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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 02:04:07 -0700
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+The Project Gutenberg eBook, Mister Galgenstrick, by Karl Ettlinger
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Mister Galgenstrick
+ und andere Humoresken
+
+
+Author: Karl Ettlinger
+
+
+
+Release Date: October 29, 2007 [eBook #23243]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MISTER GALGENSTRICK***
+
+
+E-text prepared by Norbert H. Langkau, Rudy Ketterer, and the Project
+Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
+
+
+
+Transcribers' note:
+
+ Words typeset in _antiqua_ and #spaced-out# words
+ are indicated as shown.
+
+
+
+
+
+MISTER GALGENSTRICK
+
+Ullstein-Bücher
+
+Eine Sammlung
+zeitgenössischer Romane
+
+[Illustration]
+
+Ullstein & Co / Berlin und Wien
+
+
+MISTER GALGENSTRICK
+
+und andere Humoresken
+
+von
+
+Karl Ettlinger
+(»Karlchen«)
+
+
+
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+Ullstein & Co / Berlin und Wien
+
+Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
+Amerikanisches Copyright 1915 by Ullstein & Co, Berlin.
+
+
+
+
+Mister Galgenstrick
+
+
+»I glaub', jetzt kommt der Herr Doktor nimmer!« sagte Fräulein Berta,
+die Kellnerin, mit ihrem huldvollsten Lächeln und versuchte, mir
+heimtückisch das leere Bierglas zu entziehen, um es frisch füllen zu
+lassen.
+
+»Stehen lassen, Berta! Ich #hab'# heute schon meine Bettschwere! Und
+überdies füllt man zehn Minuten vor Eintritt der Polizeistunde keine
+Biergläser mehr!«
+
+»Jesses, fressen S' mi nur net glei!«
+
+Sie zog sich schmollend zurück und widmete sich wieder dem Stricken
+eines Kriegerstrumpfs von respekteinflößender Fußgröße.
+
+War ich, in meiner Ungeduld über Walters Ausbleiben, zu grob gewesen? --
+Ich wollte mein Unrecht wieder gut machen und leitete die
+Friedensverhandlungen durch einen jener Blicke ein, die Fräulein Berta
+mit der lächelnden Drohung zu quittieren pflegt: »Sie, das sag' i Ihrer
+Frau Gemahlin!«
+
+Aber Fräulein Berta war schon zu tief in das Maschenzählen versunken, um
+sich weiter um ihre Gäste kümmern zu können.
+
+Ich nahm also zum zehnten Male das Zeitungsblatt in die Hand, das vor
+mir auf dem Tisch lag. Vielleicht stand doch irgendwo noch eine
+versteckte Notiz darin, die ich erst #dreimal# gelesen hatte?
+
+Wo nur _Dr._ Heßberg blieb! Ich bin es ja gewöhnt, daß Walter das
+akademische Viertel zu »Nur Dreiviertelstündchen« ausdehnt, ich ertrage
+es auch ohne Vorwürfe, wenn er sogar noch ein viertes Viertelstündchen
+zulegt, denn auch ich leiste im Punkte Pünktlichkeit Bedenkliches --
+aber mich auf neun Uhr ins Kaffeehaus zu bestellen und fünf Minuten vor
+Mitternacht nicht einmal telephoniert zu haben, das war der Rekord.
+
+»Berta, zahlen!«
+
+»Ham S' was g'sagt?« tönte es unter Stricknadelgeklapper herüber.
+
+»Ich war so frei. Zahlen möcht' ich!«
+
+Berta schwebte heran. Eine gekränkte Titania. (Aus Niederbayern.)
+
+»O mei, sind Sie heut bös! Also was ham S' dann g'habt?«
+
+»Vier Dunkle und -- 's ist gut, da kommt _Dr._ Heßberg, ich zahl'
+später!«
+
+Fräulein Berta wandte sich meinem Freund zu, um ihn aus seinem Mantel zu
+schälen.
+
+»Einen Kognak!« bestellte er kurz, nahm mir gegenüber Platz und ersetzte
+seinen zerkauten Zigarrenstummel durch eine neue Zigarre.
+
+»Die wievielte ist das heute?« erkundigte ich mich.
+
+»Die zehnte!«
+
+Wenn _Dr._ Heßberg so stark rauchte, hatte er sicherlich viel Arbeit und
+viel Ärger hinter sich. Ich hatte es ihm ja auch auf den ersten Blick
+angesehen, daß er übelster Laune war. Dennoch konnte ich ihm eine kleine
+Moralpauke wegen seiner beispiellosen Unpünktlichkeit nicht ersparen und
+ich begann vorwurfsvoll:
+
+»Ich gestatte mir die bescheidene Bemerkung, daß es vor ur-urgrauer Zeit
+einmal neun Uhr war. Zu dieser angenehmen Stunde hätte eigentlich --«
+
+»Ich weiß!« unterbrach mich Walter nervös. »Ich weiß!« Und in einem
+plötzlichen Zornausbruch schlug er auf den Tisch. »Aus der Haut fahren
+kann man!«
+
+»Das bestreite ich!«
+
+»Laß das, ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt!«
+
+»Warum? Hat dich jemand drei Stunden warten lassen? Oder ist ein Patient
+"unartig" gewesen?«
+
+»Unartig!« rief _Dr._ Heßberg tragisch. »Sage lieber: skandalös! Das
+ganze Lazarett hat mir der Kerl auf den Kopf gestellt! Da gibt man sich
+die größte Mühe mit so einem braunen Burschen --«
+
+»Braun?«
+
+»Nun ja, es ist ein Inder! Seinen Namen soll der Kuckuck behalten, denn
+er ist ungefähr so lang wie ein ausgewachsener Leitartikel. Wir nennen
+ihn, seinem Wunsch gemäß, Mister Galgenstrick!«
+
+»Das klingt doch recht vertrauenerweckend! -- Übrigens ein Inder -- das
+interessiert mich mächtig!«
+
+Fräulein Berta brachte den bestellten Kognak, den Walter auf einen Zug
+austrank.
+
+»Mir noch ein Bier, Berta!« sagte ich. »Und zwar --«
+
+»Jetz is z' spät. Jetz is Polizeistund'!«
+
+»Aber den angefangenen Satz wird man doch noch zu Ende sprechen dürfen?«
+
+Sie wandte sich wieder ihrem Strickstrumpf zu, -- ich war endgültig in
+Ungnade gefallen.
+
+»Ein Inder sagtest du, Walter?«
+
+»Ja, und was für einer! Unglaublich, so einen Kerl überhaupt in
+europäisches Klima zu verschicken! Hochgradig tuberkulös. Und jetzt noch
+einen Achselschuß dazu. -- Das hindert aber Herrn Galgenstrick durchaus
+nicht, sich aufzuführen wie ein wildgewordener Truthahn!«
+
+»Was hat er denn angestellt?«
+
+»Er läßt sich einfach nicht behandeln. Gewalt muß man anwenden, um ihm
+einen Verband anzulegen. Zwei Leute müssen ihn festhalten. Er behauptet
+nämlich, alle unsere Medikamente seien wertlos, ihm könne nur ein
+einziges Mittel helfen, und zwar -- es ist zu blöd, man könnte darüber
+lachen, wenn es nicht zum Verzweifeln wäre, --«
+
+»Und zwar?«
+
+»Heiliger Kuhmist!«
+
+Ich verzweifelte nicht, sondern lachte.
+
+»Du hast leicht lachen,« fuhr mein Freund gereizt fort. »Aber mir ist
+das gar nicht spaßhaft. Für mich ist ein Kranker ein Kranker, und ich
+betrachte es als meine Pflicht, ihn zu retten. Gleichgültig, wer und was
+er ist! Da strengt man sich an, müht sich wie ein Vater um so einen
+Menschen, und zum Dank tobt und schreit er, wirft einem die
+Medizinflaschen ins Gesicht, beißt einem in die Hände -- und brüllt, er
+will heiligen Kuhmist haben!«
+
+»Ein hochinteressanter Patient! Du, dem mußt du mich vorstellen!«
+
+»Nein!«
+
+»Wirklich im Ernst: den möchte ich kennen lernen!«
+
+»Wozu?«
+
+»Erstens um ihn zu beruhigen, zweitens um mit ihm zu plaudern.«
+
+»Das wird dir schwer fallen. Mister Galgenstrick spricht ein englisches
+Kauderwelsch, das kein Normalmensch verstehen kann.«
+
+»Daher auch wahrscheinlich seine Aufgeregtheit. Der arme Kerl begreift
+einfach nicht, was ihr mit ihm vorhabt! Walter, du weißt, ich spreche
+Englisch wie meine Muttersprache --«
+
+»Hm!«
+
+»Ich danke dir! "Hm" ist eine halbe Zusage! Also wann werde ich Mister
+Galgenstricks Bekanntschaft machen?«
+
+»Morgen um drei Uhr! Aber pünktlich sein!«
+
+»Pünktlich, als ob ich _Dr._ Heßberg hieße!«
+
+Am nächsten Nachmittag zeigte mir Walter den indischen Patienten. Er war
+wegen seiner vorgeschrittenen Tuberkulose in einem Separatzimmer
+untergebracht.
+
+Ich hatte erwartet, einen jener abgemergelten Inder zu finden, wie man
+sie auf den Bildern der indischen Hungersnöte in illustrierten
+Zeitschriften sieht. Zu meiner Überraschung traf ich einen jugendlichen
+Mann von nicht unsympathischen Gesichtszügen, dem man seine schwere
+Krankheit kaum ansah.
+
+Er lag ruhig im Bett und betrachtete mich mit durchtriebenen Augen, die
+eine drollig-naive Spitzbüberei verrieten.
+
+Der Bursche gefiel mir. Wenn ich nach dem ersten Eindruck eine Diagnose
+seines Charakters hätte stellen sollen, hätte ich gesagt: »Windhund.«
+
+»Geh nicht zu nah an ihn ran,« flüsterte mir _Dr._ Heßberg zu. »Er
+beißt, wenn er gereizt wird!«
+
+Aber aus den Augen Mister Galgenstricks sprach keine feindliche Absicht.
+Er musterte mich eine Weile schweigend und frug dann: »Bringst du mir
+heiligen Kuhmist, Herr?«
+
+Ich muß gestehen, es war das schauderhafteste Englisch, das je meine
+Ohren schmerzte.
+
+»Nein,« antwortete ich. »Aber ich werde versuchen, ihn dir zu
+verschaffen.«
+
+Walter gab mir einen Rippenstoß. »Bist du verrückt?«
+
+Der Kranke hingegen nickte befriedigt. Ich hatte ihm eine Hoffnung
+gegeben, und er war mir dankbar dafür.
+
+»Wann kommst du wieder, Sahib?«
+
+»Morgen!« sagte ich. Und bekam für diese Antwort den zweiten Rippenstoß.
+
+Und ich kam morgen wieder, und übermorgen, und beinahe täglich.
+
+Freilich, das gewünschte Heilmittel durfte ich ihm nicht verschaffen,
+aber ich brachte ihm ein anderes, wohltuendes Heilmittel: Ablenkung. Ich
+hatte mich nach wenigen Tagen an sein Kauderwelsch gewöhnt, verstand ihn
+fließend und gewann mir dadurch sein Vertrauen.
+
+Ja, ich brachte ihn im Laufe einer Woche so weit, daß er sich willig
+behandeln ließ, obwohl er für des Arztes Bemühungen nur ein
+verächtliches Lächeln übrig hatte.
+
+»Es ist alles sinnlos,« behauptete er, »aber macht mit mir, was ihr
+wollt!«
+
+Mitunter hatte er Stunden der tiefsten Niedergeschlagenheit. Dann
+flackerte ein wilder Haß gegen alle Weißen in ihm auf, -- besonders
+gegen die Engländer.
+
+Aber er hatte auch Stunden, in denen er lenksam war wie ein Kind.
+
+Und eine solche Stunde benutzte ich zu der Bitte, mir seine
+Lebensgeschichte zu erzählen. Ich versprach ihm, sie wörtlich
+aufzuschreiben.
+
+Wider alles Erwarten sagte er nach kurzem Besinnen zu.
+
+Und da auch _Dr._ Heßberg keine Einwendung dagegen hatte, so brachte ich
+schon zum nächsten Besuche Bleistift und Papier mit, und Mister
+Galgenstrick begann zu diktieren.
+
+Hier ist die Geschichte seiner Erlebnisse.
+
+Ich schrieb sie nieder, wie er sie erzählte, und ich enthalte mich jeden
+Kommentars.
+
+Möge sie für sich selbst sprechen.
+
+ * * * * *
+
+Ich bin geboren in Bombay, bin der dritte Sohn meines Vaters und heiße
+Maharabatigolamatana.
+
+Weil aber dieser Name meinem Vater zu lang war und auf die Dauer zu
+einsilbig schien, kürzte er ihn ab und rief mich »Galgenstrick«.
+
+Ich bin Hindu, und unsere Familie gehört der Kriegerkaste an. Mein Vater
+war denn auch ein sehr tapferer Mann und lag in beständigem Krieg mit
+den englischen Wächtern; die Engländer nämlich sind ein merkwürdiges
+Volk: sie selbst stecken mein ganzes Vaterland ein, sie wollen aber
+nicht erlauben, daß ein armer Hindu nur eine einzige fremde goldene Uhr
+einsteckt, und so kam es öfter zu lebhaften Meinungsverschiedenheiten
+zwischen meinem Vater und England.
+
+Bei solchen Meinungsverschiedenheiten pflegte mein Vater sehr heftig
+schreiend aufzutreten, weil man ihm den Rücken mit einer Peitsche
+bearbeitete, wobei meist der Rücken, seltener die Peitsche entzweiging.
+Die dummen Engländer glaubten, durch dieses Peitschen meinen Vater zu
+entehren, -- als ob ein Nichthindu überhaupt einen Hindu entehren
+könnte. Es ist dies ein Pröbchen des Größenwahnes der Weißen, dieser
+unreinen Menschenrasse, die glaubt, weil sie uns Steuern abnimmt, sei
+sie uns ebenbürtig. Sie wissen nicht, daß ein Hindu lieber Hungers
+stürbe als mit einem Weißen an einem Tisch äße, und daß uns eine Speise
+schon als unrein und ungenießbar gilt, wenn nur der Schatten eines
+Weißen auf sie fiel.
+
+Wollte ich alle die Kriegstaten meines Vaters aufzählen, so würde es ein
+Buch werden, länger als meines Vaters Strafliste.
+
+So will ich nur erzählen, daß er im vierzigsten Jahre seines gesegneten
+Lebens einen ehrenvollen Tod starb, unterhalb eines Querbalkens, mit dem
+ihn ein Seil verband, das man zweckmäßig um seinen Hals gelegt hatte.
+
+Ich schnitt den Leichnam ab, verbrannte ihn, nachdem ich aus den Taschen
+seiner Kleidung die Uhr des Henkers und den goldenen Bleistift des
+Staatsanwaltes entfernt hatte, streute die Asche ins Meer und betete,
+daß die Seele meines Vaters in den Leib eines heiligen Affen fahren
+möge.
+
+Denn ich bin ein frommer Hindu und befolge alle Bräuche meiner Religion,
+solange sie nicht mit Unkosten verknüpft sind oder mich in meinen
+Lebensgewohnheiten stören.
+
+Die Tränen treten mir in die Augen, wenn ich der letzten Worte gedenke,
+die mein Vater zu mir sprach: »Liebes Kind,« sagte er (das heißt, er
+drückte sich etwas unhöflicher aus), »liebes Kind, ich steige morgen die
+Leiter hinauf, die auch du eines Tages besteigen wirst. Denn dies ist
+Überlieferung in unserer Familie. Ich habe mein Leben mit nichts
+begonnen, aber ich habe mich zu ansehnlichen Schulden emporgearbeitet.
+Wenn du jemanden bei der Nennung meines Namens weinen siehst, so tritt
+auf ihn zu und tröste ihn: "Du bist nicht der einzige, dem er etwas
+schuldig geblieben ist."
+
+Ich habe dich in meinem Geiste erzogen, mein Kind: du hassest, was das
+Leben häßlich macht, nämlich die #Arbeit#, und liebst die Beschäftigung
+des Weisen, das #Nichtstun#! Ich bin stolz auf dich: wer vermöchte ein
+Geldstück mit so viel heimlichem Nutzen zu wechseln wie du? Ich glaube,
+ein Weißer könnte seine Ringe durch die Nase tragen statt an den
+Fingern, du würdest sie entfernen, ohne daß er es bemerkte. Ich sterbe
+beruhigt. Wenn du von mir sprichst, mein Kind, so tue es in einem Tone,
+als stünde ich hinter dir und könnte dich noch verprügeln, wie ich es so
+oft und ausgiebig getan habe!«
+
+Bei diesen Worten lächelte ich, mein Vater sah es, versetzte mir einen
+Fußtritt, daß ich dachte, das Gefängnis stürze ein, und er fuhr fort:
+
+»Du stehst nun allein in der Welt, allein in der großen
+Gaunergemeinschaft, die sich Menschheit nennt. Lerne lachen, wenn es dir
+weh ums Herz ist, und lerne weinen, wenn du vor Heiterkeit tanzen
+möchtest! Es gibt keine Schlechtigkeit, die sich nicht als Tugend
+maskieren ließe! Alles auf dieser Welt ist Schein, und ob du Gutes tust
+oder Schlechtes, es wird dir so ergehen, wie es vom #Schicksal#
+vorausbestimmt ist. Glaube nicht, daß sich die Götter, die das Schicksal
+lenken, durch die Handlungen der Menschen in ihren Entschlüssen
+beeinflussen ließen: der Menschen Schicksal ist ihnen nur ein
+Würfelspiel!
+
+Verachte die Menschen, wie es das Schicksal selbst tut. Denn was hast du
+von ihnen zu erwarten? Wenn du große #Wohltaten# übst, werden sie dich
+#beneiden#, -- wenn du aber große #Schelmenstreiche# ausführst, werden
+sie dich #bewundern#. Ich habe dich derartig erzogen, daß du die höchste
+Bewunderung finden wirst!
+
+Das Erbteil, das ich dir hinterlasse, ist ungeheuer. Denn nicht nur
+hinterlasse ich dir Malatri, die Brillenschlange, sondern auch den
+Inhalt sämtlicher Westentaschen, Hosentaschen und Brusttaschen
+sämtlicher Weißen, die unser Land besuchen!
+
+Lebe wohl, mein Kind!«
+
+So sprach mein Vater, umarmte mich, indes dicke Tränen über seine Wangen
+perlten (ein Zeichen, daß ihm sehr heiter zumute war), und entließ mich.
+Der Gefängniswärter, der von unserer Unterredung kein Wort verstanden
+hatte, führte mich auf die Straße.
+
+In der Nacht machte mein Vater einen mißglückten Ausbruchsversuch, und
+am nächsten Tage verließ seine Seele den Leib.
+
+Ich machte vor dem Gefängniswärter eine tiefe Verbeugung, flüsterte
+»Salaam«, eine Ehrenbezeigung, bei der man sich die schlimmsten
+Beleidigungen denken kann, und schritt gedankenvoll die Straße hinab.
+
+Ich kam vorbei an dem Krankenhaus der Tiere, in dem wir die siechen
+Tiere pflegen, bis der Tod ihren Leiden ein Ende setzt. Und wir pflegen
+die fallsüchtige Kuh, den aussätzigen Affen, das krätzige Huhn mit
+derselben Liebe und Ehrfurcht wie die leidende Ratte und den
+verstümmelten Skorpion.
+
+Und ich ging weiter, vorüber an Tempeln und heiligen Teichen, und kam in
+den Stadtteil der Weißen, wo der große Bahnhof steht, der uns die
+Fremden bringt, auf daß wir ihre Taschen leeren; wo ihre Kirchen ragen,
+in denen sie zu einem Gott beten, den ich nicht begreife und nicht
+begreifen #will#; wo ihr Regierungspalast, auf dessen breitem Bau ein
+schmales Türmchen ruht, wie ein Tragsessel auf dem Rücken eines
+Elefanten, hochmütig den Hindu anstarrt; wo die Stadthalle ernst
+dreinblickt, die in ihrem Bauche unzählige Bücher birgt, aus denen die
+Weißen allerlei Unnützes lernen, was sie für wissenswert halten.
+
+Es sind stolze Häuser, nicht vergleichbar unseren Lehmhütten, und wenn
+sie einmal zerstört sein werden, werden sie schönere Ruinen geben. Und
+sie werden bewundert von allen, die sie zum ersten Male schauen.
+
+Ich aber achtete nicht auf alle diese bekannten Herrlichkeiten, ich
+beeilte mich, nach Hause zu kommen zu Malatri, der Brillenschlange, die
+ich von meinem Vater geerbt hatte.
+
+Malatri ist die durchtriebenste, heimtückischste Schlange Indiens, und
+ich glaube, daß die Seele eines englischen Diplomaten in ihr wohnt. Ihr
+sind die Giftzähne ausgebrochen, und Schiwa füge, daß das gleiche auch
+der englischen Politik passieren möge.
+
+Jetzt, da Malatri gestorben ist, kann ich ruhig ausplaudern, wozu sie
+mir diente: Wenn die Nacht herniedersank, barg ich sie unter meinem
+Kleid, schlich in das Europäerviertel der Stadt und ließ Malatri in das
+Schlafgemach einer weißen Lady schlüpfen. Zischend richtete sich die
+Schlange auf, die Herrin schrie, die Hausbewohner liefen zusammen, um
+die Schlange zu erschlagen, -- und in dem allgemeinen Tumult fand ich
+Zeit und Muße, in den vornehmen Zimmern des Hauses ein wenig Umschau zu
+halten. Wenn ich dann meine Beute nach Hause brachte, pflegte Malatri,
+die kluge Brillenschlange, schon an der Pforte auf mich zu warten. Ich
+lobte sie, gab ihr Reis und süße Milch zu fressen, wickelte mich in
+meine Decke und schlief ausgezeichnet, wie eben ein Mensch schläft, der
+sich eines guten Gewissens und eines wohlgelungenen Einbruchsdiebstahls
+erfreut.
+
+Es ist merkwürdig, daß die Weißen so sehr vor einer Brillenschlange
+erschrecken, und es hängt sicherlich mit der törichten Furcht zusammen,
+die dieses dumme Volk vor dem Tode hat. Wir Hindus wissen, daß wir keine
+Stunde früher oder später sterben werden, als es uns vom Schicksal
+vorausbestimmt ist. Ist unsere Stunde noch nicht gekommen, so können uns
+Tausende von giftigen Schlangen beißen, ohne daß es uns schadet, -- ist
+aber unsere Zeit abgelaufen, so sterben wir an dem Stich einer Mücke, an
+dem Schlag eines Strohhalmes, an dem Biß eines Mehlwurms.
+
+Die Europäer begreifen das nicht, sie verbringen ihr ganzes Leben in
+Furcht und Sorge, in Angst und Selbstquälerei, sie scheuen den Tod,
+statt sich auf die Sterbestunde zu freuen, die sie von einem solchen
+selbstverpfuschten Leben erlöst.
+
+Das Schlimmste aber ist, daß diese weißen Menschen sich unterfangen, mit
+ihren niedrigen Anschauungen unser abgeklärtes Leben zu stören. Nicht
+nur daß sie uns die Witwenverbrennungen und das Ertränken der
+neugeborenen Mädchen verbieten, sie suchen auch bei Pestepidemien durch
+allerhand Vorschriften, die sie »sanitäre Maßregeln« nennen, den Gang
+des Schicksals zu ändern. Ein ebenso vergebliches wie fluchwürdiges
+Unternehmen.
+
+Sie verbieten uns in solchen Jahren, von dem Wasser des heiligen Stromes
+zu trinken, -- weil Aussätzige darin baden, und weil wir die Kadaver der
+heiligen Tiere in diesen Strom zu werfen pflegen.
+
+Sie glauben eben nicht an das Schicksal, nicht an die Macht Schiwas,
+sondern nur an die Macht des Goldes, und deshalb ist es ein gutes Werk,
+ihnen das Gold wegzunehmen.
+
+Ich aber füge mich nur dem Schicksal. Will es das Schicksal, so habe ich
+heute satt zu essen, -- will es das Schicksal, so hungere ich. Zeitweise
+verdinge ich mich einem Europäer als Boy. Will es das Schicksal, so
+gelingen mir meine Betrügereien gegen ihn, und er gibt mir obendrein ein
+gutes Zeugnis, das ich durch einige eigenhändige Zeilen noch verbessere,
+-- will es das Schicksal anders, so erwischt er mich beim ersten Betrug
+und verprügelt mich, daß ich nicht mehr weiß, was hinten und vorne ist.
+Beides ist mir recht.
+
+Finde ich in der Tasche eines Fremden eine Geldbörse, und will es das
+Schicksal, daß sie wohlgefüllt ist, so behalte ich sie, -- will es aber
+das Schicksal, daß sie leer ist, so trage ich sie zur Wache.
+
+Alle Hindus sind in dieser Verehrung des Schicksals einig, und nur über
+#einen# Punkt herrscht zwischen mir und meinen Brüdern eine
+Meinungsverschiedenheit: Jene behaupten, es sei das höchste Glück der
+Erde, auf dem Rücken zu liegen und in die Sonne zu blinzeln, ich aber
+sage, es ist ein noch größeres Glück, dabei auf dem #Bauch# zu liegen.
+
+Nun, das sind eben verschiedene Weltanschauungen, über die sich nicht
+streiten läßt.
+
+Solche Gedanken ballten sich hinter meiner Stirne, als ich an jenem
+denkwürdigen Tage des Abschieds von meinem ehrwürdigen Vater die Straßen
+hinabeilte, um Malatri, die Brillenschlange, zu holen. Da hemmte ein
+ungewohnter Aufzug meine Schritte.
+
+Wohl zwanzig junge Europäer, in Reihen zu drei und drei aufgestellt,
+kamen des Wegs daher, begleitet von einer weinenden Frau und von Jim
+Boughsleigh, dem Soldaten, der sie mit geladenem Gewehr bewachte.
+
+Ich weiß nicht, ob Ihr Jim Boughsleigh kennt? Wenn Ihr ihn #nicht#
+kennt, habt Ihr jedenfalls nicht viel verloren. Er ist ein
+langgeschossener dürrer Mensch mit einer Nase, die an Wochentagen sanft
+rosa, Sonntags aber ins Bläuliche schillert. Wie er mir erzählte, ist er
+in Southampton geboren worden, verlebte aber viele Jahre in einem
+Städtchen namens Arbeitshaus und trat schließlich in die Kolonialarmee
+ein, weil sich seine langen Beine so gut zum Laufen eignen.
+
+Als ich Jim Boughsleigh kennen lernte, befand er sich gerade in heiligem
+Zustand. Er lag auf der Straße, streckte alle viere von sich und gab auf
+keine Frage Antwort. Seine Seele weilte auf Urlaub im Paradies.
+
+Ich habe ihn später noch öfter in diesem heiligen Zustand angetroffen,
+und ich habe beobachtet, daß er dabei stets eine leere Flasche bei sich
+hatte, auf der »Whiskey« stand. Einmal war noch ein wenig heiliges
+Wasser in dieser Flasche, ich zog sie ihm aus der Tasche, setzte sie an
+den Mund, trank -- und warf die Flasche entsetzt fort, denn es saß ein
+brennender Dämon darin.
+
+Von dem Klirren der Flasche erwachte Jim Boughsleigh, ächzte und sprach
+die heiligen Worte: »Mich is schlecht! Very hundsmiserabel is mich!«
+
+Späterhin, als wir uns etwas angefreundet hatten, wollte Jim Boughsleigh
+auch #mir# von seinem heiligen Wasser zu trinken geben. Aber ich lehnte
+ab, weil in den Vorschriften unserer Religion kein Gebot enthalten ist,
+Dämone zu trinken. Und weil ich der Ansicht bin, daß der Genuß des
+Wassers vom heiligen Strom in Benares, obwohl Pestkranke darin baden und
+Tierleichen darin schwimmen, lange nicht so viel Schaden auf der Welt
+anrichtet als der Genuß des heiligen Whiskeywassers.
+
+Jim Boughsleigh war ein Narr wie alle Europäer. Befand er sich in
+unheiligem, nüchternem Zustand, so fand er nicht genug Worte des Lobes
+für seinen Stand und seinen Herrscher. Er blähte sich auf wie ein
+Kalkuttahahn und krähte:
+
+»Ich bin ein Soldat Seiner Majestät des Königs von England, des Kaisers
+von Indien! _God save the King!_«
+
+»Ist dein König sehr mächtig?« frug ich ihn.
+
+»Der mächtigste König der Welt! Von Rechts wegen sollte ihm die ganze
+Erde gehören!«
+
+»Wieviel Frauen hat er denn?« erkundigte ich mich weiter.
+
+»Schafskopf! Eine einzige!«
+
+Da dachte ich mir meinen Teil. -- Ein König, der sich nur eine einzige
+Frau leisten kann, kann nicht gar so reich sein! Jeder indische Fürst
+hat ein paar hundert.
+
+Aber ich wollte nicht vorschnell urteilen, denn ich bin ein Hindu und
+kein Europäer, und deshalb fuhr ich fort zu fragen:
+
+»Wieviel Elefanten hat dein König in seinem Stall?«
+
+»Gar keine! Esel!«
+
+»Welcher Kaste gehört dein König an?«
+
+»Bei uns gibt es nur eine Kaste, die der Gentlemen!«
+
+Ich dachte mir: »O weh! Wer verbergen muß, welcher Kaste er angehört,
+der kann nicht weit her sein! Am Ende gehört er zur Kaste der
+Wasserträger?« Und ich rümpfte in Gedanken meine Nase.
+
+Aber weil ich ein gründlicher Mensch bin, stellte ich eine letzte Frage:
+
+»In welchem Tempel wird dein König verehrt?«
+
+Da lachte Jim Boughsleigh herzlich und sagte:
+
+»In einem großen Tempel, dem größten Heiligtum der Engländer: es heißt
+#die Börse#!«
+
+Das imponierte mir gewaltig, und ich habe seitdem tiefe Ehrfurcht vor
+dem König von England. Und ich denke mir: wenn er auch keine heiligen
+#Elefanten# besitzt, so wird er doch genug heilige #Affen# in seiner
+Umgebung haben.
+
+In solchen Tönen pflegte Jim Boughsleigh seinen Herrscher und seinen
+Soldatenberuf zu lobpreisen, wenn er seine unheiligen Stunden hatte.
+Befand er sich hingegen in heiligem Zustand, so schimpfte er auf seinen
+King und auf seine sämtlichen Vorgesetzten mit einer Überzeugungskraft,
+daß einem Angst und Bange werden konnte, und er verglich sie mit Tieren,
+von denen ich noch nie etwas gehört hatte.
+
+Dies also war Jim Boughsleigh, der an jenem Tage mit geladenem Gewehr
+als Wächter der Weißen des Wegs daherkam.
+
+Als er mich erblickte, grinste er über das ganze Gesicht, so daß ich
+seine Zähne sehen konnte, soweit sie ihm seine Kameraden noch nicht
+eingeschlagen hatten, und winkte mir mit den Blicken, näher zu treten.
+
+Ich dachte mir: »Mögen sämtliche Dämonen in deine Eingeweide fahren!«,
+machte eine tiefe Verbeugung und näherte mich in demütiger Haltung,
+indem ich um Auskunft bat: »Wer sind diese weißen Sahibs?«
+
+»Das sind Deutsche!« grinste Jim Boughsleigh und fügte einen greulichen
+Fluch hinzu, den ich aber nicht wiederholen mag, denn ich bin ein Hindu
+und kein kultivierter Europäer.
+
+»Bringst du sie an den Dampfer?« frug ich.
+
+»Nein, ins Gefängnis!«
+
+»Was haben sie denn verbrochen?«
+
+»Sie sind Deutsche!«
+
+Da machte ich ein sehr beileidsvolles Gesicht, innerlich aber lachte ich
+mir einen Ast: Haha, fangen die Weißen an, sich gegenseitig
+einzusperren? Das ist recht! Schade, daß sie nicht früher damit
+angefangen haben!
+
+»Ist es denn ein Verbrechen, ein Deutscher zu sein?« frug ich weiter.
+
+Da hob einer der Gefangenen, der unser englisch geführtes Gespräch
+verstanden hatte, den Kopf, betrachtete Jim unsäglich verachtungsvoll
+und sagte: »Es ist ein #Glück#, ein Deutscher zu sein!«
+
+Das gefiel mir von ihm, denn jeder Mensch soll stolz auf seine
+Abstammung sein, wenn er auch nur ein Weißer ist. Dem Jim Boughsleigh
+aber gefiel es gar nicht, er nahm sein Gewehr und stieß dem Gefangenen
+den Kolben in den Rücken, daß sich vor Wut und Schmerz sein Gesicht
+verzerrte.
+
+Ich verstand die ganze Geschichte nicht und erkundigte mich deshalb:
+»Edler Jim, seit wann sperrt man denn die Deutschen ein?«
+
+»Seit der Krieg ausgebrochen ist! Weißt du, was das ist: "Krieg"?«
+
+Innerlich mußte ich wieder furchtbar lächeln über diese eingebildete
+Frage. Ist es nicht zum Kugeln: ein englischer Soldat fragt mich, einen
+Hindu der Kriegerkaste, ob ich wüßte, was »Krieg« ist?
+
+Aber weil mein Gesicht nicht dazu da ist, meine Gedanken
+widerzuspiegeln, blieb ich äußerlich ernst und sprach: »Ein Krieg ist,
+wenn zwei Männer sich in ehrlichem Kampfe gegenübertreten, um ihre
+Kräfte zu messen, so daß man sehen kann, welcher von beiden der Stärkere
+und Tapferere ist!«
+
+Da wieherte Jim Boughsleigh wie eine Eselin, der etwas Spaßhaftes
+eingefallen ist, und prustete: »Mensch, nein, bist du komisch! In einem
+modernen Krieg sieht man den Gegner meist überhaupt nicht! Auf viele
+tausend Meter schießt man auf ihn mit Kanonen, deren Geschosse den
+Kuckuck danach fragen, ob du tapfer oder feig bist! Wenn dich ein
+Granatsplitter auf den Kopf trifft, bist du einfach kaputt, ob du nun
+ein Riese Goliath oder ein Schneidermeister Fips bist! Wen's trifft, das
+ist Zufall!«
+
+Mich ärgerte dieses dumme Gerede. Ich wußte zwar nicht, was ein Kuckuck
+oder ein Granatsplitter ist, noch kenne ich den Riesen Goliath oder den
+Schneidermeister Fips, aber ich weiß, daß nichts auf dieser Welt
+#Zufall# ist, sondern alles vorausbestimmtes Schicksal. Wen ein
+Granatsplitter (oder wie das Ding heißt) treffen soll, den kann es
+mitten im Frieden treffen, wenn es das Schicksal so will.
+
+Ich hätte das Jim Boughsleigh auseinandersetzen können, -- aber wozu mit
+einem Weißen streiten? Wenn ein Weißer merkt, daß er unrecht hat, fängt
+er an zu schreien, zu prügeln und irgendeine geheime Rache zu brüten.
+
+Während ich mich freue, wenn ich einen Klügeren antreffe, der mir von
+seiner Weisheit mitteilt, ärgert den Weißen nichts ingrimmiger, als wenn
+er einen Klügeren findet. Der Weiße ist so maßlos eitel, daß er jede
+Überlegenheit seines Nächsten wie eine persönliche Kränkung empfindet,
+daß er den faulen Durchschnitt liebt und jeden, der darüber emporragt,
+mit seinem Haß zu verkleinern sucht. Und daher kommt es, daß in Europa
+die Dummköpfe das große Wort führen.
+
+Ich sparte mir also die Mühe, Jim Boughsleigh aufzuklären darüber, daß
+es kein alberneres Wort gäbe als das inhaltlose Wort »Zufall«, ich
+machte wieder eine Verbeugung, bei der ich mir allerhand dachte, und
+wollte meines Weges gehen, als mich Jim zurückhielt.
+
+»Hast du heute abend Zeit?« meinte er. »Ich habe mit dir Wichtiges zu
+sprechen!«
+
+»Heute ist ein Festtag,« gab ich zurück. Denn ich hatte in der Tat die
+Absicht, mir mit Malatri, der Brillenschlange, einen Festtag zu machen.
+
+»Und morgen?« forschte Jim Boughsleigh.
+
+»Morgen wird mein ehrwürdiger Vater gehenkt! Aber übermorgen stehe ich
+zu deinen Diensten, Herr!«
+
+»Also übermorgen abend nach sechs Uhr am heiligen Teich! Sei pünktlich:
+es handelt sich um etwas sehr Wichtiges für dich!«
+
+»Ich werde zur Stelle sein, edler Jim!«
+
+Ich warf noch einen Blick auf die deutschen Gefangenen, von denen einer
+eine Bemerkung in einer mir unverständlichen Sprache machte, über die
+sie alle herzlich lachten, und bog in eine Nebengasse ein.
+
+Verwunderung hatte mich erfaßt, denn ich hatte es noch niemals erlebt,
+daß Weiße, auch wenn sie im Unglück sind, heiteren Gemütes bleiben.
+
+Noch mehr aber wunderte mich die Ankündigung Jims. Was mochte er wohl so
+Wichtiges mit mir zu sprechen haben? Es war das erstemal, daß er sich
+förmlich mit mir verabredete, und ich folgerte daraus, daß er mich zu
+irgend etwas notwendig brauchte.
+
+Was konnte es nur sein? Ich argwöhnte Böses, -- haben doch die
+Engländer, so weit ich zurückdenken kann, uns Indern nur Böses angetan.
+
+Je länger ich in Zweifeln nachdachte, desto aufgeregter wurde ich, --
+nicht vor Todesangst, denn die Todesangst ist ein Gefühl, das uns die
+Engländer nicht beibringen werden, und wenn sie uns noch so lange
+zivilisieren, sondern vor Betrübnis, man werde mich vielleicht zu
+irgendeiner Schlechtigkeit zwingen wollen.
+
+Als ich in meiner Lehmhütte anlangte, war ich vor Nachdenken ganz
+erschöpft. Ich beschloß, meinen Beutezug mit Malatri, der
+Brillenschlange, auf eine andere Nacht zu verschieben, wusch mich,
+verrichtete meine Gebete und wickelte mich in eine Decke. Aber es
+dauerte lange, bis mich weiche Hände in das Reich der Träume trugen,
+denn mich marterte die Frage: »Was mag nur Jim Boughsleigh von dir
+wollen?« ...
+
+ * * * * *
+
+So weit war mein Freund, der Hindu, in seiner Erzählung gekommen, als
+die Krankenschwester an das Bett trat und mich leise bat, meinen
+heutigen Besuch zu beendigen: der Kranke müsse nun schlafen.
+
+Ich verabschiedete mich von Mister Galgenstrick mit einem lächelnden
+Kopfnicken, da ich wußte, daß ihm jede körperliche Berührung mit einem
+Weißen peinlich war.
+
+Mister Galgenstrick hob zum Abschiedsgruß seine linke Hand, um sie über
+die Brust zu legen. Diese Bewegung aber löste bei ihm einen heftigen
+Hustenanfall, begleitet von Blutspucken, aus, so daß die
+Krankenschwester ihn stützen mußte. Sie reichte ihm Kochsalz zu
+schlürfen, er lehnte es aber mit einer halb traurigen, halb trotzigen
+Kopfbewegung ab.
+
+Ich eilte nach Hause, um meine stenographischen Aufzeichnungen in
+Reinschrift zu übertragen. Die ganze Nacht hindurch schrieb ich, und
+wenn ich »Galgenstricks« Erzählungen vielleicht stellenweise nicht ganz
+wortgetreu wiedergegeben habe, so liegt das in erster Linie an dem
+närrischen englischen Kauderwelsch, das er sprach.
+
+Als ich am nächsten Mittag das Lazarett wieder besuchte, mahnte mich auf
+dem Korridor die Krankenschwester, unseren Patienten nicht zu
+überanstrengen.
+
+»Er darf nicht so viel reden. Es greift ihn zu sehr an!«
+
+Ich versprach, nicht länger als eine Stunde zu bleiben.
+
+Um dem Kranken eine Freude zu machen, hatte ich ihm einige Photographien
+indischer Landschaften und Gebäude mitgebracht, die ich aus Büchern
+meiner Bibliothek herausgerissen hatte. Er betrachtete die Bilder lange
+schweigend, bat mich dann durch eine Geste, sie unter sein Kopfkissen zu
+legen.
+
+Ich glaube, ich bin durch dieses kleine Geschenk sehr in seiner Achtung
+und Neigung gestiegen. Wenigstens ließ er sich diesmal nicht lange
+bitten, mir zu erzählen, deutete vielmehr gleich auf meine weißen
+Notizblätter und den wohlgespitzten Bleistift, gab der Krankenschwester
+ein Zeichen, sich zu entfernen, und begann:
+
+ * * * * *
+
+In den nächsten zwei Tagen nach dem Zusammentreffen mit Jim Boughsleigh
+stellten sich einige Änderungen im gewöhnten Leben Bombays ein. Man sah
+mehr Soldaten als sonst auf den Straßen, besonders viel mohammedanische
+Truppen. Vor dem Klubgebäude der Deutschen standen bei Tag und Nacht
+Wachen, und kein Deutscher konnte dieses Haus verlassen, ohne daß ihm
+ein Wächter gefolgt wäre.
+
+Es konnte sich dabei übrigens nur um ältere Männer und Frauen handeln,
+denn die jungen Männer waren alle eingesperrt worden. Besonders scharf
+waren die Wachen am Hafen. Niemand durfte herein oder hinaus, ohne daß
+er kontrolliert worden wäre. Mein Freund Lapalogi verdiente in jenen
+Tagen ein Vermögen mit dem Ausstellen falscher Pässe.
+
+Es bekam ihm leider schlecht, denn ein Konkurrent verriet ihn den
+Engländern, und diese stellten ihn als Zielscheibe an die nächste Wand,
+was er so schlecht vertragen konnte, daß er umfiel und tot war. Er war
+ein sehr talentvoller Mensch.
+
+Die Europäer nannten ihn zwar einen Schuft, aber das war sehr ungerecht.
+Allerdings wurde er, kaum dreißigjährig, wegen seiner Fälschungen
+erschossen, -- wäre er aber ehrlich gewesen, so wäre er vermutlich schon
+zehn Jahre zuvor verhungert. Seine Werke werden ihn lange überdauern,
+besonders das falsche Papiergeld, das er meisterhaft herzustellen
+verstand.
+
+Auch ich hatte in diesen Tagen einen bescheidenen Nebenverdienst. Ein
+junger Deutscher ersuchte mich nämlich, ihm gegen eine Belohnung von
+zwölf Rupien das Gewand eines Mohammedaners zu verschaffen, in dem er
+sich nach seiner Heimat durchschmuggeln wollte. Das Schicksal wollte es,
+daß ich noch am selben Tag das gewünschte Kleid stehlen konnte. Ich ließ
+mir vierzehn Rupien dafür bezahlen und schwor, daß ich nichts dabei
+verdiente.
+
+Ich weiß, daß es bei euch Weißen als verboten gilt, seinem Nachbar die
+Kleider zu stehlen. Bei euch darf man seinem Nächsten höchstens die
+Arbeitskraft, die Gesundheit, die Lebensfreude stehlen. Ich habe viel
+darüber nachgedacht, aber ich bin zu keinem Resultat gekommen, wo der
+erlaubte Diebstahl aufhört und der verbotene Diebstahl anfängt. Die
+Frage ist mir zu schwierig, und ich unterscheide deshalb lieber zwei
+#andere# Arten Diebstähle, nämlich: Diebstahl von Sachen, die man
+gebrauchen kann, und Diebstahl von Sachen, die man #nicht# gebrauchen
+kann.
+
+Wenn ich ein Gesetzgeber wäre, würde ich nur die letztere Art bestrafen.
+
+Noch eine andere Neuerung beobachtete ich in jenen Tagen in den Straßen
+der Stadt. Es wurden in jedem Stadtteil einige Häuser mit englischen
+Fahnen geschmückt und mit Bildern aus dem Soldatenleben geziert, auf
+denen in großen Buchstaben stand: »_Come in!_«
+
+Wir Eingeborenen lasen mit viel Interesse diese Aufforderung
+hereinzukommen -- und blieben draußen.
+
+Was ging uns dieser neue europäische Unsinn an?
+
+Wenn die Weißen sich gegenseitig totschlagen wollen, so bin ich damit
+vollkommen einverstanden, und ich will gerne dafür beten, daß jede
+Partei unterliegt. Aber weiter will ich nichts damit zu tun haben. Habe
+ich nicht recht?
+
+Pünktlich zur vereinbarten Stunde machte ich mich auf den Weg, um am
+heiligen Teich mit Jim Boughsleigh zusammenzutreffen. Malatri, die
+Brillenschlange, nahm ich in einem Sacke mit, denn ich beabsichtigte, in
+dieser Nacht wieder einmal meine Vermögenslage gründlich zu verbessern.
+
+Ich machte einen kleinen Umweg, der mich an dem Regierungspalast
+vorbeiführte. Vor diesem Gebäude drängten sich viele, viele Weiße, und
+am Fenster stand ein Mann und las von einem Blatt mit hoher Fistelstimme
+eine Nachricht vor: »Die Russen sind gestern in Berlin eingezogen, die
+Franzosen stehen in Koblenz.«
+
+Als die Weißen diesen Satz hörten, brachen sie in tollen Jubel aus,
+umarmten sich, küßten sich und sangen »_God save the King!_«.
+
+Ich wußte nicht, wer die Russen und Franzosen sind, ich weiß auch nicht,
+was sie in Berlin und Koblenz zu suchen haben, und ob dies fremde Inseln
+oder Schiffe sind, jedenfalls aber schloß ich aus der allgemeinen
+Freude, daß das, was der Mann am Fenster vorgelesen hatte, ein sehr
+guter Witz gewesen sein muß.
+
+Sogar ein paar junge Deutsche, die man gerade von frisch angekommenen
+Schiffen über den Platz ins Gefängnis führte, lachten hell auf und
+riefen: »Reuter-Meldung!«
+
+Ich überließ die Europäer ihrer Heiterkeit und beeilte mich, an den
+heiligen Teich zu kommen.
+
+Jim Boughsleigh wartete schon auf mich. Er saß am Rande des Teiches, und
+ich bemerkte mit Mißfallen, daß sich sein Bild in dem heiligen Wasser
+spiegelte.
+
+Bei den Begrüßungsworten traf mich sein Atem, und ich fühlte sogleich,
+daß er schon mehrfach aus seiner Flasche genippt hatte und daß er auf
+dem besten Wege war, wieder seine heiligen Zustände zu bekommen.
+
+Es war ein prächtiger Abend, der Himmel ein einziges blaues faltenloses
+Tuch, die Palmen tauschten heimliche Zärtlichkeiten mit dem milden Wind,
+Vögel lockten sich und sangen sich in ihrer zwitschernden Sprache
+Liebesgedichte, Ratten huschten und spielten.
+
+Es war einer der Abende, an denen man fühlt, daß die guten Götter doch
+mächtiger sind als die bösen Dämonen.
+
+Ich legte den Sack mit Malatri, der Brillenschlange, neben mich, beugte
+mich zu dem heiligen Teich nieder, grüßte mit den Blicken die Frommen,
+die darin die vorgeschriebenen Waschungen vornahmen, und schöpfte eine
+Handvoll Wassers. Als ich sie zum Munde führte, entdeckte ich darin -- o
+günstiges Zeichen! -- eine Wasserspinne. Ich setzte sie sorgsam in das
+Naß zurück und trank meine Hand leer.
+
+Jim Boughsleigh grinste, und ich konnte mir wohl denken, warum. Er
+verstand es nicht, daß man so viel Wesens mit einer Spinne machen
+konnte. Die Weißen werden uns in dieser Beziehung nie verstehen, sie
+begreifen nicht, daß in den Tieren menschliche Seelen wohnen, daß alles,
+was lebt und webt, ihresgleichen ist, sie haben den Zusammenhang mit der
+Natur verloren. Sie haben der Natur den Krieg erklärt, ohne zu ahnen,
+daß sie damit sich selbst den Krieg erklärt haben, da sie doch nur ein
+Teil der Natur sind. Sie gleichen einem Schilfrohr, das stärker sein
+will als der Wind. Und weil sie sich selbst taub gemacht haben gegen die
+Stimmen der Natur, hören sie nicht, wie es rings um sie kichert und
+spöttelt. Manchmal aber schwillt das Kichern der Natur zu einem
+gellenden Hohnlachen an, und dann sagen die Weißen: »Es war ein
+Erdbeben!« oder: »Ein Vulkan hat Feuer gespieen!«
+
+Sie sind wirklich verächtliche Narren, diese Weißen!
+
+Jim Boughsleigh tat einen tiefen Schluck aus seiner Flasche und reichte
+sie mir dann, damit ich seinem Beispiel folge. Ich lehnte ab, aber da
+hob er die Faust und schrie: »Sauf, Hindu!« Und weil er der Stärkere
+war, wollte es das Schicksal, daß ich trank.
+
+Jim steckte seine Pfeife in den Mund, zog die Streichhölzer hervor, und
+weil seine Hand bereits etwas unsicher war, sah ich mit Freude, daß er
+mit dem brennenden Streichholz unter seiner Nase herumfuchtelte, was ihm
+einen Brüller des Schmerzes entlockte.
+
+Endlich brannte seine Pfeife, und er hub an: »Hast du die Deutschen
+gesehen, die ich ins Gefängnis brachte?«
+
+»Ja, Herr! -- Was habt ihr Engländer mit ihnen vor? Laßt ihr sie
+hungern?«
+
+Jim grölte vergnügt. »Offiziell nicht!« versicherte er. »Nur
+inoffiziell! Offiziell sind wir ein Kulturvolk! -- Wie hat dir der
+Anblick gefallen, mein Lieber?«
+
+Ich witterte eine Falle. Weshalb frug Jim nach meiner Ansicht? Haben die
+Engländer uns etwa nach unserer Ansicht gefragt, als sie uns unser Land
+wegnahmen und als sie unsere Brüder vor ihre Kanonen banden? Ich
+beschloß also, vorsichtig zu sein, und erwiderte achselzuckend: »Was
+gehen mich die Deutschen an?«
+
+»Du bist ein Affe!« knurrte Jim und spuckte in den heiligen Teich.
+
+Daß er mich mit einem Affen verglich, machte mich doppelt mißtrauisch.
+Weshalb schmeichelte er, wenn er nicht die Absicht hatte, mich zu
+betrügen?
+
+»Du bist ein Affe!« wiederholte Jim Boughsleigh. »Was dich die
+verdammten Deutschen angehen? Sehr viel gehen sie dich an! Weißt du denn
+nicht, daß die Deutschen die verbissensten Feinde der Hindus sind?«
+
+Das war mir neu. Ich habe einmal als Boy bei einem deutschen Reisenden
+gedient, er hat mir ein ausgezeichnetes Zeugnis gegeben und ich habe für
+seine goldene Uhr fünf Rupien bekommen; auch hat er mir im Laufe eines
+Monats nur siebzehn Fußtritte gegeben, während ich durchschnittlich von
+den Engländern die doppelte Portion in einer Woche erhalte, -- nein, ich
+hatte damals nichts gegen die Deutschen.
+
+»Wieso sind die Deutschen die Todfeinde des Hindus?« frug ich nach
+einigem Nachdenken.
+
+»Trink noch einmal!« gab mir Jim Boughsleigh zur Antwort und zwang mir
+die Flasche in die Hand, nachdem er selbst längere Zeit daran gesogen
+hatte. »Trink, Junge, aber nicht solche Säuglingsschlucke, sondern
+ordentlich! -- Weshalb die Deutschen deine Feinde sind? Eine verdammt
+dumme Frage!«
+
+Ich fand, daß dies eigentlich weit mehr eine verdammt dumme #Antwort#
+sei, und schwieg.
+
+Jim Boughsleigh qualmte eine dicke Wolke aus seiner Pfeife. Seine langen
+Beine baumelten in das Wasser des Teiches, aber sein Zustand war bereits
+so heilig geworden, daß er es nicht bemerkte. Er spuckte noch einmal aus
+und sagte:
+
+»Die Deutschen wohnen weit, weit von hier in einem eisig kalten Land. Es
+ist dort so kalt, daß sie alle erfrieren müßten, wenn sie nicht -- hm --
+(Jim bohrte sich in der angebrannten Nase) -- wenn sie nicht
+#Menschenfleisch# fräßen!«
+
+Mich erfaßte ein Schauder ob solcher Freveltat.
+
+»Bleib nur sitzen,« ermahnte mich Jim. Er griff sich mit der Rechten
+krampfhaft in die Magengegend, stöhnte leise: »O, mich is very
+hundsmiserabel,« und fuhr mit erhobener Stimme fort: »Ja,
+Menschenfleisch frißt die Bande! Und willst du wissen, #was# für
+Menschenfleisch?«
+
+#Natürlich# wollte ich das wissen. »Engländerfleisch?« schrie ich
+entsetzt.
+
+»Auch das!« belehrte mich Jim. »Aber nur am Geburtstag und bei
+Hochzeitsfeiern! An Wochentagen fressen sie #Hindufleisch#! Beefsteaks
+aus Hindufleisch!«
+
+Ich war sprachlos. Wer hätte das von den Deutschen gedacht? Sie hatten
+mir bisher einen für Europäer ganz anständigen Eindruck gemacht. -- Aber
+traue einer den Weißen!!
+
+Was mir Jim Boughsleigh da erzählte, war so schrecklich, daß ich es nur
+langsam fassen konnte.
+
+Nicht daß die Deutschen die Hindus schlachteten, schien mir das
+Grauenvolle, denn es ist gleichgültig, welchen Tod man stirbt. Aber daß
+sie die toten Körper aufaßen, statt sie nach den Geboten unserer
+Religion zu #verbrennen#, das überstieg alle Grenzen der Menschlichkeit.
+
+Ich #konnte# nicht glauben, was mir Jim erzählte. Aber er beteuerte mir:
+»Ich will ein Lump sein, wenn ich nicht die Wahrheit spreche! Sogar hier
+im Gefängnis haben die verdammten Deutschen Hindufleisch verlangt. Ganze
+Berge Konservenbüchsen davon hat man im Deutschen Klub gefunden!«
+
+Ich ächzte wie ein verwundetes Tier. Jim Boughsleigh sah es mit
+Befriedigung.
+
+»Gibt es denn in Deutschland Hindus?« frug ich.
+
+Jim glotzte mich einen Augenblick verdutzt an, dann sagte er mit
+überlegener Miene:
+
+»Massenhaft!! Jeder Deutsche hält sich seinen Hindu! Und füttert ihn mit
+Fleisch, bis --«
+
+»Mit Fleisch?« schrie ich auf. »Mit Fleisch? Wissen sie denn nicht, daß
+es nur den Hindus der #Kriegerkaste# erlaubt ist, Fleisch zu essen?«
+
+»Natürlich wissen sie das! Aber das ist den Schuften ganz gleichgültig!
+Krokodilfleisch geben sie den Hindus zu essen, deutsches
+Krokodilfleisch, weil das am billigsten ist! Na, trinken wir noch eins!«
+
+Er zog wieder einen langen Schluck und reichte mir die Flasche.
+
+Ich glaube, ich habe noch nie einen Menschen so ingrimmig gehaßt, wie
+ich in diesem Augenblick die Deutschen haßte.
+
+»Es ist nicht anders möglich,« murmelte ich dumpf, »die Deutschen sind
+keine Menschen, sondern böse Dämonen!«
+
+Jim Boughsleigh dämpfte seine Stimme zum Flüsterton:
+
+»Ich wollte es dir nicht sagen, aber da du es von selbst erraten hast:
+ja, sie sind böse Dämonen!«
+
+»So nehmen sie auch des Nachts Tiergestalt an?«
+
+»Mit Vorliebe! Das ist eine Spezialität von ihnen! Sie verwandeln sich
+des Nachts in -- in -- ja, wie gesagt -- sie verwandeln sich -- in
+#Frösche#!«
+
+Mir schwindelte. »In Frösche?!«
+
+»Ja, mein Lieber, in grüne Frösche! Hast du schon einmal die Frösche
+#quaken# hören? Das ist die deutsche Sprache!«
+
+Das nahm mich nun wieder Wunder, denn ich hatte bisher die Empfindung
+gehabt, daß das Froschgequake viel mehr Ähnlichkeit mit der #englischen#
+Sprache habe als mit der deutschen.
+
+Wir schwiegen eine Weile, -- ich vor Erregung, Jim, weil ihm die Zunge
+von Satz zu Satz ungehorsamer wurde.
+
+Da ich nur lüge, wenn es mir etwas einbringt, will ich die Wahrheit
+sagen und eingestehen, daß an meiner Erregung nicht nur die Empörung
+über die deutsche Grausamkeit die Schuld trug, sondern auch der
+genossene Whisky. Der Dämon aus Jims Flasche war mir vom Magen in den
+Kopf geklettert und spielte dort mit meinem Gehirn jenes Spiel, das die
+Engländer Football nennen.
+
+»Fragst du nun immer noch, was dich die Deutschen angehen?« forschte Jim
+Boughsleigh und hantierte mit einem flackernden Streichholz unter seinem
+rechten Ohr herum, weil er dort seine Pfeife vermutete, die ihm ins
+Wasser gefallen war. Und heiser fuhr er fort:
+
+»Man muß sie ausrotten!«
+
+Ich nickte.
+
+»Ja, Herr, das muß man!«
+
+»Au verflucht!!« schrie Jim, weil sein Ohr in die Streichholzflamme
+geraten war. »Ausrotten muß man sie! Und #du# mußt dabei mithelfen, wenn
+du kein feiger Hund sein willst!«
+
+»Wieso ich?« stutzte ich. Eine Ahnung stieg mir auf.
+
+»So fragt ein Angehöriger der #Kriegerkaste#? -- Mit uns nach
+Deutschland mußt du --«
+
+»Damit sie mich dort #schlachten#?«
+
+»Oder du sie!«
+
+Jim wurde geradezu zärtlich. Er blickte mich liebevoll an, mit großen
+runden Whiskyaugen, und schwärmte schwelgend:
+
+»Du gehst mit nach Deutschland: o, es ist schön dort, die Sonne scheint,
+der Mond lacht, die Sterne --«
+
+»Aber es ist doch eiskalt dort?«
+
+»Unsinn!! Brühwarm ist es! Wo ist der Halunke, der behauptet, daß es
+dort kalt ist?« Er richtete sich kriegerisch auf.
+
+»Du #selbst# hast es doch vorhin gesagt, Herr,« wagte ich einzuwenden.
+»Die Deutschen fressen Hindufleisch, weil es so kalt ist!«
+
+»Ich selbst? -- Allerdings -- tja -- jawohl -- natürlich -- in der Tat
+es ist kalt dort -- scheußlich kalt -- widerwärtig kalt -- aber ...
+aber ... #Ach was, trinken wir noch eins!#«
+
+Er setzte wieder die Flasche an, ließ sie aber erschrocken fallen, denn
+in diesem Augenblick kam mit lärmender Musik ein Zug Menschen um die
+Ecke.
+
+Ich will hier nicht ausführlich meine Ansicht über die europäische Musik
+äußern, denn ich habe es längst aufgegeben, geschmackbildend auf die
+Weißen einzuwirken. Nur das eine will ich feststellen: daß man zwar mit
+einer Handtrommel und einer Flöte ganz liebliche Töne hervorbringen
+kann, wenn man hundertmal hintereinander dieselbe kurze Tonreihe spielt,
+daß aber natürlich nur ein ohrenbetäubender, sinnloser Lärm herauskommen
+kann, wenn nach Art der Weißen zwanzig Menschen und mehr gleichzeitig in
+verschiedenartige Instrumente hineinblasen.
+
+Gar nicht erst reden will ich von dem schwarzen Musikkasten, den die
+Weißen in ihren Wohnungen aufstellen, und auf dessen Tasten sie mit den
+Händen hin und herfahren. Ich will nur, zum Besten der Weißen, meine
+Entdeckung mitteilen, daß es bedeutend angenehmer klingt, wenn man,
+statt mit den Fingern auf die Tasten zu schlagen, mit dem Popo darauf
+herumrutscht.
+
+Mögen sich dies die weißen Musiklehrer merken!
+
+Der Zug, der mit Musik um die Ecke bog, war sehr lustig. Zuerst kam eine
+Militärkapelle, dann ein von mehreren Männern getragenes großes Bild,
+das einen tückisch aussehenden Kopf darstellte. Darunter stand »_Lord
+Kitchener wants you!_« und noch einmal in drei indischen Sprachen die
+Übersetzung: »Lord Kitchener braucht dich!« Den Schluß des Zuges
+bildeten Soldaten und lachende Eingeborene.
+
+Jim Boughsleigh salutierte, soweit es sein heiliger Zustand zuließ. Als
+er sich wieder setzte, hätte er mir beinahe den Sack mit Malatri, der
+Brillenschlange, in den Teich gestoßen.
+
+»Wer ist das?« frug ich, als der Zug vorbei war.
+
+»Wer?«
+
+»Der Lord Kitchener, der behauptet, daß er mich braucht?«
+
+Jim schnalzte mit der Zunge. »Das ist -- das ist der Kriegsgott der
+Engländer.«
+
+»Ist das am Ende derselbe Lord Kitchener, der den Mahdi vernichtet hat
+und Chartum einnahm?«
+
+»Unsinn! Das war ein ganz anderer -- das war sein Urenkel! Dieser Lord
+Kitchener ist ein mächtiger Gott!«
+
+Das schien mir nun wieder wenig glaublich, denn ich hatte auf dem Bild
+genau bemerkt, daß Gott Kitchener nur zwei Arme hatte, -- und bei uns
+haben die einfachsten Götter ihre sechs bis acht Arme.
+
+»Wozu braucht er mich denn?« tastete ich vorsichtig.
+
+»Um die verfluchten Deutschen zu vertilgen! Sei nicht dumm, Hindu, und
+komm' mit! So gut, wie du's bei den Soldaten hast, kannst du's nirgends
+haben: fast keine Arbeit, -- die Vorgesetzten tragen dich auf Händen und
+lesen dir jeden Wunsch von den Augen ab, -- und Geld kriegst du jede
+Woche einen Haufen!«
+
+Jim Boughsleigh verdrehte die Augen wie ein Händler, der einem dummen
+Reisenden ein aus Europa frisch importiertes Tonfigürchen als echte
+altindische Götterstatue anpreist. Er redete so eindringlich auf mich
+ein, daß mich Ekel vor ihm ergriff.
+
+Was hatte er nur? Daß mich die Europäer auf Händen tragen würden, das
+glaubte er wohl selbst nicht. Und daß sie mir viel Geld geben wollten,
+war verdächtig. Denn #viel# Geld geben die Engländer nur her, wenn sie
+etwas #Böses# wollen.
+
+»Na?« drängte Jim Boughsleigh ungeduldig. »Lieber Freund, wie ist's?
+Läuft dir das Wasser nicht im Munde zusammen? Fasse dein Glück beim
+Schopf! Ich rede mit dir wie ein Vater!«
+
+Das konnte mich schwerlich verlocken, denn wenn mein Vater mit mir
+redete, so nahm er dazu meist einen Riemen in die Hand. Ich versuchte,
+mit einer neuen Frage auszuweichen: »Sind denn die Engländer nicht stark
+genug, um die Deutschen #allein# zu besiegen?«
+
+»Natürlich sind sie stark genug, mein Herzchen! Es ist die reine Großmut
+von uns, wenn wir euch an dem Ruhm teilnehmen lassen wollen. Habe ich
+nicht auch meinen #Whisky# mit dir geteilt? -- Pah, die Deutschen!
+Feige, kraftlose Hunde sind sie --«
+
+»Aber du sagtest doch, sie seien mächtige Dämonen?«
+
+Jim Boughsleigh wurde wild.
+
+»Zum Teufel, höre mit deinen dummen Fragen auf! Es ist, wie ich dir
+sage! Und wenn du kein Narr bist, trittst du noch heute in die
+glorreiche Armee Seiner Majestät des Königs von England ein!«
+
+»Um nach Deutschland geschickt zu werden?«
+
+»Nein, nur nach Ägypten braucht ihr! Das ist ganz nahe von hier! Ein
+wunderschönes Land -- o, wie schön ist es dort -- Mumien, Pyramiden,
+Sphinxe -- na, trink noch mal!«
+
+Ich hatte genug gehört. Ich nahm den Sack mit Malatri, der
+Brillenschlange, rückte außer Prügelweite und erklärte: »Jim
+Boughsleigh, die Armee des Königs von England ist die herrlichste der
+Welt! Ich sehe es an dir! Aber ich bin ein Narr, ich bin ein
+verblendeter Narr; ich stoße mein Glück von mir und trete nicht ein. Ich
+bin nicht würdig, einer so herrlichen Armee anzugehören! -- Mögen die
+Götter dich schützen!«
+
+Mit diesen Worten sprang ich eilends auf und rannte mit dem Sack davon,
+so schnell ich konnte und ohne mich umzusehen.
+
+Jims Whiskyflasche flog mir dicht am Kopf vorbei und ich hörte ihn
+einige Wünsche ausstoßen, die durchaus nicht nach »lieber Freund« und
+»mein Herzchen« klangen.
+
+Ich hatte geglaubt, daß ich mit dieser schroffen Beendigung der
+Unterredung endgültig der Gefahr entronnen sei, Jim Boughsleighs
+Waffenkamerad werden zu müssen und nach fernen Ländern zum Kampf gegen
+die deutschen Dämonen verschickt zu werden.
+
+Ich wußte nicht, daß es mir vom Schicksal anders bestimmt war. Und
+seinem Schicksal kann keiner entgehen. Wohl vermagst du dich vor dem
+Arme der Menschen zu verbergen, aber es gibt kein Winkelchen auf Erden,
+wo du dich vor den Armen Schiwas verstecken könntest. Das bunte Treiben
+der Menschen gleicht dem Gewimmel eines Ameisenhaufens -- aber Schiwa
+kennt jede einzelne Ameise beim Namen und läßt sie keine Sekunde aus den
+Augen. Du glaubst dein Leben nach deinem Willen und deinen Trieben
+einzurichten und bist im Strome des Geschehens doch nichts anderes als
+ein Metallfischlein, das von einem unsichtbaren Magnetstab gelenkt wird.
+
+Als ich Jims Stimme nicht mehr hinter mir fluchen hörte, verlangsamte
+ich meinen Schritt. Mein Herz war schwer, und doppelt schwer dünkte mich
+daher auf meinem Rücken die Last des Sackes. Denn ein fröhliches Herz
+ersetzt dir tausend Sklaven, ein trüber Sinn aber legt dich in eiserne
+Fesseln.
+
+Ich gedachte der guten Lehren, die mein Vater mir gegeben hatte, ehe ein
+Hanfstrick ihm die Taille zwischen Kinn und Schultern zu eng schnürte,
+und ich wünschte mir inbrünstig: O, gäbest du mir auch jetzt einen
+deiner Ratschläge!
+
+Während ich diesen frommen Gedanken nachhing, fiel mein Blick auf einen
+Affen, der auf einer Palme kauerte und mich mit großen, klugen Augen so
+eindringlich ansah, daß mich wie eine Eingebung die Gewißheit
+durchzuckte: in diesem heiligen Tierleib wohnt deines Vaters Seele.
+
+Tränen feuchteten meine Augen, ich warf mich zu Boden und flehte: »Gib
+mir ein Zeichen, ob du mein Vater bist!«
+
+Mit angehaltenem Atem beobachtete ich, wie der heilige Affe eine
+Palmfrucht abriß, an ihr herumnagte und sie dann nach mir warf. Und da
+er genau meinen Kopf traf, so daß mir eine dicke Beule schwoll,
+zweifelte ich keinen Augenblick länger, daß ich in der Tat meinen
+ehrwürdigen Vater vor mir hatte.
+
+Ich flehte also weiter: »Bei dem Brummen meines Kopfes, in dem sich ein
+Bienenschwarm niedergelassen zu haben scheint, bitte ich dich, o Vater,
+mir zu bedeuten, ob mein heutiger Beutezug mit Malatri, der
+Brillenschlange, gesegnet sein wird?«
+
+Dreimal wiederholte ich diese Beschwörung, aber leider schien mein
+ehrwürdiger Vater seit seiner Hinrichtung etwas schwerhörig geworden zu
+sein. Der Affe kümmerte sich nicht weiter um mich, er drehte mir den
+Rücken und begann sich zu lausen.
+
+Mit Andacht folgte ich seinen Bewegungen, allein ich konnte ihnen
+keinerlei väterlichen Wink entnehmen, sei es, daß ich die Zeichensprache
+nicht verstand, sei es, daß die zunehmende Dämmerung meinen Blick
+trübte.
+
+Denn es war inzwischen dunkel geworden, in den Häusern der Weißen
+flammten die Lichter auf und drunten im Hafen hatten die großen
+Dampfschiffe ihre Flammenaugen aufgeschlagen und blinzelten zum Lande
+herüber.
+
+Ich liebe die Nacht. Es gibt nichts Schöneres als eine muntere Nacht,
+wenn man den Tag über gut ausgeschlafen hat. Und ich sage euch: ein
+Kluger kann in einer einzigen Nacht mehr stehlen, als zehn Dumme in
+zwanzig Tagen ausgeben können.
+
+So erhob ich mich denn, um das Haus zu suchen, in dessen Zimmern ich ein
+wenig aufzuräumen gedachte.
+
+Zuvor aber eilte ich nochmals in meine eigene Lehmhütte, um mit roter
+Farbe das Zeichen Schiwas auf meiner Stirne zu erneuern.
+
+Ach, der viele Whisky, den Jim Boughsleigh in meinen Magen genötigt
+hatte, trug die Schuld daran, daß dieses Zeichen zittrig und verklebt
+ausfiel. Und ich zweifle heute nicht mehr daran, daß mir Schiwa darob
+zürnte und nur aus dieser Ursache es fügte, daß der Abend ein so
+unseliges Ende nahm.
+
+ * * * * *
+
+Mister Galgenstrick machte eine Pause der Wehmut in seiner Erzählung. Er
+zog, schmerzlich stöhnend, die indischen Landschaftsbilder, die ich ihm
+mitgebracht hatte, unter dem Kopfkissen hervor, betrachtete sie, fuhr
+liebkosend mit den Händen darüber hinweg.
+
+Ich störte ihn nicht. Man darf diese seltsamen Menschen nicht in ihren
+Gedankenflügen unterbrechen, sonst werden sie argwöhnisch, und dann ist
+weder mit Güte noch mit Gewalt ein Wörtchen mehr aus ihnen
+herauszubringen.
+
+Wer aber zu schweigen versteht, bis ihre Gedanken aus Nebelschleiern
+sich zu Gestalten der Sprache verdichtet haben, dem schenken sie ihr
+Vertrauen und teilen ihm ungefragt mit, was ihren Geist beschäftigt. Sie
+hüten ihre Gedanken wie ein Rosenbeet und hetzen den Hund auf jeden, der
+sich ihm lüstern naht; fühlen sie aber, daß du ihr Freund bist, so
+brechen sie selbst die schönste Rose, um sie dir zu schenken.
+
+Endlich hatte Mister Galgenstrick sich wieder auf meine Anwesenheit
+besonnen, er versteckte die Bilder unter das Kopfkissen und sprach mit
+bitterer Erregung:
+
+ * * * * *
+
+O könnte ich diesen Abend des Schreckens aus meinem Leben streichen!
+Dann läge ich jetzt nicht bei euch verachteten Weißen mit durchlöcherter
+Achsel, vergeblich schmachtend nach dem einzigen Mittel, das mir helfen
+könnte: nach heiligem Kuhmist!
+
+Statt leblose Bilder meiner Heimat zu betrachten, o Herr, weilte ich in
+der Sonne Indiens, wäre vielleicht ein reicher Mann, hätte vier Frauen,
+die für mich arbeiten müßten, und könnte, Betel kauend, einem
+glückseligen Alter entgegenreifen.
+
+Aber ich will nicht murren, ich bin kein Europäer, der seine Torheiten
+verdoppelt, indem er sie bereut -- das Schicksal wollte es so, wie es
+geschah. Und nur eine einzige Sorge hält in dieser Stunde mein Herz mit
+Polypenarmen umklammert: daß, wenn ihr mich zu Tode geheilt haben werdet
+und ich gestorben bin, meine Seele in eurem rauhen Lande keinen heiligen
+Tierleib finden wird, in dem sie wohne. Denn ihr behandelt die Tiere
+schlecht, ihr schlagt und quält sie, und -- so unfaßbar es einem
+Inderohr klingen würde -- ich möchte bei euch noch lieber ein #Weib#
+sein als ein #Tier#!
+
+Aber auch dies will ich dem Schicksal überlassen, das mit verbundenen
+Augen und verstopften Ohren spöttisch lächelnd waltet.
+
+Den Sack mit Malatri, der Brillenschlange, auf dem Rücken tragend
+pilgerte ich aus dem Eingeborenenviertel der Stadt nach den Häusern der
+Weißen.
+
+Ich hörte Malatri rascheln, als freue sie sich, mir wieder einmal ihre
+Treue beweisen zu können.
+
+Der Dämon, der aus der Whiskyflasche in meinen Kopf gekrochen war,
+schien besserer Laune zu werden: während er bisher in meinem Gehirn
+grollend rumort hatte, begann er jetzt lustig mit den Beinen zu
+strampeln, so daß mir mit einem Male gar fröhlich zumute ward. Es kam
+hinzu, daß die Bäume und Häuser gar possierliche Knixe machten, und ein
+großes Gebäude nahm sogar grüßend sein Dach wie einen Hut vor mir ab,
+schwenkte es in der Luft und setzte es wieder auf.
+
+Diese Heiterkeit erlitt nur für einen kurzen Augenblick eine
+Unterbrechung, als ich am Gefängnis vorbeikam. Da sah ich hinter einem
+vergitterten Fenster einen der Deutschen stehen, die ich drei Tage zuvor
+unter Jim Boughsleighs Bewachung geschaut hatte: er preßte seinen Körper
+ganz eng an das Gitter, richtete seine traurigen Augen gegen die Sterne,
+und sein Mund sang leise ein Lied, das ich seitdem oft habe von den
+Deutschen singen hören. Ich halte es für ein religiöses Lied, denn sie
+scheinen besondere Kräfte aus ihm zu schöpfen, und wenn sie es singen,
+tritt ein leuchtender Glanz in ihre Augen. Ich kann das Lied nicht
+wiederholen, denn die deutsche Sprache ist gar schwer für einen Hindu,
+aber die Anfangsworte sind mir im Gehirn haften geblieben, sie lauten:
+»Deutschland, Deutschland über alles!«
+
+Ich stand unter dem vergitterten Fenster, lauschte und ich wunderte
+mich, daß ein Mensch so viel Schmerz in ein Lied legen konnte,
+besonders, wenn er in einen Frosch verwandelt ist.
+
+Denn nachts verwandeln sich ja, wie ich damals glaubte, die Deutschen in
+Frösche.
+
+Aber ich durfte mich nicht lange mit Zuhören aufhalten, ich bin gewohnt,
+#vor# Mitternacht einzubrechen, und man soll seinen guten Gewohnheiten
+nicht untreu werden; ich schritt also weiter und rasch stellte sich
+meine Lustigkeit wieder ein.
+
+An einer Straßenecke standen zwei Wächter. Als ich genauer hinsah, war
+es nur einer. Er hielt mich fest und herrschte mich an: »Was hast du in
+dem Sack, Hindu?«
+
+»Eine giftige Schlange, Herr!« erwiderte ich. »Wenn du es nicht glaubst,
+so greife hinein!«
+
+Dazu aber hatte er keine Lust. Er drehte sich mißmutig um, und ich
+hörte, wie er knurrte: »Das Schwein hat einen Schwips!«
+
+Ich bog in einen Seitenweg ein, denn wenn ich einbreche, lege ich keinen
+Wert auf die Begleitung eines Wächters. Entweder sie nehmen einen fest
+oder, was noch schlimmer ist, sie verlangen die Hälfte der Beute. Wobei
+sie so brüderlich teilen, daß sie am Ende sieben Achtel der Beute haben.
+
+Ich musterte die Häuser und spähte, ob nirgends ein Fenster offen
+stünde?
+
+Die Weißen haben es nicht gerne, daß man durch das Fenster bei ihnen
+einsteigt. Das ist eines der Vorurteile, von denen sie sich nicht
+befreien können. Ich habe viele Menschen, die vom Reichtum zur Armut
+herabsanken, gefragt, und alle haben mir bestätigt, daß sie nicht durch
+Leute zugrunde gerichtet wurden, die durchs #Fenster# kamen, sondern
+durch Leute, die sehr freundlich durch die Türe eintraten und die nie
+vergaßen, bei ihren Besuchen ihre Visitenkarte abzugeben.
+
+Ich halte auch den Besuch eines Hindus, der eine Brillenschlange im Sack
+bei sich hat, für weit ungefährlicher als den Besuch eines Weißen, der
+die Giftschlange in der Brust trägt.
+
+Leider stand nirgends ein Fenster offen.
+
+Das hätte mich von meinem Vorhaben abhalten sollen, allein ich war zu
+gut gelaunt, um unverrichteter Dinge nach Hause zurückzukehren. Das
+Schicksal hatte eben mein Verderben beschlossen.
+
+Ein Haus, dessen unterstes Stockwerk im Dunkel lag, während im oberen
+Stockwerk noch ein Licht brannte, schien mir einer näheren Bekanntschaft
+würdig. Ich erinnerte mich, daß ich aus diesem Hause des öfteren hatte
+eine Lady kommen sehen, eine Witwe, die reich mit Schmuck beladen war.
+
+Wozu braucht eine Witwe Schmuck?
+
+Bei uns Hindus war es Sitte, daß sich die Witwen auf dem Scheiterhaufen
+des toten Gatten verbrennen ließen -- bei den Weißen scheint es Sitte zu
+sein, daß die Witwen nach dem Tode ihres Gebieters erst richtig zu leben
+beginnen. Kein Hindu wird sich einer Witwe nähern, die Weißen aber
+umgirren mit Vorliebe die Witwen -- besonders die Witwen, deren Mann
+noch lebt. Überhaupt ist es mir unverständlich, nach welchen Grundsätzen
+eigentlich die Weißen ihre Frauen behandeln. Der Hindu prügelt das Weib,
+das nichts arbeitet, -- der Weiße behängt es zum Lohn mit Schmuck. Ja,
+ich habe die Beobachtung gemacht, daß just diejenigen Frauen am
+üppigsten mit Schmuck behängt sind, die die meisten Prügel verdienen.
+
+Ich schlich ein paarmal um das Haus der Witwe, wobei ich das Heulen
+eines wilden Hundes so natürlich nachahmte, daß Malatri zu fauchen
+begann.
+
+Als sich im Hause nichts regte, kletterte ich zu einem Fenster des
+dunklen ersten Stockwerks empor und drückte die Scheibe ein. Das Klirren
+des Glases übertönte ich wieder durch Hundegebell.
+
+Der Dämon in meinem Kopf schien kein Freund von Kletterübungen zu sein,
+denn er wurde wieder ungemütlich. Aber ich hatte jetzt Besseres zu tun,
+als mich mit ihm auseinanderzusetzen.
+
+Ich war in einen finsteren Raum eingestiegen. Vorsichtig lauschend kroch
+ich auf dem Boden vorwärts, wobei ich den Sack mit Malatri vor mir
+herschob. Zwischen meine Zähne hatte ich ein langes Messer geklemmt.
+
+Nichts rührte sich.
+
+Ich gelangte auf eine finstere Treppe, huschte langsam, ganz langsam
+empor und geriet auf einen Gang, auf dem ein Schrank stand. Durch einen
+Türspalt drang ein Lichtschimmer: hier war also das Schlafzimmer der
+Lady.
+
+Ich hatte erwartet, vor der Schlafzimmertüre, wie es Sitte ist, als
+Wache einen schlafenden Hindu zu finden -- er fehlte. Wahrscheinlich
+stahl er gerade irgendwo in der Nachbarschaft.
+
+Nun galt es zu handeln. Ich kniete am Boden nieder und begann unten an
+der Türe ein Loch mit dem Messer zu schaben, breit genug, um Malatri,
+die Brillenschlange, hindurchschlüpfen zu lassen. Ich glaube nicht, daß
+irgendwer diese Arbeit so sicher und geräuschlos zu vollbringen imstande
+ist, denn schwerlich wird jemand eine so gute Schule genossen haben, wie
+ich sie bei meinem ehrwürdigen Vater genoß.
+
+Von Zeit zu Zeit hielt ich in meiner Arbeit inne und lauschte -- niemand
+beobachtete mich.
+
+O welch ein Irrtum! Und #doch# beobachtete mich einer, und das war der
+Whiskydämon in meinem Kopfe, der beschlossen hatte, mir einen
+niederträchtigen Streich zu spielen.
+
+Und das kam so:
+
+Ich hatte das Loch in die Türe geschabt, ich hatte Malatri aus dem Sack
+gelassen und beobachtete, wie das kluge Tier in das Zimmer der Lady
+schlüpfte. Nun wollte ich mich in dem Schrank auf dem Gang verbergen, um
+darin den Schreckensschrei der Witwe und den allgemeinen Tumult in Ruhe
+abzuwarten. Ich öffnete also leise die Schranktüre, -- in dieser Sekunde
+aber ließ mich der Whiskydämon schwindlig werden, ich stolperte und fiel
+mit schrecklichem Gepolter in den Schrank hinein, aus dem ein Hagel von
+Glasgeschirr auf mich niederging.
+
+Hätte sich die Erde geöffnet, ich hätte nicht heftiger erschrecken
+können.
+
+Unwillkürlich stieß ich einen wilden Schrei aus, denn ich war zu allem
+Unglück in einen Glasscherben getreten, und rannte die Treppe hinunter,
+um zu flüchten. Ein Höllenlärm entstand. Türen öffneten sich, Männer und
+Mädchen, Farbige und Weiße, stürzten brüllend heraus, ein Schuß krachte,
+dazwischen kreischte die Stimme der Lady -- ich glaubte mein Ende nahe.
+
+Instinktiv erwischte ich die Türe zu dem dunklen Zimmer des ersten
+Stockwerks -- ich sprang, trotz meines blutenden Fußes, über einen Tisch
+-- und zum offenen Fenster hinaus.
+
+Draußen aber stand der Wächter, der mich auf dem Hinweg nach dem Inhalt
+meines Sackes gefragt hatte, mit drei Genossen, und sie schienen mich
+erwartet zu haben.
+
+Ich rannte ihn über den Haufen und lief -- lief, so schnell mich die
+Beine trugen -- keuchend, besinnungslos -- auf ein Licht zu, das ich
+ferne leuchten sah.
+
+Und -- ich weiß selbst nicht, wie es geschah -- plötzlich stand ich vor
+einem jener Läden, die außen mit bunten Soldatenbildern beklebt waren
+und in denen selbst zu so später Stunde noch Licht brannte -- ich
+ergriff atemlos die Türklinke -- und stand drinnen.
+
+Verwundert blickte ich mich um.
+
+In einer Ecke hockten vier Soldaten, qualmten aus kurzen Pfeifen und
+spielten fluchend Karten. Hinter einem breiten Tisch aber saß ein
+Kolonel, der bei meinem hastigen Eintritt behaglich schmunzelte und mir
+die Hand hinstreckte. In meiner Verwirrung legte ich #meine# Hand
+hinein, die er fest drückte.
+
+Dann griff er in die Tischschublade, nahm ein paar Silberstücke heraus
+und hielt sie mir hin.
+
+Ist heute die ganze Welt betrunken? dachte ich verdutzt, denn ich wußte
+nicht, was dies bedeuten sollte.
+
+»Was soll ich mit dem Gelde, Herr?«
+
+»Behalten sollst du's, mein Junge!« sagte der Kolonel. »Steck's nur
+ein!«
+
+Mißtrauisch tat ich, wie er mich geheißen hatte. Ich sah von einem zum
+andern -- sie grinsten vergnügt.
+
+Mir kam der Laden unheimlich vor, und da ich mir sagte, daß meine
+Verfolger wohl inzwischen meine Spur verloren haben mochten, wandte ich
+mich zum Gehen.
+
+Da aber faßte mich der Kolonel jäh an der Schulter, ließ eine
+Reitpeitsche, die gleichfalls in der Tischschublade gelegen hatte, dicht
+vor meiner Nase vorbeipfeifen und schrie in gänzlich verändertem Ton:
+»Dageblieben! Nicht von der Stelle!«
+
+Ich sah mich abermals verwundert um -- die andern grinsten noch
+vergnüglicher als zuvor.
+
+»Laßt mich gehen!« bat ich. »Was wollt ihr von mir?«
+
+»Du bist witzig, mein Söhnchen!« höhnte der Kolonel. Und zu den Soldaten
+gewendet, sprach er weiter: »Ihr habt es gesehen!«
+
+Mich packte Furcht und Entsetzen. Wollten sie mich einer Freveltat
+beschuldigen? Wußten sie schon von meinem Einbruch?
+
+»#Was# habt ihr gesehen?« stieß ich hervor.
+
+Da richtete sich der Kolonel feierlich auf, nahm den Khakihelm ab und
+sagte langsam: »Wie du dich soeben durch Handschlag und Annahme des
+Werbegeldes freiwillig der Armee unseres mächtigen Königs verpflichtet
+hast!«
+
+»Das ist eine Lüge!« tobte ich. »Das ist --«
+
+Ehe ich den Satz aussprechen konnte, brannte mir schon ein Schlag der
+Reitpeitsche im Gesicht. Die Soldaten packten meine Arme -- ich konnte
+mich nicht rühren.
+
+Der Whiskydämon hatte meinen Kopf verlassen, ich war plötzlich
+pudelnüchtern.
+
+Dicht vor meinem Antlitz funkelten die falschen Augen des Kolonels, und
+ich hörte seine Stimme zischen: »Wirst schon mürbe werden, mein
+Jungchen!«
+
+Die Soldaten banden mir die Hände und setzten mich auf einen Stuhl.
+
+»Aber ich schwöre euch, daß ich nicht Soldat werden wollte ...,« wimmerte
+ich.
+
+»Das hättest du dir früher überlegen sollen!«
+
+»Ich versichere euch, daß --«
+
+»Maul halten!! Der Soldat hat nur zu sprechen, wenn ihn seine
+Vorgesetzten fragen! -- Wie heißt du?«
+
+Der kreischende Ton schüchterte mich ein, tonlos erwiderte ich: »Ich
+heiße Maharabatigolamatana -- mein Vater rief mich "Galgenstrick"!«
+
+Die fünf wieherten vor Lachen.
+
+»Ruhe!!« brüllte der Kolonel, worauf die anderen mäuschenstill wurden.
+»Also Galgenstrick! -- Schöner Name! Bist nicht der einzige Galgenstrick
+in unserer Armee!«
+
+Er ging, die Hände in den Taschen, rauchend im Zimmer auf und ab. »Den
+hätten wir!« sagte er.
+
+Ich machte einen letzten, verzweifelten Versuch. »Aber so laßt euch doch
+erklären, Herr --«
+
+»Noch ein Wort, und ich lasse dich prügeln, daß kein Fetzen Haut an dir
+heil bleibt!«
+
+Ich senkte den Kopf. Alles Gefühl hatte meinen Körper verlassen, ich
+spürte mich selbst nicht mehr. Eine stumpfe Gleichgültigkeit war über
+mich gekommen, -- mochten sie mit mir machen, was sie wollten.
+
+Nur unklar dachte ich an Malatri, die Brillenschlange, die in meine
+Lehmhütte zurückkehren würde, wie sie es gewöhnt war, und mich nicht
+mehr finden würde ... heute nicht ... morgen nicht ... nie wieder ...
+
+Und wenn ich nicht meinen schändlichen Überlistern einen solchen Triumph
+mißgönnt hätte, so hätte ich jämmerlich geweint.
+
+»Führt ihn ab!« befahl der Kolonel und deutete lässig mit der
+Reitpeitsche auf mich.
+
+Und während sie mich derb vorwärts stießen, öffnete sich die Ladentüre
+und herein taumelte -- Jim Boughsleigh.
+
+Ein Freudenschrei entfuhr mir. Schiwa hat mir den Retter gesandt.
+
+»Jim!« jauchzte ich, und neue Hoffnung wärmte mein Herz, »Jim, edler
+Freund, sage du es ihnen, daß ich nie und nimmer Soldat werden wollte!«
+
+Und nun geschah das Unfaßbare, nun sollte ich erfahren, daß ich die
+Schlechtigkeit der Weißen noch weit unterschätzt hatte, und daß der Biß
+der giftigsten Schlange Balsam ist, verglichen mit dem falschen Kuß
+eines Weißen.
+
+Denn Jim erhob seinen Fuß, trat nach mir Wehrlosem, spuckte aus und
+grölte:
+
+»Was sagt das braune Schwein? -- Glaubt mir, Kolonel: auf #meine#
+Veranlassung hat er sich anwerben lassen -- #mein# Verdienst ist es!«
+
+Da sah ich, daß das Schicksal beschlossen hatte, mich von der Heimat zu
+trennen. Ich gab jede Hoffnung auf. Meine Glieder zitterten -- ich
+verlor die Kraft, mich aufrechtzuhalten -- ich gab mir die größte Mühe,
+Herr meiner selbst zu werden -- umsonst, ich fiel zu Boden, schlug mit
+den zusammengeschnürten Händen um mich. Schaum trat vor meinen Mund.
+
+Wie durch einen Nebel schaute ich, wie sich Jim Boughsleigh die
+Silberstücke auszahlen ließ, die als Belohnung für die Anwerbung eines
+Farbigen ausgesetzt sind -- dann schüttelten mich Krämpfe, mein Kopf
+stieß wider eine harte Spitze, und -- und --
+
+ * * * * *
+
+»Schwester! Schwester!« schrie ich erschrocken und klingelte wie
+besessen.
+
+Der Kranke war mitten im Satz bewußtlos in die Kissen zurückgesunken.
+Das Klingelzeichen aber erweckte ihn, er versuchte unter wildem, mir
+unverständlichem Kreischen aus dem Bett zu springen.
+
+Unter Aufbietung aller meiner Kräfte gelang es mir, den Rasenden, der
+geifernd nach meinen Händen biß, ins Bett zurückzupressen, bis die
+Schwester mit einem Wärter kam.
+
+Die Schwester warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, sagte aber nichts,
+sondern wandte sich sogleich dem Kranken zu, dessen Geschrei langsam in
+ein erschöpftes Wimmern überging.
+
+Ich stopfte meine Notizen in die Rocktaschen und eilte, den Arzt vom
+Tagesdienst zu holen.
+
+»Soso,« meinte dieser, »der Inder auf Nummer achtundneunzig! Ein böser
+Fall! Der wird wohl das Ende des Krieges kaum erleben! -- Scheußliche
+Sache, der Krieg!«
+
+Während der Arzt sich erhob, um nach dem Kranken zu sehen, telephonierte
+ich ein Auto herbei.
+
+Merkwürdige Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich diesmal die
+Reinschrift ausführte. Und öfter als einmal blieb, wenn ich aufsah, mein
+Blick auf dem Plakat haften, das meine Frau kürzlich einem Hausierer
+abgekauft und über meinen Schreibtisch genagelt hat, und das in dicken
+Buchstaben verkündet: »Gott strafe England!«
+
+Und ich dachte mir: das unverständliche Gekreisch, das Mister
+Galgenstrick in seinem Fieberanfall ausgestoßen hatte, wird wohl nichts
+anderes gewesen sein als eine etwas ausführlichere indische Umschreibung
+dieses zum geflügelten Worte gewordenen Satzes.
+
+Bis tief in den Morgen hinein arbeitete ich. Ich brauchte wenig an
+»Galgenstricks« Worten zu ändern, denn er erzählte mit einer
+überzeugenden, naiven Anschaulichkeit.
+
+Nur in zwei Punkten bekenne ich mich schuldig, Korrekturen vorgenommen
+zu haben: ich habe manche sprachliche Bilder, die nur einem Inder
+verständlich sein können, durch annähernd entsprechende Bilder aus der
+deutschen Gefühlswelt ersetzt, und -- ich habe einige allzu drastische
+Äußerungen »Galgenstricks« über uns Weiße schonend gemildert.
+
+Denn ich halte es nicht für den #ausschließlichen# Daseinszweck des
+Lesers, sich zu ärgern.
+
+Ehe ich am nächsten Tage den Kranken aufsuchte, ging ich zu _Dr._
+Heßberg, um mich nach des Patienten Befinden zu erkundigen.
+
+_Dr._ Heßberg war sehr böse und überschüttete mich mit Vorwürfen. »Wenn
+man nur euch verflixten Laien nicht mehr in Lazarette hineinließe!! Da
+schwänzeln gewisse Herrschaften in den Krankensälen herum, die nicht das
+geringste dort zu suchen haben, regen uns mit ihren Gaben und ihrem
+Geschwätz nur unnütz die Patienten auf -- zum Donnerwetter, ein Kranker
+ist ein Kranker und keine Sehenswürdigkeit!«
+
+Zerknirscht ließ ich die Strafpredigt über mich ergehen.
+
+»Und worin besteht mein Verbrechen?« frug ich, als _Dr._ Heßberg beim
+Amen angekommen war. »Ich habe überhaupt kein Wort mit ihm geredet, habe
+mir ruhig erzählen lassen, ohne ihn zu unterbrechen!«
+
+»Das fehlte auch gerade noch, daß du einen Kranken durch Widerspruch
+reizen würdest! Es war schon eine Mordsdummheit, jawohl, eine
+#Mordsdummheit#, daß du ihm die indischen Bilder brachtest! Man kann
+sich dem Bett nicht mehr nähern, ohne daß der Kerl aus Angst um seine
+Bilder rabiat wird! Das nennt ihr Laien nachher, dem Kranken "eine
+Wohltat erweisen"! Ich werde noch den Antrag stellen müssen, jedem
+Lazarettbesucher beim Eintritt die Taschen mit Röntgenstrahlen zu
+durchleuchten!«
+
+Obwohl _Dr._ Heßbergs Reden durchaus nicht schmeichelhaft für mich
+waren, freute ich mich über sie. Sah ich doch daraus, wie besorgt er um
+das Wohl eines jeden einzelnen Patienten war, und ich sagte mir: O
+möchten doch die Ärzte im Lager unserer Feinde den in Gefangenschaft
+geratenen, verwundeten Feldgrauen ebensoviel sorgende Liebe widmen wie
+ein deutscher Arzt einem kranken Wilden.
+
+»Also ich verspreche dir, dem Kranken nicht mehr die geringste
+Kleinigkeit mitzubringen!«
+
+»Dazu würdest du auch gar keine Gelegenheit haben! Denn es kann
+selbstverständlich keine Rede davon sein, daß du ihn wieder besuchst!«
+
+»Aber erlaube, das ist denn doch --«
+
+»Bitte, ich bin der Arzt -- da gibt es keine Widerrede!«
+
+Wir trennten uns verbittert.
+
+Das war ja eine nette Eröffnung, die mir _Dr._ Heßberg gemacht hatte.
+Also ich sollte die Fortsetzung von Mister Galgenstricks Erlebnissen
+nicht mehr erfahren. Das schmerzte mich tief. Nicht etwa weil bei mir
+plumpe Neugier nach Stillung gierte, sondern ich hatte ein warmes, rein
+menschliches Interesse an dem armen Teufel gewonnen, und mir war nun
+zumute, als sollte ich einen freudig gewonnenen Schützling für immer aus
+den Augen verlieren.
+
+Ich schloß die Blätter, auf denen ich seine Erlebnisse aufgezeichnet
+hatte, in das unterste Fach meines Schreibtisches -- in das Fach, in dem
+meine unvollendeten, endgültig aufgegebenen Arbeiten ruhen, die ich
+scherzhaft meinen »Nachlaß zehnter Band« zu nennen pflege.
+
+Acht Tage später -- ich hatte mich halbwegs beruhigt -- klingelte mich
+_Dr._ Heßberg telephonisch an.
+
+»Hallo??«
+
+»Jawohl! Schrei nicht so! Hier Heßberg.«
+
+»Wie geht's Mister Galgenstrick?«
+
+»Besser! Du -- er will dich sprechen!«
+
+»Aha! Siehst du, ich bin #doch# nicht so schlecht, wie du mich
+hingestellt hast!«
+
+»Eingebildet, wie alle Schriftsteller! Wenn du mir ihn aber wieder
+aufregst --«
+
+»Weiß schon!«
+
+»Spaß beiseite, ich bitte dich in allem Ernst --«
+
+»Sehr richtig!«
+
+»Ich lege den allergrößten Wert darauf, daß --«
+
+»Und wie geht's deiner Frau?«
+
+»Scheusal! Also sei vernünftig, und --«
+
+»Auf Wiedersehen!«
+
+»Adieu, -- verzeihe, das Wort darf man ja nicht mehr gebrauchen: Leb
+wohl!«
+
+Dieses Telephongespräch fand um drei Uhr mittags statt, -- um halb vier
+war ich bei Mister Galgenstrick.
+
+Ich fand ihn ruhiger, als ich gehofft hatte. Er begrüßte mich lächelnd
+und schien sich zu freuen. Er »#schien#«, -- denn bei diesem Menschen,
+der sein Mienenspiel eisern in der Gewalt hielt, mußte man sich aufs
+#Erraten# seiner stummen Empfindungen beschränken.
+
+»Wie fühlst du dich, Galgenstrick?«
+
+»Der Doktor ist gut,« antwortete er ausweichend. »Aber heiliger Kuhmist
+wäre besser!«
+
+»Du hast nach mir verlangt?«
+
+»Ja, ich will dir weiter erzählen.«
+
+»Strengt es dich auch nicht zu sehr an?«
+
+»Darauf kommt's nicht mehr an. Das Schicksal tut, was es will.«
+
+Er ließ sich von mir das Kopfkissen tiefer in den Rücken schieben, so
+daß er halb aufgerichtet lag, und erzählte:
+
+ * * * * *
+
+Ich hatte unklar gesehen, wie Jim Boughsleigh sein Sündengeld einschob.
+Möge er an dem Whisky, den er sich dafür kaufte, erstickt sein! Mögen
+ihn die wilden Hunde gefressen haben!
+
+Dein Gesicht, Herr, sagt mir, daß dir meine Verwünschungen mißfallen.
+Ich weiß, ihr Weißen sagt, man soll seinen Feinden verzeihen, und ich
+will gerne glauben, daß ihr eure Kanonen nur zu diesem Zwecke baut. Auch
+wir Hindus verzeihen unseren Feinden, nur schlagen wir sie gerne vorher
+tot.
+
+Ich könnte dir nun mit Leichtigkeit vorlügen, daß es mir die erste Zeit
+in der Kaserne sehr schlimm ergangen sei. Aber ich will niemanden
+schlechter machen, als er ist. Bei den Engländern habe ich das auch gar
+nicht nötig.
+
+Nein, es erging mir besser, als ich es erwartet hatte. Man brachte mich
+mit vielen anderen Hindus in einem großen Hause unter, das einen weiten
+kahlen Hof einschloß. Des Nachts stand uns ein Zimmer zur Verfügung, in
+dem ehemals zehn weiße Soldaten gewohnt hatten, und da wir nur zu
+achtzig darin zu schlafen brauchten, fühlten wir uns ganz wohl, und wenn
+wir unsere Beine bis an die Schultern hochzogen und den Kopf dazwischen
+steckten, hatten wir bequem Platz.
+
+Es gefiel mir auch, daß man in diesem Hause nicht, wie es sonst Sitte
+bei den Weißen ist, die schuldlosen Tiere tötete, sondern die Wanzen und
+Ratten durften sich nach Herzenslust vermehren.
+
+Anfangs hatte man uns Strohsäcke zum Schlafen gegeben, aber der Hindu
+schläft nur, in eine Decke gewickelt, auf dem Fußboden. Es ist dies auch
+praktischer, denn die Strohsäcke muß man von Zeit zu Zeit reinigen, den
+Fußboden aber nie.
+
+Meine Befürchtung, daß ich mit Mohammedanern oder Weißen in einem Raum
+weilen müsse, erwies sich als unbegründet. Schmerzlich allerdings war es
+mir, einem Angehörigen der Kriegerkaste, mit Hindus #niedriger# Kasten
+gemeinsam hausen zu müssen, und es dauerte eine Weile, bis ich imstande
+war, diese Schmach als eine Fügung des Schicksals geduldig zu ertragen.
+
+Das Essen war reichlich und wir durften uns die Tiere von den Brahmanen,
+die unter uns waren, schlachten lassen, wie überhaupt die Engländer sich
+so wenig um #unsere# Religion kümmerten wie um #ihre eigene#.
+
+Nun, ich will es dahingestellt sein lassen: gaben sie uns so viel zu
+essen, um unsere Freundschaft zu gewinnen, oder gaben sie es uns in
+derselben Absicht, in der sie ihre Gänse mästen? Sonst war das Leben
+nicht ganz so schön, wie es mir Jim Boughsleigh in Aussicht gestellt
+hatte. Am frühen Morgen trieb man uns in den Hof, stellte uns in Reihen,
+und dann mußten wir alles machen, was uns der Offizier befahl. Sonst gab
+es Prügel.
+
+Der Offizier sagte oft, daß er es gut mit uns meine, und hatte dabei die
+Hand am Revolvergriff.
+
+Manchmal drohte ich vor Erschöpfung umzusinken, dann bekam ich einige
+Peitschenhiebe und war wieder munter. Ich fügte mich in mein Los, und
+wenn der Offizier mich anschrie, so dachte ich mir »Rutsche mir den
+Buckel entlang, o Herr,« und auf diese Weise kamen wir ganz gut
+miteinander aus.
+
+Also lernte ich die Kriegskunst. Manches freilich verstanden wir Hindus
+weit besser als unsere Lehrmeister, zum Beispiel, wie man lautlos auf
+dem Boden schleicht. Ich lachte innerlich, wenn ich unseren Vorgesetzten
+dies vormachen sah, und sagte mir: »Die englischen Soldaten gäben
+schlechte Einbrecher. Nun vielleicht ist in England die Kaste der Diebe
+für die höheren Diplomaten reserviert.«
+
+Aber ich lernte vielerlei Neues. Um nur eines zu erwähnen: ich wußte
+noch nicht, daß man den Patronen, ehe man sie in die Gewehrläufe
+schiebt, die Spitze abbrechen muß. Ich wunderte mich darüber und fragte
+den Offizier, warum dies geschähe, und er klärte mich auf: »Das steht so
+im Völkerrecht!«
+
+Überhaupt klärte uns der Offizier gründlich auf -- mit Vorliebe darüber,
+was die Deutschen für böse Dämonen sind und daß sie ohne jeden Grund den
+Krieg angefangen haben und daß sie schon seit vielen Jahren daran
+arbeiten, das harmlose England einzukreisen.
+
+Und daß deshalb alle Kulturvölker auf Englands Seite getreten seien, zum
+Beispiel die Serben und die Zuaven, und auch alle freiheitsliebenden
+Herrscher, zum Beispiel der Zar.
+
+Und indem er sich an die mohammedanischen Regimenter wandte, fuhr der
+Offizier fort: »Deshalb hat auch der Sultan den Heiligen Krieg gegen die
+Deutschen erklärt!«
+
+Von dem vielen Geld, das man mir als Lohn versprochen hatte, bekam ich
+nichts zu sehen und ich hätte mir kaum das zum Leben notwendige Opium
+für meine Pfeife kaufen können, wenn ich mir nicht manchmal kommandiert
+hätte: »Hände in fremde Taschen -- marsch, marsch!«
+
+Auch der Hindu braucht in seinen freien Stunden eine Zerstreuung, sonst
+sinkt er auf die Stufe eines Weißen herab. Die Araber haben, wie man mir
+erzählt hat, ihre #Märchenerzähler#, die Engländer haben ihre
+#Zeitungen#. Sie zwangen auch uns, sie zu lesen, und wir erfuhren
+daraus, wie die Deutschen überall besiegt werden, und wie besonders die
+#Russen# zwei furchtbare Waffen haben: die Masurischen Seen und den
+strategischen Rückzug.
+
+Und daß in Deutschland furchtbare Hungersnot herrscht. Dies konnte ich
+nicht begreifen. Denn da sich die Deutschen doch nachts in Frösche
+verwandeln, brauchen sie bloß Fliegen zu fressen, um sich zu sättigen.
+
+Ich befragte den Offizier über diesen Punkt, und bereitwillig klärte er
+mich wieder auf: die deutschen Fliegen ziehen im Herbst nach Afrika und
+kehren erst im Frühjahr zurück.
+
+Nun war mir die Sache klar.
+
+Ich erinnere mich auch, daß der Offizier eines Mittags eine Ansprache
+hielt, die folgendermaßen lautete: »Es ist mir zu Ohren gekommen, daß
+einige von euch die Spitzen ihrer Messer und Dolche vergiften. Ich mache
+euch darauf aufmerksam, daß dies bei strengster Strafe verboten ist.
+Auch taugt euer Gift nichts. Wirksames Gift bekommt ihr in dem Zimmer
+neunzehn der Kaserne. Es kostet euch nichts und es gibt, so viel ihr
+wollt. Also merkt euch das Verbot!«
+
+Wir merkten es uns und gingen nach dem Zimmer neunzehn. --
+
+Die Sorge aber, die mich am schwersten in dieser Zeit bedrückte und mit
+dem Gewicht einer Kanone auf mir lastete, war diese: Der Hindu, der über
+das Meer fährt und aus seiner Heimat auswandert, verliert seine Kaste.
+Und dieser Verlust ist schlimmer als der Verlust des Lebens.
+
+Denn wenn du stirbst, so verläßt du nur den Leib, der nicht viel wert
+ist und nur dazu dient, dir Schmerzen zu bereiten und dich in Versuchung
+zu führen. Deine Seele aber zieht in einen neuen Leib ein, und nach
+dessen Verfall abermals in einen neuen.
+
+Es ist mit der Seele wie mit euch Weißen, wenn ihr eine Wohnung kündigt.
+Nur lassen wir unseren alten Leib gerne in einer besseren Verfassung
+zurück als ihr eure alten Wohnungen. Unsere Seele »zieht um« -- und auch
+so ein #Seelenumzug# ist mit mancherlei Unannehmlichkeiten verknüpft,
+zum Beispiel dem Todeskampf.
+
+Die Seele kann nicht verloren gehen, wohl aber die Kaste. Und wenn du
+sie nach der Rückkehr in die Heimat wiedergewinnen willst, so mußt du
+dich schweren Gebräuchen unterziehen, den Göttern große Opfer darbringen
+-- und noch größere den Priestern. Aber das versteht ihr Weißen nicht.
+
+Doch auch diese Sorge nahm uns unser Offizier vom Rücken, der uns
+beinahe so viel vom Rücken #nahm#, wie er uns darauf #gab#.
+
+Denn er versicherte uns: »Ihr braucht ja gar nicht über das Meer zu
+fahren! Die Deutschen sind schon so gut wie vernichtet, und ihr werdet
+deshalb nur zum Schutze des inneren Indiens verwendet.«
+
+Diese Auskunft erfreute uns doppelt, weil ein seltsames Gerücht in
+Bombay die Runde machte. Einer erzählte es dem andern, und als die
+englische Regierung es gar dementierte, wußte jeder, daß es wahr sei.
+
+Es hieß nämlich, draußen auf dem Meere huschten Schiffe der deutschen
+Dämonen, kleine Kreuzer, und sie führten spitze, eiserne Fische mit sich
+an Bord, die sie unter Blitz und Donner gegen die feindlichen Schiffe
+anschwimmen ließen. Die Fische aber fräßen sich mit der Schnelligkeit
+eines Wetterleuchtens durch die dicksten Schiffswände hindurch und
+platzten von diesem Fraße. Und rissen bei diesem Platzen alles mit sich
+in die Luft.
+
+Die Ahnung eines solchen Schicksals aber muß einen jeden frommen Hindu
+mit Grauen erfüllen, denn wie kannst du einen Leichnam verbrennen, der
+auf dem Meeresgrund liegt?
+
+Wir dankten deshalb den Göttern, als wir erfuhren, daß wir nicht über
+das Meer zu fahren brauchten.
+
+Während der ersten Wochen unserer Übungen in der europäischen
+Kriegskunst durften wir die Kaserne nicht verlassen. Vielleicht
+fürchteten die Engländer, daß wir ebenso freiwillig, wie wir in ihr Heer
+eingetreten waren, auf unseren Spaziergängen wieder aus dem Heer
+austreten würden. Als sie aber glauben mochten, unseres Gehorsams
+sicher zu sein, ließen sie uns für die Dauer etlicher Abendstunden
+in die Stadt hinab.
+
+Zuvor aber ließen sie uns auf die Treue gegen ihren König vereidigen.
+Wir mußten uns auf dem Hofe aufstellen, ein Brahmane sprach in unseren
+Dialekten die Eidesformel vor, die wir unter unseren Zeremonien
+bekräftigten. Und ich glaube, wenn die Engländer die Eidesformel
+verstanden hätten, die uns der Brahmane vorsagte, hätten sie ihn am
+höchsten Galgen aufgeknüpft.
+
+Wir aber befolgten die goldene Regel, feierlich ernst zu bleiben, wenn
+uns das Lachen kitzelt, und so ging die Vereidigung ohne Zwischenfall
+vorüber.
+
+Die Engländer waren sogar sehr zufrieden mit unserer Eidesleistung.
+Wenigstens hörte ich beim Wegtreten, wie ein Kolonel zum andern sagte:
+»Der Eid war das reinste russische Ehrenwort!«
+
+Nach uns wurden die mohammedanischen Truppen vereidigt, aber ich
+ersparte mir den Anblick, denn in meinen Augen gelten die Bekenner
+Mohammeds als ebenso unreine Rasse wie die Weißen.
+
+Zunächst verschmähte ich es, von der Erlaubnis des Ausgangs Gebrauch zu
+machen. Ich war des Abends müde, auch fühlte ich keine Sehnsucht,
+Menschen vom Schlage Jim Boughsleighs zu begegnen. Ich brachte meine
+freie Zeit mit Beten und Nachdenken zu.
+
+Ihr Europäer mögt uns in mancher Fertigkeit überlegen sein -- in der
+Kunst, einsam zu sein, seid ihr nur Stümper, wir die Meister. Ein
+Mensch, der nicht spricht, ist euch unheimlich, und wo ihr nur könnt,
+sucht ihr die Gesellschaft von Menschen auf, die schwatzen und lärmen.
+Dies kommt daher, weil ihr euch nicht nur vor euren #Mitmenschen#
+fürchtet, sondern noch weit zitternder vor euch selbst! Und ihr habt
+alle Ursache dazu. Denn wie es giftige Tiere gibt, die am Tage sich in
+ihre Nester und Höhlen verkriechen und nur des Nachts zu ihrem listigen
+Treiben erwachen, so schlafen auch eure bösen Triebe in dem Tageslicht
+des Beobachtetwerdens, -- in der Einsamkeit aber erwachen sie und fallen
+euch selbst an.
+
+Ihr bestaunt den Fakir, der, um seine Seele zu vervollkommnen, auf einem
+Bett von aufrechtstehenden spitzen Nägeln ruht, -- ihr selbst aber
+zerfleischt euch tagein, tagaus mit Reden, die spitziger und rostiger
+sind als die Nägel des Fakirbettes. Und glaubt ihr, daß sich eure Seele
+dabei vervollkommne? -- Euer Mund ist ruhelos, weil es euer Herz ist!
+Und darum habt ihr es immer eilig. Ich aber, ein Hindu der Kriegerkaste,
+habe immer Zeit, weil ich weiß, daß ich eine endlose Kette von Leben zu
+leben habe, und was ich heut nicht kann besorgen, besorge ich vielleicht
+in fünfhundert Jahren. Wenn es das Schicksal will.
+
+Aber weshalb erkläre ich das alles? Du bist nur ein Weißer und kannst
+niemals ein Hindu werden. Ich sage es dir auch nur, damit du besser
+meine Handlungen verstehst, -- soweit ein Nichthindu überhaupt einen
+Hindu verstehen kann.
+
+Ich erzählte dir, Herr, daß ich es anfangs verschmähte, abends
+auszugehen. Aber mich kam die Sehnsucht an, wieder einmal meine Glieder
+in einen der heiligen Teiche zu tauchen, wieder einmal in einem Tempel
+zu beten und das Glück zu genießen, daß eine heilige Kuh aus meinen
+Händen fresse.
+
+Also verließ ich eines Abends die Kaserne. Als ich durch die Straßen
+schritt, sah ich, daß die Engländer nicht zu sorgen brauchten, ein Hindu
+könne freiwillig aus dem Heer austreten, denn an allen Ecken standen
+Wachen, und zumal zum Hafen konnte kein Lebender gelangen.
+
+Ist es dir schon einmal begegnet, daß dir eine Stadt, die du liebtest
+und zu kennen glaubtest, plötzlich über Nacht fremd geworden war? Als
+ich durch die Straßen wandelte, rieb ich mir immer und immer wieder die
+Augen: war das noch Bombay? Wohl standen die Häuser, die Hütten, die
+Bäume noch an ihren Plätzen und ich hätte jeden im Traum zu finden
+vermocht --, aber mir war, als sei eine unerklärliche Veränderung mit
+ihnen vorgegangen. Eine unsichtbare Mauer hatte sich zwischen mir und
+meiner Vaterstadt getürmt, und ich empfand ein Frösteln, als sei ein
+Freund, dem ich mich ganz zu eigen gab, unerwartet einer Frage meiner
+Seele die Antwort schuldig geblieben, so daß ich den breiten Strom sah,
+der alle Menschen trennt und über den es keine Brücke gibt.
+
+Am Ufer des heiligen Teiches, an dem Jim Boughsleigh seine Angel nach
+mir ausgeworfen hatte, machte ich halt. Ich wusch mich nach der heiligen
+Sitte, und ich sah mit Betrübnis, daß die andern Hindus ihre Augen von
+mir abwandten. Auf den Bäumen saßen wohl die Affen, aber sie würdigten
+mich nicht, mit Früchten nach mir zu werfen -- als ob auch sie dächten:
+»Verräter!«
+
+Ich schlich in einen Tempel, warf mich nieder und klagte den Göttern
+mein Leid. Die Bilder der Götter hörten mich ernst an: schon so viel
+Elend und Schmerz ist an ihr Ohr geklungen, daß du keine Wunde ihnen
+enthüllen kannst, die sie nicht schon tausendfach brennender gesehen
+hätten. Aber sie sind nicht wie die Menschen, deren Herz sich an die
+Klagen gewöhnt und sich verhärtet, nein, die #guten# Götter haben für
+jeden neuen Aufschrei neues Mitleid bereit, wie die Dämonen für jedes
+neue Unglück neuen Hohn.
+
+So verließ ich gestärkt den Tempel, und freundlich blickten die
+Götterbilder mir nach, freundlicher als die Augen der Brahmanen und
+Tempeltänzerinnen, denn ich war mit leeren Händen gekommen.
+
+»Pst! Freund!« klang es zu mir, als ich die Stufen hinabeilte. Ein
+Mohammedaner, den ich ungern so nahe dem Heiligtum sah, hatte mich
+angerufen. Er schien mich erwartet zu haben, aber ich kannte ihn nicht.
+Was kümmern mich die verblendeten Bekenner Allahs? Ich verachte sie, und
+deshalb überhörte ich des Fremden Ruf und wollte meines Wegs gehen.
+
+Allein der Fremde ließ mich nicht so leichten Kaufs los, er sperrte mir
+den Weg und, ob ich wollte oder nicht, ich mußte ihm ins Antlitz
+blicken, und ich sah, daß in seinen Augen Klugheit und Güte wohnten. Er
+war ein sehniger, schlank gewachsener Mann, und wenn er ein Hindu
+gewesen wäre, hätte ich ihn nach seinem Begehr gefragt. Da er aber nur
+ein Mohammedaner war, suchte ich ihm auszuweichen.
+
+»Wischnu und Schiwa mögen dir gnädig sein!« grüßte mich der
+Mohammedaner.
+
+Einen so frommen Gruß durfte ich nicht unerwidert lassen. »Und dir deine
+Götter!« entgegnete ich.
+
+Er lächelte und mir fiel ein, daß die Bekenner Allahs ja nur an #einen#
+Gott glauben. Und da man sich immer ärgert, wenn man eine Dummheit
+gemacht hat, und ich niemand anderen zur Verfügung hatte, meinen Ärger
+an ihm auszulassen, so fuhr ich ihn an: »Erlöse mich von deinem Anblick,
+damit ich mich nicht verunreinige!«
+
+Ich hatte erwartet, daß er nun seinen Dolch ziehen werde, denn diese
+Menschen fühlen sich sehr leicht beleidigt, und ich hatte schon mein
+linkes Bein vorgeschoben, um ihn darüber stolpern zu lassen und ihn dann
+von hinten zu besiegen. Der Fremde jedoch sprach ruhig: »Du bist ein
+mutiger Mann und deshalb zu meinem Vorhaben geeignet. Und da du so
+leuchtenden Auges aus dem Tempel tratst, bist du auch ein #gläubiger#
+Mann und wirst die Beteiligung an einem frommen Werke nicht abschlagen.«
+
+Mich kniff die Neugier. Ich dachte nur: »Juckt er dich mit seinen
+rätselhaften Andeutungen, soll er dich auch mit einer deutlichen
+Aufklärung kratzen!«
+
+Auch war es mir so ungewöhnlich, daß ein Mohammedaner mich ansprach
+(denn sie lassen außer sich selbst nur noch die Christen und die Juden
+gelten), daß ich mich zu der Frage hinreißen ließ: »Ein frommes Werk?
+Sprich, was es sein soll!«
+
+Da schaute sich der seltsame Fremde vorsichtig nach allen Seiten um und
+flüsterte: »Nicht so laut! Wir wollen nicht stehenbleiben! Schreite
+neben mir einher, als ob wir Gleichgültiges sprächen!«
+
+Wir setzten uns in Bewegung. Ich konnte mir des Mohammedaners Benehmen
+und Absicht immer weniger deuten.
+
+»Bist du durstig?« frug er und zog eine Whiskyflasche aus dem Gewand.
+
+Da erinnerte ich mich daran, wie Jim Boughsleigh mich mittels dieses
+flüssigen Dämons zu umgarnen versucht hatte, und Empörung peitschte
+mich: »Wie? Du, dem seine Lehre den Wein verbietet, reichst mir solches
+Getränk? Lasse mich allein, denn wie könnte das Werk ein frommes sein,
+das du mit Hilfe eines Dämons beginnen willst?«
+
+Er lächelte wieder. »Hättest du getrunken, so wäre kein Wort mehr über
+meine Lippen gekommen, denn ich brauche einen nüchternen Mann!«
+
+Ich bewunderte die Schlauheit des Mohammedaners. Vielleicht handelt es
+sich um einen Einbruch? dachte ich. In diesem Falle hätte ich allerdings
+schweren Herzens absagen müssen. Denn nur noch eine Stunde durfte ich
+der Kaserne fernbleiben.
+
+»Sprich!« heischte ich kurz.
+
+Da trat der Fremde in den Schatten eines Baumes, und seine Lippen
+sprudelten: »Merke dieses Zeichen!« Er legte die drei mittleren Finger
+der rechten Hand über die Mittelfinger der linken und hob sie bis zur
+Stirn. »Hast du es gesehen?«
+
+»Ja!« Und ich konnte mich nicht enthalten zu fragen: »Wie oft hast du
+heute schon aus deiner Flasche getrunken?«
+
+Er lachte. »Ich trinke nicht, aber es ist mitunter nötig, sich betrunken
+zu stellen, ... solange die Engländer die Herren dieses Landes sind!«
+Bei den letzten Worten sprühten seine Augen so leidenschaftlichen Haß,
+daß ich mich ihm gesinnungsverwandt fühlte. Von diesem Augenblick an
+vertraute ich ihm, als hätte ich schon zwanzig Diebstähle mit ihm
+gemeinsam ausgeführt.
+
+»Wirst du das Zeichen nachahmen können?«
+
+Ich tat es.
+
+Wir traten wieder aus dem Schatten des Baumes und wanderten weiter.
+
+»So höre mich: Versuche, wenn mohammedanische Soldaten in deiner Nähe
+sind, unauffällig dieses Zeichen zu machen! Aber lasse es nie die
+Engländer sehen! Erwidert keiner meiner Brüder das Zeichen, so tue, als
+habest du nur eine unwillkürliche, spielerische Handbewegung gemacht. --
+Wenn dich aber einer mit demselben Zeichen wiedergrüßt, so gib ihm
+dieses!«
+
+Blitzschnell hatte er aus seinem Kleid ein versiegeltes Schreiben
+gezogen und es mir in eine Falte des Gewandes geschoben. Ich trat einen
+Schritt zurück, denn noch konnte ich mich nicht an die körperliche
+Berührung eines Nichthindus gewöhnen.
+
+»Lasse es nicht in die Hände der Engländer fallen!« zischelte er.
+
+Ich sperrte Nase und Mund auf. War das alles? Ein versiegeltes
+Schreiben? Und deshalb so viel Geheimtuerei?
+
+»Was bedeutet das Ganze?«
+
+»Ein frommes Werk! Die Götter werden es dir lohnen! Und die Engländer
+dich dafür verwünschen!«
+
+Ich wußte nicht, welche von beiden Belohnungen mir die begehrenswerteste
+dünkte.
+
+»Und ich soll es irgendeinem Mohammedaner geben?«
+
+»Irgendeinem, der das Zeichen kennt!«
+
+»Und wann soll ich zum ersten Male das Zeichen erproben?«
+
+»Sobald ihr auf hoher See seid!«
+
+Ich zuckte zusammen, -- aber schon im gleichen Augenblick kam mir mein
+Schreck töricht vor.
+
+Diesmal war ich es, der lächelte, und ich sprach: »Auf hoher See? Wir
+kommen nicht übers Meer, wir werden nur in der Heimat verwendet!«
+
+Da schaute mich der Mohammedaner so tieftraurig an, daß mein Lächeln
+erstarb und Unruhe mir ins Herz zog.
+
+»Armer Freund!« klagte er und wischte sich mit der Hand eine voreilige
+Träne von der Wimper. »Armer Freund!«
+
+Als ich ihn so bewegt sah, geriet ich in solche Aufregung, daß ich
+hastig einen Zipfel seines Kleides ergriff und ihn bestürmte:
+
+»Was willst du damit sagen? Weshalb weinst du? Bei allem, was du
+verehrst, sprich, sprich!«
+
+Aber er wiederholte nur: »Armer Freund!«
+
+Und riß sich los und enteilte.
+
+Ich stand da, mit blitzenden Augen und wogender Brust. In der geballten
+Faust hielt ich die drei Rupien, die mir aus alter Gewohnheit in der
+Hand geblieben waren, als ich das Kleid des Fremden berührt hatte.
+
+War ich das Opfer einer Zauberei? War der Fremde ein böser Dämon
+gewesen?
+
+Doch nein, er hatte geweint.
+
+Aber vielleicht hatte auch ihn ein kluger Vater gelehrt, zu weinen, wenn
+sein Herz vor Freude sprang, und zu lachen, wenn der Schmerz ihn würgte.
+
+Sicher wußte er mehr, als er gesagt hatte.
+
+Mein Kopf wirbelte, -- nein, ich wollte mit diesem Schreiben, das
+vielleicht eine Zauberformel barg, nichts zu tun haben, ich mußte es ihm
+zurückgeben. »Mein Freund,« rief ich und eilte in die Straße, in der er
+verschwunden war, »mein Freund ...«
+
+Aber ich fand ihn nicht mehr. Er mußte sich in irgendeinem der Häuser
+verborgen haben.
+
+Der Atem ging mir aus, und ich verlangsamte meinen Schritt.
+
+»Armer Freund« hatte er mich genannt. Sah er eine dunkle Zukunft voraus?
+Ahnte er Leiden, die mich treffen sollten und die er nicht von mir
+abwenden konnte? Verband uns beide ein verwandtes Geschick?
+
+Ich fühlte den Brief in meinem Kleide, und mein Verstand sagte mir:
+»Wirf ihn von dir! Zerreiße ihn, verbrenne ihn!« Zu gleicher Zeit aber
+klang es in mir: »Bewahre ihn gut! Es ist ein frommes Werk, zu dem du
+berufen bist!«
+
+Die Ruhe, die ich aus dem Gebet geschöpft hatte, war in peinvolle
+Beklemmung gewandelt, ich war in einen Irrgarten widersprechender
+Gefühle geraten, und wohin ich mich auch wandte, einen Ausgang zu
+finden, stieß ich auf dicke Mauern.
+
+Ich achtete nicht mehr auf die Richtung, die ich einschlug, und mein
+Instinkt führte mich den Weg zu meiner Lehmhütte, vor der ich plötzlich
+stand, ohne zu wissen, wie ich dorthin geraten war.
+
+Es war dunkel geworden, die Häuser standen wie ausgestorben, denn die
+Engländer hatten bei Kriegsbeginn einen Erlaß verkündet, der es den
+Eingeborenen verbot, des Abends Licht zu brennen. Auf diese Weise
+hofften sie, alle geheimen Zusammenkünfte verhindern zu können.
+
+An der Pforte meines kargen Heims strauchelte ich über einen plumpen
+Gegenstand. Ich bückte mich -- und fuhr zurück: da lag Malatri, die
+Brillenschlange, und sie war tot. Erschlagen von rohen Händen.
+
+Ich warf mich nieder, preßte den armen Kadaver an mich, streichelte den
+zerschmetterten Kopf, so daß mir das geronnene Blut an den Fingern
+kleben blieb. Ich rief: »Malatri, Liebling meiner Seele, Genosse meiner
+Beutezüge, hörst du mich nicht? Erwache und richte dich auf! Ich will
+dir vom besten Reis bringen, ich will dir die süßeste Milch stehlen, ich
+will dir ein weiches Lager bereiten! Du sollst an meinem Hals schlafen,
+ich will dich bedienen wie einen Fürsten, -- so vernimm doch den Ruf
+deines Freundes und gib ihm ein Zeichen!« ...
+
+Dies waren die Worte, die der Schmerz mir eingab.
+
+Aber die Seele, die in Malatris geschmeidigem Körper gewohnt hatte, ließ
+sich nicht mehr zurückrufen. Schon hatte sie in einem anderen Leibe ihre
+Stätte gefunden, vielleicht lebte sie in einer der Ratten, die über die
+Schwelle huschten und meine Klagen mit leisem Pfeifen begleiteten.
+
+Nun hatte ich nichts mehr, was mich an die Heimat fesselte. Mit der
+letzten Wurzelfaser war ich losgerissen aus dem Boden -- gleichgültig,
+wohin man mich verpflanzen werde.
+
+Das Spielzeug des Schicksals ...
+
+Ich hob Malatri von der Erde, trug sie zu einem nahen, fließenden
+Gewässer und überließ sie den trägen Wellen.
+
+Verspätet traf ich in der Kaserne ein. Zu meiner Verwunderung blieb die
+erwartete Strafe aus, der Posten ließ mich passieren, ohne mich zur Rede
+zu stellen. Er lachte mir nur breit ins Gesicht, als wisse er ein
+spaßhaftes Geheimnis.
+
+Kaum aber hatte der Gott des Schlafes meine Lider angehaucht, da riß ein
+gellendes Trompetensignal uns alle empor. Und als wir aufblickten, stand
+in der Türe unser Offizier mit fünf Soldaten, und sie hielten ihre
+Revolver bereit.
+
+Wir waren den Anblick von Revolvermündungen zu sehr gewohnt, um unruhig
+zu werden, und dachten, es sei wieder einmal eine Nachtübung anberaumt.
+Als wir jedoch unsere Gewehre ergreifen wollten, sahen wir mit
+Erstaunen, daß sie heimlich weggeräumt worden waren.
+
+Ich mußte doch länger geschlafen haben, als ich geglaubt hatte.
+
+»Antreten im Hofe ohne Waffen!« befahl der Offizier und schnitt ein
+Flüstern, das sich erheben wollte, durch das Kommando ab: »Ruhe! Kein
+Wort!!«
+
+Wir alle mußten vor ihm den Raum verlassen, er folgte nebst seinen fünf
+Soldaten, ohne den Finger vom Revolverhahn zu nehmen, und es war nicht
+anders, als treibe er eine Herde vor sich her.
+
+Im Hofe aber sah es seltsam aus. Da standen zwei Regimenter englischer
+Soldaten mit geladenen Gewehren, und sie ließen uns nicht aus den Augen.
+
+Dem einen Regiment gegenüber standen die mohammedanischen Truppen, die
+im andern Flügel der Kaserne untergebracht gewesen waren. Ihnen fehlten,
+gleich uns, die Waffen.
+
+Dem zweiten Regiment gegenüber mußten wir uns aufstellen.
+
+Auf großen, mit Pferden bespannten Karren lagen unsere Gewehre.
+
+Kein lautes Wort fiel, selbst die Befehle wurden halbleise erteilt, als
+gälte es, sie vor unberufenen Lauschern geheimzuhalten.
+
+Waren wirklich alle so bleich, oder sog der Schein des heiligen Mondes
+die Farbe aus ihren Wangen?
+
+Die englischen Soldaten marschierten auf uns zu, nahmen unseren Zug in
+die Mitte, und nun ging es hinaus in die Nacht, -- rechts und links von
+schußbereiten Wächtern behütet.
+
+Im Zickzack führten sie uns durch die Stadt, deren Straßen von Menschen
+gesäubert worden waren. Nur die Schritte hallten, und auch sie waren
+gedämpft wie bei euren Leichenzügen.
+
+Ja, es war ein Leichenbegängnis. Die Versprechungen, die sie uns und den
+Mohammedanern gegeben hatten, trugen sie zu Grabe, und uns alle stießen
+sie mit hinab in die Gruft.
+
+Wir sahen den Hafen vor uns, der angefüllt war von englischen Soldaten,
+und ein großes Schiff stand bereit, uns aufzunehmen.
+
+Zuerst wurden unsere Gewehre verladen. Alles so lautlos, wie in einem
+Schattenspiel.
+
+Und ich selbst kam mir vor wie leblos -- ich sah, was geschah, aber ich
+hatte die Empfindung dafür verloren. Ich sah, wie die Mohammedaner über
+die Bretter schritten, die den Steinboden mit dem Schiff verbanden, ich
+sah, wie ihr Zug in einer Treppenluke verschwand -- ich fühlte keinen
+Schmerz. Ich setzte mich in Bewegung, als die Reihe an uns gekommen war,
+willenlos wie ein Tier.
+
+Als ich über die Bretter marschierte, versagten meine Knie den Dienst,
+ich fiel. Aber ein Stoß mit dem Gewehrkolben in den Nacken brachte mich
+wieder auf die Beine.
+
+Im Aufspringen sah ich den Mond über mir stehen. Und mir war, sein
+Antlitz ähnele dem fremden Mohammedaner, dessen Schreiben ich im Gewande
+trug, und er weinte.
+
+Und eine weiße Wolke schob sich vor ihn, um die Träne an seiner Wimper
+zu trocknen.
+
+ * * * * *
+
+Gerade wollte ich eine Pause des Atemholens dazu benutzen,
+»Galgenstrick« mit der sanften Frage zu unterbrechen, ob ihn das
+Erzählen nicht anstrenge, als er selbst hüstelnd sprach: »Wenn es dir
+recht ist, o Herr, lasse mich schließen für heute!«
+
+Natürlich war es mir recht.
+
+Um aber Mister Galgenstrick nicht in gar so trüber Stimmung zu
+verlassen, plauderte ich noch ein wenig von gleichgültigen Dingen.
+
+Er hörte mir die ersten paar Sätze geduldig zu, dann sagte er: »Ihr
+Weißen redet, ohne zu denken!« drehte sich im Bett herum, und soweit die
+Bettdecke erkennen ließ, nahm er eine Körperstellung ein, die selbst der
+optimistischste Optimist nicht als Ehrenbezeigung deuten konnte.
+
+Ich mußte ob dieser Pantomime so herzlich lachen, daß Mister
+Galgenstrick sich wieder zurückdrehte und, angesteckt von meiner
+Heiterkeit, mir grinsend die Zähne zeigte.
+
+Und so hatte ich doch meine Absicht erreicht, ihn vor meinem Abschied in
+heitere Laune zu versetzen.
+
+Als ich am nächsten Mittag in das Lazarett kam, sagte mir auf dem Flur
+die Krankenschwester: »Mister Galgenstrick ist, seitdem Sie ihn
+besuchen, braver -- aber heute nacht war er wieder sehr ungezogen!«
+
+»Was hat er denn angestellt?«
+
+»Er hat sich selbst das Fenster geöffnet und die ganze Nacht hindurch
+die kalte Luft, die Gift für seine kranke Lunge ist, eingeatmet. Ich
+habe _Dr._ Heßberg gar nichts davon gesagt, sonst hätte er den Patienten
+furchtbar zusammengeschimpft!«
+
+»Daran haben Sie recht getan, Schwester!«
+
+Übrigens hatte die kalte Luft meinem farbigen Freunde nicht viel
+geschadet -- soweit mein Laienauge es beurteilen konnte.
+
+Er war recht vergnügt, legte bei meinem Eintritt die indischen Bilder,
+die er stundenlang zu betrachten pflegte, beiseite und begann nach
+einigen kurzen Begrüßungsworten lebhaft zu erzählen.
+
+ * * * * *
+
+Das Meer ist ein heiliges Gewässer, und es übt eine unwiderstehliche
+Anziehungskraft aus. Besonders auf die Speisen, die man im Magen hat.
+
+Laß mich schweigen, Herr, von den ersten Tagen der Seefahrt. Wir glichen
+weniger einer Truppe, die in den Kampf gegen die Deutschen zieht, als
+einer Truppe, die aus dem Kampf mit den Deutschen kommt. Und wenn meine
+Seele jemals in den Leib eines Herings ziehen sollte, so weiß sie nun
+wenigstens im voraus, wie einem beim Eingepökeltsein zumute ist.
+
+Wir Hindus waren auch zumeist #stumm# wie die Heringe. Wir sind keine
+Weißen, die stets das Bedürfnis haben, ihr »Herz« auszuschütten -- wobei
+ich immer lebhaft an das Ausschütten einer Kehrichttonne erinnert
+werde. Und ich glaube, die meisten Europäer besitzen dieses
+Mitteilungsbedürfnis, nicht weil ihr Herz übervoll, sondern weil ihr
+Kopf überleer ist.
+
+Du fragst dich, warum ich dir meine Lebensgeschichte erzähle, da ich das
+Stummsein so lobpreise?
+
+Siehe, das ist eben der Unterschied: ihr werdet wortkarg, wenn ihr krank
+seid, ich werde auf dem Krankenlager gesprächig. Ihr haltet das
+Mundhalten für eine Krankheitserscheinung, ich das Schwatzen.
+
+-- Die Fahrt schien endlos. Wohl hatte ich schon gehört, daß ferne
+unserer Heimat die Länder liegen, aus denen die Fremden zu uns kommen
+und uns ihre Waren schicken, aber nie hätte ich geglaubt, daß diese
+Länder so weit abseits lägen, daß das Meer so breit sei. Ich zermarterte
+mir das Gehirn mit der Frage, wozu ist das viele Wasser da, und ich kam
+zu der Lösung: die Götter haben es in ihrer Weisheit ausgeschüttet,
+damit ihr Weißen nicht so leicht und gefahrlos zu uns herüberkommen
+könnt. Das Meer ist der Stacheldraht des farbigen Mannes.
+
+Wenn ein Offizier zu uns Eingepökelten hinabstieg, fragten wir ihn nach
+dem Reiseziel. Der eine Offizier nannte »Ägypten«, der zweite
+»Frankreich«, der dritte »Belgien«, der vierte »Deutschland«.
+
+Ich sage: »wenn er zu uns hinabstieg«, denn wir Hindus durften nicht an
+Deck. Wir wurden verschickt wie eine Ware, und ich weiß nicht:
+berechneten uns die Engländer nach der Kopfzahl oder nach dem Pfund
+Lebendgewicht?
+
+Wir lagen im untersten Schiffsraum und ein Stockwerk über uns hausten
+die Mohammedaner. Eine Treppe verband uns. Manchmal kamen Mohammedaner
+zu uns herab und erzählten uns Neuigkeiten. Die Engländer sahen dies
+nicht gerne.
+
+»Woher weißt du diese Neuigkeiten?« stellte ich einmal einen Bekenner
+Allahs zur Rede, der mir mitgeteilt hatte, die Russen hätten die
+siebzehn Töchter des Deutschen Kaisers gefangengenommen. »Woher weißt du
+es, da wir mitten auf dem Meere sind? Haben es dir die Möwen zugetragen?
+Liest du es aus den Zickzackbewegungen der Fische?«
+
+Er hielt mir darauf eine große Rede über ein Ding, das er »drahtlose
+Telegraphie« nannte und das ein Engländer namens Marconi erfunden habe.
+Ich ließ den dummen Schwätzer stehen.
+
+Ich weiß, daß ihr Weißen viele Geheimnisse erforscht habt: Ihr habt ein
+Glasinstrument, das ihr »Thermometer« nennt und mit dem ihr das Wetter
+macht; ihr habt ein Blechrohr, in das ihr eure Musik eingesperrt habt
+und aus dem ihr sie herauslaßt, wenn andere Menschen schlafen wollen;
+und obwohl dieses Blechrohr, das ihr »Grammophon« nennt, keine Nase hat,
+singt es doch durch die Nase; ihr seid pfiffig und stehlt der Natur
+gewandter ihre Geheimnisse als ich euch die Taschenuhren, -- aber
+solchen Unsinn wie »drahtlose Telegraphie« dürft ihr einem Hindu nicht
+vorschwatzen!
+
+Nein, ich glaube nicht an solche Taschenspielerkünste und ich bin
+überzeugt, die sogenannten drahtlosen Kriegsberichte der Engländer
+entstehen auf eine ganz andere Weise, nämlich indem sie einfach fern vom
+Schlachtfeld erfunden werden.
+
+Und das haben mir später meine Erfahrungen auch bestätigt.
+
+Am dritten Tage der Seefahrt gab es einen großen Tumult auf dem Schiff.
+
+Es war um die Mittagszeit, das Meer lag leise atmend wie ein schlafendes
+Mädchen und schien sich selbst im Schlummer unbewußt zu schämen, daß wir
+es durch die Fensterluken beobachteten.
+
+Ein sanfter Wind fächelte von ihrer Stirne die Möwen, die ich die Mücken
+des Meeres nennen möchte.
+
+Da hörten wir plötzlich, wie die Engländer auf dem Verdeck des Schiffes
+durcheinander schrieen, wie sie aufgeregt hin und her liefen, bis
+schneidende Kommandostimmen Ordnung in den Wirrwarr brachten.
+
+Ein Mohammedaner stürzte auf uns zu und tobte: »Ein deutscher Kreuzer
+ist in Sicht! Wir sind alle verloren!«
+
+»Hat er explodierende Metallfische bei sich?« erkundigte ich mich, aber
+er ließ sich keine Zeit, mir zu antworten. Er raste wieder die Treppe
+hinauf zu seinen Stammesgenossen.
+
+Ich hörte, wie die Falltüre geschlossen wurde, die uns von dem Verdeck
+absperrte: wir waren wie in einem Käfig gefangen.
+
+Ein Murren erhob sich, wilde Gedanken jagten sich in unseren Köpfen.
+
+Doch ein Brahmane stimmte ein Gebet an, wir ließen unsere Stimmen
+mitklingen und unsere Wünsche drangen zu den Himmeln empor, hindurch
+durch die Falltüre und die Planken des Schiffes.
+
+Wir Hindus flehten zu Schiwa, die Engländer flehten zu ihrem Gott, die
+Mohammedaner flehten zu Allah. Zu vielerlei Göttern, in vielerlei
+Sprachen schrie Menschennot nach Errettung, aber ich glaube, im Grunde
+war es ein und dasselbe Gebet.
+
+Als ich mein Gebet verrichtet hatte, trat ich an eine der Fensterluken,
+stieß die anderen, die mir den Platz streitig machen wollten, mit den
+Ellenbogen kräftig zurück und schaute auf den Ozean hinaus.
+
+Ein Rauchwölkchen stieg am Horizont auf, wuchs, kam näher, und es sah
+aus, als ob ein Schiff langsam aus den Wogen emporstiege: zuerst der
+Schornstein, dann das Deck, der Rumpf -- und nun war das ganze Schiff
+sichtbar und lief auf uns zu mit der Schnelligkeit einer Ratte.
+
+Man konnte es im hellen Tageslicht deutlich beobachten.
+
+Da begannen die Maschinen unseres Schiffes laut aufzustöhnen, wir wurden
+von einem Ruck durcheinandergeworfen, und ein Wettrennen auf Leben und
+Tod begann zwischen den beiden Dampfern.
+
+Und ich sprach zu mir: »Wie es das Schicksal will, wird es geschehen.
+Will es das Schicksal, so bleibe ich am Leben, will es das Schicksal, so
+ertrinke ich. Mir ist beides recht. Wohl ist es betrüblich, daß ich
+nicht, wie meine Vorfahren, am Galgen sterben soll, daß ich die
+Tradition unterbreche. Und ich wollte, ich hätte erst das hilflose
+Ermatten überstanden, bei dem mir das Wasser in den Mund und Nase
+dringen wird, bis sich die Wellen gurgelnd über mir schließen! Möge das
+Schicksal meinen Todeskampf abkürzen!«
+
+Und wie ich, dachten wohl alle, alle, die an Bord waren. Ausgenommen
+vielleicht die Engländer, die die Rettungsboote in ihrer Nähe hatten.
+
+Ich ließ mein Leben an mir vorübergleiten und fragte: »Was hast du mir
+bisher geschenkt? Viele Prügel und manche hungrige Nacht, aber auch
+manchen wohlgelungenen Beutezug. Du hast mir manches böse Wesen in den
+Weg geführt, wie Jim Boughsleigh, aber auch manches gute Wesen, wie
+Malatri, die Brillenschlange. Ich bin so gut und so schlecht gewesen,
+wie es mir meine Vermögensverhältnisse erlaubten. Wenn ich einen
+ungekannten Feind hinterlasse, so tut es mir leid, daß ich sterbe, ohne
+ihn umgebracht zu haben; wenn ich einen ungekannten Freund hinterlasse,
+so tut es mir leid, daß ich seine Bekanntschaft nicht gemacht habe. Möge
+meine Seele in einem besseren Leibe, als es mein gegenwärtiger ist, zu
+neuem Leben erwachen, -- und wenn es nicht in meiner Heimat sein darf,
+so möge es in einem Lande sein, wo die fremden Brieftaschen gefüllter
+sind und die Wächter sich eines gesunden Schlafes erfreuen!«
+
+Unser Schiff rannte durch die Wellen mit einer Schnelligkeit, die ich
+ihm niemals zugetraut hätte. Vor der Fensterluke spritzte der Gischt
+dicht empor, so daß ich nichts mehr sehen konnte. Und wenn ich nicht
+gewußt hätte, daß wir an Bord eines tapferen, unbesiegbaren englischen
+Schiffes wären, würde ich sagen: wir flüchteten.
+
+Jeden Augenblick erwartete ich, jenes explodierende Metallfischlein käme
+geschwommen und streckte seinen spitzen Eisenkopf durch die Schiffswand.
+Jeder Atemzug war mir eine Gnadenfrist.
+
+Wann kommst du, Tod?
+
+»Ich glaube, wir fahren langsamer,« sprach ein Hindu neben mir.
+
+Ich merkte auf und nun kam es auch mir so vor. Der Gischt vor dem
+Lukenfenster spritzte niedriger, das Stampfen der Maschine wurde leiser.
+
+Nun war auch der Blick über das weite Meer wieder freier -- ich spähte,
+ich reckte mich hochauf: der deutsche Kreuzer war verschwunden.
+
+Vielleicht hatte ihn Schiwas Faust in das Meer gedrückt, wie man den
+Kopf eines störrischen Stieres niederdrückt.
+
+»Wir sind gerettet!« jauchzten die Mohammedaner über uns. Und umarmten
+sich.
+
+Wir Hindus aber blieben ernst, ein unhörbares Aufatmen befreite unsere
+Brust, unsere Glieder lösten sich aus dem Starrkrampf der
+Todesbeklemmung.
+
+Und wieder drangen die Gebete empor.
+
+Die Engländer dankten: #Gott# hat uns gerettet.
+
+Die Mohammedaner dankten: #Allah# hat geholfen.
+
+Die Hindus dankten: #Schiwa# hat uns beigestanden.
+
+Die Engländer feierten die Erlösung aus Todesgefahr mit Sekt und Whisky.
+
+Die Mohammedaner feierten sie mit heiligen Gelübden.
+
+Wir Hindus feierten sie mit einem gesunden Schlaf.
+
+Und die Heizer an der Maschine bekamen einen Korb Wein vom Kapitän
+gespendet.
+
+Übrigens begegneten wir am nächsten Morgen abermals dem deutschen
+Kreuzer und es stellte sich heraus, daß es ein englisches Handelsschiff
+war, das bei unserem Anblick schleunigst davongedampft war, weil es uns
+für einen deutschen Kreuzer gehalten hatte ...
+
+So hatten wir uns gegenseitig bewiesen, daß Britannien das Meer
+beherrscht ...
+
+Schmerzlicher als unter dieser Stunde der Aufregung litt ich unter der
+langen Abgeschlossenheit in dem stickigen Schiffsraum. Uns Hindus, die
+wir so eng mit der Natur verwachsen sind, daß wir mit ihr eine große
+Familie bilden, von Sonne, Mond abzusperren -- es war unerträglich. Ich
+fühlte mich lebendig begraben.
+
+Ich habe manchmal die Wahl gehabt zwischen einer Gefängnisstrafe und
+zwanzig Peitschenhieben auf mein Rückenende, und ich habe stets die
+Peitschenhiebe vorgezogen.
+
+Das haben die Weißen nie begriffen. In ihren Augen gibt es nichts
+Entehrenderes, als öffentlich geprügelt zu werden. Ich aber frage: Was
+hat mein Ehrgefühl mit meinem Popo zu tun? Was ist das für ein
+Ehrgefühl, das eine Peitsche mir rauben kann?
+
+Ihr könnt mich lahm geißeln, deshalb bleibe ich doch ein Hindu der
+Kriegerkaste. Aber wenn ihr auch alle Hindus ausrotten würdet, deshalb
+bliebet ihr doch nur Weiße. Da kann euch kein Mensch und kein Gott
+helfen.
+
+Ihr macht ein großes Wesen von eurem Ehrgefühl, zu dessen Verherrlichung
+ihr mannigfache Löcher in die Luft schießt, aber was wahrer Stolz ist,
+könntet ihr von dem ärmsten Hindu lernen. Ich will dir ein Beispiel
+geben: Wohl ist der Hindu euer Knecht, aber in seiner kärglichen
+Lehmhütte ist er der Herr, und sein Weib würde es nie wagen, sich in
+seiner Gegenwart zu setzen. Bei euch hingegen gebärden sich just
+diejenigen Männer als die Herren der Welt, die zu Hause den Mund nicht
+öffnen dürfen.
+
+Unseren Stolz beugt kein Richtschwert -- euer Stolz zittert vor einem
+Pantoffel.
+
+Gerne hätte ich mir jeden Tag zehn Peitschenhiebe aufzählen lassen, wenn
+man mich dafür nur eine halbe Stunde auf Deck gelassen hätte! Ach, ich
+sah die Gestirne nur durch ein schmales Fenster, ich hörte nicht den
+Gesang des Windes, und wenn ich den Blick hob, sah ich über mir harte
+Schiffsplanken.
+
+Ich habe einmal einen weißen Knaben in Bombay gesehen, der sammelte
+Raupen. Er nahm sie von den blühenden Bäumen und sperrte sie in einen
+dunklen Pappkasten, in den er ein paar erbärmliche Luftlöcher gestoßen
+hatte. Mit diesen Raupen verglich ich uns.
+
+Und eines Nachts hielt ich es nicht mehr aus, ich mußte den Mond wieder
+einmal freien Auges sehen und mich überzeugen, ob er noch weinte?
+
+Meine Brüder schliefen den festen Schlummer des Sklaven, als ich mich
+erhob, unhörbar die Treppe hinaufzuschleichen. Unhörbarer noch, als ich
+damals im Hause der Lady die Stufen emporgekrochen war.
+
+Schon war ich an dem Stockwerk der Mohammedaner vorbei und schaute über
+mir die offene Falltüre. Ich sah den Vollmond mir zu Häupten und hob wie
+anbetend die Arme. Ich stieg höher und fühlte den Wind nach mir haschen.
+Und nun konnte ich auch einige Geräte auf dem Verdeck unterscheiden und
+erblickte den einen Schornstein des Schiffes.
+
+Die Luft war voller Dämonen, die sich winselnd balgten, und der Rauch,
+der dem Schornstein entqualmte, schnitt tückische Fratzen.
+
+Noch ein paar Schritte und ich mußte droben sein. Aber als ich
+vorsichtig den Kopf aus der Luke hob, spürte ich einen krachenden Schlag
+auf dem Schädel und hörte eine böse Stimme: »Willst du wohl drunten
+bleiben, Kanaille?«
+
+Da zog ich meinen Kopf schleunigst zurück.
+
+O, die Engländer hielten gute Wacht.
+
+Ich stieg bekümmert die Treppe hinab und setzte mich in stummer Klage
+auf eine Stufe.
+
+Der Schein einer elektrischen Taschenlampe traf mich von oben, ich
+schaute aufwärts und sah in der Luke der Falltreppe ein weißes Gesicht,
+das herabspähte und fluchend herunterspuckte.
+
+Dann ward es wieder dunkel.
+
+Mit verächtlichem Achselzucken erhob ich mich und setzte mich einige
+Stufen tiefer.
+
+Das war wieder eine echt englische Heldentat gewesen, einen Wehrlosen
+anzuspucken. Schule Jim Boughsleigh. Aber vielleicht verdienen es die
+Völker, die für Englands Habgier ihr Blut opfern, nicht besser.
+
+Wie lange ich auf der Treppe saß, kann ich nicht angeben. Meine Sinne
+flüchteten aus der harten Gegenwart in die freundlichen Gärten der
+Selbsttäuschung und ergötzten sich an dem Spielen mit eitlen Hoffnungen.
+
+Als sie zurückkehrten und ich mir wieder meiner Lage bewußt ward, war
+die Last meiner Sorgen doppelt schwer geworden. Ich stützte den Kopf in
+die Hände und wünschte: o möge doch das Schiff mit uns allen auf den
+Meeresboden sinken.
+
+Plötzlich fühlte ich mich beobachtet. Ich sah um mich und gewahrte einen
+Mohammedaner, der am Fuße der Treppe stand und wohl schon längere Zeit
+meinem Mienenspiel gefolgt war.
+
+Er starrte mich schweigend an. Soweit ich es im Dunkeln erspähen konnte,
+malte ich mir sein Bild: ein kleines Männlein, mit gebeugtem Rücken.
+Tiefe, ruhige Augen.
+
+Wir musterten einander eine Weile, ohne zu sprechen. Diesem wortlosen
+gegenseitigen Suchen zweier Unglücklichen haftete eine merkwürdige
+Feierlichkeit an.
+
+Wir prüften unsere Seelen mit den Blicken -- zwei Freunde, die sich in
+tiefer Not begegnen und sich stumm verstehen.
+
+Ich legte die drei mittleren Finger der rechten Hand über die
+Mittelfinger der linken und hob sie zur Stirn.
+
+Gespannt harrte ich, ob der Mohammedaner das Zeichen erwidere?
+
+Er stieg gemessen die Stufen der Treppe empor, bis er dicht vor mir
+stand. Kein Zucken in seinem Gesicht, keine Bewegung verriet, was in ihm
+vorging.
+
+Mir war zumute wie in einem Tempel.
+
+Und ohne den Blick von mir zu lösen, vollführte er das geheimnisvolle
+Zeichen.
+
+Langsam ließ er die Hände sinken. Dann beugte er sich zu mir nieder und
+flüsterte das eine Wort: »Leise!«
+
+Er ahmte das Pfeifen und Rascheln einer Ratte nach -- blickte nach oben
+-- die Wache rührte sich nicht.
+
+Da setzte er sich neben mich auf die Treppe, -- und nun war er nicht
+mehr der feierliche Mohammedaner mit den gemessenen Gesten, sondern ein
+gesprächiges altes Männlein, das hastig lispelnd mit mir plauderte, wie
+ein altvertrauter Bekannter.
+
+Ich merkte freilich wohl, daß er bei dem scheinbar sorglosen Plaudern
+mich eindringlich beobachtete, und ich glaube, er hätte bei der
+kleinsten verdächtigen Schwankung meines Tonfalls sich sogleich wieder
+in den unnahbaren Stummen zurückverwandelt.
+
+»Woher kennst du das Zeichen, Freund?« forschte er.
+
+»Einer deines Stammes hat es mich gelehrt.«
+
+»Wo?«
+
+»In Bombay.«
+
+»Wann?«
+
+»Am Tage, ehe man uns auf dieses Schiff brachte.«
+
+»Erzähle es mir genau!«
+
+Ich erfüllte sein Begehren. Er hörte mir ruhig zu, manchmal mit dem Kopf
+beifällig nickend, manchmal leise kichernd.
+
+Von Zeit zu Zeit gab er mir mit der Hand ein Zeichen, eine Pause zu
+machen, ahmte wieder die Ratte nach, blickte nach oben, und da keine
+Gefahr drohte, ließ er mich weiter sprechen.
+
+Als ich geendet hatte, sagte er:
+
+»Das war Abu-Kalib! Allah segne ihn! Und stärke ihn im Sterben, wenn ihn
+die Engländer erwischen!«
+
+»Wenn er dich kennt, weshalb gab er dann den Brief mir, dem Fremden, und
+keinem von euch?«
+
+»Schlauköpfchen! Weil kein mohammedanischer Soldat in Bombay auch nur
+für die Zeitspanne eines Augenblinzelns unbeobachtet blieb! -- Wo hast
+du den Brief?«
+
+»Hier!«
+
+Ich zog ihn aus meinem Gewand, fühlte, ob das Siegel noch unverletzt
+sei, und reichte ihm das Schreiben.
+
+Er küßte es.
+
+»Ist bei euch unten eine Wache?« lispelte er.
+
+»Nein. Wozu auch?«
+
+»Pst! Leise, mein Freund!«
+
+Er faßte meine Hand und zog mich die Treppe hinab. Dabei quiekte er ein
+Rattenkonzert von erstaunlicher Naturtreue -- die Wache oben rührte sich
+nicht. Vielleicht war sie eingeschlummert.
+
+Als ich am Eingang zu unserem Raume stand, zögerte ich einen Augenblick.
+War es nicht sündhaft, einen unreinen Mohammedaner in unser Lager zu
+führen? -- Aber seufzend gestand ich mir, daß ich in den letzten Wochen
+unter dem Zwange des Krieges so oft hatte gegen unsere Sittengebote
+verstoßen müssen, daß mir die Götter wohl auch dieses Vergehen noch
+verzeihen würden.
+
+So traten wir denn auf den Zehenspitzen ein, stiegen über die
+Schlafenden hinweg, nach einer Fensterluke, durch die der Mond seine
+neugierigen Strahlen warf.
+
+In dieser Beleuchtung sah ich zum ersten Male den Mohammedaner
+deutlicher: die vielen Runzeln in seinem Gesichte zeugten von vollbewußt
+erlittenen, herben Lebensschicksalen. Und nun begriff ich auch, warum er
+beim Sprechen lispelte und das Pfeifen der Ratte täuschender als ein
+Hindu nachahmen konnte: er pfiff durch eine breite Zahnlücke.
+
+Ehe er das Schreiben öffnete, sah er mir scharf in die Augen.
+
+Ich verstand sein Mißtrauen, las in seinem Blick die Frage: »Bist du
+auch nicht von den Engländern bestochen?« und deutete als klarste
+Antwort auf das Zeichen Schiwas an meiner Stirn.
+
+Er nickte befriedigt und brach das Siegel auf.
+
+Und während er las, weiteten sich seine Augen, Entsetzen verzerrte sein
+Antlitz, er taumelte, ließ das Blatt sinken, als überstiege es das
+Fassungsvermögen seines Hirnes, weiter zu lesen.
+
+Ich erschrak und bereute es beinahe, ihm das Schreiben anvertraut zu
+haben.
+
+Am Ende war es doch kein heiliges Werk, wie mir Abu-Kalib beteuert
+hatte?
+
+Am Ende hatte ich mich zum Mitwisser, zum Mitschuldigen eines blutigen
+Frevels gemacht?
+
+Aber ehe ich diese Befürchtungen weiter denken konnte, fesselte mich
+wieder des Mohammedaners seltsames Benehmen.
+
+Er hatte das Schreiben dicht vor die Augen gehoben, so daß ich im
+Mondschein durch das Pergament hindurch die Umrisse seines Kopfes wie
+den gespenstischen Schatten eines Raubtierschädels sah. Nun senkte er
+das Blatt wieder und mir starrten die Züge eines Irrsinnigen entgegen.
+Er ergriff meine Hand mit seiner fiebernden Rechten, während er sich die
+Linke in den Mund preßte, um nicht aufschreien zu müssen.
+
+Ich stand erschüttert. Bis ich fühlte, wie sich der Druck seiner Hand
+löste und er aus seinem Krampfe erwachte.
+
+Und nun hing er an meinem Hals und weinte an meiner Brust -- der alte
+Mann wie ein Kind.
+
+Ich wußte mir sein Weh nicht zu erklären, aber ich wagte nicht zu
+fragen. Ich legte meinen Arm um seinen gekrümmten Rücken, er zuckte
+zusammen unter dieser zärtlichen Bewegung, und nun hatte er sich wieder
+auf sich selbst besonnen.
+
+»Allah wird dich lohnen und dir die Wonnen des Paradieses schenken!«
+lispelte er. Und indem er auf die Reste des Siegels aus dem Fußboden
+wies, warnte er: »Entferne dies, lasse es die Engländer nicht finden! Es
+kann dich den Kopf kosten!«
+
+Ich bückte mich, las die Reste zusammen -- und als ich mich wieder
+aufrichtete, war der Mohammedaner entwischt. Ich hörte von der Treppe
+her das Piepen einer Ratte -- vermischt mit schluchzendem Kichern.
+
+Heute weiß ich, was in dem Schreiben stand: es war des Sultans Aufruf
+zum heiligen Krieg.
+
+Aber nicht zum heiligen Krieg gegen die deutschen Dämonen, wie die
+Offiziere gelogen hatten, sondern zum heiligen Krieg gegen die
+Engländer.
+
+Ich hatte die Reste des Siegels vom Boden aufgesammelt und, um sie
+sicher zu verbergen, verschluckt. Die Folge bewies mir, daß Siegellack
+ein schlechtes Nahrungsmittel ist. Heftiges Bauchgrimmen lohnte mir das
+fromme Werk und bestätigte die alte Erfahrung, daß uns unsere guten
+Taten in der Regel die #bittersten# Schmerzen eintragen.
+
+Bald genug sollten mich unerwartete Ereignisse belehren, daß der alte
+Mohammedaner den Inhalt des Schreibens nicht geheimhielt.
+
+Wirrer und aufgeregter dünkte mich am nächsten Morgen der Widerhall der
+Schritte uns zu Häupten. Vielleicht aber kam es mir auch nur so vor, da
+ich bisher nie so aufmerksam auf dieses Geräusch geachtet hatte.
+
+In der Nacht aber erhob sich über uns ein drohendes Gemurmel, schwoll zu
+gärenden Rufen, Schreie kreischten und bald war es, als ob ein Rudel
+wilder Hunde losgelassen sei.
+
+Wir wachgewordenen Hindus sahen einander verwundert an und ein Brahmane
+sagte:
+
+»Ein Narr, wer sich gegen das Schicksal auflehnt!«
+
+Ich unterschied in dem Lärm, wie Holz zerbrochen wurde, wie Glas
+klirrte, und mein Eindruck war: die da oben demolieren ihr Gefängnis.
+
+Und nun trampelten Schritte auf der Treppe -- die Mohammedaner drängten
+unter wildem Heulen nach dem Verdeck -- Schüsse fielen.
+
+Ein Handgemenge schien zu toben.
+
+Einen Augenblick dachte ich daran, meine Brüder zu entflammen, den
+Mohammedanern zu Hilfe zu kommen. Aber ich besann mich rechtzeitig, daß
+die Bekenner Allahs mir ebenso fremd und unrein gelten wie die Weißen.
+Mögen die Götter sie beide vernichten!
+
+Was hätten auch wir Unbewaffneten gegen die wohlgerüsteten Engländer
+ausrichten können? Und überdies: Verdient, wer erfolgreich lügt, härtere
+Strafe als der Tor, der #sich belügen läßt#?
+
+Ich, als Hindu, habe tiefere Achtung vor dem Lügner als vor dem
+Belogenen -- und ich glaube, auch ihr Weißen fühlt insgeheim gleich mir,
+denn weshalb löget ihr sonst so oft?
+
+Da der Lärm über uns und auf der Treppe kein Ende nehmen wollte, so
+beschloß ich, mich persönlich von dem Stand der Dinge zu überzeugen.
+Vielleicht siegten die Mohammedaner und wir konnten aus der fremden
+Tapferkeit Nutzen ziehen?
+
+Du siehst, ich fühlte schon ganz englisch.
+
+Ich öffnete also die Türe -- prallte aber sogleich zurück. Zwei
+englische Soldaten hielten mit gezücktem Revolver Wache vor der Tür.
+Dieser Posten stand fortan bei Tag und bei Nacht vor unserem Raum und
+hinderte jeden Verkehr zwischen uns und den Mohammedanern.
+
+Seit der Meuterei der Mohammedaner glich das Schiff einem schwimmenden
+Zuchthaus.
+
+Nur ein einziges Mal durften wir Hindus an Deck und das war am Tage nach
+jener Revolte. Unsere Offiziere ließen uns in Reihen von zwei und zwei
+antreten und trieben uns die Treppe hinauf.
+
+Oben standen wieder die bewaffneten Engländer uns Unbewaffneten
+gegenüber -- ganz wie damals auf dem Kasernenhof, als man uns zur
+»Nachtübung« auf das Schiff gebracht hatte.
+
+Wie lange hatte ich den Himmel nicht mehr gesehen! Und wie hatte er sich
+verändert! Es war nicht mehr der liebe blaue Himmel Indiens, der luftige
+Wohnsitz der Götter, nicht mehr der süße Himmel, der wie der
+durchsichtige, zarte Schleier vor einem klugen Frauenantlitz ist --
+nein, es war ein schmutziges Tuch, das sich ein altes Weib vor das
+verrunzelte Gesicht gebunden hatte, ein trüber, dunstiger, mißgelaunter
+Himmel.
+
+Ein Himmel, der nicht hören und nicht sehen wollte, was nun geschah.
+
+Denn nun trat ein Offizier vor und hielt eine jener Reden, in denen die
+Engländer Meister sind. Kein Volk der Erde versteht es so vortrefflich,
+gleichzeitig zu sündigen und sich moralisch zu entrüsten. Es gleicht
+einer Hure, die über den Kuß eines reinen Mädchens Zeter schreit. Einem
+bestochenen Richter, der einen hungrigen Brotdieb zum Pranger
+verurteilt. Und wenn die Engländer jemals der Göttin der Wahrheit einen
+Tempel bauen, so müßten sie ihr Standbild auf den Kopf stellen und ihr
+eine Schnapsflasche in die Hand geben.
+
+Der Offizier sprach davon, daß die Mohammedaner den heiligen Eid, den
+sie dem König geleistet hätten, schmählich gebrochen hätten. Davon, daß
+ihnen dieser Eid unter lügnerischen Vorspiegelungen erpreßt worden war,
+sprach er nicht.
+
+Er sprach davon, daß die Engländer die väterlichen Freunde der
+Mohammedaner seien, und wie schändlich es sei, solche väterliche Liebe
+durch Meuterei zu lohnen. Davon, daß die Engländer gleichzeitig dem
+Sultan sein Land nehmen und es mit ihren Spießgesellen teilen wollten,
+sprach er nicht.
+
+Er sprach davon, daß die Engländer blutenden Herzens die Mohammedaner
+für den gebrochenen Soldateneid strafen müßten, denn England sei der
+berufene Schützer des Rechts auf dieser Welt. Davon, daß sie, wie ich
+später hörte, verbündet sind mit den Meuchelmördern von Serbien und dem
+ehrenwortbrüchigen Zaren von Rußland, sprach er nicht.
+
+Es war eine lange Rede und sie enthielt fast mehr Lügen als Worte. Wir
+hörten sie an, wie man eben eine Rede anhört, wenn einem geladene
+Gewehre nach der Brust schielen, und beneideten die Möwen, die
+davonfliegen konnten.
+
+Dann begann das Strafgericht. Die Engländer zählten aus den Reihen der
+Mohammedaner jeden zehnten Mann aus, zwangen ihn vor die Front zu treten
+und banden ihm die Hände auf den Rücken.
+
+Auch den Alten, dem ich das Schreiben Abu-Kalibs ausgehändigt hatte,
+traf das Los. Wir suchten uns mit den Blicken, und wenn er die
+Augensprache verstand, las er von meinem Antlitz Worte, die -- hätten
+die Engländer sie vernommen -- unsere Familientradition wieder zu Ehren
+gebracht und mich am Galgen baumeln gemacht hätten.
+
+Der Alte hob, als die Reihe an ihn kam, feierlich seine Hände den
+Stricken entgegen, und es sah beinahe aus, als segne er die Ketten, ehe
+sie ihn fesselten. Sie banden ihn so fest, daß sein Rücken noch
+gekrümmter war als sonst.
+
+Und obgleich ich nicht gerne einen Menschen lobe, außer mich selbst, muß
+ich sagen: dieses greisenhafte Männchen ging dem Tode mit einem
+Gleichmut entgegen, der jedem Hindu zur Ehre gereicht hätte.
+
+Möge seine Seele sich auf ihren weiteren Wanderungen so weit
+vervollkommnen, daß die Götter sie in einigen Jahrtausenden würdig
+finden, in dem Leib eines Hindus, und sei es auch nur der untersten
+Kaste, zu wohnen.
+
+Die Gefesselten wurden weggeführt, und uns trieb man wieder in unseren
+Stall zurück.
+
+Kaum waren wir unten, da erschienen die Engländer bei uns, um unsere
+Habseligkeiten zu durchstöbern. Ja, wir mußten uns sogar nackt vor ihnen
+ausziehen, damit sie erführen, ob wir nichts Verdächtiges unter unseren
+Kleidern verborgen trügen.
+
+Wie klug war der Rat des Alten gewesen, die Spuren des Siegels zu
+tilgen!
+
+Die Engländer fanden nichts bei mir, außer zwei fremden Geldtäschchen.
+Und auch bei den anderen fanden sie nichts.
+
+Wir lauschten, ob wir die Schüsse vernähmen, die die Seelen der
+gefesselten Mohammedaner wie Peitschenhiebe aus ihren Körpern treiben
+sollten -- aber kein Schuß gellte.
+
+Wahrscheinlich haben sie sie #gehenkt#, dachten wir.
+
+Doch auch diese Vermutung war irrig. Die Todesstrafe wurde erst
+vollzogen, als wir an Land waren, als wir an einer Küste ausgeladen
+wurden, die sie Ägypten nannten.
+
+»Wem gehört dieses Land?« frugen wir.
+
+»Es gehört uns Engländern.«
+
+»Wieso?«
+
+»Wir haben es uns genommen.«
+
+»Mit welchem Recht?«
+
+Da lachten sie und sagten, wir hätten keine Kultur.
+
+Ich habe das Wort »Kultur« noch gar oft gehört und gelesen, aber ich bin
+mir trotz angestrengten Grübelns nicht klar geworden, was Kultur
+eigentlich ist? Kultur ist, wenn man Schulen baut, und Kultur ist, wenn
+man Kanonen baut. Kultur ist, wenn man den Frieden preist, und Kultur
+ist, wenn man den Krieg besingt. Kultur ist, wenn man die Armen speist,
+und Kultur ist, wenn man den noch Ärmeren ganze Länder raubt. Kultur
+ist, wenn man seine Religion ehrt, und Kultur ist, wenn man andere ihrer
+Religion abtrünnig macht.
+
+Ich weiß nicht, was Kultur ist, aber ich bin stolz, wenn man mir sagt,
+ich hätte keine. Obwohl ich andererseits sage: wenn die Engländer Kultur
+haben, dann haben auch wir Hindus welche!
+
+Ich glaube, Kultur ist im Grunde nur eine der Ausreden, um welche die
+Weißen nie verlegen sind, wenn es gilt, für häßliche Dinge einen schönen
+Namen zu finden.
+
+Jim Boughsleigh hatte mir versichert, Ägypten sei ein wunderschönes
+Land, aber ich merkte nichts davon. Ich fand, es sei eine sandige Wüste,
+in der es nachts so kalt war, daß ich bitterlich fror.
+
+Und auch das erste Erlebnis, das wir dort hatten, war alles andere eher
+als wunderschön.
+
+Wir wurden nämlich aus den Zelten, in denen man uns untergebracht hatte,
+herausgeholt, um der Hinrichtung der gefesselten Mohammedaner
+beizuwohnen. Man stellte sie auf einen Sandhügel und die Engländer
+schossen auf sie, bis keiner mehr lebte.
+
+Der Alte war einer der ersten, die umfielen. Er krümmte sich zusammen,
+wie eine ersaufende Ratte, dann streckte er sich in einem kurzen Krampf
+und blieb so liegen.
+
+Die Mohammedaner murmelten Gebete, während man ihre Brüder erschoß.
+Vielleicht war es auch etwas anderes, was sie murmelten.
+
+»Bleiben wir in Ägypten?« frug ich den Offizier, der uns in unsere Zelte
+zurückführte.
+
+»Vielleicht!«
+
+»Gibt es in Ägypten deutsche Dämonen?«
+
+»Nein! Aber es nahen türkische Feinde!«
+
+»Sind die Türken auch Dämonen?«
+
+»Ja!«
+
+»Verwandeln sie sich des Nachts auch in Frösche?«
+
+Der Offizier sah mich groß an und gab mir keine Antwort mehr.
+
+Vier Tage blieben wir in diesem Land. Und auf alle Fragen, die wir
+stellten, bekamen wir die Antwort »vielleicht«.
+
+Eine bange Unruhe bemächtigte sich wieder unserer. Was hatten die
+Engländer mit uns vor? Würden sie auch unter uns ein Blutbad anrichten?
+
+Ich konnte die Zukunft nicht erraten, aber jedenfalls war ich froh, daß
+ich in unserer Kompagnie der #neunte# Mann war, und nicht der #zehnte#.
+
+Um die Mittagsstunde des vierten Tages befahl mich der Kolonel zu sich.
+
+Ich grüßte ihn ehrerbietig und dachte mir das Gegenteil.
+
+»Höre, Galgenstrick,« begann er, »du bist ein intelligenter Bursche! Du
+hast dich bisher als tapferer Soldat gezeigt!«
+
+Das war mir neu. Aber ich dachte mir: vielleicht hat es den Engländern
+imponiert, daß man bei mir zwei fremde Geldtäschchen gefunden hatte. Ich
+schwieg, denn man darf einem Vorgesetzten nicht ungefragt antworten, und
+wenn er noch so greulichen Unsinn redet.
+
+»Du bist tapfer, mein Junge,« wiederholte der Kolonel, »und du sollst
+sehen, daß wir Engländer die Tapferkeit belohnen!«
+
+Mich durchzuckte die Hoffnung: vielleicht läßt er dich zur Belohnung
+nach Indien zurückkehren?
+
+Aber der Kolonel sagte: »Du bist hiermit zum Sergeanten befördert!«
+
+Ich muß wohl, obwohl ich mich zu beherrschen weiß, ein etwas langes
+Gesicht gemacht haben, denn er fuhr fort: »Freust du dich nicht? Weißt
+du nicht, welche Vorteile es hat, Sergeant zu sein?«
+
+Ich sagte: »Ich will nicht Sergeant sein!«
+
+»Warum nicht?« staunte er.
+
+»Weil ich dann den anderen Befehle geben muß. Unter uns Hindus aber
+befinden sich einige Brahmanen, und es wäre eine unlöschliche Sünde,
+wollte ich mir anmaßen, einem Brahmanen Befehle zu erteilen!«
+
+»Dummes Zeug! In unserer Armee gibt es keine Kastenunterschiede, sondern
+nur Soldaten! -- Wegtreten!«
+
+Ich wandte mich zum Gehen; da er aber bemerkte, daß ich noch etwas auf
+dem Herzen hatte, rief er mich nochmals zurück und forschte: »Nun? Was
+ist dir noch rätselhaft?«
+
+Ich nahm meinen Mut zusammen und sprach: »Ich habe beobachtet, daß
+Vorbereitungen zur Weiterfahrt getroffen werden. Wohin wird man uns
+bringen?«
+
+»Das weiß ich noch nicht. -- Hast du sonst noch etwas zu fragen?«
+
+»Ja, Herr! wir haben bisher nur weiße Vorgesetzte gehabt -- weshalb
+werden nun auch aus #unseren# Reihen Vorgesetzte gewählt?«
+
+»Weil in dem Lande, in das wir kommen, Offiziersmangel herrscht!«
+
+Ich lauschte auf. Eben hatte er noch gesagt, er wisse nicht, wohin wir
+kämen, und jetzt sprach er von einem ganz bestimmten Land. Er log für
+einen Engländer recht schlecht.
+
+»Wieso herrscht Mangel an Offizieren, Herr?« frug ich listig. »Haben die
+Feinde so viele von ihnen getötet?«
+
+Da wurde der Kolonel sehr böse und schrie: »Rede keine Albernheiten!«
+
+Er lief ein paarmal hin und her und lachte in ironischer Wut: »Na, das
+Fragen wird dir in Frankreich schon vergehen!« Und blieb so dicht vor
+mir stehen, als ob er mir die Nase zum Abbeißen anbieten wollte, und
+knurrte: »Ich sehe, du taugst doch nicht zum Sergeanten! -- Scher' dich
+zum Teufel!«
+
+So blieb ich wenigstens vor der Sünde bewahrt, mich über einen Brahmanen
+zu erheben.
+
+Als ich wieder in unserem Zelte war, warf ich mich nieder und dankte
+Schiwa. Ich betete: »Beschütze mich in Frankreich und hilf mir, die
+deutschen Dämonen vernichten! Und wenn du mir gnädig sein willst, so
+lasse für jeden Deutschen, den ich töte, noch zwei Engländer umkommen!
+Lasse mich heil in meine Heimat zurückkehren! Wenn du aber meinen Tod
+beschlossen hast, so lasse mich auf dem Schlachtfeld sterben, lasse mich
+nicht in die Hände der deutschen Dämonen fallen, welche uns Hindus
+schlachten und verzehren! Wenn du aber auch dieses beschlossen hast, so
+mache, daß mein Fleisch giftig sei, damit der deutsche Dämon, der mich
+zum Frühstück frißt, qualvoll verenden muß! Lässest du mich aber leben,
+so will ich nach Benares zum heiligen Strom wallfahren, und alles, was
+ich inzwischen mit Hilfe der Götter stehlen werde, will ich dir opfern!
+Oder wenigstens einen Teil davon! Und bewahre mich vor Kultur und allen
+anderen Übeln!«
+
+Damit war mein Gebet noch lange nicht zu Ende, aber mitten im Gebet kam
+plötzlich das Signal zum Aufbruch und wir wurden auf das Schiff gejagt.
+
+Nicht alle Hindus waren so fromm gewesen wie ich, einige hatten sich zum
+Sergeanten befördern lassen, und mir quoll die Galle, als ich einem tief
+unter mir stehenden Wasserträger gehorchen mußte.
+
+Zu unserem Erstaunen wurden wir in dem Raum des Schiffes untergebracht,
+in dem bisher die Mohammedaner gehaust hatten. Die Mohammedaner aber
+blieben mit einigen englischen Offizieren zurück in Ägypten. Es hieß,
+sie seien nicht würdig, gegen die deutschen Dämonen zu kämpfen, aber ich
+denke mir, die Engländer fürchteten eine neue Revolte. Wohin sie die
+Mohammedaner gebracht haben, weiß ich nicht. Aber sicherlich haben die
+wenigsten ihre Heimat wiedergesehen.
+
+Der Schiffsbauch unter uns blieb leer. Aber nicht lange. Denn nach
+mehrtägiger Fahrt legten wir für ein paar Stunden an der Küste an und
+luden Menschen ein, wie ich noch nie häßlichere gesehen habe:
+tiefschwarze Neger.
+
+Wir wollten zuerst gar nicht glauben, daß es Menschen seien, sondern
+hielten sie für Tiere. Aber man sagte uns, auch sie seien Verbündete der
+Engländer und Franzosen.
+
+Seitdem hat sich meine Ehrfurcht vor den heiligen Affen stark
+vermindert, denn wer weiß, ob nicht auch die Affen heimliche Verbündete
+der Engländer sind.
+
+Und weiter ging die Meerfahrt, immer weiter. Und immer kälter wurde es.
+Meine Brust schmerzte mich, ich spuckte Blut.
+
+Wenn mir das in meiner Heimat passiert war, so hatte ich heiligen
+Kuhmist auf meine Brust gelegt. Hier aber, auf dem Meere, gab es dieses
+köstlichste aller Heilmittel nicht, und so wurde ich kränker und
+kränker.
+
+Es kam auch einmal der Schiffsarzt zu uns herunter und sah mich an, und
+er wußte einen fremdländischen Namen für meine Krankheit, nämlich
+»Simulant«.
+
+Wir alle froren jämmerlich, doch trösteten uns die Engländer: »Je weiter
+wir nach Norden kommen, desto wärmer wird es! Das ist ein Naturgesetz!«
+
+Aber bei den Weißen scheinen nicht einmal die Naturgesetze etwas zu
+taugen.
+
+ * * * * *
+
+Mister Galgenstrick hustete heftig.
+
+»Bist du müde, mein Freund?« frug ich. Er sah mich gereizt an. »Ich bin
+weder müde, noch bin ich dein Freund!«
+
+Doch schien ihn diese Grobheit zu reuen, denn er meinte gleich darauf:
+»Aber ich hasse dich auch nicht. Du hast mir schöne Bilder gebracht.«
+
+Ich wollte das elektrische Licht andrehen, denn es war düster geworden.
+Galgenstrick bat mich: »Tue es nicht! Öffne lieber das Fenster!«
+
+»Das darf ich nicht, es ist kalt draußen. Die Kälte würde deine
+Krankheit verschlimmern!«
+
+»Eben deshalb habe ich darum gebeten. Meine Seele lechzt danach, in
+einen anderen Leib überzugehen.«
+
+Darauf konnte ich nichts erwidern.
+
+Ich wartete, bis Mister Galgenstricks Mienen sich wieder glätteten und
+er zu erzählen fortfuhr:
+
+ * * * * *
+
+Die Stadt, in deren Hafen wir nun anlegten, liegt in Frankreich und
+heißt Marzel. Geschrieben wird sie M-a-r-s-e-i-l-l-e.
+
+Sie hat einen sehr schönen Hafen, in dem viele Schiffe lagen und auf das
+Ende des Krieges warteten. Es kommen immer mehr dazu, und als ich einmal
+einen englischen Kameraden frug, warum diese Schiffe untätig im Hafen
+ruhen, lachte er:
+
+»Zur Hebung des französischen Außenhandels.«
+
+Mir fiel überhaupt bald auf, daß in den Augen der Engländer ein leises
+Lächeln zuckt, wenn sie über Frankreich reden, und ich vermute, sie
+betrachten die Franzosen als eine Art weiße Hindus und lassen sie eine
+ähnliche Rolle in diesem Krieg spielen wie uns.
+
+Die Franzosen sind kleinere Menschen als wir, aber sie sind viel
+lebhafter, sie gestikulieren heftig, und auch wenn man, wie ich, ihre
+singende Sprache nicht versteht, kann man meistens erraten, was sie
+meinen. Sie reden sehr viel und sehr schnell. Man sollte es kaum für
+möglich halten, daß die Frauen dort noch mehr sprechen als die Männer,
+aber es ist #doch# so.
+
+Ich habe von ihrer Sprache nur drei Wörter behalten können, die ich oft
+hörte: »Oui«, »pardon« und »cochon«.
+
+Bei unserer Einfahrt in den Hafen begrüßten uns die Schiffe mit lautem
+Jubel. Alle Schiffe hatten sich mit bunten Fahnen behängt, und ich
+glaubte zuerst, der Kaiser von Frankreich habe Geburtstag.
+
+Später habe ich erfahren, daß es in Frankreich keinen Kaiser gibt,
+sondern nur einen Präsidenten, der aber auch nichts zu sagen habe, daß
+vielmehr jedes halbe Jahr ein neues »Ministerium« (ich weiß nicht, was
+das ist) gebildet wird, um das Gegenteil von dem früheren »Ministerium«
+zu tun, und daß man dies »Republik« nennt.
+
+Geflaggt aber hatten die Schiffe und die ganze Stadt Marzel, weil eine
+große, günstige Entscheidungsschlacht stattgefunden hatte: die Russen
+hatten die Deutschen bei den Masurischen Seen vernichtend geschlagen.
+
+Im Hafen wurden uns unsere Waffen zurückgegeben und wir wurden durch die
+Stadt in die Kaserne geführt.
+
+Dieser Einzug ist meine schönste Erinnerung an den Krieg. Die Menschen
+drängten sich auf den Straßen, Freude leuchtete von ihren Gesichtern,
+sie riefen uns jauchzende Begrüßungen zu, schwenkten Tücher.
+
+Es war das einzige Mal, daß uns Hindus von den Weißen die Ehrfurcht
+bewiesen wurde, die uns gebührt.
+
+Besonders begeistert begrüßten uns die Frauen. Sie warfen uns Kußhände
+zu und Blicke, für die jeder Hindu sein Weib totprügeln würde.
+
+Während des Einmarsches geschah ein Wunder: es fielen vom Himmel weiße
+Papierfetzen, die aber zu Wasser zerschmolzen. Die Europäer nennen sie
+»Schnee«. Ich hatte so etwas noch nie gesehen und fürchtete mich
+gewaltig. Allein man beruhigte mich: dieser Schnee fiele jeden Winter,
+er sei ganz ungefährlich. Man sagte mir auch, man mache daraus Männer --
+aber das glaube ich nicht. Denn wenn die Weißen aus Schnee Menschen
+machen könnten, weshalb hätten sie dann uns Hindus und die abscheulichen
+Neger zu Hilfe holen müssen?
+
+Aus allen Fenstern guckten Männer und Frauen, und aus einem Hause -- du
+kannst dir meine Freude denken -- schauten Hindus herab. Es war ein
+großes Gebäude, und von seinem Dache wehte eine große Fahne mit einem
+roten Kreuz. Genau, wie sie an dem Hause flattert, in dem ich jetzt
+liege.
+
+Ich habe am nächsten Tage den Versuch unternommen, mit meinen Brüdern in
+diesem Hause zu sprechen, ihnen meine Schicksale zu erzählen und sie
+nach ihren eigenen Erlebnissen zu fragen. Ich fand auch nach vielem
+Suchen das Haus, aber man ließ mich nicht hinein. Ja, es wurde uns sogar
+ausdrücklich verboten, mit Verwundeten zu reden.
+
+Heute kann ich mir dieses Verbot nur allzu gut erklären.
+
+Sonst aber hatten wir in Marzel ziemlich viel Freiheit. Wir durften frei
+auf den Straßen gehen, durften uns alles betrachten. Die Leute von
+Marzel waren sehr freundlich zu uns, sie stopften uns die Taschen voll
+Zigaretten, schenkten uns wollene Decken und lachten herzlich, wenn wir
+uns in unserer, ihnen unverständlichen Sprache bedankten. Daß wir ihre
+Speisen nicht genossen, wußten sie bereits.
+
+Einmal begegnete mir auf der Straße ein Zug von Menschen, denen eine
+Fahne vorausgetragen wurde, auf der ein weißes Weib in Waffen abgemalt
+war. Ich fragte einen Mann auf englisch, wer diese Lady sei? Er
+antwortete mir in derselben Sprache, aber er sprach lange kein so reines
+Englisch wie ich.
+
+Und ich erfuhr, diese Lady sei eine Jungfrau aus O-r-l-e-a-n-s (was
+wieder ganz verrückt ausgesprochen wird) und die Engländer hätten sie
+verbrannt.
+
+Ich stimme sonst selten mit den Engländern überein, aber da mußte ich
+ihnen vollkommen recht geben. Ein Weib, das die Vermessenheit hat, einem
+Manne gleichen zu wollen, gehört getötet. Jeder Hindu wird diese Ansicht
+teilen. Nur weiß ich nicht, weshalb die Engländer uns die
+Witwenverbrennungen verbieten, wenn sie selbst früher Weiber
+verbrannten?
+
+Überhaupt scheinen die früheren Engländer viel vernünftigere Menschen
+gewesen zu sein als die heutigen.
+
+Ein andermal kam ich an einem Laden vorbei, da waren Tiere ausgestellt.
+Auch eine große Schlange war dabei, die zusammengekrümmt in einem
+Glaskasten lag und schlief. Vielleicht träumte sie von ihrer Heimat?
+
+Ich mußte an Malatri, die Brillenschlange, denken und ein Schluchzen zog
+mir den Hals zu.
+
+O Malatri, hätte ich dich hier gehabt, wie hätte ich dich streicheln und
+küssen wollen, meine glatte Freundin! Ich hätte dir meine Sehnsucht
+geklagt nach dem warmen Indien, und du hättest meine Sprache verstanden
+und mit mir getrauert!
+
+O Malatri, warum bist du allein aus diesem Leben geflohen und hast mich
+nicht mitgenommen, der ich dein bester Freund war?
+
+Ich wischte mir die Tränen von der Nase -- da fiel mein verschleierter
+Blick auf ein kleines Glaskästchen, in dem auf einem Leiterchen ein
+grüner Frosch saß.
+
+»Aha, ein gefangener Deutscher!« sagte ich mir und ward wieder heiter.
+
+Die ersten Tage gefiel mir Marzel über die Maßen, doch als meine Neugier
+gestillt war, nistete sich die Langeweile in meiner Seele ein und begann
+ihre Eier auszubrüten.
+
+Daher rieten mir meine Kameraden, die Mittage in einem jener Häuser zu
+verbringen, welche die Weißen »Kaffeehaus« nennen. Aber dort war es noch
+langweiliger.
+
+Ich weiß nicht, weshalb die Weißen diese Stätten aufsuchen, in denen sie
+ein Getränk trinken, das sie zu Hause sicherlich billiger, besser und in
+reinerer Luft bekommen; in denen sie Spiele spielen, bei denen sie ihr
+Geld verlieren und Streit miteinander bekommen; in denen zehn Menschen
+gleichzeitig Musik machen, und wenn man durch Händeklatschen seinem
+Mißfallen Ausdruck gibt, erst recht nicht aufhören.
+
+Vielleicht tun es die Weißen, um sich zu kasteien.
+
+Am heftigsten empörte es mich, daß in diesen Stätten so viele #Frauen#
+herumsaßen, statt, von ihren Gebietern eingesperrt, zu Hause zu arbeiten
+und in harter Fron die Schmach, ein Weib zu sein, abzubüßen.
+
+Aber ich habe ja schon gesagt, daß die Weißen nicht wissen, wie man eine
+Frau vernünftig behandelt.
+
+Noch deutlicher sollte ich das erfahren, als ich an einem der nächsten
+Abende, an dem ich länger Urlaub hatte, in ein anderes Lokal ging,
+dessen Besuch mir die Kameraden empfohlen hatten.
+
+Wir Soldaten genossen dort freien Eintritt, während alle anderen
+Menschen Geld bezahlen mußten, um in das Gebäude zu gelangen, das außen
+mit vielen farbigen Lichtern geschmückt war.
+
+Zuerst kam man in einen großen Vorraum und dort gaben die Menschen ihre
+Hüte und die Mäntel ab. Ich dachte, sie würden sich vielleicht noch
+weiter ausziehen, aber das taten sie nicht.
+
+Die Frauen, welche die Hüte und die Mäntel in Empfang nahmen, hatten
+zuletzt eine Unmenge von diesen Bekleidungsstücken, und ich begreife
+nicht, weshalb sie nicht im Laufe des Abends damit durchbrannten. Aber
+die Weiber haben ja keinen Verstand.
+
+Aus dem Vorraum führte eine Treppe in einen weiten, hellerleuchteten
+Saal, in dem viele Tische standen.
+
+Ein Mann, der ein merkwürdiges Kleid mit vielen Goldknöpfen anhatte,
+führte mich an einen Tisch und machte mir ein Zeichen, ich sollte mich
+hinsetzen.
+
+Das tat ich, wenn auch widerstrebend. Denn ich hatte Angst, die Weißen
+würden wieder Musik machen -- eine Befürchtung, die sich leider bald
+erfüllte.
+
+Als ich mich umsah, stand der Mann mit den Goldknöpfen noch immer hinter
+mir und reichte mir ein bedrucktes Heft. Aus Gefälligkeit nahm ich es
+ihm ab -- da wollte der freche Mensch Geld dafür haben, und ich gab ihm
+das Heft wieder zurück.
+
+Ich betrachtete mir den Saal, in dem schon viele Leute und auch einige
+Hindus saßen, und mich interessierte besonders ein großes Tuch, das an
+der Wand vorne hing. Darauf war allerlei Geflügel gemalt, aber mit
+menschlichen Körpern.
+
+Gerade wollte ich einen in der Nähe sitzenden Bruder fragen, in welchem
+Lande es solche geflügelte Menschen gibt und ob sie auch Eier legen, als
+plötzlich die Musik einsetzte. Und wenn bei den Weißen Musik gespielt
+wird, sind sie ruhig und reden nichts, und das ist der einzige Vorteil,
+den die weiße Musik hat.
+
+Drei Stücke spielte die Musik, und es war sehr vorsichtig von den
+Musikern, daß sie versteckt saßen und man sie nicht sehen konnte.
+
+Das mittelste Stück war die englische Nationalhymne, die von allen
+Leuten mitgesungen wurde und von mir auch, weil ich die Erfahrung
+gemacht habe, daß ich dann Zigaretten geschenkt bekomme.
+
+In Bombay hatten sie eine ganz andere englische Nationalhymne gehabt als
+diese, welche lautet:
+
+ _It's a long way to Tipperary
+ It's a long way to go.
+ It's a long way to Tipperary,
+ To the sweetest girl I know.
+ Good-by, Picadilly!
+ Farewell, Leicester Square!
+ It's a long, long way to Tipperary,
+ But my heart's right there!_
+
+Ich weiß nicht, wo Tipperary liegt und wer der Herr Picadilly ist, zu
+dem man in dieser Nationalhymne »Adieu« sagt, noch weiß ich, wer die
+Frau Leicester Square ist, zu der man »Lebewohl« sagt, ich weiß nur, daß
+mir dieses Lied vorkommt wie ein großer Blödsinn. Und ich verstehe
+nicht, daß die Engländer so eine dumme Nationalhymne singen, wenn sie in
+die Schlacht ziehen, um andere für sich kämpfen zu lassen.
+
+Nach dem dritten Musikstück wurde es finster und das große Bild mit den
+Geflügelmenschen rollte sich bis zur Decke in die Höhe.
+
+Und da sah ich, daß hinter dem Bild noch ein großer erleuchteter Raum
+war, in dem ein Wald gemalt war. Ich freute mich und dachte, vielleicht
+kommen jetzt Affen in den Wald.
+
+Aber es kamen sechs französische Ladies und die Leute machten »Ah«, weil
+sie so alt waren.
+
+Die Ladies hatten englische Uniformen an, nur an den #Beinen# hatten sie
+keine Uniform.
+
+Und sie sangen auf englisch ein Lied: Daß sie die tapferen Highländer
+wären und alle deutschen Barbaren töten würden, und sie stocherten dabei
+mit den Beinen in der Luft herum, und ich glaube wirklich, daß kein
+Deutscher diesen Anblick hätte ertragen können.
+
+Die Leute gerieten denn auch in eine schreckliche Begeisterung und
+schwenkten die Taschentücher und schrien minutenlang. Leider aber wurden
+sie wieder ruhig, so daß die Ladies weiter singen konnten.
+
+Und sie sangen eine zweite Strophe, die hatte denselben Inhalt wie die
+erste.
+
+Und dann eine dritte, die hatte denselben Inhalt wie die zweite.
+
+Und immer warfen sie dabei ihre Beine in die Luft und ich muß zugeben:
+das war eine Leistung in ihrem Alter.
+
+Dann kamen die Geflügelmenschen wieder herunter und gingen noch ein
+paarmal in die Höhe, damit die Ladies Kußhände werfen konnten, und es
+wurde wieder hell.
+
+Ich war sehr ärgerlich über diese Ladies. Noch zorniger aber war ich
+über eine französische Miß, die am Nebentisch saß und ununterbrochen zu
+mir herüberlächelte und ihre Augen verdrehte. Wenn ich Malatri, die
+Brillenschlange, bei mir gehabt hätte, hätte ich sie auf dieses Weib
+losgelassen.
+
+Sie muß irgendeiner Kaste angehört haben, denn auch sie hatte sich mit
+roter Farbe bestrichen -- allerdings nicht auf der Stirn, wie wir
+Bekenner Schiwas, sondern auf den Backen.
+
+Als die Miß sah, daß ich auf ihre Blicke aufmerksam wurde, lächelte sie
+noch freundlicher und fragte etwas in ihrer unverständlichen Sprache.
+Ich wollte freundlich sein, und antwortete das eine der drei
+französischen Wörter, die ich weiß, nämlich »oui!«.
+
+Da stand sie auf und setzte sich an meinen Tisch und begann, Süßigkeiten
+zu knabbern.
+
+Nun steigerte sich meine Wut noch erheblich: wie kann eine Frau sich
+unterstehen, in Gegenwart eines Mannes zu essen, und auch noch an
+demselben Tisch! Eine Hindufrau hätte nie den Mut dazu.
+
+Zum Glück klingelte es in diesem Augenblick und die Geflügelmenschen
+flogen wieder an die Decke.
+
+Diesmal waren drei Männer in dem Wald, die machten auf Leitern
+Turnkunststücke. Es war nichts Besonderes, jeder indische Gaukler kann
+es besser, aber ich war ihnen dankbar, daß sie wenigstens dabei nicht
+sangen.
+
+Auch die französische Miß neben mir fing an zu turnen, indem sie immer
+näher an mich heranrückte. Sie hatte ein Taschentuch in der Hand, das
+roch nach verwelkten Blumen. Und weil sie nicht aufhörte zu schwatzen
+und die Augen zu verdrehen, sagte ich das zweite französische Wort, das
+ich weiß, nämlich »pardon!«.
+
+Darüber lachte sie herzlich, zeigte mir ihre Zähne, von denen die
+meisten aus Gold waren, und streichelte meine Hand.
+
+Nun wollte ich nicht unhöflich sein und sagte das dritte französische
+Wort, das ich weiß, nämlich »cochon!«.
+
+Da wurde sie noch röter, als sie angestrichen war, und ließ meine Hand
+los, stand wütend auf und ging fort.
+
+Ich sah ihr verdutzt nach, denn gerade hatte sie angefangen, mir besser
+zu gefallen.
+
+Aber ich machte mir weiter kein Kopfzerbrechen über den Fall. Ich sah
+noch eine Weile zu, was die Männer in dem Wald anstellten, und dann ging
+ich fort.
+
+Auf dem Wege zur Kaserne erblickte ich an einer Straßenecke einen
+Menschenauflauf, der sich um einen weißen Zettel drängte, welcher an
+einer Tafel hing.
+
+»Was bedeutet dies, Herr?« frug ich einen englischen Soldaten aus der
+Menge.
+
+Er drehte sich um und ich bemerkte, daß er sich in dem heiligen Zustand
+befand, den ich so oft an Jim Boughsleigh beobachtet hatte.
+
+»Stütze mich, Junge!« sagte er und hängte sich in meinen Arm. Und im
+Weitergehen, wobei er mich bald nach rechts, bald nach links zog und
+manchmal nach beiden Seiten zugleich ziehen wollte, erklärte er mir:
+»Ein Telegramm! In der Hauptstadt der deutschen Barbaren macht das Volk
+aus Hunger Revolution!«
+
+Er freute sich kindisch über diese Neuigkeit, und wenn ich ihn nicht
+festgehalten hätte, hätte auch er mit den Beinen in die Luft gestochert.
+
+Mich aber beschlich bittere Traurigkeit ob der Nachricht. Hungersnot!
+Also hatten die Deutschen schon alle Hindus in ihrem Lande aufgefressen!
+
+Und ich, statt meine Brüder zu rächen, war noch immer in Marzel.
+
+O, wie ich diese deutschen Dämonen haßte! O, wie sehnte ich mich nach
+dem Augenblick, wo ich den ersten von ihnen unter meinem Messer hätte!
+
+Nach allem, was ich gehört hatte, waren die Deutschen nichts anderes als
+wilde Tiere, blutgierige Dämonen, die auszurotten eine Pflicht, eine
+Wohltat für die Menschen sein mußte!
+
+»Mögen alle Deutschen unter den gräßlichsten Folterqualen zugrunde
+gehen!« knirschte ich.
+
+»Brav, Junge,« lallte der Tommy an meinem Arm torkelnd. »Hol' sie der
+Teufel und seine Großmutter!«
+
+Er hob die rechte Hand, beschrieb damit einige Kreise in der Luft, was
+ihm aber nur halb gelang, weil seine Hand anders wollte als sein Kopf,
+und schrie heiser: »Zerschmettern werde ich sie -- alle schlag' ich sie
+kaputt -- so!!« Und wenn ich ihn nicht gehalten hätte, wäre er vor
+lauter Begeisterung der Länge nach hingeschlagen.
+
+Plötzlich aber ging -- wie das im heiligen Zustand öfters vorzukommen
+pflegt -- sein Heldenmut in Rührung über, er fing an zu schluchzen, hing
+sich an meinen Hals und heulte:
+
+»Braunes Vieh, du bist der einzige wahre Freund! Gib mir einen Kuß!
+Stinktier! -- O, wär ich doch zu Hause geblieben! Was liegt mir an dem
+ganzen, verfluchten Krieg! ... Küsse mich, Rabenaas!«
+
+Und dabei streckte er mir seine gespitzten Lippen entgegen. Weil ich
+aber den Kopf zurückzog, verlor er das Gleichgewicht, stolperte und fiel
+zu Boden.
+
+»Ich bin erschossen!« schrie er. »Eine Kanone hat mich durchbohrt!«
+
+Nur mit großer Mühe gelang es mir, ihn aufzuheben. Ich lehnte ihn an die
+Wand eines Hauses. Er blieb eine Minute mit geschlossenen Augen stehen,
+dann überkam ihn wieder die Tapferkeit.
+
+»Wo ist ein Deutscher?« grölte er, und diesmal überschlug sich nur seine
+Stimme, nicht mehr er selbst.
+
+»Es ist keiner da!« beruhigte ich ihn.
+
+»Das ist sein Glück! -- Komm, gehen wir weiter! Führe mich, braune
+Kanaille!«
+
+Ich zog ihn fort.
+
+Ich hätte ihn am liebsten allein gelassen, aber er klammerte sich so
+fest in meinen Arm, daß ich ihm nicht entkommen konnte.
+
+»Ich muß dir ein Bild zeigen,« erklärte er plötzlich. »Ein Bild, was sie
+für Halunken sind, die Deutschen! Lehne mich an die Laterne, mein
+Junge!«
+
+Als seinem Wunsche willfahrt war, kramte er in den Taschen herum und
+suchte das Bild. Er warf zuerst den Inhalt seiner rechten Hosentasche
+auf das Straßenpflaster, dann den Inhalt der linken Hosentasche. Mit
+einem Mal schien ihm eine Erleuchtung zu kommen, er nahm seine Mütze ab
+und holte aus dem Futter eine Ansichtskarte.
+
+»Da!«
+
+Ich nahm die Karte und betrachtete sie: sie zeigte eine Photographie,
+unter der in Englisch und zwei anderen Sprachen stand: »Deutsche
+Soldaten verteilen Brot an hungrige Belgierkinder.«
+
+Fragend sah ich den Tommy an.
+
+Er riß mir die Karte aus der Hand, wobei er um ein Haar wieder mit dem
+Erdboden Bekanntschaft gemacht hatte, glotzte sie groß an und grinste:
+»Das ist die falsche! Das ist eine ... von den Karten ..., die die
+deutschen Flieger ... heruntergeschmissen haben ...!«
+
+Das Sprechen fiel ihm schwerer und schwerer. Er sprach, als ob er zwei
+Zungen im Munde hätte.
+
+»Wie?« entsetzte ich mich. »Die Deutschen können #fliegen#?«
+
+Und es lief mir eiskalt über den Rücken.
+
+Ach, nun konnte ich mir das Bild auf dem Vorhang deuten: die
+Geflügelmenschen waren Deutsche gewesen!
+
+Der Tommy hatte meine Frage überhört; er hatte eine neue Karte aus dem
+Mützenfutter gekramt, und diesmal war es die richtige: »Deutsche
+Soldaten erschießen einen fünfjährigen Knaben, nachdem sie ihm die Ohren
+abgeschnitten haben!«
+
+Ich brüllte vor Wut laut auf, als ich dieses Bild sah. O, diese
+deutschen Dämonen -- wie lechzte ich nach ihrem Blut!
+
+Weshalb stellte man uns ihnen noch nicht gegenüber? Wie lange sollten
+wir unseren Haß noch bezähmen?
+
+»_It's a long way to Tipperary_,« begann mein Begleiter zu singen, »_it
+is a long_ --,« bums, da krachte es.
+
+Der Tommy war den Laternenpfahl abwärts geglitten und saß nun auf dem
+Pflaster.
+
+»Steh auf,« rüttelte ich ihn. »Du mußt in die Kaserne!«
+
+Mit Anstrengung öffnete er seine Augen zu einem unsicheren Blinzeln.
+»_Good bye, Picadilly_« ... grunzte er, ließ den Kopf sinken und
+schnarchte.
+
+»Steh auf!« wiederholte ich dringlicher. »Du wirst bestraft, wenn du zu
+spät in die Kaserne kommst! Bedenke, daß du ein Soldat des Königs von
+England bist, Herr!«
+
+»Der König von England soll mir den Buckel herunterrutschen!« brummte er
+im Halbschlaf und streckte sich der Länge nach auf dem Pflaster aus.
+
+Da überließ ich ihn seinem heiligen Zustand und eilte allein der Kaserne
+zu.
+
+Er hatte mich lebhaft an Jim Boughsleigh erinnert. Sein Charakter
+hinterließ mir einen Nachgeschmack von faulen Eiern, und seine
+Taschenuhr ging so sehr nach, daß ich sie am nächsten Abend wegwarf.
+
+Vor der Kaserne und im Hof herrschte, obwohl es schon eine Stunde vor
+Mitternacht war, noch lebhafte Bewegung. Geschütze wurden hin und her
+gefahren, nachgeprüft, Pferde wurden untersucht, -- ich wußte, was dies
+zu bedeuten hatte, und Freude erwärmte mein Herz: endlich, endlich
+setzten wir zum Sprung an auf die Kehlen der deutschen Dämonen.
+
+Kleine, rollbare Instrumente fesselten meine Aufmerksamkeit.
+
+»Was ist das?« bat ich um Belehrung.
+
+»Maschinengewehre.«
+
+»Was wird mit diesen Maschinen hergestellt?«
+
+Und ich erfuhr, daß man mit dieser Waffe mehrere Hundert Menschen in der
+Minute töten kann.
+
+»Haben auch die Deutschen solche Maschinengewehre?«
+
+»Nein! Überhaupt sind sie kläglich bewaffnet und es fehlt ihnen schon
+lange an Munition!«
+
+Der weiße Soldat, der mir diese Auskunft gab, hatte sicherlich geglaubt,
+mir damit Mut und Angriffslust zu schärfen. Darin täuschte er sich. Ich
+will lieber mit einem Gegner kämpfen, der ebenso stark bewaffnet ist wie
+ich, als mit einem Schwächling. Ich wünsche mir männliche Feinde, die
+mich zwingen, alle meine Kräfte anzuspannen, auf der Hut zu sein und das
+Höchste zu leisten, dessen ich fähig bin. Ein Kampf mit Unfähigen
+entehrt den Sieger ebenso, wie eine Disputation mit geistig Unterlegenen
+verdummt.
+
+Übrigens scheinen die Franzosen ihre Maschinengewehre als heilige
+Gegenstände zu verehren, -- sonst würden sie sie doch nicht mit Vorliebe
+auf #Kirchtürmen# aufstellen.
+
+Bald genug bewahrheitete sich meine Vermutung, daß unser Aufbruch nahe
+bevorstünde. Aber wie so anders als unser Einzug in Marzel spielte sich
+die Abfahrt ab.
+
+Beim Einzug Jubel, Jauchzen, Tücherschwenken -- bei der Abfahrt weinende
+Frauen, jammernde Kinder, Gesang, der wie Schluchzen klang.
+
+Wir Hindus verstanden diese Traurigkeit nicht. Hatten die Weißen keine
+klugen Väter, die sie lehrten, wie mich der meine: »Lerne lachen, wenn
+es dir weh ums Herz ist, und lerne weinen, wenn du vor Heiterkeit tanzen
+möchtest!«
+
+Oder glauben diese törichten Weißen, durch Tränen das Schicksal in
+seinen Entschlüssen wankend machen zu können? Das Schicksal hat lange
+vor deiner Geburt dein Leben in allen Einzelheiten vorausbestimmt, und
+es hat dir einen kostbaren Talisman gegeben gegen alle trüben
+Erlebnisse: die Gleichgültigkeit. Die Weißen halten sich für zu wichtige
+Wesen.
+
+Ich hatte gedacht, wir würden wieder in das Schiff verladen werden, aber
+diesmal wurden wir in Eisenbahnwagen verpackt. Man sollte es gar nicht
+glauben, wieviel Menschen in so einen Eisenbahnwagen hineingehen. Hatten
+wir uns in dem Schiffsbauch gefühlt wie die Heringe in einer Tonne, so
+glichen wir jetzt eher dem Sekt in einer Flasche, und wenn jemand
+unvermutet die Wagentüre geöffnet hätte, wären wir mit einem lauten
+Knall herausgequollen, wie der Sekt aus der entkorkten Flasche.
+
+Viele Wagen zählte der Zug, und es fuhren außer uns Hindus noch mit:
+Franzosen, Engländer und die häßlichen Neger.
+
+»Wohin fahren wir, Herr?« frug ich einen Sergeanten.
+
+»Ich weiß es nicht!«
+
+»Werden wir viele Tage unterwegs sein?«
+
+»Ich weiß es nicht!«
+
+Da wandte ich ihm den Rücken und sagte zu meinen Beinen »Gute Nacht«,
+denn sie fingen an einzuschlafen.
+
+Eine Militärkapelle, die längs der Wagen des Zuges aufgestellt war,
+setzte mit einem Marschlied ein. Mitten durch den Lärm der Musik gellte
+ein Pfiff der Lokomotive, wir wurden wild durcheinandergeworfen -- der
+Zug fuhr.
+
+»Oui, pardon, cochon!« flüsterte ich vor mich hin. »Lebewohl, Marzel, du
+warst eine schöne Stadt! Und wenn man die Weißen aus dir hinauswerfen
+und dafür Hindus ansiedeln könnte, würdest du noch gewinnen! Wie hat
+mich dein Schmutz angeheimelt! Lebewohl, auch du, Schlange in dem
+Glaskasten, adieu Marzel!«
+
+Betrachte auch du, Herr, den Lokomotivpfiff als ein Zeichen zum Aufbruch
+und lasse mich nun allein! Ich bin müde.
+
+ * * * * *
+
+Lächelnd über diesen eleganten Hinauswurf erhob ich mich.
+
+Öfter als einmal hatte ich an diesem Mittag in den Augen Mister
+Galgenstricks jenes durchtriebene Leuchten drollig-naiver Spitzbüberei
+beobachtet, das mir bei meinem ersten Besuche aufgefallen war. Kein
+Zweifel: Galgenstrick hatte in Marseille auch einige Abenteuerchen
+erlebt, die er mir #verschwieg#. Ganz so eisern, wie er sich dessen
+rühmte, hatte er sein Mienenspiel doch nicht in der Gewalt.
+
+Ich setzte mich zu Hause an meinen Schreibtisch, legte mir die Notizen
+und Manuskriptpapier zurecht und griff in meine Rocktasche, um mir die
+gewohnte Arbeitszigarette anzuzünden, da -- ja, zum Kuckuck, wo war denn
+mein Zigarettenetui?!
+
+»Anna!«
+
+»Gnä' Herr?«
+
+»Sehn Sie doch mal nach, ob im Mantel meine Zigaretten stecken!«
+
+Nach einer Pause, in der ein Stabsarzt ein halbes Regiment eingehend auf
+seine Felddiensttauglichkeit hätte untersuchen können, brachte mir
+Fräulein Anna den Bescheid:
+
+»Im Mantel is fei' nix!«
+
+»'s is gut!«
+
+Teufel, wo war mein Etui hingeraten? Es wird doch nicht am Ende ..., aber
+nein, pfui, so etwas von Galgenstrick zu denken! Wir Weißen sind
+wirklich schlechte Kerle!
+
+Vormittags telephonierte _Dr._ Heßberg an.
+
+»Jawohl?« begrüßte ich ihn.
+
+»Jawohl und da hört sich einfach alles auf! Wie kannst du dich
+unterstehen, einem schwer lungenkranken Patienten Zigaretten zu
+schenken!! Bist du denn ganz von Gott verlassen?«
+
+Also doch! Hatte mir der ... der ... na, wählen wir mal einen milden
+Ausdruck: der #Bazi# mein Etui geklaut! Aber ich konnte es doch nicht
+übers Herz bringen, diese Missetat _Dr._ Heßberg zu verraten.
+
+»Er hatte mich so flehend um ein paar Zigaretten gebeten,« log ich, »ich
+konnt's ihm nicht abschlagen!«
+
+»Und die Folge ist, daß er heute nacht einen schweren Anfall hatte! Zum
+letzten Male sage ich dir's: Wenn du noch ein einziges Mal --«
+
+»Und wie geht's deiner Frau?«
+
+»Schluß!«
+
+_Dr._ Heßberg klingelte ab. Wieder einmal war ich für fremde Sünden
+gescholten worden. »Das Schicksal will es so,« dachte ich amüsiert, frei
+nach Galgenstrick. »Und wenn das Schicksal etwas will, kann man nichts
+dagegen machen!«
+
+Aber ich nahm mir doch vor, dem Mister Galgenstrick klarzumachen, daß er
+meine Rocktaschen außerhalb des Bereiches seiner Weltanschauung zu
+lassen habe. Ich überlegte mir auf dem Weg ins Lazarett eine Rede, und,
+wie es mit meinen meisten Reden geht, ich kam nicht dazu, sie zu halten.
+
+Denn ich fand Galgenstrick in einem so erbärmlichen Zustand, daß ich ihm
+kein böses Wort sagen konnte.
+
+Seine kecken Augen hatten einen fiebrigen, hysterischen Glanz, seine
+Hände, seine »geschickten« Hände zitterten auf der Bettdecke.
+
+Auf dem Nachttischchen stand eine Medizinflasche, die ich noch nie
+bemerkt hatte, und neben der Flasche lag friedlich -- mein
+Zigarettenetui.
+
+Ich öffnete es: Zigaretten waren keine mehr darin, wohl aber ein kleiner
+Zettel, auf dem in ungelenker Bleistiftschrift stand: »_Excuse, Sire._«
+
+Diese echt Galgenstrickische Art der Bitte um Verzeihung versöhnte mich
+auf der Stelle. Die Angelegenheit war erledigt.
+
+Ich steckte das Etui in die rückwärtige Hosentasche und frug: »Hast du
+schlecht geschlafen, Galgenstrick? Dein Aussehen gefällt mir nicht.«
+
+Er nickte eifrig. »Ich habe während der Nacht kein Auge geschlossen; so
+oft sich der Gott des Schlafes niederbeugte, meine Wimpern anzuhauchen,
+scheuchten ihn meine rastlosen Gedanken zurück. Sie kläfften ihn an, bis
+er sich nicht mehr zu nähern wagte und mich wehmütigen Blickes meinen
+wachen Träumen überließ.«
+
+»Und worüber hast du denn so erregt nachgedacht, Galgenstrick?«
+
+Er zuckte fröstelnd zusammen, strich sich die Bettdecke dichter an den
+Leib und sprach ernst: »Ich habe versucht, mir Sätze zurechtzulegen, in
+denen ich dir meine weiteren Erlebnisse berichten könnte. Aber es wollte
+mir nicht gelingen, die Geschehnisse zu ordnen, ratlos stehe ich ihnen
+gegenüber: wie die Perlen einer zerrissenen Kette liegen die Ereignisse
+wirr zerstreut vor meiner Erinnerung, und ich weiß nicht, ob es mir
+gelingt, sie wieder aneinanderzureihen. Ich habe zerstückelte Menschen
+gesehen und friedlich schlummernde Leichen; ich habe verzweifelte
+Schreie gehört und Gebete, die über jeden Schmerz triumphierten; ich
+habe brennende Dörfer gesehen und Stätten des Trostes -- aber all diese
+Töne und Bilder verschmelzen in meinem Gedächtnis zu Formlosigkeit. Der
+Eindrücke, der neuen Gesichte waren zu viele ...«
+
+Er hatte mehr zu sich selbst gesprochen als zu mir. Nun schwieg er, und
+seine erhitzten Augen starrten ins Uferlose.
+
+Plötzlich hob er seine Hände, ballte sie gegen einen unsichtbaren Feind
+und ließ sie langsam wieder sinken. Dann legte er die Mittelfinger der
+rechten Hand auf die mittleren Finger der linken Hand und beschrieb mit
+geschlossenen Augen jenes Zeichen, das ihn der Mohammedaner gelehrt
+hatte.
+
+Ich hatte den Eindruck, als handle er in Bewußtlosigkeit, als führe er
+Reflexbewegungen aus.
+
+Doch dem war nicht so. Denn, als sei nichts geschehen, öffnete er nun
+die Augen, wandte sich mir zu und sagte:
+
+»Ich will dir erzählen, so gut ich es vermag.«
+
+Ich konnte mich eines leisen Schauers nicht erwehren, eines Schauers,
+wie ich ihn einmal bei den Produktionen eines Willenskünstlers empfunden
+habe, der es fertiggebracht hatte, sich selbst in hypnotischen Schlaf zu
+versenken und selbst wieder zu erwecken.
+
+ * * * * *
+
+Kannst du, Herr, es nachempfinden, wie einem Vater zumute sein muß, der
+sich innig bemühte, seinen Sohn in seinem Geiste und auf Grund seiner
+Erfahrungen zu einem guten Menschen zu erziehen, und der nun ansehen
+muß, wie der Sohn in schlechte Gesellschaft gerät, deren leichtsinnigen
+Ratschlägen er williger folgt als den gereiften Mahnungen des Vaters?
+
+Armer Vater, vergeblich rufest du dein Kind zur Umkehr: schon ist es zu
+weit entfernt, deine Stimme zu hören. Vergebens hoffst du, es werde den
+Kopf zurückwenden, deine verzweifelte Gebärde sehen und in einer Wallung
+der Liebe an deine Brust zurückeilen!
+
+Wie einem solchen Vater erging es mir, Sahib, als ich zu erleben
+verurteilt war, wie die Hindus im Verkehr mit den Weißen abtrünnig
+wurden den Gebräuchen der Heimat, der Rasse. Ich habe dir schon erzählt,
+daß einige von uns sich hatten zu Sergeanten befördern lassen, und ich
+will hinzufügen, daß noch mehrere den Versuchungen anheimfielen, die in
+Marzel lockten: sie gaben sich mit weißen Frauen ab, ja, was noch
+schlimmer ist, sie aßen sogar Speisen, die nicht nach unseren Gebräuchen
+zubereitet waren.
+
+Ach, Herr, und auch ich war so schwach, mich unterjochen zu lassen von
+einer Begierde, die mir fremd gewesen war: von der Sucht nach jenem
+brennenden Dämon, der mir zum ersten Male aus Jim Boughsleighs
+Whiskyflasche entgegengegrinst hatte.
+
+Ich verlangte nach diesem betäubenden Gift, als ich frierend, hustend
+und blutspeiend in dem stickigen Eisenbahnwagen eingepfercht saß, durch
+dessen Fugen und Türspalten der eisige Wind kroch. Auf manchen Stationen
+machte der Zug halt, fremde Menschen betrachteten uns neugierig, riefen
+uns Aufmunterungen zu -- die wir aber bald genug nicht mehr
+beantworteten. Einige Male hielten wir auch stundenlang auf offenem
+Felde, inmitten von Schneegestöber. Keiner wußte, warum. Es war uns auch
+gleichgültig.
+
+Ich verlangte nach dem Flaschendämon, als man uns in einem fremden Orte
+auslud, durch ein verlassenes Dorf trieb, eine endlose Landstraße
+entlang, auf der uns Soldaten, Kanonen, aber auch abgehärmte Frauen,
+halberfrorene Kinder begegneten.
+
+Ich verlangte nach dem Dämon, als wir endlich, todmüde, unsere
+erstarrten Glieder in einer Kirche auf den Boden strecken durften, um
+wenige Stunden zu schlafen. Und meine Brüder hätten mich fast geprügelt,
+weil ich durch mein Husten den Gott des Schlafes verjagte.
+
+Da ich in meiner Brust tausend spitze Dolche spürte, erhob ich mich, um
+im Dorfe nach heiligem Kuhmist zu suchen, daß meiner Krankheit Linderung
+werde.
+
+Aber vor der Türe stand ein Posten, der mich mit grimmigen Scheltworten
+zurücktrieb. Und im gleichen Augenblick begann ein wildes Schießen nach
+dem nächtlichen Himmel.
+
+»Wollt ihr die Sterne herunterschießen?« frug ich verwundert den Posten.
+
+»Ruhe! Mach', daß du in deinen Stall kommst!« fauchte er mich an.
+
+Ich aber ließ mir Zeit, die Ursache des seltsamen Schießens zu erkunden,
+in das sich nun deutlich auch Kanonendonner mischte.
+
+Da sah ich hoch am Himmel einen Lichtschimmer sich bewegen, ein kleines
+Licht mit einem grauen Riesenleib, der surrend knurrte.
+
+Nie noch habe ich ein so furchtbares Lufttier gesehen, nie einen so
+schreckenerregenden Dämon. O, ich verstand, daß sich die Franzosen und
+Engländer vor diesem Ungetüm fürchteten, das sie »Zeppelin« nannten. Es
+soll furchtbare Kugeln ausspeien, die Brand und Verwüstung zeugen.
+
+Als ich in die Kirche zurücktrat, umringten mich meine Brüder, und ich
+erzählte ihnen, was ich gesehen hatte.
+
+Wir warfen uns zu Boden, beteten zu Schiwa und Wischnu, daß sie diesen
+Luftdämon vernichten mögen, und mit ihm die deutschen Dämonen! ...
+
+Am Morgen wurden wir weitergetrieben, immer weiter nach Norden. Etliche
+von uns fielen um, erschöpft vor Kälte und Hunger, und wir durften ihnen
+nicht helfen. Mögen die guten Götter sich ihrer Seelen erbarmt haben!
+
+Und mit unserer Mühsal wuchs unser Haß gegen die Deutschen. Immer neue
+Schandtaten dieser Dämonen erfuhren wir durch unsere Vorgesetzten.
+
+Einmal begegneten uns Wagen, die waren mit roten Kreuzen bemalt. Sie
+waren dicht verhängt, so daß wir den Inhalt nicht sehen konnten, aber
+wir hörten aus ihrem Innern Stöhnen, Schreien und Wimmern.
+
+Und unser Kolonel sagte: »Das haben die deutschen Barbaren verschuldet,
+die den Krieg mitten im Frieden angefangen haben! Und deshalb müssen sie
+vernichtet werden!«
+
+»So sind es #deutsche# Dörfer, die ringsum brennen?«
+
+»Ja, wir sind mitten in Deutschland! In der Provinz Brandenburg!«
+
+Ich wollte ihn fragen, warum in Deutschland die Bauern alle Französisch
+sprechen -- aber ehe ich den Mund öffnen konnte, geschah etwas
+Entsetzliches: unter heulenden Fistelstimmen ging ein Regen von dicken
+Eisenstücken auf uns nieder, die sich beim Anprall auf die Erde in
+glühende, feuerspeiende Teufel verwandelten.
+
+Der Kolonel griff sich nach dem Kopf, taumelte nach vorne und blieb, mit
+dem Gesicht in den Schnee fallend, bewegungslos liegen. Wildes Geschrei
+erhob sich, wir stoben auseinander, und wenig hätte gefehlt, daß wir uns
+in der sinnlosen Verwirrung gegenseitig mit unseren Messern angefallen
+hätten. Über die am Boden sich krümmenden Körper hinweg rannten wir
+instinktiv zurück -- heraus aus der Hölle, deren Dämonen uns heulende
+Eisenbälle nachschleuderten.
+
+Hinter einem Hügel sammelten wir uns wieder.
+
+Wir Hindus sprachen kein Wort. Ich dankte dem Schicksal, das mich
+behütet und aufbewahrt hatte, meine Brüder zu rächen.
+
+Die Weißen flüsterten aufgeregt miteinander. Manche von ihnen schrieben
+Briefe und Karten an ihre Frauen und gaben sie sich gegenseitig.
+
+An wen hätte #ich# schreiben sollen? ...
+
+In der Nacht führte man uns in einem großen Bogen gen Westen. Lautlos
+stapften wir über den gefrorenen Schnee; die Sterne, die in Indien so
+gütig blicken können, starrten mit feindseliger Kälte auf unseren Zug
+herab, der sich in Windungen vorwärtsschob -- einer riesigen Malatri
+vergleichbar.
+
+Und diese aus zitternden Menschen gebildete Schlange kroch über Hügel,
+durch Schluchten, wälzte sich über zugefrorene Bäche und Flüsse. Wir
+Hindus wurden ungeduldig: »Weshalb treibt man uns in der Irre umher,
+statt uns den Feinden gegenüberzustellen?«
+
+Die Engländer gaben uns zur Antwort: »Nur noch ein Weilchen! Dann wird
+euer Wunsch erfüllt. Wir meinen es gut mit euch, deshalb kommt ihr in
+die vorderste Reihe, wo es am ungefährlichsten ist; wir aber bleiben
+waghalsig weiter rückwärts.«
+
+Und so geschah es auch.
+
+In die vorderste jener Erdfurchen, die sie »Schützengräben« nennen,
+legten sie uns Inder. In einer Frostnacht, die uns die Glieder schier zu
+steifen Stäben fror, lösten wir die Franzosen ab, die bisher in dieser
+Furche gehaust hatten. Lautlos, als gälte es einen Einbruch, wechselten
+wir die Plätze.
+
+Und da lagen wir drei Tage, durften kein wärmendes Feuer entzünden und
+warteten vergeblich, daß uns die Engländer den versprochenen Reis nach
+vorne brächten.
+
+Eisenkugeln flogen über unsere Köpfe hinweg -- wir beachteten sie nicht
+mehr.
+
+Ich war so matt, daß ich im Stehen stundenlang schlief. Einmal weckte
+mich der rauhe Gesang jenes Liedes, das ich einst in Bombay hatte aus
+dem Gefängnis singen hören, jenes seltsamen Liedes, das ich für ein
+religiöses halte und das mit den Worten beginnt: »Deutschland,
+Deutschland über alles.«
+
+»Sind die Deutschen so nahe?« frug ich einen Sergeanten.
+
+»Sie liegen fünfzig Meter von uns im Schützengraben.«
+
+Ich weiß nicht, wie weit fünfzig Meter sind, aber es muß eine geringe
+Strecke sein.
+
+Konnten wir doch auch den Dunst gekochten Fleisches bis zu uns herüber
+riechen.
+
+»Haben denn die Deutschen etwas zu essen? Ich dachte, sie litten
+Hungersnot?«
+
+»Das tun sie auch! Sie essen Ratten und Mäuse und zwingen die gefangenen
+Hindus, gleichfalls diese Tiere zu essen!«
+
+Ich stierte ihn entsetzt an. »Ehe ich solch unreines Fleisch esse,
+sollen sie mir alle Glieder einzeln vom Leibe reißen!«
+
+»Das werden sie sowieso tun, wenn du in ihre Hände fällst! Sie martern
+alle Gefangenen zu Tode!«
+
+»Und fressen sie dann, ich weiß es!« schloß ich das Gespräch.
+
+Ich war überzeugt, daß es nicht der Dunst von gebratenen Ratten war, der
+zu uns herüberdrang, sondern der Geruch gerösteter Hindus. Der gutmütige
+Sergeant hatte mir nicht die ganze schreckliche Wahrheit sagen
+wollen ...
+
+Wieder hatte mich die Erschöpfung überwältigt. Der Kopf war mir auf die
+Brust gesunken. Ich träumte:
+
+Durch die Straßen Bombays wandelte ich an der Seite meines Vaters. Um
+seinen Hals baumelte ein Hanfstrick, aber er achtete dessen nicht,
+sondern sprach liebevoll mit mir und ich hörte wieder seine Worte: »Der
+Menschen Schicksal ist den Göttern nur ein Würfelspiel.« Wir kamen an
+dem Regierungspalast vorbei und von seinem Türmchen herab wehte eine
+blutrote Fahne. Auf der Fahnenstange aber kauerte Abu-Kalib, der
+Mohammedaner, und weinte und klagte: »Armer Freund!« Und er machte das
+geheime Zeichen, und ihm gegenüber, auf einer Palme, hockte ein heiliger
+Affe und ahmte das Zeichen nach. Ich lachte hellauf und drohte dem
+klugen Tier -- aber da war es kein Affe mehr, sondern eine große
+Whiskyflasche, in der Jim Boughsleigh gefangen saß. Und er jammerte: »O,
+mich is schlecht, very hundsmiserabel schlecht is mich!« Da hob ich
+einen Stein auf, um ihn nach Jim Boughsleigh zu werfen. Aber nicht der
+Stein flog, sondern ich selbst, denn ich war einer der Geflügelmenschen
+geworden, die ich in Marzel auf dem bemalten Tuch gesehen hatte. Und ich
+flog über die Stadt hinweg und landete in Ägypten. Da stand das
+Tierspital, das bisher in Bombay gewesen war, und jene Dame aus Marzel
+saß an der Pforte und rief: »Malatri hat nach dir verlangt, sie will
+dich sprechen!« Und da kam auch schon Malatri durch ein Loch in der Türe
+gekrochen und hatte vier große Beine bekommen und --
+
+Ich fuhr empor. Dicht über mir, am Rande des Schützengrabens, stand ein
+riesenhafter Mensch und schlug mit dem Gewehrkolben nach mir. Ich
+schleuderte meinen vergifteten Dolch gegen seine Kehle, sprang aus dem
+Graben und rannte durch ineinander verbissene Menschenknäuel laut
+schreiend geradeaus.
+
+Frage mich nicht, was ich sah, noch was ich hörte. Ich kannte mich nicht
+aus, achtete nicht, wer Feind, wer Freund war, ich schoß um mich, lief,
+warf mich hin, sprang wieder auf, riß das Bajonett von meinem Gewehr, um
+es als Messer zu gebrauchen, und -- spürte plötzlich einen Schlag gegen
+meine Achsel, der mich umwarf.
+
+Ein Mensch stolperte über mich, faßte meinen Hals, würgte mich -- ich
+verlor die Besinnung.
+
+ * * * * *
+
+Ich weiß nicht, wie lange meine Seele sich von mir getrennt hatte. Waren
+es Stunden, waren es Tage -- nur Schiwa vermag es zu sagen.
+
+Sie kehrte wieder in demselben Augenblick, als zwei Hände mich bei den
+Beinen packten. Ich wollte mich aufrichten, aber ein stechender Schmerz
+in der Achsel drückte mich zu Boden. Und die tausend Dolche in meiner
+Brust waren glühend geworden und verbrannten mich von innen heraus.
+
+»Wer bist du?« fragte ich den Weißen, der meine Beine gepackt hatte, auf
+englisch. Er war ein jugendlicher Mann, ich erkannte es trotz seines
+Vollbartes. Um den Arm trug er eine Binde mit einem roten Kreuz.
+
+»Wir sind deine Freunde!« antwortete eine englische Stimme mir zu
+Häupten. Erschrocken wandte ich unter Schmerzen meinen Kopf und gewahrte
+hinter mir einen zweiten Mann, der dasselbe Abzeichen trug und sich eben
+anschickte, mich unter den Schultern zu fassen, um mich mit Hilfe seines
+Begleiters auf eine Tragbahre zu legen.
+
+Ich griff nach einer Waffe -- aber keine war im Bereich meiner Hände zu
+finden.
+
+»Laßt mich liegen,« ächzte ich. »Was wollt ihr von mir?«
+
+»Wir sind deine Freunde!« antwortete jener wieder und rief seinem
+Kameraden einige unverständliche Worte zu.
+
+Ein heißer Schreck durchflutete mich. Welche Sprache redeten die beiden?
+-- War es Deutsch?
+
+Ich riß meine Beine, die der eine von neuem gepackt hatte, strampelnd
+los.
+
+»Seid ihr Deutsche?« entrang es sich mir stöhnend.
+
+»Ja, das sind wir. Nun aber schweige, sei vernünftig und lasse dich von
+uns wegtragen!«
+
+»Nein!« schrie ich auf und wälzte mich in dem blutigen Schnee. »Nein!
+Ihr wollt mich fressen! Ich will nicht geschlachtet werden! Lieber will
+ich hier verenden wie ein wundes Tier! Berührt mich nicht!«
+
+Die beiden sahen sich kopfschüttelnd an. Sie sprachen wieder in ihrer
+fremden Sprache, und ich suchte, angstgepeinigt, in ihren Mienen ihre
+Absichten zu lesen. Hätte ich einen Revolver gehabt, ich hätte sie
+erschossen.
+
+Schließlich zuckte der eine die Achseln, sie beugten sich nieder, hoben
+mich mit eisernen Griffen auf die Bahre und trugen mich hinweg.
+
+Ich brüllte: »Ihr Dämonen, Hunde, ihr wollt mich zerstückeln! Aber ich
+esse euer unreines Fleisch nicht! Seid verflucht! Laßt mich los!«
+
+Und ich spuckte meinen blutigen Auswurf nach ihnen. Aber sie ließen sich
+nicht irre machen.
+
+Ach, ich war zu schwach, mich ernstlich zur Wehr zu setzen. Meine
+Gedanken verwirrten sich wieder, und meine Seele nahm von neuem Abschied
+von meinem gefolterten Leibe. -- -- --
+
+Als ich die Augen aufschlug, fand ich mich in einem großen halbdunklen
+Zelt, auf einer Bahre liegend. Um mich herum standen ähnliche Bahren und
+auf jeder lag ein Mensch. Die Luft war von ungekannten, bitteren Düften
+erfüllt.
+
+Ich hob den Oberkörper, um besser sehen zu können, fiel aber sogleich
+unter wildem Schmerz in mich zusammen. Was war mit meiner Brust
+geschehen? Ein dicker Verband lief von der Achsel um Arme und Brust. Wer
+hatte mich in diese Tücher eingeschnürt?
+
+Langsam kam mir die Erinnerung und mit ihr das atemlose Entsetzen: Du
+bist bei den Deutschen, sie wollen dich schlachten ... man hebt dich
+hier mit anderen Hindus für das Opferfest auf ... eine Speisekammer
+lebender Menschen.
+
+Ich versuchte mich mit meinem Nachbarn zur Rechten zu verständigen,
+indem ich ihn leise anrief.
+
+Er wandte langsam den Kopf nach mir -- ich sah in ein weißes Gesicht.
+
+Furchtbar: so fraßen also die Deutschen auch #weiße# Menschen!
+
+Als ich die glanzlosen Augen auf mich gerichtet sah, vergaß ich schier
+meine eigenen Schmerzen.
+
+»Leidest du sehr, Herr?« lallte ich.
+
+Der Weiße, der mein Englisch nicht verstand, wandte den Kopf wieder weg
+von mir und wimmerte kaum hörbar.
+
+Ich hörte Schritte und entdeckte nun im Halbdunkel zwei Männer in weißen
+Kitteln, die mit einer ähnlich gekleideten Frau von Bahre zu Bahre
+gingen. An jeder Bahre blieben sie eine Weile stehen, aber ich konnte
+nicht unterscheiden, was sie machten.
+
+Als sie sich mit meinem Nachbarn zur Rechten beschäftigten, sprachen sie
+mit ihm in deutscher Sprache. Das nahm mich wunder -- woher kannte der
+kranke Engländer die Sprache der Barbaren?
+
+Nun standen sie bei mir.
+
+Die Frau -- es war eine Krankenschwester -- schob ihren Arm unter meinen
+Rücken, um sanft meinen Oberkörper aufzurichten.
+
+Wütend biß ich nach ihr.
+
+»Artig sein!« sagte der eine Arzt mahnend zu mir. »Wir tun dir nicht
+weh!«
+
+»Bist du ein Engländer?« forschte ich.
+
+»Nein, ein Deutscher. Aber hier gibt es keine Völkerunterschiede mehr,
+sondern nur noch Kranke, denen wir helfen wollen. Du siehst hier auf den
+Bahren Freund und Feind, Weiße und Farbige --«
+
+»Du lügst!« schrie ich -- aber ich dämpfte sogleich meine Stimme, denn
+die Anstrengung des Schreiens zerriß mir die Brust. »Du lügst!«
+wiederholte ich jämmerlich, »ihr wollt mich töten! Feige Bestien!«
+
+Der Arzt sprach mit seinem Berufsgenossen einige Sätze in deutscher
+Sprache. Wahrscheinlich überlegten sie, ob sie Gewalt anwenden sollten.
+
+Schließlich gingen sie mit der Schwester zum nächsten Kranken, ohne mich
+angerührt zu haben.
+
+Ich lag, dumpf vor mich hinstarrend, und wenn sie nicht meine Arme fest
+in den Verband mit eingewickelt gehabt hätten, hätte ich mir die Tücher
+abgerissen. Lieber verbluten, als mich zu Tode foltern zu lassen.
+
+Eine Weile später kehrte die Schwester an meine Bahre zurück, einen
+dampfenden Teller in den Händen tragend.
+
+»Jetzt wollen sie dich zwingen, verbotenes Fleisch zu essen!!«
+durchzuckte es mich, und ich biß die Zähne zusammen.
+
+Mochten sie mir sie mit Eisenzangen auseinanderreißen, wenn sie konnten!
+
+Aber -- o wundersame Überraschung -- der Teller war angefüllt mit
+gekochtem Reis. Und die Schwester beugte sich zu mir nieder und gab mir
+mit dem Löffel zu essen, wie eine Mutter ihr Kindchen füttert. Und jeden
+Löffel des heißen Reises blies sie zuvor.
+
+Ich verschlang heißhungrig die willkommene Nahrung.
+
+Die Schwester lächelte und frug auf englisch: »Siehst du, daß wir es gut
+mit dir meinen?«
+
+Ich musterte sie mißtrauisch und gab ihr keine Antwort.
+
+»Willst du nicht deinen Verband erneuern lassen? Es wird deine Schmerzen
+lindern!« frug sie weiter. Ihre ruhige Stimme tat mir wohl. Aber wer
+weiß, vielleicht wollte sie mich nur in Sicherheit lullen.
+
+»Nein!« erwiderte ich rauh. »Ich will keine Wohltaten von euch deutschen
+Barbaren!«
+
+Bei dem Worte »deutsche Barbaren« trat eine Träne in ihre Augen. Doch
+sie erhob keinen Vorwurf, geduldig wischte sie mit einem Tuch die
+Speisereste von meinem Mund und wandte sich anderen Kranken zu.
+
+In meiner fiebernden Brust stritten sich die Gefühle. Ich sagte mir: Du
+darfst den Deutschen nicht trauen, sie sind deine Feinde, und du hast so
+viel Schändliches von ihren Sitten gehört, daß du sie verabscheuen
+müßtest, auch wenn nur die Hälfte davon wahr wäre. Gleichzeitig empfand
+ich, daß sich diese Krankenschwester nicht verstellt hatte und daß die
+Güte, die aus ihrer Stimme leuchtete, ein Abglanz ihrer #Herzensgüte#
+war.
+
+Weshalb hatten mir die Deutschen Reis als Labe gereicht, da es doch
+hieß, sie spotten unserer Speisegesetze?
+
+War es Absicht, war es Zufall?
+
+Ich beschloß, auf der Hut zu sein und doppelt streng zu beobachten.
+
+Als die Nacht herannahte, machten die Ärzte abermals die Runde. Und
+wieder forderte mich der eine in englischer Sprache auf, meinen Verband
+erneuern zu lassen. Aber ich ließ mich nicht von ihnen anfassen.
+
+Die Krankenschwester frug mich, ob ich schlafen könne?
+
+Obwohl ich fühlte, daß der Gott des Schlafes mich vergessen werde,
+bejahte ich doch diese Frage. Denn ich wußte: nun mußte bald die Stunde
+gekommen sein, in der sich die Deutsche in Frösche verwandelten.
+
+Als sich die Schwester mit einem guten Wunsche entfernt hatte, faßte ich
+den kranken Deutschen, der mir zur Rechten lag, scharf ins Auge.
+
+O, ich wollte gut aufpassen! Es sollte mir nicht entgehen, wie er zum
+Frosch zusammenschrumpfte!
+
+Immer dunkler ward es, immer kälter, es mußte schon um die elfte
+Nachtstunde sein -- und der Deutsche hatte noch immer Menschengestalt.
+
+Ich war nicht der einzige Wachende im Lazarett.
+
+Ich hörte, wie sich Kranke fiebernd hin und her warfen, hörte Husten und
+Röcheln, hörte raschelnde Schritte von Wärtern, und einige Male, wie
+Wasser in Gläser gegossen wurde.
+
+Vor allem aber hörte ich, wie der frostige Nachtwind an den Zeltwänden
+riß und sie pfeifend peitschte.
+
+Es mußte Mitternacht sein -- und noch immer hatte sich der Deutsche
+nicht in einen Frosch verwandelt.
+
+Er schlief unruhig, heiser atmend, murmelte im Traum aufgeregte Worte,
+und ich unterschied mehrmals ein Wort, dessen Bedeutung ich damals noch
+nicht kannte, das Wort: »Mutter«.
+
+Ist es nicht wundersam, daß das erste deutsche Wort, das ich in mich
+aufnahm, das Wort »Mutter« war?
+
+Zuletzt überwältigte mich die Ermattung und ich entschlummerte.
+
+Und ich erwachte mit der Gewißheit: die verruchten Engländer haben dich
+schmählich belogen! Die Deutschen sind keine bösen Dämonen ...
+
+Nein, Herr, ihr seid keine Dämonen; ich erfuhr es aus euren Reden und
+mehr noch aus euren Taten!
+
+Ich erfuhr es, als wenige Tage später das Lazarett zu unserem Entsetzen
+beschossen wurde und ihr nicht an eure eigne Sicherheit dachtet, sondern
+zuerst an die Rettung der Kranken.
+
+Ich erfuhr es, als ihr mich mit euren derben, guten Händen in den
+Eisenbahnwagen trugt, der mich in diese Stadt brachte.
+
+Und wenn ihr auch nur Weiße seid, voll von törichten Vorurteilen wie
+alle Nicht-Hindus, und mich mit euren Arzneien heilen wollt, statt mit
+heiligem Kuhmist -- ich hasse euch nicht und bete zu Schiwa um euren
+Sieg!
+
+ * * * * *
+
+Mister Galgenstrick machte eine lange Pause.
+
+Ich betrachtete ihn ergriffen. Denn so gleichgültig uns auch das Lob
+eines Hindus sein kann, mich erwärmte doch die naive Bewunderung dieses
+Naturkindes, das durch alle seine verschrobenen Vorstellungen hindurch
+die Reinheit deutschen Wesens ahnte.
+
+Plötzlich nahm Galgenstrick meinen Arm, zog mich zu sich nieder und
+flüsterte mir ein Geheimnis ins Ohr: »Ich glaube nicht, daß die Götter
+mir das Leben lassen. Wenn sie es mir aber gnädig vergönnen, in diesem
+Leibe weiter zu wohnen, so will ich von neuem kämpfen! Aber nicht mit
+euren Feinden gegen euch -- sondern mit euch gegen die Engländer!
+Versprich mir, daß du mir dazu verhelfen wirst!«
+
+Ich hätte ihm sagen können, daß wir Deutschen keine wilden Völkerstämme
+in unsere Reihen aufnehmen, daß wir diese »Kulturerrungenschaft« neidlos
+unseren Gegnern überlassen -- aber ich wollte den Kranken nicht durch
+Widerspruch erregen.
+
+So machte ich eine Geste, die er sich nach Belieben als Bejahung oder
+Verneinung auslegen mochte.
+
+Er lächelte befriedigt und ich schied von ihm mit dem Bewußtsein, ihm
+eine belebende Hoffnung hinterlassen zu haben, die seine Genesung
+beschleunigen würde.
+
+Zwei Tage blieb ich dem Lazarett ferne, beschäftigt mit der
+Überarbeitung von Galgenstricks Erzählungen.
+
+Am dritten Tage besuchte mich _Dr._ Heßberg.
+
+»Ei, welch eine seltene Ehre! Hab' ich schon wieder einen Verstoß gegen
+deine Verordnungen begangen und, deiner gestrengen Ansicht nach, mich
+gegen Mister Galgenstricks Heilung versündigt?«
+
+_Dr._ Heßberg tat einen kräftigen Zug aus seiner Zigarre, blies langsam
+den Rauch in die Luft und sprach einfach: »#Mister Galgenstrick ist
+tot.#«
+
+Ich trat erschrocken einen Schritt zurück: »Was sagst du da? Mister
+Galgenstrick ist --?«
+
+»Tot!«
+
+Wir setzten uns.
+
+_Dr._ Heßberg dampfte wie ein Fabrikschornstein, ein Zeichen, daß er
+tief erregt war.
+
+Ich schloß die Augen und sah im Geiste Mister Galgenstrick vor mir,
+fühlte seinen spitzbübisch-naiven Blick.
+
+»Schade,« murmelte ich, »schade um den armen Teufel.«
+
+Mein Freund richtete sich vorwurfsvoll auf. »Es sterben in unseren
+Lazaretten Leute, um die es tausendmal mehr schade ist!«
+
+»Da hast du natürlich recht -- aber dennoch ...«
+
+_Dr._ Heßberg zerbröckelte ärgerlich seine Zigarre. »Scheußliches Kraut
+-- gib mir eine von deinen Echten!«
+
+Ich erhob mich und bot ihm die Zigarrenkiste an.
+
+Umständlich nahm er sich einen Glimmstengel, zündete ihn an, schmauchte
+befriedigt und sagte: »Er ist friedlich gestorben. Bewußtlos
+hinübergedämmert ... Dank einigen Morphiumspritzen ... Aber die Stunden
+vorher« -- er machte eine abwehrende Handbewegung -- »sprechen wir nicht
+davon! ... Ich hätte es übrigens voraussagen können. Die linke Lunge
+total kaputt und die rechte in einem bejammernswerten Zustand! ... Na,
+Gott hab' ihn selig!«
+
+»Schiwa!« verbesserte ich, wehmütig lächelnd.
+
+-- -- Armer Mister Galgenstrick! Du hast die Heimat nicht wiedersehen
+dürfen. Unter fremden Menschen bist du gestorben, ein Opfer englischer
+Habgier.
+
+Nicht der größten Opfer eins. Aber dennoch schienen mir deine Erlebnisse
+interessant genug, sie aufzuzeichnen und in das grelle Licht der
+Öffentlichkeit zu stellen.
+
+Ich habe nichts hinzugefügt, nichts weggelassen. Und so will ich, indem
+ich Abschied nehme von dir, die Feder mit einem Ausruf in #deinem# Sinne
+aus der Hand legen, indem ich sage:
+
+»Will es das Schicksal, so wird deine Lebensgeschichte nachdenkliche
+Betrachtungen in den Lesern wecken; will es das Schicksal anders, so
+werden mir die Leser diese Blätter mit unfreundlichen Urteilen lohnen;
+wie es aber auch das Schicksal fügen mag, #mir ist beides recht#!«
+
+
+
+
+ Der Sanitätsdackel
+
+
+Der Held dieser Geschichte ist ein Privatier. Keiner von den Privatiers,
+die in einem Automobil elegant durch die Straßen fahren und jeden
+neuentdeckten unechten Raffael kaufen -- o nein, ein solcher Privatier
+ist unser Held nicht.
+
+Für die Automobile hat er gar nichts übrig -- »mir war's genügend!
+Hört's mir auf mit dö Stinkdroschken, dö elendigen!« -- und Gemälde
+interessierten ihn erst recht nicht. Nicht als ob er keines besessen
+hätte! Gewiß besaß er eines und das hatte er sogar eigenhändig dem Maler
+weggenommen, weil der Haderlump die Miete nicht bezahlen wollte.
+
+»Wie hieß er doch gleich, der Maler? Mit »F« fing er an -- wart's amal
+an Moment, wie hoaßt er do' glei'? -- na, also halt so ein norddeutscher
+Kunstmaler.
+
+Ein schönes Bildl war's, lauter echte Ölfarbe, und ein nacketes Fräulein
+stellte es dar. Sauber, sag i Eahna, sauber! Ja, mei Liaber, auf die
+nacketen Weibsbilder, da verstehen sich die Herren Kunstmaler #besser#
+als wie auf's Mietzins-Zahlen.«
+
+Da es mir schon herausgerutscht ist, daß unser Held und Privatier
+Hausbesitzer ist, so will ich auch gleich sagen, wo sein Haus steht. In
+Schwabing. Eines von den modernen, solid gebauten Häusern: wenn einer im
+Parterre niest, wackeln im vierten Stock die Kronleuchter. Und wenn du
+einen Nagel in die Wand schlägst, kannst du das ganze Zimmer neu
+streichen lassen. Aber dafür ist ein Lift vorhanden, mit dem man fahren
+kann, wenn er nicht gerade in Reparatur ist. Er ist aber immer in
+Reparatur.
+
+Halt, daß ich die Zentralheizung nicht vergesse! Das ist was
+Praktisches, so eine Zentralheizung: wenn du's recht gemütlich kalt
+haben willst, brauchst du nur den Hebel auf »Warm« zu stellen.
+
+Dies ist also das Haus des Herrn Privatier Joseph (sprich Pepi)
+Bröselmeier, und mit Recht steht im Münchner Adreßbuch hinter seinem
+Namen das stolze Wort »Realitätenbesitzer«.
+
+Pepi Bröselmeier ist ein vielbeneideter Mann.
+
+Im Schweiße seines Angesichtes hat er sich durchs Leben geerbt. Als er
+zwanzig Jahre alt war, starb sein Vater -- da hörte er auf zu arbeiten.
+Gerad' als er anfangen wollte! Als er das sechsundzwanzigste Jahr
+erreicht hatte, starb seine Mutter -- da hörte er auf, seine Mitmenschen
+zu grüßen. Und als er in das dreiunddreißigste Jahr hineinschwebte,
+starb seine Tante Mali -- da hörte er auf zu denken.
+
+Die gute Tante Mali! Achtzigtausend Mark hat sie ihm hinterlassen, die
+alte Bisgurn, die schiache! Daß mir keiner ein schlechtes Wort über sie
+sagt!
+
+Seitdem füllte Pepi Bröselmeier seine Zeit damit aus, für seine
+Gewichtszunahme zu sorgen und seine Mieter zu schikanieren. Auf
+zweiundfünfzig Lebensjahre und einen Meter siebzig Taillenweite hat er's
+schon gebracht.
+
+Und kein Mensch auf Gottes schönem Erdboden imponierte ihm. Von keinem
+weiblichen Engel hatte er sich unterjochen lassen -- »Heiraten? Daß i
+net rutsch'!« -- höchstens zwickte er einmal väterlich eine Kellnerin
+dorthin, wo die Münchner Kellnerinnen vor Erfindung der Brotkarte einen
+Beutel voll »Hausbrot« und »Semmeln hab i net« zu tragen pflegten.
+
+Aber doch gab es ein Wesen, dem Pepi Bröselmeier bedingungslos untertan
+war, und das war »Bim«, sein Dackel.
+
+»Dackel« ist eigentlich zu viel gesagt. Man nennt die Rasse richtiger
+und wohltönender »Promenadenmischung«. Die Füße waren ja soweit ganz
+echt -- wenn's nur nicht gerade hätt' ein #Dackel# sein sollen. Wäre
+»Bim« der Hund eines literarisch gebildeten Menschen gewesen, so hätte
+er vielleicht in lyrischen Stunden vor sich hin gebellt:
+
+ Vom Mopserl hab' ich die Statur,
+ Vom Fox das Kokettieren,
+ Vom Dackerl nur die Frechnatur
+ Und Lust, nie zu parieren.
+
+Ja, in Bims Stammbaum müssen schreckliche Eheirrungen vorgekommen sein!
+Überhaupt schon der Name Bim! Ein #echter# Dackel heißt nach uralter
+Münchner Tradition entweder »Waldl« oder »Maxl«. Aber Bim ...!
+
+Kam Pepi Bröselmeier zum Frühschoppen in den »Franziskaner«, so sagte
+die Kellnerin: »Oh, dös liabe Viech! Da geh her, goldig's Mopserl!«
+
+Kam er zum Mittagessen in's »Bürgerbräu«, so sagte die Kellnerin: »Und
+an extraschönen Knoch'n hab' i aa reserviert, für Eahneren Foxl!«
+
+Und abends, am Stammtisch, im »Augustiner«, sagte die Kellnerin: »Weil's
+d' nur grad wieder da bist, Schnauzerl!«
+
+Das Infamste aber war damals im Hofgarten passiert, als er seinen Hund
+frei herumlaufen hatte lassen -- »freili, anbinden wer' i's, dös arme
+Dackerl!« -- und einen polizeilichen Strafbefehl über drei Mark gekriegt
+hatte, wegen »Freilaufenlassens eines Rattenpinschers«.
+
+Damals hatte er ein Eingesandt an die Zeitung geschickt, ein Eingesandt
+-- na, Aufsehen hätt's gemacht, wenn sie's veröffentlicht hätten.
+
+Aber sie haben's nicht veröffentlicht. Vielleicht weil's zu lang war.
+Vielleicht auch weil er den Hundeaufseher darin einen »geselchten Affen«
+genannt hatte.
+
+Ha, die Redakteure! Die reinen Kunstmaler san's!
+
+Und einen Menschen, der solchene Eingesandts schreiben konnte,
+tyrannisierte Bim, der Dackel, obwohl er kaum den zehnten Teil so viel
+wog als sein Herrle (einschließlich Hundemarke).
+
+Denn was ist des Menschen Wille gegen den Willen eines Dackels?
+
+Hundertmal schon hatte der Hausarzt zu Herrn Bröselmeier gesagt: »Herr
+Realitätenbesitzer, Sie sollten sich mehr Bewegung machen! Das viele
+Fett ist nicht gut für Ihr Herz, Herr Realitätenbesitzer! Mehr zu Fuß
+gehen sollten S' halt, Herr Realitätenbesitzer!«
+
+»Moanen S' wirkli?« hatte Pepi gefragt. »Alsdann wer' i halt
+umanandlaufa wie a Heuschreck'n!« und heimlich hatte er sich gedacht:
+»Den Buckel steigst ma 'nauf, Medizinlackel, damischer!«
+
+Und hatte sich auf der Trambahn ein Jahresabonnement genommen.
+
+Aber was der Hausarzt trotz eindringlicher Ermahnung und gesalzenster
+Rechnungen nicht erreicht hatte, das vollbrachte Bim, der Dackel, ohne
+ein Wort zu reden, ohne mit seinem Mopsschwanzerl zu wackeln. Denn in
+der Münchner Trambahn ist das Mitnehmen von Hunden verboten, und so
+mußte Herrle Bröselmeier die Riesenstrecken Schwabing--Franziskaner,
+Franziskaner--Bürgerbräu, Bürgerbräu--Augustiner, Augustiner--Schwabing
+keuchend zu Fuß zurücklegen.
+
+Ja, er mußte jeden Weg mindestens dreimal wandeln, denn Bim hatte die
+selbstherrliche Gewohnheit, im Zickzack zu traben. Bald interessierte
+ihn weit vorne irgendeine Hundesensation, und er sauste plötzlich davon,
+daß sein Herr unter Atembeschwerden und völlig zwecklosen »Bim, da gehst
+her!«-Rufen ihm nachstürzen mußte -- bald fiel es Herrn Bim plötzlich
+ein, daß er eine Straßenecke zu beschnuppern vergessen hatte und er
+machte kehrt, lief dreißig Meter zurück, beschnüffelte das Eckhaus
+einmal, zweimal, um dann -- nun ja, a Viech is halt a Viech!
+
+Manchmal auch überkam ihn die Philosophitis, er setzte sich mitten auf
+die Straße, versank in Nachdenken und war durch keinerlei Zureden zum
+Weitergehen zu bewegen.
+
+Natürlich hätte Herr Bröselmeier in solchen Fällen von seinem
+Spazierstock mit dem Hirschgeweihgriff, der wie beinahe echt aussah,
+Gebrauch machen können, aber nein: »An am wehrlosen Tier wer' i mi
+vergreif'n, -- i bin do' ka Ruß!«
+
+So lebten Bim als Gebieter und Herr Bröselmeier als folgsamer
+Untergebener friedlich zusammen -- bis der Weltkrieg auch diese Harmonie
+zweier schöner Seelen jäh zu zerstören drohte.
+
+Der Krieg. Anfangs fand ihn Pepi Bröselmeier ganz schön. Er hielt es für
+ganz in der Ordnung, daß sich andere Leute totschießen ließen, damit er
+ruhig seinen Frühschoppen weiter trinken konnte. Er schaffte sogar für
+sein Haus eine Fahne an und überließ es der Hausmeisterin, sie nach
+Gutdünken herauszuhängen oder einzuziehen. Aber bald kamen die
+Beschwerden.
+
+Mit einem Herrn im Zylinder fing es an. Der kam eines Morgens um acht
+Uhr, wenn ein anständiger Bürger noch im Bett liegt, und klingelte. Er
+müsse den Herrn sprechen.
+
+Bim bellte, wie nur der Hund des #Hausherrn# bellen darf, und Herr
+Bröselmeier schlüpfte mißmutig in seinen Schlafrock, machte Toilette,
+indem er einmal schnell mit der Hand durch die Haare fuhr, schlüpfte in
+die Pantoffeln -- »Jessas, wo hat dös Hundsviech wieda den anderen
+Pantoffel hi'bracht?!« -- und schlürfte in den Salon, wo das nackete
+Fräulein hing von dem Maler, der wo mit »F« anfängt.
+
+Und was wollte der Zylindermann? Herr Bröselmeier möchte doch in den
+Wohlfahrtsausschuß seines Bezirkes eintreten, der Herr Weckerlbacher sei
+auch drin und es sei doch ein guter Zweck und --
+
+Er warf den Mann hinaus. »Geht nöt, geht beim besten Willen nöt! I hab
+koa Zeit, i bin Privatier!«
+
+Nicht als ob unser Held ein hartes Herz gehabt hätte. Gewiß nicht. Nur
+keine Arbeit durfte man nicht von ihm verlangen. O, er tat auch was für
+die Armen! In der Zeitung in der öffentlichen Massenquittung über
+freiwillige Spenden, stand's deutlich zu lesen:
+
+ N. N. 100 Mk., Gott lohne es 250 Mk., Jeder nach seinen
+ Kräften 75 Mk., Joseph Bröselmeier, Realitätenbesitzer
+ 5 Mk., Ungenannt 100 Mk.
+
+Die zweite Unannehmlichkeit, die ihm der Krieg bescherte, war die
+peinliche Erfahrung, daß mehrere Mieter um Nachlaß baten. Und da zeigte
+es sich, daß Pepi doch kein Unmensch war: denen, die's nötig hatten,
+ermäßigte er die Miete großmütig. »Ja, ja, is scho' recht! Wann Ihr Mann
+aus'm Krieg hoamkommt, nachher gilt aber wieder der alte Mietpreis! Nix
+z' danken, Frau Huber, nix z' danken!«
+
+Die dritte Unannehmlichkeit war die Wut über den Hindenburg. Jawohl, die
+Wut über den Hindenburg. Ist das vielleicht ein Benehmen von diesem
+Mann, eine so höfliche Ansichtskart'n überhaupt nicht zu beantworten?
+Dem einbeinigen Hausierer im »Augustiner« hatte er die Karte abgekauft,
+ein Mann war drauf abgemalt, der aus dem Spundloch eines Bierfasses
+trank und darunter stand »Nur koa Wasser net« -- und so eine Postkarte
+ließ der Hindenburg einfach unbeantwortet!
+
+Pepi Bröselmeier gab der Hausmeisterin den strengen Befehl, bei keinem
+der Hindenburg-Siege mehr zu flaggen. Das war seine Rache.
+
+Nein, der Kriegszustand war nicht schön. Der Krieg wurde immer länger
+und die Weißwürscht' immer kürzer. Das einzig Erfreuliche war, daß sie,
+ganz im Anfang, den Riedingerfranz, den er schon lange nicht leiden
+konnte, am Stachus elendig zusammengehaut hatten, weil er
+irrtümlicherweise für einen Spion gehalten worden war.
+
+Das Schlimmste aber -- doch nein, das muß ich ausführlich erzählen.
+
+»Du, Pepi, da mußt schon in dein' Beutel langen und ein Büllett kaufen,«
+hatte einer seiner Stammtischkumpane gesagt und ihm gleich ein
+Drei-Mark-Büllett hingelangt. »Es ist zum Besten von die Verwundeten! In
+die "Vier Jahreszeiten"! Mit einem extra-igen Programm! Also ruckst halt
+raus mit dei'm Taler!«
+
+Was war da zu machen? Der Pepi ruckte den Taler heraus und ging am
+nächsten Abend in die »Vier Jahreszeiten«.
+
+Alles, was wahr ist, es war ein extra-iges Programm.
+
+Zuerst hat ein Herr Klavier gespielt, so schön wie ein Athlet hat er
+gespielt. Zum Sterben fad ist es dem Pepi Bröselmeier vorgekommen, und
+er hat sich gewundert, daß der Hausherr von den »Vier Jahreszeiten« das
+erlaubt hat.
+
+Aber Prinz Ludwig Ferdinand war auch da und hat fest applaudiert. Er hat
+doch ein guat's Herz, der Ludwig Ferdinand. Und da haben der Pepi und
+die anderen Leut' auch geklatscht.
+
+Dann ist eine Sängerin gekommen.
+
+Sie hat zwar einen Kropf gehabt, aber jodeln hat sie doch nicht können.
+
+Sondern er war nur zur Verzierung da, der Kropf.
+
+Aber dann! O, das war drei Markl wert! Dann kam ein Herr und hat einen
+Vortrag gehalten mit Lichtbildern. Über die Sanitätshunde.
+
+Der Pepi hat nur grad so gestaunt.
+
+Das Herz ist ihm aufgegangen. So gescheite Hunde! Ja, sollt man's denn
+für möglich halten? Pepi Bröselmeier geriet in Ekstase. Das ist ja
+großartig mit den Sanitätshunden! Ja, dafür würde er auch was stiften!
+Fünf Mark, zehn Mark, -- ach was, Pepi, sei kein Geizkragen: zwanzig
+Mark, jawohl, zwanzig Markln!
+
+Der Pepi war ganz begeistert. Und er ist gleich Mitglied vom Verein für
+die Sanitätshunde geworden.
+
+Und wie er beim Herausgehen seinen Bim an der Garderobe wieder in
+Empfang genommen hat, da hat er ihn noch zärtlicher angeschaut als
+sonst, und hat ihn liebevoll gepatscht und hat gesagt: »Ja, dö
+Viecherln! So a Bim is g'scheiter als wiar i!« Und da hat er recht
+gehabt, der Herr Realitätenbesitzer.
+
+Aber unterwegs, auf dem Weg zum Stammtisch, fiel unserm Pepi ein Satz
+aus dem Vortrag ein, ein Satz, der ihn schon in den »Vier Jahreszeiten«
+gegiftet hatte, und seine gute Laune schmolz merklich zusammen. Was
+hatte der Herr Redner gesagt? »Am besten eignen sich zum Sanitätshund
+die deutschen Schäferhunde!«
+
+War das nicht eine Beleidigung für seinen Bim? Glaubte der obergescheite
+Herr im Frack vielleicht, die Dackeln sind dümmer als wie die
+#langhaarigen# Hunde? War net übel! Ein so ein gescheites Tier als wie
+einen Dackel gibt es überhaupt keins mehr in dieser Zoologie!
+
+»Gelt, Bim, du bist g'scheit?« frug Herr Bröselmeier zärtlich, aber Bim
+gab keine Antwort, weil er grad mal wieder auf's andere Trottoir
+hinübergelaufen war.
+
+Und wenn dieser Mensch im Frack behauptete, die Schäferhunde eigneten
+sich am besten, so kam das einfach daher, weil er noch keinen Versuch
+mit einem #Dackel# gemacht hatte!
+
+Und plötzlich durchzuckte den Herrn Realitätenbesitzer ein genialer
+Gedanke: #Der Bim muß Sanitätshund werden!# Ein #Sanitätsdackel# muaß er
+wer'n! Damit daß dös saudumme Gered' von dö Schäferhund amal an End'
+hat!
+
+Wenn der Pepi Bröselmeier einmal einen Entschluß gefaßt hat, dann wird
+er auch ausgeführt. Und wenn sich gleich der ganze »Augustiner« auf den
+Kopf stellt.
+
+»... Was #hat# denn das Herrle heut?« dachte sich Bim einige Tage später
+und beguckte verurteilend seinen Besitzer. »Was #hat# er denn?«
+
+Vor ihm stand Herr Pepi, in der einen Hand eine feldgraue Soldatenmütze,
+die er Gott weiß wo aufgetrieben hatte, in der anderen Hand einen
+Mordsspaten, und lockte: »Komm her, Bim, komm schön her! Spazieren geht
+der gute Hund! Gassi gehn, Bim!«
+
+Aber der gute Hund dachte sich: »Geh nur du Gassi, -- i bleib z' Haus!«,
+watschelte an seinen Freßnapf, stärkte sich und läpperte dann am
+Wasserteller ein paar Tropfen.
+
+Kopfschüttelnd sah ihm Pepi zu. »Wo er nur dös viele Wassersaufen her
+hat! Von #mir# hat a's #nöt#!«
+
+Bim wartete nicht ab, bis sein Herrle dieses Rätsel gelöst hatte; er war
+aufs Bett gesprungen und bereitete sich auf ein Schlummerstündchen vor.
+Da nahm Herr Bröselmeier sein Dackerl auf den Arm und trug ihn, nebst
+Spaten und Soldatenmütze, die Treppe hinunter.
+
+»Alsdann!« dachte Bim. »Wenn er mich #trägt#, lauf' ich mit!«
+
+Ach, was sind Hoffnungen? Vor der Haustüre setzte Pepi den Hund auf den
+Boden, und nun ging es die Franz-Joseph-Straße hinunter, die
+Leopold-Straße, die Ludwig-Straße entlang. --
+
+Bim stutzte zum zweiten Male. »Jetzt weiß das Herrle nicht mehr den Weg
+zum "Franziskaner"! Da hört sich doch alles auf! Er hat doch heut noch
+gar nix getrunken?«
+
+Das Herrle war links abgebogen und pfiff und schrie: »Bim! Mit #mir#
+gehst! Bim! Ja, weshalb kommst dann nöt?«
+
+Schließlich gab Bim als der Klügere nach und kam. Das hätte er #nicht#
+tun sollen, denn jetzt legte ihn Pepi Bröselmeier an die Leine.
+
+Das ging nicht so leicht, wie es gesagt ist. Es war eine recht
+schwierige Aufgabe für den wohlbeleibten Herrn Pepi, sich bis zur
+Bimhöhe hinabzubeugen, und als er endlich unten angelangt war, hatte
+sich Bim herumgedreht -- und man kann doch die Hundeleine nicht am
+#Schwanz# anknüpfen.
+
+Aber schließlich war Bim angekettet und lief, mit sichtlichen Zeichen
+der Entrüstung, neben seinem Herrn her. An jeder Straßenecke blieb er
+stehen und gab seiner Verachtung Ausdruck.
+
+Die Leute betrachteten schmunzelnd das Paar. Was wollte der Mann mit dem
+Spaten, der Soldatenmütze und dem Dackel? Aber Herr Pepi achtete nicht
+auf die Gaffer. Was lag dran, was die Leute (sprich »Gschwerl«) von ihm
+dachten, Leute, die wo nicht einmal eine Fülla (schreibe »Villa«)
+besaßen, viel weniger ein vierstöckiges Mietshaus mit Zentralheizung und
+Lift in Reparatur.
+
+»Wissen möcht' i, wo er hi'geht?« dachte sich Bim. »Jetzt is scho bald
+elfi und dö Weißwürscht im "Franziskaner" wer'n kalt!«
+
+Und bald erfuhr er das Ziel der Wanderung: die Isaranlagen, allwo Bim
+seine erste Unterrichtsstunde im Sanitätswesen erhalten sollte.
+
+Ich muß jetzt leider einen Punkt berühren, dem ich bisher ängstlich aus
+dem Wege gegangen bin, um nicht in den Ruf eines erotischen
+Schriftstellers zu kommen: Bims Liebesleben in der Natur. Tja, das ist
+ein heikler Punkt. Bim verschwendete seine Gunstbezeigungen nicht nur an
+die Hündinnen der zwanzig Rassen, von denen er abstammte, nein, dieser
+Wüstling wagte es, jedes Hundefräulein, das seine Bahn kreuzte, kurzweg
+anzusprechen und ihr in der Hundesprache verführerische Galanterien
+zuzuflüstern. »Fräulein Bernhardinerin sehen heute wieder entzückend
+aus!« »Gnädigste Möpsin werden mit jedem Wurf schlanker!« »Fräulein
+Windhund tragen ein todschickes Halsband! Wohl Familienerbstück?«
+
+Auch angesichts dieser Künste konnte Herr Pepi mit Recht sagen: »Wo er
+dös nur grad her hat? Also von #mir# hat a's #nöt#!«
+
+Sofort beim Eintritt in die Isarauen fiel nun dem Don Juan Bim eine
+braune Dackelin auf, eine Dackelin ... ich sage nur das eine Wort
+»preisgekrönt«.
+
+Aber die #Dackelin# wurde an der Leine geführt, Bim wurde an der Leine
+geführt -- nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was sie litten.
+
+Es war ein heller, sonniger Herbsttag und immer wieder frug Herr Pepi
+seinen Dackel: »Hörst, wie d' Amseln pfeif'n? Hörst as?« und immer
+wieder antwortete Bim in Gedanken: »Heut hat's ihn derwischt! Ganz
+narret is er heut! Hat er vielleicht 'denkt, dö Amseln wern miauen?«
+
+An einer Bank in den Anlagen, dicht am Ufer der seichten Isar, band Herr
+Bröselmeier seinen Hund fest, hielt ihm die Soldatenmütze unter die Nase
+und schmeichelte:
+
+»Da, riech, Bim! Schön Witterung nehma muaß's Hunderl! Dö Mütz'n sucha
+muaß das g'scheite Dackerl! Ja! Gelt, du bist g'scheit?«
+
+Bim warf einen scheelen Blick auf die Mütze. »Vollständig dari-dari is
+er heut!« dachte er. »Was geht mi dö Mütz'n o'!«
+
+Und während Bim Betrachtungen darüber anstellte, daß jetzt die Weißwürst
+sicher längst gar geworden seien, schaufelte der Herr Realitätenbesitzer
+schwitzend eine Grube. Wohl zehnmal hielt er stöhnend in der Arbeit
+inne, wischte sich den Schweiß von der Stirne und brummte: »Und dös soll
+g'sund san, hat der Dokta g'sagt! -- Aber jetzt wird si's bald weis'n,
+ob dö Dackeln Sanitäter san oder nöt!«
+
+Endlich war die Grube brauchbar. Er legte die Mütze hinein und
+schaufelte locker Erde darüber. »Wird's scho' finden, mein Bim! Feit si'
+nix!«
+
+Als er sich der Bank wieder zuwandte, fand er dort einen freundlichen
+Herrn, der behaglich die Hände auf dem Rücken gefaltet hatte, und mit
+Bim scherzte.
+
+»A hübsch's Mopserl ham S' da!« meinte der Herr.
+
+»Dös is koa Mopserl!« fertigte ihn Pepi kurz ab. »Wann dös a Mopserl is,
+san Sie a Rindviech!«
+
+Mit diesen liebenswürdigen Worten band er den »guten Hund« los,
+klatschte in die Hände und schrie: »Wo is 's Mützerl? Wo is? Suach,
+Bim!«
+
+Bim schaute ihn groß an. Bei dieser Hitze Mützen suchen, das fehlte ihm
+grad noch!
+
+»Suach, Bim, suach!«
+
+Der fremde Herr lachte, und der Pepi Bröselmeier ärgerte sich. »Kriagst
+a Zuckerl, Bim! A extragroßes Zuckerl! -- Wo hat's Herrle s' Mützerl
+hi'toa?«
+
+Der Bim wußte ganz genau, wo das Herrle das Mützerl hingetan hatte. Er
+hatte ja alles mit angesehen. Aber so dumm sein wird er und sie
+ausgraben! Das wär' das Neueste, daß er gehorchen tät! Nein, nein, das
+führte der Bim nicht ein. Er sprang an seinem Herrn empor, lief in die
+Anlagen und fraß Gras.
+
+Der fremde Mann lachte aus Leibeskräften.
+
+»Da is gor nix zum Lachen!« schrie der Pepi und wurde jetzt ernstlich
+wild. »Was verstengan #Sie# vom Hundsdressieren! Genga S' hoam und
+belästingen S' dö Leut' nöt, Sö Hammel, Sö ganz ausg'schamter! -- Und
+du, Bim, Hundsviech, miserabliches, hörst jetz glei' auf mit dera
+Spinatfresserei!! Suachst jetz glei' 's Mützerl, Bankert, ölendiger! --
+Da gehst her oder i hau dir dös Mordstrum Spaten um deine
+scheinheilingen Ohrwascheln! -- Herrgottsakrament überananda, willst
+jetzt parier'n oder nöt?!«
+
+Der Bim wollte nöt.
+
+Wie er das Herrle so schimpfen hörte, sagte er sich: »Jetz is die
+Tollwut bei eahm aus'brocha!« setzte sich in Galopp und lief in die
+Isar.
+
+Und was sah sein beglücktes Auge da?
+
+Susanna im Bade!
+
+Da schwamm sie, die herrliche Dackelin, und warf ihm einen Blick zu --
+einen Blick ...!! »Ewig dein!«
+
+Und sie schwammen um die Wette, isarabwärts, nach der Eisenbahnbrücke zu
+-- und in den Isaranlagen stand ein Mann und brüllte: »Bim! Biiiiiiim!«
+Und immer aufgeregter und beinahe weinerlich: »Bim! I tua dir ja nix!«
+und zuletzt ganz verzweifelnd: »Bim -- guat's Hunderl -- komm doch bloß,
+i gib dir 's Zuckerl! Wann's d' nur grad kommst!!«
+
+Aber nicht der Bim kam, sondern der fremde Herr trat näher, nahm die
+Hände vom Rücken, in denen jetzt die grüne Mütze sichtbar ward, die ihn
+als Anlagenaufseher legitimierte, und sprach gewichtig: »Nämlich, wie
+hoaßen S' dann nachher?«
+
+»Dös is a Gemeinheit!« schrie der Pepi. »Dös is a ganz a hinterlistige
+Zwiespältigkeit is das!«
+
+»Nehma S' Eahna fei' in Obacht!« drohte das städtische Amtsorgan. »Sonst
+mach i Eahna z'wegn Amtsbeleidingung kriminalisch, mei Liaba!«
+
+»Und derweil versauft der Bim!« jammerte Pepi Bröselmeier und wollte
+davonlaufen. Aber der Aufseher hielt ihn am Ärmel fest und donnerte: »Da
+bleib'n S'!! Im Namen dös Gösätzes!«
+
+Und weil der Pepi nix mit dem Namen dös Gösätzes zu tun haben wollte,
+blieb er halt da. Und sein Name wurde aufgeschrieben und sein Stand und
+die Wohnung und sein halber Stammbaum dazu, weil wir ordnungsliebende
+Behörden haben.
+
+Noch eine geschlagene halbe Stunde ist der Pepi nachher in den
+Isaranlagen umhergeirrt und hat den Bim gesucht und sich einen riesigen
+Durst angeschrieen.
+
+Und hätt' sich doch diese Mühe sparen können!
+
+Denn wie er zerschmettert, den Spaten unter'm Arm, im »Bürgerbräu«
+ankam, da empfing ihn die Kellnerin mit den Worten: »Grad is Ihr Foxl
+kemma!«
+
+Richtig, da saß er unter dem Stammtisch, nagte an einem Knochen und
+zwinkerte seinem Herrle einen Blick zu, der ungefähr besagte:
+
+»Bist jetz wieda so weit, daß ma mit dir verkehr'n ko'?«
+
+Und drei Minuten später saß Bim auf Herrles Schoß und hörte herablassend
+dessen Bitte um Verzeihung an: »Brauchst koa Sanitätsdackel wer'n, Bim!
+Naa, naa, dös überlass'n ma dö spinneten Schäferhund'! Weil's d' nur
+grad wieda da bist!«
+
+Und zwei Tage später war auch ein polizeilicher Strafbefehl »grad wieda
+da«. -- Wegen »vorschriftswidriger Verwüstung der städtischen
+Isaranlagen und wiederholtem Freilaufenlassen eines Zwergpudels«.
+
+
+
+
+ Die Versöhnung
+
+
+Gustav Bender, Schorsch Hämmerer und Fritz Jung bildeten sozusagen den
+eisernen Bestand der im verborgenen blühenden Äpfelweinkneipe »Zum
+kleinen Paradies«. Allabendlich gegen neun Uhr erschienen sie, saßen an
+demselben Tisch, auf demselben Stuhl, tranken dieselbe Anzahl Schoppen
+Äpfelwein. Und es aßen dazu: Gustav Bender einen Handkäs, Schorsch einen
+Schweizerkäs und Fritz ein paar Schweinsfüß'.
+
+Da der Mensch ist, was er ißt, läßt diese verschiedenartige Ernährung
+auch auf eine tiefgehende Verschiedenheit der Charaktere schließen. In
+der Tat herrschte nicht einmal an den höchsten Feiertagen länger als
+fünf Minuten Eintracht an diesem Stammtisch, -- der das Überbleibsel
+einer ehemals vielköpfigen Kegelgesellschaft repräsentierte, die infolge
+eines »Ausflugs mit Frauen« ein jähes Ende genommen hatte.
+
+»Nor kaa Weiwer mitnemme! Sonst is der Unfridde fertig!« hatte damals
+Gustav als weltweiser Mann prophezeit. Und er hatte recht behalten. Kam
+es daher, daß ein Teil der Frauen seidene Blusen trug, während ein
+anderer Teil nur in halbseidenen strahlte, oder kam es daher, daß Gustav
+abends ein Couplet vortrug, dessen letzte Strophe man kaum nach
+mehrjähriger Ehe seiner Frau ganz heimlich ins Ohr flüstern konnte, --
+kurz: die meisten Kegelbrüder fanden plötzlich, daß die andern »kein
+Verkehr« für sie seien. Nur die drei verschiedenartigsten Elemente des
+Klubs bewahrten ihre gegenseitige Anziehungskraft und fanden sich zu
+einem Stammtisch zusammen.
+
+Gustav, der Gärtner, war Sozialdemokrat. Das heißt: eigentlich war er
+#kein# Sozialdemokrat, aber weil die beiden andern so gerne auf die
+Roten schimpften, hielt er es für seine Oppositionspflicht, als
+Sozialdemokrat zu fungieren. Schorsch, der Kolporteur, war Zentrumsmann.
+Das heißt: ganz im Vertrauen gesagt, er war #kein# Zentrumsmann. Aber
+weil die beiden andern so sehr auf die Schwarzen schimpften, vertrat er
+den Zentrumsstandpunkt. Und mit derselben Überzeugungstreue und aus
+demselben Motive war Fritz, der Zigarrenhändler, stramm liberal.
+
+Jeden Abend begann der politische Kampf von neuem, und wenn es für jede
+persönliche Beleidigung einen Ordnungsruf gegeben hätte, so wäre stets,
+fünf Minuten nach Eröffnung der Diskussion, die Rednerliste infolge
+Wortentziehungen erschöpft gewesen.
+
+Am ersten August erschien Fritz mit besonders feierlichem Gesicht im
+»Kleinen Paradies«. Im Knopfloch steckte ein schwarz-weiß-rotes
+Bändchen. Beinahe hochdeutsch klang es, als er bestellte: »Eun Glas
+Eppelwei'!«
+
+»No??« fragte Schorsch. »Was is? Bistde Hoflifferant 'worn?«
+
+Hoheitsvoll erklärte Fritz: »Verdient hätt' ich's schon lang! Awwer was
+annerscht is bassiert: der Kaiser hat e Redd gehalte!«
+
+»Des hat er schon öftersch gedhaa!« sagte Gustav, der Sozi.
+
+»Awwer #was# for e Redd, mei Liewer!« ereiferte sich Fritz. »Kaan so
+Stuß, wie #Ihr# allweil verzappt! E Redd, die sich gewäsche hat! Wißt'r,
+was er gesagt hat?« Und Fritz erhob sich respektvoll vom Stuhl: »Es
+gebbt kaa Barteie mehr, hat er gesagt, es gebbt nor noch Deutsche!«
+
+Stille entstand am Stammtisch. Das Wort ging ihnen allen zu Herzen. Der
+Fritz sah sich triumphierend um, als stamme der Ausspruch nicht aus des
+Kaisers Mund, sondern von ihm selbst.
+
+Zuerst ergriff der »Sozi« wieder das Wort. »Iwwerhaapts sägt der Kaiser
+net "es gebbt", sonnern "et jiebt!"« verkündete er.
+
+»Uff de Dialekt kimmt's net aa,« dozierte Schorsch, der Schwarze. »Was
+kann der Kaiser derrfor, daß er kaa geborener Frankforder is? -- Awwer
+dessentwege hat er #doch# de Nagel uff de Kopp getroffe! Es gebbt kaa
+Barteie mehr, -- no, Fritz, Gustav -- umarme mer uns!!«
+
+Sie erhoben sich, umarmten sich, küßten sich. »Es is halt doch der
+#Friddens#kaiser!« sagte der Gustav. »Sogar uns versehnt er!« Alle drei
+waren ergriffen. Es gibt nur noch Deutsche, dachte jeder, und ihm wurde
+seltsam warm dabei.
+
+»Lasse mer de Willem lewe!« schlug der Schorsch vor und erhob sein
+Äpfelweinglas.
+
+»Lasse mer'n lewe, er hat's verdient!« schloß sich der Fritz an, und mit
+einem Blick auf den Gustav fügte er hinzu: »Derfst schon #aach# mit
+aastoße, -- wannstde aach so e schepper Sozi bist!«
+
+»#Was# bin ich?« fuhr der Gustav auf. »E schepper Sozi bin ich, du
+liweraler Dreckspatz?«
+
+»Ruhe, meune Herrn!« besänftigte Schorsch, beinahe wieder hochdeutsch.
+»Denke Se draa: es gebbt kaa Barteie mehr!«
+
+»No ja,« brummte der Sozi einlenkend. »Awwer beleidige lass' ich mich
+net! Net for alles um die Welt! Am wenigste von so 'me liwerale
+Hansworscht!«
+
+Der Friede war wiederhergestellt. Das Gespräch beschäftigte sich mit den
+Kriegsaussichten.
+
+»Ich wer' mich aach als Freiwilliger melde,« sagte der Sozi. »Ich wer'
+dene Franzosebrieder emal zeige, was Aldfrankforder Schmiss' sin!«
+
+»Du?!« meinte der Fritz verächtlich. »Du mit dei'm Allerweltsbauch? Du
+bräuchst ja en ganze Schitzegrawe for dich allaans!«
+
+»Euch liwerale Hungerleider freilich kann mer in der Westetasch
+mitnemme!« gab's ihm der Gustav zurück.
+
+»Geht des vielleicht uff mei' Schweinsfieß'?« schrie der Fritz erregt
+und hieb mit der Faust auf den Tisch. »Du roter Giftnickel! Jetz is
+Schluß mit dene Revoluzzer-Sprich, jetz --«
+
+»Awwer Ruhe, meune Herrn!« legte sich Schorsch wieder ins Mittel.
+»Iwwerlege mer uns liewer, wie mer dene Saurusse 's Fell verkloppe!« Und
+er begann seinen Kriegsplan zu entwickeln. Direkt auf Moskau müsse man
+losmarschieren. Gleichzeitig müsse ein Armeekorps von Petersburg aus,
+und ein anderes von der Krim den Russen in den Rücken fallen, und --
+
+»Umgehe?!« lachte der Fritz. »Da guckt mersch widder: immer hinne 'erum,
+so sin se, die schwarze Heimticker! Grad so mache se 's aach im
+Reichstag!«
+
+»#Was# mache mer? #Wie# mache mersch?« brüllte plötzlich der Schorsch.
+»Noch e Wort unn ich haag derr aans uff dein freisinnige Zelleriekopp!
+Ich gebb derr e rechtsliwerale Ohrfeig' uff die #rechte# Back', unn e
+linksliwerale uff die #linke# Back', daß de --«
+
+»Willstde gleich Fridde halte, schwarz' Karnickel,« mischte sich der
+Gustav ein. »Unn du liweraler Dickkopp zahlst en Schoppe Buße!«
+
+»Zahle? Ich? Dein vaterlandslose Bauch soll ich mäste?« schrie der Fritz
+und wurde ganz rot vor Wut. »Mensch, wann ich die Ortskrankenkass' net
+schone wollt', ich dhät --«
+
+»Awwer, meune Herrn, --«
+
+»Halt's Maul, Jesuit! Immer wolle se vermittele, die Schwarze, des is
+ihr Haaptgeschäft! Awwer mer kennt euch! Ich rat' dersch, Fritz, zieh
+dich hinner dei' Schweinsfieß zurick, odder --«
+
+»Was is "odder"?« Der Schorsch bebte am ganzen Leib. »Du liweraler
+Schleechtschwätzer! Du Bassermannsche Gestalt!«
+
+»Geschäftskatholik!!«
+
+Das war zu viel. Der Schorsch erhob den einen, erst halb abgenagten
+Schweinsfuß zum Wurf, -- und auf Fritzens neuem Kragen platzte das erste
+Schrapnell. Im selben Augenblick hatte der Sozi seinen Handkäs flach auf
+die Hand gelegt und schlug damit auf Gustavs Nase, auf der der Handkäs
+hängen blieb, so daß es aussah, als trüge die Nase einen
+Miniatur-Mühlstein.
+
+Aber auch der Gustav war nicht faul gewesen. »Da hastde mei'
+Friddensvermittelung!« brüllte er, und auf Schorschs Kopf hauchte ein
+Teller sein porzellanenes Dasein aus.
+
+Und nun spielte sich jene Szene ab, von der der Wirt zum »Kleinen
+Paradies« später behauptete: »Es hat die strategische Leitung gefehlt!«
+
+Die drei Freunde bildeten einen unentwirrbaren Knäuel, aus dem von Zeit
+zu Zeit Schreie sich loslösten, wie: »Spierst de's?« -- »Autsch, gemei'
+Vieh!«
+
+... Als der Gustav eine halbe Stunde später zu Hause anlangte, bekam
+seine Frau einen Heidenschreck. »Um Gottes wille, Gustav, -- wie guckst
+de aus!!«
+
+Aber der Gustav beruhigte sie mit einer heroischen Feldherrngeste, und
+schmerzlich lächelnd sprach er: »Fraa, es gebbt kaa Barteie mehr, --
+#mer hawwe uns versehnt!#« --
+
+
+
+
+Inhalt
+
+ Seite
+ Mister Galgenstrick 5
+ Der Sanitätsdackel 243
+ Die Versöhnung 273
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MISTER GALGENSTRICK***
+
+
+******* This file should be named 23243-8.txt or 23243-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit:
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
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