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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:54:19 -0700 |
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Hirzel in Leipzig 1920 + + + + +Die Firma Albert Bonnier in Stockholm besitzt das alleinige +Uebersetzungsrecht fuer folgende Sprachen: Daenisch-norwegisch, Englisch (fuer +England mit Kolonien und Amerika), Finnisch, Franzoesisch, Hollaendisch, +Japanisch, Italienisch, Schwedisch und Spanisch + + + + + + ZUR EINFUeHRUNG + + +Die folgenden Erinnerungen verdanken ihre Entstehung nicht einer Neigung +zum Schreiben, sondern vielfachen Bitten und Anregungen, die von aussen an +mich herantraten. + +Nicht ein Geschichtswerk wollte ich verfassen sondern die Eindruecke +wiedergeben, unter denen mein Leben sich vollzog, und die Richtlinien klar +legen, nach denen ich glaubte, denken und handeln zu muessen. Fern lag es +mir, eine Rechtfertigungs- oder Streitschrift zu verfassen, am fernsten +aber war mir der Gedanke an Selbstverherrlichung. Als Mensch habe ich +gedacht, gehandelt und geirrt. Massgebend in meinem Leben und Tun war fuer +mich nicht der Beifall der Welt sondern die eigene Ueberzeugung, die +Pflicht und das Gewissen. + +Inmitten der schwersten Zeit unseres Vaterlandes niedergeschrieben, +entstanden die folgenden Erinnerungsblaetter doch nicht unter dem bitteren +Drucke der Hoffnungslosigkeit. Mein Blick ist und bleibt unerschuetterlich +vorwaerts und aufwaerts gerichtet. + +Ich widme das Buch dankbar allen Denen, die mit mir im Feld und in der +Heimat fuer des Reiches Groesse und Dasein kaempften. + +Im September 1919. + + + + + + INHALTSVERZEICHNIS + + + + Zur Einfuehrung V + + Erster Teil. Aus Kriegs- und Friedensjahren bis 1914 3-67 + Meine Jugend 3-15 + Hindenburg-Beneckendorff 3-5. Eltern und frueheste Jugend + 6-8. Im Kadettenkorps 9-15. + Im Kampf um Preussens und Deutschlands Groesse 16-47 + Im 3. Garderegiment zu Fuss 16-17. 1866. Ins Feld 18. Bei + Soor 19. Koeniggraetz 20-25. Nach Koeniggraetz 26. In die + Heimat zurueck 26-27. In Hannover 28-29. 1870. Wieder ins + Feld 30. Bei St. Privat 31-35. Nach der Schlacht bei St. + Privat 36. In die Schlacht bei Sedan 37-38. Sedan 39. Vor + Paris 40-41. Kaiserproklamation 41-42. In Paris 42-44. Die + Kommune 45-46. Der zweite Einzug in Berlin 47. + Friedensarbeit 48-63 + Kriegsakademie 48. Generalstab 49-50. Bei Generalkommando + und Division 50-52. Kompagniechef 52-53. Im Grossen + Generalstab 53-56. Lehrer an der Kriegsakademie 57. Im + Kriegsministerium 58. Regimentskommandeur 58-59. Korpschef + 59-60. Divisionskommandeur 60. Kommandierender General + 61-62. Abschied 63. + Uebergang in den Ruhestand 64-67 + Deutsches Heer und Volk 64-66. Ausblick 66-67. + + Zweiter Teil. Kriegfuehrung im Osten 69-144 + Der Kampf um Ostpreussen 71-99 + Kriegsausbruch und Berufung 71-74 + Deutsche Politik und Dreibund 71-73. Mobilmachung 74. + Zur Front 75-79 + Armeefuehrer. General Ludendorff 75. Lage im Osten 76. + Verhaeltnis zu General Ludendorff 77-79. + Tannenberg 79-91 + Im Armee-Hauptquartier 79. Russische Absichten 80. + Entwickelung des Schlachtenplans 81. Gefahr von Seite + Rennenkampfs 82. Staerkeverhaeltnisse 83. Die Marienburg 84. + Tannenberg 85. Entwickelung der Schlacht 86-87. + Entscheidungskampf 88-89. Ergebnis 90-91. + Die Schlacht an den masurischen Seen 91-99 + Neue Aufgaben 91-93. Rennenkampf 93-94. Zum Angriff vor 95. + Verlauf der Schlacht 96-99. + Der Feldzug in Polen 100-116 + Abschied von der 8. Armee 100-104 + Zusammenwirken mit der oesterreichisch-ungarischen + Heeresleitung 100-102. Nach Schlesien 102-104. + Der Vormarsch 104-108 + Operative Lage 104-105. Polnische Zustaende 106. Kaempfe + bei Iwangorod und Warschau 106-107. Russische + Gegenoperation 108. + Der Rueckzug 109-112 + Neue Plaene 109. Weiterer Widerstand in Polen 110. Rueckzug + an die schlesische Grenze 111-112. Oberbefehlshaber im + Osten 112. + Unser Gegenangriff 112-116 + Wechselspiel der Operationen 112-115. Ende der Kaempfe in + Polen 116. + 1915 117-134 + Frage der Kriegsentscheidung 117-122 + Kaempfe und Operationen im Osten 122-130 + Ansichten der oesterreichisch-ungarischen Heeresleitung + 123. Winterschlacht in Masuren 124-125. Russische + Gegenangriffe 125. Unsere allgemeine Offensive im Osten. + Rolle des Oberkommandos Ost 126-127. Eigene Plaene. + Nowo Georgiewsk. Wilna 128-130. + Loetzen 130-133 + Kowno 133-134 + Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August 135-144 + Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront 135-140 + Der Winter 1915/16 135-136. Schlacht am Naroczsee 137-140. + Der Russenangriff gegen die oesterreichisch-ungarische + Ostfront 140-144 + Verdun und Italien 140-141. Wolhynien und Bukowina + 142-143. Erweiterung des Befehlsbereichs 143-144. + + Dritter Teil. Von der Uebertragung der Obersten Heeresleitung + bis zur Zertruemmerung Russlands 145-294 + Berufung zur Obersten Heeresleitung 147-167 + Chef des Generalstabes des Feldheeres 147-148 + Kriegslage Ende August 1916 148-150 + Politische Lage 150-154 + Die deutsche Oberste Kriegsleitung 154-161 + Die oesterreichisch-ungarische Wehrmacht 156-158. Das + bulgarische und tuerkische Heer 158-159. Unsere Leistungen + im Kriege 160-161. + Pless 161-167 + Koenig Ferdinand von Bulgarien 162. Kaiser Franz Joseph + 163. Generaloberst Conrad von Hoetzendorf 163-164. Enver + Pascha 164-165. General Jekoff 165. Talaat Pascha + 166-167. Radoslawow 167. + Leben im Grossen Hauptquartier 168-175 + Regelmaessiger Tagesverlauf 168-172. Besucher 173-175. + Kriegsereignisse bis Ende 1916 176-198 + Der rumaenische Feldzug 176-187 + Unsere politische und militaerische Lage zu Rumaenien + 176-177. Bulgarischer Angriff in Mazedonien 178. + Rumaenische Kriegserklaerung 179. Bisheriger Feldzugsplan + 179-181. Niederwerfung Rumaeniens 182-187. + Kaempfe an der mazedonischen Front 187-189 + Auf den asiatischen Kriegsschauplaetzen 189-192 + Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916 192-198 + Unterstuetzung Rumaeniens durch Russland 192-194. Fortdauer + der Kaempfe vor Verdun 194-195. Zum erstenmal an der + Westfront 196-198. + Meine Stellung zu politischen Fragen 199-218 + Aeussere Politik 199-210 + Politik und Kriegfuehrung 200-201. Polnische Frage + 201-203. Polnische Freiwilligentruppen 203-204. Irrige + Hoffnungen 204. Dobrudscha-Frage 205-206. Politische + Erregung in Bulgarien 206-207. Tuerkische Politik 207-210. + Die Friedensfrage 210-215 + Innere Politik 215-218 + "Hindenburg-Programm" 216. Vaterlaendischer Hilfsdienst + 216-218. + Vorbereitungen fuer das kommende Feldzugsjahr 219-237 + Unsere Aufgaben 219-227 + Allgemeine Lage Winter 1916-17. Aufgezwungene + Verteidigung 219-222. "Siegfriedstellung" 223. Ablehnung + von Angriffsplaenen in Italien und Mazedonien 224-227. + Aufgabe der Tuerkei fuer 1917 227. + Der Unterseebootkrieg 228-234 + Blockade und Menschlichkeit 228-229. Amerikanische + Munition 229. Hoffnungen verbunden mit dem + Unterseebootkrieg 230-232. Erwaegungen und Entscheidung + 232-233. Der hoechste Einsatz 234. + Kreuznach 235-237 + Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917 238-251 + Im Westen 238-244 + Vorbereitung fuer die Abwehrschlachten 238-240. + Fruehjahrsschlacht bei Arras 240-242. Doppelschlacht + Aisne-Champagne 242-244. + Im nahen und fernen Orient 244-246 + An der Ostfront 246-251 + Russische Revolution 246-247. Eigene Zurueckhaltung + 247-248. Weiterentwickelung des russischen Umsturzes + 248-249. Letzte russische Anstuerme 250-251. + Unser Gegenstoss im Osten 252-258 + Das Wagnis des Gegenstosses 252-254. Tarnopol 254-255. + Riga und Oesel 256-258. + Angriff auf Italien 259-263 + Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917 264-293 + Im Westen 264-268 + Ausgang der flandrischen Schlacht 264-265. Cambrai + 265-267. Erfahrungen 267-268. Angriffe der Franzosen 268. + Auf dem Balkan 268 + In Asien 269-276 + Englische Operationen in Asien 269-272. Plaene zur + Wiedereroberung Bagdads 272-273. Verhaeltnisse im + tuerkischen Heere 274. Unsere Unterstuetzungen 275-276. + Ein Blick auf die inneren Zustaende von Staaten und Voelkern + Ende 1917 277-293 + Der tuerkische Staat 277-279. Bulgarien 280-283. + Oesterreich-Ungarn 283-284. Die deutsche Heimat 284-288. + Frankreich 288-289. England 290. Italien 290-291. + Vereinigte Staaten von Nordamerika 291. + Kriegsverlaengerung 291-293. + + Vierter Teil. Entscheidungskampf im Westen 295-354 + Die Frage der Westoffensive 297-314 + Absichten und Aussichten fuer 1918 297-312 + Aussichten und Vertrauen 297-301. Angriffsabsichten 301. + Lage und Entschluss 301-303. Truppenschulung 304. + Vereinigung der Kraefte im Westen 305. Schwierigkeiten im + Osten 306-307. Finnische Expedition 308. + Oesterreichisch-ungarische Unterstuetzung 308-309. Truppen + aus Bulgarien und der Tuerkei 310. Defensive 1918? 311-312. + Spa und Avesnes 312-314 + Unsere drei Angriffsschlachten 315-338 + Die "Grosse Schlacht" in Frankreich 315-321 + Die Schlacht an der Lys 321-326 + Die Schlacht bei Soissons und Reims 327-333 + Die Schlacht 328-331. Die Menschlichkeit auf dem + Schlachtfelde 332-333. + Rueckblick und Ausblick Ende Juni 1918 333-338 + Im Angriff gescheitert 339-354 + Der Plan zur Schlacht bei Reims 339-343 + Die Schlacht bei Reims 343-354 + Unser Angriff 343-346. Ergebnis 347. Des Feindes + Gegenstoss 348-351. Entschluss zur Raeumung des Marnebogens + 351. Haltung unserer Truppen 352. Bedeutung des + Schlachtausgangs 353-354. + + Fuenfter Teil. Ueber unsere Kraft 355-402 + In die Verteidigung geworfen 357-366 + Der 8. August 357-361 + Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kaempfe + im Westen bis Ende September 362-366 + Der Kampf unserer Bundesgenossen 367-389 + Bulgariens Zusammenbruch 367-377 + Der Sturz der tuerkischen Macht in Asien 377-383 + Militaerisches und Politisches aus Oesterreich-Ungarn 383-389 + Unterstuetzung unserer Westfront 384. Kaempfe in Albanien + 385. Erstreben des Kriegsendes 386. Graf Czernin 386-388. + Graf Burian 388. Letzte oesterreichische Friedensversuche + 389. + Dem Ende entgegen 390-402 + Vom 29. September zum 26. Oktober 390-397 + Verhaeltnisse an der Kampffront 390-391. Unser schwerster + Entschluss 392-393. Unser Waffenstillstands- und + Friedensangebot 394-395. Fortschreitender Zerfall der + Heimat 396-397. + Vom 26. Oktober zum 9. November 397-402 + Das Ende des Widerstandes unserer Bundesgenossen 398-399. + Die hoechste Spannung und das Zerreissen 400-402. + Mein Abschied 403-406 + + Personenverzeichnis 407-409 + + + + + + + ERSTER TEIL + + + AUS KRIEGS- UND FRIEDENSJAHREN BIS 1914 + + + + + Meine Jugend + + +An einem Fruehlingsabend des Jahres 1859 sagte ich als 11jaehriger Knabe am +Gittertor des Kadettenhauses zu Wahlstatt in Schlesien meinem Vater +Lebewohl. Der Abschied galt nicht nur dem geliebten Vater sondern +gleichzeitig meinem ganzen bisherigen Leben. Aus diesem Gefuehl heraus +stahlen sich Traenen aus meinen Augen. Ich sah sie auf meinen "Waffenrock" +fallen. "In diesem Kleid darf man nicht schwach sein und weinen" fuhr es +mir durch den Kopf; ich riss mich empor aus meinem kindlichen Schmerz und +mischte mich nicht ohne Bangen unter meine nunmehrigen Kameraden. + +Soldat zu werden war fuer mich kein Entschluss, es war eine +Selbstverstaendlichkeit. Solange ich mir im jugendlichen Spiel oder Denken +einen Beruf waehlte, war es stets der militaerische gewesen. Der +Waffendienst fuer Koenig und Vaterland war in unserer Familie eine alte +Ueberlieferung. + +Unser Geschlecht, die "Beneckendorffs", entstammt der Altmark, wo es +urkundlich im Jahre 1280 zum erstenmal auftritt. Von hier fand es, dem +Zuge der Zeit folgend, ueber die Neumark seinen Weg nach Preussen herauf. +Dort waren schon manche Traeger meines Namens in den Reihen der +Deutschritter als Ordensbrueder oder "Kriegsgaeste" gegen die Heiden und +Polen zu Felde gezogen. Spaeter gestalteten sich unsere Beziehungen mit dem +Osten durch Gewinn von Grundbesitz noch inniger, waehrend diejenigen mit +der Mark immer lockerer wurden und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts +ganz aufhoerten. + +Der Name "Hindenburg" trat erst 1789 zu dem unsrigen. Wir waren mit diesem +Geschlecht in der neumaerkischen Zeit durch Heiraten in Verbindung +getreten. Auch die Grossmutter meines im Regiment "von Tettenborn" +dienenden und in Ostpreussen bei Heiligenbeil ansaessigen Urgrossvaters war +eine Hindenburg. Deren unverheirateter Bruder, welcher zuletzt als Oberst +unter Friedrich dem Grossen gekaempft hatte, vermachte seine beiden, in dem +schon mit der ostpreussischen Erbschaft zu Brandenburg gekommenen, spaeter +aber Westpreussen zugeteilten Kreise Rosenberg gelegenen Gueter Neudeck und +Limbsee seinem Grossneffen unter der Bedingung der Vereinigung beider +Namen. Diese wurde von Koenig Friedrich Wilhelm II. genehmigt, und seitdem +wird bei Abkuerzung des Doppelnamens die Benennung "Hindenburg" angewendet. + +Die Gueter bei Heiligenbeil wurden infolge dieser Erbschaft verkauft. Auch +Limbsee musste, der Not gehorchend, nach den Befreiungskriegen veraeussert +werden. Aber Neudeck ist heute noch im Besitz unserer Familie; es gehoert +der Witwe meines naechstaeltesten Bruders, der nicht ganz zwei Jahr juenger +als ich war, so dass unsere Lebenswege in treuer Liebe nahe nebeneinander +herliefen. Auch er wurde Kadett und durfte seinem Koenige lange Jahre als +Offizier in Krieg und Frieden dienen. + +In Neudeck lebten zu meiner Kinderzeit meine Grosseltern. Jetzt ruhen sie, +wie auch meine Eltern und viele Andere meines Namens, auf dem dortigen +Friedhof. Fast alljaehrlich kehrten wir bei den Grosseltern, anfaenglich noch +unter beschwerlichen Postreisen, als Sommerbesuch ein. Tiefen Eindruck +machte es mir dann, wenn mein Grossvater, der bis 1801 im Regiment "von +Langenn" gedient hatte, davon erzaehlte, wie er im Winter 1806/7 bei +Napoleon I. im nahen Schloss Finckenstein als Landschaftsrat um Erlass von +Kontributionen bitten musste, dabei aber kalt abgewiesen wurde. Auch von +Durchmaerschen und Einquartierung der Franzosen in Neudeck hoerte ich. Und +mein Onkel von der Groeben, der an der Passarge ansaessig war, wusste von +den Kaempfen an diesem Abschnitt im Jahre 1807 zu berichten. Die Russen +drangen damals ueber die Bruecke, wurden aber wieder zurueckgeworfen. Ein +franzoesischer Offizier, der mit seinen Mannschaften das Gutshaus +verteidigte, wurde in einem Giebelzimmer durch das Fenster erschossen. Es +fehlte nicht viel, dann haetten die Russen 1914 wieder diese Bruecke +betreten. + +Nach dem Tode meiner Grosseltern zogen meine Eltern 1863 nach Neudeck. Wir +fanden also von da ab dort, in den uns so vertrauten Raeumen, das +Elternhaus. Wo ich einst in jungen Jahren so gern geweilt hatte, da habe +ich mich spaeter oft mit Frau und Kindern von des Lebens Arbeit ausgeruht. + +So ist denn Neudeck fuer mich die Heimat, der feste Mittelpunkt auch meiner +engeren Familie geworden, dem unser ganzes Herz gehoert. Wohin mich auch +innerhalb des deutschen Vaterlandes mein Beruf fuehrte, ich fuehlte mich +stets als Altpreusse. + +Als Soldatenkind wurde ich 1847 in Posen geboren. Mein Vater war zu der +Zeit Leutnant im 18. Infanterie-Regiment. Meine Mutter war die Tochter des +damals auch in Posen lebenden Generalarztes Schwickart. + +Das einfache, um nicht zu sagen harte Leben eines preussischen +Landedelmannes oder Offiziers in bescheidenen Verhaeltnissen, das in der +Arbeit und Pflichterfuellung seinen wesentlichsten Inhalt fand, gab +naturgemaess unserm ganzen Geschlecht sein Gepraege. Auch mein Vater ging +daher voellig in seinem Berufe auf. Aber er fand hierbei immer noch Zeit, +sich Hand in Hand mit meiner Mutter der Erziehung seiner Kinder - ich +hatte noch zwei juengere Brueder und eine Schwester - zu widmen. Das +sittlich tief angelegte, aber auch auf das praktische Leben gerichtete +Wesen meiner teuren Eltern zeigte auch nach aussen hin eine vollendete +Harmonie. In gegenseitiger Ergaenzung der Charaktere stand neben der +ernsten, vielfach zu Sorgen geneigten Lebensauffassung meiner Mutter die +ruhigere Anschauungsart meines Vaters. Beide vereinten sich in warmer +Liebe zu uns, und so wirkten sie denn auf diese Weise in voller +Uebereinstimmung auf die geistige und sittliche Heranbildung ihrer Kinder +ein. Es ist daher schwer zu sagen, wem ich dabei mehr zu danken habe, +welche Richtung mehr vom Vater und welche mehr von der Mutter gefoerdert +wurde. Beide Eltern bestrebten sich, uns einen gesunden Koerper und einen +kraeftigen Willen zur Tat fuer die Erfuellung der Pflichten auf den Lebensweg +mitzugeben. Sie bemuehten sich aber auch, uns durch Anregung und +Entwickelung der zarteren Seiten des menschlichen Empfindens das Beste zu +bieten, was Eltern geben koennen: den vertrauensvollen Glauben an Gott den +Herrn und eine grenzenlose Liebe zum Vaterlande und zu dem, was sie als +die staerkste Stuetze dieses Vaterlandes anerkannten, naemlich zu unserm +preussischen Koenigstum. Der Vater fuehrte uns zugleich von frueher Jugend an +in die Wirklichkeit des Lebens hinaus. Er weckte in uns im Garten und auf +Spaziergaengen die Liebe zur Natur, zeigte uns das Land und lehrte uns die +Menschen in ihrem Dasein und in ihrer Arbeit erkennen und schaetzen. Unter +"uns" verstehe ich hierbei ausser mir meinen naechstaeltesten Bruder. Die +Erziehung meiner nach diesem folgenden Schwester lag selbstredend mehr in +Haenden der Mutter, und mein juengster Bruder trat erst ins Leben, kurz +bevor ich Kadett wurde. + +Das Los des Soldaten, zu wandern, fuehrte meine Eltern von Posen nach Koeln, +Graudenz, Pinne in der Provinz Posen, Glogau und Kottbus. Dann nahm mein +Vater den Abschied und zog nach Neudeck. + +Von Posen habe ich aus damaliger Zeit nur wenig Erinnerung. Mein Grossvater +muetterlicherseits starb bald nach meiner Geburt. Er hatte sich 1813 in der +Schlacht bei Kulm als Militaerarzt das Eiserne Kreuz am Kombattantenbande +erworben, weil er ein fuehrerlos und wankend gewordenes Landwehrbataillon +wieder geordnet und vorgefuehrt hatte. Meine Grossmutter musste uns in +spaeteren Jahren noch viel von der "Franzosenzeit", die sie in Posen als +junges Maedchen durchlebt hatte, erzaehlen. Genau entsinne ich mich eines +hochbetagten Gaertners meiner Grosseltern, der noch 14 Tage unter Friedrich +dem Grossen gedient hatte. So fiel gewissermassen auf mich als Kind noch ein +letzter Sonnenstrahl ruhmvoller friderizianischer Vergangenheit. + +Im Jahre 1848 hatte der polnische Aufstand auch auf die Provinz Posen +uebergegriffen. Mein Vater war mit seinem Regiment zur Bekaempfung dieser +Bewegung ausgerueckt. Die Polen bemaechtigten sich nun voruebergehend der +Herrschaft in der Stadt. Zur Feier des Einzugs ihres Fuehrers Miroslawski +sollten alle Haeuser illuminiert werden. Meine Mutter war ausserstande, sich +diesem Zwange zu entziehen. Sie zog sich in ein Hinterzimmer zurueck und +troestete sich, an meiner Wiege sitzend, mit dem Gedanken, dass gerade auf +diesen Tag, den 22. Maerz, der Geburtstag des "Prinzen von Preussen" fiel, +so dass die Lichter an den Fenstern der Vorderzimmer in ihrem Herzen diesem +galten. 23 Jahre spaeter war das damalige Wiegenkind im Spiegelsaale zu +Versailles Zeuge der Kaisererklaerung Wilhelms I., des einstigen Prinzen +von Preussen. + +Unser Aufenthalt in Koeln und Graudenz war nur von kurzer Dauer. Aus der +Koelner Zeit schwebt mir das Bild des maechtigen, jedoch noch unvollendeten +Domes vor. + +In Pinne fuehrte mein Vater nach damaligem Brauch vier Jahre hindurch als +ueberzaehliger Hauptmann eine Landwehrkompagnie. Er war dienstlich nicht +sehr beansprucht, so dass er sich gerade in der Zeit, in welcher sich mein +jugendlicher Geist zu regen begann, uns Kindern besonders widmen konnte. +Er unterrichtete mich bald in Geographie und Franzoesisch, waehrend mir der +Schullehrer Kobelt, dem ich noch heute eine dankbare Erinnerung bewahre, +Lesen, Schreiben und Rechnen beibrachte. Aus dieser Zeit stammt meine +Vorliebe fuer Geographie, welche mein Vater durch sehr anschauliche und +anregende Lehrart zu wecken verstand. Den ersten Religionsunterricht +erteilte mir in zum Herzen redender Weise meine Mutter. + +Immer mehr entwickelte sich in diesen Jahren und aus dieser Art der +Erziehung ein Verhaeltnis zu meinen Eltern, das zwar ganz auf den Boden +unbedingter Autoritaet gestellt war, das aber zugleich auch bei uns Kindern +weit mehr das Gefuehl grenzenlosen Vertrauens als blinder Unterwerfung +unter eine zu strenge Herrschaft wachrief. + +Pinne ist ein kleines Staedtchen mit angrenzendem Rittergut. Letzteres +gehoerte einer Frau von Rappard, in deren Hause wir viel verkehrten. Sie +war kinderlos aber sehr kinderlieb. In der Naehe sass ihr Bruder, Herr von +Massenbach, auf dem Rittergut Bialokosz. In dessen grosser Kinderschar fand +ich mehrere liebe Spielgefaehrten. Die Erinnerung an Pinne hat sich bei mir +stets sehr rege erhalten. Ich besuchte im Spaetherbst 1914 den Ort von +Posen aus und betrat mit Ruehrung das kleine bescheidene Haeuschen im +Dorfteile, in welchem wir einst ein so glueckliches Familienleben gefuehrt +hatten. Der jetzige Besitzer des Gutes ist der Sohn eines meiner einstigen +Spielgefaehrten. Der Vater ist schon zur ewigen Ruhe gegangen. + +In die Glogauer Zeit faellt mein Eintritt in das Kadettenkorps. Ich hatte +dort vorher je zwei Jahre die Buergerschule und das evangelische Gymnasium +besucht. Wie ich hoere, hat man mir in Glogau dadurch ein freundliches +Andenken bewahrt, dass eine an unserm damaligen Wohnhaus angebrachte Tafel +an meinen dortigen Aufenthalt erinnert. Ich habe die Stadt zu meiner +Freude wiedergesehen, als ich Kompagniechef im benachbarten Fraustadt war. + +Rueckblickend auf die bisher geschilderte Zeit darf ich wohl sagen, dass +meine erste Erziehung auf die gesuendeste Grundlage gestellt war. Ich +fuehlte daher beim Abschied aus dem Elternhause, dass ich unendlich viel +zurueckliess, aber ich empfand doch auch, dass mir unendlich viel auf den +weiteren Lebensweg mitgegeben war. Und so ist es mein ganzes Leben +hindurch geblieben. Lange durfte ich mich der sorglichen, nimmermueden +Elternliebe, die sich spaeter auch auf meine Familie ausdehnte, erfreuen. +Meine Mutter verlor ich, als ich schon Regimentskommandeur war; mein Vater +ging von uns, kurz bevor ich an die Spitze des IV. Armeekorps berufen +wurde. + +Das Leben in dem preussischen Kadettenkorps war damals, man kann wohl +sagen, bewusst und gewollt rauh. Die Erziehung war neben der Schulbildung +auf eine gesunde Entwicklung des Koerpers und des Willens gestellt. +Tatkraft und Verantwortungsfreudigkeit wurden ebenso hoch bewertet als +Wissen. In dieser Art der Erziehung lag keine Einseitigkeit sondern eine +gewisse Staerke. Die einzelne Persoenlichkeit sollte und konnte sich auch in +ihren gesunden Besonderheiten frei entwickeln. Es war etwas von dem +Yorkschen Geiste in jener Erziehung, ein Geist, der so oft von +oberflaechlichen Beurteilern falsch aufgefasst worden ist. Gewiss war York +gegen sich wie gegen andere ein harter Soldat und Erzieher, aber er war es +auch, der fuer jeden seiner Untergebenen das Recht und die Pflicht des +freien selbstaendigen Handelns forderte, wie er selbst diese +Selbstaendigkeit gegen jedermann zum Ausdruck brachte. Der Yorksche Geist +ist daher nicht nur in seiner militaerischen Straffheit sondern auch in +seiner Freiheit einer der kostbarsten Zuege unseres Heeres gewesen. + +Fuer die humanistische Bildung anderer Schulen, soweit sie sich +vorherrschend mit den alten Sprachen beschaeftigt, habe ich nur wenig +Verstaendnis. Der praktische Nutzen fuer das Leben bleibt mir unklar. Als +Mittel zum Zweck betrachtet, nehmen meiner Meinung nach die toten Sprachen +im Lehrplan viel zu viel Zeit und Kraft in Anspruch, und als Sonderstudium +gehoeren sie in spaetere Lebensjahre. Ich wuenschte, auf die Gefahr hin, fuer +einen Boeotier gehalten zu werden, dass in solchen Schulen auf Kosten von +Latein und Griechisch die lebenden Sprachen, neuere Geschichte, Deutsch, +Geographie und Turnen mehr in den Vordergrund gestellt wuerden. Muss denn +das, was im dunklen Mittelalter das einzige war, an welches sich die +Bildung anklammern konnte, wirklich auch noch in heutigen Tagen in erster +Linie stehen? Haben wir uns nicht seitdem in harten Kaempfen und schwerer +Arbeit eine eigene Geschichte, eine eigene Literatur und Kunst geschaffen? +Beduerfen wir nicht, um im Weltverkehr unsere Stellung richtig einnehmen zu +koennen, weit mehr der lebenden als der toten Sprachen? + +Aus dem eben Gesagten soll keine Missachtung des Altertums an sich +herausklingen. Dessen Geschichte hat im Gegenteil von frueher Jugend an auf +mich eine grosse Anziehungskraft ausgeuebt. Vornehmlich war es die der +Roemer, welche mich fesselte. Sie hatte fuer mich etwas Gewaltiges, fast +Daemonisches, ein Eindruck, der mir in spaetern Lebensjahren bei dem Besuche +Roms besonders lebhaft vor Augen trat und sich unter anderm darin aeusserte, +dass mich dort die Denkmaeler der alten ewigen Stadt mehr anzogen als die +Schoepfungen italienischer Renaissance. + +Roms kluges Erkennen der Vorzuege und Maengel voelkischer Eigentuemlichkeiten, +seine ruecksichtslose Selbstsucht, die im eigenen Interesse kein Mittel +Freund und Feind gegenueber verschmaehte, seine geschickt aufgemachte +tugendhafte Entruestung, wenn die Feinde einmal mit gleichem vergalten, +sein Ausspielen aller Leidenschaften und Schwaechen innerhalb der +feindlichen Voelker, wie es in so kluger Weise ganz besonders den +germanischen Staemmen gegenueber angewendet wurde und hier mehr nutzte als +Waffengebrauch, fand nach meinen spaeteren Erfahrungen sein Spiegelbild und +seine Vervollkommnung in der britischen Staatsweisheit, der es gelang, all +diese Seiten diplomatischer Kunst bis zur hoechsten Verfeinerung und +Welttaeuschung auszubauen. + +Meine Jugendhelden suchte ich bei aller Verehrung des Altertums nur unter +meinen eigenen Volksgenossen. Offen und ehrlich spreche ich meine +Auffassung dahin aus, dass wir nicht so einseitig und undankbar sein +duerfen, ueber der Bewunderung fuer einen Alcibiades oder Themistokles, fuer +die verschiedenen Katos oder Fabier so manche derjenigen Maenner ganz zu +uebersehen, die in der Geschichte unseres eigenen Vaterlandes eine +mindestens ebenso wichtige Rolle gespielt haben wie jene einst fuer +Griechenland und Rom. Ich habe traurige Wahrnehmungen in dieser Beziehung +leider wiederholt im Gespraech mit deutscher Jugend gemacht, die mir dann +bei aller Gelehrsamkeit doch etwas weltfremd vorkam. + +Vor solcher Weltfremdheit bewahrten uns im Kadettenkorps unsere Lehrer und +Erzieher, und ich danke ihnen das noch heute. Dieser Dank gebuehrt +vornehmlich einem damaligen Leutnant von Wittich. Ich war ihm, als ich +nach Wahlstatt kam, durch einen Verwandten empfohlen worden, und er nahm +sich meiner stets besonders freundlich an. Selbst erst vor wenigen Jahren +dem Kadettenkorps entwachsen, fuehlte er ganz mit uns, beteiligte sich gern +an unseren Spielen, besonders den Schneeballgefechten im Winter, wirkte +ueberall erfrischend und anregend und besass obenein ein hervorragendes +Lehrtalent. Er hat mich 1859 in Sexta in Geographie und sechs Jahre spaeter +in Berlin in Selekta im Gelaendeaufnehmen unterrichtet, und als ich nach +weitern Jahren die Kriegsakademie besuchte, fand ich auch dort wieder den +Generalstabsmajor von Wittich als Lehrer vor. Dieser beschaeftigte sich +schon als Leutnant mit Kriegsgeschichte und gab uns manchmal waehrend der +sonntaeglichen Spaziergaenge durch Anlage kleiner Uebungen in geeignetem +Gelaende anschauliche Bilder ueber den Gang der Schlachten, welche damals, +1859, in Oberitalien geschlagen wurden, wie z. B. Magenta und Solferino. +Spaeter, in Berlin, regte er mich, den Kadetten, auch bereits zum Studium +der Kriegsgeschichte an und lenkte dadurch mein jugendliches Interesse in +Bahnen, die fuer meinen weiteren Werdegang von Bedeutung waren. Ist doch +die Kriegsgeschichte der beste Lehrmeister fuer die hoehere Truppenfuehrung. +Als ich spaeter in den Generalstab versetzt wurde, gehoerte ihm +Oberstleutnant von Wittich auch noch an bedeutsamer Stelle an, und +schliesslich sind wir beide sogar noch gleichzeitig Kommandierende +Generale, also Befehlshaber ueber Armeekorps, gewesen. Das hatte der kleine +Sextaner in Wahlstatt nicht geahnt, als ihm der Leutnant von Wittich in +der Geographiestunde einen freundschaftlichen Jagdhieb mit dem Lineal +versetzte, weil er Montblanc und Monte Rosa verwechselt hatte. + +Unter der harten Schulung des Kadettenlebens hat unser Frohsinn nicht +gelitten. Ich wage es zu bezweifeln, dass sich das frische jugendliche +Toben, dem natuerlicherweise die gelegentliche Steigerung bis zum tollen +Uebermut nicht fehlte, in irgend welchen anderen Bildungsanstalten mehr +geltend machte, als bei uns Kadetten. Wir fanden in unseren Erziehern +meist verstaendnisvolle, milde Richter. + +Ich selbst war zunaechst keineswegs das, was man im gewoehnlichen Leben +einen Musterschueler nennt. Anfangs hatte ich eine aus frueheren Krankheiten +zurueckgebliebene koerperliche Schwaechlichkeit zu ueberwinden. Als ich dann +dank der gesunden Erziehungsart allmaehlich erstarkte, hatte ich anfaenglich +wenig Neigung dazu, mich den Wissenschaften besonders zu widmen. Erst +langsam erwachte in dieser Beziehung mein Ehrgeiz, der sich mit den Jahren +bei gutem Erfolge immer mehr steigerte und mir schliesslich +unverdientermassen den Ruf eines besonders begabten Schuelers einbrachte. + +Bei allem Stolz, mit welchem ich mich "Koeniglicher Kadett" nannte, +begruesste ich doch die Tage der Einkehr in das Elternhaus stets mit +unendlichem Jubel. Die Reisen waren in der damaligen Zeit, besonders +waehrend des Winters, freilich nicht einfach. Je nach dem Reiseziel +wechselten langsame Bahnfahrten in ungeheizten Wagen mit noch langsamern +Postfahrten ab. Aber alle diese Schwierigkeiten traten in den Hintergrund +bei der Aussicht, die Heimat, Eltern und Geschwister wiederzusehen. Der +Sehnsucht des Sohnes schlug das Herz der Mutter am waermsten entgegen. So +entsinne ich mich noch meiner ersten Weihnachtsheimkehr nach Glogau. Ich +war mit anderen Kameraden die ganze Nacht hindurch von Liegnitz in der +Post gefahren. Noch im Dunkeln trafen wir, durch Schneefall verspaetet, in +Glogau ein. Da sass die liebe Mutter in der schwach erleuchteten, kaum +erwaermten sogenannten Passagierstube an wollenen Struempfen strickend, als +wolle sie durch das Nachgeben gegenueber der Sehnsucht zu einem ihrer +Kinder die Vorsorge fuer das Wohl der anderen nicht versaeumen. + +In mein erstes Kadettenjahr fiel im Sommer 1859 ein Besuch des damaligen +Prinzen Friedrich Wilhelm, des spaeteren Kaisers Friedrich, und seiner +Gemahlin in Wahlstatt. Wir sahen fast alle bei dieser Gelegenheit zum +ersten Male Mitglieder unseres Koenigshauses. Noch nie hatten wir beim +Parademarsch unsere Beine so hoch geworfen, noch nie bei dem sich hieran +anschliessenden Vorturnen so halsbrecherische Uebungen gemacht als an diesem +Tage. Und von der Guete und Leutseligkeit des Prinzenpaares sprachen wir +noch lange Zeit. + +Im Oktober des gleichen Jahres wurde zum letzten Male der Geburtstag Koenig +Friedrich Wilhelms IV. gefeiert. Unter diesem schwergeprueften Herrscher +habe ich also die preussische Uniform angelegt, die bis an mein Lebensende +mein Ehrenkleid bleiben soll. Ich hatte die Ehre, der verwitweten Gemahlin +des Koenigs, der Koenigin Elisabeth, im Jahre 1865 als Leibpage zugeteilt zu +werden. Die Taschenuhr, die Ihre Majestaet mir damals schenkte, hat mich in +drei Kriegen treulich begleitet. + +Ostern 1863 wurde ich nach Sekunda und hierdurch nach Berlin versetzt. Das +dortige Kadettenhaus lag in der neuen Friedrichstrasse unweit des +Alexanderplatzes. Ich lernte nun zum ersten Male Preussens Hauptstadt +kennen und durfte jetzt endlich bei den Fruehjahrsparaden mit Aufstellung +Unter den Linden und Vorbeimarsch auf dem Opernplatz sowie bei den +Herbstparaden auf dem Tempelhofer Felde meinen Allergnaedigsten Herrn, +Koenig Wilhelm I., sehen. + +Einen ebenso erhebenden als ernsten Ton brachte in unser Kadettenleben der +Beginn des Jahres 1864. Der Krieg gegen Daenemark brach aus, und ein Teil +unserer Kameraden schied im Fruehjahr von uns, um in die Reihen der +kaempfenden Truppen zu treten. Mich selbst verhinderte leider noch das +jugendliche Alter daran, zu der Zahl dieser Vielbeneideten zu gehoeren. Mit +welch heissen Wuenschen die ausziehenden Kameraden von uns begleitet wurden, +bedarf keiner Schilderung. + +Ueber die politischen Gruende, die zu dem Kriege fuehrten, zerbrachen wir uns +den Kopf noch nicht. Aber wir hatten doch schon das stolze Empfinden, dass +in das matte und haltlose Wesen des Deutschen Bundes endlich einmal ein +erfrischender Wind gefahren war, und dass die Tat wieder mehr gelten sollte +als das Wort und die Aktenbuendel. Im uebrigen verfolgten wir mit gluehendem +Interesse die kriegerischen Ereignisse, wohnten freudig klopfenden Herzens +der Einbringung der eroberten Geschuetze und dem Siegeseinzug der Truppen +als Zuschauer bei und glaubten zu dem Gefuehl berechtigt zu sein, einen +Teil jenes Geistes in uns zu haben, der auf den daenischen Kampffeldern +unsere Truppen zum Erfolge fuehrte. War es zu verwundern, wenn wir seitdem +kaum den Tag erwarten konnten, der uns selbst in die Reihen unserer Armee +fuehren sollte? + +Bevor dies geschah, wurde uns noch die Ehre und das Glueck zuteil, unserm +Koenig persoenlich vorgestellt zu werden. Wir wurden zu dem Zweck in das +Schloss gefuehrt und hatten dort Seiner Majestaet Namen und Stand des Vaters +zu nennen. Kein Wunder, dass da mancher in der Aufregung erst kein Wort +hervorbrachte und dann die Worte durcheinander warf. Hatten wir doch noch +nie unserm greisen Herrscher so nahe gegenueber gestanden, ihm noch nie so +scharf in das guetige Auge geblickt und seine Stimme gehoert. Ernste Worte +sprach der Koenig zu uns. Er ermahnte uns, auch in schweren Stunden unsere +Schuldigkeit zu tun. Bald sollten wir Gelegenheit haben, dies in die Tat +umzusetzen. Manche von uns haben ihre Treue mit dem Tode besiegelt. + +Im Fruehjahr 1866 verliess ich das Kadettenkorps. Allezeit bin ich seitdem +dieser militaerischen Erziehungsanstalt auf Grund meiner persoenlichen +Erfahrungen und Neigungen dankbar und treu ergeben geblieben. Ich freute +mich immer der hoffnungsvollen jungen Kameraden in des Koenigs Rock. Auch +waehrend des Weltkrieges nahm ich gern Gelegenheit, Soehne meiner +Mitarbeiter, meiner Bekannten oder gefallener Kameraden bei mir als Gaeste +zu sehen. Ein guenstiger Umstand gab mir sogar Veranlassung, die Feier +meines in den Krieg fallenden 70jaehrigen Geburtstages damit zu beginnen, +dass ich drei kleine Kadetten in Kreuznach von der Strasse weg an meinen mit +essbaren Geschenken reich besetzten Fruehstueckstisch rufen lassen konnte. +Sie traten vor mich hin, so wie ich die Jugend liebe, frisch und +unbefangen, leibhaftige Bilder laengst vergangener Zeiten, Erinnerungen an +selbsterlebte Tage. + + + + + Im Kampf um Preussens und Deutschlands Groesse + + +Am 7. April 1866 trat ich als "Sekondlieutenant" in das 3. Garderegiment +zu Fuss ein. Das Regiment gehoerte zu denjenigen Truppenteilen, die +gelegentlich der grossen Vermehrung aktiver Verbaende 1859/60 neu errichtet +worden waren. Das junge Regiment hatte sich, als ich in dasselbe eintrat, +bereits im Feldzug 1864 Lorbeeren erworben. Die Ruhmesgeschichte eines +Truppenteiles schlingt ein einigendes Band um alle seine Angehoerigen und +liefert einen Kitt, der sich auch in den schwersten Kriegslagen bewaehrt. +Hierin liegt ein unzerstoerbares Etwas, das auch dann weiterwirkt, wenn, +wie im letzten grossen Kriege, Regimenter wiederholt einen foermlichen +Neuaufbau durchmachen mussten. Uebriggebliebene Reste des alten Geistes +durchstroemten die neuen Teile in kurzer Zeit. + +Ich fand in meinem Regiment, das aus dem 1. Garde-Regiment zu Fuss +hervorgegangen war, die gute, alte Potsdamer Schule, den Geist, der den +besten Ueberlieferungen des damaligen preussischen Heeres entsprach. Das +preussische Offizierkorps dieser Zeit war nicht mit Gluecksguetern gesegnet, +und das war gut. Sein Reichtum bestand in seiner Beduerfnislosigkeit. Das +Bewusstsein eines besonderen persoenlichen Verhaeltnisses zu seinem Koenig - +der Vasallentreue, wie ein deutscher Historiker sich ausdrueckt - +durchdrang das Leben der Offiziere und entschaedigte sie fuer manche +materielle Entbehrung. Diese ideale Auffassung war fuer die Armee von +unschaetzbarem Vorteil. Das Wort "ich dien'" hatte dadurch einen ganz +besonderen Klang. + +Vielfach wurde behauptet, dass eine solche Auffassung eine Absonderung der +Offiziere den anderen Berufsklassen gegenueber veranlasst haette. Ich habe +diese Einseitigkeit im Offizierstande niemals in hoeherem Masse gefunden wie +in jedem anderen Beruf, der auf sich haelt und sich daher unter +Seinesgleichen am wohlsten fuehlt. Ein in den Grundzuegen wohl zutreffendes +Bild des damaligen Geistes innerhalb des preussischen Offizierskorps findet +sich in einer Abhandlung ueber den Kriegsminister von Roon. Dort wird das +Offizierskorps dieser Zeit ein aristokratischer Berufsstand genannt, fest +und kraeftig in sich geschlossen, aber durchaus nicht verknoechert oder dem +allgemeinen Leben abgekehrt, auch keineswegs ohne eine Beimischung +liberaler Elemente, fachmaennisch nuechtern aber auch fachmaennisch reich. +Gegen das alte Ideal der weiten Menschlichkeit habe sich in ihm das neue +der strammen Berufsbildung erhoben. Seine eifrigsten Vertreter habe es in +den Soehnen der alten monarchisch-konservativen Schichten Preussens +gefunden. Es sei getragen gewesen von einem starken Gefuehl der staatlichen +Macht, von einem friderizianischen Zuge, der Preussen in seinem Heere neue +Betaetigung in der Welt ersehnte. + +Als ich beim Regiment in seinem damaligen Standort Danzig eintraf, warfen +die politischen Ereignisse der folgenden Monate schon ihre Schatten +voraus. Zwar war die Mobilmachung gegen Oesterreich noch nicht +ausgesprochen, aber der Befehl zur Erhoehung des Mannschaftsstandes war +ergangen und in voller Ausfuehrung begriffen. + +Angesichts des bevorstehenden Entscheidungskampfes zwischen Preussen und +Oesterreich bewegten sich unsere politischen und militaerischen +Gedankengaenge voellig in den Bahnen Friedrichs des Grossen. Dementsprechend +fuehrten wir auch in Potsdam, wohin das Regiment nach seiner vollendeten +Mobilmachung verlegt worden war, unsere Grenadiere an den Sarg dieses +unvergesslichen Herrschers. Auch der Tagesbefehl unserer Armee vor dem +Einmarsch in Boehmen trug diesen Gedanken in seinem Schlusssatz mit den +Worten Rechnung: "Soldaten, vertraut auf eure Kraft und denkt, dass es +gilt, denselben Feind zu besiegen, den einst unser groesster Koenig mit einem +kleinen Heere schlug." + +Politisch empfanden wir die Notwendigkeit einer Machtentscheidung zwischen +Oesterreich und uns, weil fuer beide Grossmaechte nebeneinander in dem +damaligen Bundesverhaeltnis keine freie Betaetigungsmoeglichkeit vorhanden +war. Einer von beiden musste weichen, und da solches durch staatliche +Vertraege nicht zu erreichen war, hatten die Waffen zu sprechen. Ueber diese +Auffassung hinaus war von einer nationalen Feindschaft gegen Oesterreich +bei uns keine Rede. Das Gefuehl der Stammesgemeinschaft mit den damals noch +ausschlaggebenden deutschen Elementen der Donaumonarchie war zu stark +entwickelt, als dass sich feindliche Empfindungen haetten durchsetzen +koennen. Der Verlauf des Feldzuges bewies dies auch mehrfach. Gefangene +wurden von unserer Seite meist wie Landsleute behandelt, mit denen man +sich nach durchgefochtenem Streite gern wieder vertraegt. Die +Landeseinwohner auf feindlichem Gebiete, sogar der groesste Teil der +tschechischen Bevoelkerung, zeigten uns meist ein derartiges +Entgegenkommen, dass sich in den Unterkunftsorten das Leben und Treiben wie +in deutschen Manoeverquartieren abspielte. + +Nicht nur in Gedanken sondern auch in der Wirklichkeit schritten wir in +diesem Kriege auf friderizianischen Bahnen. So brach das Gardekorps auf +viel betretenen Kriegspfaden von Schlesien her bei Braunau in Boehmen ein. +Und der Verlauf unseres ersten Gefechtes, desjenigen bei Soor, fuehrte uns +am 28. Juni in dem gleichen Gelaende und in der naemlichen Richtung von +Eipel auf Burkersdorf gegen den Feind, in der sich einst am 30. September +1747 waehrend der damaligen Schlacht bei Soor Preussens Garde inmitten der +in den starren Formen der Lineartaktik anrueckenden Armee des grossen Koenigs +vorbewegt hatte. + +Unser 2. Bataillon, bei dessen 5. Kompagnie ich den nach dem damaligen +Reglement aus dem dritten Gliede gebildeten 1. Schuetzenzug fuehrte, hatte +an diesem Tage kaum Gelegenheit, in vorderster Linie einzugreifen, weil +wir den taktischen Anschauungen dieser Zeit entsprechend zu der schon vor +dem Gefecht ausgesonderten Reserve gehoerten. Immerhin hatten wir aber doch +wenigstens Gelegenheit, uns in einem Gehoelz nordwestlich Burkersdorf mit +oesterreichischer Infanterie herumzuschiessen und Gefangene zu machen, sowie +spaeter ungefaehr zwei Eskadrons feindlicher Ulanen, welche in einem Grunde +ahnungslos hielten, durch unser Feuer zu vertreiben und ihnen ihre +Fahrzeuge abzunehmen. In letzteren befanden sich unter anderm die +Regimentskasse, welche abgeliefert wurde, viele Brote, welche unsere +Grenadiere auf ihre Bajonette gespiesst in das Biwak bei Burkersdorf +brachten, und das Kriegstagebuch, welches in dem gleichen Heft wie das des +italienischen Feldzuges von 1859 niedergeschrieben war. Vor etwa 12 Jahren +lernte ich einen aelteren Herrn, einen Mecklenburger, kennen, der damals in +oesterreichischen Diensten als Leutnant bei einer der Ulanen-Eskadrons +gestanden hatte. Er beichtete mir, dass er bei dieser Gelegenheit seine +neue Ulanka eingebuesst haette, die fuer den Einzug in Berlin bestimmt gewesen +war. + +Da ich bei Soor nicht viel erlebt hatte, so musste ich mich damit begnuegen, +wenigstens Pulver gerochen und einen Teil jener seelischen Stimmung +durchgemacht zu haben, welche die Truppe bei ihrer ersten Beruehrung mit +dem Gegner ergreift. + +Aus meiner Kampfbegeisterung heraus wurde ich am naechsten Tage sozusagen +mit der Rueckseite der Medaille bekannt gemacht. Mir oblag mit +60 Grenadieren die traurige Pflicht, das Gefechtsfeld nach Toten +abzusuchen und diese zu beerdigen, eine ernste Arbeit, die dadurch +erschwert wurde, dass das Getreide noch auf dem Halm stand. Mit knapper Not +erreichte ich, vielfach andere Truppenteile durch Laufen im Chausseegraben +ueberholend, mit meinen Leuten am Nachmittag mein Bataillon, das sich schon +im Gros der Division im Vormarsch nach Sueden befand. Ich kam gerade noch +zur Zeit, um die Erstuermung des Elbueberganges von Koeniginhof durch unsere +Vorhut mit anzusehen. + +Der 30. Juni versetzte mich in die nuechterne Wirklichkeit kriegerischen +Kleinkrams. Ich musste mit schwacher Bedeckung etwa 30 Wagen voll +Gefangener im Nachtmarsch nach Trautenau bringen, dort in die nunmehr +leeren Fahrzeuge Verpflegung aufnehmen und mit dieser dann wieder nach +Koeniginhof zurueckkehren. Erst am 2. Juli frueh konnte ich mich meiner +Kompagnie wieder anschliessen. Es war hohe Zeit, denn schon der naechste Tag +rief uns auf das Schlachtfeld von Koeniggraetz. + +Nachdem ich in der folgenden Nacht mit meinem Zuge eine Patrouille in der +Richtung auf die Festung Josephstadt ausgefuehrt hatte, standen wir am +Morgen des 3. Juli ziemlich ahnungslos im nasskalten Vorposten-Biwak am +Suedausgang von Koeniginhof herum. Da ertoente das Alarmsignal, und bald +darauf kam der Befehl, rasch Kaffee zu kochen und dann marschbereit zu +sein. Aufmerksame Lauscher konnten bald heftiges Geschuetzfeuer aus +suedwestlicher Richtung vernehmen. Die Anschauungen ueber den Grund des +Gefechtslaerms waren geteilt. Im allgemeinen ueberwog die Meinung, dass die +von der Lausitz her in Boehmen eingedrungene 1. Armee des Prinzen Friedrich +Karl - wir gehoerten zur 2. des Kronprinzen - irgendwo auf ein vereinzeltes +oesterreichisches Korps gestossen sei. + +Der nun eintreffende Vormarschbefehl wurde mit Jubel begruesst. Sah doch der +Gardist mit hellem Neid auf die bisherigen glaenzenden Erfolge, die das +links von uns vorgedrungene V. Armeekorps unter General von Steinmetz +bisher errungen hatte. Unter stroemendem Regen, trotz kuehler Witterung in +Schweiss gebadet, wateten wir muehsam in langgezogenen Kolonnen auf +grundlosen Wegen vorwaerts. Ein erregter Eifer hatte sich eingestellt und +steigerte sich bei mir zu der Sorge, dass wir vielleicht zu spaet kommen +koennten. + +Diese Besorgnis erwies sich bald als unnoetig. Der Kanonendonner wurde, +nachdem wir aus dem Elbtal heraufgestiegen waren, immer deutlicher hoerbar. +Auch sahen wir gegen 11 Uhr einen hoeheren Stab zu Pferde auf einer Anhoehe +neben unserem Wege halten, sorgsam durch die Fernglaeser nach Sueden +spaehend. Es war das Oberkommando der 2. Armee, an seiner Spitze unser +Kronprinz, der spaetere Kaiser Friedrich. Sein damaliger Generalstabschef, +General von Blumenthal, hat mir nach Jahren ueber diesen Augenblick +folgendes erzaehlt: + + "Gerade als die 1. Gardedivision auf unergruendlichen Wegen an uns + vorbeizog, bat ich den Kronprinzen, mir die Hand zu geben. Als dieser + mich daraufhin fragend anblickte, fuegte ich hinzu, dass ich ihm zur + gewonnenen Schlacht gratulieren wolle. Das oesterreichische Geschuetzfeuer + schluege ueberall nach Westen, ein Beweis dafuer, dass der Feind auf der + ganzen Linie durch die 1. Armee gefesselt waere, sodass wir ihm jetzt in + die Flanke und teilweise in den Ruecken kaemen. Angesichts solcher Lage + war nur noch anzuordnen, dass das Gardekorps rechts, das VI. Korps links + einer trotz des Nebels weithin sichtbaren, von zwei maechtigen + Lindenbaeumen gekroenten, bei Horenowes gelegenen Hoehe weiter vorgehen + sollten, waehrend das I. und V. Korps, die noch im Anmarsch auf das + Schlachtfeld begriffen waren, diesen Korps zu folgen haetten. Weiteres + hatte der Kronprinz an dem Tage kaum noch zu befehlen." + +Unsere Bewegung wurde zunaechst noch querfeldein fortgesetzt, dann +marschierten wir auf, und bald wurden uns die ersten Granaten von den +Hoehen seitwaerts Horenowes entgegengeschickt. Die oesterreichische +Artillerie bewahrheitete ihren guten, alten Ruf. Eines der ersten +Geschosse verwundete meinen Kompagnie-Fuehrer, ein anderes toetete dicht +hinter mir meinen Fluegelunteroffizier und bald schlug auch eine Granate +mitten in unsere Kolonne ein und setzte 25 Mann ausser Gefecht. Als dann +aber das Feuer verstummte und die Hoehen uns kampflos in die Haende fielen, +weil es sich hier nur um eine aus der Ueberraschung heraus zum Zwecke des +Zeitgewinns schwach besetzte vorgeschobene Stellung des Feindes gehandelt +hatte, machte sich ein Gefuehl der Enttaeuschung geltend. Freilich nicht fuer +lange, denn bald oeffnete sich uns der Einblick auf einen grossen Teil eines +gewaltigen Schlachtfeldes. Halbrechts vorwaerts von uns erhoben sich in der +trueben Luft schwere Qualmwolken aus den Feuerstellungen unserer 1. und der +gegnerischen Armee an der Bistritz. Aufblitzendes Geschuetzfeuer und die +Glut brennender Ortschaften gaben dem Bilde eine eigenartig ernste +Faerbung. Der dichter gewordene Nebel, das hohe Getreide und die +Bodengestaltung erschwerten dem Gegner das Erkennen unserer Bewegungen. +Auffallend gering war daher das Feuer feindlicher Batterien, die uns nun +bald aus suedlicher Richtung beschossen, ohne uns aufhalten zu koennen. Sie +sind spaeter groesstenteils nach tapferer Verteidigung erobert worden. So +drangen wir mit der Schnelligkeit, die das Gelaende, der schwere, tiefe und +glatte Boden, das Getreide, Raps und Zuckerrueben gestatteten, vorwaerts. +Unser Angriff war nach allen Regeln der damaligen Kriegskunst aufgebaut +worden, fiel aber bald auseinander. Kompagnien, ja selbst Zuege begannen +sich ihre Gegner zu suchen; alles draengte nach vorwaerts. Den Zusammenhang +fuer alle bildete nur der Wille: Heran an den Feind! + +Zwischen Chlum und Nedelist traf unser Halbbataillon - eine damals sehr +beliebte Gefechtsformation - im Nebel und Getreide ueberraschend auf +feindliche, von Sueden vorkommende Infanterie. Sie wurde durch das +ueberlegene Zuendnadelgewehr bald zum Weichen gebracht. Ihr mit meinem +Schuetzenzuge in aufgeloester Ordnung folgend, stiess ich ploetzlich auf eine +oesterreichische Batterie, die in ruecksichtsloser Kuehnheit herbeieilte, +abprotzte und uns eine Kartaetschlage entgegenschleuderte. Von einer Kugel, +die mir den Helm durchbohrte, am Kopf gestreift, brach ich fuer kurze Zeit +bewusstlos zusammen. Als ich mich wieder aufraffte, drangen wir in die +Batterie ein. Fuenf Geschuetze waren unser, die drei anderen entkamen. Das +war ein stolzes Gefuehl, als ich hochaufatmend, aus leichter Kopfwunde +blutend unter meinen eroberten Kanonen stand. Aber ich hatte nicht Zeit, +auf meinen Lorbeeren auszuruhen. Feindliche Jaeger, kenntlich an den +Hahnenfedern auf ihren Hueten, tauchten im Weizen auf. Ich wies sie ab und +folgte ihnen bis zu einem Hohlwege. + +Der Zufall wollte es, dass im Verlauf des letzten grossen Krieges dieses +mein erstes Schlachterlebnis in Oesterreich bekannt wurde. Ein +verabschiedeter ehemaliger Offizier, Veteran von 1866, schrieb mir +infolgedessen aus Reichenberg in Boehmen, dass er bei Koeniggraetz als +Regimentskadett in der von mir angegriffenen Batterie gestanden habe, und +belegte diese Tatsache durch eine Skizze. Da er noch einige freundliche +Worte hinzufuegte, dankte ich ihm herzlich, und so war zwischen den +einstigen Gegnern ein recht kameradschaftlicher Briefwechsel zustande +gekommen. + +Als ich den oben erwaehnten Hohlweg erreichte, hielt ich Umschau. Die +feindlichen Jaeger waren im Regendunst verschwunden. Die umliegenden Doerfer +- vor mir Wsestar, rechts Rosberitz und links Sweti - waren merkbar noch +in Feindes Hand; um Rosberitz wurde bereits gekaempft. Ich selbst war mit +meinem Zug allein. Hinter mir war nichts von den Unsrigen zu sehen. Die +geschlossenen Abteilungen waren mir nicht suedwaerts gefolgt, sondern +schienen sich nach rechts gewendet zu haben. Ich beschloss, meiner +Einsamkeit auf dem weiten Schlachtfelde dadurch ein Ende zu machen, dass +ich mich in dem Hohlweg nach Rosberitz heranzog. Bevor ich mein Ziel +erreichte, brausten noch mehrere oesterreichische Schwadronen, mich mit +meiner Handvoll Leuten nicht bemerkend, an mir vorueber. Sie ueberschritten +vor mir den Hohlweg an einer flachen Stelle und stiessen kurze Zeit darauf, +wie mir das lebhafte Gewehrfeuer verriet, im Gelaende nordoestlich Rosberitz +auf mir unsichtbare diesseitige Infanterie. Bald rasten von dorther ledige +Pferde zurueck und schliesslich jagte alles wieder an mir vorbei. Ich +schickte noch einige Kugeln nach; die weissen Maentel der Reiter boten in +der trueben Witterung gute Ziele. + +Die Lage in Rosberitz war, als ich dort eintraf, eine ernste. Ungestuem +vordraengende Zuege und Kompagnien verschiedener Regimenter unserer Division +waren daselbst auf sehr ueberlegene feindliche Kraefte geprallt. Hinter +unsern schwachen Abteilungen befanden sich zunaechst keine Verstaerkungen. +Die Masse der Division war von dem hochgelegenen Dorfe Chlum angezogen +worden und stand dort in heftigem Kampf. Mein Halbbataillon, mit dem ich +mich am Ostrande von Rosberitz gluecklich wieder vereinigte, war daher die +erste Hilfe. + +Wer mehr ueberrascht ist, die Oesterreicher oder wir, vermag ich nicht zu +beurteilen. Jedenfalls draengen die zusammengeballten feindlichen Massen +von drei Seiten auf uns, um das Dorf wieder ganz in Besitz zu nehmen. So +fuerchterlich unser Zuendnadelgewehr auch wirkt, ueber die stuerzenden ersten +Reihen kommen immer wieder neue auf uns zu. So entsteht in den Dorfgassen +zwischen den brennenden, strohbedeckten Haeusern ein moerderisches +Handgemenge. Von Kampf in geordneten Verbaenden ist keine Rede mehr. Jeder +sticht und schiesst um sich, so viel er kann. Prinz Anton von Hohenzollern +vom 1. Garderegiment bricht schwerverwundet zusammen. Faehnrich von +Woyrsch, der jetzige Feldmarschall, bleibt mit einigen Leuten im hin- und +herwogenden Kampf bei dem Prinzen. Dessen goldene Uhr wird mir ueberbracht, +damit diese nicht etwa feindlichen Pluenderern in die Haende faellt. Bald +laufen wir Gefahr, abgeschnitten zu werden. Aus einer in unseren Ruecken +fuehrenden Seitengasse toenen oesterreichische Hornsignale, hoert man die +dumpfer als die unserigen klingenden Trommeln des Feindes. Wir muessen, +auch in der Front hart bedraengt, zurueck. Ein brennendes Strohdach, das auf +die Strasse herabstuerzt und sie mit Flammen und dichtem Qualm absperrt, +rettet uns. Wir entkommen unter diesem Schutz auf eine Hoehe dicht +nordoestlich des Dorfes. + +Weiter wollen wir in wilder Erbitterung nicht zurueckgehen. Major Graf +Waldersee vom 1. Garde-Regiment zu Fuss, der 1870 vor Paris als Kommandeur +des Garde-Grenadierregiments Koenigin Augusta fiel, laesst als aeltester +anwesender Offizier die bei uns befindlichen beiden Fahnen in die Erde +stecken; um diese geschart werden die Verbaende wieder geordnet. Schon +nahen auch von rueckwaerts Verstaerkungen. Und so geht es denn bald wieder +mit schlagenden Tambours vorwaerts, dem Feinde entgegen, der sich mit der +Besitzergreifung des Dorfes begnuegt hat. Auch dieses raeumt er bald, um +sich der allgemeinen Rueckzugsbewegung seines Heeres anzuschliessen. + +In Rosberitz fanden wir den Prinzen von Hohenzollern wieder, der aber nach +kurzer Zeit im Lazarett zu Koeniginhof seinen Wunden erlag. Seine treue +Bedeckung hatte der Feind als Gefangene mitgefuehrt. Auch aus meinem Zuge +teilten mehrere Grenadiere dieses Schicksal, nachdem sie sich in einer +Ziegelei tapfer verteidigt hatten. Als wir zwei Tage spaeter auf dem +Weitermarsch abends suedwestlich der Festung Koeniggraetz Biwaks bezogen, +fanden sich die braven Leute wieder bei uns ein. Der Kommandant der +Festung hatte sie in der Richtung auf die preussischen Biwakfeuer +hinausgeschickt, um der Sorge ihrer Ernaehrung enthoben zu sein. Sie hatten +das Glueck, gerade ihren eigenen Truppenteil vorzufinden. + +Als Abschluss des Kampfes gingen wir noch bis Wsestar vor und blieben dort, +bis wir das Schlachtfeld verliessen. Der Arzt wollte mich wegen meiner +Kopfwunde in ein Lazarett schicken; ich begnuegte mich aber in Erwartung +einer zweiten Schlacht hinter der Elbe mit Umschlaegen und einem leichten +Verbande und durfte fortan auf den Maerschen statt des Helmes die Muetze +tragen. + +Eigenartige Gefuehle waren es, welche mich am Abend des 3. Juli bewegten. +Naechst dem Dank gegen Gott den Herrn herrschte besonders das stolze +Bewusstsein vor, an einem Werke mitgetan zu haben, das ein neues +Ruhmesblatt in der Geschichte des preussischen Heeres und des preussischen +Vaterlandes geworden war. Uebersahen wir auch noch nicht die volle +Tragweite unseres Sieges: dass es sich um mehr als in den vorhergegangenen +Gefechten gehandelt hatte, war uns doch schon klar. In Treue gedachte ich +der gefallenen und verwundeten Kameraden. Mein Zug hatte die Haelfte seines +Bestandes verloren, ein Beweis dafuer, dass er seine Schuldigkeit getan +hatte. + +Als wir am 6. Juli die Elbe bei Pardubitz auf einer Kriegsbruecke +ueberschritten, erwartete dort der Kronprinz das Regiment und sprach uns +seine Anerkennung ueber das Verhalten in der Schlacht aus. Wir dankten mit +lautem Hurra und zogen weiter, stolz auf das uns von dem Oberbefehlshaber +unserer Armee und Erben der Krone Preussens gespendete Lob, freudig bereit, +ihm zu neuen Kaempfen zu folgen. + +Der weitere Verlauf des Feldzuges brachte uns aber nur noch Maersche und +somit keine erwaehnenswerten Erlebnisse. Der am 22. Juli eintretende +Waffenstillstand traf uns in Niederoesterreich, etwa 40 km von Wien +entfernt. Als wir von hier aus bald darauf den Rueckmarsch in die Heimat +antraten, begleitete uns ein unheimlicher Gast, die Cholera. Erst +allmaehlich verliess sie uns, nicht ohne noch manches Opfer aus unseren +Reihen gefordert zu haben. + +An der Eger blieben wir einige Wochen stehen. Waehrend dieser Zeit traf ich +mich mit meinem Vater, der als Johanniter in einem Lazarett auf dem +Schlachtfelde von Koeniggraetz taetig war, in Prag. Wir liessen diese +Gelegenheit nicht voruebergehen, ohne das naheliegende Schlachtfeld unseres +grossen Koenigs zu besuchen. Wie waren wir erstaunt, dort neben dem vom +preussischen Staat nach dem Befreiungskriege fuer den bei Prag gefallenen +Feldmarschall Grafen Schwerin errichteten Denkmal ein zweites zu finden, +das bereits lange Zeit vorher Kaiser Joseph II., ein Bewunderer Friedrichs +des Grossen, zur Ehrung des gegnerischen Helden dort hatte setzen lassen. + +Die Erinnerung an den Besuch dieses Schlachtfeldes wurde in mir im Verlauf +des letzten Krieges wieder besonders lebendig. Liegt doch ein Vergleich +der Lage Preussens 1757 mit der Deutschlands 1914 nahe. Wie nach dem auf +Prag folgenden Kolin, so noetigte nach der manchem Siege folgenden +Marneschlacht das Scheitern unseres grossen Offensivgedankens das Vaterland +zu einer verhaengnisvollen Verlaengerung des Daseinskampfes. Aber waehrend +uns der Ausgang des siebenjaehrigen Ringens ein maechtiges Preussen zeigt, +erblicken wir am Ende des letzten vierjaehrigen Verzweiflungskampfes ein +gebrochenes Deutschland. Waren wir der Vaeter nicht wuerdig gewesen? + +Am 2. September ueberschritten wir in Fortsetzung des Rueckmarsches die +boehmisch-saechsische Grenze, dann am 8. September auf der Chaussee +Grossenhain-Elster die Grenze der Mark Brandenburg. Eine Ehrenpforte +begruesste uns. Durch sie kehrten wir unter den Klaengen des "Heil Dir im +Siegerkranz" in die Heimat zurueck. Mit welchen Gefuehlen, bedarf keiner +Erlaeuterung. + +Am 20. September war der feierliche Einzug in Berlin. Die +Paradeaufstellung erfolgte auf dem jetzigen Koenigsplatz, damals einem +sandigen Exerzierplatz. Wo jetzt das Generalstabsgebaeude steht, befand +sich ein Holzhof, der mit der Stadt durch einen mit Weiden besetzten Weg +verbunden war. Krolls "Etablissement" gab es dagegen bereits. Vom +Aufstellungsplatze weg rueckte die Einzugstruppe durch das Brandenburger +Tor die Linden herauf zum Opernplatz. Dort war der Vorbeimarsch vor Seiner +Majestaet dem Koenig. Bluecher, Scharnhorst und Gneisenau sahen von ihren +Postamenten zu. Sie konnten mit uns zufrieden sein! + +Zum Einruecken in die Paradeaufstellung hatte sich mein Bataillon am +Floraplatz versammelt. Dort wurde mir vom Kommandeur der Rote Adlerorden +4. Klasse mit Schwertern mit der Weisung ueberreicht, ihn sofort anzulegen, +weil die neuen Auszeichnungen beim Einzug getragen werden sollten. Als ich +mich ziemlich ratlos umsah, trat aus der Menge der Zuschauer eine aeltere +Dame heraus und befestigte mit einer Stecknadel das Ehrenzeichen auf +meiner Brust. So oft ich in spaetern Jahren, sei es zu Fuss, sei es zu +Pferde, ueber den Floraplatz kam, stets gedachte ich in Dankbarkeit der +freundlichen Berlinerin, die dem 18jaehrigen Leutnant dort einst seinen +ersten Orden angeheftet hat. + +Nach dem Kriege wurde dem 3. Garderegiment Hannover als Friedensgarnison +zugewiesen. Man wollte dadurch wohl der bisherigen Hauptstadt eine +Aufmerksamkeit erweisen. Ungern gingen wir hin, als aber nach 12 Jahren +die Scheidestunde durch Versetzung des Regiments nach Berlin schlug, da +war wohl keiner in dessen Reihen, dem die Trennung nicht schwer wurde. Ich +selbst hatte die schoene Stadt, die ich schon 1873 verlassen musste, so lieb +gewonnen, dass ich mich spaeter nach meiner Verabschiedung dorthin +zurueckzog. + +Bald hatten wir in dem neuen Standort Bekanntschaften angeknuepft. Manche +Hannoveraner hielten sich freilich aus politischen Gruenden gaenzlich +zurueck. Wir haben die Treue gegen das angestammte Herrscherhaus nie +verurteilt, so sehr wir von der Notwendigkeit der Einverleibung Hannovers +in Preussen durchdrungen waren. Nur da, wo das Welfentum im Verhalten +einzelner seinen Schmerz nicht mit Wuerde trug, sondern sich in +Ungezogenheiten, Beleidigungen oder Widersetzlichkeiten gefiel, sahen wir +in ihm einen Gegner. + +Immer mehr lebten wir uns im Laufe der Jahre in Hannover ein, das in +gluecklichster Weise die Vorteile einer Grossstadt nicht mit den Nachteilen +einer solchen vereinigt. Eine rege, vornehme Geselligkeit, welche spaeter, +nach dem franzoesischen Kriege, dadurch ihren Hoehepunkt erreichte, dass Ihre +Koeniglichen Hoheiten der Prinz Albrecht von Preussen und Gemahlin dort +jahrelang weilten, wechselte mit dem Besuch des vorzueglichen Hoftheaters +ab, der dem jungen Offizier fuer ein Billiges ermoeglicht war. Herrliche +Parkanlagen und einer der schoensten deutschen Waelder, die Eilenriede, +umgeben die Stadt; an ihnen konnte man sich in dienstfreien Stunden zu Fuss +und zu Pferde erfreuen. Und nahmen wir an den Manoevern in der Provinz +teil, anstatt zu den Herbstuebungen des Gardekorps nach Potsdam zu fahren, +so lernten wir allmaehlich ganz Niedersachsen vom Fels zum Meer in seiner +anmutenden Eigenart kennen und schaetzen. Der kleine Dienst spielte sich +auf dem Waterlooplatz ab. Dort habe ich drei Jahre hintereinander meine +Rekruten ausgebildet und in einer der an diesem Platz gelegenen Kasernen +meine erste Dienstwohnung, Wohn- und Schlafstube, innegehabt. Noch jetzt +versetze ich mich gern, wenn ich diesen Stadtteil betrete, in Gedanken in +die goldene Jugendzeit zurueck. Fast alle meine damaligen Kameraden sind +schon bei der grossen Armee versammelt. Meinen mehrjaehrigen Kompagniechef, +Major a. D. von Seel, durfte ich jedoch noch kuerzlich wiedersehen. Ich +verdanke dem jetzt mehr als 80jaehrigen unendlich viel; war er mir doch +ganz besonders ein Vorbild und Lehrer in strengster Dienstauffassung. + +Im Sommer 1867 besuchte Seine Majestaet der Koenig zum ersten Male Hannover. +Ich stand bei der Ankunft in der Ehrenkompagnie vor dem Palais im +Georgspark und wurde von meinem Kriegsherrn durch die Frage beglueckt, bei +welcher Gelegenheit ich mir den Schwerterorden verdient haette. In spaetern +Jahren, nachdem ich mir noch das Eiserne Kreuz fuer 1870/71 erworben hatte, +hat mein Kaiser und Koenig die gleiche Frage noch manchesmal bei +Versetzungs- und Befoerderungsmeldungen an mich gerichtet. Stets +durchzuckte es mich dann mit ebensolchem Stolz und ebensolcher Freude wie +damals. + +Immer fester fuegten sich die staatlichen, militaerischen und sozialen +Verhaeltnisse Hannovers ineinander. Bald sollte sich auch diese neue +Provinz auf blutigen Schlachtfeldern als ebenbuertiger Bestandteil Preussens +bewaehren! + +Bei Ausbruch des Krieges 1870 rueckte ich als Adjutant des 1. Bataillons +ins Feld. Mein Kommandeur, Major von Seegenberg, hatte die Feldzuege von +1864 und 1866 im Regiment als Kompagniechef mitgemacht. Er war ein +kriegserprobter altpreussischer Soldat von ruecksichtsloser Energie und +unermuedlicher Fuersorge fuer die Gruppe. Unsere gegenseitigen Beziehungen +waren gute. + +Der Beginn des Feldzuges brachte fuer das Regiment, wie fuer das ganze +Gardekorps, insofern schmerzliche Enttaeuschungen, als wir in wochenlangen +Maerschen nicht an den Feind kamen. Erst nachdem wir bereits die Mosel +oberhalb Pont a Mousson ueberschritten und beinahe die Maas erreicht +hatten, riefen uns die Ereignisse westlich Metz am 17. August in die +dortige Gegend. Wir bogen nach Norden ab und trafen nach ausserordentlich +anstrengendem Marsch am Abend dieses Tages auf dem Schlachtfelde von +Vionville ein. Die Spuren des furchtbaren Ringens unseres III. und +X. Armeekorps am vorhergehenden Tage traten uns allenthalben vor die +Augen. Ueber die Kriegslage erfuhren wir soviel wie nichts. So marschierten +wir auch am 18. August von unseren Biwakplaetzen bei Hannonville westlich +Mars la Tour in eine uns noch ziemlich unklare Lage hinein und erreichten +gegen Mittag Doncourt. Der bis dorthin verhaeltnismaessig kurze Marsch, +ausgefuehrt in dichten Massenformationen unter unliebsamer Kreuzung mit dem +saechsischen (XII.) Korps, in gluehender Hitze, in dichten Staubwolken, ohne +die Moeglichkeit genuegender Wasserversorgung seit dem vorausgehenden Tage, +war zu einer grossen Anstrengung geworden. Ich selbst hatte auf dem Marsch +erst das Grab eines bei den 2. Gardedragonern gefallenen Vetters auf dem +Friedhof von Mars la Tour besucht und dann Gelegenheit genommen, ueber das +Angriffsfeld der 38. Infanteriebrigade und des 1. Garde-Dragoner-Regiments +zu reiten. Reihen, ja stellenweise ganze Haufen von Gefallenen, Preussen +wie Franzosen, in und noerdlich einer Schlucht, bewiesen, welch ein +moerderischer Kampf hier auf den allernaechsten Entfernungen gefuehrt worden +war. + +Bei Doncourt machen wir Halt und denken ans Abkochen. Geruechte, dass +Bazaine nach Westen abmarschiert und damit entkommen sei, verbreiten sich. +Die Begeisterung vom Vormittag ist ziemlich abgeflaut. Ploetzlich beginnt +in oestlicher Richtung eine gewaltige Kanonade. Das IX. Korps ist auf den +Feind gestossen. Der Gefechtslaerm belebt auch bei uns alles. Die Nerven +beginnen sich neu zu spannen, das Herz wieder staerker und freudiger zu +schlagen. Der Weitermarsch in nordoestlicher Richtung wird angetreten. Der +Eindruck, dass es sich heute um eine gewaltige Schlacht handle, verstaerkt +sich von Minute zu Minute. Wir marschieren auf und erhalten in der Naehe +von Batilly den Befehl, die Fahnen zu enthuellen. Es geschieht unter +dreifachem Hurra; ein ergreifender Augenblick! Fast gleichzeitig +galoppieren Gardebatterien an uns vorbei nach Osten vor, heran an die +gegnerischen Stellungen. Immer maechtiger entwickelt sich das +Schlachtenbild. Ueber den Hoehen von Amanweiler bis halbwegs gegen St. +Privat erheben sich dichte, schwere Wolken von Pulverdampf. In mehreren +Linien hinter- und zugleich uebereinander steht dort oben feindliche +Infanterie und Artillerie. Ihr Feuer ist vorlaeufig mit ganzer Wucht gegen +das IX. Armeekorps gerichtet. Dies wird anscheinend auf seinem linken +Fluegel vom Gegner ueberragt. Einzelheiten sind nicht zu erkennen. + +Um einen frontalen Angriff gegen die feindliche Stellung zu vermeiden, +wenden wir uns in einer Wiesenschlucht, etwa fuenf Kilometer gleichlaufend +zur feindlichen Front, nach Norden auf Ste. Marie aux Chenes. Das Dorf +wird von der Avantgarde unserer Division und Teilen des links von uns auf +Auboue marschierenden XII. Korps angegriffen und besetzt. Nach Gewinnung +von Ste. Marie marschiert unsere Brigade dicht suedlich des Dorfes, mit der +Front nach diesem, auf. Wir ruhen. Freilich eine eigenartige Ruhe. +Verirrte Kugeln aus St. Privat vorgeschobener feindlicher Schuetzen +schlagen ab und zu in unsere dicht geschlossenen Formationen ein. Leutnant +von Helldorff, vom 1. Garderegiment, wird in meiner Naehe erschossen; sein +Vater, Bataillonskommandeur im gleichen Regiment, war 1866 bei Koeniggraetz +in Rosberitz auch unweit von mir gefallen. Mehrere Leute werden verwundet. + +Ich betrachte mir die Lage. In oestlicher Richtung, fast in der rechten +Flanke unserer jetzigen Front, liegt auf einer allmaehlich ansteigenden +Hoehe St. Privat, mit dem etwa zwei Kilometer entfernten Ste. Marie aux +Chenes durch eine gradlinige, mit Pappeln bestandene Chaussee verbunden. +Das Gelaende noerdlich dieser Strasse ist durch die Baumreihen grossenteils +der Sicht entzogen, macht aber den gleichen deckungslosen Eindruck, wie +das Feld suedlich der Chaussee. Auf den Hoehen selbst herrscht eine fast +unheimliche Stille. Unwillkuerlich strengt sich das Auge an, dort vermutete +Geheimnisse zu entdecken. Ihnen durch Aufklaerung den Schleier zu nehmen, +scheint man auf unserer Seite nicht fuer noetig zu halten. So bleiben wir +denn ruhig liegen. + +Gegen 51/2 Uhr nachmittags trifft unsere Brigade der Angriffsbefehl. Wir +sollen hart oestlich Ste. Marie vorbei in noerdlicher Richtung antreten und +dann jenseits der Chaussee gegen St. Privat zum Angriff einschwenken. Das +Bedenken, dass diese kuenstliche Bewegung von St. Privat her in der rechten +Flanke gefasst wuerde, draengt sich sofort auf. + +Kurz bevor sich unsere Bataillone erheben, wird das ganze Gelaende um St. +Privat lebendig und huellt sich in den Qualm feuernder franzoesischer +Linien. Die nicht zu unserer Division gehoerige 4. Gardebrigade geht +naemlich bereits suedlich der Chaussee vor. Gegen sie wendet sich daher +vorlaeufig die ganze Kraft der gegnerischen Wirkung. Diese Truppe wuerde in +kuerzester Zeit zur Schlacke ausbrennen, wenn wir, die 1. Gardebrigade, +nicht baldmoeglich noerdlich der Chaussee angreifen und dadurch Entlastung +schaffen wuerden. Freilich, dort hinueberzukommen, erscheint fast unmoeglich. +Mein Kommandeur reitet mit mir vor, um das Gelaende einzusehen und dem +Bataillon im Rahmen der Brigade die Marschrichtung anzugeben. Ein +ununterbrochener Feuerorkan fegt jetzt auch gegen uns ueber das ganze Feld. +Doch wir muessen versuchen, die eingeleitete Bewegung durchzufuehren. Es +gelingt uns auch, die Strasse zu ueberschreiten. Jenseits dieser nehmen die +sich dicht draengenden Kolonnen Front gegen die feindlichen Feuerlinien und +stuerzen, sich auseinanderziehend, vorwaerts gegen St. Privat. Alles strebt +danach, so nahe als moeglich an den Gegner heranzukommen, um die dem +Chassepot gegenueber minderwertigen Gewehre brauchen zu koennen. Der Vorgang +wirkt ebenso erschuetternd wie imponierend. Hinter den wie gegen ein +Hagelwetter vorstuermenden Massen bedeckt sich das Gelaende mit Toten und +Verwundeten, aber die brave Truppe draengt unaufhaltsam vorwaerts. Immer und +immer wieder wird sie von ihren Offizieren und Unteroffizieren, die bald +von den tuechtigsten Grenadieren und Fuesilieren ersetzt werden muessen, auf- +und vorgerissen. Ich sehe im Vorbeireiten, wie der Kommandierende General +des Gardekorps, Prinz August von Wuerttemberg, zu Pferde am Ortsausgang von +Ste. Marie haltend, die gewaltige Krisis verfolgt, in die seine herrlichen +Regimenter sich hineinstuerzen, um darin vielleicht zugrunde zu gehen. Ihm +gegenueber soll der Marschall Canrobert am Eingange von St. Privat +gestanden haben. + +Um sein Bataillon aus der Anstauung der Massen nordoestlich Ste. Marie +herauszubringen und ihm die fuer den Kampf notwendige Armfreiheit zu +schaffen, laesst mein Kommandeur dasselbe nicht gleich die Front auf St. +Privat nehmen, sondern setzt mit ihm zunaechst in einer Falte des Gelaendes +die bisherige noerdliche Bewegung fort. So schieben wir uns in leidlicher +Deckung so weit seitlich heraus, dass wir nach dem Einschwenken den linken +Fluegel der Brigade bilden. In diesem Verhaeltnis gelangen wir unter +zunehmenden Verlusten in die Gegend halbwegs Ste. Marie-Roncourt. + +Bevor wir uns von hier aus zu einer Umfassung von St. Privat anschicken +koennen, muessen wir bei Roncourt, das die Sachsen von Auboue aus noch nicht +erreicht zu haben scheinen, klar sehen. Ich reite hin, finde das Dorf von +Freund und Feind unbesetzt, bemerke aber in den Steinbruechen oestlich des +Dorfes franzoesische Infanterie. Es gelingt mir, noch rechtzeitig zwei +Kompagnien meines Bataillons nach Roncourt zu fuehren. Bald darauf +unternimmt der Gegner einen Angriff aus den Steinbruechen, welcher +abgewiesen wird. Nunmehr koennen sich die beiden andern Kompagnien ohne +Besorgnis fuer Flanke und Ruecken gegen den Nordeingang von St. Privat +wenden, um dem schweren frontalen Kampf der uebrigen Teile der Brigade +wenigstens eine geringe Entlastung zu bringen. Spaeter, nachdem Roncourt +von Teilen des XII. Korps besetzt worden ist, ziehen sich auch unsere +beiden dort verwendeten Kompagnien heran. + +In der Front nimmt unterdessen das blutige Ringen seinen Fortgang. Von +feindlicher Seite aus ein ununterbrochen rollendes Infanteriefeuer aus +mehreren Linien, das alles Leben auf dem weiten, deckungslosen +Angriffsfeld niederzudruecken versucht. Auf unserer Seite eine lueckenreiche +Linie loser Truppentruemmer, die sich aber nicht nur am Boden festkrallen, +sondern wie in krampfhaften Zuckungen sich immer wieder auf den Gegner zu +stuerzen versuchen. Mit verhaltenem Atem sehe ich auf diese Schlachtszenen, +aufs aeusserste gespannt, ob nicht ein feindlicher Gegenstoss unsere Truppen +wieder zurueckschleudern wuerde. Doch die Franzosen bleiben bis auf einen +nicht ueber das erste Anreiten hinauskommenden Versuch, mit Kavallerie +noerdlich um St. Privat herum vorzubrechen, starr in ihren Stellungen. + +Eine Atempause im Infanteriekampf tritt ein. Beide Teile sind erschoepft +und liegen sich, nur wenig feuernd, gegenueber. Die Waffenruhe auf dem +Schlachtfelde ist so ausgesprochen, dass ich vom linken Fluegel bis fast zur +Mitte der Brigade und zurueck in der Feuerlinie entlang reite, ohne das +Gefuehl einer Gefahr zu haben. Aber dann beginnt die Zermuerbungsarbeit +unserer vorgezogenen Artillerie, und bald schieben sich ausserdem die +frischen Kraefte der 2. Gardebrigade von Ste. Marie her in die im Verbluten +begriffenen Reste der 4. und 1. ein, waehrend von Nordwesten auch +saechsische Hilfe naht. Der Druck, der auf der schwer ringenden Infanterie +lag, wird fuehlbar leichter. Wo eine Zeitlang nur Tod und Verderben zu sein +schien, ruehrt sich neues Kampfesleben, zeigt sich neuer Kampfeswille, der +schliesslich im Sturm auf den Feind seinen heldenhaften Abschluss findet. Es +ist ein unbeschreiblich ergreifender Augenblick, als sich bei sinkender +Abendsonne unsere vordersten Kampflinien zum letzten Vorbrechen erheben. +Kein Befehl treibt sie an, das gleiche seelische Empfinden, der eherne +Entschluss zum Erfolg, ein heiliger Kampfesgrimm draengt nach vorwaerts. +Dieser unwiderstehliche Zug reisst alle mit sich fort. Das Bollwerk des +Gegners stuerzt bei Einbruch der Dunkelheit. Ein ungeheuerer Jubel +bemaechtigt sich unser. + +Als ich spaet Abends die Reste unseres Bataillons zaehlte und dann am andern +Morgen die noch viel schwaechern Truemmer der uebrigen Teile meines +Regimentes wiedersah, als die innere Abspannung eintrat, da kamen weichere +Seiten menschlichen Gefuehles zu ihrer Geltung. Man denkt dann nicht nur an +das, was im Kampfe gewonnen wurde sondern auch an das, was dieser Erfolg +gekostet hat. Das 3. Garderegiment hatte einen Gesamtverlust von +36 Offizieren, 1060 Unteroffizieren und Mannschaften aufzuweisen, davon +tot 17 Offiziere und 304 Mann. Aehnliche Zahlen ergaben sich bei allen +Garde-Infanterie-Regimentern. Im Verlauf des letzten grossen Krieges sind +Gefechtsverluste in der Hoehe, wie sie die Garde bei St. Privat erlitten, +innerhalb unserer Infanterieregimenter haeufig geworden. Ich konnte aus +meinen damaligen Erfahrungen ermessen, was das fuer die Truppe bedeutet. +Welch eine Masse bester, vielfach unersetzlicher Kraefte sinken da ins +Grab! Welch ein herrlicher Geist muss aber andererseits in unserem Volke +lebendig gewesen sein, um trotzdem in jahrelangem Ringen unsere Armee +weiter kampfkraeftig zu erhalten! + +Am 19. August begruben wir unsere Toten, und am 20. nachmittags +marschierten wir nach Westen ab. Unser Divisionskommandeur, +Generalleutnant von Pape, sprach uns unterwegs seine Anerkennung fuer +unsere Erfolge aus und betonte, dass wir damit aber nur unsere Pflicht und +Schuldigkeit getan haetten. Er schloss mit den Worten: "Im uebrigen gilt fuer +uns der alte Soldatenspruch: Ob tausend zur Linken, ob tausend zur +Rechten, ob alle Freunde sinken, wir wollen weiterfechten!" Ein donnerndes +Hurra auf Seine Majestaet den Koenig war unsere Antwort. + +Welche militaerische Kritik man auch an den Kampf um St. Privat anlegen +mag, er verliert jedenfalls dadurch nichts von seiner inneren Groesse. Sie +liegt in dem Geiste, in dem die Truppe die stundenlange furchtbare Krisis +ertrug und schliesslich siegreich ueberwand. Dieses Gefuehl war fuer uns in +der Erinnerung an den 18. August fortan ausschlaggebend. Die ernste +Stimmung, die sich durch die Schlacht unserer Mannschaften bemaechtigt +hatte, verfluechtigte sich bald; dafuer erhielt sich der Stolz auf die +persoenlichen Leistungen und die Taten der Gesamtheit bis auf den heutigen +Tag. Noch im Jahre 1918 feierte ich, wieder auf feindlichem Boden, den Tag +von St. Privat mit dem 3. Garderegiment, dem ich dank der Gnade meines +Koenigs wieder angehoerte. Mehrere "alte Herren", Mitkaempfer von 1870, +darunter auch der frueher erwaehnte Major a. D. von Seel, waren zu dem +Gedenktag aus der Heimat an die Front geeilt. Es war das letztemal, dass +ich das stolze Regiment gesehen habe! + +Wie ich hoere, sind die Denkmaeler der preussischen Garde auf den Hoehen von +St. Privat jetzt von unseren Gegnern niedergerissen worden. Sollte dies +wirklich wahr sein, so glaube ich nicht, dass solche Tat geeignet ist, +deutsches Heldentum zu erniedrigen. Vielfach habe ich deutsche Offiziere +und Soldaten vor franzoesischen Kriegsdenkmaelern, auch wenn sie auf +deutschem Boden standen, in stiller Ehrung weilen sehen und ihnen die +Achtung vor gegnerischen Leistungen und Opfern nachempfunden. + +Nach der Schlacht uebernahm mein Bataillonskommandeur als der einzige +unverwundete Stabsoffizier die Fuehrung des Regiments. Ich blieb auch in +der neuen Stellung sein Adjutant. + +Der Verlauf derjenigen Operation, die bei Sedan ihren denkwuerdigen +Abschluss fand, brachte wenig Bemerkenswertes fuer mich. Das Vorspiel, die +Schlacht bei Beaumont, durchlebten wir am 30. August in der Reserve +stehend nur als Zuschauer. Auch am 1. September verfolgte ich den Gang der +Schlacht vornehmlich in der Rolle eines Beobachters. Das Gardekorps +bildete den nordoestlichen Teil des eisernen Ringes, der sich im Laufe des +Tages um die Armee Mac Mahons schloss. Die 1. Gardebrigade stand im +besondern von morgens bis nachmittags hinter den oestlich des Grundes von +Givonne gelegenen Hoehen abwartend bereit. Ich benutzte diese Untaetigkeit +dazu, mich zu den am Hoehenrande in langer Linie aufgefahrenen +Gardebatterien zu begeben, welche ihre Geschosse ueber den Grund hinweg in +die auf den jenseitigen, meist bewaldeten Hoehen stehenden Franzosen +schleuderten. Von hier hatte man einen beherrschenden Blick auf die ganze +Gegend vom Ardenner Wald bis zum Abfall gegen die Maas. Im besondern lag +das Hoehengelaende von Illy und die franzoesische Stellung westlich des +Givonne-Baches einschliesslich des Bois de la Garenne zum Greifen nahe vor +mir. Die Katastrophe der franzoesischen Armee entwickelte sich also +geradezu vor meinen Augen. Ich konnte verfolgen, wie der deutsche +Feuerkreis sich allmaehlich um den ungluecklichen Gegner schloss, und wie die +Franzosen heldenhafte, aber von Anbeginn an voellig aussichtslose Versuche +machten, durch einzelne Vorstoesse unsere Umklammerung zu durchbrechen. Fuer +mich hatte der Kampf noch ein besonderes Interesse. Am Tage vor der +Schlacht hatte ich naemlich beim Durchmarsch durch Carignan von einem +gespraechigen franzoesischen Sattler, bei dem ich mir im Vorbeireiten eine +Reitpeitsche kaufte, erfahren, dass der franzoesische Kaiser bei seiner +Armee sei. Ich meldete dies weiter, fand aber keinen Glauben. Als ich am +Schlachttage angesichts der sich immer mehr vollendenden feindlichen +Vernichtung die Aeusserung tat: "In diesem Kessel befindet sich auch +Napoleon", wurde ich ausgelacht. Mein Triumph, als sich spaeter meine +Ansicht bestaetigte, war gross. + +Mein Regiment kam an diesem Tage nicht zu einer groesseren +Gefechtstaetigkeit. Wir folgten gegen 3 Uhr nachmittags dem +1. Garderegiment ueber den Givonne-Abschnitt. Zu diesem Zeitpunkt war dem +franzoesischen Widerstand durch unsere von allen Seiten wirkende Artillerie +schon die Waffe aus der Hand geschlagen worden. Es handelte sich +eigentlich nur noch darum, den Feind gegen Sedan zusammenzupressen, um ihm +die Aussichtslosigkeit weiteren Widerstandes recht nachdruecklich vor die +Augen zu fuehren. Die Vernichtungsbilder, die ich bei diesem Vorgehen an +dem Nordostrand des Bois de la Garenne sah, uebertrafen alle Schrecken, die +mir je auf Schlachtfeldern entgegengetreten sind. + +Schon zwischen 4 und 5 Uhr richteten wir uns in unsern Biwaks ein. Die +Schlacht war beendet. Nur ein Gewehrschuss fiel noch gegen Abend und eine +Kugel pfiff ueber uns hinweg. Als wir zum Waldrand aufblickten, schwang +dort ein Turko mit drohender Gebaerde sein Gewehr und verschwand dann mit +langen Saetzen im Dunkel der Baeume. + +Niemals, vorher wie nachher, habe ich die Nacht auf einem Schlachtfeld mit +dem Gefuehle gleicher restloser Befriedigung verbracht, wie hier. Traeumte +doch jeder, nachdem das "Nun danket alle Gott" verklungen war, von einem +baldigen Kriegsende. Hierin wurden wir freilich bitter enttaeuscht. Der +Krieg ging weiter. Diese Fortsetzung des franzoesischen Widerstandes nach +der Schlacht von Sedan hat man bei uns oft nur als eine unnuetze +franzoesische Selbstzerfleischung angesehen. Ich konnte diesem Urteil nicht +beipflichten und habe dem Weitblick der damaligen Diktatoren den Beifall +nicht versagen koennen. Zeigte sich doch darin, dass die franzoesische +Republik die Waffen da aufnahm, wo das Kaiserreich sie niederzulegen +gezwungen war, meiner Ansicht nach nicht nur ein vorbildlicher +patriotischer Geist sondern auch ein weiter staatsmaennischer +Zukunftsblick. Ich glaube noch heute, dass Frankreich mit einem Versagen +seines Widerstandswillens in diesem Augenblick den groessten Teil seiner +voelkischen Wuerde und damit die Aussichten auf eine bessere Zukunft +preisgegeben haette. + +Der 2. September brachte uns vormittags den Besuch des Kronprinzen, dem +wir die erste Nachricht von der Gefangennahme Napoleons und seiner Armee +verdankten, und nachmittags den unseres Koenigs und Kriegsherrn. Von dem +beispiellosen Jubel, mit dem der Monarch empfangen wurde, vermag man sich +kaum eine Vorstellung zu machen. Die Mannschaften waren nicht in Reih und +Glied zu halten. Sie umringten ihren heissgeliebten Herrn und kuessten ihm +Haende und Fuesse. Seine Majestaet sah seine Garden zum ersten Male in diesem +Feldzuge; er dankte uns traenenden Auges fuer das, was wir bei St. Privat +geleistet hatten. Das war reicher Lohn fuer jene schweren Stunden! Im +Gefolge des Koenigs befand sich auch Bismarck. Er ritt in olympischer Ruhe +am Ende der Kavalkade, wurde aber erkannt und bekam ein besonderes Hurra, +das er schmunzelnd entgegennahm. Moltke war nicht zugegen. + +Am 3. September mittags bekam mein Regiment Befehl, gegen Sedan vorzugehen +und alle noch ausserhalb der Festung befindlichen Franzosen in diese +hineinzudraengen. Hierdurch sollte verhindert werden, dass die sich +zahlreich im Vorgelaende herumtreibenden Gegner verleitet wuerden, die +massenhaft umherliegenden Gewehre zu ergreifen und einen, wenn auch +aussichtslosen Durchbruchsversuch zu wagen. Ich ritt voraus durch das Bois +de la Garenne bis auf die Hoehen dicht ueber der Stadt. Die die Landschaft +belebenden Rothosen erwiesen sich als harmlose Sucher nach Maenteln und +Decken, welche sie in die Gefangenschaft mitnehmen wollten. Das Eingreifen +des Regiments wurde daher unnoetig; einige Patrouillen anderer +Truppenteile, die in der Naehe biwakierten, genuegten. Als ich dem mir +nachfolgenden Regiment mit dieser Meldung entgegenritt, sah ich im Gehoelz +auf der nach Norden fuehrenden Chaussee eine Staubwolke. Ein franzoesischer +Militaerarzt, der vor der in ein Lazarett umgewandelten Querimont-Ferme +stand und mich ein Stueck Weges begleitete, sagte mir, dass sich in dieser +Staubwolke der Kaiser Napoleon, begleitet von Schwarzen Husaren, befaende, +um nach Belgien zu fahren. Waere ich nur zwei Minuten eher an die Strasse +gekommen, dann haette ich Zeuge dieses historischen Augenblicks sein +koennen. + +Am Abend dieses Tages verliessen wir das Schlachtfeld und rueckten in nahe +Quartiere. Von diesen aus traten wir dann nach einem Ruhetage den +Vormarsch auf Paris an. Dieser fuehrte uns zunaechst ueber das Schlachtfeld +von Beaumont und spaeter durch Gegenden, welche im letzten grossen Kriege +der Schauplatz schwerer Kaempfe gewesen sind. Am 11. und 12. September lag +das Regiment in Craonne und Corbeny, zwei freundlichen Staedtchen am Fusse +des Winterberges. Und am 28. Mai 1918 stand ich waehrend der Schlacht bei +Soissons-Reims neben meinem Allerhoechsten Kriegsherrn auf ebendemselben +Winterberge. Ich machte Seine Majestaet darauf aufmerksam, dass ich vor +48 Jahren dort unten im Quartier gelegen haette. Von den beiden Orten waren +kaum noch Truemmer uebriggeblieben. Das Haus, in welchem ich an der +Marktecke in Corbeny gewohnt hatte, war unter Schutt und Asche nicht mehr +herauszufinden. Auch der Winterberg, 1870 ein gruener, teilweise bewaldeter +Ruecken, zeigte nur kahle, steile Kalkhaenge, von denen Geschosse, Hacke und +Spaten die letzte Erdkrume entfernt hatten. Ein bei aller damaliger +Siegesfreude trauriges Wiedersehen! + +Am 19. September sahen wir von der Hochflaeche bei Gonesse aus, 8 km +nordoestlich St. Denis, zum ersten Male die franzoesische Hauptstadt. Die +vergoldeten Kuppeln des Invalidendoms und anderer Kirchen funkelten im +Morgensonnenstrahl. Ich glaube, dass die Kreuzfahrer einst mit aehnlichen +Gefuehlen auf Jerusalem geblickt haben, wie wir jetzt auf das zu unseren +Fuessen liegende Paris. Frueh um 3 Uhr waren wir im Dunkeln aufgebrochen und +lagen nun den ganzen schoenen Herbsttag ueber auf den Stoppelfeldern zum +Eingreifen bereit, im Falle bei uns oder den Nachbardivisionen das +Besetzen und Einrichten der Vorpostenstellungen auf Schwierigkeiten stossen +sollte. Erst am spaeten Nachmittag durften wir in die Quartiere einruecken. +Wir lagen in der naechsten Zeit in Gonesse, welches uebrigens dadurch +historischen Wert erlangt hat, dass dort 1815 Bluecher und Wellington beim +Eintreffen vor Paris zusammengekommen waren, um ueber die Fortfuehrung der +Operationen zu beraten. + +Statt eines baldigen vollen Erfolges hatten wir vor Paris noch monatelang +recht anstrengenden und undankbaren Einschliessungsdienst auszuueben, der an +unserer Front nur selten durch kleinere Ausfallgefechte unterbrochen +wurde. In die Eintoenigkeit solcher Taetigkeit brachte erst die +Weihnachtszeit mit der Beschiessung der Forts eine militaerisch belebende +Zugluft. + +Die Mitte des Januar brachte dann fuer mich ein besonderes Erleben. Ich +wurde mit einem Sergeanten als Vertreter des Regiments zur +Kaiserproklamation nach Versailles entsandt. Den Befehl hierzu bekam ich +am 16. Januar abends. Noch in dieser Nacht hatte ich mich in dem 15 km +entfernten Margency einzufinden, woselbst vom Oberkommando der Maas-Armee +fuer die Unterbringung aller aus oestlichen Quartieren kommenden Abordnungen +gesorgt war. Von dort sollten wir uns am 17. ueber St. Germain nach +Versailles begeben. Zu Pferde konnte ich den etwa 40 km weiten Weg nicht +zuruecklegen, weil ich Gepaeck mit mir fuehren musste. Da setzte ich mich denn +mit meinem Sergeanten und Burschen kurz entschlossen auf den Packwagen der +Leibkompagnie des 1. Garderegiments, die mit mir im gleichen Ort lag und +auch nach Versailles befohlen war. Im Schritt ging es so bei starker Kaelte +durch naechtliche Finsternis nach Margency, wo uns in einer Villa geheizte +Kamine, gutes Strohlager und Tee erwarteten. + +Am 18. frueh eroeffnete mir der Fuehrer der Leibkompagnie, dass er soeben +angewiesen sei, nicht nach Versailles zu marschieren sondern zum Regiment +zurueckzukehren. Gluecklicherweise nahm mich und meinen Burschen ein anderer +Kamerad mit auf seinen zweiraederigen Wagen, und auch mein Sergeant fand +irgendwo freundliche Aufnahme. So trabten wir denn an klarem Wintermorgen +unserm naechsten Ziele, St. Germain, entgegen. Aber mit des Geschickes +Maechten ist kein ewiger Bund zu flechten. Unser vollgepackter Dogcart +verlor ploetzlich ein Rad, und wir lagen vollzaehlig auf der Landstrasse. Zum +Glueck fanden wir bald in einem Ort eine Feldschmiede, die den Schaden +beseitigte, so dass wir uns in St. Germain bei einem Fruehstueck in dem auf +der Terrasse ueber der Seine herrlich gelegenen "Pavillon d'Henri quatre" +den uebrigen Mitreisenden wieder anschliessen konnten. Ein eigentuemlicher +Wagenzug war es, der dann im Strahl der untergehenden Sonne seinen Einzug +in Versailles hielt. Alle Arten von Fahrzeugen waren vertreten, wie man +sie in den Schloessern, Villen und Bauernhoefen um Paris auftreiben konnte. +Den meisten Eindruck machte ein Kartoffelwagen, dessen Inhaber zur Feier +des Tages rechts und links von seinem Sitz eine grosse preussische Fahne - +deutsche gab es ja noch nicht - aufgezogen hatte. Bald nahm mich ein gutes +Quartier bei einer freundlichen alten Dame in der Avenue de Paris auf, und +der Abend vereinigte uns zu einem langentbehrten Souper im Hotel des +Reservoirs. + +Die Feier am 18. ist genugsam bekannt. Sie war fuer mich reich an +Eindruecken. Am erhebendsten und zugleich ergreifendsten wirkte +selbstredend die Person meines Allergnaedigsten Koenigs und Herrn. Seine +ruhige, schlichte, alles beherrschende Wuerde gab der Feier eine groessere +Weihe als aller aeussere Glanz. Die herzenswarme Begeisterung fuer den +erhabenen Herrscher war aber auch bei allen Teilnehmern, welchem deutschen +Volksstamme sie auch angehoerten, gleich gross. Die Freude ueber das +"Deutsche Reich" brachten wohl unsere sueddeutschen Brueder am lebhafteren +zum Ausdruck. Wir Preussen waren darin zurueckhaltender, aus historischen +Gruenden, die uns unsern eigenen Wert zu einer Zeit schon hatten erkennen +lassen, in der Deutschland nur ein geographischer Begriff war. Das sollte +fortan anders werden! + +Am Abend des 18. waren die in Versailles anwesenden Generale zur Tafel bei +Seiner Majestaet dem Kaiser in der Praefektur befohlen. Wir uebrigen waren +Gaeste des Kaisers im Hotel "de France". + +Der 19. Januar begann mit einer Besichtigung des alten franzoesischen +Koenigsschlosses mit seiner stolzen, den Ruhm Frankreichs verewigenden +Gemaeldesammlung. Auch der weitausgedehnte Park wurde besucht. Da rief uns +ploetzlich Kanonendonner in die Stadt zurueck. Die Besatzung von Versailles +war bereits alarmiert und im Ausmarsch begriffen. Es handelte sich um den +grossen Ausfall der Franzosen vom Mont Valerien her. Wir beobachteten den +Kampfverlauf eine Zeitlang als Schlachtenbummler. Nachmittags traten wir +dann die Rueckfahrt an, und spaet in der Nacht erreichte ich wieder mein +Regimentsstabsquartier Villers le Bel, 8 km noerdlich St. Denis, dankbar +dafuer, dass ich den grossen geschichtlichen Augenblick hatte miterleben und +meinem nunmehrigen Kaiser zujubeln duerfen. + +Der vergebliche Ausfall vom Mont Valerien war die letzte grosse +Kraftaeusserung Frankreichs. Ihm folgte am 26. die Kapitulation von Paris +und am 28. der allgemeine Waffenstillstand. Gleich nach der Uebergabe der +Forts wurde unsere Brigade westwaerts in die zwischen dem Mont Valerien und +St. Denis gelegene Seinehalbinsel geschoben. Wir bezogen gute, schoen +gelegene Quartiere hart am Flussufer, Paris gegenueber in der Naehe des Pont +de Neuilly. + +Von dort aus hatte ich Gelegenheit, Paris wenigstens oberflaechlich +kennenzulernen. Am 2. Maerz morgens ritt ich in Begleitung einer +Gardehusaren-Ordonnanz ueber die eben genannte Bruecke nach dem +Triumphbogen. Ich umging diesen ebensowenig wie am Tage vorher mein +Freund, der damalige Husarenleutnant von Bernhardi, der als erster in +Paris einrueckte. Dann ritt ich die Champs Elysees herunter ueber die Place +de la Concorde und durch die Tuilerien bis hinein in den Hof des Louvre, +schliesslich an der Seine entlang und durch den Bois de Boulogne wieder +nach Hause. Ich liess auf diesem Wege die geschichtlichen Denkmaeler einer +reichen gegnerischen Vergangenheit auf mich wirken. Die wenigen Einwohner, +die sich zeigten, bewahrten eine gemessene Haltung. + +So wenig ich geneigt bin, einem Kosmopolitismus zu huldigen, so weit +entfernt war ich stets von Voreingenommenheit andern Voelkern gegenueber; +trotz aller wesensfremden Eigenschaften verkannte ich ihre guten Seiten +nicht. So hat das franzoesische Volk zwar fuer mich ein zu lebhaftes und +daher zu rasch wechselndes Temperament; andererseits aber finde ich in dem +Elan, der gerade in schwersten Zeiten in diesem Volke ganz einzigartig +lebendig werden kann, einen besondern Vorzug. Vor allem schaetze ich es, +dass kraftvolle Persoenlichkeiten so hinreissend auf die Masse zu wirken und +sie derartig in ihren Bannkreis zu ziehen vermoegen, dass die franzoesische +Nation imstande ist, aus Hingabe zu einem vaterlaendischen Ideal jegliche +Art von Sonderinteressen bis zur voelligen Hinopferung zurueckzustellen. In +eigenartigem Gegensatz hierzu steht das im letzten grossen Kriege oft bis +zum Sadismus gesteigerte und daher nicht durch zu lebhaftes Temperament +entschuldbare Verhalten der Franzosen gegen wehrlose Gefangene. + +Am Tage nach meinem Besuch in Paris hatte das Gardekorps die hohe Ehre und +unendliche Freude, vor seinem Kaiser und Koenig auf den Longchamps in +Parade zu stehen. In alter preussischer Strammheit defilierten die +kampferprobten Regimenter vor ihrem Kriegsherrn, auf dessen Befehl sie +jederzeit bereit waren, erneut ihr Leben fuer den Schutz und die Ehre des +Vaterlandes einzusetzen. Zu einem wirklichen Einzug in Paris, wie er +vorher andern Armeekorps beschieden gewesen war, kam es fuer uns nicht +mehr, weil inzwischen der Praeliminarfriede abgeschlossen war und +Deutschland den in ehrlichem Kampfe besiegten Gegner nicht den Kelch der +Demuetigung bis auf die Neige leeren lassen wollte. + +Festlich begingen wir dann auch vor Paris am 22. Maerz den Geburtstag +Seiner Majestaet. Es war ein herrlicher, warmer Fruehlingstag mit +Feldgottesdienst im Freien, Salutschiessen der Forts und Festessen der +Offiziere und Mannschaften. Die frohe Aussicht, nach treu erfuellter +Pflicht nun bald in die Heimat zurueckkehren zu koennen, liess die Stimmung +doppelt gehoben sein. + +Aber ganz so frueh, als wir hofften, sollten wir Frankreich nicht +verlassen. Wir mussten vielmehr zunaechst noch an der Nordfront von Paris in +und bei St. Denis stehenbleiben und wurden dort Zeugen des Kampfes der +franzoesischen Regierung gegen die Kommune. + +Die erste Entwickelung der neuen revolutionaeren Ereignisse hatten wir +schon waehrend der Belagerung verfolgen koennen. Die Zuchtlosigkeit extremer +politischer Kreise dem Gouverneur von Paris gegenueber war uns bekannt. Als +die Waffenruhe eintrat, begann die umstuerzlerische Bewegung sich immer +mehr hervorzuwagen. Bismarck hatte den franzoesischen Machthabern +zugerufen: "Sie sind durch die Revolution emporgekommen, eine neue +Revolution wird Sie wieder wegfegen." Er schien recht behalten zu sollen. + +Im allgemeinen war unser Interesse an diesen umstuerzlerischen Vorgaengen +anfaenglich gering. Erst von Mitte Maerz ab, als die Kommune die Herrschaft +an sich zu reissen begann, und die Entwickelung immer mehr zum offenen +Kampfe zwischen Versailles und Paris draengte, erhoehte sich unsere +Aufmerksamkeit. Zeitungen und Fluechtlinge unterrichteten uns ueber die +Vorgaenge im Inneren der Stadt. Waehrend nunmehr deutsche Korps Frankreichs +Hauptstadt im Norden und Osten gewissermassen als Verbuendete der +Regierungstruppen absperrten, gingen letztere in langwierigen Kaempfen von +Sueden und Westen her zum Angriff auf Paris ueber. Die Ereignisse ausserhalb +der Festungsumwallung konnte man am besten von den Hoehen bei Sannois, 6 km +nordwestlich von Paris an der Seine gelegen, beobachten. Geschaeftsgewandte +Franzosen hatten dort Fernrohre aufgestellt, die sie den deutschen +Soldaten gegen Entgelt fuer Beobachtung des Dramas eines Buergerkrieges zur +Benutzung ueberliessen. Ich selbst machte hiervon keinen Gebrauch, sondern +beschraenkte mich darauf, gelegentlich des taeglichen Befehlsempfanges in +St. Denis entweder aus einem hochgelegenen Fenster des dortigen Gasthofes +"Cerf d'or" oder durch Vorreiten auf der langgestreckten Seineinsel bei +St. Denis Einblick in die Lage in Paris zu gewinnen. Maechtige +Feuersbruenste zeigten von Ende April ab, wohin der Kampf im Inneren der +Stadt treiben wuerde. Ich erinnere mich, dass ich besonders am 23. Mai den +Eindruck hatte, als ob das ganze innere Paris der Vernichtung anheimfiele. +Die Lage in der Stadt wurde von den herausstroemenden Fluechtlingen in den +krassesten Farben geschildert. Die Tatsachen scheinen hinter diesen +Erzaehlungen auch nicht zurueckgeblieben zu sein. Brandstiftung, Pluenderung, +Geiselmord, kurz, alle jetzt als bolschewistisch angesprochenen +Krankheitserscheinungen eines im Kriege zusammengebrochenen Staatskoerpers +traten schon damals auf. Die Drohung eines freigelassenen kommunistischen +Fuehrers: "Die Regierung hatte nicht den Mut, mich erschiessen zu lassen, +aber ich werde den Mut haben, die Regierung zu fuesilieren" sollte +anscheinend verwirklicht werden. Wie voellig das sonst so starke und +empfindliche franzoesische Nationalgefuehl bei den Kommunisten ausgeloescht +war, zeigt deren Erklaerung: "Wir ruehmen uns angesichts des Gegners, +unserer Regierung die Bajonette in den Ruecken zu stossen." Man sieht, dass +das bolschewistische Weltverbesserungsverfahren, wie es in der neuesten +Zeit auch bei uns auftrat, nicht einmal Anspruch auf Originalitaet machen +kann. + +Aus dem hochgelegenen Fenster in St. Denis sah ich schliesslich eines Tages +das Ende der Kommune mit an. Ausserhalb des Hauptwalles von Paris +vorgehende Regierungstruppen umgingen den Montmartre westlich und +erstuermten bald darauf ueber dessen damals noch unbebauten Nordhang hinweg +die weit beherrschende Hoehe, das letzte Bollwerk des Aufstandes. + +Ich betrachte es als eine bittere Ironie des Schicksals, dass die einzige +politische Partei Europas, die damals, wie ich wohl annehmen darf, in +voelliger Verkennung der wahren Vorgaenge diese Bewegung verherrlichte, zur +Zeit in unserem Vaterlande gezwungen ist, mit aller Schaerfe gegen +kommunistische Bestrebungen vorzugehen. Es ist dies ein Beweis dafuer, +wohin doktrinaere Einseitigkeiten fuehren, bis die praktische Erfahrung +aufklaerend eingreift. + +Mit dem warnenden Beispiel der zuletzt geschilderten Vorgaenge im Herzen +kehrten wir Anfang Juni der Hauptstadt Frankreichs den Ruecken und trafen +nach dreitaegiger Eisenbahnfahrt in unserem gluecklicheren, siegreichen +Vaterlande ein. + +Der Einzug in Berlin erfolgte diesmal vom Tempelhofer Felde aus. Vertreter +aller deutschen Truppenteile waren neben dem Gardekorps hierbei beteiligt. +Die Hoffnung auf einen siegreichen dritten Einzug durch das Brandenburger +Tor, die ich nicht meinetwegen sondern um meines Kaisers und Koenigs und um +des Vaterlandes willen lange im innersten Herzensgrunde gehegt hatte, +sollte nicht in Erfuellung gehen! + + + + + Friedensarbeit + + +Mit reichen Erfahrungen auf allen kriegerischen Gebieten waren wir vom +franzoesischen Boden in die Heimat zurueckgekehrt. Mit dem einigen Vaterland +war ein deutsches Einheitsheer geschaffen, an dessen Grundgedanken die +staatlichen Sonderheiten nur oberflaechliche Abweichungen bedingt hatten. +Die Einheitlichkeit in der kriegerischen Auffassung war von jetzt ab +ebenso gewaehrleistet wie die Einheitlichkeit der Organisation, der +Bewaffnung und Ausbildung. Es lag im natuerlichen Verlauf der deutschen +Entwicklung, dass die preussischen Erfahrungen und Einrichtungen fuer den +weiteren Ausbau des Heeres ausschlaggebend wurden. + +Die Friedensarbeit setzte allenthalben wieder ein. Ich verblieb fuer die +naechsten Jahre noch im Truppendienst, folgte dann aber meiner Neigung zu +einer hoeheren militaerischen Ausbildung, bereitete mich zur Kriegsakademie +vor und fand im Jahre 1873 Aufnahme in diese. + +Das erste Jahr entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Anstatt mit +Kriegsgeschichte und neuzeitiger Gefechtslehre wurden wir auf diesem +Gebiet der Militaerwissenschaften damals lediglich mit Geschichte alter +Kriegskunst und frueherer Taktiken abgespeist, also mit Nebendingen. Dazu +mussten wir zwangsweise Mathematik hoeren, die nur ganz wenige von uns +spaeter als Trigonometer in der Landesaufnahme ausnutzen wollten. Erst die +beiden letzten Jahre und die Kommandierung zu andern Waffen in den +Zwischenkursen brachten dem vorwaertsstrebenden jungen Offizier volle +Befriedigung. Unter Anleitung hervorragender Lehrer, von denen ich neben +dem schon frueher erwaehnten Major von Wittich den Oberst Kessler und den +Hauptmann Villaume vom Generalstab sowie als Historiker den Geheimrat +Duncker und den Professor Richter nennen will, und im Verkehr mit +reichbegabten Altersgenossen, wie den spaetern Generalfeldmarschaellen von +Buelow und von Eichhorn sowie dem spaeteren General der Kavallerie von +Bernhardi, erweiterte sich der Gesichtskreis wesentlich. + +Nicht wenig trug hierzu auch das vielseitige gesellige Leben Berlins bei. +Ich hatte die Ehre, zu dem engern Kreise Seiner Koeniglichen Hoheit des +Prinzen Alexander von Preussen herangezogen zu werden, und kam dadurch +nicht nur mit hohen Militaers sondern auch mit Maennern der Wissenschaft +sowie des Staats- und Hofdienstes in Beruehrung. + +Nach Beendigung meines Kommandos zur Kriegsakademie kehrte ich zunaechst +fuer ein halbes Jahr zum Regiment nach Hannover zurueck und wurde dann im +Fruehjahr 1877 zum Grossen Generalstab kommandiert. + +Im April 1878 erfolgte meine Versetzung in den Generalstab unter +Befoerderung zum Hauptmann. Wenige Wochen darauf wurde ich dem +Generalkommando des II. Armeekorps in Stettin zugewiesen. Hiermit begann +meine militaerische Laufbahn ausserhalb der Truppe, zu welch letzterer ich +bis zu meiner Ernennung zum Divisionskommandeur nur zweimal zurueckkehrte. + +Der Generalstab war wohl eines der bemerkenswertesten Gefuege innerhalb des +Gesamtrahmens unseres deutschen Heeres. Neben der strengen hierarchischen +Kommandogewalt bildete er ein besonderes Element, das sich auf das hohe +geistige Ansehen des Chefs des Generalstabes der Armee, also des +Feldmarschalls Graf Moltke, stuetzte. Durch die Friedensschulung der +Generalstabsoffiziere war die Gewaehr geschaffen, dass im Kriegsfalle ein +einheitlicher Zug alle Fuehrerstellen beherrschte, ein einigendes Fluidum +alle Fuehrergedanken durchsetzte. Die Einwirkung des Generalstabes auf die +Fuehrung war nicht durch bindende Bestimmungen geregelt; sie hing vielmehr +in einer unendlichen Mannigfaltigkeit von Abstufungen von der +militaerischen und persoenlichen Eigenart der einzelnen Offiziere ab. Die +erste Forderung an den Generalstabsoffizier war, die eigene Persoenlichkeit +und das individuelle Handeln vor der Oeffentlichkeit zuruecktreten zu +lassen. Er musste ungesehen schaffen, also mehr sein als scheinen. + +Ich glaube, dass es der deutsche Generalstab in seiner Gesamtheit +verstanden hat, seine ausserordentlich schwere Aufgabe zu erfuellen. Seine +Leistungen waren bis zuletzt meisterhaft, moegen auch Fehler und Irrtuemer +im einzelnen vorgekommen sein. Ich wuesste kein ehrenderes Zeugnis fuer ihn, +als dass die Gegner seine Aufloesung durch die Friedensbedingungen gefordert +haben. + +Man hat im Generalstabsdienst vielfach eine Geheimwissenschaft vermutet. +Nichts verkehrter als das. Wie unsere gesamte kriegerische Taetigkeit so +beruht auch die des Generalstabes lediglich auf der Anwendung der gesunden +Vernunft auf den gerade vorliegenden Fall. Hierbei war oft neben hoeherem +Gedankenflug gewissenhafte Beschaeftigung mit aller moeglichen Kleinarbeit +erforderlich. Ich habe manch hochbegabten Offizier kennengelernt, der +durch Versagen in letzterer Richtung entweder als Generalstabsoffizier +nicht brauchbar war, oder als solcher ein Nachteil fuer die Truppe wurde. + +Meine Stellung beim Generalkommando belastete mich als juengsten +Generalstabsoffizier natuerlich hauptsaechlich mit solcher Kleinarbeit. +Anfangs wirkte das enttaeuschend, dann gewann ich Liebe zur Sache, da ich +ihre Notwendigkeit fuer die Durchfuehrung der grossen Gedanken und fuer das +Wohl der Truppe erkannte. Nur bei den alljaehrlichen Generalstabsreisen +konnte ich mich als Handlanger des Korpschefs mit groesseren Verhaeltnissen +beschaeftigen. Auch zu der ersten vom General Graf Waldersee, Chef des +Generalstabes des X. Armeekorps, geleiteten Festungsgeneralstabsreise bei +Koenigsberg wurde ich damals kommandiert. Mein kommandierender General war +der General der Kavallerie Hann von Weyherrn, ein erprobter Soldat, der in +jungen Jahren in schleswig-holsteinschen Diensten gefochten und 1866 eine +Kavallerie-, 1870/71 eine Infanteriedivision gefuehrt hatte. Es war eine +Freude, den alten Herrn, einen vortrefflichen Reiter, zu Pferde in der +Uniform seiner Bluecherhusaren zu sehen. Meinen beiden Generalstabschefs, +erst Oberst von Petersdorff, dann Oberstleutnant von Zingler, danke ich +eine gruendliche Ausbildung im praktischen Generalstabsdienst. + +Im Jahre 1879 hatte das II. Korps Kaisermanoever und erwarb sich die +Anerkennung Seiner Majestaet. Ich lernte bei dieser Gelegenheit den +russischen General Skobeleff kennen, der zu der Zeit, nach dem +Tuerkenkriege, auf der Hoehe seines Ruhmes stand. Er machte den Eindruck +eines ruecksichtslos energischen, frischen und wohl auch ganz befaehigten +hoehern Fuehrers. Sein Renommieren beruehrte weniger angenehm. + +Nicht unerwaehnt darf ich lassen, dass ich mich in Stettin verheiratet habe. +Meine Frau ist auch ein Soldatenkind als Tochter des Generals von +Sperling, welcher 1866 beim VI. Korps und 1870/71 bei der 1. Armee +Generalstabschef war und gleich nach dem franzoesischen Kriege starb. Ich +fand in meiner Frau eine liebende Gattin, die treulich und unermuedlich +Freud und Leid, alle Sorge und Arbeit mit mir teilte und so mein bester +Freund und Kamerad wurde. Sie schenkte mir einen Sohn und zwei Toechter. +Ersterer hat im grossen Kriege als Generalstabsoffizier seine Schuldigkeit +getan. Beide Toechter sind verheiratet, ihre Maenner haben im letzten grossen +Kriege gleichfalls vor dem Feinde gestanden. + +1881 wurde ich zur 1. Division nach Koenigsberg versetzt. Diese Verwendung +machte mich selbstaendiger, brachte mich der Truppe naeher und fuehrte mich +in meine Heimatsprovinz. + +Aus meinem dortigen dienstlichen Leben moechte ich besonders hervorheben, +dass der bekannte Militaerschriftsteller General von Verdy du Vernois +zeitweise mein Kommandeur war. Der General war eine hochbegabte, +interessante Persoenlichkeit. Er verfuegte infolge seines reichen Erlebens +in hohen Generalstabsstellen waehrend der Kriege 1866 und 1870/71 ueber +aussergewoehnliche Kenntnis der entscheidenden Ereignisse damaliger Zeit. +Auch hatte er schon frueher durch seine Zuteilung zum Hauptquartier des +russischen Oberkommandos in Warschau waehrend des polnischen Aufstandes +1863 einen tiefen Einblick in die politischen Verhaeltnisse an unserer +Ostgrenze gewonnen. Die Mitteilungen aus seinem Leben, die er mit einer +glaenzenden Erzaehlerkunst vortrug, waren deshalb nicht nur vom +militaerischen sondern auch vom politischen Standpunkte in hohem Grade +belehrend. General von Verdy war ausserdem auf dem Gebiete der angewandten +Kriegslehre bahnbrechend. Ich lernte daher unter seiner Anleitung und im +gegenseitigen Meinungsaustausch sehr viel fuer meine spaetere Lehrtaetigkeit +an der Kriegsakademie. So wirkte der geistvolle Mann in verschiedenen +Richtungen aeusserst anregend auf mich ein. Er war mir stets ein guetiger +Vorgesetzter, der mir sein volles Vertrauen schenkte. + +Auch meines damaligen Korps-Generalstabschefs, Oberst von Bartenwerffer, +erinnere ich mich gern in Dankbarkeit. Seine Generalstabsreisen und +Aufgaben fuer die Winterarbeiten des Generalstabes waren meisterhaft +angelegt, seine Kritiken besonders lehrreich. + +Vom Stabe der 1. Division wurde ich nach drei Jahren als Kompagniechef in +das Infanterieregiment 58, Standort Fraustadt in Posen, versetzt. Ich +hatte bei dieser Rueckkehr in den Frontdienst eine Kompagnie zu uebernehmen, +die fast ausschliesslich polnischen Ersatz hatte. Die Schwierigkeiten, die +der Verstaendigung zwischen Vorgesetzten und Untergebenen und damit der +Erziehung und Ausbildung durch den Mangel gegenseitiger Sprachkenntnis im +Wege stehen, lernte ich hierbei in ihrem ganzen Umfange kennen. Ich selbst +war der polnischen Sprache bis auf einige Redensarten, die ich in meiner +Kinderzeit aufgeschnappt hatte, nicht maechtig. Meine Einwirkung auf die +Kompagnie war noch dadurch ausserordentlich erschwert, dass die Mannschaften +in 33 Buergerquartieren, bis hinaus zu den die Stadt umgebenden Windmuehlen, +verstreut lagen. Im allgemeinen waren aber meine Erfahrungen mit dem +polnischen Ersatz nicht unguenstig. Die Leute waren fleissig, willig und, +was ich besonders hervorheben moechte, anhaenglich, wenn man der +Schwierigkeiten, die sie bei Erlernung des Dienstes zu ueberwinden hatten, +Rechnung trug und auch sonst bei aller Strenge fuer sie sorgte. Damals +glaubte ich, dass die groessere Haeufigkeit von Diebstaehlen und von +Trunkenheit bei den Polen weniger mit moralischer Minderwertigkeit als mit +vielfach ungenuegender erster Jugenderziehung zu erklaeren sei. Ich bedauere +es sehr, dass ich meine gute Meinung von den Posener Polen jetzt +zurueckstecken muss, nachdem ich von den Greueln gehoert habe, welche die +Insurgenten Wehrlosen gegenueber veruebt haben. Das haette ich den +Landsleuten meiner einstigen Fuesiliere nicht zugetraut! + +Gern denke ich auch heute noch an meine leider nur fuenfvierteljaehrige +Kompagniechefszeit zurueck. Ich lernte zum ersten Male das Leben in einer +kleinen, halblaendlichen Garnison kennen, fand ausser im Kameradenkreise +auch freundliche Aufnahme auf benachbarten Guetern und stand wieder einmal +in unmittelbarem Verkehr mit dem Soldaten. Ich bemuehte mich redlich, auf +die Eigenart jedes einzelnen einzugehen und knuepfte so ein festes Band +zwischen mir und meinen Untergebenen. Darum wurde mir die Trennung von +meiner Kompagnie sehr schwer trotz aller aeussern Vorteile, welche mir die +Rueckkehr in den Generalstab brachte. + +Diese erfolgte im Sommer 1885 durch Versetzung in den Grossen Generalstab. +Nach wenigen Monaten wurde ich Major. Ich kam in die Abteilung des +damaligen Oberst Graf von Schlieffen, des spaeteren Generals und Chefs des +Generalstabes der Armee, wurde aber ausserdem noch der Abteilung des +derzeitigen Oberst Vogel von Falckenstein, des spaeteren Kommandierenden +Generals des VIII. Armeekorps und dann Chefs des Ingenieurkorps und der +Pioniere, fuer laenger als ein Jahr zur Teilnahme an der ersten Bearbeitung +der Felddienstordnung, einer neuen, grundlegenden Allerhoechsten +Vorschrift, zur Verfuegung gestellt. Dadurch kam ich mit den beiden +bedeutendsten Abteilungschefs jener Zeit in Beruehrung. + +An einem mehrtaegigen Uebungsritte bei Zossen im Fruehjahre 1886, der dem +Zweck diente, Bestimmungen der Felddienstordnung vor ihrer Einfuehrung +praktisch zu erproben, nahm auch Seine Koenigliche Hoheit der Prinz Wilhelm +von Preussen teil. Es war fuer mich das erste Mal, dass ich die Ehre hatte, +meinem spaeteren Kaiser, Koenig und Herrn, Wilhelm II., zu begegnen. Im +darauffolgenden Winter wohnte der damalige Prinz einem Kriegsspiel des +Grossen Generalstabes bei. Ich fuehrte bei dieser Gelegenheit die russische +Armee. + +Wenn in jenen Jahren der Generalfeldmarschall Graf Moltke auch schon den +naehern Verkehr mit den Abteilungen des Grossen Generalstabes seinem +nunmehrigen Gehilfen, dem General Graf Waldersee, ueberliess, so beherrschte +doch sein Geist und sein Ansehen alles. Es bedarf wohl keiner besonderen +Versicherung, dass Graf Moltke eine allseitige, grenzenlose Verehrung +genoss, und dass sich niemand von uns seinem wunderbaren Einfluss entziehen +konnte. + +Ich kam unter den dargelegten Verhaeltnissen nur selten in unmittelbaren +dienstlichen Verkehr mit dem Feldmarschall, hatte aber ab und zu das +Glueck, ihm ausserdienstlich zu begegnen. Eine fuer seine Persoenlichkeit wie +fuer seine Anschauungen gleich kennzeichnende Szene erlebte ich in einer +Abendgesellschaft beim Prinzen Alexander. Wir betrachteten nach Tisch ein +Gemaelde von Camphausen, das Zusammentreffen des Prinzen Friedrich Karl mit +dem Kronprinzen auf dem Schlachtfelde von Koeniggraetz darstellend. Der in +der Gesellschaft anwesende General von Winterfeldt erzaehlte aus +persoenlichem Erleben, dass Prinz Friedrich Karl im Augenblick der Begegnung +dem Kronprinzen zugerufen habe: "Gott sei Dank, Fritz, dass du gekommen +bist, sonst waere es mir vielleicht schlecht ergangen!" Auf diese Erzaehlung +Winterfeldts hin trat Graf Moltke, welcher sich gerade eine Zigarre +aussuchte, mit drei grossen Schritten unter uns und sagte in scharf +betonten Worten: "Das brauchte der Prinz nicht zu sagen. Er wusste doch, +dass der Kronprinz heranbefohlen und gegen Mittag auf dem Schlachtfeld zu +erwarten war, und damit war der Sieg sicher." Nach dieser Bemerkung wandte +sich der Feldmarschall wieder den Zigarren zu. + +Zu Kaisers Geburtstag waren die Generale und Stabsoffiziere des +Generalstabes Gaeste des Feldmarschalls. Bei einer solchen Gelegenheit +behauptete einer der Herrn, dass Moltkes Kaisertoast einschliesslich der +Anrede und des ersten "Hoch" nicht mehr als zehn Worte enthalten wuerde. +Hieraus entstand eine Wette, bei der ich Unparteiischer war. Der dagegen +Wettende verlor, denn der Feldmarschall sagte nur: "Meine Herrn, der +Kaiser hoch!" Worte, die in unserm Kreise und aus diesem Munde wahrlich +genuegten. Im naechsten Jahre sollte die gleiche Wette abgeschlossen werden, +aber der Gegenpart dankte dafuer. Er haette dieses Mal gewonnen, denn Graf +Moltke sagte: "Meine Herrn, Seine Majestaet der Kaiser und Koenig Er lebe +hoch!" Das sind elf Worte. + +Uebrigens war Graf Moltke im geselligen Verkehr durchaus nicht schweigsam, +sondern ein sehr liebenswuerdiger, anregender Unterhalter mit viel Sinn fuer +Humor. + +Im Jahre 1891 sah ich den Feldmarschall zum letzten Male, und zwar auf +seinem Totenbett. Ich durfte am Morgen nach seinem Hinscheiden vor ihn +treten. Der Entschlafene lag aufgebahrt ohne die uebliche Peruecke, so dass +die wundervolle Form seines Kopfes voll zur Geltung kam. Es fehlte nur ein +Lorbeerkranz um seine Schlaefe, um das Bild eines idealen Caesarenkopfes zu +vervollstaendigen. Wie viele gewaltigen Gedanken waren in diesem Kopfe +entstanden, welch hoher Idealismus hatte hier seine Staette gehabt, welch +ein Adel der Gesinnung hatte von dort aus zum Wohle unseres Vaterlandes +und seines Herrschers selbstlos gewirkt. Eine an Geist wie an Charakter +gleich grosse Persoenlichkeit hat nach meiner Ueberzeugung seitdem unser Volk +nicht mehr hervorgebracht, ja Moltke ist vielleicht in der Vereinigung +dieser Eigenschaften eine einzig dastehende Groesse gewesen. + +Schon 3 Jahre vorher war unser erster, so grosser Kaiser von uns gegangen. +Ich war zur Totenwache im Dom kommandiert und durfte dort meinem ueber +Alles geliebten Kaiserlichen und Koeniglichen Herrn den letzten Dienst +erweisen. Meine Gedanken fuehrten mich ueber Memel, Koeniggraetz und Sedan +nach Versailles. Sie fanden ihren Abschluss in der Erinnerung an einen +Sonntag des vorhergehenden Jahres, an dem ich in der Mitte der jubelnden +Menge am Kaiserlichen Palais unter dem historischen Eckfenster stand. +Getragen von der allgemeinen Begeisterung hob ich damals meinen +fuenfjaehrigen Sohn in die Hoehe und liess ihn unseren greisen Herrn mit den +Worten sehen: "Vergiss diesen Augenblick in deinem ganzen Leben nicht, dann +wirst du auch immer recht tun." Nun war seine grosse Herrscher- und +Menschenseele hingegangen zu den Kameraden, denen er wenige Jahre vorher +durch den sterbenden Generalfeldmarschall von Roon seinen Gruss entboten +hatte. + +Auf meinem Schreibtisch liegt ein grauer Marmorblock. Er stammt aus dem +alten Dom und von der Stelle, auf welcher der Sarg meines Kaisers +gestanden hat. Ein lieberes Geschenk konnte mir nie gemacht werden. Welche +Gefuehle bei Anblick dieses Steines besonders heutzutage in mir wach +werden, das brauche ich wohl nicht erst in Worte zu kleiden. + +Dem Sohn Wilhelms, Kaiser Friedrich, Deutschlands Stolz und Hoffnung, war +keine lange Regierungszeit beschieden. Eine unheilbare Krankheit raffte +ihn wenige Monate nach dem Tode des Vaters hinweg. Der Grosse Generalstab +befand sich zu dieser Zeit auf einer Generalstabsreise in Ostpreussen. Wir +wurden daher in Gumbinnen auf Seine Majestaet den Kaiser und Koenig +Wilhelm II. vereidigt. So legte ich denn meinem nunmehrigen Kriegsherrn +das Treugeloebnis an einer Stelle ab, an der ich es 26 Jahre spaeter in +schwerer, aber grosser Zeit durch die Tat bekraeftigen durfte. + +Das Schicksal fuegte es fuer mich guenstig, dass ich innerhalb des +Generalstabes eine sehr abwechslungsreiche Verwendung fand. Noch waehrend +meiner Zuteilung zum Grossen Generalstab wurde mir der Unterricht der +Taktik an der Kriegsakademie uebertragen. Ich fand in dieser Taetigkeit eine +hohe Befriedigung und uebte sie fuenf Jahre hindurch aus. Freilich waren die +Anforderungen an mich sehr gross, da ich neben diesem Amt gleichzeitig +andern Dienst tun musste, zuerst im Grossen Generalstab und spaeter als +erster Generalstabsoffizier beim Generalkommando des III. Armeekorps. +Unter diesen Verhaeltnissen erschien der Tag mit 24 Stunden oftmals zu +kurz. Durcharbeitete Naechte wurden zur Gewohnheit. + +Viele hochbegabte, zu den schoensten Hoffnungen berechtigende junge +Offiziere lernte ich waehrend dieser akademischen Lehrtaetigkeit kennen. +Mancher Namen gehoeren jetzt der Geschichte an. Ich nenne hier nur +Lauenstein, Luettwitz, Freytag-Loringhoven, Stein und Hutier. Auch zwei +tuerkische Generalstabsoffiziere waren mir in dieser Zeit auf die Dauer von +etwa zwei Jahren beigegeben: Schakir Bey und Tewfyk Effendi. Der eine hat +es spaeter in seiner Heimat bis zum Marschall, der andere bis zum General +gebracht. + +Beim Generalkommando des III. Korps war der juengere General von Bronsart +mein Kommandierender General, ein hochbegabter Offizier, der 1866 und +1870/71 im Generalstab taetig gewesen war, und spaeter gleich seinem aelteren +Bruder Kriegsminister wurde. + +In ein gaenzlich anderes Arbeitsgebiet wie bisher fuehrte mich im Jahre 1889 +meine Verwendung im Kriegsministerium. Ich hatte dort eine Abteilung des +Allgemeinen Kriegsdepartements zu uebernehmen. Zurueckzufuehren ist diese +Veraenderung auf den Umstand, dass mein einstiger Divisionskommandeur, +General von Verdy, Kriegsminister geworden war und mich bei einer +Umformung des Ministeriums heranzog. Schon als Major wurde ich dadurch +Abteilungschef. + +So wenig diese Verwendung anfaenglich meinen Wuenschen und Neigungen +entsprach, so sehr schaetzte ich doch spaeter den Nutzen, den ich durch den +Einblick in mir bis dahin fremde Arbeitsgebiete und Verhaeltnisse gewann. +Ich hatte reichlich Gelegenheit, die wohl kaum ganz vermeidliche +Umstaendlichkeit des Geschaeftsbetriebes und des Formelwesens im Verein mit +dem dadurch bedingten Hervortreten bureaukratischer Auffassung +untergeordneterer Persoenlichkeiten, zugleich aber auch die grosse +Pflichttreue kennen zu lernen, mit der ueberall in aeusserster Anspannung der +Kraefte gearbeitet wurde. + +Zu meinen anregendsten Aufgaben gehoerten die Schaffung einer +Feldpioniervorschrift und die Einfuehrung der Verwendung der schweren +Artillerie in der Feldschlacht. Beides hat sich im grossen Kriege bewaehrt. + +Die Gesamtleistungen des Kriegsministeriums, sowohl im Frieden als auch +ganz besonders im letzten Kriege, sind der groessten Anerkennung wert. Eine +ruhige und sachliche Forschung wird erst imstande sein, dieses Urteil in +seiner vollen Berechtigung zu bestaetigen. + +So sehr ich auch schliesslich meine Verwendung im Kriegsministerium als fuer +mich nutzbringend schaetzen gelernt hatte, so warm begruesste ich doch die +Befreiung aus meinem bureaukratischen Joch, als ich im Jahre 1893 zum +Kommandeur des Infanterieregiments 91 in Oldenburg ernannt wurde. + +Die Stellung eines Regimentskommandeurs ist die schoenste in der Armee. Der +Kommandeur drueckt dem Regiment, dem Traeger der Tradition im Heere, seinen +Stempel auf. Erziehung des Offizierkorps nicht nur in dienstlicher sondern +auch in geselliger Beziehung, Leitung und Ueberwachung der Ausbildung der +Truppe sind seine wichtigen Aufgaben. Ich bemuehte mich, im Offizierkorps +ritterlichen Sinn, in meinen Bataillonen Kriegsmaessigkeit und straffe +Disziplin, ueberall aber auch neben strenger Dienstauffassung +Dienstfreudigkeit und Selbstaendigkeit zu pflegen. Der Umstand, dass in der +Garnison Infanterie, Kavallerie und Artillerie vereinigt waren, gab mir +Gelegenheit zu zahlreichen Uebungen mit gemischten Waffen. + +Ihre Koenigliche Hoheiten der Grossherzog und die Grossherzogin waren mir +gnaedig gesonnen, das gleiche galt vom erbgrossherzoglichen Paare. Ich fand +auch sonst ueberall gute Aufnahme und habe mich in der freundlichen +Gartenstadt sehr wohl gefuehlt. Die ruhige, schlichte Art der Oldenburger +Bevoelkerung sagte mir zu. Gern und dankbar denke ich daher an meine +Oldenburger Zeit zurueck. Die Gnade meines Kaisers brachte mich zu meiner +grossen Freude an meinem 70jaehrigen Geburtstage wieder mit meinem einstigen +Regiment durch _a la suite_-Stellung in Verbindung. So zaehle ich mich denn +auch heute noch zu den Oldenburgern. + +Durch meine Ernennung zum Chef des Generalstabes des VIII. Armeekorps in +Coblenz kam ich im Jahre 1896 zum ersten Male in naehere Beruehrung mit +unserer Rheinprovinz. Der heitere Sinn und das freundliche Entgegenkommen +des Rheinlaenders beruehrten mich durchaus angenehm: an das leichtere +Hinweggleiten ueber ernstere Lebensfragen und eine im Verhaeltnis zu dem +Norddeutschen weichere Art des Empfindens musste ich mich dagegen offen +gestanden erst gewoehnen. Der Gang unserer geschichtlichen Entwickelung und +die Verschiedenheiten in den geographischen und wirtschaftlichen +Verhaeltnissen erklaeren ja durchaus manche Unterschiede im Denken und +Fuehlen. Hieraus aber jetzt ein Lostrennungsbeduerfnis der Rheinlande von +Preussen folgern zu wollen, ist meiner Ansicht nach ein Frevel und schnoeder +Undank. + +Das frohe Leben am Rhein zog uebrigens auch mich in seinen Bann, und ich +verlebte dort viele frohe Stunden. + +Mein Kommandierender General war anfaenglich der mir schon vom Grossen +Generalstab her als Abteilungschef und auch vom Kriegsministerium her als +mein Departementsdirektor bekannt General Vogel von Falckenstein. An seine +Stelle trat aber bald Seine Koenigliche Hoheit der Erbgrossherzog von Baden. + +Diesem hohen Herrn durfte ich 31/2 Jahre zur Seite stehen. Ich zaehle diese +Jahre mit zu den schoensten meines Lebens. Sein edler Sinn, in dem sich +Hoheit mit gewinnender Herzlichkeit vereinte, seine vorbildliche, +unermuedliche Pflichttreue verbunden mit soldatischer Art und Begabung +erwarben ihm rasch die Liebe und das Vertrauen nicht nur seiner +Untergebenen, sondern auch der rheinischen Bevoelkerung. + +Waehrend meiner Chefzeit hatte das VIII. Korps 1897 Kaisermanoever. Seine +Majestaet der Kaiser und Koenig war mit den Leistungen in Parade und +Felddienst zufrieden. Zu den Festlichkeiten in Coblenz zaehlte auch die +Enthuellung des Denkmals Kaiser Wilhelms I. am Deutschen Eck, jenem +schoengelegenen Punkte, an welchem die Mosel der Feste Ehrenbreitstein +gegenueber in den Rhein muendet. + +Infolge meiner fast vier Jahre langen Verwendung als Generalstabschef +eines Armeekorps war ich im Dienstalter so weit vorgerueckt, dass meine +Ernennung zum Kommandeur einer Infanteriebrigade nicht mehr in Frage kam. +Ich wurde daher nach dieser Zeit im Jahre 1900 zum Kommandeur der +28. Division in Karlsruhe ernannt. + +Diesem Allerhoechsten Befehl folgte ich mit ganz besonderer Freude. Meine +bisherigen dienstlichen Beziehungen zum Erbgrossherzog liessen mich auch bei +Ihren Koeniglichen Hoheiten dem Grossherzog und der Grossherzogin ein +unendlich gnaediges Wohlwollen finden, das sich auch auf meine Frau +uebertrug und uns hoch beglueckte. Dazu das herrliche Badener Land mit all +seinen landschaftlichen Schoenheiten und seinen treuherzigen Bewohnern und +Karlsruhe mit seinen zahlreichen Anregungen in Kunst und Wissenschaft, mit +seiner alle Berufskreise umfassenden Geselligkeit. + +In der Division vereinigen sich zum ersten Male alle drei Waffen unter +einer Kommandostelle. Der Dienst eines Divisionskommandeurs wird dadurch +vielseitiger, erhebt sich ueber die kleineren Dinge und fordert eine +Einwirkung, die sich vorwiegend mit dem Grossen im Kriege beschaeftigt. + +Mit inniger Dankbarkeit im Herzen verliess ich im Januar 1903 Karlsruhe, +weil mich das Vertrauen meines Allerhoechsten Kriegsherrn an die Spitze des +IV. Armeekorps berief. + +Ich uebernahm damit eine unendlich verantwortungsreiche Stellung, in der +man in der Regel laenger als auf andern militaerischen Posten verbleibt, und +in der man, aehnlich wie als Regimentskommandeur, nur unter hoehern +Gesichtspunkten, dem Ganzen sein Gepraege gibt. Ich handelte im uebrigen +nach meinen bisherigen Grundsaetzen und glaube Erfolge erreicht zu haben. +Die Liebe meiner Untergebenen, auf die ich immer hohen Wert als auf eine +der Wurzeln guter dienstlicher Leistungen gelegt habe, aeusserte sich +wenigstens in herzerfreuender Weise, als ich nach 81/4jaehriger Taetigkeit +mein schoenes Amt niederlegte. + +Schon im ersten Jahre hatte ich die Ehre, mein Armeekorps Seiner Majestaet +im Kaisermanoever, mit einer Parade auf dem Schlachtfeld von Rossbach +beginnend, vorfuehren zu duerfen. Ich erntete Allerhoechste Anerkennung, die +ich dankbar auf meinen Vorgaenger und auf meine Truppen zurueckfuehrte. + +In diesen Manoevertagen hatte ich die Auszeichnung, Ihrer Majestaet der +Kaiserin vorgestellt zu werden. Dieser ersten Begegnung sind spaeter in +ernster Zeit Tage gefolgt, in denen ich immer wieder erkennen konnte, was +die hohe Frau ihrem erhabenen Gemahl, dem Vaterlande und auch mir war. + +Das IV. Armeekorps gehoerte zu meiner Zeit zur Armee-Inspektion Seiner +Koeniglichen Hoheit des Prinzen Leopold von Bayern. Ich lernte in ihm einen +hervorragenden Fuehrer und vortrefflichen Soldaten kennen. Wir sollten uns +spaeter auf dem oestlichen Kriegsschauplatz wiederfinden. Der Prinz +unterstellte sich mir dort in hochherziger Weise im Interesse der grossen +Sache, obgleich er mir im Dienstalter wesentlich ueberlegen war. Im +Dezember 1908 nahm ich auf Befehl Seiner Majestaet des Kaisers im Verein +mit dem damaligen General von Buelow, dessen Korps auch zur +Armee-Inspektion des Prinzen gehoerte, in Muenchen an der Feier des +50jaehrigen Dienstjubilaeums Seiner Koeniglichen Hoheit teil. Wir hatten aus +dieser Veranlassung die Ehre, von Seiner Koeniglichen Hoheit dem +hochbetagten Prinz-Regenten Luitpold huldvoll empfangen zu werden. + +Magdeburg, mein Standort, wird oft von solchen, die es nicht kennen, +unterschaetzt. Es ist eine schoene alte Stadt, deren "Breiter Weg" und deren +ehrwuerdiger Dom als Sehenswuerdigkeiten gelten muessen. Seit der Schleifung +der Festung sind ueber deren Grenzen hinaus ansehnliche, allen modernen +Anforderungen entsprechende Vorstaedte entstanden. Was der naechsten +Umgegend Magdeburgs an Naturschoenheiten versagt ist, hat man durch +weitausgedehnte Parkanlagen zu ersetzen gewusst. Auch fuer Kunst und +Wissenschaft ist durch Theater, Konzerte, Museen, Vortraege und dergleichen +gesorgt. Man sieht also, dass man sich dort auch ausserdienstlich wohl +fuehlen kann, besonders wenn man so angenehme gesellige Verhaeltnisse +vorfindet, wie es uns beschieden war. + +Dem Verkehr in der Stadt schloss sich ein solcher an den Hoefen von +Braunschweig, Dessau und Altenburg sowie auf zahlreichen Landsitzen an. +Sie alle zu nennen, wuerde zu weit fuehren. Aber eines von uns alljaehrlich +wiederholten mehrtaegigen Besuches bei meinem jetzt 93jaehrigen, ehrwuerdigen +vaeterlichen Freunde, dem General der Kavallerie Graf Wartensleben auf +Carow, muss ich doch in besonderer Dankbarkeit gedenken. + +Auch an Jagdgelegenheit war kein Mangel. Ganz abgesehen von den bekannten +grossen Hasen- und Fasanenjagden der Provinz Sachsen sorgten Hofjagden in +Letzlingen, Mosigkau bei Dessau, Blankenburg im Harz und im +Altenburgischen sowie Treibjagden und Pirschfahrten auf mehreren Guetern +dafuer, dass man auch auf Schwarz-, Dam-, Rot-, Reh- und Auerwild zu Schuss +kam. + +Immer mehr reifte allmaehlich in mir der Entschluss, aus der Armee +auszuscheiden. Ich hatte in meiner militaerischen Laufbahn viel mehr +erreicht, als ich je zu hoffen wagte. Krieg stand nicht in Aussicht, und +so erkannte ich es fuer eine Pflicht an, juengeren Kraeften den Weg nach +vorwaerts freizumachen, und erbat im Jahre 1911 meinen Abschied. Da sich +die falsche Legendenbildung dieses unbedeutenden Ereignisses bemaechtigt +hat, so erklaere ich ausdruecklich, dass keinerlei Reibungen dienstlicher +oder gar persoenlicher Art diesen Schritt veranlasst haben. + +Der Abschied von liebgewonnenen, langjaehrigen Beziehungen und besonders +von meinem IV. Korps, das mir fest ans Herz gewachsen war, wurde mir nicht +leicht. Aber es musste sein! Ich ahnte nicht, dass ich nach wenigen Jahren +wieder zum Schwerte greifen und dann gleich meinem einstigen Armeekorps +Kaiser und Reich, Koenig und Vaterland erneut dienen durfte. + +Im Verlauf meiner langjaehrigen Dienstzeit habe ich fast alle deutschen +Staemme kennen gelernt. Ich glaube daher beurteilen zu koennen, ueber welch +einen Reichtum wertvollster Eigenarten unser Volk verfuegt, und wie kaum +ein anderes Land der Welt in solcher Vielseitigkeit die Vorbedingungen fuer +ein reiches geistiges und seelisches Leben in sich birgt als Deutschland. + + + + + Uebergang in den Ruhestand + + +Mit treugehorsamstem Dank gegen meinen Kaiser und Koenig, unter den +heissesten Wuenschen fuer seine Armee und in vollem Vertrauen auf die Zukunft +unseres Vaterlandes war ich aus dem aktiven Dienst geschieden und blieb +doch im Innern immer Soldat. + +Das reiche Erleben auf allen Gebieten meines Berufes liess mich zufrieden +auf meine bisherige Taetigkeit zurueckblicken. Nichts war imstande, mir das +Gesamtbild zu trueben, ueber dem der Zauber der Verwirklichung gluehender +Jugendtraeume lag. Der Uebergang zur selbstgewaehlten Ruhe vollzog sich daher +auch bei mir nicht ohne Heimweh nach dem verlassenen Wirkungskreise, nicht +ohne Sehnsucht nach den Reihen der Armee. Die Hoffnung, dass im Falle einer +Gefahr fuers Vaterland mein Kaiser mich wieder rufen wuerde, der Wunsch, +meine letzten Kraefte seinem Dienste zu widmen, verlor in der Stille meines +veraenderten Daseins nichts von seiner Staerke. + +In der Zeit, in der ich die Armee verliess, pulsierte dort ein +aussergewoehnlich starkes geistiges Leben. Der erfrischende Kampf zwischen +Altem und Neuem, zwischen ruecksichtslosen Fortschritten und aengstlichem +Zurueckhalten suchte und fand seinen Ausgleich in den praktischen +Erfahrungen der juengsten Kriege. Diese Erfahrungen liessen trotz der neuen +Bahnen, die sie uns oeffneten, keinen Zweifel darueber, dass inmitten der +Wertsteigerung aller Kampfmittel die Wertschaetzung der Erziehung, der +sittlichen Bildung des Soldaten die gleiche wie bisher bleiben musste. Die +herzhafte Tat hatte den Vorrang vor den Kuensteleien des Verstandes auch +jetzt noch behalten. Geistesgegenwart und Charakterfestigkeit blieben +hoeher im kriegerischen Kurs als Feinheiten der Gedankenschulung. Ueber der +Vervollkommnung der Vernichtungswaffen hatte der Krieg seine einfachen, +ich moechte sagen groben Formen nicht verloren. Er vertrug keine Verbildung +der menschlichen Natur, keine Ueberfeinerung der kriegerischen Erziehung. +Was er auch weiterhin vor allem anderen forderte, das war die Bildung des +Menschen zur willensstarken Persoenlichkeit. + +Man hat im Frieden vielfach geglaubt, der Armee Unproduktivitaet vorwerfen +zu koennen. Mit vollem Rechte, wenn man unter Produktivitaet die Schaffung +von materiellen Werten versteht, mit ebensolchem Unrecht, wenn man die +Produktivitaet von hoeheren, sittlichen Gesichtspunkten auffasst. Wer nicht +aus Vorurteil und Uebelwollen unsere militaerische Friedensarbeit von +vornherein verwarf, musste in der Armee die trefflichste Schule fuer Wille +und Tat, ja geradezu fuer Freude an der Tat anerkennen. Wieviele Tausende +von Menschen haben unter ihrem Einfluss erst gelernt, was sie koerperlich +und seelisch zu leisten vermochten, haben in ihr das Selbstvertrauen und +die innere Eigenkraft gewonnen, die ihnen dann durch das ganze Leben +erhalten blieb. Wo hatte der Gleichheitsgedanke und Einheitssinn des +Volkes eine durchgreifendere Vertretung gefunden als in der alle +gleichmachenden Schule unseres grossen, vaterlaendischen Heeres? In ihm +wurde der Hang zum schrankenlosen Sichselbstleben mit seinen Gesellschaft +und Staat aufloesenden Bestrebungen durch straffe Selbstzucht des Einzelnen +zum Wohle fuer die Allgemeinheit segensvoll gelaeutert und umgewandelt. Das +Heer schulte und verstaerkte jenen machtvollen organisatorischen Trieb, den +wir in unserem Vaterlande allenthalben fanden, auf dem Gebiete des +Staatslebens, wie auf dem der Wissenschaft, im Handel wie in der Technik, +in der Industrie wie in den Arbeitermassen, in der Landwirtschaft wie im +Gewerbe. Die Ueberzeugung von der Notwendigkeit, ja von dem Segen der +Unterordnung des einzelnen unter das Wohl des Ganzen war dem deutschen +Heere und durch dieses auch dem deutschen Volke zum vollen Bewusstsein +gekommen. Nur auf dieser Grundlage waren die ungeheuren Leistungen +moeglich, mit denen wir bald in harter Not einer ganzen feindlichen Welt +Trotz bieten mussten und konnten. + +Auf den Kampffeldern Europas, Asiens und Afrikas hat denn auch der +deutsche Offizier und Soldat den Beweis geliefert, dass unsere +Heereserziehung die richtige war. Wenn auch unter mancherlei Einwirkungen +die lange Dauer des letzten Krieges auf einige Naturen einen +entsittlichenden Einfluss ausuebte, oder unter den entnervenden Eindruecken +seelischer und koerperlicher Ueberanspannung die moralischen Begriffe sich +teilweise verwirrten, sowie auch unter zahlreichen Versuchungen bislang +tadelfreie Charaktere schwach wurden, der innerste Kern des Heeres blieb +trotz der unerhoertesten Belastung sittlich gesund und seiner Aufgabe +gewachsen. + +Man hat der bisherigen Armee vorgeworfen, dass sie sich bemuehte, den freien +Menschen zum willenlosen Werkzeug herabzuwuerdigen. Auf den Schlachtfeldern +des grossen Weltkrieges, inmitten der aufloesenden Wirkungen endloser Kaempfe +hat es sich aber gezeigt, welch willensstaerkenden Einfluss unsere Erziehung +ausgeuebt hat. Zahllose erhebende und gleichzeitig erschuetternde Vorgaenge +beweisen, zu welch grossen freiwilligen Opfern der brave deutsche Mann +befaehigt war, nicht weil er sich sagte: "Ich muss", sondern weil er sich +sagte: "Ich will." + +Es liegt in dem Gange der Ereignisse, dass man mit der Aufloesung der alten +Armee neue Wege zur Erziehung des Volkes und seiner Wehrkraft fordert. Ich +verbleibe dem gegenueber fest auf dem Boden der alten, bewaehrten +Grundsaetze. Moegen es andere fuer nicht unbedingt entscheidend ansehen, +durch welche Mittel und auf welchem Wege wir die Moeglichkeit zu gleichen +Leistungen wie bisher erreichen, darin wenigstens werden sie gewiss mit mir +uebereinstimmen, dass es fuer die Zukunft unseres Vaterlandes bestimmend ist, +dass wir diese Moeglichkeit ueberhaupt wieder erlangen. Es sei denn, dass wir +auf unsere Stellung in der Welt verzichten wollen und uns zum Amboss +herabwuerdigen lassen, weil wir weder den Mut noch die Kraft mehr finden, +zum Hammer zu werden, wenn es die Stunde gebietet. + +Vielleicht ist es die Schicksalsfrage nicht nur fuer das politische sondern +auch fuer das wirtschaftliche Neugedeihen unseres deutschen Vaterlandes, +wie wir die grosse Schule fuer Organisation und Tatkraft, die wir in unserem +alten Heere besassen, wieder gewinnen. Wenn irgendein Land der Erde, so +kann das deutsche nur unter aeusserster Anspannung und Zusammenfassung +seiner schoepferischen Kraefte gedeihen und einen lebenswerten Platz +inmitten der uebrigen Welt behaupten. Unter den zersetzenden Wirkungen +eines ungluecklichen Krieges und unter dem truegerischen Eindruck, als ob +die strenge Unterordnung aller Volkskraefte unter einen beherrschenden +Willen das Unglueck des Vaterlandes nicht zu verhindern vermocht haette, ist +leider eine starke Auflehnung gegen die bestehende strenge Ordnung +eingetreten. Die Empoerung gegen die jahrelange freiwillige oder erzwungene +Unterwerfung durchbrach die bisherigen Schranken und irrte planlos auf +neuen Wegen. Ist ein Erfolg auf diesen neuen Wegen zu erhoffen? Bis jetzt +haben wir jedenfalls unter den Einfluessen der staatlichen Aufloesung weit +mehr seelische und ethische Werte verloren, als unter den Wirkungen des +eigentlichen Krieges. Schaffen wir nicht bald wieder neue erzieherische +Kraefte, und treiben wir den Raubbau auf dem geistigen und sittlichen Boden +unseres Volkes in der bisherigen Weise weiter, so werden wir die +kostbarste Grundlage unseres Staatslebens fruehzeitig bis zur voelligen +Unfruchtbarkeit und Oede erschoepfen! + + + + + + ZWEITER TEIL + + + KRIEGFUeHRUNG IM OSTEN + + + + + Der Kampf um Ostpreussen + + + + Kriegsausbruch und Berufung + + +Die Ruhe meines Lebens gab mir seit dem Jahre 1911 die Moeglichkeit, mich +den politischen Vorgaengen in der Welt mit Musse zu widmen. Die +Beobachtungen, die ich dabei machte, waren freilich nicht imstande, mich +mit Befriedigung zu erfuellen. Aengstlichkeit lag mir ferne, und doch konnte +ich ein gewisses bedrueckendes Gefuehl nicht los werden. Die Ansicht draengte +sich mir auf, dass wir in den weiten Ozean der Weltpolitik hinaustrieben, +ohne dass wir in Europa selbst genuegend fest standen. Mochten die +politischen Wetterwolken ueber Marokko stehen oder sich ueber dem Balkan +zusammenziehen, die unbestimmte Ahnung, als ob unter unserem deutschen +Boden miniert wuerde, teilte ich mit der Mehrzahl meiner Landsleute. Wir +standen in den letzten Jahren zweifellos einer der sich augenscheinlich +regelmaessig wiederholenden franzoesisch-chauvinistischen Hochfluten +gegenueber. Ihr Ursprung war bekannt; ihre Stuetze suchte und fand sie in +Russland wie in England, ganz gleichgueltig, wer und was dort die offenen +oder geheimen, die bewussten oder unbewussten Triebfedern bildete. + +Ich habe die besonderen Schwierigkeiten in der Fuehrung der deutschen +Politik nie verkannt. Die Gefahren, die sich aus unserer geographischen +Lage, aus unseren wirtschaftlichen Notwendigkeiten und nicht zuletzt aus +unseren voelkisch gemischten Randgebieten ergaben, waren mit den Haenden zu +greifen. Eine gegnerische Politik, der es gelang, die fremden +Begehrlichkeiten gegen uns zusammenzufassen, bedurfte nach meiner Ansicht +hierzu keiner grossen Gewandtheit. Sie betrieb letzten Endes den Krieg. Auf +diese Gefahr uns einzustellen, versaeumten wir. Unsere Buendnispolitik +richtete sich mehr nach einem Ehrenkodex als nach den Beduerfnissen unseres +Volkes und unserer Weltlage. + +Wenn ein spaeterer deutscher Reichskanzler schon in den neunziger Jahren +mit dem fortschreitenden Zerfall der uns verbuendeten Donaumonarchie als +mit etwas Selbstverstaendlichem rechnen zu muessen glaubte, so war es +unverstaendlich, wenn unsere Politik daraus nicht die entsprechenden +Folgerungen zog. + +Den deutsch-oesterreichischen Stammesgenossen brachte ich jederzeit volle +Sympathie entgegen. Die Schwierigkeiten ihrer Stellung innerhalb ihres +Vaterlandes fanden ja bei uns allgemein die lebhafteste Teilnahme. Dieses +unser Gefuehl wurde aber nach meiner Auffassung von der +oesterreichisch-ungarischen Politik allzu weitgehend ausgenutzt. + +Das Wort von der Nibelungentreue war gewiss seinerzeit sehr eindrucksvoll. +Es konnte uns aber ueber die Tatsache nicht hinwegtaeuschen, dass +Oesterreich-Ungarn uns in die bosnische Krisis, auf die dieses Wort gemuenzt +war, ohne bundesbruederliche Verstaendigung ueberraschend hineingezerrt hatte +und dann von uns verlangte, ihm den Ruecken zu decken. Dass wir den +Verbuendeten damals nicht verlassen konnten, war klar. Das haette geheissen, +den russischen Koloss staerken, um dann selbst um so sicherer und +widerstandsloser von ihm erdrueckt zu werden. + +Mir als Soldaten musste besonders das Missverhaeltnis zwischen den +politischen Anspruechen Oesterreich-Ungarns und seinen innerpolitischen +sowie militaerischen Kraeften auffallen. Den ungeheuren Ruestungen des nach +dem ostasiatischen Kriege wieder gekraeftigten Russland gegenueber +verstaerkten zwar wir Deutschen unsere Wehr, stellten aber nicht die +gleichen Anforderungen an unseren oesterreichisch-ungarischen +Bundesgenossen. Fuer die Staatsmaenner der Donaumonarchie mochte es sehr +einfach sein, sich gegenueber unseren Anregungen auf Erhoehung der +oesterreichisch-ungarischen Ruestungen hinter Schwierigkeiten ihrer +innerstaatlichen Verhaeltnisse zurueckzuziehen. Warum aber fanden wir keine +Mittel, Oesterreich-Ungarn in dieser Frage vor ein Entweder-Oder zu +stellen? Wir kannten doch die gewaltige zahlenmaessige Ueberlegenheit unserer +voraussichtlichen Gegner. Durften wir es denn dulden, dass der Verbuendete +einen grossen Teil seiner Volkskraefte fuer die gemeinsame Verteidigung brach +liegen liess? Was nuetzte es uns, in Oesterreich-Ungarn ein nach Suedosten +vorgeschobenes Bollwerk zu besitzen, wenn dieses Bollwerk nach allen +Seiten Risse aufwies und nicht genuegend Verteidiger besass, um seine Waelle +zu halten? + +Auf eine wirksame Waffenhilfe Italiens zu rechnen, schien mir von jeher +bedenklich. Eine solche war zweifelhaft, selbst bei gutem Willen der +italienischen Staatsmaenner. Wir hatten Gelegenheit gehabt, die Schwaechen +des italienischen Heeres im Tripoliskrieg vollauf zu erkennen. Seitdem +waren die dortigen Verhaeltnisse bei den schwer erschuetterten Finanzen des +Staates kaum besser geworden. Schlagbereit war Italien jedenfalls nicht. + +In diesen Richtungen bewegten sich meine damaligen Betrachtungen und +Sorgen. Ich hatte den Krieg schon zweimal kennengelernt, jedesmal unter +kraftvoller politischer Fuehrung vereint mit einfachen, klaren +kriegerischen Zielen. Ich fuerchtete den Krieg nicht, auch jetzt nicht! +Aber ich kannte neben seinen erhebenden Wirkungen seine verheerenden +Eingriffe in das menschliche Dasein zu gut, als dass ich ihn nicht haette +denkbar lange vermieden wissen wollen. + + + +Und nun brach der Krieg ueber uns herein! Die Hoffnungslosigkeit, uns mit +Frankreich auf dem bestehenden Boden vergleichen, den Geschaeftsneid und +die Rivalitaetsangst Englands bannen, die russische Begehrlichkeit ohne +unseren Buendnisbruch mit Oesterreich befriedigen zu koennen, hatte in +Deutschland seit langem eine Stimmungsspannung hervorgerufen, in der der +Kriegsausbruch fast wie eine Befreiung von einem bestaendigen, das ganze +Leben beeintraechtigenden Drucke empfunden wurde. + +Der deutsche kaiserliche Heerbann trat an! Eine stolze Kriegsmacht, wie +sie die Welt in dieser Tuechtigkeit nur selten gesehen hat. Bei ihrem +Anblick musste der Herzschlag des ganzen Volkes kraeftiger werden. Doch +nirgends Uebermut im Angesicht der Aufgabe, die unserer harrte. Hatten doch +weder Bismarck noch Moltke uns ueber die wuchtende Last eines solchen +Krieges im Unklaren gelassen, stellte doch jeder Einsichtige bei uns sich +die Frage, ob wir politisch, wirtschaftlich, militaerisch und moralisch +imstande sein wuerden durchzuhalten. Doch groesser als die Sorge war +zweifellos das Vertrauen. + +In diesen Stimmungen und Gedanken traf auch mich die Nachricht vom +Losbrechen des Sturmes. Der Soldat in mir wurde in seiner nunmehr alles +beherrschenden Kraft wieder lebendig. Wuerde mein Kaiser und Koenig meiner +beduerfen? Gerade das letzte Jahr war ohne eine amtliche Andeutung dieser +Art fuer mich voruebergegangen. Juengere Kraefte schienen ausreichend +verfuegbar. Ich fuegte mich dem Schicksal und blieb doch in sehnsuchtsvoller +Erwartung. + + + + Zur Front + + +Die Heimat lauschte in Spannung. + +Die Nachrichten von den Kriegsschauplaetzen entsprachen unseren Hoffnungen +und Wuenschen. Luettich war gefallen, das Gefecht bei Muelhausen siegreich +geschlagen, unser rechter Heeresfluegel und unsere Mitte im Vorschreiten +durch Belgien. Die ersten jubelatmenden Nachrichten ueber die Lothringer +Schlacht drangen ins Vaterland. Auch aus dem Osten klang es wie +Siegesfanfaren. + +Nirgends Ereignisse, die sorgende Gedanken gerechtfertigt erscheinen +liessen. + +Am 22. August 3 Uhr nachmittags erhielt ich eine Anfrage aus dem Grossen +Hauptquartier Seiner Majestaet des Kaisers, ob ich bereit zur sofortigen +Verwendung sei. + +Meine Antwort lautete: "Bin bereit." + +Noch bevor dieses Telegramm im Grossen Hauptquartier eingetroffen sein +konnte, erhielt ich ein zweites von dort. Danach rechnete man +augenscheinlich bestimmt mit meiner Bereitschaft zur Annahme einer +Feldstelle und teilte mir mit, dass General Ludendorff bei mir eintreffen +werde. Weitere Mitteilungen aus dem Grossen Hauptquartier klaerten dann die +Sachlage fuer mich dahin auf, dass ich als Armeefuehrer sogleich nach dem +Osten abzugehen haette. + +Gegen 3 Uhr nachts fuhr ich, in der Eile nur unfertig ausgeruestet, zum +Bahnhof und stand dort erwartungsvoll in der maessig beleuchteten Halle. +Meine Gedanken rissen sich von dem heimischen Herde, den ich so ploetzlich +verlassen musste, erst voellig los, als der kurze Sonderzug einfuhr. Ihm +entstieg mit frischem Schritte General Ludendorff, sich bei mir als mein +Chef des Generalstabs der 8. Armee meldend. + +Der General war mir bis zu diesem Augenblicke fremd gewesen, seine Tat bei +Luettich mir noch unbekannt. Er klaerte mich zunaechst ueber die Lage an +unserer Ostfront auf, ueber die er am 22. August im Grossen Hauptquartier +Coblenz von dem Chef des Generalstabes des Feldheeres, Generaloberst von +Moltke, persoenlich unterrichtet worden war. Danach hatten sich die +Operationen der 8. Armee in Ostpreussen folgendermassen entwickelt: Die +Armee hatte das XX. Armeekorps, verstaerkt durch Festungsbesatzungen und +sonstige Landwehrformationen, bei Beginn der Operationen zum Schutze der +Suedgrenze West- und Ostpreussens von der Weichsel bis an das Loetzener +Seengebiet in Stellung belassen. Die Masse der Armee (I. Armeekorps, +XVII. Armeekorps, I. Reservekorps, 3. Reservedivision, Festungsbesatzung +Koenigsberg und 1. Kavalleriedivision) war an der Ostgrenze Ostpreussens +versammelt worden und hatte dort am 17. August bei Stallupoenen, am 19. und +20. August bei Gumbinnen im Angriff gegen die unter General Rennenkampf +von Osten her vordringende russische Njemenarmee gefochten. Waehrend der +Kaempfe bei Gumbinnen war die Meldung vom Vormarsch der russischen +Narewarmee unter General Samsonoff von Sueden her gegen die deutsche +Grenzlinie Soldau-Willenberg eingetroffen. Die Fuehrung unserer 8. Armee +glaubte damit rechnen zu muessen, dass der Russe diese Grenze schon am +21. August ueberschreiten wuerde. Angesichts dieser Bedrohung der +rueckwaertigen Verbindungen aus suedlicher Richtung brach das Oberkommando +die Schlacht bei Gumbinnen ab und meldete der Obersten Heeresleitung, dass +es nicht imstande sein wuerde, das Land oestlich der Weichsel weiterhin zu +behaupten. + +Generaloberst von Moltke hatte diesen Entschluss nicht gebilligt. Er +vertrat die Auffassung, dass man noch eine Operation zur Vernichtung der +Narewarmee versuchen muesste, bevor man daran denken duerfte, die +militaerisch, wirtschaftlich und politisch wichtige Stellung in Ostpreussen +aufzugeben. Der Gegensatz in den Anschauungen zwischen der Obersten +Heeresleitung und dem Armee-Oberkommando hatte den Wechsel in den +fuehrenden Stellen der 8. Armee veranlasst. + +Zur Zeit schien die Lage bei dieser Armee folgende zu sein: Die Losloesung +vom Feinde war gelungen. Das I. Armeekorps und die 3. Reservedivision +befanden sich in Abbefoerderung mit der Bahn nach Westen, waehrend das +I. Reservekorps und das XVII. Armeekorps der Weichsellinie im Fussmarsch +zustrebten. Das XX. Armeekorps stand noch auf seinem Posten an der Grenze. + +Ich war mit meinem nunmehrigen Armeechef in kurzem in der Auffassung der +Lage einig. General Ludendorff hatte schon von Coblenz aus die ersten +unaufschiebbaren Weisungen geben koennen, die dahin zielten, die +Fortfuehrung der Operationen oestlich der Weichsel sicherzustellen. Dazu +gehoerte in erster Linie, dass die Transporte des I. Armeekorps nicht zu +weit nach Westen gefuehrt, sondern auf Deutsch-Eylau, also feindwaerts +hinter den rechten Fluegel des XX. Armeekorps, herangeleitet wurden. + +Alles weitere musste und konnte erst bei unserem Eintreffen im +Hauptquartier der Armee in Marienburg entschieden werden. + +Unser Gespraech hatte kaum mehr als eine halbe Stunde in Anspruch genommen. +Dann begaben wir uns zur Ruhe. Die dazu verfuegbare Zeit nuetzte ich +gruendlich aus. + +So fuhren wir denn einer gemeinsamen Zukunft entgegen, uns des Ernstes der +Lage voll bewusst, aber auch voll festen Vertrauens zu Gott dem Herrn, zu +unseren braven Truppen und nicht zuletzt zu einander. Jahrelang sollte von +nun ab das gemeinsame Denken und die gemeinsame Tat uns vereinen. + +Ich moechte mich hier gleich ueber das Verhaeltnis zwischen mir und meinem +damaligen Generalstabschef und spaeteren Ersten Generalquartiermeister +General Ludendorff aussprechen. Man hat geglaubt, dieses Verhaeltnis mit +dem Bluechers zu Gneisenau vergleichen zu koennen. Ich lasse dahingestellt +sein, inwieweit man bei diesem Vergleiche von der wirklich richtigen +historischen Grundlage ausgegangen ist. Die Stellung eines Chefs des +Generalstabes hatte ich, wie aus meinen vorhergehenden Ausfuehrungen ja +bekannt ist, frueher selbst jahrelang innegehabt. Die Taetigkeit eines +solchen gegenueber dem die Verantwortung tragenden Fuehrer ist, wie ich +somit aus eigener Erfahrung wusste, innerhalb der deutschen Armee nicht +theoretisch festgelegt. Die Art der Zusammenarbeit und das Ausmass der +gegenseitigen Ergaenzung haengen vielmehr von den Persoenlichkeiten ab. Die +Grenzen der beiderseitigen Wirkungsbereiche sind also nicht scharf +voneinander getrennt. Ist das Verhaeltnis zwischen Vorgesetzten und +Generalstabschef ein richtiges, so werden sich diese Grenzen durch +soldatischen und persoenlichen Takt und die beiderseitigen +Charaktereigenschaften leicht ergeben. + +Ich selbst habe mein Verhaeltnis zu General Ludendorff oft als das einer +gluecklichen Ehe bezeichnet. Wie will und kann der Aussenstehende das +Verdienst des einzelnen in einer solchen scharf abgrenzen? Man trifft sich +im Denken wie im Handeln, und die Worte des einen sind oftmals nur der +Ausdruck der Gedanken und Empfindungen des anderen. + +Eine meiner vornehmsten Aufgaben, nachdem ich den hohen Wert des Generals +Ludendorff bald erkannt hatte, sah ich darin, den geistvollen +Gedankengaengen, der nahezu uebermenschlichen Arbeitskraft und dem nie +ermattenden Arbeitswillen meines Chefs soviel als moeglich freie Bahn zu +lassen und sie ihm, wenn noetig, zu schaffen. Freie Bahn in der Richtung, +in der unser gemeinsames Sehnen, unsere gemeinsamen Ziele lagen: der Sieg +unserer Fahnen, das Wohl unseres Vaterlandes, ein Friede, wert der Opfer, +die unser Volk gebracht hatte. + +Ich hatte dem General Ludendorff die Treue des Kampfgenossen zu halten, +wie sie uns in deutscher Volksgeschichte von Jugend an gelehrt wird, die +Kampfestreue, an der unser ethisches Denken so reich ist. Und wahrlich, +seine Arbeit und sein Wollen, wie seine ganze sonstige Persoenlichkeit +waren dieser Treue wert. Moegen andere darueber urteilen wie sie wollen! +Auch fuer ihn wird wie fuer so viele unserer Grossen und Groessten erst spaeter +die Zeit kommen, in der das Volk in seiner Gesamtheit bewundernd zu ihm +aufblicken wird. Mein Wunsch aber ist es, dass unser Vaterland in gleich +schwerem Geschick aufs neue einen solchen Mann finden moege, einen ganzen +Mann, kraftvoll in sich geschlossen, freilich auch eckig und kantig, aber +geschaffen fuer ein gigantisches Werk wie kaum ein zweiter in der +Geschichte. + +Wahrlich, er wurde in richtiger Erkenntnis seiner Bedeutung von seinen +Gegnern gehasst! + +Auf die Harmonie unserer kriegerischen und politischen Ueberzeugungen +gruendete sich die Einheitlichkeit unserer Anschauungen in dem Gebrauch +unserer Streitmittel. Verschiedenheiten der Auffassungen fanden ihren +natuerlichen Ausgleich und Abgleich, ohne dass das Gefuehl gemachter +Nachgiebigkeiten auf einer oder der anderen Seite jemals stoerend +dazwischen trat. Die gewaltige Arbeit meines Generalstabschef setzte +unsere Gedanken und Plaene auf das Raederwerk unserer Armeefuehrung um und +spaeter auf das der gesamten Obersten Heeresleitung, nachdem diese uns +anvertraut worden war. Sein Einfluss belebte alle, niemand konnte sich ihm +entziehen, es sei denn auf die Gefahr hin, aus der einheitlichen Bahn +geschleudert zu werden. Wie konnte auch anders die ungeheure Aufgabe +erfuellt, die Triebkraft zur vollen Wirkung gebracht werden? + +In selbstverstaendlicher, soldatischer Pflichterfuellung, reich an Willen +und Gedanken, schloss sich uns beiden der weitere Kreis der Mitarbeiter an. +Mit treu dankbarem Herzen werde ich stets auch ihrer gedenken! + + + + Tannenberg + + +Am fruehen Nachmittag des 23. August erreichten wir unser Hauptquartier +Marienburg. Wir betraten damit das Land oestlich der Weichsel, das +demnaechstige Gebiet unseres Wirkens. Die Lage an der Front hatte sich bis +zu diesem Zeitpunkt wie folgt entwickelt: + +Das XX. Armeekorps war von seinen Grenzstellungen bei Neidenburg auf +Gilgenburg und Gegend oestlich zurueckgegangen. Nach Westen anschliessend an +dieses Korps standen die aus den Festungen Thorn und Graudenz +herausgezogenen Besatzungen bis gegen die Weichsel hin laengs der Grenze. +Die 3. Reservedivision war als Verstaerkung fuer das XX. Armeekorps bei +Allenstein eingetroffen. Die Heranbefoerderung des I. Armeekorps nach +Deutsch-Eylau hatte mit Verzoegerungen begonnen. Das XVII. Armeekorps und +I. Reservekorps waren im Fussmarsch in die Gegend um Gerdauen gekommen. Die +1. Kavalleriedivision stand suedlich Insterburg der Armee Rennenkampf +gegenueber. Die Besatzung von Koenigsberg hatte Insterburg im Rueckmarsch +nach Westen durchschritten. + +Die Njemenarmee Rennenkampfs war auffallenderweise mit nennenswerten +Infanterieteilen noch nicht ueber die Angerapp vorgedrungen. Von den beiden +russischen Kavalleriekorps war das eine bei Angerburg, das andere westlich +Darkehmen gemeldet worden. Die Narewarmee Samsonoffs hatte mit einer +Division anscheinend die Gegend von Ortelsburg erreicht, auch sollte +Johannisburg vom Feinde besetzt sein. Im uebrigen schien die Masse dieser +Armee wohl noch an der Grenze im Aufschliessen begriffen, westlicher Fluegel +bei Mlawa. + +In der Brieftasche eines gefallenen russischen Offiziers war ein +Schriftstueck gefunden worden, aus dem die Absichten der gegnerischen +Fuehrung hervorgingen. Danach hatte die Armee Rennenkampf, die masurischen +Seen noerdlich umgehend, gegen die Linie Insterburg-Angerburg vorzuruecken. +Sie sollte die hinter der Angerapp angenommenen deutschen Streitkraefte +angreifen, waehrend die Narewarmee ueber die Linie Loetzen-Ortelsburg den +Deutschen die Flanke abzugewinnen hatte. + +Die Russen planten also einen konzentrischen Angriff auf die 8. Armee, fuer +welchen die Armee Samsonoffs aber jetzt schon erheblich weiter nach Westen +ausholte, als urspruenglich beabsichtigt war. + +Was sollen, ja was koennen wir gegen diesen gefaehrlichen feindlichen Plan +tun? Gefaehrlich weniger wegen der Kuehnheit, mit der er erdacht, als wegen +der Staerke, mit der er ausgefuehrt werden soll, wenigstens mit der Staerke +an Streitern, hoffentlich nicht mit der gleichen Staerke an Willen. Fuehrte +doch Russland im Laufe der Monate August und September nicht weniger als +800.000 Soldaten und 1700 Geschuetze gegen Ostpreussen heran, zu dessen +Verteidigung nur 210.000 deutsche Soldaten mit 600 Geschuetzen verfuegbar +gemacht werden konnten. + +Unser Gegenplan ist einfach. Ich will versuchen, ihn dem Leser, auch wenn +er kein Fachmann ist, in allgemeinen Umrissen verstaendlich zu machen. + +Wir stellen zunaechst der dichten Masse Samsonoffs eine duenne Mitte +gegenueber. Ich sage duenn, nicht schwach. Denn Maenner sind es mit +staehlernem Herzen und staehlernem Willen. In ihrem Ruecken die Heimat, Weib +und Kind, Eltern und Geschwister, Hab und Gut! Es ist das XX. Korps, brave +West- und Ostpreussen. Mag diese duenne Mitte unter dem Drucke der +feindlichen Massen sich auch biegen, wenn sie nur nicht bricht. Waehrend +diese Mitte kaempft, sollen zwei wuchtige Gruppen an deren beide Fluegel zum +entscheidenden Angriff heranruecken. + +Die Truppen des I. Armeekorps, durch Landwehr verstaerkt, auch alles Kinder +des bedrohten Landes, werden von rechts her aus dem Nordwesten, die +Truppen des XVII. Armeekorps und I. Reservekorps zusammen mit einer +Landwehrbrigade, werden von links her aus dem Norden und Nordosten zur +Schlacht herangeholt. Auch die Soldaten des XVII. Armeekorps und +I. Reservekorps, ebenso wie die Maenner der Landwehr und des Landsturms +haben alles, was das Leben lebenswert macht, in ihrem Ruecken. + +Nicht mit einfachem Siege sondern mit Vernichtung muessen wir Samsonoff +treffen. Denn nur dadurch bekommen wir freie Haende gegen den zweiten +Feind, der zurzeit Ostpreussen pluendert und versengt, gegen Rennenkampf. +Nur so koennen wir das alte Preussenland wirklich und voellig befreien, und +nur so gewinnen wir Freiheit fuer weitere Taten, die man noch von uns +erwartet, naemlich fuer das Eingreifen in den maechtig entbrennenden +Entscheidungskampf zwischen Russland und unserem oesterreichisch-ungarischen +Verbuendeten in Galizien und Polen. Wird unser erster Schlag nicht +durchgreifend, dann bleibt die Gefahr fuer unsere Heimat wie eine +schleichende Krankheit bestehen, ungeraecht bleibt das Brennen und Morden +in Ostpreussen, und vergeblich wartet der Bundesgenosse im Sueden auf uns. + +Also ganzes Handeln! Dazu muss alles heran, was im Bewegungskrieg +einigermassen brauchbar ist und irgendwo entbehrt werden kann. Was die +Festungswaelle von Graudenz und Thorn noch an kampftauglicher Landwehr +beherbergen, wird herangezogen. Auch aus den Schuetzengraeben, die zwischen +den masurischen Seen unsere jetzige Operation im Osten decken, ruecken +unsere Wehrmaenner ab und uebergeben die dortige Verteidigung einer +verschwindenden Minderzahl braver Landstuermer. Gewinnen wir die +Feldschlacht, dann brauchen wir die Festungen Thorn und Graudenz nicht +mehr und sind der Sorgen um die Seenengen ledig. + +Gegen Rennenkampf, der wie ein Alpdruck aus dem Nordosten auf uns lasten +koennte, soll nur unsere Kavalleriedivision sowie die Hauptreserve +Koenigsberg mit zwei Landwehrbrigaden stehen bleiben. Doch koennen wir an +diesem Tage noch nicht ueberblicken, ob diese Kraefte auch wirklich genuegen. +Sie bilden in ihrer Kampfkraft ja nur einen leicht zerreissbaren Schleier, +vorausgesetzt, dass Rennenkampfs Massen marschieren, dass seine +uebermaechtigen Reitergeschwader reiten sollten, so wie wir es befuerchten +muessen. Vielleicht tun sie das aber nicht; dann genuegt der Schleier zur +Deckung unserer Schwaeche. Wir muessen es wagen in Flanke und Ruecken, um an +der entscheidenden Front stark zu sein. Hoffentlich gelingt es uns, +Rennenkampf zu taeuschen; vielleicht taeuscht er sich selbst. Der starke +Waffenplatz Koenigsberg mit seiner Besatzung und unsere Reiter koennen sich +ja in der Phantasie des Feindes zu machtvolleren Groessen erweitern. + +Wenn sich aber auch Rennenkampf zu unseren Gunsten in falschen +Vorstellungen wiegt, wird ihn nicht seine Oberste Heeresfuehrung +vorwaertstreiben in starken Maerschen nach Suedwesten und in unseren Ruecken? +Muss ihn nicht ein Hilfeschrei Samsonoffs in Bewegung aufs Kampffeld +setzen? Und wird nicht, selbst wenn der Ruf menschlicher Stimme vergeblich +verhallen sollte, der mahnende Donner der Schlacht bis zu den russischen +Linien im Norden der Seen, ja selbst bis zum feindlichen Hauptquartier +dringen? + +Vorsicht gegen Rennenkampf bleibt also noetig, wir koennen ihr aber nicht +durch Zuruecklassung starker Kampftruppen Rechnung tragen, sonst werden wir +auf dem Schlachtfelde noch schwaecher, als wir es ohnehin sind. + +Berechnen wir die gegenseitigen Staerken, zaehlen wir zu der unserigen auch +die beiden Landwehrbrigaden, die zur Zeit von Schleswig-Holstein her aus +dem Kuestenschutz heranrollen und wohl noch rechtzeitig zur Schlacht +eintreffen werden, so gibt ein Vergleich mit den wahrscheinlichen +russischen Kraeften immer noch grosse Verschiedenheiten zu unseren +Ungunsten, auch wenn Rennenkampf nicht marschieren, nicht mitkaempfen will. +Dazu kommt, dass in unseren vordersten Reihen viel Landwehr und Landsturm +fechten muss. Alte Jahrgaenge gegen beste russische Jugend. Ferner spricht +gegen uns, dass die Mehrzahl unserer Truppen und, wie es die Lage fuegt, +gerade alle, die voraussichtlich den entscheidenden Stoss fuehren muessen, +aus schweren und verlustreichen Kaempfen herankommen. Hatten sie doch den +Russen das Schlachtfeld von Gumbinnen ueberlassen muessen. Die Truppen +marschieren daher nicht mit dem stolzen Gefuehle der Sieger. Und doch +ruecken sie zur Schlacht frohen Sinnes und fester Zuversicht. Der Geist ist +gut, so wird uns gemeldet, also berechtigt er zu kraeftigen Entschluessen, +und wo er etwa gedrueckt sein sollte, da wird er durch diese kraftvollen +Entschluesse emporgerissen. So war es von jeher, sollte es diesmal anders +sein? Ich hatte keine Bedenken wegen unserer zahlenmaessigen Unterlegenheit. + +Wer in die Rechnung des Krieges nur die sichtbaren Werte einsetzt, rechnet +falsch. Ausschlaggebend sind die inneren Werte des Soldaten. Auf diese +baue ich mein Vertrauen. Ich denke mir: + +Mag der Russe auch in unser Vaterland einmarschieren, mag die Beruehrung +mit deutscher Erde sein Herz hoeher schlagen lassen, sie macht ihn nicht +zum deutschen Soldaten, und die ihn fuehren, sind keine deutschen +Offiziere. Auf den mandschurischen Schlachtfeldern hatte der russische +Soldat mit dem groessten Gehorsam gefochten, so fremd ihm auch die +politischen Absichten seiner Regierung am Stillen Ozean gewesen waren. Es +schien nicht ausgeschlossen, dass bei einem Kriege gegen die Mittelmaechte +die Begeisterung der russischen Armee fuer die Kriegsziele des Zarentums +groesser sein wuerde. Trotzdem nahm ich an, dass der russische Soldat und +Offizier auch auf dem europaeischen Kriegsschauplatz im grossen und ganzen +keine hoeheren militaerischen Eigenschaften zeigen wuerde als auf dem +ostasiatischen, und glaubte daher, statt des Minus unserer zahlenmaessigen +Unterlegenheit ein Plus an innerer Kraft in die Berechnung der +Staerkeverhaeltnisse zu unseren Gunsten aufnehmen zu koennen. + +So ist unser Plan, sind unsere Gedanken vor der Schlacht und fuer die +Schlacht. Wir fassen dieses Denken und Sollen am 23. August in einer +kurzen Meldung aus Marienburg an die Oberste Heeresleitung zusammen des +Inhalts: + + "Vereinigung der Armee am 26. August beim XX. Armeekorps fuer umfassenden + Angriff geplant." + +Am Abend des 23. August fuehrte mich ein kurzer Erholungsgang auf das +westliche Nogatufer. Von dort boten die roten Mauern des stolzen +Deutschordensschlosses, des groessten Baudenkmals baltischer Ziegelgotik, im +Abendsonnenstrahl einen gar wundersamen Anblick. Gedanken an die +Vergangenheit hehrer Ritterzeit mischten sich unwillkuerlich mit Fragen an +die verschleierte Zukunft. Der Ernst der Stimmung wurde erhoeht durch den +Anblick vorueberziehender Fluechtlinge meiner Heimatprovinz. Eine traurige +Mahnung, dass der Krieg nicht nur den wehrhaften Mann trifft, sondern dass +er durch Vernichtung der Daseinsbedingungen Wehrloser zur tausendfachen +Geissel der Menschheit wird. + +Am 24. August begab ich mich mit dem engeren Stabe in Kraftwagen zum +Generalkommando des XX. Armeekorps und kam hierbei in den Ort, von dem die +bald entbrennende Schlacht ihren Namen erhalten sollte. + +Tannenberg! Ein Wort schmerzlicher Erinnerungen fuer deutsche Ordensmacht, +ein Jubelruf slawischen Triumphes, gedaechtnisfrisch geblieben in der +Geschichte trotz mehr als 500jaehriger Vergangenheit. Ich hatte bis zu +diesem Tage das Schicksalsfeld deutscher oestlicher Kultureroberungen noch +nie betreten. Ein einfaches Denkmal zeugt dort von Heldenringen und +Heldentod. In der Naehe dieses Denkmals standen wir an einigen der +folgenden Tage, in denen sich das Geschick der russischen Armee Samsonoff +zur vernichtenden Niederlage gestaltete. + +Auf dem Wege von Marienburg nach Tannenberg vermehrten sich die Eindruecke +vom Kriegselend, das ueber die ungluecklichen Einwohner hereingebrochen war. +Massen von hilflos Fluechtenden draengten sich mit ihrer Habe auf den +Strassen und behinderten teilweise die Bewegungen unserer an den Feind +marschierenden Truppen. + +Bei dem Stabe des Generalkommandos traf ich das Vertrauen und den Willen, +die fuer das Gelingen unseres Planes unerlaesslich waren. Auch die Eindruecke +ueber die Haltung der Truppe an dieser unserer zunaechst bedenklichsten +Stelle waren guenstig. + +Der Tag brachte keine durchgreifende Klaerung, weder hinsichtlich der +Operationen Rennenkampfs noch der Bewegungen Samsonoffs. Es schien sich +nur zu bestaetigen, dass Rennenkampfs Marschtempo ein recht gemaessigtes war. +Der Grund hierfuer war nicht zu erklaeren. Von der Narewarmee erkannten wir, +dass sie sich mit ihrer Hauptmacht gegen das XX. Armeekorps vorschob. Unter +ihrem Drucke nahm das Korps seinen linken Fluegel zurueck. Diese Massregel +hatte nichts Bedenkliches an sich. Im Gegenteil. Der nachdraengende Feind +wird unserer linken Angriffsgruppe, die heute die Marschrichtung auf +Bischofsburg erhaelt, immer ausgesprochener seine rechte Flanke bieten. +Auffallend und nicht ohne Bedenken fuer uns waren dagegen feindliche +Bewegungen, die sich anscheinend gegen unseren Westfluegel und gegen +Lautenburg aussprachen. Der Eindruck bestand, dass der Russe uns hier zu +ueberfluegeln gedachte und damit den beabsichtigten Umgehungsangriff unserer +rechten Gruppe seinerseits in der Flanke fassen wuerde. + +Der 25. August brachte etwas mehr Einblick in die Bewegungen Rennenkampfs. +Seine Kolonnen marschierten von der Angerapp nach Westen, also auf +Koenigsberg. War der urspruengliche russische Operationsplan aufgegeben? +Oder war die russische Fuehrung ueber unsere Bewegungen getaeuscht und +vermutete die Hauptmasse unserer Truppen in und bei der Festung? +Jedenfalls schien nunmehr kaum noch ein Bedenken zu bestehen, gegen +Rennenkampfs gewaltige Massen nur noch einen Schleier stehen zu lassen. +Samsonoffs auffallend zoegernde Operationen richteten sich auch an diesem +Tage mit der Hauptstaerke weiter gegen unser XX. Armeekorps. Das rechte +russische Fluegelkorps marschierte zweifellos in Richtung auf Bischofsburg, +also unserem XVII. Armeekorps und I. Reservekorps entgegen, die an diesem +Tage die Gegend noerdlich dieses Staedtchens erreichten. Bei Mlawa haeuften +sich augenscheinlich weitere russische Massen. + +Mit diesem Tage ist fuer uns die Zeit des Wartens und der Vorbereitung +vorueber. Wir fuehren unser I. Armeekorps an den rechten Fluegel des XX. +heran. Der allgemeine Angriff kann beginnen. + +Der 26. August ist der erste Tag des moerderischen Ringens von Lautenburg +bis noerdlich Bischofsburg. Nicht in lueckenloser Schlachtfront sondern in +Gruppenkaempfen, nicht in einem geschlossenen Akt sondern in einer Reihe +von Schlaegen beginnt das Drama sich abzuspielen, dessen Buehne sich auf +mehr denn hundert Kilometer Breite erstreckt. + +Auf dem rechten Fluegel fuehrt General von Francois seine braven Ostpreussen. +Sie schieben sich gegen Usdau heran, um am naechsten Tag den Schluesselpunkt +dieses Teiles des suedlichen Kampffeldes zu stuermen. Auch General von +Scholtz' praechtiges Korps befreit sich allmaehlich aus den Fesseln der +Verteidigung und beginnt zum Angriff zu schreiten. Erbitterter ist der +Kampf schon am heutigen Tage bei Bischofsburg. Dort wird bis zum Abend von +unserer Seite gruendliche Kampfarbeit getan. In kraeftigen Schlaegen wird das +rechte Fluegelkorps Samsonoffs durch Mackensens und Belows Truppen +(XVII. Armeekorps und I. Reservekorps) sowie durch Landwehr zerschlagen +und weicht auf Ortelsburg. Die Groesse des eigenen Erfolgs ist aber noch +nicht zu erkennen. Die Fuehrer erwarten fuer den folgenden Tag erneuten +starken Widerstand suedlich des heutigen Kampffeldes. Doch sie sind guter +Zuversicht. + +Da erhebt sich scheinbar von Rennenkampfs Seite drohende Gefahr. Man +meldet eines seiner Korps im Vormarsch ueber Angerburg. Wird dieses nicht +den Weg in den Ruecken unserer linken Stossgruppe finden? Ferner kommen +beunruhigende Nachrichten aus der Flanke und dem Ruecken unseres westlichen +Fluegels. Dort bewegt sich im Sueden starke russische Kavallerie. Ob +Infanterie ihr folgt, ist nicht festzustellen. Die Krisis der Schlacht +erreicht ihren Hoehepunkt. Die Frage draengt sich uns auf: wie wird die Lage +werden, wenn sich bei solch gewaltigen Raeumen und bei dieser feindlichen +Ueberlegenheit die Entscheidung noch tagelang hinzieht? Ist es +ueberraschend, wenn ernste Gedanken manches Herz erfuellen; wenn +Schwankungen auch da drohen, wo bisher nur festester Wille war; wenn +Zweifel sich auch da einstellen, wo klare Gedanken bis jetzt alles +beherrschten? Sollten wir nicht doch gegen Rennenkampf uns wieder +verstaerken und lieber gegen Samsonoff nur halbe Arbeit tun? Ist es nicht +besser, gegen die Narewarmee die Vernichtung nicht zu versuchen, um die +eigene Vernichtung sicher zu vermeiden? Wir ueberwinden die Krisis in uns, +bleiben dem gefassten Entschlusse treu und suchen weiter die Loesung mit +allen Kraeften im Angriff. Demnach rechter Fluegel unentwegt weiter auf +Neidenburg und linke Stossgruppe "um 4 Uhr morgens antreten und mit groesster +Energie handeln", so etwa lautete der Befehl. + +Der 27. August zeigt, dass der Erfolg des I. Reservekorps und +XVII. Armeekorps bei Bischofsburg am vorhergehenden Tage ein +durchschlagender gewesen ist. Der Gegner ist nicht nur gewichen, sondern +flieht vom Schlachtfeld. Des weiteren ueberblickt man, dass Rennenkampf nur +in der Phantasie eines Fliegers in unseren Ruecken marschiert. In +Wirklichkeit bleibt er in langsamem Vorgehen auf Koenigsberg. Sieht er +nicht oder will er nicht sehen, dass das Verderben gegen die rechte Flanke +Samsonoffs schon im vollen Vorschreiten ist und dass es auch gegen dessen +linken Fluegel andauernd waechst? Denn an diesem Tage erstuermen Francois und +Scholtz die feindlichen Stellungen bei Usdau und noerdlich und schlagen den +suedlichen Gegner. Mag nunmehr die feindliche Mitte weiter nach +Allenstein-Hohenstein vordringen, sie findet dort nicht mehr den Sieg, +sondern nur noch das Verderben. Die Lage ist fuer uns klar; wir geben am +Abend des Tages den Befehl zum Einkreisen der Kernmasse des Gegners, +naemlich seines XIII. und XV. Armeekorps. + +Waehrend des 28. August geht das blutige Ringen weiter. + +Der 29. sieht einen grossen Teil der russischen Hauptkraefte bei Hohenstein +der endgueltigen Vernichtung anheimfallen. Ortelsburg wird von Norden, +Willenberg ueber Neidenburg von Westen erreicht. Der Ring um Tausende und +Abertausende von Russen beginnt sich zu schliessen. Viel russisches +Heldentum ficht freilich auch in dieser verzweiflungsvollen Lage noch +weiter fuer den Zaren, die Ehre der Waffen rettend, aber nicht mehr die +Schlacht. + +Rennenkampf marschiert immer noch ruhig weiter auf Koenigsberg. Samsonoff +ist verloren, auch wenn sein Kamerad jetzt noch zu anderer und besserer +kriegerischer Einsicht kommen sollte. Denn schon koennen wir Truppen aus +der Schlachtfront ziehen zur Deckung unseres Vernichtungswerks, das sich +in dem grossen Kessel Neidenburg-Willenberg-Passenheim vollzieht und in dem +der verzweifelnde Samsonoff den Tod sucht. Aus diesem Kessel heraus kommen +groesser und groesser werdende russische Gefangenenkolonnen. In ihrem +Erscheinen tritt der reifende Erfolg der Schlacht immer klarer zutage. Ein +eigenartiger Zufall wollte es, dass ich in Osterode, einem unserer +Unterkunftsorte waehrend der Schlacht, den einen der beiden gefangenen +russischen Kommandierenden Generale in dem gleichen Gasthofe empfing, in +dem ich im Jahre 1881 auf einer Generalstabsreise als junger +Generalstabsoffizier einquartiert gewesen war. Der andere meldete sich am +folgenden Tage bei mir in einer von uns zu Geschaeftsraeumen umgewandelten +Schule. + +Schon waehrend der Kaempfe konnten wir das teilweise praechtige +Soldatenmaterial betrachten, ueber das der Zar verfuegte. Nach meinen +Eindruecken befanden sich darunter zweifellos bildungsfaehige Elemente. Ich +nahm bei dieser Gelegenheit, wie schon 1866 und 1870 wahr, wie rasch der +deutsche Offizier und Soldat in seinem seelischen Empfinden und in seinem +sachlichen Urteil in dem gefangenen Gegner den gewesenen Feind vergisst. +Die Kampfeswut unserer Leute ebbt ueberraschend schnell zu ruecksichtsvollem +Mitgefuehl und menschlicher Guete ab. Nur gegen die Kosaken erhob sich +damals der allgemeine Zorn. Sie wurden als die Ausfuehrer all der +vertierten Roheiten betrachtet, unter denen Ostpreussens Volk und Land so +grausam zu leiden hatten. Dem Kosak schlug anscheinend sein schlechtes +Gewissen, denn er entfernte, wo und wie er immer konnte, bei drohender +Gefangennahme die Abzeichen, die seine Waffenzugehoerigkeit kenntlich +machten, naemlich die breiten Streifen an den Hosen. + +Am 30. August macht der Gegner im Osten und Sueden den Versuch, mit +frischen und wiedergesammelten Truppen unseren Einschliessungsring von +aussen her zu sprengen. Von Myszyniec, also aus der Richtung Ostrolenka, +fuehrt er neue starke Kraefte auf Neidenburg und Ortelsburg gegen unsere +Truppen, die schon das russische Zentrum voellig einkreisen und daher dem +anrueckenden Gegner den Ruecken bieten. Gefahr ist im Verzug; um so mehr, +als von Mlawa anrueckende feindliche Kolonnen nach Fliegermeldung 35 km +lang, also sehr stark sein sollen. Doch halten wir fest an unserem grossen +Ziele. Die Hauptmacht Samsonoffs muss umklammert und vernichtet werden. +Francois und Mackensen werfen dem neuen Feind ihre freilich nur noch +schwachen Reserven entgegen. An ihnen scheitert der russische Versuch, die +Katastrophe Samsonoffs zu mildern. Waehrend Verzweiflung den Umklammerten +ergreift, hat Mattherzigkeit die Tatkraft desjenigen gelaehmt, der die +Befreiung haette bringen koennen. Auch in dieser Beziehung bestaetigen die +Ereignisse auf dem Schlachtfelde von Tannenberg die alten menschlichen und +soldatischen Erfahrungen. + +Unser Feuerkreis um die dichtgedraengten, bald hierhin, bald dorthin +stuerzenden russischen Haufen wird mit jeder Stunde fester und enger. + +Rennenkampf scheint an diesem Tage die Deimelinie oestlich Koenigsberg +zwischen Labiau und Tapiau angreifen zu wollen. Seine Kavalleriemassen +naehern sich aus Richtung Landsberg-Bartenstein dem Schlachtfeld von +Tannenberg. Wir aber haben bereits starke, siegesfrohe, wenn auch ermuedete +Kraefte zur etwaigen Abwehr bei Allenstein gesammelt. + +Der 31. August ist fuer unsere noch kaempfenden Truppen der Tag der +Schlussernte, fuer unser Oberkommando der Tag des Ueberlegens ueber +Weiterfuehrung der Operationen, fuer Rennenkampf der Tag der Rueckkehr in die +Linie Deime-Allenburg-Angerburg. + +Schon am 29. August hatte mir der Gang der Ereignisse ermoeglicht, meinem +Allerhoechsten Kriegsherrn den voelligen Zusammenbruch der russischen +Narewarmee zu melden. Noch am gleichen Tage erreichte mich auf dem +Schlachtfelde der Dank Seiner Majestaet, auch im Namen des Vaterlandes. Ich +uebertrug diesen Dank im Herzen wie in Worten auf meinen Generalstabschef +und auf unsere herrlichen Truppen. + +Am 31. August konnte ich meinem Kaiser und Koenig folgendes berichten: + + "Eurer Majestaet melde ich alluntertaenigst, dass sich am gestrigen Tage + der Ring um den groessten Teil der russischen Armee geschlossen hat. + XIII., XV. und XVIII. Armeekorps sind vernichtet. Es sind bis jetzt ueber + 60.000 Gefangene, darunter die Kommandierenden Generale des XIII. und + XV. Armeekorps. Die Geschuetze stecken noch in den Waldungen und werden + zusammengebracht. Die Kriegsbeute, im einzelnen noch nicht zu uebersehen, + ist ausserordentlich gross. Ausserhalb des Ringes stehende Korps, das I. + und VI., haben ebenfalls schwer gelitten, sie setzen fluchtartig den + Rueckzug fort ueber Mlawa und Myszyniec." + +Die Truppen und ihre Fuehrer hatten Gewaltiges geleistet. Nun lagerten die +Divisionen in den Biwaks und das Dankeslied der Schlacht von Leuthen +schallte aus ihrer Mitte. + +In unserem neuen Armeehauptquartier Allenstein betrat ich die Kirche in +der Naehe des alten Ordensschlosses waehrend des Gottesdienstes. Als der +Geistliche das Schlussgebet sprach, sanken alle Anwesenden, junge Soldaten +und alte Landstuermer, unter dem gewaltigen Eindruck des Erlebten auf die +Knie. Ein wuerdiger Abschluss ihrer Heldentaten. + + + + Die Schlacht an den masurischen Seen + + +Der Gefechtslaerm auf dem Schlachtfelde von Tannenberg war noch nicht +verstummt, als wir die Vorbereitungen fuer den Angriff auf die Armee +Rennenkampf begannen. Am 31. August abends traf folgende telegraphische +Weisung der Obersten Heeresleitung ein: + + "XI. Armeekorps, Garde-Reserve-Korps, 8. Kavalleriedivision werden zur + Verfuegung gestellt. Transport hat begonnen. Zunaechst wird Aufgabe der + 8. Armee sein, Ostgrenze von Armee Rennenkampf zu saeubern. + + Verfolgung des letztgeschlagenen Gegners mit entbehrlichen Teilen in + Richtung Warschau ist mit Ruecksicht auf die Bewegungen der Russen von + Warschau auf Schlesien erwuenscht. + + Weitere Verwendung der 8. Armee, wenn es die Lage in Ostpreussen + gestattet, in Richtung Warschau in Aussicht zu nehmen." + +Der Befehl entsprach durchaus der Lage. Er stellte uns das Ziel klar hin +und ueberliess uns Mittel und Wege zur Ausfuehrung. Wir glaubten annehmen zu +duerfen, dass die ehemalige Armee Samsonoffs nur noch aus Truemmern bestand, +die sich entweder schon hinter den Narew in Sicherheit gebracht hatten, +oder auf dem Weg dahin waren. Mit ihrer Auffrischung war zu rechnen. Es +musste jedoch darueber geraume Zeit vergehen. Fuer jetzt schien es genuegend, +diese Reste durch schwache Truppen laengs unseres suedlichen Grenzstreifens +ueberwachen zu lassen. Alles uebrige musste zur neuen Schlacht heran. Selbst +das Eintreffen der Verstaerkungen aus dem Westen erlaubte uns nach unserer +Anschauung nicht, jetzt schon Kraefte ueber die Narewlinie hinueber gegen +Sueden einzusetzen. + +Was das Wort "Warschau" im zweiten Teil des Befehls zu bedeuten hat, ist +uns klar. Nach vereinbartem Kriegsplan sollte die +oesterreichisch-ungarische Heeresmacht von Galizien aus mit dem Schwerpunkt +gegen den oestlichen Teil des russischen Polens in Richtung Lublin +angreifen, waehrend deutsche Kraefte von Ostpreussen her dem Verbuendeten ueber +den Narew hinweg die Hand zu reichen hatten. Ein grosser und schoener +Gedanke, der aber, so wie die Dinge lagen, bedenkliche Schwaechen aufwies. +Er rechnete nicht damit, dass Oesterreich-Ungarn eine starke Armee an die +serbische Grenze schickte, nicht damit, dass Russland schon ein paar Wochen +nach Kriegsausbruch voll geruestet an der Grenze stehen konnte, nicht +damit, dass 800.000 Moskowiter gegen Ostpreussen eingesetzt werden, am +allerwenigsten aber damit, dass er in all seinen Einzelheiten an den +russischen Generalstab schon im Frieden verraten werden wuerde. + +Jetzt ist das oesterreichisch-ungarische Heer nach ueberkuehnem Ansturm gegen +die russische Uebermacht in schwerste frontale Kaempfe verwickelt, ohne dass +wir augenblicklich in der Lage sind, unmittelbar zu helfen, wenngleich wir +starke feindliche Kraefte fesseln. Der Verbuendete muss auszuhalten +versuchen, bis wir auch noch Rennenkampf geschlagen haben. Erst dann sind +wir zur Hilfeleistung befaehigt, wenn auch nicht mit unserer gesamten +Staerke, so doch mit ihrem groessten Teile. + +Rennenkampf steht, wie bekannt, in der Linie +Deime-Allenburg-Gerdauen-Angerburg. Was die Gegend suedoestlich von den +masurischen Seen fuer gegnerische Geheimnisse birgt, wissen wir nicht. Das +Gebiet von Grajewo ist jedenfalls verdaechtig. Dort herrscht viel Unruhe. +Noch verdaechtiger ist das Gebiet im Ruecken der Njemenarmee. Da ist ein +staendiges Marschieren und Fahren und anscheinend eine Bewegung nach +Suedwesten und Westen. Rennenkampf erhaelt zweifellos Verstaerkungen. Die +russischen Reservedivisionen in der Heimat sind ja schlagbereit geworden. +Vielleicht werden bis jetzt auch noch einzelne Korps verfuegbar, deren die +russische Oberste Heeresleitung gegen die Oesterreicher in Polen nicht mehr +zu beduerfen glaubt. Schickt man diese Verbaende zu Rennenkampf oder in +seine Naehe, sei es zur unmittelbaren Stuetze, sei es zu einem Schlage gegen +uns aus ueberraschender Richtung? + +Rennenkampf verfuegt, soweit wir es beurteilen koennen, ueber mehr als +20 Infanteriedivisionen und steht still, bleibt es auch, waehrend unsere +Transporte aus dem Westen heranrollen und zum Kampfe gegen ihn +aufmarschieren. Warum benutzt er die Zeit unserer groessten Schwaeche, die +Zeit der Ermuedung unserer Truppen, ihrer Massenanhaeufung auf dem +Schlachtfelde von Tannenberg nicht, um uns anzufallen? Warum laesst er uns +Zeit, die Truppen zu entwirren, neu aufzumarschieren, auszuruhen, Ersatz +heranzuziehen? Der russische Fuehrer ist doch bekannt als vortrefflicher +Soldat und General. Als Russland in Ostasien kaempfte, klang unter allen +russischen Fuehrern der Name Rennenkampf am hellsten. War sein Ruhm damals +uebertrieben? Oder hat der General seine kriegerischen Eigenschaften in der +Zwischenzeit verloren? + +Der soldatische Beruf hat schon manchmal selbst starke Naturen +ueberraschend schnell erschoepft. Wo in einem Jahre noch triebkraeftiger +Verstand, vorwaertsdraengender Wille vorhanden war, da ist vielleicht im +naechsten schon ein unfruchtbarer Kopf, ein mattes Herz zu finden gewesen. +Das war schon vielfach die Tragik soldatischer Groesse. + +Wir haben Rennenkampfs Schuldbuch ueber Tannenberg aufgeschlagen und +geschlossen. Begeben wir uns jetzt in Gedanken in sein Hauptquartier +Insterburg, nicht um ihn anzuklagen, sondern um ihn zu verstehen. + +Die Niederlage Samsonoffs zeigte dem General Rennenkampf, dass in +Koenigsberg doch nicht die Masse der deutschen 8. Armee stand, wie er +angenommen hatte. Starke Kraefte vermutet er aber jedenfalls immer noch in +diesem maechtigen Waffenplatze. Daran vorbeizumarschieren, sich auf die +siegreiche deutsche Armee in der Gegend von Allenstein zu stuerzen, scheint +also gewagt, zu gewagt. Es waere mindestens ein unsicheres Unternehmen. +Sicherer ist es, in den starken Verteidigungsstellungen zwischen Kurischem +Haff und masurischen Seen zu bleiben. Gegen diese Stellungen koennen die +Deutschen ihre Kunst des Umgehens und Umfassens von Norden her ueberhaupt +nicht, von Sueden aus nur schwer durchfuehren. Rennen sie gegen die Front +an, so stuerzt man sich mit zurueckgehaltenen gewaltigen Reserven auf ihre +zusammengeschossenen Truppen. Wagen sie das Unwahrscheinliche, und dringen +sie durch die Engnisse des Seengebietes, so faellt man von Norden auf die +linke Flanke ihrer Umgehungskolonnen, waehrend man eine neugebildete +Kampfgruppe aus Richtung Grajewo in ihre rechte Seite und in ihren Ruecken +wirft. Gelingt von alledem nichts, gut - so geht man nach Russland zurueck. +Russland ist gross, die befestigte Njemenlinie ist nahe. Keine operative +Notwendigkeit kettet Rennenkampf weiter an Ostpreussen. Der Operationsplan +im Zusammenwirken mit Samsonoff ist ja gescheitert, und, weil dessen Armee +in hoffnungsvollem Vorwaertsstuermen zugrunde ging, so ist es jetzt das +beste vorsichtig zu sein. + +So kann Rennenkampf gedacht haben. Und Kritiker behaupten auch, er haette +so gedacht. Aus keinem dieser Gedanken spricht freilich ein grosser +Entschluss. Sie bewegen sich in wenig kuehnen Bahnen. Und doch kann ihre +Ausfuehrung uns betraechtliche unmittelbare Krisen schaffen und auf die +allgemeine Lage im Osten bedenkliche Wirkung ausueben. Die grosse +zahlenmaessige Ueberlegenheit der Njemenarmee haette genuegt, um auch unsere +jetzt verstaerkte 8. Armee zu zertruemmern. Ein vorzeitiger Rueckzug +Rennenkampfs aber braechte uns um die Fruechte unserer neuen Operation und +macht uns die Richtung auf Warschau und damit die Unterstuetzung +Oesterreichs auf absehbare Zeit hinaus unmoeglich. + +Wir muessen also vorsichtig und unternehmend zugleich sein. Diese +Doppelforderung verleiht der Anlage unserer nun beginnenden Bewegungen +ihren eigentuemlichen Charakter. In breiter Front von Willenberg bis gegen +Koenigsberg hin bauen wir unsere Front auf. Bis zum 5. September ist dies +im allgemeinen geschehen, dann geht es vorwaerts. 4 Korps (XX., XI., +I. Reserve und Garde-Reserve) und die Truppen aus Koenigsberg, also +verhaeltnismaessig starke Kraefte, gehen gegen die Linie Angerburg-Deime, +d. h. gegen die feindliche Front vor. 2 Korps (I. und XVII.) sollen durch +das Seengebiet dringen; die 3. Reservedivision hat, als rechte Staffel +unseres umfassenden Fluegels, suedlich der masurischen Seen herum zu folgen, +waehrend die 1. und 8. Kavalleriedivision sich hinter den Korps zum +Losreiten bereit halten, sobald die Seenengen geoeffnet sind. Das sind die +Kraefte gegen Rennenkampfs Flanke. Also andere Verhaeltnisse wie bei den +Bewegungen, die zum Siege von Tannenberg fuehrten. Die Sicherheit gegen +Rennenkampfs starke Reserven veranlasst uns zu dieser Gruppierung der +Kraefte. Auf diese Weise breitet sich unser Angriff in der Staerke von +14 Infanteriedivisionen trotzdem noch auf ueber 150 km Front aus. Wird der +Gegner sie zerreissen? + +Wir naehern uns am 6. und 7. den russischen Verteidigungslinien und +beginnen klarer zu sehen. Starke russische Massen bei Insterburg und +Wehlau, vielleicht noch staerkere noerdlich Nordenburg. Sie bleiben zunaechst +unbeweglich und stoeren unsere Kampfentwickelung vor ihrer Front nicht. + +Unsere beiden rechten Korps, das I. und XVII., beginnen am 7. September +die Seenkette zu durchbrechen, die 3. Reservedivision schlaegt bei Bialla +in glaenzendem Gefecht die Haelfte des XXII. russischen Korps in Truemmer. +Wir treten in die Krisis unserer neuen Operation ein. Die naechsten Tage +muessen zeigen, ob Rennenkampf entschlossen ist, zum Gegenangriff zu +schreiten, ob sein Wille hierzu so stark ist, wie seine Mittel es sind. Zu +seiner an sich schon bedeutenden bisherigen Ueberlegenheit scheinen drei +weitere Reservedivisionen das Schlachtfeld erreicht zu haben. Erwartet der +russische Fuehrer noch mehr? Russland hat mehr als 3 Millionen Kampfsoldaten +an seiner Westfront; die oesterreichisch-ungarische Heeresmacht und wir +zaehlen demgegenueber kaum ein Dritteil. + +Am 8. September entbrennt die Schlacht auf der ganzen Linie. Unser +frontaler Angriff kommt nicht vorwaerts, auf unserem rechten Fluegel geht es +besser. Dort haben die beiden Korps die feindliche Seensperre durchbrochen +und nehmen Richtung nach Nord und Nordost. Unser Ziel sind nunmehr die +gegnerischen rueckwaertigen Verbindungen. Unsere Reitergeschwader scheinen +freie Bahn dorthin zu haben. + +Am 9. tobt die Schlacht weiter, in der Front, von Angerburg bis zum +Kurischen Haff, ohne bemerkenswertes Ergebnis, dagegen mit kuehnem +Vorschreiten unsererseits oestlich der Seen, wenngleich die beiden +Kavalleriedivisionen unerwarteten Widerstand nicht in der gewuenschten +Schnelligkeit zu brechen vermoegen. Die 3. Reservedivision schlaegt einen +vielfach ueberlegenen Gegner bei Lyck und befreit uns so endgueltig von der +Sorge im Sueden. + +Wie ist es dagegen im Norden? Bei und westlich Insterburg glauben unsere +Flieger nunmehr deutlich zwei feindliche Korps feststellen zu koennen und +ein weiteres solches Korps wird im Anmarsch ueber Tilsit gesehen. Was wird +das Schicksal unserer duenngestreckten, frontal kaempfenden Korps sein, wenn +eine russische Menschenlawine von gegen 100 Bataillonen, gefuehrt von +festem, einheitlichem Willen, sich auf sie stuerzt? Ist es trotzdem +verstaendlich, wenn wir am Abend dieses 9. September wuenschen und sprechen: +"Rennenkampf, weiche ja nicht aus deiner fuer uns unbezwinglichen Front, +pfluecke Lorbeeren im Angriff aus deiner Mitte!" Wir hatten jetzt volle +Zuversicht, dass wir solche Lorbeeren dem feindlichen Fuehrer durch kraeftige +Fortfuehrung unseres Fluegelangriffes wieder entreissen wuerden. Leider +erkennt der russische Fuehrer diese unsere Gedanken; er findet nicht den +Entschluss, ihnen mit Gewalt zu begegnen, und senkt die Waffen. + +In der Nacht vom 9. auf den 10. dringen unsere Patrouillen bei Gerdauen in +die feindlichen Graeben und finden sie leer. "Der Gegner geht zurueck." Die +Meldung scheint uns unglaubwuerdig. Das I. Reservekorps will sofort von +Gerdauen gegen Insterburg antreten. Wir mahnen zur Vorsicht. Erst um +Mittag des 10. muessen wir das Unwahrscheinliche und Unerwuenschte glauben. +Der Gegner hat in der Tat den allgemeinen Rueckzug begonnen, wenn er auch +da und dort noch erbittert Widerstand leistet, ja sogar uns starke Massen +in zusammenhanglosen Angriffen entgegenwirft. Unsere ganze Front ist in +vollem Vorgehen begriffen. Jetzt gilt es, unsere rechten Fluegelkorps und +Kavalleriedivisionen scharf nach Nordosten gerichtet heran an die +feindlichen Verbindungen von Insterburg auf Kowno zu bringen. + +Wir treiben vorwaerts! Ungeduld ist, wenn irgendwann und -wo, so jetzt und +hier begreiflich. Rennenkampf weicht unentwegt. Auch er scheint ungeduldig +zu sein. Jedoch unsere Ungeduld zielt auf Erfolg, die seinige bringt +Verwirrung und Aufloesung. + +Die Korps der Njemenarmee marschieren zum Teil in dreifachen, dicht +nebeneinander gedraengten Kolonnen Russland zu. Die Bewegung vollzieht sich +langsam, sie muss durch Entgegenwerfen starker Kraefte gegen die +nachdraengenden Deutschen gedeckt werden. Daher wird besonders der +11. September zum blutigen Kampftag von Goldap bis hin zum Pregel. + +Am Abend dieses Tages sind wir uns klar, dass nur noch wenig Tage zur +Durchfuehrung der Verfolgung zur Verfuegung stehen. Die Entwickelung der +Gesamtlage auf dem oestlichen Kriegsschauplatz macht sich in voller Wucht +geltend. Wir ahnen mehr, als dass wir es aus bestimmt lautenden Nachrichten +ersehen koennen: die Operation unseres Verbuendeten in Polen und Galizien +ist gescheitert! An unser Nachstossen hinter Rennenkampf ueber den Njemen +hinaus ist jedenfalls nicht zu denken. Soll aber unsere Operation nicht +noch im letzten Augenblick innerhalb des grossen Rahmens als gescheitert +gelten, so darf die feindliche Armee den schuetzenden Njemen-Abschnitt nur +derartig geschwaecht und erschuettert erreichen, dass die Hauptmasse unserer +Verbaende zum dringend notwendig gewordenen Zusammenwirken mit dem +oesterreichisch-ungarischen Heere freigemacht werden kann. + +Am 12. September erreicht die 3. Reservedivision Suwalki, also russischen +Boden. Mit knapper Not entgeht der Suedfluegel Rennenkampfs der Einkesselung +durch unser I. Armeekorps suedlich Stallupoenen. Glaenzend sind die +Leistungen einzelner unserer verfolgenden Truppen. Sie marschieren und +kaempfen, und marschieren wieder, bis die Soldaten vor Muedigkeit +niederstuerzen. Andererseits ziehen wir heute schon das Gardereservekorps +aus der Kampffront, um es fuer weitere Operationen bereitzustellen. + +An diesem Tage trifft unser Oberkommando in Insterburg ein, das seit dem +11. wieder in deutschem Besitz ist. Ich bin also nicht bloss in Gedanken, +sondern auch in Wirklichkeit auf der breiten ostpreussischen Landstrasse, +vorbei an unseren siegreich ostwaerts schreitenden Truppen und an westwaerts +ziehenden russischen Gefangenenkolonnen in das bisherige Hauptquartier +Rennenkampfs gekommen. In den eben erst verlassenen Raeumen merkwuerdige +Spuren russischer Halbkultur. Der aufdringliche Geruch von Parfuem, Juchten +und Zigaretten vermag nicht, den Gestank anderer Dinge zu verdecken. + +Genau ein Jahr spaeter, an einem Sonntag, kam ich von einem eintaegigen +Jagdausflug zurueckkehrend durch Insterburg. Auf dem Marktplatz wurde mein +Kraftwagen zurueckgewiesen, weil dort eine Dankesfeier zur Erinnerung an +die Befreiung der Stadt von der Russennot begangen werden sollte. Ich +musste einen Umweg machen. _Sic transit gloria mundi!_ Man hatte mich nicht +erkannt. + +Am 13. September erreichen unsere Truppen Eydtkuhnen und feuern in die +zurueckflutenden russischen Scharen hinein. Unsere Artilleriegeschosse +sprengen die dichtgedraengten Haufen auseinander, der Herdentrieb fuehrt sie +wieder zusammen. Leider kommen wir auch an diesem Tage nicht an die grosse +Chaussee Wirballen-Wylkowyszki heran. Der Gegner weiss, dass dies fuer einen +grossen Teil seiner haltlos gewordenen Kolonnen die Vernichtung bedeuten +wuerde. Er wirft deshalb unseren ermattenden Truppen suedlich der Strasse +alles entgegen, was er an kampfwilligen Verbaenden noch zur Hand hat. Nur +noch ein einziger Tag bleibt uns zur Verfolgung. Nach diesem werden sich +die Truppen Rennenkampfs in das Wald- und Sumpfgelaende westlich der +Njemenstrecke Olita-Kowno-Wileny gefluechtet haben. Dorthin koennen wir +ihnen nicht nachdraengen. + +Am 15. September waren die Kaempfe beendet. Die Schlacht an den masurischen +Seen schloss auf russischem Boden, nach einer Verfolgung von ueber 100 km, +von uns zurueckgelegt innerhalb 4 Tagen. Die Masse unserer Verbaende war +beim Abschluss der Kaempfe zu neuer Verwendung bereit. + +Es ist mir nicht moeglich, hier auch noch auf die glaenzenden Leistungen +einzugehen, die die Landwehr-Division von der Goltz und andere +Landwehrformationen im Angriff gegen mehrfache feindliche Ueberlegenheit im +suedlichen Grenzgebiet und zum Schutze unserer rechten Flanke fast bis zur +Weichsel hin in diesen Tagen gezeigt haben. Der Schluss dieser Kaempfe +dauerte ueber meine Kommandofuehrung bei der 8. Armee hinaus an. Er fand +unsere Truppen bis Ciechanowo, Przasnysz und Augustowo vorgedrungen. + + + + + Der Feldzug in Polen + + + + Abschied von der achten Armee + + +Anfangs September hatten wir aus dem oesterreichisch-ungarischen +Hauptquartier gehoert, dass die Armeen bei Lemberg durch starke russische +Ueberlegenheiten sehr gefaehrdet waeren, und dass ein weiteres Vorgehen der +k. u. k. 1. und 4. Armee eingestellt sei. + +Seit dieser Zeit verfolgten wir gespannt die dortigen Vorgaenge und hoerten +noch mehr und noch Schlimmeres. Den Zusammenhang der Ereignisse erklaeren +am besten nachstehende Telegramme: + +Von uns an die Oberste Heeresleitung am 10. September 1914: + + "Erscheint mir fraglich, ob Rennenkampf entscheidend geschlagen werden + kann, da Russen heute fruehzeitig Rueckmarsch angetreten haben. Fuer + Weiterfuehrung der Operationen kommt Versammlung einer Armee in Schlesien + in Frage. Koennen wir auf weitere Verstaerkungen aus Westen rechnen? Hier + koennen zwei Armeekorps abgegeben werden." + +Das war am 10. September, also an dem Tage, an dem Rennenkampf +ueberraschend fuer uns nach Osten seinen Rueckzug begann. + +Von der Obersten Heeresleitung an uns am 13. September 1914: + + "Baldigst zwei Armeekorps freimachen und bereitstellen fuer Abtransport + nach Krakau!" ... + +Krakau? Merkwuerdig! So meinen wir und sprechen noch einiges mehr darueber. +Stutzig geworden drahten wir daher folgendes an die Oberste Heeresleitung: + + 13. September 14. + + "Verfolgung morgen beendet. Sieg scheint vollstaendig. Offensive gegen + Narew in entscheidender Richtung in etwa 10 Tagen moeglich. Oesterreich + erbittet aber wegen Rumaeniens direkte Unterstuetzung durch Verlegung der + Armee nach Krakau und Oberschlesien. Verfuegbar dazu vier Armeekorps und + eine Kavalleriedivision. Bahntransport allein dauert etwa 20 Tage. Lange + Maersche nach oesterreichischem linken Fluegel. Hilfe kommt dort spaet. + Bitte um Entscheidung. Armee muesste dort jedenfalls Selbstaendigkeit + behalten." + +Das war an dem Tage, an dem Rennenkampf mit Verlust von nicht nur einigen +Federn sondern eines ganzen Fluegels und auch sonst noch erheblich +angeschossen zwischen den Njemensuempfen zu verschwinden begann. + +Antwort der Obersten Heeresleitung an uns vom 14. September 1914: + + "Operation ueber Narew wird in jetziger Lage der Oesterreicher nicht mehr + erfolgversprechend gehalten. Unmittelbare Unterstuetzung der Oesterreicher + ist politisch erforderlich. + + Operationen aus Schlesien kommen in Frage ... + + Selbstaendigkeit der Armee bleibt auch bei gemeinsamer Operation mit den + Oesterreichern bestehen." + +Also doch! - - + +Es gibt ein Buch "Vom Kriege", das nie veraltet. Clausewitz ist sein +Verfasser. Er kannte den Krieg und kannte die Menschen. Wir hatten auf ihn +zu hoeren, und wenn wir ihm folgten, war es uns zum Segen. Das Gegenteil +bedeutete Unheil. Er warnte vor Uebergriffen der Politik auf die Fuehrung +des Krieges. Weit entfernt bin ich jetzt davon, mit diesen Worten eine +Verurteilung des damals erhaltenen Befehls auszusprechen. Mag ich 1914 in +Gedanken und Worten kritisiert haben, heute habe ich meinen Lehrgang +vollendet durch die Schule der rauhen Wirklichkeit, durch die Leitung +eines Koalitionskrieges. Erfahrung wirkt mildernd auf die Kritik, ja sie +zeigt vielfach deren Unwert! Wir haetten freilich manchmal waehrend des +Krieges versucht sein koennen zu denken: "Wohl dem, dessen soldatisches +Gewissen leichter ist als das unsere, der den Kampf zwischen kriegerischer +Ueberzeugung und politischen Forderungen leichter ueberwindet als wir." +Politisch Lied, ein garstig Lied! Ich wenigstens habe selten Harmonien in +diesem Liede waehrend des Krieges empfunden, Harmonien, die in einem +soldatischen Herzen angeklungen haetten. Hoffentlich werden andere, wenn +die Not des Vaterlandes wieder einmal den Kampf fordern sollte, in dieser +Beziehung gluecklicher sein, als wir es waren! + +Am 15. September musste ich mich von General Ludendorff trennen. Er war zum +Chef der in Oberschlesien neuzubildenden 9. Armee ernannt worden. Doch +schon am 17. September ordnete Seine Majestaet der Kaiser an, dass ich den +Befehl ueber diese Armee zu uebernehmen haette, gleichzeitig aber auch die +Verfuegung ueber die zum Schutze Ostpreussens zurueckbleibende, nunmehr durch +Abgabe des Garde-Reserve-Korps, des XI., XVII. und XX. Armeekorps sowie +der 8. Kavalleriedivision an die 9. Armee geschwaechte 8. Armee +beibehielte. Die Trennung von meinem bisherigen Generalstabschef war also +lediglich ein kleines Zwischenspiel gewesen. Ich erwaehne sie nur, weil +sich auch ihrer die Legende entstellend bemaechtigt hat. + +Am 18. September verlasse ich in frueher Morgenstunde das Hauptquartier der +8. Armee Insterburg, um im Kraftwagen in zweitaegiger Fahrt ueber Posen die +schlesische Hauptstadt Breslau zu erreichen. Die Fahrt ging zunaechst ueber +die Schlachtfelder der letzten Wochen, dankerfuellte Erinnerungen an unsere +Truppen ausloesend. Anfaenglich durch verlassene, niedergebrannte +Wohnstaetten, dann allmaehlicher Eintritt in unberuehrte Gebiete, Landvolk +wieder nach Osten wandernd, seinen verlassenen Heimstaetten zustrebend. +Bewaehrtes Landvolk, der beste Untergrund unserer Kraft. Meine Gedanken +begleiten es hin zu den vielleicht rauchgeschwaerzten Truemmern seiner +Haeuser, ein Anblick, vor dem es laenger als hundert Jahre dank der +Tuechtigkeit unserer Heeresmacht bewahrt geblieben war. Weiter fort bis zur +Weichsel durch schlichte Doerfer und Staedte, kaum irgendwo Spuren des +Glanzes alter westlicher Kultur! Kolonisationsboden Deutschlands, fuer +dessen Besiedelung seinerzeit das zerrissene Vaterland wahrlich nicht die +schlechtesten Kraefte abgab. Sein wertvollster Schatz liegt in der Arbeit +und der Gesinnung seiner Bewohner. Ein einfaches, pflichttreu denkendes +Volk. Es ist mir, wie wenn Kants Lehre vom kategorischen Imperativ hier +nicht nur gepredigt, sondern auch besonders ernst verstanden und in die +Welt der Wirklichkeit und des Schaffens uebertragen worden ist. Fast alle +deutschen Volksstaemme haben sich hier in jahrhundertelanger schwerer +Kulturarbeit zusammengefunden und sich dabei jenen harten Willen +angeeignet, der dem Vaterland in schweren Zeiten manche unschaetzbaren +Dienste geleistet hat. + +Solche und aehnliche ernste Gedanken bewegten mich waehrend der Fahrt und +haben mich auch spaeterhin waehrend unseres ganzen furchtbaren Ringens nicht +verlassen. Deutsche, lasst sie mich in folgende Mahnung zusammenfassen: + +Legt um euch alle nicht nur das einigende, goldene Band der sittlichen +Menschenpflicht, sondern auch das Stahlband der gleichhohen +Vaterlandspflicht! Verstaerkt dieses Stahlband immer weiter, bis es zur +ehernen Mauer wird, in deren Schutze ihr leben wollt und einzig und allein +leben koennt inmitten der Brandung der europaeischen Welt! Glaubt mir, diese +Brandung wird andauern. Keine menschliche Stimme wird sie bannen, kein +menschlicher Vertrag wird sie schwaechen! Wehe uns, wenn die Brandung ein +Stueck von dieser Mauer abgebrochen findet. Es wuerde zum Sturmbock der +europaeischen Voelkerwogen gegen die noch stehende deutsche Feste werden. +Das hat uns unsere Geschichte leider nur zu oft gelehrt! + +Auch diesmal sagte ich der Heimat nicht mit leichtem Herzen Lebewohl. Ein +anderer Abschied aber wurde nur in dieser Lage noch schwerer. Es war dies +der Abschied von der bisherigen Selbstaendigkeit. + +Mag der Schlusssatz des letzten Telegrammes der Obersten Heeresleitung in +dieser Richtung auch troestlich lauten, ich ahne doch das Schicksal, dem +wir entgegengehen. Ich kenne es nicht aus dem bisherigen Feldzug, denn in +ihm war uns die goldene kriegerische Freiheit im reichsten Masse beschieden +gewesen. Wohl aber entnehme ich es der Geschichte frueherer +Koalitionskriege. + + + + Der Vormarsch + + +Wir hatten fuer das beste gehalten, unsere Armee in der Gegend von +Kreuzburg in Mittelschlesien zu versammeln. Von dort glaubten wir groessere +Armfreiheit zum Operieren gegen die noerdliche Flanke der russischen +Heeresgruppe in Polen, deren Stellung zur Zeit allerdings nicht festgelegt +war, zu besitzen. - "Unmoeglich!" + +Wir moechten, dass es unserer Armee gestattet wird, mit dem rechten Fluegel +ueber Kielce (Mitte Polens) vorzugehen. - "Unmoeglich!" + +Wir moechten, dass uns starke oesterreichisch-ungarische Kraefte noerdlich der +oberen Weichsel bis zur San-Muendung begleiten. - "Unmoeglich!" + +Wenn dieses Alles als unmoeglich bezeichnet wird, so wird vielleicht die +ganze Operation unmoeglich sein oder werden. + +Wir versammeln also unsere Truppen (XI., XVII., XX., Garde-Reserve-Korps, +Landwehr-Korps Woyrsch, 35. Reservedivision, Landwehrdivision Bredow und +8. Kavalleriedivision) im von der Obersten Heeresleitung befohlenen +engsten Anschluss an den linken oesterreichisch-ungarischen Heeresfluegel +noerdlich Krakau. Unser Hauptquartier kommt voruebergehend nach Beuthen in +Oberschlesien. Aus dem Aufmarschraum treten wir Ende September an, und +zwar mit der Mitte, also nicht mit dem rechten Fluegel der Armee, in +Richtung ueber Kielce. Die oesterreichisch-ungarische Heeresleitung +verschiebt von Krakau aus eine schwache Armee von nur +4 Infanteriedivisionen und 1 Kavalleriedivision nordwaerts ueber die +Weichsel. Mehr glaubt sie suedlich des Flusses nicht entbehren zu koennen. +Sie beabsichtigt dort selbst einen entscheidenden Angriff. Auch dieser +Plan des Verbuendeten ist kuehn und macht seinem Urheber alle Ehre. Es fragt +sich nur, ob Aussicht besteht, dass das stark geschwaechte Heer trotz allem +erhaltenen Ersatz die Durchfuehrung ermoeglicht. Meine Bedenken werden durch +die Hoffnung gemildert, dass der Russe, sobald er das Auftreten unserer +deutschen Truppen in Polen bemerkt, seine Hauptkraefte auf uns werfen wird +und dadurch dem Verbuendeten einen Erfolg ermoeglicht. + +Das Bild, das wir uns bei Beginn unserer Bewegungen ueber die Lage machen +koennen, ist unklar. Bestimmt wissen wir nur, dass die Russen den weichenden +oesterreichisch-ungarischen Armeen in der letzten Zeit ueber den San hinaus +nur zoegernd gefolgt sind. Ferner sind Anzeichen dafuer vorhanden, dass +noerdlich der Weichsel 6-7 russische Kavalleriedivisionen und +Grenzschutzbrigaden in unbekannter Zahl stehen. Bei Iwangorod scheint eine +russische Armee in Bildung begriffen zu sein. Die Truppen hierfuer werden +augenscheinlich teils aus den Armeen entnommen, die uns bei den frueheren +Operationen in Ostpreussen gegenueber standen, teils kommen neue Kraefte aus +Russisch-Asien heran. Auch liegt Nachricht vor, dass westlich Warschau an +einer grossen Stellung mit Front nach Westen gebaut wird. Wir marschieren +also in eine recht unsichere Lage hinein und muessen auf Ueberraschungen +gefasst sein. + +Wir betreten Russisch-Polen und lernen sofort die volle Bedeutung dessen +kennen, was ein franzoesischer General in seiner Beschreibung des von ihm +miterlebten napoleonischen Feldzuges im Winter 1806 als besonderes Element +der dortigen Kriegfuehrung bezeichnet hat, naemlich - den Dreck! Und zwar +den Dreck in jeder Form, nicht nur in der freien Natur, sondern auch in +den sogenannten menschlichen Wohnungen und an deren Bewohnern selbst. Mit +Ueberschreiten unserer Grenze waren wir geradezu in einer anderen Welt. Man +legte sich unwillkuerlich die Frage vor: wie ist es moeglich, dass auf dem +Boden Europas die Grenzsteine zwischen Posen und Polen solch scharfe +Trennungslinien zwischen Kulturstufen des gleichen Volksstammes ziehen? In +welch einem koerperlichen, sittlichen und materiellen Elend hatte die +russische Staatsverwaltung diese Landesteile gelassen, wie wenig hatte die +Ueberfeinerung in den Kreisen der polnischen Grossen zivilisatorische Kraefte +in die niedergehaltenen unteren Schichten durchsickern lassen! Die +offenkundige politische Gleichgueltigkeit dieser Massen beispielsweise +durch Einwirkung der Geistlichkeit in einen hoeheren Schwung zu bringen, +der sich bis zu einem freiwilligen Kampfanschluss an uns haette steigern +lassen, schien mir schon nach den ersten Eindruecken fraglich. + +Unsere Bewegungen werden durch grundlose Wege aufs aeusserste erschwert. Der +Gegner bekommt Einblick in sie und trifft Gegenmassregeln. Er zieht aus der +Front den Oesterreichern gegenueber ein halbes Dutzend Armeekorps in der +offenkundigen Absicht heraus, diese uns ueber die Weichsel suedlich +Iwangorod frontal entgegen zu werfen. + +Am 6. Oktober erreichen wir ueber Opatow-Radom die Weichsel. Was sich hier +vom Gegner westlich des Flusses befunden hatte, war von uns +zurueckgetrieben worden. Nunmehr spricht sich jedoch eine Bedrohung unseres +Nordfluegels von Iwangorod-Warschau her aus. Unter diesen Umstaenden ist +vorlaeufig eine Fortsetzung unserer Operation in oestlicher Richtung ueber +die Weichsel suedlich Iwangorod hinweg unmoeglich. Wir muessen zunaechst mit +dem Gegner im Norden abrechnen. Alles uebrige haengt von dem Ausgange der +dort zu erwartenden groesseren Kaempfe ab. Ein eigenartiges strategisches +Bild entwickelt sich. Waehrend gegnerische Korps von Galizien aus jenseits +der Weichsel Warschau zustreben, bewegen sich auch die unserigen diesseits +des Stromes in der gleichen noerdlichen Richtung. Um unseren Linksabmarsch +aufzuhalten, wirft der Feind bei und unterhalb Iwangorod starke Kraefte +ueber die Weichsel. Sie werden in erbitterten Kaempfen auf ihre +Uebergangsstellen zurueckgeworfen; wir sind aber nicht imstande, den Gegner +voellig vom Westufer zu vertreiben. Zwei Tagemaersche suedlich Warschau +trifft unser linker Fluegel unter General von Mackensen auf ueberlegene +feindliche Truppen und wirft sie gegen die Festung. Etwa einen Tagemarsch +von der Fortslinie entfernt kommt jedoch unser Angriff ins Stocken. + +Auf dem Schlachtfeld suedlich Warschau ist uns als wichtigstes Beutestueck +ein russischer Befehl in die Haende gefallen, der uns klaren Einblick in +die Staerken des Gegners und in seine Absichten gibt. Von der Sanmuendung +bis Warschau haben wir es danach mit 4 russischen Armeen zu tun; das sind +etwa 60 Divisionen gegenueber 18 auf unserer Seite. Aus Warschau heraus +sind allein 14 feindliche Divisionen gegen 5 der unserigen angesetzt. Das +sind etwa 224 russische Bataillone gegen 60 deutsche. Die gegnerische +Ueberlegenheit erhoeht sich noch dadurch, dass unsere Infanterie infolge der +vorausgegangenen Kaempfe in Ostpreussen und Frankreich sowie durch die +jetzigen langen und anstrengenden Maersche, bis ueber 300 km in 14 Tagen und +auf grundlosen Wegen, auf kaum noch die Haelfte, ja teilweise bis unter ein +Viertel der urspruenglichen Gefechtsstaerke zusammengeschmolzen ist. Und +diese Schwaechung unserer Kampfkraft gegenueber neu eintreffenden, +vollzaehligen sibirischen Korps, Elitetruppen des Zarenreiches! + +Die Absicht des Gegners ist, uns laengs der Weichsel zu fesseln, waehrend +ein entscheidender Stoss aus Warschau heraus uns dem Verderben +entgegenfuehren soll. Ein zweifellos grosser Plan des Grossfuersten +Nikolaij-Nikolaijewitsch, ja der groesste, den ich von ihm kennen lernte, +und der meines Erachtens auch sein groesster blieb, bis er sich in den +Kaukasus begeben musste. + +War ich im Herbst 1897 auf dem Bahnhofe in Homburg vor der Hoehe nach dem +Kaisermanoever von dem Grossfuersten in ein Gespraech gezogen worden, das sich +besonders um die Verwendung der Artillerie drehte, so trat ich dem +russischen Oberfeldherrn jetzt in Polen zum ersten Male _in praxi_ +unmittelbar gegenueber, denn in Ostpreussen schien er nur voruebergehend als +Zuschauer geweilt zu haben. Gelingt seine Operation, so droht nicht nur +fuer die 9. Armee, sondern fuer die ganze Ostfront, fuer Schlesien, ja fuer +die ganze Heimat eine Katastrophe. Doch wir duerfen jetzt nicht so +schwarzen Gedanken nachgehen, sondern muessen Mittel und Wege finden, die +drohende Gefahr abzuwehren. Wir entschliessen uns daher dazu, unter +Festhaltung der Weichsellinie von Iwangorod suedwaerts alle dort noch +freizumachenden Kraefte unserem linken Fluegel zuzufuehren und uns mit diesem +auf den Gegner suedlich von Warschau in der Hoffnung zu werfen, ihn zu +schlagen, bevor neue Massen dort erscheinen koennen. + +Eile tut not! Wir bitten daher Oesterreich-Ungarn, alles, was es an Truppen +frei hat, sofort links der Weichsel gegen Warschau zu lenken. Das +k. und k. Armee-Oberkommando zeigt fuer die Lage durchaus richtiges +Verstaendnis, erhebt jedoch zugleich Bedenken, die gerade dieser Lage wenig +entsprechen. Oesterreich-Ungarn, zu dessen Hilfe wir herangeeilt sind, ist +bereit, uns zu unterstuetzen, aber nur auf dem langsamen und daher +zeitraubenden Wege einer Abloesung unserer an der Weichsellinie +zurueckgelassenen Truppen. Dadurch wird freilich eine Vermischung deutscher +und oesterreichisch-ungarischer Verbaende vermieden, aber man bringt die +ganze Operation in die Gefahr des Misslingens. Gegenvorstellungen +unsererseits fuehren zu keinem Ergebnis. So fuegen wir uns denn den Wuenschen +unserer Verbuendeten. + + + + Der Rueckzug + + +Was wir befuerchten, tritt ein. Aus Warschau heraus quellen immer neue +Truppenmassen, und auch weiter unterhalb ueberschreiten solche die +Weichsel. Von unseren langgestreckten Kampflinien an der Stirnseite +aufgehalten, droht die sich immer breiter nach Westen entwickelnde +feindliche Ueberlegenheit um unsere linke Flanke herumzuschlagen. Die Lage +kann und darf so nicht lange bleiben. Unsere ganze gemeinsame Operation +kommt in Gefahr nicht nur zu versumpfen, sondern zu scheitern. Ja man +koennte vielleicht sagen, sie ist schon gescheitert, da im Sueden der oberen +Weichsel, in Galizien, der erhoffte Erfolg nicht errungen wird, obwohl der +Gegner gewaltige Massen von dort gegen unsere 9. Armee herangefuehrt, sich +also unsern Verbuendeten gegenueber geschwaecht hat. Jedenfalls muss der +schwere, von unserer Truppe zuerst unwillig aufgenommene Entschluss gefasst +werden, uns aus der drohenden Umklammerung loszumachen und auf andere +Weise einen Ausweg aus der Gefahr zu suchen. Das Schlachtfeld von Warschau +wird in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober dem Gegner ueberlassen. Um +die Operation nicht schon jetzt aufzugeben, fuehren wir unsere vor Warschau +unter Mackensen kaempfenden Truppen in die Stellung Rawa-Lowicz, etwa 70 km +westlich der Festung, zurueck. Wir hoffen, dass der Russe gegen diese nach +Osten gerichtete Front anrennen wird. Dann wollen wir mit unseren +inzwischen von den Oesterreichern vor Iwangorod abgeloesten Korps von Sueden +her einen entscheidenden Schlag gegen den staerksten Teil der russischen +Heeresgruppe im grossen Weichselbogen fuehren. Vorbedingung fuer Durchfuehrung +dieses Planes ist, dass Mackensens Truppen den Anprall der russischen +Heerhaufen aushalten, und dass die oesterreichisch-ungarische Verteidigung +an der Weichsel so fest steht, dass unser beabsichtigter Stoss gegen +russische Flankeneinwirkung aus oestlicher Richtung sicher geschuetzt ist. +Die Loesung dieser letzteren Aufgabe erscheint angesichts der Staerke der +Weichselstellung fuer unseren Verbuendeten einfach. Die oesterreichische +Fuehrung erschwerte sie sich aber durch den an sich guten Willen, auch +ihrerseits einen grossen Schlag auszufuehren. Sie entschliesst sich, dem +Gegner die Weichseluebergaenge bei Iwangorod und noerdlich frei zu geben, um +dann ueber die gegnerischen Kolonnen waehrend ihres Uferwechsels +herzufallen. Ein kuehner Plan, der im Frieden bei Kriegsspielen und +Manoevern in Ausfuehrung und Kritik oftmals eine Rolle spielt, der auch im +Kriege vom Feldmarschall Bluecher und seinem Gneisenau an der Katzbach +glaenzend geloest wurde. Gefaehrlich bleibt ein solches Unternehmen aber +immer, besonders, wenn man seiner Truppe nicht voellig sicher ist. Wir +raten daher ab. Doch vergeblich! Die russische Ueberlegenheit kann also bei +Iwangorod ueber die Weichsel ruecken; der oesterreichisch-ungarische +Gegenangriff erringt anfangs Erfolge, erlahmt aber bald und verwandelt +sich schliesslich in einen Rueckzug. + +Was nuetzt es uns jetzt noch, wenn die ersten Anstuerme der Russen gegen +Mackensens neue Front scheitern? Die rechte Flanke unseres beabsichtigten +Angriffs ist durch das Zurueckweichen unseres Verbuendeten entbloesst. Wir +muessen auf diese Operation verzichten. Es erscheint mir am besten, wir +machen uns durch Fortsetzung des Rueckzuges die Arme frei, um spaeter +anderwaerts wieder zuschlagen zu koennen. Der Entschluss reift in mir in +unserem Hauptquartier zu Radom, zunaechst nur in Umrissen, aber doch klar +genug, um fuer die weiteren Massnahmen als Richtlinie zu dienen. Mein +Generalstabschef wird diese festhalten, seine titanische Kraft wird fuer +ihre Durchfuehrung alles vorsorgen, des bin ich gewiss. + +Freilich verbinden sich mit dem Gedanken auch ernste Bedenken. Was wird +die Heimat sagen, wenn sich unser Rueckzug ihren Grenzen naehert? Ist es ein +Wunder, wenn Schlesien erbebt? Man wird dort an die russischen +Verwuestungen in Ostpreussen denken, an Pluenderungen, Verschleppung +Wehrloser und anderes Elend. Das reiche Schlesien mit seinem maechtig +entwickelten Bergbau und seiner grossen Industrie, beides fuer die +Kriegfuehrung uns so notwendig wie das taegliche Brot! Man faehrt im Kriege +nicht einfach mit der Hand ueber die Karte und sagt: "Ich raeume dieses +Land!" Man muss nicht nur soldatisch sondern auch wirtschaftlich denken; +auch rein menschliche Gefuehle draengen sich heran. Ja gerade diese sind oft +am schwersten zu bannen. + +Unser Rueckzug wird in allgemeiner Richtung Czenstochau am 27. Oktober +angetreten. Gruendliche Zerstoerungen aller Strassen und Eisenbahnen sollen +die dichtgedraengten russischen Massen aufhalten, bis wir uns voellig +losgeloest haben, und bis wir Zeit finden, eine neue Operation einzuleiten. +Die Armee rueckt hinter die Widawka und Warthe, linker Fluegel in Gegend +Sieradz; das Hauptquartier geht nach Czenstochau. Der Russe folgt anfangs +dicht auf, dann erweitert sich der Abstand. So hat dieser wilde Wechsel +spannendster Kriegslagen seine einstweilige Loesung gefunden. + +Bei dieser Gelegenheit moechte ich nicht unerwaehnt lassen, dass uns das +rechtzeitige Erkennen der uns drohenden Gefahren durch die unbegreifliche +Unvorsichtigkeit, ja man koennte sagen, durch die Naivitaet erleichtert +wurde, mit der der Russe von seinen funkentelegraphischen Verbindungen +Gebrauch machte. Durch Mitlesen der feindlichen Funksprueche waren wir +vielfach instandgesetzt, nicht nur die Aufstellung sondern sogar die +Absichten auf feindlicher Seite zu erfahren. Trotz dieser ungewoehnlichen +Gunst der Verhaeltnisse stellten die eintretenden Lagen besonders wegen der +grossen zahlenmaessigen Ueberlegenheit des Gegners jedoch immer noch genuegend +starke Ansprueche an die Nerven der obersten Fuehrung. Ich wusste aber die +untere Fuehrung fest in unserer Hand und hatte das unbedingte Vertrauen, +dass von den Truppen das Menschenmoegliche geleistet wurde. Solches +Zusammengreifen aller hat uns die Ueberwindung der gefaehrlichsten Lagen +ermoeglicht. Doch schien unser schliessliches Verderben dieses Mal nicht +bloss aufgeschoben? Die Gegner jubelten wenigstens in diesem Sinne. Sie +hielten uns augenscheinlich fuer voellig geschlagen. Vielleicht war diese +ihre Ansicht unser Glueck, denn am 1. November verkuendet ein russischer +Funkspruch: "Nachdem man jetzt 120 Werst verfolgt habe, sei es Zeit die +Verfolgung der Kavallerie zu ueberlassen. Die Infanterie sei ermuedet, der +Nachschub schwierig." Wir koennen also Atem schoepfen und an neue Plaene +herantreten. + +An diesem 1. November verfuegte Seine Majestaet der Kaiser meine Ernennung +zum Oberbefehlshaber aller deutschen Streitkraefte im Osten, auch wurde +mein Befehlsbereich ueber die deutschen oestlichen Grenzgebiete erweitert. +General Ludendorff blieb mein Chef. Die Fuehrung der 9. Armee wurde General +von Mackensen uebertragen. Wir waren damit von der unmittelbaren Sorge fuer +die Armee befreit; um so beherrschender wurde unser Einwirken auf das +Ganze. + +Als unser Hauptquartier waehlen wir Posen. Noch bevor wir jedoch dahin +uebersiedeln, faellt in Czenstochau am 3. November die endgueltige +Entscheidung ueber unsere neue Operation, oder ich sage vielleicht besser, +erhalten die neuen Absichten ihre endgueltige Form. + + + + Unser Gegenangriff + + +Der neue Plan gruendet sich auf folgende Erwaegung: Wuerden wir in der +jetzigen Aufstellung den Angriff der gegenueberstehenden 4 russischen +Armeen frontal abzuwehren versuchen, so wuerde der Kampf gegen die +erdrueckende Uebermacht wohl ebenso verlaufen wie vor Warschau. Schlesien +ist also auf diese Weise vor dem Einbruch des Gegners nicht zu retten. +Diese Aufgabe ist nur im Angriff zu loesen. Ein solcher, gegen die +Stirnseite des weit ueberlegenen Gegners gefuehrt, wuerde einfach +zerschellen. Wir muessen ihn gegen die offene oder bloss schwach gedeckte +feindliche Flanke zu richten suchen. Eine ausholende Bewegung meiner +linken Hand illustrierte bei der ersten Besprechung diesen Gedanken. +Suchen wir den feindlichen Nordfluegel in der Gegend von Lodz, so muessen +wir unsere Angriffskraefte bis nach Thorn verschieben. Zwischen dieser +Festung und Gnesen wird also unser neuer Aufmarsch geplant. Wir trennen +uns damit weit vom oesterreichisch-ungarischen linken Heeresfluegel. Nur +noch schwaechere deutsche Kraefte, darunter das hart mitgenommene +Landwehrkorps Woyrsch, sollen in der Gegend von Czenstochau belassen +werden. Vorbedingung fuer unseren Linksabmarsch ist, dass das k. u. k. +Armee-Oberkommando an die Stelle unserer nach Norden abrueckenden Teile in +die Gegend von Czenstochau 4 Infanteriedivisionen aus der zur Zeit nicht +bedrohten Karpathenfront heranbefoerdert. + +Durch unseren neuen Aufmarsch bei Thorn-Gnesen werden die gesamten +verbuendeten Streitkraefte im Osten in 3 grosse Gruppen verteilt. Die erste +wird gebildet durch das oesterreichisch-ungarische Heer beiderseits der +oberen Weichsel, die beiden anderen durch die 9. und 8. Armee. Die +Zwischenraeume zwischen diesen 3 Gruppen koennen wir durch vollwertige +Kampftruppen nicht schliessen. Wir sind gezwungen, in die etwa 100 km +breite Luecke zwischen den Oesterreichern und unserer 9. Armee im +wesentlichen neuformierte Verbaende einzuschieben. Diese besitzen an sich +schon geringere Angriffskraft und muessen noch dazu an der Front einer +maechtigen russischen Ueberlegenheit sich so breit ausdehnen, dass sie +eigentlich nur einen duennen Schleier bilden. Rein zahlenmaessig beurteilt +brauchen die Russen gegen Schlesien nur anzutreten, um diesen Widerstand +mit Sicherheit zu ueberrennen. Zwischen der 9. Armee bei Thorn und der +8. Armee in den oestlichen Gebieten Ostpreussens befindet sich im +wesentlichen nur Grenzschutz, verstaerkt durch die Hauptreserven aus Thorn +und Graudenz. Auch diesen Truppen gegenueber steht eine starke russische +Gruppe von etwa 4 Armeekorps noerdlich von Warschau auf dem Nordufer der +Weichsel und des Narew. Diese russische Gruppe koennte, wenn sie ueber Mlawa +angesetzt wuerde, die Lage, wie sie sich Ende August vor der Schlacht bei +Tannenberg entwickelt hatte, nochmals wiederholen. Das Rueckengebiet der +8. Armee scheint also erneut und bedenklich bedroht. Aus dieser Lage in +Schlesien und Ostpreussen soll uns der Angriff der 9. Armee gegen die nur +schwach geschuetzte Flanke der russischen Hauptmassen in Richtung Lodz +befreien. Es ist klar, dass diese Armee, wenn ihr Angriff nicht rasch +durchdringt, die feindlichen Massen von allen Seiten auf sich ziehen wird. +Diese Gefahr ist um so groesser, als wir weder zahlenmaessig hinreichende noch +auch genuegend vollwertige Truppen haben, um sowohl die russischen +Heeresmassen im grossen Weichselbogen als auch die feindlichen Korps +noerdlich der mittleren Weichsel durch starke, durchhaltende Angriffe +frontal zu fesseln oder auch nur auf laengere Zeitspanne hinaus zu +taeuschen. Wir werden freilich trotz alledem ueberall unsere Truppen zum +Angriff vorgehen lassen, aber es waere doch ein gefaehrlicher Irrtum, +hiervon sich allzuviel zu versprechen. + +Was an starken, angriffskraeftigen Verbaenden irgendwo freigemacht werden +kann, muss zur Verstaerkung der 9. Armee herangeholt werden. Sie fuehrt den +entscheidenden Schlag. Mag die 8. Armee noch so bedroht sein, sie muss +2 Armeekorps zugunsten der 9. abgeben. Die Verteidigung der erst vor +kurzem befreiten Provinz kann unter solchen Verhaeltnissen freilich nicht +mehr an der russischen Landesgrenze durchgefuehrt werden sondern muss in das +Seengebiet und an die Angerapp zurueckverlegt werden; ein harter Entschluss. +Die Gesamtstaerke der 9. Armee wird durch die geschilderte Massnahme auf +etwa 51/2 Armeekorps und 5 Kavalleriedivisionen gebracht. Zwei von letzteren +werden aus der Westfront herangefuehrt. Weitere Kraefte glaubt die Oberste +Heeresleitung trotz unserer ernsten Vorstellungen dort nicht freimachen zu +koennen. Sie hofft in dieser Zeit immer noch auf einen guenstigen Ausgang +der Schlacht bei Ypern. Die Schwierigkeiten des Zweifrontenkrieges zeigen +sich erneut in ihrer ganzen Groesse und Bedeutung. + +Was auf unserer Seite an Kraeften fehlt, muss wieder durch Schnelligkeit und +Tatkraft ersetzt werden. Ich bin sicher, dass in dieser Beziehung das +Menschenmoegliche von seiten der Armeefuehrungen und Truppen geleistet +werden wird. Schon am 10. November steht die 9. Armee angriffsbereit, am +11. bricht sie los, mit dem linken Fluegel laengs der Weichsel, mit dem +rechten noerdlich der Warthe. Es ist hohe Zeit, denn schon kuendet sich an, +dass auch der Gegner vorgehen will. Ein feindlicher Funkspruch verraet, dass +die Armeen der Nordwestfront, d. h. also alles, was von russischen Kraeften +von der Ostsee bis einschliesslich Polen steht, am 14. November zu einem +tiefen Einfall in Deutschland antreten sollen. Wir entreissen dem +russischen Oberbefehlshaber die Vorhand, und als er am 13. unsere +Operation erkennt, wagt er nicht, den grossen Stoss gegen Schlesien +durchzufuehren, sondern wirft alle verfuegbaren Kraefte unserem Angriff +entgegen. Schlesien ist damit vorlaeufig gerettet, der erste Zweck unserer +Operation ist erreicht. Werden wir darueber hinaus eine grosse Entscheidung +erringen koennen? Die feindliche Uebermacht ist allenthalben gewaltig. +Trotzdem erhoffe ich Grosses! + +Es wuerde den Rahmen dieses Buches ueberschreiten, wollte ich nunmehr einen, +wenn auch nur allgemeinen Ueberblick ueber die Kampfereignisse, die unter +der Bezeichnung "Schlacht bei Lodz" zusammengefasst sind, geben. + +In dem Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung, Umfassen und Umfasstsein, +Durchbrechen und Durchbrochenwerden zeigt dieses Ringen auf beiden Seiten +ein geradezu verwirrendes Bild. Ein Bild, das in seiner erregenden +Wildheit alle die Schlachten uebertrifft, die bisher an der Ostfront getobt +hatten! + +Es war uns im Verein mit Oesterreich-Ungarn gelungen, die Fluten halb +Asiens abzudaemmen. + +Die Kaempfe dieses polnischen Feldzuges endeten aber nicht bei Lodz sondern +wurden auf beiden Seiten weiter genaehrt. Neue Kraefte kamen zu uns vom +Westen heran, doch nur wenig frische, meist solche mit gutem Willen aber +mit halbverbrauchter Kraft. Sie waren zum Teil herausgezogen aus einem +aehnlich schweren, ja vielleicht noch schwereren Ringen, als wir es hinter +uns hatten, naemlich aus der Schlacht bei Ypern. Wir versuchten trotzdem, +mit ihnen die abgedaemmte russische Flut zum Zurueckweichen zu bringen. Und +wirklich schien es eine Zeitlang, als ob uns dies gelingen wuerde. Unsere +Kraefte zeigten sich jedoch schliesslich auch jetzt aehnlich wie in den +Kaempfen von Lodz als nicht ausreichend genug fuer dieses Ringen gegen die +ungeheuerste Ueberlegenheit, die uns jemals auf dem Schlachtfelde +gegenueberstand. Wir haetten mehr leisten koennen, wenn die Verstaerkungen +nicht so tropfenweise eingetroffen waeren, wir also vermocht haetten, sie +gleichzeitig einzusetzen. So aber bewegte sich der ungeheure slawische +Block, den wir nach Osten hin rollen wollten, nur noch eine Strecke weit, +dann lag er wieder still und unbeweglich. Unsere Kraft ermattete, sie +ermattete aber nicht nur im Kampfe, sondern auch - im Sumpfe. + +Erst der eingetretene Winter legte seine laehmenden Fesseln um die +Taetigkeit von Freund und Feind. Die im Kampfe schon erstarrten Linien +deckte Schnee und Eis. Die Frage war: Wer wird diese Linien in den +kommenden Monaten zuerst aus ihrer Erstarrung loesen? + + + + + 1915 + + + + Frage der Kriegsentscheidung + + +Die Leistungen Deutschlands und seines Heeres im Jahre 1914 werden in +ihrer ganzen heldenhaften Groesse erst dann einwandfrei gewuerdigt werden, +wenn Wahrheit und Gerechtigkeit wieder zur freien Wirkung kommen, wenn die +Propaganda unserer Gegner in ihrer die Weltmeinung irrefuehrenden Weise +entlarvt ist, und wenn die deutsche kritische Selbstzerfleischung einem +ruhigen besonnenen Urteil weicht. Ich zweifle nicht, dass dies alles +eintreten wird. + +Trotz der Groesse all unserer Leistungen fehlte aber die Kroenung des +gewaltigen, uns aufgezwungenen Werkes. Bis jetzt war nur die +augenblickliche Rettung, nicht aber ein durchgreifender Sieg erkaempft. Die +Vorstufe, die zu diesem fuehrte, war eine Entscheidung auf wenigstens einer +unserer Fronten. Wir mussten herauskommen aus der kriegerischen, +politischen und wirtschaftlichen Umklammerung, die uns einschnuerte und uns +auch moralisch den Atem zu nehmen drohte. Die Gruende fuer das bisherige +Ausbleiben des Erfolges waren strittig und werden strittig bleiben. Die +Tatsache bestand, dass unsere Oberste Heeresleitung sich genoetigt geglaubt +hatte, vom Westen, wo sie die rasche Entscheidung suchen wollte, vorzeitig +starke Kraefte nach dem Osten zu werfen. Ob bei diesem Entschluss nicht auch +eine Ueberschaetzung der damals im Westen erreichten Erfolge eine grosse +Rolle spielte, moechte ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls erwuchsen +Halbheiten; das eine Ziel war aufgegeben, das andere nicht erreicht. + +In zahlreichen Gespraechen mit Offizieren, die einen Einblick in den +Verlauf der Ereignisse im August und September 1914 auf dem westlichen +Kriegsschauplatz gehabt hatten, versuchte ich ein einwandfreies Urteil +ueber die Vorgaenge zu gewinnen, die fuer uns in der sogenannten +Marneschlacht so verhaengnisvoll wurden. Ich glaube nicht, dass eine +einzelne Ursache die Schuld an dem Scheitern unseres grossen, zweifellos +richtigen Feldzugsplanes traegt. Eine ganze Reihe unguenstiger Einwirkungen +entschied zu unseren Ungunsten. Zu diesen zaehle ich: Verwaesserung des +Grundgedankens, mit einem starken rechten Fluegel aufzumarschieren, +Festrennen des ueberstark gemachten linken Heeresfluegels durch falsche +Selbsttaetigkeit der unteren Fuehrung, Verkennen der aus dem +starkbefestigten, grossen Eisenbahnknotenpunkt Paris zu erwartenden Gefahr, +ungenuegendes Eingreifen der Obersten Heeresleitung in die Bewegungen der +Armeen und vielleicht auch mangelhaftes Herausfuehlen der an sich nicht +unguenstigen Lage an dieser und jener Kommandostelle im entscheidenden +Augenblick der Schlacht. Die Geschichtsforschung und die Kritik werden +hier ein dankbares Feld ihrer Taetigkeit haben. + +Mit aller Entschiedenheit moechte ich mich aber dahin aussprechen, dass das +Scheitern unseres ersten Operationsplanes im Westen zwar eine schwere +Gefahr fuer uns brachte, dass dadurch aber keineswegs die Fortfuehrung des +Krieges fuer uns aussichtslos geworden war. Waere dies nicht meine +Ueberzeugung gewesen, so wuerde ich mich schon im Herbste 1914 fuer +verpflichtet gehalten haben, dies nach oben hin, und zwar bis zu meinem +Allerhoechsten Kriegsherrn zu vertreten. Unser Heer hatte derartige +glaenzende und den Gegnern allenthalben ueberlegene Eigenschaften +entwickelt, dass nach meiner Ansicht bei einer entsprechenden +Zusammenfassung unserer Kraefte trotz der feindlichen stets wachsenden +zahlenmaessigen Ueberlegenheit eine Entscheidung wenigstens zunaechst auf +einem unserer Kriegstheater moeglich blieb. + +West oder Ost? Das musste die grosse Frage sein, von deren Beantwortung +unser Schicksal abhing. Bei Loesung dieser Frage konnte mir +selbstverstaendlich eine entscheidende Stimme von seiten der Obersten +Heeresleitung nicht zuerkannt werden. Die Verantwortung lag allein und +ausschliesslich auf ihren Schultern. Ich glaubte jedoch das Recht und damit +auch die Pflicht zu haben, meine Anschauungen in dieser Richtung frei und +offen zu aeussern und zu vertreten. + +Fuer das allgemeine Denken war die sogenannte Westentscheidung +traditionell. Sie war, man darf vielleicht sagen, national. Im Westen +stand der Feind, dessen chauvinistische Hetzereien uns im Frieden nicht +hatten zur Ruhe kommen lassen. Dort stand jetzt aber zugleich auch +derjenige Gegner, der nach unser aller Ueberzeugung die zur Vernichtung +Deutschlands treibende Kraft darstellte. Demgegenueber fand man bei uns die +Begehrlichkeit Russlands auf Konstantinopel vielfach begreiflich; diejenige +auf Ost- und Westpreussen nahm man nicht ernst. + +Die deutsche Kriegsleitung konnte sonach beim Kampfe im Westen sicher +damit rechnen, die fuehrenden Geister des Vaterlandes, ja das Empfinden des +groessten Teiles des Volkes auf ihrer Seite zu haben. Darin lag ein nicht zu +verachtender moralischer Faktor. Ob dieser in den Berechnungen unserer +Heeresfuehrung eine Rolle spielte, wage ich nicht zu behaupten; wohl aber +weiss ich, dass der Gedanke einer Westentscheidung uns hundert- und +tausendfach muendlich und schriftlich entgegengebracht wurde. Ja ich fand +sogar spaeter, als mir selbst die Kriegsleitung anvertraut wurde, Stimmen, +die mir eine foermliche Schonung Russlands nahelegten. Man glaubte eben +vielfach, dass es verhaeltnismaessig leicht fuer uns sei, mit Russland auf +friedlichem Boden eine Verstaendigung zu finden. + +Der entscheidende, den Endsieg erstrebende Kampf im Westen galt auch mir +als _ultima ratio_ fuer Erzwingung des Friedens, aber als eine _ultima +ratio_, an die wir nur ueber den auf den Boden geworfenen Russen +herantreten konnten. Vermochte man den Russen zu Boden zu werfen? Das +Schicksal hat die Frage bejaht, aber erst, als zwei weitere Jahre +vergangen waren, als es, wie es sich herausstellen sollte, zu spaet +geworden war. Denn bis dahin hatte sich unsere Lage gruendlich veraendert. +Die Zahl und Kraft unserer uebrigen Gegner war in der Zwischenzeit ins +Riesenhafte weiter gewachsen, und in den Kreis ihrer Kaempfer trat an +Stelle Russlands das jugendkraeftige, wirtschaftsgewaltige Nordamerika! + +Ich glaubte, die Frage, ob wir Russland niederzwingen koennten, im Winter +1914/15 bejahen zu duerfen, und stehe noch heute auf diesem Standpunkt. +Freilich: das Ziel war nicht in einem einzigen grossen, ins Ungeheure +gesteigerten Sedan zu erreichen, wohl aber in einer Reihe solcher und +aehnlicher Schlachten. Hierfuer aber bot, wie es sich damals bereits gezeigt +hatte, wenn auch nicht die russische Heeresleitung so doch die Fuehrung der +russischen Armeen guenstige Vorbedingungen. Tannenberg hatte dieses +bewiesen; Lodz haette es beweisen koennen, vielleicht mit noch gewaltigeren +Zahlen wie Tannenberg, wenn wir nicht damals den Kampf in Polen gegen gar +zu grosse Ueberlegenheiten haetten auf uns nehmen muessen und sozusagen mitten +im Siege aus Mangel an Kraeften steckenblieben. + +Ich habe den Russen nie unterschaetzt. Es war nach meiner Ansicht falsch, +in Russland nur Despotismus und Sklaventum, Unbeholfenheit, Stumpfsinn und +Eigennutz zu sehen. Starke und hohe sittliche Kraefte waren auch dort am +Werke, freilich nur in einzelnen Kreisen. Vaterlandsliebe, selbstaendiger +Wille, Arbeitskraft und Weitblick waren dem Heere nicht unbedingt fremd. +Wie haetten sich auch sonst die ungeheuren Massen bewegen lassen, wie waeren +anders das Land und die Truppen zu solchen Hekatomben von Menschenopfern +bereit gewesen? Der Russe der Jahre 1914 und 1915 war nicht mehr der Russe +von Zorndorf, der sich willenlos wie Schlachtvieh niederschlagen liess. +Aber es fehlte ihm doch in seiner Masse die Groesse menschlicher und +geistiger Eigenschaften, die bei uns Gemeingut des Volkes und Heeres +waren. + +Die bisherigen Kaempfe mit den Armeen des Zaren hatten unseren Offizieren +und Soldaten das Gefuehl unbedingter Ueberlegenheit ueber diese Feinde +gegeben. Dieses Gefuehl, das unsere alten Landstuermer ebenso wie unsere +jungen Soldaten erfuellte, erklaerte es, dass wir hier im Osten +Truppengebilde in den Kampf werfen konnten, deren Kampfwert eine +Verwendung an der Westfront nur unter Vorbehalt zugelassen haette. Ein +ungeheurer Vorteil fuer uns, da wir zahlenmaessig so sehr den Gesamtgegnern +unterlegen waren! Freilich hatte die Verwendung solcher Verbaende ihre +Grenzen angesichts der grossen Anforderungen, die an die Ausdauer und an +die operative Beweglichkeit der Truppe in den oestlichen Gebieten zu +stellen waren. Die Hauptkraft musste immer wieder durch schlagkraeftige +Divisionen geliefert werden. Konnte man ihre zur Fuehrung entscheidender +Operationen noetige Anzahl nicht durch Neubildungen gewinnen, so mussten sie +nach meiner Ansicht, selbst unter Preisgabe von Teilen besetzter Gebiete, +aus der westlichen Front gezogen werden. + +Diese Darlegungen sind nicht erst das Ergebnis nachtraeglicher +Gedankenkonstruktionen oder rueckschauender Kritik. Man hat ihnen gegenueber +darauf hingewiesen, dass der Russe jederzeit imstande sein wuerde, sich im +Falle der Not in die sogenannte Endlosigkeit seines Reiches so weit +zurueckzuziehen, dass unsere operative Kraft im Nachfolgen erlahmen muesste. +Ich glaube, dass diese Anschauungen sich allzusehr unter dem Banne der +Erinnerungen an 1812 befanden, dass sie der inzwischen eingetretenen +Entwickelung und Aenderung der politischen und wirtschaftlichen +Verhaeltnisse des inneren Zarenreiches - ich erinnere besonders an die +Eisenbahnen - nicht genuegend Rechnung trugen. Der napoleonische Feldzug +hatte seinerzeit nur einen verhaeltnismaessig schmalen Keil in das weite, +duenn bevoelkerte, wirtschaftlich primitive, innerpolitisch noch voellig +unerweckte Russland getrieben. Wie ganz anders sprach sich eine breite, +moderne Offensive aus; welche ganz andere innerstaatliche Verhaeltnisse +musste sie jetzt auch in Russland vorfinden? + +In diesen Anschauungen lag letzten Endes der Widerstreit zwischen der +damaligen deutschen Heeresfuehrung und meinem Oberkommando. Die +Oeffentlichkeit hat viele Legenden in diesen Widerstreit hineingetragen. +Von dramatischen Vorgaengen konnte nicht die Rede sein, so tief mich auch +die Angelegenheit persoenlich ergriff. Ich ueberlasse die nachtraegliche +sachliche Entscheidung der gelehrten Kritik der Nachwelt, bin jedoch +ueberzeugt, dass auch diese zu einem widerspruchslosen Endergebnis nicht +kommen wird. Jedenfalls werde ich dieses Endergebnis nicht mehr erleben. + + + + Kaempfe und Operationen im Osten + + +Von den Ereignissen des Jahres 1915 im Osten moechte ich nur in grossen +Umrissen sprechen. + +Den Kampf an unserem Teil der Ostfront riefen wir selbst in seiner ganzen +Staerke wieder wach. Voellig geruht hatte er ja nie. Er hatte bei uns aber +auch nicht mit der gleichen Wut getobt, wie in den Karpathen, wo die k. +und k. Armeen im schwersten Ringen die Gefilde Ungarns vor russischer +Ueberflutung schuetzen mussten. Dorthin war auch mein Armee-Chef in der Not +der Tage voruebergehend gerufen worden. Die inneren Gruende, die zu unserer +damaligen Trennung Veranlassung gaben, sind mir nicht bekannt geworden. +Ich suchte sie auf sachlichem Gebiete und bat meinen Kaiser, diese +Verfuegung rueckgaengig zu machen, was Seine Majestaet auch gnaedigst +bewilligte. General Ludendorff kam nach kurzer Zeit zurueck mit ernsten +Erfahrungen und noch ernsteren Ansichten ueber die Zustaende bei +oesterreichisch-slawischen Truppenteilen. + +Dem k. u. k. Armee-Oberkommando musste der Gedanke zu einer entscheidenden +Operation im Osten ganz besonders nahe liegen. Er draengte sich ihm nicht +nur aus militaerischen sondern auch aus politischen Gruenden auf. Die +fortschreitende Abnahme des Wertes der oesterreichisch-ungarischen +Kampfkraefte konnte ihm nicht verborgen bleiben. Ein laengeres Hinziehen des +Krieges verschlimmerte diese Zustaende augenscheinlich in dem Heere der +Donaumonarchie verhaeltnismaessig rascher als beim gegenueberstehenden Feind. +Dazu kam die oesterreichische Sorge, dass der drohende Verlust von Przemysl +nicht nur die Spannung in der Kriegslage an der eigenen Heeresfront +wesentlich steigern werde, sondern dass auch unter dem Eindruck, den der +Fall dieser Festung auf die Heimat machen musste, die schon jetzt nicht +unbedenklichen Erscheinungen von Lockerung im Staatsgefuege und von +Schwinden des Vertrauens auf ein guenstiges Kriegsende sich noch weiter +verschaerfen wuerden. Auch fuehlte Oesterreich-Ungarn sich schon jetzt durch +die politische Haltung Italiens im Ruecken bedroht. Ein grosser, +erfolgreicher Schlag im Osten konnte die missliche Lage des Staates +gruendlich aendern. + +Aus dieser Beurteilung der Verhaeltnisse heraus trat ich auf die Seite des +Generals von Conrad, als er bei der deutschen Obersten Heeresleitung +entscheidende Operationen auf dem oestlichen Kriegsschauplatz anregte. Die +von mir fuer eine solche Entscheidung noetig befundenen Truppenstaerken +glaubte unsere Oberste Heeresleitung nicht zur Verfuegung stellen zu +koennen. Aus dem vorgeschlagenen Plane wurde daher innerhalb meines +Befehlsbereiches nur ein einziger grosser Schlag, den wir in Ostpreussen +fuehrten. + +4 Armeekorps rollten bei Beginn des Jahres zu unserer Verfuegung aus der +Heimat und dem Westen zu uns heran. Sie werden in Ostpreussen ausgeladen, +verstaerken teils die 8. Armee und bilden teils die 10. unter Generaloberst +von Eichhorn, marschieren auf und ruecken los, um seitlich beider Fluegel +unserer in der Linie Loetzen-Gumbinnen gelegenen duennen +Verteidigungsstellung vorzubrechen. Durch zwei starke Fluegelgruppen soll +die 10. russische Armee des Generals Sievers weit ausholend umfasst werden, +damit schliesslich durch deren Zusammenschluss im Osten auf Russlands Boden +im grossen Massstabe alles zertruemmert werden kann, was noch vom Feinde etwa +uebrig geblieben ist. + +Der erste grundlegende Gedanke der Operation wird am 28. Januar noch im +Hauptquartier zu Posen fuer unsere Armeefuehrer in folgende Worte gefasst: + + "Ich beabsichtige, die 10. Armee mit ihrem linken Fluegel laengs der Linie + Tilsit-Wylkowyszki zur Umfassung des noerdlichen Fluegels des Gegners + anzusetzen, den Feind mit der Landwehrdivision Koenigsberg und dem linken + Fluegel der 8. Armee in frontalem Kampf zu binden, und den rechten Fluegel + der 8. Armee auf Arys-Johannisburg und suedlich angreifen zu lassen." + +Am 5. Februar folgt dann aus Insterburg, wohin wir uns zur +Schlachtenleitung begaben, der eigentliche Angriffsbefehl. Er setzt vom 7. +ab die beiden Massen an den Fluegeln in Bewegung, vielleicht etwas an unser +ruhmreiches Sedan erinnernd, und ein vernichtendes Sedan sollte es fuer die +10. Russenarmee schliesslich bei Augustowo auch werden. Dort schloss sich am +21. Februar der Kessel des gewaltigen Treibens, aus dem mehr denn +100.000 Gegner als Gefangene Deutschland zugefuehrt wurden. Eine noch weit +groessere Zahl von Russen war einem anderen Schicksal erlegen. + +Das Ganze wurde auf Allerhoechsten Befehl Seiner Majestaet des Kaisers +"Winterschlacht in Masuren" benannt. Man befreie mich von ihrer naeheren +Beschreibung. Was sollte ich auch Neues aus ihr erzaehlen? Ihr Name mutet +an wie Eiseshauch und Totenstarre. Vor dem Gange dieser Schlacht steht der +rueckblickende Mensch, wie wenn er sich fragen muesste: Haben wirklich +irdische Wesen dies alles geleistet, oder ist das Ganze nur ein Maerchen +oder Geisterspuk gewesen? Sind jene Zuege durch Winternaechte, jene Lager im +eisigen Schneetreiben und endlich der Abschluss der fuer den Feind so +schrecklichen Kaempfe im Walde von Augustowo nur die Ausgeburten erregter +menschlicher Phantasien? + +Trotz der grossen taktischen Erfolge der Winterschlacht blieb uns die +strategische Ausnutzung des Erreichten versagt. Wir waren wohl wieder +imstande gewesen, eine der russischen Armeen nahezu voellig zu vernichten, +aber an ihre Stelle traten sofort neue feindliche Kraefte, herangezogen von +anderen Fronten, an denen sie nicht gebunden waren. Unter diesen +Verhaeltnissen konnten wir mit den jetzt im Osten verfuegbaren Mitteln zu +keinem entscheidenden Ergebnis gelangen. Die russische Uebermacht war allzu +gewaltig. + +Der Winterschlacht folgt als russische Antwort ein umfassender Angriff auf +unsere Stellungen vorwaerts der altpreussischen Grenzgebiete. Gewaltige +Bloecke waelzt der feindliche Heerfuehrer gegen uns heran, Bloecke von +uebermaechtiger Groesse, jeder einzelne schwerer, als alle unsere Kraefte +zusammen. Aber der deutsche Wille ueberwindet auch diese Belastung. Stroeme +russischen Blutes fliessen in den moerderischen Kaempfen bis Fruehjahrsbeginn +noerdlich des Narew und westlich des Njemen; dem Himmel sei Dank, auf +russischem Boden! Der Zar mag viele Soldaten haben, auch ihre Zahl +schwindet bei solchen Massenopfern merklich dahin. Die russische Kraft, +die vor unseren Linien zugrunde geht, wird nachher fehlen, wenn der grosse +deutsch-oesterreichisch-ungarische Stoss weit im Sueden die ganze russische +Heeresfront erbeben macht. + +Nicht nur in den preussischen Grenzgebieten, sondern auch in den Karpathen +wird in dieser Zeit mit aeusserster Erbitterung gefochten. Dort versucht der +Russe auch ueber den Winter hinaus den Grenzwall Ungarns um jeden Preis zu +bezwingen. Er fuehlt wohl mit Recht, dass ein Einbruch der russischen Flut +in die magyarischen Laender den Krieg entscheiden koennte, dass das +Donaureich einen solchen Schlag nimmermehr ueberwinden wuerde. War es zu +bezweifeln, dass der erste russische Kanonenschuss in der ungarischen +Tiefebene seinen Widerhall in den oberitalienischen Gebirgen und in den +transsylvanischen Alpen finden wuerde? Der russische Grossfuerst wusste wohl, +fuer welch hohes Ziel er von dem Zarenheere die furchtbaren Opfer auf den +schwierigen Kampffeldern des Waldgebirges forderte. + +Die andauernd grosse Spannung der Kampflage in den Karpathen und ihre +Rueckwirkung auf die politischen Verhaeltnisse forderten gebieterisch eine +Loesung. Die deutsche Oberste Heeresleitung fand eine solche. Sie +durchbrach in den ersten Tagen des Mai die russische Heeresfront in +Nordgalizien und fasste die gegnerische Schlachtfront an der ungarischen +Grenze in Flanke und Ruecken. + +Mein Oberkommando war zunaechst an der grossen Operation, die bei Gorlice +ihren Anfang nahm, nur mittelbar beteiligt. Unsere Aufgabe im Rahmen +dieser grosszuegigen Unternehmung war es vorerst, starke feindliche Kraefte +zu binden. Das geschah zunaechst durch Angriffe im grossen Weichselbogen +westlich Warschau und an der ostpreussischen Grenze, in Richtung Kowno, +dann aber im groesseren Stile durch ein am 27. April begonnenes +Reiterunternehmen nach Litauen und Kurland. Der Vorstoss von drei +Kavalleriedivisionen, unterstuetzt von der gleichen Zahl +Infanteriedivisionen, beruehrte eine empfindliche Stelle russischen +Kriegsgebietes. Der Russe fuehlte wohl zum ersten Male, dass die wichtigsten +Eisenbahnen, die russisches Heer und russisches Kernland verbanden, durch +ein solches Vorgehen ernstlich gefaehrdet werden konnten. Er warf unserem +Einbruch starke Kraefte entgegen. Die Kaempfe auf litauischem Boden zogen +sich bis zum Sommer hin. Wir sahen uns veranlasst, weitere Kraefte dorthin +zu werfen, um die besetzten Landesteile zu behaupten und unseren Druck auf +den Gegner auch in jenen vom Krieg bisher unberuehrten Gebieten dauernd zu +erhalten. So entstand dort allmaehlich eine neue deutsche Armee. Sie +erhielt nach dem Hauptstrom des Gebietes die Bezeichnung "Njemenarmee". + +Es fehlt mir an Raum, um auf den Heereszug einzugehen, der am 2. Mai in +Nordgalizien begann, um dann, auf unsere Linien uebergreifend, in den +Herbstmonaten oestlich Wilna zu enden. Wie eine Lawine aus scheinbar +kleinen Anfaengen entsteht, immer neue und neue Teile auf ihrem +verheerenden Weg mit sich reisst, so beginnt und verlaeuft dieser Zug in nie +gesehener und nicht mehr wiederholter Ausdehnung. Wir werden zu +unmittelbarem Eingreifen in seinen Gang veranlasst, als der Durchstoss ueber +Lemberg hinaus gelang. Jetzt schwenken naemlich die +deutsch-oesterreichisch-ungarischen Armeen zum Vorgehen in noerdlicher +Richtung zwischen oberen Bug und Weichsel ein. Man halte sich das Bild der +Lage vor Augen: Die russische Heeresfront ist in der suedlichen Haelfte fast +bis zur Zersprengung eingedrueckt. Ihr Nordteil, nach Westen und Nordwesten +festgehalten, hat eine neue maechtige Flanke zwischen der Weichsel und den +Pripetsuempfen nach Sueden gebildet. Eine Katastrophe droht der Masse des +russischen Heeres, wenn ein neuer Durchbruch von Norden her gegen den +Ruecken der russischen Heeresmacht gelingt. + +Der Gedanke, der uns zur Winterschlacht fuehrte, draengt sich aufs neue auf, +diesmal vielleicht in noch groesseren Umrissen. Jetzt muss von Ostpreussen her +der Schlag angesetzt werden, am naechsten und wirkungsvollsten ueber +Ossowiez-Grodno. Doch verhindert auch jetzt dort das Bobrsumpfgebiet unser +Vorgehen; wir kennen das vom Tauwetter des vergangenen Winters her. Es +bleibt also nur die Wahl zwischen dem Vorbrechen westlich oder oestlich +dieser Linie. Der Stoss in die Tiefe der feindlichen Verteidigung, ich +moechte sagen in die Herzgegend des russischen Heeres fordert die Richtung +oestlich Grodno vorbei. Wir vertreten diesen Gedanken. Die Oberste +Heeresleitung verschloss sich seinem Vorteil nicht, aber sie hielt die +westliche Stossrichtung fuer kuerzer und glaubte auch hier an grosse Erfolge. +Sie forderte also den Angriff ueber den unteren Narew. Ich glaubte meinen +Widerstand gegen diese Absicht zum Nutzen des Ganzen einstweilen aufgeben, +die Folgen dieses Angriffes und den weiteren Verlauf der Operationen +abwarten zu sollen. Der General Ludendorff jedoch hielt innerlich zaehe an +unserem ersten Plane fest, eine Abweichung, die uebrigens weder +irgendwelchen Einfluss auf unser weiteres gemeinsames Denken und Handeln +hatte, noch die Kraft beeintraechtigte, mit der wir den Entschluss der +verantwortlichen Obersten Heeresleitung Mitte Juli in die Tat umsetzten. +Gallwitz' Armee brach beiderseits Przasnysz gegen den Narew vor. Zu diesem +Angriff begab ich mich persoenlich auf das Schlachtfeld, nicht um in die +mir als meisterhaft bekannte Taetigkeit des Armee-Oberkommandos +irgendwelche taktischen Eingriffe zu machen, sondern nur deswegen, weil +ich wusste, welch eine ausschlaggebende Bedeutung unsere Oberste +Heeresleitung dem Gelingen des hier befohlenen Durchbruches beilegte. Ich +wollte zur Stelle sein, um noetigenfalls sofort eingreifen zu koennen, wenn +das Armee-Oberkommando irgendwelcher weiteren Aushilfen fuer die +Durchfuehrung seiner schwierigen Aufgabe im Rahmen meines Befehlsbereiches +bedurfte. Zwei Tage blieb ich bei der Armee und erlebte die Erstuermung des +schon frueher wiederholt heftig umstrittenen Przasnysz und den Kampf um das +Gelaende suedlich der Stadt. Schon am 17. Juli stand Gallwitz am Narew. +Unter dem Eindruck der auf allen Frontseiten einbrechenden verbuendeten +Armeen beginnt der Russe allmaehlich, auf allen Seiten zu weichen und sich +der drohenden Umklammerung langsam zu entziehen. Unsere Verfolgung faengt +an, sich in frontales Abringen zu verlaufen. Wir koennen auf diesem Wege +die Fruechte nicht ernten, die auf blutigen Schlachtfeldern immer wieder +aufs neue gesaet werden. Wir greifen daher unsern frueheren Gedanken wieder +auf und wollen angesichts dieses Verlaufs der Operationen ueber Kowno auf +Wilna vordruecken, um dann die Massen des russischen Zentrums gegen die +Pripet-Suempfe zu pressen und ihre Verbindungen mit dem Herzland zu +durchhauen. Doch die Absicht der Obersten Heeresleitung fordert +unmittelbare Verfolgung, bei der der Verfolger staerker erlahmt als der +Verfolgte. + +In diesen Zeitraum faellt die Wegnahme von Nowo Georgiewsk. Diese Festung +hatte zwar trotz ihrer Anlage als strategischer Brueckenkopf bisher noch +keine besonders wichtige Rolle gespielt; ihr Besitz wurde aber jetzt fuer +uns von Wert, weil sie die ueber Mlawa nach Warschau fuehrende Bahn sperrte. +Unmittelbar vor der Uebergabe traf ich am 18. August mit meinem Kaiser vor +dem Waffenplatz zusammen und fuhr spaeter in seinem Gefolge in die Stadt. +Dort brannten noch die von den russischen Truppen angezuendeten Kasernen +und andere militaerische Gebaeude. Grosse Massen von Gefangenen standen +herum. Auffallend war es, dass die Russen vor der Uebergabe ihre Pferde +reihenweise erschossen hatten, wohl in der Ueberzeugung von dem +ausserordentlichen Werte, den diese Tiere fuer unsere Operationen im Osten +hatten. Unser Gegner benahm sich ueberhaupt in der Zerstoerung aller Mittel +und Vorraete, die dem siegreichen Feinde fuer die Kriegfuehrung von +irgendwelchem Nutzen sein konnten, stets ausserordentlich gruendlich. + +Um wenigstens freie Bahn fuer ein spaeteres Vorgehen gegen Wilna zu +schaffen, lassen wir schon Mitte Juli unsere Njemenarmee gegen Osten +vorbrechen. Mitte August faellt dann Kowno unter dem Ansturm der 10. Armee. +Der Weg gegen Wilna ist geoeffnet, aber noch immer fehlen die Kraefte zur +weiteren Durchfuehrung unseres grossen operativen Gedankens. Sie bleiben +vorlaeufig in frontaler Verfolgung festgelegt. Wochen vergehen, bis +Verstaerkungen herangeholt werden koennen. Unterdessen weicht aber der Russe +weiter nach Osten; er gibt alles preis, selbst Warschau, wenn er nur seine +Hauptkraefte dem Verderben entziehen kann. + +Erst am 9. September koennen wir vorwaerts auf Wilna. Moeglicherweise kann in +dieser Richtung auch jetzt noch Grosses gewonnen werden. Hunderttausende +russischer Truppen sind vielleicht unsere Beute. Wenn je stolze Hoffnungen +mit Ungeduld und Sorgen sich mischten, so geschieht es jetzt. Kommen wir +zu spaet? Sind wir kraeftig genug? Doch nur vorwaerts, ueber Wilna hinaus und +dann nach Sueden. Unsere Reitergeschwader legen bald Hand an die russische +Lebensader. Druecken wir diese zusammen, so stirbt die feindliche +Hauptkraft. Der Gegner kennt das drohende Unheil, er tut alles, um es +abzuwenden. Ein moerderisches Ringen bei Wilna beginnt. Jede gewonnene +Stunde rettet dem Russen viele seiner nach Osten flutenden Heerhaufen. +Unsere Kavalleriedivisionen muessen vor deren Rueckstau wieder zurueck. Die +Bahnlinie ins Herz der Heimat wird fuer den Gegner wieder frei. Wir sind zu +spaet gekommen, und wir ermatten! + +Ich taeusche mich wohl nicht in der Annahme, dass der Gegensatz zwischen den +Anschauungen der deutschen Obersten Fuehrung und den unserigen ein +geschichtliches Interesse behalten wird. Aber wir duerfen bei der +Beurteilung der Plaene der Heeresleitung den Blick ueber das Gesamtbild des +Krieges nicht verlieren. Wir selbst sahen damals nur einen Teil dieses +Bildes. Die Frage, ob wir unter dem Eindrucke der gesamten politischen und +kriegerischen Lage anders geplant und anders gehandelt haetten, mag +uneroertert bleiben. + + + + Loetzen + + +Aus diesem ernsten Gedankenstreit moechte ich zu einer idyllischeren Seite +unseres Kriegslebens im Jahre 1915 uebergehen, indem ich mich in meinen +Erinnerungen nach Loetzen begebe. + +Das freundlich zwischen Seen, Wald und Hoehen gelegene Staedtchen wurde +unser Hauptquartier, als die Winterschlacht in Masuren auszuklingen +begann. Die Einwohner, befreit von Russengefahr und Russenschreck, +gewaehrten uns eine ruehrend herzliche Aufnahme. Dankbarst gedenke ich auch +des Landverkehrs auf den ohne zu grossen Zeitverlust erreichbaren Guetern, +der mir, wenn es der Ernst der Zeit erlaubte, Stunden der Erholung, +Ablenkung und Anregung brachte. Auch das edle Weidwerk kam dabei nicht zu +kurz; den Hoehepunkt bildete hierbei dank der Gnade Seiner Majestaet die +Erlegung eines besonders starken Elches im Koeniglichen Jagdrevier +Niemonien am Kurischen Haff. + +Als im Fruehjahr allmaehlich die Ruhe vor unserer Front einzutreten begann, +fehlte es uns, ebensowenig wie spaeter im Sommer, nicht an Besuchern +jeglicher Art. Deutsche Fuerstlichkeiten, Politiker, Maenner aus +wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Berufskreisen, Verwaltungsbeamte +kamen zu uns, gefuehrt durch das Interesse, das die sonst so wenig +besuchten oestlichen Provinzen durch den bisherigen Kriegsverlauf gewonnen +hatten. Kuenstler fanden sich ein, um General Ludendorff und mich durch +Pinsel oder Meissel zu verewigen, eine Auszeichnung, auf die wir bei aller +Liebenswuerdigkeit und Tuechtigkeit der betreffenden Herrn gerne zu Gunsten +unserer knappen Freistunden verzichtet haetten. Auch das neutrale Ausland +stellte Gaeste. So lernte ich unter anderen dort auch Sven Hedin, den +bekannten Asienreisenden und ueberzeugten Deutschenfreund, kennen und +schaetzen. + +Unter den Staatsmaennern, die uns in Loetzen besuchten, nenne ich besonders +den damaligen Reichskanzler von Bethmann Hollweg und den Grossadmiral von +Tirpitz. + +Schon im Winter 1914/15 hatte ich in Posen Gelegenheit gehabt, den +Reichskanzler bei mir begruessen zu koennen. Seine Besuche entsprangen in +erster Linie seiner persoenlichen Liebenswuerdigkeit und standen in keinem +Zusammenhange mit irgendwelchen politischen Fragen. Ich erinnere mich auch +nicht, dass die Unterhaltungen mit dem Reichskanzler dieses Thema damals +beruehrten. Wohl aber gewann ich die Ueberzeugung, dass ich es mit einem +klugen und gewissenhaften Mann zu tun hatte. Unsere Anschauungen ueber die +damaligen Kriegsnotwendigkeiten deckten sich in dieser Zeit nach meinem +Empfinden in allen wesentlichen Punkten. Ein tiefes Verantwortungsgefuehl +sprach aus allen Aeusserungen des Kanzlers. Diesem Gefuehl schrieb ich es zu, +wenn mir in der Beurteilung der Kriegslage durch Herrn von Bethmann nach +meinem soldatischen Empfinden etwas zu viel Bedenken und infolgedessen +etwas zu wenig Zuversichtlichkeit entgegentraten. + +Den in Posen erhaltenen Eindruck fand ich in Loetzen bestaetigt. + +Grossadmiral von Tirpitz, der in dieser Zeit oft als Nachfolger fuer +Bethmann Hollweg genannt wurde, war eine voellig anders geartete +Persoenlichkeit. Auf einem laengeren Spaziergang trug er mir alle die +Schmerzen vor, die sein flammendes vaterlaendisches und ganz besonders sein +seemaennisches Herz bewegten. Er empfand es bitter, dass er die gewaltige +waehrend der besten Jahre seines Lebens von ihm geschmiedete Waffe im +Kriege in den heimatlichen Haefen festgebannt sah. Gewiss war die Lage fuer +eine Flottenoffensive unsererseits ungemein schwierig, sie wurde aber mit +langem Zuwarten nicht besser. Meines Erachtens wuerde die ueberaus grosse +Empfindlichkeit des englischen Mutterlandes gegenueber dem Phantom einer +deutschen Landung eine groessere Taetigkeit, ja selbst schwere Opfer unserer +Flotte gerechtfertigt haben. Ich hielt es nicht fuer ausgeschlossen, dass +durch eine solche Flottenverwendung eine Bindung starker englischer +Heereskraefte im Mutterlande und damit eine Entlastung unseres Landheeres +erreicht werden konnte. Man sagt, dass unsere Politik sich die Moeglichkeit +schaffen wollte, bei etwaigen Friedensaussichten auf eine starke, intakte +deutsche Seekraft hinweisen zu koennen. Eine solche Rechnung waere wohl +irrig gewesen. Denn eine Streitmacht, die man im Kriege nicht zu nuetzen +wagt, ist auch bei Friedensverhandlungen ein kraftloser Faktor. + +Im Fruehjahr 1916 ist der Wunsch des Grossadmirals doch noch in Erfuellung +gegangen. Was unsere Flotte zu leisten vermochte, das hat sie im Skagerrak +glaenzend gezeigt. + +Auch ueber die Frage unserer Unterseebootkriegfuehrung aeusserte sich Herr von +Tirpitz. Er vertrat die Anschauung, dass wir diese Waffe zur Unzeit gezueckt +haetten, und dass wir dann, eingeschuechtert durch das Verhalten des +Praesidenten der Vereinigten Staaten den mit lautem Kampfgeschrei erhobenen +Arm ebenso zur Unzeit wieder haetten sinken lassen. Die damaligen +Ausfuehrungen des Grossadmirals konnten auf meine spaetere Stellungnahme zu +dieser Frage keinen Einfluss ausueben. Bis die Entscheidung hierueber an mich +herantrat, sollten fast noch anderthalb Jahre vergehen. In diesem Zeitraum +hatte sich einerseits die Kriegslage ganz wesentlich zu unseren Ungunsten +verschoben und war andererseits die Leistungsfaehigkeit unserer Marine auf +dem Gebiete des Unterseebootswesens mehr als verdoppelt. + + + + Kowno + + +Im Oktober 1915 verlegten wir unser Hauptquartier nach Kowno, in das +besetzte Feindesland. + +Zu der bisherigen Taetigkeit meines Generalstabschefs kamen jetzt noch die +Arbeiten fuer die Verwaltung, den Wiederaufbau und die Ausnuetzung des +Landes zur Versorgung der Truppen, der Heimat und der Landeseinwohner. Die +hieraus erwachsende Beschaeftigung waere allein genuegend gewesen, die +Arbeitskraft eines Mannes voll und ganz in Anspruch zu nehmen. General +Ludendorff betrachtete sie als eine Zugabe zu seinem uebrigen Dienste und +widmete sich ihr mit dem ihm eigenen rastlosen Arbeitswillen. + +Von Kowno aus fand ich in der ruhigeren Winterzeit 1915/16 Gelegenheit den +Bjalowjeser Forst aufzusuchen. Der Wildstand hatte leider unter den +kriegerischen Ereignissen stark gelitten. Durchmarschierende Truppen und +wilddiebende Bauern hatten ihn sehr gelichtet. Trotzdem gelang es mir +noch, in viertaegigen herrlichen Pirsch- und Schlittenfahrten im Januar +1916 einen Wisent und vier Hirsche zu erlegen. Die Verwaltung des +ausgedehnten Waldreviers befand sich in den bewaehrten Haenden des +bayerischen Forstmeisters Escherich, der es meisterhaft verstand, uns die +reichen Holzbestaende nutzbar zu machen, ohne dabei Raubbau zu treiben. + +Auch den Augustower Wald suchte ich im gleichen Winter auf. Eine mir zu +Ehren veranstaltete Wolfsjagd verlief leider ergebnislos. Die Woelfe zogen +es vor, ausserhalb meiner Schussweite durch die Lappen zu gehen. Von den +Kaempferspuren des Februar 1915 sah ich nur noch Schuetzengraeben. Sonst war +das Schlachtfeld, wenigstens an den Stellen, an denen ich den Forst +beruehrte, voellig aufgeraeumt. + +In Kowno beging ich im April 1916 mein 50jaehriges Dienstjubilaeum. Mit Dank +gegen Gott und meinen Kaiser und Koenig, der mir den Tag durch gnaediges +Meingedenken verschoente, blickte ich auf ein halbes Jahrhundert zurueck, +das ich in Krieg und Frieden im Dienste fuer Thron und Vaterland durchlebt +hatte. + +Bei Kowno waren im Sommer 1812 starke Teile des franzoesischen Heeres nach +Osten ueber den Njemen gegangen. Die Erinnerung an diese Zeit und an den +tragischen Ausgang dieses kuehnen Zuges hatte bei unseren Gegnern die +Hoffnung ausgeloest, dass auch unsere Truppen in den weiten Wald- und +Sumpfgebieten Russlands einem aehnlichen Schicksal durch Hunger, Kaelte und +Krankheiten erliegen wuerden wie die stolzen Armeen des grossen Korsen. Man +verkuendete uns diesen Ausgang, vielleicht weniger aus innerer Ueberzeugung +als zur Beruhigung der eigenen urteilslosen Menge. Immerhin waren aber +unsere Sorgen fuer die Erhaltung unserer Truppen im Winter 1915/16 keine +geringen. Wussten wir doch, in welchen trotz aller Entwickelung der Neuzeit +immer noch verhaeltnismaessig oeden, vielfach von ansteckenden Krankheiten +durchseuchten Landesteilen wir nunmehr die strenge Jahreszeit hinzubringen +hatten. + + + + + Das Feldzugsjahr 1916 bis Ende August + + + + Der Russenangriff gegen die deutsche Ostfront + + +Das Jahr 1915 war in unserem Oberkommando nicht ausgeklungen unter hellen +Fanfaren eines voll befriedigenden Triumphes. In dem Gesamtergebnis der +Operationen und Kaempfe dieses Jahres lag fuer uns etwas Unbefriedigendes. +Der russische Baer hatte sich unserer Umgarnung entzogen, zweifellos aus +mehr als einer Wunde blutend, aber doch nicht zu Tode getroffen. Unter +wilden Anfaellen hatte er sich von uns verabschiedet. Wollte er damit +beweisen, dass er noch Lebenskraft genug uebrig hatte, um uns auch weiterhin +das Leben schwer zu machen? Wir fanden die Ansicht vertreten, dass die +russischen Verluste an Menschen und Material bereits so bedeutend waeren, +dass wir auf lange hinaus an unserer Ostfront gesichert sein wuerden. Wir +beurteilten diese Behauptung nach den bisherigen Erfahrungen mit +Misstrauen, und bald sollte sich zeigen, dass dieses Misstrauen +gerechtfertigt war. + +Nicht einmal den Winter sollten wir in einiger Ruhe verbringen koennen. +Zeigte sich doch bald, dass der Russe an alles eher dachte, als sich stille +zu verhalten. Auf unserer ganzen Front, ja weit darueber hinaus nach Sueden, +war es in und hinter den gegnerischen Linien unruhig, ohne dass man zuerst +die Absichten der russischen Fuehrung irgendwie erkennen konnte. Ich hielt +die Gegenden von Smorgon, Duenaburg und Riga fuer besondere Gefahrpunkte vor +unseren Stellungen. In diese Gebiete fuehrten die leistungsfaehigsten +russischen Bahnen. Aber ausgesprochene Anzeichen fuer einen feindlichen +Angriff an den genannten drei Punkten ergaben sich lange Zeit nicht. + +Die Taetigkeit im Rueckengebiet des Feindes blieb ungemein emsig. Ueberlaeufer +klagten ueber die harte Zucht, der die zurueckgezogenen Divisionen +unterworfen wuerden, denn mit eiserner Strenge wurden die Truppen gedrillt. + +Das Staerkeverhaeltnis in den einzelnen Abschnitten war schon in den Zeiten +der Ruhe fuer uns ausserordentlich unguenstig. Wir mussten damit rechnen, dass +durchschnittlich jedem einzelnen unserer Divisionsabschnitte +(9 Bataillone) etwa 2-3 russische Divisionen (32-48 Bataillone) +gegenueberstanden. Nichts kennzeichnet die ungeheuern Unterschiede in den +Anforderungen an die Kraefte unserer Truppen gegenueber den feindlichen mehr +als diese Zahlen. Dieser Unterschied spielte naturgemaess nicht nur im +Gefecht eine gewaltige Rolle sondern auch in den notwendigen taeglichen +Arbeitsforderungen. Welch einen Umfang hatten die Arbeitsleistungen bei +der grossen Ausdehnung der Fronten doch angenommen! Der Stellungs- und +Strassenbau, die Errichtung von Barackenlagern sowie unzaehlige Arbeiten fuer +die Versorgung der Truppen mit Kriegsbedarf, Verpflegung, Baustoffen usw. +machten das Wort "Ruhe" fuer Offizier und Mann meist zu einem voellig leeren +Begriff. Trotzdem waren Stimmung und Gesundheitszustand der Truppen +durchaus gut. Wuerde unser Sanitaetsdienst nicht auf der Hoehe gestanden +haben, auf der er sich tatsaechlich befand, so haetten wir schon aus diesem +Grunde den Krieg nicht so lange Zeit durchhalten koennen. Die Leistungen +unseres Feldsanitaetswesens werden sich dereinst nach wissenschaftlicher +Bearbeitung des gesamten vorliegenden Materials als ein besonderes +Ruhmesblatt deutscher Geistesarbeit und Hingabe fuer einen grossen Zweck +erweisen und dann hoffentlich dem Wohle der gesamten Menschheit dienstbar +gemacht werden. + +Von Mitte Februar ab begann es in der Gegend des Naroczsees und bei +Postawy besonders unruhig zu werden. Immer klarer zeichneten sich aus der +Masse der eintreffenden Nachrichten die Angriffsvorbereitungen des Gegners +an jenen Stellen ab. Ich hatte anfangs nicht geglaubt, dass der Russe die +von seinen leistungsfaehigen Bahnverbindungen entlegenen Stellen, die zudem +seinen Massen wenig Entfaltungsraum boten und der taktischen Fuehrung +infolge der Gelaendegestaltung nur geringe Armfreiheit liessen, zu einem +wirklich grossen Schlage auswaehlen wuerde. Die kommenden Ereignisse +belehrten mich vom Eintritt des Unwahrscheinlichen. + +Niemand von uns erkannte im Verlauf der damaligen russischen +Vorbereitungen deren gewaltigen Umfang richtig. Wir haetten sonst wohl +nicht geglaubt, dass wir mit den von uns allmaehlich im Gebiete des +Naroczsees versammelten etwa 70 Bataillonen der ganzen dort +bereitgestellten russischen Macht, gegen 370 Bataillone, standzuhalten +vermoechten. Aber diese Gegenueberstellung gibt, wie eine auf unsere +Feststellungen gestuetzte Veroeffentlichung ausfuehrt, doch nur ein ungenaues +Bild, einmal weil auf beiden Seiten am ersten Tage keineswegs die ganze +Masse der Kampftruppen eingesetzt wurde, und dann vor allem, weil die +russischen Divisionen nicht etwa gleichmaessig in breiter Front gegen die +Deutschen vorstiessen, sondern sich in der Hauptsache zu zwei maechtigen +Stossgruppen vor den Fluegeln des Korps von Hutier zusammenballten. Die +noerdliche dieser trieb 7 Infanterie- und 2 Kavalleriedivisionen zwischen +Mosheiki und Wileity im Postawy-Abschnitt vor, in dem zunaechst nur 4 +deutsche Bataillone standen, waehrend die suedliche mit +8 Infanteriedivisionen und den Uralkosaken die Sperre zwischen Naroczsee +und Wisznewsee einzudruecken suchte, die von unserer 75. Reservedivision +und der verstaerkten 9. Kavalleriedivision gehalten wurde. Also rund 128 +russische gegen 19 deutsche Bataillone! + +Am 18. Maerz bricht der russische Angriff los. Nach einer artilleristischen +Vorbereitung, wie sie die Ostfront in gleicher Staerke noch nie zu +durchleben gehabt hatte, stuermen die feindlichen Massen gleich einer +ununterbrochenen Sturzflut auf unsere duennbesetzten Stellungen. Doch +vergeblich treiben russische Batterien und Maschinengewehre die eigene +Infanterie gegen die deutschen Linien; umsonst maehen zurueckgehaltene +feindliche Truppen die eigenen vordersten Linien nieder, wenn diese zu +weichen und dem Verderben durch unser Feuer zu entgehen versuchen. Zu +foermlichen Huegeln haeufen sich die russischen Gefallenen vor unserer Front. +Die Anstrengungen fuer den Verteidiger sind freilich in das Ungeheuere +gesteigert. Eingebrochenes Tauwetter fuellt die Schuetzengraeben mit +Schneewasser, verwandelt die bisher deckenden Brustwehren in zerfliessenden +Erdbrei und macht aus dem ganzen Kampffeld einen grundlosen Morast. Bis +zur teilweisen Bewegungsunfaehigkeit schwellen den Grabenbesatzungen die +Gliedmassen in den eisigen Wassern an. Allein es bleibt genug Lebenskraft +und Kampfeswille in diesen Koerpern, um die feindlichen Anstuerme immer +wieder zu brechen. So bringt der Russe auch diesmal alle Opfer vergebens, +und vom 25. Maerz ab koennen wir siegessicher auf unsere Heldenscharen am +Naroczsee blicken. + +Der Deutsche Heeresbericht vom 1. April 1916, der unter unserer Mitwirkung +entstand, sprach sich nach Beendigung der Schlacht folgendermassen aus: + + "Welcher groessere Zweck mit den Angriffen angestrebt werden sollte, + ergibt folgender Befehl des russischen Hoechstkommandierenden der Armeen + an der Westfront vom 4. (17.) Maerz, Nr. 537: + + "Truppen der Westfront! + + Ihr habt vor einem halben Jahre, stark geschwaecht, mit einer geringeren + Anzahl Gewehre und Patronen den Vormarsch des Feindes aufgehalten und, + nachdem ihr ihn in dem Bezirk des Durchbruches bei Molodetschno + aufgehalten habt, eure jetzigen Stellungen eingenommen. + + Seine Majestaet und die Heimat erwarten von euch jetzt eine neue + Heldentat: Die Vertreibung des Feindes aus den Grenzen des Reiches! Wenn + ihr morgen an diese hohe Aufgabe herantretet, so bin ich im Glauben an + euren Mut, an eure tiefe Ergebenheit gegen den Zaren und an eure heisse + Liebe zur Heimat davon ueberzeugt, dass ihr eure heilige Pflicht gegen den + Zaren und die Heimat erfuellen und eure unter dem Joche des Feindes + seufzenden Brueder befreien werdet. Gott helfe uns bei unserer heiligen + Sache! + + Generaladjutant gez. Ewert." + + Freilich ist es fuer jeden Kenner der Verhaeltnisse erstaunlich, dass ein + solches Unternehmen zu einer Jahreszeit begonnen wurde, in der seiner + Durchfuehrung von einem Tage zum andern durch die Schneeschmelze + bedenkliche Schwierigkeiten erwachsen konnten. Die Wahl des Zeitpunktes + ist daher wohl weniger dem freien Willen der russischen Fuehrung als dem + Zwang durch einen notleidenden Verbuendeten zuzuschreiben. + + Wenn nunmehr die gegenwaertige Einstellung der Angriffe von amtlicher + russischer Stelle lediglich mit dem Witterungsumschlag erklaert wird, so + ist das sicherlich nur die halbe Wahrheit. Mindestens ebenso wie der + aufgeweichte Boden sind die Verluste an dem schweren Rueckschlage + beteiligt. Sie werden nach vorsichtiger Schaetzung auf mindestens + 140.000 Mann berechnet. Richtiger wuerde die feindliche Heeresleitung + daher sagen, dass die grosse Offensive bisher nicht nur im Sumpf, sondern + in Sumpf und Blut erstickt ist." + +Der Beschreibung dieser Fruehjahrskaempfe durch einen deutschen Offizier +entnehme ich zum Schluss folgende Stelle: + + "Nicht viel mehr als ein Monat war vergangen, seit der russische Zar an + der Postawyfront die Parade ueber die Sturmdivisionen abnahm, da fuhr + Generalfeldmarschall von Hindenburg an die Front, um seinen siegreichen + Regimentern zu danken. In Tschernjaty und Komai, Jodowze, Swirany und + Kobylnik, nur wenige Kilometer Luftlinie vom Schauplatz der Zarenparade + entfernt, sprach er zu den Abordnungen der Fronttruppen und verteilte + die Eisernen Kreuze. Hand in Hand standen da fuer einen Augenblick + Feldherr und Handgranatenwerfer, einer den anderen mit langem, + vertrauensvollem Blicke ermessend. Die Fruehlingssonne leuchtete als + Siegessonne ueber der Hindenburgfront ..." + +Das war mein Anteil an der Naroczschlacht. + + + + Der Russenangriff gegen die oesterreichisch-ungarische Ostfront + + +"Verdun!" - Der Name wurde bei uns im Osten von Anfang Februar des Jahres +ab haeufiger genannt. Man wagte nur halblaut und im Geheimnis davon zu +sprechen. Man legte auf das Wort einen Ton, aus dem Zweifel und Bedenken +hervorgingen. Und doch, der Gedanke, Verdun zu nehmen, war gut. Verdun in +unserer Hand, das musste die ganze Lage an unserer Westfront wesentlich +festigen. Dadurch wurde die Einbuchtung an unserer verwundbarsten +Druckstelle da drueben endgueltig beseitigt. Vielleicht ergaben sich aus der +Eroberung der Festung noch weitere operative Moeglichkeiten in suedlicher +und westlicher Richtung. + +Die Wichtigkeit des genannten Waffenplatzes berechtigte also meiner +Anschauung nach zu dem Versuch, ihn anzugreifen. Man hatte ja in der Hand, +das Unternehmen rechtzeitig wieder abzubrechen, wenn sich seine +Durchfuehrbarkeit als unmoeglich erweisen oder die dafuer noetigen Opfer als +zu hoch herausstellen sollten. Und dann: Ist das Kuehnste, das +Unwahrscheinlichste im Angriff auf Festungen in diesem Kriege uns nicht +schon wiederholt glaenzend gelungen? + +Von Ende Februar ab wird Verdun nicht mehr geheimnisvoll ausgesprochen, +sondern laut und freudig. Das Wort "Douaumont" leuchtet im Zusammenhang +damit wie ein Fanal deutschen Heldentums bis in den entferntesten Osten +herueber und erhebt die Gemueter auch derer, die jetzt eben mit Ernst und +Sorge auf die Entwickelung der Ereignisse am Naroczsee blicken. Freilich +liegt in dem Angriff auf Verdun fuer uns auch ein bitteres Gefuehl. Bedeutet +das Unternehmen doch das endgueltige Aufgeben einer Kriegsentscheidung hier +im Osten. + +Verdun wird im weiteren Verlauf der Zeit noch in verschiedener Betonung +genannt. Die Bedenken fangen allmaehlich an, zu ueberwiegen, man spricht sie +aber nur selten aus. Sie lassen sich kurz in folgende Fragen +zusammenfassen: Warum setzt man einen Angriff immer noch fort, der so +unendliche Opfer fordert und dessen Aussichtslosigkeit dabei schon +erkennbar ist? Waere es nicht moeglich, an die Stelle dieser rein oertlichen +Frontalunternehmung gegen den auf permanente Werke gestuetzten noerdlichen +Verteidigungsbogen Verduns eine die Linienfuehrung unserer Aufstellung +zwischen Argonnerwald und St. Mihiel ausnutzende abschnuerende Operation +treten zu lassen? Erst spaetere Zeiten werden nach unparteiischer Pruefung +ueber die Berechtigung dieser Fragen urteilen koennen. + + + +Noch ein anderes Wort tritt spaeterhin zu Verdun, das ist "Italien", zum +ersten Male erwaehnt, nachdem die Schlacht am Naroczsee beendet war. Auch +Italien wird mit Zweifel genannt, mit weit groesserem und staerkerem als +Verdun, ja nicht nur mit Zweifel, sondern mit ernsten, schweren Bedenken. +Der Plan eines oesterreichisch-ungarischen Angriffes gegen Italien ist kuehn +und hat von diesem Gesichtspunkt aus auch ein militaerisches Anrecht auf +Gelingen. Was diesen Plan aber als ueberkuehn erscheinen laesst, das ist +unsere Einschaetzung des Instrumentes, mit dem er durchgefuehrt wird. Wenn +gegen Italien die besten k. u. k. Truppen losbrechen, Truppen, an die +nicht bloss Oesterreich und Ungarn sondern auch Deutschland mit Stolz und +Vertrauen denken, was bleibt dann gegen Russland? Russland ist aber nicht so +geschlagen, wie man es Ende 1915 vermutete. Am Naroczsee hat sich die +ganze Entschlossenheit der russischen Heerhaufen wieder gezeigt in einer +Wildheit und Massenhaftigkeit, gegenueber der so manche mit slawischen +Elementen stark durchsetzten oesterreichisch-ungarischen Heeresverbaende +sich bisher als wenig widerstandsfaehig erwiesen haben. + +Die Sorge bei uns waechst trotz der Siegesmeldungen aus Italien taeglich +mehr und mehr. Sie wird nur zu bald in ihrer Berechtigung bewiesen durch +die nunmehr eintretenden Ereignisse suedlich des Pripet. Am 4. Juni stuerzt +die oesterreichisch-ungarische Heeresfront in Wolhynien und in der Bukowina +auf den ersten russischen Anhieb weithin zusammen. Die schwerste Krisis +des ganzen bisherigen Krieges an der Ostfront tritt ein, schwerer noch als +diejenige des Jahres 1914. Denn diesmal steht nirgends ein siegreiches +deutsches Heer als helfender Retter bereit: im Westen tobt der Kampf um +Verdun und drohen Sturmeszeichen an der Somme. + +Die Wogen dieser Krisis schlagen bis an unsere Front hinueber, aber zum +Heile fuer das Ganze nicht in Form russischer Angriffe. So koennen wir +wenigstens helfen, wo die Not am groessten ist. + +Der Russe steht bis jetzt vor der deutschen Front noch ungeschwaecht in +seinen Stellungen. Den ersten Erfolg suedlich des Pripet hat er daher nicht +durch seinen sonst gewohnten Einsatz ueberlegener Massen sondern mit +verhaeltnismaessig schwachen Kraeften erreicht. + + "Der Plan Brussilows muss eingangs streng genommen als eine Erkundung + aufgefasst werden, als eine Erkundung unternommen auf gewaltige + Ausdehnungen und mit kuehner Entschlossenheit, aber doch immer nur eine + Erkundung, kein Schlag mit einem gewaehlten Ziel ... Seine Aufgabe war + es, die Staerke der gegnerischen Linien anzufuehlen auf einer Front von + nahezu 500 km zwischen Pripet und Rumaenien. Brussilow glich einem Manne, + der an eine Mauer schlaegt, um herauszubringen, welche Teile solider + Stein und welche nur Latten und Moertel waren." + +So schrieb ein Auslaender ueber Brussilows erste Schlachttage. Und dieser +Auslaender sagt einwandfrei das Richtige. + +Die oesterreichisch-ungarische Mauer zeigt aber nur wenige solide Steine, +sie bricht unter dem Pochen von Brussilows Hammer zusammen, und herein +braust die Sturmflut der russischen Haufen, die nunmehr erst von unserer +Front weg herangefuehrt worden sind. Wo wird ihnen ein Halt geboten werden +koennen? Nur eine starke Saeule bleibt zunaechst noch inmitten dieser +Brandung. Es ist die Suedarmee unter ihrem trefflichen General Grafen +Bothmer. Deutsche, Oesterreicher und Ungarn; alle gehalten in guter Zucht. + +Was auf unserem Teil der grossen Ostfront entbehrlich ist, rollt nunmehr +nach dem Sueden und verschwindet auf den Schlachtfeldern Galiziens. + +Inzwischen verduestert sich auch die Lage an der Westfront. +Franzoesisch-englische Uebermacht wirft sich auf unsere verhaeltnismaessig +schwach gehaltenen Linien beiderseits der Somme und drueckt die +Verteidigung ein. Ja es droht voruebergehend die Gefahr eines vollendeten +Durchbruchs! + +Mein Allerhoechster Kriegsherr ruft mich und meinen Generalstabschef +zweimal zu Beratungen ueber die schwere Lage an der Ostfront in sein +Hauptquartier nach Pless. Das letzte Mal, Ende Juli, faellt dort die +Entscheidung ueber die Neuregelung des Befehls auf der Ostfront. Die +deutsche Oberste Heeresleitung hat von Oesterreich-Ungarn als Entgelt fuer +die trotz Verdun und Somme gebotene rettende Hand Gewaehr fuer straffere +Organisation des Befehls an der Ostfront gefordert. Mit Recht! So wurde +meine Befehlsgewalt bis in die Gegend von Brody, oestlich Lemberg, +ausgedehnt; starke k. und k. Truppenverbaende wurden mir unterstellt. + +Wir besuchten baldigst die uns neu zugewiesenen Oberkommandos und fanden +bei den oesterreichisch-ungarischen Stellen volles Entgegenkommen und +rueckhaltslose Kritik der eigenen Schwaechen. Freilich, die Erkenntnis war +nicht allenthalben vom Tatenwillen begleitet, der bessernd in die +vorhandenen Schaeden eingreift. Und doch, wenn je in einem Heere, so +bedurfte es in diesem Voelkergemisch einer alles beherrschenden, +durchgreifenden Gewalt und eines einheitlichen Zuges, sonst musste auch das +beste Blut in diesem Koerper machtlos rinnen und vergeblich verrinnen. + +Die Ausdehnung der Befehlsfront veranlasste mich zur Verlegung meines +Hauptquartiers nach Sueden, nach Brest-Litowsk. Dort trifft mich am +28. August mittags der Befehl Seiner Majestaet des Kaisers, baldmoeglichst +in sein Grosses Hauptquartier abzureisen. Als Grund teilt mir der Chef des +Militaerkabinetts nur mit: "Die Lage ist ernst!" + +Ich lege den Hoerapparat weg und denke an Verdun und Italien, an Brussilow +und die oesterreichische Ostfront, dazu an die Nachricht: "Rumaenien hat uns +den Krieg erklaert." Starke Nerven werden noetig sein! + + + + + + DRITTER TEIL + + + VON DER UeBERTRAGUNG DER OBERSTEN HEERESLEITUNG BIS ZUR ZERTRUeMMERUNG + RUSSLANDS + + + + + Berufung zur Obersten Heeresleitung + + + + Chef des Generalstabes des Feldheeres + + +Es war bekanntlich nicht das erste Mal, dass mich mein Kaiserlicher und +Koeniglicher Herr zur Besprechung ueber militaerische Lagen und Absichten zu +sich berief. Daher vermutete ich auch diesmal, dass Seine Majestaet meine +Anschauungen ueber eine bestimmte Frage persoenlich und muendlich hoeren +wollte. In der Annahme eines nur kurzen Aufenthaltes nahm ich auch nur das +fuer einen solchen unbedingt noetige Gepaeck mit mir. Am 29. August +vormittags traf ich in Begleitung meines Chefs in Pless ein. Auf dem +Bahnhof empfing mich im Auftrage des Kaisers der Chef des +Militaerkabinetts. Aus seinem Munde erfuhr ich zuerst die fuer mich und +General Ludendorff beabsichtigten Ernennungen. + +Vor dem Schlosse in Pless traf ich meinen Allerhoechsten Kriegsherrn selbst, +der das Eintreffen Ihrer Majestaet der Kaiserin, die von Berlin aus kurz +nach mir Pless erreicht hatte, erwartete. Der Kaiser begruesste mich sogleich +als Chef des Generalstabes des Feldheeres und General Ludendorff als +meinen Ersten Generalquartiermeister. Auch der Reichskanzler war von +Berlin aus erschienen und augenscheinlich von der Veraenderung in der +Besetzung der Chefstelle, die ihm Seine Majestaet in meiner Gegenwart +mitteilte, nicht weniger ueberrascht als ich selbst. Ich erwaehne dies, weil +auch hier die Legendenbildung eingesetzt hat. + +Die Uebernahme der Geschaefte aus den Haenden meines Vorgaengers vollzog sich +bald nachher. General von Falkenhayn reichte mir zum Abschied die Hand mit +den Worten: "Gott helfe Ihnen und unserem Vaterland!" + +Welche Gruende unsere ploetzliche Berufung in den neuen Wirkungskreis +veranlassten, erfuhr ich aus dem Munde meines Kaisers, der meines +Vorgaengers stets ehrend gedachte, weder bei der Uebernahme meiner neuen +Stellung noch spaeter. Derartige Feststellungen rein historischen Wertes zu +machen, fehlte mir immer die Neigung, damals aber auch die Zeit. Draengten +sich doch die Entscheidungen nicht nach Tagen sondern nach Stunden. + + + + Kriegslage Ende August 1916 + + +Die Kriegslage, unter welcher der Wechsel in der Leitung der Operationen +erfolgte, war nach den ersten Eindruecken, die ich gewann, folgende: + +Die Verhaeltnisse an der Westfront waren nicht ohne Bedenken. Verdun war +nicht in unsere Haende gefallen, auch die Hoffnung auf Zerreibung der +franzoesischen Heereskraft in dem gewaltigen Feuerbogen, der sich um die +Nord- und Nordostfront der Festung gebildet hatte, war nicht verwirklicht. +Ein Erfolg unseres dortigen Angriffes war immer aussichtsloser geworden, +aber das Unternehmen war noch nicht aufgegeben. An der Somme raste das +Ringen nunmehr seit fast zwei Monaten. Wir kamen dort von einer Krisis in +die andere. Unsere Linien standen andauernd im Zustand aeusserster +Zerreissprobe. + +Im Osten war die russische Offensive im Suedostteil der Karpathen bis auf +den Gebirgskamm hinaufgebrandet. Ob dieser letzte Schutzwall ungarischen +Landes mit den jetzt verfuegbaren Kraeften gegen neue Anstuerme zu behaupten +sein wuerde, musste nach den bisherigen Ergebnissen bezweifelt werden. Auch +im Vorlande des Nordwestteils der Karpathen war die Lage aufs aeusserste +gespannt. Zwar hatten die russischen Angriffe zurzeit dort etwas +nachgelassen, aber es war nicht zu hoffen, dass diese Ruhe von laengerer +Dauer sein wuerde. + +Der oesterreichisch-ungarische Angriff aus Suedtirol hatte angesichts des +Zusammenbruchs an der galizischen Front aufgegeben werden muessen. Der +Italiener ging nun seinerseits wieder zum Angriff an der Isonzofront ueber. +Diese Kaempfe zehrten in starkem Masse an den oesterreichisch-ungarischen +Heereskraeften, welche sich dort unter den schwierigsten Verhaeltnissen +gegen mehrfache feindliche Ueberlegenheit, wert des hoechsten Ruhmes +schlugen. + +Von Wichtigkeit fuer die Gesamtlage wie fuer die Not des Augenblickes waren +schliesslich auch die derzeitigen Verhaeltnisse auf dem Balkan. Die von den +Bulgaren auf unsere Anregung hin in Mazedonien unternommene Offensive +gegen Sarrail hatte nach anfaenglichen Erfolgen abgebrochen werden muessen. +Das mit diesem Angriff verbundene politische Ziel, Rumaenien vom Eingreifen +in den Krieg abzuhalten, war nicht erreicht worden. + +Die Vorhand lag zur Zeit ueberall in den Haenden unserer Gegner. Es war +damit zu rechnen, dass diese alle Kraefte einsetzen wuerden, uns weiter unter +diesem Drucke zu halten. Die Aussichten auf eine vielleicht nahe und +erfolgreiche Kriegsbeendigung mussten die gegnerischen Verbuendeten auf +allen Fronten zu den groessten Kraftanstrengungen und zu den schwersten +Opfern bereit finden. Alle gaben wohl ihr letztes her, um sich an dem +Todesstoss gegen die Mittelmaechte zu beteiligen, zu dem Rumaenien das +siegessichere Halali blies! + +Die augenblicklich freien und verfuegbaren Reserven des deutschen sowie des +oesterreichisch-ungarischen Heeres waren gering. Einstweilen standen an der +zunaechst bedrohten siebenbuergisch-rumaenischen Grenze nur schwache +Postierungen, groesstenteils Finanz- und Zollwachen. Im Innern Siebenbuergens +waren abgekaempfte oesterreichisch-ungarische Divisionen untergebracht, zum +Teil gefechtsunbrauchbare Truemmer. Dort aufgestellte oder in Aufstellung +begriffene Neubildungen hatten eine zu geringe Staerke, um fuer einen +ernsten Widerstand gegen einen rumaenischen Einfall in das Land in Betracht +kommen zu koennen. Die Verhaeltnisse auf dem suedlichen Donauufer waren in +dieser Beziehung fuer uns guenstiger. Eine aus bulgarischen, osmanischen und +deutschen Verbaenden neugebildete Armee war im bulgarischen Grenzgebiete +der Dobrudscha und an der Donau weiter aufwaerts in Versammlung begriffen, +zusammen etwa 7 Divisionen von sehr verschiedener Staerke. + +Das war im wesentlichen alles, was zurzeit an der wundesten der wunden +Stellen unseres europaeischen Kriegsschauplatzes, naemlich an den +rumaenischen Grenzen, verfuegbar war. Weiterer Kraeftebedarf musste entweder +aus anderen Kampffronten weggezogen oder abgekaempften und der Ruhe +beduerftigen Verbaenden entnommen oder endlich durch Bildung neuer +Divisionen gewonnen werden. Gerade in letzterer Beziehung lagen aber die +Verhaeltnisse bei uns wie bei unseren Verbuendeten nicht guenstig. Die +Ersatzlage drohte bei andauernd gleicher oder gar erhoehter Anspannung +bedenklich zu werden. Auch war der Verbrauch von Geraet und Schiessbedarf +durch die lange Dauer und den Umfang der Kaempfe auf allen Fronten ein +solch ungeheurer geworden, dass die Gefahr einer Laehmung unserer +Kriegfuehrung schon aus diesem Grunde nicht ausgeschlossen erschien. Auf +die Lage in der Tuerkei komme ich spaeter zurueck. + + + + Politische Lage + + +Nicht nur die ersten Eindruecke ueber die militaerische, sondern auch +diejenigen ueber die politische Gesamtgestaltung beduerfen einer kurzen +Darlegung. Ich beginne mit den Verhaeltnissen in unserem eigenen +Vaterlande. + +Als mir die Leitung der Operationen uebertragen wurde, hielt ich die +Stimmung in unserer Heimat zwar nicht fuer verzagt, aber doch fuer ernst. +Kein Zweifel, dass man dort durch manche kriegerischen Vorgaenge der letzten +Monate enttaeuscht war. Dazu kam, dass sich die Not des taeglichen Lebens +wesentlich gesteigert hatte. Besonders bitter litt der Mittelstand unter +den fuer ihn ungewoehnlich nachteiligen wirtschaftlichen Verhaeltnissen. Die +Lebensmittel wurden immer knapper zugewiesen, die Ernteaussichten waren +maessig. + +Die Kriegserklaerung Rumaeniens bedeutete unter diesen Verhaeltnissen eine +weitere Mehrbelastung des heimatlichen Kriegswillens. Doch war das +Vaterland augenscheinlich auch jetzt zum Durchhalten bereit. Wie lange und +wie stark diese Stimmung anhalten werde, liess sich freilich nicht +vorhersagen. Der Verlauf der kriegerischen Ereignisse der naechsten Zeit +musste in dieser Hinsicht entscheidend wirken. + +Was die Beziehungen Deutschlands zu seinen Verbuendeten betrifft, so +sollten wir diese nach den propagandistischen Aeusserungen der gegnerischen +Presse waehrend des Krieges schrankenlos beherrschen. Es wurde behauptet, +wir hielten Oesterreich-Ungarn, Bulgarien und die Tuerkei sozusagen am Halse +fest, bereit sie zu wuergen, wenn sie nicht taten, was wir wollten. Und +doch konnte es kaum eine groessere Entstellung des wirklichen Sachverhaltes +geben, als sie in dieser Behauptung lag. Ich glaube, dass sich nirgends die +Schwaeche Deutschlands im Vergleich zu England deutlicher zeigte, als in +der Verschiedenheit der politischen Einwirkungen auf die beiderseitigen +Bundesgenossen. + +Wenn zum Beispiel das offizielle Italien es jemals gewagt haette, offen +Friedensneigungen ohne britische Erlaubnis zu zeigen, so war England jeder +Zeit imstande, diesen Verbuendeten einfach durch Hunger zur Fortsetzung der +einmal eingeschlagenen Politik zu zwingen. Aehnlich stark und unbedingt +herrschend war Englands Stellung Frankreich gegenueber. Unabhaengiger war in +dieser Beziehung wohl nur Russland; aber auch die politische +Selbstaendigkeit des Zarenreiches fand aus wirtschaftlichen und +finanziellen Gruenden England gegenueber ihre Grenzen. Wie viel unguenstiger +war in dieser Richtung die Stellung Deutschlands. Welche politischen, +wirtschaftlichen oder militaerischen Machtmittel lagen in unserer Hand, um +etwaigen Abfallbestrebungen irgend eines unserer Bundesgenossen +entgegenzutreten? Sofern sich diese Staaten nicht durch den freien Willen +oder durch das drohende sichere Verderben an uns gekettet fuehlten, hatten +wir keine Macht, sie bei uns festzuhalten. Ich stehe nicht an, diese +unbestreitbare Tatsache als eine besondere Schwaeche unserer gesamten Lage +hervorzuheben. + +Nunmehr zu den einzelnen Verbuendeten. + +Die innerpolitischen Verhaeltnisse in Oesterreich-Ungarn hatten sich im +Laufe des Sommers 1916 nicht unbedenklich gestaltet. Die dortige +politische Leitung hatte wenige Wochen vor unserem Eintreffen in Pless +unserer Reichsleitung gegenueber kein Hehl daraus gemacht, dass die +Donaumonarchie eine weitere Belastung durch militaerische und politische +Misserfolge nicht mehr vertrug. Die Enttaeuschung ueber das Scheitern der mit +allzu lauten Verheissungen begleiteten Offensive gegen Italien war eine +tiefgehende. Der rasche Zusammenbruch des Widerstandes an der +galizisch-wolhynischen Front liess in der grossen Masse des +oesterreichisch-ungarischen Volkes einen misstrauischen Pessimismus +aufkommen, der in der Volksvertretung ein rueckhaltloses Echo fand. Die +leitenden Kreise Oesterreich-Ungarns standen zweifellos unter der Wirkung +dieser Stimmung. Es war freilich nicht das erste Mal, dass solche +bedenkliche Auffassungen aus deren Mitte zu uns herueberklangen. Man traute +sich dort zu wenig selbst zu. Da man die eigenen Kraefte nicht +zusammenzufassen wusste, misstraute man deren Groesse. Bei diesem Urteil +verkenne ich nicht, dass die politischen Schwierigkeiten der +Doppelmonarchie unendlich viel groesser waren, als diejenigen unseres +geeinten deutschen Vaterlandes. Auch die Lebensmittelfrage war eine +ernste. Besonders litten die deutsch-oesterreichischen Landesteile bitter +unter der Not. Nach meiner Ansicht lag keine Veranlassung vor, der +Buendnistreue Oesterreich-Ungarns irgendwie zu misstrauen. Jedoch musste unter +allen Umstaenden dafuer gesorgt werden, dass das Land von dem auf ihm +liegenden Druck baldmoeglichst entlastet wurde. + +Anders, ich darf sagen national gefestigter, als in Oesterreich-Ungarn +lagen die innerpolitischen Verhaeltnisse in Bulgarien. Das Land fuehrte mit +dem Kampfe um die staatliche Vereinigung der bulgarischen Stammesgenossen +gleichzeitig den Kampf um seine endgueltige Vormachtstellung auf dem +Balkan. Die mit den Mittelmaechten und der Tuerkei abgeschlossenen Vertraege +im Verein mit den bisherigen Kriegserfolgen schienen Bulgariens +weitgehenden Wuenschen sichere Erfuellung bringen zu wollen. Das Land war +freilich aus dem letzten Balkankriege stark erschoepft in den neuen Krieg +eingetreten. Ausserdem war es in den jetzigen Kampf bei weitem nicht mit +jener allgemeinen Begeisterung gegangen wie in denjenigen des Jahres 1912. +Diesmal war es mehr von der kuehlen Berechnung seiner Staatsmaenner als von +nationalem Schwung gefuehrt. Kein Wunder daher, wenn das Volk sich im +jetzigen Besitz der erstrebten Landesteile befriedigt fuehlte und keine +starken Neigungen zu neuen Unternehmungen zeigte. Ob das Zoegern mit der +Kriegserklaerung an Rumaenien - sie war bei meinem Eintreffen in Pless noch +nicht erfolgt - lediglich ein Ausfluss dieser Stimmung war, moechte ich +freilich heute noch bezweifeln. Die Verhaeltnisse in der +Lebensmittelversorgung des Landes waren, am deutschen Massstabe gemessen, +gute. + +Im allgemeinen glaubte ich die Hoffnung zu haben, dass unser Buendnis mit +Bulgarien eine etwaige militaerische Belastungsprobe vertragen wuerde. + +Ein nicht geringeres Vertrauen brachte ich der Tuerkei entgegen. Das +osmanische Reich war in den Kampf getreten ohne jegliche Bestrebungen nach +politischer Machterweiterung. Seine fuehrenden Persoenlichkeiten, allen +voran Enver Pascha, hatten klar erkannt, dass es fuer die Tuerkei in dem +ausgebrochenen Kampfe keine Neutralitaet geben koenne. Man kann sich in der +Tat nicht vorstellen, dass Russland und die Westmaechte die einschraenkenden +Bestimmungen ueber die Benutzung der Meerengen auf die Dauer haetten +beruecksichtigen koennen. Die Aufnahme des Kampfes bedeutete fuer die Tuerkei +eine Frage des Seins oder Nichtseins, ausgesprochener fast wie fuer uns +andere. Unsere Gegner taten uns einen Gefallen damit, dies von Anfang an +laut und deutlich zu verkuenden. + +Die Tuerkei hatte bei diesem Kampfe bisher eine Staerke entwickelt, die alle +in Erstaunen setzte. Ihre aktive Kriegfuehrung ueberraschte Freunde wie +Feinde; sie fesselte starke gegnerische Kraefte auf allen asiatischen +Kriegsschauplaetzen. Man hat in Deutschland spaeterhin oftmals den Vorwurf +gegen die Oberste Heeresleitung erhoben, dass sie zur Staerkung der +Kampfkraft der Tuerkei ihre eigenen Mittel zersplittert haette. Man +beachtete aber bei diesem Urteil nicht, wie wir durch eben jene +Unterstuetzungen den Bundesgenossen andauernd befaehigten, mehrere +100.000 Mann bester gegnerischer Kampftruppen von unseren +mitteleuropaeischen Kriegsschauplaetzen fernzuhalten. + + + + Die deutsche Oberste Kriegsleitung + + +Die Erfahrungen des Fruehjahrs und Sommers 1916 hatten die Notwendigkeit +ergeben, eine fuehrende und voll verantwortliche Befehlsstelle fuer uns und +unsere verbuendeten Heere einzurichten. Im Benehmen mit den regierenden +Staatshaeuptern wurde eine Oberste Kriegsleitung geschaffen. Sie wurde +Seiner Majestaet dem Deutschen Kaiser uebertragen. Der Chef des +Generalstabes des deutschen Feldheeres erhielt das Recht "im Auftrage +dieser Obersten Kriegsleitung" Anweisungen herauszugeben und +Vereinbarungen mit den verbuendeten Heereschefs zu treffen. + +Bei dem grossen Entgegenkommen und der verstaendnisvollen Mitarbeit der mir +im uebrigen gleichgestellten Chefs der verbuendeten Heere konnte ich die +Anwendung meiner neuen Rechte auf einzelne besonders wichtige kriegerische +Entscheidungen beschraenken. Die Behandlung gemeinsamer politischer und +wirtschaftlicher Fragen fiel nicht in den Bereich dieser Obersten +Kriegsleitung. + +Meine Aufgabe bestand sonach im wesentlichen darin, den Verbuendeten die +leitenden Gesichtspunkte fuer die gesamte Kriegsfuehrung zu geben und ihre +Kraefte und Taetigkeit zur Erreichung des gemeinsamen Zieles +zusammenzufassen. Unser aller Interessen wuerde es entsprochen haben, wenn +die Oberste Kriegsleitung unter Zurueckstellung der einzelnen +Sonderinteressen, ja selbst unter Preisgabe einzelner fuer die Entscheidung +nebensaechlicher Ruecksichten, einen durchschlagenden Erfolg auf einem der +Hauptkriegsschauplaetze haette erzwingen koennen. Im unabaenderlichen Wesen +des Koalitionskrieges lag es aber, dass unserer Obersten Kriegsleitung +durch Ruecksichten aller moeglichen Art hierin oft Schwierigkeiten bereitet +wurden. + +Es ist bekannt, dass Deutschland in diesem Krieg seinen Bundesgenossen +gegenueber in weit hoeherem Masse der gebende als der empfangende Teil war. +Mit dieser Feststellung soll und kann freilich nicht die Auffassung +vertreten werden, als ob Deutschland diesen ungeheuren Kampf ohne +Bundesgenossen haette durchfuehren koennen. Auch liegt in der vielfach +ausgesprochenen Ansicht, Deutschland habe sich nur auf krueppelhafte +Verbuendete gestuetzt, eine arge Verkennung der Wirklichkeit und eine +einseitige Uebertreibung. Man uebersieht dabei, dass auch unsere Verbuendeten +vielerorts starke feindliche Ueberlegenheiten auf sich gezogen hatten. + +Wenn ich jetzt den Blick auf das Vergangene zurueckwende, so habe ich den +Eindruck, dass nicht in grossen Operationen, sondern in dem Ausgleich +verschiedengerichteter Interessen der einzelnen Bundesgenossen der +schwierigste Teil unserer Aufgaben vom Standpunkt der Obersten +Kriegsleitung lag. Ich will es dahin gestellt sein lassen, ob sich in den +meisten Faellen politische Verhaeltnisse dringender geltend machten, als +militaerische Gruende. Eine ganz besondere Erschwerung lag fuer unsere Plaene +und Entscheidungen in den verschiedenen Werten der verbuendeten Heere. Wir +mussten nach Uebernahme der Obersten Heeresleitung erst allmaehlich lernen, +was wir von den Waffen unserer Verbuendeten erwarten und verlangen konnten. + +Die oesterreichisch-ungarische Wehrmacht hatte ich zum erstenmal bei dem +Feldzug in Polen in unmittelbarem Zusammenwirken mit unseren Truppen +kennen gelernt. Sie entsprach schon damals den Anforderungen, die wir an +unsere eigenen Kraefte zu stellen gewohnt waren, nicht mehr vollstaendig. +Der Hauptgrund fuer den Rueckgang des Durchschnittswertes der k. u. k. +Truppenteile lag unbestrittenermassen in der ausserordentlichen +Erschuetterung, die das Heer bei seiner, wie ich mich schon ausdrueckte, +ueberkuehnen, rein frontalen Operation bei Kriegsbeginn in Galizien und +Polen erlitten hatte. Man hat nachtraeglich behauptet, dass die +oesterreichisch-ungarische Offensive damals das Ergebnis hatte, den Ansturm +der russischen Heeresmassen zu brechen. Vielleicht haette sich aber dieses +auf weniger gewagtem Wege und mit erheblich geringeren Opfern erreichen +lassen. Jedenfalls erholte sich das russische Heer nach den damals +erlittenen Verlusten wieder, das oesterreichisch-ungarische aber nicht +mehr, ja es schlug der kuehne Unternehmungsgeist Oesterreich-Ungarns in eine +dauernde Ueberempfindlichkeit gegenueber den russischen Massen um. Allen +Anstrengungen der oesterreichisch-ungarischen Obersten Heeresleitung, die +erlittenen schweren Schaeden zu beheben, stellten sich unueberwindliche +Schwierigkeiten entgegen. Diesen im einzelnen nachzugehen, glaube ich mir +versagen zu koennen. Ich moechte nur die Frage aufwerfen: Wie haette es +Menschenkraeften gelingen koennen, einen neuen erhebenden Antrieb +einheitlichen, nationalen Kampfwillens in das Voelkergemisch der +Doppelmonarchie hineinzubringen, nachdem die erste Bluete des Willens, der +Begeisterung und des Selbstvertrauens geknickt war? Wie sollte besonders +das Offizierkorps, das bei dem ersten Vorstuermen so schwer gelitten hatte, +einigermassen wieder auf die alte Hoehe gebracht werden? Vergessen wir +nicht, dass Oesterreich-Ungarn keineswegs ueber die geistigen Kraefte +verfuegte, aus denen Deutschland so oft und lange zu schoepfen vermochte. + +Ein Irrtum lag in der Annahme, dass die oesterreichisch-ungarische Armee in +ihrer Gesamtheit von dem andauernden Rueckgang des Wertes ihrer Truppen +ueberall gleichmaessig betroffen wurde. Die Donaumonarchie verfuegte bis +zuletzt ueber hochwertige Verbaende. Ein starker Hang zu einem +ungerechtfertigten Pessimismus in kritischen Lagen zeigte sich freilich an +vielen Stellen. Besonders war auch die hoehere oesterreichisch-ungarische +Truppenfuehrung hiervon nicht unberuehrt. Nur so konnte es kommen, dass +selbst nach hervorragenden Angriffsleistungen der Gefechtswille unseres +Bundesgenossen ganz ueberraschend zusammenbrach, ja sich geradezu ins +Gegenteil verkehrte. + +Durch die beruehrten Erscheinungen wurde natuerlicherweise ein Element +grosser Unsicherheit in die Berechnungen unserer Obersten Kriegsleitung +hineingebracht. Wir waren nie sicher, ob uns nicht ueberraschendes +Nachgeben verbuendeter Heeresteile unerwartet vor ganz veraenderte Lagen +stellen und dadurch unsere Plaene umwerfen wuerde. Schwaechemomente treten in +den Truppenteilen jeden Heeres auf. Sie liegen in der menschlichen Natur +begruendet. Die Fuehrung muss damit rechnen, wie mit einem gegebenen Faktor, +dessen Groesse aber nicht festzustellen ist. Durch eine vollwertige Truppe +werden jedoch solche Momente meist rasch ueberwunden, oder es bleibt selbst +im groessten Zusammenbruch wenigstens noch ein Kern von Schlagkraft und +Widerstandswille uebrig. Wehe aber, wenn auch dieser letzte Kern voellig +verbrennt. Das Unheil faellt dann verheerend nicht nur auf die betroffene +Truppe sondern auch auf die anschliessenden oder eingestreuten zaeheren +Verbaende; sie werden von der Katastrophe in Flanke und Ruecken gefasst und +erleiden vielfach ein schlimmeres Schicksal, als die weniger Standhaften. +Das war so oft das traurige Ende unserer in oesterreichisch-ungarische +Fronten eingebauten Stuetzen. War es ein Wunder, dass hierdurch die Stimmung +unserer Truppen gegenueber den oesterreichisch-ungarischen Waffengefaehrten +nicht immer vertrauensvoll und guenstig war? + +Im grossen und ganzen duerfen wir aber die Leistungen Oesterreichs-Ungarns in +diesem gewaltigen Kampfe nicht unterschaetzen und bitteren Gefuehlen +nachhaengen, die manchmal unter dem Eindruck enttaeuschter Erwartungen +entstanden sind. Die Donaumonarchie blieb uns ein getreuer Waffengenosse. +Wir haben stolze Zeiten gemeinsam durchlebt und sollten uns hueten, im +gemeinsamen Unglueck uns innerlich zu trennen. + +Einen anderen inneren Aufbau als das oesterreichisch-ungarische Heer hatte +das bulgarische. Es war national in sich voellig geschlossen. Die +bulgarische Armee hatte im grossen Kriege bis zum Herbste 1916 +verhaeltnismaessig wenig gelitten. Bei der Beurteilung ihres Wertes duerfte +aber nicht vergessen werden, dass sie erst vor kurzem einen anderen +moerderischen Krieg ueberstanden hatte, in dem der groesste Teil der Bluete des +Offizierskorps, ja der gesamten Intelligenz des Landes zugrunde gegangen +war. Ihr Wiedererstarken war in Bulgarien zum mindesten ebenso schwierig +wie in Oesterreich-Ungarn. Die verhaeltnismaessig noch primitiven Zustaende des +Balkanlandes erschwerten ausserdem dem Heere Einfuehrung und Gebrauch +mancher fuer den modernen Krieg unbedingt notwendiger Kampf- und +Verkehrsmittel. Dies machte sich um so mehr fuehlbar, als auch an der +mazedonischen Front vollwertige franzoesische und englische Truppenteile +uns gegenueberstanden. Schon aus diesem Grunde konnte nichts Ueberraschendes +darin gefunden werden, dass wir Bulgarien nicht nur mit materiellen +Mitteln, sondern auch mit personellen Kraeften unterstuetzen mussten. + +Wieder anders als in der oesterreichisch-ungarischen und der bulgarischen +Armee lagen die Verhaeltnisse in der tuerkischen. Unsere deutsche +Militaermission hatte vor dem Kriege kaum Zeit gehabt, zu wirken, +geschweige denn eine durchgreifende Besserung in den zerruetteten +Verhaeltnissen des tuerkischen Heeres zu erreichen. Trotzdem war es +gelungen, eine grosse Anzahl tuerkischer Verbaende mobil zu machen. Die Armee +hatte aber an den Dardanellen und bei ihren ersten Angriffsoperationen in +Armenien ausserordentlich schwer gelitten. Dessen ungeachtet schien ihre +Leistungsfaehigkeit fuer die ihr von der Obersten Kriegsleitung zunaechst +gestellte Aufgabe: Verteidigung des tuerkischen Landbesitzes, ausreichend. +Ja, es war sogar moeglich, starke Teile des osmanischen Heeres allmaehlich +auf europaeischem Boden zu verwenden. Unsere militaerische Unterstuetzung der +Tuerkei beschraenkte sich im wesentlichen auf die Lieferung von Kampfmitteln +und auf die Gestellung von zahlreichen Offizieren. Die fuer die asiatischen +Kriegsschauplaetze bis zum Herbste 1916 abgegebenen deutschen Formationen +wurden von uns mit Zustimmung der tuerkischen Obersten Heeresleitung nach +und nach zurueckgezogen, je nachdem die Tuerkei imstande war, das Material +dieser Formationen selbst zu uebernehmen und zu bedienen. + +Unsere Materiallieferungen gingen bis zu den Senussen an der Nordkueste +Afrikas, denen wir mit Hilfe unserer Unterseeboote hauptsaechlich Gewehre +und Schiessbedarf lieferten. Waren diese Sendungen auch klein, so wirkten +sie doch ausserordentlich erhebend auf den kriegerischen Geist der +mohammedanischen Staemme. Die praktischen Ergebnisse ihres Kampfes fuer +unsere Kriegfuehrung lassen sich bis jetzt noch nicht ueberblicken; +vielleicht waren sie groesser, als wir es damals ahnen konnten. + +Selbst ueber die Nordkueste Afrikas hinaus versuchten wir unseren +Waffengenossen Unterstuetzung zu bringen. So traten wir unter anderm dem +von Enver Pascha im Jahre 1917 angeregten Gedanken naeher, den Staemmen im +Yemen, die ihrem Padischah in Konstantinopel treu geblieben waren, +finanzielle Hilfe zu schicken. Da uns der Weg dorthin zu Lande durch +aufruehrerische Nomadenstaemme der arabischen Wueste versperrt war, und die +Kuesten des Roten Meeres fuer unsere Unterseeboote wegen ihres nicht +genuegenden Aktionsradius unerreichbar waren, so waere uns nur der Luftweg +uebrig geblieben. Zu meinem groessten Bedauern verfuegten wir aber damals noch +nicht ueber ein Luftschiff, das die meteorologischen Schwierigkeiten einer +Fahrt ueber die grosse Wueste mit Sicherheit haette ueberwinden koennen. Die +Durchfuehrung des Planes musste also unterbleiben. + +In diesem Zusammenhang darf ich vorgreifend erwaehnen, dass ich 1917 den +Versuch, unserer Schutztruppe in Ostafrika auf dem Luftwege Waffen und +Medikamente zuzufuehren, mit dem regsten Interesse verfolgte. Das +Zeppelinschiff musste bekanntlich ueber dem Sudan umkehren, da unsere +Schutztruppe in der Zwischenzeit weiter nach Sueden gerueckt war und ihre +Operationen nach Portugiesisch-Ostafrika verlegt hatte. Mit welch stolzen +Gefuehlen ich waehrend des Krieges die Taten und fast uebermenschlichen +Leistungen dieser praechtigen Truppe in Gedanken begleitete, bedarf keiner +naeheren Ausfuehrung. Sie hat auf afrikanischem Boden ein unvergaengliches +Denkmal deutschen Heldentums errichtet. + +Rueckblickend auf die Leistungen unserer Bundesgenossen muss ich anerkennen, +dass sie die ihnen eigenen Kraefte in dem gemeinsamen Dienst unserer grossen +Sache so weit anspannten, als die Eigenart ihrer staatlichen, +wirtschaftlichen, militaerischen und ethischen Mittel ihnen das +ermoeglichte. Das Ideal erreichte freilich keiner, und wenn wir vor allen +anderen diesem Ideal uns am meisten naeherten, so war das nur moeglich, +infolge der gewaltigen, uns selbst anfangs gar nicht vollbewussten inneren +Kraefte, die wir im Laufe der letzten Jahrzehnte unserer Geschichte +angesammelt hatten, Kraefte, die in allen Schichten des Vaterlandes +vorhanden waren, hier nicht schlummerten sondern lebendig waren und in +bestaendiger Regung sich weiter staerkten. Nur wenn ein Staat in sich gesund +ist und unverdorbene Lebenskraefte ihn so stark durchfluten, dass die +ungesunden im entscheidenden Augenblick mit fortgerissen werden, nur dann +sind solche Leistungen denkbar, wie wir sie vollbrachten, und zwar +vollbrachten weit ueber die Verpflichtungen hinaus, vor die unsere +Buendnisse uns stellten. + +Dass dem so sein konnte, dafuer gebuehrt der Dank geschichtlich nachweisbar +vornehmlich den Hohenzollern und unter diesen in der letzten Zeitepoche +deutscher Groesse unserem Kaiser Wilhelm II. Getreu den Ueberlieferungen +seines Hauses erblickte dieser Herrscher in dem Heere die beste Schule des +Volkes und arbeitete unermuedlich an dessen Fortentwickelung. So stand denn +Deutschlands Heeresmacht als die erste der Welt da: vor dem Kriege der +achtunggebietende Schutz friedlicher Arbeit, waehrend des Krieges der Kern +aller Kraftaeusserung. + + + + Pless + + +Das oberschlesische Staedtchen Pless war von der deutschen Obersten +Heeresleitung schon in frueheren Zeitabschnitten des Krieges als +voruebergehender Sitz des Grossen Hauptquartiers gewaehlt worden. Der Grund +dieser Wahl lag in der Naehe des Aufenthaltes des k. u. k. +Armee-Oberkommandos in der oesterreichisch-schlesischen Stadt Teschen. Der +Vorteil, der sich aus der Moeglichkeit rascher und persoenlicher Aussprache +zwischen den beiden Hauptquartieren ergab, war auch jetzt massgebend fuer +den weiteren Beibehalt dieses Hauptquartiers. + +Das deutsche Grosse Hauptquartier bildete natuerlicherweise den Treffpunkt +deutscher und verbuendeter Fuerstlichkeiten, die mit meinem Kaiserlichen +Herrn ueber politische und militaerische Fragen unmittelbare Ruecksprache +nehmen wollten. Zu den ersten Monarchen, denen ich dort naeher zu treten +die Ehre hatte, zaehlte Zar Ferdinand von Bulgarien. Er machte auf mich den +Eindruck eines hervorragenden Diplomaten. Sein politischer Blick ging weit +ueber die Grenzen des Balkans hinaus. Mit Meisterschaft verstand er es +dabei, in den grossen entscheidenden Fragen der Weltpolitik die Stellung +seines Landes wirkungsvoll zu beleuchten und in den Vordergrund zu ruecken. +Die Zukunft Bulgariens sollte sich, wie er meinte, in diesem Kriege durch +die endgueltige Beseitigung des russischen Einflusses und die endliche +Vereinigung aller bulgarischen Stammesangehoerigen unter einheitlicher +Fuehrung entscheiden. Andere Ziele seiner Politik hat der Zar mir gegenueber +niemals zur Sprache gebracht. Einen besonderen Eindruck machte mir die +Art, wie der Beherrscher der Bulgaren die politische Erziehung seines +aeltesten Sohnes leitete. Kronprinz Boris war gewissermassen der +Privatsekretaer seines koeniglichen Vaters und schien mir in die geheimsten +politischen Gedankengaenge des Zaren eingeweiht zu sein. Der hochbegabte +Prinz mit seiner vornehmen Denkungsart spielte die ihm anvertraute +wichtige Rolle in taktvollster Weise mit bescheidener Zurueckhaltung. Das +vaeterliche Regiment war dabei anscheinend ein ziemlich scharfes. + +Die Aussenpolitik seines Staates fuehrte der Zar im wesentlichen ganz +allein. Inwiefern er auch die schwierigen innerpolitischen Verhaeltnisse +seines Landes unbedingt beherrschte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich +glaube aber, dass er es verstand, mitten in der oftmals einreissenden +parlamentarischen Anarchie Bulgariens seinen Willen, und sei es manchmal +auch mit autokratischen Mitteln, geltend zu machen. Seine Aufgabe war in +dieser Beziehung zweifellos eine schwere. Die Bulgaren waren, wie alle +Balkanvoelker, aus der Knechtschaft in die volle staatliche Freiheit +hineingesprungen. Die Schulung und die harte Arbeit des Uebergangs von +einem Zustand zum anderen fehlte ihnen daher. Ich fuerchte, dass diese oft +so vortrefflich beanlagten Voelkerschaften noch viele Jahrzehnte unter den +Folgen des Mangels jener erzieherischen Zwischenzeit leiden werden. + +Der bulgarische Koenig war zurzeit jedenfalls einer der bedeutendsten +Herrscher. Uns gegenueber bewaehrte er sich als treuer Bundesgenosse. + +Waehrend unseres Aufenthaltes in Pless starb Kaiser Franz Joseph. Sein +Heimgang war fuer das Donaureich und uns ein Verlust, der in seiner ganzen +Groesse wohl erst spaeter voll gewuerdigt werden kann. Es unterlag keinem +Zweifel, dass mit seinem Tode fuer die Voelkervielheit der Doppelmonarchie +der ideelle Vereinigungspunkt verloren ging. Sank doch mit dem +ehrwuerdigen, greisen Kaiser ein grosser Teil des nationalen Gewissens des +verschiedenstaemmigen Reiches fuer immer ins Grab. + +Die Schwierigkeiten, denen der junge Kaiser gegenuebergestellt war, lassen +sich in ihrer Groesse und Mannigfaltigkeit mit denjenigen eines +Thronwechsels in stammeseinheitlichen Reichen nicht in Vergleich ziehen. +Der neue Herrscher versuchte den Wegfall der ethisch bindenden Macht, der +durch das Ableben Kaiser Franz Josephs eingetreten war, durch voelkisch +versoehnende Schritte zu ersetzen. Selbst staatszersetzenden Elementen +gegenueber glaubte er an die moralische Wirkung politischer Gnadenbeweise. +Das Mittel versagte voellig; diese Elemente hatten ihren Pakt mit unseren +gemeinsamen Feinden laengst geschlossen und waren weit entfernt, ihn +freiwillig wieder zu kuendigen. + +Bei den vielfachen regen persoenlichen Beziehungen, die mir der Aufenthalt +in Pless mit dem damaligen Generaloberst Conrad von Hoetzendorf brachte, +bestaetigte sich mir der Eindruck, den ich schon frueher von ihm als Soldat +und Fuehrer erhalten hatte. General von Conrad war eine hochbegabte +Persoenlichkeit, ein gluehender oesterreichischer Patriot und ein +warmherziger Anhaenger unserer gemeinsamen Sache. Gegen politische +Einfluesse, die ihn aus dieser Richtung bringen wollten, war er zweifellos +aus tiefster Ueberzeugung ablehnend. Der Generaloberst war in seinem +operativen Denken sehr grosszuegig; er verstand es, die Kernpunkte unserer +gemeinsamen, grossen Fragen aus dem Wuste der weniger entscheidenden +Nebendinge herauszuschaelen. Er war ein besonders vortrefflicher Kenner der +Verhaeltnisse des Balkans und Italiens. + +Die bedeutenden Schwierigkeiten, die einem nationalen Einheitsgeist der +oesterreichisch-ungarischen Armee entgegenstanden und die sich hieraus +ergebenden Maengel waren dem Generaloberst wohlbekannt. Trotzdem +ueberschaetzte er bei seinen hohen Plaenen hier und da die moeglichen +Leistungen des ihm anvertrauten Heeres. + +Auch die militaerischen Fuehrer der Tuerkei und Bulgariens lernte ich im +Laufe des Herbstes und Winters in Pless persoenlich kennen. + +Enver Pascha zeigte mir gegenueber einen ungewoehnlich weiten und freien +Blick fuer das Wesen der Fuehrung des gegenwaertigen Krieges und seiner +Durchfuehrung. Die Hingabe dieses Osmanen an unsere gemeinsame, grosse und +schwere Sache war eine unbedingte. Ich werde nie den Eindruck vergessen, +den ich bei unserer ersten Besprechung Anfang September 1916 von dem +tuerkischen Vizegeneralissimus erhielt. Er schilderte uns damals auf meine +Bitte hin die militaerische Lage in der Tuerkei. Mit einer bemerkenswerten +Klarheit, Bestimmtheit und Offenheit gab er uns hiervon ein erschoepfendes +Bild, und, sich an mich wendend, schloss er mit den Worten: "Die Lage der +Tuerkei in Asien ist zum Teil sehr schwierig. Wir muessen befuerchten, in +Armenien noch weiter zurueckgeworfen zu werden. Es ist auch nicht +ausgeschlossen, dass die Kaempfe im Irak sich bald wieder erneuern. Auch +glaube ich, dass der Englaender in kurzer Zeit imstande sein wird, uns in +Syrien mit Uebermacht anzugreifen. Aber was auch in Asien geschehen mag, +die Entscheidung des Krieges liegt auf europaeischem Boden, und hierfuer +stelle ich alle meine jetzt noch freien Divisionen zur Verfuegung." +Sachlicher und selbstloser hat wohl noch nie ein Bundesgenosse zu einem +anderen gesprochen. Und es blieb nicht lediglich bei Worten. + +Bei aller hohen Auffassung vom Kriege im allgemeinen entbehrte Enver +Pascha aber doch einer gruendlichen militaerischen, ich moechte sagen, +Generalstabsschulung. Ein Nachteil, der augenscheinlich bei allen +tuerkischen Fuehrern wie auch in ihren Staeben zu finden war. Es machte den +Eindruck, als wenn bei den Orientalen in dieser Beziehung ein von der +Natur gegebener Mangel vorlaege. Die tuerkische Armee schien nur ganz wenige +Offiziere zu besitzen, die imstande waren bei der Verwirklichung richtig +gedachter Operationen die technischen, inneren Aufgaben der Fuehrung zu +beherrschen. Es fehlte das Gefuehl fuer die Notwendigkeit, dass sich der +Generalstab inmitten der Durchfuehrung grosser Gedanken auch mit dem Kleinen +beschaeftigen muss. So kam es, dass der orientalische Gedankenreichtum durch +den mangelnden militaerischen Wirklichkeitssinn oftmals unfruchtbar gemacht +wurde. + +Eine wesentlich andere Natur wie der ideenreiche Osmane war unser +bulgarischer Kampfgenosse, General Jekoff, ein Mann von nuechterner +Beobachtungsgabe, grossen Gedanken nicht fremd, aber doch in erster Linie +auf den Gesichtskreis des Balkans sich beschraenkend. Inwieweit er in +letzterer Beziehung unter dem Banne seiner Regierung stand, vermag ich +nicht einwandfrei zu beurteilen. Er war jedenfalls ein warmer Anhaenger der +aussenpolitischen Richtung der bulgarischen Staatsleitung. Mit ihrem +innerpolitischen Gebaren hatte seine Auffassung wohl nichts gemein. + +General Jekoff liebte seine Soldaten und ward von ihnen geliebt. Sein +Vertrauen zu ihnen, auch in politischer Beziehung, war ein sehr +weitgehendes. Bemerkenswert in dieser Richtung war eine seiner Aeusserungen, +als Zweifel darueber auftauchten, ob der bulgarische Soldat sich nicht etwa +weigern wuerde, gegen den Russen zu kaempfen: "Wenn ich meinen Bulgaren +sage, sie sollen kaempfen, dann werden sie es tun, gegen wen es auch sei!" +Im uebrigen waren dem General einzelne im Volkscharakter liegende Schwaechen +seiner Soldaten nicht unbekannt. Ich werde hierauf spaeter noch +zurueckkommen. + +Ausser mit den leitenden militaerischen Persoenlichkeiten trat ich in Pless +auch mit den politischen Fuehrern unserer Bundesgenossen in persoenliche +Fuehlung. Ich moechte an dieser Stelle nur vom osmanischen Grosswesir Talaat +Pascha und dem bulgarischen Ministerpraesidenten Radoslawow sprechen. + +Talaat Pascha machte den Eindruck eines genialen Staatsmannes. Er war sich +ueber die Groesse der Aufgabe wie ueber die Maengel seines Staatswesens nicht +im Zweifel. Wenn es ihm nicht gelang, die Selbstsucht und die nationale +Traegheit, die auf seinem Vaterlande lastete, auszurotten, so lag das +lediglich an der Groesse der dabei zu ueberwindenden Schwierigkeiten. Es +konnte eben nicht in Monaten gebessert werden, was in Jahrhunderten +versaeumt war, was Vermischung von Volksrassen und innere, moralische +Erschoepfung weiter Kreise des Staates laengst vor dem Kriege verdorben +hatten. Er selbst trat mit reinen Haenden an die Spitze seines Staates und +blieb mit reinen Haenden dort. Talaat war ein vollwertiger Vertreter des +alten, ritterlichen Tuerkentums. Politisch unbedingt zuverlaessig, so +begegnete er mir zum ersten Male 1916, so verabschiedete er sich von uns +im Herbste 1918. + +Die Schwaechen der tuerkischen Staats- und Kriegsleitung lagen in ihrer +grossen Abhaengigkeit von den inneren Verhaeltnissen. Politische und +wirtschaftlich selbstsuechtige Persoenlichkeiten der sogenannten +Komiteeregierung mischten sich in die kriegerische Fuehrung und banden +dieser in vielen Faellen die Haende, so dass sie ausserstande war, richtig +erkannte Missstaende mit an sich vorhandenen Mitteln zu bessern. Zwar taten +einzelne hervorragende Maenner alles, was in ihren Kraeften stand. Aber die +staatliche Gewalt durchdrang nicht mehr das Reich. Das Herz des Landes, +Konstantinopel, pulsierte zu schwach und trieb keine gesunden, +erfrischenden und staatsfoerdernden Saefte in die entfernten Provinzen. Neue +Gedanken waren freilich waehrend des Krieges entstanden und wuchsen mit den +kriegerischen Lorbeeren der Siege an den Dardanellen und am Tigris in echt +orientalischer Ueppigkeit. Man begann, an die religioese und politische +Vereinigung des gesamten Islams zu denken. Man erbaute sich, trotz der +sichtbaren Misserfolge bei Verkuendung des Heiligen Krieges, an dem +Auftreten mohammedanischer Glaubenskaempfer, wie zum Beispiel im noerdlichen +Afrika. Der Gang der Ereignisse sollte indessen beweisen, dass diese +Erscheinung religioesen Fanatismus nur oertlichen Sonderheiten entsprang, +und dass Hoffnung auf deren Uebertragung in die weiten Gebiete des inneren +Asiens eine Taeuschung war, ja noch mehr als das: eine verhaengnisvolle +militaerische Gefahr. + +Der Bulgare Radoslawow war in seinem politischen Denken mehr an die +Scholle gebunden, als der grosszuegige osmanische Staatsmann Talaat Pascha. +Ich wage zu bezweifeln, ob Radoslawow die Kuehnheit des Schrittes, der +Bulgarien 1915 an unsere Seite fuehrte, in seiner ganzen Groesse - ich darf +vielleicht sagen, in der von seinem Zaren ganz durchdachten Groesse - +wirklich voll in sich aufgenommen hatte. Unbedingt zuverlaessig war +Radoslawow in seiner Aussenpolitik fuer uns jederzeit. + +Das bulgarische innerpolitische Parteigetriebe hatte in seiner wilden +Erregtheit waehrend des grossen Krieges nicht nachgelassen und war auch in +der Armee stark verbreitet. Nicht nur russophile Ideen trieben hier +spaltende Keile ein, auch der Kampf zwischen innerpolitischen +Parteigruppen uebertrug sich auf die Truppen und deren Fuehrer. An dieser +Tatsache war Radoslawow nicht unschuldig. + + + + + Leben im Grossen Hauptquartier + + +Ermuntert durch das Interesse, das von vielen Seiten an meinem +persoenlichen Leben waehrend des grossen Krieges genommen wurde, moechte ich +an dieser Stelle die Beschreibung eines regelmaessigen Tagesverlaufes in +unserem Hauptquartier einschieben. Ich bitte alle diejenigen, die an +solcher Kleinmalerei inmitten gewaltigster Weltereignisse wenig Gefallen +haben, die naechstfolgenden Seiten zu ueberschlagen. Ihre Kenntnis ist zum +Verstaendnis der grossen Zeit nicht notwendig. + +Waehrend des Bewegungskrieges in Ostpreussen und Polen im Herbst 1914 war an +einen nach Stunden geregelten Dienstbetrieb innerhalb unseres Armeestabes +nicht zu denken gewesen. Erst mit der Verlegung unseres Quartiers nach +Posen im November 1914 begann eine groessere Regelmaessigkeit in unserem +dienstlichen und, wenn man im Kriege davon sprechen kann, auch +ausserdienstlichen Leben. Spaeterhin war der laengere staendige Aufenthalt in +Loetzen besonders geeignet zur Einfuehrung eines streng geregelten Ganges +unserer Arbeit. + +Meine Berufung als Chef des Generalstabes des Feldheeres aenderte im +wesentlichen nichts an unserem eingelebten und bewaehrten Geschaeftsgang, +wenn auch von jetzt ab ein in mancher Beziehung grosszuegigeres und +belebteres Treiben fuer uns einsetzte. + +Die gewoehnliche Tagesbeschaeftigung begann fuer mich damit, dass ich mich +etwa gegen 9 Uhr vormittags, das heisst, nachdem die Morgenmeldungen +eingetroffen waren, zu General Ludendorff begab, um mit ihm die Aenderungen +der Lage und etwa zu treffende Anordnungen zu besprechen. Meist handelte +es sich dabei nicht um lange Aussprachen. Wir lebten beide ununterbrochen +in der Kriegslage und kannten gegenseitig unsere Gedanken. Die Entschluesse +fielen daher meistens auf Grund etlicher weniger Saetze, ja manchmal +genuegten einige Worte, um das gegenseitige Einverstaendnis festzulegen, das +dem General als Grundlage fuer die weiteren Ausarbeitungen diente. + +Nach dieser Besprechung machte ich mir eine etwa einstuendige Bewegung im +Freien, begleitet von meinem Adjutanten. Zur Teilnahme an meinen +morgendlichen Spaziergaengen forderte ich gelegentlich auch Gaeste des +Grossen Hauptquartiers auf, nahm hierbei ihre Schmerzen wie ihre Anregungen +entgegen und laeuterte manche sorgende Seele, bevor sie sich auf meinen +Ersten Generalquartiermeister stuerzte, um sich bei diesem mehr ins +einzelne gehende Wuensche, Hoffnungen und Vorschlaege vom Herzen zu reden. + +Nach meiner Rueckkehr in das Dienstgebaeude erfolgten weitere Besprechungen +mit General Ludendorff und dann unmittelbare Vortraege meiner +Abteilungschefs in meinem Arbeitszimmer. + +Neben dieser dienstlichen Taetigkeit bewegte sich die Erledigung der an +mich eingetroffenen persoenlichen Briefe. Die Zahl der Menschen, die mir +ueber alle nur erdenklichen Angelegenheiten schriftlich ihr Herz +ausschuetten oder ihre Gedanken offenbaren zu muessen glaubten, war nicht +gering. Fuer mich war es voellig ausgeschlossen, alles selbst zu lesen. Ich +bedurfte hierfuer die besondere Arbeitskraft eines Offiziers. In dieser +Korrespondenz spielte Poesie wie Prosa eine Rolle. Begeisterung und ihr +Gegenteil zeigte sich in allen moeglichen Abstufungen. Es war oft sehr +schwer, einen Zusammenhang zwischen den mir vorgetragenen Anliegen und +meiner dienstlichen Stellung zu konstruieren. Um nur zwei von den +hundertfachen Beispielen herauszugreifen, so wurde es mir nie klar, was +ich als Chef des Generalstabes des Feldheeres mit der an sich ja dringend +notwendigen Muellabfuhr einer Provinzialstadt oder mit dem verloren +gegangenen Taufschein einer deutschen Chilenin zu tun haben sollte. +Trotzdem wurde in beiden Faellen meine Hilfe beansprucht. Zweifellos lag ja +in derartigen brieflichen Anliegen ein ruehrendes, wenn auch manchmal etwas +naives Vertrauen auf meinen persoenlichen Einfluss. Wo ich Zeit und +Gelegenheit hatte, half ich gern, wenigstens mit meiner Unterschrift. +Weitergehende Eigenleistungen glaubte ich mir freilich meist versagen zu +muessen. + +Um die Mittagsstunde war ich regelmaessig zum Vortrag bei Seiner Majestaet +dem Kaiser befohlen. Hierbei entwarf General Ludendorff das Bild der Lage. +Bei wichtigeren Entschluessen uebernahm ich selbst den Vortrag und erbat, +sofern solches notwendig war, die kaiserliche Genehmigung unserer Plaene. +Das hohe Vertrauen des Kaisers entband uns in allen nicht grundsaetzlichen +Fragen von einer besonderen Allerhoechsten Zustimmung. Seine Majestaet +begnuegte sich uebrigens auch bei Vorschlaegen ueber neue Operationen +allermeist mit der Entgegennahme meiner Begruendungen. Ich erinnere mich +keines Gegensatzes, der nicht schon waehrend des Vortrags durch meinen +Kriegsherrn ausgeglichen wurde. Das ausgezeichnete Gedaechtnis des Kaisers +fuer Kriegslagen unterstuetzte uns bei diesen Vortraegen in hohem Masse. Seine +Majestaet studierte nicht nur die Karten mit groesster Genauigkeit, sondern +nahm auch persoenliche Einzeichnungen vor. Die Zeit des mittaeglichen +Vortrages vor dem Kaiser wurde vielfach auch zu Besprechungen mit +Vertretern der Reichsleitung ausgenutzt. + +Nach Beendigung des Kaiservortrages vereinigte der Mittagstisch die +Offiziere meines engeren Stabes um mich. Die Essenszeit wurde auf das +unbedingt noetige Mass beschraenkt. Ich hielt darauf, dass meine Offiziere +Zeit gewannen, sich nachher etwas zu ruhen oder sonstwie in ihrer +Taetigkeit auszuspannen. Zu meinem wiederholten persoenlichen Bedauern +konnte ich von dieser Kuerzung der Essenszeit auch dann nicht absehen, wenn +wir Gaeste bei uns zu Tische hatten. Die Ruecksicht auf die Erhaltung der +Arbeitskraft meiner Mitarbeiter musste ich geselligen Formen voranstellen. +War doch eine 16stuendige Arbeitszeit fuer die Mehrzahl dieser Offiziere +eine tagtaegliche Forderung. Und dies im Gange eines mehrjaehrigen Krieges! +Wir waren eben genoetigt, bei der Obersten Heeresleitung wie im +Schuetzengraben unser Menschenmaterial bis zur aeussersten Grenze der +Leistungsfaehigkeit auszunutzen. + +Der Nachmittag verlief fuer mich aehnlich dem Vormittage. Die laengste +Abspannung brachte fuer alle der um 8 Uhr beginnende Abendtisch. Ihm schloss +sich ein gruppenweises Zusammensitzen in Nebenraeumen an, fuer dessen +Beendigung General Ludendorff puenktlich um 91/2 Uhr abends das Zeichen gab. +Die Unterhaltung in unserem Kreise war meist sehr lebhaft. Sie bewegte +sich in zwangloser Form und offenster Aussprache ueber alle uns unmittelbar +beruehrenden und allgemein interessierenden Gebiete und Begebenheiten. Auch +der Frohsinn kam zu seinem Recht. Diesen zu unterstuetzen, hielt ich fuer +eine Pflicht gegenueber meinen Mitarbeitern. Ich freute mich der +Wahrnehmung, dass unsere Gaeste vielfach einerseits von der zuversichtlichen +Ruhe, andererseits von der Ungezwungenheit unseres Verkehrs sichtlich +ueberrascht waren. + +Nach dem Schluss unseres abendlichen Zusammenseins begaben wir uns +gemeinsam in das Dienstgebaeude. Dort waren inzwischen die abschliessenden +Tagesmeldungen eingetroffen und die Lagen auf den verschiedenen Fronten +zeichnerisch festgelegt. Die Erlaeuterungen gab ein juengerer +Generalstabsoffizier. Von den Ereignissen auf den Kriegsschauplaetzen hing +es ab, ob ich mich mit General Ludendorff auch jetzt noch einmal +eingehender besprechen musste, oder ob ich ihn nicht mehr laenger in +Anspruch zu nehmen brauchte. Fuer die Offiziere meines engeren Stabes +begann nunmehr die Arbeit aufs neue. Vielfach waren ja jetzt erst die +abschliessenden Anhaltspunkte zur Abfassung und Hinausgabe endgueltiger +Anordnungen gegeben, oder es trafen erst von jetzt ab die zahllosen +Anforderungen, Anregungen und Vorschlaege der Armeen und sonstigen Stellen +ein. Die Tagesbeschaeftigung endete daher nie vor Mitternacht. Die Vortraege +der Abteilungschefs bei General Ludendorff dauerten nahezu regelmaessig bis +in die ersten Stunden des neuen Tages. Es bedurfte schon ganz besonders +ruhiger Zeiten, wenn mein Erster Generalquartiermeister vor Mitternacht +sein Arbeitszimmer verlassen konnte, das er tagtaeglich am Beginn der +8. Tagesstunde schon wieder betrat. Wir alle freuten uns, wenn General +Ludendorff sich einmal ein frueheres Ausspannen, das ja nur nach Stunden +zaehlen konnte, zu goennen vermochte. Unser aller Leben, Arbeit, Denken und +Fuehlen ging voellig ineinander auf. Die Erinnerung daran erfuellt mich noch +jetzt mit dankbarer Genugtuung. + +Wir blieben im allgemeinen ein enggeschlossener Kreis. Der Personalwechsel +war mit Ruecksicht auf einen geregelten Dienstbetrieb natuerlicherweise +gering. Immerhin war es ab und zu moeglich, dem draengenden Verlangen der +Offiziere nach wenigstens zeitweiliger Verwendung an der Front Rechnung zu +tragen. Auch ergaben sich Gelegenheiten und Notwendigkeiten zur Entsendung +von Offizieren an besonders wichtige Teile unserer eigenen Heeresfronten +oder an diejenigen unserer Verbuendeten. Im allgemeinen verlangte aber der +Zusammenhang in den ausserordentlich verwickelten und vielseitigen Arbeiten +die dauernde Anwesenheit wenigstens der aelteren Offiziere an ihren +Kriegsstellen innerhalb der Obersten Heeresleitung. + +Auch der Tod griff mit rauher Hand in unsere Mitte ein. Schon 1916 hatte +ich als Oberkommandierender im Osten meinen mir sehr nahestehenden, +allgemein geschaetzten persoenlichen Adjutanten, Major Kaemmerer, an den +Folgen einer Erkaeltung verloren. Im Oktober 1918 erlag Hauptmann von +Linsingen einer Erkrankung an Grippe, die in dieser Zeit unter den +Angehoerigen des Grossen Hauptquartiers zahlreiche Opfer forderte. Entgegen +den dringenden Vorstellungen von seiten des Arztes wie der Kameraden +glaubte Hauptmann von Linsingen in der damals ausserordentlich schwierigen +Zeit seinen Posten nicht verlassen zu duerfen, bis er koerperlich kraftlos +und vom Fieber geschuettelt die Arbeit doch aus der Hand legen musste, zu +spaet, um noch gerettet werden zu koennen. Wir verloren an ihm einen geistig +wie charakterlich gleich hochstehenden Kameraden. Seine junge Frau kam +nicht mehr rechtzeitig genug, um ihm die Augen zudruecken zu koennen. Manche +von denen, die zeitweise meinem Stabe angehoert hatten, sind ausserdem +spaeter an der Front gefallen. + +Das Bild unseres Lebens wuerde unvollstaendig sein, wenn ich nicht auch auf +die Besucher zu sprechen kaeme, die sich bei uns allenthalben und zu jeder +Zeit einstellten. Ich habe hierbei nicht das staendige Ab und Zu von +Persoenlichkeiten zahlreicher Berufsklassen im Auge, die dienstlich mit uns +in Beruehrung kommen mussten, sondern ich denke an diejenigen, die durch +vielfach andere Interessen zu uns gefuehrt wurden. Ich oeffnete jedermann +gern Tuer und Herz, vorausgesetzt, dass er selbst mir offen entgegenkam. + +Die Zahl unserer Gaeste war gross. Wir waren nur wenige Tage ohne solche. +Nicht nur Deutschland und seine Verbuendeten, sondern auch die Neutralen +stellten ein betraechtliches Kontingent. Oftmals machten unsere Reihen bei +Tisch den Eindruck eines bunten Voelkergemisches, und es traf sich auch, +dass christliche Wuerdentraeger mit mohammedanischen Glaeubigen Stuhl an Stuhl +sassen. Leute aller Staende und Parteirichtungen fanden herzliche Aufnahme. +Ich widmete allen gern meine knappe Freizeit. Unter den Politikern gedenke +ich mit Vorliebe des Grafen Tisza, der mich im Winter 1916/17 in Pless +aufsuchte. Aus seinem Wesen sprach die ungebrochene Kraft seines Willens, +ein gluehendes patriotisches Gefuehl. Auch andere Politiker aller +Schattierungen aus unseren und unserer Verbuendeten Laendern sprachen bei +mir vor. In ihren Denkrichtungen mir vielfach fremd, in ihren Gefuehlen fuer +die gemeinsame grosse Sache aber damals gleichgeartet. Ich erinnere mich so +mancher warmer patriotischer Worte beim Abschied. Ich drueckte in meinem +Kreise die schwielig kraeftigen Haende von Handwerkern und Arbeitern und +freute mich ihres offenen Blickes und ihrer aufrichtigen Rede. Vertreter +fuehrender Industrien und Maenner der Wissenschaft setzten uns in Kenntnis +von neuen Erfindungen und Gedanken und schwaermten von kuenftigen +wirtschaftlichen Plaenen. Sie klagten wohl auch ueber den engen +Bureaukratismus der Heimat und ueber die Beschraenkung der Mittel zur +Verwirklichung ihrer Ideen. Bureaukraten andrerseits jammerten ueber die +geldfressende Begehrlichkeit gefuerchteter Phantasten und ueber die +uferlosen Plaene von Erfindern. Ich erinnere mich der interessierten Fragen +eines heimatlichen recht hohen Finanzbeamten, der die Preise eines +Schusses jeden Geschuetzkalibers wissen wollte, um daraus die ungefaehren +Kosten einer Schlacht zu berechnen. Er hat mich mit dem Ergebnis seines +Kalkuls verschont, wohl in der Befuerchtung, dass ich deswegen den +Munitionsverbrauch doch nicht einschraenken wuerde. + +Nicht nur Notwendigkeiten, Sorgen und Arbeit fanden zu uns den Weg, auch +Neugierde suchte Eintritt. Oft lachte ich im stillen ueber verlegene +Redensarten, mit denen so manches Erscheinen Rechtfertigung finden wollte. +Ob das Ergebnis solcher Besuche stets den gehegten Erwartungen entsprach, +wage ich nicht in allen Faellen zu bejahen. Im Gegensatz hierzu war mir +manch praechtiger Truppenoffizier, der die Merkmale schweren Kampfes und +harten Lebens an sich trug, ein hochwillkommener Tischnachbar. Kurze +Erzaehlungen aus dem Kriegsleben sprachen mehr, als lange schriftliche +Berichte. Die Wirklichkeit des frueher Selbsterlebten trat mir so oft mit +aller Lebendigkeit wieder vor die Seele. Freilich war in diesem +furchtbarsten aller Ringen unseren frueheren Kriegen gegenueber alles in das +Groteske gesteigert. Die stundenlange Schlacht vergangener Zeiten war zu +monatelangem Titanenkampf erhoben, menschliches Ertragen schien keine +Grenzen zu haben. + +Auch Graf Zeppelin besuchte uns noch in Pless und wirkte auf uns alle durch +die ruehrende Einfachheit seines Auftretens. Er betrachtete damals schon +seine Luftschiffe als veraltete Kriegswaffen. Nach seiner Ansicht gehoerte +dem Flugzeug in Zukunft die Herrschaft in der Luft. Der Graf starb bald +nach seinem Besuch, ohne das Unglueck seines Vaterlandes erleben zu muessen +- ein gluecklicher Mann! Noch zwei andere beruehmt gewordene Herrscher der +Luefte folgten meiner Einladung, unbezwungene junge Helden: Hauptmann +Boelcke und Rittmeister von Richthofen. Beider frisches und bescheidenes +Wesen erfreute uns. Ehre ihrem Andenken! Unterseebootsfuehrer sah ich +gleichfalls in der Zahl meiner Gaeste; unter ihnen fehlte auch nicht der +Fuehrer des Unterseehandelsbootes "Deutschland", Kapitaen Koenig. + +So blieb kein Stand und kein Stamm seitab von uns, und ich glaubte den +gemeinsamen Pulsschlag von Heer und Heimat, von unseren Verbuendeten und +uns selbst oft in meiner naechsten Naehe zu fuehlen. + + + + + Kriegsereignisse bis Ende 1916 + + + + Der rumaenische Feldzug + + +Unsere politische Lage Rumaenien gegenueber hatte im Verlauf der Kriegsjahre +1915/16 nicht allein an unsere politische Leitung sondern auch an unsere +Heeresfuehrung ungewoehnlich hohe Anforderungen gestellt. Es ist eine +billige Weisheit, nach dem Eintritt Rumaeniens in den Kreis unserer Feinde +und angesichts unserer unzureichenden militaerischen Vorbereitungen dem +neuen Gegner gegenueber ein scharfes Urteil ueber unsere damals +verantwortlichen Stellen und Persoenlichkeiten auszusprechen. Solche +Urteile, meist ohne Kenntnis der wirklichen Vorgaenge auf willkuerlichen +Behauptungen aufgebaut, erinnern mich an eine Aeusserung Fichtes in seinen +"Reden an die deutsche Nation", in welcher er von jener Art von +Schriftstellern spricht, die erst nach gegebenen Erfolgen wissen, was da +haette geschehen sollen. + +Es duerfte wohl kein Zweifel darueber bestehen, dass die Entente in unserer +Lage die rumaenische Gefahr, oder vielleicht besser gesagt, die rumaenische +militaerische Drohstellung spaetestens 1915 beseitigt haette, und zwar mit +der Anwendung aehnlicher Mittel, wie sie solche gegen Griechenland in +Taetigkeit brachte. Wie es sich spaeter herausstellen sollte, wurde Rumaenien +im Sommer 1916 durch ein Ultimatum der Entente in den Kriegsstrudel +hineingetrieben, indem es aufgefordert wurde, entweder zum sofortigen +Angriff zu schreiten oder dauernd auf seine Vergroesserungsplaene zu +verzichten. Eine aehnliche Loesung war aber politisch zu gewalttaetig, als +dass sie bei uns ohne dringendste Not Anhaenger haette finden koennen. Wir +glaubten, mit Rumaenien saeuberlicher verfahren zu sollen, wohl in der +Hoffnung, dass es sich sein Grab selbst graben wuerde. Gewiss trat dies auch +ein, aber nach welchen Krisen und Opfern! + +Die Beteiligung Rumaeniens am Kriege auf der Seite unserer Gegner rueckte in +greifbare Naehe, als die oesterreichische Ostfront zusammenbrach. Es waere +vielleicht nicht ausgeschlossen gewesen, dass sich diese Gefahr auch dann +noch haette beschwoeren lassen, wenn der deutsche Plan eines grossen +Gegenangriffes gegen den bis zu den Karpathen vorgedrungenen russischen +Suedfluegel haette verwirklicht werden koennen. Allein bei den immer erneuten +Zusammenbruechen in den oesterreichisch-ungarischen Linien kam diese +Operation nicht zustande. Die Angriffskraefte verschwanden in +Verteidigungsfronten. + +Angesichts dieses Verlaufes der Kaempfe an der Ostfront hatte die deutsche +Oberste Heeresleitung Mitte August im Einvernehmen mit General Jekoff zu +dem Aushilfsmittel gegriffen, mit den bulgarischen Fluegelarmeen einen +grossen Schlag gegen die Ententekraefte bei Saloniki zu fuehren. Der Gedanke +war sowohl politisch wie militaerisch durchaus zu billigen. Gelang das +Unternehmen, so war zu erwarten, dass Rumaenien eingeschuechtert und seine +zweifellos vorhandene Hoffnung auf eine Zusammenwirkung mit Sarrail +zerstoert wuerde. Rumaenien waere daher vielleicht schon dann zur Ruhe +veranlasst worden, wenn starke bulgarische Kraefte nach einem Siege ueber +Sarrail fuer beliebige andere Verwendung freigeworden waeren. Die deutsche +Oberste Heeresleitung geriet freilich gerade durch diesen Angriff der +Bulgaren zunaechst in einen gewissen militaerischen Widerspruch hinein. Da +sie naemlich gleichzeitig gezwungen war, Truppen in Nordbulgarien zu +versammeln, um auf die taeglich staerker werdenden rumaenischen +Kriegsleidenschaften ernuechternd zu wirken, so wurden Kraefte, die zum +Angriff auf Sarrail an der mazedonischen Front haetten Verwendung finden +koennen, aus politischen Gruenden an die Donau gezogen. Das Verfahren der +deutschen Obersten Heeresleitung wird erklaerlich einerseits durch das +Vertrauen, das man auf den Angriffswert des bulgarischen Heeres hatte, +andererseits durch eine gewisse Unterschaetzung der gegnerischen Staerke bei +Saloniki. Ganz besonders taeuschte man sich ueber die Bedeutung der dort +auftretenden, neugebildeten serbischen Verbaende in der Zahl von +6 Infanteriedivisionen. + +Der bulgarische Angriff in Mazedonien gelangte zwar mit der linken +Fluegelarmee bis an die Struma, drang dagegen mit dem rechten Fluegel in +Richtung auf Vodena nicht durch. Hier blieb das Unternehmen aus Gruenden +haengen, deren Eroerterungen uns an dieser Stelle zu weit fuehren wuerden. Die +bulgarische Infanterie schlug sich auch bei dieser Gelegenheit im Angriff +wieder vortrefflich, freilich mehr heldenhaft als kriegerisch gewandt. Der +Ruhm blieb ihr, aber der Erfolg war ihr versagt. Dieser Ausgang des +Angriffes in Mazedonien stellte die deutsche Oberste Heeresleitung vor +eine neue schwierige Frage. Die rumaenische Kriegslust steigerte sich +dauernd. Es war zu erwarten, dass die Stockung der bulgarischen Operationen +in Mazedonien auf die politischen Kreise in Bukarest kriegsermunternd +wirken wuerde. Sollte die deutsche Oberste Heeresleitung nunmehr den +Angriff der Bulgaren endgueltig abbrechen lassen, um starke bulgarische +Kraefte aus den jetzt wesentlich verkuerzten mazedonischen Fronten nach +Nordbulgarien zu fuehren, oder sollte sie es wagen, die an der Donau schon +versammelten Streitkraefte nach Mazedonien ueberzufuehren, um hier nochmals +zu versuchen, den rumaenischen gordischen Knoten mit dem Schwerte +durchzuschlagen? Die Kriegserklaerung Rumaeniens befreite die Oberste +Heeresleitung aus diesen Zweifeln. + +So also hatte sich die allgemeine Entwicklung der Verhaeltnisse suedlich der +Donau gestaltet. Nicht weniger schwierig war die Lage noerdlich der +transsylvanischen Alpen geworden. Waehrend naemlich Rumaenien offenkundig +ruestete, verzehrten die Kaempfe an der deutschen Westfront sowie diejenigen +an der oesterreichischen Ost- und Suedwestfront alles, was den Obersten +Heeresleitungen irgendwie an Reserven verfuegbar schien oder aus nicht +angegriffenen Frontteilen noch verfuegbar gemacht werden konnte. Gegen +Rumaenien glaubte man keine Kraefte freimachen zu koennen. Man vertrat den an +sich richtigen Grundsatz, von Streitkraeften, die auf den augenblicklichen +Schlachtfeldern dringend benoetigt waren, nichts aus politischen Gruenden +brachliegen zu lassen. + +So kam es, dass die rumaenische Kriegserklaerung am 27. August uns dem neuen +Feind gegenueber in einer nahezu voellig wehrlosen Lage traf. Ich bin auf +diese Entwicklung der Verhaeltnisse deswegen ausfuehrlicher eingegangen, um +die Entstehung der grossen Krisis verstaendlich zu machen, in der wir uns +seit dem genannten Tage befanden. Das Bestehen einer solchen kann auch +angesichts der spaeteren erfolgreichen Durchfuehrung des Feldzuges nicht gut +bestritten werden. + +Wenn auch von seiten des Vierbundes nur unzureichende Vorbereitungen +getroffen werden konnten, um der rumaenischen Gefahr zu begegnen, so hatten +sich doch seine verantwortlichen militaerischen Fuehrer selbstredend ueber +die beim eintretenden Kriegsfall zu treffenden Massnahmen fruehzeitig +geeinigt. Am 28. Juli 1916 hatte zu diesem Zwecke eine Besprechung der +Heereschefs Deutschlands, Oesterreich-Ungarns und Bulgariens zu Pless +stattgefunden. Sie fuehrte zur Aufstellung eines Kriegsplanes, in dessen +entscheidender Ziffer 2 es woertlich heisst: + + "Schliesst Rumaenien sich der Entente an: schnellstes, kraeftigstes + Vorgehen, um Krieg von bulgarischem Boden sicher, von + oesterreichisch-ungarischem, soweit irgend moeglich, fernzuhalten und nach + Rumaenien hineinzutragen. Hierzu + + a) demonstrative Operationen deutscher und oesterreichischer Truppen + von Norden her, zwecks Fesselung starker rumaenischer Kraefte; + + b) Vorstoss bulgarischer Kraefte von der Dobrudschagrenze gegen die + Donauuebergaenge von Silistria und Tutrakan zum Schutze der rechten + Flanke der Hauptkraefte; + + c) Bereitstellung der Hauptkraefte zum Uebergang ueber die Donau bei + Nikopoli zwecks Offensive gegen Bukarest." + +In einer kurz darauf folgenden Zusammenkunft mit Enver Pascha in Budapest +wurde auch die Teilnahme der Tuerken an einem etwaigen rumaenischen Feldzug +festgelegt. Enver verpflichtete sich zur baldigen Bereitstellung von zwei +osmanischen Divisionen fuer den Einsatz auf der Balkanhalbinsel. + +Dieser Kriegsplan gegen Rumaenien erfuhr, so lange mein Vorgaenger noch die +Zuegel der Heeresleitung in der Hand hatte, keine Aenderung. Wohl aber fand +noch ein wiederholter Gedankenaustausch darueber zwischen den einzelnen +Feldheereschefs statt. Auch Generalfeldmarschall von Mackensen, der zur +Fuehrung der suedlich der Donau bereitgestellten Kraefte bestimmt war, wurde +zur Sache gehoert. Bei diesen Gelegenheiten zeichneten sich zwei +Gedankenrichtungen deutlich ab. Generaloberst von Conrad vertrat diejenige +eines ruecksichtslosen sofortigen Vorgehens auf Bukarest, General Jekoff +diejenige eines Feldzugsbeginns in der Dobrudscha. Die Kraefte suedlich der +Donau waren bei Kriegsausbruch noch viel zu schwach, um die an dieser +Front beabsichtigte Doppelaufgabe, naemlich Donauuebergang und Angriff gegen +Silistria und Tutrakan, gleichzeitig durchfuehren zu koennen. + +Am 28. August erging von meinem Vorgaenger an Generalfeldmarschall von +Mackensen der Befehl zum baldmoeglichsten Angriff. Richtung und Ziel +blieben dem Feldmarschall ueberlassen. + +So fand ich am 29. August bei der Uebernahme der Operationsleitung die +militaerische Lage gegenueber Rumaenien. Sie war schwierig. + +Wahrlich, noch niemals war einem verhaeltnismaessig so kleinen Staatswesen +wie Rumaenien, eine weltgeschichtliche Entscheidungsrolle von gleicher +Groesse in einem ebenso guenstigen Augenblicke in die Haende gelegt. Noch +niemals waren starke Grossmaechte wie Deutschland und Oesterreich in gleicher +Gebundenheit der Kraftentfaltung eines Landes ausgeliefert, das kaum ein +Zwanzigstel der Bevoelkerung der beiden Grossstaaten zaehlte, wie im jetzt +vorliegenden Falle. Auf Grund der Kriegslage haette man annehmen koennen, +dass Rumaenien nur zu marschieren brauchte, wohin es wolle, um den Weltkampf +zugunsten derjenigen Staaten zu entscheiden, die seit Jahren vergeblich +gegen uns anstuermten. Alles schien davon abzuhaengen, ob Rumaenien gewillt +war, von seiner augenblicklichen Staerke einigermassen Gebrauch zu machen. + +Nirgends schien diese Tatsache klarer erkannt, lebhafter gefuehlt und mehr +gefuerchtet zu werden, als in Bulgarien. Seine Regierung zoegerte mit dem +Kriegsentschluss. Darf ihr daraus ein Vorwurf gemacht werden? Als dann aber +am 1. September der bulgarische Kriegsentschluss zu unseren Gunsten +gefallen war, trat das Land mit all seinen Kraeften und mit dem ganzen Hass +seiner Volksseele, der im Jahre 1913 aus dem rumaenischen Ueberfall in den +Ruecken des gegen Serbien und Griechenland schwer ringenden Landes +entsprungen war, an unsere Seite. Der moerderische Tag von Tutrakan gab den +ersten Beweis fuer die kriegswillige Stimmung unseres Bundesgenossen. + +Der vorhandene Kriegsplan hatte angesichts unserer mangelnden +Vorbereitungen zunaechst naturgemaess jede Bedeutung verloren. Der Gegner +verfuegte fuers erste ueber die volle Freiheit des Handelns. Bei seiner +Kriegsbereitschaft und seiner zahlenmaessigen Staerke, die durch die uns +bekannte russische Hilfe noch wesentlich gesteigert wurde, war zu +befuerchten, dass unsere eigenen Mittel nicht ausreichen wuerden, der +rumaenischen Heeresleitung vorerst diese Freiheit wesentlich zu +beschraenken. Wohin der Rumaene auch seine Operationen richten wollte, ob +ueber das transsylvanische Gebirge gegen Siebenbuergen oder aus der +Dobrudscha gegen Bulgarien, ueberall schienen ihm grosse Ziele und leichte +Erfolge zu winken. Ganz besonders glaubte ich rumaenisch-russische +Offensivbewegungen gegen Sueden befuerchten zu sollen. Selbst Bulgaren +hatten darueber Zweifel ausgesprochen, ob ihre Soldaten gegen die Russen +kaempfen wuerden. Das feste Vertrauen des Generals Jekoff in dieser Richtung +- ich sprach an frueherer Stelle schon davon - wurde in Bulgarien +keineswegs allgemein geteilt. Es war nicht zu bezweifeln, dass unsere +Gegner mit dieser russenfreundlichen Stimmung wenigstens eines starken +Teiles der bulgarischen Armee rechnen wuerden. Ganz abgesehen aber auch +hiervon lag es fuer Rumaenien nahe, durch einen Angriff nach Sueden der Armee +Sarrails die Hand zu reichen. Wie musste alsdann unsere Lage werden, wenn +es den Gegnern auch nur gelang, unsere Verbindung mit der Tuerkei, aehnlich +wie das vor Durchfuehrung der Operation gegen Serbien der Fall gewesen, +erneut zu unterbrechen oder gar Bulgarien von unserem Buendnis +abzusprengen? Eine abermals isolierte Tuerkei, gleichzeitig bedroht aus +Armenien und Thrazien, ein fast hoffnungslos gewordenes Oesterreich-Ungarn +haetten einen solchen Umschwung der Lage zu unseren Ungunsten nimmermehr +ueberwunden. + +Das von meinem Vorgaenger angeordnete sofortige Vorgehen Mackensens +entsprach durchaus dem Gebot der Stunde. Eine Ueberschreitung der Donau mit +den in Nordbulgarien verfuegbaren Kraeften konnte hierbei freilich nicht in +Frage kommen. Es genuegte aber schon, wenn wir dem Gegner die Vorhand in +der Dobrudscha abgewannen und seine Feldzugsplaene dadurch verwirrten. Um +letzteres Ziel wirklich und durchgreifend zu erreichen, durften wir den +Angriff des Feldmarschalls aber nicht auf die Gewinnung von Tutrakan und +Silistria beschraenken. Wir mussten vielmehr durch eine weitgehendere +Ausnuetzung von Erfolgen in der Sueddobrudscha bei der rumaenischen +Heeresfuehrung Besorgnis fuer den Ruecken ihrer an der siebenbuergischen +Grenze eingesetzten Hauptkraefte zu erregen suchen. Und wirklich gelang uns +dies. Angesichts des Vordringens des Feldmarschalls bis in bedrohliche +Naehe der Linie Constanza-Czernavoda sah sich die rumaenische Fuehrung +veranlasst, Kraefte aus ihrer gegen Siebenbuergen gerichteten Operation nach +der Dobrudscha zu entsenden. Sie versuchte sogar durch Einsatz weiterer +frischer Kraefte, der Offensive Mackensens ueber Rahowo, donauabwaerts +Ruscuk, in den Ruecken zu gehen. Auf dem Papier ein schoener Plan! Ob dieser +dem rumaenischen Gedankenkreis oder demjenigen eines seiner Verbuendeten +entsprang, ist bis heute nicht bekannt. Nach den Erfahrungen, die wir bis +zu dem Tage dieses Rahowo-Intermezzos, dem 2. Oktober, mit den Rumaenen +gemacht hatten, hielt ich das Unternehmen fuer mehr als kuehn und dachte mir +nicht nur, sondern sprach es auch aus: "Man verhafte diese Truppen!" +Dieser Wunsch, in entsprechende Befehlsworte gekleidet, wurde auch von den +Deutschen und Bulgaren bestens erfuellt. Von dem Dutzend rumaenischer +Bataillone, die bei Rahowo das suedliche Donauufer betreten hatten, sahen +waehrend des Krieges nur einzelne Leute die Heimat wieder. + +Das Verhaengnis brach ueber Rumaenien herein, weil seine Armee nicht +marschierte, weil seine Fuehrung nichts verstand, und weil es uns doch noch +gelang, ausreichende Kraefte in Siebenbuergen rechtzeitig zu versammeln. + +Ausreichend? Gewiss ausreichend fuer diesen Gegner! Tollkuehn wird man uns +vielleicht einmal nennen, wenn man die Staerkeverhaeltnisse vergleichen +wird, unter denen wir gegen das rumaenische Heer zum Angriff schritten, und +mit denen General von Falkenhayn am 29. September den westlichen +rumaenischen Fluegel bei Hermannstadt zerrieb. + +Aus der Schlacht von Hermannstadt wirft der General dann seine Armee nach +Osten herum. Er rueckt unter Nichtachtung der ihm durch rumaenische +Ueberlegenheit und guenstige gegnerische Lage noerdlich des oberen Alt +drohenden Gefahr mit der Masse seiner Truppen suedlich des genannten +Flusses am Fusse des Gebirges entlang gegen Kronstadt vor. Der Rumaene +stutzt, verliert das Vertrauen zur eigenen Ueberlegenheit wie zum eigenen +Koennen, vergisst die Ausnutzung der ihm immer noch guenstigen Kriegslage und +macht auf der ganzen Front Halt. Damit tut er aber auch schon den ersten +Schritt rueckwaerts. General von Falkenhayn reisst die Vorhand nunmehr voellig +an sich, zertruemmert suedlich des Geisterwaldes den gegnerischen Widerstand +und marschiert weiter. Der Rumaene weicht nunmehr allenthalben aus +Siebenbuergen, nicht ohne am 8. Oktober bei Kronstadt noch eine blutige +Niederlage erlitten zu haben. So geht er denn auf den schuetzenden Wall +seiner Heimat zurueck. Unsere demnaechstige Aufgabe ist es, diesen Wall zu +ueberschreiten. Wir halten zuerst an der Hoffnung fest, die bisherigen +taktischen Erfolge strategisch dahin auswerten zu koennen, dass wir von +Kronstadt unmittelbar auf Bukarest durchbrechen. Moegen auch das wilde +Hochgebirge und die feindliche Ueberlegenheit unsere wenigen und schwachen +Divisionen vor eine sehr schwere Aufgabe stellen, die Vorteile dieser +Vormarschrichtung sind zu gross, als dass wir den Versuch unterlassen +duerften. Er gelingt nicht, so tapfer auch unsere Truppen um jede Kuppe, +jeden Felshang, ja jeden Felsblock kaempfen. Unsere Bewegung stockt voellig, +als am 18. Oktober ein rauher Fruehwinter die Berge in Schnee huellt und die +Strassen zu Eisrinnen verwandelt. Unter unsaeglichen Entbehrungen und Leiden +halten unsere Truppen wenigstens die gewonnenen Gebirgsteile, bereit, sich +weiter durchzuringen, wenn die Zeit und Gelegenheit dazu kommen wird. + +Die bisherigen Erfahrungen weisen darauf hin, andere Wege in das +walachische Tiefland zu suchen als diejenigen, die von Kronstadt aus ueber +den breitesten Teil der transsylvanischen Alpen fuehren. General von +Falkenhayn schlaegt den Durchbruch ueber den westlicher gelegenen Szurdukpass +vor. Die Richtung ist freilich strategisch weniger wirkungsvoll, aber +unter den jetzigen Verhaeltnissen die taktisch und technisch einzig +moegliche. So brechen wir ueber diesen Pass am 11. November in Rumaenien ein. + +Inzwischen hat sich Generalfeldmarschall von Mackensen suedlich der Donau +bereitgestellt, um dem noerdlichen Einbruch von Sueden her die Hand zu +reichen. Er hatte am 21. Oktober die russisch-rumaenische Armee suedlich der +Linie Constanza-Czernavoda gruendlich geschlagen. Am 22. Oktober war +Constanza in die Hand der dritten bulgarischen Armee gefallen. Der Gegner +weicht von da ab unaufhaltsam nach Norden. Wir aber lassen die Bewegung +einstellen, sobald noerdlich der erwaehnten Eisenbahn eine +Verteidigungslinie erreicht wird, die mit geringen Kraeften behauptet +werden kann. Alles, was dort an Truppen entbehrlich ist, rueckt gegen +Sistow. Verlockend war ja der Gedanke, sofort die ganze Dobrudscha in die +Hand zu nehmen und dann bei Braila im Ruecken der rumaenischen Hauptmacht in +das noerdliche Donaugebiet einzubrechen. Allein, wie sollten wir das +notwendige Brueckenmaterial in die noerdliche Dobrudscha bringen? +Eisenbahnen bestehen dorthin nicht, und den Wasserweg versperren die +rumaenischen Batterien vom Nordufer der Donau. Wir muessen dem Schicksal +dankbar sein, dass diese nicht schon laengst unseren einzigen verfuegbaren +schweren Brueckentrain bei Sistow in Truemmer geschossen haben, der, seit +Monaten im Bereich der feindlichen Geschuetzwirkung, nur durch einen fuer +uns nicht aufklaerbaren Fehler des Gegners der Zerstoerung entgangen ist. So +koennen wir wenigstens dort den Stromuebergang im Auge behalten. + +Im Morgengrauen des 23. November gewinnt Generalfeldmarschall von +Mackensen das noerdliche Donauufer. Das erstrebte Zusammenwirken zwischen +ihm und General von Falkenhayn ist erreicht. Auf dem Schlachtfeld am +Argesch findet es seine Kroenung in der Zertruemmerung der rumaenischen +Hauptkraefte. Der Schlussakt vollzieht sich am 3. Dezember. Bukarest faellt +widerstandslos in unsere Hand. + +Am Abend dieses Tages schliesse ich den gemeinsamen Vortrag ueber die +Kriegslage mit den Worten: "Ein schoener Tag." Als ich spaeter in die +Winternacht hinaustrete, beginnt von den Kirchtuermen des Staedtchens Pless +das Dankgelaeute fuer den grossen neuen Erfolg. Ich hatte laengst aufgehoert, +in solchen Augenblicken an anderes zu denken als an die wunderbaren +Leistungen unseres braven Heeres, und einen anderen Wunsch zu hegen, als +dass diese Leistungen uns dem endlichen Abschluss des schweren Ringens und +der grossen Opfer nahe braechten. + +Den Gewinn der rumaenischen Hauptstadt hatten wir uns freilich etwas +kriegerischer vorgestellt. Wir hatten Bukarest fuer eine maechtige Festung +gehalten, hatten schwerstes Artilleriematerial zu ihrer Bezwingung +herangefuehrt, und nun zeigte sich der beruehmte Waffenplatz als offene +Stadt. Kein Geschuetz kroent mehr die maechtigen Waelle der Forts, und die +Panzerkuppeln haben sich in Holzdeckel verwandelt. Unsere vom Feinde so +viel verschrieene Friedensspionage hatte nicht einmal dazu ausgereicht, +die Entfestigung von Bukarest vor dem Beginn des rumaenischen Feldzuges +festzustellen. + +Das Schicksal Rumaeniens hatte sich mit dramatischer Wucht vollzogen. Die +ganze Welt musste sehen, und Rumaenien sah es wohl auch selbst, dass kein +leerer Schall in dem alten Landsknechtvers lag: + + Wer Unglueck will im Kriege han, + Der binde mit dem Deutschen an. + +Mit Anfuehrung dieses Verses will ich aber nicht die Mitwirkung +Oesterreich-Ungarns, der Tuerkei und Bulgariens an diesem grossen und schoenen +Unternehmen irgendwie verkleinern. Unsere Bundesgenossen waren alle zur +Stelle und hatten treulich mitgeholfen an dem grossen mannhaften Werke. +Rumaenien, in dessen Hand das Schicksal der Welt gelegen hatte, musste froh +sein, dass seine Heerestruemmer durch russische Hilfe vor Vernichtung +bewahrt wurden. Sein Traum, dass noch einmal, wie im Jahre 1878 auf dem +Schlachtfelde von Plewna, der Russe ihm in pflichtmaessiger Dankbarkeit, +wenn auch mit bitterem Gefuehl im Herzen, die Hand fuer die erwiesenen +Dienste druecken muesste, hatte sich in das grausame Gegenteil verkehrt. Die +Zeiten hatten sich gewandelt. + +Meinem Allerhoechsten Kriegsherrn hatte ich Ende Oktober 1916 meine +Anschauung dahin ausgesprochen, dass wir am Ende des Jahres den rumaenischen +Feldzug beendet haben wuerden. Am 31. Dezember konnte ich Seiner Majestaet +melden, dass unsere Truppen den Sereth erreicht haetten, und dass die +Bulgaren am Suedufer des Donaudeltas stuenden. Die gesteckten Ziele waren +erreicht. + + + + Kaempfe an der mazedonischen Front + + +Die Schwierigkeiten unserer Kriegslage im Herbste 1916 wurden durch den +Fortgang der Kaempfe an der mazedonischen Front nicht unwesentlich erhoeht. + +Die Armee Sarrails haette jeden Anspruch auf Daseinsberechtigung verloren, +wenn sie nicht im Augenblick der rumaenischen Kriegserklaerung auch +ihrerseits die Offensive ergriffen haette. Ihr Vorgehen erwarteten wir im +Wardartal. Waere sie hier bis in die Gegend von Gradsko vorgedrungen, so +haette sie das Zentrum der wichtigsten bulgarischen Verbindungen in Besitz +genommen und haette auch das Verbleiben der Bulgaren in der Gegend von +Monastir unmoeglich gemacht. Sarrail waehlte die unmittelbare +Angriffsrichtung auf Monastir, vielleicht durch besondere politische +Gruende veranlasst. + +Die bulgarische rechte Fluegelarmee wurde durch diese Offensive aus ihren +Stellungen, die sie beim Angriff im August suedlich Florina gewonnen hatte, +zurueckgeworfen. Sie verlor im weiteren Verlauf der Kaempfe Monastir, +behauptete sich aber dann. + +Wir waren hierdurch genoetigt gewesen, den Bulgaren Unterstuetzungen aus +unseren Kampffronten zuzufuehren, Unterstuetzungen, die meist fuer den +rumaenischen Feldzug bestimmt gewesen waren. War die Groesse dieser Hilfe im +Verhaeltnis zur gesamten Staerke unseres Heeres auch nicht sehr bedeutend - +es waren gegen 20 Bataillone sowie zahlreiche schwere und Feldbatterien - +so traf uns diese Abgabe doch in einer ausserordentlich kritischen Zeit, in +der wir tatsaechlich mit jedem Mann und jedem Geschuetz geizen mussten. + +Wie wir, so leistete auch die Tuerkei dem verbuendeten Bulgarien in diesen +schweren Kaempfen bereitwilligst Hilfe. Enver Pascha stellte ueber die fuer +den rumaenischen Krieg versprochene Unterstuetzung hinaus ein ganzes +tuerkisches Armeekorps zur Abloesung bulgarischer Truppen an der Strumafront +zur Verfuegung. Diese Unterstuetzung wurde von bulgarischer Seite ungern +gesehen, da man befuerchtete, es wuerden sich daraus unangenehme tuerkische +Ansprueche auf politischem Gebiet geltend machen. Enver Pascha versicherte +uns jedoch ausdruecklich, dass er solches verhindern wuerde. Es war ja +begreiflich, dass Bulgarien deutsche Unterstuetzung der osmanischen +vorgezogen haette, unbegreiflich aber war es, dass man in Sofia nicht +einsehen wollte, wie wenig Deutschland in dieser Zeit imstande war, seine +Kraefte noch weiter anzuspannen. + +Der Verlust Monastirs war nach meiner Auffassung ohne militaerische +Bedeutung. Die freiwillige Zuruecknahme des bulgarischen rechten +Heeresfluegels in die ausserordentlich starken Stellungen bei Prilep waere +von grossem militaerischen Vorteil gewesen, weil alsdann die bulgarische +Heeresversorgung ganz wesentlich erleichtert, diejenige unserer Gegner um +vieles erschwert worden waere. Gerade die ungeheuren Schwierigkeiten in den +rueckwaertigen Verbindungen hatten auf bulgarischer Seite die in den Kaempfen +wiederholt eingetretenen Krisen wesentlich mitverschuldet. Die Truppen +mussten tagelang hungern und litten zeitweise auch Mangel an Schiessbedarf. +Wir haben unter Hintansetzung eigener Interessen mit allen Mitteln +versucht, den Bulgaren die Schwierigkeiten in dieser Richtung zu +erleichtern. Die Groesse der zurueckzulegenden Wegesstrecken, die Wildheit +und Unkultur des Gebirgslandes erschwerten die Loesung dieser Aufgabe +ungemein. + +Bei den Kaempfen um Monastir hatten die Bulgaren zum ersten Male in +schweren Verteidigungsschlachten gestanden. Hatten die bisherigen +Nachrichten unserer Offiziere ueber die Haltung des bulgarischen Heeres den +glaenzenden Geist des Soldaten beim Angriff geruehmt, so trat jetzt bei +diesem eine gewisse Empfindlichkeit gegenueber einem laenger andauernden +feindlichen Artilleriefeuer in die Erscheinung. Diese Wahrnehmung mochte +ueberraschen, man konnte sie aber bei allen Voelkern, sowohl auf feindlicher +als auch auf unserer Seite bestaetigt finden, die mit sogenannter +unverdorbener Naturkraft in den Krieg traten. Es macht den Eindruck, als +ob die modernen Angriffsmittel in ihren nervenzerstoerenden Wirkungen fuer +durchhaltende Verteidigung eine Zugabe zu dieser Naturkraft verlangen, die +nur durch eine hoehere Willenskultur geliefert werden kann. In der +Hauptmasse unseres deutschen Soldatenmaterials scheint die richtige +Mischung von sittlicher und koerperlicher Kraft vorhanden zu sein, die +unsere Truppen in Verbindung mit unserer militaerischen Willensschulung in +den Stand setzt, den gewaltigen Eindruecken eines modernen Kampfes +erfolgreich Widerstand zu leisten. Der Oberbefehlshaber des bulgarischen +Heeres hatte das richtige Gefuehl fuer die eben erwaehnte Empfindlichkeit +seiner Soldaten. Er aeusserte darueber in soldatischer Offenheit seine +Sorgen, wenn er auch weit davon entfernt war, eine aengstliche Natur zu +sein. + + + + Auf den asiatischen Kriegsschauplaetzen + + +Durch die Stellung, die der deutsche Chef des Generalstabes des Feldheeres +nunmehr innerhalb der gesamten Kriegsleitung einnahm, wurden wir auch zur +Beschaeftigung mit den Vorgaengen auf den asiatischen Kriegsschauplaetzen +veranlasst. Zur Zeit der Anwesenheit Enver Paschas in unserem Grossen +Hauptquartier Anfang 1917 glaubten wir die Lage in Asien folgendermassen +beurteilen zu koennen: + +Die russische Offensive in Armenien war nach der Gewinnung der Linie +Trapezunt-Erzinghan zum Stillstand gekommen. Die tuerkische Offensive, die +im Sommer dieses Jahres von Sueden her aus Richtung Diabekr gegen die linke +Flanke dieses russischen Vorgehens angesetzt war, kam infolge der +ausserordentlichen Gelaendeschwierigkeiten und der ganz ungenuegenden +Nachschubmoeglichkeiten nicht vorwaerts. Es war jedoch zu erwarten, dass die +Russen in diesem Jahre mit Ruecksicht auf den im armenischen Hochlande frueh +eintretenden Winter ihre weiteren Angriffe bald endgueltig einstellen +wuerden. + +Die Gefechtskraft der beiden tuerkischen Kaukasusarmeen war aufs aeusserste +zurueckgegangen, einzelne Divisionen bestanden nur noch dem Namen nach. +Entbehrungen, blutige Verluste, Fahnenflucht hatten verheerend auf die +Truppenbestaende gewirkt. Mit schweren Sorgen sah Enver Pascha dem +kommenden Winter entgegen. Es fehlte seinen Truppen die notwendigste +Bekleidung; dazu bot die Ernaehrung der Armeen in diesen armen, grossenteils +entvoelkerten und verwuesteten Gebieten ausserordentliche Schwierigkeiten. +Bei dem Mangel an Zug- und Tragtieren mussten den osmanischen Soldaten in +dem oeden, wegarmen Gebirgslande die Kampf- und Lebensbeduerfnisse durch +Traegerkolonnen in vielen Tagemaerschen zugefuehrt werden. Weiber und Kinder +fanden dabei einen mageren Verdienst, aber auch oft den Tod. + +Besser waren die Verhaeltnisse zu dieser Zeit im Irak. Dort war der +Englaender augenblicklich in dem Ausbau seiner rueckwaertigen Verbindungen +noch nicht so weit vorgeschritten, um schon jetzt zur Rache fuer +Kut-el-Amara schreiten zu koennen. Dass er eine solche nehmen wuerde, war fuer +uns zweifellos. Ob alsdann die tuerkische Macht im Irak hinreichte, um dem +englischen Angriff erfolgreich zu widerstehen, vermochten wir nicht zu +beurteilen. Trotz der sehr optimistischen Anschauungen der osmanischen +Obersten Heeresleitung ermahnten wir zu Verstaerkung der dortigen Truppen. +Leider liess sich aber die Tuerkei aus politischen und panislamitischen +Gruenden verfuehren, ein ganzes Armeekorps nach Persien hineinzuschicken. + +Der dritte asiatische Kriegsschauplatz, naemlich derjenige in Suedpalaestina, +gab Veranlassung zu unmittelbarer Sorge. Die zweite gegen den Suez-Kanal +gerichtete tuerkische Unternehmung war Anfang August 1916 in der Mitte des +noerdlichen Teiles der Sinai-Halbinsel gescheitert. Daraufhin waren die +tuerkischen Truppen allmaehlich aus diesem Gebiete hinausgedraengt worden und +standen jetzt im suedlichen Teile Palaestinas in der Gegend von Gaza. Die +Frage, ob und wann sie auch hier angegriffen wuerden, schien lediglich von +dem Zeitpunkt abzuhaengen, an dem die Englaender ihre Eisenbahn aus Aegypten +bis hinter ihre Truppen ausgebaut hatten. + +Der somit drohende Angriff auf Palaestina schien fuer den militaerischen und +politischen Bestand der Tuerkei weit gefaehrlicher als ein solcher auf das +fernab liegende Mesopotamien. Man musste annehmen, dass der Verlust von +Jerusalem - ganz abgesehen davon, dass er voraussichtlich den Verlust des +ganzen suedlichen Arabiens nach sich zog - die jetzige tuerkische Politik +vor eine Belastungsprobe stellen wuerde, die sie nicht ertragen koennte. + +Leider waren die operativen Verhaeltnisse fuer die osmanische Kriegfuehrung +in Suedsyrien nicht wesentlich besser als in Mesopotamien. Hier wie dort +litten die Tuerken, im schaerfsten Gegensatz zu ihren Gegnern, unter solch +ausserordentlichen Schwierigkeiten der rueckwaertigen Verbindungen, dass eine +wesentliche Verstaerkung ihrer Streitkraefte ueber den jetzigen Stand hinaus +den Hunger, ja selbst den Durst fuer alle bedeutet haette. Die +Verpflegungsverhaeltnisse waren auch in Syrien zeitweise trostlos. Zu +unguenstigen Ernten, ungewolltem und gewolltem Versagen der +verantwortlichen Stellen kam die nahezu durchweg feindliche Haltung der +arabischen Bevoelkerung. + +Zahlreiche wohlgemeinte Darlegungen suchten mich im Laufe des Krieges von +der Notwendigkeit zu ueberzeugen, dass Mesopotamien und Syrien mit staerkeren +Kraeften verteidigt, ja dass hier wie dort zum Angriff uebergegangen werden +muesste. Das Interesse weiter deutscher Kreise an diesen Kriegsschauplaetzen +war gross. Augenscheinlich irrten die Gedanken uneingestandenermassen +vielfach ueber Mesopotamien durch Persien, Afghanistan nach Indien und von +Syrien nach Aegypten. Man traeumte im stillen an der Hand der Karten, dass +wir auf diesen Landwegen an den Lebensnerv der uns so gefaehrlichen +britischen Weltmachtstellung herankaemen. Vielleicht lag in solchen +Gedanken oft unbewusst das Wiedererwachen frueherer napoleonischer Plaene. Zu +ihrer Durchfuehrung fehlte uns aber die erste Vorbedingung derartiger +weitgreifender Operationen, naemlich genuegend leistungsfaehige +Nachschublinien. + + + + Die Ost- und Westfront bis zum Ende des Jahres 1916 + + +Waehrend wir Rumaenien niederschlugen, dauerten die Angriffe der Russen in +den Karpathen und in Galizien ununterbrochen an. Von russischer Seite war +nicht beabsichtigt gewesen, dem neuen Bundesgenossen bei seinem Angriff +auf Siebenbuergen unmittelbar zu unterstuetzen, wohl aber sollte diese +rumaenische Operation durch ununterbrochene Fortsetzung der bisherigen +russischen Angriffe gegen die galizische Front erleichtert werden. +Unmittelbare Hilfe gewaehrten die Russen den Rumaenen dagegen in der +Dobrudscha, und zwar von Anfang an. Die Gruende hierfuer lagen ebensosehr +auf politischem wie militaerischem Gebiete; Russland rechnete zweifellos +sehr stark mit russophilen Neigungen innerhalb der bulgarischen Armee. +Daher versuchten auch bei Beginn der Kaempfe in der Sueddobrudscha russische +Offiziere und Truppen, sich den Bulgaren als Freunde zu naehern, und waren +bitter enttaeuscht, als die Bulgaren mit Feuer antworteten. Dazu kam, dass +Russland zwar ohne politische Eifersucht zusehen konnte, wenn Rumaenien sich +in den Besitz von Siebenbuergen setzte, aber nicht dulden durfte, dass der +neue Verbuendete selbstaendig Bulgarien auf die Knie warf und dann +moeglicherweise noch den Weg nach Konstantinopel einschlug oder wenigstens +freimachte. Galt doch die Eroberung der tuerkischen Hauptstadt seit +Jahrhunderten als historisches und religioeses Vorrecht Russlands. + +Es mag dahingestellt bleiben, ob es von russischer Seite klug war, den +Rumaenen ohne unmittelbare Unterstuetzung, sei es auch nur durch etliche +russische Kerntruppen, die Operation nach Siebenbuergen allein zu +ueberlassen. Man ueberschaetzte dabei jedenfalls die Leistungsfaehigkeit der +rumaenischen Armee und ihrer Fuehrung und ging von der irrigen Ansicht aus, +dass die Kraefte der Mittelmaechte an der Ostfront durch die russischen +Angriffe vollstaendig gebunden, ja sogar erschoepft seien. + +Diese Angriffe erreichten zwar ihren Zweck nicht in vollem Umfange, +stellten uns aber immerhin wiederholt vor nicht unbedenkliche Krisen. Die +Lage wurde zeitweise so misslich, dass wir befuerchten mussten, unsere +Verteidigung wuerde von den Karpathenkaemmen heruntergeworfen werden. Deren +Behauptung war aber fuer uns eine Vorbedingung zur Durchfuehrung unseres +Aufmarsches und unserer ersten Operationen gegen den neuen Feind. Auch in +Galizien mussten wir den Russen mit allen Mitteln aufhalten. Eine Preisgabe +weiterer dortiger Gebietsteile wuerde an sich fuer unsere Gesamtlage von +geringer militaerischer Bedeutung gewesen sein, wenn nicht hinter unserer +galizischen Stellung die fuer uns so kostbaren, ja fuer die Kriegfuehrung +unentbehrlichen Oelfelder gelegen haetten. Wiederholt mussten aus diesen +Gruenden fuer den Angriff gegen Rumaenien bestimmte Truppenverbaende gegen die +ins Wanken geratenen Frontteile abgedreht werden. + +Wenn auch die kritischen Lagen schliesslich immer wieder ueberwunden und +unser Feldzug gegen Rumaenien einem gluecklichen Abschluss entgegengefuehrt +wurde, so kann man doch nicht behaupten, dass die russischen +Entlastungsangriffe ihren grossen operativen Zweck voellig verfehlt haetten. +Rumaenien unterlag wahrlich nicht durch die Schuld seiner Verbuendeten. Die +Entente tat im Gegenteil alles, was sie nach der Lage und ihren Kraeften +tun konnte, und zwar nicht nur im unmittelbaren Anschluss an das rumaenische +Heer, sondern auch mittelbar durch die Angriffe Sarrails in Mazedonien, +durch die italienischen Angriffe am Isonzo und schliesslich auch durch die +Fortsetzung der englisch-franzoesischen Anstuerme im Westen. + + + +Wir hatten, wie ich schon frueher andeutete, von Anfang an damit gerechnet, +dass der Gegner mit dem Eintritt Rumaeniens in den Krieg seine Angriffe auch +gegen unsere Westfront mit aller Kraft, mit englischer Zaehigkeit und +franzoesischem Elan fortfuehren wuerde. Dies trat auch ein. + +Unsere Fuehrereinwirkung auf diese Kaempfe war einfach. An einen +Entlastungsangriff konnten wir mangels genuegender Kraefte weder bei Verdun +noch an der Somme denken, so sehr auch ein solcher meinen eigenen +Neigungen entsprochen haette. Kurz nach der Uebernahme der Obersten +Heeresleitung sah ich mich auf Grund der Gesamtlage gezwungen, Seiner +Majestaet dem Kaiser den Befehl zur Einstellung unserer Angriffe bei Verdun +zu unterbreiten. Die dortigen Kaempfe zehrten wie eine offene Wunde an +unseren Kraeften. Es liess sich auch klar ueberblicken, dass das Unternehmen +in jeder Hinsicht aussichtslos geworden war und seine Fortsetzung uns weit +groessere Verluste kostete, als wir dem Gegner beizubringen imstande waren. +Unsere vordersten Stellungen lagen in allseitig flankierendem Feuer +uebermaechtiger gegnerischer Artillerie; die Verbindungen zu den Kampflinien +waren ausserordentlich schwierig. Das Schlachtfeld war eine wahre Hoelle und +in diesem Sinne bei der Truppe geradezu beruechtigt. Jetzt in +rueckschauender Betrachtung stehe ich nicht an, zu sagen, dass wir aus rein +militaerischen Gruenden gut daran getan haetten, die Kampfverhaeltnisse vor +Verdun nicht nur durch Beendigung der Offensive sondern auch durch +freiwilliges Aufgeben noch groesserer Teile des eroberten Gelaendes als +geschehen zu bessern. Im Herbste 1916 glaubte ich jedoch davon Abstand +nehmen zu muessen. Fuer das Unternehmen war eine grosse Masse unserer besten +Kampfkraft geopfert worden; die Heimat war bis dahin in Erwartung auf +einen endlichen ruhmreichen Ausgang des Angriffs erhalten worden. Nur zu +leicht konnte jetzt der Eindruck hervorgerufen werden, als ob alle Opfer +umsonst gebracht seien. Das wollte ich in dieser an sich schon so sehr +gespannten heimatlichen Stimmung vermeiden. + +Unsere Hoffnung, dass mit der Einstellung unseres Angriffes bei Verdun auch +der Gegner dort im wesentlichen zum reinen Stellungskrieg uebergehen wuerde, +erfuellte sich nicht. Ende Oktober brach der Franzose auf dem Ostufer der +Maas zu einem grossangelegten, kuehn durchgefuehrten Gegenstoss vor und +ueberrannte unsere Linien. Wir verloren Douaumont und hatten keine Kraefte +mehr, um diesen Ehrenpunkt deutschen Heldentums wieder zu nehmen. + +Der franzoesische Fuehrer hatte sich bei diesem Gegenstoss von der bisherigen +Gepflogenheit einer tage- oder gar wochenlangen Artillerievorbereitung +freigemacht. Er hatte seinen Angriff durch Steigerung der +Feuergeschwindigkeit seiner Artillerie und Minenwerfer bis zur aeussersten +Grenze der Leistungsfaehigkeit von Material und Bedienung nur kurze Zeit +vorbereitet und war dann gegen den schlagartig koerperlich und seelisch +niedergedrueckten Verteidiger sofort zum Angriff uebergegangen. Wir hatten +diese Art gegnerischer Angriffsvorbereitung wohl schon innerhalb des +Rahmens der langen Dauerschlachten kennengelernt, aber als Eroeffnung einer +grossen Angriffshandlung war sie fuer uns neu und verdankte vielleicht +gerade diesem Umstand ihren ohne Zweifel bedeutenden Erfolg. Im grossen und +ganzen schlug uns der Gegner diesmal mit unserem eigenen bisherigen +Angriffsverfahren. Wir konnten nur hoffen, dass er es im kommenden Jahre +nicht mit gleichem Erfolg in noch groesserem Umfang wiederholen wuerde. + +Die Kaempfe bei Verdun erstarben erst im Dezember. + +Die Sommeschlacht hatte auch von Ende August ab den Charakter eines +ausserordentlich erbitterten, rein frontalen Abringens der beiderseitigen +Kraefte gezeigt. Die Aufgabe der Obersten Heeresleitung konnte nur darin +bestehen, den Armeen die noetigen Kraefte zum Durchhalten zur Verfuegung zu +stellen. + +Man gab dieser Art von Kaempfen bei uns den Namen "Materialschlachten". Man +koennte sie vom Standpunkt des Angreifers aus auch als "Taktik eines +Rammklotzes" bezeichnen, denn es fehlte ihrer Fuehrung jeder hoehere +Schwung. Die mechanischen und materiellen Elemente des Kampfes waren in +den Vordergrund geschoben, waehrend die geistige Fuehrung allzusehr in den +Hintergrund trat. + +Wenn es unseren westlichen Gegnern in den Kaempfen von 1915 bis 1917 nicht +gelang, ein entscheidendes Feldzugsergebnis zu erreichen, so lag das im +wesentlichen an einer gewissen Einseitigkeit der dortigen Fuehrung. An der +noetigen zahlenmaessigen Ueberlegenheit an Menschen, Kriegsgeraet und +Schiessbedarf fehlte es dem Feinde wahrlich nicht; auch kann man nicht +behaupten, dass die Guete der gegnerischen Truppen den Anforderungen einer +taetigeren und gedankenreicheren Fuehrung nicht haette genuegen koennen. +Ausserdem war fuer unsere Feinde im Westen bei dem reichentwickelten +Eisenbahn- und Strassennetz und den in Massen vorhandenen +Befoerderungsmitteln jeder Art freieste Entfaltungsmoeglichkeit fuer eine +weit groessere operative Gelenkigkeit vorhanden. Von alledem machte jedoch +die gegnerische Fuehrung nicht vollen Gebrauch. Die lange Dauer unseres +Widerstandes war also doch wohl neben anderen Gruenden auch auf eine +gewisse Unfruchtbarkeit des Bodens zurueckzufuehren, auf dem die feindlichen +Plaene reiften. Ungeheuer blieben aber trotzdem die Anforderungen, die auf +den dortigen Schlachtfeldern an unsere Armeefuehrungen und unsere Truppen +gestellt werden mussten. + +Anfang September besuchte ich mit meinem Ersten Generalquartiermeister die +Westfront. Wir mussten die dortigen Kampfverhaeltnisse sobald als moeglich +kennen lernen, um wirklich helfend eingreifen zu koennen. Seine Kaiserliche +und Koenigliche Hoheit der Deutsche Kronprinz schloss sich uns unterwegs an +und ehrte mich in Montmedy durch Aufstellung einer Sturmkompagnie auf dem +Bahnsteige. Dieser Empfang entsprach ganz dem ritterlichen Sinn des hohen +Herrn, dem ich fortan oefters begegnen sollte. Sein frisches, offenes Wesen +und sein gesundes militaerisches Urteil haben mich stets mit Freude und +Vertrauen erfuellt. In Cambrai ueberreichte ich auf Befehl Seiner Majestaet +des Kaisers zwei anderen bewaehrten Heerfuehrern, den Thronfolgern Bayerns +und Wuerttembergs, die ihnen verliehenen preussischen Feldmarschallstaebe und +hielt dann eine laengere Besprechung mit den Generalstabschefs der +Westfront ab. Aus deren Darlegungen ging hervor, dass rasches und +energisches Handeln dringend not tat, um unsere erschreckende +Unterlegenheit an Fliegern, Waffen und Munition einigermassen +auszugleichen. Die eiserne Arbeitskraft des Generals Ludendorff hat diese +ernste Krisis ueberwunden. Zu meiner Freude hoerte ich spaeter durch +Frontoffiziere, dass sich die Fruechte der Besprechung von Cambrai bald bei +der Truppe bemerkbar gemacht haetten. + +Die Groesse der Anforderungen, die an das Westheer gestellt wurden, war mir +bei diesem Besuch in Frankreich zum erstenmal so recht plastisch vor die +Augen getreten. Ich stehe nicht an, zu bekennen, dass ich damals erst einen +vollen Einblick in die bisherigen Leistungen des Westheeres gewann. Wie +undankbar war die Aufgabe fuer Fuehrung und Truppe, da in der aufgezwungenen +reinen Verteidigung ein sichtbarer Gewinn immer versagt bleiben musste! Der +Erfolg in der Abwehrschlacht fuehrt den Verteidiger, auch wenn er siegreich +ist, nicht aus dem staendig lastenden Druck, ich moechte sagen, aus dem +Anblick des Elends des Schlachtfeldes heraus. Der Soldat muss auf den +maechtigen seelischen Aufschwung verzichten, den das erfolgreiche +Vorwaertsschreiten gewaehrt, ein Aufschwung von so unsagbarer Gewalt, dass +man ihn erlebt haben muss, um ihn in seiner ganzen Groesse begreifen zu +koennen. Wie viele unserer braven Soldaten haben dieses reinste +Soldatenglueck nie empfinden duerfen! Sie sahen kaum etwas anderes als +Schuetzengraeben und Geschosstrichter, in denen und um die sie wochen-, ja +monatelang mit dem Gegner rangen. Welch ein Nervenverbrauch und welch +geringe Nervennahrung! Welche Staerke des Pflichtgefuehls und welche +selbstlose Hingabe gehoerten dazu, solch einen Zustand jahrelang in stiller +Entsagung auf hoeheres kriegerisches Glueck zu ertragen! Ich gestehe offen, +dass diese Eindruecke fuer mich tief ergreifend waren. Ich konnte nun +verstehen, wie alle, Offiziere wie Mannschaften, aus solchen +Kampfverhaeltnissen sich heraussehnten, wie sich alle Herzen mit der +Hoffnung fuellten, dass nun endlich nach diesen erschoepfenden Schlachten ein +hoher Angriffszug auch in die Westfront ein frisches kriegerisches Leben +bringen wuerde. + +Freilich sollten unsere Fuehrer und Truppen noch lange auf die Erfuellung +dieser Sehnsucht warten muessen! Viele unserer besten, sturmbegeisterten +Soldaten mussten noch vorher in zertruemmerten Schuetzengraeben ihr Herzblut +hingeben! + +In dem Kampfgebiet an der Somme wurde es erst stiller, als die +einbrechende nasse Jahreszeit den Kampfboden grundlos zu machen begann. +Die Millionen von Geschosstrichtern fuellten sich mit Wasser oder wurden zu +Friedhoefen. Von Siegesfreude war auf keiner der beiden kaempfenden Parteien +die Rede. Ueber allen lag der furchtbare Druck dieses Schlachtfeldes, das +in seiner Oede und seinem Grauen selbst dasjenige vor Verdun zu uebertreffen +schien. + + + + + Meine Stellung zu politischen Fragen + + + + Aeussere Politik + + +Die Beschaeftigung mit der reichen geschichtlichen Vergangenheit unseres +Vaterlandes war mir stets ein Beduerfnis. Lebensgeschichten seiner grossen +Soehne waren fuer mich gleichbedeutend mit Erbauungsschriften. In keiner +Lage meines Lebens, auch im Kriege nicht, wollte ich diese Art meiner +Belehrung und inneren Erhebung vermissen. Und doch haette man ein volles +Recht gehabt, in mir eine unpolitische Natur zu sehen. Betaetigung +innerhalb der Gegenwartspolitik widersprach meinen Neigungen. Vielleicht +war hierfuer mein Hang zur politischen Kritik zu schwach, vielleicht auch +mein soldatisches Gefuehl zu stark entwickelt. Auf letztere Ursache ist +dann wohl auch meine Abneigung gegen alles Diplomatische zurueckzufuehren. +Man nenne diese Abneigung Vorurteil oder Mangel an Verstaendnis, die +Tatsache haette ich auch dann an dieser Stelle nicht abgeleugnet, wenn ich +ihr waehrend des Krieges nicht so oft und so laut haette Ausdruck geben +muessen. Ich hatte das Empfinden, als ob die diplomatische Beschaeftigung +wesensfremde Anforderungen an uns Deutsche stellt. Darin liegt wohl einer +der Hauptgruende fuer unsere aussenpolitische Rueckstaendigkeit. Eine solche +musste sich um so staerker geltend machen, je mehr wir durch machtvolle +Entfaltung unseres Handels und unserer Industrie sowie durch Hinausdraengen +unserer geistigen Kraefte ueber die vaterlaendischen Grenzen hinaus zu einem +Weltvolk zu werden schienen. Das in sich geschlossene, ruhige, staatliche +Kraftbewusstsein, wie es Englands Politiker bewahrten, fand ich nicht immer +bei den unserigen. + +Weder bei meiner Taetigkeit in den hoeheren Fuehrerstellen des Ostens noch +bei meiner Berufung in den Wirkungskreis als Chef des Generalstabes des +Feldheeres hatte ich das Beduerfnis und die Neigung, mich mehr als +unbedingt notwendig mit gegenwaertigen politischen Fragen zu beschaeftigen. +Freilich hielt ich in einem Koalitionskrieg mit seinen unendlich vielen +und mannigfaltigen, auf die Kriegfuehrung wirkenden Entscheidungen eine +voellige Zurueckhaltung der Kriegsleitung von der Politik fuer unmoeglich. +Trotzdem erkannte ich auch in unserem Falle das, was Bismarck als Norm fuer +das gegenseitige Verhaeltnis zwischen militaerischer und politischer Fuehrung +im Kriege hingestellt hatte, als durchaus einem gesunden Zustand +entsprechend. Auch Moltke stand auf dem Boden der bismarckschen +Auffassung, wenn er sagte: + + "Der Fuehrer hat bei seinen Operationen den militaerischen Erfolg in + erster Linie im Auge zu behalten. Was aber die Politik mit seinen Siegen + oder Niederlagen anfaengt, ist nicht seine Sache, deren Ausnuetzung ist + vielmehr allein Sache der Politiker." + +Andererseits wuerde ich es aber doch vor meinem Gewissen nicht haben +verantworten koennen, wenn ich nicht meine Anschauungen in all den Faellen +zur Geltung gebracht haette, in denen die Bestrebungen anderer uns nach +meiner Ueberzeugung auf eine bedenkliche Bahn fuehrten, wenn ich nicht da +zur Tat getrieben haette, wo ich Tatenlosigkeit oder Tatenunlust zu +bemerken glaubte, wenn ich endlich meine Ansichten fuer Gegenwart und +Zukunft nicht dann mit aller Schaerfe vertreten haette, wenn die +Kriegfuehrung und die zukuenftige militaerische Sicherheit meines Vaterlandes +durch politische Massnahmen beruehrt oder gar gefaehrdet wurden. Man wird mir +zugeben, dass die Grenzen zwischen Politik und Kriegfuehrung sich wohl nie +mit voller Schaerfe ziehen lassen werden. Beide muessen schon im Frieden +zusammenwirken, da ihre Gebiete eine wechselseitige Verstaendigung +unbedingt verlangen. Sie muessen sich im Kriege, in dem ihre Faeden +tausendfach verschlungen sind, gegenseitig ununterbrochen ergaenzen. Dieses +schwierige Verhaeltnis wird sich nie durch Bestimmungen regeln lassen. Auch +der lapidare Stil Bismarcks laesst die Grenzlinien ineinander ueberfliessend +erscheinen. Es entscheidet eben in diesen Fragen nicht nur die sachliche +Materie sondern auch der Charakter der an ihrer Loesung arbeitenden +Persoenlichkeiten. + +Ich gebe zu, dass ich gar manche Aeusserungen ueber politische Fragen mit +meinem Namen und meiner Verantwortung deckte, auch wenn sie mit unserer +derzeitigen kriegerischen Lage nur in losem Zusammenhang standen. Ich +draengte mich in solchen Faellen niemandem auf. Wenn jedoch jemand meine +Ansicht haben wollte, wenn eine Frage kam, die einer Erledigung und +Aeusserung von deutscher Seite harrte und keine fand, dann sah ich keinen +Grund dafuer ein, warum ich schweigen sollte. + +Bei einer der ersten politischen Fragen, die an mich kurz nach Uebernahme +der Obersten Heeresleitung herantraten, handelte es sich um die Zukunft +Polens. Angesichts der grossen Bedeutung dieser Frage waehrend des Krieges +und nach diesem glaube ich auf den Verlauf ihrer Behandlung eingehen zu +muessen. + +Ich habe frueher nie eine persoenliche Abneigung gegen das polnische Volk +empfunden; andererseits haette mir aber auch jeder vaterlaendische Instinkt, +jede Kenntnis geschichtlicher Entwicklungen fehlen muessen, wenn ich die +schweren Gefahren verkannt haette, die in einer Wiederaufrichtung Polens +fuer mein Vaterland lagen. Ich gab mich keinem Zweifel darueber hin, dass wir +von Polen nie und nimmer auch nur die Spur eines Dankes dafuer erwarten +koennten, dass wir es durch unser Schwert und Blut von der russischen Knute +befreiten, so wenig wir je eine Anerkennung fuer die wirtschaftliche und +geistige Hebung unserer preussisch-polnischen Volksteile erhalten haben. +Nie also wuerde Dankesschuld, sofern eine solche in der Politik ueberhaupt +anerkannt wuerde, das neu errichtete freie Polen von einer Irredenta in +unseren angrenzenden Landesteilen abgehalten haben. + +Von welcher Seite man auch das polnische Problem zu loesen versuchte, immer +musste Preussen-Deutschland der leidtragende Teil sein, der die politische +Zeche zu zahlen hatte. Oesterreich-Ungarns Staatsleitung schien dagegen in +der Schoepfung eines freien geeinigten Polens keine Gefahr fuer das eigene +Staatswesen zu befuerchten. Einflussreiche Kreise in Wien wie in Budapest +glaubten vielmehr, dass es moeglich sein wuerde, das katholische Polen +dauernd an die Doppelmonarchie zu fesseln. Bei der grundsaetzlich +deutschfeindlichen Haltung der Polen schloss diese oesterreichische Politik +eine schwere Gefahr fuer uns in sich. Es war nicht zu verkennen, dass +hierdurch die Festigkeit unseres Buendnisses in Zukunft einer auf die Dauer +unertraeglichen Belastungsprobe ausgesetzt werden wuerde. Die Oberste +Heeresleitung durfte diesen politischen Gesichtspunkt bei ihrer Sorge um +unsere zukuenftige militaerische Lage an der Ostgrenze unter keiner +Bedingung aus dem Auge verlieren. + +Aus all diesen politischen wie militaerischen Erwaegungen haette sich meines +Erachtens fuer Deutschland die Lehre ergeben, an der polnischen Frage +moeglichst wenig zu ruehren oder sie wenigstens, wie man sich in solchen +Faellen ausdrueckt, dilatorisch zu behandeln. Dies war aber von deutscher +Seite leider nicht geschehen. Die Gruende, warum wir aus der gebotenen +Vorsicht heraustraten, sind mir unbekannt. Zwischen der deutschen und +oesterreichisch-ungarischen Reichsleitung war naemlich Mitte August 1916 in +Wien eine Vereinbarung getroffen worden, nach welcher baldmoeglichst die +oeffentliche Verkuendigung eines selbstaendigen Koenigreichs Polen mit +erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung erfolgen sollte. +Diese Abmachung hatte man dadurch fuer uns Deutsche schmackhafter zu machen +versucht, dass die beiden Vertragschliessenden sich verpflichtet hatten, +keinen Teil ihrer einstmals polnischen Landesteile dem neuen polnischen +Staat zufallen zu lassen, und dass Deutschland die oberste Fuehrung der +einheitlichen polnischen Zukunftsarmee zugesprochen erhielt. Beide +Zugestaendnisse hielt ich fuer Utopien. + +Durch diese oeffentliche Verkuendigung wuerden die politischen Verhaeltnisse +im Rueckengebiet unserer Ostfront voellig veraendert worden sein. Mein +Vorgaenger hatte infolgedessen mit Recht sofort gegen diese Verkuendigung +Einspruch erhoben. Seine Majestaet der Kaiser entschied zugunsten des +Generals von Falkenhayn. Nun war es aber fuer jedermann, der die Zustaende +in der Donaumonarchie kannte, klar, dass die in Wien einmal getroffene +Vereinbarung nicht geheim bleiben wuerde. Sie konnte wohl noch eine kurze +Zeit offiziell zurueckgehalten aber nicht mehr aus der Welt geschafft +werden. In der Tat war sie schon Ende August allgemein bekannt. So stand +ich bei Uebernahme der Obersten Heeresleitung einer vollendeten Tatsache +gegenueber. + +Kurze Zeit darauf forderte der mir dienstlich nicht unterstellte +Generalgouverneur von Warschau von unserer Reichsleitung die Verkuendigung +des polnischen Koenigsreichs als eine nicht laenger hinausschiebbare +Tatsache. Er liess die Wahl zwischen Schwierigkeiten im Lande und der +sicheren Aussicht auf eine Verstaerkung unserer Streitkraefte durch +polnische Truppen, die sich im Fruehjahr 1917 bei freiwilligem Eintritt auf +5 ausgebildete Divisionen, bei Einfuehrung der allgemeinen Wehrpflicht auf +1 Million Mann belaufen wuerden. Eine so wenig guenstige Meinung ich auch +glaubte, 1914 und 15 von einer Teilnahme der polnischen Bevoelkerung am +Krieg gegen Russland gewonnen zu haben, der Generalgouverneur musste es +besser wissen. Er kannte die Entwicklung der inneren politischen +Verhaeltnisse des eroberten Landes seit 1915 und war der Ueberzeugung, dass +uns die Geistlichkeit wirksam bei der Werbung zum Kampf unterstuetzen +wuerde. + +Wie haette ich es da bei unserer Kriegslage verantworten koennen, diese als +so bestimmt bezeichnete Hilfe abzulehnen? Entschied ich mich aber fuer +diese, so durfte keine Zeit verloren gehen, damit wir bis zum Beginn der +naechsten Fruehjahrskaempfe leidlich ausgebildete Truppen in der vordersten +Linie einsetzen konnten. Mochte dann ein siegreiches Deutschland sich nach +dem Frieden mit der nun einmal aufgerollten polnischen Frage abfinden. + +Da stiessen wir, ueberraschend fuer mich, auf den Widerstand der +Reichsleitung. Sie glaubte in dieser Zeit Faeden fuer einen Sonderfrieden +mit Russland gefunden zu haben und hielt es fuer bedenklich, die +eingeleiteten Schritte durch die Proklamation eines unabhaengigen Polens in +den Augen des Zaren zu kompromittieren. Die politischen und militaerischen +Ruecksichten gerieten also in Widerstreit. + +Der Ausgang der ganzen Angelegenheit war schliesslich der, dass die +Hoffnungen auf einen Sonderfrieden mit Russland scheiterten, dass in den +ersten Tagen des Novembers das Manifest doch veroeffentlicht wurde, und dass +die daraufhin eingesetzten Werbungen polnischer Freiwilligen voellig +ergebnislos verliefen. Der Werberuf fand nicht nur keine Unterstuetzung der +katholischen Geistlichkeit, sondern loeste offenen Widerstand aus. + +Sofort nach Verkuendigung des Manifestes trat der Widerstreit zwischen den +Interessen Oesterreichs und denjenigen Deutschlands in dem polnischen +Problem hervor. Unsere Verbuendeten erstrebten immer offenkundiger eine +Vereinigung Kongress-Polens mit Galizien unter ihrem beherrschenden +Einfluss. Ich glaubte diesen Bestrebungen gegenueber, sofern sie nicht von +unserer Reichsleitung ueberhaupt zum Scheitern gebracht werden konnten, +wenigstens fuer eine entsprechende Verbesserung an unserer Ostgrenze nach +rein militaerischen Gesichtspunkten eintreten zu muessen. + +Eigentlich konnte ja ueber alle diese Fragen nur der Ausgang des Krieges +entscheiden. Ich bedauerte es daher lebhaft, dass unsere Zeit durch diese +im Kriege ueberreichlich in Anspruch genommen wurde. Im uebrigen muss ich +betonen, dass die mit unserem Verbuendeten entstandenen Reibungen auf +politischem Gebiete niemals auf unsere beiderseitigen militaerischen +Verhaeltnisse irgend welchen Einfluss ausuebten. + +Eine aehnliche Rolle wie Polen in unseren Beziehungen zu Oesterreich-Ungarn +spielte die Dobrudscha in unseren politischen und militaerischen +Auseinandersetzungen mit Bulgarien. Bei der Dobrudschafrage handelte es +sich letzten Endes darum, ob Bulgarien mit dem uneingeschraenkten +zukuenftigen Besitz dieses Landes den Schienenweg ueber Cernavoda-Constanza +in seine Hand bekommen wuerde. Geschah das, so beherrschte es die letzte +und naechst der Orientbahn wichtigste Landesverbindung zwischen +Mitteleuropa und dem nahen Orient. Bulgarien erkannte natuerlich die +guenstige Gelegenheit, uns in dieser Richtung waehrend des Krieges +Zugestaendnisse abzuringen. Andererseits bat die Tuerkei als zunaechst +beruehrt um unseren politischen Beistand gegen diese bulgarischen Plaene. +Wir gaben ihr diese Unterstuetzung. So brach ein politischer Kleinkrieg +unter militaerischer Maske los und dauerte nahezu ein Jahr lang an. Der +Verlauf war kurz beschrieben folgender: + +Der zwischen uns und Bulgarien abgeschlossene Buendnisvertrag stellte fuer +einen rumaenischen Kriegsfall unseren Bundesgenossen den Wiedergewinn der +im Jahre 1912 verlorenen Teile der suedlichen Dobrudscha sowie dortige +Grenzverbesserungen in Aussicht, sprach aber mit keinem Worte von dem +Anheimfall dieser ganzen rumaenischen Provinz an Bulgarien. Auf Grund +dieses Vertrages hatten wir die frueheren bulgarischen Teile der suedlichen +Dobrudscha nach der wesentlichen Beendigung des rumaenischen Feldzuges +sofort der Verwaltung der bulgarischen Regierung uebergeben, richteten aber +in der Mitteldobrudscha im Einverstaendnis mit allen unseren Verbuendeten +eine deutsche Verwaltung ein. Sie arbeitete auf Grund eines besonderen +Abkommens in wirtschaftlicher Beziehung nahezu ausschliesslich zugunsten +Bulgariens. Die noerdliche Dobrudscha fiel als Operationsgebiet der dort +stehenden 3. bulgarischen Armee zu. Die Verhaeltnisse schienen aeusserlich +voellig befriedigend geregelt. Doch dauerte diese Zufriedenheit nicht +lange. + +Der Fehdehandschuh wurde uns von dem bulgarischen Ministerpraesidenten +hingeworfen. Noch vor Abschluss des rumaenischen Feldzuges regte er bei +seinen Politikern den Gedanken des Heimfalls der ganzen Dobrudscha an +Bulgarien an und stellte die deutsche Oberste Heeresleitung als Hemmschuh +dieser Bestrebungen hin. Hieraus entstand eine scharfe politische Bewegung +gegen uns. Koenig Ferdinand war zunaechst mit dem Vorgehen seiner Regierung +nicht einverstanden. Dem Druck der entstandenen Erregung glaubte er jedoch +spaeter nachgeben zu muessen. Ebenso hatte sich die bulgarische Oberste +Heeresleitung anfangs nicht in die Angelegenheit hineinziehen lassen. Sie +fuehlte wohl die Gefahr, wenn in die schon an sich starken und +verschiedenen politischen Stroemungen innerhalb ihres Heeres ein neues +Element der Beunruhigung hineingeworfen wuerde. Bald leistete aber auch +General Jekoff dem Draengen seines Ministerpraesidenten keinen weiteren +Widerstand mehr. Die angezettelte Bewegung wuchs der bulgarischen +Regierung ueber den Kopf, und es entstand ein allgemeines politisches +Kesseltreiben gegen die deutsche Oberste Heeresleitung, hauptsaechlich +gefuehrt durch unverantwortliche Agitatoren und ohne jede Ruecksicht auf das +bestehende waffenbruederliche Verhaeltnis. Die Verbissenheit, mit der +bulgarische Kreise an diesem Ziele ihres Heisshungers festhielten, haette +sich auf dem Gebiete der Kriegfuehrung fuer die allgemeinen Zwecke besser +gelohnt. + +In diesen Zustaenden zeigten sich die Folgen einer schaedlichen Seite +unserer Buendnisvertraege. Wir hatten den Bulgaren bei Abschluss unseres +Waffenbundes seinerzeit die denkbar weitestgehenden Zusicherungen in bezug +auf Vergroesserung des Landes und Vereinigung seiner voelkischen Staemme +gemacht, Zusicherungen, die wir nur im Falle eines vollen Sieges haetten +halten koennen. Bulgarien war aber auch mit diesen Zusicherungen noch nicht +zufrieden. Fortdauernd vergroesserte es seine Ansprueche ganz ohne Ruecksicht +darauf, ob das bisher kleine Staatswesen imstande sein wuerde, solche +Vergroesserungen spaeter politisch und wirtschaftlich beherrschen zu koennen. + +Solche Begehrlichkeiten enthielten fuer uns aber auch eine unmittelbare +militaerische Gefahr. Ich habe schon frueher darauf hingewiesen, von welch +grossem militaerischen Vorteil es gewesen waere, wenn wir im Herbste 1916 die +Verteidigung an der mazedonischen Front auf dem westlichen Fluegel bis in +die Gegend von Prilep zurueckverlegt haetten. Nur eine Andeutung +unsererseits in dieser Beziehung genuegte, um in allen politischen +bulgarischen Kreisen augenscheinlich schwerwiegende Bedenken +hervorzurufen. Man befuerchtete sofort den Verlust der Ansprueche auf +militaerisch geraeumte Gebiete, man setzte lieber eine ganze Armee auf das +Spiel, als dass man, wie es hiess, die Preisgabe "der altbulgarischen Stadt +Ochrida" vor dem eigenen Lande zu verantworten wagte. Wir werden spaeter +sehen, wohin uns unsere grossen Zugestaendnisse an Bulgarien noch fuehren +sollten. + +Das Hin und Her all dieser zahllosen politischen Fragen und Gegenfragen +brachte mir nur unbefriedigende Stunden und verstaerkte betraechtlich meine +Abneigung gegen die Politik. + +Einen wesentlich anderen Inhalt als unser Buendnisvertrag mit Bulgarien +hatte derjenige mit der Tuerkei. Deren Regierung gegenueber hatten wir uns +nur zur Erhaltung ihres territorialen Besitzstandes vor dem Kriege +verpflichtet. Nun hatte aber der Osmane im Verlauf der beiden ersten +Kriegsjahre bedeutende Teile seiner asiatischen Randgebiete verloren. +Unsere Buendnisverpflichtungen waren dadurch sehr belastet. Eine +bedenkliche Rueckwirkung dieser misslichen Verhaeltnisse auf die +Gesamtleitung des Krieges schien nicht ausgeschlossen, weil die tuerkische +Regierung in dieser Richtung Forderungen stellen konnte, denen wir uns aus +politischen Gruenden vielleicht nicht zu entziehen vermochten. In dieser +Hinsicht war daher fuer uns die hohe Auffassung Enver Paschas von der +gemeinsamen Kriegfuehrung und ihren entscheidenden Gesichtspunkten von +groesstem Wert. Auch die politische Auffassung der uebrigen tuerkischen +Machthaber schien uns einstweilen eine Gewaehr dafuer zu geben, dass die +bisherigen osmanischen Verluste unser Kriegskonto nicht uebertrieben +belasten wuerden. Wurde uns doch versichert, dass die osmanische Regierung +sich im Falle des Eintritts von Friedensverhandlungen nicht auf den +Wortlaut unserer Vertragsbestimmungen versteifen, sondern sich mit der +Anerkennung einer mehr oder minder formellen Hoheit ueber grosse Teile der +verlorenen Gebiete abfinden wuerde, sofern es gelingen solle, eine Formel +zur Erhaltung des Prestiges ihrer jetzigen Regierung zu finden. + +Fuer unsere Politik wie Kriegsleitung war es also eine ganz wesentliche +Aufgabe, die derzeitige osmanische Reichsleitung zu stuetzen; fuer Enver wie +fuer Talaat Pascha fand sich nicht leicht ein Ersatz, der uns voll und +sicher zugetan war. Das durfte uns freilich nicht hindern, politischen +Stroemungen in der Tuerkei entgegenzutreten, die auf die militaerischen +Aufgaben des Landes im Rahmen des Gesamtkrieges stoerend wirkten. Ich +verweise hierbei auf meine frueheren Bemerkungen ueber die panislamitische +Bewegung. Sie drohte andauernd die Tuerkei militaerisch in eine falsche +Richtung abzulenken. Nach dem Zusammenbruch Russlands suchte der +Panislamismus sein Ausdehnungsgebiet in der Richtung auf den Kaukasus. Ja, +er fasste darueber hinaus ein Weitergreifen auf die transkaspischen Laender +ins Auge und verlor sich schliesslich in den weiten Raeumen Zentralasiens +mit dem phantastischen Wunsche, auch dortige alte Kultur- und +Glaubensgemeinschaften mit dem osmanischen Reiche zu vereinen. + +Dass wir solchen orientalischen politischen Traumgebilden unsere +militaerische Unterstuetzung nicht leihen konnten, dass wir vielmehr die +Rueckkehr aus diesen weitschweifenden Plaenen auf den Boden der jetzigen +kriegerischen Wirklichkeiten fordern mussten, war klar, das Bemuehen aber +leider nicht erfolgreich. + + + +Weit schwieriger als unser Einfluss auf die aussenpolitischen Probleme der +Tuerkei musste natuerlich unser Einfluss auf innere Verhaeltnisse dieses +Reiches sein. Und doch konnten wir uns wenigstens des Versuches solcher +Schritte nicht voellig entschlagen. Nicht nur die primitiven +wirtschaftlichen Zustaende gaben hierzu Veranlassung sondern auch allgemein +menschliche Empfindungen. + +Das ueberraschende nochmalige Aufleben osmanischer Kriegskraft, das +Wiederaufflammen frueheren Heldentumes in diesem Daseinskampf beleuchtete +gleichzeitig die dunkelste Seite der tuerkischen Herrschaft: ich meine ihr +Vorgehen gegen die armenischen Volksteile ihres Gebietes. Die armenische +Frage barg eines der allerschwierigsten Probleme fuer die Tuerkei in sich. +Sie beruehrte sowohl den pantuerkischen wie auch den panislamitischen +Ideenkreis. Die Art, wie sie von fanatischer tuerkischer Seite zu loesen +versucht wurde, hat die ganze Welt waehrend des Krieges beschaeftigt. Man +hat uns Deutsche mit den grausigen Vorkommnissen in Verbindung bringen +wollen, die sich in dem ganzen osmanischen Reiche und gegen Schluss des +Krieges auch im armenischen Transkaukasien abspielten. Ich fuehle mich +daher verpflichtet, sie hier zu beruehren, und habe wahrlich keinen Grund, +unsere Einwirkung mit Stillschweigen zu uebergehen. Wir haben nicht +gezoegert, in Wort und Schrift einen hemmenden Einfluss auf die wilde, +schrankenlose Art der Kriegfuehrung auszuueben, die im Orient durch +Rassenhass und Religionsfeindschaften in traditionellem Gebrauch war. Wir +haben wohl zusagende Aeusserungen massgebender Stellen der tuerkischen +Regierung erhalten, waren aber nicht imstande, den passiven Widerstand zu +ueberwinden, der sich gegen diese unsere Einmischungen richtete. So +erklaerte man beispielsweise von tuerkischer Seite die armenische Frage als +lediglich innere Angelegenheit und war sehr empfindlich, wenn sie von uns +beruehrt wurde. Auch unsere manchmal an Ort und Stelle befindlichen +Offiziere erreichten nicht immer eine Abmilderung der Hass- und Racheakte. +Das Erwachen der Bestie im Menschen beim Kampf auf Leben und Tod, im +politischen und religioesen Fanatismus, bildet eines der schwaerzesten +Kapitel in der Geschichte aller Zeiten und Voelker. + +Die uebereinstimmenden Urteile voelkisch voellig neutraler Beobachter gingen +dahin, dass die in ihren innersten Leidenschaften aufgewuehlten Parteien bei +der gegenseitigen Vernichtung sich die Wage hielten. Das entsprach wohl +den sittlichen Begriffen, die bei Voelkern jener Gebiete durch die noch +herrschenden oder erst seit kurzem ueberwundenen Gesetze der Blutrache +geheiligt erschienen. Der Schaden, der durch diese Vernichtungsakte +angerichtet wurde, ist ganz unuebersehbar. Er machte sich nicht allein auf +menschlichem und politischem sondern auch auf wirtschaftlichem und +militaerischem Gebiete geltend. Die Zahl der besten tuerkischen +Kampftruppen, die im Verlauf des Krieges im kaukasischen Hochlandswinter +als Folgen dieser Vernichtungspolitik wider die Armenier einen elenden +Erschoepfungstod fanden, wird wohl niemals mehr festzustellen sein. Die +Tragik in der Geschichte des braven anatolischen Soldaten, dieses +Kernmenschen des osmanischen Reiches, wurde durch dieses massenhafte +Hinsterben infolge aller denkbaren Entbehrungen um ein weiteres Kapitel +erweitert. - Ob es das letzte gewesen ist? + + + + Die Friedensfrage + + +Mitten in den Vorbereitungen zum rumaenischen Feldzug trat an mich die +Friedensfrage heran. Diese war, soweit mir bekannt, durch den +oesterreichisch-ungarischen Aussenminister Baron Burian ins Rollen gebracht. +Dass ich einem solchen Schritt alle meine menschlichen Zuneigungen +entgegenbrachte, bedarf fuer den Kenner meiner Person und meiner Auffassung +vom Kriege wohl keiner weiteren Versicherung. Im uebrigen gab es fuer mich +bei der Mitwirkung in dieser Frage nur Ruecksichten auf meinen Kaiser und +mein Vaterland. Ich hielt es fuer meine Aufgabe, bei der Behandlung und +versuchten Loesung des Friedensgedankens dafuer zu sorgen, dass weder Heer +noch Heimat irgendwelchen Schaden litten. Die Oberste Heeresleitung hatte +bei der Festsetzung des Wortlautes unseres Friedensangebotes mitzuwirken; +eine ebenso schwierige als undankbare Aufgabe, bei der der Eindruck der +Schwaeche im In- und Ausland wie auch alle Schroffheiten des Ausdrucks +vermieden werden sollten. Ich war Zeuge, mit welch tiefinnerem +Pflichtbewusstsein Gott und den Menschen gegenueber sich mein Allerhoechster +Kriegsherr der Loesung dieser Friedensanregung hingab; und glaube nicht, +dass er ein voelliges Scheitern dieses Schrittes fuer wahrscheinlich hielt. +Mein Vertrauen auf das Gelingen war dagegen von Anfang an recht gering. +Unsere Gegner hatten sich foermlich in ihren Begehrlichkeiten ueberboten, +und es schien mir ausgeschlossen, dass eine der feindlichen Regierungen von +den Versprechungen, die sie sich gegenseitig und ihren Voelkern gemacht +hatten, freiwillig zuruecktreten koennte und wuerde. Durch diese Ansicht +wurde aber mein ehrlicher Wille zur Mitarbeit an diesem Werke der +Menschlichkeit nicht beeintraechtigt. + +Am 12. Dezember wurde der uns feindlichen Welt unsere Bereitschaft zum +Frieden verkuendet. Wir fanden in der gegnerischen Propaganda wie in den +gegnerischen Regierungslagern als Antwort nur Hohn und Abweisung. + +Unserem eigenen Friedensschritte folgte eine gleichgerichtete Bemuehung des +Praesidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika auf dem Fusse. Die +Oberste Heeresleitung wurde vom Reichskanzler ueber die Anregungen, die er +durch unseren Botschafter in den Vereinigten Staaten hatte ergehen lassen, +unterrichtet. Ich selbst hielt den Praesidenten Wilson nicht geeignet fuer +eine parteilose Vermittelung, konnte mich vielmehr des Gefuehles nicht +erwehren, dass der Praesident eine starke Hinneigung zu unseren Gegnern, und +zwar in erster Linie zu England, hatte. Das war wohl die ganz natuerliche +Folgeerscheinung seiner angelsaechsischen Herkunft. Ebenso wie Millionen +meiner Landsleute konnte ich das bisherige Verhalten Wilsons nicht fuer +parteilos halten, wenn es vielleicht auch dem Wortlaut der +Neutralitaetsbestimmungen nicht widersprach. In allen Fragen der Verletzung +des Voelkerrechtes ging der Praesident gegen England mit allen moeglichen +Ruecksichten vor. Er liess sich hierbei die schroffsten Abweisungen +gefallen. In der Frage des Unterseebootkrieges dagegen, die doch nur +unsere Gegenwirkung gegen die englischen Willkueren war, zeigte Wilson die +groesste Empfindlichkeit und verstieg sich sofort zu Kriegsdrohungen. +Deutschland gab seine Zustimmung zu dem Grundgedanken der Wilsonschen +Anregung. Die Gegner aeusserten sich Wilson gegenueber ueber Einzelheiten +ihrer Forderungen, die im wesentlichen auf eine dauernde wirtschaftliche +und politische Laehmung Deutschlands, auf eine Zertruemmerung +Oesterreich-Ungarns und auf eine Vernichtung des osmanischen Staatswesens +hinausliefen. Jedem, der die damalige Kriegslage ruhig wuerdigte, musste +sich der Gedanke aufdraengen, dass die gegnerischen Kriegsziele nur bei +einem voellig Unterlegenen Aussicht auf Annahme finden konnten, dass wir +aber keine Veranlassung hatten, uns als die Unterlegenen zu erklaeren. +Jedenfalls wuerde ich es nach dem damaligen Stande der Dinge fuer ein +Verbrechen an meinem Vaterlande und einen Verrat an unseren Bundesgenossen +erachtet haben, wenn ich mich derartigen feindlichen Anforderungen +gegenueber anders als voellig ablehnend verhalten haette. Ich konnte bei der +damaligen Kriegslage meiner Ueberzeugung und meinem Gewissen nach keinen +anderen Frieden gut heissen als einen solchen, der unsere zukuenftige +Stellung in der Welt derartig festigte, dass wir gegen gleiche politische +Vergewaltigungen, wie sie dem jetzigen Kriege zugrunde lagen, geschuetzt +blieben, und dass wir auch unseren Bundesgenossen eine dauernd starke +Stuetze gegen jedwede Gefahr bieten konnten. Auf welchen politischen und +geographischen Grundlagen dieses Ziel erreicht wurde, war fuer mich als +Soldat eine Frage zweiter Linie; die Hauptsache war, dass es erreicht +wurde. Ich glaubte mich auch keinem Zweifel darueber hingeben zu brauchen, +dass das deutsche Volk und seine Verbuendeten die Kraft besitzen wuerden, die +unerhoerten feindlichen Forderungen, koste es was es wolle, mit den Waffen +in der Hand abzuweisen. In der Tat war die Haltung unserer Heimat +gegenueber den feindlichen Anspruechen durchaus ablehnend. Auch kam weder +von tuerkischer noch bulgarischer Seite zu dieser Zeit irgendeine Mahnung +zur Nachgiebigkeit. Die Schwaecheanwandlungen Oesterreich-Ungarns hielt ich +fuer ueberwindbar. Hauptsache war, dass man sich dort andauernd das Schicksal +vor Augen hielt, dem die Donaumonarchie bei diesen feindlichen +Anforderungen entgegenging, und dass man sich von dem Wahne freihielt, als +ob mit dem Feinde vorderhand auf einer gerechteren Grundlage zu verhandeln +sei. Wir hatten mit Oesterreich-Ungarn schon wiederholt die Erfahrung +gemacht, dass es zu weit hoeheren Leistungen faehig war, als es selbst von +sich glaubte. Die dortige Staatsleitung musste sich nur einem unbedingten +Zwange gegenuebergestellt sehen, um dann auch groesseres leisten zu koennen. +Aus diesen Gruenden war es meiner Ansicht nach verfehlt, Oesterreich-Ungarn +gegenueber mit Trostspruechen zu arbeiten. Solche staerken nicht und heben +nicht das Vertrauen und die Entschlusskraft. Das gilt Politikern ebenso wie +Soldaten gegenueber. Alles zu seiner Zeit, aber wo es hart auf hart geht, +da reissen starke Forderungen gepaart mit starkem Eigenwillen des +Fordernden die Schwachwerdenden mehr und schaerfer empor, als es Worte des +Trostes und Hinweises auf kommende bessere Zeiten zu tun vermoegen. + +Im Gegensatz zu unserer Auffassung sah eine Botschaft des Praesidenten +Wilson an den amerikanischen Senat vom 22. Januar in der auf die +ablehnende Antwort der Entente vom 30. Dezember folgenden Erklaerung der +Kriegsziele unserer Feinde vom 12. Januar eine geeignetere Grundlage fuer +Friedensbemuehungen als in unsrer diplomatischen Note, die sich lediglich +auf die grundsaetzliche Zustimmung zur Fortsetzung seiner Friedensschritte +beschraenkte. Dieses Verhalten des Praesidenten erschuetterte mein Vertrauen +auf seine Unparteilichkeit noch weiter. Ich suchte in seiner an schoenen +Worten reichen Botschaft vergebens die Zurueckweisung des Versuches unserer +Gegner, uns als Menschen zweiter Kategorie zu erklaeren. Auch der Satz ueber +die Herstellung eines einigen, unabhaengigen und selbstaendigen Polens +erregte meine Bedenken. Er schien mir unmittelbar gegen Oesterreich und +gegen uns gerichtet, stellte die Donaumonarchie vor einen Verzicht auf +Galizien und deutete Gebietsverluste oder Verluste an Hoheitsrechten auch +fuer Deutschland an. Wie konnte da noch von einer Unparteilichkeit des +Vermittlers Wilson gegen die Mittelmaechte die Rede sein? Die Botschaft war +fuer uns mehr eine Kriegserklaerung als ein Friedensschritt. Vertrauten wir +uns erst einmal der Politik des Praesidenten an, so mussten wir auf eine +abschuessige Bahn geraten, die uns schliesslich zu einem Frieden des +Verzichtes auf unsere ganze politische, wirtschaftliche und militaerische +Stellung zu fuehren drohte. Es schien mir nicht ausgeschlossen, dass wir +nach dem ersten zustimmenden Schritt allmaehlich politisch immer weiter in +die Tiefe gedrueckt und dann schliesslich zur militaerischen Kapitulation +gezwungen wuerden. + +Durch Veroeffentlichungen im Oktober 1918 ist mir bekannt geworden, dass +Praesident Wilson unmittelbar nach Verkuendigung der Senatsbotschaft vom +22. Januar 1917 dem deutschen Botschafter in Washington seine +Bereitwilligkeit zur Einleitung einer offiziellen Friedensvermittelung +ueberreichen liess. Die Mitteilung hiervon war am 28. Januar in Berlin +eingetroffen. Ich hatte von diesem uns anscheinend sehr weit +entgegenkommenden Schritt Wilsons bis zum Herbste 1918 nichts gehoert. Ob +Irrtuemer oder Verkettung von widrigen Verhaeltnissen Schuld daran waren, +weiss ich heute noch nicht. Meines Erachtens war der Krieg mit Amerika Ende +Januar 1917 nicht mehr zu verhindern. Wilson befand sich zu jener Zeit in +Kenntnis unserer Absicht, am 1. Februar den uneingeschraenkten +Unterseebootkrieg zu beginnen. Es kann keinen Zweifeln unterliegen, dass +der Praesident hierueber durch Auffangen und Entzifferung unserer +diesbezueglichen Telegramme an den deutschen Botschafter in Washington von +seiten Englands ebenso unterrichtet war, wie von dem Inhalt unserer +uebrigen Depeschen. Die Senatsbotschaft vom 22. Januar und das daran +anknuepfende Angebot der Friedensvermittelung wird hierdurch ohne weiteres +gekennzeichnet. Das Unheil war im Rollen. Es wurde daher auch nicht mehr +aufgehalten durch unsere Erklaerung vom 29. Januar, in der wir bereit +waren, den Unterseebootkrieg sofort abzubrechen, wenn es den Bemuehungen +des Praesidenten gelingen wuerde, eine Grundlage fuer Friedensverhandlungen +zu sichern. + +Die Ereignisse von 1918 und 1919 scheinen mir eine volle Bestaetigung +meiner damaligen Anschauungen zu sein, die auch von meinem Ersten +Generalquartiermeister in jeder Beziehung geteilt wurden. + + + + Innere Politik + + +Den Tagesfragen der inneren Politik hatte ich als aktiver Soldat ferner +gestanden. Auch nach meinem Uebertritt in den Ruhestand beschaeftigten sie +mich nur in dem Rahmen eines stillen Beobachters. Ich vermochte nicht zu +verstehen, dass hier und da das Gesamtwohl des Vaterlandes oft recht +kleinlichen Parteiinteressen gegenueber zuruecktreten sollte, und fuehlte +mich in meiner politischen Ueberzeugung am wohlsten in dem Schatten des +Baumes, der in dem ethisch-politischen Boden der Epoche unseres grossen +greisen Kaisers festwurzelte. Diese Zeit mit ihrer fuer mich wunderbaren +Groesse hatte ich voll und ganz in mich aufgenommen und hielt an ihren +Gedanken und Richtlinien fest. Die Erlebnisse waehrend des jetzigen Krieges +waren nicht geeignet, mich fuer die Aenderungen einer neueren Zeit besonders +zu erwaermen. Ein kraftvoll in sich geschlossener Staat im Sinne Bismarcks +war die Welt, in der ich mich in Gedanken am liebsten bewegte. Zucht und +Arbeit innerhalb des Vaterlandes standen fuer mich hoeher als +kosmopolitische Phantasien. Auch erkannte ich kein Recht fuer einen +Staatsbuerger an, dem nicht eine gleichwertige Pflicht gegenueberzustellen +waere. + +Im Kriege dachte ich nur an den Krieg. Hindernisse, die der Kraft seiner +Fuehrung entgegentraten, sollten nach meiner Auffassung vom Ernst der Lage +ruecksichtslos beseitigt werden. So machten es unsere Feinde, und wir +haetten an ihrem Beispiel lernen koennen. Leider haben wir es nicht getan, +sondern sind einem Wahngebilde der Voelkergerechtigkeit verfallen, anstatt +das eigene Staatsgefuehl und die eigene Staatskraft im Kampfe um unser +Dasein ueber alles andere zu stellen. + +Waehrend des Krieges musste sich die Oberste Heeresleitung mit einzelnen +innerstaatlichen Aufgaben, besonders auf wirtschaftlichem Gebiete, +beschaeftigen. Wir suchten diese Aufgaben nicht; sie draengten sich, mehr +als mir erwuenscht war, an uns heran. Die innigen Beziehungen zwischen Heer +und Volkswirtschaft machten es uns unmoeglich, die wirtschaftlichen +Heimatfragen von der Kriegfuehrung durch eine Grenzlinie aehnlich einer +solchen zwischen Kriegsgebiet und Heimat zu trennen. + +Das grosse Kriegsindustrieprogramm, das meinen Namen traegt, vertrat ich mit +der vollen Verantwortung fuer seinen Inhalt. Die einzige Richtlinie, die +ich fuer seine Bearbeitung gab, lautete dahin, dass der Bedarf fuer unsere +kaempfenden Truppen unter allen Umstaenden gedeckt werden muesste. Einen +anderen Grundsatz als diesen haette ich im vorliegenden Falle fuer ein +Vergehen an unserem Heere und an unserem Vaterlande gehalten. Bei unsern +Forderungen waren die Zahlen den frueheren gegenueber freilich ins Riesige +gewachsen; ob sie erreicht werden konnten, vermochte ich nicht zu +beurteilen. Man hat nach dem Kriege dem Programm den Vorwurf gemacht, es +sei durch die Verzweiflung diktiert worden. Der Erfinder dieser Phrase +taeuschte sich vollstaendig ueber die Stimmung, unter deren Einfluss dieses +Programm entstanden ist. + +An der Einbringung des Gesetzes ueber den Kriegshilfsdienst war ich mit +ganzem Herzen beteiligt. In der Not des Vaterlandes sollten sich nach +meinem Wunsche nicht nur alle waffenfaehigen sondern auch alle +arbeitsfaehigen Maenner, ja selbst Frauen, in den Dienst der grossen Sache +stellen oder gestellt werden. Ich glaubte, dass durch ein solches Gesetz +nicht nur personelle sondern auch sittliche Kraefte ausgeloest wuerden, die +wir in die Wagschale des Krieges werfen konnten. Die schliessliche +Gestaltung des Gesetzes zeigte freilich ein wesentlich anderes, weit +bescheideneres Ergebnis, als mir vorgeschwebt hatte. Angesichts dieser +Enttaeuschung bedauerte ich fast, dass wir unser Ziel nicht auf den schon +bestehenden Gesetzesgrundlagen angestrebt hatten, wie das von anderer +Seite beabsichtigt gewesen war. Der Gedanke, die Annahme des Gesetzes zu +einer macht- und eindrucksvollen Kundgebung des gesamten deutschen Volkes +zu gestalten, hatte mich den Einfluss der bestehenden inneren politischen +Verhaeltnisse uebersehen lassen. Das Gesetz kam schliesslich zustande auf dem +Boden innerpolitischer Handelsgeschaefte, nicht aber auf dem tiefgehender +vaterlaendischer Stimmung. + +Man hat der Obersten Heeresleitung vorgeworfen, dass sie durch das Gesetz +ueber den "Vaterlaendischen Hilfsdienst" und durch die Forderungen des +sogenannten "Hindenburg-Programms" in sozialer wie in finanzieller und +wirtschaftlicher Beziehung zu ueberstuerzenden Massnahmen Anlass gegeben +haette, deren Folgen sich bis zu unserem staatlichen Umsturz, ja sogar +darueber hinaus noch deutlich verfolgen liessen. Ich muss der zukuenftigen, +von den gegenwaertigen Parteistroemungen befreiten Forschung zur +Entscheidung ueberlassen, ob diese Vorwuerfe gerechtfertigt sind. Auf einen +Punkt moechte ich jedoch noch hinweisen: Das Fehlen eines fuer den Krieg +geschulten wirtschaftlichen Generalstabes machte sich im Verlauf unseres +Kampfes ausserordentlich fuehlbar. Die Erfahrung zeigte, dass sich ein +solcher waehrend des Krieges nicht aus dem Boden stampfen laesst. So glaenzend +unsere militaerische und, ich darf wohl sagen, finanzielle Mobilmachung +geregelt war, so sehr fehlte es andererseits an einer wirtschaftlichen. +Was sich in letzterer Beziehung als notwendig erwies und geleistet werden +musste, ueberstieg alle frueheren Vorstellungen. Wir sahen uns angesichts der +nahezu voelligen Absperrung von den Auslandslieferungen bei der langen +Dauer des Krieges sowie bei dem ungeheuren Materialverbrauch und +Schiessbedarf vor voellig neue Aufgaben gestellt, an die sich im Frieden +kaum irgend eine menschliche Phantasie herangewagt hatte. Bei all den +entstehenden Riesenaufgaben, die Heer und Heimat gleichzeitig und aufs +innigste beruehrten, zeigte sich das unbedingte Erfordernis einer festen +Zusammenarbeit von allen Staatsstellen, wenn das Getriebe nur einigermassen +reibungslos arbeiten sollte. Notwendig waere es wohl gewesen, eine +gemeinsame Zentralbehoerde zu schaffen, bei der alle Forderungen +zusammenliefen, und von der alle Leistungen verteilt wurden. Nur eine +solche Behoerde haette wirtschaftlich und militaerisch weitblickende +Entscheidungen treffen koennen. Sie haette unterstuetzt von +volkswirtschaftlichen Groessen, die imstande waren, die Folgen ihrer +Entscheidungen weithin zu ueberblicken, im freien Geiste geleitet werden +muessen. An einer solchen Behoerde fehlte es. Es bedarf keiner naeheren +Erlaeuterungen, dass nur ein ungewoehnlich begabter Verstand und eine +ungewoehnlich organisatorische Kraft einer solchen Aufgabe haette gewachsen +sein koennen. Selbst bei Erfuellung aller dieser Vorbedingungen waeren +schwere Reibungen nicht ausgeblieben. + +So sehr ich zu vermeiden trachtete, mich bei inneren politischen Fragen in +das Parteigetriebe einzumischen oder gar einer der bestehenden Parteien +Vorspanndienste zu leisten, so gern lieh ich sozialen Fragen allgemeiner +Natur meine Unterstuetzung. Besonders glaubte ich zur Frage der +Kriegerheimstaetten die wohlwollendste Stellung einnehmen zu muessen. Meinen +Beifall hatte vornehmlich die ethische Seite dieser Bestrebungen. Kannte +ich doch keinen schoeneren und befriedigerenden Blick als den ueber ein +wohlgepflegtes Stueck Kulturland hinweg in das Heim zufriedener Menschen. +Wie viele unserer Tapferen an der Front werden in stillen Stunden ein +Hoffen und Sehnen nach solchem in sich gefuehlt haben. Mein Wunsch geht +dahin, dass recht zahlreichen meiner treuen Kriegsgefaehrten nach allen +Leiden und Muehen dieses Glueck beschieden sei! + + + + + Vorbereitungen fuer das kommende Feldzugsjahr + + + + Unsere Aufgaben + + +Als sich das Ergebnis der Kaempfe des Jahres 1916 mit einiger Sicherheit +ueberblicken liess, mussten wir ueber die Weiterfuehrung des Krieges im Jahre +1917 ins klare kommen. Ueber das, was der Gegner im naechsten Jahre tun +wuerde, war bei uns kein Zweifel. Wir mussten auf einen allgemeinen +feindlichen Angriff rechnen, sobald die gegnerischen Vorbereitungen und +die Witterungsverhaeltnisse einen solchen zuliessen. Vorauszusehen war, dass +unsere Feinde, gewitzigt durch die Erfahrungen der vorhergegangenen Jahre, +eine Gleichzeitigkeit ihrer Angriffe auf allen Fronten anstreben wuerden, +sofern wir ihnen hierzu die Zeit und Gelegenheit liessen. + +Nichts konnte naeher liegen und unser aller Wuenschen und Empfindungen mehr +entsprechen, als diesem zu erwartenden Generalsturm zuvorzukommen, die +gegnerischen Plaene dadurch ueber den Haufen zu werfen und damit von Anfang +an die Vorhand an uns zu reissen. Ich darf wohl behaupten, dass ich in +dieser Beziehung in den vorausgehenden Feldzugsjahren nichts versaeumt +hatte, sobald mir die Mittel hierfuer in einem nur einigermassen genuegenden +Ausmass zur Verfuegung standen. Jetzt aber durften wir uns ueber diesen +Wuenschen den Blick fuer die tatsaechliche Lage nicht trueben lassen. + +Es bestand kein Zweifel, dass sich das Staerkeverhaeltnis zwischen uns und +unseren Gegnern am Ende des Jahres 1916 noch mehr zu unseren Ungunsten +verschoben hatte, als dies schon bei Beginn des Jahres der Fall gewesen +war. Rumaenien war zu unseren Gegnern getreten und trotz seiner schweren +Niederlage ein Machtfaktor geblieben, mit dem wir weiter rechnen mussten. +Das geschlagene Heer fand hinter den russischen Linien Schutz und Zeit fuer +seinen Wiederaufbau und konnte dabei auf die Mitwirkung der Entente im +weitesten Umfang rechnen. + +Es war ein Verhaengnis fuer uns, dass es unserer Heeresfuehrung waehrend des +ganzen Krieges nicht gelungen ist, auch nur einen unserer kleineren Gegner +mit Ausnahme von Montenegro zum baldigen Ausscheiden aus der Zahl unserer +Feinde zu zwingen. So war im Jahre 1914 die belgische Armee aus Antwerpen +entkommen und stand uns, wenn auch im allgemeinen tatenlos, andauernd +gegenueber, uns zu einem immerhin nicht unbedeutenden Kraefteverbrauch +zwingend. Mit der serbischen Armee war es uns im Jahre 1915 nur scheinbar +guenstiger gegangen. Sie war unsern umfassenden Bewegungen entgangen, +allerdings in einem trostlosen Zustande. Im Sommer 1916 erschien sie +jedoch wieder kampfkraeftig auf dem Kriegstheater in Mazedonien und erhielt +zur Auffrischung ihrer Verbaende andauernd Zuzug und Ersatz aus allen +moeglichen Laendern, zuletzt besonders auch durch oesterreichisch-ungarische +Ueberlaeufer slawischer Nationalitaeten. + +In allen drei Faellen, Belgien, Serbien und Rumaenien, hatte das Schicksal +der gegnerischen Armee an einem Haare gehangen. Die Gruende ihres +Entrinnens mochten verschieden sein, die Wirkung war stets die gleiche. + +Man ist angesichts solcher Tatsachen nur zu leicht geneigt, dem Zufall im +Kriege eine grosse Rolle zuzusprechen. Mit diesem Ausdruck wuerdigt man den +Krieg aus seiner stolzen Hoehe zu einem Gluecksspiel herab. Als solches ist +er mir niemals erschienen. Ich sah in seinem Verlauf und Ergebnis, auch +wenn letzteres sich gegen uns wendete, immer und ueberall eine herbe +Folgenreihe unerbittlicher Logik. Wer zugreift und zugreifen kann, hat den +Erfolg auf seiner Seite, wer das unterlaesst oder unterlassen muss, verliert. + +Fuer das Feldzugsjahr 1917 konnten wir darueber im Zweifel sein, ob die +Hauptgefahr fuer uns aus West oder Ost kommen wuerde. Rein vom Standpunkte +zahlenmaessiger Ueberlegenheit schien die Gefahr an der Ostfront groesser. Wir +mussten annehmen, dass es dem Russen im Winter 1916/17 ebenso wie in den +Vorjahren gelingen wuerde, seine Verluste zu ersetzen und seine Armee mit +Erfolg angriffsfaehig zu machen. Keine Kunde drang zu uns, aus der +besonders auffallende Zersetzungserscheinungen innerhalb des russischen +Heeres hervorgegangen waere. Die Erfahrung hatte mich uebrigens gelehrt, +derartige Nachrichten jederzeit und von wem sie auch kommen mochten, mit +aeusserster Vorsicht aufzunehmen. + +Dieser russischen Staerke gegenueber konnten wir die Verhaeltnisse in dem +oesterreichisch-ungarischen Heere nicht ohne Sorge betrachten. Nachrichten, +die uns zukamen, liessen die Zuversicht nicht recht aufkommen, dass der +glueckliche Ausgang des rumaenischen Feldzuges und die verhaeltnismaessig +guenstige, wenn auch immer gespannte Lage an der italienischen Front auf +den moralischen Halt der k. u. k. Truppen einen ausreichend erhebenden und +staerkenden Einfluss ausgeuebt hatten. Wir mussten weiterhin damit rechnen, +dass Angriffe der Russen wieder Zusammenbrueche in den oesterreichischen +Linien verursachen koennten. Es war sonach ausgeschlossen, den +oesterreichischen Fronten die unmittelbare deutsche Unterstuetzung zu +nehmen; wir mussten uns im Gegenteil bereithalten, bei gelegentlichen +Notfaellen an den Fronten des Verbuendeten mit weiteren Kraeften auszuhelfen. + +Wie sich die Verhaeltnisse an der mazedonischen Front gestalten wuerden, war +ebenfalls unsicher. Dort hatte im Verlauf der letzten Kaempfe ein deutsches +Heeresgruppenkommando die Fuehrung der rechten und mittleren bulgarischen +Armee, d. h. im allgemeinen die Front von Ochrida bis zum Doiran-See, +uebernommen; auch waren sonst noch aus den Kaempfen der Jahre 1915 und 1916 +her hoehere deutsche Befehlshaber in dieser Front taetig geblieben. Andere +unserer Offiziere waren ferner damit beschaeftigt, die reichen +Kriegserfahrungen auf allen unseren Fronten der bulgarischen Armee zu +uebermitteln. Das Ergebnis dieser Arbeit konnte sich aber erst beim +Wiederaufleben der Kaempfe zeigen. Vorderhand schien es gut, unsere +Hoffnungen nicht allzu hoch zu spannen. Unterstuetzungsbereit mussten wir +jedenfalls auch fuer die mazedonische Front sein. + +Auch an unserer Westfront mussten wir damit rechnen, dass die Gegner im +kommenden Fruehjahr trotz ihrer zweifellos schweren Verluste des +vergangenen Jahres mit voller Kraft wieder auf dem Kampfplatz erscheinen +wuerden. Ich moechte den Ausdruck "volle Kraft" natuerlich bedingt aufgefasst +wissen, denn die verlorene alte Kraft ersetzt sich im Verlauf weniger +Monate wohl zahlenmaessig, aber nicht ihrem inneren Werte nach voll und +ganz. Der Feind unterlag in dieser Richtung den gleichen harten Gesetzen +wie auch wir. + +Das taktische Bild an den wichtigsten Teilen dieser Front war folgendes: +Der Gegner hatte im zaehesten, fuenfmonatigen Ringen an der Somme unsere +Linien in 40 km Breite und etwa 10 km Tiefe zurueckgeworfen. Vergessen wir +diese Zahlen fuer spaetere Vergleiche nicht! + +Dieser Erfolg, der mit hunderttausenden von blutigen Opfern bezahlt war, +war bei der Groesse unserer Gesamtfront eigentlich gering. Die Einbiegung +unserer Linien drueckte aber auf unsere nach Nord und Sued anschliessenden +Nebenfronten. Die Lage forderte gebieterisch eine Verbesserung; wir liefen +sonst Gefahr, aus diesem Bogen heraus durch erneute feindliche Angriffe, +verbunden mit noerdlich und suedlich davon angesetzten Nebenangriffen, +umfasst zu werden. Ein eigener, umfassender Angriff gegen den +eingebrochenen Feind war die naechstliegende, angesichts unserer Gesamtlage +aber auch die bedenklichste Loesung. Durften wir es wagen, alle unsere +Kraft zu einem grossen Angriff in der mit feindlichen Truppen angefuellten +Gegend an der Somme einzusetzen, waehrend wir vielleicht an anderer Stelle +der Westfront oder an der Ostfront einen Zusammenbruch erlebten? Es zeigte +sich hier wieder einmal, dass unsere Kriegfuehrung, wenn sie mit grossen +Plaenen nach der einen Seite blickte, die Augen nach der anderen nicht +verschliessen durfte. Das Jahr 1916 redete in dieser Beziehung eine +Sprache, die sich Gehoer verschaffen musste. + +Wenn wir nun die durch die Sommeschlacht entstandene Frontgestaltung durch +einen Angriff nicht verbessern konnten, so mussten wir die Folgerungen +daraus ziehen und unsere Linien zuruecknehmen. Wir entschieden uns daher +auch zu dieser Massnahme und verlegten unsere Stellung, die bis Peronne +eingedrueckt war und andrerseits noch bis westlich Bapaume, Roye und Noyon +vorsprang, in die Sehnenlinie Arras-St. Quentin-Soissons zurueck. Diese +neue Linie ist unter dem Namen Siegfriedstellung bekannt. + +Also Rueckzug an der Westfront statt Angriff! Kein leichter Entschluss. +Schwere Enttaeuschung fuer das Westheer, vielleicht eine noch schwerere fuer +die Heimat, die schwerste, wie zu befuerchten, bei unseren Verbuendeten. +Heller Jubel bei unsern Gegnern! Kann man sich auch einen geeigneteren +Stoff fuer Propaganda vorstellen? Glaenzender, wenn auch spaet sichtbarer +Erfolg der blutigen Sommeschlacht, zusammengebrochener deutscher +Widerstand, heftige unaufhoerliche Verfolgungen mit grossen Beutezahlen, +Schauergeschichten ueber unsere Kriegfuehrung. Man konnte das ganze +Register, das aufgezogen werden wuerde, schon vorher hoeren. Welch ein Hagel +propagandistischer Literatur wird nunmehr auf und hinter unseren Linien +niederfallen! + +Unsere grosse Rueckwaertsbewegung begann am 16. Maerz 1917. Der Gegner folgte +ihr ins freie Gelaende zumeist mit gemessener Vorsicht. Wo diese Vorsicht +sich zu groesserem Draengen steigern wollte, verstanden es unsere +Deckungstruppen, abkuehlend auf den feindlichen Eifer zu wirken. + +Mit der getroffenen Massnahme schufen wir uns nicht nur guenstigere oertliche +Kampfbedingungen an der Westfront sondern verbesserten auch unsere gesamte +Kriegslage. Gab uns doch die Verkuerzung der Verteidigungslinie im Westen +die Moeglichkeit zur Schaffung starker Reserven. Verlockend war der Plan, +wenigstens einen Teil derselben auf den Feind zu werfen, wenn dieser +unserem Rueckzug in die Siegfriedstellung ueber das freie Gelaende folgen +wuerde, in dem wir uns ihm unbedingt ueberlegen fuehlten. Wir verzichteten +jedoch hierauf und hielten unser Pulver fuer die Zukunft trocken. + +Man kann die Lage, wie wir sie uns bis zum Fruehjahr des Jahres 1917 +geschaffen hatten, vielleicht als eine grosse strategische Bereitstellung +bezeichnen, in der wir dem Gegner einstweilen die Vorhand ueberliessen, aus +der heraus wir aber jederzeit imstande waren, gegen feindliche +Schwaechepunkte zum Angriff zu schreiten. Geschichtliche Vergleiche aus +frueheren Kriegen koennen bei der ungeheuer gesteigerten Groesse aller +Verhaeltnisse nicht gezogen werden. + + + +Im Zusammenhang mit diesen Ausfuehrungen muss ich zwei Plaene besprechen, mit +denen wir uns im Winter 1916/17 zu beschaeftigen hatten. Es waren +Vorschlaege fuer einen Angriff sowohl in Italien als auch in Mazedonien. Die +Anregung in der erstgenannten Richtung ging noch im Winter 1916/17 vom +Generaloberst von Conrad aus. Er versprach sich von einem grossen Erfolge +gegen Italien eine weitgehende Einwirkung auf unsere gesamte kriegerische +und politische Lage. Dieser Anschauung konnte ich mich nicht anschliessen. +Wie ich schon frueher ausfuehrte, vertrat ich dauernd die Anschauung, dass +Italien viel zu sehr unter dem wirtschaftlichen und damit auch unter dem +politischen Druck Englands stuende, als dass dieses Land, selbst durch eine +grosse Niederlage, zu einem Sonderfrieden zu zwingen waere. Generaloberst +von Conrad dachte bei seinem Vorschlage wohl in erster Linie an die +guenstige Rueckwirkung eines siegreichen Feldzuges gegen Italien auf die +Stimmung in den oesterreichisch-ungarischen Laendern. Er hoffte auf die +grosse militaerische Entlastung, die mit einem solchen Erfolge fuer +Oesterreich-Ungarn eintreten musste. Diese Gesichtspunkte konnte ich ihm als +wohlberechtigt durchaus nachempfinden. Allein ohne starke deutsche +Unterstuetzung - es handelte sich um etwa 12 deutsche Divisionen - glaubte +Generaloberst von Conrad nicht nochmals einen Angriff auf die Italiener +aus Suedtirol heraus unternehmen zu koennen. Demgegenueber glaubte ich es +jedoch nicht verantworten zu koennen, so viele deutsche Truppen auf nicht +absehbare Zeit in einem Unternehmen festzulegen, das nach meiner +Anschauung zu weit von unseren allerwichtigsten und gefaehrlichsten Fronten +in Ost und West ablag. + +Aehnlich verhielt es sich mit der Frage eines Angriffes auf die +Ententetruppen in Mazedonien. Bulgarien liebaeugelte mit diesem Plane, und +von seinem Standpunkte aus natuerlich mit vollster Berechtigung. Ein +entscheidender Erfolg unsererseits haette die Entente zur Raeumung dieses +Landes zwingen koennen. Bulgarien waere dadurch militaerisch und politisch +nahezu voellig entlastet worden. Das Unternehmen haette auch den lebhaften +Wuenschen des Landes und seiner Regierung entsprochen. Richtete man doch +bulgarischerseits fortgesetzt begehrliche Augen auf den viel umstrittenen, +schoenen Hafen von Saloniki. Letzterer Gesichtspunkt machte freilich bei +mir keinen Eindruck. Auch die militaerische Entlastung Bulgariens haette +nach meiner damaligen Ansicht keinen Nutzen fuer unsere Gesamtlage +bedeutet. Haetten wir die Ententekraefte zum Abzug aus Mazedonien gezwungen, +so wuerden wir sie an unserer Westfront auf den Hals bekommen haben. Ob wir +dagegen die dadurch frei werdenden bulgarischen Truppen irgendwo ausserhalb +des Balkans haetten einsetzen koennen, erschien mir mindestens fraglich. +Hatte doch schon die Verwendung bulgarischer Divisionen ausserhalb des +unmittelbarsten bulgarischen Interessengebietes waehrend des rumaenischen +Feldzuges noerdlich der Donau zu nicht sehr erfreulichen Reibungen mit +diesen Verbaenden gefuehrt. Nach meiner Anschauung verwertete sich also die +bulgarische Kampfeskraft im gesamten Rahmen unserer Kriegfuehrung am +besten, wenn wir sie mit dem Festhalten der Ententetruppen in Mazedonien +beschaeftigten. Das schloss natuerlich nicht aus, dass ich einen selbstaendigen +Angriff der Bulgaren in Mazedonien jederzeit freudig begruesst haette. Das +Ziel eines solchen haette dann aber wohl wesentlich begrenzter gefasst +werden muessen, als es die Vertreibung der Entente aus dem Balkan oder die +Eroberung von Saloniki bedeutete. An irgendwelche Angriffsunternehmungen +glaubte indessen Bulgarien ohne sehr wesentliche deutsche Hilfe, +allermindestens 6 Divisionen, nicht herangehen zu koennen, und wohl mit +Recht. + +Nachrichten ueber die Entwicklung der politischen Verhaeltnisse in +Griechenland klangen allerdings in der Zeit, in der die Frage eines +Angriffs in Mazedonien an uns herantrat, also im Winter 1916/17, wie +verfuehrerische Lockrufe. Gegen solche Sirenenstimmen war ich aber voellig +unempfindlich. Ich bezweifelte es, dass das Volk der Hellenen mit grosser +Begeisterung einen Kampf, ganz besonders aber einen solchen Schulter an +Schulter mit den Bulgaren, ersehnte. Im grossen und ganzen waere es dabei um +das gleiche Ziel gegangen wie 1913, und die beiden siegreichen Partner +haetten sich auch diesmal wieder nach dem gemeinsamen Erfolge nicht +poetisch in den Armen sondern prosaisch in den Haaren gelegen. + + + +Aus meinen vorstehenden Ausfuehrungen duerfte mit aller Klarheit +hervorgehen, dass die Anspannung der deutschen Kraefte durch die gesamte +Lage eine so hohe war, dass wir sie nicht durch weitere, ausserhalb +unbedingtester kriegerischer und politischer Notwendigkeiten liegende +Absichten noch mehr steigern durften. Selbst vortreffliche Plaene, die +sichere Aussichten auf grosse kriegerische Erfolge boten, konnten uns nicht +von der zunaechst wichtigsten Kriegsaufgabe ablenken. Diese war der Kampf +im Osten und Westen, und zwar auf beiden Fronten gegen erdrueckende +Ueberlegenheiten. + +Wenn ich mir aufgrund der inzwischen eingetretenen Folgen meiner im Jahre +1917 ablehnenden Haltung gegen Operationen in Italien und Mazedonien heute +nochmals die Frage vorlege, ob ich anders haette entscheiden sollen und +duerfen, so muss ich diese Frage auch jetzt noch verneinen. Ich glaube sagen +zu koennen, dass der Gang der Ereignisse in Mitteleuropa spaeterhin unser +Verhalten als das Richtige bestaetigt hat. Wir konnten und durften nicht +einen Zusammenbruch unserer West- oder Ostfront auf das Spiel setzen, um +billige Lorbeeren in der oberitalienischen Tiefebene oder am Wardar zu +pfluecken. + + + +Die Tuerkei war fuer 1917 mit besonderen Weisungen von unserer Seite nicht +zu versehen. Sie hatte ihren Landbesitz zu verteidigen und uns die ihr +gegenueberstehenden Kraefte vom Leibe zu halten. Gelang ihr beides, so +erfuellte sie durchaus ihre Aufgabe im Gesamtrahmen des Krieges. + +Um die hierfuer noetigen Truppen kampfkraeftig zu erhalten, hatten wir schon +im Herbste 1916 bei der osmanischen Obersten Heeresleitung angeregt, sie +moechte die Masse ihrer beiden kaukasischen Armeen aus dem entvoelkerten und +ausgesogenen armenischen Hochlande zurueckziehen, um den Truppen die +Ueberwinterung zu erleichtern. Der Befehl hierzu wurde zu spaet erteilt. +Infolgedessen erlagen ganze Truppenteile durch Hunger und Kaelte dem +vorausgesehenen Verderben. Kein Lied, kein Heldenbuch wird vielleicht ihr +tragisches Ende je verkuenden, so sei es an dieser bescheidenen Stelle +getan. + + + + Der Unterseebootkrieg + + +Man denke an 70 Millionen Menschen, die im Halbhunger dahinleben, und an +die Vielen unter ihnen, die langsam an seinen Wirkungen zugrunde gehen! +Man denke an die vielen Saeuglinge, die infolge Aushungerung der Muetter +dahinsterben, und an die zahllosen Kinder, die zeitlebens siech und krank +bleiben werden! Nicht im fernen Indien oder China, wo eine mitleidslose, +kaltherzige Natur den segenspendenden Regen verweigert hat, sondern hier +mitten in Europa, inmitten der Kultur und der Menschlichkeit! Ein +Halbhunger, hervorgerufen durch den Machtspruch und durch die Gewalt von +Menschen, die sich sonst mit ihrer Gesittung bruesten! Wo ist da Gesittung? +Stehen sie als Menschen hoeher wie jene, die im armenischen Hochlande zum +Grauen der ganzen zivilisierten Welt gegen Wehrlose wueteten und dafuer vom +Schicksal bestraft zu Tausenden einen elenden Tod fanden? Zu diesen +hartgesinnten Anatoliern hat freilich kaum jemals ein anderer Geist als +derjenige der Rache, sicherlich niemals derjenige der Naechstenliebe +gesprochen. + +Wohin zielt denn der Machtspruch jener sonst so "Gesitteten"? Ihr Plan ist +klar. Sie haben eingesehen, dass ihre Kriegskraft nicht ausreicht zur +Erkaempfung ihres tyrannischen Willens, dass ihre Kriegskunst unfruchtbar +bleibt gegenueber ihrem Gegner mit staehlernen Nerven. Man zermuerbe also +dessen Nerven! Gelingt es nicht durch den Kampf Mann gegen Mann, so +gelingt es vielleicht von rueckwaerts her auf dem Wege ueber die Heimat. Man +lasse die Weiber und Kinder hungern! Das wirkt "so Gott will" auf den +Gatten und Vater an der Kampffront ein, wenn auch nicht sofort, so doch +allmaehlich! Vielleicht entschliessen sich diese Gatten und Vaeter, die +Waffen zu strecken, denn sonst droht in der Heimat der Tod von Weib und +Kind, der Tod - der Gesittung. So denken Menschen und koennen dabei beten! + +"Der Gegner ueberschuettet uns mit amerikanischen Granaten, warum versenken +wir nicht seine Transportschiffe? Haben wir denn nicht das Mittel dazu? +Rechtsfragen? Wo und wann denkt denn der Gegner an Recht?" Das fragt der +Soldat an unseren Fronten. + +Heimat und Heer wenden sich mit solchen und aehnlichen Ausfuehrungen an ihre +Fuehrer, nicht erst seit dem 29. August 1916, sondern schon lange vorher. +Der Wille, die ganze Schaerfe des Unterseebootkrieges anzuwenden, um die +Leiden der Heimat abzukuerzen und das Heer in seinem ungeheueren Ringen zu +entlasten, war schon vor meiner Uebernahme der Obersten Heeresleitung +vorhanden. In diesem mitleidlosen Kampfe gegen unsere wehrlose Heimat gilt +nur "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Alles andere erscheint +Erbarmungslosigkeit gegen das eigene Blut. + +Wenn wir aber auch die Waffe und den Willen hatten, sie einzusetzen, so +durften doch nicht Folgen ausser acht gelassen werden, die aus der +ruecksichtslosen Anwendung dieses vernichtenden Kampfmittels entspringen +konnten. Werden Ruecksichten gegen den kaltherzigen Feind verneint, so gibt +es doch Ruecksichten gegen bisher neutrale seefahrende Nationen. Die Heimat +darf durch Anwendung der Waffe nicht in groessere Gefahren und Sorgen +gebracht werden, als die sind, aus denen man sie befreien will. Es +schwankt also der Entschluss, ein begreifliches Schwanken, bei dem auch +menschliche Gefuehle mitreden! + +So finde ich die Lage bei meinem Erscheinen im Grossen Hauptquartier. +Vereint mit den schweren Krisen zu Lande eine schwere bedeutungsvolle +Frage zu See. Nach dem ersten Anschein liegt die Entscheidung darueber bei +der Reichsleitung und beim Admiralstabe; doch ist auch die Oberste +Heeresleitung stark davon beruehrt. Ist es doch klar, dass wir aus allgemein +militaerischen Gruenden die Fuehrung des Unterseebootkrieges wuenschen muessen. +Die Vorteile, die wir hieraus fuer unsere Landkriegfuehrung erwarten koennen, +sind mit den Haenden zu greifen. Schon dann, wenn auf gegnerischer Seite +die Fertigung von Kriegsbeduerfnissen oder deren Befoerderung ueber See +wesentlich eingeschraenkt werden muesste, waere das fuer uns eine grosse +Erleichterung. Das gleiche gilt, wenn es gelaenge, die gegnerischen +ueberseeischen Operationen wenigstens teilweise zu unterbinden. Welch grosse +Entlastung wuerde das nicht bloss fuer Bulgarien und die Tuerkei, sondern auch +fuer uns bedeuten, ohne dass wir hierfuer deutsches Blut opferten! In +weiterer Ferne steht auch die Moeglichkeit, den Ententelaendern die +Versorgung mit Rohprodukten und Lebensmitteln bis zu einem unertraeglichen +Masse zu erschweren oder wenigstens England vor die sein Geschick +entscheidende Frage zu stellen: entweder uns die versoehnende Hand zu +reichen oder seine Stellung in der Weltwirtschaft zu verlieren. So schien +der Unterseebootkrieg geeignet, bestimmend auf den Gang des Krieges +einzuwirken, ja er war am Beginn des Jahres 1917 das einzige Mittel, das +wir noch fuer eine siegreiche Beendigung des Krieges neu einsetzen konnten, +nachdem wir zum Weiterkaempfen gezwungen waren. + +In welchen Zusammenhang wir die Fuehrung des Unterseebootkrieges zu der +gesamten kriegerischen und politischen Lage brachten, ergibt sich aus +einer Zuschrift vom Ende September 1916 unsererseits an die Reichsleitung. +Diese Zuschrift sollte als Grundlage fuer eine Anweisung an unseren +Botschafter in Washington dienen und lautete: + + "Dem Grafen Bernstorff wird zu seiner persoenlichen Unterweisung + mitgeteilt, dass die Absicht der Entente, die Ost- und Westfront zu + durchbrechen, bisher nicht gelungen ist und nicht gelingen wird, + ebensowenig wie ihre Offensivoperationen von Saloniki her und in der + Dobrudscha. Dagegen nehmen die Operationen der Mittelmaechte gegen + Rumaenien erfreulichen Fortgang. Ob es hier aber gelingen wird, schon in + diesem Jahre einen den Krieg beendenden Erfolg zu erringen, ist noch + zweifelhaft. Daher muss vorlaeufig mit laengerer Kriegsdauer gerechnet + werden. + + Demgegenueber verspricht sich die Kaiserliche Marine durch den + ruecksichtslosen Einsatz der vermehrten Unterseeboote angesichts der + wirtschaftlichen Lage Englands einen schnellen Erfolg, der den + Hauptfeind, England, in wenigen Monaten dem Friedensgedanken geneigt + machen wuerde. Deshalb muss die Deutsche Oberste Heeresleitung den + ruecksichtslosen Unterseebootkrieg in ihre Massnahmen einbeziehen, unter + anderem auch, um die Lage an der Sommefront durch Verminderung der + Munitionszufuhr zu entlasten und der Entente das Vergebliche ihrer + Anstrengungen an dieser Stelle vor Augen zu fuehren. Schliesslich koennen + wir nicht ruhig zusehen, wie England in der Erkenntnis der vielen + Schwierigkeiten, mit denen es zu rechnen hat, mit allen Mitteln die + neutralen Maechte bearbeitet, um seine militaerische und wirtschaftliche + Lage zu unseren Ungunsten zu verbessern. Aus allen diesen Punkten muessen + wir die Freiheit unserer Handlungen, die wir in der Note vom 4. Mai uns + vorbehielten, wiedergewinnen. + + Die Gesamtlage wuerde sich aber vollstaendig aendern, falls Praesident + Wilson, seinen angedeuteten Absichten folgend, den Maechten einen + Friedensvermittlungsantrag macht. Dieser muesste allerdings ohne bestimmte + Vorschlaege territorialer Art gehalten sein, da diese Fragen Gegenstand + der Friedensverhandlungen seien. Eine diesbezuegliche Aktion muesse aber + bald erfolgen. Wolle Wilson bis nach seiner Wahl oder bis kurz vor + derselben warten, so wuerde er zu einem solchen Schritte kaum mehr + Gelegenheit finden. Auch duerften die Verhandlungen nicht erst auf + Abschluss eines Waffenstillstandes abzielen, sondern muessten lediglich + unter den Kriegsparteien gefuehrt werden und innerhalb kurzer Frist + unmittelbar den Praeliminarfrieden bringen. Ein laengeres Hinausziehen + wuerde die militaerische Lage Deutschlands verschlechtern und auch weitere + Vorbereitungen der Maechte zur Fortsetzung des Krieges bis in das naechste + Jahr zur Folge haben, sodass an einen Frieden in absehbarer Zeit dann + nicht mehr zu denken waere. + + Graf Bernstorff soll die Angelegenheit mit Colonel House - dem + Mittelsmann, durch welchen er mit dem Praesidenten verhandelt - + besprechen und die Absichten des Mr. Wilson in Erfahrung bringen. Eine + Friedensaktion des Praesidenten, die nach aussen hin am besten spontan + erscheinen wuerde, wuerde bei uns ernsthaft in Erwaegung gezogen werden, + und diese wuerde ja auch fuer die Wahlkampagne Wilsons schon einen Erfolg + bedeuten." + +Die schwierigste Frage ist und bleibt: "Innerhalb welcher Zeitspanne wird +der Erfolg des Unterseebootkrieges erreicht werden koennen?" Der +Admiralstab kann hierfuer natuerlich nur unbestimmte Angaben machen. Aber +selbst seine, wie er sagt, auf vorsichtigster Berechnung aufgestellten +Schaetzungen sind so guenstig fuer uns, dass ich grundsaetzlich die Gefahr in +den Kauf nehmen zu koennen glaube, uns mit der Anwendung des neuen +Kampfmittels einen oder den anderen neuen Gegner auf den Hals zu ziehen. + +Mochte die Marine auch noch so sehr draengen, so verlangten doch politische +und militaerische Ruecksichten eine Verzoegerung des Beginns des +uneingeschraenkten Unterseebootkrieges ueber den Herbst 1916 hinaus. Wir +durften in der damals so hochgespannten Kriegslage keine neuen Gegner auf +uns ziehen. Wir mussten jedenfalls warten, bis wir einen guenstigen Abschluss +des rumaenischen Feldzuges ueberblicken konnten. Gelang ein solcher, so +verfuegten wir ueber genuegend Kraefte, um angrenzende neutrale Staaten von +einem Eintritt in die Reihen unserer Gegner abhalten zu koennen, mochte +England auch deren wirtschaftliche Bedrueckung noch weiter steigern. + +Zu den Ruecksichten aus militaerischen Gruenden treten solche aus +politischen. Bevor sich unser Friedensschritt nicht als ein voelliger +Fehlschlag erwies, wollten wir an die verstaerkte Anwendung der +Unterseebootwaffe nicht denken. + +Als dann aber dieser Friedensschritt scheiterte, gab es fuer mich nur noch +militaerische Ruecksichten. Die Entwicklung unserer Kriegslage, besonders in +Rumaenien, bis Ende Dezember gestattete nunmehr nach meiner Ueberzeugung die +weitestgehende Anwendung der wirkungsvollen Waffe. + +Am 9. Januar 1917 gab unser Allerhoechster Kriegsherr gegen die Ansicht des +Reichskanzlers von Bethmann auf Vorschlag des Admiralstabs und +Generalstabs die bejahende Entscheidung. Wir waren uns alle nicht im +Zweifel ueber die Schwere des Schrittes. + +Jedenfalls gab aber die Anwendung des Unterseebootkrieges mit seinen +verlockenden Aussichten Heer und Heimat lange Zeit hindurch eine grosse +moralische Staerkung fuer Fortfuehrung des Landkrieges. + +Angesichts des fuer uns verhaengnisvollen Ausgangs des Krieges hat man die +Erklaerung des uneingeschraenkten Unterseebootkrieges fuer ein Vabanquespiel +halten zu muessen geglaubt. Damit versuchte man diesen unseren Entschluss +politisch und militaerisch wie auch moralisch herabzuwuerdigen. Man +uebersieht bei diesem Urteil, dass nahezu alle entscheidenden Entschluesse, +und zwar nicht nur diejenigen im Kriege, ein schweres Risiko in sich +tragen, ja, dass die Groesse einer Tat hauptsaechlich darin liegt und daran zu +messen ist, dass ein hoher Einsatz gewagt wird. Wenn ein Feldherr auf dem +Schlachtfelde seine letzten Reserven in den Kampf schickt, so tut er +nichts anderes, als was sein Vaterland mit Recht von ihm fordert: Er nimmt +die volle Verantwortung auf sich und beweist den Mut zum letzten +entscheidenden Schritt, ohne den der Sieg nicht zu erringen waere. Ein +Fuehrer, der es nicht auf sich nehmen kann oder will, die letzte Kraft an +den Erfolg zu setzen, ist ein Verbrecher an dem eigenen Volk. Misslingt ihm +der Schlag, dann freilich wird er von dem Fluch und dem Hohn der Schwachen +und Feiglinge getroffen. Das ist nun einmal das Schicksal des Soldaten. Es +wuerde jeder Groesse entbehren, wenn es nur auf sicheren Berechnungen sich +gruenden liesse, und wenn die Erringung des Lorbeers nicht abhaengig waere von +dem Mute der Verantwortung. Diesen Mut heranzubilden, war Ziel unserer +deutschen militaerischen Erziehung. Sie konnte dabei hinweisen auf die +groessten Vorbilder in der eigenen Geschichte sowie auf die maechtigsten +Taten unserer gefaehrlichsten Gegner. Gab es einen kuehneren Einsatz der +letzten Kraft, als ihn der grosse Koenig bei Leuthen wagte und damit das +Vaterland und seine Zukunft rettete? Hat man nicht auch den Entschluss +Napoleons I. als richtig anerkannt, als er bei Belle Alliance seine +letzten Bataillone an die Entscheidung setzte, um dann freilich, wie +Clausewitz sagt, arm wie ein Bettler vom Schlachtfeld zu verschwinden? +Waere nicht ein Bluecher dem Korsen gegenueber gewesen, der Korse haette +gesiegt, und die Weltgeschichte waere wohl einen anderen Weg gegangen. Und +auf der anderen Seite der viel umjubelte Marschall Vorwaerts; wagte er +nicht auch in dieser Entscheidungsschlacht das Aeusserste? Hoeren wir, was +vor dem Kriege einer unserer heftigsten Gegner darueber sagte: + + "Das schoenste Manoever, das ich je auf Erden habe ausfuehren sehen, ist + die Tat des Greises Bluecher, der zu Boden geworfen wurde, unter die Hufe + der Pferde geriet und sich aus dem Staube erhob, auf seine besiegten + Soldaten losstuermte, ihrer Flucht Einhalt gebot und sie von der + Niederlage bei Ligny dem Triumph von Waterloo entgegenfuehrte." + +Ich moechte dieses Kapitel nicht schliessen, ohne meine Zweifel der +Behauptung gegenueber zu aeussern, dass mit dem Eintritt Amerikas in die +Reihen unserer Gegner unsere Sache endgueltig verloren gewesen sei. Warten +wir erst einmal den Einblick in die Krisen ab, in die wir durch unseren +Unterseebootkrieg und durch unsere zeitweise grossen Erfolge zu Lande vom +Fruehjahr 1917 ab unsere Gegner versetzten. Wir werden dann vielleicht +erfahren, dass wir so manchmal nahe daran waren, den Siegerkranz an uns zu +reissen, und wir werden auch vielleicht erkennen lernen, dass andere als +militaerische Gruende uns um ein erfolgreiches oder wenigstens ertraegliches +Kriegsende brachten. + + + + Kreuznach + + +Nach erfolgreicher Beendigung des rumaenischen Feldzuges und der dadurch +eingetretenen Entspannung der Ostlage musste das Schwergewicht unserer +demnaechstigen Taetigkeit im Westen gesucht werden. Dort war jedenfalls ein +fruehzeitiger Beginn der Kaempfe im folgenden Feldzugsjahre zu erwarten. Wir +wollten dem Schauplatz dieser Schlachten nahe sein. Von einem im Westen +gelegenen Hauptquartier bot sich leichter und weniger zeitraubend die +Moeglichkeit, mit den Oberkommandos der Heeresgruppen und Armeen in +unmittelbare persoenliche Beruehrung zu treten. Dazu kam, dass Kaiser Karl +einerseits in der Naehe der politischen Behoerden seines Landes zu sein +wuenschte und andererseits auf den unmittelbaren persoenlichen Verkehr mit +seinem Generalstab nicht verzichten wollte. Das k. u. k. +Armee-Oberkommando siedelte daher in den ersten Monaten des Jahres 1917 +nach Baden bei Wien ueber. Damit entfiel fuer Seine Majestaet unseren Kaiser +und fuer die Oberste Heeresleitung jeder Grund, weiterhin in Pless zu +bleiben. Wir verlegten im Februar das Hauptquartier nach Kreuznach. + +Beim Abschied von Pless war es mir ein besonderes Beduerfnis, dem dortigen +Fuersten und seiner Beamtenschaft fuer die grosse Gastfreundschaft zu danken, +die uns in der Unterbringung aller Befehlsstellen und in unserm +Privatleben erwiesen worden war. Ich selbst hatte obenein dankbar mancher +herrlichen Pirschfahrt an ausnahmsweise dienstfreien Abenden sowohl im +Plesser- wie auch im benachbarten Neudecker Revier zu gedenken. + +An die Gegend, in die wir nun kamen, knuepften sich fuer mich Erinnerungen +aus meiner frueheren Taetigkeit als Chef des Generalstabes in der +Rheinprovinz. Auch die Stadt Kreuznach selbst war mir damals bekannt +geworden. Ihre Einwohner wetteiferten jetzt in Beweisen ruehrender +Freundlichkeit. Diese aeusserte sich unter anderem auch darin, dass unser +Heim und unser gemeinsamer Speiseraum taeglich durch die Haende junger Damen +mit frischen Blumen geschmueckt wurden. Ich nahm all das als Zeichen der +Huldigung an die Gesamtheit des Heeres entgegen, zu dessen aeltesten +Vertretern im Kriege ich gehoerte. + +Kurz nach unserem Weggang von Pless trat Generaloberst von Conrad von der +Heeresleitung Oesterreich-Ungarns zurueck, um den Oberbefehl an der Front +Suedtirols zu uebernehmen. Die Ursache seines Abganges ist mir nicht bekannt +geworden. Ich glaubte sie auf persoenlichem Gebiete suchen zu muessen, da +sachliche Gruende meines Erachtens nicht vorlagen. Ich bewahre ihm ein +treues, kameradschaftliches Gedenken. Sein Nachfolger wurde General von +Arz. Ein praktischer Kopf mit gesunden Anschauungen, ein trefflicher +Soldat, also gleich seinem Vorgaenger ein wertvoller Kampfgenosse! Er ging +auf das Wesen der Dinge los und verachtete den Schein. Ich glaube, dass uns +beiden die Abneigung gegen die Beschaeftigung mit politischen Fragen +gemeinsam war. Was unter den frueher von mir beruehrten schwierigen +Verhaeltnissen in der Donaumonarchie erreicht werden konnte, hat General +von Arz nach meiner Ueberzeugung mit bewundernswuerdiger Ausdauer geleistet. +Er hat sich ueber die ganze Schwere seiner Aufgabe keinem Zweifel +hingegeben. Um so mehr ist es anzuerkennen, dass er mit so mannhaftem +Vertrauen an sie herantrat. + +Fuer mich persoenlich brachte der Aufenthalt in Kreuznach Anfang Oktober die +Feier meines 70jaehrigen Geburtstages. + +Seine Majestaet mein Kaiser, Koenig und Herr, hatte die grosse Gnade, mir als +Erster an diesem Tage persoenlich seine Glueckwuensche in meinem Heim +auszusprechen. Das war fuer mich die groesste Weihe des Tages! + +Auf dem Wege zu unserem Dienstgebaeude begruesste mich spaeter in der +strahlenden Herbstsonne die Kreuznacher Jugend; vor dem Eingang zur +gemeinsamen Arbeitsstaette erwarteten mich meine Mitarbeiter, im +anschliessenden Garten Vertreter der Stadt und Umgegend, junge Soldaten, +verwundet und krank, Erholung suchend in den Heilstaetten des Badeortes, +daneben alte Veteranen, Mitkaempfer aus laengst vergangener Zeit. + +Das Ende des Tages brachte ein kleines kriegerisches Zwischenspiel. Aus +einer mir nie bekannt gewordenen Ursache hatte sich das Geruecht von der +Wahrscheinlichkeit eines grossen feindlichen Fliegerangriffes auf unser +Grosses Hauptquartier fuer den heutigen Tag verbreitet. Moeglich auch, dass +das eine oder andere Flugzeug des Gegners, wie so oft, an diesem Abend den +Weg von der Saar- zur Rheinlinie oder zurueck laengs der Nahe suchte. Kein +Wunder, wenn die Phantasien lebhafter arbeiteten als sonst, und wenn in +der Nacht zwischen der Erde und dem strahlenden Mond mehr gesehen und +gehoert wurde, als tatsaechlich vorhanden war. Kurzum, gegen Mitternacht +eroeffneten unsere Flugabwehrgeschuetze ein heftiges Dauerfeuer. Dank der +hohen Feuergeschwindigkeit erschoepfte sich rasch die vorhandene Munition, +und ich konnte ruhig einschlafen in dem Gedanken, nun nicht weiter gestoert +zu werden. Beim Vortrag des folgenden Tages zeigte mir der Kaiser eine +grosse Schale, angefuellt mit Sprengstuecken deutscher Geschosse, die in dem +Garten seines Quartiers gesammelt worden waren. In einer gewissen Gefahr +hatten wir also doch geschwebt. + +Ein Teil der Kreuznacher hatte uebrigens die naechtliche Schiesserei fuer den +militaerischen Abschluss meines Geburtstagsfestes gehalten. + + + + + Der feindliche Ansturm im ersten Halbjahr 1917 + + + + Im Westen + + +Mit groesster Spannung sahen wir vom Eintritt der besseren Jahreszeit ab dem +Beginn des erwarteten allgemeinen gegnerischen Angriffes im Westen +entgegen. Wir hatten uns durch die Neugruppierung unserer Kraefte auf ihn +strategisch vorbereitet, aber wir hatten im Laufe des Winters auch in +taktischer Beziehung alle Massnahmen getroffen, dieser jedenfalls groessten +aller bisherigen feindlichen Kraftanstrengungen zu begegnen. + +Zu diesen Massnahmen gehoerten nicht in letzter Linie die Aenderungen unseres +bisherigen Verteidigungsverfahrens. Sie wurden von uns auf Grund der +Erfahrungen in den bisherigen Kaempfen verfuegt. Nicht mehr aus einzelnen +Linien und Stuetzpunkten sondern aus Liniensystemen und Stuetzpunktgruppen +sollten in Zukunft unsere Verteidigungsanlagen bestehen. In den dadurch +gebildeten tiefen Zonen wollten wir die Truppen nicht in +zusammenhaengenden, starren Fronten, sondern in reicher Gruppierung und +Gliederung nach der Breite und Tiefe aufbauen. Der Verteidiger hatte seine +Kraefte beweglich zu halten, um der vernichtenden feindlichen Wirkung +waehrend des Vorbereitungskampfes auszuweichen, hier und dort unhaltbar +gewordene Stellungsteile freiwillig preiszugeben und dann im Gegenstoss das +wieder zu gewinnen, was zur Behauptung der allgemeinen Stellung noetig war. +Diese Grundsaetze galten im Kleinen wie im Grossen. + +Der verheerenden Wirkung der feindlichen Artillerie und Minenwerfer und +den ueberraschenden gegnerischen Anstuermen setzten wir also eine Vermehrung +und reichere Gliederung unserer Verteidigungsanlagen und die Beweglichkeit +unserer Kampfmittel entgegen. Gleichzeitig wurde der Grundsatz +verwirklicht, in den vorderen Widerstandslinien durch Erhoehung der Zahl +der Maschinengewehre Menschenkraefte zu schonen und damit solche zu sparen. + +Mit dieser tiefgreifenden Aenderung unseres Verteidigungsverfahrens nahmen +wir ohne Zweifel ein Wagnis auf uns. Dies bestand in erster Linie darin, +dass wir mitten im Kriege den Bruch mit taktischen Gewohnheiten und +Erfahrungen forderten, in die sich die untere Fuehrung und die Truppe +eingelebt hatten, und die sie vielfach mit begreiflichen Vorurteilen +schaetzten. Der Uebergang von einer taktischen Anschauung in eine andere +bedeutet schon im Frieden eine gewisse Krisis. Er bringt auf der einen +Seite Uebertreibungen im Neuen, auf der anderen schwer belehrbares +Festhalten am Alten mit sich. Missverstaendnisse draengen sich in den +klarsten Wortlaut der Vorschriften ein; selbstaendige und willkuerliche +Auslegungen feiern Orgien; das Traegheitsmoment im menschlichen Denken und +Handeln wird manchmal nicht ohne kraeftigsten Antrieb ueberwunden. + +Aber nicht nur aus diesen Gruenden bedeuteten unsere taktischen Aenderungen +einen gewagten Schritt. Fast noch schwerer war es, die Frage zu bejahen, +ob denn unser Heer mitten im Kriege in seiner jetzigen Verfassung imstande +sein wuerde, diese Aenderungen in sich aufzunehmen und auf die Wirklichkeit +des Schlachtfeldes zu uebertragen. Wir konnten uns nicht im Zweifel darueber +sein, dass das Kriegsinstrument, mit dem wir jetzt zu arbeiten hatten, mit +demjenigen der Jahre 1914 und 1915, ja selbst mit demjenigen des Beginnes +von 1916 kaum noch zu vergleichen war. Eine Unsumme herrlichster Kraft lag +in unseren Ehrenfriedhoefen gebettet oder war mit zertruemmerten Gliedern +oder krankem Koerper an die Heimat gebannt. Ein stolzer Kern unserer +Soldaten vom Jahre 1914 war freilich auch heute noch vorhanden, und an ihn +schloss sich viel junge, begeisterungsfaehige Kraft und opferfreudiger +Wille. Aber das allein macht die Staerke eines Heeres nicht aus; Kraft und +Wille muessen geschult und durch Erfahrungen gelaeutert werden. Ein Heer mit +dem sittlichen und geistigen Reichtum, mit der machtvollen geschichtlichen +Ueberlieferung wie das deutsche von 1914 ueberdauert zwar in seinem inneren +Werte manche Kriegsjahre, wenn ihm nur die Zufuhr frischer koerperlicher +und sittlicher Kraefte aus der Heimat erhalten bleibt. Der Gesamtwert +jedoch wird, ja er muss nach dem natuerlichen Lauf der Dinge sinken, wenn +auch sein Verhaeltniswert jedem Feinde gegenueber, der gleich lang im Felde +steht, in voller Hoehe und Ueberlegenheit erhalten bleibt. + +Unser neues Verteidigungsverfahren stellte an die moralische Kraft und an +das Koennen der Truppe hohe Anforderungen, indem es den festen aeusseren +Zusammenhalt der Verteidigung lockerte und damit die Selbstaendigkeit +kleinster Teile zum hoechsten Grundsatz erhob. Der taktische Zusammenhang +war nicht mehr in aeusserlich sichtbaren Linien und Gruppen gegeben, sondern +im geistigen Bande taktischen Zusammengreifens. Es liegt keine +Uebertreibung darin, wenn ich sage, dass unter den vorliegenden +Verhaeltnissen in dem Uebergang zu diesen neuen Grundsaetzen die groesste +Vertrauenskundgebung lag, die wir der geistigen und sittlichen Kraft +unseres Heeres, und zwar all seiner Teile, aussprechen konnten. Schon die +naechste Zukunft musste den Beweis liefern, ob dieses Vertrauen +gerechtfertigt war. + + + +Das erste Unwetter im Westen bricht nach begonnenem Fruehjahr los. Am +9. April gibt der englische Angriff bei Arras den Auftakt zur grossen, +feindlichen Fruehjahrsoffensive. Der Angriff wird tagelang vorbereitet mit +der ganzen brutalen Wucht feindlicher Artillerie- und Minenwerfer-Massen, +nichts von Ueberraschungstaktik im Sinne Nivelles vom Oktober des +vergangenen Jahres. Traut man diesem Verfahren von englischer Seite nicht, +oder fuehlt man sich taktisch hierfuer zu ungewandt? Der Grund ist fuer den +Augenblick gleichgueltig, die Tatsache genuegt und redet eine furchtbare +Sprache. Der englische Angriff braust ueber die ersten, zweiten, dritten +Graeben hinweg. Stuetzpunktgruppen versagen oder verstummen nach +heldenmuetigem Widerstand; Artillerie geht in Masse verloren. Das +Verteidigungsverfahren hatte scheinbar versagt! + +Eine schwere Krise tritt ein. Eine jener Lagen, in der alles haltlos +geworden zu sein scheint. "Krisen muss man vermeiden", ruft der Laie. Der +Soldat kann ihm nur antworten: "Dann verzichten wir besser von vornherein +auf den Krieg, denn sie sind unvermeidlich. Sie liegen einfach in der +Natur des Krieges und kennzeichnen ihn als das Gebiet des Ungewissen und +der Gefahr. Nicht Krisen zu vermeiden sondern sie zu ueberwinden, ist +Aufgabe der Kriegskunst. Wer schon vor ihrem Drohen zurueckschrecken +wollte, bindet sich selbst die Haende, wird ein Spielball des kuehneren +Gegners und geht bald in einer Krisis zu Grunde." + +Ich will hiermit nicht behaupten, dass die Krisis am 9. April nach all den +Vorbereitungen, die man zu treffen imstande gewesen waere, nicht haette +vermieden werden koennen. Sie brauchte wenigstens nicht in dieser +furchtbaren Groesse einzutreten, wenn man mit rechtzeitig herangeholten +Reserven im Gegenstoss dem feindlichen Einbruch entgegenging. Mit schweren +oertlichen Erschuetterungen der Verteidigung wird man freilich bei solch +hoellischer Vorbereitung des Angriffs immer rechnen muessen. + +Der abendliche Vortrag entwirft an diesem 9. April ein duesteres Bild, viel +Schatten, wenig Licht. Doch man muss in solchen Faellen nach Licht suchen. +Ein Strahl, wenn auch noch in unsicheren Umrissen, deutet sich an. Der +Englaender scheint es nicht verstanden zu haben, den errungenen Erfolg bis +zu seinem letztmoeglichen Ergebnis auszunuetzen. Ein Glueck fuer uns, jetzt, +wie schon manchmal vorher. Nach dem Vortrag druecke ich meinem Ersten +Generalquartiermeister die Hand mit den Worten: "Nun, wir haben schon +Schwereres miteinander durchgemacht als heute." Heute, an seinem +Geburtstage! Mein Vertrauen bleibt unerschuettert. Ich wusste, neue Truppen +von uns marschieren auf das Schlachtfeld, Eisenbahnzuege rollen heran. Die +Krisis wird ueberwunden. In mir selbst wenigstens war sie zu Ende. Der +Kampf aber tobte weiter. + +Ein anderes Schlachtbild: Auch bei Soissons und von da ab weit hin nach +Osten bis in die Gegend von Reims donnern gleichfalls von der ersten +Aprilwoche ab die franzoesischen Kanonen; viele hundert feindliche +Minenwerfer schleudern dort ihre Geschosse. Hier befehligt Nivelle, wohl +dank seines berechtigten Ruhmes von Verdun. Auch er hat aus seinen letzten +Erfahrungen bei Verdun nicht die taktischen Folgerungen gezogen, die wir +erwarteten. Tage-, ja eine Woche lang wuetet das franzoesische Feuer. Unsere +Verteidigungszonen sollen in ein Truemmer- und Leichenfeld verwandelt, was +vielleicht noch zufaellig der koerperlichen Zerstoerung entgeht, soll +wenigstens seelisch gebrochen werden. In dieser furchtbaren Esse scheint +die Erreichung solcher Absicht ausser Zweifel zu stehen. Endlich haelt +Nivelle unsere Truppen fuer vernichtet oder wenigstens hinreichend +zermuerbt. Er laesst seine siegessicheren Bataillone am 16. April zum Sturme, +wir wollen besser sagen, zur Ernte der in der Feuerglut gereiften Fruechte +antreten. Da geschieht das Unbegreifliche. Zwischen den Truemmern und +Trichtern erhebt sich deutsches Leben, deutsche Kraft und deutscher Wille +und schleudert sein Verderben in die stuermenden Linien und die ihnen +folgenden, in unserem losbrechenden Feuer wirbelnden und sich +zusammenballenden Haufen. Wohl wird der deutsche Widerstand an den am +schwersten erschuetterten Stellen niedergetreten, aber was bedeutet in +diesem Riesenkampfe ein Verlust von einzelnen Stellungsteilen gegenueber +der siegreichen Behauptung der allgemeinen Front? + +Die Schlacht zeigt schon in den ersten Tagen eine ausgesprochene +franzoesische Niederlage. Der blutige Rueckschlag wirft die franzoesische +Fuehrung und Truppe in bitterste, ja verbitterte Enttaeuschung. + +Der Kampf bei Arras, bei Soissons und bei Reims tobt noch wochenlang. Er +bringt nur einen einzigen taktischen Unterschied gegenueber dem Ringen an +der Somme im vergangenen Jahre, und den moechte ich zu erwaehnen nicht +vergessen: der Gegner erringt naemlich ueber die ersten Tage hinaus nirgends +mehr einen nennenswerten Erfolg, und schon nach wenigen Wochen sinkt er +auf seinen Angriffsfeldern erschoepft in den Stellungskrieg zurueck. Unser +Abwehrverfahren hat sich also doch noch glaenzend bewaehrt! + +Und nun noch ein drittes Bild: Die Szenen spielen sich ab auf den Hoehen +von Wytschaete und Messines, nordwestlich Lille, angesichts des Kemmel. Es +ist der 7. Juni. Also ein Zeitpunkt, an dem das Scheitern der vorher +erwaehnten Kaempfe schon zweifelsfrei feststeht. Die Lage auf den +Wytschaeter Hoehen, dem Schluesselpunkt des dortigen Stellungsbogens, ist +wenig guenstig fuer neuzeitliche Verteidigung. Der verhaeltnismaessig schmale +Ruecken gestattet nicht die Anwendung einer genuegend tiefen Zone. Das +vorderste Grabensystem liegt auf den Westhaengen und bietet feindlicher +Artillerie treffliche Ziele. Das feuchte Erdreich rutscht im Sommer und +Winter, der Boden ist vielfach vom Minenkrieg zerwuehlt, einer Kampfart, +die frueher gerade hier um den Besitz der wichtigsten Stellungsteile mit +aeusserster Erbitterung angewendet worden war. Doch hoert man seit langem +nichts mehr von unterirdischem Wuehlen. Nicht nur von Westen, sondern auch +von Sued und Nord her ist die Verteidigung auf den Hoehen bei St. Eloi sowie +an den beiden Eckpfeilern Wytschaete und Messines durch die gegnerische +Artillerie zu fassen. + +Der Englaender bereitet seinen Angriff in gewohnter Weise vor. Der +Verteidiger leidet schwer, schwerer als nur irgendwo bisher. Auf unsere +besorgte Frage, ob die Hoehen nicht besser freiwillig geraeumt wuerden, +erfolgt die mannhafte Antwort: "Wir werden halten, noch stehen wir fest!" +Als aber der verhaengnisvolle 7. Juni anbricht, erhebt sich der Boden unter +den Verteidigungslinien, ihre wichtigsten Stuetzteile brechen zusammen und +durch den Rauch und die niederstuerzenden Erdmassen der gesprengten +Minenreihen schreiten die englischen Sturmtruppen ueber die letzten Reste +deutscher Verteidigungskraft hinweg. Krampfhafte Versuche unsererseits, +die Lage durch Gegenstoss zu retten, scheitern an dem moerderischen +feindlichen Artilleriefeuer, das aus weitem Bogen das Rueckengebiet der +verlorenen Stellungen in einen wahren Feuerkessel verwandelt. Trotzdem +gelingt es auch hier, den Gegner vor vollendetem Durchbruch unserer Linien +zum Halten zu bringen. Unsere Verluste an Menschen wie Kriegsgeraet sind +schwer; die Preisgabe des Gelaendes waere zu verschmerzen gewesen. + +Das bisherige Gesamtergebnis der grossen feindlichen Offensive im Westen +war nach meinem Urteil fuer uns nicht unbefriedigend. Geschlagen waren wir +nirgends. Selbst die bedenklichsten Gefahren hatten wir aufgefangen. +Nirgends war es dem Feinde gelungen, ueber einen maessigen Gelaendegewinn +hinaus groessere Ziele zu erreichen, geschweige denn aus der +Durchbruchsschlacht zur freien Operation uebergehen zu koennen. Die +Auswertung dieser unserer Erfolge im Westen sollte auch diesmal an anderen +Fronten stattfinden. + + + + Im nahen und fernen Orient + + +Noch bevor der wilde Tanz an unserer Westfront begann, erneuerte Sarrail +seine Angriffe in Mazedonien mit dem Schwergewicht bei Monastir. Auch +diese Ereignisse zogen unsere volle Aufmerksamkeit auf sich. Waren doch +die Ziele des Gegners auch hier sehr weitgesteckt. Gleichzeitig mit diesem +Ansturm gegen die bulgarische Front veranlasste der Feind einen Aufstand in +Serbien, hierdurch unsere Verbindungen auf der Balkanhalbinsel gefaehrdend. +Der Aufstand wurde indessen an der bedrohlichsten Stelle, naemlich bei +Nisch, niedergeschlagen, ehe er die besonders von den bulgarischen +Regierungskreisen befuerchtete Ausdehnung ueber ganz Altserbien annahm. + +Die Schlacht an der mazedonischen Front wurde mit grosser Erbitterung +gefuehrt. Der bulgarischen Armee gelang es, ohne dass wir ihr weitere +deutsche Unterstuetzung zusenden mussten, ihre Stellungen nahezu restlos zu +behaupten. Ein uns sehr befriedigendes Ergebnis! Unser Verbuendeter hatte +sich sehr gut geschlagen. Er erkannte damals rueckhaltslos an, dass sich die +deutsche Arbeit in seinen Kampfreihen bestens bewaehrt hatte. Ich gewann +daraus die Ueberzeugung, dass die bulgarische Armee ihrer Aufgabe auch +weiterhin gewachsen sei. Dies bestaetigte sich bei Erneuerung der Angriffe +der Entente im Mai. Auch diesmal wurden deren Anstuerme in ihrer Ausdehnung +von Monastir bis zum Doiran-See voellig zum Scheitern gebracht. + + + +Im armenischen Hochlande war es still geblieben. Gelegentliche kleinere +Zusammenstoesse im Winter schienen mehr durch Beutezuege als durch das +Erwachen der Kampflust auf einer der beiden Seiten veranlasst worden zu +sein. Der Russe hatte unter dem Einfluss der auch bei ihm bestehenden +ungeheuren Nachschubschwierigkeiten die Masse seiner Truppen aus den +wildesten und veroedetsten Hochgebirgsteilen in bessere Verpflegungsgebiete +des Landesinnern zurueckgezogen. Die voellige Erstarrung der russischen +Kampflust war aber ueberraschend. Wir erhielten von tuerkischer Seite keine +Nachricht, die uns die Gruende hierfuer haette erkennen lassen. + +Im Irak griff der Englaender im Februar an und kam schon am 11. Maerz in den +Besitz von Bagdad. Diesen Erfolg verdankte er einer geschickten Umgehung +der starken tuerkischen Front. + +In Suedpalaestina, bei Gaza, brach dagegen der englische Angriff, mit +erdrueckender Ueberlegenheit aber rein frontal und mit geringem taktischen +Geschick gefuehrt, vor den tuerkischen Linien vollstaendig zusammen. Nur das +Versagen einer zum umfassenden Gegenstoss angesetzten tuerkischen Kolonne +rettete hier England vor einer vernichtenden Niederlage. + +Die Rueckwirkung dieser Ereignisse in Asien auf unsere gesamte Kriegslage +werde ich noch zu besprechen haben. + + + + An der Ostfront + + +Noch bevor Franzosen und Englaender im Westen zum allgemeinen Angriff +antraten, erbebte die russische Front in ihren Grundfesten. Unter unseren +bisherigen wuchtigen Schlaegen hatte das Gefuege des russischen Staates sich +zu lockern begonnen. + +Wie ein Alpdruck hatte der plumpe russische Koloss bisher auf der ganzen +europaeischen und asiatischen Welt gelastet. Nun begann es, sich innerhalb +seiner Masse zu dehnen und zu recken. Tiefgreifende Risse traten an die +Oberflaeche und durch die entstandenen Spalten gewann man bald Einblick in +die Glut politischer Leidenschaften und in das Getriebe teuflisch roher +Kraefte. Das Zarentum stuerzt! Wird sich eine neue Macht finden, die diese +politischen Leidenschaften im Eishauch sibirischer Gefaengnisse wieder zur +Erstarrung bringt und die wilden Gewalten wieder unter Graeberhuegeln +erdrueckt? + +Russland in Revolution! Wie oft hatten uns wirkliche oder sogenannte Kenner +des Landes das Nahen dieses Ereignisses verkuendet. Ich hatte den Glauben +daran verloren. Nun da es eintrat, loeste es in mir keineswegs Gefuehle +politischer Genugtuung, wohl aber solche kriegerischer Erleichterung aus. +Auch diese letzteren traten erst langsam in Geltung. Ich fragte mich: war +der Sturz des Zaren ein Sieg der Kriegs- oder der Friedensstroemung? Hatten +die Totengraeber des bisherigen Zarentums nur gearbeitet, um mit dem +letzten Traeger der Krone den uns bekannten Friedenswillen hoher russischer +Kreise und die Friedenssehnsucht breiter Massen zum Falle zu bringen? + +Solange das Verhalten des russischen Heeres auf diese Frage keine klare +Antwort gab, war und blieb unsere Lage Russland gegenueber unsicher. Der +Zersetzungsprozess hatte im russischen Staat zweifellos eingesetzt. Kam es +nicht bald zur Errichtung einer Diktatur mit gleich ruecksichtsloser Gewalt +wie die eben gestuerzte, so schritt diese Zersetzung weiter, wenn auch in +dem grossen schweren russischen Koloss mit seinen plumpen Lebensaeusserungen +vielleicht langsamer als sonstwo. Unser Plan ist von Anfang an, diesen +Gang der Ereignisse nicht zu stoeren, wir muessen nur auf der Hut sein, dass +er uns nicht stoert: ja vielleicht zerstoert. Man muss in dieser Lage an die +Lehren der Kanonade von Valmy denken, die mehr als hundert Jahre frueher +die aufgewuehlten und zerrissenen franzoesischen Volkskraefte wieder +zusammenschweisste und den Antrieb gab zu jener grossen blutroten Flut, die +ganz Europa ueberschwemmte. Freilich, das Russland des Jahres 1917 verfuegt +nicht mehr ueber die grossen, unverbrauchten Menschenmassen des damaligen +Frankreichs. Des Zarenreiches beste und tauglichste Kraefte stehen an der +Front oder liegen in Massengraebern vor und hinter unseren Linien. + +Der Verzicht, der mir persoenlich durch ruhiges Warten angesichts der +beginnenden russischen Zersetzung auferlegt wird, ist gross. Kann ich mich +jetzt aus politischen Gruenden mit einer Offensive an der Ostfront nicht +befreunden, so draengt das soldatische Empfinden zu einem Angriff im +Westen. Ich denke an das Stocken des englischen Angriffs bei Arras, an die +schwere Niederlage Frankreichs zwischen Soissons und Reims. Gibt es einen +naeher liegenden Gedanken als den, alle brauchbaren Kampftruppen vom Osten +nach dem Westen zu werfen und dort zum Angriff vorzugehen? Noch ist +Amerika weit weg. Mag es kommen, nachdem auch Frankreichs Kraefte gebrochen +sind. Dann kommt es zu spaet! + +Die ihr drohende schwere Gefahr erkennt aber auch die Entente, und sie +arbeitet mit allen Mitteln, um den Zusammenbruch der russischen Macht und +damit eine weitgehende Entlastung unserer Ostfront zu verhindern. Russland +muss aushalten, wenigstens bis Amerikas neugebildete Armeen den +franzoesischen Boden betreten koennen, sonst scheint die kriegerische und +moralische Niederlage Frankreichs sicher. Also schafft die Entente +Politiker, Agitatoren, Offiziere nach Russland, um die dortige zerwuehlte +und rissige Front zu stuetzen; sie vergisst auch nicht diesen Missionen Geld +mitzugeben, das an manchen Stellen Russlands kraeftiger wirkt als politische +Gruende. + +Durch diese Gegenwirkung werden uns auch diesmal die groessten +Siegesaussichten geraubt. Die russische Front wird gehalten, nicht durch +eigene Staerke, sondern hauptsaechlich durch die agitatorischen Mittel, die +unsere Feinde dorthin bringen, und die ihre Zwecke erreichen, selbst gegen +den Willen der russischen Massen. + +Haetten wir nicht vielleicht doch angreifen sollen, als sich die ersten +Zerreissungen im russischen Gebaeude zeigten? Verdarben uns nicht vielleicht +politische Gesichtspunkte die schoensten Fruechte unserer bisherigen groessten +Erfolge? + +Unsere Beziehungen zum russischen Heere an der Ostfront entwickeln sich +zunaechst in immer ausgesprochenerem Grade zu einem Waffenstillstand, wenn +auch ohne schriftliche Festsetzung. Die russische Infanterie erklaerte +allmaehlich fast ueberall, dass sie nicht mehr kaempfen wuerde. Doch bleibt sie +mit der ihrer Masse eigenen Stumpfheit in ihren Graeben sitzen. Wo die +gegenseitigen Beziehungen allzu offenkundig freundschaftliche +Verkehrsformen annehmen, schiesst die russische Artillerie ab und zu +dazwischen. Diese Waffe ist noch in den Haenden ihrer Fuehrer, nicht aus +einem ihr angeborenen konservativen Sinn, sondern weil sie nicht in so +viele selbstaendige Koepfe zerfaellt als ihre Schwesterwaffe. Der Einfluss der +Ententeagitatoren und Offiziere macht sich in den russischen Batterien +noch durchgreifend geltend. Der russische Infanterist schimpft zwar ueber +diese Stoerung der ihm so willkommenen Waffenruhe, verpruegelt wohl auch +hier und da mal die artilleristische Schwester und freut sich, wenn unsere +Granaten in deren Geschuetzstaenden krepieren, aber der geschilderte Zustand +bleibt monatelang unveraendert. + +Die russische Kriegsunlust ist am ausgesprochensten auf dem noerdlichen +Fluegel. Von da nimmt sie nach Sueden ab. Der Rumaene ist augenscheinlich von +ihr unberuehrt. Vom Mai ab zeigt sich auch im Norden, dass die Fuehrung die +Zuegel wieder in die Hand bekommt. Die Freundschaft zwischen den +beiderseitigen Schuetzengraeben hoert mehr und mehr auf. Man kehrt wieder zu +den alten Umgangsformen mit den Waffen in der Hand zurueck. Bald ist auch +kein Zweifel mehr, dass im Rueckengebiet der russischen Front mit aller +Kraft gearbeitet und diszipliniert wird. So wird das russische Heer +wenigstens zum Teil wieder widerstandsbereit, ja sogar angriffsfaehig +gemacht. Die Kriegsstroemung hat sich durchgesetzt, und Russland schreitet +zu einer grossen Offensive unter Kerenski. + +Kerenski, nicht Brussilow? Den letzteren haben wohl die Stroeme eigenen +Volksblutes, die im Jahre 1916 in Galizien und Wolhynien flossen, von +dieser hoechsten Stelle hinweggerissen, aehnlich wie es in diesem Fruehjahr +Nivelle in Frankreich erging. Auch in dem menschenreichen Russland scheint +man demnach empfindsam geworden zu sein gegen Massenopfer. Man hat im +grossen Schuldbuch des Krieges die Seite aufgeschlagen, auf der die +russischen Verluste verzeichnet sind, die Zahl ist aber nicht erkennbar. +Fuenf oder acht Millionen? Auch wir haben keine Ahnung von ihrer Groesse. Wir +wissen nur, dass wir ab und zu in den Russenschlachten die Huegel der +feindlichen Leichen vor unseren Graeben entfernen mussten, um das Schussfeld +gegen neuanstuermende Gewalthaufen frei zu bekommen. Mag die Phantasie +hieraus die Zahl der Verluste zusammenstellen, eine richtige Berechnung +bleibt fuer ewig ein misslingender Versuch. + +Ob Kerenski aus eigenem Entschluss oder durch die Lockungen und den Zwang +der Entente zum Angriff bewogen wird, ist schwer zu entscheiden. +Jedenfalls hat die Entente das groesste Interesse daran, dass Russland +nochmals zu einer Offensive vorgetrieben wird. Sie hat im Westen die gute +Haelfte ihrer Sturmkraft bis jetzt schon vergeblich geopfert, ja vielleicht +schon mehr als die Haelfte. Was bleibt ihr aber uebrig als den Einsatz des +gebliebenen Restes zu wagen, wenn auch die Hilfe Amerikas noch fern ist? +Der Unterseebootkrieg frisst gerade in jenen Monaten an dem Lebensmark +unseres erbittertsten, unversoehnlichsten Gegners in einer Staerke, dass es +fraglich erscheinen muss, ob fuer Amerikas Hilfe im kommenden Jahr noch die +Moeglichkeit des Transportes gegeben sein wird. Deutschlands Truppen muessen +also im Osten festgehalten werden, und deswegen wird Kerenski die letzte +Kraft Russlands im Angriff einsetzen. Ein gewagtes Spiel, am meisten gewagt +fuer Russland! Doch voll berechtigt; denn gelingt es, dann ist nicht nur die +Entente gerettet, sondern es kann auch eine russische Diktatur geschaffen +und erhalten werden. Ohne solche ist Russland dem Chaos verfallen. + +Die Aussichten fuer die Offensive Kerenskis gegen die deutsche Front sind +freilich jetzt kaum besser als in frueheren Zeiten. Moegen auch gute, +deutsche Divisionen nach dem Westen gezogen worden sein, die verbliebenen +genuegen, um einen russischen Anprall auszuhalten. Zu einer langandauernden +Sturmflut wie 1917 wird der Angriff nicht werden, dazu fehlt dem Gegner +die innere Kraft. Zahlreiche russische Freiheitsverkuender durchziehen +pluendernd das Rueckengebiet der Armee oder stroemen der Heimat zu. Auch gute +Elemente verlassen die Front, aus Sorge um Angehoerige und Besitz +angesichts der drohenden innerpolitischen Katastrophe. + +Bedenklich liegen dagegen die Verhaeltnisse an der +oesterreichisch-ungarischen Front; es ist zu befuerchten, dass dort auch +jetzt wieder, wie 1916, der russische Ansturm schwache Stellen finden +wird. Vielleicht, ja sicher wohl, hat Kerenski darueber die gleichen +Nachrichten, wie wir. Wird uns doch schon im Fruehjahr durch einen +Vertreter der verbuendeten Macht ein tiefernstes Bild von dortigen +Zustaenden entworfen mit dem Gesamteindruck, dass "die +oesterreichisch-slawischen Truppen in ueberwiegender Mehrzahl einem +russischen Angriff jetzt noch geringeren Widerstand entgegensetzen werden +wie 1916", denn sie sind gleichzeitig mit den russischen Truppen auch +politisch zersetzt worden. + +Aus aehnlichem Einblick, den Ueberlaeufer ihm liefern, wird sich wohl +Kerenskis Kriegsplan ergeben haben, naemlich: Oertliche Angriffe gegen die +Deutschen, um diese zu binden, den Massenstoss aber gegen die k. u. k. +Mauer. Und so geschah es. + +Bei Riga, Duenaburg und Smorgon greift der Russe die deutschen Stellungen +an und wird zurueckgetrieben. Die Mauer in Galizien erweist sich nur da als +steinern, wo oesterreichisch-ungarische Truppen mit deutschen vereint +stehen. Dagegen stuerzt die oesterreichisch-slawische Wand bei Stanislau vor +dem einfachen Pochen Kerenskis. Aber Kerenskis Truppen sind nicht mehr +Brussilows Truppen. Ein Jahr verging seit des letzteren Offensive. Es war +ein Jahr schwerer Verluste und tiefer Zersetzung fuer das russische Heer. +So dringt die russische Offensive trotz guenstigster Aussichten auch bei +Stanislau nicht vollstaendig durch. + +Die russische Saat ist nun endlich zum Schneiden reif. Die Schnitter +stehen auch schon bereit. Es ist die Zeit, in der auch auf den Fluren der +deutschen Heimat die wirkliche Ernte beginnt. Mitte Juli! + + + + + Unser Gegenstoss im Osten + + +Gegenstoss! Keine Truppe, kein Fuehrer an der Front kann diese Nachricht mit +freudigerer Genugtuung vernommen haben, wie ich sie empfand, als ich +endlich den Zeitpunkt hierfuer gekommen sah. + +An frueherer Stelle habe ich unsere Lage bis zum Fruehjahr 1917 als eine +grosse strategische Bereitstellung bezeichnet. Unsere Reserven waren dabei +freilich nicht eng vereinigt, wie etwa die Heeresmassen Napoleons, als er +im Herbste 1813 den Angriff der ihn von allen Seiten umringenden Gegner +erwartete. Die ungeheuren Raeume, die wir zu beherrschen hatten, verboten +ein derartiges Verfahren. Die Leistungen unserer Eisenbahnen ermoeglichten +andererseits, auch weit verstreut stehende Verfuegungstruppen rasch zu +einem Stoss auf ein gewaehltes Operationsfeld zu werfen. + +Die Abwehrkaempfe im Westen hatten an dem Bestand unserer Reserven stark +gezehrt. Mit dem verbliebenen Reste dort eine Gegenoffensive zu machen, +verboten die Staerkeverhaeltnisse und die Kampfschwierigkeiten. Dagegen +schienen diese unsere Kraefte auszureichen, um mit ihnen im Osten die Lage +endgueltig zu unseren Gunsten zu entscheiden und dadurch den politischen +Zusammenbruch unserer dortigen Gegner herbeizufuehren. Die Stuetzen Russlands +waren morsch geworden. Die letzten Kraftaeusserungen des jetzt +republikanischen Heeres waren nur das Ergebnis einer kuenstlich +hochgetriebenen Welle, die ihre Staerke nicht mehr aus den Tiefen des +Volkes schoepfte. War aber in diesem Voelkerringen die Faeulnis in ein +Volksheer einmal eingedrungen, so musste der voellige Zusammenbruch +unvermeidlich sein. Aus dieser Ueberzeugung heraus war ich der Meinung, dass +wir in Russland auch mit geringen Mitteln nunmehr Entscheidendes erreichen +koennten. + +Begreiflicherweise fehlte es nicht an Stimmen, die vor einem Einsatz +unserer verfuegbaren Reserven zu einem Angriff auch jetzt noch warnten. Und +in der Tat, die Frage war nicht so einfach zu entscheiden, als es jetzt, +wo sich der Gang der Ereignisse klar ueberblicken laesst, scheinen moechte. +Wir hatten in der Zeit des Entschlusses manche schwere Bedenken und Sorgen +zurueckzustellen. War doch damals schon klar, dass der englische Angriff bei +Wytschaete und Messines am 7. Juni nur den Vorbereitungskampf zu einem +weit groesseren Schlachtendrama bildete, das, sich an ihn anschliessend, +seinen Hintergrund in der weiter noerdlich gelegenen flandrischen +Landschaft haben wuerde. Auch mussten wir damit rechnen, dass Frankreich +wieder zum Angriff schreiten wuerde, sobald sich sein Heer von den schweren +Rueckschlaegen aus der Fruehjahrsoffensive erholt hatte. + +Das Wegziehen von Kraeften aus dem Westen, es handelte sich um +6 Divisionen, war zweifellos ein Wagnis, aehnlich, wie wir es im Jahre 1916 +beim Angriff auf Rumaenien uebernehmen mussten. Damals freilich zwang uns die +offene Not. Jetzt fuehrte uns der freie Entschluss. In beiden Faellen aber +war das Wagnis gegruendet auf das unerschuetterliche Vertrauen zu unseren +Truppen. + +Auch aus anderen Gruenden, als aus denen der allgemeinen Kriegslage erhoben +sich gegen unseren Plan abmahnende Stimmen. An der Hand der Erfahrungen, +die die Gegner unserer Verteidigung gegenueber gemacht hatten, wurde die +Moeglichkeit durchschlagender Angriffserfolge unsererseits bezweifelt. Ich +erinnere mich, dass wir noch kurz vor dem Beginne unseres Gegenstosses an +der galizischen Front gewarnt wurden, mit den bereitgestellten Kraeften +nicht mehr zu erhoffen, als einen oertlichen Erfolg; also eine Einbeulung +der feindlichen Linien, so wie der Gegner sie vielfach gegen unsere +Verteidigung im ersten Anlauf erreichte. War dies anzustreben? +Verzichteten wir dann nicht besser auf die ganze Operation? + +Unter solchen Annahmen wurde auch die Anregung begreiflich: Wir sollten +unsere Landkraefte lediglich zur Abwehr bereithalten und im uebrigen +abwarten, bis unsere Unterseeboote unsere Hoffnungen erfuellt haben wuerden. +Der Gedanke hatte etwas verfuehrerisches. Das Ergebnis des +Unterseebootkrieges uebertraf nach den uns damals zukommenden Mitteilungen +alle unsere Erwartungen. Seine Wirkungen mussten daher bald offen zutage +treten. Trotzdem konnte ich mich mit diesem Vorschlag nicht befreunden. +Die militaerischen wie politischen Verhaeltnisse im Osten draengten gerade +jetzt derartig zur Entscheidung, dass wir nicht monatelang stillhalten und +nur zusehen konnten. Wir mussten befuerchten, dass, wenn dem Angriff +Kerenskis unser Gegenschlag nicht auf dem Fusse folgte, die kriegerischen +Stroemungen in Russland wieder die unbedingte Oberhand gewinnen wuerden. Es +ist nicht notwendig, sich die Rueckwirkung eines solchen Ganges der +Ereignisse auf unser Land und auf unsere Verbuendeten naeher auszumalen. + +Waehrend sich Kerenski vergeblich abmueht, mit der Masse seiner noch +angriffsfaehigen Truppen nordwestlich Stanislau die inzwischen durch +deutsche Kraefte staerker gestuetzten oesterreichisch-ungarischen Linien zu +durchbrechen, versammeln wir suedwestlich Brody, also seitwaerts des +russischen Einbruchs, eine starke Angriffsgruppe und treten am 19. Juli in +suedoestlicher Richtung auf Tarnopol zum Angriff an. Unsere Operation trifft +wenig widerstandsfaehige, im voraufgegangenen Angriff erschoepfte Teile der +russischen Linien. Sie werden rasch ueber den Haufen geworfen, und mit +einem Schlage bricht die ganze Offensive Kerenskis zusammen. Nur +schleuniger Rueckzug kann die nach Norden und vor allem die nach Sueden an +unsere Durchbruchstelle anschliessenden russischen Kraefte vor dem Verderben +retten. Unsere gesamte Ostfront in Galizien, bis weit nach Sueden in die +Karpathen hinein, setzt sich in Bewegung und folgt dem weichenden Feinde. +Schon Anfang August ist fast ganz Galizien und die Bukowina vom Gegner +befreit. An diesem schoenen Erfolge haben unsere Bundesgenossen +entsprechenden Anteil. Es wurde mir mitgeteilt, dass sich in den +oesterreichisch-ungarischen Verfolgungskaempfen ganz besonders die +Feldartillerie ausgezeichnet haette. Sie fuhr in kuehner Ruecksichtslosigkeit +ueber die eigene Infanterie hinaus an die Russen heran. Ich habe diese +treffliche Waffe ja schon 1866 bei Koeniggraetz als Gegner bewundern gelernt +und freute mich daher doppelt der erneuten Bewaehrung ihres Ruhmes auf +unserer Seite. + +Unsere Offensive kam an der Grenze der Moldau zum Stehen. Niemand konnte +das mehr bedauern als ich. Wir waren in der denkbar guenstigsten +strategischen Lage, um uns durch Fortsetzung der Bewegungen in den Besitz +dieses letzten Teiles Rumaeniens zu setzen. Bei den damaligen politischen +Verhaeltnissen in Russland haette das rumaenische Heer sich wohl sicher +aufgeloest, wenn wir es zum voelligen Verlassen seines heimatlichen Bodens +zwingen konnten. Wie haetten ein rumaenischer Koenig und ein koeniglich +rumaenisches Heer auf revoltierendem russischen Boden weiter bestehen +koennen? Unsere rueckwaertigen Verbindungen waren jedoch infolge +Bahnzerstoerungen durch die weichenden Russen so schwierig geworden, dass +wir schweren Herzens auf die Fortsetzung der Operationen an dieser Stelle +verzichten mussten. Ein spaeterer Versuch unsererseits durch einen Angriff +bei Focsani die rumaenische Armee in der Moldau ins Wanken zu bringen, +drang nicht durch. + +Wir halten nun weiter an dem Entschluss fest, Russland bis zur endgueltigen +militaerischen Ausschaltung nicht mehr locker zu lassen, mochte auch zu +dieser Zeit im Westen der Beginn des flandrischen Dramas unsere +Aufmerksamkeit, ja unsere vermehrten Sorgen auf sich ziehen. Konnten wir +in Wolhynien und in der Moldau auf das russische Heer nicht weiter +losschlagen, so musste das an einem anderen Frontteil geschehen. + +Bei Riga bot sich nun hierfuer eine besonders geeignete Stelle, an der +Russland nicht nur militaerisch sondern auch politisch empfindlich getroffen +werden konnte. Dort sprang der russische Nordfluegel wie eine maechtige +Flankenstellung auf mehr als 70 km Breite bei nur 20 km Tiefe laengs des +Meeres auf das Westufer der Duena vor, eine strategische und taktische +Drohstellung gegenueber unserer eigenen Front. Diese Lage hatte uns bereits +frueher, als ich noch das Oberkommando im Osten fuehrte, gereizt. Wir hatten +schon 1915 und 1916 Plaene geschmiedet, wie wir diese Stellung in der Naehe +ihrer Basis durchbrechen und dadurch einen grossen Schlag gegen ihre +Besatzung fuehren koennten. + +Auf dem glatten Papier eigentlich eine sehr leichte Operation, in der +rauhen Wirklichkeit aber doch nicht ganz so einfach. Der Durchbruchskeil +musste naemlich oberhalb Riga ueber die breite Duena in noerdlicher Richtung +vorgetrieben werden. Nun hatten freilich im Verlauf des Krieges grosse +Stroeme wesentlich an ihrem imponierenden Charakter als Hindernisse +eingebuesst. Hatte doch Generalfeldmarschall von Mackensen die maechtige +Donau angesichts des Gegners zweimal ueberschritten. Wir konnten uns also +an die Ueberwindung der schmaleren Duena mit leichterem Herzen heranwagen; +aber die grosse Schwierigkeit des Unternehmens lag darin, dass die +russischen vollbesetzten Schuetzengraeben sich ueberall dicht an dem +gegenueberliegenden Ufer hinzogen, die Duena wie einen nassen Festungsgraben +ausnuetzend. + +Trotzdem gelingt am 1. September der kuehne Angriff, da der Russe in +unserem Vorbereitungsfeuer seine Uferstellungen verlaesst. Und auch die +Besatzung der grossen Flankenstellung westlich des Flusses weicht, Tag und +Nacht marschierend, ueber Riga nach Osten und entzieht sich dadurch leider +grossenteils rechtzeitig der Gefangenschaft. + +Unser Angriff bei Riga ruft in Russland die groesste Sorge um Petersburg +hervor. Die Hauptstadt des Landes geraet in Aufregung. Sie fuehlt sich durch +unseren Angriff bei Riga unmittelbar bedroht. Petersburg, immer noch der +Kopf Russlands, gelangt in einen Zustand hoechster Nervositaet, der +sachliches, ruhiges Denken ausschliesst; sonst wuerde man dort wohl den +Zirkel in die Hand genommen haben, um die Entfernungen zu messen, die +unsere bei Riga siegreichen Truppen immer noch von der russischen +Hauptstadt trennen. Freilich nicht nur in Russland, auch in unserem +Vaterlande arbeitet die Phantasie bei dieser Gelegenheit sehr lebhaft und +vergisst Raum und Zeit. Man gibt sich auch bei uns starken Illusionen ueber +einen Vormarsch auf Petersburg hin. Offen gestanden wuerde diesen niemand +lieber durchgefuehrt haben als ich selbst. Ich verstand daher das Draengen +unserer Truppen und ihrer Fuehrer, das Vorgehen mindestens bis zum +Peipussee fortzusetzen. Allein wir mussten auf die Ausfuehrung all dieser +gewiss sehr schoenen Gedanken verzichten; sie haetten unsere Truppen zu lange +und in zu grosser Zahl in einer Richtung gefesselt, die mit unseren +weiteren Absichten nicht in Einklang zu bringen war. Unsere Aufmerksamkeit +musste sich vom Rigaischen Meerbusen der Kueste des Adriatischen Meeres +zuwenden. Darueber gleich nachher. + +Koennen wir aber auf Petersburg nicht weitermarschieren und dadurch das +Nervenzentrum Russlands bis zum Zusammenbruch in lebhaftester Unruhe +erhalten, so gibt es noch einen anderen Weg, um diesen Zweck zu erreichen, +naemlich den zur See. Unsere Flotte geht mit voller Hingabe auf unsere +Anregung ein. So entsteht der Entschluss, die dem Rigaischen Meerbusen +vorgelagerte Insel Oesel wegzunehmen. Von dort bedrohen wir den russischen +Kriegshafen Reval unmittelbar und vermehren unseren Druck auf das erregte +Petersburg unter Einsatz nur geringer Kraefte. + +Die Operation gegen Oesel zeigt die einzige voellig gelungene Unternehmung +beider Parteien in diesem Kriege, soweit es sich um ein Zusammenwirken von +Heer und Flotte handelte. Die Verwirklichung des Planes wurde anfaenglich +durch unguenstiges Wetter derartig in Frage gestellt, dass wir schon daran +dachten, die eingeschifften Truppen wieder an Land zu nehmen. Der Eintritt +besserer Witterung laesst uns dann die Ausfuehrung wagen. Sie verlaeuft von da +ab nahezu mit der Genauigkeit eines Uhrwerks. Die Marine entspricht den +hohen Anforderungen, die wir hierbei an sie stellen muessen, in jeder +Richtung. + +Wir gelangen in den Besitz von Oesel und der benachbarten Inseln. In +Petersburg werden die Nerven immer aufgeregter und arbeiten immer wilder +und zusammenhangloser. Die Geschlossenheit in der russischen Heeresfront +lockert sich mehr und mehr; immer deutlicher tritt zutage, dass Russland zu +sehr von inneren Aufregungen verzehrt wird, als dass es noch imstande waere, +in absehbarer Zeit nach aussen hin zu erneuter Kraftentfaltung zu kommen. +Was mitten in diesem Trubel noch fest und haltbar erscheint, wird von der +roten Flut immer staerker umbrandet; Stueck auf Stueck wird von den +Grundpfeilern des Staates weggerissen. + +Unter unseren letzten Schlaegen wankt der Koloss nicht nur, sondern er +berstet und stuerzt. Wir aber wenden uns einer neuen Aufgabe zu. + + + + + Angriff auf Italien + + +Trotzdem die Lage in Flandern in dieser Herbstzeit ausserordentlich ernst +ist, entschliessen wir uns zum Angriff auf Italien. Man wird nach meiner +frueheren ablehnenden Haltung gegen ein solches Unternehmen vielleicht +darueber verwundert sein, dass ich nun doch die Zustimmung meines +Allerhoechsten Kriegsherrn zur Verwendung deutscher Truppen fuer eine +Operation erwirkte, von der ich mir so geringen Einfluss auf unsere gesamte +Lage versprach. Demgegenueber kann ich nur sagen, dass ich meine +Anschauungen in dieser Beziehung nicht geaendert hatte. Ich hielt es auch +im Herbste 1917 fuer ausgeschlossen, dass uns selbst im Falle eines +durchschlagenden Sieges eine Absprengung Italiens vom Bunde unserer Gegner +gelingen wuerde; ich glaubte im Herbste 1917 ebensowenig wie bei Beginn +dieses Jahres, dass wir lediglich fuer den Ruhm eines erfolgreichen +Feldzuges gegen Italien deutsche Kraefte der gefaehrlichen Lage unserer +Westfront entziehen duerften. Die Gruende meiner nunmehrigen Befuerwortung +unserer Beteiligung an einer solchen Operation waren auf anderen Gebieten +zu suchen. Unser oesterreichisch-ungarischer Verbuendeter klaerte uns dahin +auf, dass er nicht mehr die Kraft habe, einen zwoelften italienischen +Angriff an der Isonzofront auszuhalten. Diese Eroeffnung war fuer uns +militaerisch wie politisch von gleich grosser Bedeutung. Es handelte sich +nicht nur um den Verlust der Isonzolinie sondern geradezu um den +Zusammenbruch des gesamten oesterreichisch-ungarischen Widerstandes. Die +Donaumonarchie war einer etwaigen Niederlage an der italienischen Front +gegenueber weit empfindlicher als gegenueber einer solchen auf dem +galizischen Kriegstheater. Fuer Galizien hatte man in Oesterreich-Ungarn nie +mit Begeisterung gefochten. "Wer den Krieg verliert, muss Galizien +behalten", war ein im Feldzug oft gehoertes oesterreichisch-ungarisches +Spottwort. Dagegen war in der Donaumonarchie das Interesse fuer die +italienische Grenze immer ein ausserordentlich grosses. In Galizien, das +heisst gegen Russland, focht Oesterreich-Ungarn nur mit dem Verstande, gegen +Italien aber auch mit dem Herzen. An dem Kriege gegen Italien beteiligten +sich auffallenderweise alle Staemme des Doppelreiches mit fast gleich +grosser Hingabe. Tschechisch-slowakische Truppen, die gegen Russland versagt +hatten, leisteten gegen Italien Gutes. Der Kampf dort bildete +gewissermassen ein kriegerisch einigendes Band fuer die ganze Monarchie. Was +wuerde eintreten, wenn auch dieses Band zerriss? Die Gefahr hierfuer ist in +dem Zeitpunkt, von dem wir sprechen, gross. Ende August hat naemlich Cadorna +in der elften Isonzoschlacht wirklich einmal erheblich Gelaende gewonnen. +Alle bisherigen Gelaendeverluste waren zu verschmerzen gewesen; sie waren +nach unseren eigenen reichlichen Erfahrungen eine natuerliche Folge der +zerstoerenden Wirkung der Angriffsmittel gegen die staerkste Verteidigung. +Jetzt aber waren die oesterreichischen Widerstandslinien an den aeussersten +Rand zurueckgedraengt. Gewann der Italiener nach erneuten Vorbereitungen +weiteres Gelaende, so wurde fuer Oesterreich die Lage vorwaerts Triest +unhaltbar. Triest ist also ernstlichst bedroht. Wehe aber, wenn diese +Stadt faellt. Wie Sebastopol den Krimkrieg, so scheint Triest den Krieg +zwischen Italien und Oesterreich entscheiden zu koennen. Triest ist fuer die +Donaumonarchie nicht nur eine ideale Groesse sondern auch ein hoechst realer +Wert. An seinem Besitz haengt auch in der Zukunft ein grosser Teil der +wirtschaftlichen Freiheit des Landes. Triest muss also gerettet werden, und +da es nicht anders moeglich ist, mit deutscher Hilfe. + +Gelang es uns, den Verbuendeten durch einen gemeinsamen durchgreifenden +Sieg an seiner Suedwestfront ebensoweit zu entlasten, wie vor kurzem an der +Ostfront, so war nach menschlichem Ermessen Oesterreich-Ungarn jedenfalls +imstande, im Kriege an unserer Seite noch weiter durchzuhalten. Die +schweren Kaempfe an der Isonzofront hatten bisher an der +oesterreichisch-ungarischen Wehrkraft stark gezehrt. Der groesste Teil ihrer +besten Truppen hatte Cadorna gegenueber gestanden und am Isonzo schwer +geblutet. Oesterreichisch-ungarisches Heldentum hatte dabei die menschlich +groessten Triumphe gefeiert. Denn die Verteidigung am Isonzo stand jahrelang +einer mindestens dreifachen italienischen Ueberlegenheit gegenueber, und +zwar in einer Lage, die in ihrem Elend und Schrecken derjenigen unserer +Kampffelder an der Westfront nichts nachgab, ja sie in mancher Beziehung +sogar uebertraf. Auch wollen wir nicht vergessen, welch gewaltige +Anforderungen der Hochgebirgskrieg in Suedtirol an die Verteidigungstruppen +stellte. Reichte doch dieser Krieg an manchen Stellen bis in das Gebiet +des ewigen Eises und Schnees hinauf. + +Fuer eine Operation gegen Italien war es der naechstliegende Gedanke: +Vorbrechen aus Suedtirol. Dadurch konnte die Hauptmasse des italienischen +Heeres im grossen Kessel von Venetien der Vernichtung oder Aufloesung +entgegengefuehrt werden. Auf keiner unserer Kriegsfronten bot die +strategische Linienfuehrung gleichguenstige Vorbedingungen fuer einen +gewaltigen Erfolg. Jede andere Operation musste dieser gegenueber fast wie +ein offenkundiger strategischer Fehler erscheinen. Und trotzdem mussten wir +auf ihre Durchfuehrung verzichten! + +Bei der Beurteilung dieses Feldzugsplanes duerfen wir den inneren +Zusammenhang zwischen unserem Kampf an der Westfront und dem Krieg gegen +Italien nicht ausser acht lassen. Wir konnten fuer den letzteren in +Ruecksicht auf unsere Lage im Westen nicht mehr als die Haelfte derjenigen +Zahl deutscher Divisionen zur Verfuegung stellen, die Generaloberst von +Conrad fuer einen wirkungsvollen, durchschlagenden Angriff aus Suedtirol +heraus im Winter 1916/17 fuer erforderlich gehalten hatte. Staerkere Kraefte +konnten wir dem Bundesgenossen auch dann nicht zur Verfuegung stellen, wenn +wir, wie es tatsaechlich der Fall war, mit der Wahrscheinlichkeit +rechneten, dass unsere Gegner an der Westfront sich genoetigt sehen wuerden, +bei einer schweren Niederlage ihres Verbuendeten einige Divisionen aus +ihrer grossen Ueberlegenheit nach Italien zu entsenden. Gegen den Plan einer +Operation aus Suedtirol heraus sprach aber auch das Bedenken, dass ein +frueher Winter einbrechen konnte, bevor unser dortiger Aufmarsch beendet +war. Die angefuehrten Gruende zwangen daher dazu, uns mit einem kleineren +Ziele zu begnuegen und zu versuchen, die italienische Front an dem +offenkundig schwachen Nordfluegel der Isonzoarmee zu durchstossen, um dann +gegen den suedlichen Hauptteil des italienischen Heeres einen vernichtenden +Schlag zu fuehren, bevor ihm der Rueckzug hinter den schuetzenden Abschnitt +des Tagliamento gelingen konnte. + +Am 24. Oktober begann unser Angriff bei Tolmein. Nur mit Muehe gelang es +Cadorna, den mit Vernichtung bedrohten Suedteil seines Heeres unter +Preisgabe von vielen Tausenden von Gefangenen und Zuruecklassung grosser +Mengen Kriegsgeraets hinter die Piave zu retten. Erst dort gewannen die +Italiener in engerer Vereinigung und gestuetzt durch herbeigeeilte +franzoesische und englische Divisionen wieder Kraft zu neuem Widerstand. +Der linke Fluegel der neuen Front klammerte sich an die letzten Bergruecken +der venezianischen Alpen an. Unser Versuch, diese die oberitalienische +Tiefebene weithin beherrschenden Hoehen noch zu gewinnen und damit den +feindlichen Widerstand auch an der Piavefront zum Zusammenbrechen zu +bringen, scheiterte. Ich musste mich ueberzeugen, dass unsere Kraft zur +Erfuellung dieser Aufgabe nicht mehr ausreichte. Die Operation hatte sich +tot gelaufen. Der zaeheste Wille der an Ort und Stelle befindlichen Fuehrung +wie ihrer Truppen musste vor dieser Tatsache die Waffen sinken lassen. + +So sehr ich mich der errungenen Erfolge in Italien freute, so konnte ich +mich doch eines Gefuehles des Unbefriedigtseins nicht voellig entziehen. Der +grosse Sieg war schliesslich doch unvollendet geblieben. Freilich, unsere +praechtigen Soldaten kehrten mit berechtigtem Stolze auch aus diesem +Feldzuge zurueck. Doch die Freude der Soldaten ist nicht immer auch +diejenige ihres Fuehrers. + + + + + Fortsetzung der feindlichen Angriffe im zweiten Halbjahr 1917 + + + + Im Westen + + +Waehrend wir gegen Russland die letzten Schlaege fuehrten und Italien nahezu +an den Rand des kriegerischen Zusammenbruches brachten, setzten England +und Frankreich die Angriffe gegen unsere Westfront fort. Dort lag fuer uns +die groesste Gefahr des ganzen Feldzugsjahres. + +Die Flandernschlacht brach Ende Juli los. Trotz der ausserordentlichen +Schwierigkeit, in die dadurch unsere Lage an der Westfront geriet, und +ungeachtet der Gefahr, dass durch groessere englische Erfolge unsere +Operationen auf den uebrigen Kriegsschauplaetzen beeintraechtigt werden +koennten, empfand ich bei Beginn dieser neuen Schlacht eine gewisse +Befriedigung. England machte nochmals die erwartete aeusserste Anstrengung, +einen grossen und entscheidenden Angriff gegen uns zu fuehren, bevor die +Unterstuetzung durch die Vereinigten Staaten irgend wie fuehlbar werden +konnte. Ich glaubte darin die Wirkung unseres Unterseebootkrieges zu +erkennen, durch den England sich veranlasst sah, die Kriegsentscheidung +noch in diesem Jahre und um jedes Opfer zu erzwingen. + +Die nun beginnende Flandernschlacht konnte zwar nicht in ihren Ausmassen, +wohl aber in der Zaehigkeit, mit der sie auf englischer Seite durchgekaempft +wurde, und in den Schwierigkeiten, die das Gelaende in erster Linie dem +Verteidiger bot, unseren Kaempfen an der Somme im Jahre 1916 vollwertig an +die Seite gestellt werden. Statt in dem harten Kalkboden des Artois wurde +nunmehr auf der sumpfigen, bruechigen, flandrischen Erde gefochten. Auch +dieses Ringen entartete zu einer der uns ja schon so genau bekannten +Dauerschlachten und gab in seinem Gesamtcharakter eine Hoechststeigerung +der duesteren Kriegsszenen, die einer solchen Schlacht anhaften. Die Kaempfe +hielten uns selbstredend in einer grossen Spannung. Ich darf wohl sagen, +dass wir unter ihrem Drucke das Gefuehl der Siegesfreude ueber unsere Erfolge +in Russland und Italien nur selten unbeeintraechtigt geniessen konnten. + +Mit groesster Sehnsucht warteten wir auf den Eintritt der nassen Jahreszeit. +Dann wurden, nach den bisherigen Erfahrungen, weite Flaechen des +flandrischen Landes ungangbar, und selbst auf den festeren Bodenteilen +fuellten sich die frischgeschlagenen Geschosstrichter so rasch mit +Grundwasser, dass der in ihnen Deckung Suchende in kurzer Zeit vor die +Frage gestellt war: "Entweder ertrinken oder diese Hoehlung verlassen!" +Auch dieser Kampf musste dann im Morast ersticken, wenn auch englische +Zaehigkeit ihn endlos ausdehnen zu wollen schien. + +Die Schlachtglut verglomm erst im Dezember. So wenig wie an der Somme +erscholl in Flandern Siegesjubel auf seiten einer der abgerungenen +Parteien. + +Gegen Abschluss der flandrischen Schlacht entbrannte ploetzlich ein wilder +Kampf in einer bisher verhaeltnismaessig stillen Gegend. Am 20. November +wurden wir bei Cambrai ueberraschend von den Englaendern angegriffen. Sie +trafen dort auf einen zwar technisch sehr stark ausgebauten, aber mit nur +wenigen und kampfverbrauchten Truppen besetzten Teil der +Siegfriedstellung. Mit Hilfe seiner Tanks durchbrach der Gegner unsere +voellig unversehrten, mehrreihigen Hindernisse und Grabenlinien; englische +Kavallerie erschien am Rande der Vorstaedte von Cambrai. Der Durchbruch +unserer Linien schien gegen Jahresschluss also doch noch Tatsache zu +werden. Da gelang es einer vom Osten her eingetroffenen, ziemlich kampf- +und transportmueden deutschen Division, die Katastrophe abzuwenden. Ja, es +glueckte uns nach mehrtaegigen moerderischen Abwehrkaempfen am 30. November, +mit rasch herangefahrenen, einigermassen frischen Kraeften den feindlichen +Einbruch durch Gegenangriff in den Flanken zu fassen und die fruehere Lage +unter sehr schweren Verlusten des Gegners fast voellig wiederherzustellen. +Nicht nur unsere dortige Armeefuehrung, sondern auch die Truppen und unser +Eisenbahnwesen hatten eine der glaenzendsten Leistungen des Krieges +vollbracht. + +Der erste groessere Angriff im Westen, seitdem mir die Leitung der deutschen +Operationen uebertragen war, hatte erfolgreich geendet. Ebenso stark und +belebend, wie dieser Erfolg auf unsere Truppen und deren Fuehrer wirkte, +war seine Wirkung auch auf mich persoenlich. Ich empfand es wie eine +Befreiung von einem Druck, der mich in der ununterbrochenen +Verteidigungstaetigkeit auf unserer Westfront belastete. Der Erfolg unseres +Gegenangriffs bedeutete fuer uns aber mehr als blosse Befriedigung. Die +Ueberraschung, durch die er errungen wurde, gab uns gleichzeitig eine Lehre +fuer die Zukunft. + +Mit der Schlacht von Cambrai hatte sich die englische Oberste Fuehrung zum +ersten Male freigemacht von ihrer bisherigen, ich darf wohl sagen, +schematischen Kriegfuehrung, unter deren Banne sie bisher gestanden hatte. +Ein hoeherer operativer Geist schien diesmal zu seinem Recht gekommen zu +sein. Die Fesselung unserer Hauptkraefte in Flandern und der franzoesischen +Front gegenueber war zu einem ueberraschenden, grossen Schlag bei Cambrai +ausgenutzt worden. Freilich zeigte sich die untere Fuehrung auf englischer +Seite auch diesmal den Anforderungen und der Gunst der Lage nicht +gewachsen. Sie liess sich durch das Unterlassen der Ausnutzung eines +glaenzenden Anfangserfolges den Sieg aus den Haenden nehmen, und zwar von +Kraeften, die sowohl nach Zahl wie nach Verfassung den ihrigen weit +unterlegen waren. Von diesem Gesichtspunkte aus verdiente der Gegner bei +Cambrai den gruendlichen Rueckschlag. Auch seine Oberste Fuehrung scheint +versaeumt zu haben, die noetigen Mittel zur unbedingten Sicherung der +Durchfuehrung und Ausnutzung des Kampfes bereitzustellen. Starke +Kavalleriemassen hinter den erfolgreichen vordersten Infanteriedivisionen +genuegten auch diesmal nicht, die letzten, wenn auch nur noch schwachen +Widerstaende zu beseitigen, die fuer eine durchgreifende Entscheidung die +freie Bahn in Flanke und Ruecken des Gegners noch sperrten. Die englischen +Reitergeschwader konnten auch in Verbindung mit Panzerwagen der deutschen +Verteidigung gegenueber nicht den Sieg an ihre Standarten heften, fuer den +sie sich schon wiederholt im ritterlichen Reitergeist eingesetzt hatten. + +Der englische Angriff bei Cambrai brachte zum ersten Male das Bild eines +grossen Ueberraschungsangriffes mit Panzerwagen. Wir kannten dieses +Kampfmittel schon von der Fruehjahrsoffensive her, in der es uns keinen +besonderen Eindruck gemacht hatte. Die Tatsache jedoch, dass die Tanks +nunmehr derartig technisch vervollkommnet waren, dass sie die meisten +unserer unversehrten Graeben und Hindernisse ueberwanden, verfehlte eine +starke Wirkung auf unsere Truppen nicht. Die Stahlkolosse wirkten weniger +physisch vernichtend durch das Feuer von Maschinengewehren und leichten +Geschuetzen, das aus ihnen spruehte, als moralisch aufreibend durch ihre +verhaeltnismaessige Unverwundbarkeit. Der Infanterist fuehlte sich den +Panzerwaenden gegenueber ziemlich machtlos. Durchbrachen die Maschinen die +Grabenlinien, dann glaubte sich der Verteidiger im Ruecken bedroht und +verliess seine Stellung. Ich bezweifelte dennoch nicht, dass unsere +Soldaten, obwohl sie in der Verteidigung wahrlich schon genug ueber sich +ergehen lassen mussten, sich auch noch mit dieser neuen gegnerischen +Vernichtungswaffe abfinden wuerden, und dass unsere Technik die Mittel zur +Bekaempfung der Tanks bald und in der noetigen handlichen Form liefern +wuerde. + +Wie zu erwarten war, sahen die Franzosen den Sommer- und Herbst-Angriffen +ihres englischen Bundesgenossen nicht mit Gewehr bei Fuss zu. Sie griffen +uns in der zweiten Augusthaelfte bei Verdun und am 22. Oktober nordoestlich +von Soissons an. In beiden Faellen entrissen sie unseren dort stehenden +Armeen umfangreiche Stellungsteile und verursachten ihnen bedeutende +Verluste. Im allgemeinen beschraenkte sich die franzoesische Fuehrung aber in +der zweiten Jahreshaelfte auf oertliche Angriffe, wohl gezwungen durch die +moerderischen Verluste, die sie im Fruehjahr erlitten hatte, und die es ihr +nicht raetlich erscheinen liessen, ihre Truppen nochmals gleich schweren +Erschuetterungen auszusetzen. + + + + Auf dem Balkan + + +Angriffe der Gegner gegen die bulgarische Front in Mazedonien waehrend der +letzten Sommermonate 1917 hatten die Lage auf diesem Kriegsschauplatz +nicht zu veraendern vermocht. Sarrail verfolgte anscheinend mit diesen +Unternehmungen keine groesseren Ziele. Er zeigte im Gegenteil eine +merkwuerdige Zurueckhaltung, die auf ein nahezu voelliges Brachlegen seiner +Kraefte fuer die Gesamtlage hinauslief. + +Mit zunehmender Sorge sah Bulgarien in dieser Zeit auf die griechische +Mobilmachung. Die Nachrichten, die wir selbst aus Griechenland erhielten, +liessen es zweifelhaft erscheinen, ob es Venizelos gelingen wuerde, +kampfbrauchbare Truppenverbaende zu schaffen. Selbst die sogenannten +venizelistischen Divisionen bildeten lange Zeit nichts anderes als +teilnahmslose Statistengruppen, die sich auf dem mazedonischen +Kriegstheater weit lieber in Heldenrollen wie im Heldenkampfe bewegten. +Der eigentliche und gesunde Kern des Griechenvolkes lehnte dauernd die +Beteiligung an einer innerstaatlichen Politik offenen Treubruches ab. Die +bulgarischen Sorgen beruhten vielleicht auf einer Nachwirkung der +Ereignisse des Jahres 1913. + + + + In Asien + + +Ich wende mich nun den Ereignissen in der asiatischen Tuerkei zu. Das +Fehlen ihrer Darstellung wuerde ich fuer ein Unrecht gegen den tapferen und +treuen Bundesgenossen halten. Ferner wuerde durch diesen Mangel die +Schilderung des gewaltigen Dramas unvollstaendig werden, dessen Szenerien +sich von den nordischen Meeren bis zu den Ufern des Indischen Ozeans +ausdehnten. Auch hier moechte ich mich weniger mit der Beschreibung der +Vorgaenge als mit der Klarlegung ihrer inneren Zusammenhaenge beschaeftigen. + +Die Geistesarbeit unserer Heimstrategen muehte sich nicht nur an +Feldzugsplaenen in Mitteleuropa ab, sondern verlor sich auch manchmal in +den fernen Orient. Die Produkte dieser Bemuehungen gelangten teilweise auch +in meine Haende. Meistens beschraenkte man sich bei solchen schriftlichen +Darlegungen, "um meine kostbare Zeit nicht allzusehr in Anspruch zu +nehmen", auf "allgemeine Richtlinien" und glaubte, das weitere +vertrauensvoll mir ueberlassen zu koennen. Nur mahnte man haeufig zur Eile! +Ein solcher Stratege aus dem Kreise unserer hoffnungsvollen Jugend schrieb +mir eines Tages: "Sie werden sehen, dieser Krieg entscheidet sich bei +Kiliz - also dorthin unsere gesamte Kraft!" Es galt zunaechst diesen Ort zu +suchen. Er wurde innerhalb der gemaessigten Zone, noerdlich von Aleppo, +entdeckt. + +Man mag diesen Einfall des jungen Mannes noch so eigenartig finden, es lag +doch ein gutes Teil richtigen strategischen Gefuehls in diesem seinem +Gedanken. Zwar nicht das Schicksal des ganzen Krieges, wohl aber das +Schicksal unseres osmanischen Bundesgenossen waere auf dem kuerzesten Wege +bestimmt worden, wenn England die Entscheidung in dieser Gegend gesucht, +ja vielleicht nur ernstlich versucht haette. Die Herrschaft ueber das Land +suedlich des Taurus war fuer die Tuerkei mit einem Schlage unrettbar +verloren, wenn es den Englaendern gelang, im Golf von Alexandrette zu +landen und in oestlicher Richtung vorzudringen. Damit waere die Lebensader +der ganzen transtaurischen Tuerkei, durch die frisches Blut und andere +Naehrkraft zu den syrischen und mesopotamischen sowie einem Teil der +kaukasischen Armeen floss, durchschnitten worden. Gering genug war ja die +Kraft- und Blutmenge, aber sie genuegte doch lange Zeit, um die osmanischen +Armeen gegen die ungenuegend vorbereiteten, vielfach matt und unsachlich +gefuehrten gegnerischen Operationen und Angriffe zum langandauernden +Standhalten zu befaehigen. + +Der Schutz des Golfes von Alexandrette war einer tuerkischen Armee +anvertraut, die kaum einen einzigen gefechtsbrauchbaren Verband aufwies. +Alles, was diese Bezeichnung verdiente, stroemte immer wieder von dort nach +Syrien oder Mesopotamien ab. Auch der artilleristische Kuestenschutz +bestand hier mehr in der orientalischen Phantasie, als in der +kriegerischen Wirklichkeit. Enver Pascha bezeichnete die Lage mir +gegenueber treffend mit den Worten: "Meine einzige Hoffnung ist, dass der +Gegner unsere Schwaeche an dieser gefaehrlichen Stelle nicht bemerkt." + +War nun wirklich irgend welche Wahrscheinlichkeit dafuer gegeben, dass diese +ernstliche Schwaeche am Golf von Alexandrette dem Gegner verborgen blieb? +Ich glaubte nicht. Nirgends konnte der gegnerische Nachrichtendienst sich +ungehemmter entwickeln und fand unter dem bunten Voelkergemisch groessere +Unterstuetzung als in Syrien und Kleinasien. Es schien ausgeschlossen, dass +die englische Oberste Kriegsleitung nicht genaue Kenntnis von den +Verhaeltnissen im dortigen Kuestenschutz gehabt haben sollte. England konnte +auch nicht befuerchten, dass es mit einem Vorstoss aus dem Golf von +Alexandrette in ein Wespennest stossen wuerde; das Nest hatte ja keine +Wespen. War also je ein Ausblick auf eine glaenzende strategische Tat +gegeben, so war das hier der Fall. Die Tat wuerde auf der ganzen Welt den +groessten Eindruck gemacht und ihre tiefgreifende Wirkung auf unseren +tuerkischen Bundesgenossen nicht verfehlt haben. + +Warum nutzte England diese Gelegenheit nicht aus? Vielleicht lagen die +Seekriegserfahrungen aus dem Dardanellenunternehmen her jetzt noch laehmend +in den englischen Gliedern, vielleicht war die Sorge vor unseren +Unterseebooten zu gross, als dass man sich von feindlicher Seite an ein +solches Unternehmen gewagt haette. + +Die Geschichte wird wohl einmal auch diese Fragen klaeren. Ich sage +"vielleicht", denn Voraussetzung ist, dass England sie klaeren laesst. Wir +bekommen wohl etwas Einblick in die ausschlaggebende britische +Gedankenrichtung durch eine freilich schon vor dem Kriege gefallene +Aeusserung eines hohen englischen Seeoffiziers. Dieser gab zur Zeit der +Faschoda-Angelegenheit auf die verwunderte Frage ueber seine vorsichtige +Auffassung von der Rolle der englischen Flotte in mittellaendischen +Gebieten im Falle eines englisch-franzoesischen Krieges die Antwort: "Ich +habe die strikte Weisung, Englands Ruhm von Trafalgar nicht aufs Spiel zu +setzen." + +Der Ruhm von Trafalgar ist gross und berechtigt. Es gibt Kleinodien +abstrakter Art, die den kostbarsten Schatz eines Volkes bilden. England +verstand es, sich ein solches Kleinod im Ruhme von Trafalgar zu bewahren +und es seinem Volke und der ganzen Welt staendig im schoensten Lichte vor +die bewundernden Augen zu halten. Im grossen Kriege fiel freilich so +mancher Schatten ueber dieses Kleinod. So beispielsweise an den +Dardanellen, und weitere Schatten folgten waehrend der Kaempfe gegen die +deutsche Seemacht, der staerkste und schwaerzeste im Skagerrak. England wird +uns diese Verdunkelung des Ruhmes von Trafalgar nie verzeihen. + +Es verzichtete auf den kuehnen Stoss in das Herz seines osmanischen Gegners +und unterwarf sich weiter der opfervollen und langandauernden Muehe, die +tuerkische Herrschaft suedlich des Taurus durch allmaehliches Zurueckwerfen +der osmanischen Armeen zu Falle zu bringen. Mit der Einnahme von Bagdad +war bei Jahresbeginn ein erster erfolgverheissender grosser Schritt zur +Erreichung dieses Kriegszieles gemacht. Bei Gaza dagegen war der Angriff +im Fruehjahr gescheitert und musste aufs neue vorbereitet werden. Unter dem +bleiernen Druck der Sommersonne waren aber vorerst die weiteren +kriegerischen Bewegungen erlahmt. + +Der Verlust von Bagdad war schmerzlich fuer uns und, wie wir annehmen zu +muessen glaubten, noch schmerzlicher fuer die ganze denkende und fuehlende +Tuerkei. Wie viel und wie oft war der Name der frueheren Kalifenstadt im +deutschen Vaterlande genannt, wie viele Phantasien waren mit ihm verknuepft +worden, Phantasien, die man vorteilhafter im stillen gehegt haette, statt +sie geraeuschvoll in die Welt hinauszuschreien nach unpolitischer deutscher +Art. + +Die militaerische Gesamtlage wurde durch die Ereignisse in Mesopotamien +nicht weiter beeinflusst, wohl aber war der deutschen Aussenpolitik der +Verlust Bagdads sehr empfindlich. Wir hatten der osmanischen Regierung den +Besitzstand ihres Landes gewaehrleistet und fuehlten nun, dass, trotz aller +weitherzigen Auslegungen dieses Vertrages von seiten unsres +Bundesgenossen, unser politisches Kriegskonto durch diesen neuen, grossen +Verlust sehr belastet wurde. + +Enver Paschas Ersuchen um deutsche Mithilfe fuer eine Wiedereroberung +Bagdads fand daher bei uns allenthalben bereitwilligstes Entgegenkommen, +nicht zum mindesten auch deswegen, weil die tuerkische Heeresleitung +jederzeit auf dem europaeischen Kriegsschauplatz hilfsbereit gewesen war. +Die Fuehrung in diesem neuen Feldzuge sollte dem Antrage Envers +entsprechend in deutsche Haende gelegt werden, und zwar nicht aus dem +Grunde, weil deutsche Truppenunterstuetzung in groesserem Massstabe ins Auge +gefasst wurde, sondern weil es dem tuerkischen Vizegeneralissimus notwendig +erschien, das kriegerische Ansehen Deutschlands an die Spitze des +Unternehmens zu stellen. Auch konnte an ein Gelingen des Planes nur +gedacht werden, wenn es moeglich war, die ungeheueren Schwierigkeiten an +den endlos langen rueckwaertigen Verbindungen zu ueberwinden. Eine tuerkische +Fuehrung wuerde an der Erfuellung dieser ersten Voraussetzung gescheitert +sein. + +Seine Majestaet der Kaiser beauftragte auf tuerkisches Anfordern den General +von Falkenhayn mit der Fuehrung dieser ausserordentlich schwierigen +Operation. Der General unterrichtete sich im Mai des Jahres 1917 in +Konstantinopel sowie in Mesopotamien und Syrien persoenlich ueber seine +Aufgabe. Die Reise nach Syrien erwies sich als notwendig, weil General von +Falkenhayn unmoeglich auf Bagdad operieren konnte, wenn nicht die Gewaehr +vorhanden war, dass die tuerkische Front in Syrien feststand. Unterlag es +doch keinem Zweifel, dass das Bagdadunternehmen in kurzer Zeit an England +verraten sein wuerde, und dass die Nachricht hiervon einen englischen +Angriff in Syrien herausfordern musste. + +General von Falkenhayn gewann den Eindruck, dass die Operation durchfuehrbar +sei. Wir entsprachen daher den von ihm an uns gestellten Anforderungen. +Wir gaben der Tuerkei alle ihre Kampftruppen zurueck, die wir noch zur +Verwendung auf dem europaeischen Kriegsschauplatz stehen hatten. Das +osmanische Korps in Galizien scheidet aus einem deutschen Armeeverbande +aus, als eben Kerenskis Truppen vor unserem Gegenstoss nach Osten weichen. +Es kehrt in seine Heimat zurueck, begleitet von unserem waermsten Dank. Die +Osmanen hatten ihren alten Kriegsruhm in unseren Reihen nochmals bewaehrt +und sich als ein durchaus brauchbares Kampfinstrument in unserer Hand +erwiesen. Ich muss dabei freilich hervorheben, dass Enver Pascha uns die +besten seiner verfuegbaren Truppen fuer die Ostfront und Rumaenien abgegeben +hatte. Die Beschaffenheit dieser Korps durfte also nicht als Massstab fuer +die Guete und Verwendbarkeit des gesamten tuerkischen Heeres genommen +werden. Die hingebende Arbeit, mit der sich unser Armee-Oberkommando in +Galizien der Erziehung und Ausbildung, ganz besonders aber auch der +Verpflegung und der gesundheitlichen Fuersorge seiner osmanischen Truppen +widmete, hatte ihre reichsten Fruechte getragen. Wie viele dieser rauhen +Naturkinder fanden Kameradschaft und Naechstenliebe zum ersten und wohl +auch zum letzten Male unter unserer Obhut. + +Ich hatte gehofft, dass die heimkehrenden tuerkischen Verbaende einen +besonders wertvollen Bestandteil der Expeditionsarmee gegen Bagdad bilden +wuerden. Leider ging diese Erwartung nicht in Erfuellung. Die Truppen waren +kaum unserem Einfluss entrueckt, als sie auch schon wieder zerfielen, ein +Zeichen dafuer, wie wenig tiefgreifend unser Beispiel auf die tuerkischen +Offiziere gewirkt hat. Nur einzelne unter diesen machten der grossen Masse +mangelhaft geschulter und wenig brauchbarer Elemente gegenueber eine +besondere, manchmal allerdings ueberraschend glaenzende Ausnahme. Das +osmanische Heer haette eines voelligen Neubaues bedurft, um wirklich zu +Leistungen befaehigt zu sein, die den grossen Opfern des Landes entsprachen. +Der Nachteil der jetzigen Zustaende zeigte sich besonders in einem +ungeheuren Menschenverbrauch. Es war die gleiche Erscheinung, wie sie bei +jeder fuer den Krieg ungenuegend vorbereiteten und mangelhaft erzogenen +Armee eintritt. Eine gruendliche kriegerische Vorbildung des Heeres spart +dem Vaterlande im Ernstfall Menschenkraefte. Welch einen ungeheueren Umfang +der Verbrauch an solchen in der Tuerkei im Verlauf des Krieges angenommen +hatte, duerfte aus einer mir zugekommenen Nachricht hervorgehen, wonach in +einzelnen Bezirken von Anatolien die Doerfer von jeder maennlichen +Einwohnerschaft zwischen dem Knaben- und dem Greisenalter entbloesst waren. +Das wird begreiflich, wenn man hoert, dass die Verteidigung der Dardanellen +den Tuerken etwa 200.000 Menschenleben gekostet hatte. Wieviel hiervon dem +Hunger und den Krankheiten erlagen, ist nicht bekannt geworden. + +Die deutsche Unterstuetzung fuer das Bagdadunternehmen bestand, abgesehen +von einer Anzahl Offizieren fuer besondere Verwendung, aus dem sogenannten +Asienkorps. Man hat sich darueber in unserem Vaterlande aufregen zu muessen +geglaubt, dass wir den Tuerken ein ganzes Korps fuer so fernliegende Zwecke +zur Verfuegung stellten, anstatt diese kostbaren Kraefte in Mitteleuropa zu +verwerten. Das Korps bestand aber nur aus drei Infanteriebataillonen und +etlichen Batterien. Die Bezeichnung war zur Taeuschung des Gegners gewaehlt; +ob diese Taeuschung wirklich gelang, ist uns nicht sicher bekannt geworden. +Bei solchen Unterstuetzungen handelte es sich weit weniger um zahlenmaessige +Verstaerkungen unserer Bundesgenossen, wie darum, ihnen sittliche und +geistige Kraefte, das heisst Willen und Wissen zuzufuehren. Der eigentliche +Sinn unserer Hilfe wird treffend gekennzeichnet durch ein Wort des Zaren +Ferdinand, als er uns noch vor den Herbstkaempfen des Jahres 1916 in +Mazedonien vor dem Wegziehen aller deutschen Truppen aus der bulgarischen +Front warnte: "Meine Bulgaren wollen Pickelhauben sehen, dieser Anblick +gibt ihnen Vertrauen und Rueckhalt. Alles andere haben sie selbst." Auch +hier wurde also die Erfahrung bestaetigt, die Scharnhorst einmal in die +Worte fasste, dass der staerkere Wille des Gebildeten unendlich wichtiger fuer +das Ganze sei, als die rohe Kraft. + +Die Operation gegen Bagdad kam nicht zur Durchfuehrung. Schon in den +letzten Sommermonaten zeigte sich, dass der Englaender alle Vorbereitungen +zu Ende gefuehrt hatte, um die tuerkische Armee bei Gaza noch vor Eintritt +der nassen Jahreszeit anzugreifen. General von Falkenhayn, der dauernd im +Orient weilte, gewann immer mehr den Eindruck, dass die syrische Front +diesem englischen Ansturm, der mit zweifellos grosser Ueberlegenheit gefuehrt +werden wuerde, nicht gewachsen sei. Tuerkische Divisionen, die zur +Unternehmung gegen Bagdad bestimmt waren, mussten nach Sueden abgezweigt +werden. Damit entfiel die Moeglichkeit einer erfolgreichen Operation in +Richtung Mesopotamien. Im Einvernehmen mit Enver Pascha gab ich daher +meine Zustimmung, dass alle verfuegbaren Kraefte nach Syrien gefuehrt wuerden, +damit wir dort selbst womoeglich noch vor den Englaendern zum Angriff +uebergehen koennten. Die deutsche Fuehrung hoffte den bestehenden Bahnbetrieb +und die Verwaltung in den tuerkischen Gebieten so sehr verbessern zu +koennen, dass eine wesentlich erhoehte Truppenzahl auf diesem +Kriegsschauplatz ernaehrt und mit allem notwendigen Kriegsbedarf versehen +werden koennte. + +Infolge von Reibungen politischer wie militaerischer Art gingen fuer General +von Falkenhayn kostbare Wochen verloren. Es gelang dem Englaender Anfang +November, den Tuerken im Angriff bei Berseba und Gaza zuvorzukommen. Die +osmanischen Armeen wurden nach Norden geworfen; Jerusalem ging Anfang +Dezember verloren. Erst von Mitte dieses Monats ab kam wieder mehr Halt in +die tuerkischen Linien noerdlich Jaffa-Jerusalem-Jericho. + +Wenn wir befuerchtet hatten, dass diese tuerkischen Niederlagen, ganz +besonders aber der Verlust von Jerusalem, bedenkliche politische Wirkungen +auf die Stellung der jetzigen Machthaber in Konstantinopel ausueben wuerden, +so trat hiervon, wenigstens aeusserlich, nichts in die Erscheinung; eine +merkwuerdige Gleichgueltigkeit zeigte sich an Stelle der gefuerchteten +Erregung. + +Fuer mich bestand kein Zweifel, dass die Tuerkei niemals wieder in den Besitz +von Jerusalem und der dortigen heiligen Staetten kommen koennte. Auch am +Goldenen Horn teilte man stillschweigend diese Ansicht. Staerker als vorher +wandte sich nunmehr die osmanische Sehnsucht, Entschaedigung fuer die +verlorenen Reichsteile suchend, anderen Gebieten Asiens zu. Vom +militaerischen Gesichtspunkte aus leider zu fruehzeitig! + + + + Ein Blick auf die inneren Zustaende von Staaten und Voelkern Ende 1917 + + +Man befuerchte nicht, dass ich mich nunmehr, meine Abneigung gegen Politik +bezwingend, in den Strudel des Parteistreites hineinstuerze. Ich kann aber +die folgenden Ausfuehrungen, wenn ich das Bild, das ich geben moechte, nicht +allzu lueckenhaft lassen will, nicht entbehren. Freilich, wer wird die +Zeit, von der ich schreibe, jemals lueckenlos darzustellen vermoegen? Es +werden immer wieder neue Fragen nach dem "Warum?" und nach dem "Wie?" +auftauchen. Luecken werden bleiben, da so mancher Mund, den man jetzt schon +zur Auskunft dringend benoetigte, fuer immer still geworden ist. Ich kann +auch nicht ein in sich abgeschlossenes Bild, sondern nur Striche hier und +Striche dort geben, mehr fuer eine Charakterzeichnung als fuer ein +vollendetes Gemaelde. Scheinbar willkuerlich setze ich an, wenn ich mich +zunaechst dem Orient zuwende. + +"Die Tuerkei ist eine Null", so kann man in einem Aktenstueck aus der +Vorkriegszeit lesen, in einem deutschen, also keinem gegen die Tuerkei +politisch gehaessigen Aktenstueck. Eine eigenartige Null, durch die die +Dardanellen verteidigt wurden, die Kut-el-Amara gewann, gegen Aegypten zog, +den russischen Angriff im armenischen Hochland zum Halten brachte! Eine +fuer uns wertvolle Null, die, wie ich schon sagte, jetzt hunderttausende +feindlicher Truppen auf sich zieht, Kerntruppen, die an den tuerkischen +Grenzlaendern nagen, auch wohl dort eindringen, aber ohne den Hauptkoerper +verschlingen zu koennen! + +Was gibt wohl dieser Null die innere Staerke? Selbst fuer den, der in diesen +Zeiten, ja schon lange vorher, in dem Lande der Osmanen lebte, ein Raetsel! +Stumpf und gleichgueltig erscheint die grosse Masse, selbstsuechtig und +unempfindlich gegen hoeheres voelkisches Empfinden ein grosser Teil hoher +Kreise. Der ganze Staat wird anscheinend nur aus Voelkerschaften gebildet, +die durch tiefgehende Spalten getrennt, kein gemeinsames Innenleben haben. +Und doch besteht dieser Staat und zeigt staatliche Kraefte. Die Macht +Konstantinopels scheint am Taurus ihre Grenze zu haben; ueber Kleinasien +hinaus herrscht kein wirklicher tuerkischer Einfluss, und trotzdem stehen +immer noch tuerkische Armeen in dem weit entlegenen Mesopotamien und +Syrien. Der Araber dort hasst den Tuerken, der Tuerke den Araber. Und doch +schlagen sich arabische Bataillone immer noch unter tuerkischen Fahnen und +laufen nicht in Massen zum Feinde ueber, der ihnen nicht nur goldene Berge +verspricht sondern wirkliches, bei den Arabern so beliebtes Gold +reichlichst spendet. In dem Ruecken der englisch-indischen Armee, die in +Mesopotamien, wie man meinte, den von den Tuerken geknechteten und +ausgepressten arabischen Staemmen die ersehnte Erloesung brachte, erheben +sich diese Erloesten und wenden sich gegen ihre angeblichen Befreier. Es +muss also doch eine Macht vorhanden sein, die hier vereinend wirkt, und +zwar nicht nur eine zusammenpressende Not von aussen, nicht nur ein +politisches Zusammenleben, ein Gemeinschaftsgefuehl im Innern. Auch die +Gewalt der tuerkischen Machthaber kann diese bindende Kraft nicht +ausschliesslich liefern. Die Araber koennten sich ja dieser Gewalt +entziehen, sie brauchten nur die Schuetzengraeben mit erhobenen Armen +feindwaerts zu verlassen, oder im Ruecken der tuerkischen Armeen sich zu +erheben. Und doch tun sie es nicht. Ist es der Glaube, der Rest eines +alten Glaubens, der hier verbindend wirkt? Man behauptet es mit guten +Gruenden und bestreitet es mit ebensolchen. Hier sind unserem Verstaendnis +der osmanischen Psyche die Grenzen gesteckt; wir muessen den Streit der +Meinungen ungeloest lassen. + +So ganz lebensunfaehig kann der Staat trotz schwerster Gebrechen also nicht +sein. Man hoert auch von vortrefflichen Beamten, die neben den +pflichtvergessenen Gegenteilen im Amte sind und sich als Maenner mit grossen +Plaenen und grosser Tatkraft erweisen. Einen davon lernte ich in Kreuznach +kennen. Es war Ismail Hakki, ein Mann mit manchen Schattenseiten seines +Volkes und doch ein geistvoller, fruchtbarer Verstand. Schade, dass er +nicht einem Boden mit gesuenderen Kraeften entwuchs. Man sagte, er schriebe +nichts, beherrsche alles mit seinem Kopfe, und dabei sorgte er fuer +tausenderlei, dachte weit ueber den Krieg hinaus nationale, schoene +Gedanken! Was ihn damals am meisten beschaeftigte, worin gleichzeitig seine +groesste Macht lag, das war die Versorgung des Heeres und von +Konstantinopel. Haette man Ismail Hakki entfernt, so haette die tuerkische +Armee Mangel an allem gelitten; sie haette noch mehr entbehrt, als sie es +teilweise schon musste, und Konstantinopel waere vielleicht verhungert. Fast +das ganze Land befand sich ja in einem Hungerzustand, nicht weil es an +Lebensmitteln mangelte, sondern weil die Landesverwaltung und die +Verbindungen nicht funktionierten, weil nirgends ein Ausgleich zwischen +Bestand und Bedarf geschaffen werden konnte. Wovon und wie die Menschen +der groesseren Staedte lebten, wusste niemand. Konstantinopel versorgten wir +mit Brot, schafften Getreide aus der Dobrudscha und Rumaenien hin und +halfen trotz der eigenen Not. Freilich wuerde das, was wir fuer +Konstantinopel geliefert haben, unsern Millionen von Magen nicht viel +geholfen haben. Haetten wir die Lieferungen verweigert, so haetten wir die +Tuerkei verloren. Denn ein verhungerndes Konstantinopel wuerde revoltieren, +trotz aller Gewaltherrschaft. Ist dort wirklich Gewaltherrschaft? Ich +sprach schon vom Komitee; es sind aber dort auch andere Einfluesse gegen +die starken Maenner taetig, Einfluesse des politischen, vielleicht auch +geschaeftlichen Hasses, durch welche Parteiungen geschaffen werden. Starke +Stroemungen bewegen sich unter der scheinbar ruhigen Oberflaeche; ihre +Strudel werden manchmal oben sichtbar, wenn sie versuchen, die jetzigen +fuehrenden Maenner in die Tiefe zu ziehen. + +Das Heer leidet auch unter diesen Stroemungen. Die Heeresleitung muss ihnen, +wie ich schon frueher andeutete, Rechnung tragen, muss manchmal nachgiebig +gegen sie sein, nicht zum Vorteil des Ganzen. Sonst wuerde das Heer, das an +seiner zahlenmaessigen Staerke immer reissender abnimmt, auch innerlich +aufgeloest werden. Der Mangel und die Not zersetzt teilweise die Truppe. An +ihren Bestaenden zehrt aber auch die Endlosigkeit des jetzigen Krieges, der +mit frueheren Feldzuegen, im Yemen und auf dem Balkan, sich fuer so viele +tuerkische Soldaten zu einem grossen ununterbrochenen Ganzen verbunden hat. +Die Sehnsucht nach der Heimat, nach Weib und Kind - auch der Islam kennt +diese Sehnsucht - treibt Tausende der Soldaten zur Fahnenflucht. Von den +vollen Divisionen, die in Haidar-Pascha auf die Bahn gesetzt werden, +kommen nur Bruchteile bis Syrien oder Mesopotamien. Man mag darueber +streiten, ob die Zahl tuerkischer Fahnenfluechtiger in Kleinasien 300.000 +oder 500.000 betraegt. Jedenfalls ist sie nahezu so gross, wie die +Kampftruppen aller tuerkischen Armeen zusammen. Kein schoenes Bild und doch +- die Tuerkei haelt noch immer stand und erfuellt ihre Treuepflicht ohne +einen Ton der Klage oder des Wankelmutes nach bestem Koennen! + +Auch in Bulgarien herrscht Not. Not an Lebensmitteln in dem Lande, das +sonst Ueberfluss hat! Die Ernte war maessig, aber sie koennte reichen, wenn das +Land wie unsere Heimat verwaltet wuerde, wenn auch hier Ausgleich +geschaffen werden koennte zwischen Gegenden des Ueberflusses und solchen des +Mangels. Ein Bulgare antwortet uns auf diesbezuegliche Anregungen: "Wir +verstehen solches nicht!" Eine einfache Entschuldigung, nein eigentlich +eine Selbstanklage. Man legt die Haende in den Schoss, weil man nicht +gelernt hat, sie zu ruehren. Wir wissen ja, dass Bulgarien beim Uebergang aus +tuerkischem Sklaventum zur voelligen innenstaatlichen Freiheit einer +erziehenden, straff organisierenden Hand entbehrte. Es hatte, man lasse +mich als Preussen sprechen, keinen Koenig Friedrich Wilhelm I., der die +eisernen Traeger schuf, auf denen unser Staatswesen so lange und so sicher +ruhte. Bulgarien kennt keine gute Verwaltung, es kennt aber dafuer viele +Parteien. Mit Schaerfe wendet sich deren Mehrzahl gegen die Regierung, +nicht wegen deren Aussenpolitik, denn diese verspricht eine grosse Zukunft, +voelkische Einheit und staatliche Vormacht auf dem Balkan; wohl aber tobt +der Kampf wegen innerer Fragen um so ruecksichtsloser. Kein Mittel, auch +das gefaehrlichste nicht, wird hierbei verachtet. Man vergreift sich an den +Bundesgenossen und an dem eigenen Heere. Ein gefaehrliches Spiel! Die +Dobrudschafrage bildet ununterbrochen ein beliebtes Mittel hetzerischen +Parteigetriebes. Die Regierung hat gefaehrliche Geister beschworen, um auf +die Tuerkei und uns einen Druck auszuueben, und wird diese Geister, die +alles zu zersetzen drohen, die aus Parteizwecken den Hass gegen die +Verbuendeten und ihre Vertreter predigen, nicht mehr los. Da scheint es uns +im Herbste 1917 das beste, in dieser Dobrudschafrage vorlaeufig nachzugeben +und ihre endgueltige Loesung dem Ausgang des Krieges zu ueberlassen. Ein +Rueckzug unsererseits aus Vernunft, nicht aus Ueberzeugung. Auffallend ist +es, dass sofort nach unserem Nachgeben in Bulgarien das Interesse an dieser +Angelegenheit schwindet. Das Wort Dobrudscha hat im Parteikampfe nunmehr +seine agitatorische Kraft verloren. So endet dieser wenigstens unblutige +Kampf mit uns, aber derjenige um die Macht zwischen den politischen +Parteien haelt an und treibt ruecksichtslos seine Keile selbst in das Gefuege +des Heeres, und zwar tiefer als nur je im Frieden. + +Die Truppe zeigt sich fuer diese zersetzende Taetigkeit zugaenglich, denn sie +ist schlecht versorgt, ja sie beginnt geradezu Mangel zu leiden. Das +Fehlen organisatorischer Taetigkeit und Faehigkeit zeigt sich auch hier an +allen Ecken und Enden. Wir machen Vorschlaege zu durchgreifenden +Verbesserungen. Die Bulgaren erkennen diese Vorschlaege als +zweckentsprechend an, aber sie haben nicht die Kraft, scheuen auch die +Muehe, sie zu verwirklichen. Man beschraenkt sich darauf, an dem Deutschen +herum zu noergeln, der im Lande sitzt - freilich in einem gemeinsam +eroberten Lande -, der vertragsmaessig ernaehrt werden soll, weil er an der +mazedonischen Grenze kaempft, nicht zum Schutze der deutschen, sondern in +erster Linie der bulgarischen Heimat. Der Deutsche soll sich, nach +bulgarischer Meinung, nur selbst ernaehren, und er tut es denn um des +lieben Friedens willen auch, fuehrt Vieh, ja sogar Heu aus der Heimat bis +nach Mazedonien herunter. Die dauernden Zwistigkeiten zeigen sich freilich +nicht bei den kaempfenden Truppen, denn dort schaetzt man sich, wohl aber in +dem Rueckengebiet der gemeinsamen Front. Um diese Zwistigkeiten +einzuschraenken, schlagen wir den Austausch unserer deutschen Truppen aus +Mazedonien mit bulgarischen Divisionen vor, die noch in Rumaenien stehen. +Wir bieten damit den Bulgaren doppelten, ja dreifachen zahlenmaessigen +Ersatz, doch sofort erhebt sich ein grosser Laerm in Sofia ueber Mangel an +Bundestreue. Wir beschraenken uns daher auf das Wegziehen nur geringer +deutscher Kraefte und uebernehmen die bisherigen Stellungen der bulgarischen +Divisionen in Rumaenien mit etlichen unserer Bataillone. So verlassen die +bulgarischen Divisionen das noerdliche Donauufer, auf das sie seiner Zeit +fast widerwillig hinuebergegangen waren. + +Auch das bulgarische Bild ist also nicht ungetruebt. Aber wir koennen auf +weitere Buendnistreue rechnen, wenigstens solange wir die grossen +politischen Ansprueche Bulgariens erfuellen koennen und wollen. Als dann aber +im Sommer des Jahres 1917 infolge von deutschen Presseaeusserungen und +deutschen parlamentarischen Reden sowohl in Sofia als bei den bulgarischen +Armeen Zweifel darueber entstehen, ob wir unseren Versprechungen auch +wirklich noch nachkommen wollen, da horcht man besorgt auf und, was +schlimmer ist, man wird misstrauisch gegen uns. Die Parteien fordern jetzt +verstaerkt die Abdankung Radoslawows. Seine Aussenpolitik wird als grosszuegig +anerkannt, alle stimmen ihr auch jetzt noch zu, aber er scheint nicht mehr +der Mann zu sein, sie den Bundesgenossen gegenueber durchzusetzen. Seine +Innenpolitik ist zudem vielfach verhasst. Neue Maenner sollen ans Ruder +kommen, die alten sitzen nach bulgarischem Urteil schon zu lange an der +Krippe des Staates. Man meint, sie koennten sich gesaettigt haben. Alles +soll aus der Regierung scheiden, was mit Radoslawow zusammenhaengt, vom +hoechsten Beamten bis zum Dorfschulzen, so fordert es das parlamentarische, +das sogenannte freie System. Das soll jetzt geschehen, jetzt mitten im +Kriege! + +Ueber Oesterreich-Ungarn habe ich nur wenig zu sagen. Die Schwierigkeiten im +Innern des Landes sind nicht geringer geworden. Ich habe schon darueber +gesprochen, dass die versuchte Versoehnung der staatszersetzenden +tschechischen Elemente auf dem Wege der Milde vollstaendig scheiterte. Nun +wird versucht, durch verstaerktes Vorschieben kirchlicher Macht und +kirchlichen Einflusses, durch Zurschautragen religioeser Gefuehle ein +einigendes Band um die auseinanderstrebenden Teile des Reiches oder +wenigstens um seine einflussreichsten Kreise zu legen. Auch dieser Versuch +bleibt ohne das erhoffte Ergebnis. Er bringt vielmehr weitere Spaltungen +und erregt Misstrauen auch da, wo bisher noch Hingebung vorherrschte. Die +gegenseitige Abneigung der Voelkerschaften wird durch die Verschiedenheiten +in der Lebensmittelversorgung verschaerft. Wien hungert, waehrend Budapest +genuegend Nahrung hat. Der Deutsch-Boehme stirbt fast den Erschoepfungstod, +waehrend der Tscheche kaum etwas entbehrt. Zum Unglueck ist die Ernte +teilweise missraten. Dies verstaerkt die innere Krisis und wird sie noch +mehr verstaerken. Es fehlt in Oesterreich-Ungarn nicht, wie in der Tuerkei, +an den technischen Mitteln eines Ausgleiches zwischen Ueberschuss- und +Bedarfsgebieten. Aber es fehlt am einheitlichen Willen, an einer sich +durchsetzenden staatlichen Macht. So hat das alte Uebel der inneren +politischen Gegensaetze mit all seinen vernichtenden Folgen sich auch auf +das Gebiet der einfachen Lebenserhaltung uebertragen. Kein Wunder, dass die +Friedenssehnsucht waechst, und dass das Vertrauen auf den Ausgang des +Krieges abnimmt. Der russische Zusammenbruch wirkt daher mehr zersetzend +als staerkend. Das Verschwinden der Gefahr von dieser Seite scheint die +Gemueter nicht zu heben, sondern sie gleichgueltiger zu machen. Selbst der +Sieg in Italien ist ein Jubel nur fuer einzelne Teile und Kreise der +Voelker. Der Stolz durchdringt nicht mehr die Masse, die zum Teil und +zeitweise wirklich hungert. Gar vieles, was man vor dem Tode des alten +Kaisers noch hochhielt, hat seine sittliche Bedeutung verloren. Von +Tausenden tschechischer und anderer Hetzer wird die staatliche Ehre mehr +wie je mit Fuessen getreten. Wahrlich es haette staerkerer Nerven bedurft, als +an den Regierungsstellen vorhanden waren, um dem Drucke der Massen, die +teilweise den Frieden um jeden Preis verlangen, noch laenger Widerstand zu +leisten. + +Und nun zu unserer eigenen Heimat: + +Inmitten der Kampfzeiten, von denen ich weiter vorn gesprochen habe, +vollziehen sich in unserem Vaterlande tiefgehende und folgenschwere +Aenderungen des innerpolitischen Zustandes. Die Krisis wird bezeichnet +durch den Ruecktritt des Reichskanzlers von Bethmann. Wenn ich anfaenglich +angenommen hatte, dass sich unsere Auffassungen ueber die durch den Krieg +geschaffene Lage deckten, so musste ich mit der Zeit zu meinem Bedauern +immer mehr erkennen, dass dies nicht der Fall sei. Mir war die Leitung des +Krieges uebertragen, und fuer ihn bedurfte ich aller Kraefte des Vaterlandes. +Diese in einer Zeit groesster aeusserer Spannung durch innere Kaempfe zu +zersplittern, anstatt sie zusammenzufassen und immer wieder emporzureissen, +musste zu einer Schwaechung unserer politischen und militaerischen Stosskraft +fuehren. Aus diesem Gesichtspunkt heraus konnte ich es nicht verantworten, +still zu bleiben, wenn ich sah, dass die Einheitlichkeit, die wir an der +Front noetig hatten, in der Heimat zersetzt wurde. In der Ueberzeugung, dass +wir in dieser Richtung unsern Feinden gegenueber mehr und mehr ins +Hintertreffen gerieten, dass wir den entgegengesetzten Weg gingen wie +diese, sah ich mich leider zu unserer Reichsleitung bald in einem +Gegensatz. Die gemeinsame Arbeit litt. Ich hielt es daher fuer meine +Pflicht, meinem Allerhoechsten Kriegsherrn im Juli mein Abschiedsgesuch +einzureichen, so schwer mir als Soldat dieser Schritt wurde. Das Gesuch +wurde von Seiner Majestaet nicht bewilligt. Auch der Kanzler hatte +gleichzeitig infolge einer Erklaerung der Parteifuehrer des Reichstages +seine Entlassung erbeten; sie wurde genehmigt. + +Die nunmehr aeusserlich zutage tretenden Folgen dieses Ruecktrittes waren +bedenklich. Der bisher nach aussen hin aufrechterhaltene Schein des +politischen Burgfriedens zwischen den Parteien hoerte auf. Es bildete sich +eine Mehrheitspartei mit dem ausgesprochenen Anschluss nach links. Die +Versaeumnisse, die angeblich in frueheren Zeiten in der Weiterentwicklung +unserer innerstaatlichen Verhaeltnisse begangen waren, wurden nunmehr im +Kriege und unter dem Druck einer politisch ungeheuer schwierigen aeusseren +Lage des Vaterlandes dazu benutzt, um der Regierung immer weitere +Zugestaendnisse zugunsten einer sogenannten parlamentarischen Entwicklung +zu erpressen. Wir mussten auf diesem Wege an innerer Festigkeit verlieren. +Die Zuegel der Staatsleitung gerieten allmaehlich in die Haende extremer +Parteien. + +Zum Nachfolger Bethmann Hollwegs wurde Dr. Michaelis ernannt. Zu ihm trat +ich in kurzer Zeit in ein vertrauensvolles Verhaeltnis. Er war unverzagt an +sein schweres Amt herangetreten. Seine Amtsfuehrung war nur kurz; die +Verhaeltnisse sollten sich staerker erweisen als sein guter Wille. + +Die eingetretene parlamentarische Zerrissenheit wurde nicht wieder +gebessert. Immer mehr draengte die Mehrheit nach links und stellte sich, +trotz mancher schoener Worte, in ihren Taten vor die Elemente, die die +bisherige Staatsordnung aufloesen wollten. Immer schaerfer zeigte es sich, +dass die Heimat den wahren Ernst unserer Lage im Streit um Parteiinteressen +und Parteidogmata vergass oder diesen Ernst nicht mehr sehen wollte. +Darueber jubelten unsere Gegner ganz offen und verstanden es, diese +Parteiungen zu schueren. + +Bei dieser Sachlage suchte man nach einem Reichskanzler, der in erster +Linie imstande war, dank seiner parlamentarischen Vergangenheit einigend +auf die zerfahrenen Parteiverhaeltnisse zu wirken. Die Wahl fiel auf den +Grafen Hertling. Er war mir als Begleiter des Koenigs von Bayern schon in +Pless bekannt geworden. Ich erinnere mich noch gern der Herzlichkeit, mit +der er mir damals seine Glueckwuensche zu der eben durch Seine Majestaet den +Kaiser vollzogenen Verleihung des Grosskreuzes des Eisernen Kreuzes +aussprach. Es lag fuer mich etwas Ergreifendes und zugleich Ermunterndes in +der Beobachtung, mit welcher Freudigkeit der alte Mann jetzt seine letzten +Lebenskraefte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Sein felsenfestes +Vertrauen auf unsere Sache, seine Hoffnung auf unsere Zukunft ueberdauerte +die schwersten Lagen. Er behandelte die parlamentarischen Parteien mit +Geschick, vermochte aber dem Ernst der Lage gegenueber nicht mehr +durchgreifend genug zu wirken. Im Verkehr mit der Obersten Heeresleitung +blieb leider ein wohl von frueher uebernommenes Misstrauen bestehen, das ab +und zu das Zusammenarbeiten erschwerte. Meine Verehrung fuer den Grafen +wurde dadurch nicht beeintraechtigt. Er starb bekanntlich, kurz nachdem er +sein dornenvolles Amt niedergelegt hatte. + +Auch abgesehen von den eben beruehrten Missstaenden ist in der Heimat am Ende +des Jahres 1917 nicht alles erfreulich. Man kann es auch nicht verlangen. +Denn der Krieg und die Entbehrungen lasten schwer auf vielen Teilen des +Volkes und greifen an seine Stimmung. Ein jahrelang ungesaettigter oder +mindestens nicht befriedigter Magen erschwert einen hoeheren Schwung, +drueckt die Menschen zur Gleichgueltigkeit herab. Die grosse Menge denkt auch +bei uns bei koerperlich ungenuegender Ernaehrung nicht viel besser als +anderswo, wenn auch die staatliche Kraft und die sittlichen Werte des +Volkes unser ganzes Leben kraeftiger durchsetzen. Dieses Leben muss aber +unter solchen Verhaeltnissen leiden, besonders, wenn es keine neuen +geistigen und seelischen Anregungen mehr erhaelt. An einer solchen Belebung +fehlt es aber auch bei uns. Man stoesst in Kreisen, in denen man sonst +anderes denken gewohnt war, auf die gefaehrliche Ansicht, dass gegen die +Gleichgueltigkeit der Massen nichts mehr zu machen sei. Die Verfechter +dieser Anschauung legen die Haende in den Schoss und lassen den Dingen ihren +Lauf. Sie sehen zu, wie Parteien die Ermattung des Volkes als fruchtbaren +Boden fuer ihre die staatliche Ordnung aufloesenden Ideen ausnuetzen und eine +verderbliche Saat ausstreuen, die weiter und weiter wuchert, weil sich +keine Haende finden, das Unkraut auszureissen. + +Die Gleichgueltigkeit wirkt wie Untaetigkeit. Sie durchsaeuert den Boden fuer +Unzufriedenheit. Diese aber steckt an, nicht nur die Bevoelkerung der +Heimat sondern auch den Soldaten, der dorthin zurueckkehrt. + +Der Soldat, der aus dem Felde kommend die Heimat wiedersieht, kann auf sie +belebend und erhebend wirken. Und das taten die meisten. Aber er kann auch +niederdrueckend wirken, und auch das taten leider so manche, selbstredend +nicht die Besten aus unseren Reihen. Diese wollten vom Kriege nichts mehr +wissen; sie wirkten schlimmes auf dem schon verdorbenen Boden, nahmen aus +diesem noch schlimmeres in sich auf und trugen die heimatliche Zersetzung +hinaus ins Feld. + +Es ist viel Unerfreuliches in diesen Bildern. Nicht alles hiervon ist eine +Folge des Krieges oder brauchte wenigstens eine Folge des Krieges zu sein. +Aber der Krieg erhebt nicht nur, er loest auch auf. Und dieser Krieg tat +dies mehr, wie jeder fruehere; er verdarb nicht nur die Koerper, sondern +auch die Seelen. + +Auch der Gegner sorgt fuer diese Zersetzung. Nicht bloss durch seine +Blockade und den dadurch hervorgerufenen Halbhunger sondern auch noch +durch ein anderes Mittel, das man "Propaganda im feindlichen Lager" +nannte. Es ist das ein neues Kampfmittel, das die Vergangenheit wenigstens +in solcher Groesse und in solch ruecksichtsloser Anwendung nicht kannte. Der +Gegner benutzte es in Deutschland wie in der Tuerkei, in Oesterreich-Ungarn +wie in Bulgarien. Der Regen verhetzender Flugblaetter faellt nicht nur +hinter unseren Fronten in Ost und West, sondern auch hinter den tuerkischen +im Irak und in Syrien herab. + +Als "Aufklaerung des Gegners" bezeichnete man diese Art von Propaganda. +"Verschleierung der Wahrheit" sollte man sie nennen, ja noch schlimmer als +das, "Vergiftung der Seelen des Feindes". Sie entspringt einer Auffassung, +die nicht die Kraft in sich fuehlt, den Gegner im offenen, ehrlichen Kampfe +zu ueberwinden und seine moralische Kraft nur durch Siege des tapfer +gefuehrten Schwertes niederzuzwingen. + +Schliesslich noch der Versuch eines Blickes in das Innere der uns +feindlichen Staaten: + +Ich sage absichtlich "Versuch", denn nur um einen solchen konnte es sich +fuer uns waehrend des Kriegszustandes handeln. Wir waren naemlich nicht nur +blockiert in unserem wirtschaftlichen Verkehr sondern auch in all den +anderen Beziehungen zum Auslande. Daran aenderte unsere teilweise +Angrenzung an neutrale Nachbarstaaten nur wenig. Unser Agentendienst +lieferte nur ganz klaegliche Ergebnisse. Im Kampfe zwischen uns und unsern +Gegnern unterlag auf diesem Gebiete auch das deutsche Gold! + +Wir wussten, dass jenseits der kaempfenden Westfront eine Regierung sitzt, +die persoenlich von Hass- und Rachegedanken erfuellt, das Innerste ihres +Volkes ununterbrochen aufpeitscht. Es klingt wie ein "Wehe dem bisherigen +Sieger", wenn die Stimme Clemenceaus erschallt. Frankreich blutet aus +tausend Wunden. Wuerden wir es nicht wissen, so koennten wir es den offenen +Erklaerungen seines Diktators entnehmen. Aber Frankreich wird +weiterkaempfen. Kein Wort, kein Gedanke von Nachgiebigkeit! Wo Risse in dem +wie mit eisernen Ketten zusammengefassten Staatsgefuege erscheinen, da +greift die Regierung mit ruecksichtslosester Gewalt zusammenpressend ein. +Und der Zweck wird erreicht. Mag das Volk in seiner Mehrheit den Frieden +ersehnen, im Lande der republikanischen Freiheit wird jegliche solche +offene Regung kaltherzig in den Boden getreten und das Volk mit liberalen +Phrasen weiter gefuettert. Schon vor dem Ausbruch des Krieges waren in dem +sogenannten antimilitaristischen Frankreich die Worte "Humanismus und +Pazifizismus" als "gefaehrliche Betaeubungsmittel" gebrandmarkt, "mit denen +die doktrinaeren Verfechter des Friedens die Mannhaftigkeit der Voelker +schwaechen wollen." "Pazifizismus hat es zu allen Zeiten gegeben, sein +rechter Name ist Feigheit, d. h. uebertriebene Liebe des Individuums zu +sich selbst, die es von jedem persoenlichen Risiko zurueckschrecken laesst, +das ihm keinen unmittelbaren Vorteil bringt". So sprach man in dem +"Frankreich des Friedens". War es ein Wunder, dass das "Frankreich des +Krieges" nicht milder dachte und jeden, der im Kriege ueberhaupt von +Frieden zu reden wagte, als Landesverraeter brandmarkte? + +Wir koennen es nicht bezweifeln, dass das franzoesische Volk auch Ende 1917 +besser genaehrt wird als das deutsche. Vor allem sorgt man fuer den Pariser, +entschaedigt ihn fuer so manches und beruhigt ihn auch durch alle noch +moeglichen Genuesse. Es scheint uns fraglich, ob der Gallier die +Entbehrungen des taeglichen Lebens in gleich hingebender Weise und so lange +ertragen kann, als sein germanischer Gegner. Noch hoffen wir, dass die +Probe vielleicht gemacht werden wird. Allein wir duerfen uns nicht im +Unklaren sein, dass auch ein wirklich hungerndes Frankreich so lange +kaempfen muss, als England es will, mag es auch dabei zugrunde gehen. + +Die franzoesischen Gefangenen sprechen wohl vom Elend des Krieges; sie +erzaehlen von in der Heimat eingetretener Not. Aber ihr eigenes Aussehen +laesst auf keinen Mangel schliessen. Alle ersehnen das Ende des Ringens, doch +keiner glaubt, dass es kommen wird, solange "die anderen kaempfen wollen". + +Wie steht es in England? + +Das Mutterland befindet sich in seiner Wirtschafts- und Weltstellung vor +einer ungeheueren Gefahr. Niemand scheut sich dort, es auszusprechen. Es +gibt nur einen Ausweg: den Sieg! Im Laufe dieses Kriegsjahres hat England +einen "Schwaecheanfall" ueberwunden. Es hatte eine Zeitlang den Anschein, +als ob die Geschlossenheit des allgemeinen Kriegswillens gelockert und die +Kriegsziele herabgemindert werden wuerden. Die Stimme eines Lord Lansdowne +ertoente. Aber sie verhallte unter dem Druck einer alles beherrschenden +Kriegsgewalt, die das nahende Ende des Kampfes in sichere Aussicht stellt. +Nach einem Tiefstand der wirtschaftlichen und politischen Stimmung hatte +man im Sommer wieder Morgenluft des heranreifenden Erfolges gewittert, +eine Morgenluft, deren Ursprung uns bis zum Ende des Jahres 1917 freilich +noch nicht bekannt war. Sie war, wie uns spaeter erst bekannt wurde, einem +politischen Pfuhle auf mitteleuropaeischem Boden entstiegen. Der Gedanke an +das nahende Ende reisst das ganze Volk in voller Geschlossenheit wieder +empor. Man ertraegt wiederum williger das Entbehren von Genuessen, +verzichtet leichter auf bisherige Lebensgewohnheiten und politische +Freiheiten in der Hoffnung, dass die Vorhersage in Erfuellung geht, nach +einem gluecklichen Ende dieses Krieges wuerde jeder einzelne Englaender +reicher sein. Zur wirtschaftlichen Selbstsucht tritt die politische +Selbstzucht des einzelnen Englaenders. Also auch hier nichts von Frieden, +es sei denn, dass der Krieg nicht doch noch zu teuer wird. Die englischen +Gefangenen sprechen auch Ende 1917 wie Ende 1914. Freude am Kampfe hat +keiner. Doch danach fragt da drueben kein Mensch. Man fordert, und es wird +geleistet. + +Anders wie in Frankreich und in England scheint der Zustand in Italien. Im +Feldzug des vergangenen Herbstes haben italienische Soldaten ohne +zwingende Kampfesnot zu vielen Tausenden ihre Waffen gesenkt, nicht aus +Mangel an Mut sondern aus Ekel vor diesem fuer sie sinnlosen Blutvergiessen. +Sie traten mit frohen Gesichtern die Fahrt in unser Heimatland an und +begruessten die ihnen dort bekannten Arbeitsstaetten mit deutschen Gesaengen. +Wenn auch die Kriegsbegeisterung im Heer und Land auf dem Nullpunkt steht, +das Volk erlahmt nicht voellig. Es weiss, dass es sonst hungern und frieren +muss. Der italienische Wille muss sich auch weiterhin vor fremdem beugen, +das war sein bitteres Schicksal von Anfang an. Man findet es ertraeglich +durch den Anblick einer lockenden, reichen Beute. + +Aus den Vereinigten Staaten kommen noch weniger Stimmen zu uns als vom +fremden europaeischen Boden. Was wir vernehmen, bestaetigt unsere Vermutung. +Das glaenzende, wenn auch mitleidslose Kriegsgeschaeft ist in den Dienst des +Patriotismus getreten, und dieser versagt nicht. Auch in diesem Lande, an +dessen Eingangspforte die Statue der Freiheit ihr blendendes Licht dem +Fremden entgegensendet, herrscht unter dem Zwange der +Kriegsnotwendigkeiten mit Recht eine ruecksichtslose Gewalt. Man begreift +den Krieg. Die weichen Stimmen muessen schweigen, bis die harte Arbeit +getan ist. Dann mag die goldene Freiheit wieder sprechen zum Wohle der +Menschen, jetzt wird sie unterdrueckt zum Nutzen des Staates. Man fuehlt +sich in allen Schichten und Volksarten einig in einem Kampf fuer ein Ideal, +und wo der Glaube an dieses oder der Drang des Blutes nicht zugunsten des +an den Rand des Verderbens gedrueckten Angelsachsen spricht, da wird Gold +in die Wagschale der Entscheidung des Verstandes geworfen. + +Von Russland brauche ich nicht weiter zu sprechen. Wir blicken in sein +Inneres wie in einen offenen Glutherd. Es wird vielleicht voellig +ausbrennen, jedenfalls liegt es am Boden und hat den rumaenischen +Verbuendeten mit sich gerissen. + +So erschienen mir die Verhaeltnisse, von denen ich sprechen wollte, am Ende +des Jahres 1917. + +Mancher hat sich wohl in jenen Tagen die bedeutungsvolle Frage vorgelegt: +"Wie erklaert es sich, dass der Gegner in seinen ruecksichtslosen politischen +Forderungen uns gegenueber nichts nachliess, trotz seiner vielen +militaerischen Misserfolge des Jahres 1917, trotz des Ausscheidens Russlands +als Machtfaktor aus dem Kriege, trotz der doch zweifellos tiefgreifenden +Wirkung des Unterseebootkrieges und der dadurch geschaffenen Unsicherheit +fuer einen Transport starker nordamerikanischer Kraefte auf den europaeischen +Kriegsschauplatz? Wie vermochte uns Wilson noch am 18. Januar 1918 unter +dem Beifall der gegnerischen Regierungen Bedingungen fuer einen Frieden +zuzumuten, die man wohl einem voellig geschlagenen Feind diktieren konnte, +mit denen man aber doch nicht an einen Gegner herantreten durfte, der +bisher erfolgreich gefochten hatte, und der fast ueberall tief in +Feindesland stand?" + +Meine Antwort darauf war damals und ist noch jetzt folgende: + +Waehrend wir die feindlichen Armeen niederschlugen, richteten sich die +Blicke ihrer Regierungen und Voelker unentwegt auf die Entwicklung der +inneren Zustaende unseres Vaterlandes und der Laender unserer +Bundesgenossen. Dem Gegner konnten die Schwaechen, die ich im +Vorausgehenden geschildert habe, nicht verborgen bleiben. Diese Schwaechen +aber staerkten seine uns so oft unbegreiflichen Hoffnungen und seinen +Willen zum Siege. + +Nicht nur der feindliche Nachrichtendienst, der unter den denkbar +guenstigsten Verhaeltnissen arbeitete, gab dem Gegner den wuenschenswerten +vollen Einblick in unsere Verhaeltnisse, sondern auch unser Volk und seine +politischen Vertreter taten nichts, um die heimatlichen Missstaende vor den +gegnerischen Augen zu verbergen. Der Deutsche erwies sich als noch nicht +so weit politisch geschult, dass er imstande gewesen waere, sich zu +beherrschen. Er musste seine Gedanken aussprechen, mochten sie fuer den +Augenblick auch noch so verheerend wirken. Er glaubte, seine Eitelkeit +befriedigen zu muessen, indem er sein Wissen und seine Gefuehle der weiten +Welt mitteilte. Ob er mit diesem Verhalten dem Vaterland nuetzte oder +schadete, war bei dem vagen weltbuergerlichen Gefuehle, in dem er vielfach +lebt, fuer ihn meist eine Frage zweiter Ordnung. Er glaubte, gerecht und +klug geredet zu haben, war hiervon selbst befriedigt und setzte voraus, +dass es auch seine Zuhoerer sein wuerden. Damit war der Fall fuer ihn dann +erledigt. + +Dieser Fehler hat uns im grossen Ringen um unser voelkisches Dasein mehr +geschadet als militaerischer Misserfolg. Dem Mangel an politischer +Selbstzucht, wie sie dem Englaender zur zweiten Natur geworden ist, dem +Fehlen einer von kosmopolitischen Schwaermereien voellig freien +Vaterlandsliebe, wie sie den Franzosen durchglueht, schiebe ich letzten +Endes auch die deutsche Friedensresolution zu, die am 19. Juli 1917 die +Billigung des Reichstages fand, also an dem Tage, an dem das Todesringen +der russischen Kriegsmacht handgreiflich wurde. Ich weiss sehr wohl, dass +unter den sachlichen Gruenden, die damals fuer diese Resolution +ausschlaggebend waren, mancherlei Enttaeuschungen ueber den Gang des Krieges +sowie ueber die sichtbaren Ergebnisse unserer Unterseebootkriegfuehrung eine +grosse Rolle spielten. Man konnte ueber die Berechtigung zu einem solchen +Misstrauen unserer Lage gegenueber verschiedener Anschauung sein - +bekanntlich beurteilte ich sie guenstiger - aber fuer voellig verfehlt +glaubte ich die Art und Weise beurteilen zu muessen, in der man sich von +parlamentarischer Seite zu einem solchen Schritte entschloss. Zu einem +Zeitpunkt, in dem die Gegner bei einem richtigen, politischen Verhalten +der Deutschen vielleicht froh gewesen waeren, wenn sie irgend welche leisen +Friedensneigungen aus dem Pulsschlag unseres Volkes haetten entnehmen +koennen, schrien wir ihnen unsere Friedenssehnsucht geradezu in die Ohren. +Die Redensarten, mit denen man das Wesen der Sache zu umkleiden versuchte, +waren zu fadenscheinig, als dass sie irgend jemanden im feindlichen Lager +haetten taeuschen koennen. So fand bei uns das Wort Clemenceaus "Ich fuehre +Krieg!" das Echo: "Wir suchen Frieden!" + +Ich wandte mich damals gegen diese Friedensresolution nicht vom +Standpunkte menschlichen Gefuehles sondern vom Standpunkte soldatischen +Denkens. Ich sah voraus, was sie uns kosten wuerde, und kleidete das in die +Worte: "Mindestens ein weiteres Kriegsjahr!" Ein weiteres Kriegsjahr in +unserer eigenen und unserer Verbuendeten schweren Lage! + + + + + + VIERTER TEIL + + + ENTSCHEIDUNGSKAMPF IM WESTEN + + + + + Die Frage der Westoffensive + + + + Absichten und Aussichten fuer 1918 + + +Angesichts der ernsten Schilderungen, mit denen ich den vorhergehenden +Teil meiner Darlegungen abschloss, wird man wohl die berechtigte Frage an +mich richten, welche Aussichten ich fuer eine guenstige Beendigung des +Krieges durch eine letzte grosse Waffenentscheidung zu haben glaubte. + +Ich mache mich in der Antwort von politischen Gesichtspunkten frei und +spreche lediglich vom Standpunkte des Soldaten, indem ich mich zunaechst zu +den Verhaeltnissen bei unseren Bundesgenossen wende: + +Oesterreich-Ungarn glaubte ich angesichts der militaerischen Machtlosigkeit +Russlands und Rumaeniens sowie der schweren Niederlage Italiens derartig +militaerisch entlastet, dass es dem Donaureiche nicht schwer fallen konnte, +die jetzige Kriegslage auf seinen Fronten zu ertragen. Bulgarien hielt ich +fuer durchaus imstande, den Ententekraeften gegenueber in Mazedonien +auszuhalten, um so mehr, als ja die bulgarischen Kampfkraefte, die noch +gegen Russland und Rumaenien standen, in absehbarer Zeit vollstaendig fuer +Mazedonien frei gemacht werden konnten. Auch die Tuerkei war durch den +Zusammenbruch Russlands in Kleinasien ausreichend entlastet. Sie hatte +dadurch, so weit ich beurteilen konnte, genuegend Kraefte frei, um ihre +Armeen in Mesopotamien und Syrien wesentlich zu verstaerken. + +Nach meiner Anschauung hing demnach das weitere Durchhalten unserer +Bundesgenossen, abgesehen von ihrem guten Willen, lediglich von der +zweckmaessigen Verwendung der fuer ihre Aufgabe ausreichend vorhandenen +Kampfmittel ab. Mehr als Durchhalten verlangte ich von keinem. Wir selbst +wollten im Westen die Kriegsentscheidung erringen. Fuer eine solche bekamen +wir nunmehr unsere Ostkraefte frei, oder hofften sie wenigstens bis zum +Eintritt der besseren Jahreszeit frei zu bekommen. Mit Hilfe dieser Kraefte +vermochten wir uns im Westen eine zahlenmaessige Ueberlegenheit zu schaffen. +Zum ersten Male waehrend des ganzen Krieges auf einer unserer Fronten eine +deutsche Ueberlegenheit! Sie konnte freilich nicht so gross sein, als es +diejenige war, mit der England und Frankreich seit mehr als drei Jahren +unsere Westfront vergeblich bestuermt hatten. Insbesondere reichten unsere +Ostkraefte nicht hin, um die gewaltige Ueberlegenheit unserer Gegner an +Artillerie- und Fliegerverbaenden auszugleichen. Immerhin waren wir aber +jetzt imstande, an einem Punkte der Westfront eine gewaltige Macht zur +Ueberwaeltigung der feindlichen Linien zu vereinigen, ohne dabei allzuviel +auf anderen Teilen dieser Front aufs Spiel zu setzen. + +Leicht und einfach war der Entschluss zum Angriff im Westen aber auch unter +diesen fuer uns guenstigeren Zahlenverhaeltnissen nicht. Die Bedenken, ob uns +ein grosser Erfolg gelingen wuerde, blieben nicht gering. Im Verlauf und +Ergebnis der bisherigen gegnerischen Angriffsschlachten konnte ich +wahrlich keine Ermunterung zu einer Offensive finden. Was hatte der Gegner +mit allen seinen zahlenmaessigen Ueberlegenheiten, mit seinen Millionen von +Granaten und Wurfminen und endlich mit seinen Hekatomben von +Menschenopfern schliesslich erreicht? Oertliche Gewinne von etlichen +Kilometern Tiefe waren die Frucht monatelanger Anstrengungen. Auch wir +hatten freilich als die Verteidiger schwere Verluste erlitten, es musste +jedoch angenommen werden, dass diejenigen der Angreifer die unsern +wesentlich uebertrafen. Mit blossen sogenannten Materialschlachten konnten +wir ein entscheidendes Ziel nie erreichen. Wir hatten fuer die Fuehrung +solcher Kaempfe weder die Kraefte noch auch die Zeit. Denn naeher und naeher +rueckte der Augenblick, an welchem das noch vollkraeftige Amerika allmaehlich +auf dem Plan erscheinen konnte. Wenn bis dahin unsere Unterseeboote nicht +derartig wirkten, dass der Seetransport grosser Massen und ihrer Beduerfnisse +in Frage gestellt war, dann musste unsere Lage ernst werden. + +Die Frage liegt nahe, was uns Anrecht fuer die Hoffnung auf einen oder +mehrere durchgreifende Siege zu geben schien wie sie unseren Gegnern doch +bisher stets versagt geblieben waren. Die Antwort ist leicht zu erteilen, +aber schwer zu erklaeren; sie ist ausgesprochen in dem Worte: "Vertrauen". +Nicht Vertrauen auf einen gluecklichen Stern, auf vage Hoffnungen, noch +weniger das Vertrauen auf Zahlen und aeussere Staerken; es war das Vertrauen, +mit dem der Fuehrer seine Truppen in das feindliche Feuer entlaesst, +ueberzeugt, dass sie das Schwerste ertragen und das Unmoeglichscheinende +moeglich machen werden. Es war das gleiche Vertrauen, das in mir lebte, als +wir in den Jahren 1916 und 1917 unsere Westfront einer ungeheuren, fast +uebermenschlichen Belastungsprobe aussetzten, um anderwaerts +Angriffsfeldzuege zu fuehren, das gleiche Vertrauen, das uns wagen liess, mit +Unterlegenheiten feindliche Uebermacht auf allen Kriegsschauplaetzen in +Schach zu halten oder gar zu schlagen. + +Wenn die noetige zahlenmaessige Kraft vorhanden war, so schien mir auch der +Wille zum guten Werke nirgends zu fehlen. Ich fuehlte foermlich die +Sehnsucht der Truppen, herauszukommen aus dem Elend und der Last des +Abwehrkampfes. Ich wusste, dass aus dem deutschen "Kaninchen", das der Spott +eines unserer erbittertsten Gegner als "aus dem freien Felde in die +Erdloecher vertrieben" der englischen Laecherlichkeit preisgeben zu duerfen +glaubte, der deutsche Mann im Sturmhut werden wuerde, der mit seinem +ganzen, maechtigen Zorne dem Schuetzengraben entsteigt, um die jahrelange +Kampfqual der Verteidigung im Vorstuermen zu beenden. + +Darueber hinaus glaubte ich aber von dem Ruf zum Angriff noch groessere und +weitergehende Folgen erwarten zu duerfen. Ich hoffte, dass mit unseren +ersten siegreichen Schlaegen auch die Heimat emporgehoben wuerde aus ihrem +dumpfen Brueten und Gruebeln ueber die Not der Zeit, ueber die +Aussichtslosigkeit unseres Kampfes, ueber die Unmoeglichkeit, den Krieg noch +anders zu beenden als mit der Unterwerfung unter den Urteilsspruch +tyrannischer Gewalten. Faehrt erst das blitzende Schwert in die Hoehe, so +reisst es die Herzen mit sich, so war es immer; sollte es diesmal anders +sein? Und meine Hoffnungen flogen hinueber ueber die Grenzen des +Heimatlandes. Unter den maechtigen Eindruecken grosser kriegerischer +deutscher Erfolge dachte ich an eine Wiederbelebung des Kampfgeistes in +dem so sehr bedrueckten Oesterreich-Ungarn, an das volle Aufflammen aller +politischen und voelkischen Hoffnungen in Bulgarien und an das Erstarken +des Willens zum Durchhalten selbst in entlegenen osmanischen Gebieten. + +Wie haette ich auf mein felsenfestes Vertrauen in das Gelingen unserer +Sache verzichten duerfen, um meinem Kaiser gegenueber vor meinem Vaterland +und meinem Gewissen eine Waffenstreckung zu empfehlen? "Waffenstreckung?" +Ja gewiss! Es konnte keine Taeuschung darueber geben, dass unsere Gegner ihre +Forderungen bis zu dieser Hoehe treiben wuerden. Gerieten wir nur erst +einmal auf die abschuessige Bahn des Nachgebens, hoerte die straffe Spannung +unserer Kraefte auf, dann war kein anderes Ende mehr abzusehen, als ein +Ende mit Schrecken, es sei denn, dass wir vorher dem Gegner selbst die Arme +und den Willen lahm geschlagen hatten. So waren unsere Aussichten schon +1917, so verwirklichten sie sich spaeter. Wir standen immer in der Wahl +zwischen Kampf bis zum Siege oder Unterwerfung bis zur Selbstentsagung. +Aeusserten sich jemals unsere Gegner in anderem Sinne? An mein Ohr drang +niemals eine andere Stimme. Wenn eine solche also wirklich irgendwo +friedensverheissender ertoent sein sollte, dann durchdrang sie nicht die +Atmosphaere, die zwischen dem feindlichen Staatsmann und mir lag. + +Wir hatten nach meiner Ueberzeugung die noetige Staerke und den noetigen +kriegerischen Geist zum Entscheidung suchenden letzten Waffengang. Wir +hatten uns darueber schluessig zu werden, wie und wo wir ihn ausfechten +wollten. Das "Wie" liess sich im allgemeinen mit den Worten ausdruecken: +Vermeidung eines Festrennens in einer sogenannten Materialschlacht. Wir +mussten einen grossen, wenn moeglich ueberraschenden Schlag anstreben. Gelang +es uns nicht, auf einen Hieb den feindlichen Widerstand zum Zusammenbruch +zu bringen, dann sollten diesem ersten Schlag weitere Schlaege an anderen +Stellen der feindlichen Widerstandslinien folgen, bis unser Endziel +erreicht war. + +Als kriegerisches Ideal schwebte mir natuerlich von vornherein ein voelliger +Durchbruch der gegnerischen Linien vor, ein Durchbruch, der uns das Tor zu +freien Operationen oeffnen wuerde. Dieses Tor sollte in der Linie +Arras-Cambrai-St. Quentin-La Fere aufgeschlagen werden. Die Wahl der +Angriffsfront war nicht durch politische Gesichtspunkte beeinflusst. Wir +wollten dort nicht deswegen angreifen, weil uns Englaender in diesem +Angriffsgebiet gegenueber standen. Ich sah freilich in England noch immer +die Hauptstuetze des feindlichen Widerstandes, war mir aber zugleich +darueber auch klar, dass in Frankreich der Wille, unser staatliches Dasein +bis zur Vernichtung zu schaedigen, mindestens ebenso stark vertreten war, +wie in England. + +Auch in militaerischer Beziehung war es von geringer Bedeutung, ob wir +unseren ersten Angriff gegen Franzosen oder Englaender richteten. Der +Englaender war zweifellos ungewandter im Gefecht als sein Waffengefaehrte. +Er verstand nicht, rasch wechselnde Lagen zu beherrschen. Er arbeitete zu +schematisch. Diese Maengel hatte er bisher im Angriffe gezeigt, und ich +glaubte, dass das in der Verteidigung nicht anders sein wuerde. Derartige +Erscheinungen waren fuer jeden Kenner soldatischer Erziehung ganz +selbstverstaendlich. Sie hatten ihre Ursachen in dem Fehlen einer +entsprechenden Friedensschulung. Auch ein mehrjaehriger Krieg konnte diese +mangelnde Vorbereitung nicht voellig ersetzen. Was dem Englaender an +Gefechtsgewandtheit fehlte, ersetzte er wenigstens teilweise durch seine +Zaehigkeit im Festhalten seiner Aufgabe und seines Zieles, sowohl im +Angriff wie in der Verteidigung. Die englischen Truppenverbaende waren von +verschiedenem Werte. Die Elitetruppen entstammten den Kolonien, eine +Erscheinung, die wohl darauf zurueckzufuehren ist, dass die dortige +Bevoelkerung vorwiegend eine agrarische ist. + +Der Franzose war durchschnittlich gefechtsgewandter als sein englischer +Bundesgenosse. Dafuer war er aber wohl weniger zaehe in der Verteidigung als +dieser. In der franzoesischen Artillerie erblickten unsere Fuehrer wie +Soldaten ihren gefaehrlichsten Feind, waehrend der franzoesische Infanterist +in weniger grossem Ansehen stand. Doch waren in dieser Beziehung auch die +franzoesischen Truppenverbaende je nach den Landesteilen, aus denen sie sich +ergaenzten, verschieden. + +Trotz der augenscheinlich lockeren Befehlsgemeinschaft an der +franzoesisch-englischen Front war bestimmt damit zu rechnen, dass jeder der +Bundesgenossen dem anderen im Falle der Not zu Hilfe eilen wuerde. Dass +dabei der Franzose rascher und rueckhaltloser handeln wuerde, wie der +Englaender, betrachtete ich bei der politischen Abhaengigkeit Frankreichs +vom englischen Willen und nach den bisherigen Kriegserfahrungen als +selbstverstaendlich. + +Zur Zeit unseres Angriffsentschlusses stand das englische Heer seit der +Flandernschlacht noch besonders stark auf dem noerdlichen Fluegel seiner +sich vom Meere bis in die Gegend suedlich St. Quentin ausdehnenden Front +massiert. Eine andere etwas schwaechere Kraeftegruppe schien aus der +Schlacht bei Cambrai in dem dortigen Kampfgelaende verblieben zu sein. Im +uebrigen waren die englischen Kraefte augenscheinlich ziemlich gleichmaessig +verteilt; am schwaechsten besetzt zeigten sich die Stellungen suedlich der +Gruppe von Cambrai. Der englische Einbruchsbogen in unsere Linien bei +dieser Stadt war infolge unseres Gegenstosses vom 30. November 1917 nur +noch flach; er war aber ausgesprochen genug, das Ansetzen einer, wie man +sich ausdrueckte, taktischen Zange von Norden und Osten her zu gestatten. +Durch eine solche wollten wir die dortigen englischen Kraefte zerdruecken. +Es war allerdings fraglich, ob die englische Kraefteverteilung bis zum +Beginn unseres Angriffes auch tatsaechlich in der geschilderten Weise +bestehen bleiben wuerde. Dies hing wohl wesentlich davon ab, ob uns ein +Verbergen unserer Angriffsabsichten moeglich sein wuerde. Eine +bedeutungsvolle Frage! Alle unsere Erfahrungen liessen eigentlich eine +solche Moeglichkeit, ja selbst Wahrscheinlichkeit zweifelhaft erscheinen. +Wir selbst hatten die feindlichen Vorbereitungen fuer all die grossen +Durchbruchsversuche gegen unsere Westfront bisher meist lange vor dem +Beginn der eigentlichen Kaempfe erkannt. Fast regelmaessig waren wir +imstande, sogar die Fluegelausdehnung der gegnerischen Angriffe +festzustellen. Die monatelange Taetigkeit der Feinde war den Spaeheraugen +unserer Erkundungsflieger nie entgangen. Aber auch unsere Erderkundung +hatte sich zu einem ausserordentlich feinen Empfinden fuer jede Veraenderung +auf gegnerischer Seite entwickelt. Der Gegner hatte offenbar bei seinen +Grosskaempfen angesichts der scheinbaren Unmoeglichkeit, die ausgedehnten +Vorbereitungsarbeiten und Truppenanhaeufungen zu verbergen, auf +Ueberraschungsversuche absichtlich verzichtet. Trotz alledem glaubten wir, +auf Ueberraschung ein ganz besonderes Gewicht legen zu muessen. Dieses +Bestreben forderte natuerlich in gewissem Grade einen Verzicht auf +eingehende technische Vorbereitungen. Wie weit hierin gegangen werden +durfte, musste dem taktischen Gefuehle unserer Unterfuehrer und unserer +Truppen ueberlassen werden. + +Unser Angriffskampf bedurfte aber nicht nur der materiellen Vorbereitung +sondern auch der taktischen Schulung. Wie ein Jahr vorher fuer die +Verteidigung, so wurden jetzt fuer den Angriff neue Grundsaetze festgelegt +und in zusammenfassenden Vorschriften ausgegeben. Im Vertrauen auf den +Geist der Truppe wurde der Schwerpunkt des Angriffes in duenne +Schuetzenlinien gelegt, die durch massenhafte Verwendung von +Maschinengewehren, durch unmittelbare Begleitung von Feldartillerie und +Kampffliegern im hohen Grade feuerkraeftig gemacht wurden. Solche duenne +Infanterielinien waren freilich nur dann angriffsfaehig, wenn ein starker +Angriffswille sie durchdrang. Wir entsagten demnach voellig einer Taktik +von Gewalthaufen, bei der der einzelne im Schutze der Leiber seiner +Mitkaempfer den Angriffstrieb erhaelt, eine Taktik, wie wir sie von +gegnerischer Seite im Osten reichlichst kennen gelernt hatten, und wie sie +ab und zu auch im Westen gegen uns in die Erscheinung getreten war. + +Wenn die gegnerische Presse im Jahre 1918 der Welt von deutschen +Massenstuermen berichtete, so bediente sie sich dieser Ausdruecke wohl in +erster Linie, um Sensationsbeduerfnisse zu befriedigen, dann aber wohl +auch, um die Schlachtbilder fuer die Masse ihrer Leser anschaulicher und +die eingetretenen Ereignisse verstaendlicher zu machen. Woher haetten wir +allein schon die Menschen zu solch einer Massentaktik und zu solchen +Massenopfern nehmen sollen? Ausserdem hatten wir genuegende Erfahrung darin +gemacht, wie nutzlos meist die kostbaren Kraefte vor unseren Linien +hinsanken, wenn unsere Schnitter an der modernen Sense des Schlachtfeldes, +am Maschinengewehr, sich der blutigen Ernte um so erfolgreicher widmen +konnten, je dichter die Menschenhalme standen. + +Diese Ausfuehrungen, die sich mehr mit dem Geiste als der Technik unseres +Kampfverfahrens beschaeftigen, duerften zur allgemeinen Kennzeichnung +unserer Angriffsgrundsaetze genuegen. Der deutsche Infanterist trug +natuerlich auch jetzt die Last des Kampfes. Seine Schwesterwaffen hatten +aber die nicht weniger ruhm- und verlustreiche Aufgabe, dem braven +Musketier die Arbeit zu erleichtern. + +Die Schwere des bevorstehenden grossen Waffenganges im Westen wurde von uns +in ihrer ganzen Groesse gewuerdigt. Sie machte es uns zur +selbstverstaendlichen Pflicht, alle brauchbaren Kraefte fuer das blutige Werk +heranzuziehen, die wir irgendwie auf den uebrigen Kriegsschauplaetzen +entbehrlich machen konnten. + +Der jetzige Stand und die weitere Entwicklung unserer politischen und +wirtschaftlichen Verhaeltnisse legte der Durchfuehrung mancherlei +Schwierigkeiten in den Weg, die wiederholt mein persoenliches Eingreifen +noetig machten. Ich moechte diese wichtige Frage im Zusammenhang darstellen +und beginne mit dem Osten: + +Am 15. Dezember war an der russischen Front der Waffenstillstand +geschlossen worden. Angesichts der Zersetzung des russischen Heeres hatten +wir schon vorher mit der Abbefoerderung eines grossen Teiles unserer +Kampfverbaende von dort begonnen. Ein Teil der operations- und kampffaehigen +Divisionen musste jedoch bis zur endgueltigen politischen Abrechnung mit +Russland und Rumaenien zurueckbleiben. + +Unseren militaerischen Wuenschen wuerde es natuerlich durchaus entsprochen +haben, wenn das Jahr 1918 im Osten mit Friedensglocken eingelaeutet worden +waere. Statt ihrer toenten aus dem Verhandlungsraum in Brest-Litowsk die +wildesten Agitationsreden umstuerzlerischer Doktrinaere. Die breiten +Volksmassen aller Laender wurden von diesen politischen Hetzern aufgerufen, +die auf ihnen lastende Knechtschaft durch Aufrichtung einer Herrschaft des +Schreckens abzuschuetteln. Der Friede auf Erden sollte durch Massenmord am +Buergertum gesichert werden. Die russischen Unterhaendler, allen voran +Trotzki, wuerdigten den Verhandlungstisch, an dem die Versoehnung maechtiger +Gegner sich vollziehen sollte, zum Rednerpult wuester Agitatoren herab. +Unter diesen Umstaenden war es kein Wunder, wenn die Friedensverhandlungen +keine Fortschritte machten. Nach meiner Auffassung trieben Lenin und +Trotzki aktive Politik nicht wie Unterlegene, sondern wie Sieger, indem +sie die politische Aufloesung in unserem Ruecken und in die Reihen unserer +Heere tragen wollten. Der Friede drohte unter solchen Verhaeltnissen +schlimmer zu werden als ein Waffenstillstand. Unsere Regierungsvertreter +gaben sich bei der Behandlung der Friedensfragen darueber doch wohl einem +falschen Optimismus hin. Die Oberste Heeresleitung darf fuer sich in +Anspruch nehmen, dass sie die Gefahren erkannte und vor ihnen warnte. + +Die Schwierigkeiten, unter denen unsere deutsche Vertretung in +Brest-Litowsk litt, mochten noch so gross sein, ich hatte jedenfalls die +Pflicht, darauf zu dringen, dass mit Ruecksicht auf unsere beabsichtigen +Operationen im Westen baldigst ein Friede im Osten erreicht wuerde. Die +Angelegenheit kam aber erst dann richtig in Fluss, als Trotzki am +10. Februar die Unterzeichnung eines Friedensvertrages verweigerte, im +uebrigen jedoch den Kriegszustand als beendet erklaerte. Ich konnte in +diesem, allen voelkerrechtlichen Grundsaetzen hohnsprechenden Verhalten +Trotzkis nur einen Versuch erblicken, die Lage im Osten dauernd in der +Schwebe zu halten. Ob bei diesem Versuche auch Einfluesse der Entente +wirksam waren, muss ich dahingestellt sein lassen. Jedenfalls war der +damalige Zustand in militaerischer Beziehung unertraeglich. Der +Reichskanzler Graf von Hertling schloss sich dieser Anschauung der Obersten +Heeresleitung an. Seine Majestaet der Kaiser entschied am 13. Februar, dass +die Feindseligkeiten im Osten am 18. wieder aufzunehmen seien. + +Die Durchfuehrung der Operation traf fast nirgends mehr auf ernstlichen +feindlichen Widerstand. Die russische Regierung erkannte jetzt die ihr +drohende Gefahr. Am 3. Maerz wurde in Brest-Litowsk der Friede zwischen dem +Vierbund und Grossrussland unterzeichnet. Die russische militaerische Macht +war damit auch rechtsgueltig aus dem Kriege ausgeschieden. Grosse +Landesteile und Voelkerstaemme waren von dem bisherigen geschlossenen +russischen Koerper abgesprengt, in dem eigentlichen Kernrussland ein tiefer +Riss zwischen Grossrussland und der Ukraine entstanden. Die Abtrennung der +Randstaaten vom frueheren Zarenreiche durch die Friedensbedingungen war fuer +mich in erster Linie ein militaerischer Gewinn. Dadurch war ein, wenn ich +mich so ausdruecken darf, weites Vorfeld jenseits unserer Grenzen gegen +Russland geschaffen. Vom politischen Standpunkt aus begruesste ich die +Befreiung der baltischen Provinzen, weil anzunehmen war, dass von jetzt ab +das Deutschtum sich dort freier entwickeln und eine ausgedehnte deutsche +Besiedelung jener Gebiete eintreten konnte. + +Ich brauche wohl nicht besonders zu versichern, dass die Verhandlungen mit +einer russischen Schreckensregierung meinen politischen Ansichten aeusserst +wenig entsprachen. Wir waren aber gezwungen gewesen, zunaechst einmal mit +den jetzt in Grossrussland vorhandenen Machthabern zu einem abschliessenden +Vertrag zu kommen. Im uebrigen war ja zurzeit dort alles in groesster Gaerung, +und ich persoenlich glaubte nicht an eine laengere Dauer der Herrschaft des +damaligen Terrors. + +Trotz des Friedensschlusses war es uns freilich auch jetzt nicht moeglich, +alle unsere kampfbrauchbaren Truppen vom Osten abzubefoerdern. Wir konnten +die besetzten Gebiete nicht einfach ihrem Schicksal ueberlassen. Schon +allein das Ziehen einer Barriere zwischen den bolschewistischen Heeren und +den von uns befreiten Laendern forderte gebieterisch das Belassen staerkerer +deutscher Truppen im Osten. Auch waren unsere Operationen in der Ukraine +noch nicht abgeschlossen. Wir mussten in dieses Land einmarschieren, um in +die dortigen politischen Verhaeltnisse Ordnung zu bringen. Nur dann, wenn +dieses gelang, hatten wir Aussicht, aus dem ukrainischen Gebiete +Lebensmittel in erster Linie fuer Oesterreich-Ungarn, dann aber auch fuer +unsere Heimat, ferner Rohstoffe fuer unsere Kriegsindustrie und +Kriegsbeduerfnisse fuer unser Heer zu gewinnen. Politische Gesichtspunkte +spielten bei diesen Unternehmungen fuer die Oberste Heeresleitung keine +Rolle. + +Von einer wesentlich anderen Bedeutung war die militaerische Unterstuetzung, +die wir im Fruehjahr des Jahres Finnland in seinem Freiheitskriege gegen +die russische Gewaltherrschaft angedeihen liessen. Hatte doch die +bolschewistische Regierung die uns zugesagte Raeumung des Landes nicht +durchgefuehrt. Wir hofften ausserdem dadurch, dass wir Finnland auf unsere +Seite zogen, der Entente eine militaerische Einwirkung auf die weitere +Entwicklung der Verhaeltnisse in Grossrussland von Archangelsk und der +Murmankueste her aufs aeusserste zu erschweren. Auch erreichten wir damit +gleichzeitig eine Drohstellung nahe an Petersburg, die fuer den Fall +wichtig wurde, dass das bolschewistische Russland auf unsere Ostfront +erneute Angriffe versuchen sollte. Der geringe Kraefteaufwand, es handelte +sich hierfuer um kaum eine Division, lohnte sich fuer uns jedenfalls +reichlichst. Die aufrichtige Zuneigung, die ich dem Freiheitskampfe des +finnischen Volkes entgegenbrachte, liess sich meiner Ansicht nach durchaus +mit den Forderungen der militaerischen Lage in Einklang bringen. + +Die Kampftruppen, die wir gegen Rumaenien stehen hatten, wurden +groesstenteils frei, als sich die Regierung dieses Landes angesichts unseres +Friedensschlusses mit Russland genoetigt sah, auch ihrerseits zu einem +friedlichen Abschluss mit uns zu kommen. Der dann noch im Osten bleibende +Rest unserer fechtenden Truppen bildete fuer die Zukunft eine gewisse +Kraftquelle zur Ergaenzung unseres Westheeres. + +Die Heranziehung der deutschen Divisionen, die wir im Feldzug gegen +Italien eingesetzt hatten, konnte ohne weiteres schon im Verlauf des +Winters durchgefuehrt werden. Oesterreich-Ungarn musste nach meiner Ansicht +durchaus imstande sein, die Lage in Oberitalien fortan allein zu +beherrschen. + +Eine wichtige Frage war, ob wir nicht an Oesterreich-Ungarn mit dem +Ersuchen herantreten sollten, uns Teile seiner im Osten und in Italien +frei werdenden Kraefte zum kommenden Entscheidungskampf zur Verfuegung zu +stellen. Auf Grund von Berichten glaubte ich indessen, dass diese Kraefte +sich in Italien besser verwerten liessen als bei unserem schweren Ringen im +Westen. Gelang es Oesterreich-Ungarn, durch eindrucksvolle Bedrohung des +Landes das gesamte italienische Heer, ja vielleicht auch die noch dort +befindlichen Teile der englischen und franzoesischen Truppen zu binden oder +gar Kraefte derselben durch erfolgreich Angriffe von der Entscheidungsfront +abzuziehen, so war die Entlastung, die uns dadurch im Westen geschaffen +wurde, vielleicht groesser, als ein Nutzen durch unmittelbare Unterstuetzung. +Wir beschraenkten uns daher auf Heranziehung oesterreichisch-ungarischer +Artillerie. Fuer mich bestand uebrigens kein Zweifel, dass General von Arz +ein Ersuchen unsererseits um groessere oesterreichische Hilfe jederzeit und +mit allen seinen Kraeften vertreten haette. + +Der oesterreichisch-ungarische Aussenminister hat in dieser Zeit in einer +Rede darauf hingewiesen, dass die Kraefte der Donaumonarchie ebensowohl fuer +Strassburg wie fuer Triest eingesetzt wuerden. Diese bundesfreundliche +Aeusserung fand meinen vollsten Beifall. Erst nachtraeglich wurde mir +bekannt, dass diese Worte des Grafen Czernin innerhalb nichtdeutscher +Kreise der Donaumonarchie heftige Widersprueche hervorgerufen hatten. Diese +politische Erregung uebte sonach auf meine militaerische Entscheidung ueber +die Groesse der oesterreichisch-ungarischen Waffenhilfe auf unseren kuenftigen +Schlachtfeldern im Westen keinen Einfluss. + +Es galt fuer mich als selbstverstaendlich, dass wir den Versuch machen +mussten, auch diejenigen unserer Kampftruppen fuer unsere Westoffensive frei +zu machen, die bisher in Bulgarien und der asiatischen Tuerkei verwendet +waren. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie gross die politischen +Widerstaende gegen einen derartigen Gedanken in Bulgarien waren. General +Jekoff war ein zu einsichtiger Soldat, um nicht die Richtigkeit unserer +Forderungen anzuerkennen; er hielt jedoch augenscheinlich die deutschen +Pickelhauben in Mazedonien fuer ebenso unentbehrlich wie sein Koenig. Die +Zurueckziehung der deutschen Truppen von der mazedonischen Front kam +infolgedessen nur recht allmaehlich in Fluss. Nur schwer entschloss sich +General Jekoff auf unser wiederholtes Draengen, sie durch die bulgarischen +Truppen aus der Dobrudscha abzuloesen. Ernste Mitteilungen unserer +deutschen Kommandostellen an der mazedonischen Front ueber Stimmung und +Haltung der dortigen bulgarischen Truppen veranlassten uns schliesslich, den +Rest der deutschen Infanterie, drei Bataillone, und einen Teil der immer +noch zahlreichen deutschen Artillerie noch weiter dort zu belassen. + +Ein aehnliches Ergebnis hatte unser gleiches Bemuehen in der Tuerkei. Unser +Asienkorps war im Herbste 1917 mit den urspruenglich fuer den Feldzug nach +Bagdad bestimmten tuerkischen Divisionen nach Syrien befoerdert worden. Die +bedenkliche Lage an der dortigen Front zwang uns, bei Beginn des Jahres +1918 eine Verstaerkung dieses Korps auf etwa das Doppelte durchzufuehren. +Die meisten der hierfuer bestimmten Truppen wurden unfern in Mazedonien +stehenden Verbaenden entnommen. Bevor diese Verstaerkungen ihren neuen +Bestimmungsort erreicht hatten, glaubten wir, eine wesentliche Besserung +in der Lage an der syrischen Front feststellen zu koennen, und traten daher +mit Enver Pascha wegen Zurueckziehung aller dortigen deutschen Truppen in +Verbindung. Der Pascha gab sein Einverstaendnis. Dringende militaerische und +politische Vorstellungen von seiten des deutschen Oberkommandos in Syrien +sowie von seiten der durch dieses Oberkommando beeinflussten deutschen +Reichsleitung veranlassten uns indessen, von dem Abruf Abstand zu nehmen. + +Zusammenfassend darf ich wohl behaupten, dass von unserer Seite nichts +unterlassen wurde, um moeglichst alle unsere deutschen Kampfkraefte im +Westen zur Entscheidung zu versammeln. Wenn dies nicht bis auf den letzten +Mann gelang, so lag der Grund in Verhaeltnissen verschiedenster Art, in +keinem Falle aber in einer Verkennung der Wichtigkeit dieser Frage von +unserer Seite. + +So war im Winter 1917/18 endlich das erreicht, was ich vor drei Jahren so +sehnsuechtig angestrebt hatte. Wir konnten uns mit freiem Ruecken dem +Entscheidungskampf im Westen zuwenden, wir mussten jetzt zu diesem +Waffengang schreiten. Ein solcher wuerde uns vielleicht erspart geblieben +sein, wenn wir die Russen schon im Jahre 1915 endgueltig geschlagen haetten. + +Ich habe schon frueher darauf hingewiesen, wie viel schwerer jetzt, 1918, +die Aufgabe fuer uns geworden war. Noch immer stand Frankreich als +maechtiger Gegner auf dem Plan, mochte es gleich mehr geblutet haben als +wir selbst. Ihm zur Seite ein englisches mehrfaches Millionenheer, voll +geruestet, wohl geschult und kriegsgewohnt. Ein neuer Gegner, +wirtschaftsgewaltig wie kein zweiter, alle Quellen der uns feindlichen +Kriegfuehrung beherrschend, all unserer Feinde Hoffnung belebend und vor +dem Niederbruch stuetzend, gewaltige Truppenmassen bereitstellend, die +Vereinigten Staaten von Nordamerika, zeigte sich in drohender Naehe. Wird +dieser noch zur rechten Zeit kommen, um uns den Siegeslorbeer aus den +Haenden zu reissen? Darin lag die kriegsentscheidende Frage, und nur darin! +Ich glaubte sie verneinen zu koennen! + +Der Ausgang unserer grossen Offensive im Westen hat die Frage aufwerfen +lassen, ob es fuer uns nicht raetlich gewesen waere, auch im Jahre 1918 den +Krieg an der Westfront, unter Stuetzung der bisher dort verwendeten Armeen +mit starken Reserven, im wesentlichsten verteidigungsweise zu fuehren, alle +uebrigen militaerischen und politischen Anstrengungen aber darauf zu +vereinigen, im Osten geordnete staatliche und wirtschaftliche Verhaeltnisse +zu schaffen und unsere Bundesgenossen bei ihren Kriegsaufgaben zu +unterstuetzen. Es waere ein Irrtum, anzunehmen, dass mich derartige Gedanken +nicht vor unseren Offensivplaenen beschaeftigt hatten. Ich wies sie nach +reiflichster Ueberlegung zurueck. Gefuehlsmomente spielten dabei keine Rolle. +Wie waere ein Ende des Krieges bei solcher Fuehrung abzusehen gewesen? +Selbst wenn ich am Ende 1917 noch keine Veranlassung zu haben glaubte, an +unserer deutschen Widerstandskraft ueber das kommende Jahr hinaus zu +zweifeln, so konnte ich ueber dem bedenklichen Zerfall dieser Kraft bei +unseren Bundesgenossen nicht im Unklaren sein. Wir mussten mit allen +Mitteln zu einem erfolgreichen Ende zu kommen trachten. Das war die mehr +oder minder laut ausgesprochene Forderung aller unserer Verbuendeten. Man +kann dagegen nicht einwenden, dass auch unsere Gegner an den aeussersten Rand +ihrer menschlichen und seelischen Leistungsfaehigkeit herankamen. Sie +konnten, wenn wir sie nicht angriffen, den Krieg noch jahrelang hinziehen, +und wer unter ihnen nicht haette mittun wollen, wuerde durch die anderen +einfach gezwungen worden sein. Ein allmaehlicher Erschoepfungstod war, +nachdem wir die Gegner nicht vor einen solchen stellen konnten, zweifellos +unser Los. Auch wenn ich das jetzige Unglueck meines Vaterlandes vor Augen +habe, trage ich die felsenfeste Ueberzeugung, dass ihm das Bewusstsein, die +letzte Kraft an sein Dasein und seine Ehre gesetzt zu haben, mehr zu +seinem inneren Aufbau nuetzen wird, als wenn der Krieg in einem +allmaehlichen Ermatten bis zur Kraftlosigkeit geendet haette. Dem Schicksal, +das es jetzt tragen muss, waere es doch nicht entgangen, wohl aber wuerde ihm +der erhebende Gedanke an ein unvergleichliches Heldentum fehlen. Ich suche +nach einem Beispiel in der Geschichte, und da finde ich, dass der +Waffenruhm von Preussisch-Eylau, mochte er auch das Schicksal des alten +Preussens nicht mehr haben wenden koennen, doch wie ein Stern in der +lichtlosen Finsternis der Jahre 1807-1812 leuchtete. An seinem Glanze fand +so mancher Erbauung und Belehrung. Sollte das deutsche Herz jetzt anders +geworden sein? Mein preussisches schlaegt in diesen Bahnen! + + + + Spa und Avesnes + + +In Genehmigung unseres Antrages wurde auf Befehl Seiner Majestaet des +Kaisers am 8. Maerz das deutsche Grosse Hauptquartier nach Spa verlegt. Die +Aenderung war durch die kommenden Operationen im Westen bedingt. Von dem +neuen Hauptquartier aus konnten wir die nunmehr wichtigsten Teile unserer +westlichen Heeresfront auf kuerzerem Wege erreichen als von Kreuznach. Da +wir jedoch den kommenden Ereignissen in moeglichst unmittelbarer Naehe +folgen wollten, so waehlten wir ausserdem Avesnes als eine Art von +vorgeschobener Befehlsstelle der Obersten Heeresleitung. Dort trafen wir +am 19. Maerz mit dem groessten Teil des Generalstabes ein und befanden uns +damit in dem Mittelpunkte der Heeresgruppen- und Armee-Oberkommandos, die +bei den bevorstehenden Entscheidungskaempfen die Hauptrolle zu spielen +hatten. + +Das Bild der Stadt wird aeusserlich beherrscht durch den maechtigen, +klotzigen Bau seiner alten Kirche. Teilweise verfallene oder nur in Teilen +noch vorhandene Befestigungsanlagen erinnern daran, dass Avesnes in +frueheren Zeiten eine kriegsgeschichtliche Rolle gespielt hatte. So weit +mir erinnerlich, hatten sich 1815 Teile der preussischen Armee nach der +Schlacht von Belle Alliance in den Besitz der damaligen Festung gesetzt +und waren dann in Richtung auf Paris weitergezogen. Vom Kriege 1870/71 war +die Gegend nicht betroffen worden. + +Die Stadt, ganz in gruene Umgebung gebettet, ist ein stiller Landort. Durch +unsere Anwesenheit erhielt sie ein nur wenig lebhafteres Gepraege. Ich +selbst befand mich dort nach 47 Jahren wieder fuer laengere Zeit unter +franzoesischer Bevoelkerung. Die verschiedenen Strassentypen erschienen mir +gegen die Zeit von 1870/71 so unveraendert, dass ich den zeitlichen +Zwischenraum vergessen konnte. So sassen auch jetzt noch, wie damals, die +Einwohner vor ihren Tueren, die Maenner meist still in Schauen vertieft, die +Frauen lebhaft, die Unterhaltung beherrschend, die Kinder auf dem +Ballplatz bei frohem Spiel und Gesang, wie mitten im tiefsten Frieden. +Glueckliche Jugend! + +Unser langes Verbleiben in Avesnes bestaetigte mir im uebrigen die +allgemeine Erfahrung, dass die franzoesische Bevoelkerung sich mit Wuerde in +das harte Schicksal fuegte, das die lange Dauer des Krieges ueber sie +verhaengt hatte. Wir waren nicht veranlasst, irgendwelche besondern +Massregeln fuer Aufrechterhaltung der Ordnung oder gar unsern Schutz zu +ergreifen, konnten uns vielmehr darauf beschraenken, die Ruhe fuer unsere +Arbeit sicherzustellen. + +Seine Majestaet der Kaiser nahm in Avesnes nicht Unterkunft, sondern +verweilte waehrend der Zeit der folgenden grossen Ereignisse in seinem +Sonderzug. Dieser wurde je nach der Kriegslage verschoben. Der wochenlange +Aufenthalt in den engen Raeumen des Zuges mag als Beweis fuer die +Anspruchslosigkeit unseres Kriegsherrn dienen. Er lebte in diesen Zeiten +voellig seinem Heer. Ruecksichten auf bestehende Gefahren, etwa durch +feindliche Flieger, lagen ausserhalb der Gedankenreihe des Kaisers. + +Der Aufenthalt in Avesnes gab mir im Verlauf der naechsten Monate +Gelegenheit, haeufiger als bisher mit unseren Heeresgruppen- und +Armeefuehrern sowie sonstigen hoeheren Staeben in persoenliche Beruehrung zu +kommen. Ganz besonders begruesste ich die Moeglichkeit, Truppenoffiziere bei +mir zu sehen. Ihre Kriegserfahrungen und ihre sonstigen, meist mit +ergreifend schlichten Worten vorgetragenen Kriegserlebnisse waren fuer mich +nicht nur vom kriegerischen sondern auch vom allgemein menschlichen +Standpunkt aus von hohem Interesse. + +Der gelegentlich ausgefuehrte Besuch bei dem masurischen Regiment, das +meinen Namen trug, bei dem Garderegiment, in dessen Reihen ich als junger +Offizier waehrend zweier Kriege gestanden, bei der Oldenburger Infanterie, +die ich einst als Kommandeur befehligt hatte, war fuer mich eine ganz +besondere Freude. Freilich war von den Friedensstaemmen nur noch wenig +uebrig geblieben, aber im neuen Geschlechte fand ich den alten soldatischen +Geist. Die meisten Offiziere und Mannschaften sah ich zum ersten und viele +auch gleichzeitig zum letzten Male. Ehre ihrem Andenken! + + + + + Unsere drei Angriffsschlachten + + + + Die "Grosse Schlacht" in Frankreich + + +Noch vor unserer Abfahrt von Spa erliess Seine Majestaet der Kaiser den +Befehl fuer die demnaechstige grosse Angriffsschlacht. Ich fuehre diesen +Befehl in seinem wesentlichsten Inhalt woertlich an, um weitlaeufige +Ausfuehrungen ueber unsere Kampfabsichten entbehrlich zu machen. Zur +Erlaeuterung bemerke ich im voraus, dass die Vorarbeiten zu dieser grossen +Schlacht mit dem Deckwort: "Michael" bezeichnet worden waren, und dass +Angriffstag und Angriffsstunde erst eingefuegt wurden, als sich der +Abschluss der Vorbereitungen einwandfrei uebersehen liess. + + Grosses Hauptquartier, 10. 3. 18. + + "Seine Majestaet befehlen: + + 1. Der Michaelangriff findet am 21. 3. statt. Einbruch in die erste + feindliche Stellung 940 vormittags. + + 2. Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht schnuert dabei als erstes grosses + taktisches Ziel den Englaender im Cambraibogen ab und gewinnt ... die + Linie Croisilles (suedoestlich Arras)-Bapaume-Peronne. Bei guenstigem + Fortschreiten des Angriffes des rechten Fluegels (17. Armee) ist dieser + ueber Croisilles weiter vorzutragen. + + Weitere Aufgabe der Heeresgruppe ist, in Richtung Arras-Albert + vorzustossen, mit linkem Fluegel die Somme bei Peronne festzuhalten und + mit Schwerpunkt auf dem rechten Fluegel die englische Front auch vor der + 6. Armee ins Wanken zu bringen und weitere deutsche Kraefte aus dem + Stellungskriege fuer den Vormarsch frei zu machen ... + + 3. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz gewinnt zunaechst suedlich des + Omigonbaches (dieser muendet suedlich Peronne) die Somme und den + Crosatkanal (westlich La Fere). Bei raschem Vorwaertskommen hat die + 18. Armee (rechter Fluegel der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz) die + Uebergaenge ueber die Somme und die Kanaluebergaenge zu erkaempfen ..." + +Die Spannung, unter der wir am 18. Maerz abends Spa verlassen hatten, +steigerte sich bei unserem Eintreffen auf der Befehlsstelle Avesnes. Das +bisher herrliche, klare Vorfruehlingswetter war umgeschlagen. Heftige +Regenboeen zogen ueber das Land. Sie machten dem Spottnamen, mit dem Avesnes +und seine Umgebung von den Franzosen belegt war, alle Ehre. An sich +konnten wir uns Wolken und Regen an diesen Tagen wohl gefallen lassen. Sie +verschleierten vielleicht unsere letzten Angriffsvorbereitungen. Hatten +wir aber wirklich noch berechtigte Hoffnung, dass der Gegner in unsere +bisherigen Massnahmen noch keinen Einblick gewonnen hatte? Die feindliche +Artillerie hatte sich in letzter Zeit ab und zu besonders aufmerksam und +lebhaft gezeigt. Das Feuer war indessen immer wieder abgeflaut. Da und +dort suchten feindliche Flieger waehrend der Nacht im Scheine von +Leuchtkugeln einzelne unserer wichtigsten Vormarschstrassen ab und schossen +mit Maschinengewehren auf alle wahrgenommenen Bewegungen. Aber all das gab +noch keinen festen Anhalt fuer eine Antwort auf die Frage: "Kann unsere +Ueberraschung gelingen?" + +Die Angriffsverstaerkungen rueckten in den letzten Naechten in ihre +Ausgangsstellungen zum Sturme; die letzten Minenwerfer und Batterien +wurden vorgezogen. Keine wesentliche Stoerung durch den Gegner! An +einzelnen Stellen unternahm man es, schwere Geschuetze bis an die +Hindernisse vorzuschieben und sie dort in Geschosstrichtern unterzubringen. +Man glaubte Ueberkuehnes wagen zu sollen, um der stuermenden Infanterie die +artilleristische Unterstuetzung waehrend ihres Durchbruches durch das ganze +feindliche Stellungssystem zu gewaehrleisten. Keine feindliche +Gegenmassregel verhinderte auch diese Vorbereitungen. + +Der groesste Teil des 20. Maerz verging in Sturm und Regen. Die Aussichten +auf den 21. waren unsicher, oertlicher Nebel wahrscheinlich. Trotzdem +entschieden wir uns am Mittag fuer den Beginn der Schlacht am Morgen des +folgenden Tages. + +Die Fruehdaemmerung des 21. Maerz fand das noerdliche Frankreich von der Kueste +bis zur Aisne unter einer Dunstschicht. Je hoeher die Sonne stieg, um so +dichter wurde der Nebel auf den Erdboden gedrueckt. Er beschraenkte +zeitweise den Blick bis auf wenige Meter Entfernung. Selbst die +Schallwellen schienen sich in den grauen Schwaden zu verzehren. In Avesnes +vernahm man nur fernes unbestimmtes Rollen von dem Schlachtfelde her, auf +dem seit den ersten Tagesstunden Tausende von Geschuetzen jeden Kalibers im +heftigsten Feuer standen. + +Ungesehen und selbst nicht sehend arbeitete unsere Artillerie. Nur die +Gewissenhaftigkeit der Vorbereitungen konnte Gewaehr geben fuer die Wirkung +unserer Batterien. Die Antwort des Gegners war oertlich und zeitlich von +wechselnder Staerke. Sie war mehr ein Herumtasten nach einem unbekannten +Gegner, als eine systematische Bekaempfung des laestigen Feindes. + +Also auch jetzt noch keine Gewissheit, ob nicht der Englaender in voller +Abwehrbereitschaft unseren Angriff erwartete. Der Schleier, der ueber allem +lag, lichtete sich nicht. In ihn hinein stuermte gegen 10 Uhr vormittags +unsere brave Infanterie. Zunaechst kamen von ihr nur unklare Meldungen, +Angaben ueber erreichte Ziele, Abaenderungen dieser Nachrichten, Widerrufe. +Erst allmaehlich hob sich die Ungewissheit, und es liess sich ueberblicken, +dass wir ueberall in die vordersten feindlichen Stellungen eingebrochen +waren. Gegen Mittag begann der Nebel zu schwinden, die Sonne zu siegen. + +In den spaeten Abendstunden war ein Bild des Erreichten mit einiger +Klarheit zu erkennen. Die rechte Fluegelarmee und die Mitte unserer +Schlachtfront waren im wesentlichen vor der zweiten feindlichen Stellung +zum Halten gekommen. Die linke Armee war ueber St. Quentin hinaus maechtig +vorwaerts geschritten. Kein Zweifel, dass der rechte Fluegel den staerksten +Widerstand vor sich hatte. Der Englaender spuerte die ihm aus noerdlicher +Richtung drohende Gefahr, er warf ihr alle seine verfuegbaren Reserven +entgegen. Der linke Fluegel dagegen hatte bei augenscheinlich weitgehender +Ueberraschung die verhaeltnismaessig leichteste Kampfarbeit gehabt. Der +Kraefteverbrauch war im Norden ueber unser Erwarten gross, sonst entsprach er +unseren Voraussetzungen. + +Das Ergebnis des Tages schien mir befriedigend. In diesem Sinne sprachen +sich auch unsere vom Schlachtfeld zurueckkehrenden Generalstabsoffiziere +aus, die den Truppen in den Kampf gefolgt waren. Doch konnte erst der +zweite Tag zeigen, ob nicht unser Angriff das Schicksal aller derjenigen +teilte, die der Gegner seit Jahren gegen uns gefuehrt hatte, naemlich eine +Versumpfung des Vorwaertsschreitens nach dem ersten gelungenen Einbruch. + +Der Abend dieses zweiten Tages sah unseren rechten Fluegel im Besitz der +zweiten feindlichen Stellung. Unsere Mitte hatte auch die dritte +feindliche Widerstandslinie genommen, waehrend die linke Armee im vollen +Siegeslauf schon jetzt meilenweit nach Westen vorgedrungen war. Hunderte +von feindlichen Geschuetzen, ungeheure Mengen Schiessbedarfs und sonstige +Beute jeder Art lagen im Ruecken unserer vordersten Linien. Lange +Gefangenenkolonnen marschierten nach Osten. Die Zertruemmerung der +englischen Besatzung im Cambraibogen konnte jedoch nicht mehr gelingen, da +unser rechter Fluegel entgegen unseren Erwartungen nicht weit und rasch +genug vorwaerts gekommen war. + +Der dritte Kampftag veraenderte nicht das bisherige Bild des +Schlachtenverlaufes: Schwerstes Ringen unseres rechten Fluegels, wo +hoechstgespannte englische Zaehigkeit sich uns entgegenwirft und auch heute +noch die dritte Verteidigungslinie behauptet. Dafuer weiterer grosser +Gelaendegewinn in unserer Mitte und auch auf unserem linken Fluegel. Suedlich +Peronne wurde schon an diesem Tage die Somme erreicht, an einem Punkte +sogar ueberschritten. + +An diesem Tage, dem 23. Maerz, fallen die ersten Granaten in die feindliche +Hauptstadt. + +Bei diesem glaenzenden Fortschreiten unseres Angriffes in westlicher +Richtung, das alles in Schatten stellt, was seit Jahren auf der Westfront +geleistet worden war, erscheint mir unser Durchdringen bis nach Amiens +moeglich. Amiens ist der grosse Vereinigungspunkt der wichtigsten +Bahnverbindungen zwischen dem durch die Somme scharf geschiedenen +Kriegsgebiet des mittleren und noerdlichen Frankreichs, letzteres das +hauptsaechliche Kampffeld Englands. Die Stadt ist also von groesstem +strategischen Wert. Faellt sie in unsere Hand, oder gelingt es uns, +wenigstens Amiens und Umgebung unter unser kraeftiges Artilleriefeuer zu +bringen, so ist das gegnerische Operationsfeld in zwei Teile gesprengt, +der taktische Durchbruch zum strategischen erweitert, England auf der +einen, Frankreich auf der anderen Seite. Vielleicht lassen sich die +verschiedenen politischen und strategischen Interessen beider Laender durch +solch einen Erfolg trennen. Bezeichnen wir diese Interessen durch die +beiden Namen "Calais" und "Paris". Darum vorwaerts gegen Amiens! + +Und in der Tat geht es auch weiter vorwaerts mit Riesenschritten. Fuer +lebhafte Phantasien und heisse Wuensche freilich immer noch nicht rasch +genug. Muss man doch befuerchten, dass auch der Gegner die ihm nunmehr +drohende Gefahr erkennt, und dass er alles versuchen wird, ihr zu begegnen. +Englische Reserven vom Nordfluegel, franzoesische Truppen aus ganz +Mittelfrankreich werden jedenfalls Amiens und dessen Umgebung zustreben. +Auch ist zu erwarten, dass die franzoesische Fuehrung sich unserem Vordraengen +von Sueden her in die Flanke werfen wird. + +Der Abend des vierten Schlachttages sieht Bapaume in unseren Haenden. +Peronne und die Sommelinie suedwaerts liegt schon hinter unseren vordern +Divisionen. Wir haben das alte Schlachtfeld an der Somme wieder betreten; +fuer manchen unserer Soldaten reich an stolzen, wenn auch ernsten +Erinnerungen, fuer alle, die es zum ersten Male sahen, tiefergreifend durch +die Sprache, die auch jetzt noch aus den Millionen von Granattrichtern, +aus dem Gewirr halbverfallener und verwachsener Graeben, aus dem +majestaetischen Schweigen ueber den veroedeten Flaechen und aus den Tausenden +von Graebern an das menschliche Herz dringt. + +Starke Frontteile der Englaender sind voellig geschlagen und weichen +ziemlich haltlos in Richtung auf Amiens zurueck. Zunaechst stockt aber nun +das Vorschreiten unserer rechten Fluegelarmee. Um die Schlacht hier wieder +in Fluss zu bringen, greifen wir das Hoehengelaende ostwaerts Arras mit neuen +Kraeften an. Der Versuch gelingt indessen nur stellenweise. Das Unternehmen +wird abgebrochen. Inzwischen nimmt die Mitte unseres Angriffes Albert. Der +linke Fluegel stoesst am siebenten Schlachttage unter Deckung gegen +franzoesische Angriffe aus suedlicher Richtung ueber Roye bis Montdidier vor. + +Die Entscheidung liegt also mehr als je in der Richtung auf Amiens. +Dorthin scheinen wir augenblicklich noch gut vorwaerts zu kommen. Aber bald +wird auch hier der Widerstand zaeher und zaeher, die Bewegung langsamer und +langsamer. Die auf Amiens vorausgeflogenen Phantasien und Hoffnungen +muessen zurueckgeholt werden. Die Tatsachen muessen so betrachtet werden, wie +sie sind. Menschliche Arbeit bleibt Stueckwerk. Guenstige Gelegenheiten +werden versaeumt, nicht ueberall wird mit gleicher Tatkraft zugegriffen, +selbst da, wo ein glaenzendes Ziel in Aussicht steht. Man moechte es jedem +einzelnen Soldaten zurufen: "Dringe vorwaerts auf Amiens, gib den letzten +Rest deines Willens her! Vielleicht bedeutet Amiens den entscheidenden +Sieg. Nimm wenigstens noch Villers-Bretonneux, damit wir von den dortigen +Hoehen mit Massen schwerer Artillerie Amiens beherrschen koennen!" +Vergebens, die Kraefte sind erlahmt. + +Der Gegner erkennt klar, was er mit Villers-Bretonneux verlieren wuerde. Er +wirft der Stirnseite unseres Durchbruches alles entgegen, was er +heranbringen kann. Der Franzose erscheint und rettet mit seinen +Massenangriffen und seiner gefechtsgewandten Artillerie die Lage fuer den +Verbuendeten und fuer sich selber. + +Bei uns fordert die menschliche Natur zwingend ihr Recht. Wir muessen Atem +schoepfen. Die Infanterie braucht Ruhe, die Artillerie Munition. Ein Glueck +war es, dass wir teilweise aus den reichen Vorraeten des geschlagenen +Gegners leben konnten; wir haetten sonst die Somme wohl nicht ueberschreiten +koennen, denn die im breiten Trichterfeld der zuerst genommenen feindlichen +Stellungen verschuetteten Strassen koennen erst durch tagelange Arbeit wieder +benutzbar gemacht werden. Noch aber geben wir die Hoffnung, +Villers-Bretonneux zu gewinnen, nicht voellig auf. Am 4. April versuchen +wir aufs neue, den Gegner von dort zu vertreiben. Verheissungsvoll lauten +an diesem Tage zuerst die Nachrichten ueber das Vorschreiten unseres +Angriffes. Der folgende 5. April aber bringt an diesem Punkte Rueckschlag +und Enttaeuschung. + +Amiens bleibt in den Haenden der Gegner und wird nur von unserem Fernfeuer +beruehrt, das die Verkehrsadern des Feindes zwar beunruhigen, aber nicht +unterbinden kann. + +Die "Grosse Schlacht" in Frankreich ist zu Ende! + + + + Die Schlacht an der Lys + + +Unter den Schlachtentwuerfen fuer den Beginn des Feldzugsjahres 1918 befand +sich auch eine Bearbeitung des Angriffes auf die englische Stellung in +Flandern. Bei dieser war von dem Gedanken ausgegangen, sich gegen den nach +Osten vorspringenden englischen Nordfluegel beiderseits Armentieres zu +wenden, um durch Vordringen in allgemeiner Richtung Hazebrouck den +Zusammenbruch herbeizufuehren. Die Aussichten, die eine solche Operation im +Falle guenstigen Vorschreitens bot, waren sehr verlockend, aber der +Durchfuehrung des Angriffes standen sehr erhebliche Bedenken gegenueber. +Zunaechst war es klar, dass wir es hier mit der staerksten englischen +Kampfgruppe zu tun bekamen. Diese, auf verhaeltnismaessig engem Raum +zusammengefasst, war wohl in der Lage, unsern Ansturm nach kurzem +Vorschreiten zum Festrennen zu bringen. Wir begaben uns mit einer solchen +Unternehmung demnach gerade in die Gefahr, die wir vermeiden wollten. Dazu +kamen die Schwierigkeiten des Angriffsgelaendes beiderseits Armentieres. Da +waren zunaechst die meilenbreiten Wiesengruende der Lys und dann dieser Fluss +selbst zu ueberwinden. Im Winter waren die Niederungen auf weite Strecken +ueberschwemmt, im Fruehjahr oft wochenlang versumpft, ein wahrer Schrecken +fuer die Besatzung der dortigen Verteidigungsstellungen. Noerdlich der Lys +stieg das Gelaende allmaehlich an und erhob sich dann schaerfer zu den +gewaltigen Hoehenstellungen, die bei Kemmel und Cassel ihre maechtigsten +Eckpfeiler hatten. + +Bevor die Lys-Niederung nicht einigermassen gangbar war, liess sich an die +Durchfuehrung dieses Angriffes ueberhaupt nicht denken. Ein genuegendes +Trockenwerden war bei gewoehnlichen Witterungsverhaeltnissen erst gegen +Mitte April mit einiger Sicherheit zu erwarten. Wir glaubten indessen den +Beginn des entscheidenden Ringens im Westen nicht so lange hinausschieben +zu koennen. Mussten wir doch ununterbrochen die Moeglichkeit des Eingreifens +von Nordamerika im Auge behalten. Ungeachtet der gegen den Angriff +vorhandenen Bedenken liessen wir das Unternehmen wenigstens theoretisch +vorbereiten. An seine Verwirklichung war fuer den Fall gedacht, dass unsere +Operation bei St. Quentin die gegnerische Fuehrung veranlassen wuerde, +starke Kraefte von der Gruppe in Flandern wegzuziehen, um sie unserem +Durchbruch entgegenzuwerfen. + +Dieser Fall war Ende Maerz eingetreten. Sobald sich nun uebersehen liess, dass +unser Angriff in Richtung nach Westen ins Stocken kommen musste, +entschlossen wir uns daher, auf unsere Operation an der Lys-Front +zurueckzugreifen. Eine Anfrage bei der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht +erhielt die Antwort: Der Angriff ueber die Lys-Niederung sei dank des +trockenen Vorfruehlingswetters schon jetzt moeglich. Mit ausserordentlicher +Tatkraft wurde nunmehr das Unternehmen von seiten der Armeefuehrungen und +Truppen gefoerdert. + +Am 9. April, am Jahrestage der grossen Krisis von Arras, erhoben sich aus +den verschlammten Stellungen an der Lys-Front von Armentieres bis La +Bassee unsere sturmbereiten Truppen. Freilich nicht in breiten +Angriffswellen sondern meist in kleinen Abteilungen und in schmalsten +Kolonnen wateten sie durch einen von Granaten und Minen zerwuehlten Morast, +zwischen tiefen, mit Wasser gefuellten Geschosstrichtern oder auf den +wenigen einigermassen festen Gelaendestreifen den feindlichen Linien +entgegen. Unter dem Feuerschutz unserer Artillerie und Minenwerfer gelang +trotz aller natuerlichen und kuenstlichen Hindernisse das ueberraschende +Vorgehen, an das anscheinend weder die Englaender noch die zwischen ihnen +eingeschobenen Portugiesen geglaubt hatten. Die portugiesischen Truppen +verliessen groesstenteils in haltloser Flucht das Schlachtfeld und +verzichteten endgueltig zugunsten ihrer Bundesgenossen auf die Kampfarbeit. +Unsere Ausnuetzung der Ueberraschung und des portugiesischen Versagens fand +freilich in dem Gelaende die groessten Schwierigkeiten; nur mit Muehe konnten +einzelne Geschuetze und Munitionswagen hinter der Infanterie nach vorwaerts +gebracht werden. Doch wurde die Lys am Abend erreicht, an einer Stelle +ueberschritten. Die Entscheidung lag also auch diesmal in dem Kampfverlauf +der naechstfolgenden Tage. Die Aussichten blieben zunaechst guenstig. Der +10. April sieht Estaires in unserer Hand; auch wird besonders in der +Gegend nordwestlich Armentieres Gelaende gewonnen. Am gleichen Tage wird +unser Angriff bis in die Gegend von Wytschaete ausgedehnt. Die +Truemmerstaetten des wiederholt umstrittenen Messines werden von uns wieder +gestuermt. + +Auch der naechste Tag bringt uns neue Erfolge und neue Hoffnungen. +Armentieres wird vom Gegner geraeumt, Merville von uns genommen. Wir naehern +uns von Sueden her der ersten Stufe zu dem maechtigen Hoehengelaende, von dem +aus der Blick und die Artillerie des Gegners unsern Angriff beherrschten. +Die Fortschritte werden aber von jetzt ab immer geringer. Sie hoeren am +linken Fluegel in westlicher Richtung bald ganz auf und ermatten bedenklich +in Richtung auf Hazebrouck. In der Mitte nehmen wir in den naechsten Tagen +noch Bailleul und setzen von Sueden her den Fuss auf das Huegelgelaende. Auch +Wytschaete faellt in unsere Hand. Damit erschoepft sich jedoch dieser erste +Schlag. + +Wie Ketten hatten sich die Schwierigkeiten der Verbindungen durch die +Lys-Niederung an die Bewegungen unserer vom Sueden her angreifenden Truppen +gelegt. Schiessbedarf kommt in nur ungenuegenden Mengen durch, und wir sind +nur dank der Beute auf dem bis jetzt eroberten Kampffelde in der Lage, +unsere Truppen ausreichend zu verpflegen. + +In dem Ringen gegen die feindlichen Maschinengewehrnester blutet unsere +Infanterie ausserordentlich, ihre Erschoepfung droht, wenn wir nicht eine +Zeitlang im Angriff innehalten. Andrerseits draengt die Lage zu einer +Entscheidung. Wir waren in eine jener Krisen geraten, in denen der Angriff +aeusserst schwierig, die Verteidigung bedenklich wird. Nicht im Durchhalten, +nur im Vorwaertskommen konnte die Befreiung aus diesem Zustande liegen. + +Wir muessen den Kemmelberg stuermen. Wie ein Klotz liegt dieser Berg seit +Jahren vor unseren Augen. Es ist damit zu rechnen, dass ihn der Gegner zum +Kernpunkt seiner flandrischen Stellung ausgebaut hat. Die Lichtbilder +unserer Flieger enthuellen wohl nur einen Teil der dort vorhandenen +Feinheiten der Verteidigungsanlagen. Wir hoffen aber, dass der aeussere +Eindruck des Berges staerker ist als sein wirklicher taktischer Wert. +Solche Erfahrungen waren von uns ja schon an anderen Angriffsobjekten +gemacht worden. Kerntruppen, die am Roten-Turmpass, bei den Kaempfen in den +transsylvanischen Bergen, im serbisch-albanischen Gebirge und in den +oberitalienischen Alpen ihren Willen gezeigt und ihre Kraft bewaehrt +hatten, duerften vielleicht auch hier das scheinbar Unmoegliche moeglich +machen. + +Voraussetzung fuer das Gelingen unseres weiteren Angriffes in Flandern ist, +die franzoesische Fuehrung zu veranlassen, den englischen Bundesgenossen die +Last des dortigen Kampfes allein tragen zu lassen. Wir greifen daher +zunaechst am 24. April erneut bei Villers-Bretonneux an, hoffend, dass der +franzoesischen Kriegsleitung die Sorge um Amiens naeherliegen wuerde als die +Hilfeleistung fuer den schwer bedraengten englischen Freund in Flandern. +Aber dieser unser neuer Angriff scheitert. Dagegen bricht am 25. April die +englische Verteidigung auf dem Kemmelberge auf den ersten Anhieb zusammen. +Der Verlust dieser Stuetze erschuettert die ganze feindliche Flandernfront. +Der Gegner beginnt aus dem Ypernbogen zu weichen, den er in monatelangem +Ringen im Jahre 1917 ausgeweitet hatte. An die letzte flandrische Stadt +klammert er sich jedoch wie an ein Kleinod, das er aus politischen +Ruecksichten nicht verlieren will. Doch nicht bei Ypern sondern von +Suedosten her, in der Angriffsrichtung auf Cassel, liegt die Entscheidung +in Flandern. Gelingt es uns, in dieser Richtung vorzukommen, dann muss die +ganze englisch-belgische Flandernfront ins Rollen nach Westen kommen. Wie +vor einem Monat im Gedanken an Amiens, so erweitern sich auch diesmal die +Hoffnungen und eilen bis an die Kueste des Kanals. Ich glaube zu fuehlen, +wie ganz England mit verhaltenem Atem dem Fortgang der flandrischen +Schlacht folgt. + +Nachdem das Riesenbollwerk, der Kemmelberg, gefallen ist, haben wir keinen +Grund, vor den Schwierigkeiten der weiteren Angriffe zurueckzuweichen. +Freilich kommen Nachrichten ueber das Versagen einzelner unserer Truppen. +Auch werden wieder Fehler auf dem Schlachtfelde gemacht, Versaeumnisse +begangen. Doch solche Fehler und Versaeumnisse liegen in der menschlichen +Natur. Wer die wenigsten macht, wird Herr des Schlachtfeldes bleiben. Wir +waren bis jetzt die Herren und wollen es weiter sein. Erfolge, wie der am +Kemmel, reissen nicht nur die Truppe empor, die solches geleistet hat, sie +beleben ganze Armeen. Also weiter vor, zunaechst wenigstens bis Cassel! Von +dort aus kann das Fernfeuer unserer schwersten Geschuetze Boulogne und +Calais erreichen. Beide Staedte sind vollgepfropft mit englischen +Kriegsvorraeten, sie sind ausserdem die hauptsaechlichsten Ausschiffhaefen der +englischen Kriegsmacht. Diese englische Kriegsmacht hat bei dem Kampf am +Kemmelberge ueberraschend versagt. Gelingt es uns, hier mit ihr allein +abzurechnen, dann haben wir sicherlich Aussicht auf grossen Erfolg. Trifft +keine franzoesische Hilfe ein, so ist England in Flandern vielleicht +verloren. Doch diese Hilfe kommt wieder in Englands aeusserster Not. Mit +verbissenem Zorne gegen den Freund, der den Kemmelberg preisgegeben hat, +versuchen die eintreffenden franzoesischen Truppen, uns diesen Stuetzpunkt +zu entreissen. Vergeblich! Aber auch unsere letzten grossen Anstuerme gegen +die neuen franzoesisch-englischen Stellungen dringen Ende April nicht mehr +durch. + +Am 1. Mai gehen wir in Flandern zur Verteidigung ueber, oder, wie wir +damals hofften, zur einstweiligen Verteidigung. + + + + Die Schlacht bei Soissons und Reims + + +Der von uns zur Erreichung unseres grossen Zieles eingeschlagene Weg wurde +auch nach Beendigung der Kaempfe in Flandern eingehalten. Wir wollen auch +weiterhin "durch eng zusammenhaengende Teilschlaege das feindliche Gebaeude +derartig erschuettern, dass es gelegentlich doch einmal zusammenbricht". So +kennzeichnete eine damals verfasste Niederschrift unsere Absichten. Zweimal +war England in aeusserster Krisis durch Frankreich gerettet worden; +vielleicht gelang es uns beim dritten Male, einen endgueltigen Sieg gegen +diesen Gegner zu erringen. Der Angriff auf den englischen Nordfluegel blieb +auch weiterhin der leitende Gesichtspunkt fuer unsere Operationen. In der +gluecklichen Durchfuehrung dieses Angriffes lag nach meiner Ansicht die +Entscheidung des Krieges. Gelangten wir an die Kueste des Kanals, so +beruehrten wir die Lebensadern Englands unmittelbar. Wir kamen nicht nur in +die denkbar guenstigste Lage fuer Bekaempfung seiner Seeverbindungen, sondern +wir vermochten von dort aus mit unseren schwersten Geschuetzen sogar einen +Teil von Britanniens Suedkueste unter Feuer zu nehmen. Das geheimnisvolle +Wunder der Technik, das zur Zeit aus der Gegend von Laon seine Granaten +bis in die franzoesische Hauptstadt schleudert, kann auch gegen England zur +Wirkung gebracht werden. Nur noch eine geringe Vergroesserung dieses Wunders +ist noetig, um das Herz des englischen Handels und Staates von der Kueste +bei Calais aus unter Feuer zu nehmen. Ernste Aussichten fuer Grossbritannien +damals, aber auch weiter fuer alle Zukunft! Man kann solche Wunder nach +Kruppschen Gedanken nunmehr ueberall bauen. Ob in ihnen Friedensgarantien +oder Kriegserreger gegeben sind, muss die Zukunft entscheiden. England hat +wohl in weitsichtigen Gedanken und feinem Empfinden fuer die ihm drohenden +Gefahren der Zukunft dies alles schon bedacht. Vielleicht hat auch +Frankreich im geheimen schon die Folgerungen daraus gezogen. Dass man ueber +solches Denken Schweigen bewahrt, ist zwischen Freunden +selbstverstaendlich; doch fuehlt man wohl beiderseits die Waffe in der +Tasche des anderen. + +Fuer uns handelte es sich im Mai 1918 zunaechst darum, die beiden jetzigen +Freunde in Flandern wiederum zu trennen. England ist leichter zu schlagen, +wenn Frankreich fern steht. Stellen wir demnach die Franzosen vor eine +Krisis an ihrer Front, dann werden sie wohl die Divisionen wegziehen, die +zurzeit in Flandern in den englischen Linien verwendet sind. Moeglichste +Eile ist notwendig, sonst entreisst uns der wieder gestaerkte Gegner die +Vorhand. Ein gefahrvoller Einbruch in unsere nicht sehr starken +Verteidigungsfronten wuerde unsere Absichten empfindlich stoeren, ja +unmoeglich machen. + +Der Franzose ist am empfindlichsten in der Richtung auf Paris. Dort ist +die politische Atmosphaere gegenwaertig ziemlich stark geladen. Unsere +Granaten und Fliegerbomben haben sie zwar bisher nicht zur Entladung +gebracht, doch koennen wir hoffen, dass dies gelingt, wenn wir naeher an die +Stadt heranruecken. In Richtung auf Soissons steht nach allem, was wir +wissen, die franzoesische Verteidigung zahlenmaessig besonders schwach, doch +gerade hier im angriffsschwierigsten Gelaende. + +Als ich am Beginn des Jahres 1917 bei meiner ersten Anwesenheit in Laon +die Terrasse der Praefektur am Suedteil der eigenartig aufgebauten +Felsenstadt betrat, lag die Gegend vor mir in der vollen Klarheit eines +herrlichen Vorfruehlingtages. Eingefasst zwischen zwei Huegelrahmen im Westen +und Osten erstreckte sich das Landschaftsbild nach Sueden, dort +abgeschlossen durch einen maechtigen Wall, den Chemin des Dames. Vor +103 Jahren hatten Preussen und Russen unter Bluechers Fuehrung nach +kampfheissen Tagen suedlich der Marne die Hoehen des Chemin des Dames von +Sueden her ueberschritten und sich nach dem moerderischen Gefechte bei +Craonne unmittelbar bei Laon zum Kampfe gegen den Korsen gestellt. Im +Ostgelaende des steilen Laoner Felsens entschied sich in der Nacht vom 9. +auf den 10. Maerz 1814 der Kampf zugunsten der Verbuendeten. + +An den Hoehen des Chemin des Dames war die franzoesische Fruehjahrsoffensive +1917 abgeprallt. Wochenlang hatte man damals mit wechselndem Erfolg um die +dortige Stellung gerungen, dann war es still geworden. Im Oktober 1917 +aber wurde der rechte Schulterpunkt dieser Stellung nordoestlich Soissons +vom Gegner gestuermt, und wir waren gezwungen, den Chemin des Dames zu +raeumen und unsere Verteidigung hinter die Ailette zurueckzulegen. + +Ueber die Steilhaenge des Chemin des Dames hinueber hatten unsere Truppen +nunmehr aufs neue anzugreifen. Fast noch mehr als bei den bisherigen +Angriffen hing das Gelingen dieses Unternehmens von der Ueberraschung ab. +War eine solche nicht moeglich, dann scheiterte unser Angriff wohl schon an +den noerdlichen Steilhaengen des Hoehenrueckens. Die Ueberraschung gelang +jedoch vollstaendig. + +Eine eigenartige Erklaerung fuer diese Tatsache moechte ich hier anfuehren. +Ein Offizier, der bei den Vorbereitungen an der Ailette taetig gewesen war, +vertrat die Anschauung, dass der Laerm der quakenden Froesche in den +Flussarmen und feuchten Wiesengruenden so stark gewesen sei, dass er selbst +das Geraeusch unserer vorfahrenden Brueckenwagen uebertoente. Mag ein anderer +ueber diese Mitteilung denken, wie er will, ich moechte nur versichern, dass +ich den Erzaehler vorher durch Wiedergabe von Erlebnissen aus meinem +Jaegerleben nicht gereizt hatte! Eine andere mir mehr einleuchtende +Erklaerung fuer das Gelingen der Verschleierung unseres Angriffs entstammt +dem Munde eines gefangenen feindlichen Offiziers. Zu diesem wurde am Tage +vor Beginn unseres Angriffes ein preussischer Unteroffizier gebracht, der +auf Erkundung gefangen war. Auf die Frage, ob er etwas ueber einen +deutschen Angriff sagen koennte, gab dieser folgende Auskunft: + + "In den fruehesten Morgenstunden des 27. Mai wird ein maechtiges deutsches + Artilleriefeuer losbrechen. Es dient aber nur Taeuschungszwecken, denn + der anschliessende deutsche Infanterieangriff wird nur von wenigen + Freiwilligenabteilungen ausgefuehrt werden. Die Moral der deutschen + Truppen ist durch die furchtbaren Verluste bei St. Quentin und in + Flandern so erschuettert, dass sich die Infanterie einem allgemeinen + Angriffsbefehl offen widersetzt hat". + +Der Offizier gab offen zu, dass ihm diese Angaben den Eindruck voller +Glaubwuerdigkeit gemacht haetten, und dass er deswegen am 27. Mai in voller +Ruhe den Verlauf der Dinge abwarten zu koennen glaubte. Vielleicht kommen +diese meine Erinnerungen dem braven deutschen Soldaten zur Kenntnis. Ich +druecke ihm in Gedanken die Hand und danke ihm im Namen des ganzen Heeres, +dem er einen so unschaetzbaren Dienst erwies, und im Namen von vielen +Hunderten, ja vielleicht Tausenden braver Kameraden, deren Leben er durch +seine Geistesgegenwart erhalten hat. Die Taeuschung des feindlichen +Offiziers haette uebrigens nicht so gelingen koennen, wenn nicht die +feindliche Propaganda durch die sinnlose Uebertreibung unserer bisherigen +Verluste einen guenstigen Boden fuer die Glaubwuerdigkeit der Angaben des +preussischen Unteroffiziers vorbereitet haette. So raechen sich hier und da +propagandistische Unwahrheiten und Uebertreibungen. + +Die Schlacht begann am 27. Mai. Sie nahm einen glaenzenden Verlauf. Wir +hatten urspruenglich damit rechnen zu muessen geglaubt, dass unser Angriff an +der Linie der Aisne-Vesle zum Halten kommen wuerde, und wollten dann ueber +diese Abschnitte hinaus nicht weiter vordringen. Wir waren daher nicht +wenig ueberrascht, als wir schon am Nachmittage des ersten Schlachttages +die Meldung erhielten, dass die deutschen Schrapnellwolken bereits auf dem +Suedufer der Aisne liegen, und dass unsere Infanterie dorthin noch am +gleichen Tage vorgehen wollte. + +Die Mitte unseres vollen taktischen Durchbruches erreichte in wenigen +Tagen die Marne von Chateau-Thierry bis Dormans. Unsere Fluegel schwenkten +nach Westen gegen Villers-Cotterets und nach Osten gegen Reims und das +Hoehengelaende suedlich dieser Stadt ein. Die Beute war ungeheuer, das ganze +Aufmarschgebiet der franzoesischen Fruehjahrsoffensive von 1917 mit seinen +noch vorhandenen reichen Vorraeten aller Art war in unserem Besitz. Die +Anlage neuer Strassen, Lagerbauten fuer viele Tausende von Mannschaften und +anderes legten Zeugnis davon ab, in welch grosszuegiger Weise der Franzose +damals seine Angriffe in mehrmonatiger Arbeit vorbereitet hatte. Wir +hatten die Sache kuerzer gemacht! + +In diesen Tagen sah ich gelegentlich eines Besuches der Schlachtfelder +Laon wieder. Wie hatte sich in der Zeit seit Winter 1917 der damals fast +friedliche Charakter des dortigen Lebens gewandelt. Wenige Tage, nachdem +unsere groessten Geschuetze aus den Waldungen bei Crepy, westlich Laon, das +Feuer gegen Paris eroeffnet hatten, begannen naemlich feindliche Batterien +aus dem Tale der Aisne das Feuer gegen die unglueckliche Stadt. Ich moechte +damit nicht behaupten, dass die Gegner gegen das eigene Fleisch und Blut +wueteten ohne verstaendlichen militaerischen Zweck. Sie nahmen wohl an, dass +die Munitionszufuhr zu unseren Paris so laestigen Batterien ueber Laon gehen +wuerde, ein begreiflicher Irrtum. Bei dem Feuer auf den Bahnhof fiel eine +grosse Anzahl schwerer Geschosse in die noch dicht bevoelkerte Stadt, auch +warfen nunmehr feindliche Flieger zu jeder Tageszeit Bomben dort nieder. +Wer von den hart heimgesuchten Einwohnern sich von der mit Vernichtung +bedrohten Heimstaette nicht losreissen konnte, musste in Kellern oder +Erdraeumen leben, ein Bild unsagbaren Massenelends, wie wir es freilich aus +aehnlichen Gruenden auch an anderen Stellen hinter unseren westlichen +Verteidigungsfronten mit ansehen mussten, ohne etwas daran aendern zu +koennen. Am ersten Angriffstage waren die feindlichen Fernfeuergeschuetze am +Aisne-Tal erobert worden, und damit hatte die Beschiessung Laons ein Ende +genommen. Ein Zugehoeriger dieser Batterien wurde gefangen durch die Stadt +gefuehrt. Hier stellte er die Bitte, die beschossenen Haeuserviertel +besuchen zu duerfen, da ihn die Lage der Schuesse seiner Geschuetze +interessiere. Welch ueberraschender Tiefstand eines durch den Krieg +versteinerten Herzens! + +Der Krieg wirkte freilich nicht immer derartig; auch bei unseren Gegnern +fanden sich weiche Herzen nach hartem Maennerkampfe. Von den mir erzaehlten +Beispielen moechte ich nur eines verzeichnen: Es war am 21. Maerz in dem +noch immer mit schwerem englischen Feuer belegten St. Quentin. Dort stauen +sich in den zerschossenen Strassen deutsche Kolonnen. Feindliche Gefangene, +aus dem Kampfe kommend und Verwundete tragend, werden zum Halten +gezwungen. Sie legen ihre Buerde nieder. Da hebt ein schwer verwundeter +deutscher Soldat, dem Tode naeher als dem Leben, den ermattenden Arm +suchend und stoehnt zu dem sich niederbeugenden Traeger: "Mutter, Mutter." +Das englische Ohr versteht den deutschen Laut. Der Tommy kniet nieder an +der Seite des Grenadiers, streichelt die erkaltende Hand und sagt: +"_Mother, yes, mother is here!_" + +Auch ich selbst sah auf diesen Schlachtfeldern Bilder tiefen menschlichen +Fuehlens. So wanderte ich Ende Mai an der Seite eines deutschen Generals +ueber die kurz vorher erstuermten Hoehen westlich Craonne. Bei jedem der noch +nicht bestatteten gegnerischen Gefallenen bueckt er sich und bedeckt das +noch entbloesste Gesicht, eine Huldigung an die Majestaet des Todes. Er sorgt +aber auch fuer lebende Feinde, labt aus eigenen Mitteln einige aus Schwaeche +zurueckgebliebene Verwundete und veranlasst ihren bequemen Transport. Auch +schon frueher hatte ich Gelegenheit, in das wahre Menschentum dieses +Deutschen zu blicken. In den Maerztagen des Jahres fahre ich in der Gegend +von St. Quentin an seiner Seite an Kolonnen gegnerischer Gefangener +entlang, die sein ernstes Auge in tiefen Gedanken betrachtet. An der +Spitze einer dieser Kolonnen laesst er Halt machen und spricht den dort +vereinigten feindlichen Offizieren die Anerkennung fuer die tapfere Haltung +ihrer Truppen aus, sie mit dem Hinweis troestend, dass das haerteste Los, das +der Gefangenenschaft, oft den trifft, der am tapfersten ausgeharrt hat. +Die Wirkung dieser Worte scheint gross. Am groessten bei einem jungen +hochgewachsenen Offizier, der augenscheinlich schwer beruehrt bisher den +Kopf wie aus Scham zu Boden senkte. Jetzt erhebt sich die schlanke +Gestalt, wie die junge Tanne vom Schneedruck befreit, und ihr dankbarer +Blick trifft das Auge - meines Kaisers. + +Zur Erweiterung unserer Erfolge hatten wir noch waehrend der Kaempfe in dem +bis zur Marne aufspringenden Bogen den rechten Fluegel unseres Angriffes +nach Westen hin bis zur Oise ausgedehnt. Der Angriff gelang nur +unvollstaendig. Ein Angriff, den wir aus der Linie Montdidier-Noyon am +9. Juni in Richtung Compiegne fuehrten, drang nur bis halbwegs dieser Stadt +vor. Auch unsere Versuche in der Richtung auf Villers-Cotterets gelangten +zu keinem groesseren Ergebnis. Wir mussten uns davon ueberzeugen, dass wir in +der Gegend von Compiegne-Villers-Cotterets die Hauptkraefte des feindlichen +Widerstandes vor uns hatten, den zu brechen wir die Kraefte nicht besassen. + +Zusammenfassend moechte ich meine Bemerkungen ueber die Schlacht von +Soissons-Reims damit schliessen, dass uns die Kaempfe viel weiter gefuehrt +hatten, als es urspruenglich beabsichtigt war. Auch hier hatten sich aus +unerwarteten Erfolgen neue Hoffnungen und neue Ziele ergeben. Dass diese +schliesslich nicht voll erreicht wurden, lag in der allmaehlichen +Erschoepfung der eingesetzten Kraefte begruendet. Unseren allgemeinen +Absichten entsprach es jedoch nicht, noch mehr Divisionen fuer die +Operation in der Marnegegend einzusetzen. Unsere Blicke richteten sich +ununterbrochen nach Flandern. + + + + Rueckblick und Ausblick Ende Juni 1918 + + +Das von uns in den drei grossen Schlachten Erreichte stellte vom +kriegerischen Gesichtspunkte aus alles in den Schatten, was seit dem +Herbste 1914 im Westen im Angriffskampfe geleistet worden war. Aus dem +Gelaendegewinn, den Beutezahlen, den schweren blutigen Verlusten des +Gegners sprach mit aller Deutlichkeit die Groesse der deutschen Erfolge. Wir +hatten das Gefuege des feindlichen Widerstandes bis in seine Grundfesten +erschuettert. Unsere Truppen hatten sich den grossen Anforderungen, die wir +an sie stellten, voll gewachsen gezeigt. In den wochenlangen +Angriffskaempfen hatte der deutsche Soldat bewiesen, dass der alte Geist +durch die jahrelangen Verteidigungskaempfe nicht erstickt war, sondern sich +unter dem Worte "Vorwaerts" bis zu der Hoehe des seelischen Schwunges des +Jahres 1914 emporgehoben hatte. Der Sturmdrang unserer Infanterie hatte +seine Wirkung auf den Gegner nicht verfehlt: "_What an admirable and +gallant infanterie you have_", so sprach ein feindlicher Offizier sich +gegenueber einem meiner Generalstabsoffiziere aus. Im engsten Anschluss an +diese Infanterie hatten ihre Schwesterwaffen in allen Gefechtslagen in +vorderster Linie gestanden. Ein maechtiger Einheitszug war durch das Ganze +hindurch gegangen, durchgreifend bis zum letzten Mann am hintersten +Munitionswagen. Wie hatten sie alle vorwaerts gestrebt, um teilzuhaben, +mitzuwirken und mitzufuehlen an dem grossen Geschehen! Wie oft loeste sich da +ein freudiger Jubel, ein erhebendes Singen, ein lautes dankbares Gebet. +Auch ich hatte auf den Schlachtfeldern von jenem Geiste wieder genossen, +der mich wie ein Herueberwehen aus meiner laengst vergangenen militaerischen +Jugendzeit anmutete. Ein Menschenalter lag dazwischen, aber das +Menschenherz, der deutsche Soldatengeist war unveraendert geblieben. So +hatten unsere braven Jungens im alten blauen Rock in den Biwaks von +Koeniggraetz und Sedan gesprochen und gesungen, wie die Feldgrauen jetzt +wieder sprachen und sangen in den grossen Kaempfen um Dasein und Vaterland, +fuer Kaiser und Reich. + +Aber all das, was geleistet worden war, hatte bisher nicht ausgereicht, +den Gegner militaerisch und politisch in das Lebensmark zu treffen. Auf der +gegnerischen Seite zeigte sich keine Spur von Nachgiebigkeit. Nach aussen +hin schien im Gegenteil jede militaerische Niederlage den +Vernichtungswillen des Feindes nur noch zu verstaerken. Dieser Eindruck +wurde auch nicht dadurch abgeschwaecht, dass ab und zu im gegnerischen Lager +Stimmen zur Maessigung rieten. Der diktatorische Druck der uns feindlichen +Staatsgebaeude war im grossen und ganzen nirgends gelockert. Wie mit +eisernen Klammern hielt er den Willen und die Kraft der Voelker zusammen +und machte in mehr oder minder ausgesprochen gewaltsamer Form alle +diejenigen unschaedlich, die in andrer Richtung zu denken wagten, als die +jetzigen tyrannischen Machthaber. In dem Wirken dieser Gewalten lag fuer +mich etwas sehr Eindrucksvolles. Sie stuetzten ihre eigenen Hoffnungen und +verwiesen ihre Voelker in erster Linie auf das allmaehliche Ermatten unserer +Kraft. Diese musste sich nach ihrer Anschauung allmaehlich verbrauchen. Der +Hunger in der deutschen Heimat, der Kampf an der Front, das Gift der +Propaganda, Bestechungsgelder, Flugschriften, innere staatliche Kaempfe +hatten uns bisher nicht zu Fall zu bringen vermocht. Jetzt wurde ein neuer +Faktor wirksam: die amerikanische Hilfe. Wir hatten ihre ersten +kampfgeschulten Truppen bei Chateau-Thierry kennen gelernt. Sie traten uns +dort entgegen, noch ungelenk aber von kraeftigem Willen gefuehrt. Sie +wirkten auf unsere schwachen Verbaende ueberraschend durch ihre zahlenmaessige +Ueberlegenheit. + +Mit dem Eingreifen der Amerikaner auf dem Schlachtfelde waren die so lange +gehegten franzoesischen und englischen Hoffnungen endlich erfuellt. War es +da ein Wunder, wenn die feindlichen Staatsmaenner jetzt weniger als je an +einen friedlichen Ausgleich mit uns dachten? Die Vernichtung unseres +staatlichen und wirtschaftlichen Daseins war von ihrer Seite seit langem +beschlossen, mochten sie diese Absicht auch hinter fadenscheinigen, milden +und sophistischen Redensarten verbergen wollen. Sie wandten solche Phrasen +nur an, wenn diese ihren propagandistischen Zwecken entsprachen, sei es, +um ihren eigenen Voelkern die auferlegte Blutsteuer ertraeglich erscheinen +zu lassen, sei es, um die Kampflust unseres Volkes zu zermuerben. So war +ein Ende des Krieges fuer uns nicht abzusehen. + +Mitte des Monats Juni hatte die allgemeine militaerische Lage fuer den +Vierbund eine wesentliche Verschlechterung erfahren: Nach +erfolgverheissenden Anfaengen war der Angriff Oesterreich-Ungarns in Italien +gescheitert. Wenn auch unser dortiger Gegner nicht die Kraft besass, aus +dem Misslingen des oesterreichisch-ungarischen Unternehmens groesseren Vorteil +zu ziehen, so war doch das Scheitern des Angriffs von Folgen begleitet, +die schlimmer waren, als sie aus einem Unterlassen des Angriffs haetten +entstehen koennen. Das Missgeschick unseres Bundesgenossen war ein Unglueck +auch fuer uns. Der Gegner wusste so gut wie wir, dass Oesterreich-Ungarn mit +diesem Angriff seine letzten Gewichte in die Wagschale des Krieges +geworfen hatte. Von jetzt ab hoerte die Donaumonarchie auf, eine Gefahr fuer +Italien zu bedeuten. Ich glaubte, damit rechnen zu muessen, dass Italien +sich nunmehr dem Draengen seiner Verbuendeten nicht mehr entziehen koennte +und auch seinerseits Kraefte auf den alles entscheidenden westlichen +Kriegsschauplatz werfen wuerde, nicht nur, um die feindliche politische +Einheitsfront zu beweisen, sondern auch um bei den weiteren Kaempfen eine +wirkungsvolle Rolle zu spielen. Sollte nicht auch diese neue Last auf +unsere Schultern allein fallen, so mussten wir oesterreichisch-ungarische +Divisionen an unsere Westfront heranzuholen versuchen. Das war der fuer uns +massgebende Grund fuer das Ersuchen um nunmehrige unmittelbare +oesterreichisch-ungarische Unterstuetzung. Grosse Wirkung konnten wir uns von +dieser Unterstuetzung allerdings zunaechst nicht versprechen. Die +Entscheidung ueber die Geschicke des gesamten Vierbundes hing jetzt mehr +als je ab von Deutschlands Kraft. + +Die Frage war also, ob diese noch ausreichen wuerde, um ein siegreiches +Ende des Krieges zu erzwingen. Ich habe weiter oben von den glaenzenden +Leistungen unserer Truppen gesprochen; zur Beantwortung dieser Frage wende +ich mich jetzt zu anderen, ernsteren Seiten: + +Bei aller Liebe und Anerkennung fuer unsere Soldaten durften wir doch die +Augen vor den sich im Laufe des langen Krieges ergebenden Maengeln in dem +Gefuege unserer Armee nicht verschliessen. Das Fehlen einer genuegenden Zahl +langgeschulter Fuehrer der unteren Dienstgrade hatte sich bei unsern grossen +Angriffsschlachten sehr fuehlbar gemacht. Die Gefechtsdisziplin war ab und +zu bedenklich gelockert. Es war an sich verstaendlich, dass der Soldat sich +inmitten der erbeuteten reichen Bestaende gegnerischer Depots dem Genusse +lang entbehrter Lebens- und Genussmittel hingab. Aber es haette verhindert +werden muessen, dass er sich auf diese Genuesse zur Unzeit stuerzte und dabei +seine augenblickliche Pflicht vernachlaessigte. Ganz abgesehen von den +aufloesenden Wirkungen derartigen Verhaltens auf den Geist der Truppe trat +auch die Gefahr ein, dass uns guenstige Gefechtslagen ungenutzt verstrichen +und sich wiederholt in das Gegenteil verwandelten. + +Die Kaempfe hatten weitere schwere, unausfuellbare Luecken in unsere Truppen +gerissen. So manche Infanterie-Regimenter bedurften eines voellig neuen +Aufbaues. Die Bausteine hierfuer waren dem alten Material moralisch meist +nicht mehr gleichwertig. Die Schwaechen der heimatlichen Verhaeltnisse +spiegelten sich vielfach in den Stimmungen wieder, die den ins Feld +nachkommenden Ersatz durchdrangen. + +Unter dem Einfluss unserer kriegerischen Erfolge hatte sich zwar die +Stimmung der Heimat in weiten Kreisen maechtig gehoben. Man folgte den +Nachrichten aus dem Felde mit groesster Spannung und hoffte auf ein +baldiges, glueckliches Ende des schweren Ringens. Hunger, Opfer, Sorge +schienen nicht umsonst gewesen zu sein, und manches wurde vergessen, +manches wurde auch weiter mannhaft ertragen, wenn nur ein gluecklicher +Schluss des ungeheuern Duldens in greifbare Naehe gerueckt blieb. So +bewirkten die Erfolge des Heeres vieles, was die politische Fuehrung +versaeumte. Aber das vaterlandslose Empfinden einzelner Teile des deutschen +Volkes, die von durch Eigennutz und Selbstsucht entarteten politischen +Ideenrichtungen durchtraenkt waren, die bei ihrer Nervenzerruettung und +sittlichen Verderbnis im Siege des Gegners das Glueck und den Frieden des +Vaterlandes sahen, und die das Gute ausschliesslich im feindlichen Lager, +das Boese ebenso ausschliesslich im eigenen Lande suchten und zu finden +glaubten, bildete den Ausstrahlungspunkt fuer die Zersetzung, die unsern +ganzen Volkskoerper verderben wollte. Wahrlich, Trotzki schien in +Brest-Litowsk nicht in den Wind gesprochen zu haben. Seine politischen +Irrlehren drangen ueber unsere Grenzpfaehle und fanden zahlreiche Anbeter in +allen Berufsklassen und aus den verschiedensten Beweggruenden. Die +feindliche Propaganda setzte ihre Einwirkung offen und im geheimen fort. +Sie warf sich mit wechselnder Staerke auf alle Gebiete unseres Lebens. + +So drohte das Schwinden der Widerstandskraft in unserm Volk und Heer sich +mit dem Vernichtungswillen des Gegners zu unserm Verderben zu verbinden. +Kriegerische Erfolge schienen allein einen Ausweg aus dieser schweren Lage +geben zu koennen. Mit ihrer Hilfe zu einem gluecklichen Ende zu kommen, war +nicht nur mein bestimmter Wille, sondern auch meine sichere Hoffnung. +Vorbedingung fuer solche Erfolge war, dass wir die Vorhand nicht verloren, +das heisst im Angriff blieben. Wir gerieten sofort unter den Hammer, wenn +wir ihn selbst aus der Hand gaben. + +Wir konnten uns durchkaempfen, wenn nur die Heimat uns weiter die +koerperlichen und sittlichen Kraefte gab, ueber die sie noch verfuegte, wenn +sie nicht den Mut und den Glauben an unsern Endsieg verlor, und wenn die +Bundesgenossen nicht versagten. + +In diesen Gedanken und Empfindungen trat ich an die Fortfuehrung unseres +bisherigen Gesamtplanes heran. + + + + + Im Angriff gescheitert + + + + Der Plan zur Schlacht bei Reims + + +Die Lage im Marnebogen nach dem Abschluss der Junikaempfe machte den +Eindruck eines unvollendeten, nicht abgeschlossenen Werkes. So wie wir von +Mitte Juni ab in diesem Bogen standen, konnten wir auf die Dauer nicht +stehen bleiben. Die Zufuhrverhaeltnisse in den gewaltigen Halbkreis hinein +waren mangelhaft. Sie genuegten knapp fuer den Zustand verhaeltnismaessiger +Kampfruhe, drohten aber fuer den Fall eines ausbrechenden, laenger dauernden +Grosskampfes bedenklich zu werden. Wir hatten nur eine, noch dazu wenig +leistungsfaehige Bahnlinie als hauptsaechlichste Zufuhrstrasse fuer unsere +grossen Truppenmassen auf dem im Verhaeltnis zu deren Staerke engen Raum zur +Verfuegung. Dazu kam, dass der vorspringende Bogen den Gegner geradezu zu +allseitigen Angriffen reizen musste. + +Die gruendliche Besserung der Versorgungsverhaeltnisse sowie der taktischen +Lage war nur moeglich, wenn wir Reims in unseren Besitz brachten. Die +Wegnahme dieser Stadt war im Zusammenhang mit den Mai-Junikaempfen nicht +gelungen. Wir hatten damals unser Schwergewicht hauptsaechlich in westliche +Richtung verlegt. Der Gewinn von Reims musste jetzt Aufgabe einer +besonderen Operation werden. Die dadurch notwendige Schlacht fuegte sich +aber auch in den Rahmen unserer gesamten Plaene ein. + +An frueherer Stelle habe ich schon betont, dass es nach Abbruch der +Lys-Schlacht unser Ziel blieb, dem Englaender in Flandern nochmals einen +entscheidenden Schlag zu versetzen. Unser Angriff bei Soissons hatte +diesem Gedanken gedient, indem wir dadurch die gegnerische Oberste Fuehrung +veranlassen wollten, den Englaendern in Flandern die franzoesischen Stuetzen +wieder zu entziehen. + +Die Vorbereitungen fuer die neue Flandernschlacht waren in der Zwischenzeit +fortgesetzt worden. Waehrend der Arbeiten an den zukuenftigen +Angriffsfronten lagen unsere fuer die Durchfuehrung bestimmten Divisionen in +Belgien und im noerdlichen Frankreich zur Erholung und Ausbildung in +Unterkunft. + +Ich befuerchtete von englischer Seite einstweilen keine angriffsweisen +Gegenmassregeln. Hatte auch der groesste Teil des englischen Heeres nunmehr +seit Monaten Gelegenheit zur Wiederherstellung seiner schwer erschuetterten +Kampfbrauchbarkeit gehabt, so schien es doch angesichts unserer drohenden +Stellung in Flandern nicht wahrscheinlich, dass der Englaender zum Angriff +uebergehen wuerde. + +Auf Grund unserer bisherigen Erfahrungen hoffte ich, dass wir mit den +englischen Hauptkraeften in Flandern fertig werden wuerden, wenn es uns nur +gelang, den Franzosen von dem dortigen Schlachtfeld dauernd fernzuhalten. +Die Erneuerung unserer Angriffe bei Reims sollte also auch jetzt unserem +groesseren und weiteren Zwecke, naemlich dem entscheidenden Kampf gegen die +Masse des englischen Heeres, dienen. + +Die Lage an der franzoesischen Front zeigte Anfang Juli ungefaehr folgendes +Bild: die Hauptmasse der Reserven des Generals Foch stand in der Gegend +Compiegne-Villers-Cotterets. Sie befanden sich dort in einer strategisch +sehr guenstigen Aufstellung. Sie waren einerseits bereit, einer Fortsetzung +unserer Angriffe in Richtung auf die beiden eben genannten Staedte +entgegenzutreten, und konnten andrerseits dank der ausserordentlich +guenstigen Bahnverbindungen von ihrem jetzigen Aufstellungsraume rasch an +jeden Teil der franzoesischen und englischen Front verschoben werden. Der +Uebergang Fochs zu einer grossen Offensive schien mir vor dem Eintreffen +starker amerikanischer Kraefte wenig wahrscheinlich, es sei denn, dass Foch +zu einer solchen Offensive durch besonders guenstige oder zwingende +Verhaeltnisse veranlasst wurde. + +Suedlich der Marne standen anscheinend keine sehr starken feindlichen +Kraefte. Bei Reims und im Berggelaende suedlich davon befand sich dagegen +zweifellos eine grosse gegnerische Kampfgruppe, die, abgesehen von +Franzosen, auch aus Englaendern und Italienern gebildet war. An den uebrigen +franzoesischen Fronten hatten sich die Verhaeltnisse im Vergleich mit der +Zeit unserer Fruehjahrsangriffe nicht wesentlich veraendert. Mit dem +staendigen Wechsel zwischen Stellungstruppen und verbrauchten +Kampfdivisionen aenderte sich die Gesamtlage an diesen Fronten nicht +wesentlich. + +Ueber das Eintreffen der amerikanischen Hilfe war eine erschoepfende +Klarheit nicht gewonnen. Offenkundig aber war, dass die amerikanischen +Massen sich nunmehr ununterbrochen nach Frankreich ergossen. Unsere +Unterseeboote waren nicht imstande, diese Bewegungen zu verhindern oder +abzuschwaechen, ebenso wenig wie ihre bisherige Wirkung ausgereicht hatte, +den gegnerischen Schiffsraum derartig zu verringern, dass ein solcher +Massentransport ueberhaupt nicht in Frage gekommen waere. Die Gegner +stellten nunmehr angesichts der unbedingten Notwendigkeit einer raschen +und umfassenden militaerischen Hilfe fuer Frankreich und England alle +Ruecksichten auf Lebensmittelversorgung und Wirtschaftsbeduerfnisse ihrer +Laender zurueck. Wir mussten uns mit dieser Tatsache abzufinden suchen. + +Brachten wir den beabsichtigten Angriff bei Reims in engen operativen +Zusammenhang mit unsern Plaenen in Flandern, so blieb die Frage zu +entscheiden, welche Ausdehnungen wir den Kaempfen bei Reims geben wollten +und mussten. Wir hatten urspruenglich die Absicht, uns mit der Wegnahme der +Stadt zu begnuegen. Ueber den Besitz von Reims entschied die Beherrschung +des Huegelgelaendes zwischen Epernay und Reims. In der Wegnahme dieses +Huegellandes lag somit das Schwergewicht unseres Angriffes. Zur +Erleichterung unseres dortigen Vorgehens, das heisst zur Ausschaltung einer +etwaigen flankierenden Wirkung des Gegners vom suedlichen Marneufer her, +sollten staerkere Kraefte beiderseits Dormans auf das Suedufer dieses Flusses +vorstossen und dann auch dort gegen Epernay vorgehen. Der Flussuebergang +angesichts eines kampfbereiten Gegners war zweifellos ein kuehnes +Unternehmen. In Anbetracht unserer immer wiederholten Erfahrungen bei den +verschiedenen Fluss- und Stromuebergaengen hielten wir jedoch auch in diesem +Falle ein solches Vorgehen nicht fuer zu bedenklich. Die +Hauptschwierigkeiten lagen nicht in der unmittelbaren Bewaeltigung des +Flussabschnittes sondern in der Fortfuehrung des Kampfes jenseits des +Hindernisses. Die Nachfuehrung der Artillerie und aller Kampf- und +Lebensbeduerfnisse fuer die Angriffstruppen war auf Kriegsbruecken +angewiesen, die naturgemaess dankbare Ziele fuer das artilleristische +Fernfeuer und fuer die Fliegerangriffe des Gegners boten. + +Ueber die anfaengliche Beschraenkung unseres Kampfes lediglich auf den Besitz +von Reims hinaus erhielt unser Plan im Verlaufe verschiedener +Besprechungen eine Ausdehnung nach Osten bis tief in die Champagne hinein. +Die Anregung hierzu entstand einerseits aus unserer Absicht, Reims auch im +Suedosten abzuschnueren, andererseits glaubten wir nach den letzten +Erfahrungen unseren Angriff vielleicht bis Chalons-sur-Marne vortreiben zu +koennen, verlockt durch die Aussichten auf grosse Beute an Gefangenen und +Kriegsbeduerfnissen, wenn das Unternehmen in diesem Umfange gelang. Wir +nahmen damit allerdings die Gefahr in Kauf, zugunsten einer grossen +Angriffsbreite unsere Kraft an den entscheidenden Stellen zu schwaechen. + +An dem baldigen Beginn unserer neuen Operation hatten wir natuerlich ein +grosses Interesse. Angesichts der eintreffenden amerikanischen +Verstaerkungen arbeitete die Zeit nicht fuer sondern gegen uns. Das richtige +Ausmass zwischen der Notwendigkeit der Vorbereitungen und der Forderung der +gesamten Kriegslage zu finden, war unsere ganz besondere Aufgabe und +wahrlich nicht der leichteste Teil unserer Entscheidungen. Ganz abgesehen +von den rein taktischen Vorbereitungen, wie zum Beispiel dem Heranbringen +und Vorfuehren der Kampfmittel an die Angriffsstellen, durften wir bei +allem Draengen der Gesamtlage nicht uebersehen, welche Schwierigkeiten die +jedesmalige Auffrischung unserer Truppen fuer neue Kampfaufgaben in sich +schloss. So konnten wir in vorliegendem Falle den Angriff erst am 15. Juli +beginnen lassen. + + + + Die Schlacht bei Reims + + +In den ersten Tagesstunden des 15. Juli beginnt unsere tausendstimmige +Artillerie an der neuen Angriffsfront ihre Schlachtweise zu spielen. +Gleichzeitig wird es an der Marne auf unserer Seite lebendig. Die +Gegenwirkung des Feindes ist anfangs nicht besonders lebhaft, nimmt aber +allmaehlich zu. Wir hatten keinerlei Anzeichen fuer eine Verstaerkung der +gegnerischen Front oder fuer besondere Abwehrmassregeln des Feindes bemerkt. +Unserer Infanterie gelingt es, auf das suedliche Marneufer ueberzusetzen. +Feindliche Maschinengewehrnester werden ausgehoben, die Hoehen jenseits des +Flusses erstiegen, Geschuetze erobert. Die Nachricht von diesen ersten +Vorgaengen erreicht uns in Avesnes schon sehr fruehzeitig. Sie loest die +begreifliche Spannung und verstaerkt unsere Hoffnung. + +Wie an der Marne, so entbrennt der Kampf im weiten Umkreis auch um Reims, +ohne sich freilich gegen diese Stadt und deren unmittelbare Umgegend zu +richten, sollte die Stadt doch durch beiderseitige Abschnuerung zu Fall +gebracht werden. In der Champagne, bis gegen die Argonnen hin, wird das +erste gegnerische Verteidigungssystem durch unsere Artillerie und +Minenwerfer zertruemmert. Hinter den vorderen Linien des Feindes befindet +sich aus den frueheren Kaempfen noch ein ausgedehntes Grabengewirr. Niemand +kann angeben, ob oder welche Teile davon besetzt sind. Der Gegner besitzt +in ihnen jedenfalls zahllose Stuetzpunkte, und es bedarf kaum einer +besonderen Arbeit, um diese wieder verteidigungsfaehig zu machen und neue +veraenderte Verteidigungsmoeglichkeiten zu schaffen. Andererseits scheint +der Gegner hier in der Champagne nach den ersten Eindruecken am wenigsten +auf Widerstand vorbereitet zu sein. Seine Artillerie antwortet nicht sehr +stark, sie steht augenscheinlich ziemlich locker und in auffallend tiefer +Gruppierung. + +Nach Zusammenfassung unserer schweren Feuerkraft auf die erste feindliche +Stellung beginnt, wie in unseren bisherigen Angriffskaempfen, diese +zusammengeballte Wetterwolke ihren verderbenbringenden Marsch ueber die +gegnerische Verteidigung. Unsere Infanterie folgt ihr. Die erste +feindliche Stellung wird auf der ganzen Linie nahezu widerstandslos +gestuermt, dann will man den Angriff fortsetzen. Als aber unsere Feuerwalze +die weiteren Sturmziele verlaesst, um sie der Infanterie freizugeben, da +erhebt sich unerwartet heftiger feindlicher Widerstand. Die Artillerie des +Gegners beginnt ihr Feuer aufs aeusserste zu steigern. Unsere Truppen +versuchen trotzdem, vorwaerts zu kommen. Vergeblich! Die Begleitbatterien +werden herangeholt. Geschuetzweise und von Menschen gezogen treffen sie +ein, denn in dem Trichterfelde versagen groesstenteils die Pferde. Kaum sind +die Geschuetze in Stellung gebracht, so liegen sie auch schon zertruemmert +am Boden. Der Gegner hat offensichtlich die Hauptabwehr in die zweite +Stellung verlegt. Unser wirkungsvollstes Vorbereitungsfeuer war +meistenteils ohne Nutzen verpufft. Ein neues feindliches +Verteidigungsverfahren ist der vernichtenden Gewalt unserer +artilleristischen Massenwirkung gegenueber angeordnet und angewendet worden +auf Grund begangenen deutschen Verrates, wie der Gegner spaeter selbst der +ganzen Welt jubelnd verkuendet. + +Die Kampfverhaeltnisse in der Champagne bleiben bis zum Abend des ersten +Tages unveraendert. + +Einen guenstigeren Verlauf nehmen unsere Kaempfe suedwestlich Reims und +beiderseits der Marne. Suedlich des Flusses dringt unsere Infanterie auf +fast eine Wegstunde vorwaerts, mit dem Hauptdruck laengs des Flusses in +Richtung auf Epernay. Ein Drittel der Strecke dorthin wird bis zum Abend +in erbittertem Kampfe zurueckgelegt. Auch noerdlich des Flusses ist unser +Angriff im Vorschreiten. Maechtiger wie die Kalkhaenge des Chemin des Dames +erhebt sich hier das Reimser Berggelaende, von tiefen Schluchten +zerklueftete Hoehen, deren flachgewoelbte Kuppen grossenteils von dichtem +Walde bestanden sind. Das ganze Gelaende ist fuer zaeheste Verteidigung +hervorragend geeignet, da es dem Angreifer im hoechsten Grade eine +Zusammenfassung seiner artilleristischen Kraefte auf ausgesprochene Ziele +erschwert. Trotzdem kommt unsere Infanterie vorwaerts. Sie trifft hier zum +ersten Male an der Westfront auf italienische Truppen, die sich +anscheinend auf franzoesischem Boden mit geringer Begeisterung schlagen. + +Am Abend des 15. Juli haben wir auf der gesamten Angriffsfront etwa 50 +Geschuetze erbeutet. 14.000 Gefangene werden gemeldet. Das Ergebnis +entspricht freilich nicht unseren hoeheren Hoffnungen. Doch erwarten wir +mehr von dem folgenden Tag. + +Der Vormittag des 16. Juli verlaeuft in der Champagne, ohne dass unsere +Truppen noch irgendwo merklich vorwaerts kommen. Wir stehen vor der +schweren Frage, hier den Kampf abzubrechen oder mit der ohnehin nicht sehr +tief gegliederten Angriffskraft die weitere Entscheidung zu versuchen. Die +Gefahr besteht, dass die Truppe sich umsonst verblutet, oder dass sie selbst +im guenstigen Falle so schwere Verluste erleidet, dass sie kaum mehr +befaehigt sein wird, die errungenen Vorteile gruendlichst auszunutzen. Das +Ziel Chalons ist also in unsichere Ferne gerueckt. Aus diesen Gruenden gebe +ich meine Zustimmung zum Uebergang in die Verteidigung an dieser Stelle. +Dagegen bleibt es bei der Fortfuehrung unserer Angriffe suedlich der Marne +und in dem Reimser Berggelaende. Jenseits des Flusses werden wir aber im +Verlauf des Tages immer mehr und mehr in die Verteidigung gezwungen. Der +Feind wirft uns starke Kraefte im Angriff entgegen. Dicht beiderseits des +Flusses, in Richtung Epernay, gewinnen wir dagegen noch weiter Boden. Wir +stehen am Abend des Tages etwa halbwegs der Stadt, 10 km von ihr entfernt. +Auch im Berggelaende naehern wir uns der Strasse Epernay-Reims trotz +verzweifelter Gegenstoesse des Feindes mehr und mehr. Das Schicksal von +Reims scheint an einem Faden zu haengen. Wenngleich die uebrige Operation +jetzt schon als gescheitert angesehen werden muss, so soll doch wenigstens +Reims fallen. Die Stadt ist ein bedeutendes militaerisches Wertobjekt fuer +uns, das den Einsatz lohnt; ihr Gewinn bleibt vielleicht nicht ohne tiefen +Eindruck auf den Gegner. + +Am 17. Juli verstummt der Kampf in der Champagne. Suedlich der Marne +beginnen die Verhaeltnisse sich mehr und mehr zu unsern Ungunsten zu +gestalten. Wir behaupten zwar das gewonnene Gelaende gegen erbitterte +feindliche Angriffe, aber unsere Aufstellung ist dem Fluss so nahe, hat +also so wenig Tiefe, dass jeder Rueckschlag zum Verhaengnis werden kann. +Hinzu kommt, dass die Kriegsbruecken ueber die Marne durch das Fernfeuer +feindlicher Artillerie und durch franzoesische Fliegerbomben immer mehr +gefaehrdet werden. Wir muessen also wieder nach Norden zurueck, da wir nach +Sueden keinen weiteren Raum mehr gewinnen koennen. Ich ordne daher das +Zuruecknehmen der Truppen auf das noerdliche Marne-Ufer an, so schwer es mir +wird. In der Nacht vom 20. zum 21. Juli soll diese Bewegung durchgefuehrt +werden. + +Im Berggelaende setzen am 17. Juli die feindlichen Angriffe mit vollster +Wucht ein. Sie werden abgewiesen. Aber auch von unserer Seite ist weiteres +Vordringen einstweilen undenkbar. Ein solches bedarf erneuter gruendlicher +Vorbereitung. + +Von all dem Erstrebten bleibt nur noch wenig uebrig. Das Unternehmen +scheint gescheitert und bringt daher der franzoesischen Front gegenueber +keine positiven Gewinne. Doch damit ist seine Auswertung fuer unseren +Angriff auf der Flandernfront nicht ausgeschlossen. Wenn von allen Zielen +auch nur das Fernhalten der franzoesischen Kraefte von der englischen +Verteidigung erreicht ist, so sind die Kaempfe nicht vergebens gewesen. + +In diesem Gedankengang begibt sich General Ludendorff am Abend des +17. Juli zur Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht, um dort wegen des +Angriffsbeginnes gegen den englischen Nordfluegel das Naehere zu besprechen. + +Vorbedingung fuer die Durchfuehrung unserer Angriffe bei Reims war, dass der +nach Westen gerichtete Teil unseres bis an die Marne vorspringenden Bogens +zwischen Soissons und Chateau-Thierry feststand. Es war vorauszusehen, dass +unser Angriff eine Gegenwirkung der um Compiegne und Villers-Cotterets +versammelten franzoesischen Kraefte geradezu herausforderte. War General +Foch auch nur einigermassen zu einer aktiven Taetigkeit imstande, so musste +er aus seiner bisherigen passiven Haltung heraustreten, sobald sich unser +Angriff ueber die Marne und auf Reims aussprach. Ich habe schon gesagt, dass +der franzoesische Fuehrer fruehzeitig von unseren Plaenen erfuhr und +ausreichend Zeit fand, diesen zu begegnen. + +Die Aufgabe unserer Truppen zwischen Aisne und Marne gegen einen +franzoesischen Angriff aus der allgemeinen Richtung von Villers-Cotterets +her war daher nicht einfach. Wir hatten deshalb hinter den Truppen der +vordersten Verteidigungslinien eine Anzahl von Eingreifdivisionen +bereitgestellt, und glaubten daher, mit vollem Vertrauen an den eben +geschilderten grossen Angriff auf Reims herangehen zu koennen. Freilich +waren die zwischen Soissons und Chateau-Thierry stehenden Truppen nicht +alle frisch, aber sie hatten sich in den vorausgegangenen Kaempfen so +glaenzend geschlagen, dass ich sie ihrer jetzigen lediglich defensiven +Aufgabe fuer durchaus gewachsen hielt. Hauptsache schien mir zu sein, dass +auch alle Teile unserer dortigen Verteidigung die Wahrscheinlichkeit eines +starken feindlichen Angriffs ununterbrochen nicht aus den Augen liessen. Ob +in dieser Beziehung an der Front Soissons-Chateau-Thierry Versaeumnisse +vorgekommen sind, bleibt vielleicht immer eine Streitfrage. Ich selbst +glaube auf Grund spaeterer Mitteilungen, dass der anfaenglich guenstige +Verlauf der Ereignisse an der Marne und bei Reims vom 15. bis 17. Juli die +Truppen an der Front Soissons-Chateau-Thierry an einigen Stellen den Ernst +der Lage vor ihren eigenen Linien verkennen liess. + +Man hoert dort waehrend dieser Tage den Kanonendonner aus der +Angriffsschlacht herueberschallen, man erfaehrt unser anfaenglich Erfolg +versprechendes Vorgehen ueber die Marne; Uebertreibungen der erreichten +Erfolge kommen, wie so oft, auf ungeprueftem Wege zu den Truppen. Man +erzaehlt sich von der Eroberung von Reims, von grossen Siegen in der +Champagne. Vor der eigenen Front bleibt es aber drei Tage lang still, fuer +einen sachlichen Beobachter unheimlich still, fuer jemand, der ohne naehere +Kenntnis der Lage dem Gefuehle nachgibt, beruhigend still. Beobachtungen in +der Richtung auf Villers-Cotterets, die am 15. Juli noch volle +Aufmerksamkeit finden, werden am 17. Juli nicht mehr entsprechend +gewuerdigt. Meldungen, die bei Beginn unseres Unternehmens sofort alle +Fernsprechleitungen durchfliegen, bleiben am 3. Kampftage irgendwo an +einer Zwischenstelle stecken. Das Gefuehl fuer die Lage ist eben teilweise +abgestumpft, die erste Spannung hat nachgelassen. + +Am Morgen des 18. Juli gehen Teile der nicht in den +Verteidigungsstellungen liegenden Kampftruppen zur Erntearbeit in die +Kornfelder. Sie sind ueberrascht, als ploetzlich ein heftiger Granathagel in +das Gelaende schlaegt. - Ein Feuerueberfall? - Die eigene Artillerie +antwortet nicht sehr stark, anscheinend deswegen, weil ziemlich dichter +Nebel alles verschleiert. Das Knattern der Maschinengewehre beginnt auf +breiter Front und zeigt, dass es sich um mehr handelt, als um einen +Feuerueberfall. Ehe man sich darueber voellig klar wird, tauchen in den hohen +Kornfeldern feindliche Panzerwagen auf. Der Gegner ist auf der ganzen +Front zwischen Aisne und Marne im entscheidenden Angriff. Unsere vorderen +Linien sind schon stellenweise durchbrochen; die groesste Gefahr scheint +zwischen der Ourq und Soissons eingetreten zu sein. + +Waehrend dort die uebriggebliebenen Teile der zertruemmerten und versprengten +Truppen vorderster Linie einen Verzweiflungskampf fuehren, versuchen die +rueckwaerts befindlichen Unterstuetzungen einen neuen Widerstand zu bilden +und auszuhalten, bis die Divisionen zweiten Treffens zum Gegenstoss +herankommen. Manche Heldentat wird vollbracht. In voruebergehend wieder +genommenen Stellungen finden unsere Eingreiftruppen deutsche +Maschinengewehrnester, in denen die Bedienung bis zum letzten Mann +verblutet liegt, umgeben von ganzen Reihen gefallener Gegner. Doch dieser +Heldenmut vermag die Lage nicht mehr wiederherzustellen, er rettet uns nur +vor einer vollen Katastrophe. In der Richtung auf Soissons und weiter +suedlich ist der Gegner besonders tief eingedrungen, also gerade an unserer +empfindlichsten Stelle, naemlich an dem westlichen Ansatzpunkt unseres +Marnebogens suedlich der Aisne. Aber von hier aus drueckt der Feind auf die +ganze uebrige bis Chateau-Thierry reichende Verteidigungsfront. Ja noch +mehr, er drueckt auch auf unsere einzige in den Marnebogen hineinfuehrende +Bahnverbindung gerade dort, wo sie sich oestlich Soissons aus dem Aisnetal +nach Sueden in die Mitte unseres gewaltigen Halbkreises wendet. + +Unsere Lage ist daher vom ersten Augenblick an nicht unbedenklich. Sie +droht zur Katastrophe zu werden, wenn es uns nicht gelingt, sie in der +frueheren Weise wiederherzustellen, oder sie wenigstens in ihrem jetzigen +Zustand zuverlaessig zu festigen. Meinen Wuenschen und Absichten haette es +entsprochen, den feindlichen Einbruch von Norden her ueber die Aisne bei +Soissons flankierend zu fassen um den Gegner dadurch zu zermalmen. Der +Aufmarsch hierfuer haette jedoch zu viel Zeit gekostet, und so musste ich den +Gegengruenden nachgeben, die zunaechst eine voellige Sicherung unserer +angegriffenen Frontteile forderten, damit wir dadurch wieder Herren +unserer Entschluesse wurden. Was also an Truppen verfuegbar ist, wird zu +diesem Zwecke eingesetzt. Damit ist leider die Krisis nicht ueberwunden, +sondern nur hinausgeschoben. Neue Einbrueche des Gegners verschaerfen die +Lage in dem Marnebogen. Was hilft es, wenn suedlich der Ourq die +feindlichen Anstuerme in der Hauptsache scheitern, wenn besonders bei +Chateau-Thierry die starken, aber ungeuebt gefuehrten amerikanischen +Angriffe vor unseren schwachen Linien zerschellen? Wir koennen und duerfen +die Lage nicht dauernd in dieser bedenklichen Schwebe lassen. Das waere +Tollkuehnheit. Wir loesen daher unseren linken Fluegel von Chateau-Thierry +los und weichen zunaechst ein Stueck weiter nach Osten, behalten aber noch +die Anlehnung an die Marne. + +Vom Suedufer dieses Flusses sind wir in Ausfuehrung unseres Entschlusses vom +17. Juli nach schweren Kaempfen rechtzeitig zurueckgewichen. Die treffliche +Haltung unserer Truppen, an der alle franzoesischen Angriffe scheitern, hat +uns die gefaehrliche Lage dort gluecklich ueberdauern lassen. Das Zurueckgehen +gelingt ueber Erwarten gut. Der Gegner erstuermt erst am 21. Juli nach +gewaltiger Feuervorbereitung, Panzerwagen voran, gefolgt von starken +Kolonnen, unsere schon geraeumten Stellungen. Unsere Truppen beobachten +dieses Schauspiel vom Nordufer der Marne aus. + +Die Kampffuehrung in der noch immer tiefen Bogenstellung wird durch den +gegnerischen Feuerdruck von allen Seiten her aufs aeusserste erschwert. Die +gegnerische Artillerie nimmt die empfindliche Bahnstrecke oestlich von +Soissons unter Feuer. Ein wahrer Hagel feindlicher Fliegerbomben faellt bei +Tag und bei Nacht dort nieder. Wir sind gezwungen, die Ausladungen neu +eintreffender Verstaerkungen und Kampfabloesungen weit ausserhalb des Bogens +in die Gegend von Laon zu verlegen. In tagelangen Gewaltmaerschen werden +sie von da auf das Schlachtfeld vorgefuehrt. Sie erreichen ihre Bestimmung +manchmal gerade noch rechtzeitig, um die ernste Kampflage vor dem +Zusammenbrechen aus den Haenden der ermatteten Kameraden zu uebernehmen. + +So kann und darf der Zustand nicht lange dauern. Die Schlacht droht alle +unsere Kraefte zu verzehren. Wir muessen aus dem Bogen heraus, uns von der +Marne trennen. Ein schwerer Entschluss, nicht vom Standpunkte kriegerischer +Einsicht, aber von demjenigen soldatischen Empfindens. Wie wird der Gegner +jubeln, wenn sich zum zweiten Male mit dem Namen: "Marne" ein Umschwung +der Kriegslage verbindet! Wie wird Paris, ganz Frankreich aufatmen; wie +wird diese Nachricht auf die ganze Welt wirken! Man denke daran, wie viele +Augen und Herzen uns folgen mit Neid, mit Hass, mit Hoffnung. + +Aber jetzt darf nur die militaerische Einsicht sprechen. Ihre Forderung +lautet klar und einfach: Heraus aus dieser Lage! Zur Ueberstuerzung der +Massregel ist kein Grund. Wohl wirft General Foch alle seine Kraefte und von +allen Seiten auf uns, aber nur selten gelingt ihm jetzt noch ein tiefer +greifender Einbruch. So koennen wir Schritt um Schritt weichen. Wir koennen +unser kostbares Kriegsgeraet dem Feinde entziehen, in Ordnung in die neue +Verteidigungslinie ruecken, die uns die Natur in dem Abschnitt der Aisne +und Vesle bietet. Diese Bewegung ist in den ersten Tagen des August +vollzogen. Sie ist eine Meisterleistung von Fuehrung und Truppe. + +Nicht die Waffengewalt des Feindes presste uns aus dem Marnebogen heraus +sondern die Unertraeglichkeit der dortigen Lage, eine Folge der +Schwierigkeiten der Verbindungen im Ruecken unserer nach drei Seiten +kaempfenden Truppen. General Foch hatte diese Schwierigkeiten klar erkannt. +Ein hohes Ziel lag ihm vor Augen. Dies zu erreichen, verhinderte ihn die +treffliche Haltung unserer Truppen. Sie hatten sich nach der ersten +Ueberraschung glaenzend geschlagen. Was von Menschen gefordert werden +konnte, wurde hier geleistet. So kam es, dass unsere Infanterie aus diesem +Kampfe keineswegs mit dem Gefuehle einer verlorenen Schlacht wich. Ihr +stolzes Selbstbewusstsein war zum Teil auf die Beobachtung gegruendet, dass +ihre Gegner ohne den Schutz oder die moralische Stuetze der Panzerwagen +vielfach im Angriff versagten. + +Wo Panzerwagen fehlten, hatte der Gegner uns schwarze Wellen +entgegengetrieben, Wellen aus afrikanischen Menschenleibern. Wehe, wenn +diese in unsere Linien einbrachen und die Wehrlosen mordeten, oder was +schlimmer war, marterten. Nicht gegen die Schwarzen, die solche +Scheusslichkeiten begingen, wendet sich menschliche Empoerung und Anklage, +sondern gegen die, die solche Horden angeblich zum Kampf um Ehre, Freiheit +und Recht auf europaeischen Boden heranholten. Zu Tausenden wurden diese +Schwarzen auf die Schlachtbank gefuehrt. + +Mochten Englaender, Amerikaner, Italiener, Franzosen mit allen ihren +Hilfsvoelkern unserm Infanteristen entgegentreten, kam es nur erst zum +Kampfe Mann gegen Mann, dann fuehlte und zeigte sich damals noch unser +Soldat als Herr des Schlachtfeldes. Auch das Gefuehl persoenlicher +Machtlosigkeit gegenueber den feindlichen Panzerwagen war teilweise +ueberwunden. In tollkuehnen Unternehmungen hatte man vielfach versucht, sich +dieser laestigen Gegner zu entledigen, kraeftigst unterstuetzt durch die +eigene Artillerie. Die schwersten Kampfkrisen brachte ueber unsere Truppen +auch diesmal wieder die franzoesische Artillerie. Den stunden-, ja +tagelangen Wirkungen dieser Vernichtungswaffe im freien Felde ausgesetzt, +nicht einmal in einem Trichterfelde Deckung findend, wurden die Linien +unserer Infanterie zerrissen, ihr Nervenhalt auf die aeusserste Probe +gestellt. Das Antreten der feindlichen Sturmtruppen ward oft wie eine +Erloesung aus einem Drucke wehrloser Zermuerbung empfunden. + +Die Truppen hatten das aeusserste leisten muessen, nicht nur im Kampfe, +sondern auch in ruhelosen Bereitschaften, in Maerschen und Entbehrungen. +Ihr Kraefteverbrauch war gross, ihr Nervenverbrauch noch groesser. Ich sprach +Soldaten aus diesen letzten Schlachten. Ihre schlichten und einfachen +Antworten und Erzaehlungen redeten deutlicher als ganze Buecher von dem, was +sie erlebt hatten, und von dem kraftvoll sittlichen Werte, der in ihnen +steckte. Wie sollte man an diesen praechtigen Menschen verzweifeln koennen! +Sie waren freilich muede, bedurften der koerperlichen Ruhe und der +seelischen Entspannung. Wir waren besten Willens, ihnen all das zu +gewaehren; es war aber fraglich, ob der Gegner uns die Zeit dafuer liess. + +Wenn wir in den Kaempfen im Marnebogen auch dem Verderben, das uns der +Gegner zufuegen wollte, entgangen waren, so durften wir uns doch ueber die +weitreichende Rueckwirkung dieser Schlacht und unseres Rueckzuges keiner +Taeuschung hingeben. + +Militaerisch war fuer uns von der groessten und folgenschwersten Bedeutung, +dass wir die Vorhand an den Gegner verloren hatten, und dass wir zunaechst +keine Kraft besassen, sie wieder an uns zu reissen. Wir waren gezwungen +gewesen, starke Teile von jenen Kraeften zum Kampfe heranzuziehen, die wir +zum Angriff in Flandern bereitgestellt hatten. Dafuer entfiel fuer uns die +Moeglichkeit, den lang geplanten entscheidenden Schlag gegen das englische +Heer durchfuehren zu koennen. Die gegnerische Fuehrung war dadurch von dem +Druck befreit, der durch diese drohende Offensive auf ihre Massnahmen +ausgeuebt wurde. Auch Englands Kraefte waren durch die Schlacht in dem +Marnebogen aus dem Banne geloest, in dem wir sie monatelang gehalten +hatten. Es war zu erwarten, dass eine tatkraeftige gegnerische Fuehrung +diesen Umschwung der Lage, der ihr nicht entgehen konnte, ausnutzte, +soweit sie irgendwie Kraefte hierfuer verfuegbar machen konnte. Guenstige +Aussichten mussten sich hier bieten, da unsere Verteidigungsfronten +vielfach nicht stark und nicht mit voll kampfkraeftigen Truppen besetzt +sein konnten. Zudem hatten diese Fronten seit dem Fruehjahr wesentlich an +Ausdehnung zugenommen und waren strategisch empfindlicher geworden. + +Es war freilich anzunehmen, dass auch der Gegner durch die letzten Kaempfe +schwer gelitten hatte. 74 feindliche Divisionen, darunter 60 franzoesische, +hatten vom 15. Juli bis 4. August geblutet. Waren hierbei zwar die +englischen Kraefte in der Hauptsache seit Monaten geschont geblieben, so +musste doch der andauernde Zustrom amerikanischer Hilfe unter diesen +Umstaenden fuer den Gegner aeusserst wertvoll sein. Mochte diese Hilfe auch in +militaerischer Beziehung nicht voll auf der Hoehe neuzeitlicher +Anforderungen stehen, jetzt, wo unsere Verbaende so schwer gelitten hatten, +wirkte mehr als je die blosse zahlenmaessige Ueberlegenheit. + +Schwerer noch als dies wog nach den ersten Eindruecken die Wirkung unseres +Missgeschickes auf Heimat und Verbuendete. Wie viele in den letzten Monaten +aufgelebte Hoffnungen brachen vielleicht zusammen! Wie manche Berechnung +wurde zerstoert! + +Konnten wir jedoch wieder Herren der militaerischen Lage werden, so war +auch die Wiederherstellung des politischen Gleichgewichts mit Bestimmtheit +zu erwarten. + + + + + + FUeNFTER TEIL + + + UeBER UNSERE KRAFT + + + + + In die Verteidigung geworfen + + + + Der 8. August + + +Unsere Truppen hatten ihre neuen Stellungen an der Aisne-Vesle +eingenommen. Die letzten Wogen des feindlichen Angriffes prallten heran +und prallten ab; stellenweise flackerte der Kampfeifer hier und da wieder +auf. + +Zahlreiche unserer Divisionen, abgekaempft, der Auffrischung beduerftig, +wurden hinter unsere Verteidigungslinien in Unterkunft gebracht. Auch um +Avesnes herum lagen sie in Quartieren. Ich konnte mich davon ueberzeugen, +wie rasch sich unser Soldat erholte. Durfte er ein paar Tage gruendlich +ausschlafen, konnte man ihn geregelt verpflegen und ruhen lassen, so +schien er schnell ueber all das Schwere, das er durchgemacht hatte, auch +seelisch hinwegzukommen. Freilich bedurfte er hierfuer der wirklichen Ruhe, +ungestoert von feindlichen Granaten und Bombenabwuerfen und, wenn moeglich, +auch entfernt aus dem Hoerbereiche des Donners der Geschuetze. Aber wie +wenig und wie selten haben unsere Truppen in den langjaehrigen Kaempfen eine +solche Ruhe gefunden! Von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz, von +Schlachtfeld zu Schlachtfeld geworfen, waren sie fast ruhelos in +koerperlicher und seelischer Spannung geblieben. In dieser Tatsache liegt +der gewaltigste Unterschied zwischen den Leistungen unserer Soldaten und +denjenigen aller unserer Gegner. + +Nach Avesnes war der Geschuetzdonner aus den Schlachten im Marnebogen wie +ein ununterbrochenes Rollen schweren Gewitters bald lauter, bald +undeutlicher gedrungen. Jetzt war es fast still geworden. + +Am 8. August morgens wurde diese Ruhe jaehlings unterbrochen; von Suedwesten +her droehnte auffallend starker Gefechtslaerm. Die ersten Meldungen - sie +kamen vom Armee-Oberkommando aus der Gegend von Peronne - lauteten ernst. +Der Gegner war mit maechtigen Tankgeschwadern beiderseits der Strasse +Amiens-St. Quentin in unsere Linien eingedrungen. Naeheres liess sich +vorlaeufig nicht feststellen. + +Die Ungewissheit wurde jedoch in den naechsten Stunden behoben, wenn auch +die Verbindungen vielfach zerrissen waren. Kein Zweifel, der Gegner war +tief in unsere Stellung hineingestossen, Batterien waren verloren. Unsere +Befehle ergingen, sie wieder zu nehmen, die Lage ueberhaupt durch +sofortigen Gegenangriff wieder herzustellen. Wir entsandten Offiziere, um +die Vorgaenge klarzulegen und vollen Einklang zwischen unserem Willen und +den Verfuegungen der Kommandostellen an der augenblicklich erschuetterten +Front zu schaffen. Was war geschehen? + +Im dichtesten Nebel war ein starker englischer Tankangriff erfolgt. Die +Panzerwagen hatten auf ihrer Fahrt fast nirgends besondere Hindernisse, +nicht natuerliche und leider auch nicht kuenstliche, getroffen. Man hatte an +dieser Front wohl etwas zu viel an Fortsetzung des Angriffes gedacht, zu +wenig an Verteidigung. + +Allerdings war es verlustreiche Arbeit, dicht am Gegner zu schanzen und +Hindernisse zu bauen. Denn wo immer die gegnerischen Beobachter irgend +eine Bewegung, und sei es auch nur von einzelnen Leuten, wahrnahmen, +dorthin lenkten sie das Feuer ihrer Artillerie. Es schien das beste zu +sein, sich im hohen Getreide still zu verhalten, zwar ohne Schutz gegen +feindliche Granaten aber ungesehen durch feindliche Fernglaeser. Man +schonte auf diese Weise waehrend der Zeit des Stilleliegens augenscheinlich +viel Leben, lief aber Gefahr, mit einem Schlage noch viel mehr zu +verlieren. Nicht nur in den vordersten Linien war die Arbeit gering, an +den rueckwaertigen war sie fast noch geringer; nur einzelne Grabenstuecke, +verstreute Stuetzpunkte, waren vorhanden. Die Truppen waren an diesen +sogenannten ruhigen Fronten fuer ausgedehnte Schanzarbeiten nur duenn gesaet. +Wir brauchten die Massen anderwaerts zu den grossen Angriffsschlachten. + +An diesem 8. August mussten wir handeln, wie wir schon so oft in gleich +drohenden Lagen gehandelt hatten. Gegnerische Anfangserfolge waren fuer uns +ja keine befremdenden Erscheinungen. Wir kannten sie von 1916/17, von +Verdun, Arras, Wytschaete, Cambrai her. Wir hatten sie erst juengst wieder +bei Soissons kennen und ueberwinden gelernt. In dem jetzt vorliegenden +Falle war die Lage freilich ganz besonders ernst. Der breite Tankeinbruch +des Gegners war gleichzeitig ueberraschend tief erfolgt. Die Panzerwagen, +schneller wie bisher, ueberfielen Divisionsstaebe in ihrer Unterkunft, +zerrissen die Fernsprechverbindungen, die von dort zu den kaempfenden +Truppen fuehrten. Die hoeheren Kommandobehoerden werden dadurch +ausgeschaltet; die vorderen Linien bleiben ohne Befehl. An diesem Tage ist +es ganz besonders bedenklich, da der dichte Nebel jede Uebersicht +verhindert. Die bereitgestellten Tankabwehrkanonen schiessen zwar in die +Richtungen, aus denen Motorgeraeusche und Kettengerassel hoerbar sind, +werden aber vielfach durch Stahlkolosse ueberrascht, die aus anderer +Richtung ploetzlich auftauchen. Wirre Geruechte beginnen sich in unsern +Kampflinien zu verbreiten. Es wird behauptet, dass englische +Kavalleriemassen schon weit im Ruecken der vordersten deutschen Infanterie +sich befinden. Man wird vorn bedenklich, verlaesst die Stellungen, aus denen +heraus man soeben noch starke feindliche Angriffe in der Front abgewiesen +hat, man sucht nach rueckwaerts den verlorenen Anschluss. Die Phantasie +zaubert Wahngebilde hervor und sieht in ihnen wirkliche Gefahren. + +Alles, was da geschah, was uns zum ersten grossen Unheil werden sollte, ist +ja menschlich begreiflich. Der alte, schlachtenerprobte Soldat bleibt in +solchen Lagen ruhig; er phantasiert nicht, er denkt! Aber diese alten +Soldaten sind eben in verschwindender Minderheit; ihr Einfluss ist auch +nicht allerorts mehr der beherrschende. Es zeigen sich andere Einfluesse. +Der Missmut und die Enttaeuschung, dass trotz aller Siege der Krieg fuer uns +kein Ende nehmen will, hat auch so manchen unserer braven Soldaten +verdorben. Im Felde Gefahren und Arbeit, Kampf und Ruhelosigkeit, aus der +Heimat Klagen ueber wirkliche, manchmal auch eingebildete Lebensnot. Das +zermuerbt allmaehlich, besonders, wenn man sich kein Ende vorstellen kann. +Der Gegner sagt und schreibt in seinen massenhaft von Fliegern +abgeworfenen Flugblaettern, dass er es nicht so schlimm mit uns meine, wir +muessten nur vernuenftig sein und vielleicht auch auf dies und jenes, was wir +erobert haben, verzichten. Dann wuerde alles rasch wieder gut werden. Und +wir koennten in Frieden weiter leben, im ewigen Frieden der Voelker. Fuer den +Frieden im Innern der Heimat wuerden dann neue Maenner, neue Regierungen +sorgen. Auch das wuerde ein segensreicher Frieden nach all den jetzigen +Kaempfen werden. Das weitere Ringen sei also zwecklos. + +Solches liest und bespricht man; der Soldat meint, dass der Gegner doch +nicht all das erluegen kann, laesst sich vergiften und vergiftet andere. + +Unsere Befehle zum Gegenstoss koennen an diesem 8. August nicht mehr +ausgefuehrt werden. Es fehlt an Truppen, es fehlt besonders an Geschuetzen +zur Vorbereitung eines solchen Angriffes, denn an den Einbruchsstellen +sind die meisten Batterien verloren. Frische Infanterie- und neue +Artillerieverbaende muessen erst herangeholt werden, und zwar auf Kraftwagen +und Eisenbahnen. Der Gegner erkennt die ausschlaggebende Wichtigkeit, die +in dieser Lage die Eisenbahnen fuer uns besitzen. Weithin in unsern Ruecken +feuern seine schweren und schwersten Geschuetze. Auf einzelne +Eisenbahnpunkte, wie beispielsweise Peronne, regnet es zeitweise Bomben +feindlicher Flieger, die in nie gesehenen Schwaermen ueber Stadt und Bahnhof +kreisen. Nutzt aber der Gegner auf diese Weise die Schwierigkeiten im +Ruecken unserer Armee aus, so verkennt er zu unserm Gluecke die ganze Groesse +seines ersten taktischen Erfolges. Er stoesst an diesem Tage nicht bis an +die Somme vor, obwohl ihm auf diesem Wege von unserer Seite kaum noch +nennenswerte Kraefte haetten entgegengestellt werden koennen. + +Dem verhaengnisvollen Vormittage des 8. August folgte ein verhaeltnismaessig +ruhiger Nachmittag und eine noch ruhigere Nacht. Waehrend dieser rollen +unsere ersten Verstaerkungen heran. + +Die Lage ist bereits zu unguenstig, als dass wir von dem anfaenglich +geforderten Gegenangriff die Wiedergewinnung der alten Kampffront erwarten +koennen. Der Gegenstoss haette laengerer Vorbereitung und staerkerer Truppen, +als am Morgen des 9. August zur Hand sein koennen, bedurft. Daher soll und +darf nichts ueberstuerzt werden. Die Ungeduld an der Kampffront glaubt +jedoch, nicht warten zu koennen. Man meint, guenstige Gelegenheiten zu +versaeumen, und stuerzt sich in unbezwingliche Schwierigkeiten. So geht ein +Teil der herangebrachten kostbaren, frischen Infanteriekraft in oertlich +begrenzten Erfolgen verloren, ohne der Lage im grossen zu nutzen. + +Der Angriff am 8. August war durch den rechten englischen Fluegel +unternommen worden. Die suedlich anschliessenden franzoesischen Truppen +hatten sich nur in geringem Umfange am Kampfe beteiligt. Es war aber zu +erwarten, dass die grossen britischen Erfolge nunmehr auch die franzoesischen +Linien in Bewegung bringen wuerden. Gelang dem Franzosen ein rasches +Durchdringen in der Richtung auf Nesle, so musste unsere Lage in dem weit +nach Suedwesten vorspringenden Verteidigungsbogen verhaengnisvoll werden. +Wir befehlen daher die Raeumung unserer bisherigen ersten Stellungen +suedwestlich Roye und weichen in die Gegend dieser Stadt zurueck. + + + +Die Folgen des 8. August und die Fortsetzung unserer Kaempfe im Westen bis + Ende September + + +Ueber die politischen Wirkungen unserer Niederlage am 8. August gab ich +mich keinen Taeuschungen hin. Unsere Kaempfe vom 15. Juli bis 4. August +konnten im Ausland wie in der Heimat als die Folge einer nicht geglueckten, +kuehnen Unternehmung angesehen werden, wie solches sich in jedem Kriege +ereignet. Das Missgeschick am 8. August stellte sich dagegen vor aller +Augen dar als die Folgen einer offenkundigen Schwaeche. Es war etwas ganz +anderes, ob wir in einem Angriff scheiterten, oder ob wir in einer +Verteidigungsschlacht besiegt wurden. Die Beutezahlen, die unsere Gegner +der Welt bekanntgeben konnten, sprachen eine deutliche Sprache. Heimat und +Verbuendete mussten aengstlich aufhorchen. Um so mehr war es unsere Aufgabe, +die Ruhe zu behalten und die Verhaeltnisse zwar ohne Selbsttaeuschung, aber +auch ohne uebertriebenen Pessimismus zu betrachten. + +Die militaerische Lage war freilich ernst geworden. Die Gefechtslage auf +der angegriffenen Verteidigungsfront konnte allerdings wiederhergestellt, +das verlorene Kriegsgeraet wieder ergaenzt, neue Kraefte konnten herangefuehrt +werden. Damit war jedoch die Wirkung der Niederlage nicht aufgehoben. Es +war zu erwarten, dass der Gegner, durch seinen grossen Erfolg angeregt, +solche Angriffe nunmehr auch an anderen Stellen unternehmen wuerde. Er +hatte jetzt die Erfahrung gemacht, dass sich in unserem Verteidigungssystem +dem des Jahres 1917 gegenueber mancherlei Maengel befanden. Zunaechst in +technischer Beziehung. Auf den seit dem Fruehjahr 1918 neu gewonnenen +Linien war von unseren Truppen im allgemeinen nur wenig geschanzt worden. +Es wurde, wie in der Gegend oestlich Amiens, so auch an anderen Stellen der +Front, zu viel von Fortsetzung der Angriffe, zu wenig von der +Notwendigkeit der Verteidigung gesprochen. Dazu kam, dass die Haltung eines +grossen Teiles unserer Truppen im Gefecht den Gegner ueberzeugt haben musste, +dass an unseren Verteidigungsfronten der zaehe Widerstandswille von 1917 +nicht mehr durchgehends vorhanden war. Der Feind hatte ferner seit dem +Fruehjahr von uns gelernt. Er hatte in den letzten Operationen diejenige +Taktik gegen uns angewendet, mit der wir ihn wiederholt gruendlich +geschlagen hatten. Er war auf unsere Linien gefallen, nicht mehr nach +monatelangen Angriffsvorbereitungen, auch hatte er die Entscheidung nicht +mehr in dem Hineintreiben eines Keiles in unsere Verteidigung gesucht, +sondern er hatte uns in breiten Anstuermen ueberrascht. Er wagte nunmehr +diese unsere Taktik, weil er die Schwaechen unserer Verteidigungsfront +erkannt hatte. Wiederholte der Gegner diese Angriffe mit gleicher Wucht, +so entbehrte er bei der nunmehrigen Verfassung unseres Heeres nicht voellig +der Aussicht, unsere Widerstandskraft allmaehlich zu laehmen. Andererseits +schoepfte ich aber aus dem Umstande, dass der Feind aus seinen grossen +Anfangserfolgen auch dieses Mal nicht die Vorteile eingeheimst hatte, die +ihm haetten werden koennen, wieder die Hoffnung, dass wir weitere Krisen +ueberwinden wuerden. + +Aus diesem Gedankengang heraus glaubte ich, mich am 13. August der +Reichsleitung gegenueber in einer politischen Beratung in Spa ueber die +militaerische Lage dahin aussprechen zu muessen, dass diese zwar ernst sei, +dass aber nicht vergessen werden duerfe, dass wir noch immer tief in +Feindesland staenden. Ich trug diese Auffassung am folgenden Tag auch +meinem Kaiser vor, indem ich nach einer laengeren gemeinsamen Sitzung das +Schlusswort ergriff. Ich hatte auch nichts einzuwenden gegen die Auffassung +des Reichskanzlers Graf Hertling, dass mit einem wirklich offiziellen +Friedensschritt unsererseits gewartet werden sollte, bis eine Besserung in +unserer damaligen militaerischen Lage eintreten wuerde. Von dieser hing es +dann ab, inwieweit wir auf unsere bisherigen politischen Ziele wuerden +verzichten muessen. + +Die Zeit, an einem befriedigenden Abschluss des Krieges zu zweifeln, hielt +ich demnach Mitte August noch nicht fuer gekommen. Ich hoffte bestimmt, dass +die Armee, trotz betruebender Einzelerscheinungen auf dem letzten +Schlachtfelde, imstande sein wuerde, zunaechst einmal auszuhalten. Auch +hatte ich das Vertrauen auf die Heimat, dass sie Kraft genug haette, auch +diese jetzige Krisis zu ueberwinden. Ich erkannte dabei durchaus an, was +die Heimat an Opfern und Entbehrungen bisher ertragen hatte, und was sie +vielleicht noch weiter ertragen musste. Hatte nicht Frankreich, auf dessen +Boden der Krieg seit nunmehr vier Jahren tobte, weit mehr zu leiden? War +dieses Land waehrend dieser ganzen Zeit jemals unter Misserfolgen verzagt; +war es verzweifelt, als unsere Granaten seine Hauptstadt erreichten? Das, +so dachte ich, wuerde sich in dieser schweren Krisis auch die Heimat vor +Augen halten und standhaft bleiben, wenn nur wir an der Front standhaft +blieben. Gelang das, so konnte nach meiner Ansicht die Wirkung auf unsere +Verbuendeten nicht ausbleiben. Ihre militaerische Aufgabe war ja, soweit sie +Oesterreich-Ungarn und Bulgarien betraf, eine leichte. + +Bei diesen meinen Erwaegungen spielte die Sorge um Erhaltung unserer +Waffenehre keine ausschlaggebende Rolle. Unser Heer hatte diese Ehre in +den vier Kriegsjahren so fest begruendet, dass diese uns, mochte kommen was +wollte, vom Gegner nicht mehr entrissen werden konnte. Ausschlaggebend fuer +meine Entschluesse und Vorschlaege blieb einzig und allein die Ruecksicht auf +das Wohl des Vaterlandes. Konnten wir auch den Gegner durch Siege auf dem +Schlachtfeld nicht mehr zu einem Frieden zwingen, der uns alles das gab, +was unsere deutsche Zukunft endgueltig sicher stellte, so konnten wir es +doch wenigstens dahin bringen, dass die gegnerischen Kraefte im Kampfe +erlahmten. Auch dann retteten wir voraussichtlich ein ertraegliches +staatliches Dasein. + +General Foch hat nach Beendigung der Schlacht im Marnebogen wohl erkannt, +dass die errungenen Erfolge ihm wieder verloren gehen wuerden, wenn unseren +Truppen die Zeit zur Erholung gelassen wuerde. Ich hatte das Gefuehl, dass +die gegnerische Fuehrung nunmehr glaubte, alles auf eine Karte setzen zu +muessen. + +Am 20. August schreiten die Franzosen zwischen Oise und Aisne in der +Richtung auf Chauny zum Angriff. Sie werfen uns in dreitaegigen Kaempfen auf +diesen Punkt zurueck. Am 21. August und in den ihm folgenden Tagen +verbreitern die Englaender ihre Angriffsfront vom 8. August in noerdlicher +Richtung bis nordwestlich Bapaume. Wiederholte feindliche Einbrueche +zwingen uns auch hier zum allmaehlichen Zuruecknehmen unserer Linien. Am +26. August wirft sich der Englaender beiderseits Arras in der Richtung auf +Cambrai auf unsere Stellungen. Er bricht durch, wird aber schliesslich +aufgehalten. Da ueberrennt ein neuer feindlicher Ansturm am 2. September +endgueltig unsere Linien an der grossen Strasse Arras-Cambrai und zwingt uns, +die gesamte Front in die Siegfriedstellung zurueckzunehmen. Zur +Kraefteersparnis raeumen wir gleichzeitig den weit ueber den Kemmel-Berg und +Merville vorspringenden Bogen noerdlich der Lys. Alles schwere Entschluesse, +die bis zum Ende der ersten Septemberwoche ausgefuehrt werden. Die erhoffte +Erleichterung der Lage bringen sie nicht. Der Gegner draengt ueberall sofort +nach, und die Spannung dauert an. + +Am 12. September setzen die Kaempfe an der bisher ruhigen Front suedoestlich +Verdun und bei Pont-a-Mousson ein. Wir standen hier in der Stellung, in +der unsere Angriffe im Herbste 1914 erstarrt waren, ein taktisches +Missgebilde, das den Gegner zu einem grossen Schlag einladen konnte. Es ist +nicht recht verstaendlich, warum uns der Franzose jahrelang in diesem +grossen Dreieck stehen liess, das in seine Gesamtfront hineinsprang. +Durchstiess er dieses in maechtigem Schlage an der Basis, so war eine +schwere Krisis fuer uns unausbleiblich. Man wird uns vielleicht als einen +Fehler anrechnen, dass wir diese Lage nicht schon laengst, spaetestens mit +dem Einstellen unseres Angriffes auf Verdun, aufgaben. Allein wir uebten +gerade durch diese Stellung einen im hohen Grade wichtigen Druck auf die +Bewegungsfreiheit des Gegners um Verdun aus und sperrten das ihm so +wichtige Maastal suedlich der Festung. Erst Anfang September, als es +zwischen Maas und Mosel auf feindlicher Seite lebhafter wurde, beschlossen +wir, diese Stellung zu raeumen und auf die schon lange vorbereitete +Basisstellung zurueckzugehen. Bevor die Bewegung vollendet wurde, griffen +uns aber die Franzosen und Amerikaner an und brachten uns eine ernste +Niederlage bei. + +Im uebrigen gelang es, den feindlichen Angriffen gegenueber unsere Front im +wesentlichen zu halten. Die Ausdehnung der gegnerischen Angriffe auf die +Champagne am 26. September aenderte die Lage von der Kueste bis zu den +Argonnen zunaechst wenig. Dagegen drang der Amerikaner an diesem Tage +zwischen Argonnen und Maas in unsere Linien ein. Damit machte sich die +nordamerikanische Macht auf den Schlachtfeldern des Schlusskampfes in einer +selbstaendigen Armee zum ersten Male entscheidend geltend. + +Unsere Westfront war, wenn auch infolge feindlicher Einbrueche wiederholt +zurueckgenommen, nicht durchbrochen. Sie wankte, aber sie fiel nicht. Um +diese Zeit wurde jedoch in unsere gesamte Kriegsfront eine breite Luecke +gerissen. Bulgarien brach zusammen. + + + + + Der Kampf unserer Bundesgenossen + + + + Bulgariens Zusammenbruch + + +Die Lage im Innern Bulgariens hatte sich auch im Jahre 1918 nicht +wesentlich geaendert. Sie blieb ernst. Die aeussere Politik des Landes schien +jedoch darunter nicht zu leiden. Ab und zu gelangten freilich Mitteilungen +ueber Verhandlungen bulgarischer unverantwortlicher Persoenlichkeiten mit +der Entente auf neutralem schweizerischen Boden zu uns. Auch war in der +amerikanischen Gesandtschaft in Sofia zweifellos eine Brutstaette von uns +verderblichen Plaenen vorhanden. Wir machten den vergeblichen Versuch, sie +zu beseitigen. Die Politik forderte Samthandschuhe in der eisernen +Wirklichkeit des Krieges. + +Die Kampfwut zwischen den politischen Parteien des Landes dauerte an. Die +Armee wurde auch weiterhin davon beruehrt. Der Sturz Radoslawows war +endlich im Fruehjahr von seinen Gegnern erreicht. Die neuen Maenner +versicherten uns ihres treuen Festhaltens an dem Buendnis. Das war fuer uns +das Entscheidende. + +Die Kriegsunlust im bulgarischen Volke nahm indessen stark zu. Die +Lebensmittelversorgung machte immer groessere Schwierigkeiten. Unter diesen +litt besonders die Armee, das heisst, man liess sie darunter leiden. Der +Soldat musste zeitweise geradezu hungern, ja mehr noch, er wurde auch so +elend gekleidet, dass ihm eine Zeitlang das Noetigste fehlte. Meutereien +fanden statt, wurden uns gegenueber aber meistens vertuscht. Die Armee +wurde durchsetzt mit voelkisch fremden Elementen. Man stellte aus den +besetzten Gebieten gepresste Mannschaften ein, um die Truppenstaerken in der +Hoehe zu halten. Das Ueberlaufen nahm daher einen ausserordentlichen Umfang +an. War es ein Wunder, dass unter allen diesen Umstaenden der Geist der +Truppe zerfiel? Er erreichte anscheinend im Fruehjahr seinen Tiefstand. Die +bulgarische Oberste Heeresleitung hatte damals auf Anregung des deutschen +Heeresgruppenkommandos einen Angriff auf albanischem Boden, westlich des +Ochridasees, vorbereitet. Man erhoffte von seinem Gelingen eine +wirkungsvolle Sperrung der fuer den Gegner so wichtigen Strasse Santa +Quaranti-Korca, sowie eine guenstige Rueckwirkung auf die Stimmung von Heer +und Volk. Die Durchfuehrung des Unternehmens erwies sich schliesslich als +unmoeglich, da nach Erklaerungen bulgarischer Offiziere die Truppe den +Angriff verweigern wuerde. Noch bedenklichere Zustaende zeigten sich, als im +Monat Mai die bulgarischen Truppen den Angriff der Griechen und Franzosen +in der Mitte der mazedonischen Front nicht aushielten und ihre Stellung +fast kampflos verliessen. Die zum Gegenangriff bestimmte Division meuterte +groesstenteils. + +Die Zustaende innerhalb des Heeres schienen sich jedoch im Verlauf des +Sommers wieder zu bessern. Wir halfen aus, wo wir konnten, gaben von +unseren Lebensmittelvorraeten und schickten Bekleidungsstuecke. Auch loesten +unsere damaligen Erfolge an der Westfront in der bulgarischen Armee grosse +Begeisterung aus. Es war aber klar, dass diese gehobene Stimmung rasch +wieder in sich zusammenbrechen wuerde, wenn auf unserer Seite Rueckschlaege +erfolgten. Darueber konnten uns auch bessere Stimmungsberichte Ende Juli +nicht im Zweifel lassen. + +Die gegenseitigen Staerkeverhaeltnisse an der mazedonischen Front schienen +sich im Laufe des Jahres 1918 nicht wesentlich verschoben zu haben. Nach +dem schliesslichen Ausgleich mit Rumaenien war Bulgarien imstande, alle +seine Kraefte auf einer Front zu versammeln. Dieser Verstaerkung gegenueber +kam das Wegziehen einiger deutscher Bataillone aus Mazedonien zahlenmaessig +gar nicht in Betracht. Eine englische Division war nach Syrien abbefoerdert +worden; die franzoesischen Truppen hatten ihre juengsten Jahrgaenge nach der +Heimat abgegeben; die neu mobilisierten sogenannten koeniglich griechischen +Divisionen zeigten sich wenig kampflustig. Anscheinend aus diesem Grunde +wurde letzteren die Verteidigung des Struma-Abschnittes uebertragen. Nach +Mitteilungen von Ueberlaeufern war der groesste Teil dieser Truppen bereit, +sich uns anzuschliessen, wenn deutsche Truppen vor der Struma-Front +eingesetzt wuerden. Wir schickten daher etliche Bataillone, die in den +Hauptkampffronten des Westens nicht verwendbar waren, nach Mazedonien. Sie +trafen an ihrem Bestimmungsort in dem Augenblick ein, als die Entscheidung +des Krieges fuer Bulgarien fiel. + +Am 15. September abends erhielten wir die erste Nachricht vom Beginn des +Angriffes der Ententearmeen in Mazedonien. Dieses Datum war auffallend. +Hatten doch bulgarische Soldaten schon im Fruehjahr erklaert, dass sie an +diesem Tage die Stellungen verlassen wuerden, sofern der Krieg bis dahin +nicht beendet waere. + +Nicht weniger auffallend war es andererseits, dass sich der Gegner zu einem +Angriff eine Stelle mitten im wildesten Berglande waehlte, an der bei +einigem Widerstandswillen der bulgarischen Truppe und ihrer niederen +Fuehrung das Durchdringen die allergroessten Schwierigkeiten bieten musste. +Wir glaubten daher dem Ausgang dieses Kampfes mit Vertrauen entgegensehen +zu koennen, und erwarteten den schwereren und entscheidenden Angriff des +Gegners im Wardartal. Dort und in der Gegend des Doiransees waren seit +laengerer Zeit schon Angriffsvorbereitungen der Englaender erkannt worden. +Auch hier bestand angesichts der ganz ausserordentlichen Staerke der +Verteidigungsstellungen unseres Erachtens keine Gefahr, sofern man einer +solchen von bulgarischer Seite entsprechend entgegentreten wollte. Ueber +die zahlenmaessigen Kraefte verfuegte die bulgarische Oberste Heeresleitung +ganz gewiss. + +Die zuerst eintreffenden Meldungen ueber den Verlauf der Kaempfe am +15. September gaben zu Besorgnissen keinen Anlass. Die vordersten +Stellungen waren freilich verloren gegangen. Ein solcher Verlauf hatte +nichts ungewoehnliches an sich. Die Hauptsache war, dass dem Gegner der +glatte Durchbruch am ersten Tage nicht gelungen war. Spaetere Nachrichten +lauteten bedenklicher. Die Bulgaren waren weiter nach Norden gedraengt, als +man zuerst annehmen konnte. Die zunaechst am Kampfe beteiligten Truppen +hatten anscheinend wenig Kampfkraft, noch weniger Kampfwillen gezeigt. Die +Reserven, die herankamen oder herankommen sollten, zeigten keine Neigung, +sich dem feindlichen Feuer auszusetzen. Sie zogen es anscheinend vor, dem +Gegner das Kampffeld zu ueberlassen, und das an einer Stelle, die dem +wichtigsten Knotenpunkt aller Verbindungen des mazedonischen +Kriegsschauplatzes, naemlich Gradsko, bedenklich nahe lag. + +Faellt Gradsko, oder kann es der Gegner mit seinen Geschuetzen erreichen, so +ist die rechte bulgarische Armee in der Gegend von Monastir der +wichtigsten Verbindung beraubt, ihre Versorgung in der jetzigen Stellung +fuer die Dauer unmoeglich. Aber auch die mittlere bulgarische Armee +beiderseits des Wardartales ist dann von jeder Bahnverbindung mit der +Heimat abgeschnitten. Es erscheint unbegreiflich, dass die bulgarischen +Fuehrer diese drohende Gefahr nicht erkennen sollten, dass sie nicht alles +daran setzen wuerden, ein namenloses Unheil fuer die Masse des Heeres +abzuwenden. + +Im Gegensatz zu den bulgarischen Armeen suedlich von Gradsko kaempfen die +bulgarischen Truppen zwischen dem Wardar und dem Doiransee seit dem +18. September mit groesster Erbitterung. Vergeblich versuchen die Englaender, +sich hier Bahn zu brechen. Nochmals zeigt sich bulgarischer Mut und zaeher +Wille in glaenzendem Licht. Aber was nuetzt der Heldenmut am Doiransee, wenn +in der Richtung auf Gradsko Mutlosigkeit herrscht, ja vielleicht noch +Schlimmeres als Mutlosigkeit. + +Vergeblich versucht die deutsche Fuehrung mit deutschen Truppen die Lage in +der Mitte des bulgarischen Heeres zu retten. Was helfen die schwachen +kleinen deutschen Gruppen, wenn rechts und links der Bulgare das Feld +raeumt? Den gegen den Feind marschierenden deutschen Bataillonen stroemen +ganze bulgarische Regimenter entgegen, die den Kampf offen verweigern. Ein +eigenartiges Bild. Und noch eigenartiger die Erklaerung der bulgarischen +Mannschaften: Sie ziehen in die Heimat zu Weib und Kind, wollen wieder +einmal Haus und Hof sehen und ihre Felder bestellen. Sie lassen vielfach +ihre Offiziere unbelaestigt. Gehen diese mit ihnen nach Hause, so sind sie +willkommen, wollen sie zurueckbleiben auf dem Felde der Ehre, so sollen sie +das allein tun. Der Bulgare springt bereitwillig zu, wenn im Gedraenge ein +Deutscher, der gegen den Feind marschiert, in Bedraengnis kommt, er hilft +den deutschen Geschuetzen beim Marsch auf das Gefechtsfeld ueber schlechte +Wegestrecken fort. Den Kampf indessen ueberlaesst er den Deutschen. +Mazedonien wird auf diese Weise freilich fuer Bulgarien verloren gehen. +Aber der bulgarische Bauer sagt sich, dass er in der Heimat Land genug +habe; also zieht er in die Heimat und ueberlaesst die Sorge und den Kampf um +Mazedonien und die bisherigen Grossmachtsplaene anderen Menschen. + +Die deutsche Fuehrung, die vom Ochridasee bis zum Doiransee das +verantwortliche Kommando hat, sieht sich angesichts dieser Verhaeltnisse +vor einer unendlich schwierigen Lage. Was an deutschen Truppen, an +Etappenmannschaften, Landsturm und Rekruten vorhanden ist, wird +zusammengerafft, um die bulgarische Mitte zu stuetzen und Gradsko zu +retten. Die Aussichten, dass dieses gelingt, werden immer geringer. Bei der +Haltlosigkeit der bulgarischen Mitte bleibt sonach als einzigste Rettung, +die Fluegel des Heeres zurueckzunehmen. Eine solche Bewegung wuerde an sich +nur geringe taktische Nachteile verursachen, denn in Mazedonien liegt eine +gewaltige Verteidigungsstellung hinter der anderen und je weiter der +Gegner nach Norden kommt, um so schwieriger werden seine rueckwaertigen +Verbindungen. Freilich mit der Preisgabe des Wardartales verschlechtern +sich auch die rueckwaertigen Verbindungen der Bulgaren. Aber es scheint +wenigstens moeglich, durch diese Massnahme die Masse des Heeres zu retten. + +Dem Entschluss des deutschen Heeresgruppenkommandos stellen die +bulgarischen Fuehrer die ernstesten Bedenken entgegen. Sie glauben, dass +ihre Truppen in den jetzigen Stellungen noch zusammenhalten, ja sogar +kaempfen wuerden. Dagegen sind sie der Anschauung, dass die Armeen sich +voellig aufloesen wuerden, wenn man ihnen den Rueckzugsbefehl gaebe. + +Eine wahrhaft verzweiflungsvolle Lage, verzweiflungsvoll fuer alle +Beteiligten. Die Bulgaren klagen, dass nicht genug deutsche Truppen zur +Stelle sind, dass man die frueher vorhandenen zum Teil entfernt haette. Was +aber haetten ein paar deutsche Bataillone mehr in diesem allgemeinen +Zusammenbruch genutzt? Wie viele deutsche Divisionen haette man schicken +muessen, um die mazedonische Front zu verteidigen? Deutschland kann nicht +im Westen die Entscheidung suchen und seine Divisionen nach Bulgarien +schicken wollen. Der Bulgare will nicht einsehen, dass die deutsche Kraft +auch zu erschoepfen ist. Die bulgarische ist an sich noch lange nicht +erschoepft, erschoepft ist nur der bulgarische Kriegswille. + +Auch wir im Grossen Hauptquartier stehen vor verhaengnisvollen Fragen. Wir +muessen wenigstens versuchen, in Bulgarien zu retten, was zu retten ist. +Wir muessen also doch Unterstuetzungen schicken und zwar sofort, so schwer +uns das werden mag. Es ist der 18. September, als sich diese Notwendigkeit +in vollem Umfange auspraegt. Man denke daran, wie schwer der Kampf zu +dieser Zeit an unserer Westfront tobt. Wenige Tage vorher hatten die +Amerikaner ihren grossen Erfolg zwischen Maas und Mosel errungen, und eine +weitere Ausdehnung der Angriffe steht dort noch bevor. + +Die erste Unterstuetzung, die wir freimachen koennen, sind Truppen, eine +gemischte Brigade, die fuer Transkaukasien bestimmt waren und eben ueber das +Schwarze Meer befoerdert werden. Sie werden durch Funkspruch abgedreht und +sollen ueber Varna-Sofia herankommen. Diese Kraefte genuegen jedoch nicht. An +unserer Ostfront koennen wohl noch einige Divisionen entbehrlich gemacht +werden. Wir wollten sie an eine ruhige Front des Westens bringen. Doch was +sind das fuer Truppen? Kein Mann unter 35 Jahren, und alle Vollkraeftigen +schon nach dem Westen geholt! Kann von ihnen noch eine besondere Leistung +erwartet werden? Sie moegen den besten Willen mitbringen, aber in diesem +Klima und ohne Ausruestung fuer den Krieg in einem gebirgigen Lande sind sie +an der mazedonischen Front nur bedingt brauchbar. Doch es muss sein, denn +nicht nur die bulgarische Armee, auch die bulgarische Regierung und der +Zar muessen in dieser schwersten Gefahr deutsche Hilfe erhalten. + +Auch vom Westen her schicken wir Unterstuetzung. Unser Alpenkorps, eben +erst aus schwerstem Kampfe gezogen, wird zur Fahrt nach Nisch auf die Bahn +gesetzt. Ebenso beteiligt sich Oesterreich-Ungarn an dem Versuch, Bulgarien +zu helfen, und stellt mehrere Divisionen hierfuer zur Verfuegung. Wir +verzichten daher auf weitere oesterreichisch-ungarische Unterstuetzung an +unserer Westfront. + +Bis diese deutsche und oesterreichische Hilfe eintreffen kann, muss versucht +werden, wenigstens die Masse des bulgarischen Heeres zu retten. Trotz +aller bulgarischen Bedenken wird deshalb von dem deutschen +Heeresgruppenkommando der Befehl zum Rueckzug an die rechte und mittlere +bulgarische Armee gegeben. Die Stellungen auf der Belasiza, noerdlich des +Doiransees, sollen den Drehpunkt der ganzen Bewegung bilden. + +Die linke bulgarische Armee wird waehrend dieser ganzen Zeit nicht +angegriffen. Ihre Stellungen auf der Belasiza und hinter der Struma sind +von groesster Staerke. Wenige Maschinengewehre und Batterien genuegen fuer ihre +Verteidigung. Trotzdem verbreitet sich auch in dieser Armee Verwirrung; +Mut und ruhige Ueberlegung schwinden. Der Fuehrer haelt seine Lage fuer +unhaltbar und beschwoert den Zaren, sofort Waffenstillstand zu schliessen. +Der Zar antwortet: "Gehen Sie in den Stellungen, die Sie innehaben, zu +Grunde." Das Wort beweist, dass der Zar Herr der Lage ist, und dass ich mich +nicht in ihm taeuschte. + +Auch Kronprinz Boris befindet sich auf der Hoehe seiner Aufgabe. Er eilt an +die Front, um dort zu retten, was zu retten ist. Was vermag jedoch ein +einzelner, auch wenn er von der Liebe vieler, und von der Achtung aller +getragen wird, in solcher allgemeinen Kopflosigkeit und in solchem +Schwinden des Willens? + +Die mittlere Armee beginnt am 20. September befehlsgemaess den Rueckzug. +Dieser wird zur Aufloesung; ungeschickte Anordnungen vervollstaendigen die +Verwirrung. Die Staebe versagen, am gruendlichsten der Armeestab. Hier ist +nur ein ganzer Mann vorhanden, klar blickend und von bestem Wollen +beseelt, naemlich der Fuehrer. + +Die rechte Armee hat eine schwierige Aufgabe. Ihre Hauptrueckzugsstrasse +fuehrt ueber Prilep auf Veles. Da der Gegner schon vor Gradsko steht, ist +diese Strasse aeusserst bedroht. Ein anderer Weg fuehrt aus dem Seengebiete +und dem Gebiete von Monastir weiter im Westen mitten durch das wilde +Albaner-Gebirge auf Kalkandelen. Er vereinigt sich mit demjenigen ueber +Veles bei Ueskueb. Dieser Weg durch das Albaner-Gebirge ist gesichert, aber +sehr schwierig, und es ist zweifelhaft, ob groessere Truppenmassen in diesen +Gebieten die noetige Verpflegung finden. Trotz dieser Bedenken muessen +starke Teile auf ihn verwiesen werden. Noch staerkere werden dorthin +gedraengt, als der Feind Gradsko nimmt und nunmehr gegen das Strassenstueck +Prilep-Veles von Suedosten her vorrueckt. Gradsko faellt schon am +21. September. Aus einem elenden Ort war es im Laufe des Krieges zu einer +foermlichen Lagerstatt geworden, die in ihrer Anlage und Groesse an eine +amerikanische Neugruendung erinnert. Ungeheuere Vorraete sind hier +aufgespeichert, ausreichend fuer einen ganzen Feldzug. In den dortigen +Depots merkt man nichts davon, dass die bulgarischen Armeen an der Front +irgend etwas entbehren mussten. Jetzt faellt alles der bulgarischen +Vernichtung anheim oder wird Beute des Feindes. Nicht nur in Gradsko +sondern auch anderwaerts verfuegt Bulgarien noch ueber reiche Bestaende. Sie +ruhten bisher im Verborgenen, behuetet von der einseitigen Sorge +bureaukratischer Wirtschaft, die auch in Bulgarien wie eine Kruste das +Volksleben ueberzieht, trotz liberalster Gesetze und freiheitlichem +Parlament. + +Bulgarien kann also den Krieg noch weiter fuehren, wenn es ihn nur nicht +selbst fuer verloren haelt oder halten will. Unser Plan, der auch die +Zustimmung der bulgarischen Obersten Heeresleitung findet, ist folgender: +Die mittlere Armee soll an die altbulgarische Grenze zurueckschwenken. Die +rechte Armee soll sich bei Ueskueb oder weiter noerdlich versammeln; sie wird +verstaerkt durch die anrollenden deutschen und oesterreichischen Divisionen. +Diese Kraefte bei Ueskueb werden reichlichst genuegen, um die Lage zu halten; +ja es ist bei einiger Brauchbarkeit der bulgarischen Verbaende damit zu +rechnen, dass wir von Ueskueb aus bald wieder zu einem Angriff in suedlicher +Richtung vorgehen koennen. Es scheint ausgeschlossen, dass der Gegner ohne +Rast mit starken Massen bis Ueskueb und bis an die altbulgarische Grenze +nachdraengt. Wie sollte er seinen Nachschub regeln, da wir die Bahnen und +Strassen gruendlich zerstoert haben? Wir hoffen auch, dass in den bulgarischen +Truppen bei Beruehrung mit dem heimatlichen Boden sich wieder Kraft und +Verantwortungsgefuehl zusammenfinden. + +Die vorgeschlagene Operation ist nur moeglich, wenn Ueskueb so lange gehalten +wird, bis die bulgarischen Truppen ueber Kalkandelen herankommen. Diese +Aufgabe erscheint leicht, denn der Gegner folgt in der Tat ueber Gradsko +hinaus mit nur verhaeltnismaessig schwachen Kraeften. + +Waehrend dieser Vorgaenge bleibt Sofia auffallend ruhig. Unsere dort +eintreffenden Bataillone, die der Bevoelkerung zur Beruhigung, der +Regierung zum Schutz und zur Stuetze dienen sollen, finden nichts von der +gefuerchteten Aufregung. Das Leben macht freilich einen eigenartigen +Eindruck, hervorgerufen durch die Scharen von Soldaten, die ausserhalb +ihrer Verbaende durch die Stadt der Heimat zuziehen. Die Mannschaften +liefern ihre Gewehre in die Waffendepots ab, verabschieden sich von +Kameraden und Vorgesetzten, versichern sogar teilweise, dass sie +wiederkommen wuerden, wenn sie nur erst einmal ihre Felder bestellt haetten. +Ein eigenartiges Bild, ein merkwuerdiger Seelenzustand. Oder ein +abgekartetes Spiel? Wir haben aber keinen Grund, ein solches bei den +Soldaten vorauszusetzen. Dass es in dieser Aufloesung nicht ueberall +friedlich zugeht, ist klar. Die Geruechte von schweren Ausschreitungen +erweisen sich aber meist als uebertrieben. + +An der Front aendert sich die Lage nicht. Der Rueckzug der bulgarischen +Massen dauert ununterbrochen an. Er ist auch gegen die schwachen Kraefte +des verfolgenden Feindes nicht dauernd zum Halten zu bringen. Vergeblich +versucht man einzelne Haufen, von geschlossenen Truppen kann man kaum noch +sprechen, dazu zu bringen, die Front wieder gegen den Feind zu nehmen und +wenigstens stellenweise einen geregelten Widerstand zu ordnen. Kommt der +Gegner heran, so verlassen die Bulgaren schon nach wenigen Schuessen ihre +Stellungen. Deutsche Truppen sind nicht mehr imstande, dem bulgarischen +Widerstand einen Halt zu geben. Ebenso vergeblich ist das Bemuehen +deutscher und bulgarischer Offiziere, mit dem Gewehre in der Hand durch +ihr Beispiel auf die haltlose gleichgueltige Masse zu wirken. + +So naehert sich der Gegner Ueskueb, bevor neue deutsche und +oesterreichisch-ungarische Truppen dort eintreffen koennen. Am 29. September +treten aber starke Teile der rechten bulgarischen Armee bei Kalkandelen +aus dem Gebirge. Sie brauchen von da nur noch auf guter Strasse nach Ueskueb +zu ruecken. Die Truppen sind, wie uns gemeldet wird, durchaus kampffaehig. +Die schwerste Krisis scheint demnach ueberwunden zu sein. Militaerisch +mochte das der Fall sein, aber moralisch ist die Sache endgueltig verloren. +Daran war bald nicht mehr zu zweifeln. Schwache serbische Kraefte haben +Ueskueb besetzt. Die Truppen bei Kalkandelen versagen: sie kapitulieren. Am +29. September abends schliesst Bulgarien Waffenstillstand. + + + + Der Sturz der tuerkischen Macht in Asien + + +Der Anfang des Jahres 1918 brachte einen kuehnen Aufschwung des osmanischen +Kriegswillens. Die Tuerkei schritt, ehe noch der Winter im armenischen +Hochlande zu Ende ging, zum Angriff gegen die dortigen russischen Armeen. +Die russische Macht erwies sich in diesen Gebieten nur noch als Phantom. +Die Masse der Truppen hatte sich bereits voellig aufgeloest. Der Vormarsch +der Tuerken fand daher nur noch Widerstand bei armenischen Banden. +Schwieriger als dessen Beseitigung war die Ueberwindung der Hindernisse, +die in dieser Jahreszeit die Hochlandnatur den Tuerken in den Weg legte. +Dass der Vormarsch trotzdem gelang, war eine jener merkwuerdigen +Erscheinungen aufwallender Lebenskraft des osmanischen Staatswesens. Die +Tuerkei warf sich ueber die Grenzen des osmanischen Armeniens hinaus auf die +Gebiete Transkaukasiens, angetrieben durch verschiedene Beweggruende: +Panislamitische Traeumereien, Rachegedanken, Hoffnung auf Entschaedigungen +fuer bis jetzt verlorene Landesteile und Erwartung von Beute. Dazu kam noch +ein weiteres, naemlich die Suche nach Menschenkraeften. Das Land, in erster +Linie die Siedlungsgebiete der praechtigen Anatolier, ist in bezug auf +Menschenkraefte voellig erschoepft. Im transkaukasischen Aserbeidschan und +unter den kaukasischen Mohammedanern scheinen sich neue grosse Quellen zu +eroeffnen. Russland hat diese Mohammedaner zu dem regelmaessigen Militaerdienst +nicht herangezogen, nun sollen sie unter dem Halbmond fechten. Die Zahlen +der voraussichtlichen Freiwilligen, die uns mitgeteilt werden, zeigen die +Ueppigkeit der orientalischen Phantasie. Auch muesste man, wenn man den +osmanischen Mitteilungen glauben sollte, annehmen, dass die +mohammedanischen Voelker Russlands seit langem keine hoehere Sehnsucht +gekannt haetten, als mit dem tuerkischen Reiche zusammen ein einiges grosses +geschlossenes Glaubensland zu bilden. Immerhin ist der Gedanke nicht von +der Hand zu weisen, dass die Tuerkei sich in diesen Gebieten neue Kraefte +erschliesst, und dass England sich gezwungen sehen wird, der Entwicklung +dieser Vorgaenge sein besonderes Augenmerk zuzuwenden. Einstweilen ist es +aber gut, mit nuechterner Wirklichkeit zu rechnen. Wir versuchen daher, auf +die hochgehenden Wogen osmanischer Hoffnungen beruhigend einzuwirken, +freilich nicht mit dem wuenschenswerten Erfolg. Man stimmt uns bei, dass die +Hauptaufgabe der Tuerkei im Rahmen des Gesamtkrieges weit mehr in der +Richtung auf Syrien und Mesopotamien zu suchen ist, als in derjenigen auf +den Kaukasus und das Kaspische Meer. Was helfen aber Versprechungen und +guter Wille in Konstantinopel, wenn die Fuehrer auf den entlegenen +Kriegsschauplaetzen ihre eigenen Wege gehen! + +Um wenigstens einen Anteil an den reichen Vorraeten von Kriegsrohstoffen in +Transkaukasien fuer die allgemeine Kriegfuehrung zu retten, senden wir +Truppen nach Georgien. Wir hoffen, der dortigen Regierung den Aufbau eines +geordneten Wirtschaftslebens zu ermoeglichen. + +Aber der Panislamismus und der Kriegswucher in Konstantinopel ruhen nicht +eher, als bis Baku auch in die Hand der Tuerken faellt, und zwar zu einer +Zeit, in der sich der Zusammenbruch der alten asiatischen Herrschaft der +Tuerkei vollzieht. + +Auch die Absicht, ueber Transkaukasien in Persien entscheidenden Einfluss zu +gewinnen, fuehrte die Tuerkei so weit in oestlicher Richtung vor. Man will +durch Persien hindurch den englischen Operationen in Mesopotamien in die +Flanke fallen, ein Plan, der an sich gut ist, dessen Durchfuehrung aber +Zeit braucht. Es ist freilich zweifelhaft, ob wir diese Zeit finden +werden. Vielleicht aber binden schon die ersten tuerkischen Bewegungen im +noerdlichen Persien englische Kraefte und retten dadurch Mesopotamien fuer +die Tuerkei. + +Wie durch das Weisse Meer ueber Archangelsk, so scheint England auch ueber +das Kaspische Meer und ueber Baku sich einen Einfluss in Russland sichern zu +wollen. Aus diesen Gruenden liegt die Durchfuehrung der osmanischen Plaene in +Persien und in Transkaukasien auch in unserem Interesse. Nur haette +demgegenueber die Verteidigung in Mesopotamien und besonders in Syrien +nicht vernachlaessigt werden duerfen. Die Aufstellung einer +verwendungsbereiten tuerkischen Reservearmee in der Gegend von Aleppo waere +jedenfalls mit Ruecksicht auf alle operativen Moeglichkeiten des Englaenders +suedlich des Taurus von mehr Wert gewesen, als groessere Operationen in +Persien. + +In Mesopotamien ist die Lage seit dem Herbst 1917 nach der Karte +betrachtet unveraendert geblieben. In Wirklichkeit hat sich aber in den +Gegenden suedlich von Mosul fuer die tuerkischen Armeen eine Katastrophe +vollzogen, freilich nicht unter Geschuetzdonner. Wie im armenischen +Hochlande im Winter 1916/17, so gingen in der mesopotamischen Ebene im +Winter 1917/18 die tuerkischen Soldaten in grosser Zahl zugrunde. Man +spricht von 17.000, die in dortigen Stellungen verhungerten oder an den +Folgen dieses Elendes starben. Ob die Zahl richtig ist, vermoegen wir nicht +nachzupruefen. "Auch wer verhungert, stirbt den Heldentod", so versicherte +uns ein Tuerke, nicht im Zynismus, sondern aus innerer ehrlichster +Ueberzeugung. Nur noch Reste der ehemaligen tuerkischen Armee ueberleben in +Mesopotamien das Fruehjahr. Es ist zweifelhaft, ob sie je wieder zu +gefechtsfaehiger Staerke gebracht werden koennen. Man fragt sich, warum +greift England in Mesopotamien nicht an? Oder besser gesagt, warum +marschiert es nicht einfach vorwaerts? Genuegen die Schatten dieser +osmanischen Macht, um ihren Gegner zur Innehaltung seines Programms +kolonialer Kriegfuehrung zu veranlassen? Die englische Fuehrung mag fuer +diese Vorsicht ihrer Operationen alle moeglichen Gruende anfuehren koennen, +nur einen hat sie nicht, naemlich die Staerke des Gegners. + +Waehrend im armenischen Hochlande die tuerkische Wehrmacht nochmals einen +Triumph feierte, hatten die Kaempfe in Syrien nicht geruht. Wiederholt kam +es an der syrischen Front zu frontalen englischen Angriffen, ohne dass +hierdurch die Lage wesentlich geaendert wurde. Im Fruehjahr 1918 schien die +englische Kriegfuehrung dieses ewigen Einerleis endlich muede zu werden. Sie +raffte sich zu einem neuen Gedanken auf und brach ueber Jericho in das +Ostjordanland ein. Man nahm an, dass die Araberstaemme in diesem Gebiete das +Auftreten ihrer Befreier vom tuerkischen Joch nur erwarteten, um sofort den +osmanischen Armeen in den Ruecken zu fallen. Das Unternehmen scheiterte +jedoch ziemlich ruhmlos vor geringen deutschen und tuerkischen Kraeften dank +ausgezeichneter osmanischer Fuehrung. Die Lage an der syrischen Front wurde +hierdurch in den Sommer hinein gerettet. In dieser Jahreszeit pflegte in +jenen glutheissen Gebieten allgemeine Ruhe einzutreten. Es war jedoch mit +Sicherheit zu erwarten, dass der Englaender im Herbste seine Angriffe in +irgend einer Richtung wiederholen wuerde. Wir glaubten, dass die +Zwischenzeit genuegend sei, um die Lage an der syrischen Front durch +Zufuehrung neuer tuerkischer Kraefte zu festigen. + +Die inneren Schwierigkeiten im tuerkischen Staate dauerten auch im Jahre +1918 an. Der Tod des Sultans uebte nach aussen hin zunaechst keinen +sichtbaren Einfluss aus. Im Innern begann allmaehlich eine Bewegung zur +Besserung einzusetzen. Der neue Sultan war augenscheinlich ein Mann der +Tat. Er zeigte den besten Willen, sich von der bisherigen Bevormundung +durch das Komitee freizumachen und den schweren Staatsschaeden +entgegenzutreten. Er waehlte die Maenner seiner Umgebung aus den Kreisen, +die sich den alttuerkischen Richtungen zuneigten. + +Ich hatte den neuen Padischa als Thronfolger in Kreuznach kennen gelernt. +Damals hatte ich die Ehre, ihn als meinen Gast zu sehen. Bei den +Schwierigkeiten unmittelbaren sprachlichen Verkehrs, der Sultan sprach nur +tuerkisch, war unsere Unterhaltung durch Dolmetscher im wesentlichen auf +den Austausch von Ansprachen beschraenkt. Die Erwiderung des Thronfolgers +auf meine Anrede trug einen sehr bundesfreundlichen Charakter. Diesem +entsprach auch seine Haltung nach der Thronbesteigung. + +Der Sultan hatte vornehmlich die Absicht, auf das Heerwesen einen +persoenlichen Einfluss auszuueben. Er wollte auch die Armeen in den +entfernten Provinzen aufsuchen. Ob hierdurch wesentliche Maengel haetten +beseitigt werden koennen, wage ich nicht zu entscheiden. + +Das Land war durch den Kriegszustand voellig erschoepft. Es konnte dem Heere +kaum noch irgend welche neuen Kraefte bieten. So gelang es auch waehrend des +Sommers nicht, die Verhaeltnisse an der syrischen Front wesentlich zu +staerken. Es ist schwer zu entscheiden, inwieweit bei den geradezu +klaeglichen Verbindungen dorthin ausreichenderes haette geleistet werden +koennen. Die Zustaende in der Versorgung der Armee blieben schlecht. Die +Truppe verhungerte nicht, aber sie lebte nahezu bestaendig in ungestilltem +Hunger dahin, koerperlich muede, seelisch empfindungslos. + +Wie ich schon frueher anfuehrte, mussten wir auf das Wegziehen der deutschen +Truppen aus der syrischen Front verzichten. Die dortige deutsche Fuehrung +glaubte nur mit deutscher Hilfe die Lage als gesichert betrachten zu +koennen. Man schaetzte freilich den Angriffsgeist der gegenueberstehenden +englisch-indischen Armee besonders auf Grund von Aussagen +mohammedanisch-indischer Ueberlaeufer nicht sehr hoch ein. Auch waren die +bisherigen Leistungen der englischen Fuehrung so wenig eindrucksvoll, dass +man sich zu der Hoffnung berechtigt fuehlte, mit den vorhandenen geringen +Kraeften dem Feinde wenigstens die Moeglichkeit eines weiteren Widerstandes +vortaeuschen zu koennen. Wie lange eine solche Taeuschung vorhielt, hing +lediglich davon ab, ob sich der Gegner endlich einmal zu einer +kraftvollen, geschlossenen Gefechtshandlung aufraffen und damit das Geruest +des tuerkischen Widerstandes mit seinen schwachen deutschen Stuetzen +umwerfen wuerde oder nicht. + +Am 19. September griff der Englaender ueberraschend den rechten tuerkischen +Heeresfluegel in den Kuestenebenen an. Er durchbrach fast widerstandslos die +dortigen Linien. Die Niederlage der beiden tuerkischen Armeen an der +syrischen Front wurde durch das rasche Vordringen der +indisch-australischen Reitergeschwader besiegelt. + +In diesen Tagen wurde die Tuerkei durch den bulgarischen Zusammenbruch +ihres bisherigen Landschutzes in Europa beraubt. Konstantinopel war +dadurch im ersten Augenblick auf der europaeischen Landseite voellig +schutzlos. Die tuerkischen Truppen an den Dardanellen waren im Verlaufe der +letzten Zeiten dauernd schlechter geworden. Aus ihnen holten die Armeen +der entlegenen Provinzen alles heraus, was noch an Gefechtswert in ihnen +steckte. Thrazien war mit Ausnahme einer schwachen kaum gefechtsfaehigen +Kuestenbesatzung ungeschuetzt. Die Befestigungen der beruehmten +Tschataldschalinie bestanden nur aus zerfallenen Schuetzengraeben, wie sie +nach den Kaempfen der Jahre 1912/13 von den tuerkischen Truppen verlassen +waren. Alles uebrige war nur in der Phantasie oder auf truegerischen Plaenen +vorhanden. Man mag ueber diese Zustaende nachtraeglich den Kopf schuetteln, +letzten Endes offenbart sich in ihnen doch der grosse Wille, alle +vorhandenen Kraefte auf den entscheidenden Aussenposten zu verwenden. Wehe +dann freilich, wenn der aeussere Schutzwall durchbrochen wurde, und sich die +feindlichen Fluten in das Innere des Landes ergossen. + +Solch eine Flut bedrohte nunmehr das Herz des ganzen Landes. Unter den +Eindruecken der ersten Nachrichten vom drohenden bulgarischen Zusammenbruch +wurden aus Konstantinopel heraus einzelne rasch zusammengestellte +Formationen an die Tschataldschalinie geworfen. Ein nennenswerter +Widerstand waere jedoch mit ihnen nicht zu leisten gewesen. Mehr der +moralischen als der praktischen Wirkung wegen ordneten wir die sofortige +Ueberfuehrung von deutschen Landwehrformationen aus dem suedlichen Russland +nach Konstantinopel an. Auch entschloss sich die Tuerkei dazu, alle aus +Transkaukasien zurueckgerufenen Divisionen zunaechst nach Thrazien zu +werfen. Bis jedoch nennenswerte Kraefte Konstantinopel erreichen konnten, +musste geraume Zeit vergehen. Warum der Gegner diese Zeit nicht ausnutzte, +um sich der Hauptstadt zu bemaechtigen, laesst sich nach den bis jetzt +vorhandenen Quellen nicht feststellen. Nochmals blieb die Tuerkei vor einer +unmittelbaren Katastrophe bewahrt. Der Eintritt einer solchen schien aber +Ende September doch nur eine Frage von wenigen Tagen. + + + + Militaerisches und Politisches aus Oesterreich-Ungarn + + +Nach den vergeblichen Angriffen des oesterreichisch-ungarischen Heeres in +Oberitalien zeigte sich immer mehr, dass die Donaumonarchie ihre letzte und +beste Staerke an dieses Unternehmen gesetzt hatte. Sie hatte nicht mehr so +viel zahlenmaessige und sittliche Kraefte, um einen solchen Angriff +wiederholen zu koennen. Die Verhaeltnisse dieses Heeres traten uns so recht +deutlich in der Beschaffenheit der Divisionen vor Augen, die zu unserer +Unterstuetzung an die Westfront geschickt wurden. Ihr sofortiger Einsatz +war unmoeglich, wenn man spaeter groessere Kampfleistungen von ihnen verlangen +wollte. Sie bedurften der Erholung, Schulung und besonders auch der +Ausruestung. Diese Tatsachen wurden innerhalb der eintreffenden Truppen +ebenso rueckhaltslos anerkannt wie von seiten des k. u. k. +Armee-Oberkommandos. Alle oesterreichisch-ungarischen Befehlsstellen gaben +sich die groesste Muehe, die im Westen verwendeten k. u. k. Truppen in +verhaeltnismaessig kurzer Zeit ihrer kommenden Aufgabe entsprechend +leistungsfaehig zu machen. Wenn das Ziel nicht voll und ganz erreicht +wurde, so lag es wahrlich nicht an mangelnder Taetigkeit und Einsicht der +Offiziere. Auch die Mannschaften zeigten sich in hohem Grade willig. + +Die grossen Verluste der oesterreichisch-ungarischen Wehrmacht in Italien, +die mangelhaften Ersatzverhaeltnisse, die politische Unzuverlaessigkeit +einzelner Truppenteile, die unsicheren Zustaende im Innern des Landes +machten eine wirklich grosse und ausschlaggebende Unterstuetzung unserer +Westfront leider unmoeglich. General von Arz musste sich angesichts dieser +Verhaeltnisse in des Wortes vollster Bedeutung jede einzelne Division, die +er uns schicken wollte, von der Seele reissen. Er selbst war von der grossen +Bedeutung dieser Hilfe durchaus ueberzeugt. Ich vermag nicht zu sagen, ob +man in allen oesterreichisch-ungarischen Kreisen von der gleichen +Hilfsbereitschaft durchdrungen war, ob man ueberall die gleiche +Dankesschuld uns gegenueber empfand, wie General von Arz. + +An den oesterreichisch-ungarischen Heeresfronten ereignete sich im Verlauf +des Sommers nichts wesentliches. Die einzige bemerkenswerte kriegerische +Leistung vollzog sich in diesem Zeitraume auf albanischem Boden. Dort +hatte man sich jahrelang eigentlich tatenlos gegenuebergestanden, die +Italiener, etwa ein verstaerktes Armeekorps, um Valona und oestlich, die +Oesterreicher im noerdlichen Albanien. Der Kriegsschauplatz waere ohne jede +militaerische Bedeutung gewesen, wenn er nicht einen Zusammenhang mit den +mazedonischen Fronten gehabt haette. Bulgarien befuerchtete bestaendig, dass +durch ein feindliches Vordringen westlich des Ochridasees die rechte +Flanke seiner Heeresfront umfasst werden koennte. Militaerisch waere einem +solchen feindlichen Unternehmen leicht durch Zuruecknahme des bulgarischen +Westfluegels aus dem Gebiete von Ochrida in nordoestlicher Richtung zu +begegnen gewesen. Allein die innerpolitischen Verhaeltnisse Bulgariens +machten, wie ich das schon erwaehnt habe, damals jedes Zurueckziehen +bulgarischer Truppen aus diesem besetzten Lande unmoeglich. Dazu kamen +bulgarisch-oesterreichische Eifersuechteleien in Albanien, die mit Muehe von +uns ausgeglichen worden waren. + +Man hat wiederholt die Frage gestellt, warum die Oesterreicher ihre +italienischen Gegner nicht aus Valona vertrieben haben. Die +ausserordentliche Wichtigkeit dieses Flottenstuetzpunktes als zweiter +Torfluegel zur Sperrung der Adria war mit den Haenden zu greifen. Fuer eine +solche Operation fehlte jedoch fuer Oesterreich-Ungarn die erste +Voraussetzung, naemlich die entsprechende leistungsfaehige, rueckwaertige +Verbindung in das Kampfgebiet an der Vojusa. Auf die See konnte ein +solches Unternehmen nicht basiert werden, Landverbindungen waren aber in +dem oeden albanischen Berglande vor dem Kriege nicht vorhanden, und +Oesterreich-Ungarn konnte sie im Verlauf des Krieges dort nicht in +genuegendem Umfang schaffen. + +Die oesterreichisch-ungarischen Operationen in Albanien befanden sich in +einer Art von Dornroeschenschlaf, in dem sie nur zeitweise durch +gegenseitige Unternehmungen geringeren Umfanges und noch geringerer +Tatkraft gestoert wurden. Einen groesseren Ernst nahm die Lage in Albanien +erst an, als die Italiener im Sommer 1918 zu einem breit entwickelten +Angriff von der Meereskueste bis in die Gegend des Ochridasees schritten. +Die schwachen, teilweise auch sehr vernachlaessigten +oesterreichisch-ungarischen Verbaende wurden nach Norden zurueckgedrueckt. +Sogleich erhob sich die bulgarische Sorge in Sofia und an der +mazedonischen Grenze und verlangte unser Eingreifen als Oberste +Kriegsleitung. Dieses Eingreifen vollzog sich in der Form eines Ersuchens +an das k. u. k. Armee-Oberkommando, die oesterreichischen Kraefte in +Albanien zu verstaerken, um auch weiterhin den Schutz der mazedonischen +Flanke durchfuehren zu koennen. Die oesterreichisch-ungarische Heeresleitung +entschloss sich darueber hinausgehend in Albanien zu einem Gegenangriff. Die +Italiener wurden wieder zurueckgeschlagen. + +Es ist nicht klar zu erkennen, ob diese italienische Offensive irgend +welche weiter gesteckten politischen und militaerischen Ziele im Auge +hatte. Besonders muss ich die Frage offen lassen, ob sie mit dem spaeter +einsetzenden Angriff der Entente gegen die Mitte der mazedonischen Front +in irgendwelchem inneren Zusammenhang stand. Der oesterreichische +Gegenangriff stellte angesichts der ganz ausserordentlichen Schwierigkeiten +in den albanischen Gelaendeverhaeltnissen und der feindlichen zahlenmaessigen +Ueberlegenheit eine sehr beachtenswerte Leistung dar. Sie verdient +durchaus, von seiten unserer Bundesgenossen als solche gefeiert zu werden. + +Die inneren Verhaeltnisse Oesterreich-Ungarns hatten sich im Laufe des +Jahres 1918 in der frueher erwaehnten bedenklichen Richtung weiter +entwickelt. Die ungewoehnlichen Schwierigkeiten in der Volksernaehrung +bedrohten Wien zeitweise geradezu mit einer Katastrophe. Da war es kein +Wunder, dass die oesterreichisch-ungarischen Behoerden in dem Zusammenraffen +greifbarer Verpflegungsbestaende, sei es in Rumaenien, sei es in der +Ukraine, zu Massnahmen griffen, die unseren eigenen Interessen im hoechsten +Grade entgegengesetzt waren. + +Unter den trueben politischen Verhaeltnissen Oesterreich-Ungarns war es nicht +weiter erstaunlich, wenn uns von dort immer wieder erklaert wurde, dass eine +Weiterfuehrung des Krieges ueber das Jahr 1918 hinaus von seiten der +Donaumonarchie ausgeschlossen waere. Der Drang nach Abschluss der +Feindseligkeiten aeusserte sich immer haeufiger und immer staerker. Ob dabei, +wie behauptet wurde, auch der Ehrgeiz, die Rolle des Friedensbringers zu +spielen, bei irgendwem einen wirklich ausschlaggebenden Einfluss ausuebte, +lasse ich dahingestellt sein. + +Im Sommer erfolgte der Ruecktritt des Grafen Czernin von seinem Posten als +Aussenminister. Als Grund gab der Graf selbst an, dass die von seinem Kaiser +an den Prinzen Sixtus von Parma gerichteten Briefe einen unueberbrueckbaren +Gegensatz zwischen ihm und seinem Herrn geschaffen haetten. Mir war der +Graf nicht unsympathisch, trotz der mancherlei Gegensaetze, die zwischen +seinen politischen Anschauungen und den meinigen bestanden, und die er uns +gegenueber ebenso offen vertrat, wie wir die unserigen. + +Fuer mich war Graf Czernin der typische Vertreter der +oesterreichisch-ungarischen Aussenpolitik. Er war klug und von scharfem +Erkennen der Schwierigkeiten unserer gemeinsamen Lage sowie von +zutreffender, rueckhaltsloser Kritik der Schwaechen des von ihm vertretenen +Staatswesens. Seine politischen Plaene bewegten sich dabei aber weit mehr +im Bestreben, ein Unheil zu vermeiden als unsere Erfolge auszunutzen. Fuer +die Interessen seines Vaterlandes hatte der Graf zwar immer ein offenes +Auge und ein weitem Herz, doch im auffallenden Gegensatz hierzu sah er in +der Beurteilung unserer Gesamtlage das rettende Heil meist im Verzicht. +Aus diesen Widerspruechen kam es, dass er fuer die Doppelmonarchie +Erweiterung ihrer Machtsphaere anzustreben nicht aufhoerte, auch wenn er +gleichzeitig uns Deutschen grosse Opfer fuer die Interessen der verbuendeten +Gemeinschaft zumutete. Graf Czernin unterschaetzte, wie alle +oesterreichisch-ungarischen Staatsmaenner dieser Zeit, die +Leistungsfaehigkeit seines Vaterlandes. Sonst haette er nicht im Fruehjahr +1917 kurz nach seiner Amtsuebernahme von der Unmoeglichkeit weiteren +Durchhaltens sprechen duerfen, obwohl die oesterreichisch-ungarische Kraft +noch laenger ausreichte und auch bei der Geschaeftsniederlegung des Grafen +noch keineswegs bei dem Erschoepfungstod angelangt war. Es lag in den +Gedankenverbindungen des Grafen Czernin eine Art von Sichselbstaufgeben. +Ob er dabei nicht imstande war, den Friedensbestrebungen seines Kaisers +Widerstand zu leisten, oder ob er diese vielleicht in innerster +Ueberzeugung unterstuetzte, vermochte ich waehrend seiner Amtsfuehrung nicht +klar zu durchschauen. Jedenfalls verkannte der Graf die Gefahren, die in +einer uebertriebenen und ganz besonders zu oft wiederholten Betonung der +Friedensbereitschaft solchen Feinden wie den unserigen gegenueber enthalten +waren. Nur so wird es verstaendlich, dass er in einer Zeit des scheinbar +beginnenden Heranreifens unserer Unterseebooterfolge, des Misserfolges der +feindlichen Fruehjahrsoffensive und der Rueckwirkung der staatlichen +Aufloesung in Russland auf unsere Feinde die politische Ruhe verlor und die +Friedensresolution im Deutschen Reichstage anregte. + +Ich war der Meinung, dass es Graf Czernin an der bundesbruederlichen +Gesinnung uns gegenueber nicht fehlen lassen wollte, selbst als er uns bei +den Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk und Bukarest vor mancherlei +Ueberraschungen stellte. Er befuerchtete damals wohl, dass die Donaumonarchie +ein etwaiges Scheitern dieser Verhandlungen nicht ueberwinden koennte, und +dass der Schrei nach Brot in Wien unbedingt eine baldige Vereinbarung mit +der Ukraine forderte. + +Unter der aussenpolitischen Leitung Czernins fand die polnische Frage +zwischen uns und Oesterreich-Ungarn keinen Abschluss. Eine Preisgabe ganz +Polens an die Doppelmonarchie war und blieb aus den schon frueher beruehrten +Gruenden fuer uns unannehmbar. + +Der Nachfolger des Grafen Czernin, Graf Burian, war mir aus seiner +Taetigkeit als Aussenminister der vorczerninschen Zeit schon in Pless bekannt +geworden. Bei der Umstaendlichkeit Burians, die bei allen wichtigeren +Fragen zutage trat, konnte ich eine Erledigung des polnischen Problems in +absehbarer Zeit nicht erhoffen. Ich muss auch offen eingestehen, dass meine +Gedanken in der nunmehr folgenden Zeit von entscheidenderen Dingen in +Anspruch genommen wurden als von so langwierigen, unfruchtbaren +Verhandlungen. + +Bei seiner Wiederberufung als Aussenminister hatte Graf Burian das +begreifliche Bestreben, moeglichst bald einen Ausweg aus unserer +politischen Lage zu finden. Es war menschlich verstaendlich, dass er unter +dem Eindruck der sich im besten verschlimmernden Kriegslage mit groesster +Hartnaeckigkeit zum Frieden draengte. Nach meiner Anschauung sollte indessen +keiner der verbuendeten Staaten aus dem Rahmen der politischen +Einheitsfront heraustreten und dem Gegner Friedensangebote machen. Es war +ein Irrtum, zu glauben, dass dadurch jetzt noch wesentliches fuer einen +Einzelstaat oder fuer unsere Gesamtheit gebessert werden koenne. Der +tuerkische Grosswesir, der in der ersten Septemberhaelfte in Spa weilte, +beurteilte die Lage ganz ebenso wie wir. Auch Zar Ferdinand sprach noch zu +gleichem Zeitpunkt davon, dass Friedensbestrebungen seines Landes ausserhalb +des gemeinsamen Bundes nicht in Frage kommen koennten. Vielleicht ahnte der +Zar damals aber schon, welch eine geringe Rolle Bulgarien als Machtfaktor +in den gegnerischen Berechnungen nur noch spielte. + +Aus den angefuehrten Gruenden heraus fuehlte ich mich nicht veranlasst, den +oesterreichisch-ungarischen Versuch, Mitte September mit der Entente +einseitig einen friedlichen Vergleich anzuregen, fuer gluecklich zu halten. +Die Gegner verhielten sich diesem Schritte gegenueber in der Tat auch +voellig ablehnend. Sie uebersahen unsere damalige Lage schon zu klar, als +dass sie sich auf Anbahnung eines Verhandlungsfriedens einlassen wollten. +Die Frage weiterer Menschenopfer spielte fuer sie keine Rolle. Die +Befuerchtung, dass wir Deutschen uns rasch wieder erholen koennten, wenn uns +auch nur ein Augenblick der Ruhe gelassen wuerde, beherrschte voellig den +feindlichen Gedankenkreis. So gewaltig war der Eindruck, den unsere +Leistungen auf unsere Gegner gemacht hatten und vielleicht jetzt noch +machten. Fuer uns ein stolzes Gefuehl mitten in alledem, was um uns zurzeit +vorging und noch vorgehen sollte! + + + + + Dem Ende entgegen + + + + Vom 29. September zum 26. Oktober + + +Waere in dem Buch des grossen Krieges das Kapitel ueber das Heldentum des +deutschen Heeres nicht schon laengst geschrieben gewesen, so wuerde es in +dem letzten furchtbaren Ringen mit dem Blute unserer Soehne in ewig +unausloeschlicher Schrift geschehen sein. Welch ungeheure Anforderungen +wurden in diesen Wochen an die Koerper- und Seelenkraefte von Offizieren und +Mannschaften aller Staebe und Truppenteile gestellt! Die Truppen mussten +auch jetzt wieder von einem Kampf in den anderen geworfen, von einem +Schlachtfeld auf das andere gefuehrt werden. Kaum, dass die sogenannten +Ruhetage ausreichten, die zerschossenen oder zersprengten Verbaende neu zu +ordnen, ihnen Ersatz zuzufuehren, die Bestaende aufgeloester Divisionen in +die Truppenteile anderer einzuordnen. Offiziere wie Mannschaften begannen +wohl zu ermatten, aber sie rissen sich immer wieder empor, wenn es galt, +den feindlichen Anstuermen Halt zu gebieten. Offiziere aller Dienstgrade +bis zu den hoeheren Staeben hinauf wurden Mitkaempfer in den vordersten +Linien, teilweise mit dem Gewehr in der Hand. Zu befehlen gab es ja +vielfach nichts anderes mehr als: "Aushalten bis zum Aeussersten." + +Ja: "Aushalten!" Welch eine Entsagung nach so vielen ruhmreichen Tagen +glaenzender Erfolge. Fuer mich kann der Anblick solch todesmutigen Kaempfens +nicht beeintraechtigt werden durch einzelne Bilder des Verzagens und des +Versagens. In einem solchen entsagungsvollen Ringen, in dem jeder +Aufschwung siegreichen Kraftgefuehles fehlt, muessen menschliche Schwaechen +staerker zur Geltung kommen als sonstwo. + +Fuer zusammenhaengende Linien fehlte es an Kraeften. In Gruppen und Grueppchen +leistet man Widerstand. Erfolgreich ist solcher nur, weil auch der Gegner +sichtbar ermattet. Wo seine Panzerwagen nicht Bahn brechen, wo seine +Artillerie nicht alles deutsche Kampfleben ertoetet hat, da schreitet er +nur selten noch zu grossen Gefechtshandlungen. Er stuermt nicht auf unsern +Widerstand los, er schleicht sich allmaehlich ein in unsere lueckenreichen, +zerschmetterten Kampflinien. An dieser Tatsache hatte sich meine Hoffnung +immer wieder aufgerichtet, die Hoffnung, aushalten zu koennen bis zur +Erlahmung des Gegners. + +Wir haben keine neue Kraft mehr einzusetzen wie der Feind. Statt eines +frischen Amerikas haben wir nur ermattete Bundesgenossen, und auch diese +stehen hart vor dem Zusammenbruch. + +Wie lange wird unsere Front diese ungeheure Belastung noch zu tragen +vermoegend? Ich stehe vor der Frage, vor der schwersten aller Fragen: "Wann +muessen wir zu einem Ende kommen?" Wendet man sich in solchen Faellen an die +grosse Lehrmeisterin der Menschheit, an die Geschichte, so ermahnt sie +nicht zur Vorsicht, sondern zur Kuehnheit. Richte ich meine Blicke auf die +Gestalt unseres groessten Koenigs, so erhalte ich die Antwort: "Durchhalten!" + +Gewiss, die Zeiten sind anders geworden, als sie es fast 160 Jahre frueher +waren. Nicht ein geworbenes Heer, sondern das ganze Volk fuehrt den Krieg, +ist in ihn hineingerissen, blutet und leidet. Aber die Menschheit ist im +Grunde genommen die gleiche geblieben mit ihren Staerken und Schwaechen. Und +wehe dem, der vorzeitig schwach wird. Alles vermag ich zu verantworten, +dieses niemals! + +So tobt mit dem Kampf auf dem Schlachtfeld gleichzeitig ein anderer Kampf. +Sein Schauplatz liegt in unserem Innern. Auch in diesem Kampfe stehen wir +allein. Niemand raet uns als die eigene Ueberzeugung und das Gewissen. +Nichts haelt uns aufrecht, als die Hoffnung und der Glaube. Sie bleiben in +mir stark genug, um auch noch andere zu stuetzen. + +Aber immer dunkler wird es um uns! Mag auch der deutsche Mut an der +Westfront dem Gegner noch immer den entscheidenden Durchbruch wehren, +moegen Frankreich und England sichtlich ermatten, mag Amerikas erdrueckende +Ueberlegenheit an einem Tage tausendfach ergebnislos bluten, so nehmen doch +unsere Kraefte sichtlich ab. Sie werden um so frueher versagen, je +bedrueckender die Nachrichten aus dem fernen Osten auf sie wirken. Wer +schliesst die Luecke, wenn Bulgarien endgueltig zusammenbricht? Manches +koennen wir wohl noch leisten, aber wir vermoegen nicht eine neue Front +aufzubauen. Eine neue Armee ist freilich in Serbien in Bildung begriffen, +aber wie schwach sind diese Truppen! Unser Alpenkorps hat kaum noch +gefechtsfaehige Verbaende; eine der anrollenden oesterreichisch-ungarischen +Divisionen wird fuer voellig unbrauchbar erklaert; sie besteht aus Tschechen, +die voraussichtlich den Kampf verweigern. Liegt auch der Schauplatz in +Syrien weit ab von der Entscheidung des Krieges, so zermuerbt die dortige +Niederlage doch zweifellos den treuen tuerkischen Genossen, der nun auch in +Europa wieder bedroht wird. Wie wird Rumaenien sich verhalten, was werden +die grossen Truemmer Russlands tun? Alles dies draengt auf mich ein und +erzwingt den Entschluss, nun doch ein Ende zu suchen, das heisst ein Ende in +Ehren. Niemand wird sagen: "Zu frueh." + +In solchen Gedanken und mit dem gereiften Entschluss trifft mich mein +Erster Generalquartiermeister am spaeten Nachmittag des 28. September. Ich +sehe ihm an, was ihn zu mir fuehrt. Wie so oft seit dem 23. August 1914 +fanden sich unsere Gedanken auch heute, bevor sie zu Worten geworden sind. +Unser schwerster Entschluss wird auf gleicher Ueberzeugung gefasst. + +In den Vormittagsstunden des 29. September erfolgt unsere Beratung mit dem +Staatssekretaer des Auswaertigen Amtes. Die Lage nach aussen wird von ihm mit +wenig Worten gekennzeichnet: Bis jetzt alle Versuche eines friedlichen +Ausgleichs mit den Gegnern gescheitert und keine Aussicht, durch +Verhandlungen unter Vermittlung neutraler Maechte irgend eine Annaeherung an +die feindlichen Staatslenker zu erreichen. Der Staatssekretaer bespricht +dann die innere Lage der Heimat: die Revolution stehe vor der Tuere, man +habe die Wahl, ihr mit Diktatur oder Nachgiebigkeit entgegenzutreten; +parlamentarische Regierung sei das beste Abwehrmittel. + +Wirklich das beste? Wir wissen, welch gewaltige Belastungen wir der Heimat +gerade jetzt durch unseren Schritt zum Waffenstillstand und Frieden +auferlegen muessen, ein Schritt, der dort begreiflicherweise schwere Sorgen +ueber die Lage an der Front und ueber unsere Zukunft ausloesen wird. In +diesem Augenblick, wo so viele Hoffnung zu Grabe getragen, wo bitterste +Enttaeuschung sich mit tiefster Erbitterung mengen wird, wo jeder nach +einem festen Halt im Staatswesen blickt, sollen die politischen +Leidenschaften in hoehere Wallung versetzt werden? In welcher Richtung +werden sie ausschlagen? Sicherlich nicht in der Richtung der Erhaltung +sondern in derjenigen der weiteren Zerstoerung. Die das Unkraut in unsere +Saat gesaeet haben, werden die Zeit der Ernte fuer gekommen erachten. Wir +beginnen, zu gleiten. + +Glaubt man durch Nachgiebigkeiten im eigenen Heim einen Gegner milder +stimmen zu koennen, der sich durch das Schwert nicht zwingen liess? Fragt +diejenigen unserer Soldaten, die im Vertrauen auf die feindlichen +Verlockungen leider freiwillig die Waffen aus der Hand legten! Die +feindliche Maske fiel gleichzeitig mit der deutschen Waffe. Die +verblendeten Deutschen wurden nicht um ein Haar menschenwuerdiger behandelt +als ihre sich bis zur letzten Kraft wehrenden Kameraden. Dies Bild im +Kleinen wird sich im Grossen, ja im Groessten wiederholen. + +Wir muessen auch befuerchten, dass die Bildung einer neuen Regierung den +Schritt, den wir so lange als moeglich hinausschoben, noch weiter verzoegern +wird. Zu bald haben wir ihn wahrlich nicht getan. Soll er durch die +staatliche Neuordnung verspaetet werden? + +Das sind meine Sorgen; sie gleichen denjenigen des Generals Ludendorff. + +Auf Grund unserer Beratung unterbreiten wir Seiner Majestaet dem Kaiser +unseren Vorschlag zum Friedensschritt. Mir obliegt es, dem Allerhoechsten +Kriegsherrn zur Begruendung des politischen Aktes die militaerische Lage zu +schildern, deren jetziger Ernst dem Kaiser nicht unbekannt ist. Seine +Majestaet billigt, was wir vortragen, mit festem, starkem Herzen. + +Wie immer bisher, so vermischen sich auch jetzt unsere Sorgen um das Heer +mit denen um die Heimat. Kann das Eine nicht standhalten, so bricht auch +das Andere zusammen. In dem gegenwaertigen Augenblick, mehr wie in jedem +anderen vorher, muss sich dies beweisen. + +Mein Allerhoechster Kriegsherr kehrt in die Heimat zurueck, wohin ich ihm am +1. Oktober folge. Ich moechte dem Kaiser nahe sein, wenn er in diesen Tagen +meiner beduerfen sollte. Politische Einwirkungen ausueben zu wollen, lag mir +fern. Zu Aufschluessen fuer die sich neubildende Regierung war ich bereit +und beantwortete ihre Anfragen, soweit dies nach meiner Ueberzeugung +moeglich war. Ich hoffte, Pessimismus zu bekaempfen und Vertrauen wieder +aufzurichten. Die innern Erschuetterungen erwiesen sich aber bereits als zu +schwere, um diesen Zweck noch erreichen zu koennen. Ich selbst hatte auch +damals noch die feste Zuversicht, dass wir dem Gegner trotz des Abnehmens +unserer Kraefte das Betreten unseres vaterlaendischen Bodens monatelang +verwehren konnten. Gelang dies, so war auch die politische Lage nicht +hoffnungslos. Stillschweigende Voraussetzung war freilich hierbei, dass +unsere Landesgrenzen nicht etwa von Osten oder Sueden bedroht wuerden, und +dass die Heimat in ihrem Innern feststand. + +In der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober erging unser Angebot an den +Praesidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die von ihm im Januar +dieses Jahres aufgestellten Grundlinien fuer einen "gerechten Frieden" +waren von uns angenommen worden. + +Uns selbst blieb zunaechst nur die Fortsetzung des Kampfes. Das Nachlassen +der Spannkraft der Truppe, das Schwinden der Kaempferzahlen, die +wiederholten Einbrueche des Gegners zwangen uns an der Westfront zu +weiterem allmaehlichen Ausweichen in kuerzere Linien. Was ich der +Reichsleitung am 3. Oktober erklaert hatte, wurde ausgefuehrt: Wir +klammerten uns so viel wie moeglich an den feindlichen Boden. Die +Bewegungen und Schlachten behielten den gleichen Charakter, wie seit Mitte +August. Der Abnahme unserer Kampfkraft entsprach auch weiterhin eine +gleiche Abnahme gegnerischer Angriffslust. Irrten sich die Feinde in dem +Glauben, dass wir ganz zusammenbrechen, so irrten wir uns andererseits in +der Hoffnung, dass die Gegner voellig erlahmen wuerden. So war der endgueltige +Ausgang des Kampfes nicht mehr zu aendern, wenn es uns nicht gelang, ein +Aufgebot letzter heimatlicher Kraft zustande zu bringen. Eine +Massenerhebung des Volkes wuerde den Eindruck auf den Gegner und unser +eigenes Heer nicht verfehlt haben. War aber eine solche brauchbare +Lebensstaerke und opferwillige Masse noch vorhanden? Jedenfalls war unser +Versuch, eine solche in die Front zu bringen, vergeblich. + +Die Heimat erlahmte frueher als das Heer. Unter diesen Umstaenden vermochten +wir dem immer haerter werdenden Druck des Praesidenten der Vereinigten +Staaten von Nordamerika keinen eindrucksvollen Widerstand +entgegenzusetzen. Unsere Regierung gab nach in der Hoffnung auf Milde und +Gerechtigkeit. Der deutsche Soldat und der deutsche Staatsmann gingen in +verschiedenen Richtungen. Der eingetretene Riss wurde nicht mehr beseitigt. +Mein letzter Versuch, zu einem vereinten Schlagen ergibt sich aus +folgendem Brief an den Reichskanzler vom 24. Oktober 1918: + + "Euerer Grossherzoglichen Hoheit darf ich nicht verhehlen, dass ich in den + letzten Reichstagsreden einen warmen Aufruf zu Gunsten und fuer die Armee + schmerzlich vermisst habe. + + Ich habe von der neuen Regierung erhofft, dass sie alle Kraefte des + gesamten Volkes in den Dienst der vaterlaendischen Verteidigung sammeln + wuerde. Das ist nicht geschehen. Im Gegenteil, es ist, von wenigen + Ausnahmen abgesehen, nur von Versoehnung, nicht aber von Bekaempfung des + dem Vaterlande drohenden Feindes gesprochen. Dies hat auf die Armee erst + niederdrueckend, dann erschuetternd gewirkt. Ernste Anzeichen beweisen + dies. + + Zur Fuehrung der nationalen Verteidigung braucht die Armee nicht nur + Menschen sondern den Geist der Ueberzeugung fuer die Notwendigkeit, zu + kaempfen, und den seelischen Schwung fuer diese hohe Aufgabe. + + Euere Grossherzogliche Hoheit werden mit mir ueberzeugt sein, dass, in + Anerkennung der durchschlagenden Bedeutung der Moral des Volkes in + Waffen, Regierung und Volksvertretung solchen Geist in Heer und Volk + hineintragen und erhalten muessen. + + An Euere Grossherzogliche Hoheit als das Haupt der neuen Regierung richte + ich den ernsten Ruf, dieser heiligen Aufgabe zu entsprechen." + +Es war zu spaet. Die Politik forderte ihre Opfer; das erste wurde am +26. Oktober gebracht. + +Am Abend dieses Tages fuhr ich von der Reichshauptstadt, wohin ich mich +mit meinem Ersten Generalquartiermeister zum Vortrag bei unserem +Allerhoechsten Kriegsherrn begeben hatte, nach dem Grossen Hauptquartier +zurueck. Ich war allein. Seine Majestaet hatte dem General Ludendorff den +erbetenen Abschied bewilligt, meine gleiche Bitte abgeschlagen. + +Am folgenden Tage betrat ich die bisher gemeinsamen Arbeitsraeume wieder. +Mir war zumute, wie wenn ich von der Beerdigung eines mir besonders teuren +Toten in die veroedete Wohnung zurueckkehrte. + +Bis zum heutigen Tage, ich schreibe dies im September 1919, habe ich +meinen vieljaehrigen treuen Gehilfen und Berater nicht wieder gesehen. Ich +habe ihn in meinen Gedanken viel tausendmal gesucht und in meinem +dankerfuellten Herzen stets gefunden! + + + + Vom 26. Oktober zum 9. November + + +Mein Allerhoechster Kriegsherr verfuegte auf meine Bitte die Ernennung des +Generals Groener zum Ersten Generalquartiermeister. Der General war mir aus +seinen frueheren Kriegsverwendungen wohlbekannt. Ich wusste, dass er eine +vortreffliche organisatorische Begabung und eine gruendliche Kenntnis der +inneren Verhaeltnisse unseres Vaterlandes besass. Die kommenden gemeinsamen +Zeiten brachten mir den reichlichen Beweis dafuer, dass ich mich in meinem +neuen Mitarbeiter nicht getaeuscht hatte. + +Die Aufgaben, die des Generals harrten, waren ebenso schwierig als +undankbar. Sie forderten eine rastlose Taetigkeit, eine volle +Selbstentsagung und jeden Verzicht auf einen anderen Ruhm, als denjenigen +hingebendster Pflichterfuellung, und auf jede andere Anerkennung, als +diejenige seiner augenblicklichen Mitarbeiter. Wir alle kannten die Groesse +und die Schwierigkeiten des Werkes, das seiner harrte. + +Unsere gesamte Lage begann sich immer weiter zu verschlechtern. Ich moechte +sie nur in Streiflichtern beleuchten: + +Im Orient brach der letzte Widerstand des osmanisch-asiatischen Reiches +zusammen. Mosul wie Aleppo fielen fast widerstandslos in die Haende der +Gegner. Die mesopotamische wie die syrische Armee hatten aufgehoert, zu +bestehen. Georgien musste von uns geraeumt werden, nicht weil wir +militaerisch dazu gezwungen waren, sondern weil unsere wirtschaftlichen +Plaene dort unausfuehrbar wurden oder wenigstens nicht mehr gewinnbringend +gemacht werden konnten. Auch die Truppen, die wir zur Stuetze der +Verteidigung Konstantinopels abgeschickt hatten, wurden zurueckgeholt. Die +Entente griff aber Thrazien nicht an. Stambul sollte nicht fallen durch +kuehne Heldentaten und eindrucksvolle Machtentfaltung. Der Grund hierfuer +ist unbekannt. Er mag in sachlich fuer uns damals nicht verstaendlichen +militaerischen Bedenken liegen; es koennen aber auch politische Erwaegungen +hierbei fuer die Entente ausschlaggebend gewesen sein. + +Unsere deutsche Hilfe, die sonst noch in der Tuerkei stand, wurde in +Richtung auf Konstantinopel zusammengezogen. Sie schied aus dem gemeinsam +verteidigten Land, geachtet vom ritterlichen Osmanentum, dem wir in seinem +Ringen auf Leben und Tod beigestanden hatten. Was sich dort jetzt gegen +uns wandte, entsprang jenen Kreisen, die nunmehr ihren Weizen bluehen +sahen, und die sich durch Hassesaeusserungen einen Vorschuss auf die +Zuneigung der Neuankommenden zu erwerben suchten. Der eigentliche Osmane +wusste, dass wir nicht nur zum jetzigen Kampfe, sondern auch zum spaeteren +Neubau seines Staates hilfsbereit gewesen waren. + +Enver und Talaat Pascha traten von dem Schauplatz ihrer Taetigkeit ab, von +ihren Gegnern beschimpft, sonst unbescholten. + +Aus Bulgarien waren unsere letzten Truppen abgerueckt. Auch ihnen folgte so +manches dankbare Gefuehl und ehrliches Gedenken, am lebhaftesten +ausgesprochen in einem Briefe, den der ehemalige Fuehrer des bulgarischen +Heeres an mich in dieser Zeit richtete. Ich konnte mich des Eindruckes +nicht erwehren, als ob aus den Zeilen das sprach, was ich so manchmal in +den Aeusserungen dieses ehrlichen Offiziers zu fuehlen glaubte: "Waere ich +politisch frei gewesen, so haette ich militaerisch anders gehandelt." Die +Einsicht kam wohl zu spaet, bei ihm wie an anderen Stellen. + +Oesterreich-Ungarn loeste sich in seinem politischen Bestande wie in seiner +Wehrkraft auf. Es gab nicht nur sich selbst, sondern auch unsere +Landesgrenzen preis. In Ungarn erhob sich die Revolution im Hasse gegen +die Deutschen. Konnte das ueberraschend wirken? Gehoerte dieser Hass nicht +zum Stolze des Magyaren? Im Kriege hatte man freilich im Ungarlande anders +empfunden, wenn der Russe an die Grenze pochte. Ein wiederholtes +gewaltiges Pochen! Mit welchem Jubel waren die deutschen Truppen auch +begruesst, mit welcher Hingebung verpflegt, selbst verwoehnt worden, als es +sich darum handelte, Serbien niederzuschlagen. Welch eine Begeisterung +empfing uns, als wir zur Wiedereroberung Siebenbuergens erschienen! +Dankesbetaetigung ist im menschlichen Dasein selten, im staatlichen Leben +noch weit seltener. + +Dagegen fanden wir in Rumaenien mehrfach offenen Dank. Man sah dort ein, +dass ohne Zertruemmerung Russlands ein freies rumaenisches Leben sich nicht +haette verwirklichen lassen. + +Wenn jetzt in Deutschland einzelne Kreise auf den Hass ehemaliger +Bundesgenossen gegen uns hinweisen und darin einen Beweis unserer +verfehlten politischen und militaerischen Haltung erblicken, so uebersehen +sie dabei wohl, dass Ausbrueche des Hasses aus Freundesmund auch im +feindlichen Lager ertoenten. Ballten sich doch Faeuste franzoesischer +Soldaten vor unseren Augen unter Schimpfworten gegen den englischen +Bundesgenossen. Riefen doch franzoesische Stimmen zu uns herueber: "Heute +mit England gegen Euch, morgen mit Euch gegen England!" Schrie doch ein +franzoesischer Soldat im Maerz des Jahres 1918, hinweisend auf die Truemmer +des Domes von St. Quentin, seinen englischen mit ihm gefangenen +Waffengenossen zornesbebend zu: "Das waret Ihr!" + +Ich hoffe, dass die Aeusserungen des Missverstehens zwischen uns und unsern +ehemaligen Verbuendeten mehr und mehr verstummen werden, wenn die duestern +Nebel sich verziehen, die die Wahrheit verhuellen, und die unsern +bisherigen Kampfgenossen zur Zeit den freien Blick auf die gemeinsamen +Ruhmesfelder nehmen, auf denen das deutsche Leben zur Verwirklichung auch +ihrer Plaene und Traeume eingesetzt wurde. + +Der Zusammenbruch zeigt sich von Ende Oktober ab ueberall; nur an der +Westfront wussten wir ihn immer noch zu verhindern. Schwaecher wurde dort +der feindliche Andrang, matter aber freilich auch unser Widerstand. Immer +kleiner wurde die Zahl der deutschen Truppen, immer groesser wurden die +freien Luecken in den Verteidigungsstellungen. Nur wenige frische deutsche +Divisionen, und Grosses haette geleistet werden koennen. Vergebliche Wuensche, +eitle Hoffnungen! Wir sinken, denn die Heimat sinkt. Sie kann uns kein +neues frisches Leben mehr geben, ihre Kraft ist verbraucht! + +General Groener begibt sich am 1. November zur Front. Das Zuruecknehmen +unserer Verteidigung in die Stellung Antwerpen-Maas ist unsere +demnaechstige Sorge. Der Entschluss ist einfach, die Ausfuehrung schwer. +Kostbarstes Kampfmaterial liegt noch feindwaerts in dieser Linie, doch +kostbarer als dessen Rettung ist fuer uns die Zurueckfuehrung von 80.000 +Verwundeten in den vorwaerts befindlichen Lazaretten. So wird die +Durchfuehrung des Entschlusses aus Dankesgefuehlen, die wir unseren +blutenden Kameraden schulden, verzoegert. Dauernd kann freilich die jetzige +Lage nicht mehr gehalten werden. Dazu sind unsere Kraefte nunmehr zu +schwach und zu muede geworden. Dazu ist der Druck zu stark, der von den +frischen amerikanischen Massen auf unsere empfindlichste Stelle im +Maasgebiet ausgeuebt wird. Der Kampf dieser Massen wird aber die +Vereinigten Staaten fuer die Zukunft belehrt haben, dass das Kriegshandwerk +nicht in wenigen Monaten zu erlernen ist, dass die Unkenntnis dieses +Handwerkes im Ernstfalle Stroeme von Blut kostet. + +Mit der deutschen Kampflinie haelt damals auch noch die Etappe, der +Lebensnerv, der zur Heimat fuehrt. Duestere Bilder zeigen sich freilich hier +und da, aber in der Gesamtheit ist noch innerer Halt. Lange wird es +indessen nicht mehr dauern koennen. Die Spannung ist auf das aeusserste +gestiegen. Erfolgt irgend wo eine Erschuetterung, sei es in Heimat oder +Heer, so ist der Zusammenbruch unvermeidlich. + +Das sind meine Eindruecke in den ersten Tagen des November. + +Die befuerchtete Erschuetterung kuendigt sich an. In der Heimat regt es sich +mit Gewalt. Der Umsturz beginnt. Noch am 5. November eilt General Groener +in die Reichshauptstadt, da er voraussieht, was kommen muss, wenn man jetzt +in den letzten Stunden nicht zusammenhaelt. Er tritt fuer seinen Kaiser ein +und schildert die Folgen, wenn man dem Heere sein Haupt nimmt. Umsonst! +Der Umsturz ist schon in unaufhaltsamem Marsche, und nur durch Zufall +entgeht der General auf der Rueckreise ins Hauptquartier den Haenden der +Revolutionaere. Das ist am Abend des 6. November. + +Ein Fieber beginnt nunmehr den ganzen Volkskoerper zu schuetteln. Ruhiges +Ueberlegen schwindet. Man denkt nicht mehr an die Folgen fuer das Ganze, +sondern nur noch an das Durchsetzen eigener Leidenschaften. Diese machen +nicht mehr Halt vor den wahnwitzigsten Plaenen. Denn gibt es einen +wahnwitzigeren, als den, dem Heere das weitere Leben unmoeglich zu machen? +War je ein groesseres Verbrechen menschlichem Denken und menschlichem Hasse +entsprungen? Der Koerper wird nach aussen machtlos; zwar schlaegt er noch um +sich, aber er stirbt. Ist es ueberraschend, dass der Gegner mit solch einem +Koerper macht, was er will, dass er seine harten Bedingungen noch haerter +auslegt, als er sie geschrieben hat? + +Alle Versprechungen, die die gegnerische Propaganda uns verkuendet hatte, +sind verstummt. Die Rache tritt in ihrer nackten Gestalt auf: "Wehe dem +Besiegten!" Ein Wort, das aber nicht nur dem Hasse sondern auch der Furcht +entspringt. + +So ist die Lage am 9. November. Das Drama schliesst an diesem Tage nicht, +erhaelt aber eine neue Farbe. Der Umsturz siegt. Verweilen wir nicht bei +seinen Gruenden. Er trifft zunaechst vernichtend die Stuetze des Heeres, den +deutschen Offizier. Er reisst ihm, wie ein Fremdlaender sagt, den verdienten +Lorbeer vom Haupte und drueckt ihm die Dornenkrone des Martyriums auf die +blutende Stirne. Der Vergleich ist ergreifend in seiner Wahrheit. Moege er +jedem Deutschen zum Herzen sprechen! + +Das aeussere Zeichen des Sieges der neuen Gewalt ist der Sturz der Throne. +Auch das deutsche Kaisertum faellt. + +Man verkuendet im Vaterlande die Thronentsagung seines Kaisers und Koenigs, +ehe der Entschluss dazu von diesem gefasst ist. Auf dunklem Wege vollzieht +sich so manches in diesen Tagen und Stunden, was dem Lichte der Geschichte +hoffentlich dereinst nicht entgehen wird. + +Der Gedanke wird erwogen, mit unseren Fronttruppen in der Heimat Ordnung +zu schaffen. Jedoch zahlreiche Kommandeure, Maenner, wuerdig des groessten +Vertrauens und faehig des tiefsten Einblickes, erklaeren, dass unsere Truppen +zwar noch die Front nach dem Feinde behalten werden, dass sie aber die +Front gegen die Heimat nicht nehmen wuerden. + +Ich bin meinem Allerhoechsten Kriegsherrn in jenen Stunden zur Seite. Er +uebertraegt mir die Aufgabe, das Heer in die Heimat zurueckzufuehren. Als ich +am Nachmittag des 9. November meinen Kaiser verlasse, sollte ich ihn nicht +mehr wiedersehen! Er war gegangen, um dem Vaterlande neue Opfer zu +ersparen, um ihm guenstigere Friedensbedingungen zu schaffen. + +Mitten in dieser gewaltigsten kriegerischen und politischen Spannung +verlor das deutsche Heer seinen innersten Halt. Fuer hunderttausende +getreuer Offiziere und Soldaten wankte damit der Untergrund ihres Fuehlens +und Denkens. Schwerste innere Konflikte bahnten sich an. Ich glaubte, +vielen der Besten die Loesung dieser Konflikte zu erleichtern, wenn ich +voranschritte auf dem Wege, den mir der Wille meines Kaisers, meine Liebe +zu Vaterland und Heer und mein Pflichtgefuehl wiesen. Ich blieb auf meinem +Posten. + + + + + Mein Abschied + + +Wir waren am Ende! + +Wie Siegfried unter dem hinterlistigen Speerwurf des grimmen Hagen, so +stuerzte unsere ermattete Front; vergebens hatte sie versucht, aus dem +versiegenden Quell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken. Unsere +Aufgabe war es nunmehr, das Dasein der uebriggebliebenen Kraefte unseres +Heeres fuer den spaetern Aufbau des Vaterlandes zu retten. Die Gegenwart war +verloren. So blieb nur die Hoffnung auf die Zukunft. + +Heran an die Arbeit! + +Ich verstehe den Gedanken an Weltflucht, der sich vieler Offiziere +angesichts des Zusammenbruches alles dessen, was ihnen lieb und teuer war, +bemaechtigte. Die Sehnsucht, "nichts mehr wissen zu wollen" von einer Welt, +in der die aufgewuehlten Leidenschaften den wahren Wertkern unseres Volkes +bis zur Unkenntlichkeit entstellten, ist menschlich begreiflich und doch - +ich muss es offen aussprechen, wie ich denke: + +Kameraden der einst so grossen, stolzen deutschen Armee! Koenntet ihr vom +Verzagen sprechen? Denkt an die Maenner, die uns vor mehr als hundert +Jahren ein innerlich neues Vaterland schufen. Ihre Religion war der Glaube +an sich selbst und an die Heiligkeit ihrer Sache. Sie schufen das neue +Vaterland, nicht es gruendend auf eine uns wesensfremde Doktrinwut, sondern +es aufbauend auf den Grundlagen freier Entwicklung des einzelnen in dem +Rahmen und in der Verpflichtung des Gesamtwohles! Diesen selben Weg wird +auch Deutschland wieder gehen, wenn es nur erst einmal wieder zu gehen +vermag. + +Ich habe die feste Zuversicht, dass auch diesmal, wie in jenen Zeiten, der +Zusammenhang mit unserer grossen reichen Vergangenheit gewahrt, und wo er +vernichtet wurde, wieder hergestellt wird. Der alte deutsche Geist wird +sich wieder durchsetzen, wenn auch erst nach den schwersten Laeuterungen in +dem Glutofen von Leiden und Leidenschaften. Unsere Gegner kannten die +Kraft dieses Geistes; sie bewunderten und hassten ihn in der Werktaetigkeit +des Friedens, sie staunten ihn an und fuerchteten ihn auf den +Schlachtfeldern des grossen Krieges. Sie suchten unsere Staerke mit dem +leeren Worte "Organisation" ihren Voelkern begreiflich zu machen. Den +Geist, der sich diese Huelle schuf, in ihr lebte und wirkte, den +verschwiegen sie ihnen. Mit diesem Geiste und in ihm wollen wir aber aufs +neue mutvoll wieder aufbauen. + +Deutschland, das Aufnahme- und Ausstrahlungszentrum so vieler +unerschoepflicher Werte menschlicher Zivilisation und Kultur, wird so lange +nicht zu Grunde gehen, als es den Glauben behaelt an seine grosse +weltgeschichtliche Sendung. Ich habe das sichere Vertrauen, dass es der +Gedankentiefe und der Gedankenstaerke der Besten unseres Vaterlandes +gelingen wird, neue Ideen mit den kostbaren Schaetzen der frueheren Zeit zu +verschmelzen und aus ihnen vereint dauernde Werte zu praegen, zum Heile +unseres Vaterlandes. + +Das ist die felsenfeste Ueberzeugung, mit der ich die blutige Wahlstatt des +Voelkerkampfes verliess. Ich habe das Heldenringen meines Vaterlandes +gesehen und glaube nie und nimmermehr, dass es sein Todesringen gewesen +ist. + +Man hat mir die Frage gestellt, worauf ich in den schwersten Stunden des +Krieges meine Hoffnung auf unseren Endsieg stuetzte. Ich konnte nur auf +meinen Glauben an die Gerechtigkeit unserer Sache, auf mein Vertrauen zu +Vaterland und Heer hinweisen. + +Die ernsten Stunden dieses jahrelangen Kampfes und seiner Folgezeit +bestand ich in Gedanken und Gefuehlen, fuer die ich nirgends einen besseren +Ausdruck finde, als in den Worten, die der nachmalige preussische +Kriegsminister, Generalfeldmarschall Herrmann v. Boyen, im Jahre 1811, +inmitten der groessten politischen und militaerischen Noete unseres +geknechteten Heimatlandes, an seinen Koenig schrieb: + + "Ich uebersehe das Gefahrvolle unserer Lage keineswegs, aber da, wo nur + zwischen Unterjochung oder Ehre zu waehlen sein duerfte, da gibt mir die + Religion Kraft, alles das zu tun, was das Recht und die Pflicht fordert. + + Niemals kann der Mensch mit Gewissheit den Ausgang eines begonnenen + Unternehmens vorhersehen, aber der, der nach hoeherer Ueberzeugung nur + seinen Pflichten lebt, traegt einen Schild um sich, der in jeder Lage des + Lebens, es komme auch, wie es wolle, ihm Beruhigung gibt und auch oft + selbst zu einem gluecklichen Ausgang fuehrt. + + Es ist dies nicht die Sprache aufgeregter Schwaermerei, sondern der + Ausdruck eines religioesen Gefuehles, das ich meinen Erziehern danke, die + mich frueh schon Koenig und Vaterland als das Heiligste auf Erden lieben + lehrten." + +Gegenwaertig hat eine Sturmflut wilder politischer Leidenschaften und +toenender Redensarten unsere ganze fruehere staatliche Auffassung unter sich +vergraben, anscheinend alle heiligen Ueberlieferungen vernichtet. Aber +diese Flut wird sich wieder verlaufen. Dann wird aus dem ewig bewegten +Meere voelkischen Lebens jener Felsen wieder auftauchen, an den sich einst +die Hoffnung unserer Vaeter geklammert hat, und auf dem vor fast einem +halben Jahrhundert durch unsere Kraft des Vaterlandes Zukunft +vertrauensvoll begruendet wurde: Das deutsche Kaisertum! Ist so erst der +nationale Gedanke, das nationale Bewusstsein wieder erstanden, dann werden +fuer uns aus dem grossen Kriege, auf den kein Volk mit berechtigterem Stolz +und reinerem Gewissen zurueckblicken kann als das unsere, so lange es treu +war, sowie auch aus dem bitteren Ernst der jetzigen Tage sittlich +wertvolle Fruechte reifen. Das Blut aller derer, die im Glauben an +Deutschlands Groesse gefallen sind, ist dann nicht vergeblich geflossen. + +In dieser Zuversicht lege ich die Feder aus der Hand und baue fest auf +Dich - Du deutsche Jugend! + + + + + + + PERSONENVERZEICHNIS + + +_Albrecht von Preussen_, Prinz 28. + +_Alexander von Preussen_, Prinz 49. 54. + +_Anton von Hohenzollern_, Prinz 24. 25. + +_Arz_, von, General 236. 309. 384. + +_August von Wuerttemberg_, Prinz 33. + +_Augusta Victoria_, Deutsche Kaiserin 61. + + +_Bartenwerffer_, von, Oberst 52. + +_Bazaine_, Marschall 30. + +_Below_, von, General 87. + +_Bernhardi_, von, General der Kavallerie 43. 49. + +_Bernstorff_, Graf 214. 230. 232. + +_Bethmann Hollweg_, von, Reichskanzler 131. 147. 211. 233. 284. 285. + +_Bismarck_, Otto, Fuerst 39. 45. 74. 200. 201. 215. + +_Bluecher_, General 27. 77. 110. 234. 328. + +_Blumenthal_, von, General 21. + +_Boelcke_, Hauptmann 175. + +_Boris_, Kronprinz von Bulgarien 162. 374. + +_Bothmer_, Graf, General 143. + +_Boyen_, Herrmann von 405. + +_Bronsart_, von, General 57. + +_Brussilow_, General 142. 249. + +_Buelow_, von, Generalfeldmarschall 49. 62. + +_Burian_, Baron, Minister 210. 388. + + +_Cadorna_, General 261. 262. + +_Canrobert_, Marschall 33. + +_Clausewitz_, General 101. 234. + +_Clemenceau_, Ministerpraesident 293. + +_Conrad von Hoetzendorf_, Generaloberst 123. 163. 180. 224. 225. 236. 261. + +_Czernin_, Graf, Minister 309. 386. 387. 388. + + +_Duncker_, Geheimrat, Historiker 49. + + +_Eichhorn_, Generalfeldmarschall 49. 123. + +_Elisabeth_, Koenigin 13. + +-, Grossherzogin von Oldenburg 59. + +_Enver Pascha_, Generalissimus 154. 159. 164. 165. 180. 188. 190. 207. +208. 270. 272. 275. 310. 398. + +_Escherich_, Forstmeister 133. + +_Ewert_, Generaladjutant 139. + + +_Falkenhayn_, von, General 148. 183. 184. 185. 203. 273. 276. + +_Ferdinand_, Zar von Bulgarien 162. 206. 275. 374. 389. + +_Fichte_, Philosoph 176. + +_Foch_, General 340. 341. 347. 351. 364. + +_Francois_, von, General 86. 88. 90. + +_Franz Joseph I._, Kaiser von Oesterreich 163. + +_Freytag-Loringhoven_, von, General 57. + +_Friedrich II._, Erbgrossherzog von Baden 60. + +_Friedrich August II._, Grossherzog von Oldenburg 59. + +_Friedrich Karl_, Prinz 20. 54. 55. + +_Friedrich Wilhelm I._, Koenig von Preussen 281. + +_Friedrich der Grosse_ 17. 234. + +_Friedrich Wilhelm IV._, Koenig von Preussen 13. + +_Friedrich III._, Deutscher Kaiser 13. 21. 56. + + +_Gallwitz_, von, General 128. + +_Gneisenau_, General 27. 77. 110. + +_Goltz_, von der, General 99. + +_Groeben_, von der 5. + +_Groener_, General 397. 400. 401. + + +_Hakki_, Ismail, Generalintendant 279. + +_Hann von Weyherrn_, General 51. + +_Helldorff_, von, Major 31. + +-, von, Leutnant (Sohn des Majors) 31. + +_Hertling_, Graf, Reichskanzler 286. 306. 363. + +_Hintze_, Staatssekretaer 393. + +_Hutier_, von, General 57. 137. + + +_Jekoff_, General 165. 177. 180. 182. 189. 206. 309. 398. + +_Joseph II._, Deutscher Kaiser 26. + + +_Kaemmerer_, Major 172. + +_Kerenski_, Minister 249. 250. 251. 254. + +_Kessler_, Oberst 49. + +_Kobelt_, Lehrer 7. + +_Koenig_, Kapitaen 175. + +_Krupp_, Grossindustrieller 327. + + +_Lansdowne_, Lord 290. + +_Lauenstein_, von, General 57. + +_Lenin_, Minister 305. + +_Leopold von Bayern_, Prinz 61. + +_Linsingen_, von, Hauptmann 172. 173. + +_Ludendorff_, General 75. 76. 77. 78. 102. 112. 122. 128. 131. 133. 147. +169. 170. 171. 197. 215. 242. 347. 392. 394. 396. 397. + +_Ludwig III._, Koenig von Bayern 286. + +_Luitpold_, Prinzregent von Bayern 62. + +_Luettwitz_, von, General 57. + + +_Mac Mahon_, Marschall 37. + +_Mackensen_, Feldmarschall 87. 90. 109. 110. 112. 180. 182. 183. 185. 256. + +_Massenbach_, von, Rittergutsbesitzer 8. + +_Michaelis_, Dr., Reichskanzler 285. + +_Miroslawski_, polnischer Fuehrer 7. + +_Moltke_, Graf, Feldmarschall 39. 49. 54. 55. 56. 74. 200. + +-, von, Generaloberst, Generalstabschef 75. 76. + + +_Napoleon I._, Kaiser 4. 234. + +_Napoleon III._, Kaiser 37. 40. + +_Nikolaij-Nikolaijewitsch_, Grossfuerst 107. + +_Nikolaus II._, Zar von Russland 246. + +_Nivelle_, Feldmarschall 241. 242. + + +_Pape_, von, Generalleutnant 35. + +_Petersdorff_, von, Oberst 51. + +_Pless_, von, Fuerst 235. + + +_Radoslawow_, Ministerpraesident 167. 205. 282. 367. + +_Rappard_, von, Frau 8. + +_Rennenkampf_, General 76. 80. 81. 82. 83. 85. 86. 87. 88. 90. 91. 93. 94. +95. 97. 98. 100. 101. + +_Richter_, Professor, Historiker 49. + +_Richthofen_, von, Rittmeister 175. + +_Roon_, von, Generalfeldmarschall 56. + + +_Samsonoff_, General 76. 80. 81. 82. 85. 87. 88. 89. 90. 92. 94. + +_Sarrail_, General 149. 177. 178. 182. 187. + +_Schakir Bey_, Generalstabsoffizier 57. + +_Scharnhorst_, General 27. 275. + +_Schlieffen_, Graf von, General 53. + +_Scholtz_, von, General 86. 88. + +_Schwerin_, Graf, Feldmarschall 26. + +_Schwickart_, Generalarzt 5. + +_Seegenberg_, von, Major 29. + +_Seel_, von, Major 29. 36. + +_Sievers_, General 124. + +_Sixtus von Parma_, Prinz 386. + +_Skobeleff_, General 51. + +_Sperling_, von, General 51. + +_Stein_, von, General 57. + +_Steinmetz_, von, General 20. + +_Sven Hedin_, Forschungsreisender 131. + + +_Talaat Pascha_, Grosswesir 166. 167. 208. 389. 398. + +_Tewfyk Effendi_, Generalstabsoffizier 57. + +_Tirpitz_, von, Grossadmiral 131. 132. + +_Tisza_, Graf, Minister 173. + +_Trotzki_, Minister 305. 306. 338. + + +_Verdy du Vernois_, von, General und Kriegsminister 52. 58. + +_Villaume_, Hauptmann 49. + +_Vogel von Falckenstein_, General 54. 60. + + +_Waldersee_, Graf, Major 24. + +-, General 51. 54. + +_Wartensleben_, Graf, General 62. + +_Wilhelm I._, Deutscher Kaiser 7. 13. 215. + +_Wilhelm II._, Deutscher Kaiser 54. 57. 90. 112. 124. 144. 147. 161. 170. +187. 194. 197. 211. 236. 237. 259. 273. 306. 312. 314. 315. 333. 394. 396. +397. 402. + +_Wilhelm_, Deutscher Kronprinz 196. + +_Wilson_, Praesident der Vereinigten Staaten 132. 211. 212. 213. 214. 231. +232. 395. + +_Winterfeldt_, von, General 54. 55. + +_Wittich_, von, Oberstleutnant 11. 12. 49. + +_Woyrsch_, von, Feldmarschall 24. 113. + + +_York_, General 9. + + +_Zeppelin_, Graf 175. + +_Zingler_, von, Oberstleutnant 51. + + Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei; Papier von + H. H. Ullstein; Einband von H. Fikentscher, Julius + Hager, Huebel & Denck, Leipziger Buchbinderei + A.-G. vorm. G. Fritzsche und Spamersche + Buchbinderei, saemtliche in Leipzig. + Druckaufsicht und Einbandentwurf + von _Walter Tiemann_ + + + + + + Verlag von S. Hirzel in Leipzig + + --------------------------------------------------- + + Heinrich von Treitschke: + + Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert + + Fuenf Baende + + 10. Auflage Gebunden 190 Mark + + ------------------------------------------------------------------ + + Briefe + + Herausgegeben von + + Max Cornicelius + + Drei Baende + + 2. Auflage Gebunden 112,80 Mark + + ------------------------------------------------------------------ + + Politik + + Vorlesungen, gehalten an der Universitaet Berlin + + Herausgegeben von + + Max Cornicelius + + Zwei Baende + + 4. Auflage Gebunden 47 Mark + + ------------------------------------------------------------------ + + Historische und Politische Aufsaetze + + Vier Baende + + 8. Auflage Gebunden 81,60 Mark + + ------------------------------------------------------------------ + + Im Sommer 1920 liegt vollstaendig vor: + + Eine Weltreise 1911/1912 + + und + + Der Zusammenbruch Deutschlands + + Eindruecke und Betrachtungen aus den Jahren 1911-1914 + mit einem Nachwort aus dem Jahre 1919 + + von + + Friedrich von Bernhardi + General der Kavallerie z. D. + + * + + Drei Baende + + ------------------------------------------------------------------ + + Im Sommer 1920 erscheint: + + Freiherr vom Stein + + von + + Professor Dr. Max Lehmann + Geheimer Regierungsrat + + * + + Volksausgabe in einem Bande + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +roemische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung +wiedergegeben, ebenso die Abkuerzung "km") und einzelne Woerter aus fremden +Sprachen (hier durch Unterstrich [_] gekennzeichnet). Gesperrt gesetzt +sind die zweite Hierarchieebene im Inhaltsverzeichnis (hier ohne +Hervorhebung wiedergegeben) und die Namen im Personenverzeichnis (hier +durch Unterstrich gekennzeichnet). + +Fuenf- und sechsstellige Zahlen sind im Original durch schmales Spatium +untergliedert, das hier durch einen Punkt ersetzt ist. + +In der Originalausgabe sind laengere Zitate in den meisten Faellen mit +Anfuehrungszeichen am Beginn jeder Zeile versehen. In der elektronischen +Fassung sind sie stattdessen durch Einrueckung gekennzeichnet. + +Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: + + Seite IX: "139" in "140" geaendert (zweimal) + Seite IX: "Befehlbereichs" in "Befehlsbereichs" geaendert + Seite 8: "derem" in "deren" geaendert (eventuell kein Druckfehler, + sondern sprachliche Ungenauigkeit des Verfassers) + Seite 24: "hin" in "hin-" geaendert + Seite 59: "frohen" in "frohe" geaendert + Seite 148: Punkt ergaenzt (nach "aufgegeben") + Seite 189: "1916" in "1917" geaendert + Seite 193: "uberwunden" in "ueberwunden" geaendert + Seite 202: Punkt ergaenzt (nach "fuer uns in sich") + Seite 398: "Talaat-Pascha" in "Talaat Pascha" geaendert + Seite 407: Komma ergaenzt (vor "Grossherzogin von Oldenburg") + Seite 408: Punkt ergaenzt (nach "110") + +Nicht vereinheitlicht wurden Variationen in der Schreibweise wie +"San-Muendung" und "Sanmuendung", "Doiran-See" und "Doiransee", "Padischa" +und "Padischah", "Gefangenschaft" und "Gefangenenschaft", "Entwicklung" +und "Entwickelung". Die deutsche Form "infanterie" in einem englischen +Zitat (S. 334) wurde nicht korrigiert, ebensowenig die alphabetische +Einordnung von Sven Hedin im Personenverzeichnis unter "S". + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN*** + + + + CREDITS + + +December 17, 2009 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau, Stefan Cramme, and the Online + Distributed Proofreading Team at <http://www.pgdp.net/>. + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 30695.txt or 30695.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/0/6/9/30695/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. 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