
+ Berliner Akademie der Wissenschaften.
+
+ 106 Karl Aug. Varnhagen v. Ense, geb. 21. Februar 1785, gest.
+ 10. Oktober 1858; erst als Offizier in oesterreichischen, nachher in
+ russischen Diensten, wurde er 1814 in die preussische Diplomatie
+ berufen und nahm als Hardenbergs Begleiter am Wiener Kongress teil.
+ Seit 1821 lebte er als Geh. Legationsrat in Berlin, meist
+ literarisch taetig, wurde aber auch gelegentlich zu politischen
+ Sendungen verwandt.
+
+ 107 Julius Traugott v. Koenneritz, geb. 1792, gest. 28. Oktober 1866,
+ damals Hof- und Justizrat bei der Landesregierung, von 1821-1846
+ Justizminister.
+
+
+
+
+7. Der Deutsche Zollverein.
+
+
+
+a) _Kurhessens Beitritt._
+
+
+Nach dem Tode Motzs {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} erhielt sein Freund Maassen, der Begruender des
+Zollgesetzes, die Leitung des Finanzwesens. Die Wahl des Koenigs konnte
+keinen wuerdigeren Mann treffen. Maassen ueberragte den Verstorbenen durch
+umfassende Sachkenntnis; klug, gerecht, wohlwollend, verstand er bei den
+Unterhandlungen, sich das Vertrauen der argwoehnischen kleinen Kronen stets
+zu erhalten. Freilich fehlten ihm der kuehne Wagemut und der weite
+staatsmaennische Blick des Vorgaengers; er liess die Dinge gern an sich
+kommen und hegte nicht wie jener den Ehrgeiz, auf die Leitung der gesamten
+preussischen Politik einzuwirken, obgleich er als der bedeutendste Kopf des
+Ministeriums klar erkannte, wie gemaechlich die Mittelmaessigkeit in den
+anderen Departements sich wieder einzunisten begann {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} So erklaert es sich,
+dass die muehselige Arbeit der handelspolitischen Einigung zwar stetig
+vorwaerts schritt, aber zunaechst nicht so schnell gefoerdert wurde, wie man
+wohl erwarten konnte, nachdem Motz Schlag auf Schlag die letzten Enklaven
+aufgenommen, den Zollverein mit Darmstadt, den Handelsvertrag mit
+Bayern-Wuerttemberg abgeschlossen, den feindlichen Handelsverein der
+Mitteldeutschen nahezu zersprengt hatte.
+
+Die Nachspiele der Julirevolution gereichten der preussischen
+Handelspolitik zum Vorteil; sie raeumten ploetzlich alle die Hemmnisse
+hinweg, welche das alte System in den norddeutschen Mittelstaaten dem
+Zollverbande entgegenstellte. Durch den Untergang der staendischen Anarchie
+in Sachsen, der despotischen Willkuer in Hessen war die Verwaltung beider
+Laender den preussischen Institutionen angenaehert worden; frueher oder spaeter
+musste die Verstaendigung erfolgen. In Kurhessen zunaechst wurde die
+Morschheit des alten Mautwesens offenbar. Nicht zuletzt die
+wirtschaftliche Not hatte die Volksbewegungen im Herbst 1830
+hervorgerufen. Das Laendchen mit seinen 154 Geviertmeilen besass 154 Meilen
+Zollgrenze. Frecher als irgendwo auf deutschem Boden gedieh hier der
+Schmuggel; in geschlossenen Scharen zogen die Schwaerzer aus, massen sich
+mit den Zollwaechtern in offenem Gefechte. Waehrend die Kosten der
+Zollverwaltung den Ertrag der Eingangsabgaben fast verzehrten, begann
+jetzt auch der ergiebige Durchfuhrzoll zu versiegen, da der Transit sich
+nach der neuen Thueringer Strasse hinueberzog. Als die Unruhen ausbrachen,
+verliessen alle Mautbeamten im Hanauischen und Fuldischen ihre Amtshaeuser;
+Massen fremder Waren stroemten unverzollt ins Land, und der Bundesgesandte
+Meyerfeld erklaerte dem Bundestage, die Regierung duerfe nicht wagen, die
+Zollaemter wieder herzustellen. Entsetzt schrieb Blittersdorff: "Die Mauten
+koennen leicht fuer ganz Deutschland ein Losungswort des Aufruhrs werden."
+
+Doch wie konnte Kurhessen aus dem unertraeglichen Notstande heraus? Die
+Regierung war zwiefach gebunden: durch den Mitteldeutschen Handelsverein
+und durch den Eimbecker Vertrag. Jener lag im Sterben, dieser war
+vorderhand noch ein Entwurf, aenderte nichts an den Leiden des Landes. Man
+schwankte lange; noch im Herbst 1830 widmete Geh. Rat Meisterlin, einer
+der Urheber des Eimbecker Vertrags, den Landstaenden eine Flugschrift, die
+den Eintritt in das preussische Zollsystem verwarf, weil Hessens
+Gewerbefleiss die Mitwerbung der ueberlegenen rheinischen Industrie nicht
+ertragen koenne. Die alte Abneigung des Kurfuersten gegen Preussen war nicht
+verflogen, auch schien ihm doch bedenklich, eine zweifache Verflichtung
+ohne weiteres zu brechen. Er wuenschte -- und mit ihm wohl die Mehrzahl im
+Lande -- einen Mautverband des gesamten Deutschlands, der die Sonderbuende
+von selbst aufgehoben haette. In diesem Sinne musste Meyerfeld bei dem
+bayrischen Bundestagsgesandten Lerchenfeld vertraulich anfragen. Das
+Muenchener Kabinett aber kannte jetzt die handelspolitischen Plaene wie die
+Verhandlungsweise des Berliner Hofes; daher gab Graf Armansperg an
+Lerchenfeld die verstaendige Weisung: diese Sache sei vorsichtig dahin zu
+lenken, dass sie in Berlin unter Preussens Leitung erledigt werde.
+Gleichwohl konnte der Kurfuerst sich noch immer nicht entschliessen, mit dem
+verhassten Preussen und dem so groeblich beleidigten Darmstaedter Vetter
+allein zu verhandeln. Noch im folgenden Fruehjahr erhielt Meyerfeld den
+Auftrag, die Vereinigung saemtlicher deutscher Mautverbaende beim Bundestage
+zu beantragen; da warnte ihn Nagler: niemals werde Preussen einer solchen
+Utopie zustimmen.
+
+Unterdessen hatte Motz, ein Verwandter des preussischen Ministers, das
+hessische Finanzministerium uebernommen. Die Anarchie im Zollwesen ward
+unhaltbar; die Kommissaere des Eimbecker Vereins, die in Hannover tagten,
+konnten sich nicht einigen. Motz und sein wackerer Amtsgenosse Schenk zu
+Schweinsberg bewogen endlich den Kurfuersten, dass er die Geheimraete Ries
+und Meisterlin im Juni nach Berlin schickte, um mit Preussen-Darmstadt und
+Bayern-Wuerttemberg zugleich einen Zollverein zu schliessen. Doch
+unerbittlich hielt Eichhorn den beiden Bevollmaechtigten den alten
+preussischen Grundsatz entgegen: Verhandlungen mit mehreren Staaten
+zugleich sind aussichtslos. Vergeblich straeubte sich der Kurfuerst; man
+musste sich der Forderung des Berliner Hofes fuegen, mit Preussen-Darmstadt
+allein verhandeln. In Maassens Auftrag fuehrte L. Kuehne die Unterhandlung.
+Der schlicht buergerliche kleine Mann erwies sich jetzt schon, wie
+spaeterhin in allen Geschaeften des Zollvereins, als meisterhafter Diplomat.
+Klar und bestimmt, mit ueberlegener Sachkenntnis und ehrlichem Wollen,
+entwickelte er seine Vorschlaege; wenn ihm aber das toerichte Misstrauen der
+Kleinen entgegentrat, dann funkelten seine kleinen scharfen Augen, und er
+fertigte alle Winkelzuege mit schneidenden Sarkasmen ab. Auf die Frage des
+Preussen, ob Kurhessen nicht noch durch die mitteldeutschen Handelsvertraege
+gebunden sei, verweigerten die Hessen jede Antwort, weil ihnen das
+Gewissen schlug. Man ging also ueber diesen wunden Punkt schweigend hinweg.
+Die Kurhessen draengten zur Eile; denn sie befuerchteten einen neuen
+Umschwung an ihrem heimischen Hofe, wo Oesterreich und England-Hannover
+alle Minen springen liessen, und sie wollten, geaengstigt durch die nahende
+Cholera, den unheimlichen Boden Berlins schleunigst wieder verlassen.
+Schon am 29. August 1831 war alles beendigt. Um dem
+zollvereinsfreundlichen Koenige von Bayern eine Ehre zu erweisen, wurde der
+Vertrag auf den Ludwigstag (25. August) zurueckdatiert. Kurhessen trat dem
+preussischen Zollsystem bei, im wesentlichen unter denselben Bedingungen
+wie einst Darmstadt. Der alte Kurfuerst liess diese Demuetigung noch ueber
+sich ergehen, wenige Tage bevor er die Regierung seinem Sohne abtrat. Vor
+sieben Jahren war man in Berlin bereit gewesen, ein erhoehtes Einkommen an
+Kurhessen zu bewilligen; jetzt hatte das Kurfuerstentum seinen
+Durchfuhrhandel verloren und durch gehaeufte Suenden jeden Anspruch auf
+Beguenstigung verscherzt. Hessen musste sich begnuegen mit dem Massstabe der
+Kopfzahl.
+
+Der Vertrag war fuer Kurhessen eine politische Notwendigkeit, er rettete
+das Land aus namenlosem Elend. Selbst der Kasseler Landtag wagte nicht zu
+widersprechen. Die mitteldeutschen Verbuendeten freilich drohten und
+laermten. Nicht ohne Grund: Kurhessen hatte in den rohesten Formen seine
+Vertragspflicht gebrochen, ohne auch nur ernstlich eine Verstaendigung mit
+den alten Bundesgenossen zu versuchen. Fuer Preussen dagegen war ein klarer
+Gewinn errungen. Wie die Gotha-Meininger Strasse den Verkehr mit dem
+Sueddeutschen Verein gesichert hatte, so wurde jetzt die lang ersehnte
+Verbindung zwischen dem Osten und dem Westen hergestellt, der
+Mitteldeutsche Verein noch an einer zweiten Stelle durchbrochen. Waehrend
+in Thueringen die Zollfreiheit der preussischen Durchfuhrstrasse den
+mitteldeutschen Verbuendeten gefaehrlich wurde, musste Kurhessen die hoeheren
+Transitzoelle des preussischen Tarifs einfuehren. Auf Bayerns dringende
+Vorstellungen setzte Preussen diese hessischen Zoelle bald auf die Haelfte
+herab. Eine noch weitergehende Verminderung war vorderhand untunlich; die
+mitteldeutschen Verbuendeten, vornehmlich die Frankfurter Kaufleute,
+sollten fuehlen, dass sie von Preussen abhingen, und durch heilsamen Druck
+bestaerkt werden in ihrer beginnenden Bekehrung.
+
+Durch den Abfall Kurhessens ward der Mitteldeutsche Handelsverein
+vernichtet. Der Liberalismus freilich kam so schnell nicht los von den
+liebgewonnenen Phrasen. In Bayern deklamierte Siebenpfeiffer gegen die
+Maut: sie haette zur Volkssache werden sollen und ist zur Volksfeindin
+geworden! Stromeyer in Baden schrieb in die gefuerchtete Zeitschrift
+"Rheinbayern" einen donnernden Artikel: Die preussische Aristokratenstirne
+wagt es, sich an das Nationalgefuehl zu wenden! In Preussen herrscht, haerter
+als irgendwo auf der Welt, die eiserne Konsequenz des Merkantilsystems;
+der Mitteldeutsche Verein vertritt die Freiheit. Darum soll Baden
+festhalten an seinem trefflichen liberalen Zollwesen. Dann wird
+Wuerttemberg, das ohnedies durch seine hohe politische Bildung dem
+konstitutionellen Musterstaate nahe steht, und bald auch das
+konstitutionelle Bayern, Sachsen, Kurhessen dem badischen System sich
+anschliessen! -- Auch einer der edelsten und gelehrtesten Vertreter
+deutscher Wissenschaft brach eine Lanze fuer den sterbenden Sonderbund.
+Johann Friedrich Boehmer(108) verfasste das wunderliche Buechlein "das
+Zollwesen in Deutschland geschichtlich beleuchtet". Der Legitimist des
+heiligen Reiches stellte den kuehnen Satz auf, die Zollfreiheit der
+deutschen Fluesse muesse von Recht wegen auch fuer die Landstrassen gelten. Er
+pries den Mitteldeutschen Verein als "den letzten Versuch, von dem, was
+einstens als gemeines deutsches Recht und Freiheit gegolten, soviel wie
+moeglich, wenigstens vertragsweise zu sichern". Er schalt Preussen den
+"Reichsfeind und Landfriedensbrecher", warnte die Kleinstaaten, "wie
+leicht sich Einverleibungen der Nachbarlaender an Zollangelegenheiten
+knuepfen", und getroestete sich des schoenen Wortes, das vor zwoelf Jahren der
+k. k. Praesidialgesandte gesprochen: dass "die hohe Bundesversammlung die
+Befoerderung und Erfuellung des deutschen Handels in die Hand nehmen werde!"
+
+Die saechsischen Hoefe waren laengst nicht mehr in der Lage, solchen
+Schrullen nachzuhaengen. Die Not des Haushalts, das laute Murren des Volkes
+zwang sie, demuetig bittend in Berlin anzuklopfen. Armselige
+Advokatenkuenste mussten vorhalten, um den Vertragsbruch zu beschoenigen.
+Meiningen behauptete, der Mitteldeutsche Verein sei durch den Eimbecker
+Vertrag zerrissen worden, er bestehe nicht mehr zu Recht. Der Verrat des
+einen diente dem anderen zum Vorwande; sobald die kleinen Thueringer
+schwankten, berief sich das Dresdner Kabinett auf den Artikel des Kasseler
+Vertrages, wonach die gaenzlich vom Auslande umschlossenen Gebietsteile den
+Satzungen des Vereins nicht unterliegen sollten. Das sei jetzt Sachsens
+Fall, wenn Thueringen sich mit Preussen verstaendige -- eine offenbare
+Sophisterei, da jene Klausel sich nur auf entlegene Enklaven bezog. Wollte
+der saechsische Hof ehrenhaft verfahren, so musste er sofort einen neuen
+Kongress der mitteldeutschen Verbuendeten berufen, dort die Aufloesung des
+unhaltbaren Vereins beantragen und dann erst mit Preussen unterhandeln.
+Aber die alte Politik der Winkelzuege, der Halbheit, des Misstrauens gegen
+Preussen wurde selbst unter dem neuen Ministerium Lindenau nicht sogleich
+aufgegeben. Die saechsische Regierung glaubte, ihre Wuensche in Berlin
+sicherer durchsetzen zu koennen, wenn sie an dem Gespenste des
+Mitteldeutschen Vereins noch einen Rueckhalt haette; sie begann mit Preussen
+zu verhandeln, noch bevor sie ihrer aelteren Verpflichtung entbunden war.
+
+Nachdem das Dresdner Kabinett schon im August 1830 bei den sueddeutschen
+Kronen leise angefragt, musste sich der alte Koenig Anton endlich
+entschliessen, an den Koenig von Preussen selber zu schreiben. Er beteuerte,
+dass er laengst die Absicht gehabt, mit Preussen in kommerzielle Verbindung
+zu treten "und somit im Sinne des hochwichtigen und wohltaetigen Zwecks zu
+handeln, dessen Erreichung von Ew. Majestaet bereits seit laengerer Zeit
+beabsichtigt wird. Dass diese Verhandlung von Preussen begonnen und
+eingeleitet werde, scheint die notwendige Bedingung des Erfolges zu sein."
+Lindenau, der im Januar 1831 dies Handschreiben nach Berlin brachte,
+ueberreichte zugleich eine Denkschrift, worin Sachsen den Entschluss
+aussprach, die Aufloesung des Mitteldeutschen Vereins durchzusetzen, "da
+Veranlassung, Zweck und Grund des Vereins nicht mehr vorhanden sind. Das
+Beduerfnis einer bewegten Zeit, die Zuversicht, durch den Antritt einer
+solchen Verhandlung die aufgeregten Gemueter am sichersten zu beruhigen,
+endlich die Hoffnung, dass ein solcher die Mehrzahl der deutschen
+Bundesstaaten umfassender Verband auch auf die groesseren Weltereignisse
+einen friedlich besaenftigenden Einfluss aeussern koenne", ermutigten den
+saechsischen Hof, die Verhandlungen in Berlin zu beginnen.
+
+Noch klaeglicher war die Demuetigung Weimars. Derselbe Minister Schweitzer
+[S. Fussnote S. 132], der seit Jahren das preussische Zollsystem als den
+Todfeind deutscher Handelsfreiheit bekaempft hatte, versicherte im Juli
+1830 dem Auswaertigen Amte: "dass zur Foerderung des von dem Koenig von
+Preussen begonnenen, in seinen Zwecken und seinen Gruenden immer klarer
+hervortretenden deutschen Werkes, also zur Foerderung eines freien Handels
+und Verkehrs im deutschen Vaterlande von Preussen aus, der Grossherzog von
+Weimar im Einverstaendnis mit dem Koenigreich Sachsen mit Vergnuegen die Hand
+bieten wird." Dann sang der weimarische Minister Fritsch [S. Fussnote S.
+47] die Totenklage des Sonderbundes: "Auf hinreichende Zeit zur Ausbildung
+des Vereins ist nicht mehr zu rechnen, nachdem die grossen welthistorischen
+Ereignisse seit dem 25. Juli 1830 und deren Folgen auf deutschem Boden
+eine weit schleunigere Hilfe notwendig gemacht, man kann sagen, die Uebel,
+welche als chronische behandelt werden sollten, in akute verwandelt haben.
+Nur Schaden, nur Verderben koennte es bringen, wenn man sich unter solchen
+Umstaenden noch gegenseitig beschraenken, sich zum Nichtstun verpflichtet
+halten wollte in einer Zeit, welche in allen oeffentlichen Dingen ganz
+andere Forderungen stellt. Was uns die Jahre 1829 und 1830 genommen und
+gebracht haben, liess sich im Jahre 1828 nicht voraussehen, nicht
+vorausahnen. Der Kasseler Verein war und bleibt ein bedeutendes
+Unternehmen, nicht ohne Folgen. Es wird den Stiftern desselben ein
+gerechtes Urteil in der Geschichte um so weniger entgehen, je
+bereitwilliger sie jetzt das Gestaendnis ablegen und betaetigen, dass eine
+ganz neue Zeit uns gekommen ist."
+
+Friedrich Wilhelm antwortete dem Koenig von Sachsen sehr freundlich, er sei
+bereit, Sachsens Antraege zu erwaegen, und sprach sich zugleich offen aus
+ueber die nationalen Ziele seiner Handelspolitik: "Wiewohl der Abschluss
+dieser Vertraege stets nur mit einzelnen Staaten erfolgte, so hatte man
+dennoch dabei nicht ein ausschliessliches Interesse der unmittelbar
+Beteiligten im Auge, sondern man verfolgte zugleich den Gesichtspunkt, dass
+die einzelnen Vertraege als Mittel dienen moechten, der Freiheit des
+Verkehrs in Deutschland ueberhaupt eine groessere Ausdehnung zu geben." Dem
+weimarischen Hofe drueckte der Minister des Auswaertigen seine Freude aus,
+dass unser Werk auch in den Augen Weimars "immer klarer als ein deutsches
+Werk hervortritt"; dann wiederholte er in schneidenden Ausdruecken die
+hundertmal von Preussen ausgesprochene Ermahnung: die Thueringer sollten
+sich erst unter sich verstaendigen, bevor Preussen mit ihnen verhandeln
+koenne.
+
+Nach solchen Erfolgen stand in Berlin fester denn je die Ueberzeugung, dass
+der eingeschlagene Weg der Einzelverhandlungen allein zum Ziele fuehre. Mit
+voller Sicherheit schrieb Bernstorff dem Koenig: "Die Schoepfung eines
+allgemeinen deutschen Zoll- und Handelssystems oder irgendeiner anderen
+bleibenden Institution aehnlicher Natur ist eine Aufgabe, deren Loesung dem
+Bunde solange unmoeglich bleiben wird, als derselbe nicht eine andere, von
+der jetzigen ganz verschiedene Organisation besitzt". Seit dem Zerfall des
+mitteldeutschen Sonderbundes schien die Bahn frei fuer die vollstaendige
+Vereinigung der beiden befreundeten Zollvereine des Suedens und des
+Nordens. Was sollte jetzt noch hindern, da beide Teile die Unhaltbarkeit
+des bestehenden Zustandes lebhaft empfanden? da die zwischenliegenden
+Staaten nicht mehr feindlich im Wege standen, sondern selbst um ihre
+Aufnahme baten? da das Grundgesetz des preussisch-hessischen Vereins sich
+von selber darbot als die Regel fuer den grossen Verein? Und dennoch musste
+Preussen wieder und wieder durch den Flugsand waten, der im Wuestenwinde der
+deutschen Kleinstaaterei emporwirbelte. Fast drei Jahre lang, von 1830 bis
+1833, spielte in Berlin, vielfach unterbrochen, eine dreifache Reihe
+muehseliger Verhandlungen: mit Bayern- Wuerttemberg, mit Sachsen, mit den
+thueringischen Staaten; und das Geschaeft waere nie zum Abschluss gelangt,
+wenn man nicht, dem alterprobten Grundsatz getreu, die Unterhandlungen mit
+den einzelnen Gruppen scharf auseinandergehalten haette. Der Vergleich
+draengt sich unwillkuerlich auf: der Deutsche Zollverein ging aus dem
+Preussisch-Hessischen hervor unter aehnlichen Kaempfen und Bedenken, wie
+spaeterhin das Deutsche Reich aus dem Norddeutschen Bunde. Der Zollverein
+wie der Norddeutsche Bund stiess auf die hoechsten Schwierigkeiten erst, als
+die groesseren Mittelstaaten, mit ihrem festgewurzelten und nicht ganz
+unberechtigten Partikularismus, mit der Fuelle ihrer scheinbar oder
+wirklich abweichenden Interessen in die Verhandlungen eintraten. In
+Versailles, wie 40 Jahre zuvor in Berlin, gebaerdeten sich die sueddeutschen
+Kronen anfangs, als staende man vor einem Neubau, als sei noch gar kein
+Grundgesetz vorhanden; erst nach langem, peinlichem Zoegern erkannten sie
+die im Norden bestehende Ordnung an, doch indem der Bau erweitert wurde,
+lockerte man zugleich das feste Gefuege seiner Mauern.
+
+Der Handelsvertrag zwischen Preussen-Hessen und Bayern- Wuerttemberg war von
+vornherein in der Absicht fortschreitender Erweiterung abgeschlossen. In
+Muenchen aber begann die ultramontane Partei, sofort an dem neuen Bunde zu
+zerren und zu nagen. Ihre Fuehrer, Schenk(109), Goerres, Ringseis(110),
+standen durch den k. k. Legationsrat Wolff mit der Hofburg im Verkehr; der
+Gesandte in Wien, Graf Bray(111), war fuer Metternich gewonnen, desgleichen
+neuerdings auch der alte Feldmarschall Wrede.(112) Angesichts dieser
+maechtigen Gegner und der unberechenbaren Launen Koenig Ludwigs hielt
+Bernstorff fuer noetig, allen Begehren Bayerns soweit als moeglich
+entgegenzukommen. Der Muenchener Hof wuenschte zunaechst den Eintritt Badens
+in den bayrisch-wuerttembergischen Verein; denn das badische Gebiet ragte
+als ein trennender Keil zwischen die bayrische Pfalz und die Hauptmasse
+der Vereinslande hinein, und unter dem Schutze der geruehmten Karlsruher
+Freihandelspolitik, die fuer die Grenzbewachung wenig tat, bluehte auf dem
+Schwarzwalde wie am Rheinufer ein gefaehrlicher Schmuggelhandel. War der
+kraenkelnde Sueddeutsche Zollverein durch Badens Zutritt neu gekraeftigt,
+dann erst sollte -- so rechnete Koenig Ludwig -- ueber die voellige
+Verschmelzung der beiden Vereine des Nordens und des Suedens verhandelt
+werden {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}
+
+Eine handelspolitische Verstaendigung zwischen Bayern und Baden blieb aber
+voellig aussichtslos, solange die beiden Hoefe einander noch als Feinde
+betrachteten und Koenig Ludwig seine traumhaften Ansprueche auf badisches
+Gebiet nicht aufgab. Als Grossherzog Ludwig starb und sein Nachfolger
+sogleich von allen Maechten anerkannt wurde, da wagte man in Muenchen gar
+nicht mehr wie frueher zu behaupten, dass mit der Thronbesteigung der
+Hochbergischen Linie das Haus der Zaehringer ausgestorben sei. Der
+Wittelsbacher trug seine vorgeblichen Ansprueche auf den "Heimfall" der
+badischen Pfalz stillschweigend zu Grabe. Um so mehr lag ihm daran,
+mindestens durch eine kleine Gebietserweiterung der Welt zu beweisen, dass
+Bayern doch nicht ganz im Unrecht gewesen sei.
+
+Gegen Ende Mai 1830 erschien Armansperg in tiefem Geheimnis zu Berlin und
+bat um Preussens gute Dienste. Koenig Friedrich Wilhelm uebernahm die
+Vermittlung, im Verein mit dem Koenig von Wuerttemberg, und liess den
+badischen Minister Boeckh nach Berlin einladen. Er hoffte nicht nur den
+leidigen Gebietsstreit beizulegen, sondern auch Baden zum Eintritt in den
+Bayrisch-Wuerttembergischen Zollverein zu bewegen. Am 10. Juli brachte
+Bernstorffs versoehnliches Zureden endlich eine Uebereinkunft zustande,
+kraft deren Baden dem sueddeutschen Verein beizutreten versprach; dafuer
+wollten beide Teile auf ihre Sponheimer Erbansprueche verzichten. Um Bayern
+gaenzlich zufrieden zu stellen, wurde noch ein geringfuegiger
+Gebietsaustausch irgendwo an der badischen Ostgrenze vorbehalten. Damit
+schien der jaemmerliche Handel aus der Welt geschafft. Metternich sprach
+bereits allen Teilnehmern seinen Glueckwunsch aus, und Koenig Ludwig dankte
+dem preussischen Minister aufs waermste {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}
+
+Sobald man jedoch ueber die Ausfuehrung der Uebereinkunft verhandelte,
+verlangte Bayern einen Zuwachs von etwa 20000 Einwohnern und setzte erst
+nach langem Feilschen seine Forderung ein wenig herab; das schoene Wertheim
+vornehmlich, das Heidelberg der Mainlande, erschien dem romantischen
+Wittelsbacher unwiderstehlich verlockend. Der Karlsruher Hof wies jede
+groessere Gebietsabtretung entschieden zurueck und verschanzte sich hinter
+der gesinnungstuechtigen Entruestung seines Volkes. Die Stadt Wertheim
+selbst hatte freilich gegen die Abtretung wenig einzuwenden, weil die
+Beamten den Main-Tauberkreis als das badische Sibirien behandelten; auch
+der Fuerst Georg von Loewenstein, der dort Hof hielt, wollte sich als treuer
+deutscher Patriot den Herrschaftswechsel wohl gefallen lassen, wenn
+dadurch nur endlich das Elend der Binnenmauten aufgehoben wuerde. Anders
+empfand die grosse Mehrzahl der Liberalen; sie dachte von dem Musterlande
+der konstitutionellen Freiheit nicht eine Geviertmeile aufzuopfern, und
+ihr Entschluss stand um so fester, da sie auch den Zollvereinsplaenen
+misstraute. Der Hauptverkehr des langgestreckten Landes ging von Norden
+nach Sueden und konnte durch den Anschluss an Bayern-Wuerttemberg wenig
+gewinnen. Man uebersah oder wollte uebersehen, dass dieser Anschluss nur das
+Mittel bilden sollte zur spaeteren Vereinigung mit Preussen; unleugbar war
+der bayrische Plan zu fein, zu verwickelt, um sogleich vom Volke
+verstanden zu werden.
+
+Ueberall in Baden sprach man begeistert von einem gesamtdeutschen
+Zollverbande; denn soviel Boden hatte die Idee der deutschen
+Handelseinheit durch Preussens Siege doch gewonnen, dass niemand mehr sie
+schlechthin zu verwerfen wagte. Freilich benutzten viele badische Liberale
+das schoene Wort vom allgemeinen deutschen Zollverein nur als ein
+Schurzfell, um die Bloesse ihrer partikularistischen Selbstsucht zu
+bedecken. Wie behaglich lebte sichs doch unter der badischen
+Handelsfreiheit -- auf Kosten der lieben Nachbarn! Mit Stolz sah der
+Badener -- so sagte eine Flugschrift des Rastatter Kaufmanns F. Meyer "ueber
+die Zollverhaeltnisse Badens" -- wie die Nachbarn aus dem Elsass, aus
+Schwaben, aus der Rheinpfalz in "das wohlfeile, gastfreie" Laendle kamen,
+um dann ihre billigen Einkaeufe ueber die heimatliche Grenze
+hinueberzuschmuggeln. Nimmermehr sollte diese gemuetliche Unordnung durch
+eine gewissenhafte Grenzbewachung beseitigt werden. Der Freiburger
+Handelsstand stellte dem Landtage vor: ein Zollverein "wird rechtliche,
+sittlich gute Menschen in eine Rotte von Zoellnern, Schmugglern, Spionen
+und Gaunern verwandeln" -- wobei nur verschwiegen ward, dass die grosse
+Mehrzahl der badischen Geschaefte, zumal die Kolonialwarenhandlungen, dem
+Schleichhandel laengst als Herbergen dienten. Noch kraeftiger sprach das
+Strassburger Konstitutionelle Deutschland: "Maut, Maut, preussische Maut
+erhalten wir. Unglueckliches Vaterland! Im Geheimen, im Dunkel der Nacht
+wird sie dir gegeben! Wehe dir, Kammer von 1831!" Als Grossherzog Leopold
+sein Oberland bereiste, wurde er ueberall dringend gewarnt, und
+Winter(113), der in Fragen der grossen Politik immer ratlos war, wagte
+nicht, einer scheinbar so starken Volksueberzeugung zu widersprechen.
+
+So schleppte sich der Zank durch fast anderthalb Jahre dahin. Die beiden
+vermittelnden Hoefe boten alle ihre Beredsamkeit auf. Der Berliner sprach
+sanft, der Stuttgarter schroff: denn Koenig Wilhelm sah sein Land
+unmittelbar unter dem badischen Schmuggel leiden, er drohte dem Karlsruher
+Hofe geradezu: Bayern und Wuerttemberg wuerden "dem bisherigen ganz
+feindseligen Betragen Badens gemeinschaftlich ein jedes Mittel
+entgegensetzen, um nicht mitten in unserem Verein das System einer
+Regierung zu sehen, das mit Vorbedacht Unzufriedenheit und Unruhe in
+unserer so bedenklichen Zeit stiftet". Ebenso vergeblich schrieb Koenig
+Ludwig selbst in seinem wuchtigsten Partizipialstile an den Grossherzog:
+"durch meine letzten Vorschlaege habe ich das Aeusserste getan, um die
+Sponheimer Angelegenheit zur Ausgleichung zu bringen, von und grossem Wert
+ist mir die von Ew. K. Hoheit ausgedrueckte Willfaehrigkeit, damit sie und
+Beitritt zum Zollverein stattfinde, ueberzeugt, dass fester Wille beides bei
+Ihren Staenden durchsetzen werde". An diesem festen Willen gebrach es dem
+badischen Hofe gaenzlich. Die Minister verteidigten den Zutritt zum
+Sueddeutschen Zollverein sehr lau; Welcker(114) tobte mit gewohnter
+Wortfuelle gegen die absolute preussische Krone, Rotteck(115) unterstuetzte
+ihn etwas ruhiger. Die phrasenreichen Verhandlungen gereichten dem
+Musterlandtage wenig zur Ehre; ueber die volkswirtschaftliche Bedeutung der
+Frage wussten nur einzelne grosse Geschaeftsmaenner ein treffendes Wort zu
+sagen, so der liberale Fabrikant Buhl aus Ettlingen und der Tabakshaendler
+v. Lotzbeck aus Lahr. Selbst der liberale E. E. Hoffmann, der aus
+Darmstadt herueberkam, um den badischen Parteifanatikern Vernunft zu
+predigen, richtete nichts aus. Schliesslich einigte sich der Landtag ueber
+eines jener unwahren Kompromisse, wie sie der Partikularismus liebt, wenn
+er nichts mehr zu sagen weiss. Beide Kammern verwarfen einstimmig den
+Eintritt in den Sueddeutschen Verein und gaben der Regierung Vollmacht,
+ueber einen gesamtdeutschen Zollverein zu verhandeln (November 1831). Dabei
+konnte sich jeder das Seine denken, denn an die Moeglichkeit eines
+Zollvereins mit Oesterreich, Hannover und Holstein glaubte eigentlich
+niemand mehr. Auch die von Bayern geforderte Gebietsabtretung wurde durch
+die zweite Kammer verworfen, einstimmig, unter brausenden Hochrufen auf
+den Grossherzog.
+
+Dem gefeierten Fuersten ward bei dieser Begeisterung seiner getreuen
+Opposition sehr schwuel zu Mute. In einem flehentlichen Briefe wendete er
+sich abermals hilfesuchend an Bernstorff {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} , und wirklich unterzog sich
+der geduldige preussische Minister noch einmal den undankbaren Muehen der
+Vermittlung. Koenig Ludwig aber empfand jenen Beschluss des badischen
+Landtages als eine persoenliche Beleidigung; er hielt es fuer schmachvoll,
+eine Forderung, die schon soviel Staub aufgewirbelt hatte, ohne jede
+Entschaedigung fallen zu lassen. An dem ergrimmten Wittelsbacher war jetzt
+jeder Zuspruch verschwendet. Auch der Koenig von Wuerttemberg liess nach
+einiger Zeit in schnoeden Worten erklaeren, dass er mit dem unbelehrbaren
+badischen Hofe nichts mehr zu schaffen haben wolle. In Berlin urteilte man
+milder, doch die erneuten Verhandlungen blieben fruchtlos. Der koenigliche
+Dichter in Muenchen hinterliess die imaginaeren Sponheimer Ansprueche seinen
+Nachfolgern als ein heiliges Vermaechtnis, untertaenigen Historikern als
+einen koestlichen Stoff fuer bajuvarische Grosssprechereien. Also ward Baden,
+frueherhin immer ein wackerer Vorkaempfer der deutschen Handelseinheit,
+teils durch die Torheit seiner Kammern teils durch eine seltsame
+diplomatische Verwicklung ganz in das Hintertreffen gedraengt und von den
+entscheidenden Verhandlungen der Zollvereinspolitik mehrere Jahre hindurch
+ausgeschlossen.
+
+
+
+b) _Beitritt des Sueddeutschen Zollvereins._
+
+
+Nach alledem war eine Verstaendigung zwischen Bayern und Baden vorlaeufig
+undenkbar. Der deutschen Handelseinheit aber kam jener ablehnende Beschluss
+der badischen Kammern seltsamerweise zu gute. Der kuenstliche Gedanke,
+zunaechst den sueddeutschen Verein zu vergroessern und dann erst die
+Vereinigung mit dem Norden zu suchen, war fortan beseitigt. Die
+oberdeutschen Koenigshoefe, ausserstande, ihren unergiebigen Sonderbund
+aufrecht zu halten, sahen sich genoetigt, statt des Notbehelfs sogleich das
+durchschlagende Mittel zu waehlen; sie stellten jetzt bei dem preussischen
+Kabinett den Antrag auf voellige Vereinigung. Im Dezember 1831 wurden die
+Verhandlungen in Berlin eroeffnet. Doch sofort ergab sich eine Fuelle
+gewichtiger Bedenken. Preussen hatte schon durch die Aufnahme der beiden
+Hessen ein fuehlbares finanzielles Opfer gebracht; der Ertrag seiner Zoelle,
+der um 1829 gegen 25,3 Sgr. fuer den Kopf der Bevoelkerung abwarf, begann
+bereits zu sinken. Durfte man auch die oberdeutschen Lande, die von
+Kolonialwaren noch weit weniger verzehrten als die beiden Hessen, zu den
+gleichen Bedingungen aufnehmen? Die Finanzpartei in Berlin fuerchtete
+schwere Verluste, wie denn in der Tat Preussen im Durchschnitt der Jahre
+1834-1839 nur 22 Sgr. auf den Kopf erhalten hat. Sie verlangte entschieden
+ein Praecipuum zugunsten Preussens; ein Ausfall in den Einnahmen schien
+hochbedenklich in so unruhiger Zeit. Die bayrisch-wuerttembergischen
+Finanzmaenner dagegen lebten in dem wunderlichen Wahne, dass die Konsumtion
+im Sueden staerker sei als in Preussen; sie meinten schon seltene Grossmut zu
+zeigen, wenn sie auch nur die Verteilung nach der Kopfzahl zugestaenden.
+
+Die Einfuehrung der preussischen Konsumtionssteuern war in Hessen ohne
+Schwierigkeit erfolgt; Bayern aber sah sich ausserstande, seine Malzsteuer
+abzuaendern. Waehrend Preussen kaum 1,3 Millionen Taler, 3 Sgr. auf den Kopf,
+durch die Besteuerung des Bieres bezog, gewann Bayern allein in seinem
+rechtsrheinischen Gebiete 5 Millionen Gulden, 21 Sgr. auf den Kopf, und
+aus diesem Ertrage musste nach der Verfassung die Staatsschuld verzinst
+werden. Unmoeglich konnte Preussen seine Biersteuer zu der gleichen Hoehe
+hinaufschrauben. Der angestammte Durst liess sich ebenso wenig in den
+Norden verpflanzen wie die Realgerechtigkeiten der bayrischen Brauer, die
+jenen reichen Steuerertrag erst ermoeglichten, aber den Grundsaetzen der
+preussischen Gewerbefreiheit widersprachen. Da die gleichmaessige Besteuerung
+der inlaendischen Konsumtion mithin unausfuehrbar blieb, so bestand die
+preussische Finanzpartei hartnaeckig auf der Einfuehrung von
+Ausgleichungsabgaben. Die an sich richtige Meinung, dass jede
+Zollgemeinschaft die annaehernde Gleichheit der indirekten Steuern
+voraussetze, war seit dem Jahre 1818 eine der leitenden Ideen der
+preussischen Handelspolitik. Die Berliner Finanzmaenner hatten sich so tief
+in diesen Gedanken eingelebt, dass sie ihn alsbald mit fiskalischer Haerte
+auf die Spitze trieben. Die Ausgleichungsabgaben sind lange, wesentlich
+durch Preussens Schuld, ein wunder Fleck der Zollgesetze geblieben; sie
+belaestigten den Verkehr und brachten geringen Ertrag, auch nachdem sie
+spaeterhin die rein fiskalische Gestalt der "Uebergangsabgaben" annahmen.
+
+Irrte Preussen in dieser Frage, so erhoben auch die Suedstaaten hoechst
+unbillige Ansprueche. Sie verlangten anfangs eine voellige Umgestaltung des
+Tarifs und fanden namentlich die preussischen Zoelle auf Baumwollenwaren
+unertraeglich hoch, da sie selbst noch fast gar keine Baumwollspinnereien
+besassen. Und doch konnte Preussen nicht nachgeben. Sachsens Eintritt stand
+bevor, die preussische Industrie klagte laut ueber die drohende Mitwerbung
+des Erzgebirges; in solcher Stunde die Zoelle herabzusetzen, schien selbst
+dem Freihaendler Maassen nicht ratsam. Auch die von Wuerttemberg geforderte
+Herabsetzung der Zuckerzoelle ging nicht durch; die Interessen der maechtig
+aufbluehenden Magdeburgischen Ruebenzuckerindustrie durften nicht
+preisgegeben werden. Desgleichen die gefuerchteten preussischen Transitzoelle
+blieben noch unentbehrlich als ein sanfter Wink fuer die Nachbarn.
+Ueberhaupt war die Lage des Augenblicks der Vereinfachung des Tarifs
+keineswegs guenstig; Preussens Staatsmaenner ahnten, dass die sueddeutschen
+Hoefe in einer nahen Zukunft die Farbe wechseln, mit schutzzoellnerischem
+Eifer auf die Erhoehung der Zoelle dringen wuerden. Lebhafter noch als dieser
+staatswirtschaftliche Kampf entbrannte der "staatsrechtliche Streit", wie
+man in Muenchen zu sagen pflegte. Die verstaendige Bestimmung der
+preussisch-hessischen Vertraege, wonach Preussen in der Regel allein die
+Handelsvertraege fuer den Zollverein schliessen sollte, galt dem bayrischen
+und dem wuerttembergischen Hofe als eine schimpfliche Unterwerfung; sie
+forderten unbedingte Gleichheit in allem und jedem.
+
+So mannigfache sachliche Bedenken ins Gleiche zu bringen, konnte nur
+erprobter staatsmaennischer Kraft gelingen. Die oberdeutschen Hoefe aber
+hatten, toericht genug, zwei junge Subalternbeamte fuer diese schwierige
+Mission bevollmaechtigt, vermutlich nur aus Sparsamkeit. Die Ersparnis
+sollte ihnen teuer zu stehen kommen. Eichhorn hatte an den Unterhaendlern
+der Kleinstaaten schon des Wundersamen viel beobachtet; eine
+Persoenlichkeit wie dieser wuerttembergische Bevollmaechtigte, der Assessor
+Moritz Mohl(116), war ihm noch nicht vorgekommen. Die Diplomatie in Berlin
+konnte nicht genug ihre Verwunderung aussprechen ueber den ungestuemen Mann
+mit der roten Perruecke und den vollgepfropften Aktenmappen: welch eine
+weitschweifige Kleinlichkeit, welche Lust an unfruchtbarem theoretischem
+Streite, welche Fuelle unverdauter Gelehrsamkeit, welch ein hartnaeckiges
+Misstrauen gegen Preussen! Der fruehreife schwaebische Staatsweise entfaltete
+bereits alle jene Talente, die noch 40 Jahre spaeter den deutschen
+Reichstag bezaubern sollten; L. Kuehne nannte ihn "einen eingebildeten
+Narren, der den Baeren des Nordlands seine kindische konstitutionelle
+Weisheit zu predigen dachte". Als Mohl dem einzigen Kuestenstaate des
+Zollvereins die Abschliessung von Schiffahrtsvertraegen verbieten wollte, da
+erwiderte der Preusse: "dann werden wir also einen unserer Ostseehaefen an
+Wuerttemberg abtreten muessen, um die Gleichheit zwischen den Zollgenossen
+herzustellen!" Mit einem solchen Kollegen behaftet, konnte auch der
+bayrische Assessor Bever nichts foerdern. Die hochstehenden preussischen
+Staatsmaenner fanden es bald unertraeglich, mit Subalternen zu verhandeln,
+die bei jeder Kleinigkeit daheim anfragten; und zu allem Unheil begann
+auch wieder der alte Streit der Berliner Departements: Kuehne und Eichhorn,
+die doch beide das naemliche wollten, betrachteten einander mit
+gegenseitiger Eifersucht. Also gestalteten sich die Verhandlungen mit dem
+befreundeten Sueden wider Erwarten zu einem unerquicklichen Zwist. Im Mai
+1832 brach man sie ab.
+
+Moritz Mohl schrieb nun eine ungeheure Denkschrift und bewies, dass der
+Zollverein mit Preussen den sicheren Untergang Wuerttembergs herbeifuehren
+muesse. Ein Menschenalter darauf hat Freiherr v. Varnbueler dies klassische
+Aktenstueck der Vergessenheit entrissen, um der Welt den Weitblick des
+Volksmannes zu zeigen. Koenig Wilhelm wuenschte nach wie vor den Abschluss,
+selbst Wangenheim hatte einiges gelernt, mahnte aus der Ferne zur
+Verstaendigung. Doch die grosse Mehrheit im Lande widerstrebte. Die
+Fabrikanten, die bisher aus der Beherrschung des bayrischen Marktes grossen
+Gewinn gezogen, fuerchteten die Industrie des Niederrheins, die
+Bequemlichkeit des maechtigen Schreiberstandes zitterte vor der strengen
+preussischen Kontrolle, der gesinnungstuechtige Liberale schlug ein Kreuz
+vor dem Schreckbilde des norddeutschen Absolutismus. Mehr als ein halbes
+Jahr brauchten die sueddeutschen Hoefe, um sich einen neuen Entschluss zu
+bilden. Unterdessen trieb die Diplomatie Oesterreichs und der auswaertigen
+Maechte ihr verdecktes Spiel an den Hoefen der Mittelstaaten. Eine Zeitlang
+stand die grosse Sache fast hoffnungslos. Baden tut wohl, alle
+Zollvereinsgedanken vorlaeufig aufzugeben -- sagte der bayrische Minister
+Gise zu dem badischen Gesandten Fahnenberg --, Preussen stellt unerhoerte
+Forderungen, verlangt von uns materielle Opfer und die Beschraenkung der
+Souveraenitaet, Kurhessen bereut schon den uebereilten Anschluss! Zudem
+bestand wenig Freundschaft zwischen den Beamten der beiden Koenigreiche;
+ein Glueck nur, dass Schmitz-Grollenburg, der wuerttembergische Gesandte in
+Muenchen, das Vertrauen Koenig Ludwigs besass und die Faeden nicht gaenzlich
+abreissen liess.
+
+So verging das Jahr in leidiger Verstimmung. Da raffte sich endlich Koenig
+Ludwig auf und liess am Silvesterabend eine derbe Note an
+Schmitz-Grollenburg schreiben: Der Sueddeutsche Verein sei tatsaechlich
+aufgeloest, die Wiederaufnahme der preussischen Verhandlungen schlechthin
+unvermeidlich. Zugleich kam vom Berliner Hofe eine ernste Mahnung: wolle
+man zu Ende gelangen, so muesse statt unbrauchbarer Subalternen ein faehiger
+hochgestellter Staatsmann die Unterhandlungen in Berlin fuehren. Der Rat
+wirkte. Zu Ende Januars l833 wurde der bayrische Finanzminister v. Mieg
+als gemeinsamer Bevollmaechtigter der beiden Kronen nach Berlin gesendet:
+ein Jugendfreund Koenig Ludwigs {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}, ein trefflicher Beamter von grosser
+Sachkenntnis und seltener Arbeitskraft, die der Koenig nach seiner Weise
+bis auf den letzten Tropfen auspresste -- in der Handelspolitik sehr frei
+gesinnt, dabei guetig und liebenswuerdig, hochgebildet, von feinen
+gewinnenden Formen. Er vermied ueber Stuttgart zu reisen, weil er der
+pedantischen Schwerfaelligkeit der wuerttembergischen Schreiber misstraute,
+sprach aber unterwegs in Dresden ein, verstaendigte sich mit den
+saechsischen Finanzmaennern und erschien am 6. Februar in der preussischen
+Hauptstadt. Eichhorn und Maassen kamen ihm herzlich entgegen; es bewaehrte
+sich wieder {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} "Preussens seltenes Talent, fremde Staatsmaenner in Berlin zu
+gewinnen". Noch boten sich der Bedenken viele; allein da Preussen auf
+seinen erprobten Tarif, seine festbegruendete Zollverwaltung verweisen
+konnte, so blieb nur uebrig, die im Norden bestehende Ordnung mit einigen
+Aenderungen anzunehmen. Preussen verzichtete auf jedes Praecipuum {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Die
+Einnahmen wurden nach der Kopfzahl verteilt; nur fuer die
+Schiffahrtsabgaben auf der Oder und Weichsel, die ja gar nicht zur
+Zollgemeinschaft gehoerten, bezog Preussen eine Bauschsumme. Auch der
+teuerste Herzenswunsch des bayrischen Grossmachtsbewusstseins fand
+Erfuellung: jeder Staat erhielt das Recht, Handelsvertraege zu schliessen,
+lediglich die Vertraege mit dem russischen Polen blieben dem preussischen
+Staate vorbehalten. Zum Entgelt fuer so grosse Zugestaendnisse wagte Mieg, in
+einem Punkte seine Instruktionen zu ueberschreiten: er bewilligte, dass die
+preussische Zollverwaltung des rascheren Uebergangs halber sofort im Sueden
+provisorisch eingefuehrt wuerde, noch bevor die Zollgemeinschaft in Kraft
+trat.
+
+Am 4. Maerz wurden die hessischen Bevollmaechtigten zur ersten
+Plenarversammlung gerufen, am 22. kam der Vertrag zustande: die
+verbuendeten Staaten, "in fortgesetzter Fuersorge fuer die Befoerderung der
+Freiheit des Handels zwischen ihren Staaten und hierdurch zugleich in
+Deutschland ueberhaupt", bilden einen "Gesamtverein", der am 1. Januar 1834
+fuer acht Jahre ins Leben tritt. Das Grundgesetz entsprach im wesentlichen
+den hessischen Vertraegen, nur dass die Selbstaendigkeit der Bundesgenossen
+erheblich verstaerkt wurde. Fuer jede Aenderung der Zollgesetze wurde
+Einstimmigkeit der Verbuendeten gefordert. Das schlimmste Gebrechen des
+Vereins lag weniger in seinen Satzungen als in der Verschiebung der
+Machtverhaeltnisse. Durch den Zutritt mehrerer groesserer Staaten mit
+gleichem Stimmrecht wurde die freie Taetigkeit der preussifchen
+Handelspolitik unvermeidlich erschwert. Die neuen Rechte dagegen, die man
+den Zutretenden einraeumte, schienen bedenklicher als sie waren {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Die
+Befugnis, Handelsvertraege zu schliessen, dies von Bayern mit so
+leidenschaftlichem Eifer erstrebte Kleinod, erwies sich als ein harmloses
+Spielzeug {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Preussen allein galt im Auslande als Haupt und Vertreter des
+Zollvereins; daher sind alle irgend wichtigen Handelsvertraege durch
+Preussen im Namen des Vereins abgeschlossen worden. Auch die Kontrolle ward
+ermaessigt, auf Bayerns Andringen. Die Verbuendeten sendeten bloss
+Vereinsbevollmaechtigte zu den Zolldirektionen, Kontrolleure zu den
+Hauptzollaemtern der Genossen; eine gegenseitige Visitation des
+Grenzdienstes fand nicht mehr statt. Solche Formen verschlugen wenig; denn
+im Grunde war der Verein auch bisher nur durch wechselseitiges Vertrauen
+und die Macht der Interessen zusammengehalten worden. Die Bundesgenossen
+gelobten einander "unbeschraenkte Offenheit" in der Zollverwaltung, und sie
+haben ihr Wort redlich gehalten {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}
+
+Da Bayern und Wuerttemberg noch immer ihre toerichte Sorge vor finanziellen
+Verlusten nicht aufgaben, so wurde in einem geheimen Artikel den
+Verbuendeten das Recht vorbehalten, den Verein vor der Zeit zu kuendigen,
+falls ihre Zolleinnahmen einen Ausfall von 10 Proz. des bisherigen
+Rohertrags aufwiesen. Maassen unterschrieb getrosten Mutes; er wusste, dass
+der Vertrag ein Loewenvertrag war zugunsten des Suedens, und der Erfolg
+sollte seine Erwartungen noch weit uebertreffen. In den Jahren von 1834 bis
+1845 hat der Norden an Bayern 22,29 Millionen Taler, an Wuerttemberg
+10,3 Millionen herausgezahlt, in dem Zeitraum von 1854-1865 empfing Bayern
+vom Norden 34 Millionen. Waehrend der zwei ersten Jahrzehnte des
+Zollvereins haben bei der Abrechnung regelmaessig nur Preussen, Sachsen,
+Frankfurt und Braunschweig herausgezahlt; alle anderen Staaten gewannen.
+Allerdings geben jene grossen Zahlen kein ganz zutreffendes Bild, da ein
+Teil der fuer das Binnenland bestimmten Einfuhr in den Haefen und
+Speditionsplaetzen des Nordens verzollt wurde. Deutlicher erhellt der
+unverhaeltnismaessige Gewinn des Suedens aus der Tatsache, dass die
+Verwaltungskosten in Bayern schon waehrend des ersten Jahres von 44 auf 16,
+spaeter auf nahezu 10 Proz. sanken, Bayerns Anteil an dem Kaffeezoll sofort
+auf das Dreifache, bis zum Jahre 1845 auf das Fuenffache stieg.
+
+Um auch den leisesten Anschein preussischer Hegemonie zu vermeiden, wurde
+verabredet, dass die alljaehrlichen Konferenzen der
+Zollvereinsbevollmaechtigten nicht mehr, wie im preussisch-hessischen
+Verein, regelmaessig zu Berlin sich versammeln sollten; sie wanderten
+fortan, nach dem Belieben der Verbuendeten, von Ort zu Ort, der erste
+Zusammentritt fand in Muenchen statt. Streitigkeiten wollte man der
+Entscheidung eines Schiedsrichters unterwerfen, der durch einstimmigen
+Beschluss fuer jeden einzelnen Fall zu ernennen war. Doch ist ein solcher
+Schiedsspruch niemals angerufen worden -- nicht weil die Eintracht
+ungetruebt bestanden haette, sondern weil der Duenkel der Kleinstaaten den
+freiwilligen Ausgleich der schimpflichen Unterwerfung unter eine fremde
+Gewalt regelmaessig vorzog. Dass Bayern seine Biersteuer behielt, war
+unvermeidlich. Man begnuegte sich daher, ein Maximum fuer die
+Konsumtionssteuern festzusetzen und die allmaehliche Annaeherung der
+Steuersysteme in Aussicht zu stellen. In einem so lockeren Bunde blieb das
+*liberum veto* [Einspruchsrecht] und das Kuendigungsrecht fuer Preussen
+ebenso unentbehrlich wie fuer die Kleinstaaten, als ein letztes
+verzweifeltes Mittel, um dem schwerfaelligen Koerper einen Entschluss zu
+entreissen. Nur die Hoffnung auf einen hohen politischen Gewinn konnte den
+preussischen Hof zu so schweren Opfern, zu einer so weitgehenden Nachsicht
+fuer die Grillen und Eitelkeiten der Mittelstaaten bestimmen. Mit
+ueberlegener Geduld erwartete Eichhorn, dass aus den fast laecherlichen
+Formen dieses lockeren Vereins doch eine unloesbare Gemeinschaft der
+Interessen emporwachsen muesse.
+
+Mieg kehrte heim in der festen Erwartung, dass der so ueberaus vorteilhafte
+Vertrag ihm die Verzeihung fuer sein eigenmaechtiges Vorgehen verbuerge. Er
+taeuschte sich schwer. Koenig Ludwig konnte selbstaendigen Willen nicht
+ertragen, empfing den Freund mit bitteren Vorwuerfen; dass die preussische
+Zollordnung sofort provisorisch eingefuehrt werden sollte, schien ihm eine
+Entwuerdigung der bayrischen Krone. Der Minister wollte, tief verletzt,
+sein gegebenes Wort nicht zuruecknehmen; er forderte und erhielt seine
+Entlassung {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Nunmehr nahm der Koenig die Akten an sich, und lange blieb das
+Schicksal des Vertrages zweifelhaft. Miegs Nachfolger, Lerchenfeld,
+erkannte zwar, nachdem er die Papiere eingesehen, die Notwendigkeit des
+Abschlusses, doch rueckte er nicht recht mit der Sprache heraus. Fuerst
+Oettingen-Wallerstein(117) vollends, der vielgewandte liberalisierende
+Minister, bewies in ausfuehrlicher Denkschrift: kein Zollverein ohne
+Oesterreich, die preussische Hegemonie ist Bayerns Verderben. Der preussische
+Gesandte hielt schon alles fuer verloren und schrieb verzweifelnd: nur
+Eichhorn selber koenne noch retten. Darauf eilte Eichhorn sofort nach
+Muenchen (Juli 1833), gewaehrte noch das letzte Zugestaendnis, gab zu, dass
+kein Provisorium stattfinden solle, seine gewinnende Freundlichkeit
+brachte in wenigen Tagen alles ins reine. Jetzt brach des Koenigs gute
+Natur wieder durch; er wuenschte sich Glueck zu der Wiederkehr der
+friderizianischen Tage, liess eine Denkmuenze praegen auf das Gelingen seines
+eigensten Werkes und sagte zu dem Nassauer Roentgen: "Oesterreich ist ein
+abgeschlossener Staat, mit dem wir wohl Handelsvertraege, doch keinen
+Zollverein schliessen koennen; Preussen ist ein Blitz, der mitten durch
+Deutschland hindurchfaehrt."
+
+Kaum war die Krone Bayern gewonnen, so begann der Kampf mit dem
+wuerttembergischen Landtage. Die schwaebischen und badischen Liberalen
+hatten sich zu Anfang des Jahres in Pforzheim versammelt und dort
+beschlossen, dem vordringenden preussischen Absolutismus mannhaft zu
+widerstehen. Die Schutzzoellner beweinten den nahen Untergang der
+schwaebischen Industrie; die Partikularsten bewiesen, dass Wuerttembergs
+Absatzwege nach Frankfurt und der Schweiz, nicht nach dem Norden fuehrten;
+manche pessimistische Radikale goennten dem verhassten Ministerium nicht ein
+Verdienst, das der Regierung allein gebuehrte, sie wuenschten noch weniger,
+dass ein wichtiger Grund der allgemeinen Unzufriedenheit beseitigt werde.
+Die gemuetlichen Leute wollten die geforderten Opfer nur einem
+gesamtdeutschen Verein bringen. Selbst den gemaessigten Liberalen schien es
+hochbedenklich, einer absoluten Krone mittelbare Einwirkung auf den
+wuerttembergischen Haushalt zu gestatten. Zudem wurden die Kammern nur zu
+einer Erklaerung ueber den Vertrag, nicht zu foermlicher Genehmigung
+aufgefordert. Der Landtag empfand bitter seine Ohnmacht. Koenig Wilhelm
+setzte seinen Stolz darein, das Werk hinauszufuehren; kein Zweifel, er
+haette auch ohne die Zustimmung der getreuen Staende den Vertrag vollzogen
+und also den leeren Schein der schwaebischen Verfassungsherrlichkeit vor
+aller Welt erwiesen. Darum wollte selbst Paul Pfizer, der Bewunderer
+Preussens, sich nicht zur Genehmigung entschliessen; wenn er zustimmte, so
+verlor er jedes Ansehen unter den Parteigenossen, jede politische
+Wirksamkeit in seiner Heimat. In solchen tragischen Widerspruch war der
+sueddeutsche Liberalismus geraten. Endlich, im November, genehmigte der
+Landtag den Vertrag nach harten Kaempfen. Nur einzelne waren ueberzeugt {~HORIZONTAL ELLIPSIS~},
+die Mehrzahl gab ihr Ja nur aus gedankenlosem Gehorsam; alle Fuehrer der
+Liberalen, Pfizer, Uhland(118), Roemer(119), stimmten dawider. Es war ein
+vollstaendiger Triumph des geschaeftskundigen Beamtentums ueber den
+schwaermenden Liberalismus.
+
+Neue unerquickliche Haendel folgten, da nun das preussische Zollwesen durch
+eine gemeinsame Vollziehungskommission im Sueden eingefuehrt wurde. Wie oft
+musste der preussische Kommissaer L. Kuehne von den gemuetlichen bayrischen
+Beamten bittere Klagen hoeren ueber diese verwuenschte Berliner Strammheit;
+er bestand darauf, dass in den Grenzbezirken, wo offenkundiger Schmuggel
+bluehte, drei Monate lang eine strenge Binnenkontrolle gruendlich aufraeumte.
+Die unfreie soziale Gesetzgebung der Mittelstaaten fand so leicht nicht
+den Uebergang zur preussischen Freiheit {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Doch der wesentliche Inhalt des
+Vertrags wurde redlich ausgefuehrt. Seit in Muenchen ein neuer Zolldirektor,
+der verdiente Knorr, ernannt war, arbeitete die Zollverwaltung fest und
+puenktlich. Jeder neue Tag der Erfahrung warb dem Zollverein neue Anhaenger
+im Sueden; die besseren Koepfe des Liberalismus gestanden beschaemt ihren
+Irrtum {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}
+
+
+
+c) _Anschluss von Sachsen und Thueringen._
+
+
+ _ Die Neujahrsnacht 1834. _
+
+
+Gleichzeitig mit Bayern und Wuerttemberg unterhandelte Sachsen in Berlin.
+Es geschah, wie Motz vorhergesehen: keine der Zollvereinsverhandlungen hat
+den preussischen Staatsmaennern schwerere Ueberwindung gekostet. Gewiss trat
+mit Sachsens Beitritt nur die Natur der Dinge in ihr Recht. Das Erzgebirge
+erhielt wieder ungehemmten Verkehr mit seiner alten Kornkammer, den
+Muldenniederungen in der Provinz Sachsen, Leipzig wieder freie Verfuegung
+ueber seine wichtigsten Handelsstrassen; Macht und Bedeutung des Zollvereins
+stiegen erheblich, sobald eines der ersten Fabriklaender und der groesste
+Messplatz Europas hinzutrat. Gleichwohl war der unmittelbare Vorteil fast
+ausschliesslich auf Sachsens Seite; in Preussen erhoben sich ernste
+staatswirtschaftliche und finanzielle Bedenken. Preussen gewann in Sachsen
+nur einen kleinen Markt, der ueberdies durch seinen eigenen Gewerbefleiss
+schon reichlich versorgt war. Da die Lebenshaltung und demnach der
+Arbeitslohn im Erzgebirge niedriger stand als in irgendeinem anderen
+Industriebezirke, so fuerchteten die preussischen Fabriken, vornehmlich die
+Webereien und Druckereien in Schlesien und in der Provinz Sachsen, der
+saechsischen Konkurrenz zu erliegen. Von allen Seiten her wurde das
+Finanzministerium mit Warnungen bestuermt; am Niederrhein rief die erste
+Nachricht von dem Beginn der preussisch- saechsischen Verhandlungen weithin
+im Lande eine starke Aufregung hervor. Die Frage, wie ein grosser Messplatz
+einem Zollsystem sich einfuegen lasse, galt noch allgemein als ein fast
+unloesbares Problem; sie war bei den Verhandlungen mit Bayern-Wuerttemberg
+oft eroertert und endlich zur Seite geschoben worden, da man an der
+Verstaendigung verzweifelte.
+
+An der saechsisch-boehmischen Grenze hatte sich ein ungeheurer Schmuggel
+festgenistet; das Volk nahm den elenden Zustand hin wie eine
+Notwendigkeit, ja wie einen Segen. Selbst Lindenau wagte nach dem Abschluss
+des Zollvereins im Gespraech mit Blittersdorff nur die schuechtern
+zweifelnde Bemerkung: dass der Schmuggel im Erzgebirge jetzt aufhoeren wird,
+"ist wohl schwerlich ein Unglueck". Die hochherzige Gesinnung des neuen
+Mitregenten, des Prinzen Friedrich August, wurde in Berlin ebenso
+bereitwillig anerkannt, wie die Einsicht der trefflichen Maenner, die er in
+sein Kabinett berufen. Doch ein volles Jahr verfloss, bis die Ordnung in
+dem aufgeregten Laendchen sich wieder befestigte; Maassen fragte besorgt, ob
+eine Regierung, die den schwaechlichen Auflaeufen in Leipzig und Dresden so
+wenig nachhaltigen Widerstand entgegengestellt, auch den festen Mut
+besitzen werde, die Schmuggelnester im Gebirge auszuheben. Und lehrte denn
+nicht der Gang der Verhandlungen, dass die neue Regierung das alte
+kleinliche Misstrauen gegen Preussen nicht gaenzlich ueber Bord geworfen
+hatte? Man kam in Berlin nicht los von dem Argwohn, Sachsen wuerde einen
+Zollverein mit Oesterreich vorziehen, wenn nur die Hofburg mehr boete als
+leere Redensarten. Wenn Koenig Friedrich Wilhelm keinen deutschen Staat
+locken und einladen wollte, so doch am allerwenigsten diesen saechsischen
+Hof, der als Stifter des Mitteldeutschen Vereins eine so boesartige
+Gehaessigkeit zur Schau getragen hatte. Der preussische Konsul Baumgaertner
+empfing einen herben Verweis, als er zu Anfang 1830 eine Flugschrift ueber
+die Notwendigkeit eines saechsisch-preussischen Zollbundes schrieb und in
+Sachsen verbreitete.
+
+Bis zum Sturze des alten Systems erging sich die saechsische Regierung in
+Umwegen und Kuensteleien, nach der alten Gewohnheit der Mittelstaaten. Sie
+fragte in Stuttgart und Muenchen an, ob Sachsen nicht dem Sueddeutschen
+Verein beitreten koenne. Ihr Berliner Geschaeftstraeger Koenneritz richtete an
+Ancillon die Bitte: Preussen moege sofort seinen Tarif zu Sachsens Gunsten
+herabsetzen, da die Verhandlungen ueber den unmittelbaren Anschluss
+vorderhand noch ausgesetzt werden muessten. Maassen aber antwortete
+(15. September 1830): "ohne vorhergegangene Vereinigung zu einem
+gegenseitig erleichterten Handelsverkehr" koennen wir bei der Ordnung
+unseres Tarifs auf dritte Staaten keine Ruecksicht nehmen.
+
+Erst das Ministerium Lindenau fand den Mut einzugestehen, was sich mit
+Haenden greifen liess: dass Sachsens Gewerbefleiss ohne Preussens Freundschaft
+untergehen musste; nahm doch die gesamte ueberseeische Ausfuhr des Landes
+ihren Weg durch Preussen, desgleichen fast die gesamte Einfuhr der rohen
+Baumwolle. Leider war nur ein Teil der Fabrikanten im Gebirge dem Anschluss
+guenstig, das Landvolk und vornehmlich Leipzig wehklagten ueber das
+hereinbrechende Verderben. Also hat selbst der allzeit patriotische und
+einsichtige Handelsstand der wackeren Pleissestadt, ganz wie spaeterhin die
+Kaufmannschaft von Frankfurt, Bremen, Hamburg, die unliebsame Wahrheit
+erhaertet, dass der Interessent fast niemals sachverstaendig ist. Auch der
+grosse Kaufherr wird zum Kraemer, sein Gesichtskreis verengt sich, sobald er
+seinen unmittelbaren Vorteil bedroht waehnt; stolz auf seine persoenliche
+Kraft und Freiheit, empfindet er es als eine Anmassung, eine Beleidigung,
+wenn die Maenner des gruenen Tisches ihm zumuten, seine altgewohnten
+Geschaeftsformen zu aendern, und will nicht zugestehen, dass ueber grosse
+handelspolitische Fragen nicht die privatwirtschaftliche Anschauung des
+Kaufmanns, sondern das staatswirtschaftliche Urteil des Staatsmannes zu
+entscheiden hat. Trotz alledem entschloss sich die Regierung gegen
+Jahresschluss zu jener ersten Anfrage in Berlin. Das Ministerium des
+Auswaertigen antwortete (24. Januar 1831): Die Schwierigkeiten scheinen
+sehr gross, die Interessen ueberaus verschieden; "dennoch ist die Aufgabe so
+gemeinnuetzig und deutscher Regierungen, welche neben der Sorge fuer ihre
+Untertanen zugleich die Befoerderung des Wohls von ganz Deutschland im Auge
+haben, so entschieden wuerdig", dass wir den Versuch wagen wollen. Die
+oberdeutschen Koenige, von allem unterrichtet, ueberliessen die Verhandlungen
+vertrauensvoll dem preussischen Hofe; die Ueberlegenheit der saechsischen
+Industrie, meinte Armansperg zuversichtlich, ist in einem grossen Verein
+wenig zu fuerchten, auch die schwierige Grenzbewachung muss sich durchfuehren
+lassen, so man ernstlich will.
+
+Im Maerz 1831 kam der saechsische Finanzminister v. Zeschau(120) nach Berlin
+-- neben dem Bayern Mieg, dem Hessen Hofmann und dem Badener Boeckh(121)
+sicherlich der faehigste unter allen den Finanzmaennern, mit denen Preussen
+zu verhandeln hatte -- taetig und kenntnisreich, ein ritterlicher Charakter,
+schweigsam und bedaechtig, noch von seiner preussischen Dienstzeit her mit
+L. Kuehne wohl bekannt. Die in Dresden gewuenschte Aenderung des gesamten
+Tarifs gab er bald auf, gleichwohl ward er mit Maassen nicht handelseinig.
+Erschreckt durch die Warnungen seiner Fabrikanten, wollte Preussen
+provisorische Schutzzoelle zugunsten einiger Fabrikwaren einfuehren, damit
+die Industrie Zeit behielte, sich auf die Konkurrenz des Erzgebirges zu
+ruesten. Zugleich verlangte man Entschaedigung fuer den drohenden starken
+Verlust an Durchfuhrzoellen. Kuehne selbst fand diese Forderungen zu hart;
+aus dem Magdeburgischen gebuertig, betrachtete er die Kursachsen halb als
+seine Landsleute und hielt dem Minister vor: nach der Teilung Sachsens sei
+Preussen schon ehrenhalber verpflichtet, dem Nachbarlande Wohlwollen zu
+zeigen. Als Maassen in diesen Fragen endlich nachgegeben hatte, erhob sich
+sofort ein neues Hemmnis: die Messfrage. Frankfurt an der Oder hatte bisher
+fuer seine Messen einen Zollrabatt genossen, der erst vor kurzem auf
+20 Proz. herabgesetzt war; nun der Eintritt Leipzigs bevorstand, wollte
+Preussen seinen schwer bedrohten kleinen Messplatz nicht unguenstiger stellen
+als bisher. Die Leipziger Kaufmannschaft dagegen sagte den unfehlbaren
+Verfall ihrer Messen voraus, falls Frankfurt irgendein Vorrecht behalte;
+und "keine Regierung, am wenigsten eine konstitutionelle -- schrieb der
+saechsische Bevollmaechtigte Wietersheim --, kann einer so ausdruecklichen
+Erklaerung der Repraesentanten des gefaehrdeten Nationalinteresses
+entgegenhandeln". Auch das Altenburgische Geheime Ministerium sendete ein
+dringendes Mahnungsschreiben nach Berlin -- "ohne alle aeussere
+Aufforderung", wie man unschuldig beteuerte --, und schilderte in
+herzbrechenden Worten das furchtbare Schicksal, das dem ungluecklichen
+Leipzig drohe.
+
+Da die Verhandlungen sich so unguenstig anliessen, so wuenschte der
+saechsische Hof, geaengstigt durch die fortdauernde Gaerung im Lande,
+mindestens einige Handelserleichterungen sofort zu erlangen, falls die
+vollstaendige Vereinigung nicht moeglich sei. Der Prinz-Mitregent selber
+stellte diese Bitte in einem Handschreiben an den Koenig von Preussen
+(11. April 1831). Er gab zu bedenken, dass mit dem gaenzlichen Misslingen
+dieser Verhandlungen "die Ausfuehrung des grossen und fuer die Sicherheit und
+Ruhe Deutschlands begruendeten, von Ew. K. Majestaet verfolgten Planes, die
+Interessen des Handels und Verkehrs in verschiedenen deutschen Staaten zu
+vereinigen und dadurch zugleich das politische Band zu befestigen,
+gefaehrdet werden oder mindestens Aufschub erleiden wuerde. Auch mag ich mir
+selbst nicht verschweigen, dass eine erfolglose Verhandlung in der
+gegenwaertigen Zeit auch hier nicht ohne einen sehr unguenstigen Eindruck
+bleiben wuerde". Ein solcher Mittelweg schien aber den besten Koepfen der
+preussischen Regierung kleinlich und nutzlos. Eichhorn bewies in einem
+ausfuehrlichen Gutachten: sofortige Handelserleichterungen wuerden, nach der
+Lage der Dinge, nur dem preussischen Staate einseitige Opfer auferlegen;
+wolle Sachsen dagegen zu Preussen in ein aehnliches Verhaeltnis treten, wie
+bisher Bayern und Wuerttemberg, so sei dazu eine vollstaendige Neugestaltung
+seines Zollsystems erforderlich; warum also nicht sogleich das hoechste
+Ziel, den Zollverein, ins Auge fassen? {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} Die letzten muendlichen
+Verhandlungen erfolgten im Juli, bald nachher stockte auch der
+schriftliche Verkehr. Die deutschen Kabinette begannen zu fuerchten, dass
+Sachsen den Plan aufgegeben habe; der Dresdner Hof sah sich um die Wende
+des Jahres genoetigt, in einer langen Denkschrift seine Handelspolitik vor
+den oberdeutschen Koenigen zu verteidigen.
+
+Erst als Bayern und Wuerttemberg ihre Zollvereinsverhandlungen in Berlin
+eroeffneten, fasste man sich in Dresden wieder ein Herz. Im Maerz 1832
+erschien Zeschau zum zweitenmal in Berlin. Abermals kam man einen Schritt
+weit vorwaerts; Sachsen erklaerte sich bereit, das preussische System der
+indirekten Steuern anzunehmen. Doch ueber die Messen konnte man sich wieder
+nicht verstaendigen. Nun wirkte auch die Staatsweisheit Moritz Mohls
+laehmend auf Sachsen zurueck; ohne die sueddeutschen Hoefe, die jetzt ihre
+Verhandlungen abbrachen, wollte das Dresdner Kabinett, wie begreiflich,
+nicht beitreten. Im Mai wurde die letzte Beratung gehalten; der Sommer
+verlief in peinlicher Verlegenheit {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}
+
+Inzwischen beging der saechsische Hof einen schweren politischen Fehler,
+der den schlimmsten Verdacht zu rechtfertigen schien. Hannover hatte am
+Bundestage wieder einmal die Ausfuehrung des Artikels 19 beantragt -- in der
+unverhohlenen Absicht, den Gang der preussischen Handelspolitik zu stoeren.
+Ohne jede Ruecksprache mit Preussen, ohne auch nur den Bericht der
+Bundestagskommission abzuwarten, stimmte Sachsen als die erste deutsche
+Regierung dem toerichten Antrage zu und erklaerte: Hoechster Zweck des Bundes
+in Zollsachen ist, dasjenige durch gemeinschaftliche Gesetze zu erreichen,
+was durch Einzelverhandlungen nur schwer zu erreichen ist; sollen in
+Deutschland ueberhaupt Durchfuhrzoelle bestehen, so doch jedenfalls ein
+anderes System als das preussische! -- Die Finanzpartei in Berlin klagte
+laut ueber die offenbare Zweizuengigkeit. Geh. Rat Michaelis fragte in einer
+scharfen Denkschrift: soll diese Sprache des saechsischen
+Bundestagsgesandten etwa die oeffentliche Meinung in Sachsen fuer den
+preussischen Zollverein gewinnen? -- Wen konnten auch die nichtigen
+Entschuldigungen ueberzeugen, die der saechsische Minister Minckwitz seinem
+Berliner Gesandten Watzdorf schrieb (29. November 1832)? Der harmlose Mann
+beteuerte, die Vorgaenge in Frankfurt sollten den Berliner Verhandlungen
+"keinen Eintrag tun"! Eichhorn aber, als ein gewiegter Kenner des
+Charakters der kleinen Hoefe, mahnte seine erzuernten Amtsgenossen zur
+Geduld: goennen wir doch den Herren in der Eschenheimer Gasse ihre
+unschuldigen Stiluebungen; der Dresdner Hof meint es ehrlich, wenngleich er
+zuweilen einem Anfall von Schwaeche unterliegt; noch eine kurze Frist, und
+er kommt wieder zu uns.
+
+Und so geschah es. Im Januar 1833 besprach sich Mieg in Dresden mit
+Zeschau, und als darauf die Berliner Verhandlungen mit Bayern so gluecklich
+vorangingen, kam der saechsische Finanzminister (24. Maerz) zum drittenmal
+in die preussische Hauptstadt. Nach kaum acht Tagen (30. Maerz 1833)
+schlossen Eichhorn, Maassen, Zeschau und Watzdorf den Zollvereinsvertrag,
+der woertlich mit dem soeben beendigten bayrischen uebereinstimmte. Einige
+Separatartikel ordneten den Zustand der Messen. Der Frankfurter Zollrabatt
+blieb etwas ermaessigt bestehen, doch durfte Sachsen seinem Leipzig aehnliche
+Verguenstigungen zuwenden. Der Messhandel erhielt eine grosse Erleichterung
+durch die Einrichtung der Messkontierung; fuer Leipziger Grosshandlungen von
+gutem Rufe wurde sogar ein ueber die Messzeiten hinaus fortdauerndes
+Steuerkonto zum Abschreiben eroeffnet -- eine wichtige Verguenstigung, die
+noch manchen Missbrauch veranlassen sollte. Auch die Herabsetzung einiger
+Zollsaetze, namentlich fuer Woll- und Baumwollwaren, wurde vereinbart.
+Preussen verpflichtete sich, die Ermaessigung der Elbschiffahrtsabgaben,
+welche Anhalt dem preussischen Elbhandel zugestanden hatte, auch dem
+saechsischen Verkehre zuzuwenden; der gute Vorsatz scheiterte freilich an
+Anhalts Kleinsinn.
+
+Nicht ohne Zagen unterschrieb Maassen den Vertrag, der den preussischen
+Markt den Fabriken des Erzgebirges eroeffnete; von allen seinen Raeten
+stimmte ihm nur Kuehne unbedingt zu. "Das ist ein schwerer Vertrag -- sagte
+er zu Kuehne {~HORIZONTAL ELLIPSIS~} --, es haette ihn nicht jeder unterzeichnet." Die Besorgnis
+des Staatswirts hatte zuruecktreten muessen vor den Hoffnungen der
+Politiker. Sachsen stand gerade in den Flitterwochen seines
+konstitutionellen Lebens; der Eintritt dieses Staates musste die
+oeffentliche Meinung guenstig stimmen. Leider verging wieder eine geraume
+Frist, bis die deutsche Welt mit der vollendeten Tatsache sich versoehnte.
+Die preussischen Fabrikanten laermten, die gute Stadt Leipzig ueberliess sich
+einer masslosen Verzweiflung. Eine Petition, die der k. k. Konsul Bercks
+geschaeftig umhertrug, warnte die Regierung; die Stadtverordneten richteten
+eine dringende Vorstellung nach Dresden. An Zeschaus Wohnung fand sich
+eines Morgens ein Anschlag: "Allhier wird von einem Parvenu, einem
+preussischen Landrat, so saechsischer Finanzminister geworden ist, das Land
+fuer Geld und Orden an Preussen verkauft." Der Taumel ergriff jeden Stand
+und jedes Alter. Die Leipziger Schulbuben kauften sich englische
+Farbkaesten auf Vorrat, weil sie mit fruehreifer handelspolitischer Vorsicht
+befuerchteten, das gewohnte Spielzeug werde nunmehr fuer buergerliche
+Geldbeutel unerschwinglich werden. Ein Jahr darauf schon begann fuer die
+Pleissestadt eine neue Epoche glaenzender Handelsbluete; das kleine Frankfurt
+wurde durch den ueberlegenen Nebenbuhler ganz zurueckgedraengt, die maechtigen
+Leipziger Firmen lernten bald, den Frankfurter Messrabatt fuer sich selber
+zu benutzen. Auch die Klagen der preussischen Fabrikanten verstummten, und
+niemand wollte die warnenden Petitionen unterschrieben haben. Zeschau
+selbst, der Wohltaeter Leipzigs, hat freilich von den stolzen Kaufherren
+der Messstadt niemals irgendeine Genugtuung fuer so viele Schmaehungen
+erhalten.
+
+Waehrend diese verwickelte zweifache Verhandlung in wiederholten Ansaetzen
+erledigt wurde, hatte Eichhorns unverwuestliche Geduld zugleich ein drittes
+schwieriges Geschaeft zu fuehren: die Unterhandlungen mit den thueringischen
+Staaten. In Thueringen wie in Sachsen und Kurhessen wurde die beginnende
+Bekehrung gefoerdert durch den unruhigen Sommer von 1830, durch die Angst
+vor den murrenden Massen. Hier wie in Sachsen hoffte man anfangs, sogleich
+einseitige Handelserleichterungen von Preussen zu erlangen. Der weimarische
+Minister Gersdorff kam im Januar 1831 zugleich mit Lindenau nach Berlin,
+ueberbrachte ein Handschreiben seines Grossherzogs, das um solche
+Verguenstigung bat: "dies wuerde in einer Periode mannigfacher Aufregungen
+Uebelgesinnten einen Vorwand zu schlechten Einwirkungen entnehmen." Auf
+wiederholte aehnliche Anfragen kleiner thueringischer Hoefe antwortete das
+Berliner Kabinett (5. Juli 1831): man sei bereit, ueber einen Zollverein zu
+verhandeln, doch nur mit allen thueringischen Staaten gemeinsam, und nur
+wenn diese Hoefe sich nicht mehr gebunden glaubten an den mitteldeutschen
+Verein. Erst als Kurhessen zu dem preussischen Vereine uebergetreten war,
+erklaerten die ernestinischen Hoefe: der Mitteldeutsche Verein sei
+tatsaechlich aufgeloest.
+
+General Lestocq, der vielgeplagte Gesandte, den die thueringischen und
+einige andere kleine Dynasten in Berlin auf gemeinsame Kosten ernaehrten,
+ueberreichte am 15. Januar 1832 eine Verbalnote: Preussen moege die
+Initiative ergreifen, aeltere bindende Verpflichtungen bestaenden nicht
+mehr. Weimar draengte am eifrigsten; das Grossherzogtum besass an Gersdorff
+und O. Thon zwei treffliche Verwaltungsbeamte, die wohl einsahen, wo der
+Grund der ewigen Finanznot lag. Sproeder verhielt sich Gotha, da hier der
+hergebrachte Schmuggel allgemein als ein Nationalglueck betrachtet wurde.
+Maassen und Eichhorn entwickelten nun ausfuehrlicher den einfachen Gedanken,
+den sie so oft schon ausgesprochen hatten: die verzettelten thueringischen
+Gebiete sollen zunaechst unter sich einen Verein mit gemeinsamer
+Zollverwaltung bilden und dann erst als eine geschlossene Einheit in den
+grossen Zollverein treten; Preussen will die Kreise Erfurt, Suhl und
+Ziegenrueck diesem thueringischen Vereine zuteilen, wird auch dafuer sorgen,
+dass Kurhessen sein Schmalkaldener Land hinzugefuegt. Zu foermlichen
+Verhandlungen kam es auch jetzt noch nicht; denn Eichhorn hoffte, vorher
+mit Bayern und Wuerttemberg abzuschliessen. Diese beiden Hoefe fuehlten sich
+schon beunruhigt durch die Anfragen der Ernestiner; sie meinten: schliesse
+Thueringen frueher ab, so sei der Sueden auf Gnade und Ungnade dem Belieben
+Preussens ueberliefert. Darum richteten sie sogar eine Verwahrung an den
+Berliner Hof (15. November 1832): ohne die vorhergehende Zustimmung
+Bayerns und Wuerttembergs duerfe Preussen die Thueringer nicht aufnehmen. Der
+Dresdener Hof, der sich noch immer als das geborene Oberhaupt der
+Ernestiner fuehlte, verlangte zu allen Verhandlungen mit seinen
+Stammesvettern zugezogen zu werden. Preussen erwiderte: wir werden Sachsens
+Interessen sorgsam wahren, doch der Zutritt eines saechsischen
+Bevollmaechtigten kann die Verhandlungen nur erschweren. Immerhin haben
+diese Bedenken der drei kleinen Koenigskronen den Beginn der
+Unterhandlungen verzoegert.
+
+Erst im Dezember 1832 begannen die Konferenzen mit den Thueringern. Die
+preussischen Staatsmaenner schlugen vor, eine Zentralbehoerde fuer das
+thueringische Zollwesen zu bilden. Grosse Bestuerzung; keiner der Kleinen
+wollte eine solche Beschraenkung seiner Souveraenitaet zugeben. Da meinten
+die Preussen beguetigend: es werde genuegen, einen Generalinspektor
+einzusetzen; der muesse freilich in Erfurt wohnen, als dem Mittelpunkte des
+Landes, doch solle er nicht von Preussen, sondern von der thueringischen
+Hauptmacht Weimar ernannt werden. Hiermit schien jeder Widerspruch
+entwaffnet. Wenn Preussen sein Zollwesen einem weimarischen Beamten
+unterstellte, so durfte auch der Reussenstolz und der Gothaerduenkel nicht
+klagen. Gleichwohl erhoben Altenburg und Meiningen neue Bedenken; sie
+konnten sich nicht in den Gedanken finden, dass ihre Verwaltung fremder
+Aufsicht unterliegen solle. Schon war man nahe daran, ohne Meiningen
+abzuschliessen. Da drohte Kuehne: wenn man die preussischen Beamten als
+Spione betrachte, dann muesse Preussen sein gefuerchtetes Enklavensystem
+gegen die kleinen Nachbarn anwenden. Das schlug durch. Am 10. Mai 1833
+wurde der "Zoll- und Handelsverein der thueringischen Staaten" gebildet, am
+folgenden Tage erklaerte der neue Verein, der das gesamte System der
+preussischen indirekten Steuern annahm, seinen Zutritt zu dem Deutschen
+Zollvereine. Ein weimarischer Generalbevollmaechtigter vertrat die
+Thueringer auf den Konferenzen des Zollvereins, gab in Tarifsachen nur eine
+Gesamtstimme ab; in einigen anderen Faellen sollte er die Meinung jedes
+einzelnen thueringischen Staates gesondert vortragen. Dieser Bund im Bunde,
+welchen Preussens Staatsmaenner seit dem Jahre 1819 erstrebt hatten, erwies
+sich als so einfach und naturgemaess, dass niemals, auch nicht in den
+schwersten Krisen des Zollvereins, an die Aufloesung des thueringischen
+Vereins gedacht worden ist. --
+
+Also war des grossen Werkes schwerster Teil gelungen. Ein unerhoerter
+Ordenssegen belohnte die treue Arbeit des Beamtentums; die Jahrgaenge der
+deutschen Gesetzsammlungen schwollen zu unfoermlichen Baenden an, von allen
+den neuen Vertraegen und Gesetzen. Dann kam jene folgenschwere
+Neujahrsnacht des Jahres 1834, die auch den Massen das Nahen einer
+besseren Zeit verkuendete. Auf allen Landstrassen Mitteldeutschlands harrten
+die Frachtwagen hochbeladen in langen Zuegen vor den Mauthaeusern, umringt
+von froehlich laermenden Volkshaufen. Mit dem letzten Glockenschlage des
+alten Jahres hoben sich die Schlagbaeume; die Rosse zogen an, unter
+Jubelruf und Peitschenknall ging es vorwaerts durch das befreite Land. Ein
+neues Glied, fest und unscheinbar, war eingefuegt in die lange Kette der
+Zeiten, die den Markgrafenstaat der Hohenzollern hinaufgefuehrt hat zur
+kaiserlichen Krone. Das Adlerauge des grossen Koenigs blickte aus den
+Wolken, und aus weiter Ferne erklang schon der Schlachtendonner von
+Koeniggraetz. Gluecklicher als sein leidenschaftlicher Freund hat Maassen die
+Stunde der Genugtuung noch genossen. Er starb am 4. November 1834. Einen
+ebenbuertigen Nachfolger fand er nicht; nur in Eichhorn und den Geheimen
+Raeten des Finanzministeriums lebten die Ueberlieferungen von 1818 fort.
+
+Der erweiterte Handelsbund nahm jetzt den Namen des _Deutschen
+Zollvereins_ an.(122) Aus dem dunstigen Nebel des Deutschen Bundes traten
+schon erkennbar die Umrisse jenes Kleindeutschlands hervor, das dereinst
+den Ruhm und die Macht des Heiligen Roemischen Reiches ueberbieten sollte.
+
+
+
+d) _Politische Bedeutung des Deutschen Zollvereins._
+
+
+Die politischen Wirkungen des Zollvereins sind dank der unvergleichlichen
+Schwerfaelligkeit des deutschen Staatslebens nicht so rasch und nicht so
+unmittelbar eingetreten, als manche kuehne Koepfe meinten. Schon zu Anfang
+der dreissiger Jahre hoffte Hansemann(123), ein Parlament des Zollvereins
+und daraus vielleicht einen Deutschen Reichstag erstehen zu sehen, und wie
+viele andere wohlmeinende Patrioten haben nicht aehnliche Erwartungen an
+den deutschen "Zollstaat" geknuepft. Aber der Handelsbund war kein Staat,
+er bot keinen Ersatz fuer die mangelnde politische Einheit und konnte noch
+durch Jahrzehnte fortdauern, ohne die Luege der Bundesverfassung zu
+zerstoeren. Als Minister du Thil im Jahre 1827 seinem Grossherzog den Rat
+gab, jenen entscheidenden Schritt in Berlin zu wagen, da sprach er offen
+aus: Wir duerfen uns darueber nicht taeuschen; indem wir den Handelsbund
+schliessen, verzichten wir auf die Selbstaendigkeit unserer auswaertigen
+Politik; bricht ein Krieg aus zwischen Oesterreich und Preussen, so ist
+Hessen an die preussischen Fahnen gebunden. Desgleichen Dahlmann(124), der
+nach seiner grossen und tiefen Art den Zollverein sofort als das einzige
+deutsche Gelingen seit den Befreiungskriegen begruesste, erklaerte
+zuversichtlich, der Handelsbund stelle uns sicher vor der Wiederkehr
+buergerlicher Kriege. Auch diese Weissagungen sind nicht buchstaeblich
+eingetroffen. Der Zollverein hat die oberdeutschen Staaten nicht
+verhindert, die Waffen zu ergreifen gegen Preussen. Und dennoch sollte
+gerade das Jahr 1866 die gewaltige Lebenskraft dieses handelspolitischen
+Bundes erproben. Der rasche Siegeszug der preussischen Fahnen ueberhob
+Preussen der Muehe, seine wuchtigste Waffe zu schwingen, durch die Aufhebung
+der Zollgemeinschaft die oberdeutschen Hoefe sofort zu bekehren.
+
+Das Bewusstsein, dass man zueinander gehoere, dass man sich nicht mehr trennen
+koenne von dem grossen Vaterlande, war durch die kleinen Erfahrungen jedes
+Tages in alle Lebensgewohnheiten der Nation eingedrungen, und in dieser
+mittelbaren politischen Wirkung liegt der historische Sinn des Zollvereins
+{~HORIZONTAL ELLIPSIS~} es ging doch zu Ende mit dem Philistertum der alten Zeit, das an die
+Herrlichkeit der Kleinstaaten kindlich glaubte. Der Geschaeftsmann folgte
+mit seinen Gedanken den Warenballen, die er frei durch die deutschen
+Laender sandte, er gewoehnte sich, wie schon laengst der Gelehrte, ueber die
+Grenzen des heimischen Kleinstaates hinauszublicken; sein Auge, vertraut
+mit grossen Verhaeltnissen, sah mit ironischer Gleichgueltigkeit auf die
+Kleinheit des engeren Vaterlandes. Der Gedanke selbst, dass die alten
+trennenden Schranken jemals wiederkehren koennten, wurde dem Volke fremd;
+wer einmal in dem Handelsbund stand, gehoerte ihm fuer immer. Eine
+unerbittliche Notwendigkeit stellte nach jeder Krisis die alten Grenzen
+des Zollvereins wieder her; kalte politische Koepfe konnten mit
+mathematischer Sicherheit den Verlauf des Streites im voraus berechnen {~HORIZONTAL ELLIPSIS~}
+Der preussische Staat erfuellte, indem er Deutschlands Handelspolitik
+leitete, einen Teil der Pflichten, welche dem Deutschen Bunde oblagen, wie
+er zugleich allein durch sein Heer die Grenzen des Vaterlands sicherte. So
+ist er durch redlichen Fleiss langsam emporgewachsen zur fuehrenden Macht
+des Vaterlandes, und nur weil die europaeische Welt es nicht der Muehe wert
+hielt, das Heerwesen und die Handelspolitik Preussens ernstlich kennen zu
+lernen, bemerkte sie nicht das stille Erstarken der Mitte des Festlandes.
+
+Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. IV, 350ff.
+
+ ------------------
+
+ 108 Joh. Friedr. Boehmer, geb. 22. April 1795, gest. 22. Oktober 1863,
+ hervorragender Forscher, vornehmlich auf dem Gebiete der Geschichte
+ des deutschen Mittelalters.
+
+ 109 Eduard v. Schenk, geb. 10. Oktober 1788, gest. 26. April 1841. Als
+ Protestant geboren, trat er 1817 zur katholischen Kirche ueber und
+ wurde 1828 Minister der geistl. Angelegenheiten.
+
+ 110 Joh. Nepomuk Ringseis, geb. 16. Mai 1785, gest. 22. Mai 1880, Arzt
+ von Beruf.
+
+ 111 Francois Gabriel Graf v. Bray, geb. 1765, gest. 1832.
+
+ 112 Karl Philipp Fuerst Wrede, geb. 29. April 1767, gest. 12. Dezember
+ 1838.
+
+ 113 Georg Ludwig Winter, geb. 18. Jan. 1778, gest. 17. Maerz 1838, seit
+ 1830 Leiter des Ministeriums des Innern in Baden.
+
+ 114 Karl Theodor Welcker, geb. 29. Maerz 1790, gest. 10. Maerz 1869,
+ Professor der Rechte in Kiel, Heidelberg, Bonn, Freiburg i. Br.,
+ Mitglied der badischen Kammer und einer von den Fuehrern des
+ sueddeutschen Liberalismus.
+
+ 115 Karl v. Rotteck, geb. 18. Juli 1775, gest. 26. November 1840,
+ Professor der Geschichte und der Staatswissenschaften an der
+ Universitaet Freiburg i. Br., von 1831 an Mitglied der 2. badischen
+ Kammer, in der er als gewandter Redner die Gedanken des Liberalismus
+ vertrat.
+
+ 116 Moritz Mohl, geb. 1802, gest. 18. Februar 1888, damals als Assessor
+ bei der Finanzkammer in Reutlingen, seit 1841 Obersteuerrat, 1848
+ Mitglied des Parlaments sowie der Nationalversammlung, seitdem
+ Fuehrer der grossdeutschen Partei in der wuerttembergischen Kammer.
+
+ 117 Ludwig Kraft Ernst Fuerst zu Oettingen-Wallerstein, geb. 31. Januar
+ 1791, gest. 22. Juni 1870, von 1831 bis 1838 bayrischer Minister des
+ Innern.
+
+ 118 Der Dichter Ludwig Uhland, geb. 26. April 1787, gest. 13. November
+ 1862.
+
+ 119 Friedrich v. Roemer, geb. 4. Juni 1794, gest. 11. Maerz 1864, Mitglied
+ der liberalen Opposition in der wuerttembergischen Kammer, deren
+ Praesident er in spaeteren Jahren war.
+
+ 120 Heinrich Anton v. Zeschau, geb. 4. Februar 1789, gest. 17. Maerz
+ 1870, seit 1822 in saechsischen Diensten, von 1831-1848
+ Finanzminister bzw. Minister des Auswaertigen, von 1851-1869 Minister
+ des Koenigl. Hauses.
+
+ 121 Christian Friedrich v. Boeckh, geb. 13. August 1777, gest.
+ 21. Dezember 1855, von 1828 bis 1844 badischer Finanzminister.
+
+ 122 Von den noch ausserhalb des Zollvereins stehenden Staaten bildeten
+ Hannover, Braunschweig, Oldenburg, Schaumburg-Lippe durch die
+ Vertraege vom 1. Mai 1834 und 7. Mai 1836 einen _Steuerverein_, dem
+ auch einige preussische und kurhessische Gebietsteile angeschlossen
+ wurden; Baden, Nassau und Hessen-Homburg traten am 1. Januar 1836,
+ Frankfurt a. M. am 2. Januar 1836 in den Zollverein ein; am
+ 1. Januar 1842 auch Braunschweig und Lippe, am 1. April 1842
+ Luxemburg. Durch Vertrag vom 1. September 1851 kam auch mit dem
+ Steuerverein eine Einigung zustande, die am 1. Januar 1854 den
+ Eintritt desselben in den Zollverein zur Folge hatte.
+
+ 123 David Hansemann, geb. 12. Juli 1790, gest. 4. August 1864,
+ preussischer Staatsmann und publizistischer Schriftsteller, 1848
+ kurze Zeit Finanzminister, nachher bis 1851 Chef der Preussischen
+ Bank.
+
+ 124 Friedrich Christoph Dahlmann, geb. 13. Mai 1785, gest. 5. Dezember
+ 1860, Geschichtsforscher und Politiker.
+
+
+
+
+Register.
+
+
+Addington, englischer Gesandter am Bundestag; 136.
+Akzisewesen, preussisches; 5.
+Alexander I., Zar; 6.
+Alexius Friedrich Christian, Herzog von Anhalt-Bernburg; 62.
+Altenstein, Karl, Freiherr v. Stein zum; 34. 85.
+Alternat, Streit ueber das A.; 159.
+Altpreussen, Notstand in A.; 82 f.
+Ancillon, Johann Peter Friedrich; 196.
+Anhalt im Kampf gegen das preussische Zollgesetz; 37. 43. 57 ff. 63. 90 ff.
+Anhalt-Bernburg; 43. 62.
+Anhalt-Dessau; 62.
+ -- Beitritt von Anhalt-Dessau und Anhalt-Koethen zum Zollverein; 92.
+Anhalt-Koethen; 44. 48 ff. 59 ff. 63.
+v. Anstett, russischer Gesandter am Bundestag; 161.
+Anton, Koenig von Sachsen; 131. 177. 179.
+Anton Guenther, Fuerst von Schwarzburg-Sondershausen; 41. 42. 43. 44. 150.
+Aretin, Adam Freiherr v.; 72. 73. 74. 75.
+Armansperg, Joh. Ludw., Graf v.; 120. 152. 153. 154. 159. 174. 181. 197.
+Arnoldi, E. W.; 22. 23. 69.
+Arnstadter Beratung der thueringischen Staaten; 70.
+Auguste, Tochter des Koenigs Friedrich Wilhelm II. von Preussen, Kurfuerstin
+ von Hessen; 128. 129. 130.
+Baader, Joseph (Franz); 121.
+Baring; 11.
+Baumgaertner, preussischer Konsul; 196.
+Bayer, Fabrikant; 106.
+Bayrisches Zollgesetz vom 22. Juli 1819; 46 f.
+ -- Bayrisch-Wuerttembergischer Zollverein 113 f. 151. 181.
+Beguelin, Geheimrat; 8.
+Bernstorff, Christ. Guenther, Graf v.; 33. 38. 45. 46. 52. 53. 54. 55. 56.
+ 57. 60. 64. 67. 90. 94. 107. 125. 140. 146. 147. 150. 168.
+ 179. 181. 184.
+Benzenberg, Joh. Friedr.; 21.
+Bercks, oesterreichischer Konsul in Leipzig; 201.
+Beroldingen, wuerttembergischer Minister; 123.
+Berstett, Wilh. Ludw. Leop. Reinh., Freiherr v., badischer Minister; 28.
+ 29. 47. 53. 56. 57. 69. 70. 72. 75. 76. 100. 101. 102. 103.
+ 105. 138. 140.
+Bever, Assessor; 188.
+Biersack, Finanzrat; 111.
+Blomberg, Freiherr v.; 155.
+Blum, Robert; 24.
+Bignon, Louis Pierre, Baron; 66.
+Bluecher, G. v.; 35.
+Blittersdorf, Friedr. Landolin, Freiherr v.; 66. 99. 117. 121. 123. 146.
+ 162. 173. 195.
+Boeckh, badischer Minister; 181.
+Boehmer, Joh. Friedr.; 176.
+Bombelles, Ludw. Phil., Graf. v.; 50.
+Braun, Kammerrat; 132.
+Bray, Francois Gabriel, Graf v., bayrischer Gesandter in Wien; 180.
+Bruenneck, Oberst; 82.
+Buchholz, Publizist; 149.
+Buhl, Fabrikant; 184.
+Buelow, Heinrich v.; 90. 95. 124. 137. 149. 167.
+Bundesakte, Artikel; 19. 23. 25. 27. 28. 35. 38. 46. 53. 54. 99. 139. 140.
+ 142. 146. 147. 199.
+Buol, Joh. Rud., Freiherr v.; 55.
+Burke, Edmund; 11.
+Buesch, Joh. G.; 22.
+Camuzzi, Geheimrat; 121.
+Canning, Georg, engl. Minister.
+ Ministerium; C. 10.
+ Anm. 80.
+Carlowitz, Christoph Anton Ferd. v.; 132. 133. 138.
+Carlowitz, Hans Georg v.; 131. 133. 137. 167.
+Clarence, Herzogin von; 165.
+Conta; 167.
+Cotta, Joh. Friedr., Freiherr C. v. Cottendorf; 153. 154. 155. 159. 160.
+ 161.
+Cromwell, Oliver; 11.
+Czartoriski, Fuerst; 6.
+Dahlmann, Friedr. Christoph; 205.
+Dalberg, Emmerich Joseph, Herzog von; 122.
+Darmstaedter Zollkonferenzen; 68ff. 98. 100. 101.
+Deutscher Zollverein; 172 ff. 203. 204.
+Du Bos du Thil, Karl Wilh. Heinr. Freiherr v. ({~DAGGER~} 1859)
+ hessen-darmstaedtischer Minister; 56. 72. 73. 74. 77. 98. 100.
+ 101. 105. 106. 107. 108. 123. 126. 127. 144. 205.
+Eichhof, oesterreichischer Hofrat; 161.
+Eichhorn, Joh. Albr. Friedr.; 14. 16. 31. 32. 33 ff. 37. 38. 40. 42. 62.
+ 67. 78. 90. 92. 107. 108. 110. 112. 114. 118. 120. 124. 127.
+ 148. 155. 164. 167. 170. 174. 187. 188. 189. 192. 198. 200.
+ 201. 202. 204.
+Eimbecker Vertrag (27. Maerz 1830) 170 f. 173 f. 177.
+Einsiedel, Detlev, Graf v.; 131. 140.
+Elbschiffahrt, Freiheit der E.; 49. 54. 57.
+Elbschiffahrtsakte (23. Juli 1821); 60. 62. 90.
+Elbuferstaaten, Konferenz der E. in Dresden; 54. 58. 59.
+Elsflether Zoll; 58.
+Emil, Prinz von Hessen; 110. 112. 122.
+Englische Handelskrisis; 81.
+Enklavensystem, preussisches; 37 f. 40. 41. 43. 53. 59. 62. 88.
+Ernst I., Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha; 47. 69. 132. 133. 150. 162.
+ 163.
+Erskine, Lord; 161.
+Eschenheimer Gasse (d. i. Bundestag); 72. 91. 126. 134. 200.
+Fahnenberg, badischer Gesandter in Muenchen; 123. 189.
+Fenelon, Graf, franzoesischer Gesandter am Nassauer Hof; 165.
+Ferber, Geheimrat; 7.
+Ferdinand, Herzog von Anhalt- Koethen; 44. 48. 49. 53. 54. 55. 57. 59. 60.
+ 61. 62. 64. 66. 88. 89. 90. 92.
+Fitzgerald, englischer Minister; 137.
+Frank, Pfarrer; 106.
+Franz II., Kaiser von Oesterreich; 50. 52. 55.
+Freihandel, Preussen als Vorkaempfer des Freihandelsgedankens; 11.
+Friedheim, Kaufmann; 61. 62.
+Friedrich August, Mitregent von Sachsen; 195. 198.
+Friedrich der Grosse; 34. 45. 148. 157. 160. 204.
+Friedrich Wilhelm I.; 45.
+Friedrich Wilhelm III.; 5. 6. 7. 8. 12. 17. 18. 19. 20. 36. 37. 38. 40.
+ 41. 43. 44 f. 48. 49. 57. 61. 62. 66. 67. 77. 78. 80. 82. 83.
+ 84. 86. 87. 88. 89. 90. 91. 107. 109. 110. 112. 113. 115. 119.
+ 125. 129. 130. 132. 138. 148. 150. 154. 156. 160. 165. 172.
+ 177. 179. 181. 195. 198.
+Friedrich Wilhelm, Kronprinz von Preussen; 154.
+Friedrich Wilhelm, Kurfuerst von Hessen; 175.
+Friedrich Guenther, Fuerst von Schwarzburg-Rudolfstadt; 88.
+Fritsch, Karl W., Freiherr v., Minister; 47. 53. 178.
+Gagern, Hans Christoph Ernst, Freiherr v.; 141. 144.
+Geldausfuhr. Aufhebung des Verbots der G. in Preussen; 6.
+Generalkontrolle. Aufhebung der G. in Preussen; 84 f.
+Georg, Grossherzog von Strelitz; 91.
+Gersdorff, v., saechsisch- weimarischer Minister; 201. 202.
+Gesetz vom 26. Mai 1818; 8 ff. 30. 38. 40.
+Gesetz vom 8. Februar 1819 ueber die Besteuerung des Konsums inlaendischer
+ Erzeugnisse; 12.
+Gise, bayrischer Minister; 189.
+Goltz, Aug. Friedr. Ferd., Graf v. d.; 27. 53. 56.
+Goltz, Familie v.; 83.
+Gneisenau; 7. 34.
+Goerres, Joseph v.; 24. 26. 180.
+Gothaer Lebensversicherungsbank; 23.
+Grandauer, Kabinettsrat; 123.
+Grant, Charles; 124.
+Grolman, Karl Ludw. Wilhelm v.; 10.
+Grote, Aug. Otto, Graf; 137. 149. 167. 170.
+Guaita, Senator; 138. 161.
+Guenther Friedrich Karl I., Fuerst von Schwarzburg-Sondershausen; 88.
+Handelsverein, deutscher; 25.
+Haenlein, preussischer Gesandter am kurhessischen Hofe; 128. 167.
+Hansemann, David; 204.
+Hardenberg, Fuerst; 6. 13. 14. 19. 21. 39. 45. 64. 84. 165 Anm.
+Hatzfeldt, Franz Ludwig, Graf v.; 88.
+Heidelberger Protokoll; 100. 101. 110.
+Herzog, Geheimrat; 100.
+Hessen-Darmstadt, Zollvertrag mit Preussen; 109 ff.
+Hessen-Kassel, Gesetz vom 17. September 1819; 48.
+ -- Beitritt Hessen-Kassels zum preussischen Zollsystem; 175.
+Heydebreck, v., Oberpraesident; 7. 8.
+Hofmann, hessischer Staatsrat; 106. 109. 110. 115. 116. 122. 126. 155.
+ 160. 161.
+Hoffmann, E. E.; 184.
+Hoffmann, J. G.; 17. 18. 42. 43. 100.
+Hohenzollern-Wuerttembergischer Zollverein; 88.
+Hruby, Freiherr v.; 128. 138. 165.
+Humboldt, A. u. W.; 7.
+ -- W. v. H.; 34. 58. 90. 153.
+Huskisson, W.; 10. 11. 103.
+Jordan, v., preussischer Gesandter in Dresden; 62. 149. 170.
+Joerres; 72.
+Julia, Graefin von Brandenburg, Gemahlin des Herzogs Ferdinand von
+ Anhalt-Koethen; 49. 66. 88.
+Juli-Revolution (1830); 171. 173.
+Kamptz, Karl Friedr. Heinr. v.; 85.
+Karl VII. (Albrecht), deutscher Kaiser; 157.
+Karl, Herzog von Braunschweig; 139.
+Karl August, Grossherzog von Sachsen-Weimar; 40. 47. 50. 145.
+Karl Friedrich, Grossherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach; 178. 201.
+Karlsbader Beschluesse (1819); 19. 50.
+Karlsbader Konferenzen (1819) 19. 28. 45.
+ -- (1821) 61.
+Kasseler Vertrag 175. 177.
+Kessler, Direktor der Domaenen 86.
+Kircheisen, Friedr. Leop. v. 34.
+Klewiz, Wilh. Anton v. 29. 41. 62. 77. 84. 94.
+Klickermann, Zollinspektor 63.
+Knorr, Zolldirektor 194.
+Koenneritz, Jul. Traugott v. 169. 170. 196.
+Kotzebue 17.
+Koester, Abgeordneter 69.
+Krafft, Praesident 116.
+Kress, v., oesterreichischer Hofrat 135.
+Krug 18.
+Kuehne, Leopold 129.
+Kuehne, Ludw. Samuel 85. 87. 175. 188.
+Kunth, Staatsrat 7.
+Kuester, preussischer Gesandter in Muenchen 123. 125. 152. 192. 194. 197.
+ 200. 203.
+Ladenberg, Phil. v. 8. 77. 84. 85.
+La Ferronays, franzoesischer Minister 123.
+Landwirtschaftliche Krisis in Deutschland 81.
+Langenau. Fr. Karl Gustav, Freiherr v. 117. 118. 135.
+Lassalle, Ferd. 25. 29 Anm.
+Lehrbach, Graf 115.
+Leipzig, Schlacht bei L. 79.
+Leonhardi, grossherzoglich hessischer Geheimrat 135.
+Leopold III., Friedrich Franz, Herzog von Anhalt-Dessau 64.
+Leopold IV., Friedrich, Herzog von Anhalt-Dessau 62. 89. 90. 92.
+Leopold, Grossherzog von Baden 181. 183. 184.
+Leopold von Dessau (der alte Dessauer) 59.
+Lerchenfeld, Maximilian v. 72. 99. 106. 123. 141. 160. 174. 192.
+Lestocq, General 41. 202.
+Lindenau, Bernh. v. 134. 135. 136. 137. 138. 139. 140. 141. 144. 177. 178.
+ 195. 196. 201.
+List, Friedr. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 32. 51. 52. 55. 57. 68. 69. 70.
+Listscher Verein s. Verein deutscher Kaufleute.
+Lottum, Graf 84. 87.
+Lotzbeck, v. 184.
+Loewenstein, Fuerst Georg v. 182.
+Luden 17.
+Lueder, Kammerrat 126.
+Ludwig, Grossherzog von Baden 117. 181.
+Ludwig I., Koenig von Bayern 102. 104. 105. 106. 108. 121. 122. 123. 125.
+ 126. 130. 141. 151. 152. 153. 154. 155. 159. 160. 161. 175.
+ 181. 182. 183. 184. 185. 189. 192. 193.
+Ludwig I., Grossherzog von Hessen 72. 107. 112. 125. 126. 129. 205.
+Luetzerode, Freiherr v. 126.
+Luxburg, Graf 155.
+Maassen, Generaldirektor 8. 9. 10. 11. 12. 21. 29. 31. 32. 42. 79. 85. 108.
+ 112. 155. 172. 175. 187. 189. 191. 195. 196. 197. 202. 204.
+Mainzer Konferenzen 102.
+Maltzan, v. 107. 112. 135. 145. 168.
+Manteuffel, Georg Aug. Ernst v. 131.
+Marschall, Freiherr v., Vertreter Nassaus am Bundestag 47. 52. 53. 56. 61.
+ 66. 71. 72. 76. 100. 102. 117. 129. 134. 143.
+Martens, Georg Friedr. v. 27.
+Marx 29 Anm.
+Maximilian I. Joseph, Koenig von Bayern 100. 122.
+Meisterlin, Geheimer Rat 174.
+Merckel, Oberpraesident 7.
+Metternich, Fuerst Klemens 19. 28. 36. 47. 49. 50. 52. 55. 61. 64. 70. 75.
+ 76. 88. 89. 118. 139. 140. 149. 151. 152. 153. 165. 180. 182.
+Meyer, S., Kaufmann 183.
+Meyerfeld, v., kurhessischer Bundestagsgesandter 173. 174.
+Meysenbug, Freiherr v. 126.
+Mieg, v., bayrischer Finanzminister 189. 190. 192. 200.
+Michaelis, Geheimrat 199.
+Milbanke, englischer Geschaeftstraeger bei der Stadt Frankfurt 136.
+Miller (Immenstadt) 25. 69. 103. 126.
+Minkwitz, Freiherr v., saechsischer Minister 199.
+Mitteldeutscher Handelsverein 130 ff. 139 ff. 148. 149. 151. 153 f. 162.
+ 163. 165. 171. 173. 175 f. 178. 195. 202.
+Mohl, Moritz 187. 188. 199.
+Mollerus, niederlaendischer Geschaeftstraeger in Muenchen 124.
+Motz, Friedr. Christ. Ad. v. 42. 77. 78 ff. 81. 83. 84. 85. 86. 87. 88.
+ 92. 97. 107. 108. 110. 112. 114. 116. 118. 129. 146. 147. 148.
+ 150. 151. 153. 154. 155. 156. 157. 159. 161. 162. 163. 164.
+ 170. 171. 172. 173. 194.
+Motz, hessischer Finanzminister 174.
+Mueller, Adam 49. 50. 52. 59. 62. 63. 64. 88. 89. 91. 93.
+Muench-Bellinghausen, Joachim, Graf v. 62. 117. 118. 119. 135. 146. 161.
+Muenster-Ledenburg, Ernst Friedr. Herbert, Reichsgraf 136. 165.
+Nagler, Karl Friedr. v. 91. 127. 174.
+Napoleon I. 71. 122. 128. 158.
+Napoleon, roemischer Koenig 122.
+Navigationsakte 11.
+Natzmer, Oldwig v., preussischer General 129.
+Nebenius, Karl Friedr. 29. 30. 31. 32. 33. 42. 53. 68. 70. 72. 73. 74. 76.
+ 99. 100. 101. 102. 103. 104. 153.
+Neujahrsnacht 1834 204.
+Oberkamp, Geheimrat 126. 127. 128. 141.
+Oberschoenaer Punktation 133. 134. 142.
+Oesterreichische Tendenzluegen 119.
+Otterstedt, v., preussischer Gesandter am badischen Hofe 108. 116. 118.
+Oettingen-Wallerstein, Ludwig Kraft Ernst, Fuerst zu 192.
+Perrot, Abgeordneter 106.
+Pfizer, Paul 158. 193. 194.
+Phoenix, Versicherungsgesellschaft 23.
+Pitt, William 79.
+Pochhammer 160.
+Poelitz 18.
+Porbeck, v., Praesident 126.
+Preussisch-Bayrischer Handelsvertrag 145 ff. 155 ff. 180 f.
+Preussisch-Hessischer Zollverein 109 ff.
+Prohibitivzoelle, franzoesische 10. 11.
+Rabener, Gottlieb Wilh. 145.
+Radowitz, Freiherr v. 37.
+Rauch, Christian, Bildhauer 160.
+Rechberg, Aloys, Graf v. R. u. Rothenloewen 72. 99.
+Reden, v., hannoverscher Gesandter in Dresden 140.
+Reichenbach (Emilie Ortloepp), Graefin, Geliebte des Kurfuersten Ludwig II.
+ von Hessen 126. 127. 171.
+Reichenbach, Zusammenbruch der Firma R. in Leipzig 81.
+Reinhard, Karl Friedrich, Graf 122. 136.
+Renner, Defraudationsprozess der Firma R. 71.
+Rheinischer Merkur 24. 26.
+Rheinoktroi von 1814 58.
+Ricardo, David 29.
+Ries, kurhessischer Geheimrat 174.
+Ringseis, Joh. Nepomuk 180.
+Roemer, Friedr. v. 194.
+Roentgen, Aug. v. 101. 143. 161. 166. 168. 193.
+Rothschild, Anselm Meyer, Freiherr v. 116. 134.
+Rotteck, Karl v. 184.
+Rumigny, Graf 161.
+Sachsen, Koenigreich, Beitritt Ss. zum Zollverein 194 ff. 200.
+Sachsen-Koburg-Gotha, Vertrag Preussens mit S.-K.-G. 163.
+Sachsen-Meiningen, Vertrag Preussens mit S.-M. 163.
+Sachsen-Weimar sucht um Aufnahme in das preussische Zollsystem nach 178.
+Sack 34.
+Salmuth, v. 89.
+Salzregal, Einfuehrung des S.s in Preussen 6.
+Schenk, Abgeordneter 115. 180.
+Schenk zu Schweinsberg 174.
+Schill 34.
+Schleiermacher, Friedr. Ernst Dan. 34.
+Schlieben, Familie der Grafen v. 83.
+Schlussakte 53.
+Schminke, Finanzminister 127.
+Schmitz-Groltenburg, Freiherr v., wuerttembergischer Gesandter in Muenchen
+ 99. 120. 122. 189.
+Schmuggel (Schwaerzen)
+ an den preussischen Grenzen 20 f. 41. 43. 57 ff. 63. 71. 98. 173. --
+ Auf dem Schwarzwald und am Rhein 181. 183. --
+ An der saechsisch-boehmischen Grenze 195.
+Schmuggelpraemie 31.
+Schnell, J. J. (Nuernberg) 25. 51.
+Schoen, Praesident 78. 82. 83.
+Schoenberg, Praesident 78. 155.
+Schuckmann, Kasp. Friedr. Freih. v. 7.
+Schulenburg, Graf Friedr. Albr. v. d., saechsischer Gesandter in Wien 165.
+Schuetz, v., Steuerdirektor 86.
+Schwarzburg-Rudolstadt 43.
+Schwarzburg-Sondershausen und Preussens Zollgesetz 41 ff.
+Schwerer, Ehr. Wilh. 132. 133. 178.
+Schwerz 81.
+Siebein, Geheimrat 126.
+Siebenpfeiffer 176.
+Smidt, Joh., Buergermeister von Bremen 137. 166.
+Smith, Adam 8. 11. 29 Anm.
+Sotzmann, Geheimrat 95. 160.
+Spiegel, Graf, oesterreichischer Gesandter in Muenchen 123.
+Spittler, Ludw., Freiherr v. 34.
+Sponheimer Handel 125. 152. 155. 161. 181. 183. 185.
+Stader Zoll 60.
+Staegemann, Friedr. Aug. v. 82.
+Stem, Freiherr vom 7. 24. 34. 35. 84. 135. 138. 141.
+Stein-Hardenbergsche Reformen 80.
+Sternegg, v., Hofmarschall 64.
+Steuerverein, Norddeutscher 170.
+Stralenheim, hannoverscher Gesandter in Stuttgart 144.
+Stromeyer 176.
+Stuttgarter Zollkonferenzen 98 ff. 101 ff.
+Sueddeutscher Zollverein 56. 57. 72 ff. 181. 184. 185. 189. --
+ Beitritt des S. Z.s zum Preussisch-Hessischen Zollverein 190.
+Tann, Freiherr v. d. 123. 126.
+Teplitzer Besprechungen (1819) 19.
+Thaer 81.
+Thomas, Buergermeister von Frankfurt a. M. 138.
+Thon, weimarischer Bevollmaechtigter 133. 202.
+Thueringen. Beitritt Th.s zum Zollverein 194 ff. 202 ff.
+Thueringischer Handelsverein 39. 94.
+Tilsiter Friede 79.
+Trauttmannsdorf, Graf v., oesterreichischer Gesandter 91.
+Trendelenburg, Adolf 164.
+Truchsess-Waldburg, Graf 124.
+Uhland, Ludwig 194.
+Varnbueler, Friedr. Gottlob Karl 188.
+Varnbueler, Karl Freiherr v. 151. 160.
+Varnhagen v. Ense, Karl Aug. 165.
+Verein deutscher Kaufleute und Fabrikanten 25. 39. 45. 70.
+Verstolck van Soelm, hollaendischer Minister 124.
+Vincke, Georg v., Praesident 78.
+Wangenheim, Karl Aug. Freiherr v. 57. 68. 72. 76. 88. 99. 109. 137. 188.
+Watzdorf, Graf v., saechsischer Gesandter in Berlin 140. 199. 200.
+Weber, E. (Gera) 25. 27. 51.
+Weise, v. (Vater), Kanzler 41. 42.
+Weise, v. (Sohn), Geheimer Rat 41. 42.
+Welcker, Karl Theodor 184.
+Wertheim, Verhandlungen wegen Abtretung W.s an Bayern 182.
+Wiener Vertrag vom 3. Mai 1856 6.
+Wiener Konferenzen 28. 29. 44. 45 ff. 93. 107.
+Wiener Kongress 13. 14. 49. 52. 58. 59. 64.
+Wiener Kongressakte, Art. 108 bis 116 58.
+Wietersheim, Eduard v. 131. 198.
+Wilhelm I., Kurfuerst von Hessen 48.
+Wilhelm II., Kurfuerst von Hessen 74. 79. 97. 109. 126. 127. 128. 129. 130.
+ 138. 145. 165. 171. 174.
+Wilhelm, Herzog von Nassau 102. 130. 135.
+Wilhelm I., Koenig von Wuerttemberg 103. 104. 105. 123. 144. 151. 153. 155.
+ 160. 181. 183. 185. 188. 193.
+Windhorn, Finanzrat 155.
+Winter, Georg Ludwig, badischer Minister 183.
+Wittgenstein, Prinz 126. 127. 128.
+Wittgenstein, Wilh. Ludw. Georg, Graf zu Sayn-W. 61. 87. 150.
+Witzleben, Job. v., preussischer Generalleutnant 153.
+Wolfs, oesterreichischer Legationsrat 180.
+Wrede, Karl Philipp, Fuerst 180.
+Zachariae v. Lingenthal, Karl Salomon 103.
+Zentner, Georg Friedr., Freiherr v. 50. 57. 123.
+Zeschau, Heinrich Anton v., saechsischer Finanzminister 197. 199. 200. 201.
+Zollanschlussvertrag mit Schwarzburg-Sondershausen 42.
+Zollgesetz, Maassens preussisches Z. 6. 8 ff.
+Zoll- und Handelsverein der thueringischen Staaten 203.
+Zu Rhein, Freiherr v. 104. 122.
+
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GRUeNDUNG DES DEUTSCHEN ZOLLVEREINS***
+
+
+
+CREDITS
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+ Project Gutenberg TEI edition 01
+ Ralf Stephan, Norbert H. Langkau, and The Online Distributed
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+October, 20 2007
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+ Project Gutenberg TEI edition 02
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+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
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+Section 3 below.
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+
+
+1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
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+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
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+
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+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
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+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
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